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Amos Walvoord

Honor of Jacob M. Myers, Philadelphia

Watts J D W (1975) The Books of Joel, Obadiah, Jonah, Nahum, Habakkuk and Zephaniah. The Cambridge Bible Commentary, Cambridge

Wolff H W (1977) Joel and Amos. Übersetzt von Waldemar Janzen, S. Dean McBride, Jr., und Charles A. Muenchow, Philadelphia



Amos (Donald R. Sunukjian)


EINLEITUNG


Der Prophet


Bevor Amos zu prophezeien begann, war er einer von den "Schafhirten" von Tekoa, einer Stadt im Hügelland von Juda, etwa 16 km südlich von Jerusalem. Das Wort, das im Hebr 1,1 für "Schafhirte" steht, ist nicht das übliche Wort rOZeh , sondern das eher seltene nOqED , dessen wörtliche Bedeutung eher "Schafzüchter" ist. Es kommt sonst nur noch in 2Kö 3,4 vor, wo von Mescha, dem König von Moab, gesagt wird, daß er so viel Schafzucht gehabt habe, daß er den König von Israel mit 100 000 Lämmern und der Wolle von 100 000 Widdern versorgen konnte. Offensichtlich verwaltete oder gehörten Amos große Herden von Schafen und Ziegen, und er war für andere Hirten verantwortlich.

In Am 7,14 beschreibt der Prophet sich selbst als "ein Hirte" und einen, "der Maulbeeren züchtet". Das Wort, das hier für "Hirte" benutzt wird, heißt bNqEr . Es wird nur an dieser Stelle im Alten Testament benutzt und meint einen "Viehhirten".

Neben dieser Tätigkeit züchtete Amos auch (Maulbeer-)Feigen, vermutlich als eine Art Nebenbeschäftigung. Die Sykomore, die hier gemeint ist, ist ein breiter, mächtiger Baum, zwischen acht und sechzehn Meter hoch, der drei- bis viermal jährlich eine feigenähnliche Frucht trägt. Auf den Höhen von Tekoa wuchs sie nicht zu ihrer vollen Höhe aus, sondern nur in den wärmeren Gegenden, wie dem Jordantal oder den fruchtbaren Oasen in der Nähe des Toten Meeres. Beide Gegenden lagen nahe genug an Tekoa, so daß Amos dort solche Bäume züchten konnte ( Am 7,14 ) - ein Terminus technikus, mit dem das Aufschneiden oder Einschneiden einer wachsenden Frucht gemeint ist, so daß ein Teil des Saftes ausläuft und so der Rest der Feige zu einer noch süßeren und besseren Frucht heranreift.

Die beiden Ausdrücke zusammen zeigen, daß Amos als Züchter und Viehhirte ein wichtiger und anerkannter Mann in seiner Gesellschaft war.



Die Zeit


Amos lebte in Zeiten des materiellen Wohlstandes. Die lange Regierungszeit von Usija (790 - 739 v. Chr.) in Juda und von Jerobeam II. (793 - 753 v. Chr.) in Israel ( Am 1,1 ) hatte Stabilität, Wohlstand und Wachstum für beide Königreiche gebracht.

Das Südreich hatte die Philister im Westen (vgl. die Anmerkungen zu Am 1,6; 6,2 ), die Ammoniter im Osten und die arabischen Staaten im Süden unterworfen. Usijas politischer Einfluß war bis nach Ägypten hinab zu spüren (vgl. 2Chr 26,1-15 ).

Das Nordreich, an das sich die Botschaft des Amos richtete, stand auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Aramäer hatten sich noch nicht von ihrer Niederlage im Jahr 802 v. Chr. durch Assyrien unter Adad-Nirari III. (811 - 783 v. Chr.) erholt. Assyrien auf der anderen Seite war nicht in der Lage gewesen, noch weiter voranzukommen. Eine Reihe von unfähigen Regenten und die schwierigen Urartäer im Norden hielten Assyrien in Atem, bis TiglatPileser III. 745 v. Chr. an die Macht kam. Jerobeam II., der auf diese Weise freie Hand hatte, konnte die Grenzen Israels im Norden bis in aramäisches Gebiet hinein ausdehnen und Israels Land in Transjordanien zurückerobern (vgl. 2Kö 14,23-29; Am 6,13 ).

Durch die Kontrolle, die Israel dadurch über die Handelsrouten erhielt, begann es, in seinen Städten großen Reichtum anzusammeln. Der Handel nahm zu ( Am 8,5 ), es entstand eine Oberklasse ( Am 4,1-3 ), und teure Häuser wurden gebaut ( Am 3,15; 5,11; 6,4.11 ). Die Reichen führten ein untätiges, genußsüchtiges Leben ( Am 6,1-6 ), während die Armen gesetzlich benachteiligt und wirtschaftlich ausgebeutet wurden ( Am 2,6-7; 5,7.10-13; 6,12; 8,4-6 ). Leicht konnte man durch Schulden in Sklaverei fallen ( Am 2,6; 8,6 ). Die moralischen Maßstäbe waren tief gesunken ( Am 2,7 ).

Die Religion erlebte in der gleichen Zeit eine Blüte. Die Menschen zogen in Massen an den jährlichen Festen zu den Schreinen ( Am 4,4; 5,5; 8,3.10 ) und brachten voller Begeisterung ihre Opfer ( Am 4,5; 5,21-23 ). Sie waren überzeugt, daß Gott auf ihrer Seite stand, und hielten sich selbst jedem Unheil gegenüber für immun ( Am 5,14.18-20;6,1-3; 9,10 ).



Die Entstehungszeit


Amos weissagte in einer Zeit von vermutlich weniger als einem Jahr gegen das Nordreich. Seine Wirksamkeit fand zwei Jahre vor einem großen Erdbeben statt ( Am 1,1 ; vgl. Sach 14,5 ). Josephus verknüpft dieses Erdbeben mit den Ereignissen aus 2Chr 26,16-20 ( Antiquitates Iudaicae ,9.10.4). Archäologische Ausgrabungen in Hazor und Samaria haben Zeugnisse eines gewaltigen Erdbebens in Israel um 760 v. Chr. freigelegt.



Die Botschaft


Amos, ein Mann aus Juda, wurde berufen, in Israel zu weissagen. Dies war vermutlich um 762 v. Chr. (vgl. die Anmerkungen unter "Die Entstehungszeit"). Die Botschaft, die Gott ihm gab, ist hauptsächlich eine Botschaft des Gerichtes, auch wenn sie mit Worten der Hoffnung endet.

Der Herr, Gott, der Allmächtige, der höchste Herrscher des Universums, wird als Kriegsherr kommen und die Völker, die gegen seine Herrschaft rebelliert haben, richten. Vor allem Israel wird für seine Bundesverletzungen bestraft werden.

Obwohl das Volk zerstört werden wird, wird Gott einen bußfertigen Überrest bewahren. Eines Tages wird dieser Überrest wieder zu politischer Vorherrschaft erneuert werden und in den Segen des Bundes eingesetzt werden. Dann wird Gott durch dieses Volk alle Völker zu seinem Namen ziehen.



GLIEDERUNG


I. Prolog ( 1,1-2 )

     A. Autor und Entstehungszeit( 1,1 )
     B. Thema ( 1,2 )

II. Das Brüllen des Gerichtes ( 1,3-2,16 )

     A. Das Gericht über die Völker ( 1,3-2,5 )
          1. Das Gericht gegen Damaskus ( 1,3-5 )
          2. Das Gericht gegen Gasa ( 1,6-8 )
          3. Das Gericht gegen Tyrus ( 1,9-10 )
          4. Das Gericht gegen Edom ( 1,11-12 )
          5. Das Gericht gegen Ammon ( 1,13-15 )
          6. Das Gericht gegen Juda ( 2,1-3 )
          7. Das Gericht gegen Israel ( 2,4-5 )

     B. Das Gericht gegen Israel ( 2,6-16 )
          1. Der debrochene Bund ( 2,6-8 )
          2. Die zurückgewiesene Gnade ( 2,9-12 )
          3. Das Gericht ( 2,13-16 )

III. Die Gründe für das Gericht ( Kap.3-6 )

     A. Die erste Botschaft ( Kap. 3 )
          1. Das besondere Verhältnis ( 3,1-2 )
          2. Das unvermeidliche Gericht ( 3,3-8 )
          3. Die unvergleichliche Unterdrückung ( 3,9-10 )
          4. Die kommende Katastrophe ( 3,11-15 )

     B. Die zweite Botschaft ( Kap.4 )
          1. Die wirtschaftliche Ausbeutung ( 4,1-3 )
          2. Die religiöse Heuchelei ( 4,4-5 )
          3. Die verweigerte Buße ( 4,6-13 )

     C. Die driette Botschaft ( 5,1-17 )
          1. Die Beschreibung des scheren Gerichtes ( 5,1-3 )
          2. Der Ruf zur persönlichen Umkehr ( 5,4-6 )
          3. Die Anklage gegen juristische Ungerechtigkeit ( 5,7 )
          4. Der souveräne Gott ( 5,8-9 )
          5. Die Anklage gegen juristische Ungerechtigkeit ( 5,10-13 )
          6. Der Ruf zur persönlichen Umkehr ( 5,14-15 )
          7. Die Beschreibung des scheren Gerichtes ( 5,16-17 )

     D. Die vierte Botschaft ( 5,18-27 )
          1. Die Beschreibung des scheren Gerichtes ( 5,18-20 )
          2. Die Anklage der religiöse Heuchelei ( 5,21-22 )
          3. Der Ruf zur der religiöse Umkehr ( 5,23-24 )
          4. Die Anklage der religiöse Heuchelei ( 5,25-26 )
          5. Die Beschreibung des scheren Gerichtes ( 5,27 )

     E. Die Fünfte Botschaft ( Kap. 6 )
          1. Ihre prahlerische selbstgefälligkeit ( 6,1-3 )
          2. Ihr Schwelgen im Luxus ( 6,4-7 )
          3. Die vollständige Verwüstung ( 6,8-14 )

IV. Die Folgen des Gerichtes ( 7,1-9,10 )

     A. Der Heuschreckenschwarm ( 7,1-3 )
     B. Das vernichtende Feuer ( 7,4-6 )
     C. Das Bleilot ( 7,7-17 )
          1. Die Vision ( 7,7-9 )
          2. Der Vorfall ( 7,10-17 )

     D. Der Korb mit Obst ( Kap. 8 )
          1. Die Vision ( 8,1-3 )
          2. Die Folgen ( 8,4-14 )

     E. Der rächende Gott ( 9,1-10 )
          1. Das unentrinnbare Schwert ( 9,1-4 )
          2. Der Allerhöchste ( 9,5-6 )
          3. Die unparteiische Auslese ( 9,7-10 )

V. Die Erneuerung nach dem Gericht ( 9,11-15 )

     A. Politische Erneuerung ( 9,11 )
     B. Nationalen Zweck ( 9,12 )
     C. Wohlstand, Frieden und Dauerhaftigkeit ( 9,13-15 )


AUSLEGUNG


I. Prolog
( 1,1 - 2 )


A. Autor und Entstehungszeit
( 1,1 )


Am 1,1


Dies sind die Worte von Amos, einem der Schafhirten von Tekoa , einer Stadt direkt südlich von Jerusalem. Sie entstammen dem, was er über Israel gesehen hat (d. h. seinen Visionen; vgl. die Anmerkungen zu Am 7,12 ). Sie richten sich an das Nordreich und wurden zwei Jahre vor dem Erdbeben übermittelt, in der Zeit des Aufschwungs unter den Königen Usija in Juda und Jerobeam in Israel . (Weitere Einzelheiten bezüglich des Propheten, der Entstehungszeit und der Könige Usija und Jerobeam finden sich in der Einführung .)



B. Thema
( 1,2 )


Am 1,2


Das Thema von Amos ist, daß Israel und die anderen Nationen vor einem gewaltigen Gericht über ihre Sünden stehen. Er sieht dabei den HERRN als einen Löwen, der brüllt und seinen Angriff beginnt (vgl. Am 3,4.8; Jer 25,30; Hos 5,14; 11,10; 13,7 ). Das furchterregende Gebrüll eines Löwen läßt seine Opfer vor Angst erstarren und so hilflos vor seinem Angriff werden. Der Tod ist unvermeidlich.

Gottes Brüllen wird einen ähnlichen Effekt haben. Wenn es von Zion , d. h. Jerusalem (vgl. Am 6,1 ; siehe auch die Anmerkungen zu Sach 8,3 ), aus gegen die Völker erschallt, wird die Erde vertrocknen und verdorren. Im Süden werden die Weiden bei Bethlehem austrocknen , wenn das furchterregende Gebrüll durch Juda fahren und bis nach Gaza ( Am 1,6-8 ), Edom (V. 11 - 12 ) und Moab ( Am 2,1-3 ) hin zu hören sein wird. Im Norden werden die fruchtbaren Süd- und Westhänge des Berges Karmel - die zu den besten Ackerflächen Israels gehören ( Jes 35,1-2 ; siehe auch Jes 33,9; Nah 1,4 ) - verdorren und sterben, wenn die Hitzewelle des Zornes Gottes bis hin nach Damaskus ( Am 1,3-5 ), Tyrus (V. 9 - 10 ) und Ammon (V. 13 - 15 ) reicht. Überall, wo Gottes Brüllen zu hören ist, wird alle Feuchtigkeit entweichen, das Land braun werden und die Erde vor Trockenheit aufplatzen. Wenn die Weiden vertrocknet sind, werden die Schafe sterben und die Schafhirten und -züchter große wirtschaftliche Verluste haben. Durch die verdorrte Ernte werden die Bauern schweren Zeiten entgegengehen.

Das Bild der Dürre weist hin auf den Grund für Gottes zorniges Brüllen - die Völker haben ihre Bünde mit Gott verletzt. Der Bund zwischen einem Bundesherren und einem Vasallen-Volk war im Nahen Osten jener Zeit weit verbreitet. Im Austausch für den Schutz und die Fürsorge durch den Bundesherren verpflichtete sich der Vasall zu Loyalität und Gehorsam. Die Bedingungen des Bundes, eindeutig festgehalten und gegenseitig bestätigt, waren für beide Seiten bindend. Wenn der Vasall diese Bedingungen nicht einhielt, brachte dies die Flüche oder Strafen, die in dem Abkommen festgehalten worden waren, über ihn. Der Fluch der Dürre erscheint häufig als Strafe für den Ungehorsam einem Bund gegenüber (vgl. 5Mo 28,20-24 im mosaischen Bund; im Blick auf weitere Bünde jener Zeit siehe James B. Pritchard, Hrsg., Ancient Near Eastern Texts Relating to the Old Testament . 3. Aufl., Princeton: Princeton University Press, 1969, S. 539.660).

Alle, die die Worte von Amos hören, sollen verstehen, daß der souveräne Herr des Universums sie für ihre Bundesverletzungen richten wird. (Zu der Frage, welche Bundesbeziehungen zwischen den heidnischen Völkern und Gott bestanden, siehe die Anmerkungen zu Am 1,3 .) Vor allem die nördlichen Stämme Israels sollten diese Anklage der Rebellion verstehen, wenn sie hörten, daß das Brüllen Gottes von Zion kam, jenem heiligen Zentrum, von dem sie sich gelöst hatten. (Zu der Bedeutung von Zion siehe die Anmerkungen zu Kl 1,4; Sach 8,3 .)



II. Das Brüllen des Gerichtes
( 1,3 - 2,16 )


Das Brüllen des Herrn richtet sich zunächst gegen sieben Nationen aus der Nachbarschaft Israels, dann gegen Israel selbst. Vielleicht ist unter den Zuhörern von Amos ein zustimmendes Gemurmel entstanden, als sie die Anklagen gegen die Aramäer ( Am 1,3-5 ) und die Philister (V. 6-8 ), die erbittertsten Feinde Israels, hörten. Aber als sich die Aufmerksamkeit Tyrus (V. 9 - 10 ), einem zeitweiligen Verbündeten ( 1Kö 5 ), Edom ( Am 1,11-12 ), Ammon (V. 13-15 ) und Moab ( Am 2,1-3 ), Blutsverwandten Israels (vgl. 1Mo 19,36-38; 25,29-30 ), zuwandte, könnte dieser Kreis von Gerichten "wie eine Schlinge" gewirkt haben, "die sich um ihren Hals zu schließen droht" (J.A. Motyer, The Day of the Lion . S. 50). Mit der Erwähnung von Juda schließlich ( Am 2,4-5 ), Israels eigenem "Bruder", war die Schlußfolgerung unausweichlich - Gottes Gericht wird unparteiisch sein. Wo diese und andere Länder und Orte, die im Buch Amos erwähnt werden, lagen, läßt sich auf der Karte "Israel und die Nachbarvölker zur Zeit der Propheten" vor dem Buch Jesaja sehen.

Die Ankündigung des Unterganges erfolgt für jede Nation nach dem gleichen Schema: (a) eine allgemeine Erklärung des unausweichlichen Gerichtes, (b) eine Benennung der besonderen Bundesverletzung, die dem Gericht zugrunde liegt, (c) eine Beschreibung von Gottes direktem und hartem Gericht.



A. Das Gericht über die Völker
( 1,3 - 2,5 )


1. Das Gericht gegen Damaskus
( 1,3 - 5 )


Am 1,3


Die allgemeine Erklärung des unvermeidbaren Gerichtes erfolgt durch den immer wieder vorkommenden Ausdruck Um drei, ja, um vier Sünden willen, will ich meinen Zorn nicht abwenden (vgl. V. 6.9.11.13 ; Am 2,1.4.6 ). Diese Verwendung einer Zahl, gefolgt durch die nächsthöhere Zahl, kommt im AT häufig vor ( Hi 5,19; Ps 62,12-13; Spr 30,15-16.18-19.21-23.29-31 ). Gewöhnlich wird die größere Zahl genommen und einzeln dargelegt, wobei die Betonung auf der letzten Sache liegt. Hier führt Amos nur diese letzte Sache an, die, die schließlich Gottes Geduld überstiegen hatte. Meir Weiss behauptet, daß der Ausdruck übersetzt werden sollte: "Für drei Sünden ... selbst für vier", um so auf poetische Weise die Zahl sieben, "eine eindeutig typologische Zahl, ein Symbol für die Vollzahl", zu bezeichnen ("The Pattern of Numerical Sequence in Am 1-2 . A Re-examination", Journal of Biblical Literature 86, 1967:418). Wenn dies richtig ist, dann bedeutet es, daß das unvermeidliche Gericht über jedes Volk verkündigt wird, weil das Maß seiner Sünde voll ist. Bei den Nachbarvölkern Israels wird nur die letzte und eigentliche Sünde genannt. Für Israel dagegen finden wir eine Aufzählung von sieben Sünden ( Am 2,6-8.12- eine in V. 6 , zwei in V. 7 , zwei in V. 8 und zwei in V. 12 ). So wird auch die Furcht Israels an dem Tag, an dem Gott es richtet, siebenfach sein ( Am 2,14-16 ).

Der Grund für das Gericht über jedes Volk sind seine "Sünden", die Bundesverletzungen. Das Wort für "Sünde" ( peSaZ ) bedeutet "Revolte" oder "Rebellion" und wird in säkularen Abkommen benutzt, um den Ungehorsam eines Vasallen gegenüber den Verpflichtungen des Abkommens zu beschreiben ( 1Kö 12,19; 2Kö 1,1; 3,5.7.8-22; Spr 28,2 ). Die Propheten des Alten Testamentes benutzen das Substantiv peÜa`, um die Auflehnung Israels gegen den Bund Gottes mit ihm zu bezeichnen ( Jes 1,2.28; 46,8; 66,24; Jer 2,8; Hos 7,13; 8,1; Mi 1,5.13 ).

Amos sieht besonders die Sünden von Juda ( Am 2,4-5 ) und Israel ( Am 2,6-16 ; vgl. Am 3,14; 4,4; 5,12 ) als Verletzung des mosaischen Bundes. Das Volk hat die Bedingungen des Gesetzes Gottes nicht beachtet.

