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Josua Kapitel 10 Walvoord
2. Die Verteidigung der Gibeoniter
( Jos 10 )
a. Die Ursache des Streites
( 10,1-5 )
Jos 10,1-2
Die Handlung wechselt plötzlich von Gibeon 8 km südlich nach Jerusalem. Der
dortige König Adoni-Zedek war von Panik ergriffen, und das aus gutem Grund. Die
verräterische Kapitulation der gibeonitischen Städte vervollständigte einen
Bogen, der bei Gilgal begann und sich über Jericho und Ai zu einem Punkt
erstreckte, der nur wenige Kilometer nordwestlich von Jerusalem lag. Die
Bedrohung war offensichtlich. Jerusalems Sicherheit war in ernsthafter Gefahr.
Wenn das israelitische Heer weiterhin ohne Hindernisse vorrückte, würde
Jerusalem bald umzingelt und erobert sein.
Jos 10,3-4
Darum sandte der König von Jerusalem eine dringende Botschaft an vier andere
Könige in Südkanaan, in der er die Tatsache, daß Gibeon mit Israel Frieden
geschlossen habe, als einen verräterischen und strafbaren Akt schilderte. Dies
könnte anderen Städten den Weg ebnen, sich auf ähnliche Weise zu ergeben. Es war
ein Aufruf zum Krieg. Es mußte sofort etwas gegen Gibeon unternommen werden.
Jos 10,5
Die Reaktion kam schnell. Es verstrich nur wenig Zeit, bevor die vereinigte
Kraft einer südlichen Konföderation von fünf Königen Gibeon belagerte. Es waren
die Könige der Amoriter, das heißt des kanaanitischen Hügellandes (vgl. den
Kommentar zu 1Mo 14,13-16 ).
b. Der Verlauf der Streitigkeit
( 10,6-15 )
Jos 10,6
Von der sicheren Ausrottung bedroht, sandten die Gibeoniter einen Läufer zu
Josua nach Gilgal mit einer nachdrücklichen Aufforderung zur Hilfe gegen die
erdrückende Kraft, die sie bedrohte.
Doch warum sollte Josua auf diesen Hilfeschrei von seiten desselben Volkes
reagieren, das ihn betrogen hatte? Die Israeliten könnten ja so das Zeugnis
eines beschämenden Fehltritts loswerden.
Jos 10,7-8
Daß dies für Josua kein Gedanke war, wird an seiner sofortigen Reaktion
deutlich. Manche nehmen an, daß dies der Beweis ist, daß der Bund zwischen
Israel und den Abgesandten der Gibeoniter ein wechselseitiger Verteidigungspakt
gewesen war. Doch der Bericht in der Schrift sagt das nicht. Es scheint auch
widersinnig, daß Israel sich in einem Vertrag selbst verpflichten würde, einer
"entfernten" Nation zu Hilfe zu eilen, als welche Israel die Gibeoniter ansah,
als der Vertrag abgeschlossen wurde.
Der Grund für die Reaktion Josuas liegt auf dem Gebiet der militärischen
Strategie. Bisher hatte Israels Armee eine befestigte Stadt nach der anderen
angegriffen, was bestenfalls eine lange und ausgedehnte Prozedur war, um das
gesamte Land Kanaan zu erobern. Doch nun wurde Josua gewahr, daß er hier den
strategischen Umschwung hatte, den er benötigte. Die vereinigten amoritischen
Armeen aus Südkanaan lagerten zusammen auf offenem Feld vor Gibeon. Ein
israelitischer Sieg würde den feindlichen Mächten der ganzen Region das Genick
brechen. Außerdem versicherte Gott Josua, daß er sich nicht vor ihnen zu
fürchten brauche (vgl. Jos 1,9; 8,1 ), denn Gott würde ihnen den Sieg schenken.
Nachdem er seine gesamte Streitmacht versammelt hatte, marschierten Josua und
seine Männer im Schutze der Dunkelheit die 40 km von Gilgal nach Gibeon. Es war
ein ermüdender Marsch, der über schweres Gelände bis zu einer Höhe von 1 200 m
steil hinaufführte. Es gab keine Gelegenheit der Rast. Das Heer war erschöpft
und stand einem mächtigen Feind gegenüber. Gott mußte entweder stark eingreifen,
oder alles wäre verloren.
Jos 10,9-10
Durch Gottes Versprechen des Sieges motiviert, führte Josua einen
Überraschungsangriff auf die amoritischen Armeen des Südens an, möglicherweise
während es noch dunkel war. Panik erfüllte den Feind, und nach einem kurzen
Kampf, in dem viele getötet wurden, brachen sie auseinander und flohen in wilder
Bestürzung nach Westen. Ihre Fluchtroute führte durch einen nahegelegenen Paß
und das Tal von Ajalon hinunter, während sie von den Israeliten eifrig verfolgt
wurden. Dies war nicht das letzte Mal, daß die Hochstraße, die vom zentralen
Hügelland hinunterführte, der Schauplatz einer Flucht wurde; 66 n. Chr. floh der
römische General Cestius Gallus diesen Abhang in Flucht vor den Juden hinunter.
