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Calvin, Jean – Das Evangelium des Johannes - Einleitung


Einleitung
Das griechische Wort „Evangelium“ bedeutet „frohe Botschaft“. In der Bibel hat es den engeren Sinn der bestimmten frohen Botschaft, dass uns in Christo die Gnade Gottes geschenkt werden soll, - uns ein Antrieb, die Welt mit ihren vergänglichen Gütern und Genüssen zu verachten und statt dessen mit herzlichem Verlangen dies unvergleichliche Gut zu begehren und zuzugreifen, wenn es uns angeboten wird. Weltlich gesinnte Leute geben sich bei den eitlen Vergnügungen der Welt zügelloser Freude hin, haben jedoch gar kein oder nur ganz wenig Gefühl für geistliche Güter. Ja, wohl bei uns allen ist das angeborene Art. Diese Übel will Gott entgegentreten. Deshalb bezeichnet er gerade die Verkündigung Christi mit dem Namen „Evangelium“. Dadurch will er uns darauf aufmerksam machen, dass nirgend anderswo wahre und dauernde Freude zu haben ist; bietet er uns doch ins seinem Sohne alles, was zu einem glückseligen Leben gehört. Einige dehnen die Bezeichnung „Evangelium“ aus auf sämtliche hie und da im Gesetz und in prophetischen Büchern vorkommende Gnadenanerbietungen Gottes. Unbestreitbar bietet Gott jedes Mal, wenn er ihnen die Sünden vergibt, eben damit den Heiland an, dessen Eigenart es ist, allenthalben, wo er sich zeigt, das Licht der Freude um sich her zu verbreiten. Insofern haben sicherlich schon die Frommen des alten Bundes das Evangelium gehabt. Aber da der Geist Gottes in der heiligen Schrift die Verkündigung des Evangeliums erst von dem Auftreten Christi an datiert, so bleiben auch wir bei dieser Ausdrucksweise und gehen von unserer obigen Erklärung nicht ab: Evangelium ist die feierliche Verkündigung der in Christo geoffenbarten Gnade.

Deshalb heißt das Evangelium (Röm. 1, 16 f.) eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, weil Gott darin seine Gerechtigkeit offenbart, oder auch (2. Kor. 5, 19 f.) eine Botschaft, durch welche er die Menschen mit sich versöhnt. Christus, das Unterpfand der göttlichen Barmherzigkeit und der Liebe des Vaters zu uns, - das ist der Inhalt des Evangeliums. So haben dann in besonderem Sinne den Namen „Evangelium“ die Geschichten erhalten, welche uns erzählen, wie Christus im Fleische erschienen ist, wie er gestorben, vom Tode auferweckt und endlich wieder in den Himmel aufgenommen worden ist. Man hat auch wohl das ganze neue Testament als das Evangelium bezeichnet, in der Regel jedoch nur den oben genannten Teil desselben. Weil übrigens die nackte Geschichtserzählung nicht genügen würde, ja ohne Heilsbedeutung für uns wäre, so erzählen die Evangelisten nicht bloß, dass Christus geboren ward, starb und den Tod überwand, sondern auch, wozu das alles geschah, und welchen Wert es für uns hat. Ein Unterschied zwischen den Evangelien besteht darin, dass die ersten drei ausführlicher über Jesu Leben und Sterben berichten, während unser Evangelist mehr bei der Lehre verweilt, die uns Christi Amt sowie die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung darlegt. Matthäus, Markus und Lukas übergehen zwar nicht mit Schweigen, dass Christus gekommen ist, um der Welt das Heil zu bringen, um mit dem Opfer auf Golgatha die Sünden der Welt zu sühnen, überhaupt um nach jeder Seite hin das Amt des Mittlers durchzuführen; ebenso hält sich auch Johannes ab und zu bei der Geschichtsdarstellung auf. Bei ihm tritt jedoch die Lehre, welche uns Kraft und Frucht des Kommens Christi darlegt, weit klarer hervor als bei den anderen. Alle vier haben die Absicht, Christum zu zeigen; man darf wohl sagen: die ersten drei bringen den Leib, Johannes aber die Seele. Unser Evangelium ist der Schlüssel für die drei anderen. Wer den starken Heiland, wie er in diesem Buche uns vor die Seele gemalt wird, ergriffen hat, der wird erst mit Nutzen lesen, was die anderen von ihm berichten. Man glaubt, dass Johannes durch damals verbreitete, wider die Gottheit Christi gerichtete Irrlehren sich zum Schreiben bewogen gefühlt habe, wie das die frühesten Kirchengeschichtsschreiber schon erzählen. Welchen Grund er immer dazu gehabt haben mag, unzweifelhaft hat Gottes Vorsehung mit weitschauendem Blicke dabei über der christlichen Kirche gewaltet. Gott hat den Evangelisten in die Feder gegeben, was sie schreiben sollten, um ein einheitlich geschlossenes Ganzes zustande zu bringen, wozu jeder von ihnen seinen Beitrag lieferte. Unsere Aufgabe besteht darin, die vier wechselweise so untereinander zu vereinigen, dass wir uns von ihnen allen zusammen sozusagen aus einem Munde belehren lassen. Wenn man dem Johannes die vierte Stelle gegeben hat, so hat man dafür die Abfassungszeit in Rechnung gezogen. Beim Lesen hält man besser eine andere Reihenfolge inne. Um nachträglich bei Matthäus und den anderen nachzulesen, dass Christus vom Vater uns gegeben worden ist, lernt man zuerst von Johannes, zu welchem Zwecke er uns geoffenbart wurde.

Kapitel 1

V. 1. Im Anfang war das Wort. Mit diesen einleitenden Sätzen predigt Johannes die ewige Gottheit Christi; wir sollen wissen, dass der, welcher sich im Fleisch offenbart hat, ewiger Gott ist. Der Evangelist will uns einprägen, dass die Erneuerung der Menschheit durch den Sohn Gottes geschehen musste. Durch seine Kraft ist alles geschaffen worden; er allein hat allen Geschöpfen durch seinen Hauch das Leben und die Fähigkeit, fortzubestehen, verliehen. Er hat zumal im Menschen selbst einen einzigartigen Beweis seiner Macht und Huld gegeben. Ja, selbst nach dem tiefen Falle Adams ist er noch immer der unermüdliche Freund und Wohltäter auch gegen dessen Nachkommen geblieben. Das Verständnis der hier enthaltenen Lehre ist dringend notwendig. Außerhalb der Gemeinschaft mit Gott gibt es sicherlich weder Leben noch Heil. Wie sollte dann aber unser Glaube sich auf Christum stützen können, wenn das nicht vollkommen fest begründet wäre, was hier gelehrt wird? Der Evangelist bezeugt also in diesen Worten, dass wir uns keineswegs von dem einen ewigen Gott trennen, wenn wir an Christum glauben: vielmehr wird jetzt durch ein und denselben, der schon vor dem Sündenfall Quell und Urheber des Lebens war, den Erstorbenen das Leben wiedergeschenkt. Der Grund, dass er den Sohn Gottes „das Wort“ nennt, scheint mir einfach darin zu liegen, dass zuerst Gottes ewiger allweiser Wille und dann die ausgeprägte Darstellung seines Rates existiert. Denn wie bei Menschen das Wort der Ausdruck der Gesinnung ist, so überträgt man das mit gutem Grunde auch auf Gott und sagt: durch sein Wort macht er sich für uns verständlich. Freilich kann der entsprechende griechische Ausdruck („Logos“) nicht bloß das Wort, sondern auch die Vernunft und dergl. bezeichnen. Wollten wir aber hierauf weiter eingehen, würden wir uns in Spekulationen verlieren, die den Umkreis des schlichten Glaubens weit überschreiten. Auch Gottes Geist ist offenbar dergleichen spitzfindigen Erörterungen durchaus abgeneigt; er redet mit uns in der Schrift eine gar kindliche Sprache und ruft, ohne dazu überflüssige Worte zu machen, uns zu: Nur so nüchtern wie möglich über diese großen Geheimnisse denken!

Wenn Gott nun bei der Erschaffung der Welt sich durchs Wort kundgetan hat, so war dies Wort selbstverständlich zuvor bei ihm verborgen. Es steht in einer zweifachen Beziehung:

erstens auf Gott, zweitens auf die Menschen. Servede1), der stolze Spanier, ein unklarer Kopf, behauptet, dies ewige Wort sei damals, als es sich bei der Weltschöpfung zeigte, überhaupt erst entstanden. Als sei es undenkbar, dass es existierte, ehe sich durch seine Wirksamkeit sein Vorhandensein nach außen hin zu erkennen gab! Etwas ganz anderes lehrt hier der Evangelist. Er bestimmt dem Worte keinen zeitlichen Anfang, sondern schreitet weit über alle Jahrhunderte hinweg, indem er sagt, es sei von Anfang an gewesen. Worauf die angeführte falsche Auslegung, die man übrigens schon bei den Anhängern des Arius2) findet, sich beruft, weiß ich recht gut: Gott habe doch im Anfang Himmel und Erde gemacht, und diese seien gewiss nicht ewig, - das Wort „Anfang“ werde mehr in Rücksicht auf die Reihenfolge, als zur Bezeichnung der Ewigkeit angewendet. Diesem Einwand ist indes der Evangelist von vornherein begegnet, indem er sagt, das Wort sei „bei Gott“ gewesen. Wenn das Wort erst von einem bestimmten Zeitpunkt an existiert haben soll, dann muss man in Gott selbst eine zeitliche Aufeinanderfolge finden. Sicherlich hat durch das letztgenannte Satzglied Johannes das Wort geflissentlich von allen geschaffenen Dingen unterscheiden wollen. Es waren nämlich vielerlei Fragen möglich: Wo befand sich denn dies Wort? Wie zeigte es sein Vorhandensein? Wie war es beschaffen? Woran war es zu erkennen? Deshalb betont er, man dürfe nicht an der Welt und den Bestandteilen der Schöpfung haften: es sei vor dem Dasein der Welt stets mit Gott vereinigt gewesen. Stellen denn die, welche „Anfang“ auf den Ursprung von Himmel und Erde beziehen, nicht Christum auf eine Stufe mit der Welt, von der er hier gerade so fein ausgenommen wird? Sie tun nicht allein dem Gottessohn, sondern auch seinem ewigen Vater damit großes Unrecht, indem sie diesen seiner Weisheit berauben. Sich Gott geschieden von seiner Weisheit vorzustellen wäre frevelhaft; also muss man auch bekennen, dass der Ursprung des Wortes nirgend anderswo, als in Gottes ewiger Weisheit zu suchen ist.

Was „bei Gott“ war, muss ewig sein: es existierte längst, ehe es äußerlich hervortrat. Einige Ausleger wollen dies schon aus dem Gebrauch der Vergangenheitsform erschließen: „es war“ (im Unterschied von „es ist gewesen“) soll auf einen bleibenden Zustand deuten. Aber wo so viel auf dem Spiel steht, gilt es zuverlässigere Gründe heranzuziehen. Uns muss genug sein, was ich angeführt habe, nämlich, dass der Evangelist uns in das ewige Heiligtum Gottes, das nie ein Fuß betrat, hineinführt, damit wir es wissen sollen: dort ist das Wort gleichsam verborgen gewesen, bevor es sich durch die Herstellung der Welt kundgab. Richtig bemerkt daher Augustin, der hier erwähnte Anfang habe keinen Anfang. Ist auch in unserem Denken erst der Vater zu setzen und dann seine Weisheit, so würde man ihn doch seiner Ehre berauben, wollte man sich irgendeinen Zeitpunkt vorstellen, in welchem er noch ohne Weisheit gewesen. Das ist eben die ewige Zeugung, welche, wenn man die Worte gebrauchen darf, unermesslich lange in Gott verborgen blieb, um danach lange Jahre hindurch den Vätern unter dem Gesetz dunkel angedeutet und endlich leibhaftig im Fleische dargestellt zu werden.

Und das Wort war bei Gott. So bekommt, wie schon gesagt, der Sohn Gottes seinen Platz angewiesen über der Welt und allen Geschöpfen und vor allen Jahrhunderten. Aber zugleich wird ihm mit dieser Redewendung eine vom Vater unterschiedene Seinsweise zuerteilt. Es würde von dem Evangelisten recht verkehrt sein, zu sagen, der Sohn sei immer „mit“ oder „bei“ Gott gewesen, wenn er nicht irgendwie eine eigene Existenz in Gott hätte. Es hat also diese Stelle Beweiskraft gegen die Irrlehre, nach welcher Vater und Sohn ganz dasselbe sein sollen, da sie zeigt, dass ein Unterschied zwischen Vater und Sohn ist. Ich habe schon oben die Mahnung einfließen lassen, bei so großen Geheimnissen nüchtern zu denken und bescheiden zu reden. Jedoch müssen wir die alten Schriftsteller der christlichen Kirche gegen den Vorwurf unbescheidenen Vorwitzes in Schutz nehmen; wo es ihnen unmöglich war, in anderer Weise die rechte und reine Lehre gegen die aalglatten Beweisführungen sich auszudenken, die nicht genau so in der Bibel zu finden sind. Aussagen wollten sie damit ja nichts anderes, als was nur in anderer Form in der heiligen Schrift selbst vorkommt. So haben sie gesagt: In dem einen und einfachen Wesen Gottes sind drei Hypostasen oder Personen. So haben sie die unterscheidbaren Eigentümlichkeiten in Gott genannt, welche sich unserem Nachdenken zur Betrachtung anbieten. Wie Gregor von Nazianz3) sagt, es sei ihm unmöglich an den Einen zu denken, ohne dass alsbald Drei in dem einen und um den einen Gott aufstrahlten.

Und das Wort war Gott. Damit niemand über Christi Gottheit in Ungewissheit bleibe, sagt Johannes klar heraus, er sei Gott. Da nun Gott der Einige ist, so ergibt sich, dass Christus eines Wesens mit dem Vater und doch in irgendeinem Punkte von ihm verschieden ist. Was nun die Einheit des Wesens anbetrifft, so war es von Arius ein starkes Stück, wenn er, um nicht zum Bekenntnis der ewigen Gottheit Christi gezwungen zu sein, vorbrachte, dieser sei nur so eine Art Gott. Wir haben, wenn wir hören, das Wort sei Gott gewesen, keinerlei Anlass, des Weiteren hier über sein ewiges Wesen Streitverhandlungen zu führen.

V. 2. Dasselbige war im Anfang bei Gott. Um uns das Vorhergesagte fester einzuprägen, fasst der Evangelist noch einmal die beiden Gedanken kurz zusammen: das Wort ist immer gewesen, und zwar bei Gott. Es soll uns dadurch einleuchten, dass der Anfang, von dem er spricht, aller Zeit vorhergeht.

V. 3. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht. Nachdem Johannes erklärt hat, das Wort sei Gott, und sein ewiges Wesen gepredigt hat, tut er nun an den Werken seine Gottheit dar. Damit führt er einen praktischen Beweis, der unserem Verständnis am besten entspricht. Es würde uns frostig berühren, wollte man ohne weiteres Christo den Namen „Gott“ beilegen, ohne dass unser Glaube an greifbarer Wirklichkeit merken könnte, dass er das tatsächlich ist. Darum wählt der Apostel überaus passend den vorliegenden Ausdruck, welcher die dem Sohne Gottes eigentümliche Tätigkeit beschreibt. Bisweilen freilich sagt Paulus schlichtweg: alles ist durch Gott (Römer 11, 36). Aber sobald es auf einen Vergleich des Sohnes mit dem Vater ankommt, pflegt er genau so zu unterscheiden wie Johannes hier tut (Kol. 1, 16). Es ist also gebräuchlich zu sagen: der Vater hat alles durch den Sohn gemacht, und: von Gott ist alles durch denselben, den Sohn. Darauf aber zielt, wie gesagt, der Evangelist ab, dass alsbald bei der Weltschöpfung das Wort oder der Sohn Gottes in äußere Wirksamkeit hervorgegangen ist. Während er früher in seinem Wesen unerfasslich war, ist damals seine Kraft durch eine Wirkung öffentlich bekannt geworden. Auch einige Philosophen beschreiben Gott als den Baumeister der Welt; sie gesellen ihm bei Ausführung dieses Werkes die Vernunft zu. Das ist zwar richtig, denn es stimmt mit der Schrift überein. Aber wir brauchen ihre Zeugnisse nicht besonders zu begehren, denn neben solchen Lichtblicken finden sich bei ihnen viele eitle Gedankengespinste. Vielmehr wollen wir uns gegenwärtig halten, dass wir uns mit diesem Spruch, der ja vom Himmel herrührt, begnügen dürfen, - ist doch auch viel mehr darin gesagt, als unser Verstand zu fassen vermag.

Und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist. Es gibt für diese Stelle verschiedene Lesarten. Ich lese, ohne darüber mit einem, der anderer Meinung ist, zu streiten, in ununterbrochenem Zusammenhange so: Nichts ist gemacht worden, was gemacht worden ist. In diese Lesart vereinigen sich fast sämtliche griechische Handschriften, wenigstens die maßgebenden. Außerdem fordert sie der Gedankengang. Die Schriftforscher, welche das Satzglied „was gemacht worden ist“ vom Vorhergehenden durch einen Punkt trennen, um es zum Folgenden zu ziehen, bringen einen gezwungenen Sinn heraus: Was gemacht worden ist, in dem war Leben, d. h.: es lebte oder blieb am Leben. Ja, wenn sich nur ein Beispiel dafür beibringen ließe, dass irgendwo anders in der Bibel so von den Geschöpfen geredet würde! Bei der Verbindung mit dem vorigen entsteht auch keineswegs eine unnütze Häufung der Worte. Auf jedem Wege sucht Satan Christo etwas zu entreißen; da hat denn der Evangelist es ausdrücklich betonen wollen, dass unter den Dingen, die gemacht worden sind, durchaus keines eine Ausnahme bildet.

V. 4. In ihm war das Leben. Bis hierher ist gelehrt worden: durch das Wort Gottes wurde alles geschaffen. Jetzt erteilt ihm Johannes in gleicher Weise auch die Erhaltung aller Dinge zu. Er will sagen: die Kraft des Wortes war nicht bloß augenblicklich, um bald wieder zu verschwinden, bei der Weltschöpfung wirksam; sie ist noch heute daran zu erkennen, dass es eine beständige, feste Naturordnung gibt, - wie es Hebr. 1, 3 heißt: Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort (oder Befehl). Übrigens kann man je nachdem dies Leben ausdehnen auf die unbeseelte Schöpfung, welche ja auch eine Art Leben, obgleich ohne Empfindung, besitzt, oder auch allein auf die beseelte beschränken. Es kommt wenig darauf an, wofür man sich entscheidet. Der einfache Sinn ist der: das Wort Gottes war nicht nur der Quell des Lebens für alle Geschöpfe, so dass das, was noch nicht war, zu sein anfing, - mehr noch: durch seine lebenspendende Kraft kommt es dahin, dass sie dauernden Bestand haben. Wenn nämlich sein Hauch nicht fortwährend die Welt belebte, würde notwendigerweise sofort alles Lebendige zusammensinken oder vernichtet werden. Was Paulus (Apg. 17, 28) Gott zuschreibt: „In ihm leben, weben und sind wir“, – das verdanken wir, wie Johannes bezeugt, dem Wort. Natürlich ist es Gott, der uns das Leben spendet, aber: durch sein ewiges Wort.

Das Leben war das Licht der Menschen. Damit wendet sich der Evangelist zu einer Erscheinung des Lebens, durch welche die Menschen sich vor den übrigen lebenden Wesen auszeichnen. Er meint: den Menschen ist nicht nur das gewöhnliche Leben gegeben worden, sondern unmittelbar damit verbunden das Licht des Verstandes. Aus der Zahl der Mitgeschöpfe hebt sich also der Mensch heraus. Wir schauen die Kraft des lebendigen Gottes nicht nur aus der Ferne, sondern verspüren sie in uns selbst. So erinnert Paulus (Apg. 17, 27): wir brauchen Gott nicht in der Ferne zu suchen, er offenbart sich ja inwendig in uns. Nachdem also der Evangelist eine allgemeine Betrachtung des gnädigen Wirkens Christi vorausgeschickt hat, zeigt er, um uns Menschen zu desto größerer Wertschätzung desselben zu bewegen, was uns in besonderer Weise gegeben worden ist. Die Menschen sind nicht den Tieren gleich geschaffen worden, sondern nehmen als vernunftbegabte Geschöpfe einen höheren Rang ein. Da nun Gott nicht umsonst sein Licht in ihrem Verstande angezündet hat, so folgt daraus: sie sind geschaffen zu dem einen Zwecke, den Urheber dieser besonderen Wohltat kennen zu lernen. Und da Gott den Quell des Lichtes aus dem Brunnen des Wortes zu uns hingeleitet hat, so hat dies Licht, die menschliche Vernunft, die Aufgabe, als Spiegel zu dienen, worin wir die Kraft des Wortes deutlich schauen sollen.

V. 5. Und das Licht scheint in der Finsternis. Man könnte einwenden: die Menschen werden an so vielen Stellen der Schrift blind genannt; auch ist die Blindheit, die ihnen vorgeworfen wird, mehr als zur Genüge bekannt. Elendiglich sind sie mit ihrer Vernunft in Eitelkeit geraten. Woher sollen denn sonst all die Schlangenwege von Irrtümern in der Welt kommen, als davon, dass die Menschen durch ihren Verstand sich immerzu in Torheit und Lüge stürzen? Wenn in den Menschen keinerlei Licht erscheint, so ist das Zeugnis von der Gottheit Christi gelöscht, an das eben hier der Evangelist erinnert. Das war ja, wie gesagt, die dritte Stufe: es ist in dem Leben, das die Menschen haben, etwas weit Vorzüglicheres, als nur Bewegung und Odem. Diesen Punkt behandelt der Evangelist hier weiter und erinnert zuerst daran, dass man das Licht, mit dem anfänglich die Menschen beschenkt worden waren, nicht nach ihrem gegenwärtigen Zustand beurteilen dürfe, da ja in dieser von Sünde befleckten, entarteten Natur das Licht in Finsternis verkehrt worden ist. Dabei gibt er jedoch nicht zu, dass das Licht der Einsicht ganz und gar erloschen sei. Es schimmert in der tiefen Verfinsterung der menschlichen Vernunft noch einige Fünkchen des alten Glanzes.

Jetzt versteht der Leser die zwei Teile unseres Spruches. Der Evangelist sagt, dass die jetzigen Menschen sich in einem großen Abstand von jener unversehrten anfänglichen Naturbegabung befinden; ihr Geist nämlich, der durch und durch hell und licht sein sollte, ist in Finsternis versunken, elendiglich erblindet, und so ist Christi Herrlichkeit in dieser verderbten Natur wie von Dunkelheit überdeckt. Hingegen behauptet Johannes aber auch: Es sind mitten in der Finsternis immer noch etliche Lichtreste, welche einigermaßen noch Christi göttliche Kraft zeigen. Er gesteht die völlige Blindheit des Menschengeistes zu, der nach Verdienst von der Finsternis überwältigt worden ist. Er hätte vielleicht einen milderen Ausdruck brauchen können, etwa: das Licht hat sich verdunkelt oder verfinstert. Er wollte aber eine deutlichere Bezeichnung dafür brauchen, wie unglückselig unsere Lage nach dem Fall des ersten Menschen ist. Wenn er also sagt: „Das Licht scheint in der Finsternis“, so will er damit in der verderbten Natur durchaus nichts Lobenswertes finden, sondern vielmehr jeden Vorwand für unsere Unwissenheit beseitigen.

Und die Finsternis hat es nicht begriffen. Obgleich der Sohn Gottes vermöge des geringen Lichts, das uns noch verblieb, immerdar die Menschen zu sich eingeladen hat, muss der Evangelist dennoch sagen, dass es ohne jeden Erfolg geschehen ist, da sie sehend doch nichts sahen. Denn seit der Entfremdung des Menschen von Gott hält Unwissenheit dermaßen seinen Sinn überwältigt, dass der darin enthaltene Lichtrest kraftlos und erloschen daliegt. Das bestätigt auch die tägliche Erfahrung. Alle vom Geiste Gottes nicht wiedergeborenen Menschen, wenn sie überhaupt Vernunft besitzen, sind ein untrüglicher Beleg dafür, dass der Mensch nicht bloß, um zu leben, sondern um zu erkennen geschaffen ist. Übrigens gelangen sie durch die Leitung ihrer Vernunft nicht bis zu Gott hin, ja nicht einmal nur bis in seine Nähe; so zeigt es sich: ihre ganze Einsicht ist lauter Eitelkeit. Es würde folglich um das Heil der Menschen geschehen sein, wenn Gott nicht von neuem Hilfe brächte. Wenngleich der Sohn Gottes sein Licht auf sie ausgießt, sind sie doch so stumpfen Sinnes, dass sie nicht begreifen, woher dies Licht stammt, - im Gegenteil: sie fallen in einen Abgrund von Wahngedanken und Verkehrtheiten hinein. An dem Licht, das noch heute in der verderbten Natur verblieben ist, unterscheiden wir zwei hervorragende Bestandteile. Allen Menschen sind gewisse Keime der Religiosität angeboren, sodann ist in ihr Gewissen der Unterschied zwischen Gut und Böse eingegraben. Aber was für Früchte gehen daraus hervor? Die Religion entartet in tausenderlei scheußlichen Ausgeburten des Aberglaubens; das irrende Gewissen verwirrt jedes klare Urteil, sodass es die Begriffe von Laster und Tugend verwechselt. Alles in allem genommen: niemals wird es die natürliche Vernunft fertig bringen, den Menschen zu Christus zu führen. Weiter: wenn die Menschen allerlei Weisheitsregeln für eine ordentliche Lebensführung besitzen, wenn sie von Geburt zur Ausübung ausgezeichneter Künste und Wissenschaften beanlagt sind, so bleibt auch das eitel und ganz ohne Frucht. Freilich ist zu beachten: der Evangelist redet nur von den natürlichen Gaben, die der Mensch besitzt, und berührt noch nicht die Gnade der Wiedergeburt. Der Sohn Gottes übt nämlich zwei verschiedene Wirkungsweisen: die erste, welche sich bei dem Bau der Welt und der Ordnung der Natur kund tut, die zweite aber, durch die er die in Trümmern daliegende Natur aufs Neue zum Leben erweckt. Als das ewige Wort Gottes ist er der Mittler der Weltschöpfung. Alles, was einmal durch seine Kraft Leben empfangen hat, behält dasselbe auch. Der Mensch ist bevorzugt und mit der Gabe des Verstandes geschmückt worden. Und obwohl er durch seinen Abfall das Licht des Verstandes eingebüßt hat, vermag er doch noch zu sehen und zu erkennen, dass das, was er von Natur von der Gnade des Sohnes Gottes hat, nicht völlig ausgetilgt ist. Aber da er das ihm noch verbliebene Licht durch seine Gleichgültigkeit und Bosheit verdunkelt, so bleibt kein anderer Ausweg, als dass der Sohn Gottes ein neues Amt übernimmt, nämlich das des Vermittlers, der den verlorenen Menschen durch den Geist der Wiedergeburt erneuert. Nach alledem kann ich es nicht billigen, wenn man das Licht, von welchem hier die Rede ist, auf das Evangelium und die Heilslehre bezieht.

V. 6. Es ward ein Mensch. Jetzt beginnt der Evangelist auseinanderzusetzen, wie das Wort Gottes sich im Fleisch offenbart hat. Und damit niemand in Zweifel ziehe, dass Christus der ewige Sohn Gottes ist, erzählt er aus sicherer Erinnerung, wie der Heroldsruf Johannes des Täufers ihn gefeiert hat. Denn Christus hat nicht nur den Menschen sich selber zu genauer Betrachtung dargeboten, er wollte auch durch Zeugnis und Lehre des Johannes bekannt werden. Ja, Gott der Vater war es, der diesen Zeugen vor seinem Gesalbten her sandte; es umso leichter alle das von ihm gebrachte Heil annehmen. Auf den ersten Blick könnte es jedoch sinnlos erscheinen, dass von anderer Seite für Christus ein Zeugnis abgelegt wird, als bedürfte er das. Dass das nicht der Fall ist, spricht er selbst offen aus (Joh. 5, 34): „Ich suche kein Zeugnis von einem Menschen.“ Wie bekannt, löst sich diese Schwierigkeit leicht: nicht Christi, sondern unsertwegen ist dieser Zeuge aufgestellt worden. Wenn jemand dem entgegenhielte: Menschliches Zeugnis ist zu schwach, um zu beweisen, dass Christus Gottes Sohn ist, - so ist auch da die Lösung nicht weit zu suchen: der Täufer wird nicht als ein Zeuge, wie jeder beliebige, aufgeführt, sondern es steht da, ausgerüstet mit göttlicher Vollmacht, mehr wie ein Engel, als wie ein Mensch. Deshalb ist nicht das sein Schmuck, dass man allerlei Tugenden an ihm loben kann, sondern nur das Eine, dass er ein Gesandter Gottes war. Auch das steht nicht im Wege, dass Christo die Predigt des Evangeliums anvertraut worden ist, damit er sein eigener Zeuge sei. Denn der Heroldsruf des Johannes wollte nur erreichen, dass man auf Christi Lehre und Wunder aufmerksam wurde.

Von Gott gesandt. Die Berufung des Johannes wird nicht ausführlich erzählt. Da der Evangelist alsbald genauer darauf eingehen will, so berührt er jetzt nur den entscheidenden Punkt: und dieser Mann war von Gott gesandt. Denn wenn viele, die doch in ihrem eigenen Namen kommen, sich göttlicher Sendung rühmen, so genügt eben solches Selbstzeugnis nicht. Übrigens muss nicht bloß Johannes, sondern jeder Lehrer der Kirche sich auf einen göttlichen Beruf gründen können: kein anderer Grund ist stark genug, die Autorität seiner Lehre zu tragen. –

Den Namen Johannes setzt der Evangelist ausdrücklich bei, nicht bloß, um diesen bestimmten Menschen zu bezeichnen, sondern weil dieser Name in einem beabsichtigten Zusammenhange mit der Aufgabe des Mannes stand. Denn ohne Zweifel hat der Herr mit Rücksicht auf das künftige Amt des Johannes durch den Engel befohlen, ihn so zu nennen; jedermann sollte schon daran in ihm den Herold der göttlichen Gnade erkennen. Der Name bedeutet nämlich: Gott ist gnädig.

V. 7 u. 8. Derselbige kam zum Zeugnis. Kurz wird der Zweck seiner Berufung berührt, der darin bestand, die Gemeinde für Christum zuzubereiten. Indem er alle zu Christo einlud, hat er hinreichend gezeigt, dass er nicht um seiner selbst willen kam. Eine übertriebene Hervorhebung aber gebührte dem Johannes nicht. Daran hat der Evangelist gedacht, wenn er sagt (V. 8): er war nicht selber das Licht, - es möchte sonst sein übermäßiger Glanz die Herrlichkeit Christi in Schatten stellen. Hingen ihm doch einige so fest an, dass sie Christum darüber vernachlässigten. Es war, als wollte man, hingerissen von der Schönheit des Morgenrotes sagen: die Sonne selber anzusehen, ist nicht der Mühe wert. –

Wir untersuchen nun, in welchem Sinne der Evangelist hier die Bezeichnung „Licht“ gebraucht. Nach Eph. 5, 8 sind alle Frommen Lichter in dem Herrn, als Menschen, die von seinem Geiste erleuchtet sind und nicht nur für sich selbst sorgen, sondern auch andere durch ihr Beispiel auf den Weg des Heils führen. Auch die Apostel insbesondere werden Licht genannt (Mt. 5, 14), da sie die Fackel des Evangeliums vor sich hertragen, um die Finsternis der Welt zu vertreiben. Aber hier spricht der Evangelist, wie schon die nächsten Worte klar ergeben, von dem einzigen und ewigen Quell aller Erleuchtung.

V. 9. Das war das wahrhaftige Licht. So wird Christus nicht im Gegensatz zu einem falschen Licht genannt, sondern nur im Unterschiede von allen anderen: er ist nicht bloß ein Licht, wie alle Engel und Menschen dies auch sein können, sondern das allein wahrhaftige Licht. Der Unterschied beruht darin, dass alles Leuchtende im Himmel und auf der Erde seinen Glanz anderswo entlehnt, Christus aber das aus und durch sich selbst erstrahlende Licht ist, das dann die ganze Welt mit seinem Glanze bestrahlt, sodass es nirgends einen zweiten Ursprung oder Anlass des Lichtglanzes gibt.

Welches alle Menschen erleuchtet. Hauptsächlich daran ist dem Evangelisten gelegen, seine Aussage, dass Christus das Licht sei, an einer Wirkung nachzuweisen, die jeder von uns an sich spürt. Er hätte die Erörterung in höherem Tone führen können: der Glanz, den Christus in seiner Eigenschaft als ewiges Licht besitzt, ist ihm angeboren, nicht anderswoher geholt; aber von diesem entlegenen Gebiete ruft er uns lieber ab auf das uns allen zugängliche Gebiet der Erfahrung. Da Christus uns alle seines Glanzes teilhaftig macht, so muss man zugestehen: ihm gebührt eigentlich ganz allein die Ehre, das Licht zu heißen. Übrigens lässt sich das „alle“ auf zweifache Weise auslegen. Einige nämlich beschränken die ganz allgemein gehaltene Aussage auf die, welche durch Gottes Geist wiedergeboren, des lebendig machenden Lichtes teilhaftig werden. Augustin führt das Beispiel von einem Schulmeister an, der in einer Stadt die einzige Schule hat, und von dem man sagt: alle (nämlich die überhaupt hineingehen) gehen zu ihm in die Schule. Ganz in diesem Sinne hieße es auch hier, dass Christus alle Menschen erleuchtet, nämlich alle, die überhaupt erleuchtet werden. Und so kann man sich ausdrücken, weil niemand ein Licht aufweisen kann, das anderswoher als von Christi Gnade stammte.

Der Evangelist redet aber umfassend von allen, die in diese Welt kommen. Darum sagt mir die andere Fassung besser zu: Über die ganze Menschheit hin sind, von diesem Licht ausgehend, Strahlen ausgegossen, wie schon oben gesagt ist. Wir wissen ja, dass die Menschen diesen Vorzug vor allen lebenden Wesen haben, dass sie mit Vernunft und Einsicht begabt sind und dass sie in ihrem Gewissen den Unterschied zwischen Recht und Unrecht eingeprägt tragen. Es gibt daher niemanden, zu dem nicht irgendwelche Empfindung des ewigen Lichtes gelangt wäre. Aber weil voreingenommene Leute diese Stelle aus dem Zusammenhang reißen und solange auf die Folterbank legen, bis sie aussagt: allen Menschen wird in ganz gleicher Weise die Erleuchtungsgnade dargeboten, - so erinnern wir daran: hier handelt es sich ausschließlich um das allgemeine natürliche Licht des Verstandes, eine Gabe, die tief unter dem Glauben steht. Wenn ein Mensch alle seine Geisteskräfte, alle seine Verstandesschärfe anstrengte, so würde er dadurch niemals in Gottes Reich eindringen; einzig der Geist Christi öffnet den Auserwählten die Himmelspforte. Ferner erinnern wir daran, dass das Licht des Verstandes, welches Gott einstmals dem Menschen verlieh, durch Sünde dermaßen verdunkelt worden ist, dass in der tiefen Finsternis, - darunter ist die schreckliche Unwissenheit und der Abgrund aller möglichen Irrtümer zu verstehen, - nur noch schwache Lichtfünkchen schimmern, welche noch dazu immer mehr verglimmen.

V. 10. Es war in der Welt. Mit diesem Wort wird die Anklage wegen Undankbarkeit gegen die Menschen erhoben; sie sind mit eigenem Willen so blind geworden, dass ihnen der Ursprung des Lichtes, welches sie hatten, unbekannt war. Das gilt offenbar für alle Zeiten der Welt, da ja vor seiner Offenbarung im Fleische Christus allenthalben seine Tätigkeit ausübte. Folglich war das der Zweck seiner täglichen Wirksamkeit: die Menschen aus ihrer Gleichgültigkeit herauszubringen. Gibt es etwas Verkehrteres als das: aus einem Bache Wasser schöpfen und gar nicht an die Quelle denken, aus welcher der Bach hervorsprudelt? Wenn also die Welt Christum vor seiner Offenbarung im Fleisch nicht kannte, so gibt es dafür keine begründete Entschuldigung. Der Grund für solche Unwissenheit liegt in der Trägheit und in der mit bösem Willen verbundenen Gefühllosigkeit der Menschen, die ihn seiner Kraft und Wirkung nach immer gegenwärtig hatten. Wir fassen alles zusammen und müssen sagen: niemals hat sich Christus so sehr von der Welt entfernt, dass die Menschen sich nicht hätten durch die von ihm ausgehenden Lichtstrahlen wecken lassen müssen, um nun auf ihn selber ihre Augen zu richten. Es folgt daraus, dass jene Verschuldung wirklich anzurechnen ist.

V. 11. Er kam in sein Eigentum. Hier wird erst ganz die Schlechtigkeit und böse Gesinnung der Menschen enthüllt, hier kommt an den Tag ihre mehr als verbrecherische Gottlosigkeit, die darin besteht, dass der Sohn Gottes, als er sich im Fleisch sichtbar darstellte, und zwar den Juden, die sich Gott vor den anderen Völkern als besonderes Eigentum auserkor, dennoch nicht anerkannt und aufgenommen ward, so dass es heißen muss: die Seinen nahmen ihn nicht auf. Auch für diese Stelle gibt es allerlei Auslegungen.

Einige sind der Meinung, der Evangelist rede hier von der ganzen Erde, und sicherlich gibt es nirgends in der Welt einen Platz, den der Sohn Gottes nicht als sein rechtmäßiges Eigentum ansähe. Hiernach wäre der Sinn: als Christus auf die Erde herniederkam, hat er nicht fremdes Gebiet betreten, war doch die ganze Menschheit zu seinem Erbe gehörig.

Richtiger ist meiner Meinung nach die Auslegung derer, die unsere Stelle nur auf die Juden beziehen. Diese waren Christi „Eigentum“ noch in einem ganz anderen Sinne, als die übrige Menschheit. Auf welche Undankbarkeit lässt es also schließen, wenn er hier keine Aufnahme findet! Gottes Sohn hatte sich in einem bestimmten Volksstamme seinen Wohnsitz ausgesucht; als er aber dort erschien, ward er verworfen. Daran ist deutlich zu sehen, wie boshaft die Menschen in ihrer Blindheit sind. Gerade das aber musste gesagt werden, denn es galt, das Ärgernis zu beseitigen, das damals vielen der Unglaube der Juden bieten konnte. Denn nachdem Christus von dem Volke verachtet und verschmäht worden war, dem er namentlich verheißen, - wer hätte ihn da für den Erlöser der ganzen Welt ansehen können? Wir sehen ja, wie dem Apostel Paulus dieser Einwand auf seinem Arbeitsfelde so viel zu schaffen machte (Röm. 9 – 11). Übrigens haben beide, Zeitwort und Hauptwort, in unserem Sätzchen besonderen Nachdruck. Eben dorthin, wo der Sohn Gottes vorher war, „kam“ er noch in besonderer Weise, wie der Evangelist sagt. Er bezeichnet damit eine neue, außerordentliche Art der Gegenwart, durch welche der Sohn Gottes sich so geoffenbart hat, dass ihn die Menschen vermittelst persönlicher Anschauung zu sehen bekommen. In dieser persönlichen Erscheinung bot er sich zuerst seinem Eigentumsvolke an. Aber die Aufnahme war dementsprechend, wie schon Jesaja sagt (1, 3): „Ein Ochse kennt seinen Besitzer, ein Esel die Krippe seines Herrn, Israel aber kennt mich nicht.“ Obwohl er also der Herrscher der ganzen Welt ist, hat er sich doch noch in besonderer Weise zum Herrn des Volkes Israel gemacht, das er wie eine geheiligte Herde in einen besonderen Stall zusammengebracht hatte.

V. 12. Wie viele ihn aber aufnahmen usw. Damit niemandem der Umstand, dass die Juden Christum missachtet und verspeit haben, ein Glaubenshindernis werde, erhebt der Evangelist die Frommen, die doch an ihn glauben, bis über den Himmel empor. Er sagt nämlich, sie hätten durch den Glauben die Ehre erlangt, Gottes Kinder zu heißen. Dem zusammenfassenden „so viele“ liegt ein Gegensatz zugrunde. Mit leerer Prahlerei rühmten sich die Juden, als wäre Gott ganz allein ihnen verpflichtet. Dem gegenüber betont der Evangelist: Jetzt liegt die Sache umgekehrt: die Juden sind aus ihrer Erstlings- und Kindesstellung verstoßen, und an ihre Stelle treten die Heidenvölker. Dasselbe hat Paulus im Auge, wenn er (Röm. 11, 12) sagt: der Untergang des einen Volkes ist Leben für die ganze Welt gewesen, - da ja das von ihnen zurückgewiesene und verfolgte Evangelium sich nach allen Richtungen hin über die Welt auszubreiten begann. So sind die Juden des Vorrechtes, das sie auszeichnete, verlustig gegangen. Für Christus aber erwuchs aus ihrer Gottlosigkeit kein Nachteil: er errichtete nun auch anderwärts den Thron seiner Herrschaft und rief ohne Unterschied zur Hoffnung des Heils alle die Völker, welche früher von Gott verworfen schienen.

Denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden. Nach dem Grundtexte bedeutet „Macht“ so viel als Würde oder Ehrenstellung. Wenn man in dieser Weise geradezu übersetzen würde, könnten die Papisten unsere Stelle nicht mehr derartig verdrehen, wie sie es tun. Sie berufen sich nämlich darauf, dass wir „Macht“, d. h. freie Entscheidung empfangen hätten, die Wohltat der Gotteskindschaft aufzunehmen oder nicht. So bringen sie aus diesem Spruch den freien Willen heraus, der doch so wenig darin steckt, wie Feuer im Wasser. Aber der Zusammenhang der Stelle macht diese Wortklauberei, die von völlig mangelndem Verständnis zeugt, zunichte. Unmittelbar danach finden wir die nötige Ergänzung: keiner wird durch eigenen Fleischeswillen ein Gotteskind; das geschieht allein durch eine Geburt aus Gott. Wenn der Glaube uns das neue Leben der Gotteskindschaft zuführt, und wenn Gott vom Himmel uns den Glauben ins Herz gibt, so ist es offenkundig: Christus bietet uns nicht nur von weitem die Gnade der Kindschaft mit der Frage an, ob wir sie mögen oder nicht mögen, sondern er legt sie uns als sein Geschenk in die Hand hinein. Das griechische Grundwort kommt verschiedentlich in der oben vorgeschlagenen Bedeutung (Rang, Würde) vor, die hier am schönsten passt. Wozu aber die Umschreibung, die der Evangelist hier gebraucht hat? Ihr Wert besteht darin, dass sie weit besser die hohe Gnade Christi rühmen wird, als wenn kurzweg gesagt würde: alle, die an ihn glauben, werden durch ihn Kinder Gottes. Es ist ja die Rede von Unreinen und Verworfenen, welche, zu ewiger Schmach verdammt, im Dunkel des Todes lagen. Eine wundervolle Probe seiner Huld liefert der Herr damit, dass er solche Menschen der Ehre gewürdigt hat, dass sie mit einem Male begannen, Kinder Gottes zu sein. Die Größe dieser Wohltat erhebt der Evangelist nach Gebühr, ganz in dem Sinne wie Paulus sagt (Eph. 2, 4 f.): durch seine große Liebe, damit Gott uns geliebt hat, da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht. Unter „Macht“ ist also nicht eine bloße Fähigkeit zu verstehen, die etwa auch ungenützt bleiben könnte, sondern die durch Christi Wunderwirken geschaffene Tauglichkeit für die Gotteskindschaft, wie auch Paulus (Kol. 1, 12) dem Herrn Dank sagt, dass er die Christen „tüchtig gemacht“ hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.

Die an seinen Namen glauben. Dieser Satz beschreibt in Kürze, wie man Christum aufnehmen soll, nämlich dadurch, dass man an ihn glaubt. Durch Glauben in Christum eingewurzelt, erlangen wir das Recht der Kindschaft, Gottes Söhne zu sein. Diese Ehre aber kommt uns nicht im geringsten Maße zu, - da er der einzige Sohn Gottes ist, - außer, soweit wir Glieder an ihm sind. Übrigens spricht auch unser Satz gegen die Missdeutung des Wortes „Macht“, die wir schon zurückwiesen. Diese Macht wird ja nach der ausdrücklichen Erklärung des Evangelisten denen gegeben, die bereits glauben. Und es ist doch sicher, dass sie durch den Glauben bereits Kinder Gottes sind und nicht bloß eine unbestimmte Möglichkeit, sondern den wirklichen Besitz des Heils erreichen. Noch deutlicher weisen die nächsten Worte, dass diese Leute bereits aus Gott geboren sind, in dieselbe Richtung. „Name“ kommt im Hebräischen oft vor in der Bedeutung von „Kraft“; hier bezieht sich jedoch „Name“ auf die Lehre des Evangeliums. Denn wir glauben erst dann an Christum, wenn er uns gepredigt ist. Ich rede von dem gewöhnlichen Weg, auf dem der Herr uns zum Glauben führt. Derselbe ist ohne klare Erkenntnis gar nicht zu denken. Also: durchs Evangelium bietet sich Christus uns an; wir aber nehmen ihn auf durch den Glauben.

V. 13. Welche nicht von dem Geblüt usw. Wenn einige hier einen Seitenhieb auf das verkehrte Selbstvertrauen der Juden finden, so trete ich gern dieser Ansicht bei. Jene führten immer die Würde ihrer Abstammung auf der Zunge, als wären sie wegen ihrer Geburt aus heiligem Geschlecht von Natur lauter Heilige. Sie hätten sich mit gutem Grund ihrer Abstammung von Abraham rühmen können, wenn sie nicht aus der Art geschlagen, sondern seine rechten Söhne gewesen wären; doch das Rühmen, welches dem Glauben eigen ist, setzt alles Gute, das er hat, einzig auf Rechnung des gnädigen Gottes, nicht fleischlicher Abstammung. Johannes will also sagen: Wer aus den zuvor unreinen Heiden an Christus glaubt, kommt nicht von Mutterleibe als ein Kind Gottes, sondern wird, um ein solches zu sein, neu gebildet. Zur festeren Einprägung wird mit anderen Worten noch einmal derselbe Gedanke wiederholt: noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes. Obwohl nun der Evangelist zunächst an die Juden mit ihrem fleischlichen Stolze denkt, lässt sich doch aus dieser Stelle eine allgemeine Lehre ziehen: wenn wir Gottes Kinder heißen, so ist das uns nicht von Natur eigen, kommt auch nicht aus uns selbst, sondern davon, dass der Herr nach seinem Willen, d. h. aus erbarmender Liebe uns erzeugt hat.

Daraus folgt erstens, dass der Glaube nicht aus uns hervorkommt, sondern die Frucht der geistlichen Wiedergeburt ist. Die Möglichkeit, dass irgendjemand glaube, ohne aus Gott erzeugt zu sein, verneint der Evangelist: der Glaube ist eine Himmelsgabe.

Zweitens ist der Glaube nicht ein kaltes, bloßes Wissen, da ja nur der zu glauben vermag, der vom Geiste Gottes neu gestaltet ist.

Auffällig scheint hier freilich die Reihenfolge, nach welcher die Wiedergeburt dem Glauben vorangeht, während sie doch vielmehr eine Wirkung des Glaubens ist und deshalb an die zweite Stelle zu gehören scheint. Ich antworte: Beides stimmt aufs Beste miteinander.

Einerseits empfangen wir durch den Glauben den unvergänglichen Samen, durch den wir in das neue, göttliche Leben wiedergeboren werden. Und doch ist schon der Glaube selbst ein Werk des heiligen Geistes, welcher nur in Kindern Gottes wohnt. Also ist nach verschiedener Hinsicht der Glaube ein Teil unserer Wiedergeburt und der Eintritt ins Reich Gottes, sodass er uns zu seinen Kindern zählt.

Denn wenn der Geist unseren Sinn erleuchtet, so gehört das schon zu unserer Erneuerung. Auf diese Art entspringt der Glaube aus der Wiedergeburt als aus seiner Quelle. Aber da wir durch eben diesen Glauben Christus aufnehmen, der uns durch seinen Geist heiligt, so wird der Glaube der Anfang unserer Kindschaft genannt.

Doch es lässt sich ein zweiter Gedankengang beibringen, der klarer und leichter ist. Wenn der Herr uns den Glauben einhaucht, erzeugt er uns auf verborgene, geheime, uns unbekannte Weise von neuem. Sobald wir aber mit dem Glauben begabt sind, erfassen wir mit lebendigem, bewusstem Empfinden nicht nur die Gnade der Kindschaft, sondern auch das neue Leben und die anderen Gaben des heiligen Geistes. Denn während, wie gesagt, der Glaube Christum aufnimmt, bringt er uns gewissermaßen in den Besitz aller seiner Güter. Stellen wir uns also auf den Standpunkt des persönlichen Erlebens, so fangen wir erst nach dem Glauben an, Kinder Gottes zu sein. Wenn aber die Frucht der Kindschaft im Ererben des ewigen Lebens besteht, dann schreibt anderseits der Evangelist offensichtlich allein der Gnade Christi unser ganzes Heil zu. Und sicherlich würden die Menschen, wenn sie auch die verborgensten Winkel ihrer Seele durchstöbern wollten, doch nichts finden, was eines Gotteskindes würdig wäre, als das, was ihnen Christus gegeben hat.

V. 14. Und das Wort ward Fleisch. Da lehrt Johannes wie das Kommen Christi, dessen er gedacht hatte, sich zugetragen hat: mit unserem Fleisch angetan, hat er sich offen der Welt gezeigt. Obgleich aber der Evangelist das unaussprechliche Geheimnis, dass Gottes Sohn die menschliche Natur angenommen hat, nur kurz berührt, ist doch seine Kürze von einer wunderbaren Durchsichtigkeit. Einige unsinnige Leute treiben hier ihr Spiel und bringen mit verständnislosen Spitzfindigkeiten verkehrter Weise vor, es heiße: das Wort ward Fleisch, weil Gott seinen Sohn, wie er ihn in Gedanken hatte, als Menschen in die Welt gesandt habe. – als sei dies Wort nur eine Art von schattenhafter Idee gewesen. Doch wir haben gezeigt, dass mit diesem Worte eine wirkliche Person oder Hypostase in dem Wesen Gottes bezeichnet wird. –

Auch das Wort „Fleisch“ ist weit geeigneter um den Gedanken auszudrücken, als wenn gesagt wäre: er ist Mensch geworden. Der Evangelist wollte zeigen, in was für eine geringe, verachtete Stellung der Sohn Gottes unseretwegen aus seiner Erhabenheit und himmlischen Herrlichkeit herabgestiegen ist. Wenn die Schrift in geringschätziger Weise vom Menschen redet, nennt sie ihn Fleisch. Mag die Kluft zwischen der geistigen Herrlichkeit des Wortes Gottes und dem beschämenden Lose unseres Fleisches noch so groß sein, der Sohn Gottes hat sich dennoch so weit heruntergelassen, dass er dies so mannigfachem Elend ausgesetzte Fleisch annahm. Selbstverständlich hat hier „Fleisch“ nicht, wie so oft bei Paulus, die Bedeutung der verderbten Natur, sondern nur die des sterblichen Menschen. Freilich bezeichnet es in verächtlichem Tone seine gebrechliche, fast ganz entkräftete Natur, wie Ps. 78, 39: „Er denkt daran, dass wir Fleisch sind“; Jes. 40, 6: „Alles Fleisch ist wie Heu“, und an anderen Stellen. Doch ist dabei zu beachten, dass wir es mit einer Redeweise zu tun haben, bei der der Teil das Ganze, nämlich der minderwertige Bestandteil des Menschen ihn ganz bezeichnen soll. Folglich war es töricht, wenn man sich unter unberechtigter Berufung auf diese Stelle einen Christus zusammendichtete, der nur mit Menschenleib bekleidet, aber ohne menschliche Seele gewesen sei. Aus unzähligen Belegstellen ist leicht zu erschließen, dass er nicht weniger mit Seele, als mit Leib begabt gewesen ist. Und wo die Schrift die Menschen „Fleisch“ nennt, spricht sie ihnen damit auch nicht die Seele ab. Der klare Sinn ist also: das vor aller Zeit aus Gott gezeugte Wort, welches stets beim Vater wohnte, ist Mensch geworden. Bei diesem Hauptstück des Glaubens ist vor allem zweierlei festzuhalten.

Erstens: die beiden Naturen in Christo sind dergestalt mit einander verwachsen, dass ein und derselbe Christus wahrer Gott und Mensch ist.

Zweitens: die Einheit verhindert nicht, dass es unterschiedene Naturen bleiben, sodass die Gottheit das ihr Eigentümliche beibehält, und auch die Menschheit für sich alles das hat, was ihr gebührt. Daher hat Satan, wenn er durch seine Werkzeuge, die Irrlehrer, mit mancherlei unsinnigen Aufstellungen die heilsame Lehre umzustürzen suchte, immer einen von den beiden möglichen Irrtümern vorgebracht: entweder soll Christus in so verworrener Weise Gottes- und Menschensohn sein, dass weder die Gottheit bei ihm unversehrt bleibt, noch auch eine wirkliche Menschennatur ihn bekleidet; oder aber: er soll sich so in die Hülle des Fleisches begeben haben, dass er sozusagen doppelt ist und aus zwei getrennten Personen besteht.

Dagegen zeigt uns der Ausdruck des Evangelisten deutlich zwei Naturen in vollkommener Einheit der Person. Indem er sagt: „Das Wort ward Fleisch“, ergibt sich daraus die klare Schlussfolgerung auf die Einheit der Person. Denn es geht nicht an, dass auf einmal ein anderer jetzt Mensch ist als der, welcher immer wahrer Gott gewesen ist, wenn doch hier von ihm als Gott gesagt wird, er sei Mensch geworden.

Wiederum, wenn die Evangelist ausdrücklich dem Menschen Christus den Namen „das Wort“ zuerteilt, dann folgt daraus, dass Christus, als er Mensch ward, doch nicht aufgehört hat, zu sein, was er vorher war, und dass in dem Wesen Gottes, das Fleisch angenommen hat, nichts verändert worden ist. Kurz, der Sohn Gottes begann dergestalt Mensch zu sein, dass er doch noch immer jenes ewige Wort blieb, das keinen zeitlichen Anfang hat.

Und wohnte. Mit der Auslegung: das Fleisch hat Christo gleichsam zum Wohnsitz gedient, trifft man den Gedanken nicht hinreichend genau. Denn der Evangelist schreibt dem Herrn hier nicht einen dauernden Aufenthalt unter uns zu, sondern sagt: er hat wie ein Gast nur für einige Zeit sich verweilt. Das griechische Wort, welches wir mit „wohnen“ wiedergeben, bedeutet nämlich: „in einem Zelt wohnen“. Es bezeichnet also nichts anderes, als dass Christus die ihm aufgetragene Aufgabe ausgeführt, aber nicht nur für einen Augenblick erschienen ist, sondern solange unter den Menschen verweilt hat, bis er seinen Auftrag zu Ende geführt hatte.

Unter uns. Es ist zweifelhaft, ob Johannes von den Menschen im Allgemeinen redet oder nur von sich selber und seinen Mitjüngern, die als Augenzeugen erlebt hatte, was er berichtet. Ich bin mehr für die zweite Auffassung, denn er fügt alsbald hinzu: und wir sahen seine Herrlichkeit. Denn obgleich diese von jedermann hätte gesehen werden können, ist sie doch den meisten ihrer Blindheit halber unbekannt geblieben. Nur die wenigen, denen der heilige Geist die Augen öffnete, haben die Herrlichkeitsoffenbarung gesehen. Alles in allem genommen: es hat Leute gegeben, die von Christus trotz seiner menschlichen Niedrigkeit wussten, dass er in seiner Person etwas noch weit Größeres und Höheres zu sehen bot. Es folgt daraus, dass die göttliche Hoheit nicht etwa völlig abgelegt war, wenn auch Fleisch sie umgab. War sie gleich unter niedrigem Fleische verborgen, so hat sie dennoch ihren Glanz ausgestrahlt. Wird nun diese Herrlichkeit als die eines eingeborenen Sohnes beschrieben, so ist dieser Ausdruck nicht als ein Vergleich gemeint, etwa in dem Sinne: seine Herrlichkeit war beschaffen, als ob sie die eines Sohnes wäre. Der Evangelist will vielmehr eindrücklich versichern, dass Christus in Wahrheit „als“ Sohn Gottes erschienen ist. Wenn z. B. Paulus sagt (Eph. 5, 9): „wandelt wie (oder als) die Kinder des Lichts“, - so fordert er damit den Tatbeweis eben dafür, dass wir wirklich Kinders des Lichts sind. Der Gedanke des Evangelisten ist der: an Christo ist die Herrlichkeit sichtbar gewesen, welche für den Sohn Gottes passt, ein sicheres Zeugnis seiner Gottheit. Den eingeborenen Sohn nennt er ihn, weil Christus der einzige natürliche oder wesenhafte Sohn Gottes ist. Er stellt ihn damit hoch über Engel und Menschen und spricht ihm allein zu, was keinem geschaffenen Wesen zukommt.

Voller Gnade. Darin liegt eine Bestätigung des Vorhergehenden. Auch in anderen Dingen hat sich die Hoheit Christi offenbart, aber dies hat der Evangelist sich lieber als etwas anderes zum Beweise ausgesucht in der Absicht, uns mehr fürs Herz, als für den Verstand Jesum kennen zu lehren. Darauf ist wohl zu achten. Sicherlich konnte man, als er trockenen Fußes über die Wasser schritt, als er Teufel austrieb und in anderen Wundern Beweise seiner Macht gab, in ihm den eingeborenen Sohn Gottes erkennen; aber der Evangelist führt ein Stück Beweisführung ins Feld, woraus der Glaube eine liebliche Frucht entnimmt, weil nämlich Christus mit der Tat bezeugt hat, dass er die unerschöpfliche Quelle der Gnade und der Wahrheit ist. Auch von Stephanus heißt es (Apg. 6, 8): „Er war voller Gnade“; man könnte auch die Deutung vorschlagen: „Er war voller Gnade, welche zugleich Wahrheit oder Vollkommenheit ist“. Aber weil die nämliche Redeform unmittelbar hintereinander zweimal steht, hat sie, wie ich glaube, an beiden Stellen auch den gleichen Sinn. „Gnade und Wahrheit“ steht nachher (V. 17) im Gegensatz zu „Gesetz“; ich lege also einfach aus: die Apostel haben aus dem Grunde Christum als den Sohn Gottes anerkannt, weil er vollständig alles, was zur Aufrichtung des geistlichen Gottesreiches in der Welt gehört, in sich trug, kurz, weil er wirklich in jeder Beziehung sich als Erlöser und Messias bewiesen hat; das ist ja das Hauptmerkmal, wodurch man ihn von allen anderen unterscheiden musste.

V. 15. Johannes zeugt von ihm. Jetzt erzählt der Evangelist, welcher Art die Verkündigung des Johannes gewesen ist. Durch das Zeitwort in der Form der Gegenwart bezeichnet er ein andauerndes Tun. Und sicher soll diese Lehre fortwährend in Kraft sein, als wenn die Stimme des Johannes sie dem Menschen fortwährend in die Ohren hinein riefe.

Heißt es nun weiter, nicht bloß: er spricht, sondern auch, er ruft, - so besagt dieser Ausdruck, dass die Lehre des Johannes keineswegs dunkel oder mit weitschweifigen Ausführungen verhüllt gewesen ist, auch dass er nicht nur unter ein paar Leuten davon geflüstert hat, sondern dass er vor aller Welt mit lauter Stimme Christum predigte. Sein Ausspruch zielt nun darauf ab: ich bin Christi wegen gesandt; es wäre also verkehrt, wollte ich selbst glänzend hervorragen, während Christus kläglich darniederläge.

Dieser war es, sagt er, von dem ich gesagt habe, und denkt dabei an seinen Vorsatz von Anfang an, Christum bekannt zu machen, und daran, dass dies der Zweck seiner Predigten gewesen ist, wie er ja nicht anders das durch seine Sendung ihm zugeteilte Amt versehen konnte als dadurch, dass er seine Schüler zu Christo rief.

Nach mir wird kommen usw. Obgleich der Täufer einige Monate älter war als Christus, verhandelt er hier doch nicht über das Lebensalter: sondern, weil er das Prophetenamt schon einige Zeit ausgeübt hatte, ehe Christus öffentlich auftrat, deswegen sagt er, er sei der Zeit nach früher. Folglich ist Christus, was das öffentliche Hervortreten anlangt, dem Johannes gefolgt. Das Weitere heißt wörtlich so: er ist vor mich gekommen, weil er im Vergleich mit mir der erste war. Der Sinn aber ist der: mit Recht hat man Christus dem Johannes vorgezogen, da er höher war. Der Täufer weicht also Christo, um ihm den Vortritt zu lassen. Dabei warnt er, dass nur ja niemand aus Christi späterem Auftreten auf eine geringere Würde desselben schließen möge. So ziemt es sich für alle, welche durch gottgeschenkte Begabung oder durch hohe Ehrenstellung sich auszeichnen, den ihnen gebührenden Platz dadurch innezuhalten, dass sie sich untenan setzen, tief unter Christus.

V. 16. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen. Hier beginnt der Evangelist von dem Amte Christi zu predigen; es enthält in sich einen Überfluss aller Güter, sodass man nirgend anderswo ein Stück des Heils zu suchen hat. Bei Gott ist zwar der Quell des Lebens, der Gerechtigkeit, der Tugend, der Weisheit; aber diese Quelle ist für uns verschüttet und der Zugang abgeschnitten: allein in Christo ward die Fülle ihres Inhalts uns erschlossen, sodass wir nunmehr aus ihm schöpfen können.

Christus ist bereit seinen Überfluss uns zukommen zu lassen, wenn wir nur durch Glauben ihm Zugang gewähren. Johannes gibt hier ein für allemal die Erklärung ab: nur in und bei Christo, nicht fern von ihm, ist alles Gute zu suchen. Zwischen den Zeilen dieses Satzes lasse sich aber mancherlei Wahrheiten lesen.

Erstens: wir Menschen sind aller geistlichen Güter bar und leer. Denn eben dazu soll Christi Fülle dienen, unseren Mangel auszugleichen, unsere Dürftigkeit zu decken, unseren Hunger und Durst zu stillen.

Zweitens hören wir die Warnung, dass wir auf jedem Wege, der uns von Christo abführt, vergebens auch nur eine Spur guter Gabe suchen werden, da ja Gott alle seine Güter in Christum allein legen wollte. Folglich werden wir finden, dass Engel und Menschen armselig, der Himmel leer, die Erde unfruchtbar, kurz, dass alles nichts ist, wenn wir anders als durch Christum der göttlichen Güter teilhaftig werden wollen.

Drittens brauchen wir durchaus nicht zu befürchten, es werde uns etwas fehlen, wenn wir nur aus der Fülle Christi schöpfen. Sie ist dermaßen in jeder Hinsicht vollkommen, dass wir erfahren werden: dieser Quell ist wahrhaft unerschöpflich.

Wenn übrigens Johannes sich mit seinem „wir haben genommen“ in eine Reihe mit vielen anderen stellt, so tut er das nicht der Bescheidenheit wegen, sondern damit es umso deutlicher hervortrete: durchaus niemand ist ausgenommen. Doch ist zweifelhaft, ob er im Allgemeinen vom ganzen Menschengeschlecht redet, oder ob er bloß diejenigen im Auge hat, welche nach der Erscheinung Christi im Fleisch in reicherem Maße seiner Güter teilhaftig geworden sind. Ohne Frage haben alle Frommen, welche unter dem Gesetz lebten, aus ganz derselben Fülle geschöpft.

Aber das Johannes im nächsten Verse den Unterschied der Zeiten betont, ist es wahrscheinlicher, dass er auch hier die reiche Fülle der Güter rühmen will, welche Christus uns mit seiner persönlichen Ankunft erschloss. Wir wissen ja: unter dem Gesetze sind Gottes Wohltaten sparsamer verschenkt worden; bei Christi Erscheinung im Fleisch dagegen wurden sie gleichsam mit vollen Händen ausgeteilt, sodass jeder satt werden konnte. Nicht als ob unter uns jemand reicher als Abraham mit dem Geiste begnadet wäre: was ich sage, gilt nur im Allgemeinen von dem Fortschritt der Offenbarungsgeschichte. Um seine Jünger zu Christo zu führen, erklärt also Johannes mit allem Nachdruck, dass in Christo die Fülle aller Güter sich finden lässt, welche allen Menschen sonst fehlen. Will jemand unseren Worten eine weitere Ausdehnung geben, so wird auch dann nichts Verkehrtes dabei sein; im Gegenteil, auch so bleibt der Zusammenhang nicht übel im Fluss: von Anfang der Welt haben die Väter, was sie immer an göttlichen Gaben gehabt haben mögen, von Christo geschöpft, denn, wenn auch die Gesetzgebung durch Moses geschah, haben sie doch nicht vom Gesetz die Gnade erlangt. Doch ich habe oben gezeigt, welche Auslegung mir zusagt, nämlich dass uns Johannes hier mit den Vätern vergleicht, um durch diese Gegenüberstellung recht hervorzuheben, was uns gegeben ist.

Gnade um Gnade. Diese Wendung wird seit Augustin häufig so verstanden, dass uns weitere Gnade und zuletzt das ewige Leben für die frühere zuteilwird: Gott belohnt und krönt auf diese Weise in uns zwar nicht unsere eigenen Verdienste, wohl aber seine eigenen Gaben. Das ist ein geistreicher und frommer Gedanke, der aber in den Worten selbst schwerlich gefunden werden kann. Wir werden einfach daran zu denken haben, dass die auf Christum ausgegossenen Gnadengaben in immer neuen Strömen uns zugeleitet werden. Denn die Güter, die wir von Christo empfangen haben, gibt er uns nicht bloß, weil er selbst göttlicher Natur ist, sondern der Vater hat sie ihm verliehen, um sie durch diesen Kanal uns zuzuleiten. Das ist die Salbung, welche über Christum ausgegossen ward, damit er uns alle aus sich salbe. Darum heißt er auch „Christus“, d. h. der Gesalbte, und wir „Christen“.

V. 17. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben. In diesem Satze schneidet der Evangelist einen Einwand von vornherein ab, den die Gegner erheben mochten. Bei den Juden stand ja Moses in so hoher Geltung, dass sie schwerlich etwas gelten ließen, was noch über ihn gehen sollte. Deshalb lehrt Johannes, wie tief das Amt des Moses unter der Vollmacht Christi gestanden hat. Gleichzeitig wirft dieser Vergleich ein helles Licht auf das, was Christus vermag. Denn während die Juden dem Moses alles Mögliche zuschrieben, erinnert der Evangelist daran, dass, mit der Gnade Christi verglichen, es doch eigentlich recht geringfügig war, was jener gebracht hat. Es war ja in der Tat ein großes Hindernis für die Juden, wenn sie aus dem Gesetz schon zu haben meinten, was wir einzig durch Christum erlangen. Ferner ist der Gegensatz zu beachten: Gesetz auf der einen, Gnade und Wahrheit auf der anderen Seite. Diese beiden Stücke haben offenbar dem Gesetz gefehlt. „Wahrheit“ ist meiner Ansicht nach zu nehmen im Sinne von: fester dauernder Bestand. Unter „Gnade“ verstehe ich die geistliche Ergänzung dessen, was als nackter Buchstabe im Gesetz enthalten war. Auch können jene beiden Worte zusammengefasst und auf ein und dasselbe bezogen werden, als hätte Johannes gesagt: die Gnade, in welcher die Wahrheit des Gesetzes besteht, ist erst in Christo erschienen. Mag man nun verbinden oder auseinanderhalten, der Sinn ist in beiden Fällen derselbe; es kommt also nicht viel darauf an. Fest steht jedenfalls, dass gesagt sein soll: im Gesetz ist das Bild der geistlichen Güter nur leise angedeutet gewesen, in Christo steht es leibhaftig da. Daraus folgt: wenn man das Gesetz von Christo trennt, so bleiben nur leere Schatten übrig, weswegen auch Paulus (Kol. 2, 17) sagt: dort ist der Schatten, in Christo der Körper selbst. Indessen soll man ja nicht wähnen, dass das Gesetz irgendwelche falsche Vorspiegelungen enthalte: Christus ist ja die Seele, welche allem, was im Gesetz sonst tot sein würde, Leben gibt. Doch eben dies bleibt hier außer Betracht; unser Satz denkt nur an das, was das Gesetz abgesehen von Christo leisten kann; in dieser Hinsicht bestreitet der Evangelist, dass man in ihm irgendeinen Halt finden könne, - bis man sich zu Christo wendet.

Dass dem so ist, kommt davon, dass wir durch Christum erst die Gnade erlangen, die das Gesetz durchaus nicht bringen konnte. Deshalb nehme ich hier das Wort Gnade ganz allgemein, sowohl für die Vergebung der Sünden aus Gnaden, als auch für die Erneuerung des Herzens. Denn da der Evangelist hier den Unterschied von altem und neuem Bund kurz bezeichnet, der Jer. 31, 31 ff. ausführlicher beschrieben wird, so fasst er offenbar mit diesem Worte alles, was auf die geistliche Gerechtigkeit Bezug hat, zusammen. Zu derselben gehören aber zwei Stücke, einmal, dass Gott, indem er die Sünden nicht anrechnet, sich aus Gnaden mit uns versöhnt, und ferner, dass er das Gesetz in unsere Herzen schreibt und die Menschen durch seinen Geist innerlich neu gestaltet, sodass sie dem Geiste Gottes gehorchen. Daraus geht hervor, dass man das Gesetz verkehrt und falsch auslegt, wenn man die Menschen bei demselben zurückhalten oder sie dadurch hindern will, sich Christo zu nahen.

V. 18. Niemand hat Gott je gesehen. Sehr passend wir das zur Bestätigung des vorigen Satzes beigefügt. Die Erkenntnis Gottes ist die Tür, durch die wir in den Genuss aller Güter eintreten. Folglich, da Gott sich uns nur durch Christum offenbart, ist auch hieraus wieder der Schluss zu ziehen, dass wir alles bei Christo zu suchen haben. Dieser Gedankenfortschritt ist wohl zu beachten. Anscheinend gehört es zu den größten Gemeinplätzen, dass ein jeder von uns nur entsprechend dem Maße seines Glaubens erlangt, was Gott uns anbietet; und doch sind es nur wenige, die bedenken, dass wir das Gefäß des Glaubens und der Erkenntnis Gottes auch wirklich herzubringen müssen, um damit zu schöpfen. Wenn es heißt, Gott sei von niemandem gesehen worden, so geht das nicht nur auf das äußere Schauen mit dem leiblichen Auge; der Evangelist will damit ganz allgemein aussprechen, dass Gott, der ja in unzugänglichem Lichte wohnt, eben nur in seinem lebendigen Ebenbilde, Christus, von unserer Erkenntnis erfasst werden kann. Die gewöhnliche Auslegung unserer Stelle ist die: da die unverhüllte Majestät Gottes in sich verborgen sei, so habe sie niemals begriffen werden können, außer soweit sie sich in Christo offenbart hat; folglich hätten die Väter vor Zeiten auch nur in Christo Gott gesehen. Ich glaube dagegen, dass der Evangelist auch hier in seiner Vergleichung fortfährt und betonen will, wie viel besser wir daran sind als die Väter: Gott, der sich früher in dem Geheimnis seiner Herrlichkeit verbarg, hat sich nun eine sichtbare Erscheinung gegeben. Denn wenn Christus die Ausprägung oder das Ebenbild des göttlichen Wesens genannt wird (Hebr. 1, 3), so deutet dies sicherlich auf den eigentlichen Vorzug des neuen Bundes. In demselben Sinne hebt auch unsere Stelle es als etwas Neues und Ungewohntes hervor, dass der Eingeborene, welcher im Schoße des Vaters war, uns beschrieben habe, was sonst verborgen war. Johannes rühmt damit die durchs Evangelium uns gebrachte Gottesoffenbarung und macht zwischen uns und den Vätern einen großen Unterschied, indem er uns höher stellt als sie, wie das Paulus ausführlicher 2. Kor. 3 und 4 behandelt.

Er verkündigt: es gibt keinen Vorhang mehr, wie zur Zeit des Gesetzes; Gott kann offen angeschaut werden im Angesichte Christi. Wenn es jemandem töricht erscheint, den Vätern die Erkenntnis Gottes abzusprechen, während uns doch die Propheten, die ja auch zu ihnen gehören, noch heute die Fackel der Gotteserkenntnis vorantragen, so gebe ich demgegenüber den Bescheid: Es wird ihnen nicht schlechthin und völlig genommen, was uns zuerteilt wird, sondern es liegt ein Vergleich zwischen einer kleineren und einer größeren Gabe vor; sie hatten nur kleine Funken des lebendigen Lichtes, dessen voller Strahl uns heute bescheint.

Wollte jemand als Ausnahme auf 1. Mo. 32, 31 verweisen, wonach Gott auch früher von Angesicht zu Angesicht gesehen ward, so entgegne ich: jenes Schauen ist durchaus nicht mit dem unseren zu vergleichen. Da Gott sich damals nur dunkel und wie von ferne zu zeigen pflegte, sagen diejenigen, welchen er deutlicher erschienen war: Wir haben ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie reden da mit Rücksicht auf ihre Zeit, innerhalb deren man Gott überhaupt nur von vielen Hüllen verschleiert sah. Ein einzigartiges Gesicht, erhabener als fast alle übrigen, war jenes, das Moses schauen durfte (2. Mo. 33, 23), und dennoch erklärt Gott dabei nachdrücklich: „Mein Angesicht wirst du nicht schauen können; du wirst nur meinen Rücken sehen“. In bildlicher Redeweise betont er dort: die Zeit der vollkommenen, deutlichen Offenbarung ist noch nicht gekommen. Auch ist zu beachten, dass die Väter, wenn sie Gott schauen wollten, immer ihre Augen auf Christum gewendet haben. Ich meine damit nicht nur: sie haben Gott in seinem ewigen Worte angeschaut, sondern: sie waren mit ganzem Gemüt und ganzer Herzensempfindung gespannt auf die verheißene Offenbarung Christi; deswegen wird uns Kap. 8, 56 der Ausspruch Christi begegnen: „Abraham sah meinen Tag“. So vertragen sich die verschiedenen Aussagen der Schrift miteinander, ohne dass die eine die andere ausschlösse. –

Die weitere Aussage, dass der Sohn in des Vaters Schoß war, erklärt sich aus einer Übertragung eines menschlichen Bildes auf dies Verhältnis. Bei Menschen sagt man, dass sie den auf den Schoß oder an ihren Busen nehmen, dem sie alle Geheimnisse anvertrauen. Der Evangelist lehrt also, dass der Sohn der Vertraute des Vaters in seinen geheimsten Angelegenheiten gewesen ist; wir sollen wissen: im Evangelium haben wir das Herz Gottes offen vor uns.

V. 19. Und dies ist das Zeugnis usw. Bisher hat der Evangelist von der Predigt berichtet, die Johannes über Christum hielt. Jetzt wendet er sich zu einem Zeugnis, das mehr bekannt wurde, da es den Gesandten der Priester gegeben worden ist, damit sie es in Jerusalem berichteten. Er erzählt also, dass Johannes frei heraus öffentlich erklärt hat, wozu er von Gott gesandt war. Zunächst ist die Frage zu erwägen: weshalb haben ihn die Priester gefragt? Vielfach meint man, sie hätten aus Hass gegen Christum fälschlich die eigentlich Christo gebührende Ehre dem Johannes erweisen wollen; doch war ihnen damals Christus noch unbekannt. Der Grund ist viel einfacher. Lange schon hatte es keinen Propheten mehr gegeben: da trat Johannes plötzlich und unverhofft hervor; so waren alle voller angespannter Erwartung. Man nehme hinzu, dass aller Herzen auf die baldige Ankunft des Messias gerichtet waren. Um nicht den Schein lässiger Pflichterfüllung auf sich zu laden, wenn sie ein Ereignis von solcher Bedeutung übersahen oder totschwiegen, stellen die Priester an Johannes die Frage: Wer bist du? Ihr Tun ist nicht ränkesüchtig von Anfang an, vielmehr gibt ihnen das Verlangen nach der Erlösung den Wunsch ein, zu wissen, ob etwa Johannes der Messias ist, - beginnt er doch die in der Gemeinde herkömmliche Ordnung zu ändern. Dabei stelle ich nicht in Abrede, dass die Frage der Priester nebenbei auch aus eifersüchtiger Fürsorge für ihre eigenen Rechte entsprungen sein mag, - gleichwohl dachten sie nicht von ferne daran, die Messiasehre einem Unberechtigten zu erweisen. Ihre Handlungsweise entspricht völlig der Stellung, die sie inne haben, - denn da sie am Steuer der Gemeinde Gottes stehen, kommt es ihnen zu, dafür zu sorgen, dass niemand sich unbefugter Weise aufdrängt, dass kein neues Sektenhaupt auftaucht, dass nicht die Glaubenseinheit im Volke zerrissen wird, dass keiner neue, fremdartige Bräuche einführt. Es geht aus ihrem Auftreten hervor, dass sich ein allgemein aufregendes Gerücht über Johannes verbreitet hatte. Das hat aber Gott in seiner wunderbaren Vorsehung so gefügt, damit das hier berichtete Zeugnis umso heller ins Licht gesetzt würde.

V. 20. Und er bekannte und leugnete nicht usw. Das heißt: er hat geradeheraus, ohne viel Worte und ohne irgendwelche Verstellung sein Bekenntnis abgelegt. Das Wort „bekennen“ steht hier zweimal; zuerst allgemein, in dem Sinne: er hat die Sache auseinandergesetzt, wie sie sich verhielt, - an zweiter Stelle zur Einführung des Wortlautes seines Bekenntnisses. Danach hat er mit wohl erwogenen Ausdruck die Antwort gegeben: der Messias bin ich nicht.

V. 21 und 22. Bist du Elias? Warum nennen die Priester den Namen des Elias und nicht den des Moses? Weil sie nach Maleachis Weissagung (3, 23) diesen für den vor der Sonne, dem Messias, hergehenden Morgenstern ansahen. Doch steckt in ihrer Frage ein verkehrter Gedanke. Da sie der Meinung waren, die Menschenseele wandere von einem Leibe in den anderen, so bildeten sie sich ein, wenn Maleachi ankündigt, dass Elias gesendet werden soll, eben der Elias, welcher zu Ahabs Zeiten gelebt habe, werde noch einmal kommen, weshalb Johannes mit Recht und der Wahrheit entsprechend antwortet: Ich bin nicht Elias. Mit dieser Antwort geht er auf ihre Gedanken ein. Wenn Christus dagegen versichert, dass der Täufer in der Tat Elias war (Mk. 9, 13), so gibt er damit die zutreffende Auslegung des Prophetenwortes.

Bist du der Prophet? Unter „dem Propheten“ ist hier schwerlich geradezu und ausschließlich der Messias zu verstehen; denn der Artikel hat keinen besonderen Nachdruck, und die Abgesandten drücken sich alsbald so aus, dass sie einen anderen Propheten als den Messias gemeint haben müssen (V. 25): „wenn du nicht der Messias bist, noch Elias, noch der Prophet“. Andere meinen: sie wollen herauskriegen, ob Johannes vielleicht irgendein bestimmter von den alten Propheten wäre. Aber auch diese Auslegung kommt mir nicht wahrscheinlich vor. Vielmehr bezeichnen sie mit diesem Namen das Amt des Johannes; ihre Frage hat den Sinn: Bist du von Gott zum Propheten eingesetzt? Wenn er darauf nein sagt, so ist das nicht eine Bescheidenheitslüge, sondern er scheidet sich damit aufrichtig und von Herzen von der Zahl der Propheten. Und doch widerstreitet diese Antwort nicht dem von Christo erteilten Lobspruche. Christus ziert den Johannes mit dem Titel des Propheten; ja er geht noch weiter und sagt (Mt. 11, 9): Er ist mehr als ein Prophet. Diese Worte wollen aber lediglich der Lehre des Johannes Glaubwürdigkeit und Ansehen beilegen und zugleich den Wert seines Amtes recht hoch stellen. Die Antwort des Johannes hier an unserer Stelle zielt dagegen auf etwas ganz anderes; er will zu verstehen geben, dass er nicht, wie sonst die Propheten, einen eigentümlichen Auftrag Gottes hat, sondern nur der Herold des Messias ist. An einem Vergleich wird das klarer werden. Leute, die selbst in unbedeutenden Angelegenheiten als Gesandte ausgeschickt werden, haben den Namen und die Befugnis eines Gesandten, - vorausgesetzt, dass sie besonders beauftragt sind. Solche Männer sind die Propheten sämtlich gewesen; von Gott für bestimmte prophetische Aussprüche unterwiesen, haben sie ihr Amt ausgeübt. Wenn es sich nun um eine Angelegenheit von allerhöchster Bedeutung handelt, so werden vielleicht zwei Gesandte ausgeschickt. Der erste hat nur zu melden, dass der andere sich in Bälde einfinden werde; dieser erst soll die abschließende Verhandlung führen, und nur dieser zweite hat den Auftrag, alles zum Ende zu bringen. Wird man in diesem Falle die erste Gesandtschaft nicht für einen Teil und für ein Anhängsel dieser Hauptgesandtschaft ansehen müssen? Genau so steht es bei Johannes: Gott hatte ihm nicht anderes aufgegeben, als dass er Christo Jünger verschaffe. Dass unsere Stelle so gemeint ist, ergibt sich leicht aus der Sachlage und dem Zusammenhang. Man muss nur das Gegenstück zu dieser Aussage, welches im 23. Verse folgt, in Erwägung ziehen. „Ich“, so sagt Johannes dort, „bin nicht der Prophet, sondern die Stimme, welche in der Wüste ruft“. Die Entscheidung hängt also davon ab, dass die Stimme, welche zur Bereitung des Weges für den Herrn aufruft, nicht ein Prophet ist, der eine besondere, nur ihm selber eigentümliche Berufstätigkeit hat, sondern sozusagen bloß ein untergeordneter Beamter, und dass seine Lehre im Grunde genommen nur die Vorbereitung für das Anhören eines anderen Lehrers ist. So angesehen, ist Johannes, wenngleich über alle Propheten erhaben, doch selber kein Prophet.

V. 23. Eine Stimme eines Predigers. Weil er die Rollen eines Lehrenden unbefugter weise an sich gerissen haben würde, wenn er nicht mit einem bestimmten Amte begabt gewesen wäre, zeigt Johannes nun unter Hinweisung auf das Zeugnis des Jesaja (40, 3), was ihm obliegt. Es geht daraus hervor, dass er durchweg auf göttliches Geheiß handelt. Jesaja redet freilich dort nicht allein von Johannes, sondern weissagt im Allgemeinen von der Erneuerung der Gemeinde und verheißt für die Zukunft, dass noch einmal fröhliche Stimmen gehört werden sollen, die für den Herrn einen Weg zu ebnen befehlen. Obgleich er zunächst auf das Kommen Gottes bei der Heimführung des Volkes aus der Verbannung in Babylonien hindeutet, ist doch die wahre Erfüllung erst Christi Offenbarung im Fleische gewesen. Unter den Herolden, welche verkündigten, dass der Herr nahe sei, hat also Johannes die erste Stelle eingenommen.

Eine „Stimme“ heißt er einfach deshalb, weil das Rufen seine Amtstätigkeit ausmacht. Die „Wüste“, in welcher nach dem Worte des Jesaja diese Stimme erscholl, ist nun freilich im ursprünglichen Sinne bildlich zu verstehen: der Prophet nennt jene traurige Verwahrlosung der Gemeinde, welche anscheinend dem Volke Gottes die Heimkehr verwehrte, eine Wüste. Er will sagen: da hindurch zu ziehen, ist dem gefangenen Volk unmöglich, aber der Herr wird einen Weg finden, auch wo kein Weg ist. Die wirkliche Wüste hingegen, in welcher Johannes predigte, war ein Symbol, ein Abbild der großen, hilflosen Verlassenheit des jüdischen Volkes, angesichts deren alle Hoffnung auf Freiheit Israels schwand. In Anbetracht dessen ist leicht zu sehen, dass den Worten des Propheten kein Zwang angetan wird. Denn Gott hat alles so geordnet, dass er dem durch mannigfaltiges Unglück tief erschreckten Volke das Spiegelbild dieser Weissagung vor die Augen hielt.

V. 24. Dass die Abgesandten zu den Pharisäern gehörten, also Leute waren, die damals an der Spitze der Gemeinde standen, wird angemerkt, damit wir wissen: es sind nicht unansehnliche Leute aus der großen Schar der Leviten gewesen, sondern Persönlichkeiten mit öffentlicher Autorität. Damit hängt es zusammen, dass sie die Frage auf die Taufe bringen. Gewöhnliche Diener wären mit jeder beliebigen Antwort zufrieden gewesen. Sie aber, als es ihnen misslingt, die gewünschte Antwort ihm zu entlocken, bezichtigen den Johannes der Eigenmächtigkeit, dass er es wagt, einen neuen Brauch einzuführen.

V. 25. Warum taufst du denn? Das scheint eine wohl berechtigte Frage zu sein in Ansehung der drei Stufen: so du nicht Christus bist, noch Elias, noch der Prophet. Es steht doch nicht dem ersten besten frei, die Übung der Taufe einzuführen. Der Messias sollte künftig zu allem die Gewalt haben. Von Elias, dessen Kommen bevorstand, hatte man sich die Anschauung gebildet: er muss die Erneuerung des Reiches und der Gemeinde beginnen. Auch den Propheten Gottes gesteht man zu, dass sie die ihnen zugewiesene Tätigkeit ausüben mögen. Die Abgesandten stellen also fest: Es ist unerlaubte Neuerung, wenn Johannes tauft, da ihm keinerlei öffentliche Stellung von Gott angewiesen worden ist. Doch sie befinden sich im Irrtum, insofern sie nicht erkennen, dass er der bei Maleachi (3, 23) erwähnte Elias ist, wenn er gleich der zum zweiten Male geborene Elias, von dem sie träumten, nicht sein will.

V. 26. Ich taufe mit Wasser; aber usw. Dies hätte schwer genug ins Gewicht fallen müssen, um ihren Irrtum richtig zu stellen; aber freilich kann einem, der nicht zu hören vermag, auch eine deutliche Mahnung nichts helfen. Wenn der Täufer die Fragenden zu Christo hinschickt und es offen ausspricht: Er ist da! – so geht daraus hervor, nicht bloß, dass er von Gott beauftragt ist, der Diener des Messias zu sein, sondern vor allem, dass er der wahre Elias ist, der gesandt worden ist, um die Erneuerung der Kirche zu bezeugen. Hier wird noch nicht (wie V. 33) der volle Gegensatz, - geistliche Taufe Christi und äußere Taufe des Johannes ausgesprochen, doch ist der Gedanke zwischen den Zeilen zu lesen. Zwei Hauptgedanken liegen in dieser Antwort des Täufers, einmal der, dass er durchaus nichts vornimmt, wozu er keine Befugnis hat, - denn der Urheber seiner Taufe ist der Messias, der persönlich den Wahrheitsgehalt des Zeichens ausmacht, - dann, dass er lediglich der Verwalter des äußeren Zeichens ist, während die wirkende Kraft allein in Christi Händen liegt. Er beschreibt seine Taufe nur, soweit sie nach ihrer Wirkung von etwas anderem abhängt. Wenn er ihr dabei den geistlichen Gehalt abspricht, so geschieht das, um den Wert des Messias so hoch zu stellen, dass jedermann nur auf diesen schaut. Das ist ja die rechte Ordnung, wenn der Diener die Vollmacht, welche er sich zuschreibt, so von Christo entlehnt, dass er sie immer gleichzeitig auf ihn zurückbezieht und ihm allein alles zuschreibt.

Wenn man aber gemeint hat, die Taufe des Johannes sei verschieden von der unsrigen, so ist das eine rechte Gedankenlosigkeit gewesen. Johannes setzt hier ja nicht Nutzen und Wert seiner Taufe auseinander, sondern zieht nur den Vergleich zwischen seiner und Christi Person. Wenn man heutzutage fragt: was tut ihr denn beim Taufen, und was tut Christus dabei? so muss man eingestehen: Christus allein leistet das, was die Taufe nur bildlich darstellt; wir sind dabei gar nichts, als nur die Verwalter des Zeichens. In der Schrift wird auf zweifache Weise von den Sakramenten geredet. In der einen Reihe von Stellen heißt es, dass die Taufe das Bad der Wiedergeburt sei, dass darin die Sünden abgewaschen werden, dass wir in den Leib Christi eingepflanzt werden, dass unser alter Mensch gekreuzigt werde, und wir zu einem neuen Leben auferstehen. Derartige Redeweisen denken die Kraft Christi und das menschliche Amt dermaßen enge zusammen, dass der Diener nichts anderes ist als die Hand seines Meisters. Aussprüche dieser Art zeigen nicht, was der Mensch aus sich selber fertig bringt, sondern was Christus durch sein menschliches Werkzeug und das Zeichen wirkt. Weil jedoch abergläubische Vorstellungen zu nahe liegen, und die Menschen dem angeborenen Hochmut entsprechend gar zu gern Gott die Ehre entreißen, um sie sich selber zuzueignen, deshalb unterscheidet die Schrift anderseits auch wieder, um solchem sündlichen Übermut einen Zaum anzulegen, die Diener von ihrem Herrn Christus, - wie an dieser Stelle. Wir sollen wissen, dass die Diener nichts sind, noch vermögen.

Er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Damit geißelt der Täufer die Stumpfheit, die gegen den Messias gleichgültig ist, dem es doch die ganze Seele zuzuwenden gilt. Immer wieder weist er darauf hin, dass dem, der nicht zu dem Urheber seines Amtes kommt, seine Bedeutung ganz unverständlich bleiben muss. Er sagt: der Messias steht ja mitten unter euch! – um sie aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln. Sein hauptsächliches Bestreben ist dabei wieder, dass er sich selbst so viel als nur immer möglich ist, herabsetzt, um einer verkehrten Verehrung auszuweichen, bei welcher Christi unvergleichlich größere Bedeutung verdunkelt würde. Er scheint häufig derartige Aussprüche getan zu haben, da er es erlebte, dass seine Bewunderer ihn maßlos erhoben.

V. 27. Der ist es, der nach mir kommen wird usw. Damit will Johannes sagen, dass Christus der zeitlichen Aufeinanderfolge nach wohl der zweite, aber seiner Würdestellung nach ihm weit voraus ist, weil der Vater ihn vor alle anderen gesetzt hat. Und an dritter Stelle fügt er alsbald hinzu, dass Christus deshalb den anderen allen vorangestellt worden ist, weil er sie tatsächlich samt und sonders übertrifft.

V. 28. Dies geschah zu Bethabara. Der Ort wird namhaft gemacht, einmal der geschichtlichen Treue wegen, dann aber auch, um uns zu sagen, dass diese Antwort in einer großen Versammlung von Menschen gegeben wurde. Es strömten viele zur Taufe des Johannes herzu, der hier seinen gewöhnlichen Taufplatz hatte. Man glaubt, dass hier ein Jordanübergang war, wovon man auch den Namen ableitete: Bethabara heißt „Haus des Überganges“. Vielleicht empfiehlt sich eine andere Ansicht noch mehr, wonach der Name an den bekannten Übergang des Volkes (Jos. 3, 13) anknüpft, wobei Gott unter Josua einen Weg mitten durch den Fluss bahnte.

V. 29. Des anderen Tages. Unzweifelhaft hat Johannes schon früher über die Erscheinung des Messias Äußerungen getan. Nun aber Christus dasteht, ist es ihm lieb, wenn der Heroldsruf seines Vorläufers rasch durchs ganze Volk erklingt. Es sollte auch nicht mehr lange währen, so beendigte Christus die Amtsführung des Täufers; wenn die Sonne aufgegangen ist, verschwindet die Morgenröte im Nu. Heute hat Johannes der Priestergesandtschaft bezeugt: Er ist da und weilt mitten unter dem Volk, bei dem Wahrheit und Wirkung meiner Taufe erst zu suchen ist, - morgen schon zeigt er mit Fingern auf ihn. Die knappe zeitliche Aufeinanderfolge dieser beiden Ereignisse verlieh ihnen größere Macht, die Gemüter zu bewegen. Dies ist auch der Grund, weshalb Christus gerade jetzt sich seinem Vorläufer zeigt.

Siehe, das ist Gottes Lamm. Kurz, aber lichtvoll beschreiben diese Worte die hervorragendste Aufgabe Christi; durch seinen Opfertod die Sünden der Welt fortzunehmen und die Menschen mit Gott zu versöhnen. Christus erweist uns zwar auch andere Wohltaten, aber dies ist die größte, von der die übrigen abhängig sind: er besänftigt den Zorn Gottes und bewirkt so, dass wir als recht und rein angesehen werden. Aus dieser Quelle, dass Gott durch Nichtzurechnung der Sünden uns zu Gnaden annimmt, strömen alle Bäche des Guten. Deshalb macht Johannes, um uns zu Christo hinzuführen, den Anfang mit dem Hinweis auf die Vergebung der Sünden aus Gnaden, die wir durch ihn erlangen. Mit dem Wort „Lamm“ spielt er an auf die im Gesetz vorgeschriebenen Opfer. Er hatte es mit Juden zu tun, welche an den Opfergottesdienst von Kind auf gewöhnt, nicht anders und besser über die Sühnung der Sünden belehrt werden konnten, als wenn man vom Opfer ausging. Es gibt nun so und so viele Arten des Opfers. Ein bestimmtes nur hat Johannes im Auge gehabt, offenbar das Osterlamm. Für Juden war diese Prägung des Ausdrucks besonders passend. Wir dagegen verstehen die Bedeutung der Vergebung der Sünden, die durch Christi Blut erworben ward, besser, wenn wir hören: wir werden durch Christi Blut abgewaschen und gereinigt von der Sünde. Das ist uns anschaulicher, weil wir die Taufe haben, während der Opfergottesdienst der Juden nicht bei uns geübt wird. Bei den Juden bestand eine abergläubische Überschätzung der Opfer. Johannes gibt nebenbei die richtige Schätzung an die Hand, indem er daran erinnert, wozu der gesamte Opferdienst da war. Der ärgste Opfermissbrauch bestand darin, dass die Israeliten ihr Vertrauen auf Dinge setzten, welche doch nur Sinnbilder des wahren Opfers waren. Johannes richtet die Blicke auf Christum und bezeugt: dieser ist das Lamm Gottes! Damit gibt er zu verstehen: alle die unter dem Gesetz von den Juden dargebrachten Opfer haben gar nichts zur Sühnung der Sünden ausgerichtet, sondern sind nur Bilder gewesen, deren Urbild nun in Christo in die Erscheinung getreten ist. „Sünde“ steht hier ganz umfassend für jedwede Ungerechtigkeit. Das Wort will sagen: was es immer an Unrecht geben mag, das den heiligen Gott von den Menschen scheidet, es wird weggenommen durch Christum.

Und wenn es heißt: die Sünde der Welt, so wird damit dieser Gnade eine die ganze Menschheit umfassende Ausdehnung zugeschrieben. Die Juden sollen nicht denken, nur für sie sei der Erlöser gesandt. Wir schließen ferner aus diesem Ausdrucke, dass die ganze Welt in ein großes Netz von Schuld verstrickt ist, und dass alle sterblichen Menschen, die ja alle ohne Ausnahme der Ungerechtigkeit vor Gott schuldig sind, die Versöhnung nötig haben. Johannes hat also, indem er zusammenfassend von der Weltsünde sprach, in uns das Gefühl unseres Elends wachrufen und uns antreiben wollen, das Heilmittel dafür zu suchen. Diese Wohltat wird allen angeboten; so ist es nun unsere Sache, sie auch anzunehmen. Jeder einzelne muss sich klar machen: es steht dir nichts im Wege, die Versöhnung in Christo zu finden; komme nur zu ihm, vom Glauben geleitet! Dies ist die einzige Art und Weise, wie die Sünden wegzuschaffen sind. Die Menschen haben ja von jeher, durch ihr Gewissen beschuldigt, sich abgeängstet und abgemüht, um nur Vergebung zu erwerben. Daher alle die Arten der Sühnung, mit denen sie in ihrem Wahn Gott besänftigen wollten. Die Sühngebräuche in den falschen Religionen der Heiden haben, ich gestehe es, ihren Ursprung genommen in einem heiligen Anfang. Hatte doch Gott selber Opfer eingerichtet, damit die Menschen durch dieselben zu Christo geleitet würden. Jedoch hat sich jeder seine besondere Art, Gott zu versöhnen, ausgedacht.

Johannes aber ruft uns hin zu dem einen wahren Opfer und unterweist uns, dass uns Gott nur um der Liebestat Christi willen seine Gnade zuwendet, und dass dieser der einzige Träger aller Sünden ist. So bleibt für Sünder nur die eine Zuflucht übrig: Christus. Damit wirft Gottes Wort alle menschlichen Genugtuungen, alle Sühnemittel und Erlösungsarten über den Haufen als gottloses Lügenwerk, von Teufels List ersonnen.

Wir haben übersetzt: er trägt. Man hat das Wort auf zweifache Weise übertragen; entweder: „er trägt“, oder: „er trägt weg“. Nach der ersten Auffassung hat Christus den schweren Druck der Sünde, der auf uns lag, auf sich genommen, wie es 1. Petr. 2, 24 heißt: „am Holz hat er unsere Sünden getragen“ und Jes. 53, 5: „Die Strafe liegt auf ihm“. Nach der anderen Auffassung schafft Christus die Sünden fort.

Da das zweite mit dem ersten in engster Verbindung steht, so nehme ich als den Vollsinn unserer Stelle an: Christus trägt unsere Sünden, und damit trägt er sie weg. Freilich hängt uns die Sünde auch ferner immer noch an; vor Gottes Urteil ist sie trotzdem nicht mehr da, weil sie, durch Christi Gnade fortgeschafft, uns nicht angerechnet wird.

Gar nicht übel ist die Anmerkung, dass die Form der Gegenwart „er trägt“ ein fortwährendes Tun bezeichne; die durch Christi einmaligen Tod bewirkte Sühne ist also immer neu. Übrigens beschränkt der Täufer sich nicht darauf zu lehren, dass Christus die Sünde trägt, er zeigt auch wie, nämlich, indem er des Vaters Huld gewann durch sein teures Sterben. Das meint er, wenn er ihn das Lamm nennt. Wohlverstanden: dann erst werden wir durch die Gnade Christi mit Gott versöhnt, wenn wir gerades Wegs zu dem Gekreuzigten hingehen und es festhalten: der da am Kreuze stirbt, ist das einzige Sühnopfer, das all unsere Schuld fortnimmt.

V. 30. Dieser ist es, von dem ich gesagt habe usw. Noch einmal fasst der Täufer alles, was er zu sagen hat, zusammen, indem er Christum als denjenigen bezeichnet, welcher ihm vorgesetzt ward. Daraus folgt, dass Johannes nur der um seinetwillen gesendete Herold ist; und dann ist es klar, dass dieser Christus der längst erwartete Messias ist. Drei Punkte führt er hier an. Zunächst sagt er, dass ein Mann nach ihm komme. Damit gibt er an, dass er der Wegbereitung halber zeitlich früher da war (nach Mal. 3, 1). Dann sagt er, derselbe sei ihm vorgesetzt gewesen, - mit Bezug auf die Herrlichkeit, welche Gott seinem Sohne beim Ausgang in die Welt verlieh zur Ausführung des Versöhneramtes. Drittens fügt er hinzu, dass Christus ihn, den Johannes, an Würde weit überragt. Die Ehre, welche ihm der Vater erwies, fiel ihm ja nicht bloß zufällig zu, - es war die seiner ewigen Majestät zukommende Ehre.

V. 31. Und ich kannte ihn nicht. Man hätte den Argwohn hegen können, dass Johannes Christo ein solches Zeugnis ausstelle, weil er durch Freundschaft und Zuneigung mit ihm verbunden war. Dem kommt er zuvor, indem er versichert: nur durch Gott habe ich Kenntnis von ihm. Johannes redet nicht nach Eingebung des eigenen Herzens, auch keinem Menschen zu Gefallen, sondern auf Anregung des Geistes Gottes und nach Gottes Befehl. Ich bin kommen, sagt er, zu taufen mit Wasser. Das soll heißen: das Amt eines Täufers musste ich, von Gott dazu berufen und verordnet, verwalten, um Christum dem Volke bekannt zu machen. Im 33. Verse steht hierzu die Ergänzung. Während es hier nun heißt: Ich bin gekommen, zu taufen, steht dort: Gott sandte mich zu diesem Zwecke. Nur göttliche Berufung macht einen Menschen zum berechtigten Diener an der Gemeinde. Wer sich aus eigener Willkür als Diener der Gemeinde Gottes aufspielt, - mag er auch der Lehre und des Wortes mächtig sein, - verdient keine Anerkennung; er muss sein Amt auf Gott zurückführen können. Göttliche Sendung war für Johannes notwendig, wenn seine Taufe eine Berechtigung haben sollte. Wir ziehen daraus die Folgerung, dass kein Mensch nach eigenem Gutdünken Sakramente einsetzen darf; dazu hat Gott allein das Recht. Daher auch die Frage Christi (Mt. 21, 25), als es sich um die Taufe des Johannes handelt: „War sie vom Himmel oder von den Menschen?“

V. 32. Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube. Diese Redeweise ist nicht eigentlich, sondern bildlich zu nehmen. Augen, mit denen ein Mensch den Geist Gottes sehen könnte, gibt es nicht. Die Taube ist das bestimmte und untrügliche Zeichen der Gegenwart des Geistes. Nicht den Geist, sondern das dem menschlichen Fassungsvermögen entsprechende Sinnbild des Geistes hat der Täufer gesehen. Einer ganz ähnlichen Vertauschung von Sache und Zeichen bedient sich Christi Rede auch bei der Einsetzung des heiligen Abendmahls. Dort nennt Christus das Brot seinen Leib, einfach, weil er den Namen der Sache auf das Zeichen überträgt, durchaus passend, zumal ja hier wie dort das Zeichen seine Wahrheit und Wirkung hat und ein Unterpfand für uns ist, das uns Gewissheit darüber geben soll, dass uns die Sache selbst, deren Sinnbild wir schauen, übergeben wird. Doch soll man nicht wähnen, dass der Geist, der ja Himmel und Erde erfüllt, in eine Taube eingeschlossen gewesen sei! Nur seiner Kraft nach war er so gegenwärtig. Johannes sollte nicht die schlichte Taube unbeachtet lassen; er wurde darüber unterrichtet, dass das Schauspiel des Herabschwebens einer Taube nicht vergebens sich seinem Auge bot. Wissen doch auch wir, dass der Leib Christi zwar nicht in das Brot eingeschlossen ist, und dass wir doch, wenn wir dasselbe essen, ihn genießen. Weshalb nun gerade die Gestalt einer Taube? Um das festzustellen, muss man darauf achten, wie überhaupt derartige Sinnbilder mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Bei der Ausgießung des Geistes über die Apostel (Apg. 2, 3) erschienen zerteilte Feuerzungen. Dies Sinnbild hatte seinen Grund darin, dass die Predigt des Evangeliums in allen Zungen erschallen, und dass ihr eine feurige Kraft eigentümlich sein sollte. An unserer Stelle war Gottes Absicht, die von Jesaja (42, 3) beschriebene Sanftmut Christi zur Darstellung zu bringen, der das zerstoßene Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Denn damals zuerst ist der Geist sichtbar auf Christum herabgekommen, - nicht als wäre er früher ohne ihn gewesen, sondern seil er sozusagen feierlich in sein Amt eingeführt worden ist. Bekanntlich hat er dreißig Jahre seines Lebens, als wäre er nur ein Mensch wie andere auch, ohne besonderes Amt in Verborgenheit zugebracht; solange war es nicht an der Zeit gewesen, hervorzutreten. Als er aber der Welt sich offenbaren wollte, nahm er zuerst die Taufe auf sich. Und er hat damals nicht sowohl für sich, als vielmehr für die Seinen den Geist empfangen. Wir sollen wissen, dass in ihm die Fülle all der Güter wohnt, an denen es uns so sehr gebricht. Gerade das gilt es den Worten des Täufers zu entnehmen. Berichtet er doch (V. 33): „Über welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, derselbige ist es, der mit dem heiligen Geist tauft.“ Das ist so viel, als sagte er: der heilige Geist hat sich deswegen in sichtbarer Gestalt gezeigt und sich auf Christum niedergelassen, damit dieser dann mit seinem Reichtum alle die Seinigen überströmen sollte. Was es heißen soll, mit dem Geiste taufen, das habe ich oben bereits angedeutet: der Taufe ihre Wirkung geben, damit sie nicht leer und unnütz ist. Das tut ja Christus durch die Kraft seines Geistes.

V. 33. Über welchen du sehen wirst usw. Hier erhebt sich eine schwierige Frage: wenn Johannes Christum gar nicht kannte, weshalb weigert er ihm dann die Zulassung zur Taufe (Mt. 3, 14)? „Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde“, so sagt man doch zu keinem Unbekannten. Einige geben zur Antwort: Er kannte ihn nur so weit, dass er ihn als hervorragenden Propheten verehrte, ohne noch zu wissen, dass er Gottes Sohn sei. Diese Lösung hat nichts Ansprechendes, denn dem göttlichen Ruf muss ein jeder ohne Ansehen der Person gehorchen. Daher gibt es bei keinem Menschen eine Würde oder Erhabenheit, die uns am Tun unserer Pflicht verhindern darf. An Gott und seiner Taufe würde sich deshalb Johannes versündigt haben, wenn er so zu irgendjemand anders als zu dem Gottes Sohne geredet hätte. Folglich hat Johannes sicherlich schon früher irgendwie Christum gekannt. Man beachte zunächst, dass hier von einer Kenntnis die Rede ist, welche aus Umgang und gegenseitigem Verkehr entsteht. Obgleich er also Christum vom Sehen kennt, bleibt es trotzdem vollkommen wahr: sie waren sich nicht gegenseitig in der Weise bekannt, wie sich sonst die Menschen zu kennen pflegen; der Anfang ihrer Bekanntschaft stammt aus göttlicher Offenbarung. Doch die Lösung der Frage ist noch nicht ganz gelungen. Johannes sagt, der Anblick des Geistes sei ihm ein Erkennungszeichen gewesen. Und doch hatte er den Geist noch gar nicht gesehen, als er Christum schon anredet, wie es nur dem Sohne Gottes gebührte. Gern schließe ich mich der Auffassung derer an, welche der Meinung sind, dies Zeichen sei nachträglich gegeben worden. Zwar hat es Johannes allein gesehen, aber mehr für andere als für sich. Man hat 2. Mo. 3, 12 herangezogen: „das soll ein Zeichen für euch sein, dass ihr nach drei Tagereisen mir auf diesem Berge opfern werdet.“ Sicherlich wussten die Israeliten schon beim Auszug aus Ägypten, dass Gott bei ihrer Befreiung der Führer und Beschützer war; dies aber war ihnen noch hinterher eine Bestätigung dafür. Gerade so trat zu einer früher dem Johannes gegebenen Offenbarung bestätigend das Herabfahren des Geistes hinzu.

V. 34. Ich sah es und zeugte. Der Täufer bringt also nichts Zweifelhaftes vor. Gott wollte, dass er vollkommen gewisse Kunde hätte von dem, was er der Welt bezeugen sollte. Dabei ist auch dies beachtenswert, dass Johannes Christi Gottessohnschaft bezeugt hat. Der, welcher den Geist spenden und allein die Ehre und das Amt der Versöhnung mit Gott tragen sollte, muss Gottes Sohn sein.

V. 35 u. 36. Siehe, das ist Gottes Lamm. Es geht hieraus noch deutlicher hervor, woran ich schon (zu. V. 15) erinnerte, dass Johannes, als er das Ende seiner Laufbahn nahen fühlte, ernstlich darauf bedacht war, Christo nicht den Platz zu versperren, sondern vielmehr ganz und gar einzuräumen. Standhafte Beharrlichkeit erreicht mehr als das bloße Zeugnis des Glaubens. Wenn er so fleißig Tag für Tag daran bleibt, die Empfehlung Christi zu wiederholen, so wird daraus offenbar, dass sein eigener Lauf nun bald vollendet ist. Hier sehen wir außerdem, wie gering und niedrig der Anfang der Kirche gewesen ist. Johannes bereitete zwar für Christum die Jünger zu, aber Christus begann erst jetzt eine Gemeinde zu sammeln. Und mit wie vielen fängt er an? Mit zwei gänzlich unbekannten Leuten. Aber auch dies trägt dazu bei, seine Herrlichkeit in helles Licht zu setzen; denn nach Ablauf kurzer Zeit schon dehnt er ohne Beihilfe von Geld oder Waffen sein Reich wunderbar, ja unglaublich weit aus. Wohl zu beachten ist, wozu er vor allem die Menschen bewegt: dazu, dass sie bei ihm die Vergebung der Sünden finden. Wie aber Christus sich absichtlich den Jüngern dargeboten hatte, damit sie zu ihm kommen sollten, so muntert er sie nun mit gütigem Wort auf, da sie wirklich kommen. Er wartet nicht ab, bis sie selbst Worte machen, sondern fragt sie (V. 38): was sucht ihr? Diese so freundlich den Seelen sich einschmeichelnde Einladung, welche das eine Mal jenen beiden zugerufen wurde, erstreckt sich jetzt auf alle. Es ist nicht zu befürchten, dass sich Christus uns entzieht oder uns den Zugang erschwert, wenn er nur sieht, dass wir uns nach ihm sehnen. Gewiss nicht! Er wird vielmehr mit ausgestreckter Hand bei unseren Annäherungsversuchen uns zu Hilfe kommen. Ja, weshalb sollte er auch denen, die zu ihm kommen, nicht entgegeneilen, wenn er selbst die, welche weit abgeirrt sind, fern auf ihren Irrwegen sucht, ums sie auf den rechten Weg zurückzubringe?

V. 38. Rabbi. Man brauchte diese Anrede bei hervorragenden Männern von irgendwelchem Rang. Hier vermerkt indes der Evangelist einen anderen Gebrauch seiner Zeitgenossen; sie begrüßten mit diesem Namen die Lehrer und Ausleger des Wortes Gottes. Die Beiden wissen zwar noch nicht, dass Christus der alleinige Lehrmeister der Gemeinde ist, aber der Ausspruch des Johannes hat sie doch in ihm einen Propheten und Lehrer erkennen lassen. – Wo bist du zur Herberge? An diesen ersten Anfängen der christlichen Kirche müssen wir uns ein Beispiel nehmen; es gilt so sehr Geschmack an Christo finden, dass wir mit heißem Begehren immer mehr haben möchten. Wir müssen uns nicht damit begnügen, ihn nur einmal flüchtig anzusehen, nein, wir müssen seine Herberge aufsuchen, damit er uns als seine Gäste bei sich aufnimmt. Es gibt ja sehr viele, die den süßen Duft des Evangeliums nur sozusagen von ferne riechen. So schwindet ihnen Christus alsbald aus den Augen. Jeder Tropfen der frohen Botschaft, der ihnen zuteil ward, verflüchtigt sich wieder. – Die beiden Jünger sind allerdings nicht schon damals zu dauerndem Anschluss an Jesum gekommen. Aber ohne Zweifel hat er sie in jener Nacht eingehend unterrichtet, um sie bald danach völlig an sich zu fesseln.

V. 39. Es war um die zehnte Stunde. Das heißt: der Abend brach herein. In zwei Stunden ging die Sonne unter. Man teilte nämlich den Tag in zwölf Stunden, die dann im Sommer länger, im Winter kürzer waren. Aus dieser Zeitangabe schließen wir: es war jenen beiden so sehr darum zu tun, Christum zu hören und näher kennen zu lernen, dass sie sich keine Sorge darum machten, wo sie zu Nacht unterkommen sollten. Wir sind ihnen großenteils recht unähnlich mit unserem endlosen Aufschieben, da es uns niemals passt, Christo nachzufolgen.

V. 40. Andreas. Bis zum Ende des Kapitels beabsichtigt der Evangelist zu schildern, wie Christo nach und nach Jünger zugeführt wurden. Hier erzählt er von Petrus, nachher auch noch von Philippus und Nathanael. Andras bringt alsbald seinen Bruder herbei. Darin prägt sich die Art des Glaubens aus, die das Licht im Innern nicht verdeckt und zum Erlöschen bringt, sondern es vielmehr hier und dorthin ausstrahlen lässt. Kaum ein Fünkchen hat Andreas, und doch bringt er damit seinen Bruder schon Licht. Wehe uns gleichgültigen Menschen, wenn wir, die wir viel mehr Licht besitzen als er, uns keine Mühe geben, andere der gleichen Gnade teilhaftig zu machen! Bei Andreas lässt sich beobachten, was Jesaja (2, 3, ebenso Micha 4, 2) von den Kindern Gottes verlangt; jeder soll den Nächsten bei der Hand nehmen und sagen: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn hinaufgehen; dann wird er uns lehren.“ So reicht Andreas dem Bruder die Hand. Er hat sich aber dabei vorgenommen: Der soll in Christi Unterweisung mein Mitschüler werden. Außerdem ist Gottes Ratschluss zu beachten, welcher wollte, dass Petrus, der in Zukunft eine weit höhere Stellung einnahm, durch die Bemühung und Vermittlung des Andreas mit Christo bekannt gemacht wurde. So soll sich auch von uns keiner, mag seine Stellung noch so hoch sein, weigern, von dem Geringeren Belehrung anzunehmen. Der wird es schwer zu büßen haben, der aus Eigensinn oder Hochmut der Einladung, zu Christo zu kommen, nicht Folge leistet, weil sie aus dem Munde eines Menschen kommt, den er gering achtet.

V. 41. Wir haben den Messias gefunden. Der Evangelist übersetzt hier das hebräische Wort Messias ins Griechische: Christus, d. h. der Gesalbte. Er wollte das Geheimnis des Judenvolkes der ganzen Welt kundtun. „Messias“ war die gewöhnliche Anrede des Königs, der ja feierlich gesalbt wurde. Aber die Juden wussten sehr wohl, dass es einen König geben sollte, der von Gott die Salbung empfing. Unter seiner Herrschaft sollte ein vollkommenes Glück erblühen, das nie verwelkte. Dass Davids Herrschaft nicht von solcher Dauer war, mussten sie ja erfahren. Es ging mit ihnen durch Not und Drangsal aller Art. Da schenkte Gott ihnen zur Aufrichtung im Unglück die Messias-Erwartung und offenbarte ihnen immer deutlicher, dass sein Kommen nahe bevorstehe. Die Weissagung bei Daniel (9, 25 f.) zeichnet sich durch Nennung des Messiasnamens vor den anderen aus. Er erteilt ihn nämlich nicht, wie frühere Propheten, den Königen, sondern ausschließlich dem einen Erlöser. Wenn von nun ab der Messias oder Christus erwähnt wurde, so dachte man dabei allgemein an niemanden anders mehr, als an den Erlöser. In diesem Sinne sagt auch (Joh. 4, 25) das samaritische Weib: „Der Messias kommt.“ Umso wunderbarer ist es, dass der, welcher so dringend von allen erbeten wurde, und dessen Name in aller Munde war, nur so wenig Aufnahme fand.

V. 42. Du bist Simon usw. Christus legt dem Simon einen Namen bei, nicht, wie es sonst wohl geschieht, nach einem Ereignis in der Vergangenheit oder nach dem, was man gegenwärtig an ihm beobachten konnte, sondern weil er ihn zu einem „Petrus“, d. h. Felsenmanne machen wollte. Er nennt also zuerst seinen gegenwärtigen Namen, um anzudeuten, dass Simon ein ganz anderer werden soll, als er jetzt ist. Der Vatersname Jonas oder Johannes wird nicht etwa ehrenhalber beigesetzt: vielmehr will gerade der Hinweis auf Simons unberühmte Herkunft sagen, dass dergleichen für den Erlöser kein Hindernis ist, einen Helden von unüberwindlicher Tapferkeit aus ihm zu machen. Der Evangelist erwähnt es als eine Art von Weissagung, dass dem Simon ein neuer Beiname gegeben worden ist. Wohlverstanden: ein Weissagung, nicht als hätte Christus die in Petrus als Keim vorhandene künftige Glaubensstärke vorausgesehen, sondern in dem Sinne, dass er damals voraussagte, was er ihm künftig verleihen wollte. Schon jetzt deutet er also rühmend auf die Gnadengabe, die er ihm später zugewendet hat. Deshalb sagt er: Du sollst in Zukunft Kephas heißen. Denn dass dieser Beiname schon jetzt in Geltung treten solle, ist nicht die Meinung. Sicherlich müssen alle frommen Christen Felsenmänner sein, welche auf Christum gegründet, als lebendige Steine in den Gottestempel eingebaut werden (1. Petr. 2, 5). Simon trägt aber allein diesen Namen, weil er sich besonders auszeichnete.

Übrigens ist es nur lächerlich, wenn man katholischerseits den Petrus an die Stelle Christi setzt, als sei er der Grundstein der Kirche und nicht, gerade wie die anderen auch, auf Christum als den einzigen Grund gegründet. Die Bedeutung der Worte Christi ist in keiner Weise zweifelhaft. Er verspricht dem Petrus etwas, wozu er in keiner Weise Hoffnung zu haben veranlasst war. So Großes vermag seine Gnade zu leisten! Wie ein Mensch früher beschaffen war, ist ihm einerlei. Petrus wurde ein ganz neuer Mensch, wie es dieser auszeichnende Titel erklärt.

V. 43. Folge mir nach! Durch dies eine Wort wurde Philippus zur Nachfolge Christi begeistert; eine Probe dafür, was das Wort vermag. Nicht bei allen ohne Unterschied übt es solche Wirkung. Viele sucht Gott vergeblich zu bewegen. Es ist, als ob nur ein leerer Schall an ihr Ohr schlüge. Die bloße Predigt des Wortes schafft noch keine Frucht, außer der einen, dass sie die, welche es verwerfen, tödlich verwundet, so dass sie vor Gott keine Entschuldigung mehr haben. Wenn aber eine geheime Gnadenwirkung des Geistes die Predigt in dem Menschen, der sie hört, lebendig macht, muss sein ganzes Fühlen und Denken so ergriffen werden, dass er bereit ist, der Stimme Gottes zu folgen, wohin sie ihn auch ruft. Lasst uns Christum bitten, dass in gleicher Weise an uns sein Evangelium kräftig werde. Übrigens hatte es bei Philippus mit der Nachfolge Christi seine besondere Bewandtnis. Es wird ihm nämlich zu folgen befohlen, nicht wie jedem von uns, sondern, dass er künftig Christi unzertrennlicher Genosse und Begleiter sei. Indes ist auch diese besondere Berufung ein Beispiel der Berufung im weiteren Sinne.

V. 44. Philippus war von Bethsaida. Mit besonderer Absicht scheint der Name dieser Stadt hierher gesetzt zu sein, damit umso leuchtender bei drei Aposteln Gottes Güte hervorträte. Mit großem Ernste schilt Christus (Mt. 11, 21 f.) diese Stadt. Leute nun, die aus einer so gottlosen Frevlerschar von Gott zu Gnaden angenommen sind, kann man als aus der Hölle hervorgeholte Menschen ansehen. Dass Christus sie aus jenem tiefen Abgrund emporzieht und der Ehre des Apostelamtes würdigt, das ist eine herrliche Wohltat, die nicht vergessen werden darf.

V. 45. Philippus findet Nathanael. Mögen immerhin stolze Leute auf diese ersten Anfänge der Kirche verächtlich herunterschauen; wir müssen darin Gottes Herrlichkeit in höherem Maße erkennen, als wenn von Anfang an gleich in jeder Hinsicht Christi Reich glänzend in die Erscheinung getreten wäre. Wir wissen ja, was für eine Ernte aus dieser geringen Aussaat alsbald emporgewachsen ist. Denselben Eifer, das Reich zu bauen, finden wir hier bei Philippus, wie zuvor bei Andreas. Seine Bescheidenheit zeigt sich darin, dass er nichts anderes wünscht und begehrt, als dass er jemanden haben möchte, der mit ihm zusammen von dem Lehrer aller Menschen Belehrung annimmt.

Wir haben den gefunden usw. Wie gering das Maß des Glaubens bei Philippus noch war, geht daraus hervor, dass er nicht vier Worte von Christo herausbringen kann, ohne zwei grobe Fehler dabei zu machen. Er macht aus ihm einen Sohn Josephs und schreibt ihm fälschlich Nazareth als seine Vaterstadt zu. Und doch gibt Gott, weil Philippus den aufrichtigen Wunsch hat, seinem Bruder nützlich zu sein und Christum bekannt zu machen, seine Billigung zu solchem eifrigen Bemühen: auch dieser Jünger hat glücklichen Erfolg. Sicherlich soll sich jeder befleißigen, sorgfältig innerhalb der ihm gesteckten Schranken sich zu halten. Und der Evangelist will gewiss nicht das doppelte Versehen als besonders lobenswürdig hinstellen. Er erzählt nur, dass Philippus, wenngleich die Belehrung, wie er sie zu geben imstande war, noch recht fehlerhaft und irrig gewesen ist, ein brauchbarer Lehrer sein konnte, weil er die ehrliche Absicht hatte, dem Nathanael die rechte Erkenntnis Christi zu vermitteln. Bei allen Irrtümern führt er seinen Genossen doch zu dem in Bethlehem geborenen Gottessohn; er macht sich nicht nach eigenem Wahn einen Christus zurecht, sondern will nur, dass in ihm der erkannt wird, von dem Moses und die Propheten sagen. Das ist also die Hauptsache bei unserer Lehre, dass die, welche uns hören, mag es im Übrigen gehen, wie es will, wirklich zu Christo gelangen. Viele wissen von Christo sehr geistreich zu reden und hüllen ihn doch mit ihren Spitzfindigkeiten in ein so undurchdringliches Dunkel ein, dass man ihn gar nicht finden kann. So werden die Anhänger des Papstes ihn zwar nicht Sohn Josephs nennen, - am richtigen Namen halten sie fest; - aber dabei machen sie doch seine Macht dermaßen zunichte, dass sie ein Gespenst an die Stelle Christi setzen. Ist es denn nicht besser, mit Philippus kindlich zu stammeln und dabei den wahren Christus zu behalten, als in höchst gewandten Worten einen erdichteten Christus, eine Fälschung unterzuschieben? Fürwahr, es gibt heutzutage viele arme ungelehrte Leutchen, die, des Wortes nicht sonderlich mächtig, doch gläubiger von Christo lehren, als alle Theologen des Papstes mit ihren Denkkunststücken. Diese Stelle mahnt uns also, nicht hoffärtig die Nase zu rümpfen, wenn einfache Leute, die nicht studiert haben, auch einmal weniger geschickt von Christo reden; dem Herrn gefällt auch das, wenn nur die redliche Absicht vorliegt, uns zu ihm hinzubringen. Gegen das drohende Übel aber, dass Menschen uns durch ihre verkehrten Erfindungen von Christo wegzuziehen versuchen, soll uns als Heilmittel jederzeit die reine Kenntnis von ihm zur Hand sein, die wir aus Gesetz und Propheten schöpfen können.

V. 46. Was kann von Nazareth Gutes kommen? Anfänglich stutzt Nathanael, betroffen über den von Philippus angegebenen Geburtsort Christi; er lässt sich von dem unbedachten Wort des Philippus irremachen. Was dieser sich in Torheit so gedacht hatte, nimmt er für gewiss. Es kommt dazu das ungünstige Urteil über den verhassten oder verachteten Ort. Es fehlte nur wenig daran, so hätte sich dieser geheiligte Mann selbst den Zutritt zu Christo abgeschnitten. Wie kam das? Weil er die verkehrte Äußerung des Philippus für bare Münze nahm. Ferner, weil ihn ein Vorurteil befangen machte, sodass er nichts Gutes von Nazareth erwartete. Wenn wir nicht sorgsam auf uns achten, werden wir in die nämliche Gefahr geraten. Sicherlich strengt Satan sich täglich an, uns durch derlei Hindernisse vom Zugang zu Christo abzuhalten. Er sorgt, listig wie er ist, dafür, dass eine Menge Lügen ausgestreut werden, welche uns das Evangelium so widerwärtig machen sollen, dass wir keine Lust mehr dazu haben. Der beste Schutz gegen solche Anfechtungen ist das: „Komm und sieh es!“ Durch dies Wort hat Philippus seine beiden Fehler gegenüber Nathanael wieder gut gemacht. So lasst uns denn, gleich ihm, uns vor allem der weiteren Belehrung zugänglich zeigen, und dann lasst uns ohne Widerstreben weiter forschen, da ja Christus so gerne die Zweifel, welche uns plagen, uns nimmt!

V. 48. Siehe, ein rechter Israeliter. Wenn Christus den Nathanael lobt, so tut er das nicht ihm zu liebe, sondern er will uns an diesem Mann eine allgemeingültige Lehre geben. Die meisten Menschen tun so, als wären sie gläubig und sind doch nichts weniger als das. So ist es denn sehr wertvoll, ein Kennzeichen zu haben, nach welchem man die rechten und wahren Gläubigen von den falschen unterscheiden kann. Wir wissen, mit welchem Hochmut sich die Juden ihres Vaters Abraham gerühmt haben, wie zuversichtlich sie mit der Heiligkeit ihres Volkes prahlten. Dabei war unter hunderten kaum einer nicht ganz entartet und vom Glauben der Väter abgekommen. Deshalb gibt Christus, um den Heuchlern die Maske vom Gesicht zu ziehen, kurz an, was den rechten Israeliten ausmacht. Er schafft damit ein Ärgernis weg, das sich bald infolge der gottlosen Halsstarrigkeit des Volkes erheben sollte. Die, welche als Söhne Abrahams und heiliges Gottesvolk angesehen werden wollten, wurden ja bald erbitterte Feinde des Evangeliums. Damit nun niemand hierüber außer sich gerate oder durch die allgemeine Gottlosigkeit fast sämtlicher Stände verstört werde, legt der Herr beizeiten den Finger darauf: unter den vielen, welche sich den Israelitennamen anmaßen, sind nur wenige wirkliche Israeliten. Ein rechter Israelit und ein rechter Christ ist aber ein und dasselbe. Deshalb dürfen wir nicht leicht über unsere Stelle weggehen. Um nun ohne Umschweife das, was Christus gemeint hat, zu erfassen, müssen wir beachten: Falsch oder Falschheit ist der Gegensatz zu Lauterkeit, Aufrichtigkeit. Falsche Leute heißen also hier die, welchen die Schrift (Jak. 1, 8; 4, 8) ein zwiespältiges Herz zuschreibt. Es handelt sich dabei nicht nur um die ärgste Form der Heuchelei, wobei die, welche ein böses Gewissen haben, sich frech als gute Menschen ausgeben, sondern auch um die andere, tiefer liegende Form, wobei die Menschen in der Blindheit ihres Sündenlebens nicht nur andere, sondern sich selbst belügen. Lauterkeit des Herzens gegen Gott und gerades, ehrliches Wesen gegen die Menschen ist das sichere Kennzeichen für einen Christen. Hauptsächlich denkt Christus jedenfalls an diejenige Falschheit, von welcher Ps. 32, 2 redet. Wir übersetzen: „ein rechter Israeliter“; nicht, was dem Wortlaut nach auch anginge: gewiss ein Israeliter. Die erste Übersetzung ist vorzuziehen, weil man den Gegensatz zwischen Wirklichkeit und leerem Titel zwischen den Zeilen lesen kann. Ein rechter Israeliter wird Nathanael genannt, weil er in der Tat das ist, für was er angesehen wird.

V. 48. Woher kennst du mich? Ohne dem Nathanael schmeicheln zu wollen, legte es Christus doch darauf an, dass sein Urteil ihm zu Ohren kommen musste. Er wollte eine Frage der Verwunderung hervorlocken, um sich in der Antwort als Sohn Gottes zu zeigen. Nicht vergeblich stellt Nathanael die Frage, woher er Christo bekannt sei. Ein so aufrichtiger Mensch, von Falsch ganz frei, kommt ja nicht häufig vor, und nur Gott kann von solcher Herzensreinheit wissen. Übrigens scheint die Antwort Christi keine besondere Auskunft zu gewähren. Mochte er den Nathanael immerhin unter dem Feigenbaum gesehen haben, damit war er doch noch lange nicht in sein verborgenes Herzensinnere hineingedrungen. Doch die Sache verhält sich anders: in Gottes Macht steht es, Menschen zu kennen, selbst wenn er sie nie gesehen hätte; so kann Gott auch sehen, was im Herzensgrunde verborgen ist, und ist eben damit auch instand gesetzt, ein Urteil auszusprechen über die Reinheit eines Menschenherzens. Christus hat diese göttliche Macht. Übrigens ist noch eine wichtige Wahrheit unserer Stelle zu entnehmen: wenn wir an Christum gar nicht denken, schaut er uns zu. So muss es dahin kommen, dass er auch solche, die sich von ihm abgewendet haben, wieder herumholt.

V. 49. Du bist Gottes Sohn. Es ist nicht wunderbar, dass Nathanael an Christi göttlicher Befähigung, ins Verborgene zu sehen, ihn als den Sohn Gottes erkennt. Aber wie kommt er dazu, ihn König von Israel zu nennen? Zwischen diesen beiden Bezeichnungen scheint doch gar kein Zusammenhang zu bestehen. Nathanael macht einen kühnen Schluss. Er hatte vernommen, dass Jesus der Messias sei. Damit bringt er die eben erhaltene Bestätigung zusammen. Auch steht es für ihn fest: wenn der Sohn Gottes kommt, dann wird er sicherlich der König des Gottesvolkes sein. So hat es denn guten Grund, wenn er von dem, welcher Gottes Sohn ist, das Bekenntnis ablegt: du bist der König von Israel. Und sicherlich darf der Glaube nicht bloß an Christi Wesen, dass ich so sage, hängen bleiben; er muss sich auf seine Kraft und sein Amt richten. Würde es uns doch wenig helfen, zu wissen, wer Christus ist, wenn nicht auch das uns klar wäre, wie er sich gegen uns stellen will, und zu welchem Zwecke er uns vom Vater gesandt ward. Davon, dass die Anhänger des Papsttums bloß Christi Wesen zu erfassen sich angelegen sein ließen, ist es gekommen, dass er zu einer schattenhaften Person für sie geworden ist; sein königliches Amt, bestehend in der Kraft, Seelen zu retten, haben sie außeracht gelassen. Übrigens ist das Bekenntnis Nathanaels zum dem König von Israel dem Maße seines Glaubens entsprechend beschränkt, - dehnt sich doch dieses Königs Reich aus bis zu den fernsten Enden der Erde. Natürlich schwangen sich seine Gedanken nicht dazu auf, schon jetzt in ihm den König der ganzen Welt zu sehen, der von allen vier Winden die wahren Abrahamskinder zusammenbringen sollte, damit endlich die Welt ein Israel Gottes werde. Uns ist ja die allumfassende Ausdehnung des Reiches Christi offenbart, und deshalb steht es uns zu, uns über die damals noch engen Begriffe des neuen Jüngers zu erheben. Nathanaels Beispiel mag uns veranlassen, durch Hören des Wortes unseren Glauben zu üben und ihn durch alle uns zu Gebote stehenden Hilfsmittel zu stärken. Möge er dann nicht in Grabesruhe schlafen, sondern wie bei Nathanael im Bekenntnis lebendig hervorbrechen.

V. 50. Jesus antwortete usw. Er tadelt ihn nicht, als wäre er in seinem Glauben zu weit gegangen; er bestärkt ihn vielmehr darin und verheißt ihm und den übrigen, dass sie noch größere Beweise in die Hand bekommen sollen, die zur Befestigung in ihrem Glauben ihnen dienen werden. Nur dem einen war es zuteilgeworden, dass Christus, weit von der Stätte entfernt, ihn unter dem Feigenbaum gesehen hatte. Jetzt kommt Christus auf eine Beweisführung zu sprechen, die alle gemeinsam erleben werden. Deshalb geht er unvermittelt von der Rede des Nathanael zur Rede an alle über.

V. 51. Ihr werdet den Himmel offen sehen. In großem Irrtum, so urteile ich, befinden sich diejenigen, welche ängstlich nach Zeit und Ort forschen, wann und wo Nathanael und die anderen den Himmel offen gesehen haben. Christus redet vielmehr von einem fortwährenden Zustande, welcher immer in seinem Reiche währen soll. Ich gebe zu, dass die Jünger etliche Male Engel gesehen haben, welche heute nicht erscheinen. Ich gestehe auch zu, dass es eine andere Offenbarung der himmlischen Herrlichkeit gewesen ist, da Christus gen Himmel fuhr, als was wir jetzt erleben. Aber genau erwogen, müssen wir doch sagen: was damals geschehen, besteht für immer. Früher war das Reich Gottes für uns verschlossen; in Christo ist es in Wahrheit aufgeschlossen worden. Eine sichtbare Probe davon bekommen sowohl Stephanus (Apg. 7, 55) und die drei Jünger auf dem Berg der Verklärung, als auch die anderen Jünger bei der Himmelfahrt. Doch nicht nur das, nein, jedes Zeichen, wodurch Gott uns seine Gegenwart zu erkennen gibt, soll uns den Himmel aufschließen, insonderheit das heilige Abendmahl. In der letzten Hälfte des Verses ist dann von den Engeln die Rede. Es heißt von ihnen, dass sie hinauf und herab fahren. Das tun sie als Vermittler der göttlichen Wohltaten an uns. Es besteht folglich ein wechselseitiger Verkehr Gottes mit den Menschen und der Menschen mit Gott. Der Dank für diese Wohltat gebührt Christo. Ohne ihn würden die Engel eher in Feindschaft und Zwiespalt mit uns stehen, als freundliche Sorge tragen, wie sie uns helfen können. Deshalb heißt es: sie fahren hinauf und herab auf ihn, - nicht, als dienten sie ihm allein, sondern, weil sie aus Rücksicht auf ihn und ihm zu Ehren mit ihrer Sorge die ganze Christenheit auf Erden umfassen. Ohne Zweifel spielt der Ausdruck auf die Himmelsleiter an, welche dem Erzvater Jakob im Traum gezeigt ward (1. Mo. 28, 12). Was jenes Gesicht andeutete, ist in Christo wirklich geworden. So ist denn der Gesamtinhalt unseres Verses der: die ganze Menschheit stand außerhalb des Gottesreiches, jetzt aber hat sich die Himmelstür für uns aufgetan, damit wir Mitbürger der Heiligen und Genossen der Engel würden. Um uns in unserem Elend Hilfe zu bringen, steigen diese von Gott verordneten Wächter unseres Heils aus ihrer seligen Ruhe hernieder.

1) 
Es ist der vielgenannte pantheistische Denker, zu dessen Todesurteil Calvin im Jahre 1553 mitwirkte, wobei er ihn freilich vor der Vollstreckung der Strafe durch Feuer gern bewahrt hätte.
2) 
Ein Bestreiter der Gottheit Christi im 4. Jahrhundert.
3) 
Griechischer Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts.

Kapitel 2

V. 1 u. 2. Es ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa. Da diese Geschichte das erste von Christo verrichtete Wunder enthält, so muss schon dieser eine Umstand unsere Aufmerksamkeit bei ihrer Betrachtung aufs höchste spannen, obwohl, wie wir nachher sehen werden, noch andere Gründe hinzukommen, die der Erzählung einen besonderen Wert verleihen. –

Der Evangelist nennt als Schauplatz das in Galiläa gelegene Kana, - also nicht das in der Nähe von Sarepta, zwischen Tyrus und Sidon liegende, das man im Vergleich mit unserem Kana auch Groß-Kana genannt hat, welches nach den einen auf dem Gebiete des Stammes Sebulon, nach den anderen auf dem des Stammes Asser sich befand. Dies Kana war noch im fünften Jahrhundert nach Christo eine kleine Stadt. Das unsrige lag wahrscheinlich in der Nachbarschaft von Nazareth; denn die Mutter Jesu konnte leicht zur Hochzeit dorthin kommen. Nach 4, 46 f. war es eine Tagereise von Kapernaum entfernt.

Und die Mutter Jesu war da. Vermutlich war es einer aus der Blutsverwandtschaft Christi, der ein Weib heimführte; denn Jesus erscheint hier als eine Art Begleiter seiner Mutter. Wenn die Jünger mit genannt werden, so geht daraus hervor, dass seine Lebensweise äußerst anspruchslos gewesen sein muss, da er mit seinen Jüngern in Gemeinschaft lebte. Aber es könnte seltsam erscheinen, dass ein nicht sehr vermögender Mann, dem es zur Bewirtung der Gäste hinterher an Wein gebrach, Christo zu Gefallen noch vier oder fünf andere einlud. Doch laden arme Leute leichter und unbedenklicher Gäste ein, da sie ja die Schande nicht zu fürchten haben, wie die Reichen, wenn sie ihre Gäste weniger köstlich und herrlich bewirten. Die alte Sitte, dass einer beim anderen mitisst und umgekehrt, wird mehr bei den Armen beibehalten. Doch scheint der Umstand recht wenig gute Sitte bei dem Bräutigam zu verraten, dass er es dahin kommen lässt, dass mitten im Fest kein Wein mehr vorhanden ist. Es zeugt von wenig Überlegung seinerseits, dass er nicht für den nötigen Weinvorrat gesorgt hat. Meine Meinung ist: es wird hier ein Vorgang berichtet, der in solchen Gegenden, wo man täglichen Weingenuss nicht kennt, häufig vorkommen mag. Ferner geht aus dem Zusammenhang hervor, dass doch erst gegen Ende des Gastmahls der Weinmangel eintrat, wo man der Sitte gemäß hätte satt sein können. Der Speisemeister sagt ja: Andere Leute setzen Trunkenen einen geringeren Wein vor; du aber hast deinen besten bisher behalten. Übrigens ist unzweifelhaft der ganze Vorfall durch die göttliche Vorsehung so gelenkt worden, damit das Wunder stattfinden könnte.

V. 3. Spricht die Mutter Jesu. Man kann Zweifel daran hegen, ob Maria überhaupt mit ihren Worten eine Erwartung oder ein Begehren ausdrückt, da Jesus ja ein Wunder noch gar nicht verrichtet hatte. Es ist möglich, dass sie eine derartige Hilfe zwar nicht erwartete, aber ihn mahnen wollte, irgendwie mit freundlichem Wort die Verdrießlichkeit der Hochzeitsgäste zu verscheuchen und zugleich dem Bräutigam aus seiner Verlegenheit und Scham herauszuhelfen. Das ängstliche Mitgefühl redete aus ihr. Sie sah, dass das Fest eine arge Störung erleiden werde. Die Anwesenden wären voll Erbitterung gegen den Bräutigam geschieden, im Glauben, dass er ihnen nicht genug Ehre widerfahren lasse. Da suchte die fromme Frau Trost bei ihrem Sohne. Aber weshalb stößt er sie so rau zurück? Sie hat nicht aus Ehrgeiz gehandelt, - dass sie sich hätte beliebt machen wollen, wie ein Ausleger grundlos vermutete, - überhaupt nicht aus unreinen Beweggründen; aber sie hat in dem einen Punkte gefehlt, dass sie über die ihr gezogenen Grenzen hinausgegangen ist. Dass sie sich über den Schaden beunruhigte, der, wie sie fürchtete, anderen erwachsen würde, und ihn auf alle Weise zu verhüten wünschte, war schön von ihr und muss ihr von uns hoch angerechnet werden. Aber es war Gefahr vorhanden, dass sie sich vordrängte und dadurch Christi Herrlichkeit in Schatten stellte. Doch ist hervorzuheben: Christi Entgegnung war in erster Linie nicht für Maria, sondern für die anderen berechnet. Maria war eine so bescheidene, aufrichtig fromme Seele, dass sie eine so strenge Zurechtweisung nicht nötig gehabt hätte. Sie hat einen Fehler begangen, aber ohne Wissen und Willen. Wenn nachher Christus sein Wunder tat, dann hätte man das Wort seiner Mutter so ausdeuten können, als habe der Sohn auf ihren Befehl gehandelt. Diesem verhängnisvollen Missverständnis musste mit Schärfe begegnet werden.

V. 4. Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Das ist eine freiere Übersetzung der griechischen Worte, die buchstäblich lauten: Was mir und dir? Man darf sich nicht zu dem Irrtum verführen lassen, als sollte das heißen, wie man häufig gemeint hat: Was liegt mir und dir daran, dass sie keinen Wein mehr haben? Was mir und dir? ist eine gebräuchliche Redensart, die den in der Übersetzung ausgesprochenen Sinn hat. Dass es Jesu so wenig gleichgültig ist, wie der Maria, dass sich die Gastgeber in Verlegenheit befinden, sagt er selbst mit den Worten: Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

Zweierlei ist festzuhalten: Jesus plant schon, was geschehen soll, und will doch in dieser Sache nichts auf den Antrieb der Mutter hin unternehmen. Eine äußerst wichtige Stelle! Warum verwehrt er seiner Mutter, was er später so oft anderen ganz freundlich erlaubt hat? Ferner: weshalb begnügt er sich nicht mit einer einfachen Abweisung? Weshalb stellt er die Maria mit anderen Frauen ganz in eine Linie, da er sie nicht einmal „Mutter“ anredet? Christus will hiermit ein für allemal erklärt haben, dass es Unrecht ist, deswegen, weil sie seine Mutter ist, ihr eine abergläubische Verehrung zuzuwenden, und was allein Gott zukommt, auf sie zu übertragen. Hätte man sich hieraus zu allen Zeiten die so nötige Lehre genommen, wie es ja leider nicht der Fall ist, so wäre die Mutter unseres Herrn niemals genannt worden: Himmelskönigin, Hoffnung, Leben, Heil der Welt. Durch diese Namen raubt man Christo seine Ehre und überträgt sie auf Maria. Wir wollen wahrlich von der Ehre, welche ihr gebührt, nicht das Mindeste abbrechen. Aber es wird ihr nichts vorenthalten, wenn man sie nicht zur Göttin macht. Im Gegenteil, man tut ihr Unrecht, wenn man ihre heilige Gestalt mit erlogenen Lobsprüchen verunziert und Gott nimmt, was Gottes ist.

Meine Stunde ist noch nicht kommen. Damit deutet er an, dass er seine Zeit bisher nicht gedankenlos und gleichgültig verbracht hat. Er wird Sorge tragen, sobald die rechte Stunde geschlagen hat. Während er der Mutter zu verstehen gibt, dass sie unzeitig eile, erweckt er zugleich die Hoffnung auf eine Wundertat. Sie hat verstanden, was er ihr sagen will, und drängt ihn nicht noch einmal. Indem sie die Diener anweist, seinen Befehlen Folge zu leisten, zeigt sie, dass sie von froher Hoffnung beseelt ist. Wir entnehmen aus dieser Geschichte, dass der Herr, wenn er auch uns manchmal warten lässt und mit seiner Hilfe säumt, deswegen nicht ohne Herz für uns ist, sondern vielmehr sein Tun danach einrichtet, dass er erst dann handelt, wenn die rechte Stunde da ist. Wenn man aus unserer Stelle hat beweisen wollen, dass ein unerbittliches Schicksal Zeit und Stunde fest geordnet hat, so ist das lächerlich und keiner Widerlegung wert. Die Stunde Christi, von der bisweilen die Rede ist, ist die, welche ihm der Vater bestimmt hat. In diesem Sinne sagt Jesus später einmal (Joh. 7, 6): „meine Zeit ist noch nicht“, d. h. die Zeit, in welcher es sich schicken wollte, die Aufträge seines himmlischen Vaters auszuführen. An unserer Stelle nimmt er die Entscheidung darüber, welche Stunde er zum Handeln wählen soll, ausdrücklich für sich in Anspruch.

V. 5. Seine Mutter spricht zu den Dienern. Hier gibt Maria ein Beispiel des rechten Gehorsams, den sie dem Sohne schuldete, wo es sich nicht um seine menschlichen Verpflichtungen, sondern um seine göttliche Machtstellung handelte. Bescheiden gibt sie sich zufrieden mit seiner Antwort und ermahnt die anderen, dass auch sie geradeso seinem Gebote gehorchen. Sie redet ersichtlich genau dem entsprechend, was vorangegangen ist, als ob sie den Ton darauf legen wollte: Es steht mir in dieser Hinsicht keinerlei Anrecht zu; Jesus wird unabhängig von mir nach eigenster Entscheidung tun, was ihm gefällt. Am Beispiel der Maria lernen wir, dass wir bei Bitten, die wir an Christus richten, auf keinem anderen Wege Erhörung finden werden, als wenn wir ganz und gar uns von ihm abhängig machen, auf ihn schauen und in allen Stücken tun, was er uns heißt. Er schickt uns nicht zu seiner Mutter hin, sondern lädt uns nur zu sich selber ein.

V. 6. Es waren aber allda Wasserkrüge. Man weiß ungefähr, wie viel ein solcher großer Wasserkrug fasste, wenn nach jüdischem Hohlmaß in jeden zwei oder drei Maß gegangen sind: zwischen achtzig und neunzig Liter. Christus hat demnach ein stattliches Geschenk zur Hochzeit dargereicht: etwa fünfhundert Liter Wein. Sie allein würden zur frohen Bewirtung einer stattlichen Schar von Gästen ausreichen. Sowohl die Angabe der Zahl der Krüge als das bedeutende Maß des geschenkten Wunderweines trägt zur Bestätigung für die Tatsache bei, dass das Wunder wirklich geschehen ist. Wären es nur zwei oder drei kleinere Gefäße gewesen, so hätten viele Verdacht schöpfen können: man hat sie eingeschmuggelt und vertauscht. Wäre nur in einem Wasserbehälter die Verwandlung von Wasser in Wein vor sich gegangen, so würde ebenfalls das Wunder nicht so deutlich und gut beglaubigt gewesen sein. Der Evangelist erwähnt also mit gutem Grunde sowohl die Zahl als das Gemäß der Krüge. Dass sie freilich so zahlreich und so geräumig waren, hing mit einem Aberglauben zusammen. Die Reinigungsgebräuche stammen zwar aus dem Gesetze Gottes. Aber wie die Welt sich in äußerlichen Dingen ja nie genug tun kann, so waren die Juden mit den einfachen, von Gott vorgeschriebenen Waschungen nicht zufrieden, sondern trieben ihr kindisches Spiel mit so und so vielen Besprengungen. Deshalb: je größer die Krüge, desto größer der Ruhm außerordentlicher Frömmigkeit. Zweierlei ist also an dieser jüdischen Sitte auszusetzen: dass man ohne ausdrückliches Gottesgebot sich eine leere Frömmigkeit ausdachte, um sich damit große Mühe zu machen, und dann, dass man unter dem Vorgeben, man wolle den lebendigen Gott verehren, doch der Hauptsache nach nur die eigene Ehre suchte.

V. 7. Füllet die Wasserkrüge mit Wasser. Dass der Herr das befahl, kam vielleicht den Dienern lächerlich vor. Wasser war ja mehr als genug da. Aber so macht es der Herr gewöhnlich mit uns. Umso herrlicher soll seine Macht aus dem unverhofften Erfolg hervorleuchten. Auch dieser Umstand dient dazu, jede natürliche Erklärung unmöglich zu machen. Die Diener haben das Wasser eingegossen, die Diener schöpfen den Wein. So kann der Verdacht nirgends einen Anhalt finden.

V. 8 bis 10. In der gleichen Absicht, in welcher Christus den Dienern das Wasser zu holen befahl, wünschte er auch, der Speisemeister solle den Geschmack des Weines prüfen, ehe er selbst oder sonst jemand von den Hochzeitsgästen kostete. Ohne jede Widerrede gehorchen die Diener ihm bei all seinen Anordnungen. Wir machen daraus die Folgerung, dass er etwas Ehrfurchtgebietendes, Würdevolles hatte. Speisemeister nennt der Evangelist den Mann, der das Gastmahl einzurichten und die Festtafel zu besorgen hatte, - nicht als wäre es ein besonders köstliches und glänzendes Mahl gewesen; aber solche Ehrentitel, die aus den Häusern der Reichen mit ihrem Prunk und ihren Schmausereien herrühren, werden dann auch übertragenerweise bei den Hochzeiten der Armen angewendet. Dass Christus, der Meister in Einfachheit und Sparsamkeit, weine so große Menge Wein, und noch dazu vom edelsten, zum Geschenk macht, kann uns freilich verwunderlich erscheinen. Meine Antwort ist: und wenn Gott jeden Tag uns eine reiche Weinernte machen ließe, so wäre es nicht seine, sondern lediglich unsere Schuld, wenn wir durch seine Freigebigkeit uns zu üppiger Schwelgerei hinreißen ließen. Das ist vielmehr die rechte Probe darauf, ob wir die Herrschaft über uns selber haben, wenn wir mitten im Überfluss zurückhaltend und mäßig bleiben. Wie ja Paulus sich rühmt (Phil. 4, 12), er habe beides gelernt, satt sein und hungern.

V. 11. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Wenn Engel den Hirten seine Geburt in Bethlehem ankündigten, wenn den Weisen der Stern erschien, und der heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herabfuhr, so waren das allerdings auch schon Wunder, aber er hatte sie nicht selbst verrichtet. Hier handelt es sich um die Wunder, deren Urheber er selber war. Ein sonderbarer Einfall, der nicht ernst genommen werden kann, ist es, wenn einige der Meinung sind, dies sei Numero Eins unter den Wundern, die Christus in Kana in Galiläa getan habe. Als hätte er sich diesen Ort, an dem er unseres Wissens nur zweimal gewesen ist, so recht zur Betätigung seiner Wundermacht ausgesucht! Der Evangelist will mit seiner Bemerkung nur auf die zeitliche Reihenfolge, welche Christus mit seinen Wundertaten inne gehalten hat, aufmerksam machen. Er hat sich bis zu seinem dreißigsten Jahre, sich von anderen nicht sonderlich unterscheidend, in seiner Heimat aufgehalten, ohne etwas Auffallendes zu tun. Durch die Taufe zur Übernahme seines Amtes eingeweiht, ist er dann erst ins Licht der Öffentlichkeit getreten und hat begonnen, mit klaren Beweisen kund zu tun, wozu der Vater ihn gesandt hatte. Deshalb ist es nicht zu verwundern, wenn er die erste Probe seiner Gottheit auf diese Zeit verschob. Für den Ehestand ist es eine besondere Ehre, dass Christus nicht nur ein Hochzeitsmahl seiner persönlichen Gegenwart gewürdigt hat, sondern das Fest noch dazu mit seinem allerersten Wunder verherrlichte. In alten kirchlichen Satzungen findet sich das Verbot für Geistliche, Hochzeiten zu besuchen. Die Veranlassung dieses Verbots lag darin, dass sie die vielfachen Ausgelassenheiten, welche dabei vorzukommen pflegen, nicht durch ihre Gegenwart billigen sollten. Es wäre indes weit besser gewesen, sie hätten so viel Ernst dorthin mitgebracht, dass dadurch freche Ausgelassenheit im Zaum gehalten worden wäre, wie sie unverschämte und leichtsinnige Menschen sich in ihren Schlupfwinkeln erlauben. Uns soll vielmehr das Beispiel Christi zum Gesetze dienen. Wir sollen uns nicht einbilden, irgendetwas besser machen zu können, als er es nach den Erzählungen unserer Evangelien gemacht hat.

Und offenbarte seine Herrlichkeit. So heißt es, weil er damals ein der Erinnerung würdiges, herrliches Probestück sehen ließ, an dem man erkennen konnte, dass er der Sohn Gottes ist. Alle die Wunder, welche er der Welt zeigte, waren ebenso viele Zeugnisse seiner göttlichen Macht. Damals war eine günstige Zeit, seine Herrlichkeit zu zeigen, gekommen, als er nach des Vaters Auftrag den Wunsch hatte, bekannt zu werden. Daraus lässt sich auch der Zweck der Wunder ersehen: Christus hat dies Wunder getan, um seine Herrlichkeit zu offenbaren. Was muss man dann aber über solche Wunder urteilen, welche die Herrlichkeit Christi verdunkeln?

Seine Jünger glaubten an ihn. Der Jüngername sagt uns, dass sie schon irgendwie Glauben gehabt haben müssen. Der Glaube jedoch, vermöge dessen sie bisher mit Jesu gingen, war noch unbestimmt und unentwickelt. Damals erst haben sie begonnen, sich ihm zu übergeben als dem Messias, der ihnen bereits gepredigt worden war, und den sie nun klar erkannten. Wie groß ist doch die Nachsicht Christi, dass er schon solche Leute als seine Jünger ansieht, in denen der Glaube noch so winzig ist! Wir alle haben uns aus dieser Stelle eine Lehre zu nehmen. Auch der Glaube, welcher herangereift ist, hat einmal seine Kindheit durchgemacht. Ja, bei keinem ist er zu einem solchen Grade der Vollendung gekommen, dass man nicht noch von jedem Christen ohne Ausnahme Fortschritte im Glauben fordern müsste. Wer schon ein Glaubensleben mit immer kräftigeren Schritten auf das Ziel zu hinter sich hat, hat trotzdem noch neue Glaubensanfänge vor sich. Umso mehr müssen die, welche überhaupt erst Anfänger im Glauben sind, unablässig vorwärts streben. Welchen Erfolg die Wunder haben sollen, ist hier zu ersehen: den schon vorhandenen Glauben sollen sie stärken und mehren. Wer ihren Zweck in etwas anderes setzt, macht sich der Verfälschung schuldig. Dieser Vorwurf trifft die römische Kirche, welche mit ihren Lügenwundern nur in der Absicht prahlt, die Herzen von Christo ab und auf das Geschöpf hinzuwenden.

V. 12. Danach zog er hinab gen Kapernaum. Der Evangelist geht zu einer neuen Geschichte über. Er hatte sich vorgenommen, einiges Denkwürdige, was die anderen drei übergangen hatten, zusammenzustellen. Deshalb gibt er so genau die Zeit an, in der das, was er erzählen will, sich zugetragen hat. Auch die ersten Evangelisten berichten von einer Tempelreinigung. Ihre Zeitbestimmung jedoch belehrt uns, dass wir es bei ihnen mit einem ähnlichen, nicht aber mit eben demselben Ereignis zu tun haben. Zweimal hat Christus den Tempel von dem unwürdigen Treiben der Krämer befreit; das erste Mal zu Beginn seines Auftretens, das zweite Mal, ehe er die Welt verließ und zum Vater ging. Um nun der Sache auf den Grund zu gehen, müssen wir das einzelne der Reihenfolge nach durchdenken. Wenn Ochsen, Schafe und Tauben im Tempel zum Verkauf standen, wenn Geldwechsler dort ihre Plätze hatten, so fehlte es dafür nicht an einem Vorwande mit gutem Schein. Die Händler konnte sich in die Brust werfen und sagen: unser Geschäft hier im Tempel ist nicht im Mindesten ein unwürdiges; wir betreiben es ja nur mit Rücksicht auf den heiligen Dienst Gottes, damit jeder zur Hand habe, was er dem Herrn darbringen kann. Es war auch zweifellos frommen Leuten recht bequem, jede Art von Opfergaben ohne weiteres vorzufinden und auf diese Weise der Mühe enthoben zu sein, in der Stadt bei verschiedenen Geschäften herumzulaufen. So nimmt es uns Wunder, dass Christus in so hohem Grade sein Missfallen daran gehabt hat. Indes sind zwei Gründe dafür namhaft zu machen. Die Priester haben diesen Handel zu habgieriger Bereicherung missbraucht; deshalb war eine solche Verhöhnung Gottes nicht zu dulden. Ferner, was die Menschen auch immer zu ihrer Entschuldigung vorbringen mögen, sobald sie nur etwas von Gottes Gebot abweichen, haben sie Tadel verdient und müssen auf andere Wege geleitet werden. Aus diesem Grunde vornehmlich ist Christus zur Reinigung des Tempels geschritten: er wollte die unmissverständliche Erklärung abgeben: Gottes Tempel ist kein Handelsplatz.

Indes bleibt noch die Frage zu beantworten: Weshalb hat er denn nicht mit Belehrung den Anfang gemacht? Seine Handlungsweise erscheint als eine aufrührerische und verkehrte; er geht mit tatkräftiger Hand an die Abstellung eingerissener Fehler und hat gar nicht zuvor das Heilmittel der Lehre angewendet. Machen wir uns anschaulich, was ihn dazu antrieb!

Die Zeit war gekommen. Jetzt sollte er das vom Vater ihm übertragene Amt öffentlich übernehmen. So beschloss er denn, gewissermaßen vom Tempel Besitz zu ergreifen. Er bezeugte durch diese Tat, dass er mit göttlichem Ansehen, göttlicher Machtvollkommenheit ausgerüstet war. Um die gespannte Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken, tat es not, die Herzen aus ihrer Stumpfheit und ihrem Schlafe aufzuwecken durch etwas ganz Neues, Unerhörtes. Der Tempel war die heilige Wohnstätte himmlischer Lehre und wahrer Frömmigkeit. Da Jesus nun die Reinheit der Lehre wiederzustellen beabsichtigte, war es der Mühe wert, sich als den Herrn des Tempels zu beweisen. Nehmen wir hinzu, dass es nur durch Beseitigung der Missbräuche möglich war, die Opfer und andere fromme Bräuche ihrem ursprünglichen Zwecke zurückzugeben. Was er damals tat, war das Vorspiel der durchgreifenden Verbesserung der Gottesverehrung, die der Vater von ihm durchgeführt haben wollte. Kurz gesagt, die Juden sollten an dieser einen Tat Christi zum Aufmerken kommen, sodass sie von ihm etwas von der bisherigen Gewohnheit Abweichendes, Überraschendes erwarten mussten; zugleich sollte ihnen vor die Augen gestellt werden, dass ihr Gottesdienst voll von Fehlern und Verkehrtheiten war, damit sie sich nicht gegen seine bessernde Hand sträubten.

Seine Brüder. Es ist ungewiss, weshalb sich die „Brüder“ Christo als Begleiter angeschlossen haben. Sie werden zufällig zur gleichen Zeit die Reise nach Jerusalem geplant haben. Übrigens werden im Hebräischen bekanntlich auch irgendwelche Blutsverwandte als Brüder bezeichnet.

V. 13 bis 15. Der Juden Ostern war nahe, und Jesus zog hinauf. Das Wörtchen „und“ hat hier die Bedeutung von „deshalb“. Weil Ostern nahe war, und er dies Fest in Jerusalem feiern wollte, zog Jesus dorthin. Der Zweck, den er dabei im Auge hatte, war ein doppelter. Der Sohn Gottes ward um unsertwillen unter das Gesetz getan und wollte dadurch, dass er alle Gebote des Gesetzes genau befolgte, in eigener Person das Muster eines vollkommenen Gehorsams abgeben. Ferner hat er eine derartige Gelegenheit immer benutzt, da er, je mehr Volk da war, umso mehr Nutzen stiften konnte. So oft also im Verlauf des Evangeliums uns berichtet wird, dass Christus in festlicher Zeit nach Jerusalem hinaufging, mögen die Leser beachten, dass er das tat, einmal, um mit den anderen zusammen die von Gott angeordneten Übungen der Frömmigkeit im Tempel auszuführen, sowie zweitens, um bei reichlicherem Zusammenströmen der Volksmenge seine Lehre zu verkünden.

V. 16. Machet nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause. Als Jesus die Krämer zum zweiten Male verjagte, hat er, wie die Evangelisten erwähnen, strenger und schärfer geredet: er sprach dabei von einer Mördergrube oder Räuberhöhle (Mt. 21, 13). So muss verfahren werden, wenn eine gelindere Züchtigung nichts ausgerichtet hat. Hier bezieht sich die Ermahnung einfach darauf, dass man den Tempel Gottes nicht zu etwas gebrauchen soll, wozu er nicht da ist. Den Tempel nannte man das Haus Gottes, weil Gott dort vorzüglich angerufen werden wollte, weil er dort seine Macht offenbarte, endlich, weil er ihn für die heiligen Gebräuche des Gottesdienstes bestimmt hatte. Wenn nun Jesus sich in diesem Zusammenhange deutlich als den Sohn Gottes bezeichnet, so schreibt er sich damit die rechtliche Vollmacht zur Reinigung des Tempels zu. Christus legt also hier über seine Handlungsweise Rechenschaft ab. Wenn wir den vollen Gewinn von unserer Geschichte haben wollen, dann müssen wir auf diesen Ausspruch das Hauptgewicht legen.

Weshalb vertreibt Jesus die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel? Um den durch menschliche Sündhaftigkeit verfälschten Gottesdienst in seiner Reinheit wieder herzustellen und um auf diese Weise die Heiligkeit des Tempels zu erneuern und zu schützen.

Wir wissen, dass jener Tempel gebaut worden war als schattenhaftes Nachbild dessen, was als lebendiges Urbild in Christo vorhanden ist. Deshalb durfte er, wenn er gottgeheiligt bleiben sollte, ausschließlich zu geistlichem Gebrauche verwendet werden. Das ist der Grund, weswegen Christus es verwehrt, dass er in einen Handelsplatz umgewandelt wird. Er geht aus von der göttlichen Vorschrift, die wir jederzeit beachten müssen. Was uns auch Satan vorgaukeln mag, einerlei, ob es viel oder nur ein klein wenig von Gottes Gebot abweicht, wir müssen wissen, es darf nicht sein. Mit unseren gottesdienstlichen Gebäuden hat es nicht mehr genau die gleiche Bewandtnis; doch lässt sich, was von dem Tempel des alten Bundes gesagt wird, mit Fug und Recht auf die christliche Kirche übertragen. Sie ist das himmlische Heiligtum Gottes auf Erden. Deshalb muss uns die Hoheit Gottes immer vor Augen stehen, die in der Kirche wohnt, damit sie durch keinerlei Befleckung entweiht werde. Aber erst dann wird ihre Heiligkeit in voller Reinheit dastehen, wenn nichts in ihr Eingang gefunden hat, was dem Worte Gottes zuwiderläuft.

V. 17. Seine Jünger aber gedachten usw. Einige Ausleger machen sich viel unnötige Mühe mit der Frage: Wie sind wohl die Jünger auf diese Stelle der Schrift gekommen, in der sie doch damals noch keinen Bescheid wussten? Aber man braucht unseres Satz gar nicht so zu verstehen, als wäre ihnen gerade damals dieser Spruch ins Gedächtnis gekommen; das geschah vielleicht erst hinterher, als sie, von Gott belehrt, darüber nachdachten, was für eine Bedeutung diese Tat Christi habe, und der heilige Geist sie gerade auf diesen Spruch hinwies. Bei dem, was Gott tut, leuchtet uns nicht immer alsbald auch die Ursache ein. Oftmals enthüllt er uns erst später seinen Rat. Und das ist der trefflichste Zügel für unseren Eigenwillen, damit wir nicht murren, wenn wir sein Tun nicht recht verstehen. Wenn uns Gott so in der Ungewissheit lässt, soll uns das ein Fingerzeig dafür sein, dass wir die Zeit eines vollkommeneren Verständnisses seiner Wege in Geduld abzuwarten haben und die uns angeborene Hast und Ungeduld bezähmen müssen. Die volle Belehrung über das, was er tut, schiebt Gott auf, damit wir lernen, uns zu bescheiden. Der Sinn unserer Stelle ist der: die Jünger sind früher oder später einmal zu der Einsicht gelangt, dass Christus sich damals von brennendem Eifer um das Haus Gottes hat antreiben lassen, das zu beseitigen, wodurch der Tempel geschändet wurde. In dem angeführten Psalmworte will David gewiss zusammenfassend den gesamten Gottesdienst mit dem Namen des Tempels bezeichnen. Die Stelle lautet nämlich vollständig (Ps. 69, 10): „Denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen; und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen“.

Das zweite Glied des Verses entspricht dem ersten, ja, es ist zugleich eine Wiederholung und Auslegung dazu. Der Inhalt der beiden Versteile lässt sich so zusammenfassen: David hat sich dermaßen beunruhigt und abgesorgt um die Verteidigung der Ehre Gottes, dass er das eigene Haupt mit Freuden allen Schmähungen, welche verworfene Menschen gegen Gott schleuderten, hinhielt; der Eifer, von welchem er dabei glühte, war so groß, dass dagegen jede andere Empfindung völlig verschwand. Der Psalmist bezeugt, dass es dem David selbst so zu Mute gewesen ist; aber ohne Zweifel hat er in seiner Person ein Bild gezeichnet, dessen Züge bei dem Messias wiederkehren. Deshalb sagt der Evangelist, dies sei eines von den Merkmalen gewesen, an denen Jesus von seinen Jüngern als der Verteidiger und Wiederhersteller des Gottesreiches erkannt wurde. Beachtenswert ist übrigens, dass sie sich bei ihren Gedanken über Christum von der Schrift haben leiten lassen. Und sicherlich wird kein Mensch je erfassen, wer eigentlich Christus ist, oder worauf sein Tun und Leiden zielt, der nicht voll gläubigen Vertrauens die Schrift zur Führerin und Lehrmeisterin erwählt. Wer von uns also Christum immer besser kennen lernen möchte, muss emsig und ohne Unterlass die Schrift betrachten. Das Haus Gottes erwähnt David mit Bedacht, wo es sich um die Ehre Gottes handelt. Gott will, obschon er sich selbst genug ist, dennoch, dass in der Gemeinde seine Ehre verherrlicht werde. Er gibt uns einen einzigartigen Beweis seiner Liebe dadurch, dass er in unauflöslichem Verbande seine Ehre und unser Heil vereinigt. Nun gilt es, dass die Christen sich wetteifernd bemühen, Christo nachzuahmen, da ja aus dem Beispiele dessen, der das Haupt ist, für jedes der Glieder eine Lehre hervorgeht (Röm. 15, 2f.).

Dulden wir nicht, so viel an uns ist, dass der heilige Tempel Gottes irgendwie befleckt wird! Indes hat ein jeder sich zu hüten, dass er die Grenze seines Berufes nicht überschreitet. Heiliger Eifer muss uns alle, wie einst den Sohn Gottes, beseelen; aber es ist nicht ohne weiteres uns allen erlaubt, die Geißel zu schwingen und mit unserer Hand eingerissene Fehler abzustellen. Es ist uns weder die gleiche Vollmacht verliehen, noch auch das gleiche Amt übertragen.

V. 18. Was zeigst du uns für ein Zeichen? Wenn in einer so zahlreichen Menschenmenge niemand Hand an Christum legte, keiner von den Viehhändlern und Geldwechslern ihn mit Anwendung von Gewalt vertrieb, so kann man daraus schließen: sie waren sämtlich von einem gottgewirkten Schrecken dermaßen erfasst, dass sie, wie vom Donner gerührt, nur zu staunen vermochten. Und wären sie nicht so verblendet gewesen, sie hätten sich mit diesem hervorragenden Wunder begnügt, dass ein einzelner gegen viele, ein Waffenloser gegen kräftige Männer, ein Unbekannter gegen so angesehene Leute ein derartiges Wagstück unternahm. Weshalb leisteten sie ihm denn keinen Widerstand, da sie doch weit überlegen waren? Offenbar waren ihnen die Hände wie gelähmt und zerbrochen. Indes ist einiger Grund für ihre Frage vorhanden. Ist es doch keineswegs jedermanns Aufgabe, wenn sich im Tempel Gottes ein Fehler eingeschlichen hat, oder wenn ihm dort etwas missfällt, das alsbald zu ändern. Allen steht es frei, das Schlechte zu verdammen; aber einem Menschen ohne besonderes Amt wird, wenn er die Hand anlegt, um das Schlechte zu beseitigen, der Vorwurf allzu kühner Eigenmächtigkeit nicht erspart bleiben. Es war feste Sitte geworden, dass im Tempel verkauft wurde; so hat denn Christus etwas sehr Auffallendes unternommen, und wir können es wohl verstehen, wenn man verlangt, dass er sich als Gottgesandten ausweise. Galt doch der Grundsatz, dass nur der im öffentlichen Leben des Volkes Gottes eine Änderung treffen darf, der dazu Beruf und Auftrag von Gott hat. Ganz richtig! aber der Fehler liegt darin, dass man die Berufung Christi nicht eher gelten lassen wollte, als bis er eine Wundertat vollbracht hätte. Weder haben die Propheten und sonstigen Diener Gottes immerfort Wunder getan, noch hat Gott selbst sich zu etwas derartigem verpflichtet. Wenn die Juden also ein Zeichen begehren, machen sie willkürlich Gott Vorschriften.

Der Evangelist sagt, die Juden hätten diese Frage gestellt. Darunter versteht er jedenfalls die umstehende Volksmenge, sozusagen die gesamte Körperschaft der jüdischen Gemeinde. Er will sagen: das war nicht etwa nur die Rede des einen oder anderen, sondern die des ganzen Volkes.

V. 19. Brechet diesen Tempel. Diesen Worten liegt ein tieferer Sinn zugrunde. Absichtlich hat Christus so dunkel geredet, weil er die Juden einer offenen Antwort für unwürdig hielt. Er spricht ja auch gelegentlich den Grundsatz aus (Mt. 13, 13), dass er in Gleichnissen rede zu denen, die die Geheimnisse des Himmelreiches nicht zu fassen vermögen. Die Zeichenforderung schlägt er ihnen rundweg ab, - sei es, weil ein Zeichen doch nichts geholfen hätte, sei es, weil er wusste, dass der Zeitpunkt ungeeignet war. In anderen Fällen hat er zudringlichen Bitten auch wohl kleine Zugeständnisse gemacht. Es muss also hier ein gewichtiger Grund zur Ablehnung vorgelegen haben. Andeutungsweise redet er indes davon, dass seine Vollmacht einmal durch ein nicht alltägliches Zeichen werde bestätigt und beglaubigt werden; der Vorwand, die Juden seien durch den abschlägigen Bescheid, den sie empfangen haben, entschuldigt, wird ihnen dadurch genommen. Man hätte sich in der Tat keine größere Bestätigung der göttlichen Vollmacht Christi wünschen können, als seine Auferstehung von den Toten. In einem Bilde nur spricht er von ihr; er würdigt die Juden nicht einer klaren Verheißung. Alles in allem: Jesus behandelt die Ungläubigen, wie sie es verdienen, und zugleich verwahrt er sich gegen jegliche Verachtung. Doch kann man fragen: Was ist der Grund, dass er, der so viele und mancherlei Wunder getan hat, hier nur das eine berührt? Die Antwort ist: er hat von den anderen Wundern nichts gesagt, weil die Auferstehung allein genügte, die Gegner zum Schweigen zu bringen, und weiter, weil er die wunderwirkende Kraft Gottes ihrem Gespötte nicht preisgeben wollte. Aus diesem Grunde hat er auch von seiner glorreichen Auferstehung nur in verhüllter Rede gesprochen. Die Antwort, die Christus gab, passte vorzüglich zu der gegebenen Lage. Obschon nun der Ausdruck „Tempel“ den Umständen angepasst erscheint, so ist er doch eine vollkommen zutreffende Bezeichnung des Leibes Christi. 2. Kor. 5, 4 heißt der Leib eines jeden von uns eine Hütte, weil die Seele darin wohnt; der Leib Christi aber war die Wohnstätte seiner Gottheit. Der Sohn Gottes hat ja unsere Natur so angenommen, dass in seinem Fleische, als in einem Heiligtume die ewige Majestät Gottes wohnte. Wenn also auch unsere Leiber Tempel Gottes genannt werden (1. Kor. 6, 19), so geschieht dies doch in anderem Sinne: Gott wohnt in uns durch die Gnadenwirkung seines Geistes, in Christo aber wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig, sodass er in Wahrheit ist „Gott, geoffenbart im Fleisch“.

Ich will ihn aufrichten. Hier spricht sich Christus selber seine Auferweckung zu, während doch die Schrift an verschiedenen Stellen sie ein Werk Gottes des Vaters nennt. Ein Widerspruch liegt trotz des Anscheins jedoch nicht vor. Um die Macht Gottes zu betonen, schreibt die heilige Schrift das Werk der Auferweckung des Sohnes vom Tode dem Vater zu; hier aber predigt Christus seine Gottheit. Auch Paulus vereinigt beides, wenn er (Röm. 8, 11 vgl. 9) den Geist, den er als den Urheber der Auferweckung bezeichnet, abwechselnd „Geist Christi“ und „Geist des Vaters“ nennt.

V. 20 u. 21. In sechsundvierzig Jahren. Hiermit stimmt die Berechnung bei Daniel (9, 25) überein. Er zählt nämlich sieben Wochen, die einen Zeitraum von neunundvierzig Jahren bedeuten. Ehe die letzte Woche ganz beendet ist, soll der Tempel zerstört sein. Wenn bei Esra ein weit kürzerer Zeitraum angegeben wird, so streitet das durchaus nicht mit den Worten des Propheten, ungeachtet des gegenteiligen Anscheines. Als das Heiligtum eben errichtet war, ehe noch die anderen zum Tempel gehörigen Räumlichkeiten sämtlich vollendet waren, begann man schon Opfer darzubringen; nachher wurde der Ausbau infolge der Trägheit des Volkes lange hinausgeschoben, - wie aus den Klagen Haggais (1, 4) deutlich hervorgeht. Derselbe erhebt ernste Anklagen gegen die Juden, dass sie übermäßigen Eifer anwenden bei dem Bau ihrer eigenen Häuser und dagegen den Tempel Gottes als eine Ruine unvollendet stehen lassen. Aber was hat es denn für einen Sinn, dass die Juden jetzt von jenem alten Tempel aus Esras und Haggais Zeiten reden? War derselbe doch vor ungefähr vierzig Jahren von Herodes abgerissen worden. Den Tempel, welchen sie zu Jesu Zeiten hatten, - ein Gebäude von der größten Pracht, mit ungeheurem Kostenaufwand hergestellt, - hatte Herodes in der fast unglaublich kurzen Zeit von nur acht Jahren völlig ausgebaut, wie wir aus sicheren Geschichtsquellen wissen. Vermutlich haben die Juden alles, was von dem von Herodes abgebrochenen Tempel in Schrift und Überlieferung gesagt war, einfach auf den neuen Tempel übertragen, als wäre nie ein alter Tempel abgebrochen und ein neuer aufgebaut worden, - die Absicht dabei war dann: es sollte auch die ganze Verehrung, mit der man einst das alte Tempelgebäude umgab, unverkürzt auf den neuen Prachtbau übertragen werden. So entspräche es also dem künstlich gepflegten Volksglauben, wenn die Juden hier von sechsundvierzig Jahren sprechen. So lange haben in der Tat die Väter einst unter den äußersten Schwierigkeiten an dem alten Tempel gebaut. –

Die Antwort der Juden zeigt nun hinlänglich, was sie bei der Zeichenforderung im Sinne hatten. Wären sie bereit gewesen, einem von Gott gesandten Propheten ehrfurchtsvoll zu gehorchen, so hätten sie nicht so hochmütig weit von sich gewiesen, was Jesus von der Bestätigung seines Amtes gesagt hatte. Ein Zeugnis seiner göttlichen Vollmacht wollen sie haben. Aber es darf nicht göttlich groß ausfallen, sondern muss ihrem kleinen Menschenmaßstabe entsprechen. Ähnlich verlangen in unseren Tagen die Gegner der evangelischen Kirche Wunderzeichen zum Ausweise dafür, dass die Reformation den Auftrag zu einer neuen Tempelreinigung von Gott empfangen habe. Sie denken aber nicht daran, der Macht Gottes bei sich Raum zu gestatten. Sie haben nun einmal die vorgefasste Absicht, das, was Menschen sagen, dem vorzuziehen, was Gott sagt: sie wollen nicht ein Haar breit von den im Laufe der Jahrhunderte in der römischen Kirche angenommenen Sitten und Gebräuchen abgehen. Auch sie hängen, um nur einen scheinbaren Grund zu haben und sich nicht offen als Gottes Widersacher bloßzustellen, mit der Zeichenforderung ein schönes Mäntelchen um ihre Halsstarrigkeit.

V. 22. Da er nun auferstanden war usw. Mit dieser Erinnerung, welche den Jüngern aufstieg, verhält es sich ähnlich, wie mit der vorigen (V. 17): auch hier geht das Verständnis erst später auf. Was Christus damals sagte, schien in den Wind gesät, und brachte doch späterhin Frucht. Mag also auch uns immerhin noch so vieles an den Taten und Worten des Herrn zur Zeit dunkel sein, - deswegen brauchen wir die Hoffnung nicht aufzugeben, noch das gering zu achten, was uns nicht alsbald verständlich ist.

V. 23. Diese Mitteilung schließt sich gut an die vorhergehende Geschichte an. Ein Zeichen, wie es die Juden wünschten, hatte Christus nicht gegeben. Danach aber vollbrachte er eine Reihe von Wundern. Und was erreicht er mit ihnen? Nur, dass sie zu einem Glauben ohne Kraft und Wärme kommen. Dieser Erfolg gibt dem Herrn hinlänglich Recht in seiner vorigen Handlungsweise. Sie waren es tatsächlich nicht wert, dass er sich ihrem Ansinnen fügte. Es war zwar eine Art Erfolg seiner Zeichen, wenn viele an Christum glaubten. Ihr Glaube an seinen Namen (d. h. an seine Vollmacht) bestand offenbar darin, dass sie offen erklärten, sie wollten seine Lehre befolgen. Das ist ja schon etwas, wenn auch noch nichts Rechtes. Dieser Beinah-Glaube konnte bei aller ihm anklebenden Ohnmacht doch eines Tages in wirklichen Glauben ausmünden und eine brauchbare Vorbereitung zum Preis des Namens Christi gegenüber anderen sein. Es fehlte jedoch die Aufrichtigkeit des Herzens; und ohne dieselbe ist es unmöglich, in geistlichen Dingen vorwärts zu kommen. Trotzdem war der Glaube dieser Leute nicht Verstellung, darauf gerichtet, Bewunderung bei anderen zu erregen. Sie waren überzeugt: Christus ist ein großer Prophet. Vielleicht zollten sie ihm auch messianische Ehre, - wurde doch der Messias damals allgemein erwartet. Aber weil sie das eigentlich messianische Amt nicht im Auge hatten, sondern die Wunder, so war ihr Glaube ein verkehrter, der an der Welt und am Irdischen hing. Er war ohne Wärme und ohne Tiefe, ein bloßes äußerliches Mitmachen. Solche Menschen geben dem Evangelium ihren Beifall, nicht um Christo als gehorsame Diener anzugehören, auch nicht um in lauterer Frömmigkeit dem Rufe Gottes zu folgen, sondern weil sie die Wahrheit erkennen und nicht den Mut haben, sie stracks zu verwerfen, zumal, wenn gerade kein Anlass vorliegt, sich gegen ihre Annahme zu sträuben. Aus freien Stücken erklären sie Gott allerdings nicht den Krieg; sobald sie dann aber merken, dass seine Lehre ihrem Fleisch und ihren sündlichen Lüsten im Wege steht, geraten sie in Erbitterung oder geben doch wenigstens ihren Glauben auf. Die Leute also, von denen der Evangelist sagt „sie glaubten“, sehe ich nicht als solche an, die sich, ohne Glauben zu haben, anstellten, als ob sie solchen hätten. Sie sind vielmehr gewissermaßen in einer Zwangslage gewesen; sie mussten Christo den Messias-Namen geben. Dass ihr Glaube nicht recht und redlich war, ist daran ersichtlich, dass Christus sie von der Zahl der Seinigen ausschließt. Und wie er urteilt, so ist es recht. Man nehme hinzu, dass jener Glaube sich nur an die Wunder anklammerte und bislang noch keine Wurzel in dem Boden des Evangeliums getrieben hatte. So konnte er unmöglich von Bestand sein. Die Wunder des Gottessohnes sollten jenen Leuten behilflich sein, zum Glauben zu kommen; aber das heißt noch nicht Glauben, wenn sie Gottes Wunderkraft anstaunen und daraus den Schluss ziehen: also glauben wir, dass die Lehre wahr ist. Zum wahren Glauben fehlt dabei noch, dass sie nun auch mit Leib und Seele den Worten Christi untertänig werden. Wenn so gemeinhin von Glauben gesprochen wird, dürfen wir nicht vergessen, dass es einen Glauben gibt, der nur mit dem Verstande ergriffen wird und nachher leicht vergeht, weil er nicht im Herzensgrunde haftet. Das ist der von Jakobus (2, 17. 26) beschriebene tote Glaube; der wahre, lebendige Glaube stammt immer aus dem Geiste, welcher neue Menschen macht.

Merkt: was Gott tut, wirkt nicht bei allen Menschen das Gleiche. Einige kommen durch die Taten Gottes in die Gemeinschaft Gottes hinein. Andere werden dadurch nur von Schrecken erfasst; aber obgleich sie in Bewegung kommen und Gottes Machtwirkung bemerken, bleiben sie doch blind und hören nicht auf, sich von ihres eigenen Herzens Gedanken umtreiben zu lassen.

V. 24 u. 25. Jesus vertraute sich ihnen nicht. Christus zählte sie nicht zu seinen echten Jüngern. Er schätzte sie gering als solche, die er zu leicht erfunden hatte, und denen es am nötigen Ernst gebrach. Eine sehr merkwürdige Stelle. Nicht alle, die sich als Jünger Christi ausgeben, sieht er selbst für solche an. Doch wir müssen das Folgende noch hinzunehmen: denn er kannte sie alle. Die Heuchelei ist so außerordentlich gefährlich, aller anderen Ursachen zu schweigen, schon allein deshalb, weil sie so sehr häufig vorkommt. Fast jeder Mensch hat Gefallen an sich selber. Und weil wir mit leeren Schmeicheleien uns betrügen, meinen wir, Gott sei gerade so blind wie wir selbst. Hier aber werden wir daran erinnert, wie grundverschieden sein Urteil von dem unsrigen ist. Was uns um der Hüllen willen, mit denen es bedeckt ist, entgeht, das durchschaut er; was durch Flitterputz uns die Augen blendet, das beurteilt er nach der verborgenen Quelle, das heißt nach den geheimsten Herzensgedanken.

Das meint Salomo, wenn er (Spr. 21, 2) sagt: „Einen jeglichen dünkt sein Weg recht, aber der Herr wägt die Herzen“. Bedenken wir also wohl, dass das erst wahre Jünger sind, die ihm selber recht sind. Ihm steht allein die Entscheidung darüber zu. Weil also Jesus jene Halbgläubigen durchschaute, vertraut er sich ihnen nicht an. Er wusste, als der Herzenskündiger, wie es in ihrer Gesinnung und in ihrem Herzen aussah und konnte beurteilen, dass sie ihm innerlich fernstanden. Wenn etliche nun die Frage aufwerfen, ob wir denn auch diejenigen, welche noch keine Probe ihrer aufrichtigen Gesinnung abgelegt haben, nach Christi Vorbild vorerst für verdächtig ansehen sollen, so ist unserer Stelle dafür keine Bejahung zu entnehmen. Unsere Lage ist, mit der unseres Herrn verglichen, eine ganz andere. Christus wusste, bildlich geredet, auch, wie die Wurzeln der Bäume liefen; wir vermögen nur an den an den Ästen hängenden Früchten zu erkennen, was an einem jeden Baume ist. Da außerdem die Liebe, wie Paulus (1. Kor. 13, 4) bezeugt, nicht argwöhnisch ist, dürfen wir gegen Menschen, die wir nicht kennen, kein verkehrtes Misstrauen hegen. Damit wir übrigens nicht immerzu von heuchlerischen Menschen betrogen werden, und damit die christliche Kirche ihren gottlosen Betrügereien nicht ganz schutzlos ausgesetzt sei, kann Christus uns die Gabe verleihen, die Geister zu unterscheiden.



Kapitel 3

V. 1. Es war aber ein Mensch. An Nikodemus lässt uns der Evangelist sehen, wie unsicher und hinfällig der Glaube derjenigen war, die durch die Wunder sich bewegen ließen, Christo den Messiasnamen zu geben. Da dieser seines Standes ein Pharisäer war und in seinem Volke eine hervorragende Stellung innehatte, so hätte er die anderen weit überragen müssen. In der Masse des Volkes herrscht ja meist ein oberflächlicher Sinn. Aber wer hätte nicht einem so gelehrten und erfahrenen Manne zugetraut, dass er den rechten Ernst mitbringe und das Herz auf dem rechten Fleck habe? Und nun geht aus der Antwort Christi hervor, dass der Mann noch nicht einmal fähig war, das ABC wahrer Frömmigkeit zu erlernen. Wenn einer, der unter den Männern in erster Reihe steht, noch weniger ist als ein Kind, was soll man dann von dem großen Haufen denken? Die Absicht des Evangelisten ist gewesen, uns im Spiegelbilde zu zeigen, wie wenige in Jerusalem imstande waren, das Evangelium recht aufzunehmen. Doch hat diese Geschichte noch in anderen Beziehungen ihre hohe Bedeutung. Hauptsächlich werden wir durch sie belehrt über die Verderbnis der Menschennatur, über den rechten Eingang in Christi Unterweisung und über die Anfangsgründe, welche wir lernen müssen, wenn wir in der himmlischen Lehre Fortschritte machen wollen.

Doch bevor wir weitergehen, müssen wir aus den vom Evangelisten angeführten Einzelheiten erschließen, welches die Hindernisse waren, welche es dem Nikodemus unmöglich machten, sich Christo ganz hinzugeben.

Unter den Pharisäern. Dass Nikodemus ein Pharisäer war, gereichte ihm bei seinesgleichen zwar zur Ehre. Der Evangelist aber legt ihm nicht ehrenhalber diesen Titel bei, sondern will vielmehr damit ein Hindernis bezeichnen, das ihn zurückhielt, mit ganzer Seele zu Christo zu kommen. Das erinnert uns daran, dass die, welche in der Welt eine hohe Stellung innehaben, nur zu oft in schmachvollen Ketten gebunden sind. Ja, wir sehen viele so gefesselt, dass sie ihr ganzes Leben lang nicht einmal mit einem Seufzerlein nach dem Himmel verlangen. Der Name Pharisäer stammt von einem hebräischen Worte: „Peruschim“; sie legten sich diesen Namen bei, weil sie sich rühmten, die einzigen wahren „Ausleger“ des Gesetzes zu sein, als wären sie in den innersten Kern der Schrift eingedrungen und hätten ihren geheimen Sinn erforscht. Die Essener standen infolge ihrer strengeren Lebensweise im Rufe besonderer Heiligkeit; aber da sie in einsiedlerischer Abgeschiedenheit fern von dem Treiben der Menschen lebten, stand die Sekte der Pharisäer in höherer Achtung. Übrigens erwähnt der Evangelist nicht nur, dass Nikodemus ein Pharisäer, sondern auch, dass er einer der Obersten seines Volkes war.

V. 2. Der kam zu Jesu bei der Nacht. Daraus, dass er bei Nacht kam, ersehen wir, dass er übertrieben furchtsam war. Es war, als hätte der Glanz seiner Würde ihm die Augen geblendet. Für einen Besuch bei Tage stand auch wohl eine falsche Scham im Wege; ehrgeizige Leute meinen ja, es sei um ihren Ruhm geschehen, wenn sie von der erhabenen Höhe ihres Lehrstuhles einmal in die Reihe der Lernenden heruntersteigen. Ohne Zweifel war er von törichtem Wissensdünkel aufgeblasen. Kurz, da er etwas Großes aus sich machte, wollte er kein Quentchen seiner Würde preisgeben. Und doch, es zeigt sich ein Körnchen wahrer Frömmigkeit darin, dass er bei der Kunde von dem Eintreffen eines Propheten Gottes die vom Himmel hergebrachte Lehre nicht verachtet und übersieht, sondern von Verlangen danach erfasst wird, ein Gefühl, geboren aus Furcht und Achtung vor Gott. Viele kitzelt eine rein weltliche Neugier, sodass sie nach Abwechslung begehren, - das Alte ist ihnen langweilig geworden; bei Nikodemus ist es jedoch unzweifelhaft das Gewissen und der religiöse Sinn, der ihn antreibt, die Lehre eingehender kennen zu lernen. Und obwohl jenes Körnlein lange verborgen blieb, als wäre es ganz erstorben, - nach Christi Tod brachte es doch noch Frucht, wie sie niemand je gehofft hätte.

Meister, wir wissen usw. Diese Worte bedeuten so viel als: Lehrer, wir wissen, dass du als Lehrer gekommen bist. Dennoch enthalten sie keine unnötige Wiederholung. „Rabbi “, d. h. Meister war vielmehr damals der geläufige Titel eines Gelehrten. Mit dieser üblichen Anrede begrüßt also Nikodemus den Herrn, um dann weiter zu betonen, dass Gott ihn gesandt habe, um des Lehramtes zu walten. Das ist die Grundbedingung, an welche alles Ansehen der Lehrer in der Gemeinde gebunden ist. Unsere Weisheit müssen wir allein aus der Schrift schöpfen, und als Lehrer dürfen sich nur die vernehmen lassen, aus deren Munde Gott redet. Es ist wohl zu beachten, dass die Juden, mochte auch die Religion noch so tief herabgewürdigt und fast vernichtet sein, unentwegt an dem Satze festhielten: nur der ist zur Lehre berechtigt, der von Gott ausgegangen ist. Doch ist, da niemand stolzer und sicherer einer göttlichen Sendung sich rühmt als falsche Propheten, hier die Gabe der Geisterunterscheidung vonnöten. Deswegen fügt Nikodemus hinzu, Christi göttliche Sendung sei unleugbar, weil Gott seine Kraft in ihm handgreiflich offenbare. Dieser Rede liegt die Voraussetzung zugrunde, dass Gott durch seine Diener Wunder wirkt, umso das ihnen übertragene Amt zu besiegeln. Diese Annahme trifft zu, denn der Herr hat stets beabsichtigt, seine Wunder sollten die Siegel seiner Lehre sein. Auch darin hat Nikodemus das Rechte getroffen, dass er Gott zum alleinigen Urheber der Wunder macht mit den Worten:

Niemand kann diese Zeichen tun, es sei denn Gott mit ihm. Er will damit bekräftigen: so etwas zu tun steht nicht im Vermögen eines Menschen; hier waltet sichtlich Gottes Kraft in königlicher Hoheit. Alles in allem, da die Wunder eine doppelte Bedeutung haben, nämlich, dass sie zum Glauben vorbereiten und dass sie den aus dem Worte entstandenen Glauben noch besser befestigen, so haben sie ihre erste Wirkung an Nikodemus gezeigt; er erkennt an den Wundern, dass Christus ein wirklicher Prophet Gottes ist. Indes scheint das ein recht unsicheres Erkennungszeichen zu sein. Denn wenn einst falsche Propheten mit ihren Lügenwundern die Unerfahrenen in die Irre geführt und sich scheinbar als rechte Diener Gottes legitimiert haben, wie kann dann ein Glaube, der sich auf Wunder stützen soll, Wahrheit und Lüge unterscheiden? Mit Recht sagt Moses (5. Mo. 13, 4), dass Gott uns mit der Zulassung solcher Lügenwunder prüfen will, ob wir ihn von ganzem Herzen lieb haben. Auch Christus und Paulus haben bekanntlich die Gläubigen vor solchen Zeiten des Widerchrists gewarnt, von denen sich viele würden irreführen lassen (Mt. 24, 24). Gott lässt es in seiner Gerechtigkeit zu, dass die, welche es verdient haben, durch satanisches Blendwerk betrogen werden. Den Auserwählten dagegen wird in göttlichen Wundern zu hochwillkommener Bestätigung rechter und heilsamer Lehre Gottes Macht vor die Augen geführt. So rühmt sich Paulus (2. Kor. 12, 12), dass sein Apostelamt durch Zeichen und Wunder als echt verbürgt worden ist. Da, wo Finsternis herrscht, mag immer Gott vom Satan nachgeäfft werden. Wo jedoch die Augen geöffnet sind, sodass das Licht des Geistes der Wahrheit ins Herz hineinscheinen kann, da geben die Wunder ein hinlängliches, unumstößliches Zeugnis für Gottes Gegenwart, wie es Nikodemus an den Wundern Jesu verspürt hat.

V. 3. Wahrlich, wahrlich, ich sage dir. Wenn Christus das Wort „wahrlich“ (im Griechischen „Amen“) noch einmal wiederholt, so tut er das, um die Aufmerksamkeit zu erregen. Er will ja über die ernste und wichtigste Angelegenheit reden, die es geben kann; deshalb sah er es für notwendig an, den Nikodemus noch aufmerksamer zu machen, - er hätte sonst vielleicht diese ganze Rede wenig beachtet oder wäre doch leicht darüber hinweggegangen. Und wie ist es nun mit dieser Rede? Sie scheint weit hergeholt und hier wenig am Platze zu sein. Aber der Schein trügt in diesem Falle. Christus hätte gar nichts Passenderes sagen können. Wollte man auf ein Feld, an dem der Landmann nichts getan, säen, so würde die Aussaat verloren sein. Ebenso wäre das Evangelium einfach weggeworfen, wenn nicht zuvor der, welcher es hören soll, in der geeigneten Weise bearbeitet und willig gemacht würde, Belehrung und Weisung anzunehmen. Christus sah in das Herz des Nikodemus hinein. Und was sah er? Ein Feld von Dornen, einen Acker, dich überwachsen von lauter Unkraut, - kaum irgendwo ein Plätzchen für seine Lehre und seinen Geist. Was Jesus ihm sagt, ist dem Werke einer Pflugschar zu vergleichen, die den Acker reinigt, damit er durch sein Unkraut eine glückliche Aussaat des Wortes nicht unmöglich mache. Wir wollen deshalb wohl bedenken: was der Sohn Gottes damals seinem Gaste gesagt hat, ganz dasselbe sollen wir uns täglich gesagt sein lassen. Wer von uns will dagegen behaupten: mein Herz ist doch frei von argen Gedanken und bedarf einer solchen Reinigung nicht? Wollen wir Christum zum Lehrmeister annehmen und auch wirklich etwas Rechtschaffenes bei ihm lernen, so müssen wir den Anfang mit der Lektion machen, die er hier dem Nikodemus gibt.

Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde. Jesus will damit sagen: solange dir das fehlt, was im Reiche Gottes die Hauptsache ist, schlage ich es nicht hoch an, dass du mich als Lehrer anerkennst. Der erste Schritt ins Gottesreich heißt: sei ein neuer Mensch! Dieser Satz ist von höchster Bedeutung. Wir haben ihn also ganz genau zu untersuchen. Das Reich Gottes „sehen“ heißt so viel als: in dasselbe eintreten. Der Zusammenhang wird das noch bestätigen. „Reich Gottes“ aber ist durchaus nicht gleichbedeutend mit „Himmel“. Es bezeichnet vielmehr das Leben im Geiste, wie es im Glauben hier auf Erden begonnen wird und je mehr und mehr von Tag zu Tag zunimmt, entsprechend den ununterbrochenen Fortschritten des Glaubens. So ist der Sinn der: Niemand kann sich in Wahrheit der Kirche zugesellen und den Kindern Gottes zugezählt werden, er sei denn zuvor erneuert worden. Unsere Stelle enthält die kurze Schilderung, wie man überhaupt ein Christ wird. Auch lernen wir aus ihr, dass die natürliche Geburt uns ganz und gar nicht ins Reich Gottes bringt. Wir sind ihm fern und bleiben für immer von ihm geschieden, bis eine zweite Geburt andere Menschen aus uns macht. Der hier ausgesprochene Satz ist allgemein gültig und umfasst die gesamte Menschheit, nicht etwa nur bestimmte Personen. „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde“, - das ist sinnentsprechend widerzugeben: „Ein jeglicher Mensch, der nicht wiedergeboren ist“ usw. Die Wendung „von neuem geboren werden“ bezeichnet nicht eine Verbesserung eines Teils nur, sondern die Erneuerung der ganzen Menschennatur. Wenn eine solche aber nötig ist, dann ist gewiss in uns nur Sünde. Ist eine Neugestaltung sowohl des Ganzen als auch der einzelnen Teile nötig, dann muss eben die Verderbnis allenthalben verbreitet sein. Darüber bald ausführlicher. Man hat anstatt „von neuem“ auch übersetzen wollen: „von oben“. Das entsprechende griechische Wort kann in der Tat diese doppelte Bedeutung haben. Aber einmal hat Christus überhaupt nicht Griechisch, sondern sicherlich Hebräisch mit Nikodemus geredet; und dann hätte, wenn Jesus von einer Geburt von oben gesprochen haben würde, Nikodemus nicht irrtümlich auf den kindischen Gedanken haben kommen können, es handle sich um eine zweite fleischliche Geburt. Von der Rede Christi hat er nur so viel verstanden, dass ein Mensch noch einmal geboren werden müsse, bevor man ihn als zum Reiche Gottes gehörig ansehen könne.

V. 4. Wie kann ein Mensch geboren werden usw. Wenn auch die Redeweise, welche Christus gebraucht, im Gesetz und bei den Propheten nicht buchstäblich so vorkommt, so wird doch überall in der Schrift die Erneuerung erwähnt, ja sie gehört zum ABC des Glaubens. Schon aus dieser einen Stichprobe lässt sich ersehen, wie unfruchtbar das Bibelstudium der Schriftgelehrten gewesen ist. Wir dürfen es gewiss nicht nur diesem einen Manne zur Last legen, dass er nichts von der Gnadengabe der Wiedergeburt wusste, - vielmehr fast alle haben sich mit geistlosen Spitzfindigkeiten abgegeben. Und so wurde das, was die Hauptsache in der Lehre von einem frommen Leben ist, einfach nicht beachtet. Eine solche Behandlung der Schrift kommt noch heutzutage vor. Man grübelt vielleicht sein Leben lang über hohe Geheimnisse nach, aber was die echte Gottes-Verehrung, den des Heils gewissen Glauben und die einzelnen Erweisungen der Frömmigkeit anlangt, davon weiß man so wenig und so viel wie ein Schuhmacher oder ein Kuhhirt von der Sternkunde. Ja, man ist so verliebt in seine Grübeleien, dass man die einfachsten Grundlehren der Bibel verachtet. Es wäre ja eine Erniedrigung so hochgelehrter Leute, wenn sie sich um dergleichen kümmern wollten! Wir brauchen uns also nicht zu wundern, wenn Nikodemus hier sozusagen über einen Grashalm stolpert. So straft Gott den Dünkel derer, die die ausgezeichnetsten und höchsten Meister sein wollten: kommt ihnen die Lehre, die für jedermann bestimmt ist, ihrer Einfachheit wegen gar zu gewöhnlich, ja schmutzig vor, so müssen sie bald vor kinderleichten Dingen rat- und hilflos dastehen.

V. 5. Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist usw. Es gibt hierzu verschiedene Auslegungen. Nach den einen soll hier die Wiedergeburt in zwei Teile zerlegt werden; die Geburt aus dem Wasser bedeutet dann die Verleugnung des alten Menschen, unter der Geburt aus dem Geiste verstehen sie das neue Leben.

Andere sind der Meinung, es liege hier ein unausgesprochener Gegensatz vor; Christus wolle der irdischen, schwerfälligen Menschennatur die reinen und hellen Elemente, Wasser und Wind, gegenüber stellen und uns auffordern, mit Darangabe unserer fleischlichen Schwerfälligkeit dem klaren Wasser und der leichten Luft ähnlich zu werden, nicht so träge an der Erde zu haften, sondern aufwärts, dem Himmel zuzustreben.

Die beiden angeführten Auslegungen treffen indes nicht, was Christus meint. Die Mehrheit der Ausleger setzt das Wort „Wasser“ gleich „Taufe“. So würde der Sinn unserer Stelle sein: durch die Taufe kommen wir in das Reich Gottes, denn ihr macht der Geist Gottes neue Menschen aus uns. Daraus hat man dann gemacht: die Taufe ist unerlässlich notwendig zum Seligwerden. Aber, wenn wir auch einräumen würden, dass Christus hier von der Taufe redete, so würden wir uns doch entschieden gegen eine solche Ausdeutung der Worte verwahren. An ein äußeres Zeichen ist die Seligkeit nicht gebunden. Wenn Christus nicht bloß den Geist nennt, sondern auch noch das Wasser hinzufügt, so tut er das (falls Wasser gleich Taufe wäre) nur deshalb, weil dies augenfällige Sinnbild das neue Leben, welches einzig und allein der Geist Gottes in uns zustande bringt, bezeugt und versiegelt. Es ist allerdings wahr, dass die Verachtung der Taufe ein Seligkeitshindernis ist. In diesem Sinne sage ich: sie ist notwendig; aber die Heilsgewissheit an sie zu binden, wäre verkehrt.

Doch wir haben uns jetzt nicht mit der Lehre von der Taufe, sondern mit unserer Stelle zu beschäftigen. Und da kann ich mir nicht einreden lassen, dass Christus hier von der Taufe geredet haben sollte. Das wäre nicht am Platze gewesen. Damit wird ein jeder einverstanden sein, der fest im Sinne behält, was eigentlich Christus beabsichtigte; wir haben es ja vorhin auseinandergesetzt: er wollte den Nikodemus ermahnen, ein ganz neues Leben anzufangen, da dieser keinen Raum für das Evangelium in seinem Herzen hatte, ehe er begann, ein anderer Mensch zu sein. Jesu Meinung ist einfach diese: wir müssen, um Kinder Gottes zu sein, von neuem geboren werden, und der Urheber dieser Neugeburt ist der heilige Geist. Das erste Wort Christi hatte Nikodemus so verstanden, als sei darin eine Art Seelenwanderung gelehrt, eine Schwärmerei. Christus will dies Missverständnis zerstören und fügt alsbald zur näheren Erklärung seiner wahren Meinung hinzu: nicht auf dem Naturwege erleben die Menschen eine zweite Geburt, auch brauchen sie nicht mit einem anderen Leibe bekleidet zu werden, sondern diese Geburt findet statt, wenn Herz und Gemüt erneuert wird durch Begnadigung mit dem Geiste Gottes. Wasser und Geist ist ein und dasselbe. Diese Auslegung ist nicht hart, auch nicht gezwungen. So und so oft kommt es in der Schrift vor, dass bei der Erwähnung des Geistes, um die Wirkung, die er hat, zu bezeichnen, noch Wasser oder Feuer genannt wird. Wenn wir z. B. hören (Mt. 3, 11), dass Christus mit heiligem Geist und mit Feuer tauft, so ist doch das Feuer nichts Besonderes für sich – etwa ein Sakrament – sondern soll nur zeigen, was Gottes Geist an uns wirkt. Nun sagt man: ja, aber „Wasser“ steht doch an erster Stelle. Das macht keinen großen Unterschied. Im Gegenteil, so fließt die Rede besser als umgekehrt: zuerst die bildliche Bezeichnung und dann die klare, nackte Meinung. Christus will sagen: niemand ist ein Kind Gottes, bis er durch Wasser erneuert ist; dies Wasser aber ist der Geist, welcher uns wieder rein macht, und der uns, indem er sich kräftig auf uns ergießt, himmlische Lebenskräfte einhaucht, während wir ohne ihn dürr und saftlos sind. Mit gutem Grunde gebraucht Christus hier, um dem Nikodemus seine Unwissenheit vorzurücken, den gewohnten Schriftausdruck. Endlich musste er doch merken, dass Christi Worte aus der gemeinsamen Lehre der Propheten entnommen waren. Das Wasser bedeutet nichts anderes, als die inwendige Reinigung und Belebung durch den heiligen Geist. Man nehme hinzu, dass derartige Wortverbindungen, wie die unsere, nicht selten vorkommen, bei denen das erste Glied durch das zweite seine Erklärung findet. Der durchschlagende Grund für die vorgetragene Auslegung ist nun aber der weitere Verlauf der Rede Christi selbst. In den nächsten Sätzen (V. 6 – 8) wird bei näherer Belehrung über die Wiedergeburt das Wasser völlig mit Stillschweigen übergangen; es ist nur vom Geiste die Rede. Daraus folgt, dass auch hier das Wasser nicht noch etwas anderes bedeuten kann als der Geist.

