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00770
Lukas Evangelium Kp 1 bis 24 C.A. Coates
C. A. Coates – Lukas-Evangelium
Einige Abschnitte dieses Evangeliums wurden nicht von diesen Notizen
erfaßt, und deswegen waren einige Lücken in dem Umfang der Lehre unvermeidlich.
Die angeführten Schriftstellen sind aus der von J. N. Darby aus dem Grundtext
übersetzten Elberfelder Bibel.
Kapitel 1
In seinen letzten Worten im Timotheusbrief lenkt Paulus die Aufmerksamkeit
auf die Tatsache, daß Lukas bei ihm war, was den geistlichen Hinweis in sich
schließt, daß der Dienst des Lukas mit demjenigen des Paulus nahe verknüpft ist.
Die Schriften des Lukas stellen Dinge dar, die wesentlich sind, um Paulus zu
verstehen. Er allein von den Evangelisten berichtet insbesondere über die mit
der Himmelfahrt des Herrn verbundenen Umstände. Paulus wurde dadurch bekehrt,
daß er Jesum im Himmel als den Verherrlichten sah; die Person aber, die er als
im Himmel weilend erkannte, war auf Erden von Augenzeugen gesehen worden, und um
die Person zu erkennen, die jetzt im Himmel ist, brauchen wir die Evangelien,
besonders das Lukasevangelium. Um Ihn da, wo Er ist – im Himmel – zu erkennen,
müssen wir Ihn so kennenlernen, wie Er hienieden war. Derjenige, der jetzt im
Himmel ist, hat auf dieser Erde als der demütige Mensch gewandelt; Er wurde von
einer Schar gesehen und gehört und bedient, die mit Ihm vertraut war. Dieses
Evangelium ist geschrieben worden, auf daß uns die höchste Gunst von Gott
gewährt werde, in einer geistlichen Weise das zu sehen und zu hören, was
diejenigen gesehen und gehört haben, die Augenzeugen und Diener des Wortes
gewesen sind. Uns gehört das Vorrecht, mit ihnen an dem, was sie an dem
Gepriesenen gesehen und gehört haben, teilzuhaben. Keine größere Gunst könnte
uns erwiesen werden, und wenn wir es nicht verstehen, über Ihn auf Seiner
Laufbahn in dieser Welt nachzusinnen, werden wir Ihn nicht so erkennen, wie Er
jetzt im Himmel ist. Unsere Erkenntnis Seiner Selbst im Himmel hängt davon ab,
was in Ihm auf Erden geoffenbart worden ist.
Lukas und Paulus waren beide in derselben Lage wie wir – keiner von ihnen
hatte den Herrn persönlich auf Erden gesehen. Lukas aber folgte genau von Anfang
an den Dingen, die Ihn betrafen, und Gott hat Sich des Lukas bedient, um die
genaue Erkenntnis und Zuverlässigkeit dieser Dinge zu übermitteln. Es gibt
gewisse Dinge, „die unter uns völlig geglaubt werden“. Die glaubende Schar ist
noch auf Erden, und gewisse Dinge werden von dieser Schar völlig geglaubt. Gott
sei Dank, daß es so ist! Das beraubt uns aber nicht des Vorrechtes, die
Zuverlässigkeit dieser Dinge zu erkennen.
Das Lukasevangelium entfaltet hauptsächlich die Herrlichkeit des Herrn als
Mittler, und wenn wir dieses durch den Geist betrachten, werden wir nach
demselben Bilde verwandelt. Für Lukas wie auch für Johannes war der Herr „das
Wort“. Ich habe mich oft darüber gewundert, warum wir nicht mehr von Christo als
dem „Worte“ reden. Es war augenscheinlich eine allgemeine und bekannte
Bezeichnung für Ihn, denn beide – Lukas und Johannes – gebrauchen sie als einen
wohlbekannten Titel. Er übermittelt den Gedanken, daß Gott jetzt in einem
Menschen Seine Gedanken und Seine Natur völlig geoffenbart hat.
Wir haben es jetzt mit Dingen zu tun, die die Schöpfung weit überragen.
Gott konnte ein Machtwort reden, und die Schöpfung ward. Johannes sagt uns, daß
„ohne dasselbe auch nicht eines ward, das geworden ist“; darin war aber
keinerlei Mitteilung der Gedanken Gottes enthalten, noch wurde darin enthüllt,
was Er Seiner Natur und Seinem Charakter nach war. Jetzt ist die volle
Offenbarung dessen vorhanden, was Gott in Seiner Natur, in Seinen Gedanken und
Seinem Herzen ist, und zwar in Demjenigen, der als Mensch auf dieser Erde
wandelte und von Menschen wie wir gesehen, gehört und bedient worden ist.
Ein Mensch, wenn er dazu tüchtig ist, kann eine Uhr herstellen; Gott kann
aber eine durch ein Wort herstellen; durch das Herstellen einer Uhr oder gar
einer Welt oder eines Weltalls kämen aber die Gedanken Gottes nicht zum
Ausdruck. Das würde das Herz oder den Sinn Gottes nicht ans Licht bringen, aber
das „Wort“ tut es. Die Offenbarung ist größer als die Schöpfung.
Männer und Frauen wie wir genossen das Vorrecht, Augenzeugen und Diener
des Wortes zu sein. Sie hatten das Vorrecht, in Seinem Gefolge zu sein, und der
Geist Gottes will uns durch die Evangelien das Vorrecht der persönlichen Nähe
zum Wort verleihen. Man kann sehen, daß die Apostel und die Heiligen der ersten
Zeiten viel über die Größe der göttlichen Offenbarung nachgedacht haben. Sie
dachten und sprachen viel über „das Wort“. Wir denken an Christum als Herrn, als
Heiland, als Haupt und als Priester, und dies sind wunderbare Titel und
Wesenszüge; wie groß und ruhmreich ist Er aber als „das Wort“! Johannes und
Lukas waren sich dessen zutiefst bewußt.
In dem Wort brachte Gott das zum Ausdruck, was Seinen Sinn und Sein Herz
erfüllte, ja selbst Sein eigentliches Wesen. Es beugt die Seele, wenn man
darüber nachdenkt. Es war für die Liebe Gottes eine Notwendigkeit, daß Er aus
Seinem Wesen, Seinen Gedanken und Seinem Herzen heraus redete und Wesen hatte,
die fähig wären, dieses zu schätzen.
Es war nicht wie ein königlicher Besuch; wenn irgendeine große
Persönlichkeit kommt, ist Zurückhaltung geboten; alle müssen dann ehrfurchtsvoll
sein; Soldaten sind da, um das Volk zurückzuhalten; alles wird formell und in
ansehnlicher Pracht abgehalten. Doch hier war nichts dergleichen vorhanden.
Petrus spricht von der Zeit, „in welcher der Herr Jesus bei uns ein- und
ausging“. Es war ein demütiger Mensch, der in all den gewöhnlichen Umständen des
menschlichen Lebens ein- und ausging; aber in diesen Umständen brachte Er das
Wesen und den Charakter Gottes wie auch Seine Tätigkeit in grenzenloser Gunst
und Gnade den Menschen gegenüber zum Ausdruck. Er war „das Wort“.
In Hebr. 1 heißt es, daß Gott im Sohne (in der Person des Sohnes) geredet
hat. Wir können uns darüber nicht wundern, daß etliche es unternommen haben,
darüber zu berichten. Wie hätten sie es auch unterlassen können? „Dieweil ja
viele es unternommen haben, eine Erzählung von den Dingen, die unter uns völlig
geglaubt werden, zu verfassen…“
Was die Menschen sahen und hörten – was sie zum Dienst Ihm gegenüber
anhielt – war das Wunder, wie Er Gott zum Ausdruck brachte. Zum ersten Male
sahen und hörten sündige Menschen „das Wort“. Es wäre sonderbar gewesen, wenn
viele es nicht unternommen hätten, eine Erzählung über solche Dinge zu
verfassen. Diese Angelegenheiten sind so interessant und wichtig für alle
Menschen, daß das Wissen darüber den Wunsch, sie kundzumachen, entfacht. Wir
können mit der tiefsten Dankbarkeit sagen, daß diese Dinge „unter uns völlig
geglaubt werden“.
Gott hat uns eine besondere Gunst erwiesen, indem Er einen aus den
Nationen dazu gebrauchte, um dieses Evangelium zu schreiben. Lukas war
wahrscheinlich aus den Nationen, und er schrieb an einen aus den Nationen,
dessen Name „ein Gott Liebender“ bedeutet. Die Tatsache, daß dieses wunderbare
Evangelium an einen einzelnen geschrieben wurde, zeigt, wie es Gott wohlgefällt,
Sich einem einzelnen Menschen zu offenbaren. Jeder einzelne Leser kann es ganz
und gar als an ihn selbst gerichtet auffassen.
Gott hat uns eine große Gunst erwiesen, indem Er Lukas dazu befähigte, in
einer göttlichen Weise einen Bericht über diese Dinge zu verfassen. Andere
hatten sich darum schon aufs beste bemüht, das war aber noch nicht gut genug für
uns; Gott gebrauchte den Lukas durch den Heiligen Geist als Mittel für diese
Mitteilungen, damit alle diese Dinge betreffs des Wortes uns genau und der Reihe
nach kundgetan würden. Es ist die Rücksichtnahme der göttlichen Gnade auf uns;
es ist gut, wenn wir die Gnade, die uns so ein Evangelium gegeben hat, in
Ehrfurcht bewundern.
Lukas schreibt an einen, der Gott liebt, und nur solche können sein
Evangelium in einer geistlichen Weise wertschätzen. Er weist auch auf die
Tatsache hin, daß er „der Reihe nach“ schreibt, er schreibt alles ordnungsgemäß
nieder; somit sollten wir uns bei Lukas nicht nur das, was er schreibt, merken,
sondern auch wo und wie er die Dinge einordnet. Es ist wie eine schöne
Bildergalerie, aber die Bilder sind nicht irgendwohin aufgehängt; jedes Bild ist
am rechten Platz; alles ist „der Reihe nach“. Deshalb können wir die Bilder des
Lukas nicht nur einzeln und jedes für sich bewundern, sondern wir können auch
sehen, daß jedes Bild in der Reihe seinen rechten Platz hat. Lukas greift
Ereignisse auf und ordnet sie genau „der Reihe nach“ ein, und er verfolgt dabei
ein gewisses Ziel.
Der erste Wesenszug der Methode, den wir bemerken, ist, daß Lukas uns in
etwas, was eine priesterliche Atmosphäre genannt werden kann, einführt. Das will
besagen, daß die Dinge, über welche er schreibt, nur in geistlichen Zuständen
erfaßt werden können. Deshalb stellt es uns zuerst priesterliche Zustände und
eine gebetsvolle Atmosphäre vor Augen. Er gießt den Wohlgeruch des Weihrauchs
über den Anfang seines Evangeliums und weist dadurch auf Zustände hin, die für
das, was Gott im Begriff war einzuführen, passend sind, und auch darauf, daß man
in einer priesterlichen Gesinnung an dieses Evangelium herantreten sollte, wenn
man seinen Inhalt als geistliche Wirklichkeit erfassen will.
Zweifellos ist uns allen sein Wortlaut bekannt; den Gläubigen ist meistens
das Lukasevangelium ebenso bekannt wie irgendein anderer Teil der Schrift; wenn
wir es aber mit geistlicher Wertschätzung erfassen wollen, müssen passende
Zustände vorhanden sein.
Wir finden also hier einen Mann und sein Weib, beide aus der
priesterlichen Familie, und sie wandelten beide im Einklang mit dem Licht, das
Gott ihnen bis zu dieser Zeit gegeben hatte. Wenn wir nicht in Übereinstimmung
mit dem uns gegebenen Lichte wandeln, sind wir nicht in dem rechten Zustande,
noch mehr zu bekommen. Diese zwei – Zacharias und Elisabeth – stimmten mit dem
ihnen von Gott gegebenen Lichte überein; sie fürchteten Jehova und wandelten
untadelig vor Ihm, und Zacharias erfüllte seinen priesterlichen Dienst des
Räucherns.
Räucherwerk ist in der Schrift ein Vorbild vom Gebet (Ps. 141, 2), und
zwar von einer besonderen Art. Ich zweifle nicht daran, daß dieses Evangelium
das Aufrichten von priesterlichen Zuständen vor sich hat. Zum Schluß zeigt es
uns eine Schar im Tempel, die Gott preist und lobt. Am Anfang des Evangeliums
gibt es eine betende Schar im Tempel, am Ende desselben sind alle ihre Gebete
erfüllt worden, so daß sie Gott loben und preisen. Wenn unsere Gebete den
Charakter des Räucherwerks tragen, werden sie sicherlich dahin führen, daß wir
Gott loben und preisen.
Der Psalmist sagt: „Laß als Räucherwerk vor dir bestehen mein Gebet“ –
unsere Übung sollte darauf hinzielen, ob unsere Gebete diesen Charakter tragen.
Nach 2. Mose 30 ist Räucherwerk sehr kostbar; es wurde aus wohlriechenden
Gewürzen und reinem Weihrauch zusammengesetzt, aber nach der Kunst des
Salbenmischers – es war rein, gesalzen und heilig. Dies weist auf einen Gott
wohlgefälligen Charakter des Gebets hin.
Räucherwerk ist Gebet, das im Einklang mit der Gesinnung Gottes steht. Das
wunderbarste Beispiel eines Gebets, das wahrhaftig ein Räucherwerk war, ist in
Joh. 17 zu finden; jedes Körnchen dieses Gebets war tatsächlich wohlriechend.
Wenn wir die Gebete des Paulus für die Kolosser und Epheser lesen, sehen wir in
ihnen Gebete, die den Charakter des Räucherwerks tragen: jedes Körnchen dieser
Gebete war wohlriechend vor Gott, denn sie waren der Ausdruck Seiner Gedanken
für Sein Volk.
Im Gebet des Herrn finden wir nicht die leiseste Anspielung auf irgendein
Fehlen seitens der Heiligen. Auch in den Gebeten des Paulus gibt es gar keine
Anspielung auf irgendein Fehlen ihrerseits; er ist völlig mit den Gedanken
Gottes in bezug auf Sein Volk beschäftigt. Das ist Räucherwerk. Ich zweifle
nicht daran, daß Zacharias nach diesen Richtlinien gebetet hat.
Der Engel sagte: „Dein Flehen ist erhört.“ Vor vielen Jahren hatte er um
einen Sohn gebetet, und die ihm gewährte Antwort weist auf die Gesinnung hin, in
welcher er gebetet hatte. Er hatte augenscheinlich einen Sohn gewünscht, der in
irgendeiner Weise der Ausdruck der Gunst Gottes Israel gegenüber sein sollte,
und der Engel sagte: Deine Gebete sind erhört worden; du sollst einen Sohn
haben, und sein Name soll Johannes heißen (was „die Gunst Gottes“ bedeutet), und
er wird viele der Söhne Israels zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.
Zacharias hatte sich danach gesehnt, daß die Söhne Israels zum Herrn,
ihrem Gott, bekehrt werden möchten. Ein solches Gebet ist wahrhaftig
Räucherwerk. Dann stieg der Wohlgeruch des Räucherwerks in diesem Kapitel im
Innern des Tempels empor, und das Volk war im Einklang damit – sie beteten
draußen.
Wenn wir aus dem Lukasevangelium Nutzen ziehen sollen, werden wir in
unserem Kämmerlein, in unseren Haushalten und in unseren Versammlungen beten
müssen. Es lohnt sich nicht, daran zu denken, das Lukasevangelium ohne Gebet zu
lesen. Der Herr wird in diesem Evangelium besonders als der Mann des Gebets
dargestellt, es gibt wenigstens sieben Fälle, wo Er gebetet hat.
Uns steht das Vorrecht zu, in unseren Lokalen und in unseren Häusern für
das Interessengebiet Gottes zu sorgen. Wenn wir in unserem Kämmerlein beten,
werden wir das so kostbar finden, daß wir nicht gern des Vorrechts, in unseren
Haushalten zu beten, verlustig gehen möchten, und wir werden wiederum dieses so
kostbar finden, daß es uns dazu führen wird, daß wir unser Vorrecht, in der
Versammlung zu beten, aufnehmen werden.
Gott will nicht stumme Priester haben; ein solcher kommt seinen eigenen
Wünschen nicht nach. Wir haben oft heilige und geistliche Wünsche, aber wir
entsprechen ihnen nicht im Glauben, und deshalb müssen wir den Ausdruck des
Mißfallens Gottes erleben. Gott mißfiel der Unglaube des Zacharias, und es ist
Ihm nicht wohlgefällig, wenn wir unseren Gebeten nicht entsprechen.
Wir müssen vielleicht oft bekennen, daß, sobald wir uns von unseren Knien
erhoben haben, wir durch etwas ganz anderes gekennzeichnet waren als durch das,
worum wir gebetet hatten. Dieses Kapitel bringt die Tatsache ans Licht, daß Gott
in Seiner Gnade trotz des Unglaubens, der Ihm dieses nicht zutraut, mit uns
weitergeht. Der Engel sagt: „… bis zu dem Tage, da dieses geschehen wird“; das
heißt: ob Glauben vorhanden ist oder nicht, werde Ich mit Meinen Gedanken der
Gnade weitergehen.
In diesem Evangelium sehen wir eine unwiderstehliche und unauslöschliche
Gnade, so daß sogar, wenn ein Mensch betet und seinen Gebeten nicht gewachsen
ist, Gott sagt: „Ich bin ihnen gewachsen, und Ich werde sie erhören; Ich werde
nicht nur das ausführen, was in deinem Herzen ist, sondern alles, was in Meinem
Herzen ist!“ Gott wird dies in Seiner beharrlichen Gnade tun; Er erreicht die
Erfüllung Seiner eigenen Gedanken trotz des Unglaubens.
Ich nehme an, daß jeder, der diese ersten Kapitel des Lukasevangeliums
gelesen hat, durch die in ihnen geoffenbarte Nähe des Himmels beeindruckt worden
ist. Im Matthäusevangelium sind die Mitteilungen aus dem Himmel gewissermaßen
verschleiert; ein Engel erscheint dem Joseph, aber es geschieht im Traum; bei
Lukas gibt es keine Träume. Ein Traum deutet auf eine gewisse Entfernung hin,
hier fällt uns aber der persönliche und traute Charakter der Mitteilungen aus
dem Himmel auf.
Zacharias war nicht nur amtlich, sondern auch moralisch ein Priester; er
hatte das Hinzunahen zu Gott im Verborgenen erlebt, und wie wir bemerkt haben,
hatte er irgendein Zeichen der Gunst Gottes Israel gegenüber begehrt. Wir haben
seinen Unglauben erwähnt; es ist aber gut, im Auge zu behalten, daß seine
Übungen vor Gott sehr aufrichtig gewesen waren und daß sie von Gott beachtet
wurden, und sie wurden durch die frohe Botschaft aus dem Himmel beantwortet.
Selbst die Gesinnung Gottes, wie sie im Himmel bekannt ist, wurde dem Menschen
auf Erden in der frohen Botschaft verkündigt.
Eine himmlische Persönlichkeit erschien dem Zacharias. Es ist interessant
zu sehen, daß Engel Namen haben, die das Wesen Gottes zum Ausdruck bringen:
Michael bedeutet: „Wer ist wie Gott?“ und Gabriel bedeutet: „Gott ist mächtig.“
Gabriels gewohnter Platz war es, vor Gott zu stehen; er wurde zu Zacharias als
einer gesandt, der die Gesinnung Gottes so kannte, wie sie im Himmel bekannt
ist.
Der Engel erschien „zur Rechten des Räucheraltars“. Es war nicht am
ehernen Altar, obwohl das Morgen- und Abendlamm zweifellos dort geopfert worden
war; doch wir sollten nicht vergessen, daß das Blut des Sündopfers auf die
Hörner des Räucheraltars gelegt wurde. Lukas führt aber nicht die Seite des
Opfers ein; der Räucheraltar ist der Platz, wo die Mitteilungen aus dem Himmel
ankommen.
Dieses Evangelium redet nicht vom Hinwegtun der Sünde durch das
Erlösungswerk – obwohl dieses äußerst notwendig ist –, sondern vom Räuchern des
heiligen Wohlgeruchs vor Gott, an welchem Er Wohlgefallen finden konnte. Es ist
ein Hinweis darauf, daß die Gunst Gottes den Menschen gegenüber Christo gemäß
ist; das, was Seine Gunst den Menschen zugedacht hat, kam in Christo zum
Ausdruck, und als in Ihm ausgedrückt ist es Gott eine Wonne. Gott war im
Begriff, Einen auf Erden zu haben, an dem Er Seine Wonne haben konnte, da Er
Seine Gunst den Menschen gegenüber völlig in Sich darstellte. Darin lag ein
wohlriechendes Räucherwerk für das Herz Gottes.
„Die Rechte“ ist die günstige Seite; der Herr stellt die Schafe zu Seiner
Rechten, und als Bathseba zu Salomo kam, ließ er einen Thron für sie zu seiner
Rechten errichten; es ist der Platz der Gunst, und hier in Lukas Kap. 1 bringt
er die Gunst Gottes den Menschen gegenüber zum Ausdruck. Die Geburt des Johannes
wurde dort verkündigt. Johannes bedeutet „die Gunst Gottes“.
Der große Gedanke im Lukasevangelium ist die Gunst Gottes den Menschen
gegenüber; der Himmel kommt der Rechten des Räucheraltars nahe. Lukas verweilt
nicht bei der Seite des Opfers, sondern bei der Seite der göttlichen Gunst den
Menschen gegenüber. Darum wird der Tod Jesu bei Lukas nicht vom Standpunkt des
Opfers dargestellt, sondern eher wie in Hebr. 2: „So daß er durch Gottes Gnade
für alles den Tod schmeckte.“ Es ist die äußerste Gunst Gottes den Menschen
gegenüber, wie sie im Tode Jesu dargestellt wird.
Die ganze Gnade des Himmels wurde den Menschen in dieser Welt
nahegebracht; die Verkündigung kam durch eine große und himmlische
Persönlichkeit zu Zacharias und zu Maria; sie kam durch einen, dessen Name die
Macht Gottes darstellte, dessen Dienst aber die Tatsache offenbarte, daß Gott in
Gnaden den Menschen gegenüber tätig war.
Im Lukasevangelium wird die Größe Gottes in Seiner Gnade den Menschen
gegenüber erhoben. Wohl können wir mit David sagen: „Groß ist Jehova und sehr zu
loben, und seine Größe ist unerforschlich“ (Ps. 145, 3). Später lesen wir in
diesem Evangelium: „Sie erstaunten aber alle sehr über die herrliche Größe
Gottes“ (Luk. 9, 43). In diesem Evangelium geht es nicht nur darum, der Not des
Menschen gerecht zu werden, sondern um die Offenbarung der Größe Gottes in
Gnade. Das Endziel ist, daß Gott an den Menschen Wohlgefallen habe.
Johannes bekam seinen Namen vom Himmel, und sein Name bedeutet „die Gunst
Gottes“. Zweifellos hatte Zacharias darum gebetet, einen Sohn zu haben, der ein
Ausdruck der Gunst Gottes den Söhnen Israels gegenüber sein sollte, und sein
darauf folgender Unglaube beeinträchtigte nicht die Echtheit seiner Übungen vor
Gott noch hinderte er Gott daran, auf diese Übungen dadurch zu antworten, daß Er
Seine eigene Gunst einführte.
Noch nie zuvor war in dieser Welt solch ein Ausdruck der göttlichen Gunst
gewesen, denn Johannes sollte nicht gleich einem alttestamentlichen Propheten
sein, der über die göttliche Dazwischenkunft nur als von einem mehr oder weniger
entfernten Standpunkte reden konnte. Johannes sollte der unmittelbare Vorläufer
Jesu sein; deswegen war er groß vor Jehova, indem er die göttliche Gunst den
Menschen gegenüber so zum Ausdruck brachte, wie kein Prophet dies jemals getan
hat.
Gabriel verkündete die Geburt des Johannes als frohe Botschaft aus dem
Himmel; er sollte Zacharias zur Freude und zur Wonne sein, und viele sollten
sich über seine Geburt freuen, denn er würde groß sein vor dem Herrn. Er würde
nicht durch natürliche Energie oder Erregung gekennzeichnet sein – Wein und
starkes Getränk –, sondern dadurch, daß er durch den unumschränkten Willen
Gottes mit dem Heiligen Geist erfüllt werden sollte. Er sollte der Ausdruck der
unumschränkten Gunst Gottes in bezug auf die Abtrünnigkeit Israels von Ihm sein.
Er sollte das Gefäß der göttlichen Kraft und Gnade sein, um viele der Söhne
Israels zu ihrem Gott zu bekehren.
Als die Söhne Israels von Gott abgewichen waren, erschien die göttliche
Gunst, um sie zu Jehova, ihrem Gott, zu bekehren. Alles geschah, um dem Herrn
ein zugerüstetes Volk zu bereiten. Ein Volk muß dafür zugerüstet werden, die aus
dem Himmel kommende Gnade zu schätzen – die göttliche Gunst den Menschen
gegenüber, die bald in Jesu zum Ausdruck kommen sollte. Wir alle müssen dafür
zubereitet werden, sie zu schätzen, ebenso wie die Söhne Israels dafür
zubereitet werden mußten.
In Maria sehen wir die Erhebung der göttlichen Gunst mehr als in
irgendeinem anderen Falle. Kein menschliches Wesen war jemals der Gegenstand
solch einer Gunst wie Maria; Gabriels Gruß an sie lautete: „Sei gegrüßt,
Begnadigte!“ Sein Kommen zu ihr wird nicht als eine Antwort auf ihre Übungen
dargestellt, sondern als der nicht gesuchte und gesegnete Ausfluß der Gunst des
Himmels.
Das ist der Charakter des Lukasevangeliums – der Himmel kommt in diese
Welt, um den Menschenkindern göttliche Freude zu bringen. Es ist nicht die
göttliche Gunst, die in der göttlichen Vorsehung oder in veränderten Umständen
für die Menschen erkannt wird, sondern Gott Selbst tritt in einer alles
überragenden Gnade hervor, in einer Gnade, die so viel höher als die Gedanken
der Menschen war, wie der Himmel höher als die Erde ist.
In einer Hinsicht steht Maria im Gegensatz zu Zacharias; Zacharias dachte
an sich selbst, was zum Unglauben führte, aber Maria dachte überhaupt nicht an
sich selbst. Sie ergab sich Gott, um ein Gefäß zum Ausführen Seiner äußerst
großen Gedanken der Gnade zu werden. Sie sagte: „Siehe, ich bin die Magd des
Herrn; es geschehe mir nach deinem Worte.“ Da war kein Gedanke an sich selbst.
Elisabeth konnte sagen: „Glückselig, die geglaubt hat.“ Maria ist ein
hervorragendes Beispiel in der Schrift von einem Gläubigen.
Der Himmel war im Begriff, in grenzenloser Gunst zu den Menschen
hervorzutreten, und es gab wenigstens ein von Gott bereitetes Herz, um dieses zu
schätzen. Dieser Gedanke wirft die Übung auf, ob wir durch göttliche Gnade
zubereitet worden sind, um die in diesem Evangelium entfalteten großen Dinge
Gottes zu schätzen.
Maria fragte bloß: Wie? Es war eine Frage des Glaubens, nicht des
Unglaubens. Sie war nicht stumm; wie lieblich redete sie! Es muß bemerkt werden,
daß sie nicht wie Elisabeth oder Zacharias als vom Heiligen Geiste erfüllt
redete. Sie redete aus ihrem Glauben und ihrer eigenen einfältigen Freude über
die Gnade.
„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott,
meinem Heilande.“ Die Tätigkeit des eigenen Geistes der Maria wird uns vor Augen
gestellt; sie konnte diese Dinge sagen, weil sie ihnen in ihrem eigenen Geiste
gewachsen war. Mit seinem eigenen Geiste und Verständnis zu reden, ist in einem
gewissen Sinne größer, als durch die Kraft des Heiligen Geistes zu reden
genötigt zu werden, weil wir im ersteren Falle eine Person haben, die
einsichtsvoll in dem, was sie redet, gestaltet ist.
Der Geist kann Sich eines Gefäßes wie Bileam bedienen und ihn zwingen,
wunderbare Dinge auszusprechen, von denen er selber nichts wußte; es ist aber
etwas Größeres, Dinge über die göttliche Gnade auszusprechen, indem man selbst
weiß, wie gesegnet sie sind. Maria war ein passendes Gefäß, um von der
göttlichen Gunst gebraucht zu werden, und das, was sie war, kam in dem, was sie
sagte, ans Licht.
Sie war von der Gesinnung ihrer Schwester Hanna im Alten Testament
durchdrungen. Ich denke, wir könnten Maria mit Recht als eine Vertreterin
derjenigen Menschenart betrachten, womit der Herr im Begriff war, Sich
teilhaftig zu machen.
Maria wurde aus dem Himmel als eine Begnadigte gegrüßt – „Sei gegrüßt,
Begnadigte!“ – und „du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Es handelte sich nicht
darum, der Not zu begegnen, sondern um den Ausdruck der göttlichen Gnade aus den
himmlischen Höhen.
Die Geburt des heiligen Kindleins Jesu, als von einem Weibe empfangen und
geboren, war der höchste Ausdruck dieser Gunst. „Geboren von einem Weibe“, sagt
Paulus. Wie gnädig ist Gott zu den Menschen! Er war gewillt, Seinen Sohn zu
senden, geboren von einem Weibe, als Kindlein geboren. Das prophetische Wort
hatte gesagt: „Ein Kind ist uns geboren.“ Maria war tatsächlich Seine Mutter,
doch Er wurde uns, die wir zum Menschengeschlecht gehören, geboren; Er kam als
ein Reis aus dem Stumpfe Isais hervor. Möge die Größe davon unsere Herzen
erfassen und sie fesseln!
Die von uns verlesene Schriftstelle wird durch zwei Aussagen bestätigt:
„Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben.“ Das geborene Kind sichert
alles in der göttlichen Gunst für den Menschen, der gegebene Sohn sichert das
höchste Wohlgefallen am Menschen für Gott. Wenn wir das erfassen, befähigt uns
Gott, Ihm einen Namen zu geben. Er möchte uns dazu befähigen, Ihn Jesus zu
nennen. Gott will, daß wir einsichtsvoll alles anerkennen, was in diesem Namen
ausgedrückt und eingeschlossen wird – die Unendlichkeit der göttlichen Gunst dem
Menschen gegenüber – „Du sollst seinen Namen Jesus heißen.“
Es kann keinen größeren Begriff der göttlichen Gunst geben als den, der in
diesem Namen zum Ausdruck gekommen ist. Er bedeutet: „Hilfe Jehovas“ oder „Heil
Jehovas“. Im Alten Testament wird vorbildlich und prophetisch über die Hilfe und
das Heil Gottes für die Menschen geredet, jetzt ist es aber Derjenige, der in
einer göttlichen Weise als für uns geboren kommt. Die ganze Gnade des Himmels
ist in diesem Jesusnamen enthalten, der in die Menschheit gebracht wurde, um von
Menschen anerkannt und gekannt zu werden.
Haben wir es gelernt, Ihn als den Ausdruck der unendlichen göttlichen
Gunst richtig zu benennen? Der Engel sagte zu den Hirten: „Fürchtet euch nicht,
denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird;
denn euch ist heute, in Davids Stadt, ein Erretter geboren, welcher ist
Christus, der Herr.“
Die Tragweite des Kommens dieses kindes bezieht sich in göttlicher Gunst
auf alle Menschen. Im Lukasevangelium handelt es sich nicht nur darum, daß der
Mensch Gott braucht, sondern auch darum, daß Gott den Menschen braucht, auf daß
Er im Menschen und dem Menschen gegenüber die Gunst des eigenen Herzens zum
Ausdruck bringe.
Dies ist in dem Sinne unumschränkt, weil Gott ungebeten Seinen Weg
einschlug; Er wirkte Seinem eigenen Wohlgefallen gemäß, indem Er den Aufgang aus
der Höhe uns zu besuchen veranlaßte – das Ausstrahlen aus dem Himmel von dem,
was in Seinem eigenen Herzen war.
Ich wundere mich nicht darüber, daß Satan durch seine Diener sich äußerst
anstrengt, um die jungfräuliche Geburt Jesu zweifelhaft erscheinen zu lassen.
Wenn ihm dieses gelingen kann, hat er sein ganzes Ziel erreicht; er hat uns
alles dessen beraubt, was der Name Jesus bedeutet – er hat uns der Gunst Gottes
und Seines Heils beraubt. Wenn Nazareth und Bethlehem verlorengehen, dann geht
auch Golgatha verloren, und dann ist kein Jesus aus Nazareth zur Rechten Gottes
verherrlicht. Der ganze Bau des Christentums ist dann dahin.
Um den Ausspruch: „Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt
werden“ zu verstehen, müssen wir zu Luk. 6, 34 u. 35 greifen. „Wenn ihr denen
leihet, von welchen ihr wieder zu empfangen hoffet, was für Dank ist es auch?
denn auch die Sünder leihen Sündern, auf daß sie das gleiche wieder empfangen.
Doch liebet eure Feinde, und tut Gutes, und leihet, ohne etwas zu hoffen, und
euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein.“
Die Art und Weise, wie der Höchste im Lukasevangelium erwähnt wird,
scheint darauf hinzudeuten, wie Gott über allem Bösen der Menschen steht. Er ist
so groß und so hoch, daß das Böse der Menschen Ihn nicht behindert; Er geht auf
der Höhe Seiner eigenen gepriesenen Gnade und Güte voran, und zwar demzufolge,
was Er ist. Die Größe Jesu als des Sohnes des Höchsten ist die Größe der
Überlegenheit allem Bösen gegenüber. Er wurde durch dasselbe nicht behindert.
Gott geht mit Seinen erhabenen Gedanken voran, Er wird von ihnen durch das Böse
im Menschen nicht abgelenkt.
Wenn Gott allem Bösen in den Menschen überlegen und trotz des Bösen in
ihnen gnädig zu ihnen ist, so zieht Er auch die Tatsache in Betracht, daß es für
den Menschen feindliche Mächte gibt, und deswegen ist vom Thron die Rede. „Der
Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben“ – der Thron Davids war
ein siegreicher Thron. Seine Herrschaft war durch das Unterwerfen von allem, was
Israel feindlich war, gekennzeichnet.
Gott zieht in Betracht, daß der Mensch der Macht der ihm feindlichen Dinge
verfallen ist, Gott ist aber dem Menschen gnädig, und Er hat in Jesu einen Thron
aufgerichtet, einen Thron der unbestreitbaren Überlegenheit über jede für den
Menschen feindliche Macht.
Es hatte Gott wohlgefallen, Menschen an regierenden Stellungen
einzusetzen; sie versagten aber alle; jetzt redet Er aber von Einem, der allen
für den Menschen feindlichen Mächten siegreich begegnen wird – Satan,
Fürstentümern und Gewalten, und allen aus ihnen hervorgehenden Einflüssen,
selbst dem Tode. Der Thron hat sich als allem überlegen erwiesen, und bald wird
er sich so auch öffentlich erweisen.
Seine Herrschaft über das Haus Jakobs bringt die unumschränkte Berufung
und Auserwählung Gottes ans Licht. Sonst wären keine Untertanen für die
Herrschaft Jesu da. Jakob brauchte eine lebenslange Zucht; er mußte berichtigt
und zurechtgewiesen werden, aber Gott hatte ihn in Gnade und Treue aufgenommen,
und Er schloß mit ihm nicht ab, bevor Er das, was Er beabsichtigte,
zustandegebracht hatte. Er sagte zu ihm: „Ich werde dich nicht verlassen, bis
ich getan, was ich zu dir geredet habe.“
Jesus herrscht über das Haus Jakobs; alle Gegenstände der göttlichen
Berufung und Auserwählung kommen unter die Herrschaft Jesu. Das Ziel Gottes in
Seiner Berufung und Auserwählung ist, Sich ein Volk zu sichern, das wirksam
unter die Herrschaft Jesu kommen soll – unter den Einfluß der in Ihm
dargestellten göttlichen Gnade –, und indem wir das tun, werden wir das ewige
Leben erreichen, darauf weisen die Worte hin: „Seines Reiches wird kein Ende
sein.“
Um uns ins ewige Leben zu bringen, ist nichts weiter nötig, als uns der
Herrschaft Jesu zu unterwerfen. Die höchste Gnade in Jesu bringt das ewige Leben
mit sich, denn sie erwirkt Zustände, die Gesetzlosigkeit und Götzendienst und
die Macht des Tode beiseite setzen.
„Maria aber sprach zu dem Engel: Wie wird dies sein?“ Wenn es irgendeine
Schwierigkeit in bezug auf göttliche Dinge gibt und wir nach einer Erklärung
verlangen, bekommen wir immer eine Erweiterung davon, worüber geredet worden
ist. Als der Herr Seine Gleichnisse erklärte, fügte Er immer ihre Bedeutung
hinzu.
Als Maria Gabriel fragte, wie dies sein sollte, bekam sie eine große
Erweiterung. Es ist bemerkenswert, daß Maria in der ersten Aussage als ein
Gegenstand der göttlichen Gunst eine hervorragende Stellung einnimmt; aber beim
Beantworten ihrer Frage wendet sich der Engel der göttlichen Seite zu, so daß
nun der Heilige Geist, die Kraft des Höchsten und das Heilige, das Sohn Gottes
genannt werden wird, die hervorragende Stellung einnehmen.
Jetzt geht es darum, was für Gott ist. Einer sollte in Menschengestalt
gefunden werden, der dem Herzen Gottes volle Befriedigung und Wonne bringen
sollte; Er sollte der Sohn Gottes genannt werden – es ist das, was Er in
Beziehung zu Gott ist. Was wir bisher betrachtet haben, zeigt, was Er von Gottes
Seite in Beziehung zu den Menschen sein sollte; jetzt sehen wir aber, was Er in
Beziehung zu Gott sein sollte – der Sohn Gottes.
Das weist auf die andere Seite der frohen Botschaft hin; es ist der
Gedanke Gottes, Söhne für Sich Selbst zu haben. Das ewige Leben ist für die
Menschen, aber die Sohnschaft ist für Gott, zu Seinem eigenen Wohlgefallen.
Es sollte Einer als Mensch in dieser Welt sein, der Sohn Gottes genannt
werden konnte; das völlige Wohlgefallen Gottes im Blick auf die Einführung der
Menschen in die Sohnschaft zum Wohlgefallen Gottes war in Ihm gesichert. Der
vollendete Gedanke Gottes wird in den beiden Dingen dargestellt – im ewigen
Leben und in der Sohnschaft – und alles sollte durch das Kommen des Kindes, das
uns geboren, und des Sohnes, der uns gegeben, gesichert werden.
„Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott Seinen Sohn,
geboren von einem Weibe, geboren unter Gesetz, auf daß er die, welche unter
Gesetz waren, loskaufte, auf daß wir die Sohnschaft empfingen.“ Wir leben in
dieser außergewöhnlichen Zeit in den Wegen Gottes, in einer durch Fülle
gekennzeichneten Zeit; es ist darin die höchste Gunst für die Menschen und das
höchste Wohlgefallen für Gott vorhanden. Es ist die Zeit der Fülle der Gedanken
des Herzens Gottes im Segen den Menschen gegenüber und zur Wonne Seines eigenen
Herzens.
Die Menschen sagen, sie seien armselige, elende Geschöpfe, Gott aber
möchte zu ihnen sagen: „Begreift ihr das Wesen des gegenwärtigen Augenblicks?
Begreift ihr, daß ein Kind geboren und ein Sohn gegeben ist? Wollt ihr nicht in
Betracht ziehen, was sich daraus für euch und für Mich ergeben hat?“
Wir haben das Hervorstrahlen Gottes in der Offenbarung Seiner Selbst, und
dies wird uns zu etwas Großem. Wir beginnen mit anbetenden und befriedigten
Herzen die Fülle dessen zu betrachten, was uns durch das geborene Kind und den
gegebenen Sohn geworden ist. Alles ist für die Menschen und für Gott gesichert.
Das Lukasevangelium zeigt, wie Gott den Menschen braucht, um Seine
unumschränkte Gunst zum Ausdruck zu bringen. Es wird oft gefragt, warum Gott das
Aufkommen der Sünde zuließ? Er ließ das Aufkommen der Sünde zu, weil Er die
unumschränkte Gnade Seines Herzens in bezug auf ein sündiges Geschöpf in einer
ganz anderen Weise zum Ausdruck bringen konnte als einem nicht gefallenen
Geschöpfe gegenüber. Es hat Gott die Veranlassung gegeben, Sich in der Größe
Seiner Gnade zu offenbaren, damit Er als Ergebnis die Menschen zum Gegenstand
des Wohlgefallens Seines Herzens machen könnte. Das zeigt den außerordentlichen
Platz, den der Mensch in den Gedanken Gottes innehat.
Die Person der Gottheit, die von einem Weibe geboren wurde, war nach dem
Vorsatz Gottes der Ausdruck der Gedanken, die Er in bezug auf die Menschen vor
Sich hatte. Der Gedanke Gottes für den Menschen war, daß er zu Seinem
Wohlgefallen in Sohnschaft vor Ihm sein sollte. Man empfindet die Notwendigkeit,
die Gesinnung der Maria sich einzuprägen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es
geschehe mir nach deinem Worte.“ Sie gab sich hin, um das Gefäß dieser
wunderbaren gnadenreichen Gedanken zu werden.
Gott will, daß wir uns Seinen gnadenreichen Gedanken über uns unterwerfen,
wie auch Seinen Gedanken über Sein eigenes Wohlgefallen. Wir treten an sie in
einer unterwürfigen Gesinnung als solche heran, die durch die Gnade und Liebe,
die sie geoffenbart haben, überwältigt sind.
Es könnte kaum etwas Schöneres geben als die Zustände, die uns in diesen
heiligen Weibern vor Augen gestellt werden. „Das Gebirge“ ist ein angemessener
Schauplatz für solche Ereignisse; in diesen begnadeten Personen und in ihren
Aussprüchen ist eine sittliche Erhabenheit vorhanden, die bei weitem die Welt
und die Gedanken der Menschen überragt.
Elisabeth und Maria waren beide außerordentliche Gegenstände der Gunst
Gottes, insbesondere Maria. Sie sind Vertreterinnen der Menschheit als die
Gegenstände der höchsten göttlichen Gunst. Sie redeten beide darüber, was Gott
an ihnen getan, wie Er in bezug auf sie gewirkt hat. Weder bei Maria noch bei
Elisabeth finden wir eine Spur von der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes.
In beiden kommt die Erhöhung, welche die Gnade dem Geschöpf verleiht, ans Licht:
„Er hat … Niedrige erhöht.“
In diesen heiligen Weibern sehen wir die Menschheit in der gesegnetsten
Weise erhöht, und zwar als Gegenstände der Gunst Gottes. Das „Gebirge“ enthält
einen sittlichen Hinweis; es ist eine hochliegende Gegend; es ist wichtig, daß
wir dieses in bezug auf das Kommen Jesu wahrnehmen sollten.
Bei Maria und Elisabeth sehen wir eine Niedrigkeit und eine Erhöhung, und
weder das eine noch das andere ist dem gefallenen Geschöpf eigen. Wir sehen
Unterwürfigkeit Gott gegenüber und eine Wertschätzung der göttlichen Gunst; wir
sehen Erhabenheit und Würde durch die Gotteserkenntnis, und ein Erfassen dessen,
was für das Geschöpf in Gott vorhanden ist; alles dieses ist Erhöhung, nicht
Erniedrigung.
Wir müssen die Erniedrigung des Menschen als eines gefallenen Geschöpfes
in Betracht ziehen; beim Lesen des Lukasevangeliums werden wir aber dazu
geführt, die Erhöhung zu sehen, die die göttliche Gunst diesem gefallenen
Geschöpfe verleiht, so daß von der Erniedrigung keine Spur zurückbleibt. Was
könnte erhabener sein als die Ansprüche der Elisabeth und der Maria!
Es ist äußerst wichtig, daß wir zwei Richtlinien in der Schrift sehen. Vom
Anfang der Schrift bis zum Ende finden wir eine mannigfaltige Schilderung der
Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes. Daneben finden wir aber eine andere
Linie; vom ersten Kapitel der Schrift bis zum letzten sehen wir die Geschichte
der sittlichen Erhebung, zu welcher die Gunst Gottes die Menschen erhöhen kann.
Diese beiden Richtlinien durchlaufen die ganze Schrift.
Ich verweile dabei, weil das in bezug auf das Kommen des Sohnes Gottes in
diese Welt so sehr wichtig ist. Der Herr kam, um an dem Leben des Menschen als
Gegenstand der göttlichen Gunst teilzunehmen. Der Herr machte Sich nicht eher
mit der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes eins, bis Er diese Erniedrigung
als Opfer auf dem Kreuze auf Sich nahm.
Es war dort und damals, und zwar nur dort und damals, daß der Herr mit der
Sünde in persönliche Berührung kam. Er tat „keine Sünde“; Er „kannte nicht“ die
Sünde; und „Sünde ist nicht in Ihm“; Er war „das Heilige“; auf dem Kreuze
berührte Er aber die Sünde stellvertretend und als Opfer; Er wurde zur Sünde
gemacht; Er trug das Gericht, das mit der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes
zusammenhing.
Zu Seinen Lebzeiten machte Er Sich aber niemals mit der Erniedrigung des
gefallenen Geschöpfes eins, sondern nahm teil an allem, was aus Gott war. Maria
und Elisabeth sind Vertreterinnen der Lebensgeschichte des Menschen, die mit dem
Menschen als einem Gegenstand der göttlichen Gunst zusammenhängt.
Durch die ganze Schrift hindurch sehen wir, daß es neben der Erniedrigung
des gefallenen Geschöpfes noch etwas anderes gibt; es gibt das Wirken der
göttlichen Gnade im Menschen. Durch alle Zeitalter hindurch, beginnend mit Abel,
finden wir Menschen, die durch Gottesfurcht und Glauben an Gott gekennzeichnet
waren und die Wertschätzung und Freude an der Erkenntnis dessen fanden, was in
Gott für sie vorhanden war und was Er ihnen sein konnte.
Nichts, was in dieser Richtung gefunden wird, gehört zur Erniedrigung des
gefallenen Geschöpfes. Wir bemerken da die sittliche Erhabenheit eines
Geschöpfes, das gelernt hat, Gott zu fürchten und auf Seine Barmherzigkeit zu
hoffen, wie auch demütig zu sein, indem es weiß, was ihm von Natur eigen ist,
nämlich daß es naturgemäß auch wie alle anderen ein Kind des Zornes ist.
Wieviel steht in der Schrift über die Geschichte des Glaubens geschrieben,
über den Menschen, der sittlich durch göttliche Gunst erhöht wird. Es ist
äußerst wichtig einzusehen, daß der Herr Jesus, als Er Mensch wurde, in keiner
Weise an der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes teilnahm noch Sich damit
persönlich einsmachte, bis Er auf dem Kreuze zur Sünde gemacht wurde; Er fand
aber alle Seine Wonne an denjenigen, die durch göttliche Barmherzigkeit und
Gunst sittlich erhaben waren.
Ich halte das als wesentlich für die Wahrheit des Christentums, und ich
glaube nicht, daß die Wahrheit über die Person des Herrn oder die göttliche
Gnade ohne diese Erkenntnis richtig begriffen werden kann.
Alle Titel und Bezeichnungen, die der Herr annahm, weisen darauf hin, daß
Er mit Männern oder mit Weibern teilhatte, die als Gegenstände der göttlichen
Barmherzigkeit und Gnade betrachtet werden. Er wird als der Same des Weibes und
der Same Abrahams und der Same Davids bezeichnet. Alle diese Bezeichnungen
weisen auf das Wirken der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade hin.
Abraham ist der große Vater der Familie des Glaubens, die Wurzel des
Olivenbaumes der Verheißung; er ist ein einzigartiges Beispiel von einem
Menschen, der ein Gegenstand der göttlichen Gunst ist. David war der
Aufbewahrungsort oder das Gefäß der Verheißungen, die sich auf das Reich
bezogen, ebenso wie Abraham das Gefäß der Verheißungen der weltweiten Segnungen
der Familien auf der Erde war.
Daß Christus der Same des Weibes war, unterstreicht in einer
außerordentlichen Weise diese Linie der Barmherzigkeit und der göttlichen Gunst.
Als Jehova Gott über den Samen des Weibes zur Schlange sprach: „Er wird dir den
Kopf zermalmen“ sagte Er damit, was für eine Gunst Er dem Weibe erwies. Es hieß
soviel, wie wenn Er gesagt hätte: „Du hast sie verdorben und erniedrigt, Ich
will ihr aber Ehre erweisen: Ich werde ihr einen Samen geben, der imstande sein
wird, deine Macht völlig zu zerstören.“
Dadurch wurde dem Weibe eine Ehre erwiesen, die ausschließlich der
göttlichen Barmherzigkeit und Gnade entsprang. Der Same des Weibes umschließt
grundsätzlich nicht nur Christum, sondern alle Heiligen. Gott sagte: „Ich werde
Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe“ – ich denke, das weist darauf
hin, daß das Weib die Menschheit als Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit
darstellte – „und zwischen deinem Samen und ihrem Samen“.
Abel war der erste von der Linie des Samens des Weibes, und Kain der erste
von der Linie des Samens der Schlange; es war Feindschaft zwischen ihnen, und
seitdem hat Feindschaft zwischen den beiden Samen bestanden. Der Same der
Schlange stellt die Menschen vom Standpunkt ihrer Erniedrigung als gefallene
Geschöpfe dar, der Same des Weibes stellt aber die Menschen dar, die zu
Gegenständen der göttlichen Gunst werden und denen dann eine sittliche Erhöhung
zuteil wird.
Der Herr nahm von dem letzten Standpunkt aus an der Menschheit teil. Es
wird in Hebr. 2 über Ihn gesagt: „Er nimmt sich fürwahr nicht der Engel an,
sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an.“ Er nimmt Sich der Menschheit von
dem Standpunkte ihrer Verbindung mit den Verheißungen Gottes aus an, mit der
Familie des Glaubens. Er nahm an jener Familie teil: „Siehe, ich und die Kinder,
die Gott mir gegeben hat.“ „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig
sind, hat auch er in gleicher Weise an denselben teilgenommen.“
Maria und Elisabeth waren zwei vom „Samen Abrahams“, und zwar nicht nur
von Natur, sondern auch in sittlicher Hinsicht, da sie Glauben hatten. Sie
stellen die Menschenart dar, woran der Herr Jesus, der heilige Sohn Gottes,
teilhaben konnte. Es wäre eine Lästerung zu sagen, daß Er an dem gefallenen
Menschengeschlecht teilgenommen hat, natürlich ausgenommen bei der Sühnung.
Der Herr sprach oft von Sich als vom Sohne des Menschen; dieser Titel
weist aber nicht auf den Gedanken des Menschen als eines gefallenen Geschöpfes
hin, sondern auf alles, was Christus als der Erbe von allem ist, was Gott dem
Menschen zugedacht hat. Wenn wir Ps. 8 lesen, werden wir sehen, daß es sich um
den über allem erhöhten Menschen handelt.
In Ps. 8 werden zwei Wörter für Mensch gebraucht: „Was ist der Mensch, daß
du sein gedenkst“ – das Wort hier bedeutet den sterblichen oder gefallenen
Menschen – „Und des Menschen Sohn, daß du auf ihn acht hast.“ Christus ist der
Sohn des Menschen. Gott gedenkt des gefallenen Menschen; Er betrachtet ihn mit
Barmherzigkeit und Gnade, der Sohn des Menschen ist aber der Erbe aller Gedanken
der Größe, der Erhöhung und der Obergewalt, die Gott dem Menschen zugedacht hat.
Der Titel „Sohn des Menschen“ ist eigentlich Sohn Adams; Adam war der
Name, den Gott dem Menschen vor dem Fall gab, dem Erben der großen Würde und
Erhöhung, ja der weltweiten Obergewalt, wie es in Ps. 8 zu sehen ist.
Es ist oft gesagt worden, daß das Geschlechtsregister des Herrn im
Lukasevangelium bis Adam zurückgeht, wenn wir es aber lesen, werden wir merken,
daß es bis Gott zurückgeht, und das macht einen großen und lebenswichtigen
Unterschied aus. Schritt für Schritt wird es direkt bis auf Gott zurückgeführt,
und ich glaube, daß jede der Personen in dieser Kette ein Gegenstand der
unumschränkten Barmherzigkeit und Gunst Gottes war und auf der Linie Seiner
Gnade und Gunst zu finden ist.
Der Herr kam, um Seinen Platz in jenem Geschlecht einzunehmen; Er war aus
diesem Stumpfe; nicht aus dem Stumpfe des gefallenen Menschen, der als
Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade gekennzeichnet ist: Er war
ein Reis aus dem Stumpfe Isais.
Unbestimmte Gedanken diesbezüglich liegen vielen irrtümlichen Lehren über
die Person des Herrn zugrunde, und wenn wir über die Person des Herrn keine
Klarheit haben, so haben wir über gar nichts Klarheit.
Das Anteilnehmen des Herrn an der Taufe mit denen, die von Johannes
getauft wurden, bestätigt das Gesagte. Als Er sah, daß der bußfertige Überrest
sich von Johannes taufen ließ, ging auch Er hin, um von ihm im Jordan getauft zu
werden. Er nahm öffentlich mit ihnen an der Taufe teil, weil sie sich in der
Buße zu Gott hin bewegten.
Er nahm nicht mit ihnen als mit gesetzlosen Sündern teil, sondern als mit
Bußfertigen. Es ist wahr, daß Er Sünder aufnahm und mit ihnen aß, denn Er war
hienieden, um die Unendlichkeit der göttlichen Gnade den Menschen gegenüber zum
Ausdruck zu bringen; wir können aber sicher sein, daß nur Bußfertige zu Ihm in
dieser Weise kamen; eigentlich kamen nur die Gottesfürchtigen zu Ihm.
Maria spricht davon, daß die Barmherzigkeit Gottes von Geschlecht zu
Geschlecht bis ans Ende besteht. Der Herr sagt: „Wird wohl der Sohn des
Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“ Natürlich wird Er
das, denn Gott wird ihn in Seiner Gnade erhalten.
Ich zweifle nicht daran, daß Adam Glauben hatte, denn er „gab seinem Weibe
den Namen Eva, denn sie war die Mutter aller Lebendigen“. Ich glaube, das war
ein Zeichen seines Glaubens. Alles fing bei Gott an; dann haben wir diese lange
Linie, diese Kette mit vielen Gliedern, die mit Gott beginnt und mit Jesu endet.
Es ist die Linie des Menschen, der als ein Gegenstand der göttlichen
Barmherzigkeit und Gnade betrachtet wird. In dieser Linie wird der Mensch durch
seine Gotteserkenntnis hoch erhoben.
Das ist die Linie, woran der Herr Jesus teilnehmen konnte; Er nahm an dem
gefallenen Menschen nur teil als Opfer und Stellvertreter auf dem Kreuz. Er
sagte prophetisch in Psalm 16: „Zu den Heiligen, die auf Erden sind, und zu den
Herrlichen: An ihnen ist alle meine Lust.“ Das war Sein Geschlecht, und wir
sehen ein Muster davon in Maria und Elisabeth; der Herr nahm an einem für Ihn
sittlich passenden Geschlechte teil.
Seth war ein Gefäß des Lobes Gottes, denn er wurde von Gott an die Stelle
von Abel gesetzt; er wurde an die Stelle von einem gesetzt, der wußte, was vor
Gott vortrefflich war, nämlich die „Erstlinge seiner Herde und ihr Fett“. Es war
nicht die Wirksamkeit des Opfers Abels, die es empfahl, sondern seine
Vortrefflichkeit. Durch den Glauben besaß er eine Wertschätzung Christi in der
Vortrefflichkeit, die durch den Tod ans Licht gebracht werden würde, so daß sein
Opfer nicht ein Brandopfer oder ein Sündopfer genannt wird, sondern eine
Opfergabe, was sich auf das Wohlgefallen Gottes an Seinen Gaben bezieht.
Dann war Enos ein Gefäß des Lobes Gottes in der Anerkennung dessen, was
der Mensch unter der Sünde und dem Tode geworden ist – sein Name bedeutet
schwach oder sterblich –, und es war im Bewußtsein davon, daß man anfing, den
Namen Jehovas anzurufen“ (1. Mose 4, 26).
Wir brauchen nur Enoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Boas und David (als
einige wohlbekannte aus dem Geschlechtsregister ausgewählte Namen) zu erwähnen,
um zu sehen, daß hier die durch die göttliche Barmherzigkeit und Gnade
gekennzeichnete Linie dargestellt wird. Es ist tatsächlich wahr, zu sagen, daß
sie alle von Christo abstammten. Er ist die Wurzel Davids wie auch sein
Geschlecht (Nachkomme); in einem geistlichen Sinne hatte David alles seinem
größeren Sohne entnommen. Abraham entnahm Dem alles, der sagen konnte: „Ehe
Abraham ward, bin ich.“
Es war der Geist Christi in den alttestamentlichen Heiligen, der ihnen
Gepräge und Glauben verlieh. Alles Göttliche, was der Menschheit verliehen
wurde, kam durch die unumschränkte Gunst Gottes, und Jesus kam und nahm durch
Seine Geburt von Maria an der ununterbrochenen Linie der göttlichen Gunst den
Menschen gegenüber teil.
Er nahm teil an der „Barmherzigkeit (wie er zu unseren Vätern geredet hat)
gegen Abraham und seinen Samen in Ewigkeit.“ Sein Geschlecht paßte in sittlicher
Hinsicht zu Ihm, da es von Anfang bis zu Ende göttliche Wesenszüge besaß.
In Elisabeth sehen wir ein vom Heiligen Geiste erfülltes Weib, und ihr
Kind war von Mutterleibe an vom Heiligen Geiste erfüllt. Als vom Heiligen Geiste
erfüllt, erkennt Elisabeth das ungeborene Kind an als „meinen Herrn“.
Was Maria betrifft, so besaß sie die Glückseligkeit eines Glaubenden; die
ihr gesagten Dinge würden in Erfüllung gehen; alles, was ihr verliehen war,
rührte ausschließlich von der göttlichen Gunst her. In einem geistlichen Sinne
entnahm sie alles von Gott und von ihrem gepriesenen und heiligen Sohne. Wie
lieblich sind ihre Worte! „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat
frohlockt in Gott, meinem Heilande.“
Sie hatte das, was kommen sollte, vor sich; ihr ganzes inneres Wesen war
von der Glückseligkeit der göttlichen Gunst erfüllt, und es ist der Gedanke
Gottes für einen jeden von uns, daß wir auch davon erfüllt sein möchten. Maria
war wahrhaftig eine Demütige, die erhöht wurde; von Natur war sie ein Kind des
Zorns, wie auch die übrigen, aber als ein Gegenstand der göttlichen Gunst
erwähnt sie überhaupt nicht ihren Zustand als den eines gefallenen Geschöpfes.
Sie redet wohl von ihrer Niedrigkeit, aber nicht als von der Niedrigkeit
einer gesetzlosen Sünderin, sondern als einer Magd Gottes. Sie hatte sich Seinem
Dienste völlig gewidmet und war Seinem Willen ergeben. Niedrigkeit war ihr
eigen, aber welch eine Erhöhung wurde ihr erwiesen! Von nun an sollten sie alle
Geschlechter glückselig preisen, aber ihre Erhöhung rührte ausschließlich von
der göttlichen Gunst her, nichts davon konnte ihr zugeschrieben werden.
„Denn große Dinge hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein
Name.“ Sie redet über Seine Barmherzigkeit und darüber, wie Er Israel geholfen
hat. Alles bewegt sich in der Richtlinie, was der Mensch ist als ein Gegenstand
der göttlichen Gunst, und dies entfacht bei Maria eine anbetende Gesinnung. Sie
war sich der göttlichen Gunst bewußt, und sie dachte an die Geschlechter, die
den Mächtigen fürchten und die in Jesu geoffenbarte Gunst wertschätzen würden.
Ich denke, Gott will, daß beim Lesen dieses Evangeliums Seine Gnade uns
völlig von allen Bedenken betreffs unseres natürlichen, sündigen Zustandes
befreien möchte, damit wir völlig und anbetend mit der höchsten Glückseligkeit
Seiner Gunst, die uns in Jesu erreicht hat, beschäftigt sein möchten.
Gott zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind; Er hat
Mächtige von Thronen hinabgestoßen; Reiche schickt Er leer fort; Er erhöht
Niedrige und erfüllt Hungrige mit Gütern.
Wir haben von Elisabeth und Maria als von Vertreterinnen der Menschheit
als Gegenstände der göttlichen Gunst gesprochen. Der Grundton des nun vor uns
liegenden Abschnitts scheint das Wort „Barmherzigkeit“ zu sein. Maria sagte:
„Seine Barmherzigkeit ist von Geschlecht zu Geschlecht über die, welche ihn
fürchten“; sie schaute voraus auf viele Geschlechter, die Gegenstände der
Barmherzigkeit sein würden; das werden die Geschlechter sein, die sie glückselig
preisen würden.
Weiter sagt sie: „Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, damit
er eingedenk sei der Barmherzigkeit (wie er zu unseren Vätern geredet hat) gegen
Abraham und seinen Samen in Ewigkeit.“
Während der letzten Tage seines Lebens wurde J. N. Darby gefragt: „Was ist
der Unterschied zwischen Barmherzigkeit und Gnade?“ Seine Antwort lautete: „Die
Barmherzigkeit ist groß nach der Größe der Not, die Größe der Gnade liegt in den
Gedanken dessen, der sie ausübt.“ Dieser Satz ist es wohl wert, erwogen zu
werden.
Nehmen wir eine Veranschaulichung. Ein König mag mir in einer besonderen
Weise seine Gunst bezeugen; dabei würde es sich lediglich darum handeln, was in
seinem Herzen ist. Die Größe der Gnade liegt in den Gedanken dessen, der sie
ausübt. Nehmen wir aber an, daß ich ein überführter Verbrecher im Gefängnis
wäre, da würde Barmherzigkeit erforderlich sein, und der König könnte mir seine
Gunst nur durch Barmherzigkeit erweisen; also liegt die Größe der Barmherzigkeit
in der Größe der Not.
Wir haben sehr viel über die Gnade geredet – über die göttliche Gunst –,
wobei es sich lediglich um das handelt, was im Herzen Gottes ist. Wir müssen
aber auch den sündigen Zustand der Menschen ins Auge fassen, und das macht
Barmherzigkeit erforderlich.
Israels Väter waren arme Götzendiener gewesen, und als Gott den Abraham
berief, war das tatsächlich Barmherzigkeit. Als Gott einen Bund mit Abraham,
Isaak und Jakob schloß, hatte Er die Geschichte des Volkes vor Sich: Er wußte
alles, was sie sein würden bis zu der Kreuzigung Christi.
Israel war Sein Knecht aus reiner Barmherzigkeit, und alles, was Er zu den
Vätern geredet hatte, war Barmherzigkeit. Barmherzigkeit setzt gottwidrige
Zustände voraus, aber ihnen gegenüber erwies Er Barmherzigkeit. Als Israel das
goldene Kalb anbetete, sagte Gott: „Ich werde begnadigen, wen ich begnadige.“
Nichts kann die Barmherzigkeit Gottes gegen uns beeinträchtigen; Er überblickte
unsere ganze Lebensgeschichte, ehe Er mit uns anfing; Er wußte alles, was wir
als Sünder wie auch als fehlende Gläubige sein würden; Er begann mit uns in
Barmherzigkeit, und von Anfang bis ans Ende wird es bei der Barmherzigkeit
bleiben.
Hier wird die Barmherzigkeit im Zusammenhang mit dem Kommen Jesu erwähnt:
Gott gedachte der Barmherzigkeit. Am Ende von 2. Mose 2 wird uns gesagt, daß
Gott Seines Bundes gedachte. Das Volk war der Knechtschaft und dem Götzendienst
verfallen; Hesekiel sagt uns, daß sie Götzen dienten, als Gott Sich ihrer in
Ägypten annahm; Er gedachte aber Seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob, und
Er erkannte sie als Gegenstände der Barmherzigkeit an. Auf diese Weise hat Gott
auch uns anerkannt.
Der Zustand Israels in Luk. 1 war ein sehr trauriger, aber Maria faßte sie
als Gegenstände der Barmherzigkeit auf. Johannes kam gänzlich nach der
Richtlinie der Barmherzigkeit: Jehova hatte „seine Barmherzigkeit an Elisabeth
groß gemacht“, und als ihre Nachbarn und Verwandten es hörten, schätzten sie das
und freuten sich mit ihr. Der Gegenstand des Gesprächs im ganzen Gebirge war das
Tun Gottes in Barmherzigkeit.
Gott sei Dank, daß es noch Menschen gibt, die „im Gebirge“ wohnen, die
nicht von Geschäften oder Vergnügungen oder Politik oder Religion in Anspruch
genommen werden, sondern sich zusammen über die Wege Gottes in Barmherzigkeit
unterhalten!
Gott schloß Seinen Bund aus Barmherzigkeit, und Er gedenkt seiner, und
nichts kann ihn beeinträchtigen. Er gab Jesum aus reiner Barmherzigkeit; Er
besitzt also eine Fülle der Barmherzigkeit, so daß Er eine große Menge zu
verteilen hat.
Wir sehen hier, daß es einige Personen gab, die die Barmherzigkeit
schätzten, doch mußten sie lernen, ihre natürlichen Gedanken abzulegen. Es wäre
durchaus natürlich, das Kind nach seinem Vater zu nennen, doch war Johannes vom
Himmel genannt worden. Er war der Ausdruck der Gunst des Himmels, und Zacharias
und Elisabeth waren mit dem Gedanken des Himmels vertraut. Sie waren frei von
natürlichen Gedanken, und beide schätzten, daß sein Name Johannes war.
Der Herr Jesus Christus ist der große Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes,
und Elisabeth war mehr mit dem Kinde Marias beschäftigt als mit ihrem eigenen,
und Zacharias war mehr erfüllt mit Gedanken über Christum als über Johannes. Er
redete darüber, daß Gott an ihren Vätern „Barmherzigkeit vollbracht“ habe und
Seines „heiligen Bundes“ gedachte. Er sprach von der „herzlichen Barmherzigkeit
unseres Gottes“. Das ist die Quelle, welcher aller Segen entspringt; Jesus kam
als der völlige Ausdruck derselben.
Zacharias redet ausschließlich über das, was Gott getan hat. In seinem
Reden gibt es keinerlei „wenn“; er erwähnt nicht einmal den Gedanken an den
Glauben seitens des Volkes Gottes. Alles wird gänzlich als von Gott aus
Barmherzigkeit gewirkt angesehen; er war von dem erfüllt, was in Jesu kommen
sollte.
Er sagt nicht wie Simeon, daß das Kind zum Fall vieler in Israel gesetzt
wurde und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird. Er redet darüber, was von
seiten Gottes in all Seiner Größe als Barmherzigkeit Seinem Volke gegenüber
kommen sollte. Er hatte Sein Volk besucht und ihm Erlösung geschafft und ein
Horn des Heils aufgerichtet.
„Die herzliche Barmherzigkeit Gottes“ weist auf das zärtliche Sehnen
Gottes nach dem Menschen, nach Israel, hin. Das, was Gott Seinem Wesen nach ist,
ist die Quelle und der Ursprung der Barmherzigkeit und der Gnade. Die Schrift
sagt nicht, daß Gott Barmherzigkeit oder daß Gott Gnade ist, sondern daß Gott
Liebe ist; das ist es, was Er in Seiner Natur ist, und dem entspringen
Barmherzigkeit und Gnade.
Gott hat Sein Volk in der Erlösung besucht und hat ein mächtiges Horn des
Heils aufgerichtet, auf daß Sein Volk von allen Widerwärtigkeiten erlöst werden
möchte, damit sie Ihm dienen sollten in Frömmigkeit und Gerechtigkeit alle ihre
Tage. Gott hat alles Erforderliche gegeben.
Dieser Ausspruch von Zacharias zeigt, daß Gott in Anbetracht der Not, die
der Barmherzigkeit bedarf, wirkt. Der Gedanke an Gott und die Seinem Volke
feindlichen Einwirkungen tritt deutlich hervor, denn er spricht von der „Rettung
von unseren Feinden und von der Hand aller, die uns hassen“. Feindliche Zustände
liegen vor, aber das Horn des Heils ist ihnen allen gewachsen.
Es ist ein freudiger Gedanke, daß, wenn wir durch irgendeine feindliche
Macht verhindert werden, die Ursache keinesfalls bei Gott liegt, denn Er hat ein
Horn des Heils aufgerichtet, das allem gewachsen ist. Wir alle haben Feinde.
Vieles erhebt sich in uns, und vieles wirkt auf uns durch andere ein, aber
Gottes Horn des Heils ist dem mehr als gewachsen, uns von allem zu befreien. Wir
brauchen jetzt durch keinen gottwidrigen Einfluß behindert zu werden.
Petrus redet über fleischliche Lüste, welche wider die Seele streiten;
wenn ich eine fleischliche Lust habe, so ist das eine Gelegenheit, die Macht von
Gottes Horn des Heils zu erleben. Dann gibt es auch Vernunftschlüsse. Habt ihr
niemals mit euren Vernunftschlüssen gekämpft? Gottes Horn des Heils wird euch
befreien von allen „Vernunftschlüssen, … und jeder Höhe, die sich erhebt wider
die Erkenntnis Gottes“.
Wie kommt es, daß Menschen die Erlösung nicht erlangen? Ich glaube, daß
wir die Erlösung nicht erlangen, weil wir uns nicht endgültig dem Dienste Gottes
gewidmet haben. Jeder, der sich endgültig dem Dienste Gottes widmet, wird
finden, daß in dem mächtigen Horn, das Gott aufgerichtet hat, Erlösung vorhanden
ist.
Wir müssen dahin kommen und feststellen, daß es nichts Glücklicheres gibt,
als Gott zu dienen. Wenn ich glückselig sein will, kann ich es nur finden, wenn
ich Gott diene. Mir selbst oder meinen Lüsten und Vergnügungen zu dienen, ist
Knechtschaft; wir haben alle erlebt, daß es so ist. Wenn ich nur ein bequemes
Leben in der Welt führe, so wird meine Seele von allem beraubt, was sie im
Dienste Gottes hätte genießen können.
Freiheit wird gefunden, wenn wir Gott dienen; das ist das glücklichste von
allem, was wir tun können, wenn wir uns mit dem, was Gott wohlgefällt,
verbinden. Keiner kann die Erlösung erlangen, bis er von Gott wie Paulus sagen
kann: „Dessen ich bin und dem ich diene.“ Wenn wir auf diesem Grund stehen, dann
erleben wir die Macht von Gottes Horn des Heils.
Gott gibt nicht die Erlösung als ein Ding an sich; Er hat die Erlösung in
einer Person gegeben; Er hat ein Horn des Heils aufgerichtet – Jesum. In Jesu
ist eine erlösende Macht vorhanden, um uns von allem, was Gott und uns zuwider
ist, zu befreien.
Die Erlösung des Volkes aus Ägypten war ein Bild davon. Gott trat aus
Barmherzigkeit ins Mittel, um Israel aus der Knechtschaft Ägyptens zu erlösen,
damit sie Ihm dienten. „Laß meinen Sohn ziehen, daß er mir diene!“ – das ist es,
was Er wollte. Dies ward in Israel im Bilde gesehen, wir sollten aber zu der
Verwirklichung dessen in Jesu kommen.
In Jesu ist eine wunderbare Macht verfügbar. Ich nehme an, daß keiner von
uns wirklich die gewaltig große göttliche Macht versteht, die uns in Ihm zur
Verfügung steht. Satan wirkt immer, um uns dazu zu bewegen, irgend einem anderen
als Gott zu dienen; er sagt immerfort: Dienet euch selbst, oder dienet der Welt,
oder dienet euren Umständen.
Das Glück liegt aber darin, Gott zu dienen, und der große Beweis der
Barmherzigkeit ist, daß Gott eine angemessene Macht eingeführt hat, um uns
vollkommen zu befreien, auf daß wir von morgens bis abends alle Tage unseres
Lebens nichts anderes tun sollten, als Gott zu dienen und unser Glück darin zu
finden. Ob in unseren alltäglichen Geschäften, im Haushalt oder im Geschäft oder
in der Versammlung, wir haben in jedem Kreise nur Gott zu dienen.
Dies ist das höchste Glück, und dazu ist die Erlösung nötig, und die Kraft
dazu liegt in Jesu. Unsererseits ist Selbstgericht erforderlich, und deswegen
geht Johannes vor dem Angesicht des Herrn als der Prophet des Höchsten her; der
Dienst des Johannes soll Selbstgericht und Buße bewirken. Wenn ich mich selbst
richte, so ist nichts da, um das Wirken des Höchsten in der erhabensten Gnade zu
hemmen; Er kann mit mir nach Belieben verfahren.
Wenn ich selbstzufrieden oder hochmütig bin, kann ich keinerlei Segnungen
von Gott erwarten; wenn ich aber im Selbstgericht wandele, so wird das
gnadenreiche Wirken Gottes durch nichts verhindert. Johannes sollte der Prophet
des Höchsten genannt werden, um vor dem Angesicht des Herrn herzugehen, Seine
Wege zu bereiten.
Was waren das für Wege! Wenn wir dieses Evangelium durchnehmen, laßt uns
niemals vergessen, daß wir die Wege des Höchsten beobachten. Jeder Seele, die im
Selbstgericht ist, kommen sie zugute. Er kommt, um Sünden zu vergeben und
dadurch die Erkenntnis des Heils zu verleihen.
Das Himmelslicht – der Aufgang aus der Höhe – bricht in dieser wunderbaren
Weise hervor. Das Himmelslicht ist hervorgestrahlt, um Vergebung der Sünden
durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes zu geben.
Bei unserem Gott ist solch eine große Barmherzigkeit – solch ein Sehnen,
von Seinen sündigen Geschöpfen erkannt zu werden –, daß Er hervortritt, um
unsere Sünden zu vergeben. Wenn Gott die Sünden vergeben wird, so wird Er auch
alles Nötige für uns tun. Wenn Gott die Sünden Seines Volkes vergibt, wird Er es
dann hilflos in den Händen des Feindes lassen? Niemals! Die Tatsache, daß Er
unsere Sünden vergeben hat, bürgt dafür, daß Er uns von jedem feindlichen
Einfluß und jeder Macht erlösen wird, damit wir befreit werden, um Ihm
fortwährend zu dienen.
Es mag äußerlich schmerzliche Erlebnisse geben, aber sie übertreffen nicht
die innere Freude. Zwei liebe Brüder erlebten Schmerzliches in Philippi; sie
waren aber imstande, durch alles hindurch zu singen. Sie besaßen die innere
Freude der Erlösung, bevor sie äußerlich erlöst wurden. Sie beteten und
lobsangen Gott; sie waren innerlich ebenso frei wie eine Lerche, die sich in den
azurblauen Himmel – die Brust voller Gesang hinaufschwingt.
Der Aufgang aus der Höhe ist das Licht, das aus dem Himmel leuchtet, das
Licht der völligen Vergebung und der völligen Erlösung, und es ist in Jesu
zutage getreten. Es ist ein Horn des Heils vorhanden, eine Person, die mächtig
genug ist, uns von jedem Gott oder von uns selbst oder feindlichen Gedanken und
Gefühlen und Einflüssen zu befreien – Jesus ist imstande, dies zu tun.
Wir könnten vielleicht die Lehre des Heils auswendig aufsagen, ohne sie
selbst erlebt zu haben; wenn wir aber zu Jesu kommen, finden wir den Heiland.
Gott scheint in Jesu auf die Menschen, um uns aus der Finsternis und dem
Todesschatten hinauszuführen und um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu
richten, den wir von Natur nicht kennen.
Kapitel 2
Es könnte keinen größeren Beweis für den niedrigen Zustand des Volkes
Gottes geben als denjenigen, den wir hier sehen. Der Erbe des Thrones Davids war
ein Zimmermann in einer unbedeutenden Stadt in Galiläa, und er war mit ganz
Israel unter der Herrschaft des römischen Kaisers.
Aber alle, vom Kaiser bis zum Zimmermann, mußten sich in einer solchen
Weise in Bewegung setzen, daß sie den Willen Gottes und Seinen Vorsatz wie auch
das prophetische Wort erfüllten. Der ganze bewohnte Erdkreis wurde in Bewegung
gesetzt, um Maria nach Bethlehem zu bringen, auf daß ihr Sohn dort geboren
würde.
Gott regierte über alles; Er regierte über den Kaiser; Er gebrauchte ihn,
um die Bewegungen von Maria und Joseph zu leiten, und Er brachte genau das
zustande, was Er wollte, und es ist immer so. „Nach unergründlich tiefem Rat…
verfolgt Er Seinen Segensplan – Sein Wille triumphiert“ (Lied 461), und Er
zwingt alles, zur Förderung der Pläne Gottes beizutragen. Er zwingt alles, sich
Seinem Willen zu beugen; es ist gut, die Größe Gottes zu sehen.
Der Kaiser Augustus mußte seinen Platz beim Ausführen des Willens Gottes
einnehmen. Wahrscheinlich geschah die Einschreibung selbst nicht zu dieser Zeit,
sondern einige Jahre später, als Kyrenius Landpfleger von Syrien war, was zeigt,
daß Gott die Verordnung benutzte, um Joseph und Maria zur rechten Zeit in die
königliche Stadt zu bringen.
Wichtig war nicht die Einschreibung, sondern die Geburt Jesu. „Sie gebar
ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine
Krippe, weil in der Herberge kein Raum für sie war.“ Das waren nicht bloß
zufällige Umstände, denn sie wurden vom Himmel als „das Zeichen“ verkündigt.
Der Engel sagte: „Dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden,
in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Es ist das Zeichen. Wir
sollten den Gegensatz zwischen dem Evangelium nach Matthäus und nach Lukas
bemerken.
In Jes. 7 ist dies das von Gott gegebene Zeichen: „Siehe, die Jungfrau
wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und wird seinen Namen Immanuel
heißen.“ Diese Schriftstelle wird in Matth. 1 angeführt. Dies ist das Zeichen,
daß Gott kommt, um als Immanuel mit Seinem Volke zu sein: „Gott mit uns.“
Bei Matthäus werden keine Windeln erwähnt; dort ist alles erhaben; Er wird
als König geboren; Sein Stern erstrahlt weit über die heidnische Welt; die
Magier kommen, um anzubeten und ihre Schätze zu öffnen, um Ihm Gaben – Gold,
Weihrauch und Myrrhe – darzubringen. Er wird in göttlicher und königlicher
Herrlichkeit gesehen.
Bei Lukas ist aber das Zeichen mit der Niedrigkeit Seiner Geburt
verbunden; kein Stern, keine Anbetung, keine Gaben, nur „ein Kind … in Windeln
gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Es war der Ausdruck der Schwäche und der
völligen Abhängigkeit.
Persönlich und den Umständen nach stieg Er bis zum allerniedrigsten Punkte
hernieder. Ein Säugling ist ein menschliches Wesen in Gestalt der größten
Schwäche und Abhängigkeit; niemand ist so völlig abhängig wie ein neugeborener
Säugling, Er empfing alles von Gott durch die Fürsorge Seiner Mutter.
Für einen Säugling bedeutet es Vollkommenheit, der Gegenstand der
mütterlichen Liebe und Fürsorge zu sein, und auf diesem Platze vertraute Er auf
Gott (Ps. 22, 9 u. 10). Die Hirten sahen Einen am Platze offensichtlicher
Abhängigkeit, und dies sollte bis ans Ende für Ihn charakteristisch sein.
Man kann sagen, daß jeder Säugling von der Fürsorge seiner Mutter abhängt.
Was aber diesem Schauplatz vor uns so unendliche Bedeutung und so großen Wert
verleiht, ist, daß der Heiland, Christus, der Herr, der Sohn des Höchsten, der
Sohn Gottes in einem Zustande zu finden war, worin Seine Mutter Ihn in Windeln
wickeln und in eine Krippe legen mußte.
Die Tatsache, daß gerade Dieser Sich dort befand, erhebt diese Umstände zu
der höchsten sittlichen Herrlichkeit. Die Windeln bedeuteten dem Himmel Großes;
sie redeten von dem Platze der völligen Abhängigkeit, worauf der Sohn Gottes
Sich als Mensch geworden befand. Das Heil Gottes ist zu uns in Einem gekommen,
der Menschengestalt annahm, um ein völlig Abhängiger zu sein.
Er war auf Gott geworfen, Er vertraute auf Gott von Mutterschoße an, wie
der Psalm sagt. Das Wunder und die Herrlichkeit davon bestehen darin, daß solch
eine Person Sich an solch einem Platze befinden sollte, indem Er am
allerniedrigsten Punkte der menschlichen Schwäche erschien, um vom Augenblick
Seiner Geburt an der Abhängige zu sein. Gott fand in Ihm Einen, der sogar als
Säugling Ihm völlig vertrauen konnte.
Ps. 22 sagt es deutlich: „Auf dich bin ich geworfen von Mutterschoße an“,
und wiederum: „Du bist es…, der mich vertrauen ließ an meiner Mutter Brüsten.“
Er empfing alles als ein von Gott Abhängiger, wie sich die Fürsorge Gottes auch
äußern mochte – durch Seine Mutter oder durch andere – wie sie auch kommen
mochte, Ihm war sie die Fürsorge Seines Gottes.
Vom ersten Augenblick Seines Kommens in diese Welt war Er der vollkommen
Abhängige, für den Gott sorgte, und das Heil Gottes ist in Ihm zu uns gekommen.
Den Hirten wurde gesagt: „Ihr werdet ein Kind finden…“ Der Himmel konnte mit
Wonne darüber sprechen.
Der Welt lag nichts an einem Säugling, für den alles getan werden mußte,
dem Himmel lag aber alles an Ihm. Die Hirten empfanden ein tiefes Interesse:
„Laßt uns nun hingehen nach Bethlehem und diese Sache sehen, die geschehen ist,
welche der Herr uns kundgetan hat.“ Ein Kindlein in Windeln gewickelt und in
einer Krippe liegend war das Zeichen.
Gott hat das in dieses Zeichen gewickelt, was für die ganze Wahrheit
Seiner Gnade wesentlich ist. Die Hirten kamen und sahen, und sie sprachen
darüber weit und breit. Die Leute, die dies hörten, wunderten sich, und die,
welche es erfaßten, verherrlichten und lobten Gott.
Es gibt aber in dieser Welt keinen Raum für jemand, der völlig auf Gott
geworfen ist. Es sind nicht die Abhängigen, die die besten Räume in der Herberge
bekommen; es sind die Unabhängigen, die begüterten Männer, die die besten Räume
bekommen. Eine Herberge ist ein Ort, wo Menschen gemessen werden: die besten
Räume werden den Reichen zugeteilt, die einfachen Räume bekommen die Armen, für
Jesum war aber gar kein Raum in der Herberge.
In der Welt des Menschen ist für vollkommene Abhängigkeit von Gott kein
Raum. Die Menschen sagen: „Wir haben unsere Gesellschaften, unsere Vereine,
unsere Clubs. Kommt und schließt euch uns an, und wir werden euch beschützen und
euer Leben angenehm gestalten. Eure Zeit in der Herberge wird recht angenehm
sein.“
Wenn aber einer ruhig sagt: „Ich stelle das, was ihr tut, nicht in Frage,
aber meinerseits ziehe ich es vor, mich auf Gott zu verlassen“, so hat das für
viele Bekenner Christi in den christlichen Ländern den Verlust ihres täglichen
Brotes bedeutet. Es gibt in der Welt des Menschen keinen Raum für Abhängigkeit
von Gott, sondern es gibt alle Formen der Unabhängigkeit.
Gott versorgte Jesum mit einer Krippe; sie redet von einer Versorgung, die
außerhalb der Versorgung des Menschen für sich oder für seine Mitmenschen liegt.
Die Krippe liegt außerhalb dessen, womit der Mensch den Menschen versorgt, Gott
versorgt aber immer alle diejenigen, die sich damit begnügen, alles anzunehmen,
womit Er sie versorgen mag.
Gott hat immer eine Versorgung für diejenigen gehabt, die Ihm vertrauen,
und Er wird sie immer haben, und diejenigen, die von Ihm abhängig sind, werden
das erleben. Es mag nicht in Üppigkeit sein, aber dem Glauben wird es immer
genügen.
Wahrhaft Abhängige nehmen das an, was ihnen dargereicht wird, und die
Versorgung Gottes ist ihren Herzen sehr kostbar, sogar in äußerer Schmach. Die
Krippe bedeutete einen Platz außerhalb – einen Platz der Schmach; Gott hatte
aber dieses heilige Kind damit versorgt; es war kein ehrenvoller Platz in dieser
Welt, der aber als die Fürsorge Gottes für Den, der Ihm völlig vertraute,
geschätzt wurde.
Es wird immer das geben, was der Krippe entspricht; uns gebührt es
zuzusehen, daß wir uns damit begnügen; es ist ein Zeichen von einer wunderbaren
Tragweite. Die Leute sagen: Warum baut ihr nicht eine feine Kapelle, und zwar
auf der Hauptstraße, warum drängt ihr euch nicht mehr in den Vordergrund?“ Wir
müssen das Zeichen der Krippe, welches von der göttlichen Fürsorge am Platze der
Schmach redet, in Erinnerung behalten.
Denkt daran, was es für Joseph und Maria bedeutete, in die Stadt Davids zu
kommen und keinen Raum in der Herberge zu finden! Der rechtmäßige Erbe des
Thrones Davids kommt in die Stadt Davids, und da ist kein Raum in der Herberge!
Wenn die Dinge in Bethlehem in Ordnung gewesen wären, hätte man für sie die
besten Räume in der Herberge freigemacht.
Doch sie nahmen die Krippe an, und sie wurde zum Zeichen des Platzes, wo
das Heil Gottes gefunden wurde. Ihr werdet das Heil Gottes nicht in den besten
Räumen der Herberge finden, sondern in der Krippe.
Die hereinbrechende Gnade sollte nicht groß und hochverehrt in der Welt
werden; sie sollte den niedrigsten Platz in der Begutachtung der Menschen haben.
Wir aber sollten den Gedanken des Himmels haben. Joseph und Maria waren in
dieses Geheimnis eingeweiht. Sie wußten von der Größe und Herrlichkeit des
Kindleins, welches gerade geboren werden sollte, als sie in jene Stadt kamen,
sie nahmen aber die Krippe als die Fürsorge Gottes an.
Das ganze Interesse des Himmels drehte sich um jene Krippe und um das
Kindlein, das in ihr lag und in Windeln gewickelt war. Außerlich kam da die
größte Schwäche und Abhängigkeit zum Ausdruck, doch es war auch alles Große und
Herrliche vorhanden. Wie begünstigt wurden die Hirten, daß sie Mitteilungen aus
dem Himmel empfingen! Sie erfuhren, wo alle wahre Herrlichkeit zu finden war;
sie lernten die göttliche Gunst in dem kennen, was den Menschen gar nichts
bedeutete.
Die Herberge stellt die Selbstversorgung des Menschen für sich und für
seine Mitmenschen dar, und darin war kein Raum für Jesum; es gab aber Hirten,
die auf freiem Felde blieben und die mit dem Himmel in Einklang waren.
Im Matthäusevangelium erkannten die Magier unter der Belehrung des
Himmels, daß Er der König war. Sie sagten: „Wo ist der König der Juden, der
geboren worden ist? denn wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind
gekommen, ihm zu huldigen.“ Sie sahen die dem Kindlein eigene königliche
Herrlichkeit, und sie huldigten Ihm: sie brachten Ihm erlesene und köstliche
Gaben dar.
Bei Lukas geht es aber um die Gnade Gottes, die sich den Menschen nähert,
und der Platz der Abhängigkeit, den Er einnahm, wird hervorgehoben, der Platz,
an dem es außer der Fürsorge Gottes keine Hilfsquellen gibt. Jesus kam, um am
Platze der Abhängigkeit zu sein, der in der Begutachtung der Welt völlig
unbedeutend ist – um in einer Krippe zu liegen.
Die Hirten waren im Einklang mit den Gedanken des Himmels, und alle diese
Gedanken konzentrierten sich um das Kindlein in der Krippe. Bei Matthäus wird
Seine amtliche Herrlichkeit hervorgehoben, bei Lukas aber Seine sittliche
Herrlichkeit.
Im Lukasevangelium sehen wir oftmals den Herrn im Gebet. Es ist die
Darstellung Dessen, der ganz und gar abhängig war, und die Windeln waren das
Zeichen dafür. Er nahm alles als den Ausdruck der Fürsorge Seines Gottes an.
Die Hirten wurden sehr durch das, was sie hörten und sahen, beeindruckt:
sie kehrten um, indem sie Gott verherrlichten und lobten. Hirten stellen solche
dar, die auf Kosten persönlicher Aufopferung für das sorgen, was vor Gott
wertvoll ist. Gott nahm Sich solcher Hirten wie Moses und David an, weil sie,
wenn sie für ihre Herden sorgten, mit Seinen eigenen Gedanken in Einklang waren.
Wenn für den Herrn in der Herberge kein Raum war, so war Raum für Ihn in
den Herzen der Hirten; der Himmel zog sie in sein Vertrauen. Wenn wir vom Himmel
ins Vertrauen gezogen worden sind, sehen wir eine wunderbare Herrlichkeit in
dem, was in den Augen des Menschen überhaupt gar nicht beachtenswert ist.
Die Hirten sagten: „Laßt uns nun hingehen nach Bethlehem und diese Sache
sehen, die geschehen ist, welche der Herr uns kundgetan hat“; und sie kamen und
sahen, und wurden Zeugen davon vor anderen, und sie kehrten um, indem sie Gott
verherrlichten und lobten. Alle, die es hörten, verwunderten sich; Maria aber
tat mehr als sich verwundern, sie „bewahrte alle diese Worte und erwog sie in
ihrem Herzen“.
An dieser Begebenheit gibt es noch einen bemerkenswerten Wesenszug, der
nicht übersehen werden darf. Bei den Hirten war nicht nur ein Engel des Herrn,
sondern „die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie“: Jehova, Gott Selbst, war
da, wie auch der Engel. Er war in der Herrlichkeit der Gnade zu den Hirten
hernieder gekommen.
Er hatte nicht nur eine Botschaft aus dem Himmel gesandt, um zu
verkündigen, was in dem geborenen Kindlein eingeführt worden war, sondern Gott
war auch zugegen in Seiner Herrlichkeit; die Herrlichkeit Jehovas umleuchtete
sie. Es war die Herrlichkeit der Gegenwart Gottes, doch sie wurde in einem neuen
Charakter gesehen; es war Gott, der aus dem Gewölk und dem Dunkel hervortrat, um
im Abglanz Seiner Herrlichkeit in vollkommener Gnade die Menschen zu umleuchten.
Anstatt daß Furcht am Platze war, sollten die Herzen der Menschen von
einer „großen Freude“ erleuchtet und erfüllt werden. Der Engel brachte eine
wunderbare Botschaft vom Himmel; die Freude des Himmels wallte über und ergoß
sich in die Herzen der Menschen auf Erden, und Jehova Selbst war da, die
unmittelbare Gegenwart der Herrlichkeit Gottes. Die Herrlichkeit der Gnade
verleiht diesem ganzen Evangelium ihr Gepräge; die Herrlichkeit Gottes wird den
Menschen in Gnade geoffenbart.
Gott Selbst kam im Abglanz Seiner Herrlichkeit den Menschen nahe, doch
nicht in einer solchen Weise, um Furcht einzuflößen, sondern um die Herzen der
Hirten mit der höchsten Freude zu erfüllen. Es ist wahr, daß die Hirten „sich
mit großer Furcht fürchteten“, aber das war deswegen, weil sie das Wesen der
Herrlichkeit nicht verstanden.
Der Engel sagte ihnen, sie sollten sich nicht fürchten, denn die
Herrlichkeit leuchtete in vollkommener Gnade; sie leuchtete, um die Herzen der
Menschen mit einer großen Freude zu füllen. Es war ein schöner Anblick; möchten
wir um die Befähigung beten, es in uns aufzunehmen.
Alles war in diesem Kindlein gesichert. Obwohl es noch nicht geoffenbart
war, war es Gott und dem Himmel wohlbekannt, und Gott will, daß den Menschen
diese „große Freude, die für das ganze Volk sein wird“, wohlbekannt sein möchte.
Wenn wir an den Zustand denken, in welchem „das ganze Volk“ sich befand, so
erhöht das die Herrlichkeit der Gnade; die meisten von ihnen waren noch in
Gefangenschaft, in oder jenseits von Babylon.
Wahrscheinlich waren damals die meisten von ihnen auf die Standhöhe ihrer
Umgebung herabgesunken, und doch sollte das ganze Volk die frohe Botschaft der
großen Freude empfangen. Dies ist beschränkter als das, was im Ausspruch Simeons
zum Ausdruck kommt, es ist auf „das ganze Volk“ beschränkt – d. h. auf Israel.
Es ist gesagt worden, daß die Gnade der Herrlichkeit angemessen ist; das
verleiht der Gnade ein wunderbares Gepräge. Wenn wir an alle Herrlichkeit, die
Gott eigen ist, denken, ist die Gnade ihr angemessen, sie kann nur durch die
Herrlichkeit Gottes ermessen werden.
Die Herrlichkeit Jehovas war in einem gewissen Sinne im Alten Testament
bekannt, jetzt ist sie aber in der Fülle der Gnade ans Licht gekommen. Johannes
sagt: „Wir haben seine Herrlichkeit angeschaut“, der Charakter dieser
Herrlichkeit war aber, daß sie „voller Gnade und Wahrheit“ war. Im Alten
Testament war die Herrlichkeit ein verzehrendes Feuer, jetzt ist es aber die
Herrlichkeit der Gnade und der Wahrheit – eine umwandelnde Macht; diejenigen,
die sie anschauen, werden ihr gleichgestaltet.
Große Freude ist von Gott und vom Himmel gebracht worden; die in der Gnade
erkannte Herrlichkeit Gottes wird zur Quelle einer großen Freude. Wenn jemand
jetzt nicht vollkommen glücklich ist, so ist es wegen des Unglaubens; es gibt
keine Veranlassung dafür, unglücklich zu sein, denn Gott hat die frohe Botschaft
einer „großen Freude“ verkündigt.
Die Botschaft des Engels war mit dem, was Maria und Zacharias sagten, im
Einklang. „Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, damit er eingedenk
sei der Barmherzigkeit (wie er zu unseren Vätern geredet hat) gegen Abraham und
seinen Samen in Ewigkeit“ (Kap. 1, 54). „Um Barmherzigkeit zu vollbringen an
unseren Vätern und seines heiligen Bundes zu gedenken, des Eides, den er
Abraham, unserem Vater, geschworen hat“ (Kap. 1, 72). Diese Aussagen sind auf
Israel beschränkt.
Das verleiht der Barmherzigkeit ein besonderes Gepräge, denn das böseste
Volk auf der Fläche der ganzen Erde war Israel. Denkt an ihre Geschichte!
Unglaube, Ungehorsam, Abtrünnigkeit, Götzendienst, Ablehnen des prophetischen
Wortes! Keiner der Nationen haftete eine so große Schuld an wie Israel; keine
der Nationen hatte die Gelegenheit, so schlecht zu sein wie Israel. Israel war
nämlich der Gegenstand außerordentlicher Gunst seitens Gottes gewesen; sie
hatten Seine heiligen Aussprüche, das Gesetz, die Verheißungen, die Bündnisse,
das Heiligtum und dessen Dienst; sie hatten jedes Vorrecht, das Gott den
Menschen gewähren konnte.
Doch mit all diesem Licht, das die Nationen niemals hatten, führten sie
sich so schlecht auf, daß ihretwegen der Name Gottes unter den Nationen
gelästert wurde. Wenn man das Licht, welches sie besaßen, in Betracht zieht, so
war kein Volk in solch einem Zustande des sittlichen Abfalls von Gott wie
Israel.
Der Bund bestand aber in Barmherzigkeit, und Gott dachte daran. Am Ende
dieses Evangeliums lesen wir, daß Buße und Vergebung der Sünden „allen Nationen,
anfangend von Jerusalem“, gepredigt werden sollten. Sie sollten gerade bei dem
Volke beginnen, das Christum verraten und ermordet hatte, d. h. beim
schlechtesten Volk auf der ganzen Fläche der Erde.
In einem gewissen Sinne wird Israel ein noch bemerkenswerteres Denkmal der
Barmherzigkeit sein als die Nationen. Kein andere Volk verwarf Christum
tatsächlich und buchstäblich; den Nationen wurde Er niemals dargestellt. Kein
anderes Volk hatte die Gelegenheit, den Gerechten zu verraten und zu ermorden.
Wir sind nicht besser als sie, aber in der tatsächlichen Geschichte der
Dinge kamen in den Juden derartige Wesenszüge der Bosheit zum Vorschein, die in
anderen Völkern niemals zutage treten konnten, darum ist ein besonderes Wesen
der Barmherzigkeit dem Verfahren Gottes mit ihnen eigen.
Gott trat hervor, um solch einem Volke die Herrlichkeit Seiner Gnade
erstrahlen zu lassen, und hier wird kein Wort von der Buße gesagt. Ich trete
nicht für das Auslassen der Buße ein – das sei ferne; was ich aber hier so
erhaben sehe, ist die unfaßbare Gunst des gepriesenen Gottes, die frohe
Botschaft einer „großen Freude, die für das ganze Volk sein wird“, es ist nicht
einmal von Buße die Rede, sondern es ist bedingungslose Gunst.
Wenn wir das Bewußtsein davon, welche Gunst Gott Seinem armseligen
Geschöpf erzeigt, dem Herzen des Menschen einprägen könnten, würde dies ihn
völlig zerbrechen. – Die Güte Gottes würde ihn zur Buße führen.
In Lukas 2 liegt das Augenmerk nicht auf den Sünden des Volkes, sondern
auf ihrem Erretter. Wenn ein Erretter da war, so schloß das ein Verlorensein und
durch die Macht des Feindes verwirkte Segnungen in sich. Aber ein Erretter, der
einem solchen Volke geboren wurde, brachte alles, was sie bedurften, mit Sich.
Allem wurde in einer göttlichen Weise begegnet.
Gott hat den wahren David eingeführt, einen Menschen nach Seinem eigenen
Herzen, um Seinen ganzen Willen zu erfüllen, der in Davids Stadt geboren war. Es
war eine kleine Stadt Judas; es ist alles auf dem Boden dessen, was in den Augen
der Menschen klein ist. Der Prophet hatte über die Stadt Bethlehem gesagt, sie
sei „klein … unter den Tausenden von Juda“.
Christus kam in derselben Weise wie David – Er hatte keine Bedeutung. Als
Isai seine Söhne zusammenrief, damit Samuel sie anschauen könnte, schloß er
David nicht mit ein; er war zu unbedeutend, um überhaupt beachtet zu werden, und
der wahre David kam nach demselben Grundsatz. Er war aber der Gesalbte Gottes,
mit göttlicher Gewalt als Herr bekleidet, aber Seine Gewalt übte Er als Erretter
in Gnade für das ganze Volk aus.
Es ist leicht verständlich, daß die Menge der himmlischen Heerscharen sich
dabei im Lobe Gottes einfand. Sie redeten nicht von der menschlichen Seite, von
dem was kommen sollte, es war die Seite Gottes. „Herrlichkeit Gott in der Höhe“
– das ist Gottes Seite; „und Friede auf Erden“ bedeutet nicht, wie die Menschen
denken, Frieden unter den Menschen, obwohl das sich daraus ergeben kann, sondern
daß keine feindlichen Elemente unter den Augen Gottes zurückgeblieben sind. Und
dann heißt es noch, Gottes „Wohlgefallen an den Menschen“.
Der Engel sagt, was die Menschen bekommen: „Euch ist … ein Erretter
geboren, welcher ist Christus, der Herr“; er war ein wahrer Evangelist. Die
Menge der himmlischen Heerscharen war aber mit dem beschäftigt, was für Gott
gesichert werden würde, und sie priesen Gott deswegen.
Es ist glückselig, daran zu denken, daß die himmlischen Heerscharen das
Wesen der Herrlichkeit Gottes verstanden. In Lukas 15 ist von den Engeln als von
den Freunden und Nachbarn der göttlichen Personen die Rede. Gott hat die Engel
ins Vertrauen gezogen, und Er hat ihnen Seine Gedanken in bezug auf die Menschen
zu verstehen gegeben und ihnen gesagt, was Seine Herrlichkeit in bezug auf die
Menschen bedeutet. Sie sind darüber ebenso glücklich, als ob alles dieses für
sie wäre.
„Herrlichkeit Gott in der Höhe“ – diese Worte verkünden, daß Gott in der
vollen Höhe Seiner himmlischen Gnade gesehen werden würde. Seiner Herrlichkeit
sollte dieser erstaunliche Charakter eigen sein – es sollte eine Herrlichkeit
der höchsten Gnade den Menschen gegenüber sein.
Wir lesen weiter noch von der Herrlichkeit Seiner Gnade (Eph. 1) und von
dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1. Tim. 1). Er wird in den
kommenden Zeitaltern den überschwenglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen
uns in Christo Jesu erweisen; Seine Herrlichkeit wird in dieser Weise im
allerhöchsten Grade erstrahlen.
Es tut uns not, über die Herrlichkeit Gottes in Gnade nachzusinnen; das
wird im Lukasevangelium entfaltet. Den Höhepunkt dieser Dinge sehen wir in dem
Menschen, der noch vor einer Stunde ein verurteilter und sterbender Verbrecher
war, dann aber mit Jesu ins Paradies einging. Das ist die Herrlichkeit Gottes.
Die Herrlichkeit Gottes ist jetzt die Herrlichkeit der Gnade. Es handelt sich
nicht um die Not des Geschöpfes, sondern darum, daß Gott in der höchsten
Herrlichkeit Seiner Gnade erkannt werden will, und Er hat dies durch Jesum in
einer wunderbaren Weisheit ans Licht gebracht.
„Friede auf Erden.“ Als Jesus hienieden weilte, war auf dieser Erde eine
Stelle in solch einem Einklang mit Gott, daß dort nichts die Ruhe Gottes störte.
Es gab dort keine feindlichen Elemente, nichts, das dem Sinn Gottes
entgegengesetzt war – keine Regung des Eigenwillens, um einen Mißton
hervorzurufen.
Es ist schon oft auf den Gegensatz zwischen dieser Schriftstelle und Luk.
19, 38 hingewiesen worden: Jerusalem hatte nicht die Dinge erkannt, die zu
seinem Frieden dienten, und von der Zeit an sollte der Friede „im Himmel“ sein,
nicht „auf Erden“. Der Herr sollte bald verworfen werden; es sollte fortan kein
Friede auf Erden sein, sondern im Himmel, weil Jesus dort war.
„An den Menschen ein Wohlgefallen.“ Das Wohlgefallen Gottes an den
Menschen sollte völlig gesichert werden. Ich zweifle nicht daran, daß dies ein
Hinweis auf Sprüche 8, 31 ist. Das Kommen Jesu sollte das Vernichten der Werke
des Teufels bewirken, und Gottes Wohlgefallen an den Menschen sollte auf ewig
gesichert werden.
Das zeigt, daß die Menschen ein besonderer Gegenstand der Gunst Gottes
sind. Menschen, die sündige Geschöpfe gewesen waren und alle dem göttlichen
Wohlgefallen entgegengesetzte Wesenszüge hatten, sollten auf ewig Gott zum
Wohlgefallen sein.
Wenn wir daran denken, beginnen wir die Menschen in einem neuen Lichte zu
betrachten. Welch ein Vorrecht, einige von diesen „Menschen“ zu kennen, an denen
Gott solch ein Wohlgefallen hat! Was für ein Vorrecht, zu ihnen infolge solch
einer unendlichen Gunst zu zählen, und zwar, weil wir Christum schätzen!
In Psalm 16 sagt Christus prophetisch über die Heiligen: „An ihnen ist
alle meine Lust“. Seine Gegenwart hier auf Erden, sogar als Kindlein in einer
Krippe, bürgt dafür, daß das göttliche Wohlgefallen an den Menschen
zustandekommen sollte.
Der Geist Gottes zeigt uns mit Wonne, daß alles, was Gott in den
Verordnungen des Alten Testaments vor Sich hatte, in Jesu völlig gesichert
wurde. Das haben wir weiter insbesondere in der Beschneidung und der Darbringung
des Erstgeborenen vor uns. Das sind zwei hervorragende und gesegnete Gedanken im
Alten Testament.
Was für eine Freude muß es für Gott gewesen sein, in Vorbildern alles ans
Licht zu bringen, was in Jesu und durch Jesum in anderen zu Seinem Wohlgefallen
gesichert werden sollte! In diesen Vorbildern gab es ein für Gott vorbehaltenes
Teil, und zwar sogar zu einer Zeit, wo niemand die Bedeutung davon erfaßte.
Die Beschneidung war „ein Zeichen des Bundes“ (1. Mose 17), und die
Darbringung des geheiligten Erstgeborenen wies auf den Vorsatz Gottes, Söhne zum
Wohlgefallen Seiner Liebe zu haben, hin. Die Erkenntnis Gottes, der in einen
Bund mit dem Menschen eingetreten ist, – und die Antwort darauf seitens der
Menschen –, deckt einen großen Teil davon, was uns im Alten Testament vor Augen
gestellt wird. Dann ist da der zusätzliche Gedanke, daß die Menschen auf dem
Platze der Sohnschaft stehen.
In der Beschneidung Jesu und in Seiner Darbringung als Erstgeborener vor
Jehova werden diese zwei köstlichen Gedanken der göttlichen Liebe als erfüllt
betrachtet. Sie sollten beide in Ihm in vollem Maße erfüllt werden und durch die
Gnade Gottes durch Ihn in vielen anderen in Erfüllung gehen.
„Und ich werde meinen Bund errichten zwischen mir und dir und deinem Samen
nach dir, nach ihren Geschlechtern, zu einem ewigen Bunde, um dir zum Gott zu
sein und deinem Samen nach dir … und du, du sollst meinen Bund halten, du und
dein Same nach dir, nach ihren Geschlechtern. Dies ist mein Bund, den ihr halten
sollt zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir: alles Männliche werde bei
euch beschnitten… und acht Tage alt soll alles Männliche bei euch beschnitten
werden nach euren Geschlechtern“ (1. Mose 17, 7–14).
Gott trachtete danach, ein Volk zu haben, dem Er zum Gott sein konnte und
das Ihm völlig vertrauen würde, um zu zeigen, was Ihm an Menschen auf dieser
Erde wohlgefiel.
Wie das Neue Testament uns sagt, war die Beschneidung ein Zeichen des
„Ausziehens des Leibes des Fleisches“ (Kol. 2,11); sie redete vom Ende jeglichen
Vertrauens auf das Fleisch und vom Vertrauen auf Gott allein.
Gott verband Sich mit Abraham durch einen Bund und sagte ihm, er würde der
Vater einer Menge von Nationen sein, und Er würde ihm das Land Kanaan als ewigen
Besitz geben, aber seitens Abrahams und seines Samens mußte die Beschneidung
stattfinden. Ihrerseits sollten sie jegliches Vertrauen auf das Fleisch ablehnen
und völlig auf Gott vertrauen.
Die wahre Beschneidung ist nicht äußerlich im Fleische, sondern etwas
Inneres und Verborgenes. Paulus sagt: „Beschneidung ist die des Herzens, im
Geiste“; sie ist eigentlich nur Gott bekannt: „Dessen Lob nicht von Menschen,
sondern von Gott ist“ (Röm. 2, 29). Gott zieht diejenigen in Betracht, deren
Hilfsquellen in Ihm sind und für die Er wirklich Gott ist; es bereitet Ihm
großes Wohlgefallen, uns Gott zu sein.
In Jesu war kein sündiges Fleisch, aber alles, was bei der Beschneidung
als dem Zeichen des Bundes gemeint war, erlangte in Ihm Erfüllung und wurde zum
Beispiel. In Menschengestalt von der frühesten Kindheit bis zur Mannesreife und
während Seines ganzen Wandels kannte Er Gott als Seinen Gott – Er vertraute auf
keinen anderen.
Er wollte alles nur von Gott empfangen; Er wollte nur auf Gott vertrauen;
Er nahm völlig von dem Vertrauen auf das Fleisch oder auf irgend ein Geschöpf
Abstand. Er war Sich dessen wahrhaftig und völlig bewußt, daß Gott Sich Ihm
anvertraut hatte, um das, was in Seinem Herzen war, zustande zu bringen.
Dadurch, daß Er beschnitten wurde, nahm Er offensichtlich das
Bundesverhältnis mit Gott auf, und zwar um alles das, was Gott in Seinen
Gedanken der Segnung den Menschen gegenüber war, anzuerkennen und zu genießen
und auch darauf mit Wonne zu antworten, indem Er auf nichts anderes vertraute.
In Jesu wurde eine Menschenart gefunden, die völlig außerhalb der
Selbstgenügsamkeit und des Selbstvertrauens stand und die ihre ganze Kraft und
alle Hilfsquellen in Gott fand. Zum ersten Male stand Gott mit dem Menschen in
der Glückseligkeit des völlig gesicherten Bundesverhältnisses, und auch der
Mensch mit Gott.
Diese Beziehungen waren gewissermaßen in von Gott begünstigten Heiligen
zustande gebracht worden, jetzt aber war Einer da, in dem sie in absoluter
Vollkommenheit gesichert worden waren. Für uns konnten diese Beziehungen nur
durch Seinen Tod zustandegebracht werden, und durch unsere „nicht mit Händen
geschehene“ Beschneidung.
Zweifellos war Seine Beschneidung ein Bild Seines Todes, worin der Leib
des Todes ausgezogen wird, und das Ergebnis davon ist, daß das dem Menschen
natürliche und eigene Selbstvertrauen beiseite gesetzt wird; und Seine Heiligen
werden dahin gebracht, völlig auf Gott zu vertrauen.
In Ihm war nichts, was beseitigt werden mußte, Er war aber in
Gleichgestalt des Fleisches der Sünde gekommen, und dieses Fleisch sollte in
Seinem Tode abgeschnitten werden, was Paulus mit den Worten: „Die Beschneidung
des Christus“ erwähnt. Zweifellos war Seine Beschneidung, die damals geschah,
als Er acht Tage alt war, eine Andeutung darauf, was durch Seinen Tod vollbracht
werden sollte.
Die Tatsache, daß Sein Name in Verbindung mit der Beschneidung Jesu
genannt wurde, zeigt, daß Seine rettende Kraft auf dem beruht, was in Seinem
Tode vollbracht wurde. Das Ergebnis davon, daß Gott dem Menschen wirklich zum
Gott ist, sehen wir darin, daß der Mensch völlig für Gott ist.
Der achte Tag wird in der Schrift mit dem, was für Gott ist, verbunden. In
bezug auf die Erstgeborenen der Tiere heißt es: „Am achten Tage sollst du es mir
geben“ (2. Mose 22, 30). Am achten Tage sollte das männliche Kind beschnitten
werden. Also ist der achte Tag der Tag Gottes, wenn Er Sein Teil bekommt.
Das volle Ergebnis davon wird an dem Tage sein, den Petrus den „Tag
Gottes“ und den „Tag der Ewigkeit“ nennt. In Jesu wurde alles für Gott im
Menschen gesichert; da war eine Vollkommenheit vorhanden, die durch den Tod in
die Auferstehung hinübergehen und ewig dem Wohlgefallen Gottes dienen konnte.
