Fragen
und Antworten
00114 Johannes 7.53 bis
Johannes 8.12 aus der Sicht Johannes
Johannes 8.1-11
„Hier
begegnen wir Jesus – der die Sünde klar beim Namen nennt, den Sünder
aber mit rettender Gnade erhebt.“
Man kann offen sagen, dass es textkritische Fragen gibt.
Aber man kann ebenso deutlich machen, dass der Abschnitt inhaltlich und
geistlich völlig im Einklang mit dem restlichen biblischen Zeugnis steht
– und deshalb zu unserer Belehrung,
Ermahnung und Ermutigung dient.
Johannes 7,53–8,11 – Drei Gründe, warum wir den Abschnitt trotzdem lesen und daraus lernen können
1. Die Stelle ist alt und kirchengeschichtlich bezeugt
2. Sie widerspricht nicht dem Evangelium
3. Sie ist geistlich lehrreich
4. Sie ist seelsorgerlich wertvoll
5. Sie ist ein Beispiel für Gottes Bewahrung des Wortes
Eine Liste der 14 Wörter, die in Johannes 7,53–8,11 vorkommen, aber sonst im
Johannesevangelium nicht erscheinen,
inklusive ihrer griechischen Form, Bedeutung und warum sie stilistisch auffällig
sind.
Ich werde auch erläutern, wie dies als Argument gegen die johanneische
Autorschaft verwendet wird.

Die berühmte
Geschichte von der Ehebrecherin
(Johannes 7,53–8,11), auch Perikope
Adulterae genannt, fehlt in den
ältesten griechischen Handschriften des Neuen Testaments.
Weder die
wichtigsten Papyri aus dem
2./3. Jahrhundert (z.B. Papyrus 66 und
Papyrus 75) noch die großen
Codices des 4. Jahrhunderts
enthalten diesen Abschnitt biblicaltraining.org bibelgriechisch.online.
Insbesondere Codex Sinaiticus (א)
und Codex Vaticanus (B) brechen
in Johannes 7 direkt vor 8,12 ab, sodass Joh 7,53–8,11 fehlt biblicaltraining.org.
Auch der Codex Alexandrinus (A)
(5. Jh.) – der in den Evangelien einen byzantinischen Text bietet – enthält die
Passage aller Wahrscheinlichkeit nach nicht biblicaltraining.org.
Ebenso lassen Codex Ephraemi Rescriptus
(C) (5. Jh.) und weitere frühe
Unzialhandschriften wie
Codex Purpureus Petropolitanus (N),
Codex Borgianus (T) und
Codex Washingtonianus (W)
(alle 5. Jh.)
die Erzählung ausbibelgriechisch.online.
Bis ins 8. Jahrhundert fehlt
die Perikope in beinahe sämtlichen erhaltenen griechischen Textzeugen
–
„für die ersten 800 Jahre der Kirche wird
diese Geschichte nur in einer Handvoll Manuskripte vertreten“ biblicaltraining.org.
Die meisten frühen Übersetzungen
(Versionen) spiegelt dies wider: So fehlt Joh 7,53–8,11 ursprünglich in den
ältesten syrischen, koptischen, gotischen, armenischen und georgischen
Bibelversionenbibelgriechisch.online.
Ebenso übergehen frühe Kirchenväter
[....[(Origenes [????] .. , Chrysostomus u.a.), die Kommentierungen zum Johannesevangelium
verfassten,
diesen Abschnitt vollständigbibelgriechisch.online
– ein deutlicher Hinweis, dass er in ihren griechischen Vorlagen nicht vorhanden
war.
Erst
ab dem 5. Jahrhundert taucht
die Erzählung vereinzelt in griechischen Manuskripten auf. Der älteste erhaltene
griechische Kodex mit der Perikope ist der
Codex Bezae (D) aus dem 5.
Jahrhunderten.wikipedia.org.
Interessanterweise war dieser ein zweisprachiger griechisch-lateinischer Kodex;
tatsächlich belegen Lateinische
Handschriften die Geschichte häufiger und früher:
Von 23
altlateinischen Evangelien-Manuskripten des 4./5. Jh. enthalten 17 zumindest
einen Teil der Perikope en.wikipedia.org.
Hier zeigt sich, dass die lateinische
Überlieferung (und folglich die lateinische Kirche) die Erzählung
früher kannte und bewahrte
– Hieronymus berichtet um 417, er habe die Geschichte
in “vielen griechischen und lateinischen Codices” vorgefunden en.wikipedia.org.
In der Vulgata wurde sie dann
(mit Ausnahme eines einzigen Manuskripts)
durchgängig überliefert en.wikipedia.org.
Im griechischen Osten hingegen blieb der Befund bis ins Mittelalter
uneinheitlich.
Handschriften-Übersicht: Die folgende Tabelle listet exemplarisch ausgewählte griechische Textzeugen und ob sie Joh 7,53–8,11 enthalten:
| Handschrift | Jahrhundert | Enthält Joh 7,53–8,11? |
|---|---|---|
| Papyrus 66 (𝔓^66) | ca. 200 | Nein (fehlt) biblicaltraining.org |
| Papyrus 75 (𝔓^75) | ca. 250 | Nein (fehlt) biblicaltraining.org |
| Codex Sinaiticus (א / 01) | 4. Jh. | Nein (fehlt) biblicaltraining.org |
| Codex Vaticanus (B / 03) | 4. Jh. | Nein (fehlt) biblicaltraining.org |
| Codex Alexandrinus (A / 02) | 5. Jh. | Nein (Lacuna; höchstwahrscheinlich fehlte die Perikope)biblicaltraining.org |
| Codex Ephraemi (C / 04) | 5. Jh. | Nein (Lacuna; fehlte vermutlich)bibelgriechisch.online |
| Codex Bezae (D / 05) | 5. Jh. | Ja (enthält den Abschnitt)en.wikipedia.org |
| Codex Washingtonianus (W/032) | 5. Jh. | Nein (fehlt)bibelgriechisch.online |
| Codex Purpureus Petrop. (N/022) | 6. Jh. | Nein (fehlt)bibelgriechisch.online |
| Codex Borgianus (T/029) | 5. Jh. | Nein (fehlt)bibelgriechisch.online |
| Codex Koridethi (Θ/038) | 9. Jh. | Ja (enthält den Abschnitt) |
| Codex Athous Lavrensis (Ψ/044) | 9. Jh. | Nein (fehlt)en.wikipedia.org |
| Mehrheitstext (Byz. Mss. ~1350) | 9.–15. Jh. | Ja (in der Mehrzahl der späteren griechischen Handschriften ist die Perikope regulär vorhanden)en.wikipedia.org |
Abweichende Platzierungen: In einigen späteren Manuskript-Traditionen
wurde die Perikope Adulterae an
anderen Stellen eingefügt, was ihre
“wandernde” Überlieferung zeigt biblicaltraining.orgpatheos.com.
So findet sie sich in einigen
Minuskel-Handschriften nicht nach Joh 7,52, sondern etwa
nach Joh 7,36, oder
am Ende des Johannesevangeliums (nach
Joh 21,25), oder sogar im
Lukasevangelium (nach Lukas 21,38) patheos.com.
Die sogenannte Familie 13
(eine Gruppe von Minuskeln) überliefert die Erzählung beispielsweise am Schluss
von Lukas 21.
Andere Handschriften, die den Abschnitt zwar an gewohnter Stelle
in Johannes haben, markieren ihn jedoch mit kritischen Zeichen – etwa
Asterisken oder Obeli – um
Zweifel an der Zugehörigkeit anzuzeigen biblicaltraining.orgbiblicaltraining.org.
Insgesamt lässt der uneinheitliche Befund der Handschriften (fehlend in den
ältesten Codices, erst später zunehmend bezeugt, teils wandernde Position)
erkennen, dass Joh 7,53–8,11
textgeschichtlich unsicher ist.
Dies reflektiert auch die Elberfelder Bibel (1905), die
den Abschnitt in Klammern setzt, um auf die fragliche Echtheit hinzuweisen –
ähnlich markieren es viele moderne Übersetzungen mit Fußnoten oder geschweiften
Klammern.
Die nahezu einhellige Meinung der modernen
textkritischen Forschung
lautet, dass Joh 7,53–8,11 nicht zum
ursprünglichen Johannesevangelium gehörte. Die Belege gegen die
Echtheit dieser Perikope gelten als erdrückend:
“Die Beweise für den nicht-johanneischen
Ursprung der Perikope der Ehebrecherin sind überwältigend”, stellte der
Textkritiker Bruce Metzger
festbibelgriechisch.online.
Ebenso bezeichnet D. C. Parker
die Passage als “nachweislich unecht”bibelgriechisch.online,
und W. L. Petersen nennt die
Gründe gegen ihre Ursprünglichkeit
“massiv, überzeugend und offensichtlich”bibelgriechisch.online.
Diese Einschätzung spiegelt sich in den maßgeblichen
kritischen Ausgaben des
griechischen NT wider: Die Nestle-Aland-Edition (NA28) druckt Joh 7,53–8,11 nur
in doppigen eckigen Klammern und vermerkt im Apparat, dass die Passage in den
ältesten Zeugen fehlt en.wikipedia.org.
Auch das Greek New Testament
der UBS versieht die Perikope mit Warnhinweisen. Mit anderen Worten: Beide
Standardausgaben signalisieren, dass der Abschnitt höchstwahrscheinlich nicht
Teil des ursprünglichen Johannestextes war.
Externe Evidenz: Die Ablehnung der Echtheit stützt sich zunächst auf
die oben skizzierte externe Überlieferungslage. Das Fehlen in
allen frühesten Manuskripten
und in weiten Teilen der alten Versionen spricht stark dagegen,
dass Johannes
selbst diese Verse verfasst hat biblicaltraining.org bibelgriechisch.online.
Es wäre kaum erklärbar, dass so viele unabhängige Textzeugen aus verschiedenen
Regionen (Ägypten, Palästina, etc.) übereinstimmend
zufällig gerade diese zwölf Verse
ausließen; wahrscheinlicher ist,
dass die Perikope ursprünglich gar nicht im
Johannesevangelium stand biblicaltraining.org.
Hinzu kommt die breite geographische
Streuung der Zeugnisse ohne die Erzählung (Alexandria, Caesarea,
byzantinische Textfamilie bis ins 8. Jh.), was einen späteren Einschub nahelegt.
Ein weiterer Hinweis ist,
dass
griechische Lektarien (Kirchen-Lesungspläne) diese Verse auslassen –
z.B. geht die vorgeschriebene Lesung zu Pfingsten von Joh 7,37 direkt zu 8,12,
überspringt also 7,53–8,11en.wikipedia.org.
Das deutet darauf hin, dass der Abschnitt bei Entstehung des Lektionarsystems
(spätes 1. Jt.) als nicht-kanonisch oder unpassend galt.
Zudem weisen
einige Manuskripte, die die Passage
enthalten, kritische Zeichen auf. Mehrere späteren Codices markieren
Joh 7,53–8,11 mit einem Asterisk (*) oder Obelus (÷), um anzuzeigen,
dass den
Schreibern die Zweifel an der Authentizität bekannt waren biblicaltraining.orgbiblicaltraining.org.
Solche textkritischen Marginalien finden sich z.B. in Minuskel 1424 (11. Jh.)
und anderen byzantinischen Handschriften und gehen letztlich auf die Praxis der
alexandrinischen Textkritik zurück biblicaltraining.org.
Schließlich ist auch der
uneinheitliche Text der
Perikope ein Indiz für ihre sekundäre Natur. Textforscher haben gezeigt, dass
Joh 7,53–8,11 zahlreiche Varianten
und Korruptheiten aufweist –
weit mehr als umgebende Johannestexte.
Codex Bezae (der älteste griechische
Zeuge mit der Erzählung) bietet z.B. einen deutlich abweichenden Wortlaut
gegenüber späteren byzantinischen Handschriften biblicaltraining.org.
Insgesamt lassen sich mindestens sechs
bis sieben verschiedene Textformen
der Erzählung rekonstruieren (so
klassifiziert etwa von von Soden), was auf eine unstabile mündliche Tradition
hindeutet, die erst spät schriftlich fixiert wurde
biblicaltraining.orgbiblicaltraining.org. Eine solche “schwebende Überlieferung” drängte offenbar in verschiedenen Stadien und Orten in den Text ein, bis sie schließlich in der Mehrheitshandschrift nach Joh 7,52 Aufnahme fand biblicaltraining.org.
Interne Evidenz: Neben dem
externen Befund sprechen auch
interne textliche Kriterien gegen die johanneische Verfasserschaft.
Sprachstil und Wortschatz der Perikope weichen deutlich vom Rest des
Johannesevangeliums ab biblicaltraining.orgpreceptaustin.org.
Viele Begriffe, die in Joh 7,53–8,11 erscheinen, kommen sonst
nirgendwo bei Johannes vor. So
fällt z.B. auf, dass Johannes Jesus’
Gegner durchgehend als
“die Juden” bezeichnet – doch im
fraglichen Abschnitt werden explizit
“die Schriftgelehrten und Pharisäer” genannt, ein Ausdruck, der sonst in
Johannes nie gemeinsam auftritt
(wohl aber häufig in den synoptischen Evangelien) preceptaustin.org.
Insgesamt wurden 14 Wörter
identifiziert, die in Joh 7,53–8,11 vorkommen, aber im restlichen
Johannesevangelium fehlen patheos.com.
Auch syntaktisch und stilistisch “fühlt” sich die Passage anders an: Schon
griechischkundige Anfänger bemerken,
“dass ihr Stil und Vokabular merklich vom Rest des vierten Evangeliums
abweichen”bibelgriechisch.onlinebibelgriechisch.online.
Viele Forscher halten die Sprache eher für
lukanisch als johanneisch biblicaltraining.org
– was dazu passt, dass einige Abschriften die Perikope in das Lukasevangelium
versetzten.
Auch
inhaltlich-contextual passt
die Episode nicht nahtlos in Johannes 7–8. Kapitel 7 berichtet vom
Laubhüttenfest und schließt in 7,52 mit einer Debatte des Sanhedrins ab; Kapitel
8,12 fährt fort mit Jesu Ausspruch
“Ich
bin das Licht der Welt” im Tempel.
Diese Sequenz fließt in den Manuskripten
ohne die Perikope logisch zusammen
preceptaustin.org:
Jesu Wort in 8,12 knüpft direkt an die vorherigen Themen an (es reagiert u.a.
auf die Bemerkung, kein Prophet komme aus Galiläa, Joh 7,52)
preceptaustin.org.
Dagegen unterbricht die eingefügte Geschichte von der Ehebrecherin den
Zusammenhang und wirkt wie ein Fremdkörper in der laufenden Szene
preceptaustin.org.
Dieser Bruch im Erzählfluss
stützt die Annahme, dass es sich um eine nachträgliche Einfügung handelt.
Bereits Samuel Tregelles monierte im 19. Jh. jene
“traditionelle Trägheit des Geistes”
derer, die dennoch meinen, die Perikope gehöre original zu Johannesbibelgriechisch.online.
Fazit der Textkritik:
Aufgrund dieser Befunde haben praktisch alle modernen Herausgeber die Passage
als später interpoliert
gekennzeichnet. Metzger urteilt zusammenfassend:
“Die Evidenz gegen den johanneischen
Ursprung der
Perikope Adulterae ist überwältigend.”bibelgriechisch.online
Ebenso schreibt der evangelikale Kommentar von D.A.
Carson:
“Trotz bester Versuche (etwa von Z.
Hodges) zu beweisen, die Erzählung gehöre ursprünglich zu Johannes,
sprechen die
Befunde dagegen. Moderne Bibelübersetzungen tun recht daran, sie vom restlichen
Text abzugrenzen oder in den Fußnotenbereich zu verweisen.”
preceptaustin.org.
Gleichzeitig betonen Carson und viele andere, dass
nichts Wichtiges an Lehre verloren
geht, selbst wenn Joh 7,53–8,11 nicht zum ursprünglichen Bibeltext
zählt – alle zentralen Aussagen über Jesu Person und
Wirken finden sich auch
ohne diesen Abschnitt im NT.
Nestle-Aland und UBS
vergeben daher hier keine Versziffern in den Haupttext (bzw. klammern ihn), und
die Übersetzungen markieren
ihn üblicherweise mit einer Anmerkung wie
“fehlt in den ältesten Handschriften”patheos.com.
Diese kritische Sicht vertreten “die
meisten NT-Gelehrten – darunter auch beinahe alle evangelikalen – seit weit über
einem Jahrhundert”en.wikipedia.org.
Nur eine Minderheit (vor allem Vertreter der
Byzantine Priority-These und einige
konservative Traditionalisten) plädiert für die volle Anerkennung der Passage
als ursprünglich. Beispielsweise verteidigten im 19. Jh. Autoren wie John
Burgon und Frederick
Nolan
die johanneische
Autorschaft energisch en.wikipedia.org.
In neuerer Zeit halten Mehrheitstext-Verfechter wie Maurice
Robinson die Perikope für
einen integralen Bestandteil der überlieferten Textform, auch wenn sie zugeben,
dass die ältesten Zeugnisse dagegen sprechenbibelgriechisch.online.
Der Mainstream der Textwissenschaft
jedoch bleibt bei der Einschätzung, dass es sich um einen
später hinzugefügten, wenn auch sehr
alten Bericht handelt –
wahrscheinlich eine
authentische Jesus-Tradition,
die ursprünglich mündlich
überliefert und dann von einem Schreiber in das Johannesevangelium eingefügt
wurde
en.wikipedia.orgpreceptaustin.org.
Inhaltlich bietet die Perikope Adulterae
kein häretisches oder
widersprüchliches Material – im Gegenteil, die Handlung passt durchaus
zum Wesen Jesu, wie es aus den Evangelien bekannt ist.
Dennoch gab es offenbar
theologische Vorbehalte in der
frühen Kirche, die möglicherweise zur vorübergehenden Unterdrückung oder späten
Aufnahme der Geschichte führten.
Augustinus berichtet im 4. Jahrhundert von einem bemerkenswerten
Einwand mancher: “Gewisse Leute von
schwachem Glauben – oder vielmehr Feinde des wahren Glaubens – entfernten aus
ihren Handschriften die Erzählung, in der der Herr der Ehebrecherin verziehen
hat,
aus Furcht, wie ich meine, ihre eigenen Frauen könnten Straffreiheit fürs
Sündigen daraus entnehmen; als hätte der, der gesagt hat: ‘Sündige hinfort nicht
mehr’, damit die Erlaubnis zum Sündigen erteilt.”textandtranslation.org
Dieses Zeugnis Augustins (De adulterinis coniugiis 2,6–7) deutet an, dass
einige frühchristliche Leser
moralische Bedenken hatten:
Sie fürchteten, Jesus erscheine hier zu
nachsichtig gegenüber einer
schweren Sünde (Ehebruch) und hebe indirekt das mosaische Gesetz der Steinigung
auf.
Solche Sorgen könnten erklärt haben, warum die Erzählung in gewissen
Traditionen fehlte – man vermutete einen Missbrauch als Freibrief für Ehebruch.
Allerdings betont Augustinus selbst, dass diese Sorge unbegründet ist: Jesus
verurteilt die Sünde keineswegs
leichtfertig, sondern ermahnt die Frau ausdrücklich zur Umkehr („Gehe
hin und sündige hinfort nicht mehr“).
Die Szene offenbart
Barmherzigkeit gegenüber der
reuigen Sünderin, aber keineswegs eine Auflösung des Anspruchs der Heiligkeit.
Viele Ausleger stimmen darin überein, dass nichts in Joh 8,1–11 Jesu Lehre
widerspricht:
Christus handelt hier ganz im Einklang mit seinem sonstigen
Auftreten – er erfüllt das Gesetz (denn es gab nach dem Weggehen der Zeugen
keine rechtliche Grundlage mehr,
ie Frau zu verurteilen) und offenbart zugleich
Gottes Gnade, indem er demütigen Sündern vergibt preceptaustin.org.
Tatsächlich entspricht das Verhalten Jesu
in dieser Perikope dem bekannten Spannungsbogen von
Gnade und Wahrheit, den
Johannes 1,14 im Prolog hervorhebt. Einige Theologen sehen gerade darin einen
inneren Grund,
weshalb die
Geschichte theologisch „stimmig“ ist:
“In Kapitel 1 haben wir gelernt, dass
Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus gekommen sind. Hier in Joh 8 haben wir
ein Beispiel dafür.” (William MacDonald) facebook.com.
Die Szene illustriert einerseits Jesu
Heiligkeit und Wahrheit –
er nimmt die Sünde ernst, indem er zur Sündlosigkeit aufruft – und andererseits
seine Gnade – er bietet
Vergebung statt sofortiges Gericht. Insofern vermittelt die Passage zentrale
christliche Werte:
Barmherzigkeit gegenüber dem Sünder bei gleichzeitiger Abkehr
von der Sünde. Keine Lehrabweichung
wird eingeführt; die Vergebung einer reumütigen Sünderin findet sich ähnlich
z.B. in Lukas 7,36–50.
Daher stellen führende Textkritiker wie Bruce Metzger
klar: “Die Perikope enthält keine Lehre,
die nicht auch anderswo gedeckt wäre” – die Frage ist nicht der
Inhalt, sondern die
textliche Autorität
en.wikipedia.org.
Manche Ausleger vermuten, dass die
strenge Bußzucht der frühen Kirche
(etwa gegenüber Ehebruch) dazu führte, dass man mit dieser Geschichte
unbehaglich war.
Zur Zeit der Kirchenväter gab es Kontroversen, ob schwere
Sünden nach der Taufe überhaupt vergeben werden könnten (Stichwort
Novatianer/Montanisten).
Vor diesem Hintergrund erscheint es
unwahrscheinlich, dass die frühe
Kirche eine solche Episode frei erfunden hätte –
im Gegenteil, ihre
Existenz spricht eher dafür, dass es sich um eine
tatsächlich überlieferte Begebenheit
handeln muss, die so stark im Gedächtnis blieb, dass sie schließlich einen Platz
im Evangeliumstext fand preceptaustin.org.
Leon Morris betont hierzu:
Die Geschichte “klingt wahr” und
“sie hätte kaum in der frühen Kirche –
mit ihrer Strenge gegenüber sexueller Sünde – erfunden werden können” preceptaustin.org.
Vielmehr zeigt sie einen weise
handelnden Jesus, der Heuchelei entlarvt und gleichzeitig Sünder rettet
– genau das Bild, das die Evangelien insgesamt von Jesus zeichnen.
Unterm Strich gibt es
keinen theologischen Grund,
diese Perikope abzulehnen; sollte sie echt sein, so passt sie hervorragend zu
Jesu Lehre.
Sollte sie sekundär sein, so widerspricht sie dennoch
nicht dem Kanon der
Schrift. Diese Einschätzung führt dazu, dass viele Theologen sagen:
Auch wenn der Abschnitt vermutlich
nicht originär johanneisch ist, ist er doch historisch und geistlich wertvoll.
Der Reformator Johannes Calvin
etwa kannte keine Textkritik dazu und kommentierte die Passage als integralen
Teil der Schrift, wobei er Jesu Weisheit hervorhob, die Pharisäer mit dem Wort
„wer ohne Sünde ist, werfe den ersten
Stein“ zum Schweigen zu bringen.
In der
katholischen Kirche gilt
die Erzählung ohnehin als kanonisch – das Trienter Konzil bestätigte implizit
alle Vulgata-Inhalte.
Deshalb findet man in katholischen Bibelausgaben
Joh 7,53–8,11 oft ohne Klammern,
allenfalls mit Anmerkung auf die textkritischen Zweifel en.wikipedia.org.
Zusammengefasst lässt sich sagen:
Theologisch enthält die Perikope nichts Irrtümliches; eher illustriert
sie kraftvoll Jesu Barmherzigkeit und die Aufforderung zur Heiligung.
Die
einzigen Einwände waren historisch
motiviert durch die Angst vor Missverständnissen – eine Angst, die Augustinus
bereits als unbegründet entlarvte textandtranslation.org.
Trotz der textkritischen Fragen hat die
Erzählung von der Ehebrecherin über die Jahrhunderte viele
Gläubige bewegt und Lehrer
inspiriert. In der
Auslegungstradition wurde sie oft als
authentisches Jesus-Erlebnis
behandelt,
das tiefe Einsichten in Jesu Charakter gibt. Bibellehrer und Ausleger
stehen heute vor der Aufgabe, den historischen Befund ehrlich zu benennen und
zugleich die geistliche Botschaft der Verse zu würdigen.
Viele konservative
Kommentatoren gehen offen
mit der Problematik um: William
MacDonald etwa merkt in seinem
Believer’s Bible Commentary an, dass dieser Abschnitt wahrscheinlich nicht
von Johannes geschrieben wurde,
“doch
besteht jede Wahrscheinlichkeit, dass die Geschichte ein tatsächliches Ereignis
im Leben Jesu wiedergibt”.
Sie enthalte keine fragwürdige Lehre und sei
“völlig charakteristisch für Jesus”preceptaustin.org.
MacDonald weist darauf hin, dass die Episode thematisch gar nicht unpassend ist,
da schon in Joh 7,51 (Nikodemus’ Einwand) das
Thema
gerechtes Richten anklang
und die Geschichte genau dieses Thema – falsches Richten vs. barmherzige
Gerechtigkeit – exemplifiziertpreceptaustin.org.
Allerdings gesteht er ein, dass aus literarischer Sicht Johannes 7,52 und 8,12
besser ohne Unterbrechung zusammenfließen preceptaustin.org.
Insgesamt ermutigt MacDonald seine Leser, die Passage
andachtsvoll auszulegen,
allerdings mit dem Verständnis, dass sie vermutlich ein später hinzugefügter
Bericht ist.
John MacArthur,
ein
einflussreicher evangelikaler Bibellehrer, vertritt eine ähnliche Haltung. In
der MacArthur Study Bible
erläutert er ausführlich die Gründe, warum
“dieser Abschnitt mit größter
Wahrscheinlichkeit kein Teil des Originaltextes von Johannes war”
– er
nennt die Varianten der Überlieferung (verschiedene Einfügungsorte nach
Joh 7,36; 7,52; 21,25 oder in Lukas 21), das eindeutige Zeugnis der frühesten
Manuskripte gegen den Einschub, die Kennzeichnung in etlichen Handschriften mit
Zweifelszeichen,
das Schweigen der griechischen Kirchenväter bis ins 12. Jh.,
sowie die abweichende Wortwahl und den Unterbrechungseffekt auf die Johanneische
Erzählung blog.faithdelivered.net.
Gleichzeitig fügt MacArthur aber hinzu,
viele Bibelausleger glaubten, dass
die Perikope “alle Kennzeichen historischer Wahrhaftigkeit” trage, also
eine echte Begebenheit darstelle blog.faithdelivered.net.
Er selbst entschließt sich daher, trotz
aller textkritischen Vorbehalte eine knappe Auslegung anzubieten. Er schreibt:
“Trotz all dieser Überlegungen zur
Unzuverlässigkeit des Abschnitts ist es möglich, dass wir uns irren; daher ist
es gut,
die Bedeutung der Passage doch zu bedenken und sie im Text zu belassen –
ebenso wie bei Markus 16,9–20.”blog.faithdelivered.net.
MacArthur betont also einerseits die Vorsicht (er predigt z.B. in seiner
Johanneus-Serie nicht darüber, da es nicht zum inspirierten Text gehöre),
andererseits erkennt er pastorale
Gewinnbringung darin, die Geschichte zu kennen.
In seiner Kommentarreihe
unterstreicht er, dass die
Darstellung Jesu hier vollkommen mit dem biblischen Gesamtbild
übereinstimmt:
“Das gemalte Bild des
weisen, liebenden, vergebenden Heilands ist konsistent mit dem Porträt Jesu im
ganzen Neuen Testament.”preceptaustin.org.
Es gebe “keinerlei Lehre in dieser
Erzählung, die dem Rest der Schrift widerspricht”, weshalb man sie getrost
als historische Anekdote
aus dem Leben Christi betrachten kann preceptaustin.org.
MacArthur zitiert sogar den Gelehrten B. F. Westcott zustimmend: Die Passage sei
“zweifellos ein authentisches Fragment
apostolischer Überlieferung”, nur eben höchstwahrscheinlich nicht an ihrem
üblichen Platz von Johannes selbst geschrieben preceptaustin.org.
Leon Morris,
im
NICNT-Kommentar zu Johannes, nimmt
eine vergleichbare Position ein. Er kommt zum Schluss:
“Wenn wir auch nicht davon ausgehen
können, dass dieser Abschnitt Teil des Johannesevangeliums ist, so können wir
doch davon ausgehen,
dass die Geschichte wahrhaftig dem Charakter Jesu
entspricht. Durch die gesamte Geschichte der Kirche waren sich Ausleger einig,
dass – wer immer sie niedergeschrieben hat – diese kleine Geschichte authentisch
ist.
Sie klingt echt. Sie spricht unsere Situation an. Und sie kann kaum in der
frühen Kirche (mit ihrer Strenge in Bezug auf sexuelle Sünde) erfunden worden
sein. Daher lohnt es sich, sie zu studieren –
wenn auch nicht als ursprünglichen
Teil von Johannes’ Schrift.”preceptaustin.org.
Morris und viele andere betonen also die
geistliche Bedeutung der
Perikope, selbst wenn sie textkritisch abgesetzt wird. Sie wird als
pädgogisch wertvoll
angesehen:
Sie lehrt Demut (niemand kann den ersten Stein werfen), entlarvt
Heuchelei, zeigt Jesu Weisheit im Umgang mit Gesetz und Gnade und offenbart
seine Autorität, Sünden zu vergeben.
Auch
D. A. Carson, ein hoch
angesehener NT-Gelehrter, rät in seinem Johannes-Kommentar, zwischen
kanonischer Zugehörigkeit und
historischer Glaubwürdigkeit zu
unterscheiden. Er meint, die Indizien gegen die ursprüngliche Zugehörigkeit
seien überzeugend
(daher solle der Text auch abgegrenzt oder fußnotiert werden)preceptaustin.org.
“Andererseits gibt es wenig Grund zu
bezweifeln, dass das hier beschriebene Ereignis sich tatsächlich ereignet hat,
auch wenn es schriftlich ursprünglich nicht zu den
kanonischen Büchern gehörte.”preceptaustin.org.
Diese Sicht – nicht inspiriert, aber
wahrscheinlich historisch – vertreten viele bibeltreue Theologen.
R.C.H. Lenski z.B.
bezeichnet die Perikope rundheraus als
“spurios”
im Johanneischen Kontext, fügt aber hinzu:
“Dennoch berichtet diese unechte Sektion
durchaus korrekt ein tatsächliches Ereignis im Leben Jesu. Jeder Zug daran trägt
den Stempel der Wahrscheinlichkeit…
Da Johannes diese Section nicht geschrieben
hat, geben wir keinen Kommentar dazu.” (Lenski entschied sich folglich, die
Verse zwar zu drucken, aber nicht auszulegen)preceptaustin.org.
In der
Predigtpraxis führt dies
dazu, dass manche Pastoren den Text auslassen oder nur am Rande erwähnen, andere
aber (mit Erklärung) darüber predigen. So entschied sich z.B. Pastor Jim
Hamilton, Joh 7,53–8,11 in einer Predigtreihe zu Johannes nicht als Predigttext
zu verwenden, sondern erklärte der Gemeinde zehn Minuten lang, warum diese Verse
in Klammern stehen und nicht zum ursprünglichen Johannesevangelium gehörenpatheos.compatheos.com.
Demgegenüber gibt es Prediger, die – in Bewusstsein der Textproblematik –
die
Geschichte dennoch als Illustration
von Jesu Gnade behandeln, jedoch darauf hinweisen, dass die Autorität primär in
der Lehre liegt, die mit dem übrigen NT übereinstimmt.
Zusammenfassend wird
Joh 7,53–8,11 heute von den meisten Gelehrten
nicht als originärer Teil des
Johannesevangeliums angesehen, doch gilt die Passage bei vielen als
authentische Jesus-Tradition.
Bibelausleger schätzen sie als wertvolles Zeugnis von
Jesu Barmherzigkeit und
seinem Umgang mit Sünde und Gesetz. Sie betonen, dass die
Bedeutung der Geschichte –
nämlich dass Jesus gleichermaßen gerecht und gnädig ist, dass er selbst Sünde
vergibt, aber den Sünder zur Umkehr ruft –
völlig im Einklang mit der biblischen
Theologie steht. Daher integrieren Kommentatoren die Perikope oft insofern, als
sie Parallelen zu anderen Evangelienstellen ziehen und die darin offenbarte
Wahrheit herausstellen. Die Episode der
“Begnadigung der Ehebrecherin”
hat somit trotz ihrer textkritischen Unsicherheit einen festen Platz in Lehre
und Kunst der Christenheit gefunden: Sie inspiriert Gemälde, Predigten und
Bücher und wird vielfach als Beispiel von Jesu
unendlicher Weisheit und Gnade
zitiert – freilich immer mit dem Begleitvermerk, dass sie in den ältesten
Bibelhandschriften fehlte. Wie Leon
Morris treffend schreibt, ist die Perikope adulterae
“ein Juwel der Barmherzigkeit, das
– ob
ursprünglich oder nicht – wahrhaft zu Christus passt”. In diesem Sinne wird
sie von vielen Lehrern der Gemeinde geschätzt und vorsichtig in die
Auslegung einbezogen, auch
wenn sie in wissenschaftlichen Bibelausgaben in Klammern stehten.wikipedia.org.
Quellen: Die obigen
Ausführungen stützen sich auf textkritische Untersuchungen und Kommentare, u.a.
Daniel B. Wallace biblicaltraining.orgbiblicaltraining.org,
Bruce M. Metzgerbibelgriechisch.online,
Nestle-Aland (28. Aufl.) en.wikipedia.org,
Augustinus textandtranslation.org,
William MacDonald preceptaustin.org,
John MacArthur blog.faithdelivered.netblog.faithdelivered.net,
Leon Morris preceptaustin.org
und D.A. Carson preceptaustin.org.
Diese zeigen übereinstimmend, dass die Perikope zwar textgeschichtlich fraglich,
aber inhaltlich bedeutsam ist. Jede Auslegung muss daher die
Textgeschichte bedenken und
zugleich die theologische Tiefe
dieser überlieferten Jesusgeschichte würdigen.
In Johannes 7,53–8,11 treten zahlreiche Wörter auf, die im
übrigen Johannesevangelium nirgends sonst verwendet werden.
Laut einer Analyse von Köstenberger sind es vierzehn von insgesamt 82
Wortformen (etwa 17 %).
Im Folgenden eine Liste dieser griechischen
Wörter, ihre deutsche Bedeutung
sowie ein kurzer
Hinweis, warum sie stilistisch auffällig sind (d.h. nicht zum
üblichen Wortschatz des Evangelisten Johannes gehören):
γραμματεύς –
Schriftgelehrter. Dieser Begriff
erscheint nur in Joh 8,3 im ganzen Johannesevangelium.
Johannes bezeichnet Jesu Gegner sonst fast immer pauschal als „die
Juden“ und nennt nie explizit „die Schriftgelehrten“.
Die
Kombination „Schriftgelehrte und Pharisäer“, wie hier, ist typisch für die
synoptischen Evangelien, aber untypisch für Johannes.
ὄρθρος –orthros Morgendämmerung, Tagesanbruch. Im
Evangelium nach Johannes wird für „früh am Morgen“ sonst das Wort
πρωΐ verwendet (z. B. Joh 18,28; 21,4);
ὄρθρος
hingegen kommt nur in Joh 8,2 vor und erinnert stilistisch
eher an Lukas. Die Verwendung dieses Wortes deutet auf einen anderen
Sprachgebrauch als den des Johannesevangeliums hin.
παραγίνομαι –
paraginomai (hin)zukommen, erscheinen. Das
Verb tritt in Joh 8,2 („er erschien wieder im Tempel“) auf, jedoch
sonst nirgends im Johannesevangelium.
Johannes beschreibt Jesu
Kommen meist mit gewöhnlicheren Verben wie ἔρχεσθαι
erchomai („kommen“) oder πορεύεσθαι („gehen“); das spezifische
παραγίνομαι ist im Johannestext ungebräuchlich und eher in
anderen Evangelien und Apostelgeschichte zu finden.
μοιχεία / μοιχεύω – moicheia Ehebruch / ehebrechen. Weder das Substantiv „Ehebruch“ noch das entsprechende Verb werden außerhalb dieser Perikope im Johannesevangelium verwendet. Das Johannesevangelium thematisiert Ehebruch sonst nie, daher taucht dieses Wortfeld dort nicht auf. Sein Vorkommen hier ist auffällig und wird als thematisch bedingter „Neologismus“ der Perikope gewertet (neues Thema Ehebruch, neues Vokabular).
αὐτόφωρος
epautophoroi
Es
handelt sich um ein idiomatisches Ausdruck der juristischen
Sprache („auf frischer Tat ertappt“), der nicht zu Johannes’ sonstigem
Sprachgebrauch passt. Die Wendung unterstreicht den erzählerischen Stil der
Perikope, der eher an Lukanisches Griechisch erinnert als an Johannine
Formulierungen.
κύπτω – kypto sich bücken, niederbeugen. In Joh 8,6.8
wird erzählt, Jesus habe sich zum Schreiben auf die Erde
niedergebeugt. Das Verb κύπτω (wörtlich „sich
bücken“) fehlt ansonsten im Johannesevangelium. Zwar
benutzt Johannes in Joh 20,5.11
das verwandte Verb παρακύπτω
(„sich hinabbeugen um hineinzuschauen“), doch κύπτω in
absoluter Verwendung (wie hier) kommt nur in der Ehebrecherin-Erzählung vor.
Diese ungewohnte Wortwahl trägt zum Eindruck eines fremden Stils bei.
ἀναμάρτητος –
anamartetos
Tatsächlich handelt
es sich um ein äußerst seltenes Wort (im Neuen Testament wohl nur
hier belegt). Johannes diskutiert zwar an anderen Stellen das Thema
Sünde, verwendet aber dieses spezifische Wort nicht.
Sein
Auftauchen in Joh 8,7 ist ein stilistischer Fremdkörper im johanneischen
Wortschatz.
κατακρίνω –
katakrino
– Johannes spricht sonst
eher allgemein vom „Richten“ (κρίνειν), nicht vom
Verurteilen. Die Verwendung des verstärkten Verbs *κατα-*κρίνω in der
Perikope hebt sich vom üblichen Sprachgebrauch des Evangelisten ab.
πρεσβύτερος –
presbyteros
συνείδησις –
syneidesis
Johannes betont eher objektive „Sünde“ und „Licht vs. Finsternis“, nicht die
innere Gewissensstimme. Die Erwähnung der συνείδησις ist daher
untypisch für Johannes’ Stil und Theologie.
LUO John 8:9 Da sie aber das hörten, gingen sie hinaus (von
ihrem Gewissen überführt), einer nach dem andern, von den
Ältesten bis zu den Geringsten; und Jesus ward gelassen allein und das Weib
in der Mitte stehend. (Jn. 8:9 LUO)
SCL John 8:9 Als sie aber das hörten, gingen sie -
von ihrem Gewissen überführt - einer nach dem
anderen hinaus, angefangen von den Ältesten bis zu den Geringsten; und Jesus
wurde allein gelassen, und die Frau, die in der Mitte stand. (Jn. 8:9 SCL)
καταλείπω –
übriglassen, verlassen. In Joh 8,9
heißt es am Ende, Jesus wurde „allein zurückgelassen“ mit
der Frau. Das Verb καταλείπειν fehlt im restlichen
Johannesevangelium; Johannes benutzt häufiger Verben wie ἀφίημι
(„lassen“) in ähnlichen Bedeutungen. Die Verwendung von καταλείπω
in dieser Szene ist daher bemerkenswert und trägt zum Fremdcharakter der
Erzählung bei.
κατήγορος –
kategoros
Zwar verwendet Johannes das Verb κατηγορέω
z. B. in Joh 5,45 (Mose als Ankläger), doch das Nomen
κατήγορος findet sich außerhalb der Perikope nicht.
Die Bezeichnung der
Gegner als „Ankläger“ ist eher juristisch geprägt und passt zum Ton der
Erzählung, aber weniger zu Johannes’ üblichen Formulierungen.
ἁλίσκομαι – erwischt werden, gefangen werden. In manchen Textüberlieferungen (so im Mehrheitstext) wird die Ehebrecherin mit einem Partizip ἁλωμένη (von ἁλίσκομαι) beschrieben, d.h. sie sei „beim Ehebruch ergriffen/ertappt“ worden. Dieses Verb ist nicht im restlichen Johannesevangelium belegt und insgesamt im NT sehr selten. Johannes hätte einen geläufigeren Ausdruck verwenden können (etwa „festnehmen“ = συλλαμβάνω); die Wahl von ἁλίσκομαι deutet wiederum auf einen fremden Erzähler. (Andere Manuskripte verwenden hier κατελήφθη von καταλαμβάνω; obwohl Johannes καταλαμβάνω im Prolog metaphorisch gebraucht, ist die juristische Verwendung „ertappen“ für Johannes ebenfalls untypisch.)
ἐλαία – Ölbaum, Olive. Die Angabe des Orts „Ölberg“ (Ὄρος τῶν Ἐλαιῶν, Joh 8,1) enthält das Wort „Ölbaum/Olive“. Johannes erwähnt sonst nirgends den Ölberg oder Olivenbäume – anders als die Synoptiker, die den Aufenthaltsort Jesu am Ölberg (besonders in der Passionswoche) beschreiben. Dass Jesus hier auf den „Berg der Oliven“ geht, steht in Johannes’ Erzählfluss ungewohnt da (Johannes berichtet an anderer Stelle nicht von nächtlichen Gewohnheiten Jesu am Ölberg). Dies untermauert den Eindruck, dass diese Verse stilistisch und inhaltlich nicht von Johannes selbst stammen.
Die auffällige Häufung von johanneisch ungebräuchlichen Wörtern und
Wendungen in Joh 7,53–8,11 wird von vielen Gelehrten als wichtiger
interner Hinweis darauf gewertet, dass diese Perikope
nicht vom Evangelisten Johannes verfasst wurde.
Wie Bruce Metzger
festhält, ist die Evidenz für die nich johanneische Herkunft der
Ehebrecherin-Erzählung „überwältigend“.
Neben der fehlenden
Unterstützung durch die frühesten Handschriften und der Unterbrechung des
Erzählflusses wird vor allem betont, dass Stil und Wortschatz deutlich
vom übrigen Johannesevangelium abweichen.
So zeigt sich hier ein
Vokabular, das der echte Johannes sonst nie verwendet.
D. A. Carson
und viele andere ziehen daraus den Schluss, dass der Abschnitt ursprünglich
nicht zu Johannes gehörte.
Der Textkritiker Daniel B.
Wallace weist ebenfalls auf das „nichtjohanneische Vokabular und die
Grammatik“ dieser Verse hin.
Kurz gesagt: Wortstatistik und Sprachstil
stützen das Verdikt der Handschriften, dass Joh 7,53–8,11 eine spätere
Interpolation ist und nicht von Johannes selbst stammt.
Gegner dieser Einschätzung wenden ein, dass eine nur zwölf Verse
lange Passage kein absolut sicheres stilistisches Profil liefere und dass neue
Thematik (hier: Ehebruch) durchaus neue Wörter erfordern
könnte.
Tatsächlich weist die Perikope stellenweise auch Anschluss an
johanneische Formulierungen auf (vgl. „das sagten sie, um ihn zu
versuchen“
in Joh 8,6 und Joh 6,6). Dennoch bleibt festzuhalten, dass
außergewöhnlich viele Wörter in Joh 7,53–8,11
im restlichen
Johannesevangelium fehlen
– ein Befund, der in Verbindung mit textkritischen
Daten häufig als Argument gegen die johanneische Autorschaft
herangezogen wird.
Die meisten modernen Kommentatoren schließen sich dem an und
drängen darauf, die Perikope der Ehebrecherin als nicht ursprünglichen
Teil des Johannesevangeliums zu behandeln.
Quellen: Textkritischer Kommentar von Metzger; Kommentare
von Carson, Morris, Köstenberger; Wallace 2013; sowie weitere linguistische
Untersuchungen.
Dies ist die 33. Vorlesung in der Online-Vorlesungsreihe zur Textkritik von Dr. Daniel Wallace
(Folien, Fotos oder Gliederungen, auf die sich der Dozent bezieht, sollten separat heruntergeladen werden. Sollten diese nicht vorhanden sein, lässt sich möglicherweise über die Suchmaschine Google© etwas Vergleichbares finden.)
GLIEDERUNG FÜR VORLESUNG 33. TEXTKRITIK – EINIGE BERÜHMTE TEXTPROBLEME JOHANNES 7:53
A. Johannes 7:53
1. Externe Beweise
2. Interne Beweise
3. Fazit
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https://www.biblicaltraining.org/learn/institute/nt605-textual-criticism/nt605-33-some-famous-textual-problems-john-7-53-8-11
A. Johannes 7,53: Dies ist das bekannteste Textproblem der Bibel: die Geschichte der Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde. Gelehrten ist diese Geschichte als „Periskop-Ehebruch“ bekannt. Sie steht in Johannes 7,53 bis 8,11. Sie umfasst zwölf Verse und ist meine Lieblingsstelle, die nicht in der Bibel steht. Vielen Menschen gilt sie als ihre Lieblingsstelle in der gesamten Heiligen Schrift. Wir werden sie historisch betrachten und erklären, warum das wichtig ist. Man muss zwischen Kanonischem und Historischem unterscheiden. Kann eine historische Geschichte wahr sein, ohne Teil des Neuen Testaments zu sein? Evangelikale Gelehrte begegnen uns oft mit mangelndem Vertrauen, weil etwas nicht als inspiriert gilt. Sie meinen, nur das Inspirierte sei wahr. Wenn ich keine inspirierte Bibel habe, ist die Bibel nicht vertrauenswürdig. Ich halte diese Ansicht für unsinnig. Josephus ist nicht inspiriert, dennoch halten wir vieles von dem, was er sagt, für historisch korrekt. Das bedeutet, dass wir uns intensiver mit diesen Dingen befassen müssen. Wenn Johannes 7,53–8,11 jedoch nicht Teil der inspirierten Schrift ist, müssen wir es historisch untersuchen. Der Respekt vor dem Autor erfordert, dass wir zweifelhafte Passagen sorgfältig prüfen. Wenn Johannes dies nicht geschrieben hätte, wäre es eine Beleidigung für ihn, es in das Evangelium aufzunehmen. Manche Autoren legen großen Wert darauf, ihren Text zu ändern. JR Tolkien war dafür berühmt; sogar die Schreibweise einiger seiner erfundenen Wörter. Nein, so darf man es nicht schreiben; so muss es geschrieben werden. Auch andere Autoren legen großen Wert darauf. Ein Dutzend Verse mitten ins Johannesevangelium einzufügen, die er nicht geschrieben hat, wäre eine schwere Beleidigung für den Respekt des menschlichen und damit auch des göttlichen Autors, denn die Heilige Schrift hat eine doppelte Urheberschaft. Das Wissen über Jesus Christus verpflichtet uns zu ernsthafter historischer Forschung. In der evangelikalen Gemeinschaft herrscht oft ein Konflikt zwischen Inkarnation und Inspiration. Es ist Christus gegen die Bibel. Allzu oft zieht Christus bei unserer Herangehensweise an den Text den Kürzeren, denn die Inkarnation sagt: Lasst uns die Sache historisch untersuchen. Lasst uns gründlich recherchieren. Am Ende sagt er: „Hände weg von meiner Bibel!“, stell diese schwierigen Fragen nicht. Ich halte an der Irrtumslosigkeit fest und darf nicht denken, dass die Bibel einen Fehler enthalten könnte. Was wir denken dürfen, ist uns erlaubt, und deshalb müssen wir diese historische Forschung betreiben.
Dies ist kein Thema, das die Irrtumslosigkeit berührt, aber es beeinflusst, ob diese Verse inspiriert sind oder nicht. Die Verflechtung unserer theologischen Prioritäten wird in dieser Passage deutlich gewichtet. Die Perikope dieser Passage ist im Vergleich zu jeder anderen Passage im Neuen Testament mit viel emotionalem Ballast behaftet. Wenn sie nicht Teil des Neuen Testaments ist, was verlieren wir dann tatsächlich? Verlieren wir die Vergebung Jesu? Nein, natürlich nicht, denn er vergibt Menschen auch an anderen Orten. Wir verlieren jedoch eine faszinierende Geschichte darüber, wie er entweder einer Prostituierten oder zumindest einer Frau vergab, die beim Ehebruch ertappt wurde. Diese Perikope könnte historisch wahr sein, auch wenn sie nicht von Johannes geschrieben wurde. Wir müssen also die Beweise prüfen, um das zu sehen.
1. Externe Beweise: Was externe Beweise angeht, fehlt diese Passage in unseren beiden ältesten Manuskripten für diesen Teil des Johannesevangeliums: P66 und P75. Es ist unmöglich, dass diese zwölf Verse versehentlich hinzugefügt oder weggelassen wurden. Ihr Fehlen in diesen beiden Papyri ist daher sehr bedeutsam. Sie fehlt auch in Aleph und B; ich weiß nicht, ob es eine Stelle gibt, an der P66 und P75 sowie Aleph und B ohne Korrekturen übereinstimmen, sodass ich dieser Lesart widersprechen würde. Ich halte das für so stichhaltig, dass die Diskussion damit praktisch abgeschlossen ist. Sie müssen nicht immer übereinstimmen; selten stimmen sie in allem überein. Codex A, der in den Evangelien enthalten ist, ist eine byzantinische Handschrift. Außerhalb der Evangelien ist er alexandrinisch. Wir haben also unsere älteste byzantinische Handschrift, in der diese Geschichte fehlt. Auch Codex C, ein sekundäres alexandrinisches Manuskript, fehlt, und außerdem fehlt diese Geschichte in fast allen Manuskripten bis zum 8. Jahrhundert. In den ersten 800 Jahren der Kirchengeschichte ist diese Geschichte also nur in einer Handvoll Manuskripten enthalten; insgesamt sind es bis heute nur drei. Dabei handelt es sich um Majuskelhandschriften von den 322 Manuskripten, die diese Passage tatsächlich enthalten. In den frühesten und besten Versionen fehlt sie. Sogar die syrische, koptische und andere Versionen des 3. Jahrhunderts enthielten sie nicht. Diese zwölf Verse fehlen also schon früh und weit verbreitet. Dann fehlen bis ins 12. Jahrhundert patristische Kommentare zu dieser Passage. Erst im 11. Jahrhundert findet sich jemand, der diesen Text kommentiert. Sollen wir darauf bestehen, dass diese Verse authentisch sind, wenn sie in den frühen Versionen, den frühen Kirchenvätern und in den wichtigsten Manuskripten nicht enthalten sind? Von den Manuskripten, die sie enthalten, haben mehrere ein Sternchen am Rand, das Zweifel an der Passage anzeigt. Dieses Sternchen als solcher Hinweis geht auf die alexandrinischen Manuskripte zurück.
Maurice Roberson argumentiert, dass dieses Sternchen darauf hinweist, dass die Stelle nicht zum Lexikon gehört. Er behauptet sogar, die ältesten Handschriften mit Sternchen stammten aus dem 8. Jahrhundert. Das stimmt nicht ganz; wir finden sie im Codex Clair-Montana, wo das Sternchen eindeutig bedeutet, dass eine Botschaft wahrscheinlich zweifelhaft ist. Der Codex Clair-Montana ist eine Handschrift aus dem 6. Jahrhundert. Ich weiß, dass das Sternchen darin steht, weil ich diese Handschrift vor drei Jahren untersucht habe. Es ist ein Codex D des Paulusbriefs und der Episteln; ein anderer Codex D als der der Evangelien und der Apostelgeschichte. Dieses Sternchen kommt also auch in diesen früheren Handschriften vor. Außerdem gibt es Verfälschungen in der Perikope „adulterous“. Was ich meine ist, dass der Text selbst nicht stabil ist. Diese Passage gilt als die am stärksten verfälschte Perikope der Evangelien. Was genau sagen diese zwölf Verse aus? Die älteste Handschrift, Codex D, die diese Passage enthält, unterscheidet sich deutlich von den byzantinischen Manuskripten; es gibt viele Veränderungen. Jesus schreibt in allen Manuskripten in den Dreck. Manche Manuskripte berichten uns, was er geschrieben hat, und dann gibt es noch Streit darüber. Die vielen Verfälschungen in dieser Perikope „Adulterous“ lassen vermuten, dass es sich um eine mündliche Überlieferung handeln könnte, die lange Zeit in verschiedenen Formen verbreitet wurde. Apropos „Unbekannt“: Im Neuen Testament handelt es sich um einen unbekannten Text. Diese Passage taucht an drei verschiedenen Stellen in Johannes 7 auf. Nicht nur in Johannes 7,53, sondern auch einige Stellen früher. In manchen Manuskripten erscheint sie als separate Perikope am Ende aller vier Evangelien. Sie ist einfach an das Ende angehängt. In manchen Manuskripten steht sie als eigenständige Perikope zwischen Lukas und Johannes. Ist sie an dieser Stelle stabil? das ist es nicht, und das deutet darauf hin, dass diese Passage an mehreren verschiedenen Stellen in die Bibel aufgenommen werden soll, wenn man das personifizieren kann. So landete sie schließlich bei Johannes 7:53. Sie scheint nun an der logischsten und stimmigsten Stelle zu stehen. Sie passt gut in den Text, und doch gibt es immer noch ernste Probleme damit. Sie erscheint auch in einer Handschrift nach Johannes 8:12. Das ist Codex 115; interessanterweise zweigt sie in der Mitte von Johannes 11 ab. Der Schreiber, der diese Handschrift abgeschrieben hat, gelangt zu dieser Perikope, aber die Handschrift, von der er abschreibt, enthält einige westliche Lesarten. Plötzlich wird diese Perikope der ehebrecherischen Frau übersprungen.
Dieser Schreiber bemerkt es erst, als er den Vers nach dieser Perikope schreibt. Ihm wird klar, dass die Geschichte dorthin gehört. Also legt er das Manuskript weg, nimmt ein anderes mit der Geschichte und schreibt sie ab. Er platziert sie nach Johannes 8,12 – es ist das einzige Manuskript, das dies zeigt. Greifte er also beim Abschreiben dieser Geschichte auf sein Originalmanuskript zurück oder blieb er bei seinem neuen Manuskript? Es wäre eine gute Masterarbeit für einen Studenten, herauszufinden, was hier tatsächlich passiert ist. Es handelt sich also um einen schwebenden Text, und was wirklich interessant ist: In einigen Manuskripten steht er nach Lukas 21,38, der Karwoche des Herrn. Johannes 8 ist für Jesus tatsächlich eine frühere Zeit. Wir werden später über die Bedeutung der Einordnung nach Lukas 21,38 sprechen. Ich vermute schon lange, dass diese Passage, falls sie authentisch ist, tatsächlich dorthin gehört. Manchmal ärgern sich Schreiber, wenn die Passage nicht dort steht, wo sie sie erwartet. Wir haben eine mittelalterliche Pergamenthandschrift, die wir vor einigen Jahren fotografiert haben. Da ist ein Blatt Papier, das in das nächste Pergamentblatt eingenäht war, nicht in den Einband. Die Hinweise deuten darauf hin, dass der Schreiber verärgert war, weil die Geschichte der beim Ehebruch ertappten Frau in der Handschrift fehlte. Also nähte er eine Seite in die Handschrift ein, und auf der Rückseite findet sich die Geschichte der beim Ehebruch ertappten Frau in der Handschrift eines Kindes. Ich vermute, es könnte ein Pfarrer gewesen sein, der sich darüber aufregte, dass die Geschichte nicht in der Handschrift stand. In diesen Handschriften erkennt man die Menschlichkeit dieser Schreiber.
Wie bereits erwähnt, sind einige dieser Manuskripte mit einem Sternchen versehen, das die Unechtheit eines bestimmten Textes anzeigt. Hier im Codex 1424 sehen wir Sternchen am Rand. Der Text ist also ausgeschrieben, aber zusätzlich steht ein Sternchen, das die Unechtheit oder Zweifel an der Echtheit anzeigt. Dies ist ein Manuskript der Lutherischen Theologischen Fakultät, das wir vor einigen Jahren fotografiert haben. Es ist ein sehr wichtiges Manuskript.
2. Interne Hinweise: Wortschatz, Syntax und Stil stammen nicht aus dem Johannesevangelium. Das erkennt man, wenn man ein bis anderthalb Jahre Griechisch beherrscht. Studierende berichteten mir, dass ihnen nach der Lektüre des Neuen Testaments auf Griechisch und insbesondere des Johannesevangeliums mit dieser speziellen Geschichte sofort der andere Stil auffiel. Es fühlte sich einfach nicht wie Johannes an. Das merkt man sogar an der Verwendung der Konjunktionen, die sich von denen des Johannesevangeliums unterscheidet. Es gibt keine andere Perikope im gesamten Johannesevangelium, die in Bezug auf Wortschatz, Syntax und Stil so anomal ist. Ich habe vor einigen Jahren einen Artikel in New Testament Studies über die Neubewertung dieser Geschichte geschrieben. Ich argumentierte, dass die internen Hinweise darauf hindeuten, dass dies eine Stilstörung im Johannesevangelium darstellt. Die Sprache ähnelt viel mehr dem Lukasevangelium als dem Johannesevangelium. Dies bringt mich zu einem Artikel, der gerade von einem meiner ehemaligen Studierenden, Kyle Huge, in einer der wichtigsten Zeitschriften für das Neue Testament in Holland veröffentlicht wurde. Sein Artikel trug den Titel „Lukanisches Sondermaterial und die traditionelle Geschichte des Ehebruchs in der Perikope“. Kyle hatte diese Arbeit ursprünglich für mich als Masterstudent am Dallas Seminary im Rahmen des Kurses „Fortgeschrittene Griechische Grammatik“ geschrieben. Er versuchte, in ein gutes Lehrprogramm aufgenommen zu werden. Dieses Thema war bei mir jahrelang auf der Strecke geblieben. Ich fand, dass diese Passage eher dem Stil von Lukas als dem von Johannes entsprach. Ich fragte mich auch, ob Lukas Zugang zu einer Form davon hatte, aber nicht genau zu diesen zwölf Versen. Ich sagte Kyle, dass man dafür bestimmte Ansätze verfolgen müsse. Er leistete hervorragende Arbeit bei dieser Arbeit und wurde dadurch in ein gutes Lehrprogramm aufgenommen. Ich glaube, das Geheimnis ihres Ursprungs wurde durch diese Arbeit gelüftet. Jüngste Ausgrabungen brachten zwei verschiedene Verse dieser Geschichte ans Licht, die im 3. Jahrhundert zusammengeführt wurden; einer stand im Osten, der andere im Süden. Diese beiden Geschichten finden nun Eingang in unser Evangelium.
Kyle fragte, ob Lukas Zugang zu einer dieser Geschichten hatte. Darin finden sich mehrere Merkmale, die in Lukas‘ speziellem Material zu finden sind. Es handelt sich um Material, von dem wir wissen, dass er es verwendet hat, das er aber nicht selbst geschrieben hat und das als L bezeichnet wird. Er spricht von namenlosen Frauen, die sich in einer schwierigeren Lage befinden. Lukas selbst vermeidet schlicht die historische Präsenz; das heißt, er verwendet etwas im Präsens, wenn er erzählt. Zum Beispiel in Johannes 4: „Jesus sagt zu der Frau, und die Frau sagt zu ihm.“ Das ist die historische Gegenwart. Im Markusevangelium finden wir 151 Verwendungen der historischen Gegenwart. Bei Matthäus sind es 80 und bei Lukas nur 13. In dieser speziellen Perikope sind es drei. Ich sagte Kyle, dass ich ein Problem mit dieser Passage habe; ich glaube nicht, dass wir es mit etwas zu tun haben, das Lukas geschrieben hätte, weil er die historische Gegenwart nicht mag. Kyle entdeckte, dass die gesamte Verwendung der historischen Gegenwart aus seinem speziellen Material stammte. Wenn Lukas also eine Form davon hatte und sie in sein Evangelium hätte aufnehmen können, das direkt nach Lukas 21,38 gestanden hätte, warum hat er sie nicht in sein veröffentlichtes Evangelium aufgenommen? Das ist eine gute Frage. Er legt besonderen Wert auf Frauen und Gottes Gnade gegenüber Frauen; warum hat er das nicht aufgenommen? Ich vermute, der Grund dafür liegt darin, dass wir es mit einer Passage zu tun haben, die in Lukas‘ Fassung weniger gehaltvoll war als in der zusammengefassten Fassung. Höchstwahrscheinlich trennten sich die Pharisäer nicht vom Ältesten zum Jüngsten. Höchstwahrscheinlich wurde diese Frau nicht beim Ehebruch ertappt, sondern bei irgendeiner Sünde. Mit ziemlicher Sicherheit schrieb Jesus etwas auf den Boden, gerade weil die Schriftgelehrten rätselten, was es war. Die Mehrdeutigkeit des Textes deutet auf seine Authentizität hin. Es gab tatsächlich eine doktrinäre Dissertation von Christopher Keith an der Universität Edinburgh, in der er argumentiert, dass diese Perikope, die in das Johannesevangelium aufgenommen wurde, zeigen sollte, dass Jesus schreiben konnte. Dies lag daran, dass der frühe christliche Glaube oft kritisiert wurde, weil er von Analphabeten bewohnt wurde, die weder lesen noch schreiben konnten. Ich denke, Keith hat damit wahrscheinlich recht.
3. Schlussfolgerung: Die Perikope der Ehebrecherin ist mit ziemlicher Sicherheit nicht authentisch. Wenn wir Markus 16 und Johannes 8, die beiden längsten Passagen mit zweifelhafter Authentizität, vergleichen, ziehen viele Johannes 8 Markus 16 vor. Vergleicht man jedoch die handschriftlichen Belege für diese beiden Passagen, insbesondere gegen die Authentizität von Markus 16, sind die Beweise gegen die Authentizität von Johannes 8 überwältigend. Zwanzig Prozent aller unserer Handschriften enthalten sie nicht. Praktisch alle bis zum 8. Jahrhundert enthalten sie nicht. Wir haben keinen patristischen Kommentar zum 12. Jahrhundert. Die Belege sind endlos. Unsere beiden ältesten Handschriften enthalten Markus 16 nicht, aber praktisch alle anderen schon. Die Belege für die Authentizität von Johannes 8 sind hier überhaupt nicht überzeugend. Bei Markus 16 ist es viel mehr. Wenn ich mich also aufgrund der Beweise für eine der beiden Passagen entscheiden müsste, wäre Markus 16 in der Bibel, Johannes 8 jedoch nicht. Vor Jahren hielt mein Pfarrer einmal eine Predigt über diese Geschichte. Ich schrieb ihm, dass ich diese Passage nicht für authentisch halte. Er stimmte mir zu und meinte, es gebe zwar Zweifel, aber es sei eine so großartige Passage, dass ich darüber predigen wollte. Ich werde beten, dass frühere Manuskripte entdeckt werden. Ich hatte früher auch diese Einstellung. Es hieß: „Verdammte Geschichte, mit Volldampf vorangegangen“; so in der Art. Hoffen wir, dass die Dinge anders sind, als wir sie kennen. Die Beweise sind so überwältigend, dass sie nicht authentisch sind, so sehr wir uns das auch wünschen. Es erinnert mich an Gibbins „ Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ . Als er das schrieb, war er ein Mann, der Christen und das Christentum nicht mochte. In seinem Buch gibt es einen Abschnitt über die Trinitätsformel, 1. Johannes 5,7. Er verunsicherte die Briten, als er sagte, diese Passage sei nicht authentisch, sie stehe nicht in den früheren Manuskripten. Das war im späten 18. Jahrhundert.
Genau das hat Ehrman mit seinem Buch „Misquoting Jesus“ und in Interviews im Radio und Fernsehen usw. getan. Fast immer verwendet er die Geschichte der beim Ehebruch ertappten Frau als erste Geschichte. Damit will er gezielt schockieren. Die Leute verstehen, wenn sie ihn das sagen hören. Es zeigt, dass sie ihre Bibeln nicht lesen. In jeder modernen Übersetzung wird man feststellen, dass diese Passage in den meisten antiken Werken fehlt. Ich finde wirklich, dass diese Passage in die Fußnoten verbannt werden sollte. Man muss diese Dinge von gläubigen Professoren hören, die sie erklären können.
Lassen Sie mich einen Epilog über die Menschwerdung und Inspiration geben. Als Christen sollten unsere Prioritäten auf Jesus liegen, doch heutzutage ist vieles durcheinander geraten. Teilweise können wir Jesus ohne die Heilige Schrift nicht verstehen. Selbst wenn die Bibel nicht inspiriert wäre, wäre sie historisch nicht wertlos. Hier ist also ein Text, von dem ich nicht glaube, dass er inspiriert ist, aber ich glaube, dass er historisch weitgehend wahr ist. Die Menschwerdung erfordert historische Forschung, doch viele evangelikale Ansichten zur Irrtumslosigkeit sprechen dagegen. Die Textkritik ist einer der Bereiche, in denen wir diese Dinge wirklich untersuchen, und sie kann uns in vielen Passagen, die wir untersucht haben, weiterhelfen. Es kann für den Einzelnen etwas schockierend sein, und dennoch versuchen wir, ehrlich mit den Beweisen umzugehen, weil wir letztendlich Christus ehren wollen. Ich möchte, dass er am Ende triumphiert. Die Beweise und die historischen Realitäten, um die es in dem Text geht, verherrlichen ihn letztlich und ehren ihn auf unvorstellbare Weise. Wir können nicht zu den Menschen gehören, die sagen: „Wir halten an dieser Textform fest, weil mir diese Verse besser gefallen.“ Das ehrt Jesus Christus nicht, und genau darum sollte es uns gehen.