V. 6. Was vom Fleisch geboren wird usw. Hier geht Christus vom Gegenteil aus, um zu beweisen, dass das Reich Gottes uns allen verschlossen ist, bis wir durch die Wiedergeburt den Eingang gefunden haben. Er setzt das Zugeständnis voraus: nur als geistlich gesinnte Menschen kommen wir hinein in Gottes Reich. Aber wir haben von Mutterleibe nichts an uns als nur die fleischliche Natur. Daraus folgt, dass wir alle von Natur außerhalb des Reiches Gottes leben und, des himmlischen Reiches beraubt, unter der Knechtschaft des Todes bleiben. Wenn übrigens Christus hier die Schlussfolgerung macht: weil die Menschen nur Fleisch sind, müssen sie wiedergeboren werden, so denkt er bei dem Ausdrucke „Fleisch“ zweifelsohne an den ganzen Menschen. Fleisch bezeichnet an unserer Stelle also nicht den Leib allein, sondern zugleich auch die Seele mit allem, was zu ihr gehört. Es ist albern, wenn man auf römischer Seite das Wort „Fleisch“ nur auf die sinnliche Seite des menschlichen Wesens beziehen will; der Ausspruch Christi wird dann sinnlos. Wenn bloß ein Stück an uns schlecht wäre, brauchte es keiner zweiten Geburt. Fleisch und Geist sind einander aufs schärfste gegenüber gestellt. Es ist der Gegensatz von verderbt und unschuldig, von verkehrt und richtig, von befleckt und heilig, von schmutzig und rein. Darum muss man zugestehen: mit dem einen Wort „Fleisch“ wird die ganze Menschennatur verdammt. Christus erklärt, unser Sinn und Verstand sei sündlich, weil er fleischlich ist; alle Gedanken des Herzens seien arg und verwerflich, weil auch sie fleischlich sind. Aber man kann hier die Frage aufwerfen: wenn doch ohne Zweifel in unserer entarteten und sündlichen Natur wenigstens noch ein geringer Rest der ursprünglichen göttlichen Ausstattung vorhanden ist, wie kann man dann sagen, dass wir ganz und gar verderbt seien? Die Lösung ist leicht: die Gaben, welche Gott nach dem Sündenfall uns gelassen hat, sind freilich, wenn sie an sich betrachtet werden, des Lobes wert; aber da alles, was an uns ist, von der Ansteckung des Bösen verpestet ist, findet sich in uns dennoch nichts Reines und von aller Befleckung Unberührtes. Wenn uns eine gewisse Gotteserkenntnis angeboren ist, wenn der Unterschied von Gut und Böse in unser Gewissen eingegraben ist, wenn wir fähig sind, unser zeitliches Leben zu schützen, wenn wir endlich in so mannigfacher Weise vor den Tieren bevorzugt sind, so ist alles das an und für sich, insofern es von Gott stammt, herrlich und gut; aber diese Dinge sind in uns, und eben dadurch sind sie befleckt. Dem besten Weine geht es ebenso, wenn man ihn in ein übelriechendes Gefäß gießt. Der Wein an und für sich ist gut, aber er verliert in einem solchen Gefäß völlig seinen Wohlgeschmack, ja, er wird herbe und ungenießbar. Die den Menschen noch übrig gebliebene Gotteserkenntnis ist nichts anderes, als eine schaurige Finsternis von Götzendienst und allerlei Aberglauben. Unser Urteil über das, was wir wählen und über das, was wir verwerfen sollen, ist zum Teil blind und verkehrt, zum Teil veränderlich und unklar. Was wir an Fleiß und tätigem Sinne besitzen, beschäftigt sich nicht selten mit Eitelkeiten und Kindereien. Der Wille aber selbst wird vermöge seiner Unreife von leidenschaftlichen Trieben ganz zum Bösen fortgerissen. Und so ist in unserer ganzen Natur kein Tropfen mehr unverdorben, woraus zu entnehmen ist: ein zweite Geburt muss uns zum Reiche Gottes befähigen. Das ist auch die Absicht der Worte Christi: weil der Mensch aus dem Schoße der Mutter nur fleischlich geboren wird, muss er durch den Geist neu gebildet werden, um einen geistlichen Lebensanfang zu gewinnen. Das Wort „Geist“ steht hier zuerst für die Gnade und dann für die Wirkung der Gnade. Zuerst lehrt Christus, dass der Geist Gottes der einzige Urheber der reinen und rechten Natur ist; danach bezeichnet er uns als geistliche Menschen von da ab, wo wir durch seine Kraft neu gemacht sind.

V. 7. Lass dich es nicht wundern. Im Allgemeinen steht fest, dass der Herr hier den Geist Gottes mit dem Winde vergleicht, dessen Kraft man spürt, dessen Herkunft und Quell jedoch verborgen bleibt. Aber ich werde versuchen, die wahre Meinung Christi doch noch deutlicher und bestimmter darzulegen. Ich behalte den Gesichtspunkt bei, dass Christus dem Naturlauf ein Gleichnis entnimmt. Nikodemus hielt das, was er von der Wiedergeburt und dem neuen Leben gehört hatte, für unglaublich, weil diese Art von Wiedergeburt sein Verständnis überstieg. Um ein derartiges Bedenken ihm zu nehmen, belehrt Christus ihn, dass auch in dem Leben der uns umgebenden Naturwelt die wunderbare Kraft Gottes sich zeigt, deren Art und Weise uns verborgen bleibt. Alle Menschen schöpfen aus der Luft ihren Lebensodem. Die Bewegung der Luft ist mit den Sinnen wahrzunehmen: woher indessen der Wind kommt und wohin er geht, wissen wir nicht. Wenn Gott in der der Vergänglichkeit verfallenen Schöpfung so gewaltig wirkt, dass wir gezwungen sind, über seine Macht zu staunen, wie sinnlos ist es dann, in dem himmlischen und übernatürlichen Leben sein geheimnisvolles Tun mit dem kurzen Maßstabe unserer Menschengedanken messen zu wollen, ja, wie sinnlos, zu sagen: „Ich glaube nur, was ich sehe!“ Ähnlich macht es Paulus 1. Kor. 15, 36 f., wo er sich gegen die wendet, welche die Lehre von der Auferstehung aus dem Grunde ablehnen, weil es unmöglich scheint, dass ein Leib, der im Schoße der Erde verwest, wenn er einmal in Staub, ja in Nichts verwandelt ist, mit Seligkeit und Unsterblichkeit bekleidet werden könne. Da wirft er den Zweiflern vor, dass sie in ihrer Flatterhaftigkeit nicht beachten, wie Gott am Weizenkorn in ganz ähnlicher Weise seine Kraft erweist. Ist das Korn ausgesät, so keimt es doch erst, wenn es faul geworden ist. Das ist Gottes wunderbare Weisheit, die David preist (Ps. 104, 24). Sie stumpfsinnig sind doch nun die Menschen, die sich durch das, was immer wieder im Reiche der Natur vorkommt, nicht antreiben lassen, eine Stufe höher zu steigen und zu sagen: noch weit mächtiger muss dann die Hand Gottes in dem geistlichen Reiche Christi wirken. Wenn übrigens Christus dem Nikodemus verwehrt, sich zu wundern, so dürfen wir das nicht so nehmen, als wolle er, dass wir ein so herrliches Werk Gottes etwa für ein Nichts achten, während es doch in hervorragendem Maße Bewunderung verdient; nur einer solchen Verwunderung sollen wir uns nicht hingeben, die uns am Glauben hindert. Viele verweisen alles ins Reich der Fabeln, was ihnen zu hoch und schwierig vorkommt. Nun wohlan, lasst uns nicht daran zweifeln: Gottes Geist vermag uns umzugestalten und neue Menschen aus uns zu machen, mag uns auch die Art, wie er das anfängt, verborgen sein.

V. 8. Der Wind bläst, wo er will. Das soll nicht heißen, der Hauch des Windes habe einen eigenen Willen, sondern vielmehr: er hat freie Bewegung, weht ungehemmt und in mannigfacher Weise; einmal nimmt er diese, das andere Mal jene Richtung. Das findet aber seine Anwendung auf den vorliegenden Fall: wenn der Wind in ununterbrochenem Laufe daherkäme wie das Wasser, so schiene uns dies weniger wunderbar.

Also ist ein jeglicher usw. Damit sagt Christus, dass in nicht geringerem Maße bei der Erneuerung eines Menschen eine Bewegung und Wirkung des Geistes Gottes zu bemerken sei, als in dem äußerlichen irdischen Leben eine solche der Luft; aber beide Male sei die Art und Weise verborgen. Undankbar seien wir also und von arger Gesinnung beseelt, wenn wir die ungreifliche Kraft Gottes bei der Schaffung des neuen himmlischen Lebens nicht anbeten, da er uns doch ein so herrliches Beispiel dieser seiner Macht in dieser Welt zeigt, und wenn wir ihm weniger Macht zugestehen bei der Wiederherstellung des Heiles der Seele, als wie er sie uns unablässig bei der Erhaltung unseres Lebensweges zeigt. Übrigens wird dieser Satz, der die Anwendung des Gleichnisses bringen soll, etwas deutlicher, wenn man ihn so wiedergibt: ebenso zeigt sich die Kraft und Wirkung des heiligen Geistes bei einem wiedergeborenen Menschen.

V. 9. Wie mag solches zugehen? An diesem Einwurf des Nikodemus sehen wir, was ihm vor allem im Wege steht. Was er da zu hören bekommt, sieht er als etwas recht Ungeheuerliches an, weil er die Art und Weise nicht zu fassen vermag. So gibt es für uns Menschen kein schlimmeres Hindernis als unsere eigene Anmaßung, dass wir nämlich immer klüger sein wollen als uns zukommt, und dass wir mit geradezu teuflischer Missachtung weit wegwerfen, war wir nicht mit unserem Verstande durchschauen können. Als wäre es recht, die unermessliche Macht Gottes auf ein so enges Maß zu beschränken! So weit wir es vermögen, dürfen wir zwar der Art und Weise der Werke Gottes nachforschen, wenn wir es nur mit nüchternem, ehrfurchtsvollem Sinne tun. Nikodemus fragt aber so, weil er das als fabelhaft von sich weist, was er für undenkbar hält. Über denselben Gegenstand wird das 6. Kapitel eine ausführlichere Verhandlung bringen.

V. 10. Bist du ein Meister in Israel. Weil Christus sieht, dass er gegenüber einem so hochmütigen Menschen mit Belehrungen nicht weiterkommt, so wendet er sich zum Tadel. Und sicherlich werden solche Leute keinen Fortschritt im Unterricht machen, bis ihnen das falsche Selbstvertrauen, das sie aufbläht, ausgetrieben ist. Jesus wendet nur das denkbar passendste Mittel an, den Verstandeshochmut empfindlich zu demütigen. Denn in einem Stücke, in welchem Nikodemus besonders scharfsinnig und gut sein will, wirft er ihm grobe Unwissenheit vor. Nikodemus hielt es für einen Beweis seiner Bedachtsamkeit und seines Scharfblickes, dass er etwas so Unmögliches sich nicht bieten ließ, weil doch nur ein leichtgläubiger Mensch einem anderen aufs Wort glaubt, ohne genau zu untersuchen, wie sich die Sache verhält. Und dabei macht er sich mit seiner Gelehrtenhoffart nur lächerlich; es hapert bei ihm in den elementarsten Dingen schlimmer, als bei einem Kinde. Dass er gegenüber dem, was er gehört hat, so voller Bedenklichkeit ist, gereicht ihm zu Schmach und Unehre. Was bleibt denn noch übrig von Religion, von Gotteserkenntnis, ja, wie kann man ein frommes Leben führen, wenn man die Wahrheit preisgibt, dass der Mensch durch den Geist Gottes erneuert wird?

Es liegt starker Nachdruck auf dem Wörtchen „das“. Du weißt das nicht? Weil die Schrift gerade dieses Stück der Lehre immer und immer wieder treibt, sollte es doch auch den untersten ABC-Schützen nicht unbekannt sein. Deshalb ist es ganz unerträglich, dass einer hierin so unwissend und roh ist, der sich zugleich für einen Lehrer der Gemeinde Gottes ausgibt.

V. 11. Wir reden, das wir wissen. Einige beziehen das auf Christus und Johannes den Täufer; andere sagen: die Mehrzahl ist hier statt der Einzahl gesetzt. Ich aber zweifle nicht, dass Christus sich hier mit allen Propheten Gottes zusammenrechnet und sozusagen als der Mund von ihnen allen redet. Weltweise und andere aufgeblasene Lehrer mögen leeres Geschwätz eigener Erfindung vorbringen: Christus aber spricht sich und allen Dienern Gottes das als etwas Eigentümliches zu, dass sie nur sichere Lehre vortragen. Gott sendet nicht solche, die über unbekannte, zweifelhafte Sachen schwatzen sollen, sondern er bildet seine Boten in seiner Schule, damit sie das, was sie von Gott selbst gelernt haben, an andere weitergeben. Wie nun Christus mit diesem Spruche uns die Zuverlässigkeit seiner Lehre versichert, so schreibt er damit auch allen seinen Dienern das Gesetz der Bescheidenheit vor: sie dürfen der Gemeinde nicht eigene Träumereien oder Vermutungen aufnötigen, dürfen nicht menschliche Erdichtungen vortragen, denen die feste Grundlage fehlt, sondern sie haben im Blick auf Gott ein zuverlässiges und reines Zeugnis abzulegen. Sehe also jeder wohl zu, was ihm von dem Herrn offenbart ist. Hüte sich ein jeder, über die Schranken, die seinem Glauben gezogen sind, hinwegzuspringen und etwas anderes zu sagen, als was er vom Herrn gehört hat! Man beachte noch, dass Jesus hier einen feierlichen Schwur auf seine Lehre ablegt, der uns ihr Ansehen heilig verbürgt: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir!

Ihr nehmt das Zeugnis nicht an. Das wird hinzugefügt, damit dem Evangelium kein Abbruch geschehe. Die Wahrheit Gottes findet nur bei Wenigen Glauben; allenthalben wird sie von der Welt verschmäht. Eben deshalb muss sie vor Verachtung geschützt werden. Ihre Erhabenheit darf nicht um deswillen im Preise sinken, weil fast die ganze Welt hochmütig auf sie heruntersieht und sie durch ihre Gottlosigkeit in Schatten stellt. Einfach und unmissverständlich ist der Sinn der Worte, doch haben wir uns eine doppelte Lehre daraus zu nehmen.

Einmal, dass bei uns der Glaube an das Evangelium nicht ins Wanken kommen darf, wenn es auf Erden nur wenig Schüler hat. Christus will sagen: Sei es drum, dass ihr meine Lehre nicht annehmt, - sie bleibt nichts desto weniger fest und unerschütterlich, denn der Unglaube der Menschen wird niemals die Wirkung haben, dass Gott nicht immerdar wahrhaftig bleibt.

Zweitens, dass diejenigen nicht straflos ausgehen werden, welchen heutigen Tags dem Evangelium den Glauben versagen, da die Wahrheit Gottes heilig und unverletzlich ist.

Mit diesem Schilde müssen wir uns decken, um gegenüber der Widerspenstigkeit der Menschen im Gehorsam gegen das Evangelium fortzufahren. Allerdings ist als Grundsatz unbedingt festzuhalten: unser Glaube muss in Gott selbst begründet sein. Sobald wir aber Gott zum Urheber unseres Glaubens haben, sind wir voll berechtigt, gleichsam über alle Himmel emporgetragen, in Sicherheit, der ganzen Welt Trotz zu bieten und von unserem hohen Standorte in ungestörter Seelenruhe herabzublicken auf den Unglauben etlicher Menschen. Wenn Christus sich beklagt, dass sein Zeugnis nicht angenommen wird, so ersehen wir daraus, dass in allen Jahrhunderten das Schicksal des Wortes Gottes das gleiche gewesen ist: nur bei wenigen hat des Glauben erlangt. Die Worte: „ihr nehmt es nicht an“ treffen die große Mehrzahl und fast das ganze Volk. Deshalb braucht die geringe Anzahl der Gläubigen heutigen Tages uns nicht zu ängstigen.

V. 12. Wenn ich euch von irdischen Dingen sage. Christus urteilt, es müsse dem Nikodemus und seinesgleichen als Schuld angerechnet werden, wenn sie in der Lehre des Evangeliums schlechte Fortschritte machen. Er selbst lässt nichts unversucht, um uns verständlich zu unterweisen. Auf die Erde steigt er herab, um uns in den Himmel empor zu heben. Es ist ein weit verbreiteter Fehler, dass die Menschen ein Verlangen nach besonders feiner, scharfsinniger Belehrung tragen. Daher haben viele eine ganz besondere Vorliebe für Gedankengebäude mit hohem und absonderlichem Inhalt. Davon kommt es auch, dass die meisten das Evangelium recht gering schätzen, weil sie darin keinen Schall von hohen Worten finden, der ihnen die Ohren füllt. Deshalb halten sie es nicht für der Mühe wert, sich mit der Erforschung dieser so gewöhnlichen und gemeinen Lehre zu beschäftigen. Dass wir nur aus dem Grunde Gott weniger Ehre geben, weil er sich zu unserer Einfalt herablässt, wenn er mit uns spricht, das ist ein Beweis von Gottlosigkeit, so groß, wie man ihn sich nur denken kann. Wir sollen wissen, dass der Herr, wenn er in der Schrift so recht handgreiflich und wie es das Volk versteht mit uns redet, das gerade aus liebevoller Rücksicht auf uns tut. Wer prahlerisch behauptet oder sich wenigstens damit entschuldigt, dass ihm diese Niedrigkeitsgestalt des göttlichen Wortes ein Glaubenshindernis sei, der ist ein Lügner. Wer es nicht fertig bringt, Gott zu umfassen, wenn er ihm so nahe kommt, der wird noch viel weniger auf Flügeln über die Wolken zu ihm emporzuschweben vermögen. Unter „irdischen Dingen“ wollen einige die elementarsten Wahrheiten der geistlichen Lehre verstehen, wie z. B. die Selbstverleugnung, welche gewissermaßen das erste Probestück der Frömmigkeit ist. Doch ich schließe mich lieber denen an, die diesen Ausdruck auf die Form der Rede beziehen. Denn wenn auch die Predigt Christi durch und durch himmlisch war, hat er doch in so schlichter Weise gesprochen, dass die Rede selbst in gewissem Sinne als irdisch angesehen werden könnte. Übrigens gelten diese Worte nicht bloß von der Rede, an der wir eben stehen. Die gewohnte Redeweise Christi, das heißt, seine volkstümliche Einfalt wird hier verglichen mit dem Redeprunk und Glanz, nach dem eitle Menschen ein so leidenschaftliches Verlangen tragen.

V. 13. Niemand fährt gen Himmel usw. Nochmals ermahnt der Herr den Nikodemus, nicht auf sich und seinen Scharfsinn zu vertrauen; denn kein sterblicher Mensch könne durch eigene Anstrengung in den Himmel eindringen, es sei denn, dass er unter Anleitung des Sohnes Gottes dorthin strebe. Die Auffahrt in den Himmel bedeutet die reine Erkenntnis der Geheimnisse Gottes und das Licht geistlicher Einsicht. Christus lehrt hier ganz das Gleiche wie Paulus 1. Kor. 2, 14, nämlich, dass der natürliche Mensch nichts vernimmt von dem, was Gottes ist. Christus erklärt den Menschengeist, und wäre er noch so scharfsinnig, für völlig unfähig zur Erkenntnis alles dessen, was Gott betrifft; das Gebiet des menschlichen Geistes liegt viel niedriger. Doch beachten wir genau: nur Christus, der ja himmlisch ist, steigt zum Himmel empor, allen anderen ist der Eingang versperrt. Paulus heißt uns in unseren eigenen Augen Toren werden, wenn wir vor Gott weise zu sein begehren (1. Kor. 3, 18). Dazu verspüren wir freilich durchaus keine Neigung. Deshalb gilt es, den Satz festzuhalten: alle unsere Gedanken sind schwach und unzureichend, wenn es sich um Gott handelt. Der Himmel ist für uns verschlossen. Aber Christus zeigt uns einen Ausweg. Wenn er allen anderen die Erkenntnis abspricht, so fügt er doch hinzu: außer des Menschen Sohn. Wenn Jesus in den Himmel emporgeht, tut er das nicht für sich und allein, sondern um unser Führer und Leiter zu werden. Aus diesem Grunde gerade hat er sich Menschensohn genannt, damit wir nicht zweifeln: wir dürfen mit ihm zum Himmel eingehen. Er hat unser Fleisch angezogen, um uns zu Genossen alles Guten, das er hat, zu machen. Da er ganz allein in den Rat des Vaters mit eingeweiht ist, lässt er auch uns hineinschauen in jene Geheimnisse, welche sonst verborgen bleiben würden. Was hat es denn aber für einen Sinn, wenn es von diesem Menschensohne heißt, dass er im Himmel ist zu eben der Zeit, in welcher er auf Erden wohnt? Die Antwort, dass dies nur für seine Gottheit, nicht für seine Menschheit gelte, ist unzutreffend; denn hier heißt es ausdrücklich, dass er als Menschensohn im Himmel ist. Man könnte sagen: hier ist ja nicht von einem örtlichen Himmel die Rede, sondern nur von der inneren Stellung Christi, die ihn als den Erben des Himmelreichs von allen anderen Menschen unterscheidet; sie sind draußen, er ist drinnen. Aber man braucht die Lösung der Schwierigkeit nicht so weitab zu suchen: Christus ist doch nur der eine Christus, und um dieser Personeinheit willen kommt es unzählig oft vor, dass, was der einen Natur eigen ist, auf die andere übertragen wird. Der Christus, welcher im Himmel wohnt, ist mit unserem Fleische bekleidet, um die Bruderhand nach uns auszustrecken und uns zu sich in den Himmel zu heben.

V. 14 u. 15. Und wie Moses usw. Nunmehr setzt Jesus näher auseinander, weshalb und wozu er sagte, dass nur für ihn der Himmel offen sei. Er tat es darum, damit er alle dorthin führe, welche ihm als ihrem Führer folgen wollen. Er bezeugt, dass er sichtbar vor aller Augen gestellt werden solle, um seine Kraft auf alle auszuströmen.

Erhöhet werden bedeutet: an einem hohen und erhabenen Platze aufgestellt werden, um für jedermann sichtbar zu sein. Das ist mit Christo durch die Predigt des Evangeliums geschehen. Andere lassen es durch das Kreuz geschehen sein; doch passt das nicht in den Zusammenhang und die Absicht der ganzen Rede hinein. Der einfache Sinn der Worte ist der: durch Verkündigung des Evangeliums soll Christus gleich einem Panier hoch aufgerichtet werden, um aller Augen auf sich zu ziehen, wie ja Jesaja (2, 2) geweissagt hatte. Als Vorbild dieser Erhöhung führt der Herr die eherne Schlange an, die Moses einst aufgerichtet hatte, und deren Anblick denen zum Heilmittel diente, welche durch den tödlichen Biss der Schlangen verwundet worden waren (4. Mo. 21, 9). Christus will damit sagen, er müsse durch die Lehre des Evangeliums vor aller Augen gebracht werden, damit ein jeder, der ihn im Glauben angeschaut habe, das Heil erlange. Daraus können wir die Folgerung ziehen: Christus wird uns im Evangelium hell und deutlich vor die Augen gebracht, und es braucht sich niemand über Undeutlichkeit zu beklagen; diese Offenbarung aber ist für jedermann da, und der sieht Jesum recht, der ihn im Glauben ansieht als wirklich gegenwärtig. So braucht auch Paulus (Gal. 3, 1) den Ausdruck, dass die Predigt des Evangeliums Christum samt seinem Kreuze den Hörern vor die Augen male. Der Vergleich mit der ehernen Schlange ist übrigens durchaus nicht gesucht oder weit hergeholt. Sie sah nur von außen wie eine Schlange aus, inwendig war kein todbringendes Gift. So hat Christus nur die Gestalt des Sündenfleisches angenommen und war doch vollkommen rein von Sünden, um so die tödliche Wunde an uns, die Sünde, zu heilen. Nicht unabsichtlich hat der Herr vor Zeiten, als die Juden von Schlangen verwundet worden waren, ein derartiges Gegenmittel gegen die Vergiftung angewendet. Das gab jetzt den Worten, welche Christus sprach, noch ein besonderes Gewicht. Denn als er merkte, dass er als ein unbekannter, hergelaufener Mensch gering geachtet wurde, konnte er gar nichts Passenderes vorbringen, als die Erhöhung der Schlange. Er will damit sagen: Ihr braucht es durchaus nicht für so undenkbar anzusehen, dass ich aus unansehnlicher Stellung wider Menschenerwarten emporkomme; das ist ja in dem Vorbild der Schlange schon im Gesetz angedeutet worden. Man fragt nun: Was für eine Bedeutung hat der Vergleich Christi mit der Schlange? Soll er bloß sagen, dass sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen beiden befindet, oder will Christus zu verstehen geben, dass jenes eherne Bild, ebenso wie das Manna, ein Sakrament gewesen ist? Das Manna war ja zunächst eine zum täglichen Gebrauch bestimmte Speise; doch bezeugt Paulus, dass es gleichzeitig eine „geistliche Speise“ gewesen ist (1. Kor. 10, 3). Ich möchte bei der ehernen Schlange das Gleiche annehmen; die vorliegende Stelle legt es nahe, und die Tatsache, dass sie für später aufbewahrt worden ist, bis der Volksaberglaube sie zu einem Götzenbilde machte, spricht ebenfalls dafür. Ist jemand anderer Meinung, so will ich mit ihm nicht streiten.

V. 16. Also hat Gott die Welt geliebt usw. Dieses Wort erschließt uns den letzten Grund und den Urquell unseres Heils in einer solchen Weise, dass gar kein Zweifel mehr aufkommen kann. Nicht eher haben unsere Seelen einen festen Ruhepunkt gefunden, als bis sie zur Gnade und Liebe Gottes gelangt sind. Alles, was unser Heil anlangt, ist bei Christo und nirgend anders zu suchen. Aber nun sollen wir erfahren, wo dieser Strom des Heils entsprungen ist, warum uns der Heiland gegeben ward. Zweierlei wird hier gezeigt: einmal, dass der Glaube an Christus für jedermann Leben bringend ist, und dann, dass Christus aus dem einen Grunde sein Leben dargebracht hat, weil der himmlische Vater nicht haben will, dass das von ihm geliebte Menschengeschlecht zu Grunde geht. Wie steckt doch uns allen jener gottlose Ehrgeiz im Blute, dass alsbald, wenn es sich um den Grund für unsere Rettung handelt, teuflische Einbildungen eigener Verdienste sich einstellen. Wir tun so, als wäre Gott uns deshalb gütig, weil er uns seiner Berücksichtigung wert gefunden habe. Ganz anders die Schrift!

Sie erhebt überall seine lautere, große Barmherzigkeit und lässt eben damit eigene Verdienste der Menschen nicht gelten. Das ist es auch ganz genau, was Christus meint, wenn er den Grund unseres Heils einzig in die Liebe Gottes setzt. Wollten wir noch weiter zurückgehen auf den Urgrund unseres Heils, so kämen wir vor eine verschlossene Tür. Paulus lehrt, dass diese Liebe Gottes ihren Grund in dem Wohlgefallen seines Willens (Eph. 1, 5) hat. Es liegt auf der Hand, dass Christus so geredet hat, um die Menschen von dem Rückblick auf das eigene Ich loszumachen und sie zu der Barmherzigkeit Gottes hinzuführen. Und er sagt nicht das Mindeste davon, dass Gott an uns irgendetwas bemerkt habe, womit wir die große Wohltat der Erlösung verdient hätten, - nein, den Ruhm unserer Befreiung schreibt er rundweg nur seiner Liebe zu. Der ganze Zusammenhang macht das deutlich. Jesus fügt ja hinzu, dass der Sohn für die Menschen dahingegeben ward, damit sie nicht verloren werden. Daraus folgt: bis Christi Hilfe sich zu den Verlorenen neigt, sind alle zum ewigen Verderben bestimmt. Dasselbe spricht Paulus aus, indem er auf den Zeitpunkt hinweist: da wir noch Feinde waren durch die Sünde, sind wir schon geliebt worden (Röm. 5, 10). Wo aber die Sünde noch herrscht, werden wir sicherlich nur den Zorn Gottes finden, welcher den Tod mit sich führt. Allein die Barmherzigkeit ist es also, die uns mit Gott versöhnt, um uns wieder ins Leben zu versetzen.

Übrigens scheint die Redeweise hier mit vielen anderen Aussagen der Schrift zu streiten, welche zeigen, wie die Liebe Gottes gegen uns erst in Christo begründet ward, wie wir aber außerhalb der Gemeinschaft mit Christus Gott verhasst sind. Man halte indessen im Sinne, was ich vorhin sagte, nämlich, dass jene verborgene Liebe, mit welcher der himmlische Vater uns umfing, weil sie in seinem ewigen Wohlgefallen ihren Ursprung hat, allen anderen Ursachen übergeordnet ist; die Gnade aber, die nach seinem Willen uns bezeugt werden soll, und durch welche wir zur Heilsgewissheit ermutigt werden, nimmt ihren Anfang bei der durch Christum erworbenen Versöhnung. Gott muss ja notwendig die Sünde hassen. Wie könnten wir glauben, dass er uns liebt, solange für die Sünden keine Sühne beschafft ist? Muss er uns doch in Ansehung unserer Sünden zürnen. Das Blut Christi muss vermitteln und Gott mit uns versöhnen; dann erst können wir fühlen, dass sein Vaterherz für uns voller Wohlwollen ist. Wie wir übrigens hier hören, dass Gott, weil er uns liebte, seinen Sohn für uns in den Tod gegeben hat, so werden wir bald weiter hören, dass es Christus ganz allein ist, auf den der Glaube zu sehen hat. Gott hat seinen eingeborenen Sohn dahingegeben, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht. Das ist wahrlich der liebste Anblick des Gläubigen: Christus, in dem das von Liebe überströmende Herz Gottes sichtbar wird! Der hat einen Halt, der nimmermehr ins Wanken kommt, der sich auf den Tod Christi verlässt als auf das einzige Unterpfand seines Heils.-

Heißt Christus der eingeborene Sohn, so soll uns dies einen besonders tiefen Eindruck von Gottes Liebe erwecken. Nicht leicht gewinnt ja ein Mensch eine vollkommene, zweifelsfreie Überzeugung davon, dass Gott ihn liebt. Darum sagt der Herr ausdrücklich, dass Gott uns zu liebe nicht einmal seinen eingeborenen Sohn verschont hat. So hoch und teuer hat er uns seine Liebe bezeugt. Wer, mit solchem Zeugnis nicht zufrieden, noch in Ungewissheit hin und her schwankt, der fügt Christo keine geringe Beleidigung zu; er tut nämlich so, als sei, da Christus gekreuzigt wurde, niemand Besonderes, sondern ein beliebiger Mensch, wie jeder andere auch, in den Tod gegangen. Wahrhaftig, nein! Im Gegenteil, wir müssen die Sache so ansehen: Gott schätzt den Wert seines einigen Sohnes unermesslich hoch ab; aber genau ebenso kostbar ist ihm unser Heil. Er selber wollte, dass der Preis dafür der Tod seines einigen Sohnes sein sollte. Übrigens steht Christo dieser Name von Rechts wegen zu, da er von Natur allein der Sohn ist. Diesen Ehrennamen teilt er mit uns erst dann, wenn wir, zu Kindern Gottes angenommen, seinem Leibe eingefügt werden.

Auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden. Das höchste Lob für den Glauben: er bewahrt uns vor dem ewigen Verderben! Obwohl wir von Geburt an dem Tode verfallen zu sein scheinen, bietet sich uns im Glauben an Christum unverhofft ein Ausweg dar, sodass der Tod alle Schrecken für uns verliert. „Die an ihn glauben“, heißt es für jedermann, - eine Einladung für alle, auch ihren Anteil am Leben sich zu sichern, sowie ein Abschneiden aller Entschuldigung für den, der nicht glaubt. Denselben Zweck hatte auch schon der Hinweis auf die „Welt“. Gott vermag zwar in der Welt nichts zu finden, was ihm seine Huld abnötigte; dennoch zeigt er sich gütig gegen die ganze Welt. Alle ohne Ausnahme beruft er zum Glauben an Christum und eben damit zum Eingang ins Leben. Doch mögen wir uns daran erinnern, dass, trotz der Verheißung des Lebens in Christo für alle Gläubigen, der Glaube durchaus nicht jedermanns Ding ist. Christus steht zwar offen und zugänglich vor jedermann, Gott öffnet jedoch nur den Auserwählten die Augen, dass sie ihn im Glauben suchen. Von einer wunderbaren Wirkung des Glaubens redet unsere Stelle. Durch ihn nehmen wir Christum so auf, wie ihn uns der Vater geben will, nämlich als den, der uns von der Verhaftung unter dem ewigen Tod befreit und durch das Opfer seines Todes unsere Sünden gesühnt hat, damit nichts im Wege sei, dass Gott uns als seine rechten Kinder anerkennt. Der Glaube umfasst Christum mitsamt der Wirkung seines Todes und der Frucht seiner Auferstehung. Nun versteht es sich von selbst, dass wir durch den Glauben das Leben erlangen. Das „dass“ ist also klar, aber noch nicht das „warum und wie“. Bringt uns der Glaube das Leben, weil Christus durch seinen Geist neue Menschen aus uns macht, in welcher die Gerechtigkeit Gottes zu Kraft und Leben gekommen ist, oder weil wir, durch sein Blut von Sünden gereinigt, aus freier Gnade von Gott für gerecht angesehen werden? Beides ist allerdings regelmäßig miteinander verbunden. Aber hier handelt es sich um die Heilsgewissheit. Und da ist vor allem dieser Gedanke festzuhalten: das Leben ist deshalb uns geschenkt, weil Gott uns in freier Vergebung der Sünden seine Liebe zuwendet. Deshalb wird hier das Opfer erwähnt, durch welches sowohl die Sünden als auch Schmach und Tod weggeschafft worden sind. In uns selber haben wir kein Leben; nur in Christo können wir wieder zum Leben kommen. Bei dem traurigen Zustande der Menschheit kommt zuerst die Erlösung und dann die Errettung, zuerst die Vergebung der Sünden und dann das neue Leben.

V. 17. Gott hat seinen Sohn nicht gesandt, dass er die Welt richte, d. h. verdamme. Dieser Hinweis auf den Zweck der Sendung Christi dient dem vorigen Satze zur Bestätigung. Jesus kam nicht, um zu verderben: vielmehr besteht das Amt des Sohnes Gottes darin, allen, die an ihn glauben, das Heil zu schenken. Es ist also kein Grund vorhanden, dass sich jemand mit Bedenken trage oder ängstlich sorge, wie er dem Tode entfliehen könne; wir werden ja versichert, dass Christus uns nach Gottes Ratschluss dem Tode entreißen soll. Wiederum ist von der ganzen „Welt“ die Rede, damit niemand sich für ausgeschlossen halte: nur den Weg des Glaubens muss er innehalten. Wenn Christus in Abrede stellt, dass er gekommen sei, um die Welt zu verdammen, so bezeichnet er damit den eigentlichen Zweck seines Kommens. Sein Kommen wäre unnötig gewesen, wenn er uns, die wir bereits drei oder vier Mal den Tod verdient hatten, hätte ins Verderben bringen wollen. An Christo ist also nichts anderes zu sehen, als dass uns Gott nach seiner unermesslichen Güte aus dem Verderben helfen wollte. So oft nun unsere Sünde uns beunruhigt, so oft Satan uns in Verzweiflung stürzen will, müssen wir als Schild vor uns halten die von Christo verkündigte frohe Botschaft, dass Gott nicht will, dass wir ins ewige Verderben fallen, da er ja seinen Sohn zum Retter der Welt bestimmt hat. Wenn Christus anderwärts lehrt, er sei zum Gericht gekommen, wenn er der Stein des Anstoßes genannt wird, wenn es heißt, er sei zum Fall vieler gesetzt (Joh. 9, 39; 1. Petr. 2, 8; Lk. 2, 34), so wird damit nicht der Herzpunkt seines Amtes betroffen. Wer die in ihm dargebotene Gnade verächtlich abweist, der ist es wert, den Richter und Rächer so gräulicher Verachtung zu fühlen. Gottes Macht will nur jedem Glaubenden Rettung schaffen; infolge der Undankbarkeit vieler, die nicht glauben mögen, gereicht sie jedoch diesen letzteren zum Tode. Für beides hat Paulus den besten Ausdruck, wenn er (2. Kor. 10, 6) sagt, die Waffen, welche er führe, seien bereit, allen Ungehorsam der Widersacher seiner Lehre zu rächen, nachdem der Gehorsam der Frommen erfüllt worden. Das ist genau so, als wenn er sagte: hauptsächlich und an erster Stelle ist das Evangelium für die Gläubigen bestimmt, ihnen Rettung zu bringen; dann aber werden die Ungläubigen, welche die Gnade Christi verachten und sich lieber den Tod als das Leben bei ihm holen wollen, nicht ungestraft ausgehen.

V. 18. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet. Wenn Jesus diesen Satz so oft und so eingehend behandelt, dass alle Gläubigen sich außer Todesgefahr befinden, so darf man daraus schließen, wie notwendig ein gewisser und fester Glaube ist, damit die Gewissen nicht in fortwährender Angst und Unruhe sind. Er spricht es deshalb wiederholt hier aus, dass, sobald wir Glauben haben, für uns keine Verdammnis mehr besteht, was er dann im 5. Kapitel noch ausführlicher darlegen wird. Die grammatische Form der Gegenwart ist hier, wie es in der hebräischen Sprache so oft vorkommt, für gleichbedeutend mit der Zeitform der Zukunft zu nehmen. Sie drückt aus, dass die Gläubigen ganz sicher nicht werden gerichtet werden.

Der zweite Satz unseres Verses „wer aber nicht glaubt usw.“ will besagen, dass es keinen anderen Ausweg gibt, auf dem ein Mensch dem Tode entfliehen kann. Es soll uns eingeprägt werden: Allen, die das in Christo gegebene Leben verwerfen, bleibt nichts anderes übrig, als der Tod, da ausschließlich im Glauben Leben zu haben ist. „Der ist schon gerichtet“ heißt es mit Nachdruck, um besser auszudrücken, dass es um alle Ungläubigen geschehen ist. Christus spricht hier insbesondere von denen, deren Gottlosigkeit sich in offenbarer Verachtung des Evangeliums verrät. Sicherlich hat es ja niemals ein Mittel gegen den Tod gegeben außer der Zuflucht zu Christo. Da wir aber soeben einen Hinweis auf die Predigt des Evangeliums in der ganzen Welt empfingen (V. 14), so werden sich unsere Worte insbesondere gegen die Leute richten, welche absichtlich und böswillig das von Gottes Hand angezündete Licht auslöschen.

V. 19. Das ist aber das Gericht. Dies Wort begegnet dem bei ungeheiligten Menschen gar sehr verbreiteten Klagen und Murren über vermeintliche Härte seitens Gottes, der strenger, als sie es wünschten, mit ihnen verfährt. Es scheint hart, dass alle, die nicht an Christum glauben, dem Verderben geweiht sein sollen. Damit nun niemand seine Verdammnis Christo Schuld gebe, lehrt er hier, dass jedem selbst die Schuld dafür zugerechnet werden muss. Aber weshalb? Weil Unglaube der Zeuge für ein böses Gewissen ist. Daraus ergibt sich, dass die eigene arge Gesinnung den Ungläubigen den Weg zu Christo versperrt. Christus beabsichtigt, den Menschen zu wehren, dass sie, wie sie es so gerne tun, Ausflüchte suchen oder mit Gott hadern, als ob er sie ungerecht behandle, wenn er den Unglauben mit ewigem Tode straft. Er zeigt also, dass ein solches Gericht Gottes recht und billig und über jeden Tadel erhaben ist, nicht nur deshalb, weil diejenigen, welche die Finsternis dem Lichte vorziehen und das ihnen angebotene Licht fliehen, eine Torheit begehen, sondern weil ihr lichtscheues Gebaren aus einem Herzen hervorgeht, das sich der Bosheit bewusst und von Frevel befleckt ist. Es lässt sich freilich nicht leugnen: bei vielen, die sich gegen das Evangelium feindlich stellen, bietet sich unserem Auge ein schönes Lichtbild von Heiligkeit dar. Aber mögen sie heiliger aussehen als Engel, es kann nicht der mindeste Zweifel darüber bestehen: es sind Heuchler, die aus keinem anderen Grunde die christliche Lehre abweisen, als weil sie ihr Versteck lieben und darin ihre Hässlichkeit verbergen wollen. Nur Heuchelei macht Menschen zu Widersachern Gottes. So erklingt denn das „Schuldig!“ über sie alle, weil sie, wenn sie nicht in der Verblendung ihres Hochmuts sich in ihrem sündigen Wesen selber gefielen, von Herzen bereit sein würden, das Evangelium anzunehmen.

V. 20. Wer Arges tut, der hasst das Licht. Das Licht ist solchen Leuten aus dem Grunde verhasst, weil sie böse sind und so viel als möglich ihre Sünden zu bedecken wünschen. Daraus folgt, dass sie auf der einen Seite das einzige Mittel gegen das Verderben von sich stoßen und auf der anderen Seite die Sünde, um derentwillen ihnen die Verdammnis droht, wie ihr Schoßkind hätscheln. Wir täuschen uns also gründlich, wenn wir der Meinung sind, diejenigen, welche gegen das Evangelium wüten, seien dazu von frommem Eifer getrieben, Weit gefehlt! Sie haben Angst vor dem Licht, weil sie in der Finsternis viel besser ihren Selbstbetrug aufrechterhalten können.

V. 21. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht. Anscheinend enthalten diese Worte etwas Widersinniges, Unrichtiges. Oder dürfte man wirklich zugeben, dass einige Menschen recht und wahrhaftig sind, ehe sie durch den Geist Gottes wiedergeboren sind? Das stimmt doch durchaus nicht mit der durchgängigen Schriftlehre! Wissen wir doch: der Glaube ist die Wurzel, aus welcher die guten Werke erst als Früchte hervorkommen. Ein rechter Knoten! Man hat ihn dadurch aufzulösen versucht, dass man „die Wahrheit“ auslegte: anerkennen, wie elend und unfähig wir sind, Gutes zu tun. Sicherlich ist das die rechte Vorbereitung auf den Glauben, wenn wir im Gefühle unserer Bedürftigkeit unsere Zuflucht zur Gnade Gottes nehmen. Aber das hat Christus hier gewiss nicht gemeint. Er wollte einfach sagen: wenn jemandes Handlungsweise lauter ist, so sucht er nichts mehr als gerade das Licht; das soll die Probe sein auf sein Tun; denn solche Prüfung lässt am besten erkennen, dass er in Gottes Augen wahrhaftig und ohne Trug gewesen ist. Eine recht verkehrte Eintragung in unsere Stelle wäre es, wollte man sagen: also haben die Menschen schon, ehe sie glauben, ein gutes Gewissen. Denn auf der einen Seite sagt Jesus ja nicht, dass die Auserwählten zum Glauben kommen, um für ihre guten Taten Lob zu ernten, - und auf der anderen sagt er lediglich, wie es die Ungläubigen machen würden, gesetzt den (unmöglichen) Fall, dass sie kein schlechtes Gewissen hätten. Übrigens hat Christus das Wort „Wahrheit“ angewendet, weil wir uns so leicht von dem äußeren Glanze der Werke täuschen lassen, ohne dass wir bedenken, wie es inwendig in dem Menschen aussehen mag, der sie tut. Deshalb sagt er, dass unschuldige Menschen, die sich nicht für besser ausgeben als sie sind, mit Freudigkeit Gott unter die Augen treten können, welcher allein der zuständige Richter über unser Tun ist. Die Werke heißen hier „in Gott getan“, sofern sie ihm gefallen und nach seinem Maßstabe gut sind. Lasst uns daraus lernen: über menschliches Tun kann man nur im Licht des Evangeliums recht urteilen; unsere Vernunft ist dazu völlig außerstande.

V. 22 bis 24. Darnach kam Jesus usw. Wahrscheinlich ist Christus nach Ablauf des Festes in denjenigen Bezirk von Judäa gekommen, der in der Nähe der zum Stammesgebiet von Manasse gehörigen Stadt Enon lag. Der Evangelist berichtet, dass viel Wasser dort gewesen ist, woran Judäa keinen großen Überfluss hatte. Auf unseren Landkarten werden die beiden Städte Enon und Salim nicht fern von der Mündung des Jabok in den Jordan angegeben, in der Nähe von Skythopolis. Übrigens darf man diesen Worten entnehmen, dass Johannes und Christus die Taufe mit völligem Untertauchen des Körpers des zu Taufenden vollzogen haben. Indes braucht man auf ängstliche Nachahmung des äußerlichen Herganges keinen übertriebenen Wert zu legen. Die Taufe wird richtig vollzogen, wenn nur alles mit der geistlichen Wahrheit und der Einsetzung und Vorschrift des Herrn übereinstimmt. So viel wir vermuten müssen, hat der Umstand, dass die beiden Männer sich in so kurzer Entfernung voneinander aufhielten, es dazu gebracht, dass allerlei Gerüchte in Umlauf kamen, dass viel in Gesprächen verhandelt wurde über alles Mögliche: über das Gesetz, über die Gottesverehrung, über den Zustand der Gemeinde, - alles veranlasst durch die beiden zuvor unbekannten Spender der Taufe, die gleichzeitig hervortraten. Denn wenn der Evangelist sagt, dass Christus getauft habe, so beziehe ich das auf diese allerersten Anfänge seines Auftretens, von denen das Evangelium Johannes bisher berichtete; damals erst hat er ja das vom Vater ihm aufgetragene Amt angetreten. Obgleich Christus aber durch seine Jünger taufen ließ, wird doch er als der Spender der Taufe genannt, und seine Werkzeuge mit Schweigen übergangen, da sie ja nur in seinem Namen und Auftrage handelten. Zu Anfang des nächsten Kapitels ist dieser Punkt noch einmal zu berühren (4, 2).

V. 25. Da erhob sich eine Frage usw. Nicht ohne Grund macht der Evangelist hier darauf aufmerksam, dass die Frage zuerst von den Jüngern des Johannes aufgeworfen wurde. Je weniger sie nämlich Unterweisung genossen hatten, desto größer ist das Selbstvertrauen, mit dem sie sich in einen Wortstreit einlassen, - wie ja Unwissenheit immer verwegen ist. Wären sie von anderen angegriffen worden, so könnte man sie entschuldigen. Aber sie fangen mit den Juden aus eigenem Antrieb einen Streit an, dem sie nicht gewachsen sind, - ein kühnes und verkehrtes Unterfangen. Der Wortlaut bezeichnet ausdrücklich sie selbst als die Urheber. Nicht recht war es, dass sie über eine ihnen nicht klare Sache, die über das Maß ihres Wissens hinausging, verhandelten. Nicht minder groß war der weitere Fehler, dass sie nicht sowohl beabsichtigten, den richten Gebrauch der Taufe zu verteidigen, als vielmehr einseitig für die Sache ihres Meisters einzutreten, damit nur sein Ansehen ungeschmälert bleibe. Beides verdient Tadel: dass sie durch Unbekanntschaft mit der wahren Bedeutung der Taufe die heilige Anordnung Gottes der Spöttelei aussetzen und dass sie in verkehrter Ehrsucht Partei für ihren Meister gegen Christus nehmen. Ein Wort hätte genügt, sie aufs tiefste zu beschämen: Es ist ja der wahre Messias, dessen Taufe ihr verwerft! Von der Verteidigung der Person ihres Meisters völlig in Anspruch genommen, hatten sie völlig außeracht gelassen, was Johannes jüngst noch über Christus gelehrt hatte. Ihr Beispiel kann uns darüber belehren, zu was für Fehlgriffen derjenige kommen kann, der sich mehr durch unlautere Parteinahme für Menschen leiten lässt als durch Eifer um Gott. Das soll uns dringend die Pflicht ans Herz legen, darauf unser Augenmerk zu richten und darauf mit allen Kräften hinzuwirken, dass Christus und nur er hoch dastehe.

Über die Reinigung. Die Frage betraf die Reinigung, da ja den Juden mancherlei Waschungen vom Gesetz vorgeschrieben waren, und sie, nicht zufrieden mit diesen gesetzlichen, noch obendrein viele von den Vorfahren aufgebrachte Waschungen eifrig pflegten. Wenn da noch ein neuer Brauch der Reinigung von Christus und Johannes eingeführt wird, wo doch eine solche Menge und Mannigfaltigkeit schon vorhanden ist, sind sie der Meinung: das hat keinen Sinn.

V. 26. Von dem du zeugtest. Mit der Anführung des Zeugnisses, das ihr Meister für Christus abgab, wollen die Johannesjünger entweder Christum unter Johannes heruntersetzen oder doch sagen: er wäre dir doch wohl zu Dank verpflichtet, da du ihm so hohe Ehre angetan hast. Dass Johannes ihn mit so ehrenvollen Aussprüchen begrüßt hat, sehen sie als eine Christo erwiesene Wohltat an, für die er wiederum sich dankbar zu erweisen hat. Als ob mit solchem Heroldsrufe Johannes nicht einfach seine Pflicht getan hätte, und als ob es nicht eben seine höchste Würde wäre, dass er der Herold sein darf, der dem Sohn Gottes den Weg bahnt! Schier unbegreiflich aber ist es, dass seine Jünger um deswillen dem Johannes die erste und Christo eine tiefere Stelle einräumen, weil Johannes ihm durch sein Zeugnis eine Empfehlung gegeben hatte. Wissen wir doch, wie das Zeugnis des Johannes lautete! Wenn sie sagen: „Sie kommen alle zu Christo“, so ist das die Stimme verkehrter Eifersucht; sie fürchten, dass die Volksmenge sich in kurzer Frist ganz von ihrem Meister weg verläuft.

V. 27. Ein Mensch kann nichts nehmen usw. Das beziehen einige Ausleger auf Christum, als wollte Johannes seine Jünger anklagen: euren gottlose Verwegenheit richtet sich gegen den Vater, der Christo gegeben hat, was ihr ihm nehmen wollt. Sie halten also das für den rechten Sinn: Wenn Christus so rasch zu dieser hohen Ehrenstellung emporgekommen ist, so ist dies von Gott geschehen; es ist verlorene Mühe, wenn ihr ihn herunterdrücken wollte, nachdem ihn Gott mit seiner mächtigen Hand so hoch gestellt hat. Ich ziehe jedoch folgendes Verständnis vor: Johannes bestreitet es sowohl für sich selbst als seinen Jüngern, dass sie imstande seien, mit schöpferischer Kraft aus sich selber etwas Großes zu machen. Es gibt ein festes Maß für einen jeden von uns: wie Gott uns haben will, so sind wir. Nicht einmal er selbst, der Sohn Gottes, hat die Ehre an sich gerissen. Wer aus der Schar der Menschen wird es wagen, mehr zu verlangen, als der Herr gegeben hat? Dieser eine Gedanke, säße er nur fest in jedermanns Seele, würde vollkommen hinreichen, den Ehrgeiz zu bändigen. Wäre in diesem Stück erst einmal Besserung und Abhilfe geschaffen, so würde gleichzeitig allen Zänkereien der Todesstoß versetzt sein. Woher kommt es denn, dass jeder sich ungebührlich brüstet? Einfach davon, dass wir uns dem Herrn nicht fügen wollen, dass wir nicht zufrieden sind mit der Stellung, die er uns bestimmt.

V. 28. Ihr selbst seid meine Zeugen. Johannes macht seinen Jüngern zum Vorwurf, dass sie dem, was er gesagt hat, keinen Glauben schenken. Mehr als einmal hatte er daran erinnert: Ich bin doch nicht Christus! Was sollte er dann aber anders sein, als ein Diener, dem Sohne Gottes ebenso gut untergeordnet wie die übrigen? Eine merkwürdige Aussage! Indem er bestreitet, Christus zu sein, weist er sich selber den Platz an, der ihm gebührt: er hat als einer von vielen in Untertänigkeit gegen das Haupt der Gemeinde dieser zu dienen und darf nicht dermaßen erhoben werden, dass unter der Ehre, die dem Gliede widerfährt, die Ehre des Hauptes leidet. Er nennt sich „vor ihm her gesandt“, weil er Christo den Weg bereiten soll, wie die Vorläufer zu tun pflegen, wenn sie dem Volk das Nahen der Könige melden.

V. 29. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam. Mit diesem Gleichnis macht Johannes noch klarer, dass Christus der eine ist, welcher eine Ausnahme bildet in der großen Zahl der anderen. Wer ein Weib heimführt, lädt seine Freunde doch wahrhaftig nicht deshalb auf die Hochzeit, um ihnen die Braut zu überlassen. Nein, er tut es, damit durch ehrenvolle Feier des Hochzeitstages die künftige Ehe eine höhere Weihe bekomme. Ebenso macht es Christus. Er beruft seine Diener nicht deswegen zum Lehramte, damit sie sich die Gemeinde zu Füßen werfen und selber die Herren spielen sollen, sondern weil er ihre treuen Dienste gebrauchen will, damit die Gemeinde mit ihm selbst vereinigt werde. Es ist etwas Großes und Herrliches, wenn Menschen an die Spitze der Gemeinde gestellt werden, die dem Sohne Gottes solche Dienste leisten sollen. Sie sind den Freunden zu vergleichen, welche ein Bräutigam heranzieht, damit sie ihm seine Hochzeit feiern helfen. Doch ist der Unterschied genau zu beachten: sie sind nur die Freunde und dürfen nicht an sich ziehen, was dem Bräutigam allein gehört. Mögen Lehrer der christlichen Kirche noch so hervorragend sein, so dürfen sie doch nicht Christo hinderlich sein am alleinigen Regiment in der Kirche; er ganz allein soll sie durch sein Wort regieren. Das Gleichnis von Bräutigam und Braut findet sich wiederholt in der Schrift, wenn der Herr das heilige Band bezeichnen will, wodurch er uns annimmt und mit sich vereinigt. Ihm ist es Ernst, wenn er sich uns anbietet: da habt ihr mich; ich will euch gehören! So kann er sich denn auch mit Fug und Recht Glauben und Gegenliebe ausbedingen, wie sie das Weib dem Gatten schuldet. Das Ehebündnis zwischen dem Herrn und der Gemeinde ist in Christo in jeder Beziehung zu seiner Erfüllung gekommen; wie Paulus (Eph. 5, 30) darlegt, sind wir sein Fleisch und Bein. Die Keuschheit, welche Christus bei seinem Weibe sucht, besteht vor allem in dem Gehorsam gegen das Evangelium, von dessen Reinheit und Einfachheit wir uns um keinen Preis abbringen lassen dürfen. Wir haben einzig und allein Christo untertänig zu sein; er nur ist unser Haupt. Nicht ein Haar breit dürfen wir von der einfachen Lehre des Evangeliums abweichen. Ihm allein gebührt der Ruhm unseres Oberherrn, wenn er in der christlichen Gemeinde Recht und Platz des Bräutigams behalten soll. Und seine Diener? Sie hat der Sohn Gottes hinzugezogen, weil er darauf rechnet, dass sie ihm behilflich sind, die heilige Vermählungsfeier auszuführen. Ihre Sache ist, alles daran zu setzen, damit sie die Braut, die ihrer Obhut anvertraut ward, als eine reine Jungfrau dem Manne zuführen. Paulus rühmt sich, dass er diese Pflicht erfülle (2. Kor. 11, 2). Diejenigen hingegen, welche die Kirche statt an Christum vielmehr an ihre eigene Person ketten, verletzen treulos den Ehebund, zu dessen schönster Ausführung sie behilflich zu sein verpflichtet wären. Eine hohe Ehre ist es, deren uns Christus würdigt, wenn er uns zu Hütern seiner Braut macht; deshalb ist die Untreue doppelt groß und frevelhaft, wenn wir uns nicht bemühen, ihm sein Anrecht unverkürzt zu erhalten.

Dieselbige meine Freude ist nun erfüllt. Johannes spricht damit aus, dass er jetzt am Ziele aller seiner Wünsche steht; nun bleibt ihm nichts mehr zu wünschen übrig. Er sieht ja, wie Christus das Regiment in der Hand hat. Er sieht, dass er das verdiente Gehör findet. Der ist ein rechter Lehrer und Leiter der Kirche, der diese Johannes-Gesinnung im Herzen trägt: was kommt auf mich an? Wenn nur Christus hoch dasteht! Ehrt ihn, so bin ich zufrieden! Wer aber auch nur im Mindesten anders gesinnt ist, der verdient den Namen eines unreinen Ehebrechers. Er wird gar nicht anders können, als die Braut Christi verführen.

V. 30. Er muss wachsen. Der Täufer geht noch weiter. Früher hatte der Herr ihn zu hoher Würde erhoben. Das sollte aber nur für eine kurze Zeit vorhalten: jetzt ist die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen; vor ihr verbleicht der Morgenstern. Nicht bloß die ehrende Beweihräucherung, welche ihm die Leute irrtümlich widmeten, weist er mit Entschiedenheit von sich ab, - nein, es ist ihm sogar eine ernstliche Sorge, dass die mit gutem Rechte ihm vom Herrn selber übertragene Ehre nur ja nicht den Lichtglanz Christi verdunkle. Aus diesem Grund sagt er, wenn man ihn bis dahin als den höchsten Propheten angesehen habe, so sei das jetzt aus. Er sei nur vorübergehend auf einen so erhabenen Platz gestellt worden. Nun sei Christus da. Die leuchtende Fackel müsse nun aus seiner in Christi Hand hinübergehen. Damit bezeugt er: es liegt mir nichts daran, wenn ich wieder nichts werde. Nur daran liegt mir etwas, dass Christus mit seinen Strahlen die ganze Welt erfüllt und sich zu eigen macht. In diesem einzigen Verlangen müssen ihm alle Hirten der Kirche gleich werden. Sie haben sich zu bücken, damit über ihre Schultern und Häupter hinweg Christus hoch empor steigen kann.

V. 31. Der von oben her kommt usw. Mit einem neuen Bilde zeigt Johannes, wie sehr sich Christus von allen anderen unterscheidet, und in wie hohem Maße er ihnen überlegen ist. Er vergleicht ihn mit einem Könige oder Oberbefehlshaber, welcher von erhöhtem Thronsitze aus redet und seiner erhabenen Herrscherstellung entsprechend Gehör finden muss. Ihm selbst dagegen, das gibt er zu verstehen, sei es genug, wenn er von der untersten Bank aus den Mund auftun dürfe. Von Christus sagt er, dass er von oben her komme, nicht nur insofern er Gott ist, sondern weil an ihm nichts anderes als nur die Fülle himmlischer Hoheit wahrzunehmen ist.

Die Wiederholung: wer von der Erde ist, der ist von der Erde, ist nicht überflüssig. Der Sinn ist: wer von der Erde ist, dem merkt man seinen Ursprung an; der Beschränktheit seiner Art gemäß haftet er am Irdischen. Das ist nur bei Christo zu finden, dass er von oben her redet; kommt er doch vom Himmel herab. Nun fragt es sich: kommt denn nicht auch Johannes, was Beruf und Amt anlangt, von oben her? Musste man nicht auch ihm Gehör geben, zumal der Herr durch seinen Mund redet? Anscheinend lässt der Täufer hier der himmlischen Lehre, die er vorträgt, nicht volle Gerechtigkeit widerfahren. Wir werden das so verstehen müssen: dies Wort ist nicht geradehin von der Sache an sich geredet, sondern nur vergleichsweise. Wenn die Diener Gottes jeder für sich besonders betrachtet werden, dann reden sie vom Himmel her, mit höchster Vollmacht angetan, was Gott ihnen aufgetragen hat; sobald man sie aber Christo gegenüber stellt, dürfen sie nichts mehr sein. So wird Eph. 12, 25 Gesetz und Evangelium miteinander verglichen und gesagt, wenn jene nicht straflos ausgingen, die den verachteten, welcher auf Erden redete, sollten sich die Christen hüten, den zu verachten, der vom Himmel her redet. Christus will in seinen Dienern anerkannt werden, aber nur so, dass er allein der Herr bleibt, sie dagegen mit ihrer Stellung als seine Knechte zufrieden sind. Zumal, wenn es zu einer Gegenüberstellung zwischen Herr und Diener kommt, will er den Unterschied klar gewahrt wissen; er allein überragt alle anderen.

V. 32. Er zeugt, was er gesehen und gehört hat. Johannes fährt fort, seines Amtes zu walten. Er will Christo Jünger zuführen. Deshalb empfiehlt er Jesu Lehre hinsichtlich ihrer Gewissheit: Er bringe nichts vor, als was er von seinem Vater empfangen habe. Sehen und hören steht im Gegensatz zu zweifelhafter Meinung, zu leeren Gerüchten und allerlei Erdichtungen. Er spricht damit aus: Christus lehrt nur, was er aufs bestimmteste weiß. Er ist vom Vater selbst belehrt worden. Deshalb ist alles, was er beibringt, göttlich, weil von Gott ihm geoffenbart. Das trifft zu für die ganze Person Christi, insofern er vom Vater als sein Bote und Vermittler in die Welt gesandt worden ist. – Danach klagt Johannes die Welt um ihrer Undankbarkeit willen an; einen so sicheren und zuverlässigen Gotteszeugen verschmäht sie gottloser, ja verbrecherischer Weise: sein Zeugnis nimmt niemand an. Damit tritt er dem Ärgernis entgegen, das viele vom Glauben abwendig machen und viele ganz abhalten oder doch aufhalten konnte, zu Christo hinzueilen. In der Regel hängen wir ja allzu sehr vom Urteil der Menschen ab. Nicht wenige richten sich, wenn es das Evangelium gilt, nach der Verachtung, die die Welt demselben erweist. Sie sehen, dass es allenthalben weggeworfen wird, lassen sich davon beeinflussen und werden immer unlustiger und träger zu seiner Annahme. So oft wir solche Halsstarrigkeit der Welt zu sehen bekommen, soll uns dies Mahnwort des Johannes helfen, in treuem Gehorsam daran festzuhalten: das Evangelium ist die von Gott stammende Wahrheit. Wenn er sagt: niemand nimmt es an, so soll das bedeuten: es sind nur wenige, ja, es ist fast niemand, der daran glaubt, wenn man die Gläubigen mit der ungeheuren Schar der Ungläubigen vergleicht.

V. 33. Wer es aber annimmt usw. Hiermit ermahnt und ermutigt der Täufer alle Frommen, doch ohne Zagen die Lehre des Evangeliums gläubig hinzunehmen. Er will sagen: Ihr braucht euch nicht zu schämen, dass ihr so gering seid, wenn nur Gott in euch den Glauben geweckt hat. Hat er das getan, so mag kommen, wer und was da will, wir haben volles Genüge an ihm. Mag dann die ganze Welt dem Evangelium den Glauben verweigern, - es darf wahren Christen kein Hindernis sein, sich trotzdem zu Gott zu halten. Sie können dabei vollkommen ruhig sein, wissen sie doch, dass dem Evangelium glauben, nichts anderes heißt, als den heiligen Aussprüchen des göttlichen Mundes seine Zustimmung zu geben. Dabei bemerken wir: das ist gerade die Eigentümlichkeit des Glaubens: er ruht auf Gott und hat seinen unerschütterlichen Stand in Gottes Wort. Seine Zustimmung kann man erst dann geben, wenn Gott seinerseits den Anfang gemacht und zuvor geredet hat. Durch diese Lehre wird es klar, dass der Glaube etwas weit anderes ist als alles, was sich Menschen selber ausdenken können, etwas weit anderes als eine unsichere, dem Zweifel zugängliche Meinung. Wie die Wahrheit Gottes selbst allem Zweifel entnommen ist, dem entsprechend ist auch der Glaube beschaffen. Es ist unmöglich, dass Gott lüge, - damit ist auch rechter Glaube keinem Schwanken und Wanken ausgesetzt. Das ist die feste Burg, in der wir uns verschanzen. Mag nun Satan all seine List brauchen, um uns in Verwirrung oder zu Falle zu bringen, - der Sieg ist unser für und für! –

Die vorliegende Stelle erinnert uns auch daran, was für ein angenehmes, köstliches Opfer der Glaube in Gottes Augen ist. Ihm selber geht gewiss nichts über seine Wahrheit. So ist es ihm denn auch die liebste Verehrung, die wir ihm darzubringen imstande sind, wenn wir durch die Tatsache, dass wir ihm glauben, das Bekenntnis ablegen: Du bist wahrhaftig! Damit wird ihm erst die Ehre zuteil, die ihm gebührt. Hingegen kann ihm keine ärgere Beleidigung zugefügt werden, als die, dass man dem Evangelium den Glauben versagt. Wer Gott die Wahrhaftigkeit abspricht, der untergräbt damit seine ganze Ehre und Majestät. Im Evangelium ist nun Gottes Wahrheit sozusagen auf dem engsten Raum zusammengedrängt. Dort soll sie nach seinem Willen anerkannt werden. Die Ungläubigen lassen also, soweit das in ihrer Macht steht, Gott gar nichts mehr übrig. Gottes Treue steht zwar ohne Wanken fest auch trotz ihrer Gottlosigkeit. Aber wenn man sie anhören wollte, so wäre sie längst hingefallen; mit ihrem Unglauben sagen sie ja: Gott kann man nicht glauben. Sind wir nicht härter noch als Felsgestein, so muss dieser herrliche Ausspruch, durch den der Glaube so hoch erhoben wird, den Eifer wahren Glaubens in uns zu hellster Glut anfachen. Welch eine hohe Ehre wird uns zuteil, uns armseligen Menschlein, die wir von Natur lauter Lüge und Eitelkeit sind, wenn Gott uns dennoch für fähig erklärt, seine heilige Wahrheit durch unsere Zustimmung zu besiegeln!

V. 34. Denn welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Worte. Dadurch wird der vorhergehende Vers noch einmal bestätigt: wir haben es tatsächlich mit Gott selbst zu tun, wenn wir Christi Lehre annehmen. Christus kommt ja nirgend anderswoher als vom himmlischen Vater. Gott allein ist es also, der durch ihn redet. Wenn wir also Christi Lehre nicht rund und klar als göttlich anerkennen, versagen wir ihm die schuldige Ehrerbietung.

Gott gibt den Geist nicht nach dem Maß. Zwei Auslegungen gibt es zu diesen Worten. Einige beziehen sie auf die Spendung des Geistes an alle, die ihn bekommen. Sie finden hier gesagt: Gott, der unerforschliche Quell aller Güter, schenkt sich niemals arm, mag er gleich noch so reichlich seine Gaben den Menschen austeilen. Du magst lange aus einem Gefäß herausschöpfen, - endlich kommst du doch auf den Grund. Es ist keine Gefahr vorhanden, dass es Gott ähnlich ergehen könne. Mögen jetzt in breitem Strome seine Gaben daher fluten, im nächsten Augenblick kann er, wenn es ihm gefällt, das frühere durch eine noch größere Gabenfülle überbieten. Man muss zugeben: diese Auslegung hat etwas Bestechendes, zumal die Rede so allgemein gehalten ist.

Dennoch pflichte ich der zweiten Auslegung bei, die diese Worte ausschließlich auf Christum bezieht. Nicht stichhaltig ist der Einwand: aber Christus wird doch hier nicht ausdrücklich erwähnt! denn diese Erwähnung folgt unmittelbar, so dass man nicht mehr im Unklaren darüber sein kann: nicht von vielen, wie es zunächst den Anschein haben könnte, sondern nur von Christo ist hier die Rede.

Das nächstfolgende muss zur Auslegung herangezogen werden. Und da lesen wir, dass der Vater alles in des Sohnes Hand gegeben hat, weil er den Sohn lieb hat. Unsern Vers dürfen wir nicht aus dem Zusammenhang reißen. Heißt es nun, dass Gott den Geist „gibt“, so ist damit ein fortwährendes Tun Gottes bezeichnet. Jesus ist allerdings einmal bis zur höchsten Vollkommenheit mit dem Geiste beschenkt worden. Aber doch strömt er anhaltend wie aus einem stark sprudelnden Quell auf ihn über, weshalb es keinerlei Widersinn in sich schließt, wenn wir hier lesen: er empfängt ihn auch jetzt noch vom Vater. Christo ist jedenfalls der Geist nicht nach dem Maße gegeben worden, als wäre seine Gnadengabe irgendwie beschränkt, wie das Paulus von den einzelnen Christen lehrt (1. Kor. 12, 7; Eph. 4, 7). Diese haben ihre Gnadengabe nur entsprechend dem Maße, mit dem Gott sie beschenkt hat; keiner hat die ganze Fülle. Das bindet ja die Gemeinschaft der Brüder untereinander so fest, dsas keiner für sich allein genug hat: sie bedürfen einander zur wechselseitigen Ergänzung. Christus unterscheidet sich in diesem Punkte von uns. Auf ihn hat der Vater die ganze unermessliche Fülle seines Geistes ausgegossen. Notwendiger Weise muss das auch so sein. Sollen wir doch alle aus seinem Reichtum schöpfen (vgl. 1, 16). Eben darauf bezieht sich auch, was im Folgenden gesagt wird, nämlich, dass der Vater alles in seine Hand gegeben hat.

Johannes will mit diesen Worten nicht nur die Erhabenheit Christi hervorheben, sondern es kommt ihm darauf an, zu zeigen, was für einen Zweck und Nutzen eigentlich seine reiche Begabung haben soll. Sie ist da für uns. Und der Vater hat es ganz ihm anheimgegeben, den einzelnen davon auszuteilen, wie es ihm gefällt und uns heilsam ist. Das Nähere darüber vgl. zu Eph. 4, 7 ff.

V. 35. Der Vater hat den Sohn lieb. Gewiss; aber wozu wird das ausgesprochen? Hasst er denn die anderen alle? Die Antwort darauf liegt nahe. Es handelt sich hier nicht um die allgemeine Liebe, mit der Gott alle von ihm geschaffenen Menschen und seine anderen Werke umfasst, sondern um die einzigartige Liebe, welche bei dem Sohne anhebt und von ihm aus dann auf alle Geschöpfe überfließt. Diese Liebe, mit der er den Sohn umfasst und uns in dem Sohne, bewirkt es, dass er uns durch seine Hand alle seine Güter mitteilt.

V. 36. Wer an den Sohn glaubt. Das wird hinzugefügt, damit wir nicht nur wissen, dass wir alle Güter von Christo erbitten müssen, sondern auch fest im Auge behalten, wie wir allein in ihren Besitz und Genuss gelangen können. Nur wer glaubt, genießt sie. Und das mit gutem Grunde! Denn nur im Glauben ist Christus unser. Und er bringt die Gerechtigkeit mit sich und als Frucht der Gerechtigkeit das ewige Leben. Der Glaube an Christum wird hier als Ursache des Lebens angegeben. Daraus ersehen wir: allein in Christo ist das Leben vorhanden. Und wir werden seiner nicht anders teilhaftig, als wiederum durch die Gnade Christi. Übrigens gibt es Meinungsverschiedenheiten darüber, wie das Leben Christi uns zugeeignet wird. Die einen nehmen an: im Glauben empfangen wir den heiligen Geist und dadurch die Wiedergeburt zur Gerechtigkeit; durch diese Wiedergeburt kommen wir in den Heilsbesitz. Wir werden ja allerdings durch den Glauben erneuert, sodass nun der Geist Christi uns beherrscht. Aber ich weiche doch insofern von der eben angeführten Ansicht ab, als ich betone: man muss an allererster Stelle die Vergebung der Sünden aus Gnaden ins Auge fassen, durch die es dahin kommt, dass wir Gott angenehm, annehmbar sind. Ich betone ferner: in ihr allein hat die ganze Heilsgewissheit ihre Grundlage und ihren Bestand, weil nämlich Gerechtigkeit vor Gott uns nicht auf anderem Wege zugerechnet werden kann als dadurch, dass er uns die Sünden nicht zurechnet.

Wer nicht glaubt usw. Wie Johannes uns das Leben in Christo vor die Augen geführt hat, um uns durch seine Süßigkeit anzulocken, so spricht er jetzt alle die dem ewigen Tode zu, die Christo nicht glauben. Er stellt dadurch Gottes Güte ins rechte Licht, indem er uns darauf hinweist, dass es, falls Christus uns nicht erlöst, kein Mittel gibt, dem Tode zu entfliehen. Der Satz, dass wir in Adam alle verloren sind, steht hiermit im engsten Zusammenhange. Ist es Christi Amt, das Verlorene zu retten, so geschieht es denen, die das von ihm angebotene Heil verächtlich abweisen, nur recht, wenn sie im Tode bleiben. Wie schon gesagt, gilt das nur denen, welche das ihnen nahegebrachte Evangelium verwerfen. Denn obgleich die gesamte Menschheit in das gleiche Verderben verwickelt ist, wartet doch derer, die den Sohn Gottes als Erlöser verschmähen, eine schwerere, ja die doppelte Strafe. Ohne Zweifel will der Täufer dadurch, dass er den Ungläubigen den Tod ankündigt, uns antreiben, aus Furcht davor lieber an Christum zu glauben. Offenbar wird mit diesen Worten über alle Gerechtigkeit, welche die Welt außer Christo zu haben wähnt, der Stab gebrochen, ja, sie wird für null und nichtig erklärt. Der Einwand zerfällt somit in sich selbst, es sei ungerecht, wenn die, welche im Übrigen heilig und fromm seien, lediglich um des Unglaubens willen verloren gehen sollten. Hat Christus nicht dem Menschen Heiligkeit geschenkt, so ist es mit seiner Heiligkeit nichts. –

Das Leben sehen bedeutet so viel als: das Leben haben. Um übrigens recht deutlich einzuprägen, dass es mit aller unserer Hoffnung aus ist, wenn wir uns nicht von Christo erlösen lassen, sagt Johannes: der Zorn Gottes bleibt über den Ungläubigen. Der Zorn bleibt ja auch insofern, als wir vom Mutterleibe an dem Tode verfallen sind, weil wir als Kinder des Zorns zur Welt kommen. Doch ist das nur ein Gedanke, der sich hier anknüpfen lässt, nicht aber der eigentliche Sinn unserer Stelle. Der ist, wie oben gesagt, der: der Tod lastet auf allen, die nicht glauben wollen und hält sie unter seinem Drucke begraben, sodass sie niemals entrinnen können. Schon von Natur sind ja die, welche keine Annahme finden, verdammt; durch willentlichen Unglauben jedoch holen sie sich von neuem den Tod. Zu diesem Zwecke ist den Dienern des Evangeliums die Gewalt, zu binden, übergeben worden. Denn das ist die gerechte Strafe menschlichen Trotzes, dass die, welche das zum Heile führende Joch Gottes abschütteln, sich selber mit Banden des Todes umstricken.


Kapitel 4

V. 1. Da nun der Herr inne ward usw. Indem sich der Evangelist anschickt, über die Unterredung Christi mit der Samariterin zu berichten, legt er zunächst den Grund zum Aufbruch des Herrn dar: Jesus wusste, dass die Pharisäer in gereizter Stimmung waren; so wollte er sich denn ihrer Wut nicht vor der Zeit preisgeben. Das war der Grund, weswegen er aus Judäa fortwanderte. Er kam sonach nicht gerade planmäßig nach Samaria, um dort zu bleiben. Er wollte dies Land nur zum Durchzug benutzen, um dann Galiläa zu erreichen. Erst durch seine Auferstehung öffnete er dem Evangelium die Tür in alle Welt. Bis dahin musste er sich damit beschäftigen, die Schafe von Israel, zu denen er gesandt war, zu sammeln. Wenn er also die Samariter mit seinem Unterricht beglückt hat, so geschah das ausnahmsweise und war, wenn man das so nennen darf, eine Art Zufall. Aber warum zieht er sich in die entlegenen Gegenden Galiläas zurück, als läge ihm nichts daran, bekannt zu werden? War denn das letztere nicht vielmehr im höchsten Grade zu wünschen? Antwort: er hat wohl gewusst, weshalb er so handelte, und hat sich dergestalt der Zeitlage angepasst, um keinen Augenblick zu vergeuden. Es kam ihm darauf an, die ihm zugemessene Frist möglichst auszunutzen; alles sollte seinen geordneten Gang haben. Für uns sehr lehrreich! Auch unsere Gesinnung soll derart sein, dass wir furchtlos und unerschrocken unser Amt weiter treiben, aber doch nicht unnütz die Gefahr herausfordern. Die rechte Mitte werden die am besten treffen, welche auf ihren Beruf allen Fleiß verwenden. Wer das tut, geht in festem Schritte dem Herrn nach, ginge es auch mitten durch lauter Tod hindurch, - und doch wird er nicht nutzlos sein Leben wegwerfen. Er wird schon den rechten Weg finden. Lasst uns also im Sinne behalten: wir brauchen keinen Schritt weiter vor zu tun, als unser Beruf es erfordert. –

Als Feinde Christi erwähnt der Evangelist hier nur die Pharisäer, - nicht, als hätten etwa die Schriftgelehrten ihn besser leiden mögen, sondern nur deshalb, weil sie die herrschende Partei waren und sich unter dem Vorgeben frommen Eifers am weitesten von ihrer Leidenschaft fortreißen ließen. Weshalb haben sie denn aber Christo nicht gegönnt, dass er mehr Jünger hatte? Waren sie denn für das Ansehen und den Ruf des Johannes so sehr besorgt? Dies gewiss nicht. Die Sache liegt vielmehr so: es war ihnen schon schlimm genug, dass Johannes Jünger sammelte. Vollends aufgebracht wurden sie aber, als sie sahen, dass noch weit mehr zu Jesu gingen. Von dem Zeitpunkt an, da Johannes es offen ausgesprochen hatte: ich bin nur der Herold des Gottessohnes, - begann das Volk in immer größerer Zahl Jesum aufzusuchen. Ja, mit der Arbeit des Johannes war es nun bald ganz zu Ende. So hat er denn sein Lehr- und Täuferamt allmählich auf Christum übergehen sehen.

V. 2 bis 4. Wiewohl Jesus selber nicht taufte. Die Taufe, welche er durch andere erteilen ließ, heißt doch Christi Taufe. Darum sollen wir wissen: die Wertschätzung der Taufe hängt nicht im mindesten ab von der persönlichen Beschaffenheit des Dieners, der sie vollzieht, sondern ihre Kraft hängt einzig an dem, der sie veranlasst, und auf dessen Namen und Befehl hin sie vollzogen wird. Wie tröstlich für uns! Dann hat ja unsere Taufe zu unserer Reinigung und Erneuerung die nämliche Kraft, als hätte sie der Sohn Gottes uns eigenhändig erteilt. Der äußeren Verwaltung des Tauf-Sakraments hat Jesus sich, so lange er in dieser Welt weilte, zweifellos deshalb enthalten, damit er für alle kommenden Jahrhunderte es bezeugte: es geht der Taufe nichts von ihrer Wirksamkeit dadurch ab, dass sie von einem sterblichen Menschen erteilt wird. Alles, in allem: Christus tauft nicht nur innerlich mit seinem Geiste, sondern die sinnbildliche Handlung selbst, die ein sterblicher Mensch vornimmt, ist genauso anzusehen, als ob Christus selber aus dem Himmel die Hand hervor streckte, um uns zu segnen.

V. 5. Die heißt Sichar. Der ältere und ursprüngliche Name ist Sichem. Zur Zeit des Evangelisten war jedoch der Name Sichar im Gebrauch. Es war bekanntlich eine Stadt am Abhange des Berges Garizim, deren Einwohnerschaft einst von Simeon und Levi verräterischer Weise erwürgt worden war (1. Mo. 34, 25), und die späterhin Abimelech dem Erdboden gleich machte (Richt. 9). Doch war die Lage des Platzes so gut, dass auch nach Jesu Zeit noch ein drittes Mal eine neue Stadt, deswegen Neapolis genannt, dort erbaut wurde. Streit über die Örtlichkeit kann schon deswegen sich nicht erheben, weil der Evangelist so viele Nebenumstände angibt. Es ist aus 1. Mo. 48, 22 hinlänglich bekannt, wo das Feld lag, das Jakob seinem Sohne Joseph gab. Auch ist darüber nur eine Stimme, dass der Berg Garizim nahe bei Sichem lag. Dass ein Tempel dort erbaut war, werden wir gleich zu berichten haben. Auch das steht außer Zweifel, dass Jakob mit seiner Familie dort gewohnt hat.

V. 6. Da nun Jesus müde war von der Reise. Er stellte sich nicht erschöpft, sondern war wirklich müde. Um völlig mit uns fühlen und leiden zu können, hat er unsere Schwachheiten auf sich genommen (Hebr. 4, 15). Darauf hat auch die Tageszeit Einfluss geübt. Denn es ist nicht wunderbar, dass Jesus um die Mittagszeit vor Hunger und Müdigkeit sich an einem Brunnen ausruhte. Der Tag wurde von Sonnenaufgang bis Untergang in zwölf Stunden eingeteilt, somit war die sechste Stunde nach unserer Rechnung zwölf Uhr mittags. Wenn es heißt: er setzte sich „also“, so wird damit die Haltung eines ermüdeten Menschen beschrieben.

V. 7 u. 8. Da kommt ein Weib aus Samaria. Wenn der Herr das Weib um Wasser anspricht, so tut er das nicht geradezu mit der Absicht, um eine Anknüpfung für ihre Belehrung zu gewinnen; er wünschte zu trinken, weil der Durst ihn plagte. Aber das ist kein Anlass für ihn, die Gelegenheit zu lehren, die sich bietet, unbenutzt vorübergehen zu lassen. Die Rettung der Seele des Weibes ist ihm weit wichtiger, als die Stillung seines Durstes. Er vergisst alles eigene Bedürfen. Ein reichlicher Ersatz bietet sich ihm in dem so ungezwungen sich anspinnenden Gespräche, das er zum Unterricht des Weibes in wahrer Frömmigkeit zu wenden weiß, indem er von dem sichtbaren Wasser, das sie ihm nicht schöpfen will, die Überleitung zu dem geistlichen Wasser der himmlischen Lehre findet, mit dem er ihre dürstende Seele erquickt.

V. 9. So du ein Jude bist. Das ist ein Vorwurf, mit welchem das Weib die Verachtung ihres Volkes heimzahlen will. Bekanntermaßen waren die Samariter ein Mischvolk, das sich aus fremdländischer Einwanderung gebildet hatte. Da sie den Gottesdienst verfälscht hatten und viele verkehrte und abgöttische Bräuche pflegten, so waren sie den Juden begreiflicherweise verhasst. Dabei aber haben die Juden zweifellos großenteils den Eifer um das Gesetz nur als ein Mäntelchen über ihren fleischlichen Hass gegen die Nachbarn gehängt. Bei vielen überwog die nationale Eitelkeit und der Neid; sie konnten es nicht verschmerzen, dass die Samariter eine Gegend, die eigentlich ihnen bestimmt war, besetzt hielten. Dagegen trat die Sorge und Betrübnis über die Verletzung des reinen Gottesdienstes in den Hintergrund. Trotzdem hatte der Zwist seinen guten Grund, wäre nur die Gesinnung der Juden die rechte gewesen. Christus verbietet deshalb den Aposteln, die er zum ersten Male zur Predigt des Evangeliums hinaussendet, zu den Samaritern zu ziehen (Mt. 10, 5). Das Weib macht es genauso, wie wir es von Natur alle machen: wir wünschen recht angesehen zu sein und sind deshalb sehr missgestimmt, wenn man uns verachtet. Ja, es ist das in so hohem Maße eine Krankheit der menschlichen Natur, dass jeder sogar den Wunsch hat, seine Fehler möchten den anderen gefallen. Wenn aber jemand tadelt, was wir sind oder was wir haben, dann geraten wir alsbald ohne Unterschied in Zorn. Wer in den verborgenen Winkeln seiner Seele nachsieht, der wird diesen Hochmutssamen darin finden, so lange, bis er vom Geiste Gottes gänzlich beseitigt ist. Jenes Weib wusste, dass die abergläubischen Bräuche ihres Volkes von den Juden verurteilt wurden; so lässt sie denn ihren Unwillen darüber an Christo aus. Die Worte: „die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern“, sehe ich als von dem Weibe gesprochen an. Andere meinen, der Evangelist habe sie zur Erklärung beigefügt. Es kommt ja wenig darauf an, wie man das ansieht. Mir scheint es nur vortrefflich in den Mund des Weibes zu passen, dass sie Christum in dieser Weise verhöhnt: „Was? Das könnte dir gerade passen, von mir einen kühlen Trunk zu bekommen, während wir auch außerdem zu schlecht sind!“

V. 10. Jesus antwortete. Jetzt benützt der Herr die Gelegenheit und beginnt dem Weibe von der Gnade und Kraft seines Geistes zu predigen. Alles das bei einem geringen Weibe, das völlig unwürdig war, dass er sich mit ihr in ein Gespräch einließ! Sicherlich ein wunderbares Beispiel seiner Güte! Wie kam dies unselige Weib dazu, dass sie auf einmal aus einer verworfenen Dirne eine Schülerin des Gottessohnes wurde? Freilich erweist er uns allen die gleiche Barmherzigkeit. Nicht alle Frauen sind solche Dirnen; nicht alle Männer sind mit einem Makel gebrandmarkt, - gewiss nicht! Aber vermag denn irgendein Mensch einen Vorzug aufzuweisen, um dessentwillen er der himmlischen Lehre und der Ehre, angenommen zu werden, würdig wäre? Nicht von ungefähr hat sich das Gespräch gerade mit einer solchen Person zugetragen. Vorbildlich zeigt der Herr uns an ihr, dass er durchaus nicht nach Würdigkeit diejenigen wählt, denen er die Heilslehre mitteilt. Wunderbar! so manchen bedeutenden Namen in Judäa hat er übergangen, dagegen zieht er dies Weib in eine vertrauliche Unterredung. Es musste die Wahrheit des Prophetenwortes (Jes. 65, 1) offenbar werden: „Ich werde gefunden von denen, die mich nicht suchten; und zu den Heiden, die meinen Namen nicht anriefen, sage ich: Hier bin ich.“

Wenn du erkenntest die Gabe Gottes. Worin diese Gabe Gottes besteht, sagen erläuternd die nächsten Worte: und wer der ist, der zu dir sagt usw. War es doch eine Wohltat Gottes sondergleichen, dass das Weib Christum vor sich hatte, der das ewige Leben mitbrachte. Noch deutlicher wird die Stelle, wenn man statt: „und“ einfügt: „nämlich“. Also: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes, nämlich: wer der ist, der mit dir redet.“ Übrigens empfangen wir damit die Lehre, dass wir dann erst wissen, wer eigentlich Christus ist, wenn wir ergreifen, was uns der Vater in ihm gegeben hat, und was er irgend an Gütern uns anbietet. Diese Erkenntnis aber beginnt erst dann, wenn wir unsere Bedürftigkeit fühlen. Nach einem Heilmittel verlangt erst der, welcher sein Leiden spürt. Daher lädt der Herr nicht die Trunkenen, sondern die Dürstenden, nicht die Satten, sondern die Hungrigen ein, zu essen und zu trinken. Was hätte es für einen Zweck, dass Christus zu uns gesandt wurde mit der Fülle seines Geistes, wenn wir nicht ohne ihn leer wären? Übrigens, so groß der Fortschritt ist, wenn einer seinen Mangel empfindet, und nun erkennt, wie sehr ihm Hilfe nottut, - nun würde es nicht genug sein, wenn er unter der Last seines Übels bloß seufzen wollte, - nein, es muss die Hoffnung hinzukommen: die Hilfe ist vor der Tür. Mit dem Seufzen allein würden wir uns vor Traurigkeit verzehren. Oder es würde uns gehen, wie den römischen Christen, welcher hier- und dorthin laufen und sich ganz ohne Nutzen ermüden. Sobald aber Christus erscheint, irren wir nicht mehr ziellos umher, um Hilfe zu suchen, wo es keine gibt, sondern gehen gerades Wegs auf ihn zu. Das erst ist wahre, nutzbringende Erkenntnis der Gnade Gottes, wenn wir wissen: in Christo ist sie für uns da; die Hand des Heilandes hält sie für uns hin. Zugleich macht Christus darauf aufmerksam, welche Wirkung die Erkenntnis seiner Gaben hat. Sehen wir sie, dann entbrennt unsere Seele von Verlangen nach ihnen, und es reizt uns, sie zu erbitten. „Wenn du es wüsstest“, sagt er, „du bätest ihn“. Übrigens lässt sich die Absicht dieser Worte nicht verkennen; sie zielen darauf ab, die Sehnsucht des Weibes zu erwecken, damit sie nicht, wenn Jesus ihr das Leben anbietet, es mit Geringschätzung abweise.

Er gäbe dir lebendiges Wasser. Mit diesen Worten bezeugt Christus, dass die an ihn gerichteten Bitten durchaus nicht vergeblich sind. Und sicherlich würde, wenn wir nicht dieser Zuversicht sein könnten, der Eifer des Gebetes völlig erlahmen. Aber wo Jesus denen, die zu ihm kommen, so freundlich begegnet und willens ist, sie alle satt zu machen, da ist kein Raum mehr für Trägheit oder Zaudern. Es würde auch ein jeder das merken, dass dies für uns alle gesagt ist, stände nur nicht jedem der eigene Unglaube im Wege. Anknüpfend an die Sachlage hat Christus den Namen des Wassers auf den Geist übertragen; doch kommt gerade dies Bild in der Schrift recht häufig vor, und zwar mit dem besten Grunde. Gleichen wir doch einem dürren, unfruchtbaren Lande; es ist keine Kraft in uns und kein Saft, bis der Herr uns mit seinem Geiste überströmt. Hes. 36, 25 wird der heilige Geist einmal „reines Wasser“ genannt; der Sinn ist dort ein etwas anderer. Er heißt so, weil er uns von dem Schmutze, welcher uns über und über bedeckt, abwäscht und säubert. Hier jedoch und an ähnlichen Stellen handelt es sich um die geheimnisvolle, belebende Kraft des Geistes, vermöge deren er in uns Leben hervorruft, die Entwicklung des neuen Lebens schützt und es zur Reife bringt. Etliche Ausleger beziehen die Bezeichnung „Wasser“ auf die Lehre des Evangeliums; das wäre möglich. Aber ich glaube, dass Christus hier die gesamte Erneuerung durch die göttliche Gnade kurz zusammenfassen will. Wissen wir doch, dass er gesandt ist, neues Leben zu bringen. Im Gegensatz zu dem Mangel an allem Guten, woran die Menschheit als unter einem schweren Drucke leidet, hat, meiner Auffassung nach, Christus seine Gabe als das Wasser bezeichnet. Er nennt es „lebendiges Wasser“, nicht nur um seiner Wirkung willen, weil es Leben bringt, sondern in Anspielung an anderes (totes, stillstehendes) Wasser. Lebendig heißt es, weil es aus einem lebendigen Quell hervorsprudelt.

V. 11 u. 12. Herr, hast du doch nichts, damit du schöpfst. Wie die Samariter von den Juden, so wurden wechselseitig auch diese von jenen verachtet. Deshalb behandelt das Weib anfänglich Christum verächtlich und verhöhnt ihn sogar. Sie versteht ganz wohl, dass Christus in einem Bilde redet. Sie macht sich über ihn lustig in einem Gegenbilde. Sie will ihm zu verstehen geben: du versprichst mehr, als du halten kannst. Weiter beschuldigt sie ihn der Anmaßung: du willst wohl etwas Besseres sein als der heilige Erzvater Jakob! Jakob, sagt sie, war mit diesem Brunnen zufrieden zu seinem und seiner ganzen Familie Gebrauch. Hast du denn besseres Wasser? Es ist Sünde, einen solchen Vergleich zu ziehen. Das geht schon daraus zur Genüge hervor, dass das Weib den Diener dem Herrn, einen verstorbenen Menschen dem lebendigen Gott gegenüberstellt. Und doch, verfallen nicht viele täglich in denselben Fehler? Umso mehr müssen wir uns hüten, Menschen nicht so hoch zu erheben, dass sie Gottes Herrlichkeit verdunkeln. Ehrfurchtsvoll sind Gottes Gaben zu begrüßen, wo sie immer sich einstellen. Deshalb ist es recht und billig, ausgezeichneten und besonders begabten Männern Ehrerbietung zu beweisen, aber doch nur so weit, dass Gott jederzeit über sie alle hoch hinausragt, dass Christus mit seinem Evangelium allen sichtbar hell erstrahlt. Ihm muss aller Glanz der Welt weichen. –

Zu bemerken ist noch, dass die Samariter sich fälschlich der Abstammung von den heiligen Vätern Israels rühmten. Hätten sie aber auch wirklich ihren Ursprung auf Jakob zurückführen können, so wäre dies dennoch nichts zum Rühmen gewesen; waren sie doch völlig entartet und von wahrer Frömmigkeit abgekommen. Sie sind ihrer Herkunft nach Kuthäer, oder doch aus allerlei heidnischen Völkern zusammengewürfelt; obwohl das feststeht, geben sie ihren unbegründeten Anspruch, sie seien Nachkommen des heiligen Erzvaters, nicht auf. Es nützt ihnen doch nichts, - eben so wenig wie denen, welche, des göttlichen Lichtes beraubt, sich selber ein Lichtlein angesteckt haben und dabei sich übermütig gebärden und doch keinerlei Gemeinschaft haben mit den heiligen Vätern, deren Namen sie nur missbräuchlich an sich reißen.

V. 13 u. 14. Wer dieses Wasser trinkt usw. Jedes Mal, wenn Christus sieht, dass er nicht viel erreicht, ja, dass gar seine Lehre bespöttelt wird, fährt er damit fort, das, was er gesagt hatte, noch klarer auseinanderzusetzen. Er macht einen Unterschied zwischen dem Wasser im Brunnen und dem Wasser, das er gibt: das erstere dient dem Leibe nur für eine kurze Zeit, wogegen das andere eine unvergängliche Kraft zur Belebung der Seele besitzt. Das Leibesleben ist dem Verfall ausgesetzt; so müssen auch die Mittel, denen es seine Erhaltung verdankt, nur eine vorübergehende und vergängliche Wirkung haben. Was dagegen die Seele lebendig macht, kann nur etwas Ewiges sein. Übrigens steht die Tatsache, dass gläubige Christen bis zum Lebensende ein brennendes Verlangen nach reichlicherer Erfahrung der Gnade haben, nicht im Widerstreit mit dem Worten Christi. Er will uns nicht zusagen, dass wir gleich am ersten Tage, da wir gläubig werden, uns für immer ganz satt trinken sollen, sondern meint nur das, dass der heilige Geist ein sprudelndes Wasser ist, das immerzu im Fluss ist. So besteht keine Gefahr, dass die, welche durch geistliche Begnadigung erneuert worden sind, wieder einem dürren, abgestorbenen Felde gleichen. Unser ganzes Leben lang werden wir immer wieder Durst verspüren. Und dennoch haben wir nicht für einen Tag oder für eine kurze Zeit aus der Quelle des Geistes getrunken, sondern für immer. Beständig sprudelnd soll er uns nimmermehr fehlen. Durst, sogar brennenden Durst nach Geist haben gläubige Christen tagaus, tagein, und dennoch besitzen sie dabei eine Fülle von Lebenskraft; und wäre es nur ein Tröpfchen Gnade gewesen, was ihnen zufloss, - es belebt sie beständig, sodass sie niemals völlig verdorren. Die Sättigung, von der hier Christus redet, steht nicht im Gegensatz zum Verlangen, - das erneuert sich immer wieder, - sondern nur zur inneren Dürre. Die folgenden Worten machen das noch deutlicher: Es wird ein Brunnen des Wasser werden, das in das ewige Leben quillt. Damit wird eine beständige Bewässerung beschrieben, die in diesem hinfälligen Erdenleben in den Gläubigen das Himmlische und Ewige nährt. Nicht auf eine kleine Weise nur strömt Christi Gnade in uns ein, sondern sie ergießt sich in uns solange, bis wir droben selig und unsterblich sind. Nicht eher steht dieser Strom still, als bis das unvergängliche Leben, das er hervorruft, in jeder Beziehung vollendet ist.

V. 15. Gib mir das selbige Wasser. Sicherlich versteht das Weib recht gut, dass Christus von geistlichem Wasser spricht. Aber sie verachtet ihn und schlägt deshalb alle seine Verheißungen in den Wind. Die Lehre findet solange keinen Eingang, als der, welcher sie vorträgt, bei uns nicht in Ansehen steht. Das Weib will Christo einen Seitenhieb mit ihren Worten beibringen. Sie sind hämisch gemeint: Du bist ein rechter Großprahler! Von alle dem sehe ich nichts. Statt Worten zeige Taten, wenn du das kannst!

V. 16. Rufe deinen Mann. Das scheint gar nicht dahin zu gehören. Ja, es könnte jemand auf den Gedanken kommen: Christus streckt vor der Halsstarrigkeit des Weibes die Waffen und will in seiner Verlegenheit die Rede auf etwas anderes bringen. Dem ist aber nicht so. Er sah, dass das Weib sich über alles, was er sagte, belustigte. Da wendet er das einzige Mittel an, was in diesem Falle zu helfen vermag. Er rührt ihr ans Gewissen und erinnert sie an ihre Sünde. Wieder ein herrlicher Beweis seiner Barmherzigkeit! Fast wider ihren Willen zieht er sie, da sie freiwillig sich nicht nähern wollte. Sehr bemerkenswert ist, was ich eben andeutete: wenn jemand in übergroßer Sicherheit fast ganz stumpf ist, dann muss man ihn durch die Erinnerung an seine Sünde verwunden. Die Lehre Christi werden Leute, wie die Samariterin, steht für ein Märchen ansehen, bis man sie einmal durch Weckung ihres Gewissens vor den Richterstuhl Gottes ruft und sie nun den, welchen sie verachteten, als ihren Richter fürchten müssen. So sind alle die zu behandeln, welche keine Scheu tragen, gegen die Lehre Christi mit Witzeleien und Narrenspossen anzugehen; nur so können sie merken, dass ihnen das nicht ungestraft hingehen wird. Viele sind so trotzig, dass sie Christum niemals anhören würden, wenn man sie nicht dazu nötigte. So oft wir dann merken, dass das Öl Christi ihnen nicht schmecken will, müssen wir es mit Essig vermischen, um es ihnen schmackhaft zu machen. Ja, das tut uns allen not: solange wir nicht durch Buße aufgerüttelt sind, macht es gar keinen ernstlichen Eindruck auf uns, was Christus sagt. Zu ordentlichem Vorwärtskommen in der Schule Christi ist es unerlässlich, dass uns das Elend der eigenen Sündhaftigkeit vor Augen geführt wird. Mit scharfem Pfluge muss unser hartes Herz bearbeitet werden. Die Erkenntnis der Sünde erst verjagt jedes Gelüste, das sich erfrechen will, Gottes zu spotten. Sollte es uns jemals in den Sinn kommen, das Wort Gottes hintanzusetzen, so gibt es kein passenderes Heilmittel, als dass wir, jeder für sich, uns bemühen, an unsere Sünden zu denken und uns ihrer zu schämen. Dann wird das Zittern vor dem Gerichte Gottes nicht ausbleiben, und wir werden demütig uns unter den Gehorsam gegen das nämliche Gotteswort beugen, das uns vorher lächerlich und verächtlich war.

V. 17 u. 18. Ich habe keinen Mann. Noch ist von der Ermahnung, durch welche Christus die Seele des Weibes hatte zur Buße treiben wollen, keine Frucht zu sehen. Das erste Anklopfen schien nichts geholfen zu haben. Von Eigenliebe berauscht, liegt der Mensch in tiefem Schlafe, ja, er ist völlig stumpf, und ein solches erstes Anklopfen vermag ihn noch nicht zum Aufstehen zu bringen. Aber Jesus ist der rechte Arzt, der auch solche Trägheit zu heilen versteht. Er fasst die Eiterbeule und drückt sie kräftiger. Mit unverhüllten Worten deckt er des Weibes Schande auf. Schwerlich ist sie von Anfang an eine öffentliche Dirne von Beruf gewesen.

Der Herr sagt (V. 18): fünf Männer hast du gehabt. Sie war demnach wohl fünfmal verheiratet, hat aber jedes Mal durch wollüstiges, ungezügeltes Leben den Mann bewogen, ihr einen Scheidebrief auszustellen. Ich verstehe Jesu vorwurfsvolles Wort also folgendermaßen: In rechtlich anerkannten Ehen hast du anfänglich gelebt, warst aber so unersättlich in deiner Sünde, dass du in allgemeinen Verruf kamst und mehrmals verstoßen wurdest; jetzt aber bist du zur öffentlichen Dirne herabgesunken.

V. 19. Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Hier zeigt sich schon eine Frucht des gemachten Vorhaltes. Kleinlaut erkennt das Weib seine Schuld an. Ja, - hatte sie vorher die Belehrung Christi für recht überflüssig gehalten, jetzt ist sie bereit und gewärtig, sie zu hören; aus freien Stücken begehrt und verlangt sie danach. Gelehrig, wie schon gesagt, ist erst der, welcher Buße hat. Hast du Buße, dann steht die Tür vor dir offen in den Hörsaal des großen Lehrers Christus. An dem Beispiele des Weibes haben wir zu lernen, dass es gilt, die Gelegenheit zu benutzen, wenn jemand sich findet, der uns belehren kann; benutzen wir solche Gelegenheiten nicht, dann sind wir undankbar gegen Gott, der seine Propheten schickt und uns damit seine einladende Hand entgegenstreckt. Wohl zu beachten ist, was Paulus (Röm. 10, 15) schreibt, dass die Prediger uns von Gott gesendet werden.

V. 20. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet usw. Fälschlich nehmen einige an, das Weib wolle, weil ihr die Vorwürfe lästig und verhasst waren, schlau nach einer anderen Seite hin ausbiegen. O nein! Vielmehr geht sie von dem Einzelfall über auf das Allgemeine. Von ihrer Sünde überführt, will sie nun gern Bescheid haben, wie man Gott richtig verehrt. Wenn sie einen Propheten in dieser Sache um Rat fragt, um nicht verkehrt beschieden zu werden, so zeigt sie sich gewiss von einem ganz richtigen Takte geleitet. Ist der Mann vor ihr ein Prophet, so ist es ja gerade so gut, als fragte sie Gott selber: wie willst du verehrt werden? In der Tat kann es ja nichts Verkehrteres geben, als wenn man sich nach eigenem Gutdünken, ohne Anleitung des Wortes Gottes, allerlei Arten der Gottesverehrung selber zurecht macht. Bekanntlich war gerade die rechte Anbetung der beständige Streitpunkt zwischen Juden und Samaritern. Obgleich die Kuthäer und die übrigen Ansiedler, welche nach der Wegführung der zehn Stämme in die Verbannung nach dem entvölkerten Samarien verpflanzt worden waren, durch Landplagen gezwungen, die gesetzlichen Bräuche auf sich genommen hatten und ihrer Versicherung nach, den Gott Israels anbeteten (vgl. 2. Kön. 17, 27, war dennoch ihre Religion eine verkümmerte und in einer für die Juden vielfach unerträglichen Weise entstellte. Recht entbrannt war der Religionsstreit erst nach der Errichtung eines Tempels auf dem Berge Garizim durch Manasse, den Sohn des Hohenpriesters Johannes und Bruder des Jaddus, zu der Zeit, als der letzte Perserkönig Darius durch seinen Landvogt Saneballetes Judäa beherrschte. Dieser Manasse hatte eine Perserin, die Tochter eines hohen königlichen Beamten, geheiratet. Um nun an Rang seinem Bruder, welcher zum Hohenpriester in Jerusalem gewählt worden war, nichts nachzugeben, ließ er sich zum Hohenpriester an dem samaritischen Tempel wählen; so viel wie möglich, bewog er auch Juden zum Abfall vom judäischen Heiligtum und zog sie zu sich herüber. Das alles ist zu lesen in einem alten jüdischen Geschichtswerke, verfasst von Josephus.

Wie es nun bei dergleichen Verrätern an der Sache der wahren Frömmigkeit üblich ist, dass sie ihr Tun mit Belegen aus dem Leben der Vorfahren zu rechtfertigen suchen, so war es auch bei den Samaritern. Das kann man aus den Worten des Weibes abnehmen: unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet. Als ob man sich um des Vorgangs der Väter willen über Gottes Gesetz hinwegsetzen dürfte! Man soll aber niemanden unter die „Väter“ zählen, der nicht zweifellos zu Gottes Kindern gehört und durch hervorragende Frömmigkeit solchen Ehrentitel verdient. Jedenfalls ist es eine Sünde, dass man das Tun der Väter ohne weiteres zum allgemeinen Gesetz macht. Alles menschliche Tun muss seinen einzigen Maßstab im Gesetze Gottes finden. Wird die Nachahmung der Väter als oberstes Gesetz aufgestellt, so meint die Welt, sie dürfe, wenn sie nur ihr Vorbild für sich habe, ungestraft sündigen. Auch da würden wir mit buchstäblicher Nachahmung der Väter grobe Fehler machen, wenn wir in solchen Fällen, wo uns nicht derselbe Geist wie sie beseelt, oder wo wir nicht in gleicher Weise wie sie göttlich beauftragt sind, ihr Tun nachäffen wollten. Moses hat (2. Mo. 2, 12) sein Schwert herausgezogen und Rache genommen für die Misshandlung seines Volksgenossen. Pinehas hat an den Hurern die Strafe Gottes vollstreckt (4. Mo. 25, 7). Beides ist durchaus nicht unmittelbar nachahmenswert. Wenn in Israel so häufig, wie wir in der Schrift lesen, Väter auf den wahnsinnigen Gedanken gekommen sind, die eigenen Kinder zu schlachten, so hängt das nach der Meinung vieler damit zusammen, dass die Juden dadurch ihrem Vater Abraham gleichen wollten, dem ja (1. Mo. 22, 2) Gott befahl: opfere deinen Sohn Isaak. Ein schauerliches Missverständnis, als wäre das ein Gebot, das für jedermann Geltung habe, während es doch nur dem Abraham gegeben war und darauf abzielte, gerade dieses einen Mannes Gottesfurcht zu prüfen (1. Mo. 22, 12). Willst du nicht selbstverschuldeter weise in Irrtum hineingeraten, dann musst du immer darauf achten, was für einen Geist dir Gott geschenkt hat, was dein besonderer Beruf mit sich bringt, was dir gerade zukommt, was dir gerade anbefohlen ist. Auch gilt es zu bedenken, dass nicht eine Zeit ist wie die andere. Gott hat den Vätern besondere Vorschriften gemacht. Er macht auch uns zu unserer Zeit besondere Vorschriften. Dass man das nicht bedacht hat, war der Grund für den in die Kirche eingedrungenen Wust von Zeremonien. Man hat da den Fehler begangen, dass man den Tempeldienst der Juden einfach übernahm. Die Juden hatten ihre Opfer. Um nicht weniger prunkvolle Gottesdienste zu feiern, erfand man das Messopfer. Als hätte man sich schlecht dabei gestanden, wenn man alle jene jüdischen Bräuche, die doch nur schattenhafte Vorausdarstellungen des Opfers auf Golgatha waren, getrost hätte schwinden lassen! Je länger, je mehr holte man diese Dinge wieder in den christlichen Gottesdienst hinein.

O, lasset uns ja nicht wieder auf diese schiefe Bahn kommen, sondern genau beachten, was für unser Tun in der gegenwärtigen Zeit die Richtschnur sein muss. Für den jüdischen Gottesdienst hatte Gott ganz ausdrücklich Weihrauch, Lichter, Priestergewänder, Altar, Gefäße und dergleichen mehr vorgeschrieben. Da galt es, zu gehorchen. Denn Gehorsam ist Gott das Allerliebste. Unsere Lage hat sich durch das Erscheinen Christi sehr viel anders gestaltet.

Wir haben jetzt das Evangelium. So gilt es, darauf zu achten, was uns Gott in demselben vorschreibt, und nicht ohne weiteres in die Fußspuren der Väter zu treten, welche unter dem Gesetz treulich beobachteten, was damals zu beobachten war. Wir sind ja nicht mehr unter dem Gesetz! Was damals fromme Pflege des Heiligtums war, würde heute frevelhafte Tempelschändung sein. Der Irrtum der Samariter bestand darin, dass sie bei dem Beispiel Jakobs die so sehr veränderten Zeitumstände nicht in Anschlag brachten. Die Erzväter hatten allenthalben Altäre errichten dürfen; war doch der Platz noch nicht bestimmt, den der Herr später auf dem Berge Zion auserkor. Als aber der Tempel dort erbaut war, da hörte die Freiheit der früheren Zeit auf. Deswegen ordnete Moses an (5. Mo. 12, 8): späterhin sollt ihr nicht tun, was einem jeglichen recht dünkt, sondern nur, was ich euch befehle. Von der Zeit ab, da der Herr das Gesetz gab, hat er seine Verehrung an die gesetzlichen Vorschriften gebunden, während früher das Tun und Lassen des einzelnen mehr seinem Belieben überlassen war.

Eines ähnlichen Vorwandes wie hier hatte man einst für die Anbetung in Bethel sich bedient. Jakob hatte dort Gott ein feierliches Opfer dargebracht. Nachdem aber der Herr den Platz in Jerusalem bestimmt hatte, wurde aus dem Bethel (Haus Gottes) ein Bethawen (Haus der Sünde). –

Nun zurück zu unserer Stelle! Die Samariter sagten: Wir richten uns nach den Vätern! Die Juden: Wir gründen uns auf Gottes Gebot! Das Weib dort am Jakobsbrunnen hat bisher die Stammessitte mitgemacht; aber sie fühlt sich nicht wohl dabei. Unter Anbetung ist hier nicht jede Anbetung zu verstehen, - für die täglichen Gebete war natürlich jeder Platz gleich gut, - sondern diejenige, welche sich mit Opfern verband, also die öffentliche, feierliche Religionsübung.

V. 21. Weib, glaube mir usw. Im ersten Teil seiner Antwort schafft Christus kurzweg den zeremoniellen Gottesdienst ab, wie er unter dem Gesetz eingerichtet worden war. Denn indem er sagt, die Stunde stehe unmittelbar bevor, da man keine besonders auserwählte Stätte der Anbetung mehr haben werde, spricht er es aus. Dass das durch Moses vermittelte Gottesgebot nur zeitweilige Bedeutung gehabt habe; es nahe die Zeit, da der Zaun hinfalle. So führt Jesus den Gottesdienst aus den bisherigen Schranken heraus in größere Weite, wo auch die Samariter daran mitbeteiligt werden. Es kommt die Zeit, bedeutet hier so viel als: „sie wird kommen“; doch ist der Sinn: ganz bald wird der Teil des Gesetzes, welcher sich auf Tempel, Priesterschaft und verwandte äußere Bräuche bezieht, wegfallen. Christus nennt hier Gott ausdrücklich den Vater, wahrscheinlich im Gegensatz zu den Vätern, deren das Weib wiederholt Erwähnung getan hatte. Er will sagen: Gott wird dann der Vater sein für alle miteinander; und man wird ihn in großem Vereine anbeten ohne Unterschied des Ortes und des Volkstums.

V. 22. Jetzt setzt Jesus ausführlicher auseinander, was er in Bezug auf die Abschaffung des Gesetzes kurz angedeutet hatte. In dieser Auseinandersetzung sind zwei Hauptteile zu beobachten. In dem ersten verwirft er die bei den Samaritern bräuchliche Form der Gottesverehrung als abergläubisch und irrig und bezeugt, dass bei den Juden die wahre und rechte gewesen sei. Als Grund dieser Unterscheidung gibt er an: den Juden ist die Richtigkeit ihres Gottesdienstes durch das göttliche Wort verbürgt, wogegen den Samaritern solche Bürgschaft aus dem Munde Gottes fehlte.

Im zweiten Teile erklärt er, dass die bisher bei den Juden beobachteten Bräuche binnen kurzem ihr Ende finden würden.

Ihr wisset nicht, was ihr anbetet. Ein denkwürdiger Ausspruch, der uns belehrt, dass in religiösen Dingen nichts aufs Geratewohl hin und von Ungefähr darf angenommen werden, weil da, wo ausdrückliches Wissen fehlt, eben nicht mehr Gott, sondern ein Gebilde der eigenen Einbildungskraft oder eine Spukgestalt angebetet wird. Deshalb ist diese Stelle ein verzehrender Blitz für allen unbiblischen Gottesdienst, bei dem man sich darauf beruft, er geschehe doch aus der allerbesten Absicht. Wo kein ausdrückliches Wort oder Gebot Gottes die Menschen anleitet, sondern nur eigener Wahn und Gutdünken, da müssen sie unfehlbar in Irrtum verfallen. Christus tritt hier völlig auf die Seite seines Volkes und macht einen bedeutenden Unterschied zwischen Juden und Samaritern.

Denn er sagt: das Heil kommt von den Juden. Er bezeichnet es also als einen unbestreitbaren Vorzug der Juden, dass Gott mit ihnen den Bund des ewigen Heils geschlossen hat. Etliche Ausleger deuten diese Stelle auf Christus, der ja leiblich aus jüdischem Geschlechte ist. Und sicherlich gibt es, weil alle Gottesverheißungen Ja und Amen in ihm sind (2. Kor. 1, 20), kein Heil außer in ihm. Aber da kein Zweifel darüber obwalten kann, dass Christus den Juden deswegen den Vorzug zuerteilt, weil sie nicht irgendeine unbekannte Gottheit anbeten, sondern den einen Gott, der sich ihnen geoffenbart und der sie zu seinem Volke angenommen hat, so muss hier unter „Heil“ die heilbringende Offenbarung verstanden werden, welche sie an der himmlischen Lehre hatten. Aber warum sagt Jesus, dass es von ihnen komme, da es doch vielmehr bei ihnen als ein Schatz niedergelegt war, den sie allein gebrauchen sollten? Er spielt nach meiner Meinung auf die Prophetenstellen an, in denen geweissagt war, dass das Gesetz von Zion ausgehen werde (Jes. 2, 3). Denn nur in der Absicht hatte Gott die Juden für eine gewisse Zeit von den übrigen Völkern abgesondert, dass von ihnen dereinst die reine Gotteserkenntnis in die ganze Welt hinausströmen sollte. Die rechte Anbetung Gottes findet sich also dort, wo man seines Glaubens ganz gewiss ist. Solche Gewissheit aber kann nur aus dem Worte Gottes entstehen, woraus folgt, dass alle, welche vom Worte Gottes abgehen, in Götzendienst hineingeraten müssen.

Christus bezeugt deutlich, dass ein Götze oder ein hohles Wahngebilde an Gottes Stelle gesetzt wird, wo die Menschen den wahren Gott nicht kennen.

Als unwissend bezeichnet er alle, denen Gott sich nicht selbst geoffenbart hat. Leuchtet uns nicht das Licht seines Wortes, so sind wir unter der Herrschaft der Finsternis und Blindheit.

Zu bemerken ist indes, dass die Juden, da sie durch ihre Treulosigkeit den mit den Vätern geschlossenen Bund des ewigen Lebens gebrochen haben, des Schatzes verlustig gegangen sind, den sie damals noch besaßen. Damals waren sie ja noch nicht aus der Gemeinde Gottes ausgeschieden. Jetzt, wo sie den Sohn verleugnen, haben sie auch keine Gemeinschaft mehr mit dem Vater. Genau dasselbe gilt für alle, die sich von der reinen evangelischen Glaubenslehre geschieden haben und Menschenlügen den Vorzug geben. Mögen sie in ihrer Eigenwilligkeit sich selber noch so viel Beifall spenden, indem sie nach ihrem eigenen Kopfe oder nach menschlichen Überlieferungen Gott anbeten, - dieser eine Ausspruch unseres Herrn tönt vom Himmel herab wie ein Donnerschlag, der ihre vermeintliches Heiligtum zu Boden wirft: „Ihr wisset nicht, was ihr anbetet“. Soll unsere Religion Gott gefallen, so muss sie sich auf festes, aus der Schrift geschöpftes Wissen stützen können.

V. 23. Aber es kommt die Zeit usw. Es folgt der zweite Teil der Auseinandersetzung bezüglich des gesetzlichen Gottesdienstes. Wenn Jesus sagt, die Stunde komme oder werde kommen, so lehrt er damit, dass die mosaischen Anordnungen nicht immer bestehen bleiben werden. Wenn er sagt: die Stunde ist schon jetzt, so stellt er damit fest, dass die Zeit der Zeremonien abgelaufen ist, und nun etwas Besseres an ihre Stelle tritt. Dabei bestätigt er als für eine vergangene Zeit (Hebr. 9, 10) vollgültige Einrichtungen den Tempel, die Priesterschaft und alle damit zusammenhängenden Bräuche. Um nun zu zeigen, dass Gott weder zu Jerusalem noch auf dem Berge Garizim angebetet werden will, spricht Christus den erhabenen Grundsatz aus, dass der wahre Gottesdienst in der Anbetung im Geiste bestehe. Daraus folgt dann, dass man Gott mit Fug und Recht überall anbetet.

Fragen wir nun zunächst: Weshalb und in welchem Sinne wird die Gottesverehrung als eine geistliche bezeichnet? Damit wir das recht erfassen, ist der Finger auf den Gegensatz zwischen dem Geiste und den äußeren Sinnbildern zu legen, einen Gegensatz wie zwischen Schatten und wirklichem Gegenstand. Es heißt, die reche Gottesverehrung bestehe in der Anbetung im Geiste, weil dieselbe nichts anderes ist, als der im Herzen wohnende Glaube, der die Anrufung Gottes hervorbringt, ferner das gereinigte Gewissen und die Selbstverleugnung, die darin besteht, dass wir Gott völlig untertan, für ihn gleichsam heilige Opfer sind (Röm. 12, 1). Wir fragen weiter: Haben denn die Väter unter dem Gesetz Gott nicht im Geiste angebetet? Antwort: Gott ist immer der Gleiche; so hat ihm seit Beginn der Welt keine andere Anbetung gefallen als die geistliche. Dafür ist Moses selber hinreichend Zeuge, da er an vielen Stellen erklärt, das Gesetz bezwecke nichts anderes, als dass das Volk im Glauben und mit reinem Gewissen Gott anhange. Klarer noch wird das von den Propheten angedrückt, indem sie ernstlich gegen die Heuchelei des Volkes vorgehen, weil dasselbe meinte, Gott sei schon zufrieden gestellt, wenn man ihm Opfer darbringe und prunkvolle Festlichkeiten begehe. Es ist nicht nötig, hier viele Belegstellen anzuführen, denn die Schrift wimmelt von ihnen. Nur die hauptsächlichsten mögen hier ihre Stelle finden: Ps. 50; Jes. 1; 58; 66; Micha 5; Amos 7.

Wenn übrigens die Anbetung Gottes unter dem Gesetz einen geistlichen Charakter hatte, war derselbe doch dermaßen von den Hüllen von allerlei Zeremonien umgeben, dass in ihr das fleischliche und irdische Element sehr vorschmeckte. Deswegen bezeichnet Paulus die Zeremonien als Fleisch und dürftige Satzungen der Welt (Gal. 4, 9). Ähnlich sagt der Verfasser des Hebräerbriefs (9, 1), das alte Heiligtum mit allem, was dazu gehörte, sei irdisch gewesen. Deshalb wird es der passende Ausdruck sein: die gesetzliche Gottesverehrung war ihrem Gehalte nach geistlich, ihrer Form nach in gewisser Weise fleischlich und irdisch. Der Gesamtzustand im Alten Bunde war ein schattenhafter, sinnbildlicher; die Realität, die Sache selbst, tritt nun erst offen hervor.

Nun können wir sehen, was die Juden mit uns gemein gehabt haben und was nicht. Zu allen Jahrhunderten wollte Gott durch Glauben, Gebete, Danksagung, Reinheit des Herzens und fleckenloses Leben verehrt werden; das waren die Opfer, die ihm allein gefielen. Im Gesetz war mancherlei anderes hinzugekommen, sodass Geist und Wahrheit unter Schleiern verhüllt waren. Jetzt ist der Vorhang im Tempel zerrissen und nichts mehr dunkel und verdeckt. Auch wir haben allerdings heute noch gewisse äußerliche Übungen der Frömmigkeit, deren wir in unserer Unreife noch bedürfen, aber sie entsprechen nur dann dem rechten Maße und der rechten Nüchternheit, wenn sie die schlichte und klare Wahrheit Christi nicht verdunkeln. Was den Vätern nur schattenhaft angedeutet worden war, das haben wir jetzt klar und ausdrücklich. Das Papsttum hat diesen Unterschied nicht nur verwischt, sondern völlig ausgemerzt. Denn die Schatten finden sich bei den Römischen nicht weniger massenhaft, als im jüdischen Gottesdienst vor Zeiten. Dem gegenüber halten wir daran fest, dass keine Ausflucht uns dahin bringen darf, den von Christus festgestellten Grundsatz zu durchbrechen. Weiß doch der Herr am besten, was seiner Gemeinde frommt.

Die wahrhaftigen Anbeter. Wie es scheint, soll das hier gebrauchte Beiwort einen Hieb gegen den alsbald hervortretenden jüdischen Starrsinn bedeuten. Wissen wir doch, wie heftig und kampflustig nach Offenbarung des Evangeliums die Juden für ihre altgewohnten Zeremonien eintraten. Doch hat unser Satz eine noch weitergehende Bedeutung. Der Herr wusste, dass die Welt nie ganz von abergläubischen Dingen gereinigt werden würde; er scheidet deshalb die frommen und rechten Anbeter von den verkehrten und nur vorgeblichen. Diese Aussage Christi deckt unsern schlichten und reinen evangelischen Gottesdienst gegen alle Zeremonien des Papsttums. Wo man Gott wirklich im Geist und in der Wahrheit anbetet, verschmäht man die Hüllen der alttestamentlichen Bräuche und behält nur das bei, was an der Gottesverehrung geistlich ist. Darin besteht die „Wahrheit“ und der Kern der Gottesverehrung, während die Zeremonien nur Anhängsel bilden. „Wahrheit“ steht ja hier nicht im Gegensatz zur Lüge, sondern zu den wesenlosen Sinnbildern.

V. 24. Gott ist Geist. Diese Aussage über das Wesen Gottes dient zur Bestätigung des vorigen Satzes. Da die Menschen Fleisch sind, so ist es nicht zu verwundern, dass ihnen das zusagt, was dieser ihrer Anlage entspricht. Davon kommt es, dass sie beim Gottesdienst sich vieles ausdenken, was großartig aussieht, aber gar keinen Kern hat. Sehr unziemlicher Weise! Denn beim Gottesdienst gilt es in erster Linie zu bedenken: wir haben es mit Gott zu tun. Und der Unterschied zwischen ihm und dem Fleische ist um nichts geringer, als der zwischen Feuer und Wasser. Diese eine Erwägung müsste, wenn es sich um die Art der Gottesverehrung handelt, genügen, um das zügellose Gelüsten unserer eigenen Gedanken zu bändigen. Der Abstand ist ein so großer, dass, was unserem Fleische aufs trefflichste gefällt, dem Herrn abscheulich und widerwärtig ist. Die Heuchler werden durch ihren Hochmut so blind, dass sie sich nicht scheuen, von Gott zu verlangen, er solle sich ihrer Meinung oder vielmehr ihrer Willkür fügen. Dem gegenüber dürfen wir dessen gewiss sein, dass die Selbstbescheidung, der alles, was unserem Fleische wohl gefallen möchte, verdächtig ist, sicherlich nicht den untersten Platz hat bei der wahren Gottesverehrung. Auf die höchste Höhe derselben werden wir freilich hier auf Erden kaum gelangen; aber wir haben in Gottes Wort die Richtschnur zu suchen, nach der wir unser Leben einrichten.

V. 25. Ich weiß, dass Messias kommt. So unrein und von allerlei Irrtümern durchsetzt die Religion bei den Samaritern auch war, gewisse Grundlehren, die aus dem Gesetze entnommen waren, hatten sich doch ihren Seelen eingeprägt, wie hier die vom Messias. Wahrscheinlich kam dem Weibe, als sie aus der Rede Christi schloss, dass eine außerordentliche Veränderung der Gemeinde Gottes bevorstehe, alsbald der Messias in die Gedanken: hoffte sie doch, dass unter ihm alles erneuert werden würde. Wenn sie sagt, der Messias werde kommen, so scheint sie von einem nahen Zeitpunkte zu reden. In der Tat wissen wir auch sonst, dass man damals mit allgemeiner Spannung auf das Kommen des Messias wartete. Er sollte dem Volke Gottes in seiner unglückseligen, ja hoffnungslosen Lage zu Hilfe kommen. Die Worte des Weibes ergeben nun zweifellos, dass sie den Messias und sein Lehramt hoch über Moses und alle Propheten stellt. Ihre wenigen Worte besagen dreierlei.

Erstens: die Lehre des Gesetzes ist keine in jeder Beziehung vollendete gewesen, sondern enthielt nur die elementarsten Wahrheiten. Nur bei der Annahme eines weiter noch bevorstehenden Fortschritts hatte es einen Sinn, zu erwarten, dass der Messias alles verkündigen werde. Also die Propheten haben nur den Anfangsunterricht erteilt: Aufgabe des Messias wird es sein, die Schüler zum Ziel zu führen.

Zweitens erklärt die Samariterin, sie hoffe auf einen Christus, der die Willensmeinung des Vaters kundgeben und alle Frommen belehren und unterweisen werde.

Endlich deutet sie an, dass dann etwas Besseres oder Vollkommeneres nicht mehr gesucht werden dürfe, sondern dass seine Lehre der Weisheit höchster Gipfel sei, über den man nicht weiter hinauskomme.

Die Weisheit dieses Weibleins übertrifft den Papst und Mohammed. Was haben diese anders getan als die Lehre des Evangeliums durch ihre üblen Zusätze „vervollständigt“? Als wäre sie ohne ihren Unsinn unvollständig gewesen! Wer in Christi Schule etwas Rechtes gelernt hat, wird nicht auf den Gedanken kommen, sich nach anderen Lehrern umzusehen, wird auch niemandem anders die Befugnis des Lehrens einräumen.

V. 26. Ich bin es, der mit dir redet. Indem Jesus sich dem Weibe als Messias kundtat, bietet er sich ihr offenbar als Lehrer an, um der Hoffnung, die sie hegt, zu entsprechen. Daher ist es nur wahrscheinlich, dass eine reichere Belehrung sich noch angeschlossen hat, die ihren Durst zu stillen bestimmt war. Jesus wollte gerade an diesem armseligen Weibe einen Beweis seiner Gnade geben, um es jedermann zu bezeugen, dass er es nie an sich fehlen lässt, wo man ihn als Lehrer haben will. Es ist also keine Gefahr vorhanden, dass er irgendjemanden links liegen lässt, bei dem er wirklichen Lerneifer findet. Wem es aber zu lästig ist, sich seiner Belehrung zu unterwerfen, oder wer anderswo eine höhere Weisheit erwartet, der ist es wert, in unzähligen Vorspiegelungen sogenannter Weisheit ruhelos umherzuirren und in einem Wirrsal von Irrtum zu versinken. Übrigens ist der Messias-Name, den Jesus für sich beansprucht, ein Siegel für die Lehre des Evangeliums. Der Messias oder Christus (d. h. der Gesalbte) hat vom Vater die Salbung empfangen dadurch, dass der Geist Gottes sich auf ihn niedergelassen hat, damit er uns die Heilsbotschaft überbrächte (Jes. 61, 1).

V. 27. Und es nahm sie wunder. Wenn der Evangelist berichtet, dass die Jünger sich gewundert haben, so kann das zweierlei Gründe haben; entweder nahmen sie Anstoß an der Verworfenheit des Weibes, oder sie meinten, für Juden sei eine Unterredung mit Samaritern verunreinigend. Beides entsprang aus frommer Ehrfurcht vor dem Meister. Und doch handeln sie grundverkehrt, wenn sie staunen, als sei es sinnlos, dass er ein so verkommenes Weib solcher Ehre würdigt. Warum werfen sie keinen Blick auf sich selber? Sie würden da nicht weniger Stoff zum Staunen finden, darüber dass sie, so unbedeutende Menschenkinder, sozusagen die Spreu des Volkes, auf die höchste Ehrenstufe erhoben worden waren. Wenn sie nun trotz ihrer Verwunderung sich nicht getrauen, den Herrn zu fragen, so ist dies nur außerordentlich lehrreich: will uns auch bisweilen in Gottes und Christi Werken und Worten etwas sonderbar vorkommen, so dürfen wir uns doch nicht die Zügel schießen lassen, indem wir heftig dagegen aufbegehren; vielmehr sollen wir dann bescheidentlich den Mund halten, bis Gott uns das, was uns verborgen war, vom Himmel her offenbart. Gottesfurch und ehrerbietige Scheu vor Christo ist der Boden, auf dem solche Bescheidenheit gedeiht.

V. 28. Da ließ das Weib usw. Das erzählt der Evangelist, um zu zeigen, wie völlig sie hingenommen war von dem, was sie bewegte. Nun hat sie höchste Eile. Sie lässt sogar ihren Krug stehen und kehrt um in die Stadt. Das ist ja des Glaubens Art, dass wir den Wunsch haben, wenn wir des ewigen Lebens teilhaftig geworden sind, auch andere zu gewinnen. Wenn einer Gott erkannt hat, so lässt er diese Erkenntnis nicht in seinem Herzen liegen wie in einem Grabe; nein, er muss darüber bei anderen sprechen. Es bewahrheitet sich immer wieder (Ps. 116, 10): „Ich glaube, darum rede ich.“ Und umso merkwürdiger sind für uns der Drang und die Freudigkeit des Weibes, da sie sich an einem ganz kleinen Fünkchen Glaubens entzündet haben. Eben erst hat sie von Christo etwas geschmeckt, da macht sie ihn schon in der ganzen Stadt bekannt. Also ist es für die, welche schon einigermaßen in der Schule Christi Fortschritte gemacht haben, mehr als schimpflich, wenn sie sich träge erzeigen. Aber ist es nicht vielleicht gerade tadelnswert, dass das Weib bei ihrer eben erst gewonnenen und noch unfertigen Erkenntnis die Schranken ihres Glaubensmaßes überspringt? Darauf ist zu antworten: sie würde allerdings unüberlegt gehandelt haben, wenn sie sich als Lehrmeisterin hätte aufspielen wollen. Das hat sie aber gar nicht getan. Sie wünscht ja nur ihre Mitbürger anzuregen, dass sie Christum anhören sollen. Der Vorwurf, dass sie sich vergessen und zu weit vorgewagt habe, würde vollkommen unbegründet sein. Was sie getan hat, war, dass sie, einer Trompete oder einer Ausruferschelle ähnlich, zu Jesu zu gehen einlud.

V. 29 bis 31. Sehet einen Menschen … ob er nicht Christus sei? Diese noch zweifelnde Redeweise könnte den Schein erwecken, als habe das Weib von Christi Würde doch noch keinen tieferen Eindruck empfangen. Wir müssen aber annehmen, dass die im Bewusstsein ihrer Unfähigkeit, ein so tiefes Geheimnis in überzeugender Rede zu vertreten, in ihrer Weise das Beste tat, ihre Mitbürger zu Christo zu locken. Der wirksamste Stachel hierfür war der Hinweis auf ein unzweideutiges, wenn auch im Verhältnis zur Lehre ungeordnetes Zeichen, wodurch Jesus sich als Prophet zu erkennen gegeben hatte: er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. Wenn die Leute hören, dass Jesus dem Weibe verborgene Dinge eröffnet hat, so ziehen sie den Schluss, dass er ein Prophet Gottes sein muss. Steht aber dies fest, so erwacht das Verlangen nach seinem Unterricht. Obgleich die Anregung des Weibes weiter geht, - sie sollen sehen, ob er nicht der Messias ist, - ist sie mit dem ersten Erfolg schon zufrieden. Sie überlässt es ihnen selbst, zu suchen, was sie schon gefunden hatte. Sie wusste ja, dass sie bei Christo mehr finden würden, als was sie versprach.

Aber warum übertreibt sie, Christus habe ihr alles gesagt? Wie schon oben gesagt, hat sie Christus nicht nur um die eine Tatsache ihrer Buhlschaft zur Rede gestellt, sondern ihr in kurzen Worten eine ganze Reihe von Versündigungen vorgeworfen, durch die ihr ganzes Leben befleckt war. Der Evangelist hat ja auch nicht haarklein die einzelnen Aussprüche Jesu alle berichtet, sondern nur zusammenfassend mitgeteilt, dass Christus, um die geschwätzige Zunge des Weibes zu zähmen, das frühere und gegenwärtige Leben desselben zur Sprache gebracht hat. Dabei sehen wir auch, dass sie, von frommem Eifer entzündet, sich und ihren Ruf durchaus nicht schont, um nur den Namen Christi in helles Licht zu setzen; denn sie hält mit der Erzählung ihrer eigenen Schande nicht zurück.

V. 32 u. 33. Ich habe eine Speise usw. Wunderbar, dass Jesus trotz seiner Müdigkeit und trotz seines Hungers keine Speise annehmen will. Das, was geschehen ist, beschäftigt eben seine ganze Seele, dass es ihn keiner Überwindung kostet, die Speise unberührt zu lassen. Dabei ist Jesu Meinung durchaus nicht, dass er im Eifer für die Erfüllung der Gebote seines Vaters überhaupt nicht essen und trinken wolle. Er zeigt nur, was ihm an erster, und was an zweiter Stelle steht. So lehrt uns denn sein Beispiel, dass die Sache des Reiches Gottes den Vorzug vor aller leiblichen Bequemlichkeit haben muss. Gott erlaubt uns, zu essen und zu trinken; wir dürfen nur darüber die Hauptsache nicht außeracht lassen, die darin besteht, dass ein jeder den Ansprüchen seines Berufes Folge leistet. Man könnte einwerfen: aber in jedem Falle sind doch Speise und Trank Ablenkungsmittel, durch die wir von einer besseren Verwendung unserer Zeit abgehalten werden. Das ist wahr, ich gebe es zu, aber weil der Herr in seiner Nachsicht uns gestattet, dass wir für unser leibliches Leben sorgen, soweit es die Not erfordert, so darf man demjenigen, welcher mäßig und nüchtern dem Körper das Seinige zuführt, sicherlich nicht den Vorwurf machen, er vergesse, den Gehorsam gegen Gott über alles zu stellen. Indes haben wir uns zu hüten, dass wir uns nicht dermaßen an die bestimmte Essenszeit binden, dass wir nicht bereit wären, die irdische Speise uns auch einmal zu versagen, wenn Gott der Herr uns eine besondere Gelegenheit gibt, für sein Reich zu arbeiten, die es eben zu ergreifen gilt. Ein solcher günstiger Augenblick war jetzt in Christi Händen. Wenn er jetzt hätte essen wollen, wäre derselbe ihm entschlüpft.

Deshalb packt er ihn recht fest und lässt ihn sich nicht entgehen. Die Arbeit, die der Vater ihm aufgetragen hat, drängt dermaßen, dass darüber alles andere stehen und liegen bleiben muss, selbstverständlich auch das Essen. Es würde sich auch sehr sonderbar ausgenommen haben, wo die Samariterin ihren Krug stehen lässt und davon läuft, um das Volk herbeizurufen, wenn dann an Christo weniger Eifer zu sehen gewesen wäre. Behalten wir nur scharf im Auge, dass wir nicht, um unser Leben zu erhalten, das preisgeben dürfen, um dessentwillen sich allein zu leben lohnt, - so werden wir ohne Schwierigkeit den rechten Weg finden. Wer sich als Lebensziel erwählt hat, dem Herrn zu dienen, wovon er selbst um den Preis des Todes nicht abweichen darf, der wird daran mehr haben als Speise und Trank. Die bildliche Redewendung vom Essen und Trinken gewinnt dadurch mehr an Reiz und Anmut, dass sie sich so natürlich aus der Unterredung ergibt.

V. 34. Meine Speise ist usw. Jesus will damit nicht bloß sagen, dass es sein höchstes Anliegen ist, des Vaters Willen zu tun, sondern auch, dass es nichts gibt, was ihm mehr Freude machen könnte, oder womit er sich lieber und begieriger beschäftigen möchte. So sagte David zur Empfehlung des göttlichen Gesetzes nicht bloß, dass es für ihn köstlich gewesen sei, sondern sogar süßer als Honig (Ps. 19, 11). Wollen wir rechte Nachfolger Christi sein, so müssen wir nicht nur mit inniger Begier uns Gott hingeben, sondern so willig sein in der Ausrichtung seiner Befehle, dass uns keine Arbeit zu sauer wird. Indem Christus fortfährt: und vollende sein Werk, gibt er genügenden Aufschluss darüber, worauf des Vaters Wille gerichtet war, dem er sich mit solcher Hingebung widmet, nämlich darauf, dass Jesus das ihm befohlene Amt ausführen sollte. So hat jeder auf seine besondere Berufung zu achten, damit keiner einen göttlichen Auftrag vorschütze, während er doch nach seinem eigenen Dafürhalten ohne Beruf etwas unternimmt. Übrigens ist ja zur Genüge bekannt, was Christo oblag: er sollte das Reich Gottes ausbreiten, verlorene Seelen wieder ins Leben rufen, das Licht des Evangeliums erstrahlen lassen, kurz der Welt das Heil bringen. Daran lag ihm alles! So konnte er trotz seiner Ermattung und seines Hungers Essen und Trinken vergessen. Überaus tröstlich für uns! Hat Christus so sehr das Heil der Menschen sich angelegen sein lassen, dass es für ihn die höchste Wonne war, sich darum zu bemühen, dann wohl uns! Denn zweifellos ist er heute noch ebenso gesinnt gegen uns, wie damals.

V. 35. Sagt ihr nicht usw. Jesus führt hier den vorigen Ausspruch weiter aus. Er hatte gesagt, es gehe ihm nichts davor, dass er des Vaters Werk vollende. Jetzt zeigt er, wie reif dies Werk schon ist und stellt dabei den Vergleich mit der Ernte an. Ist die Aussaat reif geworden, so darf man die Ernte nicht hinausschieben; die Körner fallen sonst aus. Ebenso ist es auch bei der geistlichen Frucht. Auch da darf man, sobald sie reif ist, nicht zögern; jeder Aufschub wäre Sünde. Wir sehen, wozu Jesus den Vergleich heranzieht; er will sagen: hier tut Eile not. Das Satzteilchen: „sagt ihr nicht“, ist ein Stich auf unsere irdische Gesinnung. Wie viel aufmerksamer sind wir doch auf irdische, als auf himmlische Angelegenheiten! Wie brennen die Menschen von Verlangen nach der Ernte! Wie rechnen sie ängstlich Monate und Tage! Und dagegen: wie stumpf sind wir, himmlischen Weizen zu sammeln! Dass diese Untugend uns nicht nur angeboren, sondern in unserem Herzen fast nicht auszurotten ist, bezeugt die tägliche Erfahrung. Weit hinaus tragen wir alle fürs irdische Leben Sorge; dagegen wie wenig wenden wir unsere Gedanken den göttlichen Dingen zu! Deshalb sagt Christus (Mt. 16, 3): Ihr Heuchler, nach dem Aussehen des Himmels beurteilt ihr, was morgen für ein Tag sein wird; die Zeit meiner Heimsuchung aber merkt ihr nicht.

V. 36. Und wer da schneidet, der empfängt Lohn. Ein zweiter Grund, der unseren Eifer für Gottes Werk rege halten soll: es wartet unser für solche Mühe ein reicher, herrlicher Lohn. Jesus verheißt eine Frucht, und zwar eine unvergängliche, die zum ewigen Leben führt.

Übrigens kann dieser letzte Satz doppelt verstanden werden.

Entweder ist er eine Erklärung des Lohnes, - dann würde Christus zweimal dasselbe sagen, nur mit verschiedenen Worten, - oder er ist eine Empfehlung der Arbeit für die Ausbreitung des Reiches Gottes, wie der Herr sie später (15, 16) wiederholt: „Ich habe euch erwählt, dass ihr hingeht und Frucht bringt, und eure Frucht bleibe.“ Und gewiss muss Beides den Dienern am Wort einen fröhlichen Mut machen, sodass sie niemals unter der Arbeit ermatten, wenn sie hören, dass im Himmel für sie die Krone der Herrlichkeit bereit liegt, und wenn sie wissen, dass die Frucht ihrer Ernte nicht bloß vor Gott köstlich, sondern noch dazu ewige sein wird.

Zu diesem Zwecke, nämlich um zu ermutigen, pflegt allenthalben in der Schrift der Lohn erwähnt zu werden, nicht aber, um unsere Werke als verdienstliche hinzustellen. Wer wird zur Stunde der Rechenschaft nicht vielmehr der Strafe für Unfleiß, als des Lohnes für Fleiß würdig befunden werden? Ach, den besten Arbeitern wird nichts anderes übrig bleiben, als dass sie sich dann niederwerfen und ihre Zuflucht zu demütiger Bitte um Vergebung nehmen. Der Herr handelt mit uns wie ein Vater. Um uns aus unserer Trägheit herauszuholen und uns, denen des recht an Beherztheit fehlt, umso mehr zu ermutigen, lässt er sich dazu herab, uns einen Gnadenlohn auszuzahlen.

Die Lehre vom Lohn vermag, so gefasst, die Gerechtigkeit aus Glauben nicht zu zerstören, sondern nur zu befestigen. Woher kommt es denn, dass Gott bei uns überhaupt etwas findet, wofür er uns belohnen kann? Doch nur davon, dass er uns mit seinem Geiste beschenkt hat. Nun wissen wir aber, dass der Geist das Angeld und Unterpfand der Kindschaft ist. Weiter: woher kommt es, dass Gott solchen Werken, denen Unvollkommenheit und Sünde anklebt, so große Ehre erweist? Einzig davon, dass er, nachdem er uns aus Gnaden mit sich versöhnt hat, das Sündliche, was unseren Werken noch anhaftet, nicht in Anrechnung bringt. Obwohl wir das nicht verdient hätten, nimmt er unsere Werke an. Alles in allem soll diese Stelle besagen, dass die Mühe, welche die Apostel auf das Lehren verwenden, ihnen nicht im mindesten hart oder drückend sein darf, wenn sie dabei wissen, wie nützlich sie für sie selber, wie fruchtbar für Christum und die Gemeinde ist.

Auf dass sich miteinander freuen, der da sät usw. Mit diesen Worten weist Christus darauf hin, dass sich niemand darüber beklagen wird, wenn die Apostel auf einem Boden, den ein anderer bebaut hatte, die Frucht einsammeln werden. Diese Ausführung gilt es wohl zu beachten. Wie viel wird in dieser Welt geseufzt von denen, die sich darüber beklagen, dass ein anderer die Frucht davonträgt, wo sie gearbeitet haben! Und doch verhindert das nicht, dass der neue Besitzer die Saat, die ein anderer einst dem Erdboden anvertraut hat, mit Vergnügen erntet. Wo ist da die Einmütigkeit von dem, der sät, und von dem, der schneidet? Wo ist da die wechselseitige Freude und Beglückwünschung? Versteht es sich nicht ganz von selbst, dass die, welche schneiden, weit fröhlicher sind, als die anderen? Zum rechten Verständnis unserer Stelle muss man den Gegensatz zwischen Saat und Ernte im Sinne behalten. Die Aussaat war die Lehre des Gesetzes und der Propheten. Damals wurde die Saat in den Boden geworfen und blieb sozusagen im ersten Wachstum stehen. Die Lehre des Evangeliums dagegen wird passenderweise, da sie die Menschen zur vollen Reife führt, mit der Ernte verglichen. Das Gesetz war weit entfernt von der Vollkommenheit, welche erst in Christo erschienen ist.

Bekannt ist auch der Vergleich zwischen der Kindheit und dem Mannesalter, welchen Paulus zieht (Gal. 4, 1), und der geradeso gemeint ist. Erst die Ankunft Christi brachte die volle Heilsgegenwart mit sich; deshalb ist es nicht wunderbar, wenn das Evangelium, in welchem die Tür zum Himmelreich offen steht, eine Ernte der prophetischen Lehre genannt wird. Dem steht nicht im Wege, dass auch die Väter unter dem Gesetz in Gottes Scheuern gesammelt worden sind.

Der Vergleich mit Saat und Ernte bezieht sich ja lediglich auf die verschiedene Weise einer und derselben Lehre. Wie das Kindesalter der Kirche bis zum Ende des Gesetzes gewährt hat, und dann nach der Predigt des Evangeliums rasch das Jünglingsalter folgte, so begann zu dieser Zeit das Heil zu reifen, dessen Aussaat wenigstens die Propheten gemacht hatten.

Aber da Christus diese Rede in Samarien gehalten hat, so scheint es, dass er die Aussaat weiter als auf das Gesetz und die Propheten ausdehnte. Es gibt sogar Ausleger, die diese Gedanken sowohl auf die Heiden als auf die Juden beziehen.

Ich gestehe zu, dass einige Körnlein der Frömmigkeit jederzeit in der ganzen Welt ausgestreut waren, ja, es kann keinem Zweifel unterliegen, dass hie und da bei Philosophen und weltlichen Schriftstellern sich sinnreiche, schöne Aussprüche finden, die wir als Samenkörner ansehen müssen, welche Gott ihnen zum Aussäen in die Hände gelegt hat. Aber dieser Same wurde in der untersten Wurzel verfälscht. Die Ernte also, die daraus hervorwachsen konnte, war nicht die rechte. Das Gute, was wirklich aufwachsen wollte, wurde durch einen wahren Wust von Irrtum in der Heidenwelt erstickt.

Die heidnische Verderbnis lässt sich unmöglich mit einer Ernte vergleichen. Ferner passt das, was hier über die gemeinsame Freude steht, gar nicht auf die Weltweisen und ihresgleichen. Doch der Knoten ist noch nicht aufgeknüpft, da Christus in der Tat gerade von den Samaritern redet. Wie ist er zu lösen?

Nun, es war doch, obwohl bei ihnen alles von Verderbnis befleckt war, dort ein gewisser Same von Frömmigkeit verborgen. Woher denn solche Bereitwilligkeit, sobald sie das Wort von Christo hören, ihn aufzusuchen? Gewiss davon, dass sie aus Gesetz und Propheten gelernt hatten, der Erlöser werde kommen. Der eigentliche Acker des Herrn war Judäa gewesen; durch seine Propheten hatte er ihn bestellt. Aber da ja ein kleiner Teil der Aussaat nach Samarien hingebracht worden war, sagt Christus nicht unzutreffend, dass auch dort die Saat gereift sei.

V. 37 u. 38. Hie ist der Spruch wahr usw. Das war ein bekanntes Sprichwort, das die Wahrheit aussprach, dass viele oftmals den Ertrag fremder Arbeit hinnehmen. Doch traf hier nicht zu, dass der, welcher die Arbeit getan hat, sich darum grämt, wenn ein anderer die Frucht einheimst. Die Apostel hatten vielmehr die Propheten zu Genossen ihrer Freude. Doch kann hieraus nicht geschlossen werden, dass die Propheten noch Zeugen und Mitwisser dessen sind, was heutzutage in der Gemeinde sich zuträgt. Christus will nur von der freudigen Stimmung des Glaubens reden, mit welcher sich schon im Voraus die Propheten der Frucht gefreut haben, die ihnen nicht mehr selbst zu sammeln vergönnt war. Viel Ähnlichkeit mit unserer Stelle hat 1. Petr. 1, 12, wo gesagt wird, dass die Weissagungen der Propheten nicht für sie selbst, sondern für uns bestimmt waren. Nur redet Petrus dort zu der Gesamtheit der Gläubigen, während Christus hier die Jünger allein im Auge hat und in ihrer Person die Diener des Evangeliums. Er heißt sie mit diesen Worten in voller Einmütigkeit ihre Arbeit verrichten, ohne Eifersüchteleien. Wer zuerst ans Werk geschickt wird, der soll auf die Bestellung des Landes, wie sie gerade nottut, dermaßen sein Augenmerk richten, dass er einem Nachfolger den reicheren Segen nicht neidet, den dieser wie auf einem reifen Saatfelde einernten darf. Jeder soll mit voller Freudigkeit sein Teil Arbeit ausführen.

V. 39 u. 40. Es glaubten aber viele usw. Hier berichtet der Evangelist, was die Verkündigung des Weibes bei ihren Mitbürgern ausgerichtet hat. Es zeigt sich dadurch, dass die Kraft der Hoffnung und Sehnsucht, es möchte sich die messianische Verheißung erfüllen, gar nicht unbedeutend gewesen ist. Das Wort „glauben“ wird hier anders als gewöhnlich gebraucht, nämlich nur dafür, dass das Wort des Weibes die Leute dazu anregte, in Christus eine Propheten zu sehen. Es ist das eine Art Glaubensanfang, wenn die Seelen vorbereitet sind, die Lehre aufzunehmen. Es geschieht solchem beginnenden Glaubensleben hier eine besondere Ehre, wenn es schon als Glaube bezeichnet wird. Wir sollen daran sehen, wie hoch Gott schon die bloße Ehrfurcht vor seinem Wort wertet. Schon der bloßen Lernbereitschaft, die zum Lernen selbst noch gar nicht gekommen war, gibt Gottes Wort den Ehrentitel des Glaubens! Der erste Beweis dieses Glaubens gibt sich darin kund, dass die Samariter wünschen, weiter zu kommen und deshalb Christum bitten, bei ihnen zu verweilen.

V. 41. Viel mehr glaubten um seines Wortes willen. Aus dem Erfolg wird es deutlich, dass Christus nicht übereilt ihnen seine Zusage gab. Sehen wir doch, wie viel Frucht die zwei Tage gezeitigt haben, die er auf ihre Bitte ihnen zugestanden hat. Dies Beispiel will uns lehren, dass man stets freudig zugreifen soll, wenn sich eine Gelegenheit zur Ausbreitung des Reiches Gottes bietet. Wenn wir uns sorgen, unsere Gefälligkeit möchte falsch ausgelegt werden oder in vielen Fällen ohne Nutzen sein, so wollen wir Christum um den Geist des Rates und der Weisheit bitten, der unseren Weg lenke. Das Wort „glauben“ hat hier seinen gewohnten Sinn wieder; es bezeichnet nicht, wie vorhin, dass die Samariter nur für den Glauben empfänglich waren, sondern sie ihn nun wirklich empfangen hatten.

V. 42 u. 43. Nicht mehr um deiner Rede willen. Die Samariter sind froh darüber, dass ihr Glaube jetzt eine so zuverlässige Stütze hat. Mit der Zuverlässigkeit einer Frauenzunge ist es ja manchmal nicht weit her.

Wir glauben. Ihr Glaube war nun aus dem Worte Gottes geschöpft. Sie können sich rühmen: wir haben Gottes Sohn zum Lehrer. Sicherlich ist er es allein, auf den man sich unbedingt verlassen kann. Ist er auch jetzt nicht mehr sichtbar zugegen, um mit uns von Mund zu Mund zu reden, so muss doch ganz allein auf ihm selbst unser Glaube ruhen, wer es auch sein mag, durch dessen Mund er zu uns redet. Zu einem Wissen und Erkennen, von dem ja die Samariter hier reden, kann es sonst nicht kommen. Die Rede eines sterblichen Menschen wird zwar unsere Ohren füllen und satt machen können, aber sie wird niemals unserer Seele die starke, stille Heilszuversicht verleihen, die sich einer vollen Gewissheit fröhlich rühmen kann. Willst du glauben, so wisse zuvörderst: Christus selbst ist es, der durch seine Diener redet. Dann aber gibt ihm auch die Ehre, die ihm zukommt, nämlich zweifle nicht, dass er treu und wahrhaftig ist, so dass du ihm als einem sicheren Gewährsmanne trauen und dich auf seine Lehre getrost stützen kannst. Wenn die Samariter übrigens aussprechen: dieser ist wahrlich Christus, also der Messias, der Welt Heiland, so ist das ohne Zweifel ein wörtlicher Nachklang der Predigt Jesu. Wir ziehen daraus den Schluss, dass Jesus in gedrängter Zusammenfassung ihnen binnen zwei Tagen das Evangelium verkündet hat, und zwar schlichter, vertraulicher, als vor kurzem in Jerusalem. Dabei hat er hervorgehoben, dass das Heil, welches er brachte, der ganzen Welt zugutekommen sollte; so konnten sie desto besser verstehen, dass es auch sie etwas anging. Er hat sie ja nicht als die zur Teilnahme an der Heilsgnade berechtigen Erben berufen, sondern hat gelehrt, dass er gekommen sei, auch die Draußenstehenden unter die Gotteskinder aufzunehmen, und den Frieden auch denen zu bringen, die ferne waren.

V. 44 u. 45. Denn er selber, Jesus, zeugte usw. Der scheinbare Widerspruch, der darin liegt, dass Jesus (V. 43) nach Galiläa geht, weil der Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt, hat die mannigfaltigsten Auslegungen hervorgerufen. Möglicherweise ist der Sinn, dass Jesus sich in seinem Vaterlande, wo er am ehesten unbeachtet blieb, verbergen wollte, so lange die Zeit seiner vollen Offenbarung noch nicht gekommen war. Wahrscheinlich wird aber der Bericht des Johannes besagen (vgl. Mt. 13, 57; Lk. 4, 24), dass Jesus sich nicht in seine Vaterstadt Nazareth, wo ihn nur Verachtung erwartete, sondern in andere Gegenden von Galiläa begab. Lesen wir doch sofort (V. 46), dass Jesus nach Kana ging. Und wenn wir hören (V. 45), dass die Galiläer ihn aufnahmen, so ist dies ein Zeichen von Verehrung, nicht Verachtung.

Dass ein Prophet daheim nichts gilt. Das ist sicherlich eine sprichwörtliche Wendung gewesen. In Sprichwörtern prägen sich häufig gemachte Wahrnehmungen aus; es wird in ihnen gesagt, wie es meist zu gehen pflegt. Deshalb darf man sie nicht so genau daraufhin ansehen, ob sie tatsächlich in jedem einzelnen Falle zutreffen. Der Ursprung des Sprichworts und damit sein Sinn kann ein doppelter sein. Man findet den Übelstand in der ganzen Welt, dass die Menschen einen anderen, den sie als zartes Kind in der Wiege haben schreien hören, dem sie dann, als er ein Knabe war, bei seinen kindischen Spielen zugesehen haben, ihr Leben lang tief unter sich sehen, als wäre es undenkbar, dass aus dem Knaben ein Mann sich entwickeln könne.

Und noch ein anderes Übel kommt in Betracht, das sich mehr unter solchen findet, die sich untereinander gut kennen: es will jeder gern der erste sein. Mir ist es indes wahrscheinlich, dass das Sprichwort daher stammt, dass die Propheten von ihrem Volke so übel aufgenommen worden sind. Es war vollauf Grund vorhanden, dass gute und fromme Menschen, wenn sie in Judäa so große Undankbarkeit gegen Gott, solche Verachtung des Wortes, solche Widerspenstigkeit beobachteten, diese Klage in Umlauf brachten: nirgends ehrt man die Propheten Gottes weniger als in ihrem Heimatlande. Wem der zuerst angegebene Sinn besser zusagt, der muss den Prophetennamen in allgemeinerer Bedeutung nehmen. Prophet heißt dann jeder Lehrer, - wie Paulus (Tit. 1, 12) Epimenides einen Propheten der Kreter nennt.

Die Galiläer nahmen ihn auf. Ob sie dem Herrn diese Ehre längere Zeit erwiesen haben, ist nicht recht klar. Gottes Gaben geraten ja so leicht in Vergessenheit. Die Absicht, in der Johannes dies erzählt, ist offenbar die, dass wir erfahren sollen: Christus hat seine Wunder vor den Augen vieler Zeugen verrichtet; so wurden sie weit und breit besprochen. Nicht zum ersten Male wird auf einen Nutzen, den die Wunder hatten, hingewiesen (vgl. 2, 11. 23; 3, 2): sie bereiteten der Lehre den Weg; sie bewirkten, dass man Christo mit Ehrerbietung begegnete.

V. 45 bis 48. Es war ein Königischer, d. h. ein königlicher Beamter, wahrscheinlich ein Höfling des Herodes. Diese hohe Stellung des Mannes vermerkt der Evangelist ausdrücklich, weil ein Wunder, das mit einer solchen Persönlichkeit zusammenhing, mehr Aufsehen erregte.

Dieser hörte, dass Jesus usw. Dass er Christum zu helfen bittet, ist ja eine Art Zeichen von Glauben. Wie unbeholfen dieser Glaube aber noch war, ist daran zu sehen, dass er Christo vorschreibt, wie er helfen solle. Unzertrennlich bindet er seine Kraft, zu helfen, an seine leibliche Anwesenheit. Das Bild, das er sich von Christo gemacht hatte, bestand also darin: er ist ein von Gott gesandter Prophet, beauftragt und bevollmächtigt, durch Wundertaten sich als Diener Gottes zu erweisen. Diese falsche Auffassung, so sehr sie auch den Tadel herausfordert, berichtet Christus mit keinem Worte. Dagegen weist er den Mann einer anderen Sache wegen mit strengen Worten zurecht, und zwar nicht nur ihn, sondern überhaupt alle Juden: sie sind über die Maßen wundersüchtig. Aber hat denn nicht Christus andere Leute, die von ihm Wunder begehrten, in der Regel freundlich aufgenommen? Allerdings. Wozu dann hier solche Strenge? Er hat sicherlich einen ganz bestimmten, uns jedoch verborgenen Grund dazu gehabt, warum er gerade diesen Menschen mit einer Härte behandelte, die wir sonst nicht an ihm gewohnt sind. Vielleicht hat er auch nicht sowohl um dieses Einen willen, als vielmehr um des ganzen Volkes willen so geredet. Er sah, wie geringe Beachtung seine Lehre fand; nicht genug damit, dass man sich nicht darum kümmerte, sie wurde geradezu verachtet. Und dabei waren doch alle wie versessen auf seine Wunder. Aber auch diese vermochten sie nicht mit ehrfurchtsvoller Bewunderung zu erfüllen, sondern nur mit stumpfem Staunen.

Die aller Frömmigkeit zuwiderlaufende Verachtung seines Wortes, die das Volk damals im Banne hielt, hat dem Herrn diese Klage ausgepresst. Es ist ja wahr, dass bisweilen auch einmal wirklich heilige Menschen, um aus aller Unsicherheit inbetreff der göttlichen Verheißungen herauszukommen, sich eine Bestätigung ihres Glaubens durch Zeichen gewünscht haben. Wir sehen auch, dass Gott das nicht entfernt als eine Beleidigung angesehen hat. Er hat ja solche Gebete in seiner Herablassung erhört.

Christus hat es hier jedoch mit ganz anderen Leuten zu tun: es ist wirkliche Schlechtigkeit, gegen die er ankämpfen muss. Wunder! Wunder! Das steckte den Juden ganz allein im Kopfe. Jesu Predigt war ihnen daneben gänzlich gleichgültig. Ohne Wunder wäre es überhaupt unmöglich gewesen, bei diesen stumpfen, ganz fleischlichen Menschen der Lehre irgendwelche Anerkennung zu verschaffen. Deshalb hat Jesu Wunder getan.

Eigentlich hätte ja das Wort Gottes, in dem sie von frühester Kindheit auf erzogen worden waren, ihnen nicht nur etwas Gewohntes, sondern sogar Liebes sein sollen. Und als nun vor den Augen derer, die Gottes Wort kannten, ein Wunder dem anderen folgte, war trotzdem keine Wirkung zu verspüren.

Ihre ganze Religion samt ihrer Gotteserkenntnis war gleich Null. Ihre Frömmigkeit schrumpfte auf pure Wundersucht zusammen. Der Vorwurf des Paulus (1. Kor. 1, 22): „die Juden fordern Zeichen“, besagt das Nämliche. Den Zeichen sind sie danach ohne Vernunft und ohne Maß zugetan; nicht die Gnade Christi, nicht die Verheißungen des ewigen Lebens, noch die verborgenen Wirkungen des Geistes Gottes sind imstande, sie zu rühren. An nichts haben sie Geschmack als an Zeichen.

Heute ist es wieder genau ebenso. Die Rede wird laut, wo man nur hin hinhört: Erst Wunder, dann wollen wir eurer Lehre das Ohr leihen! Als müsste die Wahrheit Christi uns ohne solche Stützen so wertlos sein wie der Straßenschmutz. Und wie würde es gehen, wenn Gott mit den Wundern nur so hageln wollte? Sie würden doch nicht glauben. Sagen sie jetzt das Gegenteil, so ist es gelogen. Das Einzige, was dabei herauskäme, wäre Staunen; die Aufmerksamkeit auf die Lehre würde nicht größer sein.

V. 49. Herr, komm hinab. Wenn der Königische weiter bittet und endlich bekommt, was er wünschte, so ist daraus ersichtlich, dass Christus nicht deswegen ihn tadelte, weil er ihn abschütteln und seine Bitten nicht erfüllen wollte. Mit seinem Tadel wollte er nur das Hindernis beseitigen, das ihn nicht zum wahren Glauben kommen ließ, abgesehen davon, dass er, wie oben gesagt, mehr dem ganzen Volke, als nur ihm allein diesen Tadel zugedacht hatte. So muss auch an unseren Gebeten alles Verkehrte, Gekünstelte, Überflüssige richtig gestellt oder ganz weggeschnitten werden, damit die Hemmungen unseres Glaubenslebens in Wegfall kommen. Gewöhnlich sind Hofleute vornehme, stolze Leute, die zart angefasst werden wollen. Da fällt es uns auf, wie der Königische weder heftig wird, noch aufbraust; schweigend nimmt er die Zurechtweisung hin in aller Bescheidenheit, - gewiss in Gedanken an seine Notlage und in der Furcht, sein liebes Kind zu verlieren. Das macht ihn so niedrig und klein. Genauso pflegt es bei uns zu gehen. Es ist unglaublich, wie wir unseren Launen nachgeben, wie leicht wir ungeduldig und gereizt sind, bis einmal Gott uns durch Unglück zwingt, unser hochfahrendes Wesen abzulegen.

V. 50. Dein Sohn lebt, d. h. er ist außer Todesgefahr. Hier sendet die Menschenfreundlichkeit und Nachsicht Christi ihren ersten Strahl hervor, indem er dem Manne sein ungeschicktes Benehmen verzeiht und seine Wunderkraft über Erwarten ihm zugutekommen lässt. Die Bitte lautete, Christus solle kommen und den Sohn heilen. Der Königische dachte: einen Kranken kann er gesund machen, nicht aber einen Toten auferwecken. Deshalb drängt er zur Eile, damit der Kranke nicht inzwischen stirbt. Christus lässt gegenüber diesen Verstößen Nachsicht walten, woraus zu entnehmen ist, wie hoch bei ihm der Glaube im Werte steht, wenn nur eben etwas davon da ist. Auch das ist sehr merkwürdig, dass Christus zwar nicht buchstäblich seinen Wunsch erfüllt, aber doch weit mehr gibt, als der besorgte Vater erbeten hatte. Er hört auf Jesu Munde, dass jetzt, gegenwärtig, sein Kind gesund ist. Wie oft macht es der himmlische Vater gerade so! Den Wortlaut unseres Gebetes erhört er nicht, aber er hilft uns in seiner Weise, wie wir es nicht vermutet hatten. Wir sollen also lernen, ihm keine Vorschriften zu machen.

Der Mensch glaubte dem Wort. Er kam zu Christo, fest davon überzeugt, in ihm einem Propheten Gottes zu begegnen. Deshalb fiel es ihm so leicht, zu glauben, sich an dies eine Wort anzuklammern und es fest ins Herz zu schließen. Hatte er bezüglich der Macht Christi im Nu eine ganz neue Zuversicht auf ihn in seiner Seele Wurzeln schlagen lassen. Es ist ihm gewiss, dass das eine Wort Christi das Leben seines Kindes in sich schließt. Mit ebensolcher Willigkeit müssen auch wir das Wort Gottes hinnehmen. Leider fehlt viel daran, dass es augenblicklich bei den Hörern immer solchen Erfolg hätte. Es gibt verschwindend wenig Leute, die von vielen Predigten solchen Nutzen haben, wie ihn dieser von dem Heiligen bis dahin wenig berührte Mensch von einem einzigen Worte hatte. Umso mehr sollen wir uns befleißigen, uns aus unserer Trägheit aufzuraffen. Vor allen Dingen müssen wir Gott bitten, unsere Herzen so zu lenken, dass wir rasch bei der Hand sind mit unserem Glauben, wenn er so freundlich uns Gutes verheißt, und nicht lahm hinter seinen Verheißungen herhinken.

V. 51. Indem er hinabging usw. Hier wird gleichzeitig die Wirkung des Glaubens geschildert und die Wirksamkeit des Wortes Christi. Gleichwie Christus den im Sterben liegenden Knaben durch sein Wort ins Leben zurückrief, so hat der Vater durch seinen Glauben im nämlichen Augenblick seinen Sohn gesund wieder. Wir sollen davon abnehmen, dass, so oft der Herr uns seine Wohltaten anbietet, seine Macht auch allezeit imstande ist, auszuführen, was er verspricht, - es sei denn, dass ihm unser Unglaube die Tür zuschlösse. Ich gebe freilich zu: es ist nicht immer, ja nicht einmal häufig oder in der Regel der Fall, dass der Herr sofort seine Hand ausreckt, um uns Hilfe zu bringen. Wenn er mit seiner Hilfe verzieht, so hat er seine Gründe dazu, und es ist gut so für uns. Ohne Zweifel könnte der Herr sofort alle unsere Widrigkeiten aus dem Wege räumen. Wenn also sich seine Hilfe nicht alsbald sehen lässt, lasst uns erwägen, wie viel Misstrauen sich in uns noch verbirgt, oder doch wie gering und schwach noch unser Glaube ist. So ist es denn nicht zu verwundern, wenn Gott keine Lust hat, seine Wohltaten zu verschwenden. Er wendet sie nur denen gern zu, die sie gläubigen Herzens aufnehmen. Gott hilft den Seinigen nicht immer in derselben Weise. Aber niemals wird der Glaube eines Menschen vergeblich sein. Es ist wahr, was der Prophet sagt (Hes. 12, 22 f.), dass die Verheißungen Gottes, wenn sie auch zu verziehen scheinen, dennoch in Bälde erfüllt werden.

V. 52. Da forschte er usw. Wenn der Beamte seine Knechte ausfragt, wann die Besserung im Befinden seines Sohnes eingetreten sei, so tut er das auf geheimen Antrieb Gottes hin. Es soll dadurch die Wahrheit des Wunders umso leuchtender hervortreten. Unsere Bosheit ist bekanntlich groß, wenn es sich darum handelt, einen Machterweis Gottes als nicht vorhanden hinzustellen; auch Satan bietet bei einer solchen Gelegenheit mancherlei Künste auf, um den Menschen den Anblick göttlicher Werke zu verdunkeln. Damit wir Gott für seine Werke preisen, müssen sie für uns so handgreiflich gemacht werden, dass der Zweifel keine Stelle zu finden vermag. So undankbar auch die Menschen sind, Gott hat die Umstände so gefügt, dass es unmöglich war, dies auffallende Wunder Christi auf Rechnung des Zufalls zu setzen.

V. 53 und 54. Er glaubte mit seinem ganzen Hause. Es scheint ein Widerspruch darin zu liegen, wenn der Evangelist von demselben Mann, dessen Glaube er schon vorher rühmte (V. 50) jetzt berichtet, dass er zum Glauben kam. Diesen Widerspruch kann man nicht so auflösen, dass man bei der gegenwärtigen Aussage einfach an einen Fortschritt des Glaubens denkt. Freilich besaß der im jüdischen Gesetz auferzogene Mann schon einen Schimmer von Glauben, als er zu Christo kam. Aber der Glaube, mit welchem er dem Worte Christi traute, bezog sich nur auf den ganz speziellen Fall und befasste nur den Gedanken in sich, dass das Leben seines Sohnes gerettet sei. Jetzt aber gewinnt er Glauben in einem viel umfassenderen Sinne: er nimmt Christi Lehre an und bekennt sich als seinen Jünger. So erhofft er von Christo nicht mehr bloß eine einzelne Wohltat, sondern erkennt ihn als Gottes Sohn an und bekennt sich zu seinem Evangelium. Seine ganze Familie, die ja das Wunder gemeinsam erlebt hatte, schloss sich ihm an. Gewiss hat er sich auch darum bemüht, dass alle seine Angehörigen an Christum gläubig wurden.



Kapitel 5

V. 1. War ein Fest. Der Evangelist gibt nicht an, was für ein Fest das war. Es ist aber wahrscheinlich das Pfingstfest gewesen, wenigstens, wenn das, war hier erzählt wird, sich gleich nach dem Aufenthalt Christi in Galiläa begeben hat. Bald nach Ostern brach Jesus von Jerusalem auf und zog durch Samarien, wo er bis zur Ernte noch vier Monate rechnete (4, 35); bei seinem Eintritt in Galiläa heilte er den Sohn des königlichen Beamten. Der Evangelist sagt, darnach sei dies Fest gefolgt. Der Zeit nach kann es ganz gut Pfingsten gewesen sein; doch will ich das nicht unbedingt behaupten. Über die Gründe, weshalb Jesus die Feste überhaupt besuchte, habe ich mich früher ausgesprochen (zu 2, 13).

V. 2. Bei dem Schaftor ein Teich. Aus der genauen Angabe der Örtlichkeit entnehmen wir, dass das Wunder nicht unbekannt oder nur wenigen bekannt blieb. Dass der Platz recht menschenbelebt war, zeigen die fünf Hallen, und brauchte auch die Nachbarschaft des Tempels mit sich. Außerdem sagt der Evangelist ausdrücklich, es hätten viele Kranke dort gelegen. Den Namen Bethesda hat man verändern wollen in Betheder (Haus der Herde) oder Bethseda (Haus der Fische). Dem kann ich nicht zustimmen. Unverändert ließe sich der Name übersetzen: Haus des Abflusses. Möglicherweise ist das Wasser von dort aus zum Gebrauch der Priester durch Kanäle oder Röhren in den Tempel geleitet worden. Das Schaftor wird seinen Namen davon haben, dass das Kleinvieh, welches als Opfer dargebracht werden sollte, durch das Tor herzu geführt wurde.

V. 3. Lagen viel Kranke. In den Hallen werden die Kranken wohl gelegen haben, um Almosen zu erbitten, wenn das Volk hindurchging, um im Tempel anzubeten. Auch pflegte man dort Schafe zu kaufen, die zum Opfer dienen sollten. An einzelnen Festtagen heilte Gott dort eine Anzahl Kranke, umso den gesetzlich vorgeschriebenen Gottesdienst und die Heiligkeit des Tempels zu empfehlen. Zur Zeit der größten Blüte der Religion ist nach der Schrift nichts dergleichen vorgekommen. Die Propheten haben nur in außergewöhnlichen Fällen Wunder getan. Da könnte es uns sonderbar vorkommen, dass Gottes Kraft und Gnade herrlicher als sonst sich offenbarte angesichts der Zerrüttung und Verwirrung der Verhältnisse des jüdischen Volkes. Was hatte das für Ursachen? Ich denke zwei.

Als der Geist Gottes in den Propheten wohnte, da war hierdurch schon die Gegenwart Gottes hinreichend bezeugt; damals bedurfte die Religion keiner anderen Bestätigung. Die Gesetzgebung war unter gewaltigen äußeren Zeichen dem Volke erteilt worden, und Gott hatte durch zahllose Zeugnisse immer wieder verbürgt, dass er den jüdischen Gottesdienst befehle. Gegen die Zeit des Auftretens Christi gab es nun keine Propheten mehr. Überhaupt war der Zustand Israels ein so kläglicher, mancherlei Versuchungen drängten ringsum, dass eine außerordentliche Hilfe Gottes ein Bedürfnis war. Ohne sie hätte man denken können, dass Gott sein Volk völlig verworfen habe. So wäre man in Mutlosigkeit untergegangen. Bekanntlich war Maleachi der letzte der Propheten. Er hat deswegen seiner Lehre noch die besondere Mahnung angehängt (3, 22), die Juden sollten an das dem Moses übergebene Gesetz denken, bis der Messias erscheine. Gott wollte dadurch, dass er keine Propheten mehr schickte, einen rechten Hunger in den Juden erwecken, dass sie den Messias umso sehnsuchtsvoller erwarten sollten, und, wenn er da wäre, ihn umso ehrerbietiger aufnähmen. Doch sollte das Heiligtum und seine Opfer und der ganze Gottesdienst des Volkes, aus welchem der Weltheiland hervorging, nicht ganz ohne göttliche Bezeugung sein. Deshalb gab Gott den Juden für diese Zeit die wunderbaren Heilungen im Teiche Bethesda. Indem Gott Kranke gesund machte, streckte er sozusagen seine Hand vom Himmel herab zu diesem Volke, es dadurch vor den Heiden auszeichnend, um damit zu zeigen: ich will den vom Gesetz vorgeschriebenen Gottesdienst geübt haben. Ferner ist es mir nicht zweifelhaft, dass Gott mit diesen Zeichen das Volk hat mahnen wollen: die Zeit der Erlösung wird bald anbrechen; Christus, der Spender des Heils, ist nahe! Die Zeichen sollten ein Weckruf sein für jedermann. Die Bethesda-Wunder sollten dem Volke predigen: Gott ist noch immer mitten unter euch! Bleibt beständig im Gehorsam gegen das Gesetz! Rüstet eure Seelen auf den Anbruch der messianischen Zeit!

Blinde, Lahme, Verdorrte. Damit wir wissen, welch schwere Krankheiten Gott geheilt hat, zählt der Evangelist einige bestimmte Leiden namentlich auf. Ein menschlicher Arzt steht der Blindheit, Lähmung und gichtischen Verkrüppelung ohnmächtig gegenüber. Solch eine Schar von Menschen, deren Glieder nicht richtig ausgebildet waren, muss einen traurigen Anblick gewährt haben. Doch vermochte dort die Herrlichkeit Gottes heller zu leuchten, als angesichts eines großen Heeres gesunder und wohlgestalteter Leute. Wie herrlich ist es doch, wenn Gott mit seiner allmächtigen Hand natürliche Gebrechen bessert und zurechtbringt! Ja, wie unvergleichlich, schön und süß, wenn er, der über die Maßen gütige Gott, uns Menschen in unserem Elend zu Hilfe kommt! Eine Schaubühne der Majestät Gottes von höchstem Adel, dort der Teich am Schaftor, wo sie sich nicht nur für die Bedürftigen, sondern auch für jedermann, der zugegen war, kundtat! Das war wahrlich nicht die untergeordnetste Zierde des Tempels, dass Gott hier mit ausgereckter Hand es bewies: ich bin noch unter euch!

V. 4. Denn ein Engel usw. Gott selbst macht die Kranken gesund. Aber er braucht dazu in der Regel, so auch hier, seine Engel. Sie heißen deswegen auch (Eph. 1, 21) Gewalten und Kräfte, nicht als säße Gott selber müßig im Himmel und träte ihnen seine Macht ab, - sondern vielmehr, weil er dadurch, dass er in seinen Engeln gewaltig wirkt, seine Kraft uns in großartiger Weise bezeugt. Es ist also ein übler Missgriff, wenn man behauptet, die Engel hätten einen ganz selbständigen Wirkungskreis, oder gar, sie stünden wie eine Scheidewand zwischen Gott und uns. Ihre Aufgabe ist es nicht, die Gegenwart Gottes zu beseitigen und seine Herrlichkeit in den Schatten zu stellen, sondern gerade umgekehrt: durch sie und in ihnen offenbart sich der gegenwärtige Gott. Aus heidnischer Weltweisheit stammen die Irrlehren, als seien die Engel dazu da, den unermesslichen Abstand zwischen Gott und uns auszufüllen. Man müsse deshalb die Engel um ihre Fürsprache angehen, wolle man der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Grundverkehrt! Wir haben nichts anderes zu tun, als, ohne rechts oder links zu schauen, gerade auf Christum loszugehen. Ist er unser Führer und Leiter, von dessen Befehlen wir ganz abhängig sind, dann stehen die Engel in unserem Dienste als Mithelfer zum Heil.

Zu seiner Zeit. Gott hätte in einem Augenblick alle Kranken gesund machen können. An der Macht dazu fehlt es ihm nicht. Aber wie seine Wunder ihren bestimmten Zweck haben, so müssen sie auch ihr bestimmtes Maß halten. Christus erinnert ja selbst daran (Luk. 4, 25 f.), dass von den vielen Verstorbenen zur Zeit des Elisa nur der eine Knabe auferweckt worden ist, und dass zu der Zeit der großen Dürre Elias nicht allen bedrängten Witwen, sondern nur der einen Hilfe gebracht war. Ähnlich ist es hier. Der Herr begnügt sich damit, nur an einigen Kranken seine Gegenwart durch die Tat zu bekunden. Die Art und Weise nun, wie er sie heilt, gemahnt uns daran, wie wenig es sich für uns geziemt, Gott vorzuschreiben, was er zu tun habe. Das Wasser bewegt sich. Ist denn das, menschlichem Urteil nach, ein Grund, anzunehmen, dass es jetzt Hilfe und Heilung bringen werde? Doch wahrlich nicht! Gott will eben, dass wir auf unsere eigenen Gedanken verzichten. Auf diesem unscheinbaren Wege hilft er, um uns an gläubigen Gehorsam zu gewöhnen. Wir sind versessen auf das, was, abgesehen von Gottes Wort, unserer Vernunft zusagt. Er will an uns willfährige Leute haben. Deswegen stellt er uns allerlei in den Weg, was unserer Vernunft zuwiderläuft. Dann erst haben wir die Prüfung bestanden, dass wir in Gottes Schule etwas gelernt haben, wenn wir die Augen schließen und seinem Worte blind folgen, mag es uns auch vorkommen, als würde es sich der Mühe nicht lohnen, wenn wir so handeln. So hat es Naeman (2. Kön. 5), den der Prophet zur Heilung seines Aussatzes an den Jordan schickte, und der dies zuerst als einen Spott verachtete, doch schließlich erfahren, dass Gottes Verordnungen zwar oft wider unsere Vernunft laufen, uns aber niemals täuschen und irreführen. Gewiss wäre es Torheit, zu glauben, dass das bewegte Wasser an sich einen Menschen hätte heilen können. Aber die Bewegung des Wassers war ein deutlicher Beweis dafür, dass Gott die Naturkräfte nach seinem freien Willen gebrauchte, und dass das, was das Wasser wirkte, eine unmittelbare Wirkung Gottes selber war. Als ein äußeres Sinnbild sollte diese Bewegung die Gedanken der Kranken auf Gott selbst, als den einigen Spender aller Gnadengaben lenken.

V. 5. Es war aber ein Mensch usw. Der Evangelist zählt mancherlei Umstände auf, welche die Tatsächlichkeit des Wunders außer Frage stellen. Die Krankheit hatte schon so lange gedauert, dass die Hoffnung auf Besserung dahingeschwunden war. Der Kranke beklagt sich: andere berauben ihn der heilkräftigen Wirkung des Bethesdawassers. Wiederholt hatte er den Versuch gemacht, sich in das aufgeregte Wasser hineinzuwerfen, - immer vergebens! Niemand war ihm behilflich. Auf diesem dunklen Hintergrunde hebt sich die Tat Christi umso leuchtender ab, sichtbar für jedermann. Eben das hatte er selbst auch im Auge mit dem Befehl an den Kranken, das Bett wegzutragen. Jedermann sollte merken: der Mann ist nicht anders gesund geworden, als durch die Wohltat Christi. Eben noch hatte er elend darniedergelegen, - jetzt sind all seine Glieder stark und kräftig. Unversehens steht er da. Eine solche plötzliche Änderung seines Befindens musste bei denen, die sie mit ansahen, umso größeres Aufsehen erregen.

V. 6. Willst du gesund werden? So fragt Jesus, als wäre das nichts Selbstverständliches. Er will so die Sehnsucht nach der Gnade, die er dem Kranken zu erweisen beabsichtigt, in demselben rege machen, zugleich aber auch die Zeugen, die dabei waren, recht zum Aufmerken bringen. Hätten sie an etwas anderes gedacht, so war es nicht ausgeschlossen, dass ihnen das Wunder entging. Von ganz plötzlichen Vorgängen merkt man ja in vielen Fällen nichts. Aus diesen zwei Gründen stellt Jesus die vorbereitende Frage.

V. 7 u. 8. Ich habe keinen Menschen. Dieser Kranke macht es genau wie wir alle. Wenn er überhaupt an die Hilfe Gottes denkt, so behält er diese Gedanken für sich. So weit er es mit dem Verstande fassen kann, macht er sich Hoffnungen, weiter nicht. Christus hat Verzeihung für solche Schwachheit. So wird uns dieser arme Mensch ein Beispiel für die Güte und Nachsicht unseres Herrn, die wir selbst täglich erfahren dürfen. Auch wir hängen ja wie festgewachsen an den greifbaren und sichtbaren Dingen. Und da kommt dann, wo wir sie gar nicht vermuteten, seine göttliche Hand aus ihrer Verborgenheit hervor und zeigt auch uns, wie viel größer doch seine Liebe ist, als es unser schwacher Glaube dachte. Diese Geschichte will uns außerdem zur Geduld erziehen. Dreißig Jahre, gewiss eine lange Zeit! Immer wieder hat Gott seine Hilfe weiter hinausgeschoben. Und doch hatte er sich von Anfang an vorgenommen, dem Kranken zu helfen. Mag er also auch uns lange warten lassen, so ist es uns wohl nicht zu verdenken, wenn wir angstvoll seufzen in aller unserer Not; und doch darf es uns nicht verdrießen, dass es so lange dauert; niemals sollen wir den Mut fahren lassen. Erscheint nirgend ein Ausweg, will unser Unglück kein Ende nehmen, so bleibt es dennoch fest dabei: Gott ist ein Erlöser, der Wunder tut und mit seiner Kraft gar leichtlich alle Hindernisse über den Haufen wirft.

V. 9. Es war aber Sabbat. Christus wusste gar wohl, welchen Widerstand es setzen würde, als der Geheilte, mit seinem Bündel bepackt, seines Weges ging. Das Gesetz verbietet ausdrücklich (Jer. 17, 21), am Sabbat irgendeine Last zu tragen. Wenn es Christus dennoch so haben wollte und die Gefahr nicht achtete, die er herauf beschwor, so hatte das seinen Grund. Einmal sollte so das geschehene Wunder allem Volke bekannt werden. Ferner sollte sich so der Anlass bieten und sozusagen der Weg gebahnt werden für die herrliche Predigt, die Christus unmittelbar darauf gehalten hat. Schon das Bekanntwerden seiner Wundertat machte einen solchen Eindruck auf das Volk, dass ihm die ursprüngliche Aufregung desselben über die am Sabbat getragene Last gleichgültig sein konnte, zumal er eine vollwichtige Verteidigung zur Hand hatte, welche, mochte sie auch gottlosen Leuten nicht gefallen, doch reichliche Widerlegung ihrer Verleumdungen in sich schloss.

Als Regel haben wir demnach zu befolgen: Mag die ganze Welt in Zorneshitze glühen, wir haben die Ehre Gottes zu verkündigen und seine Werke zu predigen, so weit es um seiner Ehre willen von Bedeutung ist, dass sie bekannt werden. Matt werden, oder gar die Sache aufgeben dürfen wir keinesfalls, mag es uns auch bei unserem Bestreben übel ergehen, wenn wir nur unseren Zweck, Gottes Ehre zu mehren, treu im Auge behalten und uns nicht auf ein Gebiet hinauswagen, das uns nichts angeht.

V. 10 bis 12. Es ist heute Sabbat. Da das Sabbatgebot von jedermann Beobachtung fordert, so ist es zunächst ganz recht und billig, dass man dem Menschen einen Vorwurf macht. Als er aber nun seine Entschuldigung vorbringt, da erklärt man dieselbe für ungenügend. Hier beginnen die Juden sich zu versündigen. Sie hätten den Menschen gehen lassen müssen, nachdem sie den Grund erfahren hatten. Eine Last tragen war, wie gesagt, eine Verletzung des Sabbattages. Hat aber Christus jemandem die Last auf die Schulter gelegt, so wirft er damit sein Ansehen in die Waagschale, und der Mann, der die Last trägt, ist ohne Schuld. Wir können daraus lernen, dass wir uns vor übereiltem Urteil zu hüten haben: zuvor sollen wir der Sache, die gerade vorliegt, ernstlich auf den Grund gehen. Was dem Worte Gottes zuwiderläuft, das verdient unser Verdammungsurteil; da gibt es kein Für und Wider. Aber weil gar leicht ein Versehen unterlaufen kann, soll man zuvor sachlich und in aller Ruhe den vorliegenden Fall untersuchen, um zu einem gesunden, nüchternen Urteil zu gelangen.

In fanatischer Erregung unterlassen die Juden eine solche Untersuchung; so kann freilich ein maßvolles Urteil nicht zustande kommen. Wenn sie Belehrung angenommen hätten, dann wäre nicht nur ihr Anstoß beseitigt worden, - mehr als das: sie wären einen tüchtigen Schritt weiter gekommen in der Erkenntnis des Evangeliums. Sie haben sich damit, dass sie eine gerechte Verteidigung nicht gelten ließen, versündigt. Der Geheilte konnte sich damit entschuldigen, dass er nur täte, was der ihm aufgetragen, der doch wohl Recht und Macht zu befehlen hatte. Wusste er auch noch nicht, wer Christus war, so war er doch fest überzeugt davon, dass der, dessen göttliche Kraft er verspürt hatte, von Gott gesandt sei; das führt ihn zu dem Schlusse: also muss ich ihm unbedingt Gehorsam leisten. Dem Anscheine nach verdient es Tadel, dass er sich durch ein Wunder vom Gesetzesgehorsam entbinden lässt. So viel ist zuzugeben: so recht feste Gründe für sein Handeln hätte er schwerlich anzugeben vermocht. Wer ihm indes daraus einen Vorwurf machen will, der mag sich wohl vorsehen, dass man ihm nicht entgegne: doppelt groß ist deine Sünde, dass du nicht beachtest, was für eine außerordentliche Tat Gottes hier geschehen ist, und dass du so abzuurteilen dich vermissest, ehe du auf den Propheten gehört hast, der in Gottes Auftrag dem Geheilten befahl, das Bett zu tragen.

V. 13. Wusste nicht, wer es war. Christus wollte gewiss nicht, dass der Glanz einer solchen Tat verbleiche; aber es war ihm daran gelegen, dass die Tat, ehe er sich selbst als ihren Urheber bekannte, zuvor recht weit bekannt werde. Deshalb entzog er sich eine Zeit lang der Nachforschung. Er wollte es den Juden freistellen, ohne Ansehen seiner Person sich ein Urteil über die Sache an sich zu bilden. Wir sehen daraus, dass die vollzogene Heilung nicht auf Rechnung des Glaubens gesetzt werden kann. Der Geheilte weiß ja, als er das Wunder erlebt hat, noch gar nicht, wer denn nun eigentlich sein Arzt ist; dagegen hat der Glaube ihn geleitet, als er tat, wie ihm befohlen ward, und sein Bett aufnahm. Man mag immerhin von einem Instinkt des Glaubens, den er unbewusst gehabt hat, reden; dass aber der Mensch sich nicht auf eine klare Erkenntnis stützen konnte, geht aus dem Zusammenhang doch mit völliger Klarheit hervor.

V. 14. Darnach fand ihn Jesus. An dieser Stelle wird es vollends klar, dass die zeitweilige Verborgenheit Christi nicht den Zweck gehabt haben kann, das geschehene Wunder in Vergessenheit geraten zu lassen. Kommt er doch aus freien Stücken wieder hervor. Das Volk soll zuerst die Tat kennenlernen, dann ihren Täter. Übrigens birgt unsere Stelle eine fruchtbare Lehre. Wenn Christus daran erinnert: Du bist gesund worden, so gibt er damit zu verstehen, dass man Gottes Wohltaten schmählich missbraucht, wenn man sich durch dieselben nicht zur Dankbarkeit stimmen lässt. Christus rückt es dem Manne nicht vor, was er ihm gegeben hat. Er erinnert ihn nur daran: Du bist deswegen geheilt worden, dass du in deinem ganzen Leben hinfort nicht vergisst, was Gott aus Gnaden an dir getan, und ihn als deinen Erretter ehrst. Gleichwie Gott uns durch Rutenschläge zur Buße antreiben will, so lädt er uns zu ihr auch ein durch seine Güte und Milde. Alles, was Gott durch das Erlösungswerk und durch alle seine Gaben erreichen will, ist ja nur das eine, dass wir ihm ganz gehören. Das erreicht er aber nur dann an uns, wenn wir es uns fest ins Gedächtnis schreiben, dass wir der Strafe entronnen sind, und wenn wir beständig daran denken: Uns ist Erbarmung widerfahren.

Was Christus weiter sagt, das erinnert uns daran, dass alles Übel, war wir erdulden, im Zusammenhange mit unseren Sünden steht; keinerlei Unglück trifft uns durch Zufall, es ist stets eine Zuchtrute Gottes. Zunächst also haben wir zu erkennen, dass nicht ein blindes Ungefähr, sondern Gottes Hand uns schlägt; sodann haben wir Gott die Ehre zu erweisen, dass wir glauben: er, der liebevolle Vater, hat keine Lust an unserem Elend; seine Strafe ist immer unserer Sünde angemessen. Sagt nun Christus weiter: sündige hinfort nicht mehr, so fordert er damit nicht eine völlige Sündlosigkeit; er redet vielmehr vergleichsweise, im Blick auf das frühere Leben des Mannes. Er ermahnt ihn, er solle nun sich bekehren und nicht unverändert derselbe bleiben.

Etwas Ärgeres. Wenn Gott mit Ruten nichts bei uns ausrichtet, womit der Vater, der die Menschen so lieb hat, uns gelinde züchtigt wie zarte, verwöhnte Kinder, dann muss er es ganz anders anfangen und sein Vaterherz verleugnen. Dann ergreift er eine Peitsche, um unseren Trotz zu bändigen, wie er wiederholt ankündigt (3. Mo. 26, 14 ff.; 5. Mo. 28, 15 ff.; Ps. 32, 9 u. a. m.). Wenn also immer wieder neue Leiden uns bedrücken, dann ziemt es sich, dass wir denken: das kommt von unserer Halsstarrigkeit her. Wir gleichen nicht nur widerspenstigen Rossen oder Maultieren, sondern ungezähmten Bestien; und auch der Vergleich ist noch zu schwach. Deshalb ist es kein Wunder, wenn Gott schließlich mit furchtbaren Strafen, wie mit Hammerschlägen, über uns kommt, wenn die leichtere Strafe bei uns nichts geholfen hat. Es ist recht und billig, wenn er die zerbricht, die sich nicht bessern lassen wollten.

Alles in allem: die Strafen sind dazu da, dass wir ferner mehr auf unserer Hut sind. Wenn wir bei den ersten und ebenso bei den zweiten Schlägen der Hand Gottes doch noch das gleiche harte Herz gegen ihn behalten, dann wird er seine Schläge ums Siebenfache verschärfen. Wenn wir bloß kurze Zeit uns bußfertig erweisen, dann aber wieder in unser ursprüngliches Wesen verfallen, dann wendet er härtere Züchtigungen an; wir zwingen ihn dazu durch unseren Leichtsinn und durch die Gleichgültigkeit, womit wir die frühere Züchtigung vergaßen.

Übrigens lohnt es sich wohl, an diesem Manne zu sehen, wie gütig und nachsichtig der Herr uns trägt. Nehmen wir an, dass er dem Greisenalter nahe war; dann muss ihn die Krankheit in der besten Blüte seiner Jahre ergriffen haben. Vielleicht ist er ja auch ein Knabe gewesen, als er krank wurde. Stellen wir uns einmal vor, wie hart eine so langjährige Strafe gewesen sein muss! Trotzdem kann Gott nicht der Vorwurf gemacht werden: du bist zu streng gewesen, indem du durch ein so langwieriges, erschlaffendes Leiden diesen Menschen an den Rand des Grabes gebracht hast. Wenn die Strafen, die uns zu teil werden, leichtere sind, so hat das seinen Grund nur darin, dass Gott nach seiner unaussprechlichen Güte nicht den höchsten Grad der Strafen bei uns anwendet. Wir wollen uns auch einprägen, dass es keinerlei Strafen gibt, die so schrecklich und grausam wären, dass Gott sie nicht noch steigern könnte, so oft es ihm gut scheint. Ohne Zweifel geschieht es oftmals, dass durch ihre Klagen unglückliche Menschen sich erst recht schauerliche und unerhörte Qualen zuziehen, während sie schon behaupteten: ärger kann es nicht mehr kommen.

Der Herr sagt (5. Mo. 32, 34): Ist solches nicht bei mir verborgen und versiegelt in meinen Schätzen? Merkwürdig übrigens, wie langsam die Züchtigungen Gottes etwas an uns ausrichten! Christi Mahnung war doch hier gewiss nicht überflüssig; so dürfen wir annehmen: trotz achtunddreißigjähriger Krankheit war die Seele dieses Menschen noch nicht recht von allen ihren Fehlern gereinigt. Wie tief stecken doch die Wurzeln der Sünde im Menschenherzen! Es ist unmöglich, sie auf einen Ruck herauszureißen! Wenn eine kranke Seele geheilt werden soll, so genügt nicht eine Behandlung von wenigen Tagen.

V. 15 u. 16. Der Mensch ging hin usw. Es kam ihm dabei nicht von ferne in den Sinn, dass er den Hass von sich ab- und auf Christum hinlenken wollte. Es ging wider all sein Erwarten, als die Juden nun in solcher Wut sich gegen Christum wendeten. Er folgte einer frommen Regung: er wollte seinen Wunderarzt ehren, wie es ihm zukam, - für die Juden ein Anlass, ihr Gift gegen ihn zu brauchen, indem sie nicht nur Christum auf Sabbatschändung verklagen, sondern sich zu maßlosem Wüten hinreißen lassen.

V. 17. Mein Vater wirkt bisher. Beachte, wie sich Jesus verteidigt. Er gibt seinen Verklägern nicht zur Antwort: das Sabbatgebot hat nur vorübergehende Bedeutung und muss jetzt abgeschafft werden. Er behauptet vielmehr: Ich habe das Gesetz gar nicht verletzt, denn das Werk, das ich getan habe, war ein göttliches. Allerdings war die Bestimmung des Zeremonialgesetzes, welcher Christus durch sein Kommen ein Ende gemacht hat (vgl. Kol. 2, 16), eine vergängliche, ein Schatten dessen, das durch ihn kommen sollte; aber das macht für den vorliegenden Fall nicht das mindeste aus. Das Sabbatgebot verordnet nur, dass die Menschen von allen ihren Werken ruhen sollen. Die Beschneidung z. B. ist nicht Menschenwerk, sondern Gottes Werk, folglich wohl vereinbar mit der Sabbatfeier. Auf diesem Hauptstück bleibt Christus fest bestehen: durch göttliche Werke wird die im mosaischen Gesetz gebotene heilige Ruhe nicht gestört. Damit ist nicht nur sein eigenes Tun entschuldigt, sondern auch das des Mannes, der sein Bett trug. Das Tragen des Bettes war sozusagen nur in Anhängsel, ja, ein Bestandteil des Wunders; es war der Vollbeweis dafür, dass das Wunder wirklich geschehen war. Und wenn man zu den göttlichen Werken auch die Darbringung des Dankes und die Verkündigung seines Ruhmes zählt, dann ist es gewiss keine Entheiligung des Feiertages gewesen, wenn der Kranke zur Bezeugung der ihm widerfahrenen Gnade Gottes seine Füße und seine Hände brauchte.

Indes redet Christus hier hauptsächlich von sich selber; der Hass der Juden richtete sich ja in größerem Maße auf seine Person. Dabei bezeugt er, dass die dem Kranken wiedergeschenkte Gesundheit ein Erweis der in ihm wohnenden Gotteskraft ist. Er bekennt sich als Gottessohn und versichert, dass er ganz die gleiche Art des Wirkens befolge, wie der Vater.

Über die Bedeutung des Sabbattages und die Gründe, um derentwillen er eingesetzt wurde, will ich mich hier nicht weiter äußern. Zu unserer Stelle genügt die eine Bemerkung: die Heilighaltung des Sabbats will durchaus nicht den freien Lauf der Gotteswerke unmöglich machen oder auch nur verlangsamen, im Gegenteil: sie will ihnen ganz allein Raum verschaffen. Nur darum legt ja das Gesetz den Menschen die Ruhe von ihren eigenen Werken auf, damit sie ihre leeren und ungebunden umherschweifenden Gedanken einmal ernstlich auf die Betrachtung der Werke Gottes richten.

Es wäre darum wider das Gesetz und ein grobes Missverständnis desselben, wenn man meinen wollte, dass der Sabbat keinen Spielraum für Gottes Wirken gewährt. Freilich beruft man sich dagegen auf das Wort der Schrift (1. Mo. 2, 2), dass Gott nach Vollendung seines Werkes am siebenten Tage geruht habe. Aber dies Wort will doch nur besagen, dass Gott den siebenten Tag geheiligt hat, damit die Menschen ihre Gedanken auf seine Werke richten möchten. Dabei schloss Gottes Ruhe seine Tätigkeit nicht aus: er hat dabei die von ihm geschaffene Welt mit seiner Kraft erhalten, nach seinem Ratschlusse regiert, nach seiner Güte versorgt, und alles nach seinem Willen angeordnet im Himmel und auf Erden. Die Schöpfung der Welt war nach sechs Tagen beendet; die Regierung der Welt hat Gott jedoch auch nicht einen einzigen Tag versäumt, ebenso wenig ihre Erhaltung (Apg. 17, 28; Ps. 104, 29). Und Gott bewahrt nicht nur im Allgemeinen durch seine Vorsehung seine Schöpfung, sondern er kümmert sich um das geringste Einzelne in ihr. Zumal seine Gläubigen unter seinem besonderen Schutze stehen.

Und ich wirke auch. Christus verweilt nicht lange bei der Verteidigung der Sache, um die es sich augenblicklich handelt, sondern setzt auseinander, was der Zweck und die Bedeutung dieses Wunders ist: es soll daran erkannt werden, dass er der Sohn Gottes ist. Bei allem, was er redete und tat, hatte er im Sinne, sich als den Spender des Heils kundzutun. „Ich wirke auch“, damit legt er sich eine göttliche Eigenschaft zu, wie wir Hebr. 1, 3 lesen: „Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort“. Er bezeugt seine Gottheit, um, im Fleische geoffenbart, des messianischen Amtes zu walten. Er betont also seinen Abstieg vom Himmel, um uns einen Eindruck von dem Zweck seines Kommens auf die Erde zu geben.

V. 18. Darum trachteten usw. Diese Verteidigung vermochte ihre Wut nicht zu beseitigen. Ach nein, sie wurde dadurch nur noch heftiger. Das wusste Jesus recht wohl. Doch kam es ihm hauptsächlich darauf an, den paar Jüngern, welche zugegen waren, zu nützen, und dann auch, die unheilbare Bosheit der Juden ans Licht zu bringen. An diesem Beispiele Jesu lernen wir, dass man niemals einen Schritt breit zurückgehen soll gegenüber der unsinnigen Wut gottloser Menschen. Wir sollen den Mut haben, die göttliche Wahrheit, soweit es nottut, zu verteidigen, stünde auch die ganze Welt gegen uns. Auch braucht das den Dienern Christi keinen Kummer zu machen, wenn sie nicht alle, wie sie es wohl gerne möchten, auf ihre Seite bringen; das ist selbst Christo nicht gelungen. Kein Wunder, dass überall da, wo Gott sich recht herrlich offenbart, Satan in seinen Gliedern und Werkzeugen sich umso toller gebärdet.

Wenn der Evangelist in der Mitte unseres Verses sagt, dass Jesus den Sabbat brach, so ist das natürlich nur im Sinne der Feinde Jesu geredet; sie sagten so. Dass es sich um keinen Sabbatbruch handelte, ist oben ausführlich dargelegt. Mehr noch als über die vermeintliche Verletzung des Sabbats ereifern sich die Gegner darüber, dass Jesus sagt, Gott sei sein Vater. Offenbar wollte er in besonderem Sinne, um sich von den anderen in seiner Einzigartigkeit abzuheben, sich hier die Gottessohnschaft zuschreiben. Wenn er sich ein fortwährendes Wirken beilegte, so hat er sich in der Tat Gott gleich gemacht.

V. 19. Da antwortete Jesus. In gehässiger Gesinnung warfen ihm die Juden vor, er mache sich Gott gleich. Er erwidert nicht: da habt ihr mich missverstanden. Im Gegenteil; er sagt: das tue ich allerdings. Und zwar lässt er sich nicht davon abbringen: es ist ein göttliches Werk, - eben dies Wunder, das die Juden anfochten. Wollen sie fortfahren, es zu verwerfen, so befinden sie sich in offenem Kampfe mit Gott. Übrigens handelt es sich in diesen Ausführungen Christi nicht um seine bloße Gottheit, ja das unmittelbar Folgende passt durchaus nicht auf das ewige Wort Gottes an und für sich, sondern nur auf den im Fleische geoffenbarten Gottessohn. Christus muss uns hier so vor Augen stehen, wie ihn Gott zum Werk der Erlösung in die Welt sandte. Die Juden dachten: er ist ein Mensch wie andere auch, nichts Besseres. Deswegen betont er: Nicht aus menschlichem Vermögen habe ich den kranken Mann geheilt, sondern durch göttliche Kraft, von der ihr, da ich als ein Mensch vor euch stehe, nichts ahntet. Während also die Juden um seiner äußeren Erscheinung willen Christum für nichts achteten, will er ihre Augen höher empor auf Gott richten. Der entscheidende Gedanke seiner Rede ist, dass man sich irrt, wenn man ihn für einen bloßen Menschen hält und darum sich an seinen göttlichen Werken stößt. Demgegenüber betont Jesus vielmehr, dass sein Wirken sich ganz mit des Vaters Wirken deckt.

