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00686 Grundsatz der Elberfelder 1905
Die Elberfelder 1905 ist ausgesprochen worttreu und versucht – soweit möglich – eine relativ konsistente Wiedergabe von hebräischen Verben mit einem festen deutschen Stammwort zu behalten, es sei denn, der Kontext zwingt dazu, ein anderes deutsches Feld zu nehmen.
Bei נָחַם heißt das konkret:
Wenn Trost-Bedeutung im Vordergrund steht → „trösten / getröstet werden“.
Wenn Kursänderung / Gerichtsrücknahme / „Reue“ im Zentrum steht → „reuen / Reue / bereuen“ o.ä.
Wenn Mitleid als innere Regung betont wird → „erbarmen“ oder „Mitleid haben“.
Sonderfall Jes 1,24: „Ich werde mich erleichtern / trösten an meinen Feinden“ → dort sinngemäß durch Gericht „Luft machen“ (in der Elberfelder alltagsnäher paraphrasiert).
Die Übersetzer wollten erkennbar, dass der Leser das gleiche hebräische Verb wiedererkennt, aber zugleich deutlich deutsche Sprache liest.
Wenn man die Vorkommen in der Elb1905 betrachtet (Konkordanz / Suchfunktionen), sieht man im Wesentlichen diese Übersetzungsgruppen:
„trösten / getröstet werden / Trost finden“
Gen 5,29; 24,67; 37,35; 38,12; 50,21; Rut 2,13; Hiob 2,11; Ps 23,4; 71,21; 119,52.76; Jes 40,1; 66,13 u.v.a.
„reuen / sich gereuen lassen / gereuen / bereuen“
1Mo 6,6–7; 2Mo 32,12.14; 4Mo 23,19; 5Mo 32,36 (teils mit „erbarmen“), 1Sam 15,11.29.35; 2Sam 24,16; Ps 90,13; 106,45; 110,4; Joel 2,13–14; Amos 7,3.6; Jona 3,9–10; 4,2 usw.
„erbarmen / Mitleid haben“
5Mo 32,36; Ri 2,18; Ps 135,14; Jer 18,8.10; 42,10–11; Sach 8,14 u.a.
„sich erleichtern / sich Luft machen“ (gerichtliches Ventil)
Jes 1,24; Hes 5,13: dort wird נָחַם mit einem Ausdruck wiedergegeben, der das „Erleichterungs-Seufzen“ Gottes im Gericht ausdrückt.
Klagelieder / Trost im Leid
Klgl 1,2.9.16.17.21; 2,13: da bewegt sich die Elberfelder deutlich im Bereich „trösten / kein Tröster da / niemand, der tröstet“.
Du siehst: Die Elberfelder deckt mit einer deutschen „Wortfamilie“ (reuen / gereuen / Reue) den „Reue-/Umstimmungs-Aspekt“ ab und mit „trösten / Trost / getröstet werden“ den „Trost-/Erleichterungs-Aspekt“. Dazwischen stehen „erbarmen / Mitleid haben“ als Übergang.
Überall dort, wo Menschen Subjekt sind oder jemand emotional aufgebaut werden soll, wählt die Elb1905 konsequent „trösten“:
Gen 24,67 – Isaak „wurde getröstet“ über seine Mutter.
Gen 37,35 – „Und all seine Söhne und all seine Töchter machten sich auf, ihn zu trösten; aber er wollte sich nicht trösten lassen.“
Jes 40,1 – „Tröstet, tröstet mein Volk.“
Jes 66,13 – „Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten.“
Hier liegt נָחַם klar im Bereich Seelsorge / Zuspruch / Trost.
Entscheidung der Elberfelder:
Statt „sich beruhigen / umstimmen“ nimmt sie die in der deutschen
Frömmigkeitssprache gut etablierte Linie
„trösten“, wodurch der Leser
die pastorale Seite Gottes unmittelbar erfasst.
Wo es um Gott als Subjekt geht und der Kontext vom Absehen von Gericht oder Abwenden von einer früheren Verfügung spricht, tendiert die Elb1905 zu:
„es reut mich“,
„es reute Jehova“,
„er ließ sich gereuen“.
Typische Beispiele:
Gen 6,6 – „Da reute es Jehova, daß er den Menschen gemacht hatte.“
2Mo 32,14 – „Da gereute Jehova des Übels, von dem er geredet hatte, es seinem Volke zu tun.“
1Sam 15,11 – „Es reut mich, daß ich Saul zum König gemacht habe.“
1Sam 15,29 – „… er ist kein Mensch, daß ihn etwas gereue.“
2Sam 24,16 – „… da gereute Jehova des Übels.“
Ps 106,45 – „… und er ließ sich gereuen nach der Fülle seiner Gnade.“
Joel 2,13 – „… und ihn gereut des Übels.“
Jona 3,10 – „da gereute Gott des Übels … und er tat es nicht.“
Warum „reuen“ und nicht z.B. „erbarmen“?
„Reuen“ hat im Deutschen eine doppelte Valenz:
subjektiv: „Es tut mir leid“ (innerlicher Schmerz)
objektiv: „Ich nehme etwas zurück / ändere mein Vorgehen“
Damit spiegelt „reuen“ recht gut die
Doppelheit von נָחַם:
innerlich berührt → äußeres Kurs-Ändern.
Die Elberfelder hält bewusst an dieser
Sprachwahl fest, auch wenn das heute etwas altertümlich klingt, um die
Verbindung zu Num 23,19; 1Sam 15,29;
Ps 110,4 sichtbar zu lassen:
Gott reut / bereut – und zugleich ist Er
keiner, der beliebig hin- und herspringt.
Wo der Text klar Richtung Barmherzigkeit in einer Notlage geht, entscheidet sich die Elb1905 gern für „erbarmen“ / „Mitleid“, auch wenn נָחַם zugrunde liegt:
5Mo 32,36 – „Denn Jehova
wird sein Volk richten und sich über seine Knechte erbarmen.“
(Hier wird נָחַם eher als „Mitleid haben“ wiedergegeben.)
Ri 2,18 – „… denn Jehova erbarmte sich über ihr Seufzen.“
Ps 135,14 – „Denn Jehova wird sein Volk richten und sich über seine Knechte erbarmen.“
Theologisch ist das fein:
„Reuen“ wäre hier eher regierungsbezogen,
„erbarmen“ betont die Gefühlskomponente Gottes gegenüber dem Elend seines Volkes.
Die Elb1905 verschiebt hier die Nuance zugunsten der pastoralen Seite Gottes, bleibt aber im Bedeutungsfeld von נָחַם.
In wenigen Stellen, vor allem:
Jes 1,24
Hes 5,13
steht נָחַם in einem Kontext, wo Gott sagt, dass Er sich durch Gericht „befriedigen/erleichtern“ wird. Dort hat die Elberfelder (teils in Randbemerkungen / Varianten) Ausdrücke gewählt wie:
„genugtun“, „Luft machen“, „meinen Grimm stillen“ – sinngemäß.
Hier wird die
ursprüngliche Wurzelbedeutung
(Tiefseufzen, Erleichterung) ernst genommen, aber in gutes Deutsch
übertragen, damit es nicht missverstanden wird als „Gott bereut, dass er
richtet“, sondern:
Er erfährt „Erleichterung“
dadurch, dass sein Gericht seiner
Heiligkeit entspricht.
V. 11: „Es reut mich, daß
ich Saul …“
→ Betonung: Gott ist innerlich
tief betrübt, Er distanziert sich von Saul.
V. 29: „… er ist kein
Mensch, daß ihn etwas gereue.“
→ hier dieselbe Wortfamilie bewusst gewählt, um zu sagen: Gott ist nicht
wankelmütig.
V. 35: „Und Jehova
gereute …“
→ Wieder „gereuen“ – dadurch sieht der Leser die
Spannung im Text und wird
gezwungen, selbst zu fragen:
In welchem Sinn „bereut“ Gott, und in
welchem nicht?
Das ist eine
bewusste Übersetzungsstrategie:
Die Elberfelder will die Spannung der
Schrift nicht glätten, sondern sichtbar machen.
3,10: „Da gereute Gott des Übels … und er tat es nicht.“
4,2: Jona weiß, dass Gott „… langsam zum Zorn und groß an Güte, und dich gereuen läßt das Übel.“
Auch hier wieder das feste „gereuen“, um deutlich zu machen:
Gott zieht angekündigtes Gericht zurück, weil Ninive umkehrt,
und das ist kein Widerspruch, sondern gerade Ausdruck seines bekannten Wesens.
Würde man einfach „erbarmen“ schreiben, ginge der Link zu Num 23,19 / 1Sam 15,29 verloren.
„Der HERR hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit…“
Konsequent:
Dasselbe deutsche Wort „gereuen“, aber hier mit
Negation, um festzuhalten:
Einige Dinge reuen Gott nie – es sind ewige Ratschlüsse.
Andere Dinge „reut“ ihn: d.h. Er ändert seine Regierungsweise, wenn der Mensch sich ändert.
Die Elberfelder hält damit eine theologische Linie im Wortgebrauch quer durch das AT.
Kurz zusammengefasst:
Hohe Worttreue:
Ein hebräisches Verb – möglichst eine deutsche Stamm-Wortfamilie (hier: „trösten“, „reuen“, „erbarmen“)
Das ermöglicht Wortstudium mit der deutschen Bibel.
Kontextsensibel:
Trost-Kontexte → „trösten“
Gericht/Umkehr-Kontexte → „reuen / gereuen“
Mitleids-Kontexte → „erbarmen / Mitleid“.
Theologische Ehrlichkeit:
Spannungen (z.B. 1Sam 15) werden nicht glattgebügelt, sondern durch konsequenten Wortgebrauch eher verschärft – damit der Leser das Problem sieht und schriftgemäß löst (Wesen Gottes unveränderlich, Wege Gottes veränderlich).
Heutiges Sprachgefühl:
Worte wie „reuen / gereuen“ wirken
altmodisch, haben aber den Vorteil, dass sie als
„Signalworte“ dienen:
Achtung, hier steckt נָחַם!