Home

Richter Be Pe


Das Buch Richter bildet sowohl zeitlich als auch inhaltlich die logische Fortsetzung des Buches Josua. Darum weist der Schreiber im einleitenden Vers ausdrücklich auf Josua und auf dessen Ende hin: „Und es geschah nach dem Tod Josuas ..." (Ri 1,1)' Wir sollen also zurückdenken, uns in Erinnerung rufen, was in den Tagen Josuas gschehen war, denn nur so werden wir die Tragweite der im vorliegen den Buch geschilderten Umstände und Ereignisse verstehen.

 Lebensnotwendige Führung

 In Josua hatte das Volk Israel einen Feldherrn und Führer, der Gott und seinem Wort bedingungslos ergeben war (Jos 1,8). Solange ein solcher Führer dem Volk voranging, stand es gleichzeitig unter Gottes Führung. Darum ist das Buch Josua auch ein Buch der Erfüllung und des Sieges. Ganz anders ist das Buch Richter; es ist ein Buch des Niedergangs und der Niederlagen.

Das erste Kapitel beginnt zunächst sehr verheißungsvoll:
Nach dem Tod Josuas „befragten die Kinder Israel den Herrn" (Ri 1,1), um von Ihm Wegweisung zu empfangen. Damit ist das große Thema des Buches bereits angedeutet; Es geht um die lebenswichtige Frage der Führung und Regierung des Volkes Gottes.

 Leider blieb Israel nach Josuas Weggang nicht mehr lange unter der göttlichen Regierung. Bereits in Kapitel 1 wird deutlich, wie die Stämme es unterlassen, den von Gott gegebenen Auftrag zu erfüllen. Entgegen dem ausdrücklichen Befehl vertrieben die Kinder Benjamin die Jebusiter nicht (Ri 1,21). Ähnliches lesen wir in diesem Kapitel von allen übrigen Stämmen. Die Folge zeigt sich in Kapitel 2: Das Unterlassen des Guten führt zum aktiven Tun des Bösen: „Und die Kinder Israel taten, was böse war in den Augen des Herrn, und dienten den Baalim" (Ri 2,11). Israel diente fremden Göttern.

Diese beiden ersten Kapitel des Buches legen den weiteren Kurs fest. Es wird eine böse Saat gesät. In den letzten vier Kapiteln erfahren wir, wie diese Saat aufging: Es herrschte religiöses, sittliches und po

 litisches Chaos. Ein Levit (!) erlaubt regulären Götzendienst (Ri 17 und 18). Dieser Bruch mit Gott führt zum Bruch mit dem Nächsten: Ein anderer Levit überlässt seine Frau einer Horde mutwilliger Männer zur Massenvergewaitigung (Ri 19). In der Folge fallen israelitische Stämme in einem blutigen Bürgerkrieg übereinander her (Ri 20 und 21). Der zweimal wiederholte Satz „In jenen Tagen war kein König in Israel; Jeder tat, was recht war in seinen Augen" (Ri 17,6; 21,25) ist nicht lediglich ein Kommentar zu all diesen schrecklichen Ereignis sen, sondern er ist gleichzeitig der Schlüssel zur Botschaft des ganzen Buches: Ein Volk, ein Gemeinwesen braucht Führung. Ein hirten- und führerloses Volk geht zugrunde; es verschmachtet wie Schafe ohne einen Hirten (Mt 9,36).

Zeitweilige Rettungen

Schildern uns die einleitenden Kapitel die Saat und die abschließen den Kapitel die entsprechende Ernte (vgl. Gal 6,7), so zeigt uns der große Mittelteil (Kap. 3 bis 16), wie durch einzelne Führer, die von Zeit zu Zeit aufstanden, das Aufgehen der bösen Saat immer wieder ein Stück hinausgeschoben, aber nicht aufgehoben werden konnte.

 Eine einfache Einteilung des Buches könnte so aussehen:

 1. Teil: Die böse Saat (Ri 1,1-3,4)

 Das Land wird nur teilweise erobert; das Volk verfällt dem Götzen dienst.

