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Jakobus Kp 1   Mit Einführung Walvoord J. Ronald Blue

Jakobus (J. Ronald Blue)

 

EINFÜHRUNG
Wenige Schriften des biblischen Kanons waren so umstritten wie der Jakobusbrief. Es gab Debatten über seine Verfasserschaft, seine Datierung, die Empfänger des Briefes, seine Kanonizität und seine Einheitlichkeit.

Auch Martin Luther hatte Probleme mit dem Jakobusbrief. Er bezeichnete ihn als "stroherne Epistel". Dabei ist das Schreiben mindestens ebenso brisant wie "strohern". Immerhin stecken in diesem Heuhaufen genügend Nadeln, um das Gewissen eines jeden stumpf und müde gewordenen Christen wieder aufzustacheln. Ja, wir haben es im Gegenteil mit einer äußerst "anregenden Epistel" zu tun, die mahnt und ermutigt, herausfordert und überzeugt, tadelt und aufrichtet, den praktischen Weg der Heiligung beschreibt und die Gläubigen zum Ziel eines tätigen Glaubens hinführt. Der Jakobusbrief ist kompromißlos ethisch und erfrischend praktisch zugleich.

Zu den allgemeinen Briefen zählend ist er wie die Petrusbriefe, die Johannesbriefe und der Judasbrief als Enzyklika konzipiert, die sich nicht an bestimmte Gemeinden oder Personen richtet, sondern an ein breiteres Publikum von Gläubigen. Die Lehraussagen dieser allgemeinen Briefe stellen eine Ergänzung zur paulinischen Theologie dar: Paulus stellt die Bedeutung des Glaubens in den Vordergrund, Jakobus legt großes Gewicht auf das Verhalten, Petrus wiederum betont die Hoffnung, Johannes die Liebe und Judas die Reinheit.

 

Jakobus

 

Verfasserfrage
Der Autor des Jakobusbriefes ist nur schwer auszumachen. Das Neue Testament erwähnt mindestens vier Männer, die den Namen Jakobus tragen: (1) den Sohn des Zebedäus und Bruder des Jüngers Johannes ( Mk 1,19 ), (2) den Sohn des Alphäus ( Mk 3,18 ), (3) den Vater des Judas (nicht des Iskariot; Lk 6,16 ) und (4) den Halbbruder Jesu ( Gal 1,19 ). Wer von den Genannten schrieb den Jakobusbrief?

Jakobus, der Sohn des Zebedäus, scheidet als Verfasser aus, weil er bereits unter Herodes Agrippa I. den Märtyrertod erlitt, noch bevor der vorliegende Brief entstand ( Apg 12,2 ).

Es mutet auch unwahrscheinlich an, daß der wenig bekannte Sohn des Alphäus den Brief geschrieben haben soll, auch wenn, besonders auf römisch-katholischer Seite, der Sohn des Alphäus zum Teil mit dem Herrenbruder gleichgesetzt wird. Nach Ansicht dieser Wissenschaftler war Jakobus in Wirklichkeit der Vetter Jesu durch Maria, die Frau des Kleopas (Alphäus) und Schwester der Jungfrau Maria. Diese Behauptung verbietet allerdings eine wörtliche Auslegung des Begriffes "Bruder" und ist eindeutig ein Versuch, den Gedanken der dauernden Jungfräulichkeit der Mutter Jesu zu stützen. Dagegen scheint aus der Schrift klar hervorzugehen, daß aus der Verbindung von Josef und Maria nach der Jungfrauengeburt des Herrn Jesus Christus noch Kinder hervorgingen. Jesus wird als Marias "erster Sohn" ( Lk 2,7 ) bezeichnet, eine Feststellung die bereits impliziert, daß sie danach noch weitere Kinder bekam. Die Schrift hält außerdem fest, daß Josef Maria nicht "berührte", d. h., daß er die Ehe körperlich nicht mit ihr vollzogen hatte, "bis" ( heOs ) zur Geburt Jesu ( Mt 1,25 ). Darüber hinaus enthalten die Evangelienberichte verschiedene Hinweise auf die Halbbrüder des Herrn, und vier seiner Brüder werden sogar namentlich erwähnt: Jakobus, Josef, Simon und Judas ( Mt 13,55 ).

Jakobus, der Vater des Judas (nicht des Iskariot) war in keiner Weise eine herausragende Gestalt der frühen Kirche und kommt daher ebenfalls kaum als Verfasser des Jakobusbriefes in Frage.

Auf diesem Hintergrund scheint es logisch, daß Jakobus, der Halbbruder des Herrn, der später ein anerkannter Leiter der Jerusalemer Gemeinde wurde, den Brief geschrieben hat. Diese Schlußfolgerung wird noch gestützt durch den autoritativen Ton des Schreibens und die auffallenden Ähnlichkeiten im Griechischen zwischen dem Jakobusbrief und der Rede des Jakobus in Apg 15 .

Obwohl Jakobus mit Jesus zusammen aufwuchs, kam er offensichtlich erst nach der Auferstehung Christi zum Glauben. So heißt es noch im Johannesevangelium: "Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn" ( Joh 7,5 ).

Vielleicht wurde Jakobus durch die Begegnung mit dem Auferstandenen zum rettenden Glauben bekehrt. Christus war "gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln" ( 1Kor 15,7 ). Später rechnet Paulus Jakobus zusammen mit Petrus und Johannes zu den sogenannten "Säulen" der Kirche ( Gal 2,9 ).

Die wichtigsten Belege für die Verfasserschaft des Jakobusbriefes deuten also am ehesten auf den Halbbruder Christi. Diese Auffassung wird auch von Origenes, Eusebius, Kyril von Jerusalem, Athanasius, Augustinus und zahlreichen anderen frühchristlichen Autoren gestützt.

 

DatierungDie Datierung des Briefes hängt damit zusammen, von wem er geschrieben wurde. Manche Wissenschaftler leugnen die Verfasserschaft des Herrenbruders wegen des exzellenten Griechisch, in dem das Schreiben abgefaßt ist. Sie setzen seine Entstehung in der Zeit zwischen den Jahren 80 und 150 n. Chr. an. Für diese Datierung gibt es allerdings kaum genügend Belege. Jakobus war offensichtlich ein begabter Galiläer, der sowohl des Aramäischen als auch des Griechischen mächtig war.

