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Die Entrüekung des „Kindes"


Die Entrückung des „Kindes" 139

Ex.: CSV
Christian Briem Die Entrückung der Gläubigen
Christliche Schriftenverbreitung Postfach 100153, D-5609 Hückeswagen

Welch eine reiche Frucht wird der Herr Jesus, der wahre Sohn eines Fruchtbaumes,
für Gott bringen, welche unüberschaubaren Ergebnisse werden aus Seinem vollbrachten Erlösungswerk hervorfließen!


Der Name unseres Herrn, des Lammes Gottes, und der Name Gottes, des Vaters, seien ewig gepriesen und verherrlicht!

Wir kommen jetzt zu der besonderen Szene in Offenbarung 12, die ich schon zu Anfang dieses Kapitels erwähnt hatte. Ich habe sie deswegen ausgewählt, weil hier zum einzigen Mal in der Offenbarung der Ausdruck entrückt benutzt wird.

Wie wir bereits gesehen haben, wird in der chronologischen Schilderung der Ereignisse der Endzeit mit Kapitel 11, Vers 18, ein gewisser Abschluß, ein Schlußpunkt erreicht: das Endgericht.

Es wird sogar, wenn auch in einer allgemeinen Weise, von dem Gericht der Toten gesprochen, und das findet erst nach dem Tausendjährigen Reich, gleichsam an der Schwelle zur Ewigkeit statt (Off 20, 11-15).

 Überblick über Offenbarung 12-14

Mit Kapitel 12 beginnt ein neuer Abschnitt der Offenbarung, der die Kapitel 12, 13 und 14 umfaßt. Dieser Abschnitt bringt, chronologisch gesehen, keinen zeitlichen Fortschritt der Dinge, sondern vielmehr eine Art Rückblende.
[33]
Soweit
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Wir hatten diese Art rückgreifender Schilderung schon im ersten Teil der prophetischen Rede des Herrn, in Kapitel 2 dieses Buches, gefunden. Auch in der Offenbarung selbst wird diese Art der Schilderung noch öfter angewendet. Ein hervorragendes Beispiel dafür bietet das einundzwanzigste Kapitel. Nachdem uns die ersten acht Verse bis in den ewigen Zustand geführt haben, wird ab Vers 9 auf die Zeit des Tausendjährigen Reiches zurückgeblendet und gezeigt, welche Beziehungen zwischen der verherr-

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er geschichtliche Entwicklungen bietet, liegen sie alle vor dem Schlußpunkt des elften Kapitels. In der Hauptsache handelt es sich um Vorgänge, die sich in den letzten dreieinhalb Jahren vor dem Kommen Christi zum Gericht abspielen werden. Es ist in dieser Hinsicht gewiß bezeichnend, daß die Zeitspanne tausendzweihundertsechzig Tage (dreieinhalb Jahre) bereits im sechsten Vers des zwölften Kapitels erscheint. Drei gewaltige Umwälzungen werden diese schrecklichste Epoche der Menschheitsgeschichte kennzeichnen:

■ das Herabgeworfen-Werden Satans aus dem Himmel (Kapitel 12, 7 ff.), womit der Beginn der letzten dreiein halb Jahre markiert ist;
■ das Wiedererstehen des römischen Reiches (dargestellt in dem ersten Tier von Kapitel 13, Vers 1 ff.);
■ das Auftreten des Antichristen (dargestellt im zweiten Tier von Kapitel 13, Vers 11 ff.).

Damit sind zugleich auch die Hauptakteure genannt, die eine unheilige, teuflische „Dreieinheit" bilden und das äußere Geschehen jener Tage bestimmen werden. „Wehe der Erde und dem Meere! denn der Teufel ist zu euch hinabgekom men und hat große Wut, da er weiß, daß er wenig Zeit hat" (Kapitel 12, 12). Die vermehrten Anstrengungen Satans gegen alles, was von Gott ist, werden in der Lästerung Gottes, in Götzendienst und in der Verfolgung und Tötung Seiner heiligen Zeugen gipfeln (Kapitel 13).

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 lichten Versammlung, dem aus dem Himmel herabkommenden neuen Jerusaletn, und den Menschen auf der Erde bestehen werden. - Es sei noch bemerkt, daß wir bis zum Ende des achtzehnten Kapitels überhaupt keine chronologische Folge der Ereignisse der Gerichtszeit mehr haben,
Vielmehr werden in sich selbst abgerundete Bilder bestimmter Ereignisse gegeben, die zumeist zeitlich nicht bestimmt sind. Dieser Hinweis ist für das rechte Verständnis des vor uns kommenden Gegenstands sehr wichtig.
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Das vierzehnte Kapitel bietet dagegen einen wohltuenden Gegensatz zum Wirken der bösen Mächte. Hier wird gezeigt, was Gott für die Seinen tun wird. Nicht nur wird Er Sich einen treuen Überrest aus Juda bewahren, der siegreich mit dem Lamm auf dem Berg Zion gesehen wird (Verse 1-5), sondern Er wird auch in dieser bösen Zeit trotz allen Widerstands das ewige Evangelium verkündigen lassen (Verse 6- 7). Doch gehört notwendigerweise auch Gericht zum Handeln Gottes für die Seinen: Babylon, die große Hure (Bild der abtrünnigen Christenheit), wird ebenso gerichtet werden wie alle die, die das Bild angebetet haben (Verse 8-12). Mit Vers 14 wird schließlich der Herr Jesus als Sohn des Menschen eingeführt und damit auch das Erntegericht (unterscheidend zwischen Gerechten und Ungerechten) und das Keltergericht (Zorn über den Abfall in religiöser Hinsicht). So führt uns auch dieser Abschnitt der Offenbarung bis zum Endgericht.

