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5.2 Der Engel mit dem Büchlein,  Offenbarung 10,1–11   EX . LOGOS

I Übersetzung

1 Und ich sah einen anderen starken Engel aus dem Himmel herabkommen, bekleidet mit einer Wolke, und der Regenbogen war über seinem Haupt und sein Angesicht war wie die Sonne und seine Beine waren wie Feuersäulen,
2 und er hatte ein geöffnetes Büchlein in seiner Hand. Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, seinen linken aber auf die Erde,
3 und er schrie mit lauter Stimme, wie ein Löwe brüllt. Und als er schrie, erhoben die sieben Donner ihre Stimmen.
4 Und als die sieben Donner ihre Stimmen erhoben hatten, wollte ich schreiben, aber ich hörte eine Stimme aus dem Himmel sagen: Versiegle, was die sieben Donner geredet haben, und schreibe es nicht auf!
5 Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf der Erde stehen sah, hob seine rechte Hand auf zum Himmel
6 und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist, und die Erde und was darin ist, und das Meer und was darin ist, dass eine Zeit nicht mehr sein wird.
7 Sondern in den Tagen, wenn man den siebten Engel hören wird, wenn er seine Posaune blasen wird, ist das Geheimnis Gottes vollendet,1193 wie er es seinen Knechten, den Propheten, verkündigt hat.
8 Und die Stimme, die ich aus dem Himmel gehört hatte, redete wiederum mit mir und sagte: Geh hin, nimm das geöffnete Buch in der Hand des Engels, der auf dem Meer und auf der Erde steht!
9 Und ich ging hin zu dem Engel und sagte zu ihm: Gib mir das Büchlein! Und er sagt zu mir: Nimm und iss es! Und es wird deinen Bauch bitter machen, aber in deinem Mund wird es süß sein wie Honig.
10 Und ich nahm das Büchlein aus der Hand des Engels und aß es, und es war in meinem Mund süß wie Honig, aber als ich es gegessen hatte, wurde mein Bauch bitter. 11 Und sie sagen zu mir: Du musst wiederum weissagen über Völker und Nationen und Sprachen und viele Könige.



II Struktur

Mit nur elf Versen ist dieses zehnte Kapitel das kürzeste in der ersten Hälfte der Offb – noch zweieinhalb Zeilen kürzer als Kap. 4, das ebenfalls elf Verse hat. In der ganzen Offb ist nur Kap. 15 noch kürzer.
Aber trotz seiner Kürze ist Offb 10 geheimnisvoll. Was ist sein Anliegen? Seine Botschaft? Sein Skopus? Warum soll ein persönlicher Vorfall so wichtig sein, dass er in diesem prall gefüllten Buch ein ganzes Kapitel in Anspruch nehmen darf?
Zuerst halten wir mit Ernst Lohmeyer fest, dass Offb 10 „ein in sich geschlossenes und reich gegliedertes Ganzes“ darstellt. Die Anfangsworte Καὶ εἶδον [Kai eidon] markieren den Beginn eines neuen Gesichts und eines neuen Berichtsteils (V. 1). Die Szene wechselt gegenüber Kap. 9. Aber auch 11,1 markiert mit den Anfangsworten Καὶ ἐδόθη [Kai edothe] einen Neu-Einsatz, sodass Offb 10 auch gegenüber der Fortsetzung in Offb 11 deutlich abgehoben bleibt.
Gerade dieses geschlossene Ganze lässt aber nun von Neuem die Frage entstehen, wie sich Offb 10 in Bezug auf die Posaunen verhält? Wir haben oben schon entschieden, dass die erkennbare Programmatik der Offb mit ihren 7 Posaunen (8,2ff; 11,15) es erfordert, die beiden Kapitel 10 und 11 in den Gesamtzusammenhang der sechsten Posaune einzuordnen. Dann aber ist Offb 10 eine Art retardierendes Element im Ablauf der sieben Posaunen-Visionen.
Dementsprechend lauten die Überschriften über Offb 10: „An interlude“, „Das Intermezzo“,1196 „Zwischenstück“, „Das Ende der Prophetie“,1198 „Erste Episode der 3. Vision“ u.ä. Inhaltlich tituliert z.B. Aune: „The Angel and the Little Scroll“.1200 Insgesamt erscheint eine inhaltliche Titulierung angemessener als eine rein formale, da Überschriften wie „Zwischenstück“ oder „Zwischenspiel“ leicht den Eindruck von etwas Nebensächlichem erzeugen können.
Was nun die Art des Inhalts von Offb 10 betrifft, so erinnert manches an die vorausgehenden Kapitel: z.B. der starke Engel an 5,2ff und 8,3ff; die redenden Donner an 4,5; 6,1; 8,5; der Schreibbefehl, der allerdings negativ ist, an 1,11.19; 2,1ff. Noch stärker ist die Parallelität zu Ez 2,9f; 3,1ff mit dem Büchlein und dem Essen des Büchleins sowie die Parallelität von 10,11 zu Jer 1,9f. Man kann deshalb überlegen, ob nicht Offb 10 so etwas wie eine Prophetenberufung darstellt, gewissermaßen eine zweite Berufung des Johannes nach 1,9ff. Dass das Auftreten des Engels Züge „atlicher Theophanien“ trägt, wie Lohmeyer bemerkt,1202 passt dazu sehr gut. Und dass Lohmeyer zufolge in Offb 10,4 gleichsam ein „Prolog im Himmel“ stattfindet, der den „Kern der Apc“ einleitet, nämlich die siebte Posaune, deutet noch einmal in diese Richtung. Es ginge dann darum, dass Johannes auf das Schwerste der Endzeitbotschaft speziell vorbereitet würde. Daraus würde sich endlich auch die besondere Position und die besondere Bedeutung des zehnten Kapitels erklären.1204 Eine genauere Begründung kann aber erst die Einzelexegese liefern.


III Einzelexegese

Unser Kapitel beginnt mit den Worten: Und ich sah einen anderen starken Engel aus dem Himmel herabkommen (V. 1).