2. Teil: Das Aufgehen der Saat wird aufgeschoben, aber nicht aufge hoben (Ri 3,5-16,31)

Die Richterbiographien dokumentieren den nicht mehr aufzuhalten den - wohl durch Erweckungen zeitweilig hingehaltenen - Nieder gang der erwählten Nation.

3. Teil: Die böse Saat geht auf (Ri 17,1-21,25)

Anstatt des Wortes Gottes regiert Willkür. Der Bruch mit Gott (Göt zendienst) führt zum Bruch mit dem Nächsten (Ehebruch, Verge-  

 waltigung, Bürgerkrieg, Menschenraub). Warum nun konnten die Richter das Au^ehen der Saat nicht verhindern? Der inspirierte Historiker hat sieben Richterbiographien ausgesucht und in seinen Bericht eingearbeitet, um uns auf eben diese Frage zu antworten.


Sieben Richter in israel Von den zahlreichen Richtergestalten, die in den vierhundert Jahren zwischen Josua und David in Israel wirkten, berichtet dieses Buch mehr oder weniger ausführlich über sieben.

Vom ersten Richter, Othnie! (Ri 3,7-11),
bis zum letzten Richter, Simson (Ri 13-16), geht es deutlich bergab. Othniel befreit Israel von der Fremdherrschaft des mesopotamischen Königs Kuschan-Rischataim. Diese Fremdherrschaft war eine Strafe dafür, dass man Mischehen mit heidnischen Männern und Frauen eingegangen war (Ri 3,5-8).
 Othniel selbst ist von diesem Übel nicht befallen (siehe Ri 1,12-15), deshalb ist er genau der Mann, den Gott als Werkzeug der Befreiung aussucht.
Simson hingegen vermag Israel nie von den Bedrückern seiner Zeit, den Philistern, zu befreien; er wird vielmehr selbst von ihnen über wältigt. Und der Grund? Anstatt ein Vorbild zu sein, wie Othniel es noch gewesen war, lässt er sich selbst beständig in Liebesaffären mit heidnischen Frauen verstricken.

Der zweite Richter, Ehud (Ri 3,12-30),
 ist ein tapferer, von Gott befähigter Führer, der die Moabiter aus dem Land vertreibt und ihnen an den Furten des Jordan eine verheerende Niederlage bereitet (Ri 3,28.29). Der vorletzte Richter, Jephta, ist sein negatives Gegenüber. Jephta schlagt zwar die Ammoniter, löst dann aber durch seine Hitzigkeit einen Bruderkrieg aus und tötet an den Furten des Jordan statt der Feinde die eigenen Brüder (Ri 12,5.6)1

 In der dritten Richterepisode (Ri 4-5) sind Frauen die Handelnden: Debora ist Richterin, und Jael ist die Frau, die dem heidnischen Heer führer das Leben nimmt, indem sie ihm einen Zeltpflock durch die Schläfe jagt (Ri 4,17-22). Dem steht die drittletzte Episode gegen über, in der ebenfalls eine Frau einem Bedrücker das Ende bereitet: Sie wirft dem Gewaltherrscher und Massenmörder Abimelech den oberen Stein einer Handmühle auf den Schädel (Ri 9,50-54). Das


 Schlimme an der Sache ist, dass diese kluge Frau Israel nicht von einem fremden, sondern von einem eigenen Führer befreit. Dieser ist so verkommen, dass er - weit davon entfernt, sein Volk zu schützen und zu dessen Wohl zu regieren - es ins frühzeitige Verderben geführt hätte, wäre man ihn nicht losgeworden.

Es fällt uns also auf, wie am Anfang die Richter vorbildlich sind, wie sie aber zusehends degenerieren. Auf die erste Hälfte von drei positiven Biographien (Ri 3-5) folgt die zweite Hälfte von drei negativen Biographien (Ri 9-16). Damit sind aber erst sechs erwähnt. In der Mitte zwischen diesen beiden Gruppen steht Gideon (Ri 6-8), und er reicht beiden die Hand, denn er beginnt gut, aber er endet schlecht. Nachdem er in Kapitel 6 den Götzendienst ausgerottet hat, führt er ihn in Kapitel 8 wieder ein (Ri 8,27).

Was lernen wir an diesem Bild?
Dieses: Von Menschen geführte Einrichtungen mögen gut anfangen, aber sie degenerieren mit den Jah ren, Jahrzehnten und Jahrhunderten unausweichlich. An dieser tödlichen Schwäche scheiterte ja der ganze Gesetzesbund. Er begann so herrlich (2Mo 19; 40; 2Kor 3,6-11) und musste doch so kläglich enden. Einmal mehr demonstriert uns die Geschichte der erwählten Nation, dass das Fleisch nichts nützt (Joh 6,63). So braucht das Volk Gottes eine bessere als bloß menschliche Führung, ein besseres Richteramt, als es selbst Männer wie Othniel und Ehud bekleiden konnten. Das zeigt sich auch an einem weiteren Detail, das dieses Buch hervorhebt.

Der wahre Richter und Retter

 Die Richter selbst vermochten in keinem Fall für bleibende Wohlfahrt zu sorgen. Immer wieder lesen wir in diesem Buch, dass das Volk erneut vom Herrn abfiel, sobald der Jeweilige Richter und Befreier gestorben war (Ri 2,8-11.19; 3,11.12; 4,1; 6,1; 10,5.6; 12,15; 13,1). Damit ruft dieses Buch nach einem größeren, einem besseren Retter und Befreier, dessen Werk der Befreiung nicht wieder in sich zusam menfällt, sobald er gestorben ist. Der Prophet Jesaja antwortet auf dieses Rufen;
„Der Herr ist unser Richter,
 der Herr unser Feldherr,
der Herr unser König;
er wird uns retten" (Jes 33,22).
Über diesen Richter, Anführer und König sagt der Schreiber des Hebräerbriefs;


 „Daher vermag er diejenigen auch völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen, indem er allezeit lebt" (Heb 7,25),
 Jesus Christus ist der wahre Urheber unserer Errettung (Heb 2,10),
der genau aus diesem Grund „völlig zu erretten" vermag,
weil Er ewig lebt. Sein Werk der Errettung bleibt darum auf immer in Kraft.
Er ist der „Urheber ewi gen Heils" (Heb 5,9).

 Wenn das Buch Richter also viermal beklagt: „In jenen Tagen war kein König in Israel", dann bereitet das wohl zunächst auf das Königtum Davids vor. Dieses musste aber aus den bereits genannten Gründen - es saßen ja nur Menschen auf dem Thron Davids-nach vierhundert Jahren untergehen. So sollte nicht David, sondern „der Sohn Davids", Jesus Christus, der Messias Israels und Retter der Welt, dieser König und Richter sein, nach dem die ganze Geschichte des Volkes Israel schrie und den die Propheten angekündigt hatten und den das Volk Gottes so nötig braucht.

Er ist der Einzige, der nicht allein das Volk der Erlösten zu retten und zu bewahren vermag, sondern der auch eine aus den Fugen geratene Welt von den Machten der Zerstörung befreien und mit nie endendem Frieden und unvorstellbarem Glück segnen wird. Dazu muss Er sich die Welt aber zuerst unterwerfen. Das wird Er tun, wenn Er ein zweites Mal vom Himmel herabkommt.

Wir warten mit Sehnsucht darauf, denn dann wird sich erfüllen, wo von Israels Seher und Propheten gesprochen und geschrieben ha ben: „Er wird den Elenden des Volkes Recht verschaffen; er wird die Kinder des Armen retten, und den Bedrücker wird er zertreten. ...

Und er wird herrschen von Meer zu Meer... Und alle Könige werden vor ihm niederfailen, alle Nationen ihm dienen" (Ps 72,4.8.11). Und während wir auf sein Kommen warten, folgen wir Ihm hier und jetzt nach und erleben, wie Er uns durch alle Turbulenzen des All tags hindurch den Frieden im Herzen bewahrt: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch" (Joh 14,27).