Aber nicht nur Israel hat gegen einen Bund mit Gott gesündigt. Auch die heidnischen Nationen sind der peSaZ - der Rebellion gegen ein von Gott errichtetes und universell anerkanntes Abkommen - schuldig geworden. Offensichtlich denkt Amos dabei an ihre Auflehnung gegen den weltweiten Bund Gottes mit der Menschheit aus den Tagen Noahs ( 1Mo 9,5-17 ). Im Austausch gegen Gottes Schutz und Fürsorge und sein Versprechen, niemals wieder die Erde durch eine Flut zu vernichten ( 1Mo 9,11 ), sollten die Vasallenvölker kein Menschenblut vergießen, denn die Mißachtung des menschlichen Lebens ist zugleich ein Angriff auf Gottes Bild im Menschen ( 1Mo 9,5-6 ). Das menschliche Leben sollte nicht zerstört oder beeinträchtigt werden, sondern sich vermehren und die Erde füllen ( 1Mo 9,7 ). Dieses gegenseitige Abkommen, in dem Gott verspricht, die Erde zu bewahren und das menschliche Leben zu verbreiten, wird ein "ewiger Bund" genannt ( 1Mo 9,16 ).

Dies ist der Bund, von dem Amos sagt, daß die heidnischen Völker ihn gebrochen haben. Durch ihr barbarisches Verhalten ( Am 1,3 ), ihre Deportation ganzer Völker als Sklaven (V. 6. 9 ), ihren unnatürlichen und dummen Haß (V. 11 ), ihre schlimmen Greueltaten (V. 13 ) und ihre Entweihung der Toten ( Am 2,1 ) haben sie den Bund gebrochen, der solch ein unmenschliches Verhalten verbietet. Wegen dieser Sünden erklärt der souveräne Herr: "Ich werde meinen Zorn nicht abwenden."

Ähnlich hat auch Jesaja ( Jes 24,4-6; 26,20-21 ) gesagt, daß Gott einen "Fluch" der Dürre bringen wird, "um die Menschen der Erde zu bestrafen", weil sie "den ewigen Bund gebrochen" haben, indem sie Blut vergossen haben. Das Neue Testament bestätigt, daß auch die Heiden, obwohl sie das gesprochene oder geschriebene Gesetz nicht erhalten haben, doch die Bedingungen des rechten menschlichen Anstandes kennen und daß ihr eigenes Gewissen sie anklagt und ihnen sagt, wo sie gegen Gottes Maßstäbe verstoßen ( Röm 2,14-15 ).

Die Sünde von Damaskus , der Hauptstadt Arams, ist, daß sie Gilead (das auch in Am 1,13 genannt wird), den transjordanischen Teil Israels, gedroschen haben mit Schlitten, die eiserne Zähne haben . Das Dreschen (Trennen von Korn und Spreu) geschah auf einer Tenne, indem man einen schweren Schlitten über das Korn zog. Dieser Schlitten bestand aus zwei groben, vorne nach oben gebogenen Brettern, die mit eisernen Zähnen oder Messern besetzt waren. Es könnte sich hier um die Beschreibung eines tatsächlichen Verhaltens handeln und eine Methode der Folterung von Gefangenen beschreiben. Aber das Dreschen kann auch als Bild für eine grausame und gründliche Eroberung dienen (vgl. Jes 41,15; Mi 4,13; Hab 3,12 ). Die Truppen Arams waren durch Gilead gezogen und hatten es geschliffen und zerschnitten wie Korn auf einer Tenne. Dieses Gebiet Israels, östlich des Jordan, hatte durch ständige Kämpfe mit den Aramäern sehr gelitten, besonders in den Tagen von Hasael (841 - 801 v. Chr.) und seinem Sohn und Nachfolger Ben-Hadad III. ( Am 1,4 ; vgl. 2Kö 8,7-12; 10,32-33; 13,3-7 ; vgl. auch die Erwähnung des "Dreschens" in 2Kö 13,7 ).



Am 1,4-5


In dem Gericht über jedes der ersten sieben Völker wird Gott als ein Bundesherr gezeigt, der seine Truppen heraufführt, um eine Vasallenstadt für deren Auflehnung zu bestrafen. Jedesmal beginnt dieser Angriff mit einem Feuer , das schließlich die Mauern und/oder Festungen der Stadt verbrennen und nur rauchende Trümmer zurücklassen wird (V. 4.7.10.12.14 ; Am 2,2.5 ). Bei dem Gericht über Damaskus wird Gott den Riegel des Stadttores zerschmettern und das Tor niederreißen . So wird die Stadt ohne Verteidigungsmöglichkeit sein. Er wird den rebellischen König vernichten , der über dieses gottlose und stolze Volk herrscht. Tal von Awen und Bet-Eden könnte sich auf andere Gebiete von Aram, Baalbek und Bit-Adini beziehen. Wahrscheinlicher jedoch ist, daß sie umschreibende Bezeichnungen für das Gebiet und den Palast von Damaskus sind und "Tal der Gottlosigkeit" und "Haus des Vergnügens" bedeuten. Das Haus (die Dynastie) von Hasael wird aufhören, und die Aramäer werden in die Gefangenschaft geführt werden (vgl. Am 1,15 ), zurück zu ihrem Ursprungsort, einer Gegend in Mesopotamien, die Kir genannt wird. Dieses Gericht wird im wesentlichen eine völlige Umkehrung der stolzen Geschichte Arams sein. Gott, der sie aus Kir herausgeführt hat ( Am 9,7 ), wird sie auch wieder zurückschicken, nachdem er alles vernichtet hat, was sie erreicht haben. Dieses Gericht wurde durch die Assyrer unter Tiglat-Pileser III. 732 v. Chr. erfüllt (vgl. 2Kö 16,7-9 ).



2. Das Gericht gegen Gaza
( 1,6-8 )


Am 1,6


In den Versen 6-8 werden vier der fünf Städte der Philister erwähnt - Gaza , Aschdod, Aschkelon und Ekron. Daß Gat nicht aufgeführt ist, könnte darauf zurückgehen, daß es zur Zeit von Amos durch die Angriffe von Hazael 815 v. Chr. und Usija 760 v. Chr. noch schwer zerstört war (vgl. 2Kö 12,18; 2Chr 26,6; Am 6,2 ). Das Verbrechen der Philister gegen die Menschlichkeit war, daß sie ganze Bevölkerungen in Raubzügen zu Sklaven machten und sie verkauften , um wirtschaftlichen Profit zu machen. Menschen, die sich nicht verteidigen konnten, wurden wie Sachen behandelt und auf den Sklavenmärkten von Edom versteigert, von wo aus sie in andere Teile der Welt verschifft wurden (vgl. Joe 4,4-8 ).



Am 1,7-8


Um dieser Sünde willen werden die Städte der Philister völlig ausgelöscht werden - Gebäude, König und Menschen. Gott wird seine Hand gegen sie wenden, bis der letzte Philister tot ist . Dieses Urteil wurde zum Teil in der Unterwerfung der Philister unter die Assyrer später im 8. Jahrhundert v. Chr. und dann vollständig während der Zeit der Makkabäer erfüllt (168 - 134 v. Chr.). Gott, der HERR ( ?XDOnAy Yahweh ), erscheint 19mal bei Amos, aber nur fünfmal bei all den anderen kleinen Propheten zusammen ( Ob 1; Mi 1,2; Hab 3,19; Zeph 1,7; Sach 9,14 ). In diesem Titel wird sowohl sein Herr-sein als auch sein Bundesverhältnis zu seinem Volk deutlich.



3. Das Gericht gegen Tyrus
( 1,9 - 10 )


Am 1,9


Die Sünde von Tyrus , der führenden phönizischen Stadt, war sogar noch gefühlloser als die von Gaza. Nicht nur daß sie ganze Gruppen von Gefangenen nach Edom verkaufte (vgl. V. 6 ), sondern sie verletzte dabei auch einen Bruderbund , einen Schutzbund zwischen zwei Partnern. Wenn Israel dieser andere Partner war, dann geht es vermutlich um das Abkommen zwischen Salomo und Hiram ( 1Kö 5 ) oder vielleicht auch um die spätere Beziehung, die durch die Heirat von Ahab und Isebel entstanden war ( 1Kö 16,29-31 ).



Am 1,10


Die Strafe von Tyrus ist der in Vers 7 beschriebenen ähnlich. Alexander der Große überrannte die Stadt Tyrus 332 v. Chr., nachdem er sie sieben Monate lang belagert hatte. 6 000 Menschen wurden dabei erschlagen, 2 000 gekreuzigt und 30 000 als Sklaven verkauft. Tyrus hatte Israeliten als Gefangene an Edom verkauft; später wurden viele Bewohner von Tyrus selbst Gefangene.



4. Das Gericht gegen Edom
( 1,11 - 12 )


Am 1,11


Die Sünde von Edom war dessen ständige und gefühllose Feindschaft gegen seinen Bruder . Mit "Bruder" könnte ein unbekannter Bündnispartner gemeint sein (vgl. V. 9 ). Aber die häufige Erwähnung der Bruderschaft zwischen Edom und Israel weist eher darauf hin, daß es hier um die physische Verwandtschaft der beiden Völker geht, die mit Esau und Jakob begannen ( 1Mo 25,29-30; 4Mo 20,14; 5Mo 2,4; 23,8 ). Es gab eine Zeit in der Geschichte Israels, da verfolgte Edom seinen besiegten Bruder ohne Barmherzigkeit mit einem Schwert (vgl. Ob 1,10 ). Ohne irgendwelche natürlichen Gefühle des Mitleids ließ Edom seinen Zorn beständig wüten, wie ein wildes Tier, das seine Beute zerreißt. Edom brütete über seinem Grimm , so daß er ungehemmt brennen konnte.



Am 1,12


Wegen diesem unnatürlichen und rachsüchtigen Haß wird Gott Feuer schicken über Teman und Bozra . Teman war die größte südliche Stadt Edoms, Bozra seine Festung im Norden. Die beiden Städte stehen also für den Zorn Gottes über das ganze Volk. Manche Ausleger sind allerdings der Meinung, daß Teman ebenfalls im Norden, nahe bei Bozra lag. Auf jeden Fall sind beides entscheidende und große Städte Edoms (vgl. die Erwähnung von Teman in Jer 49,7.20; Hes 25,13; Ob1,9;Hab 3,3 ). Edom wurde durch die Assyrer im 8. Jahrhundert v. Chr. unterworfen und war im 5. Jahrhundert v. Chr. zu einer verlassenen Einöde geworden ( Mal 1,3 ). Gegen 400 - 300 v. Chr. wurde es von den Nabatäern, einem arabischen Stamm, eingenommen.



5. Das Gericht gegen Ammon
( 1,13 - 15 )


Am 1,13


Die furchtbare Grausamkeit von Ammon war, daß es die schwangeren Frauen von Gilead aufgeschlitzt hatte (vgl. "Gilead" in V. 3 ). Diese Greueltat, die manchmal bei Kriegen jener Zeit vorkam (vgl. 2Kö 8,12; 15,16; Hos 14,1 ), sollte einen Feind einschüchtern und dezimieren. Die Ammoniter verübten dieses Verbrechen gegen schutzlose Frauen und ungeborene Kinder nicht um der Selbsterhaltung willen, sondern nur um ihre Grenzen zu erweitern.



Am 1,14-15


Wegen dieser Grausamkeit wird Gott Feuer an die Mauern von Rabba legen (vgl. V. 7.10 ), Ammons Hauptstadt. Unter den sie umgebenden Flammen werden die Bewohner die Kriegsrufe (vgl. Am 2,2 ) der Angreifer, wenn sie über ihre Opfer herfallen, hören. Mächtige Winde , Symbole für Gottes furchterregende Macht (vgl. Ps 83,15-16; Jer 23,19; 30,23 ), werden über die Stadt hereinbrechen. Der Feind wird König und Oberste (vgl. Am 2,3 ) in die Gefangenschaft führen (vgl. Am 1,5 ). Dieses Gericht wurde 734 v. Chr. durch die assyrische Eroberung unter Tiglat-Pileser III. erfüllt.



6. Das Gericht gegen Moab
( 2,1 - 3 )


Am 2,1


Zur Zeit des Alten Testamentes legte man großen Wert darauf, daß der Körper eines Toten friedlich in der Familiengruft bestattet und so "zu seinen Vätern versammelt" werden und im Grab Ruhe finden konnte. Ein Grab zu berauben, zu zerstören oder zu entweihen, war eine schlimme Kränkung und ein Verbrechen. Viele Grabesinschriften, die bis heute erhalten geblieben sind, enthalten furchtbare Flüche gegen jeden, der solch einen Frevel begeht (G.A. Cooke, A Textbook of North-Semitic Inscriptions . Oxford: At the Clarendon Press, 1903. S. 26 - 27, 30 - 32; Pritchard, Ancient Near Eastern Texts Relating to the Old Testament , S. 327). Moab hatte bei einem Krieg gegen Edom (vielleicht das Ereignis, das in 2Kö 3,26-27 erwähnt wird) seine Widersacher auf ihr eigenes Gebiet zurückgedrängt, die königlichen Gräber geöffnet und die Gebeine des Königs von Edom zu Asche verbrannt .


Am 2,2-3


Zwar war dies kein Verbrechen gegen Israel, aber doch eine Sünde der Rebellion ( peSaZ ; vgl. die Anmerkungen zu Am 1,3 ) gegen den Herrn des Universums, ein Angriff auf sein eigenes Bild im Menschen. Wegen dieser Verachtung und Entweihung wird Gott Moab militärisch vernichten. Ein Feuer wird Kerijot verbrennen, vielleicht ein anderer Name für die Hauptstadt Ar (vgl. 4Mo 21,28; Jes 15,1 ). Im Getümmel des Kampfes, inmitten von Kriegsgeschrei (vgl. Am 1,14 ) und dem Ertönen der Posaune , die den Niedergang ankündigt, wird Moab sterben - die Menschen, der Herrscher und alle Obersten (vgl. Am 1,15 ). Moab fiel wie Ammon durch die Assyrer unter Tiglat-Pileser III.



7. Das Gericht gegen Juda
( 2,4 - 5 )


Am 2,4


Die heidnischen Nationen hatten gegen den "ewigen Bund" rebelliert, den Gott mit ihnen zur Zeit Noahs gemacht hatte ( 1Mo 9,5-17 ). Aber die Sünde (peÜa`) Judas richtet sich gegen den mosaischen Bund. Es hat das Gesetz des HERRN verworfen. Es hat die Gebote seines einzigartigen Abkommens mit ihm nicht gehalten. Statt sich an Gottes objektive Wahrheit zu halten, hat es sich verführen lassen durch die gleichen falschen Götter , die schon viele seiner Vorfahren in die Irre geführt haben. Das Wort für falsche Götter ist kAzAB , "eine Lüge" oder "etwas Trügerisches". Die Götzen sind trügerisch, denn sie können den Menschen nicht helfen. In 5.Mose warnt Gott immer wieder die Israeliten, den falschen Göttern nicht nachzufolgen ( 5Mo 6,14; 7,16; 8,19; 11,16.28 ; usw.).



Am 2,5


Die Strafe für diese Untreue wird die Zerstörung des Volkes sein, die 586 v. Chr. Wirklichkeit wurde, als Nebukadnezar nach einer langen Belagerung durch die Verteidigungslinien Jerusalems brach, die königliche Familie tötete, den Tempel, den Palast und die Häuser der Stadt verbrannte und fast die gesamte Bevölkerung nach Babylon wegführte ( 2Kö 25,1-12 ).



B. Das Gericht gegen Israel
( 2,6 - 16 )


Nachdem Amos gezeigt hat, daß Gott über das ganze Universum herrscht und alle Nationen für ihre Auflehnung und ihren Ungehorsam gegen ihn verantwortlich macht, wendet er sich nun den nördlichen Stämmen Israels zu. Seine Botschaft ist, daß Gott auch sie richten wird, weil sie seinen Bund gebrochen haben, obwohl er immer wieder voller Barmherzigkeit an ihnen gehandelt hat.



1. Der gebrochene Bund
( 2,6 - 8 )


Israel hat den mosaischen Bund durch soziale Ungerechtigkeit (V. 6 b), juristische Perversion (V. 7 a), sexuelle Sünden (V. 7 b), Mißbrauch von gepfändeten Gegenständen (V. 8 a) und Götzendienst (V. 8 b) gebrochen.



Am 2,6


Die erste Anklage gegen die Israeliten ist, daß sie den Armen, der seine Schulden nicht bezahlen konnte, unbarmherzig in die Sklaverei verkauft haben (vgl. 2Kö 4,1-7 ). Ehrliche Menschen ( der Gerechte ), bei denen man hätte sicher sein können, daß sie eines Tages ihre Schulden bezahlt hätten, wurden für das Silber (Geld), das sie schuldeten, verkauft. Die verzweifelten Armen ( der Bedürftige ) wurden versklavt, weil sie die unbedeutende Summe, die sie für ein Paar Sandalen schuldeten, nicht zurückzahlen konnten (vgl. Am 8,6 ). Es könnte sich bei der Erwähnung der Sandalen um die Sitte handeln, die juristische Überschreibung von Land durch das Übergeben seiner Sandalen als einer Art Pfandurkunde zu bestätigen (vgl. Rt 4,7 ). Dann wäre die Bedeutung, daß die Armen entweder wegen Geld oder wegen Land verkauft wurden. Solch eine Hartherzigkeit gegen das eigene Volk, nicht gegenüber einem fremden, ist Auflehnung gegen Gottes Bund, der Großherzigkeit und Freigebigkeit gegenüber den Armen verlangt ( 5Mo 15,7-11 ).



Am 2,7 a


Die zweite Anklage von Amos gegen Israel ist, daß juristische Vorgehensweisen so pervertiert wurden, daß der Arme dadurch ausgebeutet wurde. Entgegen den Geboten des Bundes ( 2Mo 23,6; 5Mo 16,19 ) hatten sich die Gerichte auf die Seite der Schuldner gestellt und verweigerten dem Unterdrückten das Recht . Diese Unterdrückung war so furchtbar und schmerzlich, als würde man ihnen auf den Kopf treten.


Am 2,7 b


Das dritte Verbrechen ist, daß Väter und Söhne sexuelle Beziehungen zu dem gleichen Mädchen haben, entweder zu einer Tempel-Prostituierten oder zu einer Sklavin, die zur Konkubine genommen wurde ( 2Mo 21,7-9; 3Mo 18,8.15 ). Dadurch machten die Männer ihre Mißachtung für den Herrn des Bundes deutlich und entheiligten seinen heiligen Namen . Gottes "Name" (vgl. die Anmerkungen zu 2Mo 3,13-15 ) macht sein Wesen und seine einzigartige Beziehung zu Israel deutlich. Öffentlich gegen seine Befehle zu verstoßen bedeutete, sein Wesen zu verspotten und seinen besonderen Platz in ihrem Leben zu verachten.



Am 2,8 a


Als viertes ist die Rede von Gegenständen, die gepfändet wurden. Nach dem Gesetz durften Mühlsteine nicht gepfändet werden, denn sie wurden zum Mahlen von Korn benötigt und waren daher lebensnotwendig ( 5Mo 24,6 ). Auch durfte der Mantel eines Armen nicht über Nacht einbehalten ( 2Mo 22,25-26; 5Mo 24,10-13 ; siehe auch Hi 22,6 ) und die Kleidung einer Witwe überhaupt nicht als Pfand genommen werden ( 5Mo 24,17 ). Aber die Menschen legen sich offen und stolz nieder mit den verbotenen Kleidungsstücken und gehen in ihrer Mißachtung des Gesetzes sogar soweit, daß sie diese bei den Opferfesten an jedem Altar ausbreiten (vgl. 1Sam 9,12-13 ).



Am 2,8 b


Schließlich hat sich Israel gegen die grundlegendste Bundesverpflichtung überhaupt versündigt - es betet andere Götter an (so wie Juda auch, V. 4 ). Den Wein, den es dem Armen als Strafe abgenommen hat, erhebt es zu Ehren eines heidnischen Gottes.