Diese Worte haben eine lebhafte Diskussion über eine Frage ausgelöst, die eher nebensächlich anmutet: Hat Johannes einen stillschweigenden Standortwechsel vollzogen? Ist er inzwischen zur Erde zurückgekehrt, nachdem er in 4,1f zum Himmel emporgestiegen war? Demgegenüber weisen z.B. Kraft und Lohmeyer darauf hin, dass a) ein Wechsel des Standorts oder Horizonts kein Problem darstellt,1206 b) ein ἐν πνεύματι [en pneumati] befindlicher Seher seinen „Standort“ überall haben kann und hier ein irdisches Ortskriterium unangemessen ist. Darin ist ihnen zuzustimmen. Die Aussage einen anderen starken Engel (ἄλλον ἄγγελον ἰσχυρὸν [allon anggelon ischyron]) bezieht sich offensichtlich auf 5,2 zurück. Damit klingt auch schon die Thematik des „Büchleins“ an. Stark (ἰσχυρός [ischyros]) darf wie in Offb 5,2 nicht nur auf die Stimme oder andere Äußerlichkeiten bezogen werden, sondern drückt eine „gewaltige Machtfülle“ aus. Es handelt sich offenbar um einen „Engel aus Gottes unmittelbarer Umgebung“.1210 Charles und Lohmeyer führen „stark“ auf hebr. גִּבּוֹר [gibbor] zurück und vermuten „Gabriel“ als diesen Engel. Diese Annahme dürfte aber zu weit hergeholt sein. Aus dem Himmel herabkommen (καταβαίνοντα ἐκ τοῦ οὐρανοῦ [katabainonta ek tu uranu]) bedeutet dann, aus Gottes unmittelbarer Umgebung heraus vor Johannes zu treten. Dass sich Johannes auf der Erde befindet, wird also nicht notwendig vorausgesetzt. Die Wendungen stark und aus dem Himmel leiten schon das an eine Gotteserscheinung erinnernde (theophane) Geschehen ein. Die folgenden Angaben verstärken dieses Bild.
Bekleidet mit einer Wolke (περιβεβλημένον νεφέλην [peribeblemenon nephelen]) war auch Gott beim Auszug aus Ägypten (Ex 13,21). Außerdem erscheint Gott auf den Wolken (Ps 104,3). Es geht also um die „herrliche Erscheinung des Engels“, der gottähnlich auftritt. Und der Regenbogen war über seinem Haupt: Hier werden wir an den Regenbogen oder „Strahlenkranz“ erinnert, der nach 4,3 den Thron Gottes umgibt. Deshalb steht wohl auch der Artikel bei der ἶρις [iris]. Auch in Ez 1,28 ist der „Regenbogen“ ein Kennzeichen der Herrlichkeit Gottes. Offb 10,1 ist biblisch der einzige Fall, in dem ein solcher Regenbogen einen Engel umgibt. Erneut wird dadurch seine Legitimation durch Gott selbst ausgesagt. Karl Heinrich Rengstorf vermutet, dass dadurch die bleibende Gnade Gottes für seine Gemeinde inmitten der Gerichte zum Ausdruck kommen soll – ein durchaus möglicher Gedanke in Analogie zu Gen 9,13. Und sein Angesicht war wie die Sonne (καὶ τὸ πρόσωπον αὐτοῦ ὡς ὁ ἥλιος [kai to prosopon autu hos ho helios]): dieselben Worte, wobei nur πρόσωπον [prosopon] an die Stelle von ὄψις [opsis] tritt, charakterisieren in Offb 1,16 den auferstandenen Christus. Auch Mt 17,2 weist auf die theophanieähnlichen Züge in Offb 10,1 hin. Und seine Beine waren wie Feuersäulen (καὶ οἱ πόδες αὐτοῦ ὡς στῦλοι πυρός [kai hoi podes autu hos styloi pyros]): πόδες [podes] bezeichnet hier nicht nur die Füße, sondern die ganzen Beine. Wieder fällt die Nähe zur Christuserscheinung in Offb 1,15 auf. Feuer gehört nach dem Zusammenhang zu den Theophaniezügen (vgl. Ex 13,21; 19,18; Ps 104,4; Ez 1,4ff; Dan 7,9f). Offb 10,1 schildert uns jedenfalls die Beine des Engels als „gewaltig und in herrscherlicher Haltung“. Doch Christus ist es nicht, wie Victorin v. Pettau, Primasius, Albertus Magnus u.a. meinten, auch nicht der Heilige Geist, auf den Vitringa deutete,1221 sondern eben nur ein Engel.
Vers 2 setzt die Schilderung des Engels fort: und er hatte ein geöffnetes Büchlein in seiner Hand (καὶ ἔχων ἐν τῇ χειρὶ αὐτοῦ βιβλαρίδιον ἠνεῳγμένον [kai echon en te cheiri autu biblaridion eneogmenon]). Büchlein (βιβλαρίδιον [biblaridion]) ist nach Blass-Debrunner eine Mischung aus den Diminutiven βιβλάριον und βιβλίδιον. Statt ἔχων [echon] müsste eigentlich – weil abhängig von εἶδον [eidon] – ἔχοντα [echonta] stehen. Aber Blass-Debrunner hält ἔχων [echon] als typischen Solözismus der Offb für „sozusagen indeklinabel“. Sofort werden wir hier an Offb 5,1 erinnert. Wie der erhabene Gott selbst hält also auch sein Engel ein Buch in der Hand. Einiges haben 5,1 und 10,2 gemeinsam: den Charakter des Buches, die Verbindung des Buches mit der Hand, das Sichtbarwerden vor dem Auge des Sehers. Doch es gibt auch deutliche Unterschiede: 1) Statt des „Buches“ (βιβλίον [biblion]) von 5,1 handelt es sich in 10,2 nur um ein kleines Büchlein (βιβλαρίδιον [biblaridion]); 2) statt der Versiegelung des Buches in 5,1 begegnet uns in 10,2 ein geöffnetes Büchlein; 3) von einer Beschriftung „innen und außen“ wird in 10,2 im Gegensatz zu 5,1 nichts bemerkt; 4) in 10,2 ist es nur ein Engel und nicht wie in 5,1 Gott selbst, der das Buch in der Hand hält. Fazit: Das Büchlein von 10,2 ist etwas anderes als das Buch von 5,1 und weist offensichtlich einen weniger umfangreichen Inhalt auf. Hesekiel erlebte schon Ähnliches (2,9). Doch was war nun der Inhalt? Gottlob Schrenk dachte an 11,1–14. Lohmeyer meinte, das Büchlein könne nicht „c. 12 bis zum Ende zum Inhalt haben“, weil es dafür zu klein sei.1229 Bengel sah diesen Inhalt in allem noch Ausstehenden, also dem ganzen Rest der Offb („das Remanet“). Im Blick auf den Verkündigungsauftrag in V. 11 scheint Bengel der Sache am nächsten zu sein. Aber da die Offb selbst über den Inhalt nichts Direktes sagt, müssen auch wir uns zurückhalten.
Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, seinen linken aber auf die Erde: Meer und Erde bedeuten die gesamte Erde mit Kontinenten und Ozeanen. „Himmel und Erde“ konnte Johannes nicht sagen, da der Engel nicht die gesamte Schöpfung unter seinen Füßen hat. Den Fuß auf etwas setzen bedeutet: Macht darüber ausüben. Der Engel hat natürlich nur die von Gott verliehene Macht. Und es ist die Macht des Wortes, das die ganze Erde hören muss.1233 In erster Linie geht es also nicht um die „Riesengröße des Engels“, sondern um die Größe und geschichtliche Wucht seiner Botschaft.
Eine besondere Diskussion rief die Position des Engels hervor. Stand er bei Patmos, wie z.B. Bengel annahm, und hatte er den rechten Fuß auf dem Meer, den linken auf der Erde, dann lag die Annahme nahe, dass er nach Süden blickte, evtl. nach Afrika oder zum Heiligen Land.1237 Auch diese Annahmen überziehen das Konto. Es geht hier nicht um Spezialbotschaften, sondern gerade um eine universale Botschaft für die ganze Erde. Deshalb sollte man nicht kleinlich den Standort der Füße ausmessen wollen. Die Parallele in Dan 12,6, auf die schon Vitringa hinwies, bestätigt diese Auslegung.
Der dritte Vers schildert uns die Stimmen, die Johannes vernimmt. Zunächst ist es die Stimme des Engels: Und er schrie mit lauter Stimme, wie ein Löwe brüllt. Zwei Kennzeichen sind hier wichtig. Da ist zum Ersten die laute Stimme (φωνή μεγάλη [phone megale]). Schon mehrfach haben wir beobachtet, dass die „laute Stimme“ die hohe Autorität und Würde des Betreffenden zu Ausdruck bringt (vgl. 1,10.15; 5,2.10; 7,2.10; 18,2). So auch hier. Sodann wird die Stimme mit dem Brüllen eines Löwen verglichen. Wie Hos 11,10; Am 1,2; 3,8; Jes 31,4; Jer 25,30; Joel 4,16 zeigen, wird dadurch ein Charakteristikum des Redens Gottes auf den Engel als Gottesboten übertragen. Damit setzen sich die Züge einer Theophanie fort. Aber nun bleibt die Stimme des Engels nicht allein. Vielmehr weckt sie wie ein Echo die Stimmen der sieben Donner: Und als er schrie, erhoben die sieben Donner ihre Stimmen, oder noch wörtlicher: „redeten (ἐλάλησαν [elalesan]) die sieben Donner mit ihren Stimmen“. Der Artikel die deutet auf schon Bekanntes. Aber von den sieben Donnern hat Johannes bisher nicht gesprochen, nur von den Donnern am Throne Gottes in 4,5 und den Donnern in 6,1 und 8,5. Wir vermuten, dass Johannes deshalb von „den sieben Donnern“ spricht, weil er sie mit den sieben Geistern Gottes verbindet (Offb 1,4; 3,1; 4,5; 5,6). Ist diese Vermutung richtig, dann sind hier die „Donner“ von Offb 4,5 gemeint, die vom Thron Gottes ausgehen. Diese Vermutung steht auch in Übereinstimmung mit Jer 25,30 und Ps 29,3ff, also denjenigen alttestamentlichen Stellen, die den Hintergrund von Offb 10,3 bilden. Der Begriff redeten (ἐλάλησαν [elalesan]) bzw. erhoben ihre Stimmen zwingt uns dazu, an ein artikuliertes Sprechen zu denken. Es handelt sich also nicht um ein unartikuliertes Brüllen oder Grollen. Das gilt selbst dann, wenn dieses Reden für Johannes „unverständlich“ war, wie Otto Betz meinte. Aber die Annahme liegt viel näher, dass Johannes es tatsächlich verstanden hat. Bengel kommt vermutlich der Wahrheit nahe, wenn er erklärt: Sie „redeten mit deutlichen vernehmlichen Worten. Vermutlich waren“ es „Stimmen, die an Johannem im Gesicht ergangen sind“.1248 Lohmeyers Vermutung, es habe sich „um einen göttlichen … Dialog“ gehandelt, ist ebenfalls erwägenswert. Wir halten fest: Es sind mächtige, von Gott legitimierte Stimmen, die den Engel unterstützen.
In V. 4 begegnet uns etwas Atypisches. Während Johannes sonst unter dem Schreibbefehl steht (1,10; 2,1ff), darf er hier nicht schreiben, obwohl er es will. Und als die sieben Donner ihre Stimmen erhoben hatten, wollte ich schreiben … (ἤμελλον γράφειν [emellon graphein]): Mit Bauer-Aland könnte man hier sogar übersetzen „fing ich an, zu schreiben“. Was? Nun, höchstwahrscheinlich doch das, was die sieben Donner geredet hatten. Folglich wird sie Johannes verstanden haben. Da greift eine Stimme aus dem Himmel ein (φωνὴ ἐκ τοῦ οὐρανοῦ [phone ek tu uranu]). Damals war die Himmelsstimme, die בת קול [bat qol], bei den jüdischen Gelehrten und Schriftauslegern eine feste Größe. Aber auch in den Evangelien hat sie einen legitimen Platz (vgl. Mt 3,17; 17,5). In Offb 10,4 wird nicht gesagt, auf wen diese Stimme zurückzuführen ist. Aber da die positiven Schreibbefehle in 1,10; 1,19; 2,1ff vom erhöhten Christus ausgingen, liegt die Annahme nahe, dass auch in Offb 10,4 die Stimme Christi gemeint ist. Jedenfalls sind es weder der Engel noch die Donner, die Johannes wehren, sondern offenbar jemand mit höherer Autorität. Die Stimme sagt: Versiegle, was die sieben Donner geredet haben, und schreibe es nicht auf! Jetzt ist klar, dass Johannes dasjenige aufschreiben wollte, was die sieben Donner geredet haben. Versiegeln muss hier etwas anderes bedeuten als in Dan 8,26; 12,4.9. Denn es geht nicht um die Aufbewahrung von Geschriebenem, sondern um das Verbot jedweder Niederschrift. Versiegeln (σφραγίζω [sphragizo]) heißt hier also nicht „sichern“, sondern „nicht offenbaren“.1256 Wir wissen also bis heute nicht, was die sieben Donner geredet haben. Warum hat dann Johannes dieses Ereignis nicht stillschweigend übergangen? Man kann darauf eine dreifache Antwort geben: 1) Weil er nach 1,10.19 alles erwähnen sollte, was er sah; 2) weil er dadurch verdeutlichen konnte, dass er völlig unter göttlicher Leitung, ganz „unter Gottes Geheiß“ stand; 3) weil er damit andeuten konnte, dass der Reichtum der göttlichen Gedanken noch größer und herrlicher ist, als es in seinem Buch zum Ausdruck kommt.1259 Man kann sich allerdings nicht auf den „verborgenen Ratschluss Gottes“ (den absconditus deus) berufen, wenn man den offenbarten Ratschluss Gottes in Zweifel ziehen oder kritisieren will. Rein spekulativ ist die Annahme von Bousset, durch Offb 10,4 habe Johannes eine Sieben-Donner-Vision aus seinem Werk ausschließen wollen. Auch Lohmeyers Einschätzung,1261 Offb 10,4 sei analog 2Kor 12,4 der „Ausdruck eines prophetischen Bewusstseins“, dürfte die Tendenz von Offb 10,4 kaum treffen.
