https://www.bibelkommentare.de/kommentare/k-1857/eine-auslegung-des-markusevangeliums/anhang
Markus Pohl
Nachtrag: Die Entstehung und Verbreitung des Glaubens durch den erhöhten Herrn,
16,9–20
(Parallelen sind in Vorbemerkung 4 verzeichnet)
https://www.elb2023.com/neues-testament/markus/markus-kapitel-16
Mk 16,9 Als er aber früh am ersten Wochentage auferstanden war, erschien er
zuerst der Maria Magdalene, von welcher er sieben Dämonen ausgetrieben
hatte.
ersten: Joh 20,19; Apg 20,7; 1. Kor 16,2 Maria: Lu 8,2; Joh 20,11-18
Mk 16,10 Diese ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, welche trauerten und weinten.
Joh 16,20
Mk 16,11 Und als jene hörten, daß er lebe und von ihr gesehen worden sei, glaubten sie es nicht.
Lu 24,11
Mk 16,12 Nach diesem aber offenbarte er sich zweien aus ihnen in einer anderen Gestalt, während sie wandelten, als sie aufs Land gingen.
Lu 24,13-35
Mk 16,13 Und diese gingen hin und verkündeten es den übrigen; auch denen glaubten sie nicht.
Lu 16,31
Mk 16,14 Nachher, als sie zu Tische lagen, offenbarte er sich den Elfen und schalt ihren Unglauben und ihre Herzenshärtigkeit, daß sie denen, die ihn auferweckt gesehen, nicht geglaubt hatten.
Joh 20,19
Mk 16,15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in die ganze Welt und prediget das Evangelium der ganzen Schöpfung.
Röm 10,18; Kol 1,23; Jes 45,22
Mk 16,16 Wer da glaubt und getauft wird, wird errettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.
Joh 3,16; Joh 3,18; Joh 3,36; Apg 16,31; Röm 1,16
Mk 16,17 Diese Zeichen aber werden denen folgen, welche glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen<O. Zungen> reden,
Apg 2,4-11; 1. Kor 12,28
Mk 16,18 werden Schlangen aufnehmen, und wenn sie etwas Tödliches trinken, so wird es ihnen nicht schaden; Schwachen werden sie die Hände auflegen, und sie werden sich wohl befinden.
Schlang.: Lu 10,19; Apg 28,3-8
Mk 16,19 Der Herr nun wurde, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.
Rechten: Ps 110,1; Apg 7,55; Kol 3,1; Hebr 10,12
Mk 16,20 Jene aber gingen aus und predigten allenthalben, indem der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen.
1. Kor 12,11; Hebr 2,4
Adolf Pohl
Vorbemerkung
1. Handschriftenbefund.
Für diesen Abschnitt gibt es eine Überlieferung, wonach Aristion, ein Gefährte
des Apostel Johannes, ihn nach 100 verfaßt habe. Später wurden die zwölf Verse
dann dem Markusevangelium angehängt.
Heute schließen sich die meisten Bibelausgaben und Ausleger dieser Sicht an,
doch schon die Elberfelder Bibel von 1891
setzte den Abschnitt in Klammern.
Auch Fritz Rienecker, der erste Bearbeiter des Markusevangeliums in dieser Reihe
(1955), würdigte die »Schwierigkeiten« im textlichen Befund.
Wenn er dann doch unter verschiedenen Annahmen vorsichtig meinte,
an einer Abfassung auch der Verse 9–20 durch Markus - freilich zu einem späteren
Zeitpunkt - fest halten zu können, tat er es nicht, ohne ausdrücklich
einzuräumen: »… daß für unser Glaubensleben,
- wie immer die Antwort ausfallen mag - die Verse 9–20,
weil sie in unserem NT stehen, genauso wie alle anderen Verse der Schrift uns
›Wort Gottes‹ sind. Das sei an dieser Stelle deutlich gesagt« (S. 27).
Für die Urteilsbildung fällt außer Wortschatz (Vorb. 2) und Gedankenführung
(Vorb. 3) vor allem der Handschriftenbefund ins Gewicht. K. Aland hat ihn 1974
in einem Aufsatz
»Der Schluß des Markusevangeliums«
noch einmal umfassend überprüft (vgl. auch Pesch I, S. 41–44).
Wir besitzen das Buch in Teilen oder vollständig in rund 1800 griech.
Handschriften.
Sie scheinen ein eindeutiges Bild zu bieten, indem 99% von ihnen die V.9–20
enthalten.
Beim genauen Zusehen zerbricht jedoch diese Eindeutigkeit. Nach 16,8 herrscht
ausgesprochene Verwirrung, indem sechs verschiedene Formen erscheinen.
Dabei spielen drei verschiedene zusätzliche Textstücke eine Rolle, die entweder
allein oder in Kombinationen miteinander an V. 8 angehängt worden sind.
Zwei von ihnen sind nicht in unseren Kanon gelangt, nämlich der sog. »kürzere
Markus-Schluß« und das Freer-Logion.
Das dritte Stück jedoch, der sog. »lange Markus-Schluß« von V. 9–20, war so
wertvoll und gewann ein solches Ansehen, daß es sich allgemein durchsetzte, in
die Masse der mittelalterlichen Handschriften gelangte
und bis heute die kirchliche Normalform darstellt. Aber hauptsächlich vier
Gründe sprechen dafür, daß das Markusevangelium zunächst ohne jedes dieser drei
Stücke verbreitet wurde:
a) Ausgerechnet unsere beiden ältesten vollständigen Handschriften (Codex
Vaticanus und Sinaiticus aus dem 4. Jh.) enden nach 16,8 mit einem
ausdrücklichen Schlußzeichen.
Da es sich um offizielle Kirchenbibeln handelt, lassen sie sich nicht als
Außenseiter abtun.
Man hat schon vermutet, die beiden Abschreiber hätten die zwölf Verse
absichtlich fortfallen lassen, weil ihnen der Hinweis auf die mitfolgenden
Zeichen in V. 17–18 und 20 unbequem war.
Aber wozu dann schon ab V. 9 streichen? Und hätten sie dann nicht im NT noch
viel mehr streichen müssen?
b) Der zu Beginn des 4. Jhs. schreibende "Kirchenvater",,, Euseb
bestätigt: »Dieser Abschnitt findet sich nicht in allen Handschriften des
Markusevangeliums; die genauen Handschriften schließen
dies Evangelium ab …; an dieser Stelle des Textes steht in fast allen
Handschriften des Markusevangeliums der Vermerk: Ende.
Was weiter geschrieben ist, findet sich nur selten in einigen, aber nicht in
allen.
« Hundert Jahre später schreibt der Kirchen"vater"... Hieronymus, den
Augustin den damals weitaus besten Kenner der Handschriften nannte, zu V. 9–20:
»Diese Stelle findet sich in wenigen Exemplaren, und fast alle griechischen
Handschriften enthalten diesen Schluß nicht« (Zitate bei Rienecker, S. 26f).
Beide Kirchenväter kennen also V. 9–20 sehr wohl, stehen aber noch vor
umgekehrten Mehrheitsverhältnissen wie wir.
Erst vom 5. Jh. an bekommen V. 9–20 das Übergewicht.
Trotzdem bringen auch dann noch viele Handschriften die Verse ausdrücklich als
Nachtrag, von V. 8 abgetrennt durch ein Sternchen oder Zeichen, oft auch durch
eine Zwischenbemerkung,
wonach andere Handschriften an dieser Stelle das Buch beendet hätten.
c) Zahlreiche alte Übersetzungen (altlateinische, syrische, armenische,
georgische und koptische) beenden das Evangelium ebenfalls schon bei 16,8 - eine
Bestätigung,
daß der Sinaiticus und der Vaticanus einmal die vorherrschende Textform
vertraten.
d) Schließlich besitzen wir sogar eine Stütze für den Schluß bei 16,8 aus dem 1.
Jh., nämlich Matthäus und Lukas.
Beide haben das Markusevangelium bis 16,8 benutzt und stimmen darum bis
hierher im Aufbau überein.
Von da ab gehen ihre Berichte auseinander, ein Hinweis darauf, daß ihr
Markusevangelium noch bei 16,8 endete.
Unter diesen Umständen müssen wir uns nicht an den bunten Spekulationen über
einen »Abbruch« nach 16,8 beteiligen (durch Tod, Krankheit, Verfolgung,
Arkandisziplin,
zufälligen Blattverlust, absichtliche Entfernung einer anstößigen Fortsetzung).
2. Wortschatz. Untersuchungen Morgenthalers (S. 58f) bestätigen den
Handschriftenbefund eindrucksvoll.
Von den 92 in V.9–20 verwendeten Vokabeln zählt nicht eine einzige zu den
Vorzugswörtern des Markus, dagegen erscheinen 16 von ihnen sonst überhaupt nicht
bei ihm.
Die Anmerkungen zur Übersetzung bringen Beispiele.
Die zwölf Verse haben nicht einen einzigen Satzanfang mit »und«, wie es für
Markus so typisch ist, aber gleich sechsmal mit »aber«, wie es für ihn selten
ist.
3. Neueinsatz. Wenn V. 8 als befriedigender Schluß einleuchtete, machte sich
auch keine Fortsetzung im strengen Sinn notwendig. Tatsächlich liegt eine solche
auch mit V. 9–20 nicht vor.
Ohne den Faden von V. 8 aufzunehmen, beginnt V. 9 noch einmal mit einem bereits
zurückliegenden Zeitpunkt (vgl. V. 2).
Maria wird identifiziert, als ob sie eine neu auftretende Gestalt wäre.