V. 20. Der Vater hat den Sohn lieb. Man trifft den Inhalt dieser Worte nicht, wenn man sagt: der Vater liebt sich selbst im Sohne. Vielmehr passt es aufs schönste bei Christo, der als Mensch auf Erden wandelt, dass er vom Vater geliebt wird. Ja, Christus empfängt den Titel des lieben oder geliebten Sohnes (Mt. 3, 17), der ihn vor allen Engeln und Menschen auszeichnet. Er war auserkoren zum Wohnsitz der ganzen Gottesliebe; wie aus einem übervollen Brunnquell sollte sie von ihm aus auf uns überströmen. Christus wird vom Vater geliebt als das Haupt der Gemeinde. Um dieser Liebe willen, so hören wir hier, wirkt der Vater alles durch seine Hand: und zeigt ihm alles. Dieser Ausdruck deutet auf Gottes Mitteilung an den Sohn. Jesus will sagen: der Vater hat seine liebende Seele und dazu seine Kraft in mich ausgegossen, damit in meinen Taten seine Herrlichkeit widerstrahle, ja dass man alles Göttliche, was man nur suchen mag, in mir finden könne. In der Tat wird man Gottes Macht vergeblich suchen, wenn man von Christo absieht.

Wird ihm noch größere Werke zeigen. Damit deutet Jesus an, dass das eben vollbrachte Heilungswunder nicht etwa den Gipfel der ihm vom Vater aufgetragenen Werke bildet. Er hat darin nur einen kleinen Vorgeschmack von demjenigen Gnadenwerke gegeben, das recht eigentlich seinen Auftrag ausmacht, nämlich, dass er der Welt das Leben wiedergeben soll.

Wenn er hinzusetzt: dass ihr euch verwundern werdet, so ist das ein Hieb auf die Undankbarkeit der Juden. Wie verachteten sie doch den herrlichen Beweis seiner göttlichen Kraft! Er gibt ihnen damit zu verstehen: so stumpf und träge ihr jetzt auch seid, - was Gott dereinst durch mich tun wird, das wird euch, auch wenn ihr nicht wollt, zur Verwunderung hinreißen.

V. 21. Denn wie der Vater usw. Zusammenfassend schildert Jesus hier die Art des vom Vater ihm übertragenen Berufes. Es scheint nur so, als höbe er eine einzelne Seite desselben hervor, tatsächlich verkündigt er hier die Grund- und Hauptlehre: Ich bin der Urheber des Lebens! Das Leben aber enthält in sich die Gerechtigkeit und alle Gaben des heiligen Geistes, kurz alles, was zu unserem Heile gehört. Das besondere Wunder, welches hier genannt ist, soll nur als durchschlagender Beweis für Christi Kraft dienen und damit den allgemeinen Nutzen schaffen, dass es dem Evangelium die Tür öffnet. Wohl zu merken ist nun, wie Christus uns das Leben bringt: findet er alle im Zustande des Todes, so muss er mit der Auferweckung den Anfang machen. Wird nun hinzugefügt: und macht sie lebendig, so ist dies durchaus kein überflüssiger Zusatz. Dass wir dem Tode entrissen sind, ist noch nicht hinreichend: darüber hinaus muss uns Christus nun das Leben in voller Kraft und Fülle wiederschenken. Übrigens verleiht er dies Leben nicht allen Menschen ohne Unterschied: der Sohn macht lebendig, welche er will, d. h. die Auserwählten, die er seiner besonderen Gnade würdigt.

V. 22. Denn der Vater richtet niemand. Immer größere Klarheit bringt der Verlauf der Rede. Wie regiert der Vater die Welt? Er tut es durch seinen Sohn. Durch dessen Hand übt er die Herrschaft aus: alles Gericht, d. h. nach hebräischem Sprachgebrauch alle Herrschergewalt (vgl. z. B. Richt. 10, 2) hat er dem Sohn gegeben. Damit erreicht die Rede ihren Höhepunkt: der Vater hat den Sohn zum Herrscher eingesetzt, der nun Himmel und Erde nach seinem Willen regiert. Freilich könnte es ungereimt erscheinen, dass der Vater sein Regiment abgetreten haben und nun im Himmel müßig leben soll. Doch ist ja der Ausdruck nicht in Hinblick auf Gott, sondern in Hinblick auf Christi Verhältnis zu den Menschen gewählt. Im Vater ist durchaus keine Veränderung dadurch vor sich gegangen, dass er Christum zum Oberkönig und Herrn Himmels und der Erde eingesetzt hat. Er ist ja selber im Sohn und wirkt in ihm.

Uns aber wird Christus vor Augen gestellt als das sichtbare Bild des unsichtbaren Gottes: denn wollten wir unmittelbar zu Gott aufschauen, würde sofort unser Auge geblendet werden. Nun brauchen wir uns nicht mehr vergeblich zu mühen, des Himmels Geheimnisse zu durchforschen: Gott ist ja unserer Schwachheit entgegengekommen und lässt sich in Christi Person aus ganzer Nähe schauen. In allen Anliegen des Weltregiments, unseres bedürftigen Zustandes und der Sicherung unseres ewigen Heils wollen wir denn allein auf Christum blicken. In seinen Händen liegt alle Macht, in seinem Angesicht zeigt sich uns Gott der Vater, der uns sonst gänzlich verborgen sein würde, und dessen unverhüllte Majestät uns mit ihrem Glanz verzehren müsste.

V. 23. Auf dass sie alle den Sohn ehren usw. Dieser Vers bestätigt das oben Gesagte: Gott regiert nicht so in der Person Christi, wie ein in der Regierung müde gewordener König durch seine Stellvertreter. Gott hat sich nicht zur Ruhe gesetzt, sondern er zeigt in Christo seine eigene Macht und ist in ihm selber gegenwärtig. Der Vater will im Sohne anerkannt und geehrt werden. Uns kommt es folglich zu, Gott den Vater in Christo zu suchen, in ihm seine Macht zu schauen, in ihm den Vater anzubeten. Denn, wie es gleich weiter heißt: wer den Sohn nicht ehrt, der bringt Gott selbst um die Ehre, die ihm gebührt. Dass wir Gott selbst ehren müssen, gibt jedermann zu. Dieser Gedanke, den wir mit auf die Welt bringen, hat so tiefe Wurzel in unserem Herzen, dass es wohl niemand so leicht wagt, Gott die Ehre zu verweigern. Wenn wir aber außerhalb des von Gott gewiesenen Weges ihn suchen, werden unsere Gedanken eitel und nichtig. Daher rühren alle die Lügengötter, alle die verkehrten Arten der Gottesverehrung. Den wahren Gott findest du eben nur in Christo. Die Verehrung, welche er fordert, besteht darin (Ps. 2, 12): Küsst den Sohn! Johannes bezeugt es in seinem ersten Briefe (2, 23): „Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht.“ Türken und Juden geben Gott die schönsten, herrlichsten Namen, wenn sie ihn anbeten; aber es bleibt dabei: wer Gott und Christum voneinander trennt, der hat nur ein Wahngebilde im Kopfe. Wer also möchte, dass seine Frömmigkeit Gott lieb sei, der darf nicht von Christo abgehen. Das gilt auch für die Väter des alten Bundes. Denn auch ihnen hat sich Gott nur durch Christum geoffenbart, wenn auch dessen Anblick noch unter allerlei Schatten verhüllt blieb. Jetzt ist es anders: Christus hat sich unverhüllt in seiner Menschwerdung gezeigt und ist uns zum Könige gegeben. Die ganze Welt hat, wenn sie Gott untertan sein will, vor ihm die Knie zu beugen. Da der Vater ihn geheißen hat, zu seiner Rechten zu sitzen, macht sich der, welcher sich Gott ohne Christum denkt, der Verstümmelung oder Zerreißung Gottes schuldig.

V. 24. Wer mein Wort hört. Hier wird die Art und Weise der rechten Gottesverehrung beschrieben. Niemand soll meinen, sie bestände nur in äußeren Bräuchen und in der Ausübung wertloser Zeremonien. Das Evangelium ist der Herrscherstab, mit dem Christus die ihm vom Vater zu Untertanen gemachten Gläubigen regiert. Die einzige Ehre, die Christus von uns erwartet, besteht darin, dass wir seinem Evangelium gehorsam sind. Wer das nicht tut und doch vergeblich Christum ehrt, gleicht dem Verräter Judas, der, die Feindschaft gegen ihn im Herzen, Christum doch noch zu küssen wagt. Mögen sie hundertmal sagen: „Er ist unser König!“ – sie reißen ihm mit eigenen Händen Krone und Herrschermantel ab, so lange sie dem Evangelium nicht Treu und Glauben halten. Und was für eine Frucht hat der Gehorsam gegen die Lehre Christi?

„Der hat ewiges Leben“. Das soll uns umso williger machen, zu gehorchen. Oder wärest du stahlhart, dass du, wenn dir als Preis das ewige Leben hingehalten wird, dich nicht mit Freuden Christo zu Dienst und eigene gäbest? Und doch: wie wenige nur lassen sich durch solche Güte locken! Wir sind so schlecht, dass wir lieber ewig verloren gehen, als uns dem Sohne Gottes zu gehorsamem Dienste ergeben, damit er als unser größter Wohltäter uns rette.

Zweierlei enthält diese Stelle: die Regel für eine wahrhaft fromme, lautere Gottesverehrung, wie Christus sie haben will, und dann die Angabe der Art und Weise, wie er uns wieder zum Leben bringt. Es genügt nicht, zu wissen, dass er gekommen ist, die Toten aufzuwecken; wir müssen auch darüber unterrichtet sein, wie er nun vom Tode befreit. Höre seine Lehre, dann bekommst du das Leben! „Hören“ bedeutet hier, wie sich gleich zeigen wird, „glauben“. Und zwar hat dieser Glaube nicht in den Ohren, sondern im Herzen seinen Sitz. Woher der Glaube solche Kraft hat, ist bereits an anderer Stelle gesagt. Immer gilt es zu beachten, was das Evangelium uns anbietet. Es ist nicht zu verwundern, dass der, welcher Christum mit all seinen Verdiensten annimmt, mit Gott versöhnt und von der verdienten Strafe des Todes frei gesprochen wird, noch dass der, welcher mit dem heiligen Geiste beschenkt wird, mit himmlischer Gerechtigkeit bekleidet, nun in einem neuen Leben wandelt (Röm. 6, 4).

Das Sätzchen: „und glaubt dem, der mich gesandt hat“, ist von Wichtigkeit zur Befestigung des Ansehens, das dem Evangelium gebührt. Wenn Christus bezeugt, dass das Evangelium von Gott stammt, so ist es eben kein menschliches Machwerk. So sagt er anderswo (14, 10); was er rede, das rede er nicht aus sich selbst; es sei ihm vom Vater so befohlen.

Und kommt nicht in das Gericht. Der unausgesprochene Gegensatz, den man sich ergänzen muss, heißt hier: von Natur sind wir allesamt schuldig, ins Gericht zu kommen. Durch Christum aber werden wir von dieser Schuldverhaftung aus Gnaden losgesprochen. Erwartete nicht alle die gleiche Verdammnis, so hätte es ja keinen Sinn, die an Christum Glaubenden davon auszunehmen. Der Sinn ist also: wir sind außer Todesgefahr, weil wir durch Christi Erlösungstat freigesprochen sind. Folglich ist jedes Mal, wenn davon die Rede ist, dass Christus uns heiligt und durch seinen Geist zu einem neuen Leben umschafft, die Vergebung der Sünden aus freier Gnade ausdrücklich gemeint, worin ganz allein der Menschen Seligkeit besteht. Ein Leben, das seinen Namen verdient, führt nur ein Mensch, der einen gnädigen Gott hat. Wie aber vermöchte uns Gott zu lieben, wenn er uns nicht zuvor unsere Sünden verzeiht?

Er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen, also nicht: er wird hindurchdringen. Der Durchbruch zum Leben ist schon vollzogen, weil die Berufung den Kindern Gottes einen unvergänglichen Samen des Lebens schenkt: vermöge der Hoffnung sitzen sie schon mit Christo zusammen in himmlischer Herrlichkeit, und das Reich Gottes ist wirklich bei ihnen aufgerichtet (Luk. 17, 21; Kol. 3, 3). Ist auch ihr Leben noch verborgen, so ist es deshalb nicht weniger im Glauben ihr Besitz. Wenn der Tod auch überall sie bedroht, so hören sie deswegen doch nicht auf, Frieden zu haben; sie wissen ja, dass sie, von Christus behütet, längst sicher sind. Wir haben indes im Gedächtnis zu behalten, dass die Gläubigen gegenwärtig nur insofern im Leben sind, als sie doch dabei das, was den Tod veranlasst, immer noch mit sich herumtragen. Aber der Geist, welcher in ihnen seine Wohnung hat, ist das Leben; er wird auch mit diesem Rest des Todes noch aufräumen. Das Wort des Paulus (1. Kor. 15, 26) ist wahr: „Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod“. An unserer Stelle ist offenbar weder von dieser völligen Aufhebung des Todes noch von der Endvollendung des Lebens die Rede. Aber wenn auch das Leben in uns nur erst seinen Anfang genommen hat, so dürfen wir nach Christi Wort uns doch in völliger Glaubensgewissheit damit zufrieden geben, ohne uns vor dem Tode zu fürchten: wir sind ja dem eingeleibt, welcher der unerschöpfliche Quell des Lebens ist.

V. 25. Wahrlich, wahrlich. Wenn nach dem Berichte unseres Evangelisten der Sohn Gottes sehr häufig seine Aussprüche, die das Heil unserer Seele betreffen, mit einem Eidschwur bekräftigt hat, so können wir daraus abnehmen, erstlich, wie angelegentlich er sich um uns bemüht, sodann, wie außerordentlich wichtig es ist, dass unser Glaube an das Evangelium auf einer guten, vollkommenen sicheren Grundlage ruht. Was Jesus soeben von der Kraft des Glaubens rühmte, grenzt an das Unglaubliche. Darum bestätigt er jetzt mit eidlicher Versicherung, dass der Schall seines Evangeliums allerdings die Kraft hat, Tote zum Leben zu erwecken. Gemeint sind geistlich Tote. Denn der Zusammenhang lässt es nicht zu, diese Worte auf Lazarus, den Sohn der Witwe zu Nain und ähnliche Auferweckte zu beziehen. Christus erklärt uns samt und sonders für tot, ehe er uns lebendig macht. Daraus ist ersichtlich, was der Mensch zu tun vermag, um die Seligkeit zu erwerben! Die Römischen sind immer darauf aus, dem freien Willen an der Erwerbung der Seligkeit Anteil zu geben. Deshalb sagen sie: der Mensch gleicht dem von den Räubern halbtot geschlagenen, am Wege liegengelassenen Manne. Was kann man nicht alles mit Gleichnissen beweisen, noch dazu, wenn man sie so willkürlich auslegt! Uns kann das nicht irre machen, zumal Christus uns in diesem klaren Ausspruche für tote, nicht für halbtote Leute erklärt.

Nach dem Falle des ersten Menschen sind wir durch die Sünde Gott entfremdet worden. Will es jemand nicht anerkennen, dass wir im ewigen Verderben gefangen liegen, so erreicht er damit nichts, als, dass er sich mit leerer Schmeichelei betrügt. Ich gebe ja zu, dass in der menschlichen Seele ein gewisser Rest von Leben noch bleibt; denn Verstand, Urteilskraft, Wille und alle Sinne sind alles Regungen eines gewissen Lebens. Aber nichts von dem allen sehnt sich nach himmlischem Leben. Darum ist es kein Wunder, wenn der ganze Mensch, was seine Stellung zum Reiche Gottes angeht, für tot erachtet wird. Ausführlich redet Paulus von diesem Tode im Briefe an die Epheser (2, 1 und 4, 18), wenn er sagt, dass wir ohne Christum tot sind in Übertretungen, entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, und wandeln in Eitelkeit des Sinnes mit verfinstertem Verstande. Eine so verderbte Natur ist ganz außerstande, die Gerechtigkeit zu erlangen: folglich ist das göttliche Leben in uns erloschen. So ist Christi Gnade die rechte Totenauferweckung. Vermittelst des Evangeliums wird sie uns zuteil. Nicht als hätte die bloße Verkündigung solche Kraft. Meistens geht sie zum einen Ohr hinein, zum anderen hinaus. Christus redet inwendig im Herzen mit uns, damit wir das uns angebotene Leben im Glauben empfangen. Er spricht hier nicht ohne Unterschied von allen Toten, sondern er meint ausschließlich die Auserwählten, denen Gott das Ohr öffnet, so dass sie die Stimme seines Sohnes vernehmen, welche sie wieder zum Leben bringt. Eine doppelte Gnadenerweisung bieten uns Christi Worte an: Die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben. Erstlich ist es schon gegen den Lauf der Natur, dass Tote hören, ebenso wie das, dass sie ins Leben zurückgerufen werden, nachdem sie es verloren hatten. Beides ist eine Wirkung der geheimen Kraft Gottes. Auf ein bis dahin unerhörtes Geschehen deuten euch die einleitenden Worte: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt. Und ohne Frage bedeutete die Verkündigung des Evangeliums für die Welt eine Erweckung, wie sie bisher nicht dagewesen war. Wenn jemand fragt: hat denn das Wort Gottes nicht von jeher den Menschen das Leben gegeben? – so ist darauf leicht zu erwidern: die Lehre des Gesetzes und der Propheten, die ja für das Volk Gottes bestimmt war, hatte mehr die Aufgabe, die Kinder Gottes im Leben zu erhalten, als Tote zum Leben zu führen. Mit dem Evangelium aber hat es eine andere Bewandtnis: dieses hat die Heiden, die zuvor von Gottes Reich fern waren, getrennt von Gott und ohne alle Hoffnung ewigen Lebens, zur Gemeinschaft des Lebens berufen.

V. 26. Denn wie der Vater das Leben hat usw. Damit wird klar, wie Christi Wort so Großes zu wirken vermag: Christus ist selber der Quell des Lebens und ergießt es in die Menschenseelen durch seine Stimme. Wir könnte auch für uns das Leben aus seinem Munde hervorströmen, wenn nicht in ihm selber Ursache und Ursprung des Lebens wäre? Dass Gott das Leben in sich selber hat, will nicht bloß besagen, dass er durch die ihm innewohnende Kraft selber lebt, sondern auch dass die in ihm befindliche Lebensfülle alles belebt. So sagt der Psalmist (36, 10) von Gott: „Bei dir ist die Quelle des Lebens“. Weil nun aber Gottes uns so weit entrückte Majestät für uns ein versteckter und verborgener Quell sein würde, hat er sich in Christo öffentlich zu sehen gegeben. Nun ist der Quell für uns zugänglich, und jeder darf daraus schöpfen. Die Worte unserer Stelle haben also den Sinn: weil Gott nicht wollte, dass das Leben bei ihm verborgen und sozusagen begraben blieb, - deswegen hat er es in den Sohn hinüberströmen lassen, damit es so zu uns flösse. Daraus folgern wir, dass hier nicht von dem ewigen Wort, sondern von dem im Fleisch geoffenbarten Christus geredet wird.

V. 27. Und hat ihm Macht gegeben. Nochmals spricht Jesus es aus, dass der Vater ihm die Herrschaft gegeben hat, damit er unumschränkte Macht über alles im Himmel und auf Erden habe. Das mit „Macht“ übersetzte Wort des griechischen Grundtextes bedeutet hier so viel als „Würde“. „Gericht“ ist wieder so viel als „Regiment, Herrschaft“. Jesus will sagen: der Sohn ist vom Vater zum König eingesetzt worden, der die Welt lenkt und die Macht des Vaters selbst ausübt.

Sehr bemerkenswert ist der Zusatz: darum, dass er des Menschen Sohn ist. Damit ist gesagt, dass er mit so großartiger Vollmacht ausgerüstet zu uns Menschen hingeht, um uns mitzuteilen, was er vom Vater erhalten hat. Etliche meinen, es sei an dieser Stelle genau dasselbe gesagt, wie Phil. 2, 7, dass Christus, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, sich entäußert, Knechtsgestalt angenommen und sich erniedrigt hat bis zum Kreuzestode. Deshalb hat ihn dann der Vater erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit sich vor ihm beugen sollen alle Knie usw.

Unsere Stelle geht jedoch noch weiter: der Vater hat Christum, insofern er Mensch ist, zum Lebensspender bestimmt, damit wir das Leben nicht weit zu suchen haben. Christus hat es nicht für sich empfangen, als hätte er daran Mangel, sondern um uns mit seinem Reichtum zu beglücken.

V. 28. Verwundert euch des nicht. Wenn Jesus hier zur Bekräftigung dessen, was er bisher gesagt, auf die letzte Auferstehung hinweist, so scheint dies ein nicht ausreichender Beweis: denn Leiber erwecken ist doch nichts Größeres, als Seelen lebendig machen. Aber dieser Vergleich nimmt eben weniger auf die wirkliche Sachlage, als auf die gewöhnliche menschliche Stimmung Rücksicht: dieser scheint das äußerliche Wunder das größere zu sein; und insofern kann es das innere glaubhaft machen. Es ist nun einmal die Art der Menschen, sich in ihrer Blödigkeit mehr an sichtbare Beweise zu hängen, als an Wahrheiten, welche allein der Glaube fasst. Weil nun Jesus hier an den jüngsten Tag denkt, fehlt die frühere einschränkende Bemerkung (vgl. V. 25), dass die Stunde auch jetzt schon ist. Es heißt hier nur, dass die Zeit einmal kommen wird. Doch es wird gelten, noch ein Bedenken zurechtzustellen. Gewiss, die Gläubigen erwarten die leibliche Auferweckung, aber sie können doch nicht darauf, dass sie von ihr wissen, die Zuversicht gründen: also sind unsere Seelen dem Tode entrissen, - die Leiber werden sich ja einmal aus ihren Gräbern erheben. Und nun gar bei den Ungläubigen, - lässt sich etwas Lächerlicheres denken, als etwas Unbekanntes mit etwas noch Unbekannterem beweisen zu wollen? Ich halte dem entgegen: Christus rühmt hier gegenüber solchen, die Gott verworfen hat, seine Macht, um zu bezeugen, dass ihm die Erneuerung aller Dinge vom Vater anbefohlen ist. Er meint: was gegenwärtig, wie ich euch sage, von mir begonnen wird, das werde ich einst vor euren Augen vollenden. Wenn jetzt Christus durch die Verkündigung seines Evangeliums die ins Verderben versunkenen Seelen lebendig macht, so ist das eine Art Vorspiel von der letzten Auferweckung. Übrigens macht er, da er das ganze Menschengeschlecht in die Betrachtung hereingezogen hat, alsbald die Unterscheidung zwischen Auserwählten und Verworfenen. Sie zeigt, dass die Verworfenen, welchen jetzt die Stimme Christi das Gericht androht, dann durch ebendieselbe Stimme dereinstmals vor seinen Thron gebracht werden.

Aber warum spricht Jesus nur von denen, die in den Gräbern sind? Das hört sich ja so an, als würden die der Auferstehung nicht teilhaftig werden, welche im Schiffbruch untergegangen, von wilden Tieren zerrissen oder zur Asche verbrannt worden sind. Da gewöhnlich die Toten ein Grab erhalten, nennt Jesus eben nur die, welche in den Gräbern sind, will aber überhaupt alle Verstorbenen mit einbefassen. Das Wort klingt viel nachdrücklicher, als wenn nur von den Toten die Rede wäre: die der Tod um Licht und Luft gebracht, die das Grab wie von der Welt verschwinden ließ, - sollen auferstehen!

Die Stimme des Sohnes bezeichnet den Klang der Posaune, welcher auf Christi Befehl und durch seine Kraft erschallen wird (Mt. 24, 31; 1. Kor. 15, 52; 1. Thess. 4, 16). Denn wenn auch ein Engel als Herold und Diener erscheinen wird, so lässt sich doch dem Richter selbst zuschreiben, was auf seine Veranlassung und gleichsam an seiner Stelle ausgeführt wird.

V. 29. Die da Gutes getan haben. Dieses Wort des Herrn bezeichnet die Gläubigen als Leute, die Gutes tun, - wie man ja den Baum an seiner Frucht erkennt (Mt. 7, 17). Damit empfangen die guten Werke ihr Lob, auf welche die Gläubigen seit ihrer Berufung bedacht gewesen sind. Auch der Schächer, dem Christus noch am Kreuze das Leben verheißen hat, obwohl er eine Verbrecherlaufbahn hinter sich hatte, beginnt noch in seinen letzten Lebensstunden, das Rechte zu tun. In der Wiedergeburt entsteht ein ganz neuer Mensch. Aus einem Sklaven der Sünde wird ein Knecht der Gerechtigkeit. Deshalb kommt der ganze vorige Lebenslauf vor Gott nicht in Anrechnung. Ja noch mehr: selbst die Sünden, deren sich die Gläubigen täglich schuldig machen, werden ihnen nicht zugerechnet. Denn einen Menschen, dessen Leben, abgesehen von dieser Vergebung, gut zu heißen verdiente, hat die Welt nie gesehen. Ja, es gibt überhaupt kein gutes Werk, an dem Gott nicht Sündliches zu verzeihen fände, denn es ist alles unvollkommen und verderbt. Die Leute, von denen es hier heißt, dass sie Gutes tun, bezeichnet Paulus (Tit. 2, 14) als das Volk, das fleißig wäre zu guten Werken. Doch hängt diese Wertschätzung völlig an der väterlichen Nachsicht Gottes, der aus Gnaden annimmt, was verworfen werden müsste, wo es nur nach Verdienst ginge. So ist es ein Leichtes, die zu widerlegen, welche aus Stellen, wie der unseren, den Schluss ziehen: also wird das ewige Leben uns als der gerechte Lohn für unsere verdienstlichen Werke zuteil. Jesus redet hier ja nicht von der Ursache der Seligkeit, sondern er macht nur je nach ihren Erkennungszeichen einen Unterschied zwischen Auserwählten und Verworfenen. Das tut er aber, um die Seinen zu einer heiligen, unschuldigen Lebensführung aufzufordern. Wir werden nimmermehr in Abrede stellen, dass der rechtfertigende Glaube mit dem redlichen Trieb nach Heiligung des ganzen Lebens verbunden ist und verbunden sein muss; unsere Lehre ist nur die: nirgend anders, als allein im Erbarmen Gottes vermag unser Glaube zu ruhen.

V. 30 – 32. Ich kann nichts von mir selber tun. Welche spitzfindigen Folgerungen sich ergeben würden, wenn man dies Wort auf Christi göttliche Natur deuten wollte, lassen wir außer Betracht. Denn Jesus denkt daran überhaupt jetzt nicht, sondern an seine gegenwärtige Erscheinung im Fleisch. Man soll ihn nicht nach dem äußeren Anschein beurteilen, weil etwas Höheres in ihm ist, als in einem gewöhnlichen Menschen. Sodann ist zu beachten, wen er vor sich hat. Er beabsichtigt, die Juden, welche ihn in einen Gegensatz zu Gott zu bringen suchten, zu widerlegen. Deswegen bestreitet er, dass er irgendetwas menschlicher Weise tue; er habe Gott, der in ihm wohnt, zum Führer und Leiter. Das darf man nicht außeracht lassen, so oft Christus von sich sagt, er empfange seine Taten von Gott, - so wie das ein Mensch wohl sagen muss. Denn da nimmt er Rücksicht auf die Juden, welche ihn irrtümlich als einen Menschen, wie alle anderen auch, betrachteten. Aus dem eben genannten Grunde führt Jesus alles, was an ihm über Menschenmaß hinausgeht, auf den Vater zurück: Wie ich höre, so richte ich. Dabei denkt der Herr an seine Lehr-, überhaupt an seine gesamte Amtstätigkeit. Er will sagen: in allem, was ich vornehme, bewegt und treibt mich der Vater; sein Wille ist meine Lebensregel.

Und mein Gericht ist recht. Diese Folgerung ergibt sich ohne weiteres: wenn Jesus alles nur auf Geheiß und Wink des Vaters angreift, so kann ja auf sein Tun und Reden nicht der geringste Tadel fallen. Was von Gott her kommt, das ist doch gewiss recht; darüber darf kein Streit sein. Diesem einfachen Grundsatze beizupflichten, müsste allerdings bei jedem, der auf wahre Frömmigkeit Anspruch erhebt, ganz selbstverständlich sein. Aber ach, wie wenige gibt es, die es wirklich zugeben: Gott ist gerecht! wenn sie nicht dazu gezwungen werden. Gott beweist uns zwar, das gestehe ich ein, in der Erfahrung seine Gerechtigkeit. Aber unsere gottlose Art will sich trotzdem die Freiheit vorbehalten, Gott für ungerecht anzusehen. Das ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, mag unser Gewissen dazu sagen, was es will. Da gilt es jedoch, den Sieg zu erkämpfen und ernstlich die einzig richtige Folgerung zu ziehen: Alles, was von Gott stammt, ist recht und wahr, ja es ist unmöglich, dass Gott nicht wahrhaftig ist in all seinen Worten, recht und gerecht in all seinem Tun. Zugleich mahnt uns diese Stelle daran, dass es nur eine berechtigte Handlungsweise gibt; sie besteht darin, dass man nichts ohne Führung und Leitung Gottes unternimmt. Wenn sich dann das große Weltgerichte gegen uns erhebt, werden wir durchkommen mit der Verteidigung, die niemand umzustoßen imstande ist: Wer Gott folgt, irrt nicht.

Ich suche nicht meinen Willen. Damit stellt Jesus durchaus nicht etwa seinen und des Vaters Willen als zwei gegensätzliche Dinge nebeneinander. Er widerlegt nur die falsche Annahme seiner Gegner, als ließe er sich mehr von menschlicher Keckheit hinreißen, als von Gottes alleingültiger Vorschrift regieren. Er stellt in Abrede, dass er selbständigen Willensregungen folge, die mit dem Befehl des Vaters nicht im Einklang stünden.

So Ich von mir selbst zeuge usw. Natürlich will Jesus hier nicht sein Zeugnis als unglaubwürdig darstellen (vgl. 3, 11. 32; 8, 14). Im Gegenteil, er versichert wiederholt, dass es vollauf glaubwürdig ist. Er will aber hier einmal diese Frage übergehen. Von anderer Seite hier ist er so gut beglaubigt, dass er es auch einmal so hingehen lassen will, wenn ihm selbst der Glaube verweigert würde: Wenn das Zeugnis, das ich von mir selbst ablege, euch verdächtig ist, - man pflegt ja vielfach solches Selbstzeugnis nicht gleich für bare Münze zu nehmen, - gut, mag es einmal nichts gelten! Das ist Jesu Meinung. Bei anderen Leuten ist es wirklich nicht selben berechtigt, vorsichtige Zurückhaltung zu bewahren gegenüber dem, was sie von sich selbst aussagen. Vielleicht sagen sie ja die Wahrheit, aber es gilt der Satz: in eigener Sache ist niemand als Zeuge zu brauchen. Den Gottessohn auch nach diesem Satze behandeln zu wollen, ist freilich eine Ungerechtigkeit. Aber er verzichtet freiwillig auf sein gutes Recht. Er will seine Feinde dadurch überführen, dass Gott selber für ihn eintritt.

V. 33. Ihr schicktet zu Johannes. Ehe Jesus seines Vaters Zeugnis vorbringt, treibt er die Juden mit der Antwort in die Enge, die ihnen einst Johannes gegeben hat; ehrenhalber konnten sie jenem doch den Glauben nicht verweigern. Was sollte denn die ganze Gesandtschaft für einen Sinn haben, wenn sie nicht mit des Täufers Antwort sich zufrieden geben wollten? Sie befragten ihn als einen von Gott gesandten Propheten. Deshalb stellten sie sich, als wollten sie seine eigene Äußerung wie einen Ausspruch Gottes selbst aufnehmen. Obgleich nun Christus auch davon absehen will, das Zeugnis des Johannes als ein glaubwürdiges zu verwerten, liegt doch in diesem zweimaligen Absehen ein scharfer Vorwurf für die Juden: bei euch muss man von Zeugnissen, die jedem anderen glaubwürdig sind, absehen; denn das, was euch am Glauben hindert, ist nichts anderes als Bosheit! Selbstverständlich ist die Gesandtschaft an Johannes von größter Bedeutung. Sie bringt die vollendete Falschheit der Juden an den Tag: trotz ihres Vorgebens, sie seien sehr beflissen, zu lernen, wer eigentlich der Messias ist, geben sie nichts darauf, als der Täufer ihnen wirklich ihre Frage beantwortet.

V. 34. Ich nehme nicht Zeugnis von Menschen. Weshalb denn nicht? Gott hat doch nicht ohne guten Grund den Johannes zum Zeugen für Christum gemacht. Ja, Jesus sagt selbst (Apg. 1, 8) von seinen Jüngern: „Ihr werdet meine Zeugen sein“. Da ist zu antworten: Christus braucht das Zeugnis des Johannes nur insofern nicht, als er selbst auch ohne dies Zeugnis eines Menschen seiner Sache gewiss wäre; er braucht es jedoch insoweit, als es für uns von Wichtigkeit ist, dass wir darin eine gewisse Bestätigung haben. Die Menschen stellen sich gegenseitig Zeugnisse aus; es sind für sie unentbehrliche Hilfsmittel. Anders steht die Sache bei Gott und Christus. Über andere Menschen kann ein Mensch wohl ein Zeugnis ausstellen. Wer aber würde es wagen, in gleicher Weise dem heiligen lebendigen Gott ein Zeugnis auszustellen: „Ich beglaubige durch meine Unterschrift, dass er wahrhaftig ist!“ -? Deshalb fügt Christus auch hinzu, er bringe das Zeugnis des Johannes nur ihretwegen vor. Damit spricht er es aus: Wenn ich Boten meines Evangeliums erwecke, die meinen Willen bezeugen sollen, so tue ich das nicht meinet-, sondern eurethalben! Auch darin, welcher wunderbare Glanz seiner Güte! Alles, was uns zur Seligkeit helfen kann, setzt er ins Werk! So haben wir hingegen uns zu bemühen, dass seine treue Sorge um unsere Rettung nicht vergeblich bleibe.

V. 35. Er war ein brennend und scheinend Licht. Durch diese Beurteilung des Johannes beschuldigt Jesus die Juden umso stärker der Undankbarkeit. Dann ist es ihr eigener Wille, wenn sie blind sind, trotzdem Gottes Licht vor ihren Augen brennend stand. Die Worte bedeuten also: Euer Irrtum ist kein von Gott gewollter. Er hat ja den Johannes bestellt, ein Licht zu sein, dessen Strahl euch den rechten Weg beleuchten sollte. Desungeachtet erkennt ihr mich nicht an als Gottes Sohn; ihr wollt eben irren. – Zu diesem Vorwurfe gesellt der Herr einen zweiten. Sie sind nicht bloß mit geschlossenen Augen an dem Lichte vorübergegangen, das vor ihnen stand, sie haben sogar dies Licht recht absichtlich missbraucht, um nur ja nicht zu Christo zu gehen. Wenn sie bereit waren, den Johannes mehr, als ihm gebührte, zu erheben, so kam das von ihrem schändlichen und boshaften Plane: für den Gottessohn sollte kein Raum sein. Diesen hässliche Missbrauch himmlischen Lichtes vergleicht Jesus treffend mit der Frechheit von Knechten, denen der Hausherr nächtlicherweise ein Licht angezündet, damit sie sehen können bei der Verrichtung der Arbeiten, die er ihnen aufgetragen hat. Sie aber denken nicht an Arbeiten. Sie freuen sich der schönen Beleuchtung, setzen sich hin zum Schmausen und verüben allerlei schlechte Streiche.

Zunächst gelten diese Worte ja den Juden. Aber sie enthalten auch eine Mahnung für uns alle. Wenn Gott uns fromme Lehrer gibt, die uns den rechten Weg zeigen sollen, dann dürfen wir mit ihnen keinen Missbrauch treiben, indem wir uns trotzdem nach Willkür eigene Wege suchen. Wie nötig es war, dass gerade dieser Punkt berührt wurde, zeigt die Erfahrung aller Zeiten. Gott nimmt sich die Mühe, die Menschen während ihres ganzen Lebenslaufes zu regieren, bis sie das Ziel in der Ewigkeit erreichen. Er sendet dazu die Propheten; durch sie will er uns leiten. Die Menschen aber sind so töricht, dass sie ein fruchtloses und eigenwilliges Herumirren einem geordneten Fortschritt unter regelmäßiger Leitung vorziehen.

Dann macht Jesus es den Juden zum Vorwurf, dass sie das Licht des Johannes nur eine kleine Weile genießen wollten. Als ob man Gottes ewiges Licht durch den eigenen sprunghaften Wankelmut auslöschen könnte!

Was übrigens Christus hier von Johannes predigt, das schreibt Paulus allen Gläubigen zu; die, welche das Wort des Lebens haben, sollen als Lichter in der Welt scheinen (Phil. 2, 15 f.). Insonderheit ist es, wie Christus lehrt, die Eigenschaft der Apostel und der Diener des Evangeliums, dass sie den anderen mit brennender Fackel voranleuchten. Während wir alle blind in der Finsternis weilen, sendet uns Gott in seinem Worte den Strahl seines Lichts.

V. 36. Ich habe ein größeres Zeugnis. Jesus hat gezeigt, wie die Juden schändlicherweise die Gottesgabe, die ihnen in Johannes dargeboten worden war, für sich unbrauchbar gemacht haben. Jetzt wiederholt er noch einmal, dass er kein menschliches Zeugnis bedarf, als hätte er nicht an sich selbst genug. Da er indes sieht, dass er ihnen verächtlich ist, so lenkt er ihre Gedanken, wie er das so gerne tut, auf den Vater.

Die Werke, die mir der Vater gegeben hat. Zwei Beweise für seine Gottessohnschaft bringt Jesus vor. Er sagt: durch die Wunder bezeugt der Vater, dass ich sein Sohn bin. Und ehe ich in die Welt kam, hat er in der heiligen Schrift reichlich von mir Zeugnis abgelegt. Behalten wir nur fest im Sinne, worauf es in dieser Rede Jesu abgesehen ist. Er will, um Gehör zu finden, als der von Gott verheißene Messias anerkannt werden. Und nun behauptet er: durch die Tat habe ich bewiesen, dass ich der bin, den die Schrift verkündet. Man fragt, ob denn die Wunder auch wirklich dafür einen genügenden Beweis erbringen; die Propheten hätten doch schon Ähnliches getan. Antwort: die Wunder, welche Gott durch die Propheten getan hat, haben niemals einen weiteren Zweck verfolgt, als den, sie als Gottes Diener zu erweisen; auf anderem Wege hätten sie das ihnen gebührende Ansehen nicht erlangt. Seinen Sohn jedoch wollte Gott weit höher erheben. Dass Gott dies Ziel ausdrücklich ins Auge gefasst hatte, ist bei Christi Wundern wohl zu bedenken. Hätten die Juden nicht in ihrer Bosheit vorsätzlich die Augen geschlossen, so wäre auch an ihnen dies Ziel erreicht worden. An der Kraft seiner Wunder hätten sie Christum als den, der er war, klar erkannt.

V. 37. Der Vater hat von mir gezeugt, - nicht etwa erst in jenem Zeugnis bei der Taufe, an welches manche Ausleger hier denken, sondern schon viel früher in Gesetz und Propheten, an deren Fingerzeigen man den Sohn Gottes erkennen sollte, wenn er erscheinen würde. Jedes Mal dann hat also der Vater von seinem Sohne Zeugnis abgelegt, wenn er dem alten Bundesvolk Hoffnung auf Errettung machte, oder wenn er ihm die vollkommene Wiederherstellung des israelitischen Königtums versprach. Unter diesen Umständen wäre es wohl zu erwarten gewesen, dass die Juden vor der Offenbarung Christi im Fleische sich nach der Schrift ein Bild von ihm machten. Nun ist er da. Sie aber verachten, ja verwerfen ihn. Dadurch zeigen sie, dass sie gar keine Ahnung davon haben, was im Gesetze enthalten ist, - ein Vorwurf, den ihnen Christus nicht erspart. Und dabei rühmten sie sich mit ihrer Gesetzeskenntnis, als hätte Gott sie an seinem Herzen groß gezogen!

Ihr habt weder seine Stimme gehört. An die Klage über die Verkennung seiner Person schließt Jesus nun eine noch schärfer tadelnde Aussprache über die jüdische Blindheit. Wenn er sagt, sie hätten nie die Stimme Gottes gehört, nie seine Gestalt gesehen, so sind das bildliche Wendungen, mit welchen er den Juden jede wirkliche Erkenntnis Gottes absprechen will. Denn gleichwie die Menschen sich durch Gesicht und Rede kund machen, so lässt Gott durch den Mund der Propheten seine Stimme zu uns erschallen, und in den Sakramenten zieht er sozusagen sichtbare Gestalt an, um daran von uns erkannt zu werden, soweit es unserer Fassungskraft möglich ist. Wer aber Gott selbst in seinem leibhaftigen Ebenbild nicht anerkennt, der verrät dadurch hinreichend, dass er nur einen Gott, den er sich selber zurecht macht, verehrt. Deshalb sagt Paulus (2. Kor. 3, 14), es hänge vor den Augen der Juden eine Decke, sodass sie die Herrlichkeit Gottes in Christi Angesicht nicht sehen.

V. 38. Und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnend. Das ist wahrer Fortschritt, wenn das Wort Wurzeln in uns schlägt, sodass es, in unseren Herzen festgewachsen, dort seinen beständigen Sitz hat. Christus sagt von den Juden, bei ihnen habe die himmlische Lehre keinen Raum; nehmen sie doch den Sohn Gottes, von dem sie allenthalben redet, nicht auf. Und ohne Frage haben sie diesen Tadel verdient. Gott hat doch nicht für nichts und wieder nichts durch Mose und die Propheten geredet? Das war die eigentliche Absicht des Moses, dass er jedermann einladen wollte, gerades Weges zu Christo zu kommen. Woraus zu ersehen ist, dass Leute, welche Christum verschmähen, Moses Schüler nicht sind. Ferner: wie kann der das Wort des Lebens in sich wohnend haben, der das Leben selbst zurückstößt? Wie wird der das Gesetz halten, der des Gesetzes Seele, so viel er das vermag, zu töten sucht? Christus ist die Seele des Gesetzes, denn ohne ihn ist es leer und inhaltslos. So viel jemand Christus kennengelernt hat, genau so viel ist er vorangekommen im Worte Gottes.

V. 39. Ihr sucht in der Schrift. Wenn Christus vorhin sagte, er habe den Vater im Himmel zum Zeugen, so haben wir das auf Moses und die Propheten bezogen. Hier folgt die deutliche Erklärung des Vorhergehenden. Er sagt es selbst, dass jenes Zeugnis in der Schrift vorhanden ist. Dabei tadelt Jesus aber noch einmal die törichte Anmaßung der Juden, dass sie in ihrem Schriftstudium, welches doch nur Beschäftigung mit den toten Buchstaben war, das ewige Leben zu haben wähnten. Selbstverständlich will er es nicht verwerfen, dass man in der Schrift das Leben sucht; dazu ist sie ja gerade uns gegeben. Er tadelt nur, dass die Juden sich einbilden, ihnen gebe die Schrift das Leben. Sie sind weit entfernt, sie richtig zu verstehen. Ja, das Licht des Lebens leuchtet darin, aber sie suchen es auszulöschen. Wie kann das Gesetz ohne Christum das Leben mitteilen? Das Gesetz hat ja nur durch Christum Leben. –

Übrigens lehrt uns diese Stelle, dass wir nur in der Schrift die rechte Kenntnis Christi zu suchen haben. Wer sich unter Christo vorstellt, was ihm behagt, dem wird Christus unter den Händen zu einem blutleeren Gespenst zerrinnen. Das gilt es hauptsächlich festzuhalten: kein anderes Buch als die heilige Schrift lehrt uns Christum recht erkennen. Ist dem also, dann haben wir die Schrift zu lesen, allein von dem Wunsche geleitet, Christum in ihr zu finden. Wer sie anders liest, der mag Zeit seines Lebens sich mit der Erforschung der Schrift abmühen: er wird nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Oder können wir weise sein, ohne von der Weisheit Gottes zu lernen? Wenn wir nun geheißen werden, in der Schrift Christum zu suchen, so ermutigt er uns an dieser Stelle: Euer Forschen wird nicht ohne Frucht bleiben! Denn der Vater legt in ihr ein Zeugnis von seinem Sohne ab, welches mit seiner Offenbarungskraft jeden Zweifel besiegen muss. Geforscht aber muss sein. Die zahlreichen Menschen, die das nicht tun, sondern hastig nur so darüber hinhuschen, sehen nur die Schale, nicht den Kern. Hier heißt es, alle Aufmerksamkeit anspannen. Deswegen mahnt uns Christus, nach dem in der Schrift tief verborgenen Schatze emsig zu forschen. Wenn die Juden, die das Gesetz beständig in ihren Händen haben, von einem solchen Abscheu gegen Christus erfüllt sind, so trägt die Schuld daran lediglich ihre Gleichgültigkeit. An Mose strahlt hell der Glanz der göttlichen Herrlichkeit; da verlangen sie selbst nach der Decke, die diesen Glanz verhüllt! Dass hier mit der Schrift das Alte Testament gemeint ist, versteht sich von selbst. Die Offenbarung Christi hat nicht erst im Evangelium begonnen. Der, den Gesetz und Propheten vorher bezeugten, ist im Evangelium selber erschienen.

V. 40. Und ihr wollt nicht zu mir kommen. Abermals wirft Jesus den Juden vor, dass nur ihre arge Gesinnung ihnen im Wege ist, sodass sie das in der Schrift ihnen angebotene Leben nicht erlangen. Wenn er sagt: „Ihr wollt nicht“, so bezeichnet er als die Ursache ihrer Unwissenheit und ihrer Blindheit ihre Schlechtigkeit und Verkehrtheit. Und wahrlich, wenn er sich so gütig ihnen anbot, mussten sie blind sein wollen. Da sie aber das Licht absichtlich flohen, ja sogar die Sonne vergraben wollten in der Finsternis ihres Unglaubens, so haben sie es verdient, dass Christus sie noch schärfer zurechtweist.

V. 41. Ich nehme nicht Ehre. In dieser weiteren Fortsetzung seiner Tadelsrede begegnet Jesus zunächst dem Verdacht, als verfechte er aus falscher Ehrsucht lediglich seine persönliche Sache: er selbst will gern verachtet sein und steht viel zu groß da, nur auf Menschenurteil Wert zu legen. Wäre die ganze Welt von Bosheit gegen ihn erfüllt, das würde ihm nichts zu nehmen vermögen, es würde nicht ein Haar breit seine Hoheit verringern. Gerade auch an der unerschrockenen Widerlegung ihrer Verleumdungen sollen die Gegner wahrnehmen, dass er hoch über Menschen erhaben ist, indem er ihnen Verachtung, ja Hass gegen Gott vorwirft. Obgleich wir nun tief unter Christus stehen, sollen auch wir schiefe Urteile der Menschen über uns verachten und uns keine Sorge darum machen. Jedenfalls haben wir uns ganz außerordentlich davor zu hüten, dass wir nicht dadurch uns zum Zorn reizen lassen, dass uns Verachtung entgegengebracht wird. Vielmehr müssen wir lernen, darum zürnen, wenn Gott nicht so, wie er sollte, geehrt wird. Das ist heiliger Zorn. Und er muss uns durchglühen und peinigen jedes Mal, wenn wir sehen, wie undankbar die Welt ist, indem sie Gott verwirft.

V. 42. Dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Liebe zu Gott steht hier im Sinn von wahrer Frömmigkeit überhaupt. Denn niemand vermag Gott zu lieben, der nicht voll Verehrung zu ihm aufschaut und sich ihm ganz untergibt. Wie denn auch anderseits da, wo die Liebe zu Gott nicht herrscht, kein Bestreben sein kann, ihm zu gehorchen. Deshalb lässt Moses das Gesetz in dem Gebot gipfeln, Gott zu lieben von ganzem Herzen usw.

V. 43. Ich bin kommen in meines Vaters Namen. Dass die Juden Gott nicht lieben noch ehren, beweist Christus damit, dass sie die falschen Propheten mit Vorliebe annehmen werden und hingegen nicht dazu zu bringen sind, sich Gott zu unterwerfen. Das sieht er als allgemein zugestanden an, dass es das Kennzeichen eines gottentfremdeten Seelenlebens ist: die Wahrheit hintansetzen und freudig den Lügen, die sich Menschen ausgesonnen haben, beipflichten. Wenn jemand einwendet: wo das geschieht, da ist doch meist nicht Bosheit, sondern Irrtum der Grund, - so braucht man nicht weit nach der rechten Antwort zu suchen: Niemand ist den Ränken Satans ausgesetzt, als nur der, welcher dem verkehrten Triebe folgt, die Lüge der Wahrheit vorzuziehen. Wie kommt es denn, dass Gott taube Ohren findet, wenn er redet? dass dagegen Satan alsbald willige Zuhörer hat? Doch gewiss davon, dass wir, von der Gerechtigkeit abgewandt, eine wahre Gier nach der Ungerechtigkeit in uns tragen. Übrigens ist wohl zu beachten: Christus redet hier recht eigentlich von denen, welchen Gott ganz besondere Erleuchtung geschenkt hat; er hatte ja die Juden des Vorzugs gewürdigt, dass sie durch Unterweisung des göttlichen Gesetzes den Weg des Heils kennenlernten. So war es ohne Zweifel mutwilliger Irrtum, wenn sie ihr Ohr falschen Lehrern zuneigten. Deswegen sagt Mose (5. Mo. 13, 4), wenn falsche Propheten aufstünden, wolle Gott das Volk versuchen, dass er erfahre, ob sie ihn lieb haben. Bei vielen, die falschen Lehrern zufallen, scheint es ja harmlose Einfalt zu sein, aber es ist dennoch zweifellos sicher, dass ihnen die Heuchelei, welche heimlich in ihren Herzen den Thron aufgeschlagen hat, den Blick trübt. Denn es ist eine unumstößliche Wahrheit, dass Gott niemals vor denen, die anklopfen, seine Tür zuschließt, und dass er sich in keinem Falle denen entzieht, die ihn aufrichtig suchen. Wahrheitsgemäß erkennt Paulus darin ein Strafgericht Gottes für die Verwerfung der Wahrheit, wenn es dem Satan gelingt, durch kräftige Irrtümer die Menschen dazu zu bringen, dass sie der Lüge glauben (2. Thess. 2, 11). Diese Verführten haben zuvor die Wahrheit verworfen und haben Lust gehabt an der Ungerechtigkeit. Durch diese Lehren der Schrift wird denen die fromme Maske vom Gesicht gerissen, die, in Selbstbetrug und Aberglauben verliebt, von giftiger Wut gegen das Evangelium beseelt sind. Wären ihre Herzen wirklich von Gottesfurcht erfüllt, so würde die Furcht den Gehorsam gegen Gott zum Zwillingsbruder haben.

In meines Vaters Namen. Die falschen Propheten geben ihrer Schwindelware auch diese Etikette. Behauptet doch der Papst trotz seiner Feindschaft gegen das lautere Evangelium, er sei der Stellvertreter Christi. Ja, das war von Anfang an das Vorgeben, mit welchem Satan unglückliche Menschen betrog. Christus gibt jedoch hier dem, was wirklich, nicht dem, was nur angeblich vom Vater im Himmel stammt, diese Bezeichnung. Wenn er bezeugt: Ich bin in meines Vaters Namen gekommen, - so tut er es, weil ihn der Vater tatsächlich gesendet hat, und weil er treulich ausrichtet, was ihm aufgetragen ist. Unsere Stelle nennt das untrügliche Kennzeichen, woran die rechten Lehrer der Kirche zu unterscheiden sind von den bloß aufgeschminkten und ehebrecherischen. Alle die, welche auf ihre eigene Erhebung aus sind und sich für ihre eigene Person die Herrschaft über die Seelen anmaßen, gilt es nach diesem Worte unseres Herrn rücksichtslos zu verwerfen. Wer als ein Knecht Gottes angesehen werden will, der muss sich in keinem Stück von Gott lossagen.

V. 44. Wie könnte ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt? Weil es fast ans Unglaubliche grenzte, dass die nächsten Schüler des Gesetzes und der Propheten in gröbster Unwissenheit steckten und zu Feinden der Wahrheit wurden, deckt Jesus nun den Grund ihres Unglaubens in ihrer Ehrbegier auf, die sie des gesunden Sinnes beraubte. Dies gilt insbesondere von den Priestern und Schriftgelehrten, welche in ihrem geschwollenen Hochmut sich dem Herrn nicht unterwerfen wollten und konnten. Eine überaus wichtige Stelle, die uns lehrt, dass jeder sich die Tür des Glaubens verschließt, der in seinem Herzen irdische Ehrsucht Platz greifen lässt. Wer in der Welt etwas bedeuten will, der wird notwendigerweise ganz aufs Eitle gerichtet; schließlich ist sein Herz ganz und gar von Gott entfremdet. Erst dann schließen wir uns in völligem Gehorsam der göttlichen Wahrheit an, wenn uns als Hauptziel des Lebens feststeht, dass wir Gott gefallen wollen. Die ganze falsche Werkheiligkeit der Schriftgelehrten, in deren Folge sich dann auch eine schlimme Selbstüberhebung vor Gott einstellte, hat darin ihren Grund, dass sie all ihr Tun und Treiben ehrgeizigen Sinnes auf Menschenbeifall einrichteten. Denn wer sich ernstlich vor Gottes Gericht stellen würde, könnte ja nur gebrochen und beschämt zu Boden sinken. Wer also allein bei Gott Ehre sucht, kann nicht anders, er muss, von Beschämung beim Gedanken an sich selbst durchbebt, seine Zuflucht nehmen zu Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Ja, wer auf Gott schaut, der weiß: ich bin ein verlorener und verdammter Mensch! – und es bleibt ihm nichts anderes übrig zum Rühmen, als die Gnade Christi.

Wer nach diesem Ruhme trachtet, ist gewiss zugleich ein demütiger Mensch. – Christus sagt in unserem Verse, dass die Menschen nur dann fähig sind, die Lehre des Evangeliums zu erfassen, wenn sie alle ihre Gedanken von der Welt ab- und auf Gott hingewendet haben und es sich ernstlich klar machen, dass sie es mit Gott zu schaffen haben. Nur so verliert die irdische Schmeichelei ihren Reiz, und das Gewissen hält bei sich selbst Einkehr. So ist es denn kein Wunder, wenn das Evangelium heutzutage so wenig gelehrige Schüler findet; jedermann trägt den Kopf hoch. Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Auch ist es kein Wunder, wenn viele sich vom evangelischen Bekenntnis abwendig machen lassen; es liegt ihnen mehr an der Ehre bei den Menschen, als an der Ehre bei Gott. Das soll indes unseren Eifer nicht lähmen. Umso mehr müssen wir einzig danach trachten, wahre Kinder Gottes zu werden; dann mag uns immerhin die Welt verachten und verwerfen, und auch das eigene Gewissen uns unserer Nichtigkeit überführen.

V. 45. Ihr sollt nicht meinen usw. Wenn Belehrung und freundliche Ermahnungen nichts fruchten, dann muss man bei solchen widerspenstigen und verhärteten Leuten es schließlich damit versuchen, dass man sie vor Gottes Gericht hinführt. Nur wenige wagen es, offen Gott zu verlachen. Sehr viele dagegen, die sich in Feindschaft von Gott abgewendet haben, bilden sich ein, er sei ihnen gnädig und wiegen sich mit solcher Selbstbeschmeichelung in Sicherheit ein. Genau solche Menschen waren die Schriftgelehrten, mit welchen Christus hier im Streite liegt. Während sie recht eigentlich Verächter des Gesetzes waren, so rühmten sie sich doch des Moses mit großem Nachdruck und glaubten ihn als Schild zur Abwehr Christi benützen zu dürfen. Sie hätten es lächerlich gefunden, dass Moses sich gegen sie kehren könnte. Gerade darum aber droht ihnen der Herr, dass Moses sie verklagen werde. Damit macht er ihre heuchlerische und doch so selbstgewisse Berufung auf Moses zunichte. Wir wollen daraus lernen, dass man sich nicht leichthin der heiligen Schrift rühmen soll: wer nicht im wahren Glaubensgehorsam dem Sohne Gottes seine Ehre gibt, wird am jüngsten Tage ebenso viele Ankläger gegen sich aufstehen sehen, als Gott seinem Sohne Zeugen erweckt hat. Wenn Jesus übrigens sagt, dass die Juden auf Moses „hoffen“, so schiebt er ihnen damit nicht etwa eine abergläubische Verehrung des Gesetzgebers als des Heilsmittlers zu, sondern will nur sagen, dass sie sich ohne Grund unter den Schutz des Moses flüchten, als ob sie ihn zur Stütze ihres falschen, jeder wirklichen Frömmigkeit widersprechenden Selbstbewusstseins machen dürften.

V. 46. Wenn ihr Moses glaubtet, so glaubtet ihr auch mir. Damit wird deutlich, warum Moses als Ankläger wider die Juden auftreten wird: weil sie seine Lehre verwerfen. Wir wissen ja, dass den Knechten Gottes kein schlimmeres Unrecht geschehen kann, als wenn ihre Lehre in Verachtung gerät, oder ein Makel auf dieselbe fällt. Zudem müssen die Männer, welche Gott zu Dienern seines Wortes bestellt hat, auch dessen Verteidiger und Schützer sein. Jeder Prophet hat das Doppelamt, die Frommen zur Seligkeit zu lehren und die Verworfenen mit seinem Zeugnis niederzuschlagen.

Moses hat von mir geschrieben. Halten wir Christum für den Zielpunkt und die Seele des Gesetzes, so wird uns dies Wort ohne weiteres einleuchten. Fragt aber jemand nach einzelnen und bestimmten Stellen, so rate ich ihm, zunächst den Brief an die Hebräer fleißig zu lesen, wozu dann weiter die Rede des Stephanus sich gesellen mag (Apg. 7), und endlich noch die von Paulus hier und dort verwendeten Schriftstellen. Nur ganz wenige Stellen sind es, das gestehe ich, an denen Moses ganz deutlich Christum predigt. Aber wozu die Stiftshütte, die Opfer, wozu all die Zeremonien? Offenbar, damit sie Abbilder jenes Urbildes seien, das Mose auf dem Sinai gezeigt worden war. So ist ohne Christum das ganze Amt des Moses nichtig. Ferner sehen wir, wie Moses im Gesetz immer wieder das Volk auf den Bund mit den Vätern hinweist, der einst in Christo geschlossen worden war. So stellt er Christum als die Hauptsache des Bundes und als seine Grundlage hin. Das wussten auch die heiligen Väter recht wohl, die sich beständig nach dem Mittler sehnten.

V. 47. So ihr aber seinen Schriften nicht glaubt usw. Scheinbar schreibt Christus sich damit eine geringere Glaubhaftigkeit zu, als dem Moses. Doch wissen wir, dass die Verkündigung des Evangeliums den Himmel und die Erde bewegt. Jesus richtet seine Ausführungen ein nach denen, mit welchen er redet. Über allen Streit erhaben war den Juden das heilige Ansehen des Gesetzes. Dabei betrachteten sie natürlich Christus als tief unter Mose stehend. Darauf bezieht sich auch der Gegensatz von „Schriften“ und „Worten“. Umso schlimmer erscheint ihr Unglaube, da sie die göttliche Wahrheit aufgeschrieben vor sich haben und ihr dennoch den Glauben verweigern.


Kapitel 6

V. 1. Darnach fuhr Jesus weg. Während Johannes sonst in der Regel solche Taten und Worte Jesu zusammenstellt, die von den anderen drei Evangelisten übergangen worden waren, wiederholt er hier einmal gegen seine sonstige Gewohnheit eine Wundergeschichte, die auch jene erzählt haben. Doch tut er das mit gutem Bedacht. Er will sie nämlich als Übergang zu der tags darauf in Kapernaum gehaltenen Rede benutzen. Das Wunder und diese Rede gehören eng zusammen. Die vorliegende Erzählung hat also, obgleich sie Johannes mit den ersten drei Evangelisten gemein hat, doch insofern wieder ihr Besonderes, als sie, wie wir sehen werden, einen anderen Zweck verfolgt, als dort. Die anderen erzählen, es sei dies geschehen bald nach dem Tode Johannes des Täufers; dies Ereignis ist, wie sie bemerken, der Anlass für Christum gewesen, sich zu entfernen. Er wollte dem Zorn des Herodes aus dem Wege gehen. Denn solche Gewaltherrscher pflegen ja maßlos weiter zu wüten, wenn sie einmal mit dem Blute der Heiligen sich befleckt haben, - gerade wie Trinker sich von ihrer Gier immer weiter treiben lassen. –

Als galiläisches Meer pflegt der See Genezareth bezeichnet zu werden. „Meer an der Stadt Tiberias“ heißt aber nur die Seite, welche wirklich dieser Stadt nahe lag.

V. 2. Es zog ihm viel Volks nach. Diese Begeisterung, hinter Jesu her zu ziehen, hatte darin ihren Grund, dass man, nachdem er seine Wunderkraft gezeigt hatte, ihn mit voller Überzeugung für einen großen, von Gott gesandten Propheten hielt. Übrigens übergeht der Evangelist hier einen Zug, den die anderen drei berichten, nämlich dass ein Teil des Tages über Lehren und Krankenheilen verstrich, und dass die Jünger, als die Sonne sich zum Untergang neigte, den Herrn baten, er möchte die Menge entlassen. Er ließ es dabei bewenden, die Hauptsache kurz vorzutragen, um für den nachfolgenden Bericht eine Anknüpfung zu gewinnen. Übrigens sehen wir hier zum ersten Male, wie sehr das Volk darauf brannte, Christum zu hören. Selbstvergessen erwarten sie alle an einem einsamen Ort sorglos die Nacht. Umso weniger gibt es eine Entschuldigung für unsere Schläfrigkeit oder vielmehr Gleichgültigkeit, wenn wir weit davon entfernt sind, über der himmlischen Lehre Christi die Sorge für die leibliche Sättigung zu vergessen, ja, wenn wir uns vielmehr durch die geringste Ablenkung schon unversehens von dem Gedanken an das ewige Leben abbringen lassen, ja wenn es sich ganz selten nur trifft, dass Christus uns einmal ganz frei und unbeschwert von der Welt und ihren mancherlei Zerstreuungen findet. Zu dem Berge in der Wüste Christo zu folgen hat niemand Lust, ja die wenigsten sind auch nur bereit, Christo zu lauschen, selbst wenn er zu aller Bequemlichkeit in ihr Haus käme. Wenn aber auch dieser unnatürliche, krankhafte Zustand fast in aller Welt der gleiche ist, so ist es dennoch gewiss: Niemand wird in das Reich Gottes hineinpassen, als der, welcher alles, was sonst den Menschen ergötzt, abschüttelt und es lernt, ein heißeres Verlangen zu tragen nach der Seelenspeise, als nach der Speise des Leibes. Aber unser Körper verlangt nun einmal die Befriedigung seiner Bedürfnisse; und da ist zu beachten, wie Christus aus freien Stücken die Sorge auf sich nimmt für solche, die sich selber in dieser Beziehung vernachlässigen. Er wartet nicht, bis sie in ihrem Hunger rufen: Wir gehen zugrunde, weil wir nichts zu essen haben! Wie oft erlebt man es, dass fromme Leute, die wirklich zum Reiche Gottes gehören, trotzdem von Hunger geplagt werden und beinahe verschmachten! Ich antworte darauf: in solchem Falle will Christus unseren Glauben und unsere Geduld auf die Probe stellen; und dabei sieht er doch vom Himmel her auf unsere Not und ist darauf bedacht, sie zu heben, soweit es uns gut ist. Und kommt er uns nicht flugs zu Hilfe, so hat er seine guten Gründe dabei, mögen wir sie auch nicht kennen.

V. 3 u. 4. Jesus aber ging hinauf auf einen Berg. Christus suchte ohne Zweifel die Zurückgezogenheit auf bis zum Osterfest. Deshalb heißt es, dass er sich mit seinen Jüngern auf einen Berg gesetzt habe. Doch hat er diesen Plan nur menschlicherweise gemacht; Gottes Plan, dem er dann willig gehorchte, war ein anderer. Obwohl Jesus den Anblick der Menschen floh, lässt er sich doch von Gottes Hand sozusagen auf eine von dichtem Menschengedränge besetzte Schaubühne führen. Das Gewühl auf dem einsamen Berge war dichter, als in mancher volkreichen Stadt; demgemäß war der Ruhm des Wunders, der bald weithin erscholl, größer, als wenn Jesus dabei auf dem Marktplatze von Tiberias gestanden hätte.

Sein Beispiel will uns lehren, dass wir, je nachdem sich die Dinge gestalten, unsere Pläne abzuändern haben. Geht es anders, als wir dachten, so muss es uns nicht schmerzlich sein, dass Gott, der alles nach seinem Willen lenkt, über uns ist.

V. 5 u. 6. Und spricht zu Philippus. Dieselbe Frage, die Jesus hier nun an Philippus richtet, hat er nach den Erzählungen der drei anderen Evangelisten an alle Jünger gerichtet. Es ist das nicht befremdlich. Wahrscheinlich hat Philippus im Sinner aller geredet, und da wendet sich denn Jesus, indem er alle meint, besonders an ihn. Ganz ebenso verhält es sich wieder mit der besonderen Erwähnung des Andreas (V. 8). In der Person des Philippus versucht Jesus die Jünger, ob sie wohl ein Wunder erwarten, wie sie es jetzt gleich erleben sollen. Da er sieht, dass sie auf dies außergewöhnliche Auskunftsmittel nicht verfallen, sucht er ihre gewissermaßen eingeschlafenen Gedanken aufzuwecken, dass sie doch wenigstens offene Augen bekommen, um zu sehen, was da ist. Die Äußerungen der Jünger haben nur den einen Zweck, Christum abzumahnen, dass er das Volk ja nicht bei sich behalte. Dabei haben sie wohl den Hintergedanken, es möchten ihnen sonst allerlei Unbequemlichkeiten erwachsen. Christus lässt sich deshalb auf ihre Einwürfe nicht ein, sondern bleibt bei dem, was er sich vorgenommen hat.

V. 7 bis 9. Zweihundert Groschen sind nach heutigem Geldwert ungefähr 150 Mark. Philippus wird gerechnet haben, dass 5000 Mann und dazu noch Weiber und Kinder zu speisen sein würden. Wäre ein Bäckerladen in der Nähe gewesen, so hätte also jedes sich etwa ein Zweipfennigsgebäck kaufen können. Auch Andres (V. 9) will im Gedanken daran, dass die Jünger arme und unbemittelte Leute waren, den Herrn von irgendwelcher Unternehmung abhalten: darum verweist er einerseits auf die ungeheure Menschenmenge, anderseits auf die Unzulänglichkeit der vorhandenen Mittel.

V. 10. Schaffet, dass sich das Volk lagere. Sicherlich war die Stumpfheit der Jünger, dass sie die von Jesus angeregte Hoffnung nicht freudig ergriffen, noch ihre Gedanken in gebührender Weise auf ihres Meisters Macht richteten, in hohem Grade tadelnswert. Jetzt aber verdienen sie ein nicht minder großes Lob wegen der Bereitwilligkeit, mit der sie sein Gebot befolgen, ohne zu wissen, was er beabsichtigt, oder was es für einen Nutzen haben soll, wenn sie das Volk sich lagern lassen. Auch das Volk gehorcht willig. Ohne zu ahnen, was es für einen Zweck hat, lagern sie sich auf das eine Wort Jesu hin, das ihnen die Jünger überbringen. Das ist eine rechte Probe darauf, ob Glaube da ist, wenn Gott die Menschen so im Dunkeln umhergehen lässt. Damit wir diese Probe bestehen, haben wir zu lernen, uns nicht selbst für klug zu halten, sondern auf einen glücklichen Ausgang zu hoffen, auch wenn alles verworren scheint. Folgen wir Gott als unserem Führer, dann werden wir es erleben, dass er uns nicht versäumt.

V. 11 u. 12. Dankte. Mehr als einmal hat uns Christus durch sein Beispiel gemahnt, so oft wir essen wollen, zuvor zu beten. Was Gott irgend zu unserem Nutzen bestimmt hat, das soll, als ein Sinnbild seiner unermesslichen Güte und seiner väterlichen Liebe zu uns, eine Aufforderung für uns sein, ihn zu preisen. Die Danksagung ist, wie Paulus das 1. Tim. 4, 4 ausspricht, gewissermaßen eine feierliche Heiligung alles dessen, was Gott uns beschert, wodurch wir beginnen, einen reinen Gebrauch davon zu machen. Daraus folgt, dass Leute, welche ihr Essen hinunterschlingen, ohne dabei Gott zu danken, mit gemeinen Händen die Gaben Gottes entweihen. Umso mehr ist auf diese Mahnung der Finger zu legen, als wir heutigen Tages gar viele nicht viel anders, als die unverständigen Tiere sich sättigen sehen. Wenn der Herr das Brot unter den Händen der Jünger sich mehren ließ, so lernen wir daran, dass Gott unsere Arbeit segnen wird, wenn wir einander dienen.

Was ist nun die Bedeutung dieses Wunders? Mit den anderen hat es das gemeinsam, dass in ihm Christus seine göttliche Kraft ausübte und zugleich eine Wohltat erwies. Es ist für uns auch eine Bestätigung seines Ausspruches: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes!“ worin er uns verspricht, dass uns dann alles Übrige hinzugefügt werden soll. Er hat hier die Sorge für solche übernommen, die nur dem augenblicklichen Antrieb folgend sich ihm angeschlossen hatten. Wie sollte er da sich uns entziehen, wenn wir beständig unser Herz auf ihn richten? Er wird bisweilen, wie schon gesagt, die Seinigen Hunger leiden lassen, sie jedoch niemals seiner Hilfe berauben. Er hat auch die besten Gründe, warum er uns dann nur zu allerletzt hilft. Noch eins: Christus hat hier kundgetan, dass er der Welt nicht nur geistliches Leben bringt; der Vater hat ihm auch die Ernährung des leiblichen Lebens übertragen. Eine Fülle von Gütern aller Art ist in seine Hand gelegt; durch seine Vermittlung soll diese Fülle sich auf uns ergießen. Er ist nicht nur der Kanal, durch den sie strömt, sondern vielmehr der lebendige Quell, der aus dem ewigen Vater hervorsprudelt. Deshalb erbittet Paulus vom Vater und von Christo für uns alles Gute (1. Kor. 1, 3). Ein andermal (Eph. 5, 20) lehrt er uns, allezeit für alles durch ihn Gott Dank zu sagen. Und dies Amt ist nicht nur seiner ewigen Gottheit eigen; der Vater hat ihn auch als Menschen für uns zu einem Verwalter bestellt, durch dessen Hand er uns weidet. Wenn wir nun auch nicht alle Tage mit unseren Augen Wunder schauen, so erzeigt uns doch Christus auch bei der Art, wie er jetzt uns weidet, nicht minder freundlich seine Macht.

Wir finden es auch nirgends geschrieben, dass er künftig, so oft er den Seinen etwas zu essen geben will, sich verpflichtet hätte, das auf dem Wege eines Wunders zu tun. Der Wunsch also, er möchte doch irgendwie auf ungewöhnlichem Wege uns Speise und Trank zukommen lassen, würde ein verkehrter sein. Bemerke noch, dass Christus dem Volke keine Leckerbissen vorgesetzt hat, sondern nur Gerstenbrot und gedörrten Fisch. Damit mussten sich die begnügen, welche Augenzeugen seiner Wunderkraft bei jenem Mahle sein durften. Sättigt er nun auch heutigen Tages nicht mehr fünftausend Menschen mit fünf Broten, so hört er doch nicht auf, die ganze Welt wunderbar mit Nahrung zu versorgen. Uns freilich geht das Schriftwort (5. Mo. 8, 3), dass der Mensch nicht vom Brot allein, sondern vom Worte Gottes lebt, schwer ein. Denn wir hängen uns derartig an die äußeren Mittel, dass es uns schwer wird, nur allein an Gottes Fürsorge zu hängen. So kann ja die furchtsame Unruhe nicht ausbleiben, wenn einmal das Brot nicht sofort zur Hand ist. Wer aber alles recht bedenkt, wird Gottes Segen auch in aller äußeren Nahrung sehen müssen. Doch durch ihre stetige Wiederkehr und unsere Gewöhnung schwächt sich der Eindruck dieser Wunder in der Natur ab. Schuld daran ist aber nicht bloß unsere Stumpfheit, sondern auch unsere Bosheit. Wie viele Menschen schweifen doch mit ihren irrenden Gedanken lieber hundertmal um Himmel und Erde, als dass sie ein einziges Mal auf den Gott blickten, der sich ihnen darbietet!

V. 13. Füllten zwölf Körbe mit Brocken. Als die viertausend mit sieben Broten gespeist worden waren, entsprach, wie Matthäus (15, 37) berichtet, die Zahl der Körbe mit dem Übriggebliebenen genau der Zahl der Brote. Hier reicht eine kleinere Anzahl Brote für eine größere Menschenmenge; und es bleibt ein fast noch einmal so großer Rest übrig. Daraus sehen wir besonders deutlich, wie viel der Segen Gottes vermag, vor dem wir so gerne die Augen verschließen. Kurz ist noch zu bemerken, dass Christus zwar mit seinem Befehle, die übrigen Brocken aufzuheben, zunächst das Wunder recht augenfällig machen will, dann aber auch die Seinen zur Sparsamkeit ermahnt, indem er sagt: dass nichts umkomme. Besondere Freigebigkeit Gottes soll ja für uns keine Verlockung zur Verschwendung abgeben. Wer also Überfluss hat, mag bedenken, dass er Rechenschaft davon ablegen muss, was er gemacht hat mit dem, was er für den eigenen Bedarf nicht nötig hatte; mit ruhigem Gewissen kann nur der an diese Rechenschaft denken, der seinen Überfluss so verwendet, wie es Gott gefällt.

V. 14. Da nun die Menschen usw. Es scheint hier ein wirklicher Erfolg des Wunders hervorzutreten. Sie nennen den, der es getan, den Messias, - und eben dies wollte ja Christus erreichen. Aber die erlangte Kenntnis Christi verwerten sie nun ganz anders, als wozu sie ihnen geschenkt ist. Wie häufig findet sich doch gerade diese Sünde unter den Menschen! Gott offenbart sich ihnen, aber alsbald verderben sie Gottes Wahrheit und stellen sie auf den Kopf. Man freut sich schon, dass sie auf dem rechten Wege sind, - aber ehe man es sich versieht, ist wieder alles beim Alten.

V. 15. Dass sie ihn zum Könige machten. Wenn jene Leute vorhatten, Christo königlichen Titel und Ehre zu geben, so hatte das in gewisser Weise ja seine Berechtigung. Nur das war ein grober Irrtum, dass sie meinten, sie seien die geeigneten Leute dazu, ihn zum Könige zu wählen. Das ist nach der Schrift (Ps. 2, 6) allein Gott vorbehalten, der da sagt: „Ich habe meinen König eingesetzt“. Ferner: was für ein Königtum meinen sie? Ein irdisches offenbar. Und das passt durchaus nicht zu Christo. Wir sollen daraus lernen, wie gefährlich es ist, in göttlichen Dingen unter Umgehung des Wortes Gottes irgendetwas mit dem eigenen Kopf ersinnen zu wollen. Mit Aufbietung alles unseres Scharfsinnes würden wir eine derartige Sache doch nur schlecht machen können. Was hilft es dann, den reinsten Eifer um Gottes Sache vorzuschützen? Wir treiben dann Götzendienst mit uns selber, und die Schmach, die wir Gott zufügen, ist schlimmer, als wenn wir mit Absicht und Bewusstsein uns gegen die Ehre Gottes erhöhen. Wir wissen, mit welcher leidenschaftlichen Wut die Feinde Jesu es immer wieder unternahmen, seinen Ruhm zunichte zu machen. Das war unfraglich ihre äußerste Kraftleistung, als er zum Kreuze abgeführt wurde. Doch ist dadurch der Welt das Heil erworben worden, und Christus selbst hat über Tod und Teufel einen großartigen Triumph gefeiert. Wenn er sich jetzt aber zum König hätte wählen lassen, so wäre es um sein geistliches Königtum geschehen gewesen; das ewige Evangelium wäre mit Schmach bedeckt worden, und mit der Hoffnung auf die Errettung wäre es ganz aus gewesen.

Alles Gottesverehrung nach eigenem Wahn und Gutdünken erreicht nur das, dass Gott seiner wahren Ehre beraubt und mit Unehre angetan wird. –

Merkwürdig ist hier das Wort „haschen“. Es deutet darauf hin, dass man Jesum durch gewaltsamen Überfall, ungeachtet seines Sträubens, zum Könige machen wollte. Wenn wir wünschen, dass ihm die Ehre gefalle, die wir ihm erweisen wollen, so müssen wir stets beachten, was er selbst verlangt. Leute, die dem Herrn selbsterdachte Ehren aufdrängen, tun ihm gewissermaßen Gewalt an, da doch die sichere Grundlage alles wahren Gottesdienstes der Gehorsam ist. Wir lernen außerdem hieraus, mit welcher heiligen Scheu man bei dem einfachen reinen Gottesworte bleiben muss, weil die Wahrheit, sobald wir auch nur ein klein wenig von ihr abweichen, mit unserem Sauerteige befleckt wird, sodass sie eben nicht mehr Wahrheit ist. Aus dem Worte Gottes entnahmen jene Leute die Lehre, dass der verheißene Erlöser König sein würde, - aber aus ihrem eigenen Kopfe taten sie hinzu: und zwar über ein weltliches Reich, - und: durch unsere Einsetzung. Wir haben nun einmal dem Worte Gottes keine eigenen Einfälle beizumischen. Möchten sich deshalb doch die Gläubigen an Bescheidenheit gewöhnen, damit Satan sie nicht zu einem glühenden Eifer von verkehrter Art mit fortreiße, in welchem sie schließlich wie die Himmelsstürmer der heidnischen Sage gegen Gott selber sich empören, der ja erst dann von uns recht verehrt wird, wenn wir ihn liebend umfassen, wie er sich in Christo uns darbietet.

In Staunen bringt uns übrigens die tollkühne Verwegenheit jener fünftausend Männer. Sie schrecken vor der geplanten Königswahl nicht zurück bei dem Gedanken daran, dass sie alsdann die Waffen des Pilatus und die gesamte Heeresmacht des römischen Reiches gegen sich haben werden. Ohne Zweifel wäre ein solcher Plan niemals in ihnen gereift, wenn sie nicht fest damit gerechnet hätten, nach den Aussprüchen der Propheten werde Gott selbst ihre Partei ergreifen und ihnen so den Sieg verschaffen. Ihr Irrtum bestand eben darin, dass sie von einem Reiche träumten, wie es die Schrift nimmermehr gemeint hatte. Zu solchen verkehrten Ansprüchen bietet aber Gott seine Hand nicht: vielmehr zieht sich Christus zurück. Ganz ähnlich war es im Papsttum, dessen Finsternis die Menschen nur darum so lange umfangen konnte, als wäre Gott nicht mehr vorhanden, weil sie seinen Dienst mit ihren frechen Erfindungen verunreinigt hatten.

V. 16. Am Abend aber gingen die Jünger hinab. Zweifellos wollte Christus sich verbergen, bis die Menge sich verlief. Bekanntlich ist es schwer, einen Volksaufruhr zu beschwichtigen. Hätte man Jesus öffentlich eine Krone aufs Haupt gedrückt, so wäre alsbald die Kunde von diesem Ereignis in alle Welt geeilt, und es würde schwer gehalten haben, den einmal aufgehefteten Makel zu beseitigen. Während seiner Verborgenheit hat Christus fortwährend gebetet. So berichten die anderen Evangelisten. Gegenstand dieses Gebets wird wohl gewesen sein: „Vater im Himmel, lenke du den Sinn dieses Volkes“. Das wunderbare Wandeln auf dem Meere soll den erschütterten Glauben der Jünger von neuem befestigen. Aber es hatte auch noch weiter den Erfolg, dass das Volk am nächsten Tage merken musste, wie Jesus nicht mit einem Fahrzeug, sondern durch seine Wunderkraft herüberkam. In der Hoffnung, dass er zum Strande kommen werde, um abzufahren, bewachten sie denselben und würden schwerlich diesen Posten verlassen haben, wenn sie nicht gesehen hätten, wie die Jünger übersetzten.

V. 17 u. 18. Es war schon finster worden. Viele einzelne Umstände übergeht Johannes, welche in den anderen Evangelien angegeben sind, so auch den, dass die Jünger einige Stunden lang mit Gegenwind zu kämpfen hatten. Wahrscheinlich brach der Sturm los, als es eben finstere Nacht geworden war. Christus aber erschien, wie die anderen Evangelien berichten, den Jüngern erst um die vierte Nachtwache, also im letzten Viertel der Nacht. Diejenigen, welche annehmen, sie hätten sich damals, als Christus zu ihnen kam, mitten auf dem See befunden, - weil Johannes sagt, sie seien damals fünfundzwanzig oder dreißig Stadien weit vorwärts gekommen, - gehen von der irrigen Voraussetzung aus, es handle sich um eine Überfahrt zum jenseitigen oder gegenüberliegenden Ufer. Das ist nicht der Fall, denn nach dem Zeugnis des Lukas (9, 10) lag in der Nähe des Ortes, an welchem das Wunder geschehen ist, Bethsaida; diese Stadt aber liegt, ebenso wie Kapernaum, wo das Schiff landete, am westlichen Ufer. Nach alten Berichten ist der See sechs römische Meilen breit, sechzehn lang oder: vierzig Stadien („Feldwegs“) breit, hundert lang. Diese Berichte stimmen nicht recht überein, da auf eine römische Meile acht Stadien gehen.1)

Was nun die Fahrt der Jünger anbelangt, so haben sie die angegebene Strecke nicht in gerader Linie, sondern, von den Wellen hin- und hergeworfen, ausgeführt. Wie es ihnen auch ergangen sein mag, jedenfalls wollte der Evangelist sagen: sie haben sich gerade, als Christus sich zeigte, in der größten Gefahr befunden. Befremdlich könnte es erscheinen, dass die Jünger Christi solche Angst durchmachen müssen; haben doch andere eine ruhige Seefahrt. Gewiss! Aber der Herr übt häufig die Seinen in ernsten Gefahren, damit sie, wenn er sie wieder befreit hat, ihn umso besser und inniger als ihren lieben Herrn erkennen.

V. 19 bis 21. Sie fürchteten sich. Als Grund für diese Furcht geben die anderen Evangelisten an, dass sie die Erscheinung für ein Gespenst hielten. Dann ist es freilich sehr begreiflich, wenn uns Angst und Bestürzung überfällt. Bietet sich unseren Augen ein Gespenst dar, so überlegen wir: entweder verspottet dich Satan, oder aber Gott will dir etwas Wichtiges ankündigen. Übrigens hält uns Johannes hier den Spiegel vor, was für eine Kenntnis Christi zustande kommt, abgesehen von Gottes Wort, und was sie mit sich bringt. So lange Gott uns eine bloße Erscheinung seines Wesens zeigt, stellen sich alsbald unsere Wahngebilde ein, und unsere Phantasie macht Christum zum Gespenst. Solchen Irrwegen unseres Denkens aber folgen das Zittern und die Verwirrung des geängstigten Herzens auf dem Fuße.

Es wird anders, sobald Christus zu reden anfängt. Dann bekommen wir deutlichen, zuverlässigen Bescheid, mit wem wir es zu tun haben, und helles Licht der Freude und des Friedens ergießt sich in unsere Gedanken. Die Worte wiegen schwer (V. 20): Ich bin es; fürchtet euch nicht! Sie lehren uns, dass wir nur in seiner Nähe guten Mutes, ruhig und sorglos sein dürfen. Freilich gilt das nur für Jünger Christi. Denn als er später (18, 6) zu den Gottlosen sagt: Ich bin es! – da stürzen sie bei den nämlichen Worten zu Boden. Der Grund für die verschiedene Wirkung dieser kurzen Worte liegt darin, dass er für die Verworfenen und Ungläubigen der ihnen zum Verderben gesandte Richter ist; so können sie denn seinen Anblick nicht ertragen, und es ist, als täte sich schon der Abgrund unter ihnen auf. Die Frommen dagegen, in dem Bewusstsein, dass ihnen Christus als Versöhner begegnet, brauchen nur seinen Namen zu hören, der ihnen das gewisse Unterpfand der göttlichen Liebe und des Heils ihrer Seele ist, um alsbald, wie vom Tode zum Leben erweckt, von Mut erfüllt zu werden und fröhlich aufzuschauen, als träte der blaue Himmel aus dunklem Gewölk hervor. Jesu Name gibt ihnen ein friedliches Wohnen hienieden; er macht sie zu Überwindern in allem Leid und schützt sie gegen jede Gefahr. Übrigens richtet Jesus seine Jünger nicht nur mit trostreichem Zuspruch, sondern auch mit kräftiger Hilfe auf, indem er den Sturm sich legen heißt.

V. 22. Des anderen Tages. Hier führt der Evangelist die Umstände an, aus denen das Volk abnehmen konnte, dass Jesus auf wunderbare Weise herübergekommen war. Hier führt der Evangelist die Umstände an, aus denen das Volk abnehmen konnte, dass Jesus auf wunderbare Weise herübergekommen war. Nur ein Schiff war dagewesen. Das war vor ihren Augen ohne ihn abgefahren. Am anderen Tage kommen von anderswoher Schiffe, auf denen sie nach Kapernaum fahren. Dort finden sie ihn. Folglich bleibt keine andere Lösung des Rätsels übrig als die: es ist abermals ein Wunder geschehen. Der Satzbau ist bei unserem Verse etwas verwickelt, doch ist der Sinn trotzdem leicht zu verstehen.

Zweierlei wird ausgesagt: einmal, dass nur ein einziges Schiff dagewesen sei, dass es vor den Augen des Volkes dort vom Strande stieß, und dass Jesus nicht darin saß, sodann noch, dass von Tiberias her Schiffe gekommen sind, mit denen das am Ufer lagernde Volk, das dort alle Ausgänge bewacht hielt, damit Jesus nicht entschlüpfe, nach Kapernaum fuhr.

V. 23 u. 24. Noch einmal erinnert der Evangelist daran, dass das Speisungswunder durch des Herrn Danksagung geschehen war. Christi Gebet also hat bewirkt, dass von diesen wenigen Broten so viele Menschen satt werden konnten. Daran werden wir um unserer Kälte und Gebetsträgheit willen zweimal erinnert.

V. 25. Jenseits des Meeres. Wir sagten vorhin, dass die Speisung nicht auf dem Kapernaum gerade gegenüberliegenden Ufer stattgefunden habe. Vielmehr kann der Ausdruck „jenseits“ auch so verstanden werden, dass er von der Gegend bei Tiberias aus auf Kapernaum zielt. Tiberias liegt an der breitesten Stelle des Sees, nördlicher folgt Bethsaida, endlich im äußersten Winkel, nahe beim Jordaneinfluss, Kapernaum. Weil nun der See am nördlichen Ende ein vielgekrümmtes Ufer hatte, und man den zwischenliegenden Busen nur auf großen Umwegen umgehen konnte, kann man volkstümlicher weise wohl vom „jenseitigen“ Ufer sprechen: den kürzesten Weg, der zugleich der übliche war, konnte man nur zu Schiffe machen.

V. 26. Jesus antwortete ihnen. Eine Antwort ohne Bezug auf die ihm gestellte Frage. Er weist sie nicht hin auf die in dem letzten Wunder wiederum offenbarte Macht. Nein, er tadelt sie vielmehr, dass sie so unbedacht auf ihn losstürzen. Der tieferliegende Grund seines Tuns entging ihnen gänzlich. Das kam davon, dass sie bei Christo etwas anderes suchten, als Christum selbst. Als ihr Fehler wird deshalb hervorgehoben, dass sie Christum des Bauches, nicht der Zeichen wegen suchen. Indes ist dabei nicht zu bestreiten, dass sie gerade mit Rücksicht auf die Wundertat am vorigen Tage sich zu ihm aufgemacht haben, ja der Evangelist hat sogar (V. 2) ausdrücklich gesagt, durch die Zeichen seien sie bewogen worden, Christo zu folgen. Und dennoch besteht der ihnen gemachte Vorwurf zu Recht, denn sie machten von den Wundern einen Gebrauch, für den sie durchaus nicht da waren; sie sind mehr auf die Sättigung des Leibes, als auf die Zeichen bedacht. Jesus will sagen: Ihr macht nicht die Fortschritte in den Werken Gottes, die man von euch verlangen muss! Der rechte Fortschritt wäre gewesen, dass sie von Christo als dem Messias sich weiter lehren und leiten ließen, um unter seiner Führung zum Himmelreich zu streben. Sie spannen aber ihre Erwartungen nicht höher, als auf ein bequemes Wohlleben in dieser Welt. Das aber heißt Christum seiner hauptsächlichen Kraft berauben.

Der Vater hat ihn uns deshalb gegeben, und er hat sich deshalb den Menschen offenbart, weil er uns mit dem Geiste Gottes beschenken und zum göttlichen Ebenbilde erneuern sollte. Die so erneuerten Menschen wollte er dann, angetan mit dem Kleide seiner Gerechtigkeit, ins ewige Leben führen. Es ist also nicht etwa nebensächlich, worauf wir bei den Wundern Christi schauen. Wer sich nicht nach dem Reiche Gottes sehnt, sondern an den Vorteilen des gegenwärtigen Lebens hängen bleibt, der sucht nichts anderes, als leiblich satt zu werden. Wir gern würden in unseren Tagen viele das Evangelium annehmen, wenn sie von des Kreuzes Bitterkeit verschont blieben und nur dem Fleische Angenehmes dadurch gewinnen würden! Wer aber in Wahrheit Christum sucht, muss mit Verachtung etwaiger weltlicher Nebenvorteile vor allem nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit trachten.

Übrigens gebraucht Christus hier zweimal, wie das seine Art war, das Beteuerungswort: Wahrlich! Weil diese Leute, wie es ja in der Regel ist, die beste Meinung von sich selber hatten und sich einredeten, dass sie Christum nur in der allerbesten Absicht suchten, so will er mit dieser gewichtigen Beteuerung, als mit einem Eide, den unter heuchlerischem Schein versteckten Fehler aus dem Dunkel ans Licht hervorziehen.

V. 27. Wirket Speise usw. Damit zeigt der Herr, worauf seine Nachfolger ihr Trachten zu richten haben, nämlich auf das ewige Leben. Stumpf wie wir sind, hangen wir immer an irdischen Dingen. Deshalb sucht er zunächst dies uns angeborene Gebrechen zu heilen. Danach zeigt er uns, was wir tun sollen.

Ganz einfach hätte seine Lehre gelautet: Wirkt unvergängliche Speise! Aber er wusste, wie wir Menschen uns von irdischen Sorgen herunterziehen lassen. Deshalb heißt er sie erst sich von diesen Fesseln los machen, damit sie dann in den Himmel hinaufsteigen können. Nicht als hielte er die Seinen von der Arbeit ab, durch die sie sich den täglichen Lebensunterhalt verschaffen müssen. Aber er ermahnt sie, das irdische Leben hinter das himmlische zurückzustellen: ist doch für einen gläubigen Christen dies der einzige Sinn des Lebens, dass wir auf diesem irdischen Pilgerwege zum himmlischen Vaterlande eilen. Wohl zu beachten ist der Zusammenhang: da man mit der Sorge für den Leib und das Irdische die Sendung Christi verfälschen wollte, so zeigt er, was bei ihm zu suchen ist und weshalb man ihn aufsuchen muss.

Die bildliche Einkleidung seiner Rede entnimmt er dem, was sich zugetragen hat. Wäre von Speise keine Rede gewesen, dann hätte er unbildlich gesagt: Ihr müsse euch weltlicher Sorge entschlagen und nach dem himmlischen Leben emporstreben! Aber diese Menschen waren ja wie Tiere, die zur Krippe laufen. So ergibt sich leicht die Speise als Bild für das neue Leben. Die rechte Weide für unsere Seelen ist ja die durch den Geist in uns wirksam gemachte Lehre des Evangeliums. Deshalb wird, da der Glaube das Leben der Seele ist, alles, was den Glauben nährt und fördert, mit einer Speise verglichen. Diese Art Speise bezeichnet Jesus als unvergänglich und sagt, sie bleibe ins ewige Leben hinein. Wir sollen wissen, dass durch die Lehre Christi unsere Seelen nicht nur knapp auf einen Tag Speise zugemessen bekommen, sondern auferzogen werden zur Hoffnung auf selige Unsterblichkeit. Das Werk der Rettung beginnt der Herr, um es zu vollführen bis an den Tag Christi. Deshalb kommt es uns zu, die Gaben des Geistes als Unterpfänder des ewigen Lebens anzusehen. Die Verworfenen genießen wohl auch diese Nahrung, speien sie aber wieder aus; dann kann freilich nichts davon in ihnen bleiben. Gläubige Seelen aber verspüren die andauernde Kraft dieser Ernährung. Sie merken, dass die Kraft des Geistes in seinen Gaben nicht im Mindesten schwächer wird, sondern im Gegenteil niemals nachlässt. Wertlose Spitzfindigkeit ist es, wenn man aus dem Worte „Wirket!“ die Schlussfolgerung macht: also müssen wir das ewige Leben mit Werken verdienen. In bildlicher Redeweise, wie schon gesagt, ermahnt Christus die Menschen, ihrer sonstigen Gewohnheit zuwider doch ihren Eifer an das Streben nach dem Himmelreich zu wenden. Obendrein nimmt er selber jedes Bedenken, wenn er bezeugt, er „gebe“ diese Speise. Erlangen wir sie dadurch, dass er sie uns schenkt, so ist es eben ausgeschlossen, dass man sie sich durch eigenen Fleiß erwirbt. Es liegt ja ein gewisser Anschein von Widerspruch in diesen Worten. Derselbe löst sich jedoch leicht. Christi Gabe und des Menschen Tun gehören insofern zusammen, als die geistliche Speise unserer Seele gewiss eine von der freien Gnade Christi uns dargereichte Gabe ist, wir jedoch, um dieses großen Gutes teilhaftig zu werden, mit herzlichem Verlangen danach streben müssen.

Denn den selbigen hat Gott der Vater versiegelt. Eine Bestätigung zu dem unmittelbar vorhergehenden Spruche. Was man als richtig und gewiss bezeugen will, bekräftigt man mit einem Siegel. Wenn nun Christus sagen will, dass er sein Amt sich nicht selbst angemaßt, sondern dass es ihm der Vater übertragen hat, so erklärt er mit großem Nachdruck, dass diese Verfügung des Vaters wie mit einem öffentlichen Siegel bekräftigt vorliege. Alles in allem: da durchaus nicht jeder beliebige imstande ist, die Seelen mit unvergänglicher Nahrung zu speisen, so tritt Christus hervor und spricht es aus: „Ich gebe euch diese Speise!“ wobei er noch bemerkt, Gott habe gerade ihn in dieser Beziehung bestätigt und habe ihn, die Urkunde darüber mit dem zugehörigen Siegel in der Hand, den Menschen zugesendet. Daraus folgt, dass diejenigen keine Enttäuschung erleben können, die ihre Seelen Christo mit dem Wunsche übergeben, dass er sie nähren möge. Wir dürfen wissen, dass wir in Christo das Leben nicht versuchsweise, sondern mit völliger Gewissheit greifen können. So lautet Gottes Urkunde, welche man verfälscht, wenn man neben Christo noch andere Mittler des Heils und Lebens aufstellt. Wir aber wollen Christo ungeschmälert lassen, was der Vater ihm übertragen hat.

V. 28. Was sollen wir tun? Das Volk verstand ganz gut, dass Christus sie ermahnt hatte, die Gedanken höher hinaufgehen zu lassen, als nur auf irdische Lebensgüter. Die Gott anders wohin ruft, dürfen sich nicht auf der Erde häuslich einrichten. Doch tritt in der Frage hervor, dass die Fragesteller ziemlich verständnislose Leute sind; sie haben keine Ahnung davon, was Christus mit dem „Wirken“ gemeint hat. Das können sie sich nicht denken, dass Gott uns durch seinen Sohn schenkt, was zum geistlichen Leben nottut. Zunächst fragen sie, was sie selbst tun sollen. Wenn sie dabei noch etwas von Gottes Werken einflechten, so ist das planloses Gerede. Doch verraten sie dadurch, dass sie von der Gnade Gottes nichts wissen. Anscheinend wollen sie gegen Christum aufbegehren: Du beschuldigst uns ohne allen Grund! Wir bekümmerten uns nicht um das ewige Leben? Ist das wirklich deine Meinung? Dann höre: Wir tun längst, was du uns befiehlst, ja, mehr als das! – Unter Gottes Werken sind solche zu verstehen, die Gott fordert, und die ihm gefallen.

V. 29. Das ist Gottes Werk, dass ihr glaubt. Von Werken hatten sie gesprochen; Christus richtet ihre Gedanken nur auf das eine Werk, dass sie glauben sollen. Er sagt damit: alle Bemühungen der Menschen, allein den Glauben ausgenommen, sind völlig nutzlos. Dagegen ist auch der Glaube, weil Gott nur ihn fordert, ganz allein ausreichend. Ein zwar nicht ausgesprochener aber dennoch beabsichtigter Gegensatz liegt unserer Stelle zu Grunde. Es ist der zwischen dem Glauben auf der einen und den Bestrebungen und Unternehmungen der Menschen auf der anderen Seite. Christus will sagen: Wenn die Menschen ohne Glauben Gott zu gefallen suchen, so ist das geradeso vergeblich, als wenn man außerhalb der Rennbahn das Ziel des Wettlaufens erreichen will. Unsere Stelle enthält somit eine besonders wertvolle Belehrung darüber, dass die Menschen, mögen sie sich gleich ihr Leben lang elendiglich abquälen, sich doch ganz vergeblich bemühen, so lange sie nicht den Glauben an Christum zur Richtschnur des Lebens machen.

Übrigens darf man die Wahrheit, dass der Glaube ein Geschenk Gottes ist, nicht auf unsere Stelle gründen. Sie redet nicht von dem, was Gott in uns wirkt, sondern was er von uns haben will. Aber ist es denn nicht der reine Unsinn, zu sagen, Gott suche nur Glauben? Die Liebe darf doch nicht verachtet werden, und auch die anderen Erweisungen der Frömmigkeit dürfen doch ihren Ehrenplatz nicht einbüßen? Sicherlich nicht! Mag auch der Glaube an die Spitze zu stellen sein, - das andere wird dadurch nimmermehr überflüssig. Wie lässt sich auf die gestellten Fragen antworten? Nun, einfach so: der Glaube schließt die Liebe nicht aus, noch irgendein gutes Werk, denn er beschließt ja alles in sich. Der Glaube heißt das einzige von Gott geforderte Werk, weil wir durch ihn Christum haben und so Kinder Gottes werden, die sich von seinem Geiste regieren lassen wollen. Christus scheidet eben den Glauben und seine Früchte nicht voneinander; er sieht in ihm alles, das Ganze und die Teile, das Große und das Kleine. Wollen wir die Kraft des Glaubens recht ermessen, so müssen wir scharf ins Auge fassen, was Christus ist, auf den sich der Glaube richtet, und warum er uns vom Vater gegeben ward. Widerliche Sophisterei ist es, wenn auch unsere Stelle für die Lehre von der Rechtfertigung aus den Werken ausschlachten will, indem man darauf hinweist, dass ja hier der Glaube als das erste Werk bezeichnet würde. Allerdings legt hier Christus dem Glauben den Namen „Werk“ bei, aber ganz offenbar nur in uneigentlichem Sinne; in solchem Sinne redet auch Paulus, wenn er (Röm. 3, 27) das „Gesetz“ des Glaubens mit dem Gesetz der Werke vergleicht. Und wenn wir sagen, der Mensch wird nicht durch die Werke gerechtfertigt werden, so meinen wir damit Werke, durch deren Verdienstlichkeit man sich Gnade bei Gott erwirbt: doch der Glaube bringt kein Verdienst vor Gott, er stellt den Menschen nur leer und hilflos vor ihn hin, damit er von Christo und von der göttlichen Gnade erfüllt werde. Ein tätiges Werk ist somit der Glaube nicht, sondern, wenn ich so sagen darf, ein „leidendes“ oder empfangendes Werk, für welches keinerlei Entgelt gezahlt werden kann. So bringt er dem Menschen keine andere Gerechtigkeit als die, welche er von Christo empfängt.

V. 30. Was tust du für ein Zeichen? Diese schmähliche Frage legt ein kräftiges Zeugnis ab für die Wahrheit des Wortes Jesu (Mt. 12,39): „Diese böse Art sucht ein Zeichen“. Sie hatten über die Zeichen gestaunt. Das zog sie gleich anfänglich zu Christo. Im Staunen über ein neues Zeichen bekennen sie, dass Jesus der Messias ist, und wollen ihn im Glauben daran zum Könige machen. Jetzt fordern sie ein Zeichen, als wäre er ein unbekannter Mensch! Woher diese schnelle Vergesslichkeit? Sie sind voll Undank gegen Gott; sie sind aus Bosheit blind gegen die Betätigung seiner Macht. Ohne Zweifel verschmähen sie alle bisher gesehenen Wunder nur aus dem Grunde, weil Christus sich ihren Wünschen nicht fügt. Sie finden in ihm einen anderen, als sie sich eingebildet hatten. Hätte er ihnen auf irdisches Glück Hoffnung gemacht, so hätte es ihm nie an ihrem Beifall gefehlt. Ohne sich lange zu besinnen, hätten sie ihn begrüßt als den Propheten, den Messias, den Sohn Gottes. Das alles ist aus und vorbei, sobald er sie um ihrer fleischlichen Gesinnung willen tadelt. Wie viele machen es in unseren Tagen gerade so! Anfänglich nehmen sie das Evangelium mit Begier an, - sie wiegen sich in die angenehme Hoffnung ein, Christus werde es mit ihren Sünden nicht so genau nehmen. Unerwünscht ist ihnen jede nähere Prüfung. Und will man sie gar zur Verleugnung ihres alten Menschen und zum Tragen des Kreuzes Christi aufrufen, so ist es alsbald mit ihren Glauben zu Ende. Dann fragen sie: woher stammt eigentlich das Evangelium? Sobald Christus nicht auf ihre Wünsche eingeht, ist er ihr Meister gewesen.

V. 31. Unsere Väter haben Manna gegessen. So hat denn Christus mit kundigem Finger den Sitz des Übels berührt, als er sagte, sie kämen wie unverständige Tiere, die nichts Höheres wissen, als ihren Magen zu füllen. Dass dieser Tadel kein zu derber ist, zeigt sich hier, wo sie einen Messias verlangen, der ihnen für Essen sorgt. Und wenn sie die Gnade Gottes bei dem Manna hoch preisen, so haben sie dabei den arglistigen Hintergedanken: sie wollen den Tadel Christi zunichtemachen, als trachteten sie übermäßig nach vergänglicher Speise. Es ist nichts Geringes, wonach sie trachten, es ist etwas Hohes. Hat doch in der Schrift das Manna den schönen Namen „Himmelsbrot“. So ihre Gedanken. Doch was ist der Grund, dass der heilige Geist dem Manna einen solchen Ehrennamen gibt? Ist das etwa das Beste, was Gott seinem Volke zu geben vermag? Doch gewiss nicht. Er stellte ja sein Volk sonst in eine Reihe mit einer Herde Schweine, die sich sehr wohl fühlt, wenn sie nur satt ist. Es bleibt ihnen also keine Entschuldigung, wenn sie die göttliche Speise der Seele, welche ihnen Gott gegenwärtig anbietet, als gottlose Verächter zurückweisen.

V. 32. Moses hat euch nicht das Brot vom Himmel gegeben. Christus scheint hier die Psalmstelle, die man ihm entgegenhielt (78,24), nicht gelten zu lassen. Aber er redet doch nur vergleichsweise. Himmelsbrot wird das Manna genannt, während es doch nur dazu diente, das Leibesleben zu nähren. Für wirkliches, recht eigentliches Himmelsbrot ist indes anzusehen, was die Seele geistlich ernährt. Jesus stellt hier Welt und Himmel gegenüber, da unvergängliches Leben nur im Reiche Gottes zu suchen ist. Übrigens handelt es sich an unserer Stelle nicht um den sonst geläufigen Gegensatz von Wahrheit und Sinnbild: Christus denkt einfach an den wahren Inhalt des menschlichen Lebens, durch welchen sich dasselbe über das bloß tierische Leben erhebt. Wenn er fortfährt: mein Vater gibt euch das rechte Brot vom Himmel, so will dies besagen: das Manna, das durch Mose euren Vätern gegeben worden ist, hat euch nicht das himmlische Leben gebracht; jetzt aber wird euch himmlisches Brot angeboten. Nennt Jesus hier den Vater als Spender dieses Brotes, so denkt er sich selbst doch als den Vermittler. So bezieht sich also die Gegenüberstellung nicht auf Moses und Gott, sondern auf Moses und Christus. Christus aber nennt als den Urheber dieser Gabe lieber den Vater, als sich, um in den Herzen des Volkes desto mehr Ehrfurcht zu erwecken. Er will sagen: Seht in mir den Diener Gottes, durch dessen Hand Gott eure Seelen für das ewige Leben speisen will! Anscheinend stimmt das mit der Lehre Pauli wenig überein. Paulus nennt nämlich (1. Kor. 10, 3) das Manna eine geistliche Speise. Wie ist es damit? Antwort: Christus richtet sich nach der Fassungskraft derer, mit welchen er spricht. Etwas Derartiges trifft man mehr in der Schrift. Wie verschieden z. B. äußert sich Paulus über die Beschneidung! Wenn er von ihrer Einsetzung handelt, dann gesteht er ein: sie ist ein Siegel für den Glauben! Wenn er dagegen mit den falschen Aposteln im Kampfe liegt, dann macht er sie eher zum Siegel des Fluches, - er geht eben dabei auf ihre Gedanken ein. Erwägen wir, welche Zumutung an Christum gestellt worden war: Schaff uns Brot! Tust du das nicht denen zu Gefallen, die dir anhangen, so hat dein Messiastum die Probe nicht bestanden! Das war die Sachlage. Und deswegen betont Jesus nicht die wahre sinnbildliche Bedeutung des Manna, sondern leugnet einfach, dass ein Brot, welches nur zur Speise des Bauches diente, das wahre Himmelsbrot gewesen sei.

V. 33. Denn dies ist das Brot Gottes. Himmelsbrot ist das, welches vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Das Manna hat solchen Gehalt nicht, - folglich war es nicht das Himmelsbrot. Dies ist Jesu Gedankengang. Dabei behauptet er zugleich noch einmal, dass er selbst es ist, den der Vater gesandt hat, um eine viel besser Speise zu bieten, als Moses geben konnte. Das Manna kam vom sichtbaren Wolkenhimmel herab, - nicht aus dem ewigen Gottesreiche, aus dem für uns das Leben hervorquillt. Die Gedanken der Juden, mit denen Christus redet, gingen nicht höher, als auf die leibliche Speise, an der sich die Väter weidlich hatten satt essen dürfen. Demgegenüber spricht Jesus jetzt vom „Brot Gottes“ in demselben Sinne, wie soeben vom Himmelsbrot.

Auch das Brot, mit dem wir unser zeitliches Leben erhalten, stammt ja von Gott. Trotzdem ist wahrhaft göttliches Brot erst ein solches, das unsere Seele für die selige Unsterblichkeit ernährt. Übrigens lehrt diese Stelle, dass die ganze Welt für Gott tot ist, außer soweit Christus sie lebendig macht; denn nur in ihm findet sich wahres Leben. Bei dem Herabkommen vom Himmel ist zweierlei zu beachten: einmal, dass wir in Christo göttliches Leben haben, weil er von Gott ausgegangen ist, um der Stifter unseres Lebens zu werden, - ferner, dass uns nun das himmlische Leben nahe ist, wir also nicht danach über die Wolken emporzufliegen, noch über das Meer hinüberzufahren brauchen. Niemand konnte in den Himmel hinaufgelangen. Eben deswegen kam Christus zu uns herab.

V. 34. Gib uns allewege solch Brot. Das sagen sie nur im Spott über Christi angeblich hohle Prahlerei, dass er Lebensbrot zu geben versprach. Unglückliche Menschen! Nicht genug, dass sie die Verheißungen Gottes verachten, - sie geben auch noch dazu nicht sich, sondern Christo die Schuld an ihrem Unglauben.

V. 35. Ich bin das Brot des Lebens. Zunächst behauptet Jesus in ruhiger Lehre, dass das Brot, welches man spöttisch forderte, allerdings gegenwärtig sei. Erst dann wendet er sich zum Tadel. Die vorausgeschickte Lehre soll das ungläubige Volk nachdrücklich von seiner Undankbarkeit überführen.

Jesus zeigt ein Zwiefaches: einmal, wo das Leben zu haben ist, und dann, wie wir uns in seinen Besitz bringen. Die bildliche Einkleidung der Rede, die für das volkstümliche Verständnis wirksamer ist, als eine gedankenmäßige Auseinandersetzung, ergab sich aus der Erinnerung an das Manna und das tägliche Brot. Wenn Gott das Brot zur Erhaltung unseres Leibes bestimmt hat, so ist dies ein viel deutlicheres Zeichen einerseits unserer bedürftigen Schwachheit, andererseits der göttlichen Gnade, als wenn er etwa nur durch verborgenen Krafteinfluss den Bestand unseres Leibes erhalten würde. In völliger Parallele hierzu ist diese Rede von Christi Gnadenwirkung zu verstehen: hätte Christus sich einfach als unser Leben bezeichnet, so wäre dies längst nicht so wirksam und verständlich, als wenn er sich hier „das Brot des Lebens“ nennt. Übrigens ist zu beachten, dass diese Bezeichnung nicht auf das Wirken Christi zielt, welches uns zu neuem Leben erst spürbar erweckt: denn das Brot vermag kein Leben neu zu schaffen, sondern nur das vorhandene zu stärken und zu erhalten. Also hinkt auch dieses Gleichnis: denn Christo verdanken wir nicht bloß die Erhaltung, sondern auch die Schöpfung unseres neuen Lebens. Dieser Umstand begreift sich aber leicht aus der Anknüpfung an den einmal angesponnenen Gedanken. Es handelte sich um die Frage, ob Moses oder Christus den Menschen bessere Speise zu geben vermöchte. Aus der Erinnerung an das Manna erklärt sich auch, warum gerade nur vom Brot die Rede ist. Die Lehre ist einfach die: unsere Seelen leben nicht zufolge einer ihnen innewohnenden Kraft, sondern sie bekommen ihr Leben von Christo.

Wer zu mir kommt usw. Damit beschreibt Jesus, wie man dies Brot isst. Es gilt, Christum im Glauben anzunehmen. Den Ungläubigen kommt es nicht zugute, dass Jesus das Brot des Lebens ist. Sie bleiben immer leer. Christus wird unser Brot erst, wenn wir hungrig ihm nahen, damit er uns sättige. So ist es an unserer Stelle einerlei, ob Christus sagt, „wer zu mir kommt“, oder „wer an mich glaubt“, - der wird gesättigt werden.

Ein Unterschied besteht aber insofern, als das Kommen und im Gefühl der eigenen Bedürftigkeit mit Christi Leben sich sättigen lassen eine Folge des Glaubens ist. Man darf deshalb aus unserer Stelle nicht etwa schließen, dass Christum genießen gar nichts weiter hieße, als an ihn glauben. Ohne Zweifel können wir Christum gar nicht anders genießen als durch den Glauben, aber die Speisung mit ihm ist doch vielmehr Frucht und Erfolg des Glaubens als der Glaube selbst. Da der Glaube Christum nicht als eine ferne Größe anschaut, sondern ihn umfängt, dass er unser werde und in uns wohne, so macht er es, dass wir mit Christo zu einem Leibe zusammenwachsen und sein Leben in uns aufnehmen, kurz dass wir mit ihm völlig eins werden.

Es ist also richtig, dass wir Christum durch den Glauben genießen: aber es gilt dabei eine deutliche Vorstellung zu gewinnen, in welcher Weise uns der Glaube mit ihm verbindet.

Den wird nimmermehr dürsten. Dieser Zusatz scheint nicht wohl am Platze; es ist doch nicht die Aufgabe des Brotes, wenn es den Hunger stillen will, den Durst zu löschen. Christus schreibt also dem Brote mehr zu, als es sonst vermag. Vom Manna ausgehend redete er vom Brote. Nunmehr aber weitet sich der Begriff. Jesus versteht jetzt unter Brot überhaupt jede Art von Nahrung. Im Hebräischen bedeutet ja „Brot essen“ überhaupt: die Mahlzeit einnehmen. So meinen wir in der vierten Bitte auch nicht nur buchstäblich das tägliche Brot, sondern alles, was zur Leibesnahrung gehört, auch das Trinken. Der Sinn ist also: Wer Christum aufsucht, um von ihm das Leben zu erhalten, dem wird nichts fehlen; in reicher Fülle wird er bekommen, was sein Leben zu unterhalten vermag.

V. 36. Aber ich habe es euch gesagt usw. Jetzt erst beginnt Jesus, den Unglauben zu schelten, der die angebotene Gottesgabe verwirft. Das heißt wahrlich, Gott über die Maßen verachten, wenn man etwas verwirft, was man doch als seine Gabe anerkennen muss. Hätte Christus nicht jenen Leuten seine Macht bezeugt und ihnen seine Herkunft von Gott kundgetan, so wäre zu sagen: ihre Schuld ist nicht so groß; sie wissen es nicht besser. Aber so steht die Sache nicht. Sie verschmähen in wahrhaft empörender Weise die Lehre dessen, in dem sie schon den Gesalbten des Herrn begrüßt hatten. Freilich wird kaum je ein Mensch, der in dieser Weise wider Gott ankämpft, sich völlig klar bewusst sein, dass er es mit Gott zu tun hat. Das meint auch Paulus, wenn er 1. Kor. 2, 8 sagt: „Wo sie die Weisheit Gottes erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.“

Und doch darf Christus sagen: ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht. Was die Ungläubigen „gesehen“ haben, schwindet ihnen durch Betrug des Satans und mutwillige Selbstverstockung gegen das Licht alsbald wieder vor den Augen. Zweifellos redet nämlich Christus nicht vom leiblichen Schauen, sondern von der inneren Erkenntnismöglichkeit, welche jene Leute durch boshafte Blindheit sich verschlossen hatten.

V. 37. Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir. Nur deswegen rührt der Herr hier an den Unterschied der Verworfenen und Erwählten, damit seiner Lehre ihre Autorität bleibe, obwohl sie bei vielen keinen Glauben findet. Halten doch die Gottlosen Gottes Wort für nichts, weil seine Majestät sie nicht innerlich berührt, und viele Schwache und Ungefestigte geraten in Zweifel daran, weil die Welt es verachtet. Diesem Anstoß begegnet Christi Erklärung, dass, wer nicht glaubt, eben nicht zu den Seinen gehört: finden solche Leute keinen Geschmack an der göttlichen Wahrheit, so ist dabei nichts zum Verwundern, - alle Gotteskinder lieben sie dafür aufs innigste. Zuerst sagt Jesus, es komme jeder, den ihm der Vater gibt, zu ihm. Er meint damit: der Glaube steht nicht in des Menschen freiem Willen, sodass unterschiedslos und durch einen von Gott unabhängigen Entschluss jeder glauben könnte; vielmehr wählt Gott diejenigen aus, die er in die Hand seines Sohnes übergeben will. Der Ausdruck lässt ja ohne weiteres darauf schließen, dass nicht jeder vom Vater dem Sohne gegeben wird. Anderseits ergibt sich der Schluss, dass die Kraft des göttlichen Geistes in den Auserwählten so mächtig wirkt, dass keiner derselben verloren gehen kann. Denn dass der Vater seinem Sohne die Auserwählten „gibt“, will doch besagen, dass er sie innerlich erneuert und zum Gehorsam des Evangeliums führt.

Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Das ist zum Troste der Frommen hinzugefügt, damit sie Gewissheit darüber haben, dass ihnen im Glauben der Zugang zu Christo offen steht, und sie einer freundlichen Annahme sicher sind, sobald sie sich seinem treuen Schutze übergeben. Daraus ergibt sich, dass allen Frommen die Lehre des Evangeliums zum Heile gereichen muss, da ja niemand sich Christo als Jünger stellt, der nicht an ihm einen treuen und zuverlässigen Lehrer bekäme.

V. 38. Denn ich bin vom Himmel kommen usw. Diese Aussage dient zur Bestätigung des vorigen Satzes, dass niemand vergeblich zu Christo kommen wird. Gott ist es ja, der solchen Glauben in uns gewirkt hat, wodurch er uns zu seinem Eigentum stempelte; Gott ist es, der seinen Sohn als unseren Heiland und Hüter bestellt hat. Und der Sohn kennt kein anderes Anliegen, als den Willen seines Vaters zu tun. So wird er denn niemals die, welche der Vater ihm schickt, abweisen. Folglich kann der Glaube nie vergeblich sein.

V. 39. Das ist aber der Wille des Vaters usw. Damit wird als Wille des Vaters ausdrücklich angegeben, dass die Gläubigen in Christo gewisses Heil finden sollen. Wer also in der Lehre des Evangeliums keine Fortschritte macht, muss zu den Verworfenen gehören. Sehen wir nun, dass vielen das Evangelium zum Verderben dient, so brauchen wir doch nicht zu verzweifeln: denn jene Leute rennen mutwillig in den Abgrund. Uns soll es genug sein, dass wir wissen dürfen: das Evangelium wird in alle Zukunft seine Kraft beweisen, dass es die Auserwählten zur ewigen Seligkeit versammelt.

Dass ich nichts verliere. Christus lässt sich niemanden wegnehmen. Er ist also der Schirmherr unserer Seligkeit nicht nur für einen oder ein paar Tage; er lässt sie sich von Anfang bis Ende angelegen sein. Er bringt uns bis ans Ziel. Deswegen gedenkt er der Auferweckung am jüngsten Tage. Wir not tut doch gerade diese Verheißung uns, die wir uns mit der Schwäche unseres Fleisches, über die wir uns doch wahrlich nicht täuschen können, elendiglich abmühen! Jeden Augenblick könnte das Heil der ganzen Welt hinfällig werden, wenn die Gläubigen nicht, gestützt von der Hand Christi, unverzagt dem Tage der Auferstehung zustrebten. Das also soll uns tief ins Herz geprägt sein: Christus reicht uns die Hand und wird uns wahrlich nicht in der Mitte unseres Christenlaufes im Stiche lassen. Wir dürfen es vielmehr wagen, im Vertrauen auf seine Führung zuversichtlich nach dem jüngsten Tage auszuschauen. Noch aus einem anderen Grunde deutet Christus auf die Auferstehung: so lange unser Leben verborgen ist, sind wir ja den Toten ähnlich. Wodurch unterscheiden sich denn die Gläubigen und die Gottlosen? Sie ersteren stecken in allerlei Unglück, sind gleich Schafen, die für die Schlachtbank bestimmt sind, und stehen immer mit einem Fuß im Grabe, ja es fehlt nicht viel daran, so werden sie vom Tode verschlungen. So ist denn das die einzige Stütze der Hoffnung und der Geduld für uns, dass wir von dem gegenwärtigen Zustande unseres Lebens absehen und unsere Herzen und Sinne zu jenem jüngsten Tage erheben, hinweg über alle Hemmnisse der Welt, bis dermal einst die reife Frucht unseres Glaubens sich zeigt.

V. 40. Denn das ist der Wille usw. Jesus hatte gesagt, der Vater habe ihm aufgetragen, unsere Seligkeit zu schirmen. Jetzt spricht er sich aus über das Wie? Wir erlangen die Seligkeit, wenn wir dem Evangelium Christi gehorsam sind. Das hatte er schon oben berührt, aber jetzt wählt er einen deutlicheren Ausdruck für das, was er zuvor etwas dunkel gesagt hatte. Wenn Gott will, dass seine Auserwählten durch den Glauben an Christus selig werden, und auf diesem Wege seinen ewigen Ratschluss aufrecht erhält und zur Ausführung bringt, so ist es unrecht, sich nicht mit Christo zu begnügen. Wer das nicht tut, sondern neugierige Fragen stellt wegen der ewigen Vorherbestimmung, der begehrt in törichter Eigenwilligkeit, auf einem Wege selig zu werden, der dem göttlichen Ratschlusse zuwiderläuft.

Die göttliche Erwählung ist an und für sich verborgen, ein undurchdringliches Geheimnis; Gott aber macht sie offenbar durch die Berufung, deren er uns würdigt. Welch eine Tollheit, wenn es Menschen gibt, welche in dem Labyrinthe der Prädestination ihr Heil und das Heil anderer zu suchen sich unterfangen! Weshalb halten sie sich nicht an den Weg des Glaubens? Der ist kein Labyrinth, sondern liegt frei und offen vor uns. Wer sich auf jenen Irrweg begibt, der stellt die Schriftlehre von der Vorherbestimmung überhaupt völlig auf den Kopf. Wozu hat uns denn Gott erwählt? Doch zum Glauben! Nun nimm den Glauben weg! Was soll dann die Erwählung? Es ist ein Frevel, die ins ich zusammenhängende Aufeinanderfolge von Anfang und Ziel im Ratschlusse Gottes zu zerreißen. Es besteht ein unzerbrechlicher Zusammenhang zwischen der Erwählung Gottes und unserer Berufung. Hat Gottes Ruf zum Glauben an Christum bei uns seine Wirkung getan, dann gilt dies bei uns so viel, als drückte Gott noch sein Siegel unter den Ratschluss zu unserer Seligkeit, den er von Ewigkeit her gefasst hat. Das Zeugnis des Geistes ist ja nichts anderes, als die Versiegelung unserer Annahme an Kindes statt. So hat denn ein jeder an seinem Glauben ein vollgenügendes Zeugnis der Vorherbestimmung. Wer tiefer einzudringen sich anmaßt, begeht einen Gottesraub: er fügt dem heiligen Geiste die schwere Beleidigung zu, dass er sich mit seinem Zeugnis nicht zufrieden gibt.

Wer den Sohn sieht und glaubt an ihn. Diesen Doppelausdruck gebraucht Jesus im Gegensatz zu seinem Vorwurf gegen die Juden (V. 36), welche sahen und doch nicht glaubten. An die Stelle des Sehens tritt jetzt, wo unser Heiland unsichtbar ist, die lebendige Empfindung, welche die Gotteskinder von der in Christo vorhandenen Gotteskraft haben. Zuerst kommt das Sehen. Also fließt der Glaube aus der Kenntnis Christi. Dazu braucht der Glaube nur das einfache Gotteswort. Aber um glauben zu können, müssen wir erst gemerkt haben, was eigentlich an Christo ist, und was er uns bringen will.

V. 41 u. 42. Da murrten die Juden. Wie wir sofort hören (V. 42), hat dies Murren darin seinen Grund, dass die Juden sich an der niedrigen Fleischesgestalt Christi stießen und nichts Göttliches in ihm zu sehen vermochten.

Zweierlei hat sie daran gehindert. Einmal nämlich waren sie der Meinung: der ist ja doch nur der Sohn des Josef; wir kennen ja seinen Vater und seine Mutter. Und dann urteilen sie verkehrter Weise: Christus kann gar nicht der Sohn Gottes sein, hat er doch Fleisch und Blut, wie jeder gewöhnliche Mensch! Welch boshafte Torheit ist es doch, wenn wir deswegen die Herrlichkeit des Herrn verachten, weil er unseretwegen sich entäußert und Knechtsgestalt angenommen hat! Das war ja gerade ein leuchtender Erweis seiner unermesslichen Liebe zu uns. Außerdem war die göttliche Hoheit Christi nicht derart unter der geringen Fleischeshülle verborgen, dass sie nicht Strahlen vielfältigen Glanzes darunter hervorgesandt hätte. Aber was half diesen stumpfen Menschen die zutage liegende Herrlichkeit des Gottessohnes? Sie hatten dafür keine Augen. Auch wir sündigen täglich in dieser zweifachen Weise.

Zunächst ist das für uns ein großes Hindernis, dass wir Christum nur mit den Augen des Fleisches ansehen; so kommt es, dass wir seine Größe nicht gewahr werden. Außerdem holen wir aber nur zu oft Falsches herbei, was nur zur Herabsetzung des Evangeliums dienen muss: gegen solches Truggebilde, das sie für das Evangelium halten, richten dann nur zu viele ihren Hass. So stößt die Welt geflissentlich Gottes Gnade von sich, - und hier tun dies namentlich die Juden, die sich dabei als rechtmäßige Vertreter der Kirche Gottes gebärden!

Wir aber wollen lernen, Christum voll Ehrfurcht aufzunehmen, wenn er sich zu uns herablässt. Je näher er uns ist, desto freudiger wollen wir ihm nahen, damit er uns zu seiner himmlischen Herrlichkeit emporhebe.

V. 43. Murret nicht. Die Schuld ihres Murrens wirft Jesus auf die Juden zurück. Er will sagen: Meine Lehre enthält keinerlei wirklichen Anstoß. Ihr seid verworfen; deswegen reizt sie eure gifterfüllten Seelen. Sie schmeckt euch nicht, weil euer Gaumen die Fähigkeit, richtig zu schmecken, verloren hat.

V. 44. Es kann niemand zu mir kommen usw. Jesus erhebt nicht einfach Anklage gegen die Schlechtigkeit der Menschen: zugleich weist er darauf hin, dass es ein besonderes Geschenk Gottes ist, wenn ein Mensch seine Lehre zu Herzen nimmt. Er tut das, damit der sich zeigende Unglaube die Schwachen nicht verwirre. Viele sind ja so töricht, dass sie in göttlichen Dingen auf andere Menschen Rücksicht nehmen. So kommt es, dass ihnen das Evangelium selbst verdächtig wird, sobald sie sehen, dass die Welt es nicht annimmt.

Umgekehrt wagen es die Ungläubigen, in dem sie sich in ihrer Halsstarrigkeit gefallen, das Evangelium zu verdammen, einfach weil es ihnen nicht gefällt.

Demgegenüber betont Christus: das Evangelium kann, obwohl es allen ohne Unterschied gepredigt wird, dennoch nicht etwa von allen erfasst werden. Dazu ist ein neuer Sinn, ein neues Herz nötig. Deshalb steht der Glaube nicht im freien Willen des Menschen, sondern ist eine Gabe Gottes. War zuvor (V. 35) der Glaube als ein Kommen zu Christo beschrieben worden, so bleibt die Rede auch jetzt noch in diesem Bilde: es kann niemand zu Christo kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater. Der Vater „zieht“ diejenigen, deren Gedanken er erleuchtet, und deren Herzen er zum Gehorsam Christi lenkt und bildet. Alles in allem ist es nicht verwunderlich, wenn viele einen Abscheu vor dem Evangelium haben: es kann niemand aus freien Stücken zu Christo kommen; nur der kommt, zu dem vorher der Geist Gottes gekommen ist. Daraus folgt aber: es werden nicht alle gezogen; Gott würdigt nur die Erwählten dieser Gnade. Was nun die Art des Ziehens angeht, so geschieht dasselbe nicht in gewaltsamer Weise. Es kommt kein Antrieb von außen, der den Menschen zwingt. Und doch ist es eine lebendige Wirkung des heiligen Geistes, der die Abneigung und das Widerstreben der Menschen in Willigkeit umwandelt. Deswegen ist es falsch, ja ein Zeichen ungeistlichen Urteils, wenn man gesagt hat: Gott zieht nur die, welche sich ziehen lassen wollen. Als ob der Mensch aus eigenem Antrieb sich anböte: Ich will Folge leisten! Wenn die Menschen willig Gott folgen, so stammt diese Willigkeit vielmehr schon von dem, der ihre Herzen gehorsam gemacht hat.

V. 45. Es steht geschrieben. Durch das Zeugnis des Jesaja bekräftigt Christus sein Wort, dass niemand zu ihm kommt, es ziehe ihn denn der Vater. Er redet in der Mehrzahl von den Propheten, da alle Weissagungen zusammen einen in sich abgeschlossenen Körper ausmachten. So konnte die Anführung einer Stelle aus nur einem der Propheten mit Fug und Recht als eine Anführung des Buches aller Propheten angesehen werden. Die Stelle findet sich bei Jesaja 54, 13. Der Prophet redet dort von der Erneuerung der Kirche und verheißt ihr Kinder, die Gott selber belehrt, woraus hervorgeht, dass die Erneuerung der Kirche nicht anders vor sich gehen kann, als dadurch, dass Gott selber der Lehrer wird, welcher die Gläubigen zu sich führt. Und wie wird die Belehrung, von welcher der Prophet spricht, von statten gehen? Gewiss nicht nur durch eine von außen her erklingende Stimme, sondern auch noch durch geheime Wirkung des heiligen Geistes. Fassen wir also zusammen, so besteht der Unterricht Gottes darin, dass er inwendig die Herzen erleuchtet. Wenn Jesaja sagt „alle“, so muss das auf die Auserwählten beschränkt werden, welche allein die rechten Kinder der Kirche sind. Unschwer ist zu sehen, wie Christus dies Prophetenwort auf den vorliegenden Fall anwendet. Jesaja sagt, erst dann werde die Kirche wirklich erbaut, wenn sie von Gott belehrte Kinder habe. Somit passt der Spruch hierher. Die Menschen haben eben nicht eher Augen, mit denen sie das Licht des Lebens zu schauen vermögen, als bis sie ihnen von Gott geöffnet werden. Aus der Allgemeinheit des Spruches folgert Christus, dass alle, die von Gott belehrt werden, mit Erfolg gezogen werden, sodass sie wirklich kommen. Darauf bezieht sich, was folgt.

Wer es nun hört usw. Wer also nicht glaubt, der ist von Gott verworfen und dem Verderben preisgegeben; denn alle, die wirklich zur Kirche Christi gehören und das ewige Leben ererben, macht Gott zu gehorsamen Jüngern. Von den Auserwählten Gottes bleibt keiner gleichgültig gegen den Glauben an Christum. Oben hat Christus gesagt, kein Mensch sei imstande, zu glauben, der nicht gezogen werde. Jetzt verkündet er: die Gnadenwirkung des Geistes, vermittelst deren die Menschen gezogen werden, sodass sie nicht anders können, als glauben, erreicht tatsächlich ihr Ziel. Das bedeutet natürlich ein Todesurteil für den freien Willen. Kommen wir erst dann zu Christo, wenn der Vater uns gezogen hat, so liegt der Anfang des Glaubens nicht im Mindesten in unserem Vermögen, wir können uns auch nicht zum Glauben irgendwie zubereiten. Weiter: wenn alle die, welche der Vater belehrt hat, kommen, so stellt der Vater ihnen nicht die Wahl, ob sie glauben wollen oder nicht, sondern gibt ihnen selbst den Glauben. Folgen wir willig der Leitung des Geistes, so ist das schon ein Stück und ein Erkennungszeichen der Gnade. Man könnte das nimmermehr ein Ziehen vonseiten Gottes nennen, wenn er uns nicht anfasste, sondern nur die Hand mit der Frage ausstreckte, ob wir wollen oder nicht. Ein Ziehen kann Gottes Tun nur genannt werden, wenn er durch die Kraft seines Geistes alles einschließlich des völligen Glaubens bei uns wirkt. Es hört aber jemand vom Vater, wenn er sich infolge der Geisteswirkung in seinem Herzen dem Gott, der inwendig mit ihm redet, aufrichtig unterwirft.

Der kommt zu mir. Damit zeigt Jesus, in wie unauflöslicher Verbindung er mit Gott steht. Es ist undenkbar, dass die, welche Gottes Schüler sind, sich Christo nicht anschließen. Wer freilich von Gott keine Belehrung annimmt, der verwirft auch Christum. Zu Christo kommen, das ist ja allein die Weisheit, welche jeder Auserwählte in Gottes Unterricht lernt. Der Vater, der den Sohn gesendet hat, kann sich selbst nicht verleugnen.

V. 46. Nicht, dass jemand den Vater habe gesehen. Hat Jesus bisher die Gnade seines Vaters gepriesen, so wendet er nun die Aufmerksamkeit der Gläubigen ganz allein auf sich. Beides gehört eng zueinander: Kenntnis Christi gibt es nicht, bis der Vater uns von Natur blinde Menschen mit seinem Geiste erleuchtet; und anderseits hilft alles Suchen nach Gott nichts, wenn man von Christo absieht; denn Gott ist ja so hoch über uns erhoben, dass kein Menschengedanke ihn zu erreichen vermag. Ein verhängnisvoller Irrtum würde es sein, wenn jemand abgesehen von Christo eine Erkenntnis Gottes für möglich hielte. Wenn Jesus hier sagt, ihm allein sei der Vater bekannt, so nimmt er damit ausschließlich für sich das Amt in Anspruch ihn, der sonst den Menschen verborgen ist, zu offenbaren.

V. 47. Wer an mich glaubt usw. Hier wird der Inhalt des vorigen Verses weiter ausgeführt. Diese Worte lehren uns, dass wir erst dann Gott kennen, wenn wir an Christum glauben: denn dann beginnen wir erst, den unsichtbaren Gott gleichsam in einem Spiegel oder in einem lebendigen, ausdrucksvollen Bilde zu sehen. Weg also mit allem, was man uns über Gott vorzusetzen wagt, sobald es nicht auf Christum zielt! Was Glaube an Christum ist, habe ich früher dargelegt: er ist nicht etwa eine unklare und wirkungslose Vorstellung von ihm, bei welcher die von Christo ausgehende Kraft außer Betracht bliebe. Vielmehr gibt der Glaube eben darum das ewige Leben, weil er weiß, dass sich in Christo die Fülle des Lebens für uns vorfindet. Wer in diesem Glauben zu Christo kommt, wird darnach in ihm das Brot ewigen Lebens genießen.

V. 48 bis 50. Ich bin das Brot des Lebens. Zur besseren Einprägung dieser Wahrheit wiederholt Jesus nicht bloß seine frühere Aussage vom Lebensbrot, sondern betont auch noch einmal den Gegensatz zwischen diesem Brot und dem Manna (V. 49): Eure Väter haben Manna gegessen und sind gestorben. Das Manna war also eine vergängliche Speise, welche nicht vom Tode zu befreien vermochte. Daraus folgt, dass es für die Seelen nur eine Speise gibt, die sie zu geistlichem Leben befähigt, und die ist Christus. Über den scheinbaren Gegensatz, in welchem zu dieser Aussprache 1. Kor. 10, 3 steht, habe ich mich schon (zu V. 32) geäußert. Dass Paulus das Manna als eine geistliche Speise bezeichnet, während Christus hier gegenteilig redet, erklärt sich aus den beiderseitig verschiedenen Gesichtspunkten. Wer im Manna nichts anderes sucht, als irdische Nahrung, dem wird es auch nichts Besseres bieten. Wer aber (V. 50) von Christo isst, wird nicht sterben, weil das Leben, welches er uns gibt, nie verlöschen wird (vgl. auch zu 5, 25 ff.).

V. 51. Ich bin das lebendige Brot. Dies wiederholt Jesus immer wieder, wie denn in der Tat nichts anderes tiefer in unsere Seele geprägt zu werden verdient. Wir wissen ja auch, wie schwer Jesu Worte bei uns Glauben finden, und wie leicht dieser Glaube wieder ins Wanken kommt. Wir alle begehren Leben. Aber törichter und verkehrter weise suchen wir es, wer weiß wo, nur nicht am rechten Ort. Wer bildet sich nicht ein, er könne leben ohne Christum? Wie wenige sind es, denen Christus das allein genugsame Gut ist! Es ist deshalb kein unnützer Wortschwall, wenn Christus aber- und abermals versichert: Ich ganz allein bin genug; ich gebe euch das Leben! Er allein beansprucht den Namen „Brot“; alle trügerischen Hoffnungen auf Erden möchte er aus unseren Seelen herausreißen. „Lebendiges oder lebendig machendes Brot“ nennt er jetzt in demselben Sinne das, was er vorher als „Brot des Lebens“ bezeichnet hatte. Das Kommen vom Himmel erwähnt er, weil in dieser Welt, deren Wesen vergeht, geistliches und unvergängliches Leben nicht zu finden ist; das gibt es nur im himmlischen Gottesreiche. So oft Jesus das Wort „essen“ braucht, mahnt er uns zum Glauben, der allein es macht, dass wir dies Brot uns zum Leben genießen. Der Umstand aber, dass nur wenige gewürdigt werden, ihre Hand auszustrecken und dies Brot in ihren Mund zu führen, macht die Speise selbst nicht im Mindesten weniger nährkräftig. Die Torheit vieler ist ja unbegreiflich groß: der Herr reicht ihnen dies Brot eigenhändig in den Mund hinein, und dennoch essen sie es nicht; die einen schlucken nicht dies Brot, sondern eitel Wind hinunter, andere gleichen dem Tantalus der griechischen Sage, dem die Speise ganz nahe ist, und der trotzdem Hunger leidet.

Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch. Weil man seine Aussage, er habe die Macht, das Leben zu verleihen, auf sein göttliches Wesen hätte beziehen können, führt uns Jesus nun einen Schritt weiter und sagt: dies Leben liegt in meinem Fleisch; wer es haben will, muss es dort holen. Wunderbarer Ratschluss Gottes! In dem Fleische, in dem früher nur der Tod seinen Sitz hatte, reicht er uns nun das Leben dar. Er denkt so freundlich an unsere Schwachheit, dass er uns nicht zumutet, über den Wolken uns das Leben zu holen: Er bietet es uns in irdischer Gegenwart so wahrhaftig an, als wenn er uns droben seine königliche Schatzkammer eröffnete. Dabei hat er es auch auf unseren Hochmut abgesehen. Der muss fort. Deshalb prüft er unseren Glauben, ob er sich demütigen und gehorchen kann. Das tut Christus, indem er die, welche das Leben suchen, anweist, sich an sein Fleisch, das doch dem Anscheine nach so verächtlich ist, zu halten.

Man wendet ein: Christi Fleisch vermag kein Leben zu geben; ist es doch auch sterbensfähig gewesen und auch jetzt nicht an sich unsterblich. Außerdem ist es in keiner Weise dem Fleische eigen, dass es Seelen lebendig macht. Darauf ist zu antworten: Mag auch diese Kraft anderswoher rühren, als aus dem Fleische, so steht doch nichts im Wege, dem Fleische Christi mit Fug und Recht diesen Ehrentitel zuzusprechen; denn gleichwie das ewige Wort Gottes der Quell des Lebens ist, so ist Christi Fleisch gleichsam das Brunnenrohr, durch welches das Leben, das, wie diese Leute mit gutem Grunde sagen, in der Gottheit thront, sich zu uns hin ergießt. In diesem Sinne heißt Christi Fleisch lebenspendend, weil es das Leben, das es anderwärts entlehnt, uns mitteilt. Alle Dunkelheit wird weichen, wenn wir bedenken, welches die Ursache des Lebens ist: es ist die Gerechtigkeit. Wenn nun diese Gerechtigkeit uns allein von Gott her zuteilwird, so werden wir sie doch nirgend anders völlig greifen, als in dem Fleische Christi, in welchem die Erlösung der Welt vollzogen, das Sühnopfer für unsere Sünden dargebracht, und dem Vater jener Gehorsam geleistet ward, der ihn uns versöhnen sollte. Eben dies Fleisch war durchströmt von der Heiligung des Geistes und wurde endlich, als der Triumph über den Tod errungen war, in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen. In ihm hatte folglich das Leben in jeder Beziehung seine Stätte. Es sollte niemand gerechten Grund haben, sich zu beklagen, dass das Leben nur in ungreifbarer Ferne vorhanden sei.

Welches ich geben werde für das Leben der Welt. Das Wort „geben“ steht in zwiefachem Sinne, entweder, wie vorher, für die Gabe, die darin besteht, dass Christus sich immer wieder uns anbietet, oder, wie hier, für jene einmalige Hingabe am Kreuz, da er sich dem Vater als Opfer darbrachte. Damals hat er sich in den Tod gegeben für unser Leben, jetzt lädt er uns ein, die Frucht seines Todes zu empfangen. Das einmal dargebrachte Opfer würde uns nicht zugutekommen, wenn wir uns jetzt nicht mit dieser heiligen Speise nähren dürften. Übrigens wohlgemerkt: Christus sagt, er selber opfere sein Fleisch. Es ist deswegen eine schändliche Entweihung, wenn ein Mensch sich an Christi Stelle zu drängen wagt und das Fleisch Christi zu opfern vorgibt.

V. 52. Da zankten die Juden. Wiederum nennt der Evangelist die Juden, nicht ehrenhalber, sondern um ihnen ihren Unglauben vorzuwerfen. Die Lehre Christi vom ewigen Leben nehmen sie nicht an, stellen auch nicht bescheidentlich ihre Fragen über das, was ihnen noch dunkel und unklar geblieben ist. Durch solche streitsüchtigen Reden versperrt man sich selbstverständlich den Weg zur Erkenntnis der Wahrheit. Indes unterliegt bei ihnen nicht schlechthin die Frage: „Wie soll das zugehen?“ dem Tadel, - sonst müsste ja derselbe Tadel auf Abraham und die Mutter unseres Herrn fallen. Dass die Juden nach dem „Wie?“ der Speisung fragen, ist noch kein Verbrechen, wohl aber, dass sie ihre Frage in frecher Streitsucht stellen. Haben wir Zweifel, so will der Herr durch sein Wort diese Knoten auflösen, und der Glaube nimmt solche Lösung gehorsam an. Nicht für Glauben, sondern für Stumpfsinn ist es aber anzusehen, wenn man trotz aller Bemühungen des Herrn wissentlich und willentlich diese Knoten fest verknotet bleiben lässt. Deshalb ist es sehr wohl erlaubt, zu fragen: Herr, wie esse ich dein Fleisch? Aber dann gilt es auch, ernstlich die Antwort zu beherzigen, die er (hier in der Schrift) auf diese Frage gibt. Fort mit dem anscheinend so demütigen Vorgeben, hinter dem jedoch faustdicker Hochmut steckt: Ich begnüge mich damit, dass Christus sagt, sein Blut sei die rechte Speise; das Übrige verstehe ich nicht, also lasse ich es dahingestellt sein. Das ist ganz dasselbe Schöntun, wie bei denen, welche von der Empfängnis Christi aus dem heiligen Geiste nichts wissen wollen: wir glauben, dass er der verheißene Same Abrahams ist, und damit gut, - wir forschen nicht weiter. Solche Selbstbescheidung ist nicht da am Platze, wo das Wort Gottes ausdrücklichen Aufschluss gibt, sondern nur da, wo es sich um göttliche Geheimnisse handelt, von denen die Schrift nichts Näheres offenbart.

V. 53. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch. Der Unwille erpresst Christo diesen Eidschwur, da er sieht, wie man seine Gnade mit stolzer Verachtung abweist. Jetzt lässt er es nicht mehr bei einfacher Belehrung bewenden; um Furcht einzujagen, mischt er seinen Worten Drohungen bei. Allen denen, die es verschmähen, von seinem Fleische das Leben zu erlangen, verkündet er das ewige Verderben. Er will zu verstehen geben: Verachtet ihr mein Fleisch, so wisset: eine andere Hoffnung auf Leben bleibt euch nicht! Diese Strafe wartet aller Verächter der Gnade Christi, dass sie in ihrem Hochmute elendiglich untergehen. Solche scharfe Strenge musste angewandt werden, damit sie nicht fortfuhren, sich mit falschen Hoffnungen zu schmeicheln. Einem Kranken, der die Arznei anzunehmen sich weigert, drohen wir: Nimm sie, sonst musst du sterben! Muss man nicht mit den Gottlosen ebenso verfahren, wenn sie mit aller Macht das ihnen angebotene Leben ausschlagen? Mit Nachdruck steht hier: das Fleisch des Menschensohns. Damit will Jesus die verächtliche Stimmung treffen, die ihn für nichts hält, weil er aussah, wie andere Menschenkinder auch. Der Sinn ist also: Verachtet mich nur, so viel es euch beliebt, wegen des geringen und unbedeutenden Aussehens meiner menschlichen Erscheinung! Des ungeachtet ist doch in diesem von euch verachteten Fleische das Leben vorhanden. Wenn ihr euch mutwillig seiner beraubt, werdet ihr anderwärts nichts finden, was euch lebendig macht. –

Es war ein grober Irrtum der Alten, wenn sie meinten, dass man die kleinen Kinder des ewigen Lebens beraubt, wenn man ihnen nicht das Abendmahl reicht. Hier ist ja nicht die Rede vom Tisch des Herrn, sondern von der fortwährenden Mitteilung Christi außerhalb des Sakraments. Auch war es eine verkehrte Schriftverwendung, wenn sich die Böhmen für ihre Forderung des Kelches für jedermann auf diese Stelle beriefen. Was die kleinen Kinder betrifft, so sind sie nach der Schrift nicht zum Abendmahl zuzulassen: können sie sich doch weder prüfen, noch auch das Gedächtnis des Todes Christi ehren, wie es doch Christus in den Einsetzungsworten verlangt. Ebendort gebietet er auch (und das ist der rechte Schriftgrund für die Forderung der Böhmen), dass Brot und Wein gemeinsam ausgeteilt werden; er sagt von dem Kelche: „Trinket alle daraus!“.

V. 54. Wer mein Fleisch isst. Diese Wiederholung ist nicht überflüssig. Sie bestätigt, was dem Glauben Schwierigkeiten macht, dass unsere Seelen nicht anders mit dem Fleisch und Blut Christi gespeist werden, als wie das Leibesleben durch Essen und Trinken im Gang erhalten wird. Und wie er eben noch bezeugte, dass für alle, die das Leben anderswo, als in seinem Fleische suchen, nicht übrig bleibt als der Tod, so ermuntert er jetzt die Frommen: Seid gutes Mutes! Ich verheiße euch in meinem Fleische das Leben! Zu beachten ist, dass Christus so oft (vgl. 5, 24 ff.; 6, 40) neben dem ewigen Leben ausdrücklich der Auferstehung gedenkt. Das hat seinen Grund darin, dass unser Heil bis zu jenem Tage verborgen sein wird. Was Christus uns gibt, kann also niemand merken, der nicht im Glauben die Welt überwunden hat und nun seine Augen auf die Auferstehung am jüngsten Tage richtet. Aus diesen Worten erhellt deutlich, dass man diese ganze Stelle nicht auf das Abendmahl zu deuten berechtigt ist. Wäre es wahr, dass alle, die sich zum heiligen Mahle des Herrn einstellen, seines Fleisches und Blutes teilhaftig würden, so trügen sie alle in gleicher Weise das Leben davon.

Wir wissen aber, dass für viele der Abendmahlsgang verderblich ist. Es wäre ja auch sonderbar und durchaus nicht an der Zeit gewesen, über das Abendmahl ausführlich zu reden, als es noch gar nicht eingesetzt war. Ganz bestimmt spricht Jesus hier über das fortwährende Essen des Glaubens. Doch leugne ich nicht im Mindesten ab, dass alles, was hier gesagt wird, im heiligen Abendmahl als Sinnbild wiederkehrt und den Gläubigen auch wirklich übergeben wird. Christus wollte mit dem Abendmahl unter diese ganze Predigt sein Siegel drücken. Davon kommt es auch, dass Johannes die Einsetzung ganz übergeht.

V. 55. Mein Fleisch ist die rechte Speise. Wie der Körper dahinschwindet und verfällt, wenn er keine Speise zu sich nimmt, so wird auch die Seele, wenn sie nicht mit himmlischem Brote erquickt wird, rasch zugrunde gehen. Das sagt Christus hier nur mit anderen Worten. Denn wenn er versichert, sein Fleisch sei die rechte Speise, so deutet er damit an, dass die Seelen, wenn sie diese Speise nicht bekommen, Hunger leiden müssen. Du wirst also dann in Christo das Leben finden, wenn du es in seinem Fleische suchst. So ist es wohl am Platze, mit Paulus (1. Kor. 2, 2) zu rühmen, dass wir nichts Höheres kennen, als Christum, den Gekreuzigten; denn sobald wir uns von dem Opfer auf Golgatha entfernen, haben wir nichts vor uns, als den Tod. Es führt uns auch kein anderer Weg zum Erleben seiner göttlichen Kraft, als der Glaube an seinen Tod und sein Auferstehen. Deshalb umfasse Christum als den Knecht des Vaters, der gehorsam war bis zum Tode, damit er sich dir als der Fürst des Lebens zeige!

Durch seine Entäußerung hat er uns überschwänglich reich gemacht, durch seine Erniedrigung und seine Höllenfahrt hat er uns in den Himmel emporgehoben; als er den schimpflichen Kreuzestod auf sich nahm, hat er das köstliche Siegeszeichen der Gerechtigkeit aufgerichtet. Die Ausleger verstehen ihre Aufgabe sehr schlecht, welche die Seelen vom Fleisch Christi wegführen.

Aber weshalb erwähnt Christus denn sein Blut noch einmal besonders, das ja doch in seinem Fleische enthalten ist? Nun, er nahm Rücksicht auf unsere Blödigkeit. Er nennt neben der Speise ausdrücklich auch den Trank, um uns einzuprägen, dass es ein allseitig vollkommenes Leben ist, welches er uns bietet, und dass kein zum Leben nötiges Teil uns fehlen wird, wenn wir nur sein Fleisch essen und sein Blut trinken. Ebenso begnügt er sich auch beim Abendmahle nicht mit dem Sinnbilde des Brotes; nein, er gibt den Kelch noch dazu, damit wir ein doppeltes Kennzeichen des Lebens im Sakrament haben sollen und lernen, uns an ihm allein genügen zu lassen. Nur der wird ja in Christo das Leben finden, der in ihm das ganze und unverstümmelte Leben sucht.

V. 56. Wer mein Fleisch isst, … der bleibt in mir. Eine neue Bestätigung der hier behandelten Wahrheit. Da Christus allein das Leben in sich hat, so sagt er, wie wir es bekommen, nämlich durch Essen seines Fleisches. Er stellt es in Abrede, dass er irgendwie anders uns angehören könne, als dadurch, dass sich unser Glaube auf sein Fleisch richtet. Niemand wird zu Christi Gottheit gelangen, der seine Menschheit außeracht lässt. Willst du mit Christo Gemeinschaft haben, so hüte dich zuvörderst vor der Geringschätzung seines Fleisches! Wenn er sagt, er bleibe in uns, so bedeutet dies: so allein werden wir eins, so allein wachsen wir ineinander, wenn sich euer Glaube ganz auf meinen Tod gründet. –

Auch hier tritt es zutage, dass Christus nicht vom Empfangen der Zeichen im Abendmahl redet; die empfängt ja auch gar mancher Ungläubige, der trotzdem niemals mit Christo Gemeinschaft bekommt. Es ist ein großer Missgriff, wenn man behauptet hat: Judas hat gerade so gut wie die anderen den Leib Christi empfangen, denn Christus hat allen das Brot hingereicht. Nur Unkunde vermag die Lehre unserer Stelle auf das äußere Zeichen beziehen; und doch bleibt es bei dem oben Gesagten: im Abendmahl wird das, was hier gelehrt wird, besiegelt. Doch war ja Judas ganz gewiss kein Glied Christi. Außerdem ist ein Fleisch Christi ohne Leben und Geist eine recht absonderliche Vorstellung. Endlich ist es lächerlich, von einem Essen des Fleisches Christi ohne Glauben zu reden. Was ist denn für die Seele Mund und Magen? Einzig der Glaube.

V. 57. Wie mich gesandt hat der lebendige Vater usw. Bis dahin hat Christus sich darüber geäußert, wie wir des Lebens teilhaftig werden müssen. Hier kommt er auf die tiefste Frage: Woher stammt das Leben? In seiner Antwort auf diese Frage schneidet er einen Vorwurf ab, der ihm vielleicht gemacht werden konnte, des Inhalts: Du machst dich selber zum Urheber des Lebens; damit nimmst du Gott, was Gottes ist. Jesus macht sich also nur in dem Sinne zum Spender des Lebens, dass er bekennt, dies Leben vom Vater empfangen zu haben, um es uns mitzuteilen. Dabei schwebt, in Rücksicht auf das Verständnis der Hörer, Christus nur nach seiner irdischen Erscheinung vor. Das ewige Wort ist ja in sich selbst das Leben, wenn auch der Vater der Urquell des Lebens bleibt. Aber hier handelt es sich nicht um die ewige Gottheit Christi; er betrachtet sich selber hier nur insofern, als er in Menschengestalt sich der Welt geoffenbart hat. Wenn er also sagt, er lebe um des Vaters willen, so gilt das nicht für die bloße Gottheit, es passt auch nicht so ohne weiteres auf die menschliche Natur, sondern es ist eine Beschreibung des im Fleische geoffenbarten Sohnes Gottes. Ferner wissen wir, dass es Christo nicht ungewohnt ist, dem Vater alles Göttliche, was er in sich hat, zuzuschreiben.

Zu merken ist, dass hier drei Stufen des Lebens aufgezählt werden.

Den ersten Platz hat der lebendige Vater inne, welcher der Quellort des Lebens ist, aber fern und verborgen. Dann kommt der Sohn, welcher der für uns zugängliche Bach ist, aus dem sich das Leben zu uns hin ergießt. An dritter Stelle kommt dann das Leben, das wir aus ihm schöpfen.

V. 58. Dies ist das Brot usw. Jesus lenkt wieder auf den Ausgangspunkt zurück, den Vergleich zwischen dem Manna und seinem Fleische. Damit wollte er seine Rede schließen: Ganz grundlos zieht ihr mir den Moses vor, weil er eure Väter in der Wüste genährt hat. Ich gebe euch weit köstlichere Speise: das himmlische Leben in meiner Person. –

Wie wir oben schon ausführten, kann ja von einer Speise, die nichts Irdisches und Vergängliches an sich hat, die vielmehr nach dem ewigen Wesen des Himmelreiches schmeckt, in Wahrheit gesagt werden, dass sie vom Himmel kommt. Solche Art hätten aber jene Leute, die nur auf die Sättigung ihres Bauches bedacht waren, am Manna nie verspürt. Sie erblickten darin nur eine Speise für den Leib – und übersahen die andere Seite, welche nach Gottes Absicht das Manna allerdings auch haben soll. Das Leben der Seele wird aber niemals verzehrt, sondern wächst zu immer größerer Kraft, bis es den ganzen Menschen erneuert hat.

V. 59. Solches sagte er in der Schule. Johannes bezeichnet die Örtlichkeit, damit wir wissen: es sind viele dort zugegen gewesen; vor ihnen hat Christus diese Rede gehalten, als über eine wichtige, ernste Angelegenheit. Nachher hören wir, dass aus dieser großen Zuhörerschaft kaum einige wenige etwas mit dieser Unterweisung anzufangen wussten, - im Gegenteil, viele, die sich den Jüngern Christi zugesellt hatten, kamen darüber zum Abfall. Hätte der Evangelist etwa berichtet, dass einige Leute an Jesu Worten sich stießen, so hätte man das schon als etwas Ungeheuerliches ansehen müssen. Was soll man aber dazu sagen, dass sie nicht nur einzeln, nein, in großen Scharen sich aufmachen und sich einmütig von Christo lossagen? Möge sich diese Geschichte in unsere Seelen eingraben, damit wir es uns niemals beikommen lassen, gegen Christum Widerworte zu machen! Und wenn wir etwas Derartiges bei anderen wahrnehmen, so soll ihre Vermessenheit unseren Glauben nicht ins Wanken bringen.

V. 60. Das ist eine harte Rede. Nein, in der Rede war diese Härte nicht, - sie war in den Herzen. Aber so geht es gewöhnlich bei den Verworfenen: sie schleppen Steine aus dem Worte Gottes zusammen, an denen sie sich stoßen, und beklagen sich, während sie mit eisernem Trotz sich gegen Christum erheben, darüber: deine Rede ist hart! – dieselbe Rede, die sie hätte weich machen sollen. Wer sich demütig der Lehre Christi unterwirft, der wird in ihr nichts Hartes oder Raues finden; für die Ungläubigen aber, welche sich frech widersetzen, wird sie der Hammer sein, der Felsen zerschmeißt (Jer. 23, 29). Von Geburt sind wir alle gleich verhärtet; sollen wir aus unserem eigenen Verstande ein Urteil abgeben über das, was Christus sagt, so wird es lauten: alles, Wort für Wort, ist unverständlich und dunkel. –

So bleibt nichts anderes übrig, als dass sich ein jeder ganz der Leitung des Geistes anvertraut: Schreibe du in mein Herz hinein, was sonst nicht einmal meinen Ohren eingehen will!

Wer kann sie hören? Wie boshaft sind diese Leute doch in ihrem Unglauben! Nicht genug damit, dass sie die Lehre des Heils aufs verschiedenste verwerfen und dafür als Entschuldigung vorbringen, die Rede sei ihnen zu hart, - sie wagen es sogar, während sie doch die Schuldigen sind, dem Sohne Gottes alle Schuld aufzubürden und es offen auszusprechen: er ist es nicht wert, dass man ihm zuhört! Wehe denen, die auch in unseren Tagen nicht nur das Evangelium mit frecher Stirn abweisen, sondern auch noch gräuliche Lästerungen ausstoßen, um nur anscheinend guten Grund zu haben zu ihrem Widerstreben gegen Gott! In ihrer Begier nach der Finsternis lassen sie sich vom Satan mit groben Lügen äffen, - kein Wunder! Das Nämliche aber, was jene für unerträglich ansehen, ist den Bescheidenen, die gern Belehrung annehmen, nicht nur erträglich, sondern tröstlich und stärkend. Die Verworfenen erreichen mit ihrem Sträuben und ihren Schmähungen nur, dass sie sich ein desto ärgeres Verderben zuziehen.

V. 61 u. 62. Da Jesus aber bei sich selbst merkte usw. Jesus wusste, wie groß der Unwille seiner Widersacher war, und dass sie ihn nicht würden verwinden können. Es war ja nicht eigentlich so, dass seine Lehre sie verwundet hätte: vielmehr deckte dieselbe eine in ihrem Herzen längst heimlich genährte Eiterbeule nur auf. Jesus legte es trotzdem darauf ab, auf alle Weise zu versuchen, ob nicht wenigstens der eine oder andere von ihnen noch heilbar wäre. Dabei wollte er den Übrigen den Mund verstopfen.

Seine Frage besagt: Ihr habt gar keinen Grund, Anstoß zu nehmen; in meiner Lehre ist wenigstens kein Anlass dazu. Es heißt hier, Jesus habe bei sich selbst gemerkt, dass seine Jünger murrten; sie traten nicht offen hervor, sondern steckten ihre Köpfe zusammen. Er kommt also lauten Klagen zuvor. Wenn man einwendet: sie haben ja doch schon deutlich gesagt, wie schlecht ihnen die Lehre Christi gefällt, - so gebe ich zu, dass es klare Worte sind, die Johannes (V. 30, 41, 60) berichtet hat, sage aber gleichzeitig: die Juden haben jene einzelnen Äußerungen, wie man es bei solchen übel gesinnten Leuten in der Regel findet, mehr verstohlen untereinander getan. Hätten sie sich mit Jesus in ein richtiges Gespräch eingelassen, so wäre wohl noch etwas zu machen gewesen; dann hätte er ihnen jede gewünschte Belehrung erteilen können. Sie aber sind voll Widerspruchs und gehen nicht damit heraus. So verschließen sie sich den Weg zum Lernen.

Wenn wir nicht alsbald begreifen, was der Herr meint, können wir nichts Besseres tun, als geradeswegs zu ihm selbst zu kommen, damit er uns alle Knoten auflöse.

Ärgert euch das? usw. Hierdurch scheint Christus das Ärgernis nicht zu mindern, sondern zu mehren. Erwägt man jedoch die Ursache des Anstoßes näher, so wird man einsehen: gerade dieser Ausspruch (V. 62) war trefflich darauf gemünzt, die Erregung zu beschwichtigen. Dass Jesus so schlicht und einfach als Mensch vor jenen Leuten stand, ganz wie andere auch, das hinderte sie, seiner Gottheit Ehrfurcht zu zollen. So zieht er denn hier sozusagen die Hülle weg und fordert sie auf, hinzuschauen auf seine himmlische Herrlichkeit. Er will sagen: Weil ich unter den Menschen wandle ohne äußerlich kenntliche Auszeichnung, deshalb bin ich euch verächtlich, deshalb merkt ihr nichts Göttliches an mir. Aber es währt nicht lange, so wird mich Gott mit Kraft und Herrlichkeit schmücken, und ich fahre, diesem verächtlichen Zustande der Sterblichkeit entnommen, über alle Himmel empor. Bei der Auferstehung Christi ist ja die Kraft des heiligen Geistes so zutage getreten, dass sie seine Gottessohnschaft offenbar machte (Röm. 1, 4). Und wenn es Ps. 2, 7 heißt: „Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt“, - so wird damit die Auferstehung als eine Art Beispiel hingestellt, daran man die göttliche Herrlichkeit Christi merken sollte. Die Himmelfahrt war nur die Ergänzung jener Herrlichkeit. Wenn Jesus sagt, er sei zuvor im Himmel gewesen, so gilt das nicht von seiner Menschheit, sondern von dem ewigen Sohne Gottes; es wird nicht selten in dieser Weise das, was nur der einen Natur eigen ist, auf die andere übertragen, da ja die beiden Naturen in Christo die eine Person ausmachen.

V. 63. Der Geist ist es, der da lebendig macht. Mit diesen Worten sagt Christus: die Ursache davon, dass meine Lehre bei euch keinen Erfolg hat, liegt darin, dass sie geistlich ist und auf das ewige Leben zielt, - darum sind eure Ohren zu ihrer Aufnahme nicht geeignet. Man darf Christi Fleisch eben nicht ohne den innewohnenden Geist denken: das Fleisch an sich ist nichts nütze. Christi Fleisch hat doch nur darum lebendig machende Kraft, weil es geisterfüllt ist: wer diese Geisteswirkung erfährt, macht im Glauben die Probe darauf, dass von Christi Fleisch in der Tat Lebenskraft ausgeht. Wessen Gedanken aber lediglich an der irdischen Substanz haften bleiben, der wird nur einen toten Stoff finden.

Halten wir also klar auseinander, weshalb das Fleisch auf der einen Seite die rechte Speise genannt wird, während es anderseits heißt, es sei nichts nütze: es ist Speise, weil durch Vermittlung des Fleisches uns das Leben erworben ward, weil in ihm Gott mit uns versöhnt worden ist, weil wir in ihm in vollem Maße alles beieinander haben, was zu unserem Heile gehört; nichts nutz ist es, wenn man es nach seinem Ursprung und nach seiner natürlichen Beschaffenheit wertet: denn Abrahams Same vermag uns, da er ja dem Tode ausgesetzt ist, das Leben nicht zu bringen, - fähig, uns zu nähren, wird das Fleisch nur in Verbindung mit dem Geiste. Wollen wir seiner nährenden Kraft teilhaftig werden, so gilt es, den geistlichen Mund des Glaubens zu brauchen. Der Ausspruch ist ja merkwürdig knapp, - jedenfalls, weil Christus es für gut befand, so mit den Ungläubigen zu verhandeln. Mit diesem kurzen Nachtrag hat er seine Rede abgebrochen; sie waren es nicht wert, dass er noch weitere Worte an sie verschwendete. Indes kommen die Frommen, welche sich belehren zu lassen willig sind, dabei nicht zu kurz; auch in diesen wenigen Worten finden sie genug und übergenug.

Die Worte, die ich rede usw. Das sagt Jesus mit Anspielung auf das Vorhergehende. Das Wort „Geist“ ist hier etwas anders genommen. Er hatte von der geheimen Kraft des Geistes geredet. Jetzt wendet er es in einem schönen Übergang auf seine Rede an, dass sie geistlich ist. Man muss hier „Geist“ im Sinne von „geistlich“ verstehen. Jesu Rede heißt geistlich, da sie uns empor lenken will; wir sollen Christum unter Leitung des Geistes im Glauben, nicht in fleischlicher Gesinnung, in seiner himmlischen Herrlichkeit suchen. Wir wissen ja, dass ohne Glauben nichts von dem, was er sagt, verstanden werden kann. Wohl zu beachten ist noch, wie er Leben und Geist miteinander verknüpft. Leben nennt er seine Rede im Gedanken an ihren Erfolg; wie wirkt Leben. Das kann sie aber nur bei dem, der sie in geistlicher Weise annimmt; die anderen holen sich an ihr den Tod. Das ist für die Frommen eine liebliche Empfehlung des Evangeliums; nun sind sie gewiss, dass es ihnen ewiges Heil bringen muss. Aber zugleich ist darin die Mahnung enthalten: Bemüht euch, als rechte Jünger erfunden zu werden!

V. 64. Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht. Wiederum schiebt Jesus die Schuld auf die Hörer, die alles heiligen Geistes bar seine Lehre verkehren und verdrehen, sodass sie ihnen zum Verderben ausschlagen muss. Sie hätten sonst einwenden können: du prahlst mit der lebendig machenden Kraft deiner Worte; wir aber verspüren davon nichts an uns. Deshalb sagt er: ihr steht euch selbst im Wege! Denn der Unglaube, hochmütig, wie er ist, wird niemals innewerden, wie reich die Worte Jesu sind, - er verachtet sie nur. Wollen wir bei diesem Meister etwas Rechtes lernen, so müssen unsere Seelen auch darauf gestimmt sein. Demut und Ehrfurcht vor ihm verschaffen erst seiner Lehre Eingang bei uns. Ohne das sind unsere Herzen härter als Stein und lassen nichts von der heilsamen Lehre eindringen. Woran liegt es also, dass heutzutage das Evangelium so wenig Fortschritte in der Welt macht? Nur an der argen Gesinnung der Menschen. Wer hat denn Lust dazu, sich selbst zu verleugnen und sich ganz und gar Christo hinzugeben? Wenn übrigens Jesus nur von „etlichen“ spricht, die nicht glauben, während dies doch fast von der ganzen Volksmenge gelten konnte, so erklärt sich dies wohl daraus, dass er die, welche etwa noch heilbar waren, nicht der Verzweiflung preisgeben wollte.

Jesus wusste von Anfang usw. Dieser Zusatz des Evangelisten warnt uns, dass wir nicht denken, Christus habe kein rechtes Urteil über seine Zuhörer gehabt. Viele gaben vor, zu ihm zu gehören; ihr plötzlicher Abfall zeigte, was an diesem Vorgeben war. Anderen mochte diese Treulosigkeit bislang noch verborgen sein; Christus wusste damit Bescheid. Das sagt uns aber der Evangelist nicht sowohl, damit wir betreffs Christi ins Klare kommen, als dazu, dass wir lernen, ausschließlich nur über das, was wir genau kennen, uns ein endgültiges Urteil zu bilden. Dass Christus dies von Anfang an wusste, kam davon her, dass er Gott ist. Bei uns steht es anders. Wir sind keine Herzenskündiger. Deshalb müssen wir unser Urteil so lange aufschieben, bis sich die Gottlosigkeit an ihren äußeren Anzeichen verrät, und man so den Baum an seinen Früchten zu erkennen imstande ist.

V. 65. Darum hab ich euch gesagt. Nochmals hebt Jesus hervor, dass der Glaube ein gar seltenes, köstliches Geschenk des Geistes Gottes ist, damit wir uns nicht wundern, wenn nicht jeder allenthalben das Evangelium annimmt. Ungeschickt, wie wir sind, in der Deutung dessen, was wir erleben, denken wir um dessentwillen weniger hoch vom Evangelium, weil nicht alle Welt ihren Beifall dazu gibt. Es will uns nicht in den Kopf, dass der größte Teil der Menschen seine Seligkeit soll verwerfen können. Den Grund, weshalb es nur so ein kleines Häuflein wahrer Christen gibt, nennt uns Christus hier: kein Mensch kommt deshalb zum Glauben, weil er klug genug ist; alle sind blind, so lange der heilige Geist sie nicht erleuchtet, und allein denen fällt ein so herrliches Gut zu, die der Vater dessen würdigt. Würde allen ohne Ausnahme diese Gnade zuteil, so würde dies Wort Christi hier sehr am unrechten Platze stehen. Aber es passt hier vortrefflich. Christus will es gerade jetzt nochmals aussprechen: nicht viele glauben dem Evangelium, und zwar deshalb, weil der Glaube nur aus einer geheimen Offenbarung des Geistes geboren wird. „Geben“ bedeutet hier dasselbe, wie oben (V. 44) „ziehen“. Gott hat keinen anderen Grund, uns zu ziehen, als seine freie Gnade. Was er als sein Geschenk gibt, vermögen wir uns nicht durch eigene Anstrengung zu erwerben.

V. 66. Von dem an gingen seiner Jünger viel hinter sich. Jetzt schildert der Evangelist, welche große Verwirrung jener Rede folgte. Es ist wahrhaft ungeheuerlich, dass die gütige, freundliche Einladung Christi ihm so viele Menschen entfremdete, noch dazu solche, die ihm schon den ihm zukommenden Namen gegeben hatten und als Jünger vertraulich mit ihm verkehrten. Diese eine Tatsache soll für uns ein Spiegel sein, in dem wir die arge und undankbare Welt sehen, die, wo der Weg ganz eben ist, sich selber Steine in den Weg wirft, an denen sie strauchelt, um nur ja nicht zu Christo zu kommen. Viele möchten wohl sagen, es wäre richtiger gewesen, eine Rede, die für viele der Anlass zum Abfall wurde, überhaupt nicht zu halten; wir denken darüber vollkommen anders. Denn was Christus vorausgesagt hatte, konnte man damals – wie auch jetzt alltäglich – beobachten: dass er der Stein des Anstoßes ist (Jes. 8, 14). Freilich sollen wir es bei unserer Lehrweise darauf ablegen, dass niemandem durch unsere Schuld ein Anstoß bereitet werde: so viel irgend möglich, sollen wir alle Hörer zusammenhalten. Wir müssen wohl achtgeben, dass wir nicht durch unbedachte Reden die Unerfahrenen oder Schwachen beunruhigen. Aber eine solche Behutsamkeit, welche der Lehre Christi für jedermann jeden Anstoß nehmen könnte, ist undenkbar. Die Verworfenen, welche ihrem Verderben entgegen eilen, entnehmen aus der gesündesten Speise Gift. Ohne Frage bedachte der Sohn Gottes aufs Beste, was nützlich wäre; dennoch meidet er es nicht, vielen von den Seinigen ärgerlich zu werden. Mögen noch so viele sich in Erbitterung von der reinen Lehre abwenden, es gelingt doch nicht, sie zu erdrücken. Die Lehrer der christlichen Gemeinde sollen nur der Ermahnung des Apostels (2. Tim. 2, 15) eingedenk bleiben, dass sie „das Wort recht teilen“; dann mag sich ärgern, wer will, - sie dürfen unverzagt weiter arbeiten. Sollten auch viele hinter sich gehen, so darf uns das den Geschmack am Worte Gottes nicht verderben. Es tut dem Worte selbst keinen Abbruch, wenn die, welche verloren gehen, keine Lust daran haben. Es ist übergroße Empfindlichkeit, wenn sich jemand durch den Abfall anderer so erschüttern lässt, dass er dadurch selber ins Wanken gerät. Wenn der Evangelist weiter bemerkt: sie wandelten hinfort nicht mehr mit ihm, so deutet er damit an, dass es sich nicht um entschlossenen Abfall handelt, sondern dass jene Leute nur nicht mehr das bisherige Zusammenleben mit Christo fortsetzten. Dennoch verurteilt er sie als Abtrünnige, woraus zu lernen ist, dass wir nicht einen Schritt zurückweichen können, ohne dass uns der Sturz in den Abgrund treubrüchiger Verleugnung droht.

V. 67. Da sprach Jesus zu den Zwölfen. Da der Glaube der Apostel dadurch, dass sie als ein kleiner Rest einer großen Schar allein übrig blieben, einen gewaltigen Stoß erleiden konnte, so erklärt Christus, sich zu ihnen wendend, ausdrücklich: Es ist kein Grund vorhanden, dass ihr euch durch den leichten, unbeständigen Sinn der anderen mit fortreißen lasset! Seine Frage: Wollt ihr auch weggehen? soll ihren Glauben befestigen. Damit bietet er sich ihnen an: Bleibt bei mir! – und ermahnt sie, sich den Abtrünnigen nicht anzuschließen. Und ganz gewiss kann der Glaube, wenn er sich auf Christum gründet, nicht von anderen Menschen abhängig sein, noch auch jemals hinfallen, und würde gleich Himmel und Erde durcheinander geschüttelt. Bemerkenswert ist der Umstand, dass Christus, fast aller seiner Jünger beraubt, nur noch zwölf übrig behält: gerade wie einst Jesaja (8, 16) den Befehl erhielt, das Zeugnis zuzubinden und das Gesetz seinen Jüngern zu versiegeln. Durch solche Vorbilder soll sich jeder Gläubige belehren lassen, Gott zu folgen, ginge auch kein Mensch weiter mit ihm.

V. 68. Da antwortete ihm Simon Petrus. Hier wie anderwärts redet Petrus im Namen aller; sie alle waren eines Sinnes, den unaufrichtigen Judas ausgenommen. Die Antwort gliedert sich nun zweifach. Petrus gibt über den Grund Rechenschaft, weswegen er im Verein mit seinen Brüdern freudig in Christo sein Genüge findet: sie merken, dass seine Lehre ihnen Heil und Leben bringt. Zuvor aber hat er schon ausgerufen: möchten wir uns wenden, wohin wir auch wollten, - überall erwartet uns, wenn wir dich verlassen, der gewisse Tod! Worte des Lebens sind, nach bekanntem Sprachgebrauche der Hebräer, Leben bringende Worte. Das ist ja vor allem der Ruhm des Evangeliums, dass es uns ewiges Leben beschafft, wie Paulus (Röm. 1, 16) bezeugt, es sei eine Gotteskraft, die da selig macht alle, die daran glauben. Auch das Gesetz birgt ja Leben in sich; aber da es die Übertreter des ewigen Todes schuldig spricht, so kann es tatsächlich nichts anderes, als töten. Weit anders steht es mit der Anerbietung des Lebens im Evangelium; da versöhnt uns Gott mit sich selber, indem er uns aus Gnaden die Sünden nicht anrechnet. Übrigens ist es nichts Alltägliches, was Petrus hier von Christo erwähnt. Wenn er bei ihm und nur bei ihm Worte des ewigen Lebens findet, so liegt ja darin, was ich schon andeutete, dass jeder Schritt von Christo hinweg uns dem Tode entgegenführen muss. In der Tat laufen alle, welche mit diesem Meister sich nicht zufrieden geben und auf Menschenweisheit abspringen, in ihr sicheres Verderben.

V. 69. Wir haben geglaubt und erkannt, d. h. es steht unserem Glauben nunmehr ganz fest, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Damit bezeichnet Petrus den gesamten christlichen Glauben in einer kurzen Summe. Freilich scheint dies Bekenntnis mit der hier verhandelten Frage, wieso man Christi Fleisch genießen könne, in keinem Zusammenhange zu stehen. Darauf antworte ich: mögen die Zwölf auch nicht alsbald alles begriffen haben, was Jesus sagte, so ist es doch genug, wenn sie, dem geringen Maße ihres Glaubens entsprechend, sich zu ihm als ihrem Heilande bekennen und sich ihm in allen Stücken unterwerfen. Vom „Glauben“ redet Petrus zuerst, weil der Anfang aller wahren Erkenntnis der Gehorsam des Glaubens ist; ja, der Glaube ist so recht das Auge des Verstandes. Doch schließt sich alsbald das „Erkennen“ an, welches den Glauben von irrigen und falschen Meinungen scheidet. Eine Art von Glauben kann man ja auch den Römischen, Mohammedanern und Juden nicht absprechen; aber es fehlt bei ihnen die klare Erkenntnis, Glauben und Erkennen gehören eng zueinander, weil die göttliche Wahrheit für uns etwas ganz unzweifelhaft Feststehendes ist. Allerdings handelt es sich um einen ganz anderen Erkenntnisvorgang, als bei den menschlichen Wissenschaften; diese Erkenntnis versiegelt uns der heilige Geist, indem er uns volle Gewissheit ins Herz gibt.

V. 70. Jesus antwortete ihnen usw. Weil Christus die Antwort an alle richtet, ziehen wir die Schlussfolgerung: also hat Petrus im Namen aller geredet. Jesus will nun durch vorherige Aussprache die elf Apostel gegen ein neues Ärgernis wappnen, das noch bevorstand. Schon das war ein meisterhafter Schachzug Satans, dass er die Schar der Jünger Jesu auf ein so kleines Häuflein herunterbrachte. Wie nahe lag es, dass nun auch der Glaube dieser Handvoll Menschen zusammenbrach! Vollends nun im Kreise der Zwölfe noch ein Verräter! Das hätte der Todesstoß werden können für den Glauben der letzten Getreuen. Zwölf! Welch eine bedeutungsvolle Zahl! Man hätte denken sollen: Christus hat sie besonders ausgewählt: so ist es doch wohl ein Ding völliger Unmöglichkeit, dass sich in dieser Runde ein unlauterer Mensch befinden sollte. Jesu Wort will demgemäß besagen: Aus der großen Menge seid ihr zwölf mir nur noch allein übrig geblieben. Viele sind untreu geworden. Es hat euch nicht irremachen können. Doch es steht noch ein schwerer Strauß bevor. So wenige ihr seid, - eure Zahl wird nochmals um einen vermindert werden. –

Wenn Jesus von den Zwölfen sagt, er habe sie erwählt, so bezieht sich das nicht auf den ewigen Ratschluss Gottes; ist es doch undenkbar, dass auch nur einer von denen, die zum Leben vorher verordnet sind, zu Falle kommt. Sie waren erwählt worden zum Apostelamt, und deswegen konnte man von ihnen erwarten, dass sie sich durch Frömmigkeit und heiligen Wandel vor den anderen auszeichnen würden. Erwählte sind also hier so viel wie Auserlesene, die vom Volke abgesondert worden waren.

Euer einer ist ein Teufel. Unzweifelhaft wollte Jesus damit den Judas als einen im höchsten Maße abscheulichen Menschen bezeichnen. Es ist gar nicht am Platze, wenn etliche meinen, sie müssten die Kraft dieser Bezeichnung abschwächen. Welch ein heiliges Amt war diesem Judas übertragen worden! Und wie schrecklich entweiht er es! Dafür ist kein Ausdruck zu schlimm. „Engel“ werden die Lehrer genannt, welche treulich ihres Amtes walten (Mal. 2, 7). Dann heißt aber ein Mensch, der, in einen solchen Ehrenstand berufen, dennoch so tief sinkt, dass er ein treubrüchiger Frevler wird, mit vollem Recht ein Teufel. Ein weiterer Grund ist der, dass Gott dem Satan bei solchen tief gesunkenen Dienern seines Wortes noch mehr Recht und Macht einräumt, als bei beliebigen anderen aus dem gewöhnlichen Volke. Deshalb braucht man, wenn frühere Hirten des Volkes Gottes sich von wahrhaft teuflischer Bosheit beseelt zeigen und wilden Tieren, ja Ungeheuern ähnlich werden, wahrhaftig nicht um dessentwillen verächtlich auf den geistlichen Stand herunterzusehen. Im Gegenteil, dadurch muss er in unserer Achtung steigen. Das muss ein edler Stand sein, dessen Entweihung Gottes Rache in so furchtbarer Weise straft.

V. 71. Er redete aber von dem Judas. Judas hatte sicherlich schon ein böses Gewissen. Dennoch lesen wir nichts davon, dass dies Wort auf ihn Eindruck gemacht habe. Heuchler sind eben so abgestumpft, dass sie es gar nicht merken, wenn ihnen gleich der schärfste Stich versetzt wird. Ja, sie haben eine so eiserne Stirn vor den Menschen, dass sie sich unbedenklich in die Reihe der Besten zu stellen wagen.

1) 
Nach jetziger Berechnung beträgt die Länge 21, die Breite 12 Kilometer.

Kapitel 7

V. 1. Darnach zog Jesus umher in Galiläa. Offenbar liefert der Evangelist keine genau zusammenhängende Lebensbeschreibung, sondern wählt Bemerkenswertes aus verschiedenen Zeiten aus. Er erzählt hier, dass Jesus sich einige Zeit in Galiläa aufgehalten hat, weil er bei den Judäern nirgends seines Lebens sicher war. Wollte jemand sagen: Wie wunderlich, dass Christus ein Versteck aufgesucht hat! Er vermochte doch durch seinen bloßen Wink alle Versuche seiner Feinde zunichte zu machen! – so ist darauf zu erwidern: er war dessen eingedenk, was der Vater von ihm verlangte, und wollte sich innerhalb der Grenzen eines einfachen Menschen halten. Als er Knechtsgestalt annahm, hat er sich entäußert bis zu seiner Erhöhung durch den Vater; deshalb mied er auch die Gefahr, recht wie ein Mensch es tut. Es wäre nicht am Platze gewesen, unbekümmert mitten in lauter Gefahren hineinzurennen. Es ziemt uns nicht, allerlei Gefahren aufzusuchen, und nun abzuwarten, was Gott wohl über uns beschlossen hat. Wir haben nur zu fragen: Was befiehlt Gott? Was ist unsere Pflicht? Wie gehen wir unseren Weg nach seinem Willen? Wenn übrigens Christus Gefahren aus dem Wege ging, so hat er doch niemals auch nur um eines Fingernagels Breite die Bahn der Pflicht verlassen. Am Leben bleiben hat nur dann einen Wert, wenn wir Gott dienen wollen. Wir dürfen daher niemals um des Lebens willen das aus dem Auge verlieren, was dem Leben allein Wert gibt. –

Wenn hier ein verachteter Winkel Galiläas Christo Herberge bot, da Judäa ihn nicht leiden konnte, so sehen wir daraus zur Genüge, wie sich die Hauptsitze der Kirche durchaus nicht immer durch Frömmigkeit und Gottesfurcht auszeichnen.

V. 2. Der Juden Fest. Obgleich sich kein sicherer Beweis dafür erbringen lässt, ist es mir doch wahrscheinlich, dass diese Geschichte sich im zweiten Jahr nach der Taufe Christi zugetragen hat. Über diesen Festtag, dessen der Evangelist hier gedenkt, ausführlicher zu reden, hat keinen Zweck; wozu er angeordnet worden war, ersieht man aus 3. Mo. 23, 43. Die Juden sollten durch eine alljährlich stattfindende Feier es sich ins Gedächtnis rufen, dass ihre Vorfahren vierzig Jahre lang in Zelten gewohnt hatten, da sie keine Häuser besaßen, um so den Dank für die Erlösung des Volkes darzubringen. Dass Jesus die Festfeiern in Jerusalem gern aufsuchte, um den dort versammelten Massen das Evangelium zu predigen, haben wir schon (zu 2, 13) bemerkt. In unserem Falle aber berichtet der Evangelist, dass Christus zunächst noch ruhig in dem stillen Galiläa blieb, als wollte er diesmal nicht nach Jerusalem kommen.

V. 3 u. 4. Da sprachen seine Brüder zu ihm. Unter Brüdern verstehen die Hebräer Blutsverwandte aller möglichen Grade. Von ihnen wurde, wie wir hier erfahren, Christus verspottet, weil er, das Licht der Öffentlichkeit scheuend, sich in dem weltabgelegenen Galiläa verstecke. Möglicherweise hat sie der Ehrgeiz dazu angetrieben, dass sie sich am Glanze ihres Anverwandten sonnen wollten. Aber selbst wenn wir dies annehmen, so ist es doch am Tage, dass sie ihren Hohn mit ihm treiben. Sie glauben ja nicht, dass sein Handeln Sinn und Verstand hat. Indem sie sich selbst für klug halten, werfen sie ihm Unklugheit vor: es fehle ihm so sehr an Selbstvertrauen, dass er, obgleich er gern etwas bedeuten möchte, sich doch nicht getraue, den Menschen unter die Augen zu treten.

Wenn sie sagen, dass auch deine Jünger sehen usw., so meinen sie damit nicht seine ständige Umgebung, sondern die, welche er allenthalben im ganzen Volke anwerben wollte. Dieser Gedanke ergibt sich aus dem Folgenden (V. 4.): tust du solches, d. h. willst du „frei offenbar“ sein und aller Augen auf dich ziehen, so offenbare dich vor der Welt, nicht bloß vor einem kleinen Kreise, der niemanden berühmt machen kann. Dies ganze Betragen der Verwandten Jesu ist ein deutliches Beispiel für die Unempfänglichkeit und Gleichgültigkeit der Menschen gegen Gottes Werke: sie konnten ja so nur reden, weil sie die handgreiflichen Beweise der göttlichen Kraft Christi, die sie zur höchsten Bewunderung hätten hinreißen sollen, mit Füßen traten. Was wir hier von Christo hören, spielt sich immer wieder in gleicher Weise ab, nämlich dass den Kindern Gottes Verwandte mehr zu schaffen machen, als Fremde. Sie sind dann Werkzeuge Satans, welche die Kinder Gottes, die ihrem Vater lauter und treu dienen möchten, bald zum Ehrgeiz, bald zur Habgier zu reizen suchen. Christus weist solche Angriffe Satans mit Entschiedenheit zurück und mahnt uns durch sein Beispiel, törichten Bruderwünschen nicht Folge zu leisten.

V. 5. Seine Brüder glaubten nicht an ihn. Wir erschließen daraus, dass auf diesem Gebiete leibliche Angehörigkeit durchaus nicht ins Gewicht fällt. Der Evangelist brandmarkt die Anverwandten Christi als übelgesinnte Menschen, die eigentlich durch das laut redende Zeugnis vieler Taten hätten überführt sein sollen und trotz alledem nicht glaubten. Wer zu Christo gehören will, der muss, wie Paulus (2. Kor. 5, 17; Gal. 6, 15) sagt, eine neue Kreatur sein. Die sich Gott ganz hingeben, die bekommen bei Christo die Stelle von Vater und Mutter und Brüdern. Andere weist er ganz von sich weg. Deshalb ist es ein kindischer Aberglaube, wenn die Römischen die Maria lediglich um ihrer Blutsverwandtschaft mit Christo willen so hoch erheben, - als hätte der Herr nicht jenes Weib getadelt, welches aus der Menge heraus ihm zurief (Lk. 11, 27): „Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast“. Christus gab ihr zur Antwort: „Ja, selig sind, die Gottes Wort hören“.

V. 6. Meine Zeit ist noch nicht hie. Einige deuten das fälschlich auf die Zeit seines Todes. Jesus denkt vielmehr an die Zeit seines Aufbruches nach Jerusalem und bezeugt seinen Anverwandten, dass er in dem Stück von ihnen verschieden ist, dass es ihnen frei steht, ungestraft jederzeit vor die Welt hinzutreten, da sie mit der Welt gut freund sind, er dagegen wohl gegründete Befürchtungen hegt, da die Welt ihm feind ist. Er gibt ihnen damit zu verstehen, dass sie ihm in seiner Sache, in der er sehr gut selbst Bescheid weiß, überflüssigerweise ihren Rat erteilen. Er beschuldigt sie fleischlicher Gesinnung, wenn er von ihnen sagt, die Welt könne sie nicht hassen. Der Friede mit der Welt ist nur für den Preis feil, dass man unter Ertötung der Stimme des Gewissens seine Zustimmung zu ihrem sündlich-bösen Treiben gibt.

V. 7 u. 8. Mich aber hasset sie. Die Welt“ steht hier für die nicht wiedergeborenen Menschen, die auf ihrem eigenen Sinne bestehen. Christus sagt hiermit: alle, die noch nicht vom Geiste wiedergeboren sind, stehen mir feindlich gegenüber. Und aus welchem Grunde? Weil er bezeugt, dass ihre Werke böse sind. Wer dieses Urteil Christi wirklich gelten ließe, müsste also zugeben, dass die ganze, durch und durch verderbte Menschennatur nichts Rechtes, Reines und Gutes hervorzubringen vermag. Da aber der Mensch nur zu gern in seiner Selbstgefälligkeit verharrt, wirft er einen Hass auf Christum, der diesen Zustand aufdeckt. Wir können aber hier lernen, dass von einer rechten Bezeugung des Evangeliums nur da die Rede ist, wo die ganze Welt als schuldig vor Gottes Richterstuhl gerufen wird, damit Fleisch und Blut dort als ganz untüchtig verworfen und vernichtet werden, entsprechend dem Worte Christi (Joh. 16, 8), dass der Geist, wenn er kommt, die Welt von der Sünde überführen soll. Ferner lernen wir hieraus, dass der den Menschen angeborene Stolz so groß ist, dass sie sich mitten in ihren Sünden für sehr tugendsam und lobenswert halten. Sie würden sonst nicht, wenn man sie schilt, so wütend werden. Der Geist allein kann uns sanftmütig machen, dass wir den Tadel still hinnehmen und willig unseren alten Menschen dem Schwerte des Evangeliums darbieten: stoß nur zu!

V. 9 u. 10. Blieb er in Galiläa. Hier stellt uns der Evangelist auf der einen Seite die Verwandtschaft Christi vor Augen, welche mit Schaustellung der landesüblichen Frömmigkeit sich brüstet, dabei aber gut freund mit den Gottlosen ist und deswegen unbehelligt ihres Weges zieht.

Auf der anderen Seite zeigt er uns Christum selbst, der als ein der Welt verhasster Mann heimlich in die Stadt kommt, bis seine Amtspflicht ihn nötigt, offen hervorzutreten. Ist es nun das denkbar Traurigste, sich von Christo loszureißen, so muss es wohl ein verfluchter Friede sein, der nur um den Preis der Verleugnung Christi zustande kommt.

V. 11. Da suchten ihn die Juden. Hier bekommt man einen Einblick in den ganzen damaligen Zustand der Gemeinde Gottes. Die Juden lechzten damals wie Ausgehungerte nach der verheißenen Erlösung. Da erscheint Christus. Und sie? Sie schwanken hin und her in Ungewissheit. Davon dies verworrene Murmeln und die gegen einander laufenden Äußerungen. Dass sie sich ihre Meinungen nur heimlich zuflüstern, ist das sichere Zeichen der tyrannischen Allgewalt, welche die Priester und Schriftgelehrten an sich gerissen hatten. Ohne Frage ein höchst abschreckendes Bild! Die Obersten des Volkes, die seine treuen, liebevollen Hirten sein sollten, halten das Volk in einem Banne von Furcht und Schrecken. Für die Masse der Gemeinde selbst ergibt sich daraus die traurigste Verstörung. –

Unter den „Juden“ ist hier das Volk im Ganzen verstanden, das seit zwei Jahren gewohnt war, Jesum zu hören, und ihn nun, da er, seiner bisherigen Gewohnheit nicht entsprechend, ausbleibt, hier und dort aufsucht.

Die Frage: Wo ist der? lässt erkennen, dass ihnen Jesus eine bekannte Persönlichkeit war. Zugleich verrät aber diese Redeweise, dass der Eindruck, den jene Leute von Christo empfangen hatten, noch nicht in die Tiefe ging, sodass jeder Zweifel überwunden gewesen wäre.

V. 12. Ein groß Gemurmel. Wo die Menschen in größeren Scharen sich sammelten, raunten sie sich also, wie dies unter den Volksmassen zu geschehen pflegt, ihre Urteile über Christum einander zu. Der Zwiespalt, der dabei zu Tage tritt, kann uns lehren, dass die Meinungsverschiedenheit über Christum inmitten der Gemeinden Gottes schon ein uraltes Übel ist. Wie wir aber kein Bedenken tragen, Christum anzunehmen, obwohl er von der Mehrheit seines eigenen Volkes zum Tode verurteilt worden ist, so sollen wir auch in den Stürmen unserer Gegenwart stark und unerschüttert dastehen. Weiter können wir hier sehen, wie unüberlegt die Menschen in göttlichen Dingen zu urteilen pflegen. Die Zurückhaltung, die man sich bei ganz unbedeutenden Fragen sonst auferlegt, schwindet sofort, wenn es ein Urteil über den Sohn Gottes und seine hochheilige Lehre zu fällen gilt. Mögen wir daraus Bescheidenheit lernen, damit nicht das Verwerfungsurteil, welches wir über die göttliche Wahrheit vielleicht fällen, vielmehr auf unser eigenes Leben zurückfalle! Hält aber die Welt uns Bekenner Christi für Lügner und Verführer, so mögen wir uns – falls wir nur in der Tat wahrhaftig sind, - damit trösten, dass wir eben Christi Wundenmale tragen. Endlich zeigt unsere Stelle, dass in einer großen Menschenmenge, auch wenn die Masse unklar und kopflos ist, doch immer einige sich befinden, die die richtige Gesinnung haben. Freilich verschwinden die par Wohlgesinnten unter der Masse der Unzurechnungsfähigen.

V. 13. Niemand aber redete frei usw. Hier sind die „Juden“ die Volkshäupter, die das Steuer in der Hand hielten. Sie hassten Christum so glühend, dass sie weder für, noch gegen ihn die geringste Äußerung duldeten. Nicht als ob sie ein Missfallen daran gehabt hätten, wenn er mit boshaften Vorwürfen zerzaust wurde, sondern weil sie keinen kürzeren Weg sahen, mit ihm fertig zu werden, als wenn sein Name überhaupt in Vergessenheit begraben wurde. Dass keiner den Mund auftat, kam, wie schon oben gesagt, von dem Schreckensregimente her, das ausgeübt wurde. Nun ist es ja gewiss ein übler Zustand, wenn in der Gemeinde ungezügelt jeder reden darf, was er will, - aber noch schlimmer ist es doch, wenn jegliche Regung wahrer Freiheit dergestalt von Furcht erstickt ist, dass es ein gefährliches Wagstück wäre, auch nur ein Wörtchen zu äußern. Umso strahlender und bewundernswerter leuchtet da der unerschrockene Mut Christi hervor, wenn er nun unter das Volk tritt und unbekümmert um seine Feinde, ihre Waffen, ihre Wut und ihren Hass eine Zuhörerschaft um sich sammelt. Jetzt fragt er nichts nach den fürchterlichen Tyrannen des Volkes, sondern tut im Dienste der Wahrheit freudig seinen Mund auf.

V. 14. Ging Jesus hinauf in den Tempel. Hier sehen wir, dass Christus nicht aus Ängstlichkeit die Erfüllung seiner Pflichten vernachlässigte. Die Ursache seines Verzuges war die gewesen: Er wollte erst, wenn das Volk sich gesammelt, und er alle bei einander hatte, sich hören lassen. Es ist also erlaubt, bisweilen drohender Gefahr aus dem Wege zu gehen, jedoch darf man keine Gelegenheit, etwas Gutes zu vollbringen, ungenützt vorüber gehen lassen oder übersehen. Jesus lehrte im Tempel. Das war das Altgewohnte. Gott hat zwar allerlei Förmlichkeiten des Tempeldienstes angeordnet; aber es war nicht seine Absicht, dass das Volk sich nur mit kalten, leeren Schaustellungen begnügen sollte. Damit das Volk etwas vom Besuch des Tempels hätte, musste hinzukommen, dass dort das Wort Gottes gelehrt wurde. So werden die äußerlichen Bräuche lebendige Abbilder der geistlichen Dinge, denen das Wort Gottes den Gehalt verleiht. Die Priester walteten, fast ohne ein Wort zu sagen, ihres Amtes. Die Schriftgelehrten aber verfälschten mit ihrem Sauerteig und ihren eigenen Zusätzen die reine Lehre. So übernahm Christus das Lehramt. Und das mit Recht! Er war ja der höchste Priester, wie er denn auch nachher öffentlich ausspricht, er unternehme nichts ohne des Vaters ausdrückliches Gebot.

V. 15. Und die Juden verwunderten sich. Diese Verwunderung deutet man nicht richtig, wenn man etwa aus den folgenden Worten den Schluss zieht, dass die Juden bereit gewesen wären, Jesu Rede willig und ehrerbietig aufzunehmen. Vielmehr wird ihnen die Verwunderung nur ein Anlass, den Herrn Jesus zu verachten. Die Menschen sind ja so undankbar, dass selbst die Betrachtung der Werke Gottes ihnen neuen Stoff für ihre Irrtümer liefern muss. Wenn Gott bei seinem Tun sich der gewohnten, alltäglichen Mittel bedient, dann werden diese Mittel, die unsere Augen zu beobachten vermögen, zu lauter Schleiern, die uns hindern, die Hand Gottes zu sehen; dann sagen wir: das ist nicht Gottes, das ist Menschenwerk. Wenn aber die Kraft Gottes einmal in einem dem gewohnten Naturlaufe und den gemeinhin bekannten Mitteln überlegenen Glanze erstrahlt, dann wissen wir nicht, wie uns geschieht, und lassen wie ein nichtiges Traumbild an uns vorüberziehen, was uns im tiefsten Innern hätte bewegen müssen. Bei unserem hoffärtigen Sinne achten wir das für nichts, was wir nicht zu begreifen vermögen. Es war ein wunderbarer Beweis der Gnade und Macht Gottes, dass Christus, von keinem Meister unterrichtet, dennoch ein ausgezeichnetes Verständnis der Schrift besaß. Ohne Schüler gewesen zu sein, war er der vorzüglichste Lehrer und Meister. Begreifen können die Juden das nicht. Und gerade deshalb verachten sie die Gnade Gottes. Durch ihr warnendes Beispiel wollen wir uns mahnen lassen, dass wir bei Betrachtung der Werke Gottes mehr noch als sonst von Ehrfurcht vor Gott erfüllt sein sollen.

V. 16. Meine Lehre ist nicht mein. Was den Juden ärgerlich ist, eben das müsste vielmehr eine Leiter sein, darauf sie emporsteigen sollten, um Gottes Herrlichkeit zu schauen. Jesus will sagen: Wenn ihr einen Lehrer seht, der nicht in einer menschlichen Schule sich seine Bildung angeeignet hat, dann erkennt doch an, dass Gott selbst ihn unterwiesen haben muss! Der himmlische Vater wollte aus dem Grunde seinen Sohn lieber aus einer Zimmermannswerkstätte, als aus den Schulen der Schriftgelehrten hervorgehen lassen, damit es umso deutlicher werde, woher das Evangelium stammt! Es sollte niemand denken, es sei ein irdisches Machwerk, das sich irgendein Mensch erdacht habe. Deshalb wählte sich Christus auch ungebildete Laien zu Aposteln und ertrug es, dass sie während der drei Jahre, die sie bei ihm waren, in grober Unwissenheit verharrten, um sie dann in einem Augenblick zu unterrichten und sie nun als neue Menschen, als vom Himmel gesendete Gottesboten hervortreten zu lassen. Bei dieser Gelegenheit zeigt uns Christus, wo die Befugnis zum geistlichen Lehramt zu holen ist: einzig bei Gott. Jesus spricht in Rücksicht auf die Hörer, die in ihm einen gewöhnlichen Menschen sehen, von seiner eigenen Lehre. Aber diesen Unterschied von der Lehre des Vaters setzt er doch nur für einen Augenblick, um sofort die völlige Einheit zu behaupten: Jesus lehrt stets nur, was der Vater ihm aufgetragen hat; darum wird man nicht ungestraft verachten, was nicht von Menschen stammt, sondern von Gott.

V. 17. So jemand will des Willen tun usw. Damit begegnet Jesus im Voraus allerlei Einwürfen. Die zahlreichen Gegner konnten ja sagen: Was prahlst du mit dem Namen Gottes, da wir doch nicht feststellen können, ob du wirklich von ihm kommst? Warum willst du uns aufdrängen, was du einfach behauptest, wir aber niemals zugeben können, dass deine Lehre sich auf göttlichen Auftrag gründet? Dem gegenüber stellt Christus hier fest, dass das rechte Urteil über seine Lehre nur der haben kann, der Gott fürchtet und ehrt. Wenn in ihren Seelen Gottesfurcht wohnt, dann werden sie mit Leichtigkeit erkennen, ob seine Predigt wahr ist oder nicht. Das ist zugleich ein tüchtiger Hieb für sie. Wovon kommt es denn, dass sie nicht richtig urteilen können? Lediglich davon, dass ihnen das fehlt, womit das rechte Verständnis überhaupt erst beginnt, nämlich die echte Frömmigkeit und das Bestreben, Gott zu gehorchen. –

Diese Stelle ist ganz besonders beachtenswert. Immerwährend lauert Satan uns auf und stellt uns allenthalben seine Fallen, um uns mit seinen Ränken zu fangen. Hier gibt Christus ein sicheres Mittel in die Hand, mit welchem wir uns gegen ihn schützen können: sind wir bereit zum Gehorsam gegen Gott, so wird er gewiss nicht verfehlen, mit dem hellen Strahle seines Geistes uns zu erleuchten, so dass wir zwischen Wahrheit und Lüge sicher zu unterscheiden vermögen. Am rechten Urteil kann uns allein das hindern, dass wir keine Belehrung von Gott annehmen wollen; dann freilich ist es die gerechte Strafe, wenn Satan unser spottet. Ebenso lehrt Mose (5. Mo. 13, 4), dass Gott uns versuchen und prüfen will, wenn falsche Propheten sich erheben; wer aufrichtigen Herzens ist, lässt sich von ihnen nicht verführen. Deshalb ist es sehr verkehrt, wenn heutigen Tages so viele, in der Besorgnis, sie könnten in Irrtümer verfallen, bange sind, sich überhaupt zu unterrichten. Es steht nicht umsonst geschrieben (Mt. 7, 7): „Klopfet an, so wird euch aufgetan“. Sind wir nur ganz und gar ergeben in den Gehorsam gegen Gott, so sollen wir nicht zweifeln: der Geist der Unterscheidung wird uns gegeben werden, um für immer unser Führer und Leiter zu sein. Wenn andere von dieser Leitung nichts wissen, sondern sich haltlos hin und her werfen lassen, so werden ihnen gewiss einmal die Augen darüber aufgehen, wie eitel die Vorwände ihres Nichtwissens sind. Die Zweifler unserer Tage, die mehr darauf aus sind, ihren skeptischen Standpunkt zu befestigen, als durch Lesen oder Hören ernstlich nach der göttlichen Wahrheit zu forschen, entpuppen sich nur zu oft an den einfachsten moralischen Grundsätzen als offenbare Gottesverächter. Da behauptet jemand, dass sein Verstand zwischen göttlicher Wahrheit und Menschengedanken nicht zu unterscheiden wisse, - dabei macht er sich aus der Hurerei kein Gewissen, oder es kommt ihm nicht auf Meineid oder räuberischen Betrug an! Solche Proben könnte man der Reihe nach bei allen Skeptikern machen. Sie zucken die Achseln: wir wissen nicht, was das Rechte ist, - und lassen es dabei in Dingen, zu deren richtiger Beurteilung gar kein besonderer Scharfsinn gehört, an der Achtung vor Gott und seinem Gebot fehlen. So darf es uns denn nicht Wunder nehmen, wenn in unserer Zeit nur so verschwindend wenige das Evangelium wirklich annehmen; Gottesfurcht ist eben ein seltenes Ding in dieser Welt. Christus sagt hier, was eigentlich wahre Frömmigkeit ist, nämlich, dass wir von ganzem Herzen willig sind, Gottes Willen zu tun; das aber vermag nur der, welcher allem eigenen Willen den Abschied gegeben hat.

Oder ob Ich von mir selbst rede. Damit bezeichnet Christus den Punkt, auf den es bei jeder Lehre ankommt: die von Gott ist, gilt es ohne Widerrede annehmen; die von Menschen stammt, gilt es mit Entschiedenheit abweisen. Das ist das einzige Merkmal, an dem er wahre und falsche Lehre unterschieden wissen will.

V. 18. Wer von ihm selbst redet, der sucht seine eigene Ehre. Bis hierhin hat Jesus gelehrt, der einzige Grund, dessentwegen Menschen die Wahrheit nicht zu sehen vermöchten, sei der, dass sie sich nicht von der Furcht Gottes regieren lassen. Jetzt zeigt er ein Merkmal an der Lehre selbst, an dem man erkennen kann, ob sie menschlichen oder göttlichen Ursprungs ist. Eine Lehre, welche die Ehre Gottes in helles Licht setzt, ist heilig und von Gott; eine Lehre dagegen, die sich dem Ehrgeiz der Menschen zu Dienst stellt, indem sie Menschen erhebt, Gottes Ehre aber verdunkelt, verdient nicht nur keinen Glauben, sondern im Gegenteil rücksichtslose Verwerfung. Folglich kann der niemals irre gehen, der immer den Blick auf Gottes Ehre gerichtet hält. Er hat damit den Probierstein in der Hand, an dem offenbar wird, woher das stammt, was man ihm im Namen Gottes vorträgt. Ein Lehramt in der christlichen Kirche darf deshalb auch nur der begehren, welcher, alles Ehrgeizes bar, nur das Eine will: mit allen Kräften die Ehre Gottes fördern. Wenn es hier von einem solchen Manne heißt: es ist keine Ungerechtigkeit an ihm, so will das besagen: es ist nichts Unwahres, keine falsche Schminke an ihm, er tut, was eines rechtschaffenen, lauteren Dieners Gottes würdig ist.

V. 19. Hat euch nicht Moses usw. Der Evangelist berichtet nicht die ganze Rede Christi von Anfang bis zu Ende, sondern nur die Hauptstellen daraus, welche zum Verständnis des Ganzen wiedergegeben werden mussten. Die Priester und Schriftgelehrten waren über der Heilung eines gelähmten Mannes Christo Feind geworden, angeblich aus Eifer um das Gesetz. Das war freilich ein heuchlerischer Vorwand, zu dessen Widerlegung der Herr nun einen mehr persönlichen als sachlichen Beweis antritt. Gegen ihre eigenen Sünden waren die Juden äußerst nachsichtig, und das in einem solchen Maße, dass man hätte denken können: diese Leute wissen überhaupt nichts vom Gesetz. Daraus schließt Jesus: wirklich lieb könnt ihr also das Gesetz nicht haben! Diese Verteidigung würde allerdings nicht ausreichen, um Jesu gutes Recht sicher zu stellen. Räumen wir auch ein: von Hass und Bosheit sind sie innerlich angetrieben; sie machen nur ein Mäntelchen darum mit ihrem angeblichen Gesetzeseifer, - so folgt doch daraus nicht ohne Weiteres, dass Christus recht gehandelt hat, falls er irgendeinen Verstoß gegen das Gesetz beging. Wir machen unsere Schuld nicht damit geringer, dass wir sagen: anders sündigen auch. Aber wir stehen hier nur an dem Anfang der Verteidigungsrede. Da will Jesus seinen Feinden in das Gewissen reden. Sie tun so, als wären sie die treuen Hüter des Gesetzes. Dass sie das gerade Gegenteil sind, zeigt er offen, indem er ihnen vorhält, dass sie getrost das Gesetz übertreten, so oft es ihnen passt. Nachher geht er vom persönlichen Gebiet auf die Sache selber ein, wie wir bald sehen werden. So ist seine Verteidigung wohl abgerundet. Hier sagt er nur: Wer das Gesetz verachtet, der darf sich nicht als Gesetzeseiferer aufspielen wollen. Christus zeigt, dass die Wut, die sich zu Mordgedanken gegen ihn versteigt, einen ganz anderen Grund haben muss. Er gibt hier ein Muster für die Art, wie man die Feinde der göttlichen Wahrheit aus ihren Schlupfwinkeln herausholen muss, wenn sie sich stellen, als handelten sie aus dem reinsten Beweggründen. Wo sich der angebliche sittliche Eifer nicht im Leben erprobt, da soll man den Leuten mit entsprechendem Hinweis den Mund stopfen.

V. 20. Du hast den Teufel. Das soll heißen: du bist verrückt. Dies war die gewohnte Redeweise bei den Juden. Die Lehre war bei ihnen gang und gäbe, dass der Teufel die Menschen plage, wenn sie unsinnig werden, oder Verstand und ruhige Überlegung sie verlässt. Wenn gelinde Züchtigung die Ruten sind, deren Gottes Vaterhand sich bedient, so scheint dies doch nicht mehr zuzutreffen, wo er uns schärfer und strenger vornimmt. Da scheint nicht seine väterliche Hand uns zu strafen, sondern der Teufel, den er als Folterknecht und Werkzeug seiner Zorngerichte benutzt. Übrigens ist das Schelten der Volksmenge recht einfältig; sie wissen ja gar nicht, was ihre Priester vorhaben. In ihrer Dummheit nennen sie es Wahnsinn, wenn Christus sich darüber beschwert, dass man seinen Tod plant. Das lehrt uns, ängstlich mit Urteilen über Dinge, von denen wir nichts verstehen, zurückzuhalten. Sollte es uns aber einmal vorkommen, dass man uns leichtfertigerweise verdammt, so gilt es, eine derartige Schnödigkeit geduldig hinzunehmen, wie es Christus hier tut.

V. 21. Ein einiges Werk habe ich getan. Hier zeigt Jesus, dass sein Wunder auch nicht entfernt mit dem Gesetze Gottes in Widerstreit gerät. Wenn er sagt, er habe ein einiges Werk getan, so meint er damit: eines einzigen Frevels beschuldigt ihr mich! Dies eine Werk, um dessentwillen sie ihn tadelten, war die Heilung eines Menschen am Sabbattage. Nennen sie denn jedes Werk, das am Sabbat geschieht, einen Frevel? Durchaus nicht. So galt es nicht als Übertretung des Sabbatgebotes, wenn an diesem geheiligten Tage in Judäa viele Kinder beschnitten wurden. Jesus zieht das Beispiel heran, um seine Handlungsweise zu verteidigen. Doch vergleicht er nicht zwei gleich wichtige Dinge miteinander, sondern etwas Größeres mit etwas Kleinerem. In der Beziehung bestand eine Ähnlichkeit zwischen der Beschneidung und zwischen der Heilung des gelähmten Mannes, dass beides ein Werk Gottes war. Christus beansprucht indes für das letztere den Vorzug; ist doch diese Heilung eine dem ganzen Menschen zugutekommende Wohltat. Hätte nun Jesus den Mann bloß von seinem körperlichen Gebrechen geheilt, so würde der Vergleich nicht ziehen. Dann wäre vielmehr die auf die Heilung der Seele abzielende Beschneidung das wichtigere. Christus verbindet mit der dem Leibe erwiesenen Wohltat aber eine geistliche Frucht des Wunders. Macht er sonach den Menschen gleichzeitig heil an Leib und Seele, so besteht der Vorzug, den er seiner Tat der Beschneidung gegenüber gibt, zu Recht. Es wundert euch alle, - wie ja dies in jenem Murren zum Ausdruck kommt, welches sich über Jesu angeblich anmaßende Tat erhob.

V. 22 u. 23. Moses hat euch darum gegeben die Beschneidung. Das Gebot der Beschneidung forderte unter Umständen die Vollziehung dieses religiösen Sinnbildes am Sabbat. Mit dem „darum“ will Jesus also sagen: damit ist euch schon hinlänglich gezeigt worden, dass die Sabbatfeier durch göttliche Werke nicht verletzt werden kann. Er berichtigt seine Aussage sofort selbst. Moses hat ja die Beschneidung nicht erst eingeführt. Hier kommt es aber nur darauf an, dass Moses, der so strenge auf die Heiligung des Sabbats gehalten hat, dennoch die Beschneidung der Kinder auf den achten Tag verlegt, gleichviel ob derselbe ein Sabbat ist oder nicht.

V. 24. Richtet nicht nach dem Ansehen. Die Verteidigung ist beendet. Nun fügt Jesus noch den Vorwurf hinzu, dass das gegnerische Urteil sich nicht auf die Sache selbst und den Tatbestand gründe, sondern aus einem boshaften Sinne fließe. Die Beschneidung stand bei den Juden in gebührenden Ehren. Musste man sie am Sabbat vornehmen, so wussten sie, dass damit keine Gesetzesverletzung gegeben war: denn Gottes Werke stimmen richtig zusammen. Warum urteilen sie nun nicht genau ebenso über das, was Christus getan hat? Einfach deshalb nicht, weil sie ein Vorurteil gegen ihn gefasst haben. Ein Urteil kann aber niemals das Rechte treffen, wenn es nicht dem Sachverhalt entnommen ist. Sobald Neigung oder Abneigung gegen eine Persönlichkeit hereinspielt, hört die Sachlichkeit und eben damit die Wahrheit völlig auf. Die Mahnung Christi hat ja in allen Lagen des Lebens ihre einschneidende Bedeutung; sie ist aber vor allen Dingen hoch notwendig, wo es sich um die himmlische Lehre handelt. Wie nahe liegt doch da die Gefahr, sich von der Wahrheit nur deshalb abzuwenden, weil man einen bestimmten Menschen nicht leiden mag oder verachtet.

V. 25 u. 26. Etliche von Jerusalem. Danach wussten einige um die Mordabsichten der Obersten wider den ihnen verhassten Christus. Die große Masse hielt ja freilich solchen Gedanken für Wahnsinn (V. 20). Die besser Unterrichteten wundern sich nun mit gutem Grund darüber, dass die mit ohnmächtigem Groll gegen Christum erfüllten Obersten ihres Volkes die Hände in den Schoß legen. Unbehelligt darf Christus nicht nur öffentlich im Tempel erscheinen, sondern auch freimütig predigen. Diese Unterrichteten versündigen sich jedoch dadurch, dass sie in einem so offenkundig göttlichen Wunder das Walten Gottes nicht beachten. Fleischliche Menschen kommen eben nur bis zum Staunen, wenn sie ein sie befremdendes Werk Gottes sehen: die mächtige Hand Gottes enthüllt sich ihnen nicht darin. Wir sollten aber Gottes Werke eindringlicher betrachten. Namentlich wenn wir sehen, dass die Gottlosen mit allen ihren Anschlägen vergeblich den Lauf des Evangeliums zu hemmen suchen, sollen wir erkennen, dass Gottes gewaltige Hand es ist, die alle Anstürme vereitelt und niederschlägt.

V. 27. Doch wir wissen, von wannen dieser ist. Hier sehen wir nicht nur, wie groß die Blindheit der Menschen ist, wenn sie über göttliche Dinge ein Urteil abgeben sollen, wir erkennen auch, was für eine angeborene Geschicklichkeit, möchte man sagen, sie haben, mit großer Schlauheit sich selbst Hindernisse in den Weg zu schaffen, um nur ja nicht zur rechten Erkenntnis zu gelangen. Häufig ist es ja Satan selbst, der allerlei Anstöße zubereitet, durch die eine Menge Menschen von Christo fern gehalten werden. Aber wenn auch der Weg zu Christo ganz glatt und eben wäre, so würde mancher sich mutwillig Anstöße schaffen. So lange die Obersten nichts von Christo wissen wollten, genügte für solche Leute dies allein, um sie von Christo abzuhalten. Jetzt, wo dieses Hindernis gefallen scheint, ersinnen sie schleunigst einen neuen Vorwand, um nur ja in ihrem Unglauben verharren zu können. Sie klammern sich daran, dass nach den Aussagen der Propheten des Messias Herkunft unbekannt sein solle, während sie doch Jesu Abstammung zu kennen glauben. Das gibt uns einen warnenden Fingerzeig, wie verhängnisvoll es ist, wenn man die verschiedenen Aussprüche der Schrift auseinander reißt und damit Christum selbst, indem man nur die eine Seite seines Wesens anschaut. Gott hat einen Erlöser aus Davids Samen verheißen, an verschiedenen Stellen aber sagt er, dass er allein dieser Erlöser sein will. So musste sich Gott selbst im Fleische offenbaren als Erlöser seiner Gemeinde. Micha bezeichnet (5, 1) auf der einen Seite genau den Geburtsort Christi. Auf der anderen Seite aber, und zwar unmittelbar danach, redet er von einem anderen, höheren, und eben damit von einem geheimnisvollen, verborgenen Ausgang. Was sind das doch für unglückliche Menschen, die im Blick auf Christum nur ein Auge für das Unscheinbare, Verächtliche haben und deshalb schnell mit dem Urteil fertig sind: er ist nicht der Verheißene! Lasst uns lernen, den im Fleische erniedrigten Christus so anzusehen, dass gerade die den Gottlosen verächtliche Niedrigkeit uns zu seiner himmlischen Herrlichkeit emporhebt. Dann wird Bethlehem, wo er als Mensch geboren ward, für uns die Pforte sein, durch die wir in Gottes ewiges Heiligtum eintreten dürfen.

V. 28. Da rief Jesus usw. Mit herben Worten wendet sich Jesus gegen die Leichtfertigkeit, die hochmütiger weise an den eigenen Wahngedanken Gefallen findet und sich damit die Erkenntnis der Wahrheit mutwillig verschließt. Er will sagen: Ihr wisst alles, - und wisst doch nichts! In der Tat ist es eine schlimme Krankheit, wenn den Leuten ihr geringes Wissen so in den Kopf gestiegen ist, dass sie ohne weiteres verwerfen, was nicht in ihre Gedanken passt. Natürlich meint es Jesus nicht ernst, wenn er sagt: Ihr kennt mich, und wisst, von wannen ich bin. Ihrem Wahngedanken setzt er die Wahrheit gegenüber. Er will sagen: Ihr schaut nur auf die Erde herab; so meint ihr mich auch im Staube zu finden. Daher eure Verachtung gegen mich als einen unedlen Sohn der Erde. Gott aber wird es bekunden, dass ich vom Himmel gekommen bin; mögt ihr mich noch so sehr verschmähen, - Gott wird mit der Anerkennung nicht zurückhalten, dass ich wirklich der Seine bin.

In diesem Zusammenhange heißt Gott ein Wahrhaftiger, - in demselben Sinne, wie Paulus (2. Tim. 2, 13) sagt: auch wenn wir nicht glauben, bleibt er treu; er kann sich selbst nicht verleugnen. Jesus will ja einprägen, dass es der Zuverlässigkeit des Evangeliums durchaus keinen Abbruch tut, wenn auch die Welt es zum Wanken bringen möchte. Mögen gottlose Menschen noch so viel an Christo herummäkeln: es schadet ihm nichts, denn die Wahrheit Gottes besteht, und er bleibt immer sich selbst gleich. Jesus sieht, dass er verachtet wird; nicht einen Schritt weicht er zurück, - im Gegenteil, in großartiger Weise geht er zum Angriff über wider die wahnwitzige Anmaßung derer, die ihn für nichts achten. Solche unüberwindliche Heldengröße ziemt jedem Gläubigen. Jedenfalls wird unser Glaube erst fest und unbeweglich stehen, wenn wir aller Angriffe der Gottlosen, die sich wider Christum erheben, mutig spotten können. Insbesondere müssen fromme Prediger im Vertrauen auf Gottes Schutz unbeirrt im Bekenntnis der gesunden Lehre fortfahren, wenn auch die ganze Welt dawider schreit. So beruft sich Jeremias (20, 7) auf Gott als seinen Bürgen und Beschützer, wenn man ihn als einen Betrüger verdammt: „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen“. Ähnlich Jesaja (50, 8) und Paulus (1. Kor. 4, 5).

Welchen ihr nicht kennt. Damit will Jesus sagen: Es ist nicht wunderbar, dass ihr Juden mich nicht kennt; ihr wisst ja auch von Gott nichts. – Der Anfang der Weisheit ist: auf Gott schauen. Indem Christus sich die Erkenntnis Gottes zuschreibt, gibt er zu verstehen, dass er sich nicht grundlos zu solcher Zuversicht erhebt. Durch sein Beispiel mahnt er uns, nicht unbedachterweise den Namen Gottes heranzuziehen, um uns seiner als des Schutz- und Schirmherren unserer Sache zu rühmen. Es sind gerade in diesem Punkte viele Menschen unverantwortlich kühn: mancher Schwärmer gibt mit frechster Zuversicht seine willkürlichen Ansichten für göttliche Offenbarungen aus und verwirft damit ohne weiteres jegliche Abweichung. Vor solch windiger Selbstüberhebung soll man sich hüten. Christi Vorbild zeigt uns, dass man erst dann sich tapfer wider alle Menschen stellen darf, wenn man der Wahrheit Gottes völlig sicher geworden ist. Wer aber der gewissen Überzeugung sein darf, dass Gott auf seiner Seite steht, der braucht sich vor dem Vorwurf der Vermessenheit nicht zu fürchten, wenn er gleich die ganze Welt unter seine Füße träte.

V. 29. Ich bin von ihm, und Er hat mich gesandt. Einige Ausleger unterscheiden die beiden Glieder dieses Satzes so, dass sie das erste auf das göttliche Wesen Christi beziehen, das andere auf das ihm vom Vater übertragene Amt, um dessentwillen er Fleisch wurde und die menschliche Natur annahm. Ich möchte das nicht einfach verwerfen, habe jedoch einzuwenden, dass ich eine so scharfe Unterscheidung im Munde Christi nicht besonders glaublich finde.

V. 30. Da suchten sie ihn zu greifen. Wie gern wären sie an ihn gegangen! Es fehlte nur der Mut und auch die Kraft. Wovon kommt es denn, dass sie trotz ihres hitzigen Eifers sich doch nicht regen, gleich als wären sie an Händen und Füßen gebunden? Die Antwort des Evangelisten lautet: die Stunde Christi war noch nicht gekommen. Das besagt: er war gegen ihre Gewalttätigkeit durch Gottes besondere Obhut geschützt. Damit begegnet der Evangelist zugleich dem Ärgernis des Kreuzes. Wir brauche uns durch Christi Kreuzestod nicht in Verwirrung bringen zu lassen, denn wir hören ja hier, dass Christus nicht als ein wehrloses Opfer menschlicher Bosheit und Leidenschaft zugrunde gegangen ist, sondern dass ihn der ausdrückliche Ratschluss Gottes zum unschuldigen Opferlamm auserkoren hat. Eine allgemeine Lehre ist daraus zu entnehmen. Selbst wenn wir, unbekümmert um die Zukunft, in den Tag hinein leben, hat Gott doch für einen jeden die Stunde des Todes festgesetzt. Das ist gewiss schwer zu glauben angesichts der Tatsache, dass wir so vielen Zufälligkeiten preisgegeben, so vielen Kränkungen oder Nachstellungen von Menschen und Tieren ausgesetzt, von so vielen Krankheiten umlauert sind. Aber alle diese Gefahren vermögen uns eben nichts anzuhaben, wenn Gott uns noch nicht abrufen will. Will uns das unglaublich erscheinen, so haben wir diesen unseren Unglauben zu bekämpfen. Das wäre die Lehre. Aber was bezweckt sie? Welche Mahnung erwächst daraus für uns? Wirf alle deine Sorgen auf Gott und führe das aus, wozu er dich beruft; lass dich aber weder von der Erfüllung deiner Pflicht durch irgendwelche Ängstlichkeit abhalten, noch auch schreite über die dir gezogenen Grenzen hinaus!

V. 31. Aber viele vom Volk usw. Konnte es bisher scheinen, als hätte Christus vor lauter tauben und völlig verstockten Leuten gepredigt, so merkt der Evangelist nun auch an, dass einige Frucht sich immerhin gezeigt habe. Mag also der eine Teil der Zuhörer mit den Zähnen knirschen, ein anderer Teil lachen, der dritte boshafte Verleumdungen gegen dich deiner Predigt entnehmen, mögen allerhand Äußerungen, dass man nicht mit dir einverstanden gewesen sei, dir zu Ohren kommen, - nur getrost, du hast, wenn du wirklich das Evangelium verkündet hast, doch nicht vergebens gearbeitet! Streue deinen Samen aufs Land und warte es geduldig ab, bis dermaleinst die Frucht zutage kommt. Übrigens ist das Wort „glauben“ hier uneigentlich zu nehmen. Diese „Gläubigen“ hingen mehr an der Wundertätigkeit Christi, als dass sie sich auf seine Lehre gestützt hätten; auch waren sie noch nicht zu der Überzeugung gekommen, dass Jesus der Messias sei. Immerhin waren sie bereit, ihn anzuhören, und boten sich ihm, dem Meister, als gelehrige Schüler dar. Diese Willigkeit zum Glauben heißt hier selber Glauben. Wenn also ein so geringer Funken guter Gesinnung schon von dem Geiste Gottes in der Schrift einen so ehrenvollen Titel erhält, so muss uns das ermutigen, dass wir nicht zweifeln: der Glaube ist in jedem Falle Gott lieb und wert, wäre er auch noch so klein.

V. 32. Und es kam vor die Pharisäer. Daraus ist zu ersehen, dass die Pharisäer immer sozusagen auf Vorposten standen, jederzeit bei der Hand, um zu verhüten, dass Christus im Volke Boden gewönne. In der ersten Vershälfte nennt der Evangelist sie allein, in der zweiten fügt er auch noch die Hohenpriester hinzu. Ohne Zweifel wollten die Pharisäer für die eifrigsten Gesetzesmänner angesehen werden. Deshalb setzten sie sich in viel schärferen Gegensatz zu Christo, als alle übrigen. Doch wären sie allein dem Werke der Unterdrückung Christi nicht gewachsen gewesen. Deshalb rufen sie den gesamten Priesterstand, dem sie ja auch angehörten, zur gemeinsamen Unternehmung auf. Sonst untereinander uneinig, sind sie nun auf einmal einig. Satan hat den Vorsitz in ihrer Mitte, als sie die Verschwörung gegen den Sohn Gottes planen. Übrigens, wenn die Pharisäer von solchem Eifer glühen und so ängstlich besorgt sind um die Wahrung ihrer Macht und die Beibehaltung des verrotteten Zustandes der Kirche, wie viel mehr müssten wir uns von heiliger Begeisterung treiben lassen, wo es gilt, das Reich Christi zu bauen!

V. 33. Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch. Einige Ausleger lassen diese Rede Jesu an die versammelte Volksmenge gerichtet sein, andere sagen, sie gelte nur den Dienern, die ihn greifen sollten. Aber Christus will hier gewiss seine Feinde recht eigentlich anreden, die den Plan, ihn zu verderben, angesponnen hatten. Ihre Versuche sind ihm lächerlich. Sie machen sie vergebliche Mühe, so lange bis die Zeit da ist, die der Vater bestimmt hat. Weshalb – das liegt in seinen Worten – wendet ihr euch nur mit solchem Abscheu weg von der Gnade, die ich euch anbiete? Ja, damit nicht genug, - weshalb kämpft ihr mit solcher Wut dagegen an? Ihr Unseligen! Es wird nicht mehr lange dauern, so wird sie euch entzogen! Wenn Jesus sagt: „Ich bin bei euch“, so möchte er damit seinen Gegnern die Augen für ihre Undankbarkeit öffnen. Er ist ihnen vom Vater geschenkt, ist aus seiner Himmelsherrlichkeit zu ihnen herab gestiegen, er lädt sie freundlichst zu sich ein, begehrt nichts mehr als ihr Beistand zu sein, - und doch gewährten ihm nur so wenige Herzen Zutritt! Wenn er sagt: „Noch eine kleine Zeit“, so erinnert er mahnend, dass Gott es nicht mehr lange ruhig mit ansehen wird, wenn man seine Gnade in so schnöder Weise verachtet. Dabei aber deutet er an, dass weder sein Leben noch sein Tod menschlichem Gutbefinden unterstellt ist, dass vielmehr der Vater ihm eine Frist bemessen hat, die erst abgelaufen sein muss.

Dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. Mit diesen Worten bezeugt Jesus: Mit dem Tode wird es nicht etwa aus mit mir sein. O nein, sobald ich mein Erdenkleid, diesen sterblichen Leib, abgelegt haben werde, werde ich den herrlichen Triumph der Auferstehung feiern, worin ich als Gottessohn erklärt werden soll! Er will sagen: Machet nur was ihr wollt; ihr werdet es niemals dahin bringen, dass der Vater, wenn ich seinen Auftrag ausgerichtet habe, davon Abstand nimmt, mich dann in seine himmlische Herrlichkeit aufzunehmen. So werde ich nicht bloß nach dem Tode derselbe bleiben, wie vorher, sondern es wartet meiner dann ein Stand von weit größerer Erhabenheit. –

Übrigens fließt daraus die uns allen geltende Mahnung: Bedenkt, dass Christus selbst vor euch steht, wenn euch die Predigt des Evangeliums aufruft, das Heil zu ergreifen! Es geschieht nicht von ungefähr, wenn Eph. 2, 17 die Predigt des Evangeliums als ein Herabkommen Christi zu uns bezeichnet wird. Da streckt er seine Hand nach uns aus. Ergreifen wir sie, so wird er uns zum Vater hinführen, und solange wir in der Welt unsere Pilgrimschaft zu vollführen haben, wird er sich nicht nur als in unserer Nähe befindlich erweisen, sondern sogar andauernd in uns wohnen. Sind wir gleichgültig gegen sein Nahesein, so ist das nicht sein, sondern unser Schaden. Dann geht er von uns und lässt uns allein als Menschen, die sich selber um die Gemeinschaft mit Gott und das ewige Leben gebracht haben.

V. 34. Ihr werdet mich suchen. Sie suchten ihn auch, aber um ihn zu töten. Es liegt hier ein Wortspiel vor, dessen furchtbar ernster Sinn der ist: Binnen kurzem werdet ihr mich ganz anders, als jetzt, suchen! Es wird das eintreffen, wenn sie im Unglück, nachdem alles verloren ist, sich nach Trost und Hilfe umsehen werden. Jesus will sagen: Jetzt ist es euch beschwerlich und unerträglich, dass ich auch nur eine kleine Zeit bei euch bin; es wird nicht lange währen, dann sucht ihr mich vergebens. Dann bin ich nicht bloß leiblich nicht mehr da, sondern dann wird euch auch meine Hilfe vom Himmel her nicht zu Gebote gestellt werden. Droben werde ich eurem Untergang zuschauen. –

In welcher Weise soll man sich nun das Suchen nach Christo vorstellen? Jedenfalls ist doch hier von solchen die Rede, die Gott verworfen hat, von Leuten, die unentwegt bis zu allerletzt die Heilsbotschaft Christi ausgeschlagen haben. Einige deuten dies Suchen auf ihren Eifer um das Gesetz; die Juden haben ja mit großem Eifer die Gerechtigkeit aus den Werken gesucht, jedoch ohne zu erreichen, was sie wollten. Mehrere beziehen es auf den Messias, den die Juden sich später in ihrer letzten Not als Befreier umsonst erflehten. Ich deute es einfach auf das angstvolle Seufzen der Gottlosen, wenn sie notgedrungen einmal nach Gott sich umsehen. Aber selbst dann suchen sie nicht wirklich, wenn sie auch in ihrer Art suchen, denn ihr Unglaube und ihre Verstocktheit hält sie von Gott fern. Ihr Herz ist fest verriegelt. Es wäre ihnen schon recht, wenn Gott ihnen beistände, aber durch ihre Unbußfertigkeit und Herzenshärtigkeit versperren sie sich selber den Zugang zu ihm. Ein Beispiel hierfür bietet Esau, der wegen des Verlustes der Erstgeburt nicht nur betrübt ist, sondern auch murrend und zähneknirschend sich zu wilder Erbitterung hinreißen lässt (1. Mo. 27, 38; Hebr. 12, 17). Bei alledem ist er natürlich sehr weit entfernt von dem rechten Weg, auf dem er den Segen suchen musste; ja da zeigt er, wie völlig des Segens unwürdig er ist. So pflegt sich Gott bei denen zu rächen, die er verwerfen muss. Durch schwere Strafen darnieder gebeugt oder im Gefühl ihre Unseligkeit wie in Ketten liegend oder irgendwie anders in die Enge getrieben, klagen, schreien, heulen sie. Aber es hilft alles nichts. Sie bleiben immer dieselben Leute, die nach wie vor ihren Trotz gegen Gott innerlich nähren und sich nicht zu ihm wenden: können sie sich Gottes nicht entledigen, so möchten sie ihn wenigstens anders haben, als er ist. Lasst uns hieraus lernen, dass wir rasch zugreifen müssen, sobald Christus uns nahe gebracht wird: denn ist die Tür einmal geschlossen, so werden wir vergebens einzutreten versuchen (Jes. 49, 8; 55, 6).

V. 35 u. 36. Wo will dieser hingehen? Das setzt der Evangelist noch hinzu, um den unglaublichen Stumpfsinn des Volkes anschaulich zu machen. So sind die Gottlosen nicht bloß taub, wo sie die Lehre Gottes anhören sollten, - sie gehen auch spielend vorüber an schrecklichen Drohungen, als hörten sie etwas ganz Fabelhaftes. Christus hatte ausdrücklich den Vater gemeint, sie aber haften an der Erde und denken an eine Auswanderung in ferne Gegenden. Unter Griechen verstanden bekanntlich die Juden überhaupt die jenseits des Meeres wohnenden heidnischen Völker. Doch meinen sie nicht, Christus werde die Unbeschnittenen aufsuchen, - sie denken an die in vielen Ländern zerstreut lebenden Juden. „Die Zerstreuten“ passt nicht für die Landeseinwohner, die Ortsgebürtigen, sondern für die als Flüchtlinge oder Verbannte allenthalben lebenden Juden (1. Petr. 1, 1; Jak. 1, 1). Die Leute fragen also, ob Jesus vielleicht über das Meer fahren will zu Juden, die in einer unbekannten Welt wohnen. Vielleicht ist die ganze Frage spöttisch gemeint: Wenn dieser Mensch der Messias ist, will er dann seinen Thron in Griechenland aufrichten, während ihm doch Gott seinen Wohnsitz im Lande Kanaan angewiesen hat? Jedenfalls sehen wir, dass die ernstlichen Bedrohungsworte Christi keinerlei Eindruck gemacht haben.

V. 37. Am letzten Tage usw. Hierbei ist an erster Stelle zu bemerken, dass sich Christus durch keinerlei Tücken oder Nachstellungen der Feinde von der Ausübung seiner Pflicht hat abschrecken lassen, - mitten in der Gefahr wuchs vielmehr seine Seelengröße, sodass er nur noch mutiger fortfuhr. Dafür gibt Zeugnis die ganze Sachlage, das dichte Gedränge des Volkes, und die Freiheit, mit der er in die Versammlung hineinrief, obwohl er wusste, dass sich überall Hände nach ihm ausstreckten. Die Diener der Priester werden doch wohl sicherlich damals bereit gewesen sein, den ihnen erteilten Befehl zu befolgen. Jesus stand ihnen gegenüber, allein auf Gottes Schutz vertrauend. Wie konnte er aber überhaupt, nachdem vonseiten der Machthaber die Knechteschar den bestimmten Auftrag erhalten hatte, mitten im Tempel predigen, wo jene doch völlig ungehindert schalteten und walteten? Nur deshalb, weil Gott ihre Wut im Zaume hielt. Sehr wertvoll ist für uns gerade dieser Punkt, dass der Evangelist von Christo erzählt, er habe besonders laut gerufen, es sollten alle Dürstenden zu ihm kommen. Wertvoll ist das insofern, als wir daran sehen: es wird nicht bloß einer oder der andere mit leisem und heimlichem Geflüster eingeladen, - nein, diese Lehre wird öffentlich allen bekannt gegeben, und zwar in einer Weise, dass sie niemandem verborgen bleibt, es sei denn, dass jemand sich mutwillig die Ohren verstopft und dem vernehmlichen Schall den Zugang wehrt.

Wen da dürstet usw. Damit fordert Jesus alle Menschen, die ihre Bedürftigkeit fühlen und Hilfe begehren, zum Genuss seiner Güter auf. Wir sind ja zwar samt und sonders in Not und sind aller Güter bar und bedürftig, aber wir spüren nicht alle den Stachel der Not in lebendiger Empfindung. Davon kommt es, dass so viele keinen Fuß regen, sondern in kläglichem Mangel dahinschwinden. Sehr viele merken so lange nichts davon, dass ihnen etwas fehlt, bis das Feuer des heiligen Geistes in ihrem Herzen einen brennenden Hunger und Durst entzündet. Es ist das Amt des Geistes, das Bedürfnis nach Gnade zu erwecken. Was nun unsere Stelle anlangt, so ruft Christus ausschließlich solche zur Annahme geistlicher Reichtümer auf, die danach ein inniges Verlangen haben. Wir wissen ja, dass Durst die heftigste Qual ist, die auch die kräftigsten Menschen, die sonst alle Anstrengungen mit der größten Ausdauer ertragen, schwach macht. Dass Jesus hier nicht von Hungernden, sondern von Dürstenden redet, hat seinen Grund darin, dass er die Gleichnisrede fortsetzen will. Hier spricht er vom Trinken, nachher vom Wasser. So stehen die Teile seiner Rede in schönem Einklang. Offenbar liegt hier eine Anspielung an Jes. 55, 1 vor. Wenn dort Gott alle Durstigen zum Wasser rief, so musste das in Christo erfüllt werden, gerade wie das Wort der Maria (Luk. 1, 53), dass der Herr die Reichen und Satten leer lassen wird. Jesus heißt deshalb jedermann geradeswegs zu sich kommen; denn er allein vermag eines jeden Durst zu stillen; wer anderswo auch nur die mindeste Erquickung für seinen Durst sucht, tut vergebliche Arbeit.

Und trinke! Aufforderung und Verheißung sind hier eins. Christus ist kein ausgetrockneter Brunnen, sondern ein unerschöpflicher Quell. Deshalb werden wir nicht leer ausgehen, wenn wir bei ihm reiche Labung erwarten.

V. 38. Wer an mich glaubt. Damit sagt Jesus, wie wir kommen sollen, nämlich nicht mit den Füßen, äußerlich, sondern im Glauben, innerlich. Kommen ist eben glauben, vorausgesetzt, dass man das Wort „glauben“ richtig bestimmt, nämlich, wie oben gesagt worden ist, dass wir Jesum so, wie er im Evangelium vor uns steht, umfassen als den, der Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Reinheit, Leben und die Fülle aller geistlichen Gaben hat. Die soeben nur kurz gegebene Verheißung findet hier eine ausführliche und eindrückliche Bestätigung: Jesus besitzt einen unerschöpflichen Vorrat, der uns vollkommen zu sättigen vermag. Anscheinend ist aber der Vergleich recht ungeschickt: Ströme des lebendigen Wassers sollen vom Leibe der Gläubigen fließen. Doch ist der Sinn nicht im Geringsten zweifelhaft: denen, die da glauben, wird es niemals an geistlichen Gütern mangeln. Jesus nennt das Wasser „lebendig“, dessen Quelle nie vertrocknet, dessen fortwährender Lauf nie unterbrochen wird. Dass er in der Mehrzahl von „Strömen“ spricht, deute ich auf die mancherlei Gnadenerweisungen des Geistes, die zum geistlichen Leben der Seele notwendig sind. Alles in allem: es wird uns hier sowohl die Fortdauer, als der Überfluss geistlicher Gaben verheißen. Einige meinen, dass von dem Leibe der Gläubigen reichlich Wasser fließe, sei so zu verstehen, dass der, welcher mit dem Geiste beschenkt sei, einen Teil zu den Brüdern hin fließen lässt, wie ja eine solche gegenseitige Mitteilung sicherlich stattfinden soll. Mir scheint der Sinn einfacher zu sein: ein jeder, der an Christum glaubt, wird einen Quell des Lebens haben, der sozusagen in ihm selbst sprudelt (vgl. 4, 14). Ein gewöhnlicher Trank löscht den Durst nur für eine kurze Zeit. Christus aber sagt dort, dass der, welcher im Glauben aus ihm schöpft, den Geist erhält als einen Brunnen, der in das ewige Leben quillt. Doch will er damit nicht lehren, dass ein Gläubiger sich gleich am ersten Tage an Christo satt essen und trinken könne für Lebzeiten; vielmehr hat der, welcher einmal Christum geschmeckt hat, immer wieder neue Lust nach ihm. Der Sinn ist: der Geist ist gleich einem lebendigen, immer strömenden Quell in den Gläubigen, wie ja auch Paulus (Röm. 8, 10) bezeugt, dass der Geist in uns Leben ist, obgleich wir in den Überresten der Sünde noch den Tod mit uns herumtragen.

Und gewiss kann, wenn auch ein jeder nach Maßgabe seines Glaubens der Geistesgaben teilhaftig wird, in diesem Leben die ganze Fülle derselben nicht vorhanden sein. Die Gläubigen machen im Glauben Fortschritte und sehnen sich nach immer neuem Wachstum im Geiste, lassen sich aber an den Erstlingsgaben, die ihnen geschenkt sind, im Blick auf den weiteren Fortgang ihres Lebens im Geiste genügen. Übrigens kann uns dieser Spruch zur Beschämung dienen: wie klein ist doch oft das Maß unseres Glaubens, wie tröpfelt es oft nu8r von Geisteswirkungen in uns, - und es müssten doch Ströme vorhanden sein, wenn wir Christo nur rechten Raum gewähren und ihn in empfänglichem Glauben greifen wollten!

Wie die Schrift sagt. Einige beziehen das auf die vorangehenden, einige auf die nachfolgenden Worte. Ich dehne es aus auf den Gesamtinhalt der Rede. Dann will Christus, meinem Dafürhalten nach, nicht eine bestimmte einzelne Schriftstelle bezeichnen; er nimmt die Bezeugung seiner Worte aus der ganzen Lehre der Propheten. Wie oft verheißt doch da der Herr die Fülle seines Geistes und vergleicht sie mit lebendigen Wasserströmen; dabei aber hat er vor allem das Reich Christi im Auge. Daraufhin will er die Gedanken der Gläubigen lenken. Alle Weissagungen über lebendiges Wasser haben ihre Erfüllung in Christo; er allein hat uns die verborgenen Schätze Gottes aufgetan. Deswegen sind die Gnadengaben des Geistes auf ihn geströmt, damit wir alle aus seiner Fülle schöpfen. Leute, die trotz Christi gütiger und freundlicher Einladung ihre eigenen Irrwege gehen, haben ihren elenden Untergang verdient.

V. 39. Das sagte er von dem Geiste. Bisweilen wird der Geist als ein Wasser bezeichnet um seiner Reinheit willen; es ist ja seine Aufgabe, unseren Schmutz fortzuschaffen. Aber an dieser und ähnlichen Stellen ist die Redeweise eine abweichende: fehlt uns Lebenskraft und fast völlig, so macht uns der Geist Gottes lebendig und überströmt und mit seiner geheimen Kraft. Wasser bezeichnet hier also sehr umfassend den gesamten Inbegriff alles dessen, was Leben ist. Daraus folgt, dass alle, die nicht vom Geiste Gottes wiedergeboren sind, für tot angesehen werden müssen, mögen sie gleich ihres Scheinlebens sich rühmen.

Der heilige Geist war noch nicht da. Wir wissen, dass der Geist ewig ist. Der Evangelist redet aber von der Geistesbegnadigung, sie sich nach Christi Auferstehung über die Menschen ergoss, und sagt davon, dass sie nicht hervorgetreten sei, so lange Christus in niedriger Knechtsgestalt in der Welt weilte. Er redet vergleichsweise, wie es immer geschieht, wo altes und neues Testament einander gegenübergestellt wird. Gott verheißt den Gläubigen seinen Geist, gleich als hätte er ihn niemals den Vätern gegeben. Die Erstlinge des Geistes hatten die Jünger gewiss schon damals empfangen. Wie kann man glauben ohne den heiligen Geist? Also will der Evangelist nicht einfach in Abrede stellen, dass auch schon vor dem Tode Christi den Frommen Gottes Geist verliehen ward; seine Meinung ist nur, dass er früher nicht in so herrlicher und augenfälliger Weise erschien, als er auf Pfingsten kommen sollte. Darin besteht ja hauptsächlich die Schönheit des Reiches Christi, dass er seine Gemeinde durch seinen Geist regiert. Die eigentliche, feierliche Besitzergreifung seiner Herrschaft fand damals statt, als er auffuhr zur Rechten des Vaters. Folglich ist es gar nicht zu verwundern, wenn er die volle Austeilung des Geistes bis auf jene Zeit aufschob.

Doch bleibt noch die Frage übrig: Meint der Evangelist hier die sichtbaren Geistesgaben oder die Wiedergeburt, die Frucht der Annahme des Menschen als Gotteskind? Ich gebe zur Antwort: Der beim Kommen Christi verheißene Geist Gottes erschien in jenen sichtbaren Ausgießungen gleichsam in Spiegelbildern. Hier jedoch ist zunächst nur die Rede von der Kraft des heiligen Geistes, durch die wir in Christo wiedergeboren und neue Kreaturen werden. Wenn also Christus jetzt in Herrlichkeit und mit der höchsten Herrschermajestät angetan zur Rechten des Vaters sitzt, - und wir auf Erden uns dabei leer und hohl, ja aller Geistesgaben bar finden, so ist das nur unserer Glaubensträgheit zuzuschreiben.

V. 40. Viele nun vom Volk usw. Nunmehr berichtet der Evangelist, was für eine Frucht diese letzte Rede hervorbrachte, nämlich, dass der eine so, der andere so dachte, und dadurch im Volke ein Zwiespalt entstand. Natürlich redet Johannes hier nicht von der erklärten Feinden Christi, auch nicht von denen, welchen die heilsame Lehre schon verhasst war, sondern von den breiten Volksmassen, in denen man noch eine größere Unberührtheit von Vorurteilen hätten erwarten können. Da zählt er drei verschiedene Gruppen auf. Die ersten bekannten: Jesus ist wirklich ein Prophet, - woraus wir schließen, dass sie sich von seiner Lehre nicht abgestoßen fühlten. Wie oberflächlich und leichtfertig aber dies Bekenntnis war, zeigt sich darin, dass sie ihn zwar für einen Lehrer halten, dabei aber gar keine Ahnung davon haben, was er eigentlich will und was er sagt. In Christo den Propheten erkennen, war ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man ihn nicht zugleich als Sohn Gottes und Heiland anerkannte.

Das Gute jedoch haben jene Leute, dass sie in Christo etwas Göttliches verspüren, was sie zur Ehrfurcht vor ihm bewegt; waren sie erst einmal geneigt, sich von ihm belehren zu lassen, so war der Übergang zum Glauben rasch gemacht.

Richtiger urteilt die zweite Gruppe (V. 41); da heißt es rund heraus: Er ist der Messias. Das wollen jedoch die Dritten durchaus nicht gelten lassen. Daher der Streit. Dies Beispiel mahnt uns, dass es uns nicht wundernehmen darf, wenn wir heutigen Tages sehen, wie die Menschen sich in schroff einander gegenüberstehenden Parteien spalten. Aus Christi Rede sehen wir eine Spaltung hervorgehen, und zwar nicht unter Heiden, denen der Glaube etwas Unbekanntes ist, sondern mitten in der Gemeinde des Messias, ja sogar in dem Hauptsitz des Gottesvolkes. Kann man der Lehre Christi daraus einen Vorwurf machen, dass sie ein Zündstoff des Aufruhrs sei? Mag immerhin die ganze Welt toben, - die Wahrheit Gottes ist und bleibt etwas so Köstliches, dass man wünschen muss: o dass doch wenigstens etliche sie annähmen! So brauchen wir uns darüber keine schweren Gewissensbedenken zu machen, wenn wir sehen, wie selbst solche, die zum Volke Gottes gehören wollen, untereinander infolge von Meinungsverschiedenheiten in Streit liegen. Doch muss betont werden, dass, recht besehen, Streitigkeiten in keinem einzigen Falle im Evangelium selbst ihren Ursprung haben. Eine wirkliche Übereinstimmung verschiedener Menschen kann sich nur auf feststehende Wahrheit gründen. Wenn also Menschen, welche von Gott nichts wissen, untereinander Frieden halten, so ist das mehr ein stumpfes Nebeneinanderherleben, als wirkliche Übereinstimmung. Kurz, wo auch immer Streitigkeiten auftauchen bei der Predigt des Evangeliums, - ihre Ursache, ja ihr Same lag vorher schon in den Menschen verborgen. Sobald nun das Evangelium zu ihnen kommt, beginnen sich die Menschen zu regen, wie solche, die aus dem Schlafe erwachen. Es ist ähnlich wie bei dem Nebel: der kommt von der im Erdboden enthaltenen Feuchtigkeit und nicht von der Sonne. Und doch steigt er nur auf, wenn die Sonne morgens aufgeht.

V. 41 bis 43. Soll Christus aus Galiläa kommen? Damit es nicht den Anschein habe, als verwürfen sie Christum ohne rechten Grund, bewaffnen sich diese Leute mit dem Zeugnisse der Schrift. Wenn sie das verdrehen und so gegen Christum kehren, so haben sie doch dabei einen gewissen Schein der Wahrheit für sich. Nur darin täuschen sie sich, dass sie aus Christo einen Galiläer machen. Doch dieser Irrtum ist lediglich die Folge ihrer wegwerfenden Gleichgültigkeit gegen Jesum. Hätten sie sich der Mühe nicht verdrießen lassen, ein wenig nachzufragen, so hätten sie bald gefunden, dass ihm die beiden Titel zukamen: Same Davids und geboren in Bethlehem. Aber so sind wir: in Kleinigkeiten schämen wir uns der Geistesträgheit; wenn es dagegen auf die Geheimnisse des Himmelreiches ankommt, dann zeigen wir uns ganz stumpf und gleichgültig. Charakteristisch erscheint auch das emsige Bemühen jener Leute, einen Vorwand ausfindig zu machen, unter dessen Schutz sie sich von Christo abwenden können, während sie doch unglaublich langsam und untätig sich gebärden, wenn sie die Heilsbotschaft ergreifen sollen. Aber so machen es die Menschen: aus der Schrift, die uns an der Hand nehmen und zu Christo hinführen will, holen sie sich das Hindernis, das sie nicht zu Christo kommen lässt.

V. 44. Es wollten etliche ihn greifen. Mit diesen Worten zeigt der Evangelist, dass sie nicht bloß Christum verachtet haben, sondern dass sie mit der gottlosen Verwerfung Jesu grimmigen Hass und den Wunsch, ihm zu schaden, verbanden. Aberglaube ist ja stets mit Grausamkeit verbunden. Wenn sie trotzdem nichts ausgerichtet haben, so kommt das auf Rechnung der Vorsehung Gottes.

V. 45. Die Knechte kamen usw. Hier kann man etwas von der blinden Anmaßung gottloser Menschen gewahr werden. Ihre eigene weltliche Machtstellung bewundern und vergöttern sie dermaßen, dass sie unbedenklich Recht und Billigkeit mit Füßen treten. Und wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch geht, dann möchten sie vor Ärger am liebsten das unterste zu oberst kehren und umgekehrt. Denn indem diese gottlosen Priester hier fragen, warum ihnen Christus nicht gebracht worden sei, heben sie ihre Macht zu so schwindelnder Höhe hinaus, als dürfe sich ihrem Befehle nichts in den Weg stellen.

V. 46. Es hat nie kein Mensch also geredet. Die Knechte gestehen ein, dass Christi Wort ihren Arm gelähmt hat. Trotzdem reut sie ihr Vorhaben nicht; auch geben sie dem vernommenen Worte nicht die ihm gebührende Ehre. Wenn es wahr ist, dass niemals ein Mensch so geredet hat, weshalb lassen sie dann von der Gotteskraft, die sie, sie mochten wollen oder nicht, zu fühlen bekommen hatten, nicht ihre Herzen so bewegen, dass sie sich ganz und gar Gott hingeben? Hier hat sich das Prophetenwort (Jes. 11, 4) erfüllt: „Er wird mit dem Stabe seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten“. Später werden wir noch einmal sehen, wie die Männer, welche Jesum fangen wollten, einzig durch die Stimme Christi in Verwirrung gebracht, zu Boden sinken, als hätte sie ein Hammerschlag vor die Stirn getroffen (18, 6). Wir können daraus lernen, dass in der Lehre Christi eine solche Kraft verborgen liegt, die auch die Gottlosen zu schrecken imstande ist; aber da ihnen das zum Verderben gereicht, so haben wir alle Mühe darauf zu verwenden, dass sie, statt zu brechen, sich lieber biegen und dem Worte beugen. Sehr viele unserer Zeitgenossen sind diesen Dienern auffallend ähnlich; die Lehre des Evangeliums reißt sie, trotz alles inneren Widerstrebens, zur Bewunderung fort, - trotzdem denken sie nicht daran, sich Christo zu Füßen zu werfen, - vielmehr bleiben sie bei alledem im Lager der Feinde.

V. 47 u. 48. Seid ihr auch verführt? So fahren die Priester ihre Knechte an, um sie nur im Gehorsam festzuhalten. Sie sagen mit diesen Worten, es sei albern und unwürdig von ihnen, wenn sie, möchte gleich das ganze Volk abfallen, nicht fest blieben. Doch es gilt, den Beweisgrund, auf den sie sich in ihrer Feindschaft gegen Christum stützen, ins Auge zu fassen. In ihrem Hochmute sagen sie: Er hat nur gemeines Gesindel und Dummköpfe auf seiner Seite; alle Personen von Rang und Ansehen wollen mit ihm nichts zu tun haben!

Die Pharisäer führen sie mit Namen an (V. 48), weil sie den anderen voraus den Ruf des Wissens und der Heiligkeit besaßen, sodass sie gleichsam die Obersten der Obersten waren. Dieser Vorwurf gegen Jesum sieht sich zunächst so an, als wäre er vielleicht nicht ganz unberechtigt. Wenn weder weltliche noch geistliche Behörden etwas von Jesu wissen wollen, so ist das ein unhaltbarer Zustand. Bei der Zügellosigkeit des Volkes muss allgemeine Verwirrung der schlimmsten Art einreißen, sobald jeder tun und lassen darf, was er will. So muss denn auch zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kirche eine vorgesetzte Behörde da sein, die den Zügel in der Hand hält.

Deshalb ist es im Gesetz Gottes (5. Mo. 17, 8) vorgesehen, dass, wenn irgendeine Frage oder Streitsache von besonderer Wichtigkeit aufkam, dieselbe vor den Hohenpriester gebracht werden sollte. Gott übertrug demselben das Urteil, aber es sollte nur nach dem göttlichen Gesetze gefällt werden. Alles Ansehen der Seelsorger beruht lediglich auf dem Worte Gottes; so stehen sie denn alle, vom Obersten bis zum Untersten, innerhalb der Schranken des göttlichen Wortes, und Gott allein ragt über sie alle empor. Wenn Seelsorger treu und recht ihres Amtes walten, so dürfen sie sich dabei göttliche Vollmacht zuschreiben; das ist dann ein heiliger Ruhm, der ihrem Amte von Rechts wegen zukommt. Sobald man aber abgesehen von Gottes Wort auf die bloße menschliche Stellung pocht, ist das eine leere Prahlerei. Häufig kommt es vor, dass in der Gemeinde gottlose Menschen die Herrschaft an sich reißen. Dann muss man sich hüten, dass man sich nicht unter Menschen beuge, die doch vom Worte Gottes gewichen sind. Unter einem derartigen Druck haben fast alle Propheten geseufzt; um ihre Lehre zu unterdrücken, warf man ihnen alsbald jene prächtigen Titel der Obersten, der Priester und der Kirche entgegen. Dieselben Waffen, wie die Feinde Christi und der Propheten, brauchen in unseren Tagen die Papisten.

V. 49. Das Volk. Wenn die Priester in überspanntem Amtsbewusstsein alle anderen unter knechtischem Gehorsam halten wollten, so war dies nur ein Stück ihres Hochmuts. Ein weiteres Stück war dies, dass sie verächtlich auf die dumme Volksmasse herabsahen, wie denn selbstgefällige Leute immer geneigt sind, andere schmählich herabzusetzen, und die maßlose Selbstliebe unweigerlich zur Verachtung der Brüder führen muss. Sie sagen vom ganzen Volke: es ist verflucht. Warum? Angeblich weil es nichts vom Gesetz weiß. Die tatsächliche Meinung der Priester wird gewesen sein, dass es außerhalb ihres Standes heilige Leute überhaupt nicht geben könne. So wollen ja auch heute die päpstlichen Priester den eigentlichen Bestand der Kirche allein ausmachen: die anderen betrachten sie bloß als unheilige „Laien“. Um solche wahnsinnige Hoffart in den Staub zu werfen, gibt Gott den Niedrigen und Verachteten oft den Vorzug vor Leuten von hohem Rang und Würden. Zu beachten ist, dass die Pharisäer sich hier ihrer Gesetzeskenntnis rühmen, und zwar nicht, weil sie das Erziehungsmittel zu Frömmigkeit und Gottesfurcht in der Hand haben, sondern allein unter dem Gesichtspunkte, dass sie selbst damit einen Vorzug besaßen und mit hochmütiger Amtsmiene als die einzig privilegierten Gesetzesausleger über alle Fragen ihr Urteil geben konnten. Das bleibt natürlich Wahrheit, dass diejenigen verflucht sind, welche das Gesetz Gottes nicht gründlich kennen, dessen Kenntnis uns wahrhaft heiligt. Aber diese Kenntnis eignet nicht bloß einigen wenigen, die nun deswegen Ursache hätten, sich in Aufgeblasenheit und Dünkel über die anderen zu erheben, sondern überhaupt allen Kindern Gottes, und hat den Zweck, sie allesamt, vom Geringsten bis zum Größten, in dem nämlichen Glaubensgehorsam zu einigen.

V. 50 u. 51. Spricht zu ihnen Nikodemus. Der Evangelist beschreibt in Nikodemus einen Mann, der noch unentschlossen in der Mitte steht; er wagt es nicht, ernstlich die Lehre Jesu in Schutz zu nehmen, hat aber auch nicht die Stirn, die Wahrheit zu unterdrücken. Wenn Johannes hier sagt, es sei derselbe, der damals bei Nacht zu Jesu kam, so tut er das einerseits zu seinem Lobe, anderseits zu seiner Schande. Hätte er die Heilsbotschaft nicht geliebt, so hätte er niemals den Mut dazu gehabt, der Wut der Gottlosen die Spitze zu bieten. Er wusste: es braucht einer nur zu mucksen, so war er alsbald in einer gefährlichen Lage durch ihren Hass. Wenn er unter so bewandten Umständen einen, wenn auch nur schwachen, Versucht macht, für Christum ein gutes Wort einzulegen, so verrät das ein in seinem Herzen glühendes Fünkchen echter Frömmigkeit.

Dass er Christum nicht freimütiger verteidigt, zeigt jedoch, dass die Menschenfurcht bei ihm noch übermächtig war. Der Evangelist gibt uns damit zu verstehen, dass Nikodemus noch immer die deckenden Fittiche der Nacht liebte und kein wahrer Jünger Christi war. Er erzählt, dass Nikodemus zwar einmal zu Jesu kam, in der Öffentlichkeit aber noch immer unter seinen Feinden stand und den Platz im feindlichen Lager beibehielt. An einem wirklichen Bekenntnis fehlt noch viel. Dass man einen Angeklagten nicht unverhört verurteilen solle, hätte sich auch in Bezug auf jeden Räuber und Meuchelmörder sagen lassen. Während also Nikodemus dem Herrn persönlich beizustehen wünscht, lässt er seine Lehre noch vollkommen im Stich.

Der Same des Evangeliums, der später erst Frucht trug, lag damals noch, ohne zu keimen, in seinem Herzen. Wir ziehen daraus den tröstlichen Schluss, dass unter Gottes Gnadenwirkung die Lehre, welche verloren zu sein schien, doch allmählich im Geheimen eine Wurzel treiben und nach langer Zeit endlich einen Keim emporsenden kann. Zuerst sieht es aus, als wäre keine Lebenskraft darin, dann aber kommt frisches, kräftiges Leben hinein. Zu ungeahntem, plötzlichem Gedeihen und Wachsen brachte den Glauben des Nikodemus erst Christi Tod.

V. 52. Bist du auch ein Galiläer? Die Pharisäer machten also jeden Anhänger Christi zu einem „Galiläer“, - als ob er nur in jenem verachteten Winkel hätte Nachfolger finden können! Ihr heftiges Auftreten gegen Nikodemus lässt übrigens ermessen, welch ein wütender Hass gegen Christum selbst in ihnen loderte. Er hatte ja Jesum gar nicht entschieden in Schutz genommen, sondern nur den allgemeingültigen Rechtssatz auf ihn angewendet, dass man niemanden ungehört verurteilen solle. Gerade so ist es heutigen Tages bei den Papisten. Wenn dort jemand nur schüchtern zu sagen wagt, man möchte doch das Evangelium nicht unterdrücken, so fallen die Feinde in toller Wut über ihn her, um ihn als Ketzer zu verschreien.

V. 53. Und ein jeglicher ging also heim. Ein wundersamer Ausgang der Sache! Wenn man in Betracht zieht, welche Herrschergewalt die Priester damals besaßen, wie groß ihre Wut, wie mannigfach ihre Machtmittel waren, - auf der anderen Seite, wie Christus, aller Mittel entblößt, waffenlos, keinerlei menschlichen Schutz genoss, - so musste man seine Sache ohne weiteres für verloren halten. Wenn nun ganz von selber die furchtbare Verschwörung im Sande sich verläuft, - eben noch das Meer in wildem Aufruhr, nun auf einmal alles ganz still, - wer sollte darin nicht die Hand Gottes erkennen, der die Feinde seines Sohnes verstreute? Gott aber bleibt immer derselbe. So oft er es will, kann er alle Unternehmungen der Feinde zunichtemachen, dass sie unverrichteter Sache abziehen müssen, obwohl sie alles zur Hand haben, und obwohl der ganze Plan genau zur Ausführung zurecht gelegt ist. Das haben wir gar oft erfahren, dass ungeachtet aller Vorkehrungen von feindlicher Seite zur gründlichen Beseitigung des Evangeliums doch infolge der unglaublich gnädigen Führung Gottes alles bald ohnmächtig dahinsank.
Kapitel 8

V. 1 bis 5. Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer usw. Es ist hinlänglich bekannt, dass die griechischen Kirchenväter diese Geschichte nicht gekannt haben. Deswegen vermuten einige, sie sei anderswoher genommen und hier eingeflickt worden.1) Aber da sie von jeher bei den lateinischen Gemeinden in Aufnahme gewesen ist und auch in sehr vielen alten griechischen Handschriften sich findet, auch nichts, das des apostolischen Geistes unwürdig wäre, enthält, so ist kein Grund vorhanden, dass wir uns sträuben, sie für unseren Gebrauch nutzbar zu machen. Wenn der Evangelist sagt, das Weib sei von den Schriftgelehrten herbeigeführt worden, so meint er damit, dass das nach vorheriger Verabredung unter ihnen geschehen sei, um Christo Nachstellungen zu bereiten. Die Pharisäer erwähnt er besonders, weil sie im Stande der Schriftgelehrten eine hervorragende Stelle einnahmen. Wenn sie nun gerade diesen Ehebruchsfall zum Vorwande benutzen, um etwas zu erhaschen, was sich zu Jesu Verderben ausbeuten ließ, so offenbarte sich hierin ihre ganze Abscheulichkeit. Ihr eigener Mund verrät sie. Sie machen nämlich kein Hehl daraus, dass sie eine klare Gesetzesvorschrift besitzen. Was fragen sie denn dann noch? Die Sache ist ihnen doch gar nicht zweifelhaft! Sie fragen aus bösem Willen; sie wollen Jesum zwingen, seine Gnadenpredigt einzustellen. Er soll vor dem Volke dastehen als einer, der seine Fahne nach dem Winde dreht, als seiner Sache selbst nicht gewiss. Deshalb erwähnen sie mit kluger Berechnung, dass Moses die Ehebrecherinnen verdammt. Sie wollen Jesum damit irremachen und ihm die Hände binden. Jemanden, den das Gesetz verdammte, freizusprechen, wäre ja nicht recht gewesen. Hätte Jesus nun gesagt: Gut, verfahrt nach dem Gesetz und steinigt sie! – so hätte das Volk gedacht: damit schlägt er seiner ganzen bisherigen Predigt ins Angesicht.

V. 6. Aber Jesus bückte sich nieder. Mit dieser Bewegung zeigte er deutlich, wie sehr er die Handlungsweise der Schriftgelehrten verachtete. So ist es vollständig überflüssig, zu fragen, was Jesus geschrieben habe. Er wendet sich einfach zu irgendeiner gleichgültigen Tätigkeit ab, um zu zeigen: Ihr seid es gar nicht wert, dass ich euch anhöre! So ist es ja auch zu verstehen, wenn jetzt jemand während der Rede eines anderen mit seinem Finger an einer Stubenwand Linien beschreibt, oder ihm den Rücken zukehrt oder anderswie zeigt, dass er auf seine Rede nicht achtet. Satan versucht in unserer Zeit alles Mögliche, um uns von der rechten Art der Lehre abzubringen. Da gilt es auch, gar manches, was er uns in den Weg legt, mit gründlicher Verachtung zu behandeln. Man kann unmöglich all das Geschwätz, dass sich wider unseren Glauben erhebt, im Einzelnen beantworten. Wer sich in ängstlicher Gewissenhaftigkeit damit abplagen will, der fängt etwas an, womit er nie zu Ende kommt. Es wäre verlorene Mühe und bedeutete nur eine Verzögerung für den fröhlichen Lauf des lauteren Evangeliums. Deshalb ist das Klügste, gar nicht auf alle diese Angriffe zu hören.

V. 7 u. 8. Der werfe den ersten Stein. Das sagt Jesus nach dem in 5. Mo. 17, 7 niedergelegten gesetzlichen Brauch. Gott befiehlt dort: die Zeugen, nach deren Aussage das Urteil gefällt worden ist, sollen eigenhändig die Übeltäter und Frevler zu Tode bringen. Das war heilsam zur Einschärfung der genauesten Wahrhaftigkeit in Zeugenaussagen. Wie flink sind viele damit bei der Hand, mit einem gewissenlosen Eide den Bruder unglücklich zu machen. Sie bedenken gar nicht, dass ihre Zunge es ist, die dem anderen die Todeswunde beibringt. Das bedachten auch die Ankläger jenes ehebrecherischen Weibes nicht. War die Aufgabe gestellt: ihr verklagt sie, nun wohl, so werfet sie auch zu Tode! – schrecken sie zurück und werden ganz kleinlaut, nachdem sie sich vorher so entrüstet gebärdet hatten. Doch Jesus sagt noch etwas mehr, als was in jenem Gesetzesworte steht. Dort mahnt Gott nur: mache dir ein Gewissen daraus, den mit deiner Zunge des Todes schuldig zu sprechen, bei dem du dir ein Gewissen machen müsstest, mit eigener Hand das Todesurteil zu vollstrecken. Christus fordert hier von den Zeugen eine vollkommene Unschuld; nur der soll die Vollstreckung des richterlichen Urteils in die Hand nehmen, der ohne den geringsten Makel in seiner ganzen Lebensführung ist. Er sagte das damals nur zu einigen Menschen. Es gilt jedoch allen. Wer einen anderen anklagt, soll von sich selber einen vollkommen reinen Lebenswandel verlangen. Tut er das nicht, so ist seine Anklage nur dem Hass gegen einen bestimmten Menschen entsprungen, nicht aber dem von Gott geforderten Hass gegen die Sünde.

Freilich scheint es, dass Christus den Bestand jedes gerichtlichen Verfahrens gefährdet, wenn er in dieser Weise die Menschen einschüchtert, als Ankläger aufzutreten. Könnte man auch irgendeinen Richter finden, der nicht in irgendeinem Stück ein böses Gewissen haben müsste? Und welche Zeugen könnten ohne jedes eigene Schuldbewusstsein dastehen? Demgegenüber ist doch zu sagen, dass wir es hier nicht mit einem runden und bedingungslosen Verbot Christi zu tun haben, wonach niemals ein Sünder pflichtgemäß in einem Strafverfahren mitwirken dürfte. Vielmehr will der Herr nur den heuchlerischen Sittenrichtern eine Warnung erteilen, nicht gar zu streng und rau wider andere aufzutreten, während sie doch ihre eigenen Fehler hegen und pflegen. Eigene Sünden sind kein Hindernis, die Besserung eines anderen zu erstreben, ja, wenn nötig, ihn um seiner Sünden willen zu strafen, wenn nur der Betreffende in gleicher Weise, wie an dem anderen, auch an sich selber alles Verdammliche verabscheut. Jedenfalls heißt es damit beginnen, dass man zuvor sein eigenes Gewissen befragt und gegen sich selber Ankläger und Strafrichter ist, bevor man das gegenüber anderen zu sein sich unterfängt. Dann erst ist es sicher, dass wir nicht Menschen hassen, sondern einen unerbittlichen Krieg gegen die Sünde führen.

V. 9 u. 10. Von ihrem Gewissen überführt. Eine Kundgebung der wunderbaren Gewalt des bösen Gewissens! Die gottlosen Heuchler haben sich vorgenommen, mit ihren schlau ausgesonnenen Reden Christum in eine Falle zu locken. Und was geschieht? Sie stieben auseinander, als ein einziges Wort aus seinem Munde ihr krankes Gewissen trifft. Man rufe solche Leute in der Weise, wie es Christus uns hier zeigt, vor den Richterstuhl Gottes. Das ist der wuchtige Hieb, unter dem ihr Hochmut in Stücke bricht. Indes gibt es auch solche, bei denen eine Beschämung vor anderen Menschen mehr ausmacht, als der Hinweis auf Gottes Gericht. Ein ergreifendes Schauspiel, wie sie da sich selber schuldig sprechen, indem sie voller Bestürzung davonlaufen! Auch das ist zu beachten, dass die Höchstgestellten unter ihnen rascher vom Schuldgefühl überwältigt werden, als die, welche einen niedrigeren Rang einnehmen. Indes ist das Schuldgefühl, das damals in den Schriftgelehrten erwachte, doch sehr verschieden von dem eines wahrhaft bußfertigen Menschen. Der verkriecht sich nicht in einem Versteck vor dem Angesichte des Richters, sondern geht aufrichtig und ehrlich zu ihm hin und bittet ihn um Vergebung.

Jesus ward gelassen allein. Das war eine Wirkung des Geistes der Weisheit, dass die Gottlosen, ohne ihre Pläne durchgesetzt zu haben, Christum verlassen mussten. Ohne Zweifel werden auch wir jeglichen Ränken der Feinde überlegen sein, wenn wir uns nur auch von diesem Geiste der Wahrheit regieren lassen. Nur darum unterliegen wir so oft, weil wir in Unterschätzung ihrer Angriffe zu wenig nach gutem Rat fragen und im Vertrauen auf eigene Weisheit nicht bedenken, wie nötig uns die Leitung des göttlichen Geistes ist. Es heißt hier, Christus sei allein da geblieben, - nicht weil das Volk, das er vorher belehrte, fortgegangen wäre, sondern weil die Schriftgelehrten, die das ehebrecherische Weib vorgeführt hatten, sämtlich ihn nicht weiter belästigten. Wenn wir dann hören, wie das Weib bei Christo bleibt, so können wir an ihr lernen: Es gibt für uns nichts Besseres, als vor seinen Richterstuhl als schuldig gestellt zu werden. Nur das Eine darf nicht fehlen: dass wir uns in Sanftmut und Gehorsam seinem Urteil unterwerfen.

V. 11. So verdamme ich dich auch nicht. Es heißt hier nicht, Jesus habe sie von der vorgebrachten Anklage freigesprochen, sondern nur: er hat sie frei ihres Weges gehen lassen, was nicht zu verwundern ist, da er ja nicht unternehmen wollte, was sich mit seinem Heilandsberufe nicht vertrug. Der Vater hatte ihn gesendet, die verlorenen Schafe um sich zu sammeln; so ist es denn ganz seinem Amte entsprechend, wenn er das Weib zur Buße ermahnt und ihr das Herz froh macht durch Anbietung der göttlichen Gnade. Wer aus dieser Stelle die Schlussfolgerung ziehen will, dass die weltlichen Gerichte keine Strafe für Ehebruch verhängen dürfen, der kann gerade so gut behaupten, dass man auch kein Erbe teilen dürfe. Christus hat ja auch darin seine Hand nicht haben wollen (Luk. 12, 14). Aber wohin geriete man damit? Schließlich würde man kein Verbrechen mehr bestrafen; damit aber würde Tür und Tor offen stehen für alle Arten der Treulosigkeit, Giftmischerei, Mord, Diebstahl. Nimm hinzu, dass eine Ehebrecherin, wenn sie ein uneheliches Kind als ehelich ausgibt, ihm nicht nur einen Namen stiehlt, der ihm nicht zukommt, sondern auch der rechtmäßigen Nachkommenschaft das Erbe schmälert. Das Schlimmste dabei ist und bleibt natürlich, dass ein Weib, das einem Mann gehörte, diesem zur Schande sich in gemeinster Weise preisgibt und zugleich den von Gott eingesetzten Bund verletzt, dessen Heilighaltung so wichtig ist, dass ohne sie alle Zucht und Sitte in der Welt ein Ende haben würde.

Alles in allem: Gewiss vergibt Christus den Menschen ihre Sünden, aber doch nicht so, dass er nun alle staatliche Ordnung über den Haufen würfe. Er denkt nicht daran, gerichtliche Urteile und gesetzliche Strafen abzuschaffen.

Sündige hinfort nicht mehr. Hieran können wir merken, worauf die Gnade Christi hinaus will: der mit Gott versöhnte Sünder soll durch ein frommes, heiliges Leben hinfort den, der ihn gerettet hat, ehren. Eben dasselbe Wort, das uns die Verzeihung anbietet, ruft uns zugleich zur Buße. Diese Aufforderung deutet vor allem auf die Zukunft, zugleich aber demütigt sie den Sünder im Blick auf sein früheres Leben.

V. 12. Ich bin das Licht der Welt. Diejenigen Ausleger, welche über die eben betrachtete Geschichte hinweggehen, bringen diese Rede in unmittelbaren Zusammenhang mit jener Rede, die Jesus am letzten Tage des Laubhüttenfestes hielt. Übrigens eine wunderschöne Bezeichnung für Christum: Licht der Welt. Wir alle sind von Natur blind. In ihm haben wir das Heilmittel für unsere Blindheit. Durch ihn aus der Finsternis erlöst und befreit, sind wir des rechten Lichtes teilhaftig. Aber diese Wohltat kommt nicht nur diesem oder jenem zugute. Christus nennt sich ja das Licht der ganzen Welt. Durch dieses hochwichtige Wort wollte er nicht nur den Unterschied zwischen Juden und Heiden, nein, auch den zwischen Gelehrten und Ungelehrten, zwischen Hoch und Niedrig aufheben. Doch ist vor allen Dingen zu beachten: wir müssen das Licht suchen. Niemand wird Jesum um seine Erleuchtung bitten, der nicht vorher erkannt hat, dass diese Welt in der Finsternis liegt, und dass wir ganz und gar blind sind. Lasst uns also nicht vergessen: Wenn uns gezeigt wird, wie wir in Christo das Licht erlangen können, dann wird uns zugleich das Urteil gesprochen: Ihr alle seid blinde Leute! Sind wir aber doch der Meinung, es gäbe auch anderwärts noch Licht, so begeben wir uns damit in Nacht und tiefe Finsternis hinaus. Daraus folgt, dass es außer Christo kein Fünkchen wahres Licht gibt. Ja, es glänzt auch einmal etwas in der Welt ohne Christus, aber kein wohltuendes Licht, sondern ein greller Blitz, der nur die Augen blendet. Doch sollen wir wissen, dass die Kraft der Erleuchtung nicht an Christi körperliche Gegenwart gebunden ist: obgleich der Herr leiblich uns jetzt ferne ist, so lässt er uns doch sein Licht täglich durch die Lehre des Evangeliums und die verborgene Wirkung seines Geistes zufließen. Was dies Licht ist, begreifen wir indessen nicht eher vollständig, als bis wir gelernt haben, uns vom Evangelium und vom Geiste Christi erleuchten zu lassen. Dann wissen wir: in ihm sprudelt der Quell alles Wissens und aller Weisheit.

Wer mir nachfolgt usw. Erst die Lehre, dann die Aufforderung und gleich danach die Verheißung. Wenn wir hören, dass ein Mensch, der sich der Leitung Christi anvertraut, niemals irre gehen kann, so muss uns das zur Nachfolge anspornen; ja Jesus zieht uns mit seiner ausgestreckten Heilandshand in seine Nachfolge hinein. Eine so weit ausgespannte, großartige Verheißung muss für uns schwer ins Gewicht fallen. Wer nur auf Christum die Augen richtet, der soll, und ginge es mitten durch die Finsternis hindurch, immer dessen gewiss sein: Ich bin auf sicherem, gutem Wege! Ja, und das ist er nicht nur eine Strecke weit, sondern so lange, bis das Ziel glücklich erreicht ist. Das liegt in den Worten: der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Es ist also nicht zu befürchten, dass das Licht unterwegs erlischt; nein, es führt bis zum Leben. „Licht des Lebens“ bedeutet, wie aus ähnlichen Zusammensetzungen, die im Hebräischen häufig sind, zu sehen ist: lebendig machendes Licht. Nun kann es uns nicht Wunder nehmen, dass sich eine so undurchdringliche Dunkelheit, bestehend aus tausenderlei Irrtum und Aberglauben, in der Welt lagert; es sind ja auch nur wenige, die wirklich auf Christum schauen.

V. 13. Da sprachen die Pharisäer usw. Sie machen ihm die landläufigen Einwand: Niemand ist in eigener Sache als glaubwürdig zu behandeln. „Wahres Zeugnis“ ist so viel als: vollgültiges Zeugnis, dem man Glauben schenken darf. Sie geben ihm zu verstehen: alle deine Worte sind verschwendet, wenn du niemanden hast, der sie uns verbürgt.

V. 14. So ich von mir selbst zeugen würde, so ist mein Zeugnis wahr. Christus gibt zur Antwort: trotzdem sei sein Zeugnis hinreichend glaubwürdig und vollwichtig, er sei ja nicht wie ein Mensch, wie man ihn alle Tage zu sehen bekommt, sondern etwas weit anderes. Denn wenn er hier sagt, er wisse, woher er gekommen sei und wohin er gehen werde, so sagt er damit: Ich mache eine Ausnahme von der gewöhnlichen Schar der Menschen. Der Sinn ist also der: Während ein jeder, der in eigener Sache spricht, für verdächtig angesehen wird, und es sogar gesetzlich festgelegt ist, dass man einem Menschen, der für sich selbst das Wort führt, nicht ohne weiteres glauben soll, so ist diese Regel nicht anzuwenden auf den Sohn Gottes, der über die ganze Welt erhaben ist. Ihn darf man nicht mitten unter die anderen stellen; ihm hat der Vater das Vorrecht gegeben, dass sein bloßes Wort jedem Menschen genug sein muss.

Ich weiß, von wannen ich kommen bin. Damit sagt Jesus frei heraus: Mein Ursprung ist nicht in der Welt, sondern in Gott; und deshalb ist es unbillig und grundverkehrt, an meine Lehre, die ja von Gott selber stammt, derartige menschliche Maßstäbe anlegen zu wollen! Aber weil er damals in Knechtsgestalt und fleischlicher Niedrigkeit den Juden ein Gegenstand der Verachtung war, so weist er sie als leuchtenden Beweis seiner bis dahin verborgenen und unerkannten Gottheit auf seine zukünftige glorreiche Auferstehung hin. Deshalb durfte seine jetzige Seinsweise kein Hindernis für die Juden bilden, sich ihm als dem einzig gerarteten Gottesboten, der ihnen längst im Gesetz verheißen war, zu unterwerfen. Wenn er betont: Ich weiß es, - ihr wisst es nicht, - so sagt er damit: Meine Herrlichkeit wird um nichts geringer dadurch, dass ihr nicht an sie glaubt! Haben nun auch wir solches Zeugnis empfangen, so muss unser Glaube alles Widersprechen und Toben der Gottlosen verächtlich bei Seite schieben. Nur wenn der Glaube höher ist, als alle Höhe in der Welt, vermag er sich fest in Gott zu gründen. Soll aber die Herrlichkeit des Evangeliums uns völlig gewiss werden, so müssen wir unverwandt auf Christi himmlische Herrlichkeit schauen und seine Worte, die er in der Welt redet, uns derart zu Herzen nehmen, dass wir stets daran denken, woher er gekommen ist, und welch eine Herrschaft jetzt, da er seines Auftrages sich entledigt hat, in seinen Händen liegt. Nur für kurze Zeit hat er sich erniedrigt. Jetzt sitzt er wieder zur Rechten des Vaters, und alle Knie sollen sich vor ihm beugen.

V. 15. Ihr richtet nach dem Fleisch. Das kann entweder heißen: Ihr urteilt aus eurer argen, fleischlichen Gesinnung heraus, oder: Ihr urteilt nach dem, was vor Augen ist. „Fleisch“ steht ja bisweilen für die äußere Erscheinung des Menschen. So oder so verstanden, hat die Stelle einen guten Sinn, denn mögen die fleischlichen Gelüste vorherrschen oder aber im Gericht persönliche Ab- oder Zuneigung entscheiden, in beiden Fällen fehlt es an Recht und Billigkeit. Ich glaube jedoch, dass der Sinn klarer ist, wenn wir hier Fleisch als Gegensatz von Geist nehmen; dann spricht Jesus den Juden die Befähigung zu richterlicher Entscheidung ab mit Berufung darauf, dass sie sich nicht von Gottes Geist leiten lassen.

Ich richte niemand. Das meint Jesus nicht allgemein, sondern nur für den vorliegenden Fall. Denn die Rede fährt ja fort: wenn ich aber richte, so ist mein Gericht recht. Dass Jesus jetzt nicht richtet, sagt er im Gegensatz zu seinen hochmütigen Feinden, die es nicht einmal vertragen konnten, dass er einfach als Lehrer, gar nicht einmal als Richter, auftrat.

V. 16. So ich aber richte. Eine Ergänzung des Vorigen. Es soll nicht so aussehen, als wolle Jesus sich seines guten Rechtes entäußern. Wenn ich richte, sagt er, so ist mein Gericht recht, d. h. unanfechtbar. Das ist aber deshalb, weil er nur nach dem Gebote des Vaters handelt. Mit dem Sätzchen: Ich bin nicht allein, will Jesus sagen: Ich bin nicht ein gewöhnlicher Mensch; ihr müsst auch das Amt mit in Betracht ziehen, welches mir der Vater übertragen hat! Doch weshalb redet er nicht, wie er mit Wahrheit gekonnt hätte, klar von seiner Gottheit? Jesus beruft sich eben viel lieber auf den Vater und dessen unbestreitbare Gottheit, weil seine eigene Herrlichkeit unter der Hülle des Fleisches verborgen war. Seine Rede will jedoch erreichen, dass man alles, was er tut und lehrt, als göttlichen Ursprungs ansehen soll.

V. 17 u. 18. Dass zweier Menschen Zeugnis wahr sei. Die Berufung auf diesen Satz scheint auf den ersten Blick unzutreffend, weil ja niemand in eigener Sache als Zeuge auftreten soll. Wir wollen uns aber dessen erinnern, was wir schon sagten, dass für Christum eine Ausnahme gilt: er darf nicht mit dem Maße für Privatleute gemessen werden, wie er ja auch nicht seine eigene Sache führt. Wenn sich übrigens Jesus hier vom Vater unterscheidet, so tut er dies in Rücksicht auf das Verständnis der Zuhörer, weiter aber auch im Blick auf sein Amt: stand er doch als Diener des Vaters da, auf den er also seine Lehre durchaus zurückführen muss.

V. 19. Wo ist dein Vater? Ohne Zweifel war das nur eine spöttische Frage. Verächtlich, wie alles andere, was Jesus sagt, nehmen die Juden auch das auf, was er von seinem Vater sagt, und treiben dabei ihren Hohn damit, dass er so großartig von seinem Vater prahle, gleich als stamme er vom Himmel. Sie lehnen es also mit diesen Worten ab, auf den Vater Christi so viel Wert zu legen, dass sie um desselben willen dem Sohne irgendwie mehr trauen sollten. Was wir hier vor uns sehen, das ist in unserer Zeit etwas unglaublich Verbreitetes: eine freche Verachtung Christi. Wenige sind es, die ihn für den von Gott Gesendeten halten.

Ihr kennt weder mich, noch meinen Vater. Jesus würdigt die Gegner keiner direkten Antwort, sondern wirft ihnen in aller Schärfe ihre Unwissenheit vor, in der sie sich jedoch ganz wohl fühlten. Sie fragten nach dem Vater und hatten dabei den Sohn leibhaftig vor Augen; sie sahen und sahen doch nicht. Das war die gerechte Strafe für ihren Hochmut sowohl, als für ihren schändlichen Undank, dass sie, die den Sohn Gottes verachtet hatten, der sich ihnen so vertraulich zeigte, niemals zum Vater kamen. Wie könnte auch ein sterblicher Mensch zu dem hocherhabenen Gottes emporsteigen, außer wenn die eigene Hand Gottes ihn emporhebt? Gott hat sich nun in Christo zu uns niedrigen Menschen herabgelassen, um uns die Hand hinzuhalten. Wer diese Hand zurückstößt, ist der es nicht wert, dem Himmel fern zu bleiben? Was Christus hier sagt, gilt jedem von uns: Wer nach Gott verlangt, aber nicht bei Christo anfangen will, der läuft notwendig wie in einem Irrgarten umher. Eine wahre Gotteserkenntnis ist für den unerreichbar, der Christum beiseitelässt, und, den Riesen der griechischen Sage gleich, den Himmel stürmen will. Wer dagegen alle seine Gedanken auf Christum richtet, der wird auf geradem Wege zum Vater geführt werden. Es ist genau so, wie der Apostel (2. Kor. 3, 18) sagt, dass wir nämlich durch den Spiegel des Evangeliums in der Person Christi die Klarheit Jehovahs mit aufgedecktem Angesichte sehen. Das ist die unvergleichliche Belohnung, die der Glaubensgehorsam erhält, dass jeder, der sich vor Christo demütigt, hindurchdringt über alle Himmel hinaus bis zu den Geheimnissen, welche die Engel bewundern und anbeten.

V. 20. Diese Worte redete Jesus usw. Der Gotteskasten war ein Bestandteil des Tempels. Es wurden darin heilige Stiftungen, Gaben von Hab und Gut, niedergelegt. Es war also ein besuchter Ort. Daraus entnehmen wir: Christus hat diese Rede vor einer großen Menschenmenge gehalten. Das Volk sollte umso weniger Entschuldigung haben. Der Evangelist weist bei dieser Gelegenheit auf die wunderbare Macht Gottes hin; sie waren gezwungen, Christum, der mitten im Tempel lehrte, gewähren zu lassen – und hatten doch erst kurz vorher den Versuch gemacht, ihn zum Tode zu schleppen. Sie hatten ja im Tempel unbeschränkte, alleinige Gewalt; sie konnten dort schalten und walten nach Laune und Willkür. Es bedurfte nur eines Winkes von ihrer Seite, so ward Christus hinausgeworfen. Da wagt er es, des Lehramtes zu walten. Weshalb legen sie denn nicht gewaltsam Hand an ihn? Gott hat ihn erhört, Gott hat ihn unter seinen Schutz genommen. Diese Wölfe und Tiger sollten ihm kein Leid antun, obwohl er wehrlos vor ihrem gierigen Rachen stand. Der erneute Hinweis darauf, dass Jesu Stunde noch nicht gekommen war, mag uns lehren, dass es nicht von der Menschen, sondern von Gottes Willen abhängt, ob wir leben oder sterben.

V. 21. Ich gehe hinweg. Als Jesus sieht, dass er bei diesen hartnäckigen Menschen nichts erreicht, kündet er ihnen ihr Verderben an. Hier ist die Rede von dem Ende, das alle Verächter des Evangeliums nehmen. Das Evangelium wird ja nicht bloß in den Wind hinein gesät, - es ist vielmehr ein Geruch des Lebens oder aber des Todes. Die Gottlosen werden es einmal verspüren, wie schrecklich sie sich selber geschädigt haben, indem sie Christus verwarfen, obwohl er sich ihnen aus freiem Willen darbot, - leider nur zu spät, wenn für Buße kein Raum mehr sein wird. Und um sie durch die Nähe der Strafe desto mehr zu erschrecken, sagt Jesus zuerst, er werde in kurzem schon weggehen. Dadurch deutet er an: es wird ihnen nur noch kurze Zeit hindurch das Evangelium gepredigt; lassen sie diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen, so wird nicht immer angenehme Zeit und Tage des Heils sein. So geht es auch heute.

Gehe Christo eilends entgegen, wenn er an deine Türe klopft! Er möchte sich sonst, verdrossen wegen deiner Trägheit, dir entziehen. Sicherlich hat man es zu allen Zeiten erfahren, wie sehr dies Weggehen Christi zu fürchten ist. Aber zunächst haben wir im Auge zu behalten, wie diejenigen, von denen hier gehandelt wird, Christum wohl gesucht haben. Hätten sie sich wahrhaft zu ihm bekehrt, so hätten sie ihn nicht vergeblich gesucht. Es ist ja keine Lüge, wenn er verheißt, zur Stelle zu sein, sobald der Sünder nach ihm seufzt. Christus meint also nicht, sie würden ihn dereinst auf dem rechten Wege, dem Wege des Glaubens, suchen; er denkt vielmehr an solche Stunden äußerster Angst und Not, in denen die Menschen Hilfe um jeden Preis, und bei wem es immer sei, suchen. Die Ungläubigen hätten es ja ganz gerne, dass Gott ihnen gnädig wäre; dennoch aber hören sie nicht auf, ihn zu fliehen. Gott ruft sie; der Zugang zu ihm liegt einzig in Buße und Glauben. Aber sie setzen Gott ihre Herzenshärtigkeit entgegen, und wenn sie einmal von Verzweiflung zerbrochene Leute sind, dann knirschen sie mit den Zähnen. Alles in allem: weit entfernt davon, nach Gott zu verlangen, schneiden sie ihm selbst alle Möglichkeit ab, ihnen zu helfen; helfen könnte ihnen Gott nur, wenn er seine heilige Gottheit verleugnen würde, - und das wird er niemals tun. So gottlos auch die Schriftgelehrten waren, sie hätten gerne ihren Teil an der Erlösung erwischt, die der verheißene Messias brachte, hätte nur Christus sich ihnen mundgerecht machen wollen! So drohte denn Christus allen Ungläubigen an: Ihr werdet, nachdem ihr mein Evangelium verachtet habt, noch einmal so ins Gedränge kommen, dass ihr euch gezwungen sehen werdet, zu Gott zu schreien; alles Heulen aber wird euch nichts helfen! So muss es gehen, denn, wie schon gesagt, sie suchen ihn dann, und suchen ihn doch nicht recht. Das aber wird deutlich genug in dem Sätzchen gesagt: Ihr werdet in eurer Sünde sterben. Das ist die Ursache ihres Untergangs, dass sie bis zuletzt Gott den Gehorsam verweigern werden als Empörer gegen sein Regiment. Was unter dieser „Sünde“ zu verstehen ist, werden wir gleich (zu V. 24) sehen.

V. 22. Will er sich denn selbst töten? Die Schriftgelehrten fahren nicht nur fort, den Herrn Jesus mit stolzer Verachtung zu behandeln: sie kehren ihre ganze Frechheit heraus. Sie treiben ihren Spott mit seinen Worten: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Was machen sie daraus? Er will Selbstmord begehen; freilich, da können wir ihm nicht nach, denn das ist eine Sünde! Dass Christus einmal fern sein wird, macht ihnen durchaus keinen Eindruck; dann meinen sie erst recht die Herren der Lage zu sein. Deshalb mag er ihretwegen anderwärts tun und lassen, was ihm gefällt. Welch schauerliche Stumpfheit! So versteht Satan die Verworfenen zu verblenden! Wahnsinnstrunken geben sie sich der verzehrenden Flamme des göttlichen Zornes preis. Sehen wir heutzutage nicht bei vielen dieselbe blinde Wut? Mit abgestumpftem Gewissen hören sie die Verkündigung des grauenvollen göttlichen Gerichtes; sie machen nur ihre schlechten Witze darüber, als wäre hier ein Gegenstand zum Lachen! Es ist indes kein fröhliches Lachen aus Herzensgrunde, sondern ein erzwungenes, bei dem ihnen selber unheimlich zu Mute ist.

V. 23. Ihr seid von unten her. Ihr Unwürdigkeit lag nun klar am Tage. So versucht Jesus nicht länger zu belehren, sondern greift zu den einschneidendsten Vorwürfen gegen sie. Er sagt es hier frei heraus: Ihr könnte meine Lehre gar nicht begreifen, denn ihr seid innerlich auf das Reich Gottes gar nicht angelegt! Unter „von unten“ und „von der Welt her sein“ versteht Jesus die ganze natürliche Begabung des Menschen. So stellt er fest: sein Evangelium ist allem Scharfsinn des Menschengeistes unerfassbar; denn das Evangelium ist himmlische Weisheit; unsere menschlichen Gedanken aber haften an der Erde. Es wird sich also nur der zum Jünger Christi eignen, den er durch seinen Geist gebildet hat. Davon kommt es, dass Glaube in der Welt etwas so Seltenes ist; denn von Natur ist die ganze Menschheit Christo abgeneigt und feindlich, und nur diejenigen machen davon eine Ausnahme, denen er selbst durch besondere Begnadigung seines Geistes einen Zug nach oben gibt.

V. 24. Dass ihr sterben werdet in euren Sünden. Oben hieße es (V. 21): „In eurer Sünde“, hier lesen wir: „In euren Sünden“. Im Wesentlichen ist der Sinn der gleiche hier wie dort. Nur wollte Jesus mit der Einzahl den Unglauben als die Grundsünde und den Quell alles Bösen bezeichnen. Ist auch dieser Unglaube nicht gerade die einzige und allein verdammenswerte Sünde, wie einige übertreibend behaupten, so ist er es doch jedenfalls, der uns von Christo scheidet und seiner Gnade beraubt, die uns allein von allen Sünden befreien kann. Mit hartnäckiger Bosheit verweigern die Juden, die ihnen angebotene Arznei zu kosten. Das hat ihnen den Tod gebracht. Von nun an häufen sie als willenlose Werkzeuge Satans Sünde auf Sünde, Schuld auf Schuld.

Darum fährt Jesus auch fort: So ihr nicht glaubt, dass Ich es sei. Verlorene Menschen können auf keine andere Weise gerettet werden als dadurch, dass sie ihre Zuflucht zu Christo nehmen. Auf der Wendung: „dass Ich es bin“ liegt ein kräftiger Nachdruck. Wir sollen uns dabei alles das vergegenwärtigen, was die Schrift vom Messias sagt und uns von ihm zu hoffen lehrt: das Hauptstück, ja der Inbegriff dessen, was er bringen soll, ist die Wiederherstellung der Gottesgemeinde, die nur durch das Licht des Glaubens geschehen kann, aus welchem dann Gerechtigkeit und neues Leben fließen.

V. 25. Von Anfang. Dieser rätselhafte Satz hat die mannigfaltigsten Deutungen erfahren. Manche Ausleger übersetzen mit einem Umstandswort: „anfänglich“, „erstlich“ oder ähnlich2). Meiner Meinung nach will Jesus jedoch sagen: „Von Anfang“ bin ich! Nicht plötzliche bin ich erschienen, sondern wie ich längst geweissagt war, so bin ich jetzt gekommen.

Wenn Jesus dann fortfährt: demgemäß ich denn auch zu euch rede, so gibt er zu verstehen, dass er schon hinreichend klare Auskunft über seine Person erteilt hat, - wenn man nur hören wollte! So verbindet er seine gegenwärtige Lehre in einer solchen Weise mit seinem Ausgang von Uranfang, dass dieselbe durchaus zur Bestätigung dieser Tatsache dienen muss. Was Jesus jetzt predigt und für sich in Anspruch nimmt, ist nichts anderes, als was Gott den Vätern im alten Bunde verheißen, und was die Propheten geweissagt haben. Wussten also die Juden wirklich nicht, wer Jesus war, so lag dies lediglich daran, dass sie weder den Propheten noch dem Evangelium Glauben schenkten: denn hier wie dort wird ein und derselbe Christus gepredigt. Sie wollten Schüler der Propheten und Glieder des ewigen Bundes Gottes sein, - und verwarfen dabei den Christus, der von Anfang verheißen war und nun greifbar vor ihnen stand!

V. 26. Ich habe viel von euch zu reden. Weil Jesus sah, dass er unnütze Arbeit tun würde, wenn er noch weiter redete, so brach er ab. Er sagt nur das noch sehr nachdrücklich, dass Gott der Rächer sein wird über die Lehre, welche sie verachten; denn diese Lehre stammt von Gott. Er will sagen: Wollte ich euch anklagen, so hätte ich Stoff in Hülle und Fülle; den böte mir euer arges, gottloses Denken und Tun. Aber ich will es dabei bewenden lassen. Der Vater aber, der mich zu lehren beauftragt hat, wird euch nicht so leichten Kaufes entrinnen lassen. Es ist in seinem Wesen notwendig begründet, dass er sein Wort verteidigen muss gegen die Verachtung der Menschen, die gottloserweise dies Heiligtum antasten. –

Nahe verwandt mit diesem Worte ist ein Ausspruch des Paulus (2. Tim. 2, 13): „Glauben wir nicht, so bleibt Er treu; er kann sich selbst nicht verleugnen“. Dann erst gewinnt unser Glaube volle Festigkeit, wenn er sich mit Gott ganz allein zufrieden gibt, der seine Wahrheit schon stützen wird, wenn auch die ganze Welt sich dawider auflehnt. Wer auf den Schutz Gottes vertraut und in wahrem Glauben Christo dient, der kann kühnlich die ganze Welt der Lüge zeihen.

Was ich von ihm gehört habe, das rede ich. Jesus trägt durchaus nichts vor, was er nicht aus des Vaters eigenem Munde hat. Eine andere Bürgschaft für reine Lehre gibt es nicht, als diese. Zeigst du, dass das, was du sagst, von Gott selber kommt, so ist es gut. Christus war der treue Diener Gottes; deshalb ist es nicht zum Verwundern, wenn er Gehör verlangte. Er brachte ja den Menschen nur, was Gott ihm aufgetragen hatte. Übrigens schreibt er mit seinem Verhalten der gesamten Kirche das Gesetz vor: Niemand darf Gehör finden, der nicht genau nach dem Munde Gottes redet. So wirft er auf der einen Seite alle Anmaßung der Menschen nieder, die es wagen, in der Kirche Gehör zu verlangen für das, was sie vorbringen, ohne sich auf Gottes Wort wirklich stützen zu können; auf der anderen Seite aber unterweist er auch alle wahren Lehrer des göttlichen Wortes, die mit gutem Gewissen den von Gott ihnen anvertrauten Beruf ausüben, und wappnet sie mit beherzter Freudigkeit, dass sie sich von Gott führen lassen und kecklich zum Angriff übergehen gegen jeden, der Menschenmeinungen gegen sie ins Feld führt.

V. 27. Sie vernahmen aber nicht usw. Wie macht doch Satan die Menschen dumm, deren Herz ihm gehört! Es war mit Händen zu greifen, dass Christi Worte die Juden vor den Richterstuhl Gottes rufen wollten. Sie aber sind mit völliger Blindheit geschlagen und merken nichts davon. So geht es den Feinden des Evangeliums noch heute. Deshalb muss uns solche Verblendung zu ängstlicher Wachsamkeit anleiten.

V. 28. Wenn ihr des Menschen Sohn erhöhen werdet usw. Um ihrer stumpfen Unempfänglichkeit willen, welche der Evangelist mit offensichtlicher Entrüstung schildert, erklärt Jesus die Juden noch einmal für unwert, weitere Worte aus seinem Munde zu vernehmen. Jetzt, so will er sagen, könnt ihr das allereinfachste nicht mehr verstehen, - Satan hat euch des Verstandes beraubt; - es kommt aber die Zeit, da werdet ihr merken, dass ein Prophet Gottes unter euch geweilt und zu euch geredet hat! Es bleibt eben in dergleichen Verhandlungen mit gottlosen Menschen zuletzt nichts anderes mehr übrig, als dass man sie auf den Tag verweist, an dem sie im Gericht vor Gott stehen werden. Natürlich kommt ein solches Erkennen, von dem hier die Rede ist, viel zu spät! Zur Rechenschaft gezogen, werden die Gottlosen, - aber wahrlich nicht gerne! – in Gott, den sie gutwillig hätten anbeten sollen, ihren Richter erkennen. Christus verheißt ihnen hier nicht etwa: Ihr werdet euch noch einmal bekehren! Sondern er sagt nur bestimmt voraus; der tiefe Seelenschlaf, in den ihr euch jetzt einwiegt, wird dann aus und vorbei sein; erschreckt werdet ihr aufwachen, wenn mit unerhörtem, nie geahntem Grauen der Zorn Gottes über euch losbrechen wird! –

So gingen dem Adam die Augen auf, als er in schamhafter Verwirrung sich vergebens zu verstecken suchte und merkte: Ich bin verloren! Nur insofern passt der Vergleich nicht, als bei Adam diese Erkenntnis, die ja an und für sich ihm keinen Nutzen gebracht haben würde, durch die Gnade Gottes ihm zum Heile ausschlug. Den Verworfenen aber gehen (und dabei übermannt sie die Verzweiflung) nur zu dem Zwecke die Augen auf, dass sie ihr unabwendbares Verderben vor sich sehen. Übrigens hat Gott verschiedene Wege, auf denen er sie zu dieser Art Erkenntnis führt. Häufig lernen sie in schweren Züchtigungen, dass Gott sie verwirft. Zuweilen aber wendet er keine äußere Pein an, sondern stürzt sie in Gewissensqualen. Ja, es kommt auch vor, dass sie ihr ganzes Leben lang sich in dieser Beziehung im Schlafe befinden; erst die Schrecken der Ewigkeit wecken sie auf. –

Unter der „Erhöhung“ versteht Christus hier seinen Tod. Er erinnert an ihn, um von vorn herein das klar zu stellen, dass die Juden, mögen sie ihn auch dem Leibe nach aus dem Wege räumen, damit gar nichts ausrichten werden. Er will sagen: „Jetzt spottet ihr in eurem Hochmut über meine Worte. Dabei wird es nicht bleiben. Ihr werdet mich umbringen. Dann werdet ihr euer Triumphlied anstimmen, als hättet ihr erreicht, was ihr wünschtet. Es wird aber nicht lange währen, dann werdet ihr merken, wie wenig das leibliche Sterben mich vernichten kann. Euch aber wird es dann übel ergehen. „Erhöhung“ nennt Jesus also seinen Tod, um ihnen so recht zu zeigen, dass sie nur das Gegenteil ihrer Absichten erreichen werden. Möglicherweise wollte er auch auf seine Todesart, die Erhöhung am Kreuze, anspielen. Vor allen Dingen jedoch hat er den herrlichen und so ganz unerwarteten Erfolg seines Todes im Auge gehabt. Schon am Kreuze selbst hat er dadurch, dass er die Handschrift der Sünde austilgte und unsere Schuldverhaftung beseitigte, kraft der wir dem Tode verfallen waren, einen großartigen Triumph über Satan vor Gott und den Engeln gefeiert; dieser Triumph aber ward den Menschen erst durch die Predigt des Evangeliums offenbar. Bald danach stieg Christus in den Himmel empor. So sollen wir heutzutage der frohen Hoffnung leben: mögen die Gottlosen sich ausdenken, was sie wollen, um Christum in ihrer Lehre und in der Kirche zu unterdrücken, Christus wird nicht nur, allen ihren Plänen entgegen, immer wieder emporkommen, er wird ihre frevlerischen Absichten sogar dermaßen durchkreuzen, dass dadurch sein Reich nur gefördert wird.

Dass ich es sei. Dass solche Aussagen nicht auf Christi göttliches Wesen, sondern auf seinen Heilandsberuf sich beziehen, habe ich bereits (zu 7, 29) ausgesprochen. Darauf deutet hier auch der Zusammenhang. Christus redet ja davon, dass er nichts ohne des Vaters Geheiß tut, was doch besagt, dass er der Gesandte Gottes ist und in dieser Stellung seine Aufträge treulich ausrichtet.

Und nichts von mir selber tue. Jesus unterfängt sich also nichts zu tun ohne besonderen Auftrag des Vaters. Um das mit einem Beispiel zu belegen, sagt er, er rede nur, was ihn der Vater gelehrt habe. Es sei zu dieser Stelle an das erinnert, was ich schon mehrfach hervorheben musste: wenn Jesus all das Göttliche, das er besitzt, nicht sein eigen nennt, so lässt er sich damit zu der Fassungskraft seiner Hörer herab. Er will damit nur darauf den Fingern legen: Haltet meine Worte nicht für Menschenworte; es sind Worte Gottes!

V. 29. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Wiederum rühmt er da, dass Gott, unter dessen beständiger Leitung er alles tut, mit ihm sei, damit er nicht umsonst und ohne Erfolg arbeite. Die Kraft des Geistes Gottes ist mit ihm bei der Ausübung seines Amtes. Von demselben Vertrauen dürfen alle Lehrer der göttlichen Wahrheit beseelt sein: Gott hält seine Hand über sie, wenn sie ihm mit einem Gewissen, wie er es von ihnen verlangt, dienen. Denn Gott betraut sie nicht mit der Verkündigung seines Wortes, damit sie mit nutzlosem Reden nur die Luft erschüttern; er gibt durch geheime Wirkung seines Geistes dem Worte Erfolg und nimmt sie zugleich in seinen besonderen Schutz, sodass ihre Feinde überwunden werden, und sie gegen die Angriffe der ganzen Welt gefeit sind. Wollten sie bloß sich selbst und ihre Fähigkeiten in Betracht ziehen, so müsste ihre Kraft in jedem Augenblick zu Ende sein. Feststehen ist nur dann möglich, wenn wir der Überzeugung sind: Gott selber hält uns mit seiner Hand! Wohl zu beachten ist übrigens der Grund, auf welchen Jesus die Tatsache stützt, dass Gott ihm zur Seite steht und ihm seine Hilfe allezeit zuteilwerden lässt: denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. „Allezeit“, das besagt, dass er nicht bloß bis zu einem gewissen Grade und Maße Gott gehorsam ist, sondern, dass er völlig und ausnahmslos sich dem Gehorsam gegen ihn geweiht hat. Wünschen wir die nämliche Gegenwart Gottes zu erfahren, so haben wir nur unser ganzes Sinnen und Denken auf seine Befehle zu richten. Wollen wir uns nur teilweise auf seinen königlichen Willen einlassen, so wird der Segen Gottes ausbleiben, und alle unsere Bemühungen sind für nichts; und scheint es auch eine Zeit lang, als lächle uns günstiger Erfolg, so wird der Ausgang doch unglücklicher Art sein.

Wenn Jesus sagt: der Vater lässt ich nicht allein, so erhebt er damit Klage über die Treulosigkeit seines Volkes, in dem er fast niemanden fand, der ihm die Hand reichte. Auch zeigt er damit, dass es ihm genug und übergenug ist, wenn er Gott auf seiner Seite hat. Nun, so dürfen auch wir gutes Mutes sein: Wir sind nicht allein, und wären wir noch so wenige! Wer dagegen Gott nicht auf seiner Seite hat, der wird vergeblich mit ganzen Menschenmassen prahlen, die zu ihm halten.

V. 30. Da er solches redete, glaubten viele an ihn. Obgleich die Juden dem dürren und unfruchtbaren Lande ähnlich waren, ließ Gott den Samen seines Wortes doch nicht ganz verkommen. Wo man es kaum gehofft hätte, da so viele Hindernisse im Wege waren, kommt doch einige Frucht auf. Übrigens braucht der Evangelist die Bezeichnung „glauben“ hier nicht im strengen Sinne; es war ja nur eine Art Vorbereitung für den Glauben. Jene Leute waren geneigt, die Lehre Christi anzunehmen, wie ja auch die unmittelbar folgende Ermahnung durchblicken lässt.

V. 31. So ihr bleiben werdet an meiner Rede. Da macht Christus darauf aufmerksam, dass ein guter Anfang noch nicht genügt, sondern dass ein entsprechender Fortschritt bis zum Ende standhalten muss. Damit ermahnt er die, welche an seiner Lehre Geschmack gefunden haben, zur Ausdauer im Glauben. Er kann erst die als seine echten Jünger anerkennen, die in den Nährboden seines Wortes tiefreichende Wurzeln getrieben haben und darin bleiben. Er gibt damit den Wink: Viele, die sich zu meinen Jüngern zählen, sind in Wahrheit keine Jünger von mir; so verdienen sie es denn auch nicht, dafür angesehen zu werden. Das Merkzeichen, an welchem Jesus seine wirklichen Jünger von den Heuchlern unterscheidet, besteht darin, dass Leute, die sich fälschlich des Glaubens rühmen, alsbald nach Beginn oder doch mitten im Laufe abfallen, während die Gläubigen unentwegt bis zum Ziele aushalten. Soll uns also Christus unter seine wahren Jünger zählen, so müssen wir standhafte Treue beweisen.

V. 32. Und werdet die Wahrheit erkennen. Von Leuten, welche die Wahrheit doch schon ein wenig kennen gelernt hatten, sagt Jesus, sie würden dereinst die Wahrheit erkennen. Sie hatten ja kaum den ersten Anfang gemacht; so ist es nicht befremdlich, wenn er ihnen ein umfassenderes Verständnis seiner Lehre verheißt. So soll auch ein jeder von uns sich dessen bewusst bleiben: haben wir im Evangelium schon einige Schritte voran getan, - wir müssen immer wieder noch weiter kommen. Bleiben sie standhaft und treu, so will Christus die Seinen damit belohnen, dass er ihnen immer vertrauter wird, was übrigens, genau besehen, keine Vergeltung eines menschlichen Verdienstes ist, sondern nur ein neues Geschenk zu den alten Gnadengaben. Er selbst ist es ja, der sein Wort durch seinen Geist unseren Herzen einprägt; er ist es, der täglich die Nebel der Unwissenheit in unseren Herzen verscheucht, welche die hellen Strahlen des Evangeliums überschatten möchten. Soll die Wahrheit sich uns in ihrer ganzen Tiefe erschließen, so müssen wir mit beständigem Ernst und Eifer zu ihr emporstreben. Übrigens ist es nicht eine verschiedene, sondern ganz ein und dieselbe Wahrheit, die Jesus von Anfang bis zu Ende die Seinen lehrt. Der Unterschied besteht nur darin, dass er uns anfangs bloß mit kleinen Lichtfunken bestrahlt, uns aber je mehr und mehr mit einer Flut von Licht überströmt. So kann man denn mit einigem Rechte sagen: die Gläubigen wissen, so lange sie nicht völlig gefestigt sind, das, was sie wissen, noch nicht. Indes ist keine Glaubenserkenntnis so gering oder so trübe, dass sie nicht zum Seligwerden ausreichte.

Die Wahrheit wird euch frei machen. Zur Erkenntnis seines Evangeliums lockt der Herr nun auch damit, dass er auf die Frucht oder den Erfolg davon hinweist, auf das unvergleichlich hohe Gut der Freiheit. Daraus folgt, dass es nichts Besseres gibt, nichts, wonach man inniger verlangen muss, als die Erkenntnis des Evangeliums. Alle Menschen wissen und gestehen es: Sklaverei ist ein großes Unglück. Wenn das Evangelium uns nun aus der Sklaverei befreit, so folgt daraus, dass es ein kostbares Geschenk ist, das uns ein glückseliges Leben verschafft. Doch wollen wir nicht übersehen, an welcherlei Befreiung Christus denkt: an die, welche uns aus der Gewalt der drei Tyrannen Satan, Sünde und Tod erlöst. Wird uns das durchs Evangelium zuteil, so ist klar: von Natur sind wir alle Knechte der Sünde. Weiter gilt es zu beachten, wie die Befreiung zustande kommt. So lange wir uns von den eigenen Gedanken und Einfällen regieren lassen, sind wir der Sünde leibeigen. Wenn aber der Herr aus uns durch seinen Geist neue Menschen macht, dann schenkt er uns eben damit die Freiheit; aus den Stricken des Satans, in denen wir schmachteten, sind wir nun heraus und gehorchen willig der Gerechtigkeit. Aus dem Glauben kommt die Wiedergeburt. Daraus geht hervor: aus dem Evangelium kommt die Freiheit. So schlägt Christi Wort alle Träumereien von einem eigenen freien Willen nieder: nur Christus vermag uns zu befreien. Zu bemerken ist noch, dass diese Freiheit ihre Stufen hat, und zwar nach dem Maße des Glaubens; Paulus seufzte noch nach der völligen Freiheit, als er längst aus der Knechtschaft befreit war (Röm. 7, 24).

V. 33. Wir sind Abrahams Samen. Man weiß nicht recht, ob der Evangelist hier dieselben Leute, wie vorhin, oder andere redend einführt. Meiner Meinung nach ging es so her, wie es eben bei einer aus vielen einzelnen zusammengesetzten Schar von Menschen herzugehen pflegt. Es gab bald hier, bald dort einer Christo Antwort. Und zwar werden sich dabei die Verächter mehr beteiligt haben, als die Gläubigen. Diese Erzählungsweise findet man in der ganzen heiligen Schrift, dass bei Verhandlungen mit einer ganzen Volksmasse eben diesem Gesamtkörper zugeschrieben wird, was doch nur aus einer bestimmten Gruppe kam. Die Leute nun, welche hier einwenden, sie seien doch Abrahams Kinder und deshalb von jeher in Freiheit, hatten aus Christi Worten ganz richtig geschlossen, dass er ihnen die Freiheit eben darum verhieß, weil er sie für Sklaven hielt. Das aber empfanden sie als eine unerträgliche Beleidigung, dass sie als Gottes heiliges und auserwähltes Volk Knechte sein sollten. Sie meinten, es würde dadurch die göttliche Erwählung Israels an Sohnes Statt und der Bund am Sinai, durch welchen sie von den Heidenvölkern geschieden waren, heruntergesetzt, wenn Christus sie nicht für freie Gotteskinder ansähe, sondern ihnen die Freiheit als ein erst noch zu erlangendes Gut hinstellte.

Man könnte übrigens sagen: Eine leere Prahlerei ist es, dass sie behaupten, nie keinmal jemandes Knechte gewesen zu sein. Wie oft ist doch das Judenvolk von Eroberern unterdrückt worden, ja, wie seufzten sie damals unter dem schweren Joche der römischen Cäsaren! Immerhin war doch etwas an dieser ihrer Behauptung; selbst unter der Fremdherrschaft blieben sie rechtlich freie Leute. Der grundlegende Irrtum war der, dass sie nicht in Erwägung zogen, dass das Recht der Kindschaft für sie allein in dem Mittler begründet war. Wodurch anders soll denn Abrahams Same frei sein, als dadurch, dass er durch die Gnade des Erlösers der allgemeinen Knechtschaft der Menschheit entnommen wird?

Der zweite, noch weniger erträgliche Irrtum auf ihrer Seite war der, dass sie, die völlig Entarteten, doch unter die Söhne Abrahams gerechnet werden wollten und nicht daran dachten, dass man allein durch die Wiedergeburt aus dem heiligen Geiste ein rechtmäßiger Abrahamssohn wird. Das war in fast allen Jahrhunderten ein allgemein verbreiteter schwerer Übelstand, dass man außerordentliche Gottesgaben schon der fleischlichen Geburt zu verdanken wähnte, und dass man die Heilmittel, welche Gott zur Gesundung unserer Natur anwendet, eben dieser Natur auf Rechnung setzte. Selbstverständlich halten alle die, welche, von einem solchen leeren Wahne aufgebläht, sich so wie sie sind, längst gut vorkommend, Christum und seine Gnade von sich fern. O, wie ist doch dieser Hochmut in aller Welt verbreitet! Unter Hunderten weiß kaum einer, dass er der Gnade Gottes bedarf.

V. 34. Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Rühmten sich die Juden ihrer Freiheit, so zeigt ihnen Jesus im Gegenteil, dass sie Sklaven der Sünde sind, weil sie, in fleischlichen Lüsten gefangen, nichts anders können als sündigen. Es ist nur zu verwundern, dass die Menschen von dieser einfachen Wahrheit sich nicht durch ihre eigene, tägliche Erfahrung überführen lassen, und sich zu demütigen. Heute ist es an der Tagesordnung, mit hochtrabenden Redensarten die Freiheit des menschlichen Willens zu verteidigen, und das umso eigensinniger, je mehr man selbst in der Knechtschaft der Sünde steckt. Scheinbar sagt Christus hier nur dasselbe, was sich schon in den Aussprüchen von Philosophen des Altertums findet, nämlich dass diejenigen, welche ihren Lüsten hingegeben sind, in der schmählichsten Knechtschaft leben. Aber es ist nicht dasselbe.

Der Sinn der vorliegenden Worte ist tiefer und liegt nicht so unmittelbar am Tage. Jesus redet nicht nur von dem Treiben besonders schlimmer Menschen, sondern beschreibt die Lage, in der sich von Natur jeder Mensch befindet. Jene Weltweisen waren der Meinung: Es steht im freien Willen jedes Einzelnen, ob er ein Sklave werden und ob er wieder frei werden will. Christus aber stellt hier den Satz auf: Jeder Mensch, den ich nicht befreie, ist und bleibt ein Sklave. Alle Menschen sind geborene Knechte, da sie zufolge der verderbten Menschennatur gleich von vornherein mit der Sünde in unheilvolle Berührung kommen. Zu beachten ist die Gegenüberstellung von Gnade und Natur in diesem Ausspruche Christi; es ist daraus leicht zu verstehen, dass die Menschen der Freiheit verlustig gegangen sind und nur dadurch frei werden können, dass ihnen die Freiheit von anderer Seite hier wieder gegeben wird. Insofern bleibt übrigens mitten in dieser Knechtschaft eine Art von freiem Willen bestehen, als derjenige, welcher mit Notwendigkeit sündigt, doch nicht etwa zur Sünde gezwungen wird: er sollte und müsste anders handeln.

V. 35. Der Knecht aber bleibt nicht ewiglich im Hause. Der Herr führt ein Gleichnis aus dem bürgerlichen Rechtsleben an. Ein Knecht hat wohl eine Zeitlang die Oberleitung des Hauses in Händen; und doch ist er nicht der Erbe. Daraus folgert er: so ist nur das die rechte und immer währende Freiheit, die man durch den Sohn erhält. Auf diese Weise sagt er den Juden: Wir töricht brüstet ihr euch doch! Ihr habt ja nur den Schein der Freiheit, nicht die wirkliche Freiheit! Dass sie fleischlich von Abraham abstammten, machte sie ja nur scheinbar zu freien Abrahams Kindern. Ja, sie gehörten zur Gemeinde Gottes, aber nur so wenig und so viel wie Ismael, der sich eine kurze Zeit hindurch als rechter Abrahams Sohn aufspielte, indem er als Knecht den freien Bruder verspottete.

V. 36. So euch nun der Sohn frei macht. Jesus sagt damit: Mir allein steht das Recht Alles in allem: wer in dieser Weise sich der Abrahams Kindschaft rühmt, wiegt sich nur in einer trügerischen und leeren Hoffnung.

des freien Sohnes zu; die anderen alle werden als Knechte geboren und können allein durch meine Gnade frei werden, -

Was ihm selber von Geburt zusteht, das teilt er uns mit, indem er uns zu Kindern Gottes macht, wenn wir, durch Glauben dem Leibe Christi eingefügt, seine Glieder werden. So ist das Evangelium der Freiheitsstab, der uns berühren muss, wenn wir freie Leute werden sollen. In dem „so seid ihr recht frei “ fällt im Gegensatz zu der törichten Einbildung der Juden der Ton auf das Wörtchen „recht“. Wie viele Weltmenschen dünken sich auch heute, Könige zu sein, und sind doch elende Sklaven!

V. 37. Ich weiß wohl, dass ihr Abrahams Same seid. Das ist ein Zugeständnis, mit welchem Jesus doch zugleich über die Torheit der Juden spottet, die sich eines ganz hohlen Titels rühmten. Er will sagen: selbst wenn ich euch einmal zugebe, worin ihr euch so sehr gefallet, - was hilft euch eure Abrahams Kindschaft, wenn ihr doch wider Gott und seine Diener wütet? wenn ihr in gottlosem und verbrecherischem Hass gegen die Wahrheit unschuldiges Blut zu vergießen trachtet? Aus diesem ihren Gebaren ergibt sich, dass sie den edlen Namen, auf den sie Anspruch machen, durchaus nicht verdienen, denn die Ähnlichkeit mit dem Gottesmanne Abraham geht ihnen gänzlich ab.

Ihr sucht mich zu töten. Wenn Jesus sagt, dass sie ihn zu Tode zu bringen suchen, weil seine Rede in ihren Herzen keine Stätte finde, so will er sie damit nicht einfach als Menschenmörder bezeichnen. Er meint vielmehr, dass der Hass gegen Gott und seine Wahrheit sie zu solch mörderischer Wut treibt. Das ist noch etwas viel Schrecklicheres: ihr Hass kehrt sich nicht bloß gegen einen Menschen, sondern zugleich gegen Gott. Jesus sagt: Meine Rede fähet nicht unter euch , d. h. ihr vermögt sie nicht zu fassen, weil ihr böswillig eure Herzen verschließt, so dass nichts Gesundes eindringen kann.

V. 38. Ich rede, was ich von meinem Vater gesehen habe usw. Schon öfter hatte sich Jesus auf seinen Vater berufen: jetzt zieht er auch gegensätzlich den Schluss, dass die Gegner seiner Lehre Gottes Feinde und Kinder des Teufels sein müssen. Ich, so sagt er, bringe nichts vor, als was ich vom Vater gelernt habe. Wie soll ich mir nun eure entrüstete Widerspenstigkeit gegen diese Rede Gottes anders erklären, als dass ihr eben ganz gegenteiliger Herkunft seid? Von sich sagt Jesus: „Ich rede,“ von ihnen: „Ihr tut,“ weil er des Lehramtes waltete, sie dagegen sich bemühten, in leidenschaftlichem Hasse seine Lehre auszutilgen. Sein Evangelium stellt er dabei vor Verachtung sicher; es ist etwas Göttliches, - daher ist es denn auch kein Wunder, dass Söhne des Teufels es bestreiten.

V. 39. Abraham ist unser Vater. Die rechthaberische Fortsetzung des Streites zeigt zur Genüge, wie völlig jene Leute alle Warnungen und Vorwürfe Jesu in den Wind schlagen. Sie bleiben steif und fest dabei: wir sind Abrahams Kinder, - aber nicht nur in dem Sinne, wie Jesus es ihnen zugegeben hat, dass sie äußerlich, dem Stammbaume nach, von Abraham herkommen, sondern in dem Sinne: Wir sind das heilige Volk, Gottes Eigentum und Erbe, Söhne Gottes! Das ist alles weiter nichts als fleischliche Zuversicht. Solche nur äußerliche Zugehörigkeit zu Abraham ist nichts, als der Schein der Sache ohne ihr Wesen. Aber mit solch schön aufgeputzter fleischlicher Selbstgewissheit schaffen sie sich nur einen eisernen Widerstand, welcher dem Herrn den Zugang zu ihren Herzen wehrt.

Wenn ihr Abrahams Kinder wäret usw. Jetzt unterscheidet Christus die entarteten Abrahams Kinder schon genauer von den rechtmäßigen. Er will auch den bloßen Namen denen nicht mehr gönnen, die dem Abraham unähnlich sind. Es kommt ja oft vor, dass die Söhne in ihrem ganzen Betragen ihren Vätern durchaus nicht ähneln. Christus aber redet hier nicht von fleischlicher Abstammung, sondern sagt nur, dass Gott diejenigen nicht zu Kindern Abrahams rechnet, welche nicht im Glauben die Begnadigung mit dem Kindesrechte festhalten. Jehovah hatte verheißen, der Gott des Samens Abrahams zu sein; alle Ungläubigen gingen natürlich dieser göttlichen Zusage verlustig und schieden damit aus dem Geschlechte Abrahams aus. Der Stand der Frage ist also der: Sind Leute, welche den ihnen im Worte angebotenen Segen Gottes ausschlagen, noch als Abrahams Kinder anzusehen? Sind sie selbst dann noch ein heiliges Volk, Gottes Eigentum, ein königliches Priestertum? Christus sagt: Nein! – und das mit Recht, denn die Kinder der Verheißung müssen durch den Geist von neuem geboren werden. Nur neue Kreaturen, durch den Geist umgewandelte Menschen, können einen Platz im Reiche Gottes beanspruchen. Unnütz und bedeutungslos war natürlich die fleischliche Abstammung von Abraham nicht; es musste nur die wirkliche, geistliche Abrahamskindschaft hinzukommen. Gott hat den Samen Abrahams erwählt. Aber es ist das eine freie Erwählung; er hat sich nicht die Hände gebunden. Als Erben des Lebens sind nur diejenigen anzusehen, die Gott durch seinen Geist heiligt.

V. 40. Nun aber sucht ihr mich zu töten. Aus dieser Frucht ihres inneren Sinnes zieht Jesus den Schluss, dass die Juden unmöglich Abrahams Kinder sein können, wie sie sich rühmen: sie streiten ja wider Gott, während Abrahams Haupttugend der Gehorsam des Glaubens gegen Gott war! Der ist also das Merkzeichen, an dessen Fehlen oder Vorhandensein man mit Sicherheit erkennen kann, ob jemand nur vorgeblich oder wirklich ein Kind Abrahams ist. Ein bloßer Titel, mag auch die Welt noch so hohen Wert darauf legen, gilt vor Gott gar nichts. So macht denn Christus abermals die Schlussfolgerung: Also seid ihr Teufelskinder! Weshalb? Weil sie entschiedene Feinde der rechten und heilsamen Lehre sind.

V. 41. Wir sind nicht unehelich geboren. Damit machen sie abermals Anspruch auf den von Christus ihnen abgesprochenen Ehrennamen. In ihren Augen war eben ein wirklicher Nachkomme Abrahams nach dem Fleisch ohne weiteres ein Kind Gottes. So bilden sie selbst sich ein, dass sie von Mutterleibe an heilig sind, weil sie aus einer heiligen Wurzel stammen. Sie halten sich für die Gemeinde Gottes, weil sie von heiligen Vätern abstammen. Geradeso denken heute die Papisten: als ob die bloße väterliche Tradition das Kennzeichen der Kirche Gottes sein könnte, auch wo man vom Worte Gottes, vom Geist und vom Glauben gewichen ist!

V. 42. Wäre Gott euer Vater usw. Christi Beweisführung hat folgenden Gang: Ein jedes wahre Gotteskind wird mich als den eingeborenen Sohn Gottes anerkennen und lieben; ihr aber hasst mich. Ihr habt also keinen Grund, euch der Gotteskindschaft zu rühmen. –

Dieses Urteil wollen wir uns wohl einprägen: es lehrt uns, dass, wo man Christum verwirft, keine Frömmigkeit, noch Gottesfurcht wohnt. Eine erlogene Religion behauptet kühnlich, Gott zu haben. Aber wie können diejenigen mit dem Vater einig sein, welche sich lossagen von seinem einigen Sohne? Was soll man von einer Gotteserkenntnis halten, welche das lebendige Ebenbild Gottes für nichts achtet? Christus will hier gerade damit, dass er vom Vater zu kommen bezeugt, besagen: Alles, was ich habe, ist göttlich! Deshalb eben stimmt es nie und nimmermehr zusammen: ein wahrer Gottesverehrer sein und die Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes verabscheuen. Jesus sagt: Ich bin nicht von mir selber kommen. Das heißt: Ihr könnt mir nichts vorhalten, das an mir Gott missfällig, ungöttlich wäre; nichts Irdisches, nichts nur Menschliches werdet ihr auffinden können in meiner Lehre und überhaupt in meiner ganzen Amtsführung. Er redet also auch hier wieder nicht von seinem Wesen, sondern von seinem Heilandsberuf.

V. 43. Warum kennt ihr usw. Jesus wirft den Juden hier ihre Widerspenstigkeit vor, die so weit ging, dass sie es nicht einmal zu ertragen vermochten, ihn reden zu hören. Daraus folgert er, dass sie sich von teuflischer Wut ganz und gar hinreißen lassen. Übrigens setzen viele Ausleger schon nach der ersten Hälfte des Verses ein Fragezeichen und fassen dann die zweite Hälfte als begründende Antwort: „Warum kennt ihr denn meine Sprache nicht? Denn ihr könnt ja mein Wort nicht hören.“ Ich ziehe jedoch das alles lieber in einen einzigen Fragesatz zusammen. Dann würde Jesus sagen: Was ist doch der Grund, dass meine Sprechweise euch so fremdländisch und unverständlich anmutet, dass all mein Reden nichts hilft, ja dass ihr euch überhaupt nicht bequemt, auch nur dem, was ich sage, euer Ohr zu öffnen? Das erste Satzglied tadelt dann die stumpfsinnige Unempfänglichkeit der Juden, das zweite ihren unbeugsamen und ohnmächtigen Hass gegen Jesu Lehre. Dann erst (V. 44) wird für beides der Grund angegeben: sie stammen vom Teufel. So wollte Jesu Frage ihnen die unaufhörlich wiederholte Gegenrede abschneiden, dass ihr Widerstand sich auf gute und rechtmäßige Gründe stütze.

V. 44. Ihr seid von dem Vater, dem Teufel. Das hatte er schon zweimal vorher angedeutet, hier sagt er es ganz unverhüllt frei heraus: sie sind Teufelskinder. Es wäre unmöglich, dass sie gegen den Gottessohn so feindselig gesinnt wären, wenn sie nicht den unversöhnlichen Feind Gottes zum Vater hätten. Kinder des Teufels sind sie nicht nur, weil sie demselben ähnlich sind, sondern hauptsächlich, weil sie nur seinem Antriebe folgen, wenn sie Christum bekämpfen. Wir heißen Gotteskinder nicht nur, weil wir Gott ähnlich sind, sondern weil er uns durch seinen Geist lenkt, und weil Christus in uns lebt und wirkt, um uns in des Vaters Ebenbild einzugestalten. Umgekehrt heißt der Teufel derjenigen Menschen Vater, deren Sinn er verblendet, deren Herzen er zu jeglicher Ungerechtigkeit aufstachelt, und in denen er als ein unumschränkter Gewalthaber kräftig wirkt (2. Kor. 4, 4; Eph. 2, 2 usw.).

Der selbige ist ein Mörder. In zwei Stücken, Grausamkeit und Lüge, waren die Juden diesem ihrem Vater nur zu ähnlich. Das im griechischen Grundtext gebrauchte Wort heißt ganz genau: ein Menschenmörder. Mit dieser Bezeichnung sagt Christus, dass es Satan auf das Verderben des Menschen abgesehen hat. Sobald der Mensch geschaffen war, begann Satan, von grässlicher Lust am Schadenstiften getrieben, an dem Verderben desselben zu arbeiten. Übrigens meint Christus hier mit dem Anfang nicht die Erschaffung Satans; dann würde ja Gott selber ihm die Freude am Unheil anderer anerschaffen haben. Christus verdammt hier an Satan das von diesem selbst verschuldete, durch und durch sündliche Wesen. Dass es nur so gemeint ist, geht aufs deutlichste hervor aus dem, was folgt: Er ist nicht bestanden in der Wahrheit. Satan ist also, das steht hier ganz klar, ursprünglich wahrhaftig geschaffen; durch Abfall von der Wahrheit ist er dann erst zum Lügner geworden. Folglich ist seine Bosheit kein Naturübel, sondern in seinem eigenen Willen begründet. Diese Beschreibung Satans ist für uns von hohem Nutzen. Ein jeder muss sich ernstlich vor seinen Nachstellungen hüten und seinen furchtbaren Angriffen widerstehen (1. Petr. 5, 9). Je größer seine Gier nach Menschenseelen, je unerschöpflicher seine List, desto mehr müssen die Gläubigen sich mit geistlichen Waffen zum Kampfe rüsten und nüchtern und wachsam sein. Satan kann sein Wesen nicht mehr wandeln. Deshalb darf es uns nicht erregen, als wäre es etwas Neues und Unerhörtes, wenn rasch hintereinander so mannigfaltige Irrlehren auftauchen. Satan gebraucht seine Werkzeuge dazu, dass sie mit dem Wind ihrer Lug- und Trugreden die Welt verrückt machen sollen. Es ist ja gar nicht verwundern, dass Satan so alle Kräfte zusammennimmt, um das Licht der Wahrheit auszublasen, - kann doch die Menschenseele allein in der Wahrheit wahrhaftiges Leben haben. So gebraucht er denn die Lüge als furchtbarste Mordwaffe für das Seelenleben. Mag sich nun gegen die Wahrheit aufmachen, wer da will – jeder, der Augen hat, weiß und bedenkt, welches eigentlich der Feind ist, mit dem es zu streiten gilt. Weiß du das, nun wohl, so begib sich in den mächtigen Schutz deines Feldherrn Jesus Christus, zu dessen Fahne du geschworen hast! –

Das folgende Satzglied: Denn die Wahrheit ist nicht in ihm, erweitert den ausgesprochenen Gedanken. Daraus, dass Satan die Wahrheit hasst und sie nicht vertragen kann, ja vielmehr in lauter Lügen steckt, macht Christus die Schlussfolgerung: also ist er jedes Restes von Wahrheit bar und in seinem ganzen Wesen ihr völliger Gegensatz. Wundern wir uns deshalb nicht, wenn er Tag für Tag Früchte seines Abfalls hervorbringt!

Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen, d. h. es ist ihm ganz geläufig und zur anderen Natur geworden, zu lügen, zu trügen und Verführung und höllisches Blendwerk anzurichten. Darum heißt er auch ein Vater der Lüge: denn er ist von Gott, dem einigen Sitz und Quell der Wahrheit, abgefallen.

V. 45. Weil ich die Wahrheit sage usw. Die Gegner haben keinen einzigen stichhaltigen Grund, dem Herrn Jesus Widerstand zu leisten; ihr ganzes Verfahren erklärt sich daraus, dass sie die Wahrheit nicht leiden mögen, sondern sich völlig dagegen verschließen, - der sichere Beweis, dass Christus es hier mit Kindern des Teufels zu tun hat.

V. 46. Wer unter euch kann mich einer Sünde zeihen? Diese Frage stammt aus einer guten Zuversicht. Da Jesus weiß, dass auch der leiseste Tadel ihn nicht wirklich zu treffen vermöchte, steht er als Sieger seinen Feinden gegenüber und fordert sie getrost heraus. Indes sagt er nicht, dass sie nicht imstande seien, Verleumdungen gegen ihn auszusprechen. Möchte ihnen jeder tatsächliche Stoff, um dessentwillen sie Widerspruch gegen ihn erheben konnten, fehlen, so standen sie doch nicht davon ab, Christum mit ihren Schmähungen anzugreifen. Er ist sich jedenfalls bewusst, dass keine Anschuldigung, sie mag lauten, wie sie will, wirklich an ihm haftet. Doch ist es nicht richtig, zu sagen: Jesus spricht hier aus, dass er vollkommen sündlos ist. Das war er freilich, und zwar als einziger unter allen Menschen, da er ja der Sohn Gottes war. Im vorliegenden Zusammenhange ist aber nur von der Pflichterfüllung die Rede, die Christus als treuer Diener Gottes leistet, ganz in dem Sinne, in welchem auch Paulus sagt (1. Kor. 4, 4): „Ich bin mir nichts bewusst!“ Denn dabei denkt der Apostel nicht an sein ganzes Leben, sondern verteidigt nur seine Lehre und sein Amt. Dass unsere Stelle ebenso zu verstehen ist, zeigen auch die unmittelbar folgenden Worte: So ich euch aber die Wahrheit sage usw. Daraus ist zu ersehen, dass Christus hier mehr für die Reinheit seiner Lehre als seiner Person spricht.

V. 47. Wer von Gott ist usw. Weil Jesus mit gutem Grunde es als unbestreitbar ansehen kann, dass er ein Abgesandter des himmlischen Vaters ist und als solcher in unerschütterlicher Treue seine Pflicht tut, so steigert sich hier seine Rede zu gewaltiger Eindringlichkeit, - war doch die Gottlosigkeit der Gegner jetzt völlig offenbar geworden, da sie so hartnäckig das Wort Gottes verschmähten. Er hatte ihnen gezeigt: der einzige Vorwurf, den ihr mir machen könnt, ist der, dass ich genauso lehre, wie wenn Gott selbst seinen Mund auftäte. Daraus macht er die Schlussfolgerung: also habt ihr keinerlei Gemeinschaft mit Gott, wenn ihr nicht auf mich hören wollt! Er sieht hier von sich selber ganz ab und zeigt ihnen den Abgrund, an dem sie stehen: mit Gott selber liegen sie im Streite. Außerdem lehrt uns diese Stelle: Es gibt kein gewisseres Zeichen dafür, dass ein Mensch dem ewigen Verderben entgegen geht, als dass er die Lehre Christi nicht leiden kann, mag er daneben auch in Heiligkeit strahlen wie ein Engel. Sind wir dagegen seiner Lehre herzlich zugetan, so haben wir daran eine Art sichtbares Siegel unserer Erwählung. Wer das Wort sein eigen nennt, der besitzt darin Gott selbst, wer es aber abweist, bringt sich damit um Gerechtigkeit und Leben. So hüte dich ernstlich davor!

V. 48. Sagen wir nicht recht usw. Immer mehr verraten die Juden, wie furchtbar Satan ihnen alles Nachdenken gelähmt hat. Christus hat sie überführt, ja völlig bloßgestellt. Und dennoch tragen sie keine Scheu, sich blindlings in eben das Gericht hinein zu stürzen, das er ihnen vor die Augen gemalt hat. Ihre Schmähung ist eine zwiefache: Du bist ein Samariter und hast den Teufel. Sie wollen den Herrn Jesus damit als einen verabscheuungswürdigen Menschen bezeichnen, der von einem bösen Geiste getrieben werde. Die Juden sahen die Samariter ja als Abtrünnige und als Gesetzesschänder an. Deshalb war ihr schlimmstes Schimpfwort: „Samariter“. Dies denkbar kräftigste Wort lassen sie sich auch jetzt von ihrer unbesonnenen Wut eingeben.

V. 49 u. 50. Ich habe keinen Teufel. Auf den ersten Schimpfnamen nimmt Jesus gar keine Rücksicht. Nur von der zweiten Anschuldigung reinigt er sich. Weshalb wohl? Einige sagen: Es liegt ihm nichts an der Beschimpfung seiner Person; auf seine Lehre jedoch will er nichts kommen lassen. Das ist meiner Meinung nach nicht richtig. Die Juden werden schwerlich den feinen Unterschied zwischen Person und Lehre gemacht haben. Und gerade bei dem Schimpfwort „Samariter“ kam sehr stark die falsche Lehre der Bewohner Samarias in Betracht. Sie waren ja vom Gesetz abgefallen, hatten es durch allerhand abergläubische Zusätze entstellt und hatten die gesamte Gottesverehrung nach ihrem eigenen Sinne umgestaltet. Die Wahrheit wird die sein, dass der buchstäblich doppelte Schimpfname inhaltlich nur einer ist. Darum kann sich Jesus mit einer bloß einfachen Widerlegung begnügen. Überlegt man sich die Schimpfreden der Juden recht, dann war wohl der Vorwurf, Jesus sei ein Samariter, viel schlimmer als der, er sei ein (nicht zurechnungsfähiger) Besessener. Aber wie gesagt, Christus gibt sich keine Mühe, jede Schmähung besonders zu widerlegen. Dass er nicht von einem bösen Geiste besessen ist, zeigt er an der unleugbaren Tatsache, dass er nur das eine Streben hat, den Vater zu ehren. Ein solcher Diener Gottes, wie er, der den Vater in Lauterkeit ehrt, wie es sich gebührt, kann nur vom Geiste Gottes regiert sein.

Ihr unehret mich. Man könnte diese Worte so auslegen: Christus beklagt sich darüber, dass er nicht nach Gebühr behandelt wird, während er doch nur auf Förderung der Ehre Gottes bedacht ist. Ich glaube jedoch, dass seine Gedanken noch höher zielen: er verbindet seine Ehre innig mit der des Vaters. Er will dann sagen: Ich will keinerlei Ehre erwiesen haben, wodurch der Ehre des Vaters Abbruch geschähe. Begegnet ihr mir in so abscheulicher, gehässiger Weise, so fallen eure Schmähungen auf Gott selbst. In mir seht ihr seine göttliche Hoheit erstrahlen. In mir wohnt er in der Fülle seiner Herrschermacht! –

Deshalb heißt es (V. 50) auch sofort, Gott sei der Rächer des von ihnen begangenen Unrechtes. Man hätte den Herrn Jesus für einen ehrsüchtigen Menschen halten können, wenn er nicht ausdrücklich bezeugt hätte: nicht aus kleinlicher persönlicher Empfindsamkeit kümmere ich mich darum, ob man mich ehrt oder verachtet, sondern weil es sich dabei um eine Ehren oder Verachten Gottes handelt. Übrigens dürfen wir bei allem Abstand von Christus uns dennoch gewisslich dessen getrösten, dass, wenn wir von ganzem Herzen Gottes Ehre suchen, wir bei ihm Anerkennung genug finden werden. Es ist und bleibt wahr, was er gesagt hat (1. Sam. 2, 30): „Wer mich ehrt, den will ich auch ehren“. Mögen uns dann auch die Menschen verachten, ja gar mit Schmähungen überschütten, wir dürfen, ohne uns dadurch irre machen zu lassen, frohen Herzens warten, bis der Tag des Herrn anbricht.

V. 51. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch usw. Ohne Zweifel erkannte Jesus, dass in der Schar um ihn her einige noch zu heilen waren, andere seiner Lehre durchaus nicht ganz abgeneigt waren. So kam es ihm denn nicht nur darauf an, die Gottlosen zu schrecken, die man um ihrer Bosheit willen aufgeben musste, sondern mehr noch darauf, den Bessergesinnten einen Trost anzubieten, wodurch die noch nicht ganz Verlorenen angelockt werden konnten. Mag auch ein großer Teil der Zuhörer innerlich voller Widerspruch und Abneigung gegen Gottes Wort stecken, so darf doch ein rechter Verkündiger des Evangeliums sich niemals ausschließlich mit der Aufgabe befassen, den Gottlosen das Gericht anzudrohen; er muss vielmehr stets zugleich den Kindern Gottes das Heil anbieten und wenigstens den Versuch machen, diejenigen, welche noch nicht ganz unheilbar sind, wieder zur Besinnung zu bringen. Christus verheißt hier seinen Jüngern das ewige Leben; aber er will solche Schüler haben, die nicht bloß gedankenlos mit dem Kopf nicken oder nur mit dem Munde sich zu seiner Lehre bekennen, sondern solche, die sie als einen kostbaren Schatz bewahren. Er sagt, sie würden den Tod nicht sehen: denn sobald der Glaube eine Menschenseele lebendig macht, ist der Stachel des Todes abgestumpft, und sein Gift entfernt, sodass er die tödliche Wunde nicht beibringen kann.

V. 52. Nun erkennen wir usw. Die unglückseligen Menschen verharren in ihrer Stumpfheit. Ob Verheißungen, ob Drohungen, das ist ihnen gleich. Sie lassen sich weder an der Hand zu Christo führen, noch an den Haaren zu ihm schleppen. Wenn einige Ausleger aber sagen, sie hätten sich von ihrer Verleumdungssucht soweit fortreißen lassen, dass sie Christi Worte übertreibend verzerrt hätten, - sie sagen: „den Tod nicht schmecken“, Christus nur: „den Tod nicht sehen“, - so halte ich das nicht für stichhaltig. Im Hebräischen war, so glaube ich wenigstens, der Sinn dieser beiden Wendungen ganz der gleiche. Natürlich lassen die Juden aber auch so den Worten Christi keine Gerechtigkeit widerfahren. Was er mit Beziehung auf den Geist gesagt hat, das übertragen sie auf den Leib. Den Tod bekommt kein Gläubiger zu sehen, weil alle die, welche aus dem unvergänglichen Samen des Wortes wiedergeboren sind, auch im Tode doch das Leben behalten. Sie sind mit Christo als mit ihrem Haupte verbunden, und der Tod hat deshalb keine Macht über sie. Der Tod ist für sie nur der Übergang ins Himmelreich. Der in ihnen wohnende Geist ist das Leben um der Gerechtigkeit Christi willen und wird dereinst auch den letzten Rest des Todes in ihnen verzehren (Röm. 8, 10 f.). Die Juden, fleischlich, wie sie waren, wissen freilich nichts von einer Befreiung vom Tode, die nicht äußerlich am Leibe sichtbar ist, wie sie sich das allein vorzustellen vermögen. Sie haben in diesem Stück unzählige Leidensgenossen; denn eine Menge Menschen halten nur deshalb von der Erlösung durch Christum nichts, weil sie dieselbe eben nur nach dem zu beurteilen vermögen, was man mit seinen fünf Sinnen wahrnimmt. Damit es uns nicht auch so gehe, müssen wir unsere Gedanken ermuntern, dass sie auch mitten im Tode das geistliche Leben wahrnehmen.

V. 53. Unser Vater Abraham. Jetzt versündigen sie sich damit, dass sie Abraham und die heiligen Gottesmänner so hell erstrahlen lassen wollen, dass Christus, mit ihnen verglichen, in tiefer Finsternis dastehen soll. Aber wie die Sonne das Licht aller Sterne überstrahlt, sodass man nichts mehr von ihnen sieht, so auch Christus diese Vorbilder der Frömmigkeit. Vor ihm muss all ihr Ruhm verschwinden. Es ist grundverkehrt von den Juden, dem Herrn die Knechte gegenüberzustellen. Ja, sie tun Abraham und den Propheten Unrecht, wenn sie ihre Namen als Waffe gegen Christum missbrauchen. Aber auch diese Sünde hat in fast allen Jahrhunderten sich breit gemacht und spreizt sich noch heute, nämlich dass gottlose Menschen, um das, was Gott tut, schadenfroh zu zerpflücken, sozusagen eine Offenbarung Gottes gegen die andere ausspielen. Gott hat seinen Namen durch Apostel und Blutzeugen verherrlicht. Alsbald kommen die Anhänger des Papsttums, machen sich Götzen aus diesen Aposteln und Blutzeugen und setzen sie an die Stelle Gottes!

V. 54. So ich mich selber ehre usw. Ehe Jesus den verkehrten Vergleich richtig stellt, schickt er voraus, dass er nicht die eigene Ehre suche. So begegnet er der Verleumdung. Sollte jemand einwenden: Christus hat sich aber doch auch selbst geehrt! – so ist die beste Antwort darauf: Gewiss, aber nicht aus menschlicher Eitelkeit, sondern weil es Gott wollte und befahl. Auch hier wieder nimmt er, wie wir es schon einige Male näher erläuterten (z. B. zu 7, 16), die Scheidung vor zwischen sich und Gott. Alles in allem: er erklärt, er begehre keinen Ruhm außer dem, den ihm Gott gegeben habe. Diese Worte belehren uns darüber, dass Gott, da er seinen Sohn ehrt, es nicht immer geduldig mit ansehen kann, dass die Welt denselben verachtet. So lange sie das ungestraft tut, müssen die vom Himmel her erschallenden Gottesworte den Gläubigen rechten freudigen Mut machen: „Küsst den Sohn! Es sollen ihn anbeten alle Engel! Vor ihm sollen sich alle Knie beugen. Den sollt ihr hören! Ihn sollen die Heiden suchen! Vor ihm soll sich demütigen alles Fleisch!“ Außerdem mahnt uns unsere Stelle daran, dass alle Ehre, die sich Menschen selber beilegen, nichts wert ist. Wie blind ist dann doch aller Ehrgeiz! Um was plagt er sich? Um nichts! Deshalb soll uns der Ausspruch Pauli (2. Kor. 10, 18) stets gegenwärtig sein: „Denn darum ist einer nicht tüchtig, dass er sich selbst lobt, sondern dass ihn der Herr lobet.“ Da wir nun alles Ruhmes vor Gott entbehren, so lasst uns lernen, uns in Christo allein zu rühmen, soweit er uns aus Gnaden seines Ruhmes teilhaftig macht!

Von welchem ihr sprecht, er sei euer Gott. Damit nimmt Jesus den Namen Gottes, auf den sich die Juden berufen, aus ihren unreinen Händen fort. Er sagt: Ich weiß wohl, wie frech ihr euch brüstet, das Volk Gottes zu sein. Da ihr aber Gott nicht kennt, so ist es eine Lüge, wenn ihr euch mit diesem Titel schmückt! Wir lernen daraus, dass ein rechtes Bekenntnis des Glaubens immer auf wahre Erkenntnis gegründet sein muss. Woher soll man aber Gott anders kennen lernen, als aus seinem Wort? Wer sich also mit seinem Glauben an Gott brüstet, das Wort Gottes aber nicht gelten lassen will, der ist einfach ein Lügner. Christus stellt sein gutes Gewissen ihrer hartnäckigen Feindschaft entgegen. Dieser Gesinnung müssen alle Diener Gottes sein, dass sie sich damit zufrieden geben: Gott steht auf unserer Seite! Dann mag immerhin die ganze Welt gegen uns aufstehen! So haben einst Propheten und Apostel mit unbezwungener Seelengröße die schrecklichen Angriffe der ganzen Welt über sich ergehen lassen, - sie wussten ja, wer sie gesandt hatte. Allerdings, wenn uns solche Kenntnis Gottes abgeht, so bleibt uns kein Halt mehr.

V. 55. Und so ich würde sagen usw. Hier bezeugt Christus, er könne und dürfe nicht anders, er müsse von Amts wegen reden: Schweigen würde schnöder Verrat an der Wahrheit sein. Ein wichtiger Ausspruch! Gott offenbart sich uns dazu, dass wir, so oft es nottut, dem Glauben unseres Herzens vor den Menschen mit unserem Munde Ausdruck verleihen. Es muss uns einen nicht geringen Schrecken verursachen, zu hören, dass die, welche Menschen zuliebe sich mit ihrem Glauben verstecken und die Wahrheit Gottes verleugnen oder durch sie beeinträchtigende Zusätze entstellen, nicht nur oberflächlich dafür zur Rechenschaft gezogen, sondern zu den Kindern des Teufels gestellt werden sollen.

V. 56. Abraham, euer Vater. Dem Buchstaben nach gesteht Jesus den Juden noch einmal zu, was er ihnen vorher in anderem Sinne abgesprochen hatte, nämlich, dass Abraham ihr Vater sei. Er macht es ihnen aber handgreiflich, wie sehr sie sich damit versündigen, dass sie ihm den Namen Abrahams entgegenhalten. Abraham, das gibt er ihnen zu bedenken, hat sein ganzes Leben hindurch den höchsten Wunsch im Herzen gehegt, dass er doch noch mein Reich blühen sehen möchte. Jener hat sich, als ich noch ferne war, nach mir gesehnt; ihr verachtet mich, da ich mich nun eingestellt habe! Was Christus hier nur Abraham nachsagt, das hat seine Gültigkeit bei allen Heiligen Gottes. An der Person Abrahams jedoch, des Vaters aller Gläubigen, zeigt diese Lehre ihr ganz besonderes Gewicht. Wünscht irgendjemand zu der Zahl der wahrhaft Frommen gerechnet zu werden, so muss er den endlich erschienenen Heiland mit der rechten Freude aufnehmen, entsprechend der heißen Sehnsucht Abrahams nach Christo. Er ward froh, - wofür der griechische Text ein Wort gebraucht, das zur Bezeichnung der freudigsten Sehnsucht zu dienen pflegt. Und nun vergleiche man: als die Erkenntnis Christi noch so mangelhaft war, brannte Abraham dermaßen von Verlangen nach ihm, dass er alles, was er hatte, daran gegeben hätte, nur um mit ihm umzugehen, ihn zu sehen; die Juden dagegen, Jesu Zeitgenossen, erzeigen ihm abscheuliche Undankbarkeit, indem sie ihn, der vor ihnen steht, so geringschätzig behandeln und, wie wir eben gesehen haben, rundweg verwerfen. Welch ein Gegensatz!

Der „Tag“ Christi, von dem hier die Rede ist, soll die Zeit seiner Königsherrschaft auf Erden bedeuten, welche mit seiner Menschwerdung begonnen. Aber, so fragt man, wie hat denn Abraham die Offenbarung Christi geschaut? Unsere Stelle scheint schlecht zu stimmen mit der anderen (Lk. 10, 24): „Viel Propheten und Könige wollten sehen, das ihr seht, und haben es nicht gesehen“. Darauf ist zu antworten: Es gibt verschiedene Stufen des Anschauens Christi im Glauben. Gesehen haben auch die Propheten des alten Bundes Christum, - aber nur von ferne, als den Verheißenen. Gesehen haben sie ihn dagegen nicht als den Gekommenen, Gegenwärtigen, so wie ihn die sahen, welche seine Zeitgenossen sein durften. Weiter entnehmen wir unserer Stelle die Lehre, dass Gott, der den Abraham nicht vergebens sich sehnen ließ, auch in unseren Tagen nicht zugeben wird, dass ein Menschenherz vergeblich nach Christo verlangt. Er wird solchem frommen Sehnen ganz gewiss Genüge tun. Sind es nur wenige, die sich ihres Heilandes freuen, so ist daran die Beschaffenheit der Herzen schuld, denen nichts an einem Heilande gelegen ist. Die Frucht nun, welche alle wirklich Frommen von ihrem Glauben haben, ist die, dass sie zufrieden sind, wenn sie nur Christum besitzen; in ihm sind sie wahrhaft frohe und von Herzen glückliche Menschen, die ein ruhiges, heiteres Gewissen haben. Der hat Christum noch nicht recht erkannt, der ihm nicht die Ehre zuteilwerden lässt, dass er an ihm sein volles Genüge hat. Es gibt Ausleger, die der Meinung sind, Abraham habe nach seinem Tode Christum geschaut, als derselbe auf Erden erschien. So würde die Zeit des Verlangens und des Sehens auseinander fallen. Das ist gewiss richtig, dass den Heiligen drüben in der Ewigkeit die Erscheinung Christi auf Erden, nach der sie während ihres ganzen Lebens verlangend ausgeschaut hatten, bekannt wurde. Ob das jedoch in unserer Stelle liegt, weiß ich nicht.

V. 57. Fünfzig Jahre. Die Juden wehren Christi Wort durch den Hinweis auf die augenscheinliche Unmöglichkeit ab: ein noch nicht fünfzig Jahre alter Mensch kann doch nicht ein Zeitgenosse Abrahams sein, der vor vielen Hundert Jahren gestorben ist! Christus war damals noch nicht vierunddreißig Jahre alt. Sie geben ihm einige Jahre zu; es kommt ihnen nicht so genau darauf an. Sie meinen: Du gibt dich doch nicht für einen Greis aus, - wirst doch wohl nicht behaupten, schon fünfzig Jahre alt zu sein. So fällt sowohl die Vermutung derer dahin, welche meinen, es hätten sich dem Angesichte Jesu vor der Zeit tiefe Furchen eingegraben, die ihn hätten älter erscheinen lassen, als er in Wirklichkeit war, als auch derer, die hier nicht von langen Sonnenjahren die Rede sein lassen. Auch die alte Angabe, dass Christus über vierzig Jahre alt geworden sei, ist gänzlich aus der Luft gegriffen.

V. 58. Ehe denn Abraham ward. Weil die Ungläubigen nur nach dem, was sie vor Augen haben, urteilen, weist Christus darauf hin, dass er eine Hoheit und Würde besitzt, die man seiner schlichten menschlichen Erscheinung allerdings nicht ohne weiteres ansehen kann, die man jedoch, da sie sich dem fleischlich Gesinnten entzieht, mit den Augen des Glaubens ansehen muss; diese gerade, das will er sagen, hätten die heiligen Väter sehen können, ehe er als Mensch die Erde betrat. Mit diesem erhabenen Wort stellt er sich hoch über alle sonstige Menschenart und schreibt sich ein himmlisches und göttliches Wirken zu, das man von Anfang der Welt durch alle Jahrhunderte hin sollte spüren können. Man hat diese Stelle zwiefach ausgelegt. Die einen finden hier einfach eine Aussage der ewigen Gottheit Christi und ziehen als Parallele 2. Mo. 3, 14 herbei: „Ich bin, der ich bin“. Ich denke dagegen in viel umfassenderem Sinne daran, dass Christi welterlösende Kraft und Gnade durch alle Zeitalter sich wirksam erwies. Was Christus hier meint, ist auch in dem apostolischen Worte enthalten (Hebr. 13, 8): „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“. Auf diese Auslegung führt der ganze Zusammenhang. Jesus hatte vorher gesagt, wie sehnlich ihn Abraham erwartet habe: weil die Juden ihm das nicht glauben wollten, fügt er hinzu, er sei auch damals schon gewesen. Das versteht man erst dann recht, wenn man bedenkt, dass er auch damals schon als der Mittler anerkannt worden ist, der Gott versöhnen sollte. Natürlich hing es mit seiner ewigen Gottheit zusammen, dass die Gnade des Mittlers in allen Jahrhunderten wirksam war. Daher enthält dieser Ausspruch Christi allerdings einen hervorragenden Beleg für seine ewige Gottheit.

Zu beachten ist die feierliche Formel der Beteuerung: Wahrlich, Wahrlich, sowie die Zeitform: Ich bin. Jesus sagt nicht: „Ich war“ oder „Ich bin gewesen“. Er ist von Anfang bis zu Ende immer ganz genau der Gleiche. Auch sagt er nicht: „Ehe Abraham war,“ sondern bedeutungsvoll: „Ehe Abraham ward;“, damit gibt er ihm einen zeitlichen Anfang.

V. 59. Da hoben sie Steine auf. Möglicherweise haben sie das getan unter Berufung auf eine Gesetzesstelle (3. Mo. 24, 16), als wäre es ihre heilige Pflicht, Christum zu steinigen. Wir sehen daraus, wohin es die Raserei unbedachten Eifers bringen kann. Ihre Ohren brauchen sie nicht, um auf Jesu Worte zu hören; ihre Hände aber brauchen sie, um sich zu seiner Ermordung zu bewaffnen. Ohne Zweifel hat sich Christus damals durch eine geheime Machtwirkung gerettet, doch in schlichter, unauffälliger Weise. Er wollte nicht unverhüllt von seiner Gotteskraft Gebrauch machen, sondern dabei seiner menschlichen Schwachheit auch etwas nachgeben. Bemerkenswert ist noch, dass die gottlosen Priester und Schriftgelehrten, als sie Christum zur Flucht getrieben hatten, nun den Tempel, freilich nur äußerlich betrachtet, in alleinigem Besitz haben. Aber sie sind in schwerem Irrtum befangen, wenn sie glauben, ein Gebäude, das Gott verlassen hat, sei noch ein Tempel. Ist nicht ähnlich die päpstliche Kirche, aus der man Christum vertrieben hat, nur noch eine Scheinkirche?

1) 
Dieses Urteil ist durch die neuere Textforschung zur unbedingten Gewissheit erhoben worden: das Stück 7, 53 – 8, 11 gehört in der Tat nicht zum Johannesevangelium, in dessen Zusammenhang es sich auch nicht gut einfügt.
2) 
Für diese Umsetzung in ein Umstandswort haben sich die neueren Ausleger so gut wie allgemein entschieden. So übersetzt man entweder: „Durchaus das (bin ich), was ich auch zu euch rede.“ D. h. haltet euch doch einfach an mein Selbstzeugnis, welches vollkommen der Wahrheit entspricht! Oder: „Überhaupt, - was rede ich noch mit euch!“ Im letzteren Fall würde Jesus nicht eigentlich antworten, sondern abbrechen

Kapitel 9

V. 1 u. 2. Sah einen, der blind geboren war. Der Evangelist beschreibt in diesem Kapitel die Heilung eines Blindgeborenen und fügt die Lehre bei, welche die tiefere Bedeutung dieses Wunders zeigt. –

Dass der Blinde seinen Fehler bei der Geburt mit auf die Welt brachte, das macht die Wundertat Christi besonders auffallend. Eine solche Blindheit kann kein menschlicher Arzt heilen, noch dazu, wenn sie bis ins erwachsene Alter hinein gleich schlimm geblieben ist. Als die Jünger diesen Mann sahen, haben sie eine günstige Gelegenheit, die Frage aufzuwerfen, für welche Sünde das die Strafe sei (V. 2). Die Schrift bezeugt, dass alle Nöte der Menschheit ihre Wurzel in der Sünde haben. Folglich muss uns alsbald, wenn wir einen unglücklichen Menschen sehen, der Gedanke in den Sinn kommen: die Leiden, die auf ihm lasten, sind Strafen der züchtigenden Hand Gottes. Doch gibt es da drei Irrwege, die wir vermeiden müssen. Es gibt Leute, die sich gegen andere als die schärfsten Sittenrichter zeigen, jedoch an sich selbst einen ganz anderen, viel gelinderen Maßstab legen. Wenn mein Bruder in eine bedrängte Lage kommt, sehe ich darin alsbald ein Gericht Gottes; wenn dagegen Gott mich selbst etwas schärfer züchtigt, so schiebe ich dabei die Schuld nicht auf meine Sünden. So darf es nicht sein. Hier heißt es: mache den Anfang bei dir selbst; schone vor allen Dingen dich nicht! Wenn wir also in dieser Hinsicht gerechte Richter sein wollen, so müssen wir ein scharfes Auge haben zunächst bei unseren eigenen Übelständen, dann erst bei denen anderer Menschen.

Der zweite Abweg ist der einer übermäßigen Strenge. Gott braucht nach jemandem nur seine Hand auszustrecken, so sagen wir auch schon: das ist Gottes schrecklicher Zorn. Es braucht sich jemand nur ein wenig verfehlt zu haben, alsbald heißt es: Welch ein Verbrecher! Ach, das kann sein ewiges Verderben sein! Auf der anderen Seite aber mögen wir uns der größten Schandtat schuldig machen, wir sind uns dessen nicht bewusst; alle unsere Sünden müssen nur kleine Schwächen und Versehen gewesen sein.

Die dritte Versündigung besteht darin, dass wir, ohne einen Unterschied zu machen, jeden, er mag sein, wer und wie er will, als einen von Gottes Strafgericht Heimgesuchten ansehen, sobald ihn Gott leiden lässt.

Es bleibt bei dem oben Gesagten: all unser Elend hat letztlich seinen Ursprung in der Sünde. Aber es sind sehr verschiedene Ursachen, derentwegen Gott über die Seinen Trübsal verhängt. Es gibt Menschen, die wohl Strafe verdient hätten, aber es geht ihnen gut; deren Sünden straft Gott nicht auf Erden, sondern erst in der Ewigkeit, aber dort viel härter, als es hier in dieser Welt möglich ist.

Anderseits trifft der Herr oft gerade seine Gläubigen mit härteren Schlägen, nicht weil sie besondere Sünden getan haben, sondern um für die Zukunft die Regungen des Fleisches zu töten. Ja, bisweilen hat er ihre Sünden gar nicht im Auge, sondern will nur ihren Gehorsam auf die Probe stellen, oder sie zur Geduld erziehen. So sehen wir den frommen Hiob ganz besonders vom Unglück heimgesucht, und doch geschieht das nicht seiner Sünden wegen; Gott verfolgt einen anderen Zweck: dass seine Frömmigkeit durch und durch echt ist, unabhängig von seinem äußeren Geschick, das soll nun, da er durch schwere Leiden hindurch muss, umso leuchtender hervortreten. Es ist demnach recht verkehrt, wenn man allen Kummer, der einen Menschen treffen kann, ohne Unterschied auf bestimmte Versündigungen zurückführen will. Die göttlichen Züchtigungen haben nicht immer den nämlichen Grund. Gott sieht, wenn er die Menschen straft, nicht immer darauf, was sie verdient haben.

Zweierlei darf man nicht außeracht lassen: in sehr vielen Fällen fängt das Gericht an beim Hause Gottes (1. Petr. 4, 17). Davon kommt es, dass der Herr an den Gottlosen vorübergeht und bei den Seinen schon geringe Sünden strenge ahndet. Bei denen, die in der Gemeinde Gottes sind, wendet er viel stärkere Ruten an, um sie zu bessern, als bei denen, die draußen sind. Ferner haben seine Züchtigungen auch nicht immer den gleichen Zweck. Petrus und Paulus sind gerade wie die gemeinsten Räuber und Mörder dem Henker in die Hände gefallen. Schon an diesen Beispielen kann man sehen: das Weshalb? und Wozu? liegt nicht immer so offen, dass ein Kind die rechte Antwort finden könnte. Die Jünger wollen wissen, was das für eine Sünde gewesen sein kann, die Gott an diesem Blindgeborenen strafte, als er eben erst auf die Welt kam und also auf Erden noch nicht gesündigt haben konnte. Hat er selbst gesündigt oder haben seine Eltern gesündigt? Wir müssen diese Frage der Jünger aus der damals weit verbreiteten Lehre von der Seelenwanderung erklären. Die Neugierde verstrickt ja den Menschen in einen ganzen Knäuel von Irrtümern, zumal, wenn noch die Vermessenheit hinzukommt. Man sah, dass hier Menschen lahm, dort andere mit schielenden Augen, andere wieder ganz blind, andere verwachsen und als Missgeburten zur Welt kamen. Das sind unerforschliche Gerichte Gottes, bei denen es gilt, Gott, auch wenn wir ihn nicht verstehen, doch in Demut anzubeten.

Sie aber wollten überall den klaren Grund von Gottes Werken sehen. So gerieten sie zur Strafe für ihre vermessenen Fragen in jene kindischen Narrenspossen hinein, zu glauben: die Menschenseele geht, wenn sie aus dem ersten Leben scheidet, gleich wieder in einen neuen Leib über, in dem sie dann die Strafe für die in dem früheren Leben begangenen Sünden abbüßen muss.

Hüten wir uns also vor fürwitzigen Fragen! Wollen wir den Gerichten Gottes noch über die Lehren der Schrift hinaus auf den Grund kommen, so werden wir in schauerliche Abgründe stürzen und uns den Kopf einrennen. Beim Nachdenken über die Werke Gottes empfiehlt sich immer die Selbstbescheidung, die in bewundernde Anbetung ausbricht, wenn wir den Grund nicht fassen: Herr, du bist gerecht, und alle deine Gerichte sind recht, mag sich sie gleich nicht begreifen können! –

Die weitere Frage nach der Sünde der Eltern ist nicht unbegründet. Allerdings soll der Sohn die Missetat seines Vaters nicht tragen, wenn er selbst unschuldig ist, sondern die Seele, welche sündigt, soll sterben (Hes. 18, 20). Und dennoch ist die Frage der Jünger nicht so verkehrt: denn der Herr wirft die Vergehen der Eltern in den Busen der Söhne und ist ein Rächer derselben bis ins dritte und vierte Glied (2. Mo. 20, 5). Deshalb ruht der Zorn Gottes oft lange Zeit hindurch auf ein und derselben Familie. Und wie Gott auch den Nachkommen der Gläubigen noch um ihrer Vorfahren willen Gnade erzeigen will, so verwirft er auch die Nachkommenschaft der Gottlosen und bestimmt, dass zur gerechten Strafe für die Sünde der Väter beide, die Sünder selbst und ihre Kinder und Kindeskinder zugrunde gehen sollen. Und wenn es so geht, dann hat niemand Anlass, sich zu beklagen: Mir geschieht Unrecht! Ich werde bestraft für die Sünde, die jemand anders getan hat! In einer solchen Familie fehlt der Geist Gottes und die Gnade, die allen Sündern angeboten wird. Dann bewahrheitet sich das Sprichwort: Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. So kamen die Apostel auf den Gedanken, der Herr könne an dem Sohne einen Frevel der Eltern strafen wollen.

V. 3. Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern. Christus spricht damit nicht den Blinden und seine Eltern von jeglicher Schuld frei; er sagt nur: der Grund seiner Blindheit ist nicht in der Sünde zu suchen. Ganz, wie ich oben sagte. Gott hat, wenn er den Menschen Leiden auflegt, mitunter etwas anderes im Sinne, als Heimsuchung um ihrer Sünden willen. Sind die Gründe, die eine Trübsal haben mag, verborgen, so gilt es, der Neugier einen Zaum anzulegen, damit wir uns weder an Gott durch Unterschiebung anderer Beweggründe, als er hat, noch auch an unseren Brüdern durch unberechtigte Anschuldigungen versündigen. Und welchen Grund gibt Christus an? Er sagt, dieser Mensch sei von Geburt an blind, dass die Werke Gottes offenbar würden an ihm. Jesus redet nicht von einem, sondern von mehreren Werken Gottes: denn solange seine Augen mit Blindheit geschlagen waren, war der Blindgeborene ein Beispiel der göttlichen Strenge gegen die sündige Menschheit, und die anderen sollten lernen, sich vor Gott zu fürchten und zu demütigen. Dann wurde ihm die Wohltat erwiesen, dass er von seinem Leiden befreit wurde; da erstrahlte an ihm hell der Sonnenschein der wunderbaren Güte Gottes. Wenn also Christus so sprach, dann wollte er seine Jünger ermutigen, auf ein Wunder zu hoffen; zugleich will er die allgemeine Lehre geben, dass es ein vollkommen hinreichender Erklärungsgrund für alles Übel auf dem weiten Erdenkreise ist, dass Gott seinen Namen dadurch verherrlichen will. Nichts kann die Menschen dazu ermächtigen, mit Gott zu rechten, wenn er sie als Werkzeuge benutzt, an denen er sich verherrlicht, sei es nun in Strenge oder Güte.

V. 4. Ich muss wirken usw. Weiter spricht nun Jesus aus, dass er gesandt ist, die Gnade Gottes durch Heilung des Blinden zu offenbaren. Er entlehnt aus dem alltäglichen Leben einen Vergleich: wenn die Sonne aufgeht, begibt sich der Mensch an die Arbeit; die Nacht ist für die Ruhe bestimmt (Ps. 104, 22 f.). „Tag“ nennt Jesus also die vom Vater ihm bestimmt zugemessene Zeit, innerhalb deren er sich mit dem ihm aufgetragenen Werke befassen soll, - ganz in demselben Sinne, wie der Inhaber eines öffentlichen Amtes sein „Tagewerk“ treibt, wenn er seine Pflichten zu erfüllen bestrebt ist. So entnehmen wir den Worten Jesu die allgemein gültige Regel, dass jedermann seinen Lebenslauf wie einen Tag ansehen soll. Arbeiter nehmen deshalb ihre Arbeit so emsig und fleißig zur Hand, weil sie wissen, wie kurz der Tag ist, und weil die Nacht sie nicht bei kaum begonnenem Werke überraschen soll. So sollen denn auch wir, in Anbetracht dessen, dass wir nur so kurz auf Erden leben, uns schämen, mit Nichtstun unsere Tage zu verbringen. Zumal dann, wenn Gottes Ruf uns eine ganz bestimmte Aufgabe anweist, dürfen wir keinen Augenblick zögern, weil sonst vielleicht die günstige Gelegenheit für immer entschwindet.

V. 5. Dieweil ich bin in der Welt, bin ich das Licht der Welt. Dieser Satz möchte wahrscheinlich dem Missverständnis wehren, als sei auch Christo eine so bestimmte Wirkenszeit zugemessen, dass auch ihn, wie jeden anderen Menschen, leicht die Nacht ereilen könnte. So erhebt er sich denn hoch über die anderen und sagt doch, dass auch sein Wirken seine Zeit habe. Er vergleicht sich mit dem Tagesgestirn, der Sonne. Sie beleuchtet mit ihren Strahlen die Erde, nimmt aber auch, wenn sie untergeht, den Tag mit sich weg. Deshalb zieht Jesus hier andeutungsweise einen Vergleich zwischen seinem bevorstehenden Tode und dem Sonnenuntergang. Mit ihm verlöscht das Licht der Sonne ja nicht, ja es wird dadurch nicht im Geringsten ihre Leuchtkraft vermindert; sie bleibt, was sie ist, und verschwindet nur für die Augen der Menschen. Zugleich lehrt Christus hier, dass es erst, als er Mensch wurde, für die Welt richtig heller Tag ward.

Gott hatte ihr ja zu allen Zeiten Licht geschenkt; das Erscheinen Christi brachte jedoch einen bisher unerhörten und ungewohnten Lichtglanz in die Welt. Jetzt ist, will er sagen, die allergeeignetste Zeit, des Vaters herrlichen Namen zu verklären, ein Tag voll Sonnenschein, an dem Gott mehr als sonst zeigen will, dass er da ist, durch große Wundertaten!

Aber wir verhält es sich denn damit, dass nach Christi Tod die Kraft Gottes noch weit glänzendere Beweise lieferte als vorher, sowohl in dem Erfolg, den die Lehre hatte, als auch in Wundern, und dass Paulus (2. Kor. 4, 6) gerade mit Bezug auf die Zeit, in der er predigte, sagt, Gott, der zu Anfang der Welt das Licht aus der Finsternis hervorleuchten ließ, habe damals durch das Evangelium im Angesichte Jesu Christi sein helles Licht erglänzen lassen? Ja, und auch in unseren Tagen lässt Christus sein Licht nicht minder hell in die Welt hineinstrahlen, als zur Zeit seines Erdenwandels. Die gestellte Frage beantworte ich so: Christus hat, nachdem er seinen Lauf nach des Vaters Auftrag vollbracht hatte, nicht minder gewaltig gewirkt durch seine Diener, als, so lange er in der Welt war, durch sich selber. Das ist allerdings richtig, aber zunächst einmal ist es kein Widerspruch dagegen, wenn er selber den Auftrag des Vaters ausführen musste, während der Zeit, in der er eben hierzu im Fleisch erschien. Ferner widerspricht dem nicht die Tatsache, dass die Zeit seiner leiblichen Gegenwart in Wahrheit ein unvergleichlicher, einziger Tag für unsere Welt war, ein Tag, der seine Strahlen aussendet durch Jahrhunderte und Aberjahrhunderte.

Woher kam es denn, dass einst den heiligen Vätern ein heller Strahl den Weg erleuchtete, und wovon kommt es, dass heute uns der lichte Tag scheint? Doch nur davon, dass Christi Erscheinung in der Welt ihre Strahlen weit rückwärts und weit vorwärts sendet. So webt sich die ganze Weltzeit zu einem einzigen Tage zusammen. Wer sich nicht von Christo führen lässt, der tappt im Dunkeln umher wie ein Blinder und wankt bald hier- bald dorthin. Wie nun die Sonne alle Schönheiten des Himmels und der Erde und der ganzen Natur unseren staunenden Augen zeigt, so hat Gott durch seinen Sohn die ganze Pracht seiner Werke kundgetan.

V. 6. Spuckte auf die Erde. Christus beabsichtigte, dem Blinden das Augenlicht wiederzugeben. Das griff er jedoch anscheinend recht verkehrt an. Indem er ihm den Erdbrei über die Augen schmiert, macht er ihn gewissermaßen zwiefach blind. Hätte man da nicht denken sollen, er wolle den armen Menschen noch obendrein verspotten oder gar, einen Wahnsinnigen gleich, lächerliche Streiche an ihm verüben? Weshalb tat er so? Er wollte bei dem Blinden auf diese Art Glauben und Gehorsam prüfen, damit er allen zum Vorbild dienen könnte. Es war doch sicher ein Beweis mehr als alltäglichen Glaubens, wenn der Blinde weiter nichts hat, als das Wort Jesu, - und doch dasselbe begierig und mit der festen Zuversicht ergreift: Ich soll mein Augenlicht bekommen! In diesem Glauben beeilt er sich, dahin zu gehen, wohin er geschickt wird. Sein Gehorsam ist hoch zu loben. Er befolgt in Einfalt Christi Wort, obwohl vieles ihn hätte bewegen könne, ungehorsam zu sein. Das ist die rechte Probe darauf, ob der Glaube echt ist, ob das Herz des Frommen sich begnügt mit dem einfachen Worte Gottes und um des Wortes willen glaubt, was sonst unglaublich schien. Dem Glauben folgt auf dem Fuße der bereitwillige Gehorsam; man übergibt sich getrost der Führung und dem Regimente Gottes, als des besten Führers. Es ist kaum daran zu zweifeln, dass der Blinde sich überlegt hat: Vielleicht treibt er nur seinen Spott mit mir! Aber solche Gedanken hat er gleich im Entstehen abgewiesen und hat sich durch alle Bedenken mit dem Entschluss hindurch gearbeitet: Ich gehe sicher, wenn ich Jesu folge! Wollte aber jemand einwenden: der Blinde wusste aber nicht, wer eigentlich Christus war, und konnte ihn also auch nicht so ehren, wie es dem Sohne Gottes zukam, - so müsste ich das zwar einräumen; aber wie steht es denn außerdem mit ihm? Er glaubte, dass Christus von Gott gesandt sei, er unterwarf sich seinem Gebot und zweifelte nicht daran, dass er wahrhaftig sei. Damit sieht er doch in Christo nur Göttliches. Seine Erkenntnis war wohl gering. Umso mehr Lob verdient sein Glaube, wenn er sich auch ohne volle Erkenntnis Christo so ganz hingab.

V. 7. Gehe hin zu dem Teich Siloah. Sicherlich hat weder das Baden, noch das Siloahwasser irgendwie die Heilung der Augen bewirkt. Christus hat nach freier Entscheidung bei seinen Wundern öfters solche äußeren Sinnbilder mit verwendet, sei es, um die Gläubigen an den Gebrauch dieser Zeichen zu gewöhnen, sei es, um zu zeigen, dass seinem Willen alles untertan ist, oder sei es, um zu bezeugen, dass in allem Geschaffenen nur so viel Kraft ist, wie Jesus ihm verleihen will. Wie der Schöpfer den ganzen Menschen aus einem Erdbrei machte, so bedient sich Christus hier desselben Mittels zur Heilung der Augen und zeigt damit an einem Gliede des Körpers die gleiche Macht, welche der Vater bei der Schöpfung des ganzen Menschen walten ließ.

Wahrscheinlicher noch wollte Jesus damit auch nur bezeugen: Es fällt mir nicht schwerer, die Augen der Blinden zu öffnen und dabei jedes Hindernis wegzuwaschen; und auf der anderen Seite ist es mir etwas so Leichtes, einem Menschen die Sehkraft zu nehmen, wie jedem anderen, ihm die Augen mit Schmutz zu überstreichen.

Im Siloahteich aber hieß er den Blinden sich waschen, vielleicht um den Juden recht unter die Augen zu rücken, dass es lediglich an ihnen selber lag, wenn sie an ihm die gegenwärtige Kraft Gottes nicht verspürten. Hatte doch Jesaja einst (8, 6) seine Zeitgenossen darum gescholten, dass sie das stille gehende Wasser zu Siloah verachteten und mehr Geschmack fanden an den reißenden, starken Strömen. Jesus handelte, wie mir scheint, aus demselben Beweggrunde, wie Elisa, als er den Naeman hieß, sich im Jordan zu baden. Dieser Teich wurde nach alten Angaben gespeist aus Abflüssen, die zu bestimmten Stunden aus dem Berge Zion hervorsprudelten. Absichtlich fügt der Evangelist zu dem Namen Siloah die Übersetzung hinzu. Der Quell mit diesem bedeutungsvollen Namen sollte die Juden täglich an das bevorstehende Kommen Christi, des „Gesandten“ Gottes, erinnern.

Als nun der Gesandte Gottes da war, verweigerten sie ihm die Aufnahme. In dieser Blindenheilung stellt uns der Evangelist an einem Beispiel die Bedeutung des Erbarmens Christi vor Augen. Er allein kann Licht in unsere Finsternis bringen und uns wirklich sehende Augen geben.

Bemerke übrigens, dass Christus, als er nun wirklich erschien, doch noch solcher Sinnbilder sich bediente. Er wollte so die ganze Stumpfheit seines Volkes offenbaren, das die leeren Sinnbilder allein festhielt und das, was sie bedeuten sollten, fahren ließ. Übrigens erstrahlt die Güte Gottes in hellem Glanze in der Freiwilligkeit, mit der er sich der Not des Blinden annimmt, ohne sich erst von ihm bitten zu lassen. Unsere Natur kehrt sich ja zunächst von Christo ab. Deshalb kommt er uns entgegen, ehe wir ihn rufen. Wir sind ohne ihn des Lichtes und Lebens beraubt. So würden wir elend zugrunde gehen. Deshalb macht er den Anfang und erweist uns seine Barmherzigkeit.

V. 8 bis 10. Die Nachbarn und die ihn zuvor gesehen hatten. Der Blinde war nicht nur den Nachbarn bekannt, sondern den Einwohnern der ganzen Stadt, da er bettelnd an der Tempeltür zu sitzen pflegte. Solche Leute sieht sich ja jeder Vorübergehende an. Weil er so stadtbekannt war, kam die Kunde von dem, was sich zugetragen hatte, vielen Menschen rasch zu Ohren. Wie erfinderisch ist doch die Gottlosigkeit, sobald es gilt, das, was Gott getan hat, herunterzureißen! Viele glaubten, es sei gar nicht der bekannte Tempelbettler: denn das, was sie da vor sich hatten, war eine Machtwirkung Gottes, wie sie noch keiner von ihnen erlebt hatte. Je herrlicher und größer die Taten Gottes sind, desto weniger Glauben bringen die Menschen ihnen entgegen. Aber die Zweifelsucht dieser Leute konnte nur dazu beitragen, das Wunder recht offenbar zu machen; denn nun tat der Geheilte selbst den Mund auf und pries die ihm widerfahrene Güte Christi. Sorgfältig sammelt der Evangelist alle die Einzelheiten, die dazu beitragen, ein recht helles Licht auf die Wahrheit des berichteten Wunders fallen zu lassen.

V. 11 u. 12. Ich ging hin und wusch mich. Dieser fröhliche Lohn des Gehorsams mahnt uns, mit Beiseitesetzung aller Hindernisse stracks dahin zu gehen, wohin der Herr uns ruft, ohne zu zweifeln, dass alles einen guten Ausgang nehmen muss, was man unter seiner Führung angreift.

V. 13. Da führten sie ihn zu den Pharisäern. Die nachfolgende Erzählung liefert den Beweis dafür, dass gottlosen Menschen auch große Gottestaten nichts nützen. Je unwiderleglicher sie ihnen zu Gemüte geführt werden, desto mehr speien sie von dem Gift ihrer Bosheit heraus. Steinerne Herzen hätte der Anblick des geheilten Blindgeborenen weich machen sollen; und die Pharisäer hätten doch zum wenigsten, betroffen durch das Unerhörte, Überwältigende des geschehenen Wunders, sich die Zeit nehmen sollen, zu der Frage: Ist dabei nicht Gottes Hand im Spiele? Aber sie sind so von Hass gegen Christum erfüllt, dass ihnen alle Überlegung schwindet, und sie, als sie von dieser Tat hören, nur ein Verdammungsurteil zur Hand haben. Der Evangelist nennt nur die Pharisäer, nicht als ob die anderen Parteien Christo günstig gewesen wären, sondern weil der pharisäische Eifer für den Bestand der gesetzlichen Ordnung sich besonders lebhaft gebärdete. Die Heuchelei ist stets grausam und hochmütig. Sie waren aufgeblasen von falschem Heiligkeitsdünkel. Deshalb fühlten sie vor allem sich verletzt, als Christus unerbittlich alle menschliche Gerechtigkeit als unwahr verdammte. Ihre Hauptwaffe im Kampfe gegen ihn ist der Vorwand: wir müssen das Gesetz gegen seine Angriffe verteidigen. In welcher Stimmung und Absicht übrigens der Volkshaufe den Blindgeborenen zu den Pharisäern brachte, ist aus dem Berichte des Evangelisten nicht zu ersehen. Jedenfalls war es wohl jedem bekannt, dass die Pharisäer die erbittertsten Feinde Christi waren. Möglicherweise wollte die Menge sich die Gunst der Pharisäer dadurch erwerben, dass sie ihnen Gelegenheit gab, das neueste Wunder Jesu zu begeifern.

Das Wahrscheinlichste jedoch ist mir, dass die meisten im Volke sich jedes Urteils enthielten, wie man das ja in ähnlichen Fällen so viel trifft, und die Sache vor die Leute brachten, welche in derlei Angelegenheiten das entscheidende Wort zu sprechen gewohnt waren. So machen sie in freiwilliger Blindheit das Sonnenlicht dunkel. Das ist die verkehrte Religion des unmündigen Volkes: die gottlosen Gewaltherrscher in der Kirche beten sie an, als wäre das die rechte Gottesverehrung; Gott selber verwerfen sie in seinen Worten sowohl als seinen Werken; und verachten sie ihn auch nicht offen, so halten sie es doch nicht für der Mühe wert, auf ihn Rücksicht zu nehmen.

V. 14. Es war aber Sabbat. Christus hat sich gerade den Sabbattag gewählt, der doch wieder den Juden Anstoß gab. Seine Erfahrungen mit dem Gelähmten von Bethesda sagten ihm, dass auch seine neue Tat von Verleumdung nicht verschont bleiben würde. Weshalb hat er sich denn aber nicht in Acht genommen, nicht von neuem Ärgernis zu geben? Die in arger Gesinnung von den Feinden unternommene Verteidigung des Sabbattages sollte die Wunderkraft Gottes in ein umso helleres Licht setzen. Der Sabbat wird für sie sozusagen der Schleifstein, an dem sie sich schärfen und nun desto gründlicher und leidenschaftlicher den ganzen Hergang der Sache an den Tag bringen. Was ist der Nutzen davon, dass sie eine sorgsame, ängstlich genaue Untersuchung anstellen? Es wird sonnenklar, dass wirklich ein Wunder, das nicht mehr zu leugnen ist, vorliegt. Außerdem lehrt uns diese Geschichte, dass wir, wenn wir Christo nachfolgen, die Feinde des Evangeliums in Erbitterung treiben müssen, ja sie lehrt uns, dass diejenigen wahrlich nicht weise sind, welche, um die Welt für Christum zu gewinnen, so fein säuberlich mit ihr verfahren, dass sie es sich zur Losung gemacht haben, nur ja kein Ärgernis zu geben, während doch Christus mit Wissen und Willen die Gottlosen gereizt hat. Die Regel, die Matthäus (15, 14) anführt, gilt es zu befolgen: „Lasset sie fahren! Sie sind blinde Blindenleiter“.

V. 15. Da fragten ihn abermals auch die Pharisäer. Die Aussage des Mannes hatte das Volk schon vorher gehört, jetzt bekommen sie auch die Pharisäer zu hören, die sonst die ganze Geschichte für ein leichtfertig weitergetragenes Volksgerücht hätten erklären können. Was tun sie aber nun? Sie springen von der Untersuchung des Tatbestandes ab und befassen sich nur noch mit der Frage, ob Jesus das tun durfte. Sie streiten es nicht ab, dass er den Blinden sehend gemacht hat, aber sie rechnen es ihm als Verbrechen an, dass er es an einem Sabbat tat, und sagen um dieser vermeintlichen Sabbatverletzung willen: Es ist kein Werk Gottes!

Was hindert sie daran, die Wahrheit zu sehen? Ihre arge Gesinnung, ihre Bosheit macht sie so blind, dass sie nichts zu sehen imstande sind. Man nehme hinzu, dass Christus sie vorher schon ausführlich darüber belehrt hatte, dass die Wohltaten, welche Gott den Menschen am Sabbat erweist, ebenso wenig diesen entweihen können, als die Beschneidung; auch befehlen die Worte des Gesetzes dem Menschen nur, dass er von seinen Werken ruhe, nicht aber von den Werken Gottes (2. Mo. 20, 8). Wenn sie einen so gründlich widerlegten Irrtum immer noch für unumstößliche Wahrheit ausgeben, so muss man das ihrer hartnäckigen Bosheit auf Rechnung setzen. Sie irren nur deshalb, weil ihnen der Irrtum gut gefällt. So machen es die Feinde der Wahrheit überall. Dem gegenüber gilt es, die Wahrheit unermüdlich zu bezeugen, damit sie doch endlich durchbreche. Zwar der Grundsatz, auf den sich die Pharisäer gegen Christum versteiften, war an sich gar nicht übel, nämlich, der sei nicht von Gott, der den Sabbat breche; aber das war von ihnen unbillig und ungerecht, dass sie von einem Werke Gottes behaupten, es sei eine Verletzung des Sabbats.

V. 16. Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Ein „Sünder“ bedeutet hier, wie an mehreren anderen Stellen: ein Frevler und Gottesverächter (Mk. 2, 16). Die Feinde Jesu nahmen an: er hat den Sabbat gebrochen, ist also ein Mensch ohne Religion und Gewissen.

Andere dagegen, welche in der Mitte stehen und billiger urteilen, halten daran fest: Nein, er ist ein frommer und gottesfürchtiger Mann, den Gott zur Verrichtung von Wundern mit besonderer Kraft begabt hat!

Doch ist dieser Beweisgrund allein nicht kräftig genug; denn auch falschen Propheten lässt Gott bisweilen Zeichen gelingen, und wir wissen ja, dass Satan Gott nachäfft und dieselben Werke tut, wie er, und dadurch unbedachte Menschen betrügt. So wird von dem römischen Kaiser Vespasian erzählt, es habe ihn einst, als er sich in der ägyptischen Stadt Alexandria aufhielt und auf offenem Marktplatze auf dem Richterstuhle saß, um Recht zu sprechen, ein blinder Mann darum angegangen, er möchte ihm mit seinem Speichel die Augen bestreichen; der ägyptische Gott Serapis habe ihm dies im Träume als ein Mittel angegeben, das ihm helfen solle. Vespasian mochte nicht gern auf diese Bitte eingehen. Er hatte keine Lust, sich durch ein wahrscheinliches Misslingen dem Gespött auszusetzen. Schließlich jedoch ließ er sich, als seine nächsten Freunde ihn drängten, dazu bewegen. Er erfüllte die Bitte des Blinden, und im Nu waren dessen Augen geöffnet. Wer möchte diesen heidnischen Kaiser deshalb unter die Diener des rechten Gottes zählen oder deswegen für besonders fromm ansehen? Gewiss niemand.

Das Kennzeichen, an dem man die Wunder der wahrhaft frommen und heiligen Menschen erkennen und von den anderen unterscheiden kann, ist einzig das, dass sie unzweifelhaft Kraftwirkungen des in ihnen wohnenden Geistes Gottes sind. Das können gottlose Menschen freilich nicht wahrnehmen; deshalb ist es ein gerechtes Gericht Gottes, das sie trifft, wenn sie Satan mit Lügenwundern und mit anderem Blendwerk der Hölle foppt. Die Geschichte von Kaiser Vespasian und dem Blinden halte ich nicht für ein Märchen. Ich sehe es vielmehr für eine gerechte Strafe Gottes an, dass die Juden, deren ja eine große Anzahl in der Stadt Alexandria wohnten, nachdem sie die vielen herrlichen Wunder, die Christus tat, alle verachtet hatten, solch ein satanisches Wunder zu sehen bekommen, das ihnen wohl, weil von einem mächtigen Kaiser gewirkt, besser gefallen haben mag.

Christi Wunder sollten ihnen einen Antrieb zu rechter Anbetung Gottes bringen, sie in der Erkenntnis des Gesetzes fördern und sie zum Messias selbst führen, der das Ende des Gesetzes ist.

Ohne Frage hat Christus damit, dass er dem Blinden das Augenlicht schenkte, klar bezeugt, dass er der Messias ist. Sind Leute, welche nicht bloß leichtsinnig, sondern böswillig sich sträuben, Gott in seinen Werken zu erkennen, nicht wert, dem Betrug des Satans zu verfallen? Gott gibt sie dahin. Bedenken wir deshalb, dass wir Gott mit aufrichtigem Herzen suchen müssen, damit er sich uns durch seinen Geist offenbare! Wir müssen gehorsam hinhören auf die Belehrung seines Wortes, damit er uns die wahren Propheten genau bezeichnen kann, deren Wunder kein Teufelslug sind. Dann werden wir von seinen Wundern Segen haben und nicht dem Betrug Satans preisgegeben sein.

In unserer Geschichte nun haben die betreffenden Leute ganz recht, wenn sie von den Wundern, in welchen Gottes Macht sich enthüllt, mit Ehrerbietung sprechen; aber der Grund, um dessen willen sie den Herrn Jesus als einen Propheten Gottes anerkennen, ist noch nicht hinreichend. Der Evangelist erzählt diesen Ausspruch auch nicht, weil er ihn für einen Ausspruch Gottes hätte ausgeben wollen. Es fällt dadurch nur ein noch ungünstigeres Licht auf die in ihrer Gottlosigkeit ganz verstockten Feinde Christi, die froh sind, nur irgendwo einen Angriffspunkt an offenbaren Taten Gottes herauszufinden, und nun selbst auf ausdrückliche Mahnung anderer hin auch nicht einen Augenblick lang in ihrem schändlichen Gebaren einhalten.

Und es ward Zwietracht unter ihnen. Das größte und schädlichste Übel in der Gemeinde Gottes ist Spaltung in Glaubenssachen. Wie kommt es nun, dass Christus der Anlass dazu wird, dass sich die Lehrer der Kirche untereinander entzweien? Darauf ist unschwer die Antwort zu geben: Christus hatte nur die eine Absicht, alle sozusagen mit nach jedem einzelnen ausgestreckter Hand zu Gott dem Vater hinzuführen. Die Uneinigkeit hatte einzig und allein in den bösen Herzen derer ihren Ursprung, die keine Lust dazu hatten, Gott zu nahen. Diejenigen bringen Spaltung in die Kirche hinein, denen es der Mühe zu viel ist, der Wahrheit zu gehorchen. Nun ist es immer noch besser, wenn die Menschen untereinander in Zwietracht sind, als wenn sie alle einmütig von der Frömmigkeit abfallen. So oft also Zwiespalt ausbricht, muss man darauf achten, wo er herkommt.

V. 17. Sie sprachen wieder zu dem Blinden. Je mehr sie ihn ausfragen, desto mächtiger kommt die Wahrheit an den Tag. Sie sind wie Leute, die eine Flamme dadurch zum Erlöschen bringen wollen, dass sie kräftig hineinblasen. Wenn wir also sehen, dass die Gottlosen alles aufbieten, um die göttliche Wahrheit tot zu machen, - nur keine Angst, nur keine allzu großer Besorgnis, was daraus wohl werden möge! Was werden sie erreichen? Dass das Licht der Wahrheit nachher noch heller brennt, als vorher. Wenn sie nun bei dem Blindgewesenen danach forschen, was er wohl meine, so tun sie das nicht, um der Sache auf den Grund zu kommen, auch nicht, weil ihnen auch nur das Allermindeste an seinem Urteil gelegen wäre, sondern weil sie hoffen, er möchte sich einschüchtern lassen und ihnen eine Antwort geben, wie sie sie gerne hätten. Diesen Anschlag lässt ihnen der Herr nicht gelingen. Denn wenn ein solcher Mann von geringer Herkunft unerschrocken, unbekümmert um alle Drohungen, von Christo aussagt: Er ist ein Prophet, so muss man das als eine Wirkung besonderen gnädigen Beistandes Gottes ansehen. Die freudige Zuversicht, mit der dieser Mann Bescheid gibt, ist nochmals eine Art Wunder. Wenn er, der noch nicht einmal begriff, dass Christus Gottes Sohn ist, so herzhaft und freimütig sein Bekenntnis ablegte, wie müssen sich dann die treulosen Menschen schämen, welche vor lauter Angst Christum verleugnen, oder doch verstummen, während sie wissen, dass er zur Rechten des Vaters sitzt und von dort aus kommen wird als Richter des ganzen Erdkreises! Der Geheilte hat das Fünkchen Erkenntnis, dass er besaß, nicht erstickt. So müssen wir, die wir die ganze Lichtfülle der Wahrheit besitzen, erst recht den Mut haben, Bekenner zu sein, deren Worten der Adel einer des Heilandes frohen Christenseele aufgeprägt ist.

V. 18. Die Juden glaubten nicht. Zweierlei ist hier zu bedenken: einmal, dass sie nicht glauben, dass ein Wunder geschehen ist, und zweitens, dass sie aus grimmigem Hass gegen Christum krampfhaft die Augen zumachen, um nur nicht zu sehen, was so klar am Tage liegt. Der Evangelist berichtet: sie haben es nicht geglaubt. Wenn man fragt: „Wie ist das möglich?“ so kann es keinem Zweifel unterliegen: sie wollten eben blind sein. Oder lässt sich irgendein anderes Hindernis nennen, dessentwegen sie das ihnen dicht vor die Augen gehaltene strahlende Gotteswerk nicht zu sehen imstande sind? Sie waren überführt, dass das Wunder geschehen war, und dennoch glaubten sie nicht. Sie glaubten nicht, was sie mit Händen greifen konnten. Die innere Bosheit hält ihnen die Augen zu. Paulus äußert einmal, derselbe Vorgang finde immer wieder statt bei der Predigt des Evangeliums; das Evangelium sei an und für sich nicht verhüllt oder unverständlich, - das sei es nur für die Verworfenen, deren Augen der Gott dieser Welt geblendet habe (2. Kor. 4, 4). Mögen uns diese Beispiele warnen, dass wir uns nicht selber Glaubenshindernisse schaffen! Als „Juden“ bezeichnet der Evangelis hier die regierende Partei.

V. 19 bis 21. Ist das euer Sohn? Bei der ersten Art der Untersuchung ist das Ergebnis für die Pharisäer nicht das gewünschte gewesen. So versuchen sie es denn auf eine andere Weise. Aber auch hier lässt der Herr nicht nur ihre Pläne fehlschlagen, sondern gibt ihnen den gerade entgegengesetzten Erfolg. Um nun die gewünschte Antwort von vornherein herbeizuführen, stellen sie nicht nur eine Frage, sondern gleich zwei und machen die erste ziemlich umständlich. Die Eltern beantworten indes nicht alles, was sie gefragt werden. Sie meiden die gelegte Schlinge und sagen nur, er sei ihr Sohn, sei auch blind auf die Welt gekommen. Daraus folgt, dass er nicht auf natürlichem Wege, sondern nur durch ein Wunder sehend geworden ist. Davon sagen sie aber nichts, da sie wohl merken, dass eine solche Aussage höchst ungünstig aufgenommen werden würde. Dass sie darüber sich nicht äußern, zeigt, wie wenig sie die Heilung ihres Sohnes Jesu Dank wussten. Die herrliche Tat Gottes hätte ihnen das Herz zum innigsten Lobpreis seines Namens bewegen sollen. Aber aus lauter Angst legen sie, soweit sie das vermögen, die ihrem Sohne zuteil gewordene Gnadenerweisung ins Grab. Sie wagen nur, an ihrer Stelle als Zeugen den Sohn vorzuschieben. Er soll berichten, wie es hergegangen ist. Er wird, so meinen sie, den Hass der Juden nicht in dem Maße auf sich laden, wie sie es tun würden; auch ist er glaubhafter. So haben sie die Gefahr schlau vermieden. Des ungeachtet verurteilt der Evangelist durch seine hinzugesetzte Bemerkung ihr Verhalten. Aus Mutlosigkeit haben sie ihre Pflicht zu erfüllen versäumt. Wie viel weniger werden diejenigen eine Entschuldigung haben, welche die ganze Lehre Christi, alle seine Wunder, seine Macht und Liebe kennen und ihn dennoch treulos verleugnen!

V. 22 u. 23. Die Juden hatten sich schon vereinigt usw. Diese Stelle zeigt uns, dass der Bann ein alter, zu allen Zeiten gehandhabter Brauch ist. Man hat ihn nicht erst damals erfunden. Der Bann war von jeher gegen Abtrünnige und Gesetzesverächter geschleudert worden. Nun gebrauchte man ihn auch gegen Christum und seine Jünger. Beobachten wir das hohe Alter dieser kirchlichen Einrichtung! Wie wir hier sehen, ist der Missbrauch des Bannes auch nicht erst vor kurzem aufgekommen; nicht bloß die Blätter eines einzelnen Zeitraumes der Kirchengeschichte sind damit befleckt worden, dass gottlose Menschen mit tempelschänderischer Hand ehrwürdige Einrichtungen entweihten. Gottes ursprünglicher Wille war, es sollte in dem Bann ein Zuchtmittel für Widersetzliche liegen. Priester und Schriftgelehrte nahmen ihn in ihre Hand, nicht bloß, um Unschuldige dadurch zu plagen, sondern sogar, um frevlerischer Weise Gott selbst und die göttliche Lehre anzugreifen. Die von Christo verkündigte Wahrheit war so mächtig, dass sich ihr nicht mit geringeren Mitteln begegnen ließ: so griff man zu den Bannstrahlen, um durch sie den Kampf siegreich zu Ende zu bringen. Wie in Israel, so ging es nachher auch in der Christenheit. Der Zunge fehlen die Worte, um es auszusprechen, mit welcher Grausamkeit und Tyrannei unwürdige Bischöfe das Volk eingeschüchtert haben, damit es sich nicht zu regen wage. Ja, noch heute fliegt der Bannstrahl gegen alle wahren Anbeter Gottes. Das eine ist sicher: wo er von menschlicher Willkür gehandhabt wird, wozu ihn Gott nicht gab, da ist er völlig verächtlich. Als Gott der Kirche das Recht gab, in den Bann zu tun, da wollte er damit nicht den Tyrannen und ihren Henkersknechten ein Schwert in die Hand drücken, womit sie Seelen morden sollten, sondern er wollte nur einen Weg zeigen, wie unter gewissen Umständen sein Volk zu regieren sei. Bei der Handhabung des Bannes behielt er sich jedoch die oberste Entscheidung vor; was Gott beschloss, hatten die Menschen dann als seine Diener auszuführen. Wer sich Christo nicht völlig untergibt, der hat keinerlei Recht, den Bann auszuüben. Übrigens hebt der Missbrauch des Bannes seinen rechten Gebrauch nicht auf. Christus hat nicht daran gedacht, ihn abzuschaffen, er hat ihn vielmehr in seiner Reinheit wieder hergestellt. In der rechten Weise muss er bei uns in Übung sein. Satan vermag alles zu besudeln. Er würde bei dem Bann sein letztes Ziel erreicht haben, wenn er ihn gänzlich beseitigt hätte. Wer ihn also abschaffen wollte, täte Satan damit keinen geringen Gefallen. Auch Taufe, Abendmahl, ja alles, was zur christlichen Religion gehört, hat er schon mit seinen schmutzigen Händen verunreinigt. Wäre das ein Grund zur Abschaffung, so würde uns nicht mehr bleiben.

V. 24. Da riefen sie zum anderen Male. Ohne Zweifel riefen die Pharisäer den Blinden bloß deshalb noch einmal vor, weil sie sich sonst bloßgestellt hätten. Freiwillig würden sie es nicht getan haben. Es war ihnen zu frischem Gedächtnis, wie kühn und unverzagt er gesprochen hatte. Je größere Anstrengungen sie gegen Gott machen, desto mehr verwickeln und verstricken sie sich selbst. Man beachte die Fragestellung! Sie soll dem Gefragten unmittelbar die Antwort, auf die es ihnen ankam, in den Mund legen. Ach, wie hörte es sich zunächst so schön an: Gib Gott die Ehre! Aber hinterdrein kommt die herrische Forderung, er solle wider sein besseres Wissen und Gewissen reden. Unter Zuhilfenahme einer frommen Redensart verlangen sie von ihm ein willenloses Sichfügen.

Gib Gott die Ehre. Man hat diese Worte so gedeutet, als hätten sie dadurch den Blindgewesenen beschworen, doch nicht einem Menschen zuzuschreiben, was allein Gott getan haben könne. Allein mir scheint die andere Auslegung vorzuziehen, wonach die Worte eine Formel waren, vermittelst deren man jemandem einen Eid zuschob. Als Josua von Achan das Geständnis verlangte, dass er etwas von dem Gebannten entwendet habe, brauchte er dieselben Worte (Jos. 7, 19). Sie sollten den Betreffenden daran erinnern: Es ist eine schwere Versündigung gegen Gott, wenn du bei seinem Namen die Unwahrheit sagst! Deshalb eignet sich diese Formel auch heute noch zur Einleitung eines Schwures. Gottes Ehre und die Wahrheit müssen uns gleich kostbar sein. Wäre das der Fall, so würden keine Meineide geschworen. Wie viele Gottesleugner gibt es aber heutigen Tages, die sich gar nichts daraus machen, den Namen Gottes anzurufen, damit man ihnen ihre Lüge glaubt! Wie leichtfertig werden so viele Eide geschworen! Wie wimmelt es von Meineidigen im Lande! –

Die Juden hier stellen sich an, als wären sie voll der höchsten Ehrerbietung gegen Gott. Das ist nicht nur elende Verstellung: sie trieben sogar frechen Spott mit dem Heiligsten; denn in einem Atem lassen sie den feierlichen Beschwörungsworten die Aufforderung an den Geheilten folgen, er solle, Gott trotzig die Stirn bietend, eidlich beteuern, was sie verlangen. Aber Gott zieht ihre frevelhaften Pläne ans Licht, mögen sie dieselben noch so bunt einkleiden und mit Flitterputz zu vermummen suchen.

V. 25. Ist er ein Sünder, das weiß ich nicht. Hier sieht es aus, als ob der gewesene Blinde von seinem bisherigen freimütigen Bekenntnis einen nicht unbedeutenden Schritt zurückginge. Es ist nicht glaublich, dass er tatsächlich über Christum im Zweifel gewesen sein sollte. Ich vermute jedoch, dass er seine Worte gar nicht so gemeint hat, wie sie klingen. Das wird schon der Ton, in dem er redete, haben erkennen lassen. Er wollte ihnen einen Stich mit diesen Worten geben. Eben erst hatte er gesagt: Er ist ein Prophet; jetzt gibt er, weil er sieht, dass es doch nichts hilft, kein Urteil über die Person Christi ab. Er stellt nur den Tatbestand hin. So ist der Schritt rückwärts, den er tut, nur scheinbar ein Rückschritt; in Wirklichkeit will er die Pharisäer nur zum Besten haben.

V. 26 u. 27. Da sprachen sie wieder zu ihm. Wie geschäftig sind doch diese gottlosen Menschen bei der Betreibung ihres schändlichen Vorhabens! Ihr Eifer muss uns beschämen, wenn wir oft gar so lässig sind, wo es das Werk Christi zu treiben gilt. Wie jagen sie hinter dem geringsten Anhalt zur Verleumdung Christi her! Sie möchten ja so gerne das geschehene Wunder in schlechtes Licht setzen. Die Mannhaftigkeit des Geheilten jedoch lässt alle ihre Pläne scheitern. Er bleibt nicht nur unentwegt bei seiner ersten Aussage, er geht sogar zu freimütigem und ernstem Tadel gegen ihr Verhalten über, dass sie, obwohl ihnen der wahre Sachverhalt zur Genüge bekannt ist, sodass jede weitere Frage überflüssig sein sollte, doch noch weiter fragen, in der Absicht, das Wunder aus der Welt zu schaffen.

In der Frage (V. 27): Wollt ihr auch seine Jünger werden? liegt der Vorwurf: Es ist doch schändlich von euch, Christum zu hassen! Er will sagen: Und wäret ihr hundertmal überführt, es würde nichts helfen; ihr seid ganz voll von Bosheit und Feindschaft gegen ihn! Man muss sich freilich über den Freimut wundern, mit dem dieser unbeachtete, geringe Mann, dem noch dazu der Makel eines Bettlers anhaftete, in aller Seelenruhe das Wetter der Wut der gesamten Priesterschaft über sich heraufbeschwört. Kaum zum Glauben notdürftig durchgedrungen, muss er schon in einen solchen Kampf hinein. Und doch: welche Zuversichtlichkeit! Wahrlich, da bleibt denen keine Entschuldigung, welche weit vom Schuss den Mund voll nehmen in der Verkündigung des Evangeliums, aber wie auf den Mund geschlagen sind, sobald sich Gefahr zeigt. Natürlich ist eben die besprochene Frage auch nicht ernst gemeint, sondern ein Spott. Der Grund, weshalb sie so emsig forschen, - das weiß der Blindgeborene gar wohl, - ist nicht ehrliches Suchen nach der Wahrheit, sondern lediglich böser Wille.

V. 28 u. 29. Da schalten sie ihn. Wahrscheinlich haben sie hier allerhand Scheltworte gebraucht, die ihnen gerade der Anfall von Wut und Jähzorn eingab, sodass es nur eine Probe ist, von der aus wir auf das Übrige schließen können, wenn sie ihn als vom Gesetze Abtrünnigen bezeichnen. Christi Jünger und Gesetzesverächter war ja in ihren Augen ein und dasselbe. Fein berechnend stellen sie die Gegensätze auf: Christi Jünger – Moses Jünger. Ihr Verfahren wissen sie in ein schönes Gewand zu hüllen. Sie fürchten sich, auch nur handbreit von Moses Lehre abzuweichen. Wirklich fromme Menschen nehmen es sich zur Lebensregel, Gottesmänner, die ganz gewiss göttliche Offenbarung vermittelt haben, zu hören, aber nicht jeder beliebigen Behauptung Glauben zu schenken. Diesen Grundsatz bekennen auch die Pharisäer und stellen sich deshalb entschlossen auf Moses Seite. Und doch sind sie nicht Moses Jünger. Das ist eine Lüge, - denn als der kommt, auf welchen das Gesetz abzielte, wenden sie sich von ihm ab. So machen es die Heuchler je und je. Sie reißen die Offenbarung Gottes in Stücke und behaupten kecklich, sie hätten Gott für sich. Ist Christus, wie Paulus (Röm. 10, 4) lehrt, die Seele des Gesetzes, - was wird dann das Gesetz, wenn man es von ihm trennt? Eine Leiche! Der also ist kein rechter Hörer auf Gottes Stimme, der nicht bereit ist, alles, was er zu sagen hat, willig anzunehmen. Wenn sie sagen, sie wüssten nicht, von wannen Christus sei, so ist das nicht auf sein Vaterland oder auf seinen Geburtsort zu beziehen, sondern auf sein prophetisches Amt. Sie schützen vor, keine Kenntnis davon zu besitzen, dass er zum Propheten berufen sei; sie könnten ihn deswegen nicht als einen von Gott Ausgegangenen aufnehmen.

V. 30. Das ist ein wunderlich Ding. Der Mensch nimmt die Pharisäer scharf her, weil sie unwahrhaftiger Weise sagen, sie wüssten nichts von einer Berufung Christi. Weshalb entnehmen sie denn dem geschehenen Wunder darüber keine Belehrung? Er will sagen: es ist kein Sinn und Verstand darin, dass ihr einen solchen Beweis göttlicher Begabung so völlig missachtet, und dass ihr an die Berufung Christi nicht glauben wollt, wo sie doch durch eben dies Wunder so glänzend verbürgt ist! Um ihnen nun ihre vorsätzliche Unbelehrbarkeit desto besser zu Gemüte zu führen, zeigt er, wie groß und herrlich das Wunder ist, durch Hinweis darauf, dass so weit auch Menschen sich zurückerinnern können, noch keiner erlebt oder auch gehört hatte, dass ein Mensch etwas Derartiges getan hätte. Daraus folgt, dass Leute, die bei einer solchen Gottestat sich anstellen, als sei sie nichts Besonderes, boshafte, undankbare Menschen sind. Für ihn ergibt sich der Schluss von selbst: wer so etwas fertig bringt, ist von Gott gesandt; Gott hat ihm solche Macht verliehen, damit er umso leichter für sich und seine Lehre Glauben finde.

V. 31 bis 33. Wir wissen aber, dass Gott die Sünder nicht hört. Im Irrtum sind die, welche meinen, der Blindgewesene habe so nur nach der im Volke herrschenden Meinung geredet. „Sünder“ bezeichnet hier (wie V. 16) einen gottlosen Menschen und Frevler. Allenthalben lehrt die Schrift, dass Gott nur diejenigen erhört, welche ihn in Wahrheit und mit lauterem Herzen anrufen. Der Glaube allein öffnet uns die Tür zu Gott. So ist es sicher, dass kein Gottloser bei ihm Zutritt haben kann. Die Schrift bezeugt im Gegenteil, dass er ihre Bitten verabscheut, wie ihm auch ihre Opfer zum Ekel sind (Spr. 28, 9; Jes. 1, 11 – 15). Nur seinen Kindern gibt er das Vorrecht, ihm im Gebete zu nahen. Der Geist der Kindschaft ruft in unseren Herzen: „Abba, lieber Vater!“ Kurz, nur der ist zum Beten recht beschaffen, dessen Herz durch Glauben gereinigt ist. Gottlose Leute entweihen in ihrem Gebet nur den heiligen Namen Gottes, weswegen sie eher verdient haben, für ein solches Beten bestraft, als durch göttliche Wohltaten belohnt zu werden. Der Geheilte hat es sich also ganz richtig überlegt: Christus muss von Gott ausgegangen sein, - geht doch Gott so freundlich auf seine Bitten ein.

V. 34. Du bist ganz in Sünden geboren. Das soll eine Anspielung auf seine angeborene Blindheit sein. So machen es ja hochmütige Menschen: ist jemand im Unglück, so plagen sie ihn noch obendrein. Sie wollen ihm recht weh damit tun, dass sie sagen: dass du ein ganz verworfener Mensch bist, das beweist ja der Makel, den du von Geburt an dir trugst. Nicht wenig Schriftgelehrte waren Anhänger der Irrlehre, als wanderten die Seelen, wenn der Leib stürbe, jedes Mal in einen neuen Leib, um darin für in einem früheren Leibe begangene Übeltaten zu büßen. Insofern können sie hier dem Geheilten vorwerfen: von Geburt an bist du mit großen Missetaten befleckt. Dies grundverkehrte Urteil sollen wir uns zur Warnung dienen lassen: dass wir nicht den, der viel zu leiden hat, deswegen für einen besonders großen Sünder ansehen (Vgl. zu V. 1 f.). Nicht genug damit, dass diese Heuchler das Unglück eines Menschen zur Zielscheibe ihrer boshaften Worte machen, weisen sie auch unter Beschimpfungen seine Ermahnungen ab, so gut und wohl angebracht sie waren. So geht es ja gemeiniglich her: niemand lässt sich belehren von dem, den er verachtet. Auf Gottes Stimme muss man aber immer hören, einerlei durch wen er gerade reden will.

Lasst uns lernen, niemanden zu verachten! Gott will uns immer sanft und lernbegierig finden, mag er sich auch eines ganz verachteten und nichtsnutzigen Menschen bedienen, um uns zu belehren. Es gibt kaum eine Krankheit des Menschengeistes, die schlimmer wäre, als die, dass man vor lauter Hochmut nicht zuhören will, selbst wenn uns jemand nützliche Ermahnungen erteilt. Mit weiser Absicht wählt Gott öfter gewöhnliche, ja missachtete Menschen, durch die er uns Mahnung oder Belehrung zukommen lässt, um auf diese Art unseren hochfahrenden Sinn zu beugen.

Und stießen ihn hinaus. Möglicherweise soll das heißen: sie legten Hand an ihn und warfen ihn aus dem Tempelraum hinaus. Ich glaube jedoch, der Evangelist will damit sagen: sie taten ihn unter Anwendung der gebräuchlichen Rechtsformeln in den Bann. Diese Auslegung passt auch besser zu dem Fortgang der Erzählung. Hätte man ihn nur, um ihm eine Schmach anzutun, hinausgeworfen, so wäre das nicht so bedeutungsvoll gewesen, dass das Gerücht davon hätte zu Jesu dringen müssen. Daraus, dass Christus davon gehört hat, schöpfe ich die Vermutung: es ist in feierlicher Weise über den Geheilten der Bann verhängt worden. Übrigens lehrt uns diese Geschichte, wie hohl und durchaus nicht furchtbar die Bannsprüche der Feinde Christi sind. Werden wir von der Gemeinschaft, in welcher Christus herrscht, ausgeschlossen, so bringt dies ein schauerliches Gericht über uns; damit werden wir dem Satan übergeben als solche, die aus dem Reiche des Gottessohnes verstoßen sind. Dagegen soll man sogar freiwillig von da, wo Christus nicht durch sein Wort und seinen Geist den Vorsitz führt, fortlaufen, wenn gleich niemand uns vertreibt.

V. 35. Und da er ihn fand. Hätte man den Menschen in der jüdischen Gemeinschaft behalten, so wäre Gefahr vorhanden gewesen, dass er, allmählich von Christo entfremdet, mit den Feinden Jesu wieder gemeinsame Sache gemacht hätte. Außerhalb des Tempels irrt er umher. Da kommt ihm Christus entgegen. Die Priester hatten ihn ausgestoßen. Er nimmt ihn liebevoll auf. Dem am Boden Liegenden hebt er empor. Dem, der feierlich dem Tode übergeben ist, bietet er das Leben an. Genauso ist es in unseren Tagen ergangen. Als Luther und seinesgleichen anfänglich die gröbsten Missbräuche des Papsttums tadelten, da hatten sie kaum ein wenig von dem reinen Christentum geschmeckt. Alsbald schleuderte der Papst seine Blitze gegen diese Männer. Rom verstieß sie durch Bannbullen, vor denen alles zitterte. Da reichte Christus ihnen die Hand, und nun lernten sie ihren Heiland erst richtig kennen. Deshalb ist es ein großes Glück für uns, wenn wir recht weit weg sind von den Feinden des Evangeliums. Dann kommt der Heiland uns ganz nahe.

Glaubst du an den Sohn Gottes? Jesus spricht hier mit einem Juden, der, von Kind auf im Gesetz unterwiesen, es gelernt hatte, dass nach Gottes Verheißungen ein Messias zu erwarten war. Folglich hat die Frage Christi für ihn die Bedeutung einer Ermahnung: Folge dem Messias nach und gib dich ihm hin! Dabei bediente sich Jesus aber eines ehrenvolleren Namens, als die Juden dem Messias zu geben pflegten. Sie erwarteten nur den Sohn Davids.

V. 36. Welcher ist es? auf dass ich an ihn glaube. Diese Antwort zeigt, dass der Mensch, der bisher über Christum nichts Sicheres und Rechtes wusste, willig und lernbereit war. Seine Worte hören sich an, als wollte er sagen: Zeige ihn mir nur, so bin ich bereit, ihn mit Freuden zu begrüßen! Zu beachten ist, dass der Geheilte von dem belehrt zu werden wünscht, in welchem er einen gottgesandten Propheten erkannt hat. Das stand ihm fest. Deswegen baut er so zuversichtlich auf Christi Wort.

V. 37. Du hast ihn gesehen usw. Durch diese Worte Christi konnte der gewesene Blinde nur einen geringen Teil des gesamten Christenglaubens erlangen. Mit keinem Wort erwähnt Christus die ihm zustehende Machtbefugnis, den Zweck seiner Sendung, die Gaben, die er den Menschen gebracht hat.

Die vorzüglichsten Glaubensartikel sind folgende: wir müssen Gewissheit haben, dass durch das Opfer seines Todes unsere Sünden gesühnt, dass wir wieder mit Gott versöhnt sind, dass er in seiner Auferstehung den Triumph davongetragen hat über den völlig besiegten Tod, dass wir durch seinen Geist erneuert werden, um, dem Fleisch und der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit zu leben, dass er unser einziger Mittler ist, dass der Geist das Unterpfand für unsere Annahme als Gotteskinder ist, und endlich, dass in Christo alles das unser eigen wird, was zum ewigen Leben gehört.

Entweder gibt also der Evangelist hier bloß ganz kurz den hauptsächlichsten Inhalt dessen wieder, was Christus ausführlicher zu dem Blindgeborenen gesagt hat, oder – und dies ist mir wahrscheinlicher – der ganze Bericht ist so gemeint, dass der Mensch jetzt im Allgemeinen ein Anhänger Christi wurde, um von diesem Glaubensanfang an in bleibender Jüngerschaft eine völligere Erkenntnis zu gewinnen.

V. 38. Und bete ihn an. Hat er ihm damit göttliche Ehre erwiesen? Das Wort, das der Evangelist hier anwendet, besagt nichts anderes, als dass er seine Knie beugte oder auf andere Weise Jesu zeigte, wie sehr er ihn verehrte. Jedenfalls aber ist hier von etwas die Rede, was selten vorkam und Jesu nicht oft erwiesen worden ist. Der Geheilte hat Christo weit mehr Ehre erzeigt, als er es einem gewöhnlichen Menschen oder auch einem Propheten getan hätte. Doch glaube ich nicht, dass er damals schon das klare Bewusstsein hatte, dass in Christo der im Fleisch geoffenbarte Gott vor ihm stand. Was ist aber dann der Sinn der Anbetung? Der frühere Blinde ist überzeugt: Jesus ist Gottes Sohn. Er gerät außer sich vor Bewunderung und wirft sich, dem augenblicklichen Antriebe folgend, vor ihm zu Boden.

V. 39. Ich bin zum Gerichte auf diese Welt gekommen. „Gericht“ kann hier nicht einfach „Strafe“ bedeuten. Es handelt sich hier nicht nur um die Bestrafung der Gottlosen und Gottesverächter, sondern der Ausdruck begreift auch die Gnade der Erleuchtung in sich. Christus „richtet“ und schlichtet also, wenn er in verworrene Angelegenheiten wieder Ordnung bringt. Er deutet zugleich mit diesem Worte an, dass, was da geschieht, nach Gottes wunderbarem Rate geschieht, gegen die gewöhnlichen Gedanken der Menschen. Menschlicher Verstand wäre nie darauf gekommen, dass Leute welche ihn sehen, durch dies Licht der Welt blind werden könnten. Dies ist eins von den heimlichen Gerichten Gottes. Er wirft den Übermut der Menschen damit darnieder. Man beachte, dass die hier erwähnte Blindheit nicht eigentlich von Christo stammt, sondern von der Sünde der Menschen selbst. Es ist nicht Jesu Natur, dass er jemanden blind macht. Aber die Verworfenen haben keinen heftigeren Wunsch, als den, sein Licht zum Erlöschen zu bringen. Deshalb nehmen die Augen ihres Verstandes, die ja von bösem Willen und Schlechtigkeit krank sind, Schaden bei dem Strahl seines Lichtes. Es ist also nur eine Begleiterscheinung der Tatsache, dass Christus das Licht der Welt ist, wenn sie bei der Begegnung mit ihm blind werden.

Doch nun fragt es sich, wenn alle ohne Ausnahme unter das Urteil fallen, dass sie blind sind, wer dann die Sehenden sein sollen. Diese Frage ist dahin zu beantworten, dass Jesus sich einmal in die eingebildeten Gedanken der Ungläubigen hineinversetzt; sie vermögen zwar nicht, zu sehen, halten sich aber selbst für sehr scharfsichtig. Weil sie sich das einbilden, halten sie es für unter ihrer Würde, auf Gott zu hören. Wenn man ganz von Christo absieht, nimmt sich ja auch die fleischliche Menschenweisheit gar nicht übel aus; die wahre Weisheit dagegen ist der Welt unergründlich. Es ist also nicht im Ernste gemeint, sondern nur eine ironische Einräumung, wenn Jesus hier sagt, sie sähen. Sie bilden sich ein, weise zu sein und andere glauben es auch, obwohl sie, in ihren eigenen Gedanken befangen, von der wirklichen Weisheit ferne sind. Dergleichen Leute büßen angesichts des Evangeliums ihre Sehkraft ein. Das ist nicht bloß so gemeint, dass ihre Torheit, von der man vorher im Dunkel des Unglaubens nichts merkte, nun an den Tag kommt, nein, zufolge eines Verhängnisses der göttlichen Gerechtigkeit versinken sie immer mehr in Finsternis: denn nun kommen ihnen auch die früher ihnen noch gebliebenen Fünkchen wahren Lichtes abhanden. Wir kommen alle als blinde Leute auf die Welt, aber so verderbt und sündhaft wir auch von Natur sind, - die Verfinsterung wird doch von kleinen Lichtfunken durchbrochen; darin besteht der Unterschied zwischen Mensch und Tier. So wird man, so lange man von Christo absieht, einen Menschen, dessen aufgeblasener Hochmut sich Gott nicht unterwerfen will, unter Umständen für einen weisen Mann ansehen. Vom Lichte Christi bestrahlt, steht er jedoch als Tor da.

Die Eitelkeit aller menschlichen Gedanken wird erst da offenbar, wo ihr die Weisheit vom Himmel her gegenübertritt. Doch wird man, wie schon berührt, mit dieser Betrachtung noch nicht die ganze Meinung Christi erschöpfen. Ehe Christus strahlend vor ihnen steht, wagen die Heuchler noch keinen offenen Widerstand gegen Gott. Erst, wenn ihnen das Licht ganz nahe kommt, lassen sie die Friedensmaske fallen und zeigen als ihr wahres Angesicht das der Feinde Gottes. Boshaft und undankbar, sind sie nun schuld daran, dass ihre Blindheit noch einmal so arg wird, wie zuvor. Jetzt sind sie völlig des wahren Lichtes beraubt, und Gott straft sie dadurch, dass er ihre Sehkraft völlig vernichtet. Kurz lässt sich der Inhalt unseres Verses so zusammenfassen: Christus ist in die Welt gekommen, um die Blinden zu erleuchten, diejenige dagegen, welche sich selbst für klug halten, ganz unsinnig zu machen. Trotz dieser letzteren Wirkung kann sich aber Jesus einfach als das Licht der Welt bezeichnen (V. 5), wobei ihm eben nur der eigentliche Zweck seines Kommens vorschwebt. Er ist nicht gekommen, um die Welt zu richten; er will das Verlorene retten. Welche Verantwortung also, wenn wir uns durch törichten Weisheitsdünkel selbst die Strafe zuziehen, von der Christus hier doch nur sagt, was auch unsere Erfahrung bestätigt! Es gibt sehr viele Menschen, denen sofort alle vernünftige Besinnung schwindet, wenn nur ein Strahl der Sonne der Gerechtigkeit sie berührt. Sie sind dann wie rasend. Adam hatte doch seiner Zeit wahres Leben und war begabt mit dem vollen mit dem vollen Lichte des Verstandes, so dass man hätte meinen sollen, dass er wahrlich hätte sehen können. Und doch gelüstete es ihn, und er ging seiner göttlichen Begabung verlustig. Wie viel tiefer stehen wir als er damals! Wir sind in Finsternis versunken und nach dem Willen Gottes in einem Zustande tiefer Erniedrigung. Haben wir nun mitten in unserer elenden Lage dennoch Gefallen an uns, wagen wir es, unsere armen eigenen Gedanken frech der himmlischen Weisheit entgegenzustellen, so ist es kein Wunder, wenn die Rache Gottes in aller Schwere über uns hereinbricht, und wir in zwiefache Blindheit geraten. Genau dasselbe widerfuhr schon den Gottlosen zur Zeit des Gesetzes. Die Sendung des Jesaja an das alte Bundesvolk hat dessen völlige Erblindung zum Zweck (Jes. 6, 9).

V. 40 u. 41. Und solches hörten etliche der Pharisäer. Sie merkten alsbald, dass diese Worte sie treffen sollten. Und doch scheinen sie nicht zu der schlimmsten Sorte gehört zu haben. Die offen erklärten Feinde Christi werden ihn in ihrem Abscheu völlig gemieden haben. Sie dagegen brachten es über sich, Christo zuzuhören. Einen Nutzen hatten sie freilich nicht davon. Erst der eignet sich zum Jünger Christi, der das eigene Ich ganz abgelegt hat. Davon waren jene Pharisäer weit entfernt. Ihre Frage ist eine entrüstete. Sie meinten: uns geschieht Unrecht, wenn man uns mit Blinden in eine Reihe stellt! Gleichzeitig klingt aus ihrer Frage die Geringschätzung der Gnade Christi hervor, mit Spott gepaart, als wollten sie sagen: Glänzen willst du? Aber du bringst es nicht fertig, ohne uns zu schmähen! Sollen wir es ruhig mit ansehen, dass du auf dem Grabe unserer Ehre deine Ehre aufbauen willst? Und wenn du denen, die du als Blinde bezeichnest, das Augenlicht schenken willst, so packe dich nur mit samt deiner überflüssigen Wohltäterei! Um den Preis, dass du dich rühmst, wir seien bis dahin blind gewesen, mögen wir nicht von dir uns die Augen öffnen lassen! –

Wir sehen aus diesem Gebaren, wie hochmütig und gifterfüllt die Heuchelei stets ist. Wie hochmütig sind sie doch, dass sie, als Christus auf ihre Wunde den Finger legt, das als eine schwere Beleidigung aufnehmen und gegen ihn aufbegehren. Auf dem Wörtchen „auch“ liegt ein besonderer Nachdruck. Sie geben gern zu, dass alle anderen blind sind, wollen jedoch um keinen Preis mit dem allgemeinen Maße gemessen werden. O, wie verbreitet ist diese Sünde bei allen, die sich über die anderen erhaben dünken! Sie sind dermaßen hingenommen von der Verachtung gegen andere, dass sie fast vergessen, dass auch sie selbst nur Menschen sind.

Wäret ihr blind. Eine doppelte Deutung dieser Worte ist möglich. Entweder will Jesus ihnen zu verstehen geben: Unwissenheit würde eure Verschuldung sehr mildern; ihr wäret auch dann nicht klar über die Tragweite eures Tuns, ließet euch also nicht absichtlich in einen Kampf mit der Wahrheit ein.

Oder aber er meint: Wie leicht wäre dem Leiden, das euch anhaftet, der Unwissenheit, beizukommen; wolltet ihr es nur fühlen, wie bald solltet ihr es los sein! Für die erste Auslegung spricht die Stelle (15, 22): „Wenn ich nicht kommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde“ usw.

Aber hier folgen gleich die Worte (V. 41): Ihr sprecht: Wir sind sehend. Die scharfen Gegensätze, in denen sich die Rede bewegt, sprechen doch mehr für die zweite Auslegung. „Blind“ heißt hier der, welche in schmerzlicher Erkenntnis seiner Blindheit gern gesund werden möchte. So ist denn der Sinn unserer Stelle: Wenn ihr merktet, wo es euch fehlt, wäre euer Übel durchaus nicht unheilbar; jetzt aber, wo ihr euch für gesund haltet, bleibt ihr in einer verzweifelten Lage. Wenn Jesus sagt, diejenigen, welche blind seien, hätten keine Sünde, will er die Unwissenheit nicht etwa als unverschuldet und also ganz schuldlos hinstellen, er will nur sagen: für diese Krankheit gibt es, sobald sie nur als solche richtig empfunden wird, ein Heilmittel.



Kapitel 10

V. 1 u. 2. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch. Für die Hirten der Kirche wurden die Priester und Schriftgelehrten angesehen. Mit ihnen hatte Christus immer wieder seine Last. Wollte er, dass das Volk seine Lehre annahm, so musste er ihnen den Ehrentitel „Hirten“ entreißen. Auch der Umstand, dass nur so wenige seine Lehre glaubten, konnte ihm großen Abbruch tun. So betont er denn hier sehr stark, dass durchaus nicht alle, die sich der äußeren Zugehörigkeit zur Gemeinde rühmen, wirklich unter die Hirten oder unter die Schafe zu rechnen seien. Das sei das untrügliche Merkmal, an dem man rechte und falsche Hirten, wirkliche und nur vorgebliche Schafe der Herde Gottes voneinander unterscheiden könne, ob sie Ihn allein zu ihrem Ziel, ihrem Ein und Alles, Anfang und Ende gemacht haben. Dies Wort Christi hat zu jeder Zeit hohen Wert gehabt; so tut es auch unserer Zeit dringend not. Welch ein furchtbarer Schaden wird doch angerichtet, wenn Wölfe sich einschleichen mit der Miene von Hirten! Auch ist es ein schlimmes Ärgernis, wenn unechte oder aus der Art geschlagene Abrahams Kinder sich für lebendige Glieder der Gemeinde Gottes ausgeben. Diesen beiden Übelständen war die Kirche zu fast allen Zeiten preisgegeben. Unerfahrenen und schwachen Christen bringt das oft den schwersten Schaden, wenn sie sehen, wie sich im Heiligtum Gottes selbst entschiedene Feinde des Evangeliums herumtreiben. Die Kirche ist etwas ganz Herrliches, ohne Frage. Aber damit man ihr wirklich mit gutem Rechte volle Ehrerbietung bezeugen könne, gilt es, umso sorgfältiger den Unterschied zwischen der wahren und der falschen Kirche zu beachten. Christus spricht hier denjenigen den Hirtennamen rundweg ab, welche sich damals auf diesen Titel etwas Rechtes zugutetaten, ja er will Leute, welche bloß äußerliche Dinge als Beweise für ihre Zugehörigkeit zum Gottesvolke anführen können, nicht zu den Schafen der Herde Gottes gezählt haben.

Wer nicht zur Tür hineingeht. Christus vergleicht die Kirche mit einem Schafstalle, in dem Gott alle, die ihm gehören, zusammenbringt. Sich selbst vergleicht er mit der Tür dazu. Nur durch ihn kommt man ja in die Gemeinde Gottes hinein. Daraus folgt, dass gute Hirten nur solche Leute sind, welche gerades Weges zu Christo führen, und dass nur die in dem Schafstall Gottes gesammelt sind, welche sich Christo ganz und gar ergeben haben. Wer also sich einfach durch die vorliegende Aussprache Christi leiten lässt, braucht sich gar nicht besonders den Kopf über die Frage zu zerbrechen, die vielen so schwierig erscheint: welches ist die wahre Kirche? welche sind die rechten Hirten? Versuchen die Leute, die sich als Hirten aufspielen, uns von Christo abzubringen, so müssen wir sie, dem Worte Christi gehorsam, meiden als Wölfe und Diebe. Auch dürfen wir uns nur der Gemeinschaft derjenigen anschließen, welche in lauterem Glauben an das Evangelium eines Sinnes mit uns sind. So meint es Christus, wenn er hier seine Jünger ermahnt, sich abzusondern von der ungläubigen Masse des Judenvolkes; sie sollen sich nicht von den gottlosen Priestern regieren lassen und sollen gar nichts auf die schönen Namen geben, mit denen sie sich schmücken, - das sind alles fremde Federn.

V. 3. Demselbigen tut der Türhüter auf. Will man unter dem Türhüter Gott verstehen, so soll es mir recht sein. Wichtiger ist es aber, den eigentlichen Gedanken zu fassen: für die rechte Unterscheidung der Hirten stellt Jesus Gottes Urteil gegen Menschenwahn. Er will sagen: die Welt zollt ja meist ganz anderen Leuten ihren Beifall, - Gott aber, der das Regiment in der Hand hat, erkennt nur solche als die rechten Hirten an, welche die Schafe den Weg führen, den ich euch eben nenne. –

Wenn es dann weiter heißt: der Hirte ruft seine Schafe mit Namen, so ist dies eine schöne Beschreibung des Verhältnisses gegenseitiger Treue. Lehrer und Jünger sind durch den einen Geist Gottes verbunden: der eine führt, der andere folgt. Einige Ausleger sagen: daran, dass der Hirte jedes einzelne Schaf beim Namen rufe, sei zu ersehen, wie genau er sie alle kenne. Ein rechter Hirte müsse folglich die genaueste Personalkenntnis besitzen. Ich wage es nicht, zu entscheiden, ob das wirklich die Meinung unserer Stelle ist.

V. 4 u. 5. Sie kennen seine Stimme. Wenn hier Jesus auch von den Dienern am Worte spricht, so kommt es ihm doch weniger darauf an, dass man ihre, als dass man Gottes Stimme höre, der durch sie redet. Der Grundgedanke dieser ganzen Ausführung ist immer im Sinne zu behalten: nur der ist ein treuer Hirte der Gemeinde Gottes, der die Schafe ganz unter die Führung und Leitung Christi stellt. Zu beachten ist, weshalb die Schafe nun folgen: sie wissen an der Stimme den Hirten von den Wölfen zu unterscheiden. Das ist die Gabe der Geisterunterscheidung, vermöge deren die Auserwählten wohl wissen, welches die Wahrheit Gottes, und welches verkehrte menschliche Einfälle sind. Bei den Schafen Christi geht also voraus die Erkenntnis der Wahrheit; dann kommt das ernste Streben nach völligem Gehorsam. Sie erkennen nicht nur die Wahrheit, sondern sie nehmen sie auch ins Herz auf. Die Beschaffenheit des Glaubensgehorsams zeigt übrigens Jesus nicht bloß daran, dass die Schafe auf des Hirten Ruf sich willig einstellen, sondern auch daran (V. 5), dass sie fremde Stimmen nicht beachten und sich nicht zerstreuen, wenn sie jemand anruft.

V. 6. Sie vernahmen nicht usw. Das Licht Christi verachten sie, denn sie sind von der eigenen Klugheit ganz hingenommen. Nur deswegen hören sie ihn so verständnislos an.

V. 7. Ich bin die Tür. Auf den Hauptpunkt der ganzen Vergleichung fällt hier ein voller Lichtstrahl; Jesus sagt, die Tür sei er selbst. Jesu Person ist die Hauptsache im Evangelium. Das Evangelium ist imstande, den Seelen Nahrung zu geben, weil es uns Jesum bringt. Deshalb sagt auch Paulus, selbst einer der rechten Hirten (1. Kor. 2, 2): „Ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten.“ Christus bezeugt hier kräftig, dass er der einzige ist, zu dem wir nahen müssen, wenn wir zur Herde Gottes gehören wollen. Deshalb lädt er alle Heilsverlangenden ein, zu ihm zu kommen. Er deutet damit an, dass alle die zwecklos umherschweifen, welche ihn umgehen und doch zu Gott kommen wollen. Es steht nur diese eine Tür offen. Anderwärts sind alle Zugänge versperrt.

V. 8. Alle, die vor mir kommen sind usw. Wörtlich: „alle, so viele ihrer“. Wer das auf Judas von Galiläa und seinesgleichen (Apg. 5, 37) bezieht, kommt meines Erachtens von den Gedanken Christi weit ab. Jesus stellt vielmehr sämtliche falsche Lehren dem Evangelium, alle Lügenpropheten den frommen Lehrern gegenüber. Ja, es ist nicht unberechtigt, die Bedeutung dieser Worte auch auf die Heiden auszudehnen; denn wer auch immer seit Beginn der Welt sich als Lehrer ausgab, ohne doch daran zu denken, die Schafe zu Christo zu sammeln, der hat zum Verderben der Seelen mit dem Lehrernamen Missbrauch getrieben. Übrigens bezieht sich dieser Ausspruch keineswegs auf Moses und die Propheten; denn diese hatten ja gar nichts anderes im Sinne, als die Herrschaft Christi zu befestigen. Man darf ja nicht vergessen, dass Jesu Wort Gegensätze wider einander stellt. Zwischen Gesetz und Evangelium jedoch gibt es keinen eigentlichen Widerspruch, - im Gegenteil: das erste ist nur die Vorbereitung auf das zweite. Nur diejenigen Lehren, das soll hier gesagt werden, durch welche die Welt Christo abwendig gemacht wurde, sind unterschiedslos todbringende Seuchen gewesen; denn wer Christum nicht hat, der geht in sein Verderben und wandert auf schrecklichen Irrwegen. Mag man also die angesehensten Lehrer aus alter oder neuer Zeit entgegenhalten, - wenn nur Christus die Tür ist, so bleibt es dabei, dass Leute, die mit Umgehung dieser Tür durch die Wände brechen und besondere Löcher sich öffnen, Diebe sein müssen.

Die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. Damit behauptet Jesus noch deutlicher, was bisher nur dunkel und gleichnisweise angedeutet, dass alle die Leute, die sich durch Verführer haben vom Wege abführen lassen, nicht Glieder der wahren Gemeinde Gottes gewesen sind. Darauf weist der Herr erstlich deshalb hin, damit wir uns auch durch den Vorgang großer Scharen, die in die Irre gehen, nicht ins Verderben locken lassen. Weiter soll uns die Tatsache, dass Gott solchen Betrügern so viel freien Spielraum gewährt, dass sie so viele Menschen betrügen können, nicht ins Wanken bringen. Das ist fürwahr kein geringer Trost und kein schwacher Halt für unseren Glauben, wenn wir davon überzeugt sein dürfen: Christus hat stets ohne Wanken seine Schäflein in treuer Obhut gehalten, ob auch Wölfe und Diebe ihnen unermüdlich nachstellten.

Aber hier erhebt sich eine Frage: Wann gehört ein Mensch nicht mehr zur Herde Christi? Viele sehen wir einen großen Teil ihres Lebens hindurch durch die Wüste dahinirren, welche doch endlich noch in dem Schafstall Christi sich einfinden.

Ich antworte: das Wort „Schafe“ wird in unserem Kapitel in einem zwiefachen Sinne gebraucht. Wenn Christus (V. 16) sagt, er habe noch andere Schafe, so versteht er darunter die Gesamtzahl aller der Auserwählten Gottes, welche noch keine Ähnlichkeit mit Schafen der Herde Gottes hatten. An unserer Stelle meint er jedoch nur die Schafe, welche der Hirte schon mit seinem Zeichen versehen hat. Von Natur sind wir in keiner Weise den Schafen ähnlich; wir kommen vielmehr zur Welt als Bären oder Löwen. Der Geist Christi muss uns erst zähmen und die wilden unbändigen Bestien zu sanften Lämmern umgestalten. Gemäß verborgener Erwählung Gottes sind wir aber für sein liebendes Vaterherz schon Schafe, ehe wir überhaupt geboren sind; infolge der Berufung, durch die er uns in seinen Schafstall aufnimmt, beginnen wir, in uns selbst Schafe zu sein. Wer nun zu der Schar der Gläubigen berufen ist, der hängt viel zu fest an Christo, - wie er hier selbst versichert, - als dass er sich von jedem Winde neuer Lehre ruder- und steuerlos umherwerfen ließe. Wenn jemand das gelten lassen, aber doch die Ausnahme machen will: bisweilen irren, wie vielfältige Erfahrung beweist, doch auch die, welche sich Christo angeschlossen hatten, sodass bei Hesekiel (34, 12) mit gutem Grund dem rechten Hirten die Aufgabe zugewiesen werden muss, die zerstreuten Schafe zu sammeln, - so gestehe ich zu: es kommt nicht selten vor, dass die Angehörigen des christlichen Glaubens eine Zeit lang der Herde Christi entfremdet werden. Aber das streitet durchaus nicht mit diesem Spruch aus Christi Munde: denn so lange sie in der Irre gehen, hören sie in gewisser Beziehung auf, Schafe zu sein. Christus will einfach sagen, dass alle Auserwählten Gottes trotz vieler Versuchungen und Irrungen im wahren Glaubensgehorsam behalten worden sind, sodass sie nicht zur Beute Satans und seiner Diener werden konnten.

Wenn Gott aber die Schafe, welche für einige Zeit von der Herde abgekommen sind, abermals herbeiholt, so ist das ein ebenso großes Wunderwerk, als wenn er sie stets im verschlossenen Stalle gehütet hätte. Der Spruch (1. Joh. 2, 19) behält dabei volle Wahrheit: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wo sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns blieben“. Übrigens muss diese Stelle uns aufs tiefste beschämen: einmal deshalb, weil wir so schlecht an die Stimme unseres Hirten gewöhnt sind, dass oft nur wenige, und diese zudem kalten Herzens, ihm lauschen, ferner, weil wir uns oft so schlaff und träge zeigen, wo es gilt, ihm nachzufolgen. Und dabei rede ich noch von den guten oder wenigstens einigermaßen ernsten Christen; denn der größte Teil derer, die sich brüsten, Christi Jünger zu sein, weist ihn und seine Befehle frech zurück. Endlich müssen wir uns auch deshalb schämen, weil wir uns, sobald nur die Stimme eines Fremden vernehmlich ertönt, im Unbestand nach allen Seiten hin zersprengen lassen; solcher Leichtsinn und Mangel an Ausdauer beweist zur Genüge, wie unbefriedigend unsere Fortschritte im Glauben noch sind. Ist so die Zahl der Gläubigen kleiner, als man wünschen muss, und schmilzt das Häuflein durch jähen Abfall vieler manchmal sehr zusammen, so ist es doch für fromme Lehrer ein Trost, mit dem sie sich aufrecht erhalten können, dass sie bei den Auserwählten Gottes, den wahren Schafen der Herde Christi, immer treues Gehör finden.

V. 9. So jemand durch mich eingeht usw. Das ist überaus tröstlich für die Frommen, zu hören: sobald sie erst Christum ergriffen haben, sind sie außer Gefahr. Christus verheißt ihnen ja Rettung und Glückseligkeit. Sodann nennt er ausdrücklich zwei Stücke: wohin sie auch gehen müssen, sie werden sicher einher ziehen, und: wo sie geweidet werden, bekommen sie satt. Ausgang und Eingang bedeutet, wie auch sonst im biblischen Sprachgebrauch, jede Art von menschlichem Tun in diesem Leben. Diese Worte zeigen also einen doppelten Segen, den uns das Evangelium bringt: wir finden darin Nahrung für unsere Seele, die sonst hungrig bleibt und nur Wind zur Speise erhält, und ferner: es wird uns eine zuverlässige Schutzwehr und Burg gegen die Angriffe der Wölfe und Räuber sein.

V. 10. Ein Dieb kommt usw. Mit diesem Ausspruch will Christus uns wachrütteln. Die Diener Satans sollen uns in unserer schläfrigen Achtlosigkeit nicht überrumpeln. Wir sind so unglaublich sorglos. Deshalb finden die Irrlehrer allenthalben bei uns ungedeckte Angriffspunkte. Woher kommt eigentlich die große Leichtgläubigkeit? Woher kommt es, dass die, welche fest an Christo hangen und Ruhe gefunden haben sollten, bald zu dem, bald zu jenem Irrtum hin flattern? Einzig davon, dass sie sich nicht, wie sie sollten, vor den vielen falschen Lehrern in acht nehmen. Dazu kommt, dass wir in unserer unersättlichen Gier nach allem Neuen ein so kindisches Vergnügen an seltsamen Einfällen anderer Leute haben, dass wir mit Vorliebe in tollem Laufe zu den Dieben und Wölfen hineilen. Nicht ohne Grund betont Christus hier, dass falsche Lehrer, so gut sie auch verstehen, sich mit lieblichen Reden einzuschmeicheln, stets ein tödliches Gift bringen; wir sollen umso mehr darauf bedacht sein, sie uns vom Leibe zu halten (vgl. Kol. 2, 8).

V. 11. Ich bin kommen usw. Das Gleichnis nimmt eine neue Wendung. Bisher nannte sich Christus die Tür, und diejenigen die rechten Hirten, welche die Schafe zu dieser Tür bringen. Jetzt ist er selber der Hirte, und zwar spricht er entschieden aus, dass er im Grunde der alleinige Hirte ist. So wie ihm kommt niemandem sonst dieser Ehrenname zu. Alle treuen Hirten der Gemeinde haben ja auch, da er selbst sie belehrt, mit den nötigen Gaben ausrüstet, mit seinem Geiste lenkt und in ihnen wirkt, nur das eine Bestreben, dass er ganz allein an der Spitze seiner Gemeinde stehe und als einziger Hirte hoch erhaben sei über allen anderen. Obwohl er sich menschlicher Hirten bedient, hört er doch nicht auf, in eigener Person des Hirtenamtes kräftig zu walten. So gibt es auch Männer, die den Titel Lehrer oder Doktor tragen. Damit soll ihm sein Lehramt so wenig abgesprochen werden, als sein Hirtenamt damit, dass es den Titel „Pastor“ oder Hirte gibt. Ein Mensch kann selbstverständlich nur ein Unterhirte Jesu Christi sein: nur insoweit teilt Christus seinen Dienern die ihm allein zustehende Ehre mit, als er dabei doch sowohl für sie als auch für ganze Herde der Oberhirte bleibt. –

Wenn Jesus sagt, er sei gekommen, damit die Schafe das Leben haben, so gibt er zu verstehen, dass nur diejenigen von den Wölfen und Dieben zerrissen und geraubt zu werden Gefahr laufen, die sich nicht im Bereich seines Hirtenstabes halten. Von denen dagegen, die sich nicht von ihm entfernen, verkündet er, um uns recht zum Glauben zu ermutigen, dass in ihnen beständig das Leben zunehmen, sich mehren und kräftigen soll. Und ganz gewiss kommt der, welcher im Glauben Fortschritte macht, immer tiefer in die ganze Fülle des Lebens hinein; denn der Geist, der ja das Leben ist, wächst unaufhaltsam in ihm.

V. 12. Der gute Hirte lässt sein Leben. Er hat eine Liebe ohnegleichen zu seinen Schafen. Was für ein treubesorgter Hirte er ist, zeigt daran, dass er, um sie zu retten, sein eigenes Leben nicht für zu gut hält. Daraus folgt, dass die undankbaren Leute, welche den Schutz eines so gütigen und liebevollen Hirten verschmähen, wert sind, zu Grunde zu gehen und allerlei Schaden zu fallen. –

Der Ausspruch Augustins zu dieser Stelle ist von der höchsten Wahrheit: „Hier wird gesagt, was in der Leitung der Kirche dringend zu wünschen, was zu fliehen und was zu dulden ist.“ Es ist nichts dringender zu ersehnen, als dass die Kirche nur von bewährten, eifrigen Hirten geleitet werde. Jesus betont, dass er allein der gute Hirte sei; vermöge seiner steten Gegenwart und weiter durch Vermittlung seiner Werkzeuge erhält er die Kirche rein und unversehrt. Ist alles in guter Ordnung, stehen geeignete Männer an der Spitze, so ist daran zu sehen, dass Christus noch der Hirte ist. Aber es gibt viele Wölfe und Diebe, die sich als Hirten verstellen und so die Gemeinde in schändlicher Weise zerstören. Christus gibt strenge Weisung, solche Menschen zu verjagen und gar nichts auf den schönen Namen zu geben, mit dem sie sich schmücken. Könnte die Kirche von Mietlingen gesäubert werden, so stünde es besser um sie. Aber Gott will die Geduld seiner Gläubigen durch sie üben, auch sind wir der Wohltat sondergleichen nicht würdig, dass sich Christus nur in lauteren Trägern des Hirtenamtes kundgibt. Mietlingen sind deshalb zu tragen, so lange sie nicht in ihrer Schwäche sich bloßstellen und dadurch in verdiente Missachtung verfallen.

Unter Mietlingen sind solche zu verstehen, welche an der reinen Lehre festhalten und mehr durch Zufall – man weiß nicht recht, wie sie dazu kommen, - die Wahrheit verkündigen, als aus wahrem Glaubenseifer (Phil. 1, 15 ff.). Auf solche Leute soll man hören, wenn sie auch Christo nicht treulich dienen. Christus wollte ja auch, dass man die Pharisäer anhörte, weil sie auf dem Stuhle Moses saßen. In derselben Weise sollen wir das Evangelium an und für sich in Ehren halten; selbst minder tüchtige Diener desselben dürfen wir nicht geringschätzig behandeln. Da uns aber leicht kleine Anstöße das ganze Evangelium verleiden, so sollen wir, damit der Geschmack daran uns nicht verdorben werde, nie vergessen, was ich schon öfter sagte: wirkt der Geist Christi nicht so kräftig in seinen Dienern, dass er sich selbst deutlich in ihnen als Hirte kundgibt, so ist das eine Strafe für unsere Sünden und soll daneben unseren Gehorsam auf die Probe stellen.

Der Mietling aber, der nicht Hirte ist. Wenn auch Christus für sich allein den Namen des Hirten beansprucht, gibt er dennoch stillschweigend zu verstehen, dass er diesen Titel in gewisser Weise mit denen, die sich als seine Werkzeuge gebrauchen lassen, teilen will. Wir wissen ja, wie viele nach Christo unbedenklich für das Heil der Kirche ihr Blut verströmt haben, und auch die Propheten haben vor seinem Kommen ihr Leben nicht geschont. Aber in seiner Person liefert er das vollkommene Vorbild, welches seinen Dienern zur Regel dienen soll. Wie abscheulich, wie schändlich ist doch unsere Trägheit, wenn uns das Leben kostbarer ist, als das Heil der Kirche! Das letztere ging für Jesum dem eigenen Leben vor. Wenn er übrigens hier davon redet, dass er für die Schafe sein Leben hingibt, so ist dies das sicherste, herrlichste Zeichen dafür, dass er sie zärtlich wie ein Vater liebt. Zunächst kam es ihm darauf an, hier das klare Zeugnis zu hinterlassen, dass er mit seinem Tode einen einzigartigen Beweis seiner Liebe gegen uns erbracht hat; sodann wollte er auch alle seine Diener dazu aufrufen, es ihm nachzutun. Indes beachte man den Unterschied zwischen diesen und Christo: sein Leben gibt er hin als Lösegeld, sein Blut vergießt er zur Reinigung unserer Seelen, seinen Leib hat er als Sühnopfer dargebracht, um den Vater mit uns zu versöhnen. Das alles ist im Tode der Diener des Evangeliums nicht zu finden; vielmehr bedürfen sie alle der Reinigung und müssen die Sühnekraft jenes einigen Opfers erfahren und mit Gott versöhnt werden. Aber Christus will hier gar nicht von der im Vergleich mit jedem anderen Sterben vollkommen einzigartigen Wirkung seines Todes reden, sondern will nur zu erkennen geben, was für eine Gesinnung er gegen uns hegt; auch will er andere einladen, sein Beispiel zu befolgen. Kurz gesagt, wie es Christi besondere Aufgabe war, durch seinen Tod uns wirklich zu leisten, was das Evangelium zusagt, so ist es allgemeine Pflicht aller Hirten, die Lehre, welche sie verkündigen, mit Aufopferung des Lebens zu verteidigen und für die Lehre des Evangeliums mit dem eigenen Blute einzustehen und dadurch zu zeigen, dass es ihnen heiliger Ernst ist, wenn sie lehren, Christus habe ihnen und anderen das Heil erworben.

Indessen lässt sich die Frage erheben: Ist denn ein Mann, welcher dem Anlauf der Wölfe aus irgendwelchem Grunde ausweicht, in jedem Falle für einen Mietling anzusehen? Diese Frage nahm vor Zeiten das lebhafteste Interessen in Anspruch, als die Gewalthaber grausam gegen die Kirche wüteten. Einige der Kirchenlehrer sind meinem Urteil nach in der Strenge viel zu weit gegangen. Augustin zeichnet sich durch Mäßigung aus. Sein Rat ist recht gut; er gestattet den Hirten, zu fliehen, wenn sie bei ihrer Flucht das Heil der Gemeinde im Auge haben und nicht dadurch, dass sie die ihnen anvertraute Herde im Stiche lassen, Verrat an ihr begehen. Dieser Fall tritt nach seiner Ansicht dann ein, wenn die Kirche trotz der Flucht einzelner Hirten doch geeigneter Bedienung nicht entbehrt und die Feinde es dermaßen insonderheit auf das Leben des Hirten abgesehen haben, dass sich ihre Wut beschwichtigt, wenn er fort ist. Ist dagegen die Gefahr eine allgemeine, und würde der Träger des Hirtenamtes durch eine Flucht in den Verdacht geraten, dass er nicht darauf bedacht war, für seine Gemeinde zu sorgen, sondern in Todesfurcht sein Leben in Sicherheit zu bringen, so erklärt er die Flucht für unbedingt verwerflich: denn dann würde dies schlechte Beispiel mehr schaden, als sein Leben in Zukunft nützen könnte. Der Punkt also, auf den alles ankommt, ist der, dass der Hirte seine Herde, ja jedes einzelne seiner Schafe lieber hat, als sein Leben.

Des die Schafe nicht eigen sind. Damit scheint Christus alle ohne Ausnahme zu Mietlingen zu stempeln. Er ist ja ganz allein der Hirte. Deshalb hat niemand von uns ein Recht, die Schafe, welche er weidet, sei eigen zu nennen. Doch haben wir zu bedenken, dass diejenigen, welche sich vom Geiste Christi treiben lassen, das, was dem Haupte gehört, auch als ihr Eigentum ansehen. Sie wollen sich damit nicht eine Gewalt anmaßen, die ihnen nicht zusteht, sondern nur recht treulich bewahren, was ihnen anvertraut ward. Wer in Wahrheit sich mit Christo verbunden weiß, der wird das, was seinem Heiland so teuer ist, niemals als etwas ansehen können, was ihm nicht auch gehörte. Darauf kommt Jesus im folgenden Verse:

V. 13. Der Mietling aber flieht, - denn er hat für die Schafe nichts übrig; er denkt: Was liegt mir daran, dass die Herde auseinander läuft? Das geht mich nichts an! Wer auf den Lohn sieht, nicht auf die Herde, der mag, so lange der Zustand der Kirche ein friedlicher ist, sich wie ein guter Hirte stellen; zeigt sich jedoch Lebensgefahr, so wird er seine Untreue nicht zu verbergen imstande sein.

V. 14. Und erkenne die Meinen. Damit betont Jesus noch einmal seine Liebe gegen uns. Eben auf dieser Liebe erwächst die hier beschriebene vertraute und fürsorgende Bekanntschaft. Damit ist zugleich gesagt, dass der Herr sich um die, welche dem Evangelium nicht gehorchen, nicht kümmert. Er kennt seine Schafe, und seine Schafe kennen auch ihn und seine treue Fürsorge.

V. 15. Wie mich mein Vater kennt. Jesus ist also das Band unserer Gemeinschaft mit Gott: er steht zwischen Gott und uns. So wenig ihn der Vater verwerfen oder gleichgültig behandeln kann, so wenig kann er unser vergessen. Dafür erwartet Jesus nun aber auch von uns dankbare Erwiderung seiner Liebe. Alle ihm vom Vater verliehenen Gaben wendet er dazu an, uns zu schützen. Wir sollen in derselben Weise ihm gehorchen, ihm uns ganz und gar hingeben, wie er selbst völlig dem Vater gehört und in allen Stücken sich nach dem Vater richtet.

V. 16. Ich habe noch andere Schafe. Einige Ausleger beziehen diese Stelle auf alle, die noch keine Jünger Jesu waren, einerlei, ob Heiden oder Juden. Ich zweifle jedoch nicht daran, dass Jesus hier ausschließlich die Berufung der Heiden im Auge gehabt hat. Einen Stall nennt er nämlich die Volksgenossenschaft Israels, welche nach göttlicher Absicht sich als ein Eigentum Gottes von allen anderen Völkern abhob. Gott hatte die Juden für sich auserkoren. Er umgab sie mit einer Art Zaun, der in allerlei gottesdienstlichen Sitten und Gebräuchen bestand, damit sie sich nicht mit Ungläubigen vermischten; die Tür zu diesem umschlossenen Raume war der Gnadenbund, der in Christo geschlossen war und ewiges Leben bringen sollte. Andere Schafe sind folglich die Menschen anderer Völker, die Gott bisher nicht in dieser Weise auserwählt hatte. Das Hirtenamt Jesu beschränkt sich nicht auf das kleine jüdische Land, sondern hat einen weit größeren Umfang.

Augustin sagt sehr wahr: „Innerhalb der Kirche sind viele Wölfe, außerhalb der Kirche viele Schafe“. Zu unserer Stelle jedoch passt dieser Aussprung nicht recht. Hier handelt es sich nur um die äußere Gestalt der Kirche. Die Heiden, damals noch außerhalb der Kirche, wurden nicht lange danach ganz ebenso wie die Juden zum Reich Gottes berufen. Insofern nur passt Augustins geistreiches Wort hierher, als Christus die Ungläubigen Schafe nennt, obwohl sie damals in Wirklichkeit nichts weniger wie Schafe waren. Damit, dass er sie als Schafe bezeichnet, lehrt er nicht nur, dass sie künftig solche sein werden, sondern er redet so in Gedanken an die ewige Erwählung. In den Augen Gottes sind wir Schafe, lange bevor wir merken, dass er unser Hirte ist. Deshalb heißt es ja anderwärts, dass wir zu der Zeit, wo er uns liebte, noch Feinde waren (Röm. 5, 10), weshalb auch Paulus (Gal. 4, 9) sagt, dass Gott uns eher kannte, als wir ihn.

Dieselben muss ich herführen. Damit spricht Jesus aus, dass die Erwählung Gottes zur Ausführung kommen wird, damit nichts, was er gerettet sehen will, verloren gehe. Den geheimen Ratschluss Gottes, durch welchen die Menschen zum Leben verordnet sind, macht seinerzeit die Berufung endlich offenbar. Wir denken dabei an jene wirksame Berufung, vermöge deren Christi Geist aus Leuten, die zuvor aus Fleisch und Blut geboren waren, Kinder Gottes macht. Wie wurden aber nun die Heiden herzu geführt, dass sie sich mit den Juden zu einer Herde vereinigten? Weder mussten die Juden den von Gott mit ihren Vätern geschlossenen Bund abwerfen, um Jesum als den Messias anzunehmen, noch auch war es notwendig, dass die Heiden das Joch des Gesetzes auf sich nahmen, um, in Christum eingepflanzt, sich den Juden ebenbürtig an die Seite zu stellen. Hier ist der Unterschied zwischen Kern und Schale des alten Bundes fest ins Auge zu fassen. Nur dadurch, dass sie dem ewigen Bunde, in welchem das Heil der Welt begründet war, beitraten, konnten die Heiden sich dem christlichen Glauben anschließen. So erfüllten sich Weissagungen, wie Jes. 19, 18; Sach. 8, 23 u. a. Deshalb hieß Abraham auch der Vater vieler Völker; es sollten eben viele von Osten und Wesen kommen, und mit ihm im Reiche Gottes zu Tische sitzen (Mt. 8, 11). Was dagegen die Zeremonien anlangt, so waren sie eben die Scheidewand, der Zaun, welchen Christus wegnahm (Eph. 2, 14). So wird dem Kerne des alten Bundes nach mit den Juden zu wahrer Glaubenseinigkeit verbunden worden.

Und wird eine Herde usw. Das heißt: alle Gotteskinder sollen Glieder Eines Leibes sein. Wir bekennen ja eine allgemeine christliche Kirche: denn ein Haupt kann nur einen Leib haben (Eph. 4, 4). Freilich scheint die ganze große Herde wieder auf verschiedene Ställe verteilt zu sein. Eine Umzäunung jedoch umschließt alle. Gläubige Christen sind in aller Welt zerstreut. Allen wird das gleiche Wort gepredigt, überall sind Taufe und Abendmahl in Gebrauch, man betet in gleicher Weise, - kurz, alles stimmt überein, worin der Glaube vor der Welt bekannt werden soll. Aber wie sammelt Gott diese seine Herde? Ein Hirte ist eingesetzt, welcher spricht: sie werden meine Stimme hören. Das bedeutet: wo die Kirche allein Christo untertan ist, seinem Befehl Gehorsam leistet und auf seine Lehre hört, da steht es recht mit ihr. Sobald die Römischen uns zeigen, dass es so bei ihnen aussieht, wollen wir ihnen den jetzt nur angemaßten Titel der rechten Kirche lassen. Wenn aber Christus dort nichts zu sagen hat, dann mögen sie ganz stillschweigen von ihrer Einheit; eine solche Einheit ist schlimmer als die größte Uneinigkeit. Das Reich Gottes ist nur da, wo wirklich Christus als der gute Hirte die Herde weidet.

V. 17. Darum liebt mich mein Vater, dass ich mein Leben lasse. Der tiefste Grund dafür, dass der Vater den Sohn liebt, ist ein anderer. Denn nicht ohne Grund erscholl die Stimme vom Himmel (Mt. 3, 17): „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe“. Weil aber Jesus um unsertwegen Mensch wurde und der Vater eben dazu seine Liebe auf dem Sohne ruhen ließ, damit derselbe uns mit ihm versöhne, so ist es nicht auffallend, wenn Jesus hier versichert: Gott liebt mich deswegen, weil ich mein Leben hintansetze, wo es eurer Rettung gilt. Das ist eine ganz herrliche Anpreisung der auf uns gerichteten Güte Gotte; sie muss uns wahrlich ganz und gar zur Bewunderung hinreißen. Gott liebt nicht bloß seinen eingeborenen Sohn; er lässt nicht nur etwas von der Liebe zu ihm auf uns überfließen, - nein, er liebt uns, als wären wir das eigentliche nächste Ziel seiner Liebe. Und doch musste Christus gewiss nicht erst Mensch werden, um sich dadurch die Liebe des Vaters zu erwerben; die besaß er von Ewigkeit her. Mensch wurde er nur, um uns zu erlösen und das Unterpfand der Barmherzigkeit des Vaters zu sein.

Dass ich es wieder nehme. Weil die Kunde von seinem bevorstehenden Tode die Jünger nicht bloß tief betrüben, sondern auch ein schwerer Stoß für ihren Glauben hätte werden können, so tröstet Jesus mit der Hoffnung auf seine zukünftige Auferstehung. Er will sagen: Ich sterbe ja nicht, um vom Tode verschlungen zu werden, sondern um als Sieger über den Tod wieder aufzuerstehen. Auch wir dürfen heutigen Tages an den Tod Christi nur nicht anders denken, als dass wir damit alsbald seine glorreiche Auferstehung verknüpfen. Dass er das Leben gewesen ist, erkennen wir daran, dass er im Kampf mit dem Tode so völlig obsiegt hat.

V. 18. Niemand nimmt es von mir. Nochmals ein Trost, mit dem sich die Jünger aufrechterhalten sollen, wenn Jesus tot ist: er stirbt nicht gezwungen, sondern freiwillig; er opfert sich für die Rettung seiner Herde. Deshalb stellt er nicht nur in Abrede, dass Menschen Macht hätten, ihn zu töten – sie haben sie nur, soweit er sie ihnen gibt, - sondern erklärt sich überhaupt über jeden Zwang erhaben. Bei uns ist es anders. Um unserer Sünden willen müssen wir sterben. Auch Christus ist zwar als sterblicher Mensch geboren, aber er hat sich dem Todesgeschick nur freiwillig unterworfen; er war in keiner Weise zum Sterben verpflichtet. Christus wollte seine Jünger dagegen wappnen, dass sie nicht, wenn sie ihn nun bald zum Tode fortschleppen sahen, allen Mut verlören, als wären ihm die Feinde doch übermächtig geworden; sie sollten vielmehr darüber aufgeklärt sein, dass hier Gottes wunderbare Vorsehung walte, und er nur aus dem Grunde den Tod auf sich nehme, um seine Herde zu erlösen. Wie wertvoll diese Lehre ist, sollen wir ohne Unterlass dankbaren Herzens erfahren: denn weil Christus sich freiwillig hingeopfert hat, ist sein Tod die Sühnung unserer Sünden (Röm. 5, 19), wie er ausdrücklich hinzufügt: Ich lasse es von mir selber.

Solch Gebot usw. Damit lässt Jesus uns einen Einblick tun in den ewigen Ratschluss Gottes. Wir sollen wissen, dass er sich seinen eingeborenen Sohn für uns vom Herzen gerissen hat. Und Christus selbst, der in die Welt gekommen ist, um sich dem Vater gehorsam zu erweisen, bekräftigt es hier: bei allem, was er tut, hat er ganz allein das Streben, für uns zu sorgen.

V. 19. Da ward abermals eine Zwietracht. Der Erfolg der Rede Christi war, dass er dadurch einige Jünger bekam. Aber weil seine Lehre auch viele Feinde hat, so erhebt sich ein Zwiespalt. Die früher sozusagen ein Ganzes bildende Kirche zerreißt in mehrere Stücke. Einig blieben sie alle darin, dass sie den Gott Abrahams anbeten und das Gesetz Moses befolgen wollten. Über die Person Christi entzweien sie sich. Hätten sie es mit ihrem gemeinsamen Bekenntnis ernst gemeint, so hätte Christus, der ja das festeste Band der Liebe ist, und dessen Aufgabe es ist, das Zerstreute zu sammeln, nimmermehr ihre Einmütigkeit stören können. Aber sein Evangelium ist ein helles Licht, in dessen Strahl viele als Heuchler dastehen, die sich für fromme Leute ausgaben und sich fälschlich damit brüsteten, dass auch sie zum Volke Gottes gehörten. Ohne Zweifel muss es uns weh tun, wenn die Kirche in sich zerrissen ist; aber dass die wahrhaft Gläubigen sich von den Gottlosen trennen, um sich mit dem Haupte Christi zu vereinigen, ist weit besser, als wenn alle einträchtig den Herrn verachten würden. Bei Spaltungen müssen wir immer zusehen, wer denn eigentlich sich von Gott und seiner reinen Lehre lossagt.

V. 20. Er hat den Teufel. Die Gegner erheben wider Christum den denkbar gehässigsten Vorwurf, um jedermann abzuschrecken, ihn auch nur anzuhören. Um sich nicht Gott, dem Herrn, beugen zu müssen, entschließen sich die Gottlosen in ihrem Fanatismus viel lieber, ihn mit verschlossenen Augen hochmütig zu verachten. Diese Wut steckt dann auch andere an, sodass Christus nicht einmal mehr ruhiges Gehör findet. Doch die Lehre Christi verteidigt sich schon durch die ihr innewohnende Kraft selbst gegen alle Verleumdungen. Das sehen die Gläubigen, wenn sie zur Antwort geben:

V. 21. Das sind nicht Worte eines Besessenen. Damit verlangen sie: Fällt doch ein sachliches Urteil und seht euch seine Worte an! Die Wahrheit braucht keine Verteidiger, sie verwehrt sich ihrer Verleumder ganz allein. Das ist ein Bollwerk sondergleichen, das der evangelische Glaube hat, dass die Gottlosen es niemals fertig bringen werden, das Licht der Kraft und Weisheit Gottes im Evangelium auszulöschen.

V. 22. Es ward aber Kirchweihe, d. h. der Gedächtnistag an die Wiederherstellung des Tempels. Derselbe war entweiht worden und wurde unter der Herrschaft des Judas Makkabäus in erneuertem Zustande wieder eingeweiht. Damals wurde festgesetzt, dass jedes Jahr ein Gedenkfest gefeiert werden sollte, zur Erinnerung daran, dass Gott in Gnaden der Gewaltherrschaft des Antiochus ein Ende gemacht hatte. An diesem Festtage nun erschien Christus seiner Gewohnheit gemäß im Tempel, um dort, wo so viele Menschen zusammenkommen, recht reichen Erfolg mit seiner Predigt zu suchen.

V. 23. Halle Salomos heißt nicht ein Teil des wirklichen Heiligtums, sondern nur ein Nebengebäude des Tempels. Der alte, von Salomo ehemals errichtete Säulenbau war schon von den Chaldäern völlig zerstört worden. Der Evangelist meint vielmehr eine Halle, welche die Juden, vielleicht schon die ersten, welche aus der babylonischen Gefangenschaft heimkehrten, der alten salomonischen nachgebildet und mit Salomos Namen geschmückt hatten, um ihr mehr Ansehen zu verleihen. Herodes, der Erbauer des neuen Tempels, erneuerte sie.

V. 24. Da umringten ihn die Juden. Unzweifelhaft steckte ein schlauer Plan hinter diesem Vorgehen, wenigstens vonseiten einzelner, die diesen Überfall ersonnen. Hätte das Volk im Großen und Ganzen an Jesum die Bitte gestellt, er möge eine offene Erklärung darüber abgeben, dass er der gottgesandte Befreier sei, so brauchte man keinen Betrug dahinter zu suchen. Diese Handvoll Menschen jedoch hatten Schlimmes im Sinne. Mit List wollten sie ihm die Aussage, er sei der Messias, entlocken, dann sich auf ihn werfen, um ihn umzubringen oder in die Hände der Römer zu liefern.

Wenn sie sich beklagen: Wie lange hältst du unsere Seele auf? – so wollen sie damit den Schein erwecken, als verlangten sie so glühend nach der verheißenen Erlösung, dass der Wunsch nach dem Messias ihnen keine Ruhe lasse. Das ist ja die Seelenstimmung wahrhaft frommer Menschen, dass sie nur bei Christo das finden, was ihr Herz ausfüllen muss und zum Frieden bringt (Mt. 11, 28 f.). Wer zu Christo kommt, der ist wirklich sein, so wie sich die Juden hier nur stellen. Die Anklage ist aus der Luft gegriffen, dass Jesus daran schuld sein, wenn sie bisher im Glauben nicht befestigt worden sind. Es lag in ihrer Hand, sich eine vollkommene und gründliche Kenntnis Christi zu verschaffen. Aber so geht es ja den Ungläubigen von je her: sie schwanken lieber in Zweifelsucht hin und her, als dass sie sich auf das feste, klare Gotteswort gründen. Wie viele machen es heute so, dass sie, ihrer Abneigung folgend, die Augen verschließen und die Nebeldünste ihres Zweifels überhallhin verbreiten, um die Sonne des Evangeliums zu verfinstern! Außerdem gibt es viele leichtfertige Menschen, die auf dem Gefilde gottverlassener Menschenmeinungen herumflattern und in ihrem ganzen Leben nirgends festen Fuß fassen. Wenn sie fordern, Christus solle offen oder frei heraus, ohne Scheu sagen, wer er denn eigentlich ist, so meinen sie damit, er solle nicht mehr, wie bisher, nur mit halben Worten, unsicher und versteckt andeuten, dass er etwas Großes sei. Damit werfen sie seiner Lehre vor, sie sei dunkel: tatsächlich war sie für jeden einigermaßen empfänglichen Menschen sonnenklar. Unsere Geschichte erinnert uns daran, dass wir der List und den Verleumdungen der Bösen nicht entfliehen können, wenn wir zur Predigt des Evangeliums berufen sind. Deshalb gilt es, immer auf Posten zu sein und sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen, wenn es uns geht wie unserem Meister.

V. 25. Ich habe es euch gesagt. Damit gibt Jesus eigentlich zu verstehen, dass er der Messias ist, und lässt sich doch auf einen weiteren Lehrvortrag nicht ein, für welchen die Juden gar nicht empfänglich gewesen wären. Vielmehr tadelt er ihre böswillige Selbstverstockung, die alle bisherigen Belehrungen durch Gottes Worte und Werke vergeblich gemacht hatte. Wenn sie ihn noch nicht kennen, so ist das ihre eigene Schuld. Meine Lehre, so will Jesus sagen, ist leicht zu verstehen; ihr könnt sie natürlich nicht verstehen, denn ihr widerstrebt Gott im sündlichen Trotz! Dann redet er auch von seinen Taten. An denen hätten sie, von seiner Lehre ganz abgesehen, ein klares Zeugnis gehabt, - sie haben es nicht, weil sie Gott für die Wunder Jesu nicht dankbar sind. Zweimal hintereinander sagt der Herr: Ihr glaubt nicht! – um den Juden vorzuhalten, dass es ihnen an dem guten Willen fehlt, seine Lehre zu hören und seine Werke anzusehen, - ein Zeichen äußerster Bosheit, der gegenüber alle Hoffnung schwindet. Sagt Jesus: ich tue die Werke in meines Vaters Namen, so will dies heißen, dass dieselben zur Bezeugung der göttlichen Kraft dienen sollten, aus welchen man ihn als aus Gott stammend erkennen musste.

V. 26. Ihr seid meiner Schafe nicht. Damit führt Jesus einen noch tiefer liegenden Grund an, weshalb die Gegner seinen Wundern und seiner Lehre keinen Glauben schenken: sie gehören eben zu den Verworfenen. Dieser Ausspruch verfolgt eine besondere Absicht: da die Juden sich für die wahre Gottesgemeinde ausgeben, so musste es natürlich ein Vorurteil gegen das Evangelium erwecken, wenn gerade sie demselben keinen Glauben schenkten; darum betont Jesus, dass der Glaube eine besondere und persönliche Gnadengabe ist. Sicherlich können nur solche Menschen Gott erkennen, die zuvor von ihm erkannt oder ersehen sind (Gal. 4, 9). Und anderseits: Leute, welche Gott nicht gnädig ansieht, müssen immer seine Feinde bleiben. Wenn jemand nun darüber murrt, dass dann Gott doch selbst für den Unglauben verantwortlich zu machen wäre, da es ja allein in seiner Macht stehe, die Menschen zu Schafen seiner Herde zu machen, so gebe ich zur Antwort: auf Gott fällt nicht die mindeste Schuld; denn es ist freiwillige Tat der Menschen, wenn sie in ihrer Bosheit die Gnade Gottes verwerfen. Gott versucht alles, um die Menschen zum Glauben zu bringen, aber wilde Tiere werden nicht eher sanft, als bis sie der Geist Gottes in Lämmer verwandelt.

Der Unwiedergeborene wird also vergebens versuchen, die Schuld für einen Zustand, der doch ganz und gar seine eigene Natur ist, auf Gott zu wälzen.

Alles in allem will Jesus sagen: es ist gar nicht zu verwundern, wenn mein Evangelium nur wenige folgsame Jünger findet; so lange Gottes Geist die Menschen nicht dem Gehorsam des Glaubens unterwirft, bleiben sie eben wilde, ungezähmte Tiere. Umso verkehrter ist es, das Ansehen des Evangeliums davon abhängig zu machen, ob die Menschen daran glauben oder nicht. Gerade umgekehrt sollen die Gläubigen es wohl bedenken, dass sie dadurch ganz besonders zur Dankbarkeit gegen Gott verpflichtet sind, dass der Geist sie erleuchtet und zu Christo gezogen hat, während andere in ihrer Blindheit verharren. Das ist auch ein Trost für die Prediger des Evangeliums, wenn sie es schmerzlich empfinden, dass sie nicht bei allen etwas ausrichten.

V. 27. Denn meine Schafe hören meine Stimme. Leute, welche dem Evangelium nicht gehorchen, gehören nicht zu Jesu Schafen. Das ergibt sich aus einem einfachen gegensätzlichen Schluss: denn seine Auserwählten ruft Gott mit wirksamem Ruf, sodass man Christi Schafe eben daran erkennt, dass sie glauben. „Schafe Christi“ heißen ja die Gläubigen auch nur darum, weil sie sich von Gott durch die Hand des obersten Hirten leiten lassen, ihr früheres unbändiges Wesen abgelegt haben und jetzt sich sanft und folgsam beweisen. Wahrlich kein kleiner Trost, dass fromme Lehrer wissen: mag auch die große Mehrzahl nicht auf Christum hören, so hat er doch seine Schafe, die er kennt, und die ihn kennen. So viel sie irgend können, müssen sie sich bemühen, die ganze Welt in den Schafstall des Hirten Christus hineinzubringen; wo es aber nicht gelingt, wie sie es gerne hätten, mögen sie zufrieden sein mit dem Einen, dass auch in Zukunft diejenigen, welche Schäflein Christi sind, gesammelt werden sollen. Die übrigen Wendungen dieses Satzes sind schon zu V. 14 und 11 erklärt worden.

V. 28 u. 29. Sie werden nimmermehr umkommen. Eine unvergleichlich schöne Frucht des Glaubens wird hier genannt: wir dürfen vollkommen sicher sein; das befiehlt uns Christus sogar, wenn wir durch Glauben zu seiner Herde gehören. Beachte dabei, worauf sich diese Gewissheit stützt: Er will in Zukunft der treue Wächter unseres Heils sein; er bezeugt hier, dass es nun in seiner Hand sicher ruhe. Genügt das noch nicht, so sagt er auch noch, dass der Vater mit seiner ganzen Allmacht es sich behüten werde. Eine Stelle von ganz besonderem Werte! Sie lehrt uns, dass die Seligkeit aller Auserwählten ebenso sicher ist wie die nie bezwungene Allmacht Gottes. Nun wollte aber Christus diesen Ausspruch nicht etwa den Lüsten zum Spiele geben, nein, er wollte damit den Seinen eine Verheißung schenken, die sich für immer tief in ihres Herzens Grund eingraben sollte. Folglich hat dieser Spruch unseres Heilandes die Absicht, den Auserwählten die volle Heilsgewissheit zu verleihen.

Wir sind zwar von starken Feinden umgeben und sind so hinfällige, schwache Menschen, dass wir in manchen Augenblicken knapp am sicheren Tode vorübergehen, aber nur getrost! wir brauchen nicht zu zittern, als wäre unser Leben in Gefahr; der, welcher seine Hand über unserem ewigen Heile hält, ist (V. 29) größer und stärker, denn alles! Daraus ersehen wir, wie haltlos der in der Papstkirche gelehrte Glaube ist, der sich auf den freien Willen, auf die eigene Kraft und verdienstliche Werke stützt. Die Lehre Christi lautet ganz anders: die Gläubigen sollen wissen, dass sie in dieser Welt sozusagen mitten in einem von Räubern wimmelnden Walde sich befinden, und an diesem gefährlichen Orte noch dazu unbewaffnet und somit der Plünderung wehrlos preisgegeben – und dass sie dennoch sicher ihres Weges ziehen dürfen, einzig auf den Schutz Gottes vertrauend. Die Seligkeit ist uns gewiss, weil sie in der Hand Gottes liegt, - sonst wäre Heilsgewissheit ganz unmöglich; denn auch unser Glaube ist schwach, und wir sind nur allzu sehr geneigt, unsicher hin und her zu schwanken. Gott aber, der uns in seine Hand aufgenommen hat, ist stark genug, um mit einem einzigen Hauche seines Mundes alle Listen unserer Feinde zu zerblasen. Es verlohnt sich, auf ihn die Augen zu richten, wenn wir nicht in Anfechtungen vor Angst umkommen wollen. Christus will hier also zeigen, wie Schafe mitten unter Wölfen in Frieden weilen können.

Und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen. Dies „und“ steht im Sinne von „deshalb“, es handelt sich um eine Schlussfolgerung: Es ist niemand so stark, dass er Gott überwinden könnte; deshalb kann kein Feind, wenn er es auch noch so gern möchte, die Frommen um ihre Seligkeit bringen. Das ginge ja nur, wenn Gott zuvor niedergeworfen wäre, der seine Hand schützend und schirmend über uns hält.

V. 30. Ich und der Vater sind eins. Damit wollte Jesus den Hohnreden der Gottlosen zuvorkommen. Sie hätten ja höhnisch sagen können: Du hast nicht über die Allmacht Gottes zu verfügen, dass du sie deinen Jüngern als zu ihrem Schutze bereit hinstellen dürftest! Jesus legt also Zeugnis davon ab, dass die Beziehungen zwischen ihm und dem Vater so innige sind, dass dessen Hilfe ihm und seinen Schafen niemals fehlen wird. Wenn die alten Kirchenväter diese Stelle anzogen, um daraus Christi gottheitliche Wesensgleichheit mit dem Vater zu beweisen, so war das ein Missgriff. Denn Christus handelt hier nicht von der Einheit seines Wesens, sondern von der Einheit seines Wirkens mit dem Vater: alle, was Jesus tut, wird des Vaters Allmacht ihr Siegel aufdrücken.

V. 31. Da huben die Juden abermals Steine auf. Während die Frömmigkeit, wo es gilt, die Ehre Gottes zu verteidigen, von heiligem Eifer glüht, den der Geist Gottes entzündet, ist der Unglaube die Mutter toller Wut. Satan stachelt die Gottlosen auf, dass sie nur noch Mord schnauben. An diesem Ausgang wird es deutlich, was ihre Gesinnung war, als sie Jesu ihre Frage vorlegten. Hier gibt ihnen ja Jesus die verlangte offene Antwort. Und was geschieht? Sie, die sich vorgeblich so herzlich nach einem offenen Bekenntnis aus seinem Munde sehnten, werden rasend vor Wut. Und doch, während sie so leidenschaftlich auf Jesum losstürmten, um ihm den Garaus zu machen, haben sie sich ohne Zweifel vor sich selbst (nach 5. Mo. 13, 6) gerechtfertigt: wir tun nur, was das Gesetz befiehlt; es heißt uns, falsche Propheten steinigen!

V. 32. Viel guter Werke usw. Damit erklärt Jesu nicht nur diese Beschönigung ihrer Wut für falsch, sondern erhebt auch die Anklage auf Undank, der Gottes Wohltaten so schmählich lohnt. Nicht bloß auf das eine oder andere Werk, sondern auf eine ganze Reihe von Wohltaten kann er dabei hinweisen. Welche Undankbarkeit also nicht bloß gegen Jesus, sondern auch gegen Gott! Denn Jesus hat seine Wohltaten von seinem Vater her erzeigt: was eigentlich der Vater gab, vermittelte der Sohn, um des Vaters Macht und Güte zu offenbaren und zu bezeugen.

Jesus will sagen: Durch mich wollte Gott euch bekannt werden. Herrliche Wohltaten hat er euch durch meine Hand in reichem Maße erwiesen. Prüfet genau: ich habe nichts unter euch getan, als was des Lobes und des Dankes würdig ist! So kann ich mir euer Verhalten gar nicht anders erklären, als dass ihr eben eure Wut wider Gottes Gaben kehren wollt. – Die Einkleidung in eine Frage greift viel tiefer ins Gewissen, als dies ein einfacher Aussagesatz vermöchte.

V. 33. Um des guten Werks willen usw. Die Gottlosen führen ganz offen mit Gott Krieg, und doch wollen sie bei jeder Sünde einen anständigen Vorwand haben. In rasendem Beginnen erheben sie ihre Hand gegen den Sohn Gottes, aber, mit dieser Grausamkeit noch nicht zufrieden, klagen sie ihn auch noch an und gebärden sich als Schützer und Rächer der Ehre Gottes. Wie nötig ist es doch, dass wir an unserem guten Gewissen eine Mauer von Erz haben, damit alle Vorwürfe und Verleumdungen, die gegen uns erhoben werden, daran abprallen können! In welch schönem Glanze auch der Menschen Bosheit strahlen mag, und mit was für einer Schmach sie uns auch eine Zeitlang verunglimpfen mögen, - kämpfen wir für Gottes Sache, so wird er sich ganz gewiss nicht verleugnen, sondern seine Wahrheit verteidigen. Aber weil es den Gottlosen niemals an einem Vorwande fehlt, die Diener Gottes zu beschuldigen, und ihnen eine eiserne Unverschämtheit zu Gebote steht, sodass sie, selbst wenn sie eine Niederlage erlitten haben, mit ihrem Schmähungen nicht aufhören, so tut uns Geduld und Sanftmut not, die uns bis ans Ende aufrechterhalten müssen.

Das Wort, welches wir mit Gotteslästerung übersetzen, steht bei den griechischen Schriftstellern für jede Art von Beschimpfung. In der heiligen Schrift jedoch bedeutet: „Blasphemie“ (so heißt das griechische Wort), die Verletzung der Majestät Gottes.

Dass du ein Mensch bist und machst dich selbst einen Gott. Es gibt zwei Arten der Gotteslästerung; entweder raubt man Gott seine Ehre oder dichtet ihm etwas an, was seines heiligen Wesens unwürdig ist. Die Juden behaupten nun, Jesus wäre ein Gotteslästerer der letzteren Art, weil er als einfacher Mensch auf göttliche Ehre Anspruch erhebe. Diese Anklage hätte guten Grund gehabt, wenn er wirklich nichts weiter als ein Mensch gewesen wäre. Sie versündigen sich aber gerade dadurch so schwer an ihm, dass sie in ihrem hochfahrenden Wesen seine in den Wundern zutage tretende Gottheit nicht sehen wollen.

V. 34. Steht nicht geschrieben usw. Jesus zerstört den ihm gemachten Vorwurf, indem er erklärt: Ich rede recht, wenn ich mich als Gottes Sohn bekenne, während ich mit Verleugnung dieser Tatsache unrecht reden würde. Indes passt sich diese Aussprache im Kampf mit der Bosheit der Gegner mehr den persönlichen Umständen an, als dass sie als eine ausreichende sachliche Erörterung gelten könnte. In welchem Sinne Jesus Gottes Sohn sein will, sagen die Worte nicht klar heraus, sondern geben es nur verhüllt zu verstehen. Jesu Beweisführung will uns aber von einem Geringeren auf etwas Höheres schließen lassen: die Schrift nennt „Götter“ solche Menschen, denen Gott ein ehrenvolles Amt übertragen hat. In weit höherem Maße als alle anderen ist der nun dieses Namens würde, den Gott für das Amt über alle Ämter auserwählt hat. Mit der Schriftauslegung der Juden ist es also nicht weit her, wenn sie für hochgestellte Leute diesen Ehrentitel gelten lassen, ihn aber bei dem, der die Höchstgestellten noch nach Gottes Willen überragen soll, streichen wollen. Es kommt hierbei nur wieder ihre Bosheit zutage. Sie ist der eigentliche Grund, dass sie an Jesu Worten Anstoß nehmen. Die Schriftstelle, auf welche sich Christus beruft, findet sich im Psalter (Ps. 82, 6). Dort stellt Gott die Könige und Richter der Erde darüber zur Rede, dass sie ihre Herrscher- und Machtstellung missbrauchen, um als Männer der rohen Gewalt nach ihren Lüsten zu leben, die Unglücklichen zu unterdrücken und jeden Frevel zu begehen. Er macht ihnen den Vorwurf, dass sie vergessen, zu welchem Zweck sie ihre Würde tragen, und den Namen Gottes missbrauchen. Diese Stelle wendet Jesus auf den vorliegenden Fall an: diese Menschen bekommen den schönen Namen „Götter“, weil sie Gottes Diener in der Regierung der Welt sind. Aus demselben Grunde nennt die Schrift auch die Engel Götter, weil durch ihre Vermittlung Gottes Herrlichkeit die Welt bestrahlt. Wohl zu beachten ist, dass Christus sagt:

V. 35. In welchen das Wort Gottes geschah, d. h. die ein ausdrücklicher Befehl Gottes in ihr Amt gesetzt hat. Wir leiten daraus ab, dass die Staaten nicht von ungefähr oder nur durch menschliche Wirren entstanden sind: sie wurden mit Gottes Willen begründet. Er will, dass die Menschen in staatlichen Ordnungen leben. Er will, dass wir durch Recht und Gesetze gelenkt werden (Röm. 13, 1). Wenn jemand einwendet: Auch andere Berufe stammen von Gott und gefallen ihm, und doch heißen deswegen weder Bauern, noch Kuhhirten, noch Schneider „Götter“, - so gebe ich zur Antwort: das gilt ja nicht ausnahmslos für jeden Beruf, dass die Leute, welche Gott irgendetwas hat werden lassen, nun alle „Götter“ heißen sollen; Christus redet nur von den Königen, welche Gott allerdings auf eine höhere Staffel hinaufgestellt hat; denn sie haben zu befehlen und stehen über den anderen. – „Gesetz“ (V. 34) heißt hier das gesamte alte Testament. Die Propheten waren ja in ihrer Art Ausleger des Gesetzes. So sind auch die Psalmen gewissermaßen ein Anhang desselben.

Die Schrift kann nicht gebrochen werden. Das ist so viel als: die Lehre der Schrift ist unantastbar.

V. 36. Den der Vater geheiligt usw. Geheiligt sind ja alle frommen Menschen in ihrer Weise. Christus beansprucht aber hier etwas weit Höheres: Ich bin in einziger Weise von allen anderen abgesondert, denn in mir erscheint die Vollkraft des Geistes und die Hoheit Gottes! Ähnlich sagt Jesus schon früher (6, 27), dass der Vater ihn „versiegelt“ habe. Das trifft zu auf die Person Christi, insofern er sich im Fleisch geoffenbart hat. Beides ist also miteinander verbunden: Geheiligt und in die Welt gesandt. Man beachte dabei, zu welchem Zwecke und mit welchem Auftrage er gesandt wurde: er sollte uns von Gott her unser Heil bringen und sich in allen Stücken als Gottessohn erweisen und bewähren.

Du lästerst Gott. Christus redet hier nicht davon, wer er von Ewigkeit her ist, sondern davon, als was man ihn an den Wundern, die er als der im Fleisch Erschienene verrichtet, erkennen soll. Seine ewige Gottheit ist etwas für uns Unfassbares; wir müssen ihn also als unseren Erlöser in der Gestalt ergreifen, in welcher Gott ihn uns gezeigt hat. Man lasse übrigens das oben Gesagte nicht unbeachtet, nämlich, dass Christus hier nicht offen und ausdrücklich – wie er es unter seinen Jüngern getan hat – bezeugt, wer er ist; es kommt ihm hier nur darauf an, die Verleumdung seiner Feinde zu entkräften.

V. 37. Tue ich nicht die Werke usw. Damit die Juden nicht sagen sollten: Du prahlst vergeblich damit, dass dich der Vater heiligt hat usw., - weist Jesus noch einmal auf seine Wunder hin; in ihnen hatte er deutlich genug seine Gottheit bewiesen. Auf die Gedanken seiner Gegner eingehend, sagt er dem Sinne nach etwa so: Ich will euch nichts Unglaubliches zumuten zu glauben. Ihr sollt euch nur die Tatsachen ansehen. Hat sich Gott nicht offen zu mir bekannt, gut, so mögt ihr mich ungestraft verwerfen! „Werke des Vaters“ nennt Jesus seine Wunder, denn sie waren in Wahrheit göttliche Taten, in denen eine größere Macht erstrahlte, als dass man sie einem gewöhnlichen Menschen hätte zuschreiben können.

V. 38. Tue ich sie aber usw. Damit zeigt Jesus, dass seine Widersacher klar überführt sind: sie sind gottlose Verächter, denen das Heilige keine Ehrfurcht mehr abnötigt, - sie erweisen den offenbarsten Werken Gottes keine Ehre. Auch hier geht er auf die Gedanken seiner Feinde ein, wenn er sagt: Meinethalben mögt ihr an meiner Lehre zweifeln; das aber dürft ihr nicht in Abrede stellen, dass die Wunder, die ich getan habe, ihren Ursprung von Gott an der Stirn geschrieben tragen. Verwerft ihr mich, so verwerft ihr damit nicht bloß einen Menschen, sondern Gott selbst! Wenn Jesus übrigens die Erkenntnis dem Glauben voranstellt, als wäre dieser das untergeordnete Stück – auf dass ihr erkennt und glaubt -, so erklärt sich dies aus dem Umstande, dass er es mit ungläubigen und widerwilligen Menschen zu tun hat, die sich nur auf Grund des Augenscheins allenfalls werden unter Gott zwingen lassen. Solche Empörer wollen zuerst wissen und dann glauben. Gott hat auch da noch Geduld; er ist es zufrieden, dass wir uns durch die Kenntnis seiner Werke zum Glauben vorbereiten lassen. In der Regel aber folgt die Erkenntnis Gottes und seiner verborgenen Weisheit erst dem Glauben nach; der Gehorsam des Glaubens öffnet uns die Tür des Himmelreichs.

Dass der Vater in mir ist. Jesus wiederholt in anderem Ausdruck sein früheres Wort (V. 30): Ich und der Vater sind eines. Er will damit einprägen, dass seine Amtsführung sich ganz in den Wegen des Vaters bewegt. Ist der Vater in ihm, so muss all sein Tun eine Offenbarung des Wirkens Gottes sein. Ist umgekehrt auch Jesus im Vater, so tut er also nichts ohne Gottes Wink. In dieser Weise sind Vater und Sohn miteinander verbunden. Denn auch hier ist von der Offenbarung der göttlichen Macht in Christi Person die Rede, aus welcher man ihn als den Boten Gottes erkennen musste, nicht aber von der Wesenseinheit.

V. 39. Sie suchten abermals ihn zu greifen. Ohne Zweifel wollten sie ihn aus dem Tempel herausschleppen, um ihn stracks zu steinigen. Die Worte Christi hatten ihre Wut durchaus nicht besänftigt.

Aber er entging ihnen aus ihren Händen. Das konnte nur durch ein wunderbares Eingreifen Gottes geschehen. Wir sehen daraus, dass wir durchaus nicht schutzlos den Gelüsten der Übelgesinnten preisgegeben sind. Gott kann sie, so oft er will, bändigen.

V. 40. Jenseits des Jordans. Jesus überschritt den Jordan, um nicht fortwährend kämpfen zu müssen, während der Erfolg ziemlich unbedeutend blieb. Er ist vorbildlich dafür, dass man sich in dieser Beziehung nach den Umständen richten muss. Über den Ort, welchen Jesus aufsuchte, vgl. zu 1, 28.

V. 41 u. 42. Und viele kamen zu ihm. Dies Zusammenströmen des Volkes zeigt, dass Christus nicht etwa deshalb die Einsamkeit aufsuchte, weil er seines Amtes müde war; nein, er wollte mitten in der Wüste das Heiligtum Gottes aufrichten, nachdem man ihn in Jerusalem, wo sie den kostbaren Tempel hatten, so schnöde zurückgestoßen. Das war sicher ein Gottesgericht. Der Tempel, den sich Gott erwählt hatte, war eine Räuberhöhle, - so sammelt sich Gott seine Gemeinde an einem unbekannten Orte.

Johannes tat kein Zeichen. Die Leute ziehen den Schluss, dass Christus größer sein müsse, als Johannes, weil er so ausgezeichnete Wunder tat, während dieser niemals ein Wunder hatte sehen lassen. Nun darf man, wie früher schon gesagt, auf Wunder nicht immer ein solches Urteil gründen: aber als Anhängsel an die Lehre haben die Wunder ihr vollgültiges Gewicht. Die Rede des Volkes ist übrigens unvollständig: in dem Vergleich zwischen Christus und Johannes kommt nur das eine Glied zum Ausdruck. Weiter setzen sie als selbstverständlich einfach voraus, dass Johannes der größte, mit unvergleichlichen Geistesgaben ausgestattete Prophet war. Daraus ergibt sich denn der ganz richtige Schluss, dass Christo der Vorzug vor Johannes gebührt, weil es doch nur durch Gottes besondere Vorsehung geschehen sein kann, dass Johannes, im Übrigen der größte Prophet, die Empfehlung durch Wundergabe nicht besaß. Jesus besaß sie, offenbar deshalb, weil er in noch höherem Ansehen stehen sollte.

Was Johannes von diesem gesagt hat usw. Diese Worte scheinen nicht mehr zur Aussage des Volkes zu gehören, sondern ein Zusatz des Evangelisten zu sein, mit welchem er sagen wollte: zwei durchschlagende Gründe waren es, welche die Leute zum Glauben an Christum führten, einmal, dass sie sich durch den Augenschein davon überzeugten, dass das Zeugnis, welches ihm Johannes ausgestellt hatte, sich bewahrheitete, und dann, dass er im Glanze seiner Wundertaten als der Erhabenere vor ihnen stand.


Kapitel 11

V. 1. Es lag aber einer krank. Zu einer anderen Geschichte geht der Evangelist über. Er will ein besonders denkwürdiges Wunder erzählen. Außer dem, dass Christus in der Auferweckung des Lazarus eine hervorragende Probe göttlicher Kraft ablegte, hat er uns darin auch ein lebensvolles Bild unserer zukünftigen Auferstehung vor die Augen gestellt. Dies war sozusagen der Gipfelpunkt seiner Taten und ein hochwichtiger Anhang seines gesamten Wirkens. Schon nahte ja die Zeit seines Todes. Deswegen ist es nicht zu verwundern, dass er bei dieser Tat in hervorragendem Maße seine Herrlichkeit erstrahlen ließ. Er wollte, dass seine Jünger die Herrlichkeit ihres Meisters in lebhaftestem Andenken behielten. So drückte er gewissermaßen mit diesem Wunder auf alle vorhergegangenen sein Siegel. Christus hatte schon andere Toten auferweckt. Jetzt zeigt er seine Macht an einem bereits in Verwesung übergegangenen Leichnam. Die näheren Umstände, welche dazu beitragen, die Herrlichkeit Gottes bei diesem Wunder umso gewaltiger hervortreten zu lassen, sollen unten bei Besprechung der einzelnen Verse zur gebührenden Geltung kommen. Wenn Johannes von Lazarus sagt, er habe in dem Flecken Bethanien, in dem Maria und Martha wohnten, krank gelegen, so geht wohl daraus hervor, dass Lazarus unter den Christen nicht so bekannt war, wie die Schwestern. Jene frommen Jüngerinnen pflegten Christus gastlich aufzunehmen (Lk. 10, 38). Irrtümlicher Weise hat man die bethanische Maria mit der großen Sünderin verwechselt (Lk. 7, 37). Der Anlass dazu war die Salbung, die jede der beiden einmal vollzogen hat, und zwar die Sünderin in Jerusalem, Maria dagegen in Bethanien.

V. 2. Die den Herrn gesalbt hat. Dies ist nicht der Ton des Erzählers, sondern eines Mannes, der seine schon kundigen Leser daran erinnern will: dies ist die Maria, welche nachmals den Herrn salbte, und um deren willen das Murren unter den Jüngern sich erhob (Mt. 26, 7).

V. 3. Den du lieb hast, der liegt krank. Die Botschaft war kurz; doch konnte Jesus mit Leichtigkeit daraus erkennen, was die beiden Schwestern wünschten. In diese Klage kleiden sie die schüchterne Bitte ein, er möchte doch kommen und helfen. Sicherlich sind uns auch ausführlichere Bittgebete nicht verwehrt. Die Hauptsache bleibt aber, dass wir überhaupt unsere Sorgen, Nöte und Bekümmernis Gott aufs Herz legen, damit er uns ein Heilmittel schenke. So machen es die Schwestern bei Christo: vertraulich setzen sie ihm ihre Not auseinander und hoffen nun, dass er sie lindere. Bemerke wohl, was ihnen Mut macht, um Hilfe zu bitten: es ist die Liebe Christi. Wer recht betet, der stützt sich immer darauf. Wenn Gott liebt, dem hilft er ganz gewiss auch noch heute, denn Lieben und im Stiche lassen reimt sich nicht zueinander.

V. 4. Die Krankheit ist nicht zum Tode. Mit dieser Antwort wollte Jesus seine Jünger beschwichtigen. Sie sollten sich nicht darüber beunruhigen, wenn sie ihn ruhig dort bleiben sahen, während der Freund in der Ferne in Gefahr schwebte. Damit sie sich nicht um des Lazarus Leben ängstigen, sagt er, die Krankheit sei nicht zum Tode, und verheißt sogar, sie solle seinen Ruhm vermehren helfen. Wenn Lazarus nun aber doch starb, so hat Christus, weil er ihn ja kurz danach wieder ins Leben zurückrief, diesen Ausgang ins Auge gefasst und von der Krankheit gesagt, sie führe nicht zum Tode.

Zur Ehre Gottes, von der hier Jesus redet, geschieht ja im Grunde alles, - der Tod der Gottlosen so gut, wie die Rettung der Frommen. In diesem allgemeinen Sinne braucht Jesus hier aber diese Wendung nicht, sondern er hat zunächst an die Ehre Gottes gedacht, insofern sie aufs innigste mit seinem besonderen Amte in Verbindung steht. In den Wundern Christi stellt sich die Macht Gottes nicht in furchtbarer, sondern in wohltätiger und lieblicher Weise dar. Wenn Jesus also in Abrede stellt, dass eine Todesgefahr vorhanden sei, wo er seine und des Vaters Ehre offenbaren will, so ist zu beachten, wozu der Vater ihn gesandt hat: er soll retten, nicht verderben. Von großem Gewicht ist die Zusammenstellung: zur Ehre Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch geehrt werde. Wir ziehen daraus den Schluss: Gott will in der Person seines Sohnes solche Anerkennung finden, dass er alle Ehre, die er für sich beansprucht, dem Sohne erwiesen haben will (Vgl. 5, 23). Deshalb, wenn Mohammedaner und Israeliten behaupten, sie erwiesen Gott Verehrung, während sie gleichzeitig Christum schmähen, unternehmen sie es vielmehr, Gott von Gott loszureißen.

V. 5 u. 6. Jesus aber hatte Martha lieb. Wenn er zwei Tage lang sich noch jenseits des Jordans aufhält, als wäre ihm daran, ob Lazarus lebt oder stirbt, wenig gelegen, so scheint das schlecht zu seiner Liebe zu dem Kranken und seinen Schwestern zu stimmen. Wahre Liebe bringt die Menschen in Bewegung. So sollte man denn auch meinen, Jesus müsste sich alsbald nach Bethanien aufmachen. Aber sein Zögern gibt uns eine Lehre: Christus ist das getreue Abbild der göttlichen Gnade selbst; folglich sagt er uns durch sein Verhalten: Beurteilt nur nicht die Liebe Gottes nach den äußeren Umständen, in denen ihr euch augenblicklich befindet! Auch wo man ihn bittet, hilft er in vielen Fällen nicht gleich; er will dann uns noch mehr ins Gebet treiben, wie haben vielleicht noch nicht dringend genug gebetet, oder er will uns in der Geduld üben und uns an Ergebung und Gehorsam gewöhnen. Wenn gläubige Christen Gott um Hilfe anrufen, so müssen sie lernen, im Gebet nicht nachzulassen, auch wenn Gott nicht so rasch, wie es nötig scheint, mit seiner starken Hand ihnen beisteht. Oft wird er säumen; doch ist das niemals ein Zeichen dafür, dass er schläft oder die Seinigen vergisst. Jedenfalls ist daran festzuhalten: wen Gott einmal lieb hat, den will er auch erretten.

V. 7. Darnach spricht er usw. Jetzt endlich gibt Jesus zu erkennen, dass er sich um den Lazarus kümmert. Die Jünger mochten schon gedacht haben, dass er den Lazarus vergessen habe, oder dass ihm wenigstens sein Ergehen nicht besonders wichtig sei. Jetzt aber fordert er sie auf, über den Jordan nach Judäa zu ziehen.

V. 8. Meister, jenes Mal wollten die Juden dich steinigen. Die Jünger suchen den Herrn von der Reise abzuschrecken, vielleicht nicht so sehr seinet-, als ihretwegen. Jeder ist bange für sein Leben. Ihnen allen droht Gefahr. Natürlich schämen sie sich, es einzugestehen, dass sie sich gern dem Kreuze entziehen möchten. So geben sie denn vor, da sich das besser anhört, sie seien um das Leben ihres Meisters besorgt. Das Gleich wiederholt sich alle Tage! Man verlässt den Weg der Pflicht nur aus Angst vor dem Kreuz und schützt allerlei Gründe für seine Pflichtvergessenheit vor, damit es nur niemand merken soll, wie weich man gegen sich ist. Dann sieht es wenigstens so aus, als sei man wohl berechtigt, einmal Gott den schuldigen Gehorsam zu versagen.

V. 9 u. 10. Sind nicht des Tages zwölf Stunden? usw. Macht jemand in finsterer Nacht eine Reise, so ist es gar nicht wunderbar, wenn er sich immer wieder stößt oder einen verkehrten Weg einschlägt oder ausgleitet. Solche Gefahren sind bei Tage nicht vorhanden. Da zeigen die Sonnenstrahlen den Weg. Dieselben Dienste wie das Tageslicht leistet uns die Berufung Gottes; wer ihr folgt, irrt nicht vom rechten Wege ab und stößt sich nicht. Unternimmst du nichts, als was das Wort Gottes dich tun heißt, so hast du einen, der dich vom Himmel her führt und leitet. Dann kannst du getrost deine Straße ziehen (Ps. 91, 11 f.). Christus zog im Vertrauen auf des Vaters Führung mutig nach Judäa. Er hatte keine Furcht vor den Steinwürfen seiner Feinde. Er wusste: alles Irren ist ausgeschlossen, wo Gott, der Sonne vergleichbar, uns den Weg hell erleuchtet. Daraus lernen wir, dass das ganze Leben des Menschen, so oft und so lange er sein Vertrauen nicht auf Gottes Berufung, sondern auf seine eigenen Pläne setzt, nicht anders ist, als ein Laufen im Zickzack und in der Irre. Auch die, welche sich wunder wie klug vorkommen, aber Gott nicht um Rat fragen und sich von seinem Geiste nicht in allem, was sie vornehmen, leiten lassen, sind nur arme Blinde, die im Dunkeln tappen. Nur dann sind wir auf dem richtigen Wege, wenn wir sorgsam auf die Stimme Gottes achten und nur dahin unseren Fuß setzen, wo er uns vorangeht. Wer sich das zur festen Lebensregel gemacht hat, der hat auch guten Mut: Glück und Segen wird ihm zu teil werden; denn es ist unmöglich, dass da kein guter Erfolg sein sollte, wo Gott die Leitung in der Hand hat. Das ist eine Erkenntnis, die uns außerordentlich nottut: denn kaum heben die Gläubigen den Fuß, um Gott zu folgen, so beschafft Satan alsbald tausend Hindernisse, weist hin auf mancherlei drohendes Unglück und versucht bald so, bald so uns den Weg zu versperren.

Des ungeachtet gilt es, beherzt weiter zu gehen, sobald der Herr uns dazu auffordert: Er leuchtet uns ja auf dem Wege voran, - mag immerhin der Tod in mancherlei Gestalt uns unterwegs belauern. Gott heißt uns ja auch niemals vorwärts dringen, ohne uns durch seine Verheißung fröhliche Gewissheit zu schenken, dass alles, was wir in seinem Auftrage angreifen, uns glücklich gelingen muss. Dies ist der Wagen Gottes, in welchem wir uns bergen dürfen, um niemals müde zu werden. Und mögen auch Hindernisse kommen, so groß, dass man mit einem Wagen nicht hindurchfahren könnte, - da wandelt sich Gottes Verheißung in ein Paar starker Schwingen für uns, die uns über alle Hindernisse hinweg bis ans Ziel tragen. Nicht, als ob die Gläubigen niemals mit Widerwärtigkeiten zu tun hätten: aber selbst das Unglück ist ihnen nur ein Mittel zur Seligkeit. Kurz, die Augen Gottes wachen treulich über allen denen, welche sich von seinem Wink regieren lassen. Wir folgern daraus noch, dass die Menschen, welche mit Beiseitesetzung und Verachtung des Wortes Gottes frech tun, was ihnen einfällt und was sie gelüstet, ein völlig verfehltes Leben führen. Alles, was sie vornehmen, steht unter dem Fluche Gottes, und jederzeit schwebt über ihrer Vermessenheit und ihrer blinden Sinnenlust die göttliche Rache. –

Den Tag teilt Christus hier, indem er sich der althergebrachten Gewohnheit anschließt, in zwölf Stunden ein; die Juden zählten, ohne die längeren Tage des Sommers und die längeren Nächte des Winters in Rechnung zu ziehen, jahraus jahrein zwölf Tages- und ebenso viel Nachtstunden.

V. 11. Unser Freund schläft. Da Jesus soeben noch die Krankheit als eine Krankheit nicht zum Tode erklärte, will er jetzt nicht durch unvermittelte Enthüllung des Sachverhaltes die Jünger zu sehr erschrecken. Deshalb legt er in seine Worte sowohl die Andeutung, dass der Tod eingetreten ist, als auch, dass die Auferstehung bevorsteht. Dass sie den Ausspruch Jesu buchstäblich nehmen, ist von ihnen recht ungeschickt. Wenn es auch eine bildliche Rede ist, so kommt sie doch so häufig auf den Blättern der alttestamentlichen Schriften vor, dass jedermann im Volke der Juden damit vertraut sein musste.

V. 12 u. 13. Schläft er, so wird es besser. Mit Berufung darauf, dass Lazarus durch die Wohltat des Schlafes schon ganz von selber wieder zurechtkommen werde, suchen sie Christo in versteckter Weise nochmals von der Reise abzuraten. Der Vergleich des Todes mit dem Schlafe, der sich in der Schrift, aber auch bei weltlichen Schriftstellern, sehr oft findet, ist offenbar dadurch in Aufnahme gekommen, dass im Schlafe der Leib des Menschen ohne Bewusstsein wie ein entseelter Leichnam daliegt, weshalb auch der Schlaf treffend ein Abbild des Todes genannt wird. Natürlich soll mit diesem Ausdrucke nur auf einen Schlafzustand des Leibes, aber nimmermehr, wie man recht verkehrt behauptet hat, auch auf einen Schlafzustand der Seele hingewiesen werden. Seine Macht führt Christus uns vor Augen, indem er sagt, er wolle hingehen, um den Lazarus aufzuwecken. Er zeigt sich als Gebieter des Todes dadurch, dass er von einem, dem er das Leben noch einmal schenkt, sagt, er wolle ihn aufwecken.

V. 14 u. 15. Da sagte es ihnen Jesus frei heraus. Wie groß ist doch die Güte Christi, mit der er die Einfalt seiner Jünger geduldig ertrug! Ohne Zweifel verschob er es noch einige Zeit, den Geist Gottes über sie auszugießen, damit, wenn sie zu Pfingsten in einem Augenblicke neue Menschen wurden, das Wunder umso handgreiflicher wäre.

Wenn er hier sagt (V. 15): Ich bin froh um euretwillen, so will er ihnen damit klar machen, sein Fernbleiben von Bethanien sei für sie nützlich gewesen, indem sie, wenn er dem Lazarus alsbald Hilfe gebracht hätte, seine Macht lange nicht so deutlich zu sehen bekommen hätten, wie sie sie jetzt sehen sollen. Je näher das, was Gott tut, dem gewohnten Laufe der Natur verwandt ist, desto unbedeutender erscheint es, und desto weniger haben die Menschen acht auf seine Herrlichkeit. Das zeigt ja die tägliche Erfahrung: hilft Gott sofort, so merken wir gar nicht, was wir seiner Hilfe verdanken. In der Auferweckung des Lazarus sollten die Jünger eine wahre Gottestat erkennen, - deswegen der Aufschub. Es sollte eine Wirkung erzielt werden, die nicht entfernt der Wirkung eines vom Arzte verordneten Heilmittels glich. Außerdem erinnere ich an das oben Gesagte: wenn Gott, dessen Güte ja in Christi Person vor uns steht, uns lange in großer Not stecken lässt, sollen wir gewiss sein, dass er eben dadurch für unser Heil sorgt. Wir seufzen dann wohl in Angst und Trübsal, der Herr aber ist froh darüber, dass es für uns gut so ist. In zwiefachem Lichte erstrahlt dann seine Menschenfreundlichkeit: er verzeiht unsere Fehler, und er findet Mittel und Wege, sie uns abzugewöhnen.

Auf dass ihr glaubt. Damit will Jesus seinen Jüngern nicht allen Glauben absprechen, als müssten sie darin überhaupt erst den Anfang machen, - er denkt nur an die Stärkung ihres bisher noch geringen und schwachen Glaubens. Nebenher gibt Jesus zu verstehen, dass sie freilich nicht glauben würden, wenn Gott seine Macht nicht handgreiflich offenbarte.

V. 16 u. 17. Da sprach Thomas. Bis dahin versuchten die Jünger, Jesum zurückzuhalten. Jetzt ist Thomas bereit, mit ihm zu gehen, aber ohne Glauben. Wenigstens findet er in der Verheißung Christi keine Ermutigung, sodass er froh und still ihm folgen könnte. Denn so redet die Verzweiflung: Lasst uns mitziehen, dass wir mit ihm sterben, - während sie doch des Lebens hätten gewiss sein sollen. „Mit ihm sterben“ kann übrigens sowohl auf Jesus, als auf Lazarus deuten. Im letzteren Falle würde Thomas spottend sagen: Was wird es helfen, wenn wir nach Bethanien kommen? Der einzige Freundschaftsdienst, den wir dem toten Lazarus werden erzeigen können, würde der sein, dass wir uns zu ihm ins Grab legen ließen!

Die andere Auslegung spricht indes noch mehr an: Thomas weigert sich nicht des Todes mit Christo. Sein Entschluss stammt jedoch, wie bereits gesagt, aus unüberlegtem Eifer, während er sich doch an der von Christo gegebenen Verheißung hätte stärken sollen.

V. 18. Bethanien war nahe bei Jerusalem. Emsig sucht der Evangelist herbei, was zur Erhärtung des wirklichen Tatbestandes dient. Er berichtet genau, wie nahe der Flecken Bethanien bei Jerusalem lag. So begreift man leicht, woher die vielen Freunde kamen, welche die Schwestern trösten wollten, - lauter Zeugen des Wunders, ohne dass sie es wussten, eigens dazu von Gott nach Bethanien geführt. So blieb die Auferweckung des Lazarus nicht unbekannt; vieler Augen sahen sie, nicht nur die nächsten Angehörigen. Wunderbar fügt sich alles: ein leuchtender Beweis göttlicher Kraft wird gegeben an einem bekannten Orte, vor vielen herbeigeströmten Menschen, dicht vor den Toren der Stadt Jerusalem, wie auf öffentlicher Schaubühne. Wenn dann auch dies Wunder nichts hilft, sondern es gar bald so aussieht, als hätte nie jemand der Auferstehung des Lazarus zugeschaut, so ist dies arge Geschlecht damit seiner schier unglaublichen Undankbarkeit überführt. Die Gesinnung der Juden war gegen Jesum eine so schlechte, dass sie absichtlich die Augen schlossen, um nur ja das nicht sehen zu müssen, was sich vor ihren Augen zutrug. Es liegt ein Widerspruch darin: sie sind wahrhaft versessen auf Wunder; wenn aber solche geschehen, zeigen sie sich völlig stumpf und gleichgültig dagegen. Und doch ist es immer so gewesen und ist noch so. Jerusalem und Bethanien lagen nach der gemachten Angabe nicht einmal ganz zweitausend Schritt voneinander. Ein Stadium (zu deutsch ein Feld Weges) besteht nämlich aus sechshundert Fuß oder hundertfünfundzwanzig Schritten1).

V. 19. Sie zu trösten über ihren Bruder. Das war die Absicht der Menschen; die Absicht Gottes, wie gesagt, war eine andere. Übrigens geht aus dem zahlreichen Besuch hervor, dass das Haus des Lazarus und seiner Schwestern hoch in Ansehen und Ehren stand. Naturgemäß versetzt der Tod der Angehörigen die Menschen in tiefe Betrübnis. Deswegen erfüllen diese Besucher ihre Pflicht, gegen die sich nichts einwenden lässt. Sind mit solchen Beileidsbezeugungen Übelstände verbunden, die sich ja auch auf anderen Gebieten, denen niemand ihre Berechtigung abspricht, einschleichen, so sind dieselben hässlichen Flecken auf einer Sache, die an und für sich keinen Vorwurf verdient.

V. 20. Als Martha nun hörte. Martha geht vor die Häuser ihres Dorfes hinaus, nicht nur, um vielleicht Jesu ihre Verehrung zu bezeugen, sondern um ihn nicht allzu öffentlich zu empfangen. – War doch die Erinnerung an die letzte Lebensgefahr, der er entgangen war, noch ganz frisch (10, 39). Die Wut der Feinde hatte sich durchaus noch nicht gelegt, sondern war durch Jesu Rückzug höchstens etwas abgekühlt, konnte aber auf die Kunde von seiner Rückkehr wieder umso heftiger hervorbrechen.

V. 21 u. 22. Herr, wärest du hier gewesen. Martha beginnt mit einer Klage. Indes deutet sie auf diese Weise nur ehrfurchtsvoll an, was sie eigentlich sagen will; sie will dem Herrn zu verstehen geben: Wärest du zugegen gewesen, so hättest du meinen Bruder vor dem Tode bewahren können; und auch jetzt kannst du ihn noch retten, denn Gott wird dir nichts abschlagen! Indem sie so sagt, folgt sie mehr dem Gefühl ihres Herzens, als dass sie sich von lebendigem Glauben leiten ließe.

Zum Teil freilich, das gestehe ich zu, sind ihre Worte aus dem Glauben hervorgegangen; doch sind sie mit verkehrten Gedanken durchsetzt. Sie geht entschieden zu weit. Oder hatte sie eine bestimmte Zusage von Christo darüber empfangen, dass ihr Bruder nicht leiblich sterben könne, wenn er nur zugegen sei? Doch gewiss nicht! So müssen wir denn sagen: sie ist sehr nachgiebig gegen ihre Herzenswünsche, lässt es aber an der völligen Unterordnung gegen Jesum fehlen.

Ein Beweis ihres Glaubens ist es, dass sie Christo die Macht und die vollkommene Güte zutraut. Dass sie sich aber größere Hoffnungen einredet, als sie mit klaren Worten Christi begründen kann, das kommt nicht aus dem Glauben. Zwischen dem Worte Gottes und dem Glauben muss stets der genaueste Zusammenhang bestehen, - sonst macht sich der Mensch selber etwas zurecht, was über das Wort Gottes hinausgeht. Außerdem legte Martha einen zu großen Wert auf die körperliche Gegenwart Christi. So leuchtet denn ihr Glaube nicht in vollem Glanze. Eigenwilligkeit, ja sogar etwas Aberglauben sind ihm beigemischt. Immerhin zeigen sich Funken wahren Glaubens.

V. 23. Dein Bruder soll auferstehen. Ein Wort Christi von wunderbarer Freundlichkeit! Er verzeiht der Martha ihre Verkehrtheiten und gibt ihr eine Verheißung, die über das, was sie sich erbitten gewagt hatte, noch hinausging.

V. 24. Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird. In diesem Worte zeigt Martha nun wieder eine zu ängstliche Zurückhaltung, die Christi Wort nicht in seiner ganzen Größe zu erfassen vermag. Vorher hat sie zu viel gehofft, - jetzt verfällt sie in den entgegengesetzten Fehler und hofft zu wenig. Christus bietet seine Hand dar; sie aber weiß nicht recht, ob sie einschlagen soll. Vor beidem haben wir uns zu hüten. Wir dürfen nicht abgehen von Gottes Wort und bald hier bald dort uns leere Hoffnungen erwecken lassen, - das ist doch nur Wind; und wir dürfen nicht, wenn der Herr seinen Mund auftut, unser Herz verschlossen halten oder es doch nur ein klein wenig öffnen. Übrigens wollte Martha wohl mit ihrer Antwort dem Herrn eine deutlichere Erklärung ablocken. Sie will sagen: Wenn du an die Auferstehung am jüngsten Tage denkst, dann sagst du mir nichts Neues; daran habe ich keinen Zweifel, das ist mein Trost. Aber du meinst vielleicht etwas weit Größeres, was ich bisher nur ahnen kann.

V. 25. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Die im ersten Satze gegebene Erklärung, dass er die Auferstehung und das Leben ist, erläutert Jesus eins ums andere in den darauf folgenden Worten. Der Grund dafür, dass er sich zuerst die Auferstehung nennt, liegt darin, dass vor dem neuen Lebenszustande die Wiederherstellung des Lebens hergehen muss. Das ganze Menschengeschlecht ist im Tode versunken; deshalb kann niemand des Lebens teilhaftig sein, der nicht zuerst vom Tode auferstanden ist. So lehrt denn Christus hier: Ich bin der neue Lebensanfang! Er fügt dann hinzu: aber auch die ganze weitere Dauer des neuen Lebens ist das Werk meiner Gnade. –

Dass Jesus vom geistlichen Leben redet, zeigt klar die unmittelbar hiernach gegebene Erläuterung: Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Weshalb ist er also die Auferstehung? Weil er die Kinder Adams, welche durch die Sünde Gott entfremdet waren, durch seinen Geist neu belebt. Darüber ist bereits zu 5, 21. 24 ausführlicher gehandelt.

Die beste Auslegung zu unserer Stelle gibt Paulus Eph. 2, 5 und 5, 8. Es ist deshalb törichtes Geschwätz, wenn gesagt wird, die Menschen bereiteten sich selber auf die Annahme der göttlichen Gnade vor; man könnte gerade so gut behaupten, die Toten seien imstande, aus eigener Kraft zu gehen. Erst der, welcher an Christum glaubt, hat neues Leben. Der Glaube ist die geistliche Auferstehung der Seele. Es ist ein herrliches Lob, das hier dem Glauben gespendet wird: durch ihn ergießt der Herr sein Leben in uns und befreit uns vom Tode.

V. 26. Und wer da lebt und glaubt an mich. Das ist die Auslegung des zweiten Wortes: Jesus ist nicht bloß die Auferstehung, sondern auch „das Leben“, insofern er das einmal geschenkte Leben nicht wieder dem Tode verfallen lässt, sondern bis in Ewigkeit hütet. Was sollte es mit uns schwachen Menschen wohl geben, wenn wir uns selbst überlassen würden nach dem erstmaligen Empfang des neuen Lebens? Die ganze weitere Entwicklung dieses Lebens muss ihre Kraft aus Christo nehmen. Was er angefangen hat, kann nur er vollenden. Von den Gläubigen aber heißt es deshalb, dass sie niemals sterben, weil ihren Seelen, die aus unvergänglichem Samen wiedergeboren sind, der Geist Christi innewohnt. Dieser führt ihnen fortwährend neue Lebenskräfte zu. Denn wenn auch der Leib dem Sterben unterliegt, so ist der Geist doch Leben um der Gerechtigkeit willen (Röm. 8, 10). Und wenn auch der äußere Mensch täglich bei ihnen mehr verfällt, so bedeutet das doch keinen Verlust wahren Lebens, - es unterstützt vielmehr seine Fortschritte, weil der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert wird (2. Kor. 4, 16). Der Tod selbst wird den Gläubigen eine Art Befreier von der Knechtschaft des Todes.

Glaubst du das? Zuerst sieht es aus, als spräche Christus deswegen vom geistlichen Leben, weil er die Martha von ihrem augenblicklichen Wunsche abbringen wollte. Sie verlangte darnach, dass der Bruder wieder lebendig würde. Christus betont, dass er ein weit besseres, als das leibliche Leben schenken kann; er macht mit himmlischer Kraft die Seelen der Gläubigen lebendig. Doch zweifle ich nicht daran, dass er mehr als das im Auge hat. Einmal will er hinweisen auf das geistliche Leben, welches er allen, die ihm gehören, schenkt, dann aber beabsichtigt er auch, dass Martha auf Grund dieser allgemeineren Betätigung seiner Kraft Mut fasse, zu glauben, dass er auch imstande ist, den Lazarus aufzuerwecken.

V. 27. Ich glaube, dass du bist Christus. Um zu beweisen, dass sie glaubt, Jesus sei Auferstehung und Leben, gibt Martha zur Antwort, sie glaube, dass er der Messias und der Sohn Gottes sei. In dieser Erkenntnis liegt ja alles andere inbegriffen: man muss bei dem Titel des Messias immer im Sinne behalten, wozu derselbe verheißen war, und welcher Art nach der Aussage der Propheten sein Amt sein sollte. Martha bekennt, dass er der sei, der kommen sollte: ihr Glaube stützt sich also auf die Weissagungen der Gottesmänner. Dieselben besagen, dass der Messias alles von Grund aus neu machen wird, und dass er der Bringer des wahren Glückes sein soll, kurz, dass seine Sendung zu dem Endzwecke geschieht, dass er das wahre und vollkommene Gottesreich aufrichte und ordne.

V. 28 bis 30. Und rief ihre Schwester. Wahrscheinlich hat Martha den Herrn gebeten, vor dem Dorfe sich zu verweilen. Sie wollte nicht, dass er unter die vielen Menschen käme. Sie fürchtete, es sei für ihn gefährlich: war er doch eben erst dem sicheren Tode entronnen. Die Kunde von seiner Anwesenheit sollte nicht auskommen: deshalb meldet sie es heimlich der Schwester: Der Meister ist da. Dieser Titel lässt ersehen, als was diese frommen Frauen Christum behandelt haben. So ganz viel hatten sie ja noch nicht bei ihm gelernt. Dennoch ist es etwas Großes, dass sie ihm so völlig als seine Schülerinnen ergeben sind. Ein Zeugnis der hohen Verehrung, die sie ihm zollte, war, dass Maria sofort aufstand, um ihm entgegen zu gehen.

V. 31. Die Juden, die bei ihr im Hause waren. Obgleich Martha mit Christi Erlaubnis nach Hause zurückgekehrt war, um Maria heimlich aus der Gästeschar herauszuholen, plante Christus doch etwas anderes, als sie; er wollte gerade die Juden dabei haben. Sie sollten Augenzeugen seines Wunders sein. Daran dachten sie freilich nicht entfernt. Aber es kommt ja gar nicht selten vor, dass die Menschen, sozusagen mitten durch die Finsternis, dahin, wo sie gar nicht hinwollten, von Gottes verborgener Weltregierung geführt werden. Die Juden meinen, Maria wolle zum Grabe hingehen, um, wie es viele tun, von neuem zu klagen und zu weinen. Wie oft sucht der Bekümmerte immer neue Reizmittel seines Kummers! Es ist das eine wahre Krankheit! So macht es der Witwer, dem die Gattin, so machen es die Eltern, denen die Kinder gestorben sind, und umgekehrt. Mag nun die Gattin, Vater oder Mutter, Verwandter oder Freund gestorben sein, man sucht auf alle Weise seinen Schmerz um den Verlust zu vergrößern. Um das zu erreichen, handhabt man dann allerlei Kunstgriffe. Die Gedanken sind schon sowieso nicht auf der rechten Bahn: trotzdem werden sie aufgestachelt und aufgewühlt, damit sie sich recht heftig und mit grimmigem Ansturm gegen Gott empören sollen. Die Aufgabe der Gäste wäre es gewesen, die Maria daheim festzuhalten, und nicht zu dulden, dass sie im Anblicke des Grabes der Trauer neue Nahrung zuführte. Aber ein so kräftiges Heilmittel wagen sie nicht anzuwenden. Im Gegenteil, sie geben ihr das Geleit, um den maßlosen Schmerz zu besänftigen. Der Trost einer solchen Art von Freunden verfängt freilich nicht. Sie sind nicht wahre Freunde, sondern nachgiebige Schwächlinge.

V. 32. Fiel sie zu seinen Füßen. An diesem Fußfallen erkennen wir, dass man den Herrn Jesus im bethanischen Hause doch ganz anders verehrte, als einen gewöhnlichen Menschen. Allerdings pflegte man sich auch vor hochstehenden Männern und Königen zu Boden zu werfen, - Christus aber hatte, äußerlich betrachtet, keinen Prunk oder königliches Gebaren an sich. So hat Maria es wohl anders gemeint, da sie zu seinen Füßen niederfiel. Sie hätte das nicht getan, wenn sie ihn nicht mit voller Überzeugung für Gottes Sohn gehalten hätte.

Herr, wärest du hier gewesen usw. An dieser anscheinend gegen Christum ganz ehrerbietigen Rede ist doch mancherlei auszusetzen (vgl. auch zu V. 21). Die Macht Christi erstreckt sich über Himmel und Erde, hätte also nicht auf den Bezirk in seiner nächsten leiblichen Gegenwart beschränkt werden dürfen.

V. 33 bis 35. Ergrimmte er im Geist. Hätten ihn die Tränen all dieser Menschen nicht zu tiefen Mitleiden bewegt, so würde er selber trockenen Auges dabei gestanden haben. Aber er stellt sich den Weinenden gleich und offenbart in seinen Tränen sein herzliches Mitgefühl. Was ihn zu Tränen rührte, sagt der Evangelist: er sah Maria und ihre Begleiter weinen. Indes hat Jesus zweifellos noch um etwas mehr geweint, und zwar um den ganzen Jammer der Menschheit. Er hatte ja stets im Sinne, was für einen Auftrag ihm der Vater gegeben hatte, nämlich, dass er uns von allem Übel erlöse. Diesen seinen Auftrag hat er wirklich ausgerichtet; er hat aber auch an dieser Stelle zeigen wollen, mit welch ernster innerer Anteilnahme er ihn ausgerichtet hat. Unmittelbar vor der Auferweckung des Lazarus, kurz ehe er sein Heilmittel anwendete, seine Hilfe brachte, bezeugt Jesus durch das Ergrimmen im Geiste, durch das tiefe Schmerzgefühl und seine Tränen, dass ihm all unser Leid so sehr am Herzen liegt, als hätte er es alles selbst zu erdulden.

Aber wie kann von dem Gottessohn eine solche Betrübnis und ein solches Ergrimmen im Geiste ausgesagt werden? Es gibt Leute, die ihn in starrer Unbeweglichkeit über solche Gefühle erhaben wähnen. Das stimmt jedoch nicht mit dem Gesamtbilde von Christo, das uns die Schrift zeichnet, nach welchem wir vielmehr sagen müssen: der Sohn Gottes hat bei seinem Menschwerden freiwillig auch unsere menschlichen Gefühle angenommen; er wollte sich in keinem Stück, ausgenommen die Sünde, von uns unterscheiden. So geht der Hoheit Christi nichts verloren, - er hat sich doch freiwillig so weit herabgelassen, dass er auch in den Regungen der Seele uns gleich ward. Alle unsere Schwachheiten hat er selber durchgemacht; deshalb ist er voll verzeihender, helfender Liebe gegen uns, wenn wir schwach sind. Aber da wird gesagt: die Gedanken, Gefühle und Leidenschaften der Menschen sind voller Sünde; es ist unmöglich, dass der Sohn Gottes uns in ihnen gleich geworden ist.

Ich antworte: selbstverständlich besteht ein weiter Abstand zwischen ihm und uns. Unser Gefühlsleben ist deswegen sündlich, weil die Zucht darin fehlt, und jegliches Maß überschritten wird. An dem Gefühlsleben Christi dagegen ist kein Sündenfleckchen, da es ganz im Gehorsam gegen den Vater steht und das rechte Maß innehält. Bei unserer Trauer oder Freude handelt es sich immer um ein Zuwenig oder um ein Zuviel. Viele wissen sich in Freud und Leid gar nicht zu bändigen. Ja, töricht, wie wir sind, genügt ein wahres Nichts, um uns Kummer und Schmerz zu bringen; wir haben eben gar zu sehr an der Welt.

Bei Christi nichts dergleichen! Was er auch empfinden mag, - nirgends eine Überschreitung des rechten Maßes, nirgends eine verkehrte Ursache, - in allem waltet Vernunft und Besonnenheit. Wollen wir uns seinen Seelenzustand verständlicher machen, so verlohnt es sich der Mühe, über den Unterschied zwischen der ersten Menschennatur, wie sie aus Gottes Schöpferhand hervorging, und unserer entarteten, von der Sünde verderbten Natur nachzudenken. Als Gott den Menschen schuf, gab er ihm ein Gefühlsleben, das seinen Geboten gehorsam und der Vernunft untertan war. Seine rebellische, ungebärdige Art hat es erst nachträglich angenommen. Christus hat wohl das menschliche Gefühlsleben angenommen, aber nicht in der späteren Form der Verwirrung, sondern in seinem ursprünglichen Gleichgewicht. Wenn nun Christus sich hier betrübt und in hohe Erregung kommt, so hat er sich dabei doch innerhalb der Schranken des Willens Gottes gehalten. Zwischen seinem und unserem Innenleben besteht ein Unterschied so groß, wie zwischen klarem Wasser, in dem kein Schlamm ist, und das still und eben dahinfließt, und er tobenden Brandung, die allerlei Schmutz ausschäumt. Dass ein Christi die eiserne Härte der Stoiker nicht nachahmen darf, dafür genügen als Beweis hier die Tränen Christi. Er ist unser unvergleichliches Musterbild. Ihm gilt es zu folgen; er muss auch in unser durch die Sünde in Verwirrung geratenes Seelenleben Ordnung bringen.

Unempfindlich wie der Fels dürfen wir nicht sein; doch gilt es Maß halten in der Trauer und sich ihr nicht hingeben, wie die Ungläubigen, die keine Hoffnung haben (1. Thess. 4, 13). Der Grund, dessentwillen Christus sich unser Seelenleben zu eigen machte, war ja: wir sollten in seiner Kraft alles Sündliche in uns überwinden.

V. 36 u. 37. Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt. Von einem zwiefachen Urteil der Umstehenden über Christum gibt uns Johannes hier Nachricht. Die ersteren, welche auf seine Liebe zu Lazarus hinweisen, halten ihn zwar auch nur für einen Menschen und geben ihm noch nicht seine ganze Ehre, sprechen aber doch in richtigerem und bescheidenerem Tone, als die anderen, die ihn höhnisch bekritteln, weil er den Lazarus nicht aus Todesnöten gerettet habe. Sie geben allerdings zu, dass Jesus Wunder zu tun imstande ist, während die anderen davon schweigen; aber sie können es nicht unterlassen, ihm dabei einen Vorwurf zu machen. Es ist daran deutlich zu sehen, dass sie recht gut über die bisherigen Wunder Christi unterrichtet waren, - umso abscheulicher ist ihr Undank; gleich sind sie mit Schelten bei der Hand, wenn Christus hier einmal kein Wunder getan hat. Genau dieselbe Undankbarkeit hat Gott von den Menschen von jeher erfahren und erfährt sie noch heute. Wenn er nicht jeden unserer Wünsche befriedigt, alsbald gegen wir zu stürmischen Vorwürfen über: Er hat ja bisher geholfen; weshalb tut er es denn auf einmal nicht mehr? Krankhaft ist es, dass wir blind darauf los wünschen, was uns nicht gut ist, und dabei uns bestreben, Gott gegen die verkehrten Wünsche unseres Fleisches willfährig zu machen. Krankhaft ist es auch, dass wir so zudringliche Bittsteller sind und, ehe die rechte Zeit da ist, glühend von Ungeduld Gott etwas abzuzwingen suchen.

V. 38. Da ergrimmte Jesus abermals. Christus ging zum Grabe des Lazarus nicht als ein müßiger Betrachter, sondern als ein Streiter, der sich zum Kampfe rüstet. Deshalb nimmt uns dies zweite Ergrimmen nicht Wunder. Die entsetzliche Gewaltherrschaft des Todes, den er hier besiegen musste, steht ihm vor Augen. Es gibt Ausleger, welche dies Ergrimmen als aus dem Unwillen über den Unglauben der Juden entsprungen ansehen. Ich meine, dass die gegebene Auslegung der Sachlage gerechter wird; nicht auf einzelne Menschen, sondern auf die Sache selbst schaut Jesus hin. –

Die Einzelheiten des folgenden Berichts setzen Christi Wundermacht bei der Auferweckung des Lazarus in ein umso helleres Licht: vier Tage sind es schon, und das Grab ist mit einem Stein verschlossen, den Christus vor aller Augen abheben lässt.

V. 39. Herr, er stinkt schon. Diese Äußerung ist ein Zeichen von Misstrauen: Martha verspricht sich weniger von Christi Macht, als sie gesollt hätte. Die Wurzel des Übels besteht darin, dass sie mit dem Maßstabe ihres kleinen Menschenverstandes die unermessene, unbegreifliche Macht Gottes messen will. Fäulnis und Verwesungsgeruch ist unvereinbar mit einem gesunden, frischen Menschenleibe. Deshalb meint sie: es ist zu spät! Lassen wir solche unschickliche Gedanken ihr Spiel treiben in unserer Seele, so hemmen wir damit gewissermaßen den Arm Gottes bei der Ausführung seiner Arbeit. Wäre Martha mit ihrer Stimme hier durchgedrungen, so wäre Lazarus nie wieder aus dem Grabe hervorgekommen. Sie redet sich selber alle Hoffnung aus und stellt sich sogar Christo in den Weg: Mach dir keine Mühe! Wirklich? Ach nein, im Grunde denkt sie ja ganz anders. Sie ist in ihrem unsicheren Schwanken das rechte Bild der Glaubensschwäche, deren Wesen darin besteht, dass der Mensch sozusagen auseinandergerissen wird: einmal will er hierhin, dann wieder dorthin. Er liegt mit sich selber im Kampfe. Die eine Hand streckt er aus, um Gott um Hilfe zu bitten; mit der anderen Hand wehrt er die angebotene Hilfe Gottes ab.

Martha hatte ja nicht gelogen, als sie (V. 22) sagte: „Ich weiß auch noch, dass, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.“ Aber ein solcher Glaube hilft nicht viel, wenn er so verworren und unklar ist, dass er versagt, wo es gilt, ihn anzuwenden. An Martha sehen wir ganz auffallend, wie vielerlei Mängel der Glaube auch bei den besten Christen hat. Sie war die erste gewesen, die Christo entgegen ging, - ein unleugbares Zeichen wahrer Frömmigkeit; und dennoch kann sie es nicht lassen, ihm Hindernisse in den Weg zu legen. Lasst uns doch lernen, damit Gottes Gnade jederzeit einen Zugang in unser Herz finde, Gott eine weit größere Macht zuzugestehen, als unser Begriffsvermögen fassen kann! Und ist unser Glaube so schwach, dass er sich auf eine einzige Zusage nicht Gottes verlassen mag, so lasst uns dann wenigstens, gleich der Martha, eine zweite oder gar dritte Zusage, die er uns gibt, in lebendigem Glauben mutig erfassen!

V. 40. Hab ich dir nicht gesagt. Damit macht Jesus der Martha ihr schwachmütiges Misstrauen zum Vorwurf: Weshalb schöpfst du nicht zuversichtliche Hoffnung aus der dir gegebenen Verheißung? Übrigens geht aus dieser Stelle hervor, dass Jesus zu Martha noch etwas mehr gesagt hat, als Johannes mit Worten aufzeichnete. Immerhin liegt das, was Jesus hier meint, schon in dem Worte beschlossen (V. 25): Ich bin die Auferstehung und das Leben. Christus verurteilt es an Martha, dass sie nicht irgendeine Gottestat erwartet.

So du glauben würdest. So sagt der Herr, nicht nur, weil der Glaube die Augen öffnet, dass wir die Herrlichkeit Gottes, die strahlend vor uns steht, in dem, was er tut, zu sehen imstande sind, sondern weil unser Glaube der Macht und Güte Gottes den Weg bereitet, dass er sich an uns offenbaren kann, wie es Ps. 81, 11 heißt: „Tue deinen Mund weit auf, lass mich ihn füllen.“ Wie auch anderseits der Unglaube Gott den Zugang verwehrt und sozusagen seine Hand, die er so gerne gibt, fest zuschließt, weswegen es Mt. 13, 58 heißt: „Jesus tat daselbst nicht viele Zeichen um ihres Unglaubens willen.“ Nicht, als wäre Gottes Macht an der Menschen Willen gebunden, aber dadurch, dass sie ihr, soweit sie das vermögen, durch ihre Bosheit den Weg versperren, machen sich die Menschen einer Offenbarung der göttlichen Macht unwürdig. Oft geschieht es zwar, dass Gott solche Hemmnisse beseitigt; so oft er aber seine Hand zurückzieht und den Ungläubigen die Hilfe versagt, tut er es, weil sie ihn sich nicht nahe kommen lassen wollen, sondern sich lieber in die engen Schranken ihres Unglaubens einschließen.

Du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen. Sehr bemerkenswerter Weise wird das Wunder als „Herrlichkeit Gottes“ bezeichnet. Gott zeigt ja darin seine Hand und verherrlicht dadurch seinen Namen. Auf dies Wort Christi lässt Martha es geschehen, dass der Stein abgewälzt wird. Ohne sich an etwas Sichtbares halten zu können, hält sie sich an das Wort des Gottessohnes. Sein Geheiß wird befolgt, und nun verlässt sie sich mit Freuden auf seine Anordnungen.

V. 41. Jesus aber hob seine Augen empor. Darin prägte sich die vollkommene Bereitschaft seiner Seele zum Gebet aus. Will jemand Gott anrufen, wie es sich gebührt, so muss er mit ihm in Verbindung stehen; das ist aber unmöglich, solange er nicht über die Erde sich emporhebt und in den Himmel selber hineindringt. Das geschieht nicht durch den bloßen Augenaufschlag. Es gibt heuchlerische Beter, welche, tief im Schmutze fleischlichen Lebens versunken, mit ihrem Augenverdrehen den Himmel zu sich herabzuziehen scheinen. Was bei ihnen nur leerer Schein ist, das muss bei Gotteskindern volle Wahrheit werden. Doch darf man, wenn man zum Himmel aufschaut, sich nicht vorstellen, Gott sei droben eingeschlossen; Gott ist überall und erfüllt Himmel und Erde. Solange wir nicht durch das Zeugnis der Schrift erleuchtet sind, haben wir stets unrichtige Vorstellungen von Gott und ziehen ihn ins Niedrige, Irdische herab. Deshalb eben gilt es, sich über die Welt hinaufzuschwingen und Gott im Himmel zu suchen, wo sein Sitz ist (Jes. 66, 1). Was nun die äußere Form angeht, so ist freilich das Aufschlagen der Augen keine durchaus unerlässliche Gebetsgebärde. Der Zöllner schaute zu Boden, und doch ging seine Bitte in den Himmel hinein; das macht der Glaube. Indes ist das Hinaufsehen ein Hilfsmittel, das die menschliche Seele unterstützen kann im Suchen nach Gott. Ist das Gebet ein recht inbrünstiges, so braucht es gar keiner besonderen Überlegung: soll ich die Augen zu Boden oder gen Himmel richten? – sondern der Leib folgt einfach der Stimmung des Herzens. Ganz ohne Zweifel zog es Christum, wenn er die Augen gen Himmel richtete, mit unwiderstehlicher Gewalt dort hinauf. Nimm hinzu, dass er, da er ja selbst ganz und gar bei dem Vater weilte, ebenso auch andere zu ihm hinführen wollte.

Ich danke dir. Jesus fängt gleich mit der Danksagung an. Eine Bitte hat er nicht ausgesprochen, - wenigstens weiß der Evangelist von ausdrücklich bittenden Worten nichts zu melden. Ohne Zweifel haben wir aber als Voraussetzung der Erhörung einen stillen Gebetswunsch anzunehmen. Wahrscheinlich hat Jesus mit jenem zweimaligen Ergrimmen ein Gebet verbunden, da er sich doch unmöglich in einer leeren innerlichen Aufregung befunden haben kann, wie man sie allerdings bei Menschen ohne geistliches Leben recht oft findet. Jetzt, da ihm das Leben des Lazarus geschenkt ist, bringt er dem Vater seinen Dank dar. Wenn er damit das Wunder auf Rechnung des Vaters setzt, es also nicht sich selber zuschreibt, so bekennt er damit, dass er selbst nur der Diener des Vaters sein will. Jesus passt sich stets dem Verständnis der Menschen an; deshalb betont er einmal offen seine Gottheit und schreibt sich alles zu, was nur Gott zukommt, - ein anderes Mal wieder begnügt er sich damit, seine wahre Menschheit hervorzukehren. In dem letzteren Falle spricht er dem Vater allein die ganze Ehre der Gottheit zu. Hier kommt beides zu seinem Rechte, sowohl die Gottheit, als die Menschheit Christi: denn der Evangelist berichtet sowohl, dass der Vater auf den Sohn hört, als auch dass der Sohn danksagt. Es ist für uns ein Ding der Unmöglichkeit, die göttliche Hoheit Christi in ihrer himmlischen Erhabenheit zu begreifen. Deshalb kommt uns Gott zu Hilfe und lässt seine Macht in der fleischlichen Niedrigkeit Christi sich offenbaren. Dadurch soll unser ungeübtes, schwerfälliges Begriffsvermögen Schritt vor Schritt emporgehoben werden, bis wir zu einem verständnisvollen Blicke in dies heilige Geheimnis befähigt sind.

V. 42. Ich weiß, dass du mich allezeit hörst. Diese Worte wollen dem Missverständnis begegnen, als wäre der Sohn zuweilen auch von des Vaters Gnade verlassen, sodass er nicht in jedem beliebigen Augenblick ein Wunder tun könnte. Er und der Vater sind so völlig eines Sinnes, dass ihm niemals eine Bitte würde abgeschlagen werden; ja eine besondere Bitte hätte gar nicht notgetan, da Christus ja doch nur das ausführt, was er als einen Auftrag des Vaters erkennt. Nur um es den Anwesenden recht klar zu bezeugen, dass es sich hier um ein in vollem Sinne göttliches Tun handelt, hat er den Namen des Vaters angerufen. Sollte aber jemand aus Christi allumfassender Vollmacht den Gedanken fassen, dass er dann doch alle Toten auferwecken sollte, so möge er bedenken, dass Gottes Rat nur insoweit Wunder geschehen lässt, als sie zur Bekräftigung des Evangeliums nötig sind.

V. 43. Rief er mit lauter Stimme. Jesus berührt den Lazarus gar nicht mit seiner Hand. Er ruft ihn nur laut an. Umso schöner tritt seine göttliche Macht zutage. Zugleich gibt er einen gewaltigen Beweis von der geheimnisvoll-wunderbaren Kraft, die sein Wort in sich birgt. Was ist hiernach das Mittel, durch welches Christus den Toten das Leben wiedergibt? Das Wort! In einem anschaulichen Bilde steht in der Gestalt des auferweckten Lazarus die Kraft des Geistes und der Gnade vor uns, die wir in unserer Glaubenserfahrung jeden Tag verspüren, wenn Christus sich uns in seinem Worte als Lebensspender erweist.

V. 44. Gebunden mit Grabtüchern. Sorgsam zählt der Evangelist das Schweißtuch und die Grabtücher auf. So sehen wir es ordentlich vor uns, wie Lazarus aus dem Grabe hervorgeht, - genau so, wie er hineingelegt worden war. Die Juden haben bis heute die Sitte beibehalten, dass sie den Leichnam ihrer Toten in große Linnen einhüllen und das Haupt in ein besonderes Tuch einwickeln.

Löset ihn auf. Das Gotteswerk, dessen staunende Zuschauer sie gewesen waren, sollten die Juden nun auch noch mit ihren eigenen Händen betasten. Es wäre ja für Christus ein Leichtes gewesen, dem Lazarus zu befehlen, dass er die Grabtücher, mit denen er an allen Gliedern verschnürt war, abschütteln solle, oder dass sie von selbst von ihm abfielen, - aber die Hände der Umstehenden will er ausdrücklich zu seinen Zeugen machen. Den ungläubigen Juden soll auch der letzte Zweifel genommen werden.

V. 45 u. 46. Viel nun der Juden usw. Christus wollte auch eine Frucht seines Wunders sehen: er hat doch manche dadurch zum Glauben geführt. Wunder sollen ja entweder zum Glauben zubereiten oder im Glauben stärken, - hier trifft das Erstere zu. Denn der Evangelist meint ohne Zweifel, dass der überwältigende Eindruck von Christi göttlicher Wundermacht jene Leute zu Jüngern gemacht habe: denn das bloße Wunder kann freilich keinen Glauben hervorrufen. Dass jene Leute glaubten, besagt hier übrigens nur, dass sie sich für Christi Lehre empfänglich erwiesen. Die anderen Augenzeugen dagegen (V. 46), welche hingehen, um Christi neueste Tat seinen Feinden zu hinterbringen, stehen als Beispiele abscheulichen Undankes oder vielmehr des schauerlichsten Fanatismus vor uns. Wie blind, ja wie wahnsinnig sind doch solche gottlosen Menschen! Man sollte denken, beim Anblick des auferstandenen Lazarus müsste auch ein steinernes Herz weich werden. Aber Gott mag tun, was er will, - den süßesten Honig seiner Liebe wandelt die Gottlosigkeit in Gift und Galle.

Sollen die Menschen von den Wundertaten Gottes einen Nutzen ziehen, so müssen sie sich zuvor das Herz haben reinigen lassen. Wer Gott nicht fürchtet und ehrt, der würde doch dabei bleiben, mit hartnäckiger Undankbarkeit die heilsame Lehre verächtlich zurückzuweisen, und sähe er es gleich mit an, wie der Himmel und die Erde durcheinander gemengt würden.

Wenn die Angeber zu den Pharisäern gehen, so geschieht das, weil diese in ihrer Heuchelei besonders grimmige Bekämpfer des Evangeliums waren. Auch nachher, wo es heißt, es sei eine Versammlung einberufen worden, werden sie wieder namentlich aufgeführt. Sie waren ein Bestandteil der Priesterschaft, und doch werden sie besonders erwähnt, weil sie erst die Wut des gesamten Rates zu hellen Flammen angefacht haben.

V. 47. Da versammelten die Hohenpriester usw. Wahrhaft erschreckend ist es, wie blind die Hohenpriester sind. Es ist, als wären sie so stumpfsinnig wie das unvernünftige Vieh. Es wäre doch mindestens zu erwarten gewesen, dass sie nach dem herrlichen Beweis göttlicher Macht, den Jesus hatte sehen lassen, ein klein wenig von Schauern der Ehrfurcht ergriffen worden wären. Aber mit klarem Bewusstsein und voller Absichtlichkeit treten sie zusammen, um die Herrlichkeit Gottes zu verschütten und zu vergraben, nachdem sie mit Staunen sie haben anschauen müssen.

Allerdings sagen sie nicht mit runden Worten: Wir wollen Gott den Krieg erklären! – aber, da sie Christo nicht den Garaus machen können, ohne gegen Gottes Wunderkraft vorzugehen, erklären sie mit frevelhafter Keckheit offen und unbedenklich den Wundern Jesu den Krieg. Der Unglaube bläht sich ja stets in Hochmut und Gottesverachtung auf. Und doch hütet er sich, blindlings, dem rasenden Stiere gleich, auf Gott selber loszugehen. Übrigens, wenn Menschen lange Gott widerstrebt haben, endet es immer damit, dass sie schließlich alle Scheu vor der Gottheit ablegen und, den Riesen der griechischen Dichtung ähnlich, sich unterfangen, den Himmel zu stürmen. Gestehen sie es doch hier offen ein: Wir leugnen es nicht! Er tut wirklich viele Wunder! Und wer gab ihm allein die Kraft dazu? Hier ist keine Ausrede mehr möglich! Sie gürten das Schwert um, in der Absicht, die Kraft Gottes, die sich in Christi Wundern strahlend zeigt, zu Boden zu werfen. Gott aber lässt sich nicht spotten. Wenn er auch vorerst zu verziehen scheint, so lacht er doch über ihre alberne Anmaßung. Die Zeit, da er sein Zorngericht hält, bleibt nicht aus (Ps. 2, 12).

Was tun wir? Mit diesen Worten klagen die Pharisäer sich an, sie seien bisher zu untätig gewesen. Sie meinen: nur unser Zaudern ist daran schuld, dass dieser Mensch sich noch frei bewegt. Wir hätten schneller zufahren und ihm das Wundertun austreiben sollen! Soweit geht ja das Selbstvertrauen der Gottlosen. Es gibt nichts, was sie nicht zu können meinen, - als stünde es in ihrer Macht, zu tun, was ihnen beliebt, und als hätten sie den Erfolg ihres Tuns ganz nach Wunsch und Willen in der Hand. Ja, recht betrachtet, stellen sie hier ihre menschliche Geschäftigkeit und die Macht Gottes einander gegenüber, - als könnten sie, wenn sie sich nur recht anstrengten, schon mit Gott fertig werden.

V. 48. Lassen wir ihn also, usw. Was meinen sie eigentlich zu erreichen, wenn sie Christum nicht mehr gewähren lassen? Wie gesagt, zweifeln sie nicht daran, dass es in ihrer freien Verfügung steht, Christo den Weg zu verbieten. Er darf nicht mehr weitermachen, wenn sie sich nur ernstlich ihm entgegenstellen. Wäre Christus ein beliebiger Betrüger gewesen, so hätten sie allerdings die Pflicht gehabt, ihm sein Treiben zu untersagen, damit er nicht Schafe von der Herde des Herrn verführe. Sie bekennen ja aber, dass sie um seine zahlreichen Wundertaten recht gut Bescheid wissen. Damit geben sie zu, dass sie sich nicht im Mindesten um Gott kümmern. Sie haben nur selbstzufriedene, hochmütige Verachtung gegen die Wundermacht Gottes.

So kommen dann die Römer. Das Verbrechen wird mit der schönen Farbe des Eifers für das gemeine Wohl übermalt. Was die Obersten vor allem ängstigte, war der Gedanke: die Herrschaft wird uns entrissen! Dabei geben sie jedoch vor, sie seien besorgt um den Tempel, den Gottesdienst, ja um den guten Namen und die gesamte Lage ihres Volkes. Wozu denn solches Vorgeben? Es sieht doch so aus, als brauchten sie hier gar niemanden durch Heranziehung solcher Vorwände Sand in die Augen zu streuen. Sie predigen ja nicht dem Volke, sondern sind unter sich und schmieden ihre Pläne. Jeder von ihnen weiß: Wir sind alle eines Sinnes in diesem treulosen Spiele! Weshalb sagen sie denn da nicht frei und ungeschminkt heraus, was sie im Herzensgrunde denken? Gottlos sind sie, - aber, mag die Gottlosigkeit auch faustdick sein, sodass man sie mit Händen greifen kann, sie paart sich in der Regel mit Frommtuerei. So abscheulich sie ist, - sie liebt es, sich schlau in allerlei liebliche Hüllen zu stecken; sie möchte gar zu gern aussehen wie die leibhaftige Tugend. So kam es den Obersten vor allen Dingen darauf an, Ernst, Überlegung und Weisheit äußerlich zur Schau zu tragen; sie wollten von den anderen noch für heilige Leute gehalten werden. Immerhin ist es glaublich, dass sie betrogene Betrüger waren und selbst an die schöne Maske glaubten, die sie dem Verbrechen der Verfolgung Christi gaben. Sie logen es sich so lange vor, dass sie ein heiliges Recht dazu hätten, Christum zu verfolgen, bis sie diese Lüge selber glaubten. Freilich hat das Gewissen immer wieder seine Stimme erhoben, aber es ist übertäubt worden. Mit aus der Luft gerissenen Behauptungen beschwichtigen sie die Anklagen des Gewissens und stellen sich, als wäre nichts Sündliches bei ihrem Tun. An Folgerichtigkeit der Gedanken fehlt es allerdings sehr. Anfänglich gestehen sie, dass Christus viele Zeichen tut. Nun auf einmal ist es ihnen bange vor den Römern. Weshalb bange? Wenn sie zu Christo halten, ist ja die ganze Allmacht Gottes, die sich in den Wundern Jesu offenbart, und damit der gewisse Sieg, auf ihrer Seite.

Die Römer. Hauptsächlich haben sie also die von den Römern her drohende Gefahr betont. Sie werden gesagt haben: Merken die Römer, dass in unserem Volksleben eine neue Bewegung auftaucht, so haben wir zu befürchten, dass sie mit ihren Truppen das Land überfluten, unser Volk ausrotten und den Tempel und die Anbetung Jehovahs vernichten. – Wie verkehrt ist doch ein solcher Ratschlag, der Gefahren aus dem Wege gehen möchte, die man eben nur um den Preis meiden kann, dass man den rechten Weg verlässt! Zuerst gilt es doch, zu fragen: Was befiehlt Gott? Was soll nach seinem Willen geschehen? Ist die Antwort auf diese Frage gefunden, so steht alles Weitere in Gottes Hand, sodass man ruhig und getrost dem Kommenden entgegensehen kann. Zu was für einem Entschluss kommen aber diese Leute, weil sie unangenehme Ereignisse verhindern möchten? Jesus muss aus dem Wege geräumt werden! Geschieht das nicht, so kommen die Römer. Ist er denn aber nicht von Gott geschickt worden? Wollen sie sich um den Preis der Verwerfung des Boten Gottes vom Schwerte der Römer loskaufen? Hier sehen wir, wie es bei Leuten zugeht, die nicht in Wahrheit und von ganzem Herzen Gott ehren. Was fragen sie nach Recht oder Nichtrecht? Sie fragen nur nach den möglichen Folgen. Und doch sollte nichts uns von dem gottgefälligen Wege abschrecken, lauerte dort auch der Tod in hundertfacher Gestalt! Ein Christ soll nicht ein flatterndes Fähnchen sein, das jedem Luftzuge nachgibt, sondern soll sich ganz allein von Gottes Willen treiben und bewegen lassen. Wer Unglück und Gefahren verachtet, oder doch die Furcht davor überwindet und Gott einfach Gehorsam leistet, dem wird es zuletzt wohlgehen. Gott segnet über Erwarten das treue Beharren im Gehorsam gegen sein Wort. Die Ungläubigen jedoch, weit entfernt, dass sie von ihren Sicherheitsmaßregeln Nutzen hätten, werden, je furchtsamer sie sind, in immer mehr Schlingen hineinverstrickt. Setzen wir aber auch den Fall, sie könnten erreichen, was sie zu erreichen hoffen, so wäre es doch ein höchst unwürdiger Handel: Gott beleidigen und die Welt versöhnen!

Und nehmen uns das Land, genau übersetzt, „die Stätte“, sodass sich nicht sicher sagen lässt, ob wirklich das Land, oder vielleicht der Tempel gemeint ist. Mit beiden wussten ja die Juden ihr Glück unlöslich verknüpft. War der Tempel zerstört, so hatte es ein Ende mit den Opfern, mit dem feierlichen Gottesdienst und der Anrufung des Namens Jehovahs. Lag ihnen etwas an ihrer Religion, so mussten sie um den Tempel Sorge tragen. Auch das war von hoher Bedeutung für den Zustand der Gemeinde, dass sie vor einer abermaligen Verbannung aus dem heiligen Lande behütet blieb. Die Erinnerung an die Überführung nach Babylon, als an eine besonders strenge Züchtigung, die dem Volke Gottes zuteilwurde, war noch lebendig. Diejenigen Sprüche im Gesetz, die es als einen Fluch Gottes bezeichnen, wenn Israel aus seinem Lande vertrieben wird, waren ja bei ihnen wie Sprichwörter in aller Munde. So machen sie denn den Schluss: Fort mit Christo! Sonst geht es der Gemeinde übel!

V. 49 u. 50. Einer aber unter ihnen, Kaiphas usw. Die Beratung hat nicht lange gewährt, da das Eingreifen des Kaiphas allem Hin- und Herreden ein Ende machte. Nur ein Mittel, das war seine Meinung, gibt es, uns zu retten: den Tod des Unschuldigen! Auf solch verbrecherische Bahn muss ein Mensch geraten, der ohne Gottesfurcht seine Pläne lieber auf seinen fleischlichen Verstand, als auf Gottes Wort baut. So stellt sich der Gedanke ein, dass ein Nutzen für uns aus einem Vorgehen erwachsen könne, welches uns doch vor dem Geber aller guten Gaben nicht erlaubt ist! Kaiphas hätte gerade so gut sagen können: Wollen wir unser Glück machen, so müssen wir den Zorn Gottes herausfordern! O, dass wir es doch lernten, niemals einen Unterschied zu machen zwischen dem, was nützlich und zwischen dem, was Gott wohlgefällig ist. Nur, wenn wir unter den zum Segen aufgehobenen Händen Gottes stehen, kann uns Glück und Freude erblühen. Der Segen Gottes ist nicht den Gottlosen oder den Empörern gegen das Regiment Gottes verheißen, die zu ihrem Tun die Unterstützung des Teufels sich erbitten müssen, sondern nur den Gläubigen, welche in Einfalt auf Gottes Wegen einhergehen. Und doch hat, trotz seiner Abscheulichkeit, der Rat des Kaiphas eine gewisse Berechtigung; der Nutzen des Volkes muss wirklich immer den Ausschlag geben. Wohlverstanden: der Nutzen! Der Nutzen eines Volkes wird jedoch nimmermehr durch frevelhaftes Töten eines Unschuldigen gefördert, - so wenig der Nutzen eines Menschenleibes gefördert wird, wenn man mit dem Schwerte den Kopf vom Rumpfe haut oder damit die Brust durchbohrt.

Der desselben Jahres Hoherpriester war. Er heißt nicht deshalb Hoherpriester des laufenden Jahres, weil die Amtsdauer ursprünglich eine einjährige gewesen wäre, vielmehr deshalb, weil das Hohepriestertum damals ein käufliches Amt geworden war, das gegen die gesetzliche Vorschrift bald dem, bald jenem übertragen wurde. Gottes Wille war, dass dies Ehrenamt nur durch den Tod seines Trägers Erledigung fand. In den Wirren der letzten Zeit war es jedoch dahin gekommen, dass die Römer nach Gutdünken dann und wann mit den Hohenpriestern wechselten.

Der Evangelist gibt nun der Meinung Ausdruck, dass Kaiphas (V. 51) nicht von sich selbst geredet habe, - nicht als hätte er wie ein schwärmerischer Wahrsager selbst nicht verstanden, was er sagte: aber seine Zunge, die einem ganz klaren eigenen Gedanken Ausdruck gab, wurde letzthin von Gott gelenkt und musste trotz aller eigenen Bosheit zugleich eine göttliche Wahrheit aussagen. Gott benutzte den Träger des hohenpriesterlichen Amtes, um von seinen Lippen eine Himmelsbotschaft ausgehen zu lassen; nun war dieser Ratsversammlung erst recht jede Entschuldigung genommen. Wenn auch nicht einer in der ganzen Versammlung sich in seinem Gewissen getroffen fühlte, so haben die Juden doch später gemerkt, dass es keinerlei Entschuldigung für solchen Schlaf ihres Gewissens gab. Ja, sie durften sich nicht einmal auf die Gottlosigkeit des Kaiphas berufen. Seine Zunge war trotzdem ein Werkzeug des heiligen Geistes. Gott gebrauchte sie als solches, indem er, ungeachtet der Unwürdigkeit des Trägers, das Priesteramt selbst, das er ja eingesetzt hat, dessen würdigte.

Und weshalb? Wenn von dieser Stelle aus ein solches Wort vernommen ward, so war zu erwarten, dass es mit Ehrfurcht angehört wurde und entscheidend ins Gewicht fiel. Genau so war es einst bei Bileam (4. Mo. 23, 8): Gott hatte ihm den Geist der Wahrsagung verliehen und setzte es durch, dass er auch sein Volk segnen musste. –

Wenn die Römischen übrigens mit dieser Stelle die Unfehlbarkeit der päpstlichen Aussprüche beweisen wollen, so ist dies nur lächerlich. Wer steht denn dafür, dass der Papst ein von Gott eingesetzter Hoherpriester ist, da doch mit Christi Erscheinung solch Priestertum dahinfiel! Zudem wird es sich hier auch nicht um eine ständige Ausrüstung des jüdischen Hohenpriesters mit dem Geiste der Weissagung handeln, sondern um einen außerordentlichen Fall, der sich nicht verallgemeinern lässt.

V. 51. Denn Jesus sollte sterben für das Volk usw. Die in diesen Sätzen gewählte Ausdrucksweise zeigt, dass unser Heil darin steht, dass Christus uns zu seinem Volke sammelt. Auf diese Weise verbindet er uns von neuem mit dem Vater, dem Quell alles Lebens. So lange bleibt die Menschheit zerrissen und gottentfremdet, bis sie, unter Christo, dem Haupte, vereinigt, zusammenwächst als eine Schar liebender Gotteskinder (vgl. Joh. 17, 11. 21; Eph. 1, 10). Wollen wir im Vollgenusse des Heiles Christi stehen, so muss aller Zwiespalt beseitigt werden, und wir müssen eins werden mit Gott, seinen Engeln und allen wahren Christen. Ursache und Unterpfand dieser Einheit ist der Tod Christi, in welchem er alle Last auf sich genommen hat. Alltäglich eröffnet wird uns aber der Eintritt in Christi Hürden durch das Evangelium.

V. 52. Und nicht für das Volk allein. Die in Christo geschehene Versöhnung erstreckt sich auch auf die Heiden. Aber wie kamen diejenigen zu dem schönen Namen der Kinder Gottes, welche, jammervoll hier- und dorthin zerstreut, sich auf ihren Irrwegen vielmehr als Feinde Gottes erwiesen? Antwort: Das liebende Gottesherz gedachte ihrer schon als Gotteskinder, als sie ihrem ganzen Betragen nach noch irrende, verlorene Schafe waren, ja das Gegenteil von Schafen: Wölfe und reißende Tiere.

Der Erwählung nach sieht Gott sie schon vor der Berufung als seine Kinder an; dass sie es sind, bringen sie erst, sobald sie glauben gelernt haben, sich selbst und anderen zum Bewusstsein.

V. 53. Wie sie ihn töteten. Der Evangelist berichtet wieder von einer Flucht Christi vor der Wut seiner Feinde. Beachten wir nur, dass er nicht geflohen ist, um dem Rufe des Vaters aus dem Wege zu gehen. Nichts anderes hatte er im Sinne, als sich freiwillig zum Tode zu stellen, sobald die vom Vater bestimmte Stunde da war. Der Ratschlag, dessen der Evangelist hier gedenkt, ging nicht sowohl auf Ermordung Christi, als zunächst darauf, wie sie seiner habhaft würden. Sein Tod war beschlossene Sache; nur das bedurfte noch der Erwägung, wie man diesen Beschluss zur Tat machen könnte.

V. 54. Genannt Ephrem. Entweder ist der Name dieser Stadt damals anders ausgesprochen worden, als in alter Zeit, oder es ist ein ganz neuer Name. Bekanntlich besteht ein bedeutender Unterschied in der Sprache Israels vor und nach der babylonischen Verbannung; gleichzeitig wandelte sich auch das Bild des heiligen Landes in geographischer Beziehung. So kann es uns nicht wundern, dass hier und da Ortschaften genannt werden, die in den alttestamentlichen Schriften nicht vorkommen. Jünger Christi heißen hier nicht alle, welche seine Lehre angenommen hatten, sondern nur die, welche auf seinen Wanderungen seine ständigen Begleiter waren.

V. 55 bis 57. Es gingen viele hinauf. Es bestand kein ausdrückliches Gebot darüber, dass man sich vor dem Passahopfer reinigen solle. Deswegen sagt der Evangelist nicht: alle, sondern nur: viele gingen hinauf. Unrein durfte niemand am Passahmahle teilnehmen. Damit nun infolge der Reinigungszeremonien keine Verzögerung des Mahles einzutreten brauchte, gingen die levitisch Unreinen schon vor Beginn des Festes nach Jerusalem hinauf. Durch Wiedergabe der unter diesen Festgästen hinüber- und herübergehenden Frage will der Evangelist zeigen, dass Jesus damals den allgemeinen Gesprächsstoff im Lande abgab. Nach ihm fragt ein jeder, der zum Tempel kommt, nicht bloß die Leute dieser oder jener Gegend. Die Frage ist anscheinend harmloser Natur, und doch ist sie ein Zeugnis für die Gewaltherrschaft der Priester; sie allein sind schuld daran, dass Jesus nicht offen auftritt.

1) 
In Wahrheit sind 5 Stadien etwa ein Kilometer.


Kapitel 12

V. 1. Kam Jesus gen Bethanien. Es war vorschnell geurteilt, wenn man glaubte, Christus werde sich zum Feste nicht einfinden. Das ist uns eine Warnung vor Übereilungen. Lernen wir doch geduldig warten! Vielleicht bietet sich eine günstige Gelegenheit, von der wir vorher nichts ahnen. Christus traf zunächst in Bethanien ein. Von dort wollte er sich drei Tage nachher nach Jerusalem begeben. In der Zwischenzeit wollte er dem Judas Gelegenheit geben, sich als Verräter anzubieten, um dann zur festgesetzten Stunde sich als Opfer zur Schlachtbank einzustellen; ist es ihm doch nicht unbekannt, was geschehen wird. Mit freiem Willen geht er in den Tod. Sechs Tage vor dem Passahfeste kam er nach Bethanien. So lässt sich aus Matthäus und Markus entnehmen, dass er bis zum vierten Tage dort verweilte. An welchem Tage man ihm das Gastmahl zurichtete, bei dem ihn Maria salbte, gibt Johannes nicht an. Immerhin ist wahrscheinlich, dass es bald nach seiner Ankunft geschah. Einige glauben, es handle sich hier um eine andere Salbung, als die von Markus und Matthäus beschriebene (Mt. 26; Mk. 14); das ist jedoch ein Irrtum, welcher davon herrührt, dass sie mit der bei diesen Evangelisten angegebenen Zeitbestimmung nicht ins Reine zu kommen wissen. Vor der Salbung redet Jesus davon, dass nach zwei Tagen Ostern werde. Diese Schwierigkeit löst sich ungezwungen auf zweierlei Weise: Johannes sagt ja nicht, dass Jesus am ersten Tage seines Aufenthaltes in Bethanien gesalbt wurde. Folglich konnte das geschehen, als er sich bereits zur Weiterreise anschickte. Indes ist es mir, wie oben gesagt, am wahrscheinlichsten, dass er etwa ein oder zwei Tage vor seinem Fortgang gesalbt wurde. Denn Judas hat jedenfalls mit den Priestern schon verhandelt gehabt, als Christus die beiden Jünger wegen der Vorbereitung des Passahlammes aussandte. Zum mindesten muss ein Tag zwischen diesen beiden Ereignissen verstrichen sein. Die Evangelisten (Mt. 26, 16; Mk. 14, 11) berichten, Judas habe, seit er den Kaufpreis sich zahlen ließ, Gelegenheit gesucht, Jesum zu überantworten. Wenn sie also Jesum erst von den „zwei Tagen“ reden lassen und dann die Geschichte von der Salbung einfügen, erzählen sie damit nachträglich, was sich schon vorher zugetragen hatte.

V. 2 u. 3. Matthäus und Markus sagen (Mt. 26, 6; Mk. 14, 3), Jesus habe damals bei Simon dem Aussätzigen gespeist. Johannes nennt den Hausbesitzer nicht ausdrücklich, doch macht auch er es kenntlich, dass Jesus anderswo, als bei Lazarus und Martha aß, indem er den Lazarus als einen von denen bezeichnet, die mit ihm zu Tische saßen. Folglich hatte er zugleich mit Christo eine Einladung bekommen. Und auch der Umstand, dass Matthäus und Markus von einer Salbung des Hauptes berichten, Johannes von einer Salbung der Füße, gibt keinen Anlass, die Berichte für auseinanderfallend zu erklären. Salbung des Hauptes war etwas Gewöhnliches. So kommt es, dass Plinius1) die Salbung der Füße für verwerfliche Verschwendung erklärt. Jedenfalls stimmen die drei Erzähler darin überein, dass Maria den Herrn nicht mit ängstlicher Sparsamkeit salbte, sondern eine reiche Fülle von Salbe verwendete. Wenn also Johannes hier von den Füßen redet, so will er damit sagen: der ganze Leib Christi vom Haupt bis zu den Füßen ward gesalbt. Die Erwähnung der Füße soll besagen: eine reichlichere Salbung ist unmöglich, als die von Maria vollzogene.

Das Haus aber ward voll vom Geruch der Salbe. Diese bestand nicht einfach aus dem aus der Nardenpflanze genommenen Öle, sondern war vermischt mit allerlei wohlriechenden Bestandteilen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn das ganze Haus mit Wohlgeruch erfüllt war.

V. 4. Da sprach seiner Jünger einer. Hier ist es Judas allein, welcher murrt, bei Matthäus sind es die Jünger überhaupt, bei Markus einige von ihnen. Ähnliches finden wir in der Schrift öfter: was einer getan hat oder einige, wird auf mehrere übertragen. Indes ist es mir wahrscheinlich, dass Judas allein der Urheber dieses verdrießlichen Einwurfes war. Die anderen wurden dann von ihm angesteckt. Wie leicht facht doch ein solches Flüstern gleich dem Windhauch eines Fächers in uns allerlei Herzensregungen an, die sich sonst nicht gezeigt hätten. Gar zu gern fällen wir scharfe Urteile über Personen; deshalb heißen wir auch gerade ein solches Judasgeflüster so gern willkommen. Der Geist Gottes hat ja die rasche Zustimmung, die Judas bei den Aposteln fand, dann ernstlich getadelt, - uns zur Mahnung, dass wir dem Gezischel boshafter Stimmen nicht unüberlegt schnell Glauben schenken sollen.

V. 5. Warum ist diese Salbe nicht verkauft um dreihundert Groschen? Ein Fläschchen voll von gewöhnlicher Salbe kostete nach einer Mitteilung des Plinius zehn Groschen („Denare“); doch gibt er als Preis der auserlesensten Sorte dreihundert und zehn Groschen an. Die Evangelisten erzählen alle drei, es sei eine besonders köstliche Sorte gewesen. So ist der Kostenanschlag des Judas nicht aus der Luft gegriffen2). Alles beinahe, was dem Genuss der Sinne dient, bringt einen überflüssigen Kostenaufwand mit sich, folglich schien, zumal bei einer so bedeutenden Ausgabe, Judas mit gutem Grunde aufzubegehren. Er will sagen: wenn Maria eine kleine Geldsumme angewendet hätte, - ein Fläschchen für zehn Groschen etwa, - so wollte ich nichts dagegen sagen. Aber sie hat, ohne dass ein greifbarer Nutzen dabei herauskommt, schrecklich viel Geld zum Fenster hinausgeworfen. Hat sie nicht dadurch die Armen verkürzt? Wie manche Sorge hätte man ihnen doch mit dem schönen Gelde abnehmen können! So finde ich es ganz unverzeihlich, was sie getan hat!

V. 6. Er war ein Dieb. Bei den andern Aposteln steckte kein böser Wille dahinter, als sie über Maria aburteilten; sie taten es, ohne es sich recht überlegt zu haben. Judas aber schützt fromme Redensarten vor, um dahinter seine Niederträchtigkeit zu verbergen. Nicht an den Armen, nur an dem Gelde war ihm gelegen. Was für ein scheußliches Ungeheuer ist doch die Habsucht! Ein Geldgeschenk der Maria hätte Judas zu entwenden gewusst. Diese erhoffte fette Beute entrinnt ihm nun. Das stachelt ihn zu solcher Wut auf, dass er den Schaden wenigstens einigermaßen durch den an Christo begangenen Verrat wieder wett zu machen sucht. Seine Verlogenheit wird so weit gegangen sein, dass er nicht bloß anderen zuflüsterte: Die armen Leute! wie schmählich sind sie betrogen! – sondern auch sich selber einredete: Christus hat dich um so viel Geld gebracht, - nun kann es dir nicht schwer angerechnet werden, wenn du ihn verrätst. Zu Gelde musst du kommen, einerlei woher!

Man wundert sich nur, weshalb Christus gerade diesem Jünger, dessen unehrliche Gesinnung er doch durchschaute, das Amt eines Kassenverwalters anvertraute. Heißt denn das nicht: dem, der sich aufhängen will, den Strick reichen? Die einzige Antwort, die ein sterblicher Mensch auf diese Fragen geben kann, ist die: die Gerichte Gottes enthalten Abgründe, die das Menschenauge nicht durchdringt. Keinesfalls dürfen wir aber aus diesem Verfahren Jesu die allgemeine Regel entnehmen, als wäre es zulässig, die Sorge für die Armen oder sonst ein heiliges Amt einem nichtswürdigen, jeder Übeltat fähigen Menschen anzuvertrauen. Was für Leute Gott zur Leitung seiner Kirche und anderen Ämtern haben will, hat er ausdrücklich gesagt; es wäre Frevel, solche Vorschriften Gottes unbeachtet zu lassen. Wir dürfen uns in diesem Punkte Christo nicht gleichstellen. Er ist die ewige Weisheit Gottes und hat in solcher Eigenschaft den Judas behandelt, wie es die geheimnisvolle Vorherbestimmung Gottes wollte.

V. 7. Lass sie mit Frieden. Indem Jesus befiehlt, die Maria in Ruhe zu lassen, gibt er die Lehre: wer seinem Nächsten ohne Grund lästig ist und mit ihm um nichts Streit anfängt, der handelt verkehrt und unrecht. Bei den anderen Evangelisten antwortet Jesus ausführlicher, doch kommen die Worte auf dasselbe heraus. Die Salbung, welcher Judas das Recht bestritt, wird hier insofern als wohlberechtigt bezeichnet, weil sie mit Christi Begräbnis in Zusammenhang stehe. Christus billigt sie nicht mit der Begründung, dass ihm gegenüber gerade diese Form der Huldigung am Platze sei, - dann hätte er ihre Einführung in der gesamten Jüngergemeinde anbefohlen. Hätte Jesus für jeden Tag einen solchen Dienst beanspruchen wollen, so hätte er ja auf alles andere eher deuten können, als gerade nur auf den Tag seines Begräbnisses. Gott macht sich gewiss nichts aus äußerem Prunk. Das Menschenherz ist freilich immer gar geneigt, eine Weise der Gottesverehrung zu erfinden, bei der es ganz das alte bleiben kann. Demzufolge heißt uns Gott, einfach, maßhaltig, nüchtern in allem Äußerlichen zu sein. Diejenigen Ausleger, welche die Antwort Christi dahin deuten, dass Gott besonderes Wohlgefallen an einer Verehrung habe, die einen großen Kostenaufwand erfordert und blendend in die Augen fällt, sind vollkommen auf dem Irrwege. Im Gegenteil: Jesus entschuldigt die Maria. Sie hat ihm in außerordentlicher Weise ihre Verehrung bezeugt, und man darf eine solche Ausnahme nicht zu einem Gesetz stempeln, nach dem die Gottesverehrung nun immer betrieben werden müsse.

Zum Tage meiner Begräbnis. Wenn Jesus sagt, die Salbe sei behalten worden, so gibt er der Meinung Ausdruck, dass sie jetzt nicht zu einem falschen, sondern genau zum rechten, den Umständen angemessenen Zeitpunkte, ausgegossen worden sei. Von dem, was wohl behütet wird, um dann, sobald es passt, und die rechte Stunde geschlagen hat, hervorgeholt zu werden, sagt man ja: es wird behalten, bewahrt. Ohne Frage würde Christus eine Salbung, die ihm jemand, weil er eine Neigung zu verschwenderischer Üppigkeit verspürte, hätte aufdrängen wollen, sich nicht haben gefallen lassen. Ein derartiger Charakterzug lag jedoch der Maria fern; sie salbte ihn nach Jesu eigener Aussage, um dem zum Todesgang bereiten Heilande die letzte Liebe zu erweisen. Die damals übliche Totensalbung war übrigens keine leere Form. Der Kern in dieser Schale war die Hindeutung auf die Auferstehung. Wie dunkel waren doch die bisherigen Verheißungen alle! Die Auferstehung Christi war ja noch nicht geschehen. Er heißt mit gutem Grunde (1. Kor. 15, 20) der „Erstling“ der Auferstandenen. So war denn den Gläubigen eine derartige Unterstützung des Auferstehungsglaubens not; sie sollte ihnen über das zeitweilige Verschwinden Christi hinweghelfen. Die Jünger ahnten noch nichts davon, dass Jesus so bald in die Nacht des Grabes gebettet werden sollte, und auch Maria hatte sich das nicht vorher überlegt. Zweifellos handelte sie unter augenblicklichem Antriebe, vom Geiste Gottes dazu angeleitet. Und Christus ist es, der diese von den Jüngern getadelte Salbung mit seiner Auferstehungshoffnung zusammenbringt, sodass dieser Hinweis auf Zweck und Nutzen das missgünstige Murren zum Schweigen bringen muss.

Zur Zeit des alten Bundes war das Gottesvolk noch in den Kinderschuhen; deshalb war es Gottes Wille, das Volk mit dergleichen Sinnbildern zu lenken. Wir dürfen damit in unserer Zeit keine Fortsetzung machen; das wäre töricht, ja es wäre Unrecht gegen Christum, der durch den Strahlenglanz seines Kommens solche Schattenspiele ein für alle Mal verjagt hat. Damals aber hatten die Sinnbilder des Gesetzes noch nicht durch die Auferstehung ihre Erfüllung gefunden, sodass es sich wohl ziemte, Christi Begräbnis mit solch äußerem Prunke zu schmücken. Jetzt, wo der Herr durch seinen Tod selber ausgeschüttet ist und als Auferstandener die Welt mit seinem Dufte erfüllt, braucht es keiner Narde und keiner Wohlgerüche mehr. Jetzt belebt er selbst die ganze Welt. Übrigens wollen wir uns einprägen, dass alle unsere Urteile über menschliches Tun sich allein auf das Wort Christi gründen dürfen, vor dessen Richterstuhl auch wir dereinst stehen müssen.

V. 8. Arme habt ihr allezeit. Hier wird ganz genau unterschieden zwischen dem, was Maria jenes eine Mal tat und tun durfte und zwischen dem, was Tag für Tag Christo zu Dienst und Ehren geschehen soll. Nicht Nachahmer, sondern Nachäffer der Maria sind folglich die, welche Christum mit allerlei Pomp und Prunk zu verehren trachten. Das hat Maria einmal getan; Jesus will nicht, dass es immer wieder getan werden. Wenn er sagt, er sei nicht allezeit bei seinen Jüngern, so denkt er damit lediglich an eine solche Art von Gegenwart, bei welcher äußere und kostspielige Ehrenbezeugungen sich etwa anbringen ließen. Denn wenn der Herr uns jetzt durch die Gnadenkraft seines Geistes nahe ist, wenn er in uns wohnt, ja uns nährt mit seinem Fleisch und Blut, so bietet das alles für einen körperlichen Kultus gar keinen Anknüpfungspunkt. Opfer, die Gott angenehm sind, und deren Duft ihm lieb ist, sind Gaben der Liebe, durch welche die Not der Bedürftigen beseitigt wird. Eine andere Art von Aufwand bei der Verehrung Gottes ist nicht statthaft.

V. 9. Da erfuhr viel Volks. Je näher die Zeit seines Todes heranrückte, desto mehr musste Jesu Name in aller Mund kommen: das war die Vorbereitung für das Aufwachsen völligeren Glaubens nach seinem Tode. Der Evangelist hebt besonders hervor, in welch hohem Ruhme das jüngst an Lazarus geschehene Wunder stand. Gott wollte, dass gerade dies Wunder, in welchem Christus eine einzigartige Probe der in ihm wohnenden Gotteskraft ablegte, recht viele Zeugen haben sollte, die es bestätigen könnten. So bemerkt der Evangelist ausdrücklich, dass die Leute auch den Lazarus selbst sehen wollten, an welchem das gewaltige Wunder geschehen war.

V. 10 u. 11. Die Hohenpriester trachteten usw. Welch geradezu wahnsinnige Wut, dass man einen Mann umbringen will, der durch einen handgreiflichen Beweis göttlicher Macht vom Tode erweckt worden war! Es offenbart sich darin der Geist des Schwindels, durch welchen Satan die Gottlosen aufstachelt, sodass sie ihrer Raserei keine Grenzen wissen, mag Gott ihnen gleich Himmel, Erde und Meer in den Weg legen. Von diesem Schandplane wird uns deshalb berichtet, weil wir wissen sollen: die Feinde Christi sind nicht deshalb so versteckt gewesen, weil sie sich in einem Irrtum befanden oder nicht genug Verstand besaßen, um anders zu handeln, sondern weil ihre Bosheit sie zu einer Wut trieb, die auch vor dem Kampfe mit Gott selbst nicht zurückschreckte. Auch will der Evangelist uns eindrücklich machen, dass die Wirkung, die von der Auferweckung des Lazarus ausging, so überwältigend war, dass die Gottlosigkeit der Gegner sich nur noch mit verbrecherischer Beseitigung eines Unschuldigen glaubte helfen zu können. Sieht es nun Satan für seine Aufgabe an, alles zu tun, um die Taten Gottes in Nacht und Vergessenheit zu begraben, so ist es gewiss unsere Aufgabe, allen Fleiß darauf zu verwenden, dass wir diesen Gottestaten ein beständiges Nachdenken widmen.

V. 12. Des anderen Tages usw. Von diesem Einzuge Christi handeln die andern Evangelisten weitläufiger. Unser Evangelist fasst alles, was die anderen erzählen, knapp gedrängt zusammen. Man lasse nicht aus dem Auge, dass Christi Plan darin bestand, freiwillig Jerusalem aufzusuchen, um sich zum Tode zu stellen. Sein Tod musste ein ungezwungener sein; denn nur durch das Opfer des Gehorsams konnte der gegen uns gerichtete göttliche Zorn versöhnt werden. Christus wusste, wie alles kommen sollte. Doch wollte er, ehe man ihn zum Kreuze schleppte, feierlich vom Volke als König gegrüßt werden. Ja, er legt die öffentliche Erklärung ab: damit, dass ich in den Tod gehe, besteige ich meinen Königsthron! Nun wird zwar seine Ankunft von einer großen Schar Volks feierlich begrüßt; und doch merkten die Feinde nicht, wer des Weges kam, wenngleich er durch die Erfüllung der Weissagungen (wovon später!) es bestätigte, dass er der rechte Messias sei. Nichts hat er unterlassen, was zur Befestigung unseres Glaubens beitragen kann.

Viel Volks, das aufs Fest kommen war. Somit waren die fremden Festgäste weit bereitwilliger, dem Gottessohne ihren frommen Dienst zu weihen, als die Einwohner von Jerusalem, welche doch geziemender Weise den anderen hätten mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Täglich hatten sie den Opferdienst, täglich den Tempel vor Augen, - ein Anblick, welcher ihre Herzen hätte entzünden sollen, Gott ernstlich zu suchen. Dort waren die ersten Lehrer der Kirche, dort die heilige Wohnstätte des göttlichen Lichtes. Umso abscheulicher ist der schnöde Undank, wenn sie trotz alledem sich aus dem verheißenen Erlöser nichts machen oder ihn gar verschmähen. Doch gerade dieser Übelstand zeigt sich immer wieder, wenn man daraufhin sich die Weltgeschichte ansieht: je vertraulicher Gott sich zu den Menschen herablässt, desto größer ist die Frechheit, mit welcher sie ihn verachten. Bei anderen, die ihre Heimat verließen, um zum Feste in Jerusalem zu sein, zeigt sich ein weit größerer Eifer, mit Fleiß nach Christo zu forschen. Sobald sie hören, dass er in die Stadt kommt, gehen sie ihm entgegen, um ihm ihre Glückwünsche zuzurufen. Es kann darüber kein Zweifel obwalten: sie handelten so infolge einer geheimen Anregung des Geistes Gottes, der solche Einholung bewirkte. Wir lesen in den Evangelien sonst nirgends von etwas Ähnlichem. Die Fürsten der Erde lassen Trompeten erklingen oder durch die Stimme des Herolds ihre Untertanen herbeirufen, wenn sie den Tag der Thronbesteigung begehen wollen; so hat Jesus durch Antrieb seines Geistes diese Volksmenge zusammengebracht, die ihn als König begrüßen sollte. Als die Volksscharen ihn in der Wüste zum König machen wollten, entwich er heimlich auf den Berg; denn damals wollten sie einen Brotkönig aus Jesus machen, der nur dazu da sein sollte, ihren Hunger zu stillen; satt werden, das war wie bei den Tieren, so auch bei ihnen, das Begehren. Einem so törichten, verkehrten Wunsche zu willfahren war für Christum ein Ding der Unmöglichkeit: dazu hätte er sich selbst verleugnen und das vom Vater ihm übertragene Amt mit Füßen treten müssen. Diesmal aber handelt es sich um die Begründung des Reiches, das der Vater ihm gegeben hatte. Ich gestehe zwar ein, dass die Beschaffenheit dieses Reiches selbst nicht einmal dem Volke, das Christi entgegen zog, sattsam bekannt gewesen ist. Das Auge Jesu blickte weiter. Er ließ auch nichts geschehen, als was zu dem Reich des Geistes, das er brachte, stimmte.

V. 13. Palmenzweige. Die Palme war bei den Alten das Sinnbild des Sieges und des Friedens. Aber sie bedienten sich auch der Palmzweige, wenn sie jemandem die Herrschaft übertragen oder dem Sieger eine demütige Bitte vortragen wollten. Damals nahm das Volk offenbar Palmzweige in ihre Hände als Zeichen festlicher Freude beim Empfang des neuen Königs.

Und schrien: Hosianna! Mit diesem Zuruf gaben sie Zeugnis, dass sie Jesum Christum als den vormals den Vätern verheißenen Messias anerkannten und von ihm Erlösung und Heil erhofften. Der 118. Psalm (V. 25), aus dem dies Wort des Beifalls entnommen ist, handelte vom Messias und wollte alle Frommen dazu anleiten, dass sie unter beständigen Gebeten mit glühender Sehnsucht sich sein Erscheinen erflehen sollten, um ihn, wenn er sich nun einstellte, mit vollkommener Ehrfurcht aufzunehmen. Es ist also wahrscheinlich, ja man kann es für gewiss annehmen, dass dies Gebetswort bei den Juden allgemein in Brauch war und es jeder schon oft ausgesprochen hatte. Das hebräische Wort „Hosianna“ heißt: Rette! oder: Hilf doch! Die Evangelisten behielten, obwohl sie griechisch schrieben, das hebräische Wort bei, um damit recht anschaulich zu schildern, wie das Volk sich einer feierlichen Gebetsformel bediente, welche, von David einst aufgebracht, danach von einem Geschlecht zum anderen im Gottesvolk fortgepflanzt wurde und eigens dem Gebrauch zur Begrüßung des Messiasreiches geweiht war.

In derselben Richtung bewegt sich auch der folgende Zuruf: Gelobet sei, der da kommt usw. Auch dies ist ein Gebet um frohen, glücklichen Erfolg des messianischen Reiches, mit dem die Aufrichtung und Wohlfahrt der Gemeinde Gottes aufs engste verbunden war. Anscheinend redet jedoch David dort im Psalm vielmehr von sich selbst, als von Christo. Doch löst sich diese Schwierigkeit leicht. Wir wissen ja, zu welchem Zwecke dem David und seinen Nachkommen eine dauernde Herrschaft zugesagt war: sie sollte ein Art Vorspiel sein für das ewige Reich, welches zu seiner Zeit geoffenbart werden sollte. Wenn also David auch von sich sprach, so dürfen wir doch nicht annehmen, dass er dabei nur an seine eigene Person dachte. Der Herr hat ja auch gar bald den Blick aller Frommen durch die Propheten auf ein anderes Ziel als Davids Person hingewendet. Die Davidischen Gesänge werden also mit gutem Rechte auf den König bezogen, der nach der Verheißung aus seinem Samen erstehen und als Erlöser kommen sollte. So lasst denn auch uns, den alttestamentlichen Gläubigen nacheifernd, von ganzem Herzen dem Reiche Christi Blühen und Gedeihen erflehen! Solches Gebet wird nicht vergeblich sein. Sind wir nicht träge darum, so wird er sich als der treue Schirmherr seines Reiches erweisen, indem er, über den keine menschliche Gewalt obsiegt, es kräftig beschützt. Fortbestehen würde es zwar auch, wenn wir gleichgültig wären. Aber man kann überall da, wo es nicht in voller Kraft und Blüte steht, sondern welkt und dorrt, die Schuld auf die Trägheit seiner menschlichen Vertreter schieben. Jeden Tag beten wir: „Dein Reich komme!“ Aber wie verschwindend wenige legen ihr ganzes Herz in diese Bitte! Dann handelt Gott nur gerecht, wenn er uns einen Segen wegnimmt, den wir zu erbitten zu schwerfällig sind.

Unsere Stelle lehrt uns auch, dass es Gott allein ist, der die Kirche erhält. Er beansprucht für sich ja nur das, was wirklich ihm zugehört. Wenn er uns also selbst die Gebetsworte um Erhaltung des Reiches Christi in den Mund legt, so machen wir eben damit das Zugeständnis: Gott allein ist der Begründer unseres Heils; er allein vermag das Reich Christi aufrecht zu erhalten. Er bedient sich freilich dazu der Arbeit der Menschen, aber doch nur solcher, die er für diese Arbeit geschickt gemacht hat. Die Menschen verwendet er zur Ausbreitung und Erhaltung des Christentums nur in einer solchen Weise, dass letzthin allein seines Geistes Kraft durch sie Anfang und Ende des Werkes schafft.

In dem Namen des Herrn kommt, wer nicht nach eigener Willkür hervortritt oder sich eine Ehre anmaßt, sondern kraft ordnungsmäßiger Berufung sich in allem seinem Tun von Gott geleitet und getragen wissen darf. Alle wahren Diener Gottes kommen im Namen des Herrn: der Prophet kommt so, wenn er, vom Geiste Gottes getrieben, rein und lauter die aus Himmelshöhen stammende Lehre den Menschen weitergibt. Im Namen des Herrn kommt auch ein König, durch dessen Hand Gott wirklich sein Volk regiert. Weil nun aber auf Christum die Fülle des Gottesgeistes sich niedergelassen hat, weil er das Haupt aller ist, und alle die, welchen zu irgendeiner Zeit das Regieramt in der Kirche oblag, seiner Oberherrschaft untergeben, ja eigentlich nur Bächlein waren, welche von ihm als dem Urquell ausgingen, - so ist im vollkommensten Sinne nur er es, der im Namen des Herrn kommt. Auch überragt er die anderen nicht nur der Stufe nach, weil er der Oberherrscher ist, sondern dadurch, dass sich in ihm uns Gott in seiner Fülle darbietet (Kol. 2, 9). Jesus ist Gottes lebendiges Abbild und der wahre Immanuel (Hebr. 1, 3; Jes. 7, 14). Er kommt also in einzigartiger Weise in Gottes Namen: denn durch ihn hat sich Gott nicht nur stückweise, wie durch die Propheten, sondern völlig geoffenbart. Will man also Gottes Diener als Leute grüßen, die im Namen des Herrn kommen, so muss man dabei vor allem an Christus als das Haupt denken.

V. 14. Jesus aber überkam ein Eselein. Auch hier erzählt Johannes nur kurz die Hauptsache. Der scheinbare Widerspruch gegen den Bericht des Matthäus (21, 2. 5), welcher zwei Tiere erwähnt, löst sich leicht: Jesus ritt eben tatsächlich nur auf dem Eselsfüllen, welches aber von seinem Muttertier begleitet war. Unser Evangelist, welcher nicht ausführlich wiederholen wollte, was die anderen schon erzählt hatten, entnimmt auch der Weissagung des Sacharja (9, 9), die nach der Weise des hebräischen Parallelismus einen doppelten Ausdruck bietet, nur die entscheidende Aussage. Übrigens sehen sich auch die Juden gezwungen, jene Weissagung, die damals in Christo erfüllt wurde, auf den Messias zu deuten. Dass wir nun in Jesus den Messias erkennen, gründen wir freilich nicht darauf, dass er auf einem Esel in Jerusalem eingeritten. Unser Glaube hat viel tiefere Gründe: in der ganzen Person Christi schauen wir die Herrlichkeit des Sohnes Gottes (1,14) und seine Auferstehung wird uns zum leuchtendsten Beweise seiner göttlichen Kraft. Nebenher verachten wir aber auch diese Bestätigung nicht, die Gottes Vorsehung uns gab, indem Christi auffälliger Einzug mit der Weissagung merkwürdig zusammenstimmt.

V. 15. Fürchte dich nicht. In der Form, wie der Evangelist dies Prophetenwort beibringt, lehrt es uns, dass nicht eher Ruhe und Frieden in unsere Seele einzieht und alle Angst und Furcht bei uns schwindet, als bis wir wissen, dass Christus unser König ist. In der Weissagung Sacharjas stehen ursprünglich diese Worte nicht. Dort heißt es: „Freue dich sehr“ und: „jauchze!“ – nicht: „Fürchte dich nicht!“ Der Evangelist bleibt jedoch mit diesen Worten ganz dem Sinne der Weissagung treu: solches Jauchzen, solche große Freude ist allein in den Seelen echt, welche sich nicht mehr fürchten; Furcht aber quält uns so lange, bis wir durch die Versöhnung mit Gott den Frieden haben, welchen der Glaube bringt (Röm. 5, 1). Durch Christum wird uns das Glück zuteil, dass wir, von Satans Gewalt befreit, des Joches der Sünde entledigt, von der Schuld erlöst, dem Tode nicht mehr verhaftet, fröhlich rühmen können im Vertrauen auf den Schutz unseres Königs. Wessen er sich annimmt, der hat keinerlei Gefahr mehr zu befürchten. Nicht als ob wir frei von Furcht wären, so lange wir in der Welt leben; aber das herzliche Vertrauen, das sich auf Christum gründet, ist doch aller Furcht überlegen. Als Jesus noch längst nicht erschienen war, befahl der Prophet schon den Frommen jenes Jahrhunderts, sie sollten sich sehr freuen und jauchzen, weil der Messias kommen werde. Er konnte nur sagen: „Dein König wird dereinst kommen“ und fügt noch hinzu: „Also lege die Furcht ab und sei fröhlich!“ Nun ist er da und will, dass wir von seiner Gegenwart etwas haben. Umso tapferer müssen also wir alle Furcht niederzwingen und, vor allen Feinden sicher, getrosten, frohen Mutes unseren König ehren. Der Prophet redete zu seiner Zeit Zion an, weil dort der eigentliche Wohnsitz der Gemeinde sich befand. Jetzt sammelt sich Gott seine Gemeinde aus aller Welt. Doch gilt diese Verheißung insonderheit den wahrhaft Gläubigen, welche Christo untertan sind und sich von ihm regieren lassen. Dass übrigens Christus auf einem Esel reitet, soll uns einprägen, dass sein Reich weltlichen Prunk, Glanz, Reichtum und Macht verschmäht; so war der Einzug Jesu ein großer Anschauungsunterricht für jedermann, dass sein Reich geistlicher Art ist.

V. 16. Solches aber verstanden seine Jünger nicht usw. Wenn das Samenkorn in die Erde geworfen ist, keimt es noch nicht sofort. So tritt auch bei den Werken Gottes die Frucht nicht alsbald zu Tage. Die Apostel sind Gott behilflich zur Erfüllung der Weissagung, ohne doch zu wissen, was für einen tieferen Sinn ihr Tun hat. Sie hören zwar das Geschrei der Menge, nicht ein verworrenes, unverständliches Rufen, sondern die deutliche Begrüßung des Messiaskönigs; desungeachtet haben sie keine Ahnung, wo das hinaus will und was es soll. Es ist ihnen ein inhaltloser Lärm, bis ihnen der Herr die Augen auftut.

Wenn es hier heißt, endlich hätten sie daran gedacht, dass solches war von ihm geschrieben, so wird damit die Ursache ihrer groben Unwissenheit genannt, nämlich ihr damaliger Mangel an Schriftkenntnis. Ohne Gottes Wort sind wir alle blind; doch hilft uns das bloße Lesen der

Schrift auch noch nichts. Der Geist Gottes muss uns helle Augen schenken. Sonst sehen wir nichts, so schön die Sonne auch scheint. Diese Erleuchtung durch den Geist Gottes wurde jedoch den Jüngern erst nach der Auferstehung Christi zuteil, und zwar nach seiner Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit (vgl. 7, 39). Wir wollen uns hieraus die Lehre nehmen, dass wir über alles, was in der Schrift Christum angeht, uns kein Urteil gemäß den Gedanken unseres Fleisches erlauben dürfen. Auch wollen wir uns einprägen, dass darin zumal die Begnadigung durch Gottes Geist besteht, dass er nach und nach uns unterweist, damit unser Blick für Gottes Werke nicht völlig verschlossen bleibe. Erst nach dieser Erleuchtung wissen und fassen die Jünger, dass es kein zufälliges Spiel war, was sie und die Volksmassen damals mit Jesu aufführten, sondern dass Gottes Vorsehung alles so lenkte, dass die Schrift erfüllt werden musste.

V. 17 u. 18. Das Volk aber … rühmte die Tat. Der Grund, weswegen sie in Scharen aus Jerusalem herausziehen, ist der, dass die Kunde von der Neubelebung des Lazarus sich weithin verbreitet hatte. Somit hatten sie volles Recht dazu, dem Sohn der Maria die messianische Ehre zu erweisen; sie wussten, welche herrliche Tat er vollbracht hatte.

V. 19. Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet. Mit diesen Worten stacheln sich die Pharisäer zu umso größerer Wut auf. Er liegt darin gewissermaßen der Vorwurf der Trägheit. Sie wollen sagen: Selbstverständlich fällt das Volk von uns ab und jubelt ihm zu, wenn wir in unserer zurückhaltenden Unentschlossenheit verharren! So reden Leute, die sich nicht anders mehr zu helfen wissen, als dass sie zum äußersten schreiten. Sind aber Gottes Feinde so hartnäckig im Bösen, wie viel mehr steht es uns an, auf dem rechten Wege treu zu verharren!

V. 20. Es waren aber etliche Griechen. Ich glaube nicht, dass es Heiden oder Unbeschnittene gewesen sind, denn es heißt ja alsbald, sie seien gekommen, um anzubeten.3) So werden es wohl Abkömmlinge von Juden gewesen sein, die jedoch fern, jenseits des Meeres, in Griechenland wohnten. Dann ist es nicht zu verwundern, wenn der Evangelist diese Leute als Fremdlinge einführt, die nichts von alledem wussten, was sich damals in Jerusalem und Umgebung zugetragen hatte. Der Sinn ist dann der: nicht nur die Einwohner von Judäa, die aus Dörfern und Städten zum Feste sich einstellten, haben Jesum als ihren König begrüßt, sondern auch solche, die über das Meer aus entlegenen Ländern gekommen waren, haben die Kunde von Christo in der Ferne vernommen.

Um anzubeten. Anbeten können sie auch daheim; Johannes aber denkt hier an die mit Opfern verbunden feierliche Gottesverehrung im Tempel. Frommsein und Beten konnte man auch anderswo, Opfer darbringen jedoch nicht. Moses hatte es im Gesetz geboten, dass man sich im Tempel vor Gottes Angesicht stellen solle. Dafür waren die jährlichen Festtage da. Diese Griechen haben eine weite Reise unternommen, viele Ausgaben und noch mehr Mühseligkeiten daran gewendet, ja sie haben keine Gefahr gescheut, um nur ja nicht die äußerliche Betätigung ihrer Frömmigkeit zu versäumen. Haben wir heute angesichts dieses Vorbildes eine Entschuldigung, wenn wir im eigenen Hause und Lande den Dienst des wahren Gottes versäumen? Der gesetzliche Gottesdienst ist zwar dahingefallen, aber der Herr hat seiner Gemeinde Taufe, Abendmahl und öffentliches Gebet gelassen, damit sich gläubige Christen darin üben. Sind wir in diesen Dingen nachlässig, so verraten wir damit, dass es mit unserer Frömmigkeit bis nahe an den Gefrierpunkt gekommen ist.

V. 21 u. 22. Die traten zu Philippus. Ein Zeichen ihrer Ehrerbietung! Sie wagen nicht, Christum selber anzureden, sondern wünschen, Philippus möge sie dem Herrn vorstellen. Ehrerbietung macht die Menschen bescheiden.

V. 23 u. 24. Die Zeit ist kommen. Viele deuten diese Worte auf Christi Tod, durch welchen des Menschen Sohn verklärt wurde. So würde Jesus darauf hindeuten, dass die Zeit seines Todes unmittelbar bevorsteht. Ich beziehe die Worte jedoch lieber auf die Verkündigung des Evangeliums, welche die Kunde von Jesu nun bald durch alle Lande verbreiten sollte. So will der Herr von vorn herein der tiefen Niedergeschlagenheit begegnen, in die sein Tod die Jünger versenken konnte. Er macht ihnen damit klar: Es ist nicht nötig, dass ihr allen Mut verliert. Die frohe Botschaft wird gleichwohl in aller Welt verkündigt werden! Damit nun der Gedanke an seine bevorstehende Verklärung nicht in kurzem alle Kraft für sie verliere, sobald er zum Tode verurteilt, ans Kreuz gehängt und sogar ins Grab gelegt ist, beeilt er sich, nachdrücklich zu betonen, dass sein schimpflicher Tod durchaus kein Hindernis seiner Verklärung ist.

Das Gleichnis, welches (V. 24) diesen Gedanken weiter ausführt, ist sehr passend gewählt. Wenn das Weizenkorn nicht stirbt oder verfault, so bleibt es dürr und unfruchtbar. Der scheinbare Tod des Samenkorns dient erst recht dazu, um es lebendig zu machen: denn nun geht daraus neue Frucht hervor. Alles in allem vergleicht Christus seinen Tod mit der Aussaat eines Kornes, die den Tod desselben zur Folge zu haben scheint, tatsächlich aber der Anlass ist, dass aus dem einen Korn viele werden. Dies Gleichnis hatte damals, als es zuerst ausgesprochen wurde, seine besondere Bedeutung. Es behält jedoch seine Bedeutung in der ganzen Kirchengeschichte. Zuerst reden wir schicklicherweise vom Haupte. Jene schreckliche Art der Beschimpfung und Lästerung, welche Christo in seinem Tode angetan wurde, vermag seine Herrlichkeit durchaus nicht zu verdunkeln, die vielmehr von nun ab jeder Antastung von Menschenhänden entrückt wird. Unsere Gedanken müssen sich also nicht bloß auf Jesu Tod, sondern auch auf die Frucht desselben in der Auferstehung richten. So werden wir inne, dass nichts das Hervorbrechen seiner Herrlichkeit zu hindern vermag. Gehen wir nun zu den Gliedern über. Wenn fromme Christen von Leiden aller Art bedrängt, in mancherlei Nöte verstrickt sind, Nahrung und Kleidung entbehren müssen, mit Krankheiten behaftet sind, wenn sie beleidigt und gekränkt werden, wenn es schreckliche Augenblicke in ihrem Leben gibt, wo des Todes Rachen sie zu verschlingen droht, - immer mögen sie dann bedenken: das ist die Aussaat des Samenkorns; zu seiner Zeit wird die Frucht nicht ausbleiben (vgl. Kol. 3, 3; 2. Kor. 4, 16).

V. 25. Wer sein Leben lieb hat. Der Lehre fügt Christus eine Ermahnung hinzu. Ist es nötig, dass wir sterben, um Frucht zu bringen, so haben wir es in Geduld zu tragen, wenn Gott uns dem Tode übergibt. Aber was will Jesus damit sagen, wenn er in scharfem Gegensatze mahnt, sein Leben nicht lieb zu haben, sondern zu hassen? Wenn ein Mensch mit allen Fasern seiner Seele sich so fest an das irdische Leben klammert, dass er nur mit äußerstem Widerstreben diese Welt verlassen würde, so sagt man von ihm: er liebt das Leben. Wer aber das irdische Leben gering achtet und hochgemut in den Tod geht, der hasst das Leben: nicht als ob das Leben so ohne weiteres etwas Hassenswertes wäre, - durchaus nicht! es gehört vielmehr zu den größten göttlichen Wohltaten, - sondern nur deshalb, weil gläubige Christen es gern fahren lassen, wenn sie es nur um den Preis der Untreue gegen ihren Heiland behalten könnten: dann ist das Leben nur eine Last, die der Christ gern fallen lässt, um unbeschwert zu seinem Herrn zu eilen. Wer auch in diesem Falle zähe am irdischen Leben festhält, der verliert sein Leben, d. h. er stürzt ins ewige Verderben.

„Verlieren“ ist also hier nicht einfach so viel als „einbüßen“, sondern es bedeutet, dass der Betreffende ins Verderben geht. Nach dem griechischen Texte handelt es sich gar nicht bloß um das „Leben“, sondern um die „Seele“. Dabei ist es viel zu wenig gesagt, dass man die Gewalt über die Empfindungen seiner Seele verliert, wenn man den Begierden des Fleisches gar zu viel nachgibt. Der Vollsinn der Worte Christi wird vielmehr durch den Beisatz klar: auf dieser Welt. Der Gedanke ist also: Wer sein Leben in dieser Welt liebt, sorgt schlecht für dasselbe. Trefflich hingegen verstehen die ihr Leben zu erhalten, die es auf dieser Welt verachten.

Wer sein Leben hasst usw. Sobald in unseren Herzen der Gedanke an das himmlische Leben vorwiegt, vermag die Welt uns nicht mehr zu fesseln, wenn sie scheidend zwischen uns und unseren Gott treten will. Von da aus findet sich auch leicht die rechte Antwort auf den Einwurf, den man hier erheben könnte: Wie ist es denn mit allen denen, welche aus Verzweiflung oder aus anderen Gründen, vor allem aus Lebensüberdruss sich selbst entleiben? Wir werden nimmermehr sagen, dass die damit für das Heil ihrer Seele sorgen. Andere reißt der Ehrgeiz in den Tod und eben dadurch ins Verderben. Von solchem Sterben redet Christus hier selbstverständlich nicht. Er preist nur jene Verachtung des hinfälligen Lebens, die bei gläubigen Christen aus der Gewissheit eines besseren Lebens hervorgeht. Also hat jeder, der nicht gläubig zum Himmel empor schaut, noch nicht gelernt, wie man sein Leben erhält. Diesen zweiten Satz hat Christus angefügt, um Leute, welche allzu sehr am Erdenleben hängen, aufzuschrecken; fesselt uns die Welt derartig, dass wir sie uns nicht leicht aus dem Kopfe schlagen können, so können wir ja den Himmel nicht erreichen. Wenn uns nun Christus so gewaltig aufrüttelt, wäre es ein unverantwortlicher Leichtsinn, trotzdem weiter dem gewissen Verderben entgegen zu träumen.

V. 26. Wer mir dienen will. Damit der Tod uns weniger bitter und widerwärtig sei, lädt uns Christus durch sein Beispiel dazu ein, ihn freudig auf uns zu nehmen. Wollen wir seine Jünger sein, dann werden wir uns schämen, die Ehre, dass wir in seine Fußstapfen treten dürfen, auszuschlagen. Er kann ja uns auch unter keiner anderen Bedingung zu den Seinen zählen, als wenn wir ihm auf demselben Wege nachgehen, den er uns durch sein Leben zeigt. Er geht uns voran auf dem Wege des Todes. Nun verliert der Tod sein Grauen, seine Herbigkeit, ja er wird versüßt dadurch, dass wir den Gottessohn zum Genossen haben. Weit entfernt, dass wir um des Kreuzes willen vor Christo einen Abscheu haben dürften, sollen wir vielmehr uns freuen, wenn wir um seinetwillen den Tod erleiden müssen.

Darauf deutet auch der folgende Satz: Wo Ich bin, da soll mein Diener auch sein. Mit diesen Worten verlangt Jesus von seinen Dienern, dass sie ohne Sträuben den Tod auf sich nehmen, da sie sehen, dass er ihnen im Sterben vorangeht. Denn es ist nicht billig, dass der Diener etwas vor seinem Herrn voraus habe. Dieser Satz enthält einen Befehl, der Schlusssatz dagegen einen Trost: der Vater wird denjenigen Dienern Christi, welche so im Leben als im Tode seine unzertrennlichen Begleiter gewesen sind, den Lohn nicht vorenthalten.

V. 27. Jetzt ist meine Seele betrübt. Beim ersten Anschein sieht es so aus, als stünde dieser Satz in beträchtlichem Widerspruch zu der vorhergehenden Rede. Das Herz dessen, der mehr als ein Held war, offenbarte sich darin, dass Christus die Seinen nicht bloß ermahnte, den Tod auf sich zu nehmen, sondern sogar, wenn die Lage der Dinge es erforderte, gern und freudig den Tod aufzusuchen. Und nun auf einmal bebt er vor dem Tode zurück und gesteht es ein, dass ihn Weichheit anwandelt? Doch wir lesen hier kein Wort, das nicht vortrefflich in den Zusammenhang passte. Frage nur jeder gläubige Christ seine eigene Erfahrung! Wenn solche, die ernste Dinge nicht ernst zu nehmen verstehen, auch hier spöttisch lächeln, so nimmt das nicht Wunder. Mit den gewöhnlichen Hilfsmitteln der Auslegung lässt sich diese Stelle überhaupt nicht würdigen; hier tut dem Ausleger praktische Erfahrung die besten Dienste.

Es war um unserer Rettung willen heilsam, ja notwendig, dass der Sohn Gottes in diese Seelenstimmung kam. Bei seinem Sterben gilt es, das Hauptaugenmerk auf die Sühne zu richten, wodurch er Gott, dessen Zorn uns verfluchen musste, besänftigte. Das konnte nicht geschehen, ohne dass er unsere Schuld auf sich nahm. Der Tod, den er litt, musste also voll Schrecken sein. Jesus konnte für uns keine Genugtuung vollbringen, ohne dass er auch im Gefühl das furchtbare Urteil Gottes über die Sündenwelt verspürte. Was für ein schreckliches Unheil muss doch die Sünde sein, wenn um ihretwillen der himmlische Vater an seinem eingeborenen Sohne eine so grausige Strafe vollzog! Der Tod ist wahrlich kein Kinderspiel für Christum gewesen: Er warf sich um unseretwillen in die äußerste Qual hinein. Wie aber konnte der Sohn Gottes in solche Betrübnis geraten? Auch das ist nichts Undenkbares. Seine Gottheit verbarg sich, zeigte ihre Kraft nicht, ruhte gewissermaßen, um der Sühne Raum zu schaffen. Christus hat ja auch nicht nur unser Fleisch, sondern zugleich menschliches Fühlen angenommen. Allerdings war diese Seelenstimmung eine freiwillige. Er war bange, nicht weil er bange sein musste, sondern weil er aus eigenem Antrieb neben anderen menschlichen Gefühlen auch das Furchtgefühl angenommen hatte. Festzustellen ist aber ausdrücklich, dass Jesus wirklich, nicht nur scheinbar betrübt und bange war.

Nur in dem einen Punkte war er anders, als wir anderen Menschen, dass er auch sein Gefühlsleben im Gehorsam gegen Gottes Gerechtigkeit fest im Zügel hielt, - worüber schon früher geredet wurde. Auch nach einer anderen Seite noch hat seine Bangigkeit einen Nutzen für uns. Hätte die Furcht vor dem nahen Tode Jesum in gar keine bange Gemütsbewegung versetzt, wer von uns könnte dann seine Gedanken auf ihn als unser Vorbild richten? Uns ist es ja nicht gegeben, ohne schmerzliche Erschütterung dem Tode entgegen zu gehen. Sobald wir also hören: Auch sein Herz war nicht von Eisen, - so fassen wir uns einen Mut: Wohlan, ihm nach! Dann macht uns die natürliche Schwachheit des Fleisches, die vor dem Sterben zurückschrickt, nichts mehr zu schaffen; wir stellen uns unserem Feldherrn als Kampfgenossen zur Seite.

Und was soll ich sagen? Hier sehen wir sozusagen mit eigenen Augen, wie viel unsere Rettung den Sohn Gottes gekostet hat. In der äußersten Bedrängnis findet er nicht einmal Worte, um seiner namenlosen Seelenqual den rechten Ausdruck zu verleihen. Er weiß sich als Mensch keinen Rat. Nur eins bleibt ihm noch übrig: Er flüchtet ins Gebet, er verlangt Befreiung vom Tode. Doch alsbald, weil er ja sich dessen wohl bewusst ist, dass er nach Gottes ewigem Ratschlusse zum Opfer für unsere Sünden bestimmt ist, nimmt er das ihm nur von der übermächtigen Betrübnis abgepresste Gebet zurück. Er streckt sozusagen die Hand aus, um sich selbst wieder zurückzuholen; er will völlig in Gottes Willen ruhen.

Fünf Stufen lassen sich beobachten. Zuerst kommt die Klage, welche aus ungeheurem Schmerz hervorbricht.

Sodann empfindet Jesus, dass ein Ausweg gesucht werden muss; um nicht von der Angst erdrückt zu werden, geht er mit sich selbst darüber zu Rate, was geschehen muss.

Drittens nimmt er seine Zuflucht zum Vater und fleht ihn um Rettung an.

Viertens zieht er das Gebet, welches, wie er erkannt, seinem Heilandsberufe zuwiderläuft, wieder zurück und erklärt sich von vornherein bereit, alles, was gelitten werden muss, zu leiden; um keinen Preis, auf keinen Fall will er sich dem Auftrag des Vaters irgendwie entziehen.

Fünftens endlich gibt er sich damit zufrieden, dass nur dem Vater seine Ehre werde: alles andere vergisst er und achtet es für nichts.

Aber ziemt sich denn das für den Gottessohn? Unüberlegter Weise spricht er ein Stoßgebet aus, das er eiligst ungeschehen zu machen sucht, weil es ihm darum zu tun ist, dem Vater gehorsam zu sein! Wie steht es damit? Ich muss gestehen, dass hier die Torheit des Kreuzes zu Tage tritt, welche für hochmütige Leute ein Ärgernis ist. Aber je mehr sich der Herr seiner Herrlichkeit entäußert hat, desto deutlicher zeigt er uns eben damit seine unergründliche Liebe. Übrigens ist fest im Gedächtnis zu behalten, dass, wie schon früher berührt, das menschliche Gefühlsleben, dessen Christus nicht etwa ermangelte, bei ihm rein war und frei von Sünde. Das ist davon abzuleiten, dass es ganz und gar in den Bahnen des Gehorsams gegen Gott sich bewegte. Das widerstreitet einander nicht, dass Christus mit natürlichem Schauder auf den Tod blickt und doch voll des Wunsches ist, Gott gehorsam zu sein. Er verbessert sich deshalb ja unmittelbar danach: Doch darum bin ich in diese Stunde kommen. Todesangst ist an und für sich nichts Unerlaubtes. Sobald jedoch Jesus sich daran erinnert, wozu der Vater ihn gesandt hat und was die Pflicht von ihm, dem Erlöser, erheischt, bietet er den aus der natürlich-menschlichen Empfindung herstammenden Schauder dem Vater dar, damit Er ihn stille. Ja, Jesus hat seine Seele schon gestillt und gürtet sich, um frei und unbehindert Gottes Befehl zu befolgen. Wenn die Gefühlswelt Christi, der kein Sündenstäubchen anhaftete, dermaßen in Zucht genommen werden musste, um in den Schranken des Gehorsams gegen Gott zu bleiben, mit welchem Eifer müssen wir dann uns befleißigen, uns in Zucht zu nehmen! Wohnen doch in unseren sündlichen Herzen genauso viele Feinde Gottes, als Gefühle darin auf- und niederwogen! Jeder wirklich fromme Mensch muss darauf aus sein, sich Gewalt anzutun, dass er sich selbst völlig verleugne. Weiter ist auch darauf zu achten, dass wir nicht bloß denjenigen Herzensgedanken den Zügel anlegen, welche in offenbarem Widerspruch mit Gottes Willen sich befinden, sondern auch allen denen, welche uns auf unseren besonderen Berufswegen hemmen, mögen sie auch außerdem nicht schlecht oder lasterhaft sein.

Damit wir in dieser wichtigen Angelegenheit zur Klarheit kommen, müssen wir zuvörderst Gottes Willen ansehen, dann zweitens den reinen, unverdorbenen Menschenwillen, wie ihn Gott dem Adam gegeben hatte, und wie er dann bei Christo vorhanden war, endlich drittens unseren eigenen durch die Sünde befleckten und verdorbenen Willen. Gottes Wille ist Regel und Richtschnur. Ihm muss sich alles fügen, was unter Gott steht. Nun wird sich ja der unverderbte natürliche Menschenwille nicht gegen Gott auflehnen; doch werden dem Menschen, selbst wenn er völlig rechtschaffen ist, sich viele Hemmnisse in den Weg stellen, wenn er nicht immer wieder sein gesamtes Gefühlsleben Gott zu Füßen legt. Der innere Kampf Christi bestand also darin, dass er das natürliche Furchtgefühl abschüttelte, da er merkte, dass Gott in dem gegenwärtigen Falle bei ihm dies natürliche Empfinden nicht brauchen konnte. Dieser Kampf ist auch uns verordnet, außerdem aber der andere gegen das freche Widerstreben unseres Fleisches. In diesem Kampfe tragen auch die mutigsten Streiter niemals unverwundet den Sieg davon.

Vater, hilf mir. In dieser Reihenfolge muss auch bei uns der Kampf verlaufen. So oft uns Bangigkeit beschleicht oder Schmerz quält, haben wir ohne Aufschub unsere Herzen zu Gott zu erheben. Nichts ist schlimmer, nichts schädlicher, als inwendig hegen und pflegen, was uns Qual bereitet. Ach, wie viele, viele Menschen verzehren sich in verhehlter Pein! Jeder, der in solcher Lage sich nicht an Gott wendet, straft damit sich selbst; denn wer diesen so einfachen, naheliegenden Schritt unterlässt, schneidet sich selber jede Erleichterung seines bekümmerten Herzens ab.

V. 28. Vater, verkläre deinen Namen. Mit diesen Worten bezeugt Jesus: Des Vaters Ehre geht mir über alles; wird Er nur verklärt, dann kann ich auch freudig auf mein Leben verzichten! Dann erst kennen wir die richtige Mäßigung unserer Gebetswünsche, wenn es uns an erster Stelle um die Ehre Gottes zu tun ist und wir der Bitte um Gottes Verklärung alle anderen Wünsche unterordnen, ja zum Opfer bringen können. Wird Gottes Ehre gewirkt, so muss das für uns ein überreicher Ersatz sein, sodass wir nun stillen, ergebenen Herzens alles Schwere hinnehmen können.

Ich habe ihn verklärt und will ihn abermals verklären. Das bedeutet: Ich werde zu Ende führen, was ich angefangen habe (Ps. 138, 8)! Gott hatte ja vor, dem Ärgernis des Kreuzes ein Gegengewicht zu geben. Deshalb verspricht er nicht bloß auf des Sohnes Bitte hin, dass sein Tod göttliche Herrlichkeit an sich tragen werde, sondern erinnert auch, dass schon gar vieles, was vorhergegangen, im Voraus dem Kreuzestode Christi den Stempel göttlicher Schönheit und Hoheit aufdrücke.

V. 29. Es donnerte. Viele der Anwesenden hatten taube Ohren – geistlich verstanden! -, sie vernahmen deshalb nur ein Getön ohne Sinn. Und doch hatte Gott klare, verständliche Worte gesprochen. Andere waren nicht ganz so stumpf; doch machen sie einen gehörigen Abstrich an der Erhabenheit der vom Himmel erschallenden Stimme: nicht Gott, sondern nur ein Engel habe geredet. Heute geht es noch genau ebenso. Verständlich und deutlich genug redet Gott doch wahrlich im Evangelium; mit eindringender Gewalt äußert sich darin Gottes Geist, der, wo ihm Eingang gegeben wird, Himmel und Erde bewegt. Und doch lässt die Lehre Christi viele Hörer so kühl, als habe ein beliebiger Mensch Worte geredet, die keine besondere Beachtung verdienen. Andere gar behandeln Gott in seinem Worte wie ein Kind, das noch nicht recht sprechen kann, oder wie ein Fremdling, dessen Sprache man eben nicht versteht. Sie gleichen denen, welche sagen: Es donnerte. Hatte es denn nun weder Zweck noch Erfolg, dass Gottes Stimme damals erklang? Nun, jedenfalls trifft doch nur auf einzelne zu, was der Evangelist hier von dem „Volke“ sagt. Gewiss haben auch noch andere, nicht nur die Apostel, den Sinn und die Bedeutung der Worte weniger falsch aufgefasst. Der Evangelist will nur kennzeichnen, wie es im Großen und Ganzen in der Welt hergeht. Die meisten von denen, welche Gott reden hören, merken nicht, dass er wohl verständliche Worte redet.

V. 30. Nicht um meinetwillen. Bedurfte Jesus denn nicht einer Stärkung? Oder trug der Vater weniger Sorge um ihn, als um uns? Man verliere doch den wichtigen Gesichtspunkt nie aus dem Auge: wie Christus um unsertwillen Mensch ward, so hat ihm der Vater auch all das Gute, was er empfing, um unsertwillen gegeben. Auch geschah wirklich diese Stimme vom Himmel mit Rücksicht auf das Volk: Jesus selbst bedurfte keines äußeren Wunderzeichens. Der Herr macht hier den Juden, ohne sich dazu ausdrücklicher Worte zu bedienen, den Vorwurf: Wenn Gott redet, hört ihr so wenig davon, wie ein Stein! – Um ihretwillen redet ja Gott! So haben sie keine Entschuldigung, wenn sie ihm dafür keinen Dank wissen, ihm nicht einmal Gehör leihen.

V. 31. Jetzt geht das Gericht über die Welt. Der Herr hat bereits in gewisser Weise den Kampf durchgefochten und frohlockt als Sieger nicht bloß über die Furcht, sondern auch über den Tod. Herrlich beschreibt er die Frucht seines Sterbens. Unter solchen Umständen tat nicht not, dass sich die Jünger bei seinem Tode tiefer Niedergeschlagenheit hingaben. Unter „Gericht“ verstehen die einen die Neugestaltung, die anderen die Verdammnis. Ich pflichte den Ersteren bei: die Welt soll wieder in die rechte Ordnung gebracht werden. Das hebräische Wort, welches dem griechischen zugrunde liegt, bedeutet auch die rechte Ordnung, die gute Verfassung (hebräisch: mischphat). Bekanntlich herrscht in der Welt, wenn Christus nicht eingreift, nur Verwirrung und Unordnung. Christus hatte nun schon begonnen, das Reich Gottes aufzurichten: doch wurde erst sein Tod so recht der Anfang einer Neuordnung. Von da ab machte die Neugestaltung der Welt gewaltige Fortschritte. Zu beachten ist, dass diese Neuordnung nur durch gleichzeitige Niederreißung der Satansherrschaft, durch Abtötung des Fleisches und Zerstörung alles dessen, was der Gerechtigkeit Gottes widerstrebt, ins Werk gesetzt werden kann.

Deshalb verkündet Christus laut: Der Fürst dieser Welt muss ausgestoßen werden. So lange Satan die Macht in Händen hat, kann der Verwirrung und allen Gräueln in der Welt nicht abgeholfen werden; Satan ist der Quell alles Bösen in der Welt. Ist Satan beseitigt, so erhebt sich die Welt aus ihrem Abfall und beugt sich unter Gottes Zepter.

Aber wieso ist denn Satan beim Tode Christi gestürzt worden? Führt er nicht nach wie vor seinen Kampf gegen Gottes Reich? Keinesfalls darf man die Ausstoßung beschränken wollen auf eine kurze Zeit, in der es einmal Ruhe gegeben habe. Vielmehr beschreibt unser Heiland hier die herrliche Wirkung seines Todes, welche jeder Aufrichtige täglich verspüren kann.

V. 32 u. 33. Wenn ich erhöht werde. Hier wird die Art und Weise, wie das Gericht zur Ausführung kommt, beschrieben: der ans Kreuz erhöhte Christus will alle zu sich sammeln, um sie von der Erde in den Himmel emporzuheben. Der Evangelist sagt, Christus habe so die Art seines Todes andeuten wollen. Ohne Zweifel ist der Sinn dieser: das Kreuz ist der Himmelswagen, vermittelst dessen Jesus alle mit sich zum Vater hinaufbringen will. Es konnte auf Golgatha so aussehen, als sei er nun von der Erde erhöht, um überhaupt in Zukunft nichts mehr mit den Menschen zu tun zu haben. Aber damit verhält es sich ganz anders! Dadurch, dass er sich erhebt, will er die, welche an die Erde sich klammerten, zu sich emporziehen. Alle, - darunter sind zu verstehen die zur Herde des guten Hirten gehörenden Gotteskinder aus Juden und Heiden.

V. 34. Wir haben gehört im Gesetz usw. Ohne Zweifel hatten jene Leute nur die Absicht, über das, was Christus gesagt hatte, boshaft loszuziehen. So sind sie denn in ihrer Bosheit völlig blind, stehen mitten in der Sonne und haben nicht einmal einen Lichtschimmer. „Nein“, sagen sie zu Jesu, „dich können wir nimmermehr für den Messias halten! Du redest ja vom Sterben! Das Gesetz dagegen sagt vom Messias, er bleibe ewiglich“. Und nun steht doch klärlich beides im Gesetz geschrieben: einmal, dass Christus sterben wird, und dann, dass er gerade dadurch ein blühendes Reich aufrichtet bis ans Ende der Welt. Sie hängen sich nur an dies Zweite und machen sich daraus eine Berechtigung, ihn zu verwerfen. Ihrem Irrtum lag zugrunde, dass sie von einem in fleischliche Augen leuchtenden Messiasreiche träumten. Sie weisen Christum nur deshalb ab, weil er ihren verkehrten Gedanken nicht entspricht. – Im „Gesetz“ sind hier auch die Propheten mit einbegriffen. „Bleibe“ ist so viel als „bleiben wird“. Die Frage: Wer ist dieser Menschensohn? ist eine spöttelnde, des Inhalts: Gegen unsern Einwand bist du wehrlos; von unserem Wort besiegt liegst du am Boden! Unwissenheit und Anmaßung sind eben Geschwister.

V. 35. Noch eine kleine Zeit. Obwohl der Herr sie mit dieser Antwort freundlich ermahnt, setzt er ihnen damit doch auch scharf zu, denn er macht ihnen zum Vorwurf: So hell das Licht auch leuchten mag, ihr seht doch nichts, - und sagt ihnen an: in kurzem wird das Licht verschwinden! Wenn er auch nicht das Licht seiner leiblichen Anwesenheit, sondern das Licht des Evangeliums meint, so spielt er doch auf sein Weggehen im Tode an. Er will sagen: Wenn ich jetzt bald fortgehen werde, bleibe ich doch nach wie vor das Licht; dadurch, dass ihr in der Finsternis bleibt, schadet ihr nicht mir, sondern euch. – Das Licht ist da.

Sie aber gehen mit geschlossenen Augen daran vorbei. Jesus würdigt ihren Einwand deshalb keiner Entgegnung. Sie wollen ja mit Gewalt in ihrem Irrtum beharren. Wenn er sagt: „Das Licht ist nur noch kurz bei euch“, so trifft das bei allen Ungläubigen zu. Die Schrift verheißt nur den Kindern Gottes den Aufgang der Sonne der Gerechtigkeit, die niemals untergehen wird (Mal. 3, 20; Jes. 60, 19). Weil auf Verachtung des Lichtes das Hereinbrechen der Finsternis folgt, gilt es vorsichtig zu wandeln. Die Ursache davon, dass Nacht und Finsternis Jahrhunderte lang über der Welt sich lagerten, ist darin zu suchen, dass nur wenige es für der Mühe wert hielten, im Glanze der himmlischen Weisheit ihren Lebensweg zu gehen. Uns leuchtet Christus durch das Evangelium, damit wir ihm auf dem Weg des Heiles, den er uns zeigt, folgen sollen. Diejenigen also, welche die Gnade Gottes nicht gebrauchen, löschen, soweit sie das vermögen, das ihnen hingehaltene Licht aus. Um nun ihre Seelen in Angst und Unruhe zu bringen, erinnert Jesus die Juden daran, wie jammervoll die Lage derer ist, welche, des Lichtes beraubt, ihr ganzes Leben lang auf Irrwegen einhergehen. Sie können den Fuß nicht aufheben, ohne in Gefahr zu sein, zu fallen, ja zu verunglücken. Christus spricht es hier offen aus: Wenn ich euch nicht voranleuchte, so seid ihr in Finsternis! Wir entnehmen daraus, von welch geringem Werte der bloße menschliche Scharfsinn und Verstand ist, wenn er Christum beiseiteschiebt und ohne ihn unser Führer und Lehrer sein will.

Solches redete Jesus und ging weg. Ist das nicht sonderbar, dass er sich denen entzog, welche ihn so voll Begier aufgenommen hatten? Nein, denn aus den anderen Evangelien kann man sehen, dass es sich hier um Feinde handelte, deren Feindschaft angesichts der eifrigen Frömmigkeit der Wohlgesinnten, die wirklich nach Jesu verlangten, zu heller Flamme aufloderte. Die Festgäste von auswärts, welche Christo entgegen gezogen waren, haben ihn bis in den Tempel hineingeleitet; dort geriet er in einen Schwarm von Schriftgelehrten und Hauptstädtern hinein.

V. 37. Solche Zeichen. Dass Christus von den Juden verachtet worden war, konnte leicht jemanden hindern und in Verwirrung bringen. Um dies Ärgernis zu entkräften, zeigt der Evangelist, dass die Juden durch herrliche Zeugnisse, die sich gar nicht missverstehen ließen, unterrichtet worden sind. Sie sollten dadurch zum Glauben an Jesus und seine Lehre kommen. Aber so strahlend auch Gottes Macht und Herrlichkeit in diesen Wundern vor ihnen stand, - sie haben blind, wie sie waren, nichts davon gemerkt. Christus hat alles aufgeboten, um die Juden zum Glauben zu bewegen; so wäre es denn grundverkehrt, es ihm irgendwie zur Last zu legen und ihn weniger zu achten, weil sie nicht glauben wollten. Immerhin konnte die Gleichgültigkeit der Juden, an welchen die sichtbarsten Beweise der göttlichen Macht abprallten, vielen ein anstößiges Rätsel werden. Deshalb verweilt Johannes noch hierbei (V. 38 ff.) und zeigt, dass der Glaube nicht etwa von selbst überall da sich einstellt, wo ein Mensch seinen Verstand beisammen hat, sondern dass er ein einzigartiges, köstliches Geschenk Gottes ist, das schon nach alten Prophetenworten nur ganz wenigen zuteilwird.

V. 38. Der Spruch des Propheten Jesaja. Johannes will nicht sagen: das war so geweissagt, folglich waren die Juden völlig außerstande, anders zu handeln. Jesaja hat ja nichts anderes vorgetragen, als was ihm der Herr aus den geheimen Schatzkammern seines Ratschlusses geoffenbart hat. Es hätte so kommen müssen, auch wenn der Prophet darüber schwieg. Ohne seine Aussage hätte jedenfalls niemand geahnt, dass etwas Derartiges in Zukunft zu erwarten war. Jetzt aber, da diese Tatsache, so sehr sie gegen alles menschliche Erwarten verstieß, wirklich eingetreten ist, setzt der Evangelist dies Prophetenwort gleichsam als getreuen Spiegel der Ereignisse jedermann vor die Augen.

Herr, wer glaubt unserer Predigt, und usw. Es liegen hier zwei Satzglieder vor. In dem ersten blickt Jesaja, der soeben seine Weissagung über Christum angehoben, darauf hin, wie das, was er von Christo verkündet und auch das, was die Apostel dereinst predigen sollten, allenthalben von den Juden zurückgewiesen werden wird, und ruft im Hinblick auf dies unfassbare Widerstreben voll Entsetzen aus: Herr, wer wird unserer Kunde Glauben schenken?

In dem zweiten Satzgliede gelangt er zu dem Verständnis der Ursache, weshalb nur ganz wenige glauben. Es liegt daran, dass die Menschen von sich aus nicht zum Glauben durchzudringen vermögen, Gott aber nicht allen ohne Unterschied die Erleuchtung schenkt, sondern nur wenige mit seinem Geiste begnadigt. Schon bei den Juden durfte den Gläubigen der hartnäckige Unglaube der großen Menge kein Hemmnis sein, wenngleich ihre eigene Zahl recht unansehnlich war.

Dann dürfen wahrlich auch wir uns des Evangeliums nicht schämen, mag es auch noch so wenig Anhänger haben. Vor allem aber müssen wir die tiefe Wahrheit beachten, die unserer Stelle zu Grunde liegt: zum Glauben kommen wir nicht durch unsere Klugheit, sondern allein durch Offenbarung Gottes.

Dass der Arm des Herrn die Macht Gottes bedeutet, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der Arm Gottes streckt sich im Evangelium nach uns aus; doch merkt davon nur der etwas, dem Gott es offenbart. Er offenbart es aber nicht allen; folglich bleiben viele blind und unerleuchtet, sodass sie hören und doch nicht hören.

V. 39. Darum konnten sie nicht glauben. Das klingt sehr hart. Es hört sich so an, als ob den Juden der Zugang völlig verbaut, jede Möglichkeit des Glaubens abgeschnitten gewesen wäre, weil eben der Prophetenspruch Blindheit über sie verhängte, ehe sie noch vor die Wahl gestellt wurden, ob sie glauben wollten oder nicht. Was ist darauf zu sagen? Nun, es konnte jedenfalls nicht anders gehen, als Gott es vorausgesehen hatte. Doch wohlgemerkt: das einfache, bloße Vorherwissen Gottes wirkt nicht bestimmend auf den Gang der Ereignisse ein. Also gilt es hier nicht sowohl auf sein Vorauswissen, als vor allem auf sein Strafgericht zu achten. Gott redet ja nicht nur davon, was, wie er vom Himmel her sieht, die Menschen tun werden, sondern auch davon, was er selbst tun wird. Er wird die Gottlosen mit Stumpfsinn und Betäubung schlagen, um sich an ihnen für ihre Bosheit zu rächen. Hier wird die nächstliegende Ursache hervorgehoben, der zufolge Gott beschlossen hat, dass sein sonst so heilsames Wort den Juden zu Tod und Verderben gereichen soll: sie haben es mit ihrer bösen Gesinnung nicht besser verdient. Dieser Strafe konnten sie, sobald Gott sich vorgenommen hatte, sie zu verhärten und das Licht seines Wortes für sie in Finsternis zu verwandeln, nicht mehr entgehen.

Der zweite prophetische Ausspruch ist darin von dem ersten verschieden, dass dort (Jes. 53, 1) Jesaja bezeugt: es kommen zum Glauben nur die, welche Gott nach seinem Gnadenratschluss erleuchtet, - weshalb nur sie, das wurde nicht näher begründet. Von Rechts wegen sind alle verloren; so macht Gott nach seiner freien Güte nur mit denen, welche er sich ausersehen hat, eine Ausnahme gegenüber den anderen. Hier aber (Jes. 6, 9. 10) wird auf eine Verstockung hingewiesen, mit welcher Gott die boshafte Undankbarkeit des Volkes gestraft hat. Das ist eine wohl zu beachtende Abstufung.

V. 40. Er hat ihre Augen verblendet. An dieser Stelle belehrt Jehovah den Propheten frühzeitig darüber, dass bei all seiner Arbeit als Lehrer des Volkes nichts anderes herauskommen wird, als dass es noch schlimmer wird. Zuerst sagt er: „Geh und sage diesem Volke: Höret mit euren Ohren und vernehmet es doch nicht!“ das heißt: Ich sende dich aus, damit du deine Rede an taube Leute richtest. Dann fährt der Herr fort: „Verstocke das Herz dieses Volkes usw.“ was besagt: Ich bestimme ausdrücklich, dass mein Wort denen, die ich verworfen habe, das Strafgericht bringt, dass sie dadurch nur noch mehr verblendet und in immer völligere Finsternis versenkt werden. Gewiss ein schauerliches Gottesgericht! Gott überschüttet die Menschenherzen mit dem Lichte seiner Lehre und erreicht damit, dass sie aller Einsicht beraubt werden. Ja aus dem einzigen Lichtquell, den sie besitzen, schöpfen sie Finsternis. Selbstverständlich ist das nicht die Hauptwirkung des Wortes Gottes, sondern es ist nur eine Nebenwirkung desselben, dass es die Menschen zu verblenden vermag. An und für sich ist es ja widersinnig, dass Lüge und Wahrheit, Lebensbrot und tödliches Gift diesen Wirkungen hervorrufen, und durch das Heilmittel die Krankheit gesteigert wird. Schuld daran ist nur die arge Gesinnung der Menschen; sie verwandelt Leben in Tod, Heil in Unheil. Bei dieser Gelegenheit wollen wir bedenken, dass die Verblendung des menschlichen Herzens entweder von dem Herrn selber oder von Satan und falschen Propheten oder endlich von den Dienern Gottes – die letzten drei sind dann alle in ihrer Art nur die Werkzeuge Gottes – gewirkt wird. Wenn übrigens die Propheten treulich ihr Lehramt verwalten und den Erfolg ihrer Arbeit Gott anbefehlen, dann brauchen sie, auch wenn weniger erreicht wird, als sie wünschten, doch nicht matt und mutlos zu werden. Dann müssen sie sich damit begnügen, zu wissen: unser Wirken hat den Beifall Gottes, so wenig Nutzen es auch den Menschen bringen mag! Auch derjenige Geruch der Lehre, welchen durch Verschulden der Gottlosen todbringend wirkt, ist in Gottes Augen gut und angenehm (2. Kor. 2, 15).

Dass sie mit den Augen nicht sehen. Behalten wir im Sinne, dass der Prophet von den Ungläubigen spricht, die schon vorher die Gnade Gottes mit Verachtung abwiesen. Sicherlich würden alle Menschen so handeln, wenn nicht der Herr nach freier Wahl etliche gehorsam machte. Daher ist von Anfang die Beschaffenheit der Menschen die gleiche. Wenn aber die Verworfenen dann aus freien Stücken und mit selbsterwählter Bosheit sich gegen Gott aufgelehnt haben, dann straft sie Gott dadurch, dass er sie in ihren verworfenen Sinn dahingibt und sie nun unaufhörlich immer tiefer in ihr Verderben geraten. Will Gott ihre Bekehrung nicht, so fließt das aus ihrer eigenen Schuld: sie haben sich selber ihre verzweifelte Lage zugezogen. Kurz belehren uns auch diese Prophetenworte darüber, wie unsere Bekehrung zu Gott zustande kommt: dadurch, dass er unsere Herzen erleuchtet, welche, so lange sie von satanischer Finsternis erfüllt waren, naturgemäß von Gott abgekehrt blieben.

Und ich ihnen hülfe. Hilfe oder Heilung ist die Frucht der Bekehrung. Der Prophet versteht darunter die Segnung Gottes, den neuen glücklichen Zustand, und somit die Befreiung von allerlei Elend, das mit Gottes Zorn zusammenhing. Wenn bei den Verworfenen das Wort Gottes eine Wirkung hat, die es ursprünglich nicht nach sich ziehen soll, so ergibt sich daraus gegensätzlich, zu welchem Zweck uns tatsächlich das Wort gepredigt wird: es soll uns zu wahrer Gotteserkenntnis erleuchten, zu Gott bekehren und mit ihm versöhnen, damit wir Hilfe, Glück und Heil haben.

V. 41. Solches sagte Jesaja, da er seine Herrlichkeit sah. Die Lehrer sollen nicht denken: für Jesajas Zeit galt dieses Wort wohl; hierher aber passt es nicht! Deshalb prägt uns der Evangelist ein, dass der Prophet nicht bloß zum Lehrer seiner Zeit bestellt war, sondern dass ihm Christi Herrlichkeit gezeigt ward, damit er bezeugen könne, was künftig in seinem Reiche geschehen sollte. Die Tatsache, dass der Prophet die Herrlichkeit Christi schaute, wird dabei als unzweifelhaft einfach vorausgesetzt.

V. 42. Doch auch der Obersten usw. Als die Juden Christum so trotzig abwiesen, konnte es scheinen, als wären sie alle ohne Unterschied eines Sinnes in diesem ihrem Widerstreben gewesen. Dem war jedoch nicht so. Aus der großen unverständigen Volksmasse hoben sich immerhin einige Leute mit gesundem Sinne heraus. Ein denkwürdiges Beispiel der Gnade Gottes! Denn wo die Gottlosigkeit erst einmal das Übergewicht bekommen hat, da ist sie gewissermaßen eine jeden befallende Seuche, die alle einzelnen Teile des Volksleibes ansteckt. Folglich ist es ein auffallendes Gottesgeschenk, wenn inmitten eines so verderbten Volkes sich einige von der allgemeinen Krankheit frei erhalten. Gott ist auch in dieser Beziehung noch heute der Gleiche. So sehr allenthalben Gottlosigkeit und Gottesverachtung sich breit macht, so ingrimmig viele es unternehmen, die Lehre des Evangeliums aus der Welt zu schaffen, - immer gibt es einige, die nicht mit dem Strome schwimmen. So hat der Christenglaube doch immer noch einige Wohnstätten auf Erden, sodass er nicht ganz ausstirbt. „Auch“ steht hier mit besonderem Nachdruck: denn gerade in dem Stande der Obersten herrschte ein so erbitterter, tödlicher Hass gegen das Evangelium, dass man nicht hätte glauben sollen, es fände sich unter ihnen auch nur ein einziger Gläubiger. Umso wunderbarer war die Kraft des Geistes Gottes, der auch dorthin durchdrang, wo anscheinend kein Zutritt für ihn frei stand. Indes ist die Abneigung der Obersten gegen Christum nicht nur ein damals allein vorhandener Übelstand. Fast immer ist Ansehen und Reichtum und hohe Würdestellung mit Hochmut gepaart, weswegen es selten vorkommt, dass solche Leute, die vor lauter Anmaßung kaum noch andere Menschen für ihresgleichen ansehen, sich freiwillig in den Zügel der Demut nehmen. Standespersonen tuen immer gut, wenn sie ihre eigene Größe mit Misstrauen ansehen; wie leicht kann sie ihnen ein Hindernis am Heil werden! Wenn Johannes sagt, es seien viele Gläubige unter den Obersten gewesen, so haben wir das nicht so zu nehmen, als sei die Mehrzahl oder wenigstens die Hälfte dieses Standes gemeint. Mit den anderen verglichen, welche die große Masse bildeten, waren es doch nur wenige. Viele waren es nur, wenn man sie ohne Seitenblick auf die anderen für sich allein betrachtete.

Um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht. Geht es denn an, den rechten Glauben und das Bekenntnis voneinander zu scheiden? Es ist ja undenkbar, dass, wo das Feuer des Glaubens im Herzen glüht, nicht auch nach außen die Flamme dieses Feuers im Bekenntnis des Mundes sichtbar würde (Röm. 10,10). Nun, hier handelt es sich nur darum, zu zeigen, wie groß die Schwäche des Glaubens bei diesen recht lauen oder vielmehr kühlen Menschen war. Sie hatten die Lehre Christi angenommen, weil sie merkten, dass sie von Gott stammte. Aber der Glaube war nicht lebendig in ihnen, besaß nicht die Kraft, die ihm so wohl ansteht. Christus gibt ja den Seinen nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, sodass sie den Mut haben, ein freimütiges, furchtloses Bekenntnis abzulegen, wie er selbst es ihnen vorgemacht hat. Allerdings glaube ich nicht, dass jene Leute ihren Glauben mit keiner Silbe verraten haben: die Meinung des Evangelisten wird nur sein, dass ihr Bekenntnis ziemlich schüchtern zutage kam. Wirklich bekannt würden sie sich zu Jesu doch nur haben, wenn sie ihm offen und klar als dem Messias gehuldigt hätten. Beruhige sich also niemand durch Scheingründe darüber, wenn er irgendwie seinen Glauben versteckt und verschleiert, um dadurch nicht in Ungelegenheiten zu geraten. So verhasst auch der Name Christi sein mag, so unentschuldbar ist gleichwohl die Feigheit, die uns zwingt, auch nur ein klein wenig vom Bekenntnis zu ihm abzubiegen. Auffallend ist, dass gerade bei den Obersten ein Mindermaß von Mut und Kraft sich findet. Solche Leute sind in der Regel vom Ehrgeiz beherrscht; der aber versteht es vorzüglich, den Menschen einen Sklavensinn einzupflanzen. Irdische Ehren sind Ketten von Gold; sie fesseln einen Menschen an Händen und Füßen. Er ist nicht mehr frei zur einfachen Pflichterfüllung. Eine Beobachtung, die unbeachteten, geringen Leuten die Zufriedenheit mit dem ihnen gefallenen Los sehr erleichtern kann. Sie wissen von vielen, und zwar sehr bösen Fesseln nichts. Wie schwer haben doch hochgestellte und vornehme Leute in ihrem Stande zu kämpfen, damit sie sich als treue Untertanen Christi beweisen können! Als diejenige Gruppe, vor der man sich besonders scheut, nennt der Evangelist die Pharisäer. Auch die Schriftgelehrten und Priester würden nicht gleichmütige Zuschauer geblieben sein, wenn sich jemand als Jünger Jesu offen erklärt hätte. Aber in den Pharisäern kochte unter der Decke eines heiligen Eifers eine besonders rasende, wenn auch ohnmächtige Wut. Etwas Hochlöbliches ist wirklicher Eifer um die Reinerhaltung der Religion; wo aber unter der schönen Tünche sich nur Heuchelei verbirgt, da stiftet solcher Eifer mehr Schaden, als die Pest in ihrer schlimmsten Gestalt. Umso inniger sollen wir den Herrn bitten, uns die untrügliche Leitung seines Geistes zu schenken.

Dass sie nicht in den Bann getan würden. Da sehen wir, was den Leuten den Weg zum fröhlichen Bekennen verlegte: sie fürchteten sich davor, mit Schimpf und Schande aus der Synagogen-Gemeinschaft ausgestoßen zu werden. Wie groß ist doch die menschliche Bosheit, dass sie göttliche Einrichtungen, so gut sie auch sein mögen, nicht bloß verdirbt und götzendienerisch verunstaltet, sondern sogar zu seelengefährlicher Tyrannei missbraucht! Der Bann sollte seiner ursprünglichen Bestimmung nach aller Zuchtübung in der Gemeinde Gottes den richtigen Nachdruck verleihen. Gegen die Verachtung der Gemeinde musste eine Strafe zur Hand sein. Und wohin war es mit dem Banne gekommen? Er lag für jeden bereit, der bekannte: „Ich gehöre dem Messias an.“ Hinaus mit ihm aus der Gemeinde der Gläubigen!

V. 43. Denn sie hatten lieber die Ehre usw. Der Evangelist betont, dass diese Leute nicht etwa noch irgendwelche den Christenglauben verdunkelnde Wahnvorstellungen des jesusfeindlichen Judentums festhielten, sondern lediglich bange waren, gesellschaftlich und kirchlich gebrandmarkt zu werden. Hat Ehrgeiz mehr bei ihnen vermocht als Gottesfurcht, so geht daraus hervor, dass ihre früheren eitlen Gewissensbedenken tatsächlich schon überwunden waren. In Gottes Augen ist solch furchtsames Benehmen durchaus verwerflich. Wir sollen unseren Glauben aus Besorgnis vor dem Hass anderer nicht verheimlichen. Es ist verkehrt, ja menschenunwürdig, dem gottlosen Beifall der Menschen den Vorzug zu geben vor dem Wohlgefallen Gottes. Auf solch wahnsinnigen Abweg gerät aber jeder, der menschlicher Missgunst aus dem Wege gehen möchte, wo er doch seinen Glauben rein und unverfälscht bekennen sollte. Moses hielt vor Zeiten um dessentwillen standhaft aus, dass er sich an den Unsichtbaren hielt, als sähe er ihn (Hebr. 11, 27). Heftest du deine Augen auf Gott, so kann dir der Mut nicht geknickt werden, und du hast ein Herz, fester als Stahl. Schämen mögen sich alle, die es für einen kleinen, leicht verzeihlichen Fehler ansehen, wenn sie gelegentlich Christum verleugnen. Der Geist Gottes bezeugt, dass gerade diese Versündigung höchst abscheulich ist: die Menschen auf der Erde werden ja dadurch über Gott im Himmel gestellt. Die Ehre bei den Menschen liebhaben, ist hier so viel als: gern bei den Leuten etwas gelten. Der Evangelist beschuldigt die Verleugner Christi somit, dass ihnen an den Menschen mehr gelegen war, als an Gott. Zugleich aber zeigt er auch, dass der von den Priestern so übel missbrauchte Bann null und nichtig war. Lasst den Bann doch schleudern, wer will; er tut uns nichts, wenn wir wissen, dass man uns doch nur von unserem Heiland abbringen will.

V. 44. Jesus aber rief usw. Mit dem hier aufgezeichneten Worte will Jesus die Seinen zu recht unbeugsamer Glaubensfestigkeit ermuntern, zugleich aber auch die verkehrte Ängstlichkeit der betreffenden Obersten tadeln und beseitigen. Er ruft laut, weil es sich nicht um bloße Belehrung, sondern um eine Aufmunterung handelt, durch die er sie zu freudigem Bekenntnis anspornen will. Der Inhalt seines Ausrufes ist der: Glaubst du an Christum, so verlässt du dich damit nicht auf einen Menschen, sterblich und schwach wie andere auch, sondern auf Gott selbst. Du findest in ihm nur Göttliches, ja, schaust du ihm, so schaust du Gott ins Angesicht. Wie sinnlos deshalb, ja wie unwürdig, im Glauben an Jesum wankelmütig zu sein, als wäre kein rechter Verlass auf ihn! Das ist die größte Beleidigung, die man Gott zufügen kann, wenn man seine Wahrhaftigkeit nicht als zuverlässig ansieht. Erst der ist dem Evangelium wirklich gerecht geworden, der im christlichen Glauben seinen Halt gefunden und nun sich nicht mehr auf Menschen, sondern auf Gott verlässt und dabei sicher und ruhig verharrt, allen Listen Satans zum Trutze. Wollen wir Gott die Ehre geben, die ihm gebührt, so müssen wir im Glauben feststehen lernen, mag gleich das Weltgebäude wanken, der Fürst der Hölle toben und alles unter dem Himmel in Stücke gehen. Christi Gläubige glauben ja nicht an ihn als einen bloßen Menschen, weil sie durch seine irdische Erscheinung hindurchdringen. Jesus stellt sich hier mit dem Vater zusammen und heißt uns auf Gottes Stärke schauen; aus sich heraus hat ja sein schwaches Fleisch keine Festigkeit. Wenn der Herr später in den Abschiedsreden seine Jünger dagegen ermahnt (Joh. 14, 11. 12): „Glaubt an mich!“ – so erklärt sich dies aus der veränderten Lage. Dort handelt es sich nicht um den Gegensatz von Gott und Mensch; dort steht Christum allein im Vordergrund, Christus und die Fülle seiner Gaben, welche vollkommen hinreichen müssen, unseren Glauben aufrecht zu erhalten.

V. 45. Und wer mich sieht. „Sehen“ ist hier so viel wie „Kennen“. Um unseren Gewissen, welches sonst bald diesem bald jenem harten Stoße ausgesetzt sein würde, den vollen, ganzen Frieden zu geben, ruft Jesus uns hin zum Vater. Der ist größer als die Welt; deshalb steht der Glaube sicher und fest. Wo aber Christus in Wahrheit erkannt wird, da erstrahlt er in göttlicher Herrlichkeit, und wir wissen ganz genau: der Glaube an ihn ist kein Hangen an einem Menschen, sondern gründet sich auf den ewigen Gott; wer an den im Fleische erschienenen Christus glaubt, vergöttert nicht einen Menschen, sondern betet den lebendigen Gott an. Hast du solchen Glauben, so hege ihn nicht nur beständig im Herzen, sondern gib von dem, was in deinem Herzen ist, auch unverzagt Kunde mit der Zunge, so oft Gott es will!

V. 46. Ich bin kommen in die Welt ein Licht. Um seine Jünger noch beherzter und unternehmender zu machen, preist Jesus noch weiter die Gewissheit des Glaubens. Und zwar bezeugt er zunächst: Ich bin in die Welt gekommen, um ein Licht zu sein, das die Menschen aus aller Finsternis und allem Irrtum herausbringt. Wie erlangen wir denn nun dies herrliche Licht? Jesus sagt es uns mit den Worten: auf dass, wer an mich glaubt usw. Er macht somit allen denen den Vorwurf der Undankbarkeit, welche sein Evangelium recht gut kennen und doch sich von den Ungläubigen nicht scheiden. Je köstlicher es ist, aus der Finsternis herausgerufen zu werden ins Licht, desto weniger Entschuldigung haben Leute, welche, sei es durch Trägheit, sei es durch Nachlässigkeit, das in ihnen angezündete Licht wieder zum Erlöschen bringen. Großes Gewicht liegt in diesen Worten: Ich bin kommen in die Welt ein Licht! Wenngleich er ja von Anfang Licht war, legt er sich doch nicht ohne besonderen Grund hier diesen Namen bei: Jesus ist wirklich dazu gekommen, um den Menschen den Dienst eines Lichtes zu erweisen.

Halten wir einmal die Stufen genau auseinander: Nicht für sich zunächst, sondern zunächst für andere ist er ein Licht; ferner nicht nur für Engel, sondern auch für Menschen; endlich drittens: er ist im Fleische erschienen, um seinen ganzen Lichtglanz erstrahlen zu lassen. „Wer an mich glaubt“ heißt es teils, weil Jesus sämtlichen Gläubigen ohne Ausnahme diese Wohltat angedeihen lassen will, teils, um den Ungläubigen zu sagen: Wenn ihr es nicht anders wollt und vor dem Licht davonlauft, ist es ganz selbstverständlich, dass ihr in Finsternis untergeht! Schleppte man die ganze Weisheit der Welt in ein einziges Menschenhirn zusammen, in diesem ganzen Wust würde sich kein Fünkchen wahren Lichtes finden lassen, - vorausgesetzt, dass Christus dabei ganz aus dem Spiele bleibt, - im Gegenteil, es würde alles ein ungestalteter Wirrwarr sein: Christus allein ist imstande, uns von der Finsternis zu befreien.

V. 47. Wer meine Worte hört usw. Nachdem Jesus von seiner Gnade geredet und die Seinigen zu standhaftem Glaubensmut angefeuert hat, beginnt er, an die Herzen der Widerspenstigen zu klopfen. Immerhin mildert er auch diesmal die Strenge, welche diese gottlosen Menschen damit wohl verdient haben, dass sie so gut wie vorsätzlich Gott verwerfen. Er nimmt davon Abstand, sie zu richten, weil er ja doch gekommen ist, sie alle zu retten. Man beachte, dass Jesus hier nicht mit irgend beliebigen Ungläubigen redet, sondern mit solchen, denen die Lehre des Evangeliums gezeigt worden ist, und die trotzdem wissentlich und willentlich ihn abweisen. Was hält Christus da noch ab, sie zu verdammen? Er hat zeitweilig alles Richten darangegeben. Umso mehr sollen alle Mut bekommen, Buße zu tun. Allen ohne Unterschied bietet er die Seligkeit an. Alle will er in seine weit geöffneten Arme schließen. Indes wird das Gericht dereinst umso schwerer ergehen über die, welche eine so gütige, holdselige Einladung verschmähten. Jesus will sagen: Schaut her! Da stehe ich, um euch alle herbeizurufen. An Richten denke ich gar nicht mehr. Nur das Eine habe ich im Auge: Alle will ich zu mir locken. Und selbst Leute, die zwiefacher Verdammnis wert wären, will ich noch vom Untergange retten! –

Es wird also niemand um dessentwillen verdammt werden, dass er einmal das Evangelium verächtlich ansah, sondern nur der, welcher die Heilsbotschaft, die er dankbar hätte annehmen sollen, endgültig verwarf und mit klarem Bewusstsein statt des Heils das Verderben wählte.

Der Gegensatz von „richten“ ist hier „selig machen“ oder retten. „Richten“ bedeutet folglich in diesem Ausspruche: „Verdammen“. Retten aber ist der besondere und eigentümliche Beruf Christi. Wenn die Ungläubigen des Evangeliums halber eine umso schwerere Verdammnis werden erdulden müssen, so ist das, wie bereits wiederholt bemerkt, nur eine Begleiterscheinung, eine Nebenwirkung der Evangeliumspredigt.

V. 48. Wer mich verachtet usw. Damit die Gottlosen sich nicht in den Traum einwiegen, sie dürften ungestraft Christum verspotten, kündigt er ihnen an, - sie hätten wohl dabei von Schauder erfasst werden müssen, - dass, wenn er auch selbst nichts gegen sie unternimmt, schon ganz allein seine Lehre genügt, sie in die Verdammnis zu stürzen (vgl. 5, 45).

Seine Meinung ist diese: Ich brenne von dem allersehnlichsten Wunsche, euer Retter zu sein. Daher entäußere ich mich meines Rechtes, euch zu verdammen. Mit meiner ganzen Persönlichkeit gebe ich mich dem Berufe hin, zu retten, was verloren ist. Wähnt aber deshalb nur ja nicht, der Hand des richtenden Gottes entronnen zu sein. Selbst wenn ich den Mund gar nicht auftue zu eurer Verdammung, so vollstreckt mein Wort an und für sich, das ihr jetzt mit Verachtung behandelt, das Gericht an euch.

Und nimmt meine Worte nicht auf. Dieser Satzteil erläutert den vorausgehenden. In den Menschen steckt die Heuchelei von Geburt. So ist ihnen nichts leichter, als mit dem Munde zu prahlen: Freilich sind wir bereit, Christum aufzunehmen! Selbst ganz schlechte Menschen behaupten dies oft ganz keck. Deshalb müssen wir es uns wohl einprägen: Christus wird überall da verworfen, wo seine Worte, genau wie sie dastehen, keine Annahme finden. Diejenigen geben Christo nur einen Judaskuss, die ein großes Rühmen von ihm machen, dabei aber mit Hass zurückweisen, was er gesagt hat. Lasst uns lernen, Jesum in seinem Worte zu suchen; darin ist er. Und dann lasst uns ihm den Gottesdienst, den er einzig und allein verlangt, darbringen, nämlich Gehorsam gegen sein Wort.

Das Wort, welches ich geredet habe. Welch eine unvergleichlich hohe Würde bekommt Jesu Wort dadurch, dass er ihm das Richteramt beilegt! Danach wird das jüngste Gericht einfach darin bestehen, dass gefragt wird: Bist du dem Worte Jesu gehorsam gewesen? Christus wird selber den Richterstuhl besteigen, das Urteil aber wird er fällen gemäß dem hier den Menschen gepredigten Evangelium. Eine solche Ankündigung muss den Gottlosen im höchsten Maße schaurig tönen: Dem Verdammungsurteil seiner Lehre, die sie jetzt in unsinnigem Stolze angreifen, werden sie nicht entfliehen können. Jetzt lachten sie darüber: Wer will uns darum strafen? Dann aber wird ihnen das Lachen vergehen. Für die Frommen birgt eben dieser Spruch den reichsten Schatz des Trostes. Mag die Welt sie auch verdammen, sie sollen nicht daran zweifeln: im Himmel ist ihre Erlösung schon beschlossene Sache; denn überall, wo der Glaube an das Evangelium einen Platz im Menschenherzen gefunden hat, kann Gottes Gericht nur zu einem Freispruch führen.

V. 49. Denn ich habe nicht von mir selber geredet. Jesus steht da als Mensch. Damit seine äußere Gestalt der Erhabenheit Gottes nichts wegnehme, verweist er darum alsbald auf den Vater, wie wir es schon wiederholt antrafen. Und sicherlich muss, wenn es frevelhaft ist, auch nur einen Strahl der göttlichen Ehre jemand anders zu übertragen, auch das Wort, das am großen Gerichtstage das Urteil ausspricht, von Gott selber herrühren. Christus macht hier zwischen dem Vater und sich einen Unterschied, - nicht in Anbetracht der Gottheit, sondern in Anbetracht seiner gegenwärtigen menschlichen Niedrigkeit. Es soll niemand seine Lehre für bloße Menschenlehre halten und deshalb unter Gebühr schätzen. Wären menschliche Gesetze und Lehren die oberste Regel und Richtschnur für unser Gewissen, so wäre der Ausspruch Christi unzutreffend: „Mein Wort wird euch richten“. So kann er aber sagen, weil sein Wort nicht aus Menschengedanken stammt, sondern von dem einigen Gesetzgeber (Jak. 4, 12).

V. 50. Sein Gebot ist das ewige Leben. Abermals weist Jesus auf die Frucht seiner Lehre hin, damit sich ihr jedermann umso lieber unterwerfe. Dann ist es freilich auch recht und billig, dass die Gottlosen die Strafe Gottes zu fühlen bekommen, wenn sie sich weigern, ihn als den Urheber ewigen Lebens anzunehmen.

1) 
Ein römischer Schriftsteller zu Zeiten der Apostel, der eine so genannte Naturgeschichte verfasste.
2) 
Nach unserem Gelde war die Salbe 200 Mark wert.
3) 
Man nimmt jetzt meist an, dass es Heiden waren, die sich als sogenannte Proselyten des Tores in die jüdische Gemeinde hatten aufnehmen lassen.



Kapitel 13

V. 1. Vor dem Fest. Absichtlich übergeht Johannes vieles, das, wie er wusste, schon von Matthäus und den anderen erzählt worden war. Er machte es sich zur Aufgabe, zu behandeln, was sie nicht brachten; so erzählt er denn auch die von ihnen ausgelassene Geschichte von der Fußwaschung. Die nähere Erklärung, wozu eigentlich Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, bringt er hinterher. Hier schickt er nur mit kurzen Worten voraus, er habe mit dieser sinnbildlichen Handlung ein Zeugnis seiner beständigen, unermüdlichen Liebe geben wollen. Er hatte ihnen einmal seine Liebe zugewandt, so ließ er sie auch nicht wieder. Wenn sie ihn nicht mehr sahen, sollten sie doch ganz gewiss sein, dass der Tod seine Liebe nicht ausgelöscht habe. Davon müssen auch wir fest überzeugt sein. Es steht hier: Christus liebte bis ans Ende die Seinen, die in der Welt waren. Weshalb dieser ausführliche Zusatz bei der Bezeichnung der Apostel? Wir sollen wissen, dass sie Christo umso mehr am Herzen lagen, als sie noch alle die gefährlichen, mühseligen Kämpfe durchzustreiten hatten, wie wir alle sie in dieser Welt vor uns haben. Scheint es auch, als wäre Christus weit weg von uns, so dürfen wir trotzdem wissen: er denkt an uns, denn er liebt die Seinen, die sich noch in der Welt aufhalten! Es ist über allen Zweifel erhaben, dass die Liebesgesinnung, die er unmittelbar vor dem Tode und im Tode im Herzen trug, seither in ungeschwächter Kraft weiter bestanden hat.

Dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Ein denkwürdiger Ausspruch des Evangelisten: Christus hatte ein klares Wissen darüber, dass sein Tod nur ein Hinübergehen in Gottes himmlisches Reich war. Wenn er bei der Rückkehr in seine ewige Heimat doch unentwegt weiter die alte Liebe auf die Seinen richtete, so haben wir keinen Grund, anzunehmen, seine Gesinnung habe sich seither geändert. Christus ist der Erstgeborene von den Toten. Seine Gemeinde aber gehört zu ihm als der Leib zum Haupte. Somit passt es auch für sie: der Tod ist nur das Hinübergehen zu Gott; die Gläubigen sind allesamt Pilger zur ewigen Heimat.

V. 2. Bei dem Abendessen usw. Der Evangelist erzählt, die Fußwaschung sei geschehen, als Judas schon beabsichtigte Jesum zu verraten, - nicht nur, um Christi wunderbare Geduld zu zeigen, der es fertig brachte, dem verbrecherischen, treulosen Abtrünnigen die Füße zu waschen, sondern auch, um anzudeuten: er benutzte ganz geflissentlich gerade diese Zeit; er wollte diese letzte Tat seines Lebens in unmittelbarer Nachbarschaft des Todes vollbringen. Wenn Johannes sagt, der Teufel habe dem Judas den Plan des Verrats ins Herz gegeben, so dient das dazu, hervorzuheben, wie grausig diese Untat war. Satans Hand zeigt sich in ihr. Freilich ist es wahr, dass es nichts Böses gibt, das die Menschen unternehmen, wozu sie nicht Satan gereizt hätte. Doch je scheußlicher ein Verbrechen ist, desto deutlicher ist darin die Wut des Teufels zu sehen, der die von Gott verlassenen Menschen nach Willkür hierhin oder dahin mit sich reißt. Der in dem Menschen glühende Funke böser Lust wird durch Satan zu immer hellerer Flamme angefacht. Doch bleibt das Menschenherz der Herd dieses Feuers. In ihm war der erste Funke, es hat begierig den Lufthauch aufgenommen, der die Glut vergrößerte. Satan ist also mit seinem Eingreifen durchaus kein Entschuldigungsgrund für die Gottlosen.

V. 3. Jesus wusste, dass ihm der Vater hatte alles in seine Hände gegeben. Diese Wendung wurde wahrscheinlich hinzugefügt, damit wir wüssten, woher Christus eine solche tiefe Seelenruhe hatte: als Überwinder des Todes erhob er seine Seele zum Anschauen des unmittelbar nach dem Tode erfolgenden Triumphes. Von Furcht ergriffene Menschen sind fast immer in unruhiger Geschäftigkeit: bei Jesu war davon nichts zu merken; wusste er doch, obwohl er binnen wenigen Stunden von Judas ausgeliefert werden sollte, dass der Vater ihm alles ausgeliefert hatte. Wie konnte es dann aber nachher dahin kommen, dass er in eine so tiefe Betrübnis geriet, dass sein Blut gleich Schweißtropfen zu Boden fiel? Es war eben beides notwendig: der Schauder vor dem Kreuzestode und die desungeachtet doch unerschrockene Vollführung der gesamten Aufgabe des Mittlers.

V. 4 u. 5. Legte seine Kleider ab. Natürlich ist nur das Ober-, nicht auch das Unterkleid gemeint. Jesus war, wie das im Morgenlande üblich ist, in weite, faltige Gewänder gekleidet. Die folgenden Worte (V. 5): Er hub an, den Jüngern die Füße zu waschen usw., beschreiben nur die Absicht Jesu, noch nicht sein wirkliches Tun; denn er hat, wie der Evangelist alsbald erzählt, mit Petrus den Anfang gemacht.

V. 6. Herr, solltest Du mir meine Füße waschen? So redet einer, der mit etwas ganz Absonderlichem, Unwürdigem nichts zu tun haben will. Mit der Frage, was Christus denn eigentlich da mache, sucht Petrus ihn sich fern zu halten und ihm Einhalt zu gebieten. Lobenswert ist ja die Bescheidenheit, die den Petrus so reden lässt. Besser aber als jede andere Ehrenbezeugung gefällt Gott der schlichte Gehorsam. Wahre Demut ist immer darauf aus, sich durch Gehorsam Gott völlig unterzuordnen, alle Gedanken fest an seinen Willen gebunden zu halten und ohne Widerworte alles gutzuheißen, von dem Gott klar sagt: So will ich es haben!

V. 7. Was ich tue, das weißt du jetzt nicht. Daraus ergibt sich für uns die Lehre: wir haben einfach zu folgen, mag auch der Grund, weshalb es Christus so oder so haben will, uns nicht durchsichtig sein. In einem wohl geordneten Hauswesen hat das Oberhaupt der Familie alles zu leiten; befiehlt er, so ziemt es dem Gesinde, ihm mit Händen und Füßen zu Dienste zu stehen. Es ist eine unerträgliche Überhebung, wenn jemand einen Befehl Gottes, dessen Grund er nicht einsehen kann, verächtlich behandelt. Ja, die Mahnung Christi geht noch weiter: es soll uns nicht beirren, wenn wir von dem, was uns nach Gottes Willen vorerst noch verborgen sein soll, nichts wissen. An wahrer Gelehrsamkeit übertrifft alle Wissenschaft eine Nichtwissen der Art, dass wir dem Herrn es demütig zugestehen: Deine Gedanken sind höher, als unsere Gedanken.

V. 8. Nimmermehr sollst du usw. Bis dahin war die Zurückhaltung des Petrus noch entschuldbar, obgleich sie freilich nicht ganz recht war. Jetzt versündigt er sich schwerer, weil er trotz des Vorhaltes, den ihm Christus gemacht hat, noch immer nicht nachgibt. Wie verbreitet ist doch dieser Fehler! Erst Irrtum und dann auch noch hartnäckiges darauf Bestehen! Immerhin hat das Verhalten des Petrus einen guten äußeren Schein: aus der Ehrfurcht stammte die Zurückweisung, die er sich gegenüber Christo herausnahm. Petrus will Christum ja nur dazu antreiben, dass er seine Ehre und Würde besser wahre. Aber was auch immer seine Beweggründe waren, - er weist eine ihm angebotene Gottesgnade dadurch ab, dass er es am einfachen, pünktlichen Sichfügen fehlen lässt. Der ist im Glauben wahrhaft weise, welcher alles, was vom Herrn ausgeht, mag es sein, was es will, als gut und wohlgetan sich gefallen lässt und es voll Ehrerbietung hinnimmt. Auf andere Weise vermögen wir Gottes Namen nicht zu heiligen. Halten wir nicht ein für alle Mal alles, was Gott tut, für wohl begründet, so wird gar bald unser Fleisch, frech wie es ist, aufbegehren und nur gezwungen Gott die Ehre widerfahren lassen, die ihm gebührt. In Summa: so lange ein Mensch in seinem Urteil über Gottes Tun nicht die vollkommenste Selbstbescheidung walten lässt, wird auch wirklicher Eifer für Gottes Ehre nichts anderes zustande bringen, als dass er seinen Hochmut in die Gestalt der Demut kleidet.

Werde ich dich nicht waschen usw. Diese Antwort Christi sagt noch nicht ausdrücklich, was er mit dem Waschen der Füße seiner Jünger eigentlich vorhat. Ihre Seele zu waschen war stets sein Bemühen. So ist es denn nichts Unerhörtes, was sich mit seinem Amt nicht vertrüge, wenn er den Jüngern auch einmal einen Teil des Körpers, ihre Füße wäscht. Dabei lässt er schon durchblicken, wie töricht Petrus in seiner Weisheit ist. Gerade so geht es uns, wenn der Herr anhebt, sich mit uns in eine Wechselrede einzulassen. Solange er schweigt, meinen die Menschen, sie hätten guten Grund, anderer Meinung zu sein, als er; doch ihm ist es eine ganze Kleinigkeit, mit einem einzigen Worte unsere schönsten Beweisgründe über den Haufen zu werfen.

Petrus meint: Christus ist doch unser Herr und Meister! Deshalb wäre es grundverkehrt von ihm, wollte er uns die Füße waschen! Er bedenkt nicht, dass er, wenn er Christo dies versagt, gerade das verschmäht, was ihn retten soll. Dieser Spruch enthält die große Grundlehre: Wir alle sind schmutzige, besudelte Menschen in Gottes Augen, solange uns nicht Christus rein gewaschen hat. Er ganz allein beansprucht für sich das Amt des Abwaschens. Deshalb stelle sich nur jeder, der einen Platz unter den Kindern Gottes begehrt, mit all seiner Befleckung bei ihm ein und bitte ihn: Reinige mich! Ehe wir weiter gehen wollen wir festlegen, was eigentlich „waschen“ hier heißt. Die einen beziehen es auf die Sündenvergebung, die anderen auf das neue Leben; wieder andere Ausleger nehmen beides zusammen: Christus wäscht uns, wenn er unsere Sünden durch sein Sühnopfer austilgt. Er wäscht uns ebenfalls, wenn er durch die Wirkungen seines Geistes all die sündigen Gelüste des Fleisches fortschafft.

So richtig nun diese Zusammenfassung an sich ist, so ist doch im Folgenden deutlich von der Erneuerung des Lebens die Rede, sodass der Gedanke an die Vergebung der Sünden an unserer Stelle mehr in den Hintergrund treten dürfte.

V. 9 bis 11. Herr, nicht die Füße allein. Als Petrus hörte, dass er verloren sein müsste, wenn er die ihm vom Herrn gebotene Reinigung nicht annähme, da ließ er seinen Widerspruch fahren. Aber jetzt will er ganz gewaschen werden. Insofern ist dieser Wunsch berechtigt, als er sich darüber klar ist: von Natur bin ich ganz und gar voll Sündenschmutz; deshalb hilft es mir nichts, wenn ich nur auf einer Stelle gewaschen werde. Aber im Irrtum befindet er sich auch hier: er bedenkt nicht, dass er mit seiner Bitte das, was bisher an ihm geschah, für nichts anschlägt. Er redet gerade so, als hätte er bisher noch gar keine Sündenvergebung, noch gar keine Heiligung durch Gottes Geist erfahren. So hat denn Christus alle Ursache, ihn auch diesmal wieder zurechtzuweisen. Er ruft ihm die früheren Wohltaten ins Gedächtnis zurück, - vielmehr, indem er mit diesem Einen redet, ermahnt er eben dadurch die Seinen insgesamt, dass sie alle ihnen schon widerfahrene Gnade in treuem Gedächtnis bewahren und dabei genau erwägen sollen, was ihnen noch für die Zukunft nottut.

Zunächst sagt Jesus von allen Gläubigen (V. 10): Ihr seid rein, - nicht, als wären sie in jeder Beziehung rein, sodass nirgends mehr ein Fleckchen an ihnen hinge, sondern weil sie der Hauptsache nach gereinigt sind, nämlich dadurch, dass die Herrschaft der Sünde über sie gebrochen ist, indem die Gerechtigkeit Gottes den Sieg in ihrem Herzen davontrug, - etwa wie ein Mensch sagen kann: „Gottlob! ich bin ganz gesund!“ wenn sein Körper von keinem Leiden ergriffen ist, das ihn aufs Krankenbett niederzwingt. Es ist also unerlässlich, dass wir durch ein neues Leben das Zeugnis unserer Jüngerschaft erbringen: betont Jesus doch, dass er bei allen, die ihm gehören, Reinheit herstellt. Übrigens ist auch dieser Vergleich genau auf die Sachlage zugepasst, um dem Petrus gerade die Reinigung der Füße als ganz vernünftig begreiflich zu machen. Bei denen, welche Christus erstmalig annimmt, vollzieht er natürlich eine Waschung vom Haupt bis zu den Füßen. Nachdem er sie aber in dieser Weise gereinigt hat, braucht er nur den Teil, der täglich vom Erdenstaube beschmutzt wird, zu reinigen. Kinder Gottes werden nicht gleich am ersten Tage ganz und gar umgewandelt, sodass nun ihr Leben lauter himmlisches Wesen atmete. Ach nein, es bleiben in ihnen Überreste des alten Fleischeslebens, mit denen sie, so lange sie auf Erden leben, in beständigem Kampfe zu liegen haben. Dass nur noch die Füße gewaschen werden, bedeutet also: auch die letzten Regungen unseres Seelenlebens, die noch von der Welt beeinflusst werden, müssen verschwinden. Würde der Geist Gottes alles an und in uns sich zu eigen machen, dann hätten wir weiter nichts mehr mit der Welt zu schaffen. Nun aber sind wir noch zum Teil Fleischesmenschen. Soweit wir aber im Staube kriechen oder wenigstens mit unseren Füßen in dem Straßenschmutz einhergehen, genau ebenso weit sind wir der Reinigung bedürftig. So findet Christus immer etwas zu waschen an uns. Übrigens handelt es sich hier nicht um die Sündenvergebung, sondern um die Erneuerung des gesamten Lebens. Allmählich und immer durchgreifender und umfassender löst Christus die Seinigen schließlich ganz von den fleischlichen Begierden los.

Aber nicht alle. Dies setzt der Herr hinzu, damit jeder sich genau erforsche. Dabei hätte ja Judas noch von Reue ergriffen werden können. Doch wie die Dinge lagen, war des Meisters Hauptabsicht wohl, die Jünger rechtzeitig zu wappnen, dass sie nicht durch das abscheuliche Verbrechen, welches ja nun bald an den Tag treten sollte, ganz kopflos würden. Sie sollten nicht denken können, eine solche Freveltat sei in einem Herzen ausgesonnen worden, das von himmlischer Gnadenwirkung durchströmt wurde. Den Namen nennt Jesus absichtlich nicht; er will dem Verräter dadurch nicht die Tür zur Buße versperren. Doch es war bereits jedes Fünkchen guten Willens in Judas erloschen; so mehrte diese Mahnung nur noch seine Schuld. Den anderen Jünger aber war sie sehr heilsam: umso besser erkannten sie den göttlichen Blick Christi; auch merkten sie daran, dass Reinheit eine hohe Gabe des Geistes ist, die nicht jeder hat.

V. 12 u. 13. Jetzt endlich setzt Christus seinen Jüngern auseinander, was er dabei im Sinne hatte, als er ihnen die Füße wusch. Denn was er bezüglich der geistlichen Waschung einflocht, war ein Nebengedanke, noch nicht die eigentliche Meinung. Hätte Petrus sich, ohne Umstände und Einwendungen zu machen, gleich waschen lassen, so würde der Herr das Erste gar nicht berührt haben. Weshalb verfuhr er nun so? Er, der Herr und Meister von ihnen allen, hat damit ein Beispiel aufgestellt, dem alle Frommen nachfolgen sollen. Es darf sich niemand darüber beschweren, wenn er sich herablassen muss, irgendeinen Liebesdienst, und wäre er äußerlich betrachtet so erniedrigend und unangenehm wie das Fußwaschen, seinen Brüdern und Freunden zu erweisen. Die Versäumnis der Liebespflicht hat darin ihre Wurzel, dass jeder in übertriebenem Selbstgefühl fast alle anderen von oben herunter betrachtet. Nicht nur im Allgemeinen wollte Jesus bescheidene Demut lehren, sondern seinen Jüngern insbesondere die Regel der Liebe einprägen, dass sie einander dienen sollten. Wo sich nicht jeder durch freiwillige Hilfeleistung dem Nächsten zum Knechte macht, da ist noch keine wahre Liebe.

Wisset ihr, was ich euch getan habe? Wie wir sehen, hat Christus nur deshalb einstweilen seine Jünger im Unklaren gelassen, weil er ihren Gehorsam prüfen und dann erst ihnen das klar legen wollte, was sie vorher nicht hatten wissen sollen. Nunmehr wartet er nicht ab, bis sie fragen, sondern gibt ihnen aus freien Stücken Aufschluss. Gerade so wird er es mit uns halten, wenn wir uns nur ihm und der Leitung seiner Hand ganz überlassen haben, auch auf Wegen, die uns fremd und unbekannt waren.

V. 14. So nun Ich, euer Herr usw. Der Hochmut sucht zu hindern, dass wir so, wie wir sollten, auf gleichem Fuße miteinander verkehren. Wie beschämend ist es doch da für jeden Hochmütigen, wenn Christus, über alle so hoch erhaben, sich so tief herablässt! Vor ihm müssen alle erröten, die etwas Besseres sein und sich von der brüderlichen Gemeinschaft ausschließen wollen. Für wen hältst du dich denn, du sterblicher Mensch, der du dich weigerst, die Lasten der Brüder zu tragen, dich den Sitten der anderen anzupassen, kurz, allerlei Pflichten auf dich zu nehmen, durch welche die Einheit der Gemeinde aufrecht erhalten bleibt? Das muss ein ganz aufgeblasener Mensch sein, welcher nicht bedenkt: um deswillen weile ich unter schwachen Brüdern, damit ich mich auch anscheinend schmutzigen Pflichten mit Güte und Freundlichkeit unterziehe! – Beachte, dass Christus mahnt:

V. 15. Ein Beispiel habe ich euch gegeben. Es geht ja gewiss nicht an, alles, was er getan, ohne weiteres nachzumachen. In der römischen Kirche prahlt man: nach Christi Beispiel halten wir jedes Jahr ein vierzigtägiges Fasten. Doch müsste man zunächst einmal untersuchen, ob Christus da wirklich ein Beispiel hat geben wollen, dass den Jüngern künftig als Richtschnur für die Gestaltung ihres eigenen Lebens dienen sollte. Bei dem vierzigtägigen Fasten Jesu heißt es nicht: ein Beispiel habe ich euch gegeben. Demzufolge ist ein Nachmachen hier gar nicht am Platze; gerade so könnte man auch versuchen, Jesu nach zum Himmel empor zu fliegen. Aber auch hier, wo ein entsprechender Hinweis steht, ist nicht die Meinung, dass wir die Fußwaschung etwa durch eine jährlich wiederholte theatralische Zeremonie buchstäblich nachmachen sollten: vielmehr sollen wir in unserem ganzen Leben uns bereithalten, den Brüdern „die Füße zu waschen“, d. h. ihnen die niedrigsten Liebesdienste zu erweisen.

V. 16 u. 17. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch. Die hier folgenden Worte lassen sich zwar ganz allgemein als Sprichwörter gebrauchen, wollen aber zunächst im vorliegenden Zusammenhange verstanden sein. Jesus will demgemäß seinen Jüngern gar nicht bloß die allgemeine Mahnung erteilen, ihr Kreuz geduldig zu tragen. Vielmehr fügt er ausdrücklich hinzu: So ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr es tut. Einer wahren Erkenntnis werden sich die Jünger also erst rühmen dürfen, wenn dieselbe sie anleitet, ihrem Haupte in allen Stücken sich gleich zu gestalten. Unser Wissen ist ein leerer Wahn, wenn wir Christus und seine Gestalt uns innerlich fern halten. Wer nicht lernen will, den Brüdern zu dienen, weiß noch gar nicht wirklich, ob Christus sein Meister ist. Wenn aber niemand sich wirklich mit seiner ganzen Person dem Dienste der Brüder widmet, wenn viele sogar ohne Eifer und Wärme die Pflichten der Liebe ausüben, so wird daran ersichtlich, wie weit wir noch von dem vollen Lichte des Glaubens entfernt sind.

V. 18. Nicht sage ich von euch allen. Nochmals deutet Jesus an, dass unter den Jüngern sich einer befindet, der nichts weniger ist, wenigstens der Sache nach, als ein Jünger. Er berührt diesen Punkt nochmals, einesteils des Judas wegen, - umso mehr wird ihm dadurch jede Entschuldigung entrissen, - andernteils der übrigen Jüngergemeinschaft wegen, - der Sturz des Judas soll keinen von ihnen mit in den Abgrund ziehen. Aber der Herr ermahnt seine Jünger nicht bloß, dass sie trotz des Falles des Judas in ihrer Berufung feststehen sollen: der Umstand, dass nicht alle zu gleichem Glück kommen werden, soll ihnen sogar ein besonderer Antrieb zu treuem Ausharren werden. Solches Beständigbleiben hat freilich nach unserer Stelle seinen Grund allein in der Erwählung durch Christum. Unbeständig, wie die Tugend der Menschen ist, würde die Treue im Jüngerberuf auch bei jedem Lufthauch ins Wanken geraten und schon bei einem ganz leichten Stoße hinfallen, hielte sie nicht der Herr aufrecht mit seiner Hand. Einzig deshalb, weil der Herr seine Auserwählten regiert, wird Satan mit Aufbietung all seiner Ränke nichts ausrichten: treu und fest beharren sie bis ans Ende. Aber nicht nur Fortsetzung und Bestand der Frömmigkeit, - das Beharren bis ans Ende, - sondern auch ihr Anfang hängt ganz an der Erwählung. Wovon kommt es, dass der eine sich mehr als der andere dem Worte Gottes hingibt? Davon, dass er erwählt ist. Und wovon kommt es, dass derselbe auch ferner den rechten Weg wahren Christentums geht? Einfach davon, dass Gottes Vorsatz unabänderlich ist: Er will vollenden, was er angefangen hat. Der Unterschied zwischen den Kindern Gottes und den Ungläubigen stammt in letzter Linie davon her, dass die einen vom Geiste der Kindschaft zur Seligkeit, die anderen von ihrem ungezügelten Fleisch ins Verderben geführt werden.

Statt: Ich weiß, welche ich erwählt habe, hätte ja Christus sagen können: Ich weiß, was aus einem jeden von euch einmal werden wird. Er sagt jedoch nicht anders, weil die Jünger nicht sich selbst, sondern allein seiner Gnade ihre Rettung zuschreiben sollen. Nicht dadurch, dass sie selber etwas leisten, sondern dadurch, dass Christus sie erwählt hat, sind sie nicht wie Judas. Auch bei uns hängt die Seligkeit ganz und gar von der Erwählung durch Christum ab. Wenn er an anderen Stellen auch Judas zu den Auserwählten rechnet, so ist das kein Widerspruch; Erwählung ist da nur in anderem Sinne genommen. Es gibt eine zeitliche Erwählung, wodurch Gott uns einen bestimmten Wirkungskreis zuweist: zum Könige war Saul von Gott erwählt, - und doch gehörte auch dieser (zeitlich) Erwählte zu den (ewig) Verworfenen. Wie Saul zeitweilig als ein trefflicher König dastand, geschmückt mit königlichen Tugenden, so war auch Judas ausgerüstet mit schönen Eigenschaften, wie sie einem Apostel Christi wohl anstanden, - und doch ist die Heiligung des Geistes, mit der Gott nicht solche zeitlich Erwählten, sondern ganz ausschließlich seine von Ewigkeit geliebten Kinder begnadigt, noch eine ganz andere Sache. Er gibt ihnen einen neuen Sinn, ein neues Herz, sodass sie in seinen heiligen Augen untadelig und rein sind. Diese Erwählung allein wurzelt unaustilgbar fest, denn Gott reut seine Erwählung nicht. Jedenfalls bleibt es dabei: nur der göttlichen Erwählung haben wir es zu verdanken, wenn wir Christi Worte im Glauben erfassen und im Leben befolgen.

Übrigens haben wir hier ein deutliches Selbstzeugnis Christi von seiner Gottheit: einmal dadurch, dass er sagt, er wisse, - nicht nur, er denke es sich so, wie eben ein Mensch über dergleichen urteilt, - ferner dadurch, dass er sich als den Urheber der Erwählung bezeichnet. Ein solches Wissen und vollends eine solche Erwählung, welche vor Erschaffung der Welt geschah, steht doch nur Gott zu. So liegt in diesem Ausspruch ein reichlich ebenso starkes Zeugnis, als wenn die Schrift hundertmal den Herrn Jesus geradezu mit dem Gottesnamen auszeichnen würde.

Es muss die Schrift erfüllt werden. Es schien ein ganz unvollziehbarer Gedanke, dass zur Ehre des apostolischen Berufs ein Mann erwählt sein könnte, dem es an wahrer Frömmigkeit fehlte. Man musste doch die Frage aufwerfen: Warum hat Christus nicht lauter Männer erwählt, die er bleibend unter seine Apostel aufnehmen wollte? Warum hat er einen erwählt, dessen Frevel er voraussah? Allen diesen Gedanken hält er die Weissagung entgegen: es sollte so gehen. Auch ist es ja vor ihm schon dem David ganz gerade so ergangen. Das angeführte Psalmwort soll nach einigen Auslegern nur auf Christum genau zutreffen und deshalb hier herangezogen sein. Die anderen meinen: Es handelt sich um einen bloßen Vergleich; gleichwie David im eigenen Hause schändlichen Verrat von einem Feinde erfuhr, so kommen auch andere Kinder Gottes in eine ähnliche Lage. Dann wäre der Sinn: Ist einer von meinen Jüngern ein schändlicher Verräter seines Meisters, so hat sich solche Treulosigkeit nicht erst jetzt in diese Welt eingeschlichen: es trifft nur wieder einmal ein, was nach dem Zeugnis der Schrift auch in der Vorzeit schon vorgekommen ist. Aber da in Davids Person und Erlebnissen es schattenhaft angedeutet war, was dann in vollkommenerer Weise später an Christo in die Erscheinung trat, so pflichte ich gern den erstgenannten Auslegern bei, nach deren Auffassung David in prophetischem Geist vorausgesagt hat, was dann bei Christo selbst erst in wirkliche Erfüllung ging.

Tritt mich mit Füßen. Eigentlich: erhebt seine Ferse gegen mich. Dieser Ausdruck bedeutet: Anscheinend mein vertrauter Freund, greift er mich doch hinterlistig an, um mich, während ich keine Gefahr vermute, zu verderben. – Hat Christus, unser Haupt und unser Vorbild, solches erlitten, so müssen auch wir, die Glieder, es geduldig ertragen. In der Christenheit wohl aller Jahrhunderte war es gang und gäbe, dass ihre schlimmsten Feinde sich in ihrem eigenen Schoße befanden. Wollen die Gläubigen durch einen so unwürdigen Zustand der Gemeinde nicht ganz verstürzt werden, so mögen sie sich bei Zeiten an den Gedanken gewöhnen: Es gibt mitten unter uns Verräter; und es bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu ertragen.

V. 19. Jetzt sage ich es euch. Mit diesem Ausspruche mahnt Jesus die Seinen: Weit entfernt, dass das Hervorgehen eines Verworfenen aus eurer Mitte euch ins Wanken bringen müsste, ist es vielmehr dazu angetan, eurem Glauben einen neuen Halt zu verschaffen. – Würden wir in der Gemeinde nicht mit eigenen Augen wahrnehmen, was die Propheten von ihren Nöten und Kämpfen vorhersagten, so würde mit gutem Grunde in unseren Herzen die bange Frage sich erheben: Wo bleibt die Erfüllung der Weissagungen? Wenn nun aber Schrift und Erfahrung uns das Nämliche sagen, dann gewinnen wir umso mehr den Eindruck: Gott kümmert sich um uns; seine Vorsehung leitet uns.

Dass ich es bin. Das bedeutet: dass ich der verheißene Messias bin. Nun will Christus nicht sagen, erst der Verrat des Judas habe einen Glaubensanfang bei den Jüngern bewirkt; sie haben nur immer größere Fortschritte im Glauben gemacht, je mehr sie merkten, dass alles, was Jesus dazumal gesagt hatte, wirklich eintraf.

V. 20. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch. Entweder teilt hier der Evangelist einen ganz unvermittelt auftretenden neuen Ausspruch Christi mit, oder wir bleiben im alten Zusammenhange. Und dann begegnet Christus offenbar mit diesem Wort dem Ärgernis, welches, wie vorauszusehen war, sich aus der Freveltat des Judas erhob. Die Evangelisten breiten ja nicht immer in den Reden Jesu, die sie uns berichten, ein großes, in sich allseitig zusammenhängendes Gewebe seiner Worte vor uns aus; bisweilen schichten sie sozusagen eine Sammlung recht mannigfaltiger Aussprüche vor uns auf. An und für sich ist es also möglich, dass wir in unserem Verse einen ganz vereinzelten Ausspruch dargeboten erhalten.

Indes spricht doch die größere Wahrscheinlichkeit dafür, dass Christus dem Ärgernis vorbeugen und wehren wollte. Wie leicht schlagen doch böse Beispiele unserem Glaubensleben ernsthafte Wunden! Wenn ein einziger Mensch, der in führender Stellung sich befand, zu Falle kommt, dann verblutet sich aus tödlicher Wunde das Christentum vieler, die auf ihn schauten und bauten, wogegen das treue Ausharren von zehn, ja von zwanzig frommen Christen kaum einen einzigen Ungläubigen bekehrt.

Christus lässt seine Jünger das Schauerliche mit eigenen Augen sehen, dass Judas fällt; da muss er ihnen zugleich eine helfende Hand bieten, dass sie nicht rückwärts taumeln, von dem Unerhörten erschüttert. Und er dachte nicht nur an sie, er sorgte auch für die Späteren. Hätte er das nicht getan, so könnte auch uns noch die Erinnerung an Judas schweren Schaden bringen. Kann der Versucher uns nicht die Lehre Christi zum Ekel machen und uns dadurch von Christo scheiden, so sucht er uns doch dadurch zu fangen, dass er uns die Diener Christi widerwärtig oder verächtlich macht. Die Mahnung Christi an unserer Stelle zeigt, dass es ungerecht wäre, wollten wir um der Gottseligkeit willen, die wir an diesem oder jenem sehen, der sein Amt nicht richtig, ja wohl gar in schändlicher Weise verwaltet, überhaupt alle Achtung vor den apostolischen Männern fahren lassen.

Verachte sie nicht! Weshalb? Weil Gott der Urheber des Apostelamtes ist: und an Gott selber werden wir niemals das Geringste finden, was Verachtung verdiente, - ja weil Christus selbst dies Amt eingesetzt hat, der, vom Vater zum alleinigen Lehrmeister der Menschheit bestimmt, durch den Mund seiner Apostel redet. Wer also keine Lust hat, die Diener des Evangeliums aufzunehmen, der verwirft in ihnen Christum. Wer aber Christum verwirft, der hat in ihm Gott verworfen.

Seitens der römischen Kirche ist es freilich eine Torheit, wenn sie die päpstliche Gewaltherrschaft durch diesen Ausspruch Christi befestigen will. Zunächst schmücken sich die Römischen mit fremden, ja mit gefälschten Federn: denn von innerer Verwandtschaft mit den Aposteln Christi sehen wir bei ihnen nichts. Aber selbst wenn wir zugestehen wollten, dass man dort apostolische Männer aufweisen könne, so lag doch Christo an dieser Stelle nichts ferner, als seine Vorrechte an Menschen abzutreten. Nur der nimmt auf, wen Christus sendet, der ihm die Möglichkeit gewährt, sich seines Auftrages vom Herrn zu entledigen.

V. 21. Da solches Jesus gesagt hatte. Je heiliger das Apostelamt ist, je größer seine Bedeutung, umso abscheulicher und verwerflicher war der Verrat des Judas. Darum erfüllte Christus selber dies schrecklich Ungeheure so sehr mit Entsetzen. Er sieht durch die schier unglaubliche Schandtat des Einen den geheiligten Stand besudelt, in dem Gottes heilige Erhabenheit sich rein hätte abspiegeln sollen. Deshalb gebraucht auch der Evangelist hier den Ausdruck: er zeugte und sprach. Das einfache „Sagen“ genügte hier nicht, weil die Angelegenheit so schauerlich war, dass man dem bloßen Worte nicht alsbald geglaubt haben würde. Dass Christus im Geiste betrübt ward, erzählt der Evangelist, damit wir daraus ersehen: Er hat nicht nur durch Gesichtsausdruck und Worte den Anschein eines betrübten Menschen erweckt, nein, er war in tiefster Seele voll Traurigkeit. „Geist“ bedeutet hier so viel wie „Seele“, „Gemüt“. Christus hat also wirklich innerlich gelitten und sich nicht etwa nur so gestellt. Das aber zu wissen ist für uns von Wichtigkeit, da sein heiliger Eifer uns als Vorbild gezeigt werden soll; auch wir sollen von Schauder ergriffen werden beim Anblick solcher Ungeheuer, die das Heiligtum Gottes und die Ordnung der Kirche zerstören.

V. 22. Da sahen sich die Jünger untereinander an. Sie sind sich zwar nichts Arges bewusst, werden aber doch bange bei Christi Ausspruch; Judas allein war in seiner Bosheit so unempfindlich, dass es ihn kalt ließ, was Jesus sagte. Die Jünger trauten es der Würde ihres Meisters zu, dass er nicht leichthin rede. Aus dem Herzen des Judas dagegen hatte Satan so völlig die Ehrfurcht vor Christi Rede ausgetrieben, dass alle Ermahnungen wirkungslos daran abprallten; dies Herz war härter als Felsgestein. Aber war es denn nicht recht wenig freundlich von Christo, dass er unschuldige Menschen hier in eine so qualvolle Aufregung versetzt? O nein! Diese Stunde der Angst war ihnen von Nutzen; dadurch aber ist das Verfahren Christi gerechtfertigt. Es ist den Kindern Gottes heilsam, das Urteil über die Gottlosen zu vernehmen und dadurch auch selber in qualvolle Erregung zu kommen; denn dann prüfen sie sich selber und hüten sich ernstlich vor bloßem Scheinchristentum. Wir lernen auch das aus gegenwärtiger Stelle, dass bisweilen die Gottlosen, ohne dass man gleich mit Fingern auf sie zeigt, mit aller Entschiedenheit vorgenommen werden müssen; Gott wird es dann schon zu seiner Zeit an den Tag bringen, wer gemeint war. Es gibt ja oftmals Missstände in einer Gemeinde, an denen man nicht mit Stillschweigen vorübergehen darf. Doch ist auch wohl die Schlechtigkeit noch nicht so ausgereift, dass man die Hülle daran abstreifen könnte. Dann gilt es, sich in der hier angegebenen Weise in der rechten Mitte zu halten.

V. 23 bis 25. Welchen Jesus lieb hatte. Die Vorliebe, welche Christus für Johannes gefasst hatte, bezeugt klar, dass es nicht in allen Fällen gegen die Liebe ist, wenn wir einige mehr lieben als andere. Doch muss jedenfalls unsere Liebe, wenn sie die rechte Bahn inne halten will, auf Gott selber schauen. Dem nur, der durch besondere Gaben Gottes ausgezeichnet ist, dürfen wir auch eine besonders innige Liebe zuwenden. So hat es Christus ganz ausnahmslos gehalten. Bei uns ist es leider weit anders; der gesamten Eitelkeit unseres Herzens entsprechend geschieht es sehr selten, dass die Liebe zu einem Menschen uns näher zu Gott bringt.

Derselbige lag an der Brust Jesu. Heutzutage würde eine derartige Lage wenig schicklich erscheinen; die Sitte hat sich eben geändert. Damals lag man so. Man saß nicht, wie bei uns, an einem Tische, sondern man lag, die Schuhe ausgezogen, auf Kissen gestützt, auf Polstern und beugte sich ein wenig nach vorn, um Speise zu sich zu nehmen. So lag man Brust an Brust oder Rücken an Rücken.

V. 26. Dem ich den Bissen eintauche. Aber weshalb reicht Jesus eigentlich dem Verräter den Bissen hin? Weshalb nennt er ihn denn nicht, wenn er ihn bezeichnen will, mit Namen? Er hat gerade diese Art der Bezeichnung gewählt, weil nur Johannes den Judas schon als den Verräter kennen sollte. Christus wollte ihn damals noch nicht vor allen entlarven. Übrigens war es gut, dass ein Jünger davon wusste; er konnte späterhin das, was er anfänglich für sich behalten sollte, den anderen mitteilen. Absichtlich verschob Jesus noch die Enthüllung des Verräters für alle; umso mehr sollen wir uns darein finden, dass die Heuchler zunächst verborgen bleiben. Es kommt die Stunde, da sie sich nicht mehr verstecken können. Judas ist verdammt durch den Mund seines Richters; gleichwohl bleibt er ruhig an einem Tische mit den anderen sitzen. Um nichts besser ist die Lage derer, die sich heutigen Tages unbefugt bei den Kindern Gottes eindrängen.

V. 27. Fuhr der Satan in ihn. Wenn Judas schon den Plan zu seiner Tat ohne Zweifel nur aus Eingeben des Satans fassen konnte, wie kann es dann heißen, dass der Satan, der längst sein Herz beherrschte, erst jetzt in ihn gefahren sei? Ganz in dem Sinne, wie es oft von Leuten, die in gewissem Betracht längst gläubig waren, heißt, dass sie glaubten, d. h. einen Zuwachs ihres Glaubens erfahren. So fährt der Satan in Judas, wenn dieser sich jetzt ganz und gar dem Satan hingibt, um in leidenschaftlichem Drange sich von ihm zum Äußersten mit fortreißen zu lassen. Wie geheiligte Menschen Schritt für Schritt vorwärts kommen, und es dann jedes Mal, wenn sie einen Zuwachs göttlicher Gaben empfangen, von ihnen heißt: sie wurden voll heiligen Geistes, - so geht es umgekehrt auch mit den Gottlosen. Jedes Mal, wenn sie durch erneute Undankbarkeit Gottes Zorn auf sich herabziehen, übergibt der Herr die durch seinen Geist der Vernunft und des Verstandes Entblößten dem Satan. Furchtbare Rache Gottes, wenn Menschen dermaßen in verwerfliche Gesinnung dahingegeben werden, dass sie sich kaum noch vom Vieh unterscheiden, ja vielmehr Schandtaten begehen, die das Vieh selbst verabscheut! Somit tut es uns not, gar sorgsam in der Furcht Gottes zu wandeln, damit er nicht, wenn wir mit unserer Bosheit seiner Güte lange genug Trotz geboten haben, uns endlich dem Gelüsten Satans ausliefere.

Übrigens saß Satan nicht etwa in dem von Christo dargereichten Bissen. Judas hat vielmehr in dem Augenblick, als er den Bissen annahm, sich Satan mit Leib und Seele übergeben. Nicht um des Bissens willen, sondern bei Gelegenheit seiner Annahme hat er das getan. Ein Herz, härter als Eisen, hätte angesichts der Milde und Nachsicht Christi erweicht werden müssen. Eine solche verzweifelte, unheilbare Hartnäckigkeit jedoch verdient es, dass Gott zufolge seines gerechten Gerichtes das Herz dieses unseligen Menschen durch Vermittlung Satans noch mehr verhärtet. Ebenso geht es zu, wenn wir durch Wohltaten an Feinden glühende Kohlen auf ihre Häupter sammeln; sind sie ganz unheilbar, so gereichen ihnen die so ganz anders gemeinten Wohltaten nun erst recht zum Verderben. Statt uns zu lieben, hassen sie uns umso mehr.

Was du tust, das tue bald. Wenn Jesus dem Judas diese Worte zuruft, so will er ihn natürlich nicht zu seiner Übeltat ermutigen. Es spricht sich vielmehr darin der Abscheu vor dieser Tat aus. Bislang hat er alle Mühe angewandt, um ihn bald so, bald so von der Ausführung seines Planes abzuhalten. Es hat nichts geholfen. So spricht er denn jetzt mit ihm als mit einem Menschen, der sich nicht mehr helfen lassen will: So fahre denn ins Verderben, wenn du es durchaus nicht anders haben willst! Jesus waltet hierbei seines Amtes als Richter, der das Todesurteil ausspricht, nicht über solche, denen er aus eigenem Antriebe das Verderben anwünscht, sondern über die, welche durch eigene Schuld sich bereits selber ins Verderben gestürzt haben. Kurz, Christus verhängt nicht erst unausweichliches Verderben über Judas, - er spricht es nur aus, dass er solch ein verlorener Mensch ist, wie er es schon vor diesem Ausspruche Christi war.

V. 28. Dasselbige aber wusste niemand usw. Entweder hatte Johannes das, was er von Christus gehört hatte, den anderen noch nicht berichtet, oder aber sie waren dermaßen erschüttert, dass ihre Geistesgegenwart dadurch gelähmt wurde. Ja, wahrscheinlich ist Johannes selber damals wie außer sich gewesen. Was übrigens die Jünger damals erlebten, kommt, wie der Augenschein lehrt, in der Christenheit oftmals vor, nämlich, dass von den Gläubigen nur wenige das Unterscheidungsvermögen besitzen zur Erkennung der vom Herrn so klar und deutlich verdammten Heuchler.

V. 29. Dass er den Armen etwas gäbe. Es ist aus anderen Stellen hinlänglich bekannt, in was für dürftigen Verhältnissen Christus lebte. Trotzdem hat er von dem Wenigen, was er besaß, noch den Armen etwas abgegeben und so durch sein Tun eine Regel für uns aufgestellt. Die Apostel wären gewiss nicht auf die Vermutung gekommen, der Herr habe von den Armen geredet, wenn es nicht überhaupt gewohnte Sitte bei ihm gewesen wäre, die Armen zu unterstützen.

V. 30 u. 31. Nun ist des Menschen Sohn verklärt. Die letzte Stunde stand nahe bevor. Christus wusste, wie wenig beherzt die Seinen waren. So suchte er sie denn auf alle Weise, so gut es ging, zu stützen, damit sie nicht zusammenbrächen. Noch heute bringt uns der bloße Gedanke an Christi Kreuzigung zum Zittern, wenn uns nicht alsbald der tröstliche Gedanke zu Hilfe kommt: Gerade am Kreuze hat er ja über Satan, Sünde und Tod triumphiert! Wenn es uns so gehen kann, wie musste es dann gar um die Jünger bestellt sein, wenn sie binnen kurzem den Herrn, mit jeder Art von Schmach bedeckt, zum Kreuze schleppen sahen? Hundertfach mehr konnte sie, die Augenzeugen, dieses jammervolle und abstoßende Schauspiel vernichtend treffen. Deswegen will Jesus will diese Gefahr beseitigen, indem er ihre Augen von dem äußeren Anblicke seines Todes weg und auf den geistlichen Ertrag desselben hinschauen lässt. Sobald also am Kreuze die Schmach sichtbar wird, die für sich allein die Gläubigen in Bestürzung versetzen könnte, bezeugt Christus: alles gegenteiligen Anscheines ungeachtet bringt mir dennoch eben das Kreuz die Verklärung. –

Das folgende Satzglied: und Gott ist verklärt in ihm, ist zur Bestätigung hinzugesetzt. Denn das war ja allen Menschengedanken zuwider, dass ein solcher Tod, bei den Menschen schimpflich, ja bei Gott sogar verflucht, die Verklärung des Menschensohnes zur Folge haben sollte. So gibt Jesus denn den Grund an, wie er sich durch diesen Tod Herrlichkeit erwerben wird: er verklärt dadurch Gott den Vater. Am Kreuze Christi ward ja, wie in einem eindrucksvollen Schauspiel, die unvergleichliche Güte Gottes für die ganze Welt sichtbar. In allen Kreaturen, von der höchsten bis zur niedrigsten, erstrahlt die Herrlichkeit Gottes, nirgends aber leuchtender als am Kreuze, an welchem der wunderbare Umschwung der Dinge geschah: gezeigt wurde die Verdammlichkeit aller Menschen, abgeschafft die Sünde, den Menschen die Rettung dargeboten, endlich der ganzen wiederhergestellten Welt die völlige Ordnung zurückgegeben.

V. 32. Ist Gott verklärt usw. Christus zieht die Schlussfolgerung: Aus einem Tode, in dem ich nur die Verklärung meines Vaters im Auge habe, werde ich in herrlichem Triumphe hervorgehen. Der Vater sucht ja nicht einseitig nur für sich Verklärung durch den Tod seines Sohnes; er will ihm an eben dieser Verklärung Anteil geben. Bald wird, so verspricht Jesus, die Schande getilgt sein, die ich nur vorübergehend auf mich nehmen werde, und dann wird mein Leiden und Sterben in unvergänglicher Schönheit leuchten. Dies Versprechen hat er gehalten. Anstatt die Hoheit Christi in Schatten zu stellen, hat vielmehr der erlittene Kreuzestod seine Hoheit erst ins rechte Lichte gestellt: in vollen Strahlen erglänzt von Golgatha aus seine unfassbar große Liebe gegen die Menschheit, seine abgrundtiefe, die Sühnung aller Schuld, die Versöhnung des Zornes Gottes bewirkende Gerechtigkeit, seine Heldenkraft, die in der Überwindung des Todes, in der Unterjochung Satans, in der Erschließung der Himmelspforten Wunder verrichtete. Was aber Christus hier von sich sagt, das findet auch auf uns seine Anwendung. Mag die ganze Welt sich verschwören, Schmach und Schande auf uns zu häufen, wenn wir nach wie vor in Lauterkeit und von Herzen der Ehre Gottes zu dienen uns befleißigen, so ist kein Zweifel daran: auch Er wiederum wird uns Ehre zuwenden. Umso tröstlicher wird die Verheißung, die Christus gibt, dadurch, dass er betont, solches werde bald geschehen. Wenn nun auch die Verklärung, von welcher er hier redet, am Ostermorgen begann, so denkt er doch wohl vor allem an die bald danach erfolgende Ausbreitung des Evangeliums von ihm, der für uns starb und auferstand, in aller Welt.

V. 33. Lieben Kindlein, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ganz selbstverständlich wurden die Jünger beim Scheiden ihres Meisters von tiefster Traurigkeit erfüllt. Er erinnert sie deswegen bei Zeiten daran, dass er nicht mehr für längere Zeit bei ihnen sein wird. Damit verbindet er eine Ermahnung zur Geduld. Endlich sagt er ihnen, um unerfüllbare Wünsche der Sehnsucht nach dem Zusammensein mit ihm nicht aufkommen zu lassen, dass sie ihm nicht sogleich nachfolgen können. Durch die liebkosende Anrede gibt er ihnen zu verstehen, dass er nicht etwa deshalb von ihnen weggeht, weil ihm ihr Heil weniger am Herzen läge, - o nein, er liebt sie auf das zärtlichste. Um unser Bruder zu sein, hat er unser Fleisch und Blut angenommen. Doch nennt Jesus seine Jünger nicht: „Liebe Brüder“, sondern: „Liebe Kindlein“, weil so die ganze Innigkeit seiner Liebe zu ihnen weit besser zum Ausdruck gelangt. Wenn er nun sagt, dass er das zuvor schon (8, 21) den Juden Gesagte wiederhole, so ist das zutreffend dem Wortlaut nach; der Sinn ist aber hier ein anderer. Dass seine Jünger ihm nicht nachfolgen können, sagt Jesus nur, damit sie seine zeitweilige Abwesenheit ruhigen Herzens tragen; er legt ihnen damit sozusagen einen Zügel an: sie sollen so lange treu auf ihrem Posten stehen bleiben, bis ihre Kampfeszeit auf Erden abgelaufen ist. Er zieht ihnen also keineswegs, wie er den Juden damals getan hat, eine unübersteigliche Schranke, die ihnen den Eintritt ins Reich Gottes wehrt, - er heißt sie nur gelassen die Stunde abwarten, da er sie zu sich in sein himmlisches Reich sammelt.

V. 34. Ein neues Gebot gebe ich euch. Zum Troste fügt Jesus die Mahnung zu gegenseitiger Liebe. Er will sagen: Für die Zwischenzeit, in welcher ich körperlich nicht bei euch weile, bezeugt durch die Liebe untereinander, dass ihr in meiner Schule etwas gelernt habt. Liebe sei der Gegenstand eures unablässigen Strebens, sei der hauptsächlichste Gegenstand eures Nachdenkens. Weshalb nun Jesus das Liebesgebot ein „neues“ nennt, ist nicht ohne weiteres klar. Einige denken daran, dass dies in alter Zeit schon im Gesetz vorgeschriebene Gebot doch nur äußerer Buchstabe war, Christus dagegen durch seinen göttlichen Liebesgeist es in die Herzen seiner Gläubigen eingeschrieben hat. Dann bestünde die ganze Neuheit nur in einer neuen Art der Verkündigung, die diesem Gebote erst seine volle Auswirkung verschaffte. Ich halte diese Auslegung für recht gezwungen, ja für fernabliegend von dem Gedanken unserer Stelle.

Andere Ausleger sagen: Jesus spricht von einem neuen Gebot, weil, wenn schon das Gesetz uns zur Liebe aufruft, doch die Lehre, dass wir uns lieb haben sollen, bis zur Unkenntlichkeit eingewickelt war in eine Menge von allen möglichen anderen gesetzlichen Bestimmungen. Somit kommt das große Gebot der Liebe im alten Bunde nicht zu der ihm gebührenden Stellung. In der Verkündigung Christi dagegen tritt alles Verhüllende und Verdunkelnde in den Hintergrund, und es heißt klar und offen: Vollkommen ist, wer liebt. Das lässt sich schon hören. Doch ist meiner Meinung nach unsere Stelle einfach so auszulegen: Wie wir wissen, beachtet man ein Gesetz im Anfang mit besonderer Sorgfalt. Es ist gerade gegeben; so kennt es jeder. Auf die Dauer der Zeit entschwindet es dann allmählich dem Gedächtnis. Schließlich denkt niemand mehr daran. Christus will nun das Liebesgebot den Herzen seiner Jünger unverlierbar fest einprägen, deshalb nennt er es ein neues Gebot. Er will sagen: dies Gebot sollt ihr immerdar in eurem Gedächtnis haben, als wäre es erst eben, am heutigen Tage, gegeben. Wie notwendig die beständige Mahnung der Liebe ist, lehrt uns jeder neue Tag. Es hat so große Schwierigkeiten, immer in der Liebe zu bleiben; und doch sollte sie unser beständiger Gottesdienst sein. Die Menschen aber werfen die Liebe in die Rumpelkammer und ersinnen andere Weisen, Gott zu dienen. Gar geschäftig reicht ihnen dann Satan allerlei dar, womit sie sich zu tun machen. Mit leerem Gottesdienst haben sie alle Hände voll, und was erreichen sie mit all ihrem Getreibe? Sie spotten Gottes und streuen sich selber Sand in die Augen.

Ein neues Gebot ist die Liebe. Heute, jetzt eben befiehlt dir Jesus: Erzeige Liebe! Das muss immer wieder den lebendigsten Liebeseifer bei uns entfachen. Natürlich ist dies Gebot nicht insofern neu, als hätte Gott damals erst ein Wohlgefallen an der Liebe der Menschen verspürt; vielmehr konnte das Gesetz, so lange es da war, nie anders als durch die Liebe erfüllt werden.

Auf dass auch ihr einander lieb habet. Allerdings erstreckt sich die Liebe auch auf die außerhalb der Jüngergemeinde Stehenden; wir haben ja alle die gleiche Abstammung und sind alle nach Gottes Ebenbild geschaffen. Doch weil bei den Wiedergeborenen das Bild Gottes deutlicher hervorleuchtet, ist es billig, dass das Band der Liebe unter Christen ein weit innigeres sei. Liebe ist von Gott gewirkt; in ihm hat sie ihre Wurzel, zu ihm strebt sie wieder hin. So umfasst sie denn einen Menschen, der ganz offenbar ein Kind Gottes ist, mit besonderer Wärme und Herzlichkeit. Wechselweise kann ja die Liebe auch nur bei denen Erwiderung finden, welche von eben demselben Geiste regiert werden. Christus redet hier nur von denen, die wir zu allererst mit Liebe umfassen sollen; doch ist anderseits daran fest zu halten, dass, gleichwie Gottes Güte sich auf die ganze Welt erstreckt und ergießt, auch wir alle Menschen zu lieben haben, selbst die, welche uns hassen. Sein eigenes Beispiel stellt Jesus vor uns hin: nicht als ob wir es ihm, der uns so unendlich überragt, gleichzutun vermöchten, - aber wir sollen doch wenigstens nach dem gleichen Ziele streben.

V. 35. Dabei wird jedermann erkennen usw. Damit bekräftigt Jesus noch einmal, was er schon sagte: diejenigen sind nicht vergeblich in seiner Lehre gewesen, die sich untereinander lieben. Er will sagen: So werdet ihr nicht bloß selber wissen, dass ihr meine Jünger seid; an eurer Liebe vermögen auch andere zu ermessen, dass ihr die Wahrheit sagt, indem ihr euch als meine Jünger bekennt. Wenn Christus dies ausdrücklich als das Erkennungszeichen angibt, an dem man die Seinen von solchen, die ihm nicht angehören, unterscheiden kann, dann ist es völlig verlorene Mühe, wenn die Menschen die Liebespflicht unerfüllt lassen und sich nach Willkür eine beliebige andere Art des Gottesdienstes zurechtmachen.

Übrigens ist es sehr am Platze, dass Christus gerade hierauf solch großen Nachdruck legt. Die angeborene Selbstsucht stimmt mit der Liebe, die er gebietet, so schlecht zusammen, wie das Feuer mit dem Wasser. Und wie furchtbar hält die Selbstsucht unser gesamtes geistiges Leben im Banne! Von Liebe findet sich fast nirgends eine Spur! Und trotzdem meinen wir, es sei bei uns alles in bester Ordnung. Wie ist das nur möglich? Nun, Satans Verführung ist groß, und er weiß uns trefflich heraus zu schminken, sodass wir es nicht merken, dass wir tot und ohne Liebe sind. Jeder, der in Wahrheit Christo angehören und von Gott als Kind anerkannt sein will, gebe seinem ganzen Leben die feste, beständige Richtung auf die Liebe zu den Brüdern.

V. 36. Herr, wo gehst du hin? Diese Frage knüpft an V. 33 an (Wie ich zu den Juden sagte usw.). Es geht aus ihr hervor, wie ungeschickt Petrus noch war. So oft hat Christus nun schon von seinem Fortgehen geredet, und doch erschrickt Petrus hier, als hörte er das Allererste davon. Wir sind ihm nur allzu ähnlich! Immer wieder hören wir aus Jesu Mund, was wir täglich anwenden und genau wissen sollten. Sollen wir aber einmal zeigen, was wir gelernt haben, dann stehen wir ratlos da wie Neulinge, die niemals eine Belehrung empfangen haben. Petrus zeigt im Weiteren, dass er auf die fleischliche Gegenwart Christi in übertriebener Weise Wert legte. Es ist ihm ganz undenkbar, dass er hier bleiben, und Christus anderswohin gehen könne.

Da Ich hingehe. Christus will mit diesen Worten die unzeitgemäßen Wünsche des Petrus eindämmen. Er redet, ganz wie ein Lehrer das muss, in knappen, kurzen Worten. Doch mildert er alsbald die herbe Kürze seiner Worte. Er belehrt den Petrus, dass seine Trennung von ihnen nur eine gewisse Zeit lang währe.

Unsere Stelle lehrt uns, dass wir in unseren Wünschen innerhalb der uns gebührenden Schranken bleiben und uns ganz in Gottes Willen schicken sollen. Gehen auch unsere Wünsche einmal mit uns durch, so lasst uns wenigstens dankbar dafür sein, wenn Christus fest in die Zügel greift, um den Lauf unserer Wünsche zu bändigen. Und damit wir dann nicht schlaff und mutlos zusammenbrechen, wollen wir uns von ihm aufhelfen lassen mit dem Trostworte, das sich hier anschließt: du wirst mir hernachmals folgen. Zunächst liegt darin freilich eine Andeutung, dass Petrus noch nicht reif sei, das Kreuz zu tragen; wie die Saat allmählich keimt und sprießt und Frucht bringt, so muss auch er erst allmählich dazu heranreifen, Jesu im Tode nachzufolgen. Deshalb müssen wir alle Gott bitten, dass er sein in uns angefangenes Werk immer weiter fördere. Ein Kind muss erst das Kriechen lernen, ehe es gehen oder gar laufen kann; genauso ist es im Christenstande. Wenn nun Christus mit uns Geduld hat, solange wir noch weiche, zarte Stämmchen sind, bei denen noch manches Jahr Wachstum nötig ist, dann lasst uns doch auch lernen, die schwachen Brüder, welche in der Rennbahn der Jüngerschaft noch lange nicht am Ziele sind, nicht ungeduldig aufzugeben. Es ist ja zu wünschen, dass alle mit Anspannung der ganzen Kraft vorwärts eilen, und jeder soll angefeuert und ermutigt werden. Wenn aber der eine oder andere langsamer vorankommt, als man wohl wünschen möchte, so wollen wir doch die Hoffnung nicht aufgeben, so lange er nur auf dem rechten Wege bleibt.

V. 37. Warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Aus diesen Worten des Petrus lässt sich entnehmen, dass ihm die erhaltende Antwort gar nicht recht war. Er merkt, dass ihn Christus an seine Schwachheit erinnert hat und schließt daraus, an ihm selbst müsse also die Schuld liegen, wenn er nicht alsbald Christo nachfolgen könne; doch er ist weit entfernt davon, das zuzugeben. Wir Menschen sind von Natur aufgeblasen von Vertrauen auf die eigene Kraft. So zeigt denn diese Äußerung des Petrus, was für ein Dünkel mit uns groß wird; wir halten weit über Gebühr von der eigenen Kraft. Davon kommt es, dass solche, die doch gar nichts vermögen, sich, ohne Gott um Hilfe zu bitten, alles anzugreifen getrauen.

V. 38. Solltest du dein Leben für mich lassen? Christus wollte sich nicht mit Petrus in einen Streit einlassen. Er wollte, dass dieser selbstbewusste Jünger durch eigene Erfahrung klug würde wie die Toren, die immer erst durch Schaden klug werden müssen. Petrus verspricht unbeugsame Standhaftigkeit und meint es dabei ganz ehrlich und aufrichtig. Trotzdem ist das ein verwegenes Selbstvertrauen; er hat keine richtige Einschätzung der ihm verliehenen Kraft. Sein Beispiel mag uns antreiben, zu forschen, wo es bei uns fehlt, damit wir nicht in eitlem Selbstvertrauen uns überheben. Freilich können wir niemals ein zu hohes Vertrauen auf die Gnade Gottes setzen; aber davon ist hier auch nicht die Rede. Es wird hier die anmaßende Sicherheit dessen getadelt, der lediglich auf seine natürlich-fleischliche Tüchtigkeit vertraut. Wer im Glauben steht, denkt mit Furcht und Unruhe an sein eigenes Fleisch und Blut, mit großer Freudigkeit dagegen an Gott und seine Hilfe.

Der Hahn wird nicht krähen usw. Solange wir uns selbst nicht kennen, sind wir kühn und verwegen. So meint denn Petrus, obwohl er noch in keiner Schlacht gewesen ist, er sei ein gar wacherer Streiter. Ohne seine Kräfte erprobt zu haben, bildet er sich ein, etwas zu können. Er hat dafür seine Strafe bekommen. Daraus sollen auch wir lernen, im Verzagen an der eigenen Kraft, wenn es nottut, zu Gott zu fliehen, dessen Kraft uns halten wird.



Kapitel 14

V. 1. Euer Herz erschrecke nicht. Der Wichtigkeit der Sache entsprechend stärkt Jesus seine Jünger mit ausführlichen Worten: mussten sie sich doch durch die bevorstehenden Schrecknisse furchtbar schwer durchkämpfen. Es war wahrlich keine geringe Versuchung für sie, dass sie so bald ihn am Kreuze hängen sehen sollten; dieser Anblick bot nur zur äußersten Verzweiflung Anlass. Weil diese Stunde voll Entsetzens ihnen bevorstand, macht er sie auf das einzige Heilmittel aufmerksam, das sie vor jammervoller Niederlage schützen kann. Er ermuntert sie nicht durch bloße Ermahnung zu treuem Ausharren, sondern belehrt sie darüber, wo sie sich ein unverzagtes, tapferes Herz holen können: lediglich aus dem Glauben, durch den sie Jesum als den Sohn Gottes anerkennen, der Manns genug ist, über dem Heile der Seinen die schützende Hand zu halten. Die ganzen Zeitumstände sind stets im Auge zu behalten: zu einer Zeit, wo es aussehen konnte, als ginge alles drunter und drüber, war es das große Anliegen Christi, dass seine Jünger voll unerschütterlichen Mutes fest ständen. Folglich haben auch wir, wenn solche schweren Stöße ausgehalten werden müssen, diesen Schild zu ergreifen. Auch wir werden manchen Anprall zu bestehen haben; doch dürfen wir nimmermehr so sehr erschüttert werden, dass wir wehrlos zusammensinken. Den Gläubigen wird deshalb gesagt, sie sollten nicht erschrecken; auf Gottes Wort gestützt, bleiben sie, wenn auch noch so sehr durch die größten Widerwärtigkeiten bedrängt, dennoch aufrecht und gehen unbeirrt ihres Weges weiter.

Ihr glaubt an Gott; so glaubt auch an mich! Man könnte auch in doppelter Befehlsform übersetzen: Glaubt an Gott und glaubt an mich! Doch scheint unsere Übersetzung sachlich zutreffender. Jedenfalls will Jesus seinen Jüngern zeigen, wie man Stand zu halten vermag, nämlich indem man seinen Glauben auf ihn gründet und ihn als den gegenwärtigen anschaut, der seine Hand ausstreckt, uns zu helfen. Auffällig ist nur, weshalb hier der Glaube an den Vater in erster Linie steht. Viel näher schien das umgekehrte zu liegen: Ihr habt nun an Christum Glauben gefasst; so müsst ihr jetzt auch an Gott glauben! Denn wenn Christus als Gottes Abbild erschienen ist, so müssen wir doch zunächst auf ihn unsere Blicke richten. Das war ja der Grund, weshalb er zu uns herniederkam: unser Glaube sollte bei ihm anheben und dann zum Vater emporsteigen. Aber Jesus hat hier etwas Anderes im Auge gehabt: es ist wohl niemand, der nicht zugestünde, dass man Gott selbstverständlich glauben muss. Das ist ein bräuchlicher Allgemeinplatz, den jeder ohne Widerrede unterschreibt. Tatsächlich glaubt aber unter hundert kaum einer an Gott, einesteils weil Gott in seiner unverhüllten Königshoheit gar zu weit von uns entfernt ist, andernteils weil Satan möglichst viel Nebeldunst zwischen Gott und uns schiebt, damit wir nur ja nicht an ihn erinnert werden. So kommt es, dass unser Glaube, indem er Gott in seiner himmlischen Herrlichkeit und in seinem unzugänglichen Lichte sucht, inhaltslos wird.

Ferner führt uns die fleischliche Einbildungskraft tausend Vorstellungen zu, die uns abhalten, Gott zu sehen, wie er ist. Deshalb stellt Christus sich selbst hin und ruft uns zu: Seht hierher! Wenn der Glaube sich auf ihn richtet, dann findet er seinen wahren Ruhepunkt. Jesus ist der rechte Immanuel, der sich uns, sobald wir ihn im Glauben suchen, als solcher innerlich zu erkennen gibt.

Dies Eine gehört zu den hauptsächlichsten Stücken unseres Glaubens: Wir müssen unseren Glauben, damit er nicht auf weiten Abwegen ruhelos umherirre, gerades Weges auf Christum richten. Soll er in Zeiten der Versuchung nicht wanken, so muss er fest auf ihm allein stehen. Der Glaube zeigt sich erst dann recht erprobt, wenn er sich niemals von Christo und den in ihm gegebenen Verheißungen losreißen lässt. Will man Gott ohne Christum fassen, so gelangt der Glaube niemals wirklich in den Himmel hinauf. Er muss sich, um das zu können, ganz an Christum hingeben, welcher, äußerlich so unscheinbar, doch als die Offenbarung Gottes vor uns steht. Der Glaube hat keinen Bestand, wenn er seinen Halt nicht in der Schwachheit Christi sucht.

V. 2. In meines Vaters Hause usw. Da Christi Scheiden der Grund der Traurigkeit war, bezeugt er: Ich gehe ja nicht fort, um künftig von euch getrennt zu bleiben; auch für euch ist im Himmelreiche Platz! Der Verdacht muss entwurzelt werden, als stiege Christus zum Vater hinauf, um die Seinen auf der Erde zurückzulassen und sich ferner nicht mehr um sie zu kümmern. –

Die vielen Wohnungen des Himmelreichs darf man übrigens nicht auf verschiedene Stufen der Herrlichkeit deuten. Es ist ja hier nicht von mancherlei verschiedenen, sondern einfach von vielen Wohnungen die Rede, die eben für viele Raum bieten. Jesus will sagen: Nicht nur für mich allein, sondern auch für sämtliche Jünger ist dort Platz.

Wenn es nicht so wäre, so hätte ich es euch gesagt. Hier weichen die Ansichten der Ausleger voneinander ab. Die einen lesen die ganze Stelle in einem langen Zusammenhange: „Wenn für euch noch keine Wohnungen bereit wären, dann hätte ich euch gesagt, dass ich vorausgehe, um sie zu bereiten.“ Ich trete der Ansicht der übrigen Ausleger bei, welche die einzelnen Sätzchen (man sehe die gegebene Übersetzung nach!) so deuten, dass Christus sagen will: Wenn die Himmelsherrlichkeit nur meiner wartete, so würde ich in euch nimmermehr vergebliche Hoffnungen erwecken; dann hätte ich euch offen erklärt: Beim Vater ist für niemanden Platz, außer für mich. Aber es steht ganz anders: Ich gehe euch nur voraus, um euch die Stätte zu bereiten. –

Diese Auslegung erfordert meines Erachtens der Zusammenhang unbedingt; denn gleich darauf lesen wir die Worte: Und wenn ich hingegangen bin und euch die Stätte bereitet habe usw. Damit spricht Jesus doch klar aus, dass der Zweck seines Hingehens ist, den Jüngern eine Stätte zu bereiten. Der Himmel soll eben das gemeinsame Erbe aller Frommen sein; dort findet die völlige Vereinigung von Haupt und Gliedern statt. Aber wie erging es denn den Vätern nach dem Tode, ehe Christus in den Himmel hinaufstieg? Vielfach sagt man: die Seelen der Gläubigen hatten früher in einem von jeder Pein und Unseligkeit freien Vorbezirke des Ortes der Qual ihren vorläufigen Aufenthalt. Man stützt diese Anschauung auf das Wort Christi hier, er wolle erst durch seinen Aufstieg zum Vater die Stätte bereiten. Tatsächlich redet Jesus aber einfach davon, dass er für den großen Tag der Auferstehung den Seinen eine Stätte bereiten wolle. Von Natur ist die Menschheit vom Reich Gottes ausgeschlossen. Der Sohn Gottes aber, welcher der einzige rechtmäßige Himmelserbe ist, hat seinen Besitz in unserem Namen angetreten, damit durch seine Vermittlung der Zugang für uns offen stehe. In seiner Person sind wir schon jetzt in Hoffnung Besitzer des Himmels (Eph. 1, 3). In den Vollgenuss dieses großen Gutes werden wir jedoch nicht eher gelangen, als bis Christus sich wiederum am Himmel zeigen wird. Folglich wird an dieser Stelle nicht auf den Unterschied unseres Zustandes nach dem Tode und des Zustandes der Väter hingewiesen, sondern vielmehr auf das beiden zugute kommende Tun Christi. Ehe die Versöhnung vollbracht war, schauten die Seelen der Gläubigen gewissermaßen von hoher Warte nach der verheißenen Erlösung aus; jetzt genießen sie einer glückseligen Ruhe, bis die vollkommene Erlösung da ist.

V. 3. Und wenn (d. h. nachdem) ich hingegangen bin usw. Die hier verheißene Wiederkehr Christi ist nicht auf die Sendung des heiligen Geistes zu beziehen, als sei Jesus seinen Jüngern in Gestalt des heiligen Geistes erschienen. Allerdings wohnt er bei und in uns vermittelst des heiligen Geistes; an unserer Stelle aber redet er vom jüngsten Gericht, bei welchem er dermaleinst kommen wird, um alle die Seinen zu sammeln. Und sicher bereitet er, wenn wir an alle zur christlichen Gemeinde gehörenden Glieder denken, uns täglich die Stätte. Daraus folgt, dass bis jetzt der Tag noch nicht reif geworden ist, an dem wir in den Himmel eingehen dürfen.

V. 4. Und wo Ich hingehe, das wisset ihr. Da es nun ohne ernste Entschlossenheit nicht möglich ist, eine so lange währende Trennung von Christo zu ertragen, macht er seinen Jüngern Mut, indem er sie daran erinnert, dass sie ja wissen, wie sein Tod nicht sein Untergang ist, sondern nur ein Hinübergehen zum Vater, sowie daran, dass sie ja in seiner Nachfolge auf dem nämlichen Wege sind, wie er, und deshalb einmal Teil bekommen werden an seiner Herrlichkeit. Beides ist wohl zu beachten: einmal, dass wir schon jetzt mit Glaubensaugen Christum schauen sollen in seiner himmlischen Herrlichkeit und in seiner seligen Erhabenheit über alles Vergängliche, sowie ferner, dass wir dessen gewiss sein dürfen: Er ist der Erstling in dem neuen Leben, das auch uns zusteht; er hat den Weg, der für uns versperrt war, zugänglich gemacht.

V. 5. Spricht zu ihm Thomas. Obgleich es zunächst scheint, als wolle Thomas dem Herrn widersprechen, so ist es doch gewiss nicht die Absicht des Jüngers, seinem Meister den Glauben zu verweigern. Aber wie kommt er denn dazu, das, was Christus gesagt hat, abzuleugnen?

Darauf ist zu antworten: Auch geheiligte Menschen haben mitunter ein verworrenes Wissen; auch bei einer Sache, die ihnen feststeht und ihnen auseinandergesetzt worden ist, sind sie wohl einmal außerstande, das Wie und Warum sich klar zu machen. Die Propheten hatten längst davon geredet, dass auch die Heiden berufen werden sollten; und doch bezeugt Paulus, gerade dies sei ein ihnen verborgenes Geheimnis gewesen. Wenn die Apostel also auch glaubten, dass Christus zum Vater gehen würde, dabei jedoch nicht wussten, wie er denn nun die Herrschaft antreten werde, so hat Thomas guten Grund, in diesem Sinne zu sagen: Wir wissen nicht, wo du hingehst. Weiß er das nicht, so weiß er natürlich noch viel weniger etwas von dem Wege; ehe wir uns aufmachen, müssen wir unser Ziel kennen.

V. 6. Ich bin der Weg. Die Antwort, welche Christus gibt, schließt sich nicht ganz genau an die Frage an; doch übergeht sie nichts, was zu erfahren heilsam war. Der Neugierde des Thomas musste ein Zügel angelegt werden; deswegen beschreibt Christus nicht, welcher Art künftig sein Aufenthalt beim Vater sein werde. Er treibt nötigere Dinge. Gar gern hätte Thomas herausgebracht, was Christus wohl im Himmel tun werde, wie ja auch wir ein wunderliches Gelüste haben, solchen Grübeleien nachzuhängen. Doch es gibt viel wichtigere Fragen, denen es sich verlohnt mit allem Ernste nachzudenken. Denke doch darüber nach, ob du gewiss bist, dereinst teilzuhaben an der Auferstehung zur Seligkeit! Alles in allem will Christus mit dem vorliegenden Ausspruch sagen: Wer mich hat, der hat alles, was er braucht! Wer also mit Christo sich nicht begnügt, der strebt im Unverstand noch über die Vollkommenheit hinaus.

Der Spruch steigt auf drei Stufen empor: Weg, Wahrheit, Leben. Damit bindet Jesus den Anfang, Fortgang und Abschluss unseres Heils an seine Person. Mit ihm haben wir also anzufangen, mit ihm fortzufahren, mit ihm auch zu schließen. Sicherlich brauchen wir keine höhere Weisheit zu suchen, als die, welche uns zum ewigen Leben führt. Und Jesus bezeugt: diese Wahrheit biete ich euch an in meiner Person. Das Leben aber suchen wir, um neue Kreaturen zu werden. Auch da verkündigt Jesus laut: Suchet das Leben nur bei mir! Gleichzeitig erinnert er, dass er allein der Weg ist, auf welchem man zum Leben gelangt. Um uns in jeder Weise seine Unterstützung zu gewähren, reicht er den Irrenden die Hand und lässt sich selbst dazu herab, für Knäblein an der Mutterbrust Helfer und Führer zu werden. Als solcher verlässt er die Seinen nicht unterwegs, sondern schenkt ihnen den Vollbesitz der Wahrheit. Endlich bewirkt er, dass sie die Frucht der Wahrheit brechen dürfen, die weit köstlicher und edler ist, als wir uns jetzt ausdenken können. Da Christus der Weg ist, so braucht kein Schwacher und Unerfahrener sich zu beklagen, dass er den Weg nicht wisse. Da Jesus Wahrheit und Leben ist, so birgt er alles in sich, um jeden Menschen, und wäre er noch so hoch und vollkommen, Genüge zu tun. Zu dem, was Christus hier von der Seligkeit sagt, vergleiche man das zu V. 1 über den Gegenstand des Glaubens Gesagte. In der Wahrheit stimmen wohl alle überein, dass die Seligkeit des Menschen allein bei Gott liegt. Dann aber schlägt mancher den Irrweg ein, dass er Gott anderswo als in Christo sucht, womit er gewissermaßen das allein tragfähige Fundament der Gott untergräbt. „Wahrheit“ nehmen hier etliche Ausleger im Sinne von „heilbringendem Lichte himmlischer Weisheit“; andere nehmen es im Sinne von „Inbegriff des Lebens und aller geistlicher Güter“, im Gegensatz zu den Schatten- und Sinnbildern des alten Bundes (wie 1, 17). Ich glaube, dass man hier unter „Wahrheit“ die Vollendung des Glaubens zu verstehen hat, wie unter „Weg“ den Anfang und die erste Grundlage. Jedenfalls wird der, welcher von Christo abweicht, nur irren können. Wer nicht bei ihm Ruhe für seine Seele findet, der wird es versuchen, sich anderswo an Wind und Wahn zu laben. Wer von Christo absieht, findet den Tod statt des Lebens.

Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Damit wird das Ebengesagte noch näher erläutert. Jesus ist deshalb der Weg, weil er uns zum Vater führt, deshalb Wahrheit und Leben, weil wir in ihn den Vater ergreifen. Von aller Anrufung Gottes gilt es in Wahrheit: niemals werden ohne fürbittendes Eintreten Christi Gebete erhört. Aber Christus redet hier nicht vom Gebet. Deshalb entnehmen wir aus seinem Worte ganz allgemein, dass Menschen, die Christum umgehen und doch zu Gott kommen wollen, ein reines Labyrinth betreten.

V. 7. Wenn ihr mich kenntet usw. Damit bestätigt Jesus, was wir bereits sagten, dass es törichte, schädliche Neugier ist, wenn man, mit ihm nicht zufrieden, seine Sehnsucht nach Gott auf Wegen zu befriedigen sucht, die von ihm wegführen. Viele Menschen sagen: Gott kennen ist das Höchste und Beste! – und doch verschmähen sie es, wenn er ihnen in Christo so freundlich nahe kommt, ihm ins Angesicht zu schauen; sie lassen sich von ihren Wahngedanken nicht abbringen und suchen ihn auf eigene Faust droben über den Wolken. Deshalb tadelt Christus die Jünger, weil sie nicht merken, dass sich ihnen die Fülle der Gottheit in seiner Person darbietet. Er will sagen: Bisher habt ihr, wie sich sehe, mich nicht recht erkannt; ihr habt keine Augen für das in mir lebendig ausgeprägte Ebenbild des Vaters.

Und von nun an kennet ihr ihn. Das fügt Jesus hinzu, nicht nur um die Herbheit seines Tadels zu mildern, sondern auch, um die Jünger anzuklagen: Wie undankbar und gleichgültig seid ihr doch gewesen, dass ihr bisher nicht bedachtet und schätztet, was euch verliehen war! Dass sie aber jetzt den Vater kennen, sagt Jesus weniger zum Lobe ihres Glaubens, als zur Verherrlichung seiner Lehre. Der Sinn ist der: Jetzt könnt ihr Gott schauen; ihr braucht nur eure Augen aufzutun! –

Wer Gott in Christo „gesehen“ hat, der hat nun einen festen und gewissen Glauben an ihn.

V. 8. Zeige uns den Vater. Es scheint sehr unvernünftig zu sein, dass die Apostel den Herrn immerfort unterbrechen. Waren denn die eben gesagten Worte in den Wind geredet? Hatte er nicht gerade darüber soeben Belehrung erteilt, worüber Philippus ihn befragt? Alle die Fehler und Untugenden, die uns hier an den Aposteln vor die Augen geführt werden, finden sich auch an uns wieder. Wir geben vor, mit brennender Begier Gott zu suchen, - und sind blind, wenn er sichtbar vor uns steht.

V. 9. So lang bin ich bei euch. Mit Recht macht es Christus dem Philippus zum Vorwurf, dass er die hellen Augen des Glaubens nicht besitzt. Obwohl ihm in Christo Gott gegenwärtig war, sah er ihn doch nicht. Was hinderte ihn daran? Nur der Undank! Geradeso schlechte Schüler des Evangeliums sind heutigen Tages die, welche, nicht zufrieden mit Christo, der unser Ein und Alles ist, sich nach eigenem Wahn und Gutdünken auf die Suche nach Gott begeben. Solches törichte Unterfangen rührt her von der Verachtung der Niedrigkeit Christi. Sie zu verachten, ist ein großes Unrecht, da er gerade in ihr uns die unermessliche Güte Gottes darbietet.

V. 10. Dass Ich im Vater, und der Vater in mir ist. Ich beziehe diese Worte nicht auf Christi göttliches Wesen, sondern auf die Art seiner Offenbarung. Was Christi verborgene Gottheit anbetrifft, so ist er uns darin nicht im Mindesten bekannter, als der Vater. Das vollkommene Ebenbild Gottes heißt er, weil sich Gott ganz in ihm geoffenbart hat, insofern in ihm Gottes unermessliche Güte, Weisheit und Stärke handgreiflich vor uns steht. Doch haben die Alten sich nicht vergriffen, wenn sie unsere Stelle als einen Beleg für Christi Gottheit heranzogen. Weil aber Christus keine Erörterungen darüber anstellt, wer er in sich ist, sondern wie er von uns erkannt werden muss, so ist diese Stelle mehr ein Beleg seines Wertes, als seines Wesens. Der Vater ist in Christo: denn die ganze Gottheit wohnt und wirkt in ihm. Christus hinwiederum ist im Vater: denn er zeigt durch die göttliche Art seines ganzen Auftretens, dass er mit ihm eins ist.

Die Worte, die Ich zu euch rede. Aus Jesu Wirken sollte sich der Schluss ergeben, dass man nirgends als in ihm Gott zu suchen habe. Seine Lehre ist himmlisch und wahrhaft göttlich; folglich behauptet er: sie ist ein herrlicher Spiegel der Gegenwart Gottes. Muss man aber dann nicht auch die Propheten alle für Gottes Söhne ansehen? Haben doch auch sie Gottes Wort geredet unter dem Antrieb des Geistes, und war doch auch ihrer Lehre Urheber Gott. Diese Schwierigkeit ist bald beseitigt: man muss nach dem Inhalt der Lehre sehen. Die Propheten weisen ihre Schüler nicht auf sich selbst, sondern auf Gott; Christus bindet seine Jünger an sich. Gott hat sozusagen von der Erde her durch Moses geredet; jetzt redet er vom Himmel her durch den Mund seines Sohnes. Wenn Jesus sagt, er rede nicht von sich selber, so soll das heißen: nicht als Mensch oder in menschlicher Weise, weil der Vater, indem er die Kraft seines Geistes in Jesu Lehre äußert, seine Gottheit in ihm anerkannt haben will.

Wenn er sagt: Der Vater tut die Werke, so muss man das nicht auf die Wunder einschränken. Dieser Satz ist vielmehr die Fortsetzung des vorhergehenden, wonach Gottes Hoheit ersichtlich in der Lehre sich darstellt. Jesus will sagen: Meine Lehre ist in Wahrheit ein Werk Gottes, an dem man ganz genau feststellen kann, dass Gott in mir bleibt. – Die Wundertaten sind dann neben der Lehre wieder nur vereinzelte Beispiele der Werke Gottes.

V. 11. Glaubt mir, dass Ich im Vater usw. Zunächst verlangt Jesus von den Jüngern, dass sie seinem Zeugnis Glauben schenken, wenn er feierlich versichert, dass er Gottes Sohn ist. Weil sie aber bislang allzu schwerfällig waren, so nimmt er jetzt ihre Trägheit gründlich vor. Er gibt ihnen zu verstehen: Wenn ihr meiner Versicherung keinen Glauben schenkt, wenn ihr so gering von mir haltet, dass ihr meine Worte nicht für glaubwürdig anseht, nun, dann fasset doch wenigstens meine Machttaten, in denen sich Gottes Gegenwart versichtbart, aufmerksam ins Auge! Wäre es schon ganz unerhört, auch nur ein einziges Wort Jesu gleichgültig oder zweifelnd zu überhören, so werden hier die Jünger von dem Tadel getroffen, dass sie nicht einmal aus der wiederholten Einprägung derselben Wahrheit Nutzen gezogen haben.

Übrigens handelt Jesus hier nicht von dem, was dem Glauben wesentlich ist, sondern weist nur darauf hin, welche Mittel ihm zur Verfügung stehen, auch die Ungläubigen hinreichend zu überführen. Wenn er noch einmal darauf zurückkommt: „Ich im Vater und der Vater in mir“, so ist das keine überflüssige Wiederholung. Mehr als genug machen wir an uns die Erfahrung, dass wir auf Stillung eitler Neugier ausgehen. Schweifen wir nun von Christo ab, so haben wir nur noch Götzen, die wir uns selber erdichten. Was wir dagegen in Christo finden, ist alles göttlich und dazu angetan, uns in Gott zu bewahren.

V. 12. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch. Christi Worte und Werke, von denen er eben sprach, sind auf einen engen Zeitraum beschränkt. Was wird nun danach? Dafür bietet die Fortsetzung der Rede einen Trost, der umso nötiger ist, als unserem Gedächtnis die Wohltaten Gottes gar zu leicht zu entfallen pflegen. Die Beweise dafür braucht man nicht weit suchen: Gott braucht nur einmal einen halben Monat zurückzuhalten, nachdem er uns mit Liebesbeweisen aller Art überhäuft hat, so werden wir schon meinen, er sei gestorben. Darum denkt Christus nicht bloß an seine Machttaten, welche die Jünger gegenwärtig vor Augen sahen, sondern verheißt für alle Zukunft, dass sie dergleichen sehen sollen. Und sicherlich bezeugte sich seine Gottheit nicht nur, solange er auf Erden weilte, sondern die Christen erfuhren auch ferner augenfällige Beweise von ihr. Es liegt also entweder an unserer Stumpfheit oder unserer Bosheit, wenn wir weder Gott in seinen Werken noch Christum in Gottes Werken zu schauen vermögen. –

Viele fragen verwundert, wie Jesus sagen könne, dass die Apostel größere Werke tun werden, als er selbst. Man muss dabei aber fest im Auge behalten, was Christus meint: die Wirkungskraft, vermöge deren er sich als Sohn Gottes erwies, ist so wenig an seine leibliche Gegenwart gebunden, dass sie sich vielmehr, wenn er leiblich ferne weilt, in mehreren und größeren Erweisungen noch herrlicher betätigen wird, denn zuvor. Nicht lange nach seiner Auferstehung folgte die wunderbare Bekehrung der Welt, in welcher die Gottheit Christi sich gewaltiger hervortat, als während er unter den Menschen sich aufhielt. So sehen wir, dass Christi Gottheit nicht in seine irdische Person eingeschlossen war, was ihre lebendigen Erweisungen anbetrifft, sondern dass sie ausgegossen ist durch die gesamte Christenheit. Übrigens ist dies „Tun“, von dem Jesus redet, weder den Aposteln allein eigentümlich, noch auch die Sache vereinzelter frommer Christen, - dies „Tun“ wird ausgesagt von der gesamten wahren Kirche.

Denn Ich gehe zum Vater. Der Grund, um dessentwillen die Jünger mehr ausrichten werden, als Christus selbst, ist der: sobald er in den Besitz der Weltherrschaft eingetreten ist, wird er seine Macht in vollerem Umfange vom Himmel her beweisen. Daraus geht hervor, dass seiner Ehre nichts abgebrochen wird dadurch, dass nach seinem Hingang die Apostel eine noch hervorragendere Wirksamkeit entfalteten; sie waren ja nur seine Werkzeuge. Ja, auf diese Weise kam es an den Tag, dass er zur Rechten des Vaters saß, damit sich alle Knie vor ihm beugen. Jesus versichert auch unmittelbar hiernach selbst, dass Er der Urheber alles dessen sein werde, was durch die Hand der Apostel geschieht.

V. 13. Und was ihr bitten werdet, das will ich tun. Aber war er denn nicht schon damals der Mittler, in dessen Namen sie den Vater bitten sollten? Antwort: Deutlicher hat er das Amt eines Mittlers verwaltet von der Zeit ab, da er in das himmlische Heiligtum eintrat. Doch davon später.

Dass der Vater geehrt werde in dem Sohne (vgl. Phil. 2, 11). Das Ziel der Weltgeschichte ist, dass Gottes Name geheiligt werde. Wie er aber in der rechten Weise geheiligt wird, steht hier zu lesen, nämlich in dem Sohne und durch den Sohn. An und für sich ist die Majestät Gottes dem Menschenblick entzogen; in Christo erstrahlt sie hell vor uns. Ist uns sonst seine Hand verborgen, so wird sie uns in Christo sichtbar. Es ist also nicht recht, in den Wohltaten, die der Vater uns spendet, den Sohn von ihm zu trennen (5, 23).

V. 14. Was ihr bitten werdet usw. Das ist keine müßige Wiederholung: jedermann sieht und fühlt es, dass wir allesamt unwürdig sind, zu Gott zu nahen. Dennoch stürmen viele bei ihrem Beten wie toll auf ihn los, um mit hochfahrender Dreistigkeit ihm etwas abzutrotzen. Wenn man dann später es gewahr wird, dass wir Menschen, wie ich sagte, unwürdig sind, dann sucht man bei Gott durch Mittelspersonen, die man sich willkürlich zustutzen kann, etwas auszurichten. Gott aber lädt uns ein, ihm durch den einen Mittler zu nahen, den er uns gibt; um seinetwillen schenkt er uns gnädiges Gehör. Widersetzlich aber, wie der Menschengeist nun einmal ist, mag der größere Teil der Menschen nicht aufhören, seitab vom rechten Wege auf den Schlangenwindungen menschlicher Irrwege sich herumzutreiben. Das kommt davon, dass man nur zaghaft und mit argen Hintergedanken in Christo die Macht und Güte Gottes ergreift.

Dazu kommt noch ein zweiter Irrtum: wir beachten nicht, dass wir alle mit Fug und Recht den Zugang zu Gott versagt bekommen, bis er selber uns herbeiruft; dieser Ruf aber erschallt an uns nur durch seinen Sohn. Wenn sein erstes Zeugnis bei uns (V. 13) nicht den Ausschlag gibt, nun gut, so fügt Jesus hier sein zweites hinzu: nun sollen wir dessen gewiss sein, dass wir den Vater in Jesu Namen bitten dürfen. Er will uns so seine Hand reichen, dass wir keine Mühe damit vergeuden andere Nothelfer zu suchen.

V. 15. Liebt ihr mich. Die Liebe, mit der die Jünger an Christo hingen, war lauter und aufrichtig, und doch hatte sie einen üblen Beigeschmack, wie auch vielfach bei uns. Denn das war verkehrt, dass sie den Herrn Jesus auf dieser Erde zurückzuhalten wünschten. Um dem abzuhelfen, heißt er sie, ihre Liebe nicht auf seine leibliche Gegenwart, sondern auf die treue Beobachtung seiner Gebote wenden. Sicher eine nützliche Belehrung! Denn unter denen, welche der Meinung sind, sie liebten Christum, sind nur ganz wenige, die ihn geziemend verehren. Statt seine Gebote zu halten, treiben sie in ihrem Leichtsinn ganz, was ihnen zusagt. Wie ist doch unser gesamtes Gemütsleben von Sünde befleckt! Nicht einmal unsere Liebe zu Christo bildet eine Ausnahme, sie müsste denn in ausnahmslosem Gehorsam gegen die Weisungen seines Wortes sich bewahrheiten.

V. 16. Und ich will den Vater bitten usw. Die Verheißung des Geistes soll einmal zur Beschwichtigung des Abschiedsschmerzes beitragen, dann aber gibt Christus damit auch zu verstehen: Ich will euch Kraft geben, meine Gebote zu halten! Ohne diese Zusage würde auch seine Mahnung herzlich wenig gewirkt haben. Darum kommt Jesus zur rechten Zeit seinen Jüngern zu Hilfe: Mag ich auch dem Leibe nach fern von euch sein, - ich werde dennoch nicht leiden, dass ihr ohne Helfer seid und mutlos zu Boden sinkt; durch meinen Geist werde ich euch nahe sein!

Den Geist nennt Jesus hier eine Gabe des Vaters, welche er uns durch seine Fürbitte verschaffen wird. An anderen Stellen verheißt er dagegen, dass er selbst den Geist geben werde. Beides ist wahr und zutreffend. Soweit Christus unser Mittler und Beschützer ist, erlangt er den Geist als eine Gnadengabe vom Vater. Soweit er Gott ist, spendet er ihn von sich aus.

Der Sinn unseres Verses ist: Ich war euch vom Vater als Tröster gegeben, aber nur für eine bestimmte Zeit; jetzt, da ich meinen Lauf vollendet habe, will ich darum bitten, dass ein anderer euch gegeben werde, und zwar ein Tröster, welcher nicht nur eine Zeit lang, sondern beständig bei euch bleibt. –

Den Namen Tröster trägt hier also Christus gleicherweise wie der Geist, und zwar mit Recht; denn beide haben das Amt, uns zu trösten, zu ermahnen und in ihren Schutz und Schirm zu nehmen. Christus war der Schirmherr der Seinen, solange er in der Welt lebte; danach vertraute er sie der Obhut und Pflege des Geistes an. Aber stehen wir denn nicht heute noch unter Christi Obhut? Ganz gewiss: denn er ist unser beständiger Nothelfer, aber nicht in sichtbarer Weise. Nur solange er als Mensch auf Erden wandelte, übte er seine Schutzherrschaft sichtbar aus, jetzt tut er das durch seinen Geist.

Einen anderen als sich selbst, nennt er denselben, weil ein Unterschied besteht in den Wohltaten, die wir von beiden empfangen. Christo kam es zu, die Sünden zu sühnen und dadurch den Zorn Gottes zu stillen, die Menschen vom Tode zu erlösen, Gerechtigkeit und Leben zu erwerben; dem Geiste kommt es zu, uns sowohl Christum selbst als auch alles Gute, was er für uns in Händen hat, zuzueignen.

Man macht nicht ungeschickt aus unserer Stelle den Schluss: also sind Sohn und Geist verschiedene Personen.

V. 17. Den Geist der Wahrheit. Noch einen zweiten schönen Beinamen gibt Christus hier dem Geiste: er ist der Lehrer der Wahrheit. Daraus folgt: solange wir nicht von ihm in unserem Herzen hinreichend Belehrung empfangen haben, sind wir alle in Eitelkeit und Lüge befangen.

Welchen die Welt nicht kann empfangen. Durch diese Gegenüberstellung tritt diese Gnade, deren Gott nur seine Auserwählten würdigt, umso herrlicher hervor. Es ist ein gar köstliches Geschenk, das der Welt entgeht (Jes. 60, 2). Umso höher sollen wir die Barmherzigkeit rühmen, in welcher Gott seine Gemeinde durch einzigartige Bevorzugung über die ganze Welt emporhebt. Doch mahnt Christus gleichzeitig die Jünger, dass sie nicht, von fleischlicher Gesinnung aufgeblasen, wie es der Welt Gewohnheit ist, die Gnadengabe des Geistes verscheuchen. Ein leerer Traum ist alles, was die Schrift vom Geiste aussagt, in den Augen der irdisch Gesinnten; sie verlassen sich auf ihren Verstand und verachten jede himmlische Erleuchtung. Mag aber auch allenthalben dieser Hochmut seinen Thron aufschlagen, um so viel wie möglich das Licht des heiligen Geistes auszulöschen, - wir wollen, unsrer eigenen Hilflosigkeit eingedenk, es wissen und bedenken, dass Gottes Geist der einzige Quell ist, aus dem je und je gesunde Einsicht entsprang. Überdies zeigen die Worte Christi, dass der bloße Menschenverstand nichts vom heiligen Geiste vernimmt; er will einzig aus lebendiger Glaubenserfahrung erkannt sein. Die Welt, so sagt Jesus, ist für den Geist, den sie eben nicht kennt, unempfänglich.

Ihr aber kennt ihn, denn er bleibt bei euch. Wenn also der heilige Geist in uns wohnt, so sind wir eben dadurch allein fähig, ihn zu erkennen; wer ihn nicht hat, vermag ihn gar nicht zu erkennen.

V. 18. Ich will euch nicht Waisen lassen. Da sehen wir, was wir sind und gelten, entblößt vom Schutz des heiligen Geistes: dann sind wir verwaiste Kindlein, jeder Art von Betrug und Unbill preisgegeben, außerstande, uns selber zu regieren, kurz, aus uns selbst ungeschickt zu allem Tun. Diesem elenden Zustande wird nur dann abgeholfen, wenn Christus durch seinen Geist unser Herrscher wird. Das aber will er seiner Verheißung nach sein. Zunächst also werden die Jünger an ihre Schwäche erinnert, damit sie sich selber misstrauen und völlig in die Abhängigkeit von ihrem Schirmherrn Christus treten. Dann verheißt er ihnen Hilfe und richtet sie zu froher Hoffnung auf, indem er ihnen versichert, er werde sie nicht im Stiche lassen.

Wenn Jesus sagt: Ich komme zu euch, so zeigt er damit, wie er in den Seinen wohnt und alles erfüllt: nämlich durch die Kraft seines Geistes. Dadurch wird auch klar, dass die Gnadengabe des Geistes ein hervorragendes Zeugnis seiner Gottheit ist.

V. 19. Noch um ein kleines usw. Jesus setzt die Beschreibung der besonderen Gnade fort, welche er seinen Jüngern zuwenden will und welche ausreichen soll, ihren Gram zu lindern, ja zu beseitigen. Wenn ich den Blicken der Welt entzogen sein werde, sagt er, dann werde ich nichtsdestoweniger euch doch nahe sein. Wollen wir diesen geheimnisvollen Anblick Christi genießen, so dürfen wir nicht mit unseren leiblichen Augen herumschauen: Ist er da? Ist er nicht da? - sondern wir haben mit Augen des Glaubens hinzuschauen auf die Wirkungen, die von ihm ausgehen. So kommt es dahin, dass gläubige Christen ihren Heiland im Geiste stets gegenwärtig haben und anschauen, mag der leibliche Abstand zwischen uns hier unten und ihm da droben noch so groß sein.

Denn Ich lebe und ihr sollt auch leben. Der Sinn kann ein doppelter sein. Entweder ist dieser Ausspruch eine Bekräftigung des Vorhergehenden oder er steht für sich und will dann besagen: die Gläubigen werden deshalb leben, weil Christus lebt. Ich gebe der ersten Auslegung den Vorzug, unbeschadet der Lehre, dass Christus die Ursache unseres Lebens ist. Das steht hier, ob man so oder so auslege. Dies Wort Jesu stellt fest, woher der Unterschied kommt, dass die Jünger ihn sehen sollen, nicht aber die Welt: Christus kann nur in Kraft geistlichen Lebens gesehen werden, und das sucht man bei der Welt vergebens. Die Welt sieht Christum nicht. Kein Wunder! Sie ist tot und daher blind. Sobald aber jemand einen Anfang geistlichen Lebens hat, werden seine Augen hell, Christum zu sehen. Dies geschieht aber deshalb, weil mit Christi Leben auch das unsere verbunden ist; es hat darin, als in seiner Quelle, seinen Ursprung. In uns sind wir tot, und das Leben, was wir uns zu besitzen schmeicheln, ist Tod in schlimmster Form. Sobald es sich also um Erlangung des Lebens handelt, müssen unsere Augen sich auf Christum richten. Durch Glauben muss sein Leben auf uns übertragen werden. Dann hat unser Gewissen den festen Halt: so lange Christus lebt, sind wir sicher vor der Gefahr des Untergangs! Denn es bleibt dabei: es wäre sein eigener Tod, wenn die Glieder stürben.

V. 20. An dem selbigen Tage usw. Viele beziehen das auf den Pfingsttag. Aber es handelt sich hier nicht um einen Tag von vierundzwanzig Stunden, sondern um einen lang gedehnten, ununterbrochenen Tag, der sich von dem Tage, da Christus den Jüngern seinen Geist verlieh, bis zur Endauferstehung erstreckt.

Wenn Jesus sagt, dass Ich in meinem Vater bin, und ihr in mir, und Ich in euch, so hatten ja davon die Jünger schon damals einen Anfang der Erkenntnis gefasst. Das blieb aber so lange ein dürftiger Beginn, als der Geist in ihnen noch nicht kräftig gewirkt hatte. Und eben dies wollen ja unsere Worte sagen, dass ein müßiges Grübeln niemals fassen wird, was es auf sich hat mit der heiligen, sogenannten „mystischen“ Vereinigung zwischen Christo und uns, ebenso wie mit der zwischen ihm selber und dem Vater. Wer das erkennen will, der muss es erleben, wie Jesus durch geheimnisvolle Wirkung seines Geistes uns sein Leben in die Seele gießt. Wie der Vater die Fülle seiner Güter in dem Sohne niedergelegt hat, ebenso hat nun auch der Sohn sich ganz in uns ergossen. Es heißt von uns, wir seien in ihm, weil wir, seinem Leibe eingegliedert, Teilhaber seiner Gerechtigkeit und alles des Guten wurden, das er hat. Von ihm heißt es, er sei in uns, weil er durch die Wirkung seines Geistes deutlich zeigt, dass er der Urheber und Grund unseres Lebens ist.

V. 21. Wer meine Gebote hat und hält sie usw. Eine Wiederholung von V. 15, wonach unsere Liebe zu Jesu erst dadurch sicher erwiesen ist, dass wir seine Gebote treu beobachten. Daran erinnert der Herr seine Jünger immer wieder, damit sie das Ziel nicht verfehlen. Es liegt uns ja nichts näher als das Herabsinken in ein nicht dem Geist, sondern dem Fleisch entstammendes Gefühlsleben; dann bilden wir uns ein, wir liebten Jesum, während wir tatsächlich wer weißt was, nur nicht Jesum lieben. Das meint auch Paulus 2. Kor. 5, 16: „Ob wir auch Christum gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr“. Lasst uns also neue Kreaturen sein! Die Gebote „haben“ bedeutet: in ihnen recht unterrichtet zu sein; sie „halten“: sich und sein ganzes Leben nach ihrer Richtschnur bilden.

Wer mich aber liebt usw. Das klingt, als ob wir Gott mit unserer Liebe zuvorkämen. Doch das ist rein undenkbar; denn als wir Feinde waren, hat er uns mit sich versöhnt (Röm. 5, 10). Bekannt ist ja auch der Spruch aus dem 1. Briefe Johannis (4, 10): „Nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Er uns geliebt hat“. Also kann auch hier unsere Liebe nicht entscheidende Ursache sein, auf welche Gottes Liebe sich gründet. Jesus will freilich einprägen, dass, wer ihn liebt, in den glücklichen Genuss seiner und des Vaters Liebe eintreten wird; - nicht als ob unsere Liebe erst Gottes Liebe auf uns herabzöge, sondern weil unsere Liebe uns ein Zeugnis der auf uns gerichteten göttlichen Liebe wird.

Darauf deutet auch die folgende Wendung: Ich werde mich ihm offenbaren. Sicherlich muss man ja Christum schon zuvor kennen, ehe man ihn lieben kann. Aber er will sagen, dass er seinen wahren Verehrern tägliche Fortschritte im Glauben schenken wird: er will machen, dass sie ihm vertrauen und inniger nahen können. Es ist also eine Frucht wahrer Frömmigkeit, dass man Christum immer besser kennenlernt. Der, welcher versprach, dem zu geben, der da hat, verwirft die Heuchler und schenkt allen denen Fortschritte im Glauben, welche die frohe Botschaft von Christo beherzigen und sich gewissenhaft im Gehorsam gegen ihren Herrn üben.

Davon kommt es, dass man so viele Rückschritte machen, unter zehn kaum einen rüstig vorankommen sieht. Die Mehrzahl ist es eben nicht wert, dass Christus sich ihnen offenbart. Wenn übrigens das Wachstum in der Erkenntnis Christi der Liebe als ein besonderer Lohn verheißen wird, so muss dies Wachstum wohl ein unvergleichlicher Schatz sein.

V. 22. Spricht zu ihm Judas. Nicht ohne Grund fragt dieser Jünger, warum denn Christus den Strahl seines Lichtes nur auf so wenige fallen lassen will: ist er doch die Sonne der Gerechtigkeit, welcher es wohl zusteht, dass sie die weite Welt erleuchte. Die Antwort Christi (V. 23) verfolgt nun keineswegs die aufgeworfene Frage bis auf den Grund: der letzte Grund dafür, warum Christus nur wenigen Menschen sich offenbart, sich aber für die Mehrzahl verhüllt, wird überhaupt nicht angerührt. Jedenfalls findet er zunächst alle Menschen in dem nämlichen Zustande völliger Entfremdung von sich. Somit kann er niemanden auswählen, der ihn liebt: aus der Schar seiner Feinde wählt er vielmehr diejenigen aus, deren Herzen er zur Liebe gegen sich bewegt. Da fängt dann erst der Unterschied an. Diesen Punkt mochte Jesus aber jetzt als zu abgelegen von dem, was er sagen wollte, nicht berühren. Er beabsichtigte, seine Jünger zu ernstem Streben nach echter Frömmigkeit zu ermuntern, damit sie größere Fortschritte in ihrem Glauben machten. Deswegen hat er sich daran genügen lassen, als das unterscheidende Merkmal gegenüber der Welt das anzugeben: Meine Jünger halten meine Gebote. Der eigentliche Glaubensanfang liegt weiter zurück als dies Merkmal, welches sich erst infolge angenommener Berufung einstellt. Anderwärts hatte Christus seine Jünger an seinen Gnadenruf erinnert; auch fernerhin tut er das. Jetzt heißt er sie nur, sich mit allem Eifer auf die fromme Beobachtung seiner Lehre werfen. Christus zeigt übrigens mit diesen Worten, wie der rechte Gehorsam gegen die Heilsbotschaft beschaffen ist: unsere gesamte Pflichterfüllung muss aus der Liebe zu Jesu geboren sein. Wenn wir nun ganz gewiss nur soweit Christi Gebote halten, als wir ihn lieben, so ist es auch ausgemacht, dass nirgendwo in der Welt die vollkommene Liebe zu ihm gefunden wird: ist doch niemand da, der seine Gebote vollkommen hält. Doch gefällt Gott schon der Gehorsam derer, die ehrlich nach diesem Ziele streben.

V. 23. Mein Vater wird ihn lieben. Dass nicht etwa unsere Liebe der erste Anlass ist, Gottes Liebe erst hervorzurufen, wurde schon zu V. 21 dargelegt. Wohl aber dürfen die Gläubigen überzeugt sein, dass ihr Gehorsam, welchen sie dem Evangelium leisten, dem Herrn gefällt und ihnen neue göttliche Gnadengaben erschließen wird.

Wir werden zu ihm kommen. D. h. wer mich liebt, wird merken, dass auf ihm Gottes Gnade ruht und wird je mehr und mehr von Tag zu Tag reich von Gott mit mancherlei Gaben bedacht werden. Mit der Liebe Gottes zu den Gläubigen meint Jesus hier also nicht seine ewige Liebe, mit der er die noch Ungeborenen vor Erschaffung der Welt umfasste, sondern die Liebe, die wir von dem Zeitpunkt ab empfinden, wo er uns zu Kindern annimmt und es uns zu schmecken gibt, dass er unser lieber Vater ist. Er meint also auch nicht die erste Erleuchtung, sondern die Glaubensstufen, welche wahre Christen beständig emporsteigen müssen, entsprechend dem Worte (Lk. 19, 26): „Wer da hat, dem wird gegeben“. Ohne jeden Grund stützen sich römische Lehrer auf unsere Stelle, um ihr einen Beleg für die Behauptung zu entnehmen, es gebe zwei verschiedene Arten der Liebe zu Gott: es gebe schon vor der Wiedergeburt aus Gottes Geist eine natürliche Liebe des Menschen zu Gott; wo die sei, da werde um dieses verdienstlichen Werkes willen dem Menschen die Wiedergeburt zuteil. Sehen sie denn nicht, dass Schrift und Erfahrung ganz anders lehren? Wir sind solange völlig von Gott abgewandt, ja von Hass gegen ihn erfüllt und überfüllt, bis er unsere Herzen umwandelt. An unserer Stelle will aber Christus mit dem tröstlichen Hinweis auf sein und des Vaters Kommen einfach die Gläubigen zu beständiger Zuversicht auf seine Gnade stärken.

V. 24. Wer aber mich nicht liebt. Überall, wo Gläubige sind, gibt es auch Ungläubige. Es ist nun einmal nicht anders: Jesu Jünger werden gleichsam auf erregten Meereswogen hin und her geworfen, - einmal kommt der Sturm von hier, einmal von dort. Deshalb will ihnen Christus durch diese Mahnung einen festen Stand geben; von bösem Beispiel sollen sie sich nicht ins Wanken bringen lassen. Er will sagen: Blickt doch nicht auf die Welt! Hütet euch, von ihr euch abhängig zu machen! Es wird stets Leute geben, die mich und meine Lehre verachten. Haltet ihr nur die Gnade, die ihr einmal ergriffen habt, standhaft fest bis ans Ende! Dabei deutet Jesus an, dass der Welt um ihres Undankes willen ganz recht geschieht, wenn sie, blind wie sie ist, ins Verderben läuft, indem sie die wahre Gerechtigkeit verachtet und dadurch ihren gottlosen Hass gegen Christum offen kund gibt.

Und das Wort, das ihr hört, ist … des Vaters. Diese Erinnerung daran, dass Jesu Lehre nicht ein menschliches Gedicht ist, sondern von Gott stammt, soll die Jünger gegen allen hartnäckigen Widerspruch der Welt wappnen. Unerschütterlich fest ist unser Glaube ja erst dann, wenn wir wissen: Wir gehen an Gottes führender Hand und sind auf seine unvergängliche Wahrheit gegründet. Mag sich die Welt in ihrem Widerstreben auch wie unsinnig gebärden, wir wollen dem Panier des Evangeliums folgen; denn was Christus gesagt hat, das ragt hoch hinaus über Himmel und Erde.

V. 25. Solches hab ich zu euch geredet usw. Jesus fügt das hinzu, damit sie nicht den Mut fahren lassen, wenn sie auch weniger Fortschritte machen mögen, als wohl zu wünschen gewesen wäre. Jesus streute damals den Samen der Lehre aus; danach lag er einige Zeit wie der Luft und des Lichtes beraubt regungslos in den Herzen der Jünger. So ermahnt er sie denn, getroster Hoffnung zu sein: die scheinbar jetzt nutzlose Lehre wird einmal Frucht bringen. Alles in allem will er ihnen sagen: In der Lehre, die ihr gehört habt, liegt eine reiche Trostesfülle, - in ihr und sonst nirgends. Wenn den Jüngern das nicht alsbald klar ist, so heißt Jesus sie dennoch guten Mutes sein: alsbald wird der Geist in innerlicher Unterweisung ihren Herzen dies völlig erschließen.

Wie nützlich ist diese Mahnung auch heute noch! Erfassen wir es nicht unmittelbar, was Christus uns lehrt, so stellt sich alsbald Überdruss ein, und wir verlieren alle Lust, uns weiter mit dunklen Dingen abzuplagen. So darf es aber nicht gehen! Immer gilt es, gelehrig zu sein, das Ohr hinzuhalten, die Aufmerksamkeit anspannen, - nur so können wir schöne Fortschritte in Gottes Schule machen. Über alles nottut uns Geduld, welche darauf wartet, dass der Geist uns erschließe, was wir anscheinend gar oft vergeblich gelesen oder gehört haben. Damit unser Lerneifer nicht erlahme und wir nicht der Verzweiflung anheimfallen, wenn wir nicht im Nu den Sinn der Worte Christi erfassen, wollen wir bedenken, dass es uns allen gesagt ist (V. 26): der Geist wird euch alles lehren usw. Jesaja verkündigt (29, 11) den Ungläubigen als Strafe: „Das Wort soll euch sein wie ein versiegeltes Buch“. Aber der Herr demütigt in derselben Weise auch meist die, welche ihm angehören. Deshalb gilt es gelassen die Zeit der Enthüllung abwarten. Es wäre sehr unziemlich, wenn man ein Wort der Schrift um deswillen verschmähen wollte, weil man es nicht versteht. Wenn übrigens Christus bezeugt, es sei das eigentliche Amt des heiligen Geistes, die Apostel zu lehren, was sie schon aus seinem Munde gelernt hatten, so folgt daraus, dass die bloße äußerlich angehörte Predigt vergeblich und unwirksam ist, wenn nicht der Geist den Menschen inwendig unterrichtet. Gott lehrt also auf zwei Arten: durch den Mund der Menschen bringt er den Schall seines Wortes in unsere Ohren, und innerlich gibt er uns Anregungen seines Geistes; einmal fällt beides zusammen, ein andermal geschieht es zu verschiedenen Zeiten, - ganz, wie es dem Herrn gefällt.

Nun beachte man, was das alles ist, worüber nach Jesu Verheißung der Geist uns belehren wird: Er wird, sagt er, euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe. Daraus folgt, dass der Geist nicht etwa ein Gebäude von neuen Offenbarungen aufführt. Mit diesem einzigen Worte ist alles das als Schwindel aufgedeckt, was von Anfang bis heute Satan unter dem Vorwand neuer Geistesoffenbarungen in die Kirche eingeschmuggelt hat. Es ist ein großes Unrecht, sich etwas zurecht zu machen, was nicht im Evangelium steht, und es dann als christliche Lehre auszugeben. Der Geist, den Christus zu senden verhieß, macht nur das, was das Evangelium selber sagt, fest und setzt sozusagen seine Unterschrift darunter.

V. 27. Den Frieden lasse ich euch. Wenn man einander begegnet oder voneinander Abschied nimmt, dann wünscht man sich gegenseitig alles Gute, Wohlergehen und Erfolg. Das hebräische Wort für „Frieden“ bedeutet gleichzeitig „glücklichen Erfolg“. In diesem Sinne redet Christus hier von Frieden. Im Morgenlande ist noch heute wie zu seiner Zeit der gebräuchliche Gruß: „Frieden!“ Jesus ruft also hier seinen Jüngern zum Abschied den letzten Friedensgruß zu. Er fügt jedoch hinzu, dass sein Friede weit mehr wert ist, als der Friedensgruß der Menschen, die sich in vielen Fällen ohne innere Anteilnahme, lediglich der üblichen Form genügend, das schöne Wort „Frieden“ zurufen. –

Und selbst im besten Falle, wenn Menschen jemandem ernstlich Frieden und Wohlergehen anwünschen, was ist das wert? Das Wort können sie ihm wohl geben, aber nicht die Sache. Christus macht seine Jünger darauf aufmerksam, dass sein Friedensgruß nicht nur ein ohnmächtiges Wünschen ist, sondern die Sache selbst bringt und wirkt. Er scheidet zwar aus der Leiblichkeit, aber sein Friede bleibt bei den Jüngern. Das bedeutet: von ihm gesegnet, werden sie stets glücklich sein.

Euer Herz erschrecke nicht. Wiederum sucht er die Bangigkeit zu beschwichtigen, die beim Gedanken an sein Weggehen die Jünger beschlichen hatte. Er bestreitet, dass sie einen Grund haben, sich zu ängstigen; sie werden ja nur den Anblick seines Körpers entbehren, er selbst bleibt da vermittelst des Geistes. Lasst uns doch lernen, uns mit dieser Art seines Naheseins zu begnügen, und nicht dem törichten Triebe des Fleisches nachgeben, das immer wieder des Wahns lebt, Gott sei nur da anzutreffen, wo er sich sinnenfällig darstellt.

V. 28. Hättet ihr mich lieb. Lieb hatten ja die Jünger Christum ohne Zweifel, aber nicht in der rechten Weise. Es war ihrer Zuneigung zu ihm etwas Fleischliches beigemischt; erschien es ihnen doch unerträglich, sich von ihm losreißen zu sollen. Wäre ihre Liebe von Gottes Geist gewirkt gewesen, so hätte ihnen nichts mehr am Herzen gelegen, als sein Heimgang zum Vater.

Der Vater ist größer denn ich. Dieser Stelle ist es in allerlei Händen übel ergangen. Da haben die Arianer1), um zu beweisen, dass Christus eine Art Gott zweiten Ranges sei, folgern wollen: also ist der Sohn kleiner als der Vater. Um dieser Folgerung zu entgehen, haben dann die rechtgläubigen Väter behauptet, dass der vorliegende Satz nur auf Christi menschliche Natur bezogen werden dürfe. Ist die erste Auslegung gottlos, so ist die zweite auch nicht recht. Hier ist weder von der menschlichen Natur Christi, noch auch von seiner ewigen Gottheit die Rede. Christus vergleicht weder seine Gottheit mit derjenigen des Vaters, noch auch seine menschliche Natur mit des Vaters göttlichem Wesen, sondern stellt vielmehr seinen gegenwärtigen Stand gegen die himmlische Herrlichkeit, zu der er alsbald erhoben werden sollte.

Er will sagen: Ihr wünscht mich hienieden zurückzuhalten. Doch es ist besser, wenn ich hinauf gehe zu des Himmels Höhen. Wir wollen daraus lernen, den im Fleische befindlichen Christus, der sich der göttlichen Gestalt entäußert hat, als den anzusehen, der uns zu dem Urquell seliger Unsterblichkeit führt. Er will uns nicht bloß zum schimmernden Mond oder zur glänzenden Sonne emporgeleiten, nein, er will uns eins machen mit Gott, dem Vater.

V. 29. Und nun hab ich es euch gesagt usw. Diese Sache musste Jesus den Jüngern öfters zu Sinne führen, da sie ein Geheimnis war, das hoch über alles menschliche Fassungsvermögen hinausging. Er bezeugt, dass er etwas voraussagt, das in Zukunft eintreten wird, damit sie nach dem Eintritt des Geweissagten glauben. Das ist in Zukunft eine heilsame Glaubensstärkung für sie gewesen: im Gedächtnis die weissagenden Aussprüche Christi wiederholen und dabei mit den Augen ihre Erfüllung schauen. Der Herr gibt hier, so will es mir scheinen, ihrer Schwachheit einen gewissen Spielraum. Mit eurer Kinderspanne, so etwa meint er es, vermöget ihr nicht ein so verborgenes Geheimnis auszumessen. Ich verzeihe euch das, doch nicht länger, als bis zu dem Tage, da geschieht, was ihr aus meinem Munde vernommen habt. Das Geschehene wird euch die beste Auslegung sein zu dem, was ich gesagt habe. –

Vorerst sieht es so aus, als redete Jesus zu stocktauben Leuten. Doch das ist nicht der Fall. Mag es auch den Anschein haben, als hätte nur der Wind den Schall seiner Worte aufgefangen, - später kommt es an den Tag, dass der Sämann wirklich seinen Samen in guten Boden eingestreut hat. Christus flicht hier sein Wort zusammen mit dem weiteren Gang der Dinge: sein Tod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt wollen im Bunde mit seiner Lehre Glauben in uns erzeugen.

V. 30. Ich werde nicht mehr viel mit euch reden. Mit diesem Hinweis wollte Jesus die Aufmerksamkeit der Jünger schärfen; umso fester sollte nun jedes Wort, das er redete, in ihrem Herzen haften. Wovon man reichlich hat, das wird man meist überdrüssig. Dagegen wird das mit umso glühenderem Verlangen gesucht, was nicht immer zur Hand ist; umso begierigere Aufnahme findet das, was alsbald uns weggenommen werden soll. So sollen auch die Jünger umso gespannter an Jesu Lippen hängen, wenn er seinen nahen Abschied verkündet. Bei uns steht es ja nun etwas anders: unser ganzes Leben lang belehrt Christus uns unaufhörlich. Und doch lässt sich dieser Ausspruch auch auf uns anwenden: wie kurz ist doch unser Lebenslauf! Deshalb gilt es zuzugreifen und die Gelegenheit wahrzunehmen.

Denn es kommt der Fürst dieser Welt. Jesus hätte einfach sagen können: Bald werde ich sterben, ja, meine Todesstunde steht unmittelbar bevor, - aber er umschreibt das, um einen schützenden Wall um das Herz seiner Jünger zu ziehen; sie sollen nicht vor Schrecken über eine so schimpfliche Todesart, vor der man schaudern muss, abtrünnig werden. An den Gekreuzigten glauben ist ja nichts anderes, als das Leben in der Welt der Toten suchen. Zuerst sagt Jesus, dass dem Satan diese Gewalt verliehen werden wird; er wird demselben weichen, nicht weil er nicht anders kann, sondern weil er dem Vater gehorchen will. Der Teufel wird „Fürst dieser Welt“ genannt, nicht weil er ein Reich für sich hätte, darin Gottes Befehl nichts vermag, sondern weil Gott es zulässt, dass er seine Tyrannei an der Welt ausübt. So oft wir diesen Titel Satans nennen hören, müssen wir uns dessen schämen, in welch elender Lage wir Menschen uns befinden. Mögen die Menschen ihren Kopf noch so hoch tragen, sie sind Satan mit Leib und Seele eigen, so lange sie nicht durch den Geist Christi wiedergeboren sind. Mit dem Namen „Welt“ wird hier die ganze Menschheit zusammengefasst. Es gibt nur einen Befreier aus dieser entsetzlichen Sklaverei: Christus. Dieser Strafzustand ward veranlasst durch die Sünde des ersten Menschen, aber er wird täglich erschwert und verschlimmert durch neue Versündigungen; daraus lasst uns lernen, uns samt unseren Sünden zu hassen. Wenn uns aber Satan nun auch in Gefangenschaft hält, so dient uns das doch nicht zur Entschuldigung: denn wir haben uns doch willentlich in diese Knechtschaft begeben. Zu beachten ist weiter, dass hier dem Teufel zugemessen wird, was gottlose Menschen gefrevelt haben. Sie handeln ja nur unter satanischem Antrieb; so wird mit Grund ihm alles auf Rechnung geschrieben, was sie tun.

Und hat nichts an mir. Infolge der Sünde des ersten Menschen lässt Satan durch seinen Diener Tod jeden Menschen seine Macht empfinden. Christus aber steht außerhalb des Schuldzusammenhanges der Menschheit. Somit vermochte der Satan ihn nur dann zu erreichen, wenn er sich freiwillig dem Tode unterwarf. Übrigens glaube ich, dass in der hergebrachten Auslegung unserer Stelle ihr Sinn nicht weit genug gefasst wird. Man erläutert gewöhnlich so: Satan findet nichts an Christo, weil nichts an ihm dem Todeslose verhaftet ist, er ist rein von jeglicher Sündenbefleckung. Meines Erachtens aber predigt hier Christus nicht nur seine Reinheit, sondern auch seine göttliche Macht, die dem Tode keine schwache Stelle darbot. Das musste den Jüngern bezeugt werden: Jesus unterlag nicht etwa aus Schwäche; hätten sie das gedacht, so wäre das ein gegenüber seiner Gotteskraft ehrenrühriger Gedanke gewesen. Immerhin ist in diesen allgemeineren Gedanken auch der begrenztere eingeschlossen, dass Jesus als der Sündlose dem Herrschaftsgebiet Satans völlig fern stand. Daraus ist zu entnehmen: Er hat unsere Stelle eingenommen, als er dennoch starb.

V. 31. Auf dass die Welt erkenne. Die einen lesen hier in einem Zusammenhange weiter: „Auf dass die Welt erkenne usw. steht auf und lasset uns von hinnen gehen“.

Andere beginnen mit den Worten: „Stehet auf usw.“ einen neuen Satz, wobei denn freilich die zuvor stehenden Worte als ein abgebrochener Satz dastehen.

Für den Sinn macht es wenig aus, wer von beiden Recht hat; deswegen halte ich mich mit der Erörterung dieser Streitfrage nicht auf. Zu beachten ist in erster Linie, dass hier der Ton darauf gelegt wird: Bei dem Sterben Christi handelt es sich um einen ganz ausdrücklichen Beschluss, ein Gebot Gottes; wir sollen ja nicht wähnen, Satan habe Christum wehrlos zum Tode geschleppt. Es ist ihm nicht das Mindeste zugestoßen ohne Gottes bestimmten Ratschluss. Gott ist es, der seinen Sohn zum Versöhner verordnet hat. Gott ist es, der durch seinen Tod die Sühnung für die Sünden der Welt beschaffen wollte. Eben zu diesem Zwecke hat er Satan für kurze Zeit gestattet, einen Scheinsieg über Christus zu erringen. Christus bot dem Satan diesmal keinen Widerstand; er will dem Beschlusse des Vaters willfahren und so seinen Gehorsam Gott als Kaufpreis für unsere Gerechtigkeit anbieten.

Steht auf und lasst uns von hinnen gehen. Einige sind der Meinung, Christus sei mit diesen Worten aufgebrochen. In den nächsten drei Kapiteln wären also unterwegs gehaltene Reden aufgezeichnet. Doch erst 18, 1 fügt Johannes hinzu: Christus wollte nur sinnbildlich zum Aufbruche mahnen. Die Jünger sollten sich aufmachen und in seiner Nachfolge Gott den nämlichen Gehorsam erweisen, dessen glänzendes Vorbild sie an ihm selber wahrnahmen. Dann hat er sie aber damals noch nicht aus dem Saale ins Freie geführt.

1) 
Im 4. Jahrhundert Anhänger eines gewissen Arius, der den Herrn nicht für den wesensgleichen Sohn Gottes, sondern nur für eine Art Halbgott erklärte.

Kapitel 15 

V. 1. Ich bin der rechte Weinstock. Dies Gleichnis läuft auf die Lehre hinaus: Wir sind von Natur dürr und unfruchtbar; das hört erst auf, wenn wir, in Christum eingepflanzt, aus ihm eine neue, von außen her uns zukommende Kraft schöpfen. Die zugrunde liegenden griechischen Worte habe ich, anderen Auslegern darin folgend, mit „Weinstock“ und „Reben“ übersetzt. Weinstock ist die eigentliche Pflanze; Reben sind ihre Zweige. Doch haben die übersetzten Worte bisweilen auch eine andere Bedeutung. Das Wort, das mit „Weinstock“ übertragen wird, kann auch „Weingarten“ – also ein mit vielen Weinstöcken besetztes Feld – bedeuten, und das mit „Rebe“ übertragene Wort findet sich auch in dem Sinne von „Weinstock“. Ich neige deshalb der Ansicht zu, dass Christus sich hier mit einem von Weinstöcken bewachsenen Felde und uns mit den Pflanzen darauf vergleicht. Doch will ich nicht rechthaberisch auf dieser Ansicht bestehen. Ich will nur den Bibelleser bitten: folge derjenigen Auslegung, die der ganze Zusammenhang nahe legt!

Eine Hauptregel, die man bei allen Gleichnissen zu befolgen hat, ist die: verliere dich nicht in Einzelheiten! Ein Weingarten oder Weinstock hat alle möglichen Eigenschaften. Hier aber gilt es, die Hauptsache im Auge zu behalten. Welche Punkte will Christus mit seinem Gleichnis beleuchten?

Es sind deren drei: einmal, dass wir nicht fähig sind, ein Leben nach Gottes Willen und Wohlgefallen zu führen, wenn er uns nicht die Kraft dazu gibt; dann, dass der Vater uns, wenn wir in Christo die Wurzel unseres Lebens haben, reinigt und pflegt; endlich, dass er die unfruchtbaren Weinstöcke oder Reben fortnimmt, um sie zu verbrennen. Selten ist ja ein Mensch so schamlos, abzustreiten, dass alles Gute, das an ihm ist, von Gott stammt. Aber wenn man dann dies Gute doch nur als eine ganz allgemeine Gnadengabe ausgibt, so läuft es darauf hinaus, dass es uns eigentlich von Natur angeboren ist. Christus aber behauptet mit allem Nachdruck, dass der Lebenssaft allein von ihm in uns überfließt, woraus doch folgt, dass die menschliche Natur unfruchtbar und zum Guten unfähig ist. Denn an dem Saft des Weinstocks nimmt man erst teil, sobald man an Christo als Rebe hängt; das aber wird nur durch besonderes Walten der Gnade über den einzelnen den Auserwählten zuteil. Der erste Urheber alles Guten ist der Vater. Er pflanzt uns ein mit seiner väterlichen Hand. Zu leben beginnen wir jedoch erst in der Verbindung mit Christus von dem Augenblick an, wo wir unsere Wurzeln in ihn hineinsenken. Damit, dass Jesus sich den rechten Weinstock nennt, will er sagen: Nur ich bin in Wahrheit ein Weinstock; es ist ganz vergebliche Mühe, wenn die Menschen irgendwo anders zu Kraft und Saft zu kommen suchen. Nützliche Frucht wird ganz allein erwachsen bei Reben, die im Lebenszusammenhang mit mir stehen.

V. 2. Einen jeglichen Reben usw. Weil die einen die Gnade Gottes missbrauchen, die anderen sie durch sündliches Leben unwirksam machen, wieder andere sie durch Trägheit ersticken, so will Jesus diese alle mit der Drohung aufschrecken: Seid ihr unfruchtbare Reben, so werdet ihr vom Weinstock abgeschnitten. Aber ist es denn denkbar, dass einer, der in Christum eingepflanzt ist, keine Frucht bringt? Jedenfalls halten die Menschen gar manchen für eine Rebe, der tatsächlich doch außer Zusammenhang mit dem Weinstock steht. So nennt Gott das Volk Israel bei den Propheten seinen Weinberg; und dabei ist Israel nur noch dem Namen nach die Gemeinde Gottes.

Und einen jeglichen, der da Frucht bringt. Diese Worte belehren uns darüber, dass die Gläubigen, um nicht aus der Art zu schlagen, immer wieder der Pflege bedürfen; auch sie vermögen auf die Dauer nichts Gutes zustande zu bringen, wenn nicht Gott ein ums andere Mal seine Hand an sie legt. Es ist nicht genug, wenn Gott uns einmal an Kindes Statt annimmt; Gott muss auch fernerhin mit seiner Gnade über uns walten. Jesus redet hier von dem Ausputzen mit dem Winzermesser, weil unser fleischliches Wesen reich ist an allerlei überflüssigen, schädlichen Auswüchsen; ohne Ende würden sie wuchern und überhand nehmen, wenn Gottes Hand sie nicht wegschnitte. Wenn Jesus sagt, dass die Reben ausgeputzt werden müssen, wenn sie reichlichere Frucht tragen sollen, so fordert er damit die im Leben der Frommen unerlässlichen Fortschritte.

V. 3. Ihr seid schon rein um des Wortes willen. Damit erinnert der Herr seine Jünger: Ihr habt ja schon Erfahrung von dem, was ich euch gesagt habe, nämlich, dass ihr in mich gepflanzt und auch gereinigt worden seid. Das Mittel, durch welches diese Reinigung bewirkt wird, ist Jesu Lehre. Gemeint ist damit seine äußere Predigt, - nicht als hätte die von den Lippen ertönende Stimme schon an und für sich eine solche Kraft: sie empfängt dieselbe aber dadurch, dass Christus durch seinen Geist am Herzen arbeitet. Die Stimme ist das Werkzeug, wodurch die Reinigung vermittelt wird. Indes meint Christus nicht, die Apostel seien gänzlich von Sünde befreit; er weist sie nur auf ihre bisherige Erfahrung hin, an der sie lernen können, wie notwendig es ist, dass die Gnade auch ferner ihr Werk an ihnen tue. Übrigens zeigt er ihnen hier, welche heilsame Folgen das Evangelium hat. Umso mehr sollen sie dadurch angespornt werden, beständig seine Worte sich gegenwärtig zu halten, - gleichen diese doch dem kleinen Messer, das der Weingärtner handhabt, um alles Unnötige an seinen Reben zu beseitigen.

V. 4. Bleibt in mir. Nochmals mahnt Jesus die Jünger, die Gnade, mit der sie einmal begabt sind, mit angespanntem Eifer festzuhalten. Unser Fleisch ist so sicher und sorglos, dass es gar nicht genug wach gerüttelt werden kann. Christus hat offenbar sein Augenmerk darauf gerichtet, dass er uns, wie eine Henne ihre Küchlein, unter seinen Flügeln bewahren will; wir sollen nicht, wie leichtfertige Küchlein es machen, unter den bergenden Flügeln wegflattern und in unser Verderben rennen. Um uns nun des zu vergewissern, dass er das Werk unserer Rettung nicht begonnen hat, um es liegen zu lassen, wenn es mitten im besten Gange ist, verspricht er, dass sein Geist stets in uns kräftig sein werde, wenn nur dem von uns aus nichts entgegensteht. Bleibt in mir, sagt er, denn Ich bin bereit, in euch zu bleiben, - und nachher (V. 5): Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht. Mit diesen Worten erklärt Jesus alle die, welche lebendig in ihn eingewurzelt sind, für Trauben tragende Weinreben.

V. 5. Ohne mich könnt ihr nichts tun. Das ist der innere Schluss und die Anwendung des gesamten Gleichnisses: Solange wir außer Christo sind, vermögen wir keine gute, Gott angenehme Frucht hervorzubringen, denn wir sind zum Rechttun völlig außerstande. In der römischen Kirche wird dies Wort nicht nur abgeschwächt, es wird um alle seine Kraft gebracht, ja es wird geradezu Spott damit getrieben. Dem Wortlaut nach gibt man es auch dort zu: Natürlich können wir nichts ohne Christum. Doch träumt man von einem gewissen Maße eigener Kraft, die wir besäßen; freilich sei sie an sich nicht ausreichend, doch wirke sie mit, wenn sie von Gottes Gnade unterstützt werde. Sie mögen es nun einmal nicht leiden, dass man dem Menschen jede Fähigkeit, selber zu seiner Rettung etwas beizutragen, abspricht. Doch es ist ein höchst seltsames Unterfangen, so klare Worte Christi umstoßen zu wollen. Christus erklärt doch rundweg, dass wir gar nichts aus uns selbst heraus vermögen (V. 4): „Der Rebe kann keine Frucht bringen von ihm selber“. Sonach weist er hier nicht nur auf die mitwirkende Beihilfe seiner Gnade hin, sondern er beraubt uns völlig jeder eigenen Kraft; all unser Können beruht auf seinem Geben. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ ist also so viel als: „Nur durch mich könnt ihr etwas tun“. Das wird man durch keine Ausflüchte aus der Welt schaffen. Die ganze Schrift deutet darauf, dass wir, ehe wir in Christo haften, unnützes, dürres Holz sind.

V. 6. Wer nicht in mir bleibt usw. Dadurch, dass er ihnen noch einmal die Strafe der Undankbarkeit vor die Augen malt, macht Jesus den Jüngern das treue Ausharren zu einer höchst wichtigen Angelegenheit. Beharrlichkeit ist freilich eine Gottesgabe. Darum aber ist die Ermahnung, sich vor der Verwerfung zu fürchten, doch nicht überflüssig; ohne sie möchte unser Fleisch wieder die Oberherrschaft gewinnen, und die in Christum eingesenkte Wurzel absterben. Von denen, die von Christo abgeschnitten sind, heißt es, dass sie verdorren gleich erstorbenem Reisig. In Christo beginnen wir grün und saftreich zu werden; nur in ihm können wir das auch bleiben. Das will aber nicht besagen, dass ein wirklich Auserwählter jemals könnte wieder abgeschnitten werden. Vielmehr ist an die vielen Heuchler zu denken, welche scheinbar eine Zeit lang blühen und grünen und nachher, wenn sie Frucht bringen sollen, nichts aufweisen können, was dem Herrn gefällt.

V. 7. So ihr in mir bleibt. Weil gläubige Christen es gar oft empfinden, dass es ihnen an vielem gebricht, ja dass sie weit entfernt sind von der reichen Vollsaftigkeit, wie sie zu einem schönen Fruchtertrag erforderlich ist, deswegen folgt jetzt dieser ausdrückliche Zusatz: mag den Gliedern Christi auch noch mancherlei fehlen, so liegt doch für sie jegliche Hilfe bereit, sobald sie nur darum bitten. Bist du in Christo, so wisse, - was dir auch fehlen mag, sobald du Gott anflehst, ersetzt deine Hilfe deinen Mangel. Wir nützlich ist doch diese Erinnerung! Um uns in eifrigem Beten zu üben, duldet es der Herr nicht selten, dass wir inneren Mangel haben. Fliehen wir aber zu ihm, so wird er sich niemals unseren Bitten entziehen, wird aus seiner unerschöpflichen Fülle uns darreichen, was uns nottut (1. Kor. 1, 5). Wenn Jesus sagt: Wenn meine Worte in euch bleiben, so deutet er damit an, dass wir durch den Glauben in ihm Wurzel treiben. Sobald du dich von der Lehre des Evangeliums entfernst, suchst du Christum da, wo er nicht ist.

Wenn Jesus übrigens verheißt: Ihr werdet bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren, so räumt er uns damit nicht eine unbegrenzte Bittfreiheit ein. Gar schlecht würde Gott unser wahres Wohl bedenken, wenn er zu allem zu haben wäre und uns jeden Gefallen täte. Bekanntermaßen betreiben die Menschen in zahllosen Fällen eine ganz verkehrte Beterei. Gerade an dieser Stelle bindet Christus das Gebetsleben seiner Jünger an fest abgemessene Schranken: alle ihre Gedanken haben sie dem heiligen Gotteswillen unterzuordnen. Man beachte den ganzen Zusammenhang unserer Stelle. Das „Wollen“, von dem Jesus hier redet, bezieht sich nicht auf Reichtum, irdische Ehren oder dergleichen Dinge, wie sie ein fleischlicher Mensch in seiner Torheit sich ausbitten würde, sondern es bezieht sich auf den Lebenssaft heiligen Geistes, der den Christen zu einer traubenbelasteten Rebe macht.

V. 8. Darinnen wird mein Vater geehrt usw. Was wir eben auf Grund der letzten Worte sagten, findet in diesem Satze eine Bestätigung. Jesus zeigt, dass Gott ohne Zweifel die Bitten der Seinen erhört, wenn sie sich nach Frucht ausstrecken: denn dies trägt ja im höchsten Maße zu seiner Verherrlichung bei. Dieser Umstand aber soll uns ganz besonders zum Eifer im Rechttun anspornen. An nichts muss uns mehr gelegen sein, als daran, dass der Name Gottes durch uns groß werde in der Welt.

Dem schließt sich aufs Beste an: und werdet meine Jünger. Denn damit spricht Jesus aus, dass niemand zu seiner Herde gehört, der nicht Frucht bringt, wie sie Gott Ehre macht.

V. 9. Gleichwie mich mein Vater liebt. Die Ausdrücke, die Jesus hier gebraucht, wollen etwas weit Höheres besagen, als man gemeiniglich annimmt. Man trifft die eigentliche Absicht gerade dieser Stelle nicht, wenn man meint, er rede hier von der uns verborgenen ewigen Vaterliebe zu seinem eingeborenen Sohne. Hier will Jesus vielmehr ein gewisses Unterpfand dafür, dass Gott uns liebt, in unsere Seele senken. Von der Liebe, mit welcher der Vater sich selbst in seinem ewigen Sohne liebte, ist also überhaupt nicht die Rede, sondern in Abzielung auf uns vielmehr von der Liebe, mit welcher der Vater Christum als das Haupt seiner Gemeinde umfasst. Und das ist uns besonders nötig. Wer, vom Mittler absehend, der Liebe Gottes gewiss werden möchte, kommt dermaßen in die Irre, dass er nicht mehr weiß, wo aus noch ein. Richte die Augen auf Christum! In ihm ist das öffentlich zur Schau gestellte Unterpfand göttlicher Liebe zu finden! In ihn hat sich Gottes Liebe völlig ergossen, und zwar mit dem Zwecke, von ihm, dem Haupte, zu uns, den Gliedern herabzuströmen. Jesus ist der Spiegel, in dem wir die Vaterliebe Gottes gegen uns alle betrachten dürfen; ihm wird nicht in Abgeschiedenheit von allen anderen, auch nicht allein um seinetwillen des Vaters Liebe zuteil, sondern dazu, dass er unsere Vereinigung mit Gott werde.

Bleibet in meiner Liebe. Einige Ausleger meinen, dass diese Worte die rechte Gegenliebe von den Jüngern fordern. Besser denken andere daran, dass die Jünger im Genuss der Liebe Christi verharren und sich nicht in Zukunft derselben berauben sollen. Denn viele verstoßen die ihnen angebotene Gnade, viele werfen weg, was sie schon in Händen hatten. Nachdem wir also einmal in den Gnadenstand gekommen sind, sollen wir Fleiß tun, dass wir durch unsere Schuld nicht wiederum herausfallen. Freilich wäre es ein leichtfertiges Missverständnis, dass wir etwa der Wirkungskraft der göttlichen Gnade mit unserer Standhaftigkeit zu Hilfe kommen müssten. Mahnt uns Christus hier zu treuem Beharren, so werden wir dies mit unserer Kraft nicht leisten, sondern sollen uns mit unseren Bitten an ihn selbst wenden: gib die Kraft der Liebe, die du von uns forderst!

V. 10. So ihr meine Gebote haltet usw. Das ist die Art, wie man zu beharren vermag: wir sollen dem Rufe Christi überall folgen. Denn, wie Paulus Röm. 8, 1 sagt, die in Christo sind, wandeln nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste. Beides ist stets und ständig beisammen: der Glaube, welcher die freie Gnade Christi ergreift, und das gute Gewissen samt dem neuen Leben. Sicherlich versöhnt Christus die Gläubigen nicht dazu, dass sie nun ungestraft ihren Mutwillen treiben, sondern um sie durch Leitung seines Geistes ganz von der Herrscherhand des Vaters abhängig zu halten. Folglich haben alle die Christi Liebe abgeschüttelt, welche nicht durch echte christliche Frömmigkeit ihre Jüngerschaft beweisen. Aber hängt denn die Sicherheit unseres Gerettetseins von uns selber ab? Das wäre freilich eine Verdrehung der Worte Christi! Denn der Gehorsam der Gläubigen bewirkt nicht etwa, dass Christus sie weiter liebt; im Gegenteil: die Liebe Christi bewirkt, dass sie ihm gehorchen. Wovon kommt es denn, dass sie seinem Rufe Folge leisten? Einzig davon, dass sie von dem Geiste der ihnen geschenkten Gotteskindschaft dazu getrieben werden. Aber es wird uns doch scheinbar eine unerfüllbare Bedingung damit auferlegt, dass wir Christi Gebote halten sollen: das vermag ja doch nur der, dessen Gerechtigkeit in jeder Hinsicht vollkommen ist, - eine solche Gerechtigkeit aber liegt weit jenseits unseres Vermögens.

Wäre es so, dann wäre die Liebe Christi nur in dem Falle auf die Dauer für uns vorhanden, dass wir rein wie die Engel vor Gott wandelten. Wie kommen wir aus diesen Schwierigkeiten heraus? Ganz einfach so: jedes Mal, wenn Christus von dem Streben nach einer rechtschaffenen, heiligen Lebensführung spricht, tut er das durchaus nicht etwa auf Kosten des Haupt- und Grund-Artikels seiner Lehre, - und der ist ja die Zurechnung der Gerechtigkeit aus Gnaden; nur durch sie kann unsere an und für sich unvollständige, unreine, ja verwerfliche Pflichterfüllung Gott, der um Christi willen stets zur Vergebung bereit ist, dennoch wohlgefallen. Wenn die Jünger Christi nur mit allem Ernste danach trachten, ihres Meisters Gebote zu befolgen, gelten sie, auch wenn noch gar viel zu wünschen übrig bleibt, trotzdem als Leute, die ihre Schuldigkeit getan haben; für sie ist das strenge Wort außer Geltung gesetzt (5. Mo. 27, 26): Verflucht sei, wer nicht alle diese Worte des Gesetzes erfüllt.

Gleichwie Ich meines Vaters Gebote halte. Wie wir in Christo erwählt sind, so sehen wir auch in ihm das lebendige Bild dessen vor uns, wozu wir berufen sind. So stellt er sich denn verdientermaßen hier als Muster hin, dem sich in treuer Nachahmung jeder fromme Christ nachzubilden hat. Wer mich anschaut, will Jesus sagen, dem leuchtet die Verwirklichung aller meiner Forderungen vollendet schön in die Augen. Seht! Ich bin dem Vater in unverbrüchlichem Gehorsam zugetan, und ihr werdet mich nie anders als Gott gehorsam finden. Und der Vater wiederum liebt mich nicht nur eben jetzt oder eine gewisse Zeit lang, sondern er ist in seiner Liebe gegen mich ebenfalls treu ohne Wanken.

Diese Gleichgestaltung von Haupt und Gliedern muss uns stets als unser Ziel vorschweben, nicht nur, damit die Gläubigen alles daran setzen, sich dem Vorbild Christi anzupassen, sondern damit sie es dem Geiste Gottes zutrauen, er werde sie von Tag zu Tage Christo ähnlicher und immer ähnlicher machen. Darin besteht das neue Leben, in dem wir bis an unser Ende wandeln sollen.

V. 11. Solches rede ich zu euch usw. Jesus fügt hinzu, seine Liebe sei durchaus nicht etwas für die Seinen Unbekanntes: im Glauben wird sie erfahren, um beseligt genießen seine Jünger in ihrem Gewissen seinen Frieden. Die Freude, deren er hier gedenkt, entstammt diesem Frieden, den alle die haben, welche die Rechtfertigung vor Gott aus Gnaden ihr eigen nennen dürfen. So oft wir die Predigt von der väterlichen Liebe Gottes vernehmen, wollen wir bedenken, dass hier allein der Grund wahrer Freude liegt: der Vaterliebe Gottes versichert, haben wir ein ruhiges Gewissen und sind unserer Rettung gewiss. Es ist hier die Rede von Christi Freude und von unserer Freude, und zwar in verschiedener Hinsicht. Es ist die Freude Christi, weil er sie uns gibt: Er ist ihr Urheber und ihr Anlass.

Ihr Anlass: denn wir sind nur deshalb unserer Schuld entledigt, weil die Strafe auf ihm liegt, damit wir Frieden hätten.

Ihr Urheber: weil er durch seinen Geist der Furcht und Bangigkeit in unseren Herzen ein Ende macht, sodass eine tiefe Seelenheiterkeit bei uns einkehrt.

Unser ist aber die Freude in einer anderen Beziehung: wir genießen sie, sobald sie uns geschenkt ist. Wenn Christus es ausspricht, er habe dies gesagt, damit seine Jünger Freude hätten, so stellen wir im Vertrauen darauf fest: Jeder, der ein gelehriger Hörer und Schüler Jesu in seinen Abschiedsreden ist, hat darin ein weiches Ruhekissen seiner Seele. Eine „bleibende“ Freude ist keinem Wechsel der Zeit ausgesetzt, sie fällt nicht hin und verrauscht nicht.

Und eure Freude vollkommen werde. Diese ganze und vollkommene Freude schließt freilich nicht aus, dass auch gläubige Christen noch zuweilen in Traurigkeit fallen. Aber der Grund der Freude gibt dermaßen den Ausschlag, dass weder Furcht noch Angst noch Betrübnis den Christen jemals wieder ganz unter ihr Joch zu beugen vermögen. Denen es verliehen ist, sich in Christo zu rühmen, denen ist weder Tod noch Leben noch Elend aller Art hinderlich, der Traurigkeit Trotz zu bieten.

V. 12. Das ist mein Gebot. Wenn es erforderlich ist, dass wir unser Leben nach dem Gebote Christi einrichten, dann lautet die erste Frage: Was will, was gebietet er denn eigentlich? Daher wiederholt Jesus noch einmal, was er schon früher gesagt: vor allen Dingen legt er darauf Wert, dass die Gläubigen unter sich innige Liebe walten lassen. Selbstverständlich geht die liebende Ehrfurcht vor Gott voraus; jedoch gibt es keinen besseren Beweis für ihr Vorhandensein, als die gegenseitige Liebe, die hier als Erstes erwähnt wird. Wie Jesus uns eben erst das gesamte Bewahren seiner Lehre zur Pflicht gemacht hat, so schreibt er uns hier einen einzelnen Erweis unserer Folgsamkeit vor. Wenn er alle die Seinen mit Liebe umfasste, so hat er das getan, damit sie sich einander ebenfalls herzlich lieben sollten.

V. 13. Niemand hat größere Liebe usw. Christus weist ab und zu auf die Größe seiner Liebe zu uns hin; er will dadurch unsere Gewissheit, gerettet zu sein, umso mehr befestigen. Hier will er noch mehr erreichen: durch sein Beispiel will er uns zur Bruderliebe entflammen. Doch flicht er beides ineinander. Er will, dass wir uns im Glauben die unbeschreiblich große Süßigkeit seiner Liebe zu eigen machen; zugleich aber will er mit Hinweis auf seine Liebe auch uns zu rechter Liebe treiben (vgl. Eph. 5, 2). Gott hätte uns ja durch ein Wort oder einen Wink erlösen können; er zog aber um unsertwillen eine andere Weise vor. Er hat seines eigenen einzigen Sohnes nicht verschont, um durch Hingabe des Geliebten davon Zeugnis abzulegen, wie sehr er es sich angelegen sein lässt, dass wir errettet werden. Ein Herz, das von so unvergleichlicher Liebe unseres freundlichen Vaters im Himmel nicht erweicht wird, muss noch härter sein als Eisen oder Fels.

Aber was soll das heißen: Christus starb für seine Freunde? Sind wir doch Feinde gewesen, ehe er uns mit Gott versöhnte. Über diese Frage haben wir uns schon (zu 3, 16) ausgesprochen. Wir haben dort gesagt: Allerdings ist, wenn man den Menschen ansieht, ein Zwiespalt zwischen uns und Gott, der erst beseitigt wird durch den Sühntod Christi; doch war die Ursache der in Christo uns erschienenen Gnade Gottes die unerschöpfliche Liebe Gottes, die er uns schon zuwandte, als wir noch Feinde waren. Gerade so hat Christus nun auch sein Leben für Fremde hingeopfert, - für Fremde und doch für Freunde, denn: hätte er sie nicht geliebt, er wäre nimmermehr für sie in den Tod gegangen.

V. 14. Ihr seid meine Freunde, so ihr tut usw. Damit will Jesus nicht sagen, dass wir uns die Ehre seiner Freundschaft selbst verdienen können. Er weist nur darauf hin, unter welcher Bedingung er uns unter seine Freunde aufnahm. In demselben Sinne sagte er soeben (V. 10): So ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe. Ist doch die heilsame Gnade Gottes erschienen, uns dazu zu erziehen, dass wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt (Tit. 2, 11). Weltmenschen dagegen, die in ihrer Gottlosigkeit das Evangelium gering achten und sich gegen die Forderungen Christi ablehnend verhalten, stoßen die ihnen dargebotene Freundeshand Jesu zurück.

V. 15. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid. Damit deutet Jesus auf einen neuen Beweis seiner Liebe zu den Jüngern: wie offen hat er sich ihnen doch mitgeteilt! So lässt nur ein vertrauter Freund den anderen in sein Herz schauen. Weit mehr, so will Jesus sagen, habe ich euch anvertraut, als ein sterblicher Mensch seinen Untergebenen anzuvertrauen pflegt. Wie gut ich euch bin, dafür habt ihr ein Unterpfand daran, dass ich in so freundschaftlicher, liebreicher Weise euch die Geheimnisse himmlischer Weisheit, die ich vom Vater vernahm, mitgeteilt habe. –

Sicher ein hoher Ruhmestitel der Heilsbotschaft, dass wir in ihr, ich möchte sagen, das weit offene Herz Christi vor uns haben! Er will uns nicht in Unklarheit und Ungewissheit darüber lassen, wie groß seine Liebe zu uns ist. Um gewiss zu werden, dass wir errettet sind, brauchen wir nicht zu wünschen: Ach, könnten wir doch über die Wolken emporschweben oder in verborgene Abgründe hinuntersteigen! Wir haben genug an dem schlichten Zeugnis der Liebe, wie es im Evangelium zu lesen ist; das ist klar und wahr. Moses sagte zu dem Volk des alten Bundes (5. Mo. 4, 7): „Wo ist so ein herrlich Volk, zu dem Götter also nahe sich tun, als der Herr unser Gott, so oft wir ihn anrufen?“ Ein noch herrlicheres Volk ist das der Christen. Wodurch? Dadurch, dass Gott seine ganze Fülle ergossen hat in seinem Sohne. Umso größer ist die Undankbarkeit und Verkehrtheit derer, welche sich mit der wundervollen Weisheit des Evangeliums nicht begnügen wollen, sondern in verwegenem Fluge der Gedanken eine neue Wahrheit suchen.

Was ich habe von meinem Vater gehört. Ganz gewiss ist nicht alles, was Christus wusste, den Jüngern auch bekannt gewesen. Sie waren gar nicht dazu imstande, die volle Höhe seiner Gedanken zu erschwingen. Die ganze Weisheit Gottes ist ja für unseren menschlichen Verstand unbegreiflich. So hat Jesus denn jedenfalls einem jeden nur so viel Wissen zugeteilt, als er bedurfte und fasste. Weshalb sagt er aber dann, er habe alles kundgetan? Er redet hier als Mittler von dem, was sein Mittleramt verlangt. Er hat sich zwischen Gott und uns in die Mitte gestellt; nun empfängt er für uns mancherlei aus dem verborgenen Heiligtum Gottes. Das alles wandert sofort aus seiner Hand in unsere. Von dem, was zu unserem Heile dienlich war, was uns zu wissen nottat, hat Christus seinen Jüngern keine Silbe verschwiegen. So lasst uns denn demütige Schüler sein, die voll Eifer von ihm lernen, - wir werden dann erfahren, dass Paulus mit vollem Rechte das Evangelium eine Weisheit nennt, welche die Menschen vollkommen macht (Kol. 1, 28).

V. 16. Ihr habt mich nicht erwählt. Noch klarer als bisher sagt Jesus hier, dass die Jünger es nicht ihrem Verdienste, sondern lediglich seiner Gnade zu verdanken haben, dass sie zu der Ehre seiner Freundschaft gelangt sind. Wenn er leugnet, dass sie ihn erwählt haben, so ist das so gut als erklärte er nachdrücklich: Was ihr auch in meiner Jüngerschaft habt, nicht das Mindeste davon habt ihr euch dadurch verschafft, dass ihr besonders geschickt oder tüchtig wart! Die landläufige Rede von dem Zusammenwirken und Ineinandergreifen der göttlichen Gnade und des menschlichen Willens ist ein Märchen. Der scharfe Gegensatz: Ich habe euch erwählt, ich bin nicht von euch erwählt worden, - spricht rundweg nur Christo das zu, was man sich vielfach gewöhnt hat, halb ihm, halb dem Menschen zuzuerteilen. Hier steht es klar zu lesen: kein Mensch macht sich aus eigenem Antrieb auf, Christum zu suchen; ehe es dazu kommt, hat Christus zuvor ihn gesucht.

Übrigens handelt es sich hier nicht um die allgemeine Erwählung, durch welche die Frommen von Gott an Kindes Statt angenommen werden, sondern um die besondere Erwählung, kraft deren Jesus seine Jünger zum Amt von Predigern des Evangeliums auserkor. Doch wenn sie aus Gnaden, ohne alles Verdienst zum Apostelamt erwählt worden sind, so ist ganz sicher noch weit mehr das eine Gnadenwahl, durch die wir aus Kindern des Zornes und Fluches Erben des ewigen Lebens werden. Wenn Christus hier davon redet, wie er seine Jünger zu Aposteln erwählt hat, so hat er doch auch gleichzeitig jene frühere Erwählung, vermöge deren sie in den Leib der Gemeinde Gottes eingefügt wurden, mit im Auge, ja überhaupt alles Herrliche und Große, das er ihnen zu eigen gegeben hatte.

Immerhin gebe ich zu: es ist zunächst hier vom apostolischen Amt die Rede. Christus beabsichtigt, die Jünger zu pflichteifriger Verwaltung dieses Amtes anzufeuern. Seine Ermahnung gründet er auf die Huld und Güte, deren er sie gewürdigt hat. Je mehr wir dem Herrn verpflichtet sind, desto mehr sollen wir, so schickt es sich, glühen von dem eifrigem Bestreben, unsere Obliegenheiten treu seiner Weisung zu erfüllen: ließen wir es daran fehlen, so könnten wir dem Vorwurf schnöden Undankes nicht entgehen. Es geht daraus hervor: das, was am allerentschiedensten zu dem ernsten Bestreben, einen geheiligten, frommen Christenwandel zu führen, anspornen muss, ist die Erkenntnis: dass wir Gott alles verdanken und selbst nichts zu eigen haben, dass nicht bloß der Anfang unseres Gnadenstandes, sondern auch alles folgende Wachstum aus Gottes freiem Erbarmen fließt.

Wie wahr der vorliegende Ausspruch Christi ist, ist daran deutlich zu ersehen, dass er solche Leute zu Aposteln erwählte, die als die Untauglichsten von allen erscheinen konnten. Er wollte, dass sie ein beständiges Denkmal seiner freien Gnade sein sollten. Wer ist denn wie Paulus (1. Kor. 4, 2) sagt, geeignet, jene Botschaft an die Menschenwelt auszurichten, durch welche Gott die Menschen mit sich versöhnen will? Ja, wo ist der sterbliche Mensch, der diese Botschaft an Christi, ja an Gottes Statt auszurichten geschickt ist? Christus allein befähigt seine Boten zu ihrem Amte, und zwar dadurch, dass er sie erwählte (vgl. Röm. 1, 5; Gal. 1, 15). Da wir selbst gänzlich unnütze Knechte sind, kann auch der nach menschlichem Urteil Begabteste den unscheinbarsten Beruf nicht wirklich ausfüllen, wenn ihn nicht Gottes Erwählung an seinen Platz gestellt hat. Je höher aber der Ehrenplatz ist, den jemand in der Gemeinde Gottes einnimmt, umso weniger darf er vergessen, dass er ganz auf den Herrn angewiesen ist.

Und gesetzt. Die Erwählung bleibt solange verborgen, bis sie dadurch an den Tag tritt, dass dem Menschen das Amt übergeben wird, zu welchem er bestimmt war, wie Paulus (Gal. 1, 15), da er berichtet, dass er von Mutterleibe an ausgesondert worden sei, ehe er ihn im Schoße der Mutter bildete; und doch hat er ihn zur Ausübung des Prophetenberufes erst zu seiner Zeit herangezogen. Indes wird es auch geschehen können, dass jemand nach einer geeigneten Vorbildung ein Lehramt übernimmt. Das ist sogar in der geordneten Kirche in der Regel der gewiesene Weg: man sichert sich dadurch, soweit das möglich ist, davor, dass in ein geistliches Amt niemand berufen wird, der nicht in geeigneter Weise dazu gerüstet und geschult ist. Dass übrigens Christus sich selbst als den Urheber der beiden verschiedenen Erwählungen bezeichnet, nimmt uns nicht wunder: denn der Vater handelt nur durch ihn, und wo der Sohn etwas tut, ist der Vater stets dabei. Die Erwählung und die Vorherbestimmung ist beider gemeinsames Werk.

Dass ihr hingeht. Jetzt zeigt der Herr, wozu er seiner Gnade gedachte: er wollte die Jünger zum Wirken frischer und mutiger machen. Das Apostelamt war eine faule Pfründe; da hieß es mit den äußersten Schwierigkeiten ringen. Hier setzt ihnen Christus sozusagen den Sporn in die Flanke; sie sollen nicht zurückscheuen vor Arbeit, Mühsal und Unglück aller Art.

Und Frucht bringt. Es ist fast undenkbar, dass jemand sich ernstlich und nachdrücklich einem Werke widmet, wenn er nicht hofft, dass seine Arbeit Frucht schaffe. Deshalb spricht Christus aus, dass die Unternehmungen seiner Boten nicht erfolglos und unnütz sein werden, wenn sie nur bereit sind, ihm stets zu gehorchen. Er macht den Aposteln hier nicht Vorschriften darüber, was ihr Beruf von ihnen verlangt, sondern er verheißt ihnen, damit sie nicht erschlaffen und erkalten, ein reich gesegnetes Wirken. Es ist fast nicht auszusagen, wie tröstlich dies gewichtige Wort des Herrn ist gegenüber all den Glaubensnöten, durch welche die Diener Christi Tag für Tag hindurch müssen. So oft es uns vorkommt, als sei alle aufgewendete Mühe vergeblich, mag uns die Erinnerung an dies Wort neu beleben: Christus verbürgt sich dafür, dass unsere Arbeit nicht vergeblich sein wird. Gerade da ist diese Verheißung ganz besonders am Platze, wo keine Frucht zu sehen ist. Naseweise Menschen, freilich von der Welt als die Pächter der Weisheit angesehen, höhnen in unseren Tagen: all unser reformatorisches Tun sei sinn- und planlos, wir würden mit unserem titanenhaften Bemühen kläglich scheitern. Allerdings entspricht die bisher sichtbar gewordene Frucht nicht dem, was wir wünschen und erbitten. Dennoch sind wir getrost. Christus hat versprochen: es soll der Lohn die Mühe krönen, wenn man auch zunächst nichts wahrnimmt. Deshalb tun wir unsere Pflicht nach wie vor, unbeirrt durch der Leute Geschwätz und Gelächter.

Und eure Frucht bleibe. Inwiefern ist die Frucht von Bestand? Viele meinen: insofern, als die Predigt des Evangeliums die Seelen zur ewigen Errettung für Christum gewinnt. Meines Erachtens ist weit mehr damit gesagt, nämlich, dass die Gemeinde Christi bestehen wird bis ans Ende der Welt. Die Arbeit der Apostel bringt noch heute Frucht, und unsere Predigt gehört nicht nur dem gegenwärtigen Jahrhundert an: so hilft mit zur Fortpflanzung und Ausbreitung der christlichen Kirche; ja es mag, wenn unsere Gebeine längst im Grabe liegen, aus unserer Lebensarbeit immer neuer Segen zu Tage treten. Wenn übrigens Jesus sagt „eure Frucht“, so redet er gerade, als sei sie durch eigenen Fleiß beschafft worden, während doch Paulus lehrt, dass diejenigen, welche begießen oder pflanzen, nichts sind. Sicher ist die Aufrichtung der Kirche eine so hoch erhabene Gottestat, dass man den Ruhm derselben nimmermehr Menschen zuschreiben darf. Aber weil Gott seine Macht durch die Vermittlung der Menschen betätigt, deren Tun er mit Gelingen segnet, so kommt es in der Schrift nicht selten vor, dass auf Menschen übertragen wird, was recht eigentlich nur von Gott selbst gilt. Behalten wir dabei im Sinne: Er ziert seine Jünger gütig mit diesem Lobe, - dass sie selbst Frucht schaffen, - um sie zu ermutigen, ganz gewiss nicht, um sie stolz zu machen.

Auf dass, so ihr den Vater bittet usw. Dieser Zusatz steht nicht, wie man denken könnte, unvermittelt da. Die Lehrtätigkeit übersteigt Menschenkräfte bei weitem, sie wird erschwert durch unzählige Angriffe Satans; niemand hielte ihnen stand, liehe Gott uns nicht seine Kraft. Damit die Apostel nicht im Bewusstsein ihrer Ohnmacht allen Mut verlieren, springt ihnen Christus bei mit der besten Hilfe. Er will sagen: Wenn die Arbeit eure Kräfte übersteigen wird, so wird euch mein Vater seine Hilfe nicht versagen. Ihr Diener des Evangeliums sollt fest darauf rechnen, dass der Vater seine Hand beständig ausgereckt hält, euch zu helfen, so oft ihr in meinem Namen seinen Beistand erbittet. –

Der Grund, weshalb so viele Lehrer des Wortes träge und schlaff werden, oder gar vollends der Verzweiflung anheimfallen, liegt sicher allein darin, dass sie es an der rechten Treue im Gebet fehlen lassen. So will denn diese Verheißung und dazu antreiben, Gott treulich anzurufen. Jeder, der weiß, dass Gott allein seinem Tun Erfolg zu schenken vermag, wird seine Arbeit mit Furcht und Zittern vor Gott bringen. Wer dagegen im Vertrauen auf seinen eigenen Eifer Gottes Hilfe verschmäht, wird, wenn es darauf ankommt, harte Kämpfe zu bestehen, als ein Fahnenflüchtiger das Weite suchen oder doch bei aller Vielgeschäftigkeit es zu nichts bringen. Vor zweierlei heißt es auf der Hut sein: vor Aufgeblasenheit und vor Kleinglauben. Wer den Erfolg schon in der Hand zu haben glaubt, geht nur zu leicht achtlos an Gottes hilfsbereiter Hand vorüber. Ebendeshalb aber geht auch so mancher unter im Kampf: er hat vergessen, dass er unter der Kraft und dem Schutze des Gottes kämpft, der ihn an seinen Platz gestellt hat.

V. 17. Das gebiete ich euch. Diese Mahnung passt sehr wohl hierher. Die Apostel sollten wissen, dass die gegenseitige Liebe etwas überaus Wichtiges sei. Die Liebe soll sie befähigen, mit rechter Freudigkeit an dem lebendigen Tempel Gottes zu bauen. Nichts hindert den Fortschritt dieses Baus mehr, als getrenntes Arbeiten der einzelnen Bauleute. Sie müssen einander gegenseitig in die Hände arbeiten. Pflegen sie nicht brüderliche Gemeinschaft, so kommt es womöglich dahin, dass nur jeder hier und da Mäuerlein baut, - aber es fehlt der große Zusammenhang, das gemeinsame Zusammenwirken zum gleichen Zwecke, und es kommt nimmermehr eine Kirche zustande.

V. 18. So euch die Welt hasst. Christus hat die Apostel zum Kampfe gerüstet. Nun ermahnt er sie zur Geduld. Das Evangelium kann gar nicht ausgebreitet werden, ohne dass die Welt alsbald in Wut gerät. Fromme Lehrer vermögen also den Ausbrüchen des Hasses der Welt nicht zu entgehen. Das sagt Christus ihnen beizeiten voraus, damit es ihnen nicht geht wie Rekruten, die noch keine Schlacht mitgemacht haben und deshalb prahlerische Reden führen, wenn es aber nun gilt, sich als Helden zu bewähren, vor Angst erblassen. Aber Christus lässt es nicht bei diesem Wink bewenden, der die Apostel vorbereiten soll auf Erlebnisse, von denen sie sonst überrascht und wohl entmutigt worden wären: er macht ihnen zugleich durch den Hinweis auf sein Beispiel auch Mut. Wie sollten wir im Blick auf Jesum erwarten können, dass die Welt uns freundlich ist? Sie hat Jesum gehasst. Bringen wir Jesum, so werden wir es schon merken, dass die Welt immer noch die gleiche ist. Ich übersetze hier: so wisst ihr. Möglich wäre, was für den Sinn übrigens nicht viel ausmacht, allerdings auch die Befehlsform: „so wisset.“

Schwieriger ist die Übersetzung des Folgenden: dass sie mich als den Ersten (der Zeit nach? oder der Würde nach?) gehasst hat. Gewöhnlich deutet man die Worte zeitlich, in dem Sinne: Christus wurde von der Welt gehasst, lange bevor sie die Apostel hasste. Meiner Meinung nach gibt aber die zweite mögliche Auslegung einen besseren Sinn: wenn der Erste und Herrlichste unter den Menschenkindern trotz allem dem Hass der Welt verfiel, so werden seine Diener der gleichen Erfahrung sich nicht weigern dürfen. Die Ausdrucksweise ist die gleiche, wie 1, 27. 30, wo es wörtlich heißt: „welcher mir gegenüber der Erste war“, d. h. welcher mir vorgesetzt war an Würde.

V. 19. Wärt ihr von der Welt usw. Ein zweiter Trostgrund: die Jünger sind der Welt deswegen so verhasst, weil sie von ihr abgesondert sind. Das aber ist ihr Glück und ihr Ruhm, weil sie nur so vom Verderben errettet sind. Dass Jesus die Seinen erwählt hat, besagt nämlich hier, dass er sie aus der Welt heraushob. Sind sie aus der Welt auserwählt worden, so sind sie ein Teil der Welt gewesen und wurden nur durch den barmherzigen Gott abgesondert von den anderen, die dem Verderben verfallen. Als „Welt“ bezeichnet Christus hier alle die, welche nicht von Gottes Geist wiedergeboren sind. Die Gemeinde stellt er der Welt gegenüber, wie wir dies ausführlicher beim 17. Kapitel sehen werden. Doch widerstreitet diese Lehre nicht der Mahnung Pauli (Röm. 12, 18): „So viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Wenn Paulus hinzusetzt: „so viel an euch ist,“ so will er damit sagen: Sehet zu, was ihr vor eurem Herrn verantworten könnt! Jedenfalls darf euch feige Gefallsucht nicht dazu bewegen, das Verderben der Welt schweigend mit anzusehen. –

Aber noch ein anderer Einwand lässt sich gegen den Satz erheben, dass die Welt das Ihre lieb hat. Verbrecher, die doch aus der Welt hervorgehen, werden allgemein nicht nur gehasst, sondern sogar verwünscht. Da liebt die Welt doch offenbar nicht das Ihre. Das ist wohl richtig, aber doch hassen die Menschen, welche sich von fleischlicher Gesinnung treiben lassen, niemals in Wahrheit die Sünde selbst, sie hassen sie nur so weit, als dabei ihr eigener Nutzen oder Schaden mit in Frage kommt. Besinnen wir uns, was Christus denn eigentlich hier sagen wollte! Er wollte ja nicht in Abrede stellen, dass die Welt in sich selbst von Zwietracht, Grimm und Bosheit zerrissen ist, er wollte nur zeigen: was die Welt gegen die Gläubigen so sehr aufbringt, das ist eben das an ihnen, was sie von Gott empfangen haben.

V. 20. Gedenkt an mein Wort. Man könnte auch übersetzen: „Ihr gedenkt“; es gäbe das keinen wesentlich anderen Sinn. Doch passt, meine ich, eine Aufforderung besser hierher. Christus bestätigt nochmals das Zuvor gesagte: er, der die Jünger doch so weit überrage, habe sich trotzdem den Hass der Welt zugezogen. Es ist nicht zu erwarten, dass es dem Diener besser geht, als dem Herrn. Und das Schicksal der Personen teilt die von ihnen vertretene Lehre. Nichts verstört fromme Christen mehr, als wenn sie sehen, wie die von Gott selber stammende Lehre so hochmütig von den Leuten verachtet wird. Und es ist auch ganz entsetzlich, wenn man solcher Verachtung begegnet: dabei kann dem Festesten das Herz in der Brust erbeben. Doch seht, da kommt uns Jesus zu Hilfe! Er, der Gottessohn selber, hat solche Frechheiten mitansehen müssen. Nun, dann brauchen wir uns nicht länger darüber zu wundern, dass die göttliche Lehre so wenig Anklang bei den Menschen findet. –

Den Unterschied „mein Wort“ und „eures“ setzt Jesus nur in Rücksicht auf die Verwaltung desselben. Was Jesus als der einige Lehrer seiner Gemeinde zuerst vortrug, dies und nichts anderes hat er nachmals durch die Apostel predigen lassen.

V. 21. Aber das alles usw. Weil die Raserei der Welt, mit der sie dermaßen gegen die Lehre wütet, durch welche sie gerettet werden sollte, etwas ganz Ungeheuerliches ist, nennt Christus ihre tiefer liegende Ursache: die Welt ist blind und unwissend, deshalb rennt sie in ihr Verderben. Niemand würde, wenn er die Sachlage klar überschaute, mit dem allmächtigen Gott sich in einen Kampf einlassen. Die Welt bindet nur deswegen unbedenklich mit Christo an, weil sie in ihrer Blindheit Gott nicht kennt. Macht sie es dir bei der ersten besten Gelegenheit geradeso, so findest du nur in dem Gedanken wahren Trost: Mein Gewissen sagt mir, dass ich recht gehandelt habe! –

Übrigens welch ein Anlass zur Dankbarkeit! Die Welt, blind wie sie ist, geht zu Grunde; uns aber hat Gott mit seinem Lichte begnadigt! Und auch das ist wohl zu beachten: der Hass gegen Christus rührt immer aus einer Abstumpfung des Verstandes her, der eben Gott nicht erkennt. Der Unglaube ist blind, wie ich oft gesagt habe – nicht als ob gottlose Menschen überhaupt keine Einsicht hätten, sondern weil ihre Erkenntnis verworren ist und jeden Augenblick in ihrer Eitelkeit entlarvt werden kann.

V. 22. Wenn ich nicht kommen wäre usw. Die vorige Aussage, welche den Hass der Juden gegen das Evangelium auf Unkenntnis Gottes zurückführte, hätte leicht zu einer falschen Entschuldigung führen können. Darum fügt Jesus jetzt hinzu: sie sind vorsätzlich blind, gleich einem, der die Augen schließt, um das Licht nicht sehen zu müssen. Spräche das Christus hier nicht aus, so hätte man ihm einwenden können: Wie kommt es denn, dass du ihnen nicht aus ihrem Irrtum heraushilfst, wenn sie deinen Vater nicht kennen? Warum hast du nicht wenigstens den Versuch angestellt, ob sie völlig unbekehrbar sind oder nicht? Darauf gibt er hier Antwort: Ich habe alles getan, was nur ein guter, treuer Lehrer vermag, und es hat doch nichts genützt; ihre Bosheit hat es nicht zugelassen, dass sie Verstand annahmen! Was hier zunächst von den Juden gesagt ist, soll doch allen zur Warnung dienen, die Gottes Wahrheit verächtlich ablehnen, sobald sie ihnen nahe gebracht wird, oder sie mit klarem Entschlusse bekämpfen, sobald sie sie erkannt haben. Allerdings wartet ihrer die furchtbare Strafe Gottes, aber Christus denkt doch in erster Linie hier daran, seine Jünger anzufeuern: Seid des Sieges freudig gewiss! Der Gottlosen Bosheit kann euch nichts anhaben! Wenn wir aus dem Munde Jesu hören, wie die Sache ausgehen wird, dann ist es gestattet, sozusagen mitten im Schlachtgetümmel den Triumphgesang anzustimmen.

Hätten sie keine Sünde. Scheinbar deutet Christus hier an, dass es nur eine Sünde gibt: den Unglauben. Etliche legen unsere Stelle auch wirklich so aus: Wo Glaube ist, da wird durch Vergebung die Sünde ausgetilgt, - folglich führt zur Verdammnis nur die Sünde des Unglaubens. Das trifft freilich vollkommen zu. Der Unglaube allein ist das Hindernis, der Todesverhaftung zu entkommen, ja er ist Quell und Ursache alles Bösen. Aber dieser ganze Gedankengang hat mit der vorliegenden Stelle nichts zu schaffen. Hier ist ja in jenem umfassenden Sinne von Sünde nicht die Rede; der Sinn beschränkt sich nach dem ganzen Zusammenhang. Christus will sagen: Für ihre Unwissenheit gibt es keine Entschuldigung; in meiner Person haben sie voll bösen Willens Gott selbst verworfen! Wir können auch von jemandem, der einer Schuld bezichtigt war, in ausschließlichem Hinblick auf diese besondere Schuld sagen, dass er unschuldig ist, womit wir ihn doch lediglich in Bezug auf diesen einen Punkt freisprechen wollen.

So denkt auch Jesus hier nur an diese einzige Sünde, von welcher die Juden frei gewesen wären, wenn er nicht den Vorwand der Unwissenheit beseitigt hätte, dessen sie sich bei ihrer Verwerfung des Evangeliums sonst hätten bedienen können.

Dabei erhebt sich aber die neue Frage, ob denn vor dem Kommen Christi der Unglaube der Menschen nicht hingereicht habe, sie zu verdammen? Tatsächlich haben sich einige auf Grund des vorliegenden Spruches zu der Behauptung hinreißen lassen, die vor Christi Menschwerdung ohne Glauben Gestorbenen seien solange in einem Zustande der Ungewissheit (weder verdammt, noch selig) gewesen, bis Christus sich ihnen offenbarte. Und doch lehren mehrere Schriftstellen klärlich, dass das bloße Vorhandensein des Gewissens genügt hat, sie der Schuld zu überführen (Röm. 5, 14; 2, 12).

Was will also Christus hier sagen? Dass die Juden für die besondere Schuld der Verwerfung Christi nichts vorwenden können, ihre Sünde zu entschuldigen, weil sie ja mit Wissen und Willen das Leben von sich gestoßen haben. Hätten sie mehr unwissentlich gesündigt, so hätte dies ihre Schuld sicherlich nicht aufgehoben, sondern nur vermindert; denn, wie es Lk. 12, 47 heißt, „der Knecht, der seines Herrn Willen weiß und hat sich nicht bereitet, auch nicht nach seinem Willen getan, der wird viel Streiche leiden müssen.“ Jesu Meinung ist also nicht, andere, die weniger boshaft sich stellten, völlig freizusprechen, sondern seinen Feinden, welche mutwillig Gottes Gnade verworfen hatten, das Urteil zu sprechen, dass sie offenbar der Verzeihung und des Erbarmens völlig unwürdig sind. Zu beachten ist dabei, dass Jesus nicht von seinem bloßen Kommen redet, sondern davon, dass er kam und lehrte. Seine leibliche Gegenwart allein hätte die Juden nicht eines so schweren Verbrechens schuldig gemacht: dass sie seine Lehre verachten, das beraubt sie jeder Entschuldigung.

V. 23. Wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater. Eine wichtige Stelle! Jeder, der die Lehre des Evangeliums hasst, liefert damit den Beweis seiner verkehrten Stellung zu Gott. Freilich werden das viele aufs Entschiedenste abstreiten. Aus dem Evangelium machen sie sich durchaus nichts, - trotzdem soll man sie für die treusten Verehrer Gottes ansehen. Das ist jedoch widersinnig. Unter dem schönen Anstrich verbirgt sich im Herzen Verachtung Gottes (Vgl. 3, 20; 5, 23).

V. 24. Hätte ich nicht die Werke getan. Unter diesen Werken versteht Jesus meiner Meinung nach alle die mancherlei Erweisungen seiner göttlichen Herrlichkeit: Wunder, Kraftwirkungen des heiligen Geistes und Ähnliches, woran man erkennen konnte, dass er der eingeborene Sohn Gottes war. Freilich könnte man demgegenüber sagen, dass Jesus weder mehr, noch größere getan habe, als Moses und die Propheten. Aber man darf doch den bekannten Unterschied nicht vergessen, dass Jesus nicht, wie die anderen, als bloßer Diener handelte, sondern als Herr: auf Grund seines Namens, seiner Herrschaft und seiner Kraft wirkte er Wunder. Außerdem ist, wie gesagt, gar nicht an die bloßen Wunder zu denken, sondern an sämtliche Zeugnisse seiner himmlischen Geistesmacht, in denen sein göttliches Wesen sich kundtat.

Haben es gesehen und hassen doch usw. Jesu Schlussfolgerung ist: Meine Feinde werden keine Ausflucht finden können, um zu entrinnen, - haben sie doch Machterweisungen handgreiflich göttlicher Art verachtet! Deutlich hatte Gott seine wunderwirkende Kraft in dem Sohne zur Schau gestellt. So konnte es ihnen nichts mehr helfen, wenn sie sich herausreden wollten: Es stand ja nur ein Mensch vor uns, wie andere auch! So lasst uns denn aufmerken beim Betrachten der Taten Gottes! Stets will er, sobald er sich tätig zeigt, von uns die gebührende Ehre erwiesen haben. Schlecht gesinnt und undankbar gegen Gott sind alle die, welche seine Gaben als minderwertig hinstellen oder verächtlich mit Stillschweigen übergehen.

V. 25. Doch dass erfüllt werde usw. Was unnatürlich ist, erscheint auch unglaublich. Höchst unvernünftig ist der Hass gegen Gott. Wie verseucht von Bosheit waren doch die Herzen dieser Menschen: sie hassten Christum ohne Ursache! Wie furchtbar erschwert das ihren Frevel! Jesu Meinung ist nun nicht, dass jener Psalmspruch nicht etwa schon auf David zugetroffen hätte: vielmehr will der Hinweis auf diesen Spruch die verstockte Bosheit dieses Volkes kennzeichnen, die sich durch alle Zeiten, von den Ahnen bis zu den fernen Enkeln herab, ganz gleich blieb. Jesus will sagen: Ihr seid nicht im Geringsten besser, als eure Väter, die schon dem David ohne Ursache feind waren! Die Psalmen bezeichnet er als „Gesetz“, weil die gesamte Lehre der Propheten nichts anderes war, als ein Anhang des Gesetzes. Das Amt des Moses hat ja bis zu Christi Zeit gewährt. „Euer Gesetz“ sagt Jesus übrigens nicht mit ehrender Anerkennung, sondern um das Gewissen der Juden desto schärfer zu treffen. Er meint: Ihr habt das Gesetz ja sozusagen in Erbpacht genommen, - gut, ihr seht darin euer Tun und Treiben mit trefflichem Pinsel abgemalt!

V. 26. Wenn aber der Tröster kommen wird. Nachdem Christus die Apostel darauf hingewiesen hat, dass man um deswillen nicht geringer vom Evangelium halten dürfe, weil es selbst im Gottesvolke viele Feinde hat, setzt er nun der gottlosen Wut der Widersacher das Zeugnis des heiligen Geistes gegenüber, das die Jünger immer wieder aufrichten soll, sodass sie nicht wanken können. Er tröstet sie: Die Welt wird sich grimmig gegen euch erheben, eure Lehre wird den einen lächerlich vorkommen, andere werden sie abscheulich nennen, - aber kein Stoß wird so heftig sein, dass er euren schwachen Glauben vernichten könnte, wenn erst der heilige Geist euch verliehen ist, der euch mit seinem Zeugnis unerschütterlich fest machen wird! Ja, das ist unsere feste Burg, mag auch die Welt rings um uns her toben: Gottes Wahrheit wird in unseren Herzen versiegelt durch den heiligen Geist. Von dieser hohen Warte herab sehen wir allen Widerstreit der Welt tief unter uns. Wäre die göttliche Wahrheit den Meinungen der Menschen wehrlos preisgegeben, dann läge freilich jeden Tag hundertmal unser Glaube am Boden. Wir wollen es uns fest ins Herz schreiben, wohin wir uns stellen müssen, wenn wir nicht von den Stürmen niedergerissen werden wollen (1. Kor. 2, 12): „Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist. Dieser Geist wird zeugen. Er ist der rechte Zeuge und vermag gewaltig zu zerschlagen, zu zerstreuen, ja alles zu vernichten, was die Welt hoch erhebt, weil es die Wahrheit Gottes verdunkeln oder zugrunde richten soll. Hast du diesen Geist, so kannst du, der Gefahr enthoben, um des Hasses oder der Verachtung der Welt willen allen Mut zu verlieren, als einzelner Christ, wer du auch seist, dich der ganzen Welt überlegen erzeigen. Nur ja nicht von Menschen sich abhängig machen! Sobald durch allerlei Rücksichten der Glaube aus den ihm gesetzten Schranken sich herausdrängen lässt, sobald er das Heiligtum Gottes verlassen hat, wird er selbstverständlich ein haltloses, jämmerliches Ding sein.

Also lass deinen Glauben nur auf das dich innerlich überführende Zeugnis des Geistes lauschen, von dem rechte Christen wissen, dass es vom Himmel stammt. Der Geist zeugt von Christo, weil er uns im Glauben an ihn allein bestärkt, dass wir unser Heil auch nicht zum allergeringsten Teil anderswo suchen. Dabei heißt der Geist wiederum „der Tröster“, genauer „der Beistand“ oder „Anwalt“: denn seinem Schutze sollen wir uns anvertrauen; dann brauchen wir nicht zu verzagen. So ist schon dieser Name des Geistes geeignet, unseren Glauben gegen alle Versuchungen zu wappnen.

Wenn Jesus außerdem vom Geist der Wahrheit redet, so ist dieser Ausdruck aus dem Zusammenhang unserer Stelle zu verstehen. Er birgt den gegensätzlichen Hinweis: Wo dieser Zeuge keine Beachtung findet, da schwanken die Menschen ungewiss hin und her und wissen nicht, woran sie sich halten sollen; wo dagegen seine Stimme vernommen wird, da weicht jeglicher Zweifel, und das Menschenherz erhebt sich aus seiner Angst und seinen furchtbaren Zweifeln.

Wenn Jesus sagt: Ich werde ihn euch senden vom Vater, und abermals: der vom Vater ausgeht, so wird dadurch Bedeutung und Ansehen des Geistes gewaltig hervorgehoben. Das Zeugnis des Geistes kann gegenüber so gefährlichen Angriffen, gegenüber so schlau berechneten Ränken starker Feinde nur dann ins Gewicht fallen, wenn wir dessen gewiss sind, dass der Geist von Gott selber ausgeht. Christus ist es, der den Geist sendet, aber aus der himmlischen Herrlichkeit her; so wissen wir denn: Er ist nicht die Gabe eines Menschen, er ist das sichere Unterpfand der Gnade Gottes. Sehr sonderbar ist es, wenn die griechisch-katholische Kirche diese Worte zum Vorwande nimmt, um den Ausgang des Geistes vom Sohne zu leugnen. Den Vater nennt Christus hier, wie so oft, um unsere Augen hinauf zu lenken zum Anschauen seiner Gottheit.

V. 27. Und ihr werdet auch zeugen. Christus sagt damit, dass es sich mit dem Zeugnisse des Geistes nicht so verhalten werde, dass es die Apostel für sich behalten und es allein vernehmen dürften: es soll sich vielmehr durch ihre Vermittlung weithin ausbreiten. Sie sollten die Werkzeuge des Geistes werden, wie er durch ihren Mund geredet hatte. Hier sehen wir, wieso der Glaube aus der Predigt, aus dem Hören kommt, und doch seine Gewissheit in dem Unterpfand und der Versiegelung des Geistes hat. Wer keine genügende Kenntnis von der Verfinsterung des menschlichen Verstandes hat, der denkt: wenn man auf einen Prediger hört, dann entsteht der Glaube auf ganz natürliche Weise. Auf der anderen Seite gibt es reichlich schwärmerische Leute, denen die äußerlich gehörte Predigt viel zu unwert dünkt, - sie berufen sich auf geheime Offenbarungen und Verzückungen. Christus nimmt aber beides zusammen: Predigt und Offenbarung. Vom Vorhandensein des Glaubens kann nicht eher geredet werden, als bis der Geist Gottes unsere Gedanken erleuchtet und unsere Herzen versiegelt. Und dennoch soll niemand in die Wolken hinaufschauen, um von dorther Gesichte und göttliche Aussprüche zu erwarten: das schlichte Wort, welches uns so nahe ist, in unserem Munde und in unserem Herzen, will und soll alle unsere Gedanken beherrschen und an sich fesseln (5. Mo. 30, 14; Röm. 10, 8; Jes. 59, 21). –

Das Sätzchen: Ihr seid von Anfang bei mir gewesen, ist deswegen angefügt, weil wir wissen sollen: die Apostel verdienen umso mehr Glauben mit ihrer Verkündigung, weil sie ja das alles mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben (1. Joh. 1, 1). Der Herr hat dafür gesorgt, dass es in keiner Beziehung der Predigt des Evangeliums an Sicherheit und Zuverlässigkeit fehle.




Kapitel 16

V. 1. Solches habe ich zu euch geredet usw. Ein neuer Hinweis, dass nichts von diesen Reden Jesu überflüssig ist. Die Jünger gehen dem Kampf und Streit entgegen, wofür Jesus sie zur rechten Zeit mit den nötigen Waffen ausrüsten muss. So will er sagen: Wenn ihr meine Lehre wohl erwogen und recht verstanden habt, dann seid ihr vollauf imstande, euch zu wehren. Was der Herr damals den Aposteln sagte, wollen auch wir uns gesagt sein lassen. Dabei gilt es zuvörderst im Augen zu behalten: Christus sendet seine Jünger nicht ungewappnet auf den Kampfplatz; in diesem Kriege kommt also niemand um, - es sei denn durch eigene Trägheit. Wir dürfen auch nicht müßig gehen, bis der Kampf entbrennt; wir müssen vielmehr Arbeit daran wenden, dass wir in beständigem treuem Gebrauche dieser Reden unseres Heilandes sein Wort in Saft und Kraft unseres eigenen Lebens verwandeln, um dann, sobald es nottut, freudig in den Kampf eintreten zu können. Ohne Zweifel ist der Sieg unser, solange diese Ermahnungen Christi in unserer Seele haften.

Denn wenn Jesus sagt: dass ihr euch nicht ärgert, d. h. dass ihr nicht durch Anstoß zu Falle kommt, so besagt dies doch, dass nicht die mindeste Gefahr vorhanden ist, vom rechten Wege abzukommen. Freilich tritt hier zu Tage, wie wenige in der rechten Weise diese Lehre sich innerlich aneignen. Denn Leute, die sich fern vom Schuss einbilden, das alles schon zu wissen, zeigen bei Beginn des Kampfes nur zu oft ihre völlige Unwissenheit und Unerfahrenheit und kommen zu Fall. Wir müssen also dermaßen mit diesen Waffen zusammenwachsen, dass sie uns niemals im Stich lassen.

V. 2. Sie werden euch in den Bann tun. Das war kein geringes Ärgernis und hätte ihre Seelen wohl beunruhigen können, dass sie, Verbrechern gleich, aus der Versammlung der Frommen mit Schimpf und Schande ausgestoßen werden sollten, oder doch aus der Versammlung derer, welche sich brüsteten, sie seien die wahre Gemeinde und das Volk Gottes. Denn, wie Paulus (1. Kor. 4, 11) sagt, werden die Gläubigen nicht bloß Verfolgungen, sondern auch Schmach und Schande zu tragen haben. Doch Jesus heißt sie auch diesem Ansturme standhalten. Mögen sie von der Synagoge ausgeschlossen sein, sie bleiben nach wie vor im Reiche Gottes. Alles in allem: wir dürfen uns nicht den Mut nehmen lassen von dem verkehrten Urteil der Menschen, sondern müssen getrost die Schmach des Kreuzes Christi auf uns nehmen und uns dabei beruhigen, dass unsere Sache, welche von den Menschen so schmählich verworfen wird, Gott gar wohl gefällt. Wir schließen aus dieser Stelle, dass die Diener des Evangeliums nicht nur von ausgesprochenen Feinden unseres Glaubens übel behandelt werden, sondern bisweilen sogar von solchen, die scheinbar Diener oder gar Säulen der Kirche sind, die allerschmählichste Beschimpfung erfahren. Die Priester und Schriftgelehrten, von die welchen die Apostel verdammt worden sind, spielten sich auf als die von Gott eingesetzten Richter der Gemeinde. Sie sind mit ihrem Schreckensregimente ein Schandfleck für den ganzen von Gott eingesetzten Stand der Priester und Lehrer. Ihre Gewalt war ihnen anvertraut zur Erbauung; sie haben sie missbraucht zu abscheulicher Bedrückung der Knechte Gottes; den Bann, der eine heilsame Arznei für Schäden der Kirche sein sollte, haben sie entweiht, um die Frömmigkeit in ihr auszutilgen. Trotzdem ist bis auf den heutigen Tag die reine Lehre nicht aus der Welt zu schaffen gewesen. Satan setzt ja gewiss alles daran, um sämtliche Einrichtungen, die Gott getroffen hat, in ihr Zerrbild und Gegenteil zu verwandeln. Das wäre sein Triumph, wenn man nun um der immer wieder sich einschleichenden Schäden willen kurzweg alles abschaffte, was Gott für immer angeordnet hat. Doch dieser Triumph soll ihm nicht werden. Es gibt und hat von jeher gegeben Missbräuche in der Anwendung des Bannes, nicht minder als bei Taufe und Abendmahl. Was ist da zu tun? Alles Fehlerhafte muss beseitigt, und der rechte Gebrauch wieder eingeführt werden.

Es kommt aber die Zeit usw. Christus bespricht nun das Ärgernis, dass die Feinde des Evangeliums noch gar fromm tun, wenn sie die Christen umbringen, als brächten sie damit dem Herrn heilige Opfer dar. Schon an und für sich ist es eine Härte, wenn unschuldige Menschen grausam gequält werden. Weit schlimmer noch ist es aber, wenn das Unrecht, welches gottlose Menschen wahren Gotteskindern zufügen, für eine gerechte Strafe ausgegeben wird, die sie mit ihren Übeltaten verdient hätten. In solchem Falle bleibt uns nur der Schutz unseres guten Gewissens. Wir haben es geduldig zu ertragen, wenn wir unterdrückt werden. Doch wird dereinst vom Himmel her Christus erscheinen als der Schirmherr unserer und seiner Sache. Aber wie lässt sich das verstehen, dass die Feinde der Wahrheit, die doch ein böses Gewissen haben, nicht nur vor Menschen sich fromm stellen, sondern auch von Gott Lob erwarten für ihr ungerechtes Wüten? Solche Heuchler wissen, so heftig sie auch das Gewissen beschuldigt, doch immer sich mit Lügen zu schmeicheln. Ihren Ehrgeiz, ihre Grausamkeit, ihren Hochmut, schändliche Laster, hüllen sie in das Gewand frommen Eifers ein und sprechen sich selber von aller Schuld frei. Hinzu kommt noch eine Art trunkener Raserei, die sich ihrer beim Vergießen von Märtyrerblut bemächtigt.

V. 3. Und solches werden sie tun usw. Mit gutem Bedacht heißt Christus die Apostel ihr Augenmerk darauf richten, dass der einzige Grund, weshalb die Ungläubigen sich an ihnen vergreifen, der ist: dass sie weder meinen Vater noch mich kennen. Doch sagt das Christus nicht etwa, weil es ihre Schuld geringer machte, sondern damit die Apostel ruhigen Sinnes auf die blinde Wut ihrer Widersacher herabschauen können. Geschieht es doch häufig, dass die hohe Würdestellung und der äußere Prunk der Gottlosen fromme Leute aus bescheidenen Verhältnissen wankend machen. Von ehernen Schutzmauern sind wir umgeben, sobald wir dessen ganz gewiss sind, dass Gott uns zur Seite steht, und dass unsere Feinde sich nur von Unvernunft, Irrtum und Blindheit treiben lassen. Übrigens mahnen uns diese Worte daran, welch ein großes Übel mangelnde Gotteserkenntnis ist; sie bewirkt sogar, dass Vatermörder Lob und Beifall beanspruchen, wenn sie in falschem Glaubenswahne Hand an die eigenen Eltern gelegt haben.

V. 4. Auf dass, wenn die Zeit kommen wird, ihr daran gedenkt. Jesus wiederholt, was er bereits gesagt hatte, nämlich, dass er nicht überflüssige Grübeleien vorbringe, sondern Dinge, die seine Jünger im Leben sehr nötig brauchen werden, und dass er jetzt hiervon spreche, damit sie dereinst, wenn diese Nöte an sie herantreten, zeigen können, dass sie seine gelehrigen Schüler gewesen sind. Wenn er sagt: „auf dass ihr dran gedenkt“, so befiehlt er ihnen damit, das Gehörte treu ins Gedächtnis aufzunehmen, weiter, sich des aufgespeicherten Schatzes zu erinnern, wenn sie ihn verwerten können, und endlich deutet er damit an, dass es für sie von hoher Wichtigkeit ist, dass er weissagend von der Zukunft redet.

Solches habe ich von Anfang nicht gesagt. Da die Apostel während des Erdenwandels Jesu noch zart und schwach waren, so ist er als der beste, nachsichtigste Lehrer schonend mit ihnen umgegangen und hat ihnen keine über ihre Kräfte gehenden Lasten aufgelegt. Sie bedurften, solange Ruhe und Frieden war, und ihnen keine Verfolgungen drohten, keine besondere Stärkung. Jetzt aber, das kündigt er ihnen an, steht ein Umschwung bevor. Deshalb diese neue Belehrung, durch welche er sie zugleich ermahnt, sich kampfbereit zu machen.

V. 5. Nun aber gehe ich hin. Mit dem besten Troste lindert Jesus den Schmerz, welchen sein Scheiden den Jüngern verursachte. Und wie dringend bedurften sie solches Trostes! Bisher hatten sie es gut gehabt; für die Zukunft gab es schwere und harte Kämpfe. Wie sollte es ihnen ergehen, wenn sie nicht wussten, dass Christus im Himmel seine schützende Hand hielt über ihr Heil? „Zum Vater gehen“, ist nichts anderes, als: aufgenommen werden in die himmlische Herrlichkeit, um die Welt zu regieren. Als Trost und Heilmittel für alle Traurigkeit wird ihnen dies vor die Seele geführt: Christus, dem Leibe nach fern, wird dennoch zur Rechten des Vaters sitzend mit seiner Stärke die Seinen beschirmen.

Zweierlei tadelt aber Jesus hier an den Aposteln: es ist nicht recht von ihnen, dass sie in übertriebenem Maße auf seine sichtbare fleischliche Gegenwart Wert legen; auch ist es nicht recht, dass sie, wenn er dem Leibe nach entrückt ist, von Kummer befangen, ihre Blicke nicht höher empor lenken. Wie oft machen wir es ebenso! Wir tun so, als hätten wir nach Belieben über Christum zu verfügen: stellt er sich da nicht ein, wo es in unsere Pläne gepasst hätte, so meinen wir Grund zur Verzweiflung zu haben.

Der Vorwurf: niemand unter euch fragt mich: Wo gehst du hin? scheint übrigens nicht zuzutreffen, da ja die Jünger noch eben (13, 16; 14, 5) ängstlich danach geforscht hatten. Diesen Fragen fehlte aber die unerlässliche gläubige Zuversicht. Jesu Meinung ist also die: Bei der Kunde von meinem Scheiden geratet ihr in Angst; aber ihr überlegt nicht, wohin ich gehe, und was der Zweck meines Gehens ist.

V. 7. Aber ich sage euch die Wahrheit usw. Er versichert ihnen, seine Abwesenheit werde ihnen nützlich sein, damit sie den Wunsch fahren lassen, ihn auch ferner, wie bisher, mit leiblichen Augen zu sehen. Dabei bedient sich Jesus der Form des Schwures. Da wir fleischliche Menschen sind, ist nichts schwieriger, als dies unangebrachte Sehnen aus unseren Herzen herauszureißen, wodurch wir Christum vom Himmel zu uns herabzuziehen uns bemühen. –

Worin besteht denn aber der Nutzen seines Fortganges? Darin, dass die Seinen nicht anders mit dem heiligen Geiste beschenkt werden konnten, als dadurch, dass er selber die Welt verließ. Diese Form der Gegenwart Christi, da er sich uns durch Gnade und Kraft seines Geistes zu gläubigem Genusse hingibt, ist weit nützlicher und wünschenswerter, als die andere Form seiner Gegenwart, da er sichtbar uns vor Augen steht. Die Frage, ob Christus nicht auch den Geist von Himmelshöhen hätte herniederrufen können, solange er auf Erden weilte, ist ungehörig und vorwitzig: Jesus beugt sich ohne solche Grübeleien einfach unter den feststehenden Beschluss des Vaters.

V. 8. Wenn derselbige kommt. Die vorliegende Stelle hat etwas Dunkles an sich. Daher gibt es mancherlei verschiedene Auslegungen. Ich lasse sie alle beiseite und führe nur das an, was meines Erachtens wirklich Christus gemeint hat. Er hatte seinen Jüngern den Geist versprochen; welch eine herrliche Gabe derselbe aber ist, zeigt Christus hier an dem, was er tut. Der Geist wird nicht nur die Jünger lenken, ermutigen, beschützen – er wird weithin wirksam sein. Jesus sagt: Er wird die Welt strafen, d. h.: er wird sich nicht auf euer Innenleben beschränken; von euch ausgehend wird seine Kraft sich in der ganzen Welt fühlbar machen. Jesus verheißt den Jüngern also einen Geist, der künftig der Weltrichter sein soll, und durch welchen ihre Predigt eine so lebendige Wirksamkeit entfalten wird, dass sie auch Leute zu einer geordneten Lebensführung zwingt, welche zuvor frech ihren Lüsten haben den Zügel schießen lassen und weder durch Scham noch durch Scheu mehr gehalten worden sind. Man beachte jedoch, dass Christus hier nicht von geheimen Offenbarungen redet, sondern von der Wirkung des Geistes, wie sie an die Lehre des Evangeliums und die menschliche Stimme gebunden ist! Woher kommt es denn, dass der Ruf eines Menschen in die Seelen hineindringt, dort haftet, Früchte hervortreibt, aus steinernen Herzen fleischerne macht und die Menschen von Grund aus erneuert? Er ist eben beseelt vom Geiste Christi! Wäre er das nicht, so wäre er eine leerer Schall und ein toter Buchstabe, wie Paulus das so schön sagt (2. Kor. 3, 6), wenn er sich freudig einen Diener des Geistes nennt, weil Gott durch seine Lehre mächtig wirkt.

Der Sinn unserer Stelle ist also dieser: Wenn die Apostel die Gabe des Geistes empfangen haben, werden sie, mit himmlischer, ja mit göttlicher Kraft ausgerüstet, in aller Welt eine Rechtsprechung handhaben. Doch wird dies Amt nicht sowohl ihnen, als vielmehr dem Geiste zuerteilt: sie selbst sind nur Diener und Werkzeuge, die keine eigene Gewalt besitzen. Der Geist allein hat solche erhabene Stellung in der Welt; allerdings bedient er sich dabei der Menschen. Meiner Meinung nach sind unter der „Welt“ sowohl diejenigen, welche sich aufrichtig zu Christo bekehren werden, als auch die Heuchler und Verworfenen zu verstehen.

Auf zweierlei Weise straft (wörtlich: überführt) der Geist die Menschen durch die Predigt des Evangeliums. Einige werden durch sie ernstlich getroffen, demütigen sich von Herzen und geben willig ihre Zustimmung zu dem sie verdammenden Urteile des Geistes Gottes. Andere sind ebenfalls überführt, können sich ihre Schuld nicht mehr verhehlen, lassen jedoch nicht ab von ihrer alten Gesinnung und unterwerfen sich nicht dem richtenden Spruch und der richtenden Gewalt des Geistes Gottes; trotz deutlich verspürter Wirkung des Geistes sind sie voll Murren; obwohl sie beschämt worden sind, nähren sie in sich unaufhörlich frechen Trotz. Nun verstehen wir, in welcher Weise der heilige Geist die Welt durch die Apostel strafen oder überführen sollte: im Evangelium offenbarte Gott sein Urteil, und die, deren Gewissen dadurch wach gerüttelt wurde, begannen nun ihren sündlichen Herzenszustand und Gottes Gnade zu fühlen.

Zum Verständnis unserer Stelle trägt nicht wenig bei, was Paulus 1. Kor. 14, 24 f. schreibt: „So sie aber alle weissagten, und käme dann ein Ungläubiger oder Laie hinein, der würde von denselbigen allen gestraft und von allen gerichtet; und also würde das Verborgene seines Herzens offenbar.“ Paulus redet dort freilich nur von einer besonderen Form der Predigt, von einer „Weissagung“, während der Herr durch das Evangelium überhaupt seine Auserwählten zur Buße führt. Deutlich ist jedoch aus dieser Paulusstelle zu ersehen, wie der Geist Gottes durch den Klang der menschlichen Stimme solche Leute, die bis dahin Christi Joch noch nicht getragen hatten, zwingt, seine Übermacht anzuerkennen und sich ihr zu beugen. –

Doch es ist noch die Frage aufzuwerfen, weshalb Christus hier überhaupt auf das Strafamt des Geistes zu sprechen kommt. Einige meinen, er wolle damit den Grund aufdecken, warum die Welt seine Apostel hassen wird: die Welt wird ihnen feind sein, weil der Geist durch ihr Wort sie quälen wird. Ich glaube vielmehr, wie ich schon im Eingange andeutete, dass Jesus etwas anderes beabsichtigte. Es war ja außerordentlich wichtig, dass die Apostel wussten, die ihnen verheißene Gabe des Geistes werde etwas ganz Hervorragendes sein. Seine unvergleichliche Erhabenheit wird hier beschrieben; sie besteht darin, dass Gott durch ihn sich einen Richterstuhl auf Erden aufrichtet, vor den die ganze Welt gestellt wird.

V. 9. Um die Sünde. Wir haben nun im Einzelnen zu betrachten, worüber der Geist die Welt strafen wird. Zunächst ist im Auge zu behalten, dass das Gericht des Geistes mit dem Aufzeigen der Sünde anhebt. Wo der Geist sein Lehramt ausübt, da geht er stets davon aus, dass die in Sünden geborenen Menschen nichts in sich tragen, als Stoff zum Sündigen. Wenn Jesus dabei des Unglaubens gedenkt, so sollen wir daraus erkennen, wie die Natur des Menschen in sich aussieht. Da das Band, durch welches Jesus uns an sich knüpft, der Glaube ist, so sind wir ihm fremd und fern, bis wir an ihn glauben lernen. Demgemäß will der Herr sagen: Wenn der Geist kommt, wird er an den Tag bringen, dass überall, wo die Menschen mich nicht im Glauben erfasst haben, die Sünde herrscht. Folglich wird der Unglaube hier deswegen genannt, weil er uns von Christo trennt und dadurch bewirkt, dass uns nichts anderes übrig bleibt als die Sünde. Somit wird in diesen Worten die Verderbnis der Menschennatur an den Pranger gestellt; wir sollen nicht wähnen, dass abgesehen von Christo auch nur ein Tröpflein Gutes in uns ist.

V. 10. Um die Gerechtigkeit. Zu beachten ist die Reihenfolge, welche die Überführung von der Gerechtigkeit der Überführung von der Sünde erst nachfolgen lässt. Solange ein Mensch nichts von seinem Sündenverderben empfindet, wird er unmöglich nach Gerechtigkeit hungern und dürsten; er wird vielmehr womöglich einen Abscheu haben gegen alles, was von ihr gesagt wird. Zumal bei Gläubigen steht es so, dass sie ihm wahren Christentum keine Fortschritte machen können, es sei denn, dass sie zuerst gedemütigt werden; das aber geschieht einzig und allein durch Einsicht in die eigene Sünde. Freilich ist es insbesondere das Amt des Gesetzes, dass es die Gewissen vor Gottes Gericht fordert und sie in Angst darnieder schlägt; aber das Evangelium wird nur dann richtig gepredigt, wenn es von der Sünde zur Gerechtigkeit, vom Tode zum Leben führt. Es muss folglich beim Gesetz eine Anleihe machen, um zuerst die Menschen von ihrer Sünde überführen zu können.

Die Gerechtigkeit, für welche dadurch die Bahn frei wird, wird uns dann durch Christi Gnade zugesprochen. Christus bindet diese Gabe mit Recht an sein Emporsteigen zum Vater. Denn gleichwie er (Röm. 4, 25) auferstanden ist um unserer Gerechtigkeit willen, so sitzt er nun auch zur Rechten des Vaters, um die gesamte ihm übertragene Macht auszuüben und so alles zu erfüllen. Von seiner Himmelsherrlichkeit aus überströmt er die Welt mit dem Wohlgeruch seiner Gerechtigkeit. Der Geist aber spricht es im Evangelium aus, dass es nur diesen einen Weg gibt, auf dem wir gerechtfertigt werden.

V. 11. Um das Gericht. Die Ausleger, welche hier „Gericht“ im Sinne von „Verdammnis“ nehmen, haben insofern einen Anhalt im Zusammenhang, als Christus gleich hinzufügt, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. Dennoch bin ich der Meinung, dass die Stelle einen anderen Sinn hat. Wenn das Licht des Evangeliums angezündet ist, dann macht der Geist es offenbar, dass die Welt durch den Sieg Christi, in dessen Folge Satan seine Herrschaft eingebüßt hat, wieder zu einem guten, geordneten Zustande zurückgeführt worden ist.

Der Geist Gottes will der Welt sagen: Wenn Christus den Satan bezwungen, über ihn triumphiert und nun die Herrschaft innehat, so ist das die rechte Erneuerung, wodurch alles wieder zurecht gebracht wird. Das „Gericht“ steht also im Gegensatz zur Verwirrung und Unordnung; es bedeutet so viel wie „Herstellung der rechten Ordnung“. In diesem Sinne kommt der Ausdruck öfter vor (vgl. zu 12, 31). Solange Satan die Herrschaft besitzt, wirft er alles durcheinander und verbreitet eine gräuliche Verwirrung in der Schöpfung Gottes. Wird er aber durch Christum seiner Gewalt entkleidet, so kommt die Welt wieder zurecht, und es leuchtet allenthalben die schönste Wohlordnung.

V. 12 u. 13. Ich habe euch noch viel zu sagen. So recht gründlich konnte Christi Predigt bei den Jüngern nicht wirken. Vermöge ihrer Unreife blieb ihnen noch vieles unverständlich. Ja sie haben kaum etwas gekostet oder genippt von diesem Erquickungstrank, der sie hätte durch und durch kräftigen müssen, wenn dem nicht die Schwäche des Fleisches im Wege gestanden hätte. Es konnte nicht anders sein, als dass sie, durchdrungen von dem Bewusstsein ihrer Hilflosigkeit, sich mit Angst und Frucht plagen mussten. Dem will Christus begegnen; er tröstet sie damit, dass sie nach Empfang des Geistes neue und ganz andere Menschen werden sollen.

Wenn Jesus also ausspricht: ihr könnt es jetzt nicht tragen, was ich euch mehr und Tieferes mitzuteilen hätte, - so will er damit die Hoffnung auf spätere Fortschritte vertrösten, damit seine Jünger den Mut nicht verlieren. Es wäre es sehr unangebracht gewesen, wenn sie die ihnen versprochene Geistesgabe nach dem Maße ihrer gegenwärtigen Stimmung, die sehr wenig himmlisch gefärbt war, hätten messen wollen.

Alles in allem: Jesus heißt seine Jünger guten, getrosten Mutes sein, mögen sie ihre Schwäche jetzt auch noch so tief empfinden. Wenn er ihnen bei alledem keine eigentlich neue Lehre zu ihrem Troste in Aussicht stellt, und doch die bisher vorgetragene in der Hoffnung späteren reicheren Verständnisses ihrem Fassungsvermögen anpassen musste, so ist es, als wollte er seinen Jüngern zurufen: Wenn das, was ihr von mir gehört habt, noch nicht genügt, euch fest zu machen, so geduldet euch ein wenig; bald wird euch, wenn der Geist durch sein Lehramt euch über alles unterrichtet, nichts mehr mangeln; was in euch bisher noch unentwickelt im Keim vorhanden war, wird er zur Vollreife bringen. –

Doch was waren denn das für Dinge, die damals die Apostel noch außerstande waren, zu lernen? Die Anhänger des Papsttums treiben mit unserer Stelle gottlosen Missbrauch, um ihre Lügen zu Aussprüchen göttlicher Wahrheit zu stempeln. „Christus“, sagen sie, „hat den Aposteln neue Offenbarungen verheißen, - folglich darf man nicht bei dem Wortlaut der Schrift stehen bleiben; denn er macht den Seinen Versprechungen, die darüber hinausgehen“. Augustin schon hat auf derlei Rede gesagt: „Wenn Christus geschwiegen hat, - wer von uns will dann sagen: er hatte dies oder jenes gemeint? Und wenn einer wirklich Einzelnes namhaft machen wollte, - womit könnte er beweisen, dass Christus gerade das gemeint habe? Wer ist so eitel, so verwegen, dass er (möchte er gleich etwas Nichtiges vorbringen) ohne irgendein göttliches Zeugnis sich unterstände, zu behaupten: das ist es, was Christus damals nicht sagen wollte?“ Doch die eigenen Worte Christi bieten uns noch gewisseren Grund zur Wiederlegung der römischen „Traditionen“ oder „ungeschriebenen Erblehren“.

Sie verheißen ja den Aposteln den Geist mit der Zusagen (V. 13): der wird euch in alle Wahrheit leiten. Wozu aber ward er ihnen verheißen? Doch ohne Zweifel, damit sie die von ihm empfangene Weisheit weitergeben sollten. Dann wurde ihnen der Geist verliehen, und unter seiner Führung und Leitung haben sie das ihnen übertragene Amt versehen. Genau derselbe Geist hat sie auch in alle Wahrheit geleitet, als sie den kurzen Inbegriff ihrer Lehre in Schriften niederlegten. Wer sich dünken lässt, er müsste dieser Lehre noch eine Ergänzung hinzufügen, als wäre sie unfertig und unvollständig, der zeiht nicht nur die Apostel der Unzuverlässigkeit, sondern er lästert auch den Geist. Wäre die Lehre, welche sie aufzeichneten, von unreifen Schülern abgefasst worden, die noch viel hinzulernen mussten, dann wäre freilich ein Zusatz nichts Überflüssiges, - so aber, da ihre Schriften sozusagen ein zusammenhängender Bericht über jene Offenbarung sind, die ihnen versprochen und auch wirklich gegeben wurde, hieße es den Geist tief betrüben, wenn man ihnen noch etwas hinzusetzen wollte. Und fragen wir nun die Römischen: Was ist es denn, das nach eurer Meinung Christus damals noch für sich behielt? – was für lächerliche Antworten erhalten wir dann! Wollten wir ihnen Glauben schenken, so müsste der heilige Geist eigens deswegen vom Himmel herabgekommen sein, damit die Apostel darüber belehrt würden, wie Kirchengefäße und Heiligenaltäre geweiht, wie Glocken getauft, wie Messe gefeiert und Weihwasser gesegnet werden muss. Solche Dinge aber, dessen sind wir gewiss, hat der heilige Geist nicht gelehrt, denn alles das hat weit mehr Verwandtschaft mit den geheimnisvollen Zeremonien beim Dienste heidnischer Göttinnen, der Ceres oder der Proserpina, als mit der lauteren Lehre der Bibel, in der Gottes Geist voll Weisheit mit uns redet. Wollen wir nicht Gott Undank erzeigen, so haben wir uns mit der heiligen Schrift zu begnügen. Sie allein mit ihrer vollkommenen Himmelsweisheit macht uns zu vollkommenen Gottesmenschen (2. Tim. 3, 17). Wir halten es für unerlaubt, über sie hinauszugehen.

Das nur gibt unserer Seele Höhe, Weite und Tiefe, dass wir die Liebe Gottes kennen, die sich uns in Christo erschließt. Diese Erkenntnis ist besser als alles Wissen, wie Paulus Eph. 3, 18 sagt. Und wenn derselbe Apostel einmal (Kol. 2, 3) davon redet, dass in Christo alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen liegen, so bezeichnet er mit diesen Worten nicht einen Christus, den wir nicht kennen, sondern eben denselbigen, welchen er in seiner Predigt lebensvoll gemalt hat, damit die Christen ihn als den Gekreuzigten vor Augen haben sollten (Gal. 3, 1).

Damit aber vollends alle Zweideutigkeit schwinde, setzt Christus sofort mit eigenen Worten auseinander, was das für Dinge sind, welche die Apostel gegenwärtig noch nicht tragen konnten:

Was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Das beziehen einige auf den Geist der Prophetie. Meines Erachtens deutet Jesus vielmehr hin auf seine geistliche Herrschaft, wie sie künftig errichtet werden soll. Nach seiner Auferstehung haben es die Apostel erlebt, wie sie zustande kam. Vorher hatten sie nicht die mindeste Vorstellung davon. Er verheißt ihnen also nicht Weissagungen über Dinge, die nach ihrem Tode erst sich ereignen sollen, sondern weist nur darauf hin, dass sein Reich ganz anders und weit herrlicher aussehen werde, als sie es sich jetzt ausdenken könnten. Die Schätze dieser himmlischen Weisheit, welche selbst die Engel des Himmels mit Staunen an der Gemeinde lernen (Eph. 3, 10), breitet Paulus im Epheserbrief in den ersten vier Kapiteln vor uns aus. Willst du hinter das Geheimnis kommen, so brauchst du es nicht in päpstlichen Truhen oder Archiven zu suchen.

Er wird nicht von ihm selber reden. Das ist eine Bekräftigung zu dem Sätzchen: „Er wird euch in alle Wahrheit leiten“. Wir wissen, dass Gott allein der Quell aller Wahrheit ist, und dass man ohne Berührung mit ihm zu keiner klaren und festen Gewissheit kommt. Damit nun die Apostel den Aussprüchen des Geistes zuversichtlichen und vollen Glauben schenken dürfen, leistet Christus Bürgschaft für deren göttliche Beschaffenheit: Er will sagen: Was der Geist euch bringt, das stammt von Gott selbst. Indes wird mit diesen Worten die Majestät des Geistes nicht verringert, als sei er nicht selbst Gott oder doch geringer, als der Vater: die Worte Christi passen sich unserem schwachen Verständnisse an. Da wir nicht hinreichend zu begreifen vermögen, dass wir mit der tiefsten Ehrfurcht die Offenbarungen des Geistes aufzunehmen haben, deshalb wird ausdrücklich seine Gottheit betont, wie Paulus ihn ja auch Eph. 1, 14 das Pfand nennt, wodurch uns Gott unsere Rettung glaubhaft macht, und das Siegel, wodurch er uns die Heilsgewissheit verschafft. Kurz, Christus wollte uns darüber unterrichten, dass die Lehre des Geistes nicht von dieser Welt, noch aus der Luft gegriffen sei, sondern aus dem uns unzugänglichen, himmlischen Heiligtum hervorgehen werde.

V. 14. Derselbige wird mich verklären. Nunmehr hebt Christus hervor, dass der heilige Geist nicht kommen wird, um ein Reich anderer Art, als wie er selbst es immer gelehrt hat, aufzurichten, sondern vielmehr, um die Herrlichkeit, die der Vater ihm, dem Sohne, gegeben hatte, zu mehren und zu stärken. Es gibt nämlich Träumer, welche behaupten, dass Christus selbst nur die allerersten Elemente gelehrt habe, dass aber die eigentliche Lehre der Vollkommenheit einen ganz anderen und tieferen Inhalt habe. So denken im tiefsten Grunde alle Schwärmer, die sich nicht an die Schrift binden, sondern von neuen Geistesoffenbarungen fabeln. Zu ihnen gehört vornehmlich auch der Papst. Sobald man aber den Geist von den Worten Christi unabhängig denkt, verfällt man in offenbare Täuschereien und Irrglauben. Somit sehen wir, wie wenig die Erinnerung Jesu überflüssig war, der heilige Geist, den er senden wollte, werde ihn verklären. Wir sollten daraus ersehen, dass die Aufgabe des Geistes einzig und allein darin besteht, das Reich Christi zu befestigen und alles, was der Vater dem Sohne gegeben hat, dem Heiland zu bewahren und für immer zu erhalten. Was will demnach der Unterricht des Geistes? Er will uns nicht der Unterweisung Christi entfremden, sondern im Gegenteil jener Himmelsstimme Gehorsam verschaffen, die uns befiehlt (Mt. 17, 5): „Den sollt ihr hören!“ Im anderen Falle würde er ja der Ehre Christi Abbruch tun.

Von dem Meinen wird er es nehmen. Danach empfangen wir den Geist eben zu dem Zwecke, dass wir der Wohltaten Christi froh werden. Was bringt er uns? Dass wir durch Christi Blut gewaschen werden, dass durch Christi Tod die Sünde in uns ausgetilgt wird, dass unser alter Mensch ans Kreuz kommt, dass seine Auferstehung ein neues Leben in uns wirkt, kurz, dass wir alles Gute empfangen, was Christus uns geben will. Also verleiht uns der Geist gar nichts, was auch ohne Christum zu haben wäre, - vielmehr nimmt er alles von Christo und macht es uns zum Eigentum. Dasselbe gilt auch von seiner Lehre; er erleuchtet uns nicht, um uns, und wäre es auch nur ein klein wenig, von Christo wegzuführen, sondern um das Pauluswort zu erfüllen (1. Kor. 1, 30): „Christus ist uns gemacht zur Weisheit“. Er erschließt uns die in Christo verborgenen Schätze. Der Geist beschenkt mit keinem anderen Reichtum, als mit dem Reichtum Christi; es kommt ihm einzig darauf an, Christi Ruhm zu verherrlichen.

V. 15. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Da es so aussehen konnte, als ob Christus dem Vater entreißen wollte, was er sich selbst zusprach, so bekennt er hier, alles, was er durch den Geist uns mitteile, habe er vom Vater. Wenn er übrigens sagt, alles, was der Vater habe, sei sein, so redet er als der Mittler, aus dessen Fülle wir schöpfen müssen. Er redet so zu unserem Besten. Denn nur zu viele Menschen täuschen sich selber, indem sie gleichgültig an Christo vorbeigehen und auf weiten Umwegen Gott suchen! Darum breitet Christus mit diesem Worte seine Reichtümer vor uns aus, um uns zum Genusse einzuladen: unter die Gaben, welche der Vater uns durch seine Hand zukommen lassen will, zählt er aber insbesondere den Geist.

V. 16 bis 18. Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen. Wenn Christus zu wiederholten Malen die Apostel im Voraus auf seinen Hingang gefasst machte, so tat er das teils, damit sie ihn mutiger und beherzter ertrügen, teils, damit sie mit glühender Sehnsucht die Gnade des Geistes begehrten, wonach sie nicht besonders verlangten, solange sie die leibliche Gegenwart Christi genossen. Wir haben uns zu hüten, dass wir nicht oberflächlich über diese wieder und wieder von Christo eingeschärften Mahnungen hinweglesen. Zunächst sagt er, binnen kurzem werde er seinen Jüngern entrissen werden, - damit sie nicht, seines Anblickes beraubt, alle Geistesgegenwart verlören: hatten sie doch bisher Frieden und Ruhe nur in ihm.

Sodann verspricht er ihnen Hilfe: bald nach seinem Weggange wird er ihnen wieder geschenkt werden, wenn auch auf andere Weise, nämlich durch das Kommen und Bleiben des heiligen Geistes. Freilich gibt es Ausleger, die den zweiten Teil dieses Spruches anders fassen: „Ihr werdet mich sehen, wenn ich von den Toten auferstanden bin, aber nur für kurze Zeit, weil ich dann bald in den Himmel aufgenommen werden soll.“ Mir scheint es, dass Jesu Worte diese Deutung nicht vertragen. Er will vielmehr seine Jünger über sein Fortgehen trösten und ihren Kummer lindern, indem er ihnen sagt, dass die Trennung nicht lange währen wird. Damit aber verweist er sie auf das Kommen des Geistes, durch den er allezeit bei ihnen weilen will. Und wenn er dabei von Sehen redet, so ist auch das nicht sinnlos; der in den Jüngern wohnende Geist kann zwar nicht mit den Augen betrachtet werden, aber im Glauben ist seine Gegenwart aufs deutlichste zu merken. Es ist, wie Paulus sagt (2. Kor. 5, 6 f.): die Gläubigen allen als Pilger ferne vom Herrn, solange sie auf Erden sich aufhalten, denn sie wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Aber ebenso wahr ist es gleichzeitig, dass sie sich rühmen dürfen: durch Glauben haben wir Christum in uns wohnend, wir hangen an ihm wie Glieder am Haupte und besitzen schon jetzt in der Hoffnung zusammen mit ihm den Himmel. –

Der heilige Geist ist für uns ein Spiegel, in welchem Christus geschaut werden will; das meint auch Paulus (2. Kor. 5, 16 f.): „Ob wir auch Christum gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr. Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur.“

Denn ich gehe zum Vater. Man deutet diese Worte bisweilen so: Ihr könnt mich fernerhin nicht mehr sehen, da ich im Himmel sein werde, ihr dagegen auf der Erde. Ich schließe dieses Satzglied aber lieber enge an das vorhergehende an: In kurzem werdet ihr mich wiedersehen; mein Tod ist ja kein Untergang, der mich von euch zu trennen vermöchte, sondern ein Hinübergehen in himmlische Herrlichkeit; von drüben wird sich dann meine göttliche Kraft ungehemmt zu euch ergießen. –

Jesus wollte, so denke ich, damit lehren, wie es ihm nach seinem Tode ergehen werde, damit sich die Jünger mit seiner Gegenwart im Geiste begnügen, und nicht annehmen möchten, nun sei eine Schranke zwischen ihm und ihnen gezogen, die ihn hindere, auch ferner so auf sie einzuwirken, wie er es während seines Erdenlebens tat.

V. 19. Da merkte Jesus usw. Manchmal hat es den Anschein, als rede der Herr vor tauben Ohren. Doch er kommt der Unbeholfenheit der Seinen in einer Weise zu Hilfe, dass seine Lehre nicht spurlos an ihnen vorübergeht. Unsere Pflicht aber ist es, darauf bedacht zu sein, dass wir uns nicht bei unserer Schwerfälligkeit auch noch stolz oder träge finden lassen. Lasst uns vielmehr demütig und voll von Lernbegier sein!

V. 20. Ihr werdet weinen und heulen. Hier zeigt Jesus, weshalb er den Jüngern seinen bevorstehenden Hingang vorausgesagt und zugleich die Verheißung seiner baldigen Wiederkehr hinzugefügt hat: sie sollten daran umso mehr ermessen lernen, wie sehr ihnen der Beistand des Geistes nottat. Er will sagen: Eine schmerzliche, harte Prüfung wartet euer; bin ich euch erst durch den Tod genommen, so wird die Welt ihre Triumphe feiern. Ihr werdet voll des tiefsten Kummers sein; die Welt dagegen wird sich für glückselig, euch für unglücklich halten. Deshalb war es meine Absicht, euch die rechten Waffen zu dem eurer wartenden Kampfe in die Hand zu geben. –

Jesus beschreibt mit diesen Worten die Zeit zwischen seinem Tode und der Sendung des Geistes, weil da ihr Glaube gewissermaßen unter Trümmern verschüttet lag.

Eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden. Damit meint er die Freude, die in ihnen mit dem Empfang des Geistes erblühen sollte, - nicht als ob ihnen künftig gar kein Kummer mehr widerfahren könnte: aber es wurde doch alles Leid, das sie noch zu ertragen hatten, verschlungen von der beständigen Freude im Geist. Bekanntlich haben die Apostel ihr ganzes Leben lang einen harten Kampf durchzumachen gehabt, schändliche Schmähungen über sich ergehen lassen müssen, viele Anlässe zur Traurigkeit erlebt: aber sie hatten, seit Gottes Geist sie erneuerte, das frühere Schwachheitsgefühl abgelegt, um in heldenhafter Geistesgröße leicht unter den Fuß zu treten, was für Übel sie auch plagen mochten. Es wird also hier die jetzt noch den Jüngern eigene Schwachheit verglichen mit der Kräftigung und Stählung, die der Geist ihnen in Bälde bringen sollte. Einige Zeit waren sie sozusagen in Verzagtheit begraben, doch bald darauf kämpften sie nicht nur mit Freudigkeit, sondern trugen auch einen glänzenden Triumph mitten in ihren Kämpfen davon.

V. 21. Ein Weib, wenn sie gebiert. Durch ein Gleichnis bestätigt Jesus, was er eben sagte. Aber er gibt zugleich noch deutlicher seine Meinung zu verstehen: Es wird nicht nur an Stelle des Kummers Freude treten, - auch das Leid selbst trägt schon den Gegenstand und die reife Ernte der Freude in sich. Oftmals kommt es vor, wenn nach dem Leid die Freude einkehrt, dass die Leute ihren einstigen Schmerz vergessen und sich ganz und gar der Freude hingeben: doch ist der vorhergehende Schmerz nicht der Grund der Freude. Christus bezeichnet dagegen die Traurigkeit, welche seine Jünger um des Evangeliums willen so schwer tragen sollten, als den Mutterschoß einer wertvollen Frucht. Gewiss können alle Schmerzen nur in Unheil enden, wenn Jesus nicht seinen Segen darüber spricht. Aber weil das Kreuz Christi allezeit den Sieg in sich trägt, so vergleicht Christus mit gutem Grunde den Schmerz, der im Anschauen seines Kreuzes erwächst, mit den Wehen einer gebährenden Frau, die köstlichen Schmerzenslohn empfängt, sobald ihr der frohe Anblick des lieben Neugeborenen zu Teil wird. Das Gleichnis passt nur deshalb, weil ja wirklich der Schmerz bei Christi Gliedern, wenn sie an ihres Heilandes Leiden teilnehmen, die Freude hervorbringt, gerade wie bei einem Weibe die Wehen, welche unmittelbar vor der Geburt hergehen, die Geburt des Kindes zur Folge haben.

Auch nach der Seite hin trifft das Gleichnis zu, dass, so scharf und durchdringend auch der Schmerz einer Wöchnerin ist, er doch schnell verschwindet. Es war für die Jünger keine geringe Erleichterung, zu hören, dass ihr Schmerz von so kurzer Dauer sein werde. Wenden wir die Lehre dieses Ausspruches auf uns an! Sobald wir durch den Geist Christi neugeboren sind, müsste ein Strom von Freude so kräftig in uns hervorbrechen, dass er jedes Gefühl des Schmerzes hinwegschwemmte: es sollte bei uns so sein, wie bei Kindbetterinnen, die beim Anblick des zarten Neugeborenen dermaßen von Rührung und Mutterfreude ergriffen werden, dass ihnen ihr Schmerz kein Schmerz mehr ist. Weil wir aber nur geringe Erstlinge des Geistes empfangen haben, so spüren wir die geistliche Freude auch nur gleich Balsamtröpfchen, welche, auf unseren Schmerz geträufelt, sein Weh lindern. Und doch zeigt auch dieser geringe Anteil deutlich, dass es mit denen, die Christum im Glauben anschauen, niemals so weit kommen kann, dass sie sich völlig in Kummer und Leid vergraben, - und ginge es ihnen noch so arg, sie sind doch voll Rühmen und Frohlocken. Indes, da es ja das gemeinsame Los aller Kreaturen ist, dass sie in Wehen liegen bis zum Tage der großen Erlösung, haben wir zu bedenken, dass auch wir noch seufzen müssen, bis wir von der Kette des Elends, das das irdische Leben mit sich bringt, befreit, die Frucht unseres Glaubens als Verklärte zu schauen bekommen. Kurz, die Gläubigen sind, soweit sie in Christo wiedergeboren wurden und in Gottes seliges Reich bereits eingetreten sind, gleich einem Weibe, das schon geboren hat: andererseits sind sie gleich einem schwangeren Weibe, das in Wehen liegt, insofern sie, jetzt noch gefangen im Arbeitshause des Fleisches, sehnlich nach jenem Zustand ewigen Glücks verlangen, in dem wir hienieden noch nicht sind, den wir aber zuversichtlich erhoffen.

V. 22. Eure Freude soll niemand von euch nehmen. Der Wert dieser Freude steigt nicht wenig durch den Umstand, dass sie immer andauern soll. Es folgt daraus: alle Trübsal der Gegenwart fällt nicht schwer ins Gewicht und muss gleichmütig hingenommen werden. Übrigens erinnert Christus mit diesen Worten daran, was denn eigentlich wahre Freude sei. Notwendigerweise wird die Welt ihrer Freude rasch beraubt, die sie nur in vergänglichen Dingen sucht. Es gilt, dem auferstandenen Christus zu nahen: bei ihm ist ewig Bleibendes zu finden.

V. 23. Ihr werdet mich nichts fragen. Nachdem Christus den Jüngern eine Freude verheißen hat, deren Bestand und kühner Trotz durch nichts besiegt werden kann, verkündigt er ihnen noch eine weitere Gnadengabe des Geistes, mit der sie beschenkt werden sollen, nämlich das helle Licht der Erkenntnis, das sie in die himmlischen Geheimnisse hineinschauen lässt. Damals waren sie noch so unbeholfen, dass sie selbst bei dem kleinsten Bedenken ins Straucheln gerieten. Knaben, die in der Schule noch bei den Anfangsgründen stehen, vermögen eine einzige Zeile nur mit häufigem Stocken zu Ende zu lesen. So gab es auch für die Jünger fast bei jedem Worte Christi irgendeinen Anstoß, der sie am Weiterkommen hinderte. Als bald danach der heilige Geist sie erleuchtete, fiel alles fehlerhafte Stocken für sie weg, ja die Weisheit Gottes wurde ihnen bekannt und innig vertraut, sodass sie unaufgehalten frisch vorankamen im Erlernen der Geheimnisse Gottes. Zwar haben die Apostel, selbst als sie die höchste Stufe der Weisheit erreicht hatten, nicht aufgehört, zu fragen, was Jesus ihnen zu sagen hatte, - aber hier handelt es sich nur um einen Vergleich zwischen zwei verschiedenartigen Zuständen. Christus will sagen: Ihr werdet eure Unerfahrenheit und Unwissenheit in kurzem ablegen. Jetzt steht ihr bei ganz geringfügigen Dingen ratlos da. Dereinst werdet ihr leicht und mühelos zur Erkenntnis der tiefsten Geheimnisse durchdringen. –

Darauf bezieht sich auch Jer. 31, 34: Und wird keiner den anderen lehren und sagen: Erkenne den Herrn; sondern sie sollen mich alle kennen, beide, klein und groß, spricht der Herr. Damit will der Prophet keinesfalls die Lehre beseitigen oder als unnütz hinstellen, die ja in Christi Reich aufs allereifrigste getrieben werden muss, - er will nur hervorheben, dass da, wo jedermann göttliche Belehrung genossen hat, kein Raum mehr ist für groben Unverstand, der nur solange der Menschen Herzen befängt, bis sie die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, anleuchtet mit den Strahlen des Geistes Gottes.

So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen. Damit erklärt Jesus, woher die Jünger diese neue Befähigung bekommen werden, dass sie mit vollen Zügen aus Gott selbst als dem Quell der Weisheit zu trinken vermögen. Er will sagen: Es ist nicht zu befürchten, dass ihr der Gabe der Erkenntnis wieder verlustig geht, da ja der Vater mit der reichen Fülle seiner Güter euch so herzlich gern beschenken will. Übrigens liegt in diesen Worten auch die Mahnung: Ich verheiße euch nicht den heiligen Geist, damit ihr nun müßig die Hände in den Schoß legt, in der trägen Meinung, dass die versprochene Gabe euch nicht entgehen könne, sondern damit ihr mit aller Inbrunst die euch gebotene Gnade erfleht! Alles in allem kündigt Jesus hier an, er wolle alsbald des Mittleramtes so walten, dass er den Seinen reichlich und über ihre Bitten hinaus spende, was sie nur immer vom Vater sich erbitten würden. –

Dabei erhebt sich die schwierige Frage, ob sich denn Gott erst von diesem Zeitpunkte ab im Namen Christi habe anrufen lassen. Er konnte ja doch den Menschen niemals anders, als dem Mittler zuliebe, gnädig sein! Christus deutet auf die Zukunft: dann wird der Vater den Jüngern geben, um was sie bitten. Wenn das eine neue, bisher ungewohnte Gnade ist, so kann man, scheint es, daraus folgern: also hat Jesus, so lange er auf Erden weilte, das Amt eines Fürsprechers, durch dessen Vermittlung allein die Bitten der Gläubigen Gott angenehm sein konnten, noch nicht ausgeübt. So heißt es auch alsbald (V. 24): „Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen.“

Wahrscheinlich haben sich doch aber die Apostel nach der Regel gerichtet, die im Gesetz für das Beten vorgeschrieben war. Die Väter haben jedoch, wie bekannt, die Gewohnheit gehabt, nicht ohne Mittler zu beten; Gott gewöhnte sie eben an diese Form des Gebetes durch mannigfache Übungen. Sie sahen den Hohenpriester in das Heiligtum eintreten im Namen des ganzen Volkes, sie sahen täglich, wie die Opfertiere geschlachtet wurden, damit die Gebete der Gemeinde Gott wohlgefällig würden: es gehörte also zu den Grundkenntnissen des alttestamentlichen Glaubens, dass es vergeblich sei und verwegen, Gott ohne Herzuziehung eines Mittlers anzurufen. Christus hatte seinen Jüngern hinlänglich bezeugt, dass er der Mittler sei; aber ihre Erkenntnis war noch so getrübt, dass sie noch nicht imstande waren, ihre Gebete sachgemäß an seinen Namen anzuschließen. Es ist keineswegs verwunderlich, dass sie nach der Vorschrift des Gesetzes im Vertrauen auf den Mittler zu Gott beteten und dabei doch nicht klar und deutlich begriffen, was das bedeutete. Noch hing der Vorhang im Tempel, noch war die Majestät Gottes unter dem Schatten der Cherubim verborgen, noch hatte der wahre Priester das Heiligtum des Himmels nicht betreten, um für die Seinen einzutreten; noch hatte er nicht durch sein Blut den Weg geweiht.

Deshalb ist es nicht zu verwundern, dass der Mittler nicht so erkannt wurde, wie jetzt, seitdem er im Himmel uns zugute bei dem Vater erschienen ist, um durch sein Opfer ihn mit uns zu versöhnen, damit wir arme Menschenkinder Mut fassen, mit kindlicher Zuversicht vor seinen Thron zu treten. Die häufige Wiederholung der Vorschrift, dass wir im Namen Christi beten sollen, hat den Zweck, uns klar zu machen, dass es eine gottlose Entweihung des Namens Gottes ist, wenn ein Mensch es sich herausnimmt, mit Umgehung Christi vor Gottes Richterstuhl zu stehen. Ist diese Überzeugung in unserer Seele fest gewurzelt, dass Gott uns gern und reichlich geben wird, was wir im Namen seines Sohnes erbitten, so werden wir nicht allerlei Nothelfer zum Beistande begehren, sondern mit ihm allein uns zufrieden geben, der so oft und so liebreich sich um uns bemüht. Übrigens beten wir in Christi Namen, wenn wir uns auf ihn als auf unseren Fürsprecher verlassen, der uns die Gnade des Vaters zuwendet, selbst wo wir nicht ausdrücklich seinen Namen über die Lippen bringen.

V. 24. Bittet. Das bezieht sich auf die Zeit seiner bevorstehenden neuen Offenbarung. Welch unentschuldbare Verirrung also, wenn man diese herrliche Lehre durch Anrufung selbsterdachter Nothelfer verdunkelt! Das alte Bundesvolk musste, so oft es beten wollte, seine Augen auf die Vorbilder seines Hohenpriesters und seiner Tieropfer richten. So würde es denn unbegreiflicher Undank von uns sein, wenn wir nicht mit allen Gedanken uns an den wahren Hohenpriester anklammern wollten, der uns zum Sühner geschenkt ist, durch welchen wir einen wohl gebahnten Zugang zu dem Throne der Herrlichkeit Gottes haben.

Dass eure Freude vollkommen sei. Das bedeutet: es wird euch an der vollkommenen Fülle alles Guten, an der Summe aller Wünsche, an der dankbaren Befriedigung der Seele nichts fehlen, wenn ihr nur in meinem Namen von Gott fordert, was ihr bedürft.

V. 25. Solches hab ich durch Sprichwörter geredet. Jesus möchte den Jüngern Mut machen, damit sie auf einen besseren Fortschritt hoffen lernen und nicht meinen, dass die bisherige Lehre, die ihnen freilich nicht viel geholfen hatte, dafür verloren sei. Hätte doch der Verdacht in ihnen aufsteigen können, Christus wolle nicht verstanden werden und halte sie absichtlich in Spannung und Erwartung. So kündigt er ihnen denn an, bald würden sie die Frucht seiner Lehre kosten, die dadurch, dass sie ihnen dunkel war, einen Widerwillen bei ihnen hätte erzeugen können.

Wir haben in der Übersetzung zwei verschiedene Worte „Sprichwort“ und „Gleichnis“ gebraucht für ein und dasselbe griechische Wort. Das hebräische Grundwort („Maschal“) bedeutet bisweilen: Sprichwort. Nun kommen aber in Sprichwörtern sehr häufig Bilder und Gleichnisse vor. So brauchten denn die Hebräer dieselbe Bezeichnung auch für Rätsel oder geistvolle Aussprüche, denen ja auch oft eine gewisse Vieldeutigkeit anhaftet. Jesus meint: Jetzt rede ich anscheinend in Bildern, nicht in einfacher, leichtverständlicher Rede mit euch, - in kurzem werde ich vertraulicher mit euch sprechen, sodass in meiner Lehre für euch nichts Absonderliches oder Schwieriges mehr vorkommen wird.

So wird denn klar, was ich schon sagte, dass Jesus den Jüngern Mut macht, indem er in ihnen Zuversicht auf baldige, größere Fortschritte erweckt: er will dadurch verhüten, dass sie sich von seiner gegenwärtigen Belehrung abwenden mit der Berufung darauf, dass sie nichts damit anzufangen wüssten. Notwendigerweise erlahmt ja unser Lerneifer, wenn uns die Aussicht, voranzukommen, nicht anspornt. Übrigens ergeben die Tatsachen deutlich genug, dass Christus keineswegs sich einer künstlich rätselhaften Ausdrucksweise befleißigt hat; im Gegenteil hat er seinen Jüngern gegenüber in einem schlichten, volkstümlichen Tone geredet. Ihre Schwerfälligkeit im Begreifen ging freilich so weit, dass sie zwar wie gebannt an seinem Munde hingen, aber vielfach nur den Schall seiner Worte hörten, nicht ihren Sinn erfassten. So war im Grund nicht seine Lehre dunkel, sondern ihr Herz.

Uns geht es ja noch ganz ebenso. Es ist kein leeres Geschwätz, wenn das Wort Gottes unser „Licht“ genannt wird (Ps. 119, 105): aber bei unserem schwachen Verständnis ist sein heller Glanz oft dermaßen in Nebel gehüllt, dass es uns vorkommt, als hörten wir lauter Rätselworte. Denn gleichwie Gott bei Jesaja (28, 11) droht, er werde mit fremder Zunge reden zu den Ungläubigen, die er verworfen habe, als sei er ein Stammler, und wie Paulus (2. Kor. 4, 3) sagt, das Evangelium sei verdeckt für die, deren Sinne Satan verblendet habe, ebenso klingt die Lehre Christi den Schwachen und Unerfahrenen zum großen Teil wie ein unklares Gewirr, aus dem man nicht klugen werden kann. Sie sind zwar nicht völlig verfinstert wie die Ungläubigen, aber doch wie einer, der im Nebel seine Straße zieht. Und der Herr, der uns klein machen will, indem er uns unseren Mangel recht zum Bewusstsein bringt, lässt es zu, dass wir zeitweilig nicht wissen, wo aus noch ein. Erleuchtet er uns aber dann mit seinem Geiste, so bringt er uns dergestalt vorwärts, dass uns sein Wort vertraut und wohl bekannt wird.

Eben darauf zielt der folgende Satz: Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr durch Gleichnisse mit euch reden werde. Ohne Frage hat der Geist die Apostel nichts anderes gelehrt, als was sie aus Christi eigenem Munde gehört hatten: aber indem er in ihre Herzen hineinstrahlte, durchbrach er die Finsternis darin, sodass sie nun Christi Lehre vernahmen, als rede er auf eine ganz andere, neue Art mit ihnen, und mit Leichtigkeit verstanden, was er meinte. Das meint Jesus, wenn er sagt: Ich werde euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. Damit sagt er uns: Das Ziel meiner Lehre ist, euch zu Gott zu führen, denn in der Gemeinschaft mit Gott beruht das wahre Glück. –

Doch es ist noch eine Frage zu erledigen. Mt. 13, 11 sagt Jesus, seinen Jüngern sei es gegeben, das Geheimnis des Himmelreiches zu vernehmen, während er doch hier gesteht, er habe in Rätselworten geredet. An der angeführten Stelle macht er vielmehr einen Unterschied zwischen ihnen und dem Volk, mit dem er (nach V. 13) allerdings durch Gleichnisse rede.

Antwort: Man darf sich die Unbeholfenheit der Jünger nicht so groß vorstellen, als hätten sie überhaupt gar nichts verstanden, - sie ahnten doch wenigstens, was der Meister wollte, und um deswillen rechter er sie nicht mit ein in die große Schar der geistlich Blinden.

V. 26. An demselbigen Tage usw. Nochmals kommt Jesus auf den Grund zurück, weshalb sich den Seinen die Himmelsschätze alsbald so weit öffnen werden: weil sie in seinem Namen erbitten werden, was ihnen nottut. Gott schlägt keine im Namen seines Sohnes vorgebrachte Bitte ab. Aber ist das kein Widerspruch? Christus sagt nachher, es werde überflüssig sein, dass er den Vater bitte? Was hat es denn für einen Sinn, in seinem Namen zu bitten, wenn er nicht das Amt des Anwaltes für uns übernimmt? Johannes nennt ihn doch unseren Fürsprecher (1. Joh. 2, 1; vgl. auch Röm. 8, 34 und Hebr. 7, 25).

Antwort: Christus will nicht rundweg verneinen, dass er sich ins Mittel legen werde. Er will nur das Eine feststellen: der Vater ist euch so wohl gesinnt, dass er sich nicht sträuben, sondern von Herzen gerne euch geben wird, was ihr erbittet. Er wird sich schnell aufmachen und wird, getrieben von seiner unermesslichen Liebe gegen euch, noch schneller sein als euer Fürsprecher, der sonst für euch ein gutes Wort eingelegt haben würde. Wenn es übrigens heißt, Christus trete beim Vater für uns ein, so müssen wir uns das nicht so sinnlich ausmalen, als ob er vor des Vaters Knien niederfallend flehentlich Bitten ausspräche. Die Wirkung des Opfers, damit er ein für alle Mal Gott mit uns versöhnt hat, ist immer frisch und kräftig. Das Blut, durch das er unsere Sünden gesühnt, der Gehorsam, welchen er geleistet hat, ist sein fortwährendes Eintreten für uns. Unsere Stelle ist hochwichtig; sie lehrt uns, dass Gott uns in sein Herz schließt, sobald wir ihm seines Sohnes Namen vorhalten.

V. 27. Darum, dass ihr mich liebt. Diese Worte erinnern uns daran, dass das einzige Band, wodurch wir mit Gott vereinigt werden, die Gemeinschaft mit Christus ist. Diese Gemeinschaft besteht in einem nicht geheuchelten, sondern herzhaften, ehrlichen Glauben, der hier als „Liebe“ bezeichnet wird. Nur der glaubt wirklich an Christum, der ihn aufrichtig lieb hat. So ist mit dem Wort Liebe das Wesen wahren Glaubens zutreffend beschrieben. Doch, wenn uns Gott erst dann zu lieben anhebt, wenn wir Christum lieb gewonnen haben, so läge ja der Anfang des Heilsweges auf der Seite des Menschen: erst käme unsere Liebe, dann Gottes Gnade. Ist es so? Sehr viele Zeugnisse der Schrift widerstreiten dem. Gottes Verheißung lautet doch (5. Mo. 30, 6): Ich will machen, dass sie mich lieben; und Johannes schreibt (1. Joh. 4, 10 vgl. 19): Nicht, dass wir Gott zuerst geliebt haben. Es würde überflüssig sein, noch mehr Belegstellen anzuführen, da ja nichts gewisser ist, als diese Lehre. Gott ruft dem, was nicht ist, er erweckt die Toten, er naht sich denen, die ihm fremd waren, er macht aus steinernen Herzen fleischerne, er erscheint denen, welche ihn nicht suchten.

Es ist also zu antworten: Gott liebt die Erwählten vor ihrer Berufung auf eine geheime Art: liebt er doch die Seinen allesamt, ehe sie geschaffen sind; da sie aber der Versöhnung noch nicht teilhaftig wurden, gelten sie verdientermaßen als Feinde, wie Paulus Röm. 5, 10 schreibt. So ist es gemeint, wenn wir hier hören: Gott liebt uns, sobald wir Christum lieben; das könnten wir ja gar nicht, wenn wir nicht in Christo das Unterpfand dafür hätten, dass Gott uns als ein liebender Vater sucht, vor dem wir zuvor gebebt haben, als vor einem Richter, der Böses gegen uns im Schilde führt.

V. 28. Ich bin vom Vater ausgegangen. Dieser Spruch verweist uns auf die göttliche Kraft in Christo. Unser Glaube an ihn hätte keinen Halt, wenn er nicht seine Gottheit ergriffe. Gar wenig oder nichts würden uns sein Tod und seine Auferstehung helfen, die beiden Säulen, auf denen der Glaube ruht, wenn nicht seine himmlische Art damit verbunden wäre.

An dieser Stelle haben wir zu erwägen, wie wir Christum uns zueignen müssen: einzig so, dass wir auf den Ratschluss und die Machtwirkung Gottes schauen, dessen Hand uns den Glauben darbietet. Es genügt nicht, einfach anzunehmen, dass Jesus von Gott ausgegangen ist, sondern es gilt wohl zu beachten, weshalb und wozu er vom Vater ausging: er wollte unsere Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung sein (1. Kor. 1, 30).

Im zweiten Teile unseres Verses betont Jesus das Andauern seiner Erlöserkraft. Die Jünger hätten ja auf den Gedanken verfallen können, dass der Erlöser der Welt nur für eine bestimmte Zeit geschenkt sei. Darum sagt er: Ich gehe zum Vater. So wird keines von den Gütern, die er uns gebracht hat, durch sein Scheiden den Seinen wieder genommen werden: denn Christus ergießt aus seiner Himmelsherrlichkeit die Fülle der Kräfte seines Todes und seiner Auferstehung in die Welt. Ja, die Welt hat er verlassen, indem er alle unsere Schwachheit von sich tat und gen Himmel fuhr. Trotzdem aber umfasst uns kräftig seine Gnade: er sitzt ja zur Rechten Gottes, um von dort aus die Weltherrschaft auszuüben.

V. 29 u. 30. Sprechen zu ihm seine Jünger usw. Daraus geht hervor, wie wirksam Jesu Trostesworte waren: sie haben die vorher so Gebeugten und Entmutigten mit einem Male zu großer Lebhaftigkeit angeregt. Und doch steht fest, dass die Jünger damals nicht entfernt zu fassen vermochten, was diese Rede Christi bedeutete. Des ungeachtet aber hat der frische Duft seiner Worte sie neu belebt. Wenn sie fröhlich ausrufen: Nun redest du frei heraus, ohne bildliche Hülle, - so gehen sie darin entschieden zu weit. Doch bezeugen sie, genau ihrer Empfindung entsprechend, welch eine Kraft von seinen Worten ausgeht.

Genau dasselbe erleben wir ja noch heutzutage. Wer nur eben etwas vom Evangelium wirklich geschmeckt hat, der wird davon mehr begeistert, der spürt, und wenn das Maß seines Glaubens auch noch so gering wäre, weit mehr Kraft in sich, als wenn er Platos1) sämtliche Werke verstanden und in sich aufgenommen hätte. Selbst das Seufzen, welches der Geist Gottes in den Herzen der Frommen wirkt, ist ein offenbares Zeugnis dafür, dass Gott über ihr Verstehen hinaus insgeheim an ihnen arbeitet, sonst würde Paulus solche Seufzer ja (Röm. 8, 26) nicht unaussprechlich nennen.

Somit muss man annehmen: die Apostel haben einen gewissen Fortschritt bei sich wahrgenommen, sodass sie der Wahrheit entsprechend bezeugen konnten, dass ihnen die Worte Christi nicht mehr völlig rätselhaft waren; nur in dem Stück haben sie sich getäuscht, dass sie ihre gegenwärtige Erkenntnisstufe überschätzten. Dieser Irrtum schreibt sich daher, dass sie noch nicht wussten, welch eine herrliche Gabe ihnen in dem heiligen Geiste zuteilwerden sollte. Sie frohlocken also vor der Zeit; es war, wie wenn jemand im Besitze eines Goldstückes sich reich dünkt. Aus gewissen Anzeichen schließen sie, dass Christus von Gott ausgegangen ist, - und sie rühmen ihre Erkenntnis, als ob ihnen nichts mehr gebreche. Davon aber waren sie noch weit entfernt, solange sie es noch nicht erlebt hatten, in welcher Weise Christus künftighin bei ihnen sein wollte.

V. 31. Jetzt glaubt ihr. Da die Jünger allzu selbstzufrieden waren, mahnt sie Christus, ihrer Schwachheit eingedenk, sich innerhalb der ihnen gesteckten Grenzen zu halten. Wir erkennen niemals so recht, was uns fehlt, und wie weit wir noch zur Vollendung des Christenstandes haben, bis wir in irgendeine ernstliche Prüfung kommen. Dann zeigt uns die Erfahrung, welch ein schwächliches Ding unser Glaube noch ist, den wir schon für etwas Vollkommenes ansahen. Christus will seine Jünger zur Besinnung rufen. Darum spricht er sofort (V. 32) aus: Es kommt die Stunde, dass ihr mich allein lasst. Verfolgung ist der rechte Probierstein für die Echtheit des Glaubens: wenn dann an den Tag kommt, wie klein er ist, fangen dieselben Leute, die sich vorher aufgebläht hatten, an zu zittern und aus Riesen Zwerge zu werden.

Christus will fragen: wie könnt ihr nur so prahlen, als hättet ihr schon die volle Glaubenshöhe erreicht? Wartet nur! Es steht euch eine Prüfung bevor, die euch davon überführen wird, dass euer Glaube noch ziemlich hohl ist! So muss unsere eingebildete Sicherheit in Zucht genommen werden, wenn sie allzu laut frohlockt. Nun sieht es so aus, wenn die Jünger Christum verlassen und hier und dorthin sich zerstreuen, als hätten sie überhaupt keinen Glauben gehabt, oder als wäre er damals völlig in ihnen erloschen. Darauf ist zu erwidern: So schmachvoll ihr Glaube auch darniederlag, so war doch noch ein Wurzelstumpf übrig, aus dem nachmals neue Triebe hervorbrechen konnten.

V. 32. Ich bin nicht allein. Dieser Zusatz will dem Irrtum entgegen treten, als ob Christo dadurch Abbruch geschehe, dass die Menschen ihn verlassen. –

Seine Wahrheit und Herrlichkeit hat ihr eigenes Fundament: sie hängt nicht davon ab, ob die Welt an ihn glaubt oder nicht. Würde auch kein Mensch mehr zu ihm stehen, er bliebe doch unversehrt derselbe, der er ist, denn er ist Gott und bedarf fremden Beistandes nicht.

Er vermag zu sagen: der Vater ist bei mir. Eben darum braucht er nicht die geringste Unterstützung von Menschen anzunehmen. Wer das recht bedenkt, der wird feststehen, wenn das Weltgebäude wankt, und sein Glaube wird nicht hinsinken, wenn alle abtrünnig werden. Wir erweisen Gott noch nicht die gebührende Ehre, wenn wir nicht in ihm allein unser Genüge finden.

V. 33. Solches habe ich mit euch geredet usw. Noch einmal prägt Jesus seinen Jüngern ein, wie nötig sie alle diese Tröstungen hatten. Er bestätigt, dass in der Welt ihrer gar viel Kummer und Trübsal wartet. So haben alle Frommen sich darauf zu rüsten, dass das Leben ihnen viel Leid bringen wird; dazu aber gilt es, Geduld lernen. Ist nun die Welt für uns einem stürmischen Meere gleich, so ist nirgend anderswo, als in Christus der wahre Frieden zu finden. Wie wir diesen Frieden genießen können, sagt er hier: Ihr werdet Frieden haben, wenn ihr meine Rede beachtet und versteht, was ich will! Wollen wir mitten in allerlei Traurigkeit ein stilles, gefasstes Herz haben, so gibt es dazu nur einen Weg: diese Rede Christi beherzigen; sie wird uns den Frieden in unserem Heiland bringen.

Seid getrost. Wie die mancherlei Bedrängnisse uns gesandt werden, um unsere Stumpfheit zu beseitigen und uns aufzurütteln, damit wir nach einem Heilmittel gegen die uns begegnenden Übel suchen, so ist es des Herrn Meinung und Absicht ja durchaus nicht, dass wir entmutigt den Kampf aufgeben, sondern vielmehr, dass wir freudigen Mutes den Kampf aufnehmen sollen. Das kann nur geschehen, wenn wir des Erfolges gewiss sind. Wenn der Kämpfer lange fragen muss: Werde ich siegen oder besiegt werden? – dann wird sein Eifer bald zur Asche verglühen. Wenn Christus uns zum Kampfe ruft, dann feuert er uns an zu gewisser Zuversicht auf Sieg, wenn wir auch gar manchen Schweißtropfen zu vergießen haben.

Übrigens lehrt er uns, da wir eine große Anlage haben, uns zu ängstigen, darauf vertrauen, dass der Sieg über die Welt, den er erringt, nicht seinet-, sondern unseretwegen errungen wurde. So soll es dahin kommt, dass wir jederzeit, wenn wir innerlich beinahe ganz besiegt sind, aber nun im Glauben unseren Blick auf seinen unvergleichlich ruhmvollen Sieg richten, wieder getrost und mutig herabsehen auf das Heer von Übeln, das uns bedrängt.

Haben wir den Wunsch, Christen zu sein, so dürfen wir keineswegs danach verlangen, vom Kreuze verschont zu werden, - das Eine muss uns genügen, dass wir als Kämpfer in der Streiterschar Christi mitten im Handgemenge der Schlacht dennoch außer Gefahr sind.

Unter „Welt“ versteht Christus hier alles, was sich der Seligkeit der Frommen hindernd in den Weg stellt, besonders all die Verführungskünste, deren sich Satan bedient, um uns zu Falle zu bringen.

1) 
Ein edler griechischer Philosoph, der etwa vier Jahrhunderte vor Christo lebte

Kapitel  17

V. 1. Solches redete Jesus. Nachdem Jesus seine Jünger über das geduldige Tragen des Kreuzes belehrt hatte, hat er ihnen Trostworte dargeboten, damit sie sich auf dieselben stützen und standhalten sollten. Darauf verhieß er ihnen das Kommen des Geistes, richtete sie dadurch zu neuer, schöner Hoffnung auf und setzte ihnen dann auseinander, wie prächtig und herrlich es in seinem Reiche sein werde. Nunmehr geht er zum Gebet über; und er hat wohl Ursache dazu: denn bloße Belehrung bleibt ein kaltes Ding, wenn Gott sie nicht innerlich wirksam macht. Jesus gibt mit diesem Gebet allen Lehrern ein Vorbild, dass sie nicht nur darauf ihren Fleiß verwenden, dass sie den guten Samen des Wortes säen, sondern auch eifrig dabei Gott um seine Beihilfe anflehen, damit sein Segen ihre Arbeit fruchtbar mache. Kurz, diese Anrufung des Vaters war das Siegel auf die vorangehende Lehre, die damit ihren zusammenhaltenden Schlussstein empfing und den Jüngern nun als ein fester Grund des Glaubens dienen konnte.

Hob seine Augen auf gen Himmel. Das war ein Anzeichen außerordentlicher Ergriffenheit und Inbrunst. Schon mit seiner äußeren Haltung bezeugte Christus, dass er der Bewegung seiner Seele nach, mehr im Himmel als auf der Erde weilte; er ließ die Menschen weit hinter sich zurück und hielt vertrauliche Zwiesprache mit dem Vater. Nach dem Himmel schaute er, nicht etwa, weil der Gott, der auch die ganze Erde erfüllt, auf diesen Himmel beschränkt wäre, sondern weil dort vorzugsweise seine Majestät erscheint. Auch mahnt uns der Anblick der Himmel daran, dass Gott hoch erhaben ist über allem Geschaffenen. Dem Aufheben der Augen eng verwandt ist das Emporstrecken der Hände beim Beten. Da wir Menschen von Natur träge und schwerfällig sind, und irdischer Sinn uns in die Tiefe zieht, so brauchen wir derartige äußere Anregungen, Notbehelfe, die uns zu Gott emportragen sollen. Wollen wir übrigens mit Wahrhaftigkeit Christo nachfolgen, so dürfen wir ihn nicht einfach nachahmen; man muss sich hüten, dass man mit seiner Gebärdensprache nicht über den augenblicklichen Seeleninhalt hinausgehe. Wie es uns innerlich zumute ist, so sollen wir Zunge, Augen und Hände gebrauchen. Der Zöllner trat mit niedergeschlagenen Augen vor Gott; so war es recht. Er hat damit nicht etwa, wie man bei einer gesetzlich-einseitigen Auffassung unserer Stelle denken könnte, einen Verstoß begangen. Das Sündenbewusstsein verwirrte und beschämte ihn dermaßen, dass er nicht anders konnte, als zu Boden zu blicken. Das war jedoch kein Hindernis für ihn, mit gläubiger Zuversicht Verzeihung zu erbitten. Selbstverständlich ziemte unserem Heilande ein anderes Benehmen beim Gebet: er hatte ja nichts, dessen er sich zu schämen zu brauchte. Auch David hat ohne Zweifel je nach den Zeitumständen und seiner Herzensverfassung in ganz verschiedener Weise gebetet.

Vater, die Stunde ist hier usw. Christus bittet um die herrliche Aufrichtung seines Reiches, um dann wieder seinerseits des Vaters herrlichen Namen zu verklären. Dass jetzt erst diese Stunde gekommen sei, obwohl er doch durch seine Wunder und den gesamten Eindruck seiner Persönlichkeit längst als Gottessohn erwiesen war, kann Jesus sagen, weil der Glanz seines geistlichen Reiches in der Tat erst jetzt aus ziemlicher Dunkelheit hervorbrechen sollte. Freilich war ja der Tod, welchem Jesus zunächst entgegenging, äußerlich nichts weniger als eine Offenbarung dieses Glanzes. Uns aber leuchtete gerade darin seine unermessliche Herrlichkeit, die den Ungläubigen verborgen bleibt: macht uns doch Christi Tod dessen gewiss, dass unsere Sünden gesühnt, dass die Welt mit Gott versöhnt ist, dass es aus ist mit dem Fluch und mit Satans Gewalt.

Das hat auch Christus mit dieser seiner Bitte im Auge; er will, dass durch das Wirken des Geistes vom Himmel her sein Tod Frucht bringe, wie sie Gott in seinem ewigen Ratschluss gewollt und beabsichtigt hat. Mit der Stunde, welche gekommen sei, meint er nicht die, welche Menschen angesetzt haben, sondern welche Gott vorherbestimmt hat. Trotzdem ist dies Gebet nicht überflüssig; Christus hängt so völlig ab von dem Willen Gottes, dass er erkennt: Mag es der Vater auch noch so gewiss zugesagt haben, - mir kommt es zu, danach zu verlangen, darum zu bitten.

Gott will alles ausführen, was er sich vorgenommen hat, und es hat demgegenüber ebenso wenig Bedeutung, ob die Welt gleichgültig gähnend dabei zuschaut oder mit aller Macht sich dagegen wehrt; dennoch ist es unsere Pflicht, das, was er verheißen hat, von ihm zu erbitten. Das ist ja gerade das Gute an den Verheißungen, dass sie uns ins Gebet treiben.

Auf dass dich dein Sohn auch verkläre. Beides hängt miteinander zusammen: Verklärung des Sohnes durch den Vater und des Vaters durch den Sohn. Was anders ist der Zweck des Kommens Jesu, als dass er uns zum Vater führt? Daraus folgt: alle Ehre, die Christo dargebracht wird, ist durchaus nicht etwa eine Schmälerung der Ehre des Vaters, sondern ganz im Gegenteil eine Befestigung derselben. Zu bedenken ist immer, was für eine Stellung Christus bei diesem Gebet einnimmt: er redet hier als Gott, geoffenbart im Fleisch, in seinem Amte als Mittler zwischen Gott und Mensch, - deshalb dürfen wir hier nicht etwa auf seine ewige Gottheit allein schauen.

V. 2. Gleichwie du ihm Macht hast gegeben. Damit bekräftigt Jesus nochmals, dass er nichts erbittet, was etwa dem Willen des Vaters nicht entspräche. Das ist ja stete Gebetsregel: Erbitte nichts mehr, als was Gott willig geben wird! Wäre es doch höchst verkehrt, etwas vor ihn zu bringen, was nur uns beliebt.

„Macht über alles Fleisch“ ist die Christo verliehene Herrscherstellung: der Vater hat ihn als König und Haupt eingesetzt. Doch merke wohl, weshalb! Er soll den Seinen das ewige Leben vermitteln. Seine Königsgewalt hat Christus also nicht sowohl seinet-, als vielmehr unserer Rettung wegen empfangen. Darum sollen wir uns mit freiem, fröhlichem Willen Christo unterwerfen, nicht etwa bloß um des unausweichlichen Befehls Gottes willen: ist doch diese Ergebung an Christum, die uns zum ewigen Leben führt, für uns selbst das Allerbegehrenswerteste. Übrigens sagt Christus nicht, er sei von Gott zum Herrn der ganzen Welt bestellt, um jedermann ohne Unterschied das Leben zu verschaffen, sondern er bezieht diese Gnade nur auf die, welche ihm gegeben worden sind.

Wieso aber gegeben? Unterwirft ihm doch der Vater auch die, welche er von sich stößt.

Antwort: Nur die Auserwählten gehören wirklich zu seiner Herde, die er als ein treuer Hirte bewacht. Somit erstreckt sich zwar Christi Königsstab auf alle Menschen, bringt aber nur den Auserwählten Rettung, welche mit willigem Gehorsam der Stimme des Hirten folgen; die andern zwingt er mit Gewalt zu gehorchen, bis er sie zuletzt mit eisernem Zepter ganz zerschmettert.

V. 3. Das ist aber das ewige Leben usw. Damit beschreibt Jesus, auf welche Weise er das ewige Leben verleiht: dadurch, dass er den Auserwählten helle, klare Erkenntnis Gottes schenkt. Jesus redet nämlich hier nicht von dem Genuss des Lebens, wie wir es dereinst zu besitzen hoffen, sondern nur davon, wie man zum Leben kommt. Wer diesen Spruch recht verstehen will, muss sich zuerst vergegenwärtigen, dass wir alle in einem Todeszustande befangen sind, bis der lebendige Gott, der allein das Leben ist, uns leuchtend aufgeht. Ist das geschehen, können wir ihn im Glauben „unseren Gott“ nennen, so sind wir eben damit in den Besitz des Lebens gelangt; und erst wo diese Erfahrung vorhanden ist, kann von einer für unser Heil wirklich fruchtbaren Erkenntnis die Rede sein. In unserem Verse hat jedes sein besonderes Gewicht; denn es handelt sich eben nicht um jede beliebige Erkenntnis Gottes, sondern um die, welche aus Glauben in Glauben uns in Gottes Ebenbild umgestaltet. Diese Erkenntnis ist ganz dasselbe wie der Glaube, durch den wir Christo einverleibt und damit Gottes Kinder und Himmelserben werden. Weil aber Gott nur im Angesichte Christi erkannt wird, der sein lebendiges und deutliches Abbild ist, deshalb heißt es hier: dass sie dich den du gesandt hast, Jesum Christ, erkennen. Davon, dass an erster Stelle der Vater und dann erst der Sohn steht, darf man sich nicht irreführen lassen, als wäre die Reihenfolge des Glaubens diese: zunächst musst du Gott erkennen, und dann muss du auch Christum noch berücksichtigen. Das ist durchaus nicht der Sinn. Vielmehr ist Gott überhaupt nur durch Vermittlung des Sohnes erkennbar.

Gottes Wesen wird nun mit zwei Beiwörtern beschrieben: Er ist der wahre Gott, und er ist allein Gott. Es ist vor allem notwendig, dass man im Glauben den scharfen Unterschied innehält zwischen dem wahren, d. h. wirklichen Gott selbst und leeren Menschengedanken über die Gottheit. Hat der Glaube mit unumstößlicher Gewissheit ihn ergriffen, so darf er nun in keiner Weise mehr gebeugt oder erschüttert werden. Sodann ist unumgänglich nötig, dass der Glaube, in der Einsicht, dass es an Gott weder Veränderung noch Unvollkommenheit gibt, an ihm allein seine Genüge finde.

Die geläufige Übersetzung: sie sollen dich erkennen, der du allein wahrer Gott bist, - erscheint mir ziemlich farblos. Wir sollen vielmehr den Vater als den wahren Gott anerkennen. Dabei entsteht freilich der Anschein, als spräche Christus sich selbst ein wirkliches Recht auf den göttlichen Namen und einen Anteil am göttlichen Wesen ab. Wollte man dem gegenüber sagen, dass unser Satz vielmehr die Worte „und den du gesandt hast, Jesum Christ“ unter den Titel des allein wahren Gottes mitbegreifen wolle, so würde nur die gleiche Schwierigkeit bezüglich der Gottheit des heiligen Geistes sich einstellen.

Die Lösung besteht darin, dass wir uns die im Johannesevangelium geläufige Sprechweise Jesu gegenwärtig halten: wenn der Christus, der in Menschengestalt vor uns steht, vom Vatergott redet, so denkt er dabei an die Gottheit in ihrer überweltlichen Macht. Einer ist also wahrer Gott: der Vater Jesu Christi. Das heißt: eben der Gott, der seit langem der Welt den Erlöser verheißen hatte, ist dieser Eine; aber in Christo allein ist Gottes Einheit und Wahrheit zu finden, - denn dazu hat sich Christus erniedrigt, dass er uns emporhöbe. Wenn man dies versteht, wird man auch hier Christi göttliche Majestät erkennen, und ihn ganz Vater, und den Vater ganz in ihm anschauen.

Kurz, wer Christum als etwas Besonderes für sich neben Gott dem Vater ansieht, den Sohn vom Vater losreißt, der kennt den noch nicht, der allein wahrer Gott ist, und macht sich einen Gedankengott. Darum werden wir geheißen, Gott und den, den er gesandt hat, zu erkennen: denn dieser ist nur die ausgestreckte Hand, mit welcher Gott uns zu sich einlädt. - -

Die Leute, die es nicht fassen können, dass ein Mensch lediglich deshalb verloren gehen soll, weil er Gott nicht kennt, haben noch nicht begriffen, dass Gott die einzige Quelle des Lebens ist, und dass daher alle, die von ihm abgewandt sind, kein Leben haben können. Und wenn man nur durch Glauben zu Gott kommen kann, so hält uns unausweichlich der Unglaube im Tode fest.

Wenn man demgegenüber eine Ungerechtigkeit darin findet, dass Menschen, die außerdem gerecht und unschuldig sind, verdammt werden, so übersieht man, dass doch tatsächlich an den Menschen, so lange sie in ihrer alten Natur bleiben, nichts recht und rein ist. Erst durch Erkenntnis Gottes werden wir, wie Paulus Kol. 3, 10 bezeugt, zu Gottes Ebenbild erneuert.

V. 4. Ich habe dich verklärt, d. h. ich habe dir Ehre verschafft. So sagt Jesus, weil Gott einerseits in seiner Lehre, anderseits in seinen Wundern der Welt bekannt geworden war. Die Ehre Gottes aber besteht darin, dass wir ihn für das ansehen, was er wirklich ist. Wenn Jesus hinzusetzt: Ich habe das Werk vollendet, das du mir aufgetragen hast, - so will er damit sagen: Nun bin ich am Ziele der Laufbahn, auf die du mich gerufen hast, - war ja doch die Zeit da, wo er in seine himmlische Herrlichkeit zurückkehren sollte. Doch redet er hier nicht bloß von seinem Lehramt, sondern will auch die anderen Seiten seines Berufes mit einbeziehen. Denn wenn auch noch die Hauptsache ausstand, sein Opfertod, mit dem er die Sünden aller Menschen sühnen sollte, so durfte Jesus doch im Angesichte dieser Todesstunde schon wie auf ein vollendetes Werk zurückblicken. Lag auch diese Stunde noch hinter ihm, dann blieb nichts anderes mehr übrig als die Ausgießung des Geistes. Durch seine Kraft sollte dann die Frucht und der Ertrag seines ganzen nach des Vaters Gebot ausgeführten Lebenswerkes zutage kommen.

V. 5. Mit der Klarheit, die ich bei dir hatte. Jesus wünscht, beim Vater verherrlicht zu werden, nicht bloß innerlich und ohne Zeugen, sondern so, dass er, im Himmel wiederaufgenommen, dort seine Erhabenheit und Macht ausüben könne, damit jedes Knie sich vor ihm beuge. Der Zusatz bei dir selbst steht im Gegensatz zu aller irdischen und vergänglichen Herrlichkeit (vgl. Röm. 6, 10). Dabei erbittet Jesus nichts Neues und Zufälliges, sondern lediglich die Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, ehe die Welt war. Dieselbe soll aber jetzt auch in dem menschlichen Fleische, das er angenommen hatte, wiederstrahlen oder, besser gesagt, in seiner ganzen mittlerischen Person. Wir haben hier eine hervorragende Beweisstelle dafür, dass Christus durchaus nicht etwa erst neuerdings Gott geworden oder in der Zeit als eine Art Gott geschaffen worden ist. War seine Herrlichkeit eine ewige, so ist er auch selbst stets gewesen. Unterschieden wird freilich zwischen seiner Person und der des Vaters, - so ist er also nicht bloß Gott von Ewigkeit, sondern auch das ewige Wort Gottes, vom Vater gezeugt vor aller Zeit.

V. 6. Ich habe deinen Namen offenbart. Hier beginnt die Fürbitte Jesu für die Jünger. Mit der innigen Liebe, die ihn befähigte, für sie nun bald in den Tod zu gehen, legt er die Sorge für ihr Wohl Gott ans Herz. Zunächst hebt er hervor, dass sie seine Lehre angenommen haben, welche die Menschen zu wahren Gotteskindern macht. Wohl war Christus unermüdlich treu darauf bedacht, alle Menschen zu Gott zu rufen, aber alle seine Bemühungen hatten nur Erfolg bei den Auserwählten. Jedem zugänglich war seine Predigt, welche den Vaternamen Gottes kundtat, und auch gegenüber Verstockten hat er unablässig Gottes Herrlichkeit gepriesen. Der Grund, dass er hier sagt, er habe nur einer kleinen Zahl Menschen diesen Namen offenbart, liegt darin, dass nur die Auserwählten infolge innerer Belehrung durch Gottes Geist von solcher Offenbarung einen Nutzen haben. Dieser Unterschied, dass viele übergangen werden, und nur einigen der Name des Vaters innerlich offenbart wird, liegt letzthin in Gottes ewiger Erwählung. Darum redet Jesus von den Menschen, die du mir von der Welt gegeben hast. So fließt also der Glaube aus der Vorherbestimmung Gottes und wird nicht ohne Auswahl allen verliehen, wie auch nicht alle zu Christo kommen. Wenn er hinzufügt: sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, so sagt er damit zunächst, dass ihre Auswahl von Ewigkeit her feststeht, sodann, worauf gegründet wir dieselbe zu denken haben. Sind die Auserwählten von je her Gottes Eigentum, so stellt Gott den Unterschied zwischen ihnen und den Verworfenen nicht her auf Grund ihres Glaubens oder irgendeines Verdienstes, sondern allein auf Grund seiner freien Gnade; und hätten sie sich ihm noch so sehr entfremdet, so rechnet er sie doch in seinem geheimen Ratschluss zu den Seinigen. Sie selbst kommen aber erst dadurch zur Gewissheit über diesen göttlichen Ratschluss, dass der Vater dem Sohne alle die zur Obhut übergibt, welche er auserwählt hat, damit sie nicht verloren werden. Wollen wir untrüglich wissen, dass wir zur Schar der Gotteskinder gehören, so müssen wir unsere Augen auf Christum richten. Von der Vorherbestimmung Gottes erfährt man überhaupt erst dadurch etwas, dass Christus erscheint; dadurch, dass er uns sich zu eigen macht, erfahren wir, dass wir vorherbestimmt sind.

Sie haben dein Wort behalten. Das ist die dritte Stufe. Die erste ist die Auswahl aus Gnaden. Die zweite ist jenes göttliche Geben, wodurch wir der Pflege Christi anvertraut werden. Vom guten Hirten angenommen, kommen wir vermöge unseres Glaubens zu seiner Herde. Während nun den Verworfenen das Wort Gottes nichts hilft, ist es in den Herzen der Auserwählten keimfähig und treibt Wurzeln. Daher heißt es von ihnen: „Sie behalten das Wort“.

V. 7. Nun wissen sie usw. Hier kommt zum Ausdruck, was die Hauptsache beim Glauben ist, nämlich dass man so an Christum glaubt, dass der Glaube nicht stehen bleibt bei dem Anblick menschlicher Niedrigkeit, sondern seine göttliche Kraft anschaut und erfasst. Wenn die Gläubigen wissen, dass alles, was Jesus hat, von Gott stammt, so erkennen sie damit auch, dass, was Christus ihnen gibt, himmlisch und göttlich ist. Und es ist ja auch so: ergreifen wir Gott nicht in Christo, dann kommen wir unser Lebtag aus dem Wanken und Schwanken nicht heraus.

V. 8. Sie haben es angenommen. Dieses Wissen kommt in den Gläubigen einfach dadurch zustande, dass sie die von Jesu vorgetragene Lehre angenommen haben. Doch damit niemand wähne, seine Lehre sei menschlichen oder irdischen Ursprungs, so betont er kräftig ihre göttliche Herkunft. Das ist der Sinn der Wendung: die Worte, die du mir gegeben hast, hab ich ihnen gegeben. Da redet Jesus, wie es sein Brauch war, als der Mittler, der Beauftragte Gottes, welcher eben nur das gelehrt hat, was er zuvor vom Vater empfing. Da sich seine göttliche Hoheit noch unter der Knechtsgestalt verbarg, redet er von Gott nur als vom Vater. Dabei gilt es, stets im Sinne zu behalten, was Johannes zu Anfang bezeugt hat (1, 1), nämlich, dass Christus, insofern er Gottes ewiges Wort war, stets mit dem Vater zusammen der eine Gott gewesen ist.

Der Sinn ist also dieser: Christus war den Jüngern gegenüber Gottes treuer Zeuge; ihr Glaube sollte einzig und allein in Gottes Wahrheit gegründet sein, und er war es auch, denn der Vater selbst redete in dem Sohne. Die Annahme seines Wortes seitens der Jünger, von der Jesus redet, hat aber ihren Grund darin, dass er ihnen mit innerer Geisteswirkung den Namen Gottes offenbarte.

Und erkannt wahrhaftig usw. Das ist eine Wiederholung des eben schon ausgesprochenen Gedankens mit anderen Worten. Dass Christus vom Vater ausging und von ihm gesandt wurde, bedeutet ja nichts anderes, als dass alles, was er hat, vom Vater kommt. Er will mit dem allen uns dahin bringen, dass wir im Glauben immer geradeswegs auf unseren Heiland schauen; wir sollen dabei uns hüten, an seiner Person auch nur das mindeste Irdische oder gar Verächtliche zu sehen; vielmehr muss sich unser Glaube zur Anschauung seiner Gotteskraft emporschwingen und davon ganz durchdrungen sein, dass in Christo Gott selber und alles, was zu Gott gehört, in vollkommener Weise vorhanden ist. Bemerkenswert ist der anfängliche Gebrauch des Wortes „erkennen“, dem gleich das Wort „glauben“ nachfolgt. Christus will uns damit klarmachen, dass eine Gotteserkenntnis, die ihren Namen verdient, nur durch den Glauben möglich ist, und dass wahrer Glaube etwas so Festes und Gewisses ist, dass er mit Grund ein Wissen genannt werden darf.

V. 9. Ich bitte für sie. Bis dahin hat Christus im Gebet den Vater daran erinnert, dass es ihm gelungen ist, den Jüngern die Gnade Gottes zuzuwenden. Jetzt kommt er zur eigentlichen Fürbitte, worin er zeigt, dass er nichts erbittet, was nicht mit des Vaters Willen übereinstimmt: empfiehlt er dem Vater doch nur die, welche dieser schon selbst von freien Stücken lieb hat. Rundheraus weist Jesus es ab, für die Welt zu beten: es liegt ihm nur die eigene Herde, die er vom Vater empfangen hat, am Herzen.

Das könnte freilich sonderbar und verkehrt erscheinen. Denn einerseits ist doch Christus ganz gewiss für unser Beten das beste Vorbild, - und anderseits werden wir angewiesen (1. Tim. 2,1), nicht mit solcher Beschränkung, sondern für alle Menschen zu beten.

Auch Christus selbst hat dies alsbald getan, indem er sprach (Lk. 23, 34): „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Dabei ist jedoch zu bedenken, dass auch die Gebete, deren Wortlaut alle Menschen umfasst, tatsächlich im tiefsten Grunde nur auf die Auserwählten zielen. Es ist unsere heilige Pflicht zu wünschen, dass dieser und jener, ja jeder einzelne gerettet werde; so sollen wir mit Fürbitten der Liebe die ganze Menschheit umfassen: denn es ist bis jetzt nicht unsere Sache, die Verworfenen von den Auserwählten zu unterscheiden.

Doch wenn wir beten: „Dein Reich komme!“ so liegt darin doch auch das Begehren, dass Gott seine Feinde niederwerfen möge. Dieser Unterschied ruht darauf, dass wir eben für die Errettung aller beten, die, wie wir sehen, nach Gottes Ebenbild geschaffen sind und die gleiche Menschennatur wie wir haben, - dass wir aber dem Gericht Gottes das Urteil über diejenigen überlassen, welche er selbst als Verworfene erkennt.

Übrigens hat das hier berichtete Gebet eine ganz besondere Art an sich und kann deshalb nicht ohne weiteres als auch für uns vorbildlich hingestellt werden. Christus betet hier nicht, wie ein beliebiger Christ das soll und kann, bloß aus der Gesinnung des Glaubens und der Liebe heraus, - er ist eingetreten in den uns unzugänglichen himmlischen Tempel Gottes und schaut mit Augen des ewigen Gottessohnes in Gottes geheime Gerichte hinein, die uns schwachen Menschen verhüllt bleiben, solange wir im Glauben wallen. Aus diesen Gebetsworten erschließen wir, dass Gott, welche er will, aus der Welt zu künftigen Erben des Lebens erwählt, und dass er bei solcher Scheidung innerhalb der Menschheit sich nicht nach menschlichen Verdienst, sondern nach seinem freien Wohlgefallen richtet. Denn wer den Grund der Erwählung im Menschen selber suchen wollte, müsste doch alles auf den Glauben stellen. Dass aber dieser Glaube eine Gabe Gottes ist, ergibt sich aus Christi Worten ohne weiteres. Oder zu welchem anderen Zwecke gibt denn der Vater die Menschen, die ihm zuvor gehören, seinem Sohne, als damit dieser in ihnen den Glauben schaffe? Entsteht also der Glaube durch dies Geben Gottes, und liegt vor diesem Geben nach sachlicher und zeitlicher Folge die Erwählung, so bleibt nichts anderes übrig, als das Zugeständnis, dass Gott die Menschen, die er aus der Welt gerettet sehen will, in seiner freien Gnade erwählt.

Betet Christus nach alledem allein für die Auserwählten, so müssen wir also an unsere Erwählung glauben, wenn anders wir gewiss sein wollen, dass er auch für uns vor dem Vater eintritt. Folglich versündigen sich die Leute, die den Erwählungsglauben aus den Herzen reißen möchten, schwer an den Gläubigen: sie berauben sie des Trostes der Fürbitte Christi. Anderseits lässt sich unsere Stelle auch zur Widerlegung des Leichtsinns verwenden, der den Erwählungsglauben als Vorwand für geistliche Trägheit nehmen möchte: denn Christi Vorgang zeigt gerade, dass dieser Glaube uns umso tiefer ins Gebet treiben muss.

V. 10. Und alles, was mein ist, das ist dein. Mit diesem Satze ist ausgesprochen, dass Jesus sicherlich vom Vater erhört werden muss. Er will sagen: Ich befehle dir ja niemand anders an, als die, welche du selber zu den Deinen zählst; ich habe keine Liebhabereien und Sondermeinungen, daher kannst du mich nicht mit meiner Bitte abweisen. –

In dem zweiten Satze zeigt Jesus, dass er allen Grund hat, sich der Auserwählten anzunehmen: was dein ist, das ist mein. Das alles sagt er, um unseren Glauben zu stärken. Wir sollen ausschließlich bei Christo Rettung für uns suchen: doch werden wir an ihm erst dann volles Genüge finden, wenn wir wissen, dass wir in ihm Gott selbst besitzen. Deshalb ist festzuhalten an der Einheit von Vater und Sohn, die so innig ist, dass einer hat und ist, was der andere hat und ist.

Mit dem zweiten Satze steht im Zusammenhang der Zusatz: und ich bin in ihnen verklärt, d. h. sie sind ein Zeugnis meiner Herrlichkeit. Denn es folgt daraus: also ist es recht und billig, dass ich mir wiederum die Förderung ihres Heiles angelegen sein lasse. Ist Christus in uns verklärt, so wird er niemals lässig sein in der Förderung unseres Heils.

V. 11. Ich bin nicht mehr in der Welt. Ein weiterer Grund zu brünstiger Fürbitte für seine Jünger ist der hier angeführte: bald werden sie seiner leiblichen Gegenwart beraubt sein, die ihnen doch so unentbehrlich schien. Solange er bei ihnen weilte, nahm er sie, gerade wie die Henne ihre Küchlein, unter seine Flügel. Jetzt, da er von ihnen scheidet, bittet er den Vater, sie zu schützen und zu schirmen, wie sie es ja so sehr bedürfen. Die rechte Arznei für ihre Ängstlichkeit ist völliges Ausruhen in Gottes Liebe; sie wandern jetzt aus der Hand des Sohnes in die Hand des Vaters. Für uns ist es kein geringer Trost, zu hören, wie der Sohn Gottes ganz besonders sich das Seelenheil der Seinen angelegen sein lässt, da er leiblich von ihnen geht. Daraus ist zu ersehen, dass er auch heute unser gedenkt, die wir uns in der Welt abmühen, und dass er bereit ist, aus seiner himmlischen Herrlichkeit her uns zu Hilfe zu kommen, wenn uns etwas drückt oder bekümmert.

Erhalte sie in deinem Namen. Das Ziel und die Absicht dieses ganzen Gebetes sind, dass die Jünger nicht innerlich zusammenbrechen sollen, als hätte sich ihre Lage durch die körperliche Entfernung ihres Meisters verschlechtert. Christus ist ihnen nur auf eine gewisse Zeit vom Vater als Hüter zur Seite gestellt worden. Jetzt gibt er sie nach Ausführung seines Auftrages wieder in die Hand des Vaters zurück. Künftighin wird dieser selbst sie in seine starke und treue Obhut und Pflege nehmen. Sie erleiden also keine Einbuße: Gott selber, dessen Macht ohne Grenzen ist, wie sie schützen und schirmen. In welcher Weise der Vater die Jünger Christi „erhalten“ soll, zeigen die Worte: dass sie eins seien. Die Menschen, welche der himmlische Vater zu erhalten und zu erretten beschlossen hat, sammelt er in heiliger Glaubens- und Geistesgemeinschaft. Weil es aber nicht damit schon genug ist, dass die Menschen sich in irgendeiner Weise zusammentun, fügt Jesus hinzu: gleich wie wir. Dann erst ist unser Einssein ein glückliches, wenn es das Gepräge der Einheit Gottes des Vaters und Christi an sich trägt, - wie das Wachs, in das der Siegelring eingedrückt wird, die Form des Ringsiegels annimmt. Näher Auskunft über diese Einheit werden uns die folgenden Verse bringen.

V. 12. Dieweil ich war in der Welt. Christus sagt, er habe die Jünger in dem Namen des Vaters erhalten, da er sich sozusagen als den Diener hinstellt, der, was er tat, nur in Gottes Kraft und Auftrag vollbrachte. Er will sagen: Denkt nur ja nicht, jetzt sei es um euch geschehen; Gottes Kraft erlahmt und erstirbt nicht durch meinen Hingang! Aber erscheint es nicht höchst seltsam, dass Christus die Aufgabe, die Jünger zu bewahren, an Gott abtritt? Hört er denn nach Vollendung seines Erdenlebens auf, der Hüter der Seinigen zu sein? Antwort: Es ist ja nur von Christi persönlich sichtbarem Hüteramte hier die Rede; damit hat es allerdings durch sein Sterben ein Ende. Solange er auf der Erde weilte, brauchte er nicht anderweit einen Beschützer herbei zu holen, der ihm die Jünger bewahrte; diese Bewahrung besorgte der Mittler selbst, der in Knechtsgestalt sich seine Zeit lang zeigte. Jetzt nun heißt er die Jünger, sobald sie ihn nicht mehr bei sich haben werden, geradeswegs zum Himmel ihre Gedanken erheben. Folglich bewahrt Christus heute nicht weniger als vormals seine Gläubigen, nur auf eine andere Art: denn jetzt erstrahlt die göttliche Majestät in ihm mit öffentlicher Klarheit.

Die du mir gegeben hast. Abermals bedient er sich desselben Beweismittels: es sei durchaus nicht geziemend, dass der Vater jemals Menschen fallen lasse, welche der Sohn in seinem Auftrag bis zur Vollführung seines Amtes erhalten habe. Jesus will sagen: was du mir aufgetragen hast, das habe ich treulich ausgeführt und habe es dahin gebracht, dass in meiner Hand nichts verloren ging; nun, da du das mir Anvertraute wieder an dich nimmst, ist es deine Sache, dafür zu sorgen, dass es heil und ganz bleibe! Wenn Jesus dabei den Judas geflissentlich ausnimmt, so geschieht dies mit begreiflicher Absicht. Zu den Auserwählten und der wirklichen Herde Gottes hat er freilich niemals gehört, aber es sah doch infolge seiner Apostelwürde so aus, als gehöre er dazu. Kein Mensch hätte es vermutet, dass er nicht zu den Auserwählten gehörte, so lange er sein hohes Amt bekleidete. Streng genommen ist es also nicht richtig, dass von den Auserwählten, von denen, welche der Vater dem Sohne wirklich gegeben hat, dieser eine verloren ging. Mit dem Gebrauch dieses Ausdrucks versetzt sich Jesus lediglich für einen Augenblick in die Gedanken der Menschen. Damit aber niemand meine, durch das Verlorengehen des Judas sei Gottes ewige Erwählung ins Wanken gekommen, fügt Jesus hinzu, er sei das verlorene Kind, wörtlich „der Sohn des Verderbens“. Mit diesem Ausdruck deutet er an, dass des Judas Fall, der vor Menschenaugen freilich unvermutet kam, für Gott keine Überraschung war. Als „Sohn des Verderbens“ oder „Kind des Todes“ bezeichnet die hebräische Sprache eben einen Menschen, der sicherem Verderben entgegen gehen muss.

Dass die Schrift erfüllt würde. Das bezieht sich auf den Fall des Judas. Doch wäre es ein Fehlschluss, wenn man daraus schließen wollte, dass die Schuld an diesem Falle Gott und nicht Judas selbst zu tragen habe, - als hätte jene Weissagung seine Sünde notwendig gemacht. Man darf das, was geschieht, nicht deshalb weissagenden Aussprüchen Schuld geben, weil diese es vorher gesagt haben. Ganz selbstverständlich verkündigen die Propheten nur solche Dinge, die auch, wenn sie davon geschwiegen hätten, dennoch eingetreten sein würden. Die Ursache für die Ereignisse liegt nicht dort.

Allerdings räume ich ein: es geschieht nichts ohne göttliche Anordnung. Hier aber handelt es sich nur um die heilige Schrift, nämlich, ob ihre Vorhersagen die Menschen so oder so zu handeln zwingen. Ich habe gezeigt, dass es nicht an dem ist. Christus beabsichtigt nicht, der Schrift den Untergang des Judas zur Last zu legen, sondern nur, den Anstoß zu beseitigen, durch welchen die schwachen Seelen der Jünger tief erschüttert werden konnten. Beseitigt ist er insofern, als der Geist Gottes schon in alter Zeit bezeugt hat, es werde so gehen; denn in der Regel entsetzen wir uns bei unerhörten, plötzlich eintretenden Ereignissen. Eine sehr wichtige und weittragende Beobachtung. Denn wovon kommt es, dass heutigen Tages die große Mehrzahl der Menschen allerlei Ärgernissen erliegt? Doch davon, dass sie nicht Bescheid wissen in den göttlichen Zeugnissen, mit denen Gottes Fürsorge sie im Blick auf diese Übel und Wirren im Voraus zu wappnen suchte.

V. 13. Ich rede solches in der Welt. Hier zeigt Christus, dass er nicht deshalb so heiße Fürbitte für seine Jünger vor den Vater bringt, weil er etwa ängstlich wäre betreffs ihrer Zukunft, sondern vielmehr, um sie von ihrer Ängstlichkeit zu heilen. Wir wissen ja, wie sehr unsere Seelen nach äußeren Stützen ausspähen: bieten sich solche dar, so ergreifen wir sie mit förmlicher Gier und lassen sie nicht leicht wieder fahren. Christus betet also im Beisein der Jünger zum Vater, - nicht weil es überhaupt der Worte bedurfte, sondern um ihnen jeden Zweifel zu nehmen.

Ich rede „in der Welt“, damit will er sagen: „vor euren Ohren, damit eure Herzen ruhig seien“. Ihr Heil war ja gesichert, da es von Christo in die Hand Gottes gelegt war. –

Meine Freude“ sagt Jesus, weil es sich um eine Freude handelt, welche die Jünger von ihm empfangen müssen, oder besser, weil er der Urheber, Anlass und Unterpfand dieser Freude ist. In uns ist nur Unruhe und Verzagtheit; in Christo allein ist Heiterkeit und Seelenruhe.

V. 14. Ich habe ihnen gegeben dein Wort usw. Mit verändertem Ausdruck empfiehlt Jesus abermals die Jünger seinem Vater: um des Hasses der Welt willen tut ihnen Gottes Hilfe not. Als Ursache dieses Hasses bezeichnet er: sie haben Gottes Wort angenommen, das nun einmal der Welt unausstehlich ist. Er will sagen: Es ist deine Sache, sie zu beschützen; denn um deines Wortes willen sind sie der Welt so sehr verhasst! Hierbei ist im Gedächtnis zu behalten, dass, wie wir oben hörten, das Ziel dieses Gebetes ist, dass die Freude Christi in uns völlig werde. Jedes Mal, wenn die Wut der Welt gegen uns in einem solchen Maße entbrannt ist, dass wir nur noch durch Handbreite vom Untergange getrennt scheinen, wollen wir alsbald dies als Schild vor uns halten, dass wir wissen: Gott lässt die, welche um des Evangeliums willen leiden, niemals im Stich. Jesus sagt von seinen Jüngern: sie sind nicht von der Welt, weil alle die von der Welt innerlich losgemacht wurden, welchen er durch seinen Geist die Wiedergeburt schenkte. Gott lässt seine Schafe nicht inmitten der Wölfe umherirren, ohne als Hirt mit ihnen zu gehen.

V. 15. Ich bitte nicht, dass due sie von der Welt nehmest. Damit erfahren wir, worin das Heil der Frommen besteht: nicht darin, dass sie, von allem Drückenden befreit, behaglich dahinleben und es äußerlich aufs Beste haben, sondern darin, dass sie mitten im Gedränge der Gefahren dank der Hilfe Gottes unversehrt bleiben. Dabei will Jesus nicht eigentlich den Vater erinnern, was das Beste sei. Er redet vielmehr in Rücksicht auf die Schwachheit seiner Jünger, welche lernen sollen, ihre oft maßlosen Wünsche in den richtigen Schranken zu halten. Kurz, Jesus verspricht den Jüngern nicht eine Gottesgnade, die ihnen alle Sorge und alles Leid erspart, wohl aber eine solche, die unbesiegliche Stärke wider alle Feinde und einen ungebrochenen Mut auch unter dem schwersten Druck der bevorstehenden Kämpfe verleiht. Wünschen wir, so, wie es Christus meint, erhalten zu werden, so dürfen wir nicht nach Leid- und Schmerzlosigkeit verlangen, auch Gott nicht darum angehen, dass er uns in die selige Ruhe des Paradieses hinüberhole, sondern müssen uns mit der Zuversicht begnügen: der Sieg ist doch unser! –

Lasst uns tapfer jedem Übel die Spitze bieten! Christus hat für uns einen glücklichen Ausgang des Kampfes erbeten. Gott nimmt die Seinen nicht fort aus der Welt, denn er will nicht, dass sie weichlich und träge sind; aber er schenkt ihnen Erlösung von dem Übel, damit sie nicht davon erdrückt werden. Er will, dass sie kämpfen, doch duldet er nicht, dass sie tödlich verwundet werden.

V. 16. Sie sind nicht von der Welt. Nochmals weist Jesus auf den Hass der ganzen Welt wider die Seinen hin, damit der Vater ihnen mit umso größerer Güte helfe. Zugleich betont er, dass sie an diesem Hasse nicht schuld sind, sondern dass er davon herrührt, dass die Welt Gott und Christo feind ist.

V. 17. Heilige sie. Diese Heiligung begreift das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit in sich: Gott erneuert uns durch seinen Geist, er befestigt diese gnädige Erneuerung in uns und fördert ihren ganzen Verlauf bis zur Vollendung. Christus erbittet also zuvörderst, dass der Vater die Jünger heilige, das heißt, sie völlig an sich binde und sie als einen heiligen Besitz sich zueigne.

Sodann vernehmen wir, wie diese Heiligung zustande kommt: durch Gottes Wahrheit, die allein in dem Wort sich erschließt, welches die Apostel aus dem Munde ihres Meisters vernommen hatten, und welches sie selbst alsbald verkündigen sollten. Ganz ähnlich sagt Paulus (Eph. 5, 26), dass die Gemeinde mit dem Wasserbad im Worte des Lebens gereinigt ist. Gott ganz allein ist es, der heiligt; aber weil das Evangelium die Gotteskraft zum Heil für jeden Gläubigen ist, muss ein jeder, der dies Mittel zur Reinigung und Heiligung nicht gebraucht, immer mehr und mehr unrein werden. „Wahrheit“ heißt hier mit besonderer Auszeichnung das Licht der himmlischen Weisheit, in der Gott sich uns offenbart, um uns seinem Ebenbilde gleich zu gestalten. Das wirkt freilich nicht schon die bloße äußere Predigt des Wortes, welche bei den Verworfenen kraft ihres unheiligen Widerstandes nicht zum Ziele führt.

Vielmehr wollen wir bedenken, dass Christus von den Erwählten redet, welche der Geist mit kräftiger Wirkung wiedergebiert. An der Tatsache, dass die Apostel die heiligende Wirkung der Gnade bisher noch so wenig an sich erfahren hatten, lässt sich ersehen, dass nicht alsbald am ersten Tage die Heiligung in uns vollendet wird, sondern dass wir während unseres ganzen Lebens darin fortschreiten müssen, bis wir nach Zurücklegung dieses Lebens im Fleische mit Gottes Gerechtigkeit völlig erfüllt werden.

V. 18. Gleichwie du mich gesandt hast usw. Mit einem weiteren Gedanken verstärkt Jesus seine Fürbitte: er und die Apostel haben ganz den gleichen Beruf. Er will hier sagen: Ich übertrage ihnen jetzt das Amt, das ich bisher auf dein Geheiß verwaltet habe; so musst du sie nun auch mit der Kraft deines Geistes ausrüsten, damit sie die schwere Last zu tragen vermögen.

V. 19. Ich heilige mich selbst für sie. Diese Worte setzen noch deutlicher auseinander, aus welchem Quell die Heiligung fließt, die durch die Lehre des Evangeliums in uns zustande kommt: Jesus selbst weiht sich dem Vater, damit seine Heiligkeit uns zuteilwerde. Gottes Segen pflegt an seinem Anfang einer kleinen Quelle, späterhin einem mächtigen Strome zu gleichen. So auch hier: zunächst besprengt uns der Geist Gottes nur mit einigen Tropfen der Heiligkeit Christi, schließlich überschüttet er uns ganz mit ihr. Dann wird uns seine Heiligkeit nicht bloß angerechnet – insofern heißt es von ihm (1. Kor. 1, 30): „Er ist uns gemacht zur Gerechtigkeit“ – sondern wirklich angeeignet, wie es weiter heißt: „Er ist uns gemacht zur Heiligung“. In seiner Person bringt Jesus uns dem Vater dar, damit wir durch seinen Geist zu wirklicher Heiligkeit erneuert werden. Übrigens ist diese Heiligung, wenn sie auch über das ganze Leben unseres Heilandes sich erstreckt, doch besonders herrlich in seinem Opfertode hervorgetreten: damals zeigte sich seine priesterliche Würde in wahrer Kraft. Damals weihte unser Hohepriester den Tempel, den Altar, sämtliche Gefäße und sein Volk durch die Kraft seines heiligen Geistes.

V. 20. Ich bitte aber nicht allein für sie. Jetzt gibt Jesus seiner Fürbitte, in die er bis dahin nur die Apostel eingeschlossen hatte, eine größere Spannweite: er zieht alle Jünger des Evangeliums hinein, so viele ihrer sein werden bis zum Weltende. Wahrlich, eine wundervolle Glaubensstärkung für uns! Glauben wir infolge der Lehre des Evangeliums an Christum, so ist es über allen Zweifel erhaben, dass wir genauso wie die Apostel unter der treuen Obhut Jesu stehen, der dafür sorgt, dass keiner von uns verloren geht. Diese Bitte unseres Heilandes ist der ruhige Hafen, in welchem jeder, der sich hinein begibt, vor der Gefahr des Schiffbruchs gesichert ist. Diese Bitte hat ganz denselben Wert, als hätte Christus mit feierlichen Worten einen Eidschwur darauf abgelegt, unsere Rettung sei ihm das allerinnigste Anliegen.

Zunächst lagen ihm die Apostel am Herzen; dass sie gerettet sind, wissen wir. Daraus sollen wir dann weiter auf die Gewissheit unserer eigenen Errettung schließen. So oft uns künftig Satan anficht, wollen wir ihm als Schild entgegenhalten: der heilige Mund des Gottessohnes hat uns nicht ohne Grund in einem Atem mit den Aposteln zusammen genannt; Jesus hat das Heil der Apostel und unser Heil sozusagen in ein und dasselbe Bündlein eingeschlossen! Es gibt keine andere Betrachtung, welche uns so entschieden wie diese zum Ergreifen des Evangeliums anspornen könne und müsste. Es ist unvergleichlich köstlich, dass Christus uns hier in seiner Hand vor Gott bringt, damit wir vor dem Verderben bewahrt bleiben. So ist es denn nicht mehr als recht und billig, dass wir seine Liebe und Fürsorge allem anderen vorziehen.

Hier sieht man so recht, wie unbegreiflich, ja wie wahnsinnig die Welt handelt. Jeder möchte gern ewig selig werden. Christus gibt mit unmissverständlichen Worten an, wie das möglich ist; wer auf anderem Wege selig werden möchte, unternimmt etwas völlig Unmögliches. Trotzdem hält es unter Hundert kaum einer für der Mühe wert, aus Christi Hand die Seligkeit, die er so freundlich anbietet, anzunehmen.

Man beachte wohl, dass Christus für alle betet, die an ihn glauben werden; damit gibt er uns zu verstehen, wie ich bereits wiederholt erwähnte, dass unser Glaube auf ihn allein schauen muss. Weiter wird uns eingeprägt, dass solcher Glaube sich auf das apostolische Wort gründen muss. Dieses festen Fundamentes freuen wir uns mit starker Zuversicht. Mag uns die Welt tausendmal verdammen, so genügt uns die Tatsache, dass Christus uns als sein Eigentum ansieht und dem Vater anempfiehlt. Wehe den verblendeten Menschen, die wohl auch Christen sein wollen, aber nicht auf das Evangelium der Bibel ihren Glauben gründen; ja sogar die Stirn haben, zu lästern, alles in der Schrift sei ungewiss und zweideutig. So machen sie nicht Gottes heiliges Wort, sondern menschliche Überlieferung zur Lehrmeisterin ihres Glaubens. Lasst uns nie vergessen, dass der Sohn Gottes, der einzige, der darüber zu entscheiden hat, nur den Glauben gutheißt, der aus der Lehre der Apostel erwächst. Und ein sicheres Zeugnis dieser Lehre findet sich ausschließlich in ihren Schriften. Beachte, dass es heißt: „durch das Wort glauben“, womit klar gesagt wird, dass der Glaube aus dem Schall der Predigt entsteht; ist doch das Mittel, wodurch uns Gott zum Glauben bringt, die äußere, menschliche Predigt. Also ist eigentlich Gott der Urheber des Glaubens; die Menschen sind nur Diener, durch welche man gläubig wird, wie auch Paulus 1. Kor. 3, 5 lehrt.

V. 21. Auf dass sie alle eins seien. Noch einmal sagt uns der Heiland: Wollt ihr das Ziel wahren Glücks erreichen, so seid einig! Und gewiss hat er recht. Der Untergang der Menschheit ist besiegelt, wenn sie von Gott entfremdet und in sich selbst zerrissen und gespalten ist. Dagegen ist das ihre Heiligung und Wiederherstellung, wenn sie wieder richtig zu einem Leibe zusammenwächst, wie ja auch Paulus die Vollkommenheit der Kirche darein setzt (Eph. 4, 3 – 16), dass die Gläubigen durch den einen Gottesgeist miteinander im Zusammenhang stehen, und sagt, dass die Apostel, Propheten, Evangelisten und Hirten dazu da seien, dass sie den Leib Christi bauen sollen, bis es zur Glaubenseinheit kommt. Deshalb ermahnt er auch die Gläubigen, zu wachsen an dem Haupte Christus, von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hanget durch alle Gelenke, dadurch eins dem andern Handreichung tut nach dem Werk eines jeglichen Gliedes in seinem Maße, und machet, dass der Leib wächst zu seiner selbst Auferbauung.

So oft Christus auf die Einheit zu sprechen kommt, soll uns vor Augen stehen die hässliche, ja entsetzliche Uneinigkeit der Welt, wie sie sich findet, wo Christus nicht ist. Ferner sollen wir bedenken, dass das der Anfang des seligen Lebens ist, wenn wir allesamt uns allein von dem Geiste Christi regieren lassen und im Geiste Christi leben. Jedes Mal, wenn Christus in diesem Kapitel von seiner Einheit mit dem Vater redet, handelt es sich nicht einfach um sein göttliches Wesen, sondern um sein Mittleramt, insofern er unser Haupt ist. Wir sollen deswegen eins seien, weil ja sonst seine Einheit mit dem Vater ohne Erfolg, ohne Frucht sein würde. Willst du recht verstehen, worauf es hinausläuft, dass Christus und der Vater eins sind, so hüte dich, dir Christum ohne seine Mittleramt zu denken; schaue ihn vielmehr an als den, der das Haupt der Gemeinde ist, und verbinde das Haupt mit den Gliedern. Machst du es so, dann ist der beste Zusammenhang da, und der Zweck und Nutzen der Einheit des Sohnes mit dem Vater wird klar: denn so ergießt sich die Kraft Gottes in den aus allen Frommen bestehenden Leib Christi. Daraus folgern wir weiter, dass wir mit Christo eins sind, nicht, weil er sein göttliches Wesen in uns einströmen ließe, sondern weil er durch Wirkung seines Geistes sein Leben und alle vom Vater ihm geschenkten Güter uns mitteilt.

Auf dass die Welt glaube. Einige Ausleger verstehen unter der „Welt“ die Auserwählten, die damals noch zerstreut waren. Doch werden in diesem Kapitel unter der Welt vielmehr die Verworfenen verstanden (V. 9. 25). Diese sollen durch die Einigkeit der Christen in einem uneigentlichen Sinne „glauben“, d. h. auf Grund erzwungener Erfahrung anerkennen lernen, dass Christus in himmlischer und göttlicher Herrlichkeit thront. So kommt es dahin, dass sie glauben und doch nicht glauben, weil die Überzeugung durch den Augenschein bei ihnen keine Überzeugung aus dankbarem Herzen werden wird. Darin besteht Gottes gerechte Rache, dass er vor den Augen der Gottlosen seine göttliche Herrlichkeit nur zum Gericht erstrahlen lassen wird; ein frohes, seliges Anschauen seiner Herrlichkeit sind sie nicht wert. In V. 23 wird das Wort „erkennen“ in demselben Sinne gebraucht, wie hier „glauben“.

V. 22. Ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit usw. Die vollkommene Glückseligkeit, die in mustergültiger Weise in Christo sich ausprägte, war eben darum so vollkommen, weil unser Heiland nichts nur für sich hatte, sondern weil er, der wahrhaft Reiche, alles hergab, um seine Gläubigen zu beglücken. Sein Geben aber hatte zum Ziel die Wiederherstellung des göttlichen Ebenbildes, welches durch die Sünde gestört ist: Menschenglück besteht ja in Gottebenbildlichkeit. Christus ist nicht nur als ewiges Wort Gottes das lebendige Ebenbild des Vaters: auch seiner menschlichen Natur, die er mit uns gemeinsam hat, war das Bild der Herrlichkeit des himmlischen Vaters aufgeprägt; so vermag er denn seine Glieder, die Gläubigen, in dasselbe Bild umzugestalten (vgl. 2. Kor. 3, 18). Zu den wahren Jüngern Christi sind nur die zu rechnen, in denen die vom Angesichte Jesu strahlende Herrlichkeit Gottes sichtbar ist, ähnlich dem Bild, das durch den Abdruck eines Petschaftes1) entsteht.

V. 23. Ich in ihnen und Du in mir. Damit will Jesus uns lehren: In mir wohnt die Fülle alles Guten. Was an Gott verborgen war, steht jetzt in mir sichtbar vor euch. Das alles aber soll durch meine Gemeinschaft mit euch hinüberströmen in euch, meine Jünger, wie das Wasser aus einer Quelle durch Gräben hier- und dorthin abgeleitet wird und nun allenthalben die Felder begießt.

Und liebtest sie. Hier deutet er an, dass es das deutlichste Kennzeichen und das beste Unterpfand der göttlichen Liebe zu den Frommen ist, welches auch die Welt, sie mag wollen oder nicht, anerkennen muss, wenn der in ihnen wohnende Geist die himmlischen Strahlen der Gerechtigkeit und Heiligkeit hervorleuchten lässt. Gott hat ja unzählige Weisen, uns täglich seine Vaterliebe zu bezeugen; am schönsten bezeugt er sie uns jedoch durch die in seinem Wort uns zugesprochene Kindschaft.

Gleichwie du mich liebst. Das ist so viel wie: „darum, dass du mich liebst“, denn in eigentlichem Sinne ist nur Christus „der Geliebte“. Mit der Liebe, mit welcher der himmlische Vater das Haupt der Gemeinde umfasst, neigt er sich nun auch zu allen ihren Gliedern hernieder: er liebt uns nur in Christo. Sind wir durch den Glauben gerechtfertigt, dann fängt Gott erst recht eigentlich uns zu lieben an, wie ein Vater seine Kinder liebt. Es wird auch niemals einen Menschen geben, der eines gnädigen Gottes gewiss wäre, ohne den in Christo versöhnten Gott im Glauben zu erfassen. Gleichwie nun jedes Schmecken der göttlichen Liebe aufhört, sobald Christus nicht beachtet und ergriffen wird, so dürfen wir auch auf der anderen Seite dessen ganz gewiss sein, dass von der Zeit ab, da wir durch Glauben unserem Herrn Jesus Christus einverleibt sind, keine Gefahr vorhanden ist, dass wir aus Gottes Liebe herausfallen. Nichts kann diesen Grund umstoßen: der Vater liebt uns, weil er Jesum liebt.

V. 24. Ich will, dass, wo Ich bin usw. „Wollen“ ist so viel wie „wünschen“: denn hier redet Christus nicht im Tone des Befehls, sondern der Bitte. Der Sinn der ausgesprochenen Bitte ist aber, dass der Vater die Gläubigen in das himmlische Reich einführen möge, wohin ihnen Jesus jetzt vorangeht. Dort sollen sie die vollendete Herrlichkeit sehen, welche der Vater dem Sohne gegeben hat. Denn an das Schauen dieser Herrlichkeit im gegenwärtigen Glaubensleben dürfte schwerlich zu denken sein. Freilich sehen ja die Gläubigen schon jetzt Jesu Herrlichkeit, aber doch nur, wie ein Mensch, der in einem dunklen Raum eingeschlossen ist, durch dünne Ritzen einen schwachen Lichtschimmer erblicken mag. Hier erbittet sich Jesus, dass sie immer mehr zu sehen bekommen sollen, bis sie im Himmel sich des unverhüllten vollen Glanzes ihres Heilandes freuen dürfen. Erst wenn dies erreicht ist, werden alle Wünsche des Erlösers erfüllt sein.

Denn du hast mich geliebt usw. Auch dies trifft weit mehr auf die Person des Mittlers zu, als auf die reine Gottheit Christi. Dass der Vater seine eigene Weisheit geliebt hat, das hört sich seltsam an. Und wollten wir das auch annehmen, so führt uns doch der Zusammenhang auf einen anderen Sinn unserer Stelle.

Zweifellos hat Christus, als er wünschte, die Apostel möchten mit ihm vereinigt sein und sein herrliches Reich sehen, als das Haupt der Gemeinde geredet. Gleich danach sagt er, zu solcher Vereinigung von Haupt und Gliedern solle den Vater seine Liebe bewegen: folglich hat ihn der Vater als den Erlöser der Welt geliebt. Mit solcher Liebe umfing ihn der Vater vor Erschaffung der Welt, damit er es sei, in dem er seine Auserwählten lieben könnte.

V. 25. Die Welt kennt dich nicht; Ich aber kenne dich usw. Jesus bringt seine Jünger in einen Gegensatz zur Welt, um von da aus sie dem Vater umso kräftiger empfehlen zu können. Menschen, welche, während alle Welt Gott verwirft, allein ihn kennen, verdienen wirklich eine besondere Auszeichnung. Christus hat ein Recht dazu, diejenigen ganz besonders innig ins Gebet einzuschließen, denen der Unglaube kein Hindernis war, Gott zu erkennen. Im Gedanken an die Welt und ihre Bosheit nennt Jesus hier Gott den gerechten Vater. Er will mit dieser Bezeichnung Gottes uns zu verstehen geben: Mag die Welt gleich noch so frech Gott verachten und beiseite schieben – das besagt wahrlich nicht, dass an Gott irgendetwas mangelhaft ist; die Welt mag sich stellen, wie sie will, der Ruhm, dass Er der Gerechte ist, muss ihm unangetastet bleiben. –

Diese Worte prägen uns also ein, dass der auf Gott gegründete Glaube der Frommen nicht wanken darf, wenn auch die ganze Welt zusammenbräche. Übrigens sagt Christus nicht einfach, seine Jünger hätten Gott erkannt, sondern er macht zwei Stufen: er selbst hat den Vater erkannt, und die Jünger haben erkannt, dass er vom Vater gesandt ist. Weil er aber gleich danach hinzufügt, er habe ihnen den Namen des Vaters kundgetan, deshalb empfiehlt er sie, wie bereits gesagt wurde, um ihrer Gotteserkenntnis willen, die sie vor der übrigen Welt voraushaben. Bemerkenswert ist der hier beschriebene Weg, den der Glaube inne zu halten hat. Der Sohn, der vom Schoße des Vaters her zu uns gekommen ist, erkennt ihn eigentlich ganz allein. Alle die, welche nun Gott zu nahen begehren, müssen notwendigerweise Christum, der ihnen entgegenkommt, aufnehmen und sich ihm ganz hingeben; er wird dann, nachdem er recht erkannt ist, seine Jünger zu Gott, dem Vater, emporheben.

V. 26. Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und will ihn kundtun. Christus hat des Lehramtes gewaltet, doch hat er, um den Vater zu offenbaren, sich nicht nur des Schalles des Wortes bedient, sondern geheimer Kundgebung durch den Geist. Seine Lehre hat bei den Aposteln tatsächlich etwas gefruchtet. Und da ihr Glaube noch schwach war, verheißt er für die Zukunft größere Fortschritte. So bereitet er sie darauf vor, auf eine reiche Begnadigung mit heiligem Geiste zu hoffen. Freilich hat Christus hier zunächst von den Aposteln geredet, aber doch ist die allgemeine Mahnung daraus zu entnehmen, dass wir beständig danach streben sollen, vorwärts zu kommen und nicht meinen, wir hätten schon eine recht ansehnliche Strecke des Weges zurückgelegt und könnten es uns nun etwas bequemer machen. Ach nein; solange wir im Fleische wallen, haben wir noch einen großen Weg vor uns.

Auf dass die Liebe, damit du mich liebest, sei in ihnen. Das heißt: Liebe sie in mir! – oder: Lass die Liebe, damit du mich umfängst, auch auf sie überströmen! Die Liebe, die Gott uns widmet, ist ja eigentlich keine andere, als die, mit welcher er seinen Sohn von Anfang geliebt hat, um in ihm auch uns wieder angenehm und liebenswert zu machen. Ohne Frage sind wir, wie oben erwähnt, was uns selbst angeht, abgesehen von Christo, Gott verhasste Leute; erst damit beginnt er uns seine Liebe zuzuwenden, dass wir in den geistlichen Leib seines Sohnes, die christliche Gemeinde, hineinwachsen. Unschätzbares Gut des Glaubens, zu wissen: der Vater hat Christum unsertwegen geliebt, damit wir derselben Liebe wie er teilhaftig würden und immerdar teilhaftig blieben! Man beachte die Schlussworte: und Ich in ihnen. Sie lehren uns: nur dann umfasst uns Gottes Liebe, wenn Christus in uns wohnt. Der Vater kann den Sohn nicht anschauen, ohne zugleich den ganzen Leib Christi vor Augen zu haben; wollen wir in ihm von Gott gnädig angeschaut werden, so müssen wir in Wahrheit seine Glieder sein.

1) 
eines Siegels


Kapitel 18

V. 1 u. 2. Da Jesus solches geredet hatte. Bei diesem Abschnitt seiner Erzählung übergeht Johannes vieles, was man bei den anderen drei Evangelisten liest, und zwar absichtlich; er hatte sich vorgenommen, dafür dann vieles, worüber jene schweigen, zusammenzustellen, da es der Erwähnung wert ist. Das Fehlende möge man in den anderen Evangelien nachlesen.

Über den Bach Kidron. In einigen Handschriften steht im Griechischen vor Kidron der Artikel in der Mehrzahl, als handelte es sich um einen „Bach der Cedern“. Doch ist dies wahrscheinlich ein Irrtum. Das hebräische Wort bedeutet vielmehr eine finstere Stätte: das Tal war eine in den Boden gehöhlte Schlucht und daher schattig. Wenn der Evangelist berichtet, dass Jesus über diesen Kidronbach gegangen, so will er damit zu verstehen geben, er sei freiwillig in den Opfertod gegangen. Denn der Herr kam dort an einen Platz, von dem er wusste, dass Judas ihn ganz genau kannte. Weshalb gerade dorthin? Doch gewiss, um aus freien Stücken sich dem Verräter und den Feinden auszuliefern. Dass er nicht aus Unbedachtsamkeit an einen besonders ungünstig gelegenen Ort sich begab, dafür bürgt sein Vorauswissen von dem, was ihm bevorstand.

Nachher (V. 4) erwähnt ja Johannes ausdrücklich, dass Jesus den Feinden entgegenging. Nicht aus Zwang, sondern aus freiem Willen nahm er das Sterben auf sich, damit es ein willig dargebrachtes Opfer sei; ohne solchen Gehorsam wäre uns die Versöhnung nicht erworben worden. Er geht tiefer in den Garten hinein, nicht deshalb, weil er dort ein Versteck suchte, sondern weil er gern ungestört betete. Wenn er nun dreimal um Abwendung seines Todes gebetet hat, so widerstreitet das nicht dem, was wir von seiner Gehorsamswilligkeit gesagt haben: er musste mit den Schwierigkeiten ringen, um sie endlich zu überwinden. Nach Niederzwingung des Todesgrauens eilt er in voller Freiheit zum Sterben.

V. 3. Da nun Judas usw. Wenn Judas mit Soldaten und so vielen Knechten sich einstellte, so ist das ein sicheres Zeichen seines bösen Gewissens; ein solches macht ja auch da den Menschen ängstlich, wo kein Anlass vorliegt. Die römische Kriegerschar ist jedenfalls auf besonderes Nachsuchen hin vom Landpfleger beigegeben worden; er wird auch den V. 12 genannten Tribun oder Opferhauptmann mitgesandt haben, wie der Anführer einer solchen Abteilung von tausend Fußsoldaten hieß. Solche militärische Abteilung lag als Besatzung in der Hauptstadt, um plötzlichen Unruhen zu begegnen; sie diente auch dem Landpfleger auf seinen Reisen durchs Land als Leibwache. Die übrigen Leute, welche den Judas begleiteten, waren Diener der Priesterschaft und, wie Johannes wieder (vgl. 11, 46. 47. 57) besonders bemerkt, der Pharisäer, die mehr noch als die anderen vor Wut gegen Jesum schäumten und einen besonderen religiösen Eifer an den Tag legen wollten.

V. 4 bis 6. Wie nun Jesus wusste usw. Hier zeigt der Evangelist so recht deutlich, mit wie völliger Hingabe der Seele Christus in den Tod gegangen ist; doch erzählt er dabei auch, welche Kraft aus seiner kurzen Frage strömte: Wen sucht ihr? Wir sollen wissen, dass die Gottlosen dem Herrn nur genau so viel antun durften, als er ihnen gestattete. Mit sanfter Ruhe spricht er einfach aus (V. 5): Ich bin es. Trotzdem streckt sie sein Wort zu Boden, als hätte ein Sturmwind sie umgerissen oder vielmehr ein Blitzstrahl sie getroffen. Hätte Jesus gewollt, - die Macht, sich ihre Hände fernzuhalten, hätte ihm wahrscheinlich nicht gefehlt.

So aber wollte er nur dem Vater gehorchen, dessen Ratschluss ihn, wie er wusste, zum Tode rief. Übrigens lässt sich aus unserer Stelle abnehmen, wie furchtbar, ja wie entsetzlich dereinst den Gottlosen die Stimme Christi klingen wird, wenn er seinen Thron bestiegen hat, die Welt zu richten.

Damals stand das Lamm bereit, zur Würgebank geführt zu werden. Von der Majestät des Gottessohnes war scheinbar nichts mehr da. Da wirft er mit seinem Worte seine Feinde zur Erde, die als gewappnete Krieger gekommen waren. Aber was hat er denn eigentlich gesagt? Hat er ihnen ein fruchtbares: Ihr seid verdammt! entgegen geschleudert? Ach nein, er hat nur gesagt: „Ich bin es.“ Wie wird es nur erst hergehen, wenn er, den dann kein Mensch mehr richten kann, kommen wird, um selbst die Lebendigen und die Toten zu richten! Dann wird er ja nicht mehr in geringer Knechtsgestalt erscheinen, sondern in himmlischer Herrlichkeit, umgeben von seinen Engeln! Bei seiner Gefangennahme wollte Christus nur beweisen, dass sein Kraftwort wirklich vermag, was der Prophet (Jes. 11, 4) weissagt, wenn er die Herrschermacht des Messias schildert: „Er wird mit seinem Stabe seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.“ Die völlige Erfüllung dieser Verheißung stellt Paulus (2. Thess. 2, 8) freilich erst für das Ende in Aussicht. Doch sehen wir alle Tage, wie auf den Ruf Christi gottlose Menschen trotz ihrer Wut und ihres Hochmuts tot zu Boden stürzen. Als damals die Männer, welche gekommen waren, Jesum zu fesseln, hinfielen, da zeigte sich an ihnen ein Sinnbild der Angst, wie sie alle Gottlosen empfinden, sie mögen wollen oder nicht, wenn Christus durch seine Diener redet. Diese Wirkung der Stimme Jesu ist aber nicht eigentlich diejenige, welche er liebt und wünscht. Er braucht am liebsten seine Stimme, um arme Menschen, die im Tode daliegen, aufzurichten: so wird er sie einst ohne Zweifel gebrauchen, um uns in den Himmel empor zu heben.

V. 7. Da fragte er sie abermals. Daraus geht hervor, wie tief die Blindheit ist, mit der Gott den Verstand der Gottlosen blendet, und welch eine schreckliche Stumpfheit sich ihrer bemächtigt, sobald nach Gottes gerechtem Gericht Satan sie verzaubert hat. Ochsen und Esel haben doch eine Empfindung davon, dass etwas Außerordentliches geschehen ist, wenn sie unversehens zu Boden fallen. Diese Menschen aber haben die göttliche Macht Christi handgreiflich verspürt und bleiben unentwegt in ihrem alten Gange, als hätten sie an ihm gar nichts erlebt, als hätte sie nicht einmal der Schatten eines Menschen gestreift. Ja, selbst Judas wird nicht erschüttert. Welch erschütterndes Bild des göttlichen Gerichts, welches die Verworfenen dermaßen der Hand Satans übergibt, dass sie noch gefühlloser werden, als unverständiges Vieh! Keine Gehirnerkrankung vermag den Menschen so unwiderstehlich zugrunde zu richten, wie diese satanische Verblendung. Gegen Gott selber stürmen solche Gottlosen an, nachdem sie in verworfenen Sinn dahingegeben sind, und es macht ihnen das so wenig aus, als wenn sie nur eine Fliege fangen wollten. Empfinden sie auch Gottes Allmacht, so lassen sie sich doch davon nicht beugen. Hundertmal eher lassen sie sich zerbrechen, als dass sie nachgeben. Ihre Bosheit umhüllt sie ganz, gleich einem Vorhang, durch den Gottes strahlendes Licht nicht mehr hindurchdringen kann. In ihrer Verstocktheit sind sie noch unempfindlicher als ein Stein. Einen Zügel dulden sie nicht.

V. 8. Sucht ihr mich, so lasst diese gehen. Hier sehen wir, dass der Sohn Gottes nicht nur aus eigenem Triebe in den Tod geht, um durch seinen Gehorsam unsere Übertretungen zu tilgen, sondern auch, dass er es Amtes des guten Hirten zum Schutze seiner Herde waltet. Er sieht die Wölfe zum Angriff nahen. Da wartet er nicht, bis sie über die Schafe herfallen, denen er zum Wächter bestellt ist. Rechtzeitig tritt er ihnen in den Weg. So dürfen wir denn nicht daran zweifeln, dass auch uns seine Hilfe zu Gebote steht, so oft gottlose Menschen oder die Geister der Hölle uns angreifen wollen. Außerdem hat Christus durch sein Vorbild allen Hirten seiner Herde eine Dienstanweisung geschrieben, die sie zu befolgen haben, wenn anders sie gewillt sind, ihr Amt auszufüllen, wie es recht ist.

V. 9. Ich habe der keinen verloren usw. Es scheint nicht ganz passend, dass sich der Evangelist gerade hier auf diesen Ausspruch Jesu beruft (17, 12), der sich doch mehr auf die Seelen, als auf die Leiber bezieht. Auch hat Christus ja seine Apostel nicht durchaus unverletzt erhalten, sondern hat nur dafür Gewähr geleistet, dass mitten im Gedränge fortwährender Gefahren, ja selbst mitten im Tode ihr ewiges Heil außer aller Gefahr bliebe. Aber der Evangelist denkt auch nicht einfach an die leibliche Rettung der Jünger, sondern vielmehr daran, dass Christus am besten für ihr ewiges Heil sorgt, wenn er sie jetzt noch verschont bleiben lässt. Bedenken wir nur, wie groß noch ihre Schwachheit war. Wie würden sie sich wohl auf der Folterbank benommen haben? Christus verhinderte es, dass sie über die bisher ihnen verliehenen Kräfte hinaus versucht wurden, und damit hat er sie dem ewigen Verderben entrissen. Hieraus können wir für alle Fälle die Regel entnehmen: Mag der Herr mit noch so vielen Versuchungen unseren Glauben prüfen, so werden wir doch ganz gewiss nicht in die äußerste Lebensgefahr, die schlimmste Lage hineingeraten, ohne dass er uns Heldenstärke zum Überwinden darreicht. Wir sehen es ja auch deutlich, wie er immer wieder gegen unsere Schwachheit Nachsicht übt, wenn er so oft die Unternehmungen Satans und gottloser Leute durch sein rasches Eigenreifen vereitelt. Das tut er nur deshalb, weil er sieht, dass wir der Gefahr noch nicht gewachsen sind. Er führt die Seinen erst dann in den Kampf, wenn er sie dazu hinreichend vorgebildet hat. Dann gehen sie nicht unter, wenn sie gleich untergehen: sie haben nur Gewinn davon, mögen sie sterben oder leben.

V. 10. Da hatte Simon Petrus ein Schwert. Hier wird der blinde Eifer des Petrus geschildert, welcher es unternahm, den Meister in ungehöriger Weise zu verteidigen. Als ein beherzter, energischer Mann begibt er sich um seines Heilandes willen allerdings in große persönliche Gefahr, aber er bedenkt nicht, was der Apostelberuf von ihm fordert, und was Gott erlaubt. Christus ist deshalb weit entfernt, seine Tat zu billigen oder gar zu loben; er tadelt sie vielmehr mit strengem Wort. Lassen wir die Person des Petrus beiseite, so verdammt Jesus hier alles eigenwillige Vorgehen waghalsiger Menschen. Die Lehre, die er uns damit erteilt, ist in hohem Maße der Beachtung wert. Wie oft kommt es vor, dass wir unsere Handlungsweise mit der Ausflucht beschönigen, wir hätten es doch gut gemeint, - als ob es gleichgültig wäre, ob das, was unsere eitle Menschenweisheit für recht hält, vor Gott Billigung oder Missbilligung findet! Würden wir nichts Sündiges an dem Eifer des Petrus entdecken, so müssten wir uns doch willig unter das Urteil Christi beugen: Er spricht es offen aus, wie wenig ihm die Tat seines Apostels gefällt. Noch obendrein lag es gar nicht in der Gewalt des Petrus, seinen Herrn vor der Hinrichtung zu bewahren. Im Gegenteil konnte gerade der übereilte Schwerthieb des Petrus für immer Schande auf den Namen Jesu bringen. Wenn er sich dem Oberhauptmann und den Truppen mit Waffengewalt widersetzt, dann stellt er sich damit auf eine Linie mit einem Straßenräuber. Beide lehnen sich auf gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit. Die Welt hasste Christum schon mehr als genug; so konnte diese eine ungesetzliche Tat seines Jüngers aufs ärgste gegen ihn ausgebeutet werden: durch den Hinweis auf sie vermochte man allen Verleumdungen, die bisher von den Feinden Jesu ausgestreut worden waren, den Anstrich der Wahrheit zu verleihen. Wie grundverkehrt auch von Petrus, dass er seinen Glauben mit dem Schwert beweisen will, den er tatsächlich nicht einmal mit der Zunge beweisen kann! Als er sich zu Jesu bekennen soll, verlegt er sich aufs Leugnen. Hier, wo der Meister ihm nichts geboten hat, wird er ein Aufrührer. Ein warnendes Exempel, dass wir unseren Eifer in rechten Schranken halten sollen! Das Gelüste unseres fleischlichen Mutwillens kitzelt uns ja stets, mehr zu wagen, als Gott gebietet. Deshalb ist wohl zu bedenken, dass unser Eifer uns nur in eine schlimme Lage hineinbringen wird, so oft wir ohne ausdrückliche Weisung des göttlichen Wortes in eigener Vermessenheit handeln. Bisweilen wird es vorkommen, dass wir mit einem solchen Wagestück anfänglich gewinnen: am Ende werden wir jedoch für unser Unterfangen zu büßen haben. Die Grundlage für alles, was wir in Angriff nehmen, sei der Gehorsam! Das Beispiel des Petrus mahnt uns auch noch daran, dass auch Leute, die Christi Sache treiben wollen, keineswegs schon immer das Rechte treffen und über jeden Tadel erhaben sind. Umso inständiger wollen wir den Herrn bitten, dass er uns bei allem unserem Tun den Geist der Weisheit verleihe.

V. 11. Stecke dein Schwert in die Scheide. Mit diesem Befehl verwirft Christus die Tat seines Jüngers. Aber weshalb verwirft er sie? Weil es für eine Privatperson nicht statthaft ist, sich gegen die zu erheben, welche ein öffentliches Amt bekleiden. Das lässt sich aus dem Bericht der anderen Evangelisten erschließen, welche alle drei den Ausspruch Christi bringen (Mt. 26, 52): „Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“. Wir müssen uns also hüten, uns unserer Feinde mit Waffengewalt zu erwehren, selbst wenn sie uns durch ungerechte Behandlung dazu herausfordern; wehren dürfen wir uns nur soweit, als die Gesetze und das öffentliche Recht es uns erlauben. Wer unberufen über die Schranken hinausgeht, die ihm gesteckt sind, der mag vielleicht den Beifall der ganzen Welt auf seiner Seite haben: aber das wird Gott nimmermehr bestechen, eine solche Tat gutzuheißen.

Soll ich den Kelch nicht trinken? Der eigentliche Grund, weswegen Christus verstummen musste, war wohl der, dass er gleich dem Lamme zur Schlachtbank geführt werden sollte. Doch ist seine Geduld vorbildlich für uns; auch von uns wird sie in der gleichen Weise gefordert. Trübsal vergleicht die Schrift häufig mit dem Trank aus einem Kelch. Wie der Hausvater seinen Kindern und dem Gesinde Speise und Trank austeilt, so verfährt Gott mit uns. Er hat das Recht dazu, jeden einzelnen so zu behandeln, wie es ihm recht erscheint. Wenn er uns nun mit frohem Geschick beglückt, dann sagen wir: Er reicht uns einen süßen Trank. Demütigt er uns mit Unglück und Leid, so sagen wir: Er gibt uns einen bitteren Trank. Für unseren Heiland war das als Trank bestimmt, dass er zur Versöhnung der Welt am Kreuze sterben sollte. Folglich sagt er: Ich muss den Kelch trinken, den mir der Vater eingeschenkt hat und an die Lippen hält. Geradeso müssen auch wir uns unser Kreuz willig gefallen lassen. Doch soll man nicht auf jene Schwärmer hören, die behaupten, man dürfe bei Krankheiten keine Heilmittel anwenden und auch gegen andere Übel sich nicht zu schützen suchen, da man sonst den Kelch in Gottes Hand verschmähe. Wir wissen, dass wir einmal sterben müssen. Deshalb ziemt es sich, dass wir uns auf den Tod gefasst machen. Da wir aber nicht wissen, wann wir sterben sollen, so erlaubt der Herr uns, dass wir mit den Hilfsmitteln, die er selber dafür bestimmt hat, unser Leben bewahren.

Krankheit ist stets geduldig zu tragen, so schwer sie auch unserem Fleische fallen mag; ist es jedoch nicht sicher, dass sie einen tödlichen Verlauf nehmen wird, so muss man Linderung suchen. Nur davor haben wir uns zu hüten, dass wir nichts unternehmen, was das Wort Gottes uns verbietet. Wenn nur in unseren Herzen das „Dein Wille geschehe!“ fest eingegraben ist, dann hören wir auch, selbst beim Suchen nach Befreiung von Übeln, die uns drücken, nicht auf, den Kelch des himmlischen Vaters zu trinken.

V. 12. Die Schar aber und der Oberhauptmann. Es könnte widersinnig erscheinen, dass Christus, der durch den Klang seiner Stimme die Soldaten zu Boden warf, sich jetzt verhaften lässt. Wollte er sich doch schließlich den Feinden ergeben, was hatte es da für einen Zweck, ein solches Wunder zu tun? Nun, der Erweis seiner Gotteskraft hatte einen doppelten Wert. Er schafft den Anstoß weg, dass man meinen könnte, Christus sei so schwach, dass er allein deshalb als Besiegter das Feld geräumt habe. Ferner sieht man daraus, wie bereitwillig er den Tod für uns auf sich nahm. Soweit es nützlich war, hat er die Feinde seine Macht fühlen lassen. Sobald es aber galt, dem Vater gehorsam zu sein, hielt er an sich, um das Opfer zu werden. Außerdem wollen wir im Gedächtnis behalten, dass der Leib des Sohnes Gottes gebunden wurde, damit unsere Seelen aus den Stricken der Sünde und des Teufels gelöst würden.

V. 13. Und führten ihn zu Hannas. Das übergehen die anderen Evangelisten, weil es für den Verlauf der ganzen Geschichte wenig ausmacht. Es ist dort nichts Erwähnenswertes vorgekommen. Vermutlich lag die Wohnung des Hannas besonders bequem, um Jesum dort unterzubringen, bis der Hohepriester die Versammlung des hohen Rates einberief.

Des Jahrs Hoherpriester. Der Evangelist meint nicht, die Amtsdauer jedes Hohenpriesters sei einjährig gewesen, wie viele fälschlich annehmen, sondern er will einfach sagen, dass gerade in dieser Zeit Kaiphas Hoherpriester war, womit die Angabe des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus vollkommen übereinstimmt. Die Hohepriesterwürde war eine lebenslängliche, konnte also, wenn es nach der gesetzlichen Vorschrift ging, nur durch den Tod erlöschen. Ehrgeiz und Zwietracht brachten es jedoch dahin, dass die römischen Landpfleger den einen Hohenpriester absetzten und nach Willkür einen anderen, dem sie wohlgesinnt waren oder von dem sie Geld erhalten hatten, einsetzten. So hat der römische Statthalter Vitellius später den Kaiphas abgesetzt; dessen Nachfolger wurde dann der Sohn des Hannas, Jonathan.

V. 14. Der den Juden riet. Der Evangelist wiederholt noch einmal den früher erwähnten Ausspruch des Kaiphas (11, 50), wonach Gott den unreinen Mund eines treulosen, verbrecherischen Hohenpriesters zu einer Weissagung benutzt hat, ähnlich wie er einst die Zunge Bileams gegen die Herzensneigung desselben lenkte, das Volk Israel zu segnen, dem er gern, dem König Balak zuliebe, geflucht hätte (4. Mo. 24, 5).

V. 15 u. 16. Ein anderer Jünger. Mancher hat sich dadurch irreführen lassen, dass man leicht auf die Vermutung kommt, dieser Jünger werde wohl Johannes sein; redet er doch gern von sich, ohne seinen Namen anzugeben. Aber wie sollte man sich eine so nahe Bekanntschaft des Johannes mit dem stolzen Hohenpriester erklären? War er doch nur ein unbekannter Fischer. Und wie soll man sich das reimen, dass er im Hause des Hohenpriesters so frei aus- und einging, während er zum engsten Jüngerkreise Christi gehörte? Wahrscheinlicher ist es, dass dieser Ungenannte nicht zu den Zwölfen gehörte und nur deshalb ein Jünger heißt, weil er die Lehre des Gottessohnes angenommen hatte. –

Johannes ist nicht pedantisch in der Anordnung seiner Erzählung. Es genügt ihm, kurz die Hauptsache zusammenzufassen. Nachdem er die erste Verleugnung des Petrus berichtet hat, bringt er zuvor noch einiges andere dazwischen, und nimmt dann erst wieder den Faden auf, indem er von der zweiten und dritten Verleugnung erzählt. Davon kommt es, dass nicht ganz aufmerksame Leser folgerten, die erste Verleugnung habe in der Wohnung des Hannas stattgefunden. Zu dieser Annahme bietet aber der Wortlaut keinen Anlass. Im Gegenteil steht hier deutlich zu lesen, dass es des Hohenpriesters Magd gewesen ist, die den Petrus durch ihre Worte zur Verleugnung trieb. Festzuhalten ist, dass nicht jedermann Zutritt fand, als Christus vor die Hohenpriester geführt worden war, dass jedoch Petrus eingelassen wurde, weil ein dort bekannter Jünger ein gutes Wort für ihn einlegte. Nun kann ja freilich nicht der mindeste Zweifel obwalten, dass die beiden dem Herrn Jesus aus frommer Anhänglichkeit gefolgt sind, und doch, - nachdem Christus ausdrücklich bezeugt hatte, dass er den Petrus und die anderen Jünger geschont sehen wollte, wäre es weit ersprießlicher gewesen, irgendwo in einer dunklen Ecke zu seufzen und zu flehen, als hier ans helle Licht unter die Augen der Menschen zu treten, wo es doch um die Festigkeit der Jünger noch so schwach bestellt war. Eine Jüngerpflicht, von der Christus ihn entbunden hat, erfüllt Petrus mit Begier! Als es aber darauf ankommt, das Bekenntnis des Glaubens abzulegen, worin er bis in den Tod hinein hätte verharren müssen, da fällt er. Wir müssen stets danach fragen, was der Herr wirklich von uns verlangt, damit niemand sich in eine Sache einlasse, die nicht unumgänglich nötig, und der er nicht gewachsen ist.

V. 17. Da sprach die Magd zu Petrus. Petrus wird in den hohenpriesterlichen Palast geführt; aber das Eintrittsgeld ist viel zu hoch: er wird gezwungen, Christum zu verleugnen. Da er gleich von vornherein so schimpflich strauchelt, kommt die ganze Leichtfertigkeit seines verwegenen Unternehmens an den Tag. Er hatte sich gebrüstet: Ich werde beweisen, dass ich ein Held bin, den niemand besiegen kann, ja ich nehme den Ringkampf mit dem Tode selbst auf mich! – und jetzt braucht nur eine Magd ein Wort zu sagen, und zwar gar nicht einmal ein Drohwort von rauem Klange, da wirft er ganz betroffen die Waffen fort. Wahrlich, ein Beispiel menschlichen Heldentums!

Lauter Rauch ist Menschenkraft, der vor einem Windhauch zerflattert. Außer Kampfesweite sind wir gar ungestüm und mutig; aber die Erfahrung zeigt, wie töricht und grundlos unser Übermut ist. Selbst wenn Satan noch keine Ränke spinnt, bilden wir uns Schrecknisse ein, welche gar nicht da sind, und werden dadurch viel zu früh verwirrt und matt. Den Petrus hat die Stimme eines Weibleins erschreckt. Wie steht es mit uns? Zittern wir nicht beim Rascheln eines fallenden Laubes? Der bloße Schein einer von weitem drohenden Gefahr ließ den Petrus ängstlich zusammenfahren. Werden wir nicht durch kindische Kurzweil täglich von Christo weggezogen? Aber so steht es um unsere Tapferkeit: ohne dass ein Feind sich zeigt, bricht sie von selbst zusammen. Darin steht Gottes Rache über menschlichen Übermut, dass er trotzige Seelen ihre Schwachheit erfahren lässt. Der Mensch, nicht von Mut, sondern nur von Aufgeblasenheit erfüllt, verspricht sich einen mühelosen Sieg über die ganze Welt. Doch, sieht er nur den Schatten einer Distel, so wird er jählings blass. Lasst uns lernen, nur in dem Herrn stark zu sein!

Ich bin es nicht. Das ist scheinbar keine eigentliche Verleugnung Christi. Aber wenn Petrus sich fürchtet, zu bekennen, dass er zu seinen Jüngern gehöre, so ist das so gut, als ob er abstritte, irgendetwas mit Jesu zu tun zu haben. Man beachte das wohl! Es soll niemand sich einbilden, auf gute Art durchgekommen zu sein, wenn er mit sophistischen Worten doch nur die Tatsache verdeckt, dass er nicht rund seinen Glauben bekennen mag.

V. 18. Petrus stand bei ihnen. Diese Bemerkung dient dem Evangelisten, um alsbald den weiteren Faden der Erzählung anknüpfen zu können (V. 25). Übrigens geht aus dem Benehmen des Petrus hervor, wie wenig ihn sein Gewissen wegen der Verleugnung des Meisters plagte. Seelenruhig stellt er sich zu einer Rotte gottloser Menschen und wärmt sich bei ihnen. Immerhin ist es möglich, dass die Furcht ihn zurückhielt. Er war bange, nochmals, wie vorhin, angehalten und angesprochen zu werden, wenn er den hohenpriesterlichen Palast verließe.

V. 19. Der Hohepriester frage Jesum. Der Hohepriester fragt Jesum, als hätte er einen Sektierer vor sich, der einen Riss in die Gemeinde Gottes gebracht hat, indem er durch Sonderlehren Jünger warb. Er forscht ihn aus, als wäre Christus ein falscher Prophet, der durch neue, verkehrte Glaubenssätze die reine Lehre zu beflecken sich unterstanden hätte. Christus aber hat des Lehramtes treulich gewaltet: so braucht er sich nicht erst eine Verteidigung auszusinnen. Um jedoch die Wahrheit nicht schutzlos preiszugeben, zeigt er sich bereit, alles, was er gelehrt hat, aufrecht zu erhalten. Dabei wirft er zugleich ein Streiflicht auf das unverschämte Gebaren des Hohenpriesters, der sich anstellt, als müsse er erst noch herauszubekommen suchen, was Jesus gelehrt hat. Darüber konnte kein Zweifel sein; das war aufs allergenaueste bekannt. Nicht genug damit, dass sie den ihnen geschenkten Erlöser und damit das ihnen zugesagte Heil verwerfen, verurteilen sie auch die gesamte Gesetzesauslegung, die er gegeben hat.

V. 20 u. 21. Ich habe frei öffentlich geredet. Diese Aussage scheint mit dem Worte zu streiten, das Jesus einst seinen Jüngern sagte (Mt. 10, 27), dass erst sie öffentlich predigen sollen, was er ihnen ins Ohr geredet (vgl. auch Mt. 13, 11). Was Jesus aber an unserer Stelle sagt, bezieht sich auf den Gesamtgehalt seiner Lehre, der sich überall gleich blieb, wenn er auch der Form nach öfters zu den Jüngern insbesondere redete. Was er ihnen dabei vortrug, war nicht etwa eine verschmitzte Geheimlehre. Somit kann Jesus mit gutem Gewissen behaupten, dass er den Grundgehalt seiner Lehre immer frei und offen verkündet habe.

V. 22. Als er aber solches redete usw. Dass der Evangelist diesen Backenstreich erwähnt, soll erstlich zeigen, wie groß die Wut der Feinde Christi war, und welche Gewaltherrschaft sie ausübten; weiter ersehen wir daraus, welcher Art die Zucht war, die bei den Priestern herrschte. Als Richter sitzen sie da, und dabei wüten sie wie die wilden Tiere. Eine Ratsversammlung tagt, in welcher der höchste Ernst vorwiegen müsste, - und der erste beste Diener nimmt es sich heraus, mitten in der Verhandlung, unter den Augen der Richter, den Angeklagten zu schlagen, dem noch nichts Unrechtes nachgewiesen worden ist. Es kann uns nicht überraschen, wenn in einer so würdelosen Versammlung die Lehre Christi verdammt wird: war doch ihren Besitzern nicht nur alle Billigkeit, sondern sogar die einfache Menschlichkeit und jedes Anstandsgefühl abhandengekommen.

V. 23. Hab ich übel geredet usw. Das heißt: Wenn ich mich versündigt habe, so musst du mich deswegen anklagen. Erst wenn alles untersucht ist, und ich schuldig befunden bin, muss mir dann eine dem Maße des Vergehens entsprechende Strafe auferlegt werden. Deine Handlungsweise aber ist nicht die rechte. Vor den Schranken des Gerichts ziemt sich eine ganz andere Ordnung und bescheidene Zurückhaltung, wie man sie bei dir vermisst. –

Anscheinend richtet sich Christus hier nicht nach der doch von ihm selbst erteilten Vorschrift (Mt. 5, 39): „So dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.“ Jesus lässt sich keinen zweiten Backenstreich geben. Dazu ist zu sagen: Nicht immer wird es von der Geduld eines Christen verlangt, dass er, wenn man ihn geschlagen hat, schweigend das ihm angetane Unrecht herunterschlucke, - die erste Forderung an ihn ist vielmehr die: Ertrage gelassenen Sinnes das Unrecht! Die zweite sodann: Sinne nicht auf Rache, sondern bemühe dich, das Böse mit Gutem zu überwinden (Röm. 12, 21)! Der Geist der Hölle treibt die Gottlosen schon weit über das Maß bloßer Vergeltung an, andere zu schädigen; deshalb ist es nicht gut, sie noch aufzureizen. Sonach wollen jene Worte der Bergpredigt einfach sagen: der Christ soll lieber noch ein zweites Unrecht ertragen, als das erste mit gleicher Münze zurückgeben. Deshalb steht nichts im Wege, dass wir auch als Christen denjenigen, der uns schimpflich behandelt, darüber zur Rede stellen; nur muss unsere Seele frei sein von Jähzorn und unsere Hände rein von rächender Selbsthilfe.

V. 24. Und Hannas sandte ihn usw. Dieser Satz, welcher einen Nachtrag bringt, sollte besser in Klammern stehen und übersetzt werden: „Und Hannas hatte ihn gesandt“. Wenn wir nämlich vorher (V. 13) hörten, dass Jesus zunächst zu Hannas geführt wurde, so entsteht der Schein, als habe die Ratssitzung, soweit sie bisher erzählt wurde, bei diesem stattgefunden. Diesem Missverständnis vorzubeugen, merkt der Evangelist jetzt nachträglich an, dass man Jesum längst in den Palast des Hohenpriesters Kaiphas geführt habe.

V. 25 u. 26. Er verleugnete. Wie schrecklich abgestumpft ist doch das Gewissen des Petrus, dass er den Meister verleugnet, ohne es auch nur im Geringsten zu bereuen! Er verhärtet sich vielmehr so, dass er ruhig weiter und weiter sündigt. Hätte der Reihe nach jeder einzelne ihn gefragt, er würde unbedenklich auch tausendmal Jesum verleugnet haben. Hat Satan einen Menschen wankend gemacht, dann stürzt er sein unglückliches Schlachtopfer immer tiefer und tiefer hinab. Ein Umstand, den die anderen Evangelisten hervorheben, ist noch zu beachten, nämlich, dass Petrus unter Verwünschungen bezeugt hat: „Ich kenne Christum nicht“. So geht es heutzutage vielen. Ihr Fall ist anfänglich nicht besonders schwer, aber die Sünde wird ihnen schließlich zur Gewohnheit, nachdem ihr Gewissen eingeschläfert worden ist. Zuletzt wird ein Mensch, der sich daran gewöhnt hat, Gott zu verachten, nichts mehr für unerlaubt ansehen, sondern auch das Äußerste sich herausnehmen. Deshalb ist das beste: man sieht sich bei Zeiten vor, damit man sich, wenn der Versucher sich einstellt, auch nicht in die allerkleinste Sünde einlässt, so lange man noch einen unbescholtenen Christennamen hat.

V. 27. Alsobald krähte der Hahn. Diesen Hahnenschrei erwähnt der Evangelist, weil wir in ihm einen göttlichen Wink an Petrus erkennen sollen. Nur darf man nicht geradezu behaupten, dass der bloße Hahnenschrei den Petrus an die Worte des Herrn erinnert habe: dafür hat vielmehr (nach Lk. 22, 61) Jesu Blick das Entscheidende getan. Wer erst durch einen Stoß Satans ins Stürzen gekommen ist, der lässt sich durch keinen Ruf, kein Zeichen, keine Mahnung wieder aufrichten, - helfen kann nur ein Blick aus Jesu Augen.

V. 28. Da führten sie Jesum vor das Richthaus. Dort fand das Verhör noch vor dem Morgengrauen statt. Die Feinde Jesu werden unterdessen allenthalben in der Stadt durch willige Werkzeuge das Feuer des Hasses zu heller Flamme haben entfachen lassen. Die Volkswut loderte so jäh empor, als wenn alle einstimmig Christi Tod begehrten. Die Priester veranstalteten die Voruntersuchung nicht etwa in dem Wahne, als stünde es in ihrer Gewalt, das rechtskräftige Urteil zu fällen; sie beabsichtigten nur, durch das im Voraus gefällte Urteil Jesum in den Augen des eigentlichen Richters herabzusetzen und ihn demselben auszuliefern als einen, von dem man hinlänglich wisse, was er verdient habe. „Richthaus“ nannten die Römer sowohl das Haus eines Landpflegers, als auch die Stätte, wo Gericht gehalten zu werden pflegte.

Auf dass sie nicht unrein würden. Wenn sie sich hier vor aller Befleckung in acht nehmen, um nach gesetzlicher Vorschrift rein das Ostermahl Jehovahs mitessen zu können, so zeigt sich darin ein durchaus nicht zu verachtender religiöser Sinn. Doch versündigen sie sich bei dieser Gelegenheit in doppelter Hinsicht, und zwar beide Male recht grob, nämlich zunächst dadurch, dass sie nicht bedenken, wie furchtbar sie sich gegenwärtig innerlich beflecken, viel, viel schlimmer, als es geschähe durch das Betreten des verworfensten Ortes auf der ganzen Welt, - sodann dadurch, dass sie bei aller peinlichen Aufmerksamkeit in Nebendingen und Kleinigkeiten die großen Hauptsachen ganz und gar übersehen. „Den Unreinen und Ungläubigen“, sagt Paulus (Tit. 1, 15), „ist nichts rein“, - ist doch ihr Herz durch und durch befleckt. Diese Heuchler triefen förmlich von Bosheit, Ehrgeiz, Heimtücke, Grausamkeit, Habgier und verpesten damit beinahe Himmel und Erde, - und sind doch so ängstlich darauf bedacht, dass sie sich nicht äußerlich beflecken! So wird es ein unerträglicher Spott, wenn sie Gott dadurch versöhnen wollen, dass sie sich vor befleckender Berührung mit levitisch unreinen Dingen zwar ängstlich hüten, dabei aber ein Streben nach wahrer Reinheit gar nicht in ihren Sinn kommen lassen. Alle Heuchelei leidet daran, dass sie auf Äußerlichkeiten einen übergroßen Wert legt und das, worauf alles ankommt, sorglos beiseitelässt. Gott ordnete alle jene gesetzlichen Gebräuche nur zu dem Zwecke an, damit das Volk der Juden mit ihrer Hilfe wahre Frömmigkeit lieb gewinnen und sich eines geheiligten Lebens befleißigen sollte. Übrigens ist im Gesetz nirgends verboten, das Haus eines Heiden zu betreten. Man tat es nicht, weil die Väter das der Vorsicht halber so bestimmt hatten, damit niemand unversehens aus einem unreinen Hause irgendwelche Befleckung mitnähme. Jene trefflichen Gesetzesausleger seihen sehr bedächtig eine Mücke durch; ein Kamel dagegen verschlingen sie ohne jedes Bedenken! Einen Floh zu töten, halten solche Heuchler gewöhnlich für einen größeren Frevel, als einen Menschen umzubringen; damit hängt zusammen, dass sie menschlichen Überlieferungen weitaus den Vorzug geben vor Gottes heiligen Geboten. Um vorschriftsmäßig Ostern essen zu können, wollen sie sich also rein halten. Nicht sie sind unrein, nein, alle Unreinheit steckt vielmehr in den Wänden des Richthauses, - so heucheln sie, während doch Himmel und Erde ihnen zuschauen, wie sie ohne die geringsten Skrupel die Hinrichtung eines Unschuldigen fordern. Das abbildliche Passahlamm verehren sie mit ihrer erlogenen und trügerischen Frömmigkeit, an dem eigentlichen, urbildlichen Passahlamm dagegen vergreifen sie sich mit tempelschänderischen Händen, ja, sie würden es, wenn sie nur könnten, gar zu gern für ewig vertilgen.

V. 29 u. 30. Da ging Pilatus zu ihnen heraus. Ein Weltmann bringt es fertig, über ein abergläubisches Vorurteil, das er belächelt und verachtet, sich ohne viel Umstände hinwegzusetzen. Bei der Sache selbst, die hier vorlag, benimmt Pilatus sich zunächst als ein gewissenhafter Richter; er heißt die Juden ihre Anklage vorbringen. Die Priester aber gebärden sich, als müsse auf ihr bloßes gewichtiges Wort hin der Angeklagte sofort verurteilt werden. Sie antworten einfach (V. 30), dass Pilatus sich mit ihrem im Voraus gefällten Urteil begnügen solle. Darin liegt die versteckte Klage, dass der Landpfleger ihrer Rechtlichkeit nicht das nötige Vertrauen schenke. Sie geben zu verstehen: Was für einen Grund hast du, nicht ohne weiteres davon überzeugt zu sein, dass ein Mensch, den wir verfolgen, des Todes würdig ist? –

Man sehe doch, was die Gottlosen, sobald sie nur von Gott zu Rang und Würden erhoben sind, sozusagen von ihrem eigenen Glanze geblendet, sich alles erlauben! Ja, man sehe weiter, wie sehr sie der Stolz berauscht hat! Sie verlangen, dass jedermann auf ihre bloße Anklage hin Christum für einen Übeltäter ansehe. Untersucht man aber diese Anklage genauer, welche Missetaten werden dann zu Tage kommen? Jesus hat Kranke aller Art geheilt, er hat die Menschen aus der Gewalt des Teufels befreit, Gichtbrüchigen und Lahmen wieder gesunde Glieder geschenkt, Blinden das Gesicht, Tauben das Gehör, Toten das Leben zurückgegeben! Das ist alles, was er getan hat, wie seine Feinde auch selber ganz genau wussten. Wie unglaublich schwer ist es doch, Menschen nüchtern zu machen, die von Hochmut trunken sind, - so nüchtern, dass sie verständig und sachgemäß urteilen!

V. 31. Richtet ihn nach eurem Gesetz. Ohne Zweifel will Pilatus, angewidert von ihrer Leidenschaftlichkeit und Rohheit, den Priestern den Vorwurf machen: Das Verdammungsurteil, das ihr von mir ertrotzen wollt, steht im grellsten Widerspruch zu dem bei allen Völkern geltenden Recht, ja jedes Menschenherz muss davor schaudern! Darin birgt sich zugleich der Spott darüber, dass die Juden sich eines angeblich von Gott stammenden Gesetzes rühmten. Mit offenbarem Hohn ruft der Landpfleger den Juden zu: So nehmt ihr ihn hin! Tatsächlich hätte er es nicht ungestraft hingehen lassen, wenn sie jemanden hingerichtet hätten. Er will nur sagen: Ja, wenn ihr die Gewalt in Händen hättet, dann wäre es um diesen Menschen geschehen; ohne ordentliche Untersuchung würdet ihr ihn zu beseitigen wissen. Ist das die viel gerühmte Billigkeit eurer Gesetzgebung, dass man einen Menschen, der nichts Böses getan hat, zum Tode verurteilt? So geben die Gottlosen, sobald sie fälschlich sich als die Anwälte der wahren Religion aufspielen, die heilige Lehre Gottes den Schmähungen ihrer Feinde preis; und wie gern wird eine solche Gelegenheit zum Lästern von der Welt ausgenutzt!

Wir dürfen niemand töten. Einige meinen, die Juden lehnten eine Befugnis ab, die ihnen Pilatus hier im Ernst anbiete. Das ist jedoch nicht der Fall. Sie wussten vielmehr ganz genau, dass Pilatus ihnen nur zum Spott ein solches Anerbieten machte. Das Wort „Nehmet ihr ihn hin!“ geben sie ihm zurück: Das würdest du nicht zugeben. Bist du einmal Richter, so walte auch deines Amtes!

V. 32. Auf das erfüllt würde usw. Abschließend fügt der Evangelist die Bemerkung ein, dass es so habe kommen müssen, damit die Weissagung Christi (Mt. 20, 19) erfüllt würde: „Des Menschen Sohn wird den Heiden überantwortet werden“. Wenn wir die Geschichte von dem Tode Christi mit Gewinn lesen wollen, ist es ohne Zweifel eine Hauptsache, dass wir dabei auf Gottes ewigen Ratschluss schauen. Der Sohn Gottes steht vor dem Richterstuhl eines sterblichen Menschen. Wenn wir auf den Gedanken kämen, das geschähe lediglich nach der Menschen Gelüst und Willkür, und nicht auch dabei auf Gott schauten, dann müsste unser Glaube zu schanden werden und gänzlich dahinfallen. Sobald wir aber erkennen, dass durch den Anklagestand Jesu unser Anklagestand vor Gott hinfällig geworden ist, weil es dem himmlischen Vater gefiel, auf diesem Wege die Menschheit mit sich zu versöhnen, so werden wir von diesem einzigen Gedanken hoch erhoben und rühmen uns der Schande unseres Heilandes, ohne zittern oder uns schämen zu müssen. Lasset uns lernen, bei allen Ereignissen der Leidensgeschichte unsere Gedanken auf Gott, den Urheber unserer Erlösung zu richten!

V. 33 bis 35. Da ging Pilatus wieder hinein. Wahrscheinlich ist noch mancherlei hinüber und herüber geredet worden, was der Evangelist mit Schweigen übergeht. Man erfährt ja leicht alles Nähere aus den anderen Evangelisten. Johannes verlegt sich besonders darauf, darzutun, wie eifrig Pilatus alles ausgeforscht habe, ob Christus mit Recht oder mit Unrecht vor Gericht gezogen worden sei. In Gegenwart des Volkes, das von Aufruhrshitze glühte, konnte eine ruhige Behandlung nicht stattfinden. So geht Pilatus in das Richthaus hinein. Er plant, Christum freizusprechen. Christus selbst bietet sich aus Gehorsam gegen den Vater zur Verurteilung dar. Das ist der Grund seiner knappen Antworten. Der Richter war ihm ja wohlgeneigt, er hätte ihm gern Gehör geschenkt. Da wäre es für Jesus nicht schwer gewesen, seine Sache zu vertreten. Aber er denkt daran, wozu er in die Welt gekommen ist und wohin der Vater ihn jetzt ruft. So verstummt er denn freiwillig, um dem Tode nicht zu entrinnen.

Bist du der Juden König? Die Frage nach seinem Königtum würde Pilatus niemals aus eigenem Antriebe gestellt haben, wenn die Juden das Jesu nicht zum Vorwurf und zum Verbrechen gemacht hätten. Weil aber gerade diese Anklage ganz besonders gehässig war, deshalb geht Pilatus darauf ein, um, sobald sie entkräftet war, den Angeklagten freizusprechen. Die Antwort Christi zielt darauf, dass dieser Punkt der Anklage hinfällig sei. In seinen Worten liegt eine runde Widerlegung. Er will sagen: Lächerlicherweise wird mir etwas als Verbrechen schuld gegeben, wovon auch nicht der schwächste Schatten eines Verdachtes auf mich fällt. Die Frage Christi, weshalb eigentlich Pilatus solchen Verdacht gegen ihn hege, scheint den Pilatus unangenehm berührt zu haben. Im Tone der Entrüstung erwidert er ihm vorwurfsvoll: Die ganze schmähliche Anklage geht einzig und allein von deinem eigenen Volke aus. Ich habe nur zu Gericht zu sitzen; kein Fremder, - deine eigenen Glaubensgenossen klagen dich an. Was sollte ich mit diesen jüdischen Zänkereien zu schaffen haben? Meinetwegen und überhaupt der Römer wegen könnte euer Volk in Frieden leben: aber ihr schafft euch selbst diese Unruhe und macht leider auch mir damit zu schaffen.

V. 36. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Mit diesen Worten räumt Jesus ein, dass er ein König ist, aber er vernichtet zugleich die Verleumdung, soweit dies zum Erweis seiner Unschuld erforderlich war. Er bestreitet, dass sein Reich irgendwie mit der Staatsgewalt uneins werden könne. Er will beteuern: Ich bin fälschlich angeklagt, als hätte ich es unternommen, etwas im Staatswesen umzustürzen oder abzuändern. Ich habe das Reich Gottes gepredigt; aber das ist ein geistliches Reich. Somit hat es keinen Sinn, wenn du gegen mich einen Verdacht auf weltliche Herrschaftsgelüste hegst. –

Was Christus damals zu seiner Verteidigung sagte, hat bis an das Ende der Tage für alle Frommen einen unvergleichlichen lehrhaften Wert. Denn wenn das Reich Christi ein irdisches wäre, so würde es mit dem vergänglichen Wesen dieser Welt vergehen und eines Tages zerfallen; so aber ist es ein himmlisches Reich: folglich währt es immerdar. Geriete gleich der ganze Erdkreis ins Wanken, so würden wir doch, wenn alles um uns her bebte und zitterte, ja selbst dann noch, wenn rings um uns lauter Zusammensturz und Sterben herrschte, in unserem Gewissen ruhig bleiben können, - wenn wir nur fest und glaubensvoll hinblicken auf das Reich Christi. Wenn die Gottlosen mit grausamer Lust uns quälen, - unser Heil in Christi Reich können sie nimmermehr antasten; das ist menschlicher Willkür auch nicht im Entferntesten preisgegeben. Die Welt, von zahllosen Stürmen durchbraust, ist fortwährend in heftigster Bewegung; ganz anders geht es zu im Reiche Christi. Suchen wir Ruhe, so finden wir sie nur dort. –

Weiter werden wir hier über Art und Wesen des Reiches Christi belehrt. Brächte dasselbe unserem Fleische irdisches Glück, Reichtum, Genuss und was man sonst für dieses Leben wünschen mag, so würde es einen bedenklichen irdischen Beigeschmack an sich tragen. Tatsächlich aber haben wir in dem Reiche Christi, wenn auch unsere äußere Lage recht arm und kläglich sein mag, ein dauerhaftes Glück, das uns niemand nehmen kann. Daraus lernen wir auch, wer eigentlich zu diesem Reiche gehört: alle die, welche vom Geiste Gottes erneuert, in Heiligkeit und Gerechtigkeit nach dem himmlischen Leben trachten. Mit alledem wird aber keineswegs in Abrede gestellt, dass das Reich Christi sich in der Welt hienieden befindet. Es hat seinen Sitz in unseren Herzen, wie Christus (Lk. 17, 21) sagt: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch“. Doch ist es, wenn es gleich in uns wohnt, ein Fremdling in dieser Welt: denn Reich Gottes und die Welt sind in ihrem Wesen grundverschieden voneinander.

Meine Diener würden darum kämpfen. Dass er nicht nach Herrschaft strebt, beweist Jesus auch damit, dass ja kein Mensch sich für ihn regt, niemand zu den Waffen greift. Will ein Mann aus dem Volk auf den Thron steigen, so muss er Helfershelfer haben, die ihm zur Hand gehen. Bei Christo ist nichts dergleichen zu finden. Folglich trägt sein Reich nicht irdische Art an sich. Man fragt nun: Ist es denn auch unerlaubt, das Reich Christi mit Waffengewalt zu verteidigen? Wenn es im 2. Psalm heißt, dass die Fürsten den Sohn Gottes küssen sollen, so wird ihnen ja nicht nur aufgetragen, sich für ihre eigene Person unter seine Oberherrschaft zu stellen, sondern auch, dass sie alle ihre Macht dazu verwenden sollen, dass die Kirche ungefährdet fortbestehe und die Frömmigkeit gepflegt werde. Ich sage demgemäß erstlich: nur der Unverstand kann aus Christi damaligem persönlichen Verhalten folgern, dass man unter gar keinen Umständen die evangelische Lehre und den reinen Gottesdienst mit bewaffneter Hand verteidigen dürfe. Christi Worte zielen nur auf den vorliegenden Fall. Er führt den Nachweis, wie leichtsinnig die Juden ihn verleumdet haben. Schon mancher fromme König hat im Kampf mit dem Schwerte dreingeschlagen, um das Reich Christi zu schützen. Die eigentliche Verteidigung des Reiches Christi geschieht indes auf eine ganz andere Weise, als in der Regel weltliche Herrschaft verteidigt wird. Seinem geistlichen Charakter entsprechend gründet es sich auf die Lehre und das Wirken des heiligen Geistes. In der gleichen Weise wird es weiter gebaut: denn weder Gesetze oder menschliche Verfügungen, noch Strafen reichen bis in das Gebiet des Gewissens hinein. Das ist jedoch kein Hindernis dafür, dass die Fürsten nebenher das Reich Christi in Schutz nehmen, einesteils, indem sie die äußere Zucht festsetzen, andernteils, indem sie gegenüber gottlosen Menschen für die Kirche eintreten. Übrigens bringt es der böse Weltlauf mit sich, dass das Blut der Märtyrer der Kirche förderlicher ist, als der Schutz der Waffen.

V. 37. Du sagst es, ich bin ein König. Obwohl Pilatus schon an der vorigen Antwort Jesu gemerkt hatte, dass er in gewissem Sinne sich die Königswürde zulege, so betont Christus das hier nochmals aufs nachdrücklichste; und damit nicht genug: er fügt noch einen weiteren Ausspruch hinzu, der auf das Vorhergehende das Siegel drückt. Legt aber Christus einen so gewaltigen Nachdruck auf die Lehre von seinem Reiche, so ist dieselbe offenbar von ganz besonderer Wichtigkeit.

Der weitere Ausspruch: Ich bin dazu geboren, dass ich für die Wahrheit zeugen soll, ist ein Satz von weitgehender Bedeutung, bei welchem wir doch den besonderen Zusammenhang nicht vergessen dürfen. Übrigens wollen die Worte besagen, dass Christi Wesen die Wahrheit ist und dass ihm in dieser Folge der Vater als Hauptberuf den übertragen hat, für die Wahrheit zu zeugen. Es ist also keine Gefahr vorhanden, dass wir in Irrtum geraten, wenn wir ihm glauben; denn es ist völlig ausgeschlossen, dass er etwas anderes sagt, als die reine Wahrheit, er, der das Amt der Wahrheitsbezeugung von Gott erhielt, er, dem der Wahrheitstrieb von Natur eigen ist.

Wer aus der Wahrheit ist usw. Das hat Jesus hinzugefügt, nicht sowohl, um den Pilatus zu ermahnen, - dass dies nichts helfen würde, wusste er ja nur zu gut – als vielmehr, um seine Lehre gegen naheliegende unwürdige Beschimpfungen zu beschirmen. Er will sagen: Man macht mir das zum Verbrechen, dass ich mich offen als König bekenne. Und doch ist das eine unzweifelhafte Wahrheit, welcher sich voll Ehrfurcht und ohne Widerrede jedermann beugen muss, der nur richtig urteilt und bei klarem Verstande ist. Unter Menschen, die „aus der Wahrheit“ sind, versteht Jesus dabei nicht solche, welche etwa von Natur die Wahrheit zu erkennen vermöchten, sondern welche sich vom Geiste Gottes leiten lassen.

V. 38. Was ist Wahrheit? Diese Frage ist nicht etwa der Ausdruck redlicher Wissbegier, sondern wegwerfender Abweisung. Pilatus empfindet es als höchst unangenehm, dass ihm Jesus eigentlich alle Wahrheitserkenntnis abspricht. Er leidet in diesem Stück an der gleichen Krankheit, wie fast alle Menschen. Obgleich wir alle wissen, dass wir nichts wissen, so haben doch nur wenige den Mut, dies einzugestehen. Davon kommt es, dass so viele von der wahren Lehre nichts wissen wollen. Der Herr belehrt nur die Demütigen und belegt die Hochmütigen mit der verdienten Strafe, dass er sie ganz blind macht. Aus eben diesem Hochmut stammt jenes verächtliche Zurückweisen der Wahrheit, dabei die Menschen denken, sie vergäben ihrer Würde etwas, wenn sie sich bei dem göttlichen Lehrer nochmals auf die Schulbank setzten; sie alle maßen sich an, alles zu verstehen und sehr klug zu sein. Man wähnt, die Wahrheit längst an den Schuhsohlen abgelaufen zu haben; Gott aber bezeugt im Gegenteil: die Wahrheit ist hoch erhaben über den Verstand der Menschen. Ebenso geht es auch in anderen Dingen. Hauptgegenstände der Gottesgelehrsamkeit sind: der Fluch Gottes über die Menschheit, die verderbte Menschennatur, die Ertötung des Fleisches, das neue Leben, die Versöhnung durch das Opfer Christi, die Zurechnung der Gerechtigkeit, vermöge deren Gott einen Sünder annimmt, die Erleuchtung durch den heiligen Geist. Alles das geht weit über menschliches Begreifen hinaus. Und die Folge? Der gewöhnliche Menschenverstand sagt: Das ist eben Unsinn. Nur wenige begeben sich mit Nutzen in Gottes Schule; unter zehn lernt kaum einer die Anfangsgründe. Woher kommt das? Man misst Gott geheime Weisheit mit dem unzulänglichen Verstande. Dass Pilatus spotten wollte, geht daraus hervor, dass er schleunigst hinausgeht. Er grollt Christo als einem Prahler, welcher die zuvor verborgene Wahrheit erst an den Tag gebracht haben wollte. Seine Entrüstung zeigt, dass die Gottlosen besonders dann mit großem Unwillen die Lehre des Evangeliums von sich weisen, wenn sie sich davon irgendwie getroffen fühlen. Bis dahin kam es freilich mit Pilatus nicht, dass er sich als ein gelehriger Schüler erwies, - immerhin spürte er, mochte er wollen oder nicht, innerlich die Berührung einer wunden Stelle.

V. 39 u. 40. Ihr habe aber eine Gewohnheit. Fortwährend dachte Pilatus daran herum, wie er wohl Christum aus der Todesgefahr herausreißen könnte. Da aber die Volkswut so mächtig aufloderte, versuchte er einen Mittelweg, um die Erzürnten zu besänftigen. Er meinte dem Volke Genüge tun zu können, wenn er Christum wie einen Übeltäter schimpflich verurteilen und tatsächlich doch freilassen könnte. Um diesen letzten Zweck zu erreichen, stellt er Christo absichtlich gerade den Barabbas gegenüber. Sollten die Juden einen abscheulichen Verbrecher und Straßenräuber, der mancherlei Schandtaten zu verzeichnen hatte (Lk. 23, 19), wirklich weniger hassenswert finden, als ihn? Dass sie ihn nun in Wirklichkeit Christo vorziehen, geschieht nicht ohne besonderes Walten der göttlichen Vorsehung. Um einen so unwürdigen Kaufpreis durfte der Sohn Gottes nicht vom Tode befreit werden. Vielmehr sollte ihn der Tod in die tiefste Schande beugen: während Barabbas freikommt, wird Jesus zwischen Mördern gekreuzigt. Die Verbrechen der ganzen Menschheit, die auf keine andere Weise gesühnt werden konnten, hat er auf sich geladen, - und durch die herrliche Auferstehung, welche bald darauf folgte, hat er dann bewirkt, dass für ihn auch der Tod ein großartiger Triumph ward. Übrigens war die Gewohnheit, wonach der römische Landpfleger am Ostertage den Juden einen beliebigen Verbrecher frei gab, nichts anderes, als ein Schlag ins Gesicht der gerechten Gerichtspflege. Man wollte allerdings den heiligen Tag damit besonders feierlich begehen. Ich nenne das jedoch nicht eine feierliche Begehung, sondern eine schändliche Entweihung des Osterfestes.

Die Schrift erklärt es (Spr. 17, 15) für einen Gräuel vor Gott, wenn man einen schädlichen Menschen loslässt. Gott ist also weit davon entfernt, Wohlgefallen an einer so verkehrten Begnadigung zu haben.

Lasst uns an diesem Beispiel lernen, dass nicht verkehrter ist, als das Unterfangen, Gott nach eigenen Einfällen zu ehren! Hat man das erst einmal angefangen, dann gibt es bald kein Maß und Ziel mehr, bis die Menschen endlich sich bis zur äußersten Tollheit hinreißen lassen und öffentlich Gott spotten. Das Gesetz für die rechte Gottesverehrung ist einzig und allein dem Worte Gottes selbst zu entnehmen.


Kapitel 19

V. 1. Da nahm Pilatus Jesum. Pilatus besteht auf seinem Vorhaben. Der ersten Schmach fügt er noch eine zweite hinzu, weil er hofft, die Juden würden sich mit dieser ziemlich scharfen Züchtigung zufrieden geben. So angelegentlich bemüht er sich, Christum zu retten, und doch erreicht er nichts. Daran können wir wieder erkennen, dass ein himmlischer Ratschluss vorlag, vermöge dessen Christus sterben sollte. Wiederholt wird seine Unschuld durch richterlichen Ausspruch hervorgehoben. Wir sollen wissen: er war frei von jeglicher Schuld und trat an die Stelle von anderen, um für sie die Schuld auf sich zu nehmen und für sie die Strafe zu verbüßen. Pilatus ist ein bemerkenswertes Beispiel eines beunruhigten, unsicheren Gewissens. Mit dem Munde spricht er Christum frei und gesteht offen ein, dass er keine Schuld an ihm findet, - und doch lässt er ihn wie einen Verbrecher geißeln. Es kann gar nicht anders sein: Wer nicht Herz genug hat, um das, was recht ist, mit unbezwinglicher Standhaftigkeit zu verteidigen, der versucht es einmal so, einmal so, schwankt unschlüssig hin und her und verwickelt sich in lauter Widersprüche.

V. 2 bis 5. Die Kriegsknechte flochten eine Krone. Das geschah zweifellos auf des Pilatus Befehl, um den Sohn Gottes als einen Frevler zu brandmarken, der sich selber zum König gemacht habe. Damit wollte er zugleich der Wut des jüdischen Volkshaufens nachgeben; es sollte so aussehen, als sei auch er davon überzeugt, dass man Christum mit Fug und Recht verklagt habe. Die schamlose Frechheit der Soldaten geht jedoch weit über das von dem Richter ihnen Befohlene hinaus, - ergreifen doch die Gottlosen jede Gelegenheit, Böses zu tun, mit großer Lust! Man muss nur staunen über diese unmenschliche Rotte, die ein so jammervolles Schauspiel harten Herzens mitansehen kann, ohne eine Spur von Mitleid zu empfinden. Das Rätsel ist nur zu lösen, wenn man bedenkt, dass Gott auch darin seine Hand hat und will, dass die Welt durch den Tod seines Sohnes mit ihm versöhnt werde.

V. 6. Nehmt ihr ihn hin. Damit will Pilatus nicht im Ernst Christum der jüdischen Willkür ausliefern, sondern nur sagen, dass er selbst nicht zum Mörder an ihm werden will. Das zeigt ja auch der folgende Hinweis, dass er keine Schuld an ihm finde. Pilatus meint: dazu werdet ihr mich niemals bringen, dass ich euch zu Gefallen unschuldiges Blut vergieße. Wenn es hier nur die Hohenpriester sind und ihre Diener, die Jesum trotzdem gekreuzigt sehen wollen, so geht daraus hervor, woher die ganze Volkswut rührte: diese Menschen allein haben sie verursacht und immer wieder geschürt.

V. 7. Wir haben ein Gesetz. Die Juden geben dem Landpfleger zu verstehen, dass sie Christum mit Recht verfolgen, nicht aus Willkür oder Gehässigkeit. Sie fühlten, dass Pilatus sie in versteckter Weise verhöhnte. Sie reden hier, wie wenn sie es mit einem Menschen zu tun hätten, der das Gesetz nicht kennt. Sie wollen sagen: Der römische Kaiser hat uns gestattet, nach Judensitte zu leben; unsere Religion aber duldet es nicht, dass sie jemand für einen Sohn Gottes ausgibt! Diese Anklage hatte ja scheinbar einen stichhaltigen Grund; nur irrten sie sich gewaltig in ihren Voraussetzungen. Im Allgemeinen ist ja die Lehre zutreffend, dass ein Mensch sich nicht göttliche Ehren beilegen darf, und dass es ein todeswürdiges Verbrechen ist, auf Menschen zu übertragen, was nur Gott zusteht. Das war aber der Grund der Irrung über Jesum, dass die Juden weder bedachten, wie schon die alttestamentliche Schrift dem Messias göttliche beilegt, noch überhaupt die Frage stellten, ob nicht Jesus der längst verheißene Messias sein könnte. Wir wollen daraus lernen, dass wir nicht schnell mit allgemeinen Gedanken zufahren, sondern uns überall auf Grund des Gehorsams gegen das Schriftwort und des wirklichen Befundes der Tatsachen unser Urteil bilden.

V. 8. Er fürchtete sich noch mehr. Zwei Deutungen sind möglich. Entweder wollte es Pilatus nicht auf sich nehmen, durch Christi Freisprechung die Volkswut zu entfesseln, - oder bei Nennung des Namens „Gottessohn“ verspürte er eine Anwandlung religiöser Scheu. Dass das letztere die wahre Meinung unserer Stelle ist, wird daraus ersichtlich, dass Pilatus sich abermals ins Richthaus begibt und Jesum fragt (V. 9): Von wannen bis du? Daraus geht hervor, dass Pilatus sich ängstlich fürchtete, seine Hand an einen Gottessohn zu legen und dadurch Gottes Zorn zu reizen. Seine Frage will nämlich nicht etwa nach Jesu Heimatsort forschen, sondern hat eigentlich den Sinn: Bist du ein auf dieser Erde geborener Mensch oder bist du eine verkleidete Gottheit? Von Göttergrauen ergriffen, steht Pilatus vollkommen ratlos da. Auf der einen Seite sah er den Volksaufruhr kommen, und wollte er dieser Gefahr entgehen, so fiel er auf der andern in Gottes strafende Hände. Solchen Eindruck hat Christi verächtliche Gestalt auf Pilatus gemacht: namentlich als er von einem Gottessohn etwas hört, hemmt eine Art religiöse Furcht seinen Entschluss. Hat die Scheu vor Gott bei einem Weltmenschen so Großes zuwege gebracht, muss man dann nicht diejenigen für dreimal Verworfene ansehen, die heutigen Tages über göttliche Dinge ihr Lästermaul lachend und spottend ergehen lassen ohne die geringste Anwandlung von banger Scheu? Jedenfalls ist Pilatus ein Beweis dafür, dass die Menschen ein angeborenes religiöses Gefühl mit auf die Welt bringen, das es nicht zulässt, dass sie sich in kühner Vermessenheit alles erlauben, wo es sich um göttliche Dinge handelt. Wenn jemand erst dahin gekommen ist, Gottes heilige Offenbarung wie eine vollkommen gleichgültige Sache zu behandeln, so ist dies ein Zeichen tiefster Verworfenheit.

V. 9. Jesus gab ihm keine Antwort. Dies Schweigen Jesu wird uns nicht verwunderlich erscheinen, wenn wir bedenken, was ich schon sagte, dass Jesus vor Pilatus nicht seine eigene Sache führen will, wie ein Angeklagter, der loszukommen wünscht, sondern dass er bereit steht, das Todesurteil über sich ergehen zu lassen. Das ist der Grund, weshalb er sich nicht verteidigt. Doch streitet das Schweigen Christi nicht mit dem Ausspruch des Paulus (1. Tim. 6,13): „Christus hat unter Pontius Pilatus bezeugt ein gutes Bekenntnis“. So viel es nötig war, hat er allerdings sein Evangelium dort vertreten; auch sein Tod war nichts anderes, als eine Besiegelung der von ihm vorgetragenen Lehre. Wo es ein tapferes Bekenntnis galt, da ließ es unser Heiland an nichts fehlen; er schwieg nur da, wo es sich um sein Loskommen vom Gericht handelte. Außerdem war Gefahr vorhanden, dass Pilatus Christum freisprach, gerade weil er ihn etwa nach heidnischer Weise für eine Art Halbgott hielt, wie es ja heißt, dass Tiberius ihn unter die Götter der Römer haben aufnehmen wollen. Christus weist solchen törichten Aberglauben, wie er es verdient, mit Schweigen weit von sich.

V. 10. Weißt du nicht, dass ich Macht habe? Daraus geht hervor, dass der Schrecken, der den Pilatus jäh durchzuckt hat, rasch vorübergegangen ist und keine lebendigen Wurzeln hatte. Die Furcht ist vergessen, keck springt der Landpfleger über zu entsetzlicher Gottesverachtung. Er droht Christo, als wohnte kein Richter im Himmel. Aber so muss es bei Weltmenschen gehen: ist die Angst vor Gott erst überstanden, dann sind sie rasch wieder die alten. Auf ein Menschenherz ist kein Verlass. Eben noch hat es ein wenig Furcht vor Gott, aber ehe man sich es versieht, sprudelt die bare Gottlosigkeit daraus hervor. Ist ein Mensch vom Geiste Gottes nicht wiedergeboren, so mag er wohl einen besseren Augenblick haben, indem er Scheu vor Gott zur Schau trägt, - er wird jedoch bald genug durch Handlungen von ganz widersprechender Art verraten, dass alles nur vergänglicher Schein war. Jetzt zeigt uns Pilatus das Bild eines selbstbewussten Mannes, den die Überzeugung von seiner Macht und Würde zu geradezu unsinnigen Aussagen treibt: er spricht von seiner unbeschränkten Amtsgewalt und bedenkt nicht, dass er sich damit selbst das Lob der Gerechtigkeit abspricht. Er hat es wiederholt bekannt: Christus ist unschuldig. So stellt er sich denn mit einen gemeinen Mörder auf eine Stufe, wenn er sich rühmt, ihn ohne weiteres abtun zu können. Solche Verwirrung herrscht nun einmal in dem Inneren eines Gottlosen. Wo die rechte Erkenntnis Gottes und der Glaube nicht das Regiment führt, müssen die einander widerstreitenden fleischlichen Empfindungen ihren Kampf austoben. An diesem Beispiel des Pilatus zeigt sich, wie Gottes Rache den Hochmut mit sich selber straft. Wer leichthin hohe Worte braucht, macht sich nur lächerlich. Zumal hochgestellte Leute mögen sich in der Grenze der Bescheidenheit halten und in aller Demut unter Gott und sein heiliges Gesetz beugen.

V. 11. Du hättest keine Macht usw. Einige Ausleger deuten das allgemein: Es geschieht nichts in der Welt außer durch Gottes Zulassung. So würde der Herr den Pilatus einfach erinnern, dass er, der alles zu können meint, doch nicht mehr tun wird, als Gott ihm zulässt. So lange Gottes Wille die Welt regiert, werden die Gottlosen trotz aller Anstrengung ohne Gottes geheime Macht keinen Finger rühren können. So richtig nun dies alles ist, so glaube ich doch, dass an unserer Stelle der Herr insbesondere vom Amt der Obrigkeit redet. Christus züchtigt mit diesen Worten die alberne Anmaßung des Pilatus, der sich aufspielt, als stamme seine Macht nicht von Gott. Er will ihm zu verstehen geben: du nimmst eine so unumschränkte Vollmacht für dich in Anspruch, als hättest du nicht dereinst vor Gott Rechenschaft abzulegen. Nicht ohne göttliche Vorsehung bist du Richter geworden. Bedenke, dass das Gericht im Himmel dem deinigen weit überlegen ist! Das ist der rechte Dämpfer für den Übermut aller Vorgesetzten, damit sie ihr Recht nicht missbrauchen. Wenn ein Vater nicht auf Gott schaut, der ihn an die feste Schranke seines Gesetzes gebunden hat, so meint er nur zu leicht, es sei ihm gegen seine Kinder alles erlaubt: und ebenso steht es zwischen Gatten und Gattin, Herren und Knechten, Fürst und Volk.

Der hat größere Sünde. Einige meinen, die Juden seien darum viel tiefer verschuldet als Pilatus, weil sie mit verbrecherischem Hass und treuloser Bosheit den Gerechten umtoben, und weil sie bei alledem als Privatpersonen dastehen, die keine Amtsgewalt zu üben haben. Meines Erachtens ist ihr Frevel aus einem anderen Grunde der schwerere: sie sind weit weniger entschuldbar als Pilatus, da sie ein von Gott eingesetztes Richteramt zwingen wollen, ihrer Willkür und Mordlust zu dienen. Es ist der denkbar schlimmste Frevel, wenn man eine heilige Gottesordnung zu jedwedem Unrecht missbraucht. Mit Recht verabscheut man einen Wegelagerer, der einen unglücklichen Wandersmann abschlachtet; der aber, welcher unter dem Vorwand, er richte gerecht, einen Unschuldigen tötet, handelt noch viel verbrecherischer. Übrigens will der Hinweis auf die größere Schuld der Juden nicht etwa den Pilatus entlasten. Es handelt sich gar nicht um einen eigentlichen Vergleich: vielmehr trifft alle die gleiche Schuld, dass sie die heilige Gewalt der Obrigkeit für ihre Zwecke missbrauchen wollen. Der Unterschied ist nur der, dass Jesus die Juden unmittelbar angreift, während er den Pilatus, der ihren Lüsten nachgibt, mehr nebenher trifft.

V. 12. Von dem an trachtete Pilatus. Obwohl Pilatus sich nicht als einen Mann zeigt, der das Herz auf dem rechten Flecke hat, und sich mehr von Ehrgeiz als von dem Streben nach Gerechtigkeit regieren lässt, - daher auch sein charakterloses Hin- und Herschwanken, - so ist doch seine Mäßigung zu loben, dass er dem Manne, der ihn ernstlich zurechtwies, nicht erregt erwiderte, sondern nun erst recht darauf sinnt, wie er ihn freigeben könne. Er ist der Richter; trotzdem nimmt er es gut auf, dass der Angeklagte ihn tadelt. Unter Hunderten wird man kaum einen finden, der auch nur von einem Gleichgestellten einen solchen Vorwurf mit Sanftmut annähme.

So bist du des Kaisers Freund nicht. Mit einer Drohung erpressen die Juden von Pilatus das Todesurteil. Der Vorwurf, seine Kaisertreue sei verdächtig, war der gehässigste, den sie ihm machen konnten; mit nichts anderem war er so tief zu erschrecken. Sie sagen hier zu ihm: Du zeigst, dass dir nichts daran liegt, ob der Kaiser auch ferner das Zepter führt, wenn du den loslässt, der sich unterfangen hat, alles umzustürzen! Dieser gottlose Kniff hat aus dem römischen Landpfleger eine Memme gemacht. Das vorangehende leidenschaftliche Geschrei der Volksmasse hatte ihn nur etwas eingeschüchtert. Nicht ohne Absicht trägt der Evangelist alle Einzelumstände so sorgfältig zusammen: hat es doch große Bedeutung für uns, zu erfahren, dass Pilatus zunächst drei-, ja viermal Christum für völlig schuldlos erklärt hat und unseren Heiland freizugeben ganz fest beabsichtigte; dann erst hat er in der Angst um seine eigene Stellung Christum zum Tode verurteilt. Daraus ersehen wir abermals, dass Jesus nicht für sich, sondern für unsere Sünden verurteilt wurde. Wir ersehen weiter aus dem Umstande, dass Jesus es ganz versäumt hat, die günstige Gesinnung des Richters zu seinem Nutzen auszudeuten, wie herzlich er bereit ist, den Tod zu erleiden. Dieser Gehorsam hat es bewirkt, dass sein Tod ein wohlriechendes Opfer war zur Sühnung aller Sünden.

V. 13. Und setzte sich auf den Richterstuhl. Hieraus geht hervor, wie zerrissen in sich Pilatus war, etwa gleich einem Schauspieler, der zwei verschiedene Rollen in einem Stück übernommen hat. Er besteigt den Richtstuhl, um, wie es Sitte war, in feierlicher Weise das Todesurteil über Christum zu verkünden, - dabei aber erklärt er öffentlich, er tue das gegen seinen Willen und trotz des Widerspruches, den sein Gewissen erhebt. Spöttelnd redet er von Christo als von einem Könige, wodurch er andeuten will: Es handelt sich dabei nur um eine elende Verleumdung, die ihr Juden rein aus der Luft gegriffen habt! Jedenfalls will er ihre Wut dadurch eindämmen, dass er sie erinnert: Auf euer ganzes Volk wird ein Schandfleck kommen, sobald es ruchbar wird, dass ein Jude zum Tode verurteilt worden ist, weil er nach der Königskrone gestrebt hat. –

Das „hebräische“ oder eigentlich der damals geläufigen aramäischen Sprache angehörige Wort Gabbatha bezeichnet einen erhöhten Platz. Von solcher Höhe herab musste Christus verurteilt werden, um uns freisprechen zu können, wenn er selbst am letzten Tage als der höchste Richter erscheinen wird.

V. 14. Um die sechste Stunde. In der Zeitangabe weichen die Evangelisten scheinbar voneinander ab und stimmen nicht recht zusammen. Die drei anderen sagen, von der sechsten Stunde ab sei eine Finsternis gewesen, und Christus habe schon längst am Kreuze gehangen (Mt. 27,45; Lk. 23,44). Markus (Mk. 15,25) berichtet sogar ausdrücklich, es sei die dritte Stunde gewesen, da das Urteil über ihn gesprochen ward. Doch löst die Schwierigkeit sich leicht. Aus anderen Schriftstellen ist sattsam bekannt, dass man damals den Tag in vier Abschnitte zerlegte, wie denn auch die Nacht in vier Nachtwachen zerfiel. So kann es kommen, dass man sich in der Zeitbestimmung wesentlich nur an die Stunde hält, mit welcher der neue Tagesabschnitt beginnt. So kann Johannes sagen, Jesus sei „gegen die sechste Stunde“ (nach unserer Rechnung gegen 12 Uhr mittags) verurteilt worden, und meint doch nur, dass die Verurteilung in dem Tagesabschnitt stattfand, der mit der sechsten Stunde abschließt. Im genaueren Sinne um die sechste Stunde wird dann Jesus gekreuzigt worden sein: war doch die Stätte nahe vor dem Tor (V. 20). Zwischen der sechsten und der neunten Stunde brach dann die Finsternis herein, die bis zur neunten Stunde anhielt (nachmittags drei Uhr), wo Christus starb.

V. 15. Wir haben keinen König. Hier bricht eine schauerliche Bosheit und Wut hervor: die in dem Gesetz doch ganz gewiss wohlunterrichteten Priester verwarfen den Messias, in dem alles Heil des Volkes einbeschlossen war, mit dem alle Verheißungen zusammenhingen, auf den die ganze Religion begründet war. Sie sagen sich los von der Gnade Gottes und der ganzen Fülle seiner Wohltaten dadurch, dass sie Christum verschmähen. Welch ein entsetzlicher Wahnwitz war es doch, der sie dazu fortriss! Nehmen wir einmal an, Christus sei gar nicht der Messias gewesen, - auch dann hätten sie keine Entschuldigung: denn einen anderen König als den Kaiser in Rom erkennen sie nicht mehr an. Damit proklamieren sie den Abfall von der geistlichen Oberherrschaft Gottes. Ferner geben sie der römischen Gewaltherrschaft, die sie doch aufs äußerste verwünschten, den Vorzug vor dem gerechten Regiment, wie es ihnen in göttlichen Verheißungen zugesagt war. So verleugnen diese gottlosen Leute die Hoffnung des ewigen Lebens, nehmen auch das ganze Elend der Fremdherrschaft jetzt ohne Widerspruch auf sich, - nur um Christo zu entgehen. Dagegen ist es das einzige Glück der Frommen, sich in Christi Reich zu bergen, mögen sie dabei äußerlich unter einem gerechten und rechtmäßigen Regiment stehen oder unter drückender Tyrannei.

V. 16. Da überantwortete er ihn. Die unermessliche Rohheit der Juden zwang den Pilatus dazu, Jesum zu überantworten, doch geschah diese Hingabe nicht sozusagen im Aufruhr: Jesus wurde feierlich verurteilt, was man schon davon abnehmen kann, dass auch zwei Mörder nach geschehener Untersuchung gleichzeitig zum Kreuzestode verurteilt wurden. Johannes redet von einer Überantwortung oder Hingabe, weil er dadurch noch einmal betonen will: Jesus wurde nur der unversöhnlichen Volkswut ausgeliefert; eines Vergehens war er in keiner Weise überführt.

V. 17 u. 18. Und er trug sein Kreuz usw. Die hier vermerkten Einzelheiten dienen nicht bloß der Glaubwürdigkeit der Erzählung, sie haben auch einen hohen Wert für die Stärkung unseres Glaubens. Unsere Gerechtigkeit müssen wir suchen in der von Christo vollbrachten Versöhnung. Um es uns gewiss zu machen, dass er die Sühne für unsere Sünden sei, wollte er aus der Stadt herausgeführt und am Holze angehängt werden. Die Opfertiere, deren Blut um der Sünde willen vergossen wurde, pflegte man nach der Gesetzesvorschrift während der Wüstenwanderung vor das Lager hinaus zu bringen; und ebendort im Gesetz heißt es: Ein Gehenkter ist verflucht bei Gott (3. Mo. 6,23; 16,27; 5. Mo. 21,23). Beides wurde in Christo erfüllt, damit wir vollkommen davon überzeugt sein sollten, dass unsere Sünden durch seinen Opfertod gesühnt wurden. Er selber ward dem Fluch Gottes unterworfen, um uns von dem Fluchwort des Gesetzes zu erlösen (Gal. 3,13). Er ward für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt (2. Kor. 5,21). Er ward hinausgeführt vor die Tore der Stadt, damit er all unsere Unreinigkeit, die auf ihn geworfen war, an seiner Person aus dem Wege räume (Hebr. 13,12).

Denselben Zweck hat auch das von den beiden Mördern Erzählte. Als genügte die schreckliche Todesart nicht, wird Christus mitten zwischen zwei Schächer gehängt, als wäre er nicht bloß ein beliebiger Mensch aus der großen Schar der übrigen, sondern als wäre er gar der eigentliche Verbrecherkönig, der Verworfenste von allen. Immer ist dabei fest im Gedächtnis zu behalten, dass die gottlosen Henker unseres Heilandes nur tun durften, was von Gott selbst in seinem heiligen Rate beschlossen war. Gott gab seinen Sohn nicht ihrer Willkür preis, sondern er wollte nach seinem Entschluss und seines Herzens Meinung den Sohn hinnehmen als ein ihm geschlachtetes Opfer. Da Gott in allem, was er nach seinem Beschlusse seinen Sohn erleiden ließ, wohl wusste, was er tat, so können wir daraus einerseits die Wucht seines schrecklichen Zornes wider die Sünde, anderseits die Größe seiner unermesslichen Güte gegen uns trefflich ablesen. Anders ließ sich unsere Sünde nicht aus der Welt schaffen, als dadurch, dass der Sohn Gottes unsere Reinigung wurde. Wir sehen ihn, als wäre er mit Bergeslasten eigener Missetat belastet, hingetrieben zu der Stätte des Fluches, an der er sich vor Gott und Menschen als der Fluchbeladene darstellt. Wir müssten unglaublich abgestumpft sein, wenn wir in diesem Spiegel nicht deutlich sehen wollten, wie verhasst Gott alle Sünde ist; wir müssten härter sein, als es ein Fels in der Natur ist, wenn wir angesichts eines solchen Gottesgerichtes nicht aufs tiefste erschüttert würden. Und wenn Gott dann auf der anderen Seite bezeugt, dass unsere Errettung ihm so sehr am Herzen lag, dass er des eingeborenen Sohnes nicht verschonte, welch einen reichen Erguss seiner Güte und unbeschreiblich großen Gnade dürfen wir dann schauen! Wer die Ursache des Todes Christi und seine Folgen für uns recht erwägt, dem wird das Wort vom Kreuz nicht, wie den Griechen, eine Torheit, noch auch, wie den Juden, ein Ärgernis (1. Kor. 1,23), sondern vielmehr ein unschätzbarer Beweis und ein unvergleichlich köstliches Unterpfand der Macht, Weisheit, Gerechtigkeit und Güte Gottes werden. –

Der von Johannes erwähnte Name der Stätte Golgatha (d. h. Schädelstätte) stammt aus dem Chaldäischen oder Aramäischen. Er ist herzuleiten von einem Worte galgal, welches „rollen“ bedeutet, weil ein Schädel wie ein Ball oder eine Kugel gewölbt ist.

V. 19 u. 20. Pilatus schrieb eine Überschrift. Der Evangelist verzeichnet hier noch eine bemerkenswerte Handlung des Pilatus nach der Fällung des gerichtlichen Spruches. Wenn Übeltäter gestraft wurden, dann wurde gewöhnlich die Ursache der Bestrafung öffentlich angeschrieben; es sollte sich jeder, der diese Schrift las, ein Beispiel und eine Warnung daran nehmen. Das Außerordentliche bei der Überschrift am Kreuze Christi besteht darin, dass sie für Jesum nichts Schimpfliches enthielt. Um sich auf einem Schleichwege an den Juden dafür zu rächen, dass sie durch ihre Halsstarrigkeit ihm das Todesurteil über einen Unschuldigen abgepresst hatte, beabsichtigte Pilatus, in der Person Christi das ganze Judenvolk abzustrafen. So deutet er mit seinem Worte an, dass der Gekreuzigte um eigener Schuld willen verdammt worden sei. Die Vorsehung Gottes, die dem Pilatus den Griffel geführt hat, zielt freilich viel weiter. Dem Pilatus kam es nicht in den Sinn, Christum zu feiern als den Bringer des Heils, als den gottgesandten Nazarener und den wahren König des auserwählten Volkes, - aber Gott selbst hat solche Verkündigung der frohen Botschaft dem römischen Landpfleger, der ja nicht ahnte, wer sich seiner bediente, in die Feder diktiert. Ebenfalls unter geheimem Antrieb des Gottesgeistes geschah es, dass die Überschrift des Kreuzes Christi in drei verschiedenen Sprachen abgefasst wurde. Man kann nicht annehmen, dass das allgemein gebräuchlich war; es war dies ein Vorspiel für die nun bald anbrechende Zeit, da der Name des Gottessohnes in aller Welt bekannt werden sollte.

V. 21 u. 22. Da sprachen die Hohenpriester der Juden. Sie fühlen sich von Pilatus aus Hass verspottet. Deshalb begehren sie eine Abänderung der Überschrift des Kreuzes, wodurch ersichtlich würde, dass Christus allein die Schuld hätte, aber kein Flecken auf den Ruf des Volkes käme. Übrigens haben sie des kein Hehl, wie sehr ihnen die Wahrheit verhasst ist; auch nicht das kleinste Fünkchen Wahrheit können sie vertragen. So stachelt Satan immer seine Diener an, dass sie das kleinste Fünkchen göttlichen Lichtes, das sich nur irgendwo zeigt, alsbald mit aller Macht auslöschen oder wenigstens dämpfen. Dass Pilatus nicht nachgibt, ist der göttlichen Vorsehung zuzurechnen, denn ohne Zweifel haben die Hohenpriester auf alle Weise ihm beizukommen versucht. Sie werden ihn wohl auch mit Geld zu bestechen unternommen haben, - er wies alles ab. Gott hat durch den Mund dieses römischen Beamten bezeugt, dass das Reich seines Sohnes nimmermehr hinfallen wird. Wenn es schon bei dem, was Pilatus geschrieben hatte, sich zeigte, dass das Reich Christi unzerstörbar und aller Feindeslist überlegen sei, - wie wird es dann erst sein bei den Zeugnissen der Propheten, der Männer, deren Hand und Mund Gott sich geheiligt hat. Das Beispiel des Pilatus gemahnt uns an unsere Pflicht: Haltet tapfer stand, wo es gilt, für die Wahrheit einzutreten! Nicht einmal dieser Weltmensch nimmt zurück, was er wahrheitsgemäß, wenn auch ohne klare Einsicht, von Christo geschrieben hatte. Welch ein Schimpf würde es dann für uns sein, wenn wir, durch Drohungen oder Gefahren erschreckt, ängstlich von dem offenen Bekenntnis der Lehre abstehen wollten, welche Gott durch seinen Geist in unseren Herzen versiegelt hat.

V. 23 u. 24. Die Kriegsknechte aber usw. Die Teilung der Kleidungsstücke unter die Soldaten erwähnen auch die drei anderen Evangelisten. Vier Soldaten waren es, die diese Hinterlassenschaft Christi unter sich teilten. Da blieb noch ein Rock aus einem Stück übrig, den man nicht an Nähten auseinander trennen konnte. So warf man denn über ihn das Los. Um unsere Herzen darauf zu lenken, wie hier Schritt für Schritt der Ratschluss Gottes vollführt wurde, zeigen die Evangelisten, dass selbst hierbei ein Schriftwort seine Erfüllung fand. Anscheinend ist jedoch die angeführte Schriftstelle (Ps. 22,19) bei dieser Gelegenheit wenig passend herangezogen. David beklagt dort, dass er seinen Feinden zur Beute gefallen sei, und wenn er von seinen Kleidern redet, so geschieht das in übertragenem Sinne; er will sagen: sie haben mir alles genommen! Allerdings lassen die Evangelisten diesen ursprünglichen Sinn jenes Psalmwortes außeracht. Aber es gilt doch ernstlich zu bedenken, dass man diesen Psalm nicht auf Davids Person beschränken darf. Vieles in ihm, wie namentlich der Ausblick auf Gottes Ruhm unter den Heiden, trifft nur auf Christum zu. Ist aber der Psalm ein messianischer, so braucht man sich nicht darüber zu wundern, dass Davids Schicksale darin nur dunkel angedeutet sind, er dagegen, auf Christum angewendet, viel wörtlicher zu nehmen ist, - muss doch die Wahrheit selbst sehr viel deutlicher sein als ihr Vorbild. Wenn Christus ganz entkleidet wurde, so geschah es, damit wir mit dem Kleid seiner Gerechtigkeit angetan würden. Sein entblößter Leib würde den Schmähungen der Menschen ausgesetzt, damit wir herrlich prangen sollten vor Gottes Richterstuhl.

Man hat nicht übel folgenden Vergleich gezogen: Wie einst die Kleider Christi von rohen Kriegsknechten zerteilt wurden, so zerpflückten heutigen Tages mit unangebrachter Auslegung verdrehte Menschen die gesamte Bibel, die ja das Gewand ist, darin Christus sich uns zeigt. Jedenfalls ist dieser Vergleich sinnreicher, als die Behauptung der Römischen, dass die Verteilung der Kleider darauf deute, wie die Ketzer die Schrift zerreißen, während der ungenähte Rock die Kirche bedeute, die trotzdem unversehrt bleiben müsse.

V. 25. Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter. Hier erzählt der Evangelist beiläufig, dass der Gehorsam gegen seinen himmlischen Vater den Herrn Jesus nicht gehindert hat, auch der frommen Pflicht gegen seine Mutter zu gedenken. Er setzte alles hintan und vergaß sich selbst, um nur dem Vater den schuldigen Gehorsam zu erweisen; als er jedoch diesen geleistet hatte, gedachte er nun auch dessen, was er der leiblichen Mutter schuldete. Wir lernen hieraus, wie Gott und den Menschen Liebe und Ehrerbietung zu bezeugen ist. Es kommt oft vor, wenn uns Gott wohin ruft, dass die gleichzeitig die Eltern, das Weib, die Kinder uns anderswohin rufen. Dann können wir nicht allen zugleich den Willen tun. Stellen wir die Ansprüche der Menschen auf gleiche Höhe mit den Ansprüchen, die Gott an uns macht, so ist unser Urteil verwirrt. Gott Gebot geht allem voran, ihn sollen wir zuerst ehren und befriedigen. Ist das aber geschehen, so müssen, soweit das in unseren Kräften steht, auch die Menschen zu ihrem Rechte kommen. Die Gebote der ersten und zweiten Tafel widerstreiten einander nie, wie es bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht den Anschein haben kann. Stets aber ist anzufangen mit dem Dienste, der Gott gebührt, erst dann kommen die Menschen an die Reihe. Darauf beziehen sich Aussprüche wie (Mt. 10,37; Lk. 14,26): „Wer nicht hasset Vater und Mutter um meinetwillen, der ist meiner nicht wert.“ Haben wir jedoch Gott gegeben, was Gottes ist, dann ist es recht und am Platze, dass wir der Eltern, des Weibes und der Kinder auch gedenken, gleichwie Christus für seine Mutter sorgt, aber erst, da er am Kreuze hängt, wohin der Beschluss des himmlischen Vaters ihn gerufen hat. Übrigens, wenn wir alles einzelne, was Ort und Zeit betrifft, erwägen, in welcher ergreifenden Weise hat doch Christus der Mutter seine Kindesliebe dargetan! Ich unterlasse die Schilderung der furchtbaren Qualen, die sein armer Leib erduldete, unterlasse es auch, die Schmähreden gegen ihn wiederzugeben, - bedenken wir nur dies: als schreckliche Lästerungen gegen Gott die Seele unseres Heilandes namenlos traurig stimmten, als er den schrecklichen Kampf mit dem Teufel durchstritt, da hat er gleichwohl sich durch alles das nicht davon abhalten lassen, für seine geliebte Mutter zu sorgen. Man kann aus dieser Stelle erschließen, was für eine Ehre nach dem Gebote Gottes den Eltern erwiesen werden soll. Christus bestimmt seinen Jünger zu seinem Stellvertreter gegenüber der Mutter; künftig soll sie von Johannes ernährt und verpflegt werden. Daraus geht hervor, dass die den Eltern zu zollende Ehre nicht bloß in höflichen Formen besteht, sondern darin, dass in jeder Weise an den Eltern getan werden soll, was nötig ist. –

Wir haben weiter auf den Glauben der Frauen zu achten, die Jesu bis zum Kreuze gefolgt sind. Sie hatten ihn offenbar sehr lieb, sonst hätten sie Golgatha wahrlich nicht aufgesucht. Doch nicht die Liebe, sondern der Glaube gab ihnen Kraft, den Anblick zu ertragen, der sich ihren Augen bot. Was den Johannes selbst angeht, so müssen wir annehmen, dass sein Glaube sozusagen unter der Asche noch glimmte: er war für einige Zeit wie verschwunden, aber trotzdem nicht völlig erloschen. Vor den Frauen dort müssen wir uns schämen, wenn Kreuzesscheu uns in der Nachfolge Christi aufhält. Denn uns schwebt doch die Lichtgestalt des Auferstandenen zugleich vor dem geistigen Auge. Davon aber sahen diese Frauen nichts: sie bekamen damals nur Schmach und Schande zu sehen. Der Evangelist macht namhaft die Maria des Kleophas; er gibt nicht an, ob sie Weib oder Tochter des Kleophas war. Das letztere spricht mich mehr an. Er sagt, sie sein eine „Schwester“ der Mutter Jesu gewesen, womit er wohl nicht eine leibliche Schwester, sondern nur eine nahe Verwandte meint, wie ja in der hebräischen Sprache die Verwandten kurzweg Brüder genannt werden. Maria Magdalena ist, wie wir hier sehen, nicht vergeblich von sieben bösen Geistern befreit worden; sie hat sich als eine gläubige Jüngerin Christi bewährt bis zu seinem Tode.

V. 26. Weib, siehe, das ist dein Sohn! Jesus will damit sagen: Von nun ab werde ich nicht mehr auf Erden weilen, ich bin also außerstande, noch ferner meine Sohnespflicht an dir zu tun. Dieser hier soll künftig an meinen Platz einrücken und an dir tun, was ich bisher getan habe! In demselben Sinne sagt Jesus zu Johannes (V. 27): Siehe, das ist deine Mutter. Er gibt ihm damit den Auftrag, sie zu halten als seine eigene Mutter und genauso für sie zu sorgen, wie ein guter Sohn für seine Mutter sorgt. Wenn Jesus sagt: „Weib!“ und den Namen „Mutter“ in der Anrede umgeht, so meinen einige, er habe das getan, um ihrer Seele nicht eine noch mehr schmerzende Wunde zu schlagen. Ich stelle nicht in Abrede, dass diese Auslegung möglich ist. Eine andere Vermutung scheint mir jedoch nicht weniger annehmbar, nämlich: Christus hat mit dieser Form der Anrede andeuten wollen, dass er nach vollbrachtem menschlichen Lebenslauf seine bisherigen irdischen Lebensbedingungen ganz und gar von sich abtue und in sein himmlisches Reich eingehe, wo er über Engel und Menschen herrscht. Wir wissen ja, dass Christus es stets darauf abgesehen hat, die, welche an ihn glaubten, darauf hinzuweisen, dass sie nicht auf seine menschliche Niedrigkeit schauen sollten. Dieser Hinweis tat aber ganz besonders not bei seinem Sterben.

V. 27. Nahm sie der Jünger zu sich. Es ist ein Beweis der Hochachtung des Jüngers gegenüber dem Meister, dass Johannes dem Auftrag Christi willfährt. Daraus geht auch hervor, dass die Apostel Familien hatten. Johannes hätte die Mutter Jesu nicht gastlich aufnehmen können, wenn er keine Häuslichkeit und feste Hausordnung gehabt hätte. Die Annahme, die Apostel hätten all ihr Hab und Gut im Stiche gelassen und seien nackt und leer zu Christo gekommen, ist ganz unhaltbar; die Behauptung vollends, der Bettlerstand sei der Stand der Vollkommenheit, überbietet noch die Torheit eines Narren.

V. 28 u. 29. Da Jesus wusste usw. Absichtlich übergeht Johannes vieles, was die drei anderen Evangelisten schon berichtet haben, und wendet sich sofort zur Schilderung des besonders wichtigen Ausgangs.

Dass (V. 29) ein Gefäß voll Essigs bei der Kreuzigung aufgestellt war, entsprach der Gewohnheit: dieser Trank wird wohl gemischt worden sein, um, nachdem die Unglücklichen lange genug ihre Qual ausgestanden hatten, ihren Tod schneller herbeizuführen. Christus begehrt den Trank erst, als alles erfüllt war; dadurch hat er kundgetan, wie unermesslich er uns liebt und wie unbeschreiblich wichtig es ihm war, dass wir gerettet würden. Worte reichen nicht hin, genugsam zu sagen, wie herbe die Schmerzen waren, welche er ertrug, - dennoch begehrt er nicht danach, seine Leiden abzukürzen, bis dem Gericht Gottes genuggetan, und die Sühne bis auf den letzten Heller bezahlt war. Aber wie kommt der Evangelist dazu, zu sagen, es sei schon alles vollbracht gewesen, da die Hauptsache noch fehlte, nämlich der eigentliche Tod? Ferner: macht nicht erst die Auferstehung unsere Errettung zu einer vollständigen? Antwort: Johannes nimmt in Gedanken schon hinzu, was jetzt unmittelbar folgen sollte; Christus war zwar weder gestorben noch auferstanden, aber nun war die Bahn frei zum Sterben und Auferstehen. Durch sein Beispiel gibt er uns Unterricht im völligen Gehorsam: es darf uns nicht beschwerlich fallen, nach seinem Willen zu leben, wenn wir gleich in den bittersten Leiden schmachten müssten.

Dass die Schrift erfüllt würde. Aus den anderen Evangelien ist zu ersehen, dass Johannes an Ps. 69,22 denkt: „Und sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst.“ Das ist eine bildliche Redeweise, vermittelst deren David andeutet, es sei ihm nicht nur die Hilfe, deren er bedurfte, versagt worden, sondern man habe auch seine Leiden in grausamer Weise verdoppelt. Wiederum ist in den Erlebnissen Davids das, was in denen unseres Heilandes greifbar zu Tage trat, nur schattenhaft angedeutet. Und das hat seinen guten Grund. Daraus ersehen wir umso besser, wie weit die Wirklichkeit alle Vorbilder übertrifft: was David nur figürlich, wenn man sich bildlicher Redeweise bedient, erduldet hat, das tritt in dem Leiden unseres Heilandes grob und handgreiflich hervor. Um zu zeigen, dass er der ist, dessen Schicksal sich schon im Voraus in Davids Leben abgespiegelt hat, willigte Jesus ein, den Essig zu trinken; unser Glaube sollte daraus Stärkung empfangen.

Wer dem Ausruf: Mich dürstet! einen allegorischen Sinn unterlegt, dem ist weniger an der Erbauung der Christen, als an Spitzfindigkeiten gelegen; der Evangelist schneidet eine derartige Auslegung dadurch ab, dass er sagt, Christus habe erst dann den Essigtrank erbeten, als er zum Sterben eilte. Wenn er berichtet, der Schwamm sei um einen Ysopstengel gelegt worden, so haben wir uns das so vorzustellen: in dem nächsten besten Busch wurde ein Stock abgebrochen und der Schwamm auf demselben befestigt, um Christo zum Munde geführt zu werden.

V. 30. Es ist vollbracht! Dies letzte Wort Jesu hatte der Evangelist (V. 28) schon im Voraus gebraucht, um uns besonders tief einzuprägen, dass im Tode des Erlösers ein völliges Heil für uns geborgen liegt. Dass übrigens der Tod nicht ohne die Auferstehung zu denken ist, haben wir schon betont. Wenn trotzdem Jesus jetzt schon sagt, dass alles vollbracht sei, so will er nur unseren Glauben an sich allein binden, damit wir nicht hier- und dahin abirren. Der Sinn seines Aufrufes ist also der: Was ihr Menschen zu eurer Errettung bedürft, habt ihr in mir; ihr dürft es nirgend anders suchen: ich biete euch ein völliges Heil! Es liegt in seinem Ausruf ein verborgener Gegensatz zu den Opfern und Vorbildern des alten Bundes: dem allen stellt Christus seinen Tod gegenüber. Er will sagen: Alle gesetzlich vorgeschriebenen Gebräuche hatten an und für sich zur Sühnung der Missetaten und Übertretungen, zur Besänftigung des Zornes Gottes und zur Erwerbung der Gerechtigkeit keinen Wert: jetzt erst bekommt die Welt das Heil zu sehen, damit sie es ergreife! Damit hängt die Abschaffung aller Bräuche des Gesetzes zusammen. Dem Schatten nachzulaufen, wo wir doch den Leib selbst, der diesen Schatten warf, in Christo haben, wäre grundverkehrt. Dürfen wir auf diesem Worte unseres Heilandes ausruhen, so sollen wir uns mit dem in seinem Tode erworbenen Heil zufrieden geben, welches gar keiner Ergänzungen bedarf. Damit fällt die Messe und alle selbsterwählten Werke des Papsttums: Christus hat mit einem Opfer in Ewigkeit die Seinen vollendet (Hebr. 10,14).

Und verschied. Sämtliche Evangelisten sagen ganz ausdrücklich, dass Jesus gestorben sei, und es ist gut so; denn daraus quillt für uns die Zuversicht: Sein Tod ist unser Leben! Daraus entspringt auch ein freudiges Rühmen gegenüber dem Tode. Der Sohn Gottes hat an unserer Statt den Tod erlitten und ist aus dem Kampf mit dem Tode als Sieger hervorgegangen. Wörtlich lautet der Satz des Evangelisten: „Jesus gab den Geist (d. h. seine unsterbliche Seele) hin“. Das soll uns lehren, dass alle Frommen, die in der Gemeinschaft mit Christo abscheiden, getrost ihren Geist in des Vaters Obhut hingeben dürfen. Er ist treu und lässt nicht verderben, was ihm anvertraut wird. Der Unterschied zwischen dem Tode von Gotteskindern und von Verworfenen besteht darin, dass die letzteren aufs Geratewohl die Seele aushauchen, die ersteren dagegen ihre Seele dem Schutze Gottes anbefehlen als ein aufzubewahrendes Kleinod, das er sorgfältig behüten wird bis zum Tage der Auferstehung.

V. 31 u. 32. Dieweil es der Rüsttag war. Auch diese Erzählung bezweckt Stärkung unseres Glaubens, zunächst, insofern sie zeigt, dass die Weissagung (Sach. 12,10) an der Person Christi in Erfüllung ging, ferner, weil sie ein Geheimnis von hoher Bedeutung in sich schließt. Der Evangelist sagt, die Juden hätten sich die Abnahme der Verurteilten vom Kreuz ausgebeten. Das war nun freilich im Gesetz geboten (5. Mo. 21,23); aber die Juden treiben es nach Art aller Heuchler: auf Nebendinge legen sie großen Wert, machen sich aber über die schlimmsten Freveltaten gar kein Gewissen. Den Sabbat wollen sie als religiöse Leute streng feiern: deshalb sind sie ängstlich, er möchte durch Hängenbleiben der Gerichteten befleckt werden. Wie schändlich es von ihnen war, einen Unschuldigen ums Leben zu bringen, erwägen sie dagegen nicht. So hörten wir vorher, wie sie sich aus Angst vor Befleckung in das Richthaut einzutreten scheuen, während doch das ganze Land von ihrer Gottlosigkeit befleckt war. Aber durch ihr jetziges Verfahren erreicht der Herr etwas, das für unsere Errettung von größter Bedeutung war, nämlich, dass wunderbarerweise der Leib Christi unversehrt blieb, und Blut und Wasser aus der Seitenwunde floss.

Desselbigen Sabbats Tag war groß. Gemeint ist der Tag, welcher nach jüdischer Gewohnheit um sechs Uhr abends begann. Er ist „groß“, weil auf diesen Tag zum gewöhnlichen Sabbat noch der erste Passahfeiertag fiel. So hegte man umso größere Scheu, die Leichname hängen zu lassen.

V. 33. Als sie aber zu Jesu kamen usw. Dass sie, nachdem den beiden Schächern die Beine zerbrochen waren, Christum tot finden und deswegen seinen Leib nicht anrühren, darin tritt ein ganz besonderes Wirken der Vorsehung Gottes zu Tage. Weltmenschen werden zwar sagen: das geht ganz natürlich zu, dass der eine früher stirbt als der andere. Wer jedoch den ganzen Zusammenhang der Geschichte erwägt, der wird gezwungen werden, es dem geheimen Ratschluss Gottes zuzuschreiben, dass ein über alles Erwarten schneller Tod es überflüssig machte, Christi Beine zu brechen.

V. 34 u. 35. Der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite. Dass Jesu Seite von dem römischen Soldaten mit einem Lanzenstiche durchbohrt wurde, geschah, um den eingetretenen Tod festzustellen; Gott aber hat etwas weit Wichtigeres damit beabsichtigt, wie wir jetzt gleich sehen werden.

Alsbald ging Blut und Wasser heraus. Seltsamerweise haben einige das, was uns hier berichtet wird, für ein Wunder auszugeben versucht. Aber es ist ein natürlicher Vorgang. Sobald Blut gerinnt, verliert es seine Röte und wird ähnlich wie Wasser. Jene Ausleger haben sich dadurch irreführen lassen, dass der Evangelist auf seine Beobachtung so großes Gewicht legt; infolgedessen meinten sie, er wolle etwas Ungewöhnliches, sonst nie Geschehenes berichten. Er hatte jedoch eine andere Absicht dabei: er wollte nämlich einige Schriftworte in seiner Erzählung einflechten, die jetzt unmittelbar folgen. Vor allem aber sollten die Gläubigen aus dieser seiner Beobachtung entnehmen, was er an anderem Orte (1. Joh. 5,6) selbst ausdrücklich sagt, nämlich, dass Christus gekommen sei mit Wasser und Blut, womit er sagen will, dass er uns wirkliche Sühne und wirkliche Reinigung gebracht hat. Die Vergebung der Sünden und die Gerechtigkeit und Seelenreinheit wurden im Gesetz durch die beiden Sinnbilder des blutigen Opfers und der Abwaschung mit Wasser vorgebildet.

In den Opfern diente das Blut zur Sühnung der Sünden und als Preis, Gottes Zorn zu stillen. Die Reinigungen waren Sinnbilder der Seelenreinheit und Hilfsmittel zur Reinigung des Lebens und zur Austilgung fleischlichen Schmutzes. Damit aber in Zukunft unser Glaube sich nicht mehr auf diese elementaren Erziehungsmittel zu stützen brauche, bezeugt Johannes an der betreffenden Stelle seines Briefes, dass Christus die Wahrheit dessen gebracht habe, was jene alttestamentlichen Vorbilder nur andeuteten: hier aber berichtet er eine Tatsache, welche als Sinnbild dieser Wahrheit gelten soll. Dasselbe predigen die beiden von Christo der Kirche hinterlassenen Sakramente. Die Taufe stellt uns die Reinigung und Reinheit der Seele vor Augen, die in einem neuen Leben besteht; das Abendmahl aber ist ein Unterpfand der vollzogenen Sühne. Im Unterschiede von den Schattenbildern des alten Gesetzesbundes, die nur von Ferne auf den Messias deuten konnten, bieten uns aber unsere Sakramente den gegenwärtigen Christus an. Darum sagt Augustinus gar nicht übel, dass unsere Sakramente aus der Seite Christi geflossen seien: denn tatsächlich werden wir erst dann von unserem Sündenschmutz gereinigt und zu einem heiligen Leben erneuert, tatsächlich sind wir erst dann vom Tode erlöst, von der Schuld befreit, und leben vor Gott, wenn Taufe und Abendmahl uns an die durchstochene Seite Jesu hinführen, damit wir am Kreuze gleich als einem Quell im Glauben schöpfen, was sie darstellen.

V. 36. Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen. Dies Zeugnis ist den mosaischen Bestimmungen über das Passahlamm entnommen (2. Mo. 12,46; 4. Mo. 9,12). Johannes setzt dabei als zugestanden voraus, dass das Osterlamm das Sinnbild des wahren und einigen Opfers gewesen ist, durch das die Welt erlöst werden sollte. Dem steht nicht entgegen, dass es zum Gedächtnis einer bereits geschehenen Erlösung geopfert wurde. Gott wollte jene dem Volk angetane Wohltat so gefeiert haben, dass er eben dadurch der Kirche für die Zukunft eine geistliche Befreiung versprach. Deshalb überträgt auch Paulus ohne weiteres das, was von dem Osterlamm im mosaischen Gesetzbuche geschrieben steht, auf Christus. Aus diesem Vergleich zieht der Glaube nicht wenig Gewinn: denn nun darf er das in Christo dargebotene Heil schon in sämtlichen Zeremonien des Gesetzes anschauen. Das beabsichtigt auch Johannes hier zu sagen: Christus ist in Wahrheit nicht nur das Unterpfand, sondern auch wirklich der vollgültige Preis für unsere Erlösung, denn in ihm ist erfüllt, was einst unter dem Bilde des Passahlammes dem Volke des alten Bundes vor Augen geführt wurde. Das ist zugleich eine Mahnung für die Juden, zu erkennen, dass Christus in allen Stücken erst die Sache selber bringt, während das Gesetz nur Bilder und Schatten zu geben vermochte.

V. 37. Sie werden sehen, in welchen sie gestochen haben. Diejenigen, welche diese prophetische Stelle buchstäblich auf Christum zu deuten suchen, müssen dabei recht zweifelhafte Auslegungskünsteleien anwenden. Der Evangelist hat eine ganz andere Absicht bei der Anführung dieses Spruches. Er will darauf hinweisen, dass Christus der Gott ist, der einst (Sach. 12, 10) geklagt hat, die Juden durchstächen ihm das Herz. Dort redet Gott wie ein Mensch, indem er erklärt, das Volk verwunde ihn mit seinen Freveltaten und zumal mit der hartnäckigen Missachtung seines Wortes genauso, wie wenn einem sterblichen Menschen durch einen Stich in die Brust die Todeswunde beigebracht werde, wie ja auch Jesus (Mt. 26,38) einmal sagt: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“

Weil nun Jesus Gott ist, geoffenbart im Fleisch, so sagt Johannes, es sei offenkundig an seinem sichtbaren Leibe in Erfüllung gegangen, was vor langer Zeit schon einmal der erhabene Gott, so weit er eben zu leiden vermochte, von den Juden erduldet hatte. Doch ist das nicht so zu verstehen, als wäre Gott den Kränkungen durch sündige Menschen wehrlos preisgegeben. Vielmehr will der Evangelist durch diese Redeweise nur ausdrücken, welch eines Frevels sich gottlose Leute schuldig machen, wenn sie sich frech gegen den Himmel erheben. Was eines römischen Kriegers Hand ausführte, legt Johannes mit vollem Rechte den Juden zur Last, wie es auch in der Apostelgeschichte (2,36) von ihnen heißt, dass sie den Sohn Gottes gekreuzigt haben, wiewohl sie auf Golgatha mit keinem Finger an seinen Leib rührten.

Aber was für einen Sinn hat eigentlich die Verheißung Sacharjas? Verspricht Gott darin, dass die Juden sich bekehren und gerettet werden sollen, oder droht er ihnen, dass er zur Rache über sie kommen werde? Wenn ich den Spruch gründlich erwäge, so umfasst er, wenn ich recht sehe, beides: Gott wird dereinst aus dem elend zugrunde gehenden, verzweifelnden Volke einen Rest zur Anteilnahme am Heil erretten, den Verächtern aber durch schreckliche Rache zeigen, mit wem sie sich in ihrer Bosheit eingelassen haben. Wir wissen ja, dass man die Propheten genau so frech verspottet hat, als wenn sie sich etwas zusammenfantasiert hätten, ohne je einen Auftrag Gottes zum Predigen erhalten zu haben. Gott versichert also, dass er die Juden nicht straflos ausgehen lassen will; er wird seine Sache dereinst ihnen gegenüber vertreten.

V. 38 u. 39. Danach bat den Pilatus Joseph. Johannes berichtet nunmehr, von wem, an welchem Orte und mit welchen besonderen Ehren Christus beerdigt wurde. Er nennt zwei Männer, welche das Begräbnis verrichteten, Joseph und Nikodemus. Der erstere bat sich von Pilatus den Leichnam aus, der sonst der Willkür der Kriegsknechte verfallen wäre. Matthäus erzählt, er sei reich, Lukas, er sei ein Ratsherr gewesen (Mt. 27,57; Lk. 23,50). Nikodemus stand, wie wir früher (Joh. 3,1 ff.) sahen, bei den Seinen hoch in Rang und in Würde; dass auch er ein großes Vermögen besaß, lässt sich aus dem bedeutenden Aufwand erschließen, den er bei der zur Einbalsamierung Jesu verwendeten Salbe machte. Der Reichtum war es gewesen, der diese Männer bislang hinderte, Christum öffentlich als den Messias anzuerkennen. Er vermochte auch wohl in Zukunft wieder sie ebenso sehr zu hindern, sich offen zu Jesu Jüngern zu bekennen, was ja in hohem Maße Hass und Schande eintrug. Der Evangelist erwähnt ganz besonders bei Joseph, dass die Furcht ihn bisher zurückhielt; er hatte nicht den Mut, sich offen als einen Jünger Jesu zu bekennen. Bei Nikodemus wiederholt Johannes aus jenem früheren Abschnitt, dass er heimlich und bei Nacht zu Jesu gekommen sei.

Woher kommt ihnen nur plötzlich solche heldenmäßige Seelenstärke, dass sie, als alles für immer verloren scheint, so unerschrocken ans Licht hervortreten?

War es doch klar, dass sie durch diesen Schritt in offenen Konflikt mit ihren bisherigen Freunden kommen mussten, ja dass es mit ihrem Volke nur einen ewigen Krieg geben konnte. Jedenfalls kam es nur durch himmlischen Antrieb dazu, dass zwei hochangesehene Männer, die zu ängstlich gewesen waren, Jesu bei seinen Lebzeiten die gebührende Ehre zu erweisen, nun wie zu ganz neuen Menschen geworden sind und zu dem am Kreuzesholze Verschiedenen herbeieilen. Eigenhändig bringen sie ihre Spezereien herbei, um den Leichnam Christi in süße Düfte zu hüllen. Sie hätten das nie getan, wenn nicht der süße Duft seines unschuldigen Leidens und Sterbens sie herzu gelockt hätte. Daraus ist zu sehen, wie wahr Jesus einst sagte (12,24): „Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viel Früchte.“

Dass sein Tod mehr Leben spendete, als sein Leben, davon haben wir hier einen leuchtenden Beweis. Ja, der liebliche Duft, welchen der Tod Christi in die Seelen jener beiden Menschen hineinhauchte, hatte solche Kraft, dass er mit Leichtigkeit alle Begehrungen des Fleisches auslöschte. Als die Liebe zum Geld und der Ehrgeiz in diesen Männern noch regierte, schmeckten sie von der Gnade Christi nichts; jetzt haben sie den Geschmack an der ganzen Welt verloren. Übrigens sollen wir wissen, dass ihr Beispiel uns vorschreibt, was wir Christo schuldig sind. Jene zwei haben, um einen Beweis ihres Glaubens zu geben, Christum, nachdem er vom Kreuze herabgenommen war, trotz ernstlicher Lebensgefahr, die ihnen drohte, dennoch als tapfere Männer ins Grab gebracht. Schimpfliche Trägheit ist es, deren man sich schämen muss, wenn wir unseren Heiland, der jetzt in himmlischer Herrlichkeit als König herrscht, um das Bekenntnis unseres Glaubens betrügen. Umso weniger ist auch die Gottlosigkeit derer zu entschuldigen, die in unseren Tagen mit treuloser Heuchelei Christum verleugnen und sich darauf berufen: Wir machen es wie Nikodemus. Ja, in einem Stück will ich diese Ähnlichkeit einräumen: so viel sie können, legen auch sie Christum ins Grab. Jetzt aber heißt es nicht, ihn beerdigen, - ist er doch aufgefahren zur Rechten des Vaters, um sich über Menschen und Engeln hoch erhaben sehen zu lassen. Jetzt soll jede Zunge seine Oberherrschaft preisen (Phil. 2,9.10).

Heimlich aus Furcht vor den Juden. Weil die Furcht hier der heiligen Standhaftigkeit gegenübergestellt wird, welche der Geist Gottes in dem Herzen Josephs gewirkt hat, so war sie offenbar eine sündliche. Nicht alle Furcht, vermöge deren die Gläubigen sich in acht nehmen vor Tyrannen und Feinden des Evangeliums, ist an und für sich Sünde. Solche ist nur da zu sehen, wo eine Schwäche des Glaubenslebens sich zeigt, also überall, wo das notwendige Bekenntnis des Glaubens infolge von Mangel an Mut nicht über die Lippen will. Man muss immer fragen: Was befiehlt der Herr, und wie weit dürfen wir uns im Einverständnis mit ihm vorwagen? Wer mitten im Lauf zaghaft innehält, der zeigt damit, dass es ihm am Glauben fehlt. Dafür aber gibt es keine Entschuldigung. Ein solcher hat sein Leben lieber als Gottes Gebot. Wenn der Evangelist hier dem Joseph die hohe Ehre des Jüngernamens zuerteilt, obgleich derselbe damals noch recht furchtsam war und nicht den Mut hatte, seinen Glauben auch vor der Welt zu bezeugen, so erkennen wir daran, wie glimpflich der Herr mit den Seinen verfährt und wie väterlich er ihnen ihre Sünden vergibt. Freilich darf dies niemandem zum Vorwand dienen, weiter in seiner Bekenntnisscheu zu verharren: damit würden wir uns selbst betrügen.

V. 40. Wie die Juden pflegen zu begraben. Nachdem Christus am Kreuze mit aller erdenklichen Schmach bedeckt worden war, erhielt er nach Gottes heiligem Willen ein ehrenvolles Begräbnis; es sollte ein Vorspiel für seine herrliche Auferstehung sein. Nikodemus und Joseph machen keinen unbedeutenden, vielleicht sogar einen übertrieben scheinenden Aufwand. Man beachte jedoch den Ratschluss Gottes! Er trieb die beiden durch seinen Geist an, seinem Sohn diese Ehre zu erweisen. Gott wollte die Schrecken des Kreuzes Christi uns verscheuchen durch die lieblichen Düfte seines Grabes. Übrigens ist es unangebracht, aus solchen ausnahmsweise zugelassenen reichen Gaben irgendwie eine Regel für die Gegenwart zu entnehmen. Der Evangelist hebt ja ausdrücklich hervor, dass Jesus nach jüdischer Sitte beerdigt worden sei; damit will er sagen, dass man mit diesem Begräbnis eine Vorschrift des Zeremonialgesetzes befolgt habe. Es war notwendig, dass das alte Bundesvolk, dem die Auferstehung nicht ganz deutlich bezeugt war, - sie hatten ja Christum noch nicht, das Beispiel und Unterpfand der Auferstehung, - an solchen Zeremonialvorschriften eine Stütze fand, um standhaft im Glauben das Kommen des Mittlers erwarten zu können. Man muss den Unterschied nicht aus dem Auge lassen, welcher zwischen uns, die wir das helle Licht des Evangeliums besitzen, und zwischen den Vätern besteht, für welche die Lücke, in der eben Christus fehlte, nur durch Sinnbilder ausgefüllt war. Das ist der Grund, dass damals ein so erheblicher Aufwand und Pomp im Gottesdienst erträglich war; heute würde er unerträglich, ja sündlich sein.

Wer heute so viel Geld für die Bestattung der Verstorbenen anwendet, der begräbt nicht sowohl Menschenleichen, als vielmehr Christum selbst; denn so viel an ihm ist, zieht er ihn, den König des Lebens, von seinem Himmelsthron herab ins Grab: Christus hat ja durch seine Auferstehung alle jene Zeremonien abgeschafft. Auch die Heiden verwenden großen Fleiß auf ihre Beerdigungen und umgeben sie mit allerhand feierlichen Gebräuchen. Wir haben heutigen Tages die Pflicht, in dieser Beziehung Sparsamkeit und Zurückhaltung zu beachten; denn maßloser Aufwand am Grabe trägt nur dazu bei, das, was wirklich dem Tode seine Schrecken nimmt, nämlich die Auferstehung Christi, zu verbergen.

V. 41 u. 42. Es war aber an der Stätte usw. Den Ort erwähnt der Evangelist aus mehreren Gründen. Zunächst geschah es nicht von ungefähr und ohne bestimmte Fügung Gottes, dass der Leichnam Christi in einem neuen Grabe geborgen wurde. Auch Jesus musste, wie es jetzt allgemeines Menschenlos ist, des Todes sterben: aber er sollte der Erstgeborene aus den Toden werden, eine Erstlingsgarbe der Auferstehung; deshalb erhielt er ein neues Grab. Die Absicht des Nikodemus und Joseph war freilich eine andere: es war nur noch ganz kurze Zeit bis Sonnenuntergang, dann begann der Sabbat, - so wählten sie denn den Ort um seiner bequemen Lage willen. Gott hat über ihre Köpfe hinweg gehandelt. Er war es, der seinem Sohne ein unbenutztes Grab erwählte. Diesen frommen Leuten ist es wichtig, dass der Sabbat nicht verletzt wird, deshalb liegt ihnen das Grab bequem zur Hand; Gott bedient sich ihrer, um schon durch die bisherige Reinheit dieses Grabes sinnbildlich anzudeuten, dass es hier nicht nach der gewohnten Ordnung hergehen wird. Die Ortsumstände trugen auch dazu bei, dass die Auferstehung umso herrlicher verlief, auch tragen sie dazu bei, die im folgenden Kapitel erzählte Geschichte verständlicher zu machen.

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Kapitel 20

V. 1 u. 2. An dem ersten Tage der Woche. Da die Auferstehung Christi ein Hauptstück unseres Glaubens ist, und die Hoffnung auf ein ewiges Leben ohne sie elend darniederläge, so wenden die Evangelisten besonderen Fleiß darauf, sie glaubwürdig darzustellen. Auch unser Evangelist trägt hier viele Zeugnisse zusammen, die uns der Tatsache der Auferstehung Christi von den Toten vergewissern. Allerdings könnte man sich darüber wundern, dass er nicht mehr klassische Zeugen anführt, sondern mit einem Weibe den Anfang macht. So wird aber erfüllt, was Paulus (1. Kor. 1,27) schreibt: Gott erwählt, was schwach ist vor der Welt, ja töricht und verächtlich, um zuschanden zu machen, was in den Augen fleischlich gesinnter Menschen weise und stark und herrlich ist. Was irdischen Rang anbetrifft, so hatten die Jünger davon gewiss ebenso wenig wie die Frauen, welche Jesu nachgefolgt waren. Christus hat nun einmal Gefallen daran gehabt, dass gerade diese Menschen die ersten Zeugen seiner Auferstehung werden sollten. Das ist für uns entscheidend, dadurch sind sie für uns vollkommen legitimiert, und wir bedürfen keiner besseren Zeugen, als sie es sind. Was den Priestern und Schriftgelehrten, dem ganzen Volk und dem Pilatus im Wege stand, der Auferstehung Christi gewiss zu werden, das war einzig und allein ihre grobe und willentliche Blindheit. Sie waren es alle wert, zu sehen und doch nicht zu sehen. Seiner kleinen Jüngerschar hat Christus sich geoffenbart. –

Ehe wir nun weiter gehen, verlohnt es sich der Mühe, zu sehen, wie die Aussagen der Evangelisten untereinander zusammenstimmen, und wo sich einzelne Stellen finden, die beim ersten Zusehen scheinbar nicht unter sich in Einklang stehen. Johannes nennt nur die Magdalena, Matthäus dagegen zwei und Markus drei Frauen. Lukas gibt überhaupt keine bestimmte Zahl an, sondern sagt nur, die Frauen seien gekommen, welche Jesu von Galiläa her nachfolgten (Mt. 28,1; Mk. 16,1; Lk. 23,55 – 24,1). Dieser Knoten löst sich doch sehr einfach. Während Matthäus zwei Namen von Frauen nennt, die in der Jüngergemeinde besonders bekannt waren, begnügt sich Johannes mit dem einen Namen der Maria Magdalena. Damit will er die anderen keineswegs ausschließen; ja, der Fortgang seines eigenen Berichtes deutet auf deren Gegenwart. Redet doch Maria Magdalena in der Mehrzahl (V. 2): Wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Auch die scheinbar voneinander abweichenden Zeitbestimmungen lassen sich unschwer miteinander vereinigen. Wenn Johannes sagt, Maria Magdalena sei vor Tagesgrauen gekommen, so denkt er daran, dass die Frauen ihre Wanderung angetreten haben, als es noch finster war; als sie aber beim Grabe eintrafen, war es schon längst hell geworden. Die Salben hatten sie nach Sonnenuntergang eingekauft, als der Sabbat vorüber war. So ordnet sich auch an diesem Punkte alles, was die vier Evangelisten erzählen, bestens ein.

Eine dritte Unebenheit scheint zu bestehen, wenn Johannes sagt, Maria habe mit ihm und Petrus geredet, Lukas aber erzählt, sie sei zu den elf Aposteln gekommen und man habe ihren Bericht für ein Märlein angesehen. Auch hier glättet sich alles leicht, wenn man sich klar macht, dass Johannes absichtlich die anderen Mitapostel übergeht. Wozu sollte er sie auch nennen? Nur Petrus und er eilten zum Grabe. Wenn Lukas allein des Petrus gedenkt, so verhält es sich damit ebenso, wie mit der alleinigen Anführung der Magdalena bei Johannes; so gut es hier mehr Frauen waren, so gut dort mehr Apostel, - Lukas bestreitet das nicht. Vermutlich blieben die übrigen neun daheim, weil sie bange waren, es möchte Argwohn entstehen, wenn eine solche Schar von Männern durch die Straßen Jerusalems lief. Dem steht nicht im Wege, was Lukas wohl andeuten will, nämlich, dass sie die Rede der Maria verachtet hätten, denn unmittelbar darauf erzählt Lukas, Petrus sei davongeeilt. Also meint er ganz einfach dies: zunächst waren die Apostel wie angedonnert über dem Gehörten, Petrus sammelte sich endlich und folgte dann der Maria, um zuzusehen, was daran wäre. Wenn Lukas nun erzählt, Christus sei der Maria erschienen, ehe sie den Jüngern mitgeteilt habe, das Grab sei leer, so hält er ganz offenbar die Reihenfolge nicht genau inne, - das geht klar aus dem Zusammenhange hervor. Bei Johannes wird beides sorgfältig auseinander gehalten: das, was Maria erlebte, ehe sie zu den Jüngern kam, und das, was sie danach erlebte. –

Übrigens beschreibt keiner unter den Evangelisten, wie und wann Christus aus dem Grabe hervorging: sie begnügen sich alle mit dem Bericht darüber, wenn und welchen Personen der Auferstandene erschien. Maria Magdalena kam also mit den anderen Weibern, nachdem der Sabbat als der siebente Wochentag vorüber war, am ersten Tage der Woche zum Grabe. Mit dem Beginn dieses Tages (nach jüdischer Zeiteinteilung bei Sonnenuntergang, als nach abends 6 Uhr) hatten sie die Spezereien gekauft, und dann waren sie noch in dunkler Nacht, wie ängstliche Gemüter pflegen, heimlich aus der Stadt geschlichen.

V. 3 u. 4. Da ging Petrus hinaus. Über diesen Eifer können wir uns nur wundern, da ja sowohl bei den Jüngern wie bei den Frauen nur ein ganz winziger, fast völlig ausgelöschter Glaube vorhanden war. Ganz offenbar hat wahre Frömmigkeit sie bewogen, Christum zu suchen. Eine Art Glaubenskeim blieb also in ihren Herzen; aber er war so zart und schwach, dass nicht einmal sie selber wussten, dass ein solcher Keim noch vorhanden war. So ist das Wirken des heiligen Geistes im Menschenherzen oft ein ganz verborgenes. Aus jenem unscheinbaren Keim brechen jetzt Blätter und Blüten hervor. Mag dieser Überrest wahrer Frömmigkeit immerhin von recht verworrener Art, ja mit viel Aberglauben vermengt gewesen sein, dennoch verdient er noch den Namen „Glauben“, da er jedenfalls von der Predigt Jesu, von der Lehre des Evangeliums herrührte und sein Ziel allein in Christo hatte. Aus diesem Anfangsglauben erwuchs nach und nach der Glaube, welcher in vollem Sinne dieses Namens würdig ist, der Glaube, welcher nicht mehr an dem Grabe Christi hängt, sondern sich emporschwingt zu der himmlischen Herrlichkeit unseres Heilandes. Wenn die Schrift von den Anfängen des Glaubenslebens redet, so sagt sie, Christus werde in uns geboren und wir in ihm. Der Glaube der Jünger steht aber wohl noch unter dieser Glaubenskindheit, so lange sie nichts von Christi Auferstehung wissen; ihr Glaube gleicht dem Lebenskeim, den Gott der Herr im Mutterschoße behütet und wachsen und reifen lässt. Früher waren sie einmal wie heranwachsende Knaben; der Tod Christi aber versetzte ihrem Glaubensleben einen solchen Stoß, dass es fast ganz verwelkte und verdorrte. So glichen sie den Galatern, denen Paulus (Gal. 4,19) schreiben muss: „Meine lieben Kinder, welche ich abermals mit Ängsten gebäre, bis dass Christus in euch eine Gestalt gewinne.“ –

Petrus hatte sich nicht so sehr beeilt wie Johannes; trotzdem geht er zuerst in das Grab. Wir sollen daraus lernen, dass viele, die sich zurückhalten, doch wohl mehr besitzen, als ihnen an der Stirn geschrieben steht. Wir sehen ja, dass viele, die anfänglich lauter Feuer und Flamme waren, sich allmählich sehr abkühlen und im Kampf nicht standhalten. Bei anderen dagegen, die man anfänglich für langsame und träge Leute halten musste, beobachten wir mit Staunen, wie gerade mitten in der Gefahr eine bisher an ihnen nicht wahrgenommene Begeisterung sie überkommt.

V. 5 bis 7. Und sieht die Leinen gelegt. Diese leinenen Tücher waren sozusagen die dem Feinde entrissenen Siegestrophäen, an denen die Jünger sich davon vergewissern konnten, dass Christus auferstanden war. Denn das war doch recht unwahrscheinlich, dass jemand, der die Leiche an einen anderen Ort schaffen wollte, sie zuvor nackt auszog. Solche Handlungsweise wäre keinem Freunde, aber auch keinem Feinde zuzutrauen gewesen. Außerdem redet der Evangelist noch besonders von einem Schweißtuche, womit das Haupt bedeckt gewesen war. Indem Christus alle diese Zeichen des Todes von sich warf, wollte er den Jüngern sagen: Ich wandle nun in einem neuen Leben voll Seligkeit, das von keinem Sterben mehr bedroht ist.

V. 8 u. 9. Und sah, und glaubte es. Was sie aus Christi Munde längst vernommen, was aber aus ihrem Sinne wieder entschwunden war, dürfen die Jünger jetzt mit Augen sehen. Es ist also eine Selbstanklage, wenn Johannes berichtet, dass erst der Blick auf die Zeichen der Auferstehung Christi ihn zum Glauben gebracht habe. Wie groß seine und seiner Mitapostel Sünde war, spricht er offen aus (V. 9): sie hatten nicht nur die Worte Christi vergessen, sie hatten auch die Schrift nicht im Gedächtnis. Dass ihr Glaube so mangelhaft war, das leitet er von dieser Unwissenheit ab. Daraus können wir eine nützliche Mahnung für uns entnehmen: auch bei uns ist allein die eigene Trägheit schuld, wenn wir in Unklarheit sind über das, was wir von Christo wissen müssten; es wird daraus nur offenbar, dass wir in der heiligen Schrift noch lange nicht so gut Bescheid wissen, wie wir sollten: denn die Bibel zeigt uns mit wunderbarer Deutlichkeit, wie groß und stark unser Heiland ist. Um das nächstliegende Beispiel zu wählen: anscheinend spricht das Alte Testament nur dunkel und andeutungsweise von der Auferstehung Christi; wer aber aufmerkt beim Lesen, der findet darin klare Zeugnisse von ihr. Dass Christus auferstehen musste, belegt Paulus (Apg. 13, 4) damit, dass Jesaja (55,3) betont, Gott wolle die David verheißene Gnade treulich halten. Wer die Schrift nicht näher kennt, der meint wohl gar, dass Paulus diese Stelle ziemlich unpassend herangezogen habe. Wer aber zum Glauben gekommen ist und in der Schrift sich wohl geübt hat, der merkt leicht, wie treffend dies Jesajawort ist. Christus ist der Bürge, durch welchen Gott uns seine Gnade immerdar treulich hält; wie sollte Christus uns aber immerdar Gottes Gnade zuwenden, wenn er nicht immerdar lebte? Derartige Schriftstellen gibt es nun eine Menge. Es ist überflüssig sie alle zusammenzustellen. Drei mögen hier genügen. In Psalm 16,10 steht: „Du wirst nicht zugeben, dass dein Heiliger verwese.“ Petrus und Paulus (Apg. 2,27; 13,35) deuten diese Weissagung auf Christum, und zwar ganz mit Recht, denn unter den Nachkommen Adams ist keiner zu finden, der nicht an und für sich der Verwesung verfallen müsste. Folglich redet diese Stelle von der Unsterblichkeit Christi. Ferner kann darüber kein Zweifel obwalten, dass der Spruch Ps. 110,1 sich auf Christum bezieht: „Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.“ Der Tod, als der letzte Feind (1. Kor. 15,26), wird erst am jüngsten Tage vertilgt werden. Folglich wird Christo hier königliche Herrschaft bis ans Weltende zuerteilt; diese Königsherrschaft kann er aber nur dann ausüben, wenn er bis zum Ende der Welt lebt. Am deutlichsten von allen redet Jesaja, der unmittelbar, nachdem er den Tod Christi vorhergesagt hat, fortfährt (53,8): „Wer will seines Lebens Länge ausreden?“ Jedenfalls ist die Lehre der Schrift dermaßen vollständig und alles umfassend, dass wir jedes Mal, wenn wir einen Mangel unseres Glaubens entdecken, bestimmt annehmen dürfen: daran ist nur der Unverstand schuld, dass wir die Schrift noch nicht recht kennen.

V. 10. Da gingen die Jünger usw. Man kann es wohl verstehen, dass sie noch immer voll Bedenken und Spannung waren, als sie nach Hause zurückkehrten; denn, wenn Johannes auch erzählt, dass er geglaubt hat, so war doch jener Glaube nicht besonders fest, sondern er bestand nur in dem verworrenen Gefühl: Ein großes Wunder ist geschehen! Dieses Gefühl wirkte erhebend, aufregend, bedurfte aber noch sehr einer Bestätigung. Aus dem bloßen Betrachten des Grabes und der Leinentücher konnte ein ruhiger, gewisser Glaube ja auch nicht gewonnen werden. Christus wollte sich den Jüngern gewiss nicht eher zeigen, als bis sie jener rein menschlichen Aufregung besser Herr geworden waren. Einen löblichen Beweis ihres Eifers hatten sie damit geliefert, dass sie zum Grabe eilten. Trotzdem hielt sich Christus noch vor ihnen verborgen, denn mit ihrem Suchen verbanden sich noch reichlich abergläubische Vorstellungen.

V. 11. Maria aber stand vor dem Grabe. Jetzt hebt der Evangelist an zu erzählen, wie Christus, um seine Auferstehung zu bezeugen, sowohl den Frauen als den Jüngern erschien. Erwähnt wird hier freilich nur Maria. Trotzdem halte ich es für wahrscheinlich, dass noch andere Frauen bei ihr waren. Einige Ausleger sind freilich der Meinung, diese anderen seien nur anfänglich dabei gewesen, nachher aber vor Angst weggelaufen. Diese Annahme hält jedoch vor vernünftiger Überlegung nicht Stich. Man sucht mit ihr den Widerspruch gegen andere Berichte wegzuschaffen. Ich habe jedoch (zu V. 1) gezeigt, dass, recht betrachtet, ein Widerspruch gar nicht vorhanden ist. Wenn übrigens die Jünger zur Stadt umkehren, und die Frauen noch beim Grabe verweilen, so ist kein Grund vorhanden, die Treue und Liebe der letzteren zu Ungunsten der Männer herauszustreichen. Die Jünger nehmen Trost und Freude mit nach Hause, die Jüngerinnen dagegen vergießen ohne Grund und Zweck viele Tränen. Es ist ein abergläubischer Zug zu dem Leichnam des Gekreuzigten und eine gewisse rein natürliche Anhänglichkeit, die sie beim Grabe festhält.

V. 12. Sieht zwei Engel. Der Herr übt eine wunderbare Nachsicht, wenn er der Maria und ihren Begleiterinnen so viele Fehler verzeiht. Er würdigt sie einer außerordentlichen Ehre, indem er seine Engel zu ihnen sendet und endlich sich selbst offenbart, - was er den Aposteln bisher versagt hat. Im Grunde haben sich ja beide, sowohl die Apostel als die Frauen, recht schwach gezeigt; aber doch war die Unempfänglichkeit der Männer weniger entschuldbar, weil die gründliche und eingehende Belehrung Jesu so wenig bei ihnen ausgerichtet hatte. Gewiss wollte Jesus, als er es erwählte, sich zuerst den Frauen zu offenbaren, nebenher seine Jünger dadurch beschämen. Übrigens ist es ungewiss, ob Maria die Engels als solche erkannt oder aber für gewöhnliche Menschen gehalten hat. Wir wissen, dass weiße Gewänder das Sinnbild himmlischer Herrlichkeit sind; so war Christus mit einem weißen Gewande angetan, als die drei Apostel auf dem Berge seine Herrlichkeit zu sehen bekamen (Mt. 17,2). Das Gleiche berichtet Lukas von dem Engel, welcher dem Cornelius erschien (Apg. 10,30). Unleugbar waren weiße Leinengewänder auch bei den Morgenländern im Gebrauch, ab er Gott hat an der Tracht der Engel gewiss irgendetwas Ungewöhnliches, Auszeichnendes angebracht, hat ihrem Gewand sozusagen einen himmlischen Stempel aufgedrückt, sodass sie von Menschen zu unterscheiden waren. Man nehme hinzu, dass Matthäus (28,3) von dem Engel, welcher den Frauen erschien, aussagt, seine Gestalt sei gewesen wie der Blitz. Mit Bewunderung gepaarte Frucht überwältigte sie bei diesem Anblick; sie blieben stehen, wie vom Wetterschlag gerührt. Offenbar handelte es sich stets, wenn Engel nach den Erzählungen der Schrift wie Menschen anzusehen und gekleidet sichtbar wurden, um eine Herablassung Gottes zu dem irdischen Begriffsvermögen der Menschen. Allerdings zweifle ich nicht daran, dass bisweilen die Engel mit Menschenleibern angetan waren. Ob aber die beiden Engel in unserer Geschichte nur scheinbar körperliche Wesen waren, das lasse ich dahingestellt sein; eine Untersuchung darüber ist überflüssig. Mir genügt es, dass der Herr ihnen menschliche Gestalt verliehen hat, so dass sie von den Frauen erblickt und gehört werden konnten, und dass ihre Kleidung irgendwie mit Kennzeichen von Himmelsboten versehen gewesen sein muss.

Einen zu den Häupten und den anderen zu den Füßen. Wenn bei Matthäus nur ein Engel erwähnt wird, so ergibt sich daraus kein Widerspruch zu der Erzählung hier. Gewiss haben nicht beide gleichzeitig die Maria angeredet, sondern nur einer von ihnen ist mit dieser Aufgabe betraut worden. Jesus hat sein Herrlichkeitsreich mit herrlichen Zeichen angefangen. Diese Engelerscheinung in seinem Grabe überstrahlt auf der einen Seite die Schande des Kreuzes und ist auf der anderen ein klarer Ausdruck seiner göttlichen Majestät.

V. 13. Weib, was weinst du? Die anderen Evangelisten berichten, dass der Engel ausführlicher geredet hat; dem Johannes genügt diese kurze Zusammenfassung seiner Worte: denn mehr bedurfte es nicht, um die Auferstehung Jesu zu bezeugen. In seiner Rede an Maria verbindet der Engel miteinander Vorwurf und Trost; vorwurfsvoll fragt er nach ihren Tränen, mildert jedoch den Vorwurf durch die Freudenkunde, dass zum Weinen kein Grund vorliege, da Jesus auferstanden sei.

V. 14. Sieht Jesum stehen. Hier drängt sich gewiss manchem die Frage auf: Wie ist diese Sinnestäuschung zu erklären? Maria erkennt Jesum nicht, obwohl sie ihn früher so oft gesehen hat und ihn eigentlich kennen müsste. Einige nehmen an, Jesus sei in veränderter Gestalt erschienen; ich vermute vielmehr, dass der Blick der Frauen an dem Nichterkennen schuld war, wie wir dies ja auch bei den Emmausjüngern erfahren (Lk. 24,16). Gott, der den Menschen die Augen gab, hat Macht, ihre Sehkraft derart zu lähmen, dass sie mit sehenden Augen doch nicht sehen. Ja, gerade Maria liefert uns ein Beispiel allgemeingültiger Art dafür, wie irrtumsfähig der Menschengeist ist. Mag Christus dicht vor uns stehen, immer sehen wir nicht ihn, sondern etwas anderes, jetzt dies, jetzt das. Alles andere sehen und merken wir eher, als Christum, wenn er uns auch noch so nahe kommt. Schon an und für sich sind die Augen unseres Geistes trübe und trügerisch; nun werden sie noch obendrein von Welt und Satan in einem Zauberbanne gehalten und verlieren die Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, in hohem Maße.

V. 15. Herr, hast du ihn weggetragen. Die Anrede „Herr“ ist die ganz geläufige, wie sie bei den Juden gar nicht bloß für höhergestellte Personen, sondern für jeden Bauern üblich war. Wir sehen hier, wie völlig Maria noch innerhalb ihres gewohnten irdischen Gedankenkreises sich befindet. Sie denkt: Ach, hätte ich nur die Leiche wieder und könnte sie im Grabe bergen und aufbewahren! Über solchen Gedanken unterlässt sie die Hauptsache, nämlich, sich nach der Gotteskraft des Auferstandenen zu sehnen. So nimmt es denn nicht wunder, wenn ihr so wenig himmlisches Begehren ihr einen Schleier vor die Augen zieht.

V. 16. Maria! Dass Jesus die Maria ein Weilchen in ihrem Irrtum ließ, ist nützlich, uns im Glauben zu befestigen; jetzt ab er ruft er sie aus ihren verkehrten Gedanken mit einem einzigen kleinen Worte heraus. Angeredet hat er sie schon vorher, aber sie nahm seine Rede auf wie die eines Unbekannten, jetzt ruft er, wie er es als Meister oft genug getan haben mag, seine Jüngerin bei Namen auf, - wie wir früher (10,14) lasen, dass der gute Hirte jedes einzelne seiner Schafe mit seinem Namen zu sich ruft. Seine Hirtenstimme dringt der Maria tief in die Seele, schließt ihr die Augen auf, ruft all ihre Sinne wach und bewegt sie dazu, alsbald sich ihrem Heiland zu übergeben. In Maria ist uns das Bild unserer Berufung vor die Augen gemalt. Zur wahren Erkenntnis Christi gibt es nur einen Weg: zuerst erkennt er uns, dann lädt er uns freundlich zu sich ein, nicht allein mit der Predigt, welche ohne Unterschied irgend beliebigen Menschen an das Ohr schallt, sondern mit jenem Hirtenruf, vermittels dessen er die vom Vater ihm gegebenen Schafe insonderheit beruft. Deshalb schreibt Paulus (Gal. 4,9): „Ihr habt Gott erkannt, ja vielmehr, ihr seid von Gott erkannt.“ Dass der Ruf Jesu gewirkt hat, wird daran sichtbar, dass Maria sofort Christo die Ehre erweist, die ihm gebührt; denn der Name Rabbuni ist nicht nur eine ehrende Anrede, er enthält auch das Gelübde des Gehorsams. Maria bezeugt damit: Ich bin deine Jüngerin und bin willig, dir als meinem Meister folgsam zu sein. Eine wundersame, unerklärliche Verwandlung eines Menschenherzens! Eben noch ist Maria gefühllos, ja stockblind, da macht Gott sie im Nu durch Erleuchtung mit seinem Geiste scharfsehend.

Ferner sehen wir an dem Beispiele Maria, dass alle, die Christus zu sich beruft, ihm unverzüglich antworten. Das chaldäische oder aramäische Wort Rabbuni bedeutet soviel als „mein Herr“ oder „mein Meister“. Zur Zeit Christi dachte man dabei im allerengsten Sinne an das Verhältnis des Rabbi oder Lehrers zu seinem Schüler.

V. 17 u. 18. Rühre mich nicht an. Das scheint mit dem Bericht des Matthäus nicht recht zu stimmen (28,9), der ja gerade ausdrücklich berichtet, dass die Frauen Jesu Füße umfassten. Wenn er sich von ihnen ruhig berühren ließ, weshalb hat er dann der Maria untersagt, ihn anzurühren? Die Lösung dieses Rätsels liegt ganz nahe. Beachten wir nur, wozu Jesus als Auferstandener sich betasten ließ, - offenbar dazu, dass aller Zweifel schwand und die Gewissheit einkehrte: Jesus lebt! War der Zweifel geschwunden, so tat keine weitere Berührung not. Als Jesus sah, dass die Frauen einen übertriebenen Wert darauf legten, seine Füße zu umfassen, da erst – nicht vorher – wehrte er es ihnen und wies ihren verkehrten Eifer in die rechten Schranken zurück. Ohne das würden sie in ihrer törichten, unzeitigen Sehnsucht darauf verfallen sein, ihn überhaupt für immer leiblich in dieser Welt zurückhalten zu wollen.

Den Grund seiner Zurückweisung setzt Jesus auch sofort hinzu: denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Mit diesen Worten heißt er die Frauen von ihrem Verlangen abstehen, bis er in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen sei. Er zeigt weiter mit diesen Worten worin die Auferstehung ihren Abschluss findet: nicht darin, wie die Frauen wohl träumten, dass Jesus nun als Neubelebter etwa einen Triumphzug anträte, sondern vielmehr darin, dass er durch seine Himmelfahrt von der ihm verheißenen Herrschaft Besitz ergriff und zur Rechten des Vaters durch seinen Geist die Kirche regiert. Der Sinn dieser Worte ist also der: Erst damit ist die Auferstehung zu ihrem Endziel gelangt und nach jeder Hinsicht abgeschlossen, dass ich im Himmel zur Rechten Gottes meinen Thronsitz besteige; folglich tut ihr nicht wohl daran, meine Jüngerinnen, mich aufzuhalten. Ihr dürft nicht damit zufrieden sein, dass die Auferstehung halb geschehen ist. Ich kann nicht in sichtbarer Leiblichkeit bei euch auf der Erde bleiben. – In doppelter Hinsicht entnehmen wir hieraus Belehrung für uns: einmal, dass jeder, der wirklich das Heil in Christo finden will, sein Herz emporheben muss, und dann, dass alle, die nach Jesu verlangen, sich von irdischen Begehrungen des Fleisches frei machen müssen (Kol. 3,1 ff.).

Gehe hin zu meinen Brüdern . Darunter sind nicht Jesu Anverwandte zu verstehen, die etwa von ihrem früheren Unglauben (Joh. 7,5) nun zum Glauben gebracht werden sollten. Was sollte Jesus für einen Grund haben, lieber zu ihnen, als zu seinen Jüngern zu senden? Tatsächlich wird auch Maria den Befehl ausgeführt haben, wie er gemeint war: sie geht aber (V. 18) zu den Jüngern. Von ihnen wusste ja Jesus, dass sie an einem bestimmten Orte versammelt waren. Der Ausdruck, welchen er gebraucht, lehnt sich vielleicht an Ps. 22,23 an: „Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern.“ Dass an unserer Stelle die Erfüllung dieser Weissagung berichtet wird, steht jedenfalls außer Frage. Maria wurde zu den Jüngern insgesamt gesendet, und zwar geschah das, weil sie den Vorwurf verdienten, sie seien recht langsam und träge gewesen, an die geschehene Auferstehung zu glauben. Ja, wenn man berechnet, welche Mühe sich der Sohn Gottes so unablässig mit ihnen gegeben hatte, so darf man kühnlich behaupten, es wäre noch keine zu harte Strafe für sie gewesen, wenn Christus seinen Jüngern nicht Frauen, sondern vielmehr Ochsen oder Esel zu Lehrmeistern gegeben hätte. Aber er verfährt milde mit ihnen, und es ist eine recht gelinde Züchtigung für die Ungelehrigkeit, wenn Christus seine Jünger bei Frauen in die Schule schickt, gleich kleinen Kindern, welche die Mutter unterweist, um sie durch den Unterricht derselben wieder zu sich, ihrem einigen Meister, zurückzurufen.

Darin, dass er die Frauen zu Zeugen seiner Auferstehung gegenüber den Aposteln bestellt, leuchtet aber auch seine ganze Jesusgüte hell hervor. Die Botschaft, welche sie zu überbringen haben, enthält ja den einigen Grund unseres Heils das vornehmste Stück himmlischer Weisheit; sie ist eben die Kunde, welche die Apostel späterhin entsprechend ihrem besonderen Amte der ganzen Welt öffentlich zu sagen hatten. Ein eigentliches apostolisches Amt haben diese Jüngerinnen durch solchen ausnahmsweisen Auftrag nicht überkommen. Man darf daraus nicht etwa schließen, dass Frauen überhaupt öffentlich lehren oder taufen dürften.

Ich fahre auf zu meinem Vater. Der Herr wehrt es mit diesem Worte seinen Aposteln, bei der einfachen, nackten Tatsache der Auferstehung beruhigt Halt zu machen, als wäre nun alles fertig. Vielmehr sollen sie jetzt noch weiter vorwärts schreiten und wissen, dass Jesu Ziel ein geistliches Reich, die Herrlichkeit des Himmels, ja Gott selbst ist. Auf den Worten „Ich fahre auf“ liegt großer Nachdruck. Christus streckt mit diesen Worten den Jüngern seine Hand hin: Empor, hinauf! Suchet nirgend anderswo als im Himmel selbst eure Seligkeit! Denn wo unser Schatz ist, da soll auch unser Herz sein (Mt. 6,21). Wenn Christus auffährt, so müssen auch wir zur Höhe empor, wenn wir nicht von ihm getrennt werden wollen. Übrigens verscheucht er mit dem Hinweis auf seine Auffahrt alle Traurigkeit und Angst, in welche die Apostel sonst durch sein Scheiden hätten geraten können. Damit deutet er ja an, dass er mit göttlicher Allmacht ihnen immer nahe sein wird. Wenn er auf Auffahren redet, so sagt er damit allerdings, er werde sich räumlich von ihnen entfernen; aber mag Christus auch leiblich in der Ferne weilen, so ist er doch bei Gott, und seine allenthalben waltende Kraft zeigt deutlich, dass er geistlich gegenwärtig ist.

Was ist der Zweck seiner Auffahrt zu Gott? Er sitzt nun zur Rechten Gottes und herrscht über Himmel und Erde. Er hat mit diesem Ausspruch auf die göttliche Vollmacht seines Reiches hinweisen wollen, damit seine Jünger nicht besorgt wären wegen seiner leiblichen Abwesenheit. Was nun die Frucht und Wirkung der brüderlichen Verbundenheit Christi mit den Seinen ist, werden wir hier gewahr, wo Christus Gott in ganz gleicher Weise seinen Vater nennt und ihren Vater. An anderen Stellen hören wir, dass wir alles des Guten teilhaftig sind, das Christus besitzt. Die Grundlage solcher Gemeinschaft aber ist, dass er den Quell aller dieser Güter uns zu eigen macht. Das ist in Wahrheit ein ganz unschätzbares Gut, wenn der Christ dessen im Glauben felsenfest gewiss sein kann, dass der Gott und Vater Jesu Christi sein Gott und Vater ist. Auch brauchen wir uns nicht zu fürchten, dass diese Zuversicht eine Vermessenheit gescholten werde oder als leere Prahlerei dastehe, sobald sie sich nur auf Christum gründet. Wer gibt uns den Mut zu solcher Zuversicht? Christi eigenes Wort. Christus nennt Gott nur deshalb seinen Gott, weil er Knechtsgestalt angenommen und sich der göttlichen Gestalt entäußert hat. Diese Bezeichnung passt eigentlich nur in seinen Mund, insofern er wahrer Mensch ist; indes spalten wir seine Persönlichkeit nicht. Der ganze Christus redet von Gott als seinem Gott. Unser Heiland heißt als einheitliche Persönlichkeit wahrer Gott und wahrer Mensch. In der Gotteskindschaft aber besteht dieser Unterschied zwischen ihm und uns: Er ist von Natur Gottes Sohn, wir sind durch Annahme an Kindes Statt Gottes Kinder. Diese Gnade Gottes aber, die wir durch Christum erlangen, steht so fest, dass sie durch keine Teufelsränke erschüttert werden kann. Wir dürfen Gott jederzeit als unseren Vater anrufen; in seinem eingeborenen Sohn hat er uns angenommen.

V. 19. Am Abend aber usw. Nunmehr erzählt der Evangelist, wie Christus seinen Jüngern durch seine Erscheinung zeigte, dass er auferstanden war. Gewiss ist die Hand der göttlichen Vorsehung darin zu sehen, dass alle an einem Orte zusammengekommen waren; so sollte dies Ereignis umso fester verbürgt und desto glaubwürdiger sein. Wir haben zu beachten, wie milde Jesus mit den Jüngern verfuhr: nur bis zum Abend ließ er sie warten. Gerade, als sich Dunkelheit über die Erde senkte, stand er, das Unterpfand eines neuen Lebens ihnen zu überbringen, leuchtend vor ihnen. Dass sie alle beisammen waren, ist ein Zeichen des Glaubens oder wenigstens eines frommen Gefühls. Wenn sie sich hinter verschlossenen Türen verbargen, so bemerken wir daran freilich noch etwas Schwachheit. Es kommt ja bei den tapfersten Leuten vor, deren Standhaftigkeit sonst unbezwinglich ist, dass sie bisweilen eine Bangigkeit anwandelt; damals aber verriet das Zittern der Apostel ganz offenbar einen Mangel an Glauben. Ein merkwürdiges Beispiel! Wenn sie sich auch weniger tapfer zeigen, als sie hätten tun sollen, so geben sie doch ihrer Schwachheit nicht nach. Allerdings suchen sie, um der Gefahr aus dem Wege zu gehen, ein Versteck auf; aber sie beherrschen das Angstgefühl doch so weit, dass sie alle beisammen bleiben. Sonst würden sie sich zerstreut haben; der eine wäre hierhin, der andere dorthin geeilt, und keiner hätte es gewagt, den anderen offen anzusehen. Auch wir müssen so mit der Schwachheit unseres Fleisches kämpfen und der Ängstlichkeit nicht den Zügel schießen lassen, um nur ja nicht abtrünnig zu werden. Christus gibt durch seine Erscheinung dem einmütigen Beisammensein und eben damit dem Sieg, den jeder über seine Bangigkeit errungen hat, seinen Segen. Thomas allein geht leer aus und bekommt von der den Brüdern widerfahrenden Gnade nichts zu schmecken. Der Grund dafür ist, dass er sozusagen als ein fahnenflüchtiger Krieger seine Truppe verlassen hat. Wer seiner Bangigkeit gegenüber zu nachgiebig ist, der lerne sich zusammennehmen und mit der natürlichen Furcht gründlich aufräumen. Insbesondere haben wir uns davor zu hüten, dass wir nicht aus lauter Angst uns vereinzeln.

Und die Türen verschlossen waren. Dieser Umstand ist mit gutem Bedacht hervorgehoben; denn er lässt eine herrliche Probe der göttlichen Kraft, die dem Auferstandenen eigen war, zutage treten. Einige meinen zwar, es habe ihm jemand den Riegel zurückgeschoben, und so sei er genau wie jeder andere in das Zimmer eingetreten. Das steht jedoch in völligem Widerspruch zu der Meinung des Evangelisten. Es ist nicht ohne Wunder hergegangen; vielmehr trat Christus unter seine Jünger, um seine Gottheit zu bezeugen und die Jünger desto mehr zum Aufmerken zu nötigen. Dabei stimme ich übrigens nicht denjenigen Auslegern zu, welche behaupten, der Leib Christi sei durch die fest verschlossenen Türen hindurchgedrungen. Man stellt diese Behauptung auf, um einerseits den verklärten Leib Jesu einem Geiste ähnlich zu machen, anderseits, um sagen zu können, er sei unendlich, nicht mehr an den Raum gebunden.

Der Wortlaut unserer Stelle sagt von dem allem nichts. Der Evangelist berichtet nicht, der Auferstandene sei durch die geschlossenen Türen hereingekommen, sondern nur, er habe plötzlich unter den Jüngern gestanden, während die Türen doch verschlossen waren und Menschenhand ihm den Zutritt nicht eröffnet hatte. Bekanntlich ist Petrus aus wohl verwahrtem Gefängnis entkommen; ist etwa auch er mitten durch das Eisen und die Bretter der Kerkerpforte hindurchgegangen? Man verschone doch die heiligen Geschichten mit so kindischen Spitzfindigkeiten, die ja keinerlei festen Anhalt haben nur immer neue tolle Einfälle nach sich ziehen. Wir begnügen uns dabei: Christus wollte durch ein Wunder von auffallender Art seine Jünger in dem Glauben an seine Auferstehung bestärken.

Friede sei mit euch! So lautet der gewöhnliche hebräische Gruß, in welchem das Wort „Friede“ alles Gute und Wünschenswerte bezeichnen soll, was man zu einem glücklichen Leben gern haben möchte. Diese Begrüßung bedeutet also: Ich wünsche euch Glück und Segen! Daran zu erinnern ist deswegen nicht überflüssig, weil ungeschickte Ausleger hier sich ohne Grund über Frieden und Eintracht verbreiten, während doch Christus nur beabsichtigte, seinen Jüngern seine freundlichen Gruß darzubieten.

V. 20. Zeigte ihnen die Hände. Jesus musste dies noch zur Bestätigung hinzufügen, damit die Jünger sich auf alle Weise von seiner wirklichen Auferstehung überzeugen konnten. Wenn jemand es für des Standes der Herrlichkeit unwürdig ansieht, dass Christus unmittelbar nach der Auferstehung noch seine Wundmale an sich trägt, so mag er zunächst daran denken, dass Christus nicht in erster Linie für sich, sondern für uns auferstanden ist; sodann überlege er sich dies: Alles, was zu unserer Errettung dient, kann nur dazu beitragen, die Herrlichkeit Jesu klarer hervortreten zu lassen. Er hat sich eine Zeitlang erniedrigt; damit aber hat er seiner Majestät nicht vergeben. Nun haben aber die Nägelspuren in den durchbohrten Händen Jesu wirklich die Bedeutung, dass sie die Glaubwürdigkeit der Tatsache seiner Auferstehung erhöhen; so tun sie denn auch seiner Herrlichkeit durchaus keinen Abbruch.

Da wurden die Jünger froh. Alle Betrübnis, die der Tod Christi ihnen gebracht hatte, wurde durch sein neues Leben beseitigt.

V. 21. Da sprach Jesus abermals. Durch die Wiederholung des Friedengrußes will Jesus wohl nur für die gewichtigen Gegenstände, von denen er zu reden hat, eine besondere Aufmerksamkeit erwecken.

Gleichwie mich der Vater gesandt hat. Mit diesen Worten führt Christus gewissermaßen die Apostel in das Amt ein, für das er sie früher bestimmt hatte. Er hatte sie schon einmal nach verschiedenen Richtungen durch Judäa hin gesandt, aber doch nur als Ausrufer und Herolde, die den Befehl überbrachten: Höret auf die Stimme des Lehrers aller Lehrer! - noch nicht als Apostel, die als solche einen dauernden Amtsauftrag auszuführen erhielten. Jetzt bestellt sie der Herr zu Gesandten in seinem Dienst, die sein Reich auf der weiten Erde errichten sollen. Er will sagen: Bisher habe Ich des Lehramtes gewaltet, nun ist mein Lauf vollendet. Von jetzt ab tretet ihr in mein Amt ein. Jesus weiß, dass der Vater ihn in der Weise zum Lehrer der Gemeinde erwählt hat, dass er zeitweilig den anderen vorangehen solle und dann an seinen Platz andere stelle, die ihn in seiner Abwesenheit vertreten. So meint es auch Paulus (Eph. 4,11), wenn er sagt: „Er hat etliche zu Aposteln gesetzt, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten.“ Diese von Christo eingesetzten Amtsträger sollen bis zum Ende der Welt die Gemeinde leiten. Christus bezeugt hier zunächst: Mag ich selbst auch das Lehramt nur vorübergehend bekleidet haben, - die Predigt des Evangeliums wird nicht bloß eine gewisse Zeit lang, sondern alle Zeit erschallen. Damit ferner das Ansehen dessen, was die Apostel lehren, nicht um deswillen geringer gewertet werde, weil nur sie es lehren, gebietet er ihnen, in dem vom Vater ihm selber übertragenen Amte seine Nachfolger zu werden; dadurch legt er ihnen in Bezug auf die Lehre ganz die gleiche Bedeutung und dieselbe Berechtigung bei, wie er sie selber gehabt hat. Und es war nötig, dass ihr Amt eine solche Weihe aus Jesu Hand empfing; waren sie doch unbekannte Leute aus dem gewöhnlichen Volke. Christus hat reichlich Ursache, seinen Aposteln das ihm vom Vater beigelegte Ansehen mitzuteilen. Er will auf diese Weise erklären: Es ist kein menschlicher Einfall, sondern ein göttlicher Befehl, dass diesen Männern die Predigt des Evangeliums als Beruf auf die Seele gebunden wird. Übrigens setzt er sie nicht dermaßen an seine Stelle ein, dass er selbst etwa von dem Platze des höchsten und einzigen Lehrers zurückträte. Nimmermehr! Dieser Platz gebührt nach des Vaters Willen ganz allein Christo selbst. Der Wechsel, der von jetzt ab eintreten soll, besteht lediglich darin, dass Christus künftig nicht mehr mit dem eigenen Munde, wie er getan hat, so lange er auf Erden weilte, sondern durch den Mund der Apostel reden will. Das ist die von der Bibel gelehrte „apostolische Sukzession“, eine Nachfolge der Apostel in dem Lehramt Christi, wodurch Jesu Ansehen nicht die mindeste Einbuße und Schädigung erleidet. Der Gottesbefehl, dass wir auf ihn allein hören sollen (Mt. 17,5), also nicht auf andere, muss unverletzt bleiben.

Alles in allem: Christus hat es hier nicht auf hohe Ehren abgesehen, die irgendwelchen Menschen widerfahren sollen, sondern er will das Evangelium selbst in aller Welt zu hohen Ehren bringen. Um was es sich hier handelt, ist einzig und allein die Predigt des Evangeliums. Jesus setzt Diener und Hirten ein, welche die Gemeinde regieren sollen, aber ausschließlich unter dem Vorbehalt, dass er selbst unverkürzt alle Gewalt in seiner Hand behält, sie dagegen nichts anderes sein wollen, als Christi Werkzeuge.

V. 22. Blies er sie an. Weil zu einem so schweren Amte kein Sterblicher fähig ist, deshalb begabt Christus die Apostel mit einer besonderen Geistesausrüstung. Gewiss ist es eine Sache, die aus sich selbst kein Mensch fertig brächte, die Gemeinde Gottes zu regieren, die Botschaft des ewigen Heils unter die Menschen zu tragen, das Reich Gottes auf Erden aufzurichten und die Menschen zum Himmel emporzuheben. Deshalb ist es in keiner Weise zu verwundern, dass man nur solche Leute dazu geeignet finden wird, die vom heiligen Geist angehaucht sind. Niemand kann von Christo ein einziges rechtes Wort sagen, wenn nicht der Geist Gottes seine Zunge lenkt (1. Kor. 12,3). So viel fehlt daran, dass Menschenkraft ausreichte, ein so herrliches Amt nach allen Seiten hin mit Treue und Hingebung auszufüllen. Der Ruhm, die Lehrer seiner Kirche auszubilden, kommt allein Christo zu. Er gibt seiner Gemeinde die rechten Führer. Die Fülle des Geistes ist dazu auf Christum ausgegossen, dass er jedem einzelnen so viel davon austeile, als er haben muss. Der Herr, welcher der alleinige Hirt seiner Gemeinde bleibt, muss also die Diener, durch deren Wirken er die Gemeinde weidet, mit der Kraft seines Geistes ausrüsten. Dass er dies tut, hat er durch das Anhauchen der Apostel hier äußerlich versinnbildlicht. Dies Zeichen deutet eben darauf hin, dass der Geist von Christo ausgeht. Welche Lästerung ist es also, wenn die papistischen Bischöfe dem Sohne Gottes diese Ehre rauben und behaupten, dass sie den Priestern, die sie weihen, durch den Hauch ihres Mundes den Geist mitteilen könnten! Man bedenke doch noch dazu, dass Christus nicht nur den Geist, den er empfing, seinen Jüngern mitteilt, sondern dass er ihn den Aposteln als seinen Geist, als den göttlichen Geist schenkt, den er mit dem Vater in Gemeinschaft besitzt. Mit diesem Geiste teilt Jesus den Männern, die er zum Hirtenamte beruft, die Gaben und Kräfte mit, die sie zur Führung desselben bedürfen. Vornehmlich wollte Christus allerdings hier dem Amt seiner ersten Apostel die Weihe erteilen. Es war angemessen, dass denjenigen, welche an erster Stelle und in hervorragender Weise dazu auserkoren waren, das Evangelium zu predigen, auch ein besonderes Ansehen beigelegt wurde. War denn aber die zu Pfingsten erfolgende Ausgießung des heiligen Geistes nicht überflüssig, wenn Christus hier schon durch seinen Hauch den Aposteln den Geist gab? Ich beantworte diese Frage dahin: An dieser Stelle gab Christus seinen Aposteln den Geist insoweit, dass sie sozusagen damit nur wie mit einigen Tropfen besprengt waren; noch wurden sie nicht mit dem Geiste überströmt. Erst da, als der Geist in feurigen Zungen über ihnen sichtbar wurde, war das Werk ihrer Erneuerung geschehen. Jedenfalls hat Christus sie damals nicht dermaßen in das evangelische Heroldsamt eingesetzt, dass er sie alsbald an das Werk sandte; er hat sie vielmehr, wie wir bei Lukas (24,49) lesen, zunächst noch ruhen heißen. Erwägen wir also recht, so rüstet er sie nicht so sehr für die Gegenwart mit der ihnen notwendigen Mitgift aus, sondern bestimmt sie vielmehr für die Zukunft zu Werkzeugen seines Geistes. Dies Anblasen ist also mehr ein zeichenhafter Hinweis auf jene große Geistesausgießung, die Jesus oft verheißen hatte. Christus hätte ja durch ein verborgenes Einhauchen seinen Aposteln die Kraft seines Geistes schenken können; er hat aber das sichtbare Anblasen hinzugefügt, um sie desto gewisser zu machen. Das Sinnbild nimmt Christus aus dem üblichen Sprachgebrauch der Schrift, welche gewöhnlich den Geist mit dem Winde vergleicht (vgl. auch zu 3,8). Dabei wollen wir nicht übersehen, dass Jesus zum äußeren Zeichen sein Wort fügt. Daraus empfangen ja auch die Sakramente ihre Kraft, nicht, als wäre die Wirkung des Geistes in den Klang eingeschlossen, der uns in das Ohr hineinschallt, vielmehr so, dass alle Frucht, welche die Gläubigen aus dem Sakramente entnehmen können, sich durch dieses klare Zeugnis des Wortes vermittelt. Christus bläst die Apostel an: sie empfange jedoch nicht bloß den Hauch seines Mundes, sondern auch den Geist. Wie geht das zu? Die Verheißung Christi wirkt das Empfangen. Ähnlich ziehen wir in der Taufe Christum an, werden gewaschen mit seinem Blute, und unser alter Mensch wird gekreuzigt, damit Gottes Gerechtigkeit in uns regiere. Im heiligen Abendmahl werden wir mit Christi Fleisch und Blut geistlich gespeist. Woher haben das Abendmahl und die Taufe solche Kraft? Allein von der Verheißung Christi, welcher durch seinen Geist wirkt, und leistet, was er durch sein Wort bezeugt. Alle sogenannten Sakramente, die sich die Menschen ausgesonnen haben, sind völlig wertlos, ja ein Spott auf die wahren Sakramente. Auf äußere Zeichen allein darf ein Sakrament nimmermehr seine Wahrheit gründen wollen; es muss stets ein ausdrückliches Gotteswort dabei sein. Noch eins ist zu betonen: Christus allein gibt wirklich alle die Güter, die er in äußeren Zeichen abbildet und verheißt. Die Apostel sollen nicht aus seinem äußerlichen Anhauchen, sondern aus Christo selbst heraus den heiligen Geist erhalten.

V. 23. Welchen ihr die Sünden erlasset. Unzweifelhaft fasst Christus hier den ganzen Inhalt des Evangeliums kurz zusammen. Die Vollmacht, Sünden zu vergeben, lässt sich nicht von dem Lehramt trennen. Mit ihm ist sie fest verbunden. Kurz vorher hat Christus gesagt: „Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende Ich euch.“ Jetzt erklärt er, was das Ziel und die Absicht dieser Sendung ist; dazwischen hat er nur eingefügt, er gebe den Jüngern den heiligen Geist, damit sie nicht dächten, sie seien auf sich allein angewiesen. Das vornehmste Ziel der evangelischen Predigt ist die Versöhnung der Menschen mit Gott durch die Vergebung der Sünden aus Gnaden, wie Paulus das 2. Kor. 5,18 lehrt, wo er das evangelische Lehramt als das Amt bezeichnet, das die Versöhnung predigt. Das Evangelium enthält noch vieles andere, aber Gott betreibt im Evangelium vor allem immer das eine, dass er die Menschen zu Gnaden annehmen will dadurch, dass er ihnen ihre Sünden nicht anrechnet. Wollen wir treue Diener des Evangeliums sein, so geziemt es sich, dass wir uns mit der ganzen Wucht immer wieder auf dies Eine verlegen. Das ist auch der Hauptpunkt, in welchem sich das Evangelium von der Weltweisheit unterscheidet: es setzt das Heil des Menschen in die Vergebung der Sünden aus Gnaden. Sie ist der Quell, aus dem die anderen Liebeserweisungen Gottes hervorströmen: sind uns die Sünden vergeben, so erleuchtet uns Gott, macht uns zu wiedergeborenen Menschen durch seinen Geist, gestaltet uns um in sein Ebenbild und wappnet uns mit unbezwinglicher Tapferkeit gegen Welt und Satan. Die gesamte Belehrung über wahres Christentum, das ganze geistliche Gebäude der Kirche steht auf dem einen Grunde, dass Gott uns losspricht von allen Sünden und aus Gnaden uns zu seinen Kindern annimmt. Wenn übrigens Christus den Aposteln den Auftrag erteilt, Sünden zu vergeben, so denkt er doch keineswegs daran, das, was ihm allein zusteht, auf sie zu übertragen. Sünden vergibt Jesus allein. Auf dies Ehrenamt, soweit es allein in seine Befugnis fällt, verzichtet er nicht zugunsten der Apostel. Er befiehlt ihnen nur, die Vergebung der Sünden in seinem Namen zu bezeugen, um durch ihre Vermittlung die Menschen mit Gott zu versöhnen. Recht eigentlich geredet ist es Christus selbst, der die Sünden vergibt und sich dazu der Apostel als seiner Werkzeuge bedient.

Dabei erhebt sich die Frage: Warum macht er dann aber von der Vollmacht der Apostel so viel Aufhebens, wenn er sie nur zu Zeugen oder Herolden der Sündenvergebung, nicht zu Spendern und Urhebern derselben bestimmt und einsetzt? Antwort: dies geschieht zur Stärkung unseres Glaubens. Ist es doch für uns das Allerwichtigste, mit völliger Gewissheit darauf trauen zu dürfen, dass Gott unserer Sünden nicht mehr gedenkt. Zacharias nennt das in seinem Lobgesang die „Erkenntnis des Heils“ (Luk. 1,77). Wenn Gott, um uns diese Erkenntnis zu schenken, sich des Zeugnisses von Menschen bedient, so wird doch unser Gewissen sich niemals damit zufrieden geben, es sei denn, dass wir klar zu erkennen vermöchten, dass durch diese Menschen Gott selber mit uns redet. Deswegen sagt Paulus (2. Kor. 5,20): „Gott vermahnet durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!“ So sehen wir denn, warum Christus das Amt, welches er den Aposteln überträgt, so gewaltig herausstreicht und mit so feierlichen Worten beglaubigt: die Gläubigen sollen zu einer vollkommenen Überzeugung von der Vergebung der Sünden kommen und sollen die Versöhnung nicht deshalb geringer anschlagen, weil sie durch die Stimme von Menschen ihnen angeboten wird. In der menschlichen Predigt sollen sie vielmehr die vom Himmel her ihnen väterlich vergebend dargebotene Gotteshand erkennen und ergreifen. Jeden Tag genießt die Christenheit in reichstem Maße den Segen dieser Worte unseres Heilandes, wenn sie nämlich sich sagt: Unsere Seelsorger und Hirten sind von Gott selber dazu verordnet, dass sie uns das ewige Heil zusprechen; die Sündenvergebung, die sie uns austeilen aus dem von Christo ihnen anvertrauten Schatz göttlicher Barmherzigkeit, ist wirklich da, - wir brauchen sie nicht erst noch weit her zu holen! Dieser unvergleichliche Schatz braucht uns nun nicht um deswillen als wertlos zu erscheinen, dass er in irdenen Gefäßen aufbewahrt und uns gereicht wird; wir haben allen Grund, Gott dafür Dank zu sagen, wenn er Menschen solcher Ehre gewürdigt hat, dass sie bei der Bezeugung der Sündenvergebung an seiner und seines Sohnes Stelle stehen dürfen. Wer dies den Menschen verliehene Amt verachtet, der tritt das Blut Christi mit Füßen. Wenn aber die Papisten diesen Spruch auf ihre magische Absolution beziehen, so ist das ganz abgeschmackt. Als ob niemand Vergebung empfangen könnte, wenn er nicht die Ohrenbeichte vor dem Priester abgelegt hat! Als ob Christus die Apostel hier zu Beichtvätern bestellt hätte, die erst über die Sünden im Einzelnen nachforschen sollten, und nicht vielmehr zu Predigern seines Evangeliums, die mit ihrem Wort die von ihm beschaffte Versöhnungsgnade den Herzen der Gläubigen versiegeln sollen!

Welchen ihr sie behaltet. Dies fügt Christus hinzu, um die Verächter seines Evangeliums zu schrecken, damit sie wissen, dass solche Vermessenheit ihnen nicht ungestraft hingehen wird. Wie die Apostel beauftragt waren, Heil und ewiges Leben anzubieten, so waren sie auch ausgerüstet, alle Gottlosen zu strafen, wenn sie sich von dem ihnen nahe gebrachten Heile mit Geringschätzung abwandten (2. Kor. 10,6). Christus redet davon erst an zweiter Stelle, weil er zu allererst natürlich von dem eigentlichen und ursprünglichen Zweck des Evangeliums reden musste.

Was will das Evangelium? Uns mit Gott versöhnen. Nur nebenher leistet das Evangelium noch etwas anderes, nämlich: es verhängt über die, welche nicht glauben wollen, den ewigen Tod. Deshalb sagt auch Paulus an der angegebenen Stelle (2. Kor. 10,6): „Wenn euer Gehorsam erfüllet ist, dann sind wir bereit, allen Ungehorsam zu rächen.“ Damit deutet er an, dass die eigentliche Aufgabe des Evangeliums die Einladung aller zur Errettung durch Christum ist; dass das Evangelium einigen den Tod bringt, ist nicht in seinem ursprünglichen Zwecke einbegriffen. Doch ist wohl zu beachten, dass jeder, der den Ruf des Evangeliums hört, falls er die dadurch ihm zugesagte Vergebung der Sünden nicht ergreift, dadurch eine Schuld auf sich lädt und der ewigen Verdammnis entgegen geht. Das Evangelium ist für Gotteskinder ein lebenschaffender Grund, genau entsprechend aber für solche, die verloren gehen, ein Geruch des Todes zum Tode. Nicht als wäre die Predigt des Evangeliums notwendig für die Verdammung der Verworfenen, denn von Natur sind wir sämtlich Verlorene, und ganz abgesehen von dem auf uns lastenden Erbfluche macht sich jeder immer aufs Neue des Todes schuldig; aber das trotzige Widerstreben derer, die mit Wissen und Willen den Sohn Gottes verachten, verdient eine umso ärgere Strafe.

V. 24. Thomas aber usw. Hier wird von dem Unglauben des Thomas berichtet, damit durch solchen Bericht der Glaube der Frommen umso besser erstarke. Thomas war nicht nur langsam und schwerfällig, als es zu glauben galt, er war geradezu störrig. Sein hartes Herz gab Jesu Anlass, nochmals in derselben Weise, wie oben erzählt, zu erscheinen und sich abermals betasten zu lassen. So wurde er zum Glauben gebracht; aber auch wir empfangen ein weiteres Hilfsmittel, das uns die Bezeugung der Auferstehung Christi erleichtert. Im Übrigen mag die Halsstarrigkeit des Thomas uns zum warnenden Beispiel dienen. Diese üble Eigenschaft bringen wir ja fast alle mit auf die Welt. Wie viele erschweren, ja verbauen sich durch ihren Eigensinn den Zutritt, wenn die Tür des Glaubens für sie weit aufgetan ist!

V. 25. Es sei denn, dass ich sehe usw. Hier stehen wir an der Quelle des Übels: jeder hält sich für klug und will mit seinen Gedanken durchaus nicht nachgeben. Die Worte des Thomas haben mit wahrem Glauben nichts zu schaffen; so redet nur ein Mensch, der nichts gelten lässt, als was er mit seinen Händen fühlen und mit seinen Augen sehen kann. Gerade so benehmen sich alle, die in das eigene Ich verliebt sind. Bei ihnen findet das Wort Gottes keinen Anklang.

V. 27. Reiche deinen Finger her. Über das Hereinkommen Christi und den Gruß, dessen er sich bediente, war schon bei V. 19 die Rede.

Wenn Christus dem Thomas so freundlich gewährt, was er sich in so wenig schöner Weise ausbedungen hatte, und ihn nun einlädt, seine Hände zu befühlen und die Wunde in seiner Seite zu untersuchen, so erschließen wir aus diesem bereitwilligen Entgegenkommen, wie unermüdlich besorgt er für unseren Glauben und für den Glauben des Thomas war; denn er dachte dabei nicht nur an diesen einen, den Apostel Thomas, er dachte an uns alle und wollte, dass nichts, was zur Befestigung unseres Glaubens geschehen konnte, unterblieb. Wunderbar, ja ungeheuerlich ist, wie starrsinnig Thomas sich zeigte: es genügte ihm nicht, Jesum zu sehen; seinen Augen allein wollte er nicht trauen, auch seine Hände sollten Zeugen der Auferstehung sein. Das geht noch über Starrsinn hinaus: es ist Selbstüberhebung, ja es ist eine Beleidigung Christi. Wenigstens jetzt, als er Christum sah, hätte Thomas sich mit Scham und Zittern demütigen sollen. Aber, als wäre er sich keiner Schuld bewusst, streckt er kühn und furchtlos seine Hand aus und untersucht die Wunden an dem Leibe Jesu. Nach den Worten des Evangelisten zu urteilen, ist er nicht eher zur Besinnung gekommen, als bis er durch den Befund seiner Untersuchung überführt war. Geradeso ergeht es uns, wenn wir einmal dem Worte des Herrn nicht ganz die Ehre zollen, die ihm gebührt; dann schleicht sich leise und unvermerkt in unser Herz ein Starrsinn ein, der uns herunterzieht und uns allmählich dahin bringt, dass wir alle Ehrfurcht davor verlieren. Darum sollen wir diesen hochfahrenden Geist in uns dämpfen, dabei aber der eigenen Widerstandskraft nicht über Gebühr vertrauen: unterlassen wir dies, so möchten wir leicht von der wahren Frömmigkeit abkommen und uns die Tür des Glaubens verschließen.

V. 28. Mein Herr und mein Gott. Spät endlich erwacht Thomas, und da ist er denn, wie es in der Regel bei einem Menschen hergeht, der geistesabwesend war, aber nun wieder zu sich selbst kommt, voll von Erstaunen. Laut ruft er aus: Mein Herr und mein Gott! Solche hervorgestoßenen kurzen Worte bezeugen eine tiefe Bewegung der Seele. Ohne Zweifel erfasste ihn jetzt die Scham, und mit seinem Ausruf verdammt er selbst seine bisherige Stumpfheit. Dieser plötzliche Ausbruch seines Gefühls gibt kund, dass der Glaube in ihm nicht ganz erloschen war, sondern noch unter der Asche weiter glimmte. Die Gottheit Christi hat er doch mit seinen Händen nicht zu befühlen vermocht, da er Jesu Wunden betastete. Er hat also aus diesen äußeren Zeichen viel mehr erschlossen, als die bloße Sinneswahrnehmung vermag. Wie ist das möglich? Was er vergessen hatte, was wie ein dunkler Traum schon hinter ihm lag, wurde wieder in ihm lebendig. Plötzlich tauchte es in seinem Herzen empor. Er wurde wieder er selbst. Ähnliches erleben viele. Eine Zeitlang leben sie ohne Gottesfurcht im Leichtsinn dahin, und es ist an ihnen keine Spur von Christentum mehr wahrzunehmen, - rührt sie Gott aber mit seiner Rute einmal an, so gewinnen sie wieder die Herrschaft über ihren fleischlichen Trotz und kommen zur Vernunft. Eine Krankheit kann an und für sich einen Menschen nicht fromm machen. Aber es können durch sie Steinblöcke weggeräumt werden, unter denen das gute Samenkorn lag, ohne dass Licht und Luft es zum Wachstum zu bringen vermochten.

Dafür gibt David uns ein hervorragendes Beispiel. Ganz ohne Scham und Furcht hat er sich seiner Lust hingegeben. Jedermann würde glauben, dass zu dieser Zeit seine Seele alles Glaubens bar gewesen wäre. Aber der Prophet kommt (2. Sam. 12), und urplötzlich steht David, von Nathan ermahnt, wieder auf dem rechten Wege. Daraus ist zu ersehen, das auch in jener schlimmen Zeit noch ein ganz kleines Feuer, so tief es auch herabgebrannt war, in seiner Seele glühte, das unter dem Anhauche des prophetischen Geistes alsbald in heller Flamme emporloderte. Wenn man nur auf die Menschen sieht, so stecken sie mitunter so tief in Schuld und Sünde, dass man an ihnen zu verzweifeln wohl Anlass hätte. Aller Glaube scheint geschwunden, und keine Wirkung des Geistes Gottes lässt sich mehr an ihnen verspüren.

Dann bedenke man die unermessliche Güte Gottes. Er duldet es nicht, dass seine Auserwählten für immer in den Abgrund der Gottentfremdung hinabstürzen. Hüten wir uns nur ernstlich davor, dass wir nicht vom Glauben abfallen!

Gott tut seinerseits alles, damit seine Auserwählten nicht verloren gehen. Er hält sie durch einen geheimen Zügel vom Äußersten zurück. Durch ein Wunder hält er in ihren Herzen immer noch, wenn auch ganz kleine Fünkchen des Glaubens in Glut. Durch erneuten Anhauch seines Geistes treibt er dann später die hellen Flammen daraus hervor. –

Das Bekenntnis des Thomas besteht aus zwei Gliedern. Zunächst nennt er Christum seinen Herrn, dann schwingt er sich höher empor und bezeichnet ihn als seinen Gott. Wir wissen, welchen Sinn es hat, wenn die Schrift Christo den Namen „Herr“ beilegt: der Vater hat ihn zum obersten Gebieter eingesetzt, der durch sein Befehlswort alles anordnet, vor dem sich jedes Knie beugen soll, der den Vater bei der Regierung der Welt zu vertreten hat. Der Name „Herr“ kommt ihm insoweit zu, als er der im Fleisch geoffenbarte Mittler und das Haupt der Gemeinde ist. Doch Thomas bleibt nicht bei der Erkenntnis stehen, dass Christus der Herr ist. Im Hochflug der Begeisterung schaut er hinein in Christi ewige Gottheit. Und so musste es auch gehen. Christus ist ja deshalb zu uns hernieder gestiegen, damit er, nachdem er sich zunächst entäußert und danach, zur Rechten Gottes thronend, die Herrschaft über Himmel und Erde angetreten hatte, uns die Augen für seine und des Vaters Herrlichkeit öffnete. Soll unser Glaube die ewige Gottheit Christi erfassen, so müssen wir mit der Erkenntnis den Anfang machen, die uns näher liegt und leichter zugänglich ist. So ist es vollständig richtig, wenn man sagt, dass wir von dem Menschen Christus ausgehen müssen, um zu dem Gotte Christus zu kommen. Der Glaube entwickelt sich Schritt für Schritt. Zunächst erfasst er Christum auf der Erde, wie er in einem Stalle geboren wird, dann betrachtet er ihn, wie er am Kreuze hängt, geht nun zu seiner herrlichen Auferstehung über und macht von da aus den Schluss auf sein ewiges Leben und seine Macht, worin seine göttliche Majestät sich strahlend zeigt. Schließlich kann die Erkenntnis als des Herrn nur dann richtig und klar sein, wenn sie in die Erkenntnis seiner Gottheit ausmündet. Ohne Zweifel muss das Bekenntnis, welches Christus hier annimmt und gutheißt, das gemeinsame Bekenntnis aller Frommen sein. Sicherlich würde er es nie zugelassen haben, dass ein Mensch dem Vater eine Ehre entrissen und widerrechtlich auf ihn übertragen hätte. Er ist völlig mit dem Ausruf des Thomas einverstanden, der in ihm nicht einen Halbgott oder zweiten Gott, sondern die Erscheinung des einen Gottes selbst erkennt. Dass aber Thomas sagt: mein Herr und mein Gott, - ist ein Zeichen dafür, dass sein Ausruf aus lebendigem und persönlichem Glauben kommt.

V. 29. Dieweil du mich gesehen hast usw. Christus tadelt nur das eine an Thomas, dass er gar so träge im Glauben war und erst durch seine Sinne überführt und so gewissermaßen zum Glauben gezwungen werden musste, was doch wider die Natur des Glaubens ist. Man könnte ja überhaupt sagen, dass eine durch Sehen und Betasten gewonnene Überzeugung gar nicht Glaube zu heißen verdient. Für den vorliegenden Fall muss demgegenüber doch bemerkt werden, dass den Thomas keineswegs bloß sein Sehen und Fühlen zum Glauben an Christum als seinen Herrn und Gott gebracht hat: es war nur ein neuer Anstoß, der ihm ins Gedächtnis zurückrief, was ihm zuvor so gut wie entfallen war. Aus der bloßen erfahrungsmäßigen Beobachtung kann freilich kein Glaube entstehen: wahrer Glaube kommt immer aus dem Worte Gottes. Und eben dies macht Jesus dem Thomas zum Vorwurf, dass er sein Wort nicht so, wie er gesollt, ehrte, und dass er seinen Glauben vom Sehen und Fühlen abhängig machte, während der Glaube doch durch Hören des Evangeliums entsteht und sich ganz und gar auf das Wort richten muss.

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Hier betont Christus, dass wahrer Glaube sich einfach auf das Wort verlässt und nicht erst nach dem Empfinden und Überlegen des natürlichen Menschen fragt. Mit wenigen Strichen gibt er ein erschöpfendes Bild von Kraft und Art des Glaubens. Der Glaube sagt nicht: Ich muss erst sehen, - sondern, er dringt in den Himmel ein und erfasst die Wirklichkeit der allem menschlichen Verstand verborgenen Dinge. Gott es wahrlich um uns verdient, dass wir ihm die Ehre antun, seine Wahrheit selber als ausreichenden Grund zum Glauben anzusehen. Der Glaube hat nun freilich auch eine Art von Anschauung, er ist nicht blind. Aber sein Sehen beruht nicht etwa auf der Welt oder dem, was in der Welt ist. Der Glaube ist ein Überführtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge (Hebr. 11,1). Wenn Paulus (2. Kor. 5,7) den Glauben im Gegensatz zum Schauen stellt, so will er damit zu verstehen geben, dass er sich nicht an den Befund der Gegenwart hält, auch nicht nach den Dingen dieser Welt sich umschaut, sondern allein an Gottes Munde hängt, im Vertrauen auf Gottes Wort sich über die ganze Welt emporschwingt und seinen Anker in festen Himmelsgrund wirft. Kurz, nur das ist der rechte Glaube, der, auf Gottes Wort gegründet, sich in das unsichtbare Reich Gottes erhebt und so über allem menschlichen Begreifen steht. Vielleicht ließe sich aber noch auf den scheinbaren Widerspruch hinweisen, in welchem das vorliegende Wort Jesu mit dem anderen steht, welches die Augen selig preist, die ihn gegenwärtig sehen (Mt. 13,16). Aber dort ist ja nicht wie hier vom körperlichen Anblick Christi die Rede, sondern der geistigen Offenbarung seiner Person, kraft deren er allen Gläubigen sich als den Welterlöser kundtut. In jenem Spruche verglich Jesus die Apostel mit den heiligen Königen und Propheten, die nichts weiter hatten, als die dunklen Andeutungen und Abschattungen des mosaischen Gesetzes. Jetzt, so will er sagen, ist das Los der Gläubigen ein besseres; denn ein reicheres Licht leuchtet ihnen und an Stelle jener Bilder steht nun die Sache selbst, die Erfüllung. Damals sahen mit Augen des Leibes auch viele gottlose Menschen Christum. Aber das macht sie wahrlich nicht selig. Wir dagegen, die wir Christum nicht einen Augenblick lang so gesehen haben, wie seine Zeitgenossen es konnten, genießen im Glauben eben die Seligkeit, die Christus mit jenem Spruche im Matthäusevangelium meint. Folglich heißen nur die Augen selig, welche im Geiste auf das schauen, was Christo göttlich und himmlisch ist. Im Evangelium schauen wir Christum gerade so gut an, als wenn er sichtbar sich vor unsere Augen hinstellte. Daran denkt Paulus, wenn er (Gal. 3,1) schreibt: „Euch war Christus Jesus vor die Augen gemalt, als wäre er unter gekreuzigt.“ Wünschen wir an Christo zu sehen, was uns glücklich und selig macht, so müssen wir glauben lernen, ohne zu schauen. Diesen Worten Christi entspricht die Stelle im ersten Briefe Petri (1,8), wo die Gläubigen dafür gelobt werden, dass sie Christum lieben, den sie nicht gesehen haben, und frohlocken mit unbeschreiblicher Freude, obwohl sie ihn nicht schauen. Selbstverständlich darf man nicht für jeden menschlich erdachten Unsinn, wie z. B. für die römische Wandlungslehre einen Glauben beanspruchen, der auf das Sehen verzichtet, sondern nur für die Wahrheiten, welche Gottes Wort verbürgt.

V. 30. Auch viele andere Zeichen tat Jesus. Ohne diese ausdrückliche Einschränkung hätten die Leser meinen können, dass Johannes keines der Wunder Jesu übergangen habe, sondern einen vollständigen und lückenlosen Bericht geben wolle. Darum erklärt er zuerst, dass er nur eine Auswahl getroffen habe, nicht in der Meinung, als wären die übergangenen Geschichten unwichtig, sondern lediglich, weil das Erzählte genügte, dem Glauben zur Erbauung zu dienen. Es folgt also nicht, dass die nicht berichteten Wunder überhaupt umsonst geschehen sind; sie haben dem Geschlecht, das sie erlebte, Nutzen gebracht. Wenn wir nun auch nicht mehr wissen können, welcher Art sie im Einzelnen gewesen sind, so hat es doch seinen Wert, wenn wir hier die Versicherung empfangen, dass das Evangelium durch massenhafte Wundertaten Jesu bekräftigt wurde.

V. 31. Diese aber sind geschrieben, dass ihr glaubt. Johannes will uns damit zu verstehen geben: Ich habe dieser Niederschrift so viel einverleibt, als ein jeder braucht; wer dies zu Herzen nimmt, der findet darin reichlich Stärkung seines Glaubens. – Er wollte mit diesen Worten sich der eitlen Neugier der Menschen erwehren, die ja unersättlich ist und in ihren Ansprüchen das rechte Maß weit überschreitet. Johannes hat recht wohl Bescheid gewusst, was die anderen Evangelisten geschrieben hatten. Nun aber hatte er durchaus nicht etwa vor, ihre Bücher zu verdrängen, als wären sie minderwertig. Ohne Zweifel sieht er das, was er, und das, was die anderen berichten, als zusammengehörig an. –

Wenn jedoch der Glaube sich ganz an Gottes Wort und seine Verheißungen binden soll, so scheint es verkehrt, ihn auf Wunder gründen zu wollen. Aber Johannes denkt hier die Wunder auch nur als weitere Hilfsmittel und Stützen des Glaubens. Sie vermögen die Herzen der Menschen vorzubereiten, dass sie dem Worte Gottes größere Ehrfurcht entgegenbringen. Wir wissen ja, wie gering unsere Aufmerksamkeit, wie kalt und träge unser Herz ist, wenn wir nicht noch einen besonderen Antrieb erhalten. Ist die Lehre bereits angenommen, so erlangt sie nicht wenig Gewicht dadurch, dass Gott zu ihrer Bestätigung seine allmächtige Hand aus dem Himmel hervorreckt, wie Markus ja erzählt (16,20), dass der Herr mit den Aposteln wirkte, indem er ihr Wort durch mitfolgende Zeichen bekräftigte. Sonach ist, wenn der Glaube auch eigentlich nur auf dem Worte Gottes ruht und immer wieder auf das Wort Gottes abzielt, es doch nicht einerlei, dass auch die Wunder ihren Beitrag liefern, allerdings vorausgesetzt, dass sie stets auf Grund des Wortes betrachtet werden und den Glauben auf das Wort verweisen. Weshalb die Wunder „Zeichen“ genannt werden, ist schon früher besprochen worden (zu 3,2; 4,48): wo Gott den Menschen etwas Neues, Ungewohntes zeigen will, bedient er sich der Zeichen, um uns dadurch zu veranlassen, dass wir seinem Tun Beachtung schenken.

Jesus sei Christ. Mit dem Namen Christus bezeichnet der Evangelist den, der im Gesetz und in den Propheten verheißen war, den Mittler zwischen Gott und den Menschen, den höchsten Gesandten des Vaters, den einigen Wiederhersteller der Welt und den Urheber der vollkommenen Seligkeit. Johannes will ja dem Sohn Gottes nicht einen Titel als leeren Schmuck anheften, sondern er denkt bei diesem Namen an alle die Aufgaben, welche der Messias nach den Aussprüchen der Propheten durchführen soll. Deshalb müssen wir zur Ergänzung unserer Stelle in unseren Gedanken die gesamte Prophetie über den Messias heranziehen. Das bewahrheitet nochmals die obige Ausführung darüber, dass der Glaube nicht an den Wundern hängt, sondern geradeswegs zu dem Worte Gottes hinleitet. Von den Wundern will Johannes offenbar nichts anderes sagen, als dass sie dem Worte der Propheten zur Bestätigung dienen. Die Evangelisten erzählen ja auch nicht fortwährend Wunder, sondern beschäftigen sich vielmehr mit der Lehre: denn die Wunder für sich allein würden nur ein dumpfes Staunen erregen. Johannes kann also nur meinen, dass sein Bericht insoweit dem Glauben zur Stärkung dienen soll, als dies durch Wunder überhaupt möglich ist. –

Wenn Christus weiter als der Sohn Gottes bezeichnet wird, so entnehmen wir daraus, dass sich unter gewöhnlichen Menschen niemand gefunden hätte, der geeignet war, so Großes auszuführen, nämlich den Vater mit uns auszusöhnen, die Sünden der Welt zu sühnen, den Tod wegzuschaffen, das Reich Satans zu zerstören, Heil und Gerechtigkeit uns zu bringen. Übrigens folgt daraus, dass der Name „Sohn“ in ganz einzigartigem Sinne auf Jesum zutrifft, dass er nicht Sohn ist durch einen Annahme an Kindes Statt, sondern von Natur. Somit ist diesem Namen die ewige Gottheit Christi einbegriffen. Wer nun trotz der klaren Beweise, die das Evangelium davon bringt, Christi Gottheit nicht anerkennt, der ist, weil er im vollen Strahle des Lichtes blind sein will, nicht wert, die Erde und die Sonne zu schauen.

Dass ihr durch den Glauben das Leben habt. Dieser Hinweis auf die selige Wirkung des Glaubens schiebt die menschliche Neugier beiseite, die immer viel mehr wissen will, als was uns zu Leben und Seligkeit dient. Wäre es doch ein Frevel ohnegleichen, wollte jemand sich mit dem ewigen Heil nicht zufrieden geben und über die Schranken des göttlichen Reiches hinausgreifen. Übrigens wiederholt Johannes hier das hauptsächlichste Stück seiner Lehre, nämlich, dass wir durch den Glauben das ewige Leben erlangen, weil wir ohne Christum im Tode liegen und nur durch seine Gnade zum Leben erwachen (vgl. besonders zu 3,16 ff.; 5,21 ff.). Was es aber bedeutet, dass nicht einfach vom Leben in Christo die Rede ist, sondern vom Leben „in seinem Namen“, ist schon zu 1,12 erörtert worden.



Kapitel  21

V. 1. Darnach offenbarte sich Jesus. Der Evangelist befleißigt sich noch weiter, Belege für die Auferstehung Christi beizubringen. Er erzählt, wie Christus sieben Jüngern erschien. Er nennt unter ihnen den Thomas, nicht, weil er ihn besonders auszeichnen will, sondern weil sein Zeugnis besonders eindrucksvoll ist, da er doch so hartnäckig in seinem Unglauben war. Der Evangelist berichtet ziemlich umständlich. Er sucht eben alle Einzelheiten sorgfältig zusammen, die dazu beitragen, seinen Bericht recht zuverlässig zu machen. Dass der See Tiberias nach hebräischem Sprachgebrauch ein Meer genannt wurde, haben wir bereits früher gesehen (zu 6,1).

V. 3. Ich will hin fischen gehen. Wenn sich Petrus an die Fischerarbeit begab, so darf man darin nicht etwas zu seinem Amte nicht Passendes erblicken. Durch Jesu Anhauch war er zum Apostel geweiht (20,22), doch trat er sein Amt nicht alsbald an. Er wartete, bis er mit neuer Kraft angetan wurde (vgl. Lk. 24,49). Jenes Anblasen mit dem Geiste war noch kein Befehl zu sofortiger Ausübung des Lehramtes, sondern nur ein Hinweis auf die bevorstehende Amtseinsetzung, welcher dem Petrus und den anderen Jüngern verbürgen sollte, dass ihre frühere Erwählung nicht vergeblich war. In der Zwischenzeit treiben sie ihr gewohntes, bürgerliches Geschäft. Paulus hat sogar noch während seiner apostolischen Tätigkeit mit seiner Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt erworben. Doch hatte er dabei seinen besonderen Grund; auch wird er seine Zeit so eingeteilt haben, dass das Lehramt nicht hinter dem Handwerk zurückstehen musste. Bei Petrus und seinen Gefährten stand es anders. Sie hatten in der Öffentlichkeit augenblicklich nichts zu tun und konnten sich also ganz ungehindert wieder einmal dem Fischerhandwerk zuwenden.

In derselbigen Nacht fingen sie nichts. Ihre Bemühungen während einer ganzen Nacht blieben erfolglos. Gott ließ das zu, weil er dadurch die Glaubwürdigkeit des nun folgenden Wunders in ein umso helleres Licht stellen wollte. Hätten sie vorher wenigstens eine kleine Anfangsbeute gemacht, so hätte man nachher nicht so zuversichtlich sagen können: das hat die Wunderkraft des Heilandes bewirkt! Nun aber ist alle nächtliche Arbeit vergebens gewesen. Wenn sie da so plötzlich diesen überreichen Fang machen, ist ihnen wahrlich die beste Gelegenheit gegeben, eine besondere Gnadengabe des Herrn darin zu erkennen. Gott übt in ganz derselben Weise oftmals seine Gläubigen, um ihnen dadurch die Augen für seinen Segen zu öffnen. Hätten wir immer frohes Gelingen, sobald wir nur die Hände regen, so würde kaum einer den immerwährenden Segen Gottes mit Dank hinnehmen! Man würde dann sagen: das kommt davon, dass ich gearbeitet habe! Dann würde jeder mit seinem Fleiße prahlen und statt Gottes Hände, die eigenen Hände küssen. Müht und plagt man sich dagegen einmal eine Zeit lang ohne jeden Erfolg, so muss man in jedem späteren Gelingen eine außerordentliche Gottesgabe erkennen. So kommt es, dass man beginnt, dem gnädigen Gott für glücklichen Erfolg Lob und Dank zu sagen.

V. 6. Werfet das Netz zur Rechten. Christus redet nicht im Befehlstone zufolge seines Rechtes und seiner Würde als Meister und Herr, sondern er erteilt den Fischern guten Rat, als wäre er ein Landsmann, der gerade des Weges kommt. Die Jünger wissen sich selbst nicht zu raten, noch zu helfen. So befolgen sie denn willig den Rat des Unbekannten. Hätte er ihnen, ehe sie in jener Nacht zum ersten Male das Netz auswarfen, diesen Rat gegeben, so wären sie vielleicht nicht so bereit gewesen, ihm Folge zu leisten. Ich hebe diesen kleinen Zug unserer Geschichte hervor, damit man den Grund ihrer Willfährigkeit durchschaue: sie sind durch die ermüdende, langanhaltende und noch obendrein ganz nutzlose Arbeit mürbe geworden. Immerhin ein Beweis, mit welch einer Geduld sie ihr Werk betreiben: es ist Tag geworden, und die Sonne sieht sie noch bei derselben Arbeit, die sie mit solchem Misserfolg die ganze Nacht hindurch getan haben! Auf jeden Fall muss also ein Mensch, der Gottes Segen erleben möchte, ihn mit standhafter Treue erwarten; denn es gibt nichts Verkehrteres, als die Hand sofort vom Werk abzuziehen, wenn es keine Frucht zu bringen scheint. Dass die Jünger ernstlich gearbeitet haben, dafür bürgt auch der Umstand, dass Petrus die Kleider abgelegt hat. Und jetzt lassen sie sich auch einen neuen Versuch nicht verdrießen, um ja keine Gelegenheit zu versäumen. Dass sie nun dem Gebote Christi folgen, kann man nicht auf Rechnung ihres Glaubens setzen. Sein Wort ist für sie einstweilen noch das eines unbekannten Mannes. Wir wollen hier lernen, dass auch ein beschwerlicher Beruf, in welchem die Arbeit keine Frucht zu bringen scheint, uns nur zum Aufmerken auf Gottes Mahnungen treiben soll. Wo Gott uns antreibt, fortzufahren, da kann zu seiner Zeit der glückliche Erfolg nicht ausbleiben.

Und konnten es nicht mehr ziehen. Zunächst hat Christus dadurch einen Beweis seiner Wunderkraft gegeben, dass er den Jüngern einen so reichen Fischfang bescherte, zweitens aber dadurch, dass er durch eine geheime Wirkung das Netz vor dem Zerreißen und Auseinanderbrechen bewahrte. Noch weitere Einzelumstände werden uns geschildert (V. 9): als die Jünger ans Land steigen, finden sie am Ufer ein brennendes Kohlenfeuer, über dem Fische zubereitet werden, ja es fehlt auch nicht am Brot zu den Fischen. Die Zahl der Fische (V. 11) irgendwie geheimnisvoll ausdeuten zu wollen, halte ich für kindische Spielerei.

V. 7. Da spricht der Jünger usw. Der Evangelist lehrt uns hier durch das eigene Beispiel, die Herzen zu Gott zu erheben, so oft wir wider Erwarten guten Erfolg haben. Es muss uns sofort in den Sinn kommen, dass solche Wohltaten aus der Gnade des Gottes fließen, der alle guten Gaben gibt. Fromme Erkenntlichkeit für die fromme Gnade, wie sie in der Seele des Johannes wohnte, befähigte ihn, zu erkennen, dass der am Ufer Stehende Christus war. Nicht mit Leibesaugen erkennt er Christum; aber weil er fest überzeugt ist, dass dieser Fischreichtum nur eine Gabe Gottes sein kann, zieht er den Schluss, dass der Mann, dessen Wort ihre Hände gelenkt hat, Christus sein muss. Bei Johannes zuerst zeigt sich der Glaube. Petrus aber übertrifft ihn an Eifer und Schnelligkeit. Der Gefahr nicht achtend, wirft er sich in die See. Die anderen folgen im Kahn. Zuletzt sind sie alle bei Christo, aber die glühende Liebe des Petrus hat doch die anderen weit überflügelt. Übrigens ist es zweifelhaft, ob er, um ans Ufer zu gelangen, durch tieferes Wasser schwimmen oder durch leichteres gehen musste. Es mag uns genug sein, im Auge zu behalten: Petrus strebte, das Schiff verlassend, so eilig zu Jesu hin, nicht aus blindem Antriebe und in tollkühnem Wagemut, sondern weil er innerlich in dem Maße seines heiligen Eifers den anderen voraus war.

V. 10. Bringt her von den Fischen. Obgleich das Netz ohne große Mühe der Fischer sich in einem Augenblick gefüllt hatte, redet Christus doch von „Fischen, die ihr jetzt gefangen habt.“ So nennen wir ja auch das Brot, das wir eingestandenermaßen auf unser Gebet hin aus den segnenden Händen Gottes nehmen, „unser täglich Brot.“

V. 12. Niemand unter den Jüngern wagte ihn zu fragen. Kam diese Zurückhaltung aus ehrerbietiger Scheu oder woher sonst? Wäre noch ein wirklicher Zweifel vorhanden gewesen, so würde Jesus ihn ausdrücklich beseitigt haben. Dass die Jünger nicht fragen, erklärt sich also einfach daraus, dass es ihnen völlig feststand, mit Jesu zu tun zu haben. Da man doch nur nach dunkeln und ungewissen Sachen sich zu erkundigen pflegt, so wäre in diesem Falle Christo gegenüber, der sich doch an deutlichen Zeichen zu erkennen gegeben hatte, eine Frage geradezu eine Beleidigung gewesen.

V. 14. Das ist nun das dritte Mal usw. Dabei ist nicht an jede einzelne Erscheinung gedacht, deren schon mehr als sieben waren. Der Evangelist rechnet vielmehr gruppenweise die Erscheinungen je eines Tages zusammen: in diesem Betracht ist es das dritte Mal, dass Jesus es unternimmt, den Glauben an seine Auferstehung zu stärken.

V. 15. Da sie nun das Mahl gehalten hatten. Jetzt erzählt der Evangelist, wie Petrus wieder auf die Ehrenstufe, von der er herabgeglitten war, hinaufgehoben wurde. Die treulose Verleugnung des Heilandes hat ihn des Apostelamtes unwürdig gemacht. Wie sollte einer, der so schmählich vom Glauben abtrünnig geworden war, der geeignete Mann sein, eben diesen Glauben anderen beizubringen? Gewählt war er zum Apostel. Gewählt war dazu Judas auch. Als er nun seinen Posten feige verließ, da fiel eben dadurch auch die Würde seines Apostelamtes zu Boden. Hier gibt ihm Jesus wieder die Lehrerlaubnis und die Lehrvollmacht, deren beider er durch eigene Schuld verlustig gegangen war. Und damit künftig der Schimpf, abgefallen gewesen zu sein, ihm in seinem Apostelberufe nicht hinderlich sei, tilgt Christus das Gedächtnis an diesen Fall völlig aus. Einer solchen Wiedereinsetzung in volle Ehren und Würden bedurfte Petrus selbst; aber sie war auch um seiner dereinstigen Hörer willen notwendig. Für ihn war sie nötig, damit er in voller Gewissheit seiner erneuten Berufung sein Amt wieder mutig angreifen konnte. Für die Hörer des Petrus war sie notwendig, damit nicht der an dem Menschen haftende Makel dem Evangelium selbst Verachtung zuzöge. Auch uns heutzutage ist recht viel daran gelegen, dass Petrus als ein neuer Mensch zu uns kommt, dessen Schande weggenommen ist, und dem infolge dessen an Würde nichts gebricht.

Hast du mich lieber, denn mich diese haben? Damit erklärt Christus: Treu der Gemeinde dienen, mit Fleiß und wahrer Liebe die Herde weiden kann nur der, welcher höher sieht, als auf Menschen. Denn erstlich ist das Hirtenamt, wenn man das Amt an und für sich betrachtet, mühevoll und beschwerlich, da ja nichts schwieriger ist, als Menschen unter Gottes Joch zu halten: denn viele von ihnen sind schwach, andere sind leichtfertig und trotzig, andere langsam und träge, andere wieder hartköpfig und hartherzig. Satan beeilt sich gar bald, so viele Anstöße, als er nur vermag, einem guten Hirten in den Weg zu werfen; er hat die Absicht, ihn dadurch zu schwächen und zu entmutigen. Dazu kommt dann der Undank vieler und anderer Ursachen, die einem das Amt überdrüssig machen können. Kein Mensch wird darin unentwegt treu ausharren, der nicht in seinem Herzen die Liebe Christi wohnen und thronen hat. Sie allein macht einen Hirten fähig, sich selbst zu vergessen und in völliger Hingabe an Jesum alle Hindernisse zu besiegen. Dass es mit Paulus so stand, sagt er im 2. Briefe an die Korinther (5, 14), wo wir lesen: „Die Liebe Christi dringet uns also; sintemal wir halten, dass, so Einer für Alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben.“ Da denkt er zwar an die Liebe, mit der Christus uns umfängt, und für welche er den Beweis durch seinen Tod erbracht hat, aber daran schließt sich doch sofort die durch den Opfertod Jesu erweckte Gegenliebe. An einer anderen Stelle (1. Kor. 16, 22) kennzeichnet Paulus als gottlose, falsche Lehrer, welche die Kirche verwirren, diejenigen, welche den Herrn Jesum Christ nicht lieb haben. Möchten doch alle, die zur Leitung der Gemeinde berufen werden, daran denken, dass, wenn sie wünschen ihr Amt recht und gut auszuüben, sie damit bei sich selbst inwendig den Anfang zu machen haben, indem sie Christum herzlich lieben.

Bei dieser Gelegenheit bezeugt Christus in der leuchtendsten Weise, wie innig ihm unser Heil am Herzen liegt, nämlich dadurch, dass er es allen Hirten seiner Herde so dringend anempfiehlt. Wie sehr sie ihn als Heiland lieben, dafür soll ihm das untrügliche Merkzeichen sein, ob sie mit treuer Sorge das Heil der einzelnen Seelen im Auge haben. Gewiss konnte nichts Wirkungsvolleres gesagt werden, um die Diener des Evangeliums anzufeuern, als dies, dass treue Hirtensorge für seine Herde ihm selbst der liebste Dienst sein wird. Alle Frommen aber dürfen daraus einen besonders schönen Trost schöpfen, dass sie vernehmen, wie lieb und teuer sie dem Sohne Gottes sind; setzt er sie doch an seinen eigenen Platz, indem er die Liebe, die der Apostel zu ihm hegt, auf die Schafe seiner Herde übertragen sehen will.

Falsche Lehrer dagegen, die durch ihre Wirksamkeit der Gemeinde Schaden zufügen, müssen angesichts dieser Aussprüche Jesu aufs tiefste erschrecken. Indem sie die Gemeinde schädigen, verletzen und misshandeln sie Christum selbst, womit sie eine schwere Verantwortung auf sich ziehen.

Weide meine Lämmer. Den Ausdruck „weiden“ braucht die Schrift bildlich für jede Art von Herrschaft. Hier handelt es sich um die geistliche Leitung der Gemeinde. Da ist es der Mühe wert, anzugeben, worin des Näheren die Pflicht eines geistlichen Hirten besteht. Es ist hier keine Würde gemeint, die man mit Nichtstun ausfüllen kann. Christus überträgt hier nicht einem sterblichen Menschen eine Herrschaft, die er ohne klare Überlegung nach Willkür ausüben mag.

Im zehnten Kapitel sehen wir, dass Christus im Grunde genommen ganz allein der Hirt der Gemeinde ist. Wir haben gesehen, weshalb er sich diesen Namen beilegt: er regiert und weidet seine Schafe mit der Lehre des Heils; er selbst ist die wahre Seelenspeise. Weil er sich nun aber zur Verkündigung seiner Lehre der Tätigkeit der Menschen bedient, so überträgt er auch seinen Hirtennamen auf sie, ja er teilt sich mit ihnen in diesen Namen. Als rechte Hirten gelten vor Gott nur die, welche als Diener des Wortes, unter Christo als dem Haupte stehend, die Gemeinde regieren. Daraus kann man ersehen, was für eine Last der Herr dem Petrus hier auferlegt und unter welcher Bedingung er ihn an die Spitze seiner Herde stellt.

Von hier aus ist auch die Verdrehung, die man römischerseits mit dieser Stelle vornimmt, um daraus die Tyrannei des Papsttums als berechtigt zu erweisen, gründlich zu widerlegen. Denn dass Petrus Christi Schafen weiden sollte, bedeutete für ihn keine Auszeichnung vor den übrigen Aposteln. Vielmehr war dies Wort an ihn einfach dadurch veranlasst, dass er in der beschriebenen Weise wieder in sein Amt eingesetzt werden musste. Entsprechend der dreimaligen Verleugnung wird ihm drei Mal das Hirtenamt angetragen. Übrigens ist dem Petrus mit diesen Worten nichts gegeben worden, was nicht in ganz derselben Weise jeder andere Diener des Evangeliums zugewiesen bekommt. Es ist also ganz vergebliche Mühe, wenn die Anhänger des Papsttums sich dafür ereifern, Petrus sei der Apostelfürst, dem Range nach der Erste, weil er ganz allein in besonderer Weise zum Hirten berufen worden sei. Aber selbst wenn wir dies einmal zugeben wollten, so ist doch noch immer keine Rede davon, dass der Apostelfürst in dieser seiner Stellung einen Nachfolger haben könne und solle. Solchen Erbanspruch zu erheben hätte Mohammed genau so viel Recht, als der Papst.

V. 16. Weide meine Schafe! Nicht alle Menschen ohne Unterschied übergibt der Herr dem Petrus und anderen Hirten, dass sie dieselben weiden, sondern nur seine Lämmer und Schafe. Früher (10,27) hat er bestimmt erklärt, welche Leute er unter seinen Schafen versteht, nämlich die, welche seine Stimme hören und ihm folgen, dagegen auf die Stimme eines Fremden nicht achten. Rechtschaffene Lehrer zwar müssen sich bemühen, alle Menschen um das Evangelium von Christo zu sammeln. Weil sie eben selbst nicht unterscheiden können, wer schon zu den Schafen und wer noch zu den wilden Tieren gehört, müssen sie auf alle Weise versuchen, diejenigen, welche eher Wölfen als Schafen gleichen, sanftmütig zu machen. Haben sie sich dazu alle Mühe gegeben, so wird ihre Arbeit schließlich doch nur den auserlesenen Schafen der Herde Christi zugute kommen. Diese werden willig, die Lehre anzunehmen und im Glauben zu wandeln, weil der himmlische Vater sie dem Sohne übergibt, ihm zu gehorchen, nachdem er sie vor Grundlegung der Welt auserwählt hat. Übrigens mögen wir aus dem Ausdruck „Schafe“ und „Lämmer“ abnehmen, dass nur sanftmütige und gelehrige Menschen auf der Weide der christlichen Lehre zum Heil in Christo geführt werden können. Freilich hat der Geist Gottes schon oft solche, die von Natur Bären oder Löwen waren, zahm gemacht.

V. 17. Petrus ward traurig. Ohne Zweifel merkt Petrus nicht, worauf Christus mit seiner wiederholten Frage hinaus will. Er meint wahrscheinlich, Jesus habe ihn im Verdacht, dass seine Antwort nicht aus aufrichtigem Herzen komme. Wir haben aber bereits gezeigt (zu V. 15), welchen guten Sinn die dreimalige Wiederholung der gleichen Frage hatte. Ferner hatte Petrus noch keine genügende Erfahrung davon, wie gründlich in den Herzen derer, die zahllose Schwierigkeiten überwinden sollen, die Liebe zu Christo festgewurzelt sein muss. Nachher hat er, vom Leben immer wieder darauf hingewiesen, es gelernt, dass Jesus eine solche Prüfung nicht grundlos abgehalten hat. Der gleichen Belehrung bedürfen alle, welche die Sorge der Gemeindeleitung auf sich nehmen wollen. Möchten sie sich doch nicht nur oberflächlich, sondern recht eingehend und ernstlich prüfen, ob ihre Liebe zu Christo auch wirklich in starkem Eifer glüht, damit sie nicht nachher mitten auf ihrer Bahn die Lust verlieren und die Hand vom Werke lassen, oder gar ganz von Jesu abkommen!

Uns alle will diese Geschichte lehren, mit sanftem, geduldigem Geiste stille zu halten, wenn der Herr uns einmal in eine solche scharfe Prüfung nimmt; er hat seine guten Gründe dabei, die wir freilich zumeist nicht kennen.

V. 18. Wahrlich, wahrlich, ich sage dir. Nachdem Christus den Petrus ermahnt hat, die Schafe zu weiden, legt er ihm nun auch die Rüstung an, in der er gut gewappnet der Bosheit, die ihn bedrohte, entgegengehen konnte. Der Heiland fordert von seinem Jünger nicht bloß Glauben und Fleiß, sondern auch in Gefahren einen unüberwindlichen Mut und beim Tragen des Kreuzes unerschütterliche Standhaftigkeit. Er befiehlt seinem Apostel, bereit zu sein, wenn es nottut, in seinem Beruf in den Tod zu gehen. Wenn nun auch nicht alle Hirten in diese Lage kommen, so passt doch diese Ermahnung in irgendwelcher Beziehung auf jeden. Mit vielen geht der Herr schonend um: er verlangt ihr Blut nicht, sondern begnügt sich damit, dass sie in ihrem Leben sich ihm in rechter Treue weihen. Da aber Satan immerzu neue Kämpfe mannigfaltigster Art erregt, so ist es nötig, dass alle diejenigen, welche das geistliche Hirtenamt übernehmen, sich zum Sterben fertig machen, so gewiss sie nicht mit Schafen allein, sondern auch mit Wölfen zu tun haben. Was den Petrus angeht, so wollte Christus ihm im Voraus eine Mahnung an sein Ende geben, damit er beständig daran dächte: Ich muss dereinst die Lehre, deren Diener ich bin, mit dem eigenen Blute bekräftigen!

Doch scheinen Christi Worte gar nicht bloß in Rücksicht auf Petrus, sondern auch auf die anderen Jünger gesprochen: der ehrenvolle Ausblick auf das Märtyrertum soll ihnen zeigen, dass Petrus sich dereinst ganz anders, als zuvor im Kampfe tapfer beweisen wird.

Da du jünger warst. Nach allgemeiner Ansicht ist das Greisenalter für die Ruhe des Feierabends bestimmt. In Rücksicht darauf pflegt man Männern in höheren Jahren öffentliche Lasten abzunehmen. Ein alter Kriegsmann hat seinen Ruhestand wohl verdient und nimmt deshalb seinen Abschied von der Waffe. So konnte auch Petrus sich in die Hoffnung einwiegen: bist du einmal alt, so bekommst du auch deine Ruhe. Dem gegenüber spricht es Christus klar aus: Als Jüngling hast du nach deinem Willen leben können, als Greis wirst du von einem fremden Willen regiert werden. Es geht also in deinem Leben gerade umgekehrt, als man es zu erwarten pflegt: sie werden dich mit rauer Hand anpacken und kein Erbarmen üben. –

Übrigens haben wir an dem Geschick des Petrus einen Spiegel, worin wir uns selber betrachten können. Viele leben angenehm und unbehelligt dahin, ehe der Ruf Christi an sie erschallt; haben sie sich aber erst ihrem Herrn und Meister zu eigen gegeben, so geht es alsbald oder doch nach kurzer Zeit schon in schwere Kämpfe hinein, ihr Leben wird ein Leben voller Aufregung und Unruhe, sie geraten oftmals in furchtbar gefährliche Lagen, ja es kommt vor, dass sie um ihres Glaubens willen den Tod erleiden müssen. Ein solches Los ist wohl hart, und dennoch sollte man es nicht unwillig ertragen. Bei alledem schont der Herr die Seinen. Er legt seinen Knechten das Kreuz, womit er sie prüfen will, erst dann auf, wenn ihre Kraft reif geworden ist, es zu tragen. Er kennt ja ihre Schwachheit recht gut und mutet ihnen keine größeren Opfer zu, als sie bringen können. So hat er auch mit Petrus Nachsicht geübt, solange er sah, dass er noch zart und dem Märtyrertum nicht gewachsen war. Lasst uns lernen, uns bis zum letzten Atemzug Christo zur Verfügung zu stellen, doch unter der Bedingung, dass er uns Kraft verleihe. Gerade in diesem Punkte tritt bei vielen der schnöde Undank zutage. Je milder der Herr uns behandelt, desto mehr gewöhnen wir uns an die Annehmlichkeit eines solchen weichen Ruhepolsters. Hat dann der Herr lange Nachsicht geübt, und geht es nun einmal schärfer an uns, als sonst, so ist unter hundert Christen kaum einer, der das nicht sehr unleidlich findet. Welch ein Unrecht! Da wäre doch vielmehr Grund vorhanden, Gottes Freundlichkeit zu rühmen, die uns bis dahin geschont hat. So sagt auch Christus (Mt. 9,15), dass er seine Jünger, deren erst später Fasten und Tränen warteten, während seiner irdischen Gegenwart wie in der Hochzeitsfreude erhalten habe.

Ein anderer wird dich gürten. Viele Ausleger finden hier eine Hindeutung auf die Todesart des Petrus, dass er mit ausgebreiteten Armen ans Kreuz gehängt werden würde. Mir scheint es einfacher, an alle Tätigkeit zu denken, mit welcher der Mensch sich seinen Lebensweg selbst gestaltet. „Du gürtetest dich selbst“ heißt also: du zogst das Kleid an, das dir beliebte. „Ein anderer wird dich gürten“ muss dann heißen: Später wirst du nicht einmal in der Wahl deiner Kleidung mehr einen freien Willen haben. Außerdem ist es auch durchaus nicht sicher verbürgt, wie Petrus eigentlich gestorben ist. Lieber sollen wir offen eingestehen, dass wir von seiner Todesart nichts wissen, als dass wir Fabeln von zweifelhafter Beschaffenheit Glauben schenken.

Führen, wo du nicht hinwillst. Der Sinn ist: nicht Altersschwäche, sondern Gewalt und Schwert wird Ursache deines Todes sein! Sonderbar erscheint nur, dass Christus sagt, der Tod des Petrus werde kein freiwilliger sein. Wenn jemand gegen seinen Willen zum Tode geführt wird, so ist er noch nicht einmal als ein standhafter, beherzter Mensch zu rühmen, geschweige denn als ein Märtyrer. Christus meint jedoch etwas ganz anderes. Er bezieht seine Worte auf den Widerstreit von Geist und Fleisch untereinander, wie ihn die Gläubigen verspüren. Niemals folgen wir Gott mit so freiem, von aller anderen Beeinflussung als dem Gebote Gottes abgelösten Gehorsam, dass nicht doch Welt und Fleisch mit Stricken der Verführung uns in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen suchten. Daher rührt die Klage des Paulus (Röm. 7,19): „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht.“ Außerdem ist zu beachten, dass wir alle einen natürlichen Schauder vor dem Tode haben; unsere Leiblichkeit kann nicht nach ihrer eigenen Auflösung verlangen. Daher betet Christus, obwohl er von ganzem Herzen willig ist, Gott zu gehorchen, dennoch um Abwendung des Todes, wenn es möglich sei. Nimmt man noch hinzu, dass dem Petrus schreckliche Qualen vonseiten boshafter Menschen bevorstanden, so wird man sich nicht darüber wundern, wenn er in gewissem Sinne vor einem solchen Sterben zurückscheute. Dass er aber bei alledem sich seinem Herrn in wirklichem Gehorsam aufopferte, wird uns völlig klar werden, wenn wir bedenken, dass er eben den Tod, dem er nach seinem natürlichen Gefühl gern entgangen wäre, willig auf sich nahm, weil er es so als Gottes Willen erkannt hatte. Wäre mit solchem Märtyrertum kein seelisches Leid verbunden, so müsste man ja von der Geduld der Märtyrer ganz schweigen.

Es ist sehr nützlich, diese Lehre zu durchdenken. Sie bewegt auch uns zum Beten, da wir ja niemals imstande sein würden, ohne ganz besondere Hilfe Gottes die Todesfurcht zu überwinden. So bleibt uns denn nichts anders übrig, als uns in Gebet und Flehen ihm darzubieten: „Regiere uns ganz, o Gott!“ Ferner hat die besprochene Lehre den Wert, unsere Herzen zu erleichtern, damit sie nicht unter übergroßer Last zusammenbrechen, wenn sich Verfolgungen gegen uns erheben, und wir schon zu zagen beginnen. Wollten wir uns freilich einbilden, dass wahren Märtyrern jede Furcht fremd wäre, so müsste es uns zur Verzweiflung treiben, wenn in unserem Herzen noch die Furcht sich regt. Doch ist gar kein Grund vorhanden, dass wir uns von dem Vorsatz, ihrem Beispiel zu folgen, dadurch abschrecken lassen, dass wir schwache Menschen sind. Auch sie haben menschliche Schwachheit verspürt; auch sie konnten nur im Kampf mit der eigenen Leidensscheu sterbend über die Feinde der Wahrheit triumphieren.

V. 19. Mit welchem Tode er Gott preisen würde. Dieser erklärende Zusatz ist von großem Gewichte. Allerdings soll es ja das Ziel alles Christenstrebens sein, dass wie im Leben und im Tode Gott gepriesen wird. Hier aber will der Ausdruck denen ein besonderes Lob spenden, die mit ihrem Blute das Evangelium besiegeln und den Jesusnamen als den besten preisen (vgl. Phil. 1,20). Möchte nie unsere Trägheit uns hindern, die recht Frucht aus solchem Märtyrertode zu gewinnen! Möchte unser Glaube vielmehr den Anstoß empfangen, dass wir immer besser der Verherrlichung Gottes dienen wollen!

Folge mir nach! Dies Wort zeigt dem Petrus, dass Jesus ihn mit dem Hinweis auf seinen gewaltsamen Tod zur Geduld im Leiden erziehen will. Jesus will sagen: Du weißt ja, was ich ertragen habe. So folge denn, wenn du ebenso in den Tod gehen musst, mir als deinem Führer nach! Somit ist nicht von der Nachfolge im Allgemeinen die Rede, sondern ganz besonders von der Nachfolge in den Tod. Eine wundersame Linderung für alles Bittere, was das Sterben mit sich bringt, trägt dieser eine Gedanke in sich: Was hat doch Jesus erleiden müssen, der Sohn Gottes! Und wie ist er doch so siegreich aus dem Grabe hervorgegangen und hat mit seiner Auferstehung auch für uns den Tod überwunden!

V. 20. Petrus aber wandte sich um. An Petrus haben wir ein Beispiel für unsere nicht nur überflüssige, sondern geradezu schädlich Neugierde: das Schauen auf andere lässt uns die eigene Pflicht aus den Augen verlieren. Das hängt uns ja fast allen an, dass wir mehr über das Leben anderer, als über das eigene Leben nachdenken und nun auf eitle Ausflüchte verfallen. Wie gern betrügen wir uns mit der Entschuldigung: die anderen sind nicht besser als ich! Ist denn die Trägheit eines anderen wirklich eine Entschuldigung für dich? Wie selten findet man doch einen Menschen, der sich das Wort des Paulus (Gal. 6,5) gesagt sein lässt: „Ein jeglicher wird seine Last tragen!“ Der Tadel, welchen der Herr hier über Petrus ausspricht, trifft also jeden, der über der Umschau auf das Treiben der Menschen, die um ihm sind, die ihm von Gott auferlegte Pflicht versäumt. Was ist es doch für ein närrischer Wahn, wenn ein Mensch sorglos an den Pflichten vorübergeht, die gerade ihm, und niemandem genau in derselben Weise wie ihm, durch seine besondere Berufung zugewiesen sind! Aus zehn Menschen wählt Gott sich einen aus, dem er die schwersten Sorgen oder eine ungeheure Arbeitslast auflädt, - die anderen neun lässt er in Ruhe oder legt ihnen doch im Verhältnis zu dem einen nur wenig auf. Gott behandelt nun einmal nicht alle Menschen in derselben Weise. Einzelne Menschen sucht er sich in ganz besonderer Weise aus den übrigen heraus. Die Art, in der wir als Streiter Christi zum Dienst unseres Gottes herangezogen werden, ist eine recht verschiedene. Möge nur jeder da, wo er steht, seinen Platz ausfüllen. Wir müssen noch immer mehr die Unart ablegen, dass wir neugierig zu erlauschen suchen, was unser himmlischer Feldherr anderen befiehlt! Er wird ihnen schon die rechten Befehle erteilen. Das ist seine Sache. Darum haben wir uns nicht weiter zu kümmern. Unsere Sache ist es, zufrieden zu sein mit dem Befehl, der uns erteilt ist, und unsere Aufgabe auszuführen, ohne rechts oder links zu sehen.

Welchen Jesus lieb hatte. Diese Erläuterung wird hier eingeschoben, damit wir wissen, was den Petrus zu der hier berichteten Anfrage veranlasst hat. Es kam ihm sonderbar vor, dass nur er berufen wurde, und Jesus von Johannes gar nichts sagte, den er doch stets ganz besonders lieb gehabt hatte. Ein Vorwand fehlte also dem Petrus bei seiner Anfrage nicht. Jesus aber lässt diesen Vorwand nicht gelten, sondern entgegnet ihm: Was andere tun sollen, geht dich nichts an; gehorche du nur der Berufung, die Gott an dich ergehen lässt.

V. 22. So ich will, dass er bleibe usw. Mit diesen Worten will Christus seinen Jünger innerhalb der Schranken seines besonderen Berufes festhalten: Es ist nicht schön von dir, dass du danach forschest, was ich mit deinem Amtsgenossen vorhabe; das überlasse doch mir! Denke jetzt nur an dich! Mache dich bereit, dass du dem Rufe Gottes folgst, wohin er dich auch gehen heißt! –

Jesus will nun freilich nicht sagen, dass wir gegen das Los unserer Brüder gleichgültig sein sollen; ist es doch sein Gebot, dass wir sie lieb haben. Aber wir müssen genau die Grenze innehalten. Herzlichen Anteil gilt es an dem Geschick anderer zu nehmen. Neugier dagegen, die uns in unserem eigenen Berufe lähmt, ist für Christen ganz und gar ungehörig. Insofern als wir uns alle Mühe geben sollen, auch andere zur Nachfolge in Christi Fußstapfen mit fortzureißen, hat jeder von uns auf seine Nächsten Rücksicht zu nehmen. Insofern aber, als der Blick auf andere uns matt machen kann in der Nachfolge Christi, sollen wir uns um den Nächsten durchaus nicht kümmern.

V. 23. Da ging eine Rede aus. Johannes berichtet endlich, wie der Missverstand dieser Worte Jesu unter den Jüngern den Irrtum aufgebracht habe, dass er nicht sterben werde. Unter den Brüdern versteht er zunächst die Anfänger der großen christlichen Familie, also die Apostel, welche Jesu Worte mit anhörten. Im weiteren Sinne ist auch die ganze Christengemeinde gemeint, in welche dieser Irrtum „ausging“. Dass er sich hier besonders festsetzte, kann ja nicht wunder nehmen, wo ihm doch Christi vertrauteste Jünger zuerst verfallen waren. So geht es aber, wenn wir dem göttlichen Lichte etwas von unserer eigenen Finsternis beimischen. Christus hatte gar nichts Bestimmtes über das Geschick des Johannes aussagen wollen; er wollte nur auch ihm gegenüber für sich vollkommen frei Verfügung über Leben und Tod in Anspruch nehmen. Seine Liebe war somit an und für sich einfach und heilsam. Die Jünger aber gehen weit über den Wortlaut hinaus. Wollen wir uns vor der Gefahr sichern, welcher sie erlegen sind, so müssen wir uns in rechter Nüchternheit selbst Schranken setzen. Aber das ist gerade das Üble: der Menschengeist liebt die Ungebundenheit; so rennt er denn in vollem Lauf mitten in allerlei Einbildungen und leere Gedanken hinein. So kommt man nie aus dem Irrtum heraus, es sei denn, dass man einfach annimmt, was der Herr selbst gesagt hat, und menschliche Fündlein, die davon abweichen, unbeachtet lässt.

V. 24. Dies ist der Jünger usw. Da Johannes bisher immer in der dritten Person von sich geredet hat, so tritt er jetzt endlich mit großem Nachdruck als Augenzeuge hervor, um dem, was er aus eigner Erfahrung berichtet hat, ein volles Gewicht zu verschaffen. Damit nun aber gegen ihn als den Lieblingsjünger Jesu nicht etwa der Verdacht aufkomme, als habe er Schönfärberei zu Gunsten seines Meisters getrieben, bemerkt er ausdrücklich, dass er ganz im Gegenteil sehr vieles übergangen und von Christi Taten nur solche mitgeteilt habe, die mit seinem öffentlichen Amte in Verbindung standen. Dabei darf man es nicht für eine alberne Übertreibung ansehen, wenn Johannes zum Schluss (V. 25) sich einer Wendung bedient, wie man sie ähnlich in weltlichen Schriften vielfach antrifft. Man sehe doch nicht nur auf die Zahl der uns berichteten Taten Christi! Der Sache entspricht es vielmehr, dass man das Schwergewicht und die Größe seiner Taten erwägt. Christi göttliche Majestät, die mit ihrer Unendlichkeit nicht nur die Gedanken der Menschen, sondern, wie man kühnlich sagen darf, Himmel und Erde weit hinter sich lässt, hat ihren wunderbaren Glanz darin hervorleuchten lassen.

Wenn der Evangelist auf ihn seine Blicke richtet und nun, aufs tiefste bewegt, ausruft: Wollte man ihn beschreiben, wie er es verdiente, so wäre die weite Welt zu klein, alle die Bücher zu fassen! –

Kann man sich da über diesen Ausdruck wundern? Nein, es ist kein Grund vorhanden, ihm einen Vorwurf daraus zu machen, dass er einer Redewendung, die andere vor ihm so oft auf weit geringere Gegenstände angewandt haben, sich bedient, um auf Christi überragende Werke hinzuweisen. Wir wissen ja, dass Gott sich in der heiligen Schrift gar oft der geläufigen menschlichen Redeweise bis zum herablassenden Stammeln anbequemt, um unserem Verständnis entgegen zu kommen.

Übrigens ist im Gedächtnis zu behalten, war wir schon früher bemerkten (20,31), dass der kurze Abriss von den Taten und Reden unseres Heilandes, den die Evangelisten in ihren Schriften hinterlassen haben, vollkommen genügt, uns in dem rechten Glauben zu unterweisen und uns das Heil in Christo zu bringen. Der weiß genug und übergenug, welcher sich von den Evangelisten belehren lässt und ihren Unterricht treulich zu Herzen nimmt. Gott der Herr hat ihnen die Aufgabe zuerteilt, uns von Jesu zu erzählen. Sie haben redlich ihre Pflicht getan. Nun ist es unsere Pflicht, uns ganz und gar von ihrem Zeugnis abhängig zu machen und nicht mehr zu begehren, als was ihnen zu berichten anbefohlen wurde, zumal Gottes Vorsehung ihre Feder gelenkt hat, damit sie uns nicht mit endlos langen Erzählungen beschwerten und dennoch bei der getroffenen Auswahl so viel erzählten, wie nach Gottes weisem Rate für uns gut war.

Er, unser Gott ist, allein weise und der Urquell aller Weisheit.

Ihm sei Ehre und Lob in Ewigkeit! Amen.