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Freier / unfreier  Wille


 

immer einmal wieder ist diese Frage aktuell. Die Beschäftigung damit führt immer wieder zu gewaltigen Kontroversen und leider auch immer wieder zu viel Streit, was wenig förderlich ist. Zunächst einmal sollten wir festhalten, dass „Freier Wille“ kein biblischer Begriff ist. Da die Bibel diesen Ausdruck nicht kennt, handelt es sich offensichtlich um eine menschliche Definition, die wir genauer untersuchen müssen.

 

Interessant ist, dass dieser Begriff eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung der Calvinisten mit der Arminianern spielt. Beide Gruppen werden heute zu der protestantischen Bewegung gerechnet, wie sie aus der so genannten Reformationszeit hervorgegangen ist.

 

Wenden wir uns zunächst den Calvinisten zu. Diese behaupten der Mensch habe keinen freien Willen, er könne gar keine Entscheidungen fällen, schließlich sei der Mensch ja tot in Sünden und Vergehungen und habe darum gar keine Chance sich für das Gute zu entscheiden, geschweige denn sich zu bekehren. In der Folge finden wir dann auch viele Anhänger dieser Idee, die haben sich nicht bekehrt, sondern die wurden bekehrt. Schließlich geschieht alles nach dem Willen Gottes und nach göttlicher Vorherbestimmung. Da sind dann im Extremfall sogar die Tippfehler in diesem Dokument von Gott vorherbestimmt.

 

Die calvinistische Definition vom „unfreien Willen“ lehnen viele sofort reflexartig ab. Hat denn der Mensch dann einen freien Willen? Wenden wir uns jetzt den Arminianern, den Vertretern des „freien Willen“ zu. Jacobus Arminius lehnte die Prädestinationslehre Calvins ab und propagierte, im Gegensatz dazu, den von Gott befreiten Willen des Menschen.

 

Die Erbsünde ist zwar absolut. Allerdings kann der Mensch zwischen Gut und Böse unterscheiden und sich mit Hilfe der vorauseilenden Gnade Gottes für die Umkehr zu Gott und die Nachfolge Jesu entscheiden. Der oftmals von calvinistischer Seite geäußerte Vorwurf der Nähe der Remonstranten zum Pelagianismus wird von den Remonstranten energisch zurückgewiesen. Die Fähigkeit zur Selbsterlösung im Pelagianismus wird von den Remonstranten abgelehnt: Der Mensch ist durch die Erbsünde grundsätzlich nicht dazu fähig. Das Handeln Gottes an den Menschen macht diese aber fähig, zu Gott umzukehren und in der Nachfolge Jesu zu leben. Im Gegensatz zur calvinistischen Lehre bestimmt Gott – nach der Überzeugung der Remonstranten – aber nicht vorher, wer als Sünder verdammt oder als geheiligt errettet wird (doppelte Prädestination). Der Mensch wird durch Gottes vorauseilende Gnade dazu befähigt, sich selbst zu entscheiden.“ (Wikipedia)

 

Hier ist entscheidend, dass dem Menschen der „freie Wille“ zugesprochen wird. Vorauseilende Gnade versetzt den Menschen in die Lage eine Willensentscheidung für oder gegen die Nachfolge Jesu zu treffen. Das kann man so natürlich nicht in der Bibel finden.

 

Wenn man diese Definition des freien Willen kennen würde, dann würden sich die meisten den „freien Willen“ der Arminianer genauso ablehnen, wie sie den „unfreien Willen“ der Calvinisten ablehnen. Leider ist den meisten aber gar nicht bekannt, auf Grund welcher Definition argumentiert wird. Jeder hat so noch seine eigene Definition, die er dann natürlich dem anderen unterstellt. Nachdem die Schrift also den Begriff „freier Wille“ gar nicht kennt, wollen wir untersuchen, was denn die Bibel kennt.

 

Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass freiwillig bzw. Freiwilligkeit sehr häufig im Alten Testament vorkommt und im Neuen Testament nur dreimal freiwillig vorkommt. Charakteristisch ist die Stelle, in der Freiwilligkeit vorkommt:

 

„Opfern will ich dir mit Freiwilligkeit; deinen Namen preisen, HERR, denn er ist gut.“ Psalm 54,8

 

Zu freiwillig können wir festhalten, dass dieser Ausdruck sehr häufig in Verbindung mit Opfern genannt wird, die nicht vorgeschrieben waren, durch die Gott in besonderer Weise geehrt wurde. Weiter kommt der Ausdruck in Verbindung mit Handlungen vor, die Jehova gefallen und IHN ehren.