Flavius Josephus, der Chronist des 1. Jahrhunderts, berichtet, daß Jakobus im Jahre 62 n. Chr. den Märtyrertod starb. Der Jakobusbrief muß also vor diesem Zeitpunkt geschrieben worden sein. Da in dem Schreiben an keiner Stelle die Rede vom Apostelkonzil (49 n. Chr.) ist, bei dem Jakobus eine so wichtige Rolle spielte, ist anzunehmen, daß es zwischen den Jahren 45 und 48 n. Chr. entstand.

Der Jakobusbrief ist wahrscheinlich das älteste Buch des Neuen Testaments, weshalb er auch kaum als eine Polemik gegen den Brief des Apostels Paulus an die Römer betrachtet werden kann. Der Römerbrief wiederum ist sicherlich keine Gegendarstellung zum Jakobusbrief. Aus dem Verhältnis des Paulus zu Jakobus ( Apg 15,13; Apg 21,18 ) und seiner Anerkennung des Jakobus ( Gal 1,19;2,9.12 ) wird vielmehr deutlich, daß Paulus den Herrenbruder sehr hochschätzte. Wenn man die Lehre des Paulus und die des Jakobus zusammenfaßt, so erhält man das ganze Spektrum des Glaubens. Während Paulus über den inneren Weg des rettenden Glaubens aus der Sicht Gottes schrieb, legte Jakobus dar, wie der äußerliche, sichtbar werdende Dienst des Glaubens aus der Sicht des Menschen auszusehen hat. Die Saat des rettenden Glaubens findet ihre Bestätigung in der greifbaren Frucht des dienenden Glaubens. Jakobus konzentriert sich ganz auf die Wirksamkeit des biblischen Glaubens.

 

Jakobus

 

AdressatenDer Jakobusbrief, der sich "an die zwölf Stämme in der Zerstreuung" ( Jak 1,1 ) richtet, trägt eindeutig jüdische Züge. Das Schreiben hat den Inhalt und die Autorität prophetischer Aussagen aus dem Alten Testament und erinnert im Stil und in der literarischen Ausformung an die Psalmen. Es nimmt Bezug auf die "Erstlinge" ( Jak 1,18; vgl. 3Mo 23,10 ), die Synagoge oder "Versammlung" ( Jak 2,2 ), "Abraham, unseren Vater" ( Jak 2,21 ), die "Gehenna" oder "Hölle" ( Jak 3,6 ), den "Herrn Zebaoth" ( Jak 5,4; vgl. 1Mo 17,1 ) und auf das Frühere und das Spätere oder "den Frühregen und Spätregen" ( Jak 5,7; vgl. 5Mo 11,14 ). Manche Exegeten gehen zwar davon aus, daß die "zwölf Stämme" bildlich für die Kirche der Heiden, die im ganzen Römischen Reich verstreut ist, gemeint sei, doch es erscheint plausibler, diese Äußerung wörtlich zu nehmen. Der Brief ist eindeutig für einen jüdischen Kreis bestimmt. Auch wenn er eine gute griechische Diktion aufweist, so steckt er doch voller hebräischer Symbolismen.

Es könnte sein, daß Petrus an die Judenchristen, die verstreut im Westen des Reiches lebten, schrieb (vgl. 1Pet 1,1 ) und daß Jakobus sich an die Judenchristen im Osten, in Babylon und Mesopotamien, wandte.

 

Kanonizität

 

Interessanterweise fehlt der Jakobusbrief in einigen frühen Versionen und Sammlungen der Heiligen Schrift. Die früheste Sammlung, die wir kennen, der Kanon Muratori aus dem 2. Jahrhundert, enthält weder den Hebräerbrief noch den Jakobus- und die Petrusbriefe. Erst seit dem 4. und 5. Jahrhundert ist der Jakobusbrief dauernd in den Kanon aufgenommen. Offensichtlich wurde die Kanonizität des Briefes von den Gemeinden in Rom und Karthago angezweifelt, während er in den Gemeinden von Jerusalem und Alexandria von Anfang an in Umlauf war und in die Schriftensammlungen in Kleinasien aufgenommen wurde. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Da der Brief in Jerusalem geschrieben wurde und sich an Juden in der östlichen Diaspora wandte, waren die Christen der westlichen Welt weniger bereit, ihn als Teil der Heiligen Schrift zu akzeptieren. Die Entstehung des Kanons und seine Akzeptanz und Autorität war jedoch zweifellos ein Prozeß, der sich unter der Führung und dem Eingreifen Gottes vollzog.

 

Stil

 

Der Jakobusbrief ist ebensosehr eine Vorlesung, wie er ein Brief ist. Er wird zwar mit der üblichen brieflichen Grußformel eröffnet, enthält aber keinerlei persönliche Anspielungen, wie sie normalerweise in einem Brief vorkommen, und endet auch nicht mit einer Segensformel.

Offensichtlich war diese "Enzyklika" dafür konzipiert, als Predigt vor den Adressatengemeinden verlesen zu werden. Der Ton des Schreibens ist autoritativ, aber nicht autoritär. Immerhin enthält der Jakobusbrief in seinen hundertacht Versen vierundfünfzig Imperative - so daß also durchschnittlich gerechnet jedem Vers eine Aufforderung zugeordnet ist.

Der Stil des Briefes ist energisch und lebendig und vermittelt in einer knappen, treffenden Sprache wichtige Wahrheiten. Die Sätze sind kurz, einfach und direkt. Viele der Metaphern und Vergleiche haben einen fast poetischen Klang. Letztlich enthält der Jakobusbrief mehr Redewendungen, Analogien und Bilder aus der Natur (vgl. die Tabelle S. 416) als alle Paulusbriefe zusammen. Ermahnungen, rhetorische Fragen und Beispiele aus dem täglichen Leben verleihen diesem kurzen Text seine besondere Würze.

Eine wichtige literarische Technik, die vom Verfasser des Jakobusbriefes häufig benutzt wird, ist die Verbindung von Aussagen und Sätzen durch die Wiederholung eines bestimmten Leitwortes oder ihm verwandter Begriffe; z. B. "Geduld" in Jak 1,3.4 ,"kein Mangel" in Jak 1,4 und "wenn es mangelt" in Jak 1,5 ,"so bitte er" in Jak 1,5 und "er bitte aber" in Jak 1,6 ,"er zweifle nicht" und "denn wer zweifelt" in Vers 6 . (Weitere Beispiele siehe W. Graham Scroggie, Know Your Bible , 2 Bände. London, o.J., 2,293.)

