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1. Johannes Brief  Walvoord

 

1. Johannes (Zane C. Hodges)


EINFÜHRUNG


Der 1. Johannesbrief richtet sich mit praktischen Anweisungen an christliche Leser. Er warnt sie vor den Gefahren falscher Lehren und ermahnt die Gläubigen, ein dem Gehorsam und der Nächstenliebe verpflichtetes Leben zu führen. Sein größtes Anliegen aber ist die Gemeinschaft mit Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus ( 1Joh 1,3 ).


Verfasserfrage


In der Überlieferung wurde der Brief dem Apostel Johannes zugeschrieben, obwohl der Name des Verfassers im Brief selbst nicht genannt wird. Aus dem Ton des Briefes wird jedoch deutlich, daß er auf jeden Fall von einer Person mit geistlicher Autorität stammt. Darüber hinaus bezeichnet der Verfasser sich selbst als Augenzeugen des irdischen Lebens des Herrn Jesus Christus ( 1Joh 1,1-2 ). Auch bei den frühen Kirchenvätern wie Irenäus, Clemens von Alexandria und Tertullian wird Johannes als Autor des Briefes genannt. Von daher besteht also kein Grund, die traditionelle Überzeugung, daß der Brief von einem Apostel stamme, abzutun.


Hintergrund

Der 1. Johannesbrief selbst enthält keinerlei Hinweis auf die Identität oder den Wohnort der Leser, an die er gerichtet ist - bis auf die Tatsache, daß es Christen sind. Da die frühkirchliche Überlieferung Johannes mit der römischen Provinz Asien (die heutige Westtürkei) in Zusammenhang bringt, haben viele Exegeten einfach vorausgesetzt, daß auch die Adressaten seines Briefes dort lebten. Das ist durchaus möglich, vor allem, weil eine solche Verbindung von Offb 2 und Offb 3 bestätigt wird.

In den Gemeinden waren Irrlehrer aufgetaucht, die Johannes als "Antichristen" ( 1Joh 2,18-26 ) bezeichnet. Was genau sie lehrten, ist in der Forschung umstritten. Viele Exegeten halten sie für Gnostiker, die einen strengen Dualismus zwischen Geist und Materie vertraten. Andere sehen in dem Brief einen Angriff auf den Doketismus, die Überzeugung, daß Jesu Menschsein nicht real war und daß er nur scheinbar einen physischen Leib besaß. Eine weitere Intention, die dem Brief häufig zugeschrieben wird, ist die Abwehr gegen die Häresie des Cerinthus. Nach der kirchlichen Überlieferung lebte Cerinthus in der römischen Provinz Asien und vertrat einen Standpunkt, der in extremem Gegensatz zu dem des Apostels Johannes stand und von diesem hart bekämpft wurde. Cerinthus lehrte, daß Jesus nur ein Mensch gewesen und daß die Göttlichkeit Christi erst bei der Taufe auf Jesus herabgekommen sei und ihn vor der Kreuzigung wieder verlassen habe.

Es läßt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen, gegen welche falsche Lehre der Johannesbrief sich nun genau richtet. Die einzigen Belege liefert der Inhalt des Briefes selbst. Daraus geht eindeutig hervor, daß die "Antichristen", wie Johannes sie nennt, leugneten, daß Jesus der Christus ist ( 1Joh 2,22 ). Auch die Äußerungen in 1Joh 5,6 werden auf dem Hintergrund einer Lehre wie der des Cerinthus besonders einsichtig. Dagegen passen die autoritativen Aussagen in 1Joh 1,1-2 über die physische Realität der Inkarnation gut zu einer Doketismus-Abwehr. Schließlich fügt sich die Betonung der "Erkenntnis" Gottes in die Annahme, daß die bekämpften Häretiker für sich selbst eine besondere "Erkenntnis" in Anspruch nahmen, wie es die Gnostiker taten. Andererseits ist der Gnostizismus erst aus sehr viel späteren Quellen als dem 1. Johannesbrief bekannt. Außerdem fehlen in den Ausführungen des Briefes viele der Charakteristika des späteren gnostischen Denkens.

Wahrscheinlich ist es ein Fehler, überhaupt zu versuchen, ein bestimmtes häretisches System hinter den Angriffen des Briefes zu sehen. Nach den Worten seines Verfassers richtet er sich gegen "viele" falsche Lehrer ( 1Joh 2,18;4,1 ), und es ist nicht anzunehmen, daß sie alle genau dieselben Standpunkte vertraten. Die antike griechisch-römische Welt war ein Schmelztiegel der verschiedensten religiösen Richtungen, und es ist deshalb wahrscheinlich, daß auch die Adressaten des Johannesbriefes mit einer breiten Vielfalt von ihrer christlichen Einstellung abweichender Ideen konfrontiert waren. Alle Häretiker leugneten allerdings übereinstimmend bestimmte Aspekte der Person Christi, auch wenn ihre Kritik dabei möglicherweise an ganz verschiedenen Punkten ansetzte. Auf der Grundlage von 1Joh 2,19 läßt sich vermuten, daß sie hauptsächlich aus Judäa kamen (vgl. den Kommentar zu 1Joh 2,19 ). Doch abgesehen von diesen wenigen Indizien läßt sich kaum etwas über die Beschaffenheit der Häresie oder der Häresien, die Johannes zu seinem Brief veranlaßten, sagen.

Daß seine Leser wirklich Christen waren, wird aus 1Joh 2,12-14.21 sowie aus 1Joh 5,13 eindeutig klar. Der Hinweis auf die "Salbung" - d. h. den Heiligen Geist -, die sie besitzen ( 1Joh 2,20.27 ), läßt sich außerdem so verstehen, daß die Adressaten führende Positionen in der Gemeinde oder den Gemeinden, an die Johannes schrieb, innehatten. So wurden im Alten Testament die Führer Israels, Propheten, Priester und Könige, häufig für ihr Amt "gesalbt". 1Joh 2,20.27 beziehen sich demgegenüber zwar ganz deutlich auf eine Salbung, die allen Christen gilt, doch im übrigen Neuen Testament spielt diese Vorstellung kaum eine Rolle. Auch in 2Kor 1,21 gilt das Wort "gesalbt" lediglich dem apostolischen Amt des Paulus. Vielleicht versuchte der Verfasser des 1. Johannesbriefes in 1Joh 2,20.27 also nur, die Kompetenz und Autorität der Gemeindevorsteher auf dem Gebiet der geistlichen Erkenntnis hervorzuheben und damit auch ihre Autorität gegenüber den falschen Lehrern zu bekräftigen. Die Leiter der Gemeinden hatten es nicht nötig, von irgendwelchen menschlichen Lehrern unterwiesen zu werden, denn sie empfingen ihre Erkenntnis durch ihre "Salbung", d. h. durch den Heiligen Geist.

Auch dieser Punkt kann allerdings nicht mit dogmatischer Strenge vertreten werden. Zweifellos kannte Johannes die Leute, an die er schrieb. Selbst wenn er dabei hauptsächlich an die Gemeindevorsteher dachte, so war ihm doch klar, daß sein Brief vor der ganzen Gemeinde bzw. den Gemeinden verlesen würde, denn nur auf diese Weise konnte er seine Funktion, die Autorität der anerkannten Lehrer zu stützen, wirklich erfüllen. Dabei konnte die breitere Zuhörerschaft die für sie bestimmten Anweisungen des Briefes zur Kenntnis nehmen und wurde zugleich in ihrem Vertrauen auf die Leitung der geisterfüllten Gemeindevorsteher bestärkt. Eine der wichtigsten Aufgaben der Ältesten in der frühen Kirche war es, die "Herde" vor geistlichen "Wölfen" zu schützen ( Apg 20,28-29; Tit 1,10-11 ). Wenn die falschen Lehrer sich großartige geistliche Weisheit und Autorität anmaßten, so lag es für den unter der Führung des Heiligen Geistes stehenden Verfasser des 1. Johannesbriefes nahe, seinem Vertrauen auf die bestellten Kirchenleiter Ausdruck zu geben. Das würde ihre Position in ihrer Gemeinde bzw. ihren Gemeinden stärken und sie für den Kampf gegen einströmendes häretisches Gedankengut rüsten.

Man darf jedoch auch nicht übersehen, daß die Hinweise auf "Kinder", "Väter" und "junge Männer" (1. Joh2,12 - 14) auf Empfänger ganz verschiedener geistlicher Entwicklungsstufen deuten. Wenn man das ernst nehmen will, so kann man kaum annehmen, daß in erster Linie die Ältesten der Gemeinde die Adressaten des Briefes sind. Andererseits werden alle Leser mehrmals als "Kinder" angesprochen (z. B. 1Joh 2,1.18 ), so daß es auch denkbar wäre, daß die Begriffe in 1Joh 2,12-14 einfach verschiedene Anreden für dieselbe Gruppe sind, die dabei jeweils aus einem unterschiedlichen Blickwinkel angesprochen wird. (Zur weiteren Erörterung dieses Punktes vgl. den Kommentar zu den betreffenden Versen.)

Auf jeden Fall war der Brief letztlich als Warnung und Unterweisung für die gesamte ( n ) Gemeinde(n), an die er geschickt wurde, gerichtet. Die Wahrheiten, die er enthält, lassen sich darüber hinaus auf die Erfahrung eines jeden Christen anwenden.


Datierung

Es gibt im Brief so gut wie keine Hinweise auf den Zeitpunkt seiner Abfassung. Nach Ansicht vieler konservativer Forscher entstand er gegen Ende des 1. Jahrhunderts, kurz nach dem 4. Evangelium. Andererseits läßt sich das Johannesevangelium ohne weiteres in eine Zeit vor dem Jahre 70 n. Chr. datieren. Wenn man von dieser Annahme ausgeht, so besteht kein Grund anzunehmen, daß der Johannesbrief nicht zur selben Zeit geschrieben wurde. Wird 2,19 als Hinweis darauf aufgefaßt, daß die falschen Lehrer aus palästinischen Gemeinden kamen, die der Oberaufsicht der Apostel unterstanden, dann könnte man davon ausgehen, daß die Auseinandersetzung in der Zeit vor den katastrophalen Auswirkungen des jüdischen Aufstands gegen die Römer im Jahre 66 bis 70 n. Chr. stattgefunden haben muß, denn nach diesem Ereignis muß der positive wie negative Einfluß der palästinischen Christenheit auf die Gemeinden der Heidenchristen stark abgenommen haben. Wenn 2,19 also tatsächlich auf Palästina deutet, wäre es durchaus denkbar, daß Johannes von Jerusalem aus schrieb, als er feststellte: "Sie sind von uns ausgegangen."

All diese Schlußfolgerungen bleiben letztlich spekulativ, können aber zusammengefaßt als Hinweis auf eine Datierung des Briefes in der Zeit zwischen 60 und 65 n. Chr. genommen werden. Man muß jedoch einräumen, daß auch ein früheres Abfassungsdatum denkbar wäre. Ungeachtet dieser Datierungsfragen vermittelt der Brief jedoch Wahrheiten von zeitlosem Wert für die christliche Kirche.


GLIEDERUNG


          Der 1.Johannesbrief ist äußerst schwer zu gliedern. Es sind bereits viele Versuche gemacht worden, das Schema des Briefes zu erfassen. Die folgende Gliederung bezieht ihre Rechtfertigung aus den Darlegungen des Kommentars.

I. Prolog ( 1,1-4 )

II. Einleitung: Grundgedanken ( 1,5-2,11 )

     A. Grundgedanken der Gemeinschaft ( 1,5-2,2 )
     B. Grundgedanken der Gotteserkenntnis ( 2,3-11 )

III. Der Zweck des Briefes ( 2,12-27 )

     A. Im Lichte der geistlichen Verfassung der leser ( 2,12-14 )
     B. Im Lichte der Verlockungen der Welt ( 2,15-17 )
     C. Im Lichte der Lügen der letzten Stunde ( 2,18-23 )
     D. Im Lichte der Ppflicht der Leser zur Standhaftigkeit ( 2,24-27 )

IV. Der Hauptteil des Briefes ( 2,28-4,19 )

     A. Exposition des Thems ( 2,28 )
     B. "Kinder Gottes" ( 2,29-3,10 a)
     C. Die brüderliche Liebe ( 3,10 b. 11-23 )
          1. Was die Liebe nicht ist ( 3,10 b. 11-15 )
          2. Was die Liebe ist ( 3,16-18 )
          3. Was die Liebe für die Gläubigen tut ( 3,19-23 )

     D. Der einwohnende Gott ( 3,24-4,16 )
          1. Der Geist der Wahrheit ( 3,24-4,6 )
          2. Der Gott der Liebe ( 4,7-16 )

     E. Ausführung des Themas ( 4,17-19 )

V. Schliß ( 4,20-5,17 )

     A. Die Wahrheit der Liebe ( 4,20-5,3 a)
     B. Die Kraft der liebe ( 5,3 b. 4-15 )
     C. Die Praxis der Liebe ( 5,16-17 )

VI. Epilog ( 5,18-21 )

AUSLEGUNG


I. Prolog
( 1,1-4 )


Die ersten vier Verse des Briefes bilden den Prolog. In diesen Zeilen bestätigt der Schreiber die mit allen Sinnen erfaßbare Wirklichkeit der Inkarnation Christi und schlägt den Bogen zum eigentlichen Thema seines Briefes, der Gemeinschaft der Christen mit Gott und der Freude, die diese Gemeinschaft für die Gläubigen bedeutet.



1Joh 1,1

Der Apostel macht klar, daß das, was von Anfang an war , Gegenstand seiner Ausführungen sein soll. Viele Ausleger haben diese Wendung dahingehend gedeutet, daß hier von einem absoluten Anbeginn, wie etwa in 1Mo 1,1 oder in Joh 1,1 ,die Rede ist. Das wäre zwar denkbar, doch angesichts der intensiven Beschäftigung des Briefes mit der ursprünglichen Botschaft von Jesus Christus scheint es plausibler, daß Johannes hier von den Anfängen der Verkündigung des Evangeliums spricht. Wenn dem so ist, hat der Begriff "Anfang" an dieser Stelle eine ähnliche Bedeutung wie in 1Joh 2,7.24 und 1Joh 3,11 .Der Verfasser möchte also deutlich machen, daß das, was er im folgenden zu sagen hat, jene Wahrheit über den Sohn Gottes ist, die schon die Apostel, mit denen er in direktem Kontakt stand, bezeugt haben. Indem er sich selbst diesen apostolischen Augenzeugen zurechnet, kennzeichnet der Autor seine Verkündigung als das, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände getastet haben.

Schon in diesen einleitenden Worten greift der Apostel die Häresie an, gegen die er mit seinem Schreiben zu Felde ziehen will. Die "Antichristen" brachten neue Ideen auf, die nichts mit dem zu tun hatten, was "von Anfang", d. h. vom Beginn der Ära des Evangeliums an, war. Ihrer Leugnung der Inkarnation Christi konnte er die Erfahrungen der Augenzeugen gegenüberstellen, deren Aussage auf dem basierte, was sie tatsächlich "gehört", "gesehen" und "betastet" hatten (vgl. "seht" und "faßt an" in Lk 24,39 ). Die Botschaft des Johannes gründet sich also fest auf eine historische Tatsache.

Die genaue Bedeutung der Wendung "vom Wort des Lebens" ist verschieden erklärt worden. Sie kann als Titel des Herrn aufgefaßt werden, wie er etwa in Joh 1,1.14 auftaucht. Allerdings hat dieser Titel dort keine Erweiterung ("des Lebens"). Es scheint deshalb dem Text gemäßer, die Wendung im Sinne von "Botschaft des Lebens" (vgl. Apg 5,20; Phil 2,16 ) zu verstehen. Wie 1Joh 1,2 zeigt, ist denn auch das Wort "Leben" und nicht etwa der Begriff "Wort" personifiziert eingesetzt. Johannes wollte also sagen, daß sein Brief von den ursprünglichen und sicher bezeugten Wahrheiten handeln wird, die die "Botschaft des Lebens" - d. h. die Botschaft über Gottes Sohn, der das Leben ist - betreffen (vgl. 1Joh 5,20 ).


1Joh 1,2

Das Leben , von dem die Apostel kündeten, ist in seinem tiefsten Wesen Person. Es ist nicht nur erschienen, sondern es ist das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und den Menschen erschienen ist . Damit ist ganz zweifellos die Inkarnation gemeint.


1Joh 1,3

Es geht Johannes beim Schreiben über diese entscheidenden Dinge darum, daß auch ihr , die Leser, mit uns , den Aposteln, Gemeinschaft habt . Da aus einer späteren Stelle ( 1Joh 2,12-14 ) eindeutig hervorgeht, daß er sich in diesem Brief an Christen wendet, war es offensichtlich nicht sein Ziel, sie zu bekehren. Es ist eine gefährliche Fehlinterpretation, den Begriff "Gemeinschaft" an dieser Stelle so zu deuten, als sei damit nichts anderes gemeint als "Christ zu sein". Die Adressaten des Briefes waren bereits gerettet. Trotzdem brauchten sie die Worte des Apostels, um in einem wirklichen gemeinschaftlichen Austausch mit dem apostolischen Kreis zu stehen, dem der Verfasser des Briefes angehörte. Diese apostolische Gemeinschaft bedeutet zugleich Gemeinschaft ... mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus .

Wahrscheinlich bestritten die falschen Lehrer, daß die Adressaten des Briefes das ewige Leben besaßen (vgl. den Kommentar zu 1Joh 2,25;5,13 ). Wenn das stimmte, und wenn die Leser an Gottes Zusagen zu zweifeln begannen, so war auch ihre Verbundenheit mit dem Vater und dem Sohn in Gefahr. Das heißt natürlich nicht, daß damit auch ihre Rettung bedroht war - als Gläubige konnten sie das Geschenk des Lebens, das Gott ihnen gegeben hatte, niemals verlieren (vgl. Joh 4,14; Joh 6,35.37-40 ). Doch ihre Gemeinschaft mit Gott wurzelte darin, daß sie "im Licht wandelten" ( 1Joh 1,7 ). Die verführerischen Worte der Antichristen aber zielten darauf ab, sie ins Dunkel zu locken. Welchen Reiz ihr verderblicher Ruf ausübte, wird im vorliegenden Brief besonders deutlich. Es ist Johannes deshalb ein Anliegen, seine Leser im Fundament ihres Glaubens so zu stärken, daß ihre Gemeinschaft mit Gott allen Belastungen standhält.


1Joh 1,4


Zum Schluß verleiht der Apostel seinem Prolog noch eine persönliche Note: Wenn sein Brief bei den Lesern das vorgegebene Ziel erreicht, so wird das ihm selbst (und den anderen Aposteln) ein Anlaß zur Freude sein. Und das schreiben wir, damit unsre Freude vollkommen sei. Dieser Satz gleicht der Aussage in 3Joh 1,4 : "Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, daß meine Kinder in der Wahrheit leben." Die Apostel hatten das Anliegen Christi so sehr zu ihrem eigenen gemacht, daß ihr Glück untrennbar mit dem geistlichen Wohlergehen jener verbunden war, denen sie dienten. Wenn die Leser des 1. Johannesbriefes ihre Gemeinschaft mit Gott und mit den Aposteln beibehalten können, so wird keiner glücklicher darüber sein als Johannes selbst.


II. Einleitung: Grundgedanken
( 1,5 - 2,11 )


Da der Gedanke der Gemeinschaft ein zentraler Punkt des 1. Johannesbriefes ist, ist es für den Verfasser selbstverständlich, mit seinen Ausführungen bei diesem Punkt anzusetzen. In 1Joh 1,5-2,11 legt er deshalb bestimmte Grundgedanken, die das Fundament einer wahren Beziehung zu Gott bilden, dar. Diese Prinzipien sind von größtem praktischen Wert für das Alltagsleben aller Christen, die daran die Echtheit ihrer eigenen Verbundenheit mit Gott messen und feststellen können, wie weit sie den Gott, mit dem sie Gemeinschaft haben, überhaupt kennen.



A. Grundgedanken der Gemeinschaft
( 1,5 - 2,2 )


1Joh 1,5


In seinem Prolog kündigt der Verfasser des Briefes an, daß er über Dinge schreiben will, die er gehört, gesehen und angefaßt hat. Er beginnt mit dem, was er gehört hat: Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen . Mit "ihm" ist zweifellos der Herr Jesus Christus gemeint, von dessen Menschwerdung der Apostel in Vers 1.2 sprach. Der Inhalt der bewußten "Botschaft" lautet: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis . Diese Aussage findet sich zwar nicht unter den überlieferten Herrenworten, doch Johannes war ein Apostel und Augenzeuge und hörte sicherlich weit mehr, als schließlich "aufgeschrieben" wurde (vgl. Joh 21,25 ). Es besteht deshalb kein Grund, seine Worte zu bezweifeln oder ihnen eine andere Deutung unterzuschieben. Johannes hatte diese Worte vom Herrn gehört.

Johannes beschrieb Gott häufig als "Licht" ( Joh 1,4-5.7-9;3,19-21;8,12;9,5;12,35-36.46; Offb 21,23 ). Er dachte dabei wohl an Gott als den Offenbarer seiner Heiligkeit. Beide Aspekte der göttlichen Natur spielen in der Auseinandersetzung mit Sünde und Gemeinschaft in 1Joh 1,6-10 eine Rolle. Als das "Licht" macht Gott die Sünden der Menschen sichtbar und verurteilt sie zugleich. Wenn jemand im Dunkel agiert, so versteckt er sich vor der Wahrheit, die das Licht enthüllt (vgl. Joh 3,19-20 ). Offenbarungsbegriffe wie "die Wahrheit" und "sein Wort" kehren in 1Joh 1,6.8.10 wieder.

Wichtig ist, daß Johannes dieselbe Botschaft, die er gehört hat, an seine Leser weitergeben will ("die wir ... euch verkündigen"). Manche Exegeten gehen davon aus, daß die "Lügen", die in Vers 6.8.10 verworfen werden, von den falschen Lehrern oder Antichristen stammten, mit denen sich Johannes im weiteren Verlauf des Briefes auseinandersetzt, doch das läßt sich nicht beweisen. Der Apostel bleibt weiterhin bei der "wir"-Form, als ob er sowohl für sich selbst als auch für seine ganze Leserschaft spräche. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, daß die falschen Behauptungen, die Johannes hier zurückweist, tatsächlich sehr gut von Christen kommen könnten, die den Kontakt zur geistlichen Wirklichkeit und zu Gott verloren haben. Von daher gibt es keine angemessene exegetische Basis für die Annahme, die Verse 6 - 10 richteten sich gegen die Doktrinen der Häretiker.


1Joh 1,6


Da "Gott Licht ist", kann ein Christ, solange er im Dunkel lebt, nicht wirklich die Gemeinschaft mit ihm wollen. Johannes betont denn auch: Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit . Johannes wußte wie jeder einfühlsame Gemeindehirte, daß Christen manchmal Frömmigkeit heucheln, während sie gleichzeitig die Gebote ihres Glaubens verletzen. Als der Apostel Paulus es in der Gemeinde von Korinth mit einem Fall von Inzest zu tun hatte ( 1Kor 5,1-5 ), stellte er eine Liste von bestimmten Vergehen auf, für die die Gemeindemitglieder mit der Kirchendisziplin bestraft werden sollten ( 1Kor 5,9-13 ). Derartige Vergehen unter dem Deckmantel der Frömmigkeit und der engen Gemeinschaft mit Gott sind eine traurige Realität in der ganzen Geschichte der Christenheit.

Ein Christ, der behauptet, mit Gott (der "Licht ist") verbunden zu sein, ihm aber nicht gehorcht (indem er "in der Finsternis" wandelt), lügt (vgl. 1Joh 2,4 ). Zehnmal gebraucht Johannes in seinen Schriften den Begriff "Finsternis" für die Sünde ( Joh 1,5;3,19;12,35 [zweimal]; 1Joh 1,5-6;2,8-9.11 [zweimal]).

1Joh 1,7


Es gibt nur eine Sphäre, in der es wirklich zur Gemeinschaft mit Gott kommen kann - das Licht. Deshalb betont der Apostel ausdrücklich: Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander . Seltsamerweise haben viele Exegeten das Wort "untereinander" als einen Hinweis auf die Verbundenheit mit anderen Christen verstanden. Doch darum geht es in diesem Zusammenhang nicht. Das griechische Pronomen allElOn kann sich auf die beiden Partner, die in der ersten Hälfte des Satzes genannt werden, beziehen: auf Gott und den Christen. Worauf Johannes hinaus will, ist, daß eine wechselseitige Beziehung zwischen Gott und den Christen möglich ist. Wenn sie ebenfalls im Licht leben, wo Gott ist, haben sie Gemeinschaft mit ihm und er mit ihnen. Das Licht ist die fundamentale Realität, der sie beide angehören. Die echte Kommunion mit Gott besteht also in einem Leben in dem Bereich, wo die eigene Erfahrung von der Wahrheit dessen, was Gott ist, erleuchtet wird - einem Leben, das offen ist für seine Offenbarung in Jesus Christus. Wie Johannes kurz darauf feststellt (V. 9 ), gehört dazu auch, daß die Gläubigen alles bekennen, was das Licht in ihrem Leben Falsches enthüllt.

Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß Johannes hier davon spricht, im Licht zu leben und nicht gemäß oder in Übereinstimmung mit dem Licht. Ein Leben in Übereinstimmung mit dem Licht würde sündlose Vollkommenheit verlangen und damit den sündigen Menschen die Gemeinschaft mit Gott unmöglich machen. Im Licht zu leben bedeutet dagegen lediglich Offenheit und Empfänglichkeit für das Licht. Der Apostel stellt sich die Christen, auch wenn sie im Licht wandeln, keineswegs sündlos vor. Das zeigt der Schluß des Verses ganz deutlich, wo er ausdrücklich hinzufügt, daß das Blut Jesu, seines Sohnes ... uns von aller Sünde reinigt. Grammatikalisch gesehen ist diese Wendung der vorangehenden "so haben wir Gemeinschaft untereinander" beigeordnet. Die Gesamtaussage von Vers 7 hält damit zwei Aspekte fest, die für Gläubige, die im Licht wandeln, gelten: (a) Sie haben Gemeinschaft mit Gott, und (b) sie werden von aller Sünde rein gemacht. Solange er sich dem Licht der göttlichen Wahrheit aussetzt, stehen alle Verfehlungen des Christen unter der reinigenden Kraft des Blutes Christi. Allein aufgrund der Erlösungstat des Heilandes am Kreuz gibt es Gemeinschaft zwischen den unvollkommenen Geschöpfen und ihrem vollkommenen Schöpfer.


1Joh 1,8


In dem Moment, in dem ein Gläubiger wahre Gemeinschaft mit Gott erfährt, ist er jedoch auch schon in Gefahr, zu denken oder zu sagen, daß er - zumindest für diesen Augenblick - ohne Sünde sei. Vor dieser Selbsttäuschung warnt der Apostel. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns (vgl. V. 6 ; 1Joh 2,4 ). Wenn die Christen recht begreifen, was Gottes Wort über die Verderbtheit des menschlichen Herzens lehrt, dann wissen sie, daß die Tatsache, daß sie sich ihrer Sünde nicht bewußt sind, noch lange nicht bedeutet, daß sie auch wirklich frei von ihr sind. Wenn jedoch die Wahrheit "in" ihnen ist als eine steuernde, motivierende Macht, dann kann es gar nicht erst zu einer solchen Selbsttäuschung kommen. Ganz gleich, ob jemand sich kurzzeitig oder dauernd für sündlos hält - er hat unrecht.


1Joh 1,9


Deshalb sollen Christen immer bereit sein, die Fehler zu bekennen, die Gottes Licht ihnen zeigt. Denn, wie Johannes schreibt: Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Der Artikel in der Wendung tas hamartias bezieht sich ganz eindeutig auf die vorstehende Wendung "unsere Sünden" zurück. Es besteht also ein gewisser Unterschied zwischen dieser Formulierung ("die Sünden") und der nachfolgenden Wendung "aller Ungerechtigkeit". Man könnte den Gedankengang des Apostels vielleicht so wiedergeben: "Wenn wir unsere Sünden bekennen, wird er ... uns die Sünden, die wir bekennen, vergeben und uns darüber hinaus auch von aller anderen Ungerechtigkeit reinigen." Natürlich kennt nur Gott zu jedem Zeitpunkt das volle Ausmaß der Ungerechtigkeit eines Menschen. Ein Christ ist jedoch verpflichtet "anzuerkennen" oder "zuzugestehen"(das ist die eigentliche Bedeutung von "bekennen", homologOmen ; vgl. 1Joh 2,23;4,3 ), was immer das Licht ihm bewußt macht, und wenn er dies tut, so ist ihm eine vollkommene Reinigung sicher. Er hat es also nicht nötig, sich über Sünden zu grämen, die ihm nicht bewußt sind.

Es ist tröstlich zu erfahren, daß die hier verheißene Vergebung absolut gewiß ist (denn Gott "ist treu") und der Heiligkeit Gottes nicht widerspricht (er ist "gerecht"). Das Wort für "gerecht", dikaios , ist in 1Joh 2,1 ein Messiastitel ("der gerecht ist") und steht in 1Joh 2,29 und 1Joh 3,7 für Gott (den Vater wie den Sohn). Offensichtlich entspricht es der "Gerechtigkeit" Gottes, wenn er dem Gläubigen aufgrund des "Sühneopfers", das der Herr Jesus dargebracht hat, seine Sünden vergibt (vgl. 1Joh 2,2 ). Wie bereits aus 1Joh 1,7 hervorging, ist die Gemeinschaft des Christen mit Gott untrennbar mit der Wirkung des Blutes verbunden, das Jesus für ihn vergossen hat.

In neuerer Zeit wurde manchmal in Abrede gestellt, daß die Christen ihre Sünden bekennen und um Vergebung bitten müssen. Es wurde gesagt, daß ein Gläubiger der Vergebung in Christus bereits teilhaftig ist ( Eph 1,7 ). Diese Sichtweise verwechselt jedoch die Vollkommenheit, die ein Christ in Gottes Sohn (durch den er sogar "mit eingesetzt (ist) im Himmel"; Eph 2,6 ) hat, mit seinen Bedürfnissen als fehlbarer irdischer Mensch. Die Vergebung, von der in 1Joh 1,9 die Rede ist, ist eine Vergebung "in der Familie". Es ist nichts Außergewöhnliches, daß ein Sohn seinen Vater für seine Fehler um Verzeihung bittet; seine Stellung innerhalb der Familie ist damit auch nicht im leisesten gefährdet. Ein Christ, der seinen himmlischen Vater niemals um Verzeihung für seine Sünden bittet, kann kaum ein Gespür dafür entwickeln, durch welche Dinge er diesem Vater Kummer bereitet. Außerdem lehrte Jesus selbst seine Jünger, in einem Gebet um die Vergebung ihrer Sünden zu bitten, das offensichtlich für den täglichen Gebrauch bestimmt war (vgl. "unser tägliches Brot gib uns heute" vor "und vergib uns unsere Schuld"; Mt 6,11-12 ). Es ist deshalb ein Irrtum, daß Christen Gott nicht jeden Tag um Vergebung bitten sollen. Ganz abgesehen davon ist das Sündenbekenntnis bei Johannes nirgends mit der Erlangung des ewigen Lebens verbunden, die grundsätzlich vom Glauben abhängt. Der Satz in 1Joh 1,9 richtet sich also nicht an diejenigen, die noch nicht gerettet sind, und jeder Versuch, ihn in eine soteriologische Aussage umzudeuten, führt in die Irre.

Wenn der Gedanke des Wandelns im Licht oder in der Finsternis richtig verstanden wird und Eingang in die Erfahrung findet, bieten beide Begriffe ohnehin keine Schwierigkeit mehr. "Finsternis" hat eine ethische Konnotation. Wenn ein Gläubiger den persönlichen Kontakt zu dem Gott des Lichtes verliert, fällt er in die Dunkelheit zurück. Ein freies Sündenbekenntnis aber kann ihn wieder ins Licht führen.


1Joh 1,10


Ein Gläubiger, der sündigt, darf seine Sünde niemals leugnen. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns . Diese Feststellung sollte in direktem Zusammenhang mit Vers 9 gelesen werden. Wenn ein Sünder durch Gottes Wort mit seiner eigenen Sündhaftigkeit konfrontiert wird, dann soll er sie eingestehen und nicht abstreiten. Seine persönlichen Sünden angesichts Gottes gegenteiliger Aussage zu leugnen hieße, Gott "zum Lügner zu machen". Wer aber dem Wort Gottes widerspricht, verwirft es und räumt ihm nicht den rechten Stellenwert in seinem Leben ein.


1Joh 2,1


Vielleicht fühlten sich manche von Johannes' Lesern durch sein Insistieren auf der Sündhaftigkeit der Christen in ihrem Bemühen um Heiligung entmutigt. Dabei geht es dem Apostel genau um das Gegenteil: Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Er spricht sie mit väterlicher Sorge an (das griechische Wort für "Kinder" an dieser Stelle ist teknia , wörtlich "Neugeborene", ein Begriff, der in diesem Brief siebenmal vorkommt [V. 1.12.28 ; 1Joh 3,7.18;4,4;5,21 ] und einmal im Johannesevangelium [ Joh 13,33 ]. Das ganz ähnliche Wort tekna, "Kleinkinder", taucht in Joh 1,12;11,52; 1Joh 3,2.10 [zweimal]; 1Joh 5,2; 2Joh 1,1.4.13; 3Joh 1,4 auf. Dagegen wird das Wort paidia , "Kinder", nur zweimal im 1. Johannesbrief verwendet: 1Joh 2,13.18 ).

