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Jakobus (J. Ronald Blue)
EINFÜHRUNG
Wenige Schriften des biblischen Kanons waren so umstritten wie der
Jakobusbrief. Es gab Debatten über seine Verfasserschaft, seine
Datierung, die Empfänger des Briefes, seine Kanonizität und seine
Einheitlichkeit.
Auch Martin Luther hatte
Probleme mit dem Jakobusbrief. Er bezeichnete ihn als "stroherne
Epistel". Dabei ist das Schreiben mindestens ebenso brisant wie
"strohern". Immerhin stecken in diesem Heuhaufen genügend Nadeln, um das
Gewissen eines jeden stumpf und müde gewordenen Christen wieder
aufzustacheln. Ja, wir haben es im Gegenteil mit einer äußerst
"anregenden Epistel" zu tun, die mahnt und ermutigt, herausfordert und
überzeugt, tadelt und aufrichtet, den praktischen Weg der Heiligung
beschreibt und die Gläubigen zum Ziel eines tätigen Glaubens hinführt.
Der Jakobusbrief ist kompromißlos ethisch und erfrischend praktisch
zugleich.
Zu den allgemeinen Briefen
zählend ist er wie die Petrusbriefe, die Johannesbriefe und der
Judasbrief als Enzyklika konzipiert, die sich nicht an bestimmte
Gemeinden oder Personen richtet, sondern an ein breiteres Publikum von
Gläubigen. Die Lehraussagen dieser allgemeinen Briefe stellen eine
Ergänzung zur paulinischen Theologie dar: Paulus stellt die Bedeutung
des Glaubens in den Vordergrund, Jakobus legt großes Gewicht auf das
Verhalten, Petrus wiederum betont die Hoffnung, Johannes die Liebe und
Judas die Reinheit.
Jakobus
Verfasserfrage
Der Autor des Jakobusbriefes ist nur schwer auszumachen. Das Neue
Testament erwähnt mindestens vier Männer, die den Namen Jakobus tragen:
(1) den Sohn des Zebedäus und Bruder des Jüngers Johannes ( Mk 1,19 ),
(2) den Sohn des Alphäus ( Mk 3,18 ), (3) den Vater des Judas (nicht des
Iskariot; Lk 6,16 ) und (4) den Halbbruder Jesu ( Gal 1,19 ). Wer von
den Genannten schrieb den Jakobusbrief?
Jakobus, der Sohn des Zebedäus,
scheidet als Verfasser aus, weil er bereits unter Herodes Agrippa I. den
Märtyrertod erlitt, noch bevor der vorliegende Brief entstand ( Apg
12,2 ).
Es mutet auch unwahrscheinlich
an, daß der wenig bekannte Sohn des Alphäus den Brief geschrieben haben
soll, auch wenn, besonders auf römisch-katholischer Seite, der Sohn des
Alphäus zum Teil mit dem Herrenbruder gleichgesetzt wird. Nach Ansicht
dieser Wissenschaftler war Jakobus in Wirklichkeit der Vetter Jesu durch
Maria, die Frau des Kleopas (Alphäus) und Schwester der Jungfrau Maria.
Diese Behauptung verbietet allerdings eine wörtliche Auslegung des
Begriffes "Bruder" und ist eindeutig ein Versuch, den Gedanken der
dauernden Jungfräulichkeit der Mutter Jesu zu stützen. Dagegen scheint
aus der Schrift klar hervorzugehen, daß aus der Verbindung von Josef und
Maria nach der Jungfrauengeburt des Herrn Jesus Christus noch Kinder
hervorgingen. Jesus wird als Marias "erster Sohn" ( Lk 2,7 ) bezeichnet,
eine Feststellung die bereits impliziert, daß sie danach noch weitere
Kinder bekam. Die Schrift hält außerdem fest, daß Josef Maria nicht
"berührte", d. h., daß er die Ehe körperlich nicht mit ihr vollzogen
hatte, "bis" ( heOs ) zur Geburt Jesu ( Mt 1,25 ). Darüber hinaus
enthalten die Evangelienberichte verschiedene Hinweise auf die
Halbbrüder des Herrn, und vier seiner Brüder werden sogar namentlich
erwähnt: Jakobus, Josef, Simon und Judas ( Mt 13,55 ).
Jakobus, der Vater des Judas
(nicht des Iskariot) war in keiner Weise eine herausragende Gestalt der
frühen Kirche und kommt daher ebenfalls kaum als Verfasser des
Jakobusbriefes in Frage.
Auf diesem Hintergrund scheint
es logisch, daß Jakobus, der Halbbruder des Herrn, der später ein
anerkannter Leiter der Jerusalemer Gemeinde wurde, den Brief geschrieben
hat. Diese Schlußfolgerung wird noch gestützt durch den autoritativen
Ton des Schreibens und die auffallenden Ähnlichkeiten im Griechischen
zwischen dem Jakobusbrief und der Rede des Jakobus in Apg 15 .
Obwohl Jakobus mit Jesus
zusammen aufwuchs, kam er offensichtlich erst nach der Auferstehung
Christi zum Glauben. So heißt es noch im Johannesevangelium: "Denn auch
seine Brüder glaubten nicht an ihn" ( Joh 7,5 ).
Vielleicht wurde Jakobus durch
die Begegnung mit dem Auferstandenen zum rettenden Glauben bekehrt.
Christus war "gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln"
( 1Kor 15,7 ). Später rechnet Paulus Jakobus zusammen mit Petrus und
Johannes zu den sogenannten "Säulen" der Kirche ( Gal 2,9 ).
Die wichtigsten Belege für die
Verfasserschaft des Jakobusbriefes deuten also am ehesten auf den
Halbbruder Christi. Diese Auffassung wird auch von Origenes, Eusebius,
Kyril von Jerusalem, Athanasius, Augustinus und zahlreichen anderen
frühchristlichen Autoren gestützt.
DatierungDie Datierung des
Briefes hängt damit zusammen, von wem er geschrieben wurde. Manche
Wissenschaftler leugnen die Verfasserschaft des Herrenbruders wegen des
exzellenten Griechisch, in dem das Schreiben abgefaßt ist. Sie setzen
seine Entstehung in der Zeit zwischen den Jahren 80 und 150 n. Chr. an.
Für diese Datierung gibt es allerdings kaum genügend Belege. Jakobus war
offensichtlich ein begabter Galiläer, der sowohl des Aramäischen als
auch des Griechischen mächtig war.
