

Das Grundwort κρίνω bedeutet ursprünglich:
scheiden, unterscheiden, trennen,
dann: entscheiden, bestimmen, urteilen,
schließlich: gerichtlich verurteilen, verdammen.
Die Übersetzungen „richten“, „urteilen“,
„entscheiden“, „beschließen“ usw. spiegeln diese Bedeutungsbreite wider.
In den Evangelien wird krínō überwiegend im Sinn von gerichtlich richten oder beurteilen gebraucht – aber mit Blick auf Israel und seine Verantwortung gegenüber dem Messias.
Z. B. Joh 7,24: „Richtet nicht nach dem Schein, sondern richtet ein gerechtes Gericht.“
Oft geht es um das falsche Richten der Pharisäer (k 6,37: „Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden“).
Manchmal auch schlicht um ein Beschließen oder Entscheiden (Lk 22,69–71: der Hohe Rat „beschloss“ gegen Jesus).
Das heisst: In den Evangelien steht krínō meist im Kontext Israels, des Gesetzes und des Kommens des Sohnes des Menschen als Richter.
In den Lehrbriefen bekommt krínō eine lehrmäßige Tiefe für die GdHdG (Gemeinde):
Es kann das Beurteilen von Situationen, Lehren oder Gläubigen meinen (Röm 14,13: „Lasst uns nun nicht mehr einander richten“).
Auch das eigene Prüfen und Unterscheiden (1. Kor 11,31: „Wenn wir uns selbst richteten, so würden wir nicht gerichtet“).
Ebenso das endgültige Gericht Gottes über die Welt (Röm 2,16; 2. Tim 4,1).
Die Briefe machen also deutlich: Christen sind nicht zum endgültigen Gericht berufen (das steht Gott zu), aber sie sollen geistlich unterscheiden und beurteilen, allerdings in Demut und Liebe.
Evangelien: krínō meist im Blick auf Israel, die Pharisäer, das Volk und das kommende Gericht. Oft warnend: nicht richten nach dem äusseren Anschein, sondern gerecht urteilen – oder gar nicht richten.
Briefe: krínō stärker auf die Gemeinde bezogen – sowohl das gegenseitige Beurteilen (verboten, wenn es zum Verurteilen wird), als auch das notwendige geistliche Unterscheiden und die Verheißung des Endgerichts Gottes.
Aufzeigen, dass ein Wort mehrere Bedeutungen hat. Man sollte nicht an einer einzigen deutschen Übersetzung hängen bleiben, sondern den griechischen Kontext beachten.
Evangelien vs. Briefe unterscheiden. In den Evangelien richtet Jesus Worte oft an das Volk Israel, während die Briefe die Gemeinde belehren.
Kontext beachten. „Richten“ kann heißen:
urteilen / beurteilen (neutral),
entscheiden / beschließen (administrativ),
verurteilen (negativ),
gerichtlich richten (endgültig).
Praktischer Rat: Den
Unterschied zwischen „urteilen“ (bewerten, prüfen) und „verurteilen“
(endgültiges Urteil sprechen) deutlich machen. Christen dürfen prüfen und
unterscheiden, aber nicht verdammen.
die Bibelstelle (Elberfelder 1905), https://www.elb2023.com/Die-Bibel die Übersetzung und eine kurze Erklärung zum Bedeutungsumfang.
