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Apostelgeschichte (Stanley D. Toussaint)


EINLEITUNG


Unter den Schriften des Neuen Testaments nimmt die Apostelgeschichte einen ganz besonderen Platz ein. Ihre Bedeutung liegt vor allem darin, daß sie als einzige kanonische Schrift an die historischen Berichte der Evangelien anknüpft und uns außerdem zahlreiche Informationen über die Hintergründe und das Umfeld der meisten Paulusbriefe liefert. Bruce schreibt: "Lukas haben wir einen zusammenhängenden Bericht über die missionarischen Aktivitäten des Apostels Paulus zu verdanken. Ohne (die Apostelgeschichte) stünden wir unendlich viel ärmer da. Selbst wenn man sie als Erklärungsgrundlage mit heranzieht, bleibt noch vieles in den Paulusbriefen unklar; wieviel schwieriger aber wäre unsere Situation, wenn wir die Apostelgeschichte nicht besäßen" (F.F. Bruce, Commentary on the Book of the Acts , S. 27).

Das Buch der Apostelgeschichte vermittelt dem heutigen Christen einen äußerst aufschlußreichen Einblick in das Leben der Urkirche. Lukas beschreibt die Spannungen, Verfolgungen, Frustrationen und theologischen Probleme, mit denen die ersten Gläubigen zu kämpfen hatten, und die Hoffnung, aus der sie lebten. Es wäre ein unersetzlicher Verlust für die Kirche, wenn dieses Quellenmaterial über ihre ersten Anfänge verlorengegangen wäre.

Zugleich zeichnet die Apostelgeschichte aber auch ein Bild des Übergangs von einem allein auf das jüdische Volk beschränkten Wirken Gottes hin zur Errichtung einer weltweiten Kirche. In ihren 28 Kapiteln führt sie den Leser von Jerusalem bis in die entlegensten Regionen der damaligen Welt.

Nicht zuletzt stellt die Apostelgeschichte auch heute noch eine Herausforderung für die Gläubigen dar. Die Begeisterung, der Glaube, die Freude des Engagements und der Gehorsam der ersten Heiligen haben Vorbildcharakter für alle späteren Christen. Wer Christus nachfolgen will, sollte sich deshalb mit diesem Buch, dessen Bedeutung nach Ansicht von Richard Rackham kaum überschätzt werden kann (Richard Belward Rackham, The Acts of the Apostles , S. xiii), so vertraut wie möglich machen.



Titel des Buches




Das älteste schriftliche Zeugnis für den Titel "Apostelgeschichte" findet sich in einem anti-marcionitischen Prolog zum Lukasevangelium aus der Zeit zwischen 150 und 180 n. Chr. Wie es zu dieser Bezeichnung kam, ist allerdings unklar.

Man muß einräumen, daß der Titel eigentlich nicht ganz zutreffend ist, denn die Apostelgeschichte ist keineswegs ein Bericht über alle Werke sämtlicher Apostel, sie konzentriert sich hauptsächlich auf Petrus und Paulus. Sogar eine so berühmte Gestalt wie der Apostel Johannes wird nur beiläufig erwähnt, und auch vom Tod des Johannesbruders Jakobus ist nur in einem einzigen kurzen Satz die Rede ( Apg 12,2 ).

Angemessener wäre also der Titel: "Berichte über das Wirken einiger Apostel". Trotzdem hat sich die kürzere Bezeichnung "Apostelgeschichte" vollkommen eingebürgert.




Intention der Apostelgeschichte

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Es steht fest, daß Lukas mit seinem Bericht eine ganz bestimmte Absicht verfolgte. Doch was genau wollte er mit seiner Darstellung erreichen, oder anders gesagt, warum wählte er gerade diese Personen und Fakten aus? Darauf gibt es zwei Antworten.

Manche Forscher sind der Ansicht, daß es Lukas in erster Linie darum ging, einen historischen Abriß einer bestimmten Zeitspanne zu geben; andere sehen in der Apostelgeschichte eine Apologie, eine Verteidigung des Christentums, noch stärker aber eine Apologie des Paulus. Einig sind sich die Wissenschaftler dagegen, daß Lukas daneben auch noch andere, seiner Hauptintention untergeordnete, Ziele verfolgte.

Für die erste These, daß die Apostelgeschichte in erster Linie eine Apologie des Paulus ist, sprechen z. B. die zahlreichen Parallelen, die zwischen dem Wirken des Petrus und dem des Paulus gezogen werden (vgl. die Tabelle "Die Wunder von Petrus und Paulus").

Vielleicht wollte Lukas das Apostolat des Paulus verteidigen, indem er seinen Lesern vor Augen führte, daß Paulus, was Macht und Autorität betraf, ganz sicher nicht hinter Petrus zurückstand. Das würde auch erklären, warum in der Apostelgeschichte dreimal das Ereignis der Bekehrung des Paulus geschildert wird ( Apg 9;22;26 ). Doch trotz der vielen Hinweise auf die Gleichstellung von Paulus und Petrus läßt die These, der Hauptzweck des Buches liege in der Rechtfertigung des Apostolats des Paulus, zuviel offen. Viele Sachverhalte, auf die die Apostelgeschichte eingeht, sind für eine solche Thematik völlig irrelevant, so z. B. die Ernennung der Sieben ( Apg 6 ) oder die detaillierte Beschreibung des Schiffbruchs ( Apg 27 ).

Eine dritte zentrale Aussage des Buches liegt nach Ansicht der meisten Exegeten in der Betonung der Universalität des Christentums. Ist sie möglicherweise sogar sein Hauptzweck? Immerhin wird das Evangelium in der Apostelgeschichte den von den Juden verachteten Samaritern, dem äthiopischen Kämmerer, dem Römer Kornelius, den Heiden in Antiochia, Armen und Reichen, Gebildeten und Ungebildeten, Frauen und Männern, angesehenen Persönlichkeiten und Angehörigen der untersten sozialen Schichten verkündigt. Dazu würde auch der hohe Stellenwert, der dem in Kap. 15 beschriebenen Apostelkonzil im ganzen Buch eingeräumt wird, passen. Doch auch bei dieser These bleiben bestimmte Elemente, wie die Wahl des Matthias in Kap. 1 oder die Ernennung der Sieben in Kap. 6 , ungeklärt.

Was ist also der Hauptzweck der Apostelgeschichte? F.F. Bruce, ein Vertreter der Apologie-These, schreibt: "Lukas ist einer der ersten christlichen Apologeten. Er ist ein Pionier der besonderen, an die weltlichen Autoritäten gerichteten Form der Apologie, die die säkularen Herrscher der Gesetzestreue des Christentums versichert." (Bruce, Acts, S. 24; vgl. F.J. Foakes Jackson und Kirsopp Lake (Hrsg.), The Beginnings of Christianity , Band II, Prolegomena II: Criticism, Grand Rapids 1979, S. 177 - 87). In der Tat spricht vieles in der Apostelgeschichte dafür, daß das Buch geschrieben wurde, um das Christentum vor der römischen Obrigkeit zu verteidigen.

So haben z. B. die Verfolgungen in der Apostelgeschichte immer rein religiöse Gründe - mit zwei Ausnahmen in Philippi ( Apg 16 ) und Ephesus ( Apg 19 ). In diesen beiden Städten erwuchs der Widerstand aus bestimmten Gruppen, die im Christentum eine Bedrohung ihres Profitstrebens sahen. Alle anderen Verfolgungen gingen auf die Initiative von Juden zurück.

Doch auch die Einwände gegen die Apologie-These können sich sehen lassen. Warum berichtet Lukas z. B. so ausführlich über den Schiffbruch des Paulus ( Apg 27 )? In eine andere Richtung weist auch die enge Verbindung zwischen der Apostelgeschichte und dem Lukasevangelium. Allem Anschein nach war die Apostelgeschichte des Lukas als zweibändiges Werk angelegt (vgl. Apg 1,1 ). Der erste Teil, das Lukasevangelium, läßt dabei nur wenig von einer apologetischen Absicht erkennen. Es ist unwahrscheinlich, daß sich das im zweiten Buch vollständig geändert haben sollte.

In der Forschung hat sich deshalb allgemein die Ansicht durchgesetzt, daß die Apostelgeschichte in erster Linie als historischer Bericht zu verstehen ist. Demnach wäre es das Ziel des Autors gewesen, die Ausbreitung des Evangeliums von "Jerusalem" über "ganz Judäa" bis nach "Samarien" und "an das Ende der Erde" darzustellen ( Apg 1,8 ). Barclay notiert: "Es war das Anliegen des Lukas, ein Werk über die Ausbreitung des Christentums zu verfassen, d. h. zu zeigen, wie diese Religion, die in einer winzigen Ecke Palästinas entstand, in wenig mehr als 30 Jahren bis nach Rom gelangte" (William Barclay, The Acts of the Apostles , S. xvii). Es geht damit in der Apostelgeschichte um den Übergang von der Verkündigung des Evangeliums unter den Juden - durch Petrus - zur Predigt unter den Heiden durch Paulus. So läßt sich die zeitliche Aussage in Apg 1,1 mit dem Prolog in Lk 1,1-4 , der der Vorrede eines Historikers wie Herodot, Thukydides oder Polybius vergleichbar ist, in Verbindung bringen. Lukas sah sich also in beiden Büchern als Geschichtsschreiber.

Doch war er wirklich nur Geschichtsschreiber? Die Apostelgeschichte des Lukas ist zwar ein historischer Bericht, doch sie ist zugleich auch ein theologisches Werk, und zwar in erster Linie ein eschatologisches. Sie beginnt mit einer eschatologischen Frage ( Apg 1,6 ) und endet mit einem eschatologischen Begriff ("Reich Gottes"; Apg 28,31 ). In einem zweiten Entwicklungsstrang zeigt sie die absolute Souveränität Gottes bei der Ausbreitung des Evangeliums. Trotz heftigster Widerstände verschiedenster Art breitete sich das Wort Gottes unaufhaltsam aus und fand einen Widerhall bei den Menschen, die es hörten. Man könnte den Zweck der Apostelgeschichte dennoch wie folgt definieren: Sie will, auf dem Hintergrund des Lukasevangeliums, das planvolle und von Gott souverän gelenkte Weitertragen der Botschaft vom Gottesreich von den Juden zu den Heiden und von Jerusalem nach Rom erklären . Der erste Band des lukanischen Geschichtswerks, das Lukasevangelium, begann mit der Beantwortung der Frage, wie aus dem Christentum, dessen Wurzeln doch im Alten Testament und im Judentum liegen, eine weltweite Religion werden konnte, und die Apostelgeschichte ist quasi seine Fortsetzung.

In beiden Schriften spielt der eschatologische Gedanke eine entscheidende Rolle. Der prophetische Terminus "Reich Gottes" findet sich allein zweiunddreißigmal im Lukasevangelium und sechsmal in der Apostelgeschichte - dazu kommen indirekte Anspielungen auf das Gottesreich in Apg 1,6 und Apg 20,25 (vgl. Apg 1,3; 8,12; 14,22; 19,8; 28,23.31 ) und viele andere - auch implizite - eschatologische Hinweise ( Apg 1,11; 2,19-21.34-35; 3,19-25; 6,14; 10,42; 13,23-26.32-33; 15,15-18; 17,7.31; 20,24-25.32; 21,28; 23,6; 24,15.1.25; 26,6-8.18; 28,20 ). Auffallend ist auch die Betonung der Rolle der Kirche im gegenwärtigen Zeitalter - sie gilt als Erbin des Gottesreiches. All das weist darauf hin, daß Lukas in seiner Schrift die Verbreitung der Botschaft vom Reich Gottes zeigen wollte, die Verlagerung des Schwergewichts vonden Juden, für die das Evangelium zuerst bestimmt war, auf die Heiden, von Jerusalem nach Rom.

Diese Ausbreitung vollzog sich in planvoller, von Gott gelenkter Weise. Die Souveränität Gottes ist, wie bereits gesagt, ein weiterer "roter Faden", der sich durch das ganze Buch der Apostelgeschichte zieht. Trotz größter Hindernisse faßte das Wort des Herrn immer mehr Fuß und breitete sich aus. Lukas will daran aufzeigen, daß Gott sowohl gläubige Juden als auch Heiden aus diesem Zeitalter in sein Tausendjähriges Reich aufnehmen will.

In diese Gesamtintention des Werkes gehen die zuvor genannten anderen Ziele mit ein. Petrus als Apostel für die Beschnittenen und Paulus für die Unbeschnittenen sind die Hauptfiguren der geschilderten Ereignisse. Im Mittelpunkt sowohl des Lukasevangeliums als auch der Apostelgeschichte steht die Universalität des Evangeliums und die Ausbreitung der frohen Botschaft, von der in Apg 1,8 die Rede ist.


Mögliche Quellen des Buches


Lukas zog für seinen Bericht wahrscheinlich mehrere Quellen heran, an erster Stelle standen jedoch seine persönlichen Erfahrungen. Der eindeutigste Beleg dafür sind die "wir"-Passagen der Apostelgeschichte ( Apg 16,10-40;20,5-28,31 ). Eine zweite persönliche Informationsquelle war wohl Paulus, mit dem er lange Zeit zusammen war. Auf ihren langen gemeinsamen Reisen haben die beiden zweifellos die Bekehrung des Apostels und die Erfahrungen, die er in seinem Amt machte, eingehend erörtert. An dritter Stelle sind die anderen Zeugen, zu denen Lukas Verbindung hatte, zu nennen (vgl. Apg 20,4-5;21,15-19 ). In Apg 21,18-19 wird z. B. eine Begegnung mit Jakobus erwähnt. Jakobus wäre am ehesten in der Lage gewesen, Lukas die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte verarbeiteten Informationen zu geben. Tatsächlich scheinen diese Anfangspassagen auf eine aramäische Quelle zurückzugehen. Als Paulus dann zwei Jahre lang in Cäsarea im Gefängnis lag ( Apg 24,27 ), hatte Lukas Zeit, in Palästina weitere Recherchen anzustellen ( Lk 1,2-3 ). Nach eingehenden Augenzeugenbefragungen schrieb er dann seinen Bericht.


Datierung

Die Apostelgeschichte muß vor der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. entstanden sein, denn ein Ereignis von solcher Tragweite hätte der Verfasser mit Sicherheit nicht unerwähnt gelassen. Das gilt besonders angesichts eines der Grundthemen des Buches: Der Abwendung Gottes von den Juden, die Jesus Christus verworfen hatten, und seiner Hinwendung zu den Heiden.

Auch die Nachricht vom Tode des Paulus, der gewöhnlich zwischen 66 und 68 n. Chr. datiert wird, hätte Lukas wohl kaum verschwiegen.

Ebensowenig hätte der Historiker Lukas die Christenverfolgungen unter Nero, die nach dem Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. begannen, übergangen, wenn er sein Buch nach dieser Zeit geschrieben hätte.

Eine Apologie des Christentums, die davon handelt, wie irgendwelche unbedeutenden kaiserlichen Beamten mit Paulus verfahren waren, wäre zu dieser Zeit wohl kaum noch von Nutzen gewesen. Nero war damals so fest entschlossen, die Kirche zu zerschlagen, daß eine Verteidigung, wie sie die Apostelgeschichte darstellt, ihn auf keinen Fall von seinem Vorhaben abgebracht hätte.

Die Forschung datiert die Entstehung der Apostelgeschichte daher im allgemeinen zwischen 60 und 62 n. Chr. Der Abfassungsort wäre damit Rom, möglicherweise auch Cäsarea und Rom. Jedenfalls befand sich Paulus bereits wieder auf freiem Fuß, oder seine Freilassung stand unmittelbar bevor.


Aufbau des Buches

Die dieser Untersuchung zugrundeliegende Gliederung stützt sich auf zwei Schwerpunkte des Buches: Erstens auf das Leitthema der Ausbreitung des Evangeliums, das in Apg 1,8 formuliert ist: "Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien bis an das Ende der Erde."

Zweitens auf die Einfügung sogenannter "Summarien" oder "Verlaufsberichte", in denen Lukas die Entwicklung der Ausbreitung des Evangeliums zusammenfaßt (vgl. Apg 2,47;6,7;9,31;12,24;16,5;19,20;28,30-31 ). Weil er dabei keine feststehende Formel verwendet, besteht einige Uneinigkeit darüber, ob und an welchen Stellen eventuell noch weitere solcher "Verlaufsberichte" stehen (z. B. Apg 2,41;4,31;5,42;8,25.40 usw.). Auf jeden Fall fehlt diesen anderen Aussagen entweder der summarische Charakter oder die Eindeutigkeit.

Der Schlüsselvers Apg 1,8 und die sieben zusammenfassenden Verlaufsberichte bilden die Grundlage für die folgende Gliederung.


GLIEDERUNG


I. Das Zeugnis in Jerusalem ( 1,1-6,7 )

     A. Die Erwartung der Erwählten ( Kap. 1-2 )
          1. Einführung ( 1,1-5 )
          2. Die Klausur in Jerusalem ( 1,6-26 )
          3. Die Geburtsstunde der Kirche ( Kap. 2 ) "Verlaufsbericht" Nr. 1: "Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden" ( 2,47 ).

     B. Die Ausbreitung der Kirche in Jerusalem ( 3,1-6,7 )
          1. Widerstände gegenüber der Kirche ( 3,1-4,31 )
          2. Bestrafung innerhalb der Kirche ( 4,32-5,11 )
          3. Die weitere Entwicklung der Kirche ( 5,12-42 )
          4. Die Verwaltung innerhalb der Kirche ( 6,1-7 ) "Verlaufsbericht" Nr. 2: "Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem" ( 6,7 ).

II. Das Zeugnis in ganz Judäa und Samaria ( 6,8-9,31 )

     A. Der Märtyrertod des Stephanus ( 6,8-8,1 a)
          1. Die Gefangennahme des Stephanus ( 6,8-7,1 )
          2. Die Rede des Stephanus ( 7,2-53 )
          3. Der Tod des Stephanus ( 7,54-8,1 a)

     B. Das Wirken des Philippus ( 8,1 b. 2 - 40 )
          1. In Samarien ( 8,1 b. 2-25 )
          2. Das Gespräch mit dem äthiopischen Kämmererer ( 8,26-40 )

     C. Die Botschaft des Sauls ( 9,1-31 )
          1. Die Bekehrung des Sauls ( 9,1-19 a)
          2. Sauls in Damaskus und Jerusalem ( 9,19 b. 20-31 ) "Verlaufsbericht" Nr. 3: "So hatte nun die Gemeinde Frieden in ganz Judäa und Galiläa und Samarien und baute sich auf und lebte in der furcht des Herrn und mehrte sich unter dem Bei- stand des Heiligen Geistes" ( 9,31 ).

III. Das Zeugnis bis ans Ende der Erde ( 9,32-28,31 )

     A. Die Ausbreitung der Gemeinde bis nach Antiochia ( 9,32-12,24 )
          1. Die Wegbereitung für ein universales Evangelium durch Petrus ( 9,32-10,48 )
          2. Die Wegbereitung für ein universales Evangelium durch die Apostel ( 11,1-18 )
          3. Die Wegbereitung für ein universales Evangelium durch die Gemeinde in Antiochia ( 11,19-30 )
          4. Die Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem ( 12,1-24 ) "Verlaufsbericht" Nr. 4: "Und das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus" ( 12,24 ).

     B. Die Ausbreitung der Gemeinde in Kleinasien ( 12,25-16,5 )
          1. Die Berufung und Beauftragung von Barnabas und Sauls ( 12,25-13,3 ) (Die erste Missionsreise, Kap. 13-14 )
          2. Die Rundreise durch Kleinasien ( 13,4-14,28 )
          3. Das Apostelkonzil in Jerusalem ( 15,1-35 )
          4. Die Stärkung der Gemeinden in Kleinasien ( 15,36-16,5 ) (Die zweite Missionsreise, 15,36-18,22 ) "Verlaufsbericht" Nr. 5: "Da wurden die Gemeinden im Glaube gefestigt und nahmen täglich zu an der Zahl" ( 16,5 ).

     C. Die Ausbreitung der Kirche in Griechenland ( 16,6-19,20 )
          1. Der Ruf nach Mazedonien ( 16,6-10 )
          2. Die Konflikte in Mazedonien ( 16,11-17,15 )
          3. Der missionarische Kreuzzug in Achaja ( 17,16-18,18 )
          4. Der Abschluß der zweiten Missionsreise ( 18,19-22 )
          5. Die Missionirung von Ephesus ( 18,23-19,20 ) (Die dritte Missionsreise 18,23-21,16 ) "Verlaufsbericht" Nr. 6: "So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig" ( 19,20 )

     D. Die Ausbreitung der Kirche in Rom ( 19,21-28,31 )
          1. Der Abschluß der dritten Missionsreise ( 19,21-21,16 )
          2. Die Gefangenschaft in Jerusalem ( 21,17-23,32 )
          3. Die Gefangenschaft in Cäsarea ( 23,33-26,32 )
          4. Die Gefangenschaft in Rom ( Kap. 27-28 ) "Verlaufsbericht" Nr. 7: "Paulus aber bleib zwei volle Jahre in seiner eigenen Wohnung und nahm alle auf, die zu ihm kamen, predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert" ( 28,30-31 )

AUSLEGUNG


I. Das Zeugnis in Jerusalem
( 1,1 - 6,7 )


A. Die Erwartung der Erwählten
( Apg 1-2 )


1. Einführung
( 1,1 - 5 )
Apg 1,1-2

Die beiden ersten Verse der Apostelgeschichte verweisen zurück auf das Lukasevangelium. Jener Theophilus , von dem dort die Rede ist, war möglicherweise ein Gönner von Lukas, der ihn während der Arbeit an seinen Büchern finanziell unterstützte. Sicher ist, daß er Christ war und daß Lukas ihn - und die Kirche Christi - mit seinen Schriften im Glauben stärken und belehren wollte (vgl. Lk 1,1-4 ).

Die Präposition von Anfang an besagt, daß die Apostelgeschichte den Bericht vom Wirken und Lehren Christi auf Erden fortsetzt. Durch sein Volk wirkt und lehrt Christus noch heute.

Der Hinweis auf die Himmelfahrt des Herrn in Apg 1,2 bezieht sich zurück auf Lk 24,51 .

Die Jünger erhielten bei dieser Gelegenheit zwei Aufträge: (1) Sie sollten in Jerusalem bleiben ( Apg 1,4; vgl. Lk 24,49 ), und (2) sie sollten als Zeugen in die Welt gehen ( Apg 1,8; vgl. Lk 10,4;24,47 ). Diese Weisungen mögen auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, sind es jedoch nicht, denn sie sollten der Reihe nach erfüllt werden.


Apg 1,3


Die Erscheinungen des auferstandenen Herrn dienten als Beweise für seine Auferstehung. Der Begriff "Beweise" ( tekmEriois ) kommt nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vor; gemeint sind damit sichtbare Indizien, im Gegensatz zu Beweisen, die sich auf Zeugenaussagen stützen. Die Jünger konnten sich mit eigenen Augen und durch die Berührung des Auferstandenen von der Wahrheit des Geschehens überzeugen (vgl. Lk 24,39-40; 1Joh 1,1 ).

Vierzig Tage lang zeigte sich Jesus nach seiner Auferstehung den Aposteln und redete mit ihnen vom Reich Gottes . Was meint Lukas mit dem "Reich Gottes" (vgl. den Kommentar zu Mt 3,2;13,10-16 )? War Gott nicht schon immer der Herrscher der Welt, ganz besonders der Herr über Israel ( Dan 2,47; 3,33; 4,22-23.29.31-34; 5,21; 6,26-28; Ps 84,4; 89,7-19;103 ; usw.)? Das ist richtig, doch es wird eine Zeit - das "Tausendjährige Reich" - kommen, in der Gott auf spektakuläre Weise in die menschliche Geschichte eingreifen und für alle sichtbar seine Herrschaft auf Erden errichten wird. Obwohl Jesus seine Jünger schon vor seiner Kreuzigung immer wieder auf dieses kommende Ereignis hinwies, hielt er es für angebracht, noch vierzig Tage nach der Auferstehung mit ihnen darüber zu reden.


Apg 1,4


Die Verheißung des Vaters , von der auch in Lk 24,49 die Rede ist, bestand ganz offensichtlich im Kommen des Heiligen Geistes (vgl. Apg 1,5; Joh 14,16;15,26;16,7 ).


Apg 1,5


Schon Johannes der Täufer hatte von einer Taufe mit dem Heiligen Geist , die der Herr Jesus an den Gläubigen vornehmen und durch die er sie an sich binden würde, gesprochen. Diese Taufe war für ihn ein Zeichen der Größe des Herrn, denn er selbst hatte nur mit Wasser getauft. Das Wort getauft , das im strengen Wortsinn "ein- oder untertauchen" bedeutet, hat hier die Bedeutung von "vereinigen mit" (vgl. 1Kor 10,1-2 ). Auch Jesus selbst hatte mehrmals auf die Taufe mit dem Heiligen Geist hingewiesen ( Mt 3,11; Mk 1,8; vgl. Apg 11,16 ).


2. Die Klausur in Jerusalem
( 1,6 - 26 )


a. Die Himmelfahrt
( 1,6 - 11 )


Apg 1,6


Außerordentlich aufschlußreich ist die Frage der Jünger: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?

Der Satz beginnt im Griechischen mit dem Bindewort "nun" ( men oun ), das den Zusammenhang zu Vers 5 herstellt. In der Vorstellung der Jünger mußten die Ausgießung des Heiligen Geistes und das Kommen des verheißenen Gottesreiches zusammenfallen. Wie konnte es auch anders sein, wo doch das Alte Testament diese beiden Ereignisse so oft zusammen beschrieben hatte (vgl. Jes 32,15-20;44,3-5; Hes 39,28-29; Joe 3,1-4,1; Sach 12,8-10 )! Als deshalb Christus davon sprach, daß die Taufe mit dem Heiligen Geist bevorstünde, schlossen sie daraus sofort, daß auch die Wiederherstellung des Königreiches Israel gekommen sei (vgl. den Kommentar zu dem Verb "wiederherstellen" bei Apg 3,21 ).


Apg 1,7

Manche Forscher leiten aus der Antwort Jesu die Schlußfolgerung ab, daß die Apostel sich ein falsches Bild vom Gottesreich machten. Das ist jedoch sicherlich nicht der Fall. Christus warf den Jüngern nicht vor, sich falschen Hoffnungen hingegeben zu haben. Dabei wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen, ihren Irrtum zu korrigieren. Jesus hatte ihnen tatsächlich gesagt, daß ein irdisches, ganz konkretes Reich kommen werde (vgl. Mt 19,28; Lk 19,11-27;22,28-30 ). Nach Apg 1,3 sprach der Herr mehrmals mit den Jüngern über das Reich Gottes; dabei hatte er ihnen mit Sicherheit ein richtiges Bild vom Wesen dieses Reiches vermittelt. Hier (in V. 7 ) ging es ihm jedoch um die Zeit, zu der das Reich kommen sollte. Das griechische Wort für Zeit ( chronous ) bezeichnet ursprünglich eine zeitliche Dauer; der Begriff für Stunde dagegen ( kairous ) umfaßt sowohl die zeitliche Dauer als auch ihre Qualität (wie z. B. "harte Zeiten"). Die Jünger würden also weder die Zeit selbst, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat, wissen , noch wie sie werden würde. All das würde ihnen später noch genauer offenbart werden (vgl. 1Thes 5,1 ).


Apg 1,8

Dieser Vers beginnt mit einer Gegenüberstellung ( alla , aber ) zu Vers 7 . Statt sich um Zeit und Stunde zu kümmern, sollten die Apostel Zeugen Christi bis an das Ende der Erde werden, nachdem sie auf übernatürliche Weise die Kraft des Heiligen Geistes empfangen hatten.

Die Bedeutung des Satzes "ihr ... werdet meine Zeugen sein" ist nicht ganz klar. Handelt es sich hier um ein Gebot oder um eine Feststellung? Grammatisch könnte er beides bedeuten, doch angesichts von Apg 10,42 (vgl. Apg 4,20 ) ist er wohl eindeutig als Imperativ, als Aufforderung für die Zukunft, zu verstehen.

Wahrscheinlich ist mit dem "Ende (Singular) der Erde" Rom gemeint, im 1. Jahrhundert das stolze Zentrum der Zivilisation und über 2000 Kilometer (Luftlinie) von Jerusalem entfernt.



Apg 1,9-11

Die folgenden Verse beschreiben die Himmelfahrt des Herrn, weisen jedoch gleichzeitig auf seine Wiederkunft voraus. Christus wird leibhaftig, vor aller Augen, in einer Wolke auf den Ölberg ( Sach 14,4 ) zurückkehren ( Offb 1,7 ) - wie die Apostel ihn hatten zum Himmel auffahren sehen .

Die Himmelfahrt Christi war der Schlußpunkt seines Wirkens auf Erden in menschlicher Gestalt. Er wurde erhöht zur Rechten des Vaters ( Apg 2,33-36; Apg 5,30-31; Hebr 1,3;8,1;12,2 ). Das bedeutete, daß die Fortführung des Werkes Christi auf Erden nun in die Hände seiner Jünger gelegt wurde ( Apg 1,1-2.8 ).

Die Himmelfahrt war notwendig, denn der verheißene Tröster, der den Jüngern die Kraft für die Verkündigung des Evangeliums und für das Warten auf das Gottesreich geben sollte, konnte erst danach kommen (vgl. Joh 14,16.26;15,26; Joh 16,7; Apg 2,33-36 ).


b. Die Gebete im "Obergemach"
( 1,12 - 14 )


Apg 1,12-14


Der Ölberg lag nur einen Sabbatweg , etwa 800 Meter (vgl. 2Mo 16,29; 4Mo 35,5 ), von Jerusalem entfernt.

Die Apostel waren im Obergemach versammelt. Größere Gesellschaften trafen sich normalerweise in den Obergeschossen der Häuser, weil sich dort die größten Räume befanden (vgl. Apg 20,8-9 ). Die Zimmer in den unteren Stockwerken waren kleiner, weil die Mauern das Gewicht des Oberstocks tragen mußten.

Bei dem Gebet (im griechischen Text hat das Wort "Gebet" den Artikel bei sich; Apg 1,14 ) handelte es sich wahrscheinlich um die Bitte um die Verheißung, von der in Vers 4 die Rede ist. Die Jünger befolgten also offenbar die Weisungen, die sie von Jesus erhalten hatten ( Lk 11,13 ). Erst zu Pfingsten wurde über die Christen der Geist ausgegossen (vgl. Röm 8,9 ).