V. 11 setzt voraus, daß sie Jesus gesehen habe, was der Abschnitt V. 1–8 aber
nicht berichtet hat. Obwohl doch in V. 7 mehrere Frauen mit dem Osterzeugnis
betraut wurden, beschäftigt jetzt nur die Meldung der Maria.
Was der Leser dagegen nach V. 8 erwarten kann, nämlich eine Erscheinung in
Galiläa, kommt nicht.
So fehlt die direkte Verbindung der zwölf Verse mit V. 1–8. Sie existierten
unabhängig, wurden aber hier angefügt, weil man von ihrer Nützlichkeit überzeugt
war (s. zu V. 8 am Ende).
4. Selbständigkeit. Längst hat man entdeckt, daß sich unser Abschnitt mit den
Osterabschnitten der anderen Evangelien berührt:
V.9–11: Lk 24,9–11; Joh 20,1.11–20
V. 12–13: Lk 24,13–35
V.14: Lk 24,36–43; Apg 1,4
V. 15–16: Lk 24,47; Mt 28,18–19
V.19: Lk 9,51; 24,51; Apg 1,2.9–11.22
Allerdings ergibt der Vergleich, daß der Verfasser nicht etwa den Stoff der drei
anderen Evangelien zusammenstückelte, wie man später Evangelien-Harmonien
herstellte (gegen Schniewind und Schweizer, mit Pesch II, S. 544f).
Sonst könnte man die Verse als dürftige Wiederholung streichen. Der
Missionsbefehl V. 15f zeigt aber gegenüber Mt 28,19 durchaus eigene
Gesichtspunkte.
Bei Matthäus tritt die eigentliche Evangeliumsverkündigung zurück hinter ihrem
Ziel, nämlich Menschen aus allen Völkern zu gewinnen und in das Volk Gottes
einzufügen.
Bei Markus trägt der Auftrag zum Predigen und die Antwort des Hörers samt
ihren ewigen Folgen das Gewicht. Taufanweisung wie Taufvollzug für die
Glaubenden werden vorausgesetzt, nicht ausdrücklich genannt.
Offenbar verfügte der Verfasser von Mk 16,9–20 über einen selbständigen Zugang
zur apostolischen Jesusüberlieferung. Wie Paulus unabhängig von den Evangelien,
die ja damals noch nicht geschrieben waren,
evangelienartige Stükke besaß (z.B. 1Kor 11,23–25; 15,3–7), gab es das
offensichtlich auch noch nach ihrer Abfassung.
Bis ins 2. Jh. lief alte Jesus-Überlieferung neben den großen Sammelwerken
weiter und hatte auch noch Zusätzliches zu bieten. Solch einen Beitrag von
eigenem Wert haben wir hier vor uns. Leider wurde dieser Eigenwert nicht immer
erkannt.
P. Wendland konnte hier von einem »dürftigen Auszug« aus den anderen Evangelien
sprechen (Urchristliche Literaturformen, S. 216). M. Barth fand, unser Abschnitt
sei »unmöglich für … gleichrangig mit den anderen neutestamentlichen
Berichten über die Erscheinungen Jesu Christi zu halten« (Augenzeuge, S. 165).
Auch Schlatter meinte: »Es steht nicht mehr ganz auf derselben Höhe wie das, was
uns Matthäus und Markus erzählen« (Erläuterungen, S. 128). Die Auslegung muß
zeigen, ob diese Urteile stimmen.
5. Anliegen. Schon das Stichwort »Glaube« in seinen Abwandlungen (siebenmal in
V. 11.13.14.16.17) vermittelt einen geschlossenen Eindruck und verrät ein
leitendes Motiv. Zielbewußt wirkt auch der Aufbau.
Zunächst werden in gedrängter Form drei Erscheinungen aufgezählt (V. 9–14).
Dabei liegt das Interesse bei der Reaktion der Jünger: »zuerst« V. 9, »danach«
V. 12, »später« V. 14. Ihr Unglaube steigert sich ins Hoffnungslose,
ob nun zuerst ein Mensch den Herrn sehen darf oder danach zwei oder dann sie
alle, ob er in der einen oder anderen Gestalt erscheint. In der Tat sollen sie
etwas Unglaubliches glauben.
Nicht zum Kopfschütteln wird hier etwas erzählt, sondern um deutlich zu machen,
daß Glaube auf das Wirken des Herrn selbst zurückgeht. In ausführlicher Rede und
als Höhepunkt ergeht dann an
die zurechtgebrachten Jünger der Missionsbefehl (V. 15–19). Ein Blick auf die
anschließende Mission bis in die Gegenwart des Verfassers rundet das Stück ab
(V. 20).
Hier ist nichts zusammenhanglos (gegen Schmid, S. 311).
Das Grundanliegen deckt sich etwa mit dem, was Lukas mit seiner
Apostelgeschichte in großem Stil zur Ausführung gebracht hat.
Es ist ein Doppeltes. Zunächst soll der Ursprung der christlichen Mission in der
Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt, also beim Auferstandenen selbst
begriffen werden.
Mission ist ernstgenommenes Ostern. Zum anderen handelt es sich beim Vollzug der
Mission um das Weiterwirken des Auferstandenen durch seine Jünger in der ganzen
Welt bis heute.
Wer das Markusevangelium durchgelesen hat, soll nun endgültig begreifen, daß er
nicht in ferngerückte Geschichte hineinschaute, sondern ein Angebot empfing,
selber diese Geschichte mitzuerleben.
[9] Auferstanden aber früh am ersten (Tag) der Woche, erschien er zuerst der
Maria, der aus Magdala. Im Unterschied zu V. 1 tritt für sie ein Merkmal hinzu:
von der er ausgetrieben hatte sieben Dämonen.
Sieben Dämonen - das war der Gipfel der Knechtschaft (vgl. Mt 12,45). Sicher hat
hier die Erinnerung an ihre Befreiung ihren Sinn.
Noch an seinem Grabe war die Entdämonisierte zu finden. Als unauslöschlich
dankbarer Mensch wurde sie Erstzeugin des Durchbrechers aller Banden. Freilich
war sie »nur« eine Frau, deren Aussage damals schnell
als »leeres Geschwätz« abgetan wurde (Lk 24,11). Trotzdem behielt sie, wie
die Osterüberlieferung zeigt, innergemeindlich einen wichtigen Platz. Anders lag
es in der Mission.
Dort mußten männliche Zeugen aufgeboten werden. Eine Liste, in der Petrus als
Erstzeuge fungiert, haben wir 1Kor 15,5–8.
[10] Jene ging und verkündete (es) denen, (die) mit ihm (gewesen waren). Auch
die Empfänger werden durch eine Erinnerung an früher gekennzeichnet. Ihr
»Mit-Ihm-Sein« macht ihre Schicksalsgemeinschaft mit Jesus bewußt (s. zu 3,14).
Daß es gerade hier aufklingt und solchen Männern gilt, die ihrerseits dieses
Mit-Ihm-Sein aufgekündigt hatten (14,50.67ff), signalisiert Verheißung. Jesu
Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen (Röm 11,29),
ja durch seine Auferstehung sind sie mitauferstanden. Nur daß die Jünger das
noch nicht ahnten. Noch betrauerten sie den Lebenden wie einen Toten, saßen an
Ostern wie in einem Totenhaus und klagten und weinten.
[11] Und jene, als sie hörten, er lebe und sei gesehen worden von ihr,
verweigerten sie den Glauben. Später werden sie an anderen erfahren haben, wie
stumpf Menschen unter dem göttlichen Wort bleiben können.
Aber diese Enttäuschung wird sie dann nicht sofort von ihren Hörern getrennt
haben, hatte die gleiche Erfahrung doch auch Jesus nicht von ihnen selbst
getrennt. Sie löste nur einen zweiten und dritten Anlauf aus:
[12/13] Danach offenbarte er sich zweien von ihnen, die unterwegs waren, in
einer anderen Gestalt, als sie aufs Land gingen. Diesmal erscheint er nicht als
Gärtner, sondern als Wanderer, und nicht vor einer Frau, sondern vor zwei
Männern.
Die als bekannt vorausgesetzte Geschichte wird hier nur unter einem bestimmten
Blickwinkel betrachtet. Auch sie führte nämlich nur zum Refrain der Skepsis. Und
jene gingen weg und verkündeten (es) den übrigen.
Und auch jenen glaubten sie nicht. Der antike Mensch war wohl doch nicht so
leichtgläubig, wie man ihn heute gern hinstellt. Die Jünger benahmen sich
durchaus modern.
[14] Zuletzt offenbarte er sich den (zu Tische) liegenden Elfen. Das »zuletzt«
macht ein Abschiedsmahl bewußt. V.15 führt dann nahtlos zum Vermächtnis Jesu an
seine Jünger über.
Zugleich ging es um ein Versöhnungsmahl, denn der Hinweis auf seine
Selbstoffenbarung setzt voraus, daß er zunächst auf ihre Verstockung stieß. Ihr
Unglaube überlebte eben alles:
das Zeugnis der Frau wie das der beiden Männer und anfänglich auch die
Erscheinung des Herrn selbst (vgl. Mt 28,16; Joh 20,27). Erscheinungen an sich
sind nämlich noch kein untrügliches Mittel zur Glaubenserweckung.
Glaube ist nicht schon das Überzeugtsein von Sachverhalten, sondern persönliche
Begegnung mit dem gnädigen Herrn.
So ruft der Herr die Maria beim Namen (Joh 20,16),
reicht den Emmausjüngern das Brot (Lk 24,30)
und redet die Elf an (Mt 28,18).