Die Aussagen in 1Joh 1,8.10 über die Neigung der Gläubigen zur Sünde sind nicht dazu gedacht, die Sünde zu fördern, sondern die Wachsamkeit der Christen zu wecken. Wenn ein Gläubiger so selbstsichere Behauptungen aufstellt, wird er höchstwahrscheinlich nicht in der Lage sein, die Sünde zu erkennen und ihr zu widerstehen. Doch die Sünde bleibt eine Realität, wie sehr Johannes auch wünscht, daß seine Leser ihr nicht mehr verfallen sind. Deshalb versichert er ihnen: Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Der Apostel will nicht, daß seine Leser sündigen, aber er weiß genau, daß keiner von ihnen vollkommen ist und daß sie alle der Hilfe ihres Fürsprechers bedürfen.

Das Wort "Fürsprecher" ist die Übersetzung des griechischen paraklEton . Johannes ist der einzige im Neuen Testament, der diesen Begriff für den Heiligen Geist verwendet (viermal im Johannesevangelium: Joh 14,16.26;15,26;16,7; im Luthertext steht an diesen Stellen jeweils das Wort "Tröster"). Im 1Joh 2,1 steht hinter diesem Begriff der Gedanke eines Verteidigers, der seinen Klienten vor Gericht vertritt. Die Art und Weise, wie Jesus seine sündigen Kinder vor Gott verteidigt, wird wunderbar deutlich an seinem Gebet für Petrus ( Lk 22,31-32 ). Jesus wußte bereits um die bevorstehende Leugnung des Jüngers und bat den Vater darum, seinen Glauben zu bewahren. Er dachte dabei auch an das künftige Wirken des Petrus für seine christlichen Brüder. Es gibt keinen Anhaltspunkt für die Annahme, daß Christus Gott um Gnade für einen Sünder bitten muß, der wegen seiner Sünden verdammt wäre. Denjenigen, die Jesus vertrauen, ist das ewige Leben sicher ( Joh 3,16; 5,24 usw.). Doch die Folgen des Versagens eines Gläubigen, seine Wiederherstellung und seine künftige Brauchbarkeit sind Gegenstand der Verhandlungen zwischen Jesus und Gott, die geführt werden, wenn ein Mensch gesündigt hat. Jesu eigenes Gerechtsein (er ist "gerecht"; vgl. 1Joh 1,9 ,"Gott ist gerecht") prädestiniert ihn in einzigartiger Weise für seine Rolle als "Fürsprecher" für einen Christen, der gesündigt hat.

1Joh 2,2


Wenn Gott einem Gläubigen, der gesündigt hat, Barmherzigkeit erweist und ihn die Folgen seiner Sünde nicht in ihrem vollen Ausmaß tragen läßt, so ist das nicht das Verdienst des Gläubigen. Die Gnade, die ihm durch die Fürsprache Christi zuteil wird, ist vielmehr wie die gesamte göttliche Gnade auf Christi endgültiges Opfer am Kreuz zurückzuführen. Wer auch immer sich fragt, wie er sich Gottes Gnade erwerben kann, nachdem er gefehlt hat, der findet in diesem Vers die Antwort. Die von Jesus Christus bei Gott erwirkte Versöhnung ist so vollständig, daß sie sich nicht nur auf die Sünden der Christen erstreckt, sondern auch für die der ganzen Welt gilt. Damit bestätigt Johannes, daß Christus wirklich für alle Menschen gestorben ist (vgl. 2Kor 5,14-15.19; Hebr 2,9 ). Das heißt natürlich nicht, daß auch alle Menschen gerettet werden, sondern nur, daß jeder, der das Evangelium hört, erlöst werden kann , wenn er es möchte ( Offb 22,17 ). In diesem Kontext geht es Johannes jedoch vor allem darum, seinen Lesern die Unermeßlichkeit des Sühnopfers Christi vor Augen zu führen, um ihnen klarzumachen, daß seine Fürsprache als der "Gerechte" ganz in Einklang mit Gottes Heiligkeit steht.

In neuerer Zeit gab es verschiedene Kontroversen unter den Gelehrten über das griechische Wort hilasmos , das hier mit "Versöhnung" übersetzt ist (es taucht im Neuen Testament nur an dieser Stelle und in 1Joh 4,10 auf). Nach Ansicht mancher Forscher drückt der Begriff nicht die Beschwichtigung von Gottes Zorn gegen die Sünde aus, sondern die "Sühne" oder "Reinigung" der Sünde selbst. Die linguistischen Belege für diese Deutung sind jedoch nicht überzeugend. Eine ausgezeichnete Erörterung und Zurückweisung dieser These findet sich bei Leon Morris ( The Apostolic Preaching of the Cross ; Grand Rapids 1965, S. 125 - 185).

Der Zorn Gottes gegen die Sünde ist für den modernen Menschen vielleicht nicht mehr so nachvollziehbar, doch der Gedanke dieses Zorns ist zutiefst biblisch. Hilasmos könnte auch mit "Sühnopfer" wiedergegeben werden (vgl. das Substantiv hilastErion , "Sühne", in Röm 3,25 ,und das Verb hilaskomai , "sühnen", Hebr 2,17 ). In der Tat hat das Kreuz Gott versöhnt (ihm Genugtuung gegeben) und seine gerechten Forderungen so grundlegenderfüllt, daß seine Gnade und Barmherzigkeit nun allen Geretteten und Ungeretteten gleichermaßen in überreichem Maße zur Verfügung steht.


B. Grundgedanken der Gotteserkenntnis
( 2,3 - 11 )


Der Übergang (V. 3 ) zum Thema der Gotteserkenntnis mag auf den ersten Blick abrupter erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Im Denken der Antike enthielt der Begriff des "Lichtes" zugleich auch die Vorstellung von "Vision, Wahrnehmung oder Erkenntnis". Es erscheint ganz logisch, daß ein Leben der Gemeinschaft mit Gott im Licht auch zur Gotteserkenntnis führen muß. Natürlich kennen alle wahren Christen Gott in einem gewissen Sinn ( Joh 17,3 ), doch manchmal kann man selbst von echten Gläubigen sagen, daß sie nichts von Gott oder Christus wissen ( Joh 14,7-9 ). Darüber hinaus hat Jesus seinen Jüngern verheißen, daß er sich ihnen in ganz besonderer Weise offenbaren würde, wenn sie seine Gebote halten ( Joh 14,21-23 ). Eine solche Erfahrung schließt notwendigerweise Gotteserkenntnis mit ein. Schließlich führt Gemeinschaft immer auch zum Kennenlernen dessen, mit dem man diese Gemeinschaft hat. Das gilt selbst im Bereich der menschlichen Erfahrung. Wenn ein Vater und ein Sohn getrennt voneinander leben, werden sie sich nicht so gut kennen wie wenn sie zusammenleben, auch wenn sich ihre Eltern-Kind-Beziehung dadurch nicht ändert.

Es wäre deshalb falsch, 1Joh 2,3-11 so zu lesen, als habe der Apostel das Thema der Gemeinschaft mit Gott nun abgeschlossen. Die Auseinandersetzung mit der Gotteserkenntnis ist vielmehr die natürliche Fortsetzung dieses Themas.



1Joh 2,3


Für diejenigen unter seinen Lesern, die feststellen möchten, ob ihre Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott sie zu einer wirklichen, persönlichen Gotteserkenntnis geführt hat, nennt Johannes einen einfachen Test: Daran merken wir, daß wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Das Verb ginOskO (für "merken" und "kennen"), das in diesem Vers zweimal vorkommt, taucht im 1. Johannesbrief insgesamt dreiundzwanzigmal auf. (Sein Synonym oida kommt sechsmal vor: 1Joh 3,2;5,15.18-20 [zweimal].) Wie meist bei Johannes kann sich das Pronomen "ihn" entweder auf Gott oder auf Christus beziehen. Für den Apostel ist Jesus so eng mit dem Vater verbunden, daß er es manchmal für unnötig hält, genau zwischen den beiden Personen der Gottheit zu unterscheiden. Die Gemeinschaft der Christen gilt dem Vater wie dem Sohn ( 1Joh 1,3 ), und die vertraute Kenntnis des einen schließt die des anderen mit ein. Die Vorbedingung einer solchen Erkenntnis aber ist Gehorsam (vgl. Joh 14,21-23 ). Er ist auch das Mittel, durch das ein Christ merkt, ob er seinen Gott wirklich "kennengelernt" hat (vgl. "seine Gebote halten" in 1Joh 3,22.24;5,2-3 ).



1Joh 2,4


Daraus folgt zwingend, daß jemand, der sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, ... ein Lügner ist. Wie in 1Joh 1,6 kann sich jemand eine Gemeinschaft mit Gott anmaßen, die, wie sein Leben beweist, gar nicht existiert. Johannes scheute sich nicht, diese Anmaßung beim Namen zu nennen: Sie ist eine Lüge. Von einem solchen Menschen kann man genauso sagen: In dem ist die Wahrheit nicht . Hinter dieser Äußerung steht derselbe Gedanke wie hinter den Äußerungen zu falschen Behauptungen in 1Joh 1,6.8.10 .In solchen Menschen wirkt die Wahrheit nicht als dynamische, steuernde Kraft. Sie haben den Kontakt mit der geistlichen Realität verloren.


1Joh 2,5-6


Der Gehorsam gegenüber Gottes Wort ("seine Gebote", V. 3 ) dagegen führt zu einer reichen und vollen Erfahrung der göttlichen Liebe: Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen . Der griechische Ausdruck für "Liebe Gottes" kann entweder die Liebe Gottes zu den Christen oder die Liebe der Christen zu Gott bezeichnen. Vor allem im Lichte von Joh 14,21-23 ist jedoch wohl die erste Deutung vorzuziehen. In der betreffenden Passage wird einem gehorsamen Jünger verheißen, daß er in ganz besonderer Weise die Liebe des Vaters und des Sohnes an sich spüren wird. Da der Christ schon der Gegenstand der erlösenden Liebe Gottes ist, kann man wohl mit Recht sagen, daß diese zusätzliche, im Erleben des einzelnen begründete Realisierung der göttlichen Zuwendung die Liebe Gottes in ihm vollkommen macht (vgl. 1Joh 4,12.17 ). Ein gehorsamer Gläubiger kennt die Liebe Gottes also in vollem, überreichem Maße. Weil Gott die Liebe ist ( 1Joh 4,16 ), ist Gotteserkenntnis gleichbedeutend mit der vertrauten Kenntnis seiner Liebe.

Johannes fügt hinzu: Daran erkennen wir, daß wir in ihm sind. Wer sagt, daß er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat . In dieser Aussage gebraucht Johannes zwei weitere Ausdrücke ("in ihm sein" und "in ihm bleiben"), die seinen Gedankengang fortführen. Wie bei der Verknüpfung von Gehorsam und Gotteserkenntnis geht er auch hier von Themen aus den Abschiedsreden Jesu ( Joh 13-16 ) aus, insbesondere vom Gleichnis des Weinstocks ( Joh 15,1-8 ). Das Verhältnis des Weinstockes zu den Reben ist ein Bild für die Erfahrung der Jüngerschaft. Jesus sagte: "Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger" ( Joh 15,8 ). In 1Joh 2,5-6 geht es ebenfalls um die Nachfolge, wie der Hinweis auf die Nachahmung Christi in Vers 6 zeigt. Außerdem ist das griechische Wort für "bleiben", menO , dasselbe wie in Joh 15,4 .

Es wäre ein Mißverständnis, den Gedanken des "In-ihm"-Seins, wie Johannes ihn hier gebraucht, mit dem paulinischen Konzept des "In-Christus"-Seins gleichzusetzen. Für Paulus ist die Wendung "in Christus" ein Bild für die bevorrechtigte Stellung, die diejenigen, die an den Sohn Gottes glauben, für immer innehaben. Das Bild des Weinstocks dagegen, das Johannes gebraucht, beschreibt eine Erfahrung, die sehr viel weniger Beständigkeit hat und durchaus wieder verloren werden kann, was dann auch zum Verlust der Gemeinschaft und der Fruchtbarkeit führt. Der Beweis dafür, daß ein Mensch diese besondere Erfahrung macht, läßt sich laut 1. Johannesbrief nur in einem Leben finden, das dem Leben Jesu im Gehorsam gegen sein Wort nachgebildet ist. Zusammenfassend kann man also sagen, daß die Verse 2,5-6 wiederum von der Gemeinschaft des Gläubigen mit Gott handeln.

1Joh 2,7


Die Verse 3-6 haben den Aspekt des Gehorsams, der sicherlich auch in 1Joh 1,5-10 implizit bereits angesprochen war, in den Mittelpunkt gestellt. Die Dringlichkeit, mit der Johannes darauf beharrt, daß man die Gebote Gottes erfüllen muß, um festzustellen, ob man ihn wirklich kennt, führt jedoch ganz natürlich zu der Frage: An welche Gebote denkt Johannes dabei? Diese Frage wird im vorliegenden Vers beantwortet. Der Apostel spricht hier nicht von einer neuen Verpflichtung, von der seine Leser noch nie etwas gehört haben. Das Gebot , das er vor allen andern im Sinn hat, ist vielmehr das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt (vgl. 2Joh 1,5 ). Zweifellos bezog sich Johannes damit auf das Liebesgebot (vgl. 1Joh 2,9-11 ). Er unterstreicht seine Aussage durch den Zusatz: Das alte Gebot ist das Wort ( logos ; vgl. 1Joh 1,5;3,11 ), das ihr gehört habt (die Mehrheit der Handschriften fügen hier nochmals "von Anfang an" ein). Welchen Neuerungen sich die Leser auch angesichts der Lehren der Antichristen gegenübergesehen haben mögen, ihre eigentliche Verpflichtung galt einem Gebot, das sie kannten, seit sie Christen geworden waren (vgl. "gehört" und "von Anfang an" in 1Joh 1,1;2,24;3,11 ).

Die liebevolle Sorge des Apostels für die Gläubigen zeigt sich an der Anrede agapEtoi , wörtlich "Geliebte", hier mit "meine Lieben" übersetzt. Dasselbe Wort gebraucht er auch in 1Joh 3,2.21;4,1.7.11 und in der Abwandlung agapEte ("mein Lieber") in 3Joh 1,2.5.11 .



1Joh 2,8


Doch Jesus hatte dieses Gebot "neu" genannt ( Joh 13,34 ), und Johannes weist hier darauf hin, daß es nichts von seiner Aktualität verloren hat. Es ist noch immer ein wirklich neues Gebot, das wahr ist in ihm und in euch . Letzteres bedeutet wahrscheinlich, daß das Liebesgebot zuerst in Jesus selbst und dann in denen, die ihm nachfolgten, zur Verwirklichung kam. Der nächste Satz - denn die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt - muß wohl auf die Aussage zurückbezogen werden, daß hier trotz allem etwas qualitativ Neues gesagt bzw. geschrieben wird. Johannes meint damit, daß das Liebesgebot (nach dem Jesus und seine Jünger leben) in das neue Zeitalter der Gerechtigkeit gehört, das nun allmählich heraufzieht, nicht zum alten Zeitalter der Finsternis, das vergangen ist. Die Menschwerdung Christi hat ein Licht in die Welt gebracht, das nie mehr ausgelöscht werden kann. Die Liebe, die er gezeigt und seine Jünger gelehrt hat, weist voraus auf das kommende Zeitalter. Die Finsternis der gegenwärtigen Welt und all ihr Haß müssen eines Tages für immer verschwinden (vgl. 1Joh 2,17 a).

Damit verleiht der Apostel den Begriffen "Licht" und "Finsternis" eine Bedeutung, die sich von der Bedeutung, die diese Begriffe in Kapitel 1 hatten, unterscheidet. Dort wurde das "Licht" im Sinne eines fundamentalen Attributes Gottes definiert ( 1Joh 1,5 ). Nach diesem Verständnis hat das Licht geleuchtet, solange es eine Offenbarung Gottes für die Menschen gab. Doch hier sagt Johannes, daß das Licht mit der Menschwerdung in die Welt kam. Das neue Zeitalter zieht herauf. Es ist bestimmt von einer ganz besonderen Offenbarung, die Gott den Menschen in seinem Sohn geschenkt hat. Diese Offenbarung ist vor allem anderen eine Offenbarung der göttlichen Liebe.



1Joh 2,9


Aus dem zuvor Gesagten folgt: Wer sagt, er sei im Licht, und haßt seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Diese Warnung richtet sich, wie die Wendung "seinen Bruder" zeigt, ganz eindeutig an die Christen. Ein Mensch, der nicht erlöst ist, kann höchstens seinen leiblichen Bruder hassen, niemals seinen "geistlichen", da er überhaupt keine geistliche Verwandtschaft kennt. Wenn Johannes gedacht hätte, daß kein Christ einen anderen Christen hassen könnte, so wäre es nicht nötig gewesen, das Verhältnis, in dem sie zueinander stehen, mit dem Wort "seinen" zu kennzeichnen. Eine solche Auffassung, die manche tatsächlich vertreten, ist jedoch naiv und steht sowohl im Gegensatz zur Bibel als auch zur menschlichen Erfahrung. Selbst ein so großer Mann wie König David lud einen Mord - den äußersten Ausdruck von Haß - auf sich. Johannes warnt seine Leser also vor einer geistigen Bedrohung, die nur allzu real ist (vgl. 1Joh 1,8.10 ). Er stellt in diesem Zusammenhang fest, daß ein Christ, der seinen Glaubensbruder hassen kann, der Finsternis dieses vergehenden Zeitalters noch nicht wirklich entronnen ist. Anders gesagt: Ein solcher Christ muß noch viel über Gott lernen und kann keinesfalls von sich behaupten, daß er Christus wirklich kenne, denn wenn dies der Fall wäre, so würde er seinen Bruder lieben.