Offensichtlich bekehrten sich nach der Auferstehung des Herrn auch Jesu Brüder zum Christentum (vgl. Joh 7,5 ). Wenn das stimmt, so ist diese Erscheinung Christi nach seiner Auferstehung die einzige, die Personen zuteil wurde, die vor seinem Tod noch nicht an ihn glaubten.


c. Die Nachwahl des zwölften Apostels
( 1,15 - 26 )

Apg 1,15

Petrus , der führende Apostel, trat auf unter den Brüdern und sprach zu hundertzwanzig Menschen, die in Jerusalem versammelt waren. Insgesamt war der Kreis der Nachfolger Christi jedoch weitaus größer (vgl. 1Kor 15,6 ).


Apostelgeschichte


Apg 1,16-17


Wie hoch Petrus das Alte Testament einschätzte, wird an seiner Beurteilung der Psalmen deutlich: In seinen Augen sind sie Aussagen des Heiligen Geistes, die dieser durch den Mund Davids kundtat. Petrus war überzeugt, daß das Wort der Schrift erfüllt werden mußte . Dieses "mußte", dei , ist ein Ausdruck für die logische oder göttliche Notwendigkeit einer Sache.

Nach Petrus hatte schon David auf Judas vorausgewiesen. Doch an welcher Stelle soll David von Judas Iskariot gesprochen haben? Natürlich bezog er sich nicht auf ihn persönlich und nannte auch nicht seinen Namen. Der Messias wird in den Psalmen als der der vollkommene König beschrieben; daher gelten die "Königspsalmen", die vom König Israels reden, häufig als Antizipation Jesu Christi, und die Feinde des Königs werden mit den Feinden des Messias gleichgesetzt. So gesehen kann man Ps 69,26 und Ps 109,8 ,wie Lukas in Apg 1,20 sagt, auf Judas beziehen. Beide Male handelt es sich um Verwünschungen der Feinde des Königs (vgl. auch Ps 41,9 ).

Apg 1,18-19

Judas hatte den Acker zwar nicht persönlich erworben, doch indirekt gehörte er ihm, da die Priester ihn in seinem Namen mit dem Geld, das er für den Verrat erhalten und in den Tempel geworfen hatte, kauften ( Mt 27,3-10 ).

Der Bericht über das grauenhafte Ende des Judas in Apg 1,18 scheint der Aussage von Mt 27,5 zu widersprechen, wonach er sich "erhängte". Eine Erklärung dafür könnte sein, daß seine Eingeweide, als er sich aufgehängt hatte, so rasch anschwollen, daß sie platzten. Plausibler klingt allerdings, daß er sich über einem Felsen erhängte und der Zweig oder Ast des Baumes, über den er das Seil geworfen hatte, ihn nicht trug, so daß er auf die Felsen herabfiel und mitten entzwei brach.

Hakeldamach ist das aramäische Wort für Blutacker . Die genaue Lage dieses Ackers ist unbekannt, doch man nimmt an, daß er sich in der Nähe der griechisch-orthodoxen Kirche und des Klosters St. Oniprius befand, an der Schnittstelle zwischen dem Hinnom- und dem Kidrontal, südöstlich von Jerusalem (vgl. die Karte).


Apg 1,20


Zu Petrus' Zitat der Ps 69,26 und Ps 109,8 vgl. den Kommentar zu Apg 1,16-17 .


Apg 1,21


Lukas benutzt auch hier die Verbform dei , muß , um die logische oder göttliche Notwendigkeit der Ereignisse deutlich zu machen. Interessanterweise mußte die Zahl der Apostel nach dem Tod von Judas ergänzt werden, doch nach dem Tod des Apostels Jakobus ( Apg 12,2 ) wurde anscheinend kein Nachfolger gewählt (jedenfalls haben wir keinen Bericht darüber). Der Platz, den Judas hinterließ, mußte offensichtlich deshalb neu besetzt werden, weil sonst einer der verheißenen Throne, von denen in Mt 19,28 die Rede ist, leer bliebe, denn der Herr hatte den Aposteln verheißen, daß sie nach seiner Rückkehr auf die Erde mit ihm auf 12 Thronen sitzen und über das Reich Christi herrschen würden (vgl. Offb 21,14 ).


Apg 1,22


Welche Bedeutung die Auferstehung Jesu für die Jünger hatte, wird an der Forderung deutlich, daß der, der den Platz des Judas einnehmen sollte, Zeuge seiner Auferstehung , dem Eckstein des christlichen Glaubens (vgl. 1Kor 15 ), sein mußte.


Apg 1,23-26


Sie stellten zwei Männer auf, Josef (genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus) und Matthias . Dann beteten sie (das Gebet war die Anerkennung der Allwissenheit des Herrn; vgl. Ps 139,1-6; Joh 2,24;4,29 )und warfen das Los . Dabei wurden die Namen der Männer wahrscheinlich auf Steine geschrieben, die dann in einen Behälter gelegt wurden. Der Name des Mannes, der auf dem Stein stand, der dann beim Schütteln als erster herausfiel, galt als vom Herrn selbst erwählt.

Das ist das letzte Mal in der Bibel, daß der Wille Gottes durch das Los ermittelt wird. Dabei ist zu beachten, daß es hier nicht um eine moralische Entscheidung ging. Die Jünger mußten sich zwischen zwei Männern entscheiden, die anscheinend beide die gleichen Qualifikationen besaßen. Das Losverfahren geht wahrscheinlich auf Spr 16,33 zurück, wo geschrieben steht, daß die Entscheidung des Loses eine Entscheidung des Herrn ist.

Manche Theologen sind der Ansicht, daß die Wahl des Matthias im Grunde genommen falsch war. Abgesehen davon, daß sie das Losverfahren an sich mißbilligen, hätte in ihren Augen Paulus den Platz des Judas einnehmen müssen. Diejenigen, die die Wahl von Matthias für richtig halten, führen jedoch ins Feld, daß Mt 19,28 sich an die Juden richtet, während Paulus zu den Heiden gehen sollte ( Gal 2,9 ). Außerdem teilte auch Lukas, Paulus' Freund und Begleiter, offensichtlich die offizielle Anerkennung der Zwölf ( Apg 2,14;6,2 ). Die Apostelgeschichte selbst enthält ebenfalls keinerlei Einwand gegen die Wahl des Matthias.


3. Die Geburtsstunde der Kirche
( Apg 2 )


a. Das Kommen des Heiligen Geistes
( 2,1 - 13 )


Apg 2,1


Der Pfingsttag wurde alljährlich "eine Woche von Wochen" (d. h. nach sieben Wochen oder 49 Tagen) nach dem Fest der ersten Feldfrüchte gefeiert und daher auch "Wochenfest" (vgl. 3Mo 23,15-22 ) genannt. Die Bezeichnung Pfingsten ist griechischen Ursprungs; sie bedeutet 50, denn es fand am 50. Tag nach dem Fest der ersten Feldfrüchte statt ( 3Mo 23,16 ).

Wo genau sich die Anhänger Christi versammelt hatten, wissen wir nicht. Lukas schreibt einfach: Sie waren alle an einem Ort beieinander. Vielleicht hielten sie sich in den Vorhöfen des Tempels auf. Im nächsten Vers ist allerdings von einem Haus die Rede ( Apg 2,2 ) - eine zwar mögliche (vgl. Apg 7,47 ), aber unwahrscheinliche Bezeichnung für den Tempel. Wenn sie sich also nicht im Tempel versammelten, so muß das Haus, in dem sie sich trafen, doch auf jeden Fall in dessen Nähe gewesen sein (vgl. Apg 2,6 ).


Apg 2,2-3


Die Hinweise auf den "Wind" und das "Feuer" sind sehr wichtig. Das Wort für "Geist" ( pneuma ) ist verwandt mit pnoe, dem Wort, das hier mit "Wind" übersetzt ist und auch "Atem" bedeutet. Beide Substantive - "Geist" und "Wind" oder "Atem" - stammen von dem Verb pneO , "blasen, atmen". Das Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind war ein Zeichen für die Macht und die Fülle des Heiligen Geistes.

Die Zungen, zerteilt, wie von Feuer, stehen für die Anwesenheit Gottes. Im Alten Testament offenbarte Gott sich häufig in Form von Flammen ( 1Mo 15,17; 2Mo 3,2-6;13,21-22;19,18;40,38; vgl. Mt 3,11; Lk 3,16 ).

Keiner der Anwesenden war von diesem Erlebnis ausgenommen, denn die Zungen - bzw. der Heilige Geist - setzten sich auf einen jeden von ihnen .


Apg 2,4


Das "Erfülltwerden" mit dem Heiligen Geist ist nicht dasselbe wie die Taufe mit dem Geist. Die Taufe mit dem Geist erlebt jeder Gläubige nur einmal im Leben, zum Zeitpunkt seiner Rettung (vgl. Apg 11,15-16; Röm 6,3; 1Kor 12,13; Kol 2,12 ), doch mit dem Geist erfüllt wird er auch danach noch des öfteren ( Apg 4,8.31;6,3.5;7,55;9,17;13,9.52 ).

Die andern Sprachen ( heterias glOssais ; vgl. Apg 11,15-16 ), die die Apostel plötzlich beherrschten, waren ein Zeichen für die Taufe mit dem Heiligen Geist. Zweifellos handelte es sich dabei um lebende Sprachen; in Apg 2,6 und 8 wird das Wort dialektO verwendet, es bedeutet "Sprache", nicht "ekstatische Äußerungen". Das gibt uns auch Aufschluß über die "Zungen" in Kap. 2,10.19 und in 1Kor 12-14 .

Das Ereignis, das hier beschrieben ist, war praktisch die Geburtsstunde der Kirche. Bis jetzt wurde von ihr immer nur als von etwas Zukünftigem gesprochen ( Mt 16,18 ). Die Kirche bildet einen Leib, der durch die Taufe mit dem Heiligen Geist ins Leben gerufen wurde ( 1Kor 12,13 ), also muß das erstmalige Auftreten des Geistes, die Taufe mit dem Heiligen Geist, als die Geburtsstunde der Kirche betrachtet werden. Zwar wird in Apg 2,1-4 nicht ausdrücklich gesagt, daß die Taufe mit dem Heiligen Geist an Pfingsten stattfand. Doch in Apg 1,5 wird sie antizipiert, und Apg 11,15-16 ,wo von Pfingsten die Rede ist, bezieht sich zurück auf sie. Daraus schließen wir, daß die Kirche tatsächlich an Pfingsten gegründet wurde.



Apg 2,5-13


Während des Pfingstfestes hielten sich auch "Diaspora"-Juden (d. h. Juden in der Zerstreuung; vgl. 1Pet 1,1; Jak 1,1 ) in Jerusalem auf. Sie waren wahrscheinlich zweisprachig und beherrschten neben ihrem Heimatdialekt auch die griechische Sprache. Nun hörten sie zu ihrer maßlosen Verwunderung galiläische Juden in den Sprachen des Mittelmeerraums sprechen.

Unklar ist, ob nur die Zwölf oder alle 120 versammelten Gläubigen "in Zungen" sprachen. Mehreres spricht dafür, daß es nur die Apostel waren: (1) Sie werden aus Galiläa kommend bezeichnet ( Apg 2,7; vgl. Apg 1,11-13 ), (2) Petrus stand auf "mit den Elf" ( Apg 2,14 ), und (3) auch das "sie" in Apg 2,1 bezieht sich höchstwahrscheinlich auf "die Apostel" in Apg 1,26 .Dem steht entgegen, daß in Apg 2,9-11 mehr als zwölf Sprachen aufgezählt werden. Vielleicht konnte sich ein Apostel jeweils in mehreren Sprachen äußern. Andererseits ist aber auch nicht völlig auszuschließen, daß alle Einhundertzwanzig "in Zungen" sprachen. Da die Mehrheit von ihnen aus Galiläa stammte, wäre es immerhin denkbar, daß sie pauschal als "Galiläer" bezeichnet wurden. Die Verweise auf die Zwölf würden sich dann nur auf ihre Eigenschaft als Leiter der Einhundertzwanzig beziehen.

In all diesen verschiedenen Sprachen priesen sie die großen Taten Gottes , d. h., sie predigten an dieser Stelle weder die Buße noch das Evangelium.

Die ungläubigen Juden, die sich dieses Wunder beim besten Willen nicht erklären konnten, waren völlig verwirrt. Manche nahmen ihre Zuflucht zum Spott und behaupteten: Sie sind voll von süßem Wein.


b. Die Predigt des Petrus
( 2,14 - 40 )


Die Ansprache des Petrus kreist im Grunde genommen um ein zentrales Thema: Jesus ist der Messias und Herr (V. 36 ). Ihr Aufbau läßt sich wie folgt untergliedern:

I. Die Erfüllung der Prophezeiungen (V. 15 - 21 ) A. Eine Apologie (V. 15 ) B. Eine Erklärung (V. 16 - 21 ) II. Jesus - der Messias (V. 22 - 32 ) A. Zeugnis aus den Werken (V. 22 ) B. Zeugnis aus der Auferstehung (V. 23 - 32 ) III. Jesus, der verherrlichte Messias, als Spender des Heiligen Geistes (V. 33 - 36 ) IV. Praktische Umsetzung des Gesagten (V. 37 - 40 )

Apg 2,14-15


Gleich am Anfang seiner Predigt wies Petrus den Vorwurf zurück, daß sie alle betrunken seien. Es war erst die dritte Stunde am Tage (also neun Uhr; der Tag begann um sechs Uhr), viel zu früh für eine Gruppe betrunkener Zecher!



Apg 2,16-21


Die Gläubigen erlebten hier vielmehr am eigenen Leibe, was bei Joe 2 geschrieben stand: Das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist. "Das ist's" heißt nicht "das ist wie das", sondern bedeutet, daß das Pfingsterlebnis tatsächlich die Erfüllung dessen war, was Joel beschrieben hatte. Die Erfüllung der anderen Prophezeiungen Joels, die Petrus in Apg 2,19-20 zitierte, blieballerdings noch aus, denn Israel war nicht bereit, Buße zu tun (vgl. dazu den Kommentar zu Apg 3,19-23 ).



Apg 2,22


Gott hatte Jesus durch seine Wunder unter den Juden bestätigt und als Messias ausgewiesen (vgl. 1Kor 1,22;14,22 ).



Apg 2,23


Die Bedeutung dieses Verses liegt auf der Hand: die Kreuzigung war kein Zufall. Sie entsprach vielmehr dem Ratschluß ( boulE ) und der Vorsehung Gottes und war nicht nur sein Wunsch, sondern sein entschiedener Wille und damit göttliche Notwendigkeit (vgl. Apg 4,28 ). Mit ihr meinte Petrus die Juden. Beide, sowohl Juden als auch Heiden, waren schuld an Christi Tod. Den Juden warfen die Apostel häufig explizit vor, Jesus gekreuzigt zu haben ( Apg 2,23.36;3,15;4,10;5,30;7,52;10,39;13,28 ), doch sie hielten auch die Heiden für schuldig ("durch die Hand der Heiden"; Apg 2,23;4,27; vgl. Lk 23,24-25 ).



Apg 2,24


Eine der grundlegenden Aussagen der Apostelgeschichte ist die Auferstehung des Herrn (V. 32 ; Apg 3,15.26;4,10;5,30;10,40;13,30.33-34.37;17,31; Apg 26,23 ). Sie war ein weiterer Beleg dafür, daß er der Messias war, denn er konnte nicht vom Tode festgehalten werden ( Joh 20,9 ).



Apg 2,25-35


Die folgenden Verse enthalten vier Beweise für die Auferstehung des Herrn und seine Himmelfahrt: (a) Die Prophezeiung von Ps 16,8-11 ,die sich auf den Messias beziehen muß, da David gestorben ist ( Apg 2,29 ), (b) die Zeugen der Auferstehung (V. 32 ), (c) die übernatürlichen Ereignisse an Pfingsten (V. 33 ) und (d) die Himmelfahrt des Herrn Davids ( Ps 110,1; Apg 2,34-35 ).

Das in Vers 27.31 mit Tod übersetzte Wort ist hadEs , es bedeutet entweder Unterwelt, d. i. der Aufenthaltsort der Verstorbenen, oder, wie hier, "Grab".

Petrus will damit sagen, daß David, der Erzvater, in Ps 16,15 nicht von sich selbst sprechen konnte, weil er gestorben und begraben war; daher mußte an dieser Stelle Christus ("Messias") und seine Auferstehung gemeint sein. Der Eid, den Gott David schwur ( Apg 2,30 ), bezieht sich zurück auf Ps 132,11 (vgl. 1Sam 7,15-16 ). Gott hat Jesus auferweckt und erhöht (vgl. Apg 3,13; Phil 2,9 ) und ihn zu seiner Rechten gesetzt (vgl. Apg 5,30-31; Eph 1,20; Kol 3,1; Hebr 1,3; Apg 8,1;10,12;12,2; 1Pet 3,22 ). Von dort hatte er die Macht, den verheißenen Heiligen Geist zu senden ( Joh 1,5.8;14,16.26;15,26;16,7 ), dessen Gegenwart durch den Anblick, der sich den Menschen bot ("Zungen von Feuer"; Apg 2,3 ), durch das Brausen, das sie hörten ("ein gewaltiger Wind"; V. 2 ), und durch die Fähigkeit der Apostel, in anderen Sprachen zu sprechen (V. 4.6. 8.11 ), bewiesen wurde.

Auch in Ps 110,1 konnte David nicht von sich selbst gesprochen haben. Er wurde nicht auferweckt ( Apg 2,29.31 ), und er ist auch nicht gen Himmel gefahren (V. 34 ). Der HERR ist Jahwe, Gott, der zu meinem (Davids) Herrn , Christus, Gottes Sohn, sprach.

Immer wieder hoben die Apostel hervor, daß sie Zeugen des auferstandenen Christus waren (in der Apostelgeschichte insgesamt fünfmal; vgl. V. 32 ; Apg 3,15;5,32;10,39-41;13,30-31 ). Sie wußten also, wovon sie sprachen!



Apg 2,36


Dann kam Petrus zur Schlußfolgerung aus seinem Gedankengang. Das Substantiv Herr , hier bezogen auf Christus, ist wahrscheinlich ein Verweis auf Jahwe. Dasselbe Wort, kyrios , steht in Vers 21.34.39 für Gott (vgl. Phil 2,9 ) und ist damit eine Bestätigung der Gottheit Christi.


Apg 2,37


Die Verse 37 - 40 enthalten dann die praktische Anwendung der Predigt. Das hier mit ging durch übersetzte Verb ( katenygEsan ) bedeutet "heftig schlagen oder stechen, verblüffen". Das Wirken des Heiligen Geistes erwies sich als mächtig in den Herzen der Menschen (vgl. Joh 16,8-11 ).

Ihre Frage "was sollen wir tun?" hatte allerdings einen verzweifelten Unterton (vgl. Apg 16,30 ). Wenn die Juden ihren Messias gekreuzigt hatten und er jetzt erhöht war, was blieb ihnen dann noch zu tun übrig?



Apg 2,38-39


Die Antwort von Petrus war klar und eindeutig. Als erstes sollten sie Buße tun . Das Verb, das er hier verwendete ( metanoEsate ), bedeutet ursprünglich "die Einstellung, das Herz, die Ausrichtung des Lebens ändern". Aus der inneren Wandlung sollte dann offensichtlich auch eine Verhaltensänderung erwachsen, doch die Betonung liegt auf der Änderung des Geistes bzw. der Einstellung. Die Juden hatten Jesus verworfen; jetzt sollten sie ihm vertrauen und an ihn glauben. Die Buße spielt in der Apostelgeschichte immer wieder eine wesentliche Rolle in der Predigt der Apostel (V. 38 ; Apg 3,19;5,31;8,22;11,18;13,24;17,30;19,4;20,21;26,20 ).

Das Gebot "jeder von euch lasse sich taufen" und die mit ihm in Verbindung gebrachte Sündenvergebung wurde unterschiedlich ausgelegt: (1) Beide, Buße und Taufe, führen zur Vergebung der Sünden. Demnach wäre die Taufe heilsnotwendig. An anderen Stellen in der Schrift wird die Vergebung der Sünden dagegen allein vom Glauben abhängig gemacht ( Joh 3,16.36; Röm 4,1-17; Röm 11,6; Gal 3,8-9; Eph 2,8-9; usw.). Auch Petrus selbst verhieß später die Vergebung der Sünden allein durch den Glauben ( Apg 5,31;10,43;13,38;26,18 ).



Apg 2,40


(3) Eine dritte Möglichkeit wäre, den Satz "und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi" vom übrigen Satz abzugrenzen. Dafür spricht folgendes: (a) Die Verben und Substantive in Vers 38 stehen zum Teil im Singular und zum Teil im Plural. Das Verb "tut Buße" ist Plural, ebenso wie das Pronomen "eurer" in dem Satz "zur Vergebung eurer Sünden" ( eis aphesin tOn harmartiOn hymOn ). Daher muß das Verb "tut Buße" zu dem Satzteil "zur Vergebung der Sünden" gehören. Der Imperativ "jeder von euch lasse sich taufen" dagegen steht im Singular und hebt sich damit vom übrigen Satz ab. (b) Diese Interpretation paßt auch zu der Aussage von Petrus in Apg 10,43 , in der dieselbe Formulierung, "zur Vergebung der Sünden" ( aphesin hamartiOn ), vorkommt. Auch dort wird die Vergebung der Sünden allein durch den Glauben gewährt. (c) In Lk 24,47 und Apg 5,31 weist Lukas darauf hin, daß es die Buße ist, die die Vergebung der Sünden bewirkt.

Petrus' Worte in diesem Vers beziehen sich zurück auf die Verse 23 und 36 . Israel als Ganzes hatte entsetzliche Schuld auf sich geladen, doch als Individuen konnten die Juden dem Gericht Gottes über dieses Geschlecht noch entgehen, wenn sie Buße taten (vgl. Mt 21,41-44;22,7;23,34-24,2 ).



c. Die Beschreibung der ersten Kirche
( 2,41 - 47 )


Apg 2,41


An diesem Tag ließen sich dreitausend Gläubige taufen und gaben damit ihrem Wunsch Ausdruck, Christus nachzufolgen. Unmittelbar nach der Taufe schlossen sie sich der Glaubensgemeinschaft an.


Apg 2,42


Diese ersten Gläubigen, die die Urkirche bildeten, taten zweierlei. Sie blieben beständig ( proskarterountes , "beharren in oder fortfahren mit"; vgl. Apg 1,14;2,46;6,4;8,13;10,7; Röm 12,12; Röm 13,6; Kol 4,2 ) in der Lehre der Apostel , und sie schlossen sich zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich im Brotbrechen und im Gebet manifestierte.

Mit dem "Brotbrechen" waren wahrscheinlich sowohl normale gemeinsame Mahlzeiten als auch das Herrenmahl gemeint (vgl. Apg 2,46;20,7; 1Kor 10,16;11,23-25; Jud 1,12 ).



Apg 2,43


Die Apostel vollbrachten - auch später noch ( Apg 4,30;5,12;6,8;8,6.13;14,3;15,12 ) - viele Wunder ( terata , "Wunder, die Ehrfurcht erwecken") und Zeichen ( sEmeia , "Wunder, die auf die göttliche Wahrheit verweisen"), die ihre Glaubwürdigkeit bestätigten (vgl. 2Kor 12,12; Hebr 2,3-4 ). Christus selbst hatte die Wahrheit seiner Botschaft ebenfalls durch "Wunder", "Zeichen" und "große Taten" ( dynameis ) erwiesen.



Apg 2,44-45


Alle Mitglieder der Urgemeinde verkauften ihr Eigentum und lebten von dem gemeinschaftlichen Besitz, wahrscheinlich, weil sie mit der baldigen Rückkehr des Herrn und der Errichtung des Gottesreiches rechneten. Als ihre Hoffnung sich als Irrtum herausstellte, gaben sie diese Praxis wohl auf. Sie war allerdings von Anfang an nicht mit dem heutigen Sozialismus oder Kommunismus zu vergleichen, denn sowohl der Anschluß an die Gemeinschaft der Gläubigen als auch der Verkauf des Privateigentums geschahen freiwillig (vgl. Apg 4,32.34-35;5,4 ); außerdem wurden die Güter nicht gleichmäßig, sondern entsprechend den Bedürfnissen eines jeden verteilt.



Apg 2,46-47


Alle diese Aktivitäten trugen dazu bei, daß sich die Kirche mehr und mehr vom traditionellen Judentum entfernte. Dennoch waren die Christen weiterhin täglich (vgl. V. 47 ) einmütig beieinander im Tempel .

Eine siegreiche Kirche ist eine freudige Kirche. Diese Freude zeigte sich bei allen möglichen Gelegenheiten ( Apg 5,41;8,8.39;11,23;12,14;13,48.52;14,17;15,3.31;16,34;21,17 ). Gemeinschaftlich brachen die Gläubigen das Brot hier und dort in den Häusern und hielten die Mahlzeiten (vgl. Apg 2,42 ) mit Freude . (Der Ausdruck lobten [ ainountes ] steht nur neunmal im Neuen Testament, davon allein siebenmal bei Lukas: Lk 2,13.20;19,37;24,53; Apg 2,47;3,8-9; Röm 15,11; Offb 19,5 ).

Der Abschnitt endet mit dem ersten der sieben "Verlaufsberichte" (vgl. Apg 6,7;9,31;12,24;16,5;19,20;28,30-31 ): täglich wurden weitere gerettet. Die Kirche verzeichnete also von Anfang an verblüffende Zuwachsraten.


B. Die Ausbreitung der Kirche in Jerusalem
( 3,1 - 6,7 )


1. Widerstände gegenüber der Kirche
( 3,1 - 4,31 )


a. Der Anlass
( Apg 3 )


Apg 3,1


Offensichtlich waren im Tempel in Jerusalem verschiedene Zeiten für das Gebet festgesetzt: neun Uhr morgens, zwölf Uhr mittags und drei Uhr nachmittags. An dieser Stelle ist wahrscheinlich vom Nachmittagsgebet die Rede (vgl. Apg 4,3 ).



Apg 3,2


Die Beschreibung des von Geburt an Gelähmten, der täglich in den Tempel getragen wurde, macht deutlich, daß sein Zustand hoffnungslos war. Er war bereits über 40 Jahre alt ( Apg 4,22 ) und wurde jeden Tag vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne (vermutlich das Osttor, das vom Vorhof der Heiden in den Frauenhof führte), gesetzt, um dort zu betteln.



Apg 3,3-11


Seine Wunderheilung durch Petrus und Johannes (V. 7 ) zog, in Verbindung mit der überschwenglichen Reaktion des Mannes (V. 8 ), eine überraschte ( Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie ) Menge an. Alles Volk lief zu ihnen in die Halle, die da heißt Salomos , d. h. in den Säulengang, der die ganze Ostseite des Tempels entlang bis zum äußeren Hof verlief (vgl. Apg 5,12 ). Die Apostelgeschichte berichtet noch von zwei weiteren Heilungen Gelähmter ( Apg 9,32-34; Apg 14,8-10 ).



Apg 3,12


Petrus erfaßte die Situation sofort und machte sie sich zunutze. Seine Predigt bestand aus einer Erklärung (V. 12 - 16 ) und einer Ermahnung (V. 17 - 26 ).

 

Apg 3,13-15


Zunächst sagte er, daß Jesus, der Knecht Gottes (vgl. V. 26 ; Apg 4,27.30 ), diese Heilung vollbracht habe. Der Terminus "Knecht Gottes" erinnert an den Titel "Gottesknecht" in Jes 42,1;49,6-7;52,13;53,11 .Interessanterweise verwendet Jesaja ( Jes 53,12; im Text der Septuaginta) zwei Formen des Verbs überantworten , paradidOmi . Der niedrige Gottesknecht (vgl. Phil 2,6-8 ) wurde vom Gott der Väter Israels, Abraham, Isaak und Jakob (vgl. 1Mo 32,10;3,6.15.16; Mt 22,32; Mk 12,26; Lk 20,37 ), verherrlicht (vgl. Joh 12,23;17,1; Apg 2,33; Phil 2,9; Hebr 1,3-4.8 ). Dann hielt er seinen Zuhörern mit drastischen Worten ihr Verhalten vor Augen ( Apg 3,13-15 ). Zuerst hatten sie von Pilatus verlangt, Christus zu töten, obwohl dieser ihn loslassen wollte . Sodann hatten sie den Heiligen und Gerechten verleugnet und statt seiner einen Mörder befreit. Drittens hatten sie den Fürsten des Lebens getötet. Doch Gott hat ihn von den Toten auferweckt . Interessant sind hier vor allem die Titel, mit denen Petrus Christus belegt: Er nennt ihn "seinen Knecht Jesus", "den Heiligen und Gerechten" (vgl. Hebr 7,26 ) und "den Fürsten des Lebens" (vgl. Joh 10,10 ). Vor allem dieser dritte Titel enthält eine gewisse Ironie: Die Juden töteten den Fürsten des Lebens , doch er wurde zum Leben auferweckt! (Zur Auferstehung Jesu vgl. den Kommentar zu Apg 2,24 ,zu den Zeugen der Auferstehung 2,32 .)



Apg 3,16

Der Gelähmte war geheilt worden, weil er, wie die vielen, die Jesus geheilt hatte, an den Namen Jesu glaubte (z. B. Mk 5,34;10,52; Lk 17,19 ). In der Zeit des Alten und Neuen Testaments stand der Name einer Person für die Person selbst. Lukas nennt den Namen (Jesu) in der Apostelgeschichte mindestens dreiunddreißigmal (vgl. Apg 2,21.38;3,6.16;4,7.10.12.17-18;5,28.40-41; usw.).



Apg 3,17-18


Mit diesem Vers beginnt der ermahnende Teil der Ansprache des Petrus. Die Juden und ihre religiösen Führer (vgl. Lk 23,13 ) hatten insofern in Unwissenheit gehandelt (vgl. Apg 17,30; Eph 4,18; 1Pet 1,14 ), als sie nicht erkannt hatten, wer Jesus wirklich war. Doch Gott gab ihnen nun noch einmal die Möglichkeit, Buße zu tun. Durch ihre in Unwissenheit begangene Tat hatten sie zugleich dazu beigetragen, daß die Prophezeiungen des Alten Testaments in Erfüllung gingen (vgl. Apg 17,3;26,22-23 ).