In Jesu ist das Vorbild von alles, was in den zeitlichen oder in den
ewigen Zuständen Gott Wohlgefallen bereitet. Er ging in den Tod, um den Menschen
nach dem Fleische, der niemals Gott Wohlgefallen bereiten konnte, beiseite zu
setzen; in Ihm aber wurde alles, was im Menschen vor Gott wohlannehmlich ist,
völlig dargestellt.
Wenn wir die Beschneidung annehmen – das Abschneiden des Fleisches im Tode
Christi – und durch den Geist Gottes diesen Tod wie ein scharfes Messer auf das
Fleisch in uns anwenden, werden wir erleben, wie es Gott wohlgefällt, für den
Menschen zu sein, und in der Kraft davon werden wir für Ihn da sein. Das Vorbild
von allem wird uns in Jesu gegeben.
Gott schloß Seinen Bund mit Abraham und gab ihm die Beschneidung als
Zeichen dafür; und als Er Israel aus Ägypten herausführte, führte Er einen noch
kostbareren Gedanken ein, nämlich daß Er den erstgeborenen Sohn für Sich haben
wollte. Dies sind zwei der größten Gedanken in der Schrift.
Er sagte: „Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener“, und Er beanspruchte
jeden Erstgeborenen für Sich. In Lukas 2 sehen wir den wahren Erstgeborenen, der
Jehova heilig dargestellt wurde; niemals zuvor hatte es einen wahrhaftig
heiligen erstgeborenen Sohn gegeben.
„Das Heilige, das geboren werden wird, (wird) Sohn Gottes genannt werden.“
Das, worauf der Erstgeborene im Vorbilde hinwies, wurde jetzt in Jesu zur
Wirklichkeit.
Im allgemeinen sehen wir in der Schrift, daß das Erstgeborene der Natur
beiseite gesetzt werden muß. Das Erstgeborene Ägyptens ist ein Vorbild des
Erstgeborenen der Natur, und das mußte unter das Gericht kommen. Gott hat aber
Seinen eigenen Gedanken über den Erstgeborenen, und Er verwirklicht ihn in Jesu.
Gott hat jetzt die Versammlung der Erstgeborenen, die alle den Charakter
der Erstgeborenen tragen. So etwas könnte in einer natürlichen Familie nicht
gekannt werden. In der Familie Gottes sind alle Erstgeborene, weil alle an der
Würde und Vorzüglichkeit Christi teilhaben.
Als sie kamen, um Ihn Jehova darzustellen, war ihrerseits Reinigung nötig:
nicht für das Kind, sondern für die Eltern. „Und als die Tage ihrer Reinigung
nach dem Gesetz Moses erfüllt waren, brachten sie ihn nach Jerusalem hinauf, um
ihn dem Herrn darzustellen“ (Vers 22).
In 3. Mose 12, wo diese Verordnung uns gegeben wird, wird mit keinem
Gedanken auf die Notwendigkeit der Reinigung für das Kind hingewiesen. Das
Brandopfer und das Sündopfer waren für die Mutter, nicht für das Kind. Der
Priester soll „Sühnung für sie tun“, das heißt, für die Mutter.
Der Geist Gottes hatte das heilige Kind vor Sich; als Gott die Verordnung
in bezug auf den Erstgeborenen und auf die Reinigung festsetzte, dachte Er an
Jesum. Das Brandopfer und das Sündopfer sind ein Hinweis auf das, was für die
Reinigung der Menschen geschehen sollte, das heißt für die in Maria dargestellte
Reinigung Israels.
Ich habe manchmal gedacht, daß keine Opfer im Alten Testament jemals in
der Schätzung Gottes ganz die Stelle dieser zwei Turteltauben und der zwei
jungen Tauben haben konnten. Salomo und Hiskia und Josia brachten Tausende von
Farren und Schafen dar, wer kann aber sagen, was diese zwei kleinen Vögel für
Gott waren.
Es gefiel Gott wohl, daß in Verbindung mit Jesu das bescheidenste und
allerkleinste Vorbild dargebracht werden sollte – zwei kleine Vögel -, äußerlich
unbedeutend, aber für Gott bedeuteten sie sehr viel. Sie brachten das vor Gott,
was Er durch das Kommen dieses Kindleins erreichen würde, nämlich eine völlig
neue Grundlage, auf welcher der Mensch angenommen werden sollte, und die völlige
Abschaffung der Verunreinigung durch die Sünde!
Die Turteltauben und die jungen Tauben scheinen in besonderer Weise darauf
hinzudeuten, wie die Gnade Gottes eingeführt wurde. Viele Tausende von Farren
wurden bei der Einweihung des Tempels geopfert, nach außen hin war das eine
recht große Veranstaltung. Als aber Gott Seine rettende Gnade einführte, brachte
Er sie in einer Gestalt, die in den Augen des Menschen sehr unbedeutend war;
nichts könnte ein besserer Beweis dafür sein, als ein in einer Krippe liegendes
Kindlein.
Es bringt das Wesen der Verwaltung ans Licht. Gott bringt nichts
öffentlich Großes hervor, Er bringt Seine Errettung dem Menschen in einer
Gestalt nahe, die äußerlich klein und schwach zu sein scheint. Zwei Turteltauben
oder Tauben waren für die äußerste Armut vorgesehen.
Die Dinge waren in solch einer Unordnung in Israel, daß der Erbe des
Thrones Davids nicht imstande war, mehr als zwei kleine Vögel darzubringen; es
war unter diesen Umständen, daß Gott Seine höchste Gnade in die Welt einführte.
Die größten Dinge Gottes sind auf einem Wege gekommen, der äußerlich klein
und schwach ist; es gab gar nichts, was den natürlichen Menschen beeindrucken
konnte. Für den Glauben und für Gott ist wohl alles da, aber nichts, was dem
Sinne des natürlichen Menschen dienen könnte.
Wir finden weiter einen Mann, dessen Name Simeon, „einer, der hört“,
bedeutet; seine Ohren waren dem gegenüber geöffnet, was der Geist Gottes zu
sagen hatte. Es waren damals viele tüchtige Männer in Jerusalem, Schriftgelehrte
und dergleichen, aber das Ohr Simeons war demgegenüber geöffnet, was der Geist
zu sagen hatte.
Haben wir jemals auf das gehört, was der Geist sagt? Der Geist erzählte
Simeon von Jesu. Er wartete auf den Trost Israels. Was für einen Glauben hatte
er! Israel war in einem beklagenswerten Zustande; die meisten von ihnen waren
noch in Gefangenschaft, hier war aber ein Mann, der Israel im Lichte des Bundes
und der Verheißungen betrachtete und der in seinem Herzen ihren kommenden Trost
wertschätzte.
Der Geist zog ihn ins Vertrauen und sagte ihm Dinge, die öffentlich gar
nicht bekannt waren. Es ist bemerkenswert, wieviel über ihn in Verbindung mit
dem Geist gesagt wird. „Und der Heilige Geist war auf ihm… Und es war ihm von
dem Heiligen Geist ein göttlicher Ausspruch geworden, daß er den Tod nicht sehen
solle, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe… Und er kam durch den Geist in
den Tempel“ (Vers 25-27).
Er war vom Geiste ins Vertrauen gezogen worden, und der Geist sagte ihm
Dinge, die öffentlich unbekannt waren. Petrus sagte: „Da ich weiß, daß das
Ablegen meiner Hütte bald geschieht.“ Er wußte, daß er seine Hütte ablegen
mußte; auch Paulus wußte, daß die Zeit seines Abscheidens vorhanden war; sie
wußten beide, daß der Herr zur Zeit ihres Lebens nicht kommen würde.
Als junger Gläubiger wagte ich es, J. B. Stoney zu fragen: „Glauben Sie,
daß der Herr zur Zeit Ihres Lebens kommen wird?“ Er sah sehr ernst aus und
sagte: „Ich glaube nicht; ich glaube, Er hätte es mir gesagt.“ Er war dem Herrn
sehr nahe, und er war überzeugt, daß der Herr es ihm gesagt hätte.
Dem Simeon wurde es gesagt, der Geist teilte es ihm mit, daß er den Tod
nicht sehen sollte, bevor er den Christus des Herrn gesehen habe. Ich glaube,
daß es vor der Entrückung einige in dieser Welt geben wird – vielleicht nicht
viele -, die mit dem Heiligen Geiste so in Verbindung stehen werden, daß sie
sich dessen bewußt sein werden, daß sie nicht sterben.
„Durch Glauben ward Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehen sollte.“
Er hatte den Glauben an die Entrückung, bevor er entrückt wurde; das ist sehr
auffallend.
Der Geist stand in einem Vertrauensverhältnis zu Simeon; dies ist möglich
und einem jeden von uns zugänglich, wenn wir Liebe und die geistliche Befähigung
dafür besitzen. Es ist höchst wichtig, nicht nur die Schriftstellen zu lesen,
die die Wahrheit betreffs des Kommens des Herrn ans Licht bringen, sondern in
solch einem trauten Verhältnis mit dem Heiligen Geiste zu sein, daß wir genau
wissen, wie die Dinge stehen.
Die Menschen beschäftigen sich mit Ereignissen, aber auf diese Weise
werden sie niemals etwas erfahren. Was die Versammlung anlangt, so wird die
erste Bewegung zur Rechten Gottes stattfinden. Wer kann uns darüber berichten?
Niemand außer dem Geiste; der Geist ist von dort gekommen, und Er ist in die
dort bekannten Geheimnisse eingeweiht.
Der Geist findet Wohlgefallen daran, einige hienieden zu haben, die Er in
Sein Vertrauen ziehen und denen Er sagen kann, was zur Rechten Gottes vor sich
geht. Das ist etwas sehr Begehrenswertes.
Simeon war gerade da, wo er sein sollte; er tat das Richtige zur rechten
Zeit. Alles, was im Geiste getan wird, wird immer in einer für den angegebenen
Augenblick passenden Weise getan werden. Wir können uns nicht denken, daß ein
vom Geiste beherrschter Mensch etwas Ungeziemendes tun würde.
So kam Simeon gerade zur rechten Zeit in den Tempel, und Anna gleichfalls.
Der Geist brachte sie gerade zur rechten Zeit an jenen Ort; Er kommt niemals zu
früh oder zu spät: jede Regung des Geistes wird mit der größten Genauigkeit auf
die rechte Zeit abgestimmt.
Simeon ist ein bemerkenswertes Vorbild oder Muster von dem, was bei den
Heiligen im Blick auf die Wiederkunft des Herrn möglich ist. Er war ein
zubereiteter Diener, der bereit war, Ihn zu empfangen und Ihn auf seine Arme zu
nehmen.
Jesus hatte zu jener Zeit nicht den Thron Seines Vaters David, aber Er
hatte die liebevolle Umarmung von einem, der Ihn als das Heil Gottes zu schätzen
wußte. Bedenkt diese Innigkeit und Liebe! Simeon nahm Ihn in seine Arme und
wußte genau, wer Er war; ihm waren Seine Größe und Seine Majestät bekannt, denn
Er war das Heil Gottes.
Dies geschah im Heiligtum, deswegen liegt eine große Erweiterung darin.
Simeon hatte einen viel weiteren Ausblick als irgend jemand vorher in diesem
Evangelium. Er hatte einen weiteren Ausblick als Zacharias oder Elisabeth oder
Maria oder gar der Engel. Seine Aussprüche reichen viel weiter als Israel.
Der Engel sagte: „Ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk
sein wird“ – das geht nicht weiter als Israel. Simeon aber sagt: „Denn meine
Augen haben dein Heil gesehen, welches du bereitet hast vor dem Angesicht aller
Völker“; er hatte die Welt vor sich. Deshalb fährt er fort: „Ein Licht zur
Offenbarung der Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel.“
Darin können wir das weltumfassende Wesen der Gnade sehen. Gott will, daß
alle Völker das schauen, was Er eingeführt hat; es sollte vor keinem verborgen
bleiben. Die Tatsache, daß die Nationen zuerst erwähnt werden, ist ein Zug der
Gnade, der mit dem Lukasevangelium im Einklang steht.
Das Licht leuchtete, um die Nationen als Gegenstände der göttlichen Gunst
offenbar zu machen; das war etwas Neues in den Wegen Gottes. Das prophetische
Licht hatte hauptsächlich geleuchtet, um zu zeigen, daß Israel der Gegenstand
der Gunst Gottes war, aber das Kommen Jesu war „ein Licht zur Offenbarung der
Nationen“; der Gedanke war, daß die Nationen unter der göttlichen Gunst stehen
sollten.
Simeon hatte wahrscheinlich solch eine Schriftstelle im Sinn wie Jesaja
49, 6, wo Gott prophetisch über Christum gesagt hat: „Ich habe dich auch zum
Licht der Nationen gesetzt, um mein Heil zu sein bis an das Ende der Erde.“
Gott wollte die Nationen nicht unbeachtet lassen; Israel genügte Ihm
nicht, wenn es auch die Herrlichkeit Seines Volkes Israel gab. Er wollte nicht
das, was Israel gehörte, schmälern, denn welche Herrlichkeit Israel auch als der
Gegenstand der Verheißungen und der Weissagung haben mochte, alles sollte in
jenem heiligen Kinde in Erfüllung gehen.
Das Heil Gottes, Sein Licht und Seine Herrlichkeit waren dort in solch
einer Gestalt, daß man sie liebreich und zärtlich umarmen konnte. Der Geist
Gottes möchte uns dahin führen, daß wir diese ganze große und köstliche Gnade,
die in Jesu gefunden wird, umarmen möchten.
Es gibt hier etwas Lieblicheres, Trauteres und Gesegneteres als das, was
wir bei Matthäus haben. Dort ist es so, daß, als die Magier Ihn sahen, sie
niederfielen und Ihn anbeteten; es war durchaus geziemend, daß sie es taten,
denn bei Matthäus wird Er in Seiner amtlichen und königlichen Herrlichkeit
gesehen.
Bei Simeon haben wir einen lieblicheren und trauteren Gedanken; er nahm
Ihn in seine Arme. Der Geist möchte auch uns dazu befähigen, Ihn zu umarmen.
Simeon wurde nicht von einem Stern geleitet; das war etwas Schönes, aber
Außerliches und Entferntes – ziemlich weit Entferntes.
Wir lesen von gewissen Personen, die die Verheißungen von fern sahen und
sie begrüßten oder umarmten; man muß sich weit nach vorne strecken, um in der
Ferne liegende Verheißungen zu umfangen oder zu umarmen! Aber in Lukas 2 ist das
Heil Gottes nahe, und es ist in einer solchen Gestalt, daß man es umarmen kann.
Alles war da in Ihm, und es gibt sonst nirgends Licht, Herrlichkeit oder
Errettung. Große Erwartungen und tiefes Begehren können in uns durch den Glauben
erweckt werden; stellt euch aber die wunderbare Tiefe und Fülle der Erwartungen
und des Begehrens vor, das der Heilige Geist einem Menschen verleihen kann.
Was wir bei Simeon sehen, ist, daß der Heilige Geist auf ihm war; in
seinen Gedanken, seinem Bestreben und Begehren wurde er vom Geiste beherrscht.
Es kam aber ein Augenblick, wo jede vom Geiste Gottes ihm eingegebene Erwartung
und jedes Begehren erfüllt wurden; es war der glücklichste Tag seines Lebens.
Man konnte dem nichts hinzufügen; in diesem sechs Wochen alten Kindlein
war alles da; das Heil Gottes und die Herrlichkeit Israels waren da, um
liebreich umarmt zu werden. Ein Mensch, der Ihn umarmt hatte, konnte nichts mehr
wünschen; er sagt: Nun bin ich zu gehen bereit.
Simeon hatte auch das, was wir die dunkle Seite der Dinge nennen können,
vor sich. Er sah nicht nur das hellste Licht, welches jemals menschlichen Augen
geleuchtet hatte, sondern er sah auch die Zustände, in denen dieses Licht
leuchten würde; er sah, daß das Empfangen und das Ergebnis dieses Leuchtens
gemischt sein würden.
„Dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem
Zeichen, dem widersprochen wird.“ Nach Jesaja 8 sollte Er zum Stein des Anstoßes
und zum Fels des Strauchelns werden; viele würden fallen; das war sehr ernst.
Das Licht und das Heil Gottes und die Herrlichkeit Israels waren da, aber
ihnen würde die Feindseligkeit des menschlichen Herzens entgegengestellt werden.
Wie furchtbar, wenn menschliche Wesen über Jesum in die ewige Verdammnis
straucheln! „Aber auch deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“
Maria stellte den begünstigten Überrest Israels dar, dem das Kind geboren
und der Sohn gegeben wurde, und dieser begünstigte Überrest sollte den tiefen
Kummer erleben, daß das Volk Ihn verwarf. Er war das Heil Gottes, das Licht
Gottes und die Herrlichkeit Israels, doch würde Israel, dessen Trost Er war, Ihn
verwerfen. Das war wirkliche Seelenpein – ein die Seele durchdringendes Schwert.
Simeon redet davon, daß die Überlegungen vieler Herzen offenbar werden
würden. Ich zweifle nicht daran, daß die Überlegungen aller Herzen ans Licht
gebracht werden; Gott liebt aber, die Gedanken Seiner Heiligen über Jesum
offenbar werden zu lassen.
Es ist über 1900 Jahre her, seitdem Er gestorben ist, und seitdem hat der
Geist Gottes immerzu die Herzen der Heiligen mit Gedanken über Jesum erfüllt.
Wie viele Bücher brauchte man, um sie alle einzutragen!
Betrachtet das Weib in Lukas 7. Sie befand sich zu Seinen Füßen, sie wusch
sie mit ihren Tränen und salbte sie mit Myrrhe; die liebreiche Handlung
offenbarte die Überlegungen ihres Herzens. Viele von uns sind gut bewandert mit
den Wahrheiten und mit den Lehren; wenn einer etwas Falsches sagt, entdecken wir
es sofort.
Dem Himmel geht es aber darum, daß wir Jesum in unseren Zuneigungen
umarmen, so daß wir köstliche Überlegungen über Jesum haben, die geoffenbart
werden können. Wenn man unsere Herzen von innen nach außen drehen könnte, was
würde da geoffenbart werden!
Im Laufe von neunzehn Jahrhunderten haben die Heiligen über Jesum
gesprochen und gepredigt und Ihn gepriesen; sie haben Lieder gedichtet und
gesungen; sie haben sich über Ihn unterhalten, und wieviele unausgesprochene und
ungeschriebene Gedanken gibt es noch! Wenn alle diese Gedanken geoffenbart
werden, wird es eine wunderbare Bibliothek für den Himmel zu lesen geben!
Anna führt uns eine andere Seite der Dinge vor Augen. Der Geist Gottes
verweilt bei der Dauer und dem mannigfaltigen Charakter ihrer Erfahrungen; das
ist der bemerkenswerte Wesenszug bei ihr.
Das, was Anna erreicht hatte, hatte sie durch ein langes und
erfahrungsreiches Leben mit Gott erreicht. Es war nicht bloß, daß der Geist ihr
Dinge gesagt hatte, wie Er es mit Simeon tat, sondern sie war auch eine Frau,
die jahrelang die Dinge erfahrungsgemäß selbst verwirklicht hatte.
Das ist es, was eine Prophetin kennzeichnet – eine Prophetin muß
Seelenerfahrung haben, und das, was sie in langjährigen Erfahrungen mit Gott
erworben hatte, wurde zum Worte Gottes im Zeugnis.
Simeon stellt diejenigen dar, für die der Geist die Dinge bewirkt, Anna
stellt aber das dar, was durch Seelenübung und Erfahrung ausgewirkt wird; diese
Wesenszüge müssen zusammengesetzt werden.
Es wird uns gesagt, daß Anna mit ihrem Manne sieben Jahre von ihrer
Jungfrauschaft an gelebt hatte. Es scheint mir, daß das Leben mit ihrem Manne
dem Verweilen im Tempel entgegengestellt wird. Sie mußte erfahrungsgemäß den Tod
des Natürlichen erleben.
Wie glücklich sie mit ihrem Manne auch gewesen war, es hielt sie davon ab,
sich selbst ganz und gar dem Dienste Gottes zu widmen. Gott brachte den Tod
herein, und ihr ganzes Herz wandte sich Gott zu. Sie hatte tiefen Schmerz, aber
das befreite sie.
Von dem Augenblicke an widmete sie sich völlig Gott; sie wohnte im Tempel
und diente; ihr ganzer Lebenswandel änderte sich von dieser Zeit an – es war ein
tiefernstes Erlebnis. Der Geist Gottes erzählt uns nicht diese Dinge umsonst.
Anna lernte, daß das, was von Natur gesetzesmäßig erlaubt war, einen davon
abhalten kann, sich völlig dem Dienste Gottes zu widmen. Also war ihr ganzer
späterer Lebenswandel durch Fasten gekennzeichnet, durch den Verzicht auf das
Erlaubte im Bereich des Natürlichen.
Sie hatte ihre Belehrung beherzigt. Sie fastete nicht bloß manchmal,
sondern sie diente immerfort „Nacht und Tag mit Fasten und Flehen“. Sie
verharrte im Verzichten auf das, was der Natur nach erlaubt sein mochte, was
aber, wie sie erfahren hatte, ihr dabei hinderlich sein konnte, sich gänzlich
dem Dienste Gottes zu widmen.
Vom Tode ihres Mannes an bis zu 84 Jahren hatte sie sich völlig dem
Dienste Gottes gewidmet. Und sie betete; das Gebet bringt das, was aus Gott ist,
herein. Durch den Verlauf ihrer Seelenübungen erwarb sie sich die Erkenntnis der
Gedanken Gottes für das Zeugnis; auf diese Weise wurde sie zur Prophetin.
Es ist uns verständlich, daß Anna von Jesu sprach. Sie lobte Gott und
redete von Ihm; sie besaß das Wort Gottes im Zeugnis, aber es war das Ergebnis
ihrer langjährigen Seelenerfahrung mit Gott.
Anna war aus dem Stamme Aser, was glücklich, glückselig bedeutet. Der
Segen Asers ist sehr schön: „Von Aser kommt Fettes, sein Brot; und er,
königliche Leckerbissen wird er geben“ (1. Mose 49, 20). Und weiter heißt es:
„Gesegnet an Söhnen sei Aser; er sei wohlgefällig seinen Brüdern, und er tauche
in Öl seinen Fuß! Eisen und Erz seien deine Riegel, und wie deine Tage, so deine
Kraft“ (5. Mose 33, 24. 25).
Als im Tempel wohnend und in Fasten und Flehen verharrend, besaß sie das
Fett und den Reichtum dessen, was Gott ihr sein konnte, und sie hatte das Wort
Gottes im Zeugnis. Welch eine Fülle enthielten ihre Lobpreisungen Gottes! Alles,
was sie durch jahrelange Seelenübungen zu schätzen gelernt und worauf sie
gewartet hatte, war da in dem heiligen Kindlein, und Gott gab ihr den Zutritt zu
vielen, denen sie wohlgefällig war; sie kannte alle, „welche auf Erlösung
warteten in Jerusalem“.
So erfahren wir, daß es in Jerusalem viele gab, welche auf Erlösung
warteten, und ihnen wurden „königliche Leckerbissen“ gegeben, wenn Anna zu ihnen
über Jesum redete.
Ein Zug der Gnade kommt in der Tatsache ans Licht, daß Anna aus Israel war
und nicht aus Juda; da sie aus dem Stamme Aser war, stellt sie eher die zehn
Stämme als die zwei dar. Es zeigt, daß Gott sogar in den zehn Stämmen etwas für
Sich vorbehalten hatte. Anna würde Paulus recht geben, wenn er sagt: „Unser
zwölfstämmiges Volk, unablässig Nacht und Tag Gott dienend.“
Zweifellos wirkte Anna durch den Geist, es wird aber in ihrem Falle auf
die langjährige Erfahrung, die sie mit Gott unter mannigfaltigen Umständen
gehabt hatte, hingewiesen. Daraus ergab sich die Kraft zum Zeugnis.
Simeon ist dadurch gekennzeichnet, daß er, wie wir sagen können, Jesum
privat umarmte und über Ihn redete. Anna sehen wir aber das Wort Gottes im
Zeugnis; sie ist eine Prophetin, und sie redete zu allen, welche in Jerusalem
auf Erlösung warten.
Es gab solche in Jerusalem, die mit dem Himmel im Einklang waren, und
solchen hatte Gott viel betreffs Jesu zu sagen. Es ist interessant zu sehen, daß
der Geist der Weissagung nicht ausgestorben war; er fand sich, vielleicht in
einer schwachen Form, in einer betagten Witwe. Das prophetische Wort war nicht
weggenommen; der Geist der Weissagung ist das Zeugnis Jesu; deshalb redete Anna
von Ihm.
Diejenigen, welche auf Erlösung warteten, waren das Ergebnis des Geistes
der Weissagung, er hatte in ihnen Frucht hervor gebracht. Gott hatte das
bewahrt, was ein Geschlecht ergeben sollte, welches durch tiefes Interesse für
Jesum gekennzeichnet war, so daß Anna eine beeindruckbare Hörerschaft hatte; sie
hatte etwas zu sagen, was für diejenigen, welche auf Erlösung warteten, von
höchstem Interesse war.
Zweifellos war dies ihr eine Belohnung für jene langen Jahre, während
derer sie den Tod in bezug auf ihre auserlesensten natürlichen Zuneigungen
verwirklichen mußte.
Denjenigen, welche auf Erlösung warten, kommt jeder vom Herrn gegebene
prophetische Dienst zugute, und der Geist der Weissagung wird niemals
weggenommen werden. Der Geist der Weissagung, der uns die Gedanken Gottes für
den gegebenen Augenblick übermitteln kann, wird hienieden bleiben, bis das Reich
aufgerichtet sein wird.
Er wird hienieden sein, solange die Versammlung hier ist; und nachdem die
Versammlung entrückt sein wird, wird der prophetische Geist hienieden sein, und
er wird immer das Zeugnis Jesu sein. Alles, woran Gott Wohlgefallen finden kann,
ist in Jesu, und alles, was Er richten wird, wird deswegen von Ihm gerichtet
werden, weil es Jesu nicht entspricht. Das macht das prophetische Wort
interessant.
Gott wird Babylon, Tyrus, Sidon, Ägypten und Assyrien richten, weil sie
Jesu nicht entsprechen; alles, was Jesu nicht entspricht, wird hinweggetan
werden. Die ganze Glückseligkeit Seiner Person ist augenblicklich für uns; wenn
wir zusammenkommen, so geschieht das, damit unsere Herzen für Eindrücke von Jesu
geöffnet werden.
Jesus kam in Zustände, welche den unsrigen gleichen; Er kam in Zustände
hinein, in welchen Er heranwachsen mußte, und Er hatte einen bestimmten Ort, wo
Er heranwachsen sollte. Zweifellos ist das von einem jeden von uns wahr, wie es
auch von Jesu wahr war.
„Sie kehrten nach Galiläa zurück in ihre Stadt Nazareth. Das Kindlein aber
wuchs und erstarkte.“ Alles, worauf der Erstgeborene im Vorbilde hinwies, war in
Jesu vorhanden; Vollkommenheit wurde in Umständen gefunden, wo ihre Entwicklung
und ihr Wuchs an ihrer bestimmten Stelle gottgemäß verlaufen konnten.
Wir lesen in Sacharja 6, 12: „So spricht Jehova der Heerscharen und sagt:
Siehe, ein Mann, sein Name ist Sproß; und er wird von seiner Stelle aufsprossen
und den Tempel Jehovas bauen; und er wird Herrlichkeit tragen, und er wird auf
seinem Throne sitzen und herrschen.“
Um den Tempel zu bauen, Herrlichkeit zu tragen und auf Seinem Throne zu
sitzen und zu herrschen, mußte Er zuerst von Seiner Stelle aufsprossen. Mit
Galiläa und Nazareth war Schmach verbunden, aber der kleine Ort, die
unscheinbare Stelle, der Ort der Schmach, waren dem göttlichen Wuchse günstig.
Die geringen Umstände und die gewöhnlichen Dinge des alltäglichen Lebens
sind uns eine Prüfung, aber sie sind die von Gott bestimmte Stelle für
geistliches Wachstum. Nazareth war tatsächlich günstiger als die Stadt Davids.
Der Herr erinnerte Saulus von Tarsus aus der Höhe der Herrlichkeit daran,
daß Er Jesus der Nazaräer war – Er wird ewig Jesus der Nazaräer sein. Er sproßte
von Seiner Stelle auf; es war nicht eine nach außen hin oder den Umständen nach
günstige Stelle. Wir haben nirgends einen Bericht darüber, daß während des
Lebens und des Dienstes des Herrn auf Erden sich irgend jemand in Nazareth
bekehrte.
Es war der Ort, wo der Herr aufstand, um zu lesen und wo Er ihnen sagte,
daß diese Schrift vor ihren Ohren erfüllt war. Niemals hat es eine so wunderbare
Predigt gegeben, doch blieben die Zuhörer völlig unbeeindruckt; das zeigt die
wirkliche Kraft der Salbung.
Jeder von uns kann zu mitfühlenden Zuhörern predigen; aber die Gnade
Gottes völlig gleichgültigen Leuten vor Augen zu stellen erfordert göttliche
Kraft. Wir lesen hier, daß Er als kleines Kind in Nazareth mit Weisheit erfüllt
war, und die Gnade Gottes war auf Ihm.
Könnte es etwas Wundervolleres geben, als dieses kleine Kind von der
frühesten Kindheit an aufwachsen zu sehen, indem Er keinen Augenblick einen
törichten Gedanken in Seinem Sinn oder in Seinem Herzen hegte? „Mit Weisheit
erfüllt“ sein bedeutet, daß kein törichter Gedanke da war.
Dann war die Gnade Gottes auf Ihm; an diesem Kinde war nichts zu sehen als
nur das, was die Gnade Gottes zum Ausdruck brachte. Die hier gebrauchten Worte
deuten darauf hin, daß Er mit der Gnade Gottes bekleidet war.
In Apg. 4 wird von den Jüngern gesagt, daß „große Gnade auf ihnen allen
war“. Sie handelten der Gnade gemäß, indem sie ihre Besitztümer und ihre Habe
verkauften und allen Bedürftigen gaben, so daß gesagt werden konnte, daß die
Gnade Gottes auf ihnen war.
Es ist wunderbar, an dieses kleine Kind zu denken, an dem nichts außer der
Gnade Gottes zu sehen war, und das wurde von Tag zu Tag immer deutlicher, als Er
zum Knaben heranwuchs.
Am Ende des Kapitels sehen wir, daß Jesus an Weisheit zunahm; Er war immer
mit Weisheit erfüllt, alles war angemessen, und Vollkommenheit war immer
vorhanden, aber alles entwickelte sich, als Er
heranwuchs. Es war niemals etwas da, aus dem Er herauswachsen mußte; Er
brauchte niemals etwas zu verlernen. Das Vorhandene war immer an seinem Platze
vollkommen, es gab aber darum auch Erweiterung; Er „nahm zu an Weisheit und an
Größe“. Alles war angemessen, es war nichts Unnatürliches an dem Herrn.
Die Worte: „Das Kindlein … erstarkte“ besagen, daß Er als aus der Schwäche
des Kindheitszustandes sich entwickelnd betrachtet wird. Ein recht starker
neugeborener Säugling wäre unnatürlich gewesen.
Ein neugeborener Säugling ist schwach wie irgend etwas auf der Welt, und
der Sohn des Höchsten kam in diesen Zustand der Schwäche, und Er wuchs daraus
heran und erstarkte. Er wuchs heran aus der Schwäche eines Säuglings zu der
Stärke eines Kindes und dann eines Knaben und schließlich zur Mannesreife. Er
machte alle Zustände des menschlichen Lebens durch, was Adam niemals tat.
Adam hätte den Gemütsregungen eines Kindes kein Mitgefühl entgegenbringen
können; er hätte sie gar nicht begreifen können. Jesus ist aber ein kleines Kind
gewesen, so daß Er alle Seelenübungen eines kleinen Kindes mitfühlen kann. Ich
glaube nicht, daß irgend jemand von uns weiß, wie früh geistliche Übungen sich
im Herzen eines kleinen Kindes zu regen beginnen; aber Jesus kann sie alle
mitfühlen.
Samuel ist ein Beispiel von einem Kinde, das sehr früh in seinem Leben die
Stimme des Herrn hörte, und solcher gibt es viele, Gott sei Dank! Jesus hat jede
Erfahrung durchgemacht, die dem Menschengeschlecht auf dem Pfade des Glaubens
von der Kindheit bis zur Mannesreife zuteil werden konnte.
Es gibt keinen Zustand des menschlichen Lebens, in welchem Gott nicht
vollkommen verherrlicht worden ist. Er ist dazu befähigt, den Tempel zu bauen
und zu herrschen und das Priestertum auszuüben; zu dem allem ist Er deshalb
fähig, weil Er von Seiner Stelle aufsproß.
Jesus war in der Gestalt Gottes gewesen, aber Er machte Sich Selbst zu
nichts. Er kam in eine Stellung der völligen Unterwürfigkeit und des Gehorsams;
es war für Ihn ein neuer Zustand. Was bei einem Geschöpf Abtrünnigkeit bedeuten
würde, war in Christo Vollkommenheit. Menschliche Vollkommenheit ist in Jesu
gesehen worden.
Er war niemals etwas Geringeres als „Gott über allem, gepriesen in
Ewigkeit“, aber Er stieg aus der größten Herrlichkeit der Gottheit an den Platz
des Gehorsams hernieder; wir steigen von der Erniedrigung unseres verlorenen
Zustandes herauf, um durch den Gehorsam erhöht zu werden. Was für eine
Erniedrigung für Christum! Was für eine Erhöhung für uns!
Er nahm den Ihm von Gott bestimmten Platz an. Wir sind unruhig und möchten
oft gerne den Platz verlassen, wo Gott uns hingestellt hat; wenn wir ihn aber
verlassen könnten, so würden wir bloß der von Gott bestimmten Zustände für unser
Wachstum verlustig gehen. Wir können sicher sein, daß Gott uns an den richtigen
Platz stellt, wo wir wachsen können. Seine Bestimmungen sind niemals fehlerhaft.
In Jesu sehen wir die schöne Entwicklung der Vollkommenheit, und alles
entfaltete sich in Nazareth. Dann haben wir eine wunderbare Begebenheit, welche
vom Geiste Gottes ausgewählt wird, weil Gott uns nicht ohne einen Eindruck aus
jenen dreißig Jahren lassen wollte.
Der Geist Gottes wählte die Begebenheit aus, die am besten dazu geeignet
war, uns solch einen Eindruck zu übermitteln. Darin sehen wir zum ersten Mal die
Interessen und Antriebe Seines Herzens. Die Entwicklung, von der wir gesprochen
haben, ging vor sich bis zum Alter von dreißig Jahren; dann war sie vollständig.
Der Herr Selbst sagt in bezug auf das Wachstum: „Zuerst Gras, dann eine
Ähre, dann voller Weizen in der Ähre.“ Wir möchten sagen, daß Er als kleines
Kindlein „der Grashalm“ war; mit zwölf Jahren war etwas zu sehen, was der „Ähre“
entsprach, und mit dreißig Jahren war der volle Weizen in der Ähre“ vorhanden.
Als völlig entwickelt, wurde Er zum Dienste gesalbt. Die Vollkommenheit,
die wir an Ihm im Alter von zwölf Jahren sehen, ist nicht die Vollkommenheit in
bezug auf den Dienst und die Predigt, sondern die Vollkommenheit in den
Interessen Seines Herzens.
Joseph und Maria waren vortreffliche Menschen; das, was wir über sie
wissen, gibt uns einen tiefen Eindruck von ihrer Frömmigkeit; sie gingen aber
nicht so in den Dingen Gottes auf wie Er, und in dieser Begebenheit am Ende des
Kapitels sehen wir einen gewissen Hinweis auf die Unzulänglichkeit ihrerseits.
Sie waren sich nicht des Wertes des kostbaren, ihnen anvertrauten Schatzes
bewußt; sie gingen eine Tagereise weit ohne Ihn.
„Seine Eltern gingen alljährlich am Passahfest nach Jerusalem“; es war
eine Versammlungsangelegenheit. Als Er zwölf Jahre alt war, gingen sie an den
Ort hinauf, wohin Jehova Seinen Namen gesetzt hatte; ganz Israel mußte dahin
kommen.
Andere mochten kommen, das Nötige tun und dann heimkehren; Jesus wurde
aber von der Glückseligkeit des Ortes, wohin Jehova Seinen Namen gesetzt hatte,
gefesselt. Es ist eine Sache, sich den Versammlungsbräuchen anzuschließen, aber
eine ganz andere, wenn das Herz durch die Glückseligkeit der Dinge Gottes
gefesselt wird. Das letztere war Sein Teil; Sein Zurückbleiben war die Frucht
geistlicher Erkenntnis.
Es ist auffallend, daß die erste erwähnte Tat des Herrn diesen Charakter
aufweist – es war mehr eine unmittelbare Erkenntnis als der Gehorsam einem
Gebote gegenüber. Joseph und Maria stehen nicht in gutem Lichte bei dieser
Begebenheit; sie hätten niemals eine Tagereise lang ohne Ihn gehen sollen; und
dann gerieten sie ganz und gar aus der Bahn heraus, auf der Er wandelte, als sie
Ihn unter den Verwandten und Bekannten suchten. Sie hätten wissen sollen, daß Er
nicht auf dem Gebiete des Natürlichen lebte.
Als sie nach Jerusalem zurückkehrten, suchten sie Ihn drei Tage lang, und
sie kamen in den Tempel, was der letzte Ort war, wo sie Ihn gesucht hätten.
Jesus sagt zu ihnen: „Was ist es, daß ihr mich gesucht habt? Wußtet ihr nicht,
daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?“
Joseph und Maria stellen diejenigen dar, die den Herrn wahrhaftig lieben,
doch nicht geistlich genug sind, um zu wissen, ob Er bei ihnen ist oder nicht.
Man vermutet oft Seine Gegenwart in einer Schar, wo Er aber nicht ist.
Viele Leute sagen uns, sie wären zu Seinem Namen hin versammelt, und Er
wäre bei ihnen zugegen, wenn Er vielleicht gar nicht dort ist. Joseph und Maria
fanden, daß Er nicht bei ihnen war, nicht in ihrer Reisegesellschaft, und drei
oder vier Tage waren sie ohne Ihn. Was für ein Erlebnis! Maria mußte sagen, wir
„haben dich mit Schmerzen gesucht“. Es wäre gut, wenn es einige schmerzen würde,
wenn sie ein paar Tage ohne den Herrn verbringen müßten.
Wir sollten wissen, wenn Er nicht bei uns ist, und wir sollten nicht
vermuten, Er wäre zugegen, wenn Er nicht bei uns ist. Maria und Joseph hätten
wissen sollen, wo der Herr zu finden ist.
Das war kein öffentlicher Dienst, sondern der Zustand Seines Herzens in
bezug auf die Dinge Gottes. Ich glaube, daß diese Begebenheit vom Geiste Gottes
ausgewählt wurde, um uns zu zeigen, was Ihn in Seinen Zuneigungen und Interessen
während jenen dreißig Jahre beherrschte.
Wir haben nur diesen einen kostbaren Ausspruch aus Seinem Leben während
jener dreißig Jahre. Beschäftigt „in dem, was meines Vaters ist“ – das umfaßt
die dreißig Jahre, und zwar nicht im öffentlichen Dienst, sondern in dem, womit
Sein Herz innerlich beschäftigt war.
Seine Mutter hatte zu Ihm gesagt: „Dein Vater und ich haben dich mit
Schmerzen gesucht.“ Doch Er legte das alles beiseite; das, was Seines Vaters
war, beherrschte Ihn; für Ihn waren Jerusalem, der Tempel, die Lehrer alles, was
die Schrift von ihnen behauptete.
Indem der Herr heranwuchs, ging Er in dem Geistlichen auf, in dem
Interessengebiet Gottes. Deswegen hörte Er den Lehrern zu und befragte sie. Wie
dieses heilige Kind wohl über die Schriften nachgesonnen haben muß! Mit welch
einem großen Interesse hörte Er denen zu, die das Gesetz und die Schriften
lehrten! Was für Fragen muß Er gestellt haben, als Er ihnen zuhörte!
Alle, die Ihn hörten, gerieten außer sich über Sein Verständnis und Seine
Antworten. Das ganze Verständnis des Herrn und Seine Gedanken waren durch die
Schriften gestaltet worden, Sein ganzes Interesse galt ihnen, so daß die, welche
die Schriften lehrten, Ihn mehr interessierten, als sonst irgend etwas in
Jerusalem.
Das waren die Dinge Seines Vaters, und Er beschäftigte Sich mit ihnen.
Auch wir sollten uns alle mit ihnen beschäftigen. Die Zeit war für den Herrn
noch nicht gekommen, um das öffentliche Werk aufzunehmen, das der Vater Ihm
gegeben hatte, auf daß Er es tun sollte; das tat Er erst, als Er gesalbt wurde,
aber Sein ganzes Herz und Seine ganze Seele wurden durch das, was Seines Vaters
war, völlig in Anspruch genommen.
Uns steht es offen, uns darum zu kümmern und damit beschäftigt zu sein, es
ist ein innerer Zustand des Herzens. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie der
Levit „nach aller Lust seiner Seele“ an den Ort kam, wohin Jehova Seinen Namen
gesetzt hat (5. Mose 18, 6).
Diese Begebenheit ist niedergeschrieben worden, um uns zu zeigen, wodurch
der Herr im Alter von zwölf Jahren beherrscht wurde, wo Sein Interessengebiet
bereits als Knabe lag. Aber der auf diese Weise momentan gelüftete Vorhang wurde
schnell wieder zugezogen, denn Er war immer noch ein Knabe, und Sein Platz war
der des Gehorsams.
Er nahm an, was Gott für Ihn für diese Zeit angeordnet hatte, und diese
Anordnung war, daß Er denen, die an Ihm die Stelle der Eltern vertraten,
untertan war. Er ging mit ihnen hinab nach Nazareth und war ihnen untertan. Wie
vollkommen war Er in allen Dingen!
Und dort „nahm er zu an Weisheit und an Größe, und an Gunst bei Gott und
Menschen“. Alles war moralisch so schön, daß die Menschen gezwungen waren, Ihm
diese Gunst zuzusprechen. Die Zeit dazu war noch nicht gekommen, daß Sein
Zeugnis ihr Gewissen berührte und die Feindschaft ihrer Herzen offenbarte.
Kapitel 3
In den ersten Versen dieses Kapitels wird die öffentliche Stellung in
Betracht gezogen; alles, was mit Israel öffentlich verbunden war, war
zusammengebrochen. Die Zeiten der Nationen nahmen ihren Lauf, die römische Macht
herrschte. Das war an und für sich ein Zeichen davon, daß Israel das Reich
verloren hatte.
Nachkommen Esaus waren untergeordnete Herrscher in dem, was das Reich
Davids gewesen war. Was das Priestertum anbelangt, so wird uns gesagt, daß es
das Hohepriestertum von Annas und Kajaphas war, und Lukas behauptet anderswo,
daß sie zu der Sekte der Sadducäer gehörten. Wie ich es verstehe, war Annas
abgesetzt worden, aber er übte weiterhin die Autorität des Hohenpriestertums
aus, zusammen mit seinem Schwiegersohn Kajaphas.
Der Sinn davon ist, uns zu zeigen, wie das Reich und das Priestertum ihren
göttlichen Charakter eingebüßt hatten. Die Männer, die das Priestertum ausübten,
waren Sadducäer; sie leugneten, daß es einen Geist oder eine Auferstehung gibt;
sie entsprachen den Ungläubigen der heutigen Zeit.
Wenn aber das Reich und das Priestertum auch zusammengebrochen waren, so
gab es noch ein anderes Element, welches, Gott sei Dank, nicht zusammengebrochen
war. Das Reich und das Priestertum hatten sich als unzulänglich erwiesen, aber
das prophetische Wort geschah zu Johannes in der Wüste. Gott behält Sich immer
das Recht zu reden vor, wie groß der Zusammenbruch seitens des Menschen auch
sein mag. Das ist ein wichtiger Grundsatz.
Öffentlich ist die der Versammlung anvertraute Verwaltung
zusammengebrochen, aber Gott behält Sich immer noch das Recht zu reden vor. Er
hat auch am letzten dunkeln Tage der Abtrünnigkeit der Versammlung geredet, und
Sein Wort ist ein reines Wort, es bricht nicht zusammen.
Annas und Kajaphas waren die Hauptanstifter bei der Kreuzigung des Herrn.
Das war der Charakter des Priestertums, sie waren durch und durch ungläubig. Es
ist ein großer Trost zu sehen, daß, wenn auch die dem Menschen anvertrauten
Dinge zusammengebrochen sind, doch das prophetische Wort immer noch zur
Verfügung stand, und es wird auch immer zur Verfügung stehen.
Das Wort Gottes geschah zu Johannes. Damals redete Gott im Blick auf das
Auftreten Christi, und Er redet jetzt in den letzten Tagen der Versammlung im
Blick auf die Wiederkunft Christi. Der Zustand der Dinge in der Versammlung ist
ebenso schlimm, wenn nicht noch schlimmer als in Israel, aber Gott redet in
einer klaren und deutlichen Weise.
Seit der Reformation hat Gott immerfort Licht gegeben; jedes Jahrhundert
hat mehr Licht gebracht; das Wort Gottes ist gegeben worden, und das ist es, was
das Volk Gottes frei macht. Sie konnten dem, was in Wirklichkeit das Wort des
Menschen ist, dadurch entgehen, daß sie das Wort Gottes annahmen; das Wort
erzeugt ein Geschlecht, das Gott entspricht. Es ist der unverwesliche Same, und
er erzeugt ein sich selbstähnliches Geschlecht.
Ein Kennzeichen Philadelphias ist: „Du hast mein Wort bewahrt“; solche
Menschen nehmen das Wort Gottes an und schätzen es. Gott redet in Gnaden, und
solcherart wird das göttliche Reden sein, solange die Versammlung noch hienieden
ist.
Das Wort Gottes ist das Wort der Gnade; Paulus sagt: „Nun befehle ich euch
Gott und dem Worte seiner Gnade.“ Das Wort Gottes an Johannes betraf die Taufe
der Buße zur Vergebung der Sünden; es war ein Wort der reinen Gnade und es
erzeugte Frucht; die Gnade Gottes erschloß einen neuen Boden, welchen das Volk
einnehmen konnte.
Die große Belehrung des Dienstes des Johannes ist, daß der Mensch es
ausschließlich mit Gott zu tun hat. Gott war im Begriff, einen wunderbaren Weg
einzuschlagen, aber dieser Weg mußte vorbereitet werden, und Gott Selbst mußte
ihn vorbereiten.
Die Buße ist ein fruchtbarer Grundsatz in der Seele, denn er umschließt
durch die Gnade das sittliche Zurechtbringen durch das Heil Gottes. Diejenigen,
die von Johannes getauft wurden, gaben zu, daß für sie nichts anderes zu
erwarten blieb als nur der kommende Zorn.
Aber durch die Gunst Gottes war es ihnen vergönnt worden, einen völlig
neuen Boden einzunehmen, indem sie sich selbst richteten und Gott um die
Vergebung der Sünden und um Sein Heil anflehten. Die Buße ist das Ergebnis eines
sittlichen Werkes Gottes in dem Menschen, demzufolge anerkannt wird, daß
jegliche Segnung ausschließlich aus Gott sein muß. Es gibt keinen natürlichen
Boden, auf welchem wir sie erlangen können.
Wenn Gott in Gnaden wirkt, so ist es, um alle Ihm im Wege stehenden
Hindernisse oder Schwierigkeiten zu beseitigen; das tritt in diesem aus Jesaja
angeführten Verse ans Licht: „Jedes Tal wird ausgefüllt werden.“ Die Täler
stellen das dar, was die gebührende Standhöhe nicht erreicht; da ist Mangel
vorhanden, die Täler müssen ausgefüllt werden.
Dies wird in den Volksmengen veranschaulicht, die es an Rücksicht anderen
gegenüber fehlen ließen und die fragten: „Was sollen wir tun?“ Johannes sagt:
„Wer zwei Leibröcke hat, teile dem mit, der keinen hat; und wer Speise hat, tue
gleicherweise.“
Wenn Gott Sich ins Mittel legt, in Gnaden und Errettung zu wirken, so wird
Er jeden Mangel ausfüllen. Andererseits gibt es aber Berge und Hügel, die
erniedrigt werden müssen; sie stellen solche dar, die gleich wie die Pharisäer
sich rühmten, Abraham zum Vater zu haben; aller derartigen Dinge müssen
erniedrigt werden; wenn Gott in Gnaden wirkt, wird Er solche erniedrigen.
„Das Krumme“ entspricht solchen Menschen wie den Zöllnern, die zu viel vom
Volke verlangten; die Kriegsleute, die die Leute erpreßten und sie fälschlich
anklagten, entsprechen den „Höckerichten“. Wenn Gott in Gnaden wirkt, so wird Er
alles zurechtbringen, so daß alles Fleisch Sein Heil sehen wird; das Ergebnis
davon wird sein, daß alle sehen können, wie Gott den Menschen in allen Dingen
zurechtbringen kann.
Er wirkt auf alle Zustände ein, und Er setzt alles Unrechte zurecht, ob es
mangelhaft oder hoch oder stolz oder krumm oder höckerich ist – Gott schlägt
Seine eigenen Wege ein, um für Ihn passende sittliche Zustände zu bewirken.
Es gibt heutzutage viele krumme und höckerichte Stellen, wir müssen das
beherzigen. Ist alles in unseren Seelen mit Gott in Übereinstimmung gebracht
worden, sodaß gar nichts mehr zurückgeblieben ist, was dem gnadenvollen Wege
Gottes hinderlich ist?
Die Gnade Gottes wirkt, um vollkommene sittliche Berichtigung zu bewirken,
und alles wird dadurch zustande gebracht, daß der Mensch sich dessen bewußt
wird, was für ihn in Gott durch die Gnade vorhanden ist. Er muß jegliche
Hoffnung aufgeben, selbst seinen Zustand zu verbessern; die Taufe bedeutet, daß
man solche Gedanken völlig aufgegeben hat: der Mensch muß unter dem Wasser
verschwinden.
Durch die Gunst Gottes ist es möglich, einen neuen Boden einzunehmen, Buße
zu tun und Gott um die Vergebung der Sünden und um Errettung zu bitten. Die
Errettung umfaßt völliges sittliches Zurechtbringen.
Johannes lehrt die Notwendigkeit der neuen Geburt in einer sehr
auffallenden Weise, obwohl er es nicht genau mit diesen Worten sagt. Er sagt zu
ihnen: „Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ Ich
zweifle nicht daran, daß dies ein Hinweis auf die Notwendigkeit der neuen Geburt
ist.
Wenn Gott aus einem Stein ein Kind macht, so ist das ein durchaus
unumschränktes Wirken, und daß Gott also wirkt, ist die einzige Hoffnung für den
Menschen. Soweit es sich um den Menschen handelt, ist in ihm gar nichts für Gott
vorhanden; wenn aber Gott einen Stein zu einem Kinde macht, so ist es ein Wunder
der Barmherzigkeit.
Der Mensch nach dem Fleische stammt moralisch von Satan ab. Er ist
„Otternbrut“, und deswegen hat dieser Mensch niemals gute Früchte
hervorgebracht, und er wird es auch niemals können. Johannes sagt, daß die Zeit
gekommen ist, sich mit diesem Baume bis an die Wurzel zu befassen. Es handelt
sich nicht bloß um die Frucht, sondern um den Baum; er sagt: „Jeder Baum nun,
der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“; die Axt
wird an die Wurzel der Bäume gelegt.
Die Wurzel ist das Wesen des Menschen nach dem Fleische. Der Mensch nach
dem Fleische hat noch niemals gute Frucht gebracht, und die Zeit war gekommen,
wo man nichts mehr von dem Menschen nach dem Fleische erhoffen sollte; der Baum
sollte nicht nur abgehauen, sondern ins Feuer geworfen werden.
Es ist gewiß, daß, wenn man einen Baum abhaut, man nachher keine Frucht
von ihm erwartet, und noch weniger würde man von ihm Frucht erwarten, wenn er
ins Feuer geworfen worden ist; das ist seine völlige und endgültige Verwerfung,
so daß von der Zeit an von ihm nichts mehr zu erwarten ist, man kann ihn nicht
wiederbeleben.
Solch eine Behauptung schaute auf das Kreuz voraus, wo alles, was der
Mensch nach dem Fleische ist, abgehauen und ins Feuer geworfen wurde, damit der
Boden für ein neues Geschlecht freigemacht wurde, das Gott aus dem, was leblos
war, aufgerichtet hat – „aus diesen Steinen“.
„Alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“ Das, was Gott im Begriff war,
in Gnaden zu tun, sollte von Seinem Heil zeugen; und es wird so sein, wenn Gott
Israel errettet. Wenn ganz Israel errettet sein wird, wird alles Fleisch in
Israel das Heil Gottes sehen.
Es ist jetzt die Absicht Gottes, daß alles Fleisch Sein Heil in Seinem
Volke sehen sollte. Wenn die Kirche in Einheit geblieben wäre, welch ein Zeugnis
hätte es in dieser Welt für das Heil Gottes gegeben – Menschen, die in
Frömmigkeit und Gerechtigkeit wandeln und alle Tage ihres Lebens Gott dienen!
Was für ein Zeugnis für die rettende Macht Gottes!
Wenn ein Mensch, der ein berüchtigter Trinker war oder ein gottloses Leben
führte, oder einer, der einen heftigen Charakter hatte, dem durch die Gnade
Gottes entflieht und dann durch die entgegengesetzten Wesenszüge gekennzeichnet
ist und ohne Prahlerei oder Anmaßung demütig mit seinem Gott wandelt – was ist
das für ein Zeugnis! Alle können das Heil Gottes sehen.
Darin liegt Kraft. Die Leute merken sich die Christen ganz genau, sie
beobachten uns die ganze Zeit, aber sehen sie das Heil Gottes an uns? Der
Kerkermeister zu Philippi sah das Heil Gottes in Paulus und Silas, und er sagte:
Ich möchte auch errettet werden. Die Hauptsache ist, daß die Menschen zu Gott
bekehrt werden.
Von Johannes war gesagt worden: „Viele der Söhne Israels wird er zu dem
Herrn, ihrem Gott, bekehren.“ Wenn der Mensch sich zu Gott bekehrt, wird Gott
ihn in Gnaden zurechtbringen und erretten und ihm Buße und Vergebung der Sünden
schenken, wie auch alles, was ihm not tut.
Die ganze Frage besteht darin: Bekehren wir uns zu Gott? Der Natur nach
haben wir allerhand eigene Auswege, das Geheimnis des Segens liegt aber darin,
sich zu Gott zu bekehren. Im Evangelium sagt Gott gleichsam: Ich werde alles für
dich tun, wenn du dich bloß zu Mir bekehrst. Das ist der Gott, mit dem wir es zu
tun haben.
Zum Schluß wird Er Seine Scheune voll von kostbarem Weizen haben. Das
Kennzeichen des sündigen Zustandes des Menschen ist, daß alle seine Gedanken
sich um ihn selbst und um seinen Vorteil drehen. Die Menschen dieser Welt sind
durch Selbstsucht gekennzeichnet, doch wenn die Gnade Gottes einen Menschen
berührt, so beginnt er, an das Wohl der anderen zu denken, anstatt sich selbst
zu leben (Vers 11).
Hier wird nicht die Frage gestellt, ob die Menschen den Militärdienst
verlassen sollen, sondern es geht darum, daß sie sich in diesem Dienst richtig
verhalten. Ich glaube, daß es Gott in Seiner wunderbaren Gnade wohlgefallen hat,
beinahe in allen Lebensständen irgend ein Zeugnis für Sich zu haben.
Jeder Heilige sollte darüber in Übung sein, im Einklang mit seinem
christlichen Bekenntnis zu sein; es gibt keine Schriftstelle, die sagt, daß ein
Mann, der ein Soldat ist, dies aufgeben muß; Gott hat dies der persönlichen
Übung überlassen.
Es ist ein Teil der christlichen Freiheit, daß es eine gewisse Anzahl von
Dingen gibt, worüber es keine Gesetzgebung gibt; sie bleiben der persönlichen
Übung überlassen, und in solchen Fällen handelt es sich darum, inwiefern ich
Gott kenne. Es wird nur gesagt „mit Gott“ in dem Berufe zu bleiben, in welchem
ich berufen worden bin.
Wenn meine Gotteserkenntnis wächst, werde ich über Dinge in Übung kommen,
über welche ich nicht in Übung war, als ich Gott nicht so gut kannte. Der Christ
urteilt nicht in einer gesetzlichen Weise über die Dinge, sondern nach der
geistlichen Eingebung eines Menschen, der Gott kennt, aber natürlich im Lichte
von all dem, wozu wir in den Schriften ermahnt werden, oder der darin
befindlichen Grundsätze.
Gott sieht es gern, wenn Sein Volk in den eigenen Übungen und seinen
geistlichen Eingebungen gemäß vorangeht. Ein mit Heiligem Geiste getaufter
Mensch wird gottgemäße Übungen haben.
In allen hier betrachteten Fällen werden die Dinge richtiggestellt: die
Täler werden ausgefüllt, die Berge und Hügel erniedrigt, die krummen Stellen
werden gerade, und die höckerichten werden eben – alles wird zurechtgebracht.
Dann sagt Johannes: „Es kommt aber, der stärker ist als ich, dessen ich
nicht würdig bin, ihm den Riemen seiner Sandalen zu lösen; er wird euch mit
Heiligem Geiste und Feuer taufen.“ Was für einen Begriff über den Kommenden muß
das seiner Zuhörerschaft übermittelt haben! Johannes war von Mutterleibe an mit
dem Heiligem Geiste erfüllt; er war ein außerordentlicher Mensch, aber der Herr
war unendlich größer.
Ich glaube, es besteht am heutigen Tage eine besondere Notwendigkeit, über
die Taufe mit Heiligem Geiste in Übung zu sein. Allenthalben um uns her reden
die Menschen viel über die Taufe mit Heiligem Geiste, und sie verbinden sie mit
allerhand Dingen, die mehr oder weniger die Aufmerksamkeit auf sich lenken – mit
der Krankenheilung oder dem Zungenreden usw.
An einem Tage, wo die religiöse Welt mit allerlei Gedanken über die Taufe
mit Heiligem Geiste erfüllt ist, sollten wir darüber in Übung sein, uns ihrer
geistlichen Echtheit zu erfreuen. Ich fürchte, daß bei uns ein Mangel an der
Läuterung besteht, von welcher das Feuer redet. Es bedeutet die Reinigung von
den Schlacken.
Die Wassertaufe weist auf die äußerliche Reinigung hin, wie die
Bereinigung von bösen Verbindungen, das Feuer dringt aber in das Innerste ein;
das läuternde Feuer des Schmelzers prüft das Innere, es ist eine intensive
Läuterung und ist mit dem, was der Herr in Mal. 3, 3 sagt, verbunden: „Er wird
sitzen und das Silber schmelzen und reinigen; und er wird die Kinder Levi
reinigen und sie läutern wie das Gold und wie das Silber.“
Feuer dringt in die allerinnersten Gefühle und Beweggründe des Herzens ein
und läßt keine Schlacken ungerichtet. Wenn ich mit Zungen reden könnte, wäre ich
eine ziemlich wichtige Person, viel wichtiger als eine, die es nicht könnte; und
wenn ich Menschen heilen oder Wunder wirken könnte, wäre ich ein wunderbarer
Mann. Aber innerlich mit Gott im Einklang zu sein, ist moralisch etwas viel
Größeres, als solche Dinge zu tun.
Der Geist und das Feuer würden einen läuternden Einfluß auf den
Mittelpunkt des moralischen Wesens des Menschen ausüben, damit in seinen
heimlichen Gedanken, Gefühlen oder Wünschen nichts Gottwidriges vorhanden ist.
Sind wir bereit, uns dem hinzugeben?
Es ist zu befürchten, daß junge Menschen von einem göttlichen Pfade durch
hochklingende Reden über die Taufe mit Heiligem Geiste und ihrem Ergebnis in
äußeren Zeichen abgelenkt werden könnten. Wir sollten darüber geübt sein,
Denjenigen zu kennen, der mit Heiligem Geiste tauft. Johannes sagt: „Er wird
euch mit Heiligem Geiste… taufen.“
Ein großes Kennzeichen davon, daß wir mit Heiligem Geiste getauft sind,
ist, daß wir harmonisch, als Glieder des einen Leibes, zu welchem Er uns getauft
hat, zusammen wirken können. Die Taufe des Geistes bezieht sich genau genommen
nicht auf den einzelnen, sie fügt alle Heiligen wesentlich in einen lebendigen
Organismus zusammen, und der große Beweis der Kraft des Geistes besteht darin,
daß wir als Glieder des Leibes entsprechend wirken.
Als ein Glied des Leibes Christi in der rechten Weise zu wirken, ist
moralisch etwas Größeres, als ein Wunder zu wirken oder mit Zungen zu reden.
Johannes redet über Jesum unter zwei Wesenszügen – als mit Heiligem Geiste
und mit Feuer taufend, und als Seine Tenne reinigend. Das umfaßt den Dienst Jesu
gemäß dem Ausblick des Johannes. Er sichtet den Weizen durch die Taufe mit
Heiligem Geiste, und das erfordert das völlige Hinwegtun dessen, was vom
Fleische ist.
Ich zweifle nicht daran, daß das Ergebnis des Dienstes Johannes gesichtet
werden mußte. Es gab Weizen, aber auch Spreu. Der Dienst des Herrn bewirkte ein
Durchsieben: er entledigte Sich dessen, was wertlos war, sogar wenn es
augenscheinlich mit dem, was aus Gott war, zusammenhing.
Ich nehme an, daß Johannes die Tatsache anerkannte, daß sich vieles in der
Tenne als Ergebnis seines Dienstes befand, was in die Scheune nicht
hineingehörte, und seine Worte enthielten die ernste Warnung, daß die Spreu mit
unauslöschlichem Feuer verbrannt werden würde.
Ich denke aber, daß wir das Durchsieben auch als eine Darstellung des
Dienstes des Herrn, wodurch Er das wertlose Fleisch sogar bei wahren Heiligen
beiseitesetzt, betrachten können. Die Tenne ist der Platz, wo der Weizen sich
auf dem Wege zur Scheune befindet. Sie entspricht dem gegenwärtigen Platz der
Heiligen; wir sind jetzt auf Seiner Tenne, noch nicht in Seiner Scheune.
Die Heiligen werden als Weizen betrachtet, d. h. als göttlich wertvoll,
weil sie moralisch Genossen Christi sind. Feuer ist die durchdringendste Form
der Reinigung, die es gibt, und es geht mit der Taufe mit Heiligem Geiste
zusammen. Trotz aller Anmaßung wird alles, was vom Fleische ist, verbrannt.
Das Taufen mit Heiligem Geist bewirkt das, was bestimmten Wert vor Gott
hat, und es weicht darauf hin, daß ohne den Geist kein eigentlicher Wert im
Menschen für Gott vorhanden ist. Alles, was vom Fleische herrührt, ist wertlos;
es ist schade, sich daran zu klammern, denn es wird alles verbrannt.
Die Taufe mit dem Geiste erfordert solch ein Verwerfen des Fleisches,
welches nicht möglich war, bevor der Geist gegeben wurde. Im Alten Testament
wurde noch etwas Raum für das Fleisch gelassen, jetzt wird ihm aber gar nichts
gewährt.
Wir dürfen von unendlicher Gnade reden, aber für das Fleisch gibt es keine
Gnade. Mit dem Geiste getauft zu sein, bedeutet, daß Menschen durch den Heiligen
Geist gekennzeichnet sein sollten, und außerhalb des Geistes kann nichts Gott
Wohlgefallen bereiten.
Die Tatsache, daß die Axt an die Wurzel des Baumes gelegt ist, zeigt, daß
die Zeit gekommen ist, wo Gott den Dingen an die Wurzel gehen würde; Er ging
direkt an die Wurzel des Wesens des Menschen nach dem Fleische, und Er verfuhr
damit auf solch eine Weise, daß Seiner Gnade in Christo freie Bahn geschaffen
wurde.
Wenn der durch Sünde und Tod gekennzeichnete Mensch abgehauen ist, ist die
Bahn frei für den zweiten Menschen aus dem Himmel, auf daß Er das ganze
Wohlgefallen des Himmels einführen möchte. Es geht um die Frage: Sind wir
bereit, Ihm bei uns freie Bahn zu gewähren?
Es ist gut, sich zu merken, daß alles dieses das „Evangelium“ des Johannes
für das Volk war. Das Ergebnis davon – der durch den Heiligen Geist
gekennzeichnete Mensch – wird in Jesu vollkommen dargestellt werden, so daß wir
das wahre Wesen des Weizens sehen, wenn wir Ihn anschauen.
Der Weizen hat einen köstlichen Wert vor Gott, weil er durch den Heiligen
Geist gekennzeichnet ist. Durchsieben ist nicht ein heftiges oder zerstörendes
Verfahren wie Verbrennen; es beseitigt die Spreu auf eine sanfte Art. Die
Worfschaufel verursacht eine Bewegung der Luft, welche die Spreu wegbläst; es
ist eine sachte Regung, wirksam, aber nicht heftig: solcherart ist der
gegenwärtige Dienst des Herrn.
Ein großes Ziel, welches Sich der Herr bei allem Dienst setzt, ist, in
einer praktischen Weise das Fleisch zu beseitigen; Er beseitigt es durch das,
was vom Geiste ist und was in Ihm als Vorbild so vollkommen dargestellt worden
ist.
Es gibt Zucht und Dienst; Drangsal ist, glaube ich, ein Wort, das mit
Dreschen verbunden ist, das Durchsieben kommt aber nach dem Dreschen. Wie ich es
verstehe, ist dem Dreschen mehr der Charakter der Zucht eigen. Die Zucht Gottes
ist immer von einer erlösenden Art; sie greift immer gerade dort ein, wo das
Fleisch geneigt ist, besonders tätig zu sein.
Das Durchsieben macht von der Spreu los, so daß sie nicht mehr zu sehen
ist; nichts bleibt sichtbar außer dem Weizen, der dem Christus als Mensch im
Heiligen Geiste ähnlich ist.
Die Versuchung in Kap. 4 war nötig, damit das Wesen des durch den Heiligen
Geist gekennzeichneten Menschen offenbar werde. Das Verfahren des Durchsiebens
würde viel schneller vor sich gehen, wenn wir uns mehr dem Herrn hingeben
würden. Es ist bei uns ein großer Mangel
an Unterwürfigkeit vorhanden wie bei Petrus, der sagte: „Du sollst
nimmermehr meine Füße waschen!“
Es geht um die Frage: Worauf sind wir eingestellt, was wollen wir fördern?
Wir säen entweder für das Fleisch oder für den Geist. Legen wir uns ins Mittel,
Christum und den Geist hervorzuheben?
In die Scheune kommt nichts außer dem, was Christo zum Wohlgefallen dient,
denn es ist Seine Scheune. Johannes hatte das volle Ergebnis des Kommens des
Herrn vor sich. Der Herr taufte nicht tatsächlich mit dem Heiligen Geiste, bis
Er zur Rechten Gottes ging, aber Johannes betrachtete das ganze Ergebnis Seines
Kommens; er hatte das durch den Geist vor sich.
Laßt uns den Gedanken dessen, was göttlichen Wert hat, hoch schätzen; es
ist alles in Jesu zu sehen, und bis wir es dort erkannt haben, ist es
zweifelhaft, ob diese Erkenntnis sich als Kraft in unseren Seelen auswirkt.
Wenn man also gewohnheitsmäßig mit dem Fleischlichen vorangeht, so ist das
ein Beweis für eine große Entfernung von Jesu; wir sind nicht unter Seinem
persönlichen Einfluß. Das würde die Frage aufwerfen, ob wir den Getauften
gleichen, mit denen Jesus Sich einsmachte.
Diejenigen, die von Johannes getauft wurden und mit denen Jesus getauft
wurde, waren solche Personen, mit denen Er Sich einsmachen konnte; sie gaben
jegliches Vertrauen auf das Fleisch auf wie auch jeglichen Anspruch auf den
Segen Gottes auf Grund der eigenen Güte; daran konnte Jesus teilnehmen.
Dieses Boden konnte Jesus öffentlich einnehmen; nichts kann wunderbarer
sein, als daß der Herr öffentlich den Platz einnimmt, der in den Worten von Ps.
16 geschildert wird: „Meine Güte reicht nicht hinauf zu dir.“
Er lebte in der erkannten Gunst Gottes; glückselig und sündenlos, wie Er
war, war es Seine Wonne, auf dem Boden dessen zu stehen, was Gott dem Menschen
war. Er, der Sündlose, nahm den Boden ein, daß Güte nicht vom Menschen zu Gott
hinaufreicht, sondern von Gott zum Menschen herniederreicht. Sünder konnten auch
auf diesem Boden stehen.
Es ist wunderbar, dies zu sagen – es war ein gemeinsamer Boden für den
Sündlosen und für die Bußfertigen. Wenn der Mensch außer Gott keine Zuflucht hat
– und das verursacht seine Sündhaftigkeit -, wird er zu einem Gefäß für den
Empfang alles dessen, was Gott dem Menschen in Gnade ist. So erlangt der Mensch
Segen; er gibt zu, daß er sündig ist und keine Ansprüche hat und daß Gott seine
einzige Zuflucht ist, und er wird dann zum Gefäß, um alles zu empfangen, was
Gott in Seiner Gunst für den Menschen bereitet hat.
Der Mensch erreicht diesen Punkt, wenn er durch die Güte Gottes seiner Not
als Sünder überführt wird; Jesus nahm diesen Boden in der reinsten und
vollkommensten Gnade ein. Der Mensch erhebt sich dazu aus seiner Erniedrigung,
Jesus stieg dazu hernieder auf einen Platz, wo Er sagen konnte: „Meine Güte
reicht nicht hinauf zu dir.“
In Psalm 16 nimmt Er die Stellung eines Menschen ein, der auf Gott
vertraute und deswegen alles empfing, was die reine und unbeschränkte Gunst
Gottes mit Freuden gibt. Durch die Buße können sündige Menschen auch alles durch
die unumschränkte Gunst empfangen.
Deshalb war Jesus bei solchen; Er wurde getauft, und Er betete. Alles dem
Menschen Geziemende wurde in Ihm als Vorbild dargestellt. Die Worte des Herrn an
den Jüngling: „Was heißest du mich gut?“ sind im Einklang mit dem, worüber wir
geredet haben.
Der Herr wird hier am Platze der völligen Abhängigkeit von Gott gesehen;
es war ein glückseliger Mensch hienieden, über dem der Himmel aufgetan werden
konnte; nichts beengte jetzt den Himmel, nichts konnte seinen Erguß
zurückhalten; der Himmel wurde aufgetan, weil ein Mensch in dieser Welt als ein
gebührender Ruheort für den Heiligen Geist gefunden worden war.
Der Heilige Geist als Taube ist ein Hinweis darauf, daß Er einen Ruheplatz
suchte. Die Taube Noahs suchte einen Ruheplatz, und der Psalmist sagt: „O, daß
ich Flügel hätte wie eine Taube! Ich wollte hinfliegen und ruhen.“
Die Taube sucht Ruhe, und der Geist Gottes suchte im Menschen Ruhe, und Er
fand sie endlich in Jesu, dem vollkommenen Menschen – in Demjenigen, der völlig
den Platz der Abhängigkeit von Gott einnahm.
Hier sehen wir den zweiten Menschen aus dem Himmel, der vor Gott an der
Stellung derer teilnahm, die allen Ansprüchen entsagten und sich völlig auf das
warfen, was Gott in Seiner Gunst den Menschen gegenüber war.
Wenn im Menschen für Gott nichts da war, so war in Gott alles für den
Menschen da, und wenn die Menschen das erkennen, so werden sie zu Gegenständen
des Wohlgefallens Gottes. Jesus wurde hier öffentlich als der geliebte Sohn, an
welchem Gott sein Wohlgefallen gefunden hatte, anerkannt.
Als Mensch entnahm Er alles Gott, Sein ganzes Wesen war Gott entnommen,
und moralisch hatte Er immer von dem, was Gott Ihm war, gelebt; Er war der
geliebte Sohn, und die Wonne Gottes war an Ihm.
In der Person Jesu wird der Mensch am Platze der Sohnschaft als dem
Ruheplatz des Geistes gesehen, und das ganze Begehren des Herzens Gottes war
überschwenglich in Demjenigen befriedigt, der zu Ihm aufschaute, um alles das zu
empfangen, was es der göttlichen Gunst wohlgefiel, dem Menschen zu schenken.
Wenn wir diesen Reichtum und die Glückseligkeit dieser Gunst erlangen
sollten, so hing das vom Vollbringen des Erlösungswerkes, von der Verherrlichung
Jesu und der Gabe des Geistes ab; es wird hier aber in Jesu als Vorbild
dargestellt.
Er empfing alles von Gott: „Die Meßschnüre sind mir gefallen an lieblichen
Orten; ja, ein schönes Erbteil ist mir geworden.“ – „Jehova ist das Teil meines
Erbes und meines Bechers; du erhältst mein Los.“ Als der abhängige Mensch
empfing Er alles, was es Gott wohlgefiel, dem Menschen als dem vollen Ausdruck
Seiner Gunst zu schenken.
Die Sohnschaft war zur Wonne Gottes vorhanden; der Mensch, der in der
Person Seines geliebten Sohnes Sich der höchsten Gunst und Glückseligkeit bei
Gott erfreute, wird hier als mit den Bußfertigen einsgemacht gesehen, mit
solchen, die durch unendliche Gnade zu Seinen Miterben werden sollten.
Alle diese dreißig Jahre hindurch war Er die Wonne Gottes gewesen; Er war
immer in völliger Abhängigkeit von Gott gewesen, und die einsichtsvolle und
liebevolle Antwort des geliebten Sohnes Gottes war immer vorhanden gewesen.
Die himmlischen Heerscharen hatten aber gesagt: „An den Menschen ein
Wohlgefallen.“ Alles, was in Jesu als Vorbild dargestellt wurde, wird zum
Wohlgefallen Gottes in „vielen Söhnen“ zustande gebracht.
Das Wohlgefallen, das Gott an Jesu fand, wird Er an jedem Weizenkorn, das
in die Scheune kommt, finden. Dies wird nach sehr einfachen Richtlinien
erreicht; wenn wir den Platz einnehmen, daß wir gar keine Ansprüche haben,
handelt es sich bloß um die Frage: Was ist die Gunst Gottes dem Menschen
gegenüber?
Wenn wir den Platz einnehmen, daß wir einige Ansprüche besitzen, können
wir nicht ausschließlich aus der reinen Gnade allein empfangen. Nach dieser
Richtschnur hat Gott gar keine Gunst. Seine Gunst dem Menschen gegenüber beruht
auf der reinen Gnade und hängt von Seinem Wesen ab.
Der höchste Gedanke der göttlichen Gunst für den Menschen ist die
Sohnschaft. Gott hat das einem Menschen gesichert; das, was Er in dem Vorsatz
Seiner Liebe von jeher gehegt hat, hat Er Sich in einem Menschen gesichert.
Danach kann Er es Sich aber auch durch das Erlösungswerk in Millionen sichern.
Bei Markus und Lukas heißt es: „Du bist mein geliebter Sohn“, bei Matthäus
aber: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“ Bei Matthäus ist die Salbung mehr
amtlich – Gott lenkt die Aufmerksamkeit auf Ihn: „Dieser ist mein geliebter
Sohn.“ Wenn Er aber sagt: „Du bist mein geliebter Sohn“, so bringt Er Seine
eigene Wonne an Ihm zum Ausdruck; das schließt das Versiegeln in sich.
„Der Heilige Geist in leiblicher Gestalt wie eine Taube stieg auf Ihn
herab.“ Das scheint den auffallenden Gedanken darzustellen, daß der Geist
Gottes, der dem Menschen Seinen Charakter verleiht, in Jesu spürbar zum Ausdruck
gelangen sollte.
Wenn wir das Wesen des vom Geiste gekennzeichneten Menschen verstehen
wollen, müssen wir Jesum anschauen; bei Ihm wurde das in leiblicher Gestalt zum
Ausdruck gebracht.
Ich glaube, daß es hier das Geschlechtsregister der Maria ist; bei
Matthäus ist es das gesetzmäßige Geschlechtsregister des Königs, das auf Joseph
geht; hier aber, wie wir schon früher bemerkt haben, wird es bis auf Gott
zurückgeführt.
Ich habe den Eindruck, daß jede der hier genannten Personen irgendwelche
Wesenszüge von Gott besaß; es ist nicht ein dem gefallenen Menschen entnommenes
Geschlechtsregister, sondern es ist Gott entnommen.
Der Herr kam als die Fülle alles dessen, was die Gnade Gottes im Laufe von
4000 Jahren erzeugt hatte. Er kam als der Höhepunkt, und die ganze Fülle war in
Ihm da. Der Herr nahm nicht an dem gefallenen Menschengeschlecht teil, sondern
an dem Menschen als Gegenstand der göttlichen Gnade.
Kapitel 4
Wir wissen alle ziemlich viel über den Menschen im Fleische, nicht nur aus
der Schrift, sondern aus eigener Erfahrung und durch Beobachtung anderer; Gott
will aber, daß wir die in Seinem geliebten Sohne, der hienieden in
Menschengestalt völlig zu Seinem Wohlgefallen weilte, geoffenbarte Schönheit
verstehen und schätzen sollten. Er kam auf jenen Platz im Blick auf den Gedanken
Gottes, viele Söhne zum Wohlgefallen Seiner Liebe zu haben.
Gott wollte, daß es erwiesen werden sollte, daß ein Mensch, der voll
Heiligen Geistes ist, „jeder Versuchung“ widerstehen kann. Lukas ist der einzige
Evangelist, der vom Herrn sagt, daß Er voll Heiligen Geistes war; Lukas stellt
Ihn als das Gefäß in Menschengestalt für den Heiligen Geist dar.
Mit einer Ausnahme ist Lukas der einzige der neutestamentlichen Schreiber,
der darüber spricht, daß Menschen voll Heiligen Geistes sind. Die eine Ausnahme
ist in Eph. 5, wo Paulus sagt: „Werdet mit dem Geiste erfüllt.“ Lukas aber redet
wiederholt in der Apostelgeschichte darüber, daß die Jünger und Diener voll
Heiligen Geistes waren. Diese Menschenart ist in Jesu als Vorbild dargestellt zu
sehen.
In dieser heiligen Person war nichts Unpassendes; Er hatte es nicht nötig,
passend gemacht zu werden. Wenn wir vom Heiligen Geiste erfüllt werden sollen,
so ist es augenscheinlich, daß wir dafür passend gemacht werden müssen; das ist
uns persönlich nicht eigen, wie es bei Ihm der Fall war.
Bei uns ist der passende Zustand, um den Geist zu empfangen, das Ergebnis
davon, daß wir im Werte des Erlösungswerkes dastehen, und das wird durch das
Wirken Gottes, welches uns durch viele Übungen hindurchführt, zustande gebracht.
Christus war aber persönlich ein passendes Gefäß, um voll Heiligen Geistes zu
sein.
Es ist ergreifend zu bemerken, daß Er in dem Augenblick mit dem Geiste
versiegelt wurde, als Er Sich mit der bußfertigen Schar einsmachte; das zeigt
die Gott wohlgefällige Gesinnungsart.
In Kap. 3 wird Er als persönlich Gott wohlgefällig gesehen, und das schloß
Seine Versiegelung in sich, es war eine persönliche Angelegenheit; in Kap. 4 ist
Er aber der gesalbte Diener. Das, was Er persönlich ist, überragt moralisch
Seine amtliche Stellung und geht dem voraus.
Was uns anlangt, so ist es gut, über das, was wir persönlich und geistlich
sind, in Übung zu sein, mehr als darüber, was wir öffentlich sein könnten; man
könnte dazu befähigt sein, dem Herrn auf irgendeine Weise zu dienen, aber es ist
etwas Größeres, bewußt in der Sohnschaft zum Wohlgefallen Gottes vor Ihm zu
stehen.
Im Herrn Jesu wird hier gezeigt, daß Er geistlich in voller Reife passend
war. Lukas stellt eine wunderbare Entwicklung in Ihm dar; er führt den Herrn als
Kindlein ein, und er lenkt unsere Aufmerksamkeit in einer auffallenden Weise auf
Sein Wachstum, auf Sein Erlangen der vollen Reife.
Ich habe das mit dem Worte des Herrn verglichen: „Zuerst Gras, dann eine
Ähre, dann voller Weizen in der Ähre“ (Mark. 4, 28). In dem kleinen Kindlein,
auf dem die Gnade Gottes war (Luk. 2, 40), sehen wir den „Grashalm“; mit zwölf
Jahren sehen wir die „Ähre“ – die Dinge nahmen eine bestimmte und einsichtsvolle
Form vor Gott an; dann, mit dreißig Jahren, sehen wir den „vollen Weizen in der
Ähre“ – alles war zur Reife gelangt.
Da fehlte kein einziges Element von dem, was im Menschen Gott wohlgefällig
sein konnte. Auf diese Weise erscheint Er vor unseren Blicken als das
unvergleichliche Gefäß voll Heiligen Geistes.
Mit dem Herrn erschien ein ganz anderer Charakter der Dinge. Wenn wir den
Charakter des Menschen als abhängig und voll Heiligen Geistes erkennen wollen,
müssen wir Jesum betrachten.
In bezug auf die Versuchung muß man sich merken, daß Er durch den Geist in
der Wüste umhergeführt wurde, um versucht zu werden; der Geist gab die erste
Anregung, nicht der Teufel.
Es war nötig, daß das Wesen des Menschen, der abhängig und voll Heiligen
Geistes ist, in Gegenwart der ganzen Macht und Hinterlist des Teufels offenbar
werden sollte. Es war nicht eine Prüfung des Menschen, der unabhängig von Gott
ist; dieses Prüfen war viertausend Jahre lang vor sich gegangen, und jeden
Augenblick hatte der unabhängige Mensch seine Unzulänglichkeit erwiesen; Gott
wollte aber, daß es sich erweise, daß der abhängige Mensch, der voll Heiligen
Geistes ist, imstande war, der ganzen Macht des Bösen zu widerstehen.
Es ist für uns etwas Großes, das zu verstehen; es ist Gott wohlgefällig,
wenn wir die Vollkommenheit Jesu betrachten und Ihn als das Vorbild dessen
anschauen, was der Mensch als abhängig und voll Heiligen Geistes wirklich ist.
Die Wesenszüge, die sich hier zeigen, sind äußerst wichtig. Wir können
sicher sein, daß der Teufel weniger wichtige Punkte nicht aufwerfen, sondern den
Versuch machen würde, das anzugreifen, was Gott am kostbarsten und auch am
wichtigsten war für das Leben des Menschen in bezug auf Gott.
Andererseits waren es genau diejenigen Wesenszüge, die der Absicht des
Geistes Gottes gemäß ans Licht gebracht werden sollten. Gott will unsere Herzen
mit den bestimmten Wesenszügen Christi, die sich in Ihm bei der Versuchung
offenbarten, beschäftigen; das waren Wesenszüge, die sich für den Menschen in
bezug auf Gott geziemen.
Wir sehen hier einen Menschen am Platze der menschlichen
Verantwortlichkeit, und Er füllte diesen Platz mit gänzlicher Vollkommenheit
aus. In Ihm sehen wir einen Menschen am Platze der Verantwortlichkeit ohne jede
Unzulänglichkeit, ohne jede Unvollkommenheit, und Er war durch Abhängigkeit und
die Anwesenheit des Geistes gekennzeichnet.
Es ist der Gedanke Gottes, den Menschen in seiner Verantwortlichkeit nach
dem Vorbilde Jesu zu haben; es ist der eigentliche Charakter der Söhne Gottes.
Als Christ lerne ich, was mein Vorrecht als unter Verantwortlichkeit stehend
ist, nicht vom Menschen nach dem Fleische, sondern von Christo.
Er kam an den Platz der menschlichen Verantwortung und Er hat ihn in
gänzlicher Vollkommenheit ausgefüllt; Er hatte gar keine Kraft und keine
Hilfsquellen in Sich Selbst – darin liegt das Wunder -, sondern Er vertraute auf
Gott. Er füllte diesen Platz als der abhängige Mensch aus, indem Er die ganze
Kraft und Unterstützung dem Gott, dem Er vertraute, entnahm.
Er hat Seiner Verantwortlichkeit in genau derselben Weise entsprochen, wie
wir das Vorrecht haben es zu tun. Wenn ich immer abhängig und voll Heiligen
Geistes wäre, würde ich immer meiner Verantwortlichkeit zum Wohlgefallen Gottes
entsprechen.
Es ist Einer hier auf Erden als Mensch gewesen, der von jedem Worte Gottes
lebte und jeden Augenblick und bei jedem Schritt von Gott abhängig war, und
alles an Ihm diente zum Wohlgefallen Gottes.
Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß in Christo viel mehr vorhanden war
als bloß erfüllte Verantwortlichkeit, denn in Ihm war die vollkommene
Darstellung der Gunst und Liebe Gottes dem Menschen gegenüber; wir reden aber im
Augenblick über das, was durch die Versuchungen des Teufels geprüft und ans
Licht gebracht wurde.
Als Ergebnis der Versuchungen kam die Tatsache ans Licht, daß es einen
Menschen hier auf Erden gab, in dem das Verhältnis des Menschen zu Gott in
völlig richtiger Weise zu sehen war, und es war so sichergestellt, daß die ganze
Macht des Teufels das, was in Jesu für den Menschen geordnet war, nicht stören
konnte.
Zweifellos wußte der Teufel, daß Er vom Himmel aus als der geliebte Sohn
Gottes begrüßt worden war; es war aber dem Teufel moralisch unmöglich, die
Person, die er versuchte, zu kennen. Wie könnte ein böses Wesen eine gänzlich
wahre und heilige und gute Person verstehen? Wenn der Teufel Ihn moralisch
erkannt hätte, hätte er Ihn niemals versucht; er hätte gewußt, daß es ganz
zwecklos war, Ihm solche Dinge zu bieten.
Gott ließ aber die Versuchung zu, und es geschah unter der Führung des
Heiligen Geistes, daß Jesus in sie hineinging, auf daß der wahre Charakter des
abhängigen und von Heiligem Geiste erfüllten Menschen offenbar werde, und damit
man sehen könnte, daß solch ein Mensch Sein Verhältnis mit Gott unbeeinträchtigt
bewahren konnte.
In der Person Seines geliebten Sohnes hat Gott etwas in diese Welt
eingeführt, was in Gegenwart der ganzen Macht des Bösen unveränderlich bleibt.
Da war eine Vollkommenheit vorhanden, die die Teufel nicht berühren konnten, um
sie in irgend einer Weise zu verderben.
Erstens war es wichtig, anschaulich zu beweisen, wie der Mensch in bezug
auf Gott lebt. Die erste Versuchung brachte das ans Licht; der Mensch lebt „von
jedem Worte Gottes“. Er lebt von dem, was es Gott wohlgefällt, ihm mitzuteilen.
Das war die große Belehrung, die Gott Israel in der Wüste einprägen
wollte. „Er ließ dich hungern und speiste dich mit Man…um dir kundzutun, daß der
Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern daß der Mensch von allem lebt, was
aus dem Munde Jehovas hervorgeht.“
Durch das Empfangen von Mitteilungen von Gott lebt der Mensch; es gibt für
den Menschen, was seinen Geist angeht, der ja der eigentliche Mensch ist, kein
anderes Leben; er kann von keinen äußeren Hilfsquellen leben.
Der Natur nach wenden wir uns alle etwas anderem zu, doch schlägt das
fehl. Wir denken, es würde uns befriedigen, dieses oder jenes zu tun, was wir
uns selbst vorgenommen haben, doch auf dieser Richtlinie kommt es zu Demütigung
und Hunger. Wie wir im Buche des Predigers sehen, wird das Begehren des Geistes
des Menschen durch solche Dinge nicht gestillt.
Wir entwerfen Pläne, und wenn Gott es erlaubt, bringen wir unser Vorhaben
zur Vollendung; wir finden aber, daß es auf dieser Richtlinie gar kein Leben
gibt; wir können aus Steinen kein Brot gewinnen, aber Mitteilungen von Gott
befähigen den Menschen, zu leben.
Alle die Übungen in der Wüste waren dazu bestimmt, den Kindern Israel
diese Belehrung beizubringen, und auch wir müssen sie beherzigen. Stoffliche
Dinge, die wir auf eine natürliche Weise bekommen können, bringen unserem Geiste
kein Leben in bezug auf Gott.
Einige der Psalmen sind sehr kostbar, weil sie zeigen, wie hoch Menschen
die Mitteilungen von Gott geschätzt haben. Menschen, die den Geist Christi
hatten, schätzten Mitteilungen von Gott ungemein hoch ein. Die Psalmen 19 und
119 sind feine Unterweisungen in bezug auf die Kostbarkeit „jedes Wortes
Gottes“.
Im Laufe von ungefähr dreißig Jahren hatte Jesus Selbst von den Worten
Gottes gelebt und jedes Wort nach und nach als Licht und Stütze in Anwendung auf
die Umstände, in welchen Er Sich damals befand, empfangen. „Jedes Wort Gottes“
hatte Er Sich zu eigen gemacht — nicht nur die Mitteilungen Gottes im
allgemeinen, sondern auch in allen Einzelheiten.
„Jeden Morgen“ wurde Sein Ohr geweckt, damit Er hören möchte gleich
solchen, die belehrt werden (Jes. 50, 4). Er gab jedem Worte Gottes Seinen
Platz, und Er lebte von der Glückseligkeit dessen, was Ihm von Gott mitgeteilt
wurde.
Er wollte nicht auf das Anstiften des Versuchers hin Steine zu Brot
machen, denn Er lebte in der Kraft einer Nahrung anderer Art. Ich denke, wir
haben alle erlebt, wie ein Wort, das uns vielleicht in Bedrängnis oder in
prüfenden Umständen erreichte, alles verändert hat. Nicht, daß etwas äußerlich
verändert wäre; die Umstände blieben alle dieselben, aber ein Wort von Gott war
in unsere Seelen eingedrungen, so daß wir in der Glückseligkeit davon lebten.
Das ist kostbarer, als wenn alle Hilfsquellen der Welt uns zur Verfügung
ständen. Der Mangel an Hilfsquellen mag manchmal prüfend sein und uns auf Gott
werfen, es ist aber eine noch größere Prüfung, im Überfluß zu leben und die
Möglichkeit zu haben, jeden Herzenswunsch zu erfüllen, und in solch einer
Umgebung fähig zu sein, von jedem Worte Gottes zu leben. Das ist die wahre
Glückseligkeit eines Heiligen.
Ich habe Menschen gekannt, die in bezug auf diese Welt große Hilfsquellen
besaßen, die aber betreffs des Lebens ihres Geistes nicht in diesen Hilfsquellen
lebten, sondern von Mitteilungen, die ihnen von Gott gegeben wurden.
„Jedes Wort Gottes“ umschließt alle Seine Mitteilungen. Wir erlangen die
Erkenntnis Gottes dadurch, daß wir Seinen Mitteilungen zuhören. Der erste
Atemzug des Lebens in der Seele des Menschen ist der Augenblick, wenn er eine
Mitteilung von Gott empfängt. Das gibt ihm etwas, was natürliche Hilfsquellen
ihm nimmer geben könnten.
Er erfährt die kostbaren Gedanken Gottes in bezug auf sich, und er lebt
von ihnen. Hier geht es natürlich nicht um die Verleihung des Lebens, sondern um
seine Erhaltung. Unsere Seelen haben es nötig, am Leben erhalten zu werden (Ps.
66, 9).
Der Brauch, frühmorgens einige Verse zu lesen, ist eine gute Stütze für
den Tag, es ist wunderbar, wie oft man in dieser regelmäßigen Wortbetrachtung
gerade das bekommt, was für den betreffenden Tag nötig ist. Wir werden uns
dessen bewußt, daß dies das Wort Gottes für uns zu dieser Zeit ist.
Wenn wir es nicht bekommen, so ist es sehr wahrscheinlich, daß wir vor
Tagesschluß versuchen werden, irgendeinen Stein zu Brot zu machen.
Die zweite Versuchung bringt den großen und gesegneten Gegenstand des
Dienstes und der Anbetung Gottes ans Licht, und diese können nur von solchen
Menschen getan werden, die erkannt haben, daß man von Mitteilungen von Gott
lebt. Gott ist bereit, jeden Tag zu uns zu reden; das lehrt Er uns durch das
Manna.
Er zeigt, daß Er jeden Tag für Sein Volk sorgt; Er gab nicht einen Vorrat
für die ganze Woche, sondern einen täglichen Vorrat. Der Herr Selbst als Mensch
hienieden wußte, was es bedeutet, von jedem Worte Gottes zu leben, und wir haben
den Bericht darüber, daß Er jeden Morgen Mitteilungen empfing. Jehova öffnete
Sein Ohr, damit Er hörte gleich solchen, die belehrt werden (Jes. 50); es ist
eigentlich das Wort „Jünger“; Er war der wahre Jünger.
Sein Geist wurde nicht durch äußere Umstände oder Ermutigungen bewahrt,
sondern durch jedes Wort Gottes. Wenn Er sagen konnte, daß Sein Ohr geweckt
wurde, so können wir daraus sehen, daß wir von Gott abhängig sein müssen, damit
Er unsere Ohren weckt und jeden Morgen zu uns redet. Er ist durchaus bereit,
dies zu tun.
Er unterließ es niemals, das Manna zu geben. Er drohte kein einziges Mal,
den Zufluß von Manna zu sperren, obwohl sie ungehorsam waren, sich empörten,
Götzen dienten und ihre Herzen sich nach Ägypten zurückwandten.
Das Manna war ein besonderes Zeichen der Treue Gottes; es wurde niemals
eingestellt, wie schlecht ihr Verhalten auch gewesen sein mochte. Wir haben es
nötig, sehr in Übung darüber zu sein, daß wir am Leben erhalten werden, denn
Gott ist ein lebendiger Gott, und Er will ein lebendiges Volk haben – ein Volk,
das jeden Tag von neuen Mitteilungen lebt.
Der Herr Jesus hatte jeden Morgen neue Mitteilungen, deswegen war Er zum
Dienst befähigt; Er wußte den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er sagte zu den
Jüngern: „Alles, was ich von meinem Vater gehört, habe ich euch kundgetan.“ Er
empfing Mitteilungen und gab sie weiter.
Wenn ich etwas von Gott empfangen habe, werde ich auch etwas zum
Weitergeben haben, und andere werden davon Nutzen haben. Der ganze Umfang des
Ehrgeizes des von Gott abgefallenen Menschen ist in der Gewalt und Herrlichkeit
der Weltreiche zu finden, und das ist auch die Grenze dessen, was der Teufel
geben kann.
Er kann nichts jenseits des Todes geben, nichts für die Ewigkeit, aber die
Gewalt und Herrlichkeit in dem gegenwärtigen, bewohnten Erdkreis kann von ihm
verliehen werden. Er schlug Jesu vor, sie Ihm zu geben, wenn Er bloß vor ihm
anbeten würde.
Dies bringt den schrecklichen Preis ans Licht, für den die gegenwärtige
Herrlichkeit dieser Welt erworben werden kann. Sie zu begehren bedeutet
eigentlich, sich vor einer Gott feindlichen Macht niederzubeugen.
Aber der Sohn Gottes, der gepriesene abhängige Mensch voll Heiligen
Geistes, ging völlig in Gott auf und in dem, was Ihm gebührte. Einer, der Gott
anbetet, wird nicht durch eine Gewalt und Herrlichkeit angezogen werden, die der
Teufel geben kann. Er hat eine Gewalt und Herrlichkeit von einer anderen Art vor
sich.
„Gott, du bist mein Gott! frühe suche ich dich. Es dürstet nach dir meine
Seele… gleichwie ich dich angeschaut habe im Heiligtum – um deine Macht und
deine Herrlichkeit zu sehen“ (Ps. 63, 1. 2).
Es ist auffallend, daß die Anbetung und der Dienst Gottes im Gegensatz zu
dem Bestreben steht, die Gewalt und die Herrlichkeit dieser Welt zu besitzen.
Wenn wir von dem leben, was Gott zu uns sagt, so ist das im Hinblick darauf, daß
wir in einer priesterlichen Weise dienen und anbeten sollten.
Die Söhne Gottes sind auch Priester und üben heiligen Dienst vor Gott in
Seinem Hause aus. Wenn wir im Ausstrahlen der Liebe und der Wonne Gottes leben,
so ist das, was sich aus dem Herzen ergießt, von einer anbetungsvollen Gesinnung
durchdrungen.
Gott hat jetzt ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum. Von
Zacharias wird in diesem Evangelium gesagt, daß er den priesterlichen Dienst vor
Gott erfüllte. Diejenigen, welche das tun, finden keine Anziehungskraft für eine
Macht und Herrlichkeit, die der Teufel verleihen kann.
Das ganze Haus Gottes ist ein herrlicher Ort; da ist eine Macht und
Herrlichkeit vorhanden, welche alles, was in der Welt ist, in den Schatten
stellt.
Die Versuchungen stehen in einem Rahmen, der dem 5. Buche Mose entspricht,
denn jede der vom Herrn angeführten Schriftstellen ist aus diesem Buche, und im
5. Buche Mose wird ein großer Platz dem Orte eingeräumt, den Jehova erwählt,
Seinen Namen daselbst wohnen zu lassen, und wo man Ihm dienen und Ihn anbeten
soll.
Unsere Aufmerksamkeit wird dadurch auf die Pracht dessen gelenkt, was Er
auf Erden aufrichten will, und zwar im Gegensatz zu allem, was nach der
Einschätzung der gefallenen Menschen Macht und Herrlichkeit besitzt.
Ich zweifle nicht daran, daß der Tempel Salomos der prächtigste Bau war,
der jemals auf Erden gestanden hat; er war „groß und wunderbar“; es war aber nur
ein Vorbild, ein Schatten; wir aber haben es mit dem eigentlichen Tempel zu tun.
Das Haus Gottes, wie es augenblicklich auf Erden ist, überragt den Tempel
Salomos in geistlicher Hinsicht um vieles, und wir brauchen nicht nach Jerusalem
zu gehen, um es zu finden.
Der Teufel redet nicht zum Herrn über das, was Menschen die bösen Dinge in
der Welt nennen würden, sondern über die Reiche dieser Welt mit ihrer Macht und
Herrlichkeit; er erhebt Anspruch auf sie als ihm übergeben, und der Herr
bestreitet nicht seinen Anspruch.
In dieser Welt, welche der Teufel sein eigen nennen kann, mögen Gewalt und
Herrlichkeit vorhanden sein und alles, was den Ehrgeiz, die Eitelkeit und den
Stolz des Menschen befriedigen kann, aber das, was Gott gebührt, kann dort nicht
gefunden werden.
Im Hause Gottes ist aber alles, was Seinem Wohlgefallen dient; es ist ein
geistliches Haus, und die Schlachtopfer, die darin dargebracht werden, sind
geistliche Opfer, und sie sind Gott wohlannehmmlich durch Jesum Christum.
Es gibt zwei große Systeme: das System der Welt, wo der Mensch ohne Gott
mit Gewalt und Herrlichkeit angetan ist, und ein anderes System, wo eingesehen
wird, daß alle Gewalt und Herrlichkeit Gott gehören und wo Ihm gedient und Er
angebetet wird. In welchem System leben wir?
Das Haus Gottes ist die Versammlung des lebendigen Gottes, und es wird aus
lebendigen Steinen erbaut, und dort wird Gott gedient, und Er wird angebetet.
Als das Haus erbaut wurde, kam die Herrlichkeit hernieder und erfüllte es.
Ich glaube, dies ist moralisch immer wahr: die Herrlichkeit Gottes erfüllt
Sein Haus. Die Macht und Herrlichkeit Gottes so zu sehen, wie sie im Heiligtum
gekannt werden, erlöst uns vom System dieser Welt.
Der Gedanke am Ende von Eph. 2 ist sehr schön: „Der ganze Bau, wohl
zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.“ Die endgültige
Vollendung ist noch nicht erreicht, aber die Züge, die dem heiligen Tempel eigen
sind, nehmen die ganze Zeit hindurch zu. Das ist nicht der Fall, wenn wir den
Himmel erreichen, denn es ist „im Herrn“ und bezieht sich auf die Zeit, wo wir
hienieden unter Verantwortlichkeit sind.
Die Heiligen sollten jetzt etwas mehr das Gepräge des heiligen Tempels
tragen als vor fünf Jahren. Wir werden nicht von der Welt dadurch befreit, daß
wir einigen Dingen entsagen, sondern dadurch, daß wir uns der moralischen Größe
eines Gebietes bewußt sind, wo alles geistlich ist, wo das ganze Licht Gottes
sich befindet und wo Ihm gedient und Er angebetet wird.
Das große Anliegen Israels war, zu dem Ort hinaufzugehen, den Jehova
erwählt hatte, um Seinen Namen dort wohnen zu lassen; sie mußten das immer im
Sinn behalten; und unser wichtigstes Anliegen ist es, mit dem Dienst und der
Anbetung Gottes in Seinem Hause beschäftigt zu sein, dieses Haus ist ein guter
Ort für Menschen, es wird uns aber in der Schrift hauptsächlich als ein Ort für
Gott gezeigt, wo es etwas Wohlannehmliches für Ihn gibt — „geistliche
Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum“.
Der Teufel hatte es vor, die Gewalt und Herrlichkeit der Weltreiche dem
Sohne Gottes zu geben, wenn Er vor ihm anbeten würde; der Besitz von solcher
Gewalt und Herrlichkeit erfordert ein gewisses Maß Teufelshuldigung. Das ist
eine sehr ernste Überlegung.
Der Teufel sagte: „Mir ist sie übergeben“; das ist wahr, aber es ist nicht
rechtmäßig, sondern besteht als Tatsache infolge der Lüste der Menschen. Die
Lüste der Menschen haben dem Teufel Gewalt verliehen, denn er kann solche Lüste
gebrauchen.
Die Gewalt und Herrlichkeit der Welt sind der große Preis des heillosen
Ehrgeizes des Menschen geworden, weil sie jedem verdorbenen Begehren im Herzen
des Menschen, der Gott nicht kennt, entsprechen.
Wie glückselig es ist, ein anderes System zu kennen, wo alles aus Gott
ist, ein System, das mit der ganzen Vollkommenheit
und Glückseligkeit Christi erfüllt ist - die Frucht Seines Werkes, und wo
alles durch die Gegenwart des Geistes aufrechterhalten wird!
Es gibt ein System, wo Gott und Christus und der Geist die Quelle von
allem sind, und in diesem System werden Gott Dienst und Anbetung dargebracht; in
dieser Welt wird Ihm nicht gedient, noch wird Er dort angebetet.
Lukas setzt die Versuchungen in ihre moralische Reihenfolge; Matthäus gibt
die geschichtliche Reihenfolge. Das, was Lukas als die zweite Versuchung
darstellt, war nach Matthäus die letzte in der geschichtlichen Reihenfolge; als
der Herr sagte: „Geh hinweg, Satan!“ war dies das Ende; danach sagte der Teufel
nichts mehr.
Lukas stellt aber die Versuchungen in ihrer moralischen Reihenfolge dar,
denn er schreibt der Reihe nach (Luk. 1, 3), und er schildert die Versuchungen
in einer anwachsenden Schwere.
Zuerst kommt die Versuchung, Steine zu Brot zu machen, dann das Angebot
des Teufels, die Gewalt und Herrlichkeit der Reiche der Welt zu geben, und dann
zum Schluß bringt er das, was man die geistliche Versuchung nennen könnte.
Der Teufel ist der Verkläger; er verleumdet Gott den Menschen gegenüber,
und er verklagt die Heiligen Gott gegenüber. Satan heißt der Widersacher, er ist
derjenige, der sich in jedem Punkte Gott entschieden widersetzt.
Ich glaube nicht, daß irgend eine andere Familie dasselbe Vorrecht zu
dienen und anzubeten haben wird, wie wir es haben. Jetzt wird Preis und Anbetung
von denen dargebracht, die im Heiligtum gewesen sind; das wird im
Tausendjährigen Reiche nicht so sein.
Es ist dem Herrn eine Freude, wenn wir im Einklang mit Ihm preisen; die
große Wonne Seines Herzens ist es, daß wir Seinen Gott und Seinen Vater kennen
möchten, damit wir Ihn anbeten und Ihm dienen, und wenn Er uns bis zu diesem
Punkte gebracht hat, ist das Seine höchste Befriedigung.
Wenn es dem Herrn wohlgefiel, Sich mit einigen armen Sündern, die
bußfertig waren, einszumachen, wenn sie in Seinen Augen die Herrlichen der Erde
waren, von denen Er sagen konnte, an ihnen wäre alle Seine Lust - was hat Er
dann an denen für eine Lust, die von Ihm die Erkenntnis Seines Gottes und Vaters
empfangen haben und die im Genuß der Gnade und Glückseligkeit leben, die Er
ihnen gebracht hat! Was für eine unbeschreibliche Lust hat Er an solch einer
Schar! Er sagt von ihnen, sie wären nicht von der Welt; sie gehören zu dem
geistlichen System, das gänzlich außerhalb der Welt liegt.
Die dritte Versuchung war listiger als die beiden ersten, weil sie auf
einer göttlichen Verheißung begründet war; es war der Vorschlag, der Herr sollte
Sich eine Verheißung zunutze machen, die Ihn öffentlich als den Gegenstand der
göttlichen Fürsorge darstellen würde. Der Teufel schlug vor, Gott auf die Probe
zu stellen, ob Er Seinem Worte treu sein würde oder nicht.
Das zu tun, wäre ein Beweis für den Mangel an Vertrauen auf Gott gewesen;
es hätte bedeutet, Gott zu versuchen, wie das Volk es tat, als sie sagten: „Ist
Jehova unter uns oder nicht?“ Der Herr antwortete darauf mit der Schriftstelle,
die dieses zu tun verboten hat.
Wir sehen daraus, daß Satan sich in den Schriften auskennt; er wußte, daß
Jesus der Sohn Gottes und der Messias war, und er kannte die Schriftstellen, die
sich auf den Messias beziehen, und er führte eine solche an. Ich nehme an, daß
der Teufel die Bibel besser kennt als irgend einer von uns, und er führt sie oft
für seine eigenen Zwecke an.
Er führte aber vorsorglich nur soviel an, wie es seinem Zwecke entsprach;
gleich darauf folgte ein Vers: „Auf Löwen und Ottern wirst du treten, junge
Löwen und Schlangen wirst du niedertreten.“ Das führte er nicht an!
Nun wird die Frage aufgeworfen, ob ein abhängiger und vom Geiste erfüllter
Mensch noch äußere Beweise dafür braucht, daß Gott für ihn sorgt. Der Herr Jesus
hatte ein Heim; der eben angeführte Psalm sagt: „Wer im Schirme (am verborgenen
Orte) des Höchsten sitzt, wird bleiben im Schatten des Allmächtigen.“
Einer, der am verborgenen Orte wohnt – man könnte geradezu sagen im Schoße
Gottes -, braucht keinen Umstand, kein Zeichen und kein Wunder, um ihn dessen zu
versichern, daß Gott ihn liebt und für ihn sorgt.
In Vers 4 dieses Psalmes heißt es: „Mit seinen Fittichen wird er dich
decken, und du wirst Zuflucht finden unter seinen Flügeln.“ Nichts könnte
rührender sein, als daß der gepriesene Gott Sich mit einem Vogel vergleicht, der
seine Jungen liebreich pflegt; Er redet von dem Messias, den Er mit Seinen
Fittichen deckt.
Nichts konnte inniger oder trauter sein. Er war unter der Wärme der
hegenden und liebenden Pflege Gottes, und Er brauchte kein äußeres Zeichen
dafür. Vers 9 dieses Psalmes zeigt die Zustände, in welchen Er lebte: „Weil du
Jehova, meine Zuflucht, den Höchsten gesetzt hast zu deiner Wohnung.“
Das ist das Vorrecht des Heiligen. Der abhängige Mensch, der voll Heiligen
Geistes war, genoß die Liebe Gottes in der innigsten Weise; Er lebte darin. Es
ist gesagt worden, daß wir in der Welt nicht leben können, und wir leben noch
nicht im Himmel; der einzige Ort, wo wir leben können, ist die Liebe Gottes.
Wenn wir fortwährend in der erkannten Liebe irgend einer Person leben,
denken wir nicht daran, diese Liebe auf die Probe zu stellen; das zu tun wäre
ein Beweis des Mißtrauens. Ebenso ist es auch mit Gott; wenn wir Ihn auf die
Probe stellen müssen, ob Er uns liebt und für uns sorgt oder nicht, so ist das
ein Beweis des Unglaubens und des Mißtrauens.
Der Apostel sagt: „Wir rühmen uns auch der Trübsale… denn die Liebe Gottes
ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben
worden ist.“ Dies ist das Geheimnis.
Ich erkenne nicht die Liebe Gottes durch äußere Umstände; Er könnte es
zulassen, daß ich schwer zu leiden hätte. Viele unserer Geschwister haben sehr
schwer zu leiden; ihre äußeren Umstände scheinen nicht davon zu zeugen, daß Gott
sie liebt, wir erkennen aber die Liebe Gottes durch die Tatsache, daß Christus
für uns gestorben ist, und der Geist Gottes gießt diese Liebe in unsere Herzen
aus.
Wir haben ein Geheimnis; dieser Psalm spricht vom „Schirm (dem geheimen
Ort) des Höchsten“. Die Liebe Gottes ist ein glückseliges Geheimnis und ist nur
denen bekannt, die in das Licht des Todes Christi kommen. Als Christen schätzen
wir dieses wunderbare Geheimnis.
Wir erkennen die Liebe Gottes auf zweierlei Art: durch ihren Ausdruck im
Tode Seines Sohnes, und dadurch, daß der Geist sie in unsere Herzen ausgießt.
Das ist wahrhaftig „der geheime Ort“, und wenn wir dort wohnen, brauchen wir
kein Zeichen.
Es ist ein lieblicher Gedanke, daß Gott einen geheimen Platz im Herzen
eines Menschen hat, wo Seine Liebe erkannt worden ist; wir aber haben einen
geheimen Platz im Herzen Gottes: „Weil er Wonne an mir hat“ (weil Er an mir
hängt).
Es war ein glückseliger Mensch auf Erden, der an Gott Seine Wonne hatte,
und dies ist auch unser Vorrecht. Dann werden wir gar nicht daran denken,
irgendein äußeres Zeichen Seiner Liebe zu brauchen; wir haben es insgeheim in
unseren Herzen durch den Heiligen Geist.
Sogar Hiob konnte sagen: „Tötete er mich, ich werde auf ihn warten“
(hoffen). Er hatte die Wurzel dieser Sache in sich. Manchmal gefällt es Gott
wohl, Seine Kinder in sehr prüfenden Umständen und in großem Leid zu lassen; Er
scheint nicht ins Mittel zu treten.
Ich habe viele Heiligen gekannt, die nicht einmal wünschten, daß Er ins
Mittel treten sollte. Sie waren so glücklich in Seiner wohlbekannten Liebe, daß
sie nicht wünschten, daß Er ihre Umstände ändere; sie wollten kein äußeres
Zeichen.
Das ist eine große Verherrlichung für Gott. Es ist ein großer Triumph für
Gott, wenn es Ihm gelingt, einem Menschen, der sich in solchen Umständen
befindet, das Bewußtsein Seiner Liebe nahezubringen.