Jos 10,11
Die Amoriter waren jedoch nicht in der Lage, zu fliehen. Indem Gott die
Naturkräfte benutzte, um für Israel zu streiten, ließ der Herr mit tödlicher
Präzision große Steine vom Himmel auf die Feinde fallen, so daß mehr auf diese
Art als durch das Schwert getötet wurden.
Dieser gesamte Abschnitt zeigt treffend das Zusammenspiel zwischen den
menschlichen und den göttlichen Möglichkeiten auf, um einen Sieg zu erringen.
Vers 7-11 wechseln ständig von Josua (und Israel) zum Herrn. Sie alle spielten
in dieser Schlacht wichtige Rollen. Die Soldaten mußten kämpfen, doch Gott gab
den Sieg.
Jos 10,12
Doch der Tag der Schlacht von Bet-Horon zog sich hin, und Josua wußte, daß die
Verfolgung der Feinde lang und mühsam sein würde. Der Militärführer hatte noch
höchstens 12 Stunden Tageslicht vor sich. Er benötigte auf jeden Fall mehr Zeit,
wenn er die Erfüllung von Gottes Versprechen erleben (V. 8 ) und die völlige
Vernichtung seiner Feinde sehen wollte. Darum trug Josua dem Herrn eine
ungewöhnliche Bitte vor: Sonne steh still zu Gibeon, und du, Mond, im Tal
Ajalon!
Jos 10,13-15
Es war zur Mittagszeit, und die heiße Sonne stand direkt über seinem Kopf, als
Josua dieses Gebet sprach. Der Mond stand am Horizont im Westen. Die Bitte wurde
vom Herrn rasch beantwortet. Josua betete vertrauensvoll, und es ergab sich
daraus ein großes Wunder. Doch der Bericht über dieses Wunder hat das
schwerwiegendste Beispiel des Konfliktes zwischen der Schrift und der
Wissenschaft geliefert, weil sich die Sonne ja bekanntlich nicht um die Erde
dreht und dadurch Tag und Nacht verursacht. Statt dessen entsteht Licht und
Dunkelheit, weil die Erde auf ihrer Achse um die Sonne kreist. Warum sprach dann
Josua die Sonne anstatt die Erde an? Ganz einfach, weil er die Sprache des
Sichtbaren benutzte; er sprach aus seiner Perspektive und der Erscheinung der
Dinge auf der Erde. Menschen handeln immer noch genauso, selbst in
wissenschaftlichen Kreisen. In Kalendern und Zeitungen steht die Zeit des
Sonnenauf- und Sonnenunterganges. Trotzdem beschuldigt niemand sie des
wissenschaftlichen Irrtums.
Trotzdem muß der "lange Tag" in Jos 10 erklärt werden. Was geschah tatsächlich
an diesem seltsamen Tag? Die Antworten sind vielfältig (eine Finsternis, Wolken
über der Sonne, eine Reflektion der Sonnenstrahlen, usw.). Doch die beste
Erklärung scheint die Ansicht zu sein, daß Gott als Antwort auf Josuas Gebet die
Rotation der Erde verlangsamte, so daß sie in 48 anstatt in 24 Stunden eine
ganze Umdrehung machte. Diese Ansicht scheint sich, sowohl in der Dichtung der
Verse 12 b- 13 a als auch in der Prosa von Vers 13 b zu bestätigen. ( Das Buch
Jaschar oder Buch des Redlichen ist eine hebr. literarische Sammlung von
Liedern, die im Gedichtstil zu Ehren der Ruhmestaten der Führer Israels
geschrieben sind; vgl. Davids "Bogenlied" in 2Sam 1,17-27 .)
Gott verhinderte die katastrophalen Folgen, die natürlicherweise eingetreten
wären, wie z. B. riesige Flutwellen und umherfliegende Objekte. Ein Zeugnis
davon, daß die Rotationsgeschwindigkeit der Erde einfach langsamer wurde, findet
man in den abschließenden Worten von Jos 10,13 : Die Sonne ... beeilte sich
nicht unterzugehen fast einen ganzen Tag . Die Sonne war also auf unnormale
Weise langsam oder verspätet, um unterzugehen, das heißt, ihre Progression von
Mittag bis zur Dämmerung war spürbar langsamer, was Josua und seinen Soldaten
genügend Zeit gab, ihre siegreiche Schlacht zu vollenden.