2. Die zurückgewiesene Gnade
( 2,9 - 12 )


Am 2,9


Statt nun das Gericht direkt nach der Anklage zu verkündigen, wie bei den sieben anderen Völkern auch, macht Gott die Schuld Israels noch deutlicher, indem er sie vor den Hintergrund seines eigenen gnädigen Handelns gegen es stellt. Israels Existenz als Volk geht nur auf sein Eingreifen zurück. Von sich aus hätte es die Kanaaniter niemals vertreiben können. Die Amoriter (vgl. V. 10 und siehe die Anmerkungen zu 1Mo 14,13-16 ) als bekanntestes Volk stehen dabei für alle Stämme Kanaans zur Zeit der Landnahme (vgl. 1Mo 15,16-21; Jos 24,8-15 ). Die Bewohner des Landes waren die größten unter den Menschen, groß wie die Zedern und stark wie die Eichen (vgl. 4Mo 13,28-33; 5Mo 1,26-28 ). Trotzdem hat Gott sie ausgerissen und völlig zerstört, sowohl die Frucht oben als auch die Wurzeln unten .



Am 2,10


Der Auszug aus Ägypten und die Bewahrung Israels in den vierzig Jahren in der Wüste machen die Güte und Hilfe Gottes deutlich. (Zu den Amoritern vgl. die Anmerkungen zu V. 9 .)



Am 2,11


Dann hat Gott dem Volk geistliche Führer erweckt. Propheten aus seinen eigenen Söhnen, die ihm seine Worte überbrachten, und Nasiräer , die sich selbst für eine bestimmte Zeit durch Gelübde Gott weihten (vgl. 4Mo 6,1-21 ), machten die tiefe Hingabe sichtbar, die ganz Israel haben sollte.

Amos

Am 2,12


Aber trotz dieses gnädigen Handelns hat Israel zwei weitere Sünden auf sein Konto hinzugetan. Es hat die Nasiräer (vgl. V. 11 ) dazu überredet, ihre Gelübde zu brechen und Wein zu trinken, und den Propheten geboten, nicht zu weissagen (vgl. Am 7,10-16 ). Dadurch hat Israel seine eigene fehlende Hingabe an Gott und seine mangelnde Bereitschaft, auf sein Wort zu hören, offenbart.



3. Das Gericht
( 2,13 - 16 )


Am 2,13-16


Wegen dieser Sünden wird Gott seinen Zorn nicht zurückhalten (V. 6 ). Er wird das rebellische Israel zerbrechen, wie ein Wagen zerbricht, wenn er mit Korn beladen ist . Es wird keine Hoffnung geben, wenn der vernichtende Kampf beginnt. In der ganzen Armee wird niemand sein Leben retten können - weder (a) der Schnelle , (b) der Starke , (c) der Krieger , (d) der Bogenschütze , (e) der schnellfüßige Soldat noch (f) der Reiter . So übermächtig wird der Angriff sein, daß selbst (g) der tapferste Krieger seine Waffen fallen lassen und vergeblich zu fliehen versuchen wird. Diese siebenfache Panik entspricht den sieben Sünden Israels (V. 6 b - 7-8.12 ).

Die Geschichte des Nordreiches endete nur wenige Jahrzehnte später, 722 v. Chr., mit der assyrischen Gefangenschaft ( 2Kö 17,1-23 ).

Das Brüllen des Gerichts hörte auf. Der Herr, der Herrscher der Erde, hat gesprochen. Er wird als mächtiger Krieger kommen und die umliegenden Völker für ihre Rebellion gegen seine Autorität strafen. Er wird auch Israel richten, weil es seinen Bund trotz seines gnädigen Handelns an ihm gebrochen hat.



III. Die Gründe für das Gericht
( Am 3-6 )


Nachdem er das Gericht angekündigt hat, das über das Nordreich kommen wird, überbringt Amos fünf Botschaften, in denen er die Gründe für dieses Gericht Gottes näher darlegt. Die ersten drei Botschaften sind durch den Ausdruck "Hört dieses Wort" gekennzeichnet ( Am 3,1; 4,1; 5,1 ), die letzten beiden beginnen mit "Wehe euch" ( Am 5,18; 6,1 ). Jede dieser Botschaften beschreibt die religiöse, juristische, politische und soziale Rebellion, die Gottes Zorn gegen das Volk verursacht hat. Aber in den Botschaften finden wir auch immer wieder den Appell zur Umkehr und Anweisungen, wie einzelne dem furchtbaren Unheil, das kommen wird, entrinnen können.



A. Die erste Botschaft
( Am 3 )


In dieser ersten Botschaft erklärt Amos, daß Israel wegen dem einzigartigen Verhältnis zu Gott bestraft werden wird. Das Gericht ist wegen der unvergleichlichen Unterdrückung der Menschen unvermeidlich geworden. Die Botschaft ergeht zunächst an beide Reiche, Israel und Juda (V. 1 - 2 ), richtet sich dann aber hauptsächlich an das Nordreich Israel (vgl. V. 9.12 ).



1. Das besondere Verhältnis
( 3,1 - 2 )


Am 3,1-2


Gott spricht dieses Wort gegen Israel und Juda - die er aus Ägypten heraufgeführt hat - weil sie allein von all den Familien der Erde auserwählt worden waren. "Auserwählt" (von yADaZ , wörtl.: "kennen") wurde in Verträgen jener Zeit benutzt, um die Verpflichtung eines Bundesherren gegenüber einem Vasallen zu einem besonderen Bundesverhältnis zu bezeichnen (Herbert B. Huffmon, "The Treaty Background of Hebrew Y ADaZ ", Bulletin of the American Schools of Oriental Research , 181. Februar 1966, 31 - 37). Nur sie sind Gottes Volk, die einzige Nation dieser Welt, die er jemals wirklich erwählt hat, um über sie zu wachen und für sie zu sorgen.

Deshalb wird er sie für ihre Sünden bestrafen . Weil er sie auserwählt, sich ihnen persönlich und ganz nah offenbart und ihnen die größten Segnungen geschenkt hat, die jemals ein Bundesherr einem Vasallen angeboten hat ( 2Mo 19,3-6; 5Mo 28,1-14 ), hätten sie das Verlangen haben müssen, ihn besser zu kennen und ihm zu gefallen. Wegen diesem ganz besonderen Verhältnis sind ihre Übertretungen noch schlimmer.

Gottes auserwählende Gnade hat immer den Zweck, das Verhalten des Menschen zu beeinflussen. Seine besonderen Verpflichtungen und Segnungen enthalten oft auch besondere Ermahnungen zur Zucht und zur Reinheit ( Lk 12,47-48; 1Kor 11,27-32; Hebr 12,4-11; 1Pet 1,7-9; 1Pet 4,17 ). Weil seine Liebe so groß ist, muß sein Volk heilig sein.



2. Das unvermeidliche Gericht
( 3,3 - 8 )


Diese Verse zeigen, daß die Strafe Israels unvermeidlich ist. So wie auch im alltäglichen Leben oft eine unlösbare Verbindung zwischen zwei Ereignissen besteht, gibt es eine unlösbare Verbindung zwischen Gottes Offenbarung an Amos und dem unvermeidlichen Kommen des Gerichtes.



Am 3,3


Durch eine Reihe von sieben rhetorischen Fragen (in V. 3 - 6 ) erinnert Amos seine Zuhörer daran, daß gewisse Ereignisse unlösbar miteinander verbunden sind (vgl. die anderen Siebener-Gruppierungen bei Amos in Am 2,6-8.11-12.14-16 ). Ein bestimmtes Ereignis geschieht nicht, bevor nicht ein anderes Ereignis zuvor geschehen ist. Wenn dieses erste Ereignis jedoch eingetreten ist, dann folgt das zweite mit absoluter Sicherheit.

Zunächst einmal gehen zwei nicht miteinander auf der Straße, wenn sie sich nicht vorher getroffen , miteinander gesprochen und eingewilligt haben, zusammen weiterzugehen.



Am 3,4


Dann brüllt ein Löwe nicht im Dickicht , wenn er nicht vorher seine Beute gesehen und seinen furchtbaren Angriff begonnen hat (vgl. Ri 14,5 ). Aber wenn er einmal angefangen hat loszulaufen, dann ist das furchterregende Gebrüll unvermeidlich (vgl. die Anmerkungen zu Am 1,2 ). Drittens ist das zufriedene Knurren eines Löwen in seiner Höhle ein sicheres Zeichen dafür, daß er etwas gefangen hat; eine erfolgreiche Jagd führt zu seinem zufriedenen Knurren.



Am 3,5


Viertens fällt ein Vogel nicht in ein Netz , wenn nicht vorher ein Fangnetz aufgestellt worden ist. Ebensowenig springt fünftens eine Falle von der Erde auf , wenn nicht etwas darin gefangen ist. Ein gefangener Vogel oder ein wildes Tier bedeuten in der Regel, daß man eine Falle benutzt hat.



Am 3,6


Sechstens zittern Menschen nicht, wenn keine Kriegsposaune geblasen worden ist. Solch ein Alarm aber führt immer zu Furcht und Aufmerksamkeit. Schließlich kommt kein Unheil in eine Stadt , wenn nicht der HERR sich vorgenommen hat , es zu tun (vgl. Jes 45,7 ). Wenn aber dieser Entschluß einmal gefaßt ist, dann ist das Ergebnis unvermeidbar. Das "Unheil" kann eine Pest, eine schlechte Ernte oder ein feindlicher Angriff sein (vgl. Am 4,6-11 ), die Gott schickt, um sein Volk zur Umkehr zu führen, damit es seine Souveränität in seinem Leben anerkennt und seine Rettung von ihm erwartet (vgl. Joe 1 ).

Die sieben Beispiele beginnen recht harmlos, werden aber immer bedeutsamer. Das erste Beispiel ( Am 3,3 ) ist noch frei von Gewalt oder Unheil. Die nächsten beiden (V. 4 ) dagegen sprechen von der Überwältigung eines Tieres durch ein anderes, während die Beispiele vier und fünf (V. 5 ) den Menschen als Jäger und Fänger einer Tierbeute ansehen. In den letzten beiden Gleichnissen schließlich werden die Menschen selbst überwältigt, zunächst von einem anderen menschlichen Werkzeug, dann durch Gott. Dieses bedeutsame Voranschreiten bis hin zu dem Punkt, an dem Gott selbst der Urheber des menschlichen Unglücks ist, führt Amos zu einer abschließenden Aussage (V. 7-8 ).



Am 3,7-8


So wie ein Ereignis nicht geschieht, wenn nicht vorher ein anderes notwendiges Ereignis eingetreten ist, so tut Gott der HERR nichts im Blick auf die Geschichte Israels, ohne zuerst seinen Plan seinen Dienern, den Propheten, zu offenbaren . Aber wenn diese Offenbarung einmal geschehen ist - wenn der Löwe gebrüllt und angegriffen hat (vgl. Am 1,2; Hos 5,14; 11,10; 13,7 ), wenn Gott der HERR gesprochen hat - dann wird das Gericht Israels ohne Zweifel folgen.

Vor den größeren Ereignissen in der Geschichte Israels stehen gewöhnlich Offenbarungen Gottes. Selten handelte er, ohne zuerst durch einen Propheten eine Warnung ausgesprochen zu haben. Ahija sagte die Teilung des salomonischen Reiches voraus ( 1Kö 11,29-39 ; erfüllt in 1Kö 12,16-21 ). Ein unbekannter Prophet sprach über die Reform Josias ( 1Kö 13,1-2 ; erfüllt in 2Kö 23,15-20 ). Ahija kündigte den Tod von Abija und das Ende der Dynastie Jerobeams I. an ( 1Kö 14,1-6 ; erfüllt in 1Kö 14,17-18; 15,29 ). Elia weissagte über den Tod von Ahab und Isebel und die Auslöschung der Nachkommen Ahabs ( 1Kö 21,17-24 ; erfüllt in 1Kö 22,29-37; 2Kö 9,30-10,11 ). Elia sagte auch die Niederlage Moabs durch Joram und Joschafat voraus ( 1Kö 3 ). Elisa wiederholte die Weissagung Elias über den Untergang der Dynastie Ahabs ( 2Kö 9,7-10 ). Jerobeam II. gewann verlorenes israelisches Gebiet zurück in Erfüllung einer in der Bibel nicht festgehaltenen Weissagung Jonas ( 2Kö 14,25 ).

Jesaja sagte die Niederlage der Assyrer bei ihrem Versuch, Jerusalem zu erobern, voraus ( 2Kö 19,5-7.20.32-34 ; erfüllt in 2Kö 19,35-37 ) und die Verlängerung des Lebens von Hiskia ( 2Kö 20,1-11 ). Judas Exil in Babylon (erfüllt in 2Kö 24-25 ) wurde immer wieder angekündigt - Jesaja verkündete es gegenüber Hiskia ( 2Kö 20,16-18 ), ein unbekannter Prophet gegenüber Manasse ( 2Kö 21,10-15 ) und die Prophetin Hulda gegenüber Josia ( 2Kö 22,14-20 ). Jesaja schließlich sagte voraus, daß Kyrus den Wiederaufbau des Tempels anordnen werde ( Jes 44,28 ; erfüllt in Esr 1 ).

Immer wieder hat der Herr seine Pläne im voraus seinen Dienern, den Propheten, offenbart. Die Ankündigung konnte um Jahre oder sogar Jahrhunderte vor dem Ereignis liegen, aber die Erfüllung war gewiß. Wer könnte, da der Herr nun in seinem Gericht wie ein Löwe gebrüllt hat, das Ende nicht fürchten? Was anders könnte Amos tun, da Gott ihm sein Vorhaben offenbart hat, als Gottes Botschaft zu weissagen?



3. Die unvergleichliche Unterdrückung
( 3,9-10 )


Am 3,9-10


Imaginäre Boten erhalten den Auftrag, Gesandte aus Aschdod (eine Stadt der Philister) und Ägypten auf den Bergen über Samaria zu versammeln und zu sehen, wie die Stadt ist. Diese Würdenträger, die aus Ländern kommen, in denen die Kunst der Ungerechtigkeit wohlbekannt ist (vgl. Am 1,6-8 ), werden ironischerweise erstaunt sein über das, was sie in Israels Hauptstadt sehen. Große Unruhe ist in der Stadt. Anstelle von Frieden und Ordnung herrschen Panik und eine furchtbare Auflösung von Recht und Gesetz. Statt Gerechtigkeit nehmen Gewalt und Unterdrückung die Oberhand ein. Durch Unterdrückung und Ausbeutung haben die Reichen sich gewaltige private Besitztümer angesammelt und horten in ihren Häusern die Schätze von Plünderei und Raub . Die Worte "Plünderei" und "Raub" weisen auf ein gewaltsames Vorgehen gegen Menschen und ihren Besitz hin. Diese Form der Unterdrückung ist so sehr zu einem Teil ihres Lebens geworden, daß sie nicht mehr wissen, wie sie tun können, was recht ist (d. h. was aufrichtig, ehrlich und gerecht ist).

Die Einladung soll an die Festungen ( Am 3,9 ) der Nachbarstädte gesandt werden. Eine "Festung" war eigentlich jedes Gebäude, das höher als ein gewöhnliches Haus war. Es bestand aus mehreren Stockwerken und wurde gewöhnlich so gebaut, daß man es gut verteidigen konnte. Oft gehörte es zu dem Verteidigungssystem der Stadt. Auch zu dem königlichen Palast gehörte in der Regel eine Festung (vgl. "Zitadelle" in 1Kö 16,18; 2Kö 15,25 ). Solche Gebäude dienten häufig als Residenzen für die reiche und herrschende Klasse ( Jer 9,21 ). Diese Prunkfestungen waren der Stolz eines Volkes ( Am 6,8 ), ein Symbol für Macht und Reichtum, und daher auch das besondere Ziel des Zornes Gottes ( Am 1,4.7.10.14; 2,2.5 ). Amos soll die Führer aus den Festungen von Aschdod und Ägypten nach Samaria versammeln, damit sie sehen, daß die Bewohner der Festungen Israels selbst sie in ihrer Fähigkeit, aus den Unterdrückten Profit zu machen, übertrumpft haben! Die Anklage, die Amos vorbringt, ist der von Paulus in 1Kor 5,1 ähnlich - es ist ein Maß an Sünde im Volk Gottes vorhanden, das nicht einmal unter den Heiden vorkommt.



4. Die kommende Katastrophe
( 3,11 - 15 )


In drei aufeinander aufbauenden Erklärungen entfaltet Amos die Katastrophe, die über Israel wegen der dort praktizierten unvergleichlichen Ausbeutung kommen wird (vgl. V. 9 - 10 ).



Am 3,11


Gott der HERR sagt, daß ein Feind angreifen und über das Land herfallen wird, der die Verteidigung des Volkes niederreißen und es ausplündern wird. Die Festungen (vgl. V. 10 ) der Plünderer werden geplündert werden.



Am 3,12


Einige der Zuhörer von Amos könnten diese Ankündigung vielleicht bestritten haben, indem sie darauf bestanden, daß die Israeliten gerettet werden würden . Das Wort "gerettet" beschreibt oft Gottes befreiendes oder verschonendes Handeln an Israel ( 2Mo 3,8; 18,9-10; Ps 54,6; 69,15; Jer 15,21; Mi 4,10 ). Hierin zeigt sich der falsche Glaube der Zuhörer von Amos, daß sie meinten, Gott werde sie ganz sicher vor solch einer Katastrophe bewahren. Um diese falsche Hoffnung zu zerstreuen, gibt Amos wieder, was der HERR sagt : Alles "Retten" Israels wird nur so viel sein, als wenn ein Hirte einen Beinknochen oder einen Teil eines Ohres aus den Fängen eines wilden Tieres reißt. Solche "geretteten" Stücke galten als Beweis dafür, daß der Hirte das Schaf nicht gestohlen oder verkauft hatte, sondern daß es tatsächlich von einem wilden Tier zerrissen worden war ( 2Mo 22,9-12 ; vgl. 1Mo 31,39 ). Die geretteten Knochen und das Stück eines Ohres zeigen, daß die Rettung zu spät gekommen und das Tier verloren ist. Jene Israeliten in Samaria , die sich genüßlich auf ihren Betten und Lagern ausruhten, sollten die Botschaft von Amos nicht durch eine unsichere Hoffnung auf Rettung ungültig machen. Israel wird brutal und völlig verwüstet werden.



Am 3,13-15


Gott wendet sich an das Nordreich, das Haus Jakobs . Er benutzt den Namen des Patriarchen (vgl. Am 6,8; 7,2.5; 8,7 ), um es an sein Verhältnis zu seinem Urvater zu erinnern. Gott war einst ein Kämpfer auf seiner Seite. Aber nun wird er eine andere Armee gegen sie heranführen, um sie für ihre Sünden zu strafen (zu "Sünde", peSaZ , als Bundesverletzung siehe die Anmerkungen zu Am 1,3 ). Gott Zebaoth (wörtl.: "Gott der Heerscharen"; d. h. "Heerführer") ist die Bezeichnung für den größten und schrecklichsten Kriegsherrn. Immer wieder wird der Herr in diesen Kapiteln, die von Israels Schuld sprechen ( Am 3-6 ), als ein mächtiger Bundesherr (Bundesherr, vgl. Am 3,13; 4,13; 5,14-16.27; 6,8.14 ) dargestellt, der über große Truppen befiehlt, deren Macht zur Bestrafung von Rebellen sowohl massiv als auch unwiderstehlich ist.

Wenn Gott das Volk straft, wird er die Altäre von Bethel zerstören (vgl. Am 9,1 ). Bethel war das königliche Heiligtum von Jerobeam II. ( Am 7,10-13 ), das berühmteste religiöse Zentrum in Israel (vgl. Am 4,4; 5,5 ). Es war der Ort, an dem das goldene Kalb von Jerobeam I. errichtet worden war ( 1Kö 12,26-30; Hos 10,5 ). Seine Altäre waren daher ein Bild für Israels ständige Auflehnung gegen Gott. Die Hörner dieses Altares waren Vorsprünge an den vier Ecken des Altars. Wenn Menschen, die auf der Flucht waren, diese Hörner ergriffen, dann bedeutete dies Schutz vor ihren Verfolgern ( 1Kö1,50; 2,28; 2Mo 21,12-13 ). Mörder jedoch konnten diesen Schutz nicht erhalten, sondern wurden gewaltsam von dem Altar entfernt ( 2Mo 21,14 ). Israels Sünde ist so groß, daß Gott selbst alle Mittel zur Rettung abschneidet . Es wird keinen Ort mehr geben, an dem es vor dem Feind, der über es kommt, sicher sein kann.

