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Josua Kapitel 02 Walvoord
B. Die Erkundung Jerichos
( Jos 2 )
Josua war einer der 12 Späher gewesen, die das Land erkundschaftet hatten ( 4Mo
13-14 ). Nun, als er sein Gesicht gen Westen hob und das Land gegenüber des
reißenden Jordans erblickte, das Gott ihnen versprochen hatte, war es für ihn
selbstverständlich, die nötigen Informationen einzuholen, um einen erfolgreichen
Krieg führen zu können. Diese Schlacht war die erste in einem langen und
beschwerlichen Krieg.
1. Die Aussendung der Späher nach Jericho
( 2,1 )
Jos 2,1
Inmitten des Weges, den die Eroberer zu nehmen hatten, ragte die ummauerte
Stadt Jericho empor, die Schlüsselfestung der Jordanebene, die die Wege zu den
mittleren Gebirgen kontrollierte. Doch bevor er sie angriff, benötigte Josua
eingehende Informationen über diese Festung - über Tore, befestigte Türme, die
Streitkraft und die Stimmung ihrer Einwohner. Also wurden zwei Kundschafter
ausgewählt und zu einer sorgfältig geheimgehaltenen Mission entsandt. Nicht
einmal die Israeliten wurden davon in Kenntnis gesetzt, damit ein unerfreulicher
Bericht sie nicht entmutigen würde, wie es bei ihren Vätern bei Kadesch-Barnea
geschehen war ( 4Mo 13,1-14,4 ).
Indem sie ihr Leben aufs Spiel setzten, verließen die beiden Späher Schittim ,
das 12 km östlich des Jordans lag, und wanderten wahrscheinlich nach Norden,
wobei sie an einer Furt den Jordan schwimmend überquerten (vgl. Jos 3,15 ).
Indem sie sich nach Süden wandten, näherten sie sich Jericho von der Westseite
und befanden sich schon bald auf ihren Straßen zwischen den Einwohnern.
Warum die Kundschafter das Haus einer Prostituierten mit Namen Rahab wählten,
wird nicht offenbart. Während einige vermuten, daß sie sie auf der Straße gehen
sahen und ihr folgten, erscheint es besser, anzunehmen, daß die Männer durch die
Vorsehung Gottes dorthin geführt worden waren. Gottes Absicht für den Besuch
Jerichos durch die Späher beinhaltete mehr als die Beschaffung von militärischen
Daten. Es gab dort eine sündige Frau, die Gott in seiner Gnade von dem Gericht
zu verschonen gedachte, dem die Stadt bald verfallen würde. Also brachte der
Herr auf seltsame Art und Weise zwei Geheimagenten des Heeres Israel und eine
Hure Kanaans, die eine Anhängerin des Gottes Israel werden sollte, zusammen.
Einige Ausleger von der Zeit des Josephus bis heute haben versucht, die
Situation dadurch zu entschärfen, indem sie behaupteten, daß Rahab nur eine
Gastwirtin gewesen sei, doch die neutestamentlichen Erwähnungen von Rahab
besagen eindeutig, daß sie eine unmoralische Frau gewesen ist ( Hebr 11,31; Jak
2,25 ). Dies stellt auf gar keinen Fall die Gerechtigkeit Gottes in Frage, der
solch eine Person für die Erfüllung seiner Absichten benutzte. Statt dessen
veranschaulicht dieser Vorfall nur noch mehr Gottes Güte und Gnade (vgl. Mt
21,32; Lk 15,1; Lk 19,10 ).
2. Das Verbergen der Späher durch Rahab
( 2,2-7 )
Jos 2,2-3
Die Verstellung der Spione war nicht ausreichend. Die ganze Stadt war auf der
Hut, da sie über das Lager Israels auf der anderen Seite des Jordans Bescheid
wußte. Jemand erkannte die Späher, folgte ihnen bis zum Haus Rahabs und kehrte
schnell zurück, um dem König Bericht zu erstatten. Der König, der schnell
reagierte, sandte Boten, die von Rahab forderten, daß die Späher sich ergeben
sollten. Mit Rücksicht auf den orientalischen Brauch, die Privatsphäre auch
einer Frau wie Rahab zu respektieren, unterließen sie es, in das Haus
einzubrechen und es zu durchsuchen.