Neben diesem besonderen und einmaligen stilistischen Kunstgriff führt Jakobus ungewöhnlich viele Verweise auf andere Schriften an. Er bezieht sich auf Abraham, Rahab, Hiob, Elia, auf das Gesetz und die Zehn Gebote und spielt auf Passagen in einundzwanzig alttestamentlichen Büchern an: von denfünf Büchern Mose über Josua, 1. Könige, die Psalmen, die Sprüche, den Prediger Salomo bis hin zu Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel und sieben der zwölf Kleinen Propheten.

Die Lehraussagen des Jakobus erinnern in vielem an die Johannes des Täufers (z. B. vgl. Jak 1,22.27 mit Mt 3,8; Jak 2,15-16 mit Lk 3,11; Jak 2,19-20 mit Mt 3,9; Jak 5,1-6 mit Mt 3,10-12 ). Wahrscheinlich hatte er, wie Petrus, Johannes und Andreas, den Täufer persönlich predigen gehört. Darüber hinaus gibt es verblüffende Parallelen zwischen dem Jakobusbrief und der Bergpredigt in Mt 5-7 (vgl. die Tabelle S. 417). Jakobus zitiert die Herrenworte aber nicht bis ins einzelne, sondern hat seine Lehren offensichtlich so verinnerlicht, daß er ihnen nun eine geistliche Aussagekraft verleihen kann.

In seiner expressiven Abruptheit und sprachgewaltigen Schmucklosigkeit steht der Jakobusbrief als literarisches Meisterstück einzig da. Er ist ein gleichermaßen bunter und leidenschaftlicher Text und verbindet die rhythmische Schönheit mit der strengen Intensität des Hebräischen. Der Jakobusbrief ist ein Schreiben von höchster Ausdruckskraft und enormer Wirkung auf den Leser.

 

 

 

Einheitlichkeit

 

Die angebliche Uneinheitlichkeit des Jakobusbriefes hat vor allem anderen zu Zweifeln an diesem Text geführt. Manche Exegeten sind der Ansicht, daß das Schreiben eine lockere literarische Form wie die hebräische Weisheitsliteratur etwa vom Typ der Sprüche aufweist. Nach Aussage von Leslie C. Mitton steckt "kein erkennbares Schema in dem Brief" ( The Epistle of James , S. 235). Ein anderer stellt fest, daß der Brief "nicht so sehr einen zusammenhängenden Gedankengang darstellt als vielmehr eine Reihe sentenzartiger Aussprüche, die um bestimmte ständig wiederkehrende Themen angeordnet sind" (Frank E. Gaebelein, The Practical Epistle of James ,S. 14). "Fehlende gedankliche Folgerichtigkeit" (Martin Dibelius, A Commentary on the Epistle of James , Philadelphia 1976, S. 1), "eine Reihe nur lose verbundener Paragraphen" (Clayton K. Harrop, The Letter of James , S. 14) und "insgesamt formlos und unsystematisch" (E. H. Plumptre, The General Epistle of St. James , S. 43) sind andere Formulierungen, die die Schwierigkeiten der Exegeten mit dem Jakobusbrief spiegeln. Dabei besteht gar kein Anlaß zur Irritation. Vielmehr zeigt der Brief eine bemerkenswerte Einheit und eine klare Zielsetzung.

Das Anliegen dieses kraftvollen Briefes ist es, die ersten Christen zu christlicher Reife und Heiligung ihres Lebens zu ermahnen. Er befaßt sich stärker mit der Praxis des christlichen Glaubens als mit seinen Voraussetzungen. Jakobus teilt seinen Lesern mit, wie sie durch ein festes Beharren, barmherzigen Dienst, gewissenhafte Rede, reuige Unterwerfung und gegenseitige Fürsorge zu geistlicher Reife gelangen können. Er geht dabei auf jedes Gebiet des christlichen Lebens ein: Was der Christ ist, was er tut, was er sagt, was er fühlt und was er hat.

Mit dieser zugegebenermaßen strengen Lektion zur praktischen Heiligung zeigt Jakobus, wie der christliche Glaube und die christliche Liebe sich in den verschiedensten Situationen bewähren sollen. Die scheinbar unverbundenen Teile des Briefes lassen sich im Lichtedieses einheitlichen Grundthemas ohne weiteres zusammenführen. Der Jakobusbrief ist mehr als nur ein paar verstreute Perlen, die der Leser sich erst mühsam zusammensuchen muß; er ist ein kunstvoll zusammengesetztes Geschmeide von außergewöhnlicher Schönheit.

 

 

 

GLIEDERUNG

 

I. Seid standhaft ( Kap.1 )

 

     A. Grußwort ( 1,1 )

     B. Freude in Anfechtungen ( 1,2-12 )

          1. Die inner Haltung in Anfechtungen ( 1,2 )

          2. Der Nutzen von Anfechtungen ( 1,3-4 )

          3. Hilfe in Anfechtungen ( 1,5-12 )

 

     C. Widerstand in tödlicher Versuchung ( 1,13-18 )

          1. Die Quelle der Versuchung ( 1,13-14 )

          2. Der Prozeß der Versuchung ( 1,15-16 )

          3. Die Erlösung der Versuchung ( 1,17-18 )

 

     D. Ruhe in der göttlichen Wahrheit ( 1,19-27 )

          1. Die Aufnahmebereitscgaft für das Wort ( 1,19-21 )

          2. Die Antwort auf das wort ( 1,22-25 )

          3. Ergebung in das Wort ( 1,26-27 )

 

II. Dient barmherzing ( Kap.2 )

 

     A. Annahme anderer ( 2,1-13 )

          1. Höflichkeit gegenüber allen ( 2,1-4 )

          2. Barmherzigkeit für alle ( 2,5-9 )

          3. Zuverlässigkeit in allem ( 2,10-13 )

 