1Joh 2,10-11


Wer dagegen seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht des neuen Zeitalters, das mit Christus angebrochen ist (vgl. V. 8 ). Durch ihn (einen Menschen, der seinen Bruder liebt) kommt niemand zu Fall. Haß und Abneigung sind eine Art innere Stolpersteine, über die andere geistlich stürzen können. Wer seinen Bruder liebt, trägt statt dessen dazu bei, daß die schlimmen Folgen des Hasses vermieden werden.

Ganz anders jemand, der seinen Bruder haßt. Ein solcher Mensch wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet (vgl. V. 9 ). Ein Christ, dessen Herz von Haß gegen einen Glaubensbruder erfüllt ist, hat die Richtung verloren. Wie ein Mann, der ziellos im Dunkeln herumirrt, ist er großen Gefahren ausgesetzt.


III. Der Zweck des Briefes
( 2,12 - 27 )


In seinem Prolog hatte Johannes das allgemeine Ziel seines Briefes bereits abgesteckt. An dieser Stelle teilt er seinen Lesern nun mit, welche besonderen Anliegen ihn zum Schreiben veranlaßten.



A. Im Lichte der geistlichen Verfassung der Leser
( 1Joh 2,12-14 )


Nach den Warnungen des Apostels ( 1Joh 1,5-2,11 ) mochten seine Leser vielleicht denken, daß er grundlegend unzufrieden mit ihrem Glaubensleben sei. Doch diese Vermutung traf nicht zu. Johannes versichert ihnen im Gegenteil, daß es gerade ihre geistlichen Vorzüge sind, die ihn zu seinem Brief bewogen haben.



1Joh 2,12-13 a


In seiner Erörterung dieser Vorzüge spricht er seine Leser einmal als liebe Kinder , dann als Väter und schließlich als junge Männer an. Manche Ausleger vermuten, daß Johannes seine Leserschaft hier nach chronologischen Altersgruppen unterteile. Andere meinen, daß damit ihre unterschiedliche geistliche Reife gemeint sei. Beide Deutungen erklären jedoch nicht, weshalb der Begriff "Väter" in der Mitte der Abfolge genannt wird. Darüber hinaus bezeichnet Johannes an anderer Stelle alle seine Leser als "Kinder" (V. 1.28 ; 1Joh 3,7.18;5,21 ). Es scheint daher am plausibelsten (wie auch C. H. Dodd und I. H. Marshall vorschlagen), die Anrede jedesmal auf die gesamte Leserschaft zu beziehen. In diesem Fall geben die verschiedenen genannten Kategorien die verschiedenen Erfahrungen wieder, mit denen die Christen in Verbindung gebracht werden.

Als "Kinder" hatten die Leser die Vergebung erlebt, die ihr himmlischer Vater für die Seinen bereithält. Als "Väter" hatten sie eine Erfahrung gemacht, die bis in die Ewigkeit zurückreicht, denn sie kennen den, der von Anfang an ist . Auf dem Hintergrund von 1Joh 2,3-6 heißt das, daß sie wirkliche Gemeinschaft mit Gott erfahren haben. (Auch hier kann sich das Wort "ihn" wie in Vers 3 sowohl auf den Vater als auch auf den Sohn beziehen. Für Johannes selbst ist diese Unterscheidung nicht wichtig. Seine Leser kennen beide Personen der Gottheit.) Als "junge Männer" haben die Leser einen geistlichen Kampf gekämpft und den Bösen , Satan, überwunden (vgl. "der Böse" in V. 14 ; 1Joh 3,12;5,18-19 ).

Auf diese Weise ergibt die Reihenfolge "Kinder", "Väter" und "junge Männer" einen Sinn. Die Leser des 1. Johannesbriefes wußten, was es heißt, Vergebung für seine Sünden zu erlangen und dann Gemeinschaft mit dem ewigen Gott zu haben. Deshalb waren sie wie kraftvolle junge Männer, die die Angriffe Satans zurückgeschlagen hatten.


1Joh 2,13-14 (1Joh 2,13b-14)


In der Folge werden die drei Bezeichnungen der Leser und ihre Erfahrungskategorien noch einmal wiederholt, allerdings mit leichten Abwandlungen. Wenn man sie als Kinder betrachtet, so kann man von diesen Christen sagen, daß sie den Vater kennen. Wie neugeborene Kinder (teknia , V. 12 ; vgl. den Kommentar zu V. 1 ), die ihre Väter gerade erst erkennen können, so haben sie (die Kinder, paidia ; vgl. V. 18 ) durch die Gemeinschaft mit ihm ihren göttlichen Vater kennengelernt. Doch was läßt sich der Erfahrung, den Ewigen zu kennen, noch hinzufügen? So wiederholt Johannes denn auch nach der Anrede "Väter" noch einmal wörtlich das zuvor Gesagte. Seine Aussage zu den jungen Männern erweitert er dagegen um den Gedanken des Kräftigerwerdens. Während er in Vers 13 einfach nur von einem Sieg über den Satan spricht, ergänzt er hier: denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden. Durch diese Wiederholung macht der Apostel deutlich, daß seine Leser in seinen Augen die genannten geistlichen Qualitäten nicht nur besitzen und deshalb wert sind, als Kinder, Väter und junge Männer angeredet zu werden, sondern daß sie alle diese Vorzüge sogar in äußerst reichem Maße zeigen.


B. Im Lichte der Verlockungen der Welt
( 2,15 - 17 )


Der Briefschreiber ist alles andere als unzufrieden mit der geistlichen Verfassung seiner Leser. Noch weniger aber zieht er ihre Erlöstheit in Zweifel, wie manche Ausleger fälschlicherweisemeinen. Im Gegenteil, die Leser haben sich offenbar sogar in ihrem Glauben weiterentwickelt, und Johannes schreibt gerade deshalb an sie, weil ihr Glaubensleben im Augenblick so vorbildlich ist. Er möchte sie vor Gefahren warnen, die immer und überall auf den Christen lauern, ganz gleich wie weit er im Glauben und in seinem christlichen Lebenswandel fortgeschritten ist.



1Joh 2,15


Der Apostel warnt seine Leser: Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Die "Welt" ( kosmos ), die hier als eine gottfeindliche Wesenheit betrachtet wird (vgl. 1Joh 4,4 ), stellt eine ständige Verführung dar, der die Christen widerstehen sollen (vgl. Joh 15,18-19; Jak 4,4 .An anderen Stellen im Neuen Testament steht "Welt" [ kosmos ] für "die Menschen"; z. B. Joh 3,16-17 ). Sie "buhlt" um die Liebe der Christen; niemand kann sie und den Vater zugleich lieben. Wenn jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Dasselbe hatte Jakobus seinen christlichen Adressaten geschrieben: "Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein" ( Jak 4,4 ).



1Joh 2,16


Der Grund dafür, daß die Liebe zur Welt sich nicht mit der Liebe zu Gott vereinbaren läßt, liegt darin, daß alles, was in der Welt ist, ... nicht vom Vater, sondern von der Welt kommt. Unter diesem Blickwinkel ist die Welt ein System von Werten und Zielen, in denen Gott keinen Raum hat. Johannes spezifiziert denn auch gleich mit drei geläufigen Wendungen, die die fehlgeleitete Perspektive der Welt wirkungsvoll beleuchten, was mit der Formulierung "alles, was in der Welt ist", gemeint ist. Weltlich gesinnte Menschen leben für des Fleisches ( sarx ) Lust ( epithymia , ein Wort, das zweimal in diesem Vers und einmal im nächsten vorkommt). Das Wort "Lust" steht im Neuen Testament in den meisten Fällen, wenn auch nicht immer, für "sündige Begierden", wobei die "Lust des Fleisches" sich insbesondere auf unerlaubte oder unmoralische körperliche Bedürfnisse bezieht. Der Ausdruck der Augen Lust (epithymia ) deutet auf die begehrliche und habgierige Natur des Menschen. Hoffärtiges Leben ist die Übersetzung des griechischen hE alazoneia tou biou (wörtlich "der Hochmut des Lebens"), die Beschreibung eines stolzen und prahlerischen Lebenswandels ( alazoneia kommt nur an dieser Stelle im Neuen Testament vor). Mit derartigen weltlichen Lebensformen sollen die Christen nichts zu schaffen haben.



1Joh 2,17


Denn die Welt vergeht mit ihrer Lust (epithymia ) ; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Die Verbform "bleibt" kommt wieder vom typisch johanneischen Verb menO (vgl. 1Joh 1,6 ). Wie fast im ganzen Brief versinnbildlicht es auch hier das Leben einer treuen Gemeinschaft mit Gott. Dabei spielt jedoch offensichtlich auch noch der Gedanke herein, daß ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott, in dem die sündigen Verlockungen der vergehenden Welt keinen Platz haben, unvergänglich ist. Ein Mensch, dessen Charakter und Persönlichkeit vom Gehorsam gegen Gott geprägt sind, bleibt unberührt vom Untergang der Welt und von ihrer leeren Jagd nach dem Glück. So kann man mit Johannes die Glaubensweisheit formulieren: "Wir haben nur ein Leben, 's ist bald Vergangenheit; nur was wir Christus geben, bleibt in Ewigkeit."

1. Johannes

C. Im Lichte der Lügen der letzten Stunde
( 2,18 - 23 )


1Joh 2,18


Der allgemeinen Warnung vor der Welt folgt nun eine Warnung vor einem der Phänomene, die typisch für die Endzeit sind. Die falschen Lehrer, die zur Zeit auftreten, sind zutiefst weltlich (vgl. 1Joh 4,5 ). Die Leser des Johannesbriefes wußten von dem prophezeiten Kommen des Antichristen und sollen mit diesen Worten auf die vielen Antichristen hingewiesen werden, die Christus ebenso feindlich gegenüberstehen. Das ist als klarer Hinweis darauf zu deuten, daß die Geschichte in eine entscheidende Phase eingetreten ist: die letzte Stunde. Trotz der vielen Jahrhunderte, die verflossen sind, seit Johannes seinen Brief schrieb, hat diese bedrohliche Zuspitzung aller Dinge in gewisser Weise weiter zugenommen. Die Bühne ist vorbereitet für den letzten Akt der Geschichte der Menschheit.



1Joh 2,19


Johannes sagt von den falschen Lehrern: Sie sind von uns ausgegangen . Das Pronomen "uns" ist hier wohl als eine Art Pluralis majestatis zu verstehen, das apostolische "wir", das in diesem ganzen Brief immer wieder verwendet wird (vgl. 1Joh 1,1-5;4,6 ). Dieses "wir" steht im Gegensatz zu dem "ihr" in 1Joh 2,20-21 ,das den Lesern gilt. Es erscheint wenig sinnvoll anzunehmen, daß die falschen Lehrer die Gemeinden, denen die Leser angehörten, verlassen hatten. Wenn das der Fall gewesen wäre, so hätten sie ja wohl kaum noch ein Problem dargestellt. Wenn sie sich dagegen, wie die jüdischen Legalisten von Apg 15 ,von den apostolischen Gemeinden in Jerusalem und Judäa abgespalten hatten, dann bildeten sie eine besondere Gefahr für die Leser, weil sie aus dem gleichen geistlichen Boden hervorkamen, aus dem sich das Christentum überhaupt entwickelt hatte. Deshalb liegt Johannes so viel daran, jede Verbindung zu ihnen zu bestreiten.

Sie waren nicht von uns heißt, daß diese Männer nicht wirklich Anteil am Geist und an den Auffassungen des apostolischen Kreises hatten, denn in diesem Fall hätten sie sich nie von ihm getrennt. Das Aufkommen einer Irrlehre innerhalb der christlichen Kirche, ganz gleich, ob sie von den erlösten Gemeindegliedern oder von unerlösten Leuten in der Gemeinde ausgeht, ist immer ein Zeichen für eine fundamentale Disharmonie mit dem Geist und der Lehre der Apostel. Menschen, die in einer lebendigen Verbindung mit Gott leben, unterwerfen sich im allgemeinen der apostolischen Unterweisung (vgl. 1Joh 4,6 ).



1Joh 2,20-21


Die Leser des Johannes haben jedoch einen guten Schutz gegen die Antichristen, denn sie haben die Salbung von dem, der heilig ist (d. h. von Gott). Diese "Salbung" ist zweifellos der Heilige Geist, denn wie Vers 27 deutlich macht, empfangen die Christen durch sie "Belehrung" - sie muß also eine Person sein. Jesus selbst war mit dem Heiligen Geist "gesalbt" (vgl. Apg 10,38 ). (Zu der Möglichkeit, daß mit diesem Begriff die Leiter der Gemeinde gemeint sind, vgl. die Einführung .) Aufgrund ihrer "Salbung" besitzen die Leser (und unter ihnen wohl in erster Linie die Gemeindevorsteher) das Wissen , d. h. die richtige Lehre. Johannes schreibt ihnen, gerade weil sie die Wahrheit richtig erkennen und wissen, daß keine Lüge unter diese Wahrheit gemischt werden darf.



1Joh 2,22-23


Die Antichristen aber sind Lügner, denn sie leugnen, aß Jesus der Christus ist , d. h., sie verleugnen Gottes Sohn, den von Gott gesandten Heiland (vgl. Joh 4,29.42; Joh 20,31 ). Damit leugnen sie auch den Vater . Wenn sie also von sich behaupten, daß sie vom Vater autorisiert sind, lügen sie. Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht.



D. Im Lichte der Pflicht der Leser zur Standhaftigkeit
( 2,24 - 27 )


1Joh 2,24


Den Lesern wird nahegelegt: Was ihr gehört habt von Anfang an (vgl. 1Joh 1,1;2,7;3,11 ), das bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben. Auch hier ist das Verb "bleiben" wieder menO ( 1Joh 2,6.10.14.17 ). Wenn sie den Lügen der Antichristen widerstehen und der Wahrheit, die sie gehört haben, in sich Raum geben oder in ihr "bleiben", dann werden sie auch weiter in der Gemeinschaft mit Gott dem Vater und dem Sohn "bleiben".



1Joh 2,25-26


Damit können sie auch weiterhin gewiß sein, daß sie das ihnen von Gott verheißene ewige Leben besitzen. Wie Johannes später ( 1Joh 5,9-13; vgl. 1Joh 5,20 ) unterstreicht, können sie sich dieser Tatsache deshalb so sicher sein, weil Gott sie bezeugt hat. Möglicherweise redeten die Antichristen den Lesern ein, daß sie nicht wirklich gerettet waren, denn Johannes fährt fort: Dies habe ich euch geschrieben von denen, die euch verführen (vgl. 1Joh 3,7 ). Die Irrlehrer, die offensichtlich aus den apostolischen Gemeinden in Judäa kamen, versuchten allem Anschein nach, die Überzeugung der Leser, daß Jesus der Christus ist und daß sie durch ihn das ewige Leben haben, zu erschüttern. Um sie gegen derartige Einflüsterungen immun zu machen, betont der Apostel ausdrücklich, daß sie Gott schon kennen und das Wissen haben ( 1Joh 2,12-14.21 ).


1Joh 2,27


Sie brauchen in diesem Punkt keine Belehrung von seiten der Antichristen oder von irgend jemandem sonst. Ihre Salbung , die sie von Gott empfangen haben, bleibt in ihnen und lehrt sie alles . Wenn man diesen Satz im Zusammenhang mit den Versen 12 - 14 liest, so drängt sich die Annahme auf, daß die Leser des 1. Johannesbriefes in ihrer Glaubensentwicklung schon relativ weit fortgeschritten waren, da nur die im Glauben noch Unreifen menschliche Lehrer nötig haben (vgl. Hebr 5,12 ). Das paßt besonders gut, wenn man davon ausgeht, daß Johannes sich hier an die Vorsteher der Gemeinden wandte, aber es kann auch auf eine Gemeinde zutreffen, die schon eine gewisse Zeit im Glauben steht. Während sich die Antichristen möglicherweise irgendwelcher "Inspirationen" gerühmt haben, die Lüge sind, ist die Salbung der Leser wahr . Sie sollen in ihm (das Pronomen kann sich auch auf die "Salbung" beziehen) bleiben ( menete , "bewahren") und sich ganz auf seine Unterweisung verlassen.



IV. Der Hauptteil des Briefes
( 2,28 - 4,19 )


Im vorigen Abschnitt ( 1Joh 2,12-27 ) bestätigte Johannes seinen Lesern die Echtheit ihrer geistlichen Erfahrungen und warnte sie vor den Antichristen, die diese Erfahrungen leugnen. In einem weiteren Teil seines Briefes erläutert der Apostel das Wesen und die Konsequenzen der besonderen Erfahrungen, die seine Leser gemacht haben und in denen sie "bleiben" sollen.