Niemand - und wenn er noch so dicht umgeben ist von einer Wolke von Zeugen und
Wundern - glaubt an den Auferstandenen, ohne selbst ein Auferweckter zu werden.
"Ostern" ... glaubt man letztlich nur durch persönlich erfahrenes
"Ostern".....
Hier geschieht es durch zurechtbringendes Schelten des Herrn (oneidizein,
während Markus sonst dafür epitiman hat; s. zu 1,25).
Und er schalt ihren Unglauben und (ihre) Herzenshärte, daß sie denen, die ihn
gesehen hatten als Auferweckten, nicht geglaubt hatten. Menschliches Schelten
ist meist Zeichen der Ohnmacht. Jesu Schelten gehört zu seiner göttlichen
Vollmacht. In ihm bricht sich die Wirklichkeit Gottes Bahn. Es deckt die
Bollwerke des Unglaubens und der Herzenshärte (s. zu 10,5) auf, stellt sie unter
Gottes Urteil und entmachtet sie so. Es kommt zu einer Freigabe des Heiligen
Geistes.
[15] Der Bericht wird ausführlicher und geht in wörtliche Rede über. Und er
sagte ihnen: Geht in die gesamte Welt und verkündigt das Evangelium der ganzen
Schöpfung.
Jesus umschreibt unser Wort »Mission«, für das im NT noch eine
Entsprechung fehlt, durch »gehen und verkündigen«. Die Verkündigung könnte auch
unermüdlich im Kreis der Altgläubigen zirkulieren.
Doch dieser Zirkel ist durch
"Karfreitag"... und "Ostern".... grundsätzlich aufgebrochen.
Der Gekreuzigte hat eine
Beziehung Gottes zu den »Vielen« hergestellt und der Auferstandene zur »gesamten
Welt«. Er hat jetzt eine Vollmacht empfangen,
die die des irdischen Jesus
übertrifft (Mt 28,18; Apg 2,36; Phil 2,9ff). Sie bringt die Jünger auf die Beine
und zum Reden vor fremden Menschen.
Dabei fehlt jede Rachetendenz. »Evangelium« ist Frohbotschaft, nicht
Drohbotschaft (s. zu 1,1).
Schon der irdische Jesus war Gottes
entgegengestreckte Friedenshand. Sie wurde blutig geschlagen und zurückgestoßen.
Doch der von den Toten Auferweckte ist nun die von Narben bedeckte
Versöhnungshand,
die Gott abermals in seine abgefallene Schöpfung hineinhält. Er
zieht sie nirgendwo und nirgendwann zurück, »bis an das Ende des Zeitalters« (Mt
28,20).
Nach Röm 10,21 streckt er sie »den ganzen Tag« aus, also die gesamte
Heilszeit. Eine im Banne Satans liegende Welt soll erfahren, daß sie einen
unsagbar guten Herrn bekommen hat,
und wird ermächtigt, sich ihm unter Anrufung
seines Namens zu unterstellen (Apg 2,21).
[16] Unter der Freudenbotschaft wird Menschsein und werden menschliche Regungen
erschreckend belangvoll. Der Hörer steht augenblicklich zwischen Tod und Leben.
Jesus zögert nicht, auch negative Entscheidungen ins Auge zu fassen. Wer da
glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden, wer aber den Glauben
verweigert, wird verurteilt werden.
Das NT kann Rettung auf das Heute beziehen
(Lk 19,9; 2Kor 6,2), aber an unserer Stelle legt die Zukunftsform und die
Gegenüberstellung zur Verurteilung den Gedanken an die Rettung
»vor dem
zukünftigen Zorn« nahe (1Thes 1,10).
Für Hörer der Freudenbotschaft ist das Eingehen in die vollendete
Gottesherrschaft vom Glauben abhängig. Was Glaube oder Unglaube ist, hat hier
der Zusammenhang reich entfaltet.
Ungläubig ist der Mensch, der sich an Ostern
noch vorösterlich benimmt (V. 10); der sich vor dem lebendigen Zeugnis
verschließt und in das Feld der Redensarten ausweicht (V. 11.13);
der, während
ihn die Freudenbotschaft umspült wie das Meer, seine Herzenshärte durchhält (V.
14). Gläubigwerden dagegen heißt, sich auf die Freudenbotschaft einzulassen und
- wie hier beiläufig
vorausgesetzt wird - sich auf diese Botschaft öffentlich
festzulegen und sich taufen zu lassen. Wer immer zum Glauben kommt, kommt auch
zur Taufe, wie es auch bei dem, der den Glauben verweigert,
olgerichtig nicht
zur Taufe kommt. Darum kann die Erwähnung der Taufe im zweiten Halbvers fehlen.
Angesichts der relativen Unbetontheit der Taufe liefert diese Stelle wirklich
keine Grundlage für die Sicht Lohmeyers (S. 363), wonach die Taufe eine
gottgesandte »Retterin« sei.
Die direkten Begriffsverknüpfungen lauten nicht
»Taufe und Rettung«, sondern »Glaube und Rettung«, bzw. »Unglaube und
Verurteilung«. Die Taufe ist dabei dem Glauben zugeordnet.
Sie ist unzweideutig
Glaubenstaufe. Der Glaube könnte ja Herzensgeheimnis bleiben oder in
bürgerlicher Privatisiertheit versinken. Aber nach Gottes Geheiß und unter dem
Beistand des Heiligen Geistes
bricht er in der Taufe nach außen, wird
öffentlich, verbindlich und gemeindlich (Mt 28,19). Wer Taufe sagt, sagt
Gemeinde. Wie wenig der Gedanke hier eingetragen ist, wird die Fortsetzung
zeigen.
[17] Die Beschreibung der Gemeinschaft der »Glaubenden« beginnt. Keinesfalls
hatte der Herr nur die erste Generation im Auge, vielmehr nach V. 16 alle
Getauften. (An) Zeichen aber werden den
Glaubenden mitfolgen. Sie sind nicht an
Ämter gebunden, sondern
erstens an den Glauben, der Gott Gott sein läßt (s. zu
5,36; 9,23; 11,22f).
Zweitens gehören sie in den Zusammenhang der Mission, denn
daß sie »mitfolgen« setzt ja das Unterwegssein der Jünger zur Ausbreitung des
Evangeliums voraus.
Nach V. 20 bekräftigen die Zeichen das missionarische Wort,
so daß dieses nicht als nackte Theorie, als steife Behauptung zu den Menschen
kommt.
Für Paulus war es unverzichtbar, daß seine Worte gedeckt waren »durch
Kraft von Wundern und Zeichen, in der Macht des Geistes« (Röm 15,18).
Den
Korinthern, die sein Apostelamt in Frage stellten, hielt er vor, daß unter
seinem Dienst »eines Apostels Zeichen« geschehen seien (1Kor 12,12; vgl. Hebr
2,4).
Nicht an zwingende Beweise ist gedacht; Zeichen lassen sich auch immer
mißdeuten (3,22), aber der Erhöhte legitimiert das Auftreten seiner Boten durch
Achtungszeichen.
Die fünf im folgenden aufgezählten Beispiele sind besonders durch die
Apostelgeschichte gedeckt. Dämonenaustreibungen finden sich dort
5,16; 8,7;
16,16ff; Sprachenrede 2,1–11; 10,46; 19,6; Schlangenwunder 28,3–6 und
Krankenheilungen 3,1–10; 4,30; 5,12.15; 9,12.17.33f.29ff; 14,8ff; 16,11; 16,8f.
Lediglich für die Bewahrung vor tödlichem Gift fehlt ein Beleg.
An der Spitze steht ein Zeichen, daß auch im Markusevangelium großes Gewicht hat
(1,34.39; 3,11.15; 6,7.13; 9,38):
In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben.
Der österliche Herrschaftswechsel, den die Glaubenden ausrufen, gefällt den
bisherigen Herren nicht.
Ihr Unwille kann sich auch im laut herausgebrüllten
Widerstand bemerkbar machen. Aber der Name Jesu bringt ihn zum Schweigen.
Zweitens werden sie mit neuen Sprachen reden. Das NT sagt gewöhnlich in Kurzform
»in Sprachen reden«, einmal in Langform »in anderen Sprachen reden« (Apg 2,4)
und einmal
»in fremden Sprachen« reden (1Kor 14,21), hier nun erhellend »in
neuen Sprachen reden«.
Sollte wirklich an das Überwechseln in eine der alten
Weltsprachen gedacht sein, die nur für den Betreffenden subjektiv neu sind, weil
er sie bisher noch nicht kannte?
Wahrscheinlicher gehört der Ausdruck »neue
Sprachen« zu Wendungen wie »neuer Bund, neue Schöpfung, neuer Himmel, neue Erde,
neues Jerusalem, neues Lied und neuer Name«.
Als ein Stück Neuschöpfung sind sie
der babylonischen Sprachverwirrung ferngerückt, sind »Sprache der Engel« mit
Gott (1Kor 13,1). Freilich darf man mit verschiedenen Ausprägungen rechnen,
gibt
es doch nach 1Kor 12,10 mehrere »Arten von Sprachen«. In der Mission können sie
zum Gerichts- oder Warnzeichen werden (1Kor 14,22).
[18] Schlangen werden sie aufheben. Buchstäbliche Erfüllungen haben wir in Apg
28,3–6 und in der neuzeitlichen Missionsgeschichte (z.B. E. Seiler, Wunderbar
sind seine Wege,
Verlag der Liebenzeller Mission, 1970, S. 7ff). Außerdem
versinnbildlicht »Schreiten über Schlangen und Skorpione« schon im AT die
Unterwerfung der bösen Mächte.
