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Josua Walvoord Donald K. Campell  Hauptübersicht
 

Josua Kapitel  10 Walvoord



2. Die Verteidigung der Gibeoniter

( Jos 10 )

 

a. Die Ursache des Streites

( 10,1-5 )

 

Jos 10,1-2

 

Die Handlung wechselt plötzlich von Gibeon 8 km südlich nach Jerusalem. Der dortige König Adoni-Zedek war von Panik ergriffen, und das aus gutem Grund. Die verräterische Kapitulation der gibeonitischen Städte vervollständigte einen Bogen, der bei Gilgal begann und sich über Jericho und Ai zu einem Punkt erstreckte, der nur wenige Kilometer nordwestlich von Jerusalem lag. Die Bedrohung war offensichtlich. Jerusalems Sicherheit war in ernsthafter Gefahr. Wenn das israelitische Heer weiterhin ohne Hindernisse vorrückte, würde Jerusalem bald umzingelt und erobert sein.

 

 

Jos 10,3-4

 

Darum sandte der König von Jerusalem eine dringende Botschaft an vier andere Könige in Südkanaan, in der er die Tatsache, daß Gibeon mit Israel Frieden geschlossen habe, als einen verräterischen und strafbaren Akt schilderte. Dies könnte anderen Städten den Weg ebnen, sich auf ähnliche Weise zu ergeben. Es war ein Aufruf zum Krieg. Es mußte sofort etwas gegen Gibeon unternommen werden.

 

 

Jos 10,5

 

Die Reaktion kam schnell. Es verstrich nur wenig Zeit, bevor die vereinigte Kraft einer südlichen Konföderation von fünf Königen Gibeon belagerte. Es waren die Könige der Amoriter, das heißt des kanaanitischen Hügellandes (vgl. den Kommentar zu 1Mo 14,13-16 ).

 

 

b. Der Verlauf der Streitigkeit

( 10,6-15 )

 

Jos 10,6

 

Von der sicheren Ausrottung bedroht, sandten die Gibeoniter einen Läufer zu Josua nach Gilgal mit einer nachdrücklichen Aufforderung zur Hilfe gegen die erdrückende Kraft, die sie bedrohte.

Doch warum sollte Josua auf diesen Hilfeschrei von seiten desselben Volkes reagieren, das ihn betrogen hatte? Die Israeliten könnten ja so das Zeugnis eines beschämenden Fehltritts loswerden.

 

 

Jos 10,7-8

 

Daß dies für Josua kein Gedanke war, wird an seiner sofortigen Reaktion deutlich. Manche nehmen an, daß dies der Beweis ist, daß der Bund zwischen Israel und den Abgesandten der Gibeoniter ein wechselseitiger Verteidigungspakt gewesen war. Doch der Bericht in der Schrift sagt das nicht. Es scheint auch widersinnig, daß Israel sich in einem Vertrag selbst verpflichten würde, einer "entfernten" Nation zu Hilfe zu eilen, als welche Israel die Gibeoniter ansah, als der Vertrag abgeschlossen wurde.

Der Grund für die Reaktion Josuas liegt auf dem Gebiet der militärischen Strategie. Bisher hatte Israels Armee eine befestigte Stadt nach der anderen angegriffen, was bestenfalls eine lange und ausgedehnte Prozedur war, um das gesamte Land Kanaan zu erobern. Doch nun wurde Josua gewahr, daß er hier den strategischen Umschwung hatte, den er benötigte. Die vereinigten amoritischen Armeen aus Südkanaan lagerten zusammen auf offenem Feld vor Gibeon. Ein israelitischer Sieg würde den feindlichen Mächten der ganzen Region das Genick brechen. Außerdem versicherte Gott Josua, daß er sich nicht vor ihnen zu fürchten brauche (vgl. Jos 1,9; 8,1 ), denn Gott würde ihnen den Sieg schenken.

Nachdem er seine gesamte Streitmacht versammelt hatte, marschierten Josua und seine Männer im Schutze der Dunkelheit die 40 km von Gilgal nach Gibeon. Es war ein ermüdender Marsch, der über schweres Gelände bis zu einer Höhe von 1 200 m steil hinaufführte. Es gab keine Gelegenheit der Rast. Das Heer war erschöpft und stand einem mächtigen Feind gegenüber. Gott mußte entweder stark eingreifen, oder alles wäre verloren.

 

 

Jos 10,9-10

 

Durch Gottes Versprechen des Sieges motiviert, führte Josua einen Überraschungsangriff auf die amoritischen Armeen des Südens an, möglicherweise während es noch dunkel war. Panik erfüllte den Feind, und nach einem kurzen Kampf, in dem viele getötet wurden, brachen sie auseinander und flohen in wilder Bestürzung nach Westen. Ihre Fluchtroute führte durch einen nahegelegenen Paß und das Tal von Ajalon hinunter, während sie von den Israeliten eifrig verfolgt wurden. Dies war nicht das letzte Mal, daß die Hochstraße, die vom zentralen Hügelland hinunterführte, der Schauplatz einer Flucht wurde; 66 n. Chr. floh der römische General Cestius Gallus diesen Abhang in Flucht vor den Juden hinunter.

 

 

Jos 10,11

 

Die Amoriter waren jedoch nicht in der Lage, zu fliehen. Indem Gott die Naturkräfte benutzte, um für Israel zu streiten, ließ der Herr mit tödlicher Präzision große Steine vom Himmel auf die Feinde fallen, so daß mehr auf diese Art als durch das Schwert getötet wurden.

Dieser gesamte Abschnitt zeigt treffend das Zusammenspiel zwischen den menschlichen und den göttlichen Möglichkeiten auf, um einen Sieg zu erringen. Vers 7-11 wechseln ständig von Josua (und Israel) zum Herrn. Sie alle spielten in dieser Schlacht wichtige Rollen. Die Soldaten mußten kämpfen, doch Gott gab den Sieg.

 

 

Jos 10,12

 

Doch der Tag der Schlacht von Bet-Horon zog sich hin, und Josua wußte, daß die Verfolgung der Feinde lang und mühsam sein würde. Der Militärführer hatte noch höchstens 12 Stunden Tageslicht vor sich. Er benötigte auf jeden Fall mehr Zeit, wenn er die Erfüllung von Gottes Versprechen erleben (V. 8 ) und die völlige Vernichtung seiner Feinde sehen wollte. Darum trug Josua dem Herrn eine ungewöhnliche Bitte vor: Sonne steh still zu Gibeon, und du, Mond, im Tal Ajalon!

 

 

Jos 10,13-15

 

Es war zur Mittagszeit, und die heiße Sonne stand direkt über seinem Kopf, als Josua dieses Gebet sprach. Der Mond stand am Horizont im Westen. Die Bitte wurde vom Herrn rasch beantwortet. Josua betete vertrauensvoll, und es ergab sich daraus ein großes Wunder. Doch der Bericht über dieses Wunder hat das schwerwiegendste Beispiel des Konfliktes zwischen der Schrift und der Wissenschaft geliefert, weil sich die Sonne ja bekanntlich nicht um die Erde dreht und dadurch Tag und Nacht verursacht. Statt dessen entsteht Licht und Dunkelheit, weil die Erde auf ihrer Achse um die Sonne kreist. Warum sprach dann Josua die Sonne anstatt die Erde an? Ganz einfach, weil er die Sprache des Sichtbaren benutzte; er sprach aus seiner Perspektive und der Erscheinung der Dinge auf der Erde. Menschen handeln immer noch genauso, selbst in wissenschaftlichen Kreisen. In Kalendern und Zeitungen steht die Zeit des Sonnenauf- und Sonnenunterganges. Trotzdem beschuldigt niemand sie des wissenschaftlichen Irrtums.

Trotzdem muß der "lange Tag" in Jos 10 erklärt werden. Was geschah tatsächlich an diesem seltsamen Tag? Die Antworten sind vielfältig (eine Finsternis, Wolken über der Sonne, eine Reflektion der Sonnenstrahlen, usw.). Doch die beste Erklärung scheint die Ansicht zu sein, daß Gott als Antwort auf Josuas Gebet die Rotation der Erde verlangsamte, so daß sie in 48 anstatt in 24 Stunden eine ganze Umdrehung machte. Diese Ansicht scheint sich, sowohl in der Dichtung der Verse 12 b- 13 a als auch in der Prosa von Vers 13 b zu bestätigen. ( Das Buch Jaschar oder Buch des Redlichen ist eine hebr. literarische Sammlung von Liedern, die im Gedichtstil zu Ehren der Ruhmestaten der Führer Israels geschrieben sind; vgl. Davids "Bogenlied" in 2Sam 1,17-27 .)

Gott verhinderte die katastrophalen Folgen, die natürlicherweise eingetreten wären, wie z. B. riesige Flutwellen und umherfliegende Objekte. Ein Zeugnis davon, daß die Rotationsgeschwindigkeit der Erde einfach langsamer wurde, findet man in den abschließenden Worten von Jos 10,13 : Die Sonne ... beeilte sich nicht unterzugehen fast einen ganzen Tag . Die Sonne war also auf unnormale Weise langsam oder verspätet, um unterzugehen, das heißt, ihre Progression von Mittag bis zur Dämmerung war spürbar langsamer, was Josua und seinen Soldaten genügend Zeit gab, ihre siegreiche Schlacht zu vollenden.

Ein wichtiger Faktor, der nicht übersehen werden darf, ist, daß die Sonne und der Mond Hauptgötter bei den Kanaanitern waren. Beim Gebet des israelischen Anführers mußten Kanaans Götter gehorchen. Diese Erniedrigung ihrer Götter muß für die Kanaaniter schrecklich bestürzend und beängstigend gewesen sein. Das Geheimnis des Triumphes über das Bündnis der Kanaaniter steht in dem Worte denn der HERR stritt für Israel! Als Antwort auf das Gebet erlebte Israel das dramatische Einschreiten Gottes zu seinen Gunsten, und der Sieg war sicher.

 

 

 

c. Der Höhepunkt der Schlacht

( 10,16-43 )

 

Jos 10,16-24

 

Indem er jeden Vorteil des verlängerten Tages nutzte, setzte Josua dem Feind in hitziger Verfolgung nach. Die fünf mächtigen Könige und ihre Armeen hatten ihre befestigten Städte verlassen, um gegen Israel auf offenem Feld zu kämpfen. Nun war Josua entschlossen, ihren Rückzug zurück in ihre befestigten Städte zu verhindern. Selbst als ihm zu Ohren kam, daß die fünf Könige sich in einer Höhle versteckt hielten, kümmerte sich Josua nicht um sie, sondern setzte vorerst die Verfolgung der amoritischen Soldaten fort, bis er sie alle, mit Ausnahme einiger weniger, denen die Flucht in ihre befestigten Städte gelang, getötet hatte. Als er dann zu der bewachten Höhle zurückkehrte, brachte er die gefangenen Könige heraus und richtete sie hin. Doch zuerst wies Josua seine Feldhauptmänner an, ihren Fuß auf den Nacken der Könige zu setzen, wie es bei östlichen Eroberern üblich war und oft auf ägyptischen und assyrischen Monumenten dargestellt wird. Dies war ein Symbol für die völlige Unterwerfung des besiegten Feindes.

 

 

Jos 10,25-27

 

Danach gebot Josua seinen Soldaten, indem er die gleichen Worte gebrauchte, die Gott zu ihm gesprochen hatte, sich nicht zu fürchten oder entmutigt (vgl. Jos 1,9; Jos 8,1 ), sondern stark und mutig zu sein (vgl. Jos 1,6-7.9 ). Der Sieg über die amoritischen Könige war ein Vorbild für Israels zukünftige Siege in Kanaan, denn Josua sagte: Dies ist das, was der HERR mit allen euren Feinden machen wird, mit denen ihr noch zu kämpfen habt . Josua tötete die Könige, und ihre Körper wurden bis zum Sonnenuntergang aufgehängt (vgl. Jos 8,29 ). Danach wurden sie in die Höhle hineingeworfen, die mit großen Steinen verschlossen wurde, so wie sie es schon vorher getan hatten ( Jos 10,18 ). Diese Steine wurden zu einem weiteren Denkmal für Israels siegreichen Feldzug durch Kanaan.

 

 

Jos 10,28-39

 

Die Niederlage der fünf Könige und ihrer Armeen besiegelte den Untergang Südkanaans. In einer Serie von Blitzkriegen griff Josua die Hauptmilitärzentren selbst an, um jede weitere militärische Operation unmöglich zu machen. Zuerst nahm er Makkeda ein (V. 28 ), dann Libna (V. 29 ), Lachisch (V. 31 ) und Eglon (V. 34 ). Diese Städte, die sich von Norden nach Süden hart aneinanderreihten, bewachten den Zugang zum südlichen Hochland. Jahrhunderte später benutzten sowohl Sanherib als auch Nebukadnezar die gleiche Strategie, als sie Juda angriffen.

Josua fiel als nächstes in das Herz der südlichen Region ein und besiegte ihre zwei befestigten Hauptstädte, Hebron (V. 36 ) und Debir (V. 38 ).

Doch Jerusalem und Jarmut, zwei der fünf Verbündeten (V. 5 ), wurden ausgelassen. Es wird keine Erklärung dafür gegeben, warum die Eroberung der Stadt Jarmut nicht erwähnt wird. Im Falle von Jerusalem ist es verständlich, daß die israelitischen Truppen zu erschöpft waren, um diese schwere Aufgabe noch zu erfüllen, als sie zum Lager nach Gilgal zurückkehrten. Jedenfalls sollte diese einsame "Insel" im Lande für die Stämme Juda und Benjamin noch zum Problem werden, bis sie von David erobert wurde ( 2Sam 5,7 ).

 

 

Jos 10,40-43

 

Der Verlauf des israelitischen Feldzuges im Süden wird in Vers 40-41 zusammengefaßt (vgl. Jos 11,16 ). Die Region Goschen , nicht das Goschen in Ägypten ( 1Mo 45,10;46,34; 47,1.4.6 ), war wahrscheinlich das Gebiet um Debir in Südkanaan. Eine Stadt namens Goschen war eine von elf Städten "im Hügelland", in dem auch Debir lag ( Jos 15,48-51 ). Vielleicht wurde die Gegend nach der Stadt benannt. Die imponierende Folge von Siegen, die in Jos 10 beschrieben wird, wird durch die Aussage, Josua brachte alle diese Könige und ihr Land auf einmal in seine Gewalt, denn der HERR, der Gott Israels, stritt für Israel , bestätigt.

Mit dieser Gewißheit kehrten Josua und seine erschöpfte Armee nach Gilgal zurück, um Vorbereitungen für die Vollendung der Aufgabe zu treffen.