Gott wird aber nicht nur das religiöse Zentrum der Menschen vernichten. Er wird auch die luxuriösen Häuser niederreißen , die sie durch ihre wirtschaftliche Ausbeuterei erlangt hatten. Einst konnten nur Könige sich sowohl ein Winterhaus als auch ein Sommerhaus leisten. Ahab z. B. besaß einen Winterpalast in der wärmeren Ebene von Jesreel ( 1Kö 21,1 ) neben seiner Residenz in Samaria. Elfenbeingeschmückte Häuser (vgl. Am 6,4 ) waren ebenfalls Vorrecht der Könige ( 1Kö 22,39; Ps 45,9 ). Aber der unredlich erworbene Reichtum (vgl. Spr 10,2 ) der Oberklasse Israels hatte diese in die Lage versetzt, sich solche Häuser zu bauen. All dies aber wird an dem Tag Gottes, der Israel bestraft, zugrunde gehen.



B. Die zweite Botschaft
( Am 4 )


In der zweiten Botschaft erklärt Amos, daß Gott die vornehmen Frauen in Gefangenschaft führen wird, weil sie das Volk wirtschaftlich ausgebeutet haben. Amos zeigt, daß Gott das Volk als Ganzes wegen seiner religiösen Heuchelei und weil es sich starrsinnig weigert umzukehren, obwohl er es immer wieder gezüchtigt hat, bestrafen wird.



1. Die wirtschaftliche Ausbeutung
( 4,1 - 3 )


Am 4,1


Die vornehmen Frauen werden Kühe von Baschan genannt. Baschan, in Transjordanien, östlich des Sees Genezareth, war für seine fetten Weiden ( Jer 50,19; Mi 7,14 ) und sein gut genährtes Vieh ( Hes 39,18; Ps 22,13 ) bekannt. Amos klagt die reichen Frauen an, daß sie genauso verzärtelt seien. Sie verlangen von ihren Männern, daß sie sie ständig mit alkoholischen Getränken versorgen. Das Wort für "Männer" ist nicht das übliche hebräische Wort für Ehemann, sondern ein seltenes Wort, das "Gebieter" oder "Herr" bedeutet (vgl. 1Mo 18,12; Ps 45,12 ). Amos verspottet diese Männer, die eigentlich "Herren" sein sollten, aber in Wirklichkeit schwächlich wie Sklaven gehorchten. Den teuren Geschmack ihrer Frauen konnten sie nur dadurch befriedigen, daß sie die Armen und Bedürftigen unbarmherzig ausbeuteten (vgl. Am 2,6-7; 5,11-12; 8,4-6 ). (Auch wenn in Am 4,1 gesagt wird, daß die Frauen die Armen und Bedürftigen unterdrücken, taten sie dies vermutlich dadurch, daß sie ihre Männer benutzten.) Die Worte unterdrücken und schinden beschreiben Drohungen und physische Belästigungen, durch die man den Hilflosen ihr Geld abnahm.


Amos

Am 4,2-3


Um die Vehemenz seines Zorns und die Gewißheit ihrer Strafe zu zeigen, macht Amos deutlich, daß Gott der HERR bei seiner Heiligkeit geschworen hat , daß jede einzelne dieser gesellschaftlich anerkannten Frauen aus der Stadt herausgezerrt werden wird, entweder in die Gefangenschaft oder in den Tod. Gott hat sich bei der ganzen Wirklichkeit seines innersten Wesens verpflichtet, dieses unabwendbare Gericht zu vollstrecken (vgl. Am 6,8 ). Ein Feind wird die Stadt erobern und gefangennehmen. Die Zerstörung wird so umfassend sein und die Mauerlücken so zahlreich, daß jede Frau, statt mit den anderen durch ein Tor hinauszugehen, einfach gerade aus der Stadt hinausgestoßen werden wird. Dort draußen werden sie mit Haken an ein Seil zu einer langen Reihe zusammengebunden und müssen in die assyrische Gefangenschaft marschieren. Wer sich wehrt und nicht weggeführt werden will, wird mit großen Harpunen oder Fischerhaken gewaltsam gefangen werden, so wie man Fische aufspießt und sich über die Schulter wirft, wenn man sie zum Markt bringen will. Auf diese Weise gezogen, werden ihre Leichen schließlich, wenn der Trupp sich dem Hermon nähert, weggeworfen werden. (Zur Verwendung von "wegwerfen" im Zusammenhang mit toten Körpern vgl. Am 8,3; 1Kö 13,24-25; Jer 14,16 .) "Hermon" könnte sich auf einen Berg an der nördlichen Spitze des Gebietes Baschan beziehen, an dem der Trupp auf seinem Zug nach Assyrien vorbeikam. Wenn dies stimmt, dann verbindet sich mit diesem Schicksal eine furchtbare Ironie: Die "Kühe von Baschan" ( Am 4,1 ) werden als Kadaver in Baschan enden!



2. Die religiöse Heuchelei
( 4,4 - 5 )


Am 4,4-5


Vers 4 ist eine Parodie auf einen Priester, der Pilger zusammenruft. Die übliche Einladung lautet "kommt in das Heiligtum anzubeten" ( Ps 95,6; 96,8-9; 100,2-4 ). Mit beißendem Sarkasmus lädt Amos die Israeliten ein, nach Bethel und nach Gilgal zu gehen , um dort zu sündigen (d. h. den Bund mit ihrem Gott zu brechen; siehe die Anmerkungen zu Am 1,3 bezüglich "Sünde", peSaZ ). Bethel war das Hauptheiligtum des Nordens, der Ort, an dem die Könige anbeteten (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,14 ). Gilgal mit seinen Gedenksteinen, die Israels ersten Einzug in das Land Kanaan markierten ( Jos 4 ), galt im 8. Jahrhundert als ein Zentrum für Pilgerfahrten und Opferungen ( Am 5,5; Hos 4,15; 9,15;12,11 ).

Amos befiehlt den Israeliten, alle ihre Opfergaben voller Enthusiasmus zu diesen Schreinen zu bringen. Schlachtopfer waren jene Opfer, in denen ein Tier geschlachtet und das Fleisch zum Teil in einem heiligen Mahl gegessen wurde (vgl. 1Sam 1,3-5 ). Der Zehnte wurde jedes dritte Jahr für die Hilfe der Armen bereitgestellt ( 5Mo 14,28-29 ). (Eine mögliche andere Übersetzung von Am 4,4 spricht von der Sitte, den gewöhnlichen Zehnten, 5Mo 12,4-7; 14,22-27 ,am dritten Tag nach der Ankunft im Heiligtum zu opfern; vgl. Luther-Übers.) Durch die Dankopfer wollte man seine Dankbarkeit für erfahrenen Segen und beantwortete Gebete zum Ausdruck bringen ( 3Mo 7,11-15 ). Freiwillige Opfergaben waren spontane Gaben, die aus einer inneren Hingabe an Gott kamen ( 3Mo 7,16; 22,17-19 ).

Aber alle diese Opfergaben, so klagt Amos an, sind zu einer schändlichen Sache geworden. Die religiösen Aktivitäten der Menschen wurden durchgeführt, um andere zu beeindrucken, nicht um Gemeinschaft mit Gott zu haben. Die Israeliten prahlen mit ihrer Frömmigkeit, aber ihr tägliches Verhalten spricht der Bedeutung ihrer Opfer Hohn.

Einige der Produkte, von denen sie den Zehnten gaben, stammten von gestohlenem Land. Einige Tiere, die sie opferten, waren auf unrecht erworbenen Feldern geweidet worden. Der israelitische Gottesdienst war eine Beleidigung Gottes, weil sie in heucherlischer Weise die Früchte ihrer Auflehnung gegen seinen Bund opferten (vgl. Jes 1,10-20; Mi 6,6-8 ).

Amos

3. Die verweigerte Buße
( 4,6-13 )


Die Menschen haben auf ihrer wirtschaftlichen Ausbeuterei und religiösen Heuchelei bestanden, obwohl Gott immer wieder versucht hat, sie zu sich zurückzubringen (V. 6-11 ). Weil sie also nicht umkehren wollen, wird er in einem endgültigen Gericht über sie kommen. Sie müssen darauf vorbereitet sein, ihrem Gott zu begegnen (V. 12 ), dessen furchterregende Größe unausweichlich ist (V. 13 ).



Am 4,6


Die Verträge jener Zeit aus dem Nahen Osten enthielten sehr ausführliche Flüche oder Strafen, die der Suzerän (Bundesherr) seinem Vasallen auferlegen würde, wenn dieser untreu oder ungehorsam würde. In Vers 6 - 11 wird uns berichtet, wie Gott die Strafen des mosaischen Bundes über sein Volk gebracht hat, um es wieder zu sich zurückzubringen. 3Mo 26 und 5Mo 28-29 warnen davor, daß Gott Hungersnot ( Am 4,6 ), Dürre (V. 7 - 8 ), mangelnde Ernte (V. 9 ), Pest (V. 10 ), militärische Niederlage (V. 10 ) und selbst Zerstörung durch Feuer (V. 11 ) über sein Volk bringen wird, um es für die Verletzungen des Bundes zu strafen. Auch Salomo sagte voraus ( 1Kö 8,33-37 ), daß Gott diese Dinge benutzen würde, um das Volk von seiner Sünde abzuwenden. Die Tabelle "Die Bundesstrafen" vergleicht die Strafen von Am 4,6-11 mit den in 3Mo 26; 5Mo 28-29 und 1Kö 8 vorausgesagten.

Mit jeder Strafe hat Gott die Möglichkeit zur Umkehr verbunden. Aber Israel hat nicht gewollt. Der fünffache Refrain - dennoch seid ihr nicht zu mir umgekehrt ( Am 4,6.8-11 ) - unterstreicht diese ständige Starrköpfigkeit, die nun schließlich zu einem großen Schuldenberg geworden ist. Das endgültige Gericht ist daher unausweichlich.

Gott hat ihnen leere Bäuche (wörtl.: "Sauberkeit der Zähne", d. h. nichts zu essen) gegeben. Hunger und Hungersnot sind über das ganze Land gekommen - in jede Stadt und in alle Orte . Aber dennoch kehren die Menschen nicht zu Gott um.



Am 4,7-8


Solche Hungersnöte wurden oft durch eine vorausgehende Dürrezeit verursacht. Gott hat den Frühlingsregen zurückgehalten, der so wesentlich für die Ernte des Sommers ist. Diese Züchtigung war oft selektiv, so daß eine Stadt Regen hatte, während eine andere ihn nicht bekam. Als nun die Quellen und Zisternen von einigen Orten austrockneten und die Menschen dieser Städte erschöpft von Stadt zu Stadt taumelten und nach trinkbarem Wasser suchten, hätte der Unterschied zwischen ihrem Gericht und der Gunst, die manche andere Städte erlebten, sie dazu bringen müssen, über Gottes Tun nachzudenken. Aber sie taten es nicht.



Am 4,9


Gott schlug das Gemüse und die Bäume ihrer Gärten und die Trauben in ihren Weinbergen. Der heiße Wind aus der arabischen Wüste blies ohne Unterlaß und führte zu Getreidebrand , einem vorzeitigen Verdorren und Absterben des Korns (vgl. 1Mo 41,6.23.27;2Kö 19,26 ). Ungeziefer und Würmer verursachten Mehltau , eine Gelbfärbung der grünen Getreidespitzen. Heuschrecken vernichteten die Blätter von Feigen- und Olivenbäumen (vgl. Joe 1,1-7 ). All dies aber brachte sie nicht nur Umkehr.



Am 4,10


Krieg brachte Pest und Tod über das Volk. Als ganze Bevölkerungen von Städten in den Stadtmauern eingeschlossen oder in Lagern versammelt waren, brachen ansteckende Krankheiten aus und verbreiteten sich rasch. Die Erwähnung von Ägypten hat einige Ausleger dazu gebracht zu denken, daß die "Plagen" denen ähnlich sind, die Ägypten während der Zeit des Exodus getroffen hatten (vgl. 2Mo 9,1-7 ). Aber aufgrund der miltitärischen Szenen, die in Am 4,10 erwähnt sind, und weil das Wort "Plagen" auch für epidemieartige Erkrankungen unter den Menschen stehen kann ("Pest"; vgl. 2Mo 5,3; 9,15; 3Mo 26,25; Jer 14,12; 21,7.9; Hes 5,17; 14,19 ), ist es am wahrscheinlichsten, daß hier von der Beulenpest die Rede ist, die durch Fliegen von Ratten auf Menschen übertragen wird. Die Erwähnung von Ägypten sollte am besten im Sinne von "wie jene, die in Ägypten vorkommen" verstanden werden, da es sich hier um Plagen handelt, die in bestimmten Abständen immer wieder dieses Land heimsuchten.

Während der Kriege tötete Gott (d. h. brachte den Feind dazu, zu töten) dessen starke junge Männer , die Elite seiner Kampfestruppe. Seine Pferde, die Stärke seiner Streitwagen, wurden gefangengenommen . Wegen des Gemetzels, das stattgefunden hatte, erfüllte der Gestank von kranken und toten Körpern seine Lager. Aber dennoch kehrte Israel nicht um zu dem Herrn.



Am 4,11


Schließlich zerstörte Gott einige von dessen Städten mit der gleichen feurigen Zerstörung, mit der er auch Sodom und Gomorra heimgesucht hatte (vgl. 1Mo 19,23-29; 5Mo 29,22-23 ). Die militärische Vernichtung einiger Städte war so gründlich gewesen, daß sie aufgehört hatten zu bestehen. Das ganze Volk war gefährlich nahe an den Rand der Vernichtung gekommen und nur knapp entronnen, so wie ein brennendes Scheit aus dem Feuer gerissen wird. Aber auch dies war vergeblich gewesen.



Am 4,12


Deshalb, weil Israel diesen Züchtigungen widerstanden und mit seiner sündigen Rebellion weitergemacht hat, wird Gott das Urteil der Vernichtung über es sprechen. Dies ist, was ich dir tun werde bezieht sich auf Gottes vernichtenden Schlag gegen das Land, wie er in Am 3,11-15 angekündigt ist. Das Volk soll sich für diesen furchtbaren Augenblick bereitmachen - bereite dich, deinem Gott zu begegnen, o Israel.

Manche verstehen das Wort "bereite" als eine Ermahnung, vor der endgültigen Katastrophe doch noch umzukehren. Da es jedoch häufig im Blick auf Kriegsvorbereitungen benutzt wird (vgl. Spr 21,31; Jer 46,14; Hes 38,7; Nah 2,4.6 ), ist "bereite dich, deinem Gott zu begegnen" wohl eher eine militärische Aufforderung zu einer furchtbaren Konfrontation. Israel muß dem endgültigen Gericht Gottes entgegensehen.



Am 4,13


Amos vergleicht das furchterregende Nahen Gottes im Gericht mit dem Dunkelwerden vor einem Sturm. Der, der die Berge geformt und den Wind geschaffen hat, bedeckt nun diese Höhen mit Wolkentürmen. Die frühe Morgenröte weicht schwärzester Finsternis durch die dunklen Wolken, die die Erde verhüllen. Blitze und Donner sind Zeichen von Gottes "Fußtritten", wie er auf seinem Marsch gegen die Hauptstadt des Nordreiches von einem Hügel zum anderen schreitet (vgl. Mi 1,3-5 ). Gott hat seine Gedanken dem Menschen offenbart, sein Vorhaben des Gerichtes ist bekanntgemacht worden ( Am 3,7 ). Nun kommt er als der HERR, Gott Zebaoth (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,13 ), Befehlshaber über alle Mächte des Himmels und der Erde, über sie. Ihr Gericht ist unausweichlich.



C. Die dritte Botschaft
( 5,1 - 17 )


Die dritte (V. 1 - 17 ) und die vierte (V. 18 - 27 ) Botschaft von Amos sind so gegliedert und nebeneinandergestellt, daß dadurch eine große Wahrheit deutlich wird: Das Volk wird durch seinen mächtigen, souveränen Gott gerichtet werden, aber einzelne können noch immer umkehren und dürfen leben.

Beide Botschaften haben eine chiastische Struktur, in der die Themen zunächst dargelegt und dann in umgekehrter Form noch einmal wiederholt werden:

a. Thema eins

b. Thema zwei

c. Thema drei

c1. Thema drei (wiederholt)

b1. Thema zwei (wiederholt)

a1. Thema eins (wiederholt)

Manchmal bleibt das Mittelthema auch unwiederholt. Dieses Mittelthema (ob wiederholt oder nicht) ist dabei die Hauptaussage des Abschnittes. In der dritten Botschaft von Amos ist diese Hauptaussage die Macht und Souveränität Gottes:

a. Die Beschreibung des sicheren Gerichtes ( Am 5,1-3 )

b. Der Ruf zur persönlichen Umkehr ( Am 5,4-6 )

c. Die Anklage gegen juristische Ungerechtigkeit ( Am 5,7 )

d. Der souveräne Gott ( Am 5,8-9 )

c1. Die Anklage gegen juristische Ungerechtigkeit ( Am 5,10-13 )

b1. Der Ruf zur persönlichen Umkehr ( Am 5,14-15 )

a1. Die Beschreibung des sicheren Gerichtes ( Am 5,16-17 )

Die Hauptaussage der vierten Botschaft ist die Einladung an einzelne, zu Gott umzukehren:

a. Die Beschreibung des sicheren Gerichtes ( Am 5,18-20 )

b. Die Anklage der religiösen Heuchelei ( Am 5,21-22 )

c. Der Ruf zur persönlichen Umkehr ( Am 5,23-24 )

b1. Die Anklage der religiösen.Heuchelei ( Am 5,25-26 )

a1. Die Beschreibung des Gerichtes ( Am 5,27 )

Diese beiden Botschaften machen gemeinsam eine große Wahrheit deutlich: Der allmächtige, souveräne Gott wird das Volk als Ganzes wegen dessen juristischer Ungerechtigkeit und religiösen Heuchelei richten, aber er bietet jedem Menschen, der umkehrt und ihn sucht, das Leben an.



1. Die Beschreibung des sicheren Gerichtes
( 5,1 - 3 )


Am 5,1


Amos ruft die Menschen auf, sein Klagelied über ihren Tod zu hören. Ein "Klagelied" war gewöhnlich ein Gedicht der Trauer, das bei der Beerdigung eines Verwandten, eines Freundes oder eines Herrschers gesungen wurde (vgl. 2Sam 1,17-27;3,33-34; 2Chr 35,25 ). Obwohl Israel unter Jerobeam II. eine Blütezeit erlebte, ist sein Gericht so sicher, daß Amos seinen Untergang beklagt, als wäre er bereits geschehen. Für seine Zuhörer mußte dieses Klagelied so schockierend sein, als würde man seine eigene Todesanzeige in der Zeitung lesen.



Am 5,2


Die Jungfrau Israel ist gefallen . Dieses Volk, das sich selbst als auf der vollen Blüte seiner jugendlichen Kraft befindlich ansah, ist vor der Zeit durch einen gewaltsamen Tod umgebracht worden. "Gefallen" in Beerdigungsliedern bedeutet "gefallen durch das Schwert" (vgl. 2Sam 1,19.25.27; 3,34; Kl 2,21 ). Es ist in seinem eigenen Land im Kampf gestorben. Sein Leichnam liegt unbeachtet da, selbst von Gott verlassen . Das Wort "verlassen" wird oft im Blick auf Gott benutzt, der sein Volk verwirft oder verläßt ( Ri 6,13; 2Kö 21,14; Jes 2,6 ). Es ist niemand da, der es aufheben könnte , niemand, der es zum Leben erwecken könnte. (Vgl. 1Sam 2,6; Hos 6,2; Am 9,11 ,wo ebenfalls "aufheben", wörtl.: "aufrichten", benutzt wird, um zu beschreiben, wie Gott zum Leben erweckt.) Da der Gott, der helfen könnte, es verlassen hat, ist Israel gefallen, um niemals wieder aufzustehen .



Am 5,3


Seine Armeen sind dezimiert. Die Stadt , aus der tausend , und die, aus der hundert Männer in den Kampf gezogen sind (vgl. 1Sam 17,18; 18,13; 22,7; 18,1.4 ), wird nur ein Zehntel davon wieder aus dem Krieg zurückkehren sehen. Ein Heer konnte auch trotz eines Verlustes von 50% noch kämpfen ( 1Sam 18,3 ), aber wenn 90% erschlagen waren, so war dies das Todesurteil für das Volk. Amos klagt darüber, daß Israel aufhören würde zu existieren.