     B. Hilfe für andere ( 2,14-26 )

          1. Der Ausdruck des wahren Glaubens ( 2,14-17 )

          2. Der Beweis des wahren Glaubens ( 2,18-20 )

          3. Beispiele für wahren Glauben ( 2,21-26 )

 

III. Hütet eure Zunge ( Kap.3 )

 

     A. Selbstbeherrschung in der Rede ( 3,1-12 )

          1. Die Zunge ist ein mächtiges Instrument ( 3,1-5 )

          2. Die Zunge ist ein Instrument der Verderbtheit ( 3,6-8 )

          3. Die Zunge ist ein unreines Insturment ( 3,9-12 )

 

     B. Rechte Gesinnung ( 3,13-18 )

          1. Die Weischeit ist demütig ( 3,13 )

          2. Die Weischeit ist großzügig ( 3,14-16 )

          3. Die Weischeit ist friedfertig ( 3,17-18 )

 

IV. Zeigt Reue ( Kap.4 )

 

     A. Wandlung von Haß in Demut ( 4,1-6 )

          1. Die Ursache des Konflikts ( 4,1-2 )

          2. Die Folgen des Konflikts ( 4,3-4 )

          3. Die Beilegung des Konflikts ( 4,5-6 )

 

     B. Wandlung von Ungerechtigkeit ( 4,7-12 )

          1. Aufforderung zur Gerechtigkeit ( 4,7-9 )

          2. Der Nutzen der Gerechtigkeit ( 4,10-11 )

          3. Der Urheber der Gerechtigkeit ( 4,12 )

 

     C. Wandlung von Selbstüberhebung in Glauben ( 4,13-17 )

          1. Die Selbstüberhebung ( 4,13 )

          2. Die Achtung der Selbstüberhebung ( 4,14 )

          3. Die Auflösung der Selbstüberhebung ( 4,15-17 )

 

V. Sorgt füreinander ( Kap.5 )

 

     A. Gemeinsamer Besitz ( 5,1-6 )

          1. Das Elend des Reichtums ( 5,1 )

          2. Die verderbliche Wirkung des Reichtums ( 5,2-3 )

          3. Die Verurteilung des Reichtums ( 5,4-6 )

 

     B. Mahnung zur Geduld ( 5,7-12 )

          1. Das Wesen der Geduld ( 5,7-9 )

          2. Beispiele für Geduld ( 5,10-11 )

          3. Der Erweis der Geduld ( 5,12 )

 

     C. Gemeinsames Beten ( 5,13-20 )

          1. Aufmerksamkeit für die Nöte der Gläubigen ( 5,13 )

          2. Hilfe für die Nöte der Gläubigen ( 5,14-18 )

          3. Die Bedeutung der Nöte der Gläubigen ( 5,19-20 )

 

Jakobus

 

AUSLEGUNG

 

I. Seid standhaft

( Jak 1 )

 

A. Grußwort

( 1,1 )

 

Jak 1,1

 

Der Brief beginnt mit einer konventionellen Eröffnung: der Name des Verfassers und der Adressaten wird genannt, und die Adressaten werden gegrüßt. Diese kurze Einleitung genügte Jakobus.

Auch was seine Selbstdarstellung angeht, ist er sehr bescheiden. Er weist weder auf seine Stellung innerhalb der Gemeinde noch auf die Tatsache, daß er ein Bruder von Jesus ist, hin. Das Fehlen aller Titel scheint anzudeuten, daß er seiner Leserschaft gut bekannt war und die Autorität genoß, die für die Abfassung eines solchen Briefes erforderlich war.

Jakobus (gr.: I akObos , hebr. yaZXqOB ) bezeichnet sich einfach als Knecht ( doulos , "Sklave") Gottes und des Herrn Jesus Christus . Er betrachtet sich als "Eigentum" Gottes und des Mannes, den er "Bruder" nennen konnte, des Herrn Jesus Christus. Jakobus erkennt die Gottheit Christi offensichtlich an, denn er setzt ihn mit Gott gleich. Nicht umsonst gebraucht er auch den vollen Titel Jesu, "der Herr Jesus Christus". "Jesus" heißt "Retter" und "Christus" ist das griechische Wort für "Messias", "Gesalbter". Der ewige "Herr" wurde zum Retter, "Jesus", der als ewiger Herrscher, "Christus", auferstanden ist. Der Herr der Herren ist der König der Könige ( 1Tim 6,15; Offb 17,14; 19,16 ).

Der Brief ist an die zwölf Stämme in der Zerstreuung gerichtet. Jakobus wendet sich also an die fern von ihrer Heimat lebenden Juden. Der Terminus technicus für "Zerstreuung" ( diaspora ) kommt nur noch an zwei anderen Stellen im Neuen Testament vor ( Joh 7,35; 1Pet 1,1 ). Er bezieht sich auf die Juden, die im Exil unter den Heiden lebten, wie es einst ihre Vorfahren in der Gefangenschaft getan hatten. Auch wenn die zwölf Stämme Israel verstreut leben, so sind sie doch nie verloren. Am Ende der biblischen Geschichte, im Buch der Offenbarung, werden sie noch einmal alle genannt: Juda, Ruben, Gad, Asser, Naftali, Manasse, Simeon, Levi, Issachar, Sebulon, Josef und Benjamin ( Offb 7,5-8; vgl. Offb 21,12 ).

Die idiomatische Wendung "Gruß zuvor" , die in tausenden erhaltener antiker Briefe vorkommt, steht in den anderen neutestamentlichen Briefen nie allein (vgl. den Kommentar zu 2Joh 1,10-11 ). Interessanterweise fügt Jakobus in seinem Schreiben nicht noch die jüdische Grußformel "Friede" ( SAlNm ) hinzu. Der Apostel Paulus z. B. gebrauchte meistens sowohl den griechischen als auch den hebräischen Gruß (in der Übersetzung: "Gnade und Friede"). Zweifellos wollte Jakobus, obwohl er an Juden schrieb, nicht von seinem knappen Stil und der schlichten Eleganz eines guten Griechisch abweichen. Außerdem kommt auf diese Weise das Wortspiel zwischen "Gruß" ( chairein ) in Jak 1,1 und "Freude" ( charan ) in Vers 2 besser zur Geltung.