A. Exposition des Themas
( 2,28 )


1Joh 2,28


Viele Exegeten sehen an dieser Stelle einen Bruch im Text. Die Wendung "bleibt in ihm" enthält wiederum das griechische Verb menO , das in den Versen 6 - 27 bereits zehnmal aufgetaucht ist. (Im ganzen Neuen Testament kommt das Verb menO einhundertzwölfmal vor, davon sechsundsechzigmal bei Johannes - vierzigmal im Johannesevangelium, dreiundzwanzigmal im 1. und dreimal im 2. Johannesbrief.) In der Fortführung seines Grundthemas, der Gemeinschaft mit Gott ( 1Joh 1,3 ), schärft der Apostel seinen Lesern nochmals eine treue, bewahrende Lebensführung ein. Doch sogleich leitet er über zu dem neuen Gedanken der Zuversicht vor Christus, wenn er kommt . "Zuversicht" ist im griechischen parrEsia , ein Wort, das auch "freimütige Rede" bezeichnen kann (vgl. auch 1Joh 3,21;4,17;5,14 ). Wenn die Adressaten des Briefes in der Gemeinschaft mit Gott bleiben, dann werden sie auch freimütig vor ihren Herrn treten können, wenn er kommt. Wie sie diese "Zuversicht" erlangen können, wird in 1Joh 2,29-4,19 ausführlich behandelt. Wenn ein Gläubiger jedoch nicht in Gott bleibt, wird er möglicherweise beim Kommen Christi zuschanden werden - ein Hinweis auf die göttliche Mißbilligung vor dem Richterstuhl Christi (vgl. 1Joh 4,17-19 ). Das kann zwar geschehen, doch es bedeutet nicht den Verlust des Heils für den Betreffenden.


B. "Kinder Gottes"
( 2,29 - 3,10 a)


Im folgenden entwickelt Johannes einen Gedankengang, der in der Erlangung eben des Freimuts, von dem er zuvor gesprochen hat ( 1Joh 2,28; vgl. 1Joh 4,17-19 ), gipfelt. Die Gemeinschaft mit dem Kreis der Apostel und mit Gott, an die er hier denkt (vgl. 1Joh 1,3 ), verlangt von den Gläubigen, daß sie erkennen, wie sich die Gotteskindschaft im Leben des einzelnen manifestiert. Es geht also um die Vorstellung, daß in einer wahrhaft christlichen Lebensführung Gott selbst manifest wird ( 1Joh 4,12-16 ).



1Joh 2,29


In diesem Vers ist erstmals ausdrücklich von der Wiedergeburt die Rede. Da die Leser wissen, daß er (Gott der Vater oder Gott der Sohn) gerecht ist , wissen sie auch, daß, wer recht tut, ... von ihm (hier bezieht sich das Pronomen wahrscheinlich auf Gott den Vater, der die Wiedergeburt schenkt) geboren (ist). (Die Wendung "aus Gott geboren" taucht im 1. Johannesbrief in 1Joh 3,9;4,7;5,1.4.18 [zweimal] auf.) Diese Äußerung hat nichts mit der persönlichen Heilsgewißheit der Leser zu tun. Es ist vielmehr die Feststellung, daß sie, wenn ihnen wirkliche Rechtschaffenheit ( tEn dikaiosynEn , "recht") begegnet, sicher sein können, daß die betreffende Person ein Kind Gottes ist. Für Johannes kann diese Gerechtigkeit nur die sein, die auch Christus seine Jünger gelehrt hat. Sie hat nichts mit bloßer humanistischer Menschenfreundlichkeit und Moral zu tun. Ihre Umkehrung - daß jemand, der wiedergeboren ist, automatisch rechtschaffen ist - trifft nicht unbedingt zu. Johannes weiß, daß auch Christen noch in der Finsternis wandeln können und anfällig für die Sünde sind ( 1Joh 1,6.8;2,1 ). Was er hier schildert, ist das Sichtbarwerden des Wiedergeborenseins in den Handlungen der Menschen.



1Joh 3,1


Dieser Vers beginnt mit der Aufforderung seht (idete ). Nachdem der Apostel seine Leser auf das Sichtbarwerden der Wiedergeburt in einer gerechten Lebensführung aufmerksam gemacht hat, nimmt er sie nun mit hinein in das Nachdenken über die Größe der göttlichen Liebe, die in einem solchen Leben spürbar wird. Welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen. (Bei den Worten "und wir sind es auch" , die in den meisten Handschriften fehlen, handelt es sich wahrscheinlich um einen Zusatz.) Die Formulierung "heißen sollen" ist in der Bibel ein Ausdruck dafür, daß der betreffende Zustand bereits Realität ist. Die Gläubigen sind die "berufenen Kinder Gottes" (vgl. "die berufenen Heiligen"; 1Kor 1,2 ), weil sie Kinder ( tekna ) des "Vaters" sind.

Zu der Einsicht, zu der Johannes die Menschen auffordert, ist die Welt jedoch nicht fähig. Da (die Welt) ihn (Gott oder Christus) nicht (kennt) , kann man auch nicht von ihr erwarten, daß sie die Gläubigen als Gottes Kinder erkennt. Eine solche Wahrnehmung ist allein den Christen selbst vorbehalten.



1Joh 3,2-3


Doch selbst für Christen ist diese Wahrnehmung nur im geistlichen Bereich möglich. Auch wenn wir ... schon Gottes Kinder (sind) , so gibt es doch keinen ins Auge springenden äußeren Beweis für diese Tatsache. Die äußere Verwandlung wird erst beim Kommen Christi eintreten. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein (vgl. 1Kor 15,52-54; Phil 3,21 ). Die Verwandlung, die mit den Christen vorgehen wird, wird daher kommen, daß sie ihren Herrn sehen, wie er ist. Bis dieses Ereignis eintreten wird, gilt jedoch auf jeden Fall: Jeder, der solche Hoffnung auf ihn (das Pronomen bezieht sich wahrscheinlich auf Christus, den Gegenstand der Hoffnung) hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Hier geht es wahrscheinlich nach wie vor um die Wiedergeburt. Wer seine Hoffnung im Glauben auf den Sohn Gottes setzt, macht eine innerliche Reinigung durch, die so vollständig ist wie die Reinheit Christi ("wie auch jener rein ist"). Mit diesen Gedanken bereitet Johannes seine Leser auf seine folgenden Aussagen vor ( 1Joh 3,6.9 ). Die Wiedergeburt bringt eine vollständige Reinigung von der Sünde mit sich.



1Joh 3,4


Im Gegensatz zu dieser Reinheit steht die Sünde. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht ( tEn anomian poiei ) , und die Sünde ist das Unrecht ( anomia ). Im griechischen Neuen Testament kommt der Terminus anomia vor allem im eschatologischen Kontext vor (vgl. Mt 7,23; 13,41; 24,12; 2Thes 2,7 ). Es ist daher bemerkenswert, daß der Begriff an dieser Stelle so unmittelbar nach den Hinweisen auf das Unwesen der Antichristen auftaucht. Wahrscheinlich wählte der Briefschreiber ein besonders negatives Wort für die Sünde. Auf dem Hintergrund von 1Joh 3,7 scheint es denkbar, daß die Antichristen die Sünde nicht ernst nahmen - eine Auffassung, der Johannes entgegentreten wollte. Ein Mensch, der sündigt, tut etwas Böses, und die Sünde ist böse schlechthin, macht Johannes deutlich. (Wörtlich lautet der erste Satz von V. 4 : "Jeder, der Böses tut"). Die Sünde darf auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen werden.



1Joh 3,5-6


Wie schwerwiegend die Sünde ist, unterstreicht auch der Gedanke, daß Christus erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Mit der Menschwerdung Christi kam einer in die Welt, der ganz und gar sündlos war und dessen erklärtes Ziel es war, die Sünde aus dem Leben der Seinen fortzunehmen (vgl. Joh 1,29; Hebr 9,28 a). Daraus folgt logisch, daß ein Mensch, der in einer sündlosen Person ist ("bleibt"), selbst sündlos sein muß, denn er hat eine sündlose wiedergeborene Natur.

Das ist der unausweichliche Schluß, den dieser Text den Lesern nahebringen möchte. Doch auch noch etwas anderes wird aus der Aussage des Verses klar: Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt. Eine relativ weitverbreitete Erklärung dieses Satzes ist, daß ein Gläubiger nicht "gewohnheitsmäßig" sündigt, d. h., daß die Sünde an und für sich keinen Platz in seinem Leben hat. Im Griechischen findet sich jedoch keine Entsprechung zu Wendungen wie "gewohnheitsmäßig" oder "laufend" oder "weiterhin". Eine solche Übersetzung basiert lediglich auf einem speziellen Verständnis des griechischen Präsens, das in der neutestamentlichen Forschung mittlerweile umstritten ist (vgl. z. B. S. Kubo, "1 John 3,9: Absolute or Habitual?", Andrews University Seminary Studies 7, 1969, 47 - 56; C. H. Dodd, The Johannine Epistles , S. 78 - 81; I. Howard Marshall, The Epistles of John , S. 180). Es läßt sich an keiner anderen Stelle im Neuen Testament belegen, daß das Präsens diese besondere Bedeutungsfärbung annehmen kann, ohne daß sie sich auch sonst im Text nahelegt. Das aber trifft für diesen Vers nicht zu und ebensowenig für 1Joh 3,9 .Johannes sagt weder, daß der Christ eine sündlose Vollkommenheit erreichen muß, noch daß diejenigen, die darin scheitern, ihrer Erlösung verlustig gehen. Ein solcher Gedanke ist dem theologischen Standpunkt des Apostels und der ganzen neutestamentlichen Literatur völlig fremd.

Was Johannes hier sagen will, ist etwas ganz Einfaches. Die Sünde ist ein Produkt der Unwissenheit und Blindheit in bezug auf Gott. "Wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt" (V. 6 b).

Aus einem Leben, das in der Schau und in der Erkenntnis Gottes geführt wird, kann keine Sünde erwachsen. Sie hat keinen Raum in der Erfahrung des "In-Christus-Seins". "Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht" (V. 6 a). Die Bedeutung des hier Gesagten wirft also eigentlich keine Fragen auf, doch auf den ersten Blick ergibt sich eine gewisse Widersprüchlichkeit zwischen dieser Aussage und Johannes' früherem Beharren darauf, daß ein Gläubiger nie von sich behaupten kann, frei von Sünde zu sein ( 1Joh 1,8 ). Die Lösung des Problems findet sich in 1Joh 3,3 ,wo die Reinigung dessen, "der solche Hoffnung auf ihn hat", mit der Reinheit Christi selbst verglichen wird ("wie auch jener rein ist"). Daraus folgt, daß das wiedergeborene Leben zumindest in einer Hinsicht eigentlich ein sündloses Leben ist. Für den Gläubigen ist die Sünde etwas Unnatürliches; seine ganze Lebensausrichtung strebt von der Sünde fort.

Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß auch den Christen kein vollständig sündloses Leben auf dieser Erde zuteil wird; die Aussage von 1Joh 1,8.10 bleibt deshalb in Kraft. Überhaupt sind die beiden Gedanken nicht wirklich unvereinbar. Der Christ erlebt durchausnoch einen echten Kampf mit seinen fleischlichen Bedürfnissen und überwindet sie lediglich mit Hilfe des Heiligen Geistes (vgl. Gal 5,16-26 ).

Das deckt sich auch mit dem paulinischen Denken. So konnte Paulus in seinem Kampf mit der Sünde sagen: "Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt" ( Röm 7,20 ). Paulus sah also die Sünde als etwas, was ihm im tiefsten Innern fremd war (vgl. Röm 7,25 ). Das meint er auch, wenn er schreibt: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" ( Gal 2,20 ). Wenn Christus wirklich im Gläubigen lebt, so hat die Sünde in seiner Glaubenserfahrung keinen Platz. Soweit der Gläubige Gemeinschaft mit Gott hat, ist sein Leben sündlos. (Vgl. den Kommentar zu 1Joh 3,9 .)



1Joh 3,7-8


Diese Verse deuten stark darauf hin, daß die Lehre der Antichristen unter anderem auch auf eine Verwirrung zwischen Sünde und Gerechtigkeit abzielte. Vielleicht glaubten sie, daß es ihnen frei stehe zu sündigen, und leugneten gleichzeitig ihre Schuld und gaben vor, richtig zu handeln. Vor solchen irrigen Ideen warnt Johannes eindringlich: Laßt euch von niemand verführen (das griechische Verb verführen, planaO , das auch in 1Joh 2,26 auftaucht, ist in 1Joh 1,8 mit "sich betrügen" wiedergegeben). Wer recht tut, der ist gerecht, wie auch jener gerecht ist (vgl. 1Joh 1,9;2,1.29 ). Aus einer rechtschaffenen Natur kann nur ein rechtschaffener Wandel erwachsen. Aber wer Sünde tut, der ist vom Teufel . Es wäre falsch, diese Feststellung abzuschwächen. Jede Sünde, welcher Art und wie groß sie auch sein mag, ist letztlich satanischen Ursprungs, denn der Teufel sündigt von Anfang an (vgl. Joh 8,44 ). Die Sünde entstand mit dem Satan; sie ist seine Natur und natürliche Lebensäußerung. An der Sünde teilzuhaben heißt nichts anderes, als an den Aktivitäten Satans teilzuhaben. Dazu gehört auch der Widerstand gegen das Werk des Sohnes Gottes , der gekommen ist ( erschienen ; vgl. 1Joh 3,5; Hebr 9,28 a), um dieser Aktivität, den Werken des Teufels , ein Ende zu setzen (lyse, zerstöre ). Selbst die geringfügigste Sünde steht im Gegensatz zum Werk Christi. Deshalb sollen die Gläubigen "den Bösen", der hier als der Teufel bezeichnet wird, überwinden ( 1Joh 2,13-14 ) und nicht an seinem Sein und Tun teilhaben .



1Joh 3,9


Wie bereits im Zusammenhang mit Vers 6 dargelegt wurde, ist es auf der Basis des griechischen Textes nicht vertretbar, an dieser Stelle den Aussagen des Apostels über die Sünde Wendungen wie "fortfahren" oder "weiterhin" hinzuzufügen. Auch hier handelt es sich um eine absolute Äußerung. Wer aus Gott geboren ist ( 1Joh 2,29;4,7;5,1.4.18 ), der tut keine Sünde; denn Gottes Kinder bleiben in ihm und können nicht sündigen; denn sie sind von Gott geboren. "Gottes Kinder" haben teil am Wesen Gottes, das jedem Gläubigen bei der Erlösung geschenkt wird ( Joh 1,13; 2Pet 1,4 ). Dahinter steht der Gedanke, daß das Kind in gewisser Weise am Wesen seiner Eltern teilhat. Auch hier arbeitet Johannes wie überall in seinen Schriften mit starken Kontrasten: Alle Sünde ist teuflisch ( 1Joh 3,8 ). Sie kommt nicht aus dem wiedergeborenen Wesen des Gläubigen - aus seiner Gotteskindschaft -, denn ein Kind Gottes kann nicht sündigen und tut es auch nicht. Es geht hier um dasselbe wie in Vers 6 , und auch die Erklärung des Verses bleibt gleich. Der "neue Mensch" (vgl. Eph 4,24; Kol 3,10 ) ist eine völlig neue, vollkommene Schöpfung. Indem er diesen Aspekt so stark betont, versucht Johannes, eine falsche Vorstellung von der Sünde abzuwehren. Die Sünde kann nie etwas anderes sein als satanisch. Sie kann nie aus dem entspringen, was der Christ in seinem inneren wiedergeborenen Selbst ist.



1Joh 3,10 a


Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind. Das Wort "daran" bezieht sich wahrscheinlich zurück auf das gesamte zuvor Gesagte. Durch eine scharfe Unterscheidung zwischen Sünde und Gerechtigkeit macht Johannes einsichtig, in welcher Hinsicht sich die Kinder Gottes grundlegend von den Kindern des Teufels abheben. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Satzes liegt in dem Wort "offenbar", das die Gedanken von 1Joh 2,29 und 1Joh 3,1 wiederaufnimmt. Weil ein Kind Gottes in seinem innersten Wesen sündlos ist, kann es nie - wie ein Kind des Teufels - durch die Sünde "offenbar" werden. Ein unerlöster Mensch kann seine wahre Natur in der Sünde zeigen, nicht so ein Kind Gottes. Wenn ein Christ sündigt, dann verbirgt er eher, wer er wirklich ist, als es zu erkennen zu geben . Deshalb können die Leser des 1. Johannesbriefes, wenn ihnen jemand begegnet, der wirklich "recht tut" - jedoch nur in diesem besonderen Fall -, sein Handeln als Ergebnis der Wiedergeburt betrachten ( 1Joh 2,29 ) und darin Gottes Liebe erblicken ( 1Joh 3,1 ). Diese Überlegung ist entscheidend für die Fortführung des Gedankengangs.



