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Jakobus Kp 3  Walvoord J. Ronald Blue

 

Jakobus

 

III. Hütet eure Zunge

( Jak 3 )

 

Ein weiterer Maßstab für die geistliche Reife ist die Rede des Gläubigen. Jakobus widmet denn auch einen Gutteil seines Schreibens dem Angriff auf alles unbeherrschte und verderbte Reden. Er fordert, daß die Gläubigen nicht nur ihre Zunge im Zaum halten ( Jak 3,1-12 ), sondern auch ihre Gedanken ( Jak 3,13-17 ). Das gesprochene Wort steht in direkter Verbindung zum Geist des Menschen. Eine gewinnende Rede muß aus einer weisen Quelle kommen. Es ist also erforderlich, mit Bedacht zu reden und das eigene Denken stets sorgsam zu prüfen.

 

 

A. Selbstbeherrschung in der Rede

( 3,1 - 12 )

 

Von seiner Auseinandersetzung mit dem hohlen und nichtigen Glauben geht Jakobus nun zur leeren Rede über. Die Unfähigkeit, die eigene Zunge zu zügeln, von der schon zuvor einmal die Rede war ( Jak 1,26 ), steht im Mittelpunkt des folgenden Gedankenganges. Genauso irregeleitet und irreführend wie jene Christen, die Glauben ohne Werke haben, sind jene, die die Werke durch Worte ersetzen. Ein Christ sollte seine Zunge hüten. So klein sie ist, so mächtig ist sie und so viel Schaden kann sie anrichten.

 

 

1. Die Zunge ist ein mächtiges Instrument

( 3,1-5 )

 

Jak 3,1

 

Wieder mit der Anrede "liebe Brüder" eröffnet Jakobus seine Argumentation zugunsten einer vernünftigen Begrenzung der Zahl der Lehrer . Offensichtlich hatten sich zu viele der neubekehrten Judenchristen zu Lehrern und damit auch zur Würde und zum Rang eines "Rabbis" berufen gefühlt. Es ist unwahrscheinlich, daß Jakobus hier von offiziellen Lehrern im Range von Aposteln oder Propheten spricht. An dieser Stelle ist vielmehr von den inoffiziellen Lehrern ( didaskaloi ) bei den Zusammenkünften der Kirchengemeinschaft die Rede, bei denen es selbst Fremden gestattet war, das Wort zu ergreifen. Der Apostel Paulus machte häufig von diesem Recht, das Besuchern der jüdischen Synagoge eingeräumt wurde, Gebrauch. Jakobus beklagt hier einfach, daß zu viele Gläubige allzu begierig sind, vor der Gemeinde zu sprechen und sich zu produzieren (vgl. Joh 3,10; 9,40-41 ).

Natürlich muß das Lehramt ausgeübt werden, doch diejenigen, die die Gemeinde unterweisen, müssen Verantwortungsgefühl für ihre Aufgabe haben in dem Bewußtsein, daß sie ein desto strengeres Urteil empfangen werden . Ein Lehrer wird nach strengeren Maßstäben beurteilt, weil er, nachdem er öffentlich dazu steht, genau zu wissen, was die Pflicht der Menschen ist, um so mehr gehalten ist, seine Erkenntnis auch zu befolgen.

 

Jakobus

 

Jak 3,2

 

Jakobus deutet hier nicht mit dem Finger auf diejenigen, die dieses Gebot verletzen, ohne sich selbst in den Tadel mit einzuschließen. Wir verfehlen uns alle mannigfaltig . Nichts scheint dabei so gefährlich für einen Gläubigen wie eine vorschnelle Zunge. Wenn er sich aber im Wort nicht verfehlt (wörtlich "nicht strauchelt") , ist er ein vollkommener Mann , eine reife, vollendete Persönlichkeit (teleios aner). Er kann auch den ganzen Leib im Zaum halten . Geistliche Reife setzt also ein Zähmen der eigenen Zunge voraus.

 

Jakobus

 

Jak 3,3-5

 

Die Zunge ist nur ein sehr kleiner Körperteil, aber sie kann viel bewirken. Das wird an drei Beispielen deutlich: dem Zaum des Pferdes, dem Ruder des Schiffes und dem kleinen Feuer, das den Wald in Brand setzen kann. Die Reichhaltigkeit von Bildern aus der Natur, derer sich Jakobus auch hier wieder bedient, erinnert an die Rede des Herrn, ist aber genauso typisch für das jüdische Denken. Der Wortgebrauch des Urtextes in dieser Passage gemahnt an die griechische Klassik und ist äußerst kunstvoll. Jakobus war also sowohl in der jüdischen Tradition als auch in der altgriechischen Literatur bewandert.