Ich erinnere mich an eine alte Schwester, die fünfunddreißig Jahre lang
nicht die vier Wände ihres kleinen Zimmers verlassen hatte, und als meine Mutter
sie besuchte und etwas über die Liebe Gottes sagte, antwortete sie: „O, die
Liebe Gottes, sie verschlingt mich ganz.“ Sie befand sich am geheimen Ort. Wir
sollen das wertschätzen.
Manchmal singen wir: Der Herzen Zuflucht ist nun Deine Wohnung, des
Himmels unumwölktes Paradeis. Das ist der verborgene Ort. Dann brauchen wir
nicht die Liebe Gottes auf die Probe zu stellen.
Die Schrift sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“;
dies bezog sich auf die Kinder Israels in der Wüste, als alles fehlschlug und
sie kein Wasser zu trinken hatten. Die Dinge sahen sehr düster aus; sie waren in
einer Wüste ohne Wasser, das war eine schreckliche Sache.
Sie sagten aber: „Ist Jehova unter uns oder nicht?“, und Gott vergaß das
niemals; Er erinnerte sie mehrmals daran im Laufe ihrer Geschichte. Denkt daran,
was Er alles für sie getan hatte: das Passahlamm, der Durchzug durch das Rote
Meer, die Feuersäule bei Nacht und die Wolkensäule bei Tag, das Manna jeden Tag,
und doch sagten sie: „Ist Jehova unter uns oder nicht?“
Was uns anbetrifft, so haben wir den Tod Seines Sohnes. „Christus ist für
uns gestorben.“ Nichts in der Geschichte der Welt kann damit verglichen werden.
Die Tatsache, daß der Teufel den Psalm 91 anführte, gebrauchte der Herr dazu, um
die Aufmerksamkeit der Heiligen immerfort auf diesen Psalm zu lenken, der so
schön das persönliche Verhältnis des Herrn Jesu als Mensch mit dem gepriesenen
Gott ans Licht bringt, so daß dies ein Psalm ist, der eine eingehende und
sorgfältige Erwägung verdient.
Es ist ein Gespräch; es sind mehrere Sprecher darin, aber er bringt das
Verhältnis des Christus als Mensch mit Gott ans Licht. Es ist von der höchsten
Wichtigkeit, daß wir verborgenen Umgang in unserem Geiste mit Gott pflegen, auf
daß wir immerfort die erkannte Liebe Gottes schmecken und nicht warten, bis wir
in eine Klemme geraten, um dann Befreiung bei Gott zu suchen und diese dann für
einen Beweis Seiner Fürsorge und Liebe halten; wir leben besser die ganze Zeit
über in der Lieblichkeit und Glückseligkeit der erkannten Liebe Gottes.
Röm. 8 sagt uns, daß uns nichts von der Liebe Gottes und der Liebe Christi
zu scheiden vermag; dies sind Dinge, von deren Kostbarkeit uns nichts zu
scheiden vermag. Warum sollten wir also eine Veränderung der Umstände
herbeiwünschen, um uns dessen noch sicherer zu machen, daß Gott oder Christus
uns liebt? Es gibt nichts Demütigenderes, als daran zu denken, was für
Kleinigkeiten uns außer Fassung bringen können; das zeigt, wie wenig wir
eigentlich in der Liebe Gottes leben.
Wir verbringen unsere Zeit damit, Gott darum zu bitten, unsere Umstände zu
ändern, während wir unsere Zeit lieber dazu gebrauchen sollten, Ihm darum zu
bitten, daß wir verändert werden sollten.
Jesus kehrte in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück; Er hatte die
Prüfung in unverminderter Kraft überstanden. Zu Beginn war Er voll Heiligen
Geistes, und Er war nicht ein bißchen weniger voll Heiligen Geistes, als Er
zurückkehrte, um öffentlich Seinen kostbaren, gnadenreichen Dienst als der
Gesalbte Gottes anzutreten.
Die ganze Gnade des Himmels wartete darauf, sich auf die Menschen zu
ergießen, sie brauchte aber ein passendes Gefäß, worin sie sich offenbaren
konnte. Die vollständige und vollkommene Antwort darauf war in Jesu vorhanden,
in dem nichts war, was mit dem Himmel nicht übereinstimmte.
Der Himmel fand eine vollkommene Antwort hier auf Erden in einem Menschen,
der vor dem Angesicht Gottes der geliebte Sohn war – der Gegenstand des
Wohlgefallens Gottes – und vor dem Teufel war Er unantastbar. Das ist Derjenige,
in dem die Gnade Gottes zu den Menschen gekommen ist – zu uns.
Es gefiel Gott wohl, daß das große Licht nicht in Judäa, sondern in
Galiläa leuchten sollte, denn der Wert eines großen Lichtes wird am besten in
der Finsternis erkannt. Es hieß im prophetischen Worte, daß ein großes Licht
einem Volke leuchten würde, das in der Finsternis und im Todesschatten saß, und
dieses Licht leuchtet immer noch für uns.
Es ist eine Person, die solch einen Charakter und so eine Befähigung
besitzt, daß Sie imstande ist, die ganze Gnade des Himmels dem Menschen zu
bringen.
Nun sehen wir Ihn voll Heiligen Geistes und mit göttlicher Autorität
reden. Er redete in gänzlicher Gnade zu einem Volke, welches arm, gefangen und
blind war. Er brachte die Botschaft der unermeßlichen Gnade denen, die sie nicht
verdient hatten.
Alles, was wir im Herrn in Seinem Wandel hienieden kennenlernen, lebt in
Ihm im Himmel, so daß unsere Herzen zum Himmel, in die Höhe gerichtet werden.
Jeder einzelne in dieser Welt, der die Gnade Gottes kennt, hat sie bei Jesu
kennengelernt. Er ist immer noch der gesalbte Prediger; menschliche Gefäße sind
bloß Mundstücke, Jesus aber ist immer noch der gesalbte Prediger; und der
Epheserbrief sagt uns, daß Er zu den Nationen gekommen ist, um den Fernen
Frieden zu verkündigen. Er sagt dasselbe vom Himmel, was Er auf Erden gesagt
hat.
Was wir zu tun haben, ist, dem Geiste Gottes zu erlauben, unsere Herzen
mit dem Bewußtsein dessen, wer Jesus ist und was Er gebracht hat, zu erfüllen.
Die Tatsache, daß der Herr solch eine wunderbare göttliche Gunst den
Menschen predigte, die sie nicht im geringsten schätzten, zeigt, daß sie ganz
von Gottes Seite kommt, denn es scheint, daß kein einziger sich in Nazareth zum
Herrn bekehrte.
Wir sehen diese Gnade in ihrer ganzen Oberhoheit, Majestät und
Herrlichkeit, und sie leuchtet um so heller, weil sie in der Finsternis
leuchtet. Nichts beeinflußte das Leuchten und die Predigt - die Gleichgültigkeit
änderte die Predigt nicht um ein Tüpfelchen.
Er kam an einen Ort, von dem Er wußte, daß man Ihn nicht schätzen würde:
„Wahrlich, ich sage euch, daß kein Prophet in seiner Vaterstadt angenehm ist.“
Jes. 61 war schon viele Male gelesen worden, aber niemals zuvor wurde es
so wie an jenem Tage gelesen, denn es war mehr als ein Lesen der Schrift - es
war eine Erfüllung der Schrift. Dann rollte der Herr das Buch zu; Er las nicht
ein langes Stück - nur zwei Verse -, aber was für Bände waren in jenen zwei
Versen enthalten!
Dann fügte Er etwas hinzu, was niemand zuvor hätte hinzufügen können:
„Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt.“ Das war nicht von ungefähr;
Er fand die Schriftstelle für jenen Tag; Er las nicht weiter.
Jesus stellt die Gnade des Himmels dar, und wenn wir wirklich bereit sind,
Ihn wertzuschätzen, wird Er jedem von uns zum vornehmsten Gegenstand werden. Er
sagte: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute
Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen
und Blinden das Gesicht, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen das
angenehme Jahr des Herrn.“
Sind wir nun arm und gefangen und blind, so werden wir Ihn schätzen; oder
sind wir von selbstgerechtem Stolz erfüllt? Das ist die Probe, und wenn wir uns
dessen bewußt werden, daß wir blind sind, und daß wir wirklich die gute
Botschaft der Befreiung vom Himmel nötig haben, so ist das nicht länger ein
schönes Bild zum Bewundern; es ist ein persönlicher Befreier, der das Herz
fesselt und entzückt, so daß wir Ihm nachzufolgen willig werden, was es uns auch
kosten mag.
Wenn der Herr gesalbt wurde, um gute Botschaft den Zerschlagenen zu
predigen, so haben sidonische Witwen und syrische Aussätzige dasselbe Anrecht
darauf wie andere.
Bei der Witwe aus Sarepta und bei Naaman war etwas, was zerschlagen werden
mußte, damit jeder von ihnen den Reichtum der völlig unverdienten Gnade und
Barmherzigkeit, die ihnen widerfahren waren, verstehen konnte.
Als der Herr Seine Zuhörerschaft über den wahren Zustand ihrer Herzen
überführte, kam zum Vorschein, daß sie gar nicht arm, blind, zerschlagen und
gefangen waren; sie waren gar nicht in dieser Gesinnung, denn sie führten ihn
bis in den Rand des Berges, um Ihn hinabzustürzen.
Wir nehmen die Gnade nicht sehr bereitwillig auf; es ist sonderbar, wie
wenig das Herz bereit ist, die reine Gnade zu erfassen.
Die Überführung von Sünde ist das Ergebnis des unumschränkten Wirkens
Gottes; es ist ein göttliches Wirken, das wir nicht erklären können und das
keine menschliche Macht zustandebringen kann.
In den Versen 33–41 sehen wir die Gnade in ihrer Anwendung. Der Zustand
des Menschen ist derart, daß er für den Dienst nach Gott und nach dem Menschen
hin gänzlich unfähig ist. Aber die gnadenreiche Macht von Jehovas Horn des Heils
trat darin zutage, daß der unreine Dämon in der Synagoge seines Besitzes beraubt
wurde, damit der Mensch in einem für die Heiligkeit Gottes und für den Dienst
Gottes passenden Zustande sein möchte.
Dann war die Schwiegermutter des Simon infolge des Fiebers für den Dienst
den Menschen gegenüber unfähig, und die Anwendung der Gnade auf sie setzte sie
in völlige Freiheit für den Dienst den Menschen gegenüber: sie stand auf und
diente ihnen.
Diese zwei Begebenheiten sind allgemein charakteristisch für das
Lukasevangelium. Gott hat eine Person eingeführt, welche durch die Anwendung
Seiner Gnade die Menschen von allem zu befreien imstande ist, was sie für den
Dienst nach Gott und den Menschen hin unfähig machte.
Eine große Menge Menschen verlangt nach Befreiung; das Geheimnis davon
liegt in einer Person, und diese Person steht uns völlig zur Verfügung. Die
ganze in Ihm vorhandene Kraft steht uns in unseren moralischen Schwächen und
Nöten ebenso zur Verfügung, wie sie den Menschen leiblich zur Verfügung stand,
die in den Tagen Seines Fleisches mit Ihm in Berührung kamen.
Wir müssen zu den Evangelien zurückgreifen, wenn wir den Charakter der
Person, von welcher die Briefe reden, erkennen wollen. Die Lehre wird in den
Briefen entfaltet, den wesentlichen Inhalt müssen wir aber in den Evangelien
suchen. Das Wesen und die Kraft der Befreiung liegen in der Person Christi.
Kapitel 5
Kapitel 4 endet mit einer Erwähnung des „Evangeliums vom Reiche Gottes“.
Das Reich Gottes ist etwas ganz Neues; wir können im Alten Testament nur
prophetisch davon lesen; an sich war es noch nicht da. Das Neue Testament
beginnt mit dem Ausspruch, daß es nahe gekommen war.
Niemals gab es solch ein freudevolles Reich wie das Reich Gottes; sein
Charakter wird durch den „neuen Wein“ dargestellt - ein Wein, der reichhaltiger
und köstlicher als irgendein auf Erden bekannter Wein ist; es ist in der Tat
„guter Wein“. Von den Männern zu Pfingsten wurde zum Spott gesagt: „Sie sind
voll süßen Weines“, geistlich war das wirklich wahr; so manches wahre Wort wird
zum Spott ausgesprochen.
Der Herr will, daß ein jeder von uns voll neuen Weins sein sollte. Er kam
in diese Welt, um ihn zu sichern, und Luk. 5 zeigt, wie Er Gefäße sichert, die
die kostbare Gnade, die Er vom Himmel herniedergebracht hat, enthalten sollen.
Das Kommen des Herrn in diesem Evangelium soll drei Dinge sichern:
Herrlichkeit Gott in der Höhe, Friede auf Erden und an den Menschen ein
Wohlgefallen. Das ist es, was Gott will, und um dies zu sichern, fing Er damit
an, daß Er einen Menschen einführte, an welchem Er völliges Wohlgefallen
gefunden hatte.
Das Wirken Gottes zielt darauf hin, uns in unseren Zuneigungen voll und
ganz mit diesem Menschen zu verbinden, damit wir zu Gegenständen des
Wohlgefallens Seines Herzens werden - damit Er an uns wie an Christo
Wohlgefallen haben möchte.
In Kap. 4 haben wir ein wunderbares Gefäß, welches fähig ist, die ganze
Gnade des Himmels den Menschen in dieser Welt zu bringen - die ganze Gnade des
Herzens Gottes.
In Kap. 5 wird uns eine Anzahl Gefäße vor Augen gestellt, die dazu tüchtig
gemacht worden sind, neuen Wein zu enthalten - sie wurden alle aus dem einen
wunderbaren Gefäß gefüllt. Das gibt uns einen wunderbaren Begriff des Reiches
Gottes.
Am Anfang dieses Kapitels drängen sie auf Ihn an, um das Wort Gottes zu
hören. Wir sehen aber, daß Predigen und Hören nicht genügen; es muß ein Werk
Gottes in den Seelen der Menschen vorhanden sein, um die Gleichgestaltung der
neuen Gefäße zustande zu bringen. Das ist es, was wir hier veranschaulicht
sehen.
Der Herr predigte, und die Volksmenge hörte, aber außerdem wurde ein Werk
Gottes in der Seele von Simon Petrus gewirkt - ein unumschränktes Wirken,
welches zweifellos bildlich in der Anzahl der in Simons Netz gefangenen Fische
dargestellt wird. Eine Bewegung unter der Oberfläche brachte alle diese Fische
in Simons Netz.
Es war eine Bewegung des unumschränkten Willens Gottes, denn vorher waren
keine Fische da; sie hatten sich die ganze Nacht hindurch bemüht und nichts
gefangen.
Der Gedanke wird angedeutet, daß Gott in den Seelen der Menschen wirken
muß, damit aus der Masse des Menschengeschlechts einiges für Sein Wohlgefallen
herausgenommen wird. Der erste Grundsatz beim Gestalten eines neuen Gefäßes ist
das Überführen von Sünde.
Es war eine neuartige Überführung von Sünde, die kein Sünder, der jemals
in dieser Welt gelebt, vorher erlebt hatte. Kein Mensch wurde jemals zuvor in
der Gegenwart Jesu der Sünde überführt, und das machte den ganzen Unterschied
aus.
Er fiel zu den Knien Jesu nieder, weil außer der Überführung von Sünde
eine mächtige Anziehungskraft da war. Das ist die Anziehungskraft, die die
Menschen festhält; die Überführung von Sünde ist das Netz, in welchem Gott die
Menschen fängt, es heißt aber: „Ihr Netz riß.“ Es konnte das Gefangene nicht
halten.
Ihr „Netz“ stellt das dar, was ihnen bekannt war, nämlich das Gesetz und
die Propheten, Das mochte die Menschen überführen, aber es konnte sie nicht für
Gott festhalten; im Gesetz und in den Propheten war keine Anziehungskraft -
ihnen war keine Kraft eigen, die Menschen für Gott zu halten - in Jesu ist aber
eine Anziehungskraft, die die Menschen für Gott halten kann.
Das ist das Wesen der zum Christentum gehörenden Überführung von Sünde:
die Menschen werden zutiefst von ihrer Sünde überführt, es kommt aber in ihre
Seelen das Bewußtsein der wunderbaren Anziehungskraft, die in Jesu ist; das hält
sie für Gott.
Die alten Geistlichen pflegten über den Unterschied zwischen gesetzlicher
Buße und Buße durch das Evangelium zu reden, und das war ziemlich richtig.
Nehmen wir an, ein Mensch stände unter dem Berge Sinai, mit seinem Donner
und Blitz, und hörte die schrecklichen Worte: „Stirb ohne Barmherzigkeit“ -
dieser Mensch kann in seiner großen Angst von Sünde überführt werden; das ist
aber nicht die Überführung von Sünde, die Gott heute den Menschen gibt.
Ein Mensch könnte sich dessen bewußt werden, daß er über dem Abgrund der
Hölle steht und jeden Augenblick hinabstürzen kann - das ist aber nicht die Art
der Überführung, die Gott heute den Menschen gibt.
Es gibt eine neuartige Überführung von Sünde, die zum Reiche Gottes
gehört, zum neuen System der göttlichen Gnade. Kap. 4 ist Jesus der Prediger und
der Befreier, in Kap. 5 ist Er aber der Bräutigam.
Am Ende von Kap. 5, wo die Pharisäer Ihn fragten, warum Seine Jünger aßen
und tranken, während die Jünger des Johannes fasteten, antwortete Er: Der
Bräutigam ist da, alles ist jetzt neu.
Sogar die Überführung von Sünde trug einen anderen Charakter; es war
anders, als irgend jemand es zuvor erlebt hatte. Simon Petrus fiel nieder, aber
er fiel zu den Knien Jesu nieder. Er war so nahe bei Ihm, wie er nur sein
konnte; die Anziehungskraft war groß in seinem Herzen.
Das ist die Art der Überführung von Sünde, die Gott jetzt den Menschen
gibt; sie fühlen, wie völlig unpassend sie für Jesum und für Gott sind,
gleichzeitig werden sie aber von dem Bewußtsein erfüllt, wie außerordentlich gut
Jesus zu ihnen paßt.
Das Lukasevangelium ist die göttliche Enthüllung der persönlichen
Anziehungskraft Jesu, des himmlischen Bräutigams. „Die Mildtätigkeit des
Menschen macht seinen Liebreiz aus“ (Spr. 19, 22, Engl. Übers. von J. N. Darby).
Es gibt kein schönes Wort in der Schrift, und wir können sagen, daß es das
Lukasevangelium darstellt.
Hier ist ein Mann so überführt worden, daß er sich bewußt ist, daß in ihm
nichts anderes als nur Sünde ist; er ist ein von Sünde erfüllter Mensch, und
doch wird er so von der Lieblichkeit Jesu angezogen, daß er zu Seinen Knien
niederfällt. Das ist der erste Grundsatz bei der Gestaltung der neuen Schläuche.
Es ist die tiefste Überzeugung von unserer Unwürdigkeit und
Sündhaftigkeit, darin liegt aber keine Entmutigung oder Reue, weil wir das in
Anwesenheit der persönlichen Anziehungskraft - der Anziehungskraft des
Bräutigams erfahren.
Buße und Vergebung der Sünden sollen in Seinem Namen gepredigt werden -
das ist das Ende des Lukasevangeliums - wir sollen die Buße und die Vergebung
der Sünden in der ganzen persönlichen Anziehungskraft des Namens Jesu
darstellen.
Es entfacht unsere Liebe zu Gott, wenn wir sehen, daß Er diesen Weg
gewählt hat, daß Er solch eine wunderbare Person eingeführt hat. Ich wundere
mich nicht darüber, daß diese Leute entsetzt und erstaunt waren; in ihren Herzen
blieb nur noch Staunen.
Denkt an die Lieblichkeit Dessen, der Gott als Sein geliebte Sohn
persönlich wohlgefällig war; in diesem Charakter sehen wir Seine Lieblichkeit in
Kap. 3.
Dann in Kap. 4 sehen wir die Lieblichkeit Dessen, der für den Teufel
unantastbar war, und die Lieblichkeit des gesalbten Predigers, der völlig die
Gnade Gottes den Menschen gegenüber darstellen konnte, und dann die Lieblichkeit
des Befreiers, der uns von jeder Macht des Bösen und von jedem Gebrechen
befreien kann.
In Kap. 5 sehen wir nun die Lieblichkeit Seiner Anziehungskraft einem
Manne gegenüber, der der Sünde überführt war. Dann sagt der Herr zu ihm:
„Fürchte dich nicht; von nun an wirst du Menschen fangen“ - Er nimmt Simon als
Teilhaber auf, denn ein solcher ist für den Menschenfang tüchtig, weil er etwas
sehr Anziehendes darstellen kann - er kann über die Lieblichkeit Jesu reden.
Wenn wir diese Lieblichkeit besser kennten, würden wir sie anderen mehr
vorstellen.
Dieses Kapitel stellt sorgfältig und der Reihe nach die verschiedenen
Grundsätze für uns zusammen, die zur Gestaltung der neuen Schläuche gehören.
Der erste Grundsatz ist die Überführung von Sünde in der Gegenwart Jesu.
Das ist aber nicht alles, was nötig ist; es erweckt vielmehr in der Seele die
Notwendigkeit einer göttlichen Reinigung, und zwar einer solchen, die nicht nur
unser Gewissen zufriedenstellt, sondern uns auch für Gott passend macht.
Wir haben also weiter eine neuartige Reinigung. Es hatte nie zuvor einen
Menschen gegeben, zu welchem ein Aussätziger kommen und sagen konnte: „Du kannst
mich reinigen“; dieser Aussätzige kommt aber und sagt zu Jesu: „Herr, wenn du
willst, kannst du mich reinigen.“
Welch eine Erkenntnis der neuen Ordnung der Dinge besaß er also - es gab
einen Menschen auf Erden, der Aussätzige so reinigen konnte, daß sie in einem
passenden Zustande waren, Gott zu nahen.
Dieser Aussätzige sagte: „Herr, wenn du willst.“ Was war das für eine
schöne Gesinnung! Er hatte das gelernt, was die Menschen in der Synagoge zu
Nazareth verwarfen: sie verwarfen den unumschränkten Willen Gottes; dieser Mann
hatte aber gelernt, sich ihm auf dem Wege der Segnung zu beugen.
Wenn wir uns dem unumschränkten Willen Gottes unterwerfen, werden wir
finden, daß er uns zehntausendmal günstiger ist, als wir es jemals dachten.
Es ist das unumschränkte Wohlgefallen Gottes, eine Reinigung zustande zu
bringen, die Ihm völlig angemessen ist. Das ist es, was Gott vor Sich hat; Er
wollte uns nicht nur so reinigen, daß wir unbescholten in den Himmel gelangen
und bei der Tür irgendein einsames Plätzchen bekommen könnten, sondern uns dazu
passend machen, Ihm dargestellt zu werden, wie irgendein heiliger Engel es
jemals war, und sogar noch mehr, denn diese Reinigung konnte nur durch den Tod
Jesu vollbracht werden.
Könnte es jemals etwas Wunderbareres geben? Jesus brachte durch Seinen
eigenen Tod die Reinigung für uns zustande. Es war in Seinem Tode, daß Jesus
wirklich und wirksam den Aussätzigen berührte. Es war das Wohlgefallen Gottes,
uns so wirksam zu reinigen, daß auch das schärfste priesterliche Sehvermögen -
nicht einmal Sein eigenes heiliges Auge - eine einzige Spur des Aussatzes
entdecken konnte; jede Befleckung wurde völlig hinweggetan.
Um das zu vollbringen, ging der Herr ans Kreuz. Die Anziehungskraft Seiner
Lieblichkeit allein konnte den Fall nicht erledigen. Er hat Sich am Kreuze mit
unserem sündigen Zustande einsgemacht; Er hat uns berührt; Er ist für uns zur
Sünde gemacht worden.
So wertvoll ist der Tod Christi, daß für uns, die wir an Ihn glauben,
unter den Augen Gottes keine Spur der Verunreinigung zurückgeblieben ist. „Ich
will: sei gereinigt“, ist das Wort vom Kreuz. Dieses Wort erschallt von Golgatha
durch alle Zeitalter hindurch.
„Ich will: sei gereinigt“, ist eine völlig neuartige Reinigung; es ist
nicht bloß eine formelle Reinigung, die ein Israelit durch Befolgung der
feierlichen Bräuche und Satzungen des Gesetzes haben konnte. Es ist eine
neuartige Reinigung, die uns fleckenlos angesichts der Heiligkeit Gottes macht,
und alles ist durch den Tod Jesu gesichert worden.
Dann sagte der Herr zu ihm: „Gehe hin und zeige dich dem Priester und
opfere für deine Reinigung, wie Moses geboten hat.“ Stellt euch nun diesen Mann
vor, wie er 3. Mose 14 gemäß seine zwei Vögel nimmt und Zedernholz und Karmesin
und Ysop und seine Lämmer und sein Feinmehl und Öl und zum Priester geht! Alles,
was er opferte, redet zu uns von der Person, die ihn gereinigt hat.
Welch eine Belehrung liegt in den Dingen, die er darbrachte! Die zwei
Vögel, von denen der eine geschlachtet und der andere in das Blut des toten
Vogels getaucht und dann ins Freie losgelassen wurde, reden von Christo, der in
den Tod ging und in der Auferstehung wieder daraus hervorkam.
Dann verkündeten Zedernholz, Karmesin und Ysop die Größe und Herrlichkeit
Christi als Mensch. Zedernholz spricht von Seiner auserlesenen Gestalt, Karmesin
von der Herrlichkeit des Menschen, die in Christo gesehen wurde, und Ysop ist
eine Andeutung der Demut Dessen, der in die tiefsten Tiefen herniederstieg, um
mit sündigen Menschen zusammenzutreffen.
Den Vorbildern nach hatte der Aussätzige das alles vor sich; es sollte
unsere Seele mit anbetenden Gedanken über Christum erfüllen. Wir können diese
Dinge anschauen und sagen: Das ist alles für mich; es ist in dem Werte dieser
heiligen Person, die in den Tod ging, daß ich gereinigt bin, meine Seele steht
in anbetender Freiheit in der Gegenwart der Vollkommenheit Christi, der in den
Tod ging, um meine Reinigung der gött
ichen Heiligkeit gemäß zu sichern und um mich in der Kraft der Salbung des
Heiligen Geistes aufzurichten.
Es handelt sich nicht darum, was ich zur Erleichterung meines Gewissens
brauche, sondern um den wunderbaren Charakter der Reinigung, die dadurch
zustande gekommen ist, daß der Sohn Gottes Mensch wurde und in Sich Selbst jeden
Wesenszug der menschlichen Vortrefflichkeit und Vollkommenheit darstellte, und
das alles im Tode dahingab, damit ich im Werte dieser Vortrefflichkeit gereinigt
bin.
Es ist nicht nur eine Beseitigung, sondern ein Hineinbringen der
gesegneten Vollkommenheit Christi, so daß wir frei sind, Christum vor Gott
darzubringen.
Der gereinigte Aussätzige zog von dannen mit dem Blut auf seinem
Ohrläppchen, dem Daumen und der großen Zehe. Bedenkt, daß er so in die Welt
hinausging, und zwar in dem Bewußtsein, daß sein ganzes Hören und Tun und sein
ganzer Wandel durch die Erkenntnis des wunderbaren Charakters seiner Reinigung
bestimmt werden sollten!
Er war durch eine Person gereinigt, die aus dem Himmel kam und jede
menschliche Vollkommenheit, die Gott gebührt, besaß, die aber als ein Opfer für
die Sünde in den Tod ging, um für den sündigen Menschen eine Reinigung zu
sichern, die ihn vor Gott ebenso fleckenlos, wie Er ist, hinstellte.
Der gereinigte Aussätzige hatte das Blut auf seinem Ohr, seinem Daumen und
seiner großen Zehe, und er hatte das Öl auf dem Blute, und dann wurde der ganze
Rest des Öles auf sein Haupt gegossen.
Der gereinigte Aussätzige besaß eine Würde in Israel, die sonst niemandem
als nur dem gesalbten Priester und König Gottes eigen war. Er ging als ein
gesalbter Mensch von dannen. Diese neuartige Reinigung überragt bei weitem jede
Reinigung, die die Menschen im Alten Testament gehabt haben mochten; es ist eine
Reinigung, die nur an der Person gemessen werden kann, die sie bewirkt.
Solcherart ist der Wert des Todes Christi, daß, wenn die volle
Ausstrahlung des Lichtes Gottes auf den Gläubigen scheint, kein einziger Flecken
der Sünde entdeckt werden kann; er ist gereinigt.
Bei Vers 16 ist eine vielsagende Pause: „Er aber zog sich zurück und war
in den Wüsteneien und betete.“ Das scheint auf die Vollendung dessen
hinzudeuten, was Er mit der Bloßstellung der Sünde und ihrer Reinigung zu tun
hatte.
Die Bloßstellung des sündigen Zustandes des Menschen und seine Reinigung
waren nicht alles, was die göttliche Gnade vor sich hatte, und ich möchte den
Gedanken aussprechen, daß der Herr Sich zurückzog, um in bezug auf die weiteren
Gedanken Gottes für die Menschen zu beten. Es ist äußerst interessant, daran zu
denken, daß der gepriesene Sohn Gottes auf alle Gedanken der Gnade einging und
darum betete, sie möchten bei den Menschen völlig Eingang finden.
Wenn es für den neuen Wein neue Schläuche geben muß, so muß nicht nur eine
neuartige Überführung von Sünde und eine neue Reinigung vorhanden sein, sondern
auch eine neue Kraft. Die Menschen sind durch Schwäche gekennzeichnet, aber
einer der großen Gedanken Gottes für die Menschen ist, daß sie durch Kraft
anstatt durch völlige Unfähigkeit zum Guten gekennzeichnet sein sollten, damit
sie fähig sein möchten, zur Herrlichkeit Gottes hienieden zu wandeln.
In diesem Abschnitt sehen wir einen Gelähmten. Es ist nicht nur wahr, daß
wir sündig sind und Reinigung brauchen, sondern wir sind auch völlig unfähig und
kraftlos. Das ist noch eine Gelegenheit zur Enthüllung der göttlichen Gnade; ich
glaube nicht, daß es zu viel ist, wenn wir sagen, daß die Kraft, die zum Heilen
gegenwärtig war und in der der Gelähmte aufstand und wandelte, die Antwort auf
das Gebet des Herrn Jesu war.
Es ist keiner von uns hier, der nicht empfunden hätte, wie notwendig wir
Kraft brauchen; wir sollten aber damit auf der göttlichen Seite anfangen. Schon
lange bevor ich die Notwendigkeit der Kraft verspürte, fühlte Jesus es für mich,
und lange bevor ich um Kraft betete, betete Er um Kraft für mich.
Sein Beten brachte die Kraft Gottes in das Haus und in den Gelähmten.
Kraft ist immer eine Antwort auf Gebet, laßt uns aber die allvermögende
Wirksamkeit der Gebete Jesu nicht vergessen.
Welcher Not ich mir auch bewußt werden mag, ich darf sicher sein, daß es
keine einzige Not gibt, die der Herr Jesus nicht empfunden und für die Er Sich
nicht fürbittend für mich verwendet hätte. Wie zieht das unsere Herzen zu Ihm
hin!
Hier kommen wir dem Bilde nach zu der Gabe des Geistes; die Kraft liegt in
der Gabe des Geistes. Es ist der Gedanke der göttlichen Gnade für uns, daß wir
zum Guten fähig sein sollten. Der Natur nach sind wir durch völlige Schwachheit
in bezug auf das Gute gekennzeichnet; der Gedanke der göttlichen Gnade ist es
aber, uns durch die Gabe des Geistes in Kraft aufzurichten.
Wir bekommen aber die Gabe des Geistes als Gebetserhörung: „Wenn nun ihr,
die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, wieviel mehr wird
der Vater, der vom Himmel ist, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“
Und der Herr sagte zur Samariterin: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest, und wer
es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so würdest du ihn gebeten haben,
und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“
Während wir das vor uns halten, so laßt uns aber nicht vergessen, daß der
Geist als Antwort auf das Gebet des Herrn Jesu, des gepriesenen Sohnes Gottes,
gegeben wird. Er sagte: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen
anderen Sachwalter geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit.“ Die Gabe des Geistes
ist die Antwort auf das Gebet Jesu, ebenso wie die Kraft, die diesem Gelähmten
zuteil wurde, die Antwort auf das Gebet Jesu war.
Das ist die Person, die wir durch die unendliche Gnade Gottes kennen -
eine lebendige Person, die nun im Himmel ist, und die gebetet hat, daß wir den
Heiligen Geist als Kraft haben möchten.
Kraft bei einem Geschöpf muß abhängige Kraft sein; Gott würde dem Geschöpf
niemals die Kraft verleihen, von Ihm unabhängig zu sein. Der Geist als Kraft ist
eine abhängige Kraft, und man sieht, daß sogar die Gabe des Geistes eine Antwort
auf das Gebet ist, das ein Ausdruck der Abhängigkeit ist.
Der Gelähmte war gänzlich abhängig, er wurde von anderen getragen; er
wurde durch Menschen gebracht, die an das, was zur Verfügung stand, glaubten.
Der ganze Fall, dessen Sich Jesus und diese Menschen annahmen, war durch
Abhängigkeit gekennzeichnet.
Es gab das Gebet Jesu und den Glauben dieser Menschen, und das Ergebnis
war, daß dieser Mann gekräftigt wurde, und durch Kraft, die aus Gott war,
gekennzeichnet war.
Es gibt keinen Gedanken der Gnade Gottes über mich, den der Herr Jesus
nicht fürbittend vor Gott aufgenommen hätte, und es geschieht auf diesem Grunde,
daß wir Segen erlangen. Das bringt etwas sehr Anziehendes zum Vorschein; dadurch
wird nämlich der Herr Jesus sehr anziehend; wir beginnen etwas von Seinem
Charakter als Bräutigam zu sehen.
Dieses Kapitel führt uns stufenweise zur Erkenntnis Christi als Bräutigam,
der alles für Gott in Kraft und Liebe aufrecht erhält und auch persönlich sehr
anziehend ist, weil Er auf alle, die Ihn kennenlernen, anziehend wirkt. Er ist
der große anziehende Mittelpunkt des Weltalls Gottes, und alles dieses führt
dahin, daß eine Schar gesichert wird - die „Gefährten des Bräutigams“ (Söhne des
Brautgemachs); sie finden Lieblichkeit und Befriedigung in dem Bräutigam.
Sie handelten nicht nach den herkömmlichen Bräuchen in der Art, wie sie
ihr Anliegen ausführten, sondern sie brachten den Mann zu Jesu heran, und damit
war die ganze Sache erledigt. Das ist es, was wir nötig haben; viele von uns
mögen unsere Bibel lesen und beten, gelangen wir aber zu Jesu hin?
Diese Männer schafften jenen Mann zu Jesu, obwohl ich sicherlich sagen
darf, daß sie die Schriftgelehrten und Pharisäer durch die Art und Weise, wie
sie es taten, erschütterten. Es gibt immer einen Weg zu Jesu von oben her.
Die dabeisitzenden Schriftgelehrten und Pharisäer stellten die
Untauglichkeit des alten gesetzmäßigen Systems dar. Sie konnten nur dabei
sitzen, wie der Priester und der Levit in Kap. 10 vorbeigingen.
Die Kraft kommt durch Jesum zustande, aber nach dem Grundsatz des Glaubens
und der Abhängigkeit. Die Kraft des Geistes wird verliehen, auf daß der Wandel
der Heiligen ein lebendiges Zeugnis für die Haltung des Herzens Gottes den
Menschen gegenüber sein möchte. Es geht nicht bloß darum, daß wir Kraft haben,
um durchzukommen, sondern darum, daß in dieser Welt ein Zeugnis von der
Vergebung, die im Herzen Gottes für die Menschen ist, vorhanden sei.
Die Not wurde von Jesu völlig empfunden, keiner von uns hat genügend die
Not empfunden, nur Er allein. Derjenige, der unser Herr, unser Haupt, unser
Bräutigam ist, empfand die Not, und darum sagte Er: „Deine Sünden sind dir
vergeben.“ Es soll gewissermaßen heißen: Das ist die Hauptsache im gegenwärtigen
Zeugnis Gottes.
„Deine Sünden sind dir vergeben“, bedeutet, daß Gott im Vergeben
hervortritt. Das Aufstehen und Gehen dieses Mannes sollte ein Zeugnis für die
Tatsache sein, daß auf dieser Erde ein Mensch war, der die Haltung des Herzens
Gottes in ihrer ganzen Segensfülle kundtat. Das Herz Gottes wurde vor dem
Menschen, dem schuldigen Sünder, enthüllt.
Was tat Gott? Er war dabei, die Welt in Christo zu versöhnen. Im Herzen
Gottes ist Vergebung; trotz allem, was ich getan habe, weigert sich Sein Herz,
etwas gegen mich festzuhalten. Der Herr scheint zu sagen, diese Frage kommt
zuerst; du mußt die Haltung des Herzens Gottes dir gegenüber erkennen.
Es ist ein wunderbarer Augenblick, wenn wir die Haltung des Herzens Gottes
uns gegenüber erkennen. Wenn wir sie erkennen, werden wir verstehen, daß Er uns
nicht ohne die Kraft, zu Seiner Herrlichkeit zu wandeln, lassen wird. Wenn Er
uns mit solch einer Zärtlichkeit betrachtet, wenn das Seine Gesinnung und
Haltung ist, wird Er uns nicht ohne Kraft lassen; Er sagt aber, die Kraft, die
Ich euch gebe, soll ein Zeugnis von der Haltung Meines Herzens sein.
Wir denken nicht hoch genug über die Vergebung der Sünden. Viele denken,
das sei eine anfängliche Frage; doch finden wir sie nicht im Römerbrief, außer
in einer aus den Psalmen angeführten Schriftstelle (Röm. 4, 7). Wir finden sie
aber im Kolosserbrief und im Epheserbrief. Im Römerbrief wird betont, daß Gott
beim Rechtfertigen gerecht ist, aber Vergebung ist die zärtliche Haltung
(Einstellung) des Herzens Gottes.
Im Römerbrief finden wir nicht solch einen Vers wie: „Seid aber
gegeneinander gütig, mitleidig, einander vergebend, gleichwie auch Gott in
Christo euch vergeben hat“ (Eph. 4, 32). Ich finde die Vergebung wirklich im
Herzen des glückseligen Gottes. Vergebung ist die Haltung des Herzens des
beleidigten Gottes, es ist das, was Er fühlt.
Gott rühmt Sich der Vergebung; sie war in Seinem Herzen, ehe sie in
Christo Gestalt gewann. Es geht dabei nicht so sehr darum, der Not des Menschen
entgegenzukommen, sondern darum, daß das große Herz Gottes einen Ausfluß haben
muß.
Unsere Sünden, unsere Schwachheiten und alles, was uns eigen ist, sind vom
Standpunkte des Lukasevangeliums von Gott geschätzte und für Ihn kostbare
Gelegenheiten, weil sie Ihm die Gelegenheit bieten, Sich uns in der wunderbaren
Fülle Seiner Gnade zu offenbaren.
Nicht nur hat das sündige Geschöpf Gott nötig, sondern Gott hat auch mich
nötig; Er hat mich in meiner Sündhaftigkeit, in meiner Schwachheit, in meiner
ganzen moralischen Unzulänglichkeit als gefallenes Geschöpf nötig, um an mir den
unausforschlichen Reichtum Seiner gepriesenen Gnade zum Ausdruck zu bringen.
Kapitel 6
Es ist bemerkenswert, wie der Herr einen passenden Ruheplatz in dieser
Welt für Sich Selbst suchte. Er war der Mensch, der völlig unter der Herrschaft
des Geistes stand, und der Sabbat war ein Vorbild der Ruhe, in die Er als Mensch
eingehen wollte. Als der Sohn des Menschen war Er Herr auch über den Sabbat.
In diesem Kapitel wird uns gezeigt, daß es eine Schar von Menschen gibt,
die die unumschränkte Gnade Gottes genießen und dabei so glücklich sind, daß sie
sich nicht einmal an einem Sabbat zurückhalten können. Sie pflückten Ähren und
rieben sie mit den Händen, um sie zu essen. Das war ihre Nahrung und ihre
Freude, und das war wichtiger als die Sabbatruhe.
Es war eine Freude für den Herrn, daß es Leute gab, die solche Freude an
dem fanden, was Er war und was Er brachte. Es war etwas sehr Schönes, daß sie so
völlig von Ihm eingenommen waren, daß sie den Gedanken an Sabbatruhe
dahinterstellten. Der Sabbat war in gewisser Weise das Höchste im Judentum, aber
die Freude, die sie an Jesu hatten, war noch größer.
Es gab also eine Schar, die so glücklich mit Jesu war, daß die Sabbatruhe
nicht mehr den ersten Platz einnahm. Der Herr war darüber so glücklich, daß Er
von Sich Selbst als dem Herrn des Sabbats sprach. Er war der Mensch, der die
wahre Ruhe Gottes kannte und genoß, und Er wollte, daß andere daran teilhatten.
Es gibt noch einen weiteren wichtigen Gedanken. David war in der
Stiftshütte und aß die Schaubrote, die allein den Priestern zu essen erlaubt
waren. Das war etwas ganz Besonderes: die Priester aßen die Schaubrote in der
Stiftshütte, und das war ein Vorbild davon, wie der Herr Seine Heiligen mit Sich
Selbst nährt. Es gibt eine Nahrung, die nur für die Priester bestimmt ist, und
David und seine Männer aßen davon.
Wenn wir Jesu lieben, werden wir eine Nahrung haben, die die Welt nicht
kennt. Es ist ein großes Vorrecht, mit Ihm in einer innerlichen und verborgenen
Weise verbunden zu sein und eine Nahrung zu haben, die nur für diejenigen
bestimmt ist, die Ihn lieben. Das zeigt uns, daß die Zuneigungen der Heiligen
für den Herrn sehr kostbar sind.
Der Herr sagt: „Der Sohn des Menschen ist Herr auch des Sabbats.“ Es ist
Seine Freude, für Sich und für Seine Heiligen eine wahre Ruhe zu sichern, eine
Ruhe, die auf Ihm und Seinem Werke beruht. Die Sabbatruhe war nur ein Schatten;
die wahre Ruhe ist in Ihm. Er ist der Herr der wahren Ruhe.
In diesem Kapitel sehen wir auch, wie der Herr die Menschen in Seine
eigene Ruhe einzuführen suchte. Er heilte einen Mann mit einer verdorrten Hand
am Sabbat. Es war Seine Freude, zu zeigen, daß Seine Gnade und Seine Kraft über
alle gesetzlichen Beschränkungen erhaben sind. Er heilte den Mann, und der Mann
wurde wiederhergestellt.
Die Pharisäer waren voller Wut und besprachen, was sie Jesu antun könnten.
Aber Er wußte, was in ihren Herzen war. Er kannte ihre Gedanken. Das ist ein
großer Trost für uns: Er kennt alle Gedanken und Pläne der Feinde, und nichts
kann Ihn überraschen.
Der Herr zog Sich zurück, um zu beten. Er suchte die Gemeinschaft mit
Seinem Vater, um Kraft und Weisheit für Seinen Dienst zu empfangen. Das ist ein
Beispiel für uns: wir sollen alles im Gebet vor Ihn bringen.
Dann wählte Er die zwölf Apostel aus. Er rief sie zu Sich, und sie
verließen alles und folgten Ihm nach. Es war Seine souveräne Wahl. Er wußte, wen
Er erwählt hatte, und Er bereitete sie für den Dienst vor.
Eine große Menge Volk kam, um Ihn zu hören und von ihren Krankheiten
geheilt zu werden. Alle suchten, Ihn anzurühren, denn Kraft ging von Ihm aus und
heilte alle. Welch ein Bild der Gnade! Er war da, um allen zu helfen, die zu Ihm
kamen.
Dann sprach Er die Seligpreisungen aus. Er sagte: „Glückselig ihr Armen,
denn euer ist das Reich Gottes. Glückselig, die ihr jetzt hungert, denn ihr
werdet gesättigt werden. Glückselig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet
lachen.“ Er zeigte, daß wahre Glückseligkeit nicht in äußerem Besitz oder
Wohlstand liegt, sondern in der Beziehung zu Ihm und in der Hoffnung auf das
Reich Gottes.
Er sprach auch Wehe über die Reichen, die Satten, die Lachenden und die,
von denen alle Menschen gut reden. Das sind die, die ihr Vertrauen auf irdische
Dinge setzen und nicht nach geistlichen Segnungen verlangen.
Dann lehrte Er über die Liebe zu den Feinden. „Liebet eure Feinde, tut
Gutes denen, die euch hassen, segnet, die euch fluchen, betet für die, die euch
beleidigen.“ Das ist das Wesen der göttlichen Liebe, die über alles Natürliche
hinausgeht.
Er sprach auch über das Richten: „Richtet nicht, und ihr werdet nicht
gerichtet werden. Verdammet nicht, und ihr werdet nicht verdammt werden. Gebet,
und es wird euch gegeben werden.“ Das sind wichtige Grundsätze für das Leben der
Gläubigen.
Er gab das Gleichnis vom Blinden, der einen Blinden führt. Wenn ein
Blinder einen Blinden führt, fallen beide in die Grube. Wir müssen sehen können,
um andere führen zu können, und das wahre Licht kommt von Ihm.
Er sprach auch vom Balken im eigenen Auge und vom Splitter im Auge des
Bruders. Wir sollen zuerst den Balken aus unserem eigenen Auge ziehen, dann
können wir klar sehen, um den Splitter aus dem Auge unseres Bruders zu ziehen.
Dann das Gleichnis vom Baum und seiner Frucht: Ein guter Baum bringt gute
Frucht, ein schlechter Baum bringt schlechte Frucht. An den Früchten erkennt man
den Baum. So ist es auch mit den Menschen: aus dem Herzen kommen die bösen
Gedanken heraus.
Er schloß mit dem Gleichnis vom Hausbau: Wer auf den Felsen baut, dessen
Haus hält dem Sturm stand; wer auf die Erde baut, dessen Haus fällt in sich
zusammen. Der Fels ist Christus und Seine Worte. Wer sie hört und tut, baut auf
den Felsen.
Alles in diesem Kapitel zeigt die Überlegenheit der Gnade und die
Herrlichkeit dessen, der voll Heiligen Geistes war und die Menschen in die wahre
Ruhe und Segnung einzuführen suchte.
Kapitel 7
Dieses Kapitel zeigt uns die Gnade in ihrer vollen Entfaltung. Ein
Hauptmann sandt Älteste der Juden zu Jesus, um Ihn zu bitten, seinen Knecht zu
heilen, der todkrank lag. Der Hauptmann hielt sich selbst nicht für würdig, zu
Jesus zu kommen, sondern sandte Freunde mit der Botschaft: „Sprich ein Wort, so
wird mein Knecht gesund.“ Er erkannte die Autorität Jesu: „Denn auch ich bin ein
Mensch, der unter Obrigkeit gestellt ist, und habe Kriegsknechte unter mir; und
ich sage zu diesem: Gehe hin! und er geht; und zu einem anderen: Komm! und er
kommt; und zu meinem Knecht: Tue das! und er tut’s.“
Jesus verwunderte sich über ihn und sprach: „Ich sage euch, selbst nicht
in Israel habe ich so großen Glauben gefunden.“ Und die Gesandten kehrten in das
Haus zurück und fanden den Knecht gesund. Welch ein Bild des Glaubens, der die
Autorität Jesu anerkennt und sich auf Sein Wort allein stützt!
Dann ging Jesus in eine Stadt namens Nain, und Seine Jünger und eine große
Menge gingen mit Ihm. Als Er sich dem Tor der Stadt näherte, siehe, da wurde ein
Toter herausgetragen, der einzige Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe.
Und als der Herr sie sah, jammerte sie Ihn, und Er sprach zu ihr: „Weine nicht!“
Und Er trat hinzu und rührte den Sarg an, und die Träger standen still. Und Er
sprach: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ Und der Tote setzte sich auf und
fing an zu reden. Und Jesus gab ihn seiner Mutter.
Da kam Furcht über alle, und sie verherrlichten Gott und sprachen: „Ein
großer Prophet ist unter uns aufgestanden“, und: „Gott hat sein Volk besucht.“
Die Gnade Jesu war mächtig, selbst den Tod zu überwinden.
Und die Jünger des Johannes berichteten ihm von allen diesen Dingen. Und
Johannes rief zwei seiner Jünger zu sich und sandte sie zu Jesus und ließ Ihn
fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“
Als die Männer zu Ihm kamen, sprachen sie: „Johannes der Täufer hat uns zu dir
gesandt und läßt dir sagen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf
einen anderen warten?“
Zu derselben Zeit heilte Jesus viele von Krankheiten und Plagen und bösen
Geistern, und vielen Blinden schenkte Er das Augenlicht. Und Er antwortete und
sprach zu ihnen: „Gehet hin und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört
habt: Blinde werden sehend, Lahme wandeln, Aussätzige werden rein, Taube hören,
Tote werden auferweckt, Armen wird gute Botschaft verkündigt. Und glückselig
ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Als aber die Boten des Johannes weggegangen waren, fing Er an, zu der
Volksmenge über Johannes zu reden: „Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu
sehen? Ein Rohr, vom Wind bewegt? Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen?
Einen Menschen, mit weichen Kleidern angetan? Siehe, die in herrlicher Kleidung
und Üppigkeit leben, sind in den Königs Höfen. Aber was seid ihr hinausgegangen
zu sehen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch, sogar mehr als einen Propheten.
Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: ‚Siehe, ich sende meinen Boten vor
deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird.‘ Ich sage euch,
unter den von Frauen Geborenen ist kein größerer Prophet als Johannes der
Täufer; der Kleinste aber im Reich Gottes ist größer als er.“
Und alles Volk, das Ihn hörte, und die Zöllner rechtfertigten Gott, indem
sie sich mit der Taufe des Johannes taufen ließen. Die Pharisäer aber und die
Gesetzesgelehrten verwarfen den Rat Gottes für sich selbst, indem sie sich nicht
von ihm taufen ließen.
„Wem soll ich nun die Menschen dieses Geschlechts vergleichen, und wem
sind sie gleich? Sie sind Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und einander
zurufen und sprechen: Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt;
wir haben euch Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint. Denn Johannes
der Täufer ist gekommen, der aß kein Brot und trank keinen Wein, und ihr sagt:
Er hat einen Dämon. Der Sohn des Menschen ist gekommen, der ißt und trinkt, und
ihr sagt: Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und
Sündern. Und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von allen ihren Kindern.“
Dann sehen wir eine bewegende Szene: Einer der Pharisäer lud Jesus ein,
mit ihm zu essen. Und Er ging in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu
Tisch. Und siehe, eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war, als sie erfuhr,
daß Er im Haus des Pharisäers zu Tisch liege, brachte eine Alabasterflasche mit
Salböl und trat von hinten zu Seinen Füßen, weinte und fing an, Seine Füße mit
Tränen zu netzen und mit den Haaren ihres Hauptes abzutrocknen, und küßte Seine
Füße und salbte sie mit dem Salböl.
Als aber der Pharisäer, der Ihn eingeladen hatte, es sah, sprach er bei
sich selbst: „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was
für eine Frau das ist, die Ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.“ Und Jesus
antwortete und sprach zu ihm: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen.“ Er aber
spricht: „Lehrer, sage an.“
„Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine war fünfhundert Denare
schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nichts zu bezahlen hatten, schenkte
er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?“ Simon antwortete und
sprach: „Ich nehme an, der, dem er mehr geschenkt hat.“ Er aber sprach zu ihm:
„Du hast richtig geurteilt.“
Und Er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: „Siehst du diese Frau?
Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben;
sie aber hat meine Füße mit Tränen genetzt und mit ihren Haaren abgetrocknet. Du
hast mir keinen Kuß gegeben; sie aber, seit sie hereinkam, hat nicht aufgehört,
meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat
meine Füße mit Salböl gesalbt. Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind
vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt
wenig.“ Und Er sprach zu ihr: „Deine Sünden sind vergeben.“
Und die mit zu Tisch lagen, fingen an, bei sich selbst zu sagen: „Wer ist
dieser, der sogar Sünden vergibt?“ Er aber sprach zu der Frau: „Dein Glaube hat
dich gerettet; gehe hin in Frieden.“
Welch ein wunderbares Bild der Gnade! Die Liebe der Frau war die Antwort
auf die erfahrene Vergebung. Sie liebte viel, weil ihr viel vergeben worden war.
Ihre Zuneigungen flossen über, und sie brachte das Kostbarste, was sie hatte, um
Jesu zu ehren.
In all diesen Begebenheiten sehen wir die Herrlichkeit der Gnade, die sich
in Jesus offenbart. Er ist derjenige, der heilt, der Tote auferweckt, der Sünden
vergibt und der die Herzen der Menschen mit Liebe und Dankbarkeit erfüllt.
Kapitel 8
Und es geschah danach, daß Er nacheinander durch jede Stadt und jedes Dorf
zog, indem Er predigte und das Evangelium vom Reich Gottes verkündigte; und die
Zwölf waren mit Ihm, und etliche Frauen, die von bösen Geistern und Krankheiten
geheilt worden waren: Maria, genannt Magdalene, von der sieben Dämonen
ausgefahren waren, und Johanna, das Weib Chusas, eines Verwalters des Herodes,
und Susanna und viele andere, die Ihn mit ihrer Habe dienten.
Als sich aber eine große Volksmenge versammelte und sie aus jeder Stadt zu
Ihm hinkamen, sprach Er durch ein Gleichnis: „Der Sämann ging aus, seinen Samen
zu säen. Und indem er säte, fiel etliches an den Weg, und es wurde zertreten,
und die Vögel des Himmels fraßen es auf. Und anderes fiel auf den Felsen, und
als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel
mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten es. Und
anderes fiel in die gute Erde und ging auf und brachte hundertfältige Frucht.“
Als Er dies sagte, rief Er: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Seine Jünger aber fragten Ihn, was dieses Gleichnis bedeute. Er aber
sprach: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu wissen, den
übrigen aber in Gleichnissen, auf daß sie sehend nicht sehen und hörend nicht
verstehen. Dies aber ist das Gleichnis: Der Samen ist das Wort Gottes. Die aber
an dem Weg, das sind die, welche hören; dann kommt der Teufel und nimmt das Wort
von ihrem Herzen weg, auf daß sie nicht glauben und gerettet werden. Die aber
auf dem Felsen, das sind die, welche, wenn sie hören, das Wort mit Freuden
aufnehmen; und diese haben keine Wurzel, die für eine Zeit glauben und in der
Zeit der Versuchung abfallen. Das aber unter die Dornen fiel, das sind die,
welche gehört haben und hingehen und von Sorgen und Reichtum und Vergnügungen
des Lebens erstickt werden und keine Frucht zur Reife bringen. Das in der guten
Erde aber, das sind die, welche in einem feinen und guten Herzen das Wort hören
und behalten und Frucht bringen in Ausharren.“
„Niemand aber, der eine Lampe anzündet, bedeckt sie mit einem Gefäß oder
stellt sie unter ein Bett, sondern er stellt sie auf ein Lampengestell, auf daß
die Hereinkommenden das Licht sehen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht
offenbar werden wird, noch geheim, was nicht bekannt werden und ans Licht kommen
wird. So sehet nun zu, wie ihr hört; denn wer da hat, dem wird gegeben werden,
und wer nicht hat, von dem wird auch das genommen werden, was er zu haben
meint.“
Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu Ihm; und sie konnten wegen
der Volksmenge nicht zu Ihn gelangen. Und es wurde Ihm berichtet: Deine Mutter
und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber antwortete und
sprach zu ihnen: „Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die das Wort Gottes
hören und tun.“
Und es geschah an einem der Tage, daß Er in ein Schiff stieg, Er und seine
Jünger; und Er sprach zu ihnen: „Laßt uns ans andere Ufer des Sees fahren.“ Und
sie fuhren ab. Während sie aber fuhren, schlief Er ein. Und ein Sturmwind fiel
auf den See, und das Schiff füllte sich, und sie waren in Gefahr. Sie traten
aber hinzu und weckten Ihn auf und sprachen: „Meister, Meister, wir kommen um!“
Er aber stand auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers; und sie
legten sich, und es ward Stille. Er aber sprach zu ihnen: „Wo ist euer Glaube?“
Sie aber fürchteten sich und verwunderten sich und sprachen zueinander: „Wer ist
denn dieser, daß Er auch den Winden gebietet und dem Wasser, und sie sind Ihm
gehorsam?“
Und sie fuhren zum Land der Gadarener, das Galiläa gegenüberliegt. Als Er
aber ans Land ausstieg, begegnete Ihm ein Mann aus der Stadt, der seit langer
Zeit Dämonen hatte; und er trug keine Kleider und blieb nicht in einem Hause,
sondern in den Gräbern. Als er aber Jesus sah, schrie er auf und fiel vor Ihm
nieder und sprach mit lauter Stimme: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus,
Sohn Gottes, des Höchsten? Ich bitte dich, quäle mich nicht.“ Denn Er gebot dem
unreinen Geist, von dem Menschen auszufahren. Denn oft hatte er ihn ergriffen;
und er wurde mit Ketten und Fußfesseln gebunden und bewacht; und er zerriß die
Bande und wurde von dem Dämon in die Wüsten getrieben.
Und Jesus fragte ihn: „Welches ist dein Name?“ Er aber sprach: „Legion“,
denn viele Dämonen waren in ihn gefahren. Und sie baten Ihn, daß Er ihnen nicht
geböte, in den Abgrund zu fahren. Es war aber dort eine Herde vieler Schweine,
die an dem Berge weideten. Und sie baten Ihn, daß Er ihnen erlaube, in jene zu
fahren. Und Er erlaubte es ihnen. Die Dämonen aber fuhren von dem Menschen aus
und fuhren in die Schweine; und die Herde stürzte sich den Abhang hinab in den
See und ersoff.
Als aber die Hirten sahen, was geschehen war, flohen sie und verkündeten
es in der Stadt und auf dem Lande. Sie gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen
war; und sie kamen zu Jesus und fanden den Menschen, von dem die Dämonen
ausgefahren waren, bekleidet und vernünftig zu den Füßen Jesu sitzen; und sie
fürchteten sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen auch, wie der
Besessene geheilt worden war. Und die ganze Menge der Umgegend der Gadarener bat
Ihn, von ihnen wegzugehen, denn sie waren von großer Furcht ergriffen. Er aber
stieg in das Schiff und kehrte zurück.
Der Mann aber, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bat Ihn, daß er bei
Ihm sein dürfe. Jesus aber entließ ihn und sprach: „Kehre in dein Haus zurück
und erzähle, wie große Dinge Gott an dir getan hat.“ Und er ging hin und
verkündigte in der ganzen Stadt, wie große Dinge Jesus an ihm getan hatte.
Als Jesus zurückkehrte, nahm Ihn die Volksmenge auf; denn sie alle
erwarteten Ihn. Und siehe, ein Mann namens Jaïrus, und er war ein Vorsteher der
Synagoge; und er fiel zu den Füßen Jesu und bat Ihn, in sein Haus zu kommen;
denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, und sie lag im
Sterben. Während Er aber hinging, drängten Ihn die Volksmengen.
Und eine Frau, die seit zwölf Jahren einen Blutfluß hatte und alle ihre
Lebensunterhalt an Ärzte aufgewendet hatte, und von niemand geheilt werden
konnte, trat von hinten heran und rührte die Quaste seines Gewandes an; und
sogleich stand ihr Blutfluß. Und Jesus sprach: „Wer ist es, der mich angerührt
hat?“ Als aber alle es leugneten, sprach Petrus: „Meister, die Volksmengen
drängen und drücken dich.“ Jesus aber sprach: „Es hat mich jemand angerührt,
denn ich habe erkannt, daß Kraft von mir ausgegangen ist.“ Als aber die Frau
sah, daß sie nicht verborgen blieb, kam sie zitternd und fiel vor Ihm nieder und
erklärte vor allem Volk, aus welchem Grunde sie Ihn angerührt hatte und wie sie
sogleich geheilt worden sei. Er aber sprach zu ihr: „Tochter, dein Glaube hat
dich gerettet; gehe hin in Frieden.“
Während Er noch redete, kommt einer von dem Synagogenvorsteher und
spricht: „Deine Tochter ist gestorben; bemühe den Lehrer nicht mehr.“ Als aber
Jesus es hörte, antwortete Er ihm: „Fürchte dich nicht; glaube nur, und sie wird
gerettet werden.“ Als Er aber in das Haus kam, erlaubte Er niemand mit Ihm
hineinzugehen als Petrus und Johannes und Jakobus und den Vater des Kindes und
die Mutter. Alle aber weinten und beklagten sie. Er aber sprach: „Weinet nicht,
denn sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft.“ Und sie verlachten Ihn, da
sie wußten, daß sie gestorben war. Er aber faßte sie bei der Hand und rief und
sprach: „Kind, stehe auf!“ Und ihr Geist kehrte zurück, und sie stand sogleich
auf; und Er befahl, ihr zu essen zu geben. Und ihre Eltern gerieten außer sich;
Er aber gebot ihnen, niemand zu sagen, was geschehen war.
Kapitel 9
Und Er rief die Zwölf zusammen und gab ihnen Kraft und Gewalt über alle
Dämonen und um Krankheiten zu heilen; und Er sandte sie aus, das Reich Gottes zu
predigen und die Kranken gesund zu machen. Und Er sprach zu ihnen: „Nehmet
nichts auf den Weg, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; noch soll jemand
zwei Unterkleider haben. Und in welches Haus ihr eintretet, dort bleibet, und
von dort geht fort. Und so viele euch nicht aufnehmen, da gehet fort aus jener
Stadt und schüttelt auch den Staub von euren Füßen zum Zeugnis wider sie.“ Sie
aber gingen aus und durchzogen nacheinander die Dörfer, predigend das Evangelium
und heilend überall.
Es hörte aber Herodes, der Vierfürst, alles, was durch Ihn geschah; und er
war in Verlegenheit, weil von etlichen gesagt wurde, Johannes sei aus den Toten
auferstanden, von etlichen aber, Elia sei erschienen, von anderen aber, einer
der alten Propheten sei auferstanden. Herodes aber sprach: „Johannes habe ich
enthauptet; wer aber ist dieser, von dem ich solches höre?“ Und er suchte Ihn zu
sehen.
Und die Apostel kehrten zurück und erzählten Ihm alles, was sie getan
hatten; und Er nahm sie mit und zog sich besonders zurück in eine öde Gegend bei
einer Stadt, Bethsaida genannt. Als aber die Volksmengen es erfuhren, folgten
sie Ihm; und Er nahm sie auf und redete zu ihnen vom Reich Gottes, und die der
Heilung bedurften, heilte Er.
Der Tag aber begann sich zu neigen; und die Zwölf traten herzu und
sprachen zu Ihm: „Entlaß die Volksmenge, damit sie in die umliegenden Dörfer und
auf das Land gehen und Herberge und Speise finden; denn wir sind hier an einem
öden Ort.“ Er aber sprach zu ihnen: „Gebet ihr ihnen zu essen.“ Sie aber
sprachen: „Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; es sei denn, daß
wir hingehen und für dieses ganze Volk Speise kaufen.“ Denn es waren etwa
fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: „Machet sie, sich zu
lagern, in Gruppen zu je fünfzig.“ Und sie taten so und machten alle lagern.
Er aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte auf zum Himmel
und segnete sie; und Er brach sie und gab sie den Jüngern, um der Volksmenge
vorzulegen. Und sie aßen und wurden alle gesättigt; und es wurde aufgesammelt,
was ihnen an Brocken übrigblieb, zwölf Körbe.
Es geschah aber, als Er allein betete, waren die Jünger bei Ihm; und Er
fragte sie und sprach: „Wer sagen die Volksmengen, daß ich sei?“ Sie aber
antworteten und sprachen: „Johannes der Täufer; andere aber: Elia; andere aber,
daß einer der alten Propheten auferstanden sei.“ Er aber sprach zu ihnen: „Ihr
aber, wer sagt ihr, daß ich sei?“ Petrus aber antwortete und sprach: „Der
Christus Gottes.“ Er aber gebot ihnen streng und befahl, dies niemand zu sagen,
indem Er sagte: „Der Sohn des Menschen muß viel leiden und verworfen werden von
den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am
dritten Tage auferweckt werden.“
Er sprach aber zu allen: „Wenn jemand mir nachkommen will, der verleugne
sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach. Denn wer sein
Leben erretten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um
meinetwillen, der wird es erretten. Denn was wird es einem Menschen nützen, wenn
er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder einbüßt? Denn wer sich
meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Sohn des Menschen schämen,
wenn Er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen
Engel.“
Er sprach aber auch: „Wahrlich, ich sage euch, es sind etliche von denen,
die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes
sehen.“
Es geschah aber etwa acht Tage nach diesen Worten, daß Er Petrus und
Johannes und Jakobus mitnahm und auf den Berg stieg, um zu beten. Und als Er
betete, wurde das Aussehen Seines Angesichts anders, und Sein Gewand strahlend
weiß. Und siehe, zwei Männer redeten mit Ihm, die Moses und Elia waren. Diese
erschienen in Herrlichkeit und besprachen Seinen Ausgang, den Er in Jerusalem
erfüllen sollte. Petrus aber und die mit ihm waren, waren vom Schlaf beschwert;
als sie aber völlig aufgewacht waren, sahen sie Seine Herrlichkeit und die zwei
Männer, die bei Ihm standen. Und es geschah, als diese von Ihm schieden, sprach
Petrus zu Jesus: „Meister, es ist gut, daß wir hier sind; und laß uns drei
Hütten machen, dir eine und Moses eine und Elia eine“; und er wußte nicht, was
er sagte. Während er aber dies sagte, kam eine Wolke und überschattete sie; sie
fürchteten sich aber, als sie in die Wolke eintraten. Und eine Stimme kam aus
der Wolke, die sprach: „Dieser ist mein auserwählter Sohn, Ihn höret!“ Und als
die Stimme geschah, wurde Jesus allein gefunden. Und sie schwiegen und
verkündeten in jenen Tagen niemand etwas von dem, was sie gesehen hatten.
Es geschah aber am folgenden Tage, als sie von dem Berge herabstiegen, kam
Ihm eine große Volksmenge entgegen. Und siehe, ein Mann aus der Volksmenge rief
und sprach: „Lehrer, ich bitte dich, besiehe meinen Sohn, denn er ist mein
einziger; und siehe, ein Geist ergreift ihn, und plötzlich schreit er, und er
zerrt ihn, daß er schäumt, und weicht kaum von ihm, indem er ihn zermalmt. Und
ich bat deine Jünger, daß sie ihn austrieben, und sie konnten es nicht.“ Jesus
aber antwortete und sprach: „O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Bis wann
soll ich bei euch sein und euch ertragen? Bringe deinen Sohn her.“ Während er
aber noch herbeikam, warf der Dämon ihn hin und zerrte ihn. Jesus aber bedrohte
den unreinen Geist und heilte den Knaben und gab ihn seinem Vater zurück. Und
alle gerieten außer sich über die Herrlichkeit Gottes.
Als sich aber alle verwunderten über alles, was Er tat, sprach Er zu
seinen Jüngern: „Fasset ihr diese Worte in eure Ohren: denn der Sohn des
Menschen wird überliefert werden in der Hände der Menschen.“ Sie aber verstanden
dieses Wort nicht, und es war vor ihnen verborgen, so daß sie es nicht
begriffen; und sie fürchteten sich, Ihn über dieses Wort zu fragen.
Es kam aber ein Gedanke unter sie, wer von ihnen der Größte sei. Als aber
Jesus den Gedanken ihres Herzens sah, nahm Er ein kleines Kind und stellte es
neben Sich und sprach zu ihnen: „Wer dieses Kind aufnehmen wird in meinem Namen,
nimmt mich auf; und wer mich aufnehmen wird, nimmt den auf, der mich gesandt
hat. Denn wer der Kleinste ist unter euch allen, dieser ist groß.“
Johannes aber antwortete und sprach: „Meister, wir sahen jemand, der in
deinem Namen Dämonen austrieb, und wir wehrten es ihm, weil er dir nicht mit uns
nachfolgt.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Wehret nicht; denn wer nicht wider uns
ist, ist für uns.“
Es geschah aber, als die Tage Seiner Aufnahme erfüllt wurden, daß Er sein
Angesicht feststellte, nach Jerusalem zu gehen. Und Er sandte Boten vor Seinem
Angesicht her; und sie gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, um Ihm zu
bereiten. Und sie nahmen Ihn nicht auf, weil Sein Angesicht nach Jerusalem hin
gerichtet war. Als aber die Jünger Jakobus und Johannes es sahen, sprachen sie:
„Herr, willst du, daß wir sagen, daß Feuer vom Himmel herabfalle und sie
verzehre?“ Er aber wandte Sich um und tadelte sie. Und sie gingen nach einem
anderen Dorf.
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Ihm: „Ich will dir
nachfolgen, wohin du auch gehst.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Die Füchse haben
Höhlen, und die Vögel des Himmels Nester; aber der Sohn des Menschen hat nicht,
wo Er das Haupt hinlege.“ Er sprach aber zu einem anderen: „Folge mir nach.“ Der
aber sprach: „Erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben.“ Er
aber sprach zu ihm: „Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und
verkündige das Reich Gottes.“ Es sprach aber auch ein anderer: „Ich will dir
nachfolgen, Herr; zuvor aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von denen, die in
meinem Hause sind.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Niemand, der die Hand an den
Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“
Kapitel 10
Danach aber bestimmte der Herr siebzig andere und sandte sie je zwei und
zwei vor Seinem Angesicht her in jede Stadt und jeden Ort, wohin Er selbst
kommen wollte. Er sprach nun zu ihnen: „Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter
aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter aussende in
seine Ernte. Gehet hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe.
Traget keinen Geldbeutel, keine Tasche, keine Sandalen, und grüßet niemand auf
dem Wege. In welches Haus ihr aber eintretet, sagt zuerst: Friede diesem Hause!
Und wenn dort ein Sohn des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn
aber nicht, so wird er zu euch zurückkehren. In demselben Hause aber bleibet,
Kapitel 10
Wir haben bemerkt, daß der Herr solche aussandte, die Seine persönlichen
Vertreter sein sollten. Er erweiterte das Zeugnis der Gnade, indem Er noch
andere Gefäße, in welchen es getragen werden sollte, hinzufügte - zuerst die
Zwölfe und dann die Siebenzig. Grundsätzlich ist jede Seele, die zur Erkenntnis
des Herrn gebracht worden ist, eine Erweiterung des Zeugnisses der Gnade und des
Kreises der persönlichen Vertreter Christi in dieser Welt.
Der Herr sagt in Vers 16: „Wer euch hört, hört mich; und wer euch
verwirft, verwirft mich; wer aber mich verwirft, verwirft den, der mich gesandt
hat." Der Herr war der persönliche Vertreter Gottes, und diejenigen, die Er
aussendet, sind Seine persönlichen Vertreter. Darin, daß sie zu je zwei
ausgesandt wurden, sehen wir einen göttlichen Grundsatz. Einer ist als Zeuge
nicht zuständig: „Damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt
werde." Petrus stand mit den Elfen auf, er stand aber nicht allein auf.
Wenn wir dazu berufen sind, persönliche Vertreter Jesu zu sein, so ist es
wichtig, daß wir auch unserer Mission gewachsen sind. Die Siebenzig waren wie
auch wir ihrer Mission nicht gewachsen. Sie waren in einer wunderbaren Weise
gebraucht worden, sie wurden aber ausgesandt, des Herrn Weg zu bereiten; Er
sandte sie aus „in jede Stadt und jeden Ort, wohin er selbst kommen wollte“. Sie
wurden ausgesandt, um Seinen Weg zu bereiten, und auch als Arbeiter in Seiner
Ernte. Weil sie Seinen Geist hatten, wurden sie als Lämmer inmitten von Wölfen
gesandt, sie wurden als Friedensboten geschickt, und sie sollten sich mit den
Umständen, worin sie sich befanden, begnügen. Alles dieses war in ihrer Sendung
enthalten; als sie zurückkehrten, freuten sie sich jedoch darüber, daß die
Dämonen ihnen in Seinem Namen untertan waren. Dies war auf einem niedrigeren
Boden als ihre Sendung; es war etwas, was sie selber auszeichnete. Es war
göttliche Kraft da; sie dachten aber augenscheinlich nur daran, daß sie ihnen
eine besondere Auszeichnung verlieh „die Dämonen sind uns untertan" -, darüber
freuten sie sich.
Der Gegensatz in diesem Abschnitt ist bezeichnend; diese Verse sind die
Krone und der Höhepunkt des Lukasevangeliums. Die Freude der Siebenzig war ganz
anders als die des Herrn. Er hatte Seine Freude, ihre Freude beruhte aber auf
etwas ganz anderem als dem, worauf die Seinige beruhte; und der Herr begnügt
Sich nicht damit, daß wir eine Freude, deren Wesen und Grundlage sich von Seiner
Freude unterscheidet, haben sollten. Deswegen ist das der Höhepunkt dieses
Evangeliums, weil wir in diesen Versen in das Gebiet der eigenen, persönlichen
Freude des Herrn, wie auch in das Wohlgefallen des Vaters und des Sohnes
eingeführt werden. Dort können die bösen Mächte unmöglich wirken; da gibt es
keine Dämonen, die untertan gemacht werden müssen.
Lukas unterstützt den Paulus sehr, weil er dem Himmlischen in unseren
Gedanken den Vorrang gibt. Das Wichtigste ist nicht, daß wir dermaleinst in den
Himmel kommen werden - alle Christen warten darauf -, sondern daß wir
gegenwärtig schon Bürger des Himmels sind; unsere Namen sind dort angeschrieben,
wir sind gegenwärtig schon auf der Liste der Bürger des Himmels. Wenn wir da
hineinschauen könnten, würden wir unsere Namen und die Namen aller derer, die
den Herrn Jesum Christum lieben, dort finden, und zwar als gegenwärtige Bürger
des Himmels eingeschrieben. Die Lehre über die himmlischen Dinge bei Lukas
entspricht der Lehre des Paulus: wir haben es mit dem Himmlischen zu tun, und
wir sind himmlisch.
Kapitel 9 bringt uns zum Himmel. „Es geschah aber, als sich die Tage
seiner Aufnahme erfüllten" - das ist der große Wendepunkt dieses Evangeliums;
was darauf folgt, ist mehr oder weniger mit dem Herrn in Seiner himmlischen
Stellung als aufgenommen verbunden. Lukas stellt die Dinge von der moralischen
Seite dar, und dies ist der Zeitpunkt, wo der Geist Gottes durch Lukas den Herrn
als Den betrachtet, der im Begriff stand, aufgenommen zu werden, Er ging in den
Himmel. Von jetzt an dreht sich die ganze Lehre dieses Evangeliums darum, und
wir sollten durch die Wichtigkeit des Himmlischen beeindruckt werden.
Die Menschen sagen: Warum habt ihr nicht mehr Bekehrte? Wir müssen die
Dinge in ihrem richtigen Verhältnis erkennen. Ich sehe Menschen, die große Taten
vollbringen und von Bekehrungen reden können; wie steht das aber alles in
Beziehung zu dem Himmlischen? Das ist die große Frage. Man kann eine große
Betätigung der göttlichen Kraft haben und wenig Wertschätzung des Himmlischen,
wie es bei den Siebenzig war; das war aber dem Herrn nicht wohlgefällig. Seine
Gedanken sind auf das Himmlische gerichtet. Wenn der Herr uns als „aufgenommen"
vor Augen gestellt wird, so muß das Himmlische höchst wichtig sein.
Ich sehe, daß Menschen sich mehr dafür interessieren, auf Erden Macht zu
haben, als dafür, Bürger des Himmels zu sein; sie reden von Zungenreden, von
Krankenheilungen, von Wundertaten und messen dem allem große Wichtigkeit bei;
das ist aber nicht der Himmel, noch ist es das Himmlische.
Bis zum Ende seines Laufes wurde Paulus zum Predigen des Evangeliums
gebraucht, es hatte aber immer einen himmlischen Klang; sein Evangelium war in
Blau gehüllt. Er wurde niemals müde, den Menschen zu sagen, daß er durch ein
Licht aus dem Himmel bekehrt worden war; er hatte einen himmlischen Auftrag, und
es lag etwas besonders Himmlisches in seiner Art, das Evangelium zu predigen.
Der Herr hatte die Siebenzig im Lichte und in der Kraft des Himmlischen
ausgesandt. Doch sie fanden ihre Freude an der Macht, die sie über alles Böse
besaßen, und es war auch wirklich der Fall. Der Herr hatte aber den Fall Satans
vom Himmel vor Sich: „Ich schaute den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“
Der Herr dachte an den Himmel, sie aber dachten an ihre wunderbare Macht über
das Böse hienieden.
Der Herr war dabei, in den Himmel zu gehen; die Tatsache, daß Er
aufgenommen wurde, brachte den Fall Satans mit sich. Die bloße Tatsache, daß
Jesus als Mensch in den Himmel aufgenommen wurde, machte es durchaus
erforderlich, daß Satan vom Himmel fallen mußte.
Wir werden ausgesandt, um den Herrn darzustellen, wir müssen aber
empfinden, daß unsere Darstellung mangelhaft ist, wir können das nicht leugnen.
Die gegenwärtige Verwaltung hat den Himmel vor sich; somit wird die volle Höhe
aller Dinge von der himmlischen Seite aus in Liebe eingeführt. Es ist das, was
die Propheten zu schauen begehrten, aber nicht gesehen haben. Das, was die
göttliche Liebe befriedigt, muß ein Schauplatz sein, wo nichts Böses gegenwärtig
ist.
Die Zusammenstellung dieser Dinge ist köstlich - Christus wird in den
Himmel aufgenommen, die Heiligen werden dort angeschrieben und der Satan fällt
vom Himmel. Dann sagt der Herr: „Ich will, daß eure Freude dort sei." Der Herr
gibt die Kraft, die ganze Macht des Bösen den Füßen der Heiligen zu unterwerfen;
sogar Satan selbst soll unter ihre Füße zertreten werden; das ist aber nicht
unsere Freude, noch das, was den Herrn zum Lobpreisen veranlaßte.
Der Fall Satans hat sich tatsächlich noch nicht ereignet, aber der Herr
hatte ihn vor Augen. Ehe Offenbarung 12 eintritt, ist Satan tatsächlich noch
nicht hinausgetrieben; doch in den Augen des Herrn wird Satan als vom Himmel
gefallen und der Mensch als in den Himmel erhöht gesehen, und die Heiligen sind
im Himmel angeschrieben. Wir sollten viel an den Himmel als unseren
gegenwärtigen Platz denken, nicht nur daran, daß wir dahingehen werden. Je mehr
wir anerkennen, daß wir gegenwärtig schon Bürger des Himmels sind, desto mehr
sind wir durch himmlische Wesenszüge gekennzeichnet.
Öffentlich wurde der Herr verworfen. Was diesen Abschnitt des Evangeliums
kennzeichnet, ist der Gedanke des Besonderen: „Er wandte sich zu den Jüngern
besonders" (Vers 23). Der Herr sagte diese Dinge privat. Das, was wir hier
haben, können wir nicht durch die Predigt oder durch den Dienst des Wortes
erlangen; es ist eine private und persönliche Angelegenheit. Der Herr zog ihre
Herzen in den Bereich Seiner ewigen Freude.
Es gab einen Bereich der ungemischten Freude für den Herrn, und dort
vollzog sich Sein Lobpreisen. Bei dieser Gelegenheit wird es uns erlaubt zu
hören, was der Sohn zum Vater redet – wie äußerst interessant für uns! Es liegt
ein heiliger Charakter und eine Holdseligkeit darin, was sonst nichts anderem
eigen ist. In Johannes 17 ist es auch ein privater Schauplatz; der Herr ist bei
Seinen Geliebten, und Er öffnet freimütig Sein Herz, und Er redet in ihrer
Gegenwart zu Seinem Vater.
Die Schwierigkeit besteht darin, daß so viele von uns von dem Öffentlichen
leben oder von dem, was wir in der Predigt des Evangeliums oder beim Lehren
hören; doch auf diese Weise bekommen wir keine Offenbarung. Hier haben wir den
Bereich, wo der Vater wirkt; wir haben das Wirken des Vaters und des Sohnes. Es
regt sich da sonst gar nichts, wir sind vollkommen außerhalb des Bereichs des
Bösen.
Der Vater wird gepriesen, weil Er diese Dinge vor den Weisen und
Verständigen verborgen und sie den Unmündigen geoffenbart hat; deshalb ist es
bedauerlich, weise und verständig zu sein. Es gibt ein direktes Einwirken des
Vaters und des Sohnes in der persönlichen Offenbarung. Es ist ein glückseliger
Zufluchtsort. Sogar wenn wir mächtige Werke vollbringen könnten, gibt es etwas
weit Besseres, nämlich die Gunst, eine persönliche Offenbarung zu empfangen.
Es ist das Wirken des Vaters, daß Er diese kostbaren, himmlischen Dinge
Unmündigen offenbart, Menschen, die in dieser Welt kein Ansehen genießen, aber
doch Gegenstände der Liebe sind. Wenn wir bereit sind, dies zu sein, so ist das,
was wir durch die göttliche Gunst bekommen können, unbegrenzt. Ein Unmündiger zu
sein bedeutet, daß wir Gegenstände des Wirkens Gottes sind, so daß die
Selbstwichtigkeit, die uns allen von Natur anhaftet, gerichtet ist und daß eine
andere Art Gesinnung bei uns aufgekommen ist, und dann kann uns der Vater
himmlische Dinge offenbaren.
Jemand hat einst Bruder J. N. Darby um einige Anweisungen über die beste
Art und Weise, die Schriften zu studieren, gebeten. Er antwortete: Ich finde,
daß, wenn ich an das Wort in der Gesinnung eines neugeborenen Säuglings gehe,
ich etwas bekomme.
In Vers 22 sagt der Herr: „Niemand erkennt, wer der Sohn ist, als nur der
Vater; und wer der Vater ist, als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn ihn
offenbaren will." Das ist persönlich. Man kann sich nichts Größeres oder Höheres
vorstellen, denn es ist das Wohlgefallen des Vaters und des Sohnes. Der Vater
wird in Seiner höchsten Gewalt als Herr des Himmels und der Erde gesehen, und es
hat Ihm wohlgefallen, die ganze Glückseligkeit der himmlischen Dinge Unmündigen
zu offenbaren.
Alle Dinge im Himmel und auf Erden werden hier als dem Sohne übergeben
angesehen. Wir sind außerhalb des Bereichs des Bösen, denn das System der Dinge,
das dem Sohne vom Vater übergeben worden ist, kann unmöglich fehlgehen. Das
verändert den Charakter derjenigen, denen diese höchste Gunst widerfährt; es
steht allen offen, die den Charakter der Unmündigen besitzen. Diese Dinge
übersteigen unsere Gedanken welches Geschöpf könnte den Gedanken erfassen, daß
alle Dinge dem Sohne vom Vater übergeben worden sind? Es ist unendlich.
Der Sohn ist so groß, daß niemand außer dem Vater Ihn erkennen kann. Was
ist das für ein Trost! Wenn Einer in der Gestalt Gottes Mensch wird, so muß an
Ihm etwas Unausforschliches sein. Es ist unser großer Gegenstand des Lobpreises,
daß niemand den Sohn erkennt, als nur der Vater; wir dürfen nicht meinen, daß
wir den Sohn erfassen können.
Dann aber erkennt niemand, wer der Vater ist, als nur der Sohn, „und wem
irgend der Sohn ihn offenbaren will". Es ist eine Angelegenheit der persönlichen
Gunst und des Wohlgefallens des Sohnes, den Vater zu offenbaren. Es ist dem
Herrn eine Wonne, die Erkenntnis des Vaters, wie Er Ihn kennt, in die Herzen
Seiner Heiligen zu legen. Wenn wir überhaupt den Vater erkennen, so erkennen wir
Ihn so, wie der Sohn Ihn kennt; es gibt keinen anderen Weg, Ihn in diesem
himmlischen System zu erkennen. Er wird durch die Unumschränktheit des Sohnes
geoffenbart.
Matth. 11 stellt die Seite der Verwerfung des Sohnes dar. Hier lobpreist
Er im Blick auf die Vollständigkeit des Falles von allem Bösen und des
darauffolgenden Aufrichtens des göttlichen Wohlgefallens, und dieses begehrten
die Propheten und Könige zu sehen. Es war nicht nur, daß die Dinge vor den
Weisen und Verständigen verborgen waren, sondern sie wurden auch nicht einmal
von Männern gesehen, die am Platze der größten Gunst bei Gott standen. Es ist
erstaunlich zu denken, daß wir größere Gunst bei Gott genießen als Daniel,
David, Salomo oder Jesaja; sie sahen nicht, was wir sehen. Sie hatten nur eine
Ahnung von dem himmlischen System.
Was für ein Begehren muß im Herzen Davids aufgekommen sein, als er den
Psalm 110 schrieb: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum
Schemel deiner Füße" - wie muß er wohl danach verlangt haben, das zu verstehen!
Die Schrift sagt, daß sie fleißig nachsuchten und nachforschten; es gab im Alten
Testament Fingerzeige auf das Himmlische, und das geistliche Verlangen der
Propheten und der Könige wurde dadurch so stark erweckt, daß Gott sie tröstete,
indem Er ihnen sagte, daß diese Dinge nicht für sie selbst waren, sondern für
andere, die nach ihnen kommen sollten. Sie werden zweifellos ihr Teil am
Himmlischen haben, sie hatten es damals aber noch nicht; sie sahen diese Dinge
noch nicht.
Wir sollten den Gedanken der Überschwenglichkeit der göttlichen Gunst
hegen. Wieviele von uns hier haben das tiefe Bewußtsein in der Seele, daß wir
viel mehr begünstigt sind als Abraham? Dieses Bewußtsein würde uns vor der Welt
bewahren. Wenn wir die Heiligen vor der Welt und vor irdischer Gesinnung
bewahren wollen, müssen wir sie in ihren Gedanken mit Christo und mit dem, was
droben ist, beschäftigen.
Diese Propheten und Könige beschämen uns, denn sie sahen nicht das, was
wir sehen. Wir können diesen Grundsatz auch anders anwenden. Wie viele große und
ehrwürdige Diener Gottes in der Kirche haben nicht das gesehen, was wir sehen!
Der Geist Gottes erweckt zweifellos himmlische Wünsche. Alle unsere Brüder, die
im Geist wandeln möchten, sollten himmlische Dinge begehren, aber sehr viele von
ihnen sind in einer Umgebung, wo sie das Himmlische nicht sehen können. Was ist
das für eine Gunst, die Fähigkeit und das Vorrecht zu haben, die himmlischen
Dinge zu sehen! Wir sind zu einer himmlischen Stellung, Freude und
Verwandtschaftsbeziehung berufen; das dient alles dem Wohlgefallen des Vaters
und des Sohnes - es gibt nichts Höheres als das.
Diese Verse bringen uns zum Höhepunkt der Dinge, wie Lukas sie darstellt,
und von diesem Standpunkte aus gehen wir nun zum letzten Teil des Kapitels über.
Der Mensch unter Räubern war ein hilfloses Opfer. Das ist nicht der Bereich des
göttlichen Vorsatzes; in diesem Abschnitt kommen wir zu einem Schauplatz der
Not. Wenn wir auf jener himmlischen Höhe gewesen sind, wo lauter Licht und
Glückseligkeit ist, und die dort vorhandenen Reichtümer erkannt haben, so können
wir auf diesen Schauplatz des Zusammenbruchs und der Not herabsteigen, um dort
als wahre Nächsten zu wirken - als solche, die das Nötige für solche Zustände
darreichen können.
Zustände der tiefsten und bittersten Not herrschen auch bis zum heutigen
Tage, und das sogar unter dem Volke Gottes, denn der Mensch, der unter die
Räuber fiel, war zweifellos einer von ihnen. Der Herr konnte die Hilfsquellen
des Himmels herabbringen, und der Herr sagt uns jetzt: Dies ist es, was Ich
will, daß du sein möchtest - ein Nächster. Wir werden nicht dadurch geprüft, was
im Himmel ist, sondern dadurch, was auf dem Schauplatz der Not zu finden ist.
Die Probe ist: Sind wir geistlich im Himmel gewesen, und haben wir die
Hilfsquellen des Himmels? Der Herr konnte himmlische Hilfsquellen zum Stillen
der bittersten Not herniederbringen. In der Kraft und Glückseligkeit der
himmlischen Hilfsquellen wollte der Herr diesen Gesetzgelehrten zu einem
Nächsten machen. Der Herr ist das Vorbild dafür, aber dabei soll es nicht
bleiben. In der Kraft und Glückseligkeit dessen, was wir im Verborgenen beim
Herrn lernen, können wir uns als Nächste auf einem Schauplatz der Not erweisen.
Die himmlischen Hilfsquellen sind grenzenlos, und der Herr möchte uns in
dieses Gebiet einführen, um uns auszustatten. Wieviel Not gibt es doch unter den
Brüdern! Was für eine Gesinnung ruft das hervor? Die Gesinnung eines
Gesetzgebers, der da sagt: Dies und auch das sollte nicht so sein, oder die
Gesinnung Dessen, der alle erforderlichen Hilfsquellen darreichen kann? Der
Priester und der Levit mögen sehr gute Männer gewesen sein, aber sie hatten
keine Hilfsquellen. Der Nächste hatte aber eine Fülle der Hilfsquellen. Wenn wir
himmlisch sind, werden wir bei der Berührung mit der Not Hilfsquellen haben.
Von Natur sind wir alle Gesetzgelehrte. Der Gesetzgelehrte wird alles
Licht, sogar in bezug auf die Gesinnung Gottes, in einer gesetzlichen Weise
gebrauchen und dazu anwenden, um sich selbst hervorzuheben und die Schwachheit
und Unzulänglichkeit anderer bloßzustellen; er hat aber keine Hilfsquellen. Das
bezieht sich auf uns alle, wenn die Zustände nicht so sind, wie sie sein
sollten.
Der Mensch, der unter die Räuber fiel, hatte den von Gott gegebenen Platz
der Gunst verlassen und war in einen von Gott niemals gewollten Zustand geraten.
Was kannst du nun für ihn tun? Kannst du so handeln, wie Christus es tat? Dieser
Mensch wurde geheilt, getragen und versorgt; er ist der Gegenstand des Dienstes
und der Fürsorge, bis der Herr wiederkommt. Wenn wir wahre Nächsten sind,
sollten wir die Heiligen als Gegenstände der Fürsorge betrachten.
Der gesetzliche Mensch kann uns sagen, was verkehrt ist und wie ihn das
betrübt, aber er kann kein Heilmittel darreichen. Der Gesetzgelehrte kam und gab
an, als interessiere er sich für das ewige Leben; als er aber vor den Herrn
trat, wurde eine sehr ernste Frage in bezug auf seinen eigenen Zustand
aufgeworfen, denn er besaß keine Hilfsquellen.
Das ewige Leben ist mit dem kommenden Zeitalter verbunden; dann werden
göttliche Hilfsquellen zur Verfügung gestellt werden, um dem ganzen Zustande des
Elends und der Schwachheit entgegenzutreten; besitzen wir aber Hilfsquellen, um
dem schon jetzt gerecht zu werden? Dazu ist die Gnade des Himmels erforderlich.
Der Nächste kam und stellte keine Anforderungen, sondern er reichte alles
Erforderliche dar. Wir sollten bereit sein, aus reiner Gnade bis ans Ende als
Nächste zu wirken.
Wenn wir wie der Mensch, der unter die Räuber fiel, es erlebt haben, daß
wir verarmt waren, und Christus uns alles Notwendige dargereicht hat, so wird
das unsere Herzen beeinflussen, und wir werden imstande sein, allen gegenüber in
dieser Gesinnung aufzutreten. Die Versammlung ist der Ort, wo Menschen betreut
werden; sie ist wie die Herberge ein Ort, wo der Dienst Christi unermüdlich
betrieben wird, bis Er kommt.
Der Tod des Herrn ist in Sein Kommen an den Ort, wo jener Mensch war,
eingeschlossen. Es ist bemerkenswert, daß es die Frage über den Nächsten war,
die im Gewissen dieses Mannes wachgerufen wurde, nicht die Frage wegen der Liebe
zu Gott. Sein Zusammenfassen des Gesetzes in Vers 27 bezog sich auf beides. Der
Herr hatte in Kap. 7 gezeigt, wie der erste Teil - die Liebe zu Gott, zuwege
gebracht wird. Gott sichert Sich die Liebe Seiner armen Schuldner; der große
Gläubiger tritt in der Gnade der Vergebung hervor, und Er erwirbt Sich dadurch
die Liebe des schlimmsten Schuldners, daß Er alles vergibt. Es gibt aber auch
die Frage wegen des Nächsten.
Es ist wunderbar, daran zu denken, daß der Herr die Wunden, die ich mir
infolge meiner Abtrünnigkeit zugezogen habe, dazu gebrauchen kann, daß ich die
Berührung Seiner Hände in einer Weise erlebe, wie es ohne diese Wunden unmöglich
gewesen wäre, und das läßt mich das Bewußtsein der Zärtlichkeit Seiner Hände
beim Verbinden dieser Wunden verspüren. Es ist in der Gnade, die ich in Ihm
erkenne, daß ich anderen dienen kann; wenn ich wirksam dienen soll, muß ich den
Dienst an mir selbst erlebt haben.
Dieser Mensch war in Jericho; es gibt wenig Heilige, die es nicht erlebt
haben, daß sie fortgerissen wurden. Der Mann verlor sein Eigentum, er verlor
seine Kleidung, er verlor alles außer seinem Leben; er veranschaulicht einen,
der vom Herrn abgewichen ist. Viele haben das verloren, was Gott ihnen in Seiner
Gunst geschenkt hatte.
Der Herr fragte diesen Gesetzgelehrten, was er für diesen Menschen tun
konnte; Er wirft diese Frage in deutlichen Worten auf. Er sagt gleichsam: Es
nützt nichts, wenn du alle deine reichen Vorräte an Gelehrsamkeit und Gesetz
entfaltest; wenn du nichts für diesen Menschen tun kannst, mußt du Mir Platz
machen.
Das Öl, der Wein und das Tier weisen alle auf den Heiligen Geist hin. Der
Heilige Geist wird zuerst vom Standpunkt der Wiederherstellung aus betrachtet.
Der Herr kam und brachte göttliche Hilfsquellen, und sie liegen alle im Geiste.
Die Lebenskraft wird dem Menschen wiedergegeben, und dann setzte Er ihn auf Sein
Tier, um ihn zu tragen. Er war selbst nicht fähig, zu gehen, aber er wird in der
Kraft eines Anderen aufgerichtet. Bruder J. B. Stoney pflegte uns zu sagen, daß
er geheilt, getragen und versorgt wurde. Die Wiederherstellung und die Kraft zum
Wandeln liegen im Geiste.
Der Wirt stellt den Charakter der Verantwortung und der Betreuung im Hause
Gottes dar; er handelt nach der Unterweisung des Nächsten. Dieser Dienst
zugunsten derjenigen, die das verloren haben, was sie hätten bewahren sollen,
ist jetzt in die Hände der Heiligen übergegangen. Der Geist wirkt durch die
Heiligen. Eine Herberge ist eine zeitweilige Versorgung, ein Ort für
vorbeireisende Fremdlinge. An diesem zeitweiligen Platze wird Nächstendienst
geleistet, und Hilfsquellen werden für die verwendet, die nichts besitzen. Die
Möglichkeit, noch mehr auszugeben, weist darauf hin, daß alles Erforderliche für
jeden Umfang der Betreuung vorhanden ist.
Der Herr ist sehr darum besorgt, daß diese Gesinnung unter Seinem Volke
vorherrschen sollte. Wenn wir hienieden gelassen sind, um die Gnade des Himmels
auszuteilen, wer wird dann sagen, daß wir nicht genug haben, um diesen Dienst
fortsetzen zu können. Ich habe es erfahren müssen, was für ein Nächster Er mir
ist. Bedenkt die vielen Arten der Not, in welchen wir uns befinden, und die
erforderlichen Hilfsquellen sollten vorhanden sein, um ihnen allen abzuhelfen;
das ist die Gesinnung, in welcher wir zusammen wandeln sollen.
Im 1. Korintherbrief zeigt der Apostel, was die Herberge sein sollte; Kap.
13 ist die Gesinnung, die dort herrschen sollte. Im 2. Korintherbrief sagt der
Apostel: „Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden
für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwenglicher ich euch liebe, um so
weniger geliebt werde" (Kap. 12, 15). Das ist die wahre Gesinnung des Nächsten,
und der Wirt muß von dieser Gesinnung durchdrungen sein. Der Nächste übernimmt
alle Ausgaben, er ist nicht beschränkt, er verwendet für die Betreuung so viel
wie er will.
Wir müssen die Heiligen als in dem Bereich der Not betrachten; sie sollten
versorgt werden. Welcherart Leute erwarten wir in der Versammlung, wenn wir sie
als Herberge betrachten, zu finden? „Weiset die Unordentlichen zurecht, tröstet
die Kleinmütigen, nehmet euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle" (1.
Thess. 5, 14) - das sind die Leute, die wir in der Versammlung finden können.
Der Herr will uns durch Sein Abendmahl in einen anderen Bereich führen.
Als Er es uns gab, beabsichtigte der Herr, daß wir mittels des Abendmahls aus
dem Bereich der Not in den Bereich des göttlichen Wohlgefallens übergehen und
diesen Kreis wie Maria wertschätzen sollten. „Jesus aber liebte die Martha“, sie
duldete es aber, daß der Dienst sie daran hinderte, Jesu das Wohlgefallen zu
bereiten, welches Maria Ihm bereitete. Wollen wir es dulden, daß der Dienst uns
hindert? Martha wurde durch ihr Dienen daran gehindert, was äußerst gut war. Sie
hatte den Herrn in ihr Haus aufgenommen, um Ihm zu dienen; nichts könnte mehr zu
empfehlen sein; doch wurde sie dadurch abgelenkt.
Hier wird uns hauptsächlich der Gegensatz zwischen einem Menschen, der
sich dafür interessierte, was dem Herzen des Herrn sehr nahe ist, und einem, der
sogar durch den Dienst daran gehindert wird, gezeigt. Der Herr will uns aus
solchen wie Martha zu Marien machen, ebenso wie Er uns aus Gesetzgelehrten zu
Nächsten machen will.
In Joh. 12 sehen wir Martha ohne jede Ablenkung dienen. Sie war in einer
göttlichen Weise zurechtgewiesen worden, so daß sie ihren Platz im Kreise der
Liebe einnehmen und den wahren Platz des Dienstes darstellen konnte. Wenn man
sich mit dem Dienst beschäftigt, findet man solch eine Menge von verschiedenen
Dingen, die die Aufmerksamkeit verlangen, daß er uns zur Ablenkung wird, um uns
des guten Teiles zu berauben. Bei uns allen ist ein starkes Widerstreben
vorhanden, in den Bereich des Wohlgefallens Gottes einzugehen. Wir bedürfen des
Dienstes Christi; Maria war ein Erzeugnis des eigenen Dienstes des Herrn.
Das ist der Höhepunkt des Evangeliums; alles Vorhergehende führt uns zum
Himmlischen. Der Herr will uns zu der Einsicht führen, daß der Himmel unser
Platz ist - nicht bloß in der Zukunft, sondern jetzt. Alle Gläubigen geben zu,
daß der Himmel in der Zukunft ihr Platz ist, aber sehr wenige haben eingesehen,
daß er schon jetzt ihr Platz ist und daß die Welt jetzt ebensowenig ihr Platz
ist, wie sie nicht mehr der Platz Christi ist.
Maria widmete sich Seinen Gedanken und Seinen Worten. Martha diente Ihm
tatsächlich ergeben, sie berührte aber nicht den Bereich jenes guten Teiles. Es
gibt keinen wahren Dienst, wenn wir nicht zu Jesu Füßen gesessen haben. Die
Tatsache, daß man durch den Dienst besorgt und beunruhigt ist, beweist, daß er
den Charakter der Martha trägt. Einer der weltlichen Dichter hat gesagt: „Jeder
große Dienst entspringt dem Mittelpunkt eines ruhigen Herzens."
Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn wir beginnen, uns über die Geschwister
zu beklagen. Martha beklagte sich. Wenn wir allein dienen wollen, denken wir
immer, daß andere genau das tun sollten, was wir tun. Die Frage aber ist: Gehört
unser höchstes Interesse dem, was dem göttlichen Wohlgefallen dient? Die Segnung
Marias lag in ihrem tiefen Interesse an der höchsten Freude des Vaters und des
Sohnes; sie bereitete dem Herzen Jesu die höchste Freude dadurch, daß sie Seinem
Worte zuhörte.
Vielleicht haben wir es alle erlebt, wie es ist, wenn wir für einen sehr
viel getan haben und diese Person es dankbar und liebevoll annimmt. Und unsere
Herzen mögen von etwas erfüllt sein, worüber wir reden möchten; aber wir finden,
daß man sich nicht dafür interessiert; wir kennen die bittere Enttäuschung,
welche uns dadurch entsteht. Oft ist es mit uns ebenso, und das Herz des Herrn
ist betrübt. Wir interessieren uns mehr dafür, was unserer Not dienlich ist, als
für das, was Ihm zum Wohlgefallen gereicht.
Ich merkte das, als ich zuerst zu predigen begann; wenn ich darüber
redete, was sich auf das Wohl oder den Vorteil des Menschen bezog, so wurde
Interesse gezeigt; wenn ich mich aber dem zuwandte, darüber zu reden, was dem
Herzen Gottes diente, so nahm das Interesse ab.
Maria begriff den wahren Charakter und die Glückseligkeit des Augenblicks.
Der Sohn war hienieden und offenbarte den Vater; Sein Wort war die Offenbarung
Gottes als Vater, und sie empfand, daß dies unendlich größer war als alle
Angelegenheiten des Dienstes hienieden, sie widmete sich völlig dem Zuhören. Das
gute Teil ist die Erkenntnis Gottes, der als Vater geoffenbart ist. Die Wahrheit
betreffs Gottes, des Vaters, ist geoffenbart worden; wir brauchen auf kein
weiteres Licht über Gott, den Vater, zu warten. Es wurde vor vielen Jahren
gesagt: Wer kann nach dem Sohne reden? Wenn der Sohn spricht, so ist es das
Schlußwort, und Er redet, um Gott als Vater kundzutun. Das Maß, in welchem wir
diese Offenbarung beherzigt haben, wird durch das Maß unseres Gottvertrauens
gemessen.
Es hat dem Sohne wohlgefallen, den Vater zu offenbaren, und das erste
Erzeugnis dieser Offenbarung ist vollkommenes Gottvertrauen, was zu unserer
Glückseligkeit wesentlich notwendig ist. Abhängigkeit ohne Vertrauen bedeutet
Elend; aber auf Vertrauen beruhende Abhängigkeit bedeutet das höchste Glück.
Kapitel 11
Im vorigen Kapitel sahen wir den Herrn als den Offenbarer, es ist klar,
daß Er dies auf der Seite Gottes ist; hier sehen wir Ihn aber als den Lehrer,
und das bezieht sich auf unsere Seite. Das Gebet stellt geistliche Seelenübungen
unsererseits dar, welche als Ergebnis der Offenbarung wachgerufen worden sind;
das ist der wahre Charakter des Gebets.
Keiner hat jemals so zum Vater geredet, wie der Sohn zu Ihm geredet hat.
Ich nehme an, daß die Jünger den wunderbaren Charakter Seines Redens zum Vater
empfanden, und sie wurden dadurch so beeindruckt, daß sie belehrt werden
wollten, wie sie beten sollten. Ich glaube, wir müßten alle die Notwendigkeit
mehr empfinden, über das Beten belehrt zu werden, denn das Gebet im geistlichen
Sinne ist nicht bloß der Ausdruck der Not, sondern der Ausdruck von
Seelenübungen, die durch das Licht der Offenbarung Gottes erzeugt worden sind.
Von Saulus von Tarsus wurde gesagt: „Siehe, er betet." Seine Gebete wurden
durch das Licht, das den Glanz der Sonne übertraf, hervorgerufen. Seine Gebete
bekamen ihren Auftrieb aus dem Himmel, und wir können es verstehen, daß
neuartige Wünsche, die durch das himmlische Licht, das ihn erreicht hatte,
erzeugt worden waren, sich in seinem Herzen zu regen begannen. Alle seine Gebete
waren von diesem himmlischen Licht geprägt.
Ich glaube, daß das Gebet im christlichen Sinne das Ergebnis davon ist,
daß man von der göttlichen Seite aus unter den Einfluß Jesu als den Offenbarer
und von der Seite der Abhängigkeit unter Seinen Einfluß als den Menschen des
Gebets kommt. Die heiligsten Teile der Schrift sind diejenigen, welche die Worte
der Gebete des Sohnes zum Vater wiedergeben. Es ist der reine, gesalzene,
heilige Weihrauch - hochheilig -, es gibt nichts Ergreifenderes, als das Reden
des Herrn zu Seinem Vater zu hören.
Ich nehme an, daß wir es alle empfinden, daß wir in Johannes 17 einen Ort
erreichen, der mit nichts anderem in der Schrift zu ver- gleichen ist; es ist
das innerste Heiligtum.
Ich nehme an, daß wir es alle empfinden, daß wir in Johannes 17 einen
Ort erreichen, der mit nichts anderem in der Schrift zu ver- gleichen
ist; es ist das innerste Heiligtum. Eine Person der Gottheit redet als
Mensch zu einer anderen, zum Vater - es ist das allerinnerste Heiligtum.
Dadurch wurde die ganze Wahrheit ans Licht gebracht und der Name des
Vaters kundgemacht; darum muß jedes passende und geistliche Gebet in
diesem Lichte sein. Der Vater ist geoffenbart worden, und die Jünger
werden als in diesem Lichte stehend betrachtet, nämlich als solche,
denen der Herr den Namen des Vaters kundgetan hat; darum können sie
„Vater" sagen, sie können zu Gott im Lichte der Offenbarung reden.
Wir
gewöhnen uns daran, „Vater“ zu sagen, ohne die Größe davon zu bedenken;
wir vergessen, daß solche Männer wie Abraham, David und Daniel niemals
„Vater" sagen konnten. Ich gebrauche Ausdrücke, welche keiner von den
gesegneten Männern des Alten Testaments gebrauchen konnte. Der Name
Vater durfte nicht beim Reden zum glückseligen Gott gebraucht werden,
bis der Sohn hienieden als Mensch weilte und den Namen des Vaters
kundtat und auf diese Weise den Herzen Seiner Jünger einprägte, daß sie
unter Seiner gesegneten Belehrung „Vater" sagen durften. Nur der Herr
konnte das lehren; in bezug auf die Fähigkeit, „Vater“ zu sagen, sind
wir ebenso vom Vater abhängig wie die Jünger es damals waren.
Er hat
den Namen Gottes so verkündet, wie Er Ihn kennt; für Ihn war Er Vater,
und das, was Er für Ihn war, hat es Ihm wohlgefallen, anderen zu
offenbaren, und durch Seine Belehrung gibt Er uns die Fähigkeit, eine
Stellung bei Gott einzunehmen, die der Seinigen entspricht. Wir sollten
unsere Seelenübungen inbezug auf das Gebet im Lichte der Offenbarung
beginnen. Die volle Wahrheit ist geoffenbart worden; Gott wird in der
dem Vater gehörenden Fülle der Gnade erkannt. Hier geht es nicht um die
Verwandtschaftsbeziehung, sondern um die Offenbarung; das heißt - der
gepriesene Gott wird als Vater erkannt - es ist der Name der höchsten
Gnade -„Geheiligt werde dein Name“ -, diesen heiligen Namen können wir
nur zusammen mit Jesu, dem geliebten Sohne und als von Ihm belehrt
aussprechen.
Als von
Ihm belehrt ist es unser erster Wunsch, daß dieser Name geheiligt werde.
Es scheint ein Gegensatz zu dem zu sein, was in Röm. 2 über die Juden
gesagt wird, nämlich daß der Name Gottes ihrerthalben unter den Nationen
gelästert wurde. Das Heiligen des Namens des Vaters bringt die
höchstmögliche Standhöhe der Heiligung für die Heiligen mit sich; das
ist der Charakter meiner Heiligung, als von Jesu belehrt. Ich soll
nichts Geringeres dulden als die Heiligkeit dieses Namens oder was im
Einklang mit dieser Gnade steht. Wenn ich unfreundlich über einen Bruder
spreche, so bedeutet das, daß ich den Namen des Vaters nicht heilige.
Dieses
Gebet enthält das Wesentliche für das Zeugnis. Es enthält noch nicht die
Bitte um den Geist, das wird weiter hinzugefügt. Es enthält die
Offenbarung Gottes als Vater, die die Jünger hatten, ehe sie den Geist
empfingen. In Joh. 17 kommen wir in tiefere Wasser; da finden wir eine
andere Beziehung, in die die Heiligen versetzt sind und worin sie mit
derselben Liebe geliebt werden wie der Sohn; dieses Gebet hat es mit dem
Lichte der Offenbarung zu tun, ehe die Verwandtschaftsbeziehung
verwirklicht wird.
Diese
Beziehung ist davon abhängig, daß der Geist „Abba, Vater" in unseren
Herzen ruft; es sind diejenigen, die den Geist haben, die bewußt diese
Beziehung verwirklichen können. Hier ist es die Offenbarung; das, was
Gott in Gnade ist, erleuchtet und beeinflußt die Seele tief, gibt ihr
einen neuen Charakter und verändert alle ihre Wünsche.
Ich
nehme an, daß die Worte: „Geheiligt werde dein Name" nicht bloß ein
frommes Gefühl ausdrücken, sondern daß die Heiligen sich auch dafür
einsetzen, daß der Name des Vaters in ihnen geheiligt werde. Dieser Name
ist in den Heiligen; er wird sonst nirgends geheiligt, von der Welt wird
er gelästert; wenn aber Jesus zu mir als Offenbarer und Lehrer gekommen
ist, so wird der Name des Vaters in mir, in meinen Worten und in meinen
Wegen geheiligt werden. Ich fühle, wie wenig wir die Kraft dieser Dinge
erkannt haben, aber es ist die Wahrheit.
Dann
ist der Gedanke des Reiches des Vaters so schön. Es ist hier nicht das
Reich des Sohnes, sondern es ist des Vaters Reich. Ich nehme an, daß die
Heiligen als solche betrachtet werden, die das Wesen des Reiches erkannt
und geschmeckt haben; darum wünschen sie, daß es kommen und sein Licht
und seine Glückseligkeit ausstrahlen möchte. Sie können bitten, daß es
kommen möchte, weil es schon in ihnen ist. Das Reich des Vaters wird in
den Herzen der Heiligen erkannt, deswegen können sie auch ernstlich
begehren, daß es weltweit erkannt werde.
Ich
nehme an, daß das Reich des Vaters kommen wird, wenn alles, was der
Vater in Gnade in Seinen Heiligen gewirkt hat, im ganzen Weltall
einflußreich sein wird. Es ist wunderbar, daß der Vater in Gnaden wirkt.
Der Vater wird immer in der Schrift als der Ursprung des Werkes der
Gnade betrachtet; Er hat zweitausend Jahre lang durch unzählige
Seelenübungen in Seinen Heiligen gewirkt, wie auch dadurch, daß sie die
Glückseligkeit Seines Reiches in Seinem geliebten Sohne kennengelernt
haben; und Er wird alles dieses, die Frucht Seines Wirkens, in solch
einer Weise entfalten, daß das ganze Weltall sich freuen wird: „Dann
werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters."