 

Apg 3,19-21


Petrus forderte die Menschen also auch hier, wie in seiner Pfingstpredigt ( Apg 2,38 ), zur Buße auf. War er der Ansicht, daß das Gottesreich kommen würde, wenn Israel bereute? Diese Frage muß aus mehreren Gründen mit "ja" beantwortet werden: (1) Die Verbform wiedergebracht ist im Griechischen ein Substantiv ( apokatastaseOs , Apg 3,21 ), das mit dem Verb "wieder aufrichten" ( apokathistaneis ; Apg 1,6 ) verwandt ist. Beide verweisen auf die Wiederherstellung des Königreichs Israel (vgl. Mt 17,11; Mk 9,12 ). (2) Der Begriff der Wiederherstellung entspricht, wenn er sich auf das Gottesreich bezieht, der Neuschaffung bzw. Wiedergeburt am Jüngsten Tag (vgl. Jes 65,17;66,22; Mt 19,28; Röm 8,20-22 ). (3) Die Satzkonstruktionen von Apg 3,19 und Apg 3,20 unterscheiden sich voneinander. Das daß in Vers 19 ist die Übersetzung des griechischen pros to (in manchen Handschriften steht eis to ) mit Infinitiv, das auf eine unmittelbare Absicht oder Folge deutet. Das damit in Vers 20 gibt jedoch eine ganz andere Satzkonstruktion wieder ( hopOs , mit Konjunktiv), die auf die ferne Zukunft verweist. Buße führt also zuerst (und sofort) zur Vergebung der Sünden. Wenn Israel dann als Ganzes Buße tut, wird ein zweites, entfernteres Ziel, das Kommen des Gottesreiches ( die Zeit der Erquickung beim zweiten Kommen Christi) Wirklichkeit werden. (4) Das Senden des Christus , d. h. des Messias (V. 20 ), bedeutet dasselbe wie das Kommen des Gottesreiches. (5) Bereits das Alte Testament "verkündigte diese Tage" (V. 24 ; vgl. V. 21 ). Die Propheten des Alten Testaments sagten zwar nicht die Kirche voraus, die für sie noch ein Geheimnis war ( Röm 16,25; Eph 3,2-6 ), aber sie sprachen oft vom goldenen messianischen Zeitalter, d. h. vom Tausendjährigen Reich.

Als Zeichen seiner Gnade hatte Gott den Israeliten ein zweites Mal die Möglichkeit zur Rettung angeboten, doch wieder lehnten sie es ab zu glauben. Sie hatten Jesus bereits vor der Kreuzigung abgelehnt, und auch der auferstandene Christus konnte sie nicht zur Buße bewegen. Auch dem "Zeichen des Jona" glaubten sie also nicht (vgl. Lk 16,31 ); es bestärkte sie eher in ihrem Unglauben.

Manche Exegeten sind allerdings der Ansicht, daß Petrus an dieser Stelle nicht vom Kommen des Gottesreiches sprach. Auch sie können mehrere Gründe dafür anführen. (1) Da Gott wußte, daß Israel nicht auf ein solches Angebot eingehen würde, handelte es sich nicht um ein Angebot im eigentlichen Sinn. Dagegen ist zu sagen, daß dieses Angebot von den Juden nicht mehr verlangte als die Verkündigung des Evangeliums von den Nicht-Erwählten. (2) Damit wird das Gottesreich in das Zeitalter der Kirche verlegt. Dazu ist zu sagen, daß die Ursprünge des Kirchenzeitalters bereits vor der Geburt der Kirche an Pfingsten liegen (vgl. Mt 16,18;18,17; Joh 10,16;14,20 ). (3) Die These, daß Petrus hier vom Gottesreich sprach, führt zu einer extremen Jenseitshoffnung. Das ist jedoch keine zwingende Folge, wenn man das Angebot Gottes als eine Übergangszeit innerhalb der Kirchenzeit versteht. Die Apostelgeschichte ist quasi ein Werk des Übergangs, eine Brücke, die das Werk Christi auf Erden mit seinem Werk durch die Kirche auf Erden verbindet.



Apg 3,17-21


stellt also zwei Verheißungen für die Buße, die von Israel verlangt wurde, in Aussicht: (1) Für den einzelnen die Vergebung der Sünden, und (2) für das Volk als Ganzes die Rückkehr und Herrschaft des Messias.



Apg 3,22-23

An dieser Stelle wird Jesus als der "Mose des Neuen Testaments" bezeichnet, als die Erfüllung von 5Mo 18,15-19 (vgl. Joh 6,14 ). Christus wird nicht nur kommen und die Menschen befreien, wie Mose es tat, sondern er wird sie auch - ebenfalls wie Mose - richten (vgl. 3Mo 23,29 mit 5Mo 18,19; 4Mo 14,26-35 ).

 

Apg 3,24-25


Daß als nächster Prophet nach Mose erst wieder Samuel angeführt wird (vgl. Apg 13,20 ), impliziert ganz klar, daß Josua die Prophezeiung von 5Mo 18,15 nicht erfüllte.

Alle Propheten (vgl. Apg 3,18.21 ) sprachen auf die eine oder andere Art über diese Tage, d. h. über das messianische Zeitalter. Die Juden waren Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit Abraham geschlossen ( 1Mo 12,2-3;15,18-21;17,1-8;22,18 ) und den er ihren Vätern bestätigt hatte (z. B. Isaak, 1Mo 26,3-4 ). Sie waren gesegnet, wenn sie, wie Abraham, glaubten (vgl. Röm 3,28; Röm 4,3; Gal 3,6-7 ), ja letztlich sollten alle Völker durch Abraham gesegnet sein (vgl. 1Mo 12,3; Röm 4,12.16; Gal 3,29; Eph 3,6 ).



Apg 3,26


Jesus, der Knecht Gottes (vgl. V. 13 ; Apg 4,27.30 ), wurde euch, d. h. den Juden, zuerst gesandt . Dieses chronologische Muster wird auch in den Evangelien und in der Apostelgeschichte eingehalten (vgl. z. B. Mt 10,5-6; Apg 13,46; Röm 1,16 ), denn die Errichtung des Gottesreiches hing damals wie heute von der Antwort Israels ab (vgl. Mt 23,39; Röm 11,26 ).

 

b. Die Gefangennahme
( 4,1 - 22 )


Apg 4,1-2


Verantwortlich für die Festnahme von Petrus, Johannes und dem Gelähmten (V. 14 ) waren die Priester und der Hauptmann des Tempels und die Sadduzäer . Da es Sache des Hauptmanns war, im Tempel für Ruhe und Ordnung zu sorgen, ist es nicht überraschend, daß auch er einschritt, um die Menschenansammlung auseinanderzutreiben (vgl. Apg 3,11 ).

Die Priester waren selbst größtenteils Sadduzäer ( Apg 5,17 ); es war also in erster Linie diese Partei, die Anklage gegen die Apostel erhob. Das Priestergeschlecht der Sadduzäer vertrat eine Reihe besonderer religiöser und politischer Überzeugungen: (a) Sie glaubten weder an die Auferstehung des Leibes noch an Engel oder Geister; (b) sie verhielten sich der römischen Verwaltung gegenüber loyal; (c) sie wollten den Status quo aufrechterhalten; (d) sie gehörten zu den Wohlhabenden; (e) für sie war nur der Pentateuch maßgeblich. Die Predigt von Petrus und Johannes hatte sie sehr verdrossen, weil sie ihrer Leugnung der Auferstehung von den Toten explizit widersprach und außerdem das Establishment angriff.



Apg 4,3


Die beiden Apostel wurden über Nacht eingesperrt, denn es war schon Abend (vgl. drei Uhr nachmittags; Apg 3,1 ) und daher zu spät für einen Prozeß.



Apg 4,4




Hier zeigte sich erstmals, daß das Evangelium sich unaufhaltsam, gegen alle Widerstände, durchsetzte. Die beiden führenden Apostel wurden in Ketten gelegt, doch das Wort Gottes konnte nicht gebunden werden! (Vgl. Apg 28,30-31; Phil 1,12-14 .)



Apg 4,5-6

Lukas' sorgfältige Beschreibung der jüdischen Machthaber führt den Pomp und die Macht dieser Versammlung vor Augen. Einfache Fischer standen vor den höchsten Führern des Landes! Die Obersten und Ältesten und Schriftgelehrten zusammen bildeten den Sanhedrin, den höchsten jüdischen Gerichtshof (vgl. V. 15 ). Hannas , der Schwiegervater des Kaiphas, war von 6 bis 15 n. Chr. Hoherpriester und wurde dann abgesetzt. Sein Schwiegersohn Kaiphas trat seine Nachfolge an (18 bis 36 n. Chr.), doch offensichtlich betrachteten die Juden Hannas, der eine Art priesterlicher Staatsmann war, weiterhin als ihren rechtmäßigen Hohenpriester. (Vgl. die Tabelle zur Familie des Hannas und den Kommentar zu Lk 3,2; Joh 18,13; Apg 7,1 .) Der Hohe Rat hatte über Jesus zu Gericht gesessen; jetzt standen zwei von Jesu berühmtesten und kühnsten Anhängern vor ihm! Über die beiden anderen Personen, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden, Johannes und Alexander , wissen wir nichts.



Apg 4,7-10

Als Petrus und Johannes vor den Hohen Rat gestellt und gefragt wurden, von wem sie ihre Vollmacht hatten, wurde Petrus, der Sprecher der beiden, vom Heiligen Geist erfüllt (vgl. Apg 2,4 ). Das ist bereits Petrus' vierte Rede in der Apostelgeschichte. Ihr - mit beißender Ironie vorgetragener - Inhalt lautete in etwa: "Stehen wir hier vor Gericht, weil wir einem kranken Menschen geholfen haben?" Die Apostel hatten das Wunder nicht aus eigener Kraft, sondern im Namen Jesu Christi (vgl. Apg 3,16;4,7.12.17-18 ) vollbracht, den das jüdische Volk gekreuzigt, Gott aber von den Toten auferweckt hatte (vgl. Apg 2,23-24;3,15 ).



Apg 4,11


Der, der diesen Gelähmten geheilt hatte, war der Stein, den die Bauleute verworfen hatten. Hier zitierte Petrus Ps 118,22 .Die Bedeutung des Verses ist jedoch umstritten. Der verworfene Stein ( Ps 118 ) kann (a) ein wirklicher Stein, (b) das Volk Israel oder (c) David sein. Möglich ist auch, daß es sich nur um ein Sprichwort handelt. David dachte wahrscheinlich an Israel, das von allen verachtete Volk, als er seinen Psalm dichtete. Doch auf jeden Fall ist Jesus Christus, das "vollkommene Israel", die endgültige Erfüllung dieses Verses (vgl. Jes 5,1-7; Mt 2,15;21,42; Mk 12,10; Lk 20,17; 1Pet 2,7 ). Der verworfene Stein (der in der Kreuzigung durch das Volk verworfene Christus) ist der Eckstein , der auferstandene Herr.



Apg 4,12


Auch der Begriff Heil geht auf Ps 118 ,die Hauptquelle für diese Predigt, zurück. Die Verse 22 - 29 weisen voraus auf die Befreiung im Tausendjährigen Reich. In Apg 4,12 sprach Petrus also nicht nur von der Rechtfertigung des einzelnen, sondern von der umfassenden Rettung des Volkes Israel.

Damit waren die religiösen Machthaber in die Defensive gedrängt. Sie hatten den einzigen, der Israel retten konnte, verworfen und sich damit der Vollendung des Bauwerks Gottes in den Weg gestellt. Doch es gibt keinen anderen Weg zum Heil (vgl. Joh 14,6; 1Tim 2,5 ).



Apg 4,13-14


Der Hohe Rat war erstaunt, daß Petrus und Johannes, ungelehrte ( agrammatoi , "ungebildet") und einfache ( idiOtai ) Leute , so freimütig sprachen. Der Freimut ( parrEsia , "Kühnheit" oder "Mut, offen und frei zu sprechen") ist ein weiteres wichtiges Thema in der Apostelgeschichte ( Apg 2,29;4,13.29.31;28,31; vgl. das Verb "frei und offen predigen" in Apg 9,27-28;13,46;14,3;18,26;19,8;26,26 .) Ihnen war bekannt, daß Petrus und Johannes mit Jesus gewesen waren (vgl. Joh 7,15 ), und sie wußten nichts mehr zu sagen. Die Apostel erfuhren hier also zum ersten Mal am eigenen Leibe, was Christus ihnen verheißen hatte ( Mt 10,19-20; Lk 12,11-12; Lk 21,15 ).



Apg 4,15-17


Es ist von großer Bedeutung, daß die Mitglieder des Hohen Rats die Wirklichkeit des Zeichens nicht leugnen konnten und es auch überhaupt nicht versuchten. Sie vermieden es sorgfältig, "Jesus" zu erwähnen und sprachen nur von diesem Namen (vgl. die Weigerung des Hohenpriesters in Apg 5,28 ).

Vielleicht hatte Lukas diese Einzelheiten, die sich mit Sicherheit hinter verschlossenen Türen abspielten, von Nikodemus oder Paulus erfahren. Paulus war zwar kein Sadduzäer, doch er hatte wahrscheinlich Zugang zu derartigen Informationen.

Der Hohe Rat (Sanhedrin), der oberste Gerichtshof und das höchste Verwaltungsorgan der Juden, bestand aus 71 Mitgliedern, einschließlich des Hohenpriesters. Die meisten waren Sadduzäer. Hier stehen erstmals in der Apostelgeschichte (vgl. Apg 5,27 : Petrus und die Apostel; Apg 6,12 : Stephanus; Apg 22,30 : Paulus) Anhänger von Jesus vor dem Hohen Rat.



Apg 4,18-22


Auf den Befehl, keinesfalls zu reden oder zu lehren in dem Namen Jesu , erwiderten Petrus und Johannes, daß sie Gott mehr gehorchen mußten als menschlichen Autoritäten (vgl. Apg 5,29 ). Sie mußten ihr Zeugnisamt ausüben, wie Christus es ihnen geboten hatte ( Apg 1,8 ). Daraufhin verboten die religiösen Machthaber es ihnen nochmals, offensichtlich unter Androhung von Strafe, und ließen sie dann gehen. Sie wagten nicht, sie zu strafen, denn alle lobten Gott für das, was geschehen war (vgl. Apg 3,9; 5,26 ).



c. Das Gebet der Gemeinde
( 4,23 - 31 )


Dieses Gebet der Urkirche besteht aus drei Schritten: (1) Gott ist der souveräne Herrscher (V. 24 ). (2) Es gehört zu Gottes Plan, daß die Gläubigen bei der Verkündigung des Evangeliums auf Widerstände treffen (V. 25 - 28 ). (3) Daher baten sie Gott, ihnen den Mut zu offenem und freimütigem Bekenntnis zu geben (V. 29 - 30 ).



Apg 4,23-24

Bemerkenswerterweise bestand die erste Reaktion der Gläubigen (die Ihren, d. h. die Leute von Petrus und Johannes) auf Verfolgungen darin, Gottes souveräne Schöpfungskraft zu preisen.



Apg 4,25-27


Die Worte "durch den Heiligen Geist, durch den Mund unseres Vaters David" beweisen, wie viele andere Passagen der Apostelgeschichte, daß die Verfasser der Bibel vom Heiligen Geist inspiriert waren (vgl. Apg 28,25 ). Vers 25.26 enthalten ein Zitat aus Ps 2,1-2 über die Zeit der großen Trübsal. In einem vorläufigen Sinn sah Petrus im Widerstand gegen die frühe Kirche die Erfüllung des von David in Ps 2 vorhergesagten Widerstands gegen den Messias, den Christus Gottes ( tou christou ; vgl. "gesalbt", Apg 4,27 ). Die Parallelen liegen auf der Hand.

Die Heiden (ethne) in Apg 4,25 entsprechen den Heiden ( ethnesin ) in Vers 27 ; die Völker ( laoi ) in Vers 25 den Stämmen Israels ( laois I sraEl ) in Vers 27 ; die Könige der Erde in Vers 26 Herodes in Vers 27 ; und die Fürsten in Vers 26 Pontius Pilatus in Vers 27 .



Apg 4,28-30


In dem klaren Bewußtsein, daß Gott es vorherbestimmt hatte , daß Christi Botschaft auf Widerstand stoßen sollte, beteten Petrus und Johannes nun um Freimut in der Verkündigung und um die Fähigkeit, Heilungen, Zeichen ( sEmeia ; vgl. Apg 2,43 ) und Wunder ( terata ; vgl. Apg 2,43 ) durch den Namen Jesu vollbringen zu können.


Apg 4,31


Der Antwort des Herrn auf das Gebet der Gläubigen um Freimut ging eine Art Erdbeben an der Stätte, wo sie versammelt waren, voraus. Dann wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt (vgl. V. 8 ). Wenn Lukas, wie hier, das Kommen des Heiligen Geistes mit einer Verbform beschreibt, führte er es gewöhnlich allein auf das Wirken Gottes zurück. Im Gegensatz dazu sind die Christen in Eph 5,18 , wo der Imperativ steht, selbst dafür verantwortlich, daß sie vom Geist erfüllt werden.


2. Bestrafung innerhalb der Kirche
( 4,32 - 5,11 )


a. Die Gütergemeinschaft
( 4,32 - 37 )


Lukas hatte zwei Gründe dafür, an dieser Stelle den folgenden Abschnitt einzuschieben. Erstens nutzte er die Gelegenheit, seinen Lesern Barnabas vorzustellen. Es entsprach seiner üblichen Technik, eine Person zunächst in einer kleinen Geschichte einzuführen und sie dann später in einer größeren Rolle auf die Bühne zu bringen.

Zweitens wollte er das Verhalten des Barnabas und der übrigen Gemeinde dem Charakter von Hananias und Saphira ( Apg 5 ) gegenüberstellen. Die Großzügigkeit, die unter den anderen Christen herrschte und die vor allem Barnabas auszeichnete, hob sich scharf von der Selbstsucht dieses Ehepaars ab.

Apg 4,32-35

Die Gläubigen waren sich nicht nur in geistlichen, sondern auch in materiellen Dingen (vgl. Apg 2,44-45 und den Kommentar dazu) einig ( ein Herz und eine Seele ). Sie verkauften ihre Güter, und jeder bekam zugeteilt, was er nötig hatte . Der Herr hatte ihr Gebet um Freimut offensichtlich erhört ( Apg 4,29 ), denn die Apostel bezeugten mit großer Kraft die Auferstehung des Herrn Jesus . (Hier findet sich auch zum ersten Mal das in der Apostelgeschichte so häufig vorkommende Wort Gnade ; z. B. Apg 6,8;11,23;13,43;14,3.26;15,11.40;18,27;20,24.32; usw.)

 

Apg 4,36-37


Josef trug den Beinamen Barnabas, das heißt übersetzt: Sohn des Trostes ; wahrscheinlich verdankte er ihn der Gabe, Traurige und Entmutigte wieder aufzurichten.

Wie kam aber ein Levit zu Eigentum? War das nicht verboten ( 4Mo 18,20.24 )? Die Antwort ist vielleicht, daß es einem Leviten zwar in Israel, nicht aber außerhalb seiner Heimat verboten war, Land zu erwerben. Barnabas stammte von Zypern und besaß dort offensichtlich Grund und Boden. Möglich ist auch, daß der Acker seiner Frau gehörte und sie ihn zusammen verkauften. Höchstwahrscheinlich wurde die Einschränkung, die 4Mo 18,20.24 den Israeliten auferlegte, später ohnehin nicht mehr befolgt (vgl. auch Jer 1,1;32,6-15 ).

b. Der Täuschungsversuch von Hananias und Saphira
( Apg 5,1-11 )


Diese Geschichte erinnert an den Diebstahl Achans in Jos 7 (vgl. 4Mo 15,32-36;16,1-35 ).



Apg 5,1-2


Die Sünde, die Hananias und Saphira begingen, wird in Vers 3 - 4 und 9 erklärt. Selbstverständlich hätten sie den Erlös aus dem Verkauf ihres Ackers auch offen für sich behalten können. Statt dessen verfielen sie auf die Idee, die Apostel zu belügen und ihnen vorzumachen, daß sie ihnen ihr ganzes Vermögen gegeben hatten, während sie gleichzeitig etwas von dem Geld für sich zurückbehielten .

Die Wendung "den Aposteln zu Füßen" ist dieselbe wie in Apg 4,35.37 ; sie weist erneut auf das unterschiedliche Verhalten von Hananias und Barnabas hin.



Apg 5,3


Petrus hielt Hananias mit den Worten "der Satan hat dein Herz erfüllt" sein Verhalten vor. Bei dem hier mit "erfüllt" übersetzten griechischen Wort ( eplErOsen , von plEroO ) schwingt die Vorstellung von Kontrolle oder Einfluß mit. Dasselbe Verb findet sich auch in dem Gebot: "Laßt euch vom Geist erfüllen" ( Eph 5,18 ). Hananias, ein Gläubiger, stand also unter dem Einfluß Satans, nicht des Heiligen Geistes. Mit der Frage, warum er Satan solche Macht über sich gewinnen ließ, spielte Petrus vielleicht auf frühere Sünden von Hananias an.


Apg 5,4

Nach Petrus' Worten hatte Hananias den Heiligen Geist (V. 3 ) bzw. Gott (V. 4 ) belogen. Daß die beiden Namen hier als Synonyme verwendet werden, ist ein Beweis für die Gottheit auch des Geistes.

Die Tatsache, daß die Gläubigen das Recht hatten, ihr Eigentum zu behalten, unterscheidet diese Gütergemeinschaft von bestimmten Formen des Sozialismus. Die Spende für die Gemeinde war freiwillig. Außerdem wurde diese Praxis nur eine Zeitlang befolgt - solange die Gläubigen dachten, Christus würde noch in ihrer Generation auf die Erde zurückkehren.



Apg 5,5-6

Als Hananias diese Worte hörte, fiel er zu Boden und gab den Geist auf . Petrus schrieb später, das Gericht werde "an dem Hause Gottes" beginnen ( 1Pet 4,17 ). Was Hananias getan hatte, war ein ganz klarer Fall einer Sünde "zum Tode" ( 1Joh 5,16 ). Seine Strafe fiel so schwer aus, weil er, wie einst Achan für die Israeliten, als abschreckendes Beispiel für die anderen Gemeindemitglieder dienen sollte (vgl. 1Kor 10,6 ).



Apg 5,7-10

Auch Saphira, die noch nichts vom Tod ihres Mannes wußte, belog Petrus in bezug auf den Preis für den Acker, woraufhin Petrus ihr vorwarf, sich mit Hananias einig geworden zu sein, den Geist des Herrn zu versuchen . "Den Geist versuchen" heißt auszuprobieren, wie weit man ungestraft gehen kann, wie lange Gott sich ausnutzen und herausfordern läßt (vgl. 5Mo 6,16; Mt 4,7 ).



Apg 5,11

Die Strafe, die dieses Paar ereilt hatte, hatte dann auch zur Folge, daß über die ganze Gemeinde und auch alle anderen Ungläubigen, die das hörten, eine große Furcht kam (vgl. bereits V. 5 und auch Apg 19,17 ).

Mit diesem Bericht verfolgt Lukas mehrere Absichten: (1) Dieser Fall machte Gottes Mißfallen an der Sünde deutlich, insbesondere an der Unehrlichkeit innerhalb seines Leibes, der Kirche. (2) Er hob die jetzige Kirche vom alten Israel ab, denn eine solche Strafe hatte es in Israel noch nicht gegeben. Der Begriff Kirche (er steht hier zum ersten Mal in der Apostelgeschichte) bezieht sich sowohl auf die universale Kirche, von der auch in Apg 9,31 und Apg 20,28 die Rede ist, als auch auf die lokalen Gemeinden in Apg 11,26 und Apg 13,1 .(3) Er war ein Beweis, daß Gott in dieser neuen Gruppe wirkte.


3. Die weitere Entwicklung der Kirche
( 5,12 - 42 )


a. Die Bestätigung der Apostel
( 5,12 - 16 )

Dieser Abschnitt soll den Leser auf das Folgende vorbereiten. Was hier geschah, konnte nicht unbemerkt bleiben.



Apg 5,12


Wieder vollbrachte Gott durch die Hände der Apostel viele Zeichen und Wunder (vgl. den Kommentar zu Apg 2,43 ). Interessanterweise versammelte die Urkirche in Jerusalem sich ebenfalls im Tempel, in der Halle Salomos, zu der die Menschen geströmt waren, als sie von der Heilung des Gelähmten hörten ( Apg 3,11 ).



Apg 5,13

Hier soll wahrscheinlich gesagt werden, daß kein Heuchler oder Ungläubiger es wagte, sich der Gemeinde der Christusgläubigen anzuschließen. Das Beispiel von Hananias und Saphira war zu abschreckend gewesen!

Keiner heißt wörtlich "keiner von den übrigen" ( tOn loipOn oudeis ), wobei "die übrigen" die Verlorenen sind (in Lk 8,10 mit die "anderen" übersetzt; vgl. Röm 11,7; Eph 2,3; 1Thes 4,13;5,6 ).



Apg 5,14


Trotz des Zögerns vieler, sich den Gläubigen anzuschließen, wuchs die Zahl derer, die an den Herrn glaubten . Dieses rasche zahlenmäßige Wachstum war ein Phänomen der Urkirche (vgl. Apg 2,41.47;4,4;6,1.7;9,31 ).



Apg 5,15-16

Durch wunderbare Zeichen (vgl. V. 12 ) wurde das Wort Gottes in der jungen Kirche bestätigt. Im Gegensatz zu der schrecklichen Strafe, die Hananias und Saphira traf, waren die Wunder ein Beweis, daß Gott die Kirche guthieß. Sie riefen allerdings nicht nur Vertrauen in die Fähigkeiten der Apostel hervor, sondern auch Aberglauben: Die Menschen dachten, daß bereits Petrus' Schatten , wenn er auf einen Kranken fiele, diesen gesund machen könne.

Daß die Apostel tatsächlich die Macht besaßen, zu heilen und Dämonen auszutreiben, geht auf die Verheißung des Herrn zurück ( Mt 10,8; Mk 16,17-18 ).



b. Die zweite Festnahme und Freilassung der Apostel
( 5,17 - 20 )


Apg 5,17-20

Aus der zweiten Festnahme und Gefangenschaft befreite Gott die Apostel - offensichtlich wurden diesmal alle zwölf eingekerkert - auf übernatürliche Weise und gebot ihnen danach durch einen Engel , mit der öffentlichen Verkündigung (im Tempel, in der Nähe des Versammlungsortes der Kirche; vgl. V. 12 ) fortzufahren und alle Worte des Lebens (eine ungewöhnliche Bezeichnung für das Evangelium) zum Volk zu reden. Das war das erste von insgesamt drei Gefängniswundern, von denen die Apostelgeschichte berichtet (vgl. Petrus, Apg 12,6-10; Paulus und Silas, Apg 16,26-27 ).



c. Das Verhör und die Verteidigung der Apostel
( 5,21 - 32 )


Apg 5,21 a


Die Apostel gehorchten dem Gebot des Engels (V. 20 ). Obwohl sie in der Nacht kaum geschlafen hatten, gingen sie bereits frühmorgens in den Tempel (vgl. V. 20 ).

 

Apg 5,21-25

(Apg 5,21b-25)


Im folgenden Bericht steckt viel Ironie: (1) Die Wächter hatten die - mittlerweile leeren - Gefängniszellen sorgfältig gesichert (V. 21 b - 23 ). (2) Die höchsten Machthaber Israels waren versammelt, um über Gefangene zu richten, die sich in Wirklichkeit gar nicht mehr in ihrer Gewalt befanden. (3) Während die Führer des Volkes sich noch fragten, was mit den Männern, die sie in Gewahrsam hatten nehmen lassen, geschehen war, erhielten sie die Nachricht, daß sie wieder im Tempel waren und lehrten. Der Hauptmann des Tempels (vgl. Apg 4,1 ) und die Hohenpriester waren angesichts dessen sehr betreten ( diEporoun , wörtlich: "erstaunt, verlegen"); sie wußten nicht, was sie von den verschlossenen, nun aber leeren Zellen halten sollten. Wahrscheinlich befürchteten sie auch, daß die Flucht der Gefangenen noch ein Nachspiel haben könnte (vgl. Apg 16,27-28 ).



Apg 5,26-27

Als bekannt wurde, daß die Apostel im Tempel waren und lehrten, ging der Hauptmann mit den Knechten hin und holte sie , diesmal allerdings nicht mit Gewalt, denn sie fürchtetensich vor dem Volk, und brachte sie zum Verhör vor den Hohen Rat. (Zum Hohen Rat vgl. den Kommentar zu Apg 4,15; vgl. auch Apg 6,12; Apg 22,30 .)



Apg 5,28

Der zweimalige Gebrauch des Pronomens dieser macht deutlich, daß der Hohepriester es unter allen Umständen vermeiden wollte, den Namen Jesu auszusprechen (vgl. "dieser Name"; Apg 4,17 ). Wie sehr mußte er Jesus hassen!



Apg 5,29


Im folgenden Verhör wiederholte Petrus die Grundsatzerklärung, die er bereits in Apg 4,19-20 abgegeben hatte. Doch auch das Gegenteil hat in bestimmten Fällen seine Berechtigung: Christen sollen der Obrigkeit gehorchen , es sei denn, es würde eine Sünde von ihnen verlangt (vgl. Röm 13,1-7; 1Pet 2,13-17 ).



Apg 5,30-31

Die Aussage von Petrus und den Aposteln - daß Jesus auferstanden war - muß die Sadduzäer mit ohnmächtiger Wut erfüllt haben (vgl. Apg 4,1-2;5,17;23,8 ). Es war dieselbe Botschaft, die Petrus, der stets als Sprecher der Apostel auftrat, ihnen bereits zuvor verkündigt hatte: (a) Sie hatten Jesus getötet, doch Gott hatte ihn von den Toten auferweckt (vgl. Apg 2,23-24.36;3,15;4,10 ); (b) sie konnten die Vergebung der Sünden erlangen (vgl. Apg 2,38;10,43;13,38;26,18 ), wenn sie Buße taten und sich zu Christus bekehrten (vgl. Apg 2,38;3,16;4,12;8,22 ).