2. Der Ruf zur persönlichen Umkehr
( 5,4 - 6 )


Am 5,4-5


Das Gericht über das ganze Volk ist sicher, aber einzelne können dennoch Gott suchen und leben (vgl. V. 6 ). Sie sollen ihn jedoch nicht bei den Heiligtümern suchen, denn diese sind dem Untergang geweiht. Vgl. die Anmerkungen zu Bethel und Gilgal in Am 3,14; 4,4 . Beerscheba lag im Süden des Gebietes von Juda. Offenbar zogen die Israeliten des Nordreiches bis dort hinunter, um an einem Schrein zu opfern, der den Patriarchen zugeschrieben wurde (vgl. 1Mo 21,31-33; 26,23-25; 46,1-4 ). Gilgal , die Gedenkstätte an den Einzug in das Land ( Jos 4 ), wird zu einem Symbol für das Exil aus dem Land werden. Bethel, das "Haus Gottes", wird zu "Bet-Awen" werden, was übersetzt " Haus des Nichts " oder "Haus der Geister" bedeutet. Im Hebräischen wurde der letzte Teil des Ortsnamens, "El", was "Gott" bedeutet, von Amos zu "Awen" geändert (vgl. Hos 4,15; 5,8; 10,5 ), was "nichts, leer, ohne Dasein" bedeutet, ein Wort, das häufig benutzt wird, um die ohnmächtigen Geister der Gottlosigkeit zu bezeichnen (vgl. Jes 41,22-24.28-29 ). Dieser Sarkasmus sollte die Menschen aufrütteln.


Am 5,6


Der Befehl, den HERRN zu suchen (vgl. V. 4 ), will die Menschen dazu führen, zu ihm umzukehren, nicht in irgendeiner Form des Gottesdienstes, sondern dadurch, daß sie Gutes tun und das Böse hassen (vgl. V. 14 - 15 ). Die das tun, werden leben: Wenn das unstillbare und verheerende Feuer des Angreifers durch das Haus Josef (das Nordreich) lodert, werden die, die Gott gesucht haben, in Barmherzigkeit verschont werden (V. 15 ).



3. Die Anklage gegen juristische Ungerechtigkeit
( 5,7 )


Am 5,7


Vers 7 steht grammatisch und inhaltlich neben Vers 10 - 13 . Die Verse 8-9 sind eingefügt, um Gottes furchtbare Macht zum Gericht zu zeigen. Vgl. die Anmerkungen unter "C. Die dritte Botschaft ( Am 5,1-17 )".

Ein Grund für das Gericht Gottes ist die Korruption, die an den Gerichtshöfen Einzug gehalten hat. Hohe Richter haben Recht in Bitterkeit verwandelt und Gerechtigkeit zu Boden geworfen . Alle juristischen Handlungen, die einen Gerichtshof dazu befähigen, zu erklären, wer oder was in einem bestimmten Fall recht hat, sollten dazu dienen, daß das "Recht" zum Zuge kommt. "Gerechtigkeit" ist das Verhalten von jemand, der dieses Ziel verfolgt, der denen, die in dem Verfahren beteiligt sind, ihr "Recht" zukommen läßt. Ein Gerechter ist bereit, jeden Unschuldigen zu verteidigen, der fälschlicherweise angeklagt worden ist. Gerechtigkeit ist die Aktion, Recht das Endergebnis.

Für den Bedürftigen zu tun, was "recht" und "gerecht" ist, ist die Krone des menschlichen Verhaltens ( Spr 1,3;2,9;8,20; Jes 1,21;5,7;28,17 ) und beweist ein besonderes Verhältnis zu Gott ( 1Mo 18,19; Ps 72; Jer 22,15-17 ). Recht und Gerechtigkeit sind grundlegender als Opfer und äußerer Gottesdienst ( Spr 21,3; Am 5,23-24 ). Nirgendwo sind Gerechtigkeit und Recht entscheidender als vor Gericht. Hier können die schwächeren Glieder der Gesellschaft, jene ohne Geld oder Einfluß, Schutz vor ihren Unterdrückern erhalten und Unparteilichkeit unter dem Gesetz finden.

Aber Israel hat durch das Gift der Habgier die Gerechtigkeit in "Bitterkeit" verwandelt - wörtl.: "Wermut", eine kleine Pflanze, die für ihren bitteren Geschmack bekannt ist und häufig mit Gift assoziiert wird (vgl. Am 6,12; 5Mo 29,17; Jer 9,14; 23,15 ). Das Rechtssystem, das eigentlich wie eine medizinische Heilpflanze sein sollte, das die Vergehen heilen und den Unterdrückten helfen sollte, ist selbst zu einem tödlichen Gift geworden. Die Beschreibung, wie sich dieses Gift ausbreitet, wird in Am 5,10-13 fortgesetzt.



4. Der souveräne Gott
( 5,8 - 9 )


Am 5,8-9


Inmitten dieser Anklagen gegen die Schuld der Menschen zeigt uns Amos Gott als den, der die Abläufe des physischen Universums steuert und deshalb ganz gewiß auch über die Ungerechtigkeiten des Menschen siegen wird.

Er, der das Siebengestirn und den Orion macht (vgl. Hi 9,9;38,31- das Sichtbarwerden des Siebengestirns vor dem Tagesanbruch ist ein Zeichen für die Rückkehr des Frühlings, während der Orion, wenn er nach Sonnenuntergang zu sehen ist, auf den Beginn des Winters hindeutet), er, der den 24 - stündigen Kreislauf von Tag und Nacht beherrscht und Finsternis in Morgenröte und Tag in Nacht verwandelt, er, der die Elemente der Natur kontrolliert, der die Wasser durch Verdunstung aus dem Meer sammelt und sie über dem Land ausregnen läßt - dieser große und souveräne Gott ist auch der Bundesgott Israels. Der HERR (Yahweh) ist sein Name . Er wird ihre Untreue richten.

Dieser Gott, dessen Herrschaft im Himmel unbestritten ist, ist auch auf der Erde unbegrenzt in seiner Macht. Nichts kann sich seiner Zerstörung widersetzen - weder die mächtigste Festung noch die am besten befestigte Stadt .


Amos

5. Die Anklage gegen juristische Ungerechtigkeit
( 5,10 - 13 )


Am 5,10-13


Die Verse 10-13 setzen die Anklage, die in Vers 7 begonnen wurde, fort. Innerhalb des großen Chiasmus der Verse 1 - 17 bilden Vers 10 - 13 ihren eigenen kleinen Chiasmus:

a. Einschüchterung des Gerechten

a. (V. 10 )

a. b. Mißbrauch des Armen

a. b. (V. 11 a)

a. b. c. Gericht über die Sünde

a. b. c. gegen den Bund

a. b. c. (V. 11 b - 12 a)

a. b1. Mißbrauch des Armen

a. b1. (V. 12 b)

a1. Einschüchterung des Gerechten

a1. (V. 13 )

Weil sie ihren Profit auf ungesetzliche Weise durch die Gerichte durchsetzen wollen, hassen sie jeden gerechten Richter, der ihre Ungesetzlichkeit ablehnt, und alle gerechten Zeugen, die die Wahrheit sagen und den Unschuldigen verteidigen (V. 10 ; vgl. die Anmerkungen zu V. 7 ). Ihre Gehässigkeit und ihre Einschüchterungsversuche sind so schlimm, daß viele es für klug halten, in solchen Zeiten zu schweigen (V. 13 ).

Nachdem sie so keinen Tadel und keine Gegenwehr mehr zu fürchten brauchen, suchen sie sich korrupte Richter, die Bestechungsgelder nehmen und den Armen des Rechts berauben (V. 12 b; im Gegensatz zu dem Gesetz des Bundes aus 2Mo 23,8; 5Mo 16,18-20 ; vgl. 1Sam 12,3 ). Reiche Grundstücksbesitzer manipulieren geschickt die juristischen Verfahren, um den Armen zu Boden zu treten , die Herrschaft über seine Felder zu bekommen und ihn zu zwingen , ihnen eine große Abgabe an Korn zu geben, nachdem sie ihn zu einem Pächter auf seinem eigenen Land gemacht haben ( Am 5,11 a; im Gegensatz zu dem Gesetz des Bundes aus 2Mo 23,2.6 ; vgl. Am 2,6-7; 4,1; Jes 10,1-2 ).

Aber Gott weiß, wie viele Übertretungen ( peSaZ , "Bundes-Übertretungen"; vgl. die Anmerkungen zu Am 1,3 ) sie begehen. Er weiß, wie groß ihre Sünden sind (wörtl.: ihre Taten der "Zielverfehlung" gegenüber seinem Maßstab). Deshalb, obwohl sie sich Steinhäuser gebaut haben , die Königen angemessen wären, und feine Weinberge auf den Feldern gepflanzt haben , die einmal kleinen Bauern gehört haben, werden sie weder in ihren Häusern leben noch den Wein trinken ( Am 5,11 b - 12 a). Ihr Suzerän (Bundesherr), Gott selbst, wird die Bundesstrafen gegen ihren Ungehorsam herbeiführen ( 5Mo 28,30.38-40 ; vgl. Mi 6,14; Zeph 1,13 ; siehe auch die Anmerkungen zu Am 1,2; 4,6 ). Ihre Habgier wird mit einer ganz treffenden Strafe vergolten werden: So wie sie den Armen beraubt haben, wird Gott sie berauben.



6. Der Ruf zur persönlichen Umkehr
( 5,14 - 15 )


Am 5,14-15


Es gibt jedoch immer noch die Möglichkeit für einzelne, sich von dem sündigen Volk zu trennen (vgl. V. 4 - 6 ). Wenn die Menschen das Gute suchen, nicht das Böse , dann könnten sie leben. Wenn sie sich gegen die herrschende Korruption stellen würden - wenn sie das Böse hassen anstatt den Gerechten (V. 10 ), wenn sie die Gerechtigkeit bewahren in den Gerichten statt sie niederzutreten (V. 11 - 12 ) - dann wird der HERR, Gott Zebaoth , der große Kriegsherr und Bundespartner (siehe die Anmerkungen zu Am 3,13 ), ihr Verteidiger sein, nicht ihr Richter. Er wird wirklich mit ihnen sein , so wie sie behauptet hatten, daß er es sei.

"Der Herr ist mit uns" war Israels Ruf der Zusicherung, daß sein mächtiger Gott für es im Krieg kämpfen ( 4Mo 23,21; 5Mo 20,4; 31,8; Ri 6,12; Jes 8,10; Zeph 3,15.17 ) und es in der Not verteidigen würde ( Ps 23,4; 46,8.12 ). Aber zur Zeit von Jerobeam II. war dieser Ruf zu einer leeren Phrase geworden. Amos macht klar, daß diese Versicherung eine Täuschung ist. Das schuldige Volk ist von Gott verlassen (vgl. Am 5,2 ). Sein äußerer Wohlstand führt es in die Irre und spiegelt ihm eine falsche Sicherheit vor (vgl. Am 6,3; 9,10; Mi 3,11 ). In Wirklichkeit ist er nur ein kurzes Aufatmen, bevor sein Suzerän (Bundesherr) es im Gericht hinwegwischen wird.

Wenn jedoch auch nur eine Handvoll umkehren und von Herzen den Herrn suchen würde, dann hätte Gott vielleicht Erbarmen mit diesem kleinen, bußfertigen Überrest des Nordreiches, hier Josef genannt (vgl. die Anmerkungen zu Am 9,8-15 ,wo es um die Erfüllung dieser Aussage geht).



7. Die Beschreibung des sicheren Gerichtes
( 5,16 - 17 )


Am 5,16-17


Amos schließt diese dritte Botschaft, indem er noch einmal auf sein einleitendes Klagelied und dessen erschreckende Todesstatistik zurückkommt (V. 1-3 ). Nachdem der HERR, Gott Zebaoth (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,13 ), ihre Heere dezimiert hat, werden im ganzen Land Beerdigungen stattfinden. Überall wird man Heulen und Aufschreie des Leids in den Städten ( Am 5,16 ) und auf den Feldern (V. 17 ) hören. Es werden so viele tot sein, daß es nicht mehr genügend professionelle Klagende zum Trauern gibt; man wird die Bauern auch noch von ihren Feldern holen, um zu weinen. (Die Armen, die das Unrecht erlitten hatten, werden herbeigerufen, um über ihre Unterdrücker zu klagen!) In den Weinbergen, oft Orte des Lachens und der Erntefreude ( Jes 16,10 ), wird man nur noch Heulen hören (vgl. Am 5,16 ). Das Trauern unter all den Gebäuden der Stadt und all den Weinbergen auf dem Feld wird den Urteilsspruch des Gerichtes Gottes erfüllen (vgl. V. 11 ).

Heulen wird das Land erfüllen, weil Gott durch seine Mitte hindurchzieht . Sein Gott, der einst "über" Israel wachte und "durch" Ägypten zog ( 2Mo 11,4-7; 12,12-13 ), wird nun "durch" es mit einem ähnlichen Auftrag des Todes "hindurch"-ziehen.



D. Die vierte Botschaft
( 5,18 - 27 )


In dieser vierten Botschaft macht Amos deutlich, daß "der Tag des Herrn" wegen der religiösen Heuchelei Israels zu einem Tag der Wegführung und des Exils werden wird, nicht zu einem Tag der Erhöhung. Einzelne, die bußfertig umkehren, können diesem Unglück jedoch entkommen. Siehe auch die Anmerkungen unter "C. Die dritte Botschaft ( Am 5,1-17 )" in bezug auf die chiastische Struktur von Vers 18 - 27 .



1. Die Beschreibung des sicheren Gerichtes
( 5,18 - 20 )


Am 5,18


Wehe ( hNy vgl. Am 6,1 ) war gewöhnlich der Ausruf der Trauer über einen Toten (vgl. 1Kö 13,30; Jer 22,18; 34,5 ). Wenn ein solches "Wehe" über einen Lebenden ausgesprochen wurde, war es eine Todesankündigung (vgl. Am 6,1; Jes 5,8-24; 10,1-4; Mi 2,1-5 ; vgl. die Anmerkungen zu Am 5,1 ) oder ein Ausruf der Bedrückung angesichts eines gegenwärtigen oder kommenden Unheils (vgl. die Anmerkungen zu Jes 3,9; Jes 6,5 ).

Das "Wehe" hier richtet sich an die, die sich sehnsüchtig nach dem Tag des HERRN ausstrecken. Amos warnt sie, daß ihr Verlangen irregeleitet ist, denn dieser Tag wird ein Tag der Finsternis, nicht des Lichts sein (vgl. Am 5,20 ).

Im Denken Israels war "der Tag des Herrn" die Zeit des gesammelten Zornes Gottes über seine Feinde, der Tag, an dem sein mächtiger Bundesherr für es kämpfen würde ( Jes 34,1-3.8; Jer 46,10 ). An diesem Tag, so dachte es, würde Gott seinen Zorn den gottlosen Nationen zuwenden und die mit Unheil und Tod bestrafen, die seinem Volk gedroht hatten ( Zeph 3,8; Sach 14,1-3 ). An diesem Tag würde Israel für immer aus allen Gefahren gerettet werden und unter den Völkern der Welt erhöht sein ( Jes 24,21-23; Joe 4 ).

Die Zuhörer von Amos warteten sehnsüchtig auf diesen Tag. Dabei erkannten sie aber nicht, daß sein Schrecken nicht nur auf die Nationen, sondern auch auf sie fallen würde. Die Israeliten dachten fälschlicherweise, daß ihr Bundesgott "mit" ihnen sei (vgl. die Anmerkungen zu Am 5,14 ) und daß er an diesem Tag ihre Feinde auslöschen werde. Die Wahrheit aber ist, so macht Amos deutlich, daß Israel selbst zum Feind Gottes geworden ist. Sein ständiges Sündigen gegen seinen Bund hat es zu einem seiner Widersacher gemacht. "Der Tag des Herrn" wird daher nicht der erwartete Tag der großen Freude sein. Es wird vielmehr der Tag sein, an dem der Suzerän (Bundesherr) sich an den Aufrührern in seinem Reich rächen wird (vgl. Am 8,9-10; 9,1-10 ).



Am 5,19


Ihre Erfahrungen an diesem Tag werden wie die eines Mannes sein, der vor einem Löwen wegläuft und einen Bären trifft. Irgendwie gelingt es ihm, auch dieser zweiten Gefahr zu entkommen und in sein Haus zu fliehen, wo er seine Hände voller Erschöpfung und Erleichterung gegen die Mauer lehnt . Aber dann, in der scheinbaren Sicherheit seines Hauses, beißt ihn eine giftige Schlange . So wird auch Israel keinen Ruheort finden vor dem Gericht Gottes.



Am 5,20


Der Tag des HERRN , so wiederholt Amos (vgl. V. 18 ), wird ein Tag der Finsternis, nicht des Lichts sein ( Joe 2,1-2.10-11; Zeph 1,14-15 ), ein Tag der Dunkelheit, ohne einen hellen Strahl oder die Andeutung einer Hoffnung.

Die Propheten des Alten Testamentes sprechen noch von einem anderen, helleren "Tag des Herrn", einem Tag nach der Gefangenschaft, wenn ein gehetzter und verarmter Überrest in das Land zurückkehren wird, ein Tag, an dem Gott das Geschick seines Volkes wenden und dessen Herzen zu ihm kehren wird ( Jer 30,8-11; Hos 2,18-25; Am 9,11-15; Mi 4,6-7; Zeph 3,11-20 ).

Amos

2. Die Anklage der religiösen Heuchelei
( 5,21 - 22 )


Am 5,21-22


Gottes brennender Zorn richtet sich im wesentlichen gegen die religiöse Heuchelei Israels. Er haßt, er verachtet (die Wiederholung macht die Stärke und Vehemenz deutlich) dessen religiösen Feste - die drei Pilgerfeste der ungesäuerten Brote, der Ernte (das Fest der Wochen) und der Einsammlung (Laubhütten), die jährlich im Heiligtum gefeiert wurden ( 2Mo 23,14-17; 34,18-24; 3Mo 23; 5Mo 16,1-17 ). Er kann die Opfer dessen Versammlungen nicht ertragen (wörtl.: "riechen"). Obwohl es ihm ständig Brandopfer ( 3Mo 1 ) und Speiseopfer ( 3Mo 2 ) bringt, wird er diese nicht als wirkliche Opfer annehmen . Obwohl es fette Dankopfer ( 3Mo 3 ) bringt, mag er diese nicht ansehen . Alle Teile dessen religiösen Gottesdienstes sind ihm ein Greuel (vgl. die Anmerkungen zu Am 4,4-5 ).

Amos

3. Der Ruf zur persönlichen Umkehr
( 5,23 - 24 )


In Vers 23 - 24 stehen die Verben "Tu weg" und "laß strömen" im Singular, während in Vers 21 - 22 die Pronomen "euer" und "euch" Plural sind. Dies zeigt einen Übergang von der nationalen Anklage (V. 21 - 22 ) zu der persönlichen Einladung (V. 23 - 24 ) auf.



Am 5,23


Gott fordert die Menschen auf, das beschwerliche Geplärr ihrer Loblieder weg zu tun. Er will auf die begleitende Musik ihrer Harfen nicht hören . Er hat seine Nase verschlossen (wie in V. 21 b gesagt), und er wird auch seine Ohren verschließen.



Am 5,24


Statt Ritual und Äußerlichkeit möchte Gott eine herzliche Hingabe an Recht und Gerechtigkeit (vgl. die Anmerkungen zu V. 7 ). Er möchte ein barmherziges Bemühen um die Rechte der Armen, ein Bemühen, das wie ein immer fließender Fluß strömt, wie ein nie versiegender Strom , der nicht austrocknet. Gott will ein alltägliches Leben, das vor Lauterkeit und Güte überfließt. Nur solch ein äußerer Beweis innerer Gerechtigkeit könnte den Israeliten die Möglichkeit eröffnen, am Tag des Herrn zu überleben (vgl. V. 6.14 - 15 ).



