Herzliche Grüsse, Urs
Offenbarung 12 – Satans Absicht enthüllt:
Offenbarung 13 – Die Marionetten Satans beschrieben:
Offenbarung 14 – die Macht Satans besiegt:
Ausführlicher (gleiche Quelle)
Offenbarung 12,7–12 (HTA Re 12–22): 6.2 Der Kampf im Himmel,
12,7–12
I Übersetzung
7
Und es kam zu einem Krieg im Himmel: Michael und seine Engel
kämpften mit dem Drachen. Und auch der Drache kämpfte und seine
Engel,
8
aber sie konnten nicht standhalten, und ihre Stätte wurde nicht
mehr gefunden im Himmel.
9
Und der große Drache, die alte Schlange, der Teufel genannt wird
und der Satan, der den ganzen Erdkreis verführt, wurde geworfen,
ja geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm
geworfen.
10
Und ich hörte eine laute Stimme im Himmel sagen:
Jetzt ist das Heil und die Kraft und die Herrschaft unseres
Gottes gekommen und auch die volle Macht seines Messias, denn
der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem
Gott verklagte, wurde verworfen. 11
Und sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch
das Wort ihres Zeugnisses. Und sie haben ihr Leben nicht geliebt
bis zum Tod. 12 Darum freut euch, ihr Himmel und die darin
wohnen! Wehe der Erde und dem Meer! Denn der Teufel ist zu euch
hinabgestiegen mit großem Zorn, weil er weiß, dass er nur wenig
Zeit hat.
II Struktur
Der Einschnitt zwischen 12,6 und 12,7
ist unübersehbar.
Die erste Hälfte von 12,1–6 wurde noch ganz durch das doppelte
φθη [ophthe], also die prophetische Schau, bestimmt. Dagegen
wechselt in 12,7–12 das prophetische Erleben zum Hören, vgl. das
κουσα [ekusa] in V. 10. Mehr als die Hälfte des Abschnitts
12,7–12 wird durch den himmlischen Hymnus der Verse 10–12
gefüllt.
Die Frau von 12,1ff ist in 12,7ff in den Hintergrund getreten.
Stattdessen dominiert jetzt das Motiv des Kampfes zwischen den
Engelheeren, an deren Spitze Michael und der Drache stehen.
Erst mit V. 13 tritt die Frau wieder vor unsere Augen.
Gewechselt hat auch der Schauplatz des Geschehens. In V. 4b–6
war es die Erde gewesen. Jetzt befinden wir uns im Himmel, „in
heaven itself“, wie Mounce betont, und nicht nur „in the sky“.
Die Eigenart unseres Abschnitts wird auch dadurch bestimmt, dass
hier der einzige Ort der Offenbarung ist, wo Johannes einen
Engel mit Namen nennt. Wir werden der Bedeutung dieses Umstands
im Kommentar nachzugehen haben.
Zur Bedeutung unseres Abschnitts trägt ferner bei, dass hier der
Gegenspieler der Frau und der Gemeinde mehrfach identifiziert
wird. Offb 12,9 beinhaltet wenigstens ansatzweise so etwas wie
eine Satanologie. In Offb 20,2 werden wir Ähnliches erleben.
Die Abgrenzung zu V. 13ff wird doppelt markiert: durch das Ende
des Hymnus und durch den erneuten Themenwechsel zur Frau von V.
1.
III Einzelexegese
Trotz der Bedeutsamkeit der Vorgänge behält Johannes seinen
knappen Stil bei:
Und es kam zu einem Krieg im Himmel (Καγένετο πόλεμος ν τ οραν
[Kai egeneto polemos en to urano]),
V. 7. Die Satzkonstruktion ist hier so ungewöhnlich, dass
Bousset „eine völlig irreguläre Konstruktion“ annahm.
Düsterdieck schlug wegen dieser Schwierigkeiten vor, die Worte
πόλεμος ν τ οραν [polemos en to urano] (Krieg im Himmel) zu
streichen.
Er konnte für seine Konjektur freilich nicht eine einzige
Handschrift anführen, sie war also ein reiner
Verzweiflungsschritt. Ganz ungewöhnlich ist übrigens die
Satzkonstruktion in V. 1 nicht, wenn man mit Blass-Debrunner
zweierlei in Rechnung stellt:
a) die Neigung des Verfassers, „den Nom. statt anderer Kasus zu
gebrauchen“. So kommt es zur Fortsetzung Μιχαλ [ho Michael] nach
οραν [urano].
b) Die auch in der LXX vorkommende Konstruktion mit το [tu]
vertritt den hebräischen Inf. cstr. mit לְ [le].
Sie drückt „die Bereitschaft oder Verpflichtung zu einer
Handlung“ aus.
So kommt es zu der Fortsetzung το πολεμσαι [tu polemesai] usw.
Wir sollten also in V. 1 bei dem jetzt von Nestle-Aland
abgedruckten Text bleiben.
Wieso es gerade jetzt zu einem Krieg
im Himmel kam, wird nicht näher erläutert. Wir können nur aus
dem Zusammenhang schließen, dass der Drache durch die Geburt und
Entrückung des Messias (12,4–6) aufs Äußerste erregt war und
auch aufs Äußerste gehen wollte, um den Fortgang des Heils zu
verhindern. Sonst hätte er sich unmöglich auf einen Krieg im
Himmel eingelassen. Begonnen hat er diesen Krieg freilich nicht.
γένετο [egeneto] sollte man nicht mit „entbrannte“ übersetzen,
sondern bei der Wortbedeutung „es geschah“, „es entstand“, „es
kam zu“ (= hebr. וַיְהִי [wajehi]) bleiben. So viel Widerstand,
dass ein Kampf „entbrannte“, war dem Drachen gar nicht möglich.