Das mit der Sonne bekleidete Weib Der letzte Vers des elften Kapitels gehört inhaltlich zu Kapitel 12.
 Die Kapiteleinteilung ist hier unglücklich.
 Doch macht der Hinweis dieses Verses auf die Öffnung des Tempels Gottes im Himmel und auf die Lade Seines Bundes zweierlei deutlich:
■ Gott steht im Begriff, Sich auf der Grundlage Seines ewigen Bundes wieder Seinem irdischen Volk vor alters, Israel, zuzuwenden.
■ Das Gesicht wird zwar im Himmel gesehen, aber es bezieht sich auf Dinge auf der Erde (im Himmel steht kein Tempel Gottes; vgl. Kapitel 21, 22).
Zeichen des Gerichts (Blitze, Stimmen, Donner, Erdbeben, Hagel) weisen zusätzlich darauf hin, daß Gott im Gericht handeln wird, um Sein Volk in die ihm zugedachten Segnun gen einzuführen - Gericht über seine Feinde und Gericht über das Volk selbst (Ps 83; 94; 97; Jes 66; Sach 12-14).

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Das Gesagte wird uns helfen, das große Zeichen besser zu verstehen, das der Seher nun im Himmel sieht:

„Und ein großes Zeichen erschien in dem Himmel: Ein Weib, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen. Und sie ist schwanger und schreit in Geburtswehen und in Schmerzen zu gebären" (Kapitel 12,1-2).   siehe auch Jesaja 66.7

Wer ist dieses Weib, diese mit der Sonne bekleidete Frau?
Viele haben geglaubt, daß es sich dabei um die Kirche handelt. Doch das kann unmöglich so sein. Sie schreit in Geburtswehen und gebiert schließlich einen männlichen Sohn, der, wie uns Vers 5 zeigt, niemand anders als der Messias ist. Nun, nicht die Kirche ist die Mutter des Messias, sondern Israel, das jüdische Volk. Dem Fleische nach ist der Herr Jesus aus diesem Volk gekommen (Mt 1,1-17; Röm 1,3; 9, 5; 2. Um 2, 8; Off 22,16). Israel (oder Jerusalem als Mittelpunkt Israels) ist diese Frau, und das ist in Übereinstimmung mit der Lade Seines Bundes, dem Symbol der unverbrüchlichen Treue und unauflöslichen Verbindung Gottes mit diesem Volk.

Der Vorsatz Gottes mit Israel

Doch diese Frau ist nicht tatsächlich im Himmel, nur das Zeichen erscheint dort. Sie selbst ist auf der Erde. Aber wir erfahren hier die Gedanken des Himmels über sie, erfahren, was der Ratschluß Gottes im Himmel in bezug auf sie ist. Das macht auch klar, daß wir hier bei Israel nicht an die Masse des ungläubigen Volkes denken müssen, sondern an das Volk, wie Gott es in Seinem Ratschluß vor Sich sieht. In geschichtlicher Hinsicht mag es sich tatsächlich nur um einen Überrest aus diesem Volk, ja, sogar nur um einen jüdischen Überrest handeln, wie wir ihn zum Beispiel im sechsten Vers und ab Vers 13 sehen. Aber in Seinem Gnadenratschluß sieht Gott stets das Volk als ganzes, wenn es auch zu einer be stimmten Zeit nur durch einen gläubigen Überrest darge-

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stellt oder verkörpert werden mag. Dasselbe gilt auch für das Volk Gottes heute. Deswegen ist es so wichtig, das „Zeichen in dem Himmel" von dem tatsächlichen Zustand unterscheiden zu lernen.

 Daß eine Frau benutzt wird, um eine korporative Gruppe oder ein System darzustellen, ist zudem keine einmalige Sache in der Offenbarung.

In Kapitel 2 haben wir in Jesabel die Verkörperung der christlichen Kirche des Mittelalters. In der großen Hure erkennen wir unschwer die verderbte imd vom Glauben abgefallene Kirche der Endzeit (Kapitel 17). In der Braut, dem Weib des Lammes, sahen wir bereits die im Himmel verherrlichte Versammlung (Kapitel 19 und 21).
Und das Weib von Kapitel 12 ist Israel, wie es in den Gedan ken und im Ratschluß Gottes besteht. Anders ausgedrückt: Gott zeigt uns in dieser Frau, was Er mit diesem Volk zu tun gedenkt, und zwar auf Grund Seiner Gnade und Seiner diesem Volk gegebenen Verheißungen. Denn das ist sicher: Israel als solches hat durch seine Untreue jedes Anrecht auf Einlösimg der Zusagen Gottes verwirkt. Aber welch ein herr liches Aufleuchten der unumschränkten Gnade Gottes finden wir hier: Das Weib ist mit der Sonne bekleidet!

Die Sonne ist das Symbol höchster, oft absoluter Autorität in Beziehung zur Erde. Sie ist das große Licht zur Beherrschung des Tages (1. Mo 1,16). Es ist also die Absicht Gottes, Israel an einem noch zukünftigen Tag mit überragender Autorität auf dieser Erde zu bekleiden. Ist das nicht bewegend? Ehe Gott den jüdischen Teil dieses Volkes durch imvergleichliche Drangsale gehen läßt, macht Er im Himmel kund, was Er am Ende mit ihm zu tun gedenkt. Obwohl äußerst schwach in sich selbst und von den Menschen gehaßt und angefeindet, soll und wird Israel am Ende einen Platz höchster Autorität auf der Erde einnehmen.

Daß der Mond unter ihren Füßen ist, scheint auch auf eine der Vergangenheit angehörende Herrlichkeit Israels anzuspielen. Gott hatte Sich im Alten Testament durch Israel unter dem ersten Bund offenbart, und Israel sollte dieses göttliche Licht unter den Völkern der Erde widerspiegeln.


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wie der Mond das Licht der Sonne widerspiegelt. Aber die ser erhabenen Berufung Gottes ist Israel nur sehr unvoll kommen nachgekommen. Doch nun ist dieser Zustand völlig vergangen, imd deswegen wohl heißt es: „der Mond war unter iluren Füßen." In jenen Tagen des Reiches wird Israel in Verbindimg mit Christus, seinem Messias, nicht nur die höchste Autorität („Sonne"), sondern auch abgeleitete Auto rität („Mond") besitzen und ausüben. Dann wird das Verhei ßungswort aus Jesaja 60 wahr werden: „Nicht wird ferner deine Sonne untergehen, noch dein Mond sich zurückziehen; denn Jehova wird dir zum ewigen Licht sein" (Vers 20).