Apg 5,32

Die Apostel waren sich der Verantwortung, die sie übernommen hatten, sehr wohl bewußt, denn sie versicherten: Wir sind Zeugen dieses Geschehens ( rhEmatOn , "Worte, Sprichworte" oder "Dinge"). Der Heilige Geist bestätigte ihr Zeugnis, indem er ihnen den Mut zu freimütiger Predigt und die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen, verlieh. Er ist mit allen, die an Christus glauben ( Röm 8,9 ).



d. Die Befreiung der Apostel
( 5,33 - 42 )


Apg 5,33

Daß diese Predigt die religiösen Machthaber in sinnlose Wut versetzte, war nichts Neues. Sie wollten die Apostel unbedingt töten. Ihr Haß äußerte sich auf dieselbe Art wie ihr Widerstand gegen den Herrn ein paar Wochen zuvor. Es ist ein häufiges Erscheinungsbild, daß eine oppositionelle Haltung sich immer mehr versteift.



Apg 5,34-35

Dem beim Volk sehr beliebten und verehrten Gamaliel, einem Pharisäer und Schriftgelehrten , gelang es jedoch, den Hohen Rat von einer Verfolgung der Apostel abzubringen. Es war allerdings nicht Sympathie für die Kirche, die ihn dazu veranlaßte, sondern Einsicht in Gottes souveränes Wirken auf Erden (vgl. V. 39 ).

 

Apg 5,36

Über Theudas und die vierhundert Aufrührer, denen kein Erfolg beschieden war, ist uns nichts bekannt. Ein von einem gewissen Theudas angeführter Aufstand, über den Josephus, ein jüdischer Historiker des ersten Jahrhunderts berichtete, fand erst später, sogar nach dem in Vers 37 beschriebenen Aufstand von Judas, statt und hatte außerdem sehr weitreichende Folgen.



Apg 5,37


Als zweites verwies Gamaliel auf die Verschwörung von Judas dem Galiläer . Auch über diese Bewegung, deren Anführer zwar hingerichtet wurde, die mit seinem Tod jedoch nicht erlosch, hat Josephus ausführlich berichtet.

 

Apg 5,38-39


Die Quintessenz von Gamaliels Rede war, daß die Juden abwarten sollten, was aus dieser neuen Bewegung entstünde, dann könnten sie entscheiden, ob dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen oder von Gott kam . Interessanterweise war es einer der Feinde des Christentums, der an dieser Stelle eine Verteidigungsrede für die Kirche Jesu Christi hielt: Er machte deutlich, daß der Versuch, das Werk Gottes aufzuhalten, bedeuten würde, gegen Gott zu streiten !



Apg 5,40


Der Hohe Rat wollte die Apostel jedoch nicht einfach mit einer Ermahnung davonkommen lassen; er ließ sie geißeln und gebot ihnen, sie sollten nicht mehr im Namen Jesu reden (zu Jesu "Namen" vgl. den Kommentar zu Apg 3,16 ). Die Geißelung war offensichtlich als Strafe für ihren Ungehorsam gegenüber dem früheren Verbot gedacht (vgl. Apg 4,18.21;5,28 ).

 

Apg 5,41-42


Trotz der blutigen Geißelung gingen die Apostel fröhlich von dem Hohen Rat fort . Hier stoßen wir abermals auf das Thema der Freude (vgl. den Kommentar zu Apg 2,46-47 ). Eine siegreiche Kirche freut sich am Wirken Gottes, auch dann, wenn sie verfolgt wird - ja, sie kann sich sogar, wie hier, über die Verfolgung freuen. Für die Apostel war es eine Ehre, um Jesu Namen willen Schmach zu leiden (zu dem "Namen" Jesu vgl. Apg 3,16; vgl. 1Pet 4,14.16 ). Auch später ermutigte Petrus die Christen, sich zu freuen, wenn sie "mit Christus" litten ( 1Pet 4,13; vgl. 1Pet 2,18-21;3,8-17 ).

In Apg 5,17-42 wollte Lukas zeigen, wie das Volk Israel auf dem tragischen Weg der Verwerfung seines Messias Jesus fortschritt.



4. Die Verwaltung innerhalb der Kirche
( 6,1 - 7 )


Apg 6,1


Die griechischen Juden beherrschten das Hebräische, die Muttersprache der in Israel lebenden Juden, nicht. Sie waren wahrscheinlich irgendwann einmal ausgewandert und sprachen jetzt außer griechisch nur noch die Sprachen ihrer Herkunftsländer (vgl. Apg 2,5-11 ). Dasselbe galt wohl auch für die heidnischen Proselyten, die später zum Christentum übertraten. Doch auch die einheimischen Juden beherrschten zwei Sprachen (griechisch und hebräisch; vgl. Apg 21,40 ). Zwischen ihnen und den griechischen Juden gab es immer wieder Spannungen, die leider auch auf die christliche Kirche übergriffen.



Apg 6,2


Die zwölf Apostel hielten es für ihre vordringliche Aufgabe, das Wort Gottes zu verkündigen und zu beten (vg. V. 4 ).



Apg 6,3-4


Um dafür frei zu sein, wollten sie für die anderen in der Gemeinde anfallenden Aufgaben, d. h. die Verwaltung der Finanzen, sieben Männer einsetzen. Für diesen Dienst wurden drei Qualifikationen verlangt: Sie mußten (a) voll Heiligen Geistes und (b) Weisheit (vgl. V. 10 ) sein und (c) einen guten Ruf haben , d. h. bekannt dafür sein, daß sie die beiden ersteren Qualifikationen besaßen (der Glaube [V. 5 ] wird nicht ausdrücklich genannt, weil er die Vorbedingung dafür ist, "voll des Heiligen Geistes" zu sein).

Die Wahl von sieben Männern geht auf die Tradition der jüdischen Gemeinden zurück, die sieben geachtete Männer in einen offiziellen Rat wählten, der für die öffentlichen Angelegenheiten zuständig war.

Durch die Delegierung dieser Aufgaben an sieben dafür auserwählte Männer konnten die Zwölf ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben (vgl. V. 2 ).

Apostelgeschichte

Apg 6,5


Dieser Vorschlag gefiel der ganzen Menge gut . Die sieben, die gewählt wurden, trugen griechische Namen, waren also alle Hellenisten. Nikolaus , der Letztgenannte, war nicht einmal ein geborener Jude, sondern hatte sich zuerst zum Judentum und dann zum Christentum bekehrt. Die Urkirche war offensichtlich der Ansicht, das Problem der unbeabsichtigten Vernachlässigung der Witwen der griechischen Juden am besten durch die Ernennung von hellenistischen Juden zu Finanzverwaltern lösen zu können; man ging davon aus, daß sie ihrerseits die hebräisch sprechenden Witwen nicht vernachlässigen würden.

Die Einführung der sieben (vgl. Apg 21,8 ) soll die Leser auf das Wirken von Stephanus und Philippus , die in der Aufzählung an erster Stelle genannt werden, vorbereiten. Daß beide Griechen waren, weist außerdem voraus auf die weitere Verbreitung des Evangeliums über die Grenzen von Jerusalem und Judäa hinaus. (Über die vier anderen, Prochorus, Nikanor, Timon und Parmenas , ist uns nichts bekannt.)



Apg 6,6


Die eigentlichen Leiter der Gemeinde waren allerdings immer noch die Apostel, die beteten und den Neuernannten die Hände auflegten . Die Praxis des Handauflegens war ein Zeichen der Beauftragung und Bevollmächtigung (vgl. Apg 8,17-19;13,3; Apg 19,6; 1Tim 4,14;5,22; Hebr 6,2 ). Waren diese Männer, die als erste für eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Gemeinde gewählt worden waren, so etwas wie die ersten "Diakone"? Dazu gibt es drei verschiedene Positionen:



Apg 6,7


(3) Eine dritte These lautet, daß die Sieben nur für eine begrenzte Zeit und für eine ganz bestimmte Aufgabe gewählt wurden. Das scheint - aus mehreren Gründen - die plausibelste Annahme zu sein. Zum einen wurden sie tatsächlich für eine ganz bestimmte Aufgabe ausgewählt. Zum anderen trugen sie die Verantwortung nur für eine begrenzte Zeit, weil die Kirche in Jerusalem gemeinschaftlich organisiert war. Doch auch in diesem Fall könnte man sagen, daß sie die Rolle und die Aufgabe von Diakonen erfüllten.

Hier folgt der nächste "Verlaufsbericht". Die Kirche nahm weiterhin rasch zu (vgl. Apg 2,41.47;4,4;5,14;6,1;9,31 ); auch viele jüdische Priester traten zum Christentum über ( wurden dem Glauben gehorsam ; vgl. Röm 1,5 ). Mit der Ernennung der Sieben waren die Leser auf das Werk von Stephanus und Philippus und auf die Verkündigung des Evangeliums außerhalb Jerusalems vorbereitet.



II. Das Zeugnis in ganz Judäa und Samaria
( 6,8 - 9,31 )


A. Der Märtyrertod des Stephanus
( 6,8 - 8,1 a)


1. Die Gefangennahme des Stephanus
( 6,8 - 7,1 )


Das Wirken, die Gefangennahme und der Prozeß des Stephanus ähneln auf frappierende Weise der Geschichte Jesu.



Apg 6,8


Wie Christus und die Apostel war auch Stephanus voll Gnade und Kraft (vgl. Apg 4,33; Lk 2,40.52 ); außerdem besaß er Geist, Weisheit und Glauben ( Apg 6,3.5.8 ) und tat Wunder und Zeichen (vgl. Apg 2,22; Lk 24,19; vgl. auch Apg 2,43 ). Offensichtlich war er eine hervorragende Führerpersönlichkeit. Die Beweise der Gnade Gottes, die ihm in so reichem Maße gegeben waren, leiteten ihn in seiner Verantwortung für die Versorgung der Witwen.



Apg 6,9-11


Der Synagoge der Libertiner gehörten wahrscheinlich Personen an, deren Vorfahren oder auch sie selbst sich aus der Kriegsgefangenschaft oder Sklaverei freigekauft hatten. Wer sie genau waren, wissen wir allerdings nicht.

Die Mitglieder dieser Synagoge stammten jedenfalls aus ganz verschiedenenLändern - Nordafrika ( Kyrene und Alexandria waren zwei der wichtigsten Städte dieses Gebiets), Asien (dem Westen der heutigen Türkei) und Zilizien . Wahrscheinlich gehörte auch Paulus dieser Kirche an, denn Tarsus lag in der Provinz Zilizien.

Stephanus war nicht nur Mitglied der Sieben und ein Wundertäter, er war auch ein gewandter Redner. Selbst seine Widersacher vermochten der Weisheit und dem Geist, in dem er redete, nicht zu widerstehen (vgl. "voll Heiligen Geistes und Weisheit", V. 3 und "voll ... Heiligen Geistes", V. 5 und Apg 7,55 ).

Um sich eines solchen gefährlichen Gegners zu entledigen, verleiteten die Mitglieder der Synagoge einige Männer dazu, Anklage gegen ihn zu erheben. Wie dem Herrn wurde auch ihm Gotteslästerung vorgeworfen (vgl. Mt 26,65 ).



Apg 6,12-14


Für die Laien und Leiter der Synagoge genügte das, um Stephanus zu ergreifen und vor den Hohen Rat zu führen. Zum dritten von insgesamt vier Malen in der Apostelgeschichte stehen hier Anhänger des Herrn vor dem jüdischen Gerichtshof; die anderen waren Petrus und Johannes ( Apg 4,15 ), Petrus und die Apostel ( Apg 5,27 ) und Paulus ( Apg 22,30 ).

Die falschen Zeugen müssen nicht unbedingt gelogen haben. Wahrscheinlich hatte Stephanus die Dinge, die sie ihm vorwarfen, tatsächlich gesagt, und sie hatten seine Intention lediglich mißverstanden (vgl. Mt 26,61; Mk 14,58; Joh 2,19 ). Auch Jesus hatte die Zerstörung des Tempels prophezeit ( Mt 24,1-2; Mk 13,1-2; Lk 21,5-6 ), doch er hatte nie gesagt, daß er ihn zerstören würde. Der zweite Teil der Anklage gegen Stephanus betraf die zeitlich begrenzte Gültigkeit des mosaischen Systems. Zweifelsohne waren Stephanus die theologischen Implikationen der Rechtfertigung durch den Glauben und der Erfüllung des Gesetzes in Christus klar. Darüber hinaus mußte das Gesetz schon dadurch, daß das Evangelium der ganzen Welt galt ( Apg 1,8 ), nur von begrenzter Dauer sein.



Apg 6,15


Alle, die im Rat saßen - d. h. alle 71 Mitglieder - blickten auf Stephanus und warteten auf seine Antwort. Sie sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht - offensichtlich wurde er verklärt (vgl. das Gesicht von Mose, 2Mo 34,29.35 ).



Apg 7,1


Der Hohepriester , der diesen Prozeß leitete, war wahrscheinlich Kaiphas - derselbe, der auch bei den Gerichtsverhandlungen gegen Jesus den Vorsitz gehabt hatte ( Mt 26,57; Mk 14,54; Lk 22,54; Joh 18,13.24; vgl. den Kommentar zu Apg 4,5-6 ).



2. Die Rede des Stephanus
( 7,2 - 53 )


Apg 7,2-53


Die Rede des Stephanus ist die längste Rede in der Apostelgeschichte - ein Beweis für die Bedeutung, die Lukas ihr beimaß. Durch sein Leben und seine Worte bereitete Stephanus, ein griechischer Jude, den Weg für die Verkündigung des Evangeliums außerhalb der Grenzen des Judentums.

Welche seiner Aussagen führte zu seinem Tod? Er streifte die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben worden waren, zwar kurz, hielt jedoch keine offizielle Verteidigungsrede für sich selbst. Statt dessen lieferte er ihnen eine Apologie des Christentums auf der Grundlage von Schriftbeweisen.

Drei rote Fäden ziehen sich durch seine Rede:

1. Zu Gottes Plan gehören Fortschritt und Veränderungen . Gott ist in seinem Umgang mit den Menschen, insbesondere mit Israel, kreativ und innovativ. Stephanus entwickelt diesen Gedanken in fünf Schritten: (a) Die Verheißung an Abraham (V. 2 - 8 ). Aus allen Menschen erwählte der Herr nach seinem Willen Abraham , den Stammvater der Juden, führte ihn aus Mesopotamien in das gelobte Land und gab ihm zwölf Söhne, die die Ahnherren der zwölf Stämme Israels wurden. (b) Josefs Aufenthalt in Ägypten (V. 9 - 16 ). Die Reise nach Ägypten war die Erfüllung der Verheißung Gottes, die in Vers 6 - 7 angesprochen ist. Sie bedeutete eine radikale Veränderung für die Nachkommen Jakobs. (c) Die Befreiung durch Mose (V. 17 - 43 ). Der Hauptteil der Rede galt Mose und der Flucht aus Ägypten, einem weiteren entscheidenden Abschnitt in der Geschichte Israels. (d) Der Bau der Stiftshütte (V. 44 - 46 ). Der Bau einer tragbaren Stiftshütte implizierte, daß diese Hütte nicht als dauerhafte Einrichtung dienen sollte. (Die Stiftshütte war ein Zeichen für die Gegenwart Gottes unter den Israeliten.) (e) Der Bau des Tempels (V. 47 - 50 ). Auch der Tempel war nur ein Symbol für die Anwesenheit Gottes; Gott wohnte nicht wirklich darin.

In Gottes Handeln mit dem Volk Israel von Abraham bis Salomo gab es immer wieder Neuerungen und Veränderungen. Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand: Wenn Gott im Laufe der Geschichte Israels so viele Dinge änderte, warum sollten dann das Gesetz und der Tempel ewig sein?

2. Gottes Segnungen sind nicht auf das Land Israel und den Tempel beschränkt . Manche der wichtigsten Privilegien Israels waren dem Volk außerhalb des Tempels und sogar außerhalb seines Landes verliehen worden.

Stephanus nannte vier Beispiele: (a) Die Patriarchen und Führer Israels waren außerhalb des Landes gesegnet worden. Abraham war in Mesopotamien berufen worden, und seine Verheißungen wurden ihm zuteil, noch ehe er in Haran wohnte (V. 2 - 5 ). Josef fand in Ägypten Gnade vor dem Pharao, weil Gott mit ihm war (V. 9 - 10 ). Mose erhielt seinen Auftrag in Midian (V. 29 - 34 ). Als Beweis dafür, daß Mose in Midian gesegnet wurde, wies Stephanus ausdrücklich darauf hin, daß ihm dort zwei Söhne geboren wurden. (b) Selbst das Gesetz erhielten die Israeliten außerhalb ihres gelobten Landes: Mose traf die Väter in der Wüste (V. 38 ). (c) Auch die Stiftshütte wurde in der Wüste gebaut und war bei ihnen in der Wüste (V. 44 ). Die Juden brachten sie mit Josua in das Land , das sie eroberten (V. 45 ). (d) Ja sogar der Symbolgehalt des Tempels war, obwohl er sich im Land befand, nicht auf die Region Palästinas beschränkt. Wie konnte er das Haus Gottes sein, wenn doch die Schrift sagt: "Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße" (V. 49 ; Jes 66,1 )?

3. Israel zeigte in der Vergangenheit stets Widerstand gegen die Pläne und die Männer Gottes . Mit dieser Aussage erreicht die Aussage des Stephanus gewissermaßen ihren Höhepunkt ( Apg 7,51-53 ): "Ihr seid wie eure Väter, ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist!" Davon war schon in der ganzen Predigt die Rede: (a) Statt direkt von Mesopotamien in das gelobte Land zu gehen, blieb Abraham zunächst in Haran (V. 2 - 4 ). (b) Josef wurde von seinen Brüdern in die Sklaverei nach Ägypten verkauft (V. 9 ). (c) Die Israeliten lehnten Mose ab (V. 23 - 29 ). Daß sowohl Josef als auch Mose erst bei ihrem zweiten Auftreten akzeptiert wurden, ist höchst bedeutsam (V. 13.35-36 ). Die Parallele zu Christus kann Stephanus' Zuhörern nicht entgangen sein. (d) Israel kehrte sich vom rechten Gottesdienst ab und wandte sich Götzen zu (V. 39 - 43 ). Im Götzendienst, der bei den Juden des apostolischen Zeitalters den größten Abscheu erregte, zeigte sich der Ungehorsam des Volkes am stärksten. Gott richtete das Volk denn auch, indem er es ins Exil nach Babylon sandte (V. 43 ). (e) Israel hatte die Bedeutung des Tempels falsch verstanden (V. 48 - 50 ). Stephanus' eindeutige und klare Aussage (V. 48 ) impliziert, daß die Juden den Tempel für den Wohnort Gottes auf Erden hielten, das jüdische Gegenstück des Olymps der griechischen Götter. In Wirklichkeit aber sollte er zwar ein Ort des Gottesdienstes und des Gebets sein, nicht aber Gottes Haus (vgl. 1Kö 8,23-53 ).

In den drei Beispielen, auf die sich die Rede stützt, wird folgender Gedankengang entwickelt: Da Gottes Plan Fortschritte beinhaltet und seine Segnungen nicht auf den Tempel beschränkt sind, sollte Israel sich hüten, seinen Werken "zu widerstreben" (V. 51 ), wie es das in der Vergangenheit getan hatte. Wenn die Juden es ablehnten, Gottes Werk in den christlichen Gemeinden und seine Segnungen außerhalb der Grenzen Israels zu sehen, so bedeutete das, daß sie sich dem Plan Gottes widersetzten. Das bezog sich ganz konkret auf die Anschuldigungen, die gegen Stephanus erhoben worden waren ( Apg 6,11-14 ).

Ein chronologisches Problem wirft Stephanus' Aussage, daß Israel vierhundert Jahre lang geknechtet und mißhandelt wurde ( Apg 7,6 ), auf. Nach Paulus ( Gal 3,17 ) betrug die Zeit von der Verheißung an Abraham ( 1Mo 15,13-16 ) bis zu den Ereignissen am Sinai 430 Jahre. Die dreißig Jahre Differenz können jedoch leicht erklärt werden, wenn man davon ausgeht, daß Stephanus einfach runde Zahlen gebrauchte. Möglich ist auch, daß die 400 Jahre nur die Zeit der tatsächlichen Gefangenschaft in Ägypten bezeichnen, wohingegen die 430 Jahre von der Bestätigung des Bundes in 1Mo 35,9-15 bis zum Exodus gerechnet sind, der im Jahr 1446 v. Chr. stattfand. Das Hauptproblem ist jedoch die Zeit, die Israel in ägyptischer Knechtschaft verbrachte. Wenn Gal 3,17 sagt, daß von der Verheißung an Abraham ( 1Mo 15 ) bis zum Exodus 430 Jahre verstrichen, hätte die Zeit der Gefangenschaft in Ägypten 215 Jahre betragen. Demgegenüber spricht die Apostelgeschichte von 400 Jahren. Am plausibelsten ist vielleicht die Annahme, daß Paulus an Zeiträume dachte. Die Verheißungen ergingen an alle drei Patriarchen Israels, Abraham, Isaak und Jakob. In 1Mo 46,1-4 wurden sie Jakob auf dem Weg nach Ägypten, bei Beersheba, bestätigt. Von da an (der letzten Verheißung) bis zum Exodus waren es noch 400 Jahre. (Vgl. Harold W. Hoehner, The Duration of the Egyptian Bondage . Bibliotheca Sacra 126. Oktober - Dezember 1969, 306 - 316.)

Eine weitere offensichtliche Diskrepanz in Stephanus' Rede zeigt sich in Vers 14 . Stephanus behauptet, daß Jakobs Familie fünfundsiebzig Menschen umfaßte, doch im hebräischen Text sowohl von 1Mo 46,27 als auch 2Mo 1,5 steht "siebzig". Die Septuaginta hat beides durch "fünfundsiebzig" ersetzt. Gemeinhin wird angenommen, daß Stephanus, ein griechisch sprechender Jude, wahrscheinlich die Septuaginta benutzt hat und daher an dieser Stelle einen "ehrlichen Fehler" machte. Die Diskrepanz kann jedoch auch auf andere Weise erklärt werden (vgl. Joseph Addison Alexander, Commentary on the Acts of the Apostles , Neuauflage, Grand Rapids, S. 226 - 267). Eine von fast allen Forschern akzeptierte Lösung lautet, daß der hebräische Text Jakob, Josef und die beiden Söhne Josefs, Ephraim und Manasse, miteinschließt (das sind zusammen 70), daß die Septuaginta jedoch Jakob und Joseph ausläßt und statt dessen Josephs sieben Enkel aufnimmt (vgl. 1Chr 7,14-15.20-25 ). Das wird durch den hebräischen Text in 1Mo 46,8-26 gestützt, wo 66 Namen aufgezählt werden und Jakob, Josef und die Söhne Josefs ausgelassen werden.

Auch in Vers 16 findet sich eine Diskrepanz. Stephanus scheint vorauszusetzen, daß Jakob in Sichem begraben wurde, während im Alten Testament steht, daß er und seine Frau Lea (wie auch seine Eltern Isaak und Rebekka und seine Großeltern Abraham und Sarah) in der Höhle Machpela auf dem Acker von Efron ( 1Mo 49,29-50,13 ) begraben wurden. In Sichem dagegen wurde nicht Jakob, wohl aber Josef, der später aus Ägypten dorthin überführt wurde ( 1Mo 50,26; 2Mo 13,19; Jos 24,32 ), begraben. Auch seine Brüder liegen dort, obwohl Jos 24,32 nur von den Knochen Josefs spricht (vgl. auch Josephus). Das Pronomen sie ( Apg 7,16 ) bezieht sich nicht auf Abraham, Isaak und Jakob, sondern auf die Worte unsre Väter in Vers 15 , spricht also nur von Josef und seinen Brüdern.

Stephanus' Formulierung "das Grab, das Abraham für Geld gekauft hatte von den Söhnen Hamors in Sichem" (V. 16 ), ist ebenfalls ein Problem. Denn in Wirklichkeit erwarb Jakob, nicht Abraham, das Grundstück ( 1Mo 33,19 ).Das wird vielleicht durch die Annahme erklärt, daß sein Enkel Jakob den Acker "anstelle" seines Großvaters Abraham kaufte und ihm damit ein Recht auf das Grab in Sichem erwarb.

Die Anspielung auf Sichem, die "Hauptstadt" der Samariter, löste bei den Hörern von Stephanus wahrscheinlich starkes Mißfallen aus; damit werden die Leser jedoch schon jetzt auf den nächsten Schritt in der Ausbreitung des Evangeliums vorbereitet ( Apg 8 ).



3. Der Tod des Stephanus
( 7,54 - 8,1 a)


Apg 7,54-56


Die Reaktion der religiösen Machthaber auf Stephanus' Rede war leicht vorauszusehen: Als sie das hörten, ging's ihnen durchs Herz (vgl. Apg 5,33 ) und sie knirschten mit den Zähnen über ihn.

Statt eingeschüchtert zu sein, sah Stephanus, voll Heiligen Geistes (vgl. Apg 6,3.5.10 ), auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes . In allen Texten, die von dem erhöhten Herrn sprechen, wird gesagt, daß Jesus zur Rechten Gottes sitzt ( Ps 110,1; Röm 8,34; Kol 3,1; Hebr 1,3.13;8,1;10,12;12,2; 1Pet 3,22 ). Daß er hier stand , deutet vielleicht darauf hin, daß er aufgestanden war, um Stephanus willkommen zu heißen.



Apg 7,56


ist aus mehreren Gründen der Höhepunkt dieses Kapitels. Erstens wird der Anspruch, den Jesus in seiner Verhandlung vor dem Hohenpriester erhob, wiederholt ( Mk 14,62 ). Geradeso wie damals Jesus der Gotteslästerung angeklagt wurde, führten auch diese Worte von Stephanus zum Ausbruch der Gewalt gegen ihn. Zweitens ist der Terminus Menschensohn von großer Bedeutung. Er wird an dieser Stelle zum letzten Mal im Neuen Testament und zum einzigen Mal in den Evangelien und der Apostelgeschichte nicht von Jesus selbst verwendet. Er bestätigt, daß Jesus der Messias war, denn er stammt aus Dan 7,13-14 und ist definitiv eschatologisch. (Vgl. den Kommentar zum "Menschensohn" bei Mk 8,31 .) Drittens werden an dieser Stelle zwei große messianische Passagen verknüpft - Dan 7,13-14 und Ps 110,1 . Dan 7,13-14 betont vor allem den universalen Aspekt der Herrschaft des Herrn. Er ist nicht nur irgendein jüdischer König; er ist der Retter der Welt. Ps 110 beschreibt den Messias als zur Rechten Gottes sitzend. Das ist ein Zeichen nicht nur für seine Macht und seinen Rang, sondern auch dafür, daß sein Opfer angenommen wurde. Christus ist der Mittler (vgl. 1Tim 2,5 ) und beweist damit, daß die Menschen auch auf anderem Wege als durch den Tempel und die Priester Zugang zu Gott haben.


Apg 7,57-58


Die Reaktion des Hohen Rats erfolgte auf der Stelle und war äußerst heftig. Den Ratsmitgliedern war die theologische Implikation des Gesagten sofort klar: Israel war schuldig; das Gesetz galt nicht für immer; der Tempel mußte abgetan werden. Daher stießen sie Stephanus zur Stadt hinaus und steinigten ihn . Auf Gotteslästerung stand die Todesstrafe ( 3Mo 24,16 ). Daß Stephanus ausgerechnet durch die Hände der Juden den Märtyrertod starb, entbehrt wiederum nicht einer gewissen Ironie, denn nach dem mosaischen Gesetz ( 3Mo 20,2 ) hätten eigentlich ihre Väter, die den "Moloch" anbeteten ( Apg 7,43 ), diesen Tod sterben müssen.

Ein junger Theologe namens Saulus hatte der Steinigung offensichtlich zugestimmt, denn die Zeugen legten ihre Kleider zu seinen Füßen ab , was bedeutet, daß er ihr Tun billigte, indem er ihre Kleidung bewachte ( Apg 8,1; 22,20 ).



Apg 7,59-60


Mit Worten, die an die Worte Jesu erinnern, übergab Stephanus seinen Geist dem Herrn und bat für seine Feinde (vgl. Lk 23,34.46 ).



Apg 8,1 a


Die Worte "hatte Gefallen" ( syneudokOn ) implizieren aktive Billigung, nicht nur passive Zustimmung (vgl. Röm 1,32 ). Sie machen Saulus' Verhalten in Apg 7,58 noch deutlicher.



B. Das Wirken des Philippus
( Apg 8,1 b. 2-40 )


1. In Samarien
( 8,1 b - 2-25 )


a. Die Verfolgung der Kirche
( 8,1 b - 2.3 )


Das achte Kapitel steht in enger Verbindung zum sechsten und siebten. Das Thema der Verfolgung begann bereits im sechsten Kapitel und wird nun im achten fortgesetzt. Auch Saulus, der bereits im siebten Kapitel eingeführt wurde, taucht hier wieder auf. Zwischen Philippus ( Apg 8 ) und Stephanus ( Apg 6-7 ) besteht ebenfalls ein enger Zusammenhang; beide gehörten zu den Sieben ( Apg 6,5 ). Selbst die Anordnung ihrer Namen in Apg 6,5 wird in der Erzählung in Apg 6,8-8,40 beibehalten.



Apg 8,1 b


Die Wendung "an diesem Tag" zeigt an, daß die Verfolgung der Gemeinde mit dem Märtyrertod des Stephanus einsetzte. Das impliziert, daß sein Tod noch im nachhinein die Billigung der jüdischen Machthaber fand. Israel war dabei, seine tragische Entscheidung - die Verwerfung des Messias - zu bestätigen.

Daß die ganze Gemeinde in Jerusalem außer den Aposteln in die Länder Judäa und Samarien zerstreut war, war Gottes Methode, die Aussage von Apg 1,8 zu erfüllen. Das Wort "zerstreut" ( ddiesparEsan , siehe auch Apg 8,4 ) stammt von dem Verb speirO , das für das Aussäen von Saatgut verwendet wird ( Mt 6,26;13,3-4.18;25,24.26; Lk 8,5;12,24; usw.). Auch damit wird der Leser auf das Wirken von Philippus in Samarien vorbereitet ( Apg 8,4-25 ).