Ein wichtiger Faktor, der nicht übersehen werden darf, ist, daß die Sonne und
der Mond Hauptgötter bei den Kanaanitern waren. Beim Gebet des israelischen
Anführers mußten Kanaans Götter gehorchen. Diese Erniedrigung ihrer Götter muß
für die Kanaaniter schrecklich bestürzend und beängstigend gewesen sein. Das
Geheimnis des Triumphes über das Bündnis der Kanaaniter steht in dem Worte denn
der HERR stritt für Israel! Als Antwort auf das Gebet erlebte Israel das
dramatische Einschreiten Gottes zu seinen Gunsten, und der Sieg war sicher.
c. Der Höhepunkt der Schlacht
( 10,16-43 )
Jos 10,16-24
Indem er jeden Vorteil des verlängerten Tages nutzte, setzte Josua dem Feind in
hitziger Verfolgung nach. Die fünf mächtigen Könige und ihre Armeen hatten ihre
befestigten Städte verlassen, um gegen Israel auf offenem Feld zu kämpfen. Nun
war Josua entschlossen, ihren Rückzug zurück in ihre befestigten Städte zu
verhindern. Selbst als ihm zu Ohren kam, daß die fünf Könige sich in einer Höhle
versteckt hielten, kümmerte sich Josua nicht um sie, sondern setzte vorerst die
Verfolgung der amoritischen Soldaten fort, bis er sie alle, mit Ausnahme einiger
weniger, denen die Flucht in ihre befestigten Städte gelang, getötet hatte. Als
er dann zu der bewachten Höhle zurückkehrte, brachte er die gefangenen Könige
heraus und richtete sie hin. Doch zuerst wies Josua seine Feldhauptmänner an,
ihren Fuß auf den Nacken der Könige zu setzen, wie es bei östlichen Eroberern
üblich war und oft auf ägyptischen und assyrischen Monumenten dargestellt wird.
Dies war ein Symbol für die völlige Unterwerfung des besiegten Feindes.
Jos 10,25-27
Danach gebot Josua seinen Soldaten, indem er die gleichen Worte gebrauchte, die
Gott zu ihm gesprochen hatte, sich nicht zu fürchten oder entmutigt (vgl. Jos
1,9; Jos 8,1 ), sondern stark und mutig zu sein (vgl. Jos 1,6-7.9 ). Der Sieg
über die amoritischen Könige war ein Vorbild für Israels zukünftige Siege in
Kanaan, denn Josua sagte: Dies ist das, was der HERR mit allen euren Feinden
machen wird, mit denen ihr noch zu kämpfen habt . Josua tötete die Könige, und
ihre Körper wurden bis zum Sonnenuntergang aufgehängt (vgl. Jos 8,29 ). Danach
wurden sie in die Höhle hineingeworfen, die mit großen Steinen verschlossen
wurde, so wie sie es schon vorher getan hatten ( Jos 10,18 ). Diese Steine
wurden zu einem weiteren Denkmal für Israels siegreichen Feldzug durch Kanaan.
Jos 10,28-39
Die Niederlage der fünf Könige und ihrer Armeen besiegelte den Untergang
Südkanaans. In einer Serie von Blitzkriegen griff Josua die Hauptmilitärzentren
selbst an, um jede weitere militärische Operation unmöglich zu machen. Zuerst
nahm er Makkeda ein (V. 28 ), dann Libna (V. 29 ), Lachisch (V. 31 ) und Eglon
(V. 34 ). Diese Städte, die sich von Norden nach Süden hart aneinanderreihten,
bewachten den Zugang zum südlichen Hochland. Jahrhunderte später benutzten
sowohl Sanherib als auch Nebukadnezar die gleiche Strategie, als sie Juda
angriffen.
Josua fiel als nächstes in das Herz der südlichen Region ein und besiegte ihre
zwei befestigten Hauptstädte, Hebron (V. 36 ) und Debir (V. 38 ).
Doch Jerusalem und Jarmut, zwei der fünf Verbündeten (V. 5 ), wurden
ausgelassen. Es wird keine Erklärung dafür gegeben, warum die Eroberung der
Stadt Jarmut nicht erwähnt wird. Im Falle von Jerusalem ist es verständlich, daß
die israelitischen Truppen zu erschöpft waren, um diese schwere Aufgabe noch zu
erfüllen, als sie zum Lager nach Gilgal zurückkehrten. Jedenfalls sollte diese
einsame "Insel" im Lande für die Stämme Juda und Benjamin noch zum Problem
werden, bis sie von David erobert wurde ( 2Sam 5,7 ).
Jos 10,40-43
Der Verlauf des israelitischen Feldzuges im Süden wird in Vers 40-41
zusammengefaßt (vgl. Jos 11,16 ). Die Region Goschen , nicht das Goschen in
Ägypten ( 1Mo 45,10;46,34; 47,1.4.6 ), war wahrscheinlich das Gebiet um Debir in
Südkanaan. Eine Stadt namens Goschen war eine von elf Städten "im Hügelland", in
dem auch Debir lag ( Jos 15,48-51 ). Vielleicht wurde die Gegend nach der Stadt
benannt. Die imponierende Folge von Siegen, die in Jos 10 beschrieben wird, wird
durch die Aussage, Josua brachte alle diese Könige und ihr Land auf einmal in
seine Gewalt, denn der HERR, der Gott Israels, stritt für Israel , bestätigt.
Mit dieser Gewißheit kehrten Josua und seine erschöpfte Armee nach Gilgal
zurück, um Vorbereitungen für die Vollendung der Aufgabe zu treffen.