Flavius Josephus, der Chronist
des 1. Jahrhunderts, berichtet, daß Jakobus im Jahre 62 n. Chr. den
Märtyrertod starb. Der Jakobusbrief muß also vor diesem Zeitpunkt
geschrieben worden sein. Da in dem Schreiben an keiner Stelle die Rede
vom Apostelkonzil (49 n. Chr.) ist, bei dem Jakobus eine so wichtige
Rolle spielte, ist anzunehmen, daß es zwischen den Jahren 45 und 48 n.
Chr. entstand.
Der Jakobusbrief ist
wahrscheinlich das älteste Buch des Neuen Testaments, weshalb er auch
kaum als eine Polemik gegen den Brief des Apostels Paulus an die Römer
betrachtet werden kann. Der Römerbrief wiederum ist sicherlich keine
Gegendarstellung zum Jakobusbrief. Aus dem Verhältnis des Paulus zu
Jakobus ( Apg 15,13; Apg 21,18 ) und seiner Anerkennung des Jakobus
( Gal 1,19;2,9.12 ) wird vielmehr deutlich, daß Paulus den Herrenbruder
sehr hochschätzte. Wenn man die Lehre des Paulus und die des Jakobus
zusammenfaßt, so erhält man das ganze Spektrum des Glaubens. Während
Paulus über den inneren Weg des rettenden Glaubens aus der Sicht Gottes
schrieb, legte Jakobus dar, wie der äußerliche, sichtbar werdende Dienst
des Glaubens aus der Sicht des Menschen auszusehen hat. Die Saat des
rettenden Glaubens findet ihre Bestätigung in der greifbaren Frucht des
dienenden Glaubens. Jakobus konzentriert sich ganz auf die Wirksamkeit
des biblischen Glaubens.
Jakobus
AdressatenDer Jakobusbrief, der
sich "an die zwölf Stämme in der Zerstreuung" ( Jak 1,1 ) richtet, trägt
eindeutig jüdische Züge. Das Schreiben hat den Inhalt und die Autorität
prophetischer Aussagen aus dem Alten Testament und erinnert im Stil und
in der literarischen Ausformung an die Psalmen. Es nimmt Bezug auf die
"Erstlinge" ( Jak 1,18; vgl. 3Mo 23,10 ), die Synagoge oder
"Versammlung" ( Jak 2,2 ), "Abraham, unseren Vater" ( Jak 2,21 ), die
"Gehenna" oder "Hölle" ( Jak 3,6 ), den "Herrn Zebaoth" ( Jak
5,4; vgl. 1Mo 17,1 ) und auf das Frühere und das Spätere oder "den
Frühregen und Spätregen" ( Jak 5,7; vgl. 5Mo 11,14 ). Manche Exegeten
gehen zwar davon aus, daß die "zwölf Stämme" bildlich für die Kirche der
Heiden, die im ganzen Römischen Reich verstreut ist, gemeint sei, doch
es erscheint plausibler, diese Äußerung wörtlich zu nehmen. Der Brief
ist eindeutig für einen jüdischen Kreis bestimmt. Auch wenn er eine gute
griechische Diktion aufweist, so steckt er doch voller hebräischer
Symbolismen.
Es könnte sein, daß Petrus an
die Judenchristen, die verstreut im Westen des Reiches lebten, schrieb
(vgl. 1Pet 1,1 ) und daß Jakobus sich an die Judenchristen im Osten, in
Babylon und Mesopotamien, wandte.
Kanonizität
Interessanterweise fehlt der
Jakobusbrief in einigen frühen Versionen und Sammlungen der Heiligen
Schrift. Die früheste Sammlung, die wir kennen, der Kanon Muratori aus
dem 2. Jahrhundert, enthält weder den Hebräerbrief noch den Jakobus- und
die Petrusbriefe. Erst seit dem 4. und 5. Jahrhundert ist der
Jakobusbrief dauernd in den Kanon aufgenommen. Offensichtlich wurde die
Kanonizität des Briefes von den Gemeinden in Rom und Karthago
angezweifelt, während er in den Gemeinden von Jerusalem und Alexandria
von Anfang an in Umlauf war und in die Schriftensammlungen in Kleinasien
aufgenommen wurde. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Da der Brief in
Jerusalem geschrieben wurde und sich an Juden in der östlichen Diaspora
wandte, waren die Christen der westlichen Welt weniger bereit, ihn als
Teil der Heiligen Schrift zu akzeptieren. Die Entstehung des Kanons und
seine Akzeptanz und Autorität war jedoch zweifellos ein Prozeß, der sich
unter der Führung und dem Eingreifen Gottes vollzog.
Stil
Der Jakobusbrief ist ebensosehr
eine Vorlesung, wie er ein Brief ist. Er wird zwar mit der üblichen
brieflichen Grußformel eröffnet, enthält aber keinerlei persönliche
Anspielungen, wie sie normalerweise in einem Brief vorkommen, und endet
auch nicht mit einer Segensformel.
Offensichtlich war diese
"Enzyklika" dafür konzipiert, als Predigt vor den Adressatengemeinden
verlesen zu werden. Der Ton des Schreibens ist autoritativ, aber nicht
autoritär. Immerhin enthält der Jakobusbrief in seinen hundertacht
Versen vierundfünfzig Imperative - so daß also durchschnittlich
gerechnet jedem Vers eine Aufforderung zugeordnet ist.
Der Stil des Briefes ist
energisch und lebendig und vermittelt in einer knappen, treffenden
Sprache wichtige Wahrheiten. Die Sätze sind kurz, einfach und direkt.
Viele der Metaphern und Vergleiche haben einen fast poetischen Klang.
Letztlich enthält der Jakobusbrief mehr Redewendungen, Analogien und
Bilder aus der Natur (vgl. die Tabelle S. 416) als alle Paulusbriefe
zusammen. Ermahnungen, rhetorische Fragen und Beispiele aus dem
täglichen Leben verleihen diesem kurzen Text seine besondere Würze.
Eine wichtige literarische
Technik, die vom Verfasser des Jakobusbriefes häufig benutzt wird, ist
die Verbindung von Aussagen und Sätzen durch die Wiederholung eines
bestimmten Leitwortes oder ihm verwandter Begriffe; z. B. "Geduld"
in Jak 1,3.4 ,"kein Mangel" in Jak 1,4 und "wenn es mangelt" in Jak
1,5 ,"so bitte er" in Jak 1,5 und "er bitte aber" in Jak 1,6 ,"er
zweifle nicht" und "denn wer zweifelt" in Vers 6 . (Weitere Beispiele
siehe W. Graham Scroggie, Know Your Bible , 2 Bände. London, o.J.,
2,293.)
Neben diesem besonderen und
einmaligen stilistischen Kunstgriff führt Jakobus ungewöhnlich viele
Verweise auf andere Schriften an. Er bezieht sich auf Abraham, Rahab,
Hiob, Elia, auf das Gesetz und die Zehn Gebote und spielt auf Passagen
in einundzwanzig alttestamentlichen Büchern an: von denfünf Büchern Mose
über Josua, 1. Könige, die Psalmen, die Sprüche, den Prediger Salomo bis
hin zu Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel und sieben der zwölf Kleinen
Propheten.
Die Lehraussagen des Jakobus
erinnern in vielem an die Johannes des Täufers (z. B. vgl. Jak
1,22.27 mit Mt 3,8; Jak 2,15-16 mit Lk 3,11; Jak 2,19-20 mit Mt 3,9; Jak
5,1-6 mit Mt 3,10-12 ). Wahrscheinlich hatte er, wie Petrus, Johannes
und Andreas, den Täufer persönlich predigen gehört. Darüber hinaus gibt
es verblüffende Parallelen zwischen dem Jakobusbrief und der Bergpredigt
in Mt 5-7 (vgl. die Tabelle S. 417). Jakobus zitiert die Herrenworte
aber nicht bis ins einzelne, sondern hat seine Lehren offensichtlich so
verinnerlicht, daß er ihnen nun eine geistliche Aussagekraft verleihen
kann.
In seiner expressiven Abruptheit
und sprachgewaltigen Schmucklosigkeit steht der Jakobusbrief als
literarisches Meisterstück einzig da. Er ist ein gleichermaßen bunter
und leidenschaftlicher Text und verbindet die rhythmische Schönheit mit
der strengen Intensität des Hebräischen. Der Jakobusbrief ist ein
Schreiben von höchster Ausdruckskraft und enormer Wirkung auf den Leser.
Einheitlichkeit
Die angebliche Uneinheitlichkeit
des Jakobusbriefes hat vor allem anderen zu Zweifeln an diesem Text
geführt. Manche Exegeten sind der Ansicht, daß das Schreiben eine
lockere literarische Form wie die hebräische Weisheitsliteratur etwa vom
Typ der Sprüche aufweist. Nach Aussage von Leslie C. Mitton steckt "kein
erkennbares Schema in dem Brief" ( The Epistle of James , S. 235). Ein
anderer stellt fest, daß der Brief "nicht so sehr einen
zusammenhängenden Gedankengang darstellt als vielmehr eine Reihe
sentenzartiger Aussprüche, die um bestimmte ständig wiederkehrende
Themen angeordnet sind" (Frank E. Gaebelein, The Practical Epistle of
James ,S. 14). "Fehlende gedankliche Folgerichtigkeit" (Martin
Dibelius, A Commentary on the Epistle of James , Philadelphia 1976, S.
1), "eine Reihe nur lose verbundener Paragraphen" (Clayton K.
Harrop, The Letter of James , S. 14) und "insgesamt formlos und
unsystematisch" (E. H. Plumptre, The General Epistle of St. James , S.
43) sind andere Formulierungen, die die Schwierigkeiten der Exegeten mit
dem Jakobusbrief spiegeln. Dabei besteht gar kein Anlaß zur Irritation.
Vielmehr zeigt der Brief eine bemerkenswerte Einheit und eine klare
Zielsetzung.
Das Anliegen dieses kraftvollen
Briefes ist es, die ersten Christen zu christlicher Reife und Heiligung
ihres Lebens zu ermahnen. Er befaßt sich stärker mit der Praxis des
christlichen Glaubens als mit seinen Voraussetzungen. Jakobus teilt
seinen Lesern mit, wie sie durch ein festes Beharren, barmherzigen
Dienst, gewissenhafte Rede, reuige Unterwerfung und gegenseitige
Fürsorge zu geistlicher Reife gelangen können. Er geht dabei auf jedes
Gebiet des christlichen Lebens ein: Was der Christ ist, was er tut, was
er sagt, was er fühlt und was er hat.
Mit dieser zugegebenermaßen
strengen Lektion zur praktischen Heiligung zeigt Jakobus, wie der
christliche Glaube und die christliche Liebe sich in den verschiedensten
Situationen bewähren sollen. Die scheinbar unverbundenen Teile des
Briefes lassen sich im Lichtedieses einheitlichen Grundthemas ohne
weiteres zusammenführen. Der Jakobusbrief ist mehr als nur ein paar
verstreute Perlen, die der Leser sich erst mühsam zusammensuchen muß; er
ist ein kunstvoll zusammengesetztes Geschmeide von außergewöhnlicher
Schönheit.
GLIEDERUNG
I. Seid standhaft ( Kap.1 )
A. Grußwort ( 1,1 )
B. Freude in Anfechtungen
( 1,2-12 )
1. Die inner Haltung
in Anfechtungen ( 1,2 )
2. Der Nutzen von
Anfechtungen ( 1,3-4 )
3. Hilfe in
Anfechtungen ( 1,5-12 )
C. Widerstand in tödlicher
Versuchung ( 1,13-18 )
1. Die Quelle der
Versuchung ( 1,13-14 )
2. Der Prozeß der
Versuchung ( 1,15-16 )
3. Die Erlösung der
Versuchung ( 1,17-18 )
D. Ruhe in der göttlichen
Wahrheit ( 1,19-27 )
1. Die
Aufnahmebereitscgaft für das Wort ( 1,19-21 )
2. Die Antwort auf das
wort ( 1,22-25 )
3. Ergebung in das
Wort ( 1,26-27 )
II. Dient barmherzing ( Kap.2 )
A. Annahme anderer
( 2,1-13 )
1. Höflichkeit
gegenüber allen ( 2,1-4 )
2. Barmherzigkeit für
alle ( 2,5-9 )
3. Zuverlässigkeit in
allem ( 2,10-13 )
B. Hilfe für andere
( 2,14-26 )
1. Der Ausdruck des
wahren Glaubens ( 2,14-17 )
2. Der Beweis des
wahren Glaubens ( 2,18-20 )
3. Beispiele für
wahren Glauben ( 2,21-26 )
III. Hütet eure Zunge ( Kap.3 )
A. Selbstbeherrschung in
der Rede ( 3,1-12 )
1. Die Zunge ist ein
mächtiges Instrument ( 3,1-5 )
2. Die Zunge ist ein
Instrument der Verderbtheit ( 3,6-8 )
3. Die Zunge ist ein
unreines Insturment ( 3,9-12 )
B. Rechte Gesinnung
( 3,13-18 )
1. Die Weischeit ist
demütig ( 3,13 )
2. Die Weischeit ist
großzügig ( 3,14-16 )
3. Die Weischeit ist
friedfertig ( 3,17-18 )
IV. Zeigt Reue ( Kap.4 )
A. Wandlung von Haß in
Demut ( 4,1-6 )
1. Die Ursache des
Konflikts ( 4,1-2 )
2. Die Folgen des
Konflikts ( 4,3-4 )
3. Die Beilegung des
Konflikts ( 4,5-6 )
B. Wandlung von
Ungerechtigkeit ( 4,7-12 )
1. Aufforderung zur
Gerechtigkeit ( 4,7-9 )
2. Der Nutzen der
Gerechtigkeit ( 4,10-11 )
3. Der Urheber der
Gerechtigkeit ( 4,12 )
C. Wandlung von
Selbstüberhebung in Glauben ( 4,13-17 )
1. Die
Selbstüberhebung ( 4,13 )
2. Die Achtung der
Selbstüberhebung ( 4,14 )
3. Die Auflösung der
Selbstüberhebung ( 4,15-17 )
V. Sorgt füreinander ( Kap.5 )
A. Gemeinsamer Besitz
( 5,1-6 )
1. Das Elend des
Reichtums ( 5,1 )
2. Die verderbliche
Wirkung des Reichtums ( 5,2-3 )
3. Die Verurteilung
des Reichtums ( 5,4-6 )
B. Mahnung zur Geduld
( 5,7-12 )
1. Das Wesen der
Geduld ( 5,7-9 )
2. Beispiele für
Geduld ( 5,10-11 )
3. Der Erweis der
Geduld ( 5,12 )
C. Gemeinsames Beten
( 5,13-20 )
1. Aufmerksamkeit für
die Nöte der Gläubigen ( 5,13 )
2. Hilfe für die Nöte
der Gläubigen ( 5,14-18 )
3. Die Bedeutung der
Nöte der Gläubigen ( 5,19-20 )
Jakobus
AUSLEGUNG
I. Seid standhaft
( Jak 1 )
A. Grußwort
( 1,1 )
Jak 1,1
Der Brief beginnt mit einer
konventionellen Eröffnung: der Name des Verfassers und der Adressaten
wird genannt, und die Adressaten werden gegrüßt. Diese kurze Einleitung
genügte Jakobus.
Auch was seine Selbstdarstellung
angeht, ist er sehr bescheiden. Er weist weder auf seine Stellung
innerhalb der Gemeinde noch auf die Tatsache, daß er ein Bruder von
Jesus ist, hin. Das Fehlen aller Titel scheint anzudeuten, daß er seiner
Leserschaft gut bekannt war und die Autorität genoß, die für die
Abfassung eines solchen Briefes erforderlich war.
Jakobus (gr.: I akObos ,
hebr. yaZXqOB ) bezeichnet sich einfach als Knecht ( doulos ,
"Sklave") Gottes und des Herrn Jesus Christus . Er betrachtet sich als
"Eigentum" Gottes und des Mannes, den er "Bruder" nennen konnte, des
Herrn Jesus Christus. Jakobus erkennt die Gottheit Christi
offensichtlich an, denn er setzt ihn mit Gott gleich. Nicht umsonst
gebraucht er auch den vollen Titel Jesu, "der Herr Jesus Christus".
"Jesus" heißt "Retter" und "Christus" ist das griechische Wort für
"Messias", "Gesalbter". Der ewige "Herr" wurde zum Retter, "Jesus", der
als ewiger Herrscher, "Christus", auferstanden ist. Der Herr der Herren
ist der König der Könige ( 1Tim 6,15; Offb 17,14; 19,16 ).
Der Brief ist an die zwölf
Stämme in der Zerstreuung gerichtet. Jakobus wendet sich also an die
fern von ihrer Heimat lebenden Juden. Der Terminus technicus für
"Zerstreuung" ( diaspora ) kommt nur noch an zwei anderen Stellen im
Neuen Testament vor ( Joh 7,35; 1Pet 1,1 ). Er bezieht sich auf die
Juden, die im Exil unter den Heiden lebten, wie es einst ihre Vorfahren
in der Gefangenschaft getan hatten. Auch wenn die zwölf Stämme Israel
verstreut leben, so sind sie doch nie verloren. Am Ende der biblischen
Geschichte, im Buch der Offenbarung, werden sie noch einmal alle
genannt: Juda, Ruben, Gad, Asser, Naftali, Manasse, Simeon, Levi,
Issachar, Sebulon, Josef und Benjamin ( Offb 7,5-8; vgl. Offb 21,12 ).
Die idiomatische Wendung "Gruß
zuvor" , die in tausenden erhaltener antiker Briefe vorkommt, steht in
den anderen neutestamentlichen Briefen nie allein (vgl. den Kommentar
zu 2Joh 1,10-11 ). Interessanterweise fügt Jakobus in seinem Schreiben
nicht noch die jüdische Grußformel "Friede" ( SAlNm ) hinzu. Der Apostel
Paulus z. B. gebrauchte meistens sowohl den griechischen als auch den
hebräischen Gruß (in der Übersetzung: "Gnade und Friede"). Zweifellos
wollte Jakobus, obwohl er an Juden schrieb, nicht von seinem knappen
Stil und der schlichten Eleganz eines guten Griechisch abweichen.
Außerdem kommt auf diese Weise das Wortspiel zwischen "Gruß"
( chairein ) in Jak 1,1 und "Freude" ( charan ) in Vers 2 besser zur
Geltung.
Um Reife im christlichen Glauben
und einen heiligen Lebenswandel zu erreichen, ist es unabdingbar, auf
festem Grund zu stehen. Der Gläubige muß in der Lage sein,
vertrauensvoll auszuharren, und darf sich nicht von Anfechtungen
niederwerfen oder von Versuchungen verführen lassen. "Nur nicht
nachlassen" muß seine Maxime sein. Wie schafft er das? Indem er dem Wort
Gottes folgt, auf dieses Wort hört und es in die Tat umsetzt.
Anfechtungen von außen und Versuchungen von innen können einem Christen,
der in der göttlichen Wahrheit feststeht, nichts anhaben.
Jakobus
B. Freude in Anfechtungen
( 1,2 - 12 )Nur allzuoft führen
Anfechtungen zu Jammern und Wehklagen. Eine solche Reaktion verträgt
sich nicht mit christlicher Reife, ja sie verschlimmert die Situation
nur. Anfechtungen sind aus christlicher Sicht keine Bedrängnisse,
sondern Prüfungen. Prüfungen sind dazu da, um zu sehen, ob der Geprüfte
das erforderliche Pensum bewältigt und nicht, um ihn durchfallen zu
lassen. Jakobus gibt seinen Lesern wertvolle Ratschläge, wie sie eine
solche Prüfung gut bestehen können. Wer der Bedrängnis in der rechten
Haltung gegenübertritt, wer den Nutzen einer solchen Prüfung erkennt und
weiß, wo er Hilfe suchen kann, wird sicherlich vor Gott bestehen.
1. Die innere Haltung in
Anfechtungen
( 1,2 )
Jak 1,2Jakobus erteilt den
verfolgten Judenchristen, die verstreut unter den Heiden leben, den
überraschenden Rat: "Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude,
wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt." Die Gläubigen sollen
Anfechtungen also mit Freude entgegentreten und sie nicht als
Bestrafung, Fluch oder Katastrophe empfinden, sondern als etwas, das zur
Freude führen muß. Sie sollen ihnen außerdem eine "reine Freude"
(wörtlich "alle Freude", d. h. eine Freude, die vollkommen oder ohne
Beimischung ist) sein, nicht etwa "ein bißchen Freude", das mit großem
Kummer einhergeht.
Obwohl diese Anweisung sehr
direkt und energisch klingt, stellt sich Jakobus dabei doch nicht
predigend vor seine Leserschaft, sondern identifiziert sich vielmehr mit
ihr. So spricht er die Adressaten seines Briefes herzlich als "meine
lieben Brüder" an. Diese Anrede, die nicht weniger als fünfzehnmal
auftaucht, ist typisch für den ganzen Brief. Die Anweisungen des
Briefschreibers sind immer mit echter Zuneigung gekoppelt.
Wichtig ist auch, sich
klarzumachen, daß Jakobus nicht sagt, daß ein Gläubiger sich über die
Anfechtungen freuen soll, sondern in den Anfechtungen. Das Verb des
Satzes, "fallen in" ( peripesEte ), drückt etwa dasselbe aus wie die
Wendung in Lk 10,30 "er fiel unter die Räuber". Die "mancherlei
Anfechtungen" ( peirasmois ... poikilois ) werden auch von Petrus
angesprochen, der in seinem Brief dieselben griechischen Wörter
gebraucht, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge ( 1Pet 1,6 ). Umgeben
von solchen Anfechtungen soll der Christ sich freuen. Die meisten
Menschen würden sich freuen, wenn sie gerade nicht in Bedrängnis kommen,
doch Jakobus fordert seine Leser zum gegenteiligen Verhalten auf
(vgl. 1Pet 1,6.8 ).
An dieser Stelle ist eindeutig
von äußeren Anfechtungen oder Prüfungen des Durchhaltevermögens
( peirasmois ) die Rede, während später im selben Kapitel ( Jak 1,13 )
die zu diesem Substantiv gehörige Verbform ( peirazomai ) innere
Versuchungen oder Verlockungen zur Sünde charakterisiert.
Aus dem Gesagten erhebt sich
ganz klar eine Frage: "Wie kann ein Mensch in Anfechtungen Freude
finden?"
Jakobus
2. Der Nutzen von Anfechtungen
( 1,3-4 )
Jak 1,3
Die Christen können Anfechtungen
freudig begegnen, weil sie großen Nutzen aus derartigen Prüfungen
ziehen. Im rechten Geist erlebte Anfechtungen führen zu einer
geläuterten Form der Glaubensfestigkeit.
Das ist nichts Neues, sondern
lediglich eine Ermahnung, Altbekanntes nicht zu vergessen. Die
Wendung "und wißt" ( ginOskontes , "wissend aus Erfahrung") deutet an,
daß jeder schon einmal die Belastung einer problematischen Situation und
den Nutzen des Durchhaltens an sich erfahren hat. Geduld, die sich nicht
in Anfechtungen bewährt, ist nichts wert.
Nur der wahre oder bewährte
Glaube führt zur Geduld. Die Wendung "wenn er bewährt ist" hat hier mehr
die Bedeutung von "Billigung" als von "Prüfung". Das Wort dokimion steht
nur im Neuen Testament an dieser Stelle und in 1Pet 1,7 . Glaube ist wie
Gold - er besteht die Feuerprobe. Ohne diesen bewährten Glauben können
Anfechtungen keine Geduld hervorbringen. Es würde nur Asche
übrigbleiben. Wahrer Glaube dagegen übersteht wie lauteres Gold auch die
höchsten Temperaturen. Er wirkt ( katergazetai ) Geduld oder
Durchhaltevermögen. Das Substantiv "Geduld" ( hypomonEn ; vgl. die
Verbform in Jak 1,12 ) bedeutet "Standhaftigkeit im Angesicht von
Schwierigkeiten" (vgl. Jak 5,11 ).
Jakobus
Jak 1,4
Doch Geduld ist nur die erste
Wohltat, die aus der Anfechtung erwachsen kann. Die Geduld aber soll ihr
Werk tun . Wie der erprobte und wahre Glaube Geduld hervorbringt, so muß
die Geduld ihr vollkommenes oder vollendetes Werk fortsetzen können, um
schließlich die Ergebnisse christlicher Reife und geistlicher Erfüllung
zu zeitigen. Dies ist das hohe Ziel, das als Grundthema den ganzen
Jakobusbrief durchzieht. Es geht Jakobus immer wieder in erster Linie
darum, seinen Lesern zu zeigen, wie sie geistliche Reife erlangen
können.
Zwei Begriffe beschreiben dieses
Ziel: vollkommen und unversehrt . Das Adjektiv "vollkommen" ( teleioi )
ist gekoppelt mit "unversehrt" ( holoklEroi , von holos , "ganz",
und klEros , "Teil"). Die ganze Wendung drückt damit die Vollkommenheit
und vollständige Entwicklung der christlichen Reife aus.
Christen können Anfechtungen
freudig begegnen, weil aus der Anfechtung durch den Glauben Geduld
erwächst, die ihrerseits, wenn sie sich erfüllen kann, ein reifes
christliches Dasein hervorbringt, dem es an nichts mangelt. Der Christ,
der dahin gelangt, ist so, wie Gott ihn will.
Die Argumentation des Briefes
klingt zwar logisch, doch es bleibt schwierig einzusehen, wie
Anfechtungen in einer Grundhaltung der Freude aufgenommen werden sollen.
Wo kann man lernen, dieses Paradox zu begreifen?
Jakobus
3. Hilfe in Anfechtungen
( 1,5 - 12 )
Jak 1,5
Denen, die angesichts des hohen
Ziels, daß "kein Mangel an euch sei", verzagen, schreibt Jakobus: "Wenn
es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er
Gott." Hilfe ist möglich von "Gott, der jedermann gern gibt" ( tou
didontos theou ). Jakobus geht davon aus, daß seine Leser das Bedürfnis
nach Weisheit ( sophias ), nicht nur nach Erkenntnis haben. Gott kann
ihnen diese Weisheit schenken, und er wird es großzügig und ohne sie zu
tadeln tun.
Jakobus
Jak 1,6-8
Die Gaben Gottes sind jedoch an
gewisse Vorbedingungen geknüpft. Um in der Anfechtung der Weisheit
Gottes teilhaftig zu werden, muß der Gläubige richtig bitten, d. h.
erstens, er muß im Glauben bitten: Er bitte aber im Glauben und zweifle
nicht ( diakrinomenos , das Wort für "zweifeln", versinnbildlicht ein
Schwanken). Er darf nicht zu Gott kommen wie eine Meereswoge, die vom
Winde getrieben (horizontal) und bewegt (vertikal) wird . Gott hat kein
Gefallen an einem Zweifler ( dipsychos , wörtlich "ein Mensch mit zwei
Seelen"; vgl. Jak 4,8 ), der unbeständig auf allen seinen Wegen ist wie
ein schwankender, strauchelnder Betrunkener. Gottes Antwort hängt auch
von der Glaubensfestigkeit des Bittenden ab.
Jakobus
Jak 1,9-11
Außerdem muß der Bittende
Hoffnung zeigen. Wie auch immer seine soziale und ökonomische Lage sein
mag, der Gläubige muß auf die Ewigkeit sehen. Ein Bruder, ... der
niedrig ist , kann im Blick auf die Höhe seines geistlichen Zustandes
glücklich sein, und wer ... reich ist , kann sich an seiner menschlichen
Schwäche freuen (in dem Bewußtsein seiner "ewigen Herrlichkeit" in
Christus; 2Kor 4,17 ). Eine soziale Vorrangstellung ist vergänglich,
Reichtum schwindet dahin wie eine Blume des Grases in der Hitze der
Sonne und der Ruhm verdirbt . Hoffnung auf die Ewigkeit dagegen ist ein
Beweis für wahren Glauben.
Jakobus
Jak 1,12
Schließlich muß der Bittende
standhaft und von einer Haltung der Liebe getragen sein. Gott segnet
den, der die Anfechtung erduldet . In diesem Vers kehrt Jakobus zu dem
Thema zurück, mit dem er diese ganze Passage in Vers 2-3 eröffnete. Es
geht um Anfechtung, Prüfung und Geduld. Der Christ, der Anfechtungen
( peirasmon ) standhaft aushält ( hypomenei ), ist bewährt ( dokimos
genomenos ; vgl. dokimion in V. 3 ) und wird ... die Krone des Lebens
empfangen . Diese "Krone" ist das Leben (vgl. Offb 2,10 ). "Das Leben,
das verheißen ist, ist wahrscheinlich das Leben hier und jetzt, das
Leben in seiner Fülle und Vollkommenheit" (vgl. Jak 1,4 ) (Curtis
Vaughan, James: Bible Study Commentary , S. 28). (Auch in 1Thes 2,19;
2Tim 4,8; 1Pet 5,4 ist von einer Krone, wenn auch in einem anderen
Zusammenhang, die Rede.) Gott verheißt dieses Leben denen, die ihn
liebhaben. Die Liebe zu Gott befähigt die Gläubigen, Anfechtungen zu
ertragen und vertrauensvoll auf ihn zu schauen. Ihre Standhaftigkeit
offenbart ihre Liebe. (Es gibt jedoch auch Exegeten, die davon ausgehen,
daß mit der "Krone des Lebens" hier nicht das jetzige Leben in seiner
Fülle, sondern das ewige Leben gemeint sei, denn alle wahren Gläubigen
lieben Gott; 1Joh 4,8 .) Die Bitte um Weisheit aus Glauben ( Jak
1,6-8 ), Hoffnung (V. 9 - 11 ) und Liebe (V. 12 ) erwirkt nicht nur den
Segen der Weisheit, sondern auch den des Sieges.
Um Anfechtungen mit der
richtigen Einstellung begegnen zu können, muß man den Nutzen solcher
Bedrängnisse erkennen. Doch wenn der Nutzen nur schwer einzusehen ist,
kann der Gläubige um Hilfe bitten, und wenn er dies im rechten Geist
tut, wird Gott ihm auch die richtige Einstellung gegenüber den
Anfechtungen schenken. Er kann dann in der Anfechtung Freude empfinden
(V. 2 ) und wird selig (V. 12 ), indem er sie erduldet.
Jakobus
C. Widerstand in tödlicher
Versuchung
( 1,13 - 18 )
Die Gläubigen sind in Gefahr,
von den Angriffen und dem Druck der Bedrängnisse niedergeworfen zu
werden. Genausogroß ist jedoch die Gefahr, daß sie der Anziehungskraft
und den Annehmlichkeiten der Versuchung erliegen. Eine falsche Reaktion
im Angesicht der Versuchung kann sich ebenso negativ auf das geistliche
Wachstum auswirken wie der falsche Umgang mit auferlegten Prüfungen.
Jakobus legt deshalb im folgenden dar, aus welcher Quelle die Versuchung
entspringt, wie sie sich entwickelt und wie man ihr begegnen kann.
1. Die Quelle der Versuchung
( 1,13 - 14 )
Jak 1,13
Jakobus geht streng mit all
denen ins Gericht, die allzu rasch mit einer Entschuldigung für ihr
sündiges Verhalten bei der Hand sind. Um sich selbst von aller
Verantwortung freizusprechen, sagen sie: "Ich werde von Gott ( apo
theou ) versucht" und geben damit nicht nur die wirkende Kraft, sondern
auch den Ursprung ihrer Versuchung an. Dem hält Jakobus ein für allemal
entgegen, daß Gott niemanden versucht und nicht (zum Bösen) versucht
werden (kann) . Nichts an Gott gibt dem Bösen irgendeinen Anhalt, er ist
im wahrsten Sinne des Wortes "unversuchbar" ( apeirastos ; vgl. den
Kommentar zu Hebr 4,15 ). Gott prüft die Menschen häufig, doch er führt
sie nie in Versuchung.
Jakobus
Jak 1,14
Die Quelle der Versuchung liegt
im Inneren des Menschen, er wird von seinen eigenen Begierden gereizt
und gelockt . Dieses innere Verlangen treibt den Menschen heraus
( exelkomenos ), wie ein Fisch vom Köder aus seinem Versteck gelockt
wird, und verführt ihn ( deleazomenos , von dem Verb deleazO ,
"anbeißen, einen Fisch mit dem Köder fangen oder eine Hetzjagd
veranstalten"). Der Mensch baut sich also selbst die Falle, in die er
dann hineingeht.
Jakobus
2. Der Prozeß der Versuchung
( 1,15 - 16 )
Jak 1,15-16
Diese biologischen Bilder sind
äußerst anschaulich. Das Verlangen oder die Begierde wird gleichsam
schwanger und gebiert die Sünde . Der nichtgenannte Vater ist sicherlich
Satan. Das groteske Erzeugnis, die Sünde, wächst heran und bringt
ihrerseits Nachwuchs hervor: den Tod. Der Weg des Verderbens ist ganz
klar: Unkontrollierte Begierde bringt Sünde hervor, und uneingestandene
Sünde den Tod. Es mutet seltsam an, daß die Sünde den Tod (gebiert) ,
doch Jakobus warnt seine Brüder und Schwestern, die diese "Genealogie"
der Sünde lesen, sich nicht täuschen oder irreführen zu lassen. Wie die
richtige Reaktion auf Anfechtungen zu voller geistlicher Reife führen
kann, so kann das falsche Umgehen mit den eigenen Begierden den Abstieg
in die geistliche Armut und schließlich den Tod bewirken.
Jakobus
3. Die Erlösung aus der
Versuchung
( 1,17 - 18 )
Jak 1,17-18
In strengem Kontrast zu der
zuvor dargestellten Szenerie des Todes, der aus der ungezügelten
Begierde hervorgeht, steht die Helligkeit des neuen Lebens, das aus
dem Wort der Wahrheit entspringt (V. 18 ; Eph 1,13; Kol 1,5 ). Der Vater
der Finsternis - Satan ( Apg 26,18; Kol 1,13 ) - zeugt Sünde und Tod.
Der Vater des Lichts (d. i. Gott, der das Universum mit all seinen
Himmelskörpern geschaffen hat) dagegen schenkt Rettung und Leben und ist
unwandelbar. Der Schatten der Sonne wandert, nicht aber der, der die
Sonne geschaffen hat. Die Worte "alle gute Gabe und alle vollkommene
Gabe kommt von oben herab" haben im Griechischen einen poetischen Klang.
Wörtlich heißt es "jede gute Tat des Gebens ( dosis ) und jede
vollkommene Gabe ( dOrEma ) ist von oben".
Die Erlösung aus der Versuchung
liegt in der engen Gemeinschaft mit dem Vater und in der fortgesetzten
Antwort auf sein Wort. Der Gläubige muß in dem unwandelbaren Herrn des
Lichts ruhen und sich auf sein lebenspendendes "Wort der Wahrheit"
verlassen (vgl. Eph 1,13; Kol 1,5; 2Tim 2,15 ).
Keiner der
erwählten Erstlinge Gottes oder wiedergeborenen Gläubigen ist der
Versuchung hilflos ausgeliefert. Ein Christ muß vielmehr lernen, der
tödlichen Gewalt dieser Versuchung zu widerstehen, sonst kann er nie
jene geistliche Reife erlangen, die Gott von den Kindern des Lichts
fordert ( Eph 5,8; 1Thes 5,5 ).
Jakobus
D. Ruhe in der göttlichen
Wahrheit
( 1,19 - 27 )
Letztlich liegt also der
Schlüssel für die Standhaftigkeit in Anfechtungen und die Kraft,
Versuchungen zu widerstehen, in der Reaktion der Gläubigen auf das Wort
Gottes. Aufnahmebereitschaft und Empfänglichkeit für das Wort und
Ergebung in das Wort sind entscheidend für das geistliche Wachstum. Ein
Christ muß das Wort Gottes annehmen, danach handeln und an ihm
festhalten.
1. Die Aufnahmebereitschaft für
das Wort
( 1,19 - 21 )
Jak 1,19-21
Mit den Worten "meine lieben
Brüder" identifiziert sich Jakobus wieder mit seinen Lesern. Er weist
darauf hin, daß das, was nun folgt, von entscheidender Bedeutung
ist: Ihr sollt wissen . Dieser Einleitung folgt eine dreiteilige
Anweisung: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zu Reden,
langsam zum Zorn. In einer Diskussion gerät derjenige, der zuhört, statt
die anderen niederzureden, natürlich weniger schnell in Rage (vgl. Jak
3,1-12 ). Im Zorn tut der Mensch nicht, was vor Gott recht ist - die
Menschen dahin zu bringen aber ist das Ziel dieses Briefes.
Jakobus
Jak 1,21
Es ist daher nötig, alle
Unsauberkeit ( ryparian ; das Wort steht nur an dieser einen Stelle im
Neuen Testament; vgl. rypara , "unsauber", in Jak 2,2 ) und alle
Bosheit abzulegen und das Wort ..., das in euch gepflanzt ist ,
anzunehmen. Die Wendung "in euch gepflanzt" ( emphyton ; das Wort steht
ebenfalls nur an dieser Stelle im Neuen Testament) bedeutet nicht
"aufgepfropft", sondern soviel wie angeboren, innerlich verschmolzen
mit, verwurzelt im fruchtbaren Boden der Seele. Dieses Wort Gottes hat
die Kraft, eure Seelen selig zu machen.
Jakobus
2. Die Antwort auf das Wort
( 1,22 - 25 )
Jak 1,22
Es genügt jedoch nicht, das Wort
lediglich aufzunehmen; man muß auch in Gehorsam darauf antworten. Das
Gebot ist eindeutig: Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein .
Ein Christ muß "Täter" des Wortes "werden" bzw. "bleiben" ( ginesthe ),
es nicht nur hören. Die wachsende Zahl derjenigen, die an den
verschiedensten Predigten nippen und wie Schmetterlinge von einem
theologischen Dessert zum nächsten flattern, täuschen sich selbst. Das
hier verwendete Wort für "sich betrügen" ( paralogizomai , "durch
falsche Vernunftgründe täuschen oder betrügen") kommt im ganzen Neuen
Testament außer an dieser Stelle nur noch in Kol 2,4 vor. Ihre Täuschung
erwächst aus dem Gedanken, daß sie alles Erforderliche getan haben,
während im Grunde das Hören des Wortes erst der Anfang ist. Im folgenden
illustriert Jakobus die passive Konsumentenhaltung solcher Menschen.
Jakobus
Jak 1,23-24
Wer ein Hörer ist und nichts
tut, der gleicht einem Mann, der sein leibliches Angesicht im Spiegel
beschaut und dann sofort wieder vergißt, wie er aussah .
Interessanterweise spricht Jakobus hier von einem Mann ( andri ). Eine
Frau würde sich wahrscheinlich nicht nur flüchtig im Spiegel betrachten
und würde, wenn sie tatsächlich einen Makel oder Fleck entdecken würde,
alles daransetzen, ihn zu verdecken oder zu beheben. Nicht so dieser
Mann, der "sein leibliches Angesicht" ( prosOpon tEs geneseOs ) sieht
und es dann "vergißt".
Jakobus
Jak 1,25
In den Spiegel des göttlichen
Wortes zu blicken bringt eine Verpflichtung mit sich. Ein Christ muß
das vollkommene Gesetz der Freiheit durchschauen. Der aufmerksame und
gründliche Blick, gekoppelt mit der Bereitschaft zu handeln, ist der
Schlüssel zu geistlicher Stärke und zunehmender Reife. Das Wort für
"durchschauen", parakypsas , bedeutet wörtlich "sich niederbeugen", um
etwas aus der Nähe genau zu betrachten.
Die Wendung "das Gesetz der
Freiheit" erscheint wie ein Paradoxon, denn ein Gesetz beinhaltet ja
eigentlich eine Einschränkung und daher gerade einen Mangel an Freiheit.
Doch Gottes Gesetz ist anders. Sein "vollkommenes Gesetz" schenkt wahre
Freiheit. "Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort", sagte Jesus, "werdet
(ihr) die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen"
( Joh 8,31-32 ). Wer Gottes Willen erfüllt, wird vollkommene Freiheit
finden und selig sein in seiner Tat .
Jakobus
3. Ergebung in das Wort
( 1,26 - 27 )
Die Aufnahmebereitschaft für das
Wort Gottes und die Bereitschaft, auf seine Offenbarung zu antworten,
müssen mit einer neuen Lebenseinstellung gekoppelt sein. Der Christ muß
zum Gehorsam und zu einer Umsetzung des Gehörten in die Praxis
entschlossen sein.
Jak 1,26
Wer Gott dient, zeigt das daran,
daß er nicht unbesonnen daherredet. Die Wendung "er diene
Gott" ( thrEskos , "gottesfürchtig, fromm") bezieht sich auf die
Beachtung äußerer Vorschriften. Diese äußeren rituellen Praktiken, von
denen der Betreffende möglicherweise meint, daß sie besonders löblich
seien, sind letztlich nichtig ( mataios , "vergeblich, fruchtlos,
nutzlos"), wenn sie nicht von Selbstbeherrschung begleitet sind ( und
hält seine Zunge nicht im Zaum ) - ein Thema, das in Jak 3,1-12 noch
detaillierter erörtert wird. Ein solcher Mensch betrügt sein
Herz ( apatOn kardian heautou ; vgl. ein anderes Wort für "täuschen"
in Jak 1,22 ).
Jakobus
Jak 1,27
Ein reiner und unbefleckter
Gottesdienst dagegen ist ein Leben, in dem der Gläubige sich bemüht,
sein Verhalten und Wesen mit Gottes Wort in Einklang zu bringen. Das
griechische Wort für "Gottesdienst", thrEskeia , taucht nur viermal im
Neuen Testament auf, davon zweimal im Jakobusbrief (vgl. Kol 2,18; Apg
26,5 ). Gott liegt also nichts an äußeren religiösen Ritualen, sondern
an einer rechten Lebensführung.
Jakobus läßt seine Leser denn
auch nicht im Unklaren, was Gott, dem Vater , wirklich am Herzen liegt.
In bezug auf den Lebenswandel lautet seine Forderung: die Waisen und
Witwen in ihrer Trübsal besuchen , in bezug auf die innere
Gesinnung: sich selbst von der Welt unbefleckt halten . "Sich unbefleckt
halten" gibt ein einziges griechisches Wort wieder, aspilon ,
"unbefleckt" (vgl. 1Tim 6,14; 1Pet 1,19; 2Pet 3,14 ), das das Gegenteil
zu moralischer "Unsauberkeit" ( Jak 1,21 ) ist. Ein Gläubiger, der einen
Gott wohlgefälligen "Gottesdienst" darbringen will, kümmert sich um
andere, die in Not sind - was ihn unbefleckt sein läßt - und hält
sich rein . Das ist keine Definition für wahre Religiosität; es geht
hier nur um den Kontrast zu rein äußerlichen frommen Handlungen und der
Beachtung bestimmter ritueller Vorschriften, die gemeinhin als
"Religion" bezeichnet werden. Auch hier ist wieder ein reifer
christlicher Lebenswandel und praktische Heiligung das eigentliche Ziel.
Doch was muß man tun, um dieses Ziel zu erreichen? Der erste Schritt ist
ein festes Vertrauen. Wer in Gottes Wahrheit verwurzelt ist und diese
Wahrheit in seinem Leben umsetzt, der wird von Anfechtungen und
Versuchungen nicht umgeworfen.