Die Verse 5–11 bringen jetzt drei Hauptereignisse, die den hauptsächlichen Inhalt von Offb 10 ausmachen: 1) die Zeitansage des Engels (V. 5–7), 2) das Essen des Büchleins durch Johannes (V. 8–10), 3) die erneute Beauftragung des Johannes (V. 11).
Die Zeitansage wird eingeleitet durch den Schwur des Engels (V. 5–6). Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf der Erde stehen sah, hob seine rechte Hand zum Himmel: Das ist der Rückbezug auf V. 2. Die Abfolge Meer – Erde ist dieselbe. Dass die Hand zum Schwur erhoben wird, ist ganz alttestamentlich. Sogar Gott selbst erhebt sie zum Schwur (Ex 6,8; Num 14,30; Dtn 32,40). Dabei „wird auch im AT der rechten Hand gegenüber der linken bevorzugter Wert zugeschrieben“.1263 Wenn also der Engel seine rechte Hand zum Himmel aufhebt, dann wird sein Schwur dadurch besonders bekräftigt. Und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist: Das griechische ὀμνύειν ἐν [omnyein en] geht auf hebräisches נִשְׁבַּע בְּ [nischba be] zurück. Der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit (ὁ ζῶν εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων [ho zon eis tus aionas ton aionon]) ist uns seit 4,9 als Gottesbezeichnung vertraut. Jetzt tritt auch ganz deutlich die Verwandtschaft zwischen Offb 10,5f und Dan 12,7 zutage (LXX: καὶ ὕψωσε τὴν δεξιὰν … εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ὤμοσε τὸν ζῶντα εἰς τὸν αἰῶνα θεὸν [kai hypsose ten dexian … eis ton uranon kai omose ton zonta eis ton aiona theon]). Vermutlich hat Johannes hier in Anlehnung an Dan 12,7 formuliert. Auch inhaltlich besteht eine sehr enge Verwandtschaft, denn beiderseits ist die Zeit das Thema. Die Anrufung Gottes als des Schöpfers führt uns in die ältesten Zeiten des AT zurück (vgl. Gen 14,19.22). Die feierliche, dreifache Ausführung des Schöpferhandelns mit dem Himmel und was darin ist, der Erde und was darin ist und schließlich dem Meer und was darin ist stammt erneut aus dem AT (vgl. Ex 20,11; Neh 9,6; Ps 146,6; Jona 1,9). Diese Trinität bringt zum Ausdruck, dass Gott das All ohne Ausnahme geschaffen hat (ἔκτισεν [ektisen]). Wieder bemerken wir die starke Betonung der Schöpfer-Theologie in der Offb (vgl. 4,11). Mit der Betonung des einzigen κτίζων [ktizon] des Alls wird der Gemeinde die unendliche Überlegenheit Gottes über alle Götzen, Weltherrscher und Mächte in Erinnerung gerufen (vgl. Apg 4,24; 14,15; 17,24).
Aber warum schwor der Engel? Hat nicht Jesus seinen Jüngern „ein absolutes Schwurverbot“ erteilt? Vgl. Mt 5,33ff; 23,16ff; Jak 5,12. Die Antwort muss davon ausgehen, dass Jesu Verbot und der Schwur des Engels in zwei völlig verschiedene Kategorien gehören. Das Schwören der Menschen schafft der Unwahrheit Raum, weil das Nichtbeschworene eben auch nicht zu stimmen braucht. Das Schwören des Engels oder das Schwören von Gott selbst stärkt dagegen den Glauben. Der Mensch, der so leicht verzweifelt oder verzagt, hat dann einen doppelten Halt: das unverbrüchliche Wort Gottes und dazu den Schwur, der es noch einmal bekräftigt (vgl. Gen 22,16; Jes 62,8; Am 4,2; Hebr 6,13ff). So ist es auch hier: Der Schwur des Engels macht seine Botschaft unverbrüchlich fest und unbedingt glaubwürdig und gibt dadurch dem schwachen Glauben des Menschen einen zusätzlichen Halt.