Um Reife im christlichen Glauben und einen heiligen Lebenswandel zu erreichen, ist es unabdingbar, auf festem Grund zu stehen. Der Gläubige muß in der Lage sein, vertrauensvoll auszuharren, und darf sich nicht von Anfechtungen niederwerfen oder von Versuchungen verführen lassen. "Nur nicht nachlassen" muß seine Maxime sein. Wie schafft er das? Indem er dem Wort Gottes folgt, auf dieses Wort hört und es in die Tat umsetzt. Anfechtungen von außen und Versuchungen von innen können einem Christen, der in der göttlichen Wahrheit feststeht, nichts anhaben.

 

Jakobus

 

B. Freude in Anfechtungen

( 1,2 - 12 )Nur allzuoft führen Anfechtungen zu Jammern und Wehklagen. Eine solche Reaktion verträgt sich nicht mit christlicher Reife, ja sie verschlimmert die Situation nur. Anfechtungen sind aus christlicher Sicht keine Bedrängnisse, sondern Prüfungen. Prüfungen sind dazu da, um zu sehen, ob der Geprüfte das erforderliche Pensum bewältigt und nicht, um ihn durchfallen zu lassen. Jakobus gibt seinen Lesern wertvolle Ratschläge, wie sie eine solche Prüfung gut bestehen können. Wer der Bedrängnis in der rechten Haltung gegenübertritt, wer den Nutzen einer solchen Prüfung erkennt und weiß, wo er Hilfe suchen kann, wird sicherlich vor Gott bestehen.

 

1. Die innere Haltung in Anfechtungen

( 1,2 )

 

Jak 1,2Jakobus erteilt den verfolgten Judenchristen, die verstreut unter den Heiden leben, den überraschenden Rat: "Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt." Die Gläubigen sollen Anfechtungen also mit Freude entgegentreten und sie nicht als Bestrafung, Fluch oder Katastrophe empfinden, sondern als etwas, das zur Freude führen muß. Sie sollen ihnen außerdem eine "reine Freude" (wörtlich "alle Freude", d. h. eine Freude, die vollkommen oder ohne Beimischung ist) sein, nicht etwa "ein bißchen Freude", das mit großem Kummer einhergeht.

Obwohl diese Anweisung sehr direkt und energisch klingt, stellt sich Jakobus dabei doch nicht predigend vor seine Leserschaft, sondern identifiziert sich vielmehr mit ihr. So spricht er die Adressaten seines Briefes herzlich als "meine lieben Brüder" an. Diese Anrede, die nicht weniger als fünfzehnmal auftaucht, ist typisch für den ganzen Brief. Die Anweisungen des Briefschreibers sind immer mit echter Zuneigung gekoppelt.

Wichtig ist auch, sich klarzumachen, daß Jakobus nicht sagt, daß ein Gläubiger sich über die Anfechtungen freuen soll, sondern in den Anfechtungen. Das Verb des Satzes, "fallen in" ( peripesEte ), drückt etwa dasselbe aus wie die Wendung in Lk 10,30 "er fiel unter die Räuber". Die "mancherlei Anfechtungen" ( peirasmois ... poikilois ) werden auch von Petrus angesprochen, der in seinem Brief dieselben griechischen Wörter gebraucht, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge ( 1Pet 1,6 ). Umgeben von solchen Anfechtungen soll der Christ sich freuen. Die meisten Menschen würden sich freuen, wenn sie gerade nicht in Bedrängnis kommen, doch Jakobus fordert seine Leser zum gegenteiligen Verhalten auf (vgl. 1Pet 1,6.8 ).

An dieser Stelle ist eindeutig von äußeren Anfechtungen oder Prüfungen des Durchhaltevermögens ( peirasmois ) die Rede, während später im selben Kapitel ( Jak 1,13 ) die zu diesem Substantiv gehörige Verbform ( peirazomai ) innere Versuchungen oder Verlockungen zur Sünde charakterisiert.

Aus dem Gesagten erhebt sich ganz klar eine Frage: "Wie kann ein Mensch in Anfechtungen Freude finden?"

 

Jakobus

 

2. Der Nutzen von Anfechtungen

( 1,3-4 )

 

Jak 1,3

 

Die Christen können Anfechtungen freudig begegnen, weil sie großen Nutzen aus derartigen Prüfungen ziehen. Im rechten Geist erlebte Anfechtungen führen zu einer geläuterten Form der Glaubensfestigkeit.

Das ist nichts Neues, sondern lediglich eine Ermahnung, Altbekanntes nicht zu vergessen. Die Wendung "und wißt" ( ginOskontes , "wissend aus Erfahrung") deutet an, daß jeder schon einmal die Belastung einer problematischen Situation und den Nutzen des Durchhaltens an sich erfahren hat. Geduld, die sich nicht in Anfechtungen bewährt, ist nichts wert.

Nur der wahre oder bewährte Glaube führt zur Geduld. Die Wendung "wenn er bewährt ist" hat hier mehr die Bedeutung von "Billigung" als von "Prüfung". Das Wort dokimion steht nur im Neuen Testament an dieser Stelle und in 1Pet 1,7 . Glaube ist wie Gold - er besteht die Feuerprobe. Ohne diesen bewährten Glauben können Anfechtungen keine Geduld hervorbringen. Es würde nur Asche übrigbleiben. Wahrer Glaube dagegen übersteht wie lauteres Gold auch die höchsten Temperaturen. Er wirkt ( katergazetai ) Geduld oder Durchhaltevermögen. Das Substantiv "Geduld" ( hypomonEn ; vgl. die Verbform in Jak 1,12 ) bedeutet "Standhaftigkeit im Angesicht von Schwierigkeiten" (vgl. Jak 5,11 ).

 

Jakobus

 

Jak 1,4

Doch Geduld ist nur die erste Wohltat, die aus der Anfechtung erwachsen kann. Die Geduld aber soll ihr Werk tun . Wie der erprobte und wahre Glaube Geduld hervorbringt, so muß die Geduld ihr vollkommenes oder vollendetes Werk fortsetzen können, um schließlich die Ergebnisse christlicher Reife und geistlicher Erfüllung zu zeitigen. Dies ist das hohe Ziel, das als Grundthema den ganzen Jakobusbrief durchzieht. Es geht Jakobus immer wieder in erster Linie darum, seinen Lesern zu zeigen, wie sie geistliche Reife erlangen können.