Diesem Verständnis steht auch Lk 10,19 nahe. Der
Mensch herrscht wieder über die Tiere (1Mo 1,26.28; Jes 11,8). Wiederherstellung
von Schöpfung und Menschenbild kündigt sich an.
Und wenn sie trinken werden etwas Tödliches, wird es ihnen nicht schaden. Der
Nachsatz führt zu Offb 11,4–7, wo der Zeugengemeinde Unantastbarkeit verheißen
wird, ebenfalls auf
die Zeit ihres Zeugnisses bezogen. Niemand soll ihren Dienst
auch nur um einen Tag verkürzen können. Auch nach Mt 6,25–34 garantiert Jesus
die irdische Existenz seiner Boten bis in Kleinigkeiten hinein.
Nach Joh 17,15
erbittet er für sie Bewahrungswunder, und das alles im Blick darauf, daß sie am
ersten nach der Herrschaft Gottes trachten und ihrer Sendung leben.
Auf Kranke werden sie die Hände auflegen, und sie werden sich Wohlbefinden. Wie
bei ihrem Herrn gilt Handauflegung auch für sie nicht als Mittel der
Kraftübertragung (s. zu 7,32),
sondern ist Segensund Fürbittengebärde.
Die Zeichen sind nicht beliebige Kunststückchen, sondern gehören zur Sache.
Darum darf die Aufzählung zwar ergänzt, aber nicht grundsätzlich umgedeutet
werden, etwa moralistisch:
Wir besäßen ja in unseren Taten der Liebe, des
Friedens und der Gerechtigkeit viel bessere Bekräftigungen des Wortes (z.B.
Marti). Oder spiritualistisch, indem die viel größeren inneren Wunder ins Feld
geführt werden:
Jemand kann Gott seine ganze Liebe glauben. Er empfängt
Gewißheit der Vergebung und kann seinem Nächsten verzeihen. Er erlebt Friede und
Freude im Leid.
Albert Schweitzer steuerte einen geschichtsphilosophischen
Gesichtspunkt bei (in: Allerlei Festfreuden II, bei H.-H. Jenssen, Evangelische
Predigtmeditationen 1976/77, S. 204):
Mit den Geistwirkungen verhalte es sich
ganz ähnlich wie mit einem Fluß. In der Nähe seiner Quellen rauscht er lebhaft
und laut dahin, sprüht Gischt und Schaum, aber hat noch wenig Kraft.
Weiter
unten fließt er ruhig und scheinbar träge dahin, trägt aber große Lasten, birgt
einen Fischreichtum und treibt Kraftwerke an. So hätten zwar die erregenden
Wunder der Urchristenheit nachgelassen,
alles gehe inzwischen in den geordneten
Bahnen kirchlichen Lebens, dafür aber habe der von Christus ausgehende
Liebesstrom - und die Liebe sei doch das Größte! -
im Laufe der
Kirchengeschichte so an Breite und Kraft zugenommen, daß kein Grund mehr
bestehe, sich zu den Anfängen zurückzusehnen. -
So blauäugig können wir die
Entwicklung am Ende des 20. Jhs. nicht mehr sehen.
Zur Einordnung des Textes noch fünf Gesichtspunkte:
1. Zeichen sind nicht die Sache selbst, sondern bilden nach V. 17 und 20 deren
Begleitung, wie etwa bei einem Staatsbesuch die Staatskarosse von Kradfahrern
begleitet wird.
Aber um dieser Sache willen hat das Fehlen von Zeichen als
Mangel zu gelten (vgl. 1Kor 14,24; Lk 7,18–23).
2. Es gibt im außerchristlichen Bereich die gleichen oder ähnliche Erscheinungen
(9,38f), so daß solche Zeichen nicht ungeprüft als Beweis für
Christuszugehörigkeit und -Vollmacht dienen können.
3. Nach 6,5; 8,10–13 und 15,31–32 müssen Zeichen je und je legitim verweigert
werden.
4. Die ntl. Charismen-Listen decken sich nicht, sondern weisen nach Länge,
Inhalt und Begrifflichkeit Unterschiede auf (Röm 12,7–8; 1Kor 12,8–10.28–30; Eph
4,11; Hebr 2,4; 1Petr 4,11 und Mk 16,17–18).
Das Bild ist notwendig bunt, weil
die Situationen wechseln. Darum folge man nicht der Verlockung zu willkürlich
herausgegriffenen Gaben. Wir gehen nicht auf die charismatische Spielwiese,
wo
die Kette der Charismen zur eigenen und zur gegenseitigen Freude abgeturnt wird.
Auch lassen wir uns kein Zeichen-Soll auferlegen, das unabhängig von konkreten
Bedürfnissen zu erfüllen wäre.
5. Die Stelle von den Apostelzeichen in 2Kor 12,12 ist mit einer auffälligen
Beifügung versehen: Paulus tat sie »in aller Geduld«. Das scheint nicht zu
passen. Wer Vollmacht hat, braucht sich doch nicht mehr zu gedulden!
Aber Ungeduld ist gerade das Zeichen der falschen Propheten, ist Art weltlicher
Herren. Geduld dagegen ist Art unseres Herrn. Jesus erduldete unter Verzicht auf
Erhörung,
auf Freude und unter Einwilligung in Schande und Verkennung das Kreuz
(Hebr 12,12; vgl. 1Petr 2,20f). Auch für Paulus verband sich Vollmacht mit den
Insignien der Niedrigkeit Jesu. Seine Vollmacht kam seinem eigenen
Selbstbefinden,
seinem Selbstgefühl, seinem Ansehen und Aussehen nicht zugute. Es wiederholte
sich bei ihm Mk 15,31: »Anderen hat er geholfen, und sich selbst kann er nicht
helfen« (vgl. 2Kor 4,12).
Jeder, der im Blick auf die apostolischen Zeichen vom Wunsch entzündet ist: »Ich
auch!« (Apg 8,19) mag diese Zusammenhänge bedenken.
[19] Der Herr Jesus wurde also, nachdem er zu ihnen geredet hatte, aufgenommen
in den Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. »Die Rabbinen machten einen
bedeutenden Unterschied zwischen dem Sitzen und Stehen im Himmel.
Im Himmel sitzt nur Gott allein, zum Zeichen seiner Herrschaft und Gottheit.
Alle übrigen aber stehen … Wenn neben Gott noch jemand als sitzend angesehen
wird, entsteht die Gefahr des Dualismus und damit der Häresie« (Bietenhard, S.
71).
Demgegenüber spricht das NT über zwanzigmal vom Sitzen Jesu zur Rechten Gottes
(nach Ps 110,1). Er ist weit über die Engel erhöht. Als rechte Hand Gottes ist
er dessen Handlungsbevollmächtigter bei der Durchsetzung seiner Ziele.
So hat sich Jesus mit diesem Sich-Setzen durchaus nicht zur Ruhe gesetzt. Wie
der nächste Vers hervorhebt, beginnt sein Wirken in Großformat.
Die »Himmelfahrt« ruft Weltbildprobleme wach. Aber welches Weltbild überhaupt
ist tauglich, den Schöpfer der Welten zu fassen? Die Zeugen der Bibel haben als
Gottesmenschen immer ein Gespür bewiesen,
daß Gott den Rahmen ihrer weltbildlichen Vorstellungen weit hinter sich läßt.
Insofern ist der Wechsel der Weltbilder im Lauf der Epochen für den
Gottesglauben unerheblich und sollte auch nicht hochgespielt werden.
[20] Jene aber gingen hinaus und verkündeten (das Evangelium), wobei der Herr
mitwirkte und das Wort bekräftigte durch nachfolgende Zeichen. Zu den
Einzelheiten dieses Satzes s. zu V. 17f.
Wir fühlen uns an die Anlage der Apostelgeschichte erinnert (Vorb. 5 am Schluß).
Die weitere Missionsgeschichte ist eine Art verlängerte, nicht abreißende
Jesusgeschichte.
Der erhöhte Herr geht der Gemeinde der Glaubenden voran, steht hinter ihr und
wirkt in ihrer Mitte. Er hat alle Vollmacht im Himmel und auf Erden. Er wird
auch zu allen Dingen das Schlußwort sprechen.
Adolf Pohl, Das Evangelium des Markus, Wuppertaler Studienbibel (Holzgerlingen:
SCM R. Brockhaus, 2018), 586–597.
Übersicht über den sogenannten 'Markusschluss' (Markus 16,9–20), mit Fokus auf:
Erkenntnisse der christlichen Forschung über die Inspiration oder Hinzufügung dieses Abschnitts.
Innere (stilistische, thematische) und äußere (manuskriptliche, patristische) Beweise für oder gegen seine Originalität.
Die theologischen und bibelauslegerischen Konsequenzen, falls es sich um eine spätere Hinzufügung handelt.
Ich werde Perspektiven aus historisch-kritischer Forschung, konservativ-evangelikaler Auslegung und gegebenenfalls kirchlicher Lehre berücksichtigen. Ich melde mich bald mit den Ergebnissen.
Die sogenannten „längeren Schlussverse“ im Markus-Evangelium (Markus 16,9-20)
geben seit langem Anlass zu Diskussionen. Viele moderne Bibelausgaben markieren
diesen Abschnitt mit dem Hinweis,
dass er in den ältesten Handschriften fehlt.
Die zentrale Frage lautet: Gehören diese Verse zum von Markus inspiriert
verfassten Original-Evangelium, oder wurden sie später von anderen hinzugefügt?