Was schwor der Engel nun? In V. 6 sind es im Griechischen ganze drei Wörter – denen freilich noch V. 7 folgt! –, nämlich: χρόνος οὐκέτι ἔσται [chronos uketi estai], auf Deutsch: Eine Zeit wird nicht mehr sein. Den Wortlaut der Lutherbibel: „Es soll hinfort keine Zeit mehr sein“ könnte man so verstehen, dass die „Zeit“ von nun an ganz verschwinden und nur noch die Ewigkeit bleiben solle. Manche Ausleger verstehen es auch so. Die Mehrheit der modernen Ausleger nimmt dagegen Zeit (χρόνος [chronos]) als „Verzögerung“ und versteht dann Offb 10,6 als Zusicherung, dass das Ende ohne Verzögerung eintreten wird. Im System Johann Albrecht Bengels spielt „der Chronus“ eine wichtige Rolle, und zwar als Zeitabschnitt von 1111 1/9 Jahren. Bengel versteht nun Offb 10,6 so, dass kein vollständiger Chronus mehr „herauskommen“ wird, sondern nur noch ca. 1000 Jahre bis zu Erfüllung des Heilsplanes Gottes. In einer gewissen Parallelität zu Bengel meinte der zweite große schwäbische Ausleger jener Zeit, Johann Michael Hahn: „Es soll gar keine lange Zeit mehr anstehen“, bis Gott seine Verheißungen erfüllt.1270 Wie sollen wir uns hier orientieren? Da a) die Weissagungstätigkeit des Johannes ausdrücklich weitergehen soll (V. 11) und b) in der Offb später noch verschiedene Zeitabläufe angekündigt werden (10,7; 11,2f; 12,6.12.14; 13,5; 15,8; 17,10.12; 20,2ff.7), wäre eine Aussage in Offb 10,6, dass die Zeit schlechthin aufhören soll, wenigstens an dieser Stelle schwer verständlich. Leichter fällt die Annahme, dass hier tatsächlich eine Verzögerung der Pläne Gottes ausgeschlossen werden soll. Positiv ausgedrückt: Der Engel schwört also, dass Gott unverzüglich seine Pläne umsetzen und die Endereignisse in Gang setzen wird. Eine solche Deutung stimmt sowohl mit Jes 13,22 als auch mit 2Petr 3,9 überein, wo es heißt: „Der Herr verzögert nicht die Verheißung.“
Dieses Resultat muss allerdings gegen das Missverständnis abgesichert werden, als käme hier eine unmittelbare Naherwartung zum Ausdruck. Das ist nicht der Fall, wie die folgenden Zeitabläufe und Fristen, die noch bevorstehen und die wir oben genannt haben, beweisen. Wie schon bei ἐν τάχει [en tachei] Offb 1,1 geht es vielmehr darum, dass Gott ohne Verzug die Vollendung des Heils bewirkt. Darin allerdings liegt ein verlässlicher Trost für die leidende Gemeinde.1275
Vers 7 vollendet die Zeitansage des Engels: Sondern in den Tagen, wenn man den siebten Engel hören wird, wenn er seine Posaune blasen wird, ist das Geheimnis Gottes vollendet. Die Bedeutung dieser Aussage liegt auf der Hand: Die siebte Posaune bringt die Weltgeschichte zur Vollendung und die alte Schöpfung an ihr Ende. Zu den Einzelheiten: Der siebte Engel und die siebte Posaune stehen schon seit 8,2 bereit. In 11,15 wird diese „siebte Posaune“ erschallen. Der Ausdruck in den Tagen (ἐν ταῖς ἡμέραις [en tais hemerais]) ist altbiblisch (Gen 26,1; Ex 2,11; Ri 15,1; Mi 4,1). Es handelt sich hier um einen Zeitabschnitt. Die Ereignisse der siebten Posaune schlagen also nicht wie ein Blitz alle auf einmal ein, sondern benötigen ihre Zeit: „Die folgenden Sätze handeln von zeitlich bestimmten Ereignissen“.1277 Das Geheimnis Gottes (τὸ μυστήριον τοῦ θεοῦ [to mysterion tu theu]), aramäisch רָז [ras], ist der Ratschluss Gottes. Der Gemeinde ist er bekannt, der Welt, die sich um Gott nicht kümmert, unbekannt. Es geht also nicht, wie das Wort Geheimnis (μυστήριον [mysterion]) zunächst vermuten ließe, um ein „unergründliches Geheimnis“. Was heißt dann: Das Geheimnis Gottes ist vollendet (ἐτελέσθη [etelesthe], nämlich in den Tagen der siebten Posaune)? Der gnomische Aorist, den das griechische ἐτελέσθη [etelesthe] darstellt, bezeichnet etwas „für alle Zeiten“ Gültiges und zugleich etwas Futurisches. Es ist vollendet besagt dann, dass der Ratschluss Gottes bezüglich der ganzen Welt und seiner Gemeinde in den Tagen der siebten Posaune ganz ans Ziel kommen und in Ewigkeit Bestand haben wird. Dann ist alles erfüllt. Dieser Ratschluss stimmt ganz mit dem überein, was Gott seinen Knechten, den Propheten, verkündigt hat. Mindestens seit dem 6. Jh. v.Chr., wahrscheinlich aber noch viel früher (vgl. 1Sam 3,9), ist die Wendung seine Knechte, die Propheten eine feststehende Bezeichnung für die wahren Propheten Israels (vgl. Jer 7,25; 25,4; Dan 9,6.10; Am 3,7; Sach 1,6). Zwar kann man mit W.J. Harrington annehmen, dass in Offb 10,7 sowohl die alttestamentlichen als auch die neutestamentlichen Propheten gemeint sind. Aber nach dem alttestamentlichen Hintergrund der Offb zu schließen scheint der Bezug auf die alttestamentlichen Propheten allein doch näherzuliegen.1283 Was Gott ihnen in der Zeit der Verheißung verkündigt hat (εὐηγγέλισεν [euenggelisen]), das erfüllt sich durch das Lamm Jesus Christus.
Auf ein besonderes Moment ist noch hinzuweisen. Das ist der Gebrauch des Verbs εὐαγγελίζειν [euanggelizein] = בִּשַּׂר [bissar] = „eine Freudenbotschaft verkünden“. Der Gebrauch gerade dieses Verbs zeigt an, dass die Vollendung des Ratschlusses Gottes keine Dominanz einer quälenden Gerichtsszenerie sein wird, sondern Freude, Jubel, Befreiung und Frieden, wie wir es durch das Evangelium heute schon erfahren (Röm 5,1ff). Wo Gott ans Ziel kommt, da ereignet sich die endgültige und befreiende Erlösung der Glaubenden, ja der ganzen Schöpfung (Röm 8,18ff). Im Kern ist die Offb also „Freudenbotschaft“!
Der Zeitansage des Engels in V. 5–7 folgt jetzt als zweites Hauptereignis das Essen des Büchleins durch Johannes (V. 8–10).