Aber auch eine Krone von zwölf Sternen schmückt das Haupt des Weibes. Über die Bedeutung der Zahl Zwölf sprachen wir schon. In Verbindung mit Sternen, die von untergeordneter Autorität zur Verbreitung von Licht reden, bedeutet sie, daß Gott durch das Volk Israel eine vollkommene Verwaltung auf der Erde ausüben wird. Auf jene Zeit hinwei send, hatte der Herr Jesus Seinen Jüngern den persönlichen Trost gegeben: „Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt,  [34]
 wenn der Sohn des Menschen sitzen wird auf seinem Throne der Herrlichkeit, auf zwölf Thronen sitzen und richten die zwölf Stämme Israels" (Mt 19, 28). Wenn wir hier also ein Bild der zukünftigen Herrlichkeit Israels auf der Erde haben, wie sie schon im Traum Josephs angedeutet worden war (1. Mo 37, 9), so drängt sich uns doch noch einmal die Frage auf: Hat Israel je diesen göttlichen Gedanken entsprochen? Die Antwort kann nur lauten: Nein, nie! Trotzdem sieht Gott im Himmel dieses Volk in Seinem Ratschluß auf diese Weise.

[34]  Wiedergeburt meint nicht direkt das Von-neuem-Geborenwerden, von dem der Herr Jesus in Johannes 3 spricht. Vielmehr weist dieser Ausdruck auf den neuen sittlichen Zustand, auf die neue Ordnung der Dinge hin, durch die das irdische Reich imseres Herrn gekennzeichnet sein wird.

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Liegt darin nicht auch für uns ein überaus starker Trost? Über den Unterschied zwischen Ratschluß Gottes und tat sächlichem Zustand sprachen wir schon. Nun, wenn auch heute der praktische, sittliche Zustand der Versammlung niedrig ist und uns Anlaß zur Demütigung gibt, so dürfen wir dennoch den Blick glaubensvoll nach oben erheben. Wir dürfen sowohl die Versammlung als auch Israel mit Seinen Augen sehen lernen, dürfen im Glauben erkennen, wie sie in Seinem Ratschluß bestehen und zu welcher Herrlichkeit Er sie bringen wird. Was die Versammlung angeht, so haben wir Sein Ziel mit ihr schon gesehen: Sie wird in Ewigkeit Seine Hütte bilden. Und hier erfahren wir, zu welch erhabener Stellimg Er Sein irdisches Volk auf der Erde bringen wird. Israel wird unter den Völkern nicht mehr der Schwanz, sondern das Haupt sein (5. Mo 28,13).

Die Geburtswehen Israels
Wenn die Frau in Geburtswehen schreit, so dürfen wir diese Ausdrucksweise sicherlich nicht buchstäblich auf die Geburt Christi beziehen, sondern ebenfalls auf den Ratschluß Gottes mit Israel. Diese Geburtswehen imd Schmerzen weisen auf die Drangsale hin, durch die dieses Volk noch wird gehen müssen (vgl. Jer 4, 31). Wir haben schon wiederholt von dieser schweren Zeit gesprochen. Und doch hat es der zweite Vers auch mit der Geburt des Messias zu tun. Wie können wir die beiden Dinge nüteinander in Übereinstimmimg bringen? Wie ist es zu verstehen, daß der Messias sogar noch vor der Drangsal Jakobs geboren werden muß? Ich sage: „vor der Drangsal", denn tatsächlich haben wir in Daniel 9 diese Reihenfolge gefunden.

Die Schwierigkeit löst sich schnell auf, wenn wir einen oft zu beobachtenden Grundsatz des prophetischen Wortes Gottes beachten: Die Zeit der Gnade, die zwischen der Kreuzigung Christi und der Entrückung der Gläubigen liegt, ist nicht Bestandteil der Prophetie, sie wird im prophetischen Wort

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überhaupt nicht dargestellt. Deswegen wird auch in den Weissagungen des Alten Testaments die Geburt des Messias direkt mit der zukünftigen Befreiung Israels verbunden. Ein Beispiel aus Micha 5 zeigt das sehr deutlich. Nachdem der Prophet in Vers 2 auf die Geburt des Messias hingewiesen hat, fährt er fort: „und der Rest seiner Brüder wird zurück kehren samt den Kindern Israels."

Noch ein Zitat aus dem Propheten Jesaja ist in diesem Zu sammenhang hoch interessant. In Kapitel 66 lesen wir: „Ehe sie Wehen hatte, hat sie geboren; ehe Schmerzen sie anka men, wurde sie von einem Knaben entbunden" (Vers 7). Hier haben wir die Bestätigung des soeben Gesagten: Der Knabe, der männliche Sohn von Offenbarung 12, wurde gebo ren, ehe die Schmerzen kamen. Wie lang die Zeitspanne zwi schen der Geburt Christi und der Drangsalszeit ist, wird hier nicht gesagt. Aber es werden mindestens zweitausend Jahre sein.


Eine Besonderheit wird in Jesaja 66 oft übersehen. Sie bietet eine jener Schönheiten der Heiligen Schrift, die nur mit der göttlichen Urheberschaft der Bibel erklärt werden können. Während nämlich der Prophet in Vers 7 von der Geburt eines Knaben spricht, bevor Zion Wehen hatte, redet er im nächsten Vers von Kindern und sagt: „Denn Zion hat Wehen bekommen und zugleich ihre Kinder geboren." Wenn die Tochter Zion die Wehen der Drangsale zu spüren bekommen wird (Mt 24, 21), werden zugleich ihre Kinder geboren wer den - jener gottesfürchtige Überrest aus Juda nämlich, der in den Drangsalen treu bleiben wird.