Zwei Begriffe beschreiben dieses Ziel: vollkommen und unversehrt . Das Adjektiv "vollkommen" ( teleioi ) ist gekoppelt mit "unversehrt" ( holoklEroi , von holos , "ganz", und klEros , "Teil"). Die ganze Wendung drückt damit die Vollkommenheit und vollständige Entwicklung der christlichen Reife aus.

Christen können Anfechtungen freudig begegnen, weil aus der Anfechtung durch den Glauben Geduld erwächst, die ihrerseits, wenn sie sich erfüllen kann, ein reifes christliches Dasein hervorbringt, dem es an nichts mangelt. Der Christ, der dahin gelangt, ist so, wie Gott ihn will.

Die Argumentation des Briefes klingt zwar logisch, doch es bleibt schwierig einzusehen, wie Anfechtungen in einer Grundhaltung der Freude aufgenommen werden sollen. Wo kann man lernen, dieses Paradox zu begreifen?

 

Jakobus

 

3. Hilfe in Anfechtungen

( 1,5 - 12 )

 

Jak 1,5

Denen, die angesichts des hohen Ziels, daß "kein Mangel an euch sei", verzagen, schreibt Jakobus: "Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott." Hilfe ist möglich von "Gott, der jedermann gern gibt" ( tou didontos theou ). Jakobus geht davon aus, daß seine Leser das Bedürfnis nach Weisheit ( sophias ), nicht nur nach Erkenntnis haben. Gott kann ihnen diese Weisheit schenken, und er wird es großzügig und ohne sie zu tadeln tun.

 

Jakobus

 

Jak 1,6-8

Die Gaben Gottes sind jedoch an gewisse Vorbedingungen geknüpft. Um in der Anfechtung der Weisheit Gottes teilhaftig zu werden, muß der Gläubige richtig bitten, d. h. erstens, er muß im Glauben bitten: Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht ( diakrinomenos , das Wort für "zweifeln", versinnbildlicht ein Schwanken). Er darf nicht zu Gott kommen wie eine Meereswoge, die vom Winde getrieben (horizontal) und bewegt (vertikal) wird . Gott hat kein Gefallen an einem Zweifler ( dipsychos , wörtlich "ein Mensch mit zwei Seelen"; vgl. Jak 4,8 ), der unbeständig auf allen seinen Wegen ist wie ein schwankender, strauchelnder Betrunkener. Gottes Antwort hängt auch von der Glaubensfestigkeit des Bittenden ab.

 

Jakobus

 

Jak 1,9-11

 

Außerdem muß der Bittende Hoffnung zeigen. Wie auch immer seine soziale und ökonomische Lage sein mag, der Gläubige muß auf die Ewigkeit sehen. Ein Bruder, ... der niedrig ist , kann im Blick auf die Höhe seines geistlichen Zustandes glücklich sein, und wer ... reich ist , kann sich an seiner menschlichen Schwäche freuen (in dem Bewußtsein seiner "ewigen Herrlichkeit" in Christus; 2Kor 4,17 ). Eine soziale Vorrangstellung ist vergänglich, Reichtum schwindet dahin wie eine Blume des Grases in der Hitze der Sonne und der Ruhm verdirbt . Hoffnung auf die Ewigkeit dagegen ist ein Beweis für wahren Glauben.

 

Jakobus

 

Jak 1,12

 

Schließlich muß der Bittende standhaft und von einer Haltung der Liebe getragen sein. Gott segnet den, der die Anfechtung erduldet . In diesem Vers kehrt Jakobus zu dem Thema zurück, mit dem er diese ganze Passage in Vers 2-3 eröffnete. Es geht um Anfechtung, Prüfung und Geduld. Der Christ, der Anfechtungen ( peirasmon ) standhaft aushält ( hypomenei ), ist bewährt ( dokimos genomenos ; vgl. dokimion in V. 3 ) und wird ... die Krone des Lebens empfangen . Diese "Krone" ist das Leben (vgl. Offb 2,10 ). "Das Leben, das verheißen ist, ist wahrscheinlich das Leben hier und jetzt, das Leben in seiner Fülle und Vollkommenheit" (vgl. Jak 1,4 ) (Curtis Vaughan, James: Bible Study Commentary , S. 28). (Auch in 1Thes 2,19; 2Tim 4,8; 1Pet 5,4 ist von einer Krone, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, die Rede.) Gott verheißt dieses Leben denen, die ihn liebhaben. Die Liebe zu Gott befähigt die Gläubigen, Anfechtungen zu ertragen und vertrauensvoll auf ihn zu schauen. Ihre Standhaftigkeit offenbart ihre Liebe. (Es gibt jedoch auch Exegeten, die davon ausgehen, daß mit der "Krone des Lebens" hier nicht das jetzige Leben in seiner Fülle, sondern das ewige Leben gemeint sei, denn alle wahren Gläubigen lieben Gott; 1Joh 4,8 .) Die Bitte um Weisheit aus Glauben ( Jak 1,6-8 ), Hoffnung (V. 9 - 11 ) und Liebe (V. 12 ) erwirkt nicht nur den Segen der Weisheit, sondern auch den des Sieges.

Um Anfechtungen mit der richtigen Einstellung begegnen zu können, muß man den Nutzen solcher Bedrängnisse erkennen. Doch wenn der Nutzen nur schwer einzusehen ist, kann der Gläubige um Hilfe bitten, und wenn er dies im rechten Geist tut, wird Gott ihm auch die richtige Einstellung gegenüber den Anfechtungen schenken. Er kann dann in der Anfechtung Freude empfinden (V. 2 ) und wird selig (V. 12 ), indem er sie erduldet.

 

Jakobus

 

C. Widerstand in tödlicher Versuchung

( 1,13 - 18 )

 

Die Gläubigen sind in Gefahr, von den Angriffen und dem Druck der Bedrängnisse niedergeworfen zu werden. Genausogroß ist jedoch die Gefahr, daß sie der Anziehungskraft und den Annehmlichkeiten der Versuchung erliegen. Eine falsche Reaktion im Angesicht der Versuchung kann sich ebenso negativ auf das geistliche Wachstum auswirken wie der falsche Umgang mit auferlegten Prüfungen. Jakobus legt deshalb im folgenden dar, aus welcher Quelle die Versuchung entspringt, wie sie sich entwickelt und wie man ihr begegnen kann.