Lukas spricht zwar von "allen", kann das allerdings nicht absolut gemeint haben, denn auch in Jerusalem bestand die Gemeinde weiter. Aus dem Kontext kann man schließen, daß vor allem die hellenistischen Juden unter Verfolgungen litten. Sie waren leicht zu identifizieren und man vermutete, daß sie mit Stephanus in Verbindung gestanden hatten.

Warum die Apostel die Stadt nicht verließen, wird nicht gesagt. Vielleicht hielt sie ihr Pflichtgefühl gegenüber der Kirche in Jerusalem in der Stadt zurück. Nachdem die Anhänger von Stephanus die Stadt verlassen hatten, wurde die Jerusalemer Gemeinde zweifellos nahezu ausschließlich jüdisch. Gleichzeitig vertieften die Verfolgungen, unter denen die Christen litten, den Zwiespalt zwischen den christlichen Gemeinden und dem Judentum.



Apg 8,2-3


Die beiden folgenden Verse stehen in schroffem Kontrast zueinander. Es bestatteten aber den Stephanus gottesfürchtige Männer und hielten eine große Klage über ihn. Saulus dagegen suchte die Gemeinde zu zerstören. Das Wort für "zerstören" ( elymaineto , es kommt nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vor) steht in der Septuaginta noch in Ps 79,13 : ( Ps 80,13 im deutschen Text) und bezeichnet dort das Vertreiben von Wildschweinen, die einen Weinberg zerstören. Saulus' Eifer gegen die Christen war so groß, daß er offensichtlich geradezu gegen sie wütete (vgl. Apg 9,1.13 ). Mit Gewalt schleppte er Männer und Frauen aus ihren Häusern fort (vgl. Apg 9,29;22,4-5 ) und warf sie ins Gefängnis ( Apg 22,19;26,11 ). Ein derartiges Vorgehen wirkte sich natürlich verheerend auf die Gemeinde in Jerusalem aus ( Apg 9,21 ). Daß Saulus später, als Apostel, selbst für Christus im Gefängnis saß, ist dann die genaue Umkehrung seiner früheren Verfolgung der Anhänger Christi.

Der Märtyrertod des Stephanus und die damit zusammenhängende Verfolgung der Gemeinde waren abermals eine Bestätigung für den Unglauben Israels und für seine halsstarrige Weigerung, Jesus als Erlöser zu akzeptieren.



b. Die Verkündigung der Botschaft
( 8,4 - 8 )


Apg 8,4


Im Griechischen beginnt dieser Vers mit "andererseits" ( men oun ). Die Verfolgungen führten nicht nur zur Zerstreuung der Gläubigen (vgl. V. 1 ), sondern gleichzeitig zur Ausbreitung des Wortes Gottes (vgl. Röm 8,28; 2Kor 2,14; Phil 1,12-14 ). Das ist einweiterer Beweis für Gottes souveränes Herrschen; trotz aller Widerstände breitete sich das Evangelium immer weiter aus (vgl. Apg 12,24;19,20 ).



Apg 8,5


Philippus , ein griechischer und daher toleranterer Jude als die hebräischen Juden in Israel (vgl. Apg 6,1 ), ging zu den Samaritern. (Samarien liegt nördlich von Jerusalem; Lukas spricht hier von hinabkommen , weil Samarien tiefer liegt.) Die Bedeutung seines Wirkens in der nicht mit Namen genannten Hauptstadt Samariens wird bei einem Vergleich zwischen Mt 10,5-6; Lk 9,52-54 und Joh 4,9 mit Apg 8,5 klar.



Apg 8,6-7


Seine Predigten wurden von Zeichen ( sEmeia , vgl. V. 13 ) begleitet, so daß das Volk einmütig dem zuneigte , was er sagte. Die Zeichen, die er vollbrachte (das Austreiben unreiner Geister , d. h. Dämonen, und das Heilen von Gelähmten und Verkrüppelten ; Apg 3,1-10 ) bestätigten seine Botschaft (vgl. Apg 2,43 ).



Apg 8,8


Wieder einmal führte die Verkündigung des Evangeliums zu großer Freude (vgl. den Kommentar zu Apg 2,46-47 ).



c. Die Glaubensbekenntnisse
( 8,9 - 13 )


Apg 8,9-10


Um Simon, den Zauberer, ranken sich viele Legenden: (a) Er war der Gründer der gnostischen Irrlehren, (b) er ging nach Rom und verfälschte die dortige christliche Lehre, und (c) er nahm an einem "Wunderwettstreit" mit Petrus teil und verlor. Auf jeden Fall trieb Simon in der Stadt Zauberei und zog das Volk von Samaria in seinen Bann . Weil er mit seiner "Zauberei" die Natur und/oder die Menschen durch dämonische Mächte beherrschte, nannten ihn die Menschen die Große Kraft Gottes . Ob sie wirklich dachten, daß er göttlichen Wesens sei, können wir nicht beurteilen. Simon selbst allerdings gab vor, er wäre etwas Großes , und ließ sich die Schmeicheleien der Leute gern gefallen.



Apg 8,11-12


Als Philippus nach Samarien kam, predigte er von dem Reich Gottes und von dem Namen (vgl. Apg 3,16 ) Jesu Christi . Der Terminus "Reich Gottes" bezieht sich auf das kommende Gottesreich (vgl. Apg 1,3.6 ), "der Name Jesu Christi" auf Jesus als den Messias (vgl. Apg 8,5 ,"der Christus", wörtlich: "der Messias"). Mit anderen Worten, Philippus verkündigte, daß auch die Samariter Erben des Tausendjährigen Reiches werden konnten, wenn sie an Jesus glaubten.

Daraufhin ließen sich die Samariter, Männer und Frauen, taufen (vgl. "Männer und Frauen" in V. 3 ). Die Parallelen und Gegensätze zwischen Simon, dem Zauberer, und Philippus sind frappierend. Beide vollbrachten Wunder, Simon durch dämonische Mächte, Philippus durch die Macht Gottes. Doch Simon prahlte und ließ sich feiern, Philippus aber verkündete Christus. Die Menschen staunten über den Zauber, den Simon vollbrachte, doch durch Philippus' Predigt bekehrten sie sich zu Christus.



Apg 8,13


Überraschenderweise wurde auch Simon gläubig und ließ sich taufen . Wie die Menschen ihm früher gefolgt waren, so folgte er nun Philippus! Das muß seine Anhänger sehr beeindruckt haben.

War Simon nun gerettet? Lukas geht darauf nicht weiter ein, daher ist es schwer, das endgültig zu entscheiden. Wir haben jedoch sieben Hinweise darauf, daß Simon wahrscheinlich nicht wiedergeboren wurde: (1) Das Verb "glauben" ( pisteuO ) bezieht sich nicht immer auf den rettenden Glauben. Es ist möglich, daß Simon nur wie die Dämonen in Jak 2,19 rein vom Intellekt her glaubte. (2) Ein Glaube, der sich auf Zeichen stützt, ist nicht zuverlässig (vgl. Joh 2,23-25;4,48 ). (3) Lukas sagt nirgends, daß Simon den Heiligen Geist empfing ( Apg 8,17-18 ). (4) Simon hatte nach wie vor ein eigennütziges Interesse an der Zurschaustellung von Wunderkräften (V. 18 - 19 ). (5) Das Verb "Buße tun" ( metanoeO ) in Vers 22 bezieht sich gewöhnlich auf verlorene Menschen. (6) Das Wort "verdammt" ( eis apOleian ) in Vers 20 ist mit dem Ausdruck "verloren" in Joh 3,16 verwandt. (7) Die Beschreibung von Simon in Joh 8,23 paßt besser zu einem Verlorenen als zu einem Geretteten (vgl. 5Mo 29,18 ). Dochtrotz allem wissen wir nicht genau, ob Simon wirklich verloren war. Der Herr allein kennt die Seinen ( 2Tim 2,19 ).



d. Der Beweis des Werkes
( 8,14 - 17 )


Apg 8,14-17


Aus verschiedenen Gründen war es nötig geworden, daß die Apostel in Jerusalem Petrus und Johannes nach Samarien sandten. Normalerweise erfolgt in dem Moment, in dem ein Mensch zum Glauben kommt, seine Taufe, Einwohnung und Versiegelung durch den Heiligen Geist , doch in Samarien war das noch nicht geschehen. Diese Verzögerung erwies sich jedoch als recht sinnvoll: (1) Das Gebet von Petrus und Johannes (um das Kommen des Heiligen Geistes) und ihre Handauflegung (die erst bewirkte, daß die Getauften den Heiligen Geist empfingen) bestätigte das Wirken des Philippus unter den Samaritern und machte es für die Apostel in Jerusalem erst "rechtsgültig". (2) Doch auch für die Samariter wurde das Werk des Philippus unter ihnen erst durch die Apostel bestätigt. Denn erst das Kommen des Geistes, ein Zeichen des kommenden Gottesreiches (vgl. V. 12 ; Jer 31,31-34; Hes 36,23-27; Joe 3,1-5 ), gab ihnen die Sicherheit, wirklich zu Christus zu gehören. (3) Am wichtigsten war jedoch, daß die Zurückhaltung des Geistes bis zum Eintreffen der Apostel aus Jerusalem ein Schisma verhinderte. Da zwischen Juden und Samaritern schon so lange eine tiefe Kluft bestand, mußten Petrus und Johannes die samaritischen Gläubigen offiziell in die christliche Kirche aufnehmen. Auffallend ist dabei der Gegensatz im Verhalten des Johannes hier und in Lk 9,52-54 .



e. Die Verfälschung der Wahrheit
( 8,18 - 24 )


Apg 8,18-19


Der Satz "als aber Simon sah, daß der Geist gegeben wurde" impliziert, daß das Kommen des Heiligen Geistes sich auch extern manifestierte, wahrscheinlich in Zungenreden (die Schrift selbst sagt allerdings nichts darüber; vgl. Apg 2,4;10,45-46;19,6 ).

Der Terminus "Simonie", der käufliche Erwerb von religiösen oder heiligen Dingen wie z. B. einem kirchlichen Amt, leitet sich von dem Wunsch Simons her, die Macht , den Heiligen Geist auf andere herabkommen zu lassen, von den Aposteln zu kaufen.

Mit dem Bericht über diesen Zwischenfall will Lukas die Überlegenheit des Christentums über den Okkultismus und die dämonischen Mächte zeigen. In der Apostelgeschichte gibt es mehrere Konflikte dieser Art; in allen blieb Christus Sieger ( Apg 13,6-12;16,16-18;19,13-20;28,1-6 ).



Apg 8,20


Petrus reagierte sehr böse auf Simons Ansinnen: Daß du verdammt werdest mitsamt deinem Geld!

Der Grund für diese heftige Reaktion war, daß Simon das Wesen der Gnade, der Rettung und des Segens Gottes nicht verstanden hatte. Petrus fügte noch hinzu: Weil du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt.

 

Apg 8,21-22


Die Wendung "du hast weder Anteil noch Anrecht an dieser Sache" ( logO , "Wort, Sache") impliziert, daß Simon kein Christ war. (Zu einer ähnlichen Terminologie vgl. 5Mo 12,12; 5Mo 14,27 .So wie die Leviten kein Erbteil am gelobten Land hatten, so hatte Simon keinen Anteil an der Rettung.)



Apg 8,23-24


Die Bitterkeit Simons (wörtlich: voll bitterer Galle , cholEn pikrias ) scheint auf 5Mo 29,17 anzuspielen, wo von Götzendienst und bitterem Abfall die Rede ist (vgl. Hebr 12,15 ). Simon war gefangen in falscher Lehre und in Sünde. Seine Reaktion auf Petrus' Verurteilung kann echt oder auch einfach ein Ausruf der Furcht gewesen sein; auf jeden Fall war er sich der tragischen Folgen seines Ansinnens ( Apg 8,18-19 ) bewußt.



f. Der Fortschritt des Werks
( 8,25 )


Apg 8,25


Petrus und Johannes waren so überzeugt vom Wirken Gottes unterden Samaritern, daß sie auf dem Weg zurück nach Jerusalem das Evangelium in vielen Dörfern der Samariter predigten - eine bemerkenswerte Tat für diese jüdischen Apostel!



2. Das Gespräch mit dem äthiopischen Kämmerer
( 8,26 - 40 )


a. Das Gebot
( 8,26 )


Apg 8,26


Lukas schreibt zwar nicht, daß Gott Philippus gebot, unter den Samaritern zu predigen (V. 5 ), doch anscheinend führte er selbst ihn direkt nach Gaza (vgl. die Karte bei Apg 9 ). Er sollte eine öde Straße entlanggehen (möglicherweise bezieht "öde" sich auch auf die Stadt). Das alte Gaza, auch das "verlassene Gaza" genannt, wurde im Jahr 93 v. Chr. zerstört und die Stadt 57 v. Chr. näher am Mittelmeer wiedererbaut. Man könnte das Gebot des Engels daher auch folgendermaßen übersetzen: "Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt. Die Stadt ist öde." Der Verweis auf die Straße in Apg 8,36 impliziert jedoch wohl eher, daß die Straße durch ein Wüstengebiet führte, nicht, daß die Stadt selbst öde war.



b. Das Zusammentreffen
( 8,27 - 30 )


Apg 8,27


Der äthiopische Kämmerer wird sehr ausführlich als Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien , beschrieben. Das Äthiopien, von dem hier die Rede ist, entsprach nicht dem Gebiet des heutigen Äthiopien, es war das alte Nubien, das Gebiet von Aswan im Süden Ägyptens bis Khartum im Sudan. Kandake war der Titel der Königinmutter, wie Pharao die Bezeichnung für den König von Ägypten war. Die Regierungsmacht ruhte ganz in den Händen der Kandake, denn ihr Sohn, der als Sohn der Sonne verehrt wurde, war der weltlichen Pflichten, wie sie die Herrschaft über ein Volk mit sich bringen, enthoben. Die Tatsache, daß der Kämmerer dieser Königin nach Jerusalem gekommen war, um anzubeten , ist sehr interessant, denn Eunuchen war es nach dem Gesetz verboten, die Versammlung des Herrn zu betreten ( 5Mo 23,2 ). Jes 56,3-5 sagt den Eunuchen allerdings große Segnungen im Tausendjährigen Reich voraus. Der Kämmerer war also offensichtlich ein Anbeter des Herrn, wenn auch noch kein echter Proselyt.


Apg 8,28-30


Wie reich er war, zeigt die simple Aussage, daß er auf seinem Wagen saß . Während des Fahrens las er den Propheten Jesaja . Da es damals üblich war, laut zu lesen, konnte Philippus leicht hören, mit welchem Text er sich beschäftigte (V. 30 ). Interessanterweise wurde Philippus zuerst von einem Engel (V. 26 ), dann vom Heiligen Geist selbst geführt (V. 29 ).



c. Das Gespräch
( 8,31 - 35 )


Apg 8,31-35


Die Ausführungen in Jes 53,7-8 hatte den Kämmerer verwirrt, und er ergriff nun freudig die Gelegenheit, sich die Stelle von Philippus auslegen zu lassen. Er lud den Apostel ein, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen . Der Äthiopier wollte wissen, ob Jesaja hier von sich selber oder von jemand anderem sprach, und Philippus nutzte seinerseits seine Chance und predigte ihm das Evangelium von Jesus (vgl. Joh 5,39 ).


d. Die Folgen
( 8,36 - 40 )


Apg 8,36-39


Diese Predigt bewirkte drei Dinge. Als erstes ließ der Kämmerer sich taufen. Seine Antwort "was hindert's, daß ich mich taufen lasse" ist ein Hinweis, daß die Wassertaufe die Besiegelung der persönlichen Entscheidung, Christus zu vertrauen, war (vgl. Mt 28,19 ). Zweitens freute er sich: er zog aber seine Straße fröhlich . Drittens war damit weder ein Jude noch ein Samariter, sondern ein heidnischer (afrikanischer) Verehrer Jahwes, der nochnicht endgültig zum Judentum übergetreten war (wahrscheinlich war er noch unbeschnitten), für das Christentum gewonnen. (Wie die Randbemerkung besagt, taucht V. 37 erst in späteren Handschriften auf.)

Nach der Taufe entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr . Die weitere Geschichte des äthiopischen Kämmerers ist unbekannt.

 

Apg 8,40


Philippus aber fand sich in Aschdod , einer alten Philisterhauptstadt, wieder. Auf dem Weg von dort nach Cäsarea predigte er in allen Städten das Evangelium (zu Aschdod und Cäsarea vgl. die Karte bei Apg 9 ). In Cäsarea ließ er sich dann wohl endgültig nieder, denn 20 Jahre später treffen wir ihn immer noch dort an (vgl. Apg 21,8 ). Ein Evangelist konnte einen festen Wohnsitz haben oder auch als Wanderapostel herumziehen; Philippus tat offensichtlich beides.

Auch Petrus besuchte später noch das Gebiet um Aschdod und Cäsarea ( Apg 9,32-43 ). Obwohl der Evangelist Philippus in Cäsarea lebte, berief der Herr Petrus aus Joppe dorthin, um den Hauptmann Kornelius zu bekehren ( Apg 10-11 ).



C. Die Botschaft des Saulus
( 9,1 - 31 )


Die Bekehrung des Saulus (Paulus) ist für manche Theologen das einschneidenste Ereignis in der Kirche seit Pfingsten. Auch Lukas hielt sie mit Sicherheit für sehr wichtig, denn er berichtet in der Apostelgeschichte dreimal über sie ( Kap. 9; 22; 26 ).

An dieser Stelle soll der Leser darauf vorbereitet werden, daß das Evangelium von nun an auch den Heiden gepredigt wird ( Apg 10 ). Der Bekehrung des späteren "Heidenapostels" ( Gal 2,8; Eph 3,8 ) ging die Bekehrung des Kornelius und seines Hauses durch Petrus voran.

Paulus' Erlebnis auf der Straße nach Damaskus steht vielleicht auch noch mit dem Märtyrertod des Stephanus in Verbindung, denn dessen Predigt scheint Saulus in seinen Bemühungen, das Christentum auszurotten, noch bestärkt zu haben ( Apg 8,1-3 ). Wenn die Lehre, die Stephanus verkündigt hatte, richtig war, dann war das Gesetz in Gefahr; daher setzte Saulus, der Eiferer für das Gesetz, die Verfolgung der christlichen Gemeinden mit noch größerer Härte fort (vgl. Gal 1,13; Phil 3,6 ).

Doch der Verfolger Saulus war im Begriff, zu Paulus, dem Apostel Jesu Christi, zu werden. Durch seinen kulturellen Hintergrund und seine Qualifikationen war er vor allen anderen geeignet für die Aufgabe, zu der Gott ihn berief: (1) Er war ein ausgezeichneter Kenner der jüdischen Kultur und Sprache ( Apg 21,40; Phil 3,5 ). (2) Er war in Tarsus aufgewachsen und daher auch mit der griechischen Kultur und Philosophie vertraut ( Apg 17,22-31; Tit 1,12 ). (3) Er besaß die römische Bürgerschaft und damit alle Vorrechte der Bürger Roms ( Apg 16,37; Apg 22,23-29; Apg 25,10-12 ). (4) Er war auch mit der jüdischen Religion mehr als vertraut ( Gal 1,14 ). (5) Er besaß eine praktische handwerkliche Berufsausbildung, konnte also selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen ( Apg 18,3; 1Kor 9,4-18; 2Kor 11,7-11; 1Thes 2,9; 2Thes 3,8 ). (6) Gott hatte ihm Einsatzfreude, Führungsqualitäten und theologisches Verständnis gegeben.



1. Die Bekehrung des Saulus
( 9,1 - 19 a)


a. Saulus wird von seiner Schuld überführt
( 9,1 - 9 )






















Apg 9,1 a


Das Adverb noch bezieht sich zurück auf Apg 8,3 .Während das Evangelium außerhalb Jerusalems rasch neue Anhänger fand, setzte Saulus seine erbarmungslose Verfolgung der Kirche fort.



Apg 9,1-2 (Apg 9,1b-2)


Sein Haß war so groß, daß er zum Hohenpriester ging und ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen bat . Damaskus (vgl. die Karte) stand nicht unter Kontrolle der Provinzen Judäa, Galiläa oder der Dekapolis. Welche Machtbefugnis hatte dann der Hohepriester über die Synagoge in Damaskus? Die Antwort darauf lautet, daß Rom einer Bitte des Hohenpriesters in Jerusalem um Auslieferung gewöhnlich nachkam. Aber auch eine andere Erklärung ist denkbar. Wahrscheinlich stand Damaskus zur damaligen Zeit unter der Herrschaft des nabatäischen Königs Aretas IV. (vgl. 2Kor 11,32-33 ). Um sich mit den antiömisch gesinnten Juden gutzustellen, hätte Aretas, der die Römer ebenfalls haßte, dem Hohenpriester mit Sicherheit fast jeden Gefallen getan.

Die Erwähnung der "Synagogen in Damaskus" weist darauf hin, daß das Christentum noch immer eng mit dem Judentum verbunden war (das Wort "Versammlung in Jak 2,2 ist die Übersetzung des griechischen synagOgEn , "Synagoge"). Daß Paulus nach Damaskus gehen wollte, zeigt im übrigen, wie weit das Christentum bereits vorgedrungen war.

Seltsamerweise sprach Saulus vom Christentum als von dem neuen Weg , ein Terminus, der nur in der Apostelgeschichte steht (griech.: Apg 19,9.23;22,4;24,14.22 ).

 

Apg 9,3-4


Saulus hörte plötzlich die Stimme des Herrn Jesus und sah ihn auch (vgl. Apg 9,17.27;22,14;26,16; 1Kor 9,1; 15,8 ). Es gibt zwar keine explizite Aussage darüber, was genau Saulus sah, doch die Wendung Licht vom Himmel deutet darauf hin, daß es Christus war. Diese Vision war die Grundlage des Apostolats von Saulus (vgl. 1Kor 9,1 ).

Die Frage "was verfolgst du mich?" ( Apg 9,5; der Gebrauch des Personalpronomens vermittelte Saulus eine erste Vorstellung davon, was es heißt, als Christ in Christus zu sein) ist ebenfalls sehr wichtig, denn sie beweist die Einheit Christi mit seiner Kirche. Der Herr fragte nicht: "Warum verfolgst du meine Kirche?" Darauf spielte Lukas bereits am Anfang der Apostelgeschichte an, als er schrieb, daß der Herr sein Werk auf Erden in der Kirche fortsetzen wird ( Apg 1,1 ). Dasselbe Verständnis drückte sich in der Episode um Hananias aus, der mit seiner Lüge gegenüber Petrus gleichzeitig eine Lüge gegen den Geist ausgesprochen hatte ( Apg 5,3 ). Lukas sah, wie Paulus auch, Christus als Haupt und die Kirche als seinen Leib an.



Apg 9,5


Manche Exegeten vertreten die Annahme, daß die Anrede "Herr" in Saulus' Frage "Herr ( Kyrie ) , wer bist du?" unserer heutigen Anrede "Herr Sowieso" entspricht. Das ist, wie Mt 13,27; 27,63; Joh 4,11; Apg 10,4 und andere Stellen zeigen, zwar durchaus möglich, doch in diesem Abschnitt geschieht zuviel Übernatürliches, als daß diese These plausibel erscheint. Selbst wenn Saulus den, der ihm da entgegentrat, nicht sofort als Jesus erkannte, muß er doch gewußt haben, daß es ein übernatürliches Wesen war. Dann offenbarte Jesus sich Saulus: Ich bin Jesus (vgl. Apg 9,17 ).



Apg 9,6


Der auferstandene Herr gebot ihm: Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst . Das bedeutet nicht, daß Saulus erst durch Hananias (V. 10 ) mit der christlichen Lehre bekannt wurde, wie manche behaupten. Saulus erfuhr vielmehr von Christus selbst, daß er das Evangelium verkünden und dabei auch leiden sollte (V. 15 - 16 ; Apg 22,10.15;26,16-20 ). Auch die Wahrheit der Rechtfertigung durch den Glauben offenbarte ihm der Herr bereits auf der Straße nach Damaskus; darüber läßt Apg 26,18 keinen Zweifel (vgl. Gal 1,11-12 ).



Apg 9,7


Zwischen Vers 7 und Apg 22,9 besteht offensichtlich eine Diskrepanz. In 9,7 berichtet Lukas, daß die Männer, die seine Gefährten waren, die Stimme ( phOnEs ) hörten , doch in Apg 22,9 schreibt er, daß sie die Stimme ( phOnEn ) nicht hörten . Das Verb "hören" mit Genitiv bedeutet im Griechischen jedoch "ein Geräusch hören", "hören" mit Akkusativ dagegen ist gleichbedeutend mit "verstehen". Nun steht in Apg 9,7 der Genitiv und Apg 22,9 der Akkusativ. Also kann man davon ausgehen, daß Paulus' Begleiter die Stimme zwar vernahmen ( Apg 9,7 ), sie jedoch nicht verstanden ( Apg 22,9 ).



Apg 9,8


Wenn der "Pfahl im Fleisch" des Paulus ein Augenleiden war (vgl. den Kommentar zu 2Kor 12,7 ), dann ist der Auslöser für diese Krankheit vielleicht in seinem Erlebnis auf der Straße nach Damaskus zu suchen. Auf jeden Fall haben wir es in Vers 8 plötzlich mit einem ganz anderen Menschen zu tun. Im einen Augenblick stürmte er noch vorwärts, entschlossen, jeden Christen, dessen er habhaft werden konnte, ins Gefängnis werfen zu lassen. Im andern wird er wie ein Kind bei der Hand nach Damaskus geführt . Die Gnade Gottes zeigt sich oft in großen Ereignissen, ja manchmal sogar in - scheinbaren - Katastrophen.



Apg 9,9


Die drei Tage der Blindheit, des Fastens und Betens (V. 11 ) waren eine Zeit des Wartens für Saulus. Er hatte die Botschaft, die Gott ihm verheißen hatte (V. 6 ), noch nicht empfangen.



b. Saulus tut Busse
( 9,10 - 19 a)


Apg 9,10-14


Als nächstes wies Gott den widerstrebenden Hananias in einer Vision an, Saulus das Augenlicht wiederzugeben. Er sollte zu ihm gehen, in das Haus eines Mannes mit Namen Judas , das in der bStraße, die die Gerade hieß (eine der beiden parallel verlaufenden, die ganze Stadt von der westlichen zur östlichen Stadtmauer durchziehenden Straßen), stand. Vers 11 enthält auch den ersten Hinweis auf Saulus' Geburtsort, Tarsus (vgl. die Karte und den Kommentar zu V. 30 ).

Hier werden die Gläubigen zum ersten Mal (V. 13 ) in der Apostelgeschichte Heilige genannt (vgl. Eph 1,1 und Phil 1,1; vgl. auch "Ausgesonderte", hagiois ; Röm 1,1 ). Aus Apg 9,13-14 geht hervor, daß die Neuigkeit vom Eintreffen des Saulus, dieses jüdischen Eiferers für das Gesetz, der die Christen mit Ingrimm verfolgte, seiner Ankunft vorausgeeilt war, und daß Hananias sich vor ihm fürchtete.



Apg 9,15


Der Herr aber versicherte ihm: Dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Aus Saulus sollte Paulus, der Apostel der Unbeschnittenen, werden ( Röm 11,13; Gal 2,2.7-8; Eph 3,8 ), der vor hohen Persönlichkeiten und sogar Königen Zeugnis ablegen würde (vgl. den Statthalter Felix, Apg 24,1-23 ,den Statthalter Porzius Festus, Apg 24,27- Apg 25,12 ,Herodes Agrippa II., Apg 25,13-26,32 und vielleicht auch Kaiser Nero, Apg 25,11 ). Doch Paulus wirkte auch unter dem "Volk Israel" (vgl. Apg 9,20;13,5.14;14,1;17,2.10.17;18,4.19;19,8;26,17-20; Röm 1,16 ). Daß jemand, der die Christen so haßerfüllt verfolgt hatte, zu einem so mächtigen und beeindruckenden Zeugen des Evangeliums werden konnte, war ein überwältigender Beweis der Souveränität Gottes.



Apg 9,16


Diese Prophezeiung wird in Saulus' Leidenskatalog in 2Kor 11,23 - 27 zum Teil bestätigt.

In dem Gespräch zwischen Hananias und dem Herrn findet sich dreimal in drei Versen das Wort Name ( Apg 9,14-16; vgl. Apg 3,16 ).



Apg 9,17


Bruder Saul - wie ermutigend müssen diese Worte in Saulus' Ohrengeklungen haben! Der erste Mensch, von dem berichtet wird, daß er Saulus "Bruder" nannte, war Hananias. Was er Saulus sagte, ist in Apg 22,14-16 ausführlicher wiedergegeben. Hananias' Furcht hatte sich in Liebe zu Saulus gewandelt, weil der Herr es geboten hatte. Indem er die Hände auf ihn legte , identifizierte er sich mit ihm.

Dieser Vers enthält den unbezweifelbaren Beweis, daß Saulus nach seiner Bekehrung mit dem Heiligen Geist erfüllt wurde (vgl. Apg 4,8.31; Eph 5,18 ).



Apg 9,18


Es fiel wie Schuppen ( lepides , von dem Verb lepO , "schälen"; Schuppen von Fischen und Krokodilen) von seinen Augen, und er wurde wieder sehend . Nach seiner Bekehrung unterzog Paulus sich, wie alle Christen in der Apostelgeschichte ( Apg 8,12.38 ), der Wassertaufe.

Von Hananias ist erst in Kap. 22 , wo Paulus selbst von seiner Bekehrung berichtet, wieder die Rede.

 

Apg 9,19 a


Der Schock, den die Begegnung mit dem auferstandenen Christus darstellte, und die drei Tage, die Paulus ohne Essen und Trinken verbrachte, hatten ihn sehr geschwächt. Doch die Begegnung mit Hananias, seine Heilung, das Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist, die Wassertaufe und nicht zuletzt, daß er Speise zu sich nahm , ließen ihn wieder zu Kräften kommen.