4. Die Anklage der religiösen Heuchelei
( 5,25 - 26 )


Am 5,25


Gott kommt wieder zurück auf seine Anklage gegen die religiöse Heuchelei Israels. Er macht deutlich, daß die Opfer und Rituale in der Geschichte des Volkes immer wieder eine Beleidigung gegen ihn waren. Von Anfang an war dessen Gottesdienst irregeleitet. Oft ging es dabei nicht um ihn, sondern um ein goldenes Kalb, um die Sonne, den Mond oder die Sterne, und auch dem Moloch und anderen falschen Göttern hat es in den vierzig Jahren in der Wüste Opfer und Gaben gebracht (vgl. die Erwähnung von Am 5,25-27 von Stephanus in Apg 7,39-43 ).



Am 5,26


Seit dieser Zeit ist dessen Gottesdienst immer tiefer hinabgesunken. Es hat angefangen, die "Himmelskörper" anzubeten ( Apg 7,42; 2Kö 21, 3-5; 23,4-5; Jer 8,2; 19,13; Zeph 1,5 ), und durch all dies sein Bundesgesetz gebrochen ( 5Mo 4,19; 17,3 ). Es trug den Schrein seiner falschen Gottheit (seines Königs ), erhöhte die Sockel , auf denen seine Götzen standen, und hielt das Sternensymbol seines Gottes hoch. Die Worte "Schrein" und "Sockel" könnten auch mit "Sakkut" und "Kewan" wiedergegeben werden (Luther-Übers.), ausländische Götter, die mit dem Sternenhimmel, besonders mit dem Planeten Saturn, verbunden wurden.



5. Die Beschreibung des sicheren Gerichtes
( 5,27 )


Am 5,27


Wegen diesem Götzendienst und der heuchlerischen Frömmigkeit wird Gott Israel in das Exil senden, jenseits von Damaskus, nach Assyrien hin (vgl. Am 4,3 ). Der Schrecken des "Exils" war mehr als der Zusammenbruch der Niederlage und die Schande der Gefangennahme. Für Israel bedeutete es, aus dem Land der Verheißung vertrieben zu werden, dem Land der Gegenwart Gottes. Das Exil war eine Art Exkommunikation. Dies ist das Gericht des höchsten Herrn, des mächtigen Suzerän (Bundesherrn), dessen Bund es verachtet und gebrochen hat (vgl. Am 3,13 zu Gott Zebaoth ).



E. Die fünfte Botschaft
( Am 6 )


In dieser fünften Botschaft zeigt Amos erneut die Gründe auf, die zu dem Gericht über Israel führen, und macht deutlich, daß Gott sowohl das Südreich wie auch das Nordreich (V. 1.14 ) verwüsten wird, zum Teil wegen ihrer prahlerischen Selbstzufriedenheit und ihrem Schwelgen im Luxus.



1. Ihre prahlerische Selbstgefälligkeit
( 6,1 - 3 )


Am 6,1


Erneut wird ein Wehe ausgesprochen (vgl. die Anmerkungen zu Am 5,18 ), dieses Mal gegen die, die in Zion selbstzufrieden sind und die sich auf dem Berg Samaria sicher fühlen. Amos schließt Zion, die Hauptstadt des Südens, in seine einleitende Klage mit ein, denn auch das Südreich hat begonnen, den Zorn Gottes zu reizen. In dem restlichen Teil der Botschaft wendet er sich jedoch nur noch gegen den sorglosen Stolz des Nordreiches.

Die Führer von Samaria halten sich selbst für die ehrenwerten Männer der vornehmsten Nation . Ihr Volk nahm militärisch und wirtschaftlich eine führende Rolle ein, und sie waren dessen vornehmste Bürger. Das ganze Volk Israel schaute zu ihnen auf und erwartete von ihnen Leitung und politische Führung.



Am 6,2


Gott aber weist diese stolzen Männer an, zu Städten zu gehen, die sich einst ebenfalls für groß gehalten hatten, und von ihrem Untergang zu lernen. Kalne (in Jes 10,9 auch Kalno genannt) und Hamat waren zwei Stadtstaaten im nördlichen Aram. Sie waren durch die Assyrer unter Salmanasser III. 854 - 846 v. Chr. überrannt worden. Gat, eine Stadt der Philister , war 815 v. Chr. durch Hasael, den König von Aram, und dann noch einmal 760 v. Chr. durch Usija, den König von Juda ( 2Kö 12,18; 2Chr 26,6 ; vgl. die Anmerkungen zu Am 1,6 ), zerstört worden. War Israel etwa besser darauf vorbereitet, einen Angriff abzuwehren, als diese mächtigen Königreiche? Nein. War ihr Land größer als das Israels? Ja. Diese Städte und ihre umliegenden Gebiete waren größer als das stolze Samaria, aber auch sie hatten das Unheil nicht abwehren können.



Am 6,3


Israel, das arrogant und töricht auf seine eigene Tapferkeit vertraut (vgl. V. 13 ), glaubt, von dem bösen Tag weit weg zu sein . Spöttisch weist es jeden Gedanken an das kommende Unheil weit von sich. Dennoch nähert es sich durch sein sündiges Tun immer mehr einer Schreckensherrschaft . Das Wort "Schreckensherrschaft" ist eine sehr zutreffende Beschreibung der letzten Jahre der Geschichte Israels, bevor es durch Assyrien in die Gefangenschaft geführt wurde ( 2Kö 15,8-17,6 ). In den 31 Jahren nach Jerobeam II. hatte Israel sechs Könige, von denen drei durch einen politischen Umsturz und Mord an die Macht kamen. Der Schrecken und die Gewalttätigkeit jener Zeit wird in den Grausamkeiten deutlich, von denen 2Kö 15,16 berichtet.



2. Ihr Schwelgen im Luxus
( 6,4 - 7 )


Am 6,4-6


Statt nun auf die Warnungen des Propheten vor dem Gericht zu hören, fallen die Führer Samarias in eine immer stärker werdende Sucht nach Vergnügen. Sie liegen auf teuren Betten, dessen Holz mit Elfenbein verziert ist (vgl. Am 3,15 ). Bei ihren opulenten Festen "räkeln" sie sich auf ihren Ruhebetten . Das hebräische Wort für räkeln ( sAraH ) trägt die Bedeutung eines trägen Zustandes der Zufriedenheit oder Betrunkenheit in sich. Sie essen Köstlichkeiten - auserlesene Lämmer und fette Kälber -, das wohlschmeckendste und zarteste Fleisch, das sie bekommen können. In ihrem betrunkenen Hochmut halten sie sich für Musiker wie David, wenn sie versuchen, bei ihren Festen Lieder zu erdichten. Aber von David sind sie weit entfernt! Sie sind nicht damit zufrieden, Wein aus Bechern zu trinken , sie genießen ihn in Schalen . Nur die feinsten Öle sind für ihre Haut gut genug.

Ihnen geht es nur um ihr eigenes, luxuriöses Leben. Sie trauern nicht über den kommenden Ruin von Josef , dem Nordreich (vgl. Am 5,6.15 ). Der drohende Untergang des Volkes interessiert sie nicht.



Am 6,7


Deshalb werden sie, die vornehmsten Männer des vornehmsten Volkes (V. 1 ), auch unter den ersten sein, die ins Exil gehen . Ihre Feste und ihre Betrunkenheit werden aufhören. Der Klang der Gelage wird zu bitterer Stille werden, wenn sie in die Gefangenschaft geführt werden.



3. Die vollständige Verwüstung
( 6,8 - 14 )


Am 6,8


Der höchste Herr Israels hat bei sich selbst geschworen und seine ganze Wahrhaftigkeit an einen heiligen Eid gebunden (vgl. Am 4,2; 8,7 ), daß er das Land völlig vernichten wird. Der Stolz des Volkes, mit dem es behauptet, daß das nationale Wohlergehen auf seine eigene Stärke zurückzuführen sei ( Am 6,1-3 ), verachtet er. Jakob ist wie Josef ein Synonym für das Nordreich (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,1.13 ). Gott verachtet die Festungen, die mit den Früchten der Unterdrückung der Armen gefüllt sind (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,9-10 ). Deshalb wird er als großer Suzerän (Bundesherr) und Kriegsherr (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,13 betreffs des Ausdruckes HERR, Gott Zebaoth ) dessen Stadt stürmen und jeden und alles in ihr übergeben.



Am 6,9-10


So völlig wird Gott die Stadt "übergeben", daß selbst, wenn sich zehn Männer in einem Haus verstecken, um dem Schwert zu entkommen, sie durch die Pest sterben werden. Wenn dann ein Verwandter kommt, um die Körper zu verbrennen, wird er so voller Furcht vor dem Tod sein, daß er einen Überlebenden, der sich im Haus versteckt, eilig bitten wird, nicht einmal den Namen des HERRN zu nennen (weder in Klage noch im Zorn über das Blutbad, noch in Lob und Dank für das Überleben). Denn in solch einer Situation könnte das "Nennen des Namens" dessen, der die Stadt so furchtbar zerstört hat, seine Aufmerksamkeit auf den ziehen, den er übersehen hat, so daß auch er sterben müßte.



Am 6,11


Wenn er die Einwohner getötet hat, wird der Eroberer seinen Truppen befehlen, die großen und die kleinen Häuser in Stücke zu schlagen . Die Wohnstätten von reich und arm werden völlig zerstört werden. Alles, was übrig bleibt, ist ein Trümmerfeld.



Am 6,12


Zwei absurde Vergleiche zeigen die völlige Perversion der Führer Israels. Mit Pferden auf Felsen zu rennen oder daß jemand versucht, diese Felsen mit Ochsen zu pflügen , ist unvorstellbar. Aber Israel hat das Unvorstellbare getan! Es hat das Recht zu Gift verwandelt und die Frucht der Gerechtigkeit zu Bitterkeit (vgl. die Anmerkungen zu Am 5,7 ). Das Rechtsverfahren, das zur Gesundheit des Volkes dienen sollte, war zu einem tödlichen "Gift" in seinem Körper geworden. Die "Frucht" der Fairness und Redlichkeit, die erfrischend und köstlich sein sollte, war zu bitterer Galle geworden.



Am 6,13


Israels Führer hielten sich für immun gegenüber dem Unheil, da sie ihre eigene Macht vor Augen sehen konnten (V. 1 - 3 ). Unter Jerobeam II. erlebten sie eine ununterbrochene Reihe von militärischen Siegen ( 2Kö 14,25 ). Sie hatten sogar ihr ganzes Land zurückerobert, das sie östlich des Jordan besessen hatten. Amos aber ändert den Namen von einer der eroberten Städte hintergründig und bewußt um, so daß aus "Lo-Debar" (eine Stadt östlich des Jordan, die in 1Sam 9,4; 17,27 erwähnt wird) Lo-Dabar wird, was übersetzt "nichts" bedeutet. Mit bitterem Sarkasmus nennt er den Namen einer weiteren eroberten Stadt, Karnajim , dessen wörtliche Bedeutung "Hörner" ist, ein Symbol für die "Stärke" eines Stieres. Amos spottet also, daß sie sich über etwas freuen, das doch "nichts" ist, und daß sie fälschlicherweise denken, sie hätten "Stärke" durch ihre eigene Stärke besiegt.



Am 6,14


Ihr Anschein der Unbesiegbarkeit wird durch ihren mächtigen Suzerän (Bundesherr; für Anmerkungen zu HERR, Gott Zebaoth , siehe Am 3,13 ) zerstört werden. Auch Gott wird etwas Unvorstellbares tun - er wird ein Volk gegen seinen eigenen Vasallen aufstehen lassen. Er wird eine Geißel gegen sein eigenes Volk Israel erheben, und es wird "unterdrückt" werden. Das Wort " unterdrückt " weckt erneut ganz bewußt die bittere Erinnerung an Ägypten ( 2Mo 3,9 ) und die Zeit der Richter ( Ri 2,18; 4,3; 6,9; 10,11-12; 1Sam 10,17-18 ). Israel wird wieder in die Sklaverei hinabsteigen. Das ganze Land, das sie so stolz besitzen - von der nördlichen Grenze bei Lebo-Hamat bis zu der Südgrenze von Araba , ein Tal, das sich vom See Genezareth bis hin zum Toten Meer erstreckt ( 2Kö 14,25 ) - wird von den angreifenden Feinden verschlungen werden. Dann wird Israel erkennen, wessen "Stärke" wirklich die Geschicke der Völker bestimmt.



IV. Die Folgen des Gerichtes
( 7,1 - 9,10 )


In den Kap. 3 - 6 hat Amos die Gründe für das Gericht Gottes über Israel gezeigt - juristische Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Ausbeutung, religiöse Heuchelei, Schwelgen im Luxus und stolze Selbstzufriedenheit. Wegen diesen Bundesverletzungen wird "der Herr, Gott Zebaoth", der große Kriegsherr und Suzerän (Bundesherr), an der Spitze seines Heeres seinen rebellischen Vasallen vernichten. (Nur in Am 3-6 erscheint bei Amos der Titel "der Herr, Gott Zebaoth".) Einzelne, die Buße tun, können noch gerettet werden, aber das Volk als Ganzes ist unweigerlich zum Untergang bestimmt.

In Kapitel 7 beginnt Amos, die Folgen dieses kommenden Gerichtes zu beschreiben. In fünf Visionen ( Am 7,1.4.7; 8,1; 9,1 ) zeigt er Gottes völlige Zerstörung des Landes, seiner Gebäude und seiner Bevölkerung.

Für diesen Abschnitt des Buches ( Am 7,1-9,10 ) sind zwei Ausdrücke besonders charakteristisch - "Gott der Herr" ( Am 7,1-2.4 [zweimal] 5-6 ; Am 8,1.3.9.11; 9,8 ) und "mein Volk" ( Am 7,8.15; 8,2; 9,10 ). Als der souveräne Herr über alle Völker ist Gott absolut frei in seinem Tun in seinem ganzen Universum. So ist er auch frei, seinen Willen gegen die Menschen zu erfüllen, die seine besondere Gnade verspottet haben (vgl. Am 3,2 ).



A. Der Heuschreckenschwarm
( 7,1 - 3 )


Am 7,1


In der ersten der fünf Visionen sah Amos, wie Gott Heuschreckenschwärme zubereitete, genau zu der Zeit, in der das Volk am stärksten verwundbar war! (Im Hebräischen wird das Erstaunen des Propheten über diesen Sachverhalt deutlich.) Die Heuschrecken wurden losgelassen über das Land, nachdem der königliche Anteil geerntet war und bevor die zweite Ernte aufgewachsen war . Der König hatte das Recht, die erste Ernte des Korns und Grases für die Tiere seines Militärs zu beanspruchen (vgl. 1Kö 18,5 ). Die "zweite Ernte" - entweder was nach der ersten Ernte noch übrig war oder eine spätere, zweite Aussaat - war das letzte, was in einem Jahr auf den Feldern wuchs, bevor die Sommerdürre alles verdorren ließ. Wenn sie ausblieb, hatten die Menschen bis zur Ernte im nächsten Jahr nichts zu essen.

Ein Heuschreckenschwarm war eine der gefürchtetsten Plagen jener Zeit. Wenn solch ein Schwarm seinen vernichtenden Weg über ein Land zog, verzweifelten die Menschen, denn dies war ein Feind, gegen den sie hilflos waren. Wenn dann die Plage vorüber war, warteten Leiden und Tod durch Hunger auf sie. Dieses Elend war für Israel noch bedeutsamer, denn man wußte, daß Heuschrecken Werkzeuge Gottes waren, durch die er die Bundesverletzungen bestrafte ( 5Mo 28,38.42 ; vgl. Am 4,9; Joe 1,1-7 ).


Amos

Am 7,2


In seiner Vision sah Amos, daß die Heuschrecken die gesamte Vegetation im Land abfraßen - die Pflanzen auf dem Feld wie auch die wilden Pflanzen. Weil er wußte, daß das Volk sterben würde, wenn diese Vision wahr würde, bat Amos Gott den Herrn, dem Volk seine Sünden zu vergeben. Obwohl Israel nicht bußfertig war, obwohl seine Schuld übermächtig war und obwohl die Strafe gerecht war, bat er dennoch Gott, dieses Gericht nicht über das Volk zu bringen. Jakob würde es nicht überleben. Das stolze Volk Jerobeams II. hielt sich zwar für unbesiegbar ( Am 6,1-3.8.13; 9,10 ), aber vor der furchtbaren Macht und dem Zorn Gottes war es in Wirklichkeit so klein , so hilflos, so bedauernswert. Indem er Israel den Namen "Jakob" gab, wollte Amos Gott vielleicht an seine frühere Zusage gegen den Erzvater erinnern, als dieser in Bethel war, einem Ort, der noch immer von seinen Nachkommen verehrt wurde ( 1Mo 28,10-22; Am 3,14; 4,4; 5,5-6; 7,13 ). Jakob wird auch in Am 3,13; 6,8; 7,2.5; 8,7 und Am 9,8 erwähnt.

Amos

B. Das vernichtende Feuer
( 7,4 - 6 )


Am 7,4


In einer zweiten Vision zeigte Gott der HERR Amos einen zweiten Schrecken - ein Gericht durch Feuer . Gott verstärkte die intensive Sommerhitze, bis alles Gras und alle Bäume ganz trocken waren. Dann brachen Feuer aus und verbreiteten sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit in alle Richtungen (vgl. Joe 1,19-20 ). Alle Versuche, dieses flammende Inferno aufzuhalten, waren vergeblich, denn die große Tiefe , die unterirdischen Wasserlager, die alle Quellen speisen ( 1Mo 7,11; 49,25; 5Mo 33,13 ), waren ausgetrocknet . Da die Wasserquellen leer waren, waren auch die Flüsse und Bäche ohne Wasser und die Flammen konnten ungehindert wüten, bis sie das Land vernichtet hatten (vgl. 5Mo 32,22 ).

Amos

Am 7,5-6


Wieder bat Amos Gott, durch die Vision verwirrt, abzulassen , und es reute den HERRN erneut. Auch das Feuer würde nicht das Werkzeug sein, durch das er das Volk bestrafen würde (vgl. die Anmerkungen zu V. 3 ).


Amos

C. Das Bleilot
( 7,7 - 17 )


1. Die Vision
( 7,7 - 9 )


Zum drittenmal wurde dem Propheten eine Vision des Gerichtes gezeigt. Dieses Mal aber war sie unabwendbar.



Am 7,7-8


Der HERR hielt in seiner Hand ein Bleilot . Ein Bleilot war eine Schnur mit einem bleiernen Gewicht, die von Bauleuten benutzt wurde, um Mauern gerade zu bauen. Man benutzte es auch, um bestehende Mauern zu untersuchen und zu sehen, ob sie sich geneigt hatten und eingerissen werden mußten.

Gott legte ein Bleilot (vermutlich das Gesetz des Bundes und seine Forderungen; vgl. Jes 28,17 ) an sein Volk Israel . Das Volk war "im Lot" aufgebaut worden, aber nun war es schief und krumm und mußte eingerissen werden.

Gott schloß jede Möglichkeit einer Bitte seitens des Propheten sofort aus. Die Frage war entschieden, er würde es nicht länger verschonen . Diese Form würde sein Gericht einnehmen (vgl. die Anmerkungen zu Am 7,3.5-6 ).


Amos

Am 7,9


Da es den Test des Bleilotes nicht bestanden hatte, würde die grundlegende "Struktur" des Volkes - in religiöser wie politischer Hinsicht - niedergerissen werden. Die unzähligen Höhen (Heiligtümer auf Hügelspitzen) würden verwüstet werden. Wie "Jakob" (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,13 ) und "Josef" (vgl. Am 5,6.15; 6,6 ) ist auch "Isaak" eine Bezeichnung für das Nordreich. Die großen, offiziellen Heiligtümer der Anbetung, wie Bethel und Gilgal, würden zerstört werden (vgl. Am 3,14; 4,4; 5,5-6; 7,13 ). Das Haus (die politische Dynastie) Jerobeams II. würde unter dem Schlag des Schwertes Gottes einstürzen (vgl. 2Kö 14,29; 15,10 ).


Amos

2. Der Vorfall
( 7,10 - 17 )


Der Vorfall, von dem in Vers 10-17 berichtet wird, ist auf zweierlei Weise untrennbar mit der dritten Vision von Amos verknüpft. Erstens zeigt er die sofortige historische Reaktion auf den Inhalt der Vision. Die Tatsache, daß gewisse Worte sowohl in der Vision als auch in diesen Versen vorkommen, die sonst nirgendwo bei Amos auftauchen (nämlich "Isaak" in Am 7,9.16 ,"Heiligtümer" und "Heiligtum" in V. 9-11 ), macht deutlich, wie eng dieses Ereignis mit der vorausgehenden Offenbarung verknüpft ist.