 

 

1. Die Quelle der Versuchung

( 1,13 - 14 )

 

Jak 1,13

 

Jakobus geht streng mit all denen ins Gericht, die allzu rasch mit einer Entschuldigung für ihr sündiges Verhalten bei der Hand sind. Um sich selbst von aller Verantwortung freizusprechen, sagen sie: "Ich werde von Gott ( apo theou ) versucht" und geben damit nicht nur die wirkende Kraft, sondern auch den Ursprung ihrer Versuchung an. Dem hält Jakobus ein für allemal entgegen, daß Gott niemanden versucht und nicht (zum Bösen) versucht werden (kann) . Nichts an Gott gibt dem Bösen irgendeinen Anhalt, er ist im wahrsten Sinne des Wortes "unversuchbar" ( apeirastos ; vgl. den Kommentar zu Hebr 4,15 ). Gott prüft die Menschen häufig, doch er führt sie nie in Versuchung.

 

Jakobus

 

Jak 1,14

 

Die Quelle der Versuchung liegt im Inneren des Menschen, er wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt . Dieses innere Verlangen treibt den Menschen heraus ( exelkomenos ), wie ein Fisch vom Köder aus seinem Versteck gelockt wird, und verführt ihn ( deleazomenos , von dem Verb deleazO , "anbeißen, einen Fisch mit dem Köder fangen oder eine Hetzjagd veranstalten"). Der Mensch baut sich also selbst die Falle, in die er dann hineingeht.

 

Jakobus

 

2. Der Prozeß der Versuchung

( 1,15 - 16 )

 

Jak 1,15-16

 

Diese biologischen Bilder sind äußerst anschaulich. Das Verlangen oder die Begierde wird gleichsam schwanger und gebiert die Sünde . Der nichtgenannte Vater ist sicherlich Satan. Das groteske Erzeugnis, die Sünde, wächst heran und bringt ihrerseits Nachwuchs hervor: den Tod. Der Weg des Verderbens ist ganz klar: Unkontrollierte Begierde bringt Sünde hervor, und uneingestandene Sünde den Tod. Es mutet seltsam an, daß die Sünde den Tod (gebiert) , doch Jakobus warnt seine Brüder und Schwestern, die diese "Genealogie" der Sünde lesen, sich nicht täuschen oder irreführen zu lassen. Wie die richtige Reaktion auf Anfechtungen zu voller geistlicher Reife führen kann, so kann das falsche Umgehen mit den eigenen Begierden den Abstieg in die geistliche Armut und schließlich den Tod bewirken.

 

Jakobus

 

3. Die Erlösung aus der Versuchung

( 1,17 - 18 )

 

Jak 1,17-18

 

In strengem Kontrast zu der zuvor dargestellten Szenerie des Todes, der aus der ungezügelten Begierde hervorgeht, steht die Helligkeit des neuen Lebens, das aus dem Wort der Wahrheit entspringt (V. 18 ; Eph 1,13; Kol 1,5 ). Der Vater der Finsternis - Satan ( Apg 26,18; Kol 1,13 ) - zeugt Sünde und Tod. Der Vater des Lichts (d. i. Gott, der das Universum mit all seinen Himmelskörpern geschaffen hat) dagegen schenkt Rettung und Leben und ist unwandelbar. Der Schatten der Sonne wandert, nicht aber der, der die Sonne geschaffen hat. Die Worte "alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab" haben im Griechischen einen poetischen Klang. Wörtlich heißt es "jede gute Tat des Gebens ( dosis ) und jede vollkommene Gabe ( dOrEma ) ist von oben".

Die Erlösung aus der Versuchung liegt in der engen Gemeinschaft mit dem Vater und in der fortgesetzten Antwort auf sein Wort. Der Gläubige muß in dem unwandelbaren Herrn des Lichts ruhen und sich auf sein lebenspendendes "Wort der Wahrheit" verlassen (vgl. Eph 1,13; Kol 1,5; 2Tim 2,15 ).

Keiner der erwählten Erstlinge Gottes oder wiedergeborenen Gläubigen ist der Versuchung hilflos ausgeliefert. Ein Christ muß vielmehr lernen, der tödlichen Gewalt dieser Versuchung zu widerstehen, sonst kann er nie jene geistliche Reife erlangen, die Gott von den Kindern des Lichts fordert ( Eph 5,8; 1Thes 5,5 ).

 

Jakobus

 

D. Ruhe in der göttlichen Wahrheit

( 1,19 - 27 )

 

Letztlich liegt also der Schlüssel für die Standhaftigkeit in Anfechtungen und die Kraft, Versuchungen zu widerstehen, in der Reaktion der Gläubigen auf das Wort Gottes. Aufnahmebereitschaft und Empfänglichkeit für das Wort und Ergebung in das Wort sind entscheidend für das geistliche Wachstum. Ein Christ muß das Wort Gottes annehmen, danach handeln und an ihm festhalten.

 

 

1. Die Aufnahmebereitschaft für das Wort

( 1,19 - 21 )

 

Jak 1,19-21

 

Mit den Worten "meine lieben Brüder" identifiziert sich Jakobus wieder mit seinen Lesern. Er weist darauf hin, daß das, was nun folgt, von entscheidender Bedeutung ist: Ihr sollt wissen . Dieser Einleitung folgt eine dreiteilige Anweisung: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zu Reden, langsam zum Zorn. In einer Diskussion gerät derjenige, der zuhört, statt die anderen niederzureden, natürlich weniger schnell in Rage (vgl. Jak 3,1-12 ). Im Zorn tut der Mensch nicht, was vor Gott recht ist - die Menschen dahin zu bringen aber ist das Ziel dieses Briefes.

 

Jakobus

 

Jak 1,21

 

Es ist daher nötig, alle Unsauberkeit ( ryparian ; das Wort steht nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament; vgl. rypara , "unsauber", in Jak 2,2 ) und alle Bosheit abzulegen und das Wort ..., das in euch gepflanzt ist , anzunehmen. Die Wendung "in euch gepflanzt" ( emphyton ; das Wort steht ebenfalls nur an dieser Stelle im Neuen Testament) bedeutet nicht "aufgepfropft", sondern soviel wie angeboren, innerlich verschmolzen mit, verwurzelt im fruchtbaren Boden der Seele. Dieses Wort Gottes hat die Kraft, eure Seelen selig zu machen.

