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Josua Kapitel 07 Walvoord
2. Die Niederlage gegen Ai
( Jos 7 )
Unerwarteterweise erlebte Israel als nächstes eine Niederlage. Bis zu diesem
Punkt hatte das Heer, das Josua anführte, nur Siege erlebt. Die Möglichkeit
einer militärischen Niederlage war das, was den Gedanken der Israeliten am
weitesten entfernt lag, besonders nach dem Triumph über Jericho. Tatsächlich
sind Gottes Leute nie verletzbarer und nie in größerer Gefahr, als direkt nach
einem großartigen Sieg.
Ai war das nächste Objekt auf Israels Eroberungspfad. Es war kleiner als
Jericho, jedoch ein strategischer Treffpunkt zweier natürlicher Straßen, die
sich von Jericho bis zum Hügelland um Bethel erstreckten. Die Unterwerfung Ais
würde auch zur völligen Kontrolle über die Haupt-"Hügelkettenstraße", die sich
von Norden nach Süden längs des zentralen Hochlandes zog, führen.
Viele Archäologen haben Ai mit dem Platz et-Tell ("die Ruine") identifiziert.
Ausgrabungen bei et-Tell haben jedoch noch kein Zeugnis einer Niederlassung zur
Zeit Josuas ans Licht gebracht. Die Geographie dieser Gegend stimmt genau mit
den Beschreibungen in Jos 8 überein. Also war der König von Ai vielleicht der
Anführer von Streitkräften, die sich zum Kampf vorbereiteten, was an einem Ort
geschah, der bereits eher eine Ruine als eine Stadt war. Einige Archäologen
suchen jedenfalls alternative Lagen für Ai, und Ausgrabungen sind bereits am
nahegelegenen Platz Khirbet Nisya im Gange.
Auch wenn es noch Fragen über die Lage von Ai gibt, kann die Wichtigkeit der
dortigen Geschehnisse an der Menge der biblischen Berichte ersehen werden, die
sich mit Israels Niederlage ( Jos 7 ) und dessen Sieg an diesem Ort ( Jos 8 )
beschäftigen.
a. Ungehorsam
( 7,1 )
Jos 7,1
Das Kapitel beginnt mit dem verhängnisvollen Wort aber . Die Freude des Sieges
wurde schon bald von der Trübsal der Niederlage eingeholt. Das alles geschah
wegen des Ungehorsams eines Mannes. Jericho war unter Gottes HErem ("Bann der
Zerstörung"; Jos 6,18-19 ) gefallen, was bedeutete, daß alles Lebende getötet
werden mußte, und wertvolle Dinge dem Schatz des Herrn übergeben werden mußten.
Kein israelitischer Soldat sollte für sich Beute machen. Doch die Versuchung war
für einen Mann zu groß.
Obwohl man dazu geneigt ist, seine Bewunderung über die Disziplin der
Streitkräfte Josuas auszudrücken, weil nur einer seiner Soldaten der Versuchung
nachgab, konnte selbst dieser eine nicht der Aufmerksamkeit Gottes entgehen.
Gott sah Achans Sünde, als dieser einige der für Gott bestimmten Dinge für sich
nahm, und deshalb entbrannte Gottes Zorn gegen die ganze Nation. Er machte sie
alle kollektiv verantwortlich und hielt seinen Segen zurück, bis die
Angelegenheit wieder in Ordnung gebracht war. Tatsächlich hätte Israels
Geschichte wahrscheinlich hier geendet, wenn Gottes Zorn nicht abgewendet worden
wäre.
b. Niederlage
( 7,2-5 )
Jos 7,2
In Unwissenheit des Ungehorsams und der Begierde Achans, seinen Nutzen aus dem
ersten Sieg zu ziehen, traf Josua Vorkehrungen für die nächste Schlacht, indem
er Späher nach Ai , das 16 km nordwestlich von Jericho und östlich von Bethel
lag, sandte. Dies scheint seine reguläre Vorgehensweise gewesen zu sein (vgl.
Jos 2,1 ). ( Beth-Awen , "Haus des Bösen", war ein späterer Spitzname ( Hos 10,5
) für Bethel, "Haus Gottes". Doch hier scheint es ein anderer Ort ungefähr fünf
Kilometer nördlich von Ai gewesen zu sein.)