Zweitens ist der Vorfall mit der Vision verknüpft, denn er stellt ein konkretes Beispiel für den Einsatz des "Bleilotes" dar, hier anhand der Überprüfung eines einzelnen. Die Vision hatte gezeigt, daß die religiösen und politischen Institutionen Israels den Test nicht bestanden hatten und deshalb niedergerissen werden. Nun, in dem Vorfall mit Amazja, kam der Herr und maß zwei einzelne Menschen - der eine ein Prophet, der andere ein Priester. Der eine wurde angenommen, der andere nicht. Der eine hörte und gehorchte der Stimme des Herrn, der andere wollte nicht hören.



a. Die Herausforderung
( 7,10 - 13 )


Am 7,10-13


Als Amos begann, seine Visionen über zerstörte Heiligtümer und verworfene Königsfamilien öffentlich zu verkünden, stellte sich ihm Amazja, der Priester von Bethel , entgegen.

Bethel war eines der beiden Heiligtümer, die von Jerobeam I. errichtet worden waren, als er sich 931 v. Chr. von Jerusalem und dem Königtum dort gelöst hatte ( 1Kö 12,26-33 ). Um die zehn Stämme unter seiner Herrschaft zu versammeln, schuf Jerobeam I. einen neuen Schrein und ein eigenes religiöses System. Durch Kalb, Altar, Priesterschaft und religiöse Feste in Bethel sollte das Nordreich unter Jerobeam I. zu einer stabilen Einheit werden.

In den Tagen von Amos war der Schrein von Bethel das Heiligtum des Königs und der Tempel (wörtl.: "Haus", häufig als Synonym für "Tempel" benutzt; vgl. 1Kö 6; 8,6-66; 2Chr 1,18 ) des Königreiches ( Am 7,13 ). Hier war der Ort, an dem Jerobeam II. anbetete, aber noch entscheidender war, daß Bethel zum religiösen Symbol geworden war, das mit der politischen Verpflichtung des Königreiches eins war. So wie der Tempel in Jerusalem die Verehrung der davidischen Königsherrschaft bedeutete, so sollte die Existenz von Bethel Gottes Bestätigung und Unterstützung der Monarchie des Nordens sein. Wer also Bethel und seine Gottesdienste ablehnte (vgl. Am 3,14; 4,4-5; 5,5-6.21-26 ; siehe auch Am 7,9; 9,1 ), griff das Fundament des Königreiches an.

Amazja war offenbar der Hauptpriester von Bethel und für Gottesdienst und Personal verantwortlich (vgl. Jer 20,1-2; 29,26 ). Als er die prophetischen Worte von Amos gegen das Heiligtum und das Königtum hörte, schickte Amazja eine Botschaft zu Jerobeam und klagte Amos an, eine Verschwörung gegen den König inmitten des Nordreiches zu planen. Er warnte Jerobeam, daß das Land solche ständigen Botschaften des Unterganges nicht ertragen könne: Die Menschen würden entmutigt werden, oder es würden früher oder später irgendwelche abtrünnigen Rebellen ermutigt, die Weissagungen wahr zu machen. Es hatte ja schon Gelegenheiten gegeben, bei denen auf die Worte eines Propheten hin gegen einen König eine innere Revolution und ein Wechsel in der Königsherrschaft gefolgt waren ( 1Kö 11,29-12,24; 16,1-13; 2Kö8,7-15; 9 ).

Amazja weigerte sich, irgendwelche göttlichen Quellen für die Weissagungen des Amos anzuerkennen. Vielmehr sah er in ihm einen politischen Aufrührer. In seinem Bericht an Jerobeam leitete er das bedrohliche Zitat mit den Worten Dies ist, was Amos sagt ein, nicht mit "Dies ist, was Gott sagt". Indem er Amos zitierte, ließ der Priester ganz bewußt das aus, was von dem persönlichen Handeln Gottes spricht: "mit meinem Schwert werde ich mich gegen ... Jerobeam erheben" (V. 9 ). Statt dessen setzte er die einfache Tatsache ein: Jerobeam wird sterben . Er berichtete die Worte von Amos in einer Weise, die den König aufwiegeln sollte. So verdrehte er die Weissagung über den Untergang der Dynastie (V. 9 ) zu einer Drohung gegen Jerobeam selbst (V. 11 ) und betonte vor allem die Ankündigung des nationalen Exils (V. 11 ; vgl. Am 4,3;5,5.27; 6,7 ; vgl. Am 7,17 ). Amazja sah in Amos eher eine Bedrohung für den status quo als einen Boten des Gottes Israels.

Nachdem er seinen Brief an den König geschickt hatte, befahl Amazja dem Propheten Amos: Geh weg, du Seher! Indem er sich die Autorität über alles, was in Bethel geschah, anmaßte, befahl der Priester Amos, zurück in seine Heimat in Juda zu gehen (vgl. Am 1,1 ) und dort zu weissagen.

Ein "Seher" ( Am 7,12 ) war eine andere Bezeichnung für einen Propheten ( 1Sam 9,9; 24,11; Jes 29,10 ). Darin wird die Fähigkeit des Propheten betont, Visionen zu empfangen oder zu "sehen" ( Jes 1,1; 2,1; Ob 1,1; Mi 1,1; Nah 1,1; Am 1,1 ). Diese Visionen wurden von den Propheten innerlich im Geist "gesehen". Amazja benutzt das Wort jedoch spöttisch im Blick auf die "Visionen" von Amos ( Am 7,1.4.7 ). Sein höhnischer Rat, sich sein Brot in Juda zu verdienen , macht deutlich, daß er Amos als einen professionellen Wahrsager ansah, der durch seine Weissagungen seinen Lebensunterhalt verdiente ( Mi 3,5.11 ; vgl. die Frauen in Hes 13,17-20 ,die "aus ihrer eigenen Einbildung ... für ein paar Hände voll Gerste und Brotstücke" weissagten).

Die Betonung in den Worten Amazjas liegt auf dem Ort, wo Amos hingehen und wirken sollte: "Geh nach Juda , verdiene dort dein Brot, aber weissage nicht mehr in Bethel ." In seiner Autorität als Priester des Königs befahl er Amos: "Verlasse Israel !" Amos jedoch antwortete darauf, daß eine höhere Autorität ihm befohlen habe, in Israel zu weissagen.


b. Die Antwort
( 7,14 - 17 )


Am 7,14-15


Amos bestritt, daß sein Dienst aus seiner eigenen Entscheidung käme, und bestand darauf, daß dieser einzig und allein auf Gottes Wirken zurückginge. Amos hatte sich den Ruf eines Propheten nicht ausgesucht, noch war er als Prophetensohn (d. h. Mitglied einer prophetischen Schule unter Leitung eines "Vaters"; vgl. 2Kö 2,1-15; 4,1.38; 5,22; 6,1-7; 9,1 ) ausgebildet worden. Im Gegenteil, er hatte erfolgreich und zufrieden als ein Schafhirte gearbeitet und als Züchter von (Maulbeer-)Feigenbäumen . (Näheres über den Beruf des Propheten findet sich unter "Der Prophet" in der Einführung .) Aber eines Tages nahm der HERR ihn - das gleiche Verb wird für die göttliche Berufung der Leviten ( 4Mo 18,6 ) und von David ( 1Sam 7,8; Ps 78,70 ) benutzt - von der Herde , und der Herr (die Worte "der Herr" werden im Hebr. wiederholt) befahl ihm: Geh, weissage zu meinem Volk Israel . Der Gegensatz zwischen der dreifachen Leugnung der Selbsteinsetzung von Amos ("Ich" ... "Ich" ... "Ich"; Am 7,14 ) und seiner dreifachen Bekräftigung der Autorität "des Herrn" (V. 15 - 16 ) ist besonders deutlich. Gott hat ihm nicht nur befohlen, was er sagen soll, sondern auch wo. Er folgt nicht der Autorität Amazjas, sondern der Autorität Gottes. Deshalb wird er in Israel auftreten, nicht in Juda. Der Herr hat gesprochen, und Amos weissagt, wie er befohlen hat (vgl. Am 3,8; Apg 5,27-29 ).



Am 7,16-17


Nun hat eben dieser Herr ein Wort für den Priester, der verbieten wollte, was Gott befohlen hatte (vgl. Am 2,11-12 ). Weil Amazja das Wort Gottes gegen das Volk verworfen hat, wird er und seine Familie das ganze Los des Volkes teilen. Wenn das göttliche Gerichtsurteil des Exils ausgeführt wird (vgl. Am 5,5.27; 6,7; 7,11; 9,4 ), wird auch er unter denen sein, die aus ihrem Heimatland weggeführt werden. Seine Frau wird gezwungen sein, in eben der Stadt, in der sie einst zu den vornehmsten Frauen gehört hatte, als eine Prostituierte ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Seine Nachkommenschaft und sein Name werden vergehen, wenn das Schwert das Leben seiner Söhne und Töchter nimmt. Sein Besitz wird unter Fremde gemessen und aufgeteilt werden (vgl. 2Kö 17,24; Jer 6,12 ), und er selbst wird in einem heidnischen (wörtl.: "einem unreinen") Land sterben . Er wird seines Amtes beraubt werden, sein Heiligtum verlieren und durch die unreine Speise eines heidnischen Landes entweiht werden (vgl. Hes 4,13; Hos 9,3-4 ).

Hätte Amazja anders reagiert, hätte er auf die Worte des Amos hin Buße getan, dann hätte er gerettet werden können ( Am 5,4-6.14-15 ). Aber statt dessen hatte er sich entschieden, sich auf die Seite des irdischen Königs zu stellen, die stolze und selbstsichere Haltung des Volkes zu teilen und seine Autorität gegen den Boten Gottes einzusetzen. Deshalb zog der Herr das Bleilot still zurück. Er würde Amazja nicht länger verschonen.

Amos

D. Der Korb mit Obst
( Am 8 )


1. Die Vision
( 8,1 - 3 )


Am 8,1-2


Gott der Herr erschien Amos ein viertes Mal Diesmal sollte er einen Gegenstand identifizieren. Als Amos antwortete, daß es ein Korb voll reifer Früchte sei, sagte der Herr: Die Zeit ist reif (wörtl.: "Das Ende ist gekommen") für mein Volk Israel .

Die Bedeutung der Antwort Gottes liegt in dem ähnlichen Klang und der Bedeutung der Worte "reife Frucht" (V. 1 ) und "Zeit ist reif" (V. 2 ). "Reife Frucht" ( qAyiQ ) ist die "Sommerfrucht", die Frucht am Ende eines Jahres - die letzte Frucht der Saison, die voll ausgereift, aber nur kurze Zeit eßbar ist. "Reife Zeit" ( qEQ ) ist die "Endzeit", die "beschnittene Zeit" - die Zeit, die zum Tode "gereift" ist.

Israel ist für eine schreckliche Ernte herangereift, sein Ende ist gekommen. Die Exekution wird nicht hinausgezögert, und es wird auch keine Rettung in letzter Minute mehr geben. Der Herr wird es nicht länger verschonen.


Am 8,3


An dem Tag (vgl. V. 9.13 ; siehe auch Am 5,18-20 im Blick auf den "Tag des Herrn"), an dem Gott Israels Leben "beenden" wird (vgl. Am 5,2-3; 6,9-10 ), werden die Lieder im Tempel in Heulen verwandelt werden (vgl. Am 8,10; 5,16-17 ). Lieder der Freude und des Vertrauens auf Gott werden zu weinenden Gesängen der Klage und des ungläubigen Staunens über das, was seine Hand ihnen getan hat. Der Grund für ihre Trauer wird sein, daß viele, viele tote Körper überall liegen. So groß wird das Gemetzel sein, daß es weder genug Menschen noch genug Orte geben wird, um die Toten alle zu begraben. Unzählbare Leichname werden auf dem Boden liegen und von Hunden und Vögeln gefressen oder zu fruchtbarem Dünger für die Felder werden ( 1Kö 14,11; Jer 8,2; 9,22; 16,4 ).

Wenn die müden Trauernden schließlich ihre Klage beendet haben, wenn sie ihre verweinten Augen und fragenden Gesichter erheben, um einen Grund für das Leid, das sie umgeben hat, zu suchen, dann werden sie nur Schweigen finden. Keine Antwort wird kommen. Gott wird ihnen nichts mehr zu sagen haben.


Amos

2. Die Folgen
( 8,4 - 14 )


Diese beiden Folgen des Gerichtes Gottes - menschliche Trauer und göttliches Schweigen - werden in den Versen 4 - 14 näher beschrieben.



a. Menschliche Trauer
( 8,4 - 10 )


Wegen ihrem habgierigen und unaufrichtigen Verhalten wird Gott ein Klagen in dem Land bewirken, wie es noch nie dagewesen ist.



Am 8,4-6


Israels Händler geht es nur um ihren Gewinn, ihnen ist es gleichgültig, daß sie den Bedürftigen unterdrücken und den Armen im Lande zugrunde richten (vgl. Am 2,6-7; Am 5,11 ). Da sich bei ihnen alles um das Geldverdienen dreht, bedauern sie die Unterbrechungen ihrer Geschäfte durch das monatliche Fest des Neumondes und die wöchentliche Beachtung des Sabbats . Ungeduldig warten sie, bis diese Tage der Ruhe und des Gottesdienstes ( 2Mo 20,8-11; 23,12; 31,14-17; 34,21; 4Mo 28,11-15; 2Kö 4,23; Jes 1,13-14; Hes 46,1-6; Hos 2,13 ) vorbei sind, so daß sie wieder mit ihren aggressiven Geschäften beginnen können.

Listig finden sie immer neue Wege, ihren Profit zu erhöhen - sie verringern das gewöhnliche Maß, so daß ihre Käufer weniger bekommen, als sie bezahlen, steigern den Preis, indem sie schwerere Gewichte verwenden, so daß die Käufer zuviel bezahlen, und betrügen mit falscher Waage , indem sie an der Waage manipulieren. Aber noch nicht einmal mit diesen Übertretungen des Bundesgesetzes ( 3Mo 19,35-36; 5Mo 25,13-16 ; vgl. Spr 11,1;16,11;20,10.23; Hos 12,8; Mi 6,10-11 ) geben sie sich zufrieden, sondern sie steigern ihre Sünde noch, indem sie auf betrügerische Weise minderwertige Produkte verkaufen - die Abfälle von dreckigem und zertretenem Korn mischen sie mit dem klaren, sauberen Weizen. Menschliches Leiden interessiert sie ebensowenig wie die Tatsache, daß die Armen ihre Preise nicht bezahlen können. Statt dessen zwingen sie die Bedürftigen in die Sklaverei, weil sie kleinste Summen nicht aufbringen können (vgl. Am 2,6 bezüglich des Ausdruckes " ein Paar Sandalen ").



Am 8,7-8


Der Herr aber hat bei sich selbst geschworen (vgl. die Anmerkungen zu Am 4,2; 6,8 ; anders als in Am 6,8 ist der Stolz Jakobs hier ein Titel für Gott; vgl. 1Sam 15,29 ). Gott hat geschworen, daß er niemals vergessen wird, welche bösen Taten sie getan haben . Wegen ihrer herzlosen Habgier und Unehrlichkeit wird Gott als der Kriegsherr gegen sie ziehen, und das Land wird unter seinen Schritten zittern. Dieses Zittern wird so gewaltig sein, daß das ganze Land sich erheben und dann sinken wird, wie das jährliche Ansteigen und Absinken des Nils, des Flusses von Ägypten . Die zerschmetterten Ruinen der Häuser und Gebäude werden alle, die sein Gericht überleben, zum Weinen und Klagen bringen.


Am 8,9-10


Dieser Tag des Gerichts wird ein Tag der Finsternis sein (vgl. die Anmerkungen zu Am 5,18-20 ), denn Gott der Herr wird alles verfinstern: Die Sonne wird am Mittag untergehen und die Erde am hellen Tag finster werden . Durch Sonnenfinsternisse in den Jahren 784 v. Chr. und 763 v. Chr. konnten sich die Zuhörer von Amos die furchtbare Angst und den Schrecken einer solchen Zeit vorstellen. Dann, mitten in Erdbeben ( Am 8,8 ) und Finsternis, wird der rächende Herr beginnen, sein Volk zu dezimieren (vgl. Am 5,2-3; 6,9.10; 8,3 ). Das Schwert seines Gottes wird ein noch nie dagewesenes Elend über das Land bringen, wenn er dessen Feste zu Trauerfeiern und all ihr frohes Singen in Weinen verkehren wird (vgl. V. 3 ). Es werden so viele Menschen ihr Leben verlieren, daß in jeder Familie Trauer ist und in jedem Haus die Klagerituale stattfinden. Gott wird sie alle dazu bringen, an ihren Leibern Sackleinen zu tragen (ein grobes Material, das gewöhnlich aus Ziegenhaar gemacht wurde; 1Mo 37,34; 2Sam 3,31; 2Kö 6,30; Hi 16,15-16; Dan 9,3 ) und ihre Häupter zu scheren als Zeichen der Trauer ( Hi 1,20; Jes 3,24; 15,2-3; Jer 47,5; 48,37; Hes 7,18; 27,30-31; Mi 1,16 ). Ihre Trauer wird so tief sein wie die Trauer um den einzigen Sohn , dessen Tod jede Hoffnung einer Zukunft für die Familie zunichte gemacht hat ( Jer 6,26; Sach 12,10 ).

Das Ende dieses Tages wird nicht zugleich das Ende der Trauer sein. Vielmehr wird ein bitterer Tag darauf folgen - der " bittere Tag " des Todes für die Trauernden selbst. (Zur Bedeutung des Ausdruckes "bitterer Tag" für den Tod eines Menschen vgl. 1Sam 15,32; Hi 21,25; Pred 7,26 .) Nach einem Tag der Klage um andere werden die Klagenden selbst sterben.



b. Göttliches Schweigen
( 8,11 - 14 )


Diese Pein menschlichen Leidens wird noch unerträglicher dadurch werden, daß Gott schweigt.

Am 8,11-12


Da Israel alle Worte Gottes verworfen hat ( Am 2,11-12; 7,10-13.16 ), wird es seine Worte auch nicht mehr hören. Gott, der Herr wird eine Hungersnot senden , aber dieses Mal wird es nicht ein Hunger nach Speise sein wie sonst (vgl. Am 4,6 ), sondern ein Hunger danach, die Worte des HERRN zu hören . Sie werden verzweifelt nach ihm fragen, aber er wird nicht antworten - weder durch Träume noch durch das Los noch durch Propheten ( 1Sam 28,6 ; vgl. 1Sam 3,1 ). Die Menschen werden in jede Ecke des Landes laufen und das gesamte Gebiet Israels durchwandern (vom Toten Meer im Süden zum Mittelmeer im Westen und vom Norden zum Osten) auf der Suche nach dem Wort des HERRN - einem Wort der Erklärung, der Vergebung und der Hoffnung. Aber sie werden es nicht finden . Wenn ihre Not sie schließlich dazu führt, "den Herrn zu suchen", wird er nicht zu finden sein. Es wird zu spät sein.


Am 8,13-14


An diesem Tag (vgl. V. 3.9 ) werden selbst schöne junge Frauen und starke junge Männer - die auf der Suche am längsten ausharren können - vor einem unstillbaren Durst nach Gottes Wort verschmachten . Die, die Gottes Anbetung verkehrt hatten, die in den Götzenkälbern von Samaria ( Hos 8,5-6 ) und Dan . ( 1Kö 12,28-30; 2Kö 10,29 ) und in dem Bild von Beerscheba ( Am 5,5 ) ein Zeichen seiner Macht gesehen hatten, werden in die Stadt strömen oder in die entferntesten Orte ziehen, um Gott zu finden. Das Götzenbild Samarias wird hier seine Schande (wörtl.: "Schuld") genannt, weil die Anbetung dieses Bildes die Bewohner Samarias vor Gott schuldig gemacht hat. (Der Ausdruck "von Dan bis Beerscheba" umfaßt das gesamte Land; Ri 20,1; 1Sam 3,20; 3,10;17,11; 24,2.15; 1Kö 5,5; 2Chr 30,5 .) Aber ihre Suche wird vergeblich sein. Gott schweigt. Sie werden fallen, um niemals wieder aufzustehen (vgl. Am 5,2 ).