 

2. Saulus in Damaskus und Jerusalem
( 9,19 b. 20-31 )


a. Das Bekenntnis
( 9,19 b - 20-22 )


Apg 9,19-20 (Apg 9,19b-20)


Bereits nach wenigen Tagen begann Saulus, in den Synagogen in Damaskus von Jesus zu predigen, daß dieser Gottes Sohn sei . Diese Vorgehensweise - zuerst die Synagogen aufzusuchen - behielt er auch auf seinen Missionsreisen bei (die erste Missionsreise - Apg 13,5.14; 14,1; die zweite Missionsreise - Apg 17,2.10.17; 18,4; die dritte Missionsreise - Apg 18,19; 19,8 ). In Vers 20 findet sich zum ersten und einzigen Mal in der Apostelgeschichte die Wendung "Gottes Sohn". Die Gottessohnschaft Jesu war die erste Erkenntnis, die Saulus auf der Straße nach Damaskus zuteil geworden war.



Apg 9,21


Die Juden aber waren entsetzt - angesichts der Tatsache, daß Saulus in Jerusalem in einem schrecklichen Verfolgungsfeldzug alle Juden, die sich zu Jesus bekannten, vernichten wollte (vgl. Apg 8,3;22,19;26,11 ), eine völlig verständliche Reaktion. Das griechische Verb existanto bedeutet wörtlich "sie waren außer sich". Das Wort taucht in der Apostelgeschichte fünfmal auf ( Apg 2,7;8,13;9,21;10,45;12,16 ). Mit ähnlicher Fassungslosigkeit hatten zuvor viele Menschen auf Jesus reagiert ( Mk 2,12;5,42;6,51 ).



Apg 9,22


Doch nun nutzte Saulus seine theologische Bildung, um den Menschen sein neues Wissen - daß Jesus der Messias war - zu beweisen. Er war nach Damaskus gegangen, um die Kirche auszurotten - jetzt verkündete er das Evangelium. Welch ein Gegensatz! Kein Wunder, daß die Juden in Damaskus in die Enge getrieben ( synechynnen , "verwirrt", von syncheO , das im Neuen Testament nur in Apg 2,6;9,22;21,27.31 steht) waren.



b. Die Verschwörungen gegen Saulus
( 9,23 - 31 )


(1) In Damaskus



Apg 9,23-25


In diesem Abschnitt wird eines der Unterthemen der Apostelgeschichte, die Opposition der jüdischen Machthaber gegen das Evangelium, ganz deutlich. Aus 2Kor 11,32-33 geht hervor, daß es sich bei dieser Verschwörung um eine Gemeinschaftsaktion der Juden und des Statthalters des Königs Aretas (eines Nabatäers) handelte, wenngleich die Juden die Haupttriebfeder waren. Doch Saulus' Jünger hatten erfahren, daß die Juden beschlossen hatten, ihn zu töten, und ließen ihn in einem Korb die Mauer hinab , denn die Tore der Stadt waren bewacht. Hatte Saulus ursprünglich vorgehabt, die Anhänger des christlichen Glaubens in Damaskus zu verfolgen, so wurde er nun selbst zum Verfolgten. Sein Schicksal hatte eine seltsame Wendung genommen: Als Blinder hatte er die Stadt betreten, und in einem Korb verließ er sie wieder.

Die Tatsache, daß Saulus schon jetzt "Jünger" ( mathEtai ) folgten, zeigt, daß seine Predigt bereits Erfolg gehabt hatte und daß er offensichtlich wirklich ein begnadeter Apostel war.

Lukas übergeht in der stark gerafften Darstellung der Apostelgeschichte Saulus' kurzen Aufenthalt in Arabien, von dem wir aus Gal 1,17 wissen. Möglicherweise lag er in der Zeit zwischen dem in Apg 9,22 und Apg 9,23 berichteten Geschehen. Warum Saulus nach Arabien ging, wissen wir nicht; unwahrscheinlich ist allerdings, daß es Missionszwecke waren, denn das Gebiet war nur spärlich besiedelt und Saulus konzentrierte sich im allgemeinen auf die städtischen Metropolen. Vielleicht verließ er Damaskus, um seine Verfolger zu beschwichtigen und dadurch auch das Los der übrigen Christen in der Stadt zu erleichtern. Oder - und das klingt am plausibelsten - er ging nach Arabien, um zu meditieren und zu studieren.



Apg 9,26-28


(2) In Jerusalem ( Apg 9,26-30 )

Saulus hatte Jerusalem als unerbittlicher Feind des Christentums verlassen, um die Kirche in Damaskus auszurotten. Doch die souveräne Gnade Gottes machte ihn zum Mitbruder und Mitverkünder des Evangeliums in eben dieser Stadt. Nun schloß er sich den Christen in Jerusalem an, die sich allerdings verständlicherweise zunächst weigerten, ihm Glauben zu schenken (vgl. Hananias' Befürchtungen; V. 13 ). Als Saulus in Damaskus einen Freund gebraucht hatte, war Hananias zu ihm gekommen; in Jerusalem fand er Barnabas . Dieser Mann, dessen Name "Sohn des Trostes" bedeutet ( Apg 4,36 ), erwies sich als große Hilfe (Barnabas tritt danach in der Apostelgeschichte noch viermal in Erscheinung: (a) Apg 11,22-24; (b) Apg 11,30; 12,25; (c) Apg 13,1-2.50; 14,12; (d) Apg 15,2.12.22.25.37 ). Nachdem Barnabas die Gläubigen in Jerusalem davon überzeugt hatte, daß Saulus sich wirklich bekehrt hatte, erlaubten sie ihm, bei ihnen zu bleiben. In Damaskus hatte Saulus im Namen Jesu frei und offen gepredigt , und auch in Jerusalem predigte er im Namen des Herrn frei und offen (vgl. den Kommentar zu "frei" in Apg 4,31 ).



Apg 9,29


Er redete und stritt auch mit den griechischen Juden und setzte so das Werk des Stephanus fort (vgl. Apg 6,8-10 ). Daß die Juden ihn schon so bald töten wollten, ist wohl ein Zeichen, daß sie seiner rednerischen Begabung nicht gewachsen waren.



Apg 9,30


Daraufhin geleiteten ihn die Brüder (vgl. V. 17 ) in Jerusalem nach Cäsarea , den etwa 100 Kilometer entfernten Seehafen, und schickten ihn von dort in seine Heimatstadt, Tarsus . Das schon damals über 6000 Jahre alte Tarsus war die "Intellektuellenstadt" im römischen Reich. (Zu einem kurzen Überblick über die bedeutenden Ereignisse in der Geschichte von Tarsus vgl. V. Gilbert Beers, The Victor Handbook of Bible Knowlegde , Wheaton, Ill. 1981, S. 555.)

Im neunten Kapitel werden folgende Reisen von Saulus erwähnt:

1. Jerusalem (V. 1 - 2 )

2. Damaskus (V. 3 - 22 )

3. Arabien ( Gal 1,17 )

4. Damaskus ( Apg 9,23-25; Gal 1,17 ; 2Kor 11,32-33 )

5. Jerusalem ( Apg 9,26-29; Gal 1,18-19 )

6. Cäsarea ( Apg 9,30 )

7. Tarsus (V. 30; Gal 1,21-24 )


Apg 9,31


(3) Schluß

In dem Satz die Gemeinde in ganz Judäa und Galiäa und Samarien steht das Wort "Gemeinde" im Singular. Lukas sprach hier also offensichtlich von der universalen Kirche, die im ganzen Heiligen Land verstreut war.

Der Zorn der Juden hatte sich so sehr auf Saulus konzentriert, daß die Kirche, nachdem er fort war, eine Zeitlang Frieden hatte .

Bis jetzt gehörten der Kirche Jesu Christi noch ausschließlich Juden, Halbjuden (Samariter) und jüdische Proselyten, die sich zum Christentum bekehrt hatten, an (die einzige Ausnahme war der äthiopische Kämmerer; Apg 8,26-40 ), doch es war schon alles für die Ausbreitung der christlichen Kirche unter den anderen Völkern der Welt bereit.

Mit dem dritten der sieben "Verlaufsberichte" über das geistliche und zahlenmäßige Wachstum der Kirche (vgl. Apg 2,47;6,7;12,24;16,5;19,20;28,30-31 ) schließt Lukas diesen Abschnitt seines Buches.


Apostelgeschichte

III. Das Zeugnis bis ans Ende der Erde
( 9,32 - 28,31 )


A. Die Ausbreitung der Kirche bis nach Antiochia
( 9,32 - 12,24 )


1. Die Wegbereitung für ein universales Evangelium durch Petrus
( 9,32 - 10,48 )


a. Petrus in Lydda
( 9,32 - 35 )


Apg 9,32-35


Von Petrus war zuletzt in Apg 8,25 die Rede gewesen, als er mit Johannes aus Samarien nach Jerusalem zurückkehrte. Er arbeitete inzwischen als Wanderapostel in Judäa, wobei er unter anderem auch nach Lydda kam. Das damalige Lydda, das nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament erwähnt wird, ist das heutige Lod; im Norden der Stadt liegt der internationale Flughafen Israels. Auch später setzte Petrus seine ausgedehnten Missionsreisen fort (vgl. die Adressaten seines ersten Briefes; 1Pet 1,1 ). Philippus hatte ihm im Gebiet in und um Cäsarea den Weg bereitet ( Apg 8,40 ).

Die Wunderheilung des Äneas , eines Gelähmten, der seit acht Jahren ans Bett gebunden war, bekehrte viele zum Glauben an Christus. Dreimal in der Apostelgeschichte benutzt Lukas die Worte "sich zu dem Herrn bekehren" , wenn er von der Rettung spricht ( Apg 9,35;11,21;15,19 ). Das Evangelium erregte allmählich die Aufmerksamkeit breiterer Bevölkerungskreise, denn in diesem Küstengebiet lebten viele Heiden. Scharon ist der Name der - etwa 15 Kilometer breiten und 75 Kilometer langen - fruchtbaren Ebene entlang der palästinensischen Küste; Lydda lag im Südosten dieser Ebene. Das Wunder, das Petrus dort vollbrachte, war seine zweite Heilung eines Gelähmten (vgl. Apg 3,1-10; vgl. auch Apg 14,8-10 ).


Apostelgeschichte

b. Petrus in Joppe
( 9,36 - 43 )


Apg 9,36-38


Während Petrus sich in Lydda aufhielt, starb in Joppe eine von allen geliebte Christin ( eine Jüngerin ) mit Namen Tabita , das ist aramäisch und heißt übersetzt: Reh . Sie war bekannt für ihre guten Werke und reichlichen Almosen . Da die Städte Lydda und Joppe nur etwa 18 Kilometer voneinander entfernt liegen, wurden zwei Männer zu ihm gesandt, um ihn herbeizurufen. (Zu einer kurzen Zusammenfassung der Geschichte von Joppe s. Beers, The Victor Handbook of Bible Knowledge , S. 559.) Bis dahin war, wenn man den Berichten der Apostelgeschichte Glauben schenken darf, in der Urkirche noch niemand von den Toten auferweckt worden, doch der Glaube der Christen, die Petrus bekehrt hatte, war so groß, daß sie erwarteten, daß der Herr Tabita durch Petrus auferstehen lassen würde.


Apostelgeschichte

Apg 9,39-41


Sobald Petrus ankam, trieb er die weinenden Witwen und andere Gläubige aus dem Obergemach, kniete nieder, betete für Tabita und gebot ihr, aufzustehen (vgl. Mk 5,41 ). Um sich nicht zu verunreinigen, berührte er sie jedoch erst, als Gott sie wieder lebendig gemacht hatte.



Apg 9,42-43


Auch dieses Wunder brachte viele zum Glauben an den Herrn ( Apg 2,43.47;4,4;5,12.14;8,6;9,33-35 ). Danach blieb Petrus noch lange Zeit in Joppe bei einem Simon, der ein Gerber war und dessen Haus am Meer lag ( Apg 10,6 ).

Dieser Abschnitt ( Apg 9,32-43 ) schildert, wie sorgfältig Petrus auf sein folgendes Erlebnis mit Kornelius vorbereitet wurde. (1) Zwei weitere große Wunder bestätigten ihn in seinem Amt und bewiesen, daß Gott auf ganz besondere Weise mit ihm war. (2) Er wirkte jetzt in einem Gebiet, in dem auch Heiden lebten. (3) Er wohnte im Haus Simons des Gerbers. Gerber galten als unrein, weil sie ständig mit den Häuten toter Tiere in Kontakt kamen ( 3Mo 11,40 ).



c. Petrus und Kornelius
( Apg 10 )


Auch über dieses Ereignis berichtet Lukas in der Apostelgeschichte dreimal - hier in Apg 10 , in Kap. 11 und nochmals in Apg 15,6-9- ein Zeichen, wie wichtig es ihm war. Mit der geographischen Ausbreitung des Evangeliums begann die Erfüllung der Worte Jesu in Mt 8,11 : "Viele werden kommen von Osten und von Westen und ... im Himmelreich zu Tisch sitzen."

(1) Die Vision des Kornelius ( Apg 10,1-8 )



Apg 10,1


Sowohl Petrus als auch Kornelius wurden durch eine Vision auf ihre Begegnung vorbereitet. Lukas geht zunächst auf die Vision des Kornelius ein. Er war ein Hauptmann in der - sechshundert Mann starken - italischen Abteilung , also ein römischer Offizier, der 100 Soldaten befehligte. Im Neuen Testament erscheinen die Hauptleute häufig in vorteilhaftem Licht (vgl. Mt 8,5-10;27,54; Mk 15,44-45; Apg 22,25-26;23,17-18; Apg 27,6.43 ). Kornelius war einer der ersten Heiden, die nach Pfingsten die gute Nachricht von der Vergebung der Sünden durch Jesus Christus hörten.



Apg 10,2


Aus seiner Beschreibung als fromm ( eusebEs , dieses Wort steht außer an dieser Stelle nur noch in V. 7 und 2Pet 2,9 ) und gottesfürchtig (vgl. V. 22 ) kann geschlossen werden, daß er noch nicht endgültig zum Judentum übergetreten (d. h. noch nicht beschnitten; Apg 11,3 ) war, aber Jahwe verehrte. Offensichtlich besuchte er den Gottesdienst in der Synagoge und befolgte nach bestem Wissen und Gewissen die Gebote des Alten Testaments. Wie fromm dieser Soldat war, zeigen auch seine Gebete und freigebigen Almosen . Die Rettung, von der das Neue Testament spricht, war ihm jedoch noch nicht zuteil geworden (vgl. Apg 11,14 ).



Apg 10,3-6


Der Hinweis auf die Zeit um die neunte Stunde am Tage bezieht sich wahrscheinlich auf eine jüdische Gebetsstunde (vgl. Apg 3,1 ). Wenn ja, hatte Kornelius seine Vision, während er betete (vgl. Apg 10,9 ). Später beschrieb er den Engel, der ihm erschien, als "Mann in einem leuchtenden Gewand" (V. 30 ). Er sprach Kornelius an, und dieser antwortete mit der Frage: "Herr (kyrie; wahrscheinlich nur die übliche Anrede für Fremde, vgl. den Kommentar zu Apg 9,5 ), was ist?" Der Engel wies ihn an, nach Simon Petrus im Haus Simons des Gerbers zu senden (vgl. Apg 9,43 ).



Apg 10,7


Als der Engel, der mit ihm redete, hinweggegangen war , rief der Hauptmann drei seiner Männer - zwei Knechte und einen frommen ( eusebE , vgl. V. 2 ) Soldaten . Zweifellos hatte Kornelius' Frömmigkeit bereits ihre Wirkung auf seine Leute getan.



Apg 10,8


Er erzählte ihnen alles , was geschehen war. Mit dem an dieser Stelle verwendeten griechischen Partizip ( exEgEsam ) ist das Substantiv "Exegese" verwandt. Er "erklärte" ihnen also alles.

Die drei wurden nach dem etwa 50 Kilometer südlich von Cäsarea liegenden (V. 24 ) Joppe geschickt, um Petrus zu holen und zu Kornelius zu bringen.

 

Apg 10,9


(2) Die Vision des Petrus ( Apg 10,9-16 )

Auch Petrus betete morgens und abends zu den normalen Gebetsstunden, zusätzlich jedoch noch um die sechste Stunde , also mittags. Das war zwar in der Schrift nicht vorgeschrieben, doch Petrus folgte darin dem Beispiel vieler frommer Männer vor ihm (vgl. Ps 55,18; Dan 6,11 ). Er stieg für das Gebet auf das (flache) Dach, um allein zu sein.



Apg 10,10-12


Als er hungrig geworden war, geriet er in Verzückung . Gott ließ ihn eine Vision sehen, in der ein großes leinenes Tuch auf die Erde herabkam, auf dem allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel herumkrabbelten.



Apg 10,13-14


Als Gott Petrus gebot, von diesen Tieren zu essen, antwortete er erschrocken: O nein ( mEdamOs , eine höflichere und demütigere Formulierung als das harte oudamOs , "unter keinen Umständen", das nur in Mt 2,6 steht), Herr. Das war das dritte Mal in Petrus' Laufbahn, daß er sich ganz direkt dem Willen Gottes widersetzte (vgl. Mt 16,23; Joh 13,8 ). Petrus wußte aus dem Gesetz, daß er keine unreinen Tiere essen durfte ( 3Mo 11 ). Konnte er denn nicht einfach die reinen töten und essen und die unreinen leben lassen? Wahrscheinlich war er der Ansicht, er solle alle essen, oder auf dem Tuch tummelten sich ausschließlich unreine Tiere.



Apg 10,15


Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten . Dieser Tadel unterstreicht die Bedeutung von Mk 7,14-23 (vgl. 1Tim 4,4 ). Es gilt als gesichert, daß Markus dort einen Ausspruch von Petrus niederschrieb. In der Rückschau muß Petrus erkannt haben, daß Jesus als Messias alle Nahrungsmittel rein gemacht hatte.



Apg 10,16


Petrus dreimalige Weigerung war ein Ausdruck für die Bestimmtheit seiner Weigerung und ein Beweis für die Gewißheit seiner Überzeugung und Treue Gott gegenüber. Er hatte hier Skrupel, die nicht einmal Gott selbst beseitigen konnte. Er wollte zwar nur das Beste, war aber dennoch ungehorsam. Außerdem besteht hier vielleicht auch eine gewisse Verbindung zu seiner dreifachen Leugnung des Herrn ( Joh 18,17.25-27 ) und der dreifachen Bestätigung seiner Liebe zu ihm ( Joh 21,15-17 ).



Apg 10,17-22


(3) Der Besuch der Boten ( Apg 10,17-23 a)

Durch ein wunderbares zeitliches Zusammentreffen kamen die drei Boten gerade in diesem Moment bei Petrus an. Da der Heilige Geist Petrus bereits über die Ankunft der drei Männer unterrichtet hatte, war er es vielleicht auch gewesen, dessen Stimme Petrus zuvor (V. 13.15 ) gehört hatte.

Die von Kornelius gesandten Männer schilderten Petrus ihren Vorgesetzten in einem äußerst vorteilhaften Licht (vgl. V. 2.4 ) und teilten ihm den Zweck ihres Kommens mit.



Apg 10,23 a


Da rief er sie herein und beherbergte sie . Petrus war gerade im Begriff gewesen, sein Mittagsmahl einzunehmen (vgl. V. 10 ) und lud seine Besucher nun ein, es mit ihm zu teilen. Vielleicht begann ihm bereits der Sinn der Lektion, die er in der Vision erhalten hatte, klarzuwerden!



Apg 10,23


(4) Der Besuch bei den Heiden ( Apg 10,23-43 )

b: Als Petrus und seine Gäste ihr Mahl beendet hatten, muß es bereits zu spät gewesen sein, um noch nach Cäsarea aufzubrechen. Am nächsten Tag machten sie sich dann jedoch gemeinsam auf die beinahe zweitägige Reise. (Die Boten des Kornelius hatten Cäsarea etwa um drei Uhr nachmittags verlassen [V. 3.8 ] und waren zwei Tage später um die Mittagszeit in Joppe angelangt; V. 9.19 ; vgl. "vor vier Tagen" in V. 30 .)

Einige Brüder aus Joppe begleiteten sie. Das paarweise Aussenden oder Reisen ist ein vertrautes Bild in der Apostelgeschichte; die Christen gingen meistens zu zweit. In diesem Fall wurde Petrus allerdings von mindestens sechs Männern begleitet ( Apg 11,12 ), d. h., es gab sieben Zeugen, die bestätigen konnten, was geschehen würde.



Apg 10,24


Kornelius war so sicher, daß Petrus kommen würde, und so begierig darauf, seine Botschaft zu hören, daß er bereits seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen hatte .

 

Apg 10,25-26


Als Petrus ankam, fiel er ihm zu Füßen und betete ihn an ( prosekynEsen ), doch Petrus untersagte ihm das, richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch .



Apg 10,27-29


Petrus war sich der Folgen seiner Tat - daß er Heiden in ihrem Haus aufsuchte - wohl bewußt (vgl. Apg 11,2-3 ), doch er hatte inzwischen die Bedeutung seiner Vision erkannt. Mit dem Gebot, unreine Tiere zu essen, hatte Gott ihm sagen wollen, daß es nicht seine Sache war, einen Menschen unrein zu nennen . Darum weigerte er sich nicht , als er geholt wurde.



Apg 10,30-33


Nachdem Kornelius ihm die Umstände, die Petrus in sein Haus gebracht hatten, berichtet hatte, sagte er: Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist . Welch eine innerlich bereite Zuhörerschaft fand der Apostel hier im Haus eines Heiden!



Apg 10,34-35


Die folgende Predigt von Petrus war revolutionär. Sie wischte das Vorurteil und die Belehrungen von Generationen jüdischer Lehrer einfach fort. Allerdings war auch schon im Alten Testament an mehreren Stellen von der Rettung der Heiden die Rede gewesen (vgl. Jona; 1Mo 12,3 ). Die Juden waren zwar Gottes auserwähltes Volk, die Empfänger seiner Verheißungen und Offenbarung, doch nun verkündigte Petrus, daß Gottes Plan die ganze Welt umfaßte und daß seine Botschaft durch die christliche Gemeinde in alle Winde getragen werden sollte.

Über die Bedeutung der Worte "in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm" sind sich die Exegeten nicht einig. Sicherlich ist damit auf keinen Fall irgendeine Art von Werkgerechtigkeit gemeint, denn die erste und vornehmste Pflicht eines Menschen ist es, Gott zu fürchten, und das heißt nichts anderes, als ihm zu vertrauen und ihn anzubeten (vgl. zu dieser Stelle auch Mi 6,8 ). Gottes Annahme der Menschen aber hängt grundsätzlich damit zusammen, daß sie durch den Glauben an Christus zu einer richtigen Beziehung zu Gott selbst finden (vgl. Apg 11,14 ).



Apg 10,36-37


Im Anschluß an seine ersten, aufrüttelnden Worte gab Petrus seinen Zuhörern einen kurzen Bericht über das Leben und Werk Christi (V. 36 - 43 ), des allmächtigen Herrn über alle , durch den Gott den Menschen Frieden verkündigte . Neutestamentler haben immer wieder auf die nahezu vollkommene Übereinstimmung dieser Stelle mit dem Markusevangelium hingewiesen. Auch Markus setzt mit seiner Darstellung bei der Taufe des Johannes ein, verfolgt dann die Spuren des Wirkens Jesu von Galiläa nach Judäa und Jerusalem und schließt mit dem Kreuzestod, der Auferstehung und dem Missionsauftrag an die Jünger.

 

Apg 10,38


Der Begriff "Messias" bedeutet "Gesalbter"; wenn Petrus also sagte, Gott salbte Jesus von Nazareth , meinte er, "Gott machte ihn zum Messias" (vgl. Jes 61,1-3; Lk 4,16-21; Apg 4,27 ). Das geschah bei der Taufe Jesu (vgl. Mt 3,16-17; Mk 1,9-11; Lk 3,21-22; Joh 1,32-34 ). Jesaja hatte prophezeit, daß der Gesalbte große Wunder vollbringen werde ( Jes 61,1-3 ), und Petrus sagte denn auch: Der ist umhergezogen und hat Gutes getan und hat alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren.

 

Apg 10,39-41


Der Apostel versicherte seinen Hörern, daß er und seine Helfer Augenzeugen aller Werke Jesu gewesen waren. Sie , d. h. die Juden, haben ihn an das Holz gehängt und getötet , d. h., sie haben ihn auf schändlichste Weise umgebracht. Zuvor hatte Petrus den Juden in Jerusalem gepredigt: "Den Fürsten des Lebens habt ihr getötet" ( Apg 3,15 ); zu den Herrschenden sagte er: "den ihr gekreuzigt habt" ( Apg 4,10 ); und dem Hohen Rat warf er vor: "den ihr an das Holz gehängt und getötet habt" ( Apg 5,30 ). Auch Stephanus hatte den Hohen Rat angeklagt: "Und sie haben getötet" ( Apg 7,52 ). Fünfmal in der Apostelgeschichte bezeugen die Apostel, daß sie den auferstandenen Christus mit eigenen Augen gesehen haben ( Apg 2,32;3,15;5,32;10,41;13,30-31 ). Die Jünger hatten nach seiner Auferstehung gemeinsam mit ihm gegessen und getrunken (vgl. Joh 21,13 ) - das war der eindeutige Beweis, daß der auferstandene Herr kein körperloser Geist war, und es erklärt, wie er sichtbar erscheinen konnte ( Apg 10,40 ).



Apg 10,42-43


Als nächstes machte Petrus klar, daß das Wirken Christi entweder zum Gericht (V. 42 ) oder zum Heil (V. 43 ) führt. Der Schlüsselsatz lautet: Alle, die an ihn glauben . Im Griechischen besteht diese Konstruktion aus einem Partizip Präsens mit Artikel, ist also substantivisch formuliert ("jeder an ihn Glaubende"). Entscheidend für die Rettung ist der Glaube an Christus. Schon die Propheten sprachen von der Vergebung der Sünden (vgl. Apg 2,38;5,31;13,38;26,18 ) durch den Glauben an den Messias (z. B. Jes 53,11; Jer 31,34; Hes 36,25-26 ).

 

Apg 10,44-45


(5) Die Rechtfertigung durch den Heiligen Geist ( Apg 10,44-48 ).

Plötzlich, mitten in der Predigt, fiel der Heilige Geist auf alle , die Petrus' Botschaft von Jesus zuhörten und durch sie zum Glauben kamen. Die sechs (vgl. V. 23 ; Apg 11,12 ) gläubig gewordenen Juden , die Petrus begleitet hatten, entsetzten sich (exestesan, "gerieten außer sich"; vgl. Apg 9,21 ) angesichts dieses Beweises der Gleichstellung der Heiden mit Judenchristen.



Apg 10,46


Das Zeichen, das bestätigte, daß die Heiden wirklich gerettet waren, war das Zungenreden . (Zur Bedeutung des Zungenredens in der Apostelgeschichte vgl. den Kommentar zu Apg 19,1-7 .)



Apg 10,47-48


Petrus sah in diesem Wunder mindestens drei theologische Implikationen: (1) Er konnte Gott nicht "wehren", d. h., er mußte den Willen Gottes, die Heiden in seine Gemeinschaft aufzunehmen, akzeptieren ( 11, 17 ). (2) Kornelius und sein Haus wurden, obwohl sie unbeschnitten waren ( Apg 11,3 ), getauft, weil sie an Christus geglaubt hatten, wie das Herabkommen des Heiligen Geistes auf sie bestätigte. (3) Die Authentizität der Bekehrung des Kornelius wurde dadurch noch bekräftigt, daß Petrus einige Tage bei ihm blieb, wahrscheinlich, um ihn in seinem neuen Glauben zu unterweisen.



2. Die Wegbereitung für ein universales Evangelium durch die Apostel
( 11,1 - 18 )


a. Die Anklage
( 11,1 - 3 )


Apg 11,1-2


Die Reaktionen der Judenchristen auf die Geschehnisse in Cäsarea waren unterschiedlich. Der Ausdruck "gläubig gewordene Juden" (vgl. Apg 10,45 ) bezeichnet offensichtlich Christen, die sich noch am mosaischen Gesetz orientierten (vgl. Apg 15,5;21,20; Gal 2,12 ).



Apg 11,3


Die gegen Petrus erhobene Anklage lautete, daß er zu Männern gegangen sei, die nicht Juden sind, und mit ihnen gegessen habe. Das Problem war also nicht, daß er vor den Heiden gepredigt, sondern daß er mit ihnen gegessen hatte (vgl. Mk 2,16; Lk 15,2; Gal 2,12 ), denn die Tischgemeinschaft war ein äußeres Zeichen dafür, daß eine Person akzeptiert und in die Gemeinschaft aufgenommen war (vgl. 1Kor 5,11 ). Angesichts der Einwände der Judenchristen wird Petrus' Vision noch entscheidender ( Apg 10,9-16 ), denn eine solche Kontroverse hätte zu einem schwerwiegenden Bruch innerhalb der Urkirche führen können.



b. Die Antwort
( 11,4 - 17 )


Apg 11,4-14


Petrus berichtete den gläubig gewordenen Juden in Jerusalem kurz, was geschehen war (vgl. Apg 10 ): von seiner Erscheinung ( Apg 11,5-7 ), seiner Reaktion darauf (V. 8 - 10 ) und von den Ereignissen im Haus von Kornelius (V. 11 - 14 ).

Apostelgeschichte

Apg 11,15-16


Entscheidend an seinem Bericht war, daß er darin den Pfingsttag als die Erfüllung der Prophezeiung des Herrn über die Geisttaufe sah ( Apg 1,4-5 ). In Kap. 2 war diese Gleichsetzung (Geistestaufe an Pfingsten) noch nicht direkt vollzogen worden, doch Petrus wies an dieser Stelle mit der Wendung "wie am Anfang" explizit darauf hin (vgl. Apg 10,47 ,"ebenso wie wir", und Apg 11,17 ,"die gleiche Gabe gegeben hat wie auch uns"). Damit wird Pfingsten zum Ausgangspunkt für das Kirchenzeitalter.



Apg 11,17


Doch Petrus blieb in seiner Verteidigungsrede nicht bei dem, was er selbst getan hatte, stehen, sondern sprach vom Handeln Gottes. Gott hatte keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden gemacht, wie konnte Petrus es dann tun?



c. Der Freispruch
( 11,18 )


Apg 11,18


Mit Petrus erkannten die Heiligen, daß die Bekehrung der Heiden Gottes Wille war und daß sie sich ihr nicht widersetzen durften. Daraus ergaben sich zwei entscheidende Konsequenzen: Erstens wurde die Einheit des Leibes Christi, der Kirche, bewahrt. Zweitens öffnete sich eine tiefe Kluft zwischen den Gläubigen des Kirchenzeitalters und denen, die Gott weiterhin im Tempel in Jerusalem anbeteten. Bevor die Apostel sich den Heiden zuwandten, hatte das jüdische Volk eher wohlwollend auf die Christen geblickt (vgl. Apg 2,47;5,13.26 ), doch jetzt wandten die Juden sich schon bald gegen die Kirche. Ihren Höhepunkt erreichte diese Ablehnung dann in der Hinrichtung des Apostels Jakobus ( Apg 12,2-3; vgl. 12,11 ).