Jos 2,4-6
Doch offenbar hatte Rahab auch Vermutungen über die Identität ihrer beiden
Besucher angestellt. Als sie die Soldaten kommen sah, die sich dem Hause
näherten, verbarg sie die Späher unter den Flachsstengeln, die auf ihrem
Flachdach zum Trocknen lagen. Nachdem die Flachsstengel in der Erntezeit
herausgezogen worden waren, wurden sie für drei bis vier Wochen zum Aufsaugen in
Wasser gelegt, um danach die Fasern trennen zu können. Dann wurde der Flachs,
nachdem er in der Sonne getrocknet war, zu Leinentuch verwebt.
Nachdem sie dann hinuntergeeilt war, um den Gesandten des Königs die Tür zu
öffnen, gab sie offen zu, daß zwei Fremde in ihr Haus gekommen seien, doch woher
hätte sie deren Identität und Auftrag wissen sollen? "Sie sind bei Anbruch der
Dunkelheit ungefähr zur Zeit, wenn das Stadttor geschlossen wird, gegangen", log
sie. "Doch wenn ihr euch beeilt, könnt ihr sie möglicherweise noch stellen."
Jos 2,7
Die Soldaten nahmen Rahab beim Wort und durchsuchten ihren Besitz nicht, sondern
ritten aus, um ihnen nach Osten zu den Furten des Jordans nachzujagen, weil dies
der wahrscheinlichste Fluchtweg war.
War es für Rahab verboten zu lügen, obgleich ihre Falschheit die Späher
beschützte? Gibt es einige Situationen, in denen eine Lüge angebracht ist?
Immerhin, sagen einige, war dies eine Sache der damaligen Kultur, da ja Rahab
bei den gottlosen Kanaanitern geboren worden und aufgewachsen war, bei denen das
Lügen allgemein praktiziert wurde. Möglicherweise sah sie nichts Böses in ihrer
Tat. Außerdem wären die Spione vom König getötet worden, wenn sie die Wahrheit
gesagt hätte.
Solche Argumente sind jedoch nicht überzeugend. Zu argumentieren, daß die Spione
sicherlich verloren gewesen wären, wenn Rahab die Wahrheit gesagt hätte,
bedeutet, die Tatsache zu ignorieren, daß Gott die Späher auch auf eine andere
Art hätte beschützen können. Rahab damit zu entschuldigen, daß sie einer
allgemeinen Praxis folgte, bedeutet, etwas nicht ernst zu nehmen, was Gott
verwirft. Paulus zitiert einmal einen Propheten aus Kreta, der gesagt hatte, daß
die Kreter permanente Lügner seien, und fügt dann hinzu: "Dieses Zeugnis ist
wahr. Aus diesem Grund weise sie scharf zurecht, damit sie gesund werden im
Glauben" ( Tit 1,13 ). Die Lüge Rahabs wurde zwar niedergeschrieben, aber nicht
gerechtfertigt. Die Bibel rechtfertigt ihren Glauben, der sich durch gute Werke
erwies ( Hebr 11,31 ), jedoch nicht ihre Falschheit. (Manche entschuldigen
Rahabs Lüge, indem sie behaupten, daß Täuschung im Krieg erlaubt sei.)