Somit
werden die Dinge nicht nur Gott angemessen sein, sondern der Einfluß der
Gnade wird auch vorhanden sein. Im Reiche Gottes ist alles Gott
entsprechend, Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiste -
alles ist moralisch Gott entsprechend. Im Reiche des Vaters haben wir
aber den Einfluß der Glückseligkeit der göttlichen Natur. Es ist ein
schöner Gedanke, der zeigt, daß das Reich von dem holdseligen Einfluß
der Gnade durchdrungen sein wird. Die Frucht des Werkes des Vaters wird
darin entfaltet; es wird alles geoffenbart werden, wenn das, was der
Vater tut, vollständig sein wird.
Bedenkt, welche Gnade der Vater hat! - Er ist gütig gegen die
Undankbaren und Bösen - das ist etwas Zusätzliches zu dem, was moralisch
recht ist. Im Herzen des Vaters wirkt ein Antrieb, der Ihn gütig gegen
die Undankbaren macht. Weiter wird uns gesagt, daß Er mitleidig ist, es
sind zärtliche Gefühle in Seinem Herzen, und alles dieses wird Seinem
Reiche das Gepräge geben. Somit genügt es nicht, an das kommende Reich
nur als die Herrschaft der Gerechtigkeit zu denken; diese Dinge werden
jetzt gestaltet, und alles, was ich unter dem Einfluß der Gnade des
Vaters tue, ist wesentlich für Sein Reich.
Nehmen
wir an, ich werde von jemandem beleidigt und ich nehme es ihm nicht
übel, sondern ich bete für den, der mich beleidigt und verfolgt. Da ist
ein Ausdruck des Reiches des Vaters. Sein Reich bezieht sich auf das
Gebiet Seines Einflusses. Es gibt ein gewisses Gebiet für den Einfluß
des Vaters, und dieses beschränkt sich gegenwärtig auf Seine Heiligen;
sie kennen die Holdseligkeit davon so gut, daß sie darum beten.
Wenn
wir bedenken, in welcher Weise der Herr den Namen des Vaters kundtat,
wie Er in diesem Evangelium wandelte, welche Gnade, welche
Rücksichtnahme, welche Zärtlichkeit und Geduld Er an den Tag legte - das
war die Entfaltung des Namens des Vaters und alles dessen, was das Reich
des Vaters ausmacht.
In
diesem Lichte sollte ich das nötige tägliche Brot betrachten; nach
diesen Richtlinien kann man die Notwendigkeit des täglichen Brotes
verstehen. Wie können wir auf solchen geistlichen Richtlinien
aufrechterhalten werden? Nur durch das nötige tägliche Brot. Unser
persönlicher Pfad ist in Tage eingeteilt. Es ist oft gesagt worden, daß
Versammlungsübungen wöchentlich, unsere persönlichen Seelenübungen aber
täglich sind, und jeden Tag müssen wir das nötige Brot haben; wenn wir
es nicht haben, so werden wir im Zeugnis des geheiligten Namens des
Vaters zusammenbrechen. Das Manna hebt die Notwendigkeit frischer
Darreichungen für jeden Tag hervor.
Nehmen
wir an, ich wüßte am Anfang des Tages alle Umstände, welche meinem Gemüt
eine Probe sein würden oder gegen welche ich ankämpfen müßte, so könnte
ich mich für diese Gelegenheiten stärken, oder ich könnte überlegen, was
ich tun könnte; aber ich weiß nicht, was mich erbittern wird, noch
welche kleinen Gelegenheiten ich habe kann, um das Zeugnis von dem Namen
des Vaters zu erhöhen, die ich durch meine Unachtsamkeit versäumen mag.
Der Vater aber kennt für jeden Tag alle Umstände meines Lebens, und Er
kann mir das Nötige darreichen, so daß ich im Zeugnis nicht
zusammenbreche.
Der
Herr bekam Seine Anweisungen jeden Morgen. Er weckt jeden Morgen, er
weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden“ -
Er wurde belehrt, wie Er ein Wort zur rechten Zeit sprechen sollte.
Denkt an die geheiligten Mitteilungen, welche der Herr am Morgen von
Joh. 4 empfing, wo der Vater Selbst die Worte, die Er zu dem Weibe am
Brunnen reden sollte, Ihm ins Herz und auf die Lippen gab! Er bekam
dieses Wort an jenem Morgen. Für jeden Tag gibt es eine volle
Darreichung des nötigen Brotes, wenn wir das bloß ausfindig machen
wollten.
Keiner
von uns wird je einen Tag wie den heutigen haben, und wir werden diesen
Tag niemals wiedersehen; also ist es wichtig, daß wir auf der Höhe sind
und im Zeugnis nicht zusammenbrechen. Wenn wir nach dieser Richtlinie
handeln würden, würden wir im Zeugnis für den Namen des Vaters
aufrechterhalten werden, und Sein Name würde geheiligt werden. Es ist
ein Wunder, und doch ist es innerhalb der Schranken des Möglichen.
Christen haben mir oft erzählt, daß schwere Prüfungen sie unerwartet
überfielen, und daß sie ohne das kleine Wort, das sie am Morgen vom
Herrn bekamen, nicht durchgekommen wären. Ein Bruder sagte einmal zu
mir: Ich wußte, daß ein ungewöhnlicher Anspruch an mich gestellt werden
würde, und zwar weil der Herr mir am Morgen beim Lesen eine solche
Unterstützung gewährte. In dieser Weise können wir, wenn eine Prüfung
kommt, in einem gewissen Maße den Namen des Vaters verherrlichen,
anstatt unser Fleisch und unsere Natur zu offenbaren. Keiner von uns
kann das tun, ohne das nötige Brot für jeden Tag zu bekommen.
Dann
kommt der Name des Vaters in der Gesinnung der Vergebung zum Vorschein.
Nehmen wir an, ein Bruder beleidigt dich, wie willst du dem
entgegentreten? Manchmal beleidigen wir uns gegenseitig. Will ich dann
eine Entschuldigung haben? Soll man den Fall durch die Gesinnung des
Forderns oder der Vergebung erledigen? Der Heilige, der dieses Gebet
sprechen kann, ist allem in der Gesinnung der Vergebung begegnet, so daß
er damit rechnen kann, daß der Vater ihm die Sünden vergibt. Er hat die
Kostbarkeit davon geschmeckt, einen Erlaß zu halten. Das Jahr des
Erlasses ist nicht nur eine Gunst dem Schuldner gegenüber, sondern es
ist auch ein Vorrecht des Gläubigers.
Nehmen
wir an, ein Bruder oder eine Schwester ist nicht genau so, wie ich es
von ihnen erwarte; nehmen wir an, sie verletzen und schädigen mich! Man
kann ein hartes, nagendes Gefühl haben, welches einen verbittert und
unglücklich macht. Was ist es da für ein Vorrecht, einen Erlaß zu
halten! Der Gläubiger entledigt sich dessen, was in ihm nagte. Man mag
sagen, der oder die tat etwas sehr Unrechtes. Nun, gibt es eine so große
Sünde, daß man ihr in der Gnade der Vergebung nicht begegnen kann? Gott
hat uns gezeigt, daß es keine derartige gibt. Wir brauchen aber Nahrung,
um das tun zu können; daher muß die göttliche Natur aufgebaut und
genährt werden, denn von Natur würden wir gern jeden Pfennig für die
Schuld verlangen.
Schließlich nimmt der Herr an, daß wir alle viele Sünden haben, die
vergeben werden müssen, und Jakobus sagt: „Wir alle straucheln oft." Es
nützt nichts zu sagen, daß wir keine Sünder sind. Wenn wir gegen uns
selbst ehrlich sind, so müßten wir eine Menge von Sünden zugeben, und
wie könnten wir glücklich weiterleben, ohne uns der Vergebung des Vaters
bewußt zu sein? Viele Christen haben ein trauriges Leben, weil sie sich
dessen nicht bewußt sind, wie gern der Vater vergibt. Die Ursache ist,
daß sie die Kostbarkeit des Erlasses nicht geschmeckt haben - es können
kleine Dinge sein, kleine Beleidigungen, die unseren Stolz und unsere
Eitelkeit verletzt haben.
Dann
sollen wir sagen: „Führe uns nicht in Versuchung." Das zeigt, daß der
Heilige sich selber kennt, er macht sich keine Gedanken über die
Versuchung. Gott läßt aus Barmherzigkeit vielleicht Dinge, die mich
verführen würden, niemals in meine Reichweite kommen. Ich glaube, daß es
für jeden von uns etwas gibt, was sich bei einer Versuchung als zu viel
für uns erweisen würde, und deshalb sagen wir: „Führe uns nicht in
Versuchung." Ich möchte durch die Gnade des Vaters vor diesen besonderen
Dingen, denen ich nicht widerstehen könnte, bewahrt werden, wie auch vor
Umständen, die mir eine zu große Prüfung sein würden.
So
endet dieses Gebet in tiefer Demut, in einer wahren Gesinnung des
Mißtrauens sich selbst gegenüber und der wahren Selbsterkenntnis. Es
gibt kein Selbstvertrauen mehr; wir sind auf den Vater geworfen, und
wenn Er uns in der Versuchung verlassen sollte, würden wir sicherlich
fallen; deshalb bitten wir in wahrem Selbstgericht und in Demut darum,
bewahrt zu werden. Ich glaube, daß dieses Gebet zeigt, wie die Heiligen
im göttlichen Zeugnis bewahrt werden können. Es wird verhängnisvoll
sein, wenn wir es nicht beachten. Wir gebrauchen es nicht als Form,
sondern wir wünschen, daß der Herr uns lehrt, dieses Gebet zu beten.
Die
Offenbarung erzeugt Vertrauen; deshalb empfindet man keine
Schwierigkeit, wenn es darum geht, etwas vom Vater zu bekommen. Der Herr
gebraucht Bilder, um den Sinn Seiner Worte zu veranschaulichen; aber wir
finden, daß diese Bilder manchmal auch als Gegensätze, nicht nur als
Vergleiche gebraucht werden. Zum Beispiel heißt es hier, ein Mensch hat
einen Freund, und wenn er zu einer ungewöhnlichen Zeit, um Mitternacht,
mit seiner Bitte zu ihm kommt, so mag sein Freund nicht gewillt sein,
sie ihm zu erfüllen, obwohl er infolge der Unverschämtheit seines
Freundes seinen Unwillen überwinden mag.
Dann
deutet der Herr aber an, daß wir es niemals nötig haben, so etwas bei
dem Vater zu erwarten, wenn wir bitten, suchen und anklopfen. Wiederum
spricht der Herr von einem Manne, der ein Vater ist: Wenn sein Sohn ihn
um Brot bittet, würde er ihm einen Stein geben? oder um einen Fisch,
würde er ihm einen Skorpion geben? Nein, sagt Er, das würdet ihr selbst
nicht tun, obwohl ihr böse seid. „Wieviel mehr wird der Vater, der vom
Himmel ist, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten." Er
vergleicht die Glückseligkeit des Vaters mit der Veranlagung irdischer
Eltern, das Beste für ihren Sohn zu tun. Die Haltung des Vaters wird
gänzlich auf einen höheren Boden gestellt. „Wie- viel mehr", sagt der
Herr.
So ist
es wiederum in Kap. 18, wo der Herr über das Gebet in Verbindung mit dem
ungerechten Richter und der Witwe redet. Der Richter geht auf ihre Bitte
nicht ein; sein Herz wird nicht im geringsten durch ihre Bitte bewegt;
er wird aber durch ihr beständiges Kommen geplagt, und deshalb bekommt
sie, was sie braucht. Gott verfährt ganz anders mit denjenigen, die zu
Ihm kommen, obwohl wir im Gebet verharren sollen.
Ich
glaube, daß unser Mangel an Vertrauen darauf beruht, daß wir die
Offenbarung Gottes als Vater nur schwach erfaßt haben. Wahre
Abhängigkeit beruht auf Vertrauen, deswegen ist sie glückselig. Wir
wissen alle, wie es ist, wenn wir in einigen Dingen von Menschen
abhängig sind, zu denen wir kein Vertrauen haben es ist ein Elend. In
einem gewissen Sinne sind alle Menschen von Gott abhängig, und oft haben
sie kein Vertrauen zu Ihm, und so sind sie nicht glücklich.
Im
Lichte der Offenbarung hat der Gläubige Vertrauen, deswegen ist seine
Abhängigkeit voll Vertrauen, und er weiß, daß es nicht schwer ist, etwas
vom Vater zu bekommen. Der Vater wird zur Wirksamkeit Seiner Gnade durch
jeden wahren Wunsch bewegt, der Ihn als Antwort auf Seine Offenbarung
erreicht.
Es ist
zu bemerken, daß die Ernährungsfrage den Herrn sehr beschäftigt. Darin
liegt eine geistliche Andeutung, die auf die große Wichtigkeit der
Ernährung hinzuweisen scheint. Ich verstehe es so, nachdem wir die
Offenbarung, die uns vom Sohne gebracht worden ist, empfangen haben, ist
es erforderlich, daß wir darin durch gute Nahrung aufrechterhalten
werden; die Kraft des Vertrauens unserer Herzen muß durch geistliche
Nahrung aufrechterhalten werden; es muß eine Nahrung sein, die uns
fortwährend in der Erkenntnis Gottes sättigt und kräftigt. Ich glaube,
das ist eine grundlegende Notwendigkeit für ein glückliches christliches
Leben.
Der
Dienst Christi in der Kraft des Geistes nährt die Erkenntnis Gottes in
unseren Seelen, so daß unser Vertrauen mit der Zeit nicht abnimmt,
sondern unser Gottvertrauen von Tag zu Tag wächst. Die Erkenntnis Gottes
ist das einzige, was wir nötig haben. Paulus schreibt den Korinthern:
„Etliche sind in Unwissenheit über Gott"; er schrieb an Gläubige, und
sie hatten keine Erkenntnis Gottes. Allgemein gesagt stellt die Nahrung
den Dienst, der in der Versammlung zu finden ist, dar, und die volle
Darreichung derselben sollte eine Angelegenheit der Seelenübung und des
Gottvertrauens sein.
Im
Kolosserbrief spricht Paulus vom Wachsen „durch die Erkenntnis Gottes" -
Nahrung im geistlichen Sinne ist das, was unsere Erkenntnis Gottes
fördert. Das ist alles höchst wichtig im Blick auf das Kommen des
Geistes. Dieses Kapitel bringt uns zu der Gabe des Geistes. Diese
vertrauensvolle Haltung ist die Vorbereitung der Seele für das Empfangen
des Geistes. Es ist wunderbar, den Vater so durch die Belehrung des
Sohnes zu kennen, daß wir vollkommen sicher sind, daß Er uns den
Heiligen Geist geben wird, damit unsere Hilfsquellen und unser Vermögen
unserer Bürgerschaft, die uns im vorigen Kapitel eröffnet wird,
entsprechen sollten.
Lukas
scheint uns die moralischen Zustände zu geben, die die Seele auf den
Geist vorbereiten, und ich glaube nicht, daß der Geist uns zugute kommt,
bis diese Zustände vorhanden sind. Ich sage nicht, daß wir den Geist
nicht haben, ehe diese Zustände erreicht worden sind, aber der Geist
kommt uns noch nicht zugute. Viele Menschen haben den Geist, denen Er
aber noch nicht zugute kommt. Die Galater hatten den Geist, doch sie
waren vom Lichte der Offenbarung weit abgewichen. Die Korinther hatten
den Geist, doch wurde die Offenbarung durch ihre Fleischlichkeit
verdunkelt, so daß Paulus sagen mußte: „Etliche sind in Unwissenheit
über Gott; zur Beschämung sage ich's euch.“
Hier
sehen wir die moralischen Zustände, die uns nach der Schilderung des
Lukas auf das Empfangen des Geistes vorbereiten sollen. Es ist etwas
Großes, dessen sicher zu sein, daß der Vater gewillt ist, uns eine
unschätzbare Gabe zu verleihen. Der Zweck des Gebens des Geistes ist,
daß die Heiligen den Platz im Zeugnis, den Jesus so vollkommen hielt,
als Er hienieden war, wirksam und einsichtsvoll behaupten möchten.
Dieses sollte so vollkommen bewirkt werden, daß der Herr in Kap. 12
sagen konnte, sie würden es nicht nötig haben zu bedenken, was sie sagen
sollten - „der Heilige Geist wird euch in selbiger Stunde lehren“ -,
eine wunderbare Tüchtigkeit zum Zeugnis. Diesen moralischen Richtlinien
gemäß gelangen wir dahin in Kraft.
In
diesen Dingen, wie Lukas über sie berichtet, gibt es eine moralische
Reihenfolge. Zuerst sagt der Herr ihnen, sie sollten sich darüber
freuen, daß ihre Namen in den Himmeln angeschrieben sind, was größer
ist, als die Macht zu haben, Dämonen auszutreiben. Wenn das so ist,
sollten wir da nicht schon jetzt etwas Bestimmtes und Himmlisches
besitzen? Der Herr bringt uns dahin, daß wir Vertrauen zum Vater haben,
daß Er uns den Heiligen Geist geben wird, damit wir hienieden vom
Reichtum des himmlischen Vermögens auch leben können. Wir haben nicht
nur die Bürgerschaft - sie ist wunderbar - sondern wir haben auch die
Hilfsquellen und das Vermögen - den ganzen Reichtum des Geistes, der uns
vom Vater gegeben wird.
Der
Herr möchte uns dazu ermutigen, Freimütigkeit und Vertrauen zu haben; Er
möchte alle Fragen und jede Unsicherheit beim Beten im Lichte der
Offenbarung aus unseren Gedanken vertreiben. Einer, der im Lichte der
Offenbarung steht, würde niemals etwas wünschen, was mit ihr nicht
übereinstimmt.
Das
Empfangen des Geistes wird in gar mannigfaltigen Weisen in der Schrift
geschildert, um uns davor zu bewahren, daß wir uns in einer formellen
Weise damit befassen. Es gibt kaum zwei Schriftstellen über das Kommen
des Geistes, die über Sein Kommen in dieselben Umstände reden. Es gibt
Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit, um uns vor einheitlichen Geleisen
zu bewahren, damit wir lebendige Wirklichkeit anstreben. Es heißt bei
Lukas, daß wir um den Heiligen Geist bitten sollen, weil wir Vertrauen
zum Vater haben. Wir sind so von der Gnade, die mit dem Namen des Vaters
verbunden ist, überzeugt, daß wir vertrauensvoll auf Ihn rechnen, daß Er
uns sogar eine so überschwenglich große Gabe wie den Heiligen Geist
geben wird.
Die
Gabe des Geistes ist für uns im Blick auf die wunderbare Stellung, in
welche wir durch die Offenbarung des Vaters versetzt worden sind und in
welcher wir hienieden im Zeugnis des Vaters stehen. Der Herr sagte: „Ich
habe ihnen dein Wort gegeben“ - das ist des Vaters Wort im Zeugnis.
Wenn
wir diese Richtlinien nicht befolgen, sind wir in Gefahr, dem zu
verfallen, was darauf folgt. Die Offenbarung wird verworfen und Satan
kommt zur Macht. Das Haus wird gekehrt und geschmückt; die Dinge sind
äußerlich anständig, doch böse Geister kommen und wohnen dort, und der
letzte Zustand ist ärger als der erste. Das ist der Zustand Israels, es
ist aber auch ebenso der Zustand der Christenheit. Entweder befolgen wir
die Richtlinien, die sich aus dem Empfangen des Geistes und dem damit
verbundenen Reichtum ergeben, oder wir sind auf der anderen Linie, wo
viel Kehren und Schmücken betrieben wird - alles ist äußerlich richtig -
es gibt aber keinen Platz für Gott oder für Christum, und die bösen
Geister kommen, um da zu wohnen. Dem treibt allmählich die Christenheit
zu. Möchten wir doch dem Heiligen Geiste und dem Namen des Vaters Raum
geben.
Es kann
keine Neutralität geben. Es ist Christus oder Satan; es gibt keinen Pfad
dazwischen. „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich." Es ist entweder
der Pfad, wo dem Geiste, der vom Himmel ist, Raum gegeben wird, oder der
Pfad, der sich daraus ergibt, daß böse Geister eingedrungen und zur
Macht gelangt sind. So ernst sehen die Dinge, die hier geschildert
werden, aus.
Ich
glaube, der Herr stellt diese Dinge vor, um uns zu befestigen und um
unser Vertrauen zum Vater zu bestärken. Ich fühle, daß, wenn ich Gott
besser kennte, ich in keinen Umständen verzagen würde; ich könnte in
allen Dingen auf Ihn rechnen. Wie wunderbar ist es doch, daß es eine
Person aus dem Himmel gibt, die jetzt in den Heiligen wohnt! Nicht nur
sind wir himmlisch infolge unserer Berufung, sondern das Wesen des
Himmels ist jetzt schon in uns durch den Geist. Wenn das der Fall ist,
wollen wir dem nicht schon jetzt mehr Ausdehnung bieten, mehr Raum
geben, damit es zum Ausdruck gelangen kann?
Wir
haben von dem Herrn als Lehrer gesprochen, der uns lehrt, im Lichte der
Offenbarung des Vaters, die Er uns gebracht hat, zu beten, so daß das
Gebet zum Ausdruck des Vertrauens wird. Wenn das der Fall ist, werden
wir sehen, daß die Macht des Bösen sich in Stummheit erweist. Wenn ein
Mensch stumm ist, so zeigt das, daß er nicht zu Gott reden kann; er
steht nicht im Lichte der Offenbarung, und deswegen hat er gar kein
Vertrauen zum Reden. In solch einem Falle ist die Macht des Reiches
erforderlich.
Wenn
diese Macht nicht nach ihrem unumschränkten Willen wirkt, so würde
nichts bewirkt werden. Der Herr handelte nach Seinem unumschränkten
Willen. Er trieb den Dämon aus; es war Sein eigenes Wirken in der Kraft
des Fingers Gottes. Es ist das große Ziel Gottes, in dieser Welt zu
beweisen, daß Seine Macht größer ist als die ganze Macht des Bösen, und
so kommt der Charakter der beiden Reiche ans Licht: des Reiches Satans
und des Reiches Gottes. Deswegen ist es nicht möglich, neutral zu sein;
deswegen sagt der Herr: „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich."
Wenn
der Charakter der beiden Reiche offenbar wird, ist eine Neutralität
unmöglich. Wenn es in unserer Stadt keine einzige Seele gäbe, die in dem
Vertrauen der Gnade zu Gott reden kann, so wäre hier gar kein
Lebenszeichen des Reiches Gottes. Der Herr ermutigt uns, daß wir
Vertrauen haben sollen; Er ermutigt uns, zu Gott in dem Lichte der
Offenbarung, die uns erreicht hat, zu reden und in zuversichtlichem
Vertrauen zu reden. Um das zu bewirken, ist der Finger Gottes
erforderlich. Es ist ein Dämon vorhanden, der die Lage aufhält, und er
muß seiner Macht beraubt werden. Hier beraubt der Herr den Dämon seiner
Macht und zeigt, daß das Reich Gottes stärker als die ganze Macht des
Bösen ist. Die Frage lautet: Werden wir uns mit Ihm einsmachen? Eine
Neutralität ist unmöglich.
Der
Finger Gottes vollbringt das, was die Macht des Geschöpfes völlig
übersteigt. Als der Staub in Ägypten zu Stechmücken gemacht wurde,
konnten die Schriftgelehrten mit ihren Zauberkünsten das nicht
nachmachen, und sie sprachen: „Das ist Gottes Finger." Es lag in ihrer
Macht, einiges zu tun; aber es lag nicht in der Macht des Geschöpfes,
den Tod zum Leben zu machen. Wenn nur eine Seele so im Lichte der
Offenbarung des Vaters steht, daß sie vertrauensvoll zu Ihm reden kann,
so ist das der Finger Gottes. Jeder Gläubige, der vertrauensvoll zu Gott
reden kann, zeugt davon, daß die göttliche Macht größer als das Böse
ist.
Es ist
nicht nur Befreiung vorhanden, sondern das Herz wird auch in Besitz
genommen. Aus den weiteren Worten des Herrn folgt, daß es einen Menschen
gibt, aus dem der unreine Geist ausgefahren ist, dessen Herz aber nicht
in Besitz genommen ist. Es ist daher nötig, daß unser Herz durch etwas
eingenommen wird, was es gegen das Böse sichert; Gott, der im geliebten
Sohne erkannt ist, sollte in das Herz einziehen, so daß es in Besitz
genommen wird. Es hat sich nicht nur die Befreiung vollzogen, sondern
das Herz ist auch in Besitz genommen und gegen jede Wiederkehr des
hinausgetriebenen Bösen geschützt.
Wir
sollten so gesichert sein, daß jene Macht niemals wiederkehrt, und nicht
nur von ihr befreit sein; sonst wird das Letzte für uns ärger sein als
das Erste. Es war so bei Israel, und es wird der Christenheit ebenso
ergehen. Wir möchten wünschen, daß Christus bei uns einen solchen Platz
einnimmt, daß das Haus von Ihm eingenommen wird und nicht nur gekehrt
und geschmückt ist. Bei Matthäus haben wir das Wort „leer" (unbesetzt)
in bezug auf das Haus. Es genügt nicht, eine äußere Befreiung zu haben,
die von der göttlichen Vorsehung herrühren kann.
Israel
war in der Stellung eines Menschen, aus dem der unreine Geist
ausgefahren war; der unreine Geist des Götzendienstes fuhr aus, er wurde
aber nicht durch den Finger Gottes hinausgetrieben. Ich möchte sagen,
daß es die Vorsehung Gottes angeordnet hatte. Als aber der Herr ihnen
vor Augen gestellt wurde und Gott Sich ihnen in der Person Jesu näherte,
wollten sie Ihn nicht aufnehmen, und deshalb war das Haus nicht besetzt;
wenn es auch gekehrt und geschmückt war, so war es doch leer. Das ist
der heutigen Christenheit ähnlich.
Durch
die göttliche Vorsehung ist die Christenheit von den großen
Schlechtigkeiten der heidnischen Welt befreit worden; darin liegt aber
keine Sicherheit. Die Sicherheit beruht darauf, daß wir dem Herrn Jesu
einen Platz in unseren Herzen geben, damit wir nicht leer bleiben. Er
ist nicht nur der Besitzer, sondern der Besitzergreifer; wenn Er dies
ist, ist Sicherheit gegen das Böse vorhanden.
Die
Menschen werden dadurch betrogen, daß das Haus gekehrt und geschmückt
ist. Die Dinge sind anständiggemacht worden, es gibt aber keinen, der
Besitz ergriffen hat, und das Ende davon ist die Abtrünnigkeit. Der
letzte Zustand wird ärger sein als der erste. Unsere einzigste
Sicherheit besteht darin, bewohnt zu sein. Der Geist führt Christum ein.
Wenn wir den Heiligen Geist aus dem Himmel haben, so haben wir eine
Person der Gottheit von dem Platze her, wo Christus ist. Er kommt, um in
unseren Herzen ein Zeuge der Herrlichkeit Christi zu sein, so daß das
Haus bewohnt ist und die unreinen Geister nicht zurückkehren können.
Wenn
die unreinen Geister ausgetrieben worden sind, werden sie niemals
zurückkehren; wenn sie aber bloß ausgefahren sind, können sie vielleicht
zurückkehren. Es besteht dieser Unterschied zwischen dem, was Gott in
Seiner Vorsehung und dem, was Er in Seiner Macht tut. Wenn die Geister
durch den Finger Gottes ausgetrieben worden sind, so werden sie nie
zurückkehren. Wenn die Person, die die Befreiung vollbracht hat, das
Haus besetzt, so ist völlige Sicherheit vorhanden.
Der
Höhepunkt des Gebetes des Paulus in Epheser 3, 16 ist: „Daß der Christus
durch den Glauben in euren Herzen wohne." Wenn Christus in unseren
Zuneigungen lebt, so ist dadurch eine beständige Sicherheit gegeben.
Dem
Herrn tat es leid, daß sie ein Zeichen forderten (Vers 20); das zeigte,
daß sie ein böses Geschlecht waren. Wenn der Mensch angesichts alles
dessen, was in Ihm vorhanden war, ein Zeichen forderte, so war das der
Beweis dafür, daß er böse war, und Er sagt, daß kein Zeichen ihnen
gegeben werden sollte als nur das Zeichen Jonas. Jona brachte den
Niniviten das Zeugnis über ihren wahren Zustand in den Augen Gottes.
Gott sagte: „Geh nach Ninive, der großen Stadt, und predige gegen sie",
und die Predigt Jonas lautete: „Noch vierzig Tage, so ist Ninive
umgekehrt."
Der
Herr sagt eigentlich zu ihnen: Ihr könnt Segen nur auf dem gemeinsamen
Boden mit der heidnischen Welt empfangen. Er stellt dieses Geschlecht
auf denselben Boden wie die Niniviten. Das Wunderbare dabei ist, daß ihr
Zustand in dem Sohne des Menschen dargestellt wurde. Der Zustand Israels
und der heidnischen Welt wird nicht dadurch dargestellt, daß das Gericht
sie ereilte, sondern dadurch, daß der Sohn des Menschen das Gericht
ertrug; darum wird ihr Zustand durch die höchste Gnade bezeugt.
Johannes der Täufer zeigte, daß der Zustand des Menschen verderbt
ist und daß der Baum abgehauen werden muß; der Sohn des Menschen zeigt
aber, wie der Baum im heiligen Gericht abgehauen worden ist, doch auf
dem Wege der Gnade den Menschen gegenüber. Deswegen ist der Sohn des
Menschen das Zeichen. Die Jud
en hätten an Ihn als den Sohn Gottes denken
können, oder sie hätten sich Seiner als des Sohnes
Davids gerühmt; Gott sagt aber: Nein, ihr müßt weiter
ausgedehnt werden und Segen auf derselben Grundlage
erlangen wie die Niniviten. Als Sohn des Menschen war Er
der große Ausdruck der weltweiten Reichweite der Gnade
Gottes.
Das einzige, was Ninive rettete, war das Erbarmen
Gottes, womit Jona gar nicht übereinstimmte. Gott sagte
zu ihm: Du erbarmst dich des Wunderbaumes, und du willst
nicht, daß Ich Mich Ninives erbarme, „worin mehr als
hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht zu
unterscheiden wissen zwischen ihrer Rechten und ihrer
Linken, und eine Menge Vieh". Es ist das Erbarmen Gottes
gegen Sein Geschöpf, das der Sohn des Menschen in Gnade
zum Ausdruck bringt.
Der Herr sagte den Juden, sie müßten auf den
Standpunkt herniedersteigen, daß der Sohn des Menschen
das ganze Gericht Gottes über den sündigen Zustand der
Menschen in Gnade auf Sich nehmen würde; darum ist der
Sohn des Menschen das große Zeichen des Zustandes des
Menschen und das gesegnete Zeichen der Gnade Gottes
Seinem Geschöpf gegenüber.
Die weiteste Herrlichkeit des Herrn ist Seine
Herrlichkeit als Sohn des Menschen; es war als Sohn des
Menschen, daß Er kam, das Verlorene zu suchen und zu
erretten. Es gab dabei keine Unterschiede, denn Juden
und Heiden sind beide verloren; es gibt nur eine
gemeinsame Grundlage, auf welcher der Sohn des Menschen
die Menschen berühren kann, und das ist die Grundlage
Seines Todes. Jona ist das große Zeichen dafür, daß
alles, was für Gott anstößig war, vor Seinen Augen
beseitigt worden ist, und Salomo ist das große Zeichen
dafür, daß alles, was Gott wohlgefällig ist, zustande
gekommen ist.
In Matthäus 12 redet der Herr darüber, daß Jona
drei Tage und drei Nächte in dem Bauche des großen
Fisches war, und Er sagt: „Also wird der Sohn des
Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der
Erde sein." Das zeigt, daß der Sohn des Menschen auf den
äußersten Grund gehen wollte; Er stürzte nicht nur,
sondern Er wurde auch begraben. Die ganze Tragweite der
Beseitigung des Menschen wurde durch Christum
ausgeführt; es war nicht nur der Tod, sondern auch das
Begräbnis ein Niedersteigen in das Herz der Erde. Das
Begräbnis bedeutet die völlige Beseitigung, der Tod aber
noch nicht. Wenn ein Mensch stirbt, so ist er als ein
toter Mensch noch zu sehen; wenn er aber begraben ist,
ist er nicht mehr zu sehen, er ist hinweggetan. Darin
liegt die Wichtigkeit des Begräbnisses Christi. Es
bedeutet die gänzliche Beseitigung des Menschen vor den
Augen Gottes; er ist nicht mehr zu sehen.
Wir können kein vollständiges Evangelium predigen,
ohne über das Begräbnis Christi zu reden. Paulus sagt
uns in 1. Kor. 15, was das von ihm verkündigte
Evangelium umfaßte: „Daß Christus für unsere Sünden
gestorben ist nach den Schriften, und daß er begraben
wurde." Das ist ein Teil des Evangeliums. Wir brauchen
den Sühnungstod in seiner ganzen Tragweite. Das Sterben
ist ein Teil der Sühnung, aber nicht das ganze, denn
Gott hatte zu Adam gesagt: „Staub bist du, und zum
Staube wirst du zurückkehren“ — das bedeutet Begräbnis;
Adam sollte vor den Augen Gottes verschwinden. So
verschwindet der Mensch in dem Tode und dem Begräbnis
Christi vor den Augen Gottes. Wir sollten mit Seinem
Tode, aber auch mit Seinem Begräbnis im Einklang sein.
Wir sollten uns dessen an jedem Tag unseres Wandels auf
Erden bewußt sein; an dem Platze, wo Er begraben wurde,
sollten wir mit Seinem Tode übereinstimmen; ohne
dasselbe gibt es kein Christentum.
In Jona sehen wir die völlige Beseitigung des
Menschen, der unter dem Gericht Gottes war, und das hat
der Sohn des Menschen getan; Er ist das Zeichen davon.
Der Sohn des Menschen ist in den Tod und in das Grab
gegangen, um den Menschen, der lauter Anstoß gab, zu
beseitigen. Das bedeutet nicht, daß wir den alten
Menschen in Stücke schlagen müssen, sondern wir dürfen
einsehen, wie gesegnet es ist, daß der Sohn des Menschen
ihn beseitigt hat. Wenn der Sohn des Menschen ihn
beseitigt hat, so ist es keine Gerechtigkeit, ihn wieder
zurückzubringen.
In Salomo haben wir die ganze Weisheit Gottes; all
die tiefen Gedanken der göttlichen Weisheit in bezug auf
den Menschen wurden durch Salomo ausgesprochen. In
Verbindung mit Salomo deutet der Herr an, daß Leute von
weither kommen würden. Die Königin von Scheba stellt die
Schar aus den Nationen dar, die Christum als die
Weisheit Gottes wertschätzen würde, wenn Israel dieselbe
mißachtete. Salomo war der Mittelpunkt eines Systems, wo
alles vom Ruhme des Namens Jehovas sprach: das Haus, das
er gebaut hatte, und das Sitzen seiner Knechte und der
Aufgang, auf welchem er in das Haus Jehovas hinauf-
ging. Alles war in Übereinstimmung mit dem Namen
Jehovas, und das war es, was die Königin von Scheba
gehört hatte. Um Salomo zu erreichen, ist Bewegung
erforderlich.
Das sind die zwei Seiten der Wahrheit. Jona stellt
das Hervortreten der Gnade und des Mitgefühls mit den
Menschen in ihrer Not dar, wie auch das Offnen einer Tür
zur Buße. Gottes Erbarmen ist das Wort, das bei Jona
gebraucht wird, und sogar das Vieh wird erwähnt, was
zeigt, daß Gott an Seine Schöpfung dachte. Am Ende des
Markusevangeliums heißt es, das Evangelium sollte der
ganzen Schöpfung gepredigt werden, was auf das Interesse
Gottes für die ganze Schöpfung und auf Seine
Rücksichtnahme auf den Zustand, in welchen sie geraten
ist, hinweist. Diese Seite der Wahrheit wird zu uns
gebracht.
Um aber Salomo zu erreichen, muß eine Reise
gemacht werden, aber nur diejenigen, die Gott lieben,
unternehmen sie. Salomo muß dort gefunden werden, wo er
ist; er ist in seinem eigenen Kreise zu finden, wo alles
dem Herzen Gottes Wohlgefallen bereitet. Das sind die
zwei Seiten des Werkes Gottes. Ich glaube nicht, daß wir
die Berufung Gottes verstehen, wenn wir diese zwei
Seiten nicht sehen.
Wenn die Berufung Gottes uns im 1. Korintherbriefe
in einer grundlegenden Weise vor Augen gestellt wird, so
wird von Christo gesagt, Er ist die Weisheit Gottes, und
Er ist uns Weisheit von Gott geworden. Der Apostel hat
ein ganzes System der Dinge, "welche Gott zuvorbestimmt
hat, vor den Zeitaltern, zu unserer Herrlichkeit“ - für
die Heiligen vor sich. Es ist ein bestimmtes Gebäude,
das Gott in der Kraft des Geistes Wohlgefallen bereitet,
ein durch Herrlichkeit gekennzeichnetes System - „Salomo
in all seiner Herrlichkeit". Die Königin von Scheba
hörte von seinem Ruhm in Verbindung mit dem Namen
Jehovas.
Wenn wir an den Menschen als sündig denken, so muß
Gott zu ihm kommen; wenn das Zeichen ihn erreichen soll,
muß es ihn dort antreffen, wo er ist. Jona ist das
Zeichen der Gnade, welche den Menschen zur Buße führen
möchte, so daß er von allen seinen alten Verbindungen
befreit wird; Gott aber hat noch mehr vor Sich, etwas
für die, die Gott lieben. Wie es mir scheint, kam die
Königin von Scheba als von Liebe getrieben; sie hatte
Fragen, die gelöst werden mußten, und sie war bereit,
den wunderbaren Charakter der göttlichen Weisheit, die
in der Umgebung Salomos zu sehen war, zu schätzen. Es
ist etwas Großes, wenn wir beginnen, uns für die
göttliche Weisheit zu interessieren und zu erforschen,
was in den Briefen der Apostel über die Weisheit gesagt
wird.
Das System, in welches wir eingeführt worden sind,
bezeugt die Weisheit Gottes, und das ergibt, daß die
Fürstentümer und Gewalten in den himmlischen Ortern „die
mannigfaltige Weisheit Gottes" in der Versammlung
kennenlernen. Alles ist zum Wohlgefallen Gottes, und es
ist alles mit Christo verbunden, weil Er die Weisheit
Gottes ist. Wenn wir die Welt nicht verlassen, werden
wir nicht verständnisvoll ein Teil des Gefäßes des
Lichts bilden, das hienieden zum Wohlgefallen Gottes
ist. Es gibt darin das Hervorleuchten von allem, was aus
Gott ist und mit Gott übereinstimmt; dies wird in
Christo und in der Kraft des Geistes verwirklicht, und
sogar die Leiber der Heiligen sollten diese Herrlichkeit
ausstrahlen.
Gott kommt zu uns in Gnade, damit wir zu Ihm in
Liebe kommen möchten, und als Ergebnis davon wird das
Licht, das die Stadt erfüllen wird, moralisch jetzt
schon in den Heiligen gefunden. „Das Licht des Leibes
ist das Auge." Unsere Wertschätzung des Lichts hängt von
unserer Sehkraft ab; deshalb wendet Sich der Herr von
dem Gedanken des Lichtes in seinem Ursprung zu dem
Zustande, der fähig ist, es zu sehen. Darin besteht die
Seelenübung.
Das kostbarste Licht leuchtet; es hat niemals ein
größeres Ausstrahlen von geistlichem Lichte gegeben als
jetzt; aber das Werkzeug für die Wahrnehmung desselben
ist von der höchsten Wichtigkeit. Das Licht hat „in
unsere Herzen geleuchtet" (siehe 2. Kor. 4). Gott
leuchtete in das Herz des Paulus um des Hervorleuchtens
willen; in gewissem Sinne kann nichts zu dem Lichtglanz
des Hervorleuchtens hinzugefügt werden. Wenn aber das
Gefäß durch Licht gekennzeichnet werden soll, wenn es
für das öffentliche Zeugnis auf einen Leuchter gestellt
werden soll, sind einige Bedingungen dafür erforderlich;
wir brauchen ein einfältiges Auge - eine Sehkraft, die
durch keine selbstsüchtigen Beweggründe verdunkelt wird
und durch keine Form des Götzendienstes.
Solch ein Auge steht im Gegensatz zu dem bösen
Auge; das Auge ist entweder einfältig oder böse. Paulus
betet um „den Geist der Weisheit und Offenbarung in der
Erkenntnis seiner selbst" - das würde ein einfältiges
Auge bewirken. Es ist die göttliche Absicht, daß der
Geist der Weisheit und Offenbarung den Heiligen gegeben
werde, damit keine Fremdkörper die Sehkraft verdunkeln.
Sie soll nicht kompliziert gemacht werden durch
mannigfaltige Beweggründe wie durch Selbstgefälligkeit,
Selbstsucht oder Selbstherrlichkeit. Alles
Götzendienerische und Böse harmoniert nicht mit der
gesegneten Offenbarung und mit der Zuversicht, die durch
die Offenbarung erzeugt wird; es harmoniert nicht mit
dem Geiste und führt zu einem bösen Auge. Ein
einfältiges Auge ist gerade das Gegenteil davon.
Es ist interessant, den allgemeinen Gedanken des
Lichts in Vers 33 zu sehen: „Niemand aber, der eine
Lampe angezündet hat, stellt sie ins Verborgene, noch
unter den Scheffel, sondern auf das Lampengestell, auf
daß die Hereinkommenden das Licht sehen." Das ist der
allgemeine Gedanke des Lichts, und dann haben wir die
Art und Weise, wie das in den Heiligen verwirklicht
wird, damit das, was so vollkommen im Sohne des Menschen
leuchtet, auch in ihnen leuchten möchte, und selbst ihre
Leiber sollten licht sein. Das ist etwas, was kein
Pharisäer nachahmen kann. Er konnte ein sauberes Gewand
anziehen, aber es konnte niemals licht sein. Die zwei
Männer am Ende dieses Evangeliums hatten strahlende
Kleider an; in der Weise sollte der Charakter des
Ausstrahlens Gottes in Christo die Heiligen
kennzeichnen.
In Korinth wurde das Licht verdunkelt; der
Leuchter war da mit allen seinen Gefäßen, das Licht aber
war verdunkelt; die Lampen brauchten priesterliche
Aufsicht. Das Licht strahlte aber in Paulus, und es
sollte in den Heiligen strahlen, damit das Licht wie der
Leuchter sein möchte, d. h. daß es entschieden in einer
bestimmten Stellung aufgestellt werden möchte. Es ist
nicht gerade das Licht der Welt, es geht aber um die
Hereinkommenden -„daß die Hereinkommenden den Schein
sehen“. Unter den Heiligen ist ein Gebiet gesichert
worden, wo göttliches Leuchten vorhanden ist.
Leuten, die sich über armselige Zusammenkünfte
beklagten, habe ich gesagt: Ihr wart wohl noch nie in
einer Zusammenkunft, wo nichts zum Lobe Gottes oder
Seines geliebten Sohnes gesagt wurde. Man kommt herein
und sieht den Schein; man geht heraus mit dem
Evangelium. Die göttliche Absicht beim Hereinbringen
eines Lichtes ist, daß es öffentlich, nicht geheim ist.
Es gibt ein gewisses Gebiet, wo das Licht sich befindet,
und es erfüllt dieses Gebiet mit seinem Leuchten. Dieser
Schein ist nicht nur da, wenn wir zusammen sind, obwohl
er besonders dann zu sehen ist, wenn die Heiligen
versammelt sind; dann werden wir vor ablenkenden
Einflüssen bewahrt. Die befreiende Macht des Reiches
wird erlebt, wenn wir zusammen sind; wir kommen in ein
Gebiet, wo andere Grundsätze vorhanden sind.
Es gibt dort ein Leuchten, und kein Raum ist dort
für die Finsternis, ob wir zum Brotbrechen oder zum
Gebet oder zur Wortbetrachtung zusammenkommen. Es ist
der Ort für das Licht. Im Gegensatz dazu sehen wir (Vers
37), daß es ein System gibt, das vorgibt, den Herrn zu
empfangen - der Pharisäer lud Ihn zum Essen ein.
Augenscheinlich erwies er dem Herrn Ehre, es war aber
nur, um sich selbst zu erhöhen, und seine Umgebung war
völlig in Finsternis. Nachdem das volle Licht erstrahlt
ist, besteht ein System der Finsternis, das sich so
wider Gott erweisen wird, daß das Blut aller Seiner
treuen Zeugen von ihm gefordert werden wird, wie wir in
Offenbarung 18 lesen. Das Große für uns ist, das Licht
zu schätzen, verständnisvoll mit dem Lichte beschäftigt
zu sein, und in dieser Weise werden wir vor der
Finsternis bewahrt werden.
Gott wirkt von innen. Im System der Finsternis ist
äußerlich alles anständig, aber das Innere bleibt
selbstsüchtig und böse. Gott wirkt von innen, damit
Herzen da seien, die fähig sind, Christum zu empfangen.
Das, was der Pharisäer äußerlich tat, sollen wir bereit
sein, innerlich zu tun. Es ist gut zu verstehen, daß
Gott es mit dem Innern zu tun hat; das äußerliche System
taugt nichts. „Du hast Lust an der Wahrheit im Innern,
und im Verborgenen wirst du mich Weisheit kennen lehren"
(Psalm 51, 6). Da beginnt Gott, Er wirkt viel mit Seelen
im Verborgenen, ehe irgend etwas davon zum Vorschein
kommt. Der Feind möchte das, was dort aus Gott ist,
verheimlichen, aber Gott will, daß es leuchtet.
Gott wirkt, um die Menschen dahin zu bringen, daß
sie auf das Fleisch ganz und gar nicht mehr vertrauen;
Seine Beschuldigung gegen die Pharisäer bestand darin,
daß sie in bezug auf Kleinigkeiten sehr genau waren, das
Gericht und die Liebe Gottes aber übergingen. Wie
schätzt Gott das ein? Was denkt Er? Darüber sollte man
besorgt sein. Ich sehe zum Beispiel das Urteil Gottes in
dem Ausspruch: „An dir habe ich Wohlgefallen gefunden."
Das ist Sein Urteil, so hat Er Seinen geliebten Sohn
eingeschätzt, und wenn wir Sein Urteil über gewisse
Dinge haben wollen, so werden wir alles im Lichte des
Urteils Gottes über Christum beurteilen. Er hat ein
Urteil darüber, was Ihm wohlgefällt, und Sein Werk in
unseren Seelen soll uns darauf vorbereiten, Sein Urteil
zu haben, so daß anstatt Selbstsucht und Bosheit
Christus zugegen ist, und Er wird zum verborgenen
Menschen des Herzens.
Dieses Kapitel ist wichtig, weil es uns den
Charakter des Systems gibt, das vorgibt, Christum
aufzunehmen, in Wirklichkeit aber ein System der
Finsternis ist, wo Christus nur zur Selbstverherrlichung
gebraucht wird. Das Urteil Gottes wird darin nicht in
Betracht gezogen, und die Liebe Gottes ist unbekannt. Es
ist sehr wichtig, zuerst das Urteil Gottes zu haben,
dann kommen wir zu bestimmten Schlußfolgerungen. Im
Christentum ist alles durch Endgültigkeit
gekennzeichnet; das Urteil Gottes ist ausgesprochen
worden, und es ist des Menschen Weisheit, es zu
beachten. Wenn ich das Urteil Gottes in bezug auf
Christum beachte, so verpflichtet es mich, Sein Urteil
in bezug auf den Menschen nach dem Fleische auch zu
beachten.
Um nun das Urteil Gottes und die Liebe Gottes zu
bewahren, gibt es ein Gefäß des Lichts, und es steht im
Gegensatz zu dem religiösen System, das vorgibt, Christo
Ehre zu erweisen. Die Dinge, über welche der Herr in
diesem Kapitel redet, sind ganz bestimmter Art – das
Urteil Gottes, die Liebe Gottes, die Weisheit, der
Schlüssel zur Erkenntnis, der Heilige Geist - welch ein
kostbarer Reichtum ist das gegenüber dem System der
Finsternis!
Gott wirkt nach den Richtlinien der verborgenen
Dinge, Er will das Herz reinigen; Er wirkt, um Sich
zuerst ein inneres Ergebnis zu sichern. Er wirkt, um ein
Gefäß des Lichts aufzurichten, und um es zu besitzen,
muß Er innerlich wirken. Paulus redet davon, daß unsere
Herzen durch den Glauben gereinigt werden - wenn Gott
einzieht, zieht die Sünde aus. Der Glaube bringt Gott
und Christum uns nahe, und wenn das so ist, werden wir
die Selbstsucht und die Bosheit los.
Der Pharisäer führte Christum moralisch oder
geistlich nicht in sein Haus ein; er stellt dasjenige
System dar, das dem Namen nach Christum anerkennt und
Ihm Ehrerbietung erweist, aber innerlich nichts besitzt.
Gott gibt Seinen Geist nur gereinigten Herzen; die Gabe
des Geistes bezeugt, daß Herzen gereinigt worden sind.
Paulus redet zu den Kolossern darüber, daß das
Evangelium wächst und Frucht bringt. Nicht nur in
einzelnen, sondern auch darin, wie die Heiligen
zusammengesetzt sind und zusammen wandeln, sehen die
Menschen, die hereinkommen, das Licht. Es wird in der
christlichen Schar gefunden.
Die gegenseitigen Beziehungen der Heiligen werden
im Lichte der Offenbarung, im Vertrauen auf Gott und in
der Gegenwart des Geistes gestaltet, so daß es ein
ganzes System der geistlichen Dinge gibt, das im
Gegensatz zur Finsternis Licht ist.
Das Geben von Almosen (Vers 41) zeigt die
Betätigung der Gnade. Wenn wir die Gnade betätigen,
werden wir uns keine Verunreinigungen zuziehen - es ist
dann ein Schutzpanzer um die Seele her vorhanden. Sehr
oft wird durch unsere Trägheit in der Ausübung der Gnade
dem, was unrein ist, die Tür geöffnet. Wenn wir bei der
Ausübung der Gnade das Wohl anderer anstreben, so sind
wir außerhalb der Reichweite des Unreinen: Selbstsucht,
Bosheit und Unreinigkeit finden dann keinen Einlaß.
In 3. Mose 11 wird uns gesagt, daß Wasserbehälter,
Quellen und Zisternen nicht verunreinigt werden, sogar
wenn ein unreines Tier oder ein Insekt dort hineinfällt.
Wo solch eine Betätigung des Geistes gefunden wird, wenn
die Heiligen zusammenkommen, wird das Verunreinigende
ausgeschlossen. Die Beschäftigung mit dem Guten schließt
das Böse aus. Praktische Befreiung wird darin gefunden,
daß man in Gott wohlgefälligem Tun verharrt. Es ist
Gottes würdig, nach dieser Richtlinie zu wirken.
Wenn ein Heiliger gefallen ist, wie wirst du ihm
helfen? Nicht dadurch, daß du ihm sagst, daß er gefallen
ist, sondern durch etwas Gutes. Bruder J. N. Darby hat
gesagt: „Der Weg des Friedens im Inneren und der Kraft
nach außen hin besteht darin, immer und ausschließlich
mit dem Guten beschäftigt zu sein.“ Das ist das
einfältige Auge. Paulus schreibt an die Philipper über
schöne Dinge, und er sagt: „Dieses erwäget" (Phil. 4,
8).
Auf das Äußere achtgeben, während das Innere
unrein ist, und sich sehr um Kleinigkeiten befleißigen -
das sind Grundsätze der Finsternis. Ich habe beobachtet,
daß, wenn die Menschen in bezug auf nichtige Dinge allzu
genau sind, sie meistens empfindlich in großen Dingen
fehlen. Wir können uns selbst darin gefallen, wenn wir
in Dingen, die uns nicht viel kosten, äußerst genau
sind. Kleine Kräuter zu verzehnten, kostet nichts; aber
der Pharisäer kann sich darin selbst gefallen. Es ist
recht, auf kleine Dinge achtzugeben, denn der Herr sagt:
„Diese Dinge hättet ihr tun und jene nicht lassen
sollen." Vernachlässigt nicht die kleinen Dinge, aber
messet ihnen nicht ungebührliche Wichtigkeit bei. Die
Dinge als beschwerlich hinzustellen, gehört zum System
der Finsternis.
Paulus legte den Heiligen niemals Lasten auf, er
zeigte aber, wie gern bereit er war, die Dinge, die an
ihn herankamen, zu tragen. Man kann nicht die Briefe
Pauli lesen, ohne zu empfinden, daß hier ein Mann ist,
der bereit ist, uns zu helfen, unsere Lasten zu tragen,
sei es eine Seelenübung oder eine persönliche
Schwierigkeit oder ein Leid betreffs der Versammlung; er
kommt nicht mit Forderungen, sondern mit einer helfenden
Hand. Wir sollten nicht in einer fordernden Gesinnung
auftreten - das gehört zum System der Finsternis. Paulus
nahm die ganze Last der Schwierigkeit in Galatien auf
sich; er trug sie in seinem Geiste und brachte einen
außerordentlichen Dienst göttlichen Reichtums hervor.
Auf diese Weise wies er die Dinge zurecht; er gab
praktische Almosen.
Das Lastentragen gehört zum Gefäß des Lichtes, und
wir sollten diesen Lichtglanz immer mehr beherzigen,
damit wir uns entschieden von den Grundsätzen der
Finsternis absondern, obwohl sie sich uns von Natur
empfehlen.
Kapitel 12
Wir haben uns mit der göttlichen Absicht
beschäftigt, daß eine Lampe hienieden angezündet und, um
für Gott zu leuchten, auf ein Lampengestell gestellt
werden und so moralisch und geistlich das Scheinen der
Heiligen Stadt im voraus darstellen soll. Wir haben
bemerkt, daß der Herr die Aufmerksamkeit auf das lenkt,
was das Scheinen verdunkeln kann. Ich nehme an, daß
nichts es so verdunkeln kann wie die Heuchelei; deswegen
war dies das erste, was Er auf dem Herzen hatte, es
Seinen Jüngern zu sagen.
Wenn wir uns aller Formen der Heuchelei entledigen
könnten, wären wir wie jene Stadt. Wir lesen in
Offenbarung 21: „Ihr Lichtglanz war gleich einem sehr
kostbaren Edelstein, wie ein kristallheller Jaspisstein"
(Vers 11); „und die Stadt reines Gold, gleich reinem
Glase" (Vers 18); „die Straße der Stadt reines Gold, wie
durchsichtiges Glas“ (Vers 21). Das weist auf ein Gefäß
hin, das in keiner Weise das Licht verdunkelt, und das
hat uns der Herr jetzt schon geistlich zugedacht.
Heuchelei bedeutet, ein unechtes Wesen vorzutäuschen;
das ist der Sauerteig der Pharisäer. Heuchelei ist ein
Grundsatz, welchem wir natürlicherweise zugeneigt sind;
darum tut es uns not, die heilsamen Worte des Herrn zu
beachten.
Der Charakter des Christentums wird in dem Strome
des Wassers des Lebens veranschaulicht: „Er zeigte mir
einen Strom des Wassers des Lebens, glänzend wie
Kristall, der hervorging aus dem Throne Gottes und des
Lammes" (Offb. 22, 1). Wenn die Stadt öffentlich
entfaltet werden wird, werden alle verdunkelnden
Einflüsse verschwunden sein; wie ich es aber verstehe,
wird ihre Beseitigung nicht durch ein mächtiges Wirken
der göttlichen Kraft zuwege gebracht, sondern durch ein
Verfahren der geistlichen Seelenübung, die solche
kristallähnliche Klarheit bewirkt, so daß es gar nicht
nötig ist, etwas vorzutäuschen, was wir ja doch nicht
sind. Als Christen haben wir es nicht im Geringsten
nötig vorzugeben, etwas zu sein, was wir nicht sind.
In seiner ihm eigenen Kraft will das Evangelium
uns kristallähnlich machen, so daß kein verdunkelndes
Element vorhanden ist. Wir beginnen mit dem Charakter
und der Natur Gottes. „Dies ist die Botschaft... daß
Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist"; und
das Evangelium, das uns erreicht hat, besitzt diesen
Charakter. Es kommt in solch einer Gnade, daß es den
Geist der Heuchelei vertreibt. Ich glaube nicht, daß
jemand als Heuchler errettet werden kann.
In diesen Versen sehen wir zwei Gefahren. Der
Sauerteig der Pharisäer bedeutet, vorzugeben besser zu
sein als man ist; andererseits kann man vielleicht nicht
in dem Lichte leuchten, das man im Herzen hat; aus
Menschenfurcht mag man es verbergen. Es gibt diese zwei
Gefahren. Die erste wird in dem, was Ananias und Saphira
taten, veranschaulicht, und die zweite in der Heuchelei
des Petrus, worüber Gal. 2 berichtet. In Apg. 6 waren es
solche, die unter den Geschwistern ein Ansehen wegen
ihrer Ergebenheit genießen wollten, die in ihren Herzen
nicht vorhanden war. Das war eine ernste Angelegenheit
und brachte sofortiges Gericht mit sich.
Andererseits änderte Petrus sein Handeln, „da er
sich vor denen aus der Beschneidung fürchtete". Er hatte
das Licht des Evangeliums in seinem Herzen, aber er ließ
es zu, daß es durch die Furcht vor denen aus der
Beschneidung verdunkelt wurde, und ich denke, daß dem
Wunsch zugrunde lag, seinen Ruf als guter Jude
aufrechtzuerhalten. Paulus nennt das Heuchelei (eig.
Verstellung) - bestimmt ein sehr starkes Wort, das auf
den Apostel angewandt wird. In diesem Zeitpunkt war
Petrus nicht frei von dem System, das das Licht
verdunkelte.
Wenn die Offenbarung Gottes in Christo in ihrem
wahren Charakter aufgenommen wird, so vertreibt sie
völlig den Wunsch, anders zu erscheinen, als wir sind.
Alles ist ans Licht gekommen; bei jedem von uns war eine
ganze Lebensgeschichte der verborgenen und geheimen
Dinge; das Evangelium hat uns aber gezeigt, wie Gott mit
diesen Dingen verfahren ist; beim Tragen des Gerichts
durch Christum hat Er sie alle ins volle Licht gebracht,
und Er ist so wirksam mit ihnen verfahren, daß kein Jota
und kein Strichlein solcher Dinge zurückgeblieben ist,
um das Licht, worin Er scheint, zu verdunkeln. Wir
sollten uns nicht schämen, wenn diese Dinge in der
öffentlichsten Weise aufgedeckt werden.
Verborgene Dinge werden offenbar werden, und
geheime Dinge, die ins Ohr gesprochen wurden, werden
öffentlich bekanntgegeben werden. Wir wandeln in diesem
Lichte. Hesekiel (Kap. 1, 22) redet vom Kristall, aber
er sagt: „der wundervolle (eigentlich: erschreckende)
Kristall"; der Gedanke ist, von dem göttlichen Lichte
durchleuchtet zu werden. Wer möchte aus Kristall gemacht
sein, so daß die verborgensten Gedanken und geheimsten
Beweggründe von allen gesehen werden können? Kein
natürlicher Mensch möchte das.
Hesekiel zeigt aber, daß es in dem erschreckenden
Kristall etwas für Gott gibt, etwas auf einer höheren
Stufe. Er sieht einen Thron, und darauf die Gestalt wie
das Aussehen eines Menschen, und ringsum um den Thron
war ein Regenbogen. Gott kann in der Treue Seines
eigenen Bundes sündigen Menschen gegenüber wirken, weil
derselbe Mensch, der auf dem Throne sitzt, an dem Kreuze
für sie gestorben ist, und alles, was das Licht
bloßgestellt hat, hat die Liebe beseitigt, also ist es
gar nicht nötig, irgend etwas zu ver- decken; es ist
alles ans Licht gekommen. Dahin stellt uns das
Evangelium. Jetzt sind die verborgenen und heimlichen
Dinge bei den Christen von einer solchen Art, daß wir
sehr froh wären zu denken, daß sie öffentlich
herauskommen sollten. Es wird ans Licht kommen, was wir
insgeheim getan haben.
Der Christ hat auf den Knien im Verborgenen in
seinem Kämmerlein gelegen und wollte eine bessere
Erkenntnis Gottes und Christi haben und er betete für
seine Geschwister. Das sind die neuartigen Geheimnisse,
die an einem kommenden Tage aufgedeckt werden; es gibt
jetzt eine neuartige, geheime Lebensgeschichte. Wenn wir
mit Dingen vorangehen, von denen wir nicht wünschen, daß
die Geschwister sie erfahren sollten, so sind das
bestimmt Dinge, die wir weiterhin nicht tun sollten, und
alles wird ans Licht kommen.
Es ist eine ganz böse Sache, wenn irgendeiner von
uns den Sauerteig der Pharisäer bei sich duldet, und es
wird eine sehr kurze Dauer haben; es wird alles
öffentlich herauskommen. Wenn ein Heiliger einen bösen
Lebenswandel führt, so wird das sehr wahrscheinlich
schon jetzt herauskommen. Wenn ein Mensch gar nicht
bekehrt ist, so kann es vielleicht im Dunkeln gelassen
werden. Wenn wir uns damit begnügen wollten, nur das zu
sein, wozu uns die Gnade Gottes gemacht hat, so würde
das alles vereinfachen.
Paulus konnte sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich,
was ich bin.“ Das war er, und er wollte nichts anderes
sein. Er konnte auch sagen: „Gott aber sind wir offenbar
geworden; ich hoffe aber auch in euren Gewissen." Das
Urteil Gottes ist die Art und Weise, wie Gott die Dinge
betrachtet. Als Er sagte: „Du bist mein geliebter Sohn,
an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“, so war das das
Urteil Gottes. Es ist die Wertschätzung Christi; Er hat
ein Urteil gefällt und es zum Ausdruck gebracht, und es
ist unsere Weisheit, das Urteil Gottes zu beachten, dann
kommen wir zur Erkenntnis der Liebe Gottes, und dann
kommen wir weiterhin zu der Weisheit Gottes.
Das Licht ist die Offenbarung Gottes. Das sehen
wir im vorhergehenden Kapitel; die Offenbarung ist
vorhanden, und im Lichte der Offenbarung Gottes betet
ein Mensch. Das wahre Gebet möchte die Finsternis
verdrängen. Wenn einer betet, scheidet die Finsternis
aus, weil Gebet bedeutet, daß wir uns Gott nähern, und
in der Nähe Gottes ist keine Finsternis. John Bunyan
sagte, daß entweder das Gebet den Menschen zwingt, das
Sündigen aufzugeben, oder die Sünde den Menschen zwingt,
das Beten aufzugeben.
In Vers 4 sagt nun der Herr: „Ich sage aber euch,
meinen Freunden.“ Es ist schön, daß der Herr uns in
dieser Weise anreden kann. Im Grunde des Herzens sind
wir Seine Freunde. Es besteht aber die Gefahr, daß wir
aus Menschenfurcht unsere Freundschaft verbergen. Wir
möchten aber nicht, daß unsere Freundschaft mit Jesu
durch Menschenfurcht verdunkelt werde; Menschenfurcht
ist ein sehr verdunkelnder Einfluß. Das Weitestgehende,
was sie tun könnten, ist, uns zu töten. Ich bin oft
durch eine ganz nichtige Sache daran gehindert worden,
als ein Freund Jesu aufzutreten, nur durch den Gedanken,
daß man mich zum Narren halten und auslachen könnte.
Was ist es aber für ein Vorrecht, als ein Freund
Jesu aufzutreten und nur Denjenigen zu fürchten, der in
die Hölle zu werfen vermag! Die Gottesfurcht wird uns
vor eitlem Ruhm bewahren. Es ist heilbringend, Gott in
dem Charakter vor sich zu haben, der gefürchtet werden
soll. Er hat die Gewalt, in die Hölle zu werfen. Das
würde jeden Eigendünkel und jede Prahlerei beseitigen.
Wir wandeln in der Furcht Gottes, denn Er hat die
Gewalt, in die Hölle zu werfen. Der Herr möchte, daß
dieser Gedanke uns gegenwärtig sei.
Petrus schreibt: „Wenn ihr den als Vater anrufet,
der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden
Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in
Furcht“ (1. Petr. 1, 17). Wir haben es mit Gott als dem
Richter aller zu tun; Er erforscht fortwährend unsere
Beweggründe, und wir wissen, daß Gott das Böse nicht
duldet.
Andererseits sind die Freunde Jesu vorzüglicher
als viele Sperlinge. Die Freunde und Bekenner Jesu sind
nicht vergessen; die Haare ihres Hauptes sind gezählt.
Der Herr belehrt us darüber, daß die Betreuung und der
Schutz Gottes in alle Einzelheiten eingreifen; während
das Bewußtsein Seiner Gewalt die tiefste Ehrfurcht mit
sich bringt, liegt jedoch die tiefste Zuversicht im
Bewußtsein Seiner Fürsorge; die Freunde und Bekenner
Jesu sind die Gegenstände der größten Fürsorge und
Anteilnahme Gottes.
Nehmen wir an, jemand befindet sich der Gegenwart
weltlicher Menschen, und, indem er sich seiner großen
Schwachheit bewußt ist, bemüht sich, stammelnd den Namen
Jesu auszusprechen; Gott hält so viel davon, daß selbst
alle Haare des Hauptes von einem solchen gezählt sind.
Er wird dem Feinde nicht erlauben, auch ein Haar seines
Hauptes auszuz
ziehen, wenn es nicht zur Förderung des Zeugnisses
ausschlagen würde. Wenn nur ein Haar weniger vorhanden
ist, weiß Er es, und es geht dabei um das Bekennen.
Dadurch wird die ungeheure Wichtigkeit des Bekennens des
Sohnes des Menschen ans Licht gebracht.
Man kann in einem Kaufladen oder in einem Kontor
oder in einer Schule sein, und die Versuchung liegt
nahe, den Sohn des Menschen nicht zu bekennen - Jesum
nicht zu bekennen. Bedenkt aber, was alles damit
zusammenhängt; es kommt ein Tag, wo der Sohn des
Menschen den himmlischen Heerscharen sagen wird, wie du
dich verhalten hast. Wenn du als junger Christ in einem
Kontor oder in einer Schule den Sohn des Menschen
bekennst, so wird Er allen himmlischen Heerscharen davon
erzählen, daß du Seinen Namen gerade bekannt hast. Alles
dieses gibt uns ein Bewußtsein von der Fürsorge Gottes,
die bis in die kleinsten Einzelheiten eingreift.
Wir machen uns nicht viel aus einem Sperling, der
Herr sagt uns aber, daß nicht einer von Gott vergessen
ist. Er vergißt nicht einen Sperling, nicht für einen
Augen-blick! Es ist wunderbar! Deshalb ist nichts in
unserem Leben gering. Für den Bekenner Jesu ist nichts
gering. Jedesmal, wenn du Seinen Namen ehrfurchtsvoll
vor der Welt erwähnst, wird es Tausenden und
Abertausenden gesagt werden. Es lohnt sich, dies zu tun.
Ich würde jungen Christen raten: Erwähnet Seinen Namen;
es macht nichts aus, wie ihr ihn aussprecht.
Wenn man euch vorschlägt, einen Roman zu lesen
oder ins Kino zu gehen, so sagt nicht: „Es interessiert
mich nicht"; weicht dem Bekennen nicht durch eine
Hintertür aus; es bedeutet, ein Vorrecht zu versäumen.
Erwähnt Seinen Namen, macht euch nichts daraus, wenn ihr
ihn nur zaghaft und schwach aussprecht; ihr mögt wie
Espenlaub zittern, doch sprecht Seinen Namen aus. Sagt,
warum ihr nicht ins Kino geht. Erwähnt Seinen Namen;
dadurch hißt ihr die Fahne des Reiches, und die ganze
Macht des Reiches wird euch unterstützen.
„Wer mich aber vor den Menschen verleugnet haben
wird, der wird vor den Engeln Gottes verleugnet werden."
Es wird angenommen, daß der Charakter einer solchen
Person schließlich derart sein wird; aber ein etwas
anderer Ausdruck wird in bezug darauf gebraucht. Der
Charakter eines solchen Menschen wird als ein Verleugner
des Herrn Jesu hingestellt. Petrus verleugnete den
Herrn, aber das war nicht der Charakter des Petrus; zu
Pfingsten verleugnete er den Herrn nicht.
Die Freunde und Bekenner Christi werden hier als
mit dem Zeugnis des Heiligen Geistes einsgemacht
betrachtet. Ich denke, daß das, was der Herr hier über
den Heiligen Geist sagt, Seine Freunde und Bekenner
ermutigen soll, damit sie die Freimütigkeit haben, am
Bekennen Seines Namens durch den Geist teilzuhaben, und
damit sie verstehen, wie außerordentlich verhängnisvoll
es ist, das Zeugnis des Geistes zu mißachten oder zu
lästern. Weil es die Zeit der größten Gnade von seiten
Gottes ist, ist es auch die Zeit der größten Schuld von
seiten des Menschen.
Das Zeugnis des Sohnes war nicht abschließender
Art, denn danach kam noch das Zeugnis des Geistes; für
diejenigen aber, die verächtlich das Zeugnis des
Heiligen Geistes verwerfen, ist nichts mehr da. Wenn das
Zeugnis des Geistes in gewalttätiger Weise verleugnet
und verworfen wird, so kann das nicht mehr gutgemacht
werden, denn der Geist ist gelästert worden. Das kann
durch Apg. 13 veranschaulicht werden, wo das Zeugnis der
Vergebung der Sünden verkündigt wurde, und die, welche
es hörten, lästerten; dann gebrauchten Paulus und
Barnabas Freimütigkeit und sprachen entschieden: „Zu
euch mußte notwendig das Wort Gottes zuerst geredet
werden; weil ihr es aber von euch stoßet und euch selbst
nicht würdig achtet des ewigen Lebens, siehe, so wenden
wir uns zu den Nationen.“ Dem Grundsatze nach bezieht
sich das auf den Geist, wie Er den Platz des Zeugnisses
in den Heiligen hat.
Der Geist wird in anderen Schriftstellen als die
Kraft betrachtet, wodurch der Herr Seine mächtigen Werke
tat, aber in Apg. 13 wird das Zeugnis als in die Hände
der Heiligen übergegangen betrachtet, obwohl es
eigentlich das Zeugnis des Heiligen Geistes ist. Es ist
ein sehr ernster Gedanke, zu wissen, daß das Zeugnis in
seinem wahren Charakter das Zeugnis des Heiligen Geistes
ist. Bruder Stoney sagte manchmal, wir befänden uns
entweder mit der Welt auf der Anklagebank oder im
Zeugenstand mit dem Geiste (siehe Joh. 16).
Diejenigen, die wider den Sohn als Menschen reden,
wird vergeben, aber wer wider den Heiligen Geist
lästert, dem wird nicht vergeben. Es zeigt die
außerordentliche Wichtigkeit und den Ernst der Gegenwart
des Geistes im Zeugnis. Wo das Zeugnis der Apostel
mutwillig verworfen und dagegen lästerlich geredet
wurde, gab es keine Vergebung. Das bezieht sich nicht
auf irgendeine gegenwärtige Predigt; die Apostel
predigten das Evangelium durch den aus dem Himmel
gesandten Geist; wir würden uns aber nicht anmaßen, es
ebenso zu tun wie die Apostel. Der Herr sagt das zur
Ermutigung, damit man nicht davor zurückschrecken
sollte, mit dem Zeugnis des Geistes einsgemacht zu
werden; sogar wenn man sie vor die Synagogen und vor die
Obrigkeiten und Gewalten führen würde, würde der Geist
sie lehren, was sie sagen sollten.
Ich kann so gut predigen, wie ich es nach meinem
Maße der Erkenntnis tun kann, es ist vielleicht aber
nicht das direkte Zeugnis des Geistes. Hier ist der
Gedanke der, daß ein mutwilliger und bösartiger Haß
gegen den Heiligen Geist vorhanden ist, wenn Er von
Christo zeugt; dafür gibt es keine Vergebung. In Apg. 7
gab Stephanus einen Überblick über die ganze Geschichte
der Vergangenheit und brachte göttliches Licht in die
damalige Lage; er sagte nicht ein Wort, das nicht das
Ergebnis des Lehrens des Heiligen Geistes war; deshalb
war es eine außerordentlich verhängnisvolle Sache,
dieses Zeugnis zu verwerfen. Wenn ein Mann ganz und gar
in der Kraft des Geistes predigen würde, ist es
verhängnisvoll, dagegen zu reden. Mit dem Zeugnis des
Geistes darf nicht gespielt werden; wenn es auch nur
Feindschaft hervorbringt, ist das sehr ernst.
Dann ermutigt das die Freunde und Bekenner, weil
ihnen bekannt wird, daß sie mit dem wunderbarsten,
gleichzeitig aber auch mit dem verantwortungsvollsten
Zeugnis einsgemacht sind, d. h. es bringt die größte
Verantwortung für diejenigen mit sich, welche es
mutwillig und verächtlich verwerfen. Es gibt eine Menge
Menschen, die nicht Bekenner sind, aber auch nicht
lästernd reden; sie nehmen eine neutrale Stellung ein.
So stehen heute die meisten in der Christenheit da. Das
Zeugnis ablehnen, geht nicht so weit wie dagegen
lästern; ich denke, das letztere ist der Ausdruck von
einer bösartigen Feindschaft, und das findet man nicht
bei einem jeden.
Bei den Pharisäern war es bösartige Feindschaft
wider den Geist, der im Herrn Selbst geoffenbart wurde;
ich glaube aber, daß dieser Grundsatz auf die Bekenner
übergeht, um die Zeugen dadurch zu ermutigen, daß sie
mit dem Zeugnis des Geistes einsgemacht werden. Der Herr
sagt in Joh. 15: „Der Geist der Wahrheit, der von dem
Vater ausgeht, wird von mir zeugen. Aber auch ihr
zeuget" - d. h., Er macht das Zeugnis der Jünger mit dem
Zeugnis des Heiligen Geistes eins. Das Zeugnis des
Geistes war ausschließlich von Gott; vom Menschen war
gar nichts dabei, und es brachte einen teuflischen
Charakter des Widerstandes zum Vorschein.
Paulus sagt von sich, er sei ein Lästerer und
Verfolger und ein Gewalttäter gewesen; er fügt aber den
rettenden Vers noch hinzu: „Aber mir ist Barmherzigkeit
zuteil geworden, weil ich es unwissend im Unglauben
tat." Was unwissend getan wird, ist etwas Verschiedenes;
es wird als Sünde der Unwissenheit angesehen; diese
Feindschaft und Bosheit ist aber mutwillig, mit offenen
Augen.
Dann wendet Sich der Herr einem anderen
verdunkelnden Einfluß zu, dem Begehren nach irdischen
Gütern. Der Herr will die Aufmerksamkeit auf eine
Lebensart lenken, die nicht von der irdischen Habe
besteht; das Leben besteht nicht aus jenen Gütern,
sondern Gott gegenüber reich sein ist Leben. Sicherlich
begehren wir alle, in bezug auf Gott reich zu sein. Der
Herr lehnt die Stellung eines Richters oder Erbteilers
ab, aber ich glaube, daß er demjenigen, der mit Ihm
sprach, wie auch seinem Bruder es nahelegte, daß sie
durch Habsucht beherrscht wurden.
Die Habsucht verstellt sich oft als Klugheit; die
große Gegenmaßnahme ist, in bezug auf Gott reich zu
sein. Wenn etwas zu meinem Reichtum in bezug auf Gott
nichts hinzufügt, dann trägt es zu meinem Leben gar
nichts bei. Es ist sehr wichtig, daß wir unsere
Geschäfte nicht in einer habsüchtigen Gesinnung
betreiben und dadurch unsere Habe hienieden vermehren.
Wir sollten die Dinge begehren, die unser Leben in bezug
auf Gott fördern, damit mehr Freude, mehr Lob und ein
größeres Bewußtsein von dem göttlichen Reichtum
vorhanden sein möchten - das sollte der große Gegenstand
unseres Begehrens sein.
Wenn wir auf dem Standpunkt stehen, daß wir unsere
Scheunen niederreißen und größer bauen sollten, haben
wir die Fürsorge des Vaters nicht nötig; das bedeutet,
daß wir für uns selbst sorgen. In bezug auf Gott reich
zu sein bedeutet, eine Wertschätzung der Barmherzigkeit
zu besitzen; einer, der die Barmherzigkeit schätzt, ist
reich nach Gott hin; er schätzt das, woraus der Reichtum
Gottes besteht. Sein Herz strebt Gott zu, sein Reichtum
ist dem Wohlgefallen Gottes gewidmet, er ist sich der
Gunst Gottes in Christo bewußt, und er erwirbt den
Reichtum, der im Geiste liegt, wobei er ein Erbteil
erwirbt, das ihm kein selbstsüchtiger Bruder wegnehmen
kann. Alle diese Dinge machen uns reich in bezug auf
Gott. Was ist der Nutzen des Dienstes, wenn er unseren
Reichtum nach Gott hin nicht fördert?
Auch in bezug auf geistliche Dinge kann man sich
selbst zum Mittelpunkt machen; aber alles, was dem
wahren Leben dient, macht uns reich in bezug auf Gott,
und wir sind dann besser ausgerüstet, dem Wohlgefallen
Gottes zu dienen. Das ist das Ziel des Dienstes. Einer,
der darüber in Übung ist, in bezug auf Gott reich zu
sein, wird zum besonderen Gegenstand der Fürsorge
Gottes, denn Ängstlichkeit betreffs der irdischen
Umstände könnte ein sehr verdunkelnder Einfluß sein. Es
wäre traurig, wenn wir angestrengt für uns selbst
gearbeitet und die Verantwortung, für uns selbst zu
sorgen, übernommen hätten, und dabei des glückseligen
Vorrechts, von Gott betreut zu werden, verlustig gingen.
Ein Freund und Bekenner Christi und einer, der
reich ist in bezug auf Gott, wird von Gott sehr
beachtet; es ist ein Leben und ein Leib vorhanden, die
dem glückseligen Gott von tiefstem Interesse sind. Wenn
Er schon für eine Blume oder einen Vogel sorgt, was wird
Er nicht alles für einen Freund und Bekenner Christi
oder für einen, der reich ist in bezug auf Gott, tun?
In diesem Kapitel sehen wir einen Unterschied
zwischen dem, was wir bedürfen und dem, was der Vater
uns gibt. Die Dinge, die Er uns gibt, übersteigen bei
weitem das, was wir bedürfen. Es hat dem Vater
wohlgefallen, uns das Reich zu geben, und das ist viel
mehr als uns zu ernähren und zu kleiden. Wenn Er dir das
Reich geben will - ein ganzes Gebiet gesegneter Dinge,
die vollkommen Seinem Sinne entsprechen, so wird Er dir
sicherlich auch Brot zum Essen und Kleidung zum Anziehen
geben, damit du für dieses Reich vollkommen frei bist.
Von seiten des Vaters gefällt es Ihm wohl, uns das
Reich zu geben; es sollte uns wohlgefallen, danach zu
trachten und durch das Bewußtsein der göttlichen
Fürsorge von den Sorgen um die zeitlichen Bedürfnisse
befreit zu sein, damit sie nicht zum vorherrschenden
Grundsatz des Lebens werden. Der Grundsatz der Habsucht
herrscht dann nicht vor, sondern wir sind völlig frei,
nach dem Reiche des Vaters zu trachten, indem wir uns
der Fürsorge des Vaters bewußt sind.
Das Reich des Vaters ist etwas Wunderbares; danach
sollten wir trachten, und wir können auch alle danach
trachten. Nichts hat ein größeres Anrecht auf uns. Die
Menschen sagen, sie hätten keine Zeit für geistliche
Dinge, nichts aber hat ein größeres Anrecht auf uns als
das Reich des Vaters. Die kleine Herde ist eine
auserwählte Schar, die passend ist, das Reich zu
empfangen; sie sind frei von Heuchelei und Habsucht und
von aller Furcht; sie sind Freunde Christi und mit dem
Zeugnis einsgemacht.
Das Reich des Vaters ist ein Gebiet, das dem Vater
entsprechend regiert wird. Es ist ein Ort, wo Gott in
der höchsten Gnade als Vater erkannt wird; die Heiligen
stehen darin in Abhängigkeit, sie beten im Lichte der
Offenbarung, und sie haben die Gabe des Geistes aus dem
Himmel. Diese Dinge machen die wichtigsten Wesenszüge
des Reiches des Vaters aus. Das Reich des Vaters ist
eine Ordnung der Dinge, die moralisch mit Seiner
Gesinnung im Einklang sind. Gott wird dort in der
Verwandtschaftsbeziehung als Vater erkannt: „Es hat
eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben“, und:
„Euer Vater aber weiß, daß ihr dieses bedürfet."
Es wird jetzt alles in Umständen äußerer Kleinheit
zustande gebracht - in einer „kleinen Herde". Dem Vater
hat es wohlgefallen, uns dieses wunderbare Gebiet der
geistlichen Güter zu geben; alles Gute, das in dem
Herzen des glückseligen Gottes ist, ist zum Vorschein
gekommen, um alle bösen Einflüsse hienieden zu
überwinden. Wir sollten aber danach trachten und dadurch
als im Gegensatz zum Sorgen und zur Habsucht stehend
gekennzeichnet sein. „Verkaufet eure Habe und gebet
Almosen" - das Zeugnis Gottes kommt im Geben ans Licht;
wir sind hienieden, um geistliche Reichtümer, die
Reichtümer des Evangeliums, auszuteilen; wir sollen aber
auch Almosen geben.
Es geht augenscheinlich aus den Schriften hervor,
daß das Geben von Almosen Gott sehr wohlannehmlich ist,
weil es der Ausdruck Seines eigenen Charakters ist, denn
Er ist voll Güte und Freigebigkeit. Möchten unsere
Seelen von der Gnade der Worte des Herrn durchdrungen
sein und mit Bestimmtheit daran denken, so daß, wenn
kein einziger standhafter Christ mehr auf Erden
vorhanden wäre, jedem aber das Vorrecht offenstände, der
erste zu sein. Der Herr steigt nicht von der Höhe der
göttlichen Gedanken hernieder, um Sich uns anzupassen;
Er will uns zu ihnen emporheben, und wir müssen auch
dort beginnen.
Wenn ein Mangel an Freigebigkeit in der Gesinnung
der Heiligen bemerkbar ist, so beweist das ihre Armut;
wir müssen die Heiligen dann bereichern. Sind wir uns
alle dessen bewußt, daß wir in bezug auf Gott reich
sind, weil wir den unumschränkten Reichtum des Gebietes,
das Er uns gegeben hat, empfangen haben, eines Gebietes,
wo alles durch Schönheit und Wohlgefallen gekennzeichnet
ist? Wenn das in unseren Seelen lebt, so werden wir die
irdischen Güter in ihrer Beziehung zum Himmel
betrachten, und wir werden entschieden im Blick auf den
Himmel sozusagen Schätze sammeln – wir werden verkaufen
und uns Säckel machen, die nicht veralten.
Wir sind dann bestrebt, nicht von der Gesinnung
des habsüchtigen Menschen beherrscht zu werden, der
alles haben will, was er nur bekommen kann, noch werden
wir von der Sorge geplagt, es könnte uns an etwas
mangeln oder wir könnten etwas verlieren. Wir sollten
unsere Geschäfte im Lichte des Himmels machen. Ich bin
davon überzeugt, daß unsere zum Himmel strebende
Gesinnung davon abhängt, was in unserem alltäglichen
Leben in einer praktischen Weise zum Ausdruck kommt.
Wenn wir in der Weise, wie wir es gerade
hingestellt haben, an unsere Geschäfte herangehen,
werden wir himmlisch gesinnt sein, und wir haben dann
Jesum als unseren „eigenen" Herrn (Vers 36). Das
bedeutet, daß, wenn Er auch keines anderen Menschen Herr
auf Erden wäre, Er doch mein Herr wäre. Es steht uns
allen offen, nach diesen Richtlinien zu wandeln, und
wenn andere es auch nicht tun, steht es mir immer noch
offen.
Ich denke, es ist nicht recht, daß wir unser Geben
von Almosen zu sehr dem Zufall überlassen. Das Geben von
Almosen und das Gebet sind miteinander verbunden, was
darauf hinweist, daß das Geben in verwirklichter
Abhängigkeit von Gott betrieben werden soll und nicht
nach der Richtlinie der menschlichen Güte und
Wohltätigkeit. Es ist leicht, Geld und Güter zu
vergeben, nichts erfordert aber mehr Gnade als so zu
geben, daß der Charakter Gottes dabei richtig
hervorleuchtet. Wenn wir den Reichtum des Evangeliums
verteilen, müssen wir um offene Türen und um den Zugang
zu Seelen beten; wir sind darum besorgt, Empfänger zu
haben.
Beim Geben von Almosen sind wir ebenso von Gott
abhängig wie beim Vergeben des Reichtums des
Evangeliums; wir sollten um Gelegenheiten bitten, in
solch einer Weise zu geben, daß Gott dabei verherrlicht
wird. Wir sollen nicht durch Habsucht oder Sorgen
gekennzeichnet sein, sondern alle Dinge in Beziehung zu
Gott halten. Sobald der Mensch beginnt, Schätze im
Himmel zu besitzen, wird sein Herz himmlisch. Das, was
wir hienieden besitzen, bietet uns die Gelegenheit zum
Geben. Schätze im Himmel sind durchaus sicher, und dies
ist auch der Weg, wie wir himmlisch gesinnt werden.
Das ist notwendig, damit wir Seine Knechte sein
können, die während Seiner Abwesenheit über Sein
Eigentum wachen; das bereitet uns dafür vor, die
Verantwortung zu übernehmen. Er hat ein Besitztum, und
Er überläßt es der Fürsorge derer, für die Er ihr
eigener Herr geworden ist. Maria sagte: „Weil sie meinen
Herrn weggenommen“, und Paulus sagte: „Christus Jesus,
mein Herr." Der Herr hat einen Haushalt, ein Besitztum,
und Er hat ihn unter der Aufsicht Seiner Knechte
gelassen. Er kann jederzeit kommen; deshalb muß alles
für Seinen Empfang bereit sein.
Die Hochzeit ist ein allgemeines Bild; der Sinn
ist, daß bei allen Gelegenheiten jeder Knecht wachsam
sein soll. Wir sollen wachsam sein, so daß, wenn der
Herr kommt, wir Ihm alsbald aufmachen; Er möchte nicht
einen Augenblick warten. Die Knechte vollführen ihren
Aufseherdienst, denn das gehört zu dem betrachteten
Zustande. Das Klopfen zeigt, daß der Herr Seinen Wunsch,
einzutreten, andeuten wird. Wir müssen nicht denken, daß
diese Schriftstelle sich auf die Entrückung bezieht; es
ist nicht das Kommen des Herrn, um Seine Heiligen von
hier wegzunehmen. Es ist der Haushalt des Herrn
hienieden; Er ist abwesend, und Er mag jederzeit oder
oftmals kommen. Das Gleichnis deutet darauf hin, daß Er
oftmals kommt: „Wenn er in der zweiten Wache kommt und
in der dritten Wache kommt" (Vers 38). Das deutet auf
Besuche hin. Es ist verhängnisvoll, daß Laodicäa Ihn
nicht hereinläßt.
In Vers 39 wird ein Haus betrachtet, wo der Herr
nicht erwartet wird. In diesem Haushalt ist der Herr
nicht willkommen; es ist gleichsam das, was Er zu Sardes
sagt: „So werde ich über dich kommen wie ein Dieb." Das
steht im Gegensatz zu dem Hause, wo es keine Gewalt
außer der des Herrn gibt, wo jeder Knecht gegürtet ist,
Licht hat und jederzeit bereit ist, Ihn hereinzulassen.
Denen, die in dem Hause sind, wo eine andere Gewalt wie
Jesabel aufgestellt ist, muß der Herr sagen, was Er
Sardes sagt: „So werde ich über dich kommen wie ein
Dieb." Wenn wir nicht auf Ihn warten, muß Er den
Charakter eines Diebes annehmen.
Diotrephes hatte den Platz des Herrn eingenommen
(siehe den 3. Johannesbrief) und stieß Leute aus der
Versammlung, die Freunde Christi waren, für die Er „ihr
eigener Herr“ war; in seinen Gedanken gab es keinen Raum
für solche Leute, denn er war der Herr im Hause.
Diotrephes hätte sich nicht über einen Besuch des
Johannes gefreut, und noch weniger über einen Besuch des
Herrn des Johannes. Johannes stellt den wahren Hausherrn
dar, und wenn er mit Gewalt bekleidet hereinkäme, würde
die Angelegenheit in bezug auf Diotrephes recht bald
erledigt sein.
Die Verse 36-40 geben den Schlüssel zu der ganzen
Lage: diese zwei Häuser stehen noch da; des Herrn
Haushalt, der treuen und klugen Knechten anvertraut ist,
die Ihn als ihren eigenen Herrn schätzen und mit
umgürteten Lenden und brennenden Lampen zu jeder Zeit
der Nacht zum Dienst bereit stehen - es ist nämlich ein
nächtlicher Schauplatz, am Tage benötigen wir keine
Lampen -, und dann ist aber das andere Haus auch da,
welches einen anderen Hausherrn hat.
Wenn wir zusammenkommen, sollten wir anerkennen,
daß wir des Herrn Haushalt sind, und daß Er jederzeit
Seinen Haushalt besuchen kann. Wir sehen, was Er sagt:
„Wenn er in der zweiten Wache kommt und in der dritten
Wache kommt“ - das deutet auf wiederholte Besuche hin,
und wie oft Er auch kommen mag, wir sollten bereit sein.
Diese treuen Knechte sollen sich zu Tische legen,
und ihr eigener Herr kommt und bedient sie. Ich glaube
nicht, daß das im Himmel ist, denn Er sagt: „Er... wird
hinzutreten und sie bedienen." Es handelt sich also um
Sein Hinzutreten, um uns zu bedienen; es soll uns die
außerordentliche Glückseligkeit zeigen, welche
diejenigen erwartet, die rechte Zustände während der
Abwesenheit des Herrn bewahren. Wenn Er eintritt, so
kommt Er, um zu dienen, und wenn wir in der Gesinnung
jener Knechte sind, werden wir Sein Klopfen hören, und
wenn wir öffnen, wird Er hereinkommen und uns bedienen.
Wir sollten unseren Herzen das Bewußtsein
einprägen, daß wir einen Platz für den Herrn in der Welt
halten, die Ihn verworfen hat; es ist ein Ort, den Er
gerne besucht, und wenn Er kommt, klopft Er an, und wenn
wir öffnen, so erleben wir ein wunderbares Vorrecht. Es
ist unser Dienst, gemeinsam einen Platz für Ihn zu
halten und mit umgürteten Lenden und brennenden Lampen
dazustehen, um zu augenblicklichem Dienste bereit zu
sein. Wir sollten uns nicht erst fertigmachen, wenn das
Klopfen oder der Ruf ertönt. Wie oft stehen wir da und
sind nicht umgürtet; wir umgürten unsere Gedanken nicht
und lassen sie hie und da nach anderen Dingen
abschweifen.
Wie oft hat man empfunden, daß eine vorzügliche
Gelegenheit zum Dienst sich geboten hat, und wir haben
sie unbenutzt gelassen. Der Gedanke ist, daß wir zu
sofortigem Dienst bereitstehen sollten; unsere Lampe
soll brennen, so daß wir nicht in der Finsternis sind.
Keiner, der im Dienst des Herrn steht, tappt im Dunkeln
umher.
Die Erwähnung des Kommens des Sohnes des Menschen
schließt Seine weltweiten Rechte in sich. Der Haushalt
ist ein etwas engerer Gedanke als das, was weltweit ist.
Er verläßt Seinen eigenen Haushalt und Seine Knechte,
die ihn für Ihn bewahren sollen; es ist ein Gebiet, das
zu Seinem Wohlgefallen in Seiner Abwesenheit gehalten
wird, und Er hat das Recht, dahin zu kommen und
jederzeit aufgenommen zu werden. Es geht eigentlich
nicht um eine anvertraute Verwaltung, sondern mehr um
das persönliche Verhältnis des Herzens zu Ihm.
Sie erwarten ihren eigenen Herrn, und der Gedanke
erfreut sie, daß Er zu jeder Stunde oder mehrmals kommen
kann; und sobald Er kommt, werden sie Ihm alsbald
aufmachen. Die Belohnung ist nicht eine Stellung in der
Verwaltung, sondern ein persönlicher Liebesbeweis ihnen
gegenüber; die Belohnung entspricht ihrer anvertrauten
Stellung.
Nichts kann köstlicher sein, als daß der Herr uns
dienen sollte und uns die Liebe, deren Wonne es ist, zu
dienen, verspüren läßt. Er kommt herein, und dann läßt
Er sie sich zu Tische legen, und Er tritt hinzu und
bedient sie. Wenn der Herr dient, so ist das
unermeßlich, denn Er will uns mit dem speisen, was Er
Selbst genießt. Es ist etwas Großes, darauf schon jetzt
zu warten und es nicht auf einen zukünftigen Tag zu
verlegen, sondern jetzt darauf zu warten.
Als vom Herrn bedient, lernen wir, wie wir den
Haushalt bedienen sollen. Er ist der Erste, der den
Haushalt bedient, und es scheint mir, daß Er dadurch das
Vorbild für jeden Dienst im Haushalt fest- legt, so daß
jeder, der von Ihm bedient wird, die dem Haushalt
wohlannehmliche Art und Weise des Dienstes kennt - der
Dienst ist dann so voller Gnade, daß der Herr dadurch im
Vordergrund steht. Ich denke, es wird dem ganzen Dienst
im Hause die Prägung verleihen. „Ich aber bin in eurer
Mitte wie der Dienende." Das war Seine Haltung und Sein
Charakter während der ganzen Zeit, als Er diente.
Die Tatsache, daß der Herr davon spricht, zweimal
zu kommen, zeigt, daß dieses Erlebnis wiederholt werden
kann. Die Anwendung des Bildes scheint einfach zu sein;
der Herr hat einen Platz hienieden, der für Ihn von
Seinen liebevollen und treuen Knechten gehalten wird;
dieser Platz soll so für Ihn gehalten werden, daß Er zu
jeder Stunde der Nacht kommen und begrüßt werden kann,
und Er sagt uns, wie das Ergebnis sein wird - wenn die
Tür aufgemacht wird, tritt Er herein und läßt sie sich
zu Tische legen und bedient sie.
In Joh. 14 sagt der Herr: „Ich komme zu euch", das
ist, als wenn Er sagte, daß dies für die Zeit, wo Er zum
Vater gegangen ist, charak- teristisch ist; Er wird zu
den Seinigen kommen, und sie würden auf Ihn warten und
für Ihn bereit sein und sich jederzeit Seines Kommens
freuen. Es ist eine Andeutung auf Besuche. Die zweite
und dritte Wache weisen auf das Fortschreiten der Nacht
hin; die Nacht schreitet fort, und Er kann wiederholt
während ihres Fortschreitens kommen. Wenn Er einmal
gekommen ist, sollen sie nicht einschlafen, denn Er kann
wiederkommen. Jeder Besuch des Herrn sollte bei uns das
Begehren nach noch mehr erwecken, so daß, wenn wir einen
Besuch gehabt haben, wir noch einen haben wollen.
Petrus wirft die Frage auf, wem diese Belehrung
gilt, und der Herr sagt: Sie gilt solchen, denen
Verantwortlichkeit auferlegt worden ist. „Wer ist nun
der treue und kluge Verwalter?" - Es bezieht sich auf
diejenigen, denen der Dienst der Speisung des Haushaltes
anvertraut worden ist. Persönliche Verantwortung wird
hervorgehoben. An erster Stelle waren die Apostel treue
und kluge Verwalter, und sie speisten den Haushalt in
vollem Maße und zur rechten Zeit. Maß und Zeit sind
beide wichtig.
Als Paulus davon sprach, nach Rom zu kommen, sagte
er: „Ich weiß, daß wenn ich zu euch komme, ich in der
Fülle des Segens Christi kommen werde" - das Maß würde
voll sein. Epaphras begehrte ein volles Maß für die
geliebten Kolosser; er betete, auf daß sie „vollkommen
und völlig überzeugt in allem Willen Gottes“ stehen
sollten. Dann soll die Belehrung auch zur rechten Zeit
sein. Wenn wir die Briefe lesen, können wir die treuen
und klugen Verwalter sehen, die dem Gesinde die
angemessene Speise zur rechten Zeit geben.
Der Verwalter schließt den Gedanken der Verwaltung
in sich. Das Harren und Warten auf den Herrn bezieht
sich nicht auf die Verwaltung; es geht um den Platz, den
Er in den Herzen Seiner Knechte einnimmt. Hier aber
(Verse 42-44) wird die Verwaltung anvertraut und Knechte
werden über das Gesinde gesetzt, um die zugemessene
Speise zur rechten Zeit zu geben, und die Belohnung
entspricht dem Dienste: „Glückselig jener Knecht, den
sein Herr, wenn er kommt, also tuend finden wird!... er
wird ihn über seine ganze Habe setzen."
Der Herr gibt ihm eine große Stellung in der
Verwaltung. Klugheit und Treue werden hervorgehoben; der
Herr kann eine große Erweiterung geben, so daß, wenn ein
Knecht auf einem kleinen Gebiet zu wirken anfängt, der
Herr ihm ein größeres Gebiet anweisen kann. Ich glaube,
es handelt sich hier um den Grundsatz eines weit aus-
gedehnten Gebietes des Dienstes, und wenn der Herr Sein
Erbteil übernimmt, werden Seine treuen Knechte
tatsächlich darin einen großen Platz haben.
Jetzt ist nicht die Zeit, um Herrschaft auszuüben;
unsere Tüchtigkeit zum Herrschen hängt von unserer
Fähigkeit, Speise zu geben, ab. Der böse Knecht nimmt
eine herrschende Stellung ein; dann hört das Speisen
auf, und das Schlagen beginnt. In den Korintherbriefen
sehen wir die schöne Gesinnung des Paulus; er wollte
nicht über sie herrschen, sondern ein Mitarbeiter an
ihrer Freude sein (2. Kor. 1, 24).
Das Korn ist ein Hinweis auf das, was im
auferstandenen und sogar im verherrlichten Christus
verwirklicht ist. Petrus hatte den Auftrag, die Lämmer
und die Schafe zu weiden; die Ältesten der Versammlung
zu Ephesus waren durch den Heiligen Geist zu Aufsehern
gesetzt worden, um die Versammlung Gottes zu hüten. Es
gibt solche, die in dieser Weise verantwortlich sind,
und der Grad der Verantwortung entspricht dem, was uns
gegeben ist; es wird von uns nicht verlangt,
Ziegelsteine ohne Stroh zu machen, oder auf eigene
Kosten in den Krieg zu ziehen. Es geht darum, das, was
uns anvertraut ist, zu handhaben.
Dem Archippus wird gesagt: „Sieh auf den Dienst,
den du im Herrn empfangen hast." Die Sache ist empfangen
worden, wir brauchen sie nicht aus eigenen Mitteln
aufzubringen. Das Korn wird gegeben, der Vorrat ist da,
er braucht nur in Treue und Klugheit ausgeteilt zu
werden.
Petrus sagt in seinem ersten Briefe: „Je nachdem
ein jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dienet einander
damit als gute Verwalter der mancherlei Gnade Gottes.
Wenn jemand redet, so rede er als Aus- sprüche Gottes;
wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott
darreicht, auf daß in allem Gott verherrlicht werde
durch Jesum Christum, welchem die Herrlichkeit ist und
die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit" (Kap. 4, 10). Das
zeigt, daß alles dargereicht wird. Die Knechte brauchen
nicht die Speise für den Haushalt zu suchen; sie wird
ihnen in die Hand gelegt, und die Fähigkeit zum Dienst
wird von Gott gegeben; deshalb sollte jeder von uns
darüber nachsinnen, was wir haben.
Mein Maß ist das Maß des Glaubens und der Gnade,
die Gott mir zugeteilt hat. Ich bin nicht für das Maß
verantwortlich, das ein anderer hat, wohl aber in bezug
auf das meine, und der Herr möchte bei uns die Frage
aufwerfen, welches Maß der Gnade jedem Bruder und jeder
Schwester zugeteilt worden ist, denn ob groß oder klein,
es ist uns zum Wohl des Haushaltes gegeben worden. Wenn
wir wissen wollen, wie die Lämmer und Schafe geweidet
und behütet werden sollen, können wir nichts Besseres
tun, als die Briefe des Petrus zu erforschen; da werden
wir die Art der Speise finden, die durch einen Mann
ausgeteilt wird, der einen besonderen Auftrag bekam, wie
auch die Fähigkeit, ihn auszuführen.
Das Hindernis ist oft bei uns, daß wir das uns
Anvertraute nicht wirklich in Augenschein nehmen. Die
Gnade Gottes ist „mancherlei" oder vielfältig (1. Petr.
4, 10). In Römer 12 werden wir ermahnt, so zu denken,
daß es besonnen sei, wie Gott einem jeden das Maß des
Glauben zugeteilt hat. Was für ein Maß des Glaubens hat
Er mir zugeteilt? Es nützt nichts zu sagen, daß Er mir
kein Maß des Glaubens zugeteilt habe, denn es heißt, daß
Er es getan hat; darum ist es gut, das Vorhandene ins A
uge zu fassen und das Maß herauszufinden.
Petrus sagt, daß uns Gnade gegeben ist. Wenn wir
das Vorhandene überblicken, so müssen wir
bedenken, daß das, was wir haben, zum Wohl des
Haushalts dienen soll: es ist nicht zum
persönlichen Gebrauch.
Der geistliche Vorrat, den wir haben,
liegt in der Erkenntnis Gottes, die uns durch
Jesum Christum erreicht hat. Wenn wir keinen
Vorrat haben, sollten wir die Angelegenheit
untersuchen und herausfinden, warum das der Fall
ist. Es gibt eine ganze Menge Vorräte, welche
sozusagen in Vorratskammern eingeschlossen sind,
anstatt verteilt zu werden. Ich habe den
Eindruck, daß es sehr viel verborgene Begabung
gibt, recht viel Begabung, die Gott verliehen
hat, die aber um verschiedener Ursachen willen
nicht betätigt wird.
Jeder von uns sollte sich das zu Herzen
nehmen und zusehen, daß, wenn eine Begabung
vorhanden ist, sie auch ausgeübt wird, und daß
wir gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade
Gottes seien. Das Wachstum in der Erkenntnis
Gottes geht weiter; das Ergebnis von der
Berührung der Geschwister miteinander ist ein
beständiges Wachstum in der Erkenntnis Gottes,
und auch des Umfangs des größeren und volleren
Lobes, wenn wir als Versammlung zusammen sind.
Das Maß dieser Dinge entspricht dem Maße, in dem
wir gespeist werden. Petrus macht viel aus
Hinzufügung, Zuwachs und Wachstum.
Wenn wir mit den Geschwistern in Berührung
kommen, möchten wir bei ihnen den Eindruck
erwecken, daß große Vorräte zur Verfügung
stehen, daß es keine magere Zeit ist, sondern
eine sehr fette Zeit. Der wahre Charakter des
Hauses bedeutet, daß die zugemessene Speise zur
rechten Zeit ausgeteilt wird. Wir können nicht
einen Augenblick zugeben, daß etwas anderes für
den Haushalt des Herrn genügen wird; Sein
Haushalt ist so vorzüglich geordnet, daß nichts
Geringeres als ein vollkommenes Maß und
vollkommene Genauigkeit ihm genügen. Erfülle ich
mein Teil in dieser wunderbaren Einrichtung?
Wenn ich das Küchenmädchen bin, so kann ich
nicht die Arbeit des Kochs oder des obersten
Schenken tun; aber jeder Knecht hat seinen
Platz, und es ist für mich keine Schande, wenn
ich nicht das tun kann, was du tust. Nichts gibt
einem mehr Freude, als einen Bruder oder eine
Schwester das tun zu sehen, was man selber nicht
tun kann. Es bereitet einem eine tiefe Freude,
und man dankt dem Herrn dafür, denn wir
empfinden alle, wie beschränkt wir sind; wir
können ein jeder nur ein Weniges tun, aber der
Haushalt braucht den gesamten Dienst aller.
Wir sollten nicht unsere Mitknechte
schlagen und bemängeln; wir sind dankbar zu
sehen, daß sie ihren Platz ausfüllen. Wie dem
Archippus gesagt wird, gibt es einen Dienst im
Herrn, und je mehr wir beten, desto mehr wird
unser Dienst gereinigt werden. Ein Bruder kann
z. B. sehr gut reden und durch sein Reden einen
Platz erlangen, doch das kann auch nur
natürliche Befähigung sein. Die Fähigkeit, die
Menschen dadurch zu fesseln, wie man die Dinge
auslegt, kann bloß eine menschliche Eigenschaft
sein; wenn aber ein Mensch betet, trachtet er
immer danach, daß sein Dienst nicht bloß
menschliche Eindrücke darstellen möchte; er
möchte nicht die Menschen durch seine natürliche
Persönlichkeit beeindrucken und möchte wünschen,
daß sein Dienst im Herrn ist. Er möchte nicht
gern, daß sein Dienst Bewunderung und Beifall
hervorruft, sondern daß er das Werk Gottes tut -
das ist es, was nötig ist.
In Seiner Verwaltung hatte der Herr dem
Archippus eine bestimmte Stellung im Dienste
zugeteilt; er war aber nicht geneigt, ihn
auszufüllen. Die meisten von uns trifft dieselbe
Schuld. Ich glaube, daß, wenn einer sein Maß
übersteigt, neun andere da sind, die ihr Maß
nicht erreichen, und der Grund, warum dieser
sein Maß übersteigt, ist, daß die anderen neun
das ihre nicht erreichen und deshalb für ihn
Raum machen.
Dann gibt es den Knecht, der sagt: „Mein
Herr verzieht sein Kommen“, und das
Verantwortungsgefühl läßt nach; das führt zum
Bemängeln, zum Schlagen der anderen Knechte und
zum Einnehmen einer herrschenden Stellung. Er
ist durch Selbstgefälligkeit gekennzeichnet- er
ißt und trinkt und berauscht sich - er ist ein
böser Knecht, und zum Schluß wird er
entzweigeschnitten. Das ist ein großer Gegensatz
zu den Versen 44 und 45. Der Grundsatz der
Verantwortung ist sehr wichtig; wir sind
geneigt, das nicht genug zu beachten. Des Herrn
Unterstützung hängt davon ab, daß wir in
bestimmter Weise Verantwortung übernehmen.
Es kommt auch vor, daß man den Willen des
Herrn weiß und ihn nicht tut. Hier sehen wir den
Grundsatz des Regierens, der Herr übt ihn jetzt
schon aus. Es ist eine sehr ernste Sache, den
Willen des Herrn genau zu kennen. Licht
empfangen, bedeutet Verantwortung, und es gibt
auch mehr „Schläge", wenn man nicht bereit ist,
den Willen des Herrn zu tun. Ich glaube, daß der
Herr in Seiner Regierung Schläge dort austeilt,
wo sie angebracht sind. Seine Regierung geht
weiter, und ich denke nicht, daß Er bei uns
dulden wird, was Er bei einigen unserer Brüder
duldet, die weniger Licht haben. Einige unserer
Geschwister tun gewisse Dinge mit gutem
Gewissen, und der Herr duldet es; wenn wir sie
aber tun würden, so ereilt uns Seine Zucht.
Seine Regierung schreitet fort, und wir sind ihr
alle unterstellt, und es ist auch gut, daß es so
ist.
In diesem Evangelium wird die Gnade, in
welcher der Herr kam, sehr hervorgehoben; es ist
aber nicht minder wahr, daß Er gekommen ist,
Feuer auf die Erde zu werfen. Wenn Gott das, was
von Ihm ist, einführt, so verurteilt das
notwendigerweise alles, was nicht von Ihm ist.
Es muß so sein. Es ist eine sehr ernste
Erwägung, daß jetzt, wo das ganze Licht über
das, was Gott in Gnade ist, verkündigt worden
ist, es auch zum Gericht über all das wird, was
dem zuwider ist. Paulus sagt, das Gesetz wäre
nicht für einen Gerechten bestimmt, „sondern für
Gesetzlose und Zügellose, für Gottlose und
Sünder, für Heillose und Ungöttliche... und wenn
etwas anderes der gesunden Lehre zuwider ist,
nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen
Gottes, welches mir anvertraut worden ist“ (1.
Tim. 1, 9).
Das heißt, daß alles, was dem Evangelium
zuwider ist, deshalb dem Gericht verfällt, weil
das Evangelium gekommen ist. Die Gnade herrscht
in der Seele des Gläubigen, um Selbstgericht zu
bewirken; das ist die normale Wirkung des
Lichtes Gottes. In dieser Weise dringt das Feuer
in die Seele des bußfertigen Sünders; das Feuer
brennt durch Selbstgericht; wenn aber das Feuer
kein Selbstgericht bewirkt, so macht es die
Notwendigkeit des Gerichts offenbar.
Das Feuer ist auf die Erde geworfen
worden, und der Herr sagt: „Was will ich, wenn
es schon angezündet ist?" Er schreckt
gewissermaßen vor diesem Gedanken zurück; es
ruft Gefühle der Bedrängnis, beinahe Entsetzen
bei Ihm wach, aber es muß sein. Nichts macht den
gesetzlosen Zustand der Menschen so offenbar wie
dieses Evangelium. Das Gesetz tut das nicht; das
Gesetz sagt: Tue dies und tue das, und du sollst
dies und das nicht tun. Im Evangelium aber tritt
Gott hervor und sagt: Siehe, was Ich dir alles
zugedacht habe, siehe, was Ich für dich getan
habe; und die Antwort des Menschen ist: Ich will
Dich gar nicht haben, und ich möchte nicht mit
Dir versöhnt werden.
Auf diese Weise macht das Evangelium den
Zustand des Menschen offenbar; es erzeugt aber
Selbstgericht da, wo es angenommen wird; es
bewirkt Buße, stellt aber diejenigen, die es
nicht annehmen, in ein ernstes Licht; das Feuer
ist auf die Erde geworfen worden. Wenn Gott Sich
dem Menschen nähert, bedeutet das, daß Feuer auf
die Erde geworfen wird; solch ein Licht ist
gebracht worden, daß es das Feuer des Gerichts
auf diejenigen wirft, die nicht Buße tun; sie
können dem durch die Buße entfliehen.
Die Schriftgelehrten, die Pharisäer und
die Gesetzgelehrten wurden gerichtet; das ganze
System wurde dadurch gerichtet, daß Gott in
Gnaden gegenwärtig war, und die, welche Buße
taten, sich von alledem abwandten; sie wandten
sich Gott in Gnaden zu, und sie taten Buße wegen
alles dessen, was zum System der Finsternis
gehörte. Es muß auch heute noch so sein. Ich
sehe nicht ein, wie die Buße vorhanden sein
kann, ohne daß alle mit Feuer gesalzen werden.
Jesaja sagte: „Wehe mir! denn ich bin
verloren; denn ich bin ein Mann von unreinen
Lippen, und inmitten eines Volkes von unreinen
Lippen wohne ich." Er fühlte, daß er sich von
sich selbst und von seinen Verbindungen trennen
mußte; sie waren alle ebenso schlecht, wie er es
war, sie waren alle unrein - das war die Wirkung
des Kommens des Feuers. Wenn das Licht einen
Menschen erleuchtet, stellt es die anderen bloß.