Die christliche Forschung – insbesondere die Textkritik und
bibelwissenschaftliche Untersuchungen – hat dazu umfangreiche Erkenntnisse
zusammengetragen. Im Folgenden werden äußere Beweise
(Handschriften und historische Zeugnisse) sowie innere Beweise
(sprachliche und inhaltliche Merkmale) für die Originalität oder eine mögliche
Hinzufügung von Markus 16,9-20 dargelegt.
Abschließend wird erläutert, welche
Folgen für die Bibelauslegung sich ergeben würden, falls es
sich tatsächlich um einen späteren Zusatz handelt.
Früheste Handschriften:
Die ältesten erhaltenen
griechischen Codices des Neuen Testaments (z.B. Codex Sinaiticus und Codex
Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert) brechen beim
Markusevangelium mit
Vers 16,8 ab – sie enthalten Markus 16,9-20 nicht. Auch einige alte
Übersetzungen (eine altlateinische Handschrift, die syro-sinaitische
Übersetzung usw.) enden an dieser Stelle. In einer Reihe späterer
Handschriften, die den Abschnitt zwar enthalten, finden sich außerdem
Marginalnotizen oder kritische Zeichen (Asteriske/Obeli), welche auf Zweifel
an der Echtheit hinweisen. Diese Fakten deuten darauf hin, dass der
„Markusschluss“ in der frühesten Überlieferung nicht einheitlich vorhanden
war.
Zeugnisse der Kirchenväter:
Mehrere frühchristliche
Gelehrte bemerkten bereits, dass viele Kopien des Markusevangeliums dort
endeten, wo die Frauen vom leeren Grab flohen. Eusebius von Caesarea (um
300 n.Chr.) schrieb z.B., dass „genaue Abschriften [des Markus] den
Bericht mit 16,8 abschließen“. Hieronymus und andere übernahmen diese
Aussage und betonten, die „Mehrheit der Handschriften“ ende an Vers 8. Der
Kirchenvater Hesychius von Jerusalem (5. Jh.) bestätigte ebenfalls, die
„genaueren Abschriften“ hätten keinen weiteren Text nach 16,8. –
Andererseits kennen einige Kirchenväter des 2. Jahrhunderts bereits die
langen Schlussverse: Irenäus von Lyon zitierte um 180 n.Chr. Markus 16,19
ausdrücklich als Schriftwort. Wahrscheinlich waren auch Justin der Märtyrer
und der Diatessaron-Harmonisator Tatian mit diesen Versen vertraut. Dies
belegt, dass bereits sehr früh viele Christen
Markus 16,9-20 als Teil des Evangeliums betrachteten, während gleichzeitig
namhafte Autoritäten auf eine breite Texttradition ohne diesen Abschnitt
hinwiesen.
Mehrheit der Handschriften:
Betrachtet man den
Gesamtbefund aller erhaltenen Manuskripte, ist der lange Markus-Schluss in
über 99 % der Zeugnisse enthalten. Über 1600 griechische
Handschriften sowie die meisten alten Übersetzungen (Latein, Syrisch,
Koptisch u.a.) überliefern Markus 16,9-20 vollständig. Allerdings weisen
einige davon Besonderheiten auf. So kennt der altlateinische Codex Bobiensis
(4./5. Jh.) nach Vers 8 nur einen
kurzen Schluss (eine
knappe Zusammenfassung) und endet dann. Einige griechische Handschriften des
7.–9. Jh. enthalten sowohl diesen kurzen Schluss als auch die
traditionellen Verse 9-20. Eine wichtige Handschrift (Codex Washingtonensis,
5. Jh.) hat sogar eine
zusätzliche Textpassage (das
Freer-Logion) zwischen Vers 14 und 15 eingefügt, die von Jesus’ Dialog
mit den Jüngern über das Wirken Satans berichtet. Solche Varianten zeigen,
dass es in der frühen Überlieferung Unsicherheit gab: Manche Kopisten
fühlten sich offenbar veranlasst, den abrupt endenden Bericht weiterzuführen
oder einen erklärenden Hinweis einzufügen. Die Existenz mehrerer
unterschiedlicher Schlüsse in den Manuskripten legt nahe, dass
Markus 16,9-20 nicht unumstritten zum ursprünglichen Text gehörte.
Sprachstil und Wortschatz:
Der Stil der Verse 9-20
unterscheidet sich spürbar vom übrigen Markusevangelium. In diesem Abschnitt
tauchen zahlreiche griechische Wörter und Wendungen auf, die Markus sonst
nirgendwo verwendet. Zum Beispiel wird Maria Magdalena in Vers 9 mit
zusätzlichen Informationen vorgestellt („aus der Jesus sieben Dämonen
ausgetrieben hatte“), obwohl Markus sie kurz zuvor bereits erwähnt hat.
Solche Wiederholungen und der abrupt neue Anfang in Vers 9 wirken untypisch
für Markus’ sonst prägnante, flüssige Erzählweise. Forscher schließen
daraus, dass der Autor der Verse 9-20 vermutlich eine andere Person
war, die in anderem Stil schrieb. Auch Umfang und Vokabular der Schilderung
(eine schnelle Abfolge von Erscheinungen) weichen vom markinischen Erzählton
ab, der sonst detailreicher und langsamer ist. Dieser Befund stützt die
Annahme, dass es sich um einen sekundären Zusatz handelt, der nicht von
Markus selbst stammt.
Inhaltliche Abhängigkeiten:
Bei genauerem Hinsehen
erweisen sich die in Markus 16,9-20 berichteten Osterereignisse als
Kompilation bereits bekannter Überlieferungen. Die drei Abschnitte
– die Erscheinung vor Maria Magdalena, die Erscheinung vor zwei Jüngern und
der Auftrag Jesu mit Himmelfahrt (V. 9-20) – spiegeln deutlich die
Auferstehungsberichte der anderen Evangelien wider. So ähneln V. 10-13 den
Emmaus-Jüngern in Lukas 24, V. 14-18 fassen Elemente aus Lukas 24 und
Johannes 20 zusammen, und V. 15 erinnert an den Missionsbefehl aus
Matthäus 28,19-20. Dieser harmonisierende Charakter lässt vermuten, dass ein
späterer Redaktor Markus ein „rundes“ Ende geben wollte, indem er aus
anderen apostolischen Traditionen schöpfte. Die beschriebenen „Zeichen“
(Dämonenaustreibung, Zungenreden, Aufheben von Schlangen, Trinkgift ohne
Schaden) passen zwar in das Bild der frühen Kirche (vgl. z.B. Apg 2;
28,3-6), werden aber bei Markus vorher nicht angekündigt. Ihr plötzliches
Auftreten in komprimierter Form deutet darauf hin, dass diese Verse eher
eine
Zusammenfassung frühchristlicher Wundertradition
darstellen als einen organischen Bestandteil des Markustextes.
Abbruch in 16,8 und erwartete Fortsetzung:
Ein weiterer
interner Anhaltspunkt ist das abrupte Ende bei Markus 16,8 und der
Zusammenhang mit vorigen Aussagen. Markus berichtet, dass der Engel am Grab
die Frauen aufforderte, den Jüngern zu sagen, Jesus gehe ihnen nach Galiläa
voraus, „dort werdet ihr ihn sehen“ (Mk 16,7). Dieses Versprechen
knüpft an Jesu Ankündigung in Mk 14,28 an und baut die Erwartung einer
Erscheinung in Galiläa auf.
Die langen Schlussverse erfüllen diese
Galiläa-Verheißung jedoch nicht. Stattdessen zeigen sie Jesus nur
in Jerusalem bzw. ohne Ortsangabe den Jüngern erscheinend und schließlich
gen Himmel fahrend. Viele Exegeten folgern, dass ein echter Markusschluss
vermutlich von einer Begegnung in Galiläa berichtet hätte. Das Fehlen einer
solchen Erzählung in V. 9-20 und der stattdessen „offene“ Schluss in 16,8
legen nahe, dass Markus selbst hier endete. Einige Fachleute vermuten sogar,
Markus habe bewusst mit der Sprachwendung „sie fürchteten sich…“
(ἐφοβοῦντο γάρ) abgebrochen, um einen dramatischen Effekt zu erzielen. Der
Schock und das Schweigen der Frauen könnten ein literarisches Stilmittel
sein, um den Leser herauszufordern,
eigene Schritte des
Glaubens zu tun. In diesem Sinne passt das abrupte Ende zu Markus’ Theologie
(Stichwort „Messiasgeheimnis“ und Betonung des Kreuzes). Ein
späterer Herausgeber mochte dieses Ende jedoch als unvollständig oder
irritierend empfunden haben und ergänzte daher einen Schluss, der „nichts
fehlen“ lässt – inklusive Erscheinungen des Auferstandenen und
Missionsbefehl, im Einklang mit den anderen Evangelien.
Falls Markus 16,9-20 tatsächlich kein ursprünglicher Teil des Evangeliums ist, hat dies einige praktische und theologische Konsequenzen für den Umgang mit der Bibel und die Auslegung des Markustextes:
Vertrauen in den biblischen Kanon: Über viele Jahrhunderte hat die Kirche den langen Markus-Schluss als Teil der Heiligen Schrift mitüberliefert. Auch wenn die Forschung zu dem Ergebnis kommt, dass Markus ihn wahrscheinlich nicht selbst verfasste, bleibt die Passage kanonisch in dem Sinne, dass sie in praktisch allen Bibelausgaben steht – jedoch mit Warnhinweis. Christliche Leser sollten also nicht erschrecken, wenn Fußnoten auf Textunsicherheiten hinweisen. Vielmehr zeigt dieses Beispiel, dass Gott die Überlieferung seines Wortes in „irdenen Gefäßen“ (2Kor 4,7) zugelassen hat. Die Inspiration bezieht sich auf die originalen biblischen Schriften; spätere Zusätze werden zwar nicht als vom ursprünglichen Autor eingegeben betrachtet, doch wurden sie von der Gemeinde oft ehrfurchtsvoll behandelt. Die christliche Forschung empfiehlt daher, Markus 16,9-20 weiterhin abzudrucken, aber mit ehrlicher Kennzeichnung der Ungewissheit. So wird dem Text Rechnung getragen, ohne die Gemeinde zu verunsichern.