Fassen wir noch einmal zusammen. Als der Herr Jesus gebo ren wurde, lag Zion nicht in Wehen. Alles war in Frieden, als die Hirten auf den Feldern Bethlehems der Botschaft der Engel lauschten. Viele Jahre sind vergangen und manche werden noch vergehen, bis Zion „Wehen bekommen" wird. Aber zugleich mit den Drangsalen wird auch ein Überrest sichtbar werden als Frucht dieser Drangsale. Dieser jüdische Überrest wird der Träger des Zeugnisses Gottes in dieser schweren Zeit sein. Doch beachten wir: Mit der Versamm-

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 lung Gottes hat das alles nichts zu tun. Weder ist das Weib ein Bild der Versanunlung, noch ist es das Kind. Das Kind ist Christus, und das Weib, das das Kind gebiert, ist Israel. Israel ist die Mutter des Messias dem Fleische nach.

 Der Drache und das Kind

 Der Seher sieht nun noch ein anderes Zeichen im Himmel: „Und es erschien ein anderes Zeichen in dem Himmel: und siehe, ein großer, feuerroter Drache, welcher sieben Köpfe und zehn Horner hatte, und auf seinen Köpfen sieben Diademe; und sein Schwanz zieht den dritten Teil der Sterne des Him mels mit sich fort; und er warf sie auf die Erde. Und der Drache stand vor dem Weibe, das im Begriff war zu gebären, auf daß er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind verschlänge" (Verse 3-4).

 Wer der Drache ist, macht der neunte Vers unseres Kapitels unzweideutig klar: Satan. Und das ist so bemerkenswert an diesen beiden Zeichen im Himmel: Gott gewährt dem Seher (und damit auch uns) nicht nur einen Blick darauf, was Er mit Israel zu tun gedenkt, sondern Er läßt uns auch durch das andere Zeichen wissen, wer der Gegenspieler sein und was dieser tim wird, um, wenn möglich, den Ratschluß Gottes zu vereiteln.

Die Merkmale des Drachen
 Das Feuerrot des Drachen weist auf seinen blutdürstigen, grausamen Charakter hin, in dem er die Heiligen jener Tage verfolgen wird. Die sieben Köpfe s)nnbolisieren eine gewisse Vollkommenheit in den Formen seiner Regierungsmacht. Die zehn Hörner sind identisch mit den zehn Königen von Kapitel 17 (Vers 12 ff.) und deuten die Grenzen des kommenden (römischen) Reiches an. In diesen Hörnern erkennen wir die eigentlichen Instrumente Satans in der Ausübung admini-

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strativer Macht auf der Erde. Daß es nicht zwölf, sondern nur zehn Hömer sind (im Gegensatz zu den zwölf Sternen des Weibes), zeigt UnvoUständigkeit an. VN^e stark und auto ritär das römische Reich auch sein wird, unter der Führung Satans kann es auf der Erde keine vollkommene Verwaltung und Regierung geben. Die sieben Diademe auf seinen sieben Köpfen reden von seiner (angemaßten) Königswürde und von souveräner Macht.

Satanische Gewaltherrschaft

 Es ist auffallend, wie sehr die Merkmale des Drachen mit denen des ersten Tieres (des kommenden römischen Fürsten) in Kapitel 13 übereinstimmen. Wir erkennen daran un schwer, wer der eigentliche Inspirator des römischen Fürsten sein wird: niemand anders als Satan selbst. Und so lesen wir dort auch: „Und der Drache gab ihm seine Macht und seinen Thron und große Gewalt" (Vers 2). Das muß in der Tat eine furchtbare Zeit sein, wenn die oberste Regierungsgewalt auf der Erde ihre Macht direkt von Satan erhält und sie unter seiner Leitung ausübt! Darm gilt der Grundsatz von Römer 13 nicht mehr: „Es ist keine Obrigkeit, außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet" (Vers 1).

 Einerseits mögen sich die Menschen heute über ihre Regierungen beklagen oder sich über sie lustig machen; und tatsächlich üben die Verantwortlichen ihre Regierungsgewalt nur sehr unvollkommen aus. Dennoch sind sie von Gott verordnet, und durch sie hält Er die sittliche Ordnumg auf der Erde aufrecht. Sie gehören nach dem Rat Gottes zu dem, „was zurückhält" (2. Thes 2,6). Deswegen sollten wir für die vorhandenen Regierungsgewalten dankbar sein und für die Männer in Hoheit beten (1. Tim 2,1.2)

. Andererseits sehen wir in unseren Tagen in allen gesell schaftlichen Bereichen die Bestrebimgen, von Gott gegebene Autoritäten in Frage zu stellen, sich gegen sie aufzulehnen, ja, sie möglichst abzuschaffen. Viele Menschen rufen heute

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 unter der Flagge der Liberalität lauthals nach Freiheit und meinen damit die Beseitigung der ihren Eigenwillen eingrenzenden Autoritäten. Sie werden vielleicht einmal zu denen gehören, die bitter werden erleben müssen, was es bedeutet, wenn die von Gott gegebenen Autoritäten ihre Stellung verlieren. Der nächste Satz weist auf diesen ernsten Vorgang hin:

 „... und sein Schwanz zieht den dritten Teil der Sterne des Himmels mit sich fort; und er warf sie auf die Erde."

 Der Ausdruck „der dritte Teil" scheint (wie in Kapitel 8, 7- 12) mit dem westlichen Teü des römischen Reiches, also mit Westeuropa in Verbindung zu stehen. In diesem Bereich wird Satan die untergeordneten Autoritäten dem Stand nor maler Menschen gleichmachen. Diese Sterne waren ur sprünglich von Gott gesetzt, um auf der Erde sittliches Licht zu verbreiten und die Ordmmg aufrechtzuerhalten. Aber unter dem satanischen Einfluß der Lüge (vgl. „Schwanz" in Jes 9, 15) werden sie ihre Stellimg der Autorität einbüßen. Sie müssen einem Gewaltherrscher von ganz anderer Art Platz machen. Aus dem chaotischen und durch Revolutionen geschüttelten Weltenmeer wird in Westeuropa das Tier auf steigen, ein Despot, wie es ihn furchtbarer noch nie gegeben hat.