C. Die brüderliche Liebe
( 3,10 b - 11-23 )


Johannes verläßt hier vorläufig das Thema der Wiedergeburt und greift es erst in 1Joh 4,7 erneut auf. Im folgenden Abschnitt geht es ihm in erster Linie darum, den oben eingeführten Begriff der "Gerechtigkeit" im Sinne der christlichen Bruderliebe zu definieren und zu zeigen, wie diese Liebe ihren angemessenen Ausdruck findet.



1. Was die Liebe nicht ist
( 3,10 b - 11-15 )


1Joh 3,10 b


Statt Vers 10 a als Einführung in den zweiten Teil des Verses zu verstehen, sollte man ihn eher als Abschluß des vorangegangenen Paragraphen betrachten. Vers 10 b markiert damit den Beginn eines neuen Abschnitts. Wer nicht recht tut, der ist nicht von Gott. Die griechische Wendung für den Ausdruck "von Gott" ( ek tou theou ; noch weitere siebenmal bei Johannes: 1Joh 4,1-4.6-7; 3Joh 1,11 ) besagt hier nicht mehr, als daß ein Mensch, auf den diese Beschreibung zutrifft, die Quelle seiner Handlungen nicht in Gott findet; er ist in dem, was er tut, "nicht von Gott". So kann denn weder ein Mangel an Gerechtigkeit noch ein Mangel an Bruderliebe (wer nicht seinen Bruder liebhat) nie von Gott herkommen. Vielmehr hat Johannes bereits festgestellt, daß alle Sünde auf den Teufel zurückgeht (V. 8 ).

Indem er den Gedanken der Gerechtigkeit (aus 1Joh 2,29-3,7 ) mit dem der Liebe (der in den Versen 2-9 noch nicht zur Sprache gekommen ist) verknüpft, schafft Johannes den Übergang zu einem neuen Thema. Im folgenden setzt er sich mit der Liebe als dem angemessenen Ausdruck des Lebens nach der Wiedergeburt, von dem er zuvor gesprochen hat, auseinander. Die Liebe ist die Praxis der Gerechtigkeit.


1Joh 3,11-12


Der Apostel macht an dieser Stelle erneut deutlich, daß seine Mahnungen sich an Christen richten. Das ist die Botschaft, die ihr (die Christen) gehört habt von Anfang an, daß wir (die Christen) uns untereinander lieben sollen. Bevor er seinen Lesern genauer darlegt, was Liebe ist, führt er ihnen zunächst vor Augen, was sie nicht ist. Sie äußert sich sicherlich nicht in einer Handlungsweise, wie Kain sie zeigte, der seinen Bruder umbrachte ( 1Mo 4,8 ) und sich mit dieser Handlung als jemand auswies, der von dem Bösen stammte ( ek tou ponErou ). Der Grund für diesen Mord war Kains Eifersucht auf die scheinbar größere Gerechtigkeit seines Bruders ( 1Mo 4,2-7 ). Mit diesem Satz berührt Johannes einen empfindlichen Punkt, denn der Haß auf einen anderen Christen entsteht oft aus einem Gefühl der Schuld im eigenen Leben, das im Vergleich mit dem des anderen weniger vollkommen ist. Man tut gut daran, sich zu vergegenwärtigen, daß eine solche Reaktion vom Satan kommt, wie Johannes hier unverblümt deutlich macht.



1Joh 3,13


Aber Haßgefühle und Mordgelüste (V. 11 - 12 ) sind auch ein Kennzeichen der Welt, denn die Welt ... haßt die Christen. Diese Tatsache soll die Leser (die im 1. Johannesbrief nur an dieser einen Stelle als Brüder angeredet werden) jedoch nicht verwundern. Was kann man anderes von der Welt erwarten? Sehr viel schlimmer und anormaler ist der Haß unter Glaubensbrüdern, vor dem Johannes die Christen in seinem Brief so eindringlich warnt. Von daher ist es berechtigt, Vers 13 mehr oder weniger als einen Einschub zu betrachten.



1Joh 3,14


Im Gegensatz zur Welt können die Christen sagen: Wir wissen, daß wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder. Das erste "wir" in diesem Satz ist im Urtext betont und bedeutet vielleicht "wir, die Apostel". Doch auch in diesem Fall setzte der Schreiber sicherlich voraus, daß auch seine Leser sich mit dieser Aussage identifizierten. Die brüderliche Liebe ist ein Beweis für den Eintritt in ein Leben in der Gemeinschaft Gottes (vgl. Joh 13,35 ).

Der Ausdruck "aus dem Tod in das Leben gekommen" taucht sonst nur noch in Joh 5,24 auf ("vom Tode zum Leben hindurchgedrungen"), wo er sich auf die Bekehrung bezieht. Einem Satz, der nur zweimal im johanneischen Schriftgut vorkommt, kann jedoch kaum eine solche festgelegte Bedeutung zugeschrieben werden; er muß vielmehr vom Kontext her ausgelegt werden. Im vorliegenden Fall legen die Aussagen von 1Joh 3,14 b- 15 nahe, daß mit "Tod" und "Leben" an dieser Stelle Bereiche des menschlichen Lebens gemeint sind, für die der einzelne sich in seinen Handlungen entscheiden kann. Wenn diese Deutung stimmt, dann ist hier nicht von der Bekehrung die Rede.

Der Satz: Wer nicht liebt (die meisten Handschriften fügen hier "den Bruder" hinzu), der bleibt im Tod , wird unter Vers 15 kommentiert.



1Joh 3,15


Dieser Vers wird gewöhnlich dahingehend ausgelegt, daß ein wahrer Christ einen Mitchristen nicht hassen kann, weil Haß das moralische Äquivalent von Mord ist. Diese Deutung hält einer sorgfältigen Prüfung jedoch nicht stand.

Zunächst einmal sagt Johannes ja: wer seinen Bruder haßt . Wenn er geglaubt hätte, daß nur ein unerlöster Mensch einen anderen Christen hassen kann, so wäre das Pronomen "seinen", das die Beziehung der beiden persönlich macht, überflüssig (vgl. den Kommentar zu 1Joh 2,9 ). Darüber hinaus ist es illusorisch anzunehmen, daß ein wirklicher Christ unfähig zu Haß und Mord ist. David ermordete den rechtschaffenen Hetiter Uria ( 1Sam 12,9 ), und Petrus warnte seine christlichen Leser: "Niemand aber unter euch leide als ein Mörder" ( 1Pet 4,15 ). Die Ansicht, daß 1Joh 3,15 sich nicht auf Christen beziehe, geht deshalb völlig an der Realität vorbei. Die ernstzunehmende Tatsache bleibt bestehen, daß Haß gegen einen Glaubensbruder in geistlicher Hinsicht so schlimm ist wie ein Mord ( Mt 5,21-22 ); so wie ein begehrlicher Blick in geistlicher Hinsicht dem Ehebruch gleichkommt ( Mt 5,28 ).

Johannes betont deshalb warnend, daß kein Totschläger das ewige Leben bleibend ( menousan ) in sich hat. Er sagt allerdings nicht , daß jemand, der seinen Bruder haßt, das ewige Leben überhaupt nicht hat , sondern nur, daß er es nicht bleibend hat. Da aber für Johannes das ewige Leben gleichbedeutend ist mit Christus selbst ( Joh 14,6; 1Joh 1,2;5,20 ), so bedeutet dieser Satz zugleich, daß kein Mörder Christus bleibend in sich hat. Auch hier geht es Johannes also wieder um die Erfahrung des "Bleibens" in Christus und in Gott.

Haß unter Christen ist also in moralischer Hinsicht gleichbedeutend mit Mord. Wie Johannes in 1Joh 3,14 b deutlich macht, ist er der Überzeugung, daß ein Christ, der seinen Bruder nicht liebt, "im Tod ... bleibt" ( menei ). Er lebt damit in der gleichen Sphäre wie die Welt (vgl. V. 13 ). Weil er in seinem Herzen ein Mörder ist, kann er nicht den Anspruch auf eine so enge Gemeinschaft mit Gott und Christus erheben, wie sie das Wort "bleiben" ausdrückt. Das ewige Leben (d. h. Christus) hat keinen Raum in seinem Herzen, solange Mordgedanken darin wohnen. Ein solcher Mensch hat in bedenklichster Weise den Kontakt zu seinem Herrn verloren und erlebt nur den Tod. (Vgl. Paulus' Satz "denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen" in Röm 8,13 .) Das sind harte Worte. Doch man erweist der Kirche keinen Dienst, wenn man die Gläubigen als reine Lämmer hinstellt. Die Kirchengeschichte hat durch die Jahrhunderte immer wieder gezeigt, wie notwendig diese Zurechtweisung ist, denn leider ist der Haß nicht auf die "Welt" beschränkt.



2. Was die Liebe ist
( 3,16 - 18 )


1Joh 3,16


In starkem Kontrast zu einer haßerfüllten Gesinnung steht der wahre Charakter der christlichen Liebe . Sie ist so weit von Mordgedanken entfernt, daß sie ihr Leben eher für andere hingibt, als es einem anderen zu nehmen. Das wird in einzigartiger Weise deutlich an Jesus Christus, der sein Leben für uns gelassen hat . Von diesem Vorbild her sollen die Christen bereit sein, dasselbe für ihre Brüder zu tun.



1Joh 3,17-18


Die Gelegenheit, das eigene Leben für einen anderen zu opfern, wird wohl nicht für jeden gegeben sein, doch dieser Welt Güter (Nahrung und Kleidung) helfen Leben erhalten, und wenn jemand wirklich von christlicher Liebe erfüllt ist, so kann er seinen Bruder nicht darben sehen, ohne ihm sein Herz ( splanchna ist ein Sinnbild für eine tiefe, gefühlsmäßige Sorge oder liebevolle Zuwendung; vgl. auch Lk 1,78; 2Kor 6,12;7,15; Phil 1,8;2,1; Phim1,7.12.20 ) zu öffnen. Wahre Liebe zeigt sich nicht in Lippenbekenntnissen ( mit Worten noch mit der Zunge ), sondern in der Bereitschaft zu helfen und so mit der Tat und mit der Wahrheit zu lieben.



3. Was die Liebe für die Gläubigen tut
( 3,19 - 23 )


1Joh 3,19-20


Der Satz "daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind" bezieht sich wahrscheinlich auf die Verse 17 - 18 zurück. Durch praktische Handlungen der Liebe, die auf die Bedürfnisse anderer eingehen, können die Christen erfahren, daß sie wirklich an der Wahrheit teilhaben.

Der zweite Teil von Vers 19 sowie Vers 20 sind in der Fassung des Urtextes schwer zu verstehen. Wahrscheinlich sollten sie folgendermaßen wiedergegeben werden: Und wir können unser Herz vor ihm dessen versichern, daß, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge . Gerade in der christlichen Bruderliebe hat Christus dem Gläubigen ein so hohes Ziel gesteckt, daß ihm seine Unzulänglichkeit und sein Versagen darin besonders zu Bewußtsein kommen. Doch wenn ihn sein Herz verurteilt, so kann er sich daran erinnern, daß Gott auch auf das sieht, was sein Herz im Moment nicht erkennt. Wenn er die praktische Liebe, die Johannes seinen Lesern so dringend einschärft, geübt hat, kann er sein schuldgeplagtes Herz durch das Bewußtsein beruhigen, daß Gott sehr wohl um seine wirkliche Hingabe an die Wahrheit weiß. Diese Passage gemahnt deutlich an die Antwort des Petrus auf die letzte Frage des Herrn: "Hast du mich lieb?" Petrus antwortete: "Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich liebhabe" ( Joh 21,17 ).



1Joh 3,21-22


Wenn ein gequältes Gewissen durch das Vertrauen darauf, daß Gott alles weiß, zur Ruhe gekommen ist, erwächst eine ganz neue Zuversicht zu Gott . Das Wort "Zuversicht", parrEsia , taucht hier zum ersten Mal seit der Einführung dieses Begriffes in 1Joh 2,28 wieder auf (vgl. 1Joh 4,17;5,14 ). Nun hat der Apostel die erste Etappe seiner Argumentation erreicht. Durch aktive Teilhabe an der Wahrheit in wirklichen Liebestaten können die Christen ihr mit sich selbst unzufriedenes Herz beruhigen und im Gebet zuversichtlich sein. Ihre Gebete werden erhört werden, weil sie sich als Gläubige bewußt dem Willen Gottes unterwerfen (sie halten seine Gebote [vgl. 1Joh 2,3 ] und tun,was ihm wohlgefällig ist ). Das setzt natürlich voraus, daß ihre Bitten im Einklang mit dem Willen Gottes stehen ( 1Joh 5,14-15 ).



1Joh 3,23


Johannes hat ganz deutlich gemacht, daß ein vertrauensvolles und lebendiges Gebetsleben auf dem Gehorsam gegenüber Gottes "Geboten" beruht (V. 22 ). Nun faßt er diese Gebote in ein einziges zusammen, das Glauben und Liebe fordert. Der Satz "daß wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesus" enthält den ersten direkten Hinweis auf den Glauben im ganzen Brief. Im Griechischen steht hier kein Wort für das deutsche "an", so daß man auch übersetzen könnte: "glauben den Namen seines Sohnes". In diesem Kontext ist damit sicherlich der Glaube an den Namen Christi, den das echte christliche Gebet enthält, gemeint (vgl. Joh 14,12-14; Joh 16,24 ).

1Joh 3,23 bildet eine Art Höhepunkt des Abschnitts, der mit Vers 18 begann. In dem Maße, in dem ein Christ aktiv Liebe übt (V. 18 ) und in seinem Gebet Zuversicht zu Gott zum Ausdruck bringt (V. 21 ), erfüllt er Gottes Gebote (vgl. 1Joh 2,3;3,24;5,2-3 ): Er lebt ein Leben des Vertrauens auf den Namen Christi, das getragen ist von Liebe ( 1Joh 3,23; vgl. V. 14 ; 1Joh 4,7.11.21 ). Da Glaube und Liebe, wie diese Ausführungen zeigen, zusammengehören, unterstellt sich ein solches Leben letztlich einem einzigen "Gebot".



D. Der einwohnende Gott
( 3,24 - 4,16 )


In 1Joh 2,28 hatte Johannes das Thema seines Briefes abgesteckt. Mittlerweile hat er zwei Punkte dieses Themas behandelt: (1) Der aus Gott Geborene wird nur durch Gerechtigkeit offenbar ( 1Joh 2,29-3,10 a), und (2) diese Gerechtigkeit nimmt die Gestalt christlicher Liebe zu den Glaubensbrüdern an, die wiederum zu Zuversicht im Gebet führt ( 1Joh 3,10 b - 23). In einem neuen Gedankengang legt der Apostel nun dar, daß sich in einem solchen Leben die Einwohnung Gottes manifestiert.



1. Der Geist der Wahrheit
( 3,24 - 4,6 )


1Joh 3,24


In diesem Vers tauchen zwei neue Motive auf: Das erste ist der Verweis auf die Einwohnung Gottes oder Christi in jedem gehorsamen Gläubigen. Wer seine Gebote hält (vgl. 1Joh 2,3;3,23;5,2-3 ) , der bleibt ( menei ) in Gott und Gott in ihm. Diese wechselseitige Einwohnung in der Gemeinschaft mit Gott wird deutlich am Gleichnis vom Weinstock und den Reben ( Joh 15,4-5.7 ).

Das zweite neue Motiv ist der erste von insgesamt sechs Hinweisen auf den Heiligen Geist (vgl. 1Joh 4,2.6.13;5,6.8; vgl. "der heilig ist" in 1Joh 2,20 ). Die Art und Weise, wie ein Christ beweisen kann, daß Gott in ihm bleibt ( menei ), liegt in der Wirkung von Gottes Geist in seinem Leben. Johannes zeigt auf, daß Gottes Geist ein Geist des Glaubens ( 1Joh 4,1-6 ) und der Liebe ist - jener beiden Aspekte des zweiteiligen "Gebotes" von 1Joh 3,23 .



1Joh 4,1-3


Zuallererst einmal muß der Geist Gottes von falschen Geistern unterschieden werden. Das ist besonders notwendig, denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt . Der Prüfstein, an dem diese Geister (falschen Propheten) gemessen werden müssen, ist ihre Haltung gegenüber dem menschgewordenen Jesus Christus . Wenn sie nicht anerkennen ( homologei , "bekennen"; vgl. 1Joh 1,9;2,23;4,15 ), daß Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist , so offenbaren sie damit den Geist des Antichristen , vor dem Johannes seine Leser bereits gewarnt hat ( 1Joh 2,18-27; vgl. 2Joh 1,7 ).