Lehre und zentrale Glaubensinhalte: Kein fundamentales
Dogma des christlichen Glaubens hängt ausschließlich von Markus 16,9-20 ab.
Alles Wesentliche, was in diesen Versen steht –
die leibliche
Auferstehung Christi, seine Erscheinungen vor Zeugen, der
Missionsbefehl, die Himmelfahrt – findet sich auch in anderen Evangelien und
im Neuen Testament. Selbst ohne diesen Abschnitt bleibt das
Markus-Evangelium theologisch vollständig: Der Sieg Jesu über Tod und Sünde
ist implizit schon ab Vers 6 (der Engel verkündet die Auferstehung) klar,
und Paulus hatte Jahrzehnte zuvor die Osterzeugnisse in 1Kor 15
festgehalten.
Falls es ein späterer Zusatz ist, sollte man
daraus keine neuen oder isolierten Lehren ableiten, die nicht anderweitig in
der Bibel bezeugt sind. Zum Beispiel werden in Markus 16,17-18 Wunderzeichen
wie das Aufheben von Schlangen oder das Trinken von Gift erwähnt –
Praktiken, die in der kirchlichen Geschichte (von extremen Randgruppen
abgesehen) nie als verbindliche Glaubensübungen galten. Auch die Aussage
„Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden“ (Mk 16,16) darf
nicht ohne Kontext absolut gesetzt werden, da die Gesamtzeugnisse der
Schrift die Erlösung an den Glauben knüpfen und die Taufe
als wichtiges Bekenntnis verstehen, jedoch nicht als magische
Heilsbedingung. Kurz gesagt:
Für die gesunde Bibelauslegung gilt
– was unzweifelhaft in Gottes Wort verankert ist, soll Lehrgrundlage sein,
während ein textlich unsicherer Abschnitt wie Mk 16,9-20 allenfalls
bestätigend, nicht aber eigenständig lehrbegründend herangezogen werden
sollte.
Auslegung des Markusevangeliums im Kontext: Erkennt man
an, dass Markus vermutlich mit 16,8 schloss, beeinflusst das die
Interpretation seines Evangeliums. Exegeten würden dann Markus’
theologischen Akzent auf den Weg Jesu ans Kreuz und die offene
Auferstehungsperspektive am Ende betonen. Der abrupt endende
Bericht (Frauen in Furcht und Schweigen) kann als literarischer Kunstgriff
verstanden werden, der den Leser in die Geschichte hineinzieht: Wie die
Frauen stehen wir staunend vor dem leeren Grab – und sind aufgerufen, selbst
glaubend weiterzugehen. In diesem Licht erscheint Markus als Evangelist,
der
die Offenbarung des Auferstandenen zwar ankündigt (durch
den Engel in 16,7), aber nicht ausführt, weil er seine Leser zur
persönlichen Antwort herausfordert.
Die angehängten Verse
ändern zwar nichts an der Tatsache der Auferstehung, aber sie verschieben
den Fokus: Mit ihnen bekommt Markus ein „Happy End“ im klassischen Sinn,
inklusive dem nachösterlichen Wirken der Jünger. Ohne sie bleibt die
Spannung bestehen, und der Schwerpunkt liegt auf dem letzten am Kreuz
gesprochenen Bekenntnis („Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“
Mk 15,39) und der Verheißung, dass Jesus lebt. Auslegungstechnisch muss
man also entscheiden, ob man Markus für sich sprechen lässt bis 16,8 oder
den traditionellen Schluss als legitime Ergänzung mit einbezieht – je
nachdem, was das Ziel der Betrachtung ist (literarische Theologie des Markus
vs. kirchliche Gesamtrezeption aller Evangelien).
Praktischer Umgang in Predigt und Lehre: In der Praxis
gehen Bibelübersetzer und Theologen heute meist so vor, dass sie
Markus 16,9-20 im Text belassen, aber klar kenntlich machen (etwa durch
eckige Klammern oder Fußnoten), dass dieser Abschnitt fraglich ist. Für
Prediger und Lehrende bedeutet das, sensibel mit dem Text umzugehen. Einige
entscheiden sich, eine Predigtreihe über Markus bei Kapitel 16,8 zu beenden
und die Thematik des langen Schlusses in einem separaten Lehrvortrag zu
erklären. Andere predigen über die Verse 9-20, weisen aber die Gemeinde auf
den Hintergrund hin. Wichtig ist,
keine Verunsicherung,
sondern Verständnis zu fördern: Gottes Wort hat uns alle nötigen Wahrheiten
an vielen Stellen mitgeteilt; wenn ein späterer Zusatz im Text überliefert
ist, mindert das nicht die Glaubwürdigkeit der Bibel, sondern zeigt, wie
sorgfältig wir mit der Überlieferung umgehen. Christen können aus
Markus 16,9-20 durchaus erbauliche Impulse ziehen – etwa die Zusage, dass
der auferstandene Herr mit seinen Jüngern wirkt (V. 20). Gleichzeitig tut
man gut daran, diesen Abschnitt „mit Vorsicht“ zu lesen. Das heißt
konkret: Er stimmt mit der apostolischen Botschaft überein und widerspricht
keiner Lehre, doch seine Autorität ist nicht auf demselben textkritischen
Fundament gesichert wie der Rest des Evangeliums. Die Maxime lautet daher:
Im Zweifel nicht streichen, aber sorgfältig erklären. So
bleibt die Heilige Schrift als Ganzes verständlich, und mögliche Zusätze
werden in ihrer Bedeutung richtig eingeordnet – zum Segen der Bibelauslegung
und zur Stärkung des Vertrauens in Gottes Wort.
Fazit: Die christliche Forschung neigt aufgrund
überwältigender Textbefunde dazu, Markus 16,9-20 als späteren Zusatz
anzusehen, der vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts entstanden
ist.
Es gibt sowohl gewichtige äußere Hinweise (fehlende
Frühzeugen, patristische Aussagen) als auch innere Indizien
(Sprachunterschiede, inhaltliche Überschneidungen), die gegen die Originalität
sprechen. Gleichzeitig ist dieser Abschnitt
aber historisch alt und
kirchlich tradiert, sodass er in unseren Bibeln steht und nicht einfach
ignoriert werden sollte. Für die Bibelauslegung bedeutet dies, dass wir Gottes
Wort treu und zugleich differenziert auslegen: Dank textkritischer Forschung
wissen wir um die Unsicherheiten – aber wir vertrauen darauf, dass uns in der
Gesamtsumme der Schrift nichts vorenthalten ist, „was wir zu unserem Heil
wissen müssen“. In diesem Sinne dürfen wir Markus 16,9-20 lesen, jedoch
immer im Bewusstsein seines speziellen Überlieferungshintergrundes und mit dem
Fokus auf den unumstrittenen Kern der biblischen Botschaft.
Quellen: Die obigen Ausführungen stützen sich auf eine
Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen und historischen Belegen, u.a.
auf textkritische Kommentare und die Nestle-Aland Ausgabe, zusammengefasst z.B.
bei Elijah Hixson, Bruce Metzger, Klaus-M. Bull sowie auf Zeugnisse
frühchristlicher Autoren (Eusebius, Hieronymus, Irenäus u.a.). Diese Quellen
dokumentieren umfassend sowohl die
Belege für einen sekundären
Markusschluss als auch den Umgang der Kirche mit diesem Text in
Vergangenheit und Gegenwart.
*-*-*-*-*-*-*-*-*-*
Alles klar. Ich recherchiere:
Ob und in welcher Form Papias von Hierapolis, Justin der Märtyrer und Irenäus den langen Schluss von Markus 16,9–20 erwähnen oder zitieren.
Den aktuellen wissenschaftlichen Konsens zur Echtheit bzw. Unechtheit dieses Abschnitts.
Die wichtigsten textkritischen, theologischen und rezeptionsgeschichtlichen Aspekte zu Markus 16,9–20.
Ich melde mich, sobald ich dir eine fundierte Übersicht geben kann.
Papias von Hierapolis (ca. 120) – In den erhaltenen
Fragmenten (via Eusebius von Cäsarea) findet sich kein explizites Zitat des
langen Markus-Schlusses. Allerdings berichtet Papias eine Wundergeschichte:
Justus Barsabbas habe tödliches Gift getrunken und dennoch keinen Schaden
erlitten – „und empfing keinen Schaden, aufgrund der Gnade des Herrn“.
Diese Erzählung erinnert stark an Mk 16,18 („wenn sie etwas Tödliches trinken,
wird es ihnen nicht schaden“). Eusebius erwähnt zwar nicht, dass Papias hier
Markus 16,18 zitiert, und die Wortwahl entspricht nicht genau dem Bibelvers.
Dennoch hält es die Forschung für möglich, dass Papias diese Stelle kannte und
als erfüllt ansah. Dieser Zusammenhang bleibt jedoch unsicher und wird
kontrovers diskutiert (möglicherweise nur eine
implizite
Anspielung, keine sichere Zitierung).