Jos 7,3
Als die Späher zurückkehrten, berichteten sie mit großer Zuversicht. Sie
behaupteten, daß Ai leicht mit nur zwei- oder dreitausend Männern zu erobern
sein würde. Die Stadt hätte nur wenig Männer , sagten sie. Doch die Späher waren
im Irrtum. In Wirklichkeit hatte Ai 12 000 Männer und Frauen oder ungefähr 6 000
Männer ( Jos 8,25 ). Später, als Gott Josua die Befehle gab, gebot er ihm: Nimm
das "ganze Kriegsvolk" ( Jos 8,1 ). Obwohl Ai kleiner als Jericho war, bot es
seinen Soldaten gute Verschanzungsmöglichkeiten und war stark befestigt. Israels
Fehler war, die Stärke des Feindes zu unter-, und die eigene zu überschätzen. In
diesem Fall wird nirgendwo ein Gebet erwähnt, noch wird ein Zeugnis für die
Abhängigkeit von Gott geliefert.
Es ist ein tödlicher Fehler, die Stärke des Feindes zu unterschätzen. Christen
versäumen es oft, zu erkennen, daß ihre Feinde mächtig sind ( Eph 6,12; 1Pet 5,8
). Deshalb haben Gläubige unter schmählichen geistlichen Niederlagen zu leiden.
Die Tragik, die die Israeliten erlitten, entstand zumindest teilweise dadurch,
daß sie den Feind unterschätzten und annahmen, daß ein Sieg den anderen
garantieren würde. Doch im Leben sieht es einfach anders aus. Der gestrige Sieg
macht einen Gläubigen nicht gegen eine heutige Niederlage immun. Er muß in
ständiger Abhängigkeit von Gottes Kraft leben. Als Paulus einmal über den Kampf
des Christen gegen das Böse sprach, schrieb er: "Seid stark in dem Herrn und in
der Macht seiner Stärke!" ( Eph 6,10 ).
Jos 7,4-5
Doch Josua sandte nur 3 000 Männer nach Ai, wo sie traurigerweise nicht siegten,
sondern vernichtend geschlagen wurden . Sie rannten voll Panik den Abhang
hinunter, den sie am Morgen so selbstsicher hinaufgestiegen waren, wurden jedoch
von den Verfolgern bei irgendwelchen Steinbrüchen eingeholt, wo 36 israelitische
Soldaten erschlagen wurden. Die übrigen konnten entfliehen und kehrten zum Lager
zurück.
Als sich der Bericht über die Niederlage im Lager verbreitete, wurde das Volk
äußerst demoralisiert. Da verzagte das Herz des Volkes und wurde wie Wasser .
Obwohl dies die einzige Niederlage Israels in der sieben Jahre dauernden
Eroberung Kanaans war, lag die Haupttragik nicht in der Niederlage selbst, auch
nicht einmal in den 36 toten Kriegern. Israel wurde plötzlich von der
schrecklichen Befürchtung ergriffen, daß die Hilfe des Herrn von ihnen gewichen
sei. Sie konnten sich keinen Grund vorstellen, warum dies hätte geschehen
sollen. Hatte Gott sich anders besonnen?
c. Bestürzung
( 7,6-9 )
Jos 7,6-9
Auch Josua war von der Niederlage entsetzt. Der Führer und die Ältesten
vollzogen darauf die alten Klageriten, wobei sie ihre Kleider zerrissen und sich
Staub auf ihr Haupt warfen (vgl. Hi 1,20; Jos 2,12 ). Sie fielen vor der Lade
des HERRN auf ihr Angesicht bis zum Abend . Dann drückte sich Josuas
Verworrenheit in Worten aus, als er dem Herrn drei Fragen stellte: (1) Warum
hast Du uns hierher geführt? Um uns zu vernichten? (2) Was soll ich nun sagen,
nachdem Israel geschlagen worden ist? (3) Was willst du für deinen großen Namen
tun?
Josua schien Gott für die Niederlage verantwortlich gemacht zu haben und
bedachte nicht, daß die Ursache auch woanders liegen könnte. In seiner ersten
Frage nahm er sogar das Denken der Späher auf, gegen das er bei Kadesch so
heftig protestiert hatte (vgl. 4Mo 14,2-3 ). Josuas größte Sorge war, daß die
Nachricht über diese Niederlage den Respekt der Heiden vor Gottes eigenem großen
Namen irgendwie verringern könnte. Demzufolge würde ihr Name ausgelöscht werden,
was heißt, daß sie vernichtet und vergessen werden würden.
Josua
d. Wegweisungen
( 7,10-15 )
Jos 7,10-11
Die Antwort des Herrn an Josua war schroff. Steh auf! Warum liegst du denn auf
deinem Angesicht? Dann erklärte Gott die Ursache der Niederlage und die
Notwendigkeit zu handeln. Der Grund für diese Katastrophe lag bei Israel, nicht
bei Gott. Israel hatte gesündigt. In seiner Anklage gebrauchte Gott voll Zorn
eine Aneinanderreihung von Verben. Indem er vom Hauptsächlichen zum Speziellen
kam, beschuldigte er Israel der Sünde, den Bund gebrochen zu haben, sich einige
der gebannten Dinge ( haHErem , "Dinge, die zur Zerstörung bestimmt sind"; vgl.
Jos 6,18-19 und den Kommentar zu Jos 6,21 ) angeeignet zu haben, gestohlen,
gelogen und die gestohlenen Dinge versteckt zu haben. (Die Dinge werden in Jos
7,21 angeführt.) Bevor diese Übertretungen nicht abgetan und gesühnt waren,
würde die Sünde einer Person der ganzen Nation angerechnet.
Jos 7,12
Nachdem Jericho gefallen war, hieß es: "So war der Herr mit Josua" ( Jos 6,27 ).
Doch nun kam von Gott die harte Aussage: Ich werde nicht mehr mit dir sein , es
sei denn, daß diese Sünde gerichtet wird und die gebannten Dinge zerstört
werden.
Jos 7,13-15
Der Herr zeigte dann die Schritte auf, die in dem Untersuchungsprozeß
unternommen werden sollten. Zuerst sollte sich das Volk heiligen. Es kam kein
Sieg über seine Feinde in Frage, bevor dieses Problem nicht gelöst worden war.
Zweitens sollte es am nächsten Tag zusammenkommen, um den Schuldigen,
wahrscheinlich durch Auslosen (vgl. Kommentar zu V. 16-18 ), zu identifizieren,
indem zuerst der schuldige Stamm, dann die Sippe, dann die Familie und zuletzt
die Person festgestellt wurde. Drittens sollten der Missetäter und all sein
Besitz (nicht nur die gestohlenen Dinge) verbrannt werden. Diese Sünde wurde von
Gott als schändliche Tat angesehen. Achans Sünde war vorsätzlicher Ungehorsam
gegen Gottes Anweisung ( Jos 6,18 ), und sie setzte die ganze Nation der Gefahr
aus, vernichtet zu werden. Wenn die Israeliten nicht alle Güter der Kanaaniter
zerstört hätten, hätte Gott wahrscheinlich die Israeliten zerstört!
e. Aufdeckung
( 7,16-21 )
Jos 7,16-18
An diesem verhängnisvollen Tag stand Josua früh auf. Ganz Israel war für das
Ritual, das den Schuldigen herausstellen würde, zusammengetreten. Dies wurde
wahrscheinlich angegangen, indem man loste, vielleicht durch das Ziehen von
beschriebenen Tonscherben aus einem Krug. Doch warum deckte Gott vor Josua nicht
einfach die Identität des Schuldigen auf? Er wußte doch, wer es war. Die Antwort
ist, daß diese dramatische Methode der Nation Israel die Ernsthaftigkeit des
Ungehorsams gegen Gottes Gebote einprägen würde. Da die Methode Zeit brauchte,
würde sie auch der schuldigen Person eine Gelegenheit geben, Buße zu tun und
ihre Sünde zu bekennen. Hätte Achan auf diese Art reagiert und Gott um Gnade
gebeten, wäre ihm sicherlich vergeben worden, wie Jahrhunderte später dem
schuldigen David ( Ps 32,1-5; Ps 51,1-12 ).
Es war totenstill, als der Prozeß über die Auslosung des Stammes Juda zu der
Sippe der Serachiter , dann über die Familie Sabdi endlich zum Übeltäter selbst,
Achan , führte. Dies war kein einfacher Zufall, sondern Gottes Führung. Salomo
beschrieb diesen Prozeß sehr treffend: "Der Mensch wirft das Los; aber es fällt,
wie der Herr will" ( Spr 16,33 ).
Jos 7,19-21
Seltsamerweise blieb Achan während der ganzen Prozedur still, obwohl er
sicherlich von Angst erfüllt war und sein Herz heftig zu schlagen begann, als
seine Entdeckung Schritt für Schritt näher kam. Schließlich sprach Josua Achan
höflich, doch ernsthaft an, denn obwohl Josua die Sünde haßte, verurteilte er
den Sünder nicht. Ein öffentliches Bekenntnis, in dem die übernatürliche
Feststellung der schuldigen Person anerkannt wurde, war nötig.
Achans Antwort war offen und zureichend. Er bekannte seine Sünde und versuchte
nicht, sich zu entschuldigen. Jedoch drückte er auch keine Reue für den
Ungehorsam gegenüber Gottes Anweisung aus, mit dem er seine Nation betrog, die
Niederlage der israelischen Truppen und den Tod von 36 Männern verursacht hatte.
Den einzigen Ärger, den er wahrscheinlich verspürte, war der Ärger darüber, daß
er entdeckt worden war.
Die drei kritischen Stufen bei der Sünde Achans sind wohlbekannt: er sah , er
begehrte und er nahm . Eva ging dieselben kritischen Schritte im Garten Eden (
1Mo 3,6 ), genau wie David mit Batseba ( 2Sam 11,2-4 ).
Die Dinge, die Achan aus Jericho mitnahm und in der Erde in seinem Zelt verbarg,
waren (a) ein wertvoller Mantel aus Babylonien , der vielleicht von jemandem aus
Jericho erworben worden war, der mit Babyloniern handelte, (b) 200 Schekel
Silber , die ungefähr 2,25 kg wogen, und (c) ein Goldbarren von 50 Schekel
(0,567 kg). Achan dachte möglicherweise: "Nachdem ich nun während dieser ganzen
Jahre in der Wüste auf all die guten Dinge im Leben verzichten mußte, finde ich
hier ein bildschön gearbeitetes Kleid und etwas Silber und Gold. Wie könnte Gott
mir diese Dinge versagen? Sie werden nie vermißt werden, und ich erhalte etwas
Freude und Wohlstand." Doch es gab einen eindeutigen Befehl, keine Beute aus
Jericho zu nehmen. (Josua hatte dem Volk befohlen, daß alles Silber und Gold zum
Schatz des Herrn getan werden sollte, Jos 6,19 .) Gottes Wort kann niemals ohne
Schaden wegargumentiert werden.
f. Tod
( 7,22-26 )
Jos 7,22-25
Achans Geständnis stellte sich bald als wahr heraus; die gestohlenen Dinge
wurden dort gefunden, wo er es gesagt hatte. Sie wurden danach vor den HERRN
gelegt , dem sie gehörten. Dann wurde der schuldige Mann zusammen mit der
Diebesbeute, seiner Familie, seinem Vieh und seinem ganzen Hab und Gut zum Tal
Achor hinaufgeführt. Die tödlichen Steine streckten Achan und dessen Kinder
nieder, und Feuer vernichtete ihre Körper und Habseligkeiten. Dadurch, daß er
"gebannte" Dinge gestohlen hatte, wurde Achan selbst unrein und fiel unter den
Bann der Vernichtung. Da Kinder nicht für die Sünden ihrer Väter hingerichtet
werden sollten ( 5Mo 24,16 ), kann man wohl annehmen, daß Achans Familie (mit
Ausnahme seiner Frau, die nicht erwähnt wird) von dem Verbrechen wußten (vgl.
den Kommentar zu 4Mo 16,28-35 ).
Jos 7,26
Die letzte Handlung war das Aufrichten eines historischen Denkmals, eines großen
Haufens größerer Steine über dem Körper Achans. Dies scheint eine gebräuchliche
Art der Beerdigung von schandhaften Personen gewesen zu sein (vgl. Jos 8,29 ).
Es erfüllte in diesem Falle den guten Zweck, Israel vor der Sünde des
Ungehorsams gegen Gottes eindrückliche Gebote zu warnen.
Die hebr. Wörter für Achan und Achor sind wahrscheinlich verwandt. So wurde Achan, was wahrscheinlich "Betrüber" heißt, im Tale Achor , dem Tal der "Betrübnis", begraben. Doch weil Israel dazu bereit gewesen war, das Problem der Sünde in ihrer Mitte anzugehen, wendete sich Gottes brennender Zorn ( Jos 7,1 ) wieder von ihnen ab, und er war wieder bereit, sie zum Sieg zu führen.