Wehe den Menschen, die dann auf der Erde leben werden (Off 12, 12)! Sie haben es verschmäht, unter die Autorität Gottes und Seines Wortes zu kommen. Und als Christus kam, um die Seinen zu entrücken, gehörten sie nicht zu ihnen und blieben hier zurück. Obwohl viele von ihnen in dem einst so begünstigten Westeuropa leben werden, wo das Evangelium der Gnade Gottes so klar verkündigt worden war, werden sie unter die Gewaltherrschaft eines Machthabers geraten, der brutal mit satanischer Macht über sie herr schen wird. Sollte nicht allein dieser Gedanke die Herzen der Menschen erbeben lassen? Dabei haben wir noch nicht von dem ewigen Gericht gesprochen! Daß sich doch noch man cher, von Furcht bewegt, heute zum Herrn Jesus wenden würde (vgl. Heb 11, 7), um in Ihm Schutz vor den zeitlichen

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Gerichten und dem ewigen Gericht zu suchen! Heute ist Er noch der Heiland der Sünder!

 Die Absicht, das „Kind""  zu verschlingen


Die Beschreibung des Drachen dient gleichsam als Einleitung für die Position, die er vor der Frau einnimmt, die im Begriff steht, ihr Kind zu gebären. Er steht da und will sogleich, wenn sie geboren hätte, ihr Kind verschlingen.

 Aus dieser Beschreibung entnehmen wir zunächst einmal dies: Satan weiß genau, wer der verheißene Same des Weibes ist, der der Schlange das Haupt zermalmen sollte (1. Mo 3, 15). Und als der Herr Jesus über diese Erde ging, wußten auch die unreinen Geister, mit wem sie es zu tun hatten. "Und wenn die unreinen Geister ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und sprachen: Du bist der Sohn Gottes" (Mk 3, 11; vgl. auch Mt 8, 29). Ist es nicht zutiefst beschämend und bestürzend, daß unzählig viele Menschen nicht wissen, wer Jesus ist? Wenn es die Dämonen wissen, wenn es Satan selbst weiß, warum nicht die Menschen? Ach, der Gott dieser Welt - und das ist Satan - hat den Sinn der Ungläubigen verblendet, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus (2. Kor 4, 4).

Von Anfang an versuchte Satan, den Ratschluß Gottes zu durchkreuzen und die Linie des Verheißenen auszulöschen. Der Versuch der Söhne Jakobs, ihren Bruder Joseph zu besei tigen (1. Mo 37); die Bemühungen Pharaos, Israel auszurot ten (2. Mo 1-2); die Absicht der gottlosen Athalja, die kö nigliche Linie Davids endgültig auszuradieren (2. Kön 11); der Plan Hamans, das Volk der Juden in der Zeit Esthers zu vernichten - sie alle weisen in dieselbe Richtung, auf densel ben Urheber. Und als der Herr Jesus geboren wurde, stand Satan bereit, sofort den wahren Erben zu töten. So wissen wir genau, wer hinter dem Anschlag des Königs Herodes stand, „das Kind" umzubringen (Mt 2, 13).

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Später wurde der Herr vom Teufel in der Wüste versucht mit dem Ziel, Ihn vom Weg des Gehorsams abzubringen (Mt 4). Aber das war unmöglich. Er erregte den bitteren Haß der Pharisäer und Schriftgelehrten gegen Ihn. Er brachte das ganze Volk gegen Ihn auf, das doch nur Gutes durch Ihn gehabt hatte (Apg 10, 38). Und wie oft während Seines kur zen Dienstes versuchten die Menschen, Hand an Ihn zu legen! Doch „weil seine Stunde noch nicht gekommen war", wurden sie daran gehindert. Schließlich jedoch hatte er Ihn dort, wo er Ihn haben wollte - am Kreuz, tot. So hatte es ganz den Anschein, als habe der Drache sein Ziel erreicht, als habe er das Kind verschlungen. Doch daß das nicht so ist, werden wir sogleich sehen. In Wahrheit ist auch Satan nur ein Diener des Ratschlusses Gottes. Wenn er auch sein Ziel erreicht zu haben schien, er hat doch nur dazu beigetragen, daß die Gedanken der Gnade Gottes erfüllt wurden.

Warum wird die Geburt Christi erwähnt?

 „Und sie gebar einen männlichen Sohn, der alle Nationen weiden soll mit eiserner Rute" (Vers 5).
Sicher bewegt manchen Leser die Frage: Wenn hier Endzeitereignisse vorgestellt werden, warum wird an dieser Stelle die Geburt Christi erwähnt? Sie liegt doch schon jetzt fast zweitausend Jahre zurück!

Nun, wir haben schon bemerkt, daß es in diesem Abschnitt (Kapitel 11,19 bis 12, 5) nicht um die Wiedergabe geschichtlicher Entwicklungen geht. Unmöglich könnten sonst der Tod und die Auferstehung Christi, diese für den Heilsplan Gottes so fundamentalen Geschehnisse, ungenannt bleiben. Vielmehr will uns Gott deutlich machen, was für Prinzipien in der Endzeit herrschen und wer die tätigen Personen sein werden, die danach handeln. Und so haben wir auf der einen Seite den Ratschluß Gottes mit Israel. Das ist der herr schende Grundsatz - die Gnade Gottes, und nach diesem Grundsatz wird Gott für und mit diesem Volk handeln. Auf

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der anderen Seite steht der Widersacher Gottes und der Menschen - Satan. Auch er unternimmt etwas imd hat dafür seine Werkzeuge. Aber sein Handeln wird diuch den Grund satz der Feindschaß gegen Gott und Seinen Christus bestimmt. Und um uns zu zeigen, daß er, wenn möglich, schon das Eintreten Christi in diese Welt verhindert hätte, wird die Geburt des Herrn angeführt. Dies ist, denke ich, die Erklärung für die gewiß nicht alltägliche Darstellimg der Dinge in diesem Abschnitt.