Auslöser auch dieses Ereignisses ist eine Stimme aus dem Himmel: Und die Stimme, die ich aus dem Himmel gehört hatte, redete mit mir und sagte … (V. 8). Für Johannes ist es die bekannte Stimme von V. 4. Folglich ist es auch hier die Stimme Jesu Christi. Grammatisch wirkt V. 8 herb: Es fehlt ein Verbum finitum, und außerdem erwartet man statt der Akkusative λαλοῦσαν [lalusan] / λέγουσαν [legusan] einen Nominativ. Aber der Sinn ist klar.
Geh hin, nimm (ὕπαγε λάβε [hypage labe]) das geöffnete Buch in der Hand des Engels, der auf dem Meer und auf der Erde steht!, lautet der Befehl an Johannes. Was in V. 2 „Büchlein“ (βιβλαρίδιον [biblaridion]) hieß, heißt jetzt Buch (βιβλίον [biblion]). Wir dürfen es also nicht verniedlichen, auch wenn es kleiner bleibt als das Buch von 5,1. Wenn es geöffnet ist, bedeutet dies noch einmal, dass Johannes es nicht zu öffnen braucht. Christus bietet das Buch schon in geöffnetem Zustand an und macht damit klar, dass es Johannes lesen und verstehen kann. Der Verfasser ist eindeutig nicht der Engel – der hat es nur in der Hand –, sondern der dreieinige Gott.
Hier schon beginnt die Parallele zu Hes 2,8ff, die die Ausleger notieren. Vgl. Ez 2,9 LXX: καὶ ἰδοὺ χεὶρ ἐκτεταμένη πρός με καὶ ἐν αὐτῇ κεφαλὶς βιβλίου [kai idu cheir ektetamene pros me kai en aute kephalis bibliu].
Vers 9 schildert den Gehorsam des Johannes, wie Ez 3,1ff den Gehorsam Hesekiels schildert: Und ich ging zu dem Engel und sagte zu ihm: Gib mir das Büchlein (τὸ βιβλαρίδιον [to biblaridion])! Johannes sagte kein Wort über das hinaus, was ihm befohlen war.
Erst jetzt taucht das Stichwort essen auf: Und er sagt zu mir: Nimm und iss es (λάβε καὶ κατάφαγε αὐτό [labe kai kataphage auto])! Und es wird deinen Bauch bitter machen, aber in deinem Mund wird es süß sein wie Honig. Dass das Stichwort essen so spät auftaucht, soll vermutlich verhindern, dass sich der Leser zu stark mit dem Umstand des Verschlingens des Büchleins beschäftigt. κατάφαγε [kataphage] findet sich auch in Ez 3,1 LXX. Wörtlich bedeutet es verschlingen, also völlig in sich aufnehmen. Äußerlich ist das verschlingen/essen vorstellbar, weil es sich um eine Papyrusrolle handelt, die man durchaus aufessen konnte. Aber das Problem liegt woanders: Warum kommt es zu einem solchen Vorgang (vgl. V. 10)? Bei der Antwort ist Folgendes zu bedenken: 1) Das Wort Gottes wird in der Bibel öfters als Speise, Lebenskraft o.ä. bezeichnet (vgl. Dtn 8,3; 32,47; Ps 19,11; 119,103; Jer 15,6), auch von Jesus selbst (Joh 4,31ff; 6,35). 2) Die Verkündiger des Wortes Gottes sollen sich innerlich mit ihrer Botschaft identifizieren (Ez 2,8ff). 3) Eine Berufung, auch eine neue Berufung wie in Offb 10,8ff, macht Gott gerne durch Zeichen fest (vgl. Ex 4,1ff; Ez 2,8ff; Apg 10,1ff). Alle drei Perspektiven kommen in Offb 10,8ff zusammen: Die Botschaft der Offb wird dem pilgernden Gottesvolk als Speise gegeben (vgl. 1,1), Johannes soll sie verinnerlichen und sich ganz mit ihr identifizieren, er soll durch das Essen des Buches auch ein gewiss machendes Zeichen seiner weiteren Berufung erhalten.1294
Der Engel sagt dabei voraus: Es wird deinen Bauch bitter machen, aber in deinem Mund wird es süß sein wie Honig. Müsste nicht der Mund vor dem Bauch (κοιλία [koilia]) erwähnt werden? In der Tat verspürt Johannes nach V. 10 zuerst die Süßigkeit im Mund, dann erst die Bitterkeit im Inneren. Aber das bitter machen (πικραίνειν [pikrainein]), wie Wermut „bitter macht“ (Offb 8,11), bedeutet den Hauptakzent des Büchleins und wird deshalb zuerst erwähnt. Johannes muss also schlimme Ereignisse prophezeien. Nicht umsonst verknüpfen die Ausleger die Bedeutung des „Bitteren“ mit den kommenden Leiden in Offb 11ff. Dies ändert aber nichts daran, dass Gottes Wort als solches süß wie Honig (γλυκὺ ὡς μέλι [glyky hos meli], vgl. Ez 3,3) oder gar „süßer als Honig“ (Ps 119,103) ist. Nach Ri 14,18 ist Honig das Allersüßeste auf Erden. Aber Gottes Wort ist es noch mehr. So kommt hier der unendliche Wert des Gotteswortes und die große Freude am Reden Gottes zum Ausdruck. Viele Ausleger erklären das süß in Offb 10,9 so, dass es die Bewahrung der Gemeinde in den schlimmen Ereignissen der Zukunft aussage. Aber dies ist nur ein Teilaspekt. Die umfassendere Deutung, wie soeben vorgetragen, entspricht viel besser Ps 119,103; Ez 3,3 und dem Kontext in Offb 10. Noch weniger empfiehlt sich die Erklärung von Kraft, wonach das bitter machen (πικραίνειν [pikrainein]) möglicherweise „den Widerstand des Propheten gegen seine Berufung“ zum Ausdruck bringe. Von einem solchen Widerstand ist im ganzen Kontext weder etwas zu sehen noch etwas zu spüren. Schlatters Auslegung des Süßen und des Bitteren berührt sich nahe mit der unseren: „Mit dem doppelten Geschmack des Buches ist vielleicht dargestellt, daß sich Seligkeit und Leid im prophetischen Amt innig einigen.“
Es geschieht, wie es der Engel prophezeite: Und ich nahm das Büchlein (τὸ βιβλαρίδιον [to biblaridion]) aus der Hand des Engels und aß es (κατέφαγον αὐτό [katephagon auto]), und es war in meinem Mund süß wie Honig, aber als ich es gegessen hatte, wurde mein Bauch bitter (ἐπικράνθη [epikranthe]), V. 10. Als erste Wirkung schildert Johannes, was er in seinem Munde spürte: die Süßigkeit der Botschaft bzw. des Wortes Gottes. Als zweite Wirkung empfindet er die Bitterkeit im Bauch. Dass der ganze Vers nur „Hesekiel zulieb eingefügt“ sei, rechnet mit einem literarischen Puzzle, das den Absichten des Johannes nicht entspricht (vgl. Offb 1,9ff).