E. Der rächende Gott
( 9,1 - 10 )


In einer fünften und letzten Vision wird Amos Zeuge, wie der Gott des Universums ein unentrinnbares Schwert gegen alle Sünder in seinem Volk zieht.



1. Das unentrinnbare Schwert
( 9,1 - 4 )


Am 9,1


Beim Herbstfest, als sich eine große Versammlung bei dem Heiligtum von Bethel versammelt hatte und der König des Nordreiches mit seinem Opfer zum Altar getreten war ( 1Kö 12,31-33 ), sah Amos den HERRN am Altar stehen . Der Herr war tatsächlich "mit ihnen" ( Am 5,14 ), aber um zu zerstören und zu töten, nicht um zu segnen. Das "Ende" war gekommen für den Altar, das Heiligtum und die Menschen ( Am 3,14; Am 5,5-6; Am 8,1-3 ).

Der Herr befahl: Zerschlage die Spitzen der Säulen , so daß das herunterstürzende Dach selbst die mächtigen Schwellen zum Zittern bringt. Die Schwellen waren die massiven Steine des Fundamentes, auf denen die Türpfosten standen ( Jes 6,4; Hes 40,6 ).

In seiner Vision sah Amos offensichtlich, wie das gesamte Gebäude zusammenbrach und die zum Gottesdienst versammelten Menschen tötete (vgl. Ri 16,29-30 ), denn sofort kam ein zweiter Befehl: Schlage die Häupter all derer ab , die das Unglück überlebt haben. Der Herr ist entschlossen, daß niemand entkommt; keiner wird entfliehen (vgl. 1Kö 18,40 ). Die, die überleben und dem Unglück entkommen, wird er verfolgen und mit dem Schwert töten (vgl. Am 9,4.10 ).


Am 9,2-4


Selbst wenn sie bis an die äußersten Enden des Universums fliehen würden, würde er sie finden und sie erschlagen. Weder die Tiefen des Grabes noch die Höhen des Himmels könnten sie vor dem Zorn Gottes bewahren (vgl. Ps 139,7-8 und siehe im Gegensatz dazu Röm 8,38-39 ). Auch wenn sie sich in den Tiefen der Wälder des Berges Karmel verstecken würden (vgl. Am 1,2 ) oder in einer seiner Sandsteinhöhlen, er würde sie jagen und ergreifen . Wenn sie sich irgendwie vor ihm auf dem Boden des Meeres verstecken könnten, würden sie feststellen müssen, daß er auch dort herrscht, denn die Schlange würde seinem Befehl gehorchen. Diese Schlange ist ein Seeungeheuer, das manchmal auch Leviatan oder Rahab genannt wird, die Personifizierung der besiegten Macht des Meeres (vgl. Hi 26,12-13; Ps 74,13-14; 89,10-11; Jes 27,1; 51,9-10 ). Selbst wenn Feinde sie fangen und wie eine Herde in das Exil führen würden, um unter dem Schutz eines fremden Königs oder Gottes zu leben, könnte keine Macht sie vor Gottes rastlosem Schwert bewahren (vgl. Am 9,1.10 ). Ein Entkommen ist unmöglich, denn wo immer sie hingehen, wird Gott seine Augen zum Bösen und nicht zum Guten auf sie richten . Er hat sich vorgenommen, sie zu vernichten.


2. Der Allerhöchste
( 9,5 - 6 )


Am 9,5-6


Der Eine, den Amos am Altar stehen sah (V. 1 ), war Gott der Herr, der große Suzerän (Bundesherr) und Kriegsherr, dessen Macht unwiderstehlich ist (vgl. die Anmerkungen zu Am 3,13 ). Als Gott nicht nur von Israel und den anderen Völkern ( Am 1,3-2,16; 3,9; 9,4.7 ), sondern auch über das große Universum kann er mit Sicherheit sagen, daß es für Israel in seinem ganzen Universum keine Möglichkeit zur Flucht geben wird. Er, dessen Finger die Erde nur anrührt und die Berge zum Beben und "Schmelzen" (d. h. "zerbrechen", "flach werden"; vgl. Mi 1,3-4; Nah 1,5 ) und das ganze Land zum Wallen bringt wie der Nil und seine Bewohner zum Klagen (vgl. Am 8,8 ), hat eine mächtige "Hand", mit der er Rebellen an jedem Ort der Erde "ergreifen" kann ( Am 9,2-3 ). Er, der seinen Palast in die Himmel gebaut hat, kann jeden ergreifen, der sich in "den Himmeln" zu verstecken sucht (V. 2 ). Ihm, der die Wasser des Meeres beherrscht (vgl. Am 5,8 ), werden seine Bewohner ganz bestimmt gehorchen ( Am 9,3 ). Der HERR ist sein Name . Seine Majestät und Macht über die Schöpfung bedeutet, daß diese ihm nicht entkommen kann. Als Herr (Jahwe, der Bundesgott) wird er sein Wort halten und jene richten, die ihm ungehorsam waren. Interessant ist, daß die beiden Verse im Buch Amos, in denen der Ausruf "Der Herr ist sein Name" vorkommt, von seiner Allmacht über das Universum sprechen ( Am 5,8; 9,6 ).


3. Die unparteiische Auslese
( 9,7 - 10 )


Am 9,7


Israels besondere Stellung als sein Volk wird es nicht vor der Strafe bewahren (vgl. Am 3,1-2 ). Gott wird mit ihnen handeln wie mit jedem anderen Volk in seinem universalen Reich. Sie werden für ihn genauso wie die Kuschiter sein, die im heutigen Südägypten, im Sudan und im nördlichen Äthiopien lebten. Nach Israels Vorstellung waren die Kuschiter ein fremdes und unwichtiges Volk, das am Rande der damals bekannten Welt lebte.

Gott ist der Herrscher über jedes Volk. Er hat nicht nur Israel aus Ägypten herausgebracht (vgl. Am 2,10; 3,1 ), sondern auch die historischen Völkerwanderungen ihrer Erzfeinde geleitet - die Philister von Kaftor (vgl. Jer 47,4; Zeph 2,5 ; vermutlich ein anderer Name für die Insel Kreta) und die Aramäer von Kir (vgl. Am 1,5 ), einer Gegend in Mesopotamien. So wie Gott beschlossen hat, die Geschicke dieser beiden Völker zu wenden (vgl. Am 1,3-8 ), so hat er auch beschlossen, Israel in die Gefangenschaft zu senden ( Am 4,2-3; 5,5; 6,7; 7,11.17; 9,4 ). Er wird Auflehnung und Sünde bestrafen, wo immer sie auftauchen.



Am 9,8-10


Nachdem Gott erklärt hat, daß er keinen Unterschied zwischen Israel und den anderen Völkern machen wird, spricht er feierlich das abschließende Todesurteil. Vers 8 - 10 sind die drei abschließenden Aussagen des Gerichts im Buch Amos. Sie kündigen allen Sündern im Land einen unparteiischen und sicheren Tod an.

Obwohl diese drei Aussagen den Untergang des Volkes besiegeln, blicken sie dennoch hinaus auf den Abschluß des Buches Amos (V. 11 - 15 ), in dem Gott von einer Erneuerung nach dem Gericht spricht. Die ersten beiden Aussagen (V. 8 - 9 ) enden beide mit einer kurzen Anspielung auf einen Überrest, der verschont wird. Auf die dritte Aussage (V. 10 ) folgt dann Gottes ausdrückliche Verheißung der Erneuerung und des Bundessegens.

Die Augen (vgl. V. 4 ) Gottes des HERRN achten sehr genau auf das sündige Königreich (Israel) und sehen darauf, daß das Gericht auch wirklich kommt. Sein Vorhaben ist, es vom Angesicht der Erde weg zu vernichten . Sein Suzerän (Bundesherr) wird die Bundesflüche erfüllen, bis nichts mehr von dem Volk übrig bleibt (vgl. die Anmerkungen zu Am 1,2; 4,6 ; siehe auch den Gebrauch des Wortes "zerstört" in dem Strafabschnitt des Bundes Israels; 5Mo 28,20.24.45.48.51.61.63 ). Dennoch wird Gott das Haus Jakob (d. h. das Nordreich Israel; vgl. Am 3,13-14; 6,8; 7,2.5; 8,7 ) nicht völlig zerstören . Ein paar werden verschont werden. Die schon früher angedeutete Möglichkeit eines Überrestes (siehe "vielleicht" in Am 5,15 ) wird nun zur Gewißheit. Gott wird tatsächlich Erbarmen haben mit denen, die umkehren (vgl. Am 5,4-6.14-15.23-24 ).

Wo immer sein Volk unter den Nationen verstreut ist, wird Gott sie unparteiisch schütteln, wie Korn in einem Sieb geschüttelt wird . Aber kein Körnchen wird auf die Erde fallen. So wie ein feines Sieb Spreu und Dreck hindurch läßt, aber das gute Korn nicht, so wird Gott jeden Gerechten in seinem Volk herauslesen und retten.

Andere Ausleger denken, daß es sich bei dem Sieb um das grobe Sieb am Anfang des Mahlprozesses handelt, in dem die Steine und Erdklumpen herausgesiebt werden und die kleineren Körner durchfallen können. In diesem Fall ist das "Körnchen" (wörtl.: "Kiesel", vgl. das "Stück" einer Stadtmauer in 1Sam 17,13 ) ein Sünder, der nicht entkommen wird, indem er durch die Maschen des Gerichtes Gottes schlüpft.

In jedem Fall soll deutlich werden: Gottes unparteiisches Sieben wird den Gerechten von den Sündern trennen.

Alle Sünder unter seinem Volk werden dann durch sein unentrinnbares Schwert sterben (vgl. Am 9,1.4 ). Ihr selbstsicheres Rühmen wird endgültig vorbei sein (vgl. Am 6,1-3.13 ), denn das angekündigte Unheil wird sie vernichten.


V. Die Erneuerung nach dem Gericht
( 9,11 - 15 )


Wenn Gottes Gerichte alle vorüber sind, wenn das Volk seine volle Strafe für seine Sünden erhalten hat, wird der Herr in seiner Barmherzigkeit sein Volk erneuern und aufrichten. Gott wird das Königtum Davids über das Nord- und Südreich erneuern und durch es alle Völker der Erde segnen. Er wird die Flüche des Bundes umkehren und einen noch nie dagewesenen Segen über das Land bringen. Das zerstreute Israel wird wieder in sein Land zurückkehren, wird dort sicher wohnen und sich an seiner Fülle erfreuen. Dann wird er, der es immer "mein Volk" genannt hat ( Am 7,8.15; 8,2; 9,10.14 ; vgl. Hos 2,24; Sach 8,8; 13,9 ), erneut den Titel "dein Gott" tragen ( Am 9,15 ).



A. Politische Erneuerung
( 9,11 )


Am 9,11


An diesem Tag (vgl. Jes 4,2; Mi 4,6; 5,10 ) wird Gott das zerfallene Zelt Davids wieder aufrichten . Wenn Amos bisher von "diesem Tag" gesprochen hat, so war damit ein Tag der Finsternis und Zerstörung gemeint ( Am 2,16;3,14; 5,18-20; 8,3.9.11.13 ). Aber wenn Israels Heimsuchung beendet ist, wird "dieser Tag" zu dem Tag seiner Erneuerung werden.

Gott wird das "Zelt" Davids wieder über beide aufrichten, das Nordreich und das Südreich. Ein "Zelt" (wörtl.: "Hütte") wurde durch ein einfaches Gerüst, über das man Zweige legte, gemacht. Sein Hauptzweck war der Schutz von denen, die unter ihm waren, ob es nun Truppen im Feld ( 1Sam 11,11; 1Kö 20,12-16 ), ein Wächter auf seinem Posten ( Jon 4,5 ) oder Pilger am Laubhüttenfest ( 3Mo 23,33-42 ) waren. Davids Königtum, das ein schützendes Dach über dem Volk Israel gewesen war, war durch die große Teilung der zehn Nordstämme von den zwei Südstämmen "gefallen" ( 1Kö 12 ). Diese Hütte war in zwei Teile zerbrochen. Aber Gott verheißt, die beiden Königreiche wieder unter davidischer Herrschaft zu vereinen (vgl. Jer 30,3-10; Hes 37,15-28; Hos 3,4-5 ). Er wird das Schutzzelt erneuern, seine zerbrochenen Stellen ausbessern und es bauen, wie es war. Gott wird seine gute Verheißung an David ausführen, daß er ihm einen Nachkommen erwecken wird, dessen Herrschaft ohne Ende ist ( 2Sam 7,11-16.25-29 ).


B. Nationaler Zweck
( 9,12 )


Am 9,12


Das vereinigte Königreich unter dem davidischen König wird zu einer Quelle des Segens für alle Heiden werden. Edom , ein Volk, das immer wieder gegen Gottes Volk feindlich vorgegangen war (vgl. 4Mo 20,14-21; Ps 137,7; Ob 1,1 ; siehe die Anmerkungen zu Am 1,11-12 ) und deshalb stellvertretend für alle Feinde Israels steht, wird an den Verheißungen Davids teilhaben: Israel wird den Überrest von Edom besitzen (vgl. Ob 1,19 ). Ja, alle Völker werden unter die Herrschaft des davidischen Königs gebracht werden, denn auch sie tragen den Namen Gottes . Den "Namen" von jemand "tragen" bedeutete, unter seiner Herrschaft und seinem Schutz zu stehen (vgl. 5Mo 28,9-10; 2Sam 12,26-28; 1Kö 8,43; Jes 4,1; 63,19; Jer 15,16; Dan 9,18-19 ). Alle Völker gehören Gott (vgl. Am 1,3- 2,16; 3,9; 9,4.7 ) und sind deshalb in den Segen des zukünftigen Königreiches eingeschlossen.

Von Anfang an war es Gottes Plan, Rettung für die heidnischen Völker zu schaffen. Seine Verheißung an Abraham war, daß durch seine Nachkommen "alle Völker der Erde" gesegnet werden würden ( 1Mo 12,3 ; vgl. 1Mo 18,18; 22,17-18; 26,3-4; 28,13-14 ). Durch Jesaja hat Gott immer wieder bekräftigt, daß ein vereinigtes Israel unter seinem davidischen König, dem Messias, Licht, Gerechtigkeit und volle Erkenntnis des Herrn für alle Völker der Welt bringen wird ( Jes 9,2-8; 11,1-13; 42,1-7; 45,22-25; 49,5-7; 55,1-5 ). Wenn Gott das Königreich (das Tausendjährige Reich) unter Davids Sohn aufrichtet, werden Juden wie Heiden den Namen des Herrn tragen.

Bei dem Apostelkonzil in Jerusalem zitierte Jakobus Amos 9,11 - 12 als Beweis dafür, daß die Heiden seiner Zeit nicht beschnitten werden und als Juden leben müssen, um gerettet zu werden ( Apg 15,1-20 ). Jakobus wußte natürlich, daß das Gericht über Israel noch nicht vorüber war (vgl. die Aussage des Herrn über die kommende Zerstörung des Tempels und die erneute Verfolgung und den Tod; Mt 24,1-22; Lk 21,5-24 ) und daß die Erneuerung des Volkes noch nicht begonnen hatte (vgl. Apg 1,6-7 ). Aber er wußte auch aus den kurzgefaßten Aussagen bei Amos und den ausführlicheren Stellen bei anderen Propheten (vgl. "Propheten" in Apg 15,15 ,siehe auch Jes 42,6; 60,3; Mal 1,11 ), daß die Heiden, wenn das verheißene Königreich kommt, als Heiden und nicht als Quasi-Juden hineinkommen. Da dies Gottes Plan für das Tausendjährige Reich war, schlußfolgerte Jakobus, daß die Gemeinde von den Heiden nicht verlangen solle, ihre Identität aufzugeben und als Juden zu leben. Jakobus sagt nicht, daß die Gemeinde die Verheißungen an Israel in Am 9,11-12 erfüllt. Er sagt vielmehr, daß die Heiden, da sie in dem noch zukünftigen Tausendjährigen Reich gerettet werden, im Gemeindezeitalter nicht zu Juden werden müssen (vgl. die ausführlichen Anmerkungen zu Apg 15,15-18 ).



C. Wohlstand, Frieden und Dauerhaftigkeit
( 9,13 - 15 )


Am 9,13


Es kommt die Zeit , zu der Gott alle Flüche beseitigen (vgl. die Anmerkungen zu Am 4,6 und die Tabelle "Die Bundesstrafen") und den Segen des Bundes wieder über das Land bringen wird (vgl. 3Mo 26,3-10; 5Mo 28,1-14 ).

Statt Dürre und Hungersnot ( Am 1,2; 4,6-8 ) wird der Wohlstand nicht aufhören ( Am 9,13 ; vgl. 3Mo 26,3-5.10; 5Mo 28,4-5.8.11-12 ).

Statt den Schrecken des Krieges ( Am 2,13-16; 3,11.15; 4,10-11; 5,2-3; 6,9-10; 7,17; 9,1.10 ) wird ungebrochener Frieden herrschen, so daß Israel die Frucht seiner Arbeit genießen kann (V. 14 ; vgl. 3Mo 26,6; 5Mo 28,6 ).

Statt der Furcht vor dem Exil ( Am 4,2-3; 5,5.27; 6,7; 7,11.17; 9,4 ) wird Israel sich vor jedem Feind schützen und sicher im Land wohnen können (V. 15 ; vgl. 3Mo 26,7-8; 5Mo 28,7.10 ).

In den Tagen, in denen Gott Israel erneuert, wird das Land so fruchtbar werden (vgl. Jes 27,6 ), daß der, der pflügt , was gewöhnlich im Oktober begann, warten muß, bis der, der erntet , fertig ist, was normalerweise im Mai gewesen wäre. Der, der Trauben im Juli keltert , wird noch den vorfinden, der sät , weil das Pflügen erst so spät beginnen konnte. Die Trauben werden so schwer an den Weinbergen hängen, daß die Hügel tropfen und fließen (wörtl.: "schmelzen") vor neuem Wein (vgl. Joe 4,18 ). Es wird so viel Saft aus den Trauben kommen oder aus der Kelter überfließen, daß es aus der Entfernung aussieht, als würden die Berge "zerfließen".



Das von Gott erneuerte Volk Israel wird in Frieden leben und eine verschwenderische Fülle erleben. Der Schrecken und die Unsicherheit des Krieges wird Vergangenheit sein (vgl. Jes 2,4; Mi 4,3 ). Es wird Häuser und selbst ganze Städte bauen (vgl. Am 5,11 ) und in ihnen leben (vgl. Jes 32,18 ). Es wird trinken und essen und sich am Werk seiner Hände erfreuen.



Gott wird Israel in seinem eigenen Land anpflanzen, daß es niemals wieder ausgerissen und aus dem Land, das er ihm gegeben hat, vertrieben wird (vgl. 1Mo 13,14-15; 17,7-8; 5Mo 30,1-5; 2Sam 7,10; Jer 30,10-11; Joe 4,17-21; Mi 4,4-7 ). Israel wird im Land wohnen (vgl. Hes 37,25; Joe 4,20; Sach 14,11 ).

Der Herr wird "diese Dinge" ( Am 9,12 ) ganz gewiß tun, denn er ist der Eine, der dessen Gott war, ist und immer sein wird.



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2. Vers 14 spricht von den "Entronnenen", Menschen, die aus Jerusalem entkamen; bei der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier entkam jedoch niemand (bis auf König Zedekia und einige Krieger, die jedoch kurz nach ihrer Flucht wieder aufgegriffen wurden).

3. Obadja spricht weder von einer völligen Zerstörung Jerusalems noch vom völligen Niederbrennen des Tempels und der Häuser oder von der Zerstörung der Stadtmauern.

4. Edoms Aufstand gegen Juda in den Tagen König Jorams ( 2Kö 8,20-22 ) fand eventuell zu der Zeit statt, als die Philister und Araber Jerusalem angriffen ( 2Chr 21,16-17 ). Das aber deckt sich am besten mit den Aussagen in Ob 1,11-14 .Als die Philister, Araber und Edomiter die Stadt erobert hatten, warfen sie das Los, welche Stadtteile den einzelnen Trupps zur Plünderung überlassen werden sollten.