Wenn einer von uns beginnt, Gott zu fürchten und
in Seinen Wegen zu wandeln, werden diejenigen
dadurch verurteilt, die Gott nicht fürchten. Ein
betender Mensch in einer Stadt verurteilt die
ganze Stadt, weil sie nicht betet. Wenn einige
Heilige danach trachten, in der Wahrheit zu
wandeln, verurteilen sie alle, die zu der
überlieferten Religion der Christenheit gehören;
einige, die in der Wahrheit wandeln, bringen das
Gericht auf alles, was der Wahrheit zuwider ist.
Der Blinde in Joh. 9 verurteilte die
Synagoge. Das Werk Gottes war in ihm, und die
Pharisäer waren dagegen, und darum wurden sie
dadurch verurteilt. Die eigentliche Wirkung
jedes Zeugnisses für Gott, ob im einzelnen oder
gemeinsam, ist, daß dadurch alles, was dagegen
ist, verurteilt wird; es bringt nicht Frieden,
sondern Entzweiung. Der Herr sagt: „Denket ihr,
daß ich gekommen sei, Frieden auf der Erde zu
geben? Nein, sage ich euch, sondern vielmehr
Entzweiung." Sein Kommen sollte Familien
entzweien. Wenn ein Haushalt Christo nicht
unterstellt ist, so wird dort Entzweiung sein.
Die Zeit für weltweiten Frieden ist noch nicht
gekommen, und das Einführen dessen, was aus Gott
ist, wird deshalb Entzweiung herbeiführen. Im 1.
Buche Mose lesen wir, daß Gott das Licht von der
Finsternis schied. Es ist der Grundsatz Gottes,
daß, wenn Er Licht bringt, es Entzweiung
herbeiführen muß.
In Vers 58 lenkt der Herr die
Aufmerksamkeit darauf, mit der Gegenpartei zur
Obrigkeit zu gehen. Wenn der Fall vor die
Obrigkeit kommt, muß er erledigt werden, und ein
gerechtes Urteil muß gesprochen werden, aber
unterwegs gibt es eine Gelegenheit zur
Versöhnung. Gott sagt damit: Wenn Ich in der
Stellung der Gegenpartei bin, gibt es eine
Gelegenheit zur Versöhnung. Der Herr sagt das
jetzt zur Christenheit. Die Zeit zum Gericht und
zur endgültigen Verurteilung ist noch nicht
gekommen. Dies stimmt mit dem überein, was Er zu
den sieben Versammlungen in Offenbarung 2 und 3
sagt; Er sagt ihnen, sie sollen Buße tun.
Er ist die Gegenpartei; Er sagt: „Ich habe
wider dich." Wenn bei irgendeinem von uns etwas
ist, was mit Christo nicht im Einklang steht, so
sagt Er: Tue Buße, mach Schluß damit, verurteile
es und versöhne dich. Es ist sehr erforschend.
Der ganze Grundsatz besagt, daß dem Menschen die
Gelegenheit zur Buße angeboten wird; jeder
einzelne hat die Gelegenheit, Buße zu tun, und
auch die Versammlung hat die Gelegenheit, Buße
zu tun.
„Diese Zeit" (Vers 56) weist auf den
Charakter der gegenwärtigen Haushaltung hin. Sie
konnten um sich blicken und sagen: Es ist ein
schöner Tag; natürliche Dinge konnten sie
verstehen, aber sie sahen nicht den großen
geistlichen Charakter jenes Augenblicks. Jehova
war in der Person Jesu gegenwärtig, und sie
konnten mit Ihm nach dem einfachen Grundsatz der
Buße versöhnt werden. Dies ist nun ein
weltweiter Grundsatz; es ist eine Zeit, wo alle
auf der Grundlage der Buße versöhnt werden
können. Gott sagt: Ich bin gezwungen, gegen euch
zu sein, weil eure Wege nicht Meine Wege sind,
ihr braucht aber nur Buße zu tun, und Ich bin
zur Versöhnung bereit.
Der Herr hat eine Streitfrage mit der
Versammlung, wie Er auch eine mit Israel hatte,
und die Gelegenheit zur Versöhnung ist
vorhanden, doch nur auf Grund der Buße.
Kapitel 13
Die ersten Verse dieses Kapitels zeigen,
daß allem Segen die Buße zugrunde liegen muß.
Als man Ihm von den von Pilatus getöteten
Galiläern berichtete, sagte der Herr: „Wenn ihr
nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso
umkommen." Es ist die einzige Grundlage, auf
welcher wir mit Christo in Einklang gebracht
werden können; es ist die Grundlage des
Selbstgerichts. Wenn gefehlt worden ist, ist die
Buße die einzige Frucht, die Gott sucht. Er
sucht nicht Gutes in den Menschen, sondern die
Anerkennung ihrer Schlechtigkeit. Er sagt: Wenn
ihr bloß zugebt, daß ihr böse seid, kann Ich
etwas mit euch tun.
Die Juden dachten, daß die Getöteten sehr
böse Männer gewesen wären; der Herr aber sagt:
Nein, das ist eine Warnung für euch: ihr werdet
alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht Buße tut.
Ich zweifle nicht daran, daß es sich auf die
Nation bezog. Sie taten nicht Buße, und bei der
Zerstörung Jerusalems kamen mehr als eine
Million Juden um; die Straßen wurden zu Strömen
von Blut.
Der Feigenbaum (Verse 6-9) stellt Israel
dar, dem noch eine Gelegenheit zur Buße geboten
wurde. Israel wurde verflucht, weil sie keine
der Buße würdigen Früchte brachten. Gott wollte
sie mit aller Fülle segnen, es war aber keine
Buße da. Der natürliche Mensch richtet niemals
sich selbst, und Gott hat aufgehört zu erwarten,
daß er es tun wird, darum sagt Er: „Nimmermehr
komme Frucht von dir in Ewigkeit."
Nathanael richtete sich selbst; bei ihm
war alles ans Licht gekommen, der Herr hatte
alles gehört, was er unter dem Feigenbaum gesagt
hatte, und Er konnte sagen: er ist ein Mann ohne
Trug, er hat alles bekannt, und Ich weiß, was
das alles war. Jeremia 24 spricht von guten und
schlechten Feigen: die guten Feigen waren die
Menschen, die sich der Notwendigkeit
unterwarfen, in Gefangenschaft zu gehen, weil
sie es verdient hatten; sie richteten sich
selbst und nahmen das an, was sie verdient
hatten. Die schlechten Feigen waren diejenigen,
die in Jerusalem blieben und ihre religiöse
Anmaßung festhielten; darum verfluchte Gott sie.
Das ist der Grundsatz des Selbstgerichts; Gott
segnete diejenigen, die sich selbst richteten,
und verfluchte die, welche sich weigerten, dies
zu tun.
Hiskia hatte ein Geschwür, das beinahe
seinen Tod herbeiführte; aber ein Feigenkuchen
wurde darauf gelegt, und dadurch wurde er
wiederhergestellt. Ein Geschwür stellt einen
gewaltigen Ausbruch des Fleisches dar, aber
unter der gesegneten, heilenden Macht des
Selbstgerichts kam Wiederherstellung zustande.
Dieser Grundsatz der Buße ist höchst wichtig für
uns alle. Wenn etwas zwischen zwei Brüdern oder
zwei Schwestern nicht in Ordnung ist, kann es
nur nach dem Grundsatz des Selbstgerichts
geheilt werden. Die Frage lautet: Was habe ich
verkehrt gemacht? Ich habe nichts damit zu tun,
was der andere getan hat. In jedem Falle von
Zwistigkeit unter den Geschwistern ist meistens
das Unrecht auf beiden Seiten; es sind selten
Fälle gewesen, wo auf der einen Seite alles
schwarz war und auf der anderen alles weiß. Wenn
ich beginne, das kleine Teil des Unrechts auf
meiner Seite zu richten, so ist es viel leichter
für die andere Seite, sich selbst ebenfalls zu
richten.
Neunzehn Jahrhunderte sind seit dem Tode
Jesu vergangen; es ist die längste der
dagewesenen Perioden, und der Abschluß naht. Es
ist die reinste Gnade, daß wir nicht
dahingerafft worden sind. Der Herr hat uns
vielleicht deswegen hienieden gelassen, weil in
unseren Wegen und in unserem Geiste etwas ist,
was Ihn zu unserer Gegenpartei macht, und Er
will uns die Gelegenheit zur Buße geben. Er sagt
zu uns: Ich will, daß ihr mit Mir in völliger
Harmonie und im Einklang steht.
Das Weib, von dem wir in den Versen 10–14
lesen, stellt diejenigen dar, bei denen keine
Frucht der Buße vorhanden war, denen aber die
Dazwischenkunft Gottes in Christo noch nicht
zugute gekommen war, und deshalb waren sie durch
Satan geknechtet. Es ist wichtig, diese zwei
Klassen zu erkennen: die nicht bußfertige
Nation, die die Gelegenheit zur Buße nicht
ergriff, die nicht danach trachtete, sich mit
der Gegenpartei zu versöhnen, und der Überrest,
der im Bewußtsein seines sündigen Zustandes
niedergebeugt war.
Grundsätzlich gleicht das Röm. 7. Wir
sehen, welchen Gebrauch Satan von frommen
Seelenübungen macht. Satan hatte dieses Weib
gebunden, die eine Gläubige war, denn sie war
eine Tochter Abrahams, sie gehörte zur Familie
des Glaubens, und der Herr war gekommen, um ihr
die Hände aufzulegen, sie war aber nicht frei.
Sie kannte nicht die von Gott eingeführte große
Befreiung in Christo. Unter dem System des
Gesetzes fielen sogar die „Kinder" der
Knechtschaft zum Opfer. In Hebr. 2 werden die
Kinder als eine unterschiedliche Klasse
angeführt; der Herr nahm Sich nicht der Engel
an, sondern des Samens Abrahams.
„Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches
teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise
an denselben teilgenommen, auf daß er durch den
Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes
hat, das ist den Teufel, und alle die befreite,
welche durch Todesfurcht das ganze Leben
hindurch der Knechtschaft unterworfen waren."
Das stellt Personen vor, die durch Frömmigkeit
und Gottesfurcht gekennzeichnet sind. Es ist der
Gedanke Gottes, daß Sein Volk nicht
niedergebeugt sein soll; hier aber war eine
Tochter Abrahams so niedergebeugt, daß sie außer
sich selbst nichts sehen konnte; sie konnte ihr
Gesicht nicht aufheben, um den Herrn zu sehen.
Seelen, die in solch einem Zustande sind,
werden immer vom Herrn beachtet. Er war gesalbt
worden, um den Gebundenen zu predigen. Dieses
Weib war achtzehn Jahre gebunden gewesen, und
Gott hatte beobachtet, daß hier eins von den
Kindern war, die das ganze Leben hindurch der
Knechtschaft unterworfen waren. Dieses Weib war
in Knechtschaft, es war nicht die Wirkung der
Sünde. Es war wie in Röm. 7: man hat
Wohlgefallen am Gesetz Gottes, aber keine Kraft.
Dann schaltete Sich der Herr als der gesalbte
Befreier ein. Er legte ihr die Hände auf und
befreite sie. Das ist Sein Wohlgefallen: das
Wohlgefallen Jehovas gedeiht in Seiner Hand. Es
gefällt dem Herrn wohl, Seelen zu befreien; wenn
Menschen achtzehn Jahre lang in Knechtschaft
verbleiben, kennen sie das Wohlgefallen Gottes
nicht.
Gott ließ diese Berichte von Seinen
Dienern nicht nur als Geschichte
niederschreiben; sie sind auch Bilder von dem,
was der Herr jetzt noch tut. Wenn in meiner
Seele jetzt irgendein Element der Knechtschaft
vorhanden ist, so steht mir der Herr so nahe,
wie Er jenem Weibe nahe war, und Er führt das
Wohlgefallen Gottes aus. Es war nicht das
Wohlgefallen Gottes, daß sie gebunden sein
sollte.
Der moralische Zustand der Nation wird in
dem Feigenbaum, der keine Frucht hervorbrachte,
dargestellt; dieses Weib stellt aber den
Überrest dar, den Gegenstand des Werkes Gottes,
die Tochter Abrahams, ein Teil der Familie des
Glaubens. Tausende gehören jetzt zu der Familie
des Glaubens; Buße ist getan worden, und Gott
hat einen zerschlagenen Geist, ein zerbrochenes
und zerschlagenes Herz bei ihnen gefunden; Satan
möchte sie aber gebunden halten - mit sich
selbst beschäftigt und nicht fähig,
emporzuschauen wie der Mensch in Röm. 7. Sobald
wir die Freiheit in einem Anderen sehen, können
wir emporschauen und sagen: „Ich danke Gott."
Zwei schöne Kapitel, die man zusammen
lesen kann, sind Röm. 7 und Jes. 53. Jeder, der
Jes. 53 gelesen hat, wird bemerkt haben, daß es
dort überall heißt: Er und Sein; es ist der
Gegensatz zum ich und mich in Röm. 7. Ein
Anderer ist gekommen und ist durch den Tod
gegangen, um das Wohlgefallen Gottes zu haben
und auszuführen. Nun liegt die Befreiung von der
Knechtschaft darin, von meinem Ich zu Ihm zu
entfliehen.
Dieses Weib mußte warten, bis der Herr als
der gesalbte Befreier hervortrat; es scheint,
daß ihre Knechtschaft anfing, als Er etwa zwölf
Jahre alt war. Von dem Augenblick an, wo der
Herr verständnisvoll Sein Verhältnis zu Gott zum
Ausdruck brachte (was Er tat, als Er in
Jerusalem zurückblieb und mit den Gelehrten im
Tempel weilte), wartete der Herr 18 Jahre; Er
wartete aber auf die Salbung.
Es ist wunderbar, daran zu denken, daß die
Gnade auf ihre Gelegenheit und die Schwachheit
auf ihre Befreiung 18 Jahre warteten. Es kam der
Augenblick, wo der Herr gesalbt und frei war zu
wirken, und das war der Zeitpunkt für die
Befreiung des Weibes. Dem Wohlgefallen Gottes
gemäß gibt es jetzt kein Warten mehr. Vielleicht
erlangen einige wahrhaft bußfertige Seelen Leben
und Freiheit erst auf ihrem Sterbebette; das ist
aber Satans Werk, nicht Gottes Werk.
Man kann sagen, dieses Weib wurde in einem
Anderen aufgerichtet. Er legte ihr Seine Hände
auf, Er machte Sich mit ihr eins; das war es,
was sie befreite. Bildlich sind wir alle in dem
gesalbten Befreier; die Befreiung wird
herbeigeführt und durch die Berührung Seiner
Hände vollzogen. Außer der Berührung gab es auch
noch das Reden Jesu. Das Reden gleicht dem
befreienden Dienste, die Berührung gleicht aber
dem Verleihen des Geistes. Es gibt befreienden
Dienst, den Dienst Christi als des gesalbten
Predigers. Jeder, der Gott fürchtet, wird
Christo und dem Auslegen über alles, was als
Ergebnis des Sündentragens zustande kam,
zuhören. Er weiß alles, was Gott vor Sich hat,
und Er erduldete alle Leiden, damit es uns
zugute kommen sollte.
Dann ist die Berührung ein Hinweis auf das
Werk des Geistes; Christus berührt jetzt Seelen
durch den Geist. Seelen mögen einen sehr
befreienden Dienst hören, sie erlangen aber
nicht die Befreiung, bis sie dafür bereit sind;
zweifellos waren diese 18 Jahre für das Weib ein
Vorgang, während dem sie ziemlich viel lernte.
Sie war eins der „Kinder", eine von denen, die
Buße taten.
Ob wir uns als Sünder betrachten oder als
in einem im Verfall stehenden Bekenntnis, Buße
ist immer erforderlich; hier sehen wir aber
auch, daß der Herr sie aufrichtete. Wir sehen
daraus, wie Satan eine Seele in Knechtschaft
hielt, die wirklich Glauben hatte, jedoch
zusammengekrümmt und nicht fähig war,
emporzuschauen. Das Gesetz machte nichts
vollkommen; es machte die Unvollkommenheit
offenbar, aber der Herr kam, um es durch
Vollkommenheit zu ersetzen; Er machte sie
gerade, damit sie Gott verherrlichen konnte.
In Jesu sehen wir Gott, der Sich in den
Gedanken Seiner Gnade kundtut; Er tut sie nicht
nur kund, sondern Er verwirklicht sie auch. Wenn
Gott Sich für Sein Volk in seiner ganzen
Sündhaftigkeit und Schwachheit einsetzt, dann
hat es eine neuartige Kraft, die Herzen in
Freude und Gerechtigkeit vor Seinem Angesicht
emporzuheben.
Der Herr will hier die Anteilnahme Gottes
an Seinem Geschöpf ans Licht bringen. Sogar der
Mensch würde sich für seinen Ochsen oder seinen
Esel interessieren und für ihn sorgen; wenn der
Mensch sich so für sein Vieh interessiert,
sicherlich steht es dann auch Gott zu, Sich für
Sein Volk zu interessieren, besonders für
diejenigen, die zur Familie des Glaubens
gehören. Dieses bringt die gnädigen Gedanken
Gottes ans Licht. Der Herr war hienieden, um sie
zum Ausdruck zu bringen; Es ist, als wenn Er
sagte: Wollt ihr Mich nicht so gnädig sein
lassen, wie ihr es seid? Er sagt es in dieser
Weise; es ist aber schrecklich, daß Er
„Heuchler" sagt.
Der religiöse Mensch gibt nicht zu, daß
Gott ebenso gütig ist, wie er selbst. Das ist
erstaunlich, aber wahr. Der Sabbat war der
gesegnete Ausdruck der Güte Gottes; es war ein
Tag der Ruhe und der Erquickung. Er wurde für
den Menschen gemacht; wir hätten erwarten
können, daß der Herr sagen würde, er sei für
Gott gemacht worden. Der religiöse Mensch machte
ihn zur Knechtschaft, aber der Herr gab ihm
seinen wahren Charakter, indem Er eine Tochter
Abrahams am Sabbat völlig frei machte - sie
hatte noch nie zuvor einen wirklichen Sabbat
erlebt.
„Alle seine Widersacher wurden beschämt,
und die ganze Volksmenge freute sich über all
die herrlichen Dinge, welche durch ihn
geschahen.“ Wir leben in einer Zeit herrlicher
Dinge; wir sollten nicht anders denken. Das
System, zu dem wir gehören, besteht in
Herrlichkeit; es ist nicht nur am Endziele
herrlich. Alle stellen sich die Herrlichkeit am
Endziele vor; unser System beginnt aber schon in
Herrlichkeit, und es gibt die ganze Zeit
hindurch herrliche Dinge. Der wahre Charakter
des Reiches Gottes ist ein System von herrlichen
Dingen; deswegen ist es so traurig, daß es zu
einem großen Baum und zu einem Sauerteig
geworden ist (Vers 21).
Dieser Gedanke scheint dem Herrn als ein
Gegensatz dazu in den Sinn zu kommen. Er führte
ein herrliches System ein, aber Er wußte, wozu
es in Seiner Abwesenheit ausarten würde - zu
einem großen Baum und zu einem Sauerteig. Darum
gebührt es uns in diesem Zusammenhang danach zu
ringen, einzugehen - es gibt eine enge Pforte,
und nichts außer Christo geht durch diese
Pforte. Nur insoweit, wie wir uns das Gepräge
des Systems der Herrlichkeit angeeignet haben,
können wir durch die enge Pforte gehen; nichts
anderes kommt da hindurch.
Der Herr betrachtete die öffentliche
Gestalt, die die Dinge annehmen würden; Er hat
das Reich Gottes eingeführt, doch Er wollte
seine Auswirkung der Verantwortung des Menschen
überlassen, und es würde dann zu etwas Großem
werden, was Er niemals beabsichtigt hatte. Es
gibt eine enge Pforte, welche nichts, was dem
Menschen nach dem Fleische eigen ist, durchläßt;
nichts Fleischliches kann durch diese Pforte
hindurchgehen. Dort hindurchzudringen ist eine
Angelegenheit eifrigen Ringens, eine ernste
Sache für uns.
Der Herr weist auf das Verhängnisvolle und
Schwierige der gegenwärtigen Lage hin. Ich
kannte einen Ort, wohin ein Prediger eine lange
Zeit hindurch kam, und nach ihm kam ein anderer
und sagte: Er hat euch gesagt, wie leicht es
ist, errettet zu werden, und nun bin ich
gekommen, um euch zu sagen, wie schwer es ist,
errettet zu werden. Beides ist wahr. Wenn
Christus unser alles als Gerechtigkeit vor Gott
sein soll, dann muß Er auch hienieden alles
sein. Das benötigt eine enge Pforte, damit
nichts, das vom Fleische ist, hindurchgehen
kann.
Es ist leicht, durch den großen Baum und
den Sauerteig beeinflußt zu werden. Der Baum ist
groß, weil da so vieles, was dem Menschen nach
dem Fleische eigen ist, vorhanden ist; und der
Sauerteig ist aufgeblasen, weil so viel von der
menschlichen Bosheit darin ist. Verstehen wir,
daß nicht ein bißchen davon vor Gott taugt? Wenn
wir im Reiche sein wollen, müssen wir durch die
enge Pforte eingehen. Wenn Christus in bezug auf
Gerechtigkeit alles für uns sein soll, dann muß
Er auch für das praktische christliche Leben
alles sein. Das ist die enge Pforte; nur geht da
hindurch, was Gott wohlgefällt.
Dann braucht man nicht zu fürchten, eine
geschlossene Tür vorzufinden. Der Herr sprach
ernst zu den Menschen in Seiner Nähe, die in
Seiner Gegenwart aßen. Sie hatten nicht danach
gerungen, durch die enge Pforte einzugehen;
keiner wird jemals danach streben, durch die
enge Pforte einzugehen, und es dann nicht auch
vermögen. Die Tür wird aber geschlossen werden -
die Menschen wollen zu den öffentlichen
Segnungen des Reiches Zutritt finden, sie dürfen
aber nicht die enge Pforte vernachlässigen. Sie
möchten eingehen, aber ohne jemals die Schmach
des Reiches auf sich genommen zu haben. An ihnen
ist dann nichts, was der Herr anerkennen kann;
sie waren religiös und äußerlich in Seiner
Gesellschaft und Ihm nahe, aber Er nennt sie
Übeltäter. Sie hatten sich in dem betätigt, was
in religiösem Sinne vom Fleische war, und genau
dasselbe tut jetzt die Christenheit. Alles, was
nicht Christus ist, ist böse; deshalb sagt der
Herr: Ich kenne euch nicht. Es war nichts in
ihnen, was der Herr als Ihm eigen anerkennen
konnte.
Der Herr erkennt jede bußfertige Seele an.
Er könnte nicht einer bußfertigen Seele sagen:
Ich kenne dich nicht. Der bußfertige Sünder
bereitet dem Himmel Freude. Das ist der
einfachste Wesenszug des Werkes Gottes; jeder
bußfertige Sünder ist im Himmel und dem Herrn
wohlbekannt. Auch jede Wertschätzung Christi
macht uns Ihm wohlbekannt; Er merkt Sich das.
Der Herr lenkte die Aufmerksamkeit auf den
weit ausgedehnten Charakter des Reiches Gottes;
es sollte keine beschränkte Ordnung der Dinge
sein, denn Abraham, Isaak und Jakob würden da
sein, und Menschen von Osten und Westen und von
Norden und Süden sollten zu Tische liegen im
Reiche Gottes. Die Gedanken Gottes sind nicht
eng, aber das Wort ist sehr erforschend: „Siehe,
es sind Letzte, welche Erste sein werden, und es
sind Erste, welche Letzte sein werden."
Wenn das Reich Gottes offenbar sein wird,
werden Abraham und Isaak und Jakob darin zu
sehen sein, und eine große Schar von allen Enden
der Erde wird in die Gemeinschaft der Gnade
eingeführt sein. Das Reich Gottes wird als ein
Ort der Ruhe und der Befriedigung betrachtet, wo
die Menschen „liegen" - es scheint die
Gemeinschaft der göttlichen Gnade zu sein. Um
gegenwärtig einzugehen, ist die Pforte eng, aber
das, worin man eingeht, ist sehr umfangreich.
Der Herr hatte auf den Gegensatz zwischen
diesem und der öffentlichen Seite, dem Senfbaum
und dem Sauerteig in Vers 21 hingewiesen.
Öffentlich würde das Reich groß und verderbt
sein, so daß jetzt schon ein Ringen, um durch
die enge Pforte einzugehen, erforderlich ist, um
auf eine wirkliche Weise in das Reich
einzugehen. Alle Grundsätze, die den Senfbaum
und den Sauerteig ausmachen, haben dem Wesen
nach keinen Platz im Reiche, obwohl sie
öffentlich einen Platz haben. Wenn wir dem Wesen
nach im Reiche sein wollen, müssen wir von allen
Grundsätzen frei sein, die den Baum groß gemacht
und den Teig durchsäuert haben.
Die Worte des Herrn: „Es sind Letzte,
welche Erste sein werden" sollen bedeuten, daß
die Letzten im Bekenntnis des Christentums, in
dem, was wesentlich ist, die Ersten sein werden.
Das ist die große Seelenübung der gegenwärtigen
Zeit; wir sollten wünschen, die Letzten zu sein
in dem, was groß und durch bösen Einfluß
verderbt ist. Diejenigen, die darin die Letzten
sind, werden in Wirklichkeit im Reiche die
Ersten sein.
Es ist leicht, sich selbst zum Mittelpunkt
zu machen und die göttliche Gnade aus den Augen
zu verlieren. Der Gedanke an die Erwählung
Gottes wird immer als ein Gedanke, der sich
erweitert, eingeführt; durch Seine Erwählung
erwirbt Gott viele. Das, was die Schar in Vers
29 genießt, ist allen gemeinsam; sie legen sich
alle zu Tische, und derjenige, der am meisten
die Gnade genießt, ist der Erste im Reich. Es
ist nicht durch besondere Befähigung, sondern
durch den Genuß der Gnade, daß einer im Reiche
zum Ersten wird. Wenn die Erwählung nicht wäre,
würde keiner von uns eingehen; die Erwählung
Gottes erwirbt eine große Schar. Es
wird immer in der Schrift in
dieser Weise hingestellt. Es gefällt
Gott wohl, eine große Schar in Sein
Reich zu bekommen - Abraham, und in ihm
werden alle Nationen gesegnet.
Alles dieses ist sehr erforschend
und bringt Seelenübungen mit sich.
Zweifellos empfanden die Pharisäer den
erforschenden Charakter dieser Dinge,
und sie versuchten den Herrn dadurch
einzuschüchtern, daß sie Ihm sagten,
Herodes wollte Ihn töten; aber ihre
Bemühungen, Ihn zu erschrecken, brachten
bloß den standhaften und vor nichts
zurückschreckenden Charakter Seines
Laufes ans Licht. Er konnte von Seinem
Laufe weder durch Herodes noch durch
irgendeinen anderen abgelenkt werden.
Wir sehen Unvollkommenheiten in den
Lebensgeschichten Seiner Diener, aber
keine bei dem Meister Selbst.
Er sagt: „Siehe, ich treibe
Dämonen aus und vollbringe Heilungen
heute und morgen“ - nichts sollte bei
Seinem Tun dazwischenkommen -, und der
dritte Tag ist ja die Auferstehung. Der
Herr ging bis zur Beständigkeit der
Auferstehung weiter, und dann war Er
vollendet. Er wurde dadurch vollendet,
daß Er durch den Tod in die Auferstehung
einging; die gewissen Gnaden Davids
wurden in dem Auferstandenen gesichert.
Der dritte Tag ist eine Andeutung auf
die Auferstehung, und das schließt den
Tod ein, damit der Herr als das Gefäß
der Gnade vollendet wurde; Er wäre nicht
vollendet worden, wenn Er nicht durch
den Tod gegangen wäre. All die Gnade,
die der Herr als Mensch auf Erden zum
Ausdruck brachte, ging durch den Tod in
die Auferstehung hinein. Das ganze
System der göttlichen Gnade ist in Ihm
vollendet, so daß es ohne Fehl ist. Wir
gehören zu einem System der
Vollkommenheit.
Vers 33 ist etwas anderes: „Ich
muß heute und morgen und am folgenden
Tage wandeln." Es wird dabei nichts vom
dritten Tage gesagt, und es bezieht sich
auf den Wandel des Herrn hienieden, der
bis in den Tod fortgesetzt wurde; Er
setzte Seinen Lauf bis zum Ende fort,
ohne Ablenkung und ohne Abweichung. Sein
Angesicht war festgestellt, um nach
Jerusalem zu gehen; Er mußte dahingehen,
um Seinen Lauf zu vollenden und um in
Jerusalem zu leiden, ebenso wie die
Propheten gelitten hatten. Sein Pfad,
der durch keine irdische Güte
erleichtert wurde, führte nur zum Tode.
Er sollte in der am meisten
begünstigten Stadt der Erde verworfen
werden, und weil sie die höchste Gunst
genoß, war sie auch die schuldigste. In
dem wunderbaren Aufruf nimmt der Herr
deutlich den Platz Jehovas ein: „Wie oft
habe ich deine Kinder versammeln wollen,
wie eine Henne ihre Brut unter die
Flügel, und ihr habt nicht gewollt!" Es
war Jehova, dessen Innerstes aus Liebe
zu der Stadt, die Er erwählt hatte,
bewegt war; Er war oft bereit gewesen,
sie unter die Wärme und Pflege Seiner
behütenden Liebe zu nehmen, sie hatte
aber nicht gewollt. Darin liegt eine
große Würde, weil Er weiter
fortschreitet.
Es ist darin der Gedanke, daß es
mit Bedacht geschieht: „Ich muß heute
und morgen und am folgenden Tage
wandeln." Er hatte einen bestimmten
Lauf, und nichts konnte Ihn erschüttern.
Es geziemte Ihm zu leiden; Er schritt
völlig mit Bedacht und zielbewußt voran.
Es ist gut, das Auge auf Ihn zu richten.
Die Christenheit ist jetzt in einer
ähnlichen Lage, wie es damals Jerusalem
war; es war diejenige Stadt auf Erden,
wo die Gunst Gottes erkannt worden war.
Man empfindet den tiefen Ernst der
Worte des Herrn, wenn Er zum letztenmal
in dieser Weise zu der Stadt sprach, die
Ihn nicht haben wollte: „Ihr habt nicht
gewollt." Das ähnelt sehr Seiner Haltung
gegenüber Laodicäa: Er steht an der Tür,
Sein Innerstes ist durch Seine treue
Liebe bewegt, Er ist bereit einzutreten,
aber Er ist draußen. Jehova hatte Seine
Diener und Propheten nach Jerusalem
geschickt, und als allerletzter kam Er
Selbst in der Person Jesu und zeigte,
daß Er gewillt war, sie zu hegen und zu
pflegen.
Trotz allem, was sie waren, war
Seine Haltung voll unumschränkter Gnade;
jetzt sagt Er aber: „Siehe, euer Haus
wird euch überlassen." Sie sollten Ihn
nicht mehr sehen, bis sie sagen würden:
„Gepriesen sei, der da kommt im Namen
des Herrn." Ihr Haus wurde ihnen
überlassen; der Herr sagte zu ihnen
gleichsam: Wenn ihr Mich nicht haben
wollt, muß Ich euch verlassen, damit ihr
sehet, wie leer alles ohne Mich ist. Wie
leer ist alles ohne Christum! Wenn
Jehova verworfen ist, welchen Wert hat
dann Sein Haus? Es wird ihnen
überlassen; der Herr nennt es „euer
Haus".
Es ist bemerkenswert, wie die
Zeit, wo der Herr auf Erden war, der
jetzigen entspricht; der Herr könnte zur
Christenheit ebenso reden, wie Er es
hier am Ende der Verwaltung tut. Auch
wir sind am Ende einer Periode, in
welcher man vorgibt, Gott Ehre zu
erweisen, und der Herr wird verworfen.
Der Herr kann zu uns sagen: Euer Haus
wird euch überlassen. Was ist das
Christentum ohne Christum? In Laodicäa
erwähnt Christus mit Bestimmtheit
diejenigen, die sich rühmen, Christen zu
sein. Unser Innerstes sollte in einer
göttlichen Weise über sie bewegt sein;
die Haltung des Herrn den sieben
Versammlungen gegenüber ist ein Beispiel
für die unsrige.
Wie Er an der Tür steht und
anklopft, so ist es auch unser Vorrecht,
anzuklopfen und alles zu tun, was wir
können, um bereit zu sein, die
Aufmerksamkeit eines jeden auf Christum
zu lenken. Die prophetische Stimme
Christi ertönt, wenn auch die Menschen
nicht zuhören; der Herr hat nicht
aufgehört prophetisch zu warnen und in
Liebe zu reden. In der ganzen Schrift
gibt es keine Stelle, die so
erschütternd zu unseren Herzen spricht -
es ist das innere Sehnen des Herzens des
verworfenen Christus. Jerusalem war der
begünstigste Ort gewesen, und es war nun
desto mehr schuldig. Jerusalem bekam den
größten Ausdruck der Gnade, denn das
Evangelium nahm dort seinen Anfang. Man
möchte alles so empfinden wie der Herr,
und zwar um über andere bis ins Innerste
besorgt zu sein.
Kapitel 14
In diesem Kapitel betrachtet der
Herr nicht nur alle Dinge voller
Barmherzigkeit, sondern Er bringt auch
Heilung zustande. Der wassersüchtige
Mensch stellte die Gesetzgelehrten und
Pharisäer dar, er war ein Beispiel für
diese Gesellschaft. Sie lauerten darauf,
Denjenigen, der Jehova war, in ihrer
Mitte zu verurteilen; Er aber
betrachtete den aufgeblähten Zustand des
wassersüchtigen Menschen als ein Zeichen
von ihrem Zustand, und Er war da, um den
Menschen auf sein richtiges Maß
herabzubringen. Um die göttliche Gnade
zu empfangen, muß der Mensch von seiner
Wassersucht geheilt werden; nichts kann
die eigene Wichtigkeit des Menschen
beseitigen als nur die Wirkung des Herrn
Selbst.
Wenn ein Mensch es darauf absieht,
seine eigene Gerechtigkeit aufzurichten,
so ist er wassersüchtig; er ist dann
nicht bereit, den niedrigsten Platz
einzunehmen. Es gibt keinen anderen Weg
zur Erhöhung, als nur ganz nach unten zu
rücken, und keiner außer dem Herrn Jesu
kann meine eigene Wichtigkeit heilen und
mich willig machen, den niedrigsten
Platz einzunehmen. Er allein kann den
Menschen auf sein richtiges Maß
herabsetzen, und nachdem Er ihn dahin
gebracht hat, kann Er ihn erhöhen.
Es war eine Handlung des
unumschränkten Willens Gottes, denn der
Mensch bat nicht um Heilung, und die
Tischgesellschaft war dagegen; der Herr
nahm Sich seiner an und heilte ihn nach
Seinem unumschränkten Willen. Der Mensch
gebrauchte den Sabbat, um in seiner
eigenen Wichtigkeit zu leben, und die
Menschen suchten sich die ersten Plätze
aus – das ist Selbstwichtigkeit.
Jeder von uns hat diese Krankheit
gehabt, und nur der Herr kann sie
heilen. In Phil. 2 lesen wir, daß der
Herr Sich Selbst zu nichts machte;
Derjenige, der in Gestalt Gottes war und
Gleichheit mit Gott beanspruchen durfte,
machte Sich Selbst zu nichts. Er stieg
hernieder, um für uns ans Kreuz zu
gehen; wir aber müssen aus unserem
krankhaften Zustande herabsteigen, um
bereit zu sein, den letzten Platz
einzunehmen, um unsere ganze eigene
Wichtigkeit aufzugeben. Es sind die
Letzten, die die Ersten sein werden.
Gerade diese eigene Wichtigkeit
macht mich zum Gegenstand der
Anteilnahme Gottes; wenn ich mir dessen
bewußt werde, bin ich bereit,
heruntergesetzt zu werden. Alle
Kennzeichen unseres moralischen Verfalls
erwecken die Anteilnahme des Herzens
Gottes. Sobald wir unter der Belehrung
des Herrn einzusehen beginnen, daß wir
selbstwichtig sind, hassen wir uns
selbst und denken, Gott muß uns auch
hassen; Er liebt uns aber und sagt: Ich
werde dich heilen, damit du klein genug
wirst, um in der Zeit und der Ewigkeit
zu Meiner Familie zu gehören. Wenn ich
den niedrigsten Platz einnehme, sagt Er:
„Rücke höher hinauf." Gott wird es so
führen, daß allerlei Dinge auf uns
einwirken, um unsere eigene Wichtigkeit
herniederzubringen. Kein Heiliger kann
in seiner eigenen Wichtigkeit vor den
Herrn treten.
Wir können vorgeben, von uns
selbst nichts zu halten; wir mögen
bereit sein, herabwürdigende Dinge von
uns selbst zu sagen; Gott aber muß darin
Wahrhaftigkeit bewirken, und es ist in
der Gegenwart Seiner Liebe, daß wir es
lernen, den niedrigsten Platz
einzunehmen. Der Dienst des Wortes, den
Gott sendet, ist der Dienst Christi, und
wenn demselben in unseren Herzen Raum
gegeben wird, muß alles Fleischliche
hinausgetan werden. Wenn Christus
hereinkommt, muß die eigene Wichtigkeit
hinausgetan werden. Bei den meisten von
uns geschieht das nur in geringem Maße,
es verschwindet nur langsam. Die eigene
Wichtigkeit beginnt zu verschwinden, und
Christus beginnt hervorzukommen. Gott
wirkt nach dieser Richtlinie bei uns;
deshalb sollten wir es dem Herrn
überlassen, uns zu erhöhen. Laß den
Herrn sagen: „Rücke höher hinauf.“
Maria sagte: „Siehe, ich bin die
Magd des Herrn; es geschehe mir nach
deinem Worte." Sie war bereit, zur
höchsten Gunst, die jemals einem aus der
menschlichen Familie erzeigt wurde,
hinaufzusteigen; es war aber der Herr,
der sie erhöhte. Es geschah, weil sie
gar keine eigene Wichtigkeit mehr hatte,
daß sie auf den höchsten Platz
hinaufrücken konnte. Man sollte deshalb
die Gesinnung haben, sich damit zu
begnügen, der Letzte zu sein, um mehr
als jeder andere die Gunst Gottes einem
armen Sünder gegenüber zu schätzen.
Einer, der den letzten Platz
einnimmt, empfiehlt sich der gnädigen
Aufmerksamkeit des Herrn, und auch der
gnädigen Aufmerksamkeit der Geschwister.
Wenn wir einen Menschen sehen, der einen
hervorragenden Platz erlangen will, der
sich bemerkbar machen und etwas sein
will, so erniedrigt er sich selbst, und
wir schätzen ihn sehr gering ein. Wenn
er aber gesinnt ist, auf den niedrigsten
Platz herabzusteigen, so ist an ihm
etwas Empfehlenswertes. Keiner kann
deswegen einen Fehler an mir finden,
weil ich der Letzte sein will. Paulus
sagte von sich, er sei „der
Allergeringste von allen Heiligen". Ich
habe oft gefragt: Wenn Paulus der
Allergeringste war, wie groß bist du
dann? Es ist eine schöne Gesinnung im
Reiche, und eine, die uns die größte
Freude bereitet, denn Freude kommt durch
die Wertschätzung der Gnade zustande. Je
niedriger ich stehe, desto besser bin
ich für die Erhöhung durch die Gnade
vorbereitet, wie der Mensch, der der
Letzte war, und zu dem der Gastgeber
sagte: „Rücke höher hinauf.“
Der Herr hat es niemals im Sinn,
uns zu erniedrigen; Sein Gedanke ist,
uns zu erhöhen und nicht zu erniedrigen;
das möchte Er uns überlassen, damit Er
uns erhöhen kann. Wenn die Menschen in
ihrem Hochmut wandeln, weiß der Herr sie
zu erniedrigen; doch wir möchten das
nicht. Es lohnt sich, den niedrigsten
Platz einzunehmen, es ist zu unseren
Gunsten. Wenn wir den besten Platz haben
wollen, so ist das ungünstig für uns,
denn vielleicht wird der Herr ihn einem
anderen geben, und wir werden uns
schämen müssen; wir fangen dann an „mit
Schande den letzten Platz einzunehmen“.
Der Herr möchte, daß unser Zustand
derartig sei, daß Er uns erhöhen kann.
Jeder von uns sollte die anderen höher
achten als sich selbst; das können wir
tun, wenn wir uns nicht mit unseren
guten Eigenschaften beschäftigen,
sondern mit den guten Eigenschaften der
anderen, und sie bewundern und sie höher
achten als die unsrigen.
Wir können vorgeben, den
niedrigsten Platz zu lieben, wenn es
auch nicht der Fall ist, aber der Herr
kann uns die ganze Wassersucht
wegnehmen. In dem nächsten Abschnitt
dieses Kapitels kommen wir zum Dienst
der Gnade; wir denken nicht daran,
unsere Zeit angenehm mit Leuten zu
verbringen, die ebenso gut zu uns sein
können, wie wir es zu ihnen sind,
sondern wir denken an den Dienst der
Gnade.
Gegenseitigkeit ist nicht Gnade;
die Gnade handelt immer von einer Seite
aus. Gegenseitigkeit und Liebe wird im
Familienkreise gefunden; die Gnade aber
geht immer von einer Seite aus, sie
kommt ganz von Gottes Seite her, und sie
fließt von Gott zu unwürdigen Menschen
hernieder. Zuerst müssen wir Gnade
haben, dann Liebe. Im Familienkreise
haben wir Liebe und Gegenseitigkeit,
hier geht es aber um das Reich, nicht um
die Familie, und im Reiche sollen wir
zum Dienste der Gnade bereit sein.
Derjenige, der etwas hat, ist bereit, es
demjenigen zur Verfügung zu stellen, der
nichts hat. Das allein ist gerecht.
Wenn ich nicht bereit bin, das,
was ich habe, den Geschwistern zur
Verfügung zu stellen, ohne an eine
Vergeltung zu denken, stehe ich nicht
auf dem Boden des Reiches. Ladet also
nicht diejenigen ein, die ebenso gut
sind wie ihr selbst und auch euch
einladen können, ladet aber die Armen
und Krüppel und Lahmen und Blinden ein.
Wir müssen nach dem Grundsatze Gottes
handeln, und wie handelt Gott? Er hat
alles für den armen Sünder gegeben, der
nichts hat, und wir sollen niemals
diesen Dienst der Gnade aufgeben. Es
geschieht am niedrigsten Platz, daß wir
tüchtig zum Dienst werden, weil wir dort
die Gnade kennenlernen; wenn wir sie
kennengelernt haben, können wir sie
anderen gegenüber, ohne eine Vergeltung
zu erwarten, zum Ausdruck bringen.
Wir wollen keine Vergeltung in der
gegenwärtigen Zeit haben, sondern wir
bekommen sie in der Auferstehung. Paulus
wollte keinen Lohn haben, er sagt: „Wenn
ich auch, je überschwenglicher ich euch
liebe, um so weniger geliebt werde." Der
Herr möchte uns davon abbringen,
Menschen zu versorgen, die uns
ebensoviel zurückgeben können, wie wir
ihnen geben; Er heißt uns aber, solchen
Gnade zu erzeigen, die uns nichts geben
können, und dann werden wir in der
Auferstehung etwas bekommen. Es lohnt
sich dann, vergolten zu bekommen.
Man kann zeitweilig in dieser Welt
eine große Vergeltung erlangen; es
stellt sich aber heraus, daß Leute, die
in einem Augenblick eine gute Meinung
von uns haben, im nächsten Augenblick
schlecht von uns denken können.
Glückseligkeit besteht darin, wie Gott
zu handeln: „Geben ist seliger als
Nehmen." Wenn ich handle wie Gott, kann
nichts glückseliger sein; alles, was wir
in der Haushaltung der Gnade besitzen,
soll denjenigen zu Diensten stehen, die
es nicht vergelten können.
Viele arbeiten, und wenn sie nicht
gerühmt werden, fühlen sie sich
unglücklich, weil man ihnen das, was
ihnen ihrer Meinung nach gebührt,
vorenthält; wir sollen aber zu der
Auferstehung vorausblicken. Wir sollten
wünschen, daß unser Tun in der
Auferstehung anerkannt werden möchte.
Wir sollten mehr unter den Augen Gottes
zu Seinem Wohlgefallen leben und nicht
unter der Anerkennung der Geschwister
oder irgendeines anderen; das ist nicht
der Beweggrund, obwohl die Geschwister
zweifellos unser Tun gutheißen werden.
Die Armen, die Krüppel, die Lahmen
und die Blinden sind Leute, die nicht
vergelten können; es sind keine bösen
Leute, sondern sie sind ärmer als wir
selbst. Unter dem Volke Gottes befinden
sich solche, die an irgendetwas Mangel
leiden, und solche entsprechen den
Krüppeln, den Lahmen und den Blinden;
ihnen soll aber in Gnaden gedient
werden. Der Sinn der Sache ist der, daß
Gott in der Auferstehung Seine
Vergeltung erlangen wird, wenn die
Heiligen in einem geistlichen Zustande
auferstehen werden und keine Spur der
Schwachheit und der Gebrechlichkeit
vorhanden sein wird.
Es gibt nichts, was mehr von einer
Seite aus geschieht, als die
Auferstehung; es liegt ein Mensch tot im
Grabe, und die unumschränkte Macht
Gottes, die in Liebe wirkt, schaltet
sich ein und weckt ihn auf, und Gott hat
Seine Vergeltung. Wenn Gott auf die
ganze auferweckte Schar herniederblicken
wird - sie alle gleichen Christo -, wird
Gott Seine Vergeltung haben. Er wird
herniederblicken und einen Augenblick
alle die auferstandenen Heiligen auf
Erden sehen. Es ist gut, daran zu
denken, daß Gott in der Auferstehung
Seine Vergeltung haben wird. Wir müssen
zugeben, daß wir Ihm im gegenwärtigen
Zustande nicht viel vergolten haben. Wie
Israel, so ist auch das Volk Gottes Ihm
eine Quelle der Sorge und des Kummers
gewesen. Gott hat Sein armes Volk
weltlich und fleischlich gesehen, Er
wird sie aber dann auf ewig in der
Auferstehung in einem geistlichen
Zustande haben. Was für eine Vergeltung
wird das sein!
Wenn ich euch gegenüber im Blick
auf die Auferstehung wirke, werde ich
diese geistliche Richtschnur befolgen;
wir sollten alle nach der geistlichen
Richtschnur im Blick auf die
Auferstehung wirken. Diejenigen, die
nach diesen Grundsätzen handeln, sind
gerecht; sie handeln wie Gott, und es
wird ihnen in der Auferstehung der
Gerechten vergolten werden. Gott will,
daß wir auf die Belohnung schauen. Es
gefiel Ihm wohl, daß Mose auf die
Belohnung schaute. Paulus schaute auf
eine Krone; im allgemeinen sah er alle
das Ihrige suchen; Paulus wird aber
seine Belohnung erlangen, wenn er die
Heiligen in der Auferstehung sieht. Er
schreibt an die Thessalonicher: „Wer ist
unsere Hoffnung oder Freude oder Krone
des Ruhmes? Nicht auch ihr vor unserem
Herrn Jesus bei seiner Ankunft?“ Das ist
die Zeit, wo Paulus belohnt werden wird.
Wir werden dann belohnt werden, sogar
wenn wir jetzt leiden müssen.
In der Familie gibt es
Gegenseitigkeit, die sich nach beiden
Seiten hin auswirkt, die Gnade wirkt
aber von einer Seite aus. Das enthüllt
das Geheimnis von dem großen Abendmahl;
es ist zur Freude Gottes. Das große
Abendmahl soll nicht dem Lindern unserer
Not, sondern dem Verlangen Gottes
dienen, auf daß Sein Haus voll werde. Er
trifft Vorbereitungen im Einklang mit
der Größe dessen, was Er vor Sich hat,
und Er sagt: „Kommt", es ist alles von
Seiner Seite aus. Keiner von ihnen
konnte etwas dazu beitragen, alle
vermögenden Leute verfehlten es;
diejenigen aber, die nichts hatten,
waren froh, hereinzukommen.
Hier wirkt Gott um Seiner eigenen
Befriedigung willen, es wird kein Wort
von Buße oder Vergebung gesagt. In
diesem Gleichnis sehen wir eine größere
Darstellung der Gnade, als wir sie sonst
in diesem Evangelium gehabt haben. Es
ist die Feier der Gerechtigkeit genannt
worden, und ich finde das sehr schön.
Die Geladenen machten Einwände, weil
ihnen das Wohlgefallen Gottes
gleichgültig war; sie interessierten
sich für andere Dinge. Der große
Schwerpunkt heutzutage ist, daß Gott
sagt: Ich habe alles zur höchsten
Befriedigung Meines Herzens zubereitet;
Ich habe Mein Wohlgefallen völlig
gesichert - interessiert ihr euch dafür,
hereinzukommen und das, was Ich genieße,
zu sehen? Das ist das Evangelium.
Der Ort, wo Jesus verherrlicht
ist, ist der Schauplatz des
Wohlgefallens Gottes; Gerechtigkeit ist
erfüllt worden, und Gott sagt zum
Menschen: Ich will, daß du hereinkommst.
Gott bereitet alles. Die bestehende
Notwendigkeit ist auf Gottes Seite - Er
macht das Abendmahl, und Er hat Gäste
nötig, die hereinkommen und es genießen
sollen. An das Vorleben dieser Leute
wird gar nicht gedacht, es geht gar
nicht um ihre vergangene
Lebensgeschichte. Das, was Gott bereitet
hat, ist zu Seinem Wohlgefallen, der
Zustand des Menschen wird hier gar nicht
erwähnt.
Es ist Gott, der zu Seinem
Wohlgefallen alles bereitet, und dann
sagt Er: „Kommt." Die geladenen Gäste
waren Israel, „deren... die
Verheißungen“ sind. Einem gewissen Volk
gehörten die Verheißungen, und Gott
hatte angedeutet, was Er zu Seinem
Wohlgefallen tun würde; aber Israel
interessierte sich nicht mehr für das
Wohlgefallen Gottes, als die jetzigen
Menschen es tun. Wenn wir auf die
Straßen hinausgehen und über das
Wohlgefallen Gottes reden, sind die
Menschen gleichgültig; sie interessieren
sich für ihre Geschäfte, ihre Familien
und für andere Dinge.
Das Fest in Matth. 22 ist das, was
Gott zu Ehren Seines Sohnes bereitet,
aber in Luk. 14 ist es zum Wohlgefallen
Seines eigenen Herzens. Er bereitet
alles auf Grund des Todes Christi. Ein
Mensch ist vor das Angesicht Gottes zu
Seinem Wohlgefallen getreten, und der
Heilige Geist ist herniedergekommen, um
das zu verkünden, damit das, was Gott zu
Seinem Wohlgefallen gesichert hat,
hienieden genossen werden möchte. Bevor
es im zukünftigen Zeitalter entfaltet
werden wird, soll es hienieden genossen
werden.
Nicht ein einziger von den
geladenen Gästen ging hinein, noch wird
das jemals einer tun; alle, die
eingehen, werden genötigt oder
gezwungen. Keiner würde zur Feier der
Gnade eingehen, wenn er nicht dazu
genötigt würde. Es gibt keinen Raum für
den freien Willen des Menschen. Gott hat
alles für Sein unsagbares Wohlgefallen
bereitet; es ist nicht der Mensch in
seiner Unschuld oder als gefallen,
sondern der Mensch in Gerechtigkeit im
Himmel, ein verherrlichter Mensch in
Gerechtigkeit. Gott hat Sein höchstes
Wohlgefallen an Christo gesichert, und
Er spricht: Kommt herein und genießet
dies mit Mir.
Es sind zuerst die geladenen
Gäste, dann die Armen und Krüppel und
Lahmen und Blinden, und dann die
Menschen an den „Wegen und Zäunen“, was
die Nationen einführt. Der Knecht stellt
den Heiligen Geist dar, der
herniedergekommen ist, um zu sagen:
„Schon ist alles bereit." Gott hat in
einem auferstandenen und verherrlichten
Menschen alles zu Seinem Wohlgefallen
gesichert, und betreffs der Gäste werden
keine Fragen gestellt, alles ist
gesichert.
Die geladenen Gäste wollen aber
nicht kommen, und der Hausherr, der das
Abendmahl bereitet hat, wird zornig. Es
gibt keinen so schrecklichen Zorn, wie
den Zorn der Gnade. Gar nichts kann
hinzugefügt werden, um das Wohlgefallen
Gottes noch größer zu machen als es
schon ist, und es liegt alles außerhalb
von uns selbst, ob schuldig oder
gefallen; es liegt alles im
unumschränkten Willen Gottes. Was in der
Zukunft im Reiche Gottes entfaltet
werden wird, soll jetzt schon im Hause
Gottes genossen werden.
Das Werk des Nötigens wird dem
Knechte zugeschrieben. Im Römerbrief
hebt Paulus den Befehl des ewigen Gottes
hervor; das Evangelium im Römerbrief
beruht nicht auf einer Einladung,
sondern auf einem Befehl: „Es ist
geschehen, wie du befohlen hast.“ Dann
wird das Nötigen mit der Berufung Gottes
verbunden. Der Römerbrief gibt uns die
göttliche Berufung; gewisse Personen
werden unter dem Nötigen der göttlichen
Gnade berufen. Gott beruft in einer
unwiderstehlichen Weise. Die Berufung
wird im Römerbrief als das Mittel zur
Segnung entfaltet - „welche er berufen
hat, diese hat er auch gerechtfertigt"
—, und Paulus schreibt an die Korinther:
„Sehet eure Berufung“ — d. h. schaut
euch um und sehet, was für Menschen Gott
berufen hat. Man kann der Berufung nicht
widerstehen, es ist eine liebevolle
Nötigung.
Das Aussenden der Einladung war
eine Handlung der Gnade, aber auf die
Einladung hin ist nie jemand gekommen;
es muß eine göttliche, nötigende Kraft
wirksam sein, damit das Haus voll werde.
Das Evangelium wird nur in den Berufenen
wirksam, wie mächtig der Ruf auch
erschallen mag. Wenn das Evangelium
gepredigt wird, so ist es das Flehen
Gottes; Gott will Sich vor allen
Menschen rechtfertigen, und kein
Geschöpf Gottes kann jemals sagen: Du
gabst mir keine Gelegenheit.
Diese wunderbare Entfaltung der
Gnade erstreckt sich noch weiter als in
Kap. 7 und 10; es ist ein neues System,
das nicht dazu eingeführt wurde, um der
Not des Menschen gerecht zu werden,
sondern um das Herz Gottes zu
befriedigen. Es ist ein wunderbares
Bild; niemand als nur der Sohn Gottes
hätte es entwerfen können. Weil Er als
Mensch vor das Angesicht Gottes getreten
ist, ist der Höhepunkt des göttlichen
Wohlgefallens erreicht: Gott hat den
Menschen in Gerechtigkeit vor Sich. Dann
sagt Er: Komm herein und genieße dies
und sieh ein, daß es Mein Gedanke ist,
dich wie Jesus zu Meinem Wohlgefallen zu
haben. Hier wird die Frage nicht
berührt, ob wir auch passend sind. Im
nächsten Kapitel finden wir das beste
Kleid, den Ring und die Sandalen; in
diesem Kapitel wird aber dieser Gedanke
absichtlich nicht erwähnt, damit wir
sehen möchten, daß die Gnade vollständig
auf Gottes Seite ist.
Nun müssen wir aber zusehen, daß
wir die Gnade nicht in einer
oberflächlichen Weise annehmen. „Es
gingen aber große Volksmengen mit ihm";
es schien ein leichter Pfad zu sein,
Einem zu folgen, der so glückselig von
der göttlichen Gnade redete. Es ist
nützlich, beide Seiten im Auge zu
behalten; wir sind so geneigt, den
Gedanken der Gnade leicht zu nehmen und
nicht zu verstehen, was er in sich
schließt. In den beiden Kapiteln 14 und
15 gibt uns der Herr die praktische
Wirkung der Annahme der Gnade; die
praktische Wirkung davon ist die Probe,
ob wir zum großen Abendmahl eingegangen
sind. Wenn wir dies getan haben, sind
wir zur Jüngerschaft bereit; das ist die
Probe dafür, ob ich wirklich zum großen
Abendmahl eingegangen bin.
Dieses System der Gnade, das
Feiern der Gerechtigkeit, ist etwas, was
sich ganz außerhalb des Bereiches des
Natürlichen befindet. Im Bereiche des
Natürlichen neigt alles dazu, sich dem
zu widersetzen, ebenso wie die Ochsen,
der Acker und das Weib uns dahin
bringen, uns dem Wohlgefallen Gottes
gegenüber gleichgültig zu machen. Die
besten Dinge im Natürlichen neigen dazu,
uns von der Glückseligkeit dieses neuen
Systems der himmlischen Gnade
abzulenken, so daß die Jüngerschaft dazu
nötig ist, in unseren Seelen die Freude
über das neue System, in welches wir
genötigt wurden einzugehen, zu bewahren.
Wir können nicht beim großen
Abendmahl sein, ohne dem Pfade der
Jüngerschaft hingegeben zu sein. Du
kannst nicht sagen: Ich will Jesum haben
und Seine ganze Liebe und Gnade zu den
Menschen, und ich will nichts anderes
haben; wenn du Ihn in Seiner Liebe und
Gnade zu den Menschen hast, so mußt du
Ihn auch in Seiner Treue Gott gegenüber
haben - das ist die Treue der
Jüngerschaft. Der Herr Selbst war der
Jünger. In Jes. 50 sagt Er, daß Ihm
„eine Zunge der Belehrten" gegeben
wurde, das ist dasselbe Wort wie Jünger.
Der Herr ließ Sich niemals durch das
Natürliche ablenken: Er hatte eine
Mutter, und Er liebte Seine Mutter, Er
sorgte für sie aufs Zärtlichste, indem
Er sie sogar am Kreuze dem Johannes
anvertraute; jedoch ließ Er Sich niemals
durch sie beeinflussen. „Was habe ich
mit dir zu schaffen, Weib?" sagte Er,
als sie Ihm einst einen Hinweis machte.
Er wurde nicht vom Natürlichen
beeinflußt, und Er wurde immer durch
Treue Gott gegenüber beherrscht.
Wir müssen zugeben, daß das
Natürliche, wie anziehend es auch sein
mag, dazu geneigt ist, uns von der
Gnade, in die wir gebracht worden sind,
abzulenken; deswegen müssen wir lernen,
es von diesem Standpunkte aus zu hassen.
Alle unsere natürlichen Beziehungen
müssen überwacht werden, und zwar im
Blick auf ihre Neigung, uns von der
Erkenntnis Gottes in Gnade abzulenken.
Es gibt nichts, was uns mehr erforscht
als die Gnade; sie ist viel
erforschender als das Gesetz. „Dazu aber
auch sein eigenes Leben" (Vers 26);
diese Worte berühren unser Innerstes.
Das bedingt eine moralische Absonderung
von allem, was natürlicherweise das
eigene Leben ausmacht und was nicht das
System der Gnade ist, in das wir
einzugehen genötigt werden.
Der Herr will uns lehren, eine
scharfe Trennungslinie zu ziehen
zwischen der himmlischen Gnade, dem
Wohlgefallen Gottes an Christo, das ich
durch den Geist genieße, und dem
Allerbesten von Natur, dem eigenen
Leben, das als außerhalb dieses Systems
der Gnade betrachtet wird. Ich muß alles
in mir hassen, was außerhalb dieses
Systems der Gnade liegt. Was vom
Natürlichen herrührt, ist dazu geneigt,
uns abzulenken, und wir müssen es
überwachen.
Das ist nur eine einfache
Tatsache, und die meisten von uns sind
alt genug in der Schule Gottes, um es in
Erfahrung gebracht zu haben. Gott will
uns durch den völlig neuen Charakter
davon beeindrucken, wohin Er uns durch
das Nötigen gebracht hat; es ist ebenso
weit von den natürlichen Beziehungen wie
von der Sünde entfernt. Viele sind der
Ansicht, daß das Christentum uns von der
Sünde befreit, aber es ist gekommen, um
uns auch von dem Besten in der Natur zu
befreien.
Ein Bruder mag von allen
häuslichen Freuden und Bequemlichkeiten
umgeben sein; aber beim Berühren der
Dinge Gottes gibt es etwas noch
Kostbareres für das Herz, eine tiefere
Freude wird geschmeckt, und wenn wir in
rechter Seelenübung sind, müssen wir
achtgeben, daß sogar das häusliche Glück
uns nicht von der Glückseligkeit
ablenkt, in die wir eingegangen sind.
Der Herr macht das zum Prüfstein, als ob
Er sagen wollte: Ihr habt euch gefreut
zu hören, was ich gesagt habe, und ihr
drängt auf Mich ein; versteht ihr aber
auch, daß es ein völlig neues Leben
bedeutet, nicht nur von der Sünde
getrennt, sondern auch vom natürlichen
Leben getrennt zu stehen? Das Natürliche
neigt immer dazu, dieses zu verhindern,
und deswegen muß es eifrig überwacht
werden.
Hier geht es um das Salz des
Bundes. Der Bund ist reine Gnade, man
kann aber den Bund nicht ohne das Salz
haben, und das ist der Grundsatz der
Treue Gott gegenüber. Es ist Treue Gott
gegenüber in Beziehung zu dem System der
Gnade, das Er aufgerichtet hat, es geht
um Treue dem wahren Charakter der Gnade
gegenüber. Der Herr lebte in der vollen
Glückseligkeit der Gunst Gottes den
Menschen gegenüber, aber Er erlaubte
nicht, daß irgend etwas auch nur für
einen Augenblick Ihn an Seiner Treue
Gott gegenüber hinderte.
Wir können nicht zum Abendmahl
eingehen und an der Festlichkeit
teilnehmen, ohne den Pfad der
Jüngerschaft zu betreten. Diese beiden
Dinge voneinander zu trennen, würde die
Gnade Gottes verderben; nichts sollte
zugelassen werden, was uns dem Genuß
dieses wunderbaren Systems entfremden
würde. Das Kreuz auf sich nehmen, ist
mehr die öffentliche Seite. Der Herr
gebraucht das allerstärkste Wort. Der
Gedanke der Kreuzigung besagte in jenen
Tagen das Höchstmaß an Schande und
Erniedrigung, denen ein Mensch
ausgesetzt werden konnte; es war eine
Todesart, die das römische Gesetz nur
auf einen Sklaven anzuwenden erlaubte,
und auch nur im Falle eines
schrecklichen Verbrechens, wenn er z. B.
seinen Herrn ermordet hatte.
Bedenkt, daß der Herr dieses Wort
gebraucht! Wir haben uns so an dieses
Wort gewöhnt, daß wir nicht daran
denken, was es bedeutete; es war die
äußerste Tiefe der Schande und der
Erniedrigung. Doch der Herr sagt: Dazu
müßt ihr bereit sein; ihr müßt bereit
sein, euer Kreuz zu tragen. Wir neigen
dazu zu
erwarten, daß man uns als Christen
wertschätzt, aber das Tragen des Kreuzes
bedeutet die Bereitschaft, „der
Auskehricht der Welt" zu sein, wie
Paulus sagt.
Heutzutage haben wir sehr wenig
von solchen Leiden. Wir leben in solchen
leichten Zeiten; wir werden nicht ins
Gefängnis geworfen oder am Pfahl
verbrannt, wie es vielen unserer
Geschwister widerfuhr, aber dieser
Grundsatz in unseren Seelen kann uns im
Blick auf die geringfügigen Fälle
stärken, wo uns Schande, Verachtung und
Schmach widerfahren. Viele von unseren
Geschwistern in einigen Teilen der Welt
stehen Grausamkeiten und Verfolgungen
gegenüber, während wir hier ruhig
sitzen; wir benötigen aber dieselbe
Bereitschaft, um unsere geringfügige
Schmach zu erleiden, wie sie diejenigen
bedürfen, die größeren Dingen gegenüber
standhalten müssen. Wir müssen diesen
Zustand als normal betrachten, damit wir
weder niedergeschlagen noch erstaunt
sind, wenn die Menschen uns verlachen,
verschmähen oder mit Verachtung
betrachten. Das Tragen des Kreuzes ist
ein wesentlicher Teil der Jüngerschaft;
das Maß unserer Bereitschaft, es zu
tragen, ist das Maß, in welchem wir zum
Abendmahl eingegangen sind.
Alles das hängt zusammen, es gibt
das Erbauen des Turmes und den König,
der in den Krieg auszieht. Der Herr
wirft dadurch die Frage auf: Habt ihr
auch das Nötige zum Ausführen? Seid ihr
sicher, daß ihr das Angefangene
vollenden könnt? Anzufangen ist eine
Sache, aber es mag sehr oberflächlich
sein, und der Herr sagt: Setzt euch
nieder und berechnet die Kosten. Habt
ihr genug Hilfsquellen? Wenn ihr keine
Hilfsquellen habt, um dem Feinde zu
begegnen, so ist es besser, sich ihm zu
ergeben; es ist das Verständigste, was
man tun kann.
Wenn alles für das Wohlgefallen
Gottes in Christo bereitet ist, und wenn
wir alles, was wir haben, hinter uns
gelassen haben, um dort einzugehen und
das durch den Geist Bereitete zu
genießen, dann werden wir, je mehr wir
uns niedersetzen und berechnen, um so
mehr einschen, daß wir genug zum
Anfangen und auch zum Vollenden
besitzen.
Der Herr sagt in Vers 33: „Jeder
von euch, der nicht allem entsagt, was
er hat, kann nicht mein Jünger sein."
Die Frage ist: Gehen wir mit dem, was
unser eigen ist, oder mit dem, was von
Gott und von Christo ist, voran? Wenn
wir mit dem, was von Gott und von
Christo ist, vorangehen, so haben wir
genug, um zu vollenden. „Wenn Gott für
uns ist, wer wider uns?" Wir haben mehr
mit uns, als wider uns. Wenn der Feind
Zwanzigtausend hat, so haben wir
vielmehr.
In dieser ganzen Angelegenheit
handelt es sich darum, der Treue Gottes
in Gnade zu vertrauen; Er kann uns
hindurchführen, wenn auch die Macht des
Feindes zehntausendmal mehr beträgt.
Gott kann uns zum Siege verhelfen; es
ist nicht nötig, sich zu ergeben. Alle
diese Dinge machen uns frei. Ich finde,
daß ich etwas Besseres besitze als die
liebste natürliche Beziehung, und etwas
Besseres als irgendwelche eigenen
Hilfsquellen. Ich bin mir solch einer
Herrlichkeit vor dem Angesicht Gottes
bewußt, daß ich zur tiefsten
Erniedrigung bereit bin. Das ist das
einfache Christentum, und es hängt mit
dem großen Abendmahl zusammen; es ist
die Richtlinie der höchsten Befriedigung
und des Sieges.
Es ist nicht niederschlagend,
sondern für eine wahrhaftige Seele ist
es ermutigend, denn im Lichte der Gnade,
die im großen Abendmahl zum Ausdruck
kommt, kann man sagen: Ich habe genug,
um zu vollenden.
Die Worte des Herrn betreffs des
Salzes sind sehr wichtig; es ist
wichtig, nicht abtrünnig zu werden. Es
ist sehr ernst, von der Gnade und der
Treue Gott gegenüber abzuirren, denn
dafür gibt es keine Wiederherstellung;
wenn das Salz kraftlos geworden ist, so
gibt es keine Wiederherstellung. Das
Salz ist der Grundsatz der Treue, der
praktisch auf alle Einzelheiten des
Lebens angewandt wird, damit keine
verderblichen Einflüsse wirken können.
Ein guter Vorrat an Salz wird benötigt.
Es gibt eine Schriftstelle, die von
„Salz ohne Maß" spricht (Esra 7, 22); es
sollte ein unbegrenzter Vorrat vorhanden
sein. Das Salz des Bundes sollte beim
Darbringen von keiner Opfergabe fehlen.
Wenn ich z. B. Gott wegen der Demut und
Sanftmut Christi preise - das ist das
Speisopfer - dann verleiht mir das Salz
des Bundes das Empfinden, daß ich mit
nichts anderem auskommen kann und daß
ich mich darauf einstellen muß, diese
Wesensart zu bewahren. Ich kann nicht
Gott dafür preisen, weil es in Christo
vorhanden ist, und es nicht in mir
selbst bewahren. Dieser Gedanke kommt
schön in dem 5. Verse unseres Liedes 230
zum Ausdruck: All Deine Demut wir
bewundern, und möchten Dir doch gleichen
mehr, ja, Ruh und Freude darin finden,
von Dir zu lernen, teurer Herr!
Kapitel 15
Es wurde die
allgemeine Behauptung
aufgestellt, daß Zöllner
und Sünder sich dem
Herrn nahten, um Ihn zu
hören. Es war gerade
eine solche Hörerschaft
bei Ihm, die sich
gewöhnlich zu Ihm
versammelte und Ihm
angenehm war; der Herr
gab den Menschen als
Sündern solch einen
Eindruck von der Güte
und Gnade Gottes, daß
sie sich dafür
interessierten. In der
Neuen Übersetzung (von
J. N. Darby) steht eine
Bemerkung unten, die
darauf hinweist, daß
diese Schar sich
gewöhnlich zum Herrn zu
versammeln pflegte, um
Ihn zu hören; es war
nicht nur in dem
Augenblick der Fall. In
den Augen der
Schriftgelehrten und
Pharisäer kam der Herr
dadurch in schlechten
Ruf, daß Er solch eine
Schar um Sich hatte und
daß Er sie aufnahm und
mit ihnen aß. Es handelt
sich aber darum, den
Gegensatz zwischen dem
Sinn des Himmels und dem
Sinn der religiösen
Menschen auf Erden
festzustellen.
Solchen Menschen
bedeutete es viel, wenn
ihnen gesagt wurde, daß
sie Gott sehr wertvoll
waren. Ich habe oft
empfunden, daß wir sehr
wenig von der Gesinnung
der Gnade durchdrungen
sind. Wir sagen einem
Menschen, daß er
verloren ist, und wir
meinen damit, daß er
heruntergekommen,
erniedrigt und in einem
sehr unwürdigen Zustande
ist; in der Schrift wird
aber das Wort „verloren"
gebraucht, um auf etwas
Wertvolles hinzuweisen.
Der Herr erweckte den
Eindruck, daß Gott Sich
für Seine Geschöpfe
interessierte; Gott war
sehr darum besorgt, daß
Er Sein Geschöpf
verloren hatte. Es war
nicht nur wichtig, daß
das Geschöpf verloren
war, sondern es ging
auch darum, wer es
verloren hatte.
Manchmal lesen wir
Anzeigen über verlorene
Dinge, und darin wird
zuweilen bekanntgegeben,
daß eine Belohnung
ausgesetzt ist, und
dadurch wissen wir, daß
die Person, die etwas
verloren hat, darum
besorgt ist. Die Sache
ist nicht wertlos,
sondern wertvoll; je
mehr die Person sich
bemüht, die Sache
zurückzubekommen, desto
mehr empfindet man ihren
Wert. Was in diesem
Kapitel hervorgehoben
wird, ist der Wert des
Sünders für Gott; es
bereitet Gott Sorge, daß
Er den Menschen verloren
hat.
„Welcher Mensch
unter euch, der … eines
von ihnen (von den
Schafen) verloren hat…?“
Hier liegt der Nachdruck
nicht so sehr darauf,
daß das Schaf verloren
ist, sondern mehr
darauf, daß der
Eigentümer es verloren
hat.
Dieses Kapitel
dient dazu, die
moralische Größe der
Buße ans Licht zu
bringen. Nach Lukas 15
wird derjenige, der Buße
tut, völlig für Gott
wiederhergestellt; hier
liegt der Nachdruck auf
der Mühe der Personen
der Gottheit, die Sünder
zur Buße zu bewegen. Der
Mensch, der Sünder, ist
Gott sehr wertvoll; Gott
hat ihn verloren, und Er
will, daß er
wiedergewonnen und
wiederhergestellt werde.
Nach diesem Kapitel ist
die Buße die
Wiederherstellung des
Geschöpfes, das Er
verloren hatte, für
Gott; somit wird der
Buße ein großer Platz
eingeräumt. Menschen
mögen sagen, daß sie
Gläubige sind, aber
welche moralische
Wirkung hat das in ihren
Seelen erzeugt? Die Buße
ist eine in der Seele
erzeugte moralische
Wirkung, welche den
ganzen Charakter der
Beziehungen des
Geschöpfes zu Gott
ändert; es ist nicht,
daß man gewisse Dinge
glaubt, sondern der
Mensch ist verwandelt.
In der Seele ist eine
moralische Wirkung
vorhanden, die den
Menschen dazu befähigt,
Gott als in Gnade
erkannt hochzuschätzen.
Wenn Gott, als in der
Gnade erkannt, geschätzt
wird, so hat Er Sein
Geschöpf wiedererlangt,
und zwar ist es auf
solch eine Weise
zurückgekehrt, daß es
dem Himmel eine Freude
ist.
Somit stellt
dieses Bild des
Eigentümers, der dem
Schafe nachgeht, dar,
wie weit der Sohn Gottes
zu gehen bereit ist, um
den Sünder zur Buße zu
bringen; es entfaltet
nicht das, was Er zur
Herrlichkeit Gottes oder
um für die Sünde zu
sühnen tun mußte. Als
die Tatsache, daß der
Sohn Gottes für ihn in
den Tod gegangen war,
dem Paulus einleuchtete,
verwandelte er alle
seine Gedanken über
Gott. Der Herr Jesus kam
aus der vollen
Herrlichkeit der
Gottheit zu der Tiefe
der Leiden auf Golgatha
herab, um unsere
Gedanken über Gott zu
verändern. Es war nicht
nötig, Gottes Gedanken
zu ändern. Ich glaube,
daß bei uns vielfach der
Gedanke vorhanden ist,
daß Jesus gekommen war,
um die Gedanken Gottes
über uns zu verändern;
aber Er kam, um unsere
Gedanken über Gott zu
verändern; das ist Buße.
Wir ändern dabei unsere
Gedanken und sehen ein,
daß Gott dem Verlorenen
nachgeht, weil es in
Seinen Augen so kostbar
ist; Er ist bereit, bis
zum Äußersten zu gehen,
um Buße zustande zu
bringen. Der Sohn Gottes
mußte herniederkommen
und in den Tod gehen, um
Buße zu Gott in meiner
Seele zu bewirken; das
gibt uns ganz andere
Gedanken über Gott. Er
ist bereit, alles zu
tun, um mich zur Buße zu
bringen. Das verlorene
Schaf wird gefunden,
wenn Buße bewirkt worden
ist. Nachher nimmt der
Besitzer alles völlig
auf sich; er hat das
Schaf gefunden, und er
übernimmt die Fürsorge
und die ganze
Verantwortung.
Wenn wir das
Evangelium predigen,
stellen wir Gott in
Seinem wahren Lichte
dar. Gott hat den
Menschen verloren, weil
der Mensch allerlei
falsche Gedanken über
Gott hat, die ihm von
Satan eingeflößt worden
sind, und der natürliche
Unglaube des Herzens des
gefallenen Menschen
klammert sich an diese
falschen Gedanken. Jesus
ist aber in wunderbarer
Liebe und Gnade
hervorgetreten. Der Sohn
Gottes ist bis zum
Äußersten gegangen; Er
ist in den Tod gegangen,
damit wir sehen möchten,
was für Mühe, was für
Kosten, was für eine
Tätigkeit die göttliche
Gnade auf sich nehmen
mußte, damit wir zur
Buße gebracht werden
möchten. Wenn das
zustande gekommen ist,
sind tausend
Schwierigkeiten gelöst,
die in der
Lebensgeschichte der
Seele entstehen, weil
sie noch nicht gefunden
worden ist. Man kann
einem Menschen zeigen,
daß er ein Sünder ist,
wenn man das Gesetz
predigt, und in dieser
Weise ihm die Erkenntnis
der Sünde beibringen;
die Evangeliumsbuße
besteht aber in einem
Selbstgericht, das
dadurch hervorgebracht
wird, daß man die
Gedanken Gottes, wie
auch Seine wunderbare
Anteilnahme an den
Menschen verstanden hat.
Er wollte alles tun und
Seinen Sohn in den Tod
geben, um die Menschen
zur Buße zu bringen. Der
Hirte hatte etwas
verloren, und Er kann
nicht ruhen, bis Er es
zurückerlangt hat.
Wenn der Herr uns
die moralische Bedeutung
der ersten beiden
Gleichnisse angibt, sagt
Er uns, daß es die Buße
ist. Er sagt: „Also,
sage ich euch, ist
Freude im Himmel über
einen Sünder, der Buße
tut." Das gefundene
Schaf ist ein
bußfertiger Sünder; wenn
der Sünder zur Buße
gebracht worden ist, hat
der suchende und
rettende Hirte ihn
gefunden, und das hat
die ganze Angelegenheit
erledigt. Nach diesem
Kapitel bedeutet die
Buße die
Wiederherstellung des
Verlorenen für Gott;
Buße geschieht nach Gott
hin. Bedenkt, was in den
Weg des Herrn
eingeschlossen war.
Dieser Weg schloß das
Tragen der Sünden ein –
Er wurde zur Sünde
gemacht und von Gott
verlassen – das ganze
Tragen der Sünde am
Kreuz – und so weit
mußte Er gehen, um mich
zur Buße zu bringen.
In den ersten
beiden Gleichnissen
handelt es sich noch
nicht um die Wirkung auf
mich, sondern die Sache
wird völlig von der
göttlichen Seite aus
betrachtet; in dem
Gleichnis von dem
jüngeren Sohne sehen wir
einen Teil der Übungen,
die in unserer Seele vor
sich gehen. Es zeigt,
wie viel in der Buße
enthalten ist; eine
wahrhaftig bußfertige
Seele ist sich dessen
bewußt, daß Gott sie
gefunden hat. Derjenige,
der mich verloren hatte,
wollte mich wiederhaben
und hat mich gefunden;
es hat Ihn viel
gekostet, mich zu
suchen, aber Er hat mich
gefunden. Das ist ein
glückseliges Bewußtsein
in der Seele; der
Verlorene ist erstaunt
zu erfahren, daß es Gott
eine Freude ist, ihn
wiederzufinden. Es ist
wunderbar, das
Bewußtsein zu haben, daß
wir Freude im Himmel
hervorrufen; nicht
allein Gott nimmt Anteil
daran, sondern auch alle
einsichtigen Geschöpfe
bei Gott. Ich zweifle
nicht daran, daß es
einen Kreis auf Erden
gibt, der mit dem Himmel
mitfühlt, eine
Gemeinschaft der Freude,
die den Schriftgelehrten
und Pharisäern gar nicht
ähnlich ist.
Vers 10 weist auf
die Freude Gottes Selbst
hin, die Freude Gottes
an Seiner Gnade, die die
Engel vor sich haben.
Wie wunderbar, die
bewußte Freude zu
besitzen, daß man für
Gott wiedergefunden ist!
Jeder Bußfertige kann
sagen: Es ist etwas in
meiner Seele bewirkt
worden, wodurch ich für
Gott völlig
wiederhergestellt bin.
Er hatte mich verloren;
nun hat Er mich
gefunden. Es könnte
keine größere Freude
geben, als an die Freude
Gottes zu denken, die Er
daran hat, mich zu
haben; das bricht die
Macht der Sünde. Die
Sünde bestand darin, daß
ich sehr gut ohne Gott
auskommen konnte; nun
finde ich aber, daß Gott
ohne mich nicht
auskommen kann, und das
bricht die Macht der
Sünde.
Der Herr sagte von
Paulus: „Siehe, er
betet." Was war das für
eine Freude für Gott,
den Feind und Verfolger
dahin gebracht zu sehen,
daß er im Lichte des
verherrlichten Christus
betete; das Licht, in
welchem er betete, war
das Licht eines
verherrlichten Heilands.
Er hatte Ihn gehaßt und
verfolgt, und er hatte
sich bemüht, Seinen
Namen von der Erde
auszutilgen, und nun
hatte er erfahren, daß
er statt eines Betrügers
einen verherrlichten
Heiland im Himmel hatte.
Saulus betete mit diesem
Lichte in seinem Herzen,
und Christus hatte ihn
gefunden; er konnte
sagen: Christus hat von
mir Besitz ergriffen.
Einige von uns
haben nun schon ziemlich
viele Jahre die tiefe
Freude über den Gedanken
gehabt, daß Gott und der
Himmel an einem jeden
von uns einzeln Anteil
nehmen. In der
Wertschätzung der
religiösen Menschen
mögen wir völlig wertlos
sein, oder es mag sogar
als eine Verunreinigung
gelten, mit uns irgend
etwas zu tun zu haben;
aber was ihre Gedanken
über uns auch sein
mögen, so sind wir doch
für Gott und für den
Himmel vom tiefsten
Interesse. Es ist
augenblicklich eine
tiefe Freude, und ich
denke, daß ich sagen
darf, daß uns diese
Freude jetzt mehr
bedeutet als damals, als
wir sie zum ersten Male
schmeckten. Wahre Buße
sollte in unseren Seelen
jetzt tiefer sein als
jemals zuvor, und in
gewissem Sinne sollten
wir Gott und dem Himmel
jetzt mehr Freude
bereiten, weil wir
gründlich den Zustand
verurteilen, in dem wir
von Natur waren, und wir
sehen die wunderbare
Tätigkeit der göttlichen
Gnade. Es ist gut, in
dieses Gebiet
einzugehen.
‚Welcher Mensch
unter euch, der hundert
Schafe hat und eines von
ihnen verloren hat, läßt
nicht die neunundneunzig
in der Wüste und geht
dem verlorenen nach, bis
er es findet?“ Der Herr
gibt zu verstehen, daß
die neunundneunzig
Personen die sind, die
der Buße nicht bedürfen
–; das sind eigentlich
die Schriftgelehrten und
die Pharisäer, so
schätzen sie sich selber
ein. Der Herr bringt das
Herz Gottes und die
Gesinnung des Himmels
ans Licht; die Gesinnung
des Himmels ist voller
Interesse für bußfertige
Sünder; es ist nicht
dasselbe Interesse für
diejenigen vorhanden,
die der Buße nicht
bedürfen. Hier wird die
Frage nicht erwogen, ob
wirklich solche
vorhanden sind; dem
Namen nach oder nach
ihren eigenen Gedanken
gibt es vielleicht
solche.
Wir sagen oft zu
den Menschen: Wenn ihr
keine Sünder seid, gibt
es für euch keinen
Heiland. Christus Jesus
kam in diese Welt, um
Sünder zu erretten;
somit gibt es keinen
Heiland für Leute, die
keine Sünder sind. Das
Haus, wohin das Schaf
getragen wurde, deutet
auf einen Ort auf Erden
hin, wo die Anteilnahme
des Himmels einen
Widerhall findet. Wir
sind dorthin gebracht
worden, was Gott in
Gnaden ist, und das ist
unsere Freude – es ist
alles, was wir haben.
Was alles andere
anbetrifft, so
verurteilen und
verwerfen wir es; Buße
bedeutet, daß wir alles
ablehnen, was nicht von
Gott und aus Gnaden ist,
und das ist vollkommenes
Glück. Sehr viele
Christen sind nicht
glücklich oder
jedenfalls nicht so
glücklich, wie sie es
sein könnten, weil sie
sich Luk. 15 nicht zu
eigen gemacht haben.
Es gibt eine
Person der Gottheit hier
auf Erden, welche durch
Gefäße wirkt, in denen
Sie wohnt, und eine
wunderbare Tätigkeit
dieses Geistes geht
beständig vor sich. Es
geht nicht nur darum,
wie weit der Sohn Gottes
ging, indem Er in den
Tod hinabstieg, um uns
zur Buße zu bringen,
sondern der Geist übt
auch Tätigkeiten aus,
die durch das Weib, das
die Lampe anzündet, das
Haus kehrt und
sorgfältig sucht,
bildlich dargestellt
werden; diese
Tätigkeiten des Geistes
geschehen im Blick auf
dasselbe Ziel. Der
Verlust des Weibes wird
unterstrichen. Sie hat
ihre Drachme verloren,
und sie sagt in Vers 9:
„Ich habe die Drachme
gefunden, die ich
verloren hatte." Eine
Drachme deutet auf etwas
Wertvolles hin.
Ich bin nicht
darum besorgt, daß die
Menschen an gewisse
Dinge glauben sollten;
sie sagen oft, daß sie
glauben, doch nimmt man
an ihnen kein besonderes
Ergebnis wahr; ihr
Wandel ist nicht
verändert. Wenn jemand
behauptet ein Gläubiger
zu sein, dann möchte man
wissen, was für ein
moralisches Ergebnis bei
ihm erzeugt worden ist.
Übt der Betreffende auch
Selbstgericht aus? Das
ist das Wichtige. Dann
hat das Herz Gott immer
mehr vor sich, und Er
wird, als in Gnaden
erkannt, geschätzt,
daher ist eine
dankerfüllte Gesinnung
vorhanden, und Gott
bekommt etwas von dieser
Seele, und die Heiligen
bekommen auch etwas.
Die Tätigkeit des
Geistes geschieht durch
die Heiligen; in dieser
Weise wirkt der Geist in
diesem Kapitel. Im
Christentum wohnt der
Heilige Geist in einem
Gefäß; das Anzünden der
Lampe ist die Predigt
des Wortes. Das Wort
wird allgemein von den
Heiligen angewandt; die
Dinge werden durch das
Licht des Wortes
beleuchtet. Was der
Geist in dieser Hinsicht
tut, wird durch die
Heiligen getan. Stehen
wir dem Geiste zu einem
solchen Dienste zur
Verfügung? Wir dürfen
dieses wunderbare
Vorrecht nicht beiseite
setzen. Ich nehme an,
daß sehr wenige zur Buße
gebracht werden, ohne
daß sie von den Heiligen
beeinflußt werden; das
besagt einfach, daß von
denen, in denen der
Geist wohnt, ein Einfluß
ausgeht; es ist die
Tätigkeit des Geistes,
aber es geschieht durch
die Heiligen. Paulus
sagt: „Wozu er euch
berufen hat durch unser
Evangelium"; d. h.
Paulus predigte, Gott
berief und der Geist
„kehrte" – alles ging
zusammen vor sich.
Es ist etwas
Großes, den persönlichen
Charakter dieses
Kapitels zu erfassen.
Nicht nur hat Gott die
Welt also geliebt,
sondern Gott
interessierte Sich auch
für mich und wollte mich
haben. Hier ist es nicht
die weltumfassende
Gnade, sondern die Gnade
im besonderen Sinne.
Gott hat mich gefunden,
und deshalb kann ich Ihm
sagen, daß ich weiß, wie
glückselig Er ist, daß
Er mich hat. Es ist
etwas Wunderbares, sich
dessen bewußt zu sein,
daß man dem Herzen
Gottes ein Gegenstand
des Wohlgefallens ist.
Ich nehme an, daß
dieses Kapitel sich in
besonderer Weise auf
diejenigen bezieht, die
auf einem bevorzugten
Platze sind, mehr als
auf diejenigen, die wie
die Heiden gar keine
Erkenntnis Gottes
hatten. Der Jude war auf
einem bevorzugten
Platze, die Christenheit
ist auf einem
bevorzugten Platze, und
ebenso sind es auch die
Kinder gläubiger Eltern.
Wer unter der
christlichen Lehre
erzogen ist, befindet
sich auf einem
bevorzugten Platze, und
in einem solchen Gebiete
gibt es zwei Klassen. Es
gibt solche, die dem,
was sie von Gott wissen,
den Rücken kehren und
ihrem eigenen Vergnügen
leben, ohne auf Gott
Rücksicht zu nehmen; und
es gibt andere, die
einen gewissen Anstand
wahren und Ehrerbietung
Gott gegenüber zu haben
scheinen, aber
schließlich erweisen sie
sich als moralisch noch
weiter von Gott entfernt
als die erste Klasse.
Der sogenannte verlorene
Sohn stellt jemand dar,
der sich von dem, was er
kannte, entschieden
abwandte; er könnte dem
Worte in Jes. 53
entsprechen: Wir wandten
uns ein jeder auf seinen
Weg." Es hat sich ein
entschiedenes Abwenden
von dem, was von Gott
ist, und ein Hinwenden
zur eigenen Befriedigung
vollzogen. Ein
„verlorener Sohn“ in
diesem Sinne zu sein
schließt in sich, daß
man an einem bevorzugten
Platze gewesen war;
dadurch wird der
Angelegenheit eine
besonders ernste
Anwendung auf die
Gegenwart gegeben.
Adam und Eva
entfernten sich von der
ihnen bekannten und von
ihnen genossenen Güte
Gottes; der Garten Eden
war ein Platz des
Vorrechts und der
Segnung, der
unschuldigen Geschöpfen
vollkommen angemessen
war, aber Adam und Eva
wandten sich entschieden
auf ihren eigenen Weg.
Das machte die Sache
sehr ernst; es war nicht
nur das Ergebnis der
Sünde Adams, sondern ein
Weg der Abtrünnigkeit
wurde auch dadurch von
einem Menschen
beschritten, der
einigermaßen Gott und
Seine Güte gekannt
hatte. Sich von Gott
abzuwenden ist jetzt
schrecklicher als je
zuvor; es ist
schrecklich zu sehen,
wie die Kinder gläubiger
Eltern sich abwenden,
wenn sie 16 oder 17
Jahre alt werden. Sie
wollen ihren eigenen Weg
gehen, sie fühlen sich
eingeschränkt. Alles,
was sie haben, verdanken
sie der Vorsehung
Gottes; aber sie erheben
darauf ihren Anspruch
als ihr Eigentum und
beanspruchen das Recht,
es an sich zu nehmen und
Gott zu verlassen. Ich
wurde in einem
christlichen Heim
erzogen mit allen
Vorzügen, die die
Schriften und eine
gebetserfüllte Umgebung
mir gewähren konnten,
jedoch fand sich in mir
der deutliche Wunsch,
sich von alledem
abzuwenden.
Der ältere Bruder
stellt eine andere
Klasse dar. Sie wenden
sich äußerlich nicht ab;
augenscheinlich erweisen
sie Gott Ehrerbietung;
sie betreten nicht
öffentlich die Wege der
Sünde; sie gehen zur
Kirche, zur Kapelle oder
zum Versammlungsraum;
sie lesen die Bibel; sie
sagen ihre Gebete auf
und tun nichts äußerlich
Verkehrtes. Es gibt
viele von solchen im
Kreise des Vorrechts,
doch ist es möglich, daß
sie sich moralisch noch
weiter von Gott weg
befinden als diejenigen,
die auf Gott gar keine
Rücksicht nehmen. Diese
Dinge werfen ein helles
Licht auf die ganze
Lage.
Wir sehen gewisse
Leute, die das Recht
beanspruchen, alles, was
Gott ihnen gegeben hat,
für sich zu gebrauchen;
sie wollen nicht die
Beschränkung annehmen,
die die Erkenntnis
Gottes uns auferlegt;
sie wollen sich
möglichst weit davon
entfernen und ihre
eigene Befriedigung,
fern von dem Gott, den
sie am Platze des
Vorrechts gekannt haben,
leben. Es gibt auch
andere, die ein
anständiges, religiöses
Leben führen – sie
sagen: „Niemals habe ich
ein Gebot von dir
übertreten" – das
Ergebnis beweist aber,
daß sie den Gott des
Lukasevangeliums nicht
kennen, und es besteht
mehr Hoffnung für die
erste Klasse als für die
zweite.
Wir sehen hier die
Wege Gottes, wie Er es
zuläßt, daß wir uns bis
an die Grenze des
Möglichen entfernen. Der
Pfad der eigenen
Befriedigung wird mit
jedem Tage weniger
erfreulich; beständig
nimmt die Ergötzung der
Sünde ab. Ein junger
Mann mag an der eigenen
Befriedigung viel Freude
finden, aber beim
zweitenmal findet er
schon weniger Freude
daran, und beim
drittenmal noch weniger,
und so geht es weiter,
bis die Zeit kommt, wo
eben die Dinge, die ihn
so ergötzten, ihm gar
kein Vergnügen mehr
bereiten – er hat alles
vergeudet und ist am
Ende. Ich glaube, daß
jeder von uns moralisch
das Ende des Bestrebens,
Vergnügen fern von Gott
zu finden, erleben muß;
wir müssen alle diesen
Weg gehen. Der Herr gibt
uns diesen äußersten
Fall, weil er alle
anderen Fälle in sich
begreift. Wir haben alle
gesucht, eigene
Befriedigung zu finden
und haben unser Vermögen
vergeudet, denn ein
Leben, das in der
eigenen Befriedigung
gelebt wird, wird
vergeudet, ob es nun auf
eine grobe oder auf eine
verfeinerte Art
geschieht.
Hier wird uns der
ganze Verlauf
aufgedeckt, der Verlauf
des Abirrens und der
Wiederherstellung werden
von einer Meisterhand
beschrieben. Der
verlorene Sohn hatte
alles vergeudet, er
besaß nun nichts mehr,
um sein Dasein fristen
zu können. Wir sind alle
diesen Weg gegangen; wir
ergötzten uns an der
Sünde in dieser oder
jener Form, bis sie uns
nicht mehr befriedigen
konnte, und unsere
Gewissensbisse
bereiteten uns mehr
Elend als die eigene
Befriedigung uns
Vergnügen bereitet hat.
Wenn unsere Hilfsquellen
zu Ende sind, wird die
Hungersnot sicherlich
kommen. Wir haben nichts
mehr, das uns
befriedigen könnte; und
dann erweist sich uns
dieses Land der
Gottesferne als ein Ort
der Hungersnot. Dann
steigt der verlorene
Sohn noch eine Stufe
weiter hinab; er hängt
sich an einen der Bürger
jenes Landes und
befindet sich nun an
einem Platze der
äußersten Erniedrigung.
Das geschieht oft in der
Lebensgeschichte einer
Seele; in solch einem
Falle fällt jemand in
solche Tiefen der
Erniedrigung, die er
niemals für möglich
gehalten hätte; er kann
aber dort keine
Befriedigung finden, und
niemand gibt ihm etwas,
noch nicht einmal das
Schweinefutter. Alles
das geschieht durch die
Barmherzigkeit Gottes.
Ihr mögt sagen: Das ist
ein furchtbares Bild des
Eigenwillens und der
Abtrünnigkeit; aber der
Herr bringt es ans
Licht, um zu zeigen, daß
Gott diese Umstände
gebraucht, um die höchst
erdenkliche Segnung
zuwege zu bringen.
Der Mensch ist
überhaupt unfähig,
Freude zu genießen, als
nur in den Dingen, die
er durch Gottes
Vorsehung besitzt; wenn
er nichts von Gott
hätte, hätte er auch
keine Kraft, sich zu
freuen. Er hat nur das,
was er durch die
Vorsehung besitzt –
seine Kraft, seine
Gesundheit, seine
Fähigkeiten, seine
Mittel – alles ist ihm
von Gott durch die
Vorsehung gegeben, und
er nimmt und gebraucht
es zu seiner eigenen
Befriedigung. Er muß
aber auf diesem Boden zu
Ende kommen, und dann
findet er, daß in seinem
Herzen etwas noch
Tieferes ist als die
eigene Befriedigung. Die
eigene Befriedigung
steht oben an, und wir
dürfen sagen, auch in
der Mitte, aber ganz
unten, ist noch etwas.
So war es bei dem
samaritischen Weibe; sie
lebte ein Leben in
Selbstgefälligkeit, und
alle Leute in Samaria
hielten sie für eine
sehr selbstgefällige
Frau; der Herr aber sah
noch etwas anderes. Tief
unter dem allen sah der
Herr den Gedanken über
die Anbetung Gottes und
über den Messias – über
den Kommenden, der ihnen
über alle Dinge Licht
geben würde.
„Als er aber zu
sich selbst kam“ – das
wahre „Ich" dieses
Menschen war ganz anders
als die
Selbstgefälligkeit,
worin er bis zur
äußersten Möglichkeit
gelebt hatte. Das Werk
der Gnade hatte das
jetzt nach oben
gebracht. So ist es mit
denjenigen, die an einem
bevorzugten Platze
gewesen sind; sie haben
von dem gepriesenen
Gott, der im
Lukasevangelium
verkündigt wird, gehört,
und im Laufe ihres
selbstgefälligen Lebens
finden wir das auf dem
Grunde ihres Herzens.
Wenn alles
fehlgeschlagen hat,
kommt es an die
Oberfläche; es tritt
zutage und behauptet
sich. Es war da im
Herzen des verlorenen
Sohnes. „Als er aber zu
sich selbst kam“ – ein
auffallendes Wort. Es
ist das wahre „Ich"
dieses Mannes; er mußte
zu seinem wahren „Ich“
zurückkommen.
Der Herr hat hier
die Wiederherstellung
des Verlorenen vor Sich,
und alle diese
Erlebnisse des
verlorenen Sohnes
gehören zum Wege Gottes,
ihn zu dem Punkte der
Buße zu bringen. Das
wahre „Ich" des Mannes
wurde erreicht, als er
dazu kam, sich selbst zu
verurteilen und die
Fülle und Befriedigung
im Hause des Vaters
anzuerkennen, und er
sagte: „Ich aber komme
hier um vor Hunger." Es
ist ein scharfer
Gegensatz. Er sagt: Ich
weiß einen Ort, wo der
niedrigste Tagelöhner,
der niedriger ist als
ein Knecht, Überfluß
hat. Er besaß dieses
Wissen, das er nie
verlor. Das ist ein
großer Trost. Es gibt
Menschen, für die wir
oft beten – die Jungen
und Mädchen, die unter
uns gesessen und die
Wahrheit von dem Gott
des Lukasevangeliums
gehört haben; man hat
gesehen, wie viele von
ihnen sich von Gott
abwandten und ihre
eigenen Wege gingen,
indem sie in der
Gottesferne die eigene
Befriedigung suchten.
Wir beten für sie, weil
wir hoffen, daß etwas in
die Tiefe des Herzens
gelegt worden ist, das
der Teufel nie wegnehmen
kann.
Viele Kinder der
Heiligen bekennen, daß
sie an Jesum glauben,
die Probe kommt aber,
wenn die Begierden des
Fleisches sich zu
behaupten beginnen und
die Welt ihre
Anziehungskraft bietet;
dann kann sich ein
entschiedenes Abwenden
vollziehen. „Wir wandten
uns ein jeder auf seinen
Weg." Es ist ein ernster
Augenblick, es ist etwas
Herzzerreißendes, wenn
ein junger Mann oder
eine junge Frau dahin
kommt, daß die
Zusammenkünfte ihm oder
ihr gleichgültig werden;
sie ziehen die Welt mit
ihren Unterhaltungen und
ihrer Geselligkeit vor,
und allmählich oder
plötzlich reißen sie
sich von den Gläubigen
los. Es ist aber ein
Trost, daran zu denken,
daß sie für uns nicht
endgültig verloren sind;
das wahre „Ich“ kann bei
ihnen vorhanden sein,
wie auch eine
Wertschätzung der Güte
Gottes. Als ich ein
kleines Kind war, hatte
ich in meiner Seele ein
wunderbares Bewußtsein
von der Güte Gottes und
von der Kostbarkeit
Jesu; es war da, ehe ich
begann in ein fernes
Land auszuwandern, und
zur bestimmten Zeit
fängt es dort an, in mir
wieder aufzuleben; denn
es war mein wahres
„Ich“.
Ich glaube, wir
sollten das von der
Seite der
Unumschränktheit Gottes
betrachten, und das
wahre „Ich" des
Menschen, wenn er auch
sein Vermögen vergeudet
hat und in Armut, Hunger
und Erniedrigung ist,
ist das Bewußtsein von
der glückseligen Güte
Gottes. Es tröstet mich,
sehr daran zu denken,
daß, wenn der Schutt und
Abfall durch traurige
Erfahrungen weggeräumt
worden ist, das wahre
„Ich" ans Licht kommt.
Es muß dann wahres
Selbstgericht eintreten,
denn wenn ich mich von
dem Gott des
Lukasevangeliums
abgewandt habe, bin ich
einer der schlimmsten
Sünder. Bedenkt, was es
ist – ich habe es
tatsächlich vorgezogen,
Gott zu verlassen und
meinen eigenen Weg zu
gehen! Das hilft dann,
das richtige Bewußtsein
von der Sünde zu
erzeugen; es erzeugt ein
tausendmal tieferes
Bewußtsein von der Sünde
als alle Donner des
Sinai. Das wird hier von
der Seite der
Verantwortlichkeit
geschildert, es ist die
äußere Lebensgeschichte;
wir können aber
wahrnehmen, daß unter
der äußeren
Lebensgeschichte ein
geheimes Werk Gottes
vorhanden ist, das das
Bewußtsein von der Güte
Gottes erzeugt. Er sagt:
Da gibt es Überfluß.
Es ist ein
wunderbarer Augenblick
in der Lebensgeschichte
der Seele, wenn es ihr
einleuchtet, daß die
niedrigste Person, die
es mit Gott zu tun hat,
unendlich besser
gestellt ist als die
höchste Person in dieser
Welt. Das ist nicht nur
ein Gedanke, gleichsam
wie wenn die Menschen
sagen, daß Gott gütig
ist. Die Wirklichkeit
der Sache kommt durch
die Bewegung zutage; man
kehrt sich entschieden
von allem ab, was das
Leben in der Welt
ausmacht, und man kehrt
sich Gott zu. Sobald
dieser Punkt erreicht
ist, ist alles in
Ordnung. Der Herr deutet
nicht an, daß der
verlorene Sohn auch nur
einen Schritt getan hat.
Er sagte: „Ich will mich
aufmachen und zu meinem
Vater gehen"; wir lesen
aber nicht, daß er auch
nur einen Schritt tat,
denn sein Vater sah ihn,
als er noch fern war. Es
ist dasselbe Wort wie
das ferne Land.
Eine Frage steht
vor einer Seele, die
sich verurteilt hat,
weil sie gegen den
Himmel und in den Augen
Gottes gesündigt hat.
„Gesündigt gegen den
Himmel" ist ein
bemerkenswerter
Ausspruch. Wenn meine
ganze Lebensführung der
Gesinnung des Himmels
entgegengesetzt war und
ich vor Gott, dem Gott
des Lukasevangeliums
gesündigt habe, was für
einen Empfang kann ich
dann erwarten? Wenn ich
Güte von Gott erwarte
habe, wird er nun aber
auch so gütig sein, wie
ich es erwartet habe?
Der Herr sagt: Er wird
unendlich gnadenreicher
sein, als die größten
Erwartungen, die ich
jemals gehabt habe, es
mir angeben. In dem
Gleichnis sah der Vater
den verlorenen Sohn, als
er noch sehr fern war;
er wurde innerlich
bewegt, er lief hin und
fiel ihm um seinen Hals
und küßte ihn sehr
(vielmals oder
zärtlich); es ist der
inbrünstige Ausdruck der
Zuneigungen. Und das
geschah, ehe der
verlorene Sohn auch nur
ein Wort, irgendein
Sündenbekenntnis
ausgesprochen hatte. Das
ist der Gott, mit
welchem wir es zu tun
haben; keine Schranke
ist da, denn sobald wir
uns selbst richten und
von Gott Güte erwarten,
wird Er alles für uns
tun, Er wird alles für
uns verwenden, Er wird
uns mit Küssen bedecken.
Das einzige Mal, wenn
Gott Sich beeilt und
läuft, ist, wenn es
einen bußfertigen Sünder
gibt.
Das Bedecken mit
Küssen beweist das
Bewußtsein von der Liebe
Gottes; das ist mit der
Gabe des Geistes
verbunden. Es würde uns
viel helfen, wenn wir
das tiefe Bewußtsein von
der Freude hätten, die
Gott erlebt, wenn Er
sieht, daß wir uns Ihm
zugewandt haben. Jeder,
der sich selbst
gerichtet und sich Gott
zugewandt hat, hat dem
Herzen des gepriesenen
Gottes tiefe Freude
bereitet. Das gibt dem
Selbstgericht Kraft. Im
fernen Lande sagte der
verlorene Sohn: „Ich
habe gesündigt gegen den
Himmel und vor dir",
aber sein Selbstgericht
wird wohl noch zehnmal
tiefer gewesen sein, als
die Arme des Vaters
seinen Hals umfaßten und
er mit Küssen bedeckt
wurde. Die wirkliche
Grundlage der
geistlichen Freude und
Kraft besteht darin, daß
wir uns vor der
göttlichen Gnade zu
verurteilen wissen, so
daß wir niemals etwas
von uns selbst erwarten,
sondern alles von Gott
erwarten – dann sind wir
glücklich. Habt ihr
jemals das
unbeschreibliche
Bewußtsein der Liebe
Gottes und Seiner
Freude, daß Er Sich
Selbst euch zugewandt
hat, erlebt? Es ist Gott
eine Wonne, dieses
Bewußtsein zu geben; wir
können es einander nicht
geben. Ich glaube nicht,
daß irgend jemand
beschreiben kann, was es
ist – das
unbeschreibliche
Bewußtsein, daß Er mich
liebt und daß ich ein
Gegenstand Seines
Wohlgefallens bin, weil
ich mich selbst
gerichtet habe und
bußfertig bin und mich
Ihm zugewandt habe. Die
Seele empfindet das
durch den Geist; all die
Liebe, die auf Golgatha
zusammengefaßt wurde,
wird jetzt durch den
Geist in Millionen
Herzen ausgegossen, und
jedes Herz hat
empfunden, daß es geküßt
wurde. Wir haben hier
dieselben Worte – „der
Vater fiel um seinen
Hals" – wie in Apg. 11 –
der Heilige Geist „fiel"
auf die, welche im Hause
des Kornelius das Wort
hörten. Die Liebe Gottes
wird in unsere Herzen
durch den Geist
gebracht, so daß die
Haltung Gottes uns
gegenüber innerlich
erkannt wird.
Die Grundlage für
alles dieses ist die
Versöhnung, doch wird
das in diesem Kapitel
nicht ans Licht
gebracht. Die einzige
Andeutung darauf sehen
wir in dem Schlachten
des gemästeten Kalbes,
was auf den Tod Christi
hindeutet; aber es ist
der Tod Christi mehr als
die Grundlage der ewigen
Freude im Hause Gottes,
als die Versöhnung. Es
beruht alles auf der
Versöhnung, aber die
Versöhnung wurde durch
den Tod Christi bewirkt.
Durch den Tod Christi
wurde ein solches Werk
vollbracht, daß alles,
was Gott nicht
wohlgefiel, beseitigt
wurde. Hierin sehen wir
das auf Erfahrungen
gegründete Werk in der
Seele, wodurch die
Frucht der Versöhnung
uns zugute kommt. Alles,
was wir hier haben,
beruht auf der
Versöhnung. Kol. 1 sagt:
„Versöhnt in dem Leibe
seines Fleisches durch
den Tod, um euch heilig
und tadellos und un
sträflich
vor sich
hinzustellen."
Der verlorene
Sohn wird in
dieser Weise
hingestellt, er
ist heilig und
tadellos und
unsträflich; das
ist die Frucht
der Versöhnung.
Wenn die
Versöhnung durch
den Tod Christi
nicht bewirkt
worden wäre, so
hätten wir
keinesfalls Luk.
15 in unseren
Bibeln.
Das beste
Kleid besagt,
daß wir in einem
neuen Zustande
vor Gott stehen.
Als der Vater
den verlorenen
Sohn küßte,
konnte seitens
des Vaters
nichts
hinzugefügt
werden; Er
bedeckte ihn mit
Küssen. Er
konnte nicht
mehr tun – das
Kleid, der Ring
und die Sandalen
sind alle den
Küssen
untergeordnet.
Wenn jemand mich
inbrünstig küßt,
so ist darin
mehr Zuneigung
als im Geben
eines Kleides.
Die Küsse deuten
auf das
Hervorkommen der
tiefsten Tiefen
des Herzens
Gottes betreffs
dieses
Gegenstandes der
Liebe; das Herz
Gottes bricht in
Seiner ganzen
Fülle hervor,
und der
verlorene Sohn
fühlt, daß Gott
ihn von ganzem
Herzen liebt.
Gott bedeckt ihn
mit Küssen — was
könnte noch
größer sein als
das? Dann werden
seitens des
verlorenen
Sohnes einige
Dinge benötigt,
so daß das
Kleid, der Ring
und die Sandalen
in Erscheinung
treten, damit er
mit bewußter
Annehmlichkeit
für Den, der ihn
geküßt hat,
bekleidet ist.
Das beste
Kleid scheint
mit dem Vorsatze
Gottes verbunden
zu sein; es ist
im Hause
vorhanden, und
die Knechte
wissen, wo es zu
finden ist. Es
war nach Seinem
Vorsatze da; wir
können sagen, es
war von Ewigkeit
her da. An
diesem besten
Kleide war alles
vorhanden, was
die genaueste
Untersuchung des
Auges Gottes
befriedigen
konnte. Wenn man
sich dessen
bewußt ist, daß
man geküßt
worden ist, so
kann das Herz
durch nichts
befriedigt
werden, als nur
durch das
Bewußtsein von
der
Wohlannehmlichkeit
Dem gegenüber,
der einen geküßt
hat; darum wird
man durch das
beste Kleid mit
Wohlannehmlichkeit
bekleidet. Die
Person, die
geküßt wurde,
ist nun angenehm
gemacht in dem
Geliebten. Die
Knechte sind da,
um mit dem
besten Kleide zu
bekleiden; es
ist ihre Arbeit,
dies zu tun; sie
kennen den
Reichtum und die
Hilfsquellen des
Hauses. Wir
sollten fähig
sein, die
verlorenen Söhne
zu bekleiden,
wenn sie
zurückkehren.
In diesem
Gleichnis wird
beim Charakter
des Empfanges
verweilt; es
endet nicht mit
der Buße des
Sünders, die im
Falle des
Schafes und der
Drachme die
Hauptsache ist.
Natürlich tritt
in dieser
Geschichte die
Wahrheit der
Buße ans Licht,
aber die
Hauptsache ist
der wunderbare
Charakter des
Empfanges. Man
möchte seine
Seele mit dem
Bewußtsein von
dem wunderbaren
Empfang erfüllt
haben, den Gott
allen
Zurückkehrenden
gewährt. So
stellt der Herr
die
Angelegenheit
dar; wir haben
eine
Schilderung, die
unmöglich von
einem anderen
gegeben werden
konnte als nur
vom Sohne der
Liebe des
Vaters. Gott hat
an dieser
Angelegenheit
eine solche
tiefe Freude,
daß Er sagt, es
gezieme sich,
fröhlich zu sein
und sich zu
freuen. Er
rechtfertigt
Sein Tun nicht
auf Grund der
Barmherzigkeit
und der Gnade,
sondern Er sagt:
„Es geziemte
sich." Die Lehre
Pauli über die
Gerechtigkeit
Gottes liegt dem
zugrunde, d. h.
Seine Gnade ist
eine
Angelegenheit
der
Gerechtigkeit.
Gott will,
daß wir die Art
und Weise, wie
Er uns empfängt,
erfassen, wie
auch die
Vollkommenheit
und
Glückseligkeit
Seiner eigenen
Gedanken, die
vor Anbeginn der
Welt in Christo
gefaßt worden
sind. Unsere
geistliche
Lebensgeschichte
möchte uns damit
bekleiden, damit
wir, wie Paulus
sagt,
„vollkommen in
Christo"
dargestellt
werden. Paulus
schreibt an die
Kolosser:
„Christus... den
wir verkündigen,
indem wir jeden
Menschen
ermahnen und
jeden Menschen
lehren in aller
Weisheit, auf
daß wir jeden
Menschen
vollkommen in
Christo
darstellen." Das
war das Bemühen
des Apostels
Paulus, und auch
Epaphras rang im
Hintergrund
darum, auf daß
die Heiligen mit
dem besten
Kleide, dem Ring
und den Sandalen
bekleidet sein
möchten. Die
ewigen Gedanken
Gottes in
Christo sind
völlig ans Licht
gekommen, so daß
sie denjenigen,
die an Ihn
glauben,
verliehen werden
können. Die
Knechte bedienen
den
Heimgekehrten im
Blick darauf,
daß er durch den
Dienst Christi
so von sich
denken möchte,
wie Gott von ihm
denkt.
Am Anfang
des
Epheserbriefes
redet Paulus
davon, daß Gott
die Heiligen vor
Grundlegung der
Welt in Christo
auserwählt hat,
auf daß sie
heilig und
tadellos vor Ihm
in Liebe seien.
Denkt euch solch
einen Vorsatz!
Denkt an das
Wesen dieser
Heiligkeit und
Tadellosigkeit,
das in den
Gedanken Gottes
in Christo vor
Grundlegung der
Welt vorhanden
war! Es ist
nicht Adam, ob
unschuldig oder
gefallen, noch
der
wiederhergestellte
Adam, sondern es
ist diejenige
Art der
Wohlannehmlichkeit
vor Gott, die in
Seinen Gedanken
und in Seinem
Herzen in
Christo vor
Grundlegung der
Welt vorhanden
war. Dieses
wunderbare Kleid
war von Ewigkeit
her vorhanden,
es konnte aber
nicht eher
herausgebracht
werden, als bis
diese köstlichen
Gedanken in dem
auferstandenen
und
verherrlichten
Christus Gestalt
angenommen
hatten. Jetzt
haben diese
Gedanken in
einem
auferstandenen
und
verherrlichten
Menschen Gestalt
gewonnen, und
Gott will uns zu
verstehen geben,
daß Er jeden
annimmt, der
sich Ihm in der
Kostbarkeit und
dem Werte und
der unendlichen
Glückseligkeit
dieser Seiner
ewigen Gedanken
in Christo
zuwendet. Wenn
man mit dem
besten Kleide
angetan ist,
entkleidet man
sich aller
Gedanken an sich
selbst, ob gute
oder böse, und
man ist mit den
köstlichen
Gedanken Gottes
bekleidet, die
im Vorsatz in
Christo vor
Grundlegung der
Welt vorhanden
waren. Wir
machen einen
ganz neuen
Anfang. Einer,
der mit dem
besten Kleide
angetan ist, ist
von der Welt,
vom Fleische und
von der ganzen
religiösen
Ordnung der
Dinge hienieden
befreit, weil er
mit etwas
bekleidet ist,
das der Ewigkeit
angehört,
nämlich mit den
ewigen Gedanken
Gottes in
Christo. Das ist
der einzige Weg,
auf dem wir
gänzlich von uns
selbst befreit
werden können.
Es gibt keinen
anderen Weg, als
nur bewußt mit
den Gedanken
Gottes, die in
Christo Gestalt
gewonnen haben,
angetan zu sein.
Die Gedanken
Gottes in
Christo werden
uns dann im
Dienste
nahegebracht –
Verwaltung und
Belehrung und
Dienst am Worte
sind alle nötig
–, das Ergebnis
ist aber, daß
die Heiligen in
Christo
dargestellt
sind. Daran ist
nichts
Unwirkliches
oder Unrechtes;
es wird zu einem
Teil des
moralischen
Seins. Ich bin
mir dessen
bewußt, daß
nichts anderes
für Ihn und auch
für mich
wohlannehmlich
ist, wenn ich
Ihn liebe.
Nichts ist
wichtiger, als
daß die Heiligen
bewußt mit dem
Wesen der
Heiligkeit,
Tadellosigkeit
und
Unbescholtenheit
angetan sein
sollten, wie
Gott es ihnen in
Christo schon
vor Grundlegung
der Welt
zugedacht hat.
Für uns gibt es
nichts
Geringeres, ich
muß das haben,
oder ich habe
mich selbst; es
mag ein gutes,
religiöses oder
reformiertes
oder
verchristlichtes
„Ich" sein, aber
dieses „Ich" ist
nicht Christus.
Auf unserer
Seite gibt es
nichts
Vollkommenes;
doch auf Gottes
Seite sind die
Dinge
vollkommen, auf
unserer Seite
aber nur
stückweise.
Sogar ein
Apostel konnte
sagen: „Wir
erkennen
stückweise“, und
es wird nie
anders sein, es
wird immer Raum
für erweiterte
Erkenntnis sein,
bis das
Vollkommene
gekommen sein
wird, und dann
werden wir
erkennen,
gleichwie wir
erkannt worden
sind. In dem
vollkommenen
Zustande werde
ich mich selbst
erkennen, wie
Gott mich
erkannt hat, und
das ist der
Höhepunkt der
Glückseligkeit.
Der Ring
scheint in der
Schrift mit
öffentlicher
Ehre verbunden
zu sein. Dem
Joseph wurde ein
Ring von dem
Pharao
verliehen, und
im Buche Esther
lesen wir, daß
der König dem
Haman und dann
dem Mordokai
seinen Ring gab.
Es scheint auf
eine Stellung
der Würde und
der öffentlichen
Ehrung
hinzuweisen. Als
Pharao seinen
Ring abnahm und
ihn dem Joseph
gab, verlieh er
ihm die
öffentliche Ehre
als Verwalter
von allem, was
in Ägypten war –
das ist die
Ehre, die Gott
für Seine Söhne
vor Sich hat.
Die Söhne Gottes
sollen als
solche in
Erscheinung
treten, die bei
Gott eine sehr
ehrenvolle
Stellung
einnehmen, so
daß nichts
Unwürdiges oder
Gemeines sich
für die, welche
den Ring tragen,
geziemt. Wir
könnten uns
nicht dazu
herablassen,
etwas Niedriges
oder Gemeines zu
tun. Wir müssen
immer dessen
eingedenk sein,
daß wir von
seiten Gottes
mit der größten
öffentlichen
Ehrung angetan
sind, die bald
offenbar werden
wird; wenn die
Söhne Gottes
offenbar werden,
werden sie die
ganze Schöpfung
befreien. Wie
würden wir sein,
wenn wir dieser
Würde gemäß
wandeln würden?
Paulus schreibt
an die
Korinther:
„Wisset ihr
nicht, daß ihr
die Welt richten
werdet, daß ihr
die Engel
richten werdet",
und doch
streitet ihr
wegen einer
kleinen
Geldangelegenheit?
Es war ein
Verweis, sie
hatten nicht den
Ring an. Der
Ring gibt uns
ein Bewußtsein
von der Würde an
dem Platze, wo
wir Gott
darstellen. Als
Pharao dem
Joseph seinen
Ring gab, war es
gewissermaßen
so, als wenn er
sagte: Du sollst
mich vertreten.
Und als der
König seinen
Ring dem
Mordokai gab,
sollte er den
König vertreten,
damit er jedes
Dokument mit dem
Siegel des
Königs
versiegeln
konnte. Der Ring
stellt die Macht
des Königs dar.
Bedenkt, welch
eine Würde ist,
dazu gesetzt zu
sein, Gott im
Weltall
darzustellen!
Wir sind jetzt
Söhne Gottes,
und uns gehört
jetzt bei Gott
dieselbe Ehre,
die wir am Tage
der Herrlichkeit
haben werden. Am
Tage der
Herrlichkeit
wird unsere
Würde bei Gott
nicht ein
bißchen größer
sein, als sie in
diesem
Augenblick ist.
Dann wird sie
offenbar werden,
aber jetzt schon
möchte Gott uns
mit dieser Würde
bekleiden. Wir
denken nicht
genug über uns
selbst nach; wir
denken an uns
nach den
Richtlinien der
Natur und des
Fleisches, oder
an das, was bei
uns durch
Unvollkommenheit
und Schwachheit
gekennzeichnet
ist; Gott aber
will, daß wir so
über uns denken,
wie Er über uns
denkt, und Er
trägt in Seinem
Herzen die
Gedanken über
uns, die in
Christo Gestalt
gewonnen haben.
Soweit wie wir
es können,
möchten wir
gegenwärtig
andere von
Kummer befreien.
Als der Herr
hienieden
weilte, war Er
der große
Befreier von
jedem Kummer und
von jedem Druck
– das gehört zum
Ring. Der Herr
war hienieden,
um den ganzen
Reichtum des
Himmels zu
verwalten, und
wir sind
gewissermaßen in
einer Stellung,
worin wir Gott
darstellen und
vertreten
sollen, weil wir
Sein Siegel
tragen. Bedenkt,
wir sollen den
Dingen das
Siegel Gottes
aufprägen und
sie in einer
Gott würdigen
Weise berühren!
Es ist
demütigend,
daran zu denken,
wie wenig wir in
dieser Würde
stehen; aber
dadurch wird
Gott nicht
verherrlicht.
Die
Sandalen reden
davon, daß wir
im Bewußtsein
der Sohnschaft
wandeln sollen.
Nur Söhnen wurde
es gestattet,
Sandalen im
Hause zu tragen.
Wir sollen als
Söhne Gottes
wandeln, die vom
Geiste Gottes
geleitet werden.
„So viele durch
den Geist Gottes
geleitet werden,
diese sind Söhne
Gottes." Der
Geist kann mich
niemals so
leiten, daß ich
etwas tue, das
dem natürlichen
Menschen
entspricht; es
ist die größte
Schmach für uns,
wenn unser Tun
dem Tun der
Menschen
gleicht. Diesen
Vorwurf machte
Paulus den
Korinthern: „Ihr
... wandelt nach
Menschenweise."
Wir halten es
oft für
selbstverständlich,
daß wir nach
Menschenweise
wandeln, das ist
aber ganz
verkehrt; wenn
wir es tun,
haben wir die
Sandalen nicht
an. Es sollte
etwas an der
ganzen Haltung
eines Menschen,
der zu Gott
gebracht ist, zu
sehen sein, was
ihn als einen
kennzeichnet,
der bei Gott am
Platze der Liebe
steht. Die
Freiheit der
Sohnschaft
gehört uns; uns
ist das schon
gegeben worden,
was zur neuen
Schöpfung
gehört. Es ist
nicht der
verbesserte Adam
noch das
verbesserte
Fleisch, sondern
eine neue
Schöpfung in
Christo, und das
alles wurde
durch den Tod
Christi
zustandegebracht.
Es ist eine
Ordnung der
Dinge, die gar
nicht zur alten
Schöpfung
gehört. Das
beste Kleid, der
Ring und die
Sandalen
bildeten keinen
Teil der ersten
Erbschaft des
verlorenen
Sohnes; er wurde
aber damit
angetan, und
dann wurde das
gemästete Kalb
geschlachtet,
und sie setzten
sich hin und
fingen an,
fröhlich zu
sein. Ich
zweifle nicht
daran, daß diese
Glückseligkeit
durch die
Erkenntnis
gesteigert wird,
daß das alles
durch den Tod
Christi bewirkt
worden ist. Das
werden wir ewig
feiern, wenn wir
in der
Glückseligkeit
der neuen
Schöpfung leben
werden; wir
werden uns ewig
mit Gott an dem
Gedanken
ergötzen, daß
alles dieses
durch den Tod
Christi
herbeigeführt
worden ist. Das
gemästete Kalb
deutet auf
Christum als
Denjenigen hin,
in dem wir die
Zartheit und
Vorzüglichkeit
der Liebe
gesehen haben,
die alle
Gedanken Gottes
in einer
gerechten und
Gott
wohlannehmlichen
Weise gesichert
hat; alles ist
durch den Tod
gesichert
worden. Wenn wir
in irgendeinem
Maße erkannt
haben, was es
bedeutet, mit
dem besten
Kleide, dem Ring
und den Sandalen
bekleidet zu
sein, wie
tröstlich ist es
dann, mit Gott
daran zu denken,
daß dies ganz
und gar die
Frucht des Todes
Seines Sohnes
ist!
Es besteht
ein großer
Unterschied
zwischen dem
Hause und dem
Felde. Das Feld
stellt den Ort
der Gütigkeiten
der Vorsehung
Gottes dar; es
bedeutet alles
Gute, das Gott
den Menschen,
die auf der Erde
leben, schenken
kann. Man könnte
natürlich
denken, es wäre
ein recht guter
Ort, um dort zu
leben; aber es
ist nicht das
Haus. Ich denke,
daß das Feld in
diesem Kapitel
die Gütigkeit
der Vorsehung,
die genossen
werden kann,
darstellt. Eine
große Anzahl
Menschen leben
an diesem Orte;
sie sind dankbar
für die Güte
Gottes und für
Seine
Gütigkeiten, für
Gesundheit und
Kraft,
Fähigkeiten und
Mittel und für
alles, was von
der Gütigkeit
der Vorsehung
Gottes redet;
das ist aber das
Feld und nicht
das Haus. Das
Haus ist der
Ort, wo die
Freude der Gnade
wohnt, und das
ist etwas ganz
anderes als die
Gütigkeit der
Vorsehung. Ich
kann die beste
Gesundheit haben
und in meinen
irdischen
Umständen gut
gestellt sein,
und ich kann
Gott für Seine
Güte an mir
dankbar sein,
das ist aber
nicht die Gnade
Gottes; es ist
das Feld und
nicht das Haus.
Das Haus wird
hier als der
Kreis der Freude
der Gnade
gesehen, und wir
sollten dort
hineingehen.
Es wird
uns nicht
gesagt, daß der
Mann im nächsten
Kapitel ein
böser Mann war;
es wird uns
gesagt, daß er
reich und gut
gestellt war,
aber er starb,
und er schlug
seine Augen im
Hades auf. Der
letzte Abschnitt
dieses Kapitels
ist sehr
wichtig, weil er
den Zustand sehr
vieler Menschen
schildert und
zeigt, wo sie
leben. Die Frage
wird gar nicht
aufgeworfen, ob
der ältere Sohn
ein Übeltäter
war; wie wir
sagen würden,
führte er ein
achtbares,
ordentliches
Leben; er konnte
sagen: „So viele
Jahre diene ich
dir, und niemals
habe ich ein
Gebot von dir
übertreten.“ Der
Herr stellt ihn
als einen
äußerst
musterhaften
Mann dar. Er ist
auf dem Felde
und genießt dort
die Gütigkeit
und
Barmherzigkeit
der Vorsehung
Gottes, er ist
aber außerhalb
der Hauses, und
soweit wie
dieses Gleichnis
geht, kommt er
niemals herein.
Das Haus ist der
Ort, wo
Fröhlichkeit
herrscht, wo
Musik und Reigen
sind; es ist, wo
die Freude der
Gnade den ganzen
Schauplatz mit
Musik erfüllt.
Nun handelt es
sich für uns
alle um die
Frage: Wo leben
wir? Leben wir
im Hause, auf
der Feier der
göttlichen
Gnade, oder im
Felde, beim
Genießen der
Gütigkeiten
Gottes?
In diesem
Lande muß unsere
Predigt oft an
diejenigen
gerichtet
werden, die dem
älteren Sohne
ähnlich sind.
Der jüngere Sohn
hatte ein
ausschweifendes
Leben geführt
und vergeudete
sein Vermögen in
Schwelgereien;
sehr viele Leute
aber leben um
uns her, die ein
solches Leben
gar nicht
geführt haben;
sie haben sich
anständig und
religiös
verhalten; wie
sie denken,
haben sie ihre
Pflicht vor Gott
und vor ihrem
Nächsten getan,
sie kennen aber
das Haus gar
nicht. Die
Vorsehung Gottes
für die Welt ist
auf die
Versöhnung
gegründet; jeder
Regenschauer,
der fällt, und
jeder
Sonnenstrahl,
alles was
wächst, die
gesamte
Gesundheit der
Menschen und
jeder Atemzug
sind auf die
Versöhnung
gegründet. Wenn
Christus nicht
gestorben wäre,
wäre nichts von
alledem da; aber
das ist nicht
das Haus. Wenn
nicht der Tod
Christi gewesen
wäre, wäre diese
Welt schon vor
Jahrtausenden
untergegangen.
In der Vorsehung
bezeugt Gott
Seine Güte; ein
Mensch kann
nicht zu Mittag
speisen, ohne
ein Zeugnis von
der Güte Gottes
zu haben. Die
Menschen sagen:
Wir verdienen
das mit unserer
Arbeit, aber das
ist nicht der
Fall. Nehmen wir
an, Gott würde
keinen Regen und
keinen
Sonnenschein
geben, was würde
da die Arbeit
des Menschen
nützen? Er ist
hilflos wie ein
Sandkorn. Alles
kommt von Gott
durch Seine
gütige
Vorsehung, aber
das ist das
Feld; es ist
nicht das Haus.
Ein alter
Bruder pflegte
zu mir zu sagen:
Warum wird beim
Predigen immer
über den
jüngeren Sohn
gepredigt? Warum
predigt man
nicht auch über
den älteren
Sohn? Das
Wunderbare ist,
daß Gott wirkt,
um sogar einen
solchen zur
Erkenntnis
Seiner Selbst in
Gnade zu
bringen. Gott
wirkt die ganze
Zeit, um diese
religiösen und
anständigen
Menschen, die
nie etwas Böses
getan haben, zur
Erkenntnis
Seiner Gnade zu
bringen. Hier
richtete der
Herr Seine Rede
an die
Pharisäer, die
sich darüber
beschwert
hatten, daß Er
Sünder aufnahm
und mit ihnen
aß; darum
beschreibt er
die Zöllner und
Sünder unter dem
Bilde des
jüngeren Sohnes,
und die
Schriftgelehrten
und die
Pharisäer unter
dem Bilde des
älteren Sohnes;
dann aber zeigt
Er, daß im
Herzen Gottes
dieselbe Gnade
beiden gegenüber
wohnt. Das Herz
des Vaters neigt
sich ebenso zu
dem einen wie
auch zu dem
anderen – das
ist der
Gegenstand des
Lukasevangeliums.
Gott hat nicht
zwei
verschiedene
Gesinnungen den
Menschen
gegenüber; Er
hat dieselbe
Gesinnung allen
Arten von
Menschen
gegenüber, damit
jeder Mensch zur
Erkenntnis
Seiner Selbst in
der Freude
Seiner Gnade
gebracht werden
sollte. Der Weg,
den älteren
Bruder der Sünde
zu überführen,
ist, ihm das
Bewußtsein
beizubringen,
daß er mit all
seiner ganzen
Güte,
Anständigkeit
und Religiosität
Gott in Gnade
nicht kennt, und
daß er Gott in
Gnade nicht
schätzt – er
wurde zornig.
Der Vater
verfährt mit dem
älteren Sohne in
solch einer
wunderbaren
Gnade; Er trat
heraus und
sagte: „Kind“.
Darin liegt ein
besonderer Zug
der Liebe. Gott
hat väterliche
Gefühle für
jeden stolzen
Pharisäer in
dieser Welt; in
einem gewissen
Sinne hat Er
väterliche
Gefühle für
jeden Menschen
in dieser Welt,
denn die Haltung
Gottes den
Menschen
gegenüber ist
gnädig. Paulus
sagt zu den
Athenern: „Wir
sind sein
Geschlecht." Wir
sind so langsam
und
schwerfällig,
die Haltung
Gottes zu
erfassen und zu
verstehen, daß
die Gefühle
Seines Herzens
einem gegenüber,
der Ihn wegen
Seiner Gnade
haßt, derart
sind. Gott hat
eine grenzenlose
Freude an der
Gnade, Er wird
aber dafür
gehaßt, und dann
sagt Er noch:
Ich habe genau
dieselben
Gefühle zu dir.
Die ganze
Schrift ist ein
Zeugnis von den
väterlichen
Gefühlen Gottes
zu Seinem
Geschöpf, dem
Menschen. Die
wunderbare und
unaussprechliche
Gnade Gottes
kommt aber
nirgends in
einer solchen
Pracht ans
Licht, wie sie
in Seinem
Verfahren mit
dem älteren Sohn
zum Ausdruck
kommt.
Der ältere
Sohn lebte in
seinen eigenen
Umständen, und
die Freude der
Gnade war seinem
Herzen
vollständig
fremd. Als er
davon hörte,
rief er einen
der Knechte,
einen Knaben
herzu. Jeder
Knabe im Hause
kannte seinen
Vater besser als
er. Er war ganz
und gar
außerhalb
desselben; als
er die Musik und
den Reigen
hörte, wurde er
zornig – der
ganze Ort war
mit Fröhlichkeit
erfüllt –, er
aber war
außerhalb und
mußte einen
Knaben
herbeirufen, um
zu erfahren, was
geschehen war, –
er erfuhr, daß
sein Bruder
gekommen war und
daß sie das
gemästete Kalb
für ihn
geschlachtet
hatten. Der
ältere Sohn
kannte seinen
Vater nicht als
einen Geber. Er
sagte: „Mir hast
du niemals ein
Böcklein
gegeben, auf daß
ich mit meinen
Freunden
fröhlich wäre.
Er hatte einen
Kreis von
Freunden,
zweifellos waren
es sehr
anständige Leute
wie er selbst;
es war eine Art
Gesellschaft zur
gegenseitigen
Bewunderung,
aber ohne jede
Freude über die
Gnade; es war
unwahrscheinlich,
daß sein Vater
etwas zu einer
solchen
Fröhlichkeit
beisteuern
würde. Alles das
zeigte, daß er
mit dem Vater
keinen einzigen
gemeinsamen
Gedanken hatte.
Es war im Hause
augenscheinlich
ein ganzes
System der Dinge
vorhanden,
worüber der
ältere Sohn gar
nichts wußte; er
wußte nichts von
der
Fröhlichkeit,
dem Essen und
Trinken und dem
Reigen; er
kannte nicht die
Schätze des
Hauses – das
beste Kleid, den
Ring und die
Sandalen; er war
der ganzen Sache
völlig fremd.
Dennoch trat der
Vater zu ihm
hinaus und
ermahnte ihn.
Gott läßt nicht
den stolzesten
Pharisäer ohne
die flehentliche
Ermahnung der
Gnade. Was kann
aus einem
werden, der über
die Gnade zornig
ist? Wenn er
sich nicht
umstellt, wird
er bei dem
reichen Manne im
nächsten Kapitel
sein.
Der
Bereich der
Freude der Gnade
ist der Bereich
der
Glückseligkeit
Gottes. Es geht
nicht um den
Gewinn, den der
Sohn hat, der
zurückkommt,
sondern um der
Gewinn Gottes.
Den Sohn
zurückzuhaben,
ist die Freude
des Himmels. Die
Freude des
Himmels besteht
nicht nur darin,
daß arme Sünder
von ihrem Elend
erlöst und in
endlose Güte
versetzt werden,
sondern die
Freude des
Himmels ist der
Gewinn, den Gott
hat. Wenn Gott
einen Sünder
empfängt, der
Ihm entfremdet
war, so ertönt
die Freude
darüber im
Himmel droben,
und im Hause
unten ertönt der
Widerhall der
Fröhlichkeit.
Wenn jemand
bekennt, bekehrt
zu sein, so
sollten wir
wirkliches
Interesse dafür
haben, zu
erfahren, was
Gott dadurch
erworben hat.
Die wirkliche
Frage, die ein
Verkündiger
stellen sollte,
wenn er
niederkniet,
ist: „O Gott,
wieviel hast Du
bekommen?"
Wenn ein
Bruder aufsteht,
um Gott in der
Freude der Gnade
zu preisen, so
ist das wie die
Musik – sind wir
bereit, dazu
einen Reigen zu
tanzen? Schlägt
jedes Herz dem
freudig entgegen
und tanzt es zu
dieser Musik?
Der Herr sagte
zu etlichen:
„Wir haben euch
gepfiffen, und
ihr habt nicht
getanzt.“ Wenn
ein Laut des
Lobpreises
Gottes wegen
Seiner Gnade im
Hause ertönt,
regt sich dann
unser Geist als
Antwort darauf?
Der Psalmist
spricht über die
Lobeserhebung
Gottes im
Reigen; das
bedeutet
lebhafte
Regungen in den
Zuneigungen. Im
Alten Testament
waren natürlich
diese Dinge
äußerlich, jetzt
sind aber Musik
und Reigen
geistlich.
Der ältere
Bruder sagt:
„Dein Sohn“,
nicht „mein
Bruder." Er
stimmte nicht im
Geringsten mit
seinem Vater
überein; die
ganze Zeit, wo
der verlorene
Sohn weggewesen
war, hatte er
sich kein
einziges Mal
hingesetzt, um
zu hören, was
der Vater über
ihn zu sagen
hatte. Während
der Abwesenheit
des verlorenen
Sohnes hatte Er
niemals seinem
Vater
Gesellschaft
geleistet, um zu
erfahren, was
sein Vater
fühlte, denn er
war erstaunt
über den Empfang
des verlorenen
Sohnes. Wenn er
mit seinem Vater
Gemeinschaft
gepflegt hätte,
wären ihm die
Gedanken seines
Vaters bekannt
gewesen. Der
Vater sagt zu
ihm: „Kind, du
bist allezeit
bei mir, und all
das Meinige ist
dein." Aus
Gnaden sagte der
Vater gleichsam
zu ihm: Mein
Gedanke ist, daß
du bei mir sein
solltest; das
Meinige ist
dein, und ich
möchte, daß du
an dieser
Angelegenheit
ebenso
teilnimmst wie
Ich. Trotz der
Hartherzigkeit,
Selbstgerechtigkeit
und Selbstsucht
des älteren
Sohnes ist der
Vater darauf
bedacht, jedes
Mittel zu
gebrauchen, um
ihn zur
Selbsterkenntnis
in der Gnade zu
bringen, wie
auch dazu, mit
Seiner Freude an
der Gnade im
Einklang zu
sein.
Es gibt
nichts
Rührenderes, als
die Art und
Weise, in
welcher der
Vater zu ihm
redet; alles war
für ihn da. Der
Römerbrief
bringt das der
Lehre nach ans
Licht; wenn wir
die moralische
Grundlage dieser
Dinge kennen
wollen, müssen
wir uns zum
Römerbrief
wenden. In Luk.
15 haben wir
nicht die
Grundlage der
Lehre gemäß,
sondern die
Quelle dieser
Dinge im Herzen
Gottes wird
geoffenbart –
das ist das
große Ziel der
Evangelien. In
den Briefen wird
das Evangelium
gelehrt; in der
Apostelgeschichte
wird es
gepredigt, und
in den
Evangelien wird
die frohe
Botschaft
bildlich
dargestellt, so
daß das jüngste
Kind sie
verstehen kann.
Die Bilder sind
von einer
Meisterhand
entworfen
worden.
Zweifellos
hatte der Jude
einen gewissen
Vorzug, wie auch
der Pharisäer.
Die
Schriftgelehrten
und Pharisäer
besaßen eine
Erkenntnis der
Schriften, die
die Zöllner und
Sünder nicht
hatten. Der
ältere Sohn
hatte darin
einen Vorzug vor
dem jüngeren,
daß er äußerlich
zum Hause
gehörte; wir
finden aber, daß
sein wirkliches
Interesse in
einer
Gemeinschaft
lag, die der
Freude an der
Gnade ebenso
fremd war wie
das ferne Land.
Deshalb waren
die beiden Söhne
gleich weit
entfernt von
Gott – der eine
war nur
äußerlich nahe,
der andere weit
entfernt von
Gott; als aber
der eine zu Gott
zurückgebracht
wurde, da wurde
die Freude des
Herzens Gottes
gesichert.
Paulus war
innerlich bewegt
über die Juden,
da er selbst ein
älterer Bruder
gewesen war. Die
Welt der
Nationen war
kein Ort, wo er
die älteren
Brüder finden
konnte; er
schildert diese
Welt in Röm. 1
als einen
Schauplatz des
hoffnungslosen
Verfalls, des
Verderbens und
der
Ausschweifung.
Der Jude hatte
die Schriften,
den Tempel und
die Gunst
Gottes; trotz
ihres Zustandes
wurden sie vom
Messias geliebt,
und auch Gott
liebte sie.
Paulus litt
unaufhörlichen
Schmerz
ihretwegen, und
sein ganzes Herz
schlug ihnen
entgegen. Er
sagte: „Ich habe
gewünscht, durch
einen Fluch von
Christo entfernt
zu sein für
meine Brüder";
er ging so weit,
wie ein Mensch
gehen kann.
Paulus dachte:
Wenn sie auch
keinem anderen
glauben, so
werden sie auf
mich hören; ich
stand dabei, als
das Blut des
Märtyrers
Stephanus
vergossen wurde;
sie werden
wissen, was für
ein Pharisäer
ich war, wie ich
die Christen
haßte und mich
bemühte, jenen
Namen
auszurotten –
sie werden
sicherlich auf
mich hören. Sie
wollten aber
nicht. Wir
finden nicht,
daß der ältere
Sohn zugehört
hat; der Vater
ermahnte und
flehte, aber
nichts deutet
darauf hin, daß
er zugehört
hätte.
Wir können
Gott nicht mehr
Liebe erweisen,
als an Ihn der
Wahrheit gemäß
zu denken; das
ist Seine Gnade
zu Seinem
Geschöpf. Wenn
wir an Gott der
Wahrheit gemäß
denken, so
denken wir an
den Gott, der in
Luk. 15
dargestellt
wird; wir beten
Ihn an und loben
und
verherrlichen
Ihn, weil wir
Ihn in der
Wahrheit Seiner
Gnade erkennen.
Wenn ich dahin
gebracht werde,
so hat Gott mehr
Freude daran als
ich, denn Gott
weiß, wie weit
entfernt ich
war, und Er ist
der Einzige, der
es weiß. Wo
keine Erkenntnis
Gottes Seiner
Gnade gemäß ist,
da ist der
Mensch in bezug
auf Gott tot; da
gibt es keine
Regung des
Lebens; und ein
Mensch, der zu
Gott geht und
Ihm dafür dankt,
daß er nicht wie
andere Menschen
ist, daß er
anständig und
religiös erzogen
wurde – dieser
Mensch ist tot.
Nehmen wir einen
Augenblick an,
daß der ältere
Sohn nachgegeben
und zu seinem
Vater gesagt
hätte: „Ich war
ebenso schlecht
und noch
schlechter als
mein Bruder",
und wenn der
Vater ihn dann
auch geküßt
hätte, so wäre
er
hereingekommen
und beide hätten
dann das beste
Kleid und den
Ring und die
Sandalen
angezogen und
hätten das
gemästete Kalb
gegessen und
sich gefreut, so
wäre keine Spur
vom verlorenen
Sohn oder vom
Pharisäer
zurückgeblieben.
Sie wären auf
Grund der ewigen
Gedanken Gottes
in Gnade
hereingekommen;
es gibt dort
keinen
verlorenen Sohn
oder Pharisäer
mehr, sondern
einen neuen
Menschen – das
ist die Wahrheit
von der Gnade
Gottes.
Kapitel 16
Die Frage
der
Verantwortung
wird in Kap. 15
nicht
aufgeworfen –
das, was Gott
verloren hat,
wird
wiederhergestellt,
das, was tot
ist, lebt
wieder, und die
eigene Freude
Gottes
beherrscht
dieses Kapitel
von Anfang bis
zu Ende. Der
Herr
rechtfertigt vor
den Pharisäern
und
Schriftgelehrten
die
überschwengliche
Glückseligkeit
der göttlichen
Gnade, denn es
ist der Gedanke
Gottes, Söhne in
Wohlannehmlichkeit
und in Seiner
Nähe zu haben.
Dann wendet Sich
aber der Herr
Seinen Jüngern
zu und wirft
nunmehr die
Frage der
Verantwortlichkeit
auf. Sohnschaft
und Verwaltung
müssen
miteinander
verbunden
werden; wenn es
zur Verwaltung
kommt, werden
wir auf die
Probe gestellt.
Wie wir schon
vorher bemerkt
haben, sehen wir
im
Lukasevangelium
die
allerköstlichsten
Entfaltungen der
göttlichen
Gnade, und
unmittelbar
darauf kommt
irgend etwas,
was uns auf die
Probe stellt.
Dieses
Gleichnis
bezieht sich auf
den Menschen von
dem Standpunkte
aus gesehen, daß
er etwas
handhabt, worauf
er keinen
Anspruch hat.
Die Treue wird
vielfach daran
geprüft, wie wir
uns in bezug auf
den ungerechten
Mammon
verhalten. Es
ist etwas,
worauf wir kein
Anrecht haben,
es gehört einem
Anderen. Alle
materiellen
Dinge gehören
einem Anderen,
und keiner von
uns könnte einen
gerechten
Anspruch auf das
erheben, was wir
gegenwärtig in
den Händen
haben. Der Herr
redet hier vom
Mammon, der dem
Menschen in der
gegenwärtigen
Welt einen Platz
gibt. Das Geld
gibt dem
Menschen keinen
Platz bei Gott;
es kann ihm nur
in der Welt
einen Platz
geben, aber das
Geld sollte
rechtschaffen in
der Verwaltung
gehandhabt
werden. Der
Christ hat das
Recht, alles,
was er an
materiellen
Werten hat, als
Gott gehörend zu
betrachten, so
daß es einen
neuen Charakter
gewinnt, und es
ist wichtig, daß
es nicht
verschwendet,
sondern im Blick
auf unseren
zukünftigen
Vorteil
verwendet wird.
Die Güter
des Herrn zu
verschwenden,
kann nicht
richtig sein;
doch der Herr
sagt: Wenn du es
im Blick auf
dein zukünftiges
Wohl verwendest,
will Ich mit dir
zufrieden sein.
Wir haben unsere
Reichtümer und
unsere Freuden
im Hause. Wenn
ich weiß, was es
bedeutet, ein
Sohn im Hause zu
sein, so ist
mein Reichtum
dort; mein Teil,
meine Freude,
mein Alles ist
da. Dort wohne
ich, und in
diesem
Bewußtsein kann
ich hervorkommen
und die Dinge
hienieden in der
Gesinnung eines
Verwalters
handhaben. Wenn
wir das besser
kennten, was
unser eigen ist,
so würde es uns
eine wunderbare
Unabhängigkeit
von den Dingen
hienieden
verleihen; wir
würden keine
Ansprüche auf
irgendein
persönliches
Recht erheben,
sondern wir
würden alles in
der Gesinnung
der Verwaltung
berühren. Wenn
wir die Dinge
richtig
betrachten, so
werden wir eine
Vermehrung des
ungerechten
Mammons als eine
vermehrte
Verantwortlichkeit
empfinden; es
vermehrt unsere
Arbeit, aber
nicht unsere
Mittel. Der Herr
betrachtet den
ungerechte
Mammon als für
einen Augenblick
in unsere Hände
gegeben, und wir
sollen uns mit
ihm Freunde
machen.
Der
ungerechte
Mammon umfaßt
den allgemeinen
Charakter des
Eigentums
hienieden. Ein
Mensch hat
keinen dauernden
Anspruch darauf,
es wird ihm als
seinem Verwalter
anvertraut. Er
kann ihn nicht
als sein
Eigentum
beanspruchen,
denn er gehört
einem Anderen,
und er wird
tatsächlich in
der Welt in
einer
ungerechten
Weise verwendet.
In weiterem
Sinne ist Geld
der ungerechte
Mammon, und die
Geldliebe ist
eine Wurzel
alles Bösen.
Viel Geld zu
haben ist kein
Beweis für
göttliche Gunst;
das, was wir
hienieden haben,
ist eine Probe
für uns. Ich
darf nicht von
irgendwelchem
Gelde, das mir
gehört, sagen,
daß Gott es mir
als beständiges
Eigentum
geschenkt hat;
Er vertraut es
mir aber zum
Gebrauch an.
Das, was Gott
mir als Eigentum
gibt, befindet
sich im Hause.
Ich darf mich
dessen rühmen,
soviel ich will;
was außerhalb
liegt, ist eine
Probe für mich,
wie ich
verwalten kann.
Es gefiel
Gott wohl, dem
Salomo große
Dinge
anzuvertrauen,
und anfangs nah
m er auf
Gott Rücksicht,
aber zum Schluß
gebrauchte er
alles für den
eitlen Versuch,
sich selbst zu
leben; er mußte
erleben, daß es
eitel und ein
Haschen nach
Wind war. Das
ganze System
dieser Welt geht
durch das Geld
vor sich; nichts
kann ohne Geld
gemacht werden.
Das ist der
allgemeine
Charakter des
ungerechten
Mammons, aber
dem christlichen
Verwalter ist es
erlaubt, ihn zu
handhaben und
sich mit ihm
Freunde zu
machen, damit
ihm die Aufnahme
in die ewigen
Hütten gesichert
wird. Diejenigen
bekommen den
wahren Reichtum,
die bereit sind,
das, was sie von
Natur besitzen,
mehr im Blick
auf die Zukunft
als auf die
Gegenwart zu
gebrauchen. Gott
schätzt solche
Menschen wert,
die ihre Mittel
im Blick auf
ihren
zukünftigen
Vorteil
gebrauchen.
Weil wir
es mit Gott zu
tun haben, ist
die tatsächliche
Summe nicht
wichtig; für den
einen ist eine
kleine Summe als
Wochenlohn und
für einen
anderen eine
große Summe der
Prüfstein, aber
moralisch gibt
es keinen
Unterschied. Der
kleine Verwalter
wird ebenso in
seinem Bereiche
geprüft wie der
große in seinem
– sie müssen
beide
Rechenschaft
ablegen. Ich
zweifle nicht
daran, daß die
Witwe mit den
zwei Scherflein
einen guten
Platz in den
ewigen Hütten
haben wird; sie
hat die ganze
Versammlung
durch den
Gedanken, was
wahrer Reichtum
ist, bereichert.
In der
Wertschätzung
Gottes war sie
viel reicher als
Salomo. Die
Gaben werden
nicht nach Mark
und Pfennig,
sondern nach dem
Zustande des
Herzens
gemessen. Die
Witwe mit den
zwei Scherflein
überragte den
Zustand von dem,
was wir hier
sehen; bei ihr
ging es um
Ergebenheit,
nicht um
Klugheit; sie
war ergeben, und
sie legte ihre
zwei Scherflein
in den
Schatzkasten. In
ihren Gedanken
war Gott alles
dessen würdig.
Hier aber
geht es nicht um
Ergebenheit,
sondern um
Klugheit. Hier
handelte der
Verwalter so,
daß er später
einen Vorteil
hatte; er
handelte klug,
und der Herr
sagt: Ich will,
daß ihr klug
seid. Er lenkt
die
Aufmerksamkeit
darauf, daß die
Söhne dieser
Welt klüger sind
als die Söhne
des Lichts –
sein Herr lobte
die Klugheit des
ungerechten
Verwalters. Die
Söhne dieser
Welt beschämen
uns oft; sie
wissen, was sie
wollen, und sie
setzen sich
dafür ein. Wir
wissen oft kaum,
was wir
bezwecken, und
wir betreiben es
so träge.
Vers 13
ist sehr ernst;
er zeigt, daß,
wenn wir den
ungerechten
Mammon nicht in
der Gesinnung
der Verwaltung
handhaben, er zu
unserem Herrn
werden wird – er
herrscht über
viele. Was ist
es denn, was uns
beherrscht? Was
uns beherrscht,
ist eine
tiefforschende
Frage. Der Herr
sagt: „Kein
Hausknecht kann
zwei Herren
dienen." Es ist
nicht möglich,
Gott und dem
Mammon
gleichzeitig zu
dienen; somit
sollte ein
Christ nicht
durch einen
materiellen
Vorteil als
Beweggrund
beherrscht
werden. Er
sollte darüber
in Seelenübung
sein, ob dies
der Wille Gottes
für ihn ist, und
er sollte sich
nach dem Willen
Gottes richten.
Wenn man ihm
doppeltes Geld
anbieten würde,
sollte er sich
fragen, ob dies
von Gott sei
oder eine
Schlinge des
Teufels, die um
seine Füße
gelegt wird.
Wenn der Teufel
uns dahin
bringen kann,
dem Mammon zu
dienen, so hat
er sein Ziel
erreicht. Wir
dürfen zum
System der Welt
nichts
beitragen; wenn
jedoch das Geld
zu unserem Ziel
wird, so gehen
wir mit der Welt
Hand in Hand,
und wir helfen,
das System
dieser Welt
aufzubauen; wir
sollten aber als
Verwalter die
Dinge in einer
solchen Weise
gebrauchen, daß
es für uns
später zum
Vorteil
ausschlagen
wird.
Dann ist
auch Treue
erforderlich,
was einen
Gegensatz zu dem
Verwalter in
diesem Gleichnis
darstellt. Seine
Klugheit wird
gelobt, aber
seine Untreue
wird verurteilt.
„Wenn ihr nun in
dem ungerechten
Mammon nicht
treu gewesen
seid, wer wird
euch das
Wahrhaftige
anvertrauen? Und
wenn ihr in dem
Fremden nicht
treu gewesen
seid, wer wird
euch das Eurige
geben?“ Das
scheint den
Genuß des
Geistlichen
davon abhängig
zu machen, wie
wir das
Materielle
handhaben. Mir
scheint, wir
setzen oft die
verkehrten
Aufschriften auf
die Körbe! Die
meisten von uns
haben zwei
Körbe, und wir
haben Zettel
daran geklebt;
auf dem einen
steht: Meine
Dinge, und auf
dem anderen:
Gottes Dinge,
aber wir kleben
die Zettel
verkehrt. Meine
Dinge, denken
wir, sind mein
Geld und das,
was ich
hienieden
besitze. Doch
das sind nicht
meine Dinge, das
sind Gottes
Dinge, die mir
anvertraut
worden sind. In
dem anderen
Korbe mit der
Aufschrift
Gottes Dinge
sind alle
geistlichen
Dinge. Nein,
dies sind meine
Dinge, die
himmlischen
Dinge sind mein.
Ich habe ein
absolutes
Eigentumsrecht,
einen
unveräußerlichen
Anspruch auf
diese Dinge. Ich
könnte das nicht
in bezug auf
irgend etwas
hienieden sagen;
mein Mantel ist
mir für ein paar
Jahre geliehen
worden, ich kann
nicht sagen, daß
er mir völlig
gehört. Die
rechte Gesinnung
ist so wichtig
in diesen
Dingen; wir
müssen das, was
wir hienieden
haben, als
Verwalter
handhaben. Ich
glaube, das ist
die Antwort auf
die Sohnschaft.
Wenn ich
innerhalb des
Hauses ein Sohn
bin, befasse ich
mich mit den
natürlichen
Dingen nur noch
in der Gesinnung
eines
Verwalters. In
meinen
Zuneigungen
besitze ich ein
ganzes System
von Dingen, die
mein eigen sind,
und ich kann
mich darin
zurückziehen als
in mein
Eigentum. Wenn
ich tausend
Morgen Land
hätte, könnte
ich sie nicht
mein eigen
nennen, darüber
bin ich nur ein
Verwalter; ich
habe aber
Besitztümer, die
auf ewig mein
sind, und durch
die Gnade habe
ich einen echten
Anspruch darauf.
Der Herr
scheint es so
hinzustellen,
daß, wenn wir
als Verwalter in
irdischen Dingen
treu sind, wir
einen großen
Gewinn in
geistlichen
Dingen erlangen.
Wollen wir
geistlich
vorwärtskommen?
Wie handhaben
wir dann die
Dinge, die durch
die Vorsehung in
unseren Händen
sind? Gebrauchen
wir sie zu
unserem
gegenwärtigen
Vergnügen und
Genuß oder in
Treue als etwas,
was uns von
einem Anderen –
von Gott Selbst
— anvertraut
worden ist?
Der
Grundsatz der
ewigen Hütten
wird sicherlich
jetzt schon
unter den
Geschwistern
verwirklicht,
wenn wir unsere
eigenen ewigen
Dinge genießen.
Wir singen
manchmal: „Die
Ewigkeit
begann." Wenn
die Ewigkeit
begonnen hat,
sind wir in den
ewigen Hütten,
und wiederum
singen wir: „Im
Geiste schon
dort“ – d. h. in
den ewigen
Hütten. Die
Herrlichkeit ist
erschienen; sie
steht nicht nur
vor uns, sondern
das Herz des
Heiligen ist
schon jetzt
damit erfüllt.
Es wurde dem
Petrus, Jakobus
und Johannes auf
dem
Verklärungsberge
erlaubt, einen
Augenblick mit
der Herrlichkeit
erfüllt zu sein.
Ich gebe zu, daß
sie ihr nicht
gewachsen waren,
aber dem
Grundsatze nach
war sie da. Ich
denke nicht, daß
ein
verschwenderisches
Verschenken von
allem, was wir
haben, dem
Gedanken des
Herrn im
Geringsten
entspricht. Beim
Verschenken von
Geld kann man
sehr
unvernünftig
sein; nichts ist
leichter als es
wegzugeben. Wir
können das tun
und immer noch
beschuldigt
werden, den
Reichtum des
Herrn vergeudet
zu haben. Nehmen
wir an, ich
hätte einem
Armen mehr
gegeben, als er
im Augenblick
braucht; das
könnte ihn in
Versuchung
führen. Ich
glaube, daß die
Güte und
Mildtätigkeit
des Volkes
Gottes manchmal
Schaden
anrichtet; man
soll eben klug
sein und sein
Amt als
Verwalter
ausüben. Wir
müssen aber auch
dessen eingedenk
sein, was
Johannes sagt:
„Wer aber der
Welt Güter hat
und sieht seinen
Bruder Mangel
leiden und
verschließt sein
Herz vor ihm“
(1. Joh. 3, 17).
Wir müssen uns
davor hüten,
dieses zu tun.
Unser ganzer
geistlicher
Zustand kann
dadurch in Frage
gestellt werden.
Johannes sagt
ganz ernst: „Wie
bleibt die Liebe
Gottes in ihm?"
Das
Gewissen der
Pharisäer wurde
offensichtlich
durch die Worte
des Herrn
berührt; mit
ihrer ganzen
Religiosität
dienten sie
eigentlich dem
Mammon. Es wird
uns gesagt, daß
sie geldliebend
waren, und sie
verhöhnten Ihn.
Man kann jetzt
Gott auf eine
äußerst
gesegnete Art
dienen. Die
Erkenntnis des
Wohlgefallens
Gottes hat sich
beständig
erweitert. Der
Herr sagt uns
hier, daß die
Dinge, die unter
den Menschen
hoch sind, in
den Augen Gottes
ein Greuel sind.
Wenn das so ist,
so dürfen wir
nicht von
solchen Dingen
beherrscht
werden; wir
sollten den
Charakter des
Gott
wohlgefälligen
Dienstes
erkennen. Der
Charakter des
hier
geschilderten
Dienstes ist von
der Verkündigung
des Reiches
Gottes abhängig.
Es gibt
fortschreitende
Stufen, auf
denen das
Wohlgefallen
Gottes ans Licht
gekommen ist:
zuerst das
Gesetz, dann die
Propheten, die
uns ein erhöhtes
Maß über die
Erkenntnis des
Wohlgefallens
Gottes geben,
und dann wurde
von Johannes an
das Reich Gottes
verkündigt. Der
volle Charakter
dessen, was Gott
wohlgefällt,
kam, als Sein
geliebter Sohn
auf Erden
weilte, ans
Licht, und das
gibt jetzt dem
Reiche das
Gepräge - das
ganze
Wohlgefallen
Gottes ist ans
Licht gekommen.
Es ist auf dem
Wege der Gnade
den Menschen
gegenüber zutage
getreten und ist
in Jesu
geoffenbart
worden; das, was
Gott im höchsten
Grade
wohlgefällig
ist, bildet
einen Gegensatz
zu dem, was in
Seinen Augen ein
Greuel ist.
Ich sollte
in Seelenübung
darüber sein,
wie ich in das
Reich Gottes
eindringen kann;
der Herr deutet
an, daß es nicht
leicht ist, dort
einzudringen. Er
sagt: „Das
Evangelium des
Reiches Gottes
wird verkündigt,
und jeder dringt
mit Gewalt
hinein." Es ist
nicht leicht, in
das Reich Gottes
einzudringen,
weil das Reich
der Ort ist, wo
Gott Sein ganzes
Wohlgefallen
kundgetan hat.
Das Gesetz gab
eine
beträchtliche
Menge Licht in
bezug auf das,
was das
Wohlgefallen
Gottes
ausmachte, und
die Propheten
gaben noch mehr
Licht darüber,
weil die
Propheten die
Gefühle Gottes
und die Gedanken
Seines Herzens
ans Licht
brachten. In den
Propheten wurde
das Reich klar
vorausgesehen;
als aber der
Sohn Gottes
hienieden als
Mensch weilte,
führte Er das
volle Maß des
Wohlgefallens
Gottes herbei.
Man kann sich
nichts denken,
was dem
göttlichen
Wohlgefallen
hinzugefügt
werden konnte,
als der Sohn
Gottes hienieden
war. Bei Gott
gibt es keine
Weiterentwicklung;
Er hat das
Endziel nach dem
Grundsatz der
Gnade erreicht.
Mir scheint es
ein
erstaunlicher
Gedanke zu sein,
daß das volle
Wohlgefallen
Gottes offenbar
geworden ist.
Bin ich darauf
eingestellt oder
bin ich bereit,
mit den Dingen
voranzugehen,
die es Gott
gefiel in Seiner
Regierung
zuzulassen? Das
ist eine
wirkliche
Seelenübung für
einen jeden von
uns. Es ist
etwas, das
Anstrengung
erfordert, und
es bedarf der
Gewalt. Ein
Mensch muß
gewalttätig
genug sein, um
sich seinen Weg
durch alle
Hindernisse zu
bahnen, und die
Geldliebe ist
das
größtmögliche
Hindernis; man
muß sich da mit
Gewalt
hindurchdrängen,
wie auch durch
alles andere,
ganz gleich was
es sei.
Der Satz
in bezug darauf,
daß ein Mann
seine Frau
entläßt und eine
andere heiratet,
scheint nicht
mit dem
Vorhergegangenen
zusammenzuhängen;
ich glaube aber,
daß der Herr ihn
dazu gebraucht,
um den
Unterschied
zwischen dem,
was Gott in
Seiner Regierung
zuläßt, und dem,
was mit Seinem
Wohlgefallen
übereinstimmt,
hervorzuheben.
Unter dem Gesetz
ließ Er die
Scheidung auf
einer sehr
breiten
Grundlage zu,
aber das stimmte
nicht mit Seinem
Wohlgefallen
überein, und es
hat keinen Platz
in Seinem
Reiche. Das
Reich Gottes ist
nicht Essen und
Trinken, sondern
Gerechtigkeit,
Friede und
Freude im
Heiligen Geiste.
Wir sind jetzt
in einem anderen
Gebiete, im
Gebiete des
göttlichen
Wohlgefallens.
Ich fühle, wie
wenig ich das
kenne; ich sehne
mich aber
danach, es mehr
zu kennen. Dazu
brauchen wir
Kraft, aber wenn
ich mich nach
dem Wohlgefallen
Gottes richte,
kann ich
sicherlich auf
Seine Kraft
rechnen. Die
Gewalt ist keine
natürliche,
sondern eine
geistliche
Gewalt, die
bereit ist,
durch alles
hindurchzugehen.
Es gibt aber
Dinge, die Gott
in Seinen
Regierungswegen
zuläßt, viele
Dinge, die mit
Seinen Gedanken
nicht wirklich
übereinstimmen;
Er läßt sie zu,
und Er hat es
weiterhin mit
denen zu tun,
die diese Dinge
tun, wir sollen
aber nicht nach
diesen
Grundsätzen
leben. Nach
diesen
Grundsätzen
werden wir
niemals den
Kolosserbrief
oder den
Epheserbrief –
die himmlische
Seite –
erreichen, und
die große
Belehrung dieses
Kapitels besteht
darin, daß wir
die himmlische
Seite erreichen
– auf diese
Weise verstehe
ich das
Gleichnis vom
reichen Mann und
dem Lazarus.
Wenn wir
Mut haben, so
steht es uns
offen; es
handelt sich
darum, in das
Reich
einzudringen.
Abraham stellt
die himmlische
Seite dar; er
ist der Vater
der himmlischen
Familie. Was
würde Abraham
von mir halten,
wenn er jetzt
auf Erden leben
würde? Würde er
sagen: Mein
Sohn, du ist
ganz nach meinem
Herzen, komm und
lege dich in
meinen Schoß?
Der reiche Mann
wird gar nicht
als ein böser
Mensch nach dem
menschlichen
Maßstabe
dargestellt. So
waren auch die
Menschen in Kap.
14, die sich
weigerten, zum
großen Abendmahl
zu kommen, keine
Bösewichte;
nicht ihre
Sünden
verhinderten ihr
Kommen; es waren
Angelegenheiten,
die ihr Land und
ihre Ochsen und
ihr Weib
betrafen, die
sie hinderten.
Der Arme
hier war
draußen; der
Reiche lebte in
Prunk und Freude
auf Erden und
interessierte
sich gar nicht
für das
Himmlische; das
ist eine
Fortsetzung der
Lehre des
Evangeliums.
Abraham war ein
Mann, der zur
Absonderung
berufen wurde;
Gott hatte ihn
berufen, sein
Land, seine
Verwandtschaft
und das Haus
seines Vaters zu
verlassen. Er
gehorchte, er
glaubte Gott und
nahm die
Stellung eines
Fremdlings und
Pilgers ein; er
hatte seinen
Altar und sein
Zelt, er
erwartete eine
Stadt und hielt
nach dem
himmlischen
Lande Ausschau.
Der Herr
schildert
Abraham als
denjenigen, der
jeden seiner
Söhne in seinen
Schoß aufnimmt;
die Engel
wissen, wohin
sie sie tragen
müssen. Das ist
eine Andeutung,
daß die Engel in
Lazarus einen
Erben der
Seligkeit
erkannt hatten,
und obwohl
äußerlich seine
einzigen Diener
die Hunde waren,
die seine
Geschwüre
leckten, so
sahen in
Wirklichkeit die
Engel doch nach
ihm und dienten
ihm; aber sogar
der Dienst der
Engel änderte
nicht seine
Umstände
hienieden. Die
Engel erkannten
Lazarus als
einen geeigneten
Gegenstand ihrer
Aufmerksamkeit,
und sie wußten,
wohin sie ihn
tragen mußten,
als er starb;
sie trugen ihn
in den Schoß
seines Vaters.
Der Herr
lüftet dadurch
den Vorhang; Er
will, daß wir
uns eingehend
mit der
unsichtbaren
Welt
beschäftigen. Er
will sie uns
sehr deutlich
vor Augen
stellen und uns
zu sehen geben,
daß der Ärmste
in dieser Welt
den höchsten
himmlischen
Segen haben
kann, und der
Reichste in
dieser Welt bei
seinem Tode in
die endlose Qual
eingehen kann.
Der Herr möchte,
daß wir uns des
Ernstes der
Sache bewußt
sind, damit wir
wie Lazarus
leben sollten;
dieser Arme
voller Geschwüre
lebte im Lichte
des Himmlischen.
Der Reiche
scheint an ihm
gar keine
Anteilnahme
gehabt zu haben
als nur, daß er
erlaubte, daß er
von den
Brosamen, die
von seinem
Tische fielen,
ernährt werde.
Bei ihm war die
Gesinnung des
Bundes gar nicht
bemerkbar; er
hatte äußerlich
alle Segnungen
des Bundes, doch
es fehlte bei
ihm die
Gesinnung des
Bundes.
Diese
Schriftstelle
ist besonders
wichtig; es ist
so, als wenn der
Herr Selbst den
Vorhang aufheben
würde. Wir sagen
vielleicht, daß
noch keiner
zurückgekommen
ist, um uns
etwas von dort
zu sagen; aber
der Herr der
Herrlichkeit hat
den Vorhang
gelüftet; Er
allein wußte
über die
unsichtbare Welt
Bescheid, und Er
hat uns gesagt,
was es dort
gibt. Es ist
eine grobe
Lästerung gegen
den Herrn, wenn
man meint, daß
es nötig ist,
daß einer von
dort
zurückkommen
sollte, wo der
Herr doch die
Wahrheit gesagt
hat – wir haben
nicht nur Moses
und die
Propheten,
sondern auch das
Zeugnis des
Herrn der
Herrlichkeit. Es
ist die eigene
Schilderung des
Herrn über die
unsichtbare
Welt. Die
Zustände sind
dort festgelegt;
warum sollten
wir noch für die
Toten beten?
Wenn sie in
Abrahams Schoß
sind oder, wie
wir jetzt sagen
können, bei
Christo sind,
können wir ihnen
nichts Größeres
bringen, und
wenn sie sich in
der Qual
befinden, kann
man sie von dort
nicht wieder
herausnehmen;
das zeigt, daß
der Gedanke, für
die Toten zu
beten, von Satan
ist. Der Herr
deutet hier an,
daß die
Verlorenen in
der unsichtbaren
Welt alles, was
ihnen zur
Verfügung
gestanden hat,
erkennen; es ist
schrecklich für
sie, darüber
nachzudenken.
Dieser Mann,
der, wie wir
sagen können,
auf ewig
verloren ist,
kannte den
Abraham. Er
kannte den
Grundsatz der
Absonderung von
der Welt und des
Glaubens an
Gott, wovon
Abraham der
ewige Zeuge ist.
Es ist ernst,
daran zu denken,
daß diejenigen,
die niemals die
Wege Gottes in
Gnade in dieser
Welt erkannt
haben, sie in
der unsichtbaren
Welt erkennen
müssen. Dem
Bekenntnis nach
war dieser Mann
ein Jude, und
nach dem
Fleische war er
vom Samen
Abrahams, aber
geistlich war er
kein Sohn, und
obwohl ihn
Abraham im
Gleichnis Kind
nennt, war
Abraham nicht
sein Vater. Es
wird ein Teil
der Qual der
Verlorenen
ausmachen, daß
sie imstande
sein werden, das
zu erkennen, was
Gott zur
Verfügung
gestellt hat,
und zu
empfinden, daß
es für sie nie
wiedererlangt
werden kann. Das
wird der
bitterste
Bestandteil des
Kelches der
Leiden sein, den
die Verlorenen
trinken werden.
Es ist
auffallend, daß
dieser Mann die
Gerechtigkeit
seiner Leiden
nicht in Frage
stellt und nicht
bittet, Lazarus
möge geschickt
werden, um ihn
dort
herauszunehmen;
er bittet nur um
eine
Erleichterung
seines Elends,
aber das kann
ihm nicht
gewährt werden.
Der Grund, warum
er sich dort
befand, war, daß
er sich mit den
guten Dingen
dieser Welt
begnügte. Er
wird nicht als
ein böser Mensch
geschildert, er
hatte sich aber
mit den guten
Dingen in dieser
Welt begnügt und
sie im höchsten
Grade genossen,
und er
interessierte
sich nicht für
Glaubenssachen.
Er war dem
Himmlischen
völlig fremd
geblieben, und
deswegen paßte
er gar nicht zu
Abraham. Das
sagt uns, den
Gläubigen, daß
wir nicht zu
sehr mit den
Dingen dieses
Lebens
beschäftigt
seien, sondern
himmlische
Hoffnungen und
Vorgefühle
pflegen und im
Glauben unseres
Vaters Abraham
wandeln sollten.
Paulus spricht
von denen, „die
in den
Fußstapfen des
Glaubens
wandeln, den
unser Vater
Abraham hatte“
(Röm. 4, 12).
Der Herr
zeigt in diesem
ganzen
Evangelium, daß
Er das
Himmlische
einführen
möchte. Er wurde
durch einen
himmlischen
Boten
angekündigt, und
als Er geboren
wurde, waren die
himmlischen
Heerscharen da;
es war der
Himmel, der in
Gnaden
herniedergekommen
war. Die
Umstände des
Menschen
hienieden werden
dadurch nicht
verbessert, der
Mensch wird
dadurch weder
anständiger noch
reicher gemacht,
sondern
himmlische
Freuden werden
eingeführt.
Kapitel 15 zeigt
den Charakter
der eingeführten
himmlischen
Freuden. Ziehen
sie so unsere
Herzen an, daß
wir bereit sind,
das Irdische
aufzugeben und
uns dem
Himmlischen zu
widmen? Abraham
und die
Patriarchen
zeigten
deutlich, daß
sie ein
himmlisches Land
suchten.
Kapitel 17
Die Jünger
waren unter dem
Einfluß Jesu
gewesen, und Er
hatte ihren
Herzen die
Glückseligkeit
Gottes, der in
Gnaden erkannt
wird, wie auch
die
Glückseligkeit
des himmlischen
Systems gezeigt.
Nun warnt Er sie
im voraus, weil
das Aufkommen
von Ärgernissen
unvermeidlich
ist; der Feind
wird sich
beständig darum
bemühen, die
Jünger zu
verstricken und
sie von der
Gesinnung der
„Kleinen“
abzubringen.
Ärgernisse sind
unvermeidlich.
Dieses Wort wird
oft in bezug auf
den Herrn
gebraucht:
Christus Selbst
ist ein Fels des
Ärgernisses;
„den Juden ein
Ärgernis“; —
„das Ärgernis
vom Kreuze“.
Christus und die
Wahrheit werden
dem natürlichen
Menschen zum
Ärgernis werden.
Hier wird aber
dieses Wort in
bezug auf Dinge
gebraucht, die
dem geistlichen
Wohlergehen
entgegengesetzt
sind. Der Herr
betrachtet die
Jünger als die
Kleinen, die von
Ihm lernen, Gott
in Gnade zu
erkennen und im
Lichte des
himmlischen
Systems zu
wandeln. Hier
sind Ärgernisse
solche Dinge,
die dazu neigen,
dem Einfluß des
Herrn
entgegenzuwirken.
Wenn man
unsere
Schwierigkeiten
bis an ihre
Wurzel verfolgt,
so erweist es
sich, daß recht
viele von ihnen
der
Selbstwichtigkeit
entspringen. Ein
Bewußtsein von
der Größe Gottes
in Gnade macht
uns wunderbar
klein; der Feind
will aber immer
Ärgernisse
hervorrufen, das
ist irgend
etwas, um die
Kleinen vom
Kleinsein
abzubringen. Das
ist die
beständige
Handlungsweise
des Feindes. Der
Herr schätzt den
Zustand eines
Herzens sehr
hoch, das nicht
an sich selbst
denkt, sondern
an die
Glückseligkeit
Gottes, der in
Gnade erkannt
worden ist, wie
auch an das
himmlische
System. Er
beurteilt alles
das sehr ernst,
was davon
ablenkt; der
Herr nimmt jeden
Einfluß sehr
ernst zur
Kenntnis, der
dahin neigt, uns
davon
abzubringen,
„klein“ zu sein.
Halt uns nah bei
Dir, o Liebe
Gottes, damit
unsre
Nichtigkeit wir
sehn.
Es gäbe
keine Störungen
und Mißtöne,
wenn wir alle
klein blieben.
Die Tatsache,
daß der Herr
„wehe" sagt,
zeigt, wie ernst
Er jeden Einfluß
betrachtet, der
dazu neigt,
Seinem eigenen
Einfluß
entgegenzuwirken.
Jünger sind
diejenigen, die
sich Seinem
Einfluß oder
Seiner
Unterweisung
unterstellen. Er
will machen, daß
der in der Gnade
erkannte Gott
uns groß ist,
wie auch alles,
das zum Vorsatze
Gottes gehört -
die himmlischen
Dinge will Er
für uns groß
machen. Aber
dieses
Bewußtsein, wenn
es wahrhaftig im
Herzen ist,
macht uns klein.
Dieses
Bewußtsein
verkleinert uns.
Es tut uns not,
in beständiger
Seelenübung
darüber zu sein,
damit wir klein
bleiben.
Vers 2
bringt zum
Ausdruck, wie
streng der Herr
alles
verurteilt, was
Seinem eigenen
Einfluß
entgegenwirkt,
und jeder wahre
Diener möchte
von dem ihm eher
das, worüber
Herzensgrunde
wünschen, Vers 2
spricht,
geschehe, als
daß er einen dem
Herrn
entgegengesetzten
Einfluß ausüben
sollte.
Sicherlich
möchte ich
lieber auf den
Grund des Meeres
geworfen werden,
als auf Erden
gelassen werden,
um die Heiligen
dem Herrn
entgegengesetzt
zu beeinflussen.
Ein Mensch, der
das vorsätzlich
tut, ist
selbstverständlich
ein Widersacher
des Herrn und
wird ganz
sicherlich
verurteilt
werden.
Es ist
eine große
Gunst, klein
genug zu sein,
um Gott zum
Ausdruck zu
bringen; einem
solchen fehlt
jede eigene
Behauptung, aber
er kann den
Einfluß Gottes
geltend machen.
Es ist das, was
wir begehren
sollten; wir
wissen alle,
wieviel
Gegensätzliches
vorhanden ist,
aber der Glaube
führt eine Kraft
ein, die uns
befähigt, das
Hinderliche zu
beseitigen. Der
Herr sagt uns
hier, was uns
begegnen kann;
Ärgernisse sind
unvermeidlich,
und wir mögen
durch einen
Bruder geprüft
werden. Er kann
ein unartiger
Bruder sein,
aber er ist
wertvoll, wenn
wir es
verstehen, ihn
einzuschätzen,
denn er bietet
den Heiligen die
Gelegenheit, die
Gnade auszuüben;
wenn er sündigt,
ist eine
wiederherstellende
Handlung nötig.
Der Herr kannte
alle Umstände,
die uns
widerfahren
können, und Er
wußte, daß ein
Bruder unartig
genug sein kann,
um siebenmal an
einem Tage gegen
uns zu sündigen.
So etwas ist mir
noch nicht
vorgekommen,
aber der Herr
sagt, es könnte
geschehen, und
wir sollen dann
darauf achten,
daß eine solche
Sache uns nicht
von der
Gesinnung der
Gnade abbringt,
die einem
Kleinen eigen
sein sollte. Der
Kleine denkt
überhaupt nicht
an sich, sondern
an die Freude,
Gnade zu üben,
als wenn die
Gesinnung von
Kap. 15 auf
unsere
brüderlichen
Beziehungen
übergehen
sollte.
Die
Vergebung kann
nicht ohne Buße
ausgeübt werden;
man kann sie
nicht
verschenken,
obwohl sie im
Herzen vorhanden
ist. Deswegen
soll man es dem
Bruder
verweisen, wenn
er sündigt,
nicht damit wir
das, was uns
zusteht,
bekommen,
sondern damit er
wiederhergestellt
werde. Wir
denken an seine
Not, nicht an
uns selbst. Der
Herr nimmt an,
daß ein Bruder
in einem solchen
Zustande sein
kann, daß er so
weit von einem
Kleinen entfernt
ist, daß er
gegen seinen
Bruder sündigen
kann, und zwar
siebenmal an
einem Tage. Es
könnte
eingewendet
werden, daß,
wenn er es
wirklich bereut
hätte, er es an
demselben Tage
nicht wieder
getan hätte,
aber der Herr
nimmt sogar
diesen äußersten
Fall an. In
einem solchen
Fall richtig
vorzugehen,
stellt hohe
Anforderungen an
uns. Ich weiß
nicht, wie ich
mich dem
gegenüber
verhalten würde,
wenn ein Bruder
siebenmal
sündigen würde;
ich kann
vielleicht beim
sechsten oder
siebentenmal
sagen: Ich bin
es nun
überdrüssig, ich
sehe keinerlei
Veränderung an
dir! Hier wird
eine wirkliche
Sünde in
Betracht
gezogen, nicht
daß man wegen
einer
Kleinigkeit
beleidigt ist.
Wenn wir den
Dingen, die den
Heiligen Kummer
bereiten, auf
den Grund gehen,
so ist meist
nichts als die
Torheit der
Selbstbehauptung
vorhanden. Hier
wird angenommen,
daß eine
wirkliche Sünde
begangen wurde,
und doch soll
ihr in dieser
wunderbaren,
dienstbereiten
und
gnadenreichen
Gesinnung
entgegengetreten
werden.
Wenn ein
Bruder sündigt,
kann man mit ihm
nicht so
weitergehen, als
ob nichts
geschehen wäre;
bis er es
bereut, ist man
zu einer
gewissen
Zurückhaltung
gezwungen. Man
verweist es ihm,
aber es
geschieht zu
seinem Wohl, und
nicht um das,
was uns zusteht,
zu behaupten.
Wir wahren nicht
von ihm Abstand
und wünschen,
daß er in
unermeßliche
Tiefen von
Selbstverurteilung
versinkt; wenn
er bereut,
ergeben wir, es
ist eine freie
Handlung der
Gnade, eine eie,
herzliche
Vergebung. Zum
Verweisen
braucht man ehr
Gnade als zu
allem anderen.
Wenn ich einen
Bruder in bezug
auf etwas
Verkehrtes zur
Rede stellen
muß, ringt das
eine tiefe
Seelenübung mit
sich, denn bevor
man einen
Verweis machen
kann, braucht
man ein
außergewöhnliches
Maß von Gnade;
die Seele muß
von Gnade
durchdrungen
sein, weil sonst
das Fleisch so
leicht zum
Vorschein kommt.
Es ist
auffallend, daß
es die Apostel
sind, die sagen:
„Vermehr uns den
Glauben.“ Sie
empfanden, was
das für eine
scharfe Probe
sein würde; sie
fühlten, daß
dies die Kräfte
der Natur mit
ihrer ganzen
Selbstbehauptung
überträfe. Sie
waren dem nicht
gewachsen.
Vielleicht
fühlen wir auch
dasselbe. Es
erfordert eine
große Menge
Gnade, um
verweisen zu
können, das
Fleisch gerät so
leicht in
Tätigkeit. Ich
habe manchmal
einen Verweis
bekommen, und
ich habe den
Unterschied
zwischen einem
Verweise im
Fleische und im
Geiste
empfunden. Sehr
wenige Christen
könnten einer
Ermahnung in der
Gnade Christi
widerstehen; sie
wären sehr hart,
wenn sie es
könnten. Wenn
ich von Natur an
anderen Unrecht
sehe, so ist das
eine Art
Selbsterhöhung.
Ein Verweis im
Fleische neigt
dahin, das
Fleisch in uns
aufzuregen, aber
ein Verweis im
Geiste dämpft
uns.
Wenn der
Herr Sich auf
den
Maulbeer-Feigenbaum
bezieht, so
deutete Er auf
die tief
eingewurzelte
Selbstbehauptung
des menschlichen
Herzens hin. Der
Herr warnt uns
hier vor drei
Dingen, die der
normalen Wirkung
der Erweisung
der Gnade
hinderlich sein
können. Um die
Gnade in die
Praxis
umzusetzen,
müssen wir sehr
klein sein;
unsere
Schwierigkeit
besteht darin,
daß wir zu groß
sind; wir sind
nicht klein
genug, um die
Grundsätze der
Gnade
auszuführen. Der
Herr richtet
hier das
Augenmerk auf
die Gnade: „Wenn
ihr Glauben habt
wie ein
Senfkorn.“ Die
Jünger wollten
eine Vermehrung
des Glaubens
haben, aber der
allerkleinste
Teil des
Glaubens wird
einen neuen
Grundsatz in die
Seele einführen;
es ist so klein,
daß man ihn mit
dem Kleinsten
der Samen
vergleichen
kann, doch
mächtig genug,
um das völlige
Entwurzeln des
natürlichen
Grundsatzes der
Selbstbehauptung
des menschlichen
Herzens zu
veranlassen.
Hier
schildert der
Herr den Glauben
als klein;
manchmal stellt
Er ihn als groß
dar, aber hier
macht Er ihn so
klein wie nur
möglich. Der
Glaube führt
Gott ein, und
wenn das den
kleinsten Platz
in der Seele
bekommt, wird es
zur Kraft, um
von uns selbst
frei zu werden;
das „Ich“ wird
hier nicht als
gesetzlos oder
wollüstig
betrachtet,
sondern als groß
und wichtig. Bei
Gott gibt es
Macht, die ganze
natürliche
Selbstbehauptung
des Menschen zu
entwurzeln und
so wirksam zu
beseitigen. Das
ist die
wunderbare
Wirkung davon,
wenn dieser
göttliche
Grundsatz des
Glaubens selbst
im geringsten
Grade in der
Seele einen
Platz hat; im
Lichte Gottes
kann man nicht
selbst wichtig
sein. Der Glaube
führt Gott, der
in Gnade erkannt
worden ist, ein;
im
Lukasevangelium
wird Gott in
Gnade
geoffenbart. Die
Erkenntnis
dessen, was Gott
eingeführt hat,
mag sehr gering
sein, und der
Herr nimmt an,
daß der Glaube
anfangs sehr
klein sein kann,
doch es ist
Kraft darin
vorhanden. Die
Gnade sollte
alles
beherrschen;
jede Tat, jedes
Wort und jeder
Gedanke sollten
durch die
Offenbarung
Gottes in Gnade
beherrscht
werden. Es ist
einfach, dies zu
sagen, aber es
bedeutet viel.
Wenn deshalb ein
Bruder sündigt,
so kann man das,
was aus Gott
ist, zu seiner
Wiederherstellung
einführen, und
zwar nicht weil
wir geschädigt
oder durch sein
Verhalten uns
gegenüber
beleidigt worden
sind, sondern
damit wir die
Freude der Gnade
erleben möchten.
Wenn die
Grundsätze des
Gesetzes bei uns
wirken, so gibt
es nichts
Schädlicheres,
weil Gott diese
Grundsätze als
unnütz verworfen
hat. Manchmal
finden wir, daß
sehr viel
geistliche Gnade
einem Sünder,
der ein Trinker
oder dergleichen
ist, erzeigt
wird, aber sehr
wenig einem
irrenden Bruder
gegenüber. Das
sollte nicht so
sein. Das System
des Gesetzes ist
von Gott als
nutzlos
verworfen
worden, und die
Grundsätze des
Gesetzes sollten
nicht in der
Versammlung
Gottes wirken.
Der Glaube ist
das Licht
Gottes, der in
Gnade erkannt
ist, und alles
sollte sich nach
dem Lichte der
Offenbarung
richten. Unser
Verlangen ist
nicht echt, wenn
es nicht durch
den Glauben
gestaltet wird.
In einem
früheren Teil
dieses
Evangeliums
haben wir eine
Unterweisung in
bezug auf das
Gebet. Unsere
Gebete und
Wünsche werden
durch die
Erkenntnis
Gottes, die uns
durch die
Offenbarung
erreicht hat,
gestaltet, und
wenn wir nicht
im Einklang
damit beten, ist
das kein
christliches
Gebet, denn
jedes Gebet
sollte durch die
Offenbarung
Gottes gestaltet
sein.
Der Herr
setzt diesen
Gegenstand fort
und zeigt, daß
auch Fleiß und
Treue in unserem
Dienst zur
Selbstbehauptung
führen können,
und wir denken,
daß wir
Rücksicht
verdienen.
Einmal hörte ich
einen Mann
sagen, er habe
dem Herrn
fünfzig Jahre
lang gedient; er
beanspruchte
deshalb
irgendeine
Stellung, etwas,
was ihm zukommen
müsse. Ich bin
sicher, daß wir
älteren Brüder
uns alle nur
schämen können,
daß unser
Wachstum so
gering ist; wenn
wir alles getan
haben, was wir
tun mußten,
sollen wir
sagen: „Wir sind
unnütze
Knechte." Der
Herr sieht
voraus, daß
Selbstbehauptung
in Verbindung
mit unserem
Verlangen, Ihm
zu dienen,
aufkommen kann;
das geschah
sogar bei den
Aposteln. Der
Herr wußte, zu
wem Er redete
und kannte ihre
Herzen. Er sah
ihre
Selbstbehauptung,
daß sie darüber
streiten würden,
wer der Größte
sein sollte, und
Er sah auch
einige, die eine
besondere
Stellung haben
wollten. Der
Herr wußte das
alles und Er
sagte zu ihnen:
Ihr sollt
Knechte sein,
die geschickt
werden zu tun,
was ihnen
befohlen ist,
und dann sollt
ihr dabei noch
fühlen, daß ihr
unnütz seid. Es
ist gar nicht
recht, euch zu
loben, wenn ihr
eure Arbeit
getan habt, und
zwar gut getan
habt. Wir sollen
keine
Rücksichtnahme
erwarten,
sondern einfach
das tun, was uns
befohlen ist.
Gnade ist dazu
erforderlich,
daß, wenn wir
viel gearbeitet
haben, wir von
uns selbst
nichts halten.
Wenn Gott nach
Seinem
unumschränkten
Willen uns
erlaubt,
irgendeinen
kleinen Dienst
zu verrichten,
dann sollen wir
alle
Möglichkeiten
unseres Dienstes
ausschöpfen und
es so treu und
fleißig wie nur
möglich tun; es
ist aber kein
Grund zur
Selbstbehauptung
dabei. Ich bin
einfach ein
Knecht, und es
ist keine
besondere Ehre
für mich, daß
ich das tue, was
mein Herr mir
befiehlt. Das
Bewußtsein
davon, wem wir
dienen, würde
uns demütig
halten. Wenn wir
die Größe Gottes
vor uns haben
und die Person,
in der Er Sich
uns in Gnade
geoffenbart hat,
so werden wir
gar nichts von
uns halten; wenn
solche Gefühle
in uns
aufkommen,
sollten wir sie
im Geheimen
verurteilen.
Keiner
sollte sich
selbst betrügen
und meinen,
diese Grundsätze
seien bei ihm
nicht zu finden;
wenn er das
dächte, wäre das
Selbstbetrug.
Wenn ich das
aber verurteile,
kann ich mit
meinem Gott und
meinem Meister
und Herrn
vorangehen; also
kann ich meinem
Herrn sagen, daß
ich ebenso
darüber denke
wie Er. Ohne
Zweifel wird der
Herr sogar das
Geben eines
Bechers kalten
Wassers
empfehlen, loben
und belohnen;
dieses bezieht
sich aber auf
unsere eigene
Gesinnung. Was
halte ich von
mir selbst?
Große Werke und
Verdienste
rechnet uns der
Herr nicht an.
Kleine Dinge im
Verborgnen,
spricht Er, habt
ihr Mir getan.
Der Knecht
kehrt von
draußen nach
seiner Arbeit
als Hirte und
vom Pflügen
zurück, um
seinen Herrn zu
bedienen und
nicht, um von
seinem Herrn
geehrt zu
werden. Er kehrt
zurück in der
wahren Gesinnung
eines Dieners:
„Wer über seinen
Herrn wacht
(eigentl.: auf
seinen Herrn
achthat), wird
geehrt werden.“
Es ist ähnlich
wie in Apg. 13;
sie waren dort
nicht mehr auf
dem Felde
beschäftigt,
dort waren sie
gewesen, und sie
kamen in der
Gegenwart des
Herrn zusammen,
und in der
Gesinnung des
Dienstes
fasteten und
dienten sie Ihm.
Ein wahrer
Diener, der
seinen Herrn
liebt, würde es
schätzen und als
einen Feiertag
empfinden, wenn
er Ihn bedienen
darf. Der Herr
hat einige Male
gesagt: „Kommet
ihr selbst
her... besonders
und ruhet ein
wenig aus", aber
dann haben wir
mehr
Beschäftigung
als zuvor.
Hier sind
zehn aussätzige
Männer, die von
ferne stehen.
Was die
Verantwortlichkeit
angeht, so hat
der Mensch
gänzlich gefehlt
- er steht
deshalb
moralisch in
Verbindung mit
den zehn
Aussätzigen -,
wenn sie aber
von Gott
gereinigt worden
sind, ist es
möglich, daß sie
Gott einen Platz
geben. Gott
erwarb einen
großen Platz bei
dem
samaritischen
Aussätzigen; die
Menschen
empfinden es
leichter, daß
sie von Gott
infolge ihres
Aussatzes
ausgeschlossen
sind, und sie
wünschen,
befreit zu
werden, als daß
sie Gott wegen
der
Herrlichkeit,
die Ihm infolge
der Reinigung
gebührt,
wertschätzen.
Der Zweck der
Reinigung ist,
daß Gott bei uns
einen großen
Platz erwerben
möchte. Wir
hören
vielleicht, daß
es an einem Ort
viele
Bekehrungen
gibt, und wir
zweifeln nicht
daran; aber
welchen Platz
hat Gott in den
Herzen dieser
Menschen
bekommen? Was
ist für Gott
darin vorhanden?
Viele gehen
einfach mit den
Segnungen voran,
wie die neun
Aussätzigen,
welche alles
bekamen, was sie
wollten; sie
wurden aber
nicht durch
Gottes
unmittelbares
Tun an ihnen
durch Jesum tief
berührt.
Hier sehen
wir den Herrn
nicht mit den
Aposteln oder
Jüngern, sondern
mit zehn
aussätzigen
Männern. Es
zeigt, was der
Mensch ist, der
ein System des
Hinzunahens zu
Gott hat, das
aber nicht
vollkommen
macht. Sie
standen von
ferne und
flehten um
göttliche
Barmherzigkeit.
Gott möchte aber
in der
Herrlichkeit, in
der Er uns
reinigt, erkannt
werden, damit Er
dem Herzen mehr
bedeutet als das
System, welches
Er eingeführt
hatte und immer
noch anerkannte.
Der zehnte
Aussätzige wurde
sehr durch das
unmittelbare
Verfahren Gottes
mit ihm durch
Jesum
beeindruckt, und
das verdrängte
alles andere;
Gott erlangte
bei ihm einen
Platz. Hier
sehen wir die
Vollkommenheit
der direkten
göttlichen
Reinigung, womit
der Priester
nichts zu tun
hatte. Wenn er
damit nichts zu
tun hatte, so
war es
eigentlich nicht
nötig, für
einen, der es
schätzte, daß
die Reinigung
direkt von Gott
durch Jesum
vollbracht
wurde, zu den
Vertretern eines
Systems zu
gehen, das
eigentlich durch
das direkte
Wirken Gottes
inmitten Seines
Volkes
beiseitegesetzt
worden war. Der
Mann, der den
Priester aus den
Augen verlor,
weil er vom
Bewußtsein des
direkten
Verfahrens
Gottes mit ihm
erfüllt war, war
Gottes
„Zehntel". Es
gibt heutzutage
ein System, das
die neun hält;
sie werden aber
nicht durch das
System geheilt,
noch werden sie
vom System als
rein anerkannt.
Es kann keinen
als rein
erklären. Man
mag von der
Absolution (der
kirchlichen
Vergebung)
reden, aber wenn
man sorgfältig
nachforscht, so
ist nichts
dahinter, denn
alles ist
unbestimmt.
Der Herr
empfand es tief,
wenn Er fragte:
„Wo sind die
neun?" Der
zehnte
Aussätzige bekam
hier eine
Bestätigung; er
kehrte zurück
und gab Gott die
Ehre. Die größte
Besorgnis des
Herrn in bezug
auf uns ist, daß
Gott bei uns
Seinen Platz
haben möchte.
Die Frage
lautet: Was für
Gedanken habe
ich über Gott?
Wird Er in
meinen
Zuneigungen
verherrlicht?
Dann bekommt
Gott Sein
„Zehntel".
Kapitel 18
Es waren
„Tage des Sohnes
des Menschen",
als das Reich
Gottes in Ihm
auf dem Wege der
Gnade
dargestellt
wurde, und es
werden „Tage des
Sohnes des
Menschen" sein,
wenn alles Böse
bei Seinem
Kommen
hinweggetan
werden wird.
Zwischen diesen
beiden
Abschnitten
kommt die Zeit
des Leidens und
der Verwerfung
(Kap. 17, 25),
woran auch die
Auserwählten
Gottes
teilhaben. Das
gibt der
gegenwärtigen
Zeit das
Gepräge. Alles
wird moralisch
im Lichte der
Tage des Sohnes
des Menschen
beurteilt.
Dieser Ausdruck
deutet auf die
Glückseligkeit
hin, welche
jedem dieser
Tage eigen war
im Gegensatz zu
den
darauffolgenden
Tagen, wo die
Bosheit des
Menschen
heranreifen
würde. Der
Glaube würde
alles das in
Gegensatz zu dem
stellen, was die
Tage des Sohnes
des Menschen
kennzeichnete.
Es ist gut, die
Tage des
Dienstes Christi
hienieden im
Gegensatz zu den
1260 Tagen in
Offb. 11 zu
betrachten.
Während der Tage
Christi
hienieden
brachte jeder
Tag irgendeinen
neuen Wesenszug
der Gnade des
Herzens Gottes
ans Licht. Jetzt
haben wir einen
neuen Maßstab,
der viel höher
als derjenige
des Gesetzes und
der Propheten
ist, nach dem
wir alles
beurteilen
können.
Während
der Zeit der
Verwerfung und
des Leidens ist
das Gebet eine
große
Hilfsquelle: „Er
sagte ihnen, daß
sie allezeit
beten und nicht
ermatten
sollten." Dabei
(Vers 7) geht es
um das Erleiden
von Unrecht,
ohne daß Abhilfe
da ist. Während
Gott langmütig
wartet, erhebt
sich Tag und
Nacht das
Schreien Seiner
Auserwählten. Es
ist eine Zeit
der Langmut
Gottes, und Er
will Seine
Heiligen auch
zur Langmut
erziehen. Es ist
alles vor Gott
vorhanden, um
alles
zurechtzubringen;
aber für den
Augenblick ist
Gebet und nicht
Vergeltung unser
Teil. Wenn ein
ungerechter
Richter, der
Gott nicht
fürchtet und von
moralischen
Dingen nichts
hält, dennoch
Recht schafft,
um nicht
andauernd
belästigt zu
werden, wieviel
mehr wird Gott
es tun, der
solch einen
innigen Anteil
an Seinen
Auserwählten
nimmt und auf
ihr Schreien
hört!
Wir sehen
in den Versen
10–13, daß der
Mensch, der sich
selbst
erniedrigt und
sich auf die
Erbarmungen
Gottes wirft,
gerechtfertigt
wird. Wenn wir
gesinnt sind,
uns selbst zu
erhöhen, so
bedeutet das
nur, daß wir
erniedrigt
werden müssen.
Wenn wir etwas
in dieser
Gesinnung tun,
werden wir
erniedrigt
werden. Nichts
demütigt
eigentlich den
Menschen mehr
als das
Bewußtsein der
Sünde. Es geht
nicht um ein
Vorgeben,
demütig zu sein,
sondern um wahre
Demütigung. Der
Weg der
göttlichen
Erhöhung ist das
Herniederbringen
und Hinwegtun
des Menschen.
Wir müssen
lernen, gar
nichts von uns
zu halten, denn
dann wird Gott
etwas von uns
halten; zuerst
rechtfertigt Er
uns und dann
erhöht Er uns,
wenn wir die
Erbarmungen
Gottes in
Christo
wertschätzen. Er
ist der große
Ausdruck des
göttlichen
Erbarmens. Der
Zöllner sagt: „O
Gott, sei mir,
dem Sünder,
gnädig!" Der
einzige andere
Vers, in welchem
dieses Wort
vorkommt, ist
Hebr. 2, 17:
„Auf daß er ...
ein barmherziger
und treuer
Hoherpriester
werde, um die
Sünden des
Volkes zu
sühnen." Es
steht ein
ähnliches Wort
in 1. Joh. 2, 2
und 4, 10, und
eine andere Form
davon ist
„Gnadenstuhl“ in
Röm. 3 und Hebr.
9. Es enthält
den Gedanken der
Sühnung. Soweit
wie es zu jener
Zeit möglich
war, hatte der
Mann in Vers 13
unseres Kapitels
den Gedanken des
Todes Christi
als den Ausdruck
des göttlichen
Erbarmens
erfaßt, der
deswegen jede
Sünde der
göttlichen
Herrlichkeit
entsprechend
hinwegtat. Es
ist nicht das
gewöhnliche Wort
für Erbarmen,
das auf
zärtliche
Gefühle des
Mitleids und der
Güte hindeutet,
sondern hier ist
es eine
deutliche
Anspielung auf
Sühnung für die
Sünde. Dieser
Mann kam auf
Grund des Todes
Christi in den
Tempel, und er
ging
gerechtfertigt
und erhöht in
sein Haus hinab.
Das sollte in
unseren Seelen
aufrechtgehalten
werden, so daß
wir, was uns
betrifft, bei
Gott niemals auf
einer anderen
Grundlage
stehen. Es ist
die wahre
Grundlage des
Friedens, und
das gibt uns die
Stellung von
Kindlein, die
Jesus berühren
und denen Er das
Reich Gottes
geben kann.
Das Reich
wird hier als
etwas
betrachtet, das
zuerst empfangen
und dann
betreten werden
soll. Ich nehme
an, daß der
gerechtfertigte
und erhöhte
Mensch in Röm.
5,1–11 zu sehen
ist; aber das
Reich Gottes zu
empfangen,
bedeutet in den
Reichtum
einzugehen, der
in einem anderen
Menschen
vorhanden ist
(Röm. 5, 12–21).
Die Kindlein
werden als
solche
betrachtet, die
nichts aus sich
selbst haben,
sondern alles
durch die
Berührung Jesu
empfangen. Sie
wurden zu Ihm
gebracht, auf
daß sie die
ganze Güte, die
in einem anderen
war, empfangen
sollten — die
Gnade Gottes und
die freie Gabe
in Gnade.
Diejenigen, die
die
Überschwenglichkeit
der Gnade und
die freie Gabe
der
Gerechtigkeit
empfangen,
herrschen im
Leben. Ihnen
gehört ein
Leben, das alles
übertrifft; sie
sind tot der
Sünde und dem
Gesetze
gegenüber und
dem Fleische
überlegen; sie
leben in Christo
Jesu und sind
mit Ihm im Sinne
der Ehe
verbunden, weil
der Geist in
ihnen wohnt; aus
sich haben sie
nichts, doch sie
haben alles
durch die
Berührung Jesu.
Die Lehre
darüber ist im
Römerbrief, die
lebendige
Erläuterung aber
in dem
Evangelium. Das
Evangelium wird
gepredigt in der
Apostelgeschichte,
gelehrt im
Römerbrief und
erläutert in den
Evangelien. In
dieser Weise
kommen wir zu
dem Herrschen
der Gnade in der
Seele des
Gläubigen; sie
herrscht durch
Gerechtigkeit
zum ewigen
Leben. Das
bedeutet, in das
Reich
einzugehen, um
das wahre Leben
des Reiches zu
genießen.
Der
Oberste in Vers
18 war diesen
Weg gar nicht
gegangen. Er kam
wie ein guter
Mensch zu einem
anderen; er
hatte nicht
gelernt wie der
Zöllner, sich im
Bewußtsein
seiner Sünde zu
demütigen, und
er dachte gar
nicht daran,
etwas wie ein
Kindlein zu
empfangen, und
deswegen war er
gar nicht auf
die Probe, die
der Herr ihm
stellte,
vorbereitet. Der
Herr erlaubte
nicht, daß man
sich Ihm in
dieser Weise
näherte. Er war
hienieden, um
der gepriesene
Zeuge von der
Güte zu sein,
die in Gott für
den Menschen
vorhanden war.
Er wollte nicht
einmal die
Stellung
einnehmen, daß
Er gut sei,
sondern Er
wollte alles
Gute von Gott
empfangen (Ps.
16). Wenn Er
Güte empfing,
konnte Er sie
austeilen. Der
Oberste wurde
augenscheinlich
durch Seine
freigebige Güte
angezogen, und
er kam als ein
guter Mensch, um
etwas von einem
anderen guten
Menschen zu
lernen. Etwas zu
empfangen, war
ihm gar nicht in
den Sinn
gekommen; ihm
fehlte das
Bewußtsein, daß
er etwas
empfangen mußte.
Der Herr mußte
den wahren
Zustand seines
Herzens vor ihm
bloßstellen; er
war nicht gut,
obwohl er
glaubte, gut zu
sein. Er hatte
nichts, was als
genügender
Beweggrund zum
Aufgeben seiner
Güter gelten
konnte. Der
Beweggrund zum
Aufgeben ist das
Reich Gottes,
aber er kannte
es gar nicht. Er
liebte sich
selbst und seine
Reichtümer; er
war zum Aufgeben
derselben nicht
bereit. Keiner
von uns wird den
Grundsatz des
Aufgebens
verwirklichen,
bis wir im
Reiche Gottes
dazu einen
angemessenen
Beweggrund
haben.
Der Herr
spricht vom
Verlassen von
Häusern, Eltern,
Brüdern, von
Weib und Kindern
um des Reiches
Gottes willen.
Man muß den Wert
des Reiches
Gottes
verstehen, um
dazu bereit zu
sein, hienieden
alles
aufzugeben, und
dieser Mann
hatte niemals
den Wert des
Reiches Gottes
erkannt, er
verstand ihn
nicht. Wir
müssen
verstehen, worin
der Gewinn des
Reiches besteht;
es ist etwas
sehr
Vorteilhaftes,
es ist etwas,
was empfangen
werden muß.
Kleine Kindlein
empfangen es.
Wenn es bei uns
noch
Selbstbehauptung
gibt, können wir
es nicht
empfangen.
Der Herr
prüfte nicht
diesen Mann
durch die
Gebote; Er
vermied
absichtlich
alles im Gesetz,
was ihn
bloßstellen
konnte. Die
Gebote, die er
gehalten hatte,
hatten ihn
eigentlich nicht
in bezug auf das
Aufgeben
geprüft. „Du
sollst nicht
ehebrechen; du
sollst nicht
töten; du sollst
nicht stehlen;
du sollst nicht
falsches Zeugnis
geben; ehre
deinen Vater und
deine Mutter. Er
aber sprach:
Dies alles habe
ich beobachtet
von meiner
Jugend an." Man
kann alles das
beobachten, ohne
wirklich etwas
aufzugeben.
Das ist
der dritte große
Grundsatz des
Reiches. Wenn du
etwas, was aus
Gott ist,
anstrebst, bist
du dann auch
bereit, etwas
für Gott
aufzugeben? Ist
Gott dir etwas
wert? Hast du
solch einen
Reichtum in der
Erkenntnis
Gottes, daß du
bereit bist,
etwas
aufzugeben?
Dieser Jüngling
war dazu nicht
bereit; er hatte
alle Dinge
beobachtet, die
kein Aufgeben
erforderten.
Viele Menschen
könnten sagen,
daß sie diese
Dinge von ihrer
Jugend an
beobachtet
haben. In diesem
Evangelium
bringt der Herr
fortwährend ans
Licht, daß
Dinge, die an
und für sich
recht sind, dem
Segen der Seele
hinderlich sein
können. Es
handelt sich
dabei nicht um
ausgeprägte
Sünden, sondern
darum, daß
Dinge, die an
sich gut und
recht sind,
hinderlich sind.
Wenn man einen
Schatz in den
Himmeln haben
will, muß
hienieden etwas
in irgendeiner
Form aufgegeben
werden. Alle
Reichtümer, die
ein Mensch haben
mag, die nicht
zum Reiche
Gottes gehören,
werden ihn daran
hindern, darin
einzugehen;
natürlicherweise
wirken sie so.
Der Herr hat
nicht schlechte
Dinge im Sinn,
sondern Dinge,
an denen man
sich sogar dem
Gesetz nach
bereichern
durfte, die aber
nicht das Reich
Gottes sind.
Solche Dinge
geben uns die
Gelegenheit zum
Aufgeben.
Möchten wir
nachsehen, ob
bei uns nicht
etwas ist, das
wir aufgeben
müssen; es
handelt sich
dabei um
erlaubte Dinge,
die aber nicht
das Reich Gottes
sind.
Dann
werden wir, wie
der Herr sagt,
„Vielfältiges
empfangen... in
dieser Zeit und
in dem kommenden
Zeitalter ewiges
Leben." Das
ewige Leben ist
das dem Reiche
entsprechende
Leben; wenn das
Reich öffentlich
aufgerichtet
werden wird,
werden alle, die
darin sind,
ewiges Leben
haben – „in dem
kommenden
Zeitalter ewiges
Leben" (Vers
30). Ewiges
Leben ist eine
Gabe, aber es
ist auch ein
Ziel und ein
Kampfpreis. Der
Weg dahin führt
über den Pfad
des Aufgebens;
das vollzieht
sich nicht durch
menschliche
Anstrengungen,
sondern durch
das mächtige
Wirken Gottes in
der Seele. Es
ist bei Menschen
unmöglich, bei
Gott aber
möglich. Wenn
ein Mensch sich
Gott zukehrt und
den Segen Gottes
wünscht, findet
er, daß es etwas
gibt, was er
aufgeben muß.
Die Probe
besteht darin,
ob wir bereit
sind, das, was
erlaubt ist,
aufzugeben; es
kann etwas sein,
was wir ohne
Gewissensbisse
behalten
dürften. Wir
werden dadurch
geprüft, welchen
Wert das Reich
Gottes in
unseren Augen
besitzt. Hat es
den Wert, daß
man um
seinetwillen
etwas aufgeben
sollte? Die
Jünger sahen in
Jesu etwas, was
sie zum willigen
Verzicht
antrieb; sie
verließen ihre
Schiffe und
Netze, und
einige von ihnen
verließen ihren
Vater; sie gaben
alles auf, weil
sie etwas
empfangen
hatten. Sie
verzichteten
nicht, um etwas
zu bekommen,
sondern weil sie
den Wert, den
Jesus für sie
hatte,
wahrnahmen.
Dieser
Oberste war
keinem Druck
seiner
ausgesetzt;
seine
Schwierigkeit
bestand darin,
daß er zu viel
hatte und es
liebte, und der
Herr mußte ihm
einprägen, daß
er nicht gut
war. Er dachte,
er hätte alle
Gebote
beobachtet, und
er fühlte sich
von der
Verwaltung der
Güte in der Hand
Jesu angezogen;
er mußte aber
eine demütigende
Belehrung
hinnehmen, und
zwar, daß er gar
nicht gut war,
und das kam
darin zum
Vorschein, daß
seine Güter ihm
mehr bedeuteten
als die
Entfaltung der
Güte. Wenn wir
uns darauf
einstellen, auf
den Wegen Gottes
zu wandeln, so
erfahren wir,
daß es etwas
gibt, was wir
aufgeben müssen.
Ein Neubekehrter
findet das schon
am ersten Tage
seines neuen
Lebens heraus,
und wenn er
diesen Grundsatz
nicht befolgt,
kann er nicht
mit Gott
vorangehen. Um
Christi willen
erlitt Paulus
den Verlust
aller Dinge; er
gab alles völlig
auf, er verlor
seinen guten
Ruf, seine
Mittel und seine
Freunde. Alles
war dahin, aber
er erlitt alles
„um Christi
willen" - das
war der
Beweggrund.
Nach der
Darstellung im
Lukasevangelium
ist das Reich
Gottes dieses
ganze System der
Gnade, die in
dem Herrn Jesu
verkörpert war.
Es ist das
Herrschen der
Gnade, das in
Jesu dargestellt
wurde, so daß
diejenigen, die
es empfangen,
die Gabe der
Gerechtigkeit,
die Fülle der
Gnade und ewiges
Leben empfangen;
es ist aber
alles in einer
Person
zusammengefaßt -
so wird das
Reich Gottes im
Lukasevangelium
dargestellt.
Zuerst muß es
gesehen und
empfangen
werden, dann
können wir
hineingehen. Der
Herr sagte zu
Nikodemus, wenn
jemand nicht von
neuem geboren
ist, so kann er
das Reich Gottes
nicht sehen. Um
es zu sehen, ist
die neue Geburt
erforderlich;
wenn es aber
gesehen wird,
muß eine
Bewegung
erfolgen, um
hineinzugehen.
Ich mag einen
schönen Garten
sehen, es ist
aber etwas
anderes,
hineinzugehen.
Das Reich Gottes
wird zuerst
gesehen, dann
muß man
hineingehen; wir
gehen hinein,
indem wir Jesus
praktisch
nachfolgen. Es
waren nur
diejenigen,
welche
Gegenstände des
Werkes Gottes
waren, die sehen
konnten, was in
Jesu vorhanden
war. Heute ist
es ebenso;
Millionen
Menschen wissen
etwas über
Jesum, sie sehen
in Ihm aber
nichts, was es
wert wäre, etwas
aufzugeben.
Die Jünger
sagen (V. 26):
„Wer kann dann
errettet
werden?" Sie
dachten
natürlicherweise,
daß, je mehr
Reicht
tümer
ein
Mensch
besäße,
er desto
mehr die
Gunst
Gottes
genösse;
aber der
Herr
bringt
hier das
Gegenteil
davon
ans
Licht.
Er
zeigt,
daß
Reichtümer
einen
Menschen
daran
hindern
können,
die
Gunst
Gottes
zu
erlangen,
so daß
sie,
anstatt
ein
Beweis
des
Segens
Gottes
zu sein,
auch
seine
Entfernung
von Gott
beweisen
können.
Der
ganze
Zustand
des
Menschen
war
verkehrt;
er war
verloren,
und er
brauchte
göttliche
Errettung.
Er hatte
Christum
nötig,
und je
mehr er
von dem
hatte,
was
nicht
Christus
war,
desto
unwahrscheinlicher
war es,
daß er
Christum
empfangen
würde.
„Vielfältiges"
in
dieser
Zeit ist
nicht
das, was
der
natürliche
Mensch
schätzt.
Gott hat
die
Dinge in
Seine
Hand
genommen;
das ist
das
Reich,
in einer
sehr
einfachen
Weise
ausgedrückt.
In Jesu
hat Er
alles
dargereicht,
was der
Not des
Menschen,
der ein
gefallenes
und
sündiges
Geschöpf
ist,
gerecht
werden
kann; Er
hat es
von Sich
aus
getan.
Alle
Rechte
Gottes
wurden
durch
Jesum
aufrecht
erhalten;
Er hat
die
Erbarmungen
Gottes
eingeführt;
Seine
Güte,
Seine
Barmherzigkeit
und
Seine
Errettung
sind in
Jesu
vorhanden;
und wenn
sie
aufgenommen
werden,
wird der
Mensch
umgewandelt.
Alle
seine
Gedanken
über
sich
selbst
sind
dann
verändert,
er denkt
dann
anders
über die
Welt,
die
Reichtümer
und
alles
andere.
Der
Mensch
beginnt
in der
Glückseligkeit
zu
leben,
die Gott
in Jesu
kundgemacht
hat. Im
Herrn
gibt es
Quellen,
und wir
können
sie
niemals
endgültig
erschöpfen.
Ich habe
Einen,
der mich
nicht
nur von
meinen
Sünden
erretten
und von
der
Furcht
vor dem
Gericht
befreien
kann,
sondern
Er ist
auch
eine
lebendige
Hilfsquelle,
so daß
ich zu
Ihm
gehen,
Ihm
alles
anvertrauen
und auf
Ihn
rechnen
kann;
das ist
das
Reich.
Der
Segen
einer
Seele,
der
Eingang
in das
Reich
und die
Errettung
sind bei
den
Menschen
unmöglich,
es sind
ber
göttliche
Möglichkeiten.
Wir
haben es
mit
einem
System
von
Dingen
zu tun,
die bei
den
Menschen
unmöglich
sind.
Wenn wir
zu Gott
und zu
Christo
kommen,
so
stehen
die
Dinge
allen
zur
Verfügung;
es
handelt
sich
nicht um
den
guten
oder
schlechten
Menschen,
den
reichen
oder den
armen
Menschen,
sondern
darum,
was Gott
und
Christus
für alle
Menschen
sind.
Es
handelt
sich
auch um
den Tod
Christi,
von dem
Er hier
zu den
Jüngern
zu
sprechen
beginnt
(Vers
31). Die
Jünger
verstanden
es
nicht,
und ich
glaube,
daß es
wenig
Dinge
gibt,
über die
wir so
wenig
wissen,
wie über
die
Bedeutung
des
Todes
Christi.
Der Herr
hatte
schon
vorher
(Kap. 9,
22) zu
ihnen
gesagt,
daß Er
getötet
werden
und in
die
Hände
der
Menschen
überliefert
werden
sollte,
und es
wird uns
gesagt:
„Sie
verstanden
nichts
von
diesen
Dingen,
und
dieses
Wort war
vor
ihnen
verborgen,
und sie
begriffen
das
Gesagte
nicht."
Sie
hatten
geurteilt,
daß Er
der
Christus
Gottes
war
(Kap.
9), aber
sie
hatten
niemals
die
Notwendigkeit
Seines
Todes
eingesehen.
Ich
glaube
nicht,
daß dies
ohne den
Geist
verstanden
werden
kann.
Der Tod
Christi
ist so
wunderbar
und
außerordentlich
tief,
daß die
Jünger
das
scheinbar
gar
nicht
erfaßt
hatten;
es war
aber
nicht
aus
Mangel
an
Bemühungen
von
Seiten
Gottes,
diese
Dinge
begreiflich
zu
machen,
denn die
Schriften
sind
davon
erfüllt.
Der Sohn
des
Menschen
konnte
Seine
Stellung
der
weltweiten
Überlegenheit
nur auf
Grund
des
Erleidens
des
Todes
einnehmen.
Durch
die
Gnade
Gottes
sollte
Er der
große
Leidtragende
sein.
Dieser
Vorfall
zeigt,
wie viel
wahre
Wertschätzung
Christi
vorhanden
sein
kann,
und
sogar
die
Bereitwilligkeit,
um
Seinetwillen
auf
gewisse
Dinge zu
verzichten,
ohne die
Notwendigkeit
Seines
Todes zu
verstehen.
Durch
die
Gnade
Gottes
hatte Er
es vor,
alles
auf die
Grundlage
Seines
Todes zu
stellen.
Die
Leiden
und der
Tod des
Sohnes
des
Menschen
brachten
die
Gnade
Gottes
in solch
einer
wunderbaren
und so
tiefen
Weise
zum
Ausdruck,
und es
war von
so
weittragender
Bedeutung,
daß dies
im
voraus
nicht
verstanden
werden
konnte.
Wie
Petrus
sagt,
verstanden
die
Propheten
nicht
die
Dinge,
die sie
schrieben.
Das
Unvermögen
der
Jünger,
diese
Dinge
wahrzunehmen,
wird in
dem
Blinden
anschaulich
gezeigt.
Er hatte
den
Glauben
an den
Sohn
Davids,
den sie
auch
hatten;
aber sie
bedurften
des
geistlichen
Sehvermögens,
um Jesus
auf dem
weiteren
Gebiet
der
Herrlichkeit
des
Sohnes
des
Menschen
zu
sehen;
sie
mußten
ebenfalls
einsehen,
daß Er
alles,
was dem
Menschen
nach dem
Vorsatze
und den
Ratschlüssen
Gottes
gehörte,
auf
Grund
Seines
Todes
aufrichten
würde.
Die
Augen
des
Blinden
im
Johannesevangelium
wurden
geöffnet,
um den
Sohn
Gottes
zu
sehen,
ich
glaube
aber,
daß der
Blinde
im
Lukasevangelium
sehend
gemacht
wurde,
um den
Sohn des
Menschen
zu sehen
und Ihm
nachzufolgen.
Für die
Volksmenge
war Er
„Jesus,
der
Nazaräer",
für den
Blinden
aber war
Er der
Sohn
Davids,
und als
er
sehend
wurde,
empfing
er dem
Bilde
nach die
Fähigkeit,
Ihn als
den Sohn
des
Menschen
zu sehen
und Ihm
nachzufolgen.
Der Herr
nennt
Sich
hier den
Sohn des
Menschen
(Vers
31). Er
suchte
ihre
Herzen
wie auch
die
unsrigen
mit
allem zu
beschäftigen,
was mit
Ihm als
solchem
verbunden
ist. Er
war im
Begriff,
das dem
Sohne
des
Menschen
bestimmte
Erbe
anzutreten,
und zwar
auf
Grund
Seines
Todes,
durch
den Er
von
allem
loskaufte,
was
infolge
der
Sünde
des
Menschen
darauf
lastete.
In den
Gedanken
des
Juden
war der
Sohn des
Menschen
mit der
weltweiten
Herrschaft
nach
Psalm 8
verbunden;
Er war
nicht
nur der
Sohn
Davids,
sondern
auch der
Sohn des
Menschen.
Der Herr
sprach
sehr oft
von Sich
in den
Evangelien
als dem
Sohne
des
Menschen;
dieser
Titel
bezieht
sich auf
Ihn als
Denjenigen,
der
weltweite
Herrscherrechte
besitzt;
das
Wunderbare
dabei
ist
aber,
daß Er
diese
Herrschaft
auf
Grund
Seiner
eigenen
Leiden
und
Seines
Todes
antreten
sollte.
Er
sollte
das Erbe
von
allem,
was ihm
durch
die
Sünde
des
Menschen
anhaftete,
befreien.
Das ist
oft
anschaulich
erläutert
worden
durch
ein
stark
verpfändetes
Gut, und
der Erbe
will es
von
allen
Schulden
und
Belastungen
befreien,
ehe er
das Erbe
als
Alleinbesitzer
antritt.
Sünde
war da
und
Leid,
Grausamkeit,
Ungerechtigkeit,
Eitelkeit,
die
Knechtschaft
des
Verderbens,
Tod - es
war eine
Last auf
dem
Erbe,
von
welcher
niemand
wußte
und
welche
von
niemandem
verstanden
wurde
als nur
von dem
Erben
und von
Demjenigen,
der von
Ewigkeit
her
beabsichtigte,
alles
Sein
werden
sollte.
Die
Jünger
verstanden
nicht,
wie
belastet
das Erbe
war. Sie
glaubten,
daß
Jesus
der
Christus
und von
Gott
war. Sie
sahen,
daß Er
imstande
war, in
göttlicher
Kraft
allem
Bösen,
das auf
Erden
war,
entgegenzutreten,
sie
hatten
solche
Fälle
jeden
Tag
gesehen;
sie
konnten
aber
nicht
begreifen,
wie
stark
das Erbe
des
Sohnes
des
Menschen
belastet
war.
Alles
war Sein
Erbe,
doch
allein
Sein
Leiden
und Sein
Tod
konnten
es von
den
darauf
lastenden
Schulden
loskaufen.
Das gibt
uns
einen
großen
Gedanken
von Jesu
als dem
Sohne
des
Menschen.
Ein
besonderes
geistliches
Sehvermögen
ist
erforderlich,
um die
weite
Ausdehnung
des
Erbes
des
Sohnes
des
Menschen
wahrzunehmen,
und das
schreckliche
Wesen
dessen,
was auf
ihm
infolge
der
Sünde
lastete,
zu
erkennen.
Den
Ratschlüssen
Gottes
gemäß
hat es
der Erbe
unternommen,
das
Erbteil
loszukaufen;
Er
wollte
keine
einzige
Belastung
darauf
lassen,
so daß,
wenn Er
das Erbe
antritt,
Gott im
Weltall
keine
Schmach
anhaften
wird.
Die
Heiligen
werden
Seine
Miterben
sein.
Die
Jünger
dachten,
daß die
Kraft,
die sie
in
wohltätiger
Güte
wirksam
gesehen
hatten,
genügte,
um das
Reich
herbeizuführen;
sie
brauchten
aber
Sehkraft
durch
den
Geist,
um
einzusehen,
daß
Leiden
und Tod
der
göttliche
Weg
waren,
um das,
was Gott
im Sinn
hatte,
zustande
zu
bringen.
Jetzt
ist
alles
vollbracht,
und der
Sohn des
Menschen
ist am
dritten
Tage
auferstanden.
Obwohl
das
Erbteil
öffentlich
noch
nicht
erlöst
ist, ist
aber das
Werk
vollbracht,
durch
welches
es
erlöst
werden
wird.
Unterdessen
sind die
Miterben
Mitleidende,
aber sie
leiden
in dem
vollen
Ausblick
auf die
kommende
Herrlichkeit.
Das
Öffnen
der
Augen
der
Blinden
war ein
dem
Messias
vorbehaltenes
Wunder.
Jericho
erinnerte
den
Herrn
daran,
was sich
dort vor
Jahren
zugetragen
hatte.
Sogar in
Jericho
wurde
etwas
für Gott
gefunden;
das Werk
Gottes
war in
der
Seele
der
Rahab
vorhanden
gewesen.
Überall,
wo der
Herr
wandelte,
brachte
Er das
Werk
Gottes
in den
Seelen
ans
Licht.
Jericho
war
nicht
nur die
Festung
der
Macht
des
Feindes,
sondern
es war
auch der
Platz
des
Werkes
Gottes,
und es
ist
augenscheinlich,
daß in
dem
blinden
Bettler
und in
dem
reichen
Oberzöllner
ein Werk
Gottes
vorhanden
war. So
ist es
heute,
wenn der
Herr
Sich im
Zeugnis
bewegt,
wird das
Werk
Gottes
ans
Licht
gebracht.
Der
Blinde
hier
stellt
diejenigen
dar, die
durch
das Wort
Jesu die
Fähigkeit,
die
Bedeutung
Seiner
Leiden
und
Seines
Todes zu
verstehen,
empfangen
haben.
Als Er
vorüberzog,
brachte
der Herr
das Werk
Gottes
in den
Seelen
ans
Licht.
Bei
diesen
zwei
Geschehnissen
in
Jericho
(Kap.
18,
35-43
und Kap.
19,
1-10)
finden
wir eine
Volksmenge.
Der Herr
verwehrte
nicht
der
Volksmenge,
Ihm zu
folgen,
aber
Sein
Auge
ruhte
auf den
einzelnen,
in denen
ein Werk
Gottes
vorhanden
war.
Beim
blinden
Bettler
war
Glaube
da, aber
es
fehlte
ihm das
Augenlicht.
Die
Jünger
kannten
Christum
dem
Fleische
nach;
für den
Blinden
war Er
der Sohn
Davids.
Er
wollte
aber in
den Tod
gehen
und
auferstehen;
Er stand
im
Begriff,
über
allem
als Sohn
des
Menschen
zu
herrschen.
Das
erforderte
Sehvermögen.
Saulus
sollte
sehen
und mit
dem
Heiligen
Geiste
erfüllt
werden
(Apg.
9). Wenn
der Herr
das Werk
Gottes
ans
Licht
brachte,
ließ Er
die
Dinge
niemals
so, wie
Er sie
vorfand.
Dem
Blinden
hatte
man
zweifellos
gesagt,
daß der
Messias
die
Augen
der
Blinden
öffnen
würde:
„Die
Augen
der
Blinden
werden
sehen"
(Jes.
29, 18).
Der
Fluch
wurde
über
Jericho
verhängt,
und man
kann
sagen,
er wurde
dem
Bilde
nach
durch
Elisas
Tat
beseitigt
(2. Kön.
2,
19-22).
Das
Wasser
wurde
gesund,
und es
sollte
keine
Unfruchtbarkeit
mehr
geben;
das
gleicht
dem
Aufheben
des
Fluches.
Elisa
stellte
die
Gnade
Gottes
dar;
sein
Name
bedeutet
„das
Heil
Gottes“,
und wenn
das Heil
Gottes
dorthin
kommt,
wo der
Fluch
war, so
wird er
beseitigt.
Es
ist
bemerkenswert,
daß die
Geschichte
Jerichos
Fluch
und
Segen
aufweist;
die
Hauptsache
ist aber
zu
verstehen,
daß das
Werk
Gottes
dort
vorhanden
ist. Es
war dort
in
Rahab,
in dem
Blinden
und in
Zachäus.
In ihren
Seelen
wirkte
etwas,
was aus
Gott
war, und
indem
der Herr
umherzog,
kam es
ans
Licht,
ebenso
wie
jetzt,
wenn das
Evangelium
gepredigt
wird,
kommt
das Werk
Gottes
in den
Seelen
ans
Licht,
und wir
finden
Personen,
die
interessiert
und
angezogen
werden.
In
Jericho,
der
Stadt
der
Palmen,
erreichte
Gott
Seinen
eigenen
Sieg;
der
blinde
Bettler
und der
reiche
Oberzöllner
wurden
beide zu
Palmbäumen,
und
dieser
Ort, der
von der
Macht
des
Feindes
und von
dem
Fluch
Gottes
redete,
wurde
zum
Schauplatz
des
göttlichen
Sieges
und
Triumphes.
Jesus
stand
still
(Vers
40). Es
war eine
Volksmenge
da, aber
Sein
Auge war
auf die
gerichtet,
in denen
von Gott
gewirkte
Seelenübungen
zu
finden
waren.
Viele
kommen
zu den
Zusammenkünften,
die den
Volksmengen
gleichen
können,
mit
einem
gewissen
Interesse
für den
Herrn
und
Seine
Dinge,
aber
ohne
bestimmte
Seelenübungen;
deswegen
kommen
und
gehen
sie, und
sie
bekommen
nichts
Bestimmtes.
Der Herr
schaut
immer
nach
Seelenübungen
im
Herzen
aus, und
wenn
jemand
mit
einer
echten
Seelenübung
zur
Zusammenkunft
kommt,
ist der
Herr um
diesen
einen
besorgt.
Er
bringt
das Werk
Gottes
ans
Licht,
und Er
läßt
niemals
dieses
Werk,
wie Er
es
vorfindet;
Er fügt
immer
etwas
hinzu.
Wenn wir
es in
irgendeiner
echten
Seelenübung
mit dem
Herrn zu
tun
haben,
können
wir ganz
sicher
sein,
daß Er
uns
etwas
hinzufügen
wird.
Wir
glauben
nicht,
wie
bereitwillig
der Herr
ist; wir
scheinen
zu
denken,
daß wir
unsere
Lasten
tragen
und
unsere
Seelenübungen
durcharbeiten
müssen,
aber Er
stellt
Sich uns
immer
zur
Verfügung,
wenn Ihm
Raum
gegeben
wird, so
daß Er
Sich
einschalten
kann.
Nichts
könnte
größer
sein,
als daß
wir die
Fähigkeit
zu sehen
-
geistliche
Sehkraft
-
besitzen
möchten.
Die
Sehkraft
liegt in
dem
Geiste;
es
geschieht
durch
den
Geist,
daß wir
sehen
können.
Sehvermögen
unterscheidet
sich vom
Glauben.
Dieser
Mann
hatte
Glauben,
ehe er
Sehvermögen
bekam.
Sehen
ist
nicht
glauben
– es ist
viel
größer.
Der
Prophet
Elisa
sagte:
„Jehova,
öffne
doch
seine
Augen,
daß er
sehe."
Es war
eine
ganz
außerordentliche
Ansammlung
von
Dingen
tatsächlich
vorhanden,
aber
unsichtbar.
Wir
müssen
Sehkraft
haben,
um den
wunderbaren
Charakter
der
jetzt
vorhandenen
Dinge zu
sehen.
Paulus
redet
über
diese
wunderbaren
Dinge:
„...indem
wir
nicht
das
anschauen,
was man
sieht,
sondern
das, was
man
nicht
sieht" –
er hatte
die
Fähigkeit,
unsichtbare
Dinge
anzuschauen.
Ich
kenne
keinen
größeren
Beweis
der
göttlichen
Gunst,
als daß
wir
fähig
sind,
die
unsichtbaren
Wunder
Gottes
in
Verbindung
mit dem
aus den
Toten
auferstandenen
Sohne
des
Menschen
zu
sehen.
Ananias
sagte zu
Saulus:
„Der
Herr hat
mich
gesandt,
Jesus...
damit du
wieder
sehend
und mit
Heiligem
Geiste
erfüllt
werdest."
Er
sollte
alles in
einer
neuen
Weise in
Verbindung
mit dem
Heiligen
Geiste
sehen.
Es ist
eine
völlig
neue
Fähigkeit,
und in
Joh. 14
wird sie
unmittelbar
mit dem
Geiste
verbunden,
wo der
Herr von
dem
neuen
Sachwalter
spricht
und
sofort
darauf
sagt:
„Ihr
aber
sehet
mich.“
Das
Ergebnis
der Gabe
des
Geistes
ist die
Fähigkeit,
eine
unsichtbare
Person
zu
sehen.
Die
Evangelien
geben
anschauliche
Erläuterungen
von
solchen
Dingen,
die vor
dem Tode
Christi
und dem
Herniederkommen
des
Geistes
noch
nicht in
Kraft
verwirklicht
werden
konnten;
sie
werden
aber in
den
Evangelien
anschaulich
erläutert.
Die
Fähigkeit,
diese
Dinge zu
sehen,
ist ein
sehr
großes
Vorrecht
und eine
von Gott
verliehene
Kraft.
Die
Schrift
sagt:
„Der
Glaube
ist aus
der
Verkündigung."
Es ist
sehr
gesegnet,
eine
Verkündigung
über
Gott und
Christum
zu hören
und ihr
zu
glauben;
das
Ergebnis
des
Glaubens
ist
aber,
daß man
den
Heiligen
Geist
empfängt,
und dann
hat man
die
göttliche
Fähigkeit,
geistliche
Dinge
wahrzunehmen.
Es ist
nicht
nur, daß
wir dem
glauben,
was wir
hören,
sondern
wir
haben
auch die
Fähigkeit,
es
wahrzunehmen
- das
ist eine
wichtige
Unterscheidung.
In Psalm
8 ist
ein
neues
Weltall
vorhanden,
welches
das
Herrschaftsgebiet
des
Sohnes
des
Menschen
ist; Er
wird das
Erbteil
von
jeglicher
Belastung
und von
allem,
was
nicht
passend
ist,
erlösen,
so daß
es
Gottes
und des
Erben
würdig
sein
wird.
Die
Heiligen,
die den
Geist
haben,
sehen
dies, so
daß
jenes
Weltall
größer
und
wirklicher
für uns
ist als
alle
gegenwärtigen
Dinge in
dieser
Welt.
Diese
Welt
vergeht
unter
dem
Gerichte
des
Kreuzes;
das
Kreuz
bedeutet
das Ende
dieser
Welt, in
welcher
wir
einst
lebten,
und zu
welcher
wir
einst
gehörten.
Jetzt
haben
wir eine
andere
Welt vor
uns.
„Was
kein
Auge
gesehen
und kein
Ohr
gehört
hat und
in
keines
Menschen
Herz
gekommen
ist, was
Gott
bereitet
hat
denen,
die ihn
lieben;
uns aber
hat Gott
es
geoffenbart
durch
seinen
Geist.“
Die
Augen
des
Paulus
waren
geistlich
auf
dieses
unsichtbare
Gebiet
gerichtet.
Wir
haben
noch
nicht
tatsächlich
das
Weltall
der
Glückseligkeit,
aber wir
haben
die
Person,
welche
es
herbeiführen
und
durch
den
Geist
erfüllen
wird,
und wir
sind
fähig,
Ihn zu
sehen.
„Wir
sehen
Jesum,
der ein
wenig
unter
die
Engel
wegen
des
Leidens
des
Todes
erniedrigt
war, mit
Herrlichkeit
und Ehre
gekrönt."
Es sind
nur
diejenigen,
die den
Geist
haben,
die Ihn
sehen
können.
Nachdem
Elia
aufgenommen
worden
war, gab
es
fünfzig
Männer,
die
Elisa
helfen
wollten,
Elia zu
finden.
Die
Söhne
der
Propheten
waren
zweifellos
sehr
kluge
Männer,
eine Art
theologisches
Seminar,
aber sie
konnten
nicht
sehen,
sie
waren
blind.
Sie
sagten,
der
Geist
Gottes
habe
Elia auf
einen
der
Berge
oder in
eins der
Täler
geworfen
- was
für
einen
Begriff
hatten
sie von
Gott! Er
wurde
entrückt
und in
den
Himmel
getragen,
und sie
dachten,
er sei
in
irgendeinem
Tale und
baten um
Erlaubnis,
ihn
suchen
zu
gehen!
Heutzutage
ist es
ähnlich;
die
Leute
sprechen
und
unterhalten
sich
über
Christum.
Für uns
ist aber
der
Ausgangspunkt:
„Wir
sehen
Jesum."
Wenn es
mehr
Sehvermögen
gäbe, so
wäre
auch
mehr
Kraft
vorhanden.
Die
Schrift
sagt:
„Wenn
kein
Gesicht
ist,
wird ein
Volk
zügellos."
Glaube
genügt
nicht;
wir
benötigten
Kraft,
um zu
sehen.
Wenn
kein
Gesicht
ist,
haben
die
Menschen
nichts
als den
Buchstaben
der
Schrift;
es
besteht
aber ein
ganzes
System
der
Dinge,
eine
glückselige,
geistliche
Welt,
welche
mit dem
aus den
Toten
auferstandenen
und zur
Rechten
Gottes
verherrlichten
Sohne
des
Menschen
verbunden
ist.
Wenn man
das
sieht,
hat man
mit der
religiösen
Welt
völlig
abgeschlossen.
Es geht
nicht
darum,
daß die
Menschen
heutzutage
die
Bibel
nicht
haben -
Bibeln
werden
jedes
Jahr zu
Tausenden
gedruckt
-; aber
um
Sehvermögen
zu
haben,
muß man
den
Geist
empfangen
haben
und Ihm
Raum
geben,
damit
man die
Dinge
mit dem
Gesichte
des
Geistes
betrachten
kann.
Der
Geist
läßt uns
das, was
zur
Rechten
Gottes
ist,
sehen.
Ich habe
den
Menschen
oft
gesagt,
daß,
wenn sie
Auskunft
in bezug
auf das
Geschehen
aus
erster
Hand
haben
wollen,
sie ihre
Augen
zur
Rechten
Gottes
emporheben
müssen.
Die
erste
Bewegung
wird
dort vor
sich
gehen.
Der
Christ,
dessen
Augen
auf
Christum
zur
Rechten
Gottes
gerichtet
sind,
wird der
erste
sein,
der
Auskunft
bekommen
wird
über
das, was
Gott auf
Erden
tun
wird.
Wir
sollten
die
prophetische
Weltordnung
im
Lichte
des
Himmlischen
betrachten.
Es wurde
dem
Johannes
gesagt:
„Komm
her“
(hier
herauf);
also
müssen
wir, um
die
Weissagung
zu
verstehen,
in den
Himmel
hinaufsteigen
und dann
herniederschauen.
Der Herr
war auf
dem Wege
nach
Golgatha,
um zu
leiden
und zu
sterben,
und der
Blinde,
der
seine
Sehkraft
empfing,
folgte
Ihm auf
diesem
Wege. Er
ging mit
Jesu
zusammen
aus dem
ganzen
System
dieser
Welt
hinaus.
Kapitel
19
Wir
haben
gesehen,
daß der
Herr in
Kap. 18
einem
Menschen
in
Jericho
die
Sehkraft
gibt und
daß der
Ihm
nachfolgt;
der Herr
wird der
große
Gegenstand
für
diejenigen,
die
Sehkraft
haben.
Dann
bekommt
der Herr
in
Zachäus
noch ein
Haus.
Der Herr
wußte,
daß in
Jericho
ein Haus
war, in
dem man
Ihn
willkommen
heißen
würde.
Der Herr
war auf
dem Wege
nach
Golgatha,
in den
Tod, und
der
Blinde
empfing
sein
Sehvermögen
und
folgte
Ihm auf
dem
Wege,
nämlich
auf
diesem
Wege; er
verließ
mit Jesu
das
ganze
gegenwärtige
System.
Zachäus
hatte
einen
Platz,
wohin
der Herr
kam, um
bewirtet
zu
werden,
und wo
Er
bleiben
und die
Errettung
bringen
konnte.
Das Werk
Gottes
war dort
in
Zachäus
vorhanden,
und er
suchte
Jesum zu
sehen,
und
während
er sich
für sehr
unwürdig
hielt,
erwartete
er nur,
einen
Blick
vom
Herrn zu
bekommen;
es war
aber ein
Haus
vorhanden,
das für
den
Herrn
gehalten
wurde.
Diese
zwei
Begebenheiten
stellen
zwei
wichtige
Seelenübungen
dar,
nämlich
die
Fähigkeit,
das zu
sehen,
was
vollständig
außerhalb
der
gegenwärtigen
Ordnung
der
Dinge
liegt,
und dann
das
Vorrecht,
ein Haus
zu
haben,
wo man
unter
den
gegenwärtigen
Umständen
den
Herrn
empfangen
kann.
Das
Zeugnis
des
Herrn
liegt in
einem
großen
Maße in
den
Häusern
der
Heiligen,
so daß
das, was
in den
Versammlungen
vor sich
geht,
sehr von
dem
abhängt,
was in
den
Häusern
vor sich
geht.
Ich
glaube
nicht,
daß wir
in den
Zusammenkünften
etwas
geistlich
Wertvolles
haben
können,
was den
Wert
dessen
übersteigt,
was in
den
Häusern
der
Heiligen
zu
finden
ist. Bei
dem
neuen
Speisopfer
wurden
die
Webebrote
aus
ihren
Wohnungen
gebracht;
es ist
etwas
Wunderbares,
wenn das
Tausendjährige
Reich
schon in
den
Häusern
aufgerichtet
worden
ist.
Wir
haben
bemerkt,
wie der
Herr im
Vorbeigehen
das Werk
Gottes
in den
Seelen
ans
Licht
brachte;
es war
ein Werk
bei dem
Blinden
und bei
Zachäus
vorhanden.
Zachäus
war ein
Sohn
Abrahams,
ein
wahrer
Gläubiger,
wie wir
sagen
können;
er
gehörte
zur
Familie
des
Glaubens,
und er
war als
Zöllner
unter
Schmach,
aber er
hatte
Gott
eigentlich
keine
Schmach
angetan.
Die
Schmähungen
derer,
die
murrten,
waren
nicht
berechtigt.
Ich
nehme
an, daß
Zachäus
sich auf
sein
früheres
Leben
berief,
als er
stand
und
sprach:
„Die
Hälfte
meiner
Güter
gebe ich
den
Armen,
und wenn
ich von
jemand
etwas
durch
falsche
Anklage
genommen
habe, so
erstatte
ich es
vierfältig."
Die
Tatsache,
daß
Zachäus
sich so
verhalten
hatte,
deutete
darauf
hin, daß
ein Werk
Gottes
in ihm
vorhanden
war;
seine
Grundsätze
waren
derart,
daß er
es
vermied,
auf Gott
Schmähungen
zu
bringen
- das
ist ein
großes
Merkmal
des
Werkes
Gottes.
Das nahm
bei
Zachäus
aber
nicht
das
Bewußtsein
weg, daß
er das
Heil
Gottes
benötigte.
Der Herr
sagte,
Er sei
gekommen,
um das
Verlorene
zu
suchen
und zu
erretten,
und Er
sprach
darüber,
daß dem
Hause
des
Zachäus
Heil
widerfahren
sei; d.
h. Er
wurde
dort als
das Heil
Gottes
empfangen.
Wie
Kornelius
in Apg.
10, so
empfand
Zachäus
die
Notwendigkeit
der
Errettung.
Kornelius
war ein
musterhafter
Mann,
seine
Gebete
und
seine
Almosen
stiegen
vor Gott
zum
Gedächtnis
auf, und
er hatte
nichts
dagegen
einzuwenden,
als ihm
gesagt
wurde,
daß
Petrus
ihm
Worte
sagen
sollte,
durch
welche
er und
sein
Haus
errettet
werden
sollten.
Je mehr
wir
darum
besorgt
sind, in
einer
Gottes
würdigen
Weise zu
handeln,
desto
mehr
würdigen
wir die
Größe
Seines
Heils.
Das
bringt
die
völlige
Errettung
von der
gegenwärtigen
Ordnung
der
Dinge
mit
sich.
Christus
ist das
Heil
Gottes,
und wenn
wir Ihn
empfangen,
gehört
uns das
Heil in
seiner
ganzen
Vollständigkeit.
Der
Haushalt
sollte
das
Gebiet
sein, wo
das
göttliche
Heil
gefunden
werden
sollte.
Das Heil
widerfährt
einem
Hause,
nicht
bloß
einzelnen
Personen;
eine
errettete
Person
in einem
Hause
bringt
das Heil
Gottes
in jenes
Haus.
Das
bezieht
sich
nicht
nur auf
das
Haupt
des
Hauses.
Im Neuen
Testament
entsprach
Zachäus
der
Rahab:
es gab
in
Jericho
ein
Haus, wo
das Heil
Gottes
aufgenommen
wurde.
Rahab
hatte
einen
Vater,
sie war
ein
untergeordnetes
Glied
der
Familie,
aber sie
sicherte
den
Segen
für
ihren
Vater
und für
ihre
ganze
Verwandtschaft.
Wenn
Gott
eine
Person
in einer
Familie
bekehrt,
so
deutet
Er damit
an, daß
Er in
diese
Familie
zum
Segen
eingezogen
ist. Wir
sollten
das so
betrachten,
ob es
sich nun
um
Eltern
oder um
Kinder
handelt.
Gott
kommt in
ein
Haus, um
zu
segnen;
es ist
recht
selten,
daß Gott
Sich
damit
begnügt,
Sich nur
einen zu
sichern.
Heil für
das Haus
ist in
der
ganzen
Schrift
ein
großer
Grundsatz.
Diese
Bewegungen
in
Jericho
sind
bedeutungsvoll
in
Verbindung
mit den
früheren
Triumphen
Gottes
dort.
Überall,
wo der
Herr
Sich
bewegte,
brachte
Er das
Werk
Gottes
ans
Licht;
Er war
auf dem
Wege, um
das
Reich
und das
Erbe zu
empfangen,
und auf
Seinem
Wege
brachte
Er die
Miterben
ans
Licht.
Was aus
Gott war
und in
Jesu in
seiner
ganzen
Fülle
und
Glückseligkeit
gefunden
wurde,
wurde in
das Haus
des
Zachäus
gebracht;
etwas,
was
vollständig
aus Gott
war,
wurde
eingeführt,
und es
bedeutete
die
Errettung
von
allem,
was
nicht
aus Gott
ist. Das
Heil
widerfährt
einem
Hause,
wenn die
Glückseligkeit
dessen,
was aus
Gott
ist,
dort
einkehrt;
dadurch
wird
aber die
Seele
von dem
befreit,
was
nicht
aus Gott
ist.
Gerechtigkeit
war ein
Zeichen,
daß
Zachäus
durch
das
beherrscht
wurde,
was
Gottes
würdig
war —
sogar
sein
Name
bedeutet
„rein".
Als
Ergebnis
des
Werkes
Gottes
in
Zachäus
wurde
Gott
Ehre
erwiesen,
und
durch
das
Verhalten
des
Zachäus
wurde
Ihm
keine
Schmach
zugefügt.
Die
Leute
schmähten
den
Herrn,
und
Zachäus
stand
für Ihn
ein. Es
ist
etwas
Großes,
einen
heiligen
Eifer um
den
Herrn zu
sehen,
so daß
wir
Seinem
Namen
keine
Schmach
antun
möchten
und auch
nicht
zulassen,
daß
irgendeine
Schmach
Seinem
Namen
angetan
wird.
Das
folgende
Gleichnis
(Verse
11-27)
zeigt,
wofür
wir
errettet
sind.
Wir sind
errettet,
um die
Güter
des
Herrn
als gute
Knechte
in einer
würdigen
Weise zu
handhaben.
Das
Reich
Gottes
ist noch
nicht
offenbar
geworden,
weil
Gott vor
Sich
hatte,
daß Sein
Sohn im
Himmel
geehrt
und
verherrlicht
werde,
bevor Er
auf
Erden
geehrt
werden
würde.
Die
Jünger
verstanden
das
nicht
richtig:
„Sie
meinten,
daß das
Reich
Gottes
alsbald
erscheinen
sollte."
Der Herr
gibt
ihnen
und auch
uns das
Licht
über
Seine
gegenwärtige
himmlische
Stellung,
etwas
sehr
Wichtiges
für uns,
zu
verstehen.
Wenn der
Herr das
Reich
oder das
Erbe
empfängt,
so
empfängt
Er es
von der
himmlischen
Seite
aus. Das
ganze
Lukasevangelium
von Kap.
9 an
dreht
sich um
die
Aufnahme
(Kap. 9,
51) des
Herrn.
Er war
im
Begriff,
Sein
Reich zu
empfangen,
jedoch
nicht
auf
Erden,
sondern
im
Himmel.
Der
„hochgeborene
Mann"
hatte
nicht
das, was
ihm
zustand,
empfangen
-
öffentlich
widerfuhren
Ihm die
Leiden
des
Kreuzes;
der Herr
empfing
aber
alles,
was Ihm
zustand,
im
Himmel.
Wir
leben
gerade
in
dieser
besonderen
Zeitspanne.
Der Herr
ist im
Himmel
auf dem
Thron,
und Er
kommt
zurück,
um
hienieden
das, was
Ihm
rechtmäßig
zusteht,
zu
empfangen;
in der
Zwischenzeit
hat Er
uns aber
als
Verwalter
in Seine
Interessen
eingesetzt;
Er hat
uns
Kapital
zum
Handeln
gegeben.
Der Herr
hat
etwas
auf die
Erde
gebracht,
was
niemals
vorher
hier
vorhanden
war -
das ist
die
Erkenntnis
Gottes
in der
höchsten
Gnade,
und es
ist
unsere
Beschäftigung,
damit zu
handeln.
Der Herr
hat das
alles in
unsere
Hände
gelegt,
und wir
sollen
damit
handeln;
es gibt
einen
geistlichen
Handel,
der
betrieben
werden
soll -
das ist
unsere
eigentliche
Beschäftigung.
Was wir
tun, um
unseren
Unterhalt
auf
Erden zu
verdienen,
ist gar
nicht
unser
wirkliches
Geschäft;
unser
wirkliches
Geschäft
besteht
darin,
das, was
wir vom
Herrn
empfangen
haben,
so zu
handhaben,
daß es
sich
vergrößert,
damit es
bei uns
nicht so
aussieht,
wie es
vor zwei
Jahren
war.
Lukas
faßt die
Dinge in
einer
moralischen
Hinsicht
zusammen,
und der
Zusammenhang
mit der
vorhergehenden
Begebenheit
besteht
darin,
daß wir
errettet
worden
sind, um
mit dem,
was
Christus
uns
gebracht
und in
unsere
Hände
gelegt
hat,
Handel
zu
treiben.
In
Matth.
25 — in
dem
Gleichnis
von den
Talenten
— wird
der
Gedanke
der
Unumschränktheit
Gottes
hervorgehoben;
die
verschiedenen
Fähigkeiten
werden
in
Betracht
gezogen,
alle
empfangen
nicht
dasselbe.
Der eine
empfängt
mehr als
der
andere,
weil der
Herr
unsere
Fähigkeit,
damit
Handel
zu
treiben,
kennt.
Doch
hier
bekommen
alle das
Gleiche;
vom
Standpunkte
dieses
Kapitels
aus habe
ich
genau
dasselbe
wie der
Apostel
Paulus.
Es ist
eine
Frage
der
Verantwortung
hienieden,
und nach
diesem
Grundsatz
haben
wir alle
dasselbe
empfangen;
Paulus,
Petrus
oder
Johannes
hatten
nicht
mehr als
wir alle
haben,
das
heißt -
die
Erkenntnis
Gottes
in der
höchsten
Gnade,
die in
Jesu
kundgemacht
worden
ist. Es
ist
nicht
möglich,
mehr zu
haben,
und es
ist
nicht
möglich,
weniger
zu
haben,
und nun
kommt
die
Probe:
Welchen
Gebrauch
machen
wir
davon?
Sind wir
gute
Knechte
oder
nicht?
Wir
haben
alle
dasselbe
Kapital
zu
bearbeiten.
Dieses
Gleichnis
gibt uns
einen
völlig
neuen
Charakter
der
Verantwortung;
die
Tatsache,
daß es
zehn
Knechte
und zehn
Pfunde
waren,
deutet
auf den
Gedanken
der
Verantwortung
hin,
aber es
ist eine
neuartige
Verantwortung,
die
durch
das, was
wir von
Christo
empfangen
haben,
bedingt
wird.
Die
höchste
Gnade
Gottes,
die uns
in
diesem
köstlichen
Evangelium
kundgetan
wird,
ist für
alle
dieselbe.
Auf
Grund
dessen,
was uns
aus Gott
in Jesu
gegeben
worden
ist,
sind wir
auf
derselben
Höhe wie
die
Apostel,
und sie
sind auf
derselben
Höhe wie
wir. Die
Art und
Weise,
wie wir
Handel
treiben,
bringt
ans
Licht,
ob wir
gute
Knechte
sind
oder
nicht;
wir
sollten
unserer
neuen
Verantwortung
entsprechen.
Wir sind
hienieden
in der
Abwesenheit
Christi
zurückgelassen
worden,
um mit
Seinen
Gütern,
mit
Dingen,
die
Christo
wertvoll
sind und
die Er
dazu
bestimmt
hat, in
unseren
Händen
vergrößert
zu
werden,
zu
handeln.
Es ist
geistlicher
Handel.
Bedenkt
den
Fleiß
des
Paulus
beim
Handeln;
er
setzte
das
Kapital,
so oft
er
konnte,
um. Wenn
wir uns
ganz in
uns
selbst
absperren,
wachsen
wir
nicht.
Es gibt
eine
große
Gefahr,
die
Gnade in
diesem
köstlichen
Evangelium
so
aufzufassen,
als ob
sie nur
zu
unserem
Trost,
zu
unserer
Sicherheit
und
Freude
bestimmt
sei, und
sie dann
in
unseren
Herzen
verschließen;
das
heißt,
wir
treiben
keinen
Handel
damit.
Es ist
uns
alles
zum
Handeln
gegeben
worden,
wir sind
aber
alle
sehr
dazu
geneigt,
das, was
wir
bekommen
können,
einzuhamstern.
Es ist
möglich,
zu den
Versammlungen
zu
kommen
und bloß
daran zu
denken,
was man
bekommen
kann.
Unser
Pfund in
ein
Schweißtuch
eingewickelt
zu
halten,
stellt
das
richtige,
aber
fruchtlose
Halten
der
Wahrheit
dar;
dabei
wird
nichts
erhandelt.
Die
rechtgläubige
Christenheit
hält
auch die
Wahrheit
richtig
und der
Form
nach
fest,
sie will
für die
Wahrheit
Gottes
einstehen;
aber sie
ist
fruchtlos.
Wenn ein
Bruder,
der
teilnehmen
sollte,
schweigt,
so
verarmt
er
selbst.
Wenn er
etwas
von
Christo
hat, das
weltweiten
Wert
besitzt,
und er
damit
keinen
Handel
treibt,
so
bringt
es nicht
sein.
Der
Gedanke
ist, daß
das, was
aus Gott
ist,
sich
vermehren
soll, es
wird
sich
aber
nicht
ohne
Handeln
vermehren.
Es ist
eine
wichtige
Angelegenheit,
daß das,
was vom
Herrn
ist,
sich bei
uns
vermehren
sollte;
wir
müssen
das
Kapital
umsetzen.
Wir sind
uns oft
des
Wertes
der
Dinge
nach der
Wertschätzung
Christi
nicht
bewußt.
Jeder
von uns
sollte
empfinden,
daß er
etwas,
was dem
Herrn
Jesus
Christus
äußerst
wertvoll
ist,
empfangen
hat, und
nun muß
damit
Handel
getrieben
werden.
Diese
beiden
Dinge
hängen
zusammen,
nämlich
unser
persönlicher
Fleiß in
bezug
auf das
Empfangene,
und dann
das
Umsetzen
desselben
auf dem
Wege des
Handelns;
der
geistliche
Handel
muß
betrieben
werden,
damit
das
Kapital
sich
vermehrt.
Das
Ergebnis
des
Handelns
brachte
den
Fleiß
jedes
Knechtes
betreffs
dessen,
was ihm
anvertraut
war, ans
Licht.
Es hat
nichts
mit
Begabung
zu tun;
es
bezieht
sich auf
das, was
allen
gemeinsam
ist.
Paulus
schreibt
an die
Korinther:
„Mitarbeitend
aber
ermahnen
wir
euch,
daß ihr
die
Gnade
Gottes
nicht
vergeblich
empfanget"
(2. Kor.
6, 1),
und dann
erzählt
er ihnen
weiter
in
diesem
wunderbaren
Kapitel
von
seinem
eigenen
Handeln,
er
bringt
das ans
Licht,
was ihn
beim
Handhaben
der
Verantwortung
in bezug
auf die
Gnade
gekennzeichnet
hatte.
Er gibt
uns eine
lange
Liste
von
seiner
Haltung
und von
den
verschiedenen
Charakterzügen
seines
Dienstes
und
seiner
Arbeit:
„In
allem
erweisen
wir uns
als
Gottes
Diener,
in
vielem
Ausharren,
in
Drangsalen,
in
Nöten,
in
Ängsten,
in
Streichen,
in
Gefängnissen,
in
Aufständen,
in
Mühen,
in
Wachen,
in
Fasten;
in
Reinheit,
in
Erkenntnis,
in
Langmut,
in
Gütigkeit,
im
Heiligen
Geiste,
in
ungeheuchelter
Liebe;
im Worte
der
Wahrheit,
in der
Kraft
Gottes;
durch
die
Waffen
der
Gerechtigkeit
zur
Rechten
und zur
Linken;
durch
Ehre und
Unehre,
durch
böses
Gerücht
und
gutes
Gerücht,
als
Verführer
und
Wahrhaftige;
als
Unbekannte
und
Wohlbekannte,
als
Sterbende,
und sie
Kapitel 17
Die Jünger waren unter dem Einfluß Jesu gewesen, und Er hatte ihren Herzen die Glückseligkeit Gottes, der in Gnaden erkannt wird, wie auch die Glückseligkeit des himmlischen Systems gezeigt. Nun warnt Er sie im voraus, weil das Aufkommen von Ärgernissen unvermeidlich ist; der Feind wird sich beständig darum bemühen, die Jünger zu verstricken und sie von der Gesinnung der „Kleinen“ abzubringen. Ärgernisse sind unvermeidlich. Dieses Wort wird oft in bezug auf den Herrn gebraucht: Christus Selbst ist ein Fels des Ärgernisses; „den Juden ein Ärgernis“; — „das Ärgernis vom Kreuze“. Christus und die Wahrheit werden dem natürlichen Menschen zum Ärgernis werden. Hier wird aber dieses Wort in bezug auf Dinge gebraucht, die dem geistlichen Wohlergehen entgegengesetzt sind. Der Herr betrachtet die Jünger als die Kleinen, die von Ihm lernen, Gott in Gnade zu erkennen und im Lichte des himmlischen Systems zu wandeln. Hier sind Ärgernisse solche Dinge, die dazu neigen, dem Einfluß des Herrn entgegenzuwirken.
Wenn man unsere Schwierigkeiten bis an ihre Wurzel verfolgt, so erweist es sich, daß recht viele von ihnen der Selbstwichtigkeit entspringen. Ein Bewußtsein von der Größe Gottes in Gnade macht uns wunderbar klein; der Feind will aber immer Ärgernisse hervorrufen, das ist irgend etwas, um die Kleinen vom Kleinsein abzubringen. Das ist die beständige Handlungsweise des Feindes. Der Herr schätzt den Zustand eines Herzens sehr hoch, das nicht an sich selbst denkt, sondern an die Glückseligkeit Gottes, der in Gnade erkannt worden ist, wie auch an das himmlische System. Er beurteilt alles das sehr ernst, was davon ablenkt; der Herr nimmt jeden Einfluß sehr ernst zur Kenntnis, der dahin neigt, uns davon abzubringen, „klein“ zu sein. Halt uns nah bei Dir, o Liebe Gottes, damit unsre Nichtigkeit wir sehn.
Es gäbe keine Störungen und Mißtöne, wenn wir alle klein blieben. Die Tatsache, daß der Herr „wehe" sagt, zeigt, wie ernst Er jeden Einfluß betrachtet, der dazu neigt, Seinem eigenen Einfluß entgegenzuwirken. Jünger sind diejenigen, die sich Seinem Einfluß oder Seiner Unterweisung unterstellen. Er will machen, daß der in der Gnade erkannte Gott uns groß ist, wie auch alles, das zum Vorsatze Gottes gehört - die himmlischen Dinge will Er für uns groß machen. Aber dieses Bewußtsein, macht uns klein, wenn es wahrhaftig im Herzen ist. Dieses Bewußtsein verkleinert uns. Es tut uns not, in beständiger Seelenübung darüber zu sein, damit wir klein bleiben.
Vers 2 bringt zum Ausdruck, wie streng der Herr alles verurteilt, was Seinem eigenen Einfluß entgegenwirkt, und jeder wahre Diener möchte von seinem Herzensgrunde wünschen, daß ihm eher das, worüber Vers 2 spricht, geschehe, als daß er einen dem Herrn entgegengesetzten Einfluß ausüben sollte. Sicherlich möchte ich lieber auf den Grund des Meeres geworfen werden, als auf Erden gelassen werden, um die Heiligen dem Herrn entgegengesetzt zu beeinflussen. Ein Mensch, der das vorsätzlich tut, ist selbstverständlich ein Widersacher des Herrn und wird ganz sicherlich verurteilt werden.
Es ist eine große Gunst, klein genug zu sein, um Gott zum Ausdruck zu bringen; einem solchen fehlt jede eigene Behauptung, aber er kann den Einfluß Gottes geltend machen. Es ist das, was wir begehren sollten; wir wissen alle, wieviel Gegensätzliches vorhanden ist, aber der Glaube führt eine Kraft ein, die uns befähigt, das Hinderliche zu beseitigen. Der Herr sagt uns hier, was uns begegnen kann; Ärgernisse sind unvermeidlich, und wir mögen durch einen Bruder geprüft werden. Er kann ein unartiger Bruder sein, aber er ist wertvoll, wenn wir es verstehen, ihn einzuschätzen, denn er bietet den Heiligen die Gelegenheit, die Gnade auszuüben; wenn er sündigt, ist eine wiederherstellende Handlung nötig. Der Herr kannte alle Umstände, die uns widerfahren können, und Er wußte, daß ein Bruder unartig genug sein kann, um siebenmal an einem Tage gegen uns zu sündigen. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen, aber der Herr sagt, es könnte geschehen, und wir sollen dann darauf achten, daß solch eine Sache uns nicht von der Gesinnung der Gnade abbringt, die einem Kleinen eigen sein sollte. Der Kleine denkt überhaupt nicht an sich, sondern an die Freude, Gnade zu üben, als wenn die Gesinnung von Kapitel 15 auf unsere brüderlichen Beziehungen übergehen sollte. Die Vergebung kann nicht ohne Buße ausgeübt werden; man kann sie nicht verschenken, obwohl sie im Herzen vorhanden ist. Deswegen soll man es dem Bruder verweisen, wenn er sündigt, nicht damit wir das, was uns zusteht, bekommen, sondern damit er wiederhergestellt werde. Wir denken an seine Not, nicht an uns selbst.
Der Herr nimmt an, daß ein Bruder in einem solchen Zustande sein kann, daß er so weit von einem Kleinen entfernt ist, daß er gegen seinen Bruder sündigen kann, und zwar siebenmal an einem Tage. Es könnte eingewendet werden, daß, wenn er es wirklich bereut hätte, er es an demselben Tage nicht wieder getan hätte, aber der Herr nimmt sogar diesen äußersten Fall an. In einem solchen Fall richtig vorzugehen, stellt hohe Anforderungen an uns. Ich weiß nicht, wie ich mich dem gegenüber verhalten würde, wenn ein Bruder siebenmal sündigen würde; ich kann vielleicht beim sechsten oder siebentenmal sagen: Ich bin es nun überdrüssig, ich sehe keinerlei Veränderung an dir! Hier wird eine wirkliche Sünde in Betracht gezogen, nicht daß man wegen einer Kleinigkeit beleidigt ist. Wenn wir den Dingen, die den Heiligen Kummer bereiten, auf den Grund gehen, so ist meist nichts als die Torheit der Selbstbehauptung vorhanden. Hier wird angenommen, daß eine wirkliche Sünde begangen wurde, und doch soll ihr in dieser wunderbaren, dienstbereiten und gnadenreichen Gesinnung entgegengetreten werden. Wenn ein Bruder sündigt, kann man mit ihm nicht so weitergehen, als ob nichts geschehen wäre; bis er es bereut, ist man zu einer gewissen Zurückhaltung gezwungen. Man verweist es ihm, aber es geschieht zu seinem Wohl, und nicht um das, was uns zusteht, zu behaupten. Wir wahren nicht von ihm Abstand und wünschen, daß er in unermeßliche Tiefen von Selbstverurteilung versinkt; wenn er bereut, ergeben wir, es ist eine freie Handlung der Gnade, eine ehrliche, herzliche Vergebung. Zum Verweisen braucht man ebenso viel Gnade wie zu allem anderen. Wenn ich einen Bruder in bezug auf etwas Verkehrtes zur Rede stellen muß, bringt das eine tiefe Seelenübung mit sich, denn bevor man einen Verweis machen kann, braucht man ein außerordentliches Maß von Gnade; die Seele muß von Gnade durchdrungen sein, weil sonst das Fleisch so leicht zum Vorschein kommt.
Es ist auffallend, daß es die Apostel sind, die sagen: „Vermehr uns den Glauben.“ Sie empfanden, was für eine scharfe Probe sein würde; sie fühlten, daß dies die Kräfte der Natur mit ihrer ganzen Selbstbehauptung übertraf. Sie waren dem nicht gewachsen. Vielleicht fühlen wir auch dasselbe. Es erfordert eine große Menge Gnade, um verweisen zu können, das Fleisch gerät so leicht in Tätigkeit. Ich habe manchmal einen Verweis bekommen, und ich habe den Unterschied zwischen einem Verweise im Fleische und im Geiste empfunden. Sehr wenige Christen könnten einer Ermahnung in der Gnade Christi widerstehen; sie wären sehr hart, wenn sie es könnten. Wenn ich von Natur an anderen Unrecht sehe, so ist das eine Art Selbsterhöhung. Ein Verweis im Fleische neigt dahin, das Fleisch in uns aufzuregen, aber ein Verweis im Geiste dämpft uns.
Wenn der Herr Sich auf den Maulbeer-Feigenbaum bezieht, so deutete Er auf die tief eingewurzelte Selbstbehauptung des menschlichen Herzens hin. Der Herr warnt uns hier vor drei Dingen, die der normalen Wirkung der Erweisung der Gnade hinderlich sein können. Um die Gnade in die Praxis umzusetzen, müssen wir sehr klein sein; unsere Schwierigkeit besteht darin, daß wir zu groß sind; wir sind nicht klein genug, um die Grundsätze der Gnade auszuführen. Der Herr richtet hier das Augenmerk auf die Gnade: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn.“ Die Jünger wollten eine Vermehrung des Glaubens haben, aber der allerkleinste Teil des Glaubens wird einen neuen Grundsatz in die Seele einführen; es ist so klein, daß man ihn mit dem Kleinsten der Samen vergleichen kann, doch mächtig genug, um das völlige Entwurzeln des natürlichen Grundsatzes der Selbstbehauptung des menschlichen Herzens zu veranlassen. Hier schildert der Herr den Glauben als klein; manchmal stellt Er ihn als groß dar, aber hier macht Er ihn so klein wie nur möglich. Der Glaube führt Gott ein, und wenn das den kleinsten Platz in der Seele bekommt, wird es zur Kraft, um von uns selbst frei zu werden; das „Ich“ wird hier nicht als gesetzlos oder wollüstig betrachtet, sondern als groß und wichtig. Bei Gott gibt es Macht, die ganze natürliche Selbstbehauptung des Menschen zu entwurzeln und sie wirksam zu beseitigen. Das ist die wunderbare Wirkung davon, wenn dieser göttliche Grundsatz des Glaubens selbst im geringsten Grade in der Seele einen Platz hat; im Lichte Gottes kann man nicht selbst wichtig sein. Der Glaube führt Gott, der in Gnade erkannt worden ist, ein; im Lukasevangelium wird Gott in Gnade geoffenbart. Die Erkenntnis dessen, was Gott eingeführt hat, mag sehr gering sein, und der Herr nimmt an, daß der Glaube anfangs sehr klein sein kann, doch es ist Kraft darin vorhanden. Die Gnade sollte alles beherrschen; jede Tat, jedes Wort und jeder Gedanke sollten durch die Offenbarung Gottes in Gnade beherrscht werden. Es ist einfach, dies zu sagen, aber es bedeutet viel. Wenn deshalb ein Bruder sündigt, so kann man das, was aus Gott ist, zu seiner Wiederherstellung einführen, und zwar nicht weil wir geschädigt oder durch sein Verhalten uns gegenüber beleidigt worden sind, sondern damit wir die Freude der Gnade erleben möchten.
Wenn die Grundsätze des Gesetzes bei uns wirken, so gibt es nichts Schädlicheres, weil Gott diese Grundsätze als unnütz verworfen hat. Manchmal finden wir, daß sehr viel geistliche Gnade einem Sünder, der ein Trinker oder dergleichen ist, erzeigt wird, aber sehr wenig einem irrenden Bruder gegenüber. Das sollte nicht so sein. Das System des Gesetzes ist von Gott als nutzlos verworfen worden, und die Grundsätze des Gesetzes sollten nicht in der Versammlung Gottes wirken. Der Glaube ist das Licht Gottes, der in Gnade erkannt ist, und alles sollte sich nach dem Lichte der Offenbarung richten. Unser Verlangen ist nicht echt, wenn es nicht durch den Glauben gestaltet wird. In einem früheren Teil dieses Evangeliums haben wir eine Unterweisung in bezug auf das Gebet. Unsere Gebete und Wünsche werden durch die Erkenntnis Gottes, die uns durch die Offenbarung erreicht hat, gestaltet, und wenn wir nicht im Einklang damit beten, ist das kein christliches Gebet, denn jedes Gebet sollte durch die Offenbarung Gottes gestaltet sein.
Der Herr setzt diesen Gegenstand fort und zeigt, daß auch Fleiß und Treue in unserem Dienst zur Selbstbehauptung führen können, und wir denken, daß wir Rücksicht verdienen. Einmal hörte ich einen Mann sagen, er habe dem Herrn fünfzig Jahre lang gedient; er beanspruchte deshalb irgendeine Stellung, etwas, was ihm zukommen müsse. Ich bin sicher, daß wir älteren Brüder uns alle nur schämen können, daß unser Wachstum so gering ist; wenn wir alles getan haben, was wir tun mußten, sollen wir sagen: „Wir sind unnütze Knechte." Der Herr sieht voraus, daß Selbstbehauptung in Verbindung mit unserem Verlangen, Ihm zu dienen, aufkommen kann; das geschah sogar bei den Aposteln. Der Herr wußte, zu wem Er redete und kannte ihre Herzen. Er sah ihre Selbstbehauptung, daß sie darüber streiten würden, wer der Größte sein sollte, und Er sah auch einige, die eine besondere Stellung haben wollten. Der Herr wußte das alles und Er sagte zu ihnen: Ihr sollt Knechte sein, die geschickt werden zu tun, was ihnen befohlen ist, und dann sollt ihr dabei noch fühlen, daß ihr unnütz seid. Es ist gar nicht recht, euch zu loben, wenn ihr eure Arbeit getan habt, und zwar gut getan habt. Wir sollen keine Rücksichtnahme erwarten, sondern einfach das tun, was uns befohlen ist. Gnade ist dazu erforderlich, daß, wenn wir viel gearbeitet haben, wir von uns selbst nichts halten. Wenn Gott nach Seinem unumschränkten Willen uns erlaubt, irgendeinen kleinen Dienst zu verrichten, dann sollen wir alle Möglichkeiten unseres Dienstes ausschöpfen und es so treu und fleißig wie nur möglich tun; es ist aber kein Grund zur Selbstbehauptung dabei. Ich bin einfach ein Knecht, und es ist keine besondere Ehre für mich, daß ich das tue, was mein Herr mir befiehlt. Das Bewußtsein davon, wem wir dienen, würde uns demütig halten. Wenn wir die Größe Gottes vor uns haben und die Person, in der Er Sich uns in Gnade geoffenbart hat, so werden wir gar nichts von uns halten; wenn solche Gefühle in uns aufkommen, sollten wir sie im Geheimen verurteilen. Keiner sollte sich selbst betrügen und meinen, diese Grundsätze seien bei ihm nicht zu finden; wenn er das dächte, wäre das Selbstbetrug. Wenn ich das aber verurteile, kann ich mit meinem Gott und meinem Meister und Herrn vorangehen; also kann ich meinem Herrn sagen, daß ich ebenso darüber denke wie Er. Ohne Zweifel wird der Herr sogar das Geben eines Bechers kalten Wassers empfehlen, loben und belohnen; dieses bezieht sich aber auf unsere eigene Gesinnung. Was halte ich von mir selbst? Große Werke und Verdienste rechnet uns der Herr nicht an. Kleine Dinge im Verborgnen, spricht Er, habt ihr Mir getan.
Der Knecht kehrt von draußen nach seiner Arbeit als Hirte und vom Pflügen zurück, um seinen Herrn zu bedienen und nicht, um von seinem Herrn geehrt zu werden. Er kehrt zurück in der wahren Gesinnung eines Dieners: ,Wer über seinen Herrn wacht (eigentl.: auf seinen Herrn achthat), wird geehrt werden.“ Es ist ähnlich wie in Apg. 13; sie waren dort nicht mehr auf dem Felde beschäftigt, dort waren sie gewesen, und sie kamen in der Gegenwart des Herrn zusammen, und in der Gesinnung des Dienstes fasteten und dienten sie Ihm. Ein wahrer Diener, der seinen Herrn liebt, würde es schätzen und als einen Feiertag empfinden, wenn er Ihn bedienen darf. Der Herr hat einige Male gesagt: „Kommet ihr selbst her... besonders und ruhet ein wenig aus", aber dann haben wir mehr Beschäftigung als zuvor.
Hier sind zehn aussätzige Männer, die von ferne stehen. Was die Verantwortlichkeit angeht, so hat der Mensch gänzlich gefehlt – er steht deshalb moralisch in Verbindung mit den zehn Aussätzigen –, wenn sie aber von Gott gereinigt worden sind, ist es möglich, daß sie Gott einen Platz geben. Gott erwarb einen großen Platz bei dem samaritischen Aussätzigen; die Menschen empfinden es leichter, daß sie von Gott infolge ihres Aussatzes ausgeschlossen sind, und sie wünschen, befreit zu werden, als daß sie Gott wegen der Herrlichkeit, die Ihm infolge der Reinigung gebührt, wertschätzen. Der Zweck der Reinigung ist, daß Gott bei uns einen großen Platz erwerben möchte. Wir hören vielleicht, daß es an einem Ort viele Bekehrungen gibt, und wir zweifeln nicht daran; aber welchen Platz hat Gott in den Herzen dieser Menschen bekommen? Was ist für Gott darin vorhanden? Viele gehen einfach mit den Segnungen voran, wie die neun Aussätzigen, welche alles bekamen, was sie wollten; sie wurden aber nicht durch Gottes unmittelbares Tun an ihnen durch Jesum tief berührt. Hier sehen wir den Herrn nicht mit den Aposteln oder Jüngern, sondern mit zehn aussätzigen Männern. Es zeigt, was der Mensch ist, der ein System des Hinzunahens zu Gott hat, das aber nicht vollkommen macht. Sie standen von ferne und flehten um göttliche Barmherzigkeit. Gott möchte aber in der Herrlichkeit, in der Er uns reinigt, erkannt werden, damit Er dem Herzen mehr bedeutet als das System, welches Er eingeführt hatte und immer noch anerkannte. Der zehnte Aussätzige wurde sehr durch das unmittelbare Verfahren Gottes mit ihm durch Jesum beeindruckt, und das verdrängte alles andere; Gott erlangte bei ihm einen Platz. Hier sehen wir die Vollkommenheit der direkten göttlichen Reinigung, womit der Priester nichts zu tun hatte. Wenn er damit nichts zu tun hatte, so war es eigentlich nicht nötig, für einen, der es schätzte, daß die Reinigung direkt von Gott durch Jesum vollbracht wurde, zu den Vertretern eines Systems zu gehen, das eigentlich durch das direkte Wirken Gottes inmitten Seines Volkes beiseitegesetzt worden war. Der Mann, der den Priester aus den Augen verlor, weil er vom Bewußtsein des direkten Verfahrens Gottes mit ihm erfüllt war, war Gottes „Zehntel". Es gibt heutzutage ein System, das die neun hält; sie werden aber nicht durch das System geheilt, noch werden sie vom System als rein anerkannt. Es kann keinen als rein erklären. Man mag von der Absolution (der kirchlichen Vergebung) reden, aber wenn man sorgfältig nachforscht, so ist nichts dahinter, denn alles ist unbestimmt. Der Herr empfand es tief, wenn Er fragte: „Wo sind die neun?" Der zehnte Aussätzige bekam hier eine Bestätigung; er kehrte zurück und gab Gott die Ehre. Die größte Besorgnis des Herrn in bezug auf uns ist, daß Gott bei uns Seinen Platz haben möchte. Die Frage lautet: Was für Gedanken habe ich über Gott? Wird Er in meinen Zuneigungen verherrlicht? Dann bekommt Gott Sein „Zehntel".
Kapitel 18
Es waren „Tage des Sohnes des Menschen", als das Reich Gottes in Ihm auf dem Wege der Gnade dargestellt wurde, und es werden „Tage des Sohnes des Menschen" sein, wenn alles Böse bei Seinem Kommen hinweggetan werden wird. Zwischen diesen beiden Abschnitten kommt die Zeit des Leidens und der Verwerfung (Kap. 17, 25), woran auch die Auserwählten Gottes teilhaben. Das gibt der gegenwärtigen Zeit das Gepräge. Alles wird moralisch im Lichte der Tage des Sohnes des Menschen beurteilt. Dieser Ausdruck deutet auf die Glückseligkeit hin, welche jedem dieser Tage eigen war im Gegensatz zu den darauffolgenden Tagen, wo die Bosheit des Menschen heranreifen würde. Der Glaube würde alles das in Gegensatz zu dem stellen, was die Tage des Sohnes des Menschen kennzeichnete. Es ist gut, die Tage des Dienstes Christi hienieden im Gegensatz zu den 1260 Tagen in Offb. 11 zu betrachten. Während der Tage Christi hienieden brachte jeder Tag irgendeinen neuen Wesenszug der Gnade des Herzens Gottes ans Licht. Jetzt haben wir einen neuen Maßstab, der viel höher als derjenige des Gesetzes und der Propheten ist, nach dem wir alles beurteilen können.
Während der Zeit der Verwerfung und des Leidens ist das Gebet eine große Hilfsquelle: „Er sagte ihnen daß sie allezeit beten und nicht ermatten sollten." Dabei (Vers 7) geht es um das Erleiden von Unrecht, ohne daß Abhilfe da ist. Während Gott langmütig wartet, erhebt sich Tag und Nacht das Schreien Seiner Auserwählten. Es ist eine Zeit der Langmut Gottes, und Er will Seine Heiligen auch zur Langmut erziehen. Es ist alles vor Gott vorhanden, um alles zurechtzubringen; aber für den Augenblick ist Gebet und nicht Vergeltung unser Teil. Wenn ein ungerechter Richter, der Gott nicht fürchtet und von moralischen Dingen nichts hält, dennoch Recht schafft, um nicht andauernd belästigt zu werden, wieviel mehr wird Gott es tun, der solch einen innigen Anteil an Seinen Auserwählten nimmt und auf ihr Schreien hört!
Wir sehen in den Versen 10–13, daß der Mensch, der sich selbst erniedrigt und sich auf die Erbarmungen Gottes wirft, gerechtfertigt wird. Wenn wir gesinnt sind, uns selbst zu erhöhen, so bedeutet das nur, daß wir erniedrigt werden müssen. Wenn wir etwas in dieser Gesinnung tun, werden wir erniedrigt werden. Nichts demütigt eigentlich den Menschen mehr als das Bewußtsein der Sünde. Es geht nicht um ein Vorgeben, demütig zu sein, sondern um wahre Demütigung. Der Weg der göttlichen Erhöhung ist das Herniederbringen und Hinwegtun des Menschen. Wir müssen lernen, gar nichts von uns zu halten, denn dann wird Gott etwas von uns halten; zuerst rechtfertigt Er uns und dann erhöht Er uns, wenn wir die Erbarmungen Gottes in Christo wertschätzen. Er ist der große Ausdruck des göttlichen Erbarmens. Der Zöllner sagt: „O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!" Der einzige andere Vers, in welchem dieses Wort vorkommt, ist Hebr. 2, 17: „Auf daß er ... ein barmherziger und treuer Hoherpriester werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen." Es steht ein ähnliches Wort in 1. Joh. 2, 2 und 4, 10, und eine andere Form davon ist „Gnadenstuhl“ in Röm. 3 und Hebr. 9. Es enthält den Gedanken der Sühnung. Soweit wie es zu jener Zeit möglich war, hatte der Mann in Vers 13 unseres Kapitels den Gedanken des Todes Christi als den Ausdruck des göttlichen Erbarmens erfaßt, der deswegen jede Sünde der göttlichen Herrlichkeit entsprechend hinwegtat. Es ist nicht das gewöhnliche Wort für Erbarmen, das auf zärtliche Gefühle des Mitleids und der Güte hindeutet, sondern hier ist es eine deutliche Anspielung auf Sühnung für die Sünde. Dieser Mann kam auf Grund des Todes Christi in den Tempel, und er ging gerechtfertigt und erhöht in sein Haus hinab. Das sollte in unseren Seelen aufrechtgehalten werden, so daß wir, was uns betrifft, bei Gott niemals auf einer anderen Grundlage stehen. Es ist die wahre Grundlage des Friedens, und das gibt uns die Stellung von Kindlein, die Jesus berühren und denen Er das Reich Gottes geben kann. Das Reich wird hier als etwas betrachtet, das zuerst empfangen und dann betreten werden soll. Ich nehme an, daß der gerechtfertigte und erhöhte Mensch in Röm. 5,1–11 zu sehen ist; aber das Reich Gottes zu empfangen, bedeutet in den Reichtum einzugehen, der in einem anderen Menschen vorhanden ist (Röm. 5, 12–21). Die Kindlein werden als solche betrachtet, die nichts aus sich selbst haben, sondern alles durch die Berührung Jesu empfangen. Sie wurden zu Ihm gebracht, auf daß sie die ganze Güte, die in einem anderen war, empfangen sollten – die Gnade Gottes und die freie Gabe in Gnade. Diejenigen, die die Überschwenglichkeit der Gnade und die freie Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben. Ihnen gehört ein Leben, das alles übertrifft; sie sind tot der Sünde und dem Gesetze gegenüber und dem Fleische überlegen; sie leben in Christo Jesu und sind mit Ihm im Sinne der Ehe verbunden, weil der Geist in ihnen wohnt; aus sich haben sie nichts, doch sie haben alles durch die Berührung Jesu. Die Lehre darüber ist im Römerbrief, die lebendige Erläuterung aber in dem Evangelium. Das Evangelium wird gepredigt in der Apostelgeschichte, gelehrt im Römerbrief und erläutert in den Evangelien. In dieser Weise kommen wir zu dem Herrschen der Gnade in der Seele des Gläubigen; sie herrscht durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben. Das bedeutet, in das Reich einzugehen, um das wahre Leben des Reiches zu genießen.
Der Oberste in Vers 18 war diesen Weg gar nicht gegangen. Er kam wie ein guter Mensch zu einem anderen; er hatte nicht gelernt wie der Zöllner, sich im Bewußtsein seiner Sünde zu demütigen, und er dachte gar nicht daran, etwas wie ein Kindlein zu empfangen, und deswegen war er gar nicht auf die Probe, die der Herr ihm stellte, vorbereitet. Der Herr erlaubte nicht, daß man sich Ihm in dieser Weise näherte. Er war hienieden, um der gepriesene Zeuge von der Güte zu sein, die in Gott für den Menschen vorhanden war. Er wollte nicht einmal die Stellung einnehmen, daß Er gut sei, sondern Er wollte alles Gute von Gott empfangen (Ps. 16). Wenn Er Güte empfing, konnte Er sie austeilen. Der Oberste wurde augenscheinlich durch Seine freigebige Güte angezogen, und er kam als ein guter Mensch, um etwas von einem anderen guten Menschen zu lernen. Etwas zu empfangen, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen; ihm fehlte das Bewußtsein, daß er etwas empfangen mußte. Der Herr mußte den wahren Zustand seines Herzens vor ihm bloßstellen; er war nicht gut, obwohl er glaubte, gut zu sein. Er hatte nichts, was als genügender Beweggrund zum Aufgeben seiner Güter gelten konnte. Der Beweggrund zum Aufgeben ist das Reich Gottes, aber er kannte es gar nicht. Er liebte sich selbst und seine Reichtümer; er war zum Aufgeben derselben nicht bereit. Keiner von uns wird den Grundsatz des Aufgebens verwirklichen, bis wir im Reiche Gottes dazu einen angemessenen Beweggrund haben. Der Herr spricht vom Verlassen von Häusern, Eltern, Brüdern, von Weib und Kindern um des Reiches Gottes willen. Man muß den Wert des Reiches Gottes verstehen, um dazu bereit zu sein, hienieden alles aufzugeben, und dieser Mann hatte niemals den Wert des Reiches Gottes erkannt, er verstand ihn nicht. Wir müssen verstehen, worin der Gewinn des Reiches besteht; es ist etwas sehr Vorteilhaftes, es ist etwas, was empfangen werden muß. Kleine Kindlein empfangen es. Wenn es bei uns noch Selbstbehauptung gibt, können wir es nicht empfangen.
Der Herr prüfte nicht diesen Mann durch die Gebote; Er vermied absichtlich alles im Gesetz, was ihn bloßstellen konnte. Die Gebote, die er gehalten hatte, hatten ihn eigentlich nicht in bezug auf das Aufgeben geprüft. „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsches Zeugnis geben; ehre deinen Vater und deine Mutter. Er aber sprach: Dies alles habe ich beobachtet von meiner Jugend an." Man kann alles das beobachten, ohne wirklich etwas aufzugeben. Das ist der dritte große Grundsatz des Reiches. Wenn du etwas, was aus Gott ist, anstrebst, bist du dann auch bereit, etwas für Gott aufzugeben? Ist Gott dir etwas wert? Hast du solch einen Reichtum in der Erkenntnis Gottes, daß du bereit bist, etwas aufzugeben? Dieser Jüngling war dazu nicht bereit; er hatte alle Dinge beobachtet, die kein Aufgeben erforderten. Viele Menschen könnten sagen, daß sie diese Dinge von ihrer Jugend an beobachtet haben. In diesem Evangelium bringt der Herr fortwährend ans Licht, daß Dinge, die an und für sich recht sind, dem Segen der Seele hinderlich sein können. Es handelt sich dabei nicht um ausgeprägte Sünden, sondern darum, daß Dinge, die an sich gut und recht sind, hinderlich sind. Wenn man einen Schatz in den Himmeln haben will, muß hienieden etwas in irgendeiner Form aufgegeben werden. Alle Reichtümer, die ein Mensch haben mag, die nicht zum Reiche Gottes gehören, werden ihn daran hindern, darin einzugehen; natürlicherweise wirken sie so. Der Herr hat nicht schlechte Dinge im Sinn, sondern Dinge, an denen man sich sogar dem Gesetz nach bereichern durfte, die aber nicht das Reich Gottes sind. Solche Dinge geben uns die Gelegenheit zum Aufgeben. Möchten wir nachsehen, ob bei uns nicht etwas ist, das wir aufgeben müssen; es handelt sich dabei um erlaubte Dinge, die aber nicht das Reich Gottes sind. Dann werden wir, wie der Herr sagt, „ Vielfältiges empfangen... in dieser Zeit und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben." Das ewige Leben ist das dem Reiche entsprechende Leben; wenn das Reich öffentlich aufgerichtet werden wird, werden alle, die darin sind, ewiges Leben haben – „in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben" (Vers 30). Ewiges Leben ist eine Gabe, aber es ist auch ein Ziel und ein Kampfpreis. Der Weg dahin führt über den Pfad des Aufgebens; das vollzieht sich nicht durch menschliche Anstrengungen, sondern durch das mächtige Wirken Gottes in der Seele. Es ist bei Menschen unmöglich, bei Gott aber möglich. Wenn ein Mensch sich Gott zukehrt und den Segen Gottes wünscht, findet er, daß es etwas gibt, was er aufgeben muß. Die Probe besteht darin, ob wir bereit sind das, was erlaubt ist, aufzugeben; es kann etwas sein, was wir ohne Gewissensbisse behalten dürften. Wir werden dadurch geprüft, welchen Wert das Reich Gottes in unseren Augen besitzt. Hat es den Wert, daß man um seinetwillen etwas aufgeben sollte? Die Jünger sahen in Jesu etwas, was sie zum willigen Verzicht antrieb; sie verließen ihre Schiffe und Netze, und einige von ihnen verließen ihren Vater; sie gaben alles auf, weil sie etwas empfangen hatten. Sie verzichteten nicht, u m etwas zu bekommen, sondern weil sie den Wert, den Jesus für sie hatte, wahrnahmen. Dieser Oberste war keinem Druck ausgesetzt; seine Schwierigkeit bestand darin, daß er zu viel hatte und es liebte, und der Herr mußte ihm einprägen, daß er nicht gut war. Er dachte, er hätte alle Gebote beobachtet, und er fühlte sich von der Verwaltung der Güte in der Hand Jesu angezogen; er mußte aber eine demütigende Belehrung hinnehmen, und zwar, daß er gar nicht gut war, und das kam darin zum Vorschein, daß seine Güter ihm mehr bedeuteten als die Entfaltung der Güte. Wenn wir uns darauf einstellen, auf den Wegen Gottes zu wandeln, so erfahren wir, daß es etwas gibt, was wir aufgeben müssen. Ein Neubekehrter findet das schon am ersten Tage seines neuen Lebens heraus, und wenn er diesen Grundsatz nicht befolgt, kann er nicht mit Gott vorangehen. Um Christi willen erlitt Paulus den Verlust aller Dinge; er gab alles völlig auf, er verlor seinen guten Ruf, seine Mittel und seine Freunde. Alles war dahin, aber er erlitt alles „um Christi willen" - das war der Beweggrund.
Nach der Darstellung im Lukasevangelium ist das Reich Gottes dieses ganze System der Gnade, die in dem Herrn Jesu verkörpert war. Es ist das Herrschen der Gnade, das in Jesu dargestellt wurde, so daß diejenigen, die es empfangen, die Gabe der Gerechtigkeit, die Fülle der Gnade und ewiges Leben empfangen; es ist aber alles in einer Person zusammengefaßt – so wird das Reich Gottes im Lukasevangelium dargestellt. Zuerst muß es gesehen und empfangen werden, dann können wir hineingehen. Der Herr sagte zu Nikodemus, wenn jemand nicht von neuem geboren ist, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Um es zu sehen, ist die neue Geburt erforderlich; wenn es aber gesehen wird, muß eine Bewegung erfolgen, um hineinzugehen. Ich mag einen schönen Garten sehen, es ist aber etwas anderes, hineinzugehen. Das Reich Gottes wird zuerst gesehen, dann muß man hineingehen; wir gehen hinein, indem wir Jesu praktisch nachfolgen. Es waren nur diejenigen, welche Gegenstände des Werkes Gottes waren, die sehen konnten, was in Jesu vorhanden war. Heute ist es ebenso; Millionen Menschen wissen etwas über Jesum, sie sehen in Ihm aber nichts, was es wert wäre, etwas aufzugeben. Die Jünger sagen (V. 26): „Wer kann dann errettet werden?" Sie dachten natürlicherweise, daß, je mehr Reichtümer
ein Mensch besäße, er desto mehr die Gunst Gottes genösse; aber der Herr bringt hier das Gegenteil davon ans Licht. Er zeigt, daß Reichtümer einen Menschen daran hindern können, die Gunst Gottes zu erlangen, so daß sie, anstatt ein Beweis des Segens Gottes zu sein, auch seine Entfernung von Gott beweisen können. Der ganze Zustand des Menschen war verkehrt; er war verloren, und er brauchte göttliche Errettung. Er hatte Christum nötig, und je mehr er von dem hatte, was nicht Christus war, desto unwahrscheinlicher war es, daß er Christum empfangen würde.
„Vielfältiges" in dieser Zeit ist nicht das, was der natürliche Mensch schätzt. Gott hat die Dinge in Seine Hand genommen; das ist das Reich, in einer sehr einfachen Weise ausgedrückt. In Jesu hat Er alles dargereicht, was der Not des Menschen, der ein gefallenes und sündiges Geschöpf ist, gerecht werden kann; Er hat es von Sich aus getan. Alle Rechte Gottes wurden durch Jesum aufrecht erhalten; Er hat die Erbarmungen Gottes eingeführt; Seine Güte, Seine Barmherzigkeit und Seine Errettung sind in Jesu vorhanden; und wenn sie aufgenommen werden, wird der Mensch umgewandelt. Alle seine Gedanken über sich selbst sind dann verändert, er denkt dann anders über die Welt, die Reichtümer und alles andere. Der Mensch beginnt in der Glückseligkeit zu leben, die Gott in Jesu kundgemacht hat. Im Herrn gibt es Quellen, und wir können sie niemals endgültig erschöpfen. Ich habe Einen, der mich nicht nur von meinen Sünden erretten und von der Furcht vor dem Gericht befreien kann, sondern Er ist auch eine lebendige Hilfsquelle, so daß ich zu Ihm gehen, Ihm alles anvertrauen und auf Ihn rechnen kann; das ist das Reich. Der Segen einer Seele, der Eingang in das Reich und die Errettung sind bei den Menschen unmöglich, es sind aber göttliche Möglichkeiten. Wir haben es mit einem System von Dingen zu tun, die bei den Menschen unmöglich sind. Wenn wir zu Gott und zu Christo kommen, so stehen die Dinge allen zur Verfügung; es handelt sich nicht um den guten oder schlechten Menschen, den reichen oder den armen Menschen, sondern darum, was Gott und Christus für alle Menschen sind. Es handelt sich auch um den Tod Christi, von dem Er hier zu den Jüngern zu sprechen beginnt (Vers 31). Die Jünger verstanden es nicht, und ich glaube, daß es wenig Dinge gibt, über die wir so wenig wissen, wie über die Bedeutung des Todes Christi. Der Herr hatte schon vorher (Kap. 9, 22) zu ihnen gesagt, daß Er getötet werden und in die Hände der Menschen überliefert werden sollte, und es wird uns gesagt: „Sie verstanden nichts von diesen Dingen, und dieses Wort war vor ihnen verborgen, und sie begriffen das Gesagte nicht." Sie hatten geurteilt, daß Er der Christus Gottes war (Kap. 9), aber sie hatten niemals die Notwendigkeit Seines Todes eingesehen. Ich glaube nicht, daß dies ohne den Geist verstanden werden kann.
Der Tod Christi ist so wunderbar und außerordentlich tief, daß die Jünger das scheinbar gar nicht erfaßt hatten; es war aber nicht aus Mangel an Bemühungen von Seiten Gottes, diese Dinge begreiflich zu machen, denn die Schriften sind davon erfüllt. Der Sohn des Menschen konnte Seine Stellung der weltweiten Überlegenheit nur auf Grund des Erleidens des Todes einnehmen. Durch die Gnade Gottes sollte Er der große Leidtragende sein. Dieser Vorfall zeigt, wieviel wahre Wertschätzung Christi vorhanden sein kann, und sogar die Bereitwilligkeit, um Seinetwillen auf gewisse Dinge zu verzichten, ohne die Notwendigkeit Seines Todes zu verstehen. Durch die Gnade Gottes hatte Er es vor, alles auf die Grundlage Seines Todes zu stellen. Die Leiden und der Tod des Sohnes des Menschen brachten die Gnade Gottes in solch einer wunderbaren und so tiefen Weise zum Ausdruck, und es war von so weittragender Bedeutung, daß dies im voraus nicht verstanden werden konnte. Wie Petrus sagt, verstanden die Propheten nicht die Dinge, die sie schrieben.
Das Unvermögen der Jünger, diese Dinge wahrzunehmen, wird in dem Blinden anschaulich gezeigt. Er hatte den Glauben an den Sohn Davids, den sie auch hatten; aber sie bedurften des geistlichen Sehvermögens, um Jesum auf dem weiteren Gebiet der Herrlichkeit des Sohnes des Menschen zu sehen; sie mußten ebenfalls einsehen, daß Er alles, was dem Menschen nach dem Vorsatze und den Ratschlüssen Gottes gehörte, auf Grund Seines Todes aufrichten würde. Die Augen des Blinden im Johannesevangelium wurden geöffnet, um den Sohn Gottes zu sehen, ich glaube aber, daß der Blinde im Lukasevangelium sehend gemacht wurde, um den Sohn des Menschen zu sehen und Ihm nachzufolgen. Für die Volksmenge war Er „Jesus, der Nazaräer", für den Blinden aber war Er der Sohn Davids, und als er sehend wurde, empfing er dem Bilde nach die Fähigkeit, Ihn als den Sohn des Menschen zu sehen und Ihm nachzufolgen. Der Herr nennt Sich hier den Sohn des Menschen (Vers 31). Er suchte ihre Herzen wie auch die unseren mit allem zu beschäftigen, was mit Ihm als solchem verbunden ist. Er war im Begriff, das dem Sohne des Menschen bestimmte Erbe anzutreten, und zwar auf Grund Seines Todes, durch den Er von allem loskaufte, was infolge der Sünde des Menschen darauf lastete.
In den Gedanken des Juden war der Sohn des Menschen mit der weltweiten Herrschaft nach Psalm 8 verbunden; Er war nicht nur der Sohn Davids, sondern auch der Sohn des Menschen. Der Herr sprach sehr oft von Sich in den Evangelien als dem Sohne des Menschen; dieser Titel bezieht sich auf Ihn als Denjenigen, der weltweite Herrscherrechte besitzt; das Wunderbare dabei ist aber, daß Er diese Herrschaft auf Grund Seiner eigenen Leiden und Seines Todes antreten sollte. Er sollte das Erbe von allem, was ihm durch die Sünde des Menschen anhaftete, befreien. Das ist oft anschaulich erläutert worden durch ein stark verpfändetes Gut, und der Erbe will es von allen Schulden und Belastungen befreien, ehe er das Erbe als Alleinbesitzer antritt. Sünde war da und Leid, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Eitelkeit, die Knechtschaft des Verderbens, Tod – es war eine Last auf dem Erbe, von welcher niemand wußte und welche von niemandem verstanden wurde als nur von dem Erben und von Demjenigen, der von Ewigkeit her beabsichtigte, daß alles Sein werden sollte. Die Jünger verstanden nicht, wie belastet das Erbe war. Sie glaubten, daß Jesus der Christus und von Gott war. Sie sahen, daß Er imstande war, in göttlicher Kraft allem Bösen, das auf Erden war, entgegenzutreten, sie hatten solche Fälle jeden Tag gesehen; sie konnten aber nicht begreifen, wie stark das Erbe des Sohnes des Menschen belastet war. Alles war Sein Erbe, doch allein Sein Leiden und Sein Tod konnten es von den darauf lastenden Schulden loskaufen. Das gibt uns einen großen Gedanken von Jesu als dem Sohne des Menschen. Ein besonderes geistliches Sehvermögen ist erforderlich, um die weite Ausdehnung des Erbes des Sohnes des Menschen wahrzunehmen, und das schreckliche Wesen dessen, was auf ihm infolge der Sünde lastete, zu erkennen. Den Ratschlüssen Gottes gemäß hat es der Erbe unternommen, das Erbteil loszukaufen; Er wollte keine einzige Belastung darauf lassen, so daß, wenn Er das Erbe antritt, Gott im Weltall keine Schmach anhaften wird. Die Heiligen werden Seine Miterben sein. Die Jünger dachten, daß die Kraft, die sie in wohltätiger Güte wirksam gesehen hatten, genügte, um das Reich herbeizuführen; sie brauchten aber Sehkraft durch den Geist, um einzusehen, daß Leiden und Tod der göttliche Weg waren, um das, was Gott im Sinn hatte, zustande zu bringen. Jetzt ist alles vollbracht, und der Sohn des Menschen ist am dritten Tage auferstanden. Obwohl das Erbteil öffentlich noch nicht erlöst ist, ist aber das Werk vollbracht, durch welches es erlöst werden wird. Unterdessen sind die Miterben Mitleidende, aber sie leiden in dem vollen Ausblick auf die kommende Herrlichkeit.
Das Öffnen der Augen der Blinden war ein dem Messias vorbehaltenes Wunder. Jericho erinnerte den Herrn daran, was sich dort vor Jahren zugetragen hatte. Sogar in Jericho wurde etwas für Gott gefunden; das Werk Gottes war in der Seele der Rahab vorhanden gewesen. Überall, wo der Herr wandelte, brachte Er das Werk Gottes in den Seelen ans Licht. Jericho war nicht nur die Festung der Macht des Feindes, sondern es war auch der Platz des Werkes Gottes, und es ist augenscheinlich, daß in dem blinden Bettler und in dem reichen Oberzöllner ein Werk Gottes vorhanden war. So ist es heute, wenn der Herr Sich im Zeugnis bewegt, wird das Werk Gottes ans Licht gebracht. Der Blinde hier stellt diejenigen dar, die durch das Wort Jesu die Fähigkeit, die Bedeutung Seiner Leiden und Seines Todes zu verstehen, empfangen haben.
Als Er vorüberzog, brachte der Herr das Werk Gottes in den Seelen ans Licht. Bei diesen zwei Geschehnissen in Jericho (Kap. 18, 35-43 und Kap. 19, 1-10) finden wir eine Volksmenge. Der Herr verwehrte nicht der Volksmenge, Ihm zu folgen, aber Sein Auge ruhte auf den einzelnen, in denen ein Werk Gottes vorhanden war. Beim blinden Bettler war Glaube da, aber es fehlte ihm das Augenlicht. Die Jünger kannten Christum dem Fleische nach; für den Blinden war Er der Sohn Davids. Er wollte aber in den Tod gehen und auferstehen; Er stand im Begriff, über allem als Sohn des Menschen zu herrschen. Das erforderte Sehvermögen. Saulus sollte sehen und mit dem Heiligen Geiste erfüllt werden (Apg. 9). Wenn der Herr das Werk Gottes ans Licht brachte, ließ Er die Dinge niemals so, wie Er sie vorfand. Dem Blinden hatte man zweifellos gesagt, daß der Messias die Augen der Blinden öffnen würde: „Die Augen der Blinden werden sehen" (Jes. 29, 18). Der Fluch wurde über Jericho verhängt, und man kann sagen, er wurde dem Bilde nach durch Elisas Tat beseitigt (2. Kön. 2, 19-22). Das Wasser wurde gesund, und es sollte keine Unfruchtbarkeit mehr geben; das gleicht dem Aufheben des Fluches. Elisa stellte die Gnade Gottes dar; sein Name bedeutet „das Heil Gottes“, und wenn das Heil Gottes dorthin kommt, wo der Fluch war, so wird er beseitigt. Es ist bemerkenswert, daß die Geschichte Jerichos Fluch und Segen aufweist; die Hauptsache ist aber zu verstehen, daß das Werk Gottes dort vorhanden ist. Es war dort in Rahab, in dem Blinden und in Zachäus. In ihren Seelen wirkte etwas, was aus Gott war, und indem der Herr umherzog, kam es ans Licht, ebenso wie jetzt, wenn das Evangelium gepredigt wird, kommt das Werk Gottes in den Seelen ans Licht, und wir finden Personen, die interessiert und angezogen werden. In Jericho, der Stadt der Palmen, erreichte Gott Seinen eigenen Sieg; der blinde Bettler und der reiche Oberzöllner wurden beide zu Palmbäumen, und dieser Ort, der von der Macht des Feindes und von dem Fluch Gottes redete, wurde zum Schauplatz des göttlichen Sieges und Triumphes.
Jesus stand still (Vers 40). Es war eine Volksmenge da, aber Sein Auge war auf die gerichtet, in denen von Gott gewirkte Seelenübungen zu finden waren. Viele kommen zu den Zusammenkünften, die den Volksmengen gleichen können, mit einem gewissen Interesse für den Herrn und Seine Dinge, aber ohne bestimmte Seelenübungen; deswegen kommen und gehen sie, und sie bekommen nichts Bestimmtes. Der Herr schaut immer nach Seelenübungen im Herzen aus, und wenn jemand mit einer echten Seelenübung zur Zusammenkunft kommt, ist der Herr um diesen einen besorgt. Er bringt das Werk Gottes ans Licht, und Er läßt niemals dieses Werk, wie Er es vorfindet; Er fügt immer etwas hinzu. Wenn wir es in irgendeiner echten Seelenübung mit dem Herrn zu tun haben, können wir ganz sicher sein, daß Er uns etwas hinzufügen wird. Wir glauben nicht, wie bereitwillig der Herr ist; wir scheinen zu denken, daß wir unsere Lasten tragen und unsere Seelenübungen durcharbeiten müssen, aber Er stellt Sich uns immer zur Verfügung, wenn Ihm Raum gegeben wird, so daß Er Sich einschalten kann.
Nichts könnte größer sein, als daß wir die Fähigkeit, zu sehen – geistliche Sehkraft – besitzen möchten. Die Sehkraft liegt in dem Geiste; es geschieht durch den Geist, daß wir sehen können. Sehvermögen unterscheidet sich vom Glauben. Dieser Mann hatte Glauben, ehe er Sehvermögen bekam. Sehen ist nicht glauben – es ist viel größer. Der Prophet Elisa sagte: „Jehova, öffne doch seine Augen, daß er sehe." Es war eine ganz außerordentliche Ansammlung von Dingen tatsächlich vorhanden, aber unsichtbar. Wir müssen Sehkraft haben, um den wunderbaren Charakter der jetzt vorhandenen Dinge zu sehen. Paulus redet über diese wunderbaren Dinge: „... indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht" – er hatte die Fähigkeit, unsichtbare Dinge anzuschauen. Ich kenne keinen größeren Beweis der göttlichen Gunst, als daß wir fähig sind, die unsichtbaren Wunder Gottes in Verbindung mit dem aus den Toten auferstandenen Sohne des Menschen zu sehen. Ananias sagte zu Saulus: „Der Herr hat mich gesandt, Jesus... damit du wieder sehend und mit Heiligem Geiste erfüllt werdest." Er sollte alles in einer neuen Weise in Verbindung mit dem Heiligen Geiste sehen. Es ist eine völlig neue Fähigkeit, und in Joh. 14 wird sie unmittelbar mit dem Geiste verbunden, wo der Herr von dem neuen Sachwalter spricht und sofort darauf sagt: „Ihr aber sehet mich.“ Das Ergebnis der Gabe des Geistes ist die Fähigkeit, eine unsichtbare Person zu sehen. Die Evangelien geben anschauliche Erläuterungen von solchen Dingen, die vor dem Tode Christi und dem Herniederkommen des Geistes noch nicht in Kraft verwirklicht werden konnten; sie werden aber in den Evangelien anschaulich erläutert. Die Fähigkeit, diese Dinge zu sehen, ist ein sehr großes Vorrecht und eine von Gott verliehene Kraft. Die Schrift sagt: „Der Glaube ist aus der Verkündigung." Es ist sehr gesegnet, eine Verkündigung über Gott und Christum zu hören und ihr zu glauben; das Ergebnis des Glaubens ist aber, daß man den Heiligen Geist empfängt, und dann hat man die göttliche Fähigkeit, geistliche Dinge wahrzunehmen. Es ist nicht nur, daß wir dem glauben, was wir hören, sondern wir haben auch die Fähigkeit, es wahrzunehmen – das ist eine wichtige Unterscheidung.
In Psalm 8 ist ein neues Weltall vorhanden, welches das Herrschaftsgebiet des Sohnes des Menschen ist; Er wird das Erbteil von jeglicher Belastung und von allem, was nicht passend ist, erlösen, so daß es Gottes und des Erben würdig sein wird. Die Heiligen, die den Geist haben, sehen dies, so daß jenes Weltall größer und wirklicher für uns ist als alle gegenwärtigen Dinge in dieser Welt. Diese Welt vergeht unter dem Gerichte des Kreuzes; das Kreuz bedeutet das Ende dieser Welt, in welcher wir einst lebten, und zu welcher wir einst gehörten. Jetzt haben wir eine andere Welt vor uns. „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns aber hat Gott es geoffenbart durch seinen Geist.“ Die Augen des Paulus waren geistlich auf dieses unsichtbare Gebiet gerichtet. Wir haben noch nicht tatsächlich das Weltall der Glückseligkeit, aber wir haben die Person, welche es herbeiführen und durch den Geist erfüllen wird, und wir sind fähig, Ihn zu sehen. „Wir sehen Jesum, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." Es sind nur diejenigen, die den Geist haben, die Ihn sehen können. Nachdem Elia aufgenommen worden war, gab es fünfzig Männer, die Elisa helfen wollten, Elia zu finden. Die Söhne der Propheten waren zweifellos sehr kluge Männer, eine Art theologisches Seminar, aber sie konnten nicht sehen, sie waren blind. Sie sagten, der Geist Gottes habe Elia auf einen der Berge oder in eins der Täler geworfen – was für einen Begriff hatten sie von Gott! Er wurde entrückt und in den Himmel getragen, und sie dachten, er sei in irgendeinem Tale und baten um Erlaubnis, ihn suchen zu gehen! Heutzutage ist es ähnlich; die Leute sprechen und unterhalten sich über Christum. Für uns ist aber der Ausgangspunkt: „Wir sehen Jesum." Wenn es mehr Sehvermögen gäbe, so wäre auch mehr Kraft vorhanden. Die Schrift sagt: „Wenn kein Gesicht ist, wird ein Volk zügellos." Glaube genügt nicht; wir benötigen Kraft, um zu sehen. Wenn kein Gesicht ist, haben die Menschen nichts als den Buchstaben der Schrift; es besteht aber ein ganzes System der Dinge, eine glückselige, geistliche Welt, welche mit dem aus den Toten auferstandenen und zur Rechten Gottes verherrlichten Sohne des Menschen verbunden ist. Wenn man das sieht, hat man mit der religiösen Welt völlig abgeschlossen. Es geht nicht darum, daß die Menschen heutzutage die Bibel nicht haben – Bibeln werden jedes Jahr zu Tausenden gedruckt –; aber um Sehvermögen zu haben, muß man den Geist empfangen haben und Ihm Raum geben, damit man die Dinge mit dem Gesichte des Geistes betrachten kann. Der Geist läßt uns das, was zur Rechten Gottes ist, sehen. Ich habe den Menschen oft gesagt, daß, wenn sie Auskunft in bezug auf das Geschehen aus erster Hand haben wollen, sie ihre Augen zur Rechten Gottes emporheben müssen. Die erste Bewegung wird dort vor sich gehen. Der Christ, dessen Augen auf Christum zur Rechten Gottes gerichtet sind, wird der erste sein, der Auskunft bekommen wird über das, was Gott auf Erden tun wird. Wir sollten die prophetische Weltordnung im Lichte des Himmlischen betrachten. Es wurde dem Johannes gesagt: „Komm her“ (hier herauf); also müssen wir, um die Weissagung zu verstehen, in den Himmel hinaufsteigen und dann herniederschauen. Der Herr war auf dem Wege nach Golgatha, um zu leiden und zu sterben, und der Blinde, der seine Sehkraft empfing, folgte Ihm auf diesem Wege. Er ging mit Jesu zusammen aus dem ganzen System dieser Welt hinaus.
Kapitel 19
Wir haben gesehen, daß der Herr in Kap. 18 einem Menschen in Jericho die Sehkraft gibt und daß der Ihm nachfolgt; der Herr wird der große Gegenstand für diejenigen, die Sehkraft haben. Dann bekommt der Herr in Zachäus noch ein Haus. Der Herr wußte, daß in Jericho ein Haus war, in dem man Ihn willkommen heißen würde. Der Herr war auf dem Wege nach Golgatha, in den Tod, und der Blinde empfing sein Sehvermögen und folgte Ihm auf dem Wege, nämlich auf diesem Wege; er verließ mit Jesu das ganze gegenwärtige System. Zachäus hatte einen Platz, wohin der Herr kam, um bewirtet zu werden, und wo Er bleiben und die Errettung bringen konnte. Das Werk Gottes war dort in Zachäus vorhanden, und er suchte Jesum zu sehen, und während er sich für sehr unwürdig hielt, erwartete er nur, einen Blick vom Herrn zu bekommen; es war aber ein Haus vorhanden, das für den Herrn gehalten wurde. Diese zwei Begebenheiten stellen zwei wichtige Seelenübungen dar, nämlich die Fähigkeit, das zu sehen, was vollständig außerhalb der gegenwärtigen Ordnung der Dinge liegt, und dann das Vorrecht, ein Haus zu haben, wo man unter den gegenwärtigen Umständen den Herrn empfangen kann. Das Zeugnis des Herrn liegt in einem großen Maße in den Häusern der Heiligen, so daß das, was in den Versammlungen vor sich geht, sehr von dem abhängt, was in den Häusern vor sich geht. Ich glaube nicht, daß wir in den Zusammenkünften etwas geistlich Wertvolles haben können, was den Wert dessen übersteigt, was in den Häusern der Heiligen zu finden ist. Bei dem neuen Speisopfer wurden die Webebrote aus ihren Wohnungen gebracht; es ist etwas Wunderbares, wenn das Tausendjährige Reich schon in den Häusern aufgerichtet worden ist.
Wir haben bemerkt, wie der Herr im Vorbeigehen das Werk Gottes in den Seelen ans Licht brachte; es war ein Werk bei dem Blinden und bei Zachäus vorhanden. Zachäus war ein Sohn Abrahams, ein wahrer Gläubiger, wie wir sagen können; er gehörte zur Familie des Glaubens, und er war als Zöllner unter Schmach, aber er hatte Gott eigentlich keine Schmach angetan. Die Schmähungen derer, die murrten, waren nicht berechtigt. Ich nehme an, daß Zachäus sich auf sein früheres Leben berief, als er stand und sprach: „Die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich von jemand etwas durch falsche Anklage genommen habe, so erstatte ich es vierfältig." Die Tatsache, daß Zachäus sich so verhalten hatte, deutete darauf hin, daß ein Werk Gottes in ihm vorhanden war; seine Grundsätze waren derart, daß er es vermied, auf Gott Schmähungen zu bringen – das ist ein großes Merkmal des Werkes Gottes. Das nahm bei Zachäus aber nicht das Bewußtsein weg, daß er das Heil Gottes benötigte. Der Herr sagte, Er sei gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu erretten, und Er sprach darüber, daß dem Hause des Zachäus Heil widerfahren sei; d. h. Er wurde dort als das Heil Gottes empfangen. Wie Kornelius in Apg. 10, so empfand Zachäus die Notwendigkeit der Errettung. Kornelius war ein musterhafter Mann, seine Gebete und seine Almosen stiegen vor Gott zum Gedächtnis auf, und er hatte nichts dagegen einzuwenden, als ihm gesagt wurde, daß Petrus ihm Worte sagen solle, durch welche er und sein Haus errettet werden sollten. Je mehr wir darum besorgt sind, in einer Gottes würdigen Weise zu handeln, desto mehr würdigen wir die Größe Seines Heils. Das bringt die völlige Errettung von der gegenwärtigen Ordnung der Dinge mit sich. Christus ist das Heil Gottes, und wenn wir Ihn empfangen, gehört uns das Heil in seiner ganzen Vollständigkeit. Der Haushalt sollte das Gebiet sein, wo das göttliche Heil gefunden werden sollte. Das Heil widerfährt einem Hause, nicht bloß einzelnen Personen; eine errettete Person in einem Hause bringt das Heil Gottes in jenes Haus. Das bezieht sich nicht nur auf das Haupt des Hauses. Im Neuen Testament entsprach Zachäus der Rahab: es gab in Jericho ein Haus, wo das Heil Gottes aufgenommen wurde. Rahab hatte einen Vater, sie war ein untergeordnetes Glied der Familie, aber sie sicherte den Segen für ihren Vater und für ihre ganze Verwandtschaft. Wenn Gott eine Person in einer Familie bekehrt, so deutet Er damit an, daß Er in diese Familie zum Segen eingezogen ist. Wir sollten das so betrachten, ob es sich nun um Eltern oder um Kinder handelt. Gott kommt in ein Haus, um zu segnen; es ist recht selten, daß Gott Sich damit begnügt, Sich nur einen zu sichern. Heil für das Haus ist in der ganzen Schrift ein großer Grundsatz. Diese Bewegungen in Jericho sind bedeutungsvoll in Verbindung mit den früheren Triumphen Gottes dort. Überall, wo der Herr Sich bewegte, brachte Er das Werk Gottes ans Licht; Er war auf dem Wege, um das Reich und das Erbe zu empfangen, und auf Seinem Wege brachte Er die Miterben ans Licht. Was aus Gott war und in Jesu in seiner ganzen Fülle und Glückseligkeit gefunden wurde, wurde in das Haus des Zachäus gebracht; etwas, was vollständig aus Gott war, wurde eingeführt, und es bedeutete die Errettung von allem, was nicht aus Gott ist. Das Heil widerfährt einem Hause, wenn die Glückseligkeit dessen, was aus Gott ist, dort einkehrt; dadurch wird aber die Seele von dem befreit, was nicht aus Gott ist. Gerechtigkeit war ein Zeichen, daß Zachäus durch das beherrscht wurde, was Gottes würdig war – sogar sein Name bedeutet „rein". Als Ergebnis des Werkes Gottes in Zachäus wurde Gott Ehre erwiesen, und durch das Verhalten des Zachäus wurde Ihm keine Schmach zugefügt. Die Leute schmähten den Herrn, und Zachäus stand für Ihn ein. Es ist etwas Großes, einen heiligen Eifer um den Herrn zu sehen, so daß wir Seinem Namen keine Schmach antun möchten und auch nicht zulassen, daß irgendeine Schmach Seinem Namen angetan wird.
Das folgende Gleichnis (Verse 11-27) zeigt, wofür wir errettet sind. Wir sind errettet, um die Güter des Herrn als gute Knechte in einer würdigen Weise zu handhaben. Das Reich Gottes ist noch nicht offenbar geworden, weil Gott vor Sich hatte, daß Sein Sohn im Himmel geehrt und verherrlicht werde, bevor Er auf Erden geehrt werden würde. Die Jünger verstanden das nicht richtig: „Sie meinten, daß das Reich Gottes alsbald erscheinen sollte." Der Herr gibt ihnen und auch uns das Licht über Seine gegenwärtige himmlische Stellung, etwas sehr Wichtiges für uns, zu verstehen. Wenn der Herr das Reich oder das Erbe empfängt, so empfängt Er es von der himmlischen Seite aus. Das ganze Lukasevangelium von Kap. 9 an dreht sich um die Aufnahme (Kap. 9, 51) des Herrn. Er war im Begriff, Sein Reich zu empfangen, jedoch nicht auf Erden, sondern im Himmel. Der „hochgeborene Mann" hatte nicht das, was ihm zustand, empfangen – öffentlich widerfuhren Ihm die Leiden des Kreuzes; der Herr empfing aber alles, was Ihm zustand, im Himmel. Wir leben gerade in dieser besonderen Zeitspanne. Der Herr ist im Himmel auf dem Thron, und Er kommt zurück, um hienieden das, was Ihm rechtmäßig zusteht, zu empfangen; in der Zwischenzeit hat Er uns aber als Verwalter in Seine Interessen eingesetzt; Er hat uns Kapital zum Handeln gegeben.
Der Herr hat etwas auf die Erde gebracht, was niemals vorher hier vorhanden war – das ist die Erkenntnis Gottes in der höchsten Gnade, und es ist unsere Beschäftigung, damit zu handeln. Der Herr hat das alles in unsere Hände gelegt, und wir sollen damit handeln; es gibt einen geistlichen Handel, der betrieben werden soll – das ist unsere eigentliche Beschäftigung. Was wir tun, um unseren Unterhalt auf Erden zu verdienen, ist gar nicht unser wirkliches Geschäft; unser wirkliches Geschäft besteht darin, das, was wir vom Herrn empfangen haben, so zu handhaben, daß es sich vergrößert, damit es bei uns nicht so aussieht, wie es vor zwei Jahren war. Lukas faßt die Dinge in einer moralischen Hinsicht zusammen, und der Zusammenhang mit der vorhergehenden Begebenheit besteht darin, daß wir errettet worden sind, um mit dem, was Christus uns gebracht und in unsere Hände gelegt hat, Handel zu treiben. In Matth. 25 – in dem Gleichnis von den Talenten – wird der Gedanke der Unumschränktheit Gottes hervorgehoben; die verschiedenen Fähigkeiten werden in Betracht gezogen, alle empfangen nicht dasselbe. Der eine empfängt mehr als der andere, weil der Herr unsere Fähigkeit, damit Handel zu treiben, kennt. Doch hier bekommen alle das Gleiche; vom Standpunkte dieses Kapitels aus habe ich genau dasselbe wie der Apostel Paulus. Es ist eine Frage der Verantwortung hienieden, und nach diesem Grundsatz haben wir alle dasselbe empfangen; Paulus, Petrus oder Johannes hatten nicht mehr als wir alle haben, das heißt - die Erkenntnis Gottes in der höchsten Gnade, die in Jesu kundgemacht worden ist. Es ist nicht möglich, mehr zu haben, und es ist nicht möglich, weniger zu haben, und nun kommt die Probe: Welchen Gebrauch machen wir davon? Sind wir gute Knechte oder nicht? Wir haben alle dasselbe Kapital zu bearbeiten.
Dieses Gleichnis gibt uns einen völlig neuen Charakter der Verantwortung; die Tatsache, daß es zehn Knechte und zehn Pfunde waren, deutet auf den Gedanken der Verantwortung hin, aber es ist eine neuartige Verantwortung, die durch das, was wir von Christo empfangen haben, bedingt wird. Die höchste Gnade Gottes, die uns in diesem köstlichen Evangelium kundgetan wird, ist für alle dieselbe. Auf Grund dessen, was uns aus Gott in Jesu gegeben worden ist, sind wir auf derselben Höhe wie die Apostel, und sie sind auf derselben Höhe wie wir. Die Art und Weise, wie wir Handel treiben, bringt ans Licht, ob wir gute Knechte sind oder nicht; wir sollten unserer neuen Verantwortung entsprechen. Wir sind hienieden in der Abwesenheit Christi zurückgelassen worden, um mit Seinen Gütern, mit Dingen, die Christo wertvoll sind und die Er dazu bestimmt hat, in unseren Händen vergrößert zu werden, zu handeln. Es ist geistlicher Handel. Bedenkt den Fleiß des Paulus beim Handeln; er setzte das Kapital, so oft er konnte, um. Wenn wir uns ganz in uns selbst absperren, wachsen wir nicht. Es gibt eine große Gefahr, die Gnade in diesem köstlichen Evangelium so aufzufassen, als ob sie nur zu unserem Trost, zu unserer Sicherheit und Freude bestimmt sei, und sie dann in unseren Herzen verschließen; das heißt, wir treiben keinen Handel damit. Es ist uns alles zum Handeln gegeben worden, wir sind aber alle sehr dazu geneigt, das, was wir bekommen können, einzuhamstern. Es ist möglich, zu den Versammlungen zu kommen und bloß daran zu denken, was man bekommen kann. Unser Pfund in ein Schweißtuch eingewickelt zu halten, stellt das richtige, aber fruchtlose Halten der Wahrheit dar; dabei wird nichts erhandelt. Die rechtgläubige Christenheit hält auch die Wahrheit richtig und der Form nach fest, sie will für die Wahrheit Gottes einstehen; aber sie ist fruchtlos. Wenn ein Bruder, der teilnehmen sollte, schweigt, so verarmt er selbst. Wenn er etwas von Christo hat, das weltweiten Wert besitzt, und er damit keinen Handel treibt, so bringt es nichts. Der Gedanke ist, daß das, was aus Gott ist, sich vermehren soll, es wird sich aber nicht ohne Handeln vermehren. Es ist eine wichtige Angelegenheit, daß das, was vom Herrn ist, sich bei uns vermehren sollte; wir müssen das Kapital umsetzen.
Wir sind uns oft des Wertes der Dinge nach der Wertschätzung Christi nicht bewußt. Jeder von uns sollte empfinden, daß er etwas, was dem Herrn Jesus Christus äußerst wertvoll ist, empfangen hat, und nun muß damit Handel getrieben werden. Diese beiden Dinge hängen zusammen, nämlich unser persönlicher Fleiß in bezug auf das Empfangene, und dann das Umsetzen desselben auf dem Wege des Handelns; der geistliche Handel muß betrieben werden, damit das Kapital sich vermehrt. Das Ergebnis des Handelns brachte den Fleiß jedes Knechtes betreffs dessen, was ihm anvertraut war, ans Licht. Es hat nichts mit Begabung zu tun; es bezieht sich auf das, was allen gemeinsam ist. Paulus schreibt an die Korinther: „Mitarbeitend aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget" (2. Kor. 6, 1), und dann erzählt er ihnen weiter in diesem wunderbaren Kapitel von seinem eigenen Handeln, er bringt das ans Licht, was ihn beim Handhaben der Verantwortung in bezug auf die Gnade gekennzeichnet hatte. Er gibt uns eine lange Liste von seiner Haltung und von den verschiedenen Charakterzügen seines Dienstes und seiner Arbeit: „In allem erweisen wir uns als Gottes Diener, in vielem Ausharren, in Drangsalen, in Nöten, in Ängsten, in Streichen, in Gefängnissen, in Aufständen, in Mühen, in Wachen, in Fasten; in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Gütigkeit, im Heiligen Geiste, in ungeheuchelter Liebe; im Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes; durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken; durch Ehre und Unehre, durch böses Gerücht und gutes Gerücht, als Verführer und Wahrhaftige; als Unbekannte und Wohlbekannte, als Sterbende, und siehe,
wir leben; als Gezüchtigte und nicht getötet; als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und alles besitzend.“ Da ist ein Mann, der Handel treibt, und alles das sollte dem Dienst zugute kommen, er handhabte die Güter Christi in solch einer Weise, daß sie nicht vergeblich sind. Die Gnade war mächtig und wirksam und befähigte ihn, im Glauben voranzugehen; es brachte alle Arten von Zucht und Leiden mit sich, aber er ging unerschrocken vorwärts, auf daß der Schatz vervielfältigt würde und möglichst vielen zugute komme. Wir sollen alle einander reich machen; keiner könnte sagen, daß er kein Kapital hat.
Der böse Knecht wußte nichts davon und sprach von der Möglichkeit, daß man für den von Christo empfangenen Reichtum, den Er auf die Erde gebracht und hier gelassen hatte, verantwortlich sein könnte, ohne sich wesentlich dafür zu interessieren. Der Herr sagt: ‚Weil du im Geringsten treu warst." Das Große hängt mit dem Vorsatz Gottes zusammen, damit, daß unsere Namen im Himmel angeschrieben sind, mit unserer Berufung, und nichts kann das beeinträchtigen. Es hat nichts mit dem Herrschen über Städte zu tun; es bezieht sich darauf, daß man im Himmel ist und einen Platz im Vaterhause hat, wo wir Christi Brüder und Miterben sind – das ist die größte Seite. Die Seite der Verantwortlichkeit ist die geringste. Alles, was wir z. B. im Dienst vollbringen mögen, ist gering im Vergleich mit dem Platze, welchen wir dem Vorsatze der ewigen Liebe gemäß innehaben. Wir betreiben fleißig unser Geschäft in bezug auf das, was uns von Christo als Anteil an der Gnade Gottes anvertraut ist. Die Bank weist darauf hin, daß, wenn wir nicht energisch genug sind, um auf unsere Rechnung Geschäfte zu machen, wir anderen dazu verhelfen könnten. Dieser Mann interessierte sich aber nicht für die Sache; er kannte nicht seinen Herrn, er verleumdete ihn. Die Verantwortlichkeit prüft die Liebe. „Wenn ihr mich liebet, so haltet meine Gebote" – das heißt alles, was den Charakter eines Gebotes trägt, und ich glaube, daß jede Verantwortung diesen Charakter hat, sie wird aber zu einer Probe für die Liebe. Dadurch wurde der Mann, der seinen Herrn nicht liebte, offenbar gemacht. Die Hauptsache war, daß er seinen Herrn nicht liebte; er brachte eine recht mangelhafte Entschuldigung vor. Wenn wir Entschuldigungen vorbringen, so geben wir immer einen Grund für unsere Verurteilung an – das ist ein göttlicher Grundsatz, der in 1. Mose 3 anfängt und bis ans Ende fortdauert. Der Mann, der sein Pfund in ein Schweißtuch wickelte, liebte nicht seinen Herrn; er sah in ihm nichts, was er liebte; er sah nur einen strengen Mann, der Ungebührendes verlangte: die Erkenntnis seines Herrn war nicht solcherart, daß sie in ihm Liebe erzeugte. Für uns geht es um die Frage: Welcherart ist unsere Erkenntnis des Herrn? Einer wie Er sollte in uns eine überschwengliche Liebe erzeugen, was ist Er mir aber? Wie betrachte ich Ihn? Das bestimmt die ganze Lage. Wenn wir einen unwürdigen Gedanken über den Herrn haben, so werden wir in allem unwürdig sein.
Wenn wir den gnadenreichen Vorsatz Gottes, der uns in Christo vor den Zeiten der Zeitalter gegeben wird, verstehen, wenn wir sehen, daß wir in Christo vor Grundlegung der Welt auserwählt sind, daß der Vater „uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst“ – so würde uns das auf der Seite der Verantwortung eine wunderbare Triebkraft verleihen. Je mehr wir in allem, was mit dem göttlichen Vorsatz zusammenhängt, befestigt werden, desto mehr werden wir für den verantwortlichen Dienst hienieden gestärkt werden; wir dürfen aber nicht diese beiden Seiten miteinander verwechseln. Als die siebzig Jünger zum Herrn zurückkehrten und sagten: „Auch die Dämonen sind uns untertan", sagte der Herr: „Darüber freuet euch nicht... freuet euch aber, daß eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind." Wenn ich den wunderbarsten Dienst tun könnte, sogar bis zum Austreiben von Dämonen, wenn ich Kranke heilen und in einer solchen Weise das Evangelium predigen könnte, daß Tausende bekehrt würden, so würde der Herr doch sagen: Freue dich nicht darüber, sondern freue dich, daß du einen Platz im Himmel hast. Das weist uns geistlich zurecht, damit wir den Unterschied zwischen dem, was am größten ist, und dem, was sich auf das geringste bezieht, erkennen möchten. Das schlägt uns viel Selbstgefälligkeit aus dem Kopf, denn wir können manchmal betreffs unserer Verantwortung sehr selbstgefällig werden. Wir müssen dessen eingedenk sein, daß die Seite der Verantwortung die geringste ist; doch ist sie wichtig, weil sie unseren Platz im Reiche bestimmt, wenn auch nicht im Vaterhause. Wir sollten den Dienst nicht aufgeben, sondern aus unserem verborgenen Platz hervorkommen und mehr Dienst tun. Was ich von Gott weiß, soll sich im verantwortlichen Leben auswirken; es soll alles beherrschen. Wenn eine Schwierigkeit vorliegt, so sollte der erste Gedanke sein, daß ich in dieser Angelegenheit durch das, was ich von Gott in Gnade weiß, beherrscht werde. Wenn das der Fall wäre, so würde in unseren Beziehungen zu den Menschen oder zu den Geschwistern niemals etwas Ungeziemendes sein. Es wird uns etwas kosten, denn wir müssen das Natürliche aufgeben. Wenn wir aber der Gnade Gottes den gebührenden Platz in unseren Herzen geben, so bringt das unseren Seelen einen großen Gewinn, so daß es sich lohnt, sich von der Gnade leiten zu lassen. Die christliche Verantwortung hat zwei Seiten. Die eine Seite hat es mit dem Empfangen der Gnade Gottes zu tun; dann ist man dafür verantwortlich, daß man die Gnade Gottes nicht vergebens empfängt, sondern daß sie sich im Handeln auswirkt. Die andere Seite ist, daß die Rechte Christi während des Zeitabschnitts Seiner Abwesenheit im Zeugnis aufrechterhalten werden sollen; das wird in der Begebenheit mit dem Füllen gesehen.
Während wir mit dem geistlichen Reichtum des Herrn – der Erkenntnis Gottes in Gnade, die Er uns anvertraut hat – Handel treiben, dürfen wir als treue Knechte niemals vergessen, daß unser Herr in ein fernes Land gezogen ist, um das Reich zu empfangen. Seine Rechte sind Ihm hienieden verweigert worden, doch ist Er an einen Ort gezogen, wo Ihm alle Seine Rechte gewährt werden, und diese Rechte müssen im Zeugnis aufrechterhalten werden; sie werden Ihm vorenthalten, was aber das Zeugnis anbetrifft, so müssen sie völlig bewahrt werden. „Das Zeugnis unseres Herrn" ist eigentlich die frohe Botschaft, und die frohe Botschaft umschließt nicht nur alles, was zur Herrlichkeit Gottes in Gnade dient, sondern auch die Anerkennung aller göttlichen Rechte. Was im Zusammenhang mit dem Füllen zutage tritt, weist darauf hin, daß der Herr das Zeugnis von Seinen Rechten sichern will. Er will es nicht auf dem Wege des Prunkes oder von etwas Eindrucksvollem tun, denn Er reitet auf einem jungen Eselsfüllen. Das prophetische Wort hatte gesagt, daß der König kommen sollte - gerecht und ein Retter -, das gleicht dem Anfang dieses Kapitels; Er ist aber demütig. Wir müssen dessen eingedenk sein, daß der Herr gegenwärtig demütig ist – nicht nur persönlich, sondern auch im Charakter Seines Zeugnisses. Wir müssen das im Auge behalten, denn je höher wir in dieser Welt emporkommen und je feinere Räume und dergl. wir haben, desto mehr entfernen wir uns von dem wahren Charakter des Zeugnisses; es ist ein demütiges Zeugnis. Ich denke, daß wir darauf achten sollten. Es ist der Charakter des Zeugnisses, daß der König demütig ist. Wenn Er auch, was Seine Stellung in der Höhe anbetrifft, über alle Himmel erhöht ist, so ist Er doch, was Seine Stellung hienieden angeht, der Demütige. Sein Zeugnis wird durch Demut gekennzeichnet. Er sprach zu Saulus von Tarsus aus der Herrlichkeit als Jesus von Nazareth. Er hat jenen demütigen Namen angenommen. Der Herr wählt demütigen Baustoff für das Zeugnis. Das Zeugnis von den Rechten Christi ist ein wichtiger Gegenstand, und es entnimmt weitgehend seinen Charakter dem Baustoff, der zum Tragen des Zeugnisses genommen wird. Der gepriesene Gott sucht einen Baustoff, der Ihn verherrlichen wird; darum beruft Er nicht die Großen, die Weisen, die Edlen, sondern die Berufung ist durch die Erwählung von unbedeutenden Personen gekennzeichnet. Die Weisen und Edlen sind nicht ganz davon ausgeschlossen, denn Paulus sagt in 1. Kor. 1: „Nicht viele Weise ... nicht viele Edle." Das ist aber nicht der Charakter des Zeugnisses, denn Gott erwählt die Armen dieser Welt. Er sucht solche, die zerbrochenen Geistes und zerbrochenen und zerschlagenen Herzens sind – das sind diejenigen, die Ihm wohlgefallen. Menschen, die durch solche Wesenszüge gekennzeichnet sind, sind für das Zeugnis brauchbar; was groß und anmaßend und stolz ist, paßt nicht für das Zeugnis.
Lukas stellt diese zwei Seiten dar, über welche wir geredet haben, nämlich die volle Entfaltung der Gnade Gottes dem Menschen gegenüber, die in herablassender Freundlichkeit herniedersteigt, um ihn groß zu machen; andererseits aber müssen auch alle Rechte Gottes in Christo aufrechterhalten werden, wie die Schrift sagt: „Er wird sitzen auf dem Throne seines Vaters David." Dieses Füllen wurde zu diesem Zwecke festgehalten, und jeder von uns ist zu dem Zwecke festgehalten worden, um das Zeugnis der Rechte Christi zu tragen. Er erhebt auf uns Seinen Anspruch, und wir sollen uns Seinen Ansprüchen fügen und zugeben, daß wir im Blick darauf in die Welt geboren wurden. Paulus sagte: „Gott, der mich von meiner Mutter Leibe an abgesondert und durch seine Gnade berufen hat“ – Gott hatte das von Anfang an vor Sich gehabt. Auf diesem Füllen hatte noch nie jemand geritten; es hatte niemals seinen rechten Platz gefunden, bis es für den Herrn genommen wurde, um von Ihm gebraucht zu werden, und keiner von uns ist an seinem rechten Platz, bis wir uns dem Herrn unterwerfen. Wir wurden für diesen Zweck von unserer Geburt an bestimmt. Eine gewisse schützende Beschränkung wird allen denen gegenüber ausgeübt, die dazu ausersehen sind, den Herrn im Zeugnis zu tragen; in den Wegen Gottes wird ihnen eine Beschränkung auferlegt, so daß sie durch etwas festgehalten werden. Die Wege Gottes mit uns beginnen nicht dann, wenn wir bekehrt werden; es kommt ein Augenblick, wo der Herr uns für Sich beansprucht. Wie wir es oft in diesem Evangelium gesehen haben, geht es nicht darum, daß der Mensch Gottes bedarf, sondern Gott bedarf des Menschen. Deshalb bedarf hier der Herr des Füllens; es wurde für einen bestimmten Zweck beansprucht. Das Füllen wurde unterwürfig gemacht – wer würde sich zutrauen, auf einem ungebändigten Füllen zu reiten? Die Tatsache, daß der Herr auf einem ungebändigten Füllen ritt, deutet an, daß die Macht, durch welche Er alle Dinge Sich unterwerfen kann, schon das unterworfen hat, was Ihn im Zeugnistragen kann.
In Bethphage und Bethanien haben wir einen Gegensatz zu Jerusalem, denn beide Namen bedeuten „Feigenhaus", was darauf hindeutet, daß, wenn Jerusalem und Israel auch beide unfruchtbare Feigenbäume waren, aber doch ein Dorf vorhanden war, ein unansehnlicher Ort, wo der Herr Früchte fand und wo Seine Rechte anerkannt wurden. Die Herren des Füllens erkannten sofort die Rechte des Herrn an, und man kann auch sagen, daß das Füllen Seine Rechte anerkannte, und zwar ohne vorheriges menschliches Bändigen; es wurde unterwürfig gemacht, damit der Herr der Herrlichkeit auf ihm reiten möchte. Bethphage und Bethanien waren kleine Orte, aber ein Zeugnis war dort vorhanden; dort waren solche Menschen, die die Rechte des Herrn anerkannten. Jerusalem entspricht mehr dem Zustande des christlichen Bekenntnisses, wo die Rechte des Herrn verworfen werden; der Herr sichert Sich aber doch etwas, Er hat Sein Bethphage und Sein Bethanien und auch Sein Füllen. Diese zwei kleinen Dörfer liegen buchstäblich am Fuße des Olberges, der eine geistliche und himmlische Gegend bezeichnet. Der Geist ist vom Himmel herniedergekommen, damit es auf Erden ein Gebiet geben möchte, das mit der himmlischen Luft und Wertschätzung Christi erfüllt ist; es ist schön, wenn man sich in einer solchen Gegend befindet. Die ganze Fettigkeit des Olbaumes ist dort – „... die Wurzel und die Fettigkeit des Olbaumes". Die Fettigkeit ist die besondere Reichhaltigkeit und der besondere Reichtum, die in dem Geiste gefunden werden; der Geist möchte unsere Gedanken und Zuneigungen in Übereinstimmung mit der Gesinnung des Himmels bringen, und dann werden wir empfinden, was es für ein Vorrecht ist, auserwählt zu sein – in Anspruch genommen zu sein, um im Zeugnis die Rechte Christi auf einem Schauplatz zu tragen, wo diese Rechte allenthalben verachtet und abgelehnt werden.
Das Füllen wie auch das Gastzimmer waren für den Herrn zurückgehalten worden. Die Jünger stellen eine Schar, eine Volksmenge dar, die mit dem Sinn des Himmels im Einklang steht; darum setzten sie den Herrn auf das Füllen, und sie warfen ihre Kleider auf das Füllen. Alles, was sie selbst auszeichnen könnte, wurde jetzt der Herrlichkeit Christi untergeordnet. Was für ein wunderbares Bild! Wenn es etwas gibt, was mir in dieser Welt einen Platz, einen guten Ruf oder Ansehen geben kann, so habe ich dieses große Vorrecht, es Seinem Ruhm im Zeugnis unterzuordnen. Das Werfen ihrer Kleider auf das Füllen bezieht sich auf das, was für den Herrn Selbst getan wurde; aber das Ausbreiten der Kleider auf dem Wege deutet mehr auf den Lauf des Zeugnisses hin. Das Zeugnis sollte einen bestimmten Lauf nehmen. Die Jünger werden gesehen, wie sie nach dem Grundsatz der Unterwürfigkeit und der Selbstverleugnung dazu beitragen; sie ordneten sich den Wegen, die das Zeugnis nahm, unter. Viele haben den Weg verfehlt, weil sie nicht imstande waren, den Weg, den das Zeugnis nahm, wahrzunehmen. Die Kleider mußten im voraus ausgebreitet werden, was besagt, daß die Jünger den Weg wußten, den der Herr nehmen würde. Die wirkliche Prüfung für uns ist, infolge unserer Erkenntnis im voraus den Weg zu wissen, auf dem das Zeugnis sich fortbewegen wird. Manchmal bewegt es sich auf einem Wege weiter, den wir nicht erwartet haben, und dann sind wir ganz außer Fassung.
In der Wüste behielten die Priester nicht die Stiftshütte im Auge, sondern die Wolke; die Wolke ging vor der Stiftshütte her. Wenn wir kein priesterliches Sehvermögen besitzen, müssen wir warten, bis die Stiftshütte sich bewegt, um zu sehen, wie die Dinge weitergehen. Ein wahrer Priester war imstande, die Bewegung der Wolke zu sehen, noch ehe die Hütte sich in Bewegung gesetzt hatte. Es gibt drei bestimmte Dinge. Erstens behielt der Priester die Wolke im Auge; er sah, wenn sie sich bewegte und wenn sie emporgehoben wurde. Zweitens stieß er in die Trompete, und der Schall der Trompete setzte das Lager in Bewegung. Drittens brachen die Leviten die Hütte ab; jeder von ihnen nahm sich seiner besonderen Last an; und dann setzte sich das ganze Lager in Bewegung. Das sind drei Stufen, nämlich die Wolke bewegt sich, dann erschallen die Trompeten – der Dienst des Wortes geht aus, und dann bewegt sich das Zeugnis weiter. Wie können wir wissen, was das Zeugnis von den Rechten Christi in den nächsten fünf Jahren umfassen wird? Ich glaube, daß, wenn wir geistlich und priesterlich genug wären, wir durch Beobachtung der Bewegungen der Wolke im voraus wahrnehmen könnten und wissen könnten, wohin sich das Zeugnis beim Wahren der Rechte Christi wenden wird. Es ist eine rein geistliche Sache. Dann werden wir nicht erstaunt sein, wenn die Zeit kommt, wo die Hütte und das Lager sich in Bewegung setzen werden, denn wir haben die Bewegung der Wolke vorweggesehen. Ich sage dieses, um in uns allen das Bewußtsein dieses Vorrechts zu wecken, damit wir bereit sein möchten, alles, was uns hienieden auszeichnen könnte, dem Zeugnis unterzuordnen, unsere Kleider auszuziehen, um sie auf dem Wege, den der Herr geht, auszubreiten. Dieser Weg erfordert Selbstverleugnung, das Ablegen von meinem eigenen Ruhme, von allem, was mich auszeichnen könnte. Ich bin bereit, das alles abzulegen, weil das der Weg ist, wohin das Zeugnis von den Rechten des Herrn sich bewegt; Er geht auf diesem bestimmten Wege.
Seine unumschränkten Rechte werden durch die Menge gewahrt; hier ist es nicht die kleine Herde, sondern die ganze Menge der Jünger fing an, Gott mit lauter Stimme freudig zu loben. Wir haben in Kap. 2 die Menge der himmlischen Heerscharen gesehen, nun wird aber der Charakter dieser Menge in einer Menge Menschen hier auf Erden gesehen. Die himmlische Menge in Kap. 2 rühmte den Frieden auf Erden: sie schaute das Endergebnis des Kommens Jesu, des Sohnes Gottes, voraus; aber die Menge in diesem Kapitel verstand den besonderen Charakter des gegenwärtigen Augenblicks; daher sagen sie nicht: „Frieden auf Erden", sondern sie reden von Frieden im Himmel. Sie haben Verständnis über die Tatsache, daß Ihm alle Seine Rechte hienieden verweigert werden. Jerusalem würde Ihm Seine Rechte nicht einräumen; dadurch hat die Stadt, die Frieden hätte haben können, alles verworfen, was zu ihrem Frieden hätte dienen können. Der Friede ist im Himmel, und diese Menge war mit der Gesinnung des Himmels im Einklang, während der Herr öffentlich verachtet und verworfen wurde. Das war ein überaus schöner Anblick, und es war durchaus notwendig für Gott. Wenn Er nicht eine Menge Jünger finden konnte, würde Er Selbst die Steine reden lassen. Es war durchaus für Gott notwendig, daß Sein königlicher Sohn in Seiner königlichen Herrlichkeit gepriesen werde. Ich habe schon manches Mal die drei Frauen erwähnt, die in Wigtown den Märtyrertod erlitten. Auf ihrem Denkmal steht geschrieben: „Sie starben, um die Rechte Christi in der Versammlung aufrecht zu erhalten.“ Ich weiß nicht, ob etwas noch Edleres über irgendeinen Heiligen gesagt werden könnte. Gott hält die Menschen, die mit Ihm vorangehen wollen, nicht in der Finsternis. Der 2. Timotheusbrief hängt mit diesen Dingen zusammen, es geht um das Aufrechterhalten der Rechte Christi. Wenn wir den Namen des Herrn nennen, sollen wir von der Ungerechtigkeit abstehen. Alles, was nicht die Rechte Christi aufrecht erhält, ist Ungerechtigkeit. Die religiöse Welt hält nicht die Rechte Christi aufrecht; viele bekennen Seinen Namen, aber nur, um ihn zu verunehren. Im Gegensatz dazu sollen wir nun „nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen streben, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ — das ist eine Schar mit reinen Zuneigungen. Der Lauf des Zeugnisses wird durch das bestimmt, was der Geist zu irgendeiner gegebenen Zeit den Versammlungen sagt. Es ist wunderbar, daran zu denken, daß alles dieses auf die Gegenwart anwendbar ist, so daß wir in Gnaden berufen sind, an solch einem Rühmen teilzuhaben. Jerusalem ließ den Herrn unbeachtet und verhöhnte Ihn, aber ein wunderbares Rühmen Seiner Herrlichkeit ist jetzt im Gange. Es wird durch ein Volk betrieben, das arm, verachtet und unbedeutend ist, ein Volk, das von Natur die Abstammung hatte, daß es als ein Wildeselsfüllen geboren wurde; doch es wurde Christo unterworfen und für Sein Zeugnis beansprucht, zurückgehalten und auf dasselbe in den Zuneigungen gerichtet. Man sehnt sich danach, mehr diesen Grundsätzen entsprechend zu wandeln.
Zum Schluß des Kapitels sehen wir den Herrn über Jerusalem weinen; das ist überaus erschütternd. Als der gepriesene König kam Er in Seine königliche Stadt, aber sie hatte keine Augen, Ihn zu sehen, und das erweckte in Seinem Herzen tiefe Gefühle, die in den Tränen ihren Ausdruck fanden. Das deutet darauf hin, welche Gefühle in der gegenwärtigen Zeit im Herzen des Herrn vorhanden sind. Solche Gefühle sind durch den ganzen Zeitabschnitt des Zeugnisses hindurch in Ihm, und das sogar denjenigen gegenüber, die sich verhärten. Am Ende eines Tages besonderer Vorrechte, eines Tages der deutlichen Heimsuchung treten die zärtlichen Gefühle des Herrn ans Licht. Sie kommen auch in Laodicäa zum Vorschein, denn Er sagt: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an“ — darin kommt eine bittende Gesinnung zum Ausdruck. Das sollte in Seinen Heiligen in der gegenwärtigen Zeit ebenfalls zum Ausdruck kommen, denn die Haltung, die der Herr den Dingen gegenüber einnimmt, ist auch für uns sicherlich das richtige. Wenn wir wissen, was den Menschen bevorsteht, und auch die schrecklichen Folgen davon, daß sie es nicht erkannt haben, sollte uns zum Weinen bringen. Die Gesinnung des verworfenen Königs ist nicht verhärtet. Scheinbar ist das Weinen immer ein richtiger Wesenszug am Ende einer Verwaltungszeit. In seinen Klageliedern schließt Jeremia die Verwaltung mit Tränen ab, indem er über das Volk weinte. Solcherart sind auch die Gefühle Christi, wenn die Dinge beiseitegesetzt werden müssen. Es besteht dann die Gefahr, hart zu werden, wenn wir daran denken, daß die Rechte Gottes beiseitegesetzt werden und Christus verworfen wird. Wir sehen die überschwengliche Bosheit der Menschen; der Herr will aber nicht, daß dieses Gefühl bei uns vorherrscht, sondern daß wir daran denken, was ihnen bevorsteht, und wie schrecklich traurig ist es, Augen zu haben, die blind sind und das nicht sehen. Der Zustand Jerusalems entspricht weitgehend dem Zustand, worin die Christenheit sich jetzt befindet; sie hat einen wunderbaren Tag, eine Zeit der Heimsuchung, sie hat aber keine Augen, die Dinge zu sehen, die zu ihrem Frieden dienen. Das Herz Gottes ist noch niemals so voll von Erbarmen gewesen wie im gegenwärtigen Augenblick, denn Er kennt die volle Glückseligkeit dessen, was Seine Gnade den Menschen gebracht hat, und Er sieht den schrecklichen Zustand der Herzen der Menschen in bezug darauf; das rührt die göttlichen Erbarmungen tief. In Seinem Verfahren Laodicäa gegenüber ist der Herr deshalb Seiner eigenen Liebe treu. „Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe" - Er ist ein verschmähter Liebender, aber immer noch ein Liebender. Wenn Paulus von den Feinden des Kreuzes Christi sprechen muß, so tut er das mit Tränen. Wir werden oft hart, wenn wir über Feinde reden. Wir mögen sehr viel wissen und die Zeiten der Verwaltungen verstehen und den Menschen sehr ernsthaft sagen, daß das Gericht im Begriff steht bald zu kommen; es erfordert aber Nähe bei Christo, um imstande zu sein, ihnen das mit Tränen zu sagen. Wenn wir unrechte Dinge sehen, sind wir empört, und das ist manchmal richtig, aber es ist leichter empört zu sein, als zu weinen. Die Gesinnung um uns her ist heutzutage prahlerisch, herausfordernd; man denkt, man bedarf nichts, der Herr läßt aber die Dinge nicht dabei stehen.
Denn weiter betritt Er den Tempel und deutet dadurch darauf hin, daß Er die Dinge im Charakter des Tempels aufrechterhalten wird, wo nämlich die Gedanken Gottes erkannt werden können. Alles, was Gott wohlannehmlich ist, angefangen mit Gebet, göttlicher Belehrung, Gewalt und allem, was Gott in bezug auf alle großen Gegenstände gebührt, sollte dann aufrechterhalten werden, wenn das äußere Bekenntnis sich als blind und gleichgültig allem gegenüber erweist, was von Gott ist. Es ist unser Vorrecht, zum Tempel Zuflucht zu nehmen. Ich glaube tatsächlich, daß das Ziel, das Lukas beim Schreiben seines Evangeliums hatte, das war, uns zu Tempelbewohnern zu machen; das wird in dem letzten Kapitel erreicht, wo die Jünger allezeit im Tempel waren, Gott lobend und preisend, und Licht über die Gedanken Gottes hatten. Der Herr wird das bis ans Ende aufrechterhalten; was aus dem äußeren Bekenntnis auch werden mag, so wird doch alles, was den Charakter des Tempels trägt, bewahrt werden. „Und als er in den Tempel eingetreten war, fing er an auszutreiben die darin verkauften und kauften" (Vers 45), das deutet darauf hin, daß Er fortfahren wird, so zu handeln; das Austreiben dessen, was Gottes unwürdig war, sollte ein fortwährender Dienst sein. Es wird nicht nur gesagt, daß Er es tat, sondern daß Er anfing, es zu tun, was auf eine Fortsetzung der Handlung hindeutet. Die, welche kauften und verkauften, wurden von selbstsüchtigen Beweggründen beseelt; sie verdarben den Tempel, indem sie seinen wahren Charakter wegnahmen. Es war eine geldsüchtige und selbstsüchtige Gesinnung, die nur zu allgemein üblich ist. Im Gegensatz dazu ist der erste Grundsatz der Belehrung des Tempels, die Gott uns geben will, die Freigebigkeit Gottes und wie leicht Dinge von Ihm empfangen werden können. Sein Haus ist ein Bethaus. Wir können nicht kaufen, aber wir können bitten; dort werden die Dinge frei geschenkt. Das Gebet ist der Zustand der Abhängigkeit, der der göttlichen Belehrung Raum geben sollte. Es ist wichtig, daß wir die einfache Tatsache erfassen, daß das Gebet das Geheimnis ist, wie Dinge erlangt werden. Wir sollten um mehr Licht bitten. Wir danken oft für das Licht, das wir haben; aber es fällt uns nicht oft ein, daß es noch viel mehr Licht gibt, das wir haben könnten; wir bedürfen der Gesinnung des Forschens in Seinem Tempel. Wenn bei uns diese Gesinnung nicht ist, und wenn wir nicht nach mehr Licht forschen, werden wir nicht viel Nutzen aus dem ziehen, was wir haben. Das Geheimnis des ganzen Verfalls und der ganzen Abtrünnigkeit um uns her ist, daß das Volk Gottes aufgehört hat, im Tempel zu forschen. Es besteht immer die Neigung zu denken, daß wir das Endgültige erreicht haben. Das dachte man auch zur Zeit der Reformation, und so ließen sie sich nieder in dem Licht, das sie hatten. Wenn Gott Licht gibt, so ist diese Neigung immer vorhanden, und dann stirbt die Gesinnung des Forschens im Tempel aus, und kein frisches Licht ist mehr vorhanden; das empfangene Licht verliert dann seine ganze Kraft. Die volle Offenbarung Gottes kam in Christo zum Vorschein, und dadurch, daß Er Seinen Platz zur Rechten Gottes einnahm und daß der Geist herniederkam, ist alles vollständig. Auf der göttlichen Seite ist alles vollständig und dem göttlichen Ermessen entsprechend; auf unserer Seite aber sind die Dinge beschränkt, und es bedarf immerfort der Zurechtweisung und des Erwerbens göttlichen Lichtes. Während alles hervor gestrahlt ist, ist aber noch nicht alles in unsere Herzen gestrahlt. In den Briefen der Apostel sehen wir in dem Verfahren Gottes mit den Heiligen, wie unvollständig die Dinge sind, wie viel hinzugefügt und eingebaut werden und wie die Entwicklung von jedem Standpunkt aus gefördert werden muß.
Kapitel 20
Dieses Kapitel setzt den Gegenstand des Lehrens im Tempel fort und verbindet ihn mit dem Predigen der frohen Botschaft. „Es geschah an einem der Tage, als er das Volk im Tempel lehrte und das Evangelium verkündigte..." Alle Belehrung im Tempel trägt den Charakter des Evangeliums, weil sie immer das Wissen über das vermehrt, was für uns in Gott vorhanden ist, so daß das Licht niemals in Gesetzlichkeit aufgenommen werden sollte. Wir werden niemals angewiesen, Ziegelsteine ohne Stroh zu machen. Alle Lehre erfordert eine Erweiterung der Erkenntnis Gottes in Seiner Gnade und in Seiner Liebe zu den Menschen. Wenn das Licht uns nur Pflichten auferlegen würde, würden wir überlastet werden; es bringt uns aber eine größere Erkenntnis Gottes, so daß genügend dargereicht wird, um dem gegebenen Licht zu entsprechen.
Wenn die Lehre wirksam sein soll, so muß sie von dem Charakter der frohen Botschaft durchdrungen sein. Die Lehre vom 2. Korintherbrief – der neue Bund und die Versöhnung - ist mit dem Evangelium verbunden, das von den Heiligen benötigt wird, auf daß sie gestärkt werden, das, was Gottes würdig ist, im Zeugnis aufrechtzuerhalten, damit der Charakter des Tempels bewahrt wird. In seinem ersten Briefe sagt Paulus zu den Korinthern, sie wären der Tempel Gottes und daß der Tempel nicht durch menschliche Gedanken verunreinigt werden dürfe; er redet von den Personen der Gottheit. Der Prediger sollte nicht nur wissen, zu wem er spricht, nämlich zu armseligen, notleidenden Sündern – sondern von we m er gekommen ist, nämlich von dem gepriesenen Gott; die frohe Botschaft bezieht sich auf Seinen Sohn, und sie darf niemals außer acht gelassen werden. Als Bruder Darby gefragt wurde, ob er es nicht für erforderlich hielt, zu den ersten Grundsätzen zurückzukehren, sagte er: Nein, ich verlasse sie niemals.
Es ist auch wichtig, daß dieser Grundsatz der Autorität, den der Herr aufrechterhalten möchte, bei uns vorhanden ist. Nichts ist nötiger als Autorität; die allgemeine Schwachheit besteht darin, daß man sich so wenig der göttlichen Autorität bewußt ist. Die Gesetzlosigkeit besteht darin, daß der Gedanke der Autorität aufgegeben wird. Der Herr will uns in Seinem Tempel einprägen, daß Autorität hienieden vorhanden ist, jedoch in Demut. Er war hienieden als der demütige König; Er war nicht anmaßend in dem Sinne, daß Er Sich alles unterjocht hätte; aber Autorität war da. Die Priester und Schriftgelehrten und Ältesten merkten das, denn sie sagten: „Wer ist es, der dir dieses Recht (diese Autorität) gegeben hat?" Sie gaben damit zu, daß sie vorhanden war. Die Autorität machte sich nicht geltend, aber sie war spürbar vorhanden. Petrus sagt: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes“ (1. Petr. 4, 11). Diejenigen, die die Autorität nicht beachten, erweisen sich als gesetzlos. Es ist eine Autorität, die dem Beurteilen der Menschen nicht unterworfen ist; sie erkannte nur moralische Zustände an, die bei diesen Leuten gänzlich fehlten. Sie hatten niemals Buße getan, sie hatten sich niemals dem erforschenden Charakter der Lehre von Johannes unterworfen, und deshalb waren sie moralisch außerhalb des Gerichtshofs. Der Herr konnte als Sachwalter nicht einen Augenblick für sie einstehen. Für die religiöse Lehre wird es immer mehr charakteristisch, daß alles nur auf Vermutungen und auf dem, was die Menschen denken, beruht; das ist aber nicht der Gedanke Gottes. Wenn wir zum Tempel kommen, haben wir den Gedanken Gottes, und dementsprechend besitzen die Dinge Autorität; sie können nicht bestritten werden, sondern man muß sich ihnen fügen. „Wenn jemand sich dünkt, ein Prophet oder geistlich zu sein, so erkenne er, was ich euch schreibe, daß es ein Gebot des Herrn ist" (1. Kor. 14, 37). Paulus wollte, daß man seine Schriften als Gebote des Herrn anerkennen sollte. Das, was mit göttlicher Autorität gesagt oder getan wird, bleibt bestehen. Die Menschen mögen scheinbar diese Dinge unbeachtet lassen oder leichtfertig mit ihnen verfahren, aber sie bestehen. Ich möchte nicht Dinge sagen oder tun, die vermutlich in der Welt des Menschen bestehen bleiben; es ist aber glückselig, Dinge zu sagen und tun zu können, die im moralischen Weltall bestehen, so daß sie niemals rückgängig gemacht werden können.
Kapitel 20
Es ist eine Autorität, die mit Sanftmut und
Gelindigkeit verbunden ist. Paulus ermahnte die Korinther
flehentlich durch die Sanftmut und Gelindigkeit des
Christus; persönlich war er bereit, den niedrigsten Platz im
Dienste einzunehmen, sogar sich zu den Füßen der Heiligen
herabzubeugen, er vergaß aber nie, daß er Autorität besaß.
In der Stadt in Offb. 21 gibt es keinen Tempel, weil
die ganze Stadt das Gepräge des Tempels trägt. Es handelt
sich nicht mehr um ein besonderes Heiligtum in der Stadt,
sondern die ganze Stadt wird vom Lichte Gottes und des
Lammes durchdrungen sein. Der Überwinder in Philadelphia
wird zu einer Säule im Tempel gemacht, und er wird niemals
aus dem Gebiete der Gedanken Gottes hinausgehen. In Eph. 2
wird gesagt, daß wir zu einem heiligen Tempel im Herrn
heranwachsen - Gott bereitet das in der gegenwärtigen Zeit
vor. Es zeigt deutlich, daß wir das Endgültige noch nicht
erreicht haben. Wenn der Tempel vollständig ist, dann wird
das Endgültige da sein; die Gesinnung Gottes wird dann in
ihrer Vollständigkeit gesehen werden.
Wir müssen ebenso die Gesinnung Gottes wie auch das
Herz Gottes wahrnehmen. Die Gesinnung Gottes steht über
allen und gegen alle rein menschlichen Gedanken. Im Tempel
sind wir von menschlichen Gedanken abgesondert, und wir
haben die Gedanken Gottes. Paulus schreibt an die Korinther,
sie wären der Tempel Gottes. Er redet von ihnen als von
einem Heiligtume; das ist ein sehr trautes Wort, das den
heiligen Charakter zum Ausdruck bringt, der nach den
Gedanken Gottes den Heiligen eigen ist.
Im Lichte von dem allen können wir im Gleichnis vom
Weinberge sehen, wie das, was Gott gebührt, gesichert wird.
Die Früchte standen Gott zu. Wir wenden dieses Gleichnis
nicht nur auf die Propheten vor alters an, die verworfen
wurden, und auf das Kommen Christi und Seine Verwerfung,
sondern es geht uns auch selbst an.
Die große Bedeutung dieses Gleichnisses liegt für uns
darin, daß Er den Weinberg anderen gegeben hat und wir diese
anderen sind. Uns ist sehr viel mehr anvertraut worden, als
Israel je anvertraut wurde; sie kannten keinen
verherrlichten Christus, und sie hatten auch nicht den
Geist. Es gibt jetzt die Möglichkeit, Gott das darzubringen,
was Ihm zusteht. Gott wird nicht zulassen, daß das, was Ihm
zusteht, umkommt. Sind wir darauf eingestellt, daß Gott
alles empfängt, was Ihm zukommt? Das ist das Endziel jedes
Dienstes, den Gott uns geschickt hat, wie auch das Ziel des
ganzen Dienstes am Worte.
Wir sind geneigt zu denken, daß Gott Seine Diener
schickt, um uns zu helfen und zu dienen, und wir lassen es
dabei bleiben. Der große Zweck des levitischen Dienstes ist
aber, daß alles, was Gott zusteht, Ihm auch dargebracht
wird. Die Leviten wurden in ganz Israel zerstreut, um dem
Volk immer das vor Augen zu halten, was Gott dargebracht
werden müßte. Der Weinberg stellt das dar, was Freude
spenden soll; der Wein erfreut „Götter und Menschen".
In Seiner anfänglichen Berührung mit Abraham und
seinem Samen führte Gott solche Grundsätze ein, die darauf
abgestimmt waren, alles Gott Wohlgefällige hervorzubringen.
Welch eine wunderbare Ordnung der Segnung und der Gunst
wurde von Gott eingeführt! Er offenbarte Sich ihnen in der
Erlösung; Er führte einen Weinstock aus Ägypten heraus. Er
brachte sie in die Wüste und wohnte unter ihnen. Er gab
ihnen Manna vom Himmel, Wasser aus dem Felsen, und das
himmlische System der Stiftshütte wurde in ihrer Mitte
aufgerichtet, und zwar war das alles nach dem Muster der
Dinge in den Himmeln. Er führte sie dann in das Land ein und
verhieß ihnen wunderbare Dinge. Auf diese Weise hatte Er den
Weinberg gepflanzt, und dann gab Er ihn in ihre Hände, um zu
sehen, was sie daraus machen würden. Es war alles so
berechnet, daß nur solche Früchte, die Gott wohlgefällig
sind, hervorkommen sollten; sie hätten niemals aufhören
sollen, Ihm für die Erlösung zu danken und Ihn für Seine
Wunder in der Wüste und dafür, daß Er sie in das Land
gebracht hatte, zu preisen. Es hätte ein immerwährendes Lob
für die Art und Weise, wie Gott Sich kundgetan hatte,
aufsteigen sollen. Der Weinberg deutet auf ein System der
Segnung und der göttlichen Gunst hin, das ganz und gar aus
Gott ist.
Das trat tatsächlich in den Verheißungen an Abraham,
Isaak und Jakob ans Licht, und es wirkte sich in den Wegen
Gottes mit Seinem Volke aus. Man kann keinen Teil der Wege
Gottes mit Seinem Volke sehen, der nicht äußerst günstig
gewesen ist. Seine Regierung griff ein, wenn sie
widerspenstig waren; doch das war nicht das, was Er Sich
vorgenommen hatte. Das Pflanzen des Weinberges deutet nicht
auf den gesetzlichen Grundsatz hin; Gott hatte viel Größeres
im Sinne. Das System des Gesetzes war mit der wunderbarsten
Entfaltung der göttlichen Güte und Gunst verbunden, was auf
das Hervorbringen von Gott wohlgefälligen Früchten
hinzielte. Im Weinberg war alles Fruchtbringende vorhanden,
und Gott gab ihn den Weingärtnern. Ist es unsere große
Freude, das darzubringen, was Gott gebührt? Gott möchte
diese Frage an einen jeden von uns stellen. Er hat alles
gegeben, und Seine Gnade genügt. Sind wir nun gewillt, das,
was Ihm gebührt, darzubringen? Es bleibt dabei: "Wenn ihr
willig seid und höret, so sollt ihr das Gute des Landes
essen."
Nur einen kurzen Augenblick brachte Israel Frucht dar;
Israel war fruchtbar und Gott angenehm, als die Opfergaben
für die Stiftshütte gebracht wurden. Es gibt eine große
Gefahr, daß wir geistliche Güter als etwas betrachten, das
für uns selbst da ist, und dabei vergessen, daß alle
geistlichen Güter das Darbringen dessen, was Gott gebührt,
hervorrufen sollten. Das kam so schön in Verbindung mit der
Stiftshütte und dem System der Opfer zur Entfaltung. Durch
Seine gnadenreiche Gunst ihnen gegenüber hatten sie die
schönste Gelegenheit, Gott das Gebührende darzubringen; doch
sie ergriffen sie nicht. Wenn ihr die Persönlichkeiten des
Alten Testaments, angefangen bei Mose, studiert, so werdet
ihr sehen, daß jeder Diener darum besorgt war, daß etwas für
Gott hervorkam. Ich glaube, daß das noch heute wahr ist; der
brennende Wunsch eines jeden von Gott gesandten Dieners ist,
daß etwas für Ihn vorhanden sei. Wir können sehr dankbar
sein, wenn das bei unseren Zusammenkünften der Fall ist. Das
Versammlungsgebet wird dadurch gekennzeichnet, daß etwas für
die Personen der Gottheit vorhanden ist.
Der Römerbrief führt dazu, daß wir unsere Leiber als
ein lebendiges Schlachtopfer Gott darstellen, und daß wir
„einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn
Jesu Christi" verherrlichen sollen (Röm. 15, 6). Petrus sagt
uns, daß wir zu einem geistlichen Hause aufgebaut werden, zu
einem heiligen Priestertum, um darzubringen geistliche
Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich - d. h. es sollte etwas
für Gott darin sein. Wenn es um den Dienst geht, so schreibt
er: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes...
auf daß in allem Gott verherrlicht werde durch Jesum
Christum." Paulus gibt den Höhepunkt davon im Epheserbriefe
an: „Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung", d. i. in
einem Gefäß, worin alles für Gott ist. Wenn ich Gott, in
Verbindung mit Seiner Gnade, in der Er Sich dem Menschen
geoffenbart hat, das gebührende Lob nicht darbringe, so bin
ich wertlos.
Der Herr sagt: „Jeder, der auf jenen Stein fällt, wird
zerschmettert werden; auf welchen irgend er aber fallen
wird, den wird er zermalmen" (Vers 18). Wenn Christus
verworfen wird, bleibt dem Menschen nichts anderes als
Gericht übrig. Christus wird zum Stein des Anstoßes; die
Menschen fallen auf Ihn, und sie werden von Ihn auch
zermalmt werden - beides ist Gericht. Wenn der Wille des
Menschen wirkt, wird Christus zu einem Stein des Anstoßes;
Petrus sagt uns, daß dies den Ungehorsamen gegenüber der
Fall ist.
Der verworfene Erbe wird zum Eckstein, und alles wird
jetzt durch Christum geprüft; alle Rechte Gottes, alles, was
Ihm gebührt, wird nun in bezug auf Christum dargestellt. Der
Eckstein ist immer noch mit dem Tempel verbunden. Petrus
redet in dieser Weise darüber, daß es einen Bau gibt, dem
seine ganze Herrlichkeit und sein ganzer Wert von Christo
verliehen wird. „Euch nun, die ihr glaubet, ist die
Kostbarkeit" (1. Petr. 2, 7). Christus ist der Eckstein,
auserwählt und kostbar; dem Tempel wird jetzt das Gepräge
durch die hervorragende Stellung Christi verliehen. Wenn die
Menschen unter uns kommen, sollten sie bemerken, daß
Christus eine hervorragende Stellung bei uns einnimmt, daß
wir Ihn erhöhen und uns Seiner rühmen. Er ist der Eckstein,
das Haupt der Ecke.
Christus ist der Erbe von allem, was Gott gebührt.
Gott empfängt das Ihm Gebührende durch Christum. Wenn wir
dem Sohne Ehre erweisen, so ehren wir auch den Vater, der
Ihn gesandt hat. Wenn Christus erhöht und verherrlicht wird,
so wird auch Gott erhöht und verherrlicht. Deshalb ist der
geistliche Bau, der Tempel, dadurch gekennzeichnet, daß
Christo darin Ehre erwiesen wird.
In Vers 13 ist ein besonderer Zug der Gnade zu sehen:
„Ich will meinen geliebten Sohn senden; vielleicht, wenn sie
diesen sehen, werden sie sich scheuen"; es ist eine
Andeutung darauf, daß man solch einem Ausdruck der Gunst
schwerlich widerstehen kann. Es ist rührend, daß der Herr es
in dieser Weise sagt, als ob Er gleichsam sagen wollte, daß
Gott Sein Äußerstes getan hat; vielleicht könnten die Herzen
der Menschen dadurch noch gerührt werden. Es ist sehr ernst
zu sehen, daß sich diese Menschen durchaus bewußt waren, daß
sie Gott das Gebührende nicht dargebracht hatten. „Sie
erkannten, daß er dieses Gleichnis auf sie geredet hatte."
Der nächste Abschnitt (Verse 20–26) führt den großen
Gegenstand der Regierung Gottes in der Welt ein, und wie wir
in bezug darauf stehen. Wir müssen den Kaiser anerkennen und
das, was ihm zukommt; der Herr sagte aber auch: „Gebet...
Gott, was Gottes ist." Wir sollten immer durch den Gedanken
an das, was Gott gebührt, beherrscht werden. Der Herr hielt
das, was der damaligen Obrigkeit gebührte, aber auch, was
Gott gebührte, aufrecht. Wir haben es mit einer in der Welt
aufgerichteten Obrigkeit zu tun, und wir haben eine gewisse
Verpflichtung ihr gegenüber, indem wir dem Kaiser geben, was
des Kaisers ist; was aber Gottes ist, sollte auch gegeben
werden, es ist unsere Schuldigkeit.
Diese Dinge sind nicht unserem freien Willen
überlassen; für freiwillige Opfergaben wird jede Freiheit
gewährt, aber gewisse Dinge sind nicht freiwillig, sondern
es sind Verpflichtungen, die Gott zukommen. Der Grundsatz,
der in dem Liederverse: „O, wie viel wir schulden!" zum
Ausdruck kommt, ist geistlich und moralisch richtig, und
alles ist die Frucht Seiner Gnade. Wenn ich meine Schulden
nicht bezahlen will, bin ich nicht ehrlich, wie Maleachi
sagt: „Darf ein Mensch Gott berauben?" Die Anerkennung der
Verpflichtung ist eine wichtige Tempel-Belehrung.
Nichts anderes ist recht als das, was dem Menschen und
Gott gebührt, zu geben. Der Kaiser hat seine Stellung in der
Welt, und er soll haben, was ihm gebührt, und es steht allen
Menschen zu, daß man ihnen Achtung und Ehre erweist. Wenn
ich das nicht tue, bin ich nicht gerecht. Die Schrift sagt
uns, wir sollen alle Menschen ehren; das wird nicht dem
freien Willen überlassen. Wenn jemand wegen seiner Person
oder seines Amtes eine besondere Ehre gebührt, muß ich ihm
das Gebührende geben. Auch den Geschwistern gebühren gewisse
Dinge - gebe ich ihnen das Gebührende? Wenn ich es ihnen
nicht gebe, bin ich eine ungerechte Person. Dann gibt es
aber auch das, was Gott gebührt.
Der Römerbrief ist der große Brief der Gerechtigkeit.
Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen geistlichen Zustand. Das
ist ein feststehender Grundsatz. Der Herr liebt
Gerechtigkeit und haßt Gesetzlosigkeit. Er liebt, was recht
ist, und Gesetzlosigkeit ist das Gegenteil von dem, was
recht ist.
Der Herr erwähnte zuerst den Kaiser, weil Er ihre
Frage beantwortete. Sie kamen, um Ihn in Seiner Rede zu
fangen. Wenn Er gesagt hätte, daß es erlaubt ist, dem Kaiser
Steuer zu zahlen, so hätte Er alle nationalen Gefühle der
Juden gegen Sich gehabt; wenn Er gesagt hätte, daß es nicht
erlaubt ist, hätte man Ihn als einen Aufständischen der
Obrigkeit übergeben; Er antwortete aber weise und brachte
sie zum Schweigen.
Das, was Gott gebührt, besteht darin, daß wir eine
wohlannehmliche Antwort auf die ungeheuer große
Verpflichtung darbringen, weil Seine Gnade und Liebe uns in
Christo geoffenbart und unseren Herzen durch den Geist
nahegebracht worden sind. Es hängt eigentlich mit dem
Dienste Gottes zusammen. Paulus redet davon, daß Christus
unter den Nationen Gott lobsingt (Röm. 15, 9). Christus
bringt Gott das, was Ihm gebührt, und die Nationen haben
jetzt das Vorrecht, sich dem Lobgesang anzuschließen, indem
sie das Gebührende darbringen.
Die nächste Belehrung im Tempel (Verse 27-40) bezieht
sich auf die äußerste Wichtigkeit der geistlichen und ewigen
Beziehungen; sie können nur auf der Grundlage der
Gerechtigkeit beruhen. Wir kommen jetzt zu einem äußerst
interessanten Gegenstande, nämlich zur Auferstehung und dem
Charakter des Lebens, das der Auferstehungswelt eigen ist.
Die Gedanken der Sadducäer waren alle „dieser Welt" gemäß
gestaltet; der Herr stellt uns aber den geistlichen
Charakter „jener Welt" vor Augen; diese Welt wird durch das
Natürliche gekennzeichnet, und jene Welt durch das
Geistliche, und in jene Welt geht nichts ein, was nicht
geistlich ist. Der Herr vergleicht weiterhin den
vergänglichen Charakter des gegenwärtigen Zeitalters mit dem
geistlichen und bleibenden Charakter des kommenden
Zeitalters. Es ist gut, wenn wir uns jetzt daran gewöhnen,
das zu fördern, was zum kommenden Zeitalter gehört, und das
ist geistlich. In Gottes Auferstehungswelt gibt es nur das,
was geistlich ist.
Es gibt zwei Welten, die Welt des Natürlichen und die
Welt des Geistlichen. Die Sadducäer stellten eine sehr
törichte Frage und zeigten damit, daß ihre Ansichten über
die Dinge rein natürlicher Art waren; der Herr benutzte das
aber, um uns eine köstliche Belehrung über die Auferstehung
zu geben. Nicht nur wird das Ungerechte oder Verkehrte nicht
in die geistliche Welt eingehen, sondern das Natürliche wird
auch nicht darin eingehen. Sogar Adam, wenn er nicht
gesündigt hätte, wäre nicht darin eingegangen, denn er war
ein natürlicher Mensch, und als solcher konnte er niemals in
das Gebiet der Auferstehung eingehen. Der Herr will uns im
Tempel die äußerste Wichtigkeit von dem, was geistlich ist,
einprägen, und wir sollten auf Seine Worte sehr achten. Wir
sollten bedenken, was in die geistliche Welt hinübergehen
kann; natürliche Beziehungen können nicht darin eingehen,
und wir sollten sehr darüber in Übung sein, daß wir gut mit
dem ausgestattet sind, was darin eingehen kann.
Das Natürliche ist bloß für einen Augenblick, der Tod
verschlingt es; die Auferstehung wird aber die zum Vorschein
bringen, die des geistlichen und beständigen Zustandes
würdig geachtet werden - sie sind den Engeln gleich in einem
Zustande von dauernder Heiligkeit und Unverweslichkeit, und
zwar als Söhne Gottes, als Söhne der Auferstehung. Der Herr
redet davon, daß man „würdig geachtet" werden kann, „jener
Welt teilhaftig zu sein". Bei solchen Menschen ist eine
Würdigkeit vorhanden, an der geistigen Welt teilzuhaben.
Welch eine Seelenübung sollte das im Herzen eines jeden
hervorrufen, der das Licht und den Glauben der Auferstehung
besitzt! Das Natürliche gibt uns keine Würdigkeit für jene
Welt; nur wenn wir geistliche Wesenszüge haben, können wir
würdig sein, Teilhaber jener geistlichen Welt zu sein. Die
Schrift stellt diese Sache immer so dar: siehe Joh. 5, 29;
Röm. 2,7; Phil. 3, 11; 2. Thess. 1, 5–7.
In jener Welt wird es keinen geben, der nicht würdig
geachtet worden ist, dort zu sein. Der Übeltäter von
Golgatha wird würdig geachtet werden, denn er richtete sich
selbst und rechtfertigte Christum, und er erkannte an, daß
das ganze Recht auf das Reich Ihm gehörte. Gott kann so
etwas nicht aus Seiner geistlichen Welt ausschließen.
Der Herr will uns in unserem Geiste aus dem
Natürlichen in eine Welt führen, wo kein Tod ist, und wo wir
den Engeln gleich sein werden - Wesen, die durch die
Liebeswahl und Macht Gottes in dem ungefallenen Zustande
bewahrt worden sind. Sie sind heilige Wesen, und sie sind
unsere Mitknechte (Offb. 22, 9), die gehorsamen und
freudevollen Diener Gottes und Jesu, die Zeugen der
wunderbaren Gnade Gottes den Menschen gegenüber, und zwar
ohne Eifersucht. Sie sind Geister, Wesen von einer
geistlichen Ordnung, die von Gott ins Vertrauen gezogen
werden. „Den Engeln gleich" ist ein sehr hoher und heiliger
Zustand. Obwohl unsere wahre christliche Stellung größer ist
als die der Engel, ist unser gegenwärtiger Zustand nicht
größer. Es hat Gott wohlgefallen, eine gewisse Ordnung der
Wesen zu haben, bei welchen alles geistlich ist -„Der seine
Engel zu Winden (zu Geistern) macht" - sie sind nicht und
waren niemals natürlich; sie sind immer geistlich gewesen,
und wenn wir den Engeln nicht gleich werden, werden wir die
Sohnschaft in ihrer Fülle niemals erkennen.
Die natürliche Welt ist durch Heiraten gekennzeichnet;
in dieser Welt hängt alles weitgehend vom Heiraten ab; es
gibt aber einen anderen Zustand, und er ist geistlich. In
der tatsächlichen Geschichte der Welt scheint Gott alles,
was Er einführte, verloren zu haben, sogar Christum; aber Er
sichert Sich alles zu Seinem Wohlgefallen in der
Auferstehung. Abraham, Isaak und Jakob stellen die Berufung,
die Verheißungen und Kraft und die Wege Gottes in der Zucht
dar, aber sie starben alle. Aber Hunderte von Jahren später
konnte der Herr von ihnen als Lebenden reden; alle leben für
Gott, und alle werden in der Auferstehung unbeschwert durch
das Natürliche hervorkommen, und zwar in allen geistlichen
Wesenszügen, in welchen sie für Gott leben. Der Herr spricht
von den Söhnen Gottes und den Söhnen der Auferstehung; es
wird in der Auferstehung nur das Geistliche hervorkommen.
Wir mögen das Natürliche und Fleischliche bis zum
Grabe tragen, es wird aber in der Auferstehung nichts
hervorkommen, als nur das Geistliche - „Es wird auferweckt
ein geistiger Leib" - was für eine gesegnete Wirklichkeit!
In jener Welt gibt es nichts, als nur das Geistliche.
Möchten wir uns selbst fragen, ob wir etwas besitzen, was in
jener Welt hervorkommen wird. Abraham hatte sehr vieles,
ebenso Isaak und auch Jakob; diese Männer werden herrlich
hervorkommen. Gott schämte Sich nicht, ihr Gott genannt zu
werden; an ihnen waren solche geistlichen Wesenszüge
vorhanden, die Gott unmöglich aus Seiner Welt ausschließen
kann.
Die Geister von Abraham, Isaak, David und von vielen
anderen werden in der Auferstehung vollkommen gemacht
werden, doch keinen Augenblick eher als wir. Diese Männer
leben für Gott. Sie sind begraben worden, es ist jedoch
erforderlich, daß sie auferweckt werden; wenn sie für Gott
leben, müssen sie auferweckt werden. Sie warten darauf,
sogar in bezug auf ihre Leiber, in ein geistliches Gebiet
eingeführt zu werden.
Der Zweck von dem allem ist, daß wir das Geistliche
fördern sollen; das ist ein Teil der Belehrung im Tempel.
Ich mag ein großer Mann in dieser Welt sein und viele Gaben
besitzen; aber nichts wird in die Auferstehungswelt
übergehen als nur das Geistliche. Das Natürliche ist eine
Ordnung, die vergeht; das Geistliche aber bleibt bestehen.
Die Sohnschaft ist rein geistlich, und sie kann nur von
geistlichen Menschen aufgenommen werden; es ist eine
verliehene Würde; aber einem ungeistlichen Menschen bedeutet
sie nichts.
Kapitel 21
Der Herr will, daß, während wir das Reich Gottes
erwarten, wir mit dem öffentlichen Laufe der Dinge bekannt
sind. In Kap. 21 haben wir die Geschichte der öffentlichen
Ereignisse, und Kap. 22 gibt uns die Geschichte der
verborgenen Ereignisse, also dessen, was sich im inneren
Kreise, wo die Gegenwart des Herrn unmittelbar gekannt wird,
ereignet. Gott hat alle erforderlichen Vorkehrungen
getroffen, damit die öffentlichen Dinge aufrechterhalten
werden können.
Denkt an die außerordentliche Weisheit, die die
Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes redeten,
kennzeichnete! In Stephanus sehen wir ein hervorragendes
Beispiel von solch einer Weisheit. Er hatte keine
Gelegenheit, seine Verkündigung vorzubereiten. Doch dadurch
waren die Verkündigungen in der Apostelgeschichte
gekennzeichnet. Beinahe alle Verkündigungen, über welche
dort berichtet wird, fanden unter solchen Umständen statt,
die für den Prediger jede Möglichkeit, seinen Vortrag
vorzubereiten, ausschlossen; alle diese Gelegenheiten waren
unerwartet. Im Falle des Stephanus sehen wir, daß dieser
gesegnete und heilige Mann Gottes so durch den Geist
ausgestattet wurde, daß es keine Möglichkeit gab, ihm etwas
zu widerlegen. Alles geschah in Weisheit, jedes Wort war am
Platze. Sie konnten dem Stephanus nicht widerstehen; sie
konnten ihn töten, aber sie konnten der Kraft dessen, was er
sagte, nicht widerstehen. Wenn wir vor die Menschen treten,
sind wir entweder Gefäße des Geistes oder Toren; entweder
entkräftigen wir unsere Botschaft, oder wir sind Gefäße des
Geistes.
Ich habe oft über die Verkündigungen in der
Apostelgeschichte nachgedacht; für diejenigen, die in
irgendeinem Maße ein öffentliches Zeugnis ablegen, ist es
sehr lehrreich nachzuforschen, wie diese Männer redeten, die
in der Kraft des Heiligen Geistes standen. Die
Verkündigungen waren sehr kurz, sie blieben bei der Sache,
jedes Wort war am Platze, nichts wurde wiederholt, alles war
völlig nüchtern - das ist die Verkündigung in der Kraft des
Heiligen Geistes.
Es gibt einen gewissen öffentlichen Lauf der Dinge,
und wir können wissen, was davon zu erwarten ist; wir haben
es nicht nötig, Bücher darüber zu lesen, um zu wissen, wie
die Dinge sich gestalten. Der Herr hat uns genau gesagt, was
sich im öffentlichen Lauf der Dinge ereignen wird. Viele
Betrüger werden kommen und sagen, sie seien Christi
Vertreter, und sie werden die Menschen verführen; es wird
ein Geist des tödlichen Widerstandes vorhanden sein, so daß
sogar natürliche Liebe davon überwunden werden wird. In der
Welt werden ruhelose Zustände herrschen; es werden Kriege
sein, Reiche und Mächte werden erschüttert werden. Wir
sollten also nicht erstaunt sein, wenn große Kriege
ausbrechen.
Es ist das Vorrecht der Heiligen, mit dem Heiligtum
vertraut zu sein, und der Geist sagt von den Heiligen: „Ihr
seid der Tempel Gottes." Wir haben nicht nur das Vorrecht,
in den Tempel einzugehen, sondern wir machen auch den Tempel
aus. Der Tempel und der Olberg hängen zusammen. Während der
Herr bei Tage den Tempel mit geistlichem Lichte erfüllte,
nahm Er nachts zum Olberge Zuflucht - das ist das Geheimnis.
Es ist etwas Wunderbares, sich in ein dem Himmel
entsprechendes Gebiet auf Erden zurückziehen zu können; man
möchte diese Zuflucht mehr erleben.
Wenn wir der öffentlichen Lage aus Nächten, die auf
dem Olberge verbracht worden sind, entgegentreten würden, so
würde mehr Kraft vorhanden sein. Bevor Stephanus zu reden
begann, schauten sie in sein Angesicht und sahen, daß es dem
eines Engels ähnlich war; das zeigte, in welch einer
Gesellschaft er sich aufgehalten hatte. Er war unmittelbar
aus dem durch den Olberg angedeuteten geistlichen Gebiete
gekommen, und der Widerschein des Himmels strahlte sogar aus
seinem Antlitz.
Wir könnten keine bessere Auslegung für dieses Kapitel
haben als Stephanus, denn wir sehen in ihm einen Menschen,
gegen den ein völlig teuflischer Widerstand vorlag, und doch
triumphierte er vollständig. Sie konnten gegen ihn mit den
Zähnen knirschen, aber sie vermochten ihm nicht zu
antworten. Stephanus legte ein sehr ernstes Zeugnis ab. Es
war nicht gerade das Evangelium, denn die Zeit war gekommen,
wo die öffentlichen Führer des Volkes nicht mehr als
unwissende Totschläger angesehen wurden. Sie wurden durch
Stephanus als vorsätzliche Mörder betrachtet; deswegen
stellte er ihnen nicht die Gnade, sondern die Herrlichkeit
vor Augen.
In Kap. 3 sagte Petrus: „Ich weiß, daß ihr in
Unwissenheit gehandelt habt", und er öffnet ihnen die
Zufluchtstadt; er sagt: Ihr habt Ihn getötet, aber nicht
vorsätzlich, und er öffnete die Tür. In Kap. 7 gibt es aber
keine Zufluchtsstadt mehr; das Volk hatte das Zeugnis des
Heiligen Geistes verworfen, und Stephanus beschäftigt sich
mit ihnen als mit vorsätzlichen Mördern Christi. Es gab kein
Wort der Gnade mehr, sondern ein letztes, ernstes Zeugnis
einem Volke gegenüber, das jedes Anrecht auf Segnung
verwirkt hatte. Es war die Annahme oder die Verwerfung des
Zeugnisses des Heiligen Geistes, die darüber entschied, ob
ein Mensch ein versehentlicher Totschläger oder ein
vorsätzlicher Mörder war. Wenn er ein versehentlicher
Totschläger war, würde er sich vor dem Zeugnis des Heiligen
Geistes beugen. In Apg. 2 sagten sie: "Was sollen wir tun?",
und Petrus öffnete ihnen die Zufluchtstadt; wenn aber das
Zeugnis des Heiligen Geistes verworfen wird, so gibt es
keine Zufluchtstadt.
Der Herr sagt: „Es wird euch aber zu einem Zeugnis
ausschlagen" (Vers 13). Wir sollten mehr an Gelegenheiten
zum Zeugnis denken. Einige scheinen Gnade und Feingefühl zu
haben, um jede Gelegenheit zu ergreifen; doch das ist nicht
charakteristisch für uns alle. Die Dinge, die sich ereignen,
sollten als Ermutigung aufgefaßt werden. Der Herr sagt uns,
daß, wenn diese Dinge anfangen zu geschehen, wir unsere
Häupter emporheben sollen, weil unsere Erlösung naht. Der
Widerstand mag gewaltig gewesen sein, doch die Heiligen
sollen deswegen nicht niedergeschlagen sein. Stephanus hob
sein Haupt empor; sein Ausgang war wunderbar. Wenn
Widerstand da ist, so ist das ein Hinweis auf das
Vorhandensein von etwas Wertvollem, wogegen der Widerstand
sich lohnt; wenn kein lebendiges Zeugnis über Christum im
Himmel abgelegt wird, so gibt es auch keinen Widerstand.
Es ist bemerkenswert, daß der Herr das, was mit der
öffentlichen Stellung zusammenhängt, bis ans Ende
zurückhält. Wir können nichts in der Schrift überspringen,
besonders nicht bei Lukas, weil er der Reihe nach schreibt.
Wir müssen die Belehrungen des Herrn in bezug auf den Tempel
Schritt für Schritt aufnehmen; dann werden die verschiedenen
Dinge, worüber geredet wird, uns eine Ausstattung geben. Wir
werden so ausgestattet sein, daß, wenn wir zur öffentlichen
Seite übergehen, wir Männer von Ausdauer sind, die das, was
der Herr vorher gesagt hat, gelernt haben. Wegen des
Zusammenbruchs von allem, was öffentlich für Gott besteht,
sind sie bereit zu verstehen, daß kein Stein auf dem anderen
bleiben wird.
„Die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden." Das
sollte für die Zeit der Abwesenheit des Herrn
charakteristisch sein; auf dem Gebiete der Regierungen in
dieser Welt hat es fortwährend Erschütterungen und
Umwälzungen gegeben. Reiche sind gestürzt worden und andere
sind emporgekommen; die Gesetzlosigkeit des Menschen ist
wirksam gewesen, anstatt sich dem zu unterwerfen, was Gott
eingesetzt hatte. Es gibt heutzutage viele Zeichen an Sonne,
Mond und Sternen. Es gibt gewisse Gewalten, die Gott
aufgerichtet hat, und gewisse Gewalten, die die Kräfte des
Himmels sind. Diese Dinge rufen in den Herzen der Menschen
Bestürzung hervor. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind
gleichsam zur Erde gefallen. Wir können hier bequem sitzen
und über diese Dinge reden, aber in anderen Teilen der Welt
gelangen diese Dinge buchstäblich zur Ausführung. In einigen
Teilen der Welt haben Christen unlängst gelitten, und einige
sind sogar um ihres Glaubens willen gestorben; wir können
uns nicht im Geiste von der christlichen Schar trennen, und
wenn wir in unserem Lande auch nicht diesen
außerordentlichen Umwälzungen gegenüberstehen, so haben es
aber unsere Geschwister in anderen Ländern damit zu tun.
Der Herr nimmt an, daß die Heiligen in der Hoffnung
auf Erlösung durch alles hindurchdringen werden, wie auch in
der Hoffnung, völlig aus dem ganzen Gebiete der Wirksamkeit
des Bösen herausgenommen zu werden. Wir gehen der Erlösung
im vollsten Sinne dieses Wortes entgegen. Es sind
diejenigen, die in der öffentlichen Stellung diese Gesinnung
haben, die alle Seelenübungen des nächsten Kapitels in
Verbindung mit dem Feste der ungesäuerten Brote und dem
Abendmahle des Herrn aufnehmen können.
Es wird uns im Hebräerbrief gesagt, daß alles, was
erschüttert werden kann, erschüttert werden wird; deshalb
ist es gut zuzusehen, daß wir mit dem vorangehen, was nicht
erschüttert werden kann. Es besteht die Gefahr, daß wir von
den bleibenden Dinge abgelenkt werden, wie der Herr in Vers
34 sagt: „Hütet euch aber, daß eure Herzen nicht etwa
beschwert werden durch Völlerei und Trunkenheit und
Lebenssorgen, und jener Tag plötzlich über euch
hereinbreche." Wir müssen zusehen, daß wir nicht in ein
Leben der Selbstgefälligkeit herabsinken. „Wahrlich ich sage
euch, daß dieses Geschlecht nicht vergehen wird, bis alles
geschehen ist." Dieses Wort wird oft in der Schrift in einem
moralischen Sinne gebraucht- es ist nicht ein Geschlecht im
Sinne von 40 oder 50 Jahren. Der Charakter des Geschlechts,
das vorhanden war, als der Herr redete, wird nicht vergehen,
bis alles erfüllt ist. Dasselbe Geschlecht ist auch jetzt
zugegen, denn Petrus sagt: „Laßt euch retten von diesem
verkehrten Geschlecht!" Es ist immer noch ein verkehrtes
Geschlecht, und Menschen müssen davon gerettet werden.
In Phil. 2 sagt Paulus: „Tut alles... auf daß ihr
tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes
inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts." Die
Welt ist immer noch eine „gegenwärtige böse Welt“. Einige
sagen, die Welt wird besser, andere sagen, sie wird
schlechter, aber beide haben unrecht. Die Schrift sagt wohl,
daß böse Menschen und Gaukler im Bösen fortschreiten werden,
aber das ist auf dem Gebiete des christlichen Bekenntnisses.
Die Welt ist dieselbe, die sie immer war; sie besteht aus
der Lust des Fleisches und der Lust der Augen und dem
Hochmut des Lebens, und sie wird immer dieselbe bleiben.
Der Herr hat ein Geschlecht: „Ein Same wird ihm
dienen; er wird dem Herrn als ein Geschlecht zugerechnet
werden." Auch Sein Geschlecht verändert sich nicht; es
bleibt immer dasselbe. Der neue Mensch ist heute genau
derselbe wie am Tage der Pfingsten; er hat keinen seiner
Wesenszüge verändert, und er wird es auch niemals tun.
Kapitel 22
In diesem Kapitel scheint der Herr zum Innerlichen
überzugehen, zu dem, was mit dem Kreise verbunden ist, wovon
Er der Mittelpunkt ist und womit Er die Herzen Seiner
Heiligen beschäftigen will. Er deutet an, daß es einen
zurückgehaltenen Ort gibt, den Er Sein Gastzimmer nennt;
gewisse Dinge haben dort ihren Platz, Dinge, die in Seinem
Herzen sind und die Er in die
Kapitel 22
In diesem Kapitel scheint der Herr zum Innerlichen
überzugehen, zu dem, was mit dem Kreise verbunden ist, wovon
Er der Mittelpunkt ist und womit Er die Herzen Seiner
Heiligen beschäftigen will. Er deutet an, daß es einen
zurückgehaltenen Ort gibt, den Er Sein Gastzimmer nennt;
gewisse Dinge haben dort ihren Platz, Dinge, die in Seinem
Herzen sind und die Er in die Herzen derer legen möchte, die
Ihn lieben. Das ist mehr im Verborgenen als öffentlich.
Die ganze Holdseligkeit Seiner wunderbaren Liebe trat
in diesem verborgenen Kreise hervor, obwohl der Verräter da
war. Wir finden selbst den Judas in dem inneren Kreise, weil
er einer der Zwölfe war; doch beeinflußt das nicht den
Charakter dessen, was der Herr vor Sich hatte. Das zeigt,
daß die Feindschaft sich sogar in dem Kreise, der Ihm am
nächsten steht, regen kann. Wir brauchen nicht erstaunt zu
sein, wenn sich die Feindschaft im inneren Kreise regt.
Satan wählt passende Werkzeuge für seine Vorsätze; es diente
mehr dem Vorsatze Satans, den Verräter im Kreise der Zwölfe
zu haben, als die ganze Feindschaft der Schriftgelehrten und
Pharisäer zu erwecken. Es war ein tödlicherer Schachzug
Satans, sich ein Werkzeug oder Gefäß in dem inneren Kreise
zu sichern.
Das Einführen des Passahs deutete auf die heiligen
Zustände hin, in welchen allein der Tod des Herrn verstanden
werden kann. Der ganze Gegenstand wird als mit dem Feste der
ungesäuerten Brote zusammenhängend eingeführt; das ist sein
Charakter. Es wird das Passah genannt, aber der
hervorragende Gedanke des Geistes ist das Fest der
ungesäuerten Brote, d. h. die Frage unseres Zustandes wird
aufgeworfen. Das Fest der ungesäuerten Brote bedeutet, daß
alles, worauf Satan einwirken kann, ausgeschlossen werden
sollte. Der Sauerteig stellt den verderblichen und
aufblähenden Grundsatz des Bösen im Herzen des Menschen dar.
Er nimmt verschiedene Formen an, nämlich Hinterlist,
Bosheit, Heuchelei und vieles andere.
Paulus sagt: „Unser Passah, Christus, ist
geschlachtet. Darum laßt uns Festfeier halten" (1. Kor. 5,
7). Das zeigt den Zustand, in dem wir allein das Passah
aufnehmen können. Wir können es nur in heiligen Zuständen
feiern; es war der erste Tag der ungesäuerten Brote, an dem
das Passah geschlachtet werden sollte. Wir können nur dann
den Tod Christi vom Standpunkte des Passahs aus betrachten,
wenn wir in dem Zeitabschnitt stehen, der durch einen
ungesäuerten Charakter gekennzeichnet ist. Es wird in diesem
Evangelium in dieser Weise dargestellt, um uns zu zeigen,
wie wichtig das Vorhandensein dieser heiligen Zustände für
uns ist.
Die Tragweite des Passahs reicht weiter als die des
Abendmahls des Herrn. Ich habe den Eindruck, daß das
Abendmahl eine Erkenntnis Christi ist, an welcher niemals
eine andere Schar teilhaben wird; sie ist denjenigen eigen,
die den Leib Christi ausmachen. Ich bezweifle, daß
irgendeine andere Familie diesen besonderen Charakter der
Liebe Christi, die im Tode ihren Ausdruck fand, erfassen
wird, während das Passah im Tausendjährigen Reich seinen
Platz für Israel haben wird.
Die Ausstattung ist sehr notwendig. Der Herr hatte
einen Menschen in Jerusalem so beeinflußt, daß Er auf ihn
rechnen konnte, daß er die rechten Zustände für das Passah
bewahren würde; er stellt den Überwinder dar. Der Mann, der
Hausherr, stellt das verantwortliche Element dar, der vom
Lehrer beeinflußt worden war. "Ihr sollt zu dem Herrn des
Hauses sagen: Der Lehrer sagt dir..." Er war durch den
Lehrer beeinflußt worden, und der Herr wußte es.
Möglicherweise kannte keiner der Jünger diesen Mann, der
Herr kannte ihn aber, und Er konnte sagen: Dieser Mann ist
so durch Meine Lehre beeinflußt worden, daß Ich Mich auf ihn
verlassen kann, daß er alles Meinen Gedanken gemäß für das
Passah bereiten wird. Der Herr des Hauses hatte einen
Menschen mit einem Krug Wasser; er war mit Vorkehrungen für
gereinigte Zustände beschäftigt, und der Herr sagt: Das ist
der Mensch, dem man folgen soll. Der Mensch mit dem Krug
Wasser hatte vielleicht gelesen, daß Hiskia betreffs des
Passahs an die Reinigung gedacht hatte. Welch ein
einzigartiger Mann muß das doch in Jerusalem gewesen sein!
Alles wurde durch die Ebbe und Flut der Religion
getragen, als das Passah gefeiert wurde; doch es war auch
ein Mann da, der durch den Lehrer beeinflußt wurde. Es ist
nicht der Herr oder das Haupt, sondern der Lehrer, und
dieser Mann besaß Eindrücke von Christo, keine Gebote,
sondern Eindrücke. Ich vermute, daß die Eindrücke durch den
Lehrer übermittelt wurden. Wir müssen das zuerst als
einzelne verwirklichen und dann als Versammlung. Inwiefern
besitzen wir Eindrücke von Christo, um das zu haben, was dem
Belegen mit Polstern entspricht? Bei diesem Manne war das
Zimmer wohl ausgestattet.
Ich habe oft darüber nachgedacht, wie er sich wohl
immer wieder umgesehen haben muß, um zu sehen, ob auch alles
mit den Eindrücken, die er von Christo als Lehrer besaß, im
Einklang war. Ich habe den Gedanken des Lehrers gern; wir
denken nicht genug daran. Es handelt sich nicht um Seine
Herrschaft oder Autorität, und genau genommen auch nicht um
Ihn als Haupt, sondern um das Lehren, d. h. wir werden durch
Gedanken derart beeinflußt, daß wir von dem, was recht ist,
Eindrücke empfangen. Dies nimmt dann alles Unpassende weg;
wenn etwas Unpassendes in unserem persönlichen Verhalten
oder in der Versammlung vorhanden ist, so ist es aus dem
Grunde, weil wir an Eindrücken von Christo als Lehrer Mangel
leiden.
In den zwei vorhergehenden Kapiteln sehen wir den
Herrn im Tempel lehren, und wir haben die Entfaltung der
charakteristischen Wesenszüge des Tempellichtes unter der
Belehrung Christi. Das würde uns in bezug auf die
Ausstattung helfen; wir sollten Eindrücke von allem
Passenden besitzen, ohne dafür eine Schriftstelle zu haben.
Ein Mensch, der eine Schriftstelle für alles haben will,
vermißt etwas, denn ich glaube, daß es möglich ist,
Eindrücke von Christo zu bekommen und sie auf Grund der
Schrift nachzuprüfen. Die Ausstattung des Gastzimmers
bezieht sich auf die Ordnung, nach welcher die Dinge getan
werden.
Wir können nicht sagen, daß es in der Christenheit
viel Ausstattung gibt, die Christo entspricht. Wir müssen
lernen, eine ganz neue Auffassung von dem, was Ihm
wohlgefällt, zu gewinnen. Die Heiligen werden von der
Verwirrung in der Christenheit dadurch abgesondert, daß sie
von dem, was für Christum wohlannehmlich ist, Eindrücke
bekommen. Unsere Umgebung ist voll von Eindrücken, die nicht
von Gott sind, und es dauert lange, bis man praktisch davon
los ist. Bei richtigen moralischen Zuständen können die
liebevollen Zuneigungen der Heiligen frei ausströmen, wenn
sie des Herrn gedenken.
Beim Abendmahl ist es der Herr persönlich: „Mein Leib,
der für euch gegeben wird" - das ist ein direkter,
persönlicher Zug, ein liebevoller Zug. Zum ersten Male
wurden die großen und kostbaren Gedanken Gottes im Herzen
eines Menschen auf Erden gekannt. Vor dem öffentlichen
Ergebnis, wenn das Reich kommt oder das Passah im Reiche
Gottes erfüllt sein wird, war das alles im Herzen eines
gepriesenen Menschen auf Erden bekannt, und Er sagt: „mit
euch", als ob Er sagen wollte: Ich möchte liebevoll alles,
was in Meinem Herzen betreffs meines eigenen Todes und des
Passahs ist, mit euch teilen.
Das Hinzufügen des Kelches zum Passah durch den Herrn
scheint der letzte erforderliche Grundsatz zu sein, um den
Gedanken des Passahs zu vollenden. Das ist im Alten
Testament nicht zu sehen, aber der Herr fügte ihn hier
hinzu. Der krönende Abschluß des Passahs wird hier durch den
Gedanken an die Freude eingeführt, die das Reich Gottes
durch die Erkenntnis Gottes erfüllen wird. Der Herr ergreift
die Gelegenheit, um den besonderen Charakter der
Zwischenzeit zu erwähnen; es kam eine Zwischenzeit, während
der der Herr nicht von dem Gewächs des Weinstocks trinken
würde, bis das Reich Gottes kommen würde. Das deutet hin auf
die den Heiligen geziemende Weihe der Nasiräer; d. h. wir
freuen uns jetzt nicht nach der Art des Tausendjährigen
Reiches. Wir haben jetzt unsere Freude, wenn wir die
Stellung des Herrn als Nasiräer, in welcher Er von allen
Freuden der Erde abgesondert ist, im Sinn behalten.
Der Herr sagt: „Ehe ich leide“, um den Gedanken
hervorzuheben, daß Leiden Sein Teil hienieden sein sollten;
nicht die Herrlichkeit des Reiches, sondern Leiden und
daneben auch die Absonderung von den Freuden, die der Erde
eigen sind, sollten Sein Teil sein. Der Tod Christi hat
viele natürlichen Freuden für diejenigen beeinträchtigt, die
seine Bedeutung verstehen. Die Menschen sagen: Was schadet
dies oder das? Es gibt das, was die Menschen unschuldige
Freuden nennen, und mir scheint, daß Christen mehr durch
diese Dinge überwältigt werden als durch tatsächlich böse
Dinge. Sie fragen: Worin liegt das Unrecht? Nun, steht es
mit dem Tode Christi im Einklang? Stimmt es mit Seiner
gegenwärtigen Stellung als Nasiräer zur Rechten Gottes
überein? Es gibt viele Dinge, von welchen wir nicht sagen
können, daß sie unrecht sind, aber sie stimmen nicht mit der
Stellung Christi überein, und sie würden uns daran hindern,
in passender Weise beim Abendmahl zu sein. Wir können nicht
richtig beim Abendmahl sein, wenn wir an den Dingen, an
denen Christus kein Teil hat, eine Vergnügungsquelle finden.
Es handelt sich darum, wo Er lebt; Er ist der Sünde
gestorben und Er lebt jetzt Gott, und es heißt: „Haltet euch
der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christo Jesu" — das
ist die ganze christliche Stellung.
Die Freude des Nasiräers war, daß er völlig Gott
geweiht war. In 4. Mose 6 kommen die Worte „für Jehova"
immer wieder vor; das ist der Gedanke. Es geht nicht darum,
daß ein Mensch sich vornimmt, ein Mönch zu werden, oder sich
durch einen besonderen Charakter der Absonderung
auszuzeichnen, sondern er untersteht vom Anfang bis zum Ende
dem Befehl Jehovas. Dieses Vorrecht war denjenigen, die
Jehova liebten, vorbehalten, daß sie diese besondere
Ausnahmestellung „für Jehova" einnehmen durften; und es war
die Freude des Nasiräers, daß er besonders geweiht war. In
dem Ausspruch des Herrn, daß Er vom Gewächs des Weinstocks
nicht mehr trinken werde, wird deutlich auf den Gedanken des
Nasiräers hingewiesen. In der gegenwärtigen Zeit ist
Christus der Nasiräer. Die Menschen sagen: Ihr seid zu eng
und zu abgesondert; wie könnte aber die Absonderung zum
Herrn zu stark sein? Kann jemand mir sagen, daß ich zu weit
gegangen bin, als ich mich Ihm völlig geweiht habe? Es
besteht bei uns eine Neigung, ablehnend zu denken und mehr
das, was der Herr beseitigt hat, als das, was Er
herbeigeführt hat, im Auge zu behalten.
So weit wie ich es verstehe, handelt es sich bei dem
Gedanken des Leibes, der für uns gegeben wurde, um das, was
Er herbeigeführt hat. Das Passah ist das, was Er beseitigt
hat, Sein Leib ist aber Er Selbst, das, was Er aus dem
Himmel herniedergebracht hat. Nach Markus soll dies genommen
werden, nach Matthäus soll es gegessen werden, und wenn das
getan wird, kann der Herr der Gegenstand unseres liebevollen
Gedenkens sein. Das Lukasevangelium ist das einzige
Evangelium, das uns die Gedenkfeier und das Einsetzen des
Abendmahls gibt. Bei Matthäus und Markus wird das Einsetzen
nicht erwähnt; aus diesen Evangelien könnte man nicht
schließen, daß es jemals wieder getan werden sollte. Lukas
gibt uns diejenige Seite des Abendmahls, die mit der
Darstellung Pauli im 1. Korintherbrief übereinstimmt. Keiner
von diesen zwei Männern hatte den Herrn auf Erden gesehen;
darum konnten sie die Sache so schildern, daß wir sie
aufnehmen können. Wir können niemals so des Herrn gedenken
wie die Jünger, die Ihn auf Erden gesehen hatten. Der
Charakter unseres Gedenkens ist ganz anders, weil wir Ihn
nie gesehen haben. Die Jünger, die Ihn gesehen hatten und
mit Ihm gewandelt waren, die Seine Worte gehört und Sein
Handeln gesehen hatten, besaßen eine persönliche Erinnerung
an den Herrn; wir haben jedoch niemals eine solche gehabt.
Das Gedenken, wovon der Herr im Lukasevangelium
spricht und das Paulus im 1. Korintherbrief erwähnt, ist
also eine Art des Gedenkens, die von Menschen befolgt werden
kann, die Ihn niemals gesehen haben; es ist von solchen
Menschen, von denen Petrus schreibt, daß man von ihnen sagen
kann: „Welchen ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt,
liebet" (1. Petr. 1, 8). Der Herr setzte das Abendmahl des
Gedenkens ein, um darauf hinzudeuten, in welcher Weise die
Versammlung Seiner gedenken sollte. Es sind nicht nur
einzelne Menschen, die Sein Andenken schätzen, sondern Er
will auch, daß in den Zuneigungen der Versammlung an Ihn
gedacht werden möchte.
Der Herr hatte die Jünger in bezug auf dieses
Sinnbild, das Er nach Seinem Wohlgefallen anwandte, belehrt
- „Er nahm Brot". Er hatte sie schon vorher über dieses
besondere Sinnbild von Ihm Selbst belehrt; Er hatte ihnen zu
sehen erlaubt, was Er mit fünf Broten tun konnte, und was Er
mit sieben Broten tun konnte, und Er hatte ihr Augenmerk
auch auf ein Brot gelenkt. In einem jeden dieser Fälle waren
die Brote Sinnbilder von Ihm Selbst; Er war die große Quelle
der Darreichung. Ich denke, daß die fünf Brote bei der
ersten Speisung der Volksmenge von den Vorräten der Gnade
reden, die in Ihm sind, um jeder menschlichen Not gerecht zu
werden. Fünf ist die menschliche Zahl und auch die Zahl der
Gnade; in Ihm war genügend, um jeder menschlichen Not zu
entsprechen, so daß die fünftausend Mann gespeist wurden und
noch ein Rest für einen anderen Tag übrigblieb. Bei der
zweiten Speisung der Volksmenge deuten die sieben Brote mehr
auf die in Ihm vorhandene geistliche Vollständigkeit hin.
Alles, was aus Gott war und in Gnade geoffenbart wurde, war
in gänzlicher Vollkommenheit vorhanden, und zwar in einer
Vollkommenheit, die sich niemals vermindert, weil, nachdem
die Viertausend gespeist wurden (was auf den weltweiten
Charakter der Versorgung hinweist), sieben Körbe
aufgesammelt wurden; die Zahl sieben die Vollkommenheit -
bleibt bestehen. Das ist mehr die geistliche Seite der
Versorgung, es ist Gottes Seite der Sache - nicht nur das,
was der Not des Menschen gerecht wurde, sondern auch das,
was vollkommen genügte, um die Gnade Gottes darzustellen,
die keine Abnahme kennt. Dann gab es noch einen Fall, wo nur
ein Brot bei ihnen im Schiffe war; das war keine Belehrung
für die Volksmenge, sondern für die kleine Schar im Schiffe.
Der Gedanke von dem einen Brote ist für eine abgeschlossene
Schar. Der 1. Korintherbrief erwähnt das eine Brot. Bei der
Gelegenheit des einen Brotes warnte der Herr sie vor dem
Sauerteig der Schriftgelehrten und der Pharisäer und des
Herodes. Wir begehren nicht den Sauerteig des religiösen
Menschen nach dem Fleische oder das Plänemachen der
Weltmenschen. Der Gedanke des einen Brotes ist gleichsam
der, als ob der Herr sagen wollte: Nun möchte Ich alle
anderen Menschen ausschließen; ihr braucht keinen außer Mir.
Alles dieses sollte die Jünger belehren, um sie auf das
Sinnbild vorzubereiten, das der Herr gebrauchte, als Er ein
Brot nahm - es war das von Ihm gewählte Gleichnis von Ihm
Selbst, der Mensch geworden ist. Der Herr stellt Sich der
Versammlung in Seiner einzigartigen Glückseligkeit dar und
deutet an, daß alles, was in Ihm als dem Menschgewordenen
besteht, für die Versammlung da ist. Es handelt sich nicht
darum, was Er beseitigt, sondern darum, was Er herbeiführt,
und was Er der Versammlung zur Aneignung vorsetzt. „Dies ist
mein Leib, der für euch gegeben wird." Es ist ein
viel-umfassendes Wort, das alle Heiligen der Versammlung in
sich begreift. Der Herr hatte die ganze Versammlung vor
Sich, weil Paulus, wenn er die Einsetzung, die er vom Herrn
in der Herrlichkeit empfangen hat, beschreibt, sagt: „Bis er
kommt", so daß das, was der Herr eingesetzt hat und was „für
euch" ist, die ganze Zeitspanne umfaßt, bis Er kommt.
Das Wort „gegeben" fehlt im 1. Korintherbrief. Ich
glaube, daß dies für die Darstellung des Lukas
charakteristisch ist. Lukas sagt nicht „nehmet", wie Markus,
noch „esset", wie Matthäus; er verweilt aber bei der Herrn
Seite der Sache; er gibt uns die Handlung des Herrn. Es wird
uns gesagt, daß Er das Brot brach und es ihnen gab; es ist
das, was der Herr tat, und Er sagt: „Dies ist mein Leib, der
für euch gegeben wird." Das Geben der Liebe wird
hervorgehoben, es soll aber zu eigen gemacht (gegessen)
werden. Wenn Paulus davon redet, läßt er das Wort „gegeben"
aus, er sagt aber: „für euch", weil der Geist die
Beständigkeit der Sache hervorheben will; es ist nicht nur
wichtig, daß der Leib gegeben wurde, sondern auch, daß das
Gegebene für euch" bestehen bleibt. Lukas betont das Geben,
weil es das eigene Tun des Herrn in Liebe hervorhebt; alles
aber, was der Herr in Seinem Leibe gegeben hat, besteht für
die Versammlung weiter, darum können wir allezeit sagen, daß
dies für uns ist. Es ist gegeben worden, und es besteht
jetzt für uns weiter.
Sein Leib, der für uns gegeben wurde, bringt die Größe
dessen ans Licht, was uns in Ihm, der Mensch geworden und
gestorben ist, gegeben worden ist. Das, was über Seinen Leib
gesagt wird, deutet auf das Wunderbarste hin, was jemals
nach dem Vorsatze Gottes sich zugetragen hat: „In der Rolle
des Buches steht von mir geschrieben." Eine Person der
Gottheit ist Mensch geworden und hat einen bereiteten Leib
angenommen, und alle Wesenszüge, die Gott im Menschen
Wohlgefallen bereiten, sind in diesem Leibe gesehen worden,
und dieser Leib ist für die Versammlung in Liebe gegeben
worden.
Es gibt eine besondere Art und Weise, nach der Er
will, daß Seiner gedacht werden soll, und das soll nicht nur
Seinem Herzen ein großes Wohlgefallen bereiten, sondern es
soll auch die Liebe der Versammlung gestalten. Der Herr hat
vorgenommen, die Liebe der Versammlung zu gestalten. Der
Herr will eine Gefährtin haben, die Er Sich Selbst
verherrlicht darstellen kann, weil sie alle Wesenszüge der
moralischen Wohlannehmlichkeit und der herangebildeten
Liebe, die Sein Herz befriedigen, besitzt. Eines der großen
Mittel, die der Herr dazu gebraucht, um diese Entwicklung
zustande zu bringen, ist Sein Abendmahl; deswegen ist es so
besonders wichtig. Es ist nicht einfach eine Verordnung, der
wir Folge leisten, weil wir müssen, sondern es ist auch
etwas, was dem Herzen des Herrn Befriedigung bereitet.
Es ist möglich, daß einige, die schon lange das Brot
gebrochen haben, das Abendmahl des Herrn niemals gegessen
haben; sie haben es niemals den Gedanken des Herrn gemäß
getan, sondern sie haben es so gegessen, wie sie es in
Korinth taten. Obwohl sie in Korinth die Zeichen und den
Dienst hatten, aßen sie das Abendmahl des Herrn nicht. Das
Abendmahl des Herrn essen bedeutet eigentlich, es so zu
nehmen, wie der Herr es vor Sich hatte. Der Herr nahm Brot
und dankte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgend
jemand, der damals zugegen war, diese Danksagung jemals
vergessen konnte. Ich denke, daß jedes Wort in die Herzen
derer, die es gehört haben, eingeprägt wurde. Ich wünschte,
daß unsere Danksagung mit der Seinigen mehr übereinstimmte.
Er verstand vollkommen, was Er mit dieser Veranstaltung
verband, und Er dankte Seiner eigenen vollkommenen
Auffassung gemäß.
Der Herr dankte als Haupt; Er besaß vollkommene
Einsicht in bezug auf alles, was in Seinem kostbaren und
heiligen Leibe, der für die Versammlung in Liebe hingegeben
wurde, enthalten war. Ich kenne kein andere Vorbild, das
diesen Dingen so nahe kommt, wie das des hebräischen
Knechtes; ich glaube, daß die Brüder aus diesem Grunde ihn
so oft erwähnen, der da sagte: „Ich liebe meinen Herrn, mein
Weib und meine Kinder." Es wird uns in 2. Mose 21 gesagt:
„Wenn er mit seinem Leibe (Anmerk. zu 2. Mose 21, 3)
gekommen ist", ein bemerkenswerter Ausspruch; der Geist
Gottes drückt das so aus. Es wird nicht so hingestellt, daß
das Weib und die Kinder es bedürfen, von irgend etwas erlöst
zu werden; sie sind ihm von Seinem Herrn gegeben. Sein Herr
gibt ihm Gegenstände der Liebe. Wie wird Er Sich nun
gegenüber diesen Gegenständen der Liebe verhalten? Er gibt
Sich ihnen völlig hin, Er sagt: „Ich will nicht frei
ausgehen." Was wird das wohl für eine Wirkung auf Sein Weib
oder auf Seine Kinder ausgeübt haben? Können sie dieses
durchbohrte Ohr geschaut haben, ohne bis zum Grunde ihres
Herzen gerührt zu sein? Sie konnten niemals den Charakter
Seiner Liebe, und wie Er Sich für sie dahingab, vergessen.
Deswegen will der Herr, daß die Versammlung Seiner gedenke,
wie Er Sich in Liebe für sie hingegeben hat. Er hätte Seine
ganze Größe, Seine mannigfaltige Vorzüglichkeit und
Vollkommenheit bewahren können, als Er hienieden im Fleische
war; aber Er gab alles auf, Er gab Seinen Leib für die
Versammlung. Er kam in diesem Leibe, um ihn der Versammlung
in Liebe zu geben. Die Versammlung lebt dadurch, daß sie
sich das aneignet; das ist das Leben der Versammlung.
In der Schriftstelle in 2. Mose 21 steht Seine
Ergebenheit der Versammlung gegenüber an zweiter Stelle,
nämlich nach Seiner Ergebenheit Seinem Herrn gegenüber; das
heißt, Er kam, was es Ihn auch kosten mochte, als dem Willen
Gottes hingegeben. Wenn wir Ihn in bezug auf den Willen
Gottes betrachten, so bekommen wir die richtige Auffassung
von Seiner Ergebenheit der Versammlung gegenüber. Er gab
Sich für die Versammlung dahin, weil es der Wille Seines
Vaters war, daß Er es tun sollte. Es war das Gebot Seines
Vaters, daß Er es tat - das verleiht der ganzen
Angelegenheit einen besonderen Charakter.
Ich habe den Eindruck, daß das Vorbild des hebräischen
Knechtes die gegenwärtige Zeit nicht überschreitet. Es ist
ein besonderer Augenblick, wo die Ergebenheit Christi Seinem
Gott gegenüber uns in einer besonderen Weise durch den Geist
bezeugt wird. Die Versammlung darf gegenwärtig Augenzeuge
und Beobachter Seiner Ergebenheit Gott gegenüber sein; das
ist etwas Wunderbares. Ehe der Herr Seine Stellung der
Oberhoheit einnimmt, kommt Er in Seinen Haushalt; wir
befinden uns in der besonderen Innigkeit eines Kreises der
Zuneigungen, den Gott vor dem Tage Seiner öffentlichen
Rechte für Ihn gesichert hat.
Ein Bruder bricht das Brot, aber er vertritt dabei
alle und dient allen. Er tut es in der Gesinnung der Worte,
die der Herr hier ausspricht: „Ich aber bin in euer Mitte
wie der Dienende." Er tut es als eine demütige
Diensthandlung den Geschwistern gegenüber, es ist aber die
Handlung von allen, denn wir alle kommen zusammen, um das
Brot zu brechen. Wir sollten aber nicht nur das Brot,
sondern auch den Kelch ins Auge fassen; wir dürfen nicht die
großen Gedanken, die mit dieser Veranstaltung verbunden
sind, vermissen.
Wenn wir den Platz verstehen, den das Brot hat, das
den in Liebe dahingegebenen Leib des Herrn darstellt, dann
hilft es uns, den Charakter des Kelches zu erfassen; es ist
das, was in dem Gedanken des neuen Bundes zum Ausdruck
kommt. Die Worte „nach dem Mahle" sollen hervorheben, daß es
nach dem Passahmahl war. Es ist die andere Seite der Dinge,
die mit dem Passahkelch nicht verwechselt werden sollte. Ein
paar Verse vorher wird uns gesagt, daß Er einen Kelch nahm,
der noch zum Passah gehörte; das aber, worüber Er jetzt
spricht, ist nach dem Passahmahl; es ist ein anderer
Charakter der Dinge. In den anderen Evangelien finden wir
diese Unterscheidung nicht; bei Lukas haben wir aber den
Gedanken, daß es zum Gedächtnis getan werden sollte.
Der Herr will auch, daß wir Seiner in Seiner
Herrlichkeit als Mittler gedenken, und das verbinde ich mit
dem Kelch. Als Er den Kelch herumreichte, nahm Er den Platz
des Mittlers ein. Es bezieht sich offensichtlich auf 2. Mose
24, wo Mose das Blut nahm und auf den Altar und auf das Buch
und auf das ganze Volk sprengte und sagte: „Siehe, das Blut
des Bundes." Das ist die schriftgemäße Grundlage für die
Erwähnung des Blutes des Bundes. Darauf folgt, daß Mose und
Aaron und die Ältesten Israels hinaufstiegen und den Gott
Israels sahen, und ein Werk von Saphirplatten wie der Himmel
selbst an Klarheit war unter Seinen Füßen. Sie stiegen
hinauf und traten vor das Angesicht der Herrlichkeit Gottes;
sie sahen den Gott Israels.
Der Gedanke des Blutes ist, daß uns gar nichts mehr
hindert; es ist eine solche Grundlage geschaffen worden, daß
Gott alles, was in Seinem Herzen ist, hervorbringen kann,
und Sein Volk kann hinaufsteigen. Die Auswirkung davon, daß
sie zu diesem Schauplatz der Herrlichkeit hinaufstiegen,
war, daß Mose hinabstieg und alle Anordnungen betreffs der
Wohnung gab. Der ganze Bau der Wohnung wurde in der Kraft
des Blutes des Bundes aufgerichtet, so daß alles, was die
Versammlung als die Wohnung Gottes und das Heiligtum für die
Bundeslade ist, in der Kraft des Blutes besteht. „Dieser
Kelch ist der neue Bund in meinem Blute" - der Herr
entfaltet das vor uns, wenn unsere Herzen die
überschwengliche Größe dieser Dinge zu schätzen wissen.
Der Kelch ist nicht ein Herniedersteigen; wir gehen
nicht vom Brote zum Kelche herunter. Es ist ein Aufstieg,
wie es im Liede heißt: „Und aufwärts geht der Weg." Im Alten
Testament finden wir immer wieder den Gedanken, daß man zum
Anbeten hinaufstieg. Wir kommen in ein System der
Herrlichkeit, das durch den Mittler erkannt wird; die
Herrlichkeit strahlt, aber nicht in einer Pracht, die uns
blendet, sondern sie scheint in heiliger Anziehungskraft in
dem Menschen, der bei dem Tore zur Stadt Nain, bei dem
Brunnen von Sichar und in Bethanien war. Die Herrlichkeit
strahlt in dem Mittler und zieht uns an.
Nachdem der Herr das Gedächtnismahl in seiner sehr
kostbaren Bedeutung eingesetzt hatte, wollte Er uns über die
Zustände aufklären, die in der tatsächlichen Geschichte der
Dinge bis zum Augenblick Seiner Wiederkunft vorherrschen
würden. Die Betrachtung darüber, was wir in der
tatsächlichen Geschichte der Dinge erwarten sollten, sollte
uns nüchtern und sachlich stimmen.
In dem Kreise, wo Seine Liebe in der trautesten Weise
gekannt wird, kann ein weit schrecklicherer Verrat gefunden
werden als irgend etwas, was außerhalb gefunden werden kann.
Der Herr konnte den Dingen ruhig ins Auge sehen, wenn Er sie
auch tief empfand, denn Johannes sagt uns, daß Er im Geiste
erschüttert ward. Er empfand die Gegenwart dessen, was den
Charakter des finsteren Verrates trug. Der Herr wirft unter
den Jüngern die Frage auf, daß es einer von ihnen war. Wer
von ihnen würde das tun? Es ist gleichsam dasselbe wie das,
was Paulus zu den Ältesten zu Ephesus sagte: „Aus euch
selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden"
(Apg. 20, 30). Das verursacht Seelenübung.
Unter denjenigen, die den Herrn kennen und mit allen
Ausdrucksweisen Seiner Liebe vertraut sind, kann ein noch
schrecklicherer Verrat vorkommen als irgend etwas, was
außerhalb gefunden werden kann. Zweifellos ist das ein
Grundsatz, der seit der Einsetzung des Abendmahls mehr oder
weniger dabei zugegen gewesen ist. Es hat immer solche
gegeben, die sich dem Satan verschrieben und die Erkenntnis,
die sie am Platze Seiner trauten Nähe erworben haben, zum
Fördern der Pläne Satans gebraucht haben. Das ist eine
schreckliche, aber eine sehr nötige Erwägung, damit wir
nicht erstaunt und erschüttert sind über die Dinge, die
tatsächlich vorkommen mögen. Johannes spricht von dem
besonderen Charakter der Antichristen; es sind
charakteristische und nicht persönliche Antichristen, und
das Charakteristische für sie ist, daß sie im Schoße der
Versammlung aufstehen; er sagt: „Sie sind von uns gegangen."
Wir lesen in den Psalmen: „Denn nicht ein Feind ist
es...sonst würde ich es ertragen" (Ps. 55, 12). Der Herr
empfand es sehr tief, daß der Verrat bei einem aufkam, den
Er als einen Freund und Vertrauten betrachtet hatte. Ich
glaube, daß der Herr die Dinge demgemäß empfindet, in
welchem Kreise sie entstehen. Je vertrauter das Verhältnis
zwischen uns und dem Herrn ist - und das Verhältnis zwischen
Judas und dem Herrn war nach außen hin sehr vertraulich -
desto mehr fühlt Er das, was gegen Ihn untreu ist und auch,
wo die Liebe gänzlich fehlt. Er sagt: „Die Hand dessen, der
mich überliefert, ist mit mir über Tische" (Vers 21). Es
heißt aber hier, daß Er erst von Judas sprach, als das
Abendmahl vorüber war. Der Herr wollte dadurch zeigen, daß
das Fleisch inmitten der wunderbarsten Vorrechte bei der
innigsten Vertrautheit und in den rührendsten Umständen
nicht im geringsten durch die Liebe Christi beeindruckt
werden kann. Das ist mein Fleisch, denn Judas ist in einem
jeden von uns - der Mensch kann den köstlichsten und
zärtlichsten Offenbarungen der Liebe Christi völlig
gleichgültig gegenüberstehen.
Ich nehme an, daß das Fleisch in seinem wahren
Charakter ein Werkzeug ist, das dem Satan willig dienen
kann; das ist nirgends so klar zu sehen wie bei Judas.
Dieses Kapitel entspricht 1. Kor. 11, wo wir die ganze
Glückseligkeit des Abendmahls sehen, und dann heißt es: „Ein
jeder aber prüfe sich selbst." Wir sollten nicht nur
emporsteigen, sondern auch niedersteigen. Hier führt uns der
Herr herunter. Er scheint zu sagen: Das ist es, was Ich bin
und was Gott ist; ihr müßt aber nicht meinen, daß selbst das
euch darüber erhebt, was ihr seid. Das tritt auf allerlei
Art zutage; hier tritt es in dem vertrautesten Kreise der
göttlichen Liebe zutage - der Verrat des Judas, die
Selbstgefälligkeit, die darüber streitet, wer für den
Größten zu halten sei, die Selbstsicherheit Simons - alle
diese Grundsätze waren zugegen, und der Herr tut uns kund,
daß Er das weiß, doch es sollte uns völlig mit Ihm in
Einklang bringen.
Es sollte uns nicht entmutigen, sondern wir sollten
dadurch ermutigt werden, und unserer Freude sollte dadurch
eine feste Grundlage gegeben werden, damit wir unsere
Zuversicht nicht verlieren und der fehlerhafte Mensch dort
nicht eindringen sollte; wir lernen diesen Menschen auf
allen Stufen seiner Tätigkeit zu verurteilen. Das ist
wichtig, damit wir das Abendmahl in rechter Weise essen
können. Petrus mußte dahin zurückkehren, wo er begonnen
hatte. Der Herr sagt: „Und du, bist du einst zurückgekehrt"
- das ist das richtige Wort. Er begann in Luk. 5 mit dem
Bewußtsein, daß er ein sündiger Mensch war, und in Kap. 9
sagte er von dem Herrn, Er wäre der Christus Gottes. Diese
zwei Dinge geben der ganzen Sache den Ausschlag, und wenn
Petrus dahin zurückkehrte, konnte er seine Brüder stärken.
Alles dieses wird uns gegeben, um uns zu stärken und
nicht, um uns zu entmutigen. Der finsterste Verrat, den
Satan in den inneren Kreis der Liebe des Herrn einführte,
konnte nicht einen Augenblick das Vorhaben Gottes
verhindern: „Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie es
beschlossen ist." Die ganze Last der Verantwortung wird auf
dem Haupte desjenigen gelassen, der sich dem Satan als
Werkzeug hingab; doch der festgelegte Ratschluß Gottes geht
unentwegt weiter.
Judas gehör
e niemals wahrhaftig zu den Jüngern; er war
da, und er war einer von den Zwölfen, er war der
göttlichen Natur niemals teilhaftig geworden; in
seinen Zuneigungen hatte er Christum niemals
wertgeschätzt. Solche Menschen werden sicherlich
hinausgehen, und sie nehmen einen Grundsatz mit sich
in die Welt hinaus, der schlimmer ist und mehr vom
Geiste der Abtrünnigkeit in sich hat, als es je
zuvor in der Welt der Fall war; das macht die Welt
noch schlechter als zuvor. Das ernüchtert und
erweckt Seelenübungen. Der gegenwärtige Augenblick
ist die Nacht Seines Verrats; der Herr will nicht,
daß wir vergessen, daß dies der Charakter des
Augenblicks ist. Judas hat ihm sein Gepräge
verliehen. Wir können niemals das Abendmahl essen,
ohne an alles das erinnert zu werden, und zwar nicht
nur daran, was im Abendmahl dargestellt wird,
sondern auch daran, daß es dieselbe Nacht war, in
welcher Er überliefert wurde. Es wird uns nicht
erlaubt, das zu vergessen, und das gibt der
Angelegenheit die passende Unterwürfigkeit und
Besonnenheit.
Der Streit der Jünger in bezug darauf, wer von
ihnen für den Größten zu halten sei, war eine
weniger schlimme Art des Bösen; er trat in ihnen
allen zutage, denn sie nahmen scheinbar alle an
diesem unheiligen Streite teil. Es ist aber äußerst
rührend, wie milde der Herr mit ihnen umgeht; wir
hätten erwartet, daß Er sie sehr streng
zurechtweisen würde, doch Er tat das nicht. Wie der
Herr mit ihnen verfuhr, glich so sehr Ihm Selbst;
ihr Streit lag der Gesinnung Dessen, der Seinen Leib
dem Dienste hingeben wollte, sehr fern, und es
stimmte mit dem Abendmahl gar nicht überein.
Ich glaube, daß das Abendmahl zum Ordnen und
Zurechtweisen bestimmt ist; wir sollten es nicht nur
als ein Vorrecht betrachten. Wir können das
Abendmahl essen und als solche zurückkehren, wie wir
hingingen, der Herr aber beabsichtigt, daß wir
zurechtgewiesen werden möchten, und daß wir tief
darüber in Übung sein möchten, dem Brote und dem
Kelche zu entsprechen. Schon die Handlung des Essens
und des Trinkens bedeutet, daß die Sache in unser
Inneres aufgenommen werden sollte, um uns in
Übereinstimmung damit zu bringen. Das würde ein
Verurteilen von einem jeden Wunsche, größer als
unsere Geschwister zu sein, bewirken. Es ist
bemerkenswert, daß wir im 1. Korintherbriefe kaum
von der zurechtweisenden Seite des Abendmahls
loskommen; es wird kein Wort über die Seite der
Vorrechte, kein Wort über die Gegenwart des Herrn
unter den Seinigen oder darüber, daß Christus dem
Vater lobsingt, erwähnt. Die Korinther haben
vielleicht das alles nicht gekannt, ihr Zustand war
dafür nicht passend; aber Paulus gibt ihnen den
Tisch des Herrn und das Abendmahl des Herrn als
Zurechtweisung.
Ich habe den Eindruck, daß dem Gedanken des
Herrn gemäß wir niemals das Abendmahl essen sollten,
ohne daß dadurch eine große Veränderung in unserem
Geiste und in unserer ganzen Haltung zustande
gebracht wird. Er gab Sich für die Versammlung
dahin, auf daß Er sie heiligte, sie reinigend durch
die Waschung mit Wasser durch das Wort, und es gibt
keinen Augenblick, wo Er sie mehr reinigt, als in
dem Augenblick, wo Seine Liebe uns so deutlich vor
Augen gestellt wird. Er erinnert uns daran, daß
Seine Liebe uns heiligt und reinigt, ebenso wie sie
uns nährt und pflegt.
Der Herr zeigte hier, daß Er zu dienen bereit
war. Das ist wahre Größe. Man kann an einen anderen
Menschen mehr denken als an mich, und er hat es
wahrscheinlich auch verdient; wenn das sogar in
ungerechter Weise geschieht, so hindert es mich
nicht daran, zu dienen. „Ich aber bin in eurer Mitte
wie der Dienende" — das ist die Gesinnung des
Dienstes. Wir verurteilen jeden selbstgefälligen
Menschen, der groß sein, eine Stellung einnehmen,
regieren und Gewalt haben möchte.
Es wird niemals eine Zeit sein, wo der
herangereifteste Heilige es sich gestatten kann, zum
Abendmahl zu kommen und zu essen, ohne sich vorher
geprüft zu haben. Wir können niemals so herangereift
und geheiligt sein, daß wir dies nicht mehr nötig
haben. Wie schön stellt Sich uns hier der Herr vor
Augen! Er wirkt niemals in abweisendem Sinne; Er
hält mir nicht einfach einen Spiegel vor, damit ich
sehen möchte, was für ein armseliges Geschöpf ich
bin, sondern Er verdrängt immer das, was ich bin,
durch das, was Er ist. Er stellt Sich Selbst dar,
und darin liegt bestimmter Gewinn; Er verdrängt
mich, und ich liebe Ihn mehr als mich selbst. Wenn
ich auf mich selbst sehe, dann sehe ich die
häßlichste Mißgestaltung; wenn ich aber auf Ihn
sehe, dann sehe ich nur überragende
Vortrefflichkeit, Herrlichkeit und Vollkommenheit,
was mein Auffassungsvermögen übersteigt. Er lenkt
die Aufmerksamkeit auf Sich Selbst, Er sagt: „Ich
aber bin in eurer Mitte wie der Dienende“, und der
Größte soll wie der Jüngste sein.
Es sollte eine Gesinnung der Hochachtung
herrschen. Keiner kann sagen: „Ich habe schon
vierzig Jahre lang das Brot gebrochen, ihr müßt auf
mich hören"; denn er verhält sich wie der Jüngste.
Wie schön erläutert Paulus das, wenn er über den
Tisch des Herrn redet! Er sagte: „Ich rede als zu
Verständigen; beurteilet ihr, was ich sage" (1. Kor.
10, 15). Das ist eine sehr glückliche Art, unsere
Seelenübungen vor die Geschwister zu bringen - ich
habe diese Seelenübung, und ich unterstelle sie
eurem Urteil. Es weist auf die schöne Gesinnung hin,
die sich für einen Großen geziemt, weil er uns sagt,
er wollte nicht die apostolische Gewalt anwenden,
sondern er möchte lieber die Dinge auf einem
moralischen Wege erreichen. Paulus selbst war größer
als seine Gabe.
Somit führt der Führer nicht in der Gesinnung,
daß er besser sei als die Übrigen, sondern in der
Gesinnung des Dienstes und in der Gesinnung Christi.
In Treue beschäftigte sich Paulus mit den Umständen,
wie sie waren, man kann aber sehen, daß Paulus die
ganze Zeit über die Größe der Heiligen im Sinne
behielt. Er beginnt damit, daß er über ihre Größe
redet, und durch alle seine Briefe hindurch, in
denen er so viele Ermahnungen bringen mußte, zeigt
er uns die Größe des Volkes Gottes, als ob er sagen
wollte: Wißt ihr nicht, wie groß ihr seid? Wißt ihr
nicht, daß ihr der Tempel Gottes seid, daß eure
Leiber der Tempel des Heiligen Geistes sind und daß
ihr Glieder Christi seid? Er ist bestrebt, sie zur
Einsicht über ihre Größe zu bringen, wie er selbst
sie verstand.
Wenn ich die Geschwister für eine sehr
niedrige Menschenart halte, die man sehr hoch
emporziehen muß, um sie dazu zu machen, was sie sein
sollten, so werde ich ihnen nicht gut dienen können.
Wir sollten dienen im Bewußtsein der Größe des
Volkes, dem wir dienen. Das Volk Gottes ist ein
großes Volk; es gibt keine so erhabene Schar im
Himmel und auf Erden wie die Versammlung Gottes.
Eines der größten Vorrechte, die wir haben können,
ist ihnen zu dienen, und der Diener ist ein Diener,
nicht ein Herr.
Obwohl Mose manchmal mit großer Strenge reden
mußte, und es war auch angebracht, so vergaß er
niemals, was für ein großes Volk die Kinder Israel
waren. Mose konnte sogar Gott in den Weg treten und
Ihn von Seinem Vorhaben abhalten, und zwar deswegen,
was das Volk war. Das Volk besaß einen
außerordentlichen Platz bei Gott, und Mose erinnerte
Ihn daran. Der Herr betrachtet hier die Heiligen
unter dem höchstmöglichen Charakter; Er sagt in dem
nächsten Verse: „Ihr aber seid es, die mit mir
ausgeharrt haben in meinen Versuchungen.“ Hier ist
der Herr das Muster; die ganze Gesinnung des Dieners
wird in Ihm anschaulich dargestellt; Er betrachtet
die Heiligen in dem allergünstigsten Lichte. Er
dient ihnen im Bewußtsein ihrer Größe; für Ihn waren
sie „die Herrlichen". Das ist die Gesinnung, in der
wir die Heiligen betrachten sollten.
Ich habe oft empfunden, wie gut es ist, das
Ausharren der Heiligen in Betracht zu ziehen. Wir
mögen sagen, daß sie armselig und schwach sind, und
daß bei ihnen nicht viel geistliche Kraft vorhanden
ist, und daß sie die göttlichen Gedanken nicht so
aufzunehmen scheinen, wie sie es sollten, betrachtet
aber ihr Ausharren! Sie gehen Jahr für Jahr voran;
sie versäumen keine Gelegenheit, die sich ihnen
bietet, den Dienst Christi und die Gemeinschaft der
Geschwister zu haben; sie haben Freude am Wort und
am Gebet. Sie gehen so weiter voran, einige von
ihnen dreißig oder vierzig, und vielleicht sechzig
Jahre lang; sie hätten diese ganze Zeit über in der
Welt sein können und hätten einen Platz in manchen
Gesellschaftskreisen haben können; sie haben aber
wohl überlegt auf einem Pfade ausgeharrt, der mehr
oder weniger Prüfungen, Schwierigkeiten und
Seelenübungen in sich begreift. Sie haben
ausgeharrt. Bedeutet das nichts für den Herrn? Es
ist Ihm etwas Großes.
Ein anderer Wesenszug kommt dann noch in Simon
ans Licht, der Grundsatz des Selbstvertrauens. Ich
nehme an, daß Satan den Simon beobachtet hatte, und
das, was in Simon war, war in ihnen allen. Satan
hatte es gemerkt, und er hatte ihrer begehrt - „der
Satan hat euer begehrt". Der Gedanke, daß Satan uns
beobachtet, sollte unsere Herzen mit Furcht
erfüllen, wenn wir den Herrn als Fürsprecher nicht
hätten. Satan beobachtet uns und weiß, was wir für
Neigungen in unserem Fleische haben; doch der Herr
weiß das alles vollkommen. In Seiner Liebe sah der
Herr, daß es für Simon nötig war, von Satan
gesichtet zu werden, und deshalb betete Er für ihn.
Es war das Fleisch in seiner feinsten Form,
ein ganz anderes als bei Judas. Bei Judas sehen wir
das Fleisch in seiner schrecklichsten Gestalt, bei
Simon aber in der besten Gestalt, weil es sich
anmaßte willig und fähig zu sein, für den Herrn zu
sterben. Der Herr betete für ihn, daß sein Glaube
nicht aufhöre. Es ist sehr ergreifend, daß selbst
die Neigungen meines Fleisches dem Herrn Anlaß zur
Fürbitte geben. Es kann zugelassen werden, daß ich
in die Hände Satans falle, ich bin dann aber der
Gegenstand der Fürbitte des Herrn, und Satan kann
mich dann nur solange sichten, wie es ihm erlaubt
wird. Petrus wurde wiederhergestellt, und aus seinen
Briefen geht hervor, daß die göttliche Natur das
einzige ist, was bestehen bleibt. Kein Teil der
Schrift gibt uns mehr Stärke als die Briefe des
Petrus; sie sind das Ergebnis von dem, was er unter
der Fürbitte Christi erlebte.
Das ist alles sehr ernüchternd für uns in
bezug auf die heiligen Dinge Gottes. Wir können es
mit ihnen als solche zu tun haben, die in den Wegen
Gottes eine wahre Selbsterkenntnis erlangt haben. Es
war eine harte Prüfung für Petrus, aber er wurde
durch das Gebet des Herrn wiederhergestellt. Der
Dienst des Herrn wird fortgesetzt: „Indem er
immerdar lebt, um sich für uns zu verwenden." Der
Herr wird nicht zulassen, daß wir gesichtet werden,
ohne für uns zu beten. Er betet, daß unser Glaube
nicht aufhören möchte; das Fleisch soll dadurch
bloßgestellt werden; seine ganze Unzuverlässigkeit
muß ans Licht gebracht werden; der Glaube ist aber
auch da, nicht nur das Fleisch. Es war auch Glauben
bei Petrus vorhanden, und der Herr hatte es darauf
abgesehen, den Glauben aufrecht zu erhalten.
Der Herr kann es zulassen, daß wir durch die
tiefste Demütigung gehen; doch es geschieht, um das
Wesen des Fleisches bloßzustellen, auf daß wir damit
zu Ende kommen. Das Sichten ist notwendig. Der Herr
sagte zu Petrus: „Satan hat euer begehrt." Satan
hatte Petrus ins Auge gefaßt; er hatte beobachtet,
daß etwas in ihm war, was er niemals beim Herrn
bemerkt hatte. Satan hatte beim Herrn niemals
Selbstvertrauen beobachtet; er sah es aber bei
Petrus, und er begehrte seiner. Der Herr erlaubte
ihm, ihn zu sichten und die vorhandene Spreu ans
Licht zu befördern; das Werk Gottes blieb aber für
den Dienst des Herrn und für das Stärken der Brüder
bestehen. Als Petrus seine zwei Briefe schrieb, war
er damit beschäftigt, seine Brüder zu stärken.
In Vers 31 sprach ihn der Herr als Simon und
in Vers 34 als Petrus an. Ich denke, der Name Simon
weist mehr auf sein natürliches Wesen hin, doch der
Name Petrussollte ihn daran erinnern, was er der
göttlichen Berufung gemäß war. Es war sehr traurig,
daß dem Petrus gesagt werden mußte, daß er den Herrn
dreimal verleugnen würde. Das sollte ihn auf seine
schreckliche Untreue aufmerksam machen, die genau
das Gegenteil von dem war, wodurch ein Stein hätte
gekennzeichnet sein sollen. Petrus bedeutet ein
Stein, und ein Stein sollte durch Standhaftigkeit
gekennzeichnet sein; doch er erwies sich als der
Unbeständigste von allen. „Ich aber habe für dich
gebetet" - das war vor der Versuchung -, das macht
sehr weitgehend unseren Dienst unter den
Geschwistern aus. Es ist eine sehr gesegnete Form
des Dienstes.
Wenn wir Schwachheiten oder Gebrechen bei den
Geschwistern sehen, bringt uns das dahin, daß wir
über sie richten oder daß wir für sie beten? Das
Fleisch mag kritisieren, aber der Glaube betet für
sie. Wenn wir ein Zeichen der Schwachheit oder ein
Gebrechen bei einem Bruder bemerken, so sollte