Zudem ist Jesaja 9, Vers 6, noch nicht vollständig erfüllt: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf Seiner Schulter; und man nennt sei nen Namen: Wimderbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedefürst." Denn als der Herr Jesus damals in die Welt eintrat, war nur r ein sehr kleiner Überrest in Juda vor handen, der im Glauben so sprechen konnte. Aber Gott blickt in Seinem Ratschluß voraus auf die Zeit, in der einmal ganz Israel in Ihm den Sohn erkennen und dann auf diese Weise von Ihm reden wird. Heute noch belegt das Volk der Juden keineswegs den Herrn Jesus mit diesen Ehrentiteln. Alles andere als das! Aber die Zeit wird kommen, wo man Ihn in den Grenzen Israels und weit darüber hinaus so nen nen wird: Wunderbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedeßirst. Dann werden die Mehrung der Herrschaft und der Friede kein Ende haben auf dem Throne Davids und über Sein Königreich (Vers 7).

Das Weiden der Nationen

 Doch bevor der Messias auf Seinem Thron der Herrlichkeit sitzen kann, muß das eintreten, was uns der fünfte Vers über den männlichen Sohn sagt: Er wird alle Nationen weiden mit eiserner Rute. Das ist zweifellos eine direkte Anspielung auf Psalm 2: „Fordere von mir, und ich will dir zum Erbteil geben die Nationen, und zum Besitztum die Enden der Erde. Mit eisernem Zepter wirst du sie zerschmettern, wie ein Töpfergefäß sie zerschmeißen" (Verse 8-9).

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 Hier sehen wir wieder den Ratschluß Gottes, der letzten Endes nicht das Weib, sondern deren Sohn zum Mittelpunkt hat: Christus muß den ersten Platz haben. Die Frage, wer auf der Erde herrschen und regieren soll, der Teufel oder Chri stus, ist bei Gott längst entschieden. Gewiß, heute ist noch Satan Gott und Fürst dieser Welt (2. Kor 4, 4; Joh 14, 30), imd noch ist Christus verborgen in Gott (Kol 3,3). Der Gläu bige sieht Ihn zwar mit dem geistigen Auge schon mit Herr lichkeit und Ehre gekrönt (Heb 2, 9), aber er weiß auch, daß Ihm jetzt noch nicht alles unterworfen ist (Vers 8). Aber wenn Gott Seinen Erstgeborenen erneut in den Erdkreis einführen wird (Heb 1, 6), dann wird Er Ihn mit den Worten des zweiten Psalms auffordern, mm das Ihm zustehende Erbteil in Besitz zu nehmen und die zu zerschmettern, die dem im Wege stehen.

Als Antwort darauf sehen wir den Herrn Jesus in Offenba rung 19 aus dem geöffneten Himmel heraustreten. Mit eiser ner Rute wird Er zunächst die gegen Ihn versammelten Heere der westlichen Konföderation vernichtend schlagen (Ver se 19-21). Dabei werden der römische Fürst (das Tier) und der Antichrist (der falsche Prophet) lebendig in den Feuersee, die Hölle, geworfen. Kurz darauf wird der König des Nordens, von Ägypten kommend, in Palästina einfallen und sich ge gen Cluristus, den Fürsten der Fürsten, auflehnen. Aber auch er wird mit seinen Heeren plötzlich und „ohne Menschen hand zerschmettert" werden (Dan 8, 25; 11, 44.45). Einige Zeit danach - und dann wird das Tausendjährige Reich bereits bestehen - wird Gog, das Haupt der russischen Kon föderation, durch den der erste König des Nordens unter stützt wurde, den Krieg gegen Palästina fortsetzen und mit seinen gewaltigen Heeren in das „Land der Zierde" eindrin gen. Aber ehe er Jerusalem erreichen wird, wird der Herr ihn gänzlich vernichten (Jes 10, 20-34; 14, 24.25; Hes 38; 39).

Ja, der Herr wird die Nationen weiden mit eiserner Rute. Geschichtlich gesehen werden ab Offenbarung 12, Vers 6, noch dreieinhalb Jahre vergehen, bis die eben geschilderten

154 3. Die Entrückung in der Offenbarung

Dinge tatsächlich eintreten. Aber im Ratschluß Gottes für Seinen Sohn werden sie uns hier schon vorgestellt.

 Nun ist es sehr bedeutsam, daß der Herr Jesus nicht allein herrschen wird. Er hatte schon dem Überwinder in Thyatira verheißen und gesagt; „Wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem werde ich Gewalt über die Natio nen geben; und er wird sie weiden mit eiserner Rute, wie Töpfergefäße zerschmettert werden, wie auch ich von mei nem Vater empfangen habe" (Off 2, 26.27). Auffallend, daß in beiden Stellen fast dieselben Worte benutzt werden! So wird hier eine sehr kostbare Wahrheit deutlich: Christus verbindet Sich mit den Seinen. Seine Stellung ist ihre Stel lung. „Wenn wir ausharren (wie Er ausgeharrt hat), so wer den wir auch mitherrschen (das heißt mit Ihm mitherrschen)" (2. Um 2,12). Diesen Grundsatz der Identifikation (Einsmachung) Christi mit Seiner Versanunlung werden wir im nächsten Abschnitt wiederfinden.

Christus und die Versammlung
 Wenn der letzte Satz unseres Verses in Kapitel 12 lautet:

„und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und zu seinem Throne" (Vers 5), so ergeben sich zwei Fragen:

■ Warum wird das Kind sogleich zu Gott und Seinem Thron entrückt?
■ Wen haben wir unter dem Ausdruck Kind zu verstehen? Weist dieses Symbol auf mehr als nur auf Christus hin?