 

Wenden wir uns den drei Stellen zu in denen im Neuen Testament „freiwillig“ vorkommt.

 

„[16] Denn wenn ich das Evangelium verkündige, so habe ich keinen Ruhm, denn eine Notwendigkeit liegt mir auf; denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!

[17] Denn wenn ich dies freiwillig tue, so habe ich Lohn, wenn aber unfreiwillig, so bin ich mit einer Verwaltung betraut.“ 1. Kor. 9,16+17

 

Hier wird deutlich, dass die Notwendigkeit das Evangelium zu verkündigen freiwillig getan wird. Das scheint fast ein Widerspruch zu sein. Paulus verkündigt das Evangelium, die Verkündigung liegt als Notwendigkeit auf ihm, er tut es freiwillig und bekommt Lohn. Die Alternative ist, Paulus verkündigt das Evangelium, die Verkündigung liegt als Notwendigkeit auf ihm, er tut es unfreiwillig und ist dann mit einer Verwaltung betraut. Das, was Paulus tut, ist dann freiwillig, wenn es dem Willen von Paulus entspricht.

 

„Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht wie gezwungen, sondern freiwillig sei.“ Philemon 14  

 

Paulus hätte große Freimütigkeit in Christus Onesimus bei sich zu behalten, er sendet aber Onesimus zu Philemon um die Wohltat von Philemon freiwillig zu erhalten und nicht gezwungen. Die freiwillige Gabe Philemons wird dann in Vers 21 noch als Gehorsam gekennzeichnet. Vorher hat er in Vers 20 gesagt: „Ja, Bruder, ich möchte gern Nutzen an dir haben im Herrn, erquicke mein Herz in Christus.“ So etwas geht nur, wenn der Wille des Paulus, der Wille des Philemon und der Wille des Herrn völlig übereinstimmen. Ich möchte sogar noch weitergehen und Onesimus in diesen gleichen Willen einschließen. Freiwillig ist eine Handlung, wenn der eigene Wille und der Wille des Herrn völlig übereinstimmen.

 

„Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht nicht aus Zwang führt, sondern freiwillig, auch nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig“ 1. Petr. 5,2

 

Auch hier ist die Handlung freiwillig bzw. bereitwillig, wenn der Wille der Handelnden mit dem Willen des Herrn deckungsgleich ist. Die gleiche äußerliche Handlung des Hütens kann auch zwanghaft oder für schändlichen Gewinn geschehen. Was der Herrn ehrt geschieht freiwillig.

 

Ich denke wir haben genau den Gegensatz in Römer 7.  

 

„[14] Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft;

[15] denn was ich vollbringe, erkenne ich nicht; denn nicht was ich will, das tue ich, sondern was ich hasse, das übe ich aus.

[16] Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so stimme ich dem Gesetz bei, dass es recht ist.

[17] Nun aber vollbringe nicht mehr ich dasselbe, sondern die in mir wohnende Sünde.

[18] Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen dessen, was recht ist, [finde ich] nicht.

[19] Denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, dieses tue ich.“ Röm. 7,14-19

 

Im biblischen Sinn tut der natürliche Mensch sicher nichts freiwillig oder mit Freiwilligkeit, denn dann müsste das Tun mit den Gedanken Gottes übereinstimmen. Gott gibt aber jedem Menschen zwei- dreimal die Gelegenheit zum Sinneswandel. (Hiob 33,29). Dies stellt den Menschen unter Verantwortung und nicht Gott. Im Sinn der Arminianer ist der menschliche Wille sicher nicht durch vorauseilende Gnade befreit. Römer 4,16 macht deutlich, dass der Glaube der Gnade vorausgeht.

 

Zusammenfassend kann  man sagen: Weder freier noch unfreier Wille entsprechend biblischen Ausführungen. Jeder Mensch steht unter Verantwortung es gibt keine Prädestination, wenn die Bibel von Auswahl spricht, dann hat das nichts mit Errettung zu tun. Es gibt auch keine vorauseilende Gnade, die Menschen plötzlich teilweise in die Lage versetzt objektiv zwischen Gut und Böse abzuwägen.

 

Biblisch kommt es zu Freiwilligkeit oder freiwilligen Handlungen, wenn ein Mensch in Gemeinschaft mit Gott lebt und sein Wille mit dem Willen Gottes völlig übereinstimmt.

 

Ich muss zugeben, dass ich bei Freiem Willen lange meine eigene Definition hatte und die Definition der Arminianer überhaupt nicht kannte. Von daher gesehen ist hat diese Mail an manchen Stellen Korrekturen von älteren Artikeln, die ich geschrieben habe.

 

Herzliche Grüße
Ulrich