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00762  1. Korinther 13,10. Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, dann wird das, was stückweise ist, weggetan werden.“




‚Das Vollkommene‘ in 1. Korinther 13,10 meint die vollendete Offenbarung Gottes im abgeschlossenen Wort; mit ihr endete das stückweise Offenbaren durch Zeichengaben. Deutungen, die das Vollkommene in einen zukünftigen Erlebnis- oder Himmelszustand verlegen, lösen den Text vom Zusammenhang und öffnen subjektiv-spiritualistischen Ansätzen Tür und Tor.“

„Das Vollkommene“ in 1. Korinther 13 – Warum nur das vollendete Wort Gottes gemeint sein kann

Die Aussage des Apostels Paulus in 1. Korinther 13,10 gehört zu den am häufigsten diskutierten, aber auch am häufigsten aus dem Zusammenhang gelösten Texten des Neuen Testaments. Die Frage, was Paulus mit dem Ausdruck „das Vollkommene“ (τὸ τέλειον, to téleion) meint, lässt sich jedoch weder subjektiv noch erfahrungsbezogen beantworten, sondern nur aus dem literarischen, sprachlichen und heilsgeschichtlichen Kontext heraus.

Der unmittelbare Zusammenhang der Kapitel 12–14 zeigt eindeutig: Paulus behandelt nicht Erlösung, Himmel oder Christus bei der Wiederkunft, sondern Offenbarungsgaben wie Weissagung, Zungen und Erkenntnis. Diese Gaben dienen ausdrücklich der Vermittlung göttlicher Wahrheit in einer Zeit, in der die neutestamentliche Offenbarung noch nicht vollständig vorlag.

Sprachlich ist entscheidend, dass Paulus τὸ τέλειον (to téleion) im Neutrum verwendet. Damit scheidet eine personal-christologische Deutung aus. Auch eine eschatologische Deutung ist kontextuell nicht begründet, da Paulus nicht über Verherrlichung, Auferstehung oder die Parusie spricht, sondern über Erkenntnisweisen und Offenbarungsformen.

Der Kontrast zwischen „stückweise“ (ἐκ μέρους, ek mérous) und „vollkommen“ beschreibt keinen Wechsel von Erde zu Himmel, sondern von Unvollständigkeit zu Vollständigkeit. Die verwendeten Bilder – Kind und Mann, Spiegel und klares Sehen – sind epistemologisch, nicht ontologisch zu verstehen: Es geht um Erkenntnisreife, nicht um Seinsverwandlung.

Heilsgeschichtlich ist festzuhalten: Solange die Offenbarung Gottes noch im Werden begriffen war, waren zeitlich begrenzte Offenbarungsgaben notwendig. Mit dem Abschluss der apostolischen Offenbarung und der schriftlichen Fixierung des gesamten Ratschlusses Gottes trat das ein, was Paulus „das Vollkommene“ nennt.

Aus inhaltlichen, heilsgeschichtlichen und sprachlich-wissenschaftlichen Gründen kann „das Vollkommene“ daher nicht ein zukünftiger Zustand, sondern nur die vollendete Offenbarung Gottes sein – das vollständig geschriebene Wort Gottes. Alle Deutungen, die darüber hinausgehen, lösen den Text aus seinem Zusammenhang und öffnen die Tür für subjektive, spiritualistische Offenbarungsansprüche jenseits der Schrift.


DIe Irrlehre von Roger Liebi  zu 1. Korinther 13.10 https://www.youtube.com/watch?v=vvALkinLlEo


1. Korinther 13 im heilsgeschichtlichen und offenbarungstheologischen Zusammenhang

Das dreizehnte Kapitel des ersten Korintherbriefes zählt zu den bekanntesten, aber zugleich zu den am häufigsten isoliert gelesenen Abschnitten des Neuen Testaments. Häufig wird es als zeitloses „Hohelied der Liebe“ verstanden und aus seinem unmittelbaren Zusammenhang herausgelöst. Eine solche Betrachtung verkennt jedoch die literarische, theologische und heilsgeschichtliche Funktion dieses Kapitels innerhalb der paulinischen Argumentation.

  1. Korinther 13 steht eingebettet zwischen zwei Kapiteln, die sich ausdrücklich mit den Gnadengaben (χαρίσματα, charísmata) befassen. In Kapitel 12 entfaltet Paulus Ursprung, Vielfalt und Ziel der geistlichen Gaben, während Kapitel 14 deren Gebrauch, Zweck und Ordnung behandelt. Kapitel 13 bildet somit nicht einen thematischen Einschub, sondern das argumentierende Zentrum der gesamten Gabenlehre. Die Liebe wird nicht als Gegensatz zur Wahrheit dargestellt, sondern als das bleibende Prinzip, das den zeitlich begrenzten Offenbarungsgaben übergeordnet ist.

Der zentrale Gedanke des Kapitels liegt in der Gegenüberstellung von Vergänglichem und Bleibendem. Weissagung, Zungenrede und Erkenntnis werden ausdrücklich als vorläufige, zeitlich begrenzte Offenbarungsformen bezeichnet. Paulus begründet diese Begrenztheit nicht mit einem Mangel an geistlicher Reife, sondern mit der Unvollständigkeit der Offenbarung in der frühen Gemeindezeit. Die Erkenntnis ist „stückweise“, weil die göttliche Offenbarung selbst noch nicht vollendet vorliegt.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Ausdruck „das Vollkommene“ (τὸ τέλειον, to téleion, V.10) seine entscheidende Bedeutung. Die Frage nach seiner Referenz ist keine Nebenfrage, sondern der hermeneutische Schlüssel zum Verständnis des gesamten Abschnitts. Die grammatische Form (Neutrum), der unmittelbare Kontext sowie die verwendeten Vergleichsbilder zeigen, dass Paulus weder Christus selbst noch einen eschatologischen Himmelszustand im Blick hat, sondern einen Übergang von fragmentarischer zu vollständiger Offenbarung.

Diese Ausarbeitung verfolgt daher konsequent eine text- und heilsgeschichtlich orientierte Auslegung von 1. Korinther 13. Sie geht davon aus, dass „das Vollkommene“ die vollendete, abgeschlossene Offenbarung Gottes bezeichnet, wie sie im vollständig gegebenen Wort Gottes vorliegt. Die Offenbarungsgaben hatten eine notwendige, aber zeitlich begrenzte Funktion, die mit dem Abschluss der apostolischen Offenbarung erfüllt wurde.

Ziel dieser Betrachtung ist es, 1. Korinther 13 nicht erfahrungsorientiert oder spiritualistisch zu deuten, sondern aus dem inneren Zusammenhang der Schrift heraus zu verstehen. Dabei soll deutlich werden, dass die bleibende Bedeutung der Liebe nicht im Fortbestand außerordentlicher Offenbarungsformen liegt, sondern in der verbindlichen Autorität des vollendeten Wortes Gottes, durch das der Heilige Geist auch heute wirkt.


1. Korinther 13,1–7 – Vers-für-Vers-Auslegung

Vers 1

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel redete, aber nicht Liebe hätte, so wäre ich tönendes Erz oder eine schallende Zimbel.“

Paulus beginnt mit einer bewusst hyperbolischen Formulierung. Die Erwähnung der „Sprachen der Menschen und der Engel“ ist keine Lehre über eine Engelsprache, sondern ein rhetorisches Stilmittel: Selbst die denkbar höchste Ausdrucksform ohne Liebe ist wertlos. Entscheidend ist, dass Paulus hier nicht die Echtheit der Gabe, sondern deren Bedeutung relativiert.

Das Bild des „tönenden Erzes“ verweist auf leeren Klang ohne Inhalt. Damit macht Paulus klar: Offenbarungsgaben besitzen keinen Eigenwert. Sie sind Werkzeuge, keine Selbstzwecke. Ohne Liebe verlieren sie ihren Sinn, auch wenn sie äußerlich beeindruckend erscheinen.

Vers 2

„Und wenn ich Weissagung hätte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis, und wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzte, aber nicht Liebe hätte, so wäre ich nichts.“

Hier steigert Paulus die Argumentation. Weissagung, Erkenntnis und Glaube werden in ihrer maximal denkbaren Ausprägung genannt. „Alle Geheimnisse“ (μυστήρια, mystḗria) bezeichnet offenbarte göttliche Wahrheiten, nicht mystische Erfahrungen. Dennoch gilt: Selbst umfassende Offenbarungskenntnis ohne Liebe macht den Menschen „nichts“.

Wichtig ist die Aussage: Nicht die Gabe macht den Menschen wertvoll, sondern die innere Haltung. Paulus stellt nicht die Wahrheit der Offenbarung in Frage, sondern den geistlichen Nutzen des Gabenträgers.

Vers 3

„Und wenn ich alle meine Habe austeilte und wenn ich meinen Leib hingäbe, damit ich verbrannt würde, aber nicht Liebe hätte, so nützte es mir nichts.“

Nun wechselt Paulus von geistlichen Gaben zu äußerster Selbsthingabe. Selbst Opferbereitschaft bis zum Tod kann ohne Liebe geistlich wertlos sein. Damit widerlegt Paulus jede Vorstellung, äußere Hingabe oder asketische Leistung sei automatisch gottgefällig.

Auffällig ist der Perspektivwechsel: Nicht „es nützt anderen nichts“, sondern „es nützt mir nichts“. Paulus betont persönliche Verantwortlichkeit vor Gott.

Vers 4

„Die Liebe ist langmütig, ist gütig; die Liebe neidet nicht; die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf.“

Ab Vers 4 beschreibt Paulus die Liebe nicht abstrakt, sondern konkret im Verhalten. Alle verwendeten Verben stehen im Präsens und kennzeichnen eine andauernde Haltung, keine punktuelle Tat.

Die zuerst genannten Eigenschaften (Langmut, Güte) zeigen, dass Liebe nicht reaktiv, sondern tragend ist. Die anschließenden Negativformulierungen richten sich direkt gegen korinthische Missstände: Neid, Selbstüberhebung und geistlicher Stolz.

Vers 5

„Sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu.“

Liebe wird hier als selbstlos und vergebungsbereit beschrieben. Besonders wichtig ist die Aussage „sie sucht nicht das Ihre“. Damit verurteilt Paulus jede Form geistlicher Selbstdarstellung, auch im Gebrauch geistlicher Gaben.

„Sie rechnet das Böse nicht zu“ ist ein buchhalterisches Bild: Liebe führt keine Schuldlisten. Dies ist entscheidend für das Gemeindeleben und erklärt, warum Liebe die Grundlage jeder geistlichen Ordnung sein muss.

Vers 6

„Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit.“

Liebe ist niemals gleichgültig gegenüber Wahrheit. Paulus trennt Liebe und Wahrheit nicht, sondern verbindet sie unauflöslich. Liebe toleriert keine Ungerechtigkeit, auch nicht unter dem Deckmantel geistlicher Freiheit.

Damit widerspricht Paulus indirekt jeder emotionalisierten Liebesdefinition. Biblische Liebe ist wahrheitsgebunden.

Vers 7

„Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

Dieser Vers fasst die Haltung der Liebe zusammen. Die vierfachen „alles“-Aussagen beschreiben keine Naivität, sondern geistliche Standhaftigkeit. Liebe bleibt tragfähig, selbst unter Belastung.

Die Reihenfolge ist bemerkenswert: Glaube, Hoffnung und Geduld sind Ausdruck einer auf Gott ausgerichteten Haltung. Liebe ist damit nicht schwach, sondern tragend und ausdauernd.

Zusammenfassende Einordnung (1Kor 13,1–7)

Paulus stellt in diesen Versen klar: Liebe ist nicht eine Gabe unter vielen, sondern das bleibende Grundprinzip, unter dem alle Gaben stehen. Die Offenbarungsgaben sind funktional, zeitlich begrenzt und zweckgebunden; die Liebe hingegen ist dauerhaft und grundlegend.

Damit bereitet Paulus die entscheidende Aussage der Verse 8–10 vor: Was zeitlich und stückweise ist, wird vergehen – die Liebe aber bleibt.


1. Korinther 13,8–13 – Vers-für-Vers-Auslegung

Vers 8

„Die Liebe vergeht nimmer; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Zungen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.“

Paulus setzt nun den entscheidenden Gegensatz zwischen dem Bleibenden und dem Vergänglichen. Die Liebe wird absolut gesetzt: sie vergeht nimmer. Demgegenüber nennt Paulus drei konkrete Gaben, die ausdrücklich beendet werden.

Auffällig ist die unterschiedliche Wortwahl:

Damit macht Paulus klar: Diese Gaben sind nicht ewig, sondern ihrem Wesen nach zeitlich begrenzt. Er erklärt noch nicht wann oder wodurch sie enden, sondern dass sie enden werden. Damit widerspricht er jeder Lehre von der dauerhaften Notwendigkeit dieser Offenbarungsgaben.

Vers 9

„Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise.“

Hier liefert Paulus die Begründung für V.8. Die Begrenztheit der Gaben liegt nicht im Menschen, sondern im Charakter der Offenbarung selbst. Das zweimalige ἐκ μέρους (ek mérous, „stückweise“) unterstreicht den fragmentarischen Zustand.

Entscheidend ist: Paulus spricht nicht von sündiger Unvollkommenheit oder mangelnder Reife, sondern von unvollständiger Offenbarung. Erkenntnis und Weissagung sind notwendige Mittel, solange die Offenbarung Gottes noch nicht vollständig vorliegt.

Vers 10

„Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, dann wird das, was stückweise ist, weggetan werden.“

Dieser Vers ist der hermeneutische Schlüssel des Abschnitts. Das Kommen des τὸ τέλειον (to téleion) beendet das ἐκ μέρους (ek mérous). Grammatisch handelt es sich um ein Neutrum, das auf eine sachliche Größe, nicht auf eine Person verweist.

Der Gegensatz ist klar strukturiert:

Paulus beschreibt keinen Ortswechsel (Erde → Himmel), sondern einen heilsgeschichtlichen Übergang. Das Stückwerk wird nicht „überholt“, sondern aufgehoben, weil sein Zweck erfüllt ist.

Vers 11

„Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war.“

Paulus illustriert den vorherigen Gedanken durch ein Reifungsbild. Kindsein und Erwachsensein stehen nicht moralisch gegeneinander, sondern funktional. Das Kindliche ist nicht falsch, sondern vorläufig.

Wichtig ist die aktive Formulierung: „ich tat weg“. Das Kindliche bleibt nicht parallel bestehen. Übertragen bedeutet dies: Offenbarungsgaben gehören zur Kindheitsphase der Gemeinde, nicht zu ihrem reifen Zustand.

Vers 12

„Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin.“

Der antike Spiegel bestand aus poliertem Metall und lieferte nur ein verzerrtes Bild. Paulus benutzt dieses Bild für vermitteltes, unvollständiges Erkennen. „Angesicht zu Angesicht“ ist eine bekannte biblische Wendung für unverhüllte, klare Mitteilung (vgl. 4Mo 12,8 über Mose).

Auch hier bleibt Paulus im Erkenntnisbereich. Es geht nicht um die Schau Gottes im Himmel, sondern um den Übergang von unklarer zu klarer Offenbarung. Das „Erkanntwerden“ verweist auf göttliche Maßstäbe, nicht auf Allwissenheit des Menschen.

1. Korinther 13,8–13 – „Das Vollkommene“

Wortbezogene Auslegung vs. spiritualistisch-charismatische Deutung

Aspekt Wort-Gottes-Auslegung Spiritualistisch-charismatische Deutung
Kontext Gaben zur Offenbarung göttlicher Wahrheit (12–14) Gaben als andauernde geistliche Erfahrungen
Thema von Kap. 13 Einordnung der zeitlich begrenzten Offenbarungsgaben Betonung persönlicher Frömmigkeit & Erlebnisse
„stückweise“ (ἐκ μέρους) Teilhafte Offenbarung vor Abschluss des NT Unvollkommene menschliche Erkenntnis allgemein
„das Vollkommene“ (τὸ τέλειον, Neutrum) Vollständige Offenbarung Gottes (abgeschlossenes Wort) Unbestimmter Zustand / Christus / Himmel
Grammatik Neutrum → Sache, nicht Person Ignoriert das grammatische Geschlecht
Weissagung Zeitlich notwendig, dann weggetan Bleibt bis zur Wiederkunft aktiv
Zungen Zeichencharakter, hören auf Dauerhafte Gebets- oder Lobpreisgabe
Erkenntnis Teilweise → ersetzt durch vollständige Schrift Bleibt prinzipiell unvollständig
Kind–Mann-Bild (V.11) Heilsgeschichtliche Reifung der Offenbarung Individuelle geistliche Reifung
Spiegel-Bild (V.12) Unvollständige → klare Offenbarung Mystische Gotteserfahrung
„Angesicht zu Angesicht“ Idiom für klare Mitteilung (vgl. 4Mo 12,8) Direkte Schau Gottes im Himmel
Bleibendes (V.13) Glaube, Hoffnung, Liebe bleiben auf Erden Wird oft übergangen oder vergeistlicht
Rolle der Schrift Maßstab & Abschluss der Offenbarung Ergänzungsbedürftig durch Eindrücke
Gefahr Bewahrung vor Subjektivismus Öffnung für Schwärmerei & Irrlehre

Vers 13

„Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.“

Paulus schließt mit einer Zusammenfassung. „Nun aber bleibt“ bezeichnet den bleibenden Zustand diesseits der Vollendung, nicht den Himmel. Glaube und Hoffnung haben im Himmel keinen Platz – Liebe hingegen bleibt auch dort.

Damit wird endgültig klar: Paulus spricht nicht primär vom Himmel, sondern vom bleibenden Grundbestand des christlichen Lebens auf Erden, nachdem die Offenbarungsgaben ihre Funktion erfüllt haben.


Gesamteinordnung von 1Kor 13,8–13

Paulus zeigt:

Das Kapitel bereitet damit unmittelbar Kapitel 14 vor, in dem Paulus den geordneten Gebrauch der noch vorhandenen Gaben regelt – nicht deren Dauerhaftigkeit garantiert.


Gesamtzusammenfassung zu 1. Korinther 13

  1. Korinther 13 steht im Zentrum der paulinischen Gabenlehre (1Kor 12–14) und bildet das theologische Bindeglied zwischen Ursprung, Vielfalt und Ordnung der geistlichen Gaben. Das Kapitel ist kein isoliertes „Hohelied der Liebe“, sondern eine argumentierende Einordnung der Offenbarungsgaben im Licht des Bleibenden.

In den Versen 1–3 macht Paulus deutlich, dass selbst die höchsten geistlichen Gaben und die äußerste persönliche Hingabe ohne Liebe geistlich wertlos sind. Nicht die Gabe verleiht dem Menschen Bedeutung vor Gott, sondern die innere Haltung, aus der heraus sie ausgeübt wird. Liebe ist dabei keine emotionale Regung, sondern eine geistlich geprägte Grundhaltung.

Die Verse 4–7 beschreiben die Liebe in ihrem praktischen Ausdruck. Paulus definiert Liebe nicht abstrakt, sondern anhand konkreter Verhaltensweisen, die besonders auf die Missstände in Korinth zielen: Neid, Selbstüberhebung, Eigeninteresse und mangelnde Rücksichtnahme. Liebe erweist sich als tragfähig, wahrheitsgebunden und ausdauernd und bildet damit das notwendige Fundament für jedes geistliche Handeln.

In den Versen 8–10 führt Paulus die entscheidende heilsgeschichtliche Unterscheidung ein. Während die Liebe bleibt, sind Weissagung (προφητεῖαι, prophēteîai), Zungen (γλῶσσαι, glṓssai) und Erkenntnis (γνῶσις, gnṓsis) ausdrücklich als vergängliche, zeitlich begrenzte Offenbarungsgaben bezeichnet. Ihre Begrenztheit liegt nicht in menschlicher Unzulänglichkeit, sondern in der fragmentarischen Natur der damaligen Offenbarung (ἐκ μέρους, ek mérous). Mit dem Eintreten des „Vollkommenen“ (τὸ τέλειον, to téleion) wird das „Stückwerk“ aufgehoben.

Die anschließenden Bilder vom Kind und vom Mann sowie vom Spiegel und vom klaren Sehen (V.11–12) verdeutlichen diesen Übergang von Vorläufigkeit zu Reife, von vermittelter zu vollständiger Erkenntnis. Paulus beschreibt keinen eschatologischen Ortswechsel, sondern einen Wechsel der Erkenntnisweise und Offenbarungsform. Das „Vollkommene“ ist dabei sachlich zu verstehen und bezeichnet die Vollendung der göttlichen Offenbarung.

Der abschließende Vers 13 fasst den bleibenden Grundbestand des christlichen Lebens zusammen: Glaube, Hoffnung und Liebe. Während Offenbarungsgaben ihre zeitlich begrenzte Aufgabe erfüllt haben, bleiben diese drei als tragende Elemente des Glaubenslebens bestehen. Die Liebe steht dabei über allem, weil sie sowohl jetzt als auch über diese Welt hinaus Bestand hat.

  1. Korinther 13 lehrt somit, dass geistliche Gaben funktional und zeitlich begrenzt sind, während die Liebe als bleibendes Prinzip den Maßstab für alles geistliche Handeln setzt. Die Autorität und Klarheit der vollendeten Offenbarung Gottes macht zusätzliche Offenbarungsformen überflüssig und bewahrt die Gemeinde vor subjektiven, erfahrungsorientierten Fehlentwicklungen. Der Heilige Geist wirkt nicht jenseits der Schrift, sondern durch das vollendete Wort Gottes.

Zungenreden: Zungenrede (Sprachenrede) ist ein Sprechen in einer fremden Sprache, die man nie erlernt hatte.
Gemäß 1Kor 14.21+22 ist Zungenrede ein Zeichen für ungläubige Juden, um sie von Gottes Handeln zu überzeugen (Jes 28.11-12).

In Apg 2.1-13 und Apg 10.44-48 sind Juden entsetzt, weil sie die Zungenrede hörten.
Dass auch die Heiden den Heiligen Geist bekommen, wird den gläubig gewordenen Juden durch die Gabe des Zungenredens als Zeichen verdeutlicht.
Petrus musste sich dafür in Apg 11.15-18 rechtfertigen, weil es für Juden undenkbar war, dass ihr Gott auch die Heiden angenommen hatte (Eph 2.11-22, Eph 3.4-7). 1Kor 13.8-13: „Die Liebe vergeht nimmer; seien es aber Prophezeiungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.
Denn wir erkennen stückweise, und wir prophezeien stückweise; wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindisch war. Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie auch ich erkannt worden bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.“ Gemäß 1Kor 13.8-10 hatte Zungenrede bereits aufgehört, bevor „das Vollkommene“ (vollständige Wort Gottes, Ps 19.7-8, Off 22.18-19) gekommen war, um die stückweise Erkenntnis und das stückweise Prophezeien zu ersetzen.
Das heißt: Als das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, geschrieben wurde (ca. im Jahr 95 n. Chr.), gab es schon keine gottgewirkte Zungenrede mehr.
Weil mit der Offenbarung alles gesagt wurde, was Gott den Menschen mitteilen wollte, wurde das Prophezeien (=Weissagen) und die stückweise Erkenntnis (Teile des Wortes Gottes) durch das nun vollständige Wort Gottes ersetzt (1Kor 13.8). Die Zungenrede jedoch hatte schon vorher aufgehört (1Kor 13.8- 10). Der Begriff „das Vollkommene“ (gr.: to teleion, το τελειον) wird von Charismatikern gerne auf Jesus Christus bei seiner Wiederkunft gedeutet, um so zu erreichen, dass das Vollkommene heute noch nicht da ist und deswegen Zungenreden und Prophezeiungen weiterhin erlaubt sind. Um diese Irrlehre zu enttarnen muß man den Text genau lesen! Es steht NICHT geschrieben: „Wenn aber DER Vollkommene gekommen sein wird,...“.
Dieser Unterschied ist sehr entscheidend. Wir können nicht einfach DAS Vollkommene umdeuten zu DER Vollkommene, damit eine bibelfremde Lehrmeinung bestätigt wird. Richtig und sicherer ist es, wenn das Wort Gottes die letzte Instanz bei Lehrfragen bleibt. Jesus Christus ist nicht sächlich (das)!, folglich ist in 1.Kor 13.10 nicht die Wiederkunft von Jesus Christus, sondern DAS Vollkommene Wort gemeint. Auch die griechischen Wörterbücher bestätigen, dass die Übersetzung „DAS Vollkommene“ richtig ist, z.B.: • Bauer W., Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments (ISBN 3-11-010647-1), 6. Auflage 1988, Walter de Gruyter Verlag, Seite 1614. • Maier P. u.a., Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel – Neues Testament (ISBN 3-417-25711-5), 2. Auflage 1995, R. Brockhaus Verlag, Seite 1006. Die zweite Fehlinterpretation geht in Richtung „DER vollkommene Zustand“. Gemeint ist, dass der vollkommene Zustand erst im Himmel erreicht ist und dass bis zu diesem Zeitpunkt Prophezeien und Zungenreden erlaubt sind. Hinweise dazu: 1. Das Wort DAS durch DER zu ersetzen ist wieder nicht korrekt, sondern Betrug. 2. Würde man solch einen Betrug zulassen, dann hätten die Christen bis zur Wiederkunft keine vollkommene Grundlage zum prüfen, sondern sie wären umhergetrieben von jedem Wind der Lehre (Eph 4.14). Die Christen müssten dann laufend nach neuen Offenbarungen (Prophezeiungen) Ausschau halten, welche auf den gleichen Rang wären, wie Gottes Wort (Off 22.18-19). 3. Laut 1Kor 13.13 bleiben nach dem Eintreten des Vollkommenen noch Glaube, Hoffnung, Liebe. Nach dem Kommen Jesu (=vollkommener Zustand) wird aber Glauben durch Schauen ersetzt (2Kor 5.5-8; Heb 11.1) und die Hoffnung ist dann auch nicht mehr nötig (Kol 1.5, Kol 1.27, 1Thess 1.3). Dies bedeutet, dass es eine Zeitspanne geben muß, zwischen dem Wegnehmen der Gnadengaben und dem Vollkommenen Zustand. In dieser Zwischenzeit haben Christen DAS vollkommene Wort und Glauben, Hoffnung und Liebe. Damit ist anhand von Gottes Wort nachgewiesen, dass „das Vollkommene“ das Wort Gottes (die Bibel) ist. Folglich gibt es heute keine gottgewirkte Zungenrede und kein Prophezeien mehr. Die Aussage des Apostels Paulus „wehret nicht in Sprachen zu reden“ (1Kor 14.39), galt für die damalige Zeit als „das Vollkommene“ Wort Gottes noch nicht vollständig geoffenbart war. Man war ja gerade erst bis zum ersten Korintherbrief gekommen. Folglich besaßen diese ersten Versammlungen noch nicht den ganzen Maßstab des Wortes Gottes um zu prüfen und Irrlehren abzuwehren und waren deswegen auf Neuoffenbarungen durch Zungenrede und Prophezeien angewiesen. Heute gilt es alles anhand des vollkommenen Wortes zu prüfen, Neuoffenbarungen neben der Bibel, gottgewirkte Zungenrede und Prophezeiungen gibt es heute nicht mehr. Mt 24.4: „Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Sehet zu, daß euch niemand verführe!“ Das Wort Gottes, welches wir besitzen ist Prophetie (2Pe 1.19-21). Neue Prophezeiungen wird es erst in der Drangsalszeit gemäß Off 11.1-13 von nur 2 Propheten in Jerusalem wieder geben. Selbst zur Zeit der Urgemeinde war die Gabe des Zungenredens, wie auch andere Gaben, nicht jedem Wiedergeborenen Christen gegeben (1Kor 12.10-11+30). Zungenrede war nach der Apostelzeit bis ca. im Jahr 1900 kein Thema in christlichen Versammlungen. Erst seit ca. 1900 und besonders seit Anfang der Verführungszeit (Laodicäa) nehmen Zungenrede in neu gebildeten Pfingst- und unterwanderten charismatischen Versammlungen zu. Aufgrund der Heilszeiten und der Fertigstellung des biblischen Kanons (1Kor 13.8-10, Off 22.18-19) dürfen heute Zungenredner und Propheten in der Versammlung nicht geduldet werden.



Neben der Schrift Fakten zur Bibel 
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greeknewtestament Kata Biblon
    
https://greekcntr.org/collation/index.htm

Interlinear Griechisch Deutsch   http://www.qbible.com/hebrew-old-testament/genesis/
Das Vollkommene

Elberfelder 1905
1. Korinther
1. Kor 13,10 wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden.

»Das Vollkommene« bezieht sich auf das,
was später als der Kanon der Schrift anerkannt werden würde.

Als das letzte Buch unseres NT geschrieben wurde,
war die Offenbarung vollständig.

Es ist nicht nötig, hier den Gedanken des Himmels einzuführen.

Schließlich besteht keine Notwendigkeit, uns zu erklären, dass die Gaben aufhören, wenn wir ihn erreicht haben.

Das ist zu offensichtlich.
W. Hoste kommentiert in Bible Problems and Answers, S. 332:

»Es würde kaum notwendig sein zu beweisen, dass diese Gaben im Himmel überflüssig sein werden.

Wenn Du einen Freund mit einer Öllampe in einer dunklen Vorortstraße triffst, um ihm feierlich zu erklären, dass er seine Lampe nicht länger benötigen würde, wenn die Sonne aufgeht, dann würde er denken, Du seiest ein Phrasendrescher.

Wenn Du aber zu ihm sagst: ›Du wirst deine Ölfunzel nicht mehr brauchen, wenn die Elektrizitätsgesellschaft ihren Plan für diesen Ort ausgeführt hat‹,
dann wäre das verständlich und beachtenswert.«

Noch einmal: Warum soll bei diesen beiden Gaben unabhängig von all den anderen erwähnt werden, dass sie weggetan werden, wenn wir in den Himmel kommen?

Nein,
diese beiden Gaben werden erwähnt, weil sie offenbarende Gaben waren, durch die Gott Seine Gedanken offenbarte, bis die Schriften vollständig sein würden. G.B. Weaver schrieb über die beiden Ausdrücke ek merous (»stückweise«) und teleion (»vollkommen«): »Es ist logisch, dass to teleion sich auf das Ganze oder das Vollkommene in demselben Bereich beziehen muss, wie es sich auf to ek merous bezieht.

To ek merous
bezieht sich auf die Übermittlung göttlicher Wahrheit durch Offenbarung. Demzufolge muss sich der andere Ausdruck:

to teleion
auf Gottes vollständige Offenbarung der Wahrheit beziehen, auf das ganze Neue Testament (natürlich mit dem Buch zusammengenommen, das ihm das Fundament gibt).«

Weiter: Wenn Prophezeiung und Erkenntnis, wie oben erklärt, weitergeführt wurden, bis der HERR kommt, dann wird heute immer noch an der Bibel geschrieben. Das ist die Haltung der charismatischen Bewegung.
Die Reformatoren retteten das Christentum von außerbiblischen Irrtümern mit dem Ruf: »Sola Scriptura«, was bedeutet: »Allein die Schrift«.

Nun geht von charismatischen und anderen Bewegungen der Ruf aus:
»Die Schrift plus die neue Offenbarung von Gott«.

Möge Gott uns bewahren. Es ist wichtig zu beachten, dass es eine kontinuierliche göttliche Offenbarung geben müsste, wenn die Gaben, die als »stückweise« erwähnt werden, bleiben würden. Die Charismatiker bestehen auf einer zur Zeit fortgeführten gleichzeitigen Offenbarung. J. Rodman Williams sagt in seinem Buch »Das Zeitalter des Geistes«: »Die Bibel ist wahrhaftig ein Mitzeuge von Gottes gegenwärtigen Aktivitäten geworden ...

Wenn heute vielleicht jemand eine Vision von Gott und Christus hat, ist es gut zu wissen, dass das auch vorher geschah ...

Wenn jemand sagt ›So spricht der HERR‹ und es wagt, die Gemeinschaft in der ersten Person anzureden
– sogar wenn er über die Worte der Schrift hinausgeht
– dann ist so etwas schon lange vorher geschehen ...

Der Geist bewegt sich als der lebendige Gott durch die Berichte der früheren Zeugen hindurch und über sie hinaus, wie wertvoll solche Berichte als Modell für das, was heute geschieht, auch sein mögen... In der Prophetie spricht Gott. Tatsächlich kann das Sprechen ungeschliffen sein und grammatische Fehler enthalten, es mag eine Mischung aus ›Luther-Deutsch‹ und moderner Sprache sein,
es mag stockend oder flüssig sein
– so etwas macht wirklich nichts aus ... Die meisten von uns sind natürlich mit prophetischen Äußerungen, wie sie in der Bibel berichtet werden, vertraut und bereit, sie als Gottes Wort zu akzeptieren.

Jesajas oder Jeremias
›So spricht der HERR‹, sind wir gewöhnt,
aber einen Friedhelm oder eine Christine heute, im zwanzigsten Jahrhundert, so sprechen zu hören ...! Viele von uns sind auch überzeugt, dass Prophetie mit dem Neuen Testament aufhört (trotz all der neutestamentlichen Aussagen, die das Gegenteil bezeugen), bis plötzlich durch den dynamischen Vorstoß des Heiligen Geistes Prophezeiung wieder zum Leben erwachte.

Nun wundern wir uns, wie wir das Neue Testament so lange falsch lesen konnten!« Dieses Zitat, obwohl es bestürzend ist, gibt doch ganz den Standpunkt der charismatischen Bewegung wieder. Man beachte gewisse Dinge in der Aussage: 1._Es wird behauptet, dass die Bibel ein Mitzeuge der gegenwärtigen Offenbarung in Prophetie sei.

2._
Es wird die Behauptung vorgebracht, dass es heute möglich ist, das, was einer als neue Offenbarung zu sagen hat, mit »So spricht der HERR« einzuleiten.
3._Der Autor besteht darauf, dass es erlaubt ist, die erste Person zu verwenden. Das würde bedeuten, dass man mit »ich aber sage euch« über die Schrift hinausgehen und zu der existierenden Offenbarung hinzufügen könnte.
4._Er behauptet, dass der Geist über die Berichte der früheren Zeugen hinausgeht, d.h. über die Zeugnisse des AT und NT.
5._Er erweckt den Anschein, dass Friedhelm oder Christine heutzutage mit der gleichen Autorität wie Jesaja, Jeremia, Petrus oder Paulus weissagen können. Es ist völlig klar, dass die endgültige Autorität der Schrift geschwächt wird, wenn wir einmal anerkennen, dass das »stückweise« bleibt, und irgend ein Tom oder eine Mary eine göttliche Offenbarung mit der gleichen Autorität wie das AT oder das NT von sich geben kann. Lassen wir uns warnen und ständig vor der Gefahr solcher Lehre auf der Hut sein. Ihre Auswirkungen sind schrecklich.

11_Hier und in V. 12 stehen zwei Illustrationen vor uns. Die erste stellt das Wachstum von der Kindheit zur Reife dar, vom Stückweisen zum Vollkommenen, nicht vom Unvollkommenen zum Vollkommenen. Das brauchte Zeit und schritt langsam voran, so, wie die Schriften allmählich vervollständigt wurden. Das Mannsein ist das Ende des natürlichen Wachstumsprozesses; hier ist die vollständige Schrift das Resultat. Andere Schriftstellen bekräftigen den Gebrauch des Wortes »Kind« in Bezug auf ein Stadium der Unreife.

Hebr 5,11-14 stellt uns die hebräischen Gläubigen vor, die es versäumt hatten, Fortschritte zu machen und dazu neigten, sich an das Gesetz
zu klammern. Der Verfasser tadelt sie und wünscht, dass sie zum vollen Mannesalter hin wachsen.

Anstatt im Hören träge (V. 11),
im Anfangsstadium (V. 12) geblieben zu sein
und mit der Flasche gefüttert werden zu müssen (V. 13),

sollten sie schon Lehrer geworden sein, feste Speise zu sich nehmen und von geistlicher Wahrnehmung und Erkenntnis gekennzeichnet werden. In 1Kor 3,1-3 enthüllt Paulus den unterentwickelten Zustand der Korinther. Sie waren noch Säuglinge, im Wachstum zurückgeblieben, ihre Entwicklung hatte sich verzögert, sie waren nicht geistlich. In Eph 4,13-15 verlangt der Apostel, dass die Heiligen in Ephesus aufhören sollten, Kinder zu sein (aus Furcht, dass sie von falschen Lehrern ausgenutzt werden könnten) und zur vollen Mannesreife hin wachsen. So ist hier die Entwicklung vom »Kind« zum »Mann« dargestellt, um zu demonstrieren, dass die Offenbarung Gottes sich der Vollendung nähert.
12_Hier haben wir die zweite Illustration der gleichen Wahrheit wie in V. 11. Sie hat nichts mit dem Himmel zu tun, obwohl man sie in der Weise anwenden könnte. Der Spiegel ist das bis zu der Zeit, als der Apostel schrieb, geoffenbarte Wort Gottes. Das einzige Mal, wo dieses Wort noch verwendet wird – in Jak 1,23 – bezieht es sich wiederum auf das Wort Gottes. »Undeutlich« bedeutet »in einem Rätsel«. Das Wort Rätsel steht für eine rätselhafte Aussage, die weitere Erklärungen benötigt; es muss etwas hinzugefügt werden, um seine Bedeutung zu erklären. Das passt sehr gut zu dem Gedanken von dem stückhaften Stand der Offenbarung zu der Zeit, wo diese Gaben wirkten und man die volle Offenbarung der abgeschlossenen Schriften erwartete. »Von Angesicht zu Angesicht« ist die volle und klare Offenbarung der Schriften. Lassen wir
das Wort Gottes diese Interpretation bekräftigen.

In 4Mo 12 verteidigte Gott den Mose mit der Aussage, dass die Offenbarung zu anderen in Form eines Traumes oder einer Vision geschieht (was dem »stückweisen« entspricht), aber zu Mose »von Mund zu Mund« (was dem »von Angesicht zu Angesicht« entspricht). Es ist sehr interessant, die Ähnlichkeit der Ausdrücke in 4Mo 12 und hier zu bemerken. Viele sind gegen diese Interpretation und sagen, dass wir behaupten, dass unsere Erkenntnis größer wäre als die Erkenntnis, die Paulus besessen hätte. Das ist nicht so. Die Apostel hatten alle Erkenntnis, die für diese Zeit nötig war. »Jetzt erkenne ich stückweise« geht zurück auf die Verse 9

10. Paulus war sich der partiellen Offenbarung bewusst und war sich völlig klar darüber, dass Gott ständig neue Wahrheiten offenbarte. Die vollere Erkenntnis ist die sich im Gang befindliche Offenbarung der Schriften. Es steht außer Frage, dass die Erkenntnis des Paulus oder unsere eigene niemals der von Gott gleich ist. »Dann werde ich erkennen«, führt in dem Bewusstsein, dass Gott uns immer voll erkannt hat, zu der abschließenden Offenbarung Gottes, wie sie in der Schrift geoffenbart ist.
13_»Nun aber bleibt« Glaube, Hoffnung und Liebe, wenn all die zeitlichen Gaben weggetan sein werden. Der Ausdruck »nun aber« (nyni de) ist zeitlich und logisch gemeint. Paulus stellt die zeitliche Natur der Gaben, die in V. 9 erwähnt sind, der Beständigkeit von Glaube, Hoffnung und Liebe gegenüber. Das sind die drei wesentlichen Elemente des Christentums. Dann sagt er, dass die größte von ihnen die Liebe ist. Glaube trägt in seiner funktionalen Vorzüglichkeit durch und Hoffnung in der Klarheit ihrer Sicht, aber die Liebe über
trifft all ihre höchsten Werte. Das heißt nicht, dass Glaube und Hoffnung von der Liebe überdauert werden, sondern dass sie sie als das wesentliche Element des Christentums überragt, denn »Liebe ist aus Gott« (1Jo 4,7) und »Gott ist Liebe« (1Jo 4,8).

Die Frage, ob eine von diesen Gnaden oder alle drei in die Ewigkeit hineinreichen, wird in diesem Vers nicht gestellt. Wir wollen nun einige der Lehren zusammentragen, mit denen wir in diesem Kapitel vertraut gemacht wurden:

1._Die Vorzüglichkeit der Liebe in ihrem großartigen Wert und ihrer Notwendigkeit und die schrecklichen Aussichten bei ihrer Abwesenheit. 2._Die Nutzlosigkeit weitgreifender Redekunst (V. 1), durchdringender Erkenntnis (V. 2) und des Opfergebens, wenn die Liebe fehlt.
3._Der Wert der vielgestaltigen Qualitäten der Liebe, deren Gegenwart unser Leben so sehr bereichert.
4._Die vorzüglichen Qualitäten der Liebe in ihren positiven und negativen Wertungen.
5._Die positiven Aussagen über Liebe schließen die negativen Funktionen aus und die negativen Aussagen sichern die Anwesenheit der positiven zu.
6._Man beachte, dass im Gegensatz zur bleibenden Liebe (V. 8) gewisse Gaben aufhören, weggetan werden und das Ziel erreicht haben, für das sie existierten.
7._Man betone die Bedeutsamkeit der Zeit, als die Offenbarung Gottes sich im Gang befand und die Schrift vervollständigt wurde. Das war ein wichtiger Grenzstein.

ex. wdbl 1. Korinther Brief
==
«Die Liebe hört niemals auf. Aber seien Weissagungen, sie werden weggetan werden (katargeo);
seien es Sprachen, sie werden aufhören {pauo)'sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden (katargeo).
Dehn wir, {Apostel und Propheten der Bibel) erkennen stückweise und wir weissagen stückweise.
wenn aber einmal das Vollkommene da ist, dann wird das Stückwerk weggetan.

Das Vollkommene ist zu einem fixen Zeitpunkt da und genau dann, wenn es da ist,
werden (direkt inspirierte) Weissagungen ;(Prophetie) und (direkt inspirierte) Erkenntnis schlagartig weggetan (katargeo),
die Sprachen aber werden genau dann ausklingen und ganz zum Stillstand kommen.
 Das Vollkommene kann somit nicht der Ewigkeitszustand sein, weil da keine Sprachen ausklingen werden,
sondern es muss etwas sein, was bereits da ist und das ist der Kanon der Bibel.
Aus diesem heute bereits Vollkommenen entnehmen wir unsere Erkenntnis -
somit gibt es keine Propheten und Sprachenrede mehr.
Die Bibel ist KEINE Teiloffenbarung, sondern der vollkommene Ratschluss Gottes

Der Gebrauch von teleios und verwandten Wörtern im Neuen Testament
Benedikt Peters, CH-Arbon

(Die Bibelstellen wurden mit Hilfe von https://bible.gospelcom.net/cgi-bin/bible?language=german eingefügt,
und zwar nach der unrevidierten Elberfelder Übersetzung)

1. Das Vorkommen von teleios

Das Wort kommt an 17 Stellen des NT vor, nämlich in:

- Matth. 5:48
48 Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

- Matth. 19:21

21 Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Und komm, folge mir nach!

- Röm. 12:2
2 Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, daß ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
- 1. Kor. 2:6
6 Wir reden aber Weisheit unter den Vollkommenen, jedoch nicht Weisheit dieses Zeitalters, noch der Fürsten dieses Zeitalters, die zunichte werden,
- 1. Kor. 13:10
9 Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise;
10 wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden.
- 1. Kor. 14:20

20 Brüder, seid nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene.
- Eph. 4:13

13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi.
- Phil. 3:15
15 Soviele nun vollkommen sind, laßt uns darauf bedacht sein! Und wenn ihr in irgend etwas anders denkt, so wird euch Gott auch dies offenbaren.

- Kol. 1:28
28 Ihn verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, um jeden Menschen vollkommen in Christus darzustellen;

- Kol. 4:12
12 Es grüßt euch Epaphras, der von euch ist, ein Knecht Christi Jesu, der allezeit für euch ringt in den Gebeten, daß ihr vollkommen und völlig überzeugt in allem Willen Gottes dasteht.

- Hebr. 5:14

14 die feste Speise aber ist für Erwachsene, die infolge der Gewöhnung geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten wie auch des Bösen.
- Hebr. 9:11

11 Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter und ist durch das größere und vollkommenere Zelt - das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist -
- Jak. 1:4

4 Das Ausharren aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt.
- Jak. 1:17
17 Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch eines Wechsels Schatten.
- Jak. 1:25
25 Wer aber in das vollkommene Gesetz der Freiheit hineingeschaut und dabei geblieben ist, indem er nicht ein vergeßlicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes ist, der wird in seinem Tun glückselig sein.
- Jak. 3:2
2 denn wir alle straucheln oft. Wenn jemand nicht im Wort strauchelt, der ist ein vollkommener Mann, fähig, auch den ganzen Leib zu zügeln.

- 1. Joh. 4:18..
18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.



2. Die verschiedenen Bedeutungen

teleios kann im NT folgende Bedeutungen haben:
- sittlich vollkommen (von Personen): Matth. 5:48; 1. Kor. 2:6; Kol. 1:28(s. unter 1.)
- perfekt, vollkommen (von Dingen): Röm. 12:2; Jak. 1:17; 1. Joh. 4:18 (s. unter 1.)
- erwachsen: 1. Kor. 14:20; Eph. 4:13; Hebr. 5:14 (s. unter 1.)
- vollständig: Jak. 1:4 (siehe unter 1.)
- endgültig (im Gegensatz zu vorläufig): Hebr. 9:11 (s. unter 1.)

3. Die Syntax

teleios wird syntaktisch auf drei verschiedene Arten gebraucht:
- als attributives Adjektiv: Röm. 12:2; Hebr. 9:11; Jak. 1:4,17; 3:2; 1. Joh. 4:18 (s. unter 1.)
- als prädikatives Adjektiv: Matth. 5:48; 19:21 (s. unter 1.)
- als substantives Adjektiv: 1. Kor. 2:6; 13:10; 14:20; Hebr. 5:14 (s. unter 1.)

teleios wird nie als absolut dastehendes Abstraktum - wie Vollendung, Vollkommenheit etc. - gebraucht, sondern es hat immer ein genanntes oder ausgelassenes Bezugswort.
Sollte daher to teleion in 1. Kor. 13:10 wirklich „die Vollendung“ bedeuten, wäre es ein Sonderfall. Das wäre theoretisch zwar nicht ganz ausgeschlossen, aber bereits jetzt als unwahrscheinlich erkennbar.



Zwei weitere Fragen sollen uns weiterbringen: Wie wird nun teleios in der übrigen griechischen Literatur gebraucht? Und wie sehen Abstrakta - wie Vollendung, Vollkommenheit u. a. - im Griechischen normalerweise aus?

4. Der Gebrauch von teleios in vorklassischer und in klassischer Literatur

Dieser deckt sich sowohl in der Wortbedeutung als auch in der Verwendung innerhalb des Satzbaus (in der Syntax) weitgehend mit dem NT.
Es wird teleios ebenfalls nie als Abstraktum gebraucht. Dafür stehen andere Wörter zur Verfügung wie telos (das Ende), teleuté (Ende, oft auch für das Lebensende, den Tod),
 teleiotes (Vollständigkeit). Wie im NT kann teleios auch im außerbiblischen Griechisch beides sein: attributives oder prädikatives Adjektiv, oder substantiviertes Adjektiv mit einem nicht genannten, weil selbstverständlichen Bezugswort.

Der Inhalt von teleios ist:
vollendet, vollkommen
volljährig, erwachsen
tadellos (von Opfertieren)
untrüglich (von einem Vogel, dessen Flug man deutet)
vollzählig, voll

5. Zur Wortbildung von Abstrakta

Im Griechischen werden Abstrakta häufig durch die weibliche Endung -ia gebildet. kakos, „schlecht“, wird zu kakia, „Schlechtigkeit“; adikos, „ungerecht“, wird zu adikia, „Ungerechtigkeit“.

teleios würde dann zu teleia, das im NT so nicht vorkommt; es findet sich aber das um die Vorsilbe syn verstärkte Abstraktum „Vollendung“, und das wird eben verwendet, wenn es um die Vollendung des Zeitalters geht:
- Matth. 13:39, 40

39 der Feind aber, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte aber ist die Vollendung des Zeitalters, die Schnitter aber sind Engel.
40 Wie nun das Unkraut zusammengelesen und im Feuer verbrannt wird, so wird es in der Vollendung des Zeitalters sein.


- Matth. 24:3
3 Als er aber auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger für sich allein zu ihm und sprachen: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?

- Matth. 28:20
20 und sie lehrt alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.


Hätte nun Paulus in 1. Kor. 13 von der Vollendung der Heilsgeschichte beim Kommen des Herrn sprechen wollen, hätte sich dieses Wort geradezu aufgedrängt.

Es wäre noch ein anderes Wort in Frage gekommen, das anderweitig für das heilsgeschichtliche Ende gebraucht wird: to telos wie in:

- Matth. 10:22
22 Und ihr werdet von allen gehaßt werden um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden.


- Matth. 24:6
6 Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Seht zu, erschreckt nicht; denn [dies] alles muß geschehen, aber es ist noch nicht das Ende.


- Mark. 13:7
7 Wenn ihr aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören werdet, so erschreckt nicht! Es muß geschehen, aber es ist noch nicht das Ende.

- Luk. 21:9
9 Wenn ihr aber von Kriegen und Empörungen hören werdet, so erschreckt nicht; denn dies muß zuvor geschehen, aber das Ende ist nicht sogleich da.


- 1. Kor. 15:24
24 dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt; wenn er alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht weggetan hat.


- 1. Petr. 4:7
7 Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. Seid nun besonnen und seid nüchtern zum Gebet!


Hingegen wäre to teleion, das Paulus in 1. Kor. 13:10 verwendet, für die „Vollendung“ absolut singulär. Paulus hätte sich dann äußerst mißverständlich, um nicht zu sagen irreführend ausgedrückt.

6. Was meinte Paulus mit to teleion?

Wir müssen zwei Dinge berücksichtigen: erstens den Textzusammenhang; zweitens den Gebrauch des Wortes im übrigen NT.

Im 1. Korintherbrief selbst wird teleios einmal gebraucht im Sinne von „sittlich vollkommen“:
1. Kor. 2:6
6 Wir reden aber Weisheit unter den Vollkommenen, jedoch nicht Weisheit dieses Zeitalters, noch der Fürsten dieses Zeitalters, die zunichte werden,

das andere Mal im Sinne von „ausgewachsen = erwachsen“:
1. Kor. 14:20
20 Brüder, seid nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene.

Im Kapitel 13 spricht Paulus von Dingen, die nur vorläufig, vorbereitend sind, die eben nur Teile des Ganzen bilden.
to teleion bildet den logischen Gegensatz zu den vorläufigen und vorbereitenden Teilen und bezeichnet das Bleibende, das Ganze, das aufs Vollmaß Gebrachte.

Es scheint mir auch offenkundig, daß Paulus auf die gängige Bedeutung des Wortes teleios = „erwachsen“ in assoziativer Weise anspielt. Wenn er nämlich vom verschiedenartigen
Gebaren des Kindes und des Mannes spricht, wird man unweigerlich an diese Bedeutung des Wortes erinnert, und bekommt so den Eindruck, daß Paulus hier die Richtung weise,
in der wir das semantisch recht weite teleios zu deuten haben: „ausgewachsen, komplett, vollständig“.

Auch in 1. Kor. 14:20 (s. oben),
wo teleios verwendet wird, begegnen wir dieser Gegenüberstellung von Kindern und Erwachsenen.

Es bleibt noch die Frage, welches zum Neutrum to teleion passende Bezugswort in der Wendung des Paulus ausgelassen wurde. Vom direkten Textzusammenhang her bleibt nur to gignoskein (das Erkennen)
und to propheteuein (das Weissagen): das vollkommene Erkennen und Weissagen der göttlichen Ratschlüsse.


Es ließe sich mit Blick auf
Kol. 1:25-28
25 Ihr Diener bin ich geworden nach der Verwaltung Gottes, die mir im Blick auf euch gegeben ist, um das Wort Gottes zu vollenden:
26 Es ist das Geheimnis, das von den Weltzeiten und von den Geschlechtern her verborgen war, jetzt aber seinen Heiligen geoffenbart worden ist.
27 Ihnen wollte Gott kundtun, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Nationen sei, und das ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.
28 Ihn verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, um jeden Menschen vollkommen in Christus darzustellen;


auch an das Bezugswort to mysterion (das Geheimnis) denken. Dort spricht Paulus davon, daß das Wort Gottes durch ihn noch auf sein Vollmaß gebracht werden solle (1:25), und daß durch seinen Dienst jeder Mensch „teleios, vollkommen in Christus“ (1:28) dargestellt werde.

Zum Vergleich bietet sich auch
Röm. 12:2 an:
2 Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, daß ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene,

wo Paulus davon spricht, daß wir durch Erneuerung unseres Sinnes zur Erkenntnis des vollkommenen oder vollständigen Willens Gottes, to telema to teleion gelangen sollen.
to teleion bezieht sich somit auf das vollständige Erkennen und Weissagen, sei es des Geheimnisses, sei es des Willens Gottes.

Nehmen wir nun alles bisher Erkannte in Betracht, ist der Schluß unausweichlich, daß Paulus in 1. Kor. 13 von etwas spricht, das aufs Vollmaß gebracht zum Abschluß gekommen ist und nun vollständig, komplett dasteht. Etwas frei formuliert, sagt Paulus also in 13:9,10:
„Denn wir erkennen vorläufig nur in Teilstücken, und wir weissagen nur in Teilstücken; wenn aber das vollständige Erkennen und Weissagen da sein wird, dann wird das in Teilstücken Erkennen und Weissagen abgeschafft werden.“

Das vorläufige Erkennen und Weissagen ist das durch direkte Inspiration gewirkte. Das vollkommene Erkennen und Weissagen ist das auf Gottes inzwischen vollständig abgeschlossenem Wort beruhende.
Das vorläufige Erkennen und Weissagen geschah ek merous, stückweise; dem steht das Erkennen des voll geoffenbarten und niedergeschriebenen Ratschlusses Gottes, to teleion, gegenüber.


7. Wie gebraucht das NT den Ausdruck ek merous?

Das Hauptwort meros bedeutet „Teil“, die Präposition ek „aus“. Beides sind häufige Wörter, die Fügung ek merous kommt hingegen im NT nur fünfmal vor, nämlich in:
1. Kor. 12:27
27 Ihr aber seid Christi Leib, und einzeln genommen, Glieder.
und viermal in der hier untersuchten Stelle
13:9,10,12
9 Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise;
10 wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden[1].
11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war.
12 Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie auch ich erkannt worden bin.


In 12:27 (s. oben) lesen wir, daß die einzelnen Gläubigen ek merous Glieder Christi sind, das heißt, „jedes Glied für sich, je einzeln“. Jedes Glied ist lediglich ein Teilstück des Ganzen,
als solches aber vollkommen, keineswegs ein „Stückwerk“, also etwas nur halbwegs Vollkommenes, etwas Halbfertiges.


Genau so verwendet Paulus ek merous auch in 13:9 (s. oben). Er meint damit in sich völlig zuverlässige und an Klarheit nichts ermangelnde einzelne Teile der noch nicht komplett vorliegenden Gesamtoffenbarung, des teleion.

Wenn wir uns die restlichen Fügungen mit meros im NT ansehen, wird das noch deutlicher. Am häufigsten vertreten ist apo merous:

- Röm. 11:25
25 Denn ich will nicht, Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird;
- Röm. 15:15
15 Ich habe aber zum Teil euch etwas kühn geschrieben, um euch zu erinnern wegen der mir von Gott verliehenen Gnade,

- Röm. 15:24
24 falls ich nach Spanien reise - denn ich hoffe, auf der Durchreise euch zu sehen und von euch dorthin geleitet zu werden, wenn ich euch vorher etwas genossen habe -,

- 2. Kor. 1:14
14 wie ihr auch uns zum Teil erkannt habt, daß wir euer Ruhm sind, so wie auch ihr der unsrige seid am Tag unseres Herrn Jesus.


- 2. Kor. 2:5
5 Wenn aber jemand traurig gemacht hat, so hat er nicht mich traurig gemacht, sondern zum Teil - damit ich nicht zuviel sage - euch alle.

Es meint nun genau das, was viele (durch Luthers unglückliche Übersetzung gefördert) in 1. Kor. 13 unter „Stückwerk“ verstehen:
Röm. 11:25 (s. oben): Den Juden ist nicht vollständig, sondern nur apo merous, Blindheit widerfahren; denn nicht alle sind davon befallen.

Röm. 15:15 (s. oben): Paulus hat den Römern apo merous, „ein Stückweit“, freimütiger geschrieben, und er möchte sich apo merous, „einigermaßen“ (Röm. 15:24 (s. oben)) an ihnen sättigen.

2. Kor. 1:14 (s. oben): Die Korinther kennen Paulus apo merous, „zum Teil“, und er ist von ihnen apo merous, „ein Stückweit“, betrübt worden (2. Kor. 2:5 (s. oben)).

Hätte Paulus sagen wollen, daß wir nur „ein Stückweit“, also unvollkommen erkennen, so wie beispielsweise die Korinther Paulus nur „zum Teil“ kannten, dann hätte Paulus in 1. Kor. 13 niemals ek merous verwendet, sondern eben apo merous.

Eine andere Möglichkeit, etwas zu bezeichnen, das unvollkommen ist, finden wir in
1. Kor. 11:18
18 Denn erstens höre ich, daß, wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, Spaltungen unter euch sind, und zum Teil glaube ich es.
meros ti, „(irgend) ein Stück, ein Stückweit“, glaubte Paulus an die schlechten Meldungen, die ihm aus Korinth zu Ohren gekommen sind.

Die weiteren präpositionalen Fügungen mit meros sind:

- ana meros
1. Kor. 14:27
27 Wenn nun jemand in einer Sprache redet, [so sei es] zu zweien oder höchstens zu dritt und nacheinander, und einer lege aus.


was wörtlich „Teil um Teil“, oder „Stück um Stück“, an dieser Stelle also „einer nach dem andern“ bedeutet.

- en merei
Kol. 2:16
16 So richte euch nun niemand wegen Speise oder Trank oder betreffs eines Festes oder Neumondes oder Sabbats,

wörtl. „in Teil“, das ungefähr dem Deutschen „in Sachen...“ entspricht.

- kata meros
Hebr. 9:5
5 oben über ihr aber die Cherubim der Herrlichkeit, die den Versöhnungsdeckel überschatteten, von welchen Dingen jetzt nicht im einzelnen zu reden ist.


wörtl. „dem Einzelteil nach“, d. h. „detailliert“, „im einzelnen“.
An allen übrigen Stellen im NT bedeutet meros konkret der Teil oder das Stück.

Damit ist rein sprachlich die Deutung von ek merous Erkennen als nur stückwerkhaftes Erkennen, welches die Gemeindezeit auf Erden charakterisieren soll, ausgeschlossen.
Nein, Paulus will den Korinthern sagen, daß alles Erkennen und Weissagen noch in Einzelteilen (ek merous) geschehe, bis das Vollständige
 (to teleion), die Gesamtoffenbarung Gottes gekommen und niedergeschrieben sei. So spricht Paulus in 1. Kor. 13 nicht vom Gegensatz gegenwärtige Zeit - kommende Herrlichkeit,
 sondern vom Gegensatz einleitende Offenbarungsstufe - abgeschlossene Offenbarungsstufe.



[1] ) Anm. A. F.: zu beachten ist die Elberf. Übers. mit „weggetan werden“, was ein aktives Handeln (Gottes) erfordert!



Die Folgen einer falschen Auslegung von 1. Korinther 13,10 lassen sich sowohl biblisch beschreiben als auch geistlich abschätzen.
Sie sind keineswegs harmlos, sondern greifen tief in Offenbarungsverständnis, Gemeindepraxis und Christuszeugnis ein.

1. Kor 13,10 (Elberfelder 1905):
„Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden.“

Im Folgenden eine sachlich-theologische Abschätzung der Konsequenzen, wenn man behauptet, die Bibel sei nicht „das Vollkommene“ – meist verbunden mit der Annahme fortdauernder Offenbarung oder Zeichengaben.


1. Grundannahme der Fehlinterpretation

Die falsche Auslegung lautet meist:

„Das Vollkommene“ ≠ abgeschlossene neutestamentliche Offenbarung,
sondern = zukünftige oder gegenwärtige überbiblische Erkenntnis,
neue prophetische Einsichten, Visionen oder „geistliche Reifezustände“.

Damit wird die Schrift relativiert, ohne sie offen zu verwerfen.


2. Unmittelbare theologische Folgen

a) Relativierung der Schriftgenügsamkeit (Sola Scriptura)

Die Bibel ist dann:

2. Tim 3,16–17 wird praktisch entkräftet:

„… damit der Mensch Gottes vollkommen sei …“

Wenn die Schrift nicht genügt, was fehlt dann noch?


b) Aufwertung subjektiver Autorität

Wo die Schrift nicht „das Vollkommene“ ist:

➡ Ergebnis:


3. Auswirkungen auf Gemeindepraxis

a) Wiederbelebung oder Dauerlegitimation der Zeichengaben

Die Aussage:

„Das Vollkommene ist noch nicht gekommen“

führt logisch zu:

➡ im direkten Widerspruch zum heilsgeschichtlichen Charakter von 1Kor 12–14.


b) Verschiebung des Schwerpunktes

Statt:

tritt:

1Kor 13 wird dabei paradoxerweise gegen die Liebe selbst missbraucht, denn Liebe „freut sich an der Wahrheit“ (V. 6).


4. Langfristige geistliche Folgen

a) Verlust der Klarheit über Offenbarung

Wer 1Kor 13,10 falsch versteht:

➡ Ergebnis:


b) Schwächung der Christuszentrierung

Denn:

➡ das Evangelium wird funktional verlagert.


5. Heilsgeschichtliche Fehlordnung

1Kor 13 steht:

Paulus argumentiert:

➡ alles Begriffe aus dem Erkenntnis- und Offenbarungsbereich,
nicht aus dem Bereich der Verherrlichung.


6. Zusammenfassende Abschätzung

Die Folgen sind:

Bereich Auswirkung
Schriftverständnis Relativierung der Endgültigkeit
Autorität Subjektivierung
Gemeinde Erfahrungszentrierung
Lehre Verwässerung
Christuszeugnis Verlagerung vom Wort zum Erlebnis
Schutz vor Irrtum massiv geschwächt

7. Nüchternes Fazit

Wenn „das Vollkommene“ nicht die abgeschlossene Offenbarung Gottes ist,
dann gibt es kein objektives Ende der Offenbarung.

Und wo Offenbarung kein Ende hat:



Grammatisch-kontextuelle Widerlegung der Fehlinterpretation von 1. Korinther 13,10, unter Einbezug der griechischen Schlüsselbegriffe,
des unmittelbaren Kontextes (Kap. 12–14) sowie der heilsgeschichtlichen Argumentationslinie des Paulus.

1. Textgrundlage

1. Korinther 13,9–10 (NA / Elberfelder-Sinn):

ek merous gar ginōskomen kai ek merous prophēteuomen;
hotan de elthē to teleion, to ek merous katargēthēsetai.

„Denn wir erkennen stückweise und wir weissagen stückweise;
wenn aber das Vollkommene (τὸ τέλειον) gekommen sein wird,
dann wird das Stückweise weggetan werden.“


2. Das Schlüsselwort τὸ τέλειον (to teleion)

2.1 Wortstamm und Grundbedeutung

nicht primär moralisch, sondern funktional-zielbezogen

Lexikalisch (zusammengefasst):


2.2 Grammatik: Neutrum Singular

τὸ τέλειον = das Vollkommene (Neutrum!)

Wichtig:

➡ Das Neutrum weist nicht auf eine Person, sondern auf einen Zustand / eine Sache / ein Ganzes hin.

Konsequenz:
Eine Deutung auf:

ist grammatisch nicht naheliegend.


3. Der explizite Gegensatz im Text

Paulus setzt einen klaren Antagonismus:

Vers 9 Vers 10
ἐκ μέρους (stückweise) τὸ τέλειον (das Vollständige)
Erkenntnis in Teilen Erkenntnis als Ganzes
prophetisches Teilwissen vollendete Erkenntnisform

teleion ist das Gegenstück zu „ek merous“, nicht zu „irdisch vs. himmlisch“.


4. Kontextuelle Begrenzung: Erkenntnis & Offenbarung

Entscheidend:

Paulus spricht nicht allgemein von Erkenntnis, sondern von:

➡ Beides sind Offenbarungs- bzw. Mitteilungsformen, nicht Heilszustände.


5. Der Vergleich in Vers 11 (Kind – Mann)

„Als ich ein Kind war … als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war.“

Beobachtung:

➡ Der Vergleich beschreibt Reife durch Vollständigkeit,
nicht einen eskatologischen Ortswechsel.


6. Der Spiegel-Vergleich (V. 12)

„Jetzt schauen wir mittels eines Spiegels, undeutlich; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“

Häufiger Fehlschluss:

„Angesicht zu Angesicht“ = Himmel

Textlich problematisch:

➡ Auch hier: Qualität der Erkenntnis, nicht Ort der Existenz.


7. Der Zusammenhang mit Kapitel 12–14

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

➡ Kapitel 13 erklärt warum Kap. 12-Gaben aufhören werden
➡ Kap. 14 regelt wie lange sie noch geordnet gebraucht werden


8. Das Verb καταργέω (katargeō)

„wird weggetan werden“

nicht: „verwandelt“, „verklärt“, „überhöht“

➡ Die Offenbarungsgaben verlieren ihre Funktion,
weil ihr Zweck erfüllt ist.


9. Heilsgeschichtliche Einordnung

Das Vollkommene =
die abgeschlossene, vollständige neutestamentliche Offenbarung,
die das Stückwerk überflüssig macht.


10. Kurze Zusammenfassung der Widerlegung

Argument Ergebnis
Neutrum teleion keine Person
Gegensatz ek merous Offenbarungsumfang
Kontext (Prophetie/Erkenntnis) nicht Himmel
Vergleiche (Kind/Spiegel) Reife, nicht Verherrlichung
katargeō Funktionsende
Kap. 12–14 Übergangszeit

Schlussfazit

1. Korinther 13,10 spricht nicht vom Himmel,
sondern vom Ende der stückweisen Offenbarung.

Die Fehlinterpretation entsteht nicht aus dem Text,
sondern wird in ihn hineingetragen.