| Stelle | Übersetzung (ELB) | Bedeutung / Kommentar |
|---|---|---|
| Mt 7,1–2 | „Richtet nicht …“ | Warnung vor verurteilendem Richten. Maßstab kehrt zum Richter zurück. |
| Mt 19,28 | „ihr … werdet … richten“ | Die Jünger werden mit Christus Gericht üben über Israel. Endgerichtlicher Kontext. |
| Lk 6,37 | „Richtet nicht …“ | Verurteilen ist verboten, aber geistliches Unterscheiden bleibt nötig (vgl. V. 43–45). |
| Lk 12,57 | „warum richtet ihr …“ | Bedeutet: „warum entscheidet ihr nicht selbst, was recht ist?“ – eher urteilen/entscheiden. |
| Joh 7,24 | „Richtet ein gerechtes Gericht“ | Aufruf zu gerechtem, geistgemäßem Urteilen, nicht nach dem Schein. |
| Joh 8,16 | „wenn ich richte …“ | Jesu Gericht ist wahr, weil der Vater mit ihm ist. Endgültiges göttliches Urteil. |
| Joh 12,47–48 | „Ich richte ihn nicht …“ | Erste Sendung Jesu: nicht zum Verurteilen, sondern zum Retten. Das Wort wird richten am letzten Tag. |
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Zusammenfassung Evangelien:
In den Evangelien steht krínō
meist in Bezug auf Israel,
seine Haltung zum Messias und das kommende
Gericht.
Oft Warnung: nicht menschlich verurteilen; aber auch Ankündigung des
göttlichen Gerichts durch den Sohn des Menschen.
| Stelle | Übersetzung (ELB) | Bedeutung / Kommentar |
|---|---|---|
| Röm 2,1–3 | „Du … richtest …“ | Warnung an den moralischen Menschen: selbst verdammungswürdig, wenn er andere verurteilt. |
| Röm 14,3–4 | „wer bist du, der du den Knecht eines anderen richtest?“ | Verurteilen von Glaubensgeschwistern in Fragen des Gewissens ist unzulässig. |
| Röm 14,13 | „Lasst uns … nicht mehr einander richten“ | Stattdessen: geistlich unterscheiden, aber nicht verurteilen. |
| 1. Kor 4,5 | „Richtet nichts vor der Zeit“ | Endgültiges Urteil steht allein dem Herrn zu. |
| 1. Kor 5,12–13 | „was habe ich zu richten …?“ | Gemeinde beurteilt das Innere (Sünden in der Versammlung), Gott das Äußere (die Welt). |
| 1. Kor 6,2–3 | „die Heiligen werden die Welt richten“ | Eschatologische Dimension: Gläubige werden mit Christus im Gericht Anteil haben. |
| 1. Kor 11,31–32 | „wenn wir uns selbst richteten …“ | Eigenes Prüfen, Selbstgericht → bewahrend vor Gottes Züchtigung. |
| 2. Kor 5,10 | „damit jeder … empfange …“ | Hier krínō impliziert: das Gericht am Richterstuhl Christi. |
| 2. Tim 4,1 | „der Lebendige und Tote richten wird“ | Endgültiges Gericht Jesu Christi über alle Menschen. |
| Jak 4,11–12 | „wer seinen Bruder richtet …“ | Verurteilendes Richten stellt sich gegen das Gesetz und Gott. |
| Jak 5,9 | „der Richter steht vor der Tür“ | Erinnerung: das letzte Gericht naht. |
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Zusammenfassung Briefe:
In den Briefen hat krínō drei
Hauptaspekte:
Verurteilen (negativ, zwischen Gläubigen verboten).
Beurteilen / unterscheiden (positiv, nötig im Gemeindeleben).
Endgültiges Gericht Gottes (zukünftig, ausschließlich in Gottes Hand, mit Beteiligung der Gläubigen in der Herrlichkeit).
Unterscheiden lernen: „Richten“ ist nicht immer „verdammen“. Oft meint es „prüfen, beurteilen“.
Kontext prüfen: Spricht der Herr Jesus zu Israel (Evangelien) oder der Heilige Geist zur Gemeinde (Briefe)?
Positive Dimension betonen: Christen dürfen (müssen) unterscheiden (1. Kor 5; 11), aber nicht verurteilen (Röm 14; Jak 4).
Zukunft im Blick: Das Endgericht steht dem Herrn zu (Apg 17,31). Gläubige sollen bis dahin demütig prüfen – sich selbst zuerst.