Die Pointe der verschiedenen Beispiele ist eindeutig: Wie der kleine Zaum, der den Pferden ins Maul gelegt wird, ihren ganzen Leib (lenken) kann, wie kleine Ruder große Schiffe steuern und ein kleines Feuer einen ganzen Wald verzehrt, so ist die Zunge ein kleines Glied und richtet große Dinge an.

 

Jakobus

 

2. Die Zunge ist ein Instrument der Verderbtheit

( 3,6 - 8 )

 

Jak 3,6

 

Die Zunge kann nicht nur sehr viel bewirken, sie wird auch in der Tat oft zu bösen Zwecken mißbraucht. Bei all ihrer Kleinheit können ihre Auswirkungen doch verheerend sein. Die Zunge ist ein Feuer (vgl. Spr 16,27;26,18-22 ), eine Welt voll Ungerechtigkeit . Sie tut sich dadurch unter den Gliedern hervor ( kathistatai ), daß sie den ganzen Leib verdirbt oder befleckt ( spilousa ; vgl. aspilon , "unbefleckt", in Jak 1,27 ) und die ganze Welt ( ton trochon tEs geneseOs , "Lauf des Lebens") in Brand setzt. Es ist, als ob die Zunge wie ein Rädchen im Zentrum des Laufs der Natur sitzt: Wie bei einem Feuerwerk wird das ganze von der Mitte her entzündet . Je stärker es brennt, desto schneller dreht sich das Feuerrad und versprüht Funken in alle Richtungen. Doch die Zunge ist nur die Zündschnur; der eigentliche Ursprung des tödlichen Feuers ist die Hölle selbst (wörtlich: "Gehenna", ein Ort im Hinnomtal südlich von Jerusalem, an dem Menschenopfer dargebracht worden waren [ Jer 7,31 ] und das durch den dort ständig verbrennenden Unrat der Stadt gut als Bild für den Feuersee dienen konnte).

 

Jakobus

 

Jak 3,7

 

Aber die Zunge ist nicht nur wie ein uneingedämmtes Feuer, sie ist auch wie ein ungezähmtes wildes Tier. Jede Art ( physis ) von wilden Tieren - Vögel in der Luft, Schlangen auf dem Land und Seetiere - werden gezähmt und sind gezähmt vom Menschen (wörtlich "von der menschlichen Natur", physis ; die "Natur des wilden Tieres" wird also von der "menschlichen Natur" gezähmt). Doch kein Mensch kann seine Zunge beherrschen!

 

Jakobus

 

Jak 3,8

 

Die Zunge kann kein Mensch zähmen , denn sie ist ein unruhiges Übel, ein ruheloses, unstetes, schwankendes Etwas (wie der "Zweifler" in Jak 1,8 ). Schlimmer noch: Die Zunge ist voll tödlichen Giftes (vgl. Ps 140,4 ). Wie das Gift einer Schlange ist die Zunge durchtränkt von Haß und todbringendem Geschwätz.

 

Jakobus

 

3. Die Zunge ist ein unreines Instrument

( 3,9 - 12 )

 

Jak 3,9-10

 

Wie die gespaltene Zunge einer Schlange kann die ungezähmte Zunge des Menschen sowohl loben als auch Flüche ausspeien. Das "Lob" ( eulogoumen , "ein gutes Wort sagen") für den Herrn und Vater (dies ist die einzige Stelle im Neuen Testament, in dem dieser Titel für Gott verwendet wird) ist verunreinigt durch den "Fluch" ( katarOmetha , "Böses wünschen") über die Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind (vgl. 1Mo 1,27; 9,6; Kol 1,10 ). Daß beides, loben und fluchen ... aus einem Munde kommt, ist eigentlich unvereinbar. Jakobus mahnt deshalb: Das soll nicht so sein, liebe Brüder.

 

Jakobus

 

Jak 3,11-12

 

Wieder wendet er sich den Naturelementen zu, um seine Ausführungen anschaulicher zu machen. Eine verneinende Antwort voraussetzend, fragt er: Läßt auch die Quelle aus einem Loch süßes (glyky) und bitteres (pikron ) Wasser fließen oder hervorströmen? Kann auch ... ein Feigenbaum Oliven oder ein Weinstock Feigen tragen? Natürlich ist das nicht möglich. Genauso wenig kann eine salzige ( halykon ) Quelle süßes ( glyky ) Wasser geben . Es ist klar, was der Apostel damit sagen will: Die Zunge eines Gläubigen soll nicht zu dem christlichen Wesen völlig entgegengesetzten Reden mißbraucht werden.