Apostelgeschichte

3. Die Wegbereitung für ein universales Evangelium durch die Gemeinde in Antiochia
( 11,19 - 30 )


a. Das kosmopolitische Wesen der Kirche
( 11,19 - 21 )


Die folgenden Verse bilden einen der Dreh- und Angelpunkte der Apostelgeschichte. Zum ersten Mal machte sich die Kirche aktiv daran, Heiden zum Christentum zu bekehren. Die Samariter aus Kap. 8 waren Halbjuden gewesen, der äthiopische Kämmerer hatte sich aus eigenem Antrieb Jesaja zugewandt, und auch Kornelius hatte selbst die Initiative ergriffen, als er Petrus um die Verkündigung des Evangeliums bat. Diesmal unternahm jedoch die Kirche selbst den ersten Schritt, den unbeschnittenen Griechen ihre Botschaft zu bringen.



Apg 11,19


Hier wendet der Bericht sich nochmals Stephanus zu ( Apg 8,1-2 ) und weist auf eine weitere Folge seines Märtyrertodes hin. Er hatte dazu beigetragen, das Evangelium nach Samarien zu tragen (vgl. die Ähnlichkeit zwischen Apg 8,4 und Apg 11,19 ), hatte Saulus zu einer konsequenteren Verfolgung der Kirche veranlaßt ( Apg 8,3 ) und wurde nun auch Anlaß für die Ausbreitung des Evangeliums in die Länder der Heiden ( Phönizien und Zypern und Antiochia ).



Apg 11,20


Der Verweis auf Antiochia in Syrien soll den Leser auf die wichtige Rolle, die diese Stadt in der Fortsetzung des Berichts spielte, vorbereiten. Es gab viele Städte mit dem Namen Antiochia, doch Antiochia in Syrien war die bedeutendste unter ihnen. Sie war die drittgrößte Metropole im römischen Reich hinter Rom und Alexandria, lag am Fluß Orontes (etwa 20 Kilometer landeinwärts) und war deshalb auch als Antiochia am Orontes bekannt. In landschaftlich reizvoller Umgebung nach sorgfältiger Planung errichtet, war sie ein wichtiges Handelszentrum und die Heimat einer großen jüdischen Gemeinschaft. Die Stadt war berüchtigt für ihre üblen Sitten. So war z. B. religiöse Prostitution als Teil des Tempelgottesdienstes an der Tagesordnung, und der römische Satiriker Juvenal beschwerte sich einmal: "Schon lange verschmutzen die Abwässer aus dem Orontes unseren Tiber". Er meinte damit, daß Antiochia so verderbt war, daß seine Schlechtigkeit sogar auf das 2000 Kilometer entfernte Rom übergriff. Doch trotz der Unmoral, die in der Stadt herrschte, war Antiochia dazu bestimmt, zum Ausgangspunkt für die Missionsreisen des Paulus zu werden.

Der erstaunliche Fortschritt, den die Heidenmission damit machte, ging natürlich auch auf die Mithilfe zahlloser ungenannter Missionare zurück. Trotzdem war es ein kühner Schritt für Leute von Zypern und aus Kyrene, einer Stadt in Nordafrika, sich zum christlichen Glauben zu bekennen und ihn zu verkünden (vgl. Mt 27,32; Apg 2,10;6,9;13,1 ).



Apg 11,21


Die Wendung "wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn" muß sich nicht unbedingt auf zwei verschiedene Handlungen beziehen. Die griechische Konstruktion (Partizip Aorist und Aorist Verbum finitum) weist häufig auf zwei gleichzeitige Handlungen hin. Der Satz bedeutet also wohl einfach: "Im Glauben bekehrten sie sich zum Herrn."



b. Die Bestätigung der Gemeinde in Antiochia
( Apg 11,22-26 )


Apg 11,22


Ein solch wichtiger Schritt von seiten der Gemeinde konnte der Aufmerksamkeit der Urgemeinde in Jerusalem nicht entgehen. Früher hatten die Jerusalemer Apostel Petrus und Johannes entsandt, um das Wirken von Philippus in Samarien zu kontrollieren. Jetzt schickten sie Barnabas fast 500 Kilometer nach Norden, nach Antiochia . Daß sie gerade ihn wählten, war ebenfalls von entscheidender Bedeutung, denn ihre Wahl erwies sich aus mehreren Gründen als weise. Erstens stammte Barnabas, wie auch andere Verkündiger der christlichen Botschaft, selbst aus Zypern ( Apg 4,36;11,20 ). Zweitens war er großzügig ( Apg 4,37 ) und rücksichtsvoll. Drittens war er, wie schon sein Beiname ( Apg 4,36 ) und auch Lukas' Zeugnis über ihn ( Apg 11,24 ) besagten, ein einfühlsamer Gesprächspartner.



Apg 11,23


Barnabas konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß in Antiochia tatsächlich Gott am Werk war, und er freute sich darüber. Gemäß seinem Beinamen "Sohn des Trostes" ( Apg 4,36 ) ermahnte er die Gläubigen, mit festem Herzen an dem Herrn zu bleiben (vgl. Apg 14,23 ). (Barnabas wird außerdem noch in Apg 9,27;11,25.30;12,25;13,1-2.7.43.46.50; Apg 14,3.12.14.20;15,2.12.22.25.35-37.39; 1Kor 9,6; Gal 2,1.9.13 und Kol 4,10 erwähnt.)



Apg 11,24


Barnabas war ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens (vgl. Stephanus, der ebenfalls voll des Glaubens und des Heiligen Geistes gewesen war; Apg 6,5 ). Da Lukas, der Paulus ja auf seinen Reisen begleitete, diese Charakterisierung nach der Konfrontation zwischen Barnabas und Paulus (vgl. Apg 15,39 ) schrieb, muß auch Paulus dieser Ansicht gewesen sein.



Apg 11,25


Die Missionsarbeit in Antiochia war so erfolgreich und nahm so großartige Dimensionen an, daß Barnabas schon bald Hilfe brauchte, und in seinen Augen war dazu keiner geeigneter als der inzwischen in Tarsus lebende Saulus (vgl. Apg 9,30 ). Möglicherweise war Paulus bereits in Tarsus den Leiden und Verfolgungen ausgesetzt, von denen er in 2Kor 11,23-27 spricht, und wahrscheinlich wurde ihm auch damals schon die Offenbarung aus 2Kor 12,1-4 zuteil. Manche Forscher sind, gestützt auf die Aussage von Apg 22,17-21 , sogar der Ansicht, daß Saulus bereits unter den Heiden predigte, als Barnabas ihn nach Antiochia holen wollte.



Apg 11,26


Barnabas und Saulus arbeiteten ein ganzes Jahr in Antiochia und lehrten viele . Die Gemeinde gewann ständig neue Mitglieder (vgl. Apg 2,41.47;4,4;5,14;6,1;9,31;11,21.24 ).

In Antiochia wurden die Jünger Jesu zuerst Christen genannt . Das Wort "Christen" steht nur noch an zwei anderen Stellen im Neuen Testament: Apg 26,28 und 1Pet 4,16 . Diese Bezeichnung, die im Griechischen noch durch die Wortstellung hervorgehoben ist, sollte die Christen als eigenständige religiöse Gruppe von den Juden abheben.

 

c. Die Barmherzigkeit der antiochenischen Gemeinde
( 11,27 - 30 )


Apg 11,27


Aus Jerusalem kamen Propheten nach Antiochia , die die Gabe der Prophezeiung besaßen.



Apg 11,28


Agabus , der in Apg 21,10-11 nochmals in Erscheinung tritt, prophezeite eine große Hungersnot, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte . In der Regierungszeit des Kaisers Klaudius (41 - 54 n. Chr.) wurden tatsächlich große Teile des römischen Reiches von schweren Hungersnöten heimgesucht. Klaudius war es auch, der später die Juden aus Rom vertrieb ( Apg 18,2 ). (Vgl. die Liste der römischen Kaiser bei Lk 1,2 .)



Apg 11,29-30


Als die Christen in Antiochia erfuhren, daß ihre Glaubensbrüder in Judäa besonders unter der Hungersnot litten, ließen sie ihnen, jeder nach seinem Vermögen (vgl. 1Kor 16,2; 2Kor 9,7 ), finanzielle Unterstützung zukommen. Diese Zuwendung stärkte sicherlich die Verbundenheit zwischen den beiden Gemeinden (vgl. Röm 15,27 ).

Barnabas und Saulus brachten die Gabe nach Judäa und überreichten sie dort den Ältesten. Hier ist zum ersten Mal in der Apostelgeschichte von Kirchenältesten die Rede. Es handelte sich ganz eindeutig um eine Geldspende, die die Ältesten - sicherlich nach sorgfältiger Prüfung der Missionsarbeit der beiden - in Empfang nahmen. Einige Zeit später übergaben Paulus und seine Mitarbeiter den Ältesten der Jerusalemer Gemeinde auch die Kollekte der Gemeinden von Achaja, Mazedonien und Kleinasien ( Apg 21,18 ,wenngleich in diesem Vers nichts von der Übergabe einer Geldspende gesagt wird).

Dieser Besuch ( Apg 11,27-30 ) ist möglicherweise derselbe, von dem auch in Gal 2,1-10 die Rede ist.



4. Die Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem
( 12,1 - 24 )









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Im folgenden Abschnitt wird das Thema der Verwerfung des Messias durch Israel, das immer wieder in den Bericht der Apostelgeschichte verwoben ist ( Apg 4,1-30 ,besonders Apg 4,29;5,17-40;6,11- Apg 8,3;9,1-2.29 ), erneut aufgegriffen. Die Feindseligkeit Israels war auch der Anlaß für die erste Missionsreise des Apostels Paulus.



a. Das Martyrium des Jakobus
( 12,1 - 2 )


Apg 12,1-2


Hier wird der Liebe der antiochenischen Gemeinde zu den Heiligen in Jerusalem die erbarmungslose Feindschaft des Herodes und der Juden gegenüber den christlichen Gemeinden entgegengestellt.

Der Herodes, von dem hier die Rede ist, ist Agrippa I., ein Herrscher, der, selbst jüdischer Herkunft - er war ein Hasmonäer -, bei den Juden recht beliebt war. Sein Königreich umfaßte etwa das Gebiet, über das auch sein Großvater, Herodes der Große, geherrscht hatte. Agrippa I. war dafür bekannt, daß er so ziemlich alles tat, um sich die Juden geneigt zu machen, daher schien es ihm vom politischen Standpunkt her ratsam, gegen die Christen vorzugehen. Jakobus, den Bruder des Johannes , ließ er sogar hinrichten. Agrippa I. starb im Jahr 44 n. Chr. Sein Sohn, Herodes Agrippa II., war von 50 bis 70 n. Chr. König von Judäa. Vor ihm und seiner Schwester Berenike mußte sich Paulus verteidigen ( Apg 25,13-26,32 ). (Vgl. die Tabelle zur Dynastie des Herodes bei Lk 1,5 .)

 

b. Die Gefangennahme und Flucht von Petrus
( 12,3 - 19 )


Dieser Zwischenfall macht deutlich, daß die christlichen Gemeinden inzwischen zu einer eigenständigen Gruppe geworden waren, gegen die sich der Haß und die Verachtung der Juden richtete.



Apg 12,3-4


Die Hinrichtung des Jakobus gefiel den Juden , daher ließ Herodes während des Festes der Ungesäuerten Brote auch Petrus ergreifen und ins Gefängnis werfen. Er hatte vor, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen . Als "Passa" wurde manchmal das insgesamt achttägige Fest bezeichnet, das aus dem Passafest selbst und dem unmittelbar darauffolgenden siebentägigen Fest der Ungesäuerten Brote bestand. Aus zwei Gründen hatte Herodes beschlossen, Petrus ebenfalls hinzurichten: erstens galt er als Leiter einer christlichen Gemeinde, und zweitens hatte er Umgang mit Heiden.

Herodes stellte sicher, daß Petrus auf keinen Fall entkommen konnte, indem er ihn vier Wachen von je vier Soldaten überantwortete . Das bedeutet wahrscheinlich, daß zwei Männer - auf jeder Seite einer - an Petrus gefesselt waren, und zwei weitere vor der Tür Wache standen (vgl. V. 6.10 ). Die vier Wachen beziehen sich wahrscheinlich auf die Wachablösung alle sechs Stunden. Offensichtlich erinnerten sich die Juden noch an Petrus' frühere Flucht (vgl. Apg 5,19-24 ), und Herodes wollte verhindern, daß sie sich wiederholte.



Apg 12,5


So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott . Petrus war zwar gebunden, es gab nichts mehr, was die Gemeinde noch für ihn tun konnte; das Gebet aber stand ihnen noch offen.



Apg 12,6


Petrus vertraute dem Herrn so sehr, daß er in der Nacht, bevor Herodes ihn vorführen lassen wollte , ruhig schlief (vgl. 1Pet 2,23;5,7 ). Er fürchtete nicht um sein Leben, denn Christus hatte ihm prophezeit, daß er sehr alt werden würde ( Joh 21,18 ).



Apg 12,7-10


Dies war das zweite Mal, daß ein Engel Petrus bei der Flucht behilflich war (vgl. Apg 5,19-20 ). Er weckte ihn auf und gebot ihm, die Schuhe anzuziehen und ihm aus dem Gefängnis zu folgen. Gott ließ die Ketten von seinen Händen fallen , versetzte die Wachen in tiefen Schlaf und öffnete das eiserne Tor .


Apg 12,11


Auch in dieser Befreiung des Petrus hatte es sich wieder erwiesen, daß es unmöglich war, dem Evangelium Gottes Einhalt zu gebieten. Als Petrus zu sich gekommen war und die frische Nachtluft atmete, erkannte er, daß seine Befreiung nicht nur eine Vision gewesen war (V. 9 ), sondern daß Gott ihm tatsächlich geholfen hatte.



Apg 12,12


In diesem Vers wird Johannes Markus eingeführt, der eine wichtige Rolle bei der ersten Missionsreise des Paulus spielte. Seine Mutter Maria war offensichtlich eine wohlhabende und bedeutende Frau, denn ihr Haus, das der Gemeinde als Versammlungsort diente, muß sehr groß gewesen sein. Aus der Tatsache, daß sein Vater nicht erwähnt wird, kann man schließen, daß Maria Witwe war. Markus gilt als der Verfasser des Evangeliums, das seinen Namen trägt. (vgl. Mk 14,51-52; 1Pet 5,13 ).

 

Apg 12,13-17


Die Geschichte von Petrus' unerwarteter Ankunft im Haus von Johannes Markus offenbart sehr viel Sinn für Humor und für menschliche Schwächen. Die Freude, von der in der Apostelgeschichte so viel die Rede ist, tritt auch hier bei der Magd Rhode zutage, die auf das Klopfen des Petrus an die Tür kam und seine Stimme erkannte. Die Heiligen hatten zwar ernsthaft (V. 5 ) um die Befreiung des Apostels gebetet, doch mit einer so raschen Erhörung hatten sie nicht gerechnet! Als Rhode ihnen versicherte, daß Petrus vor dem Tor stünde, meinten sie: Du bist von Sinnen. Es ist sein Engel. Daran wird deutlich, daß die Urgemeinde noch an persönliche, d. h. den einzelnen Menschen zugeteilte Engel glaubte (vgl. Dan 10,21; Mt 18,10 ), die anscheinend genauso aussahen wie die Person, der sie zugeteilt waren.

Als die Brüder Petrus sahen, entsetzten sie sich ( exestEsan ; vgl. Apg 9,21 ). Daß Jakobus hier ausdrücklich erwähnt wird, zeigt, daß er als Halbbruder des Herrn eine wichtige Stellung in der Jerusalemer Gemeinde innehatte.

Nachdem Petrus ihnen erzählt hatte, wie er befreit worden war, ging er hinaus und zog an einen andern Ort - wohin genau, wissen wir nicht, doch 1Pet 1,1 deutet darauf hin, daß er sich nach Kleinasien begab. Später tauchte er dann in Antiochia in Syrien auf ( Gal 2,11 ). Auch Paulus spricht von der Tätigkeit des Petrus als Wanderapostel ( 1Kor 1,12;9,5 ).



Apg 12,18-19


Herodes ordnete eine Untersuchung der Flucht des Petrus an; er verhörte die Wachen und ließ sie abführen , d. h. hinrichten. Zweifellos rechtfertigte er diese Grausamkeit (er verlor dadurch insgesamt 16 Männer; vgl. V. 4 ) damit, daß Wachen, deren Gefangene entfliehen konnten, unverantwortlich gehandelt hatten und unzuverlässig waren. Daraufhin begab er sich für eine Weile nach Cäsarea, der Hauptstadt der römischen Provinz Judäa, von wo aus die römischen Statthalter das jüdische Volk regierten.

 

c. Der Tod Herodes Agrippa I.
( 12,20 - 23 )


Apg 12,20-23


Die Städte Tyrus und Sidon , die im Herrschaftsbereich des Herodes lagen, hatten aus irgendeinem Grund seinen Zorn erregt. Da sie in bezug auf Nahrungsmittel von Galiläa abhängig waren, lag ihnen jedoch viel daran, Frieden mit Herodes zu halten. Wahrscheinlich bestachen sie Blastus, den Kämmerer des Königs , ein gutes Wort für sie einzulegen. An dem festgesetzten Tag, als Herodes eine Rede an das Volk hielt , beteten sie ihn als Gott an, doch der Herr bestrafte ihn dafür mit dem Tod (44 n. Chr.). Das entspricht dem Bericht des Josephus in seiner "Geschichte des Judentums" (19. 8. 2). Nach dem Tod des Herodes wurde Felix und danach Festus Statthalter von Judäa.

Drei der Nachkommen des Herodes spielen in der weiteren Erzählung der Apostelgeschichte eine bedeutende Rolle: Drusilla, die Frau von Felix ( Apg 24,24 ), Berenike ( Apg 25,13.23 ) und Herodes Agrippa II. ( Apg 25,13-26,32 ).



d. Das weitere Wachstum der Kirche
( 12,24 )


Apg 12,24


Und das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus (vgl. die ähnlichen Formulierungen in Apg 6,7;13,49; 19,20 ). Trotz der Widerstände und Verfolgungen ließ der Herr das Werk seiner Kirche gelingen. Mit diesem "Fortschrittsbericht" schließt Lukas einen weiteren Abschnitt seiner Erzählung (vgl. Apg 2,47;6,7;9,31;12,24;16,5;19,20;28,30-31 ). Von Antiochia aus sollte das Evangelium nun nach Kleinasien gelangen.

 

B. Die Ausbreitung der Kirche in Kleinasien
( 12,25 - 16,5 )


1. Die Berufung und Beauftragung von Barnabas und Saulus
( 12,25 - 13,3 )


Apg 12,25


Nachdem Barnabas und Saulus den Ältesten die Spende für die Hungernden in Jerusalem ausgehändigt hatten ( Apg 11,27-30 ), kehrten sie nach Antiochia zurück und nahmen Johannes Markus (vgl. Apg 13,5 ), einen Cousin von Barnabas ( Kol 4,10 ), mit sich ( Apg 12,12 ).

(Erste Missionsreise, Apg 13-14 )



Apg 13,1


Die Gemeinde in Antiochia wurde zur Ausgangsbasis für das Wirken von Saulus. Noch war die Jerusalemer Gemeinde die "Urgemeinde", Antiochia am Orontes aber wurde zum Zentrum der christlichen Mission. Die Verkündigung des Evangeliums war nun nicht mehr in erster Linie mit der Person des Petrus verknüpft; allmählich nahm Saulus seinen Platz ein.

Der unterschiedliche kulturelle Hintergrund der Leiter der antiochenischen Gemeinde macht den kosmopolitischen Charakter der dortigen Kirche besonders anschaulich. Barnabas war ein Jude aus Zypern ( Apg 4,36 ). Simeon war ebenfalls Jude, doch sein lateinischer Beiname Niger weist nicht nur auf seine dunkle Hautfarbe hin, sondern auch darauf, daß er sich in römischen Kreisen bewegte. Vielleicht war er jener Simon von Kyrene, der das Kreuz für Christus trug ( Mt 27,32; Mk 15,21 ). Luzius stammte aus Kyrene in Nordafrika (vgl. Apg 11,20 ). Manaën hatte Umgang mit hochgestellten Personen, denn er war gemeinsam mit dem Landesfürsten Herodes - Herodes Antipas, der Johannes den Täufer hatte enthaupten lassen und Jesus bei seiner Verhandlung so gedemütigt hatte - erzogen worden (vgl. die Tabelle zur Dynastie des Herodes bei Lk 1,5 ). Einer dieser beiden, Manaen, wurde ein Jünger, der andere, Herodes, ein Widersacher Jesu! Am Ende der Liste stand Saulus , ein an rabbinischen Schulen ausgebildeter Jude, denn er war der letzte, der zu ihnen gestoßen war. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft waren die Männer jedoch zu einer hervorragenden Zusammenarbeit fähig.

Barnabas wird vermutlich deshalb als erster genannt, weil er als Abgesandter der Stammkirche in Jerusalem eine führende Stellung innehatte.



Apg 13,2





Offensichtlich tat Gott der Kirche seinen Willen auch damals noch durch "Propheten" kund (vgl. V. 1 ). Inder Apostelgeschichte ist es meistens der Heilige Geist , der den von Gott erwählten Führern Anweisungen überbringt (z. B. Apg 8,29;10,19;13,2.4 ). Hier wies er die fünf, als sie dem Herrn dienten und fasteten, an, Barnabas und Saulus abzusondern . Wie schon in der Zeit, als Jesus noch bei ihnen war, arbeiteten auch später stets zwei Männer zusammen. Das Verb "absondern" ( aphorizO ) wird für drei Ereignisse im Leben des Paulus verwendet: Gleich bei seiner Geburt wurde er von Gott ausgesondert und berufen ( Gal 1,15 ), bei seiner Bekehrung wurde er für die Predigt des Evangeliums abgesondert ( Röm 1,1 ), und in Antiochia wurde er ebenfalls für einen ganz besonderen Dienst auserwählt ( Apg 13,2 ).



Apg 13,3


Die Leiter der Kirche legten die Hände auf Barnabas und Saulus und ließen sie ziehen . Das Handauflegen war ein Symbol dafür, daß ihr Wirken von der Gesamtkirche anerkannt wurde und daß sie unter Gottes Führung standen (vgl. Hananias, der sich mit Saulus identifizierte, indem er ihm die Hände auflegte; Apg 9,17 ). Zwei der fähigsten Männer der Kirche wurden also auf diese wichtige Missionsreise entsandt.



2. Die Rundreise durch Kleinasien
( 13,4 - 14,28 )


a. Auf Zypern
( 13,4 - 12 )


Apg 13,4


Geführt vom Heiligen Geist (vgl. V. 2 ) reisten sie zunächst nach Seleuzia , einem etwa 25 Kilometer von Antiochia entfernten Seehafen, und von da zu Schiff nach Zypern . Die Insel Zypern, im Alten Testament unter dem Namen Kittim ( 1Mo 10,4 ) bekannt, war Barnabas' Heimat ( Apg 4,36 ); er war also wohl der Leiter dieser kleinen Reisegesellschaft (vgl. die Reihenfolge der Namen in Apg 13,2.7 ).



Apg 13,5


Salamis war die größte Stadt auf der Osthälfte Zyperns. Dort lebten offensichtlich sehr viele Juden, denn Barnabas und Saulus verkündigten das Wort Gottes in den Synagogen , von denen es offenbar mehrere gab.

Ihre Vorgehensweise, stets zuerst die religiösen Zentren der Juden aufzusuchen, stellte sich als sehr vorteilhaft heraus: Zum einen wurde damit das Vorrecht der Juden, als erste das Evangelium zu hören, gewahrt (vgl. Röm 1,16; Apg 13,46;17,2;18,4.19;19,8 ). Zum anderen waren die Heiden, die an den Gottesdiensten in den Synagogen teilnahmen, besonders empfänglich für die Botschaft des Evangeliums, weil sie bereits mit dem Alten Testament und den Prophezeiungen des Messias vertraut waren.

Johannes Markus, ein Cousin von Barnabas ( Kol 4,10 ), begleitete die Missionare als Gehilfe (vgl. Apg 12,25 ). Was genau dieser Ausdruck (hypereten) besagt, ist umstritten. Wahrscheinlich unterwies er die Neubekehrten, half bei den Taufen (vgl. 1Kor 1,14-17 ) und anderen anfallenden Aufgaben.



Apg 13,6


Ob die Verkündigung in Salamis Erfolg hatte, erfahren wir nicht. Das nächste Ziel der Apostel war Paphos , etwa 150 Kilometer von Salamis entfernt, der Sitz der Provinzialregierung. Was dort geschah, war von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Heidenmission.

In Paphos trafen Barnabas und Saulus einen Zauberer und falschen Propheten, einen Juden, der hieß Barjesus . Der Begriff "Zauberer" ( magos ) konnte sowohl einen Ratsherrn oder angesehenen Mitbürger (z. B. die "Magi" in Mt 2,1.7.16 ) als auch - wie hier - einen betrügerischen Hexenmeister bezeichnen. Magos ist mit dem Verb "Zauberei treiben" ( mageuO ) verwandt, das auch im Zusammenhang mit dem Zauberer Simon verwendet wurde ( Apg 8,9 ).



Apg 13,7


Barjesus gehörte zum Hofstaat des römischen Statthalters Sergius Paulus . Da dieser lebhaftes Interesse am Evangelium zeigte, geriet das Ansehen des Zauberers in große Gefahr. Sergius Paulus war Proconsul, d. h., er war vom römischen Senat ernannt (im Gegensatz zu den Procuratoren, die vom Kaiser persönlich ernannt wurden. Im Neuen Testament werden drei Procuratoren Judäas erwähnt: Pontius Pilatus [26 - 36 n. Chr.], Antonius Felix [52 - 59? n. Chr.] und Porcius Festus [59 - 62 n. Chr.]).



Apg 13,8


Der Zauberer Barjesus versuchte deshalb, den Statthalter vom Glauben abzuhalten .

Ein Problem ist der Name Elymas . Wahrscheinlich handelt es sich hier um einen semitischen Ausdruck, der ebenfalls "Zauberer" bedeutet und den Barjesus als Beinamen erhielt oder annahm.



Apg 13,9


In diesem kritischen Augenblick trat Saulus , hier zum ersten Mal Paulus genannt, vor und riß die Leitung an sich. Er war wahrscheinlich aggressiver und kannte die Heiden auch besser als Barnabas. Von nun an war er der Leiter der christlichen Mission, und sein Name wurde stets vor dem des Barnabas genannt (bis auf Apg 15,12.25 und Apg 14,14 ).

Außerdem verwendet Lukas von nun an nur noch seinen römischen Namen, Paulus; nur Paulus selbst benutzte noch manchmal das jüdische "Saulus", und zwar dann, wenn er in persönlichen Zeugnissen von seinem früheren Leben sprach ( Apg 22,7;26,14 ).

 

Apg 13,10


Barjesus ist hebräisch und bedeutet "Sohn des Jesus". Paulus teilte ihm in Anspielung darauf mit, daß er nicht ein Sohn Jesu ("Jesus" bedeutet "Jahwe ist das Heil"), sondern ein Sohn ( huie ) des Teufels sei. Er bezeichnete ihn mit scharfen Worten als Feind aller Gerechtigkeit, voll aller List ( dolou ) und aller Bosheit ( rhadiourgias , "skrupellose Bosheit, Täuschung"; ein Wort, das nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament steht), der nicht aufhörte, krumm zu machen die geraden Wege des Herrn . Die Magie - die Ausübung von Macht mit Hilfe dämonischer Kräfte -, der Barjesus sich ergeben hatte, hatte dazu geführt, daß er seine Mitmenschen mit allen Mitteln betrog und die Wahrheit entstellte. Das Okkulte kann dem Menschen sehr gefährlich werden.

Dies ist die zweite von vier in der Apostelgeschichte berichteten siegreich beendeten Auseinandersetzungen mit dämonischen Mächten (vgl. Apg 8,9-24;16,16-18;19,13-17 ).


Apostelgeschichte

Apg 13,11-12


Mitten in diesem Streit mit dem Juden Elymas über die Verkündigung des Evangeliums vor einem Heiden verhängte Paulus eine zeitweilige Blindheit über den Zauberer. Es ist dies das erste Wunder, das er vollbrachte.

Als Sergius Paulus dieses Wunder sah, verwandelte sich sein Interesse am Wort Gottes (V. 7 ) in wahren Glauben an Christus. Interessanterweise waren der Statthalter und der Apostel Namensvettern: Beide hießen Paulus.