Dass im Himmel ein Krieg sein soll, ist für uns befremdlich.
Himmel und Krieg passen in der
postmodernen Romantik nicht zusammen. Bousset wollte 2Makk 5,2f
und Josephus B. J. VI, 296ff zur Erklärung heranziehen.
Aber dort ist nur von Erscheinungen „am Himmel“ (sky) und nicht
von einem Krieg „im Himmel“ (heaven) die Rede. Auch Ass Mo
10,1ff taugt hier nicht, weil hier nur die Geisterwelt angerufen
wird. Viel näher liegen biblische Stellen wie Sach 3,2; Dan
10,13.20f; 12,1; Jud 9, die zeigen, dass die Engelwelt in die
Kämpfe des Gottesvolkes hineingezogen ist. Schlatter wollte Jes
27,1 als Erklärungsbasis heranziehen. Aber in Jes 27,1 ist es
Jahwe selbst, der zum Schwert greift, sodass diese Stelle nur
eine sehr entfernte Parallele darstellt. Die genannten
biblischen Stellen spiegeln sich übrigens auch in der
Qumranliteratur, sodass wir dort ebenfalls Parallelen zu Offb
12,7 finden (vgl. 1QM IX, 15; XVII, 5ff). Alle Parallelen dürfen
jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Vorgang in Offb
12,7 einzigartig ist. Denn hier wird der Himmel, der Ort des
Heiligen, entweiht und gespalten durch den Kampf der Engelheere.
Man versteht von da aus, warum „selbst die Himmel nicht rein
sind vor“ Gott (Hiob 15,15; vgl. 4,18; 25,5).
Im Folgenden nennt V. 7 die Gegner: Michael und seine Engel
(Μιχαλ κα ο γγελοι ατο [ho Michael kai hoi anggeloi autu]) und
der Drache und seine Engel ( δράκων καo γγελοι ατο [ho drakon
kai hoi anggeloi autu]).
Michael, hebr. מִיכָאֵל [michael], ist niemand anders als der
aus dem AT und dem frühen Judentum, aber auch dem NT
wohlbekannte Engelfürst (vgl. Dan 10,13.21; 12,1; Jud 9; ä Hen
9,1; 10,11; 20,5; 24,6; 40,9; 68,2; 69,14ff; 1QM XVII, 6ff).
Zwar gibt es auch den menschlichen Personennamen Michael (Num
13,13 u. ö.), aber hier kann kein Zweifel sein, dass der Engel
Michael gemeint ist. „Michael“ heißt: „Wer ist wie Gott?“ Seine
Persönlichkeit tritt also ganz hinter seinem Zeugnis zurück.
Im Danielbuch wird er „Fürst“ (שַׂר [sar]) genannt, in Jud 9
„Erzengel“ (ρχάγγελος [archanggelos]).
Außer Michael findet sich im AT nur noch „Gabriel“ als Engelname
(Dan 8,16; 9,21), ebenso im NT (Lk 1,19.26), hinzu kommt in den
Apokryphen „Rafael“ (Tobit 3,17; 12,15).
Vermutlich hat Hadorn recht mit seiner Annahme, dass Johannes
nur deshalb in Offb 12,7 ausnahmsweise einen Engelnamen nennt,
„weil dieser Name in der Schrift bezeugt ist“.
Sonst befleißigt sich Johannes den Engeln gegenüber äußerster
Zurückhaltung. Ein Engelkult wird in der Offenbarung ebenso
schroff abgelehnt wie im übrigen NT
(vgl. Offb 22,8f; Röm 8,38; 1Kor 6,3; Gal 1,8; Kol 2,18).
Neben Michael stellt Johannes seine Engel. Das erstaunt. Denn es
können ja nur Gottes Engel sein. Sein drückt also kein
Besitzverhältnis aus, sondern nur die Zugehörigkeit: Es sind die
zu Michael gehörenden, an seiner Seite kämpfenden Engel. Ein
Name fällt hier nicht mehr. Allerdings ist klar, dass Michael
dieses Heer der guten Engel Gottes anführt. Spätestens jetzt
ergibt sich eine weitere wichtige Beziehung: „Michael und seine
Engel“ treten wie in Dan 10,13; 10,20f; 12,1 für das Volk Gottes
= die Gemeinde ein.
Deshalb heißt Jahwe auch „Jahwe Zebaoth“ = „Jahwe der
Heerscharen“.
Wir wenden uns der Gegenseite zu. Hier stehen der Drache und
seine Engel. Der Drache (δράκων [drakon]) erhält keinen Namen.
In V. 9 aber wird er identifiziert. Seine Engel bedeutet: Es
gibt ein Engelheer, das von Gott abgefallen ist und jetzt seinem
Anführer, dem Drachen, anhängt. Auch Jesus spricht in Mt 25,41
vom „Teufel und seinen Engeln“. Vgl. zum Abfall einer
unbekannten Zahl von Engeln
Gen 6,1ff; Hiob 1,6ff; 2,1ff; 4,18; 15,15; 25,5; Jes 14,12ff;
Sach 3,1ff; 1Kor 6,3; 2Kor 12,7; 2Petr 2,4; Jud 1,6ff.
Es zieht sich ein tiefer Riss durch die unsichtbare Welt.
Kein Zweifel: Michael und sein Heer beginnen diesen Krieg im
Himmel.
Denn dort, wo wir übersetzten: kämpften mit dem Drachen, ist der
Sinn zugleich: „Sie mussten mit dem Drachen kämpfen“. Letzten
Endes geht es also um einen Krieg auf Anordnung und im Auftrag
Gottes. Sein Ziel ist eine erste Reinigung des Himmels, darüber
hinaus aber auch die Verweisung des Drachen in seine Grenzen.
Wenn Bousset schreibt, in Offb 12,7 begegne uns die
„Vorstellung, dass der Drache hier mit Gewalt den Himmel zu
stürmen sucht“, dann stellt er die Verhältnisse auf den Kopf.
Das wird in der Fortsetzung noch deutlicher.
Noch einmal sei das Erstaunliche unterstrichen:
Der Drache nimmt den Kampf an: Und auch der Drache kämpfte und
seine Engel. Welche Vermessenheit!
Allerdings hatte schon in Offb 11,7 „das Tier aus dem Abgrund“
mit der christlichen Gemeinde in Gestalt der zwei Zeugen
gekämpft und sie besiegt.
Und auch in Jud 9 wagt sich der Drache = Teufel in einen Streit
mit Michael. Sehr vorsichtig kann man vermuten, dass der Drache
seine Sache noch nicht verloren gibt, solange er es mit
„untergeordneten“ Wesen zu tun hat: mit der Gemeinde, mit
anderen Engeln, mit dem Mensch gewordenen und „niedrigen“
Gottessohn (vgl. Joh 14,30).
Aber gerade dadurch fällt Licht auf einen elementaren Umstand:
Nicht Christus, nicht „der Erhöhte selbst tritt hier … in
Aktion“, geschweige denn Gott der Vater. Sondern nur ein Engel,
wie es der Drache selbst ja ist: nur Michael. Das genügt.
Der knappen Art des Johannes entspricht es, auch das Resultat
des Krieges so knapp wie möglich zu formulieren: aber sie (= der
Drache und seine Engel) konnten nicht standhalten, und ihre
Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel (V. 8).
In den Handschriften gibt es zwei ernsthafte Möglichkeiten beim
dritten Wort des Verses:
σχυσεν [ischysen] oder σχυσαν [ischysan]. Die beiden sonst
verlässlichsten Textzeugen, A und C, sind hier gespalten.
Da nach dem vorausgehenden πολέμησεν [epolemesen] eine Änderung
in σχυσεν [ischysen] leichter denkbar ist, wird wohl σχυσαν
[ischysan] (= sie konnten standhalten) als lectio difficilior
vorzuziehen sein.
Das griechische οδέ [ude] bedeutet „auch nicht“, „nicht einmal“.
σχύω [ischyo] geht auf hebr./aram. יכל [jachal] zurück. יכל
[jachal] hat wie σχύω [ischyo] die Bedeutungen „können;
vermögen; gelingen; überlegen sein; siegen; fassen; ertragen;
aushalten (können)“.
In Offb 12,8 liegt die gesamte Bandbreite vor. Vom Kontext her
empfiehlt sich nicht standhalten können.
Uns scheint, dass Offb 12,8 in bewusstem Gegensatz zu Dan 7,21
formuliert ist, wo es heißt:
„Und dieses Horn führte Krieg mit den Heiligen und besiegte sie“
(וְיָכְלָה לְהוֹן [wejochlah lehon]).
Das „Horn“ = der Antichrist siegt also (vgl. Offb 13,7). Der
Drache aber mit seinem Engelheer siegt nicht!
In „sie konnten nicht standhalten“ steckt vielleicht mehr als
die trockene Notiz über eine Niederlage. Nicht einmal ein
Teilsieg, nicht einmal ein echter Kampf ist dem Drachen möglich.
Er hat schlichtweg nichts aufzubieten gegen einen Michael, der
durch Gottes Gerechtigkeit den Kampf führt (vgl. Eph 6,11ff;
2Thess 2,8; Offb 19,15). Überhaupt darf man sich bei diesen
himmlischen Kämpfen nicht an irdischen Schlachtenbildern und
materialistischen Vorstellungen orientieren.
Der folgende Satz und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im
Himmel (οδ τόπος ερέθη ατν τι ν τ οραν [ude topos heurethe auton
eti en to urano]) hat viele Diskussionen ausgelöst.
Er markiert zunächst den Gipfel der Niederlage:
Der Drache und sein Heer verlieren nicht nur den Kampf, sondern
auch die Heimstätte.
Im Gegensatz zur Frau, die nach V. 6 „einen Ort (τόπον) hat, der
von Gott vorbereitet ist“, haben sie jetzt „im Himmel“ keinen
Ort (τόπος), keine Stätte mehr.
In Helmut Kösters Worten:
„Nur wer seinen Platz hat, kann wirklich bestehen.“ Hier kündigt
sich das Ende des Drachen und damit das Ende alles Bösen an.
Hatten demnach der Drache und seine Engel vorher einen „Ort“,
genauer: Aufenthaltsberechtigung und Wohnort im Himmel? Gerade
da setzt die Diskussion an. Man kann die gestellte Frage aber
nur bejahen, trotz aller Rätsel, die sie mit sich bringt.
Schon im AT ist klar erkennbar, dass der Teufel = Satan und
Drache zusammen mit den anderen Engeln „im Himmel“ weilt (Hiob
1,6ff; 2,1ff; Sach 3,1ff, andeutungsweise auch Jes 14,12ff).
Jesus vertritt dieselbe Sicht (Lk 10,18).
Dann aber ist der Schluss unausweichlich, dass der „Drache“
ehemals ein guter Engel Gottes war, wie die anderen Engel von
Gott geschaffen, vermutlich sogar ein hochgestellter Engel, der
aber von Gott abfiel, weil er selbst wie Gott sein wollte (vgl.
Jes 14,14; Gen 3,5). Als solcher genoss er aus Gottes
unergründlicher Liebe noch lange ein Zutritts- und
Aufenthaltsrecht im Himmel. Wenn ihm verschiedene Forscher aber
einen Wohnort „im untersten Himmel“ zugewiesen haben, so ist
das reine Spekulation.
V. 9 sagt wieder in ganz kurzen Worten, wie es mit dem Drachen
weiterging: Und der große Drache … wurde geworfen, ja geworfen
auf die Erde. Zweimal steht hier das Verbum finitum βλήθη
[eblethe], dazu βλήθησαν [eblethesan] im Blick auf „seine
Engel“.
Wenn der Drache auf die Erde geworfen wurde, bedeutet dies, dass
er aus dem Himmel ausgewiesen wurde. „βάλλειν wird … im NT
besonders im Zusammenhang des Gerichtsgedankens … gebraucht“,
wie F. Hauck bemerkt. Ein Gericht vollzieht sich also. Wir
stehen hier vor dem berühmten „Drachensturz“ oder „Satanssturz“.
Die nächste Parallele ist Lk 10,18. Dort sagt Jesus: „Ich sah
den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“ (θεώρουν τν σατανν
ς στραπν κ το ορανο πεσόντα [etheorun ton satanan hos astrapen
ek tu uranu pesonta]). Wann geschah das, was Jesus in Lk 10,18
und Johannes in Offb 12,9 prophetisch schauten? Diese Frage
lässt sich durch Joh 12,31 beantworten, die nächste wichtige
Parallele.
Dort sagt Jesus:
„Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun wird der Fürst
dieser Welt ausgestoßen werden“ (νν κρίσις στν το κόσμου τούτου,
νν ρχων το κόσμου τούτου κβληθήσεται ξω [nyn krisis estin tu
kosmu tutu, nyn ho archon tu kosmu tutu ekblethesetai exo]). Der
Drache = Teufel wird also „ausgestoßen“ aus dem Himmel zum
Zeitpunkt des Kreuzestodes Jesu, durch den Sieg Jesu am Kreuz,
den Johannes seine „Erhöhung“ nennt (Joh 12,32). Erst durch Jesu
Kreuzestod erhält Michael im Himmel die Vollmacht zum
Hinaus-Werfen Satans. Erst so wird Gottes Recht durchgesetzt.
Bei dieser Gelegenheit ist mit Jörg Frey festzuhalten, dass
„Offb 12 … in Joh 12,31 … strukturparallel aufgenommen“
ist. Wieder begegnet uns die engste Verwandtschaft zwischen
Offenbarung und Johannesevangelium.
Dieser Drachensturz markiert einen der tiefsten Einschnitte in
der Weltgeschichte. Denn bis dahin konnte der Drache = Teufel
seine Position mit „groß Macht und viel List“ im Himmel
vertreten. Ab jetzt ist ihm seine Behausung im Himmel, die er
seit seiner Erschaffung innehatte, entzogen. Die Folgen
schildert gleich anschließend der Hymnus in V. 10ff. Man darf
allerdings diesen Drachensturz nicht verwechseln mit dem
endgültigen Sieg Gottes am Ende der Zeiten. Er ist ein wichtiger
Schritt auf dem Wege zu diesem Ziel, aber noch nicht das Heil.
Das ergibt sich allein schon durch die Tatsache, dass sich der
Drachensturz vor ca. 2000 Jahren unserer Zeitrechnung ereignete,
aber das Wüten des Drachen auf Erden durch diese ganze Zeit
hindurch weiterging.
V. 9 bringt nun weiterhin eine fünffache
Identifikation:
1)
Es handelt sich um den „großen Drachen“ mit den sieben Häuptern
und zehn Hörnern von V. 3. Näheres siehe in der Erklärung zu
diesem Vers.
2)
Es handelt sich zugleich um die „alte Schlange“ (φις ρχαος [ho
ophis ho archaios]). So heißt er auch in Offb 20,2. In V. 13 und
14 ist ebenfalls von der „Schlange“ die Rede. Nach G. Delling
ist φις ρχαος [ho ophis ho archaios] „übernommen aus dem (an Gen
3 entstandenen) rabbinischen Sprachgebrauch.“ Jedenfalls ist der
Bezug auf die „Schlange“ von Gen 3,1ff sicher. Die „alte
Schlange“ ist also die seit Urzeiten auftretende Schlange, die
uns schon im Paradies begegnet.
3) Gleichzeitig wird er „Teufel genannt“ ( καλούμενος Διάβολος
[ho kalumenos Diabolos]). Das deutsche Wort „Teufel“ kommt von
diesem griechischen „Diabolos“. Johannes formuliert so, als ob
„Teufel“ ein Zuname wäre („genannt“). Vermutlich empfand er den
Begriff „Diabolos“ = „Teufel“, der erst von der griechischen
Bibelübersetzung geschaffen wurde, noch immer als etwas
Fremdsprachliches. „Diabolos“ geht zurück auf διαβάλλω
[diaballo], das folgende Bedeutungen hat: „auseinanderbringen;
abbringen; anklagen, verleumden; täuschen“. Deshalb bedeutet
„Diabolos“: „Auseinanderbringer“, „Ankläger“ (vgl. V. 10),
„Widersacher“, „Verführer“.
4)
Außerdem ist er „der Satan“ ( Σατανς [ho Satanas]). Hier stoßen
wir auf einen biblisch-hebräischen Begriff. Das hebräische
שָׂטָן [satan] bedeutet „Widersacher“, „Gegner“ und wird öfters
auf Menschen angewandt, in Num 22,22.32 sogar auf den Engel
Gottes, der zum „Widersacher“ Bileams wird. „Der Satan“
schlechthin ist aber ein bestimmter Engel, der im Himmel
auftritt und als Ankläger oder Verführer die Menschen Gottes
quälen und zu Fall bringen will (1Chron 21,1; Hiob 1,6ff; 2,1ff;
Sach 3,1ff). Auch er wird mit dem großen Drachen identifiziert.
Das NT hat die Aussagen des AT über den Satan sinngemäß
aufgenommen (vgl. Mt 16,23; Lk 10,18; 22,31f).
5)
Schließlich ist der große Drache derjenige, „der den ganzen
Erdkreis verführt“ ( πλανν τν οκουμένην λην [ho planon ten
oikumenen holen]). Das Verführerische klang schon beim Namen
„Satan“ an. Jetzt aber tritt es in den Vordergrund. Da im
Griechischen hier kein Name mehr steht, wie es von 1) bis 4) der
Fall war, sondern ein Partizip (πλανν [planon]), könnte sich die
Bemerkung der … verführt grammatikalisch auch auf alle vier
zuvor genannten Identifikationsfiguren beziehen. Wir betrachten
es jedoch als fünfte, selbstständige Identifikation.
Die Auslegung bleibt dieselbe
. πλανάω [planao] heißt „irreführen“, d.h. auf den falschen Weg
führen, oder „täuschen“. οκουμένη λη [he oikumene hole] (der
ganze Erdkreis) bedeutet „die ganze bewohnte Erde“. Es darf
nicht auf die Heiden eingegrenzt werden, denn der große Drache
versucht auch, die Christusgläubigen zu verführen (vgl. Mt
24,24; 1Petr 5,8). „Verführen“ muss als die Absicht verstanden
werden, die Menschen in seinen eigenen Irrweg hineinzuziehen und
zur Anbetung des Drachen statt zur Anbetung des dreieinigen
Gottes zu bewegen (vgl. Mt 4,9; Offb 13,4ff).
Betrachtet man
Offb 12,9, dann wird die Deutung des großen Drachen auf Rom ganz
unmöglich. Schon menschlich weiß Johannes als gebürtiger Jude,
dass das Reich der Römer nicht der ganze Erdkreis ist:
Er kennt Nachrichten genug über die Länder jenseits der
römischen Grenzen mit ihrer machtvollen Kultur, über Äthiopien,
Arabien, Persien, Indien, über Skythen, Germanen, Afrikaner.
Wenn er vom „ganzen Erdkreis“ spricht, hat er wie Lukas in Apg
2,5ff und wie die Völkertafel in Gen 10 die ganze Völkerwelt vor
Augen. Erst recht ist der „Satan“, der „Teufel“ und Versucher
eine universale antigöttliche Macht. Eine Einengung auf das
vergängliche Römerreich wird der Wucht und Größe der Aussage von
Offb 12 nicht gerecht. Schon der alttestamentliche
Sprachgebrauch lässt dies nicht zu.
Und seine Engel wurden mit ihm geworfen:
Das dreimalige geworfen hat den Charakter des Endgültigen. Wer
dem Teufel anhängt, teilt sein Schicksal.
Der folgende Hymnus der V. 10–12 besingt die Folgen des
Satanssturzes: Und ich hörte eine laute Stimme im Himmel sagen
(V. 10). Schon öfters begegnete uns die laute Stimme als eine
Stimme mit Autorität (vgl. Offb 1,10; 5,2.12 usw.). Sie bringt
in Offb 12,10–12 das zum Ausdruck, was Gottes Engel bewegt. Ab
V. 10 dominiert das Hören bei Johannes, ab V. 13 wieder das
„Sehen“.
Ein Jubelruf erschallt: Jetzt (ρτι [arti]) ist das Heil (σωτηρία
[soteria]) und die Kraft (δύναμις [dynamis]) und die Herrschaft
(βασιλεία [basileia]) unseres Gottes gekommen. Ein
unumstößliches Jetzt! ἄρτι [arti] ist „nahezu synonym mit νν“.
Es bedeutet „in diesem Augenblick“, „in dieser
heilsgeschichtlichen Stunde“. Speziell zu Offb 12,10 bemerkt
Gustav Stählin, es gehe hier um die „Vorwegnahme der letzten
Dinge“. Es ist also ein entscheidender Schritt zur Vollendung
getan. Doch noch sind wir nicht ganz am Ziel!
Nebenbei sei notiert, dass der Sprachgebrauch von νῦν [nyn] und
ἄρτι [arti] wieder die engste Verwandtschaft von
Johannesevangelium und Offenbarung zeigt.
Vom Heil unseres Gottes
ist auch in Offb 7,10; 19,1 die Rede. Heil, σωτηρία [soteria],
geht auf die hebräische Wortgruppe ישׁע [jascha] zurück und
bedeutet „Hilfe“ und „Rettung“. „Heil unseres Gottes“ meint
mehr, als „daß Gott die σωτηρία zukommt und daß sie sein
geworden ist“. In Offb 12,10 ist vielmehr gemeint, dass Gott das
Heil, das nur er schenken und durchsetzen kann, für die ihm
anvertrauten Menschen erreicht hat. Hier ist in der Tat der
Endzustand schon vorweggenommen. γένετο [egeneto] muss hier als
„entstand“, „kam zustande“, „ist gekommen“ verstanden werden.
Mit Recht wird der „Klang des Sieges“ an dieser Stelle notiert.
Hinzu kommt die Kraft unseres Gottes.
Auch dazu gibt es Parallelen in Offb 4,11; 7,12; 11,17; 19,1.
δύναμις [dynamis] bedeutet Gottes endzeitliche Kraft als
„Geschichtskraft, die die Welt und Geschichte zu ihrem Ziele
bringt“. Durch den Sturz Satans ist ein Haupthindernis für ihre
volle Entfaltung aus dem Weg geräumt. Mit Recht können wir jetzt
mit dem Vaterunser bekennen: „Denn dein ist das Reich und die
Kraft.“
Hinzu kommt als Drittes die Herrschaft unseres Gottes. βασιλεία
[basileia] geht zurück auf hebr. מַמְלָכָה [mamlachah] oder
מַלכוּת [malchut], die beide sowohl die Königswürde als auch das
Reich eines Königs bezeichnen. Das AT betont, dass letzten Endes
Gott der König schlechthin ist (vgl. Ps 93–99; Jes 33,22). Seine
Herrschaft wird gepriesen (1Chron 29,11; Dan 2,44; 3,33; 4,31;
7,27; Ob 21).
Sie wird am Ende der Zeiten erwartet. Bei den jüdischen Rabbinen
zur Zeit Jesu und des Johannes ist viel von der מַלְכוּת
הַשָּׁמַיִם [malchut haschschamajim] = der „Königsherrschaft der
Himmel“ die Rede, wobei „die Himmel“ als Umschreibung für „Gott“
dienen. Es verwundert, dass Johannes nicht wie Matthäus oder die
Rabbinen βασιλεία τν ορανv [basileia ton uranon] =
„Königsherrschaft der Himmel“ formuliert, sondern wie Markus und
Lukas βασιλεία το θεο [basileia tu theu] = „Königsherrschaft
Gottes“. Aber das tut er auch im Evangelium (Joh 3,3.5)! Wieder
zeigt sich, dass Johannesevangelium und Offenbarung sprachlich
eng zusammengehören. Wenn jetzt … die Herrschaft unseres Gottes
gekommen ist, dann besingt der Hymnus erneut den Wegfall der
satanischen Gegenwirkung im Bereich des Himmels (vgl. 11,15).
Auffallenderweise wird der Dreitakt „Heil“
– „Kraft“ – „Herrschaft“ unseres
Gottes durch eine vierte Komponente ergänzt: und auch die volle
Macht (ξουσία [exusia]) seines Messias (το χριστο ατο [tu
christu autu]) (ist jetzt gekommen). Wir haben das griechische
Wort ξουσία [exusia] hier als volle Macht wiedergegeben – nicht
als „Vollmacht“ –, um dem Sinn etwas näherzukommen. ξουσία
[exusia], hebr. מֶמְשָׁלָה [memschalah] oder der Wortstamm שׁלט
[schalat], umfasst „Recht“, „Macht“ und „Vollmacht“.
Die Rabbinen sprechen hier meistens von רְשׁוּת [reschut]. Dem
erhöhten Jesus ist nach Mt 28,18 „alle ξουσία im Himmel und auf
Erden gegeben“. Das heißt, er hat die „Macht“, sie zu regieren,
und es ist sein „Recht“, dies zu tun, weil ihm der Vater dazu
die Vollmacht gab. Nimmt man Offb 12,7ff ernst, dann erwarb er
diese volle, rechtmäßige Macht durch seinen gehorsamen
Kreuzestod. Sein Kreuzestod erlaubte Michael und seinen Engeln
die Austreibung Satans aus dem Himmel (s. oben). Das Jetzt in
Offb 12,10 meint also tatsächlich das „Jetzt“ des Kreuzestodes
und Satanssturzes (vgl. Joh 12,31).
Die Bahn wird frei für das Wirken und Herrschen Jesu, das nichts
anderes ist als eine Form der Herrschaft Gottes des Vaters. Das
geht auch aus Offb 11,15 hervor. Alttestamentlich ist dies in
Dan 7,14.27 angekündigt (vgl. Joh 3,35).
Der Hymnus nennt nun ausdrücklich den speziellen Grund für die
Veränderung in der Heils- und Weltgeschichte, denn der
Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott
verklagte, wurde verworfen (βλήθη [eblethe]).
Der Verkläger ist der Teufel, der Drache. Der „Verkläger“ oder
„Ankläger“ heißt hier κατήγωρ [kategor] – das einzige Mal, dass
dieser Begriff im NT vorkommt. Bousset erblickte darin eine
„Hebraisierung“ des griechischen Wortes κατήγορος [kategoros],
doch Bauer-Aland und Blass-Debrunner ziehen eine Ableitung „vom
Gen.Pl. auf -όρων“ vor. Bleibt auch die Herleitung unsicher, so
ist doch der Wortsinn eindeutig. Gemeint ist jedenfalls die
anklagende Tätigkeit des Diabolos und Satan, wie sie in Hiob
1,6ff; 2,1ff; Sach 3,1ff erkennbar wird. Sie traf unsere Brüder,
wie die Engel sagen.
Wer ist das? Wer die „Schar der Vollendeten“ den Hymnus
anstimmen lässt, muss die „Brüder“ selbstverständlich auf die
noch lebenden Christen beziehen. Autoren wie Kraft und
Wikenhauser oder schon Bengel grenzen die „Brüder“ noch enger
ein auf die christlichen Märtyrer. Aber auch, wenn man die Engel
als diejenigen betrachtet, die den Hymnus singen, können die
„Brüder“ sehr wohl Menschen sein. Das ergibt sich ohne Weiteres
aus der Beobachtung, dass der Satan in Hiob 1,6ff; 2,1ff; Sach
3,1ff; Lk 22,31 nur Menschen anklagt. Es ergibt sich aber auch
aus Offb 22,9. Eine Eingrenzung auf die Märtyrer ist angesichts
der soeben genannten biblischen Stellen und im Blick auf den
universalen Duktus des ganzen Kapitels nicht ratsam. Wir gehen
also davon aus, dass mit den „Brüdern“ in der Tat allgemein die
Christen gemeint sind. Auf der positiven Seite ist zu vermerken,
dass die christlichen Gläubigen im gekreuzigten und
auferstandenen Jesus Christus den besten Fürsprecher besitzen
(Röm 8,34; 1Joh 2,1f; Hebr 7,25).
Der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte:
Das griechische κατηγορν [ho kategoron] wird von einigen
Auslegern mit dem Präsens übersetzt („der sie verklagt“). Aber
nach dem Satanssturz kann sein Verklagen – wie Aune richtig
argumentiert – ja gar nicht mehr im früheren Sinne weitergehen.
Unser Gott erscheint jetzt das zweite Mal in unserem Vers: ein
Ausdruck der tiefen, liebevollen Beziehung der Engel zu „ihrem“
Gott. Erstmals sagt die Bibel hier, dass Satan Tag und Nacht als
Verkläger tätig war. Bengel kommentiert dies so: „Grosser Haß
und Kühnheit des Klägers! Unbegreiffliche Langmut Gottes!
Preiswürdige Gerechtigkeit und Weisheit! daß er dem Kläger so
lange zusiehet, und erst alsdenn, wenn das Recht wider jenen
ausgemacht ist, die Macht ergreift.“
Vor unserem Gott weist wie Hiob 1,6ff; 2,1ff; Sach 3,1ff darauf
hin, dass Satan seine Anklagen im Himmel vorbrachte.
Er wurde verworfen (βλήθη [eblethe]) bezieht sich deutlich
zurück auf das dreimalige βλήθη [eblethe] (βλήθησαν
[eblethesan]) in V. 9. Der Sieg Gottes tritt in den Vordergrund,
denn das Passivum divinum führt den Sturz Satans letztlich auf
Gottes Handeln zurück. Die universalen Folgen des Satanssturzes
werden uns bewusst gemacht.
Bisher war vom Sieg Christi am Kreuz und dem davon abgeleiteten
Sieg Michaels die Rede. Überraschend wird in V. 11 noch ein
dritter Sieger genannt. Das sind die Gläubigen auf Erden.
Das „emphatische“ ατοί [autoi] kann sich ja auf niemand anderen
beziehen. Aber ist ein solcher Sieg der Gläubigen auf Erden
nicht „befremdlich“, nachdem zuvor Michael im Himmel siegte, ja
der entscheidende Sieg durch Jesus Christus selbst am Kreuz
errungen wurde?
Vgl. das „Es ist vollbracht“ in Joh 19,30.
Bei der Antwort auf die gestellte Frage ist zunächst auf die
Überwinderaussagen der Sendschreiben hinzuweisen, die mehrfach
von einem „Siegen“ bzw. „Überwinden“ der Gläubigen sprechen
(2,7.11.17.26; 3,5.12.21).
Sodann hat Roloff wohl recht mit der Bemerkung, dass der Sieg
der Gläubigen im Unterschied zum einmaligen Sieg Christi und
auch Michaels „sich in ihrer … Existenz immer wieder aufs Neue
verwirklicht“. Es handelt sich also genau genommen um die
Fortsetzung des Sieges Christi im Leben der Gläubigen. Das wird
gleich noch deutlicher werden. Schließlich beobachten wir, dass
sich das Wort νικν [nikan] („siegen“, „überwinden“) vor allem im
johanneischen Schrifttum findet.
Es gehört also zu den typischen Merkmalen der Sprache des
Johannes.
Wie kommt es zum Sieg der Gläubigen über den Satan (ihn, ατον
[auton])? Erstens durch das Blut des Lammes (δι ταμα το ρνίου
[dia to haima tu arniu]). διά [dia] gibt den Grund an. Aufgrund
des von Jesus als dem Lamm vergossenen Blutes kann der Satan die
Gläubigen nicht mehr verklagen und nicht mehr unterwerfen. Hier
zeigt sich ganz klar, dass der Sieg der Gläubigen nur die
Fortsetzung des Sieges Jesu Christi ins Einzelleben hinein ist.
Mit den Worten von
Otto Bauernfeind:
Der Sieg der Gläubigen ist „sachlich nichts anderes … als das
νικν des Christus“.
Gegen Kraft braucht man nicht an den sakramentalen Empfang des
Blutes zu denken, sondern eher an die grundsätzliche Reinheit,
die die Glaubenden durch den Opfertod Jesu und sein Wort
empfangen haben (vgl. Joh 13,10; 15,3; 1Joh 1,7ff; 1Kor 1,30
sowie Offb 7,14).
Der Sieg der Gläubigen über den Satan kommt zweitens durch das
Wort ihres Zeugnisses zustande. Hier sind zwei
Auslegungsmöglichkeiten denkbar:
a)
gemeint ist das Zeugnis (μαρτυρία [martyria]), das die Gläubigen
über Jesus Christus ablegen; oder
b)
es ist das „Zeugnis“ gemeint, das sie von Gott empfangen haben
(vgl. 2,8ff; 3,7ff). – Wie in Offb 1,2.9 liegt die Annahme a)
näher. Durch das „Zeugnis“, das sie vor der Welt und trotz der
Drohungen Satans ablegten (das Wort ihres Zeugnisses),
dokumentierten sie Geist und Kraft Christi und wurden deshalb
Sieger. Man vgl. Joh 1,7.19; Offb 6,9; 19,10; Tit 1,13.
Drittens haben sie ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod.
Offensichtlich nimmt hier der Hymnus ein Jesuswort auf, das sich
sowohl bei den Synoptikern
(Mt 16,25; Mk 8,35; Lk 17,33) als auch im Johannesevangelium
(12,25) findet.
Dieses Jesuswort zielt darauf ab, dass seine Nachfolger lieber
den Tod erleiden als ihre Nachfolge aufgeben.
Sind also in Offb 12,11 die Märtyrer gemeint? Antwort: Sicher
sind die Märtyrer das anschaulichste Beispiel für solche, die
ihr Leben nicht geliebt haben bis zum Tod. Dennoch darf der Vers
nicht auf die Märtyrer eingeschränkt werden. Vielmehr geht es um
alle Glaubenden, die in der Bereitschaft von Mt 16,25 parr; Joh
12,25 ihr Leben führen, und die ja – vor allem in
Verfolgungszeiten – alle mit dem Martyrium rechnen müssen.
Besser spricht man hier nicht vom „bis zum Tode getreue(n)
Zeugenmut“, sondern von Jesu Treue und Kraft in den dazu
bereiten Gläubigen.
Der himmlische Jubel mündet in die Aufforderung: Darum freut
euch, ihr Himmel und die darin wohnen! (V. 12). Wie Lohmeyer
u.a. notieren, ist diese Aufforderung „bewußt alttestamentlich
gehalten“. εφραίνεσθε ορανοί [euphrainesthe uranoi] findet sich
wörtlich in Jes 49,13 und ganz ähnlich in Jes 44,23; Ps 96,11
(LXX 95,11); Dtn 32,43. Dass die Schöpfung und die Himmel ins
Lob Gottes einstimmen, bringt das AT mehrfach zum Ausdruck (vgl.
Ps 98; 148; 150). Die Jesajastellen 49,13 und 44,23 haben es
speziell mit der endzeitlichen Erlösung zu tun. Diese
endzeitliche Erlösung hat nun begonnen, und das ist es, was in
Offb 12,12 zum Ausdruck kommt.
„Die Himmel“ = הַשָּׁמַיִם [haschschamajim] gehört ganz zur
Sprache des AT und ist hier auf die geschaffene Himmelswelt und
nicht etwa auf Gott zu beziehen. Und die darin wohnen sind die
Engel.
Ein Bezug auf die „vollendeten Christen“ bzw. „Seligen“ kommt
deshalb nicht infrage, weil bis jetzt ja nicht einmal die
verstorbenen Märtyrer schlichtweg „im Himmel“ wohnen, sondern in
einem besonderen Warteraum „unten am Altar“ (6,9).
Auffallenderweise schließt sich an den Jubelruf in V. 12 noch
ein Weheruf an: Wehe der Erde und dem Meer! Bengel ist darin
Recht zu geben, dass es sich hier nach 9,12 und 11,14 um das
dritte Wehe handelt, das in 8,13 angekündigt wurde. Das dritte
ist das schlimmste Wehe. Dargestellt wird es in Offb
12,13–13,18. Man sieht daraus, dass Schicks Überschrift über
12,1–14,5, „Das Kernstück der apokalyptischen Prophetie“,
mindestens teilweise berechtigt ist. Erde und Meer bezeichnen
die gesamte Fläche der Erde, zusammengesetzt aus Kontinenten und
Ozeanen (vgl. Offb 10,2.5.8).
Das „Meer“ bedeutet hier also nicht das Völkermeer.
Stattdessen ist zu beachten, dass das erste und zweite Tier von
Offb 13 aus dem „Meer“ und der „Erde“ heraufsteigen (13,1.11) –
auch wenn „Meer“ in Offb 13,1 eine andere Bedeutung hat.
Der Wehe-Ruf erinnert an das prophetische Wehe im AT
(Jes 1,4.24; Ez 24,9; Hos 7,13; 9,12; Am 5,18).
Er gilt allen Erdenbewohnern, Christen und Nichtchristen. Für
die Christen bedeutet er verschärfte Verführung und Verfolgung
(vgl. Mt 24,21ff), für die Nichtchristen das kommende Gericht.
Begründet wird der Weheruf mit dem Hinabkommen des Teufels auf
die Erde, nachdem er seinen Platz im Himmel verloren hat. Er
heißt hier in V. 12 nur noch der Teufel ( διάβολος [ho
diabolos]). Die anderen Benennungen von V. 9 sind dabei
inbegriffen. Denn der Teufel ist zu euch hinabgestiegen: vgl. V.
9. Euch sind die Menschen auf der Erde. κατέβη [katebe], er ist
hinabgestiegen, ist nicht dasselbe wie „geworfen“ (βλήθη) in V.
9. Man kann auch nicht sagen, „hinabgeworfen“ sei nach
„semitische(r) Redeweise“ dasselbe wie „hinabgestiegen“.
Vielmehr drückt das „hinabgestiegen“ den Entschluss und die
Verantwortlichkeit des Teufels aus, der sich jetzt nach seinem
Hinauswurf aus dem Himmel auf die Erde konzentrieren will. Er
kommt mit großem Zorn, weil er weiß, dass er nur wenig Zeit hat:
Diese wenige Zeit (λίγον καιρόν [oligon kairon]) besteht im
Wesentlichen aus den 3½ Jahren von Offb 12,14; 13,5. Eine
völlige Identifizierung mit den 3½ Jahren oder Zeiten von Offb
12,14; 13,5 sollte man ebenso wie Johannes in Offb 12,12
vermeiden, weil auch die Ereignisse von 12,13; 19,17ff; 20,1ff
Zeit brauchen.
Aber sicherlich ist seine Begrenzung auf kurze Zeit der Grund
für den gesteigerten Zorn des Teufels.
Für die Leser der Offenbarung jedoch ist dieser Schluss des
Hymnus mit dem er hat nur wenig Zeit (λίγον καιρν χει [oligon
kairon echei]) eine frohe Botschaft! Zeit, griech. καιρός
[kairos], heißt ja von Gott gesetzte Frist, von Gott bestimmte
Zeit. Nur so lange, als es Gottes Plan und Weltregierung
zulässt, darf der Teufel wüten!