 

Jakobus

 

2. Die Antwort auf das Wort

( 1,22 - 25 )

 

Jak 1,22

 

Es genügt jedoch nicht, das Wort lediglich aufzunehmen; man muß auch in Gehorsam darauf antworten. Das Gebot ist eindeutig: Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein . Ein Christ muß "Täter" des Wortes "werden" bzw. "bleiben" ( ginesthe ), es nicht nur hören. Die wachsende Zahl derjenigen, die an den verschiedensten Predigten nippen und wie Schmetterlinge von einem theologischen Dessert zum nächsten flattern, täuschen sich selbst. Das hier verwendete Wort für "sich betrügen" ( paralogizomai , "durch falsche Vernunftgründe täuschen oder betrügen") kommt im ganzen Neuen Testament außer an dieser Stelle nur noch in Kol 2,4 vor. Ihre Täuschung erwächst aus dem Gedanken, daß sie alles Erforderliche getan haben, während im Grunde das Hören des Wortes erst der Anfang ist. Im folgenden illustriert Jakobus die passive Konsumentenhaltung solcher Menschen.

 

Jakobus

 

Jak 1,23-24

 

Wer ein Hörer ist und nichts tut, der gleicht einem Mann, der sein leibliches Angesicht im Spiegel beschaut und dann sofort wieder vergißt, wie er aussah . Interessanterweise spricht Jakobus hier von einem Mann ( andri ). Eine Frau würde sich wahrscheinlich nicht nur flüchtig im Spiegel betrachten und würde, wenn sie tatsächlich einen Makel oder Fleck entdecken würde, alles daransetzen, ihn zu verdecken oder zu beheben. Nicht so dieser Mann, der "sein leibliches Angesicht" ( prosOpon tEs geneseOs ) sieht und es dann "vergißt".

 

Jakobus

 

Jak 1,25

 

In den Spiegel des göttlichen Wortes zu blicken bringt eine Verpflichtung mit sich. Ein Christ muß das vollkommene Gesetz der Freiheit durchschauen. Der aufmerksame und gründliche Blick, gekoppelt mit der Bereitschaft zu handeln, ist der Schlüssel zu geistlicher Stärke und zunehmender Reife. Das Wort für "durchschauen", parakypsas , bedeutet wörtlich "sich niederbeugen", um etwas aus der Nähe genau zu betrachten.

Die Wendung "das Gesetz der Freiheit" erscheint wie ein Paradoxon, denn ein Gesetz beinhaltet ja eigentlich eine Einschränkung und daher gerade einen Mangel an Freiheit. Doch Gottes Gesetz ist anders. Sein "vollkommenes Gesetz" schenkt wahre Freiheit. "Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort", sagte Jesus, "werdet (ihr) die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen" ( Joh 8,31-32 ). Wer Gottes Willen erfüllt, wird vollkommene Freiheit finden und selig sein in seiner Tat .

 

Jakobus

 

3. Ergebung in das Wort

( 1,26 - 27 )

 

Die Aufnahmebereitschaft für das Wort Gottes und die Bereitschaft, auf seine Offenbarung zu antworten, müssen mit einer neuen Lebenseinstellung gekoppelt sein. Der Christ muß zum Gehorsam und zu einer Umsetzung des Gehörten in die Praxis entschlossen sein.

Jak 1,26

 

Wer Gott dient, zeigt das daran, daß er nicht unbesonnen daherredet. Die Wendung "er diene Gott" ( thrEskos , "gottesfürchtig, fromm") bezieht sich auf die Beachtung äußerer Vorschriften. Diese äußeren rituellen Praktiken, von denen der Betreffende möglicherweise meint, daß sie besonders löblich seien, sind letztlich nichtig ( mataios , "vergeblich, fruchtlos, nutzlos"), wenn sie nicht von Selbstbeherrschung begleitet sind ( und hält seine Zunge nicht im Zaum ) - ein Thema, das in Jak 3,1-12 noch detaillierter erörtert wird. Ein solcher Mensch betrügt sein Herz ( apatOn kardian heautou ; vgl. ein anderes Wort für "täuschen" in Jak 1,22 ).

 

Jakobus

 

Jak 1,27

 

Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst dagegen ist ein Leben, in dem der Gläubige sich bemüht, sein Verhalten und Wesen mit Gottes Wort in Einklang zu bringen. Das griechische Wort für "Gottesdienst", thrEskeia , taucht nur viermal im Neuen Testament auf, davon zweimal im Jakobusbrief (vgl. Kol 2,18; Apg 26,5 ). Gott liegt also nichts an äußeren religiösen Ritualen, sondern an einer rechten Lebensführung.

Jakobus läßt seine Leser denn auch nicht im Unklaren, was Gott, dem Vater , wirklich am Herzen liegt. In bezug auf den Lebenswandel lautet seine Forderung: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen , in bezug auf die innere Gesinnung: sich selbst von der Welt unbefleckt halten . "Sich unbefleckt halten" gibt ein einziges griechisches Wort wieder, aspilon , "unbefleckt" (vgl. 1Tim 6,14; 1Pet 1,19; 2Pet 3,14 ), das das Gegenteil zu moralischer "Unsauberkeit" ( Jak 1,21 ) ist. Ein Gläubiger, der einen Gott wohlgefälligen "Gottesdienst" darbringen will, kümmert sich um andere, die in Not sind - was ihn unbefleckt sein läßt - und hält sich rein . Das ist keine Definition für wahre Religiosität; es geht hier nur um den Kontrast zu rein äußerlichen frommen Handlungen und der Beachtung bestimmter ritueller Vorschriften, die gemeinhin als "Religion" bezeichnet werden. Auch hier ist wieder ein reifer christlicher Lebenswandel und praktische Heiligung das eigentliche Ziel. Doch was muß man tun, um dieses Ziel zu erreichen? Der erste Schritt ist ein festes Vertrauen. Wer in Gottes Wahrheit verwurzelt ist und diese Wahrheit in seinem Leben umsetzt, der wird von Anfechtungen und Versuchungen nicht umgeworfen.