Das kleine, aber wirksame Instrument muß beherrscht werden. Seine dämonische und verderbliche Kraft muß eingeschränkt und die bittere und uneindeutige Rede muß bereinigt werden.

 

Jakobus

 

B. Rechte Gesinnung

( 3,13 - 18 )

 

Ein Schlüssel zum rechten Reden ist das rechte Denken. Die Zunge ist zwar im Käfig der Zähne und Lippen gefangen, aber sie entschlüpft dennoch. Nicht die Intelligenz kann diesen Käfig sicher verschließen, sondern die Weisheit - eine Weisheit, die gekennzeichnet ist durch Demut, Großzügigkeit und Friedfertigkeit.

 

 

1. Die Weisheit ist demütig

( 3,13 )

 

Jak 3,13

 

Jakobus stellt die rhetorische Frage: Wer ist weise und klug unter euch? "Weise" ( sophos ; vgl. sophias in Jak 1,5 ) ist die Kennzeichnung eines Menschen mit moralischer Einsicht und der Fähigkeit, mit den praktischen Dingen des Lebens fertigzuwerden. "Klug" ( epistEmOn ) bezieht sich auf die geistige Wachheit und denkerische Schärfe.

Der zeige es, ohne große Worte zu machen. Die Weisheit wird an Taten gemessen. Es geht nicht darum, sich die Wahrheit in Vorlesungen anzueignen, sondern diese Wahrheit im Leben anzuwenden. Der wahrhaft Weise zeigt mit seinem guten Wandel seine Werke in Sanftmut und Weisheit oder in "weiser Sanftmut" ( prautEti sophias ). Der wahrhaft Weise ist demütig.

 

Jakobus

 

2. Die Weisheit ist großzügig

( 3,14 - 16 )

 

Jak 3,14

 

Wirkliche Weisheit läßt keinen Raum für bittern Neid ("heftige Eifersucht") oder für Streit ("kleinliche Rivalität"; erithian , von eritheuO , "Wolle spinnen" und damit für den persönlichen Gewinn arbeiten). Das ist nichts, dessen man sich rühmen könnte. Vielmehr lügt , wer sich einer solchen Haltung rühmt ( katakauchasthe , "sich großtun"). Er spricht der Wahrheit zuwider .

 

Jakobus

 

Jak 3,15-16

 

Neid und Konkurrenzdenken sind klare Anzeichen dafür, daß die sogenannte Weisheit nicht von oben (vgl. Jak 1,17 ) stammt, sondern irdisch, niedrig ( psychikE , "natürlich, sinnlich") und teuflisch ( daimoniOdEs ) ist. Neid und Streit oder Konkurrenzdenken können nur zu Unordnung oder Verwirrung führen und lauter böse Dinge hervorbringen. Ein wirklich weiser Mensch ist nicht auf äußere Anerkennung oder Erfolg angewiesen, er ist großzügig und freigiebig.

 

Jakobus

 

3. Die Weisheit ist friedfertig

( 3,17 - 18 )

 

Jak 3,17

 

Die Weisheit aber von oben her (vgl. "von oben herab"; Jak 1,17 ) ist zuerst lauter oder "heilig" (hagne), dann friedfertig, gütig oder "nachsichtig", läßt sich etwas sagen (eupeithes; das Wort taucht nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament auf), ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch (wörtlich "ohne Unsicherheit"; vgl. "zweifle nicht" in Jak 1,6 ) und ohne Heuchelei .

 

Jakobus

 

Jak 3,18

 

Die Saat, die schließlich die Frucht der Gerechtigkeit hervorbringt, ist der Friede . Der wahrhaft Weise ist friedfertig.

Um "Gerechtigkeit", geistliche Reife und ein Leben der Heiligung zu erlangen - das Grundthema des ganzen Jakobusbriefes - muß der Gläubige lernen, sich mit Bedacht zu äußern. Eine einnehmende Redeweise entspringt nur einem weisen Geist, und eine beherrschte Redeweise ist nur da möglich, wo das Denken in geordneten Bahnen verläuft. Ein Mund voller Lob kommt aus einem Geist voller Reinheit.

Der Gläubige muß also Vertrauen haben ( Jak 1 ), Barmherzigkeit üben ( Jak 2 ) und überlegt reden ( Jak 3 ). Er muß sein, wie Gott ihn haben möchte, handeln, wie Gott es von ihm erwartet, und reden, wie es Gott wohlgefällig ist.