1Joh 4,4-6


Bis jetzt, so beruhigt der Schreiber seine Kinder ( teknia ; vgl. den Kommentar zu 1Joh 2,12 ), die Leser, haben sie diese Antichristen überwunden . Sie haben ihnen (den falschen Propheten) "durch den, der in ihnen ist" (zweifellos eine weitere Anspielung auf den Heiligen Geist; vgl. 1Joh 3,24;4,2 ), widerstanden. Das feste Vertrauen auf Gott ist das Geheimnis aller Siege über Irrlehren und andere Fallstricke. Der Einwohnende - der Heilige Geist, der in jedem Gläubigen wohnt ( 1Joh 3,24;4,13; Röm 8,9 ) und deshalb der, "der in euch ist", ist - ist größer als der, der in der Welt ist , d. h. als Satan (vgl. 1Joh 5,19 ), der "Fürst dieser Welt" ( Joh 12,31 ), der "Gott dieser Welt" ( 2Kor 4,4 ) und der "Mächtige, der in der Luft herrscht" ( Eph 2,2 ).

Die Antichristen sind von der Welt und reden ..., wie die Welt redet , deshalb hört die Welt auch auf sie. Man kann immer beobachten, daß von Satan inspirierte Gedanken einen besonderen Reiz für weltlich gesinnte Gemüter haben, doch Menschen, die von Gott ( ek tou theou ; vgl. 1Joh 4,4; V. 5 , "von der Welt"; und 1Joh 3,12 ,"von dem Bösen") sind , hören auf die Apostel. Die Pronomen am Eingang der Verse 4 - 6 - "ihr", "sie" und "wir" - sind im Urtext betont und kennzeichnen offensichtlich drei verschiedene Gruppen: die Leser, die Antichristen und die Apostel. Jeder, der in die Kategorie der "von-Gott"-Kommenden gehört (d. h. der Menschen, die von Gott gelenkt und beeinflußt sind) und deshalb Gott erkennt, der hört auf die Stimme der Apostel. In der Geschichte der Kirche ist die apostolische Lehre immer das Medium gewesen, durch das der Heilige Geist der Wahrheit vom Geist des Irrtums unterschieden werden konnte. Das echte Christentum ist ein apostolisch geprägtes Christentum.


2. Der Gott der Liebe
( 4,7 - 16 )


1Joh 4,7-8


An dieser Stelle kehrt der Verfasser des Briefes wieder zum Thema der Liebe zurück, die, wie der Glaube an den Sohn Gottes (V. 13 ), ein Produkt des Geistes ist. Die Liebe kennzeichnet den Christen ebenso als Kind Gottes (V. 4.6 ) wie das Bekenntnis zum menschgewordenen Christus, denn die Liebe ist von Gott. Wer liebt (im christlichen Sinn), ist deshalb von Gott geboren (vgl. 1Joh 2,29;3,9;5,1.4.18 ) und kennt Gott. Die Liebe erwächst aus der Wiedergeburt und aus der Gemeinschaft mit Gott, die von der Gotteserkenntnis geprägt ist (vgl. 1Joh 2,3-5 ). Wer nicht liebt , der zeigt dagegen, daß er Gott nicht (kennt) . Bemerkenswerterweise sagt Johannes hier nicht, daß ein solcher Mensch nicht von Gott geboren ist, sondern nimmt in seiner negativen Abwandlung des Satzes nur den zweiten Teil der positiven Formulierung ( 1Joh 4,7 ) auf. Weil Gott ... die Liebe (ist) , muß die vertraute Bekanntschaft mit ihm ebenfalls Liebe hervorbringen. Wie das Licht ( 1Joh 1,5 ), so ist auch die Liebe dem Wesen und der Natur Gottes inhärent, und ein Mensch, der Gott nahesteht, wandelt in diesem seinem Licht ( 1Joh 1,7 ).



1Joh 4,9-11


Wer erfahren möchte, worin die Liebe Gottes offenbar geworden ist, der muß sich nur die Tatsache klarmachen, daß Gott seinen eingebornen ( monogenE ; das Wort taucht auch in Joh 1,14.18; 3,16 auf) Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn das ewige Leben hätten. Dabei erwuchs Gottes Liebe nicht als Antwort auf die Liebe der Menschen, sondern ging zuallererst von Gott selbst aus ( 1Joh 4,10 ). In ihr sandte Gott den Sohn zum Mittel der Versöhnung ( hilasmon , "Sühnopfer"; vgl. den Kommentar zu 1Joh 2,2 ) für unsre Sünden . Nichts Geringeres als die in Christus offenbarte Liebe Gottes ist das Vorbild für die Liebe der Christen untereinander .

Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Verweis des Apostels in 1Joh 4,9 auf Gottes Liebe als die Liebe Gottes unter uns . In den Versen 12 - 16 entfaltet er dann, wie diese Liebe, wenn sie unter den Christen gelebt wird, Gott sichtbar machen kann.



1Joh 4,12-13


In seinem göttlichen Wesen und seiner Herrlichkeit ist Gott niemals von einem lebenden Menschen gesehen worden (vgl. Joh 1,18 ). Doch in der Erfahrung wechselseitiger Liebe unter den Gläubigen bleibt ( menO ) dieser unsichtbare Gott wirklich in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen . Wie in 1Joh 2,5 steht der Gedanke der göttlichen Liebe, die im Gläubigen zur Vollkommenheit gelangt, für ein tiefes und reiches Erleben dieser Liebe (vgl. 1Joh 4,17 ).

Die Aussage in Vers 13 ist aufs engste mit den gerade eingeführten Vorstellungen verbunden. Daran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben ( menomen ) und er in uns, daß er uns von seinem Geist gegeben hat. Das Bleiben des Gläubigen in Gott und Gottes in ihm (vgl. Joh 15,4-7 ) zeigt sich an der Erfahrung der Einwohnung des Geistes, die der Gläubige macht. Das griechische "von seinem Geist" ( ek tou pneumatos ) besagt, daß die Gläubigen tatsächlich am Geist Gottes teilhaben (vgl. auch die Konstruktion von 1Joh 3,24 ). Wenn ein Gläubiger liebt, so bezieht er seine Fähigkeit zu lieben von dem Geist Gottes (vgl. Röm 5,5 ), der zugleich auch die Quelle seines Bekenntnisses zu Christus ist ( 1Joh 4,2 ). Beide, Glaube und Liebe, die in dem "Doppelgebot" ( 1Joh 3,23 ) von den Christen verlangt werden, sind somit Produkte des Wirkens des Geistes. Der vom Heiligen Geist gewirkte Gehorsam des Gläubigen wird auf diese Weise zum Beleg dafür, daß er jene von Wechselseitigkeit getragene Gemeinschaft mit Gott hat, von der Johannes schreibt.



1Joh 4,14


Der Apostel kommt nun zu einem Höhepunkt seines Gedankengangs. Gerade hatte er geschrieben, daß, "wenn wir uns untereinander lieben", Gott, den niemand je gesehen hat, "in uns bleibt und seine Liebe in uns vollkommen ist". Aus dieser Erfahrung erwächst das Bekenntnis: Wir haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Da das Pluralpronomen "wir" in den Versen 7 - 13 eindeutig die Leser des Briefes miteinschließt, ist klar, daß auch in diesem Vers sie es sind, die in dieses Bekenntnis miteinstimmen. Der einwohnende Gott, dessen Gegenwart inmitten einer von wechselseitiger Liebe erfüllten christlichen Gemeinschaft offenbar wird, wird in diesem Sinne für das Auge des Glaubens sichtbar. Auch wenn niemand Gott "gesehen" hat ( tetheatai , "erblicken"; V. 12 ), so haben doch die Gläubigen, die in ihm bleiben (V. 13 ), den Sohn "gesehen" ( tetheametha ), wie er sich unter Christen offenbart, die einander lieben. Christen, die ein solches Sichtbarwerden Christi erleben durften, haben in der Tat "gesehen" und können "bezeugen", daß "der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt". Diese große christliche Wahrheit kann durch die praktische Ausübung christlicher Liebe anschaulich gemacht werden.

Damit ist Johannes an jenem Ziel angelangt, das er in seinem Prolog ( 1Joh 1,1-4 ) angekündigt hat, nämlich daß seine Leser die Erfahrung der Apostel teilen würden. Die Apostel haben "das Leben, das ... beim Vater war und uns erschienen ist", "gesehen" ( heOrakamen ; 1Joh 1,2 ). Doch die Gläubigen in einer von christlicher Liebe erfüllten Gemeinschaft können dasselbe sehen. Der Terminus "Leben" in 1Joh 1,2 bezieht sich zwar auf den menschgewordenen Christus, ist aber dennoch sorgsam gewählt. Was die Leser bezeugen können, ist das erneute Offenbarwerden dieses Lebens in ihren Glaubensbrüdern. Das "Leben", das die Christen durch ihre Wiedergeburt besitzen, ist, wie Johannes seit 1Joh 2,29 immer wieder betont hat, von seinem Wesen her sündlos und kann sich nur in Gerechtigkeit und christlicher Liebe manifestieren. Wenn dies aber geschieht, dann wird Christus, den die Apostel persönlich sahen, in realem, wenn auch geistlichem Sinne erneut "sichtbar" ( 1Joh 4,14 ).



1Joh 4,15-16


Unter den soeben geschilderten Umständen ist das Bekenntnis (vgl. 1Joh 1,9;2,23;4,3 ), daß Jesus Gottes Sohn ist , ein äußeres Zeichen dafür, daß der Bekennende einer wechselseitigen Gemeinschaft mit Gott teilhaftig ist. Der ganze Abschnitt wird durch die Versicherung abgerundet: Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Ein Leben in einer Atmosphäre wechselseitiger christlicher Liebe führt zu einer persönlichen Erkenntnis der Liebe Gottes und zu einem unmittelbaren Vertrauen auf diese Liebe. Da Gott ... die Liebe (ist) (vgl. V. 8 ), bleibt ein Mensch, der in der Liebe bleibt ( menei ), in Gott und Gott in ihm . Der zweite Teil von Vers 16 bildet gleichsam die Schlußfolgerung des ganzen vorausgegangenen Paragraphen, nicht den Anfang eines neuenAbschnittes. Noch einmal bekräftigt Johannes die Realität der lebendigen Gemeinschaft mit Gott, die alle Christen, die die christliche Liebe praktizieren, erfahren.

1. Johannes

E. Ausführung des Themas
( 4,17 - 19 )


Damit kehrt der Briefschreiber zum Thema der Zuversicht ( parrEsia ) vor Christus zurück, das er in 1Joh 2,28 angesprochen hat. Damals hat er das vertrauensvolle Gebet in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt ( 1Joh 3,21-22 ), doch nun geht er einen Schritt weiter. Christen, die sich in christlicher Liebe üben, können zuversichtlich vor den Richterstuhl Christi treten, wenn ihr Herr wiederkommt.



1Joh 4,17


Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, daß wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts. Johannes bezieht sich hier nicht auf ein abschließendes Urteil, bei dem über das ewige Schicksal des Gläubigen entschieden wird. Für den Gläubigen gibt es kein solches Gericht ( Joh 5,24 ). Dennoch wird auch sein Leben vor dem Richterstuhl Christi beurteilt werden ( 1Kor 3,12-15; 2Kor 5,10 ). Aber selbst bei diesem ernsten Anlaß kann der Gläubige die Zuversicht ( parrEsian ; vgl. 1Joh 2,28;3,21;5,14 ) haben , daß Gott mit seinem Leben zufrieden sein wird, wenn er in der tätigen Ausübung der Liebe ... in dieser Welt Christus gleichgeworden ist. Ein Christ, der diese Liebe nicht hat, ist nicht wie sein Herr und muß gewärtig sein, daß er vor dem Richterstuhl gerügt wird und keine Belohnung erhält. Ein Gläubiger, der voller christlicher Liebe ist, ist dagegen ein Mensch, in dem das Werk der göttlichen Liebe vollkommen geworden ist (vgl. dieselben Worte in 1Joh 2,5;4,12 ). Die Frucht eines solchen Lebens ist eine zuversichtliche und vertrauensvolle Haltung vor dem, der ihn richten wird. Auf diese Weise erreicht er jenes Vertrauen, von dem in 1Joh 2,28 die Rede war, und wird "nicht vor Christus zuschanden werden".


1Joh 4,18-19


Wenn ein Gläubiger mit Bangen auf den Richterstuhl Christi blickt, dann ist Gottes Liebe in ihm noch nicht vollkommen (vgl. 1Joh 2,5;4,12 ) geworden. Die gereifte Erfahrung der göttlichen Liebe (die durch die praktische Liebe untereinander erreicht wird) ist unvereinbar mit einer furchtsamen Haltung und vertreibt die Furcht aus den Herzen.

Die Wendung "denn die Furcht rechnet mit Strafe" heißt wörtlich "auf die Furcht folgt die Strafe". Furcht trägt ihre eigene Strafe in sich. Ironischerweise erlebt ein Gläubiger, der der Liebe ermangelt, gerade deshalb Strafe, weil er sich schuldig fühlt und sich davor fürchtet, vor seinen Richter zu treten. Eine solche Angst verhindert das Vollkommenwerden der Liebe ( wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe ). Ein Christ, der wahrhaft liebt, hat dagegen nichts zu fürchten und entrinnt damit auch der inneren Qual, die der Mangel an Liebe mit sich bringt. Trotzdem bleibt die Liebe der Gläubigen im wesentlichen eine "sekundäre" Liebe, die aus einer anderen folgt.

Laßt uns lieben (die meisten Handschriften fügen hier das Wort "ihn" hinzu) , denn er hat uns zuerst geliebt. Ein Gläubiger, der seine Glaubensbrüder liebt, liebt auch Gott und tritt deshalb, wenn er vor seinen Richter tritt, einer geliebten Person gegenüber. Eine solche Begegnung hat nichts Furchteinflößendes, aber sie bringt die Erkenntnis, daß seine Liebe zu Gott ihren Ursprung in Gottes Liebe zu ihm hat.



V. Schluß
( 4,20 - 5,17 )


1Joh 4,11-19 ist das Kernstück des Briefes. Die hier beschriebene Erfahrung, zumal die tiefe Zuversicht im Hinblick auf den Tag des Gerichts, kann nur auf praktischem Weg erlangt werden. Im letzten Teil seines Briefes kristallisiert sich heraus, was der Apostel mit der "Liebe" meinte und wie sie im Leben des Menschen realisiert werden kann.



A. Die Wahrheit der Liebe
( 1Joh 4,20-5,3 a)


Die kurze, aber inhaltlich entscheidende Aussage von 1Joh 4,19 spricht zum ersten Mal von der Liebe zu Gott (vgl. die meisten griechischen Handschriften). Doch die Liebe zu Gott kann die Liebe zum anderen nicht ersetzen, wie Johannes von Anfang an klarzumachen versuchte.



1Joh 4,20-21


Jemand , der von sich sagt, ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder , behauptet etwas von sich, das nicht zutrifft: der ist ein Lügner. An verschiedenen Stellen bezeichnet Johannes ein solches Verhalten mit dem Oberbegriff "Lügner" ( 1Joh 1,10;2,4.22;4,20;5,10; vgl. "lügen" in 1Joh 1,6 ). Die Liebe zu dem unsichtbaren Gott (vgl. 1Joh 4,12 ) kann ihren konkreten Ausdruck nur in der Liebe zum sichtbaren Bruder finden. Außerdem hat Gott in seinem Gebot (V. 21 ; vgl. 1Joh 2,3;3,23-24;5,3 ) die beiden Formen der Liebe - die Liebe zu Gott und die Liebe zum Bruder - zusammengefaßt.

1. Johannes

1Joh 5,1-3 a


Wer fragt, wer sein christlicher Bruder oder seine Schwester sei, erhält die Antwort: Wer glaubt, daß Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren (vgl. "von Gott geboren" in 1Joh 3,9;4,7;5,4.18 ). Ob ein Gläubiger nun ein vorbildliches Leben führt oder nicht, er soll auf jeden Fall der Gegenstand der Zuwendung seiner Glaubensbrüder sein. Die christliche Liebe entspringt nicht aus der Liebenswürdigkeit der Person selbst, sondern aus der Tatsache, daß er ein Kind Gottes ist, denn wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Diese Liebe ist keine bloße gefühlvolle Anwandlung oder ein Lippenbekenntnis (vgl. 1Joh 3,18 ), sie ist vielmehr untrennbar von der Liebe zu Gott und dem Gehorsam gegen seine Gebote ( 1Joh 5,2; vgl. 1Joh 2,3;3,22.24;5,3 ).

Wenn man weiter fragt, was es heißt, Gott zu lieben , so lautet die Antwort: seine Gebote zu halten . Mit diesen Aussagen führt der Apostel die Gottesliebe und die christliche Bruderliebe auf ihre Grundzüge zurück. Ein Mensch, der Gottes Geboten gehorcht, tut das Rechte sowohl gegenüber Gott als auch gegenüber seinen Glaubensbrüdern und liebt auf diese Weise sowohl Gott als auch die Brüder. Dabei ist zu bedenken, daß diese Bruderliebe auch die Bereitschaft zum Opfer für den Bruder miteinschließt (vgl. 1Joh 3,16-17 ).



B. Die Kraft der Liebe
( 5,3 b- 4-15 )


Wenn die Liebe zu Gott und zu den Mitchristen im Grunde genommen Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes bedeutet, wie können diese dann erfüllt werden? Übersteigt ihre Erfüllung das Vermögen des Gläubigen? Johannes beantwortet diese Frage mit dem Hinweis auf den Glauben als Geheimnis eines sieghaften, gehorsamen Lebens.



1Joh 5,3-5 (1Joh 5,3b-5)


Gottes Gebote sind nicht schwer (vgl. Mt 11,30 ), denn das Prinzip des geistlichen Sieges ruht in jedem, der von Gott geboren ist . Ein solcher Mensch überwindet die Welt (vgl. 1Joh 4,4 ). Sein Glaube an Christus, durch den er wiedergeboren ist, verhilft ihm zum Sieg über die Strukturen einer Welt, die durch teuflische Einflüsterungen blind für das Evangelium ist (vgl. 2Kor 4,3-4 ). Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubt, daß Jesus Gottes Sohn ist? Mit diesen Worten macht der Apostel deutlich, daß ein Gläubiger durch seinen Glauben an Jesus Christus ein "Weltüberwinder" ist. Der Glaube ist es also, der ihn immer wieder zum Sieg über die Welt befähigt und ihm damit die Erfüllung der Gebote Gottes leicht macht.



1Joh 5,6-8


Ziel und Inhalt dieses Glaubens muß immer der sein, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus . Es ist am einfachsten und naheliegendsten, den Begriff "Wasser" an dieser Stelle als einen Hinweis auf die Taufe Jesu aufzufassen, mit der sein öffentliches Wirken begann ( Mt 3,13-17; Mk 1,9-11; Lk 3,21-22 ). "Blut" bezieht sich damit auf seinen Tod, mit dem sein irdisches Werk abgeschlossen war. Das Gewicht, das der Apostel der Aussage, daß Jesus nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut gekommen ist, beimißt, legt die Vermutung nahe, daß er sich hier gegen irrige Vorstellungen von der Art, wie sie von Cerinthus vertreten wurden, verwahrt (vgl. die Einführung ). Cerinthus lehrte, daß der göttliche Christus bei der Taufe auf den Menschen Jesus herabkam und ihn vor seiner Kreuzigung wieder verließ. Damit leugnete er, daß Jesus Christus als eine Person "durch Wasser und Blut" kam. Cerinthus stand mit seiner Auffassung zweifellos nicht allein, die Johannes seinerseits als völlig falsch und dem wahren Zeugnis des Heiligen Geistes entgegengesetzt empfand. Denn drei sind, die das bezeugen: der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein. Das Zeugnis des Geistes ist vielleicht durch die Propheten bis hin zu Johannes dem Täufer überliefert worden und wurde dann durch die historischen Realitäten, das "Wasser" bei der Taufe und das "Blut" bei der Kreuzigung, weiter untermauert. Sowohl die Taufe als auch die Kreuzigung Jesu sind historisch gut belegte Tatsachen (vgl. Joh 1,32-34;19,33-37 ). Alle drei Zeugen ("Wasser" und "Blut" sind an dieser Stelle personifiziert) "stimmen überein", daß eine einzige göttliche Person, nämlich Jesus Christus, in all diesen Ereignissen gegenwärtig war.



1Joh 5,9-12


Es besteht daher kein Grund, Gottes Zeugnis für die Person Christi nicht zu akzeptieren. Wenn man sogar der Menschen Zeugnis glaubt, wenn es genügend belegt ist ( 5Mo 19,15 ), so muß auch das Zeugnis Gottes, das doch größer ist, Glauben finden. Mit der Aussage "denn das ist Gottes Zeugnis, daß er Zeugnis gegeben hat von seinem Sohn" beginnt wohl ein neuer Gedankengang.

Bevor er genauer auf den Inhalt des göttlichen Zeugnisses eingeht (was in 1Joh 5,11-12 geschieht), hält Johannes inne, um klarzustellen, daß die Annahme dieses Zeugnisses bedeutet, daß es in den, der an den Sohn Gottes glaubt , eingeht. Jeder Gläubige hat Gottes Wahrheit in sich . Im Gegensatz dazu macht der, der Gott nicht glaubt, ... ihn zum Lügner (vgl. 1Joh 1,10 ). Für Johannes gibt es in dieser Frage keinen Mittelweg, nur ein Entweder-Oder. Entweder glaubt ein Mensch, oder er bestreitet die Wahrhaftigkeit Gottes.

Nach dieser Bemerkung wendet sich der Apostel dem Inhalt des Zeugnisses zu, das besagt, daß uns Gott das ewige Leben gegeben hat (vgl. 1Joh 5,13.20 ), und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Im Lichte von 1Joh 2,25-26 (vgl. den dortigen Kommentar) läßt sich die Aussage des Johannes über das Zeugnis Gottes als Dementi einer Behauptung auffassen, die von einigen Antichristen in Umlauf gesetzt worden war, nämlich daß die Adressaten des Briefes nicht wirklich das ewige Leben durch Gottes Sohn hätten. Dem hält Johannes entgegen, daß Gott eindeutig bestätigt hat, daß er in seinem Sohn den Menschen das ewige Leben geschenkt hat. Das zu leugnen heißt, Gott einen Lügner nennen.



1Joh 5,13


Johannes schreibt das , um seinen gläubigen Lesern Gewißheit darüber zu geben, daß sie das ewige Leben haben (vgl. V. 12.20 ). Die Wendung "das habe ich euch geschrieben" wurde häufig fälschlich auf den gesamten Brief bezogen. Ähnliche Formulierungen in 1Joh 2,1.26 gelten jedoch jeweils den unmittelbar vorhergehenden Aussagen, wie deshalb auch hier anzunehmen ist. Was Johannes vom Zeugnis Gottes geschrieben hat ( 1Joh 5,9-12 ), soll seinen Lesern die Sicherheit geben, daß die Gläubigen, ganz gleich, was die Antichristen sagen, in Wirklichkeit das ewige Leben besitzen. Man kann an dieser Stelle anmerken, daß die Heilsgewißheit des einzelnen in der Tat immer in fundamentaler und vollständiger Weise auf den persönlichen Verheißungen beruht, die Gott den Betreffenden zuteil werden läßt. Mit anderen Worten, die Gewißheit des Gläubigen beruht auf dem Zeugnis Gottes.

Nach den Worten "daß ihr das ewige Leben habt" fügen die meisten griechischen Handschriften ein: und daß ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes . Diese Aussage bereitet die Leser auf die Auseinandersetzung mit dem Gebet vor, die sich unmittelbar anschließt und die Gläubigen als diejenigen, die das ewige Leben schon geschenkt bekommen haben, zu einer beständigen Zuversicht auf Gottes Sohn ermuntert. Auch das Gebet ist ein Ausdruck des Vertrauens in den Namen des Sohnes Gottes (vgl. den Kommentar zu 1Joh 3,23 ).



1Joh 5,14-15


Wer an den Namen Jesu Christi glaubt, hat im Gebet die Zuversicht ( parrEsia ), die wir haben zu Gott (vgl. 1Joh 3,21 ). Was die Gläubigen im Gehorsam gegen den Willen Gottes erbitten, das wird er gewiß erhören. Für die Christen von heute wird der Wille Gottes, an dem sie ihre Gebete ausrichten, in der Schrift offenbar. Der Gedanke, der in 1Joh 5,3 b beginnt, mündet jedoch in die Wahrheit, daß Gottes Gebote für den Gläubigen keine Last sind, weil der Glaube an Gottes Sohn das Geheimnis des geistlichen Sieges über die Welt ist. Auf diesem Hintergrund liegt es nahe anzunehmen, daß Johannes hier besonders, wenn nicht sogar ausschließlich daran dachte, daß die Christen das Recht hätten, Gott um Hilfe bei der Erfüllung seiner Gebote zu bitten . Ein solches Gebet ist ganz offensichtlich nach seinem Willen . In seinem sieghaften Leben wird dem Christen also alle Last dadurch abgenommen, daß er im Glauben an den Namen des Sohnes Gottes beten kann.



C. Die Praxis der Liebe
( 5,16 - 17 )


Mögen die Bedürfnisse eines Christen durch das Vertrauen auf den Namen Jesu im Gebet zur Ruhe kommen, doch wie sieht es mit den Bedürfnissen anderer Christen aus? In einer Erweiterung seiner Erörterung über das Gebet verwebt Johannes noch einmal sein zweifaches Leitmotiv von Glaube und Liebe. Ein Christ, der seinen Bruder und seine Schwester wahrhaftig liebt, kann ihren geistlichen Bedürfnissen nicht gleichgültig gegenüberstehen.



1Joh 5,16


An den Versen 16 - 17 ist viel herumgerätselt worden. Doch sie sollten an und für sich nicht so schwer verständlich sein, wie es in den Diskussionen scheint. In manchen Fällen mag ein Christ so schwer sündigen, daß Gott seine Sünde mit einem raschen Tod bestraft: "eine Sünde zum Tode". Hananias und Saphira waren Beispiele dafür ( Apg 5,1-11 ). Bei den meisten Sünden, die man einen christlichen Bruder begehen sieht , ist das jedoch nicht der Fall, wie die Häufigkeit solcher Sünden zeigt. Für diese Glaubensbrüder soll der Gläubige in dem Bewußtsein bitten , daß jede Sünde, die immer wieder begangen wird, eine Gefahr für das Leben des Glaubensbruders darstellt (vgl. Jak 5,19-20; vgl. auch Spr 10,27;11,19;13,14;19,16 ). Die Wiederherstellung eines Bruders durch das Gebet sichert ihm also möglicherweise ein längeres irdisches Leben.

Die Wendung "eine Sünde nicht zum Tode" kann leicht mißverstanden werden. Jede Sünde führt letztlich zum Tod, und der Ausdruck "nicht zum Tode" ( mE pros thanaton ) heißt soviel wie "nicht mit dem Tode bestraft". Der Unterschied liegt also lediglich darin, daß es Sünden gibt, deren Folge ein rascher Tod ist, und Sünden, bei denen das nicht der Fall ist.

Wenn ein Christ einen anderen in einer Weise sündigen sieht, die nicht sogleich todbringend ist, so ist er angewiesen, für den Betreffenden zu beten, und Gott wird ihm das Leben geben (das Wort "Gott" steht nicht im Urtext, wird hier jedoch wohl zu Recht eingefügt). Johannes erinnert seine Leser jedoch auch daran, daß es eine Sünde zum Tode ("die mit dem Tode bestraft wird") gibt. In dem zuvor zitierten Beispiel aus dem Neuen Testament ( Apg 5,1-11 ) ging es um eine extreme Verletzung der Heiligkeit der christlichen Gemeinschaft. Ein Christ braucht nicht unbedingt zu wissen, welche schweren Sünden mit dem sofortigen Tode bestraft werden, solange er viele Sünden kennt, bei denen das nicht der Fall ist. Er ist lediglich dazu aufgefordert, bei diesen nicht mit dem Tode bestraften Sünden Fürbitte zu tun. Doch auch für die anderen Sünden, die schwerwiegender scheinen, können die Christen beten. Johannes hält fest: Bei der sage ich nicht, daß jemand bitten soll . Das ist kein Verbot der Fürbitte, selbst in den schwersten Fällen, doch gerade dann werden die Gläubigen ihre Gebete natürlich dem Willen Gottes unterstellen. Bei den Sünden dagegen, die nicht unmittelbar zum Tod führen, können die Christen nach der Aussage dieses Verses bei ihrem Gebet zuversichtlich sein, daß es erhört wird.



1Joh 5,17


In diesem Vers bestätigt Johannes, daß das Gebet, zu dem er die Gläubigen in Vers 16 auffordert, tatsächlich erhört werden kann. Jede Ungerechtigkeit ist Sünde , doch es gibt viele Sünden, die nicht (sogleich) zum Tode führen. Der Vers wurde bisher fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt betrachtet, welche Sünden mit dem Tode bestraft werden. Doch Johannes geht es weniger darum als vielmehr um die Sünden, die nicht sofort auf diese Weise geahndet werden, denn diese sind es, für die ein Gläubiger beten soll. Indem er das tut, stellt er seine Liebe zu seinem Bruder unter Beweis und kommt damit dem in diesem Brief wiederholt angesprochenen Gebot nach. Zugleich gibt er seinem Glauben an den Namen des Sohnes Gottes Ausdruck, denn seine von der Liebe diktierte Fürbitte für seinen Bruder geschieht im Namen Jesu. Die Fürbitte für den sündigen Bruder erfolgt also letztlich im Gehorsam gegen das zentrale, zweiteilige Gebot von 1Joh 3,23 .



VI. Epilog
( 5,18 - 21 )


In einem kurzen Schlußwort versucht der Apostel Johannes, einige der Kernaussagen seines Briefes nochmals zu unterstreichen. Das Pronomen "wir", das sechsmal in diesem Epilog vorkommt, bezieht sich wahrscheinlich ähnlich wie im Prolog ( 1Joh 1,1-4; vgl. das "wir" in Joh 21,24 ) in erster Linie auf die Apostel. Doch zweifellos hoffte und erwartete der Schreiber, daß seine Leser sich voll und ganz mit seinen Äußerungen identifizieren konnten. Alle Verse in 1Joh 5,18-20 beginnen mit der Wendung "wir wissen" ( oidamen ).



1Joh 5,18


Johannes bestätigt, daß, wer von Gott geboren ist , ein Mensch ist, dessen wahre innere Natur ihrem eigentlichen Wesen nach sündlos ist (vgl. "von Gott geboren" in 1Joh 2,29;3,9;4,7;5,1.4 ).

Die Wiederholung "wer von Gott geboren ist" bezieht sich nicht, wie häufig angenommen, auf Christus. Johannes spricht an keiner anderen Stelle auf diese Weise von ihm; er schreibt also auch hier sicherlich von den wiedergeborenen Christen. Das ist eine Wiederholung der Wahrheit von 1Joh 3,9 mit etwas anderen Worten. Der "neue Mensch" (vgl. Eph 4,24; Kol 3,10 ) ist gefeit gegen die Sünde; daher tastet ihn (der Böse) (Satan, vgl. 1Joh 2,13-14;3,12 ) nicht an .



1Joh 5,19


Die neue Natur eines wiedergeborenen Christen ist ihrem innersten Wesen nach sündlos (V. 18 ), weil sie "aus Gott" ist ( 1Joh 3,9 ). Die Einsicht in diese Wahrheit ist verknüpft mit der Überzeugung, daß wir wissen, daß wir von Gott sind . Diese Versicherung (die sich auf das Zeugnis Gottes gründet; 1Joh 5,9-13 ) wird begleitet von der Erkenntnis, daß die ganze Welt ... im Argen (liegt) (vgl. V. 19 ). Johannes versucht, mit dieser Zusammenfassung das Bewußtsein seiner Leser für die Tatsache zu schärfen, daß sie nichts mit der vom Teufel regierten Welt zu tun haben und frei sind von ihrer Macht. Sie müssen nicht auf die Einflüsterungen der Welt, die die Antichristen verbreiten, hören ( 1Joh 3,7-8 ), und sie müssen nicht zwangsläufig den weltlichen Begierden erliegen (vgl. 1Joh 2,15-17 ).



1Joh 5,20


Darüber hinaus hat die Tatsache, daß der Sohn Gottes gekommen ist , den Gläubigen den Sinn dafür gegeben , daß sie Gott erkennen . Der Apostel und sein Kreis sind in dem Wahrhaftigen (wie auch seine Leser, wenn sie weiterhin in ihm "bleiben"). Doch in Gott zu bleiben heißt auch, in seinem Sohn Jesus Christus zu bleiben, denn Jesus Christus ist der wahrhaftige Gott (vgl. Joh 1,1.14 ) und das ewige Leben (vgl. 1Joh 1,2;2,25;5,11-13 ). Mit diesem großartigen Bekenntnis zur Gottheit Christi beschließt Johannes seine mit apostolischer Autorität gegebene Darlegung, die den Lügen der Antichristen entgegensteht.



1Joh 5,21


Daß der Brief mit der Ermahnung Kinder ( teknia ; vgl. 1Joh 2,1.12.28;3,7.18;4,4 ) , hütet euch vor den Abgöttern! schließt, scheint etwas überraschend. Doch es gibt keinen Grund dafür, die "Abgötter" hier bildlich zu verstehen. In der griechisch-römischen Welt zur Zeit des Apostels Johannes brachten nahezu alle Zugeständnisse an die "Welt", die die Christen machten, sie in irgendeiner Form in Berührung mit der Abgötterei, die das tägliche Leben dieser Gesellschaft vollkommen durchdrungen hatte. Den "wahrhaftigen Gott und das ewige Leben" ( 1Joh 5,20 ) anzubeten und zu versuchen, die innere sündlose Natur als Kind Gottes im täglichen Leben zu verwirklichen hieß auch, Götzendienst und die damit einhergehende moralische Laxheit zu vermeiden. Der Schlußsatz des Briefes war also für seine damaligen Leser von größter Bedeutung.



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