Deshalb heißt das Evangelium (Röm. 1, 16 f.) eine Kraft Gottes, die da
selig macht alle, die daran glauben, weil Gott darin seine Gerechtigkeit
offenbart, oder auch (2. Kor. 5, 19 f.) eine Botschaft, durch welche er
die Menschen mit sich versöhnt. Christus, das Unterpfand der göttlichen
Barmherzigkeit und der Liebe des Vaters zu uns, - das ist der Inhalt des
Evangeliums. So haben dann in besonderem Sinne den Namen „Evangelium“
die Geschichten erhalten, welche uns erzählen, wie Christus im Fleische
erschienen ist, wie er gestorben, vom Tode auferweckt und endlich wieder
in den Himmel aufgenommen worden ist. Man hat auch wohl das ganze neue
Testament als das Evangelium bezeichnet, in der Regel jedoch nur den
oben genannten Teil desselben. Weil übrigens die nackte
Geschichtserzählung nicht genügen würde, ja ohne Heilsbedeutung für uns
wäre, so erzählen die Evangelisten nicht bloß, dass Christus geboren
ward, starb und den Tod überwand, sondern auch, wozu das alles geschah,
und welchen Wert es für uns hat. Ein Unterschied zwischen den Evangelien
besteht darin, dass die ersten drei ausführlicher über Jesu Leben und
Sterben berichten, während unser Evangelist mehr bei der Lehre verweilt,
die uns Christi Amt sowie die Bedeutung seines Todes und seiner
Auferstehung darlegt. Matthäus, Markus und Lukas übergehen zwar nicht
mit Schweigen, dass Christus gekommen ist, um der Welt das Heil zu
bringen, um mit dem Opfer auf Golgatha die Sünden der Welt zu sühnen,
überhaupt um nach jeder Seite hin das Amt des Mittlers durchzuführen;
ebenso hält sich auch Johannes ab und zu bei der Geschichtsdarstellung
auf. Bei ihm tritt jedoch die Lehre, welche uns Kraft und Frucht des
Kommens Christi darlegt, weit klarer hervor als bei den anderen. Alle
vier haben die Absicht, Christum zu zeigen; man darf wohl sagen: die
ersten drei bringen den Leib, Johannes aber die Seele. Unser Evangelium
ist der Schlüssel für die drei anderen. Wer den starken Heiland, wie er
in diesem Buche uns vor die Seele gemalt wird, ergriffen hat, der wird
erst mit Nutzen lesen, was die anderen von ihm berichten. Man glaubt,
dass Johannes durch damals verbreitete, wider die Gottheit Christi
gerichtete Irrlehren sich zum Schreiben bewogen gefühlt habe, wie das
die frühesten Kirchengeschichtsschreiber schon erzählen. Welchen Grund
er immer dazu gehabt haben mag, unzweifelhaft hat Gottes Vorsehung mit
weitschauendem Blicke dabei über der christlichen Kirche gewaltet. Gott
hat den Evangelisten in die Feder gegeben, was sie schreiben sollten, um
ein einheitlich geschlossenes Ganzes zustande zu bringen, wozu jeder von
ihnen seinen Beitrag lieferte. Unsere Aufgabe besteht darin, die vier
wechselweise so untereinander zu vereinigen, dass wir uns von ihnen
allen zusammen sozusagen aus einem Munde belehren lassen. Wenn man dem
Johannes die vierte Stelle gegeben hat, so hat man dafür die
Abfassungszeit in Rechnung gezogen. Beim Lesen hält man besser eine
andere Reihenfolge inne. Um nachträglich bei Matthäus und den anderen
nachzulesen, dass Christus vom Vater uns gegeben worden ist, lernt man
zuerst von Johannes, zu welchem Zwecke er uns geoffenbart wurde.
Kapitel 1
V. 1. Im Anfang war das Wort. Mit
diesen einleitenden Sätzen predigt Johannes die ewige Gottheit
Christi; wir sollen wissen, dass der, welcher sich im Fleisch
offenbart hat, ewiger Gott ist. Der Evangelist will uns einprägen,
dass die Erneuerung der Menschheit durch den Sohn Gottes geschehen
musste. Durch seine Kraft ist alles geschaffen worden; er allein hat
allen Geschöpfen durch seinen Hauch das Leben und die Fähigkeit,
fortzubestehen, verliehen. Er hat zumal im Menschen selbst einen
einzigartigen Beweis seiner Macht und Huld gegeben. Ja, selbst nach
dem tiefen Falle Adams ist er noch immer der unermüdliche Freund und
Wohltäter auch gegen dessen Nachkommen geblieben. Das Verständnis
der hier enthaltenen Lehre ist dringend notwendig. Außerhalb der
Gemeinschaft mit Gott gibt es sicherlich weder Leben noch Heil. Wie
sollte dann aber unser Glaube sich auf Christum stützen können, wenn
das nicht vollkommen fest begründet wäre, was hier gelehrt wird? Der
Evangelist bezeugt also in diesen Worten, dass wir uns keineswegs
von dem einen ewigen Gott trennen, wenn wir an Christum glauben:
vielmehr wird jetzt durch ein und denselben, der schon vor dem
Sündenfall Quell und Urheber des Lebens war, den Erstorbenen das
Leben wiedergeschenkt. Der Grund, dass er den Sohn Gottes „das Wort“
nennt, scheint mir einfach darin zu liegen, dass zuerst Gottes
ewiger allweiser Wille und dann die ausgeprägte Darstellung seines
Rates existiert. Denn wie bei Menschen das Wort der Ausdruck der
Gesinnung ist, so überträgt man das mit gutem Grunde auch auf Gott
und sagt: durch sein Wort macht er sich für uns verständlich.
Freilich kann der entsprechende griechische Ausdruck („Logos“) nicht
bloß das Wort, sondern auch die Vernunft und dergl. bezeichnen.
Wollten wir aber hierauf weiter eingehen, würden wir uns in
Spekulationen verlieren, die den Umkreis des schlichten Glaubens
weit überschreiten. Auch Gottes Geist ist offenbar dergleichen
spitzfindigen Erörterungen durchaus abgeneigt; er redet mit uns in
der Schrift eine gar kindliche Sprache und ruft, ohne dazu
überflüssige Worte zu machen, uns zu: Nur so nüchtern wie möglich
über diese großen Geheimnisse denken!
Wenn Gott nun bei der Erschaffung der Welt sich durchs Wort
kundgetan hat, so war dies Wort selbstverständlich zuvor bei ihm
verborgen. Es steht in einer zweifachen Beziehung:
erstens auf Gott, zweitens auf die Menschen. Servede1),
der stolze Spanier, ein unklarer Kopf, behauptet, dies ewige Wort
sei damals, als es sich bei der Weltschöpfung zeigte, überhaupt erst
entstanden. Als sei es undenkbar, dass es existierte, ehe sich durch
seine Wirksamkeit sein Vorhandensein nach außen hin zu erkennen gab!
Etwas ganz anderes lehrt hier der Evangelist. Er bestimmt dem Worte
keinen zeitlichen Anfang, sondern schreitet weit über alle
Jahrhunderte hinweg, indem er sagt, es sei von Anfang an gewesen.
Worauf die angeführte falsche Auslegung, die man übrigens schon bei
den Anhängern des Arius2) findet,
sich beruft, weiß ich recht gut: Gott habe doch im Anfang Himmel und
Erde gemacht, und diese seien gewiss nicht ewig, - das Wort „Anfang“
werde mehr in Rücksicht auf die Reihenfolge, als zur Bezeichnung der
Ewigkeit angewendet. Diesem Einwand ist indes der Evangelist von
vornherein begegnet, indem er sagt, das Wort sei „bei Gott“ gewesen.
Wenn das Wort erst von einem bestimmten Zeitpunkt an existiert haben
soll, dann muss man in Gott selbst eine zeitliche Aufeinanderfolge
finden. Sicherlich hat durch das letztgenannte Satzglied Johannes
das Wort geflissentlich von allen geschaffenen Dingen unterscheiden
wollen. Es waren nämlich vielerlei Fragen möglich: Wo befand sich
denn dies Wort? Wie zeigte es sein Vorhandensein? Wie war es
beschaffen? Woran war es zu erkennen? Deshalb betont er, man dürfe
nicht an der Welt und den Bestandteilen der Schöpfung haften: es sei
vor dem Dasein der Welt stets mit Gott vereinigt gewesen. Stellen
denn die, welche „Anfang“ auf den Ursprung von Himmel und Erde
beziehen, nicht Christum auf eine Stufe mit der Welt, von der er
hier gerade so fein ausgenommen wird? Sie tun nicht allein dem
Gottessohn, sondern auch seinem ewigen Vater damit großes Unrecht,
indem sie diesen seiner Weisheit berauben. Sich Gott geschieden von
seiner Weisheit vorzustellen wäre frevelhaft; also muss man auch
bekennen, dass der Ursprung des Wortes nirgend anderswo, als in
Gottes ewiger Weisheit zu suchen ist.
Was „bei Gott“ war, muss ewig sein: es existierte längst, ehe es
äußerlich hervortrat. Einige Ausleger wollen dies schon aus dem
Gebrauch der Vergangenheitsform erschließen: „es war“ (im
Unterschied von „es ist gewesen“) soll auf einen bleibenden Zustand
deuten. Aber wo so viel auf dem Spiel steht, gilt es zuverlässigere
Gründe heranzuziehen. Uns muss genug sein, was ich angeführt habe,
nämlich, dass der Evangelist uns in das ewige Heiligtum Gottes, das
nie ein Fuß betrat, hineinführt, damit wir es wissen sollen: dort
ist das Wort gleichsam verborgen gewesen, bevor es sich durch die
Herstellung der Welt kundgab. Richtig bemerkt daher Augustin, der
hier erwähnte Anfang habe keinen Anfang. Ist auch in unserem Denken
erst der Vater zu setzen und dann seine Weisheit, so würde man ihn
doch seiner Ehre berauben, wollte man sich irgendeinen Zeitpunkt
vorstellen, in welchem er noch ohne Weisheit gewesen. Das ist eben
die ewige Zeugung, welche, wenn man die Worte gebrauchen darf,
unermesslich lange in Gott verborgen blieb, um danach lange Jahre
hindurch den Vätern unter dem Gesetz dunkel angedeutet und endlich
leibhaftig im Fleische dargestellt zu werden.
Und das Wort war bei Gott. So
bekommt, wie schon gesagt, der Sohn Gottes seinen Platz angewiesen
über der Welt und allen Geschöpfen und vor allen Jahrhunderten. Aber
zugleich wird ihm mit dieser Redewendung eine vom Vater
unterschiedene Seinsweise zuerteilt. Es würde von dem Evangelisten
recht verkehrt sein, zu sagen, der Sohn sei immer „mit“ oder „bei“
Gott gewesen, wenn er nicht irgendwie eine eigene Existenz in Gott
hätte. Es hat also diese Stelle Beweiskraft gegen die Irrlehre, nach
welcher Vater und Sohn ganz dasselbe sein sollen, da sie zeigt, dass
ein Unterschied zwischen Vater und Sohn ist. Ich habe schon oben die
Mahnung einfließen lassen, bei so großen Geheimnissen nüchtern zu
denken und bescheiden zu reden. Jedoch müssen wir die alten
Schriftsteller der christlichen Kirche gegen den Vorwurf
unbescheidenen Vorwitzes in Schutz nehmen; wo es ihnen unmöglich
war, in anderer Weise die rechte und reine Lehre gegen die
aalglatten Beweisführungen sich auszudenken, die nicht genau so in
der Bibel zu finden sind. Aussagen wollten sie damit ja nichts
anderes, als was nur in anderer Form in der heiligen Schrift selbst
vorkommt. So haben sie gesagt: In dem einen und einfachen Wesen
Gottes sind drei Hypostasen oder Personen. So haben sie die
unterscheidbaren Eigentümlichkeiten in Gott genannt, welche sich
unserem Nachdenken zur Betrachtung anbieten. Wie Gregor von Nazianz3) sagt,
es sei ihm unmöglich an den Einen zu denken, ohne dass alsbald Drei
in dem einen und um den einen Gott aufstrahlten.
Und das Wort war Gott. Damit
niemand über Christi Gottheit in Ungewissheit bleibe, sagt Johannes
klar heraus, er sei Gott. Da nun Gott der Einige ist, so ergibt
sich, dass Christus eines Wesens mit dem Vater und doch in
irgendeinem Punkte von ihm verschieden ist. Was nun die Einheit des
Wesens anbetrifft, so war es von Arius ein starkes Stück, wenn er,
um nicht zum Bekenntnis der ewigen Gottheit Christi gezwungen zu
sein, vorbrachte, dieser sei nur so eine Art Gott. Wir haben, wenn
wir hören, das Wort sei Gott gewesen, keinerlei Anlass, des Weiteren
hier über sein ewiges Wesen Streitverhandlungen zu führen.
V. 2. Dasselbige war im Anfang bei Gott. Um
uns das Vorhergesagte fester einzuprägen, fasst der Evangelist noch
einmal die beiden Gedanken kurz zusammen: das Wort ist immer
gewesen, und zwar bei Gott. Es soll uns dadurch einleuchten, dass
der Anfang, von dem er spricht, aller Zeit vorhergeht.
V. 3. Alle Dinge sind durch dasselbige
gemacht. Nachdem Johannes erklärt hat, das
Wort sei Gott, und sein ewiges Wesen gepredigt hat, tut er nun an
den Werken seine Gottheit dar. Damit führt er einen praktischen
Beweis, der unserem Verständnis am besten entspricht. Es würde uns
frostig berühren, wollte man ohne weiteres Christo den Namen „Gott“
beilegen, ohne dass unser Glaube an greifbarer Wirklichkeit merken
könnte, dass er das tatsächlich ist. Darum wählt der Apostel überaus
passend den vorliegenden Ausdruck, welcher die dem Sohne Gottes
eigentümliche Tätigkeit beschreibt. Bisweilen freilich sagt Paulus
schlichtweg: alles ist durch Gott (Römer 11, 36). Aber sobald es auf
einen Vergleich des Sohnes mit dem Vater ankommt, pflegt er genau so
zu unterscheiden wie Johannes hier tut (Kol. 1, 16). Es ist also
gebräuchlich zu sagen: der Vater hat alles durch den Sohn gemacht,
und: von Gott ist alles durch denselben, den Sohn. Darauf aber
zielt, wie gesagt, der Evangelist ab, dass alsbald bei der
Weltschöpfung das Wort oder der Sohn Gottes in äußere Wirksamkeit
hervorgegangen ist. Während er früher in seinem Wesen unerfasslich
war, ist damals seine Kraft durch eine Wirkung öffentlich bekannt
geworden. Auch einige Philosophen beschreiben Gott als den
Baumeister der Welt; sie gesellen ihm bei Ausführung dieses Werkes
die Vernunft zu. Das ist zwar richtig, denn es stimmt mit der
Schrift überein. Aber wir brauchen ihre Zeugnisse nicht besonders zu
begehren, denn neben solchen Lichtblicken finden sich bei ihnen
viele eitle Gedankengespinste. Vielmehr wollen wir uns gegenwärtig
halten, dass wir uns mit diesem Spruch, der ja vom Himmel herrührt,
begnügen dürfen, - ist doch auch viel mehr darin gesagt, als unser
Verstand zu fassen vermag.
Und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist. Es
gibt für diese Stelle verschiedene Lesarten. Ich lese, ohne darüber
mit einem, der anderer Meinung ist, zu streiten, in ununterbrochenem
Zusammenhange so: Nichts ist gemacht worden, was gemacht worden ist.
In diese Lesart vereinigen sich fast sämtliche griechische
Handschriften, wenigstens die maßgebenden. Außerdem fordert sie der
Gedankengang. Die Schriftforscher, welche das Satzglied „was gemacht
worden ist“ vom Vorhergehenden durch einen Punkt trennen, um es zum
Folgenden zu ziehen, bringen einen gezwungenen Sinn heraus: Was
gemacht worden ist, in dem war Leben, d. h.: es lebte oder blieb am
Leben. Ja, wenn sich nur ein Beispiel dafür beibringen ließe, dass
irgendwo anders in der Bibel so von den Geschöpfen geredet würde!
Bei der Verbindung mit dem vorigen entsteht auch keineswegs eine
unnütze Häufung der Worte. Auf jedem Wege sucht Satan Christo etwas
zu entreißen; da hat denn der Evangelist es ausdrücklich betonen
wollen, dass unter den Dingen, die gemacht worden sind, durchaus
keines eine Ausnahme bildet.
V. 4. In ihm war das Leben. Bis
hierher ist gelehrt worden: durch das Wort Gottes wurde alles
geschaffen. Jetzt erteilt ihm Johannes in gleicher Weise auch die
Erhaltung aller Dinge zu. Er will sagen: die Kraft des Wortes war
nicht bloß augenblicklich, um bald wieder zu verschwinden, bei der
Weltschöpfung wirksam; sie ist noch heute daran zu erkennen, dass es
eine beständige, feste Naturordnung gibt, - wie es Hebr. 1, 3 heißt:
Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort (oder Befehl).