Die erste Frage brauche ich nur kurz zu behandeln. Wir haben ja bereits gesehen, daß es hier nicht um Geschichte, sondern um den Ratschluß Gottes geht. Und auch das Kind, Christus, wird in diesem Ratschluß Gottes gesehen. Deswe gen fehlt jeder geschichtliche Hinweis auf das Leben und Sterben Christi. Nur die Himmelfahrt des Herrn wird ange-

Die Entrückung des „Kindes" 155

deutet. Satan wollte Christus vernichten, und tatsächlich ist der Herr der Herrlichkeit gekreuzigt worden. Aber Christus ist dennoch der Triumphator über Tod und Teufel. Gerade durch den Tod hat Er den zunichte gemacht, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel (Heb 2, 14). Gott hat Ihn „aus den Toten wiedergebracht" (Heb 13, 20) und Ihn gänz lich dem Zugriff und dem Machtbereich Satans entzogen: Er hat Ihn zu Sich entrückt. Noch ist der Tag Seiner Macht nicht gekommen, aber Er wurde bereits an den Platz versetzt, von dem jede Macht ausgeht.

Damit komme ich zur zweiten Frage. Daß mit dem Kind Christus gemeint ist, haben wir verstanden. Aber ist das wirkhch alles? Ich glaube nicht. Ich glaube, daß Seine Ent rückung auch unsere Entrückung, die Entrückung der Versammlung, bedeutet. Das ist keine bloße Annahme. Der Hinweis darauf, wie Sich der Herr mit den Seinen in der Ausübung Seiner Herrschaft verbindet, scheint mir zwingend. Zudem liegt dieser Grundsatz der Einsmachung Christi mit Seiner Versamm lung der Lehre des Neuen Testaments über Christus und die Versammlung zugrunde. In Gottes Ratschluß sind Christus und die Versammlung vollkommen eins. Nie wird in Seinen Gedanken das Haupt von dem Leib getrennt. Es wäre das Haupt ohne den Leib. Christus und die Versammlung bilden eine Einheit, einen Organismus. Ich möchte diesen Grund satz kiu-z an drei Beispielen erläutern.

Nehmen wir die schon erwähnte Stelle aus Kolosser 3. Christus, zur Rechten Gottes sitzend, ist jetzt in Gott verborgen: Die Welt sieht Ihn in der jetzigen Zeit nicht. Aber da Chri stus unser Leben ist, ist auch unser Leben mit dem Christus in Gott verborgen. Die Welt versteht weder Christus noch das Leben, das wir in Ihm besitzen. Wenn aber Christus, unser Leben, offenbart, das heißt, der Welt sichtbar werden wird, dann werden auch wir mit Ihm offenbart werden in Herrlichkeit (Verse 3-4). So sehr sind wir in den Gedanken Gottes mit Christus einsgemacht, so sehr ist Er imser Leben,

156 3. Die Entrückung in der Offenbarung

daß, wenn Er der Welt sichtbar wird, auch wir mit Ihm offenbar werden.

Ein zweites Beispiel: Nachdem der Apostel Paulus in 1. Ko rinther 12 von der Einheit des Leibes gesprochen und gezeigt hat, daß dieser Leib trotz seiner Einheit aus einer Vielzahl von Gliedern besteht, zieht er dann die Schlußfolgerung: „Also auch der Christus" (Vers 12). Ist das nicht wunderbar? Er sagt nicht: „Also auch die Versammlung.'' Das hätten wir wohl erwartet. Nein: „Also auch der Christus." Der Christus, das ist Christus und die Seinen. Christus und die Versamm lung bilden zusammen den Christus. Gesegneter Ratschluß Gottes!

Noch ein drittes Beispiel für die Identifikation Christi mit den Seinen sei angeführt. Wenn wir im Alten Testament die Versammlung suchen, suchen wir sie dort vergeblich. Wir wissen warum: Das Geheimnis von Christus und der Ver sammlung war im Alten Testament noch nicht offenbart worden (Eph 3, 5.9; Kol 1, 26). Aber was wir finden, Gelieb te, ist Christus! Und das, was im Alten Testament von Ihm gesagt wird, wird im Neuen Testament auf die Seinen ange wandt. Wem ist zum Beispiel schon aufgefallen, daß die Worte in Römer 8 „Wer wird wider Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, welcher rechtfertigt: wer ist, der verdamme?" (Verse 33 und 34) eine Anspielimg auf Jesaja 50, Verse 8 und 9, sind? Aber die Verse in Jesaja bezie hen sich auf Christus, die Verse in Römer 8 jedoch auf die Gläubigen der Gnadenzeit. Welch eine herrliche Einsmachung von Christus imd der Versammlung!

Deswegen habe ich nicht den geringsten Zweifel daran, daß wir in dem Sjonbol des Kindes nicht nur Christus, sondern Christus und die Versammlung erblicken dürfen. Weil es hier nicht um die Frage der Zeit geht, wird die Entrückung Chri sti und die Entrückung der Versanunlung in einem S)anbol, in einem Akt zusammengefaßt. Und tatsächlich gehören sie auch zusammen.

 Die Entrückumg des „Kindes'' 157

Unterschiedliche Bewahrung der Heiligen

Nach den Gedanken Gottes soll die Versammlung, ebenso wie Christus, in den Himmel entrückt werden, ehe das unvergleichbare Wüten Satans auf dieser Erde seinen Anfang nimmt. Dazu muß nicht nur Christus aus dem Wege sein, sondern auch die Versammlung und der Heilige Geist in ihr. Denn wie es etwas gibt, was zurückhält, daß der Antichrist kommt ( 2. Thes 2, 6), so gibt es auch Den, der zurückhält (Vers 7), und das ist der Heilige Geist in der Versammlimg, Erst wenn auch sie die Erde verlassen haben, wird Satan in Verbindung mit den beiden Tieren ungehindert sein schreck liches Werk vollbringen können. Und weil er Christus und die Seinen hier nicht mehr vorfindet, wird sich seine ganze Wut gegen das irdische Volk Gottes, gegen das Weib richten, das deswegen auch in die Wüste flieht (Off 12, 6). Doch wie Gott das Kind vor den Nachstellungen des Drachen schützte, so wird Er auch den jüdischen Überrest bewahren und auf rechterhalten. ,

Beachten wir jedoch den Unterschied: Christus und die Versammlung wird Er dadurch bewahren, daß Er sie ganz aus dieser Szene herausnimmt und sie in den Himmel entrückt. Israel dagegen wird hier auf der Erde, in der Wüste sein und dort Zuflucht finden vor den tödlichen Angriffen des Drachen.