3. Der Beweis von Rahabs Verständigkeit gegenüber den Spähern
( 2,8-11 )
Jos 2,8-11
Dann fand eine sehr beachtliche Besprechung statt. Die Gesandten des Königs
waren gegangen und Rahab stieg auf das Dach ihres Hauses, wo sie in der
Dunkelheit mit den beiden Spähern sprach. Man ist auf ihre nun folgende
Glaubenserklärung kaum vorbereitet. Als erstes eröffnete sie, daß sie glaubte,
daß der Herr, der Gott Israels, Israel das Land Kanaan gegeben hatte. Obwohl das
Heer Israels den Jordan noch gar nicht überquert hatte, meinte Rahab: "Die
Eroberung ist so gut wie geschehen". Zweitens gab sie den Spähern die
unbezahlbare Information, daß die Bewohner Jerichos, so wie auch der Rest
Kanaans, völlig demoralisiert waren: Alle Bewohner dieses Landes beben in Angst
vor euch (vgl. V. 24 , und V. 11 , unsere Herzen sind verzagt und jedem fehlt
der Mut ). Dies war so, wie Gott es vorhergesagt hatte, daß es geschehen würde
( 2Mo 23,27; 5Mo 2,25 ). Da es die Hauptaufgabe der Späher war, die Moral des
Feindes zu erkunden, war dieses Wort allerdings "Musik in ihren Ohren". Doch
warum die Angst? Wegen der Kraft des Gottes Israels, der 40 Jahre vorher das
Rote Meer für die hebräischen Sklaven geteilt, und ihnen vor kurzem den Sieg
über Sihon und Og , die mächtigen Könige der Amoriter östlich des Jordan,
geschenkt hatte ( 4Mo 21,21-35 ). Nun kehrte sich derselbe Gott gegen sie, und
sie wußten, daß sie nicht gewinnen konnten.
Dann bezeugte Rahab ihren Glauben an den Gott Israels: Denn der HERR, euer Gott,
ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde . Als Antwort auf das Wort, das
sie über das mächtige Wirken Gottes empfangen hatte, glaubte Rahab und vertraute
auf seine Kraft und Gnade. Dieser Glaube rettete sie. Doch wie konnte Rahab so
einen offensichtlichen Glauben haben und trotzdem eine Hure sein und so
leichtfertig Lügen erzählen? Die Antwort scheint zu sein, daß sie später auch
auf weitere Botschaften über Gottes Lebensprinzipien reagierte und gehorsam war,
nachdem sie am Anfang auf die Botschaft über Gottes Werke mit Glauben reagiert
hatte. Immerhin erfolgt geistliches Wachstum stufenweise und nicht mit einem Mal
Selbst John Newton, der das Gospel "Amazing Grace" (Durch Gnade frei) dichtete,
betrieb nach seiner Bekehrung noch Sklavenhandel, bevor er sich der
Schändlichkeit und Entwürdigung dieser Praxis bewußt wurde und sie aufgab.
4. Das Versprechen der Späher an Rahab
( 2,12-21 )
Jos 2,12-13
Rahab bewies ihren Glauben nicht nur durch das Beschützen der Späher ( Hebr
11,31; Jak 2,25 ), sondern auch dadurch, daß sie sich um die Sicherheit ihrer
Familie kümmerte. Vermutlich sorgte sie sich um die körperliche Sicherheit ihrer
Familie, jedoch wird sie auch den Wunsch gehabt haben, daß diese auch ein Teil
des Volkes Gottes würden, anstatt von der schändlichen und unwürdigen
Götzenanbetung der Kanaaniter versklavt zu werden.
Sie äußerte dieses dringende Anliegen zwar vorsichtig, jedoch mit Nachdruck, und
drängte die Späher dazu, wegen ihrer Kooperationsbereitschaft mit ihr einen Pakt
zu schließen.
Als Rahab um Freundlichkeit ( HeseD ) gegenüber ihrer Familie bat, benutzte sie
ein bedeutungsvolles Wort. HeseD , das 250 Mal im AT vorkommt, bedeutet
ehrliche, standhafte oder treue Liebe, die auf einem Versprechen, einer
Übereinkunft oder einem feierlichen Abkommen beruht. Manchmal wird das Wort
benutzt, um Gottes treue Liebe zu seinem Volk auszudrücken, und manchmal auch,
wie hier, für Beziehungen auf menschlicher Basis. Es war Rahabs Bitte, daß die
Späher mit ihr und der Familie ihres Vaters ein HeseD -Bündnis schlössen, so wie
sie mit ihnen ein HeseD -Bündnis geschlossen hatte, indem sie ihr Leben rettete.
Jos 2,14
Die Antwort der Späher kam sofort und entschieden. "Wenn der Herr uns das Land,
das heißt, Jericho, gibt, werden wir das HeseD -Abkommen einhalten. Wenn du
unseren Auftrag nicht verrätst, werden wir dich und deine Familie beschützen,
oder unser eigenes Leben einbüßen" (Übertragung durch den Autor).