Übrigens kann man je nachdem dies Leben ausdehnen auf die unbeseelte
Schöpfung, welche ja auch eine Art Leben, obgleich ohne Empfindung,
besitzt, oder auch allein auf die beseelte beschränken. Es kommt
wenig darauf an, wofür man sich entscheidet. Der einfache Sinn ist
der: das Wort Gottes war nicht nur der Quell des Lebens für alle
Geschöpfe, so dass das, was noch nicht war, zu sein anfing, - mehr
noch: durch seine lebenspendende Kraft kommt es dahin, dass sie
dauernden Bestand haben. Wenn nämlich sein Hauch nicht fortwährend
die Welt belebte, würde notwendigerweise sofort alles Lebendige
zusammensinken oder vernichtet werden. Was Paulus (Apg. 17, 28) Gott
zuschreibt: „In ihm leben, weben und sind wir“, – das verdanken wir,
wie Johannes bezeugt, dem Wort. Natürlich ist es Gott, der uns das
Leben spendet, aber: durch sein ewiges Wort.
Das Leben war das Licht der Menschen. Damit
wendet sich der Evangelist zu einer Erscheinung des Lebens, durch
welche die Menschen sich vor den übrigen lebenden Wesen auszeichnen.
Er meint: den Menschen ist nicht nur das gewöhnliche Leben gegeben
worden, sondern unmittelbar damit verbunden das Licht des
Verstandes. Aus der Zahl der Mitgeschöpfe hebt sich also der Mensch
heraus. Wir schauen die Kraft des lebendigen Gottes nicht nur aus
der Ferne, sondern verspüren sie in uns selbst. So erinnert Paulus
(Apg. 17, 27): wir brauchen Gott nicht in der Ferne zu suchen, er
offenbart sich ja inwendig in uns. Nachdem also der Evangelist eine
allgemeine Betrachtung des gnädigen Wirkens Christi vorausgeschickt
hat, zeigt er, um uns Menschen zu desto größerer Wertschätzung
desselben zu bewegen, was uns in besonderer Weise gegeben worden
ist. Die Menschen sind nicht den Tieren gleich geschaffen worden,
sondern nehmen als vernunftbegabte Geschöpfe einen höheren Rang ein.
Da nun Gott nicht umsonst sein Licht in ihrem Verstande angezündet
hat, so folgt daraus: sie sind geschaffen zu dem einen Zwecke, den
Urheber dieser besonderen Wohltat kennen zu lernen. Und da Gott den
Quell des Lichtes aus dem Brunnen des Wortes zu uns hingeleitet hat,
so hat dies Licht, die menschliche Vernunft, die Aufgabe, als
Spiegel zu dienen, worin wir die Kraft des Wortes deutlich schauen
sollen.
V. 5. Und das Licht scheint in der
Finsternis. Man könnte einwenden: die Menschen
werden an so vielen Stellen der Schrift blind genannt; auch ist die
Blindheit, die ihnen vorgeworfen wird, mehr als zur Genüge bekannt.
Elendiglich sind sie mit ihrer Vernunft in Eitelkeit geraten. Woher
sollen denn sonst all die Schlangenwege von Irrtümern in der Welt
kommen, als davon, dass die Menschen durch ihren Verstand sich
immerzu in Torheit und Lüge stürzen? Wenn in den Menschen keinerlei
Licht erscheint, so ist das Zeugnis von der Gottheit Christi
gelöscht, an das eben hier der Evangelist erinnert. Das war ja, wie
gesagt, die dritte Stufe: es ist in dem Leben, das die Menschen
haben, etwas weit Vorzüglicheres, als nur Bewegung und Odem. Diesen
Punkt behandelt der Evangelist hier weiter und erinnert zuerst
daran, dass man das Licht, mit dem anfänglich die Menschen beschenkt
worden waren, nicht nach ihrem gegenwärtigen Zustand beurteilen
dürfe, da ja in dieser von Sünde befleckten, entarteten Natur das
Licht in Finsternis verkehrt worden ist. Dabei gibt er jedoch nicht
zu, dass das Licht der Einsicht ganz und gar erloschen sei. Es
schimmert in der tiefen Verfinsterung der menschlichen Vernunft noch
einige Fünkchen des alten Glanzes.
Jetzt versteht der Leser die zwei Teile unseres Spruches. Der
Evangelist sagt, dass die jetzigen Menschen sich in einem großen
Abstand von jener unversehrten anfänglichen Naturbegabung befinden;
ihr Geist nämlich, der durch und durch hell und licht sein sollte,
ist in Finsternis versunken, elendiglich erblindet, und so ist
Christi Herrlichkeit in dieser verderbten Natur wie von Dunkelheit
überdeckt. Hingegen behauptet Johannes aber auch: Es sind mitten in
der Finsternis immer noch etliche Lichtreste, welche einigermaßen
noch Christi göttliche Kraft zeigen. Er gesteht die völlige
Blindheit des Menschengeistes zu, der nach Verdienst von der
Finsternis überwältigt worden ist. Er hätte vielleicht einen
milderen Ausdruck brauchen können, etwa: das Licht hat sich
verdunkelt oder verfinstert. Er wollte aber eine deutlichere
Bezeichnung dafür brauchen, wie unglückselig unsere Lage nach dem
Fall des ersten Menschen ist. Wenn er also sagt: „Das Licht scheint
in der Finsternis“, so will er damit in der verderbten Natur
durchaus nichts Lobenswertes finden, sondern vielmehr jeden Vorwand
für unsere Unwissenheit beseitigen.
Und die Finsternis hat es nicht begriffen. Obgleich
der Sohn Gottes vermöge des geringen Lichts, das uns noch verblieb,
immerdar die Menschen zu sich eingeladen hat, muss der Evangelist
dennoch sagen, dass es ohne jeden Erfolg geschehen ist, da sie
sehend doch nichts sahen. Denn seit der Entfremdung des Menschen von
Gott hält Unwissenheit dermaßen seinen Sinn überwältigt, dass der
darin enthaltene Lichtrest kraftlos und erloschen daliegt. Das
bestätigt auch die tägliche Erfahrung. Alle vom Geiste Gottes nicht
wiedergeborenen Menschen, wenn sie überhaupt Vernunft besitzen, sind
ein untrüglicher Beleg dafür, dass der Mensch nicht bloß, um zu
leben, sondern um zu erkennen geschaffen ist. Übrigens gelangen sie
durch die Leitung ihrer Vernunft nicht bis zu Gott hin, ja nicht
einmal nur bis in seine Nähe; so zeigt es sich: ihre ganze Einsicht
ist lauter Eitelkeit. Es würde folglich um das Heil der Menschen
geschehen sein, wenn Gott nicht von neuem Hilfe brächte. Wenngleich
der Sohn Gottes sein Licht auf sie ausgießt, sind sie doch so
stumpfen Sinnes, dass sie nicht begreifen, woher dies Licht stammt,
- im Gegenteil: sie fallen in einen Abgrund von Wahngedanken und
Verkehrtheiten hinein. An dem Licht, das noch heute in der
verderbten Natur verblieben ist, unterscheiden wir zwei
hervorragende Bestandteile. Allen Menschen sind gewisse Keime der
Religiosität angeboren, sodann ist in ihr Gewissen der Unterschied
zwischen Gut und Böse eingegraben. Aber was für Früchte gehen daraus
hervor? Die Religion entartet in tausenderlei scheußlichen
Ausgeburten des Aberglaubens; das irrende Gewissen verwirrt jedes
klare Urteil, sodass es die Begriffe von Laster und Tugend
verwechselt. Alles in allem genommen: niemals wird es die natürliche
Vernunft fertig bringen, den Menschen zu Christus zu führen. Weiter:
wenn die Menschen allerlei Weisheitsregeln für eine ordentliche
Lebensführung besitzen, wenn sie von Geburt zur Ausübung
ausgezeichneter Künste und Wissenschaften beanlagt sind, so bleibt
auch das eitel und ganz ohne Frucht. Freilich ist zu beachten: der
Evangelist redet nur von den natürlichen Gaben, die der Mensch
besitzt, und berührt noch nicht die Gnade der Wiedergeburt. Der Sohn
Gottes übt nämlich zwei verschiedene Wirkungsweisen: die erste,
welche sich bei dem Bau der Welt und der Ordnung der Natur kund tut,
die zweite aber, durch die er die in Trümmern daliegende Natur aufs
Neue zum Leben erweckt. Als das ewige Wort Gottes ist er der Mittler
der Weltschöpfung. Alles, was einmal durch seine Kraft Leben
empfangen hat, behält dasselbe auch. Der Mensch ist bevorzugt und
mit der Gabe des Verstandes geschmückt worden. Und obwohl er durch
seinen Abfall das Licht des Verstandes eingebüßt hat, vermag er doch
noch zu sehen und zu erkennen, dass das, was er von Natur von der
Gnade des Sohnes Gottes hat, nicht völlig ausgetilgt ist. Aber da er
das ihm noch verbliebene Licht durch seine Gleichgültigkeit und
Bosheit verdunkelt, so bleibt kein anderer Ausweg, als dass der Sohn
Gottes ein neues Amt übernimmt, nämlich das des Vermittlers, der den
verlorenen Menschen durch den Geist der Wiedergeburt erneuert. Nach
alledem kann ich es nicht billigen, wenn man das Licht, von welchem
hier die Rede ist, auf das Evangelium und die Heilslehre bezieht.
V. 6. Es ward ein Mensch. Jetzt
beginnt der Evangelist auseinanderzusetzen, wie das Wort Gottes sich
im Fleisch offenbart hat. Und damit niemand in Zweifel ziehe, dass
Christus der ewige Sohn Gottes ist, erzählt er aus sicherer
Erinnerung, wie der Heroldsruf Johannes des Täufers ihn gefeiert
hat. Denn Christus hat nicht nur den Menschen sich selber zu genauer
Betrachtung dargeboten, er wollte auch durch Zeugnis und Lehre des
Johannes bekannt werden. Ja, Gott der Vater war es, der diesen
Zeugen vor seinem Gesalbten her sandte; es umso leichter alle das
von ihm gebrachte Heil annehmen. Auf den ersten Blick könnte es
jedoch sinnlos erscheinen, dass von anderer Seite für Christus ein
Zeugnis abgelegt wird, als bedürfte er das. Dass das nicht der Fall
ist, spricht er selbst offen aus (Joh. 5, 34): „Ich suche kein
Zeugnis von einem Menschen.“ Wie bekannt, löst sich diese
Schwierigkeit leicht: nicht Christi, sondern unsertwegen ist dieser
Zeuge aufgestellt worden. Wenn jemand dem entgegenhielte:
Menschliches Zeugnis ist zu schwach, um zu beweisen, dass Christus
Gottes Sohn ist, - so ist auch da die Lösung nicht weit zu suchen:
der Täufer wird nicht als ein Zeuge, wie jeder beliebige,
aufgeführt, sondern es steht da, ausgerüstet mit göttlicher
Vollmacht, mehr wie ein Engel, als wie ein Mensch. Deshalb ist nicht
das sein Schmuck, dass man allerlei Tugenden an ihm loben kann,
sondern nur das Eine, dass er ein Gesandter Gottes war. Auch das
steht nicht im Wege, dass Christo die Predigt des Evangeliums
anvertraut worden ist, damit er sein eigener Zeuge sei. Denn der
Heroldsruf des Johannes wollte nur erreichen, dass man auf Christi
Lehre und Wunder aufmerksam wurde.
Von Gott gesandt. Die Berufung des
Johannes wird nicht ausführlich erzählt. Da der Evangelist alsbald
genauer darauf eingehen will, so berührt er jetzt nur den
entscheidenden Punkt: und dieser Mann war von Gott gesandt. Denn
wenn viele, die doch in ihrem eigenen Namen kommen, sich göttlicher
Sendung rühmen, so genügt eben solches Selbstzeugnis nicht. Übrigens
muss nicht bloß Johannes, sondern jeder Lehrer der Kirche sich auf
einen göttlichen Beruf gründen können: kein anderer Grund ist stark
genug, die Autorität seiner Lehre zu tragen. –
Den Namen Johannes setzt
der Evangelist ausdrücklich bei, nicht bloß, um diesen bestimmten
Menschen zu bezeichnen, sondern weil dieser Name in einem
beabsichtigten Zusammenhange mit der Aufgabe des Mannes stand. Denn
ohne Zweifel hat der Herr mit Rücksicht auf das künftige Amt des
Johannes durch den Engel befohlen, ihn so zu nennen; jedermann
sollte schon daran in ihm den Herold der göttlichen Gnade erkennen.
Der Name bedeutet nämlich: Gott ist gnädig.
V. 7 u. 8. Derselbige kam zum Zeugnis. Kurz
wird der Zweck seiner Berufung berührt, der darin bestand, die
Gemeinde für Christum zuzubereiten. Indem er alle zu Christo einlud,
hat er hinreichend gezeigt, dass er nicht um seiner selbst willen
kam. Eine übertriebene Hervorhebung aber gebührte dem Johannes
nicht. Daran hat der Evangelist gedacht, wenn er sagt (V. 8): er
war nicht selber das
Licht, - es möchte sonst sein übermäßiger
Glanz die Herrlichkeit Christi in Schatten stellen. Hingen ihm doch
einige so fest an, dass sie Christum darüber vernachlässigten. Es
war, als wollte man, hingerissen von der Schönheit des Morgenrotes
sagen: die Sonne selber anzusehen, ist nicht der Mühe wert. –
Wir untersuchen nun, in welchem Sinne der Evangelist hier die
Bezeichnung „Licht“ gebraucht. Nach Eph. 5, 8 sind alle Frommen
Lichter in dem Herrn, als Menschen, die von seinem Geiste erleuchtet
sind und nicht nur für sich selbst sorgen, sondern auch andere durch
ihr Beispiel auf den Weg des Heils führen. Auch die Apostel
insbesondere werden Licht genannt (Mt. 5, 14), da sie die Fackel des
Evangeliums vor sich hertragen, um die Finsternis der Welt zu
vertreiben. Aber hier spricht der Evangelist, wie schon die nächsten
Worte klar ergeben, von dem einzigen und ewigen Quell aller
Erleuchtung.
V. 9. Das war das wahrhaftige Licht. So
wird Christus nicht im Gegensatz zu einem falschen Licht genannt,
sondern nur im Unterschiede von allen anderen: er ist nicht bloß ein
Licht, wie alle Engel und Menschen dies auch sein können, sondern
das allein wahrhaftige Licht. Der Unterschied beruht darin, dass
alles Leuchtende im Himmel und auf der Erde seinen Glanz anderswo
entlehnt, Christus aber das aus und durch sich selbst erstrahlende
Licht ist, das dann die ganze Welt mit seinem Glanze bestrahlt,
sodass es nirgends einen zweiten Ursprung oder Anlass des
Lichtglanzes gibt.
Welches alle Menschen erleuchtet. Hauptsächlich
daran ist dem Evangelisten gelegen, seine Aussage, dass Christus das
Licht sei, an einer Wirkung nachzuweisen, die jeder von uns an sich
spürt. Er hätte die Erörterung in höherem Tone führen können: der
Glanz, den Christus in seiner Eigenschaft als ewiges Licht besitzt,
ist ihm angeboren, nicht anderswoher geholt; aber von diesem
entlegenen Gebiete ruft er uns lieber ab auf das uns allen
zugängliche Gebiet der Erfahrung. Da Christus uns alle seines
Glanzes teilhaftig macht, so muss man zugestehen: ihm gebührt
eigentlich ganz allein die Ehre, das Licht zu heißen. Übrigens lässt
sich das „alle“ auf zweifache Weise auslegen. Einige nämlich
beschränken die ganz allgemein gehaltene Aussage auf die, welche
durch Gottes Geist wiedergeboren, des lebendig machenden Lichtes
teilhaftig werden. Augustin führt das Beispiel von einem
Schulmeister an, der in einer Stadt die einzige Schule hat, und von
dem man sagt: alle (nämlich die überhaupt hineingehen) gehen zu ihm
in die Schule. Ganz in diesem Sinne hieße es auch hier, dass
Christus alle Menschen erleuchtet, nämlich alle, die überhaupt
erleuchtet werden. Und so kann man sich ausdrücken, weil niemand ein
Licht aufweisen kann, das anderswoher als von Christi Gnade stammte.
Der Evangelist redet aber umfassend von allen, die
in diese Welt kommen. Darum sagt mir die
andere Fassung besser zu: Über die ganze Menschheit hin sind, von
diesem Licht ausgehend, Strahlen ausgegossen, wie schon oben gesagt
ist. Wir wissen ja, dass die Menschen diesen Vorzug vor allen
lebenden Wesen haben, dass sie mit Vernunft und Einsicht begabt sind
und dass sie in ihrem Gewissen den Unterschied zwischen Recht und
Unrecht eingeprägt tragen. Es gibt daher niemanden, zu dem nicht
irgendwelche Empfindung des ewigen Lichtes gelangt wäre. Aber weil
voreingenommene Leute diese Stelle aus dem Zusammenhang reißen und
solange auf die Folterbank legen, bis sie aussagt: allen Menschen
wird in ganz gleicher Weise die Erleuchtungsgnade dargeboten, - so
erinnern wir daran: hier handelt es sich ausschließlich um das
allgemeine natürliche Licht des Verstandes, eine Gabe, die tief
unter dem Glauben steht. Wenn ein Mensch alle seine Geisteskräfte,
alle seine Verstandesschärfe anstrengte, so würde er dadurch niemals
in Gottes Reich eindringen; einzig der Geist Christi öffnet den
Auserwählten die Himmelspforte. Ferner erinnern wir daran, dass das
Licht des Verstandes, welches Gott einstmals dem Menschen verlieh,
durch Sünde dermaßen verdunkelt worden ist, dass in der tiefen
Finsternis, - darunter ist die schreckliche Unwissenheit und der
Abgrund aller möglichen Irrtümer zu verstehen, - nur noch schwache
Lichtfünkchen schimmern, welche noch dazu immer mehr verglimmen.