Und wie trösthch: Gott zählt die Tage der Not, durch die Sein irdisches Volk gehen muß: tausendzweihundertsechzig Tage! Wenn jedoch von der Wirksamkeit Satans in der zwei ten Hälfte der letzten Danielswoche gesprochen wird, dann wird diese Zeitspanne als „eine Zeit imd Zeiten und eine halbe Zeit" (Vers 14) oder „zweiundvierzig Monate" (Kapitel 13, 5) dargestellt.

Noch eine Beobachtimg stützt die Entrückung der Heiligen vor der Drangsalszeit. Wenn Satan zu Beginn dieser kurzen Epoche aus dem Himmel auf die Erde geworfen wird, wird der Himmel jubilieren. Der Seher hört eine laute Stimme verherrlichter Heiliger im Himmel sagen: „Nun ist das Heil

158 3. Die Entrückung in der Offenbarung

 und die Macht und das Reich unseres Gottes und die Gewalt seines Christus gekommen; denn hinabgeworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unse rem Gott verklagte" (Vers 10). Beachten wir die Ausdrucks weise: „Verkläger unserer Brüder." Diese himmlischen Heili gen reden offenbar nicht von sich selbst als Ziel der Angriffe Satans, sondern von anderen Heiligen, die nach der Entrükkung der Braut wegen ihres Zeugnisses für den Herrn den Tod erlitten und ihren ständigen Verkläger, den Teufel, überwunden haben.

 Ich sage das, um noch einmal zu unterstreichen, daß die Gläubigen, die an der Entrückung teünehmen werden, zu jener Zeit bereits im Himmel sind. Sie sind vor dem Beginn der vorbereitenden Gerichte in den Himmel entrückt wor den, imd sie sind es, deren Stimme der Seher mm hört. Aber zweitens lernen wir hier, daß sich die himmlischen Heüigen mit ihren jüdischen Brüdern auf der Erde einsmachen wer den - mit den Heiligen also, die in der ersten Hälfte der letzten Danielswoche um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen den Märtyrertod erdul den werden.

Ausklang

Wir sind nun am Ende unserer Betrachtungen über die Ent rückung der Heiligen angekommen. Ich habe vorzustellen versucht, was uns die Heilige Schrift darüber sagt. Dieses Ereignis stimmt voll mit dem prophetischen Wort überein, ist aber selbst nicht Bestandteü der Prophetie. Gegenstand des prophetischen Wortes ist die Erscheinung des Herrn mit Seinen Heiligen in Macht und Herrlichkeit. Die Entrückimg jedoch wird ihr vorausgehen. Zeitlich fällt sie vor den Be ginn der großen Drangsal, die im besonderen über das jüdi sche Volk kommen wird. Im übrigen ist sie nicht von irgend welchen prophetischen Entwicklungen abhängig.

Ausklang 159

So haben die Kinder Gottes der Gnadenzeit das gesegnete Vorrecht, die Entrückung als unmittelbar bevorstehend zu erwarten. Sie erwarten jedoch nicht nur ein hervorragendes Ereignis, sondern die persönliche Ankunft Dessen, der sie so unaussprechlich liebt. In verherrlichten Körpern werden sie Ihm entgegen entrückt werden. Das Anziehen des Herrlichkeitsleibes (1. Kor 15, 53; 2. Kor 5, 2.4) wird sie befähigen, Ihn zu sehen, ivie Er ist (1. Joh 3, 2).
Unbeschreiblich, was das bedeuten wird! Es wird die Glückseligkeit des Himmels aus machen.

In der Kraft des Geistes und durch Glauben hatten sie schon in diesem Leben gelernt, was es heißt, von der Macht der Sünde befreit zu sein (Rom 6-8). Aber wenn Er kommt, um sie zu Sich zu nehmen, werden sie auch von der Gegenwart der Sünde befreit werden: Sie werden nur noch in Ihm erfun den werden (Phil 3, 9). Dann erst ist ihre Errettung komplett. Durch die Annahme des Wortes vom Kreuz gehörten sie nicht mehr zu denen, die verlorengehen, sondern zu denen, die errettet werden (1. Kor 1, 18). Doch dieser Prozeß wird schlagartig in einen Zustand münden, der ewig bleibt. Heute schon tragen sie die Errettung der Seele davon (1. Pet 1, 9). Auch wissen sie, was es bedeutet, durch die Schwierigkeiten des irdischen Weges hindurch gerettet zu werden (Heb 7, 25). Beides war ihr glückseliges Teil, als sie noch über diese Erde gingen. Sie werden darüber hinaus erfahren, was es heißt, von jeder ihnen entgegenstehenden Macht errettet zu sein.

Verherrlicht, Ihm gleich, werden sie in die Lage versetzt sein, ihren Herrn und Heiland vollkommen zu genießen. Das wird der Seele tiefstes Glück sein. Durch nichts werden sie mehr gestört, nicht durch den Leib, nicht durch die Sünde, nicht von Satan behelligt, nicht von der Welt. Die „Kindheitstage" ihres irdischen Lebens und Erkennens sind - wenn auch nicht vergessen, so doch - für immer vergan gen. Das Stückweise hat dem Vollkommenen Platz gemacht, und sie werden in absoluter Weise, von Angesicht zu Ange-

160 Ausklang

sieht, erkennen - erkennen, wie sie erkannt worden sind (1. Kor 13,10-12).

Christus, der Mittelpunkt des Ratschlusses Gottes, wird auch der Mittelpunkt des Hinunels sein. Und die Erlösten werden Ihn sehen wie Er ist, nie mehr werden sie das Auge von Ihm wenden. Liebe und Anbetung, Bewunderung und Ehrerbietimg werden Ihm entgegenschlagen. Ihm und dem Vater auf ewig.