Jos 2,15-20
Als die Späher sich zum Gehen fertigmachten, bestätigten sie noch einmal den
Bund, indem sie die Bedingungen, die Rahab einzuhalten hatte, wiederholten und
sie ihr einschärften. Erstens mußte ihr Haus durch ein rotes Seil , das aus dem
Fenster hing, gekennzeichnet sein. Wegen der Lage des Hauses auf der Stadtmauer
(vgl. den Kommentar zu V. 21 zum Haus auf der Stadtmauer) würde das Seil von den
israelitischen Soldaten immer und immer wieder gesehen werden, während sie um
die Mauern herummarschierten ( Jos 6,12-15 ). Ihr Haus würde deutlich
gekennzeichnet sein, und kein Soldat, wie eifrig und verbissen er auch mit der
Zerstörung beschäftigt sein würde, würde es wagen, den Schwur anzutasten und
irgend jemanden in diesem Haus zu töten.
Zweitens sollten Rahab und ihre Familie während des Angriffs auf Jericho in dem
Haus verweilen. Sollte jemand hinausgehen und getötet werden, wäre er selbst und
nicht die Eroberer schuld an seinem Tod. Zuletzt betonten die Späher noch
einmal, daß sie von diesem Schutzversprechen entbunden würden, wenn Rahab ihren
Auftrag preisgäbe.
Jos 2,21
Rahab nahm diese Bedingungen an, und nachdem die Späher gegangen waren, band sie
das rote Seil ins Fenster . Wahrscheinlich beeilte sie sich auch, ihre Familie
aufzufordern, sich im Hause zu versammeln. Die Tür zu ihrem Hause war eine Tür
zum Schutz vor dem Gericht, das schon bald über Jericho kommen würde (vgl. 1Mo
7,16; 2Mo 12,23; Joh 10,9 ).
Als ihre Mission beendet war, tauschten die Späher mit Rahab Anweisungen, die
ihre Flucht betrafen, aus (vgl. Jos 2,15-16 ). Jericho war zu der Zeit von zwei
Mauern umgeben, die ungefähr 5 Meter auseinanderlagen. Über den Zwischenraum
waren Holzbalken gelegt und auf diesem Fundament Häuser gebaut worden.
Wahrscheinlich war Rahabs Haus auch eines von denen, die wegen des Platzmangels
in der engen Stadt "auf der Mauer" gebaut worden waren. Auf diese Weise war es
ein Teil der Stadtmauer (V. 15 ).
5. Die Rückkehr der Späher zu Josua
( 2,22-24 )
Jos 2,22-24
Die Späher wurden an einem Seil durch ein Fenster im Haus Rahabs vorsichtig
hinuntergelassen (V. 15 ). Ihre Flucht wäre viel schwieriger, wenn nicht sogar
unmöglich gewesen, wenn sie durch das Stadttor hätten gehen müssen.
Knapp 800 m westlich von Jericho erheben sich Kalksteinfelsen, die bis zu 450 m
hoch aufragen und von Höhlen durchsetzt sind. Hier versteckten sich die Späher
( in den Hügeln ) drei Tage lang (vgl. Jos 1,11 ), bis die Soldaten Jerichos die
Verfolgungsjagd aufgaben. Dann schwammen die Späher im Schutz der Dunkelheit
über den Jordan, marschierten zügig zum Lager bei Schittim (vgl. Jos 2,1 ) und
berichteten Josua von ihrem wundersamen und aufwühlenden Abenteuer und der
alarmierten und verzagten Stimmung der Kanaaniter. Ihre Folgerung war: Der HERR
hat das ganze Land in unsere Hände gegeben, und alle Bewohner des Landes sind
vor uns feige geworden (vgl. V. 9 ; 2Mo 23,27; 5Mo 2,25 ). Was für ein
Unterschied war das im Vergleich mit dem Bericht der Mehrheit der Späher bei
Kadesch-Barnea, die sagten: "Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen dies Volk,
denn sie sind uns zu stark." ( 4Mo 13,31 ).