V. 10. Es war in der Welt. Mit
diesem Wort wird die Anklage wegen Undankbarkeit gegen die Menschen
erhoben; sie sind mit eigenem Willen so blind geworden, dass ihnen
der Ursprung des Lichtes, welches sie hatten, unbekannt war. Das
gilt offenbar für alle Zeiten der Welt, da ja vor seiner Offenbarung
im Fleische Christus allenthalben seine Tätigkeit ausübte. Folglich
war das der Zweck seiner täglichen Wirksamkeit: die Menschen aus
ihrer Gleichgültigkeit herauszubringen. Gibt es etwas Verkehrteres
als das: aus einem Bache Wasser schöpfen und gar nicht an die Quelle
denken, aus welcher der Bach hervorsprudelt? Wenn also die Welt
Christum vor seiner Offenbarung im Fleisch nicht kannte, so gibt es
dafür keine begründete Entschuldigung. Der Grund für solche
Unwissenheit liegt in der Trägheit und in der mit bösem Willen
verbundenen Gefühllosigkeit der Menschen, die ihn seiner Kraft und
Wirkung nach immer gegenwärtig hatten. Wir fassen alles zusammen und
müssen sagen: niemals hat sich Christus so sehr von der Welt
entfernt, dass die Menschen sich nicht hätten durch die von ihm
ausgehenden Lichtstrahlen wecken lassen müssen, um nun auf ihn
selber ihre Augen zu richten. Es folgt daraus, dass jene
Verschuldung wirklich anzurechnen ist.
V. 11. Er kam in sein Eigentum. Hier
wird erst ganz die Schlechtigkeit und böse Gesinnung der Menschen
enthüllt, hier kommt an den Tag ihre mehr als verbrecherische
Gottlosigkeit, die darin besteht, dass der Sohn Gottes, als er sich
im Fleisch sichtbar darstellte, und zwar den Juden, die sich Gott
vor den anderen Völkern als besonderes Eigentum auserkor, dennoch
nicht anerkannt und aufgenommen ward, so dass es heißen muss: die
Seinen nahmen ihn nicht auf. Auch für diese
Stelle gibt es allerlei Auslegungen.
Einige sind der Meinung, der Evangelist rede hier von der ganzen
Erde, und sicherlich gibt es nirgends in der Welt einen Platz, den
der Sohn Gottes nicht als sein rechtmäßiges Eigentum ansähe.
Hiernach wäre der Sinn: als Christus auf die Erde herniederkam, hat
er nicht fremdes Gebiet betreten, war doch die ganze Menschheit zu
seinem Erbe gehörig.
Richtiger ist meiner Meinung nach die Auslegung derer, die unsere
Stelle nur auf die Juden beziehen. Diese waren Christi „Eigentum“
noch in einem ganz anderen Sinne, als die übrige Menschheit. Auf
welche Undankbarkeit lässt es also schließen, wenn er hier keine
Aufnahme findet! Gottes Sohn hatte sich in einem bestimmten
Volksstamme seinen Wohnsitz ausgesucht; als er aber dort erschien,
ward er verworfen. Daran ist deutlich zu sehen, wie boshaft die
Menschen in ihrer Blindheit sind. Gerade das aber musste gesagt
werden, denn es galt, das Ärgernis zu beseitigen, das damals vielen
der Unglaube der Juden bieten konnte. Denn nachdem Christus von dem
Volke verachtet und verschmäht worden war, dem er namentlich
verheißen, - wer hätte ihn da für den Erlöser der ganzen Welt
ansehen können? Wir sehen ja, wie dem Apostel Paulus dieser Einwand
auf seinem Arbeitsfelde so viel zu schaffen machte (Röm. 9 – 11).
Übrigens haben beide, Zeitwort und Hauptwort, in unserem Sätzchen
besonderen Nachdruck. Eben dorthin, wo der Sohn Gottes vorher war,
„kam“ er noch in besonderer Weise, wie der Evangelist sagt. Er
bezeichnet damit eine neue, außerordentliche Art der Gegenwart,
durch welche der Sohn Gottes sich so geoffenbart hat, dass ihn die
Menschen vermittelst persönlicher Anschauung zu sehen bekommen. In
dieser persönlichen Erscheinung bot er sich zuerst seinem
Eigentumsvolke an. Aber die Aufnahme war dementsprechend, wie schon
Jesaja sagt (1, 3): „Ein Ochse kennt seinen Besitzer, ein Esel die
Krippe seines Herrn, Israel aber kennt mich nicht.“ Obwohl er also
der Herrscher der ganzen Welt ist, hat er sich doch noch in
besonderer Weise zum Herrn des Volkes Israel gemacht, das er wie
eine geheiligte Herde in einen besonderen Stall zusammengebracht
hatte.
V. 12. Wie viele ihn aber aufnahmen usw.
Damit niemandem der Umstand, dass die Juden Christum missachtet und
verspeit haben, ein Glaubenshindernis werde, erhebt der Evangelist
die Frommen, die doch an ihn glauben, bis über den Himmel empor. Er
sagt nämlich, sie hätten durch den Glauben die Ehre erlangt, Gottes
Kinder zu heißen. Dem zusammenfassenden „so viele“ liegt ein
Gegensatz zugrunde. Mit leerer Prahlerei rühmten sich die Juden, als
wäre Gott ganz allein ihnen verpflichtet. Dem gegenüber betont der
Evangelist: Jetzt liegt die Sache umgekehrt: die Juden sind aus
ihrer Erstlings- und Kindesstellung verstoßen, und an ihre Stelle
treten die Heidenvölker. Dasselbe hat Paulus im Auge, wenn er (Röm.
11, 12) sagt: der Untergang des einen Volkes ist Leben für die ganze
Welt gewesen, - da ja das von ihnen zurückgewiesene und verfolgte
Evangelium sich nach allen Richtungen hin über die Welt auszubreiten
begann. So sind die Juden des Vorrechtes, das sie auszeichnete,
verlustig gegangen. Für Christus aber erwuchs aus ihrer
Gottlosigkeit kein Nachteil: er errichtete nun auch anderwärts den
Thron seiner Herrschaft und rief ohne Unterschied zur Hoffnung des
Heils alle die Völker, welche früher von Gott verworfen schienen.
Denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden. Nach
dem Grundtexte bedeutet „Macht“ so viel als Würde oder
Ehrenstellung. Wenn man in dieser Weise geradezu übersetzen würde,
könnten die Papisten unsere Stelle nicht mehr derartig verdrehen,
wie sie es tun. Sie berufen sich nämlich darauf, dass wir „Macht“,
d. h. freie Entscheidung empfangen hätten, die Wohltat der
Gotteskindschaft aufzunehmen oder nicht. So bringen sie aus diesem
Spruch den freien Willen heraus, der doch so wenig darin steckt, wie
Feuer im Wasser. Aber der Zusammenhang der Stelle macht diese
Wortklauberei, die von völlig mangelndem Verständnis zeugt,
zunichte. Unmittelbar danach finden wir die nötige Ergänzung: keiner
wird durch eigenen Fleischeswillen ein Gotteskind; das geschieht
allein durch eine Geburt aus Gott. Wenn der Glaube uns das neue
Leben der Gotteskindschaft zuführt, und wenn Gott vom Himmel uns den
Glauben ins Herz gibt, so ist es offenkundig: Christus bietet uns
nicht nur von weitem die Gnade der Kindschaft mit der Frage an, ob
wir sie mögen oder nicht mögen, sondern er legt sie uns als sein
Geschenk in die Hand hinein. Das griechische Grundwort kommt
verschiedentlich in der oben vorgeschlagenen Bedeutung (Rang, Würde)
vor, die hier am schönsten passt. Wozu aber die Umschreibung, die
der Evangelist hier gebraucht hat? Ihr Wert besteht darin, dass sie
weit besser die hohe Gnade Christi rühmen wird, als wenn kurzweg
gesagt würde: alle, die an ihn glauben, werden durch ihn Kinder
Gottes. Es ist ja die Rede von Unreinen und Verworfenen, welche, zu
ewiger Schmach verdammt, im Dunkel des Todes lagen. Eine wundervolle
Probe seiner Huld liefert der Herr damit, dass er solche Menschen
der Ehre gewürdigt hat, dass sie mit einem Male begannen, Kinder
Gottes zu sein. Die Größe dieser Wohltat erhebt der Evangelist nach
Gebühr, ganz in dem Sinne wie Paulus sagt (Eph. 2, 4 f.): durch
seine große Liebe, damit Gott uns geliebt hat, da wir tot waren in
den Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht. Unter „Macht“
ist also nicht eine bloße Fähigkeit zu verstehen, die etwa auch
ungenützt bleiben könnte, sondern die durch Christi Wunderwirken
geschaffene Tauglichkeit für die Gotteskindschaft, wie auch Paulus
(Kol. 1, 12) dem Herrn Dank sagt, dass er die Christen „tüchtig
gemacht“ hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.
Die an seinen Namen glauben. Dieser
Satz beschreibt in Kürze, wie man Christum aufnehmen soll, nämlich
dadurch, dass man an ihn glaubt. Durch Glauben in Christum
eingewurzelt, erlangen wir das Recht der Kindschaft, Gottes Söhne zu
sein. Diese Ehre aber kommt uns nicht im geringsten Maße zu, - da er
der einzige Sohn Gottes ist, - außer, soweit wir Glieder an ihm
sind. Übrigens spricht auch unser Satz gegen die Missdeutung des
Wortes „Macht“, die wir schon zurückwiesen. Diese Macht wird ja nach
der ausdrücklichen Erklärung des Evangelisten denen gegeben, die
bereits glauben. Und es ist doch sicher, dass sie durch den Glauben
bereits Kinder Gottes sind und nicht bloß eine unbestimmte
Möglichkeit, sondern den wirklichen Besitz des Heils erreichen. Noch
deutlicher weisen die nächsten Worte, dass diese Leute bereits aus
Gott geboren sind, in dieselbe Richtung. „Name“ kommt im Hebräischen
oft vor in der Bedeutung von „Kraft“; hier bezieht sich jedoch
„Name“ auf die Lehre des Evangeliums. Denn wir glauben erst dann an
Christum, wenn er uns gepredigt ist. Ich rede von dem gewöhnlichen
Weg, auf dem der Herr uns zum Glauben führt. Derselbe ist ohne klare
Erkenntnis gar nicht zu denken. Also: durchs Evangelium bietet sich
Christus uns an; wir aber nehmen ihn auf durch den Glauben.
V. 13. Welche nicht von dem Geblüt usw.
Wenn einige hier einen Seitenhieb auf das verkehrte Selbstvertrauen
der Juden finden, so trete ich gern dieser Ansicht bei. Jene führten
immer die Würde ihrer Abstammung auf der Zunge, als wären sie wegen
ihrer Geburt aus heiligem Geschlecht von Natur lauter Heilige. Sie
hätten sich mit gutem Grund ihrer Abstammung von Abraham rühmen
können, wenn sie nicht aus der Art geschlagen, sondern seine rechten
Söhne gewesen wären; doch das Rühmen, welches dem Glauben eigen ist,
setzt alles Gute, das er hat, einzig auf Rechnung des gnädigen
Gottes, nicht fleischlicher Abstammung. Johannes will also sagen:
Wer aus den zuvor unreinen Heiden an Christus glaubt, kommt nicht
von Mutterleibe als ein Kind Gottes, sondern wird, um ein solches zu
sein, neu gebildet. Zur festeren Einprägung wird mit anderen Worten
noch einmal derselbe Gedanke wiederholt: noch
von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes. Obwohl
nun der Evangelist zunächst an die Juden mit ihrem fleischlichen
Stolze denkt, lässt sich doch aus dieser Stelle eine allgemeine
Lehre ziehen: wenn wir Gottes Kinder heißen, so ist das uns nicht
von Natur eigen, kommt auch nicht aus uns selbst, sondern davon,
dass der Herr nach seinem Willen, d. h. aus erbarmender Liebe uns
erzeugt hat.
Daraus folgt erstens, dass der Glaube nicht aus uns hervorkommt,
sondern die Frucht der geistlichen Wiedergeburt ist. Die
Möglichkeit, dass irgendjemand glaube, ohne aus Gott erzeugt zu
sein, verneint der Evangelist: der Glaube ist eine Himmelsgabe.
Zweitens ist der Glaube nicht ein kaltes, bloßes Wissen, da ja
nur der zu glauben vermag, der vom Geiste Gottes neu gestaltet ist.
Auffällig scheint hier freilich die Reihenfolge, nach welcher die
Wiedergeburt dem Glauben vorangeht, während sie doch vielmehr eine
Wirkung des Glaubens ist und deshalb an die zweite Stelle zu gehören
scheint. Ich antworte: Beides stimmt aufs Beste miteinander.
Einerseits empfangen wir durch den Glauben den unvergänglichen
Samen, durch den wir in das neue, göttliche Leben wiedergeboren
werden. Und doch ist schon der Glaube selbst ein Werk des heiligen
Geistes, welcher nur in Kindern Gottes wohnt. Also ist nach
verschiedener Hinsicht der Glaube ein Teil unserer Wiedergeburt und
der Eintritt ins Reich Gottes, sodass er uns zu seinen Kindern
zählt.
Denn wenn der Geist unseren Sinn erleuchtet, so gehört das schon
zu unserer Erneuerung. Auf diese Art entspringt der Glaube aus der
Wiedergeburt als aus seiner Quelle. Aber da wir durch eben diesen
Glauben Christus aufnehmen, der uns durch seinen Geist heiligt, so
wird der Glaube der Anfang unserer Kindschaft genannt.
Doch es lässt sich ein zweiter Gedankengang beibringen, der
klarer und leichter ist. Wenn der Herr uns den Glauben einhaucht,
erzeugt er uns auf verborgene, geheime, uns unbekannte Weise von
neuem. Sobald wir aber mit dem Glauben begabt sind, erfassen wir mit
lebendigem, bewusstem Empfinden nicht nur die Gnade der Kindschaft,
sondern auch das neue Leben und die anderen Gaben des heiligen
Geistes. Denn während, wie gesagt, der Glaube Christum aufnimmt,
bringt er uns gewissermaßen in den Besitz aller seiner Güter.
Stellen wir uns also auf den Standpunkt des persönlichen Erlebens,
so fangen wir erst nach dem Glauben an, Kinder Gottes zu sein. Wenn
aber die Frucht der Kindschaft im Ererben des ewigen Lebens besteht,
dann schreibt anderseits der Evangelist offensichtlich allein der
Gnade Christi unser ganzes Heil zu. Und sicherlich würden die
Menschen, wenn sie auch die verborgensten Winkel ihrer Seele
durchstöbern wollten, doch nichts finden, was eines Gotteskindes
würdig wäre, als das, was ihnen Christus gegeben hat.
V. 14. Und das Wort ward Fleisch. Da
lehrt Johannes wie das Kommen Christi, dessen er gedacht hatte, sich
zugetragen hat: mit unserem Fleisch angetan, hat er sich offen der
Welt gezeigt. Obgleich aber der Evangelist das unaussprechliche
Geheimnis, dass Gottes Sohn die menschliche Natur angenommen hat,
nur kurz berührt, ist doch seine Kürze von einer wunderbaren
Durchsichtigkeit. Einige unsinnige Leute treiben hier ihr Spiel und
bringen mit verständnislosen Spitzfindigkeiten verkehrter Weise vor,
es heiße: das Wort ward Fleisch, weil Gott seinen Sohn, wie er ihn
in Gedanken hatte, als Menschen in die Welt gesandt habe. – als sei
dies Wort nur eine Art von schattenhafter Idee gewesen. Doch wir
haben gezeigt, dass mit diesem Worte eine wirkliche Person oder
Hypostase in dem Wesen Gottes bezeichnet wird. –
Auch das Wort „Fleisch“ ist weit geeigneter um den Gedanken
auszudrücken, als wenn gesagt wäre: er ist Mensch geworden. Der
Evangelist wollte zeigen, in was für eine geringe, verachtete
Stellung der Sohn Gottes unseretwegen aus seiner Erhabenheit und
himmlischen Herrlichkeit herabgestiegen ist. Wenn die Schrift in
geringschätziger Weise vom Menschen redet, nennt sie ihn Fleisch.
Mag die Kluft zwischen der geistigen Herrlichkeit des Wortes Gottes
und dem beschämenden Lose unseres Fleisches noch so groß sein, der
Sohn Gottes hat sich dennoch so weit heruntergelassen, dass er dies
so mannigfachem Elend ausgesetzte Fleisch annahm. Selbstverständlich
hat hier „Fleisch“ nicht, wie so oft bei Paulus, die Bedeutung der
verderbten Natur, sondern nur die des sterblichen Menschen. Freilich
bezeichnet es in verächtlichem Tone seine gebrechliche, fast ganz
entkräftete Natur, wie Ps. 78, 39: „Er denkt daran, dass wir Fleisch
sind“; Jes. 40, 6: „Alles Fleisch ist wie Heu“, und an anderen
Stellen. Doch ist dabei zu beachten, dass wir es mit einer Redeweise
zu tun haben, bei der der Teil das Ganze, nämlich der minderwertige
Bestandteil des Menschen ihn ganz bezeichnen soll. Folglich war es
töricht, wenn man sich unter unberechtigter Berufung auf diese
Stelle einen Christus zusammendichtete, der nur mit Menschenleib
bekleidet, aber ohne menschliche Seele gewesen sei. Aus unzähligen
Belegstellen ist leicht zu erschließen, dass er nicht weniger mit
Seele, als mit Leib begabt gewesen ist. Und wo die Schrift die
Menschen „Fleisch“ nennt, spricht sie ihnen damit auch nicht die
Seele ab. Der klare Sinn ist also: das vor aller Zeit aus Gott
gezeugte Wort, welches stets beim Vater wohnte, ist Mensch geworden.
Bei diesem Hauptstück des Glaubens ist vor allem zweierlei
festzuhalten.
Erstens: die beiden Naturen in Christo sind dergestalt mit
einander verwachsen, dass ein und derselbe Christus wahrer Gott und
Mensch ist.
Zweitens: die Einheit verhindert nicht, dass es unterschiedene
Naturen bleiben, sodass die Gottheit das ihr Eigentümliche
beibehält, und auch die Menschheit für sich alles das hat, was ihr
gebührt. Daher hat Satan, wenn er durch seine Werkzeuge, die
Irrlehrer, mit mancherlei unsinnigen Aufstellungen die heilsame
Lehre umzustürzen suchte, immer einen von den beiden möglichen
Irrtümern vorgebracht: entweder soll Christus in so verworrener
Weise Gottes- und Menschensohn sein, dass weder die Gottheit bei ihm
unversehrt bleibt, noch auch eine wirkliche Menschennatur ihn
bekleidet; oder aber: er soll sich so in die Hülle des Fleisches
begeben haben, dass er sozusagen doppelt ist und aus zwei getrennten
Personen besteht.
Dagegen zeigt uns der Ausdruck des Evangelisten deutlich zwei
Naturen in vollkommener Einheit der Person. Indem er sagt: „Das Wort
ward Fleisch“, ergibt sich daraus die klare Schlussfolgerung auf die
Einheit der Person. Denn es geht nicht an, dass auf einmal ein
anderer jetzt Mensch ist als der, welcher immer wahrer Gott gewesen
ist, wenn doch hier von ihm als Gott gesagt wird, er sei Mensch
geworden.
Wiederum, wenn die Evangelist ausdrücklich dem Menschen Christus
den Namen „das Wort“ zuerteilt, dann folgt daraus, dass Christus,
als er Mensch ward, doch nicht aufgehört hat, zu sein, was er vorher
war, und dass in dem Wesen Gottes, das Fleisch angenommen hat,
nichts verändert worden ist. Kurz, der Sohn Gottes begann dergestalt
Mensch zu sein, dass er doch noch immer jenes ewige Wort blieb, das
keinen zeitlichen Anfang hat.
Und wohnte. Mit der Auslegung: das
Fleisch hat Christo gleichsam zum Wohnsitz gedient, trifft man den
Gedanken nicht hinreichend genau. Denn der Evangelist schreibt dem
Herrn hier nicht einen dauernden Aufenthalt unter uns zu, sondern
sagt: er hat wie ein Gast nur für einige Zeit sich verweilt. Das
griechische Wort, welches wir mit „wohnen“ wiedergeben, bedeutet
nämlich: „in einem Zelt wohnen“. Es bezeichnet also nichts anderes,
als dass Christus die ihm aufgetragene Aufgabe ausgeführt, aber
nicht nur für einen Augenblick erschienen ist, sondern solange unter
den Menschen verweilt hat, bis er seinen Auftrag zu Ende geführt
hatte.
Unter uns. Es ist zweifelhaft, ob
Johannes von den Menschen im Allgemeinen redet oder nur von sich
selber und seinen Mitjüngern, die als Augenzeugen erlebt hatte, was
er berichtet. Ich bin mehr für die zweite Auffassung, denn er fügt
alsbald hinzu: und wir sahen seine
Herrlichkeit. Denn obgleich diese von
jedermann hätte gesehen werden können, ist sie doch den meisten
ihrer Blindheit halber unbekannt geblieben. Nur die wenigen, denen
der heilige Geist die Augen öffnete, haben die
Herrlichkeitsoffenbarung gesehen. Alles in allem genommen: es hat
Leute gegeben, die von Christus trotz seiner menschlichen
Niedrigkeit wussten, dass er in seiner Person etwas noch weit
Größeres und Höheres zu sehen bot. Es folgt daraus, dass die
göttliche Hoheit nicht etwa völlig abgelegt war, wenn auch Fleisch
sie umgab. War sie gleich unter niedrigem Fleische verborgen, so hat
sie dennoch ihren Glanz ausgestrahlt. Wird nun diese Herrlichkeit als die
eines eingeborenen Sohnes beschrieben, so ist dieser Ausdruck nicht
als ein Vergleich gemeint, etwa in dem Sinne: seine Herrlichkeit war
beschaffen, als ob sie die eines Sohnes wäre. Der Evangelist will
vielmehr eindrücklich versichern, dass Christus in Wahrheit „als“
Sohn Gottes erschienen ist. Wenn z. B. Paulus sagt (Eph. 5, 9):
„wandelt wie (oder als) die Kinder des Lichts“, - so fordert er
damit den Tatbeweis eben dafür, dass wir wirklich Kinders des Lichts
sind. Der Gedanke des Evangelisten ist der: an Christo ist die
Herrlichkeit sichtbar gewesen, welche für den Sohn Gottes passt, ein
sicheres Zeugnis seiner Gottheit. Den eingeborenen
Sohn nennt er ihn, weil Christus der einzige
natürliche oder wesenhafte Sohn Gottes ist. Er stellt ihn damit hoch
über Engel und Menschen und spricht ihm allein zu, was keinem
geschaffenen Wesen zukommt.
Voller Gnade. Darin liegt eine
Bestätigung des Vorhergehenden. Auch in anderen Dingen hat sich die
Hoheit Christi offenbart, aber dies hat der Evangelist sich lieber
als etwas anderes zum Beweise ausgesucht in der Absicht, uns mehr
fürs Herz, als für den Verstand Jesum kennen zu lehren. Darauf ist
wohl zu achten. Sicherlich konnte man, als er trockenen Fußes über
die Wasser schritt, als er Teufel austrieb und in anderen Wundern
Beweise seiner Macht gab, in ihm den eingeborenen Sohn Gottes
erkennen; aber der Evangelist führt ein Stück Beweisführung ins
Feld, woraus der Glaube eine liebliche Frucht entnimmt, weil nämlich
Christus mit der Tat bezeugt hat, dass er die unerschöpfliche Quelle
der Gnade und der Wahrheit ist. Auch von Stephanus heißt es (Apg. 6,
8): „Er war voller Gnade“; man könnte auch die Deutung vorschlagen:
„Er war voller Gnade, welche zugleich Wahrheit oder Vollkommenheit
ist“. Aber weil die nämliche Redeform unmittelbar hintereinander
zweimal steht, hat sie, wie ich glaube, an beiden Stellen auch den
gleichen Sinn. „Gnade und Wahrheit“ steht nachher (V. 17) im
Gegensatz zu „Gesetz“; ich lege also einfach aus: die Apostel haben
aus dem Grunde Christum als den Sohn Gottes anerkannt, weil er
vollständig alles, was zur Aufrichtung des geistlichen Gottesreiches
in der Welt gehört, in sich trug, kurz, weil er wirklich in jeder
Beziehung sich als Erlöser und Messias bewiesen hat; das ist ja das
Hauptmerkmal, wodurch man ihn von allen anderen unterscheiden
musste.
V. 15. Johannes zeugt von ihm. Jetzt
erzählt der Evangelist, welcher Art die Verkündigung des Johannes
gewesen ist. Durch das Zeitwort in der Form der Gegenwart bezeichnet
er ein andauerndes Tun. Und sicher soll diese Lehre fortwährend in
Kraft sein, als wenn die Stimme des Johannes sie dem Menschen
fortwährend in die Ohren hinein riefe.
Heißt es nun weiter, nicht bloß: er spricht,
sondern auch, er ruft, - so besagt
dieser Ausdruck, dass die Lehre des Johannes keineswegs dunkel oder
mit weitschweifigen Ausführungen verhüllt gewesen ist, auch dass er
nicht nur unter ein paar Leuten davon geflüstert hat, sondern dass
er vor aller Welt mit lauter Stimme Christum predigte. Sein
Ausspruch zielt nun darauf ab: ich bin Christi wegen gesandt; es
wäre also verkehrt, wollte ich selbst glänzend hervorragen, während
Christus kläglich darniederläge.
Dieser war es, sagt er, von
dem ich gesagt habe, und denkt dabei an seinen
Vorsatz von Anfang an, Christum bekannt zu machen, und daran, dass
dies der Zweck seiner Predigten gewesen ist, wie er ja nicht anders
das durch seine Sendung ihm zugeteilte Amt versehen konnte als
dadurch, dass er seine Schüler zu Christo rief.
Nach mir wird kommen usw. Obgleich
der Täufer einige Monate älter war als Christus, verhandelt er hier
doch nicht über das Lebensalter: sondern, weil er das Prophetenamt
schon einige Zeit ausgeübt hatte, ehe Christus öffentlich auftrat,
deswegen sagt er, er sei der Zeit nach früher. Folglich ist
Christus, was das öffentliche Hervortreten anlangt, dem Johannes
gefolgt. Das Weitere heißt wörtlich so: er ist vor mich gekommen,
weil er im Vergleich mit mir der erste war. Der Sinn aber ist der:
mit Recht hat man Christus dem Johannes vorgezogen, da er höher war.
Der Täufer weicht also Christo, um ihm den Vortritt zu lassen. Dabei
warnt er, dass nur ja niemand aus Christi späterem Auftreten auf
eine geringere Würde desselben schließen möge. So ziemt es sich für
alle, welche durch gottgeschenkte Begabung oder durch hohe
Ehrenstellung sich auszeichnen, den ihnen gebührenden Platz dadurch
innezuhalten, dass sie sich untenan setzen, tief unter Christus.
V. 16. Und von seiner Fülle haben wir alle
genommen. Hier beginnt der Evangelist von dem
Amte Christi zu predigen; es enthält in sich einen Überfluss aller
Güter, sodass man nirgend anderswo ein Stück des Heils zu suchen
hat. Bei Gott ist zwar der Quell des Lebens, der Gerechtigkeit, der
Tugend, der Weisheit; aber diese Quelle ist für uns verschüttet und
der Zugang abgeschnitten: allein in Christo ward die Fülle ihres
Inhalts uns erschlossen, sodass wir nunmehr aus ihm schöpfen können.
Christus ist bereit seinen Überfluss uns zukommen zu lassen, wenn
wir nur durch Glauben ihm Zugang gewähren. Johannes gibt hier ein
für allemal die Erklärung ab: nur in und bei Christo, nicht fern von
ihm, ist alles Gute zu suchen. Zwischen den Zeilen dieses Satzes
lasse sich aber mancherlei Wahrheiten lesen.
Erstens: wir Menschen sind aller geistlichen Güter bar und leer.
Denn eben dazu soll Christi Fülle dienen, unseren Mangel
auszugleichen, unsere Dürftigkeit zu decken, unseren Hunger und
Durst zu stillen.
Zweitens hören wir die Warnung, dass wir auf jedem Wege, der uns
von Christo abführt, vergebens auch nur eine Spur guter Gabe suchen
werden, da ja Gott alle seine Güter in Christum allein legen wollte.
Folglich werden wir finden, dass Engel und Menschen armselig, der
Himmel leer, die Erde unfruchtbar, kurz, dass alles nichts ist, wenn
wir anders als durch Christum der göttlichen Güter teilhaftig werden
wollen.
Drittens brauchen wir durchaus nicht zu befürchten, es werde uns
etwas fehlen, wenn wir nur aus der Fülle Christi schöpfen. Sie ist
dermaßen in jeder Hinsicht vollkommen, dass wir erfahren werden:
dieser Quell ist wahrhaft unerschöpflich.
Wenn übrigens Johannes sich mit seinem „wir haben genommen“ in
eine Reihe mit vielen anderen stellt, so tut er das nicht der
Bescheidenheit wegen, sondern damit es umso deutlicher hervortrete:
durchaus niemand ist ausgenommen. Doch ist zweifelhaft, ob er im
Allgemeinen vom ganzen Menschengeschlecht redet, oder ob er bloß
diejenigen im Auge hat, welche nach der Erscheinung Christi im
Fleisch in reicherem Maße seiner Güter teilhaftig geworden sind.
Ohne Frage haben alle Frommen, welche unter dem Gesetz lebten, aus
ganz derselben Fülle geschöpft.
Aber das Johannes im nächsten Verse den Unterschied der Zeiten
betont, ist es wahrscheinlicher, dass er auch hier die reiche Fülle
der Güter rühmen will, welche Christus uns mit seiner persönlichen
Ankunft erschloss. Wir wissen ja: unter dem Gesetze sind Gottes
Wohltaten sparsamer verschenkt worden; bei Christi Erscheinung im
Fleisch dagegen wurden sie gleichsam mit vollen Händen ausgeteilt,
sodass jeder satt werden konnte. Nicht als ob unter uns jemand
reicher als Abraham mit dem Geiste begnadet wäre: was ich sage, gilt
nur im Allgemeinen von dem Fortschritt der Offenbarungsgeschichte.
Um seine Jünger zu Christo zu führen, erklärt also Johannes mit
allem Nachdruck, dass in Christo die Fülle aller Güter sich finden
lässt, welche allen Menschen sonst fehlen. Will jemand unseren
Worten eine weitere Ausdehnung geben, so wird auch dann nichts
Verkehrtes dabei sein; im Gegenteil, auch so bleibt der Zusammenhang
nicht übel im Fluss: von Anfang der Welt haben die Väter, was sie
immer an göttlichen Gaben gehabt haben mögen, von Christo geschöpft,
denn, wenn auch die Gesetzgebung durch Moses geschah, haben sie doch
nicht vom Gesetz die Gnade erlangt. Doch ich habe oben gezeigt,
welche Auslegung mir zusagt, nämlich dass uns Johannes hier mit den
Vätern vergleicht, um durch diese Gegenüberstellung recht
hervorzuheben, was uns gegeben ist.
Gnade um Gnade. Diese Wendung wird
seit Augustin häufig so verstanden, dass uns weitere Gnade und
zuletzt das ewige Leben für die frühere zuteilwird: Gott belohnt und
krönt auf diese Weise in uns zwar nicht unsere eigenen Verdienste,
wohl aber seine eigenen Gaben. Das ist ein geistreicher und frommer
Gedanke, der aber in den Worten selbst schwerlich gefunden werden
kann. Wir werden einfach daran zu denken haben, dass die auf
Christum ausgegossenen Gnadengaben in immer neuen Strömen uns
zugeleitet werden. Denn die Güter, die wir von Christo empfangen
haben, gibt er uns nicht bloß, weil er selbst göttlicher Natur ist,
sondern der Vater hat sie ihm verliehen, um sie durch diesen Kanal
uns zuzuleiten. Das ist die Salbung, welche über Christum
ausgegossen ward, damit er uns alle aus sich salbe. Darum heißt er
auch „Christus“, d. h. der Gesalbte, und wir „Christen“.
V. 17. Denn das Gesetz ist durch Mose
gegeben. In diesem Satze schneidet der
Evangelist einen Einwand von vornherein ab, den die Gegner erheben
mochten. Bei den Juden stand ja Moses in so hoher Geltung, dass sie
schwerlich etwas gelten ließen, was noch über ihn gehen sollte.
Deshalb lehrt Johannes, wie tief das Amt des Moses unter der
Vollmacht Christi gestanden hat. Gleichzeitig wirft dieser Vergleich
ein helles Licht auf das, was Christus vermag. Denn während die
Juden dem Moses alles Mögliche zuschrieben, erinnert der Evangelist
daran, dass, mit der Gnade Christi verglichen, es doch eigentlich
recht geringfügig war, was jener gebracht hat. Es war ja in der Tat
ein großes Hindernis für die Juden, wenn sie aus dem Gesetz schon zu
haben meinten, was wir einzig durch Christum erlangen. Ferner ist
der Gegensatz zu beachten: Gesetz auf der einen, Gnade
und Wahrheit auf der anderen Seite. Diese
beiden Stücke haben offenbar dem Gesetz gefehlt. „Wahrheit“ ist
meiner Ansicht nach zu nehmen im Sinne von: fester dauernder
Bestand. Unter „Gnade“ verstehe ich die geistliche Ergänzung dessen,
was als nackter Buchstabe im Gesetz enthalten war. Auch können jene
beiden Worte zusammengefasst und auf ein und dasselbe bezogen
werden, als hätte Johannes gesagt: die Gnade, in welcher die
Wahrheit des Gesetzes besteht, ist erst in Christo erschienen. Mag
man nun verbinden oder auseinanderhalten, der Sinn ist in beiden
Fällen derselbe; es kommt also nicht viel darauf an. Fest steht
jedenfalls, dass gesagt sein soll: im Gesetz ist das Bild der
geistlichen Güter nur leise angedeutet gewesen, in Christo steht es
leibhaftig da. Daraus folgt: wenn man das Gesetz von Christo trennt,
so bleiben nur leere Schatten übrig, weswegen auch Paulus (Kol. 2,
17) sagt: dort ist der Schatten, in Christo der Körper selbst.