Justin der Märtyrer (ca. 150) – In Apol. I,45 beschreibt Justin, wie Gott das messianische Reich aus Jerusalem heraus ausbreitet. Er zitiert Psalm 110,2 und erklärt: „‚Er wird dir das Zepter der Macht aus Jerusalem senden‘ – das ist vorausgesagt von dem machtvollen Wort, das seine Apostel, von Jerusalem ausgehend, überall verkündigten“. Die Formulierung „die Apostel gingen von Jerusalem aus und verkündigten überall“ spiegelt Mk 16,20 wider („sie aber zogen aus und predigten überall“). Justin nennt Markus zwar nicht beim Namen, doch viele Gelehrte sehen hierin eine indirekte Referenz auf den Markus-Schluss. Bruce Metzger weist darauf hin, dass Justin fünf charakteristische Wörter aus Mk 16,20 (wenn auch in anderer Reihenfolge) verwendet. Ob Justin Mk 16,9–20 tatsächlich kannte, ist in der Forschung umstritten – die Mehrheit hält es für wahrscheinlich, aber nicht zweifelsfrei gesichert.
Irenäus von Lyon (ca. 180) – Irenäus liefert den frühesten
expliziten Beleg für den langen Markus-Schluss. In
Adversus Haereses III,10,6 zitiert er ausdrücklich den Schluss des
Markus-Evangeliums und schreibt: „Gegen Ende seines Evangeliums sagt Markus:
‚So wurde der Herr Jesus, nachdem er zu ihnen gesprochen hatte,
aufgenommen in den Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes‘“.
Irenäus führt diesen Satz eindeutig als Aussage des Evangelisten Markus an und
bezeugt damit Mk 16,19 als Teil des Markusevangeliums. Die Forschung wertet dies
als sicheres Indiz dafür, dass Mk 16,9–20 im späten 2. Jahrhundert in Umlauf und
von Irenäus als authentischer Teil des Evangeliums angesehen war. Diese
patristische Referenz gilt als
sehr starkes Zeugnis pro langer
Markus-Schluss (wenig umstritten, da eindeutig und früh).
Handschriftenlage (externe Evidenz): Die zwölf Schlussverse fehlen in den zwei ältesten vollständigen griechischen Markus-Handschriften, Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus (4. Jh.). Auch einige frühe Übersetzungen brechen bei 16,8 ab (z. B. die syrische Syriacus Sinaiticus und der altlateinische Codex Bobiensis). Eusebius (um 326) und Hieronymus (um 400) vermerken, dass “fast alle griechischen Kopien” ihres Wissens Mk 16,9–20 nicht enthielten. In manchen späteren Manuskripten, die den Abschnitt enthalten, setzten Schreiber kritische Zeichen (Asteriske, Obeli) oder Randnotizen hinzu, dass ältere Handschriften hier enden. Auch der sogenannte kurze Schluss (Conclusio brevior) – ein Alternativende von nur einem Vers – taucht in einigen Zeugen auf, teils zusammen mit 16,9–20. Gleichzeitig findet sich Mk 16,9–20 in der großen Mehrzahl der Handschriften und frühen Übersetzungen (lateinische Vulgata, altlateinische und syrische Versionen ab dem 4./5. Jh. etc.), und Kirchenväter wie Irenäus (2. Jh.) oder der Diatessaron-Harmonie (um 170) kennen die Verse. Insgesamt ist die externe Befundlage gemischt, aber die ältesten und textkritisch gewichtigsten Zeugen sprechen gegen die ursprüngliche Existenz des langen Schlusses.
Innere Kriterien (Stil, Wortschatz, Zusammenhang): Die Verse 9–20 weisen deutliche sprachliche Unterschiede zum restlichen Markusevangelium auf. Es erscheinen mindestens 15–17 Begriffe, die Markus sonst nie verwendet (z. B. apisteō „nicht glauben“, blaptō „schaden“, bebaioō „bestätigen“, theaomai „sehen“, meta tauta „danach“, poreuomai „gehen“, hysteron „später“ u.a.). Solche Hapax Legomena in nur 12 Versen sind auffällig. Auch der Schreibstil wirkt anders: Der lange Schluss bietet eher eine kompakte Auflistung von Erscheinungen und Wundern, während Markus sonst detailreich und lebendig erzählt. Vers 9 beginnt abrupt einen neuen Abschnitt: Die Subjektperson wechselt unvermittelt (in Vers 8 waren die Frauen das Thema, Vers 9 startet plötzlich mit Jesus, ohne Übergang). Zudem wird Maria Magdalena in 16,9 wieder vorgestellt („aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte“), obwohl sie kurz zuvor bereits erwähnt war (15,47; 16,1). Die anderen Frauen (Salome etc.) verschwinden völlig aus der Erzählung ab Vers 9. Diese Brüche deuten darauf hin, dass 16,9–20 nicht nahtlos an 16,1–8 anschließt, sondern später hinzugefügt wurde. Inhaltlich wirkt der Abschnitt wie ein sekundärer Kompendium: Viele Szenen wiederholen in Kurzform bekannte Osterberichte aus anderen Evangelien – Erscheinung an Maria (vgl. Joh 20,11ff; Lk 8,2), an zwei Jünger auf dem Landweg (vgl. Lk 24,13–35), an die Elf (vgl. Lk 24,36ff), der Missionsbefehl (vgl. Mt 28,19–20) und Wunderzeichen wie in Apostelgeschichte (Zungenreden, Dämonenaustreibungen, Unversehrtheit bei Schlangenbiss – vgl. Apg 2; 28 usw.). Dieser Befund legt nahe, dass ein späterer Redaktor Stoff aus anderen Traditionssträngen zusammenstellte, um Markus ein „rundes“ Ende mit Auferstehungszeugen und Himmelfahrt zu geben. Die theologische Tendenz ist dabei nicht unmarkinisch, aber Markus selbst betont z.B. normalerweise die Erfüllung von Jesu Ankündigungen – doch die in Mk 14,28 und 16,7 angekündigte Erscheinung in Galiläa wird im langen Schluss nicht erzählt, was eher untypisch wäre, hätte Markus persönlich noch weitergeschrieben. Zusammengefasst sprechen Stil und innere Logik deutlich gegen die direkte Autorschaft des Evangelisten.
Fazit – Konsens der Fachwelt: Nahezu alle neutestamentlichen Textkritiker kommen zu dem Ergebnis, dass Mk 16,9–20 nicht im ursprünglichen Markusevangelium enthalten war. Der Abschnitt wird als sehr frühe Ergänzung im 2. Jahrhundert betrachtet – vermutlich weil das Markusevangelium mit 16,8 (Frauen fliehen vom leeren Grab in Furcht) ein ungewöhnlich abruptes Ende hatte und Abschreiber oder frühe Gemeinden einen „passenderen“ Abschluss über Jesu Erscheinungen und Himmelfahrt überliefern wollten. In der älteren Forschung wurde teils vermutet, Markus’ Originalschluss sei verloren gegangen (etwa durch den Verlust eines letzten Blattes). Heute hingegen überwiegt die Sicht, dass Markus bewusst bei 16,8 endete und kein ursprünglicher längerer Schluss existierte – der jetzt überlieferte lange Schluss stammt also sehr wahrscheinlich von einem unbekannten anderen Verfasser der frühen Kirche. Diese Einschätzung spiegelt sich auch in textkritischen Standardwerken: Die Nestle-Aland-Edition druckt Mk 16,9–20 in Doppelklammern, ein Kennzeichen für Text, der als nicht ursprünglich bewertet wird. Bruce Metzger konstatiert nach Abwägung der Evidenz, dass „die frühestbezeugbare Form des Evangeliums bei 16,8 endete“. Ebenso sprechen sich renommierte Forscher wie Kurt Aland, Bart Ehrman u.a. klar gegen die Echtheit der Verse aus (Ehrman bezeichnet Mk 16,9–20 etwa als spätere, von frommen Schreibern angehängte Interpolation). Allerdings wird der lange Schluss aufgrund seines hohen Alters und seiner weiten Verbreitung bis heute meist in Bibelausgaben abgedruckt. Die Aland-Kommission entschied beispielsweise, ihn aus Rücksicht auf die kirchliche Rezeptionsgeschichte im Text stehen zu lassen – jedoch in Klammern und mit Fußnote versehen, um anzuzeigen, dass es sich um einen späteren Zusatz handelt.
Argumente für die Authentizität: Die Befürworter der Echtheit betonen die frühe patristische Zitation (Irenäus ca. 180) und die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Manuskripte und alten Kirchenversionen den langen Schluss enthält. Sie argumentieren, es sei schwer vorstellbar, dass Markus abrupt mit „sie fürchteten sich“ endete – daher könne 16,9–20 doch ursprünglich sein oder auf verlorenes Originalmaterial zurückgehen. Manche weisen darauf hin, dass andere 12-Vers-Blöcke in Markus ähnlich viele einmalige Wörter aufweisen, sodass das Vokabular-Argument evtl. relativiert werden kann. Außerdem sehen Traditionalisten in der breiten kirchlichen Akzeptanz durch die Jahrhunderte ein Indiz dafür, dass Gott diesen Abschnitt in den Kanon hat kommen lassen – unabhängig von der Autorschaft. Einzelne konservative Textkritiker (z.B. Burgon im 19. Jh., jüngst J. Snapp u.a.) vertreten die Minderheitsmeinung, Markus habe den Abschnitt doch verfasst oder autorisiert, ggf. diktiert an einen Kollegen (Aristion wird spekulativ genannt). Diese Position hat jedoch in der modernen Wissenschaft wenig Anklang.
Argumente gegen die Authentizität: Neben der oben skizzierten Handschriftenevidenz (fehlend in ältesten Zeugen, kritische Notizen bei Eusebius/Jerome) wiegen die inneren Ungereimtheiten am schwersten. Die sprach-stilistischen Abweichungen und inhaltlichen Doppelungen sprechen stark dagegen, dass derselbe Autor Mk 1–16,8 und 16,9–20 geschrieben hat. Zudem lässt sich erklären, wie der lange Schluss entstanden sein könnte – nämlich als sekundäre Kompilation von Auferstehungstraditionen –, während es sehr schwierig zu erklären wäre, warum falls er ursprünglich war, so wichtige frühchristliche Zeugen ihn ausließen oder mit anderen Enden ersetzten. Auch Kirchenväter wie Clemens von Alexandrien († 215) und Origenes († 254) zitieren nie aus Mk 16,9–20, obwohl sie sonst das Markusevangelium verwenden – was vermuten lässt, dass ihre Exemplare den Abschnitt nicht hatten. Schließlich bezeugt der kurze Schluss (Conclusio brevior) in manchen Handschriften, dass bereits im 2./3. Jh. jemand den abrupten Vers 8 durch ein knappen Abschluss ersetzen wollte. Kein Kopist hätte aber einen vorhandenen detaillierten 12-Vers-Schluss durch einen so viel kürzeren, allgemeinen Satz ersetzt. Die Existenz des kurzen Schlusses stützt daher indirekt ebenfalls die These, dass Mk ursprünglich bei 16,8 endete. Zusammengefasst beurteilt die überwiegende Mehrheit der heutigen Exegeten Mk 16,9–20 als unecht, d.h. nicht von Markus selbst geschrieben, sondern als frühkirchlichen Zusatz.
Trotz der textkritischen Zweifel wurde Mk 16,9–20 in der Kirche weithin als integraler Bestandteil des Evangeliums aufgenommen. Rezeptionsgeschichte/Kanon: Der Abschnitt gelangte spätestens ab dem 2.–4. Jh. in den allgemeinen Bibeltext und fehlt in keiner der großen antiken Kanonlisten. Hieronymus übernahm ihn (wohl wissend um die Varianten) in die Vulgata-Bibel. Als das Konzil von Trient 1546 die gesamten in der Vulgata überlieferten Bücher und Abschnitte als heilige Schrift bestätigte, wurde damit auch der Schluss von Markus ausdrücklich zum kanonischen Text erklärt. In Session 4 zitierte Trient sogar Mk 16,15 („Gehet hin in alle Welt und predigt allen Geschöpfen das Evangelium“) als echtes Jesuswort. Katholische wie orthodoxe Kirche betrachten die Verse bis heute als Teil des inspirierten Markus-Evangeliums. Bibelübersetzungen drucken sie gewöhnlich mit einem Warnhinweis, doch in der kirchlichen Praxis gelten sie als Schrift. Theologisch wurde schon früh erörtert, wie mit inhaltlichen Herausforderungen umzugehen ist.
Liturgie: Mk 16,9–20 hat Eingang in den liturgischen Kalender gefunden. In der römisch-katholischen Messe ist z.B. der Missionsbefehl aus Mk 16,15–20 traditionell das Evangelium am Fest Christi Himmelfahrt (Ascension) im Lesejahr B. Auch in der Osternoktav wurden Teile davon verlesen. Im mittelalterlichen Festkalender gab es einen Gedenktag der Dispersion der Apostel (Aussendung der Apostel in alle Welt), der auf Mk 16,20 Bezug nimmt. Zudem wird Mk 16,15–18 gelegentlich bei Krankensalbungen verwendet (wegen „Hände auf die Kranken legen, und sie werden gesund“, v.18). Die liturgische Rezeption zeigt, dass die Kirche den langen Schluss spirituell fruchtbar machte, ungeachtet der offenen textlichen Fragen.
Dogmatik und Theologie: Einige Aussagen des langen Schlusses spielten in der Dogmen- und Lehrentwicklung eine Rolle:
Mk 16,16 („Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden…“) – Dieser Vers wurde in der Debatte um die Heilnotwendigkeit der Taufe oft angeführt. Die katholische Theologie zitierte ihn etwa zur Untermauerung, dass Glaube und Taufe zum Heil gehören (vgl. Konzil von Trient; Katechismus). Gleichzeitig wird beachtet, dass der Vers nicht sagt „wer nicht getauft ist, wird verdammt“, sodass Raum für Ausnahmen (Begierdetaufe etc.) bleibt. In kontroverstheologischen Disputen verteidigten Katholiken mit Mk 16,16 die Taufwiedergeburt, während manche Protestanten – die die Echtheit anzweifelten – diesen Vers weniger gewichten wollten. Insgesamt floss Mk 16,16 aber in die allgemeine Lehre ein, dass die Taufe vom Herrn angeordnet ist (vgl. Mt 28,19).
Mk 16,17–18 („Zeichen werden die Gläubigen begleiten: in meinem Namen Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen hochheben, tödliches trinken ohne Schaden, Kranken die Hände auflegen…“) – Diese „Zeichenworte“ beeinflussten die Charismenlehre. Die Kirchenväter sahen darin zum einen eine Bestätigung der apostolischen Wunder aus der Apostelgeschichte (Paulus blieb z.B. auf Malta unverletzt vom Schlangenbiss, Apg 28,5, was als Erfüllung von Mk 16,18 gelesen wurde). Zum anderen stellten sie sich der Frage, ob diese Zeichen allen Gläubigen verheißen sind oder vornehmlich den ersten Generationen. Augustinus etwa deutete Mk 16,18 allegorisch: Gläubige könnten auch geistliche „Gifte“ (Irrlehren) aufnehmen, ohne ihrer Seele zu schaden, solange sie im Glauben festbleiben. Er betonte damit, dass nicht wörtlich jeder Christ Schlangen handle oder Gift trinke, sondern dass Gott seine Kirche vor dem Schaden des Bösen bewahrt. In der Tat distanzierte sich die Kirche von wörtlichen Versuchshandlungen: Bekannte extreme Gruppen (etwa einige pfingstlerische Sekten in den USA) praktizieren Schlangenhandhabung als Glaubenstest – ein Vorgehen, das von den etablierten Kirchen klar abgelehnt wird. Die Mehrheitsinterpretation ist, dass Jesus hier keine allgemeine Anordnung zur Wunderprobe gab, sondern einige charismatische Gaben beschrieb, die besonders im apostolischen Zeitalter und bei Heiligen auftreten können. Insgesamt untermauert Mk 16,17–18 die Überzeugung, dass das Evangelium von Gottes machtvollen Zeichen begleitet war (confirmante Domino sermonem per signa, v.20), ohne dass jeder Christ jeden dieser wunderhaften Beweise erbringen muss.
Mk 16,19 (Himmelfahrt Christi) – Der lange Markus-Schluss liefert eine knappe Bestätigung der Christi Himmelfahrt („Der Herr wurde in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes“). Auch wenn Lukas in Lk 24 und Apg 1 ausführlicher darüber berichtet, ist es theologisch bedeutsam, dass auch das Markusevangelium (in der überlieferten Form) mit der Erhöhung Christi endet. Dieses Versende wird oft in der Christologie und Liturgie zitiert (z.B. im Credo: „aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten des Vaters“ – eine Formulierung nahe Mk 16,19). Die Einbettung der Himmelfahrt in Markus stärkte die kanonische Einmütigkeit der Evangelienbotschaft: Alle vier Evangelien bezeugen nun die Auferstehung, und Markus – trotz ursprünglich abruptem Ende – hat in der traditionellen Lesart ebenfalls ein triumphales Finale. Dogmatisch ergab sich keine neue Lehre durch Mk 16,19, aber seine Existenz in der Schrift bestätigte, was ohnehin Glaube der Kirche war.
Zusammenfassend war der lange Markus-Schluss im Leben der Kirche
wirkungsmächtig:
In der Liturgie wurde er als österliche und missionsbezogene Lesung
aufgenommen.
In der Kanonsbildung setzte er sich durch und wurde vom Lehramt
(Trient) voll anerkannt.
In der Theologie diente er zur Untermauerung von Glaubensartikeln
(Taufe, Himmelfahrt) und regte zur Auslegung der Charismen an. Moderne
wissenschaftliche Zweifel an seiner Echtheit haben die kirchliche Rezeption nur
begrenzt beeinflusst
– die großen Kirchen halten an Mk 16,9–20 als Bestandteil des neutestamentlichen
Kanons fest.
Allerdings weisen Übersetzungen und Kommentare heute auf den textkritischen
Status hin, und Exegeten diskutieren die theologische Absicht des
ursprünglich offenen Endes von Mk 16,8 im Kontrast zum angefügten Schluss.
Diese Spannung selbst ist Teil der Rezeptionsgeschichte: Sie zeigt, wie
frühchristliche Leser ein verstörend offenes
Ende mit zusätzlicher Überlieferung ergänzt haben, um die
"Oster"... botschaft zu vollenden.
So ist Mk 16,9–20 zu einem kanonischen Zeugnis der Auferstehungsverkündigung
geworden, das – unabhängig von der markinischen Urheberschaft – seit fast
1800 Jahren die Glaubenspraxis und Lehre mitgeprägt hat.
Quellen:
Nestle-Aland 28 (Apparat zu Mk 16);
Metzger, Textual Commentary (1971) 122–126;
Ehrman, Misquoting Jesus (2005);
Eusebius, Hist. eccl. 3,39;
Justin, Apol. I,45;
Irenäus, Adv. haer. 3,10,6;
Augustine, De anima et eius origine 2,23; Brown et al.,
The Gospels and the Gospel (2021); Catholic Answers; Catholic
Encyclopedia (1910); u.a.