Der Zwischenfall mit Elymas ist aus drei Gründen so wichtig: (1) Er markierte den Beginn der Führerschaft des Paulus (vgl. Vers 13 : "Paulus und die um ihn waren"). (2) Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich die Verkündigung des Evangeliums in entscheidender Weise hin zur Heidenmission. (3) Außerdem enthält die Passage zahlreiche symbolische Anspielungen. Ein Heide mit Namen Paulus nahm die Botschaft an, während ein Jude mit dem Namen "Sohn Jesu" sie ablehnte, und die Blindheit des Elymas war ein Bild für die Blindheit des Volkes Israel (vgl. Apg 28,26-27 ). Auf diese Weise betont Lukas den Übergangscharakter der Apostelgeschichte: Die Heiden wurden immer mehr zu den Hauptadressaten des Evangeliums, während Gott sich (zeitweilig) von den Israeliten abwandte. Diese Abkehr war gleichbedeutend mit dem Gericht.




b. In Antiochia in Pisidien
( 13,13 - 52 )


(1) Die Trennung des Johannes Markus von der Missionsgruppe



Apg 13,13


Wie großzügig Barnabas war, sieht man daran, daß er Paulus bereitwillig die führende Position in der Gruppe überließ. Sie fuhren von Paphos ab und kamen nach Perge in Pamphylien. Johannes (d. i. Johannes Markus) aber trennte sich von ihnen und kehrte zurück nach Jerusalem . Über die Gründe, die ihn dazu veranlaßten,die Reise abzubrechen, können wir nur Vermutungen anstellen: (1) Vielleicht enttäuschte ihn der Wechsel in der Führung, denn schließlich war Barnabas, der ursprüngliche Leiter, sein Cousin. (2) Die neue Wendung, die das ganze Missionsprojekt genommen hatte - die immer stärkere Hinwendung zu den Heiden - war für einen palästinischen Juden wie Markus vielleicht nicht so leicht hinzunehmen. (3) Möglicherweise scheute Markus auch den gefährlichen Weg über das Taurusgebirge nach Antiochia, den Paulus einschlagen wollte. (4) Es gibt Hinweise, daß Paulus in Perge ziemlich schwer erkrankte - möglicherweise hatte er einen Malariaanfall, eine Krankheit, die in dieser Region nicht selten vorkam; jedenfalls war er, als er in Galatien predigte, noch sehr schwach (vgl. Gal 4,13 ). Vielleicht gingen die Missionare landeinwärts, höher hinauf, um der verheerenden Wirkung der Malaria zu entgehen, während Markus angesichts all dieser Beschwernisse aufgab und nach Hause zurückkehrte. (5) Manche Forscher sind auch der Ansicht, daß Markus unter Heimweh litt. Vielleicht sehnte er sich nach seiner Mutter, die wahrscheinlich Witwe war ( Apg 12,12 ). Was auch immer der Grund für seine Rückreise war, Paulus nahm sie ihm übel. Seiner Ansicht nach ließ Markus ihn und die anderen im Stich (vgl. Apg 15,38 ).

 

Apg 13,14


(2) Die Rede am ersten Sabbat ( Apg 13,14-41 )

Die Stadt Antiochia, von der hier die Rede ist, gehörte zwar zu Phrygien, wurde jedoch allgemein Antiochia in Pisidien genannt, weil sie so nahe an der Grenze zu Pisidien lag. Wie viele andere Städte - Lystra, Troas, Philippi und Korinth - war das pisidische Antiochien eine römische Kolonie. Paulus hatte die Route über diese Städte ausgewählt, weil sie alle an strategisch günstigen Punkten lagen.



Apg 13,15


In der Synagoge in Antiochia bot sich Paulus und Barnabas die erste Gelegenheit zu einer Predigt. Es war Brauch, im Gottesdienst am Sabbat zwei Stellen aus dem Alten Testament zu verlesen - eine aus dem Gesetz (dem Pentateuch) und eine aus den Propheten . "Das Gesetz und die Propheten" zusammen bildeten das Alte Testament (vgl. Mt 5,17;7,12;11,13;22,40; Lk 16,16; Apg 24,14;28,23; Röm 3,21 ). Offensichtlich hatten Paulus und Barnabas vor der Gottesdienstversammlung die Vorsteher der Synagoge aufgesucht. Nach der Schriftlesung wurden sie jedenfalls aufgefordert, zum Volk zu sprechen.

 

Apg 13,16-25


Paulus nutzte die Gelegenheit, die Menschen darauf hinzuweisen, daß die Erwartungen des Alten Testaments - das Kommen des Messias - in Jesus erfüllt waren. Lukas gibt in der Apostelgeschichte eine ganze Reihe von paulinischen Predigten wieder (vgl. Apg 14,15-17;17,22-31;20,18-35 ). Diese, die erste und am vollständigsten erhaltene, ist ein anschauliches Beispiel für den Aufbau einer Predigt vor Juden, die stets auf einem Schriftbeweis aus dem Alten Testament aufgebaut war.

Die Predigt kann - entsprechend der dreimaligen Anrede der Zuhörer - in drei Abschnitte unterteilt und wie folgt gegliedert werden: (1) Antizipation und Vorbereitung auf das Kommen des Messias (V. 16 - 25 ), (2) Verwerfung, Kreuzigung und Auferstehung des Herrn Jesus (V. 26 - 37 ), (3) Anwendung des Gesagten und Ermahnung (V. 38 - 41 ).

Der Apostel begann mit der Anrede: Männer von Israel und ihr Gottesfürchtigen, hört zu! (V. 16 ). Damit waren sowohl Juden als auch die am Judentum interessierten Heiden angesprochen, die dem Gottesdienst in der Synagoge beiwohnten. Bei diesen Heiden handelte es sich wahrscheinlich um Leute, die noch nicht endgültig zum Judentum übergetreten waren und, obwohl sie den Jahwe Israels anbeteten (vgl. V. 26.43 ), der Rettung, die im Neuen Testament verheißen wird, noch nicht teilhaftig waren. (Die in Vers 43 mit "gottesfürchtige Judengenossen" übersetzte Wendung sollte ebenfalls, wie hier, mit "Gottesfürchtige" wiedergegeben werden. Die sogenannten "Gottesfürchtigen" waren keine Proselyten, sondern Heiden, die erst zum Judentum übertreten wollten, aber noch nicht beschnitten waren.)

In einem Überblick über die Geschichte Israels erinnerte Paulus seine Hörer zunächst an die Schlüsselereignisse und -personen ihrer Vergangenheit: den Aufenthalt in Ägypten (V. 17 ), die vierzig Jahre währende Wanderung in der Wüste (V. 18 ), die Eroberung und Besiedelung Palästinas (V. 19 ; die sieben Völker in dem Land Kanaan, die Gott vernichtete , werden in 5Mo 7,1 aufgezählt), die Zeit der Richter ( Apg 13,20 ) und die Monarchie unter Saul und David (V. 21 - 22 ). Von David war der Übergang zum Heiland Jesus (V. 23 ) und zu seinem Vorläufer Johannes dem Täufer (V. 24 - 25 ) nicht mehr schwer. (Vgl. die Botschaft des Stephanus in Apg 7,2-47 .) Die vierhundertfünfzig Jahre ( Apg 13,20 ) umfassen die Unterdrückung in Ägypten (400 Jahre), den Aufenthalt in der Wüste (40 Jahre) und die Eroberung Kanaans unter Josua (10 Jahre).



Apg 13,26-37


Wie Petrus ( Apg 2,23.36;3,15;4,10;5,30;10,39 ) und Stephanus ( Apg 7,52 ) warf auch Paulus den Juden ganz konkret vor, Jesus getötet zu haben, stellte dieser Anschuldigung jedoch gleichzeitig die Auferstehung gegenüber, die bei vielen Gelegenheiten bezeugt worden war. Zum fünften Mal in der Apostelgeschichte weisen die Apostel an dieser Stelle darauf hin, daß sie Zeugen der Auferstehung Jesu Christi waren ( Apg 2,32;3,15;5,32;10,39-41;13,30-31 ).

Beziehen sich die Worte "indem er Jesus auferweckte" (V. 33 ) auf die Auferstehung oder auf die Erhöhung? Mehrere Gründe sprechen für die letztere Annahme: (1) Im nächsten Vers wird die Auferweckung im eigentlichen Sinn explizit mit dem Prädikat von den Toten wiedergegeben. (2) Dasselbe Verb "auferwecken" ( anistEmi ) wird in Apg 3,22.26 und Apg 7,37 im Sinne von "Erhöhung" gebraucht. (3) In 13,22 steht außerdem ein Synonym für anistEmi , egeirO , das Davids Ernennung, also Erhöhung, zum König bezeichnet. (4) Der Hauptgrund, "Auferweckung" hier im Sinne der Erhöhung Jesu zu verstehen, ist jedoch Ps 2,7 .Diese alttestamentliche Textstelle, die Paulus hier zitiert ( Apg 13,33 ), beschreibt die Salbung des Königs, deren endgültige Erfüllung im Tausendjährigen Reich liegt.

Paulus bekräftigte die Tatsache, daß Jesus von den Toten auferstanden war, mit einem Zitat aus Jes 55,3 und Ps 16,10 ( Apg 13,34-35 ). Ganz ähnlich hatte Petrus diesen Psalm verwendet (vgl. den Kommentar zu Apg 2,25-32 ).



Apg 13,38-39


Die Sündenvergebung ist ein weiteres zentrales Thema der Apostelgeschichte (vgl. Apg 2,38;5,31;26,18 ). Vers 39 nimmt die These von der Gerechtigkeit durch den Glauben auf, die im Galaterbrief, den Paulus wahrscheinlich nach seiner ersten Missionsreise und vor dem Apostelkonzil in Jerusalem schrieb ( Apg 15 ), weiter ausgeführt wird. (Vgl. die Tabelle "Briefe des Paulus von seinen Missionsreisen und aus der Gefangenschaft".)



Apg 13,40-41


Das Habakuk-Zitat ( Apg 1,5 ) in Vers 41 warnt vor dem drohenden Gericht. Der Prophet hatte verkündet, daß Gott beschlossen hatte, Juda in die Hände Babylons zu geben ( Hab 1,6 ). Wie das Gericht über die ungläubigen Juden in seiner Zeit aussehen sollte, sagte Paulus nicht; er warnte nur: Glaubt oder ihr werdet gerichtet.



Apg 13,42-43


(3) Die Diskussion am folgenden Sabbat ( Apg 13,42-52 )

Die Vorsteher der Synagoge waren an der Botschaft des Paulus interessiert und wollten mehr darüber hören. Manche waren sogar bereit, das Evangelium anzunehmen; Paulus und Barnabas ermahnten sie, daß sie bleiben sollten in der Gnade Gottes .



Apg 13,44-45


Am folgenden Sabbat wurden die Juden (d. h. die jüdischen Machthaber) neidisch angesichts des Zulaufes, den die Apostel hatten, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten .

 

Apg 13,46


Paulus und Barnabas aber sprachen frei und offen: Euch mußte das Wort Gottes zuerst gesagt werden. Die Apostel waren bekannt für ihre freimütige Predigt (vgl. den Kommentar zu Apg 4,13 ).

Daß die Verkündigung des Evangeliums sich zunächst an die Juden richtete, hatte mehrere Gründe. Erstens war das Kommen des Gottesreiches von der Reaktion Israels auf das Kommen Christi abhängig (vgl. Mt 23,39; Röm 11,26 ). Zweitens konnte Paulus sich erst, als Israel das Evangelium abgelehnt hatte, den Heiden widmen. Drittens ist die Botschaft Jesu insofern grundlegend jüdisch, als das Alte Testament, der Messias und die Verheißungen aus dem Judentum kamen. (Zu der Wendung euch ... zuerst vgl. den Kommentar zu Apg 3,26; Röm 1,16 .)

Da die Juden das Evangelium jedoch ablehnten, wandte Paulus sich nun den Heiden in Antiochia zu. Dieser Vorgang wiederholte sich in jeder Stadt (vgl. Apg 13,50-51;14,2-6;17,5.13-15;18,6;19,8-9 ), zuletzt auch in Rom ( Apg 28,23-28 ).



Apg 13,47


Paulus und Barnabas sahen in der Hinwendung zu den Heiden die Erfüllung von Jes 49,6 : Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht . Diese alttestamentliche Stelle kann man auf mindestens drei verschiedene Personen oder Gruppen beziehen: auf Israel ( Jes 49,3 ), Christus ( Lk 2,29-32 ) und Paulus, den Heidenapostel.



Apg 13,48


Die Heiden freuten sich über diesen Gang der Ereignisse, und alle wurden gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren . Ein gewisser Unterton der Lehre von der Prädestination ist an dieser Stelle nicht zu überhören; das Verb tasso, "bestimmt waren", stammt aus dem Militärwortschatz und bedeutet "anordnen" oder "zuteilen". Lukas benutzt es hier, um deutlich zu machen, daß auch Heiden zu den Erwählten gehörten.

 

Apg 13,49-51


Und das Wort des Herrn breitete sich aus in der ganzen Gegend (vgl. Apg 6,7;12,24;19,20 ). Als die Juden das sahen, benutzten sie ihre Beziehungen zu hochgestellten Personen und stifteten eine Verfolgung an gegen Paulus und Barnabas , doch die Apostel schüttelten - gemäß der Weisung des Herrn ( Mt 10,14 ) - den Staub von ihren Füßen und verließen die Stadt.



Apg 13,52


Wieder war das Evangelium zur Quelle der Freude geworden (vgl. V. 48 ; Apg 2,46 ), und auch hier wurden die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt (vgl. Apg 2,4 ).



c. In Ikonion
( 14,1 - 6 )


Apg 14,1-2


Der folgende Abschnitt bestätigt die Ereignisse, die in Antiochia in Pisidien geschehen waren. Ganz eindeutig stand der Heilige Geist den Aposteln bei, denn sie predigten so, daß eine große Menge Juden und Griechen gläubig wurde . Doch auch hier trafen sie auf Widerstand (vgl. Wachstum und Widerstand in Apg 13,49-50 ), dessen Folgen in Apg 14,6 beschrieben werden.



Apg 14,3


Im Durchhaltevermögen der Apostel trotz aller gegnerischen Hetze zeigte sich erneut die Unerschrockenheit, mit der sie das Wort Gottes verkündigten (vgl. Apg 4,13;13,46 ).

Die Zeichen und Wunder , die sie vollbrachten, waren eine weitere Bestätigung, daß Gott ihr Tun guthieß (vgl. Apg 2,43;4,30;5,12;6,8;8,6.13;15,12 ). Paulus wies den Galatern gegenüber später auf diese Wunder hin, als Beweis dafür, daß er ihnen die Wahrheit gepredigt hatte ( Gal 3,5 ; vgl. auch den Kommentar zu 2Kor 12,12 und Hebr 2,3-4 ). Das setzt in bezug auf die Adressaten des Galaterbriefs die südgalatische Hypothese voraus. (Zu einer kurzen Erörterung der süd- und der nordgalatischen Hypothese vgl. die Einführung zum Galaterbrief.)



Apg 14,4


Die Prediger des Evangeliums wurden allgemein die Apostel genannt. Das waren sie auch, denn die eigentliche Bedeutung des Begriffs "Apostel" ist: "bevollmächtigter Stellvertreter", und diese Männer waren von der Gemeinde in Antiochia am Orontes ( Apg 13,3 ) mit allen Vollmachten der Kirche ausgestattet worden.



Apg 14,5-6


Als Paulus und Barnabas von einer Verschwörung, sie zu mißhandeln und zu steinigen, erfuhren, entflohen sie in die Städte Lykaoniens, nach Lystra und Derbe . Hier zeigte sich wieder einmal, wie genau es Lukas in seinem Bericht mit der Historizität nahm. Auch Ikonion war eigentlich eine lykaonische Stadt, doch seine Einwohner rekrutierten sich in der Hauptsache aus Phrygiern. Lystra und Derbe hingegen waren sowohl von ihrer Lage als auch von ihrer Bevölkerung her rein lykaonische Städte (vgl. "lykaonisch"; V. 11 ).



d. In Lystra
( 14,7 - 20 a)


(1) Der Aberglaube der Heiden ( Apg 14,7-18 )



Apg 14,7


Doch Paulus und Barnabas gingen nicht nur aus Angst vor den Verfolgungen nach Lystra; sie hatten außerdem vor, dort ebenfalls das Evangelium zu verkündigen. Ihr Dienst am Wort erfuhr also keinerlei Unterbrechung.



Apg 14,8


In der römischen Kolonie Lystra trafen sie einen Gelähmten, dessen Zustand hoffnungslos war. Wie schlimm es um den Mann stand, zeigen die wiederholten Wendungen: schwache Füße ... gelähmt von Mutterleib an ... hatte noch nie gehen können . Anscheinend gab es in Lystra keine jüdische Synagoge, daher schlug Gott einen anderen Weg ein, um den Menschen dort das Evangelium nahezubringen. Dies ist die dritte Heilung eines Gelähmten, von der in der Apostelgeschichte berichtet wird ( Apg 3,1-9;9,33-35 ).

 

Apg 14,9-10


Diese Heilung, die Paulus vollbrachte, gleicht der Heilung, die Petrus im dritten Kapitel gelang. Beide Male bestand die Lähmung von Geburt an ( Apg 3,2;14,8 ); sowohl Petrus als auch Paulus sahen den Betreffenden an ( Apg 3,4;14,9 ); und beide Kranken sprangen auf und gingen umher , als sie geheilt waren ( Apg 3,8;14,10 ). Das ist ein Beleg, daß Paulus Petrus als Apostel durchaus gleichgestellt war (vgl. die Einführung).



Apg 14,11-13


Die Reaktion des lykaonischen Volks entsprach der heidnischen Leichtgläubigkeit dieser Menschen. Weil sie in ihrer Muttersprache redeten, konnten Paulus und Barnabas sie zuerst nicht verstehen. Daß die Lykaonier Barnabas und Paulus für Zeus und Hermes hielten, geht möglicherweise auf eine Legende zurück, nach der diese beiden Götter eines Tages ein altes Ehepaar in Lystra, Philemon und Baucis, besuchten, das sie gastfreundlich aufnahm und dafür reich belohnt wurde.

Dem griechischen Göttervater Zeus und dem Götterboten Hermes entsprachen die römischen Götter Jupiter und Merkur. Warum sahen die Lykaonier nun aber in Barnabas Zeus, obwohl doch Paulus der Anführer der beiden war? Weil Paulus als Sprecher auftrat, während Barnabas, der zurückhaltendere der beiden, mit Zeus, dem Würdevollen, in dessen Händen alle Fäden zusammenliefen, identifiziert wurde.

In diesem Moment, in dem die Menschen einfach überwältigt waren von dem, was geschehen war, brachte der Priester des Zeus aus dem Tempel vor der Stadt Stiere und Kränze vor das Tor und wollte Paulus und Barnabas Opfer darbringen. Bei den Kränzen handelte es sich um Girlanden aus Wolle, mit denen die Opfertiere geschmückt waren.



Apg 14,14


Als den Aposteln jedoch klar wurde, was da vorging, waren sie soentsetzt, daß sie ihre Kleider zerrissen - ein Zeichen heftigsten Abscheus angesichts einer Gotteslästerung. Solche Risse waren normalerweise zehn bis zwölf Zentimeter tief und begannen am Halsausschnitt des Gewands.

 

Apg 14,15-18


Die Ansprache, die die beiden Apostel daraufhin offensichtlich gemeinsam hielten (im Griechischen steht das Verb im Plural), ist ebenfalls eine Beispielpredigt. Sie illustriert, wie christliche Prediger sich abergläubischen Heiden näherten. Im Gegensatz dazu hatte sich Paulus' erste Predigt an Juden bzw. an Leute, die das Alte Testament kannten, gerichtet (vgl. Apg 13,16-41 ).

Nachdem sie dem Volk klargemacht hatten, daß sie keine Götter waren, forderten sie ihre Zuhörer auf, sich von ihren heidnischen Göttern zu dem einen wahren, dem lebendigen Gott, zu bekehren . Dieser Gott, der Schöpfer aller Dinge, ist über allen und allem (vgl. Apg 17,24; Röm 1,19-20 ). Er gibt nicht nur Regen und fruchtbare Zeiten, er ernährt und schenkt ihnen Freude .

Manche Exegeten deuten Vers 16 dahingehend, daß die Heiden, die vor dem apostolischen Zeitalter lebten, nicht unter dem Gericht stehen. Dieser Vers muß jedoch in Zusammenhang mit Vers 17 gelesen werden. Bis zur Zeit der Kirche hatte Gott den Heiden keine direkten Offenbarungen zuteil werden lassen, sondern sich ihnen nur in den natürlichen Offenbarungen in der Schöpfung gezeigt (vgl den Kommentar zu Apg 17,27.30 und Röm 1,18-20 ). Für ihren Umgang mit diesen Offenbarungen waren sie Gott durchaus verantwortlich.

 

Apg 14,19-20


(2) Die Steinigung des Paulus

a: Wieder einmal erwiesen sich die Juden als Feinde des Evangeliums der Gnade. Sie überredeten das Volk , das soeben noch versucht hatte, Paulus und Barnabas zu Göttern zu machen, dazu, Paulus zu steinigen . Dies ist der zweite Vorfall, bei dem eine aufgeregte Volksmenge dermaßen heftig auf die Predigt des Paulus reagiert (insgesamt werden in der Apostelgeschichte fünf solcher Zwischenfälle berichtet, vgl. Apg 13,50;16,19-22; Apg 17,5-8.13;19,25-34 ). Ob Paulus dabei wirklich gestorben war, wird nicht gesagt; wahrscheinlich war er jedoch nur bewußtlos und halbtot geschlagen (vgl. 2Kor 12,2-4 ). Doch er erholte sich so rasch, daß man unwillkürlich an ein Wunder denkt. Auch Paulus selbst sprach einmal davon, daß er gesteinigt worden sei ( 2Kor 11,25 ), und meinte damit zweifellos dieses Ereignis (vgl. 2Tim 3,11 ).

 

e. In Derbe
( 14,20 b - 21 a)


Apg 14,20-21 (Apg 14,20b-21a)


Das Wirken der Apostel in dieser abgelegensten und östlichsten Stadt, in die sie ihre Reise durch Kleinasien führte, war ebenfalls erfolgreich. Das Evangelium traf in Derbe auf keinen großen Widerstand, und viele wurden zu Jüngern des Herrn Jesus (vgl. Apg 20,4 ).



f. Die Rückkehr nach Antiochia in Syrien
( 14,21 b - 22-28 )


Apg 14,21-22 (Apg 14,21b-22)


Obwohl Tarsus, Paulus' Heimatstadt, nur etwa 250 Kilometer von Derbe entfernt lag, suchten die beiden Apostel zunächst nochmals die Städte auf, in denen sie Gemeinden gegründet hatten, um die Gruppen, die erst so kurze Zeit existierten, im Glauben zu festigen.

Sie bestärkten (vgl. Apg 15,32.41 ) und ermutigten die Gläubigen durch Warnungen und Verheißungen, wie Barnabas es zuvor mit der Gemeinde in Antiochia in Syrien getan hatte ( Apg 11,23 ). Zu den Warnungen gehörte die Vorhersage vieler Bedrängnisse , während die Verheißung ihnen vor Augen stellte, daß der, der glaubt, in das Reich Gottes eingehen wird. Mit dem Gottesreich ist hier zweifellos die eschatologische Herrschaft Christi auf Erden gemeint.


Apg 14,23


Doch die Gläubigen wurden nicht nur erbaut, gleichzeitig erhielten die Gemeinden auch eine Organisationsstruktur. Paulus und Barnabas setzten in jeder Gemeinde Älteste ein . Bei diesen Ältesten handelte es sich nicht um Neulinge im Glauben ( 1Tim 3,6 ); wahrscheinlich waren es Juden, die in den Synagogen ihre Kenntnisse im Alten Testament vertieft hatten. So wurden aus Synagogenältesten Kirchenälteste.



Apg 14,24-28


Als die Apostel wieder in Antiochia waren (wobei sie auf der Rückreise einfach ihren Hinweg über Pisidien, Pamphylien und Perge zurückverfolgten; vgl. Apg 13,13-14 ), erstatteten sie der dortigen Gemeinde, die sie ausgesandt hatte, ausführlich Bericht über alles, was Gott durch sie getan hatte. Der Satz "wie er den Heiden die Tür des Glaubens aufgetan hätte" ist sehr wichtig: (a) Er beweist, daß das Evangelium nun seinen Weg zu den Heiden genommen hatte. (b) Er zeigt, daß der Glaube, nicht die Werke des Gesetzes, das Entscheidende war. (c) Er besagt, daß Gott das eigentliche Werk getan hatte, indem er den Menschen die "Tür des Glaubens" öffnete.

So endete die erste Missionsreise, die etwa anderthalb Jahre dauerte und auf der Paulus und Barnabas über 1000 Kilometer zu Land und 800 Kilometer auf See zurücklegten. Das Wichtigste war jedoch, daß sie die Mauer, die zwischen Juden und Heiden bestand, niedergerissen hatten (vgl. Eph 2,14-16 ). Die beiden Apostel waren von der Gemeinde in Antiochia der Gnade Gottes befohlen worden (vgl. Apg 15,40 ), und die Antiochener konnten nun sehen, daß diese Gnade tatsächlich am Werk gewesen war (vgl. "Gnade" in Apg 13,43;14,3 ).

Wahrscheinlich schrieb Paulus kurz nach Beendigung der ersten Missionsreise, noch bevor er zum Apostelkonzil nach Jerusalem aufbrach ( Apg 15 ), von Antiochia aus den Galaterbrief.



3. Das Apostelkonzil in Jerusalem
( 15,1 - 35 )


a. Die Meinungsverschiedenheit in bezug auf die Beschneidung
( 15,1 - 2 )


Apg 15,1-2


Bei den Männern, die von Judäa herabkamen nach Antiochia, handelte es sich wohl um dieselben, von denen auch in Gal 2,12 die Rede ist. Sie behaupteten, daß die Beschneidung heilsnotwendig sei. Vielleicht stützten sie ihre Theologie auf alttestamentliche Textstellen wie z. B. 1Mo 17,14 und 2Mo 12,48-49 .

Auf jeden Fall bestand die Gefahr, daß sie mit ihrer Lehre eine Kirchenspaltung herbeiführten, denn Paulus und Barnabas hatten einen nicht geringen Streit mit ihnen .

Die Männer aus Judäa beharrten jedoch auf ihrer Lehre, trotzdem sie in keiner Weise von der Urgemeinde in Jerusalem autorisiert waren. Wie sie den Fall des Kornelius ( Apg 10 ) oder auch das Wirken des Barnabas in Antiochia ( Apg 11,22-24 ) erklärten, wird nicht gesagt. Vielleicht hielten sie die Geschichte des ersteren für eine einmalige Ausnahme und erachteten die Gemeinde in Antiochia ( Apg 11 ) als zu unbedeutend, als daß man sie hätte als Beispiel anführen können, sahen sich nun jedoch, angesichts der Größe, die die Bewegung allmählich erreicht hatte, genötigt, Einspruch einzulegen.

Die Gläubigen in Antiochia hielten es für geraten, die Frage mit den Aposteln und Ältesten in Jerusalem zu besprechen. Mit dieser Aufgabe betrauten sie abermals Paulus und Barnabas und schickten klugerweise noch einige andre aus der Gemeinde als Zeugen mit. Diese Zeugen sollten Paulus und Barnabas vor einer eventuellen späteren Anklage, daß sie die Fakten verdrehten, schützen.



b. Die Diskussion in bezug auf die Beschneidung
( 15,3 - 12 )


Apg 15,3-4


Auf dem Weg nach Jerusalem verkündigte die Delegation die gute Nachricht von der Bekehrung der Heiden auch den Brüdern in Phönizien und Samarien . Wieder einmal reagierte die glaubende Kirche mit Freude (vgl. Apg 2,46 )! Die Gemeinde und ihre Ältesten in Jerusalem hießen Paulus und Barnabas ebenfalls willkommen - eine Reaktion, die von Gegnern wohl nicht zu erwarten gewesen wäre.

 

Apg 15,5


Gläubig gewordene Pharisäer kamen dann unumwunden auf die strittige Frage zu sprechen. Entscheidend dabei war, daß sich die Heiden, wie Paulus später schrieb ( Gal 5,3 ), wenn sie sich beschneiden ließen, damit unter das ganze alttestamentliche Gesetz stellten. Die Art und Weise der Rechtfertigung aber entscheidet über die Art und Weise, wie das Heil erlangt werden kann (vgl. Kol 2,6 ).



Apg 15,6-9


Da kamen die Apostel und die Ältesten zusammen, über diese Sache zu beraten. Auch viele andere Gläubige waren anwesend (vgl. V. 12.22 ). Die Entscheidung, die hier zu treffen war, war sehr wichtig; man stritt sich ( zEtEseOs , "Nachforschungen, Debatten, Fragen"; das Wort ist in V. 2 mit "Streit" übersetzt, in 1Tim 6,4 mit "Fragen", in 2Tim 2,23 und Tit 3,9 wieder mit "Streit") deshalb lange und heftig. Petrus hörte sich die Debatte klugerweise eine Zeitlang an, um den Eindruck zu vermeiden, daß es sich bei den Beschlüssen um eine bereits vorher abgemachte Sache handelte. Was den Zeitpunkt des Apostelkonzils angeht, so wird es im allgemeinen auf das Jahr 49 n. Chr. angesetzt. Wenn Petrus also sagte, daß die Erwählung des Kornelius bereits lange Zeit zurückliege, sprach er von einem Zeitraum von zehn Jahren ( Apg 10,1-11,18 ). Die Frage, ob Heiden überhaupt in die Kirche aufgenommen werden sollten, war schon damals geklärt worden. Gott hatte diesen Entschluß nach den Worten des Petrus bestätigt, indem er den Heiden, wie den Juden auch ( Apg 2,4; 11,15 ), den Heiligen Geist gegeben hatte ( 10,44-46 ). Gott machte also keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden, entscheidend ist der Glaube.



Apg 15,10


Wenn man von den Heiden gefordert hätte, sich beschneiden zu lassen und dem mosaischen Gesetz zu gehorchen, so hätte das zweierlei bedeutet: (a) Die Juden hätten Gott versucht ( peirazete ; vgl. 5Mo 6,16 ), und (b) sie hätten ein Joch auf den Nacken der Jünger gelegt, das weder ihre Väter noch sie selbst hatten tragen können (vgl. Mt 23,4 ). Das war ein sehr passender Vergleich, denn das "Aufnehmen des Joches" war eine Metapher für den endgültigen Übertritt heidnischer Proselyten zum Judentum. Sie bedeutete eine unabänderliche Verpflichtung.

Bei der Erörterung der Frage bezog Petrus sich jedoch nicht nur auf die Heiden, sondern auf alle Gläubigen. Der Terminus "Jünger" bezeichnete sowohl Juden als auch Heiden.



Apg 15,11


Die Aussage "wir glauben, selig zu werden, ebenso wie auch sie" ist erstaunlich. Ein gesetzestreuer Jude hätte diesen Satz in umgekehrter Reihenfolge gesagt ("sie glauben, ... selig zu werden, ebenso wie auch wir"). Doch jemand, der - wie Petrus - Gottes Gnade kannte, formulierte es nicht so. Jeder - ob Jude oder Heide - ist durch die Gnade Gottes (V. 11 ) und durch den Glauben (V. 9 ; vgl. Gal 2,16; Eph 2,8 ) gerettet.



Apg 15,12


Als nächste Redner wandten sich Barnabas und Paulus an die Versammlung und beschrieben die großen Zeichen und Wunder (