Indessen soll man ja nicht wähnen, dass das Gesetz irgendwelche
falsche Vorspiegelungen enthalte: Christus ist ja die Seele, welche
allem, was im Gesetz sonst tot sein würde, Leben gibt. Doch eben
dies bleibt hier außer Betracht; unser Satz denkt nur an das, was
das Gesetz abgesehen von Christo leisten kann; in dieser Hinsicht
bestreitet der Evangelist, dass man in ihm irgendeinen Halt finden
könne, - bis man sich zu Christo wendet.
Dass dem so ist, kommt davon, dass wir durch Christum erst die
Gnade erlangen, die das Gesetz durchaus nicht bringen konnte.
Deshalb nehme ich hier das Wort Gnade ganz allgemein, sowohl für die
Vergebung der Sünden aus Gnaden, als auch für die Erneuerung des
Herzens. Denn da der Evangelist hier den Unterschied von altem und
neuem Bund kurz bezeichnet, der Jer. 31, 31 ff. ausführlicher
beschrieben wird, so fasst er offenbar mit diesem Worte alles, was
auf die geistliche Gerechtigkeit Bezug hat, zusammen. Zu derselben
gehören aber zwei Stücke, einmal, dass Gott, indem er die Sünden
nicht anrechnet, sich aus Gnaden mit uns versöhnt, und ferner, dass
er das Gesetz in unsere Herzen schreibt und die Menschen durch
seinen Geist innerlich neu gestaltet, sodass sie dem Geiste Gottes
gehorchen. Daraus geht hervor, dass man das Gesetz verkehrt und
falsch auslegt, wenn man die Menschen bei demselben zurückhalten
oder sie dadurch hindern will, sich Christo zu nahen.
V. 18. Niemand hat Gott je gesehen. Sehr
passend wir das zur Bestätigung des vorigen Satzes beigefügt. Die
Erkenntnis Gottes ist die Tür, durch die wir in den Genuss aller
Güter eintreten. Folglich, da Gott sich uns nur durch Christum
offenbart, ist auch hieraus wieder der Schluss zu ziehen, dass wir
alles bei Christo zu suchen haben. Dieser Gedankenfortschritt ist
wohl zu beachten. Anscheinend gehört es zu den größten
Gemeinplätzen, dass ein jeder von uns nur entsprechend dem Maße
seines Glaubens erlangt, was Gott uns anbietet; und doch sind es nur
wenige, die bedenken, dass wir das Gefäß des Glaubens und der
Erkenntnis Gottes auch wirklich herzubringen müssen, um damit zu
schöpfen. Wenn es heißt, Gott sei von niemandem gesehen worden, so
geht das nicht nur auf das äußere Schauen mit dem leiblichen Auge;
der Evangelist will damit ganz allgemein aussprechen, dass Gott, der
ja in unzugänglichem Lichte wohnt, eben nur in seinem lebendigen
Ebenbilde, Christus, von unserer Erkenntnis erfasst werden kann. Die
gewöhnliche Auslegung unserer Stelle ist die: da die unverhüllte
Majestät Gottes in sich verborgen sei, so habe sie niemals begriffen
werden können, außer soweit sie sich in Christo offenbart hat;
folglich hätten die Väter vor Zeiten auch nur in Christo Gott
gesehen. Ich glaube dagegen, dass der Evangelist auch hier in seiner
Vergleichung fortfährt und betonen will, wie viel besser wir daran
sind als die Väter: Gott, der sich früher in dem Geheimnis seiner
Herrlichkeit verbarg, hat sich nun eine sichtbare Erscheinung
gegeben. Denn wenn Christus die Ausprägung oder das Ebenbild des
göttlichen Wesens genannt wird (Hebr. 1, 3), so deutet dies
sicherlich auf den eigentlichen Vorzug des neuen Bundes. In
demselben Sinne hebt auch unsere Stelle es als etwas Neues und
Ungewohntes hervor, dass der Eingeborene, welcher im Schoße des
Vaters war, uns beschrieben habe, was sonst verborgen war. Johannes
rühmt damit die durchs Evangelium uns gebrachte Gottesoffenbarung
und macht zwischen uns und den Vätern einen großen Unterschied,
indem er uns höher stellt als sie, wie das Paulus ausführlicher 2.
Kor. 3 und 4 behandelt.
Er verkündigt: es gibt keinen Vorhang mehr, wie zur Zeit des
Gesetzes; Gott kann offen angeschaut werden im Angesichte Christi.
Wenn es jemandem töricht erscheint, den Vätern die Erkenntnis Gottes
abzusprechen, während uns doch die Propheten, die ja auch zu ihnen
gehören, noch heute die Fackel der Gotteserkenntnis vorantragen, so
gebe ich demgegenüber den Bescheid: Es wird ihnen nicht schlechthin
und völlig genommen, was uns zuerteilt wird, sondern es liegt ein
Vergleich zwischen einer kleineren und einer größeren Gabe vor; sie
hatten nur kleine Funken des lebendigen Lichtes, dessen voller
Strahl uns heute bescheint.
Wollte jemand als Ausnahme auf 1. Mo. 32, 31 verweisen, wonach
Gott auch früher von Angesicht zu Angesicht gesehen ward, so
entgegne ich: jenes Schauen ist durchaus nicht mit dem unseren zu
vergleichen. Da Gott sich damals nur dunkel und wie von ferne zu
zeigen pflegte, sagen diejenigen, welchen er deutlicher erschienen
war: Wir haben ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie reden da
mit Rücksicht auf ihre Zeit, innerhalb deren man Gott überhaupt nur
von vielen Hüllen verschleiert sah. Ein einzigartiges Gesicht,
erhabener als fast alle übrigen, war jenes, das Moses schauen durfte
(2. Mo. 33, 23), und dennoch erklärt Gott dabei nachdrücklich: „Mein
Angesicht wirst du nicht schauen können; du wirst nur meinen Rücken
sehen“. In bildlicher Redeweise betont er dort: die Zeit der
vollkommenen, deutlichen Offenbarung ist noch nicht gekommen. Auch
ist zu beachten, dass die Väter, wenn sie Gott schauen wollten,
immer ihre Augen auf Christum gewendet haben. Ich meine damit nicht
nur: sie haben Gott in seinem ewigen Worte angeschaut, sondern: sie
waren mit ganzem Gemüt und ganzer Herzensempfindung gespannt auf die
verheißene Offenbarung Christi; deswegen wird uns Kap. 8, 56 der
Ausspruch Christi begegnen: „Abraham sah meinen Tag“. So vertragen
sich die verschiedenen Aussagen der Schrift miteinander, ohne dass
die eine die andere ausschlösse. –
Die weitere Aussage, dass der Sohn in des
Vaters Schoß war, erklärt sich aus einer
Übertragung eines menschlichen Bildes auf dies Verhältnis. Bei
Menschen sagt man, dass sie den auf den Schoß oder an ihren Busen
nehmen, dem sie alle Geheimnisse anvertrauen. Der Evangelist lehrt
also, dass der Sohn der Vertraute des Vaters in seinen geheimsten
Angelegenheiten gewesen ist; wir sollen wissen: im Evangelium haben
wir das Herz Gottes offen vor uns.
V. 19. Und dies ist das Zeugnis usw.
Bisher hat der Evangelist von der Predigt berichtet, die Johannes
über Christum hielt. Jetzt wendet er sich zu einem Zeugnis, das mehr
bekannt wurde, da es den Gesandten der Priester gegeben worden ist,
damit sie es in Jerusalem berichteten. Er erzählt also, dass
Johannes frei heraus öffentlich erklärt hat, wozu er von Gott
gesandt war. Zunächst ist die Frage zu erwägen: weshalb haben ihn
die Priester gefragt? Vielfach meint man, sie hätten aus Hass gegen
Christum fälschlich die eigentlich Christo gebührende Ehre dem
Johannes erweisen wollen; doch war ihnen damals Christus noch
unbekannt. Der Grund ist viel einfacher. Lange schon hatte es keinen
Propheten mehr gegeben: da trat Johannes plötzlich und unverhofft
hervor; so waren alle voller angespannter Erwartung. Man nehme
hinzu, dass aller Herzen auf die baldige Ankunft des Messias
gerichtet waren. Um nicht den Schein lässiger Pflichterfüllung auf
sich zu laden, wenn sie ein Ereignis von solcher Bedeutung übersahen
oder totschwiegen, stellen die Priester an Johannes die Frage: Wer
bist du? Ihr Tun ist nicht ränkesüchtig von Anfang an, vielmehr gibt
ihnen das Verlangen nach der Erlösung den Wunsch ein, zu wissen, ob
etwa Johannes der Messias ist, - beginnt er doch die in der Gemeinde
herkömmliche Ordnung zu ändern. Dabei stelle ich nicht in Abrede,
dass die Frage der Priester nebenbei auch aus eifersüchtiger
Fürsorge für ihre eigenen Rechte entsprungen sein mag, - gleichwohl
dachten sie nicht von ferne daran, die Messiasehre einem
Unberechtigten zu erweisen. Ihre Handlungsweise entspricht völlig
der Stellung, die sie inne haben, - denn da sie am Steuer der
Gemeinde Gottes stehen, kommt es ihnen zu, dafür zu sorgen, dass
niemand sich unbefugter Weise aufdrängt, dass kein neues Sektenhaupt
auftaucht, dass nicht die Glaubenseinheit im Volke zerrissen wird,
dass keiner neue, fremdartige Bräuche einführt. Es geht aus ihrem
Auftreten hervor, dass sich ein allgemein aufregendes Gerücht über
Johannes verbreitet hatte. Das hat aber Gott in seiner wunderbaren
Vorsehung so gefügt, damit das hier berichtete Zeugnis umso heller
ins Licht gesetzt würde.
V. 20. Und er bekannte und leugnete nicht usw.
Das heißt: er hat geradeheraus, ohne viel Worte und ohne
irgendwelche Verstellung sein Bekenntnis abgelegt. Das Wort
„bekennen“ steht hier zweimal; zuerst allgemein, in dem Sinne: er
hat die Sache auseinandergesetzt, wie sie sich verhielt, - an
zweiter Stelle zur Einführung des Wortlautes seines Bekenntnisses.
Danach hat er mit wohl erwogenen Ausdruck die Antwort gegeben: der
Messias bin ich nicht.
V. 21 und 22. Bist du Elias? Warum
nennen die Priester den Namen des Elias und nicht den des Moses?
Weil sie nach Maleachis Weissagung (3, 23) diesen für den vor der
Sonne, dem Messias, hergehenden Morgenstern ansahen. Doch steckt in
ihrer Frage ein verkehrter Gedanke. Da sie der Meinung waren, die
Menschenseele wandere von einem Leibe in den anderen, so bildeten
sie sich ein, wenn Maleachi ankündigt, dass Elias gesendet werden
soll, eben der Elias, welcher zu Ahabs Zeiten gelebt habe, werde
noch einmal kommen, weshalb Johannes mit Recht und der Wahrheit
entsprechend antwortet: Ich bin nicht Elias. Mit dieser Antwort geht
er auf ihre Gedanken ein. Wenn Christus dagegen versichert, dass der
Täufer in der Tat Elias war (Mk. 9, 13), so gibt er damit die
zutreffende Auslegung des Prophetenwortes.
Bist du der Prophet? Unter „dem
Propheten“ ist hier schwerlich geradezu und ausschließlich der
Messias zu verstehen; denn der Artikel hat keinen besonderen
Nachdruck, und die Abgesandten drücken sich alsbald so aus, dass sie
einen anderen Propheten als den Messias gemeint haben müssen (V.
25): „wenn du nicht der Messias bist, noch Elias, noch der Prophet“.
Andere meinen: sie wollen herauskriegen, ob Johannes vielleicht
irgendein bestimmter von den alten Propheten wäre. Aber auch diese
Auslegung kommt mir nicht wahrscheinlich vor. Vielmehr bezeichnen
sie mit diesem Namen das Amt des Johannes; ihre Frage hat den Sinn:
Bist du von Gott zum Propheten eingesetzt? Wenn er darauf nein sagt,
so ist das nicht eine Bescheidenheitslüge, sondern er scheidet sich
damit aufrichtig und von Herzen von der Zahl der Propheten. Und doch
widerstreitet diese Antwort nicht dem von Christo erteilten
Lobspruche. Christus ziert den Johannes mit dem Titel des Propheten;
ja er geht noch weiter und sagt (Mt. 11, 9): Er ist mehr als ein
Prophet. Diese Worte wollen aber lediglich der Lehre des Johannes
Glaubwürdigkeit und Ansehen beilegen und zugleich den Wert seines
Amtes recht hoch stellen. Die Antwort des Johannes hier an unserer
Stelle zielt dagegen auf etwas ganz anderes; er will zu verstehen
geben, dass er nicht, wie sonst die Propheten, einen eigentümlichen
Auftrag Gottes hat, sondern nur der Herold des Messias ist. An einem
Vergleich wird das klarer werden. Leute, die selbst in unbedeutenden
Angelegenheiten als Gesandte ausgeschickt werden, haben den Namen
und die Befugnis eines Gesandten, - vorausgesetzt, dass sie
besonders beauftragt sind. Solche Männer sind die Propheten sämtlich
gewesen; von Gott für bestimmte prophetische Aussprüche unterwiesen,
haben sie ihr Amt ausgeübt. Wenn es sich nun um eine Angelegenheit
von allerhöchster Bedeutung handelt, so werden vielleicht zwei
Gesandte ausgeschickt. Der erste hat nur zu melden, dass der andere
sich in Bälde einfinden werde; dieser erst soll die abschließende
Verhandlung führen, und nur dieser zweite hat den Auftrag, alles zum
Ende zu bringen. Wird man in diesem Falle die erste Gesandtschaft
nicht für einen Teil und für ein Anhängsel dieser Hauptgesandtschaft
ansehen müssen? Genau so steht es bei Johannes: Gott hatte ihm nicht
anderes aufgegeben, als dass er Christo Jünger verschaffe. Dass
unsere Stelle so gemeint ist, ergibt sich leicht aus der Sachlage
und dem Zusammenhang. Man muss nur das Gegenstück zu dieser Aussage,
welches im 23. Verse folgt, in Erwägung ziehen. „Ich“, so sagt
Johannes dort, „bin nicht der Prophet, sondern die Stimme, welche in
der Wüste ruft“. Die Entscheidung hängt also davon ab, dass die
Stimme, welche zur Bereitung des Weges für den Herrn aufruft, nicht
ein Prophet ist, der eine besondere, nur ihm selber eigentümliche
Berufstätigkeit hat, sondern sozusagen bloß ein untergeordneter
Beamter, und dass seine Lehre im Grunde genommen nur die
Vorbereitung für das Anhören eines anderen Lehrers ist. So
angesehen, ist Johannes, wenngleich über alle Propheten erhaben,
doch selber kein Prophet.
V. 23. Eine Stimme eines Predigers. Weil
er die Rollen eines Lehrenden unbefugter weise an sich gerissen
haben würde, wenn er nicht mit einem bestimmten Amte begabt gewesen
wäre, zeigt Johannes nun unter Hinweisung auf das Zeugnis des Jesaja
(40, 3), was ihm obliegt. Es geht daraus hervor, dass er durchweg
auf göttliches Geheiß handelt. Jesaja redet freilich dort nicht
allein von Johannes, sondern weissagt im Allgemeinen von der
Erneuerung der Gemeinde und verheißt für die Zukunft, dass noch
einmal fröhliche Stimmen gehört werden sollen, die für den Herrn
einen Weg zu ebnen befehlen. Obgleich er zunächst auf das Kommen
Gottes bei der Heimführung des Volkes aus der Verbannung in
Babylonien hindeutet, ist doch die wahre Erfüllung erst Christi
Offenbarung im Fleische gewesen. Unter den Herolden, welche
verkündigten, dass der Herr nahe sei, hat also Johannes die erste
Stelle eingenommen.
Eine „Stimme“ heißt er einfach deshalb, weil das Rufen seine
Amtstätigkeit ausmacht. Die „Wüste“, in welcher
nach dem Worte des Jesaja diese Stimme erscholl, ist nun freilich im
ursprünglichen Sinne bildlich zu verstehen: der Prophet nennt jene
traurige Verwahrlosung der Gemeinde, welche anscheinend dem Volke
Gottes die Heimkehr verwehrte, eine Wüste. Er will sagen: da
hindurch zu ziehen, ist dem gefangenen Volk unmöglich, aber der Herr
wird einen Weg finden, auch wo kein Weg ist. Die wirkliche Wüste
hingegen, in welcher Johannes predigte, war ein Symbol, ein Abbild
der großen, hilflosen Verlassenheit des jüdischen Volkes, angesichts
deren alle Hoffnung auf Freiheit Israels schwand. In Anbetracht
dessen ist leicht zu sehen, dass den Worten des Propheten kein Zwang
angetan wird. Denn Gott hat alles so geordnet, dass er dem durch
mannigfaltiges Unglück tief erschreckten Volke das Spiegelbild
dieser Weissagung vor die Augen hielt.
V. 24. Dass die Abgesandten zu den Pharisäern gehörten,
also Leute waren, die damals an der Spitze der Gemeinde standen,
wird angemerkt, damit wir wissen: es sind nicht unansehnliche Leute
aus der großen Schar der Leviten gewesen, sondern Persönlichkeiten
mit öffentlicher Autorität. Damit hängt es zusammen, dass sie die
Frage auf die Taufe bringen. Gewöhnliche Diener wären mit jeder
beliebigen Antwort zufrieden gewesen. Sie aber, als es ihnen
misslingt, die gewünschte Antwort ihm zu entlocken, bezichtigen den
Johannes der Eigenmächtigkeit, dass er es wagt, einen neuen Brauch
einzuführen.
V. 25. Warum taufst du denn? Das
scheint eine wohl berechtigte Frage zu sein in Ansehung der drei
Stufen: so du nicht Christus bist, noch Elias,
noch der Prophet. Es steht doch nicht dem
ersten besten frei, die Übung der Taufe einzuführen. Der Messias
sollte künftig zu allem die Gewalt haben. Von Elias, dessen Kommen
bevorstand, hatte man sich die Anschauung gebildet: er muss die
Erneuerung des Reiches und der Gemeinde beginnen. Auch den Propheten
Gottes gesteht man zu, dass sie die ihnen zugewiesene Tätigkeit
ausüben mögen. Die Abgesandten stellen also fest: Es ist unerlaubte
Neuerung, wenn Johannes tauft, da ihm keinerlei öffentliche Stellung
von Gott angewiesen worden ist. Doch sie befinden sich im Irrtum,
insofern sie nicht erkennen, dass er der bei Maleachi (3, 23)
erwähnte Elias ist, wenn er gleich der zum zweiten Male geborene
Elias, von dem sie träumten, nicht sein will.
V. 26. Ich taufe mit Wasser; aber usw.
Dies hätte schwer genug ins Gewicht fallen müssen, um ihren Irrtum
richtig zu stellen; aber freilich kann einem, der nicht zu hören
vermag, auch eine deutliche Mahnung nichts helfen. Wenn der Täufer
die Fragenden zu Christo hinschickt und es offen ausspricht: Er ist
da! – so geht daraus hervor, nicht bloß, dass er von Gott beauftragt
ist, der Diener des Messias zu sein, sondern vor allem, dass er der
wahre Elias ist, der gesandt worden ist, um die Erneuerung der
Kirche zu bezeugen. Hier wird noch nicht (wie V. 33) der volle
Gegensatz, - geistliche Taufe Christi und äußere Taufe des Johannes
ausgesprochen, doch ist der Gedanke zwischen den Zeilen zu lesen.
Zwei Hauptgedanken liegen in dieser Antwort des Täufers, einmal der,
dass er durchaus nichts vornimmt, wozu er keine Befugnis hat, - denn
der Urheber seiner Taufe ist der Messias, der persönlich den
Wahrheitsgehalt des Zeichens ausmacht, - dann, dass er lediglich der
Verwalter des äußeren Zeichens ist, während die wirkende Kraft
allein in Christi Händen liegt. Er beschreibt seine Taufe nur,
soweit sie nach ihrer Wirkung von etwas anderem abhängt. Wenn er ihr
dabei den geistlichen Gehalt abspricht, so geschieht das, um den
Wert des Messias so hoch zu stellen, dass jedermann nur auf diesen
schaut. Das ist ja die rechte Ordnung, wenn der Diener die
Vollmacht, welche er sich zuschreibt, so von Christo entlehnt, dass
er sie immer gleichzeitig auf ihn zurückbezieht und ihm allein alles
zuschreibt.
Wenn man aber gemeint hat, die Taufe des Johannes sei verschieden
von der unsrigen, so ist das eine rechte Gedankenlosigkeit gewesen.
Johannes setzt hier ja nicht Nutzen und Wert seiner Taufe
auseinander, sondern zieht nur den Vergleich zwischen seiner und
Christi Person. Wenn man heutzutage fragt: was tut ihr denn beim
Taufen, und was tut Christus dabei? so muss man eingestehen:
Christus allein leistet das, was die Taufe nur bildlich darstellt;
wir sind dabei gar nichts, als nur die Verwalter des Zeichens. In
der Schrift wird auf zweifache Weise von den Sakramenten geredet. In
der einen Reihe von Stellen heißt es, dass die Taufe das Bad der
Wiedergeburt sei, dass darin die Sünden abgewaschen werden, dass wir
in den Leib Christi eingepflanzt werden, dass unser alter Mensch
gekreuzigt werde, und wir zu einem neuen Leben auferstehen.
Derartige Redeweisen denken die Kraft Christi und das menschliche
Amt dermaßen enge zusammen, dass der Diener nichts anderes ist als
die Hand seines Meisters. Aussprüche dieser Art zeigen nicht, was
der Mensch aus sich selber fertig bringt, sondern was Christus durch
sein menschliches Werkzeug und das Zeichen wirkt. Weil jedoch
abergläubische Vorstellungen zu nahe liegen, und die Menschen dem
angeborenen Hochmut entsprechend gar zu gern Gott die Ehre
entreißen, um sie sich selber zuzueignen, deshalb unterscheidet die
Schrift anderseits auch wieder, um solchem sündlichen Übermut einen
Zaum anzulegen, die Diener von ihrem Herrn Christus, - wie an dieser
Stelle. Wir sollen wissen, dass die Diener nichts sind, noch
vermögen.
Er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Damit
geißelt der Täufer die Stumpfheit, die gegen den Messias
gleichgültig ist, dem es doch die ganze Seele zuzuwenden gilt. Immer
wieder weist er darauf hin, dass dem, der nicht zu dem Urheber
seines Amtes kommt, seine Bedeutung ganz unverständlich bleiben
muss. Er sagt: der Messias steht ja mitten unter euch! – um sie aus
ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln. Sein hauptsächliches Bestreben
ist dabei wieder, dass er sich selbst so viel als nur immer möglich
ist, herabsetzt, um einer verkehrten Verehrung auszuweichen, bei
welcher Christi unvergleichlich größere Bedeutung verdunkelt würde.
Er scheint häufig derartige Aussprüche getan zu haben, da er es
erlebte, dass seine Bewunderer ihn maßlos erhoben.
V. 27. Der ist es, der nach mir kommen wird usw.
Damit will Johannes sagen, dass Christus der zeitlichen
Aufeinanderfolge nach wohl der zweite, aber seiner Würdestellung
nach ihm weit voraus ist, weil der Vater ihn vor alle anderen
gesetzt hat. Und an dritter Stelle fügt er alsbald hinzu, dass
Christus deshalb den anderen allen vorangestellt worden ist, weil er
sie tatsächlich samt und sonders übertrifft.
V. 28. Dies geschah zu Bethabara. Der
Ort wird namhaft gemacht, einmal der geschichtlichen Treue wegen,
dann aber auch, um uns zu sagen, dass diese Antwort in einer großen
Versammlung von Menschen gegeben wurde. Es strömten viele zur Taufe
des Johannes herzu, der hier seinen gewöhnlichen Taufplatz hatte.
Man glaubt, dass hier ein Jordanübergang war, wovon man auch den
Namen ableitete: Bethabara heißt „Haus des Überganges“. Vielleicht
empfiehlt sich eine andere Ansicht noch mehr, wonach der Name an den
bekannten Übergang des Volkes (Jos. 3, 13) anknüpft, wobei Gott
unter Josua einen Weg mitten durch den Fluss bahnte.
V. 29. Des anderen Tages. Unzweifelhaft
hat Johannes schon früher über die Erscheinung des Messias
Äußerungen getan. Nun aber Christus dasteht, ist es ihm lieb, wenn
der Heroldsruf seines Vorläufers rasch durchs ganze Volk erklingt.
Es sollte auch nicht mehr lange währen, so beendigte Christus die
Amtsführung des Täufers; wenn die Sonne aufgegangen ist,
verschwindet die Morgenröte im Nu. Heute hat Johannes der
Priestergesandtschaft bezeugt: Er ist da und weilt mitten unter dem
Volk, bei dem Wahrheit und Wirkung meiner Taufe erst zu suchen ist,
- morgen schon zeigt er mit Fingern auf ihn. Die knappe zeitliche
Aufeinanderfolge dieser beiden Ereignisse verlieh ihnen größere
Macht, die Gemüter zu bewegen. Dies ist auch der Grund, weshalb
Christus gerade jetzt sich seinem Vorläufer zeigt.
Siehe, das ist Gottes Lamm. Kurz,
aber lichtvoll beschreiben diese Worte die hervorragendste Aufgabe
Christi; durch seinen Opfertod die Sünden der Welt fortzunehmen und
die Menschen mit Gott zu versöhnen. Christus erweist uns zwar auch
andere Wohltaten, aber dies ist die größte, von der die übrigen
abhängig sind: er besänftigt den Zorn Gottes und bewirkt so, dass
wir als recht und rein angesehen werden. Aus dieser Quelle, dass
Gott durch Nichtzurechnung der Sünden uns zu Gnaden annimmt, strömen
alle Bäche des Guten. Deshalb macht Johannes, um uns zu Christo
hinzuführen, den Anfang mit dem Hinweis auf die Vergebung der Sünden
aus Gnaden, die wir durch ihn erlangen. Mit dem Wort „Lamm“ spielt
er an auf die im Gesetz vorgeschriebenen Opfer. Er hatte es mit
Juden zu tun, welche an den Opfergottesdienst von Kind auf gewöhnt,
nicht anders und besser über die Sühnung der Sünden belehrt werden
konnten, als wenn man vom Opfer ausging. Es gibt nun so und so viele
Arten des Opfers. Ein bestimmtes nur hat Johannes im Auge gehabt,
offenbar das Osterlamm. Für Juden war diese Prägung des Ausdrucks
besonders passend. Wir dagegen verstehen die Bedeutung der Vergebung
der Sünden, die durch Christi Blut erworben ward, besser, wenn wir
hören: wir werden durch Christi Blut abgewaschen und gereinigt von
der Sünde. Das ist uns anschaulicher, weil wir die Taufe haben,
während der Opfergottesdienst der Juden nicht bei uns geübt wird.
Bei den Juden bestand eine abergläubische Überschätzung der Opfer.
Johannes gibt nebenbei die richtige Schätzung an die Hand, indem er
daran erinnert, wozu der gesamte Opferdienst da war. Der ärgste
Opfermissbrauch bestand darin, dass die Israeliten ihr Vertrauen auf
Dinge setzten, welche doch nur Sinnbilder des wahren Opfers waren.
Johannes richtet die Blicke auf Christum und bezeugt: dieser ist das
Lamm Gottes! Damit gibt er zu verstehen: alle die unter dem Gesetz
von den Juden dargebrachten Opfer haben gar nichts zur Sühnung der
Sünden ausgerichtet, sondern sind nur Bilder gewesen, deren Urbild
nun in Christo in die Erscheinung getreten ist. „Sünde“
steht hier ganz umfassend für jedwede Ungerechtigkeit. Das Wort will
sagen: was es immer an Unrecht geben mag, das den heiligen Gott von
den Menschen scheidet, es wird weggenommen durch Christum.
Und wenn es heißt: die Sünde der Welt, so
wird damit dieser Gnade eine die ganze Menschheit umfassende
Ausdehnung zugeschrieben. Die Juden sollen nicht denken, nur für sie
sei der Erlöser gesandt. Wir schließen ferner aus diesem Ausdrucke,
dass die ganze Welt in ein großes Netz von Schuld verstrickt ist,
und dass alle sterblichen Menschen, die ja alle ohne Ausnahme der
Ungerechtigkeit vor Gott schuldig sind, die Versöhnung nötig haben.
Johannes hat also, indem er zusammenfassend von der Weltsünde
sprach, in uns das Gefühl unseres Elends wachrufen und uns antreiben
wollen, das Heilmittel dafür zu suchen. Diese Wohltat wird allen
angeboten; so ist es nun unsere Sache, sie auch anzunehmen. Jeder
einzelne muss sich klar machen: es steht dir nichts im Wege, die
Versöhnung in Christo zu finden; komme nur zu ihm, vom Glauben
geleitet! Dies ist die einzige Art und Weise, wie die Sünden
wegzuschaffen sind. Die Menschen haben ja von jeher, durch ihr
Gewissen beschuldigt, sich abgeängstet und abgemüht, um nur
Vergebung zu erwerben. Daher alle die Arten der Sühnung, mit denen
sie in ihrem Wahn Gott besänftigen wollten. Die Sühngebräuche in den
falschen Religionen der Heiden haben, ich gestehe es, ihren Ursprung
genommen in einem heiligen Anfang. Hatte doch Gott selber Opfer
eingerichtet, damit die Menschen durch dieselben zu Christo geleitet
würden. Jedoch hat sich jeder seine besondere Art, Gott zu
versöhnen, ausgedacht.
Johannes aber ruft uns hin zu dem einen wahren Opfer und
unterweist uns, dass uns Gott nur um der Liebestat Christi willen
seine Gnade zuwendet, und dass dieser der einzige Träger aller
Sünden ist. So bleibt für Sünder nur die eine Zuflucht übrig:
Christus. Damit wirft Gottes Wort alle menschlichen Genugtuungen,
alle Sühnemittel und Erlösungsarten über den Haufen als gottloses
Lügenwerk, von Teufels List ersonnen.
Wir haben übersetzt: er trägt. Man
hat das Wort auf zweifache Weise übertragen; entweder: „er trägt“,
oder: „er trägt weg“. Nach der ersten Auffassung hat Christus den
schweren Druck der Sünde, der auf uns lag, auf sich genommen, wie es
1. Petr. 2, 24 heißt: „am Holz hat er unsere Sünden getragen“ und
Jes. 53, 5: „Die Strafe liegt auf ihm“. Nach der anderen Auffassung
schafft Christus die Sünden fort.
Da das zweite mit dem ersten in engster Verbindung steht, so
nehme ich als den Vollsinn unserer Stelle an: Christus trägt unsere
Sünden, und damit trägt er sie weg. Freilich hängt uns die Sünde
auch ferner immer noch an; vor Gottes Urteil ist sie trotzdem nicht
mehr da, weil sie, durch Christi Gnade fortgeschafft, uns nicht
angerechnet wird.
Gar nicht übel ist die Anmerkung, dass die Form der Gegenwart „er
trägt“ ein fortwährendes Tun bezeichne; die durch Christi einmaligen
Tod bewirkte Sühne ist also immer neu. Übrigens beschränkt der
Täufer sich nicht darauf zu lehren, dass Christus die Sünde trägt,
er zeigt auch wie, nämlich, indem er des Vaters Huld gewann durch
sein teures Sterben. Das meint er, wenn er ihn das Lamm nennt.
Wohlverstanden: dann erst werden wir durch die Gnade Christi mit
Gott versöhnt, wenn wir gerades Wegs zu dem Gekreuzigten hingehen
und es festhalten: der da am Kreuze stirbt, ist das einzige
Sühnopfer, das all unsere Schuld fortnimmt.
V. 30. Dieser ist es, von dem ich gesagt
habe usw. Noch einmal fasst der Täufer alles,
was er zu sagen hat, zusammen, indem er Christum als denjenigen
bezeichnet, welcher ihm vorgesetzt ward. Daraus folgt, dass Johannes
nur der um seinetwillen gesendete Herold ist; und dann ist es klar,
dass dieser Christus der längst erwartete Messias ist. Drei Punkte
führt er hier an. Zunächst sagt er, dass ein Mann nach ihm komme.
Damit gibt er an, dass er der Wegbereitung halber zeitlich früher da
war (nach Mal. 3, 1). Dann sagt er, derselbe sei ihm vorgesetzt
gewesen, - mit Bezug auf die Herrlichkeit, welche Gott seinem Sohne
beim Ausgang in die Welt verlieh zur Ausführung des Versöhneramtes.
Drittens fügt er hinzu, dass Christus ihn, den Johannes, an Würde
weit überragt. Die Ehre, welche ihm der Vater erwies, fiel ihm ja
nicht bloß zufällig zu, - es war die seiner ewigen Majestät
zukommende Ehre.
V. 31. Und ich kannte ihn nicht. Man
hätte den Argwohn hegen können, dass Johannes Christo ein solches
Zeugnis ausstelle, weil er durch Freundschaft und Zuneigung mit ihm
verbunden war. Dem kommt er zuvor, indem er versichert: nur durch
Gott habe ich Kenntnis von ihm. Johannes redet nicht nach Eingebung
des eigenen Herzens, auch keinem Menschen zu Gefallen, sondern auf
Anregung des Geistes Gottes und nach Gottes Befehl. Ich
bin kommen, sagt er, zu
taufen mit Wasser. Das soll heißen: das Amt
eines Täufers musste ich, von Gott dazu berufen und verordnet,
verwalten, um Christum dem Volke bekannt zu machen. Im 33. Verse
steht hierzu die Ergänzung. Während es hier nun heißt: Ich bin
gekommen, zu taufen, steht dort: Gott sandte mich zu diesem Zwecke.
Nur göttliche Berufung macht einen Menschen zum berechtigten Diener
an der Gemeinde. Wer sich aus eigener Willkür als Diener der
Gemeinde Gottes aufspielt, - mag er auch der Lehre und des Wortes
mächtig sein, - verdient keine Anerkennung; er muss sein Amt auf
Gott zurückführen können. Göttliche Sendung war für Johannes
notwendig, wenn seine Taufe eine Berechtigung haben sollte. Wir
ziehen daraus die Folgerung, dass kein Mensch nach eigenem Gutdünken
Sakramente einsetzen darf; dazu hat Gott allein das Recht. Daher
auch die Frage Christi (Mt. 21, 25), als es sich um die Taufe des
Johannes handelt: „War sie vom Himmel oder von den Menschen?“
V. 32. Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie
eine Taube. Diese Redeweise ist nicht
eigentlich, sondern bildlich zu nehmen. Augen, mit denen ein Mensch
den Geist Gottes sehen könnte, gibt es nicht. Die Taube ist das
bestimmte und untrügliche Zeichen der Gegenwart des Geistes. Nicht
den Geist, sondern das dem menschlichen Fassungsvermögen
entsprechende Sinnbild des Geistes hat der Täufer gesehen. Einer
ganz ähnlichen Vertauschung von Sache und Zeichen bedient sich
Christi Rede auch bei der Einsetzung des heiligen Abendmahls. Dort
nennt Christus das Brot seinen Leib, einfach, weil er den Namen der
Sache auf das Zeichen überträgt, durchaus passend, zumal ja hier wie
dort das Zeichen seine Wahrheit und Wirkung hat und ein Unterpfand
für uns ist, das uns Gewissheit darüber geben soll, dass uns die
Sache selbst, deren Sinnbild wir schauen, übergeben wird. Doch soll
man nicht wähnen, dass der Geist, der ja Himmel und Erde erfüllt, in
eine Taube eingeschlossen gewesen sei! Nur seiner Kraft nach war er
so gegenwärtig. Johannes sollte nicht die schlichte Taube unbeachtet
lassen; er wurde darüber unterrichtet, dass das Schauspiel des
Herabschwebens einer Taube nicht vergebens sich seinem Auge bot.
Wissen doch auch wir, dass der Leib Christi zwar nicht in das Brot
eingeschlossen ist, und dass wir doch, wenn wir dasselbe essen, ihn
genießen. Weshalb nun gerade die Gestalt einer Taube? Um das
festzustellen, muss man darauf achten, wie überhaupt derartige
Sinnbilder mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Bei der Ausgießung
des Geistes über die Apostel (Apg. 2, 3) erschienen zerteilte
Feuerzungen. Dies Sinnbild hatte seinen Grund darin, dass die
Predigt des Evangeliums in allen Zungen erschallen, und dass ihr
eine feurige Kraft eigentümlich sein sollte. An unserer Stelle war
Gottes Absicht, die von Jesaja (42, 3) beschriebene Sanftmut Christi
zur Darstellung zu bringen, der das zerstoßene Rohr nicht zerbricht
und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Denn damals zuerst ist der
Geist sichtbar auf Christum herabgekommen, - nicht als wäre er
früher ohne ihn gewesen, sondern seil er sozusagen feierlich in sein
Amt eingeführt worden ist. Bekanntlich hat er dreißig Jahre seines
Lebens, als wäre er nur ein Mensch wie andere auch, ohne besonderes
Amt in Verborgenheit zugebracht; solange war es nicht an der Zeit
gewesen, hervorzutreten. Als er aber der Welt sich offenbaren
wollte, nahm er zuerst die Taufe auf sich. Und er hat damals nicht
sowohl für sich, als vielmehr für die Seinen den Geist empfangen.
Wir sollen wissen, dass in ihm die Fülle all der Güter wohnt, an
denen es uns so sehr gebricht. Gerade das gilt es den Worten des
Täufers zu entnehmen. Berichtet er doch (V. 33): „Über welchen du
sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, derselbige
ist es, der mit dem heiligen Geist tauft.“ Das ist so viel, als
sagte er: der heilige Geist hat sich deswegen in sichtbarer Gestalt
gezeigt und sich auf Christum niedergelassen, damit dieser dann mit
seinem Reichtum alle die Seinigen überströmen sollte. Was es heißen
soll, mit dem Geiste taufen, das habe ich oben bereits angedeutet:
der Taufe ihre Wirkung geben, damit sie nicht leer und unnütz ist.
Das tut ja Christus durch die Kraft seines Geistes.
V. 33. Über welchen du sehen wirst usw.
Hier erhebt sich eine schwierige Frage: wenn Johannes Christum gar
nicht kannte, weshalb weigert er ihm dann die Zulassung zur Taufe
(Mt. 3, 14)? „Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde“, so
sagt man doch zu keinem Unbekannten. Einige geben zur Antwort: Er
kannte ihn nur so weit, dass er ihn als hervorragenden Propheten
verehrte, ohne noch zu wissen, dass er Gottes Sohn sei. Diese Lösung
hat nichts Ansprechendes, denn dem göttlichen Ruf muss ein jeder
ohne Ansehen der Person gehorchen. Daher gibt es bei keinem Menschen
eine Würde oder Erhabenheit, die uns am Tun unserer Pflicht
verhindern darf. An Gott und seiner Taufe würde sich deshalb
Johannes versündigt haben, wenn er so zu irgendjemand anders als zu
dem Gottes Sohne geredet hätte. Folglich hat Johannes sicherlich
schon früher irgendwie Christum gekannt. Man beachte zunächst, dass
hier von einer Kenntnis die Rede ist, welche aus Umgang und
gegenseitigem Verkehr entsteht. Obgleich er also Christum vom Sehen
kennt, bleibt es trotzdem vollkommen wahr: sie waren sich nicht
gegenseitig in der Weise bekannt, wie sich sonst die Menschen zu
kennen pflegen; der Anfang ihrer Bekanntschaft stammt aus göttlicher
Offenbarung. Doch die Lösung der Frage ist noch nicht ganz gelungen.
Johannes sagt, der Anblick des Geistes sei ihm ein Erkennungszeichen
gewesen. Und doch hatte er den Geist noch gar nicht gesehen, als er
Christum schon anredet, wie es nur dem Sohne Gottes gebührte. Gern
schließe ich mich der Auffassung derer an, welche der Meinung sind,
dies Zeichen sei nachträglich gegeben worden. Zwar hat es Johannes
allein gesehen, aber mehr für andere als für sich. Man hat 2. Mo. 3,
12 herangezogen: „das soll ein Zeichen für euch sein, dass ihr nach
drei Tagereisen mir auf diesem Berge opfern werdet.“ Sicherlich
wussten die Israeliten schon beim Auszug aus Ägypten, dass Gott bei
ihrer Befreiung der Führer und Beschützer war; dies aber war ihnen
noch hinterher eine Bestätigung dafür. Gerade so trat zu einer
früher dem Johannes gegebenen Offenbarung bestätigend das
Herabfahren des Geistes hinzu.
V. 34. Ich sah es und zeugte. Der
Täufer bringt also nichts Zweifelhaftes vor. Gott wollte, dass er
vollkommen gewisse Kunde hätte von dem, was er der Welt bezeugen
sollte. Dabei ist auch dies beachtenswert, dass Johannes Christi
Gottessohnschaft bezeugt hat. Der, welcher den Geist spenden und
allein die Ehre und das Amt der Versöhnung mit Gott tragen sollte,
muss Gottes Sohn sein.
V. 35 u. 36. Siehe, das ist Gottes Lamm. Es
geht hieraus noch deutlicher hervor, woran ich schon (zu. V. 15)
erinnerte, dass Johannes, als er das Ende seiner Laufbahn nahen
fühlte, ernstlich darauf bedacht war, Christo nicht den Platz zu
versperren, sondern vielmehr ganz und gar einzuräumen. Standhafte
Beharrlichkeit erreicht mehr als das bloße Zeugnis des Glaubens.
Wenn er so fleißig Tag für Tag daran bleibt, die Empfehlung Christi
zu wiederholen, so wird daraus offenbar, dass sein eigener Lauf nun
bald vollendet ist. Hier sehen wir außerdem, wie gering und niedrig
der Anfang der Kirche gewesen ist. Johannes bereitete zwar für
Christum die Jünger zu, aber Christus begann erst jetzt eine
Gemeinde zu sammeln. Und mit wie vielen fängt er an? Mit zwei
gänzlich unbekannten Leuten. Aber auch dies trägt dazu bei, seine
Herrlichkeit in helles Licht zu setzen; denn nach Ablauf kurzer Zeit
schon dehnt er ohne Beihilfe von Geld oder Waffen sein Reich
wunderbar, ja unglaublich weit aus. Wohl zu beachten ist, wozu er
vor allem die Menschen bewegt: dazu, dass sie bei ihm die Vergebung
der Sünden finden. Wie aber Christus sich absichtlich den Jüngern
dargeboten hatte, damit sie zu ihm kommen sollten, so muntert er sie
nun mit gütigem Wort auf, da sie wirklich kommen. Er wartet nicht
ab, bis sie selbst Worte machen, sondern fragt sie (V. 38): was
sucht ihr? Diese so freundlich den Seelen sich
einschmeichelnde Einladung, welche das eine Mal jenen beiden
zugerufen wurde, erstreckt sich jetzt auf alle. Es ist nicht zu
befürchten, dass sich Christus uns entzieht oder uns den Zugang
erschwert, wenn er nur sieht, dass wir uns nach ihm sehnen. Gewiss
nicht! Er wird vielmehr mit ausgestreckter Hand bei unseren
Annäherungsversuchen uns zu Hilfe kommen. Ja, weshalb sollte er auch
denen, die zu ihm kommen, nicht entgegeneilen, wenn er selbst die,
welche weit abgeirrt sind, fern auf ihren Irrwegen sucht, ums sie
auf den rechten Weg zurückzubringe?
V. 38. Rabbi. Man
brauchte diese Anrede bei hervorragenden Männern von irgendwelchem
Rang. Hier vermerkt indes der Evangelist einen anderen Gebrauch
seiner Zeitgenossen; sie begrüßten mit diesem Namen die Lehrer und
Ausleger des Wortes Gottes. Die Beiden wissen zwar noch nicht, dass
Christus der alleinige Lehrmeister der Gemeinde ist, aber der
Ausspruch des Johannes hat sie doch in ihm einen Propheten und
Lehrer erkennen lassen. – Wo bist du zur
Herberge? An diesen ersten Anfängen der
christlichen Kirche müssen wir uns ein Beispiel nehmen; es gilt so
sehr Geschmack an Christo finden, dass wir mit heißem Begehren immer
mehr haben möchten. Wir müssen uns nicht damit begnügen, ihn nur
einmal flüchtig anzusehen, nein, wir müssen seine Herberge
aufsuchen, damit er uns als seine Gäste bei sich aufnimmt. Es gibt
ja sehr viele, die den süßen Duft des Evangeliums nur sozusagen von
ferne riechen. So schwindet ihnen Christus alsbald aus den Augen.
Jeder Tropfen der frohen Botschaft, der ihnen zuteil ward,
verflüchtigt sich wieder. – Die beiden Jünger sind allerdings nicht
schon damals zu dauerndem Anschluss an Jesum gekommen. Aber ohne
Zweifel hat er sie in jener Nacht eingehend unterrichtet, um sie
bald danach völlig an sich zu fesseln.
V. 39. Es war um die zehnte Stunde. Das
heißt: der Abend brach herein. In zwei Stunden ging die Sonne unter.
Man teilte nämlich den Tag in zwölf Stunden, die dann im Sommer
länger, im Winter kürzer waren. Aus dieser Zeitangabe schließen wir:
es war jenen beiden so sehr darum zu tun, Christum zu hören und
näher kennen zu lernen, dass sie sich keine Sorge darum machten, wo
sie zu Nacht unterkommen sollten. Wir sind ihnen großenteils recht
unähnlich mit unserem endlosen Aufschieben, da es uns niemals passt,
Christo nachzufolgen.
V. 40. Andreas. Bis
zum Ende des Kapitels beabsichtigt der Evangelist zu schildern, wie
Christo nach und nach Jünger zugeführt wurden. Hier erzählt er von
Petrus, nachher auch noch von Philippus und Nathanael. Andras bringt
alsbald seinen Bruder herbei. Darin prägt sich die Art des Glaubens
aus, die das Licht im Innern nicht verdeckt und zum Erlöschen
bringt, sondern es vielmehr hier und dorthin ausstrahlen lässt. Kaum
ein Fünkchen hat Andreas, und doch bringt er damit seinen Bruder
schon Licht. Wehe uns gleichgültigen Menschen, wenn wir, die wir
viel mehr Licht besitzen als er, uns keine Mühe geben, andere der
gleichen Gnade teilhaftig zu machen! Bei Andreas lässt sich
beobachten, was Jesaja (2, 3, ebenso Micha 4, 2) von den Kindern
Gottes verlangt; jeder soll den Nächsten bei der Hand nehmen und
sagen: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn hinaufgehen; dann
wird er uns lehren.“ So reicht Andreas dem Bruder die Hand. Er hat
sich aber dabei vorgenommen: Der soll in Christi Unterweisung mein
Mitschüler werden. Außerdem ist Gottes Ratschluss zu beachten,
welcher wollte, dass Petrus, der in Zukunft eine weit höhere
Stellung einnahm, durch die Bemühung und Vermittlung des Andreas mit
Christo bekannt gemacht wurde. So soll sich auch von uns keiner, mag
seine Stellung noch so hoch sein, weigern, von dem Geringeren
Belehrung anzunehmen. Der wird es schwer zu büßen haben, der aus
Eigensinn oder Hochmut der Einladung, zu Christo zu kommen, nicht
Folge leistet, weil sie aus dem Munde eines Menschen kommt, den er
gering achtet.
V. 41. Wir haben den Messias gefunden. Der
Evangelist übersetzt hier das hebräische Wort Messias ins
Griechische: Christus, d. h. der Gesalbte. Er wollte das Geheimnis
des Judenvolkes der ganzen Welt kundtun. „Messias“ war die
gewöhnliche Anrede des Königs, der ja feierlich gesalbt wurde. Aber
die Juden wussten sehr wohl, dass es einen König geben sollte, der
von Gott die Salbung empfing. Unter seiner Herrschaft sollte ein
vollkommenes Glück erblühen, das nie verwelkte. Dass Davids
Herrschaft nicht von solcher Dauer war, mussten sie ja erfahren. Es
ging mit ihnen durch Not und Drangsal aller Art. Da schenkte Gott
ihnen zur Aufrichtung im Unglück die Messias-Erwartung und
offenbarte ihnen immer deutlicher, dass sein Kommen nahe bevorstehe.
Die Weissagung bei Daniel (9, 25 f.) zeichnet sich durch Nennung des
Messiasnamens vor den anderen aus. Er erteilt ihn nämlich nicht, wie
frühere Propheten, den Königen, sondern ausschließlich dem einen
Erlöser. Wenn von nun ab der Messias oder Christus erwähnt wurde, so
dachte man dabei allgemein an niemanden anders mehr, als an den
Erlöser. In diesem Sinne sagt auch (Joh. 4, 25) das samaritische
Weib: „Der Messias kommt.“ Umso wunderbarer ist es, dass der,
welcher so dringend von allen erbeten wurde, und dessen Name in
aller Munde war, nur so wenig Aufnahme fand.
V. 42. Du bist Simon usw.
Christus legt dem Simon einen Namen bei, nicht, wie es sonst wohl
geschieht, nach einem Ereignis in der Vergangenheit oder nach dem,
was man gegenwärtig an ihm beobachten konnte, sondern weil er ihn zu
einem „Petrus“, d. h. Felsenmanne machen wollte. Er nennt also
zuerst seinen gegenwärtigen Namen, um anzudeuten, dass Simon ein
ganz anderer werden soll, als er jetzt ist. Der Vatersname Jonas
oder Johannes wird nicht etwa ehrenhalber beigesetzt: vielmehr will
gerade der Hinweis auf Simons unberühmte Herkunft sagen, dass
dergleichen für den Erlöser kein Hindernis ist, einen Helden von
unüberwindlicher Tapferkeit aus ihm zu machen. Der Evangelist
erwähnt es als eine Art von Weissagung, dass dem Simon ein neuer
Beiname gegeben worden ist. Wohlverstanden: ein Weissagung, nicht
als hätte Christus die in Petrus als Keim vorhandene künftige
Glaubensstärke vorausgesehen, sondern in dem Sinne, dass er damals
voraussagte, was er ihm künftig verleihen wollte. Schon jetzt deutet
er also rühmend auf die Gnadengabe, die er ihm später zugewendet
hat. Deshalb sagt er: Du sollst in
Zukunft Kephas heißen. Denn
dass dieser Beiname schon jetzt in Geltung treten solle, ist nicht
die Meinung. Sicherlich müssen alle frommen Christen Felsenmänner
sein, welche auf Christum gegründet, als lebendige Steine in den
Gottestempel eingebaut werden (1. Petr. 2, 5). Simon trägt aber
allein diesen Namen, weil er sich besonders auszeichnete.
Übrigens ist es nur lächerlich, wenn man katholischerseits den
Petrus an die Stelle Christi setzt, als sei er der Grundstein der
Kirche und nicht, gerade wie die anderen auch, auf Christum als den
einzigen Grund gegründet. Die Bedeutung der Worte Christi ist in
keiner Weise zweifelhaft. Er verspricht dem Petrus etwas, wozu er in
keiner Weise Hoffnung zu haben veranlasst war. So Großes vermag
seine Gnade zu leisten! Wie ein Mensch früher beschaffen war, ist
ihm einerlei. Petrus wurde ein ganz neuer Mensch, wie es dieser
auszeichnende Titel erklärt.
V. 43. Folge mir nach! Durch
dies eine Wort wurde Philippus zur Nachfolge Christi begeistert;
eine Probe dafür, was das Wort vermag. Nicht bei allen ohne
Unterschied übt es solche Wirkung. Viele sucht Gott vergeblich zu
bewegen. Es ist, als ob nur ein leerer Schall an ihr Ohr schlüge.
Die bloße Predigt des Wortes schafft noch keine Frucht, außer der
einen, dass sie die, welche es verwerfen, tödlich verwundet, so dass
sie vor Gott keine Entschuldigung mehr haben. Wenn aber eine geheime
Gnadenwirkung des Geistes die Predigt in dem Menschen, der sie hört,
lebendig macht, muss sein ganzes Fühlen und Denken so ergriffen
werden, dass er bereit ist, der Stimme Gottes zu folgen, wohin sie
ihn auch ruft. Lasst uns Christum bitten, dass in gleicher Weise an
uns sein Evangelium kräftig werde. Übrigens hatte es bei Philippus
mit der Nachfolge Christi seine besondere Bewandtnis. Es wird ihm
nämlich zu folgen befohlen, nicht wie jedem von uns, sondern, dass
er künftig Christi unzertrennlicher Genosse und Begleiter sei. Indes
ist auch diese besondere Berufung ein Beispiel der Berufung im
weiteren Sinne.
V. 44. Philippus war von Bethsaida. Mit
besonderer Absicht scheint der Name dieser Stadt hierher gesetzt zu
sein, damit umso leuchtender bei drei Aposteln Gottes Güte
hervorträte. Mit großem Ernste schilt Christus (Mt. 11, 21 f.) diese
Stadt. Leute nun, die aus einer so gottlosen Frevlerschar von Gott
zu Gnaden angenommen sind, kann man als aus der Hölle hervorgeholte
Menschen ansehen. Dass Christus sie aus jenem tiefen Abgrund
emporzieht und der Ehre des Apostelamtes würdigt, das ist eine
herrliche Wohltat, die nicht vergessen werden darf.
V. 45. Philippus findet Nathanael. Mögen
immerhin stolze Leute auf diese ersten Anfänge der Kirche
verächtlich herunterschauen; wir müssen darin Gottes Herrlichkeit in
höherem Maße erkennen, als wenn von Anfang an gleich in jeder
Hinsicht Christi Reich glänzend in die Erscheinung getreten wäre.
Wir wissen ja, was für eine Ernte aus dieser geringen Aussaat
alsbald emporgewachsen ist. Denselben Eifer, das Reich zu bauen,
finden wir hier bei Philippus, wie zuvor bei Andreas. Seine
Bescheidenheit zeigt sich darin, dass er nichts anderes wünscht und
begehrt, als dass er jemanden haben möchte, der mit ihm zusammen von
dem Lehrer aller Menschen Belehrung annimmt.
Wir haben den gefunden usw. Wie
gering das Maß des Glaubens bei Philippus noch war, geht daraus
hervor, dass er nicht vier Worte von Christo herausbringen kann,
ohne zwei grobe Fehler dabei zu machen. Er macht aus ihm einen Sohn
Josephs und schreibt ihm fälschlich Nazareth als seine Vaterstadt
zu. Und doch gibt Gott, weil Philippus den aufrichtigen Wunsch hat,
seinem Bruder nützlich zu sein und Christum bekannt zu machen, seine
Billigung zu solchem eifrigen Bemühen: auch dieser Jünger hat
glücklichen Erfolg. Sicherlich soll sich jeder befleißigen,
sorgfältig innerhalb der ihm gesteckten Schranken sich zu halten.
Und der Evangelist will gewiss nicht das doppelte Versehen als
besonders lobenswürdig hinstellen. Er erzählt nur, dass Philippus,
wenngleich die Belehrung, wie er sie zu geben imstande war, noch
recht fehlerhaft und irrig gewesen ist, ein brauchbarer Lehrer sein
konnte, weil er die ehrliche Absicht hatte, dem Nathanael die rechte
Erkenntnis Christi zu vermitteln. Bei allen Irrtümern führt er
seinen Genossen doch zu dem in Bethlehem geborenen Gottessohn; er
macht sich nicht nach eigenem Wahn einen Christus zurecht, sondern
will nur, dass in ihm der erkannt wird, von dem Moses und die
Propheten sagen. Das ist also die Hauptsache bei unserer Lehre, dass
die, welche uns hören, mag es im Übrigen gehen, wie es will,
wirklich zu Christo gelangen. Viele wissen von Christo sehr
geistreich zu reden und hüllen ihn doch mit ihren Spitzfindigkeiten
in ein so undurchdringliches Dunkel ein, dass man ihn gar nicht
finden kann. So werden die Anhänger des Papstes ihn zwar nicht Sohn
Josephs nennen, - am richtigen Namen halten sie fest; - aber dabei
machen sie doch seine Macht dermaßen zunichte, dass sie ein Gespenst
an die Stelle Christi setzen. Ist es denn nicht besser, mit
Philippus kindlich zu stammeln und dabei den wahren Christus zu
behalten, als in höchst gewandten Worten einen erdichteten Christus,
eine Fälschung unterzuschieben? Fürwahr, es gibt heutzutage viele
arme ungelehrte Leutchen, die, des Wortes nicht sonderlich mächtig,
doch gläubiger von Christo lehren, als alle Theologen des Papstes
mit ihren Denkkunststücken. Diese Stelle mahnt uns also, nicht
hoffärtig die Nase zu rümpfen, wenn einfache Leute, die nicht
studiert haben, auch einmal weniger geschickt von Christo reden; dem
Herrn gefällt auch das, wenn nur die redliche Absicht vorliegt, uns
zu ihm hinzubringen. Gegen das drohende Übel aber, dass Menschen uns
durch ihre verkehrten Erfindungen von Christo wegzuziehen versuchen,
soll uns als Heilmittel jederzeit die reine Kenntnis von ihm zur
Hand sein, die wir aus Gesetz und Propheten schöpfen können.
V. 46. Was kann von Nazareth Gutes kommen? Anfänglich
stutzt Nathanael, betroffen über den von Philippus angegebenen
Geburtsort Christi; er lässt sich von dem unbedachten Wort des
Philippus irremachen. Was dieser sich in Torheit so gedacht hatte,
nimmt er für gewiss. Es kommt dazu das ungünstige Urteil über den
verhassten oder verachteten Ort. Es fehlte nur wenig daran, so hätte
sich dieser geheiligte Mann selbst den Zutritt zu Christo
abgeschnitten. Wie kam das? Weil er die verkehrte Äußerung des
Philippus für bare Münze nahm. Ferner, weil ihn ein Vorurteil
befangen machte, sodass er nichts Gutes von Nazareth erwartete. Wenn
wir nicht sorgsam auf uns achten, werden wir in die nämliche Gefahr
geraten. Sicherlich strengt Satan sich täglich an, uns durch derlei
Hindernisse vom Zugang zu Christo abzuhalten. Er sorgt, listig wie
er ist, dafür, dass eine Menge Lügen ausgestreut werden, welche uns
das Evangelium so widerwärtig machen sollen, dass wir keine Lust
mehr dazu haben. Der beste Schutz gegen solche Anfechtungen ist das:
„Komm und sieh es!“ Durch dies Wort hat Philippus
seine beiden Fehler gegenüber Nathanael wieder gut gemacht. So lasst
uns denn, gleich ihm, uns vor allem der weiteren Belehrung
zugänglich zeigen, und dann lasst uns ohne Widerstreben weiter
forschen, da ja Christus so gerne die Zweifel, welche uns plagen,
uns nimmt!
V. 48. Siehe, ein rechter Israeliter. Wenn
Christus den Nathanael lobt, so tut er das nicht ihm zu liebe,
sondern er will uns an diesem Mann eine allgemeingültige Lehre
geben. Die meisten Menschen tun so, als wären sie gläubig und sind
doch nichts weniger als das. So ist es denn sehr wertvoll, ein
Kennzeichen zu haben, nach welchem man die rechten und wahren
Gläubigen von den falschen unterscheiden kann. Wir wissen, mit
welchem Hochmut sich die Juden ihres Vaters Abraham gerühmt haben,
wie zuversichtlich sie mit der Heiligkeit ihres Volkes prahlten.
Dabei war unter hunderten kaum einer nicht ganz entartet und vom
Glauben der Väter abgekommen. Deshalb gibt Christus, um den
Heuchlern die Maske vom Gesicht zu ziehen, kurz an, was den rechten
Israeliten ausmacht. Er schafft damit ein Ärgernis weg, das sich
bald infolge der gottlosen Halsstarrigkeit des Volkes erheben
sollte. Die, welche als Söhne Abrahams und heiliges Gottesvolk
angesehen werden wollten, wurden ja bald erbitterte Feinde des
Evangeliums. Damit nun niemand hierüber außer sich gerate oder durch
die allgemeine Gottlosigkeit fast sämtlicher Stände verstört werde,
legt der Herr beizeiten den Finger darauf: unter den vielen, welche
sich den Israelitennamen anmaßen, sind nur wenige wirkliche
Israeliten. Ein rechter Israelit und ein rechter Christ ist aber ein
und dasselbe. Deshalb dürfen wir nicht leicht über unsere Stelle
weggehen. Um nun ohne Umschweife das, was Christus gemeint hat, zu
erfassen, müssen wir beachten: Falsch oder Falschheit ist der
Gegensatz zu Lauterkeit, Aufrichtigkeit. Falsche Leute heißen also
hier die, welchen die Schrift (Jak. 1, 8; 4, 8) ein zwiespältiges
Herz zuschreibt. Es handelt sich dabei nicht nur um die ärgste Form
der Heuchelei, wobei die, welche ein böses Gewissen haben, sich
frech als gute Menschen ausgeben, sondern auch um die andere, tiefer
liegende Form, wobei die Menschen in der Blindheit ihres
Sündenlebens nicht nur andere, sondern sich selbst belügen.
Lauterkeit des Herzens gegen Gott und gerades, ehrliches Wesen gegen
die Menschen ist das sichere Kennzeichen für einen Christen.
Hauptsächlich denkt Christus jedenfalls an diejenige Falschheit, von
welcher Ps. 32, 2 redet. Wir übersetzen: „ein rechter Israeliter“;
nicht, was dem Wortlaut nach auch anginge: gewiss ein Israeliter.
Die erste Übersetzung ist vorzuziehen, weil man den Gegensatz
zwischen Wirklichkeit und leerem Titel zwischen den Zeilen lesen
kann. Ein rechter Israeliter wird Nathanael genannt, weil er in der
Tat das ist, für was er angesehen wird.
V. 48. Woher kennst du mich? Ohne
dem Nathanael schmeicheln zu wollen, legte es Christus doch darauf
an, dass sein Urteil ihm zu Ohren kommen musste. Er wollte eine
Frage der Verwunderung hervorlocken, um sich in der Antwort als Sohn
Gottes zu zeigen. Nicht vergeblich stellt Nathanael die Frage, woher
er Christo bekannt sei. Ein so aufrichtiger Mensch, von Falsch ganz
frei, kommt ja nicht häufig vor, und nur Gott kann von solcher
Herzensreinheit wissen. Übrigens scheint die Antwort Christi keine
besondere Auskunft zu gewähren. Mochte er den Nathanael immerhin
unter dem Feigenbaum gesehen haben, damit war er doch noch lange
nicht in sein verborgenes Herzensinnere hineingedrungen. Doch die
Sache verhält sich anders: in Gottes Macht steht es, Menschen zu
kennen, selbst wenn er sie nie gesehen hätte; so kann Gott auch
sehen, was im Herzensgrunde verborgen ist, und ist eben damit auch
instand gesetzt, ein Urteil auszusprechen über die Reinheit eines
Menschenherzens. Christus hat diese göttliche Macht. Übrigens ist
noch eine wichtige Wahrheit unserer Stelle zu entnehmen: wenn wir an
Christum gar nicht denken, schaut er uns zu. So muss es dahin
kommen, dass er auch solche, die sich von ihm abgewendet haben,
wieder herumholt.
V. 49. Du bist Gottes Sohn. Es
ist nicht wunderbar, dass Nathanael an Christi göttlicher
Befähigung, ins Verborgene zu sehen, ihn als den Sohn Gottes
erkennt. Aber wie kommt er dazu, ihn König von
Israel zu nennen? Zwischen diesen beiden
Bezeichnungen scheint doch gar kein Zusammenhang zu bestehen.
Nathanael macht einen kühnen Schluss. Er hatte vernommen, dass Jesus
der Messias sei. Damit bringt er die eben erhaltene Bestätigung
zusammen. Auch steht es für ihn fest: wenn der Sohn Gottes kommt,
dann wird er sicherlich der König des Gottesvolkes sein. So hat es
denn guten Grund, wenn er von dem, welcher Gottes Sohn ist, das
Bekenntnis ablegt: du bist der König von Israel. Und sicherlich darf
der Glaube nicht bloß an Christi Wesen, dass ich so sage, hängen
bleiben; er muss sich auf seine Kraft und sein Amt richten. Würde es
uns doch wenig helfen, zu wissen, wer Christus ist, wenn nicht auch
das uns klar wäre, wie er sich gegen uns stellen will, und zu
welchem Zwecke er uns vom Vater gesandt ward. Davon, dass die
Anhänger des Papsttums bloß Christi Wesen zu erfassen sich angelegen
sein ließen, ist es gekommen, dass er zu einer schattenhaften Person
für sie geworden ist; sein königliches Amt, bestehend in der Kraft,
Seelen zu retten, haben sie außeracht gelassen. Übrigens ist das
Bekenntnis Nathanaels zum dem König von Israel dem Maße seines
Glaubens entsprechend beschränkt, - dehnt sich doch dieses Königs
Reich aus bis zu den fernsten Enden der Erde. Natürlich schwangen
sich seine Gedanken nicht dazu auf, schon jetzt in ihm den König der
ganzen Welt zu sehen, der von allen vier Winden die wahren
Abrahamskinder zusammenbringen sollte, damit endlich die Welt ein
Israel Gottes werde. Uns ist ja die allumfassende Ausdehnung des
Reiches Christi offenbart, und deshalb steht es uns zu, uns über die
damals noch engen Begriffe des neuen Jüngers zu erheben. Nathanaels
Beispiel mag uns veranlassen, durch Hören des Wortes unseren Glauben
zu üben und ihn durch alle uns zu Gebote stehenden Hilfsmittel zu
stärken. Möge er dann nicht in Grabesruhe schlafen, sondern wie bei
Nathanael im Bekenntnis lebendig hervorbrechen.
V. 50. Jesus antwortete usw.
Er tadelt ihn nicht, als wäre er in seinem Glauben zu weit gegangen;
er bestärkt ihn vielmehr darin und verheißt ihm und den übrigen,
dass sie noch größere Beweise in die Hand bekommen sollen, die zur
Befestigung in ihrem Glauben ihnen dienen werden. Nur dem einen war
es zuteilgeworden, dass Christus, weit von der Stätte entfernt, ihn
unter dem Feigenbaum gesehen hatte. Jetzt kommt Christus auf eine
Beweisführung zu sprechen, die alle gemeinsam erleben werden.
Deshalb geht er unvermittelt von der Rede des Nathanael zur Rede an
alle über.
V. 51. Ihr werdet den Himmel offen sehen. In
großem Irrtum, so urteile ich, befinden sich diejenigen, welche
ängstlich nach Zeit und Ort forschen, wann und wo Nathanael und die
anderen den Himmel offen gesehen haben. Christus redet vielmehr von
einem fortwährenden Zustande, welcher immer in seinem Reiche währen
soll. Ich gebe zu, dass die Jünger etliche Male Engel gesehen haben,
welche heute nicht erscheinen. Ich gestehe auch zu, dass es eine
andere Offenbarung der himmlischen Herrlichkeit gewesen ist, da
Christus gen Himmel fuhr, als was wir jetzt erleben. Aber genau
erwogen, müssen wir doch sagen: was damals geschehen, besteht für
immer. Früher war das Reich Gottes für uns verschlossen; in Christo
ist es in Wahrheit aufgeschlossen worden. Eine sichtbare Probe davon
bekommen sowohl Stephanus (Apg. 7, 55) und die drei Jünger auf dem
Berg der Verklärung, als auch die anderen Jünger bei der
Himmelfahrt. Doch nicht nur das, nein, jedes Zeichen, wodurch Gott
uns seine Gegenwart zu erkennen gibt, soll uns den Himmel
aufschließen, insonderheit das heilige Abendmahl. In der letzten
Hälfte des Verses ist dann von den Engeln die
Rede. Es heißt von ihnen, dass sie hinauf und
herab fahren. Das tun sie als Vermittler der
göttlichen Wohltaten an uns. Es besteht folglich ein wechselseitiger
Verkehr Gottes mit den Menschen und der Menschen mit Gott. Der Dank
für diese Wohltat gebührt Christo. Ohne ihn würden die Engel eher in
Feindschaft und Zwiespalt mit uns stehen, als freundliche Sorge
tragen, wie sie uns helfen können. Deshalb heißt es: sie fahren
hinauf und herab auf ihn, - nicht, als dienten sie ihm allein,
sondern, weil sie aus Rücksicht auf ihn und ihm zu Ehren mit ihrer
Sorge die ganze Christenheit auf Erden umfassen. Ohne Zweifel spielt
der Ausdruck auf die Himmelsleiter an, welche dem Erzvater Jakob im
Traum gezeigt ward (1. Mo. 28, 12). Was jenes Gesicht andeutete, ist
in Christo wirklich geworden. So ist denn der Gesamtinhalt unseres
Verses der: die ganze Menschheit stand außerhalb des Gottesreiches,
jetzt aber hat sich die Himmelstür für uns aufgetan, damit wir
Mitbürger der Heiligen und Genossen der Engel würden. Um uns in
unserem Elend Hilfe zu bringen, steigen diese von Gott verordneten
Wächter unseres Heils aus ihrer seligen Ruhe hernieder.