Wikenhauser bemerkt zu Offb 10,10: „Über den Inhalt des geöffneten Büchleins sind sich die Erklärer nicht einig.“ Eine solche Einigkeit ist auch nicht zu erwarten.1303 Denn Johannes selbst macht keine Aussage über diesen Inhalt. Die Parallelität zu Ez 2,8ff erlaubt uns nur die Schlussfolgerung, dass Johannes in den kommenden Kapiteln schlimme Ereignisse ankündigen muss.
Als drittes Hauptereignis in Offb 10 wird jetzt die erneute Beauftragung des Johannes berichtet (V. 11): Und sie sagen zu mir (καὶ λέγουσίν μοι [kai legusin moi]): Du musst (δεῖ [dei]) wiederum weissagen über Völker und Nationen und Sprachen und viele Könige. Das entscheidende Wort ist hier δεῖ (σε) [dei (se)]= Du musst. Das ist eine göttliche Bestimmung, die Johannes als Glaubender akzeptieren kann. δεῖ [dei] darf nicht mit einer schicksalhaften Prädestination verwechselt werden. Vielmehr drückt hier δεῖ [dei] den Willen Gottes aus, der den Menschen persönlich fordert und nur im Glauben angenommen werden kann. Unter diesem δεῖ [dei] standen auch Jesus (vgl. Mt 16,21; Lk 2,49; 4,43; Joh 3,14; 10,16; 20,9), Paulus (vgl. Apg 19,21; 23,11; 1Kor 9,16; Kol 4,4) sowie Jeremia (vgl. Jer 1,10; 20,7ff; 25,30).
Der Auftrag des Johannes wird ganz allgemein als προφητεῦσαι [propheteusai] (weissagen) bezeichnet. Weissagen bedeutet, den Willen Gottes zu verkündigen. Das heißt im Falle der Offb vor allem, die gottbestimmte Zukunft zu enthüllen. Aber προφητεῦσαι [propheteusai] ist auch hier in der Offb mehr als nur Zukunftsweissagung. Der Begriff schließt nämlich Bußruf, Mahnung und Tröstung ein.
Diese Beauftragung des Johannes lässt uns nach der Bedeutung der neutestamentlichen Propheten fragen. In Mt 23,24 kündigt Jesus an, dass er „Propheten und Weise und Schriftgelehrte“ senden wird. Deshalb gehören Propheten zu den normalen Ämtern der neutestamentlichen Gemeinden. In Apg 13 werden Paulus und vier weitere hervorragende Männer als „Propheten und Lehrer“ bezeichnet. In den Ämterlisten 1Kor 12,28f; Eph 4,11 stehen die Propheten nach den Aposteln auf dem zweiten Rang. Dass Paulus sich selbst auch als Propheten betrachtete, geht aus 1Kor 14,1ff hervor. Für Johannes steht dasselbe nach Offb 10,11; 22,9 außer Zweifel. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang die Gemeindeordnung in 1Kor 14, denn ihr zufolge hat Korinth – wahrscheinlich ebenso wie andere Gemeinden – mehrere Propheten, die predigen und für Lehre und Ermahnung zuständig sind (1Kor 14,29ff). Den Fall einer Zukunftsweissagung behandelt Paulus in 1Kor 14 gar nicht. Wichtig ist ferner, dass die Propheten = Prediger sich in die Gemeindeordnung einfügen und die Verantwortung nicht auf den Heiligen Geist abschieben dürfen: „Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan“ (1Kor 14,32; vgl. V. 29.30.31.33). Offenbar legen also die neutestamentlichen Propheten in der Regel die Bibel des AT sowie die Lehre Jesu und der Apostel aus und tun damit im Grunde dasselbe wie die heutigen Prediger des Wortes. Nur ausnahmsweise kommt es zu Zukunftsweissagungen (vgl. Apg 11,27ff; 21,10ff). Das hervorragendste Beispiel für einen urchristlichen Propheten, der die Zukunft weissagt, bleibt aber der Apostel und Zebedäussohn Johannes. Dass er für eine ganze „Klasse“ christlicher Propheten gesprochen haben soll, wie einst Bousset schrieb, lässt sich nicht einmal aus Offb 22,9 ableiten. Vielmehr ist die Berufung des Johannes so einzigartig wie diejenige eines Jeremia oder Paulus, die auch nicht für ganze „Klassen“ gesprochen haben.
Zu den Einzelheiten von V. 11: Zu καὶ λέγουσίν [kai legusin] (Und sie sagen zu mir) bemerkte einst Bousset: „Schwierigkeiten bereitet der Plural.“1310 In Wirklichkeit ist der Plural aber nicht problematisch. So wie in V. 3 eine Mehrheit himmlischer Stimmen auftauchte, so kann auch hier eine Mehrheit solcher Stimmen gemeint sein. Oder es gesellen sich zu dem „andern starken Engel“ von V. 1 noch andere Engel. Jedenfalls aber ist das, was dem Johannes gesagt wird, ein von Gott und Christus kommender Auftrag. Dabei fällt das πάλιν [palin] auf: Du musst wiederum (πάλιν [palin]) weissagen. Erstaunlicherweise wird in der Literatur auch dieses wiederum problematisiert. Kraft schreibt sogar: „Die Probleme, die dieses πάλιν stellt, scheinen völlig unlösbar zu sein.“ Er kann sich die Sache nur so vorstellen, dass Johannes hier seine „Vorlagen“ zusammenarbeitet und in den Vorlagen Jeremia „als wiederkehrender Prophet“ gemeint sei oder besser noch – Hesekiel!1314 Selbst Wikenhauser vermutet, hier werde Johannes beauftragt, „eine schon aufgezeichnete Prophetie“ (nämlich Kap. 11) „in sein Buch“ aufzunehmen. Solche Annahmen sind abenteuerlich. In Wirklichkeit erinnert Offb 10,11 an die vorausgehenden Weissagungen des Johannes in den Kapiteln 1–10 und beauftragt ihn, „aufs Neue“ prophetisch tätig zu sein, nämlich in den Kapiteln 11–22. ἐπί [epi] kann verschieden übersetzt werden: a) mit „gegen“ im feindlichen Sinne, b) mit über im Sinne der Thematisierung. Da Johannes auch für die Gemeinde aus den Völkern, Nationen usw. weissagt (Offb 7,9), ja sogar ein ewiges Evangelium für alle „Völker und Nationen“ in Aussicht stellt (Offb 14,6), wäre die Übersetzung „gegen“ eine unzulässige Einschränkung. Wie Bauer-Aland ziehen wir deshalb die Übersetzung über vor. Zu den Begriffen Völker (λαοί [laoi]) und Nationen (ἔθνη [ethne]) und Sprachen (γλῶσσαι [glossai]) vgl. die Erklärung bei 5,9. Im AT sind vor allem Jer 1,10 und Dan 3,4ff zu vergleichen. Offb 10,11 ergänzt Völker/Nationen/Sprachen durch viele Könige (βασιλεῖς πολλοί [basileis polloi]). Zweifellos haben die Könige in der Offb einen negativen Klang (vgl. 1,5; 6,15; 9,11; 16,12ff; 17,2ff; 18,3ff; 19,18f). Aber mit der Erwähnung vieler Könige macht Offb 10,11 zugleich klar, dass es in der Prophetie des Johannes nicht nur um kollektive Größen geht, sondern auch um einzelne die Geschichte prägende Gestalten.


IV Zusammenfassung

1. Jede zusammenfassende Deutung von Offb 10 muss sich zunächst der Tatsache stellen, dass wir auch hier einer Variationsbreite historischer, literarischer und geistlicher Auslegungen begegnen.
So hat Luther in dem Bitteren, von dem Offb 10,9f die Rede ist, „das heilige Papsttum mit seinem großen geistlichen Schein“ gesehen. Der Täufer Melchior Hofman zählte zu den Propheten von Offb 10,7 neben den alttestamentlichen auch seine Zeitgenossen: „Johann Eysenburg, Johann Baptista, Schnepfer Hans, Hans Fust, Jorg Jubele, Barbel, Ursel, Lorenz, Blum“. Johann Coccejus (1603–1669) fand in Offb 10f die Kriegswirren der Jahre 1640–1660 geweissagt. Für J.A. Bengel beginnt ein sog. Non-Chronus, ein Zeitraum von rund 1000 Jahren, bei Offb 10,6. Er sieht diesen Beginn in der Kaiserkrönung Karls d. Gr. im Jahre 800 n.Chr. Heinrich Corrodi in Zürich findet in der Offb nur die Geschichte der „im ersten Jahrhundert nach Christus lebenden bekehrten Juden und Heiden“.1324 Eine Prophetie auf spätere Zeiten gibt es nicht. Unter den Deutungen des 20. Jh. erwähnen wir diejenige von Bernhard Philberth, weil sie nicht ohne Einfluss auf die politischen Strömungen der 60er- und 70er-Jahre war. Er deutet Offb 10 auf die bevorstehende nukleare Katastrophe eines Atomkriegs.
2. Wir setzen ein bei einer formalen Beobachtung: So wie 7,1–8 und 7,9–17 zwischen das sechste und siebte Siegel gestellt sind, so sind Kap. 10 und 11 zwischen die sechste und siebte Posaune gestellt. Der Effekt ist beide Male derselbe: Der siebte Schritt wird jeweils besonders wichtig gemacht, und es wird vor diesem siebten Schritt noch einmal die Möglichkeit zu Besinnung und Buße angeboten.
3. Die Tatsache, dass mit Offb 10f die siebte Posaune zunächst verzögert wird, berechtigt uns noch lange nicht, von einem „Zwischenstück“ o.ä. zu sprechen. Bousset sah hier wesentlich klarer, wenn er Offb 10 als mächtige „Klammer“ des Buches bezeichnete. Offb 10 hat im Ganzen des Buches eine doppelte Funktion: Das Kapitel leitet erstens die Endereignisse im eigentlichen Sinne ein, und es bekräftigt gerade an dieser Stelle den Auftrag des Johannes durch eine zweite, erneute Berufung.
4. Indem Gottes Engel bei der Einleitung der eigentlichen Endereignisse zum starken Mittel des Schwurs greift, gibt er der leidenden Gemeinde Jesu einen starken Trost: Alles wird nach Gottes Willen verlaufen und darf aus Gottes Hand genommen werden. Anna Lawton hat diesen Trost in die angemessenen Worte gefasst: „Unser Gott schreitet zur Vollendung, zum hohen, herrlichen Ziel, das er sich von Ewigkeit her vorgesetzt hat in Christus Jesus. Das ist das Geheimnis Gottes.“
5. Angesichts dieser aus dem Text selbst klar hervorgehenden Aussagen und Interpretationen ist es verfehlt, hier historische Abläufe späterer Zeiten wie z.B. Ereignisse des 9. oder des 17. Jh. prophezeit zu sehen. Ebenso wenig überzeugt die Deutung auf kirchengeschichtliche oder politische, z.B. atomare, Katastrophen. Besser beraten sind wir, wenn wir Offb 10 wie Johannes selbst in den Gang der Offb und in die Berufungsgeschichte des Johannes einordnen. Von da aus ergibt sich im Weg einer typologischen Deutung durchaus auch eine geistliche Anwendung für die heutige Kirche und die heutigen Christen.
6. Es bleibt aber ein Geheimnis, das mit der unausforschlichen Größe Gottes zusammenhängt (vgl. Röm 11,33ff; 1Kor 2,16; 1Tim 6,16): Bis heute wissen wir nicht, was die sieben Donner geredet haben. Gott gibt auch in seiner Offenbarung nicht jede Einzelheit seines Heilsplanes preis, sondern nur das, was wir wissen müssen. So steht am Ende von Offb 10 nicht nur der Trost, sondern auch die tiefe Ehrfurcht des Glaubens.


Maier, G. (2015). Die Offenbarung des Johannes: Kapitel 1–11. (G. Maier, R. Riesner, H.-W. Neudorfer, & E. J. Schnabel, Hrsg.) (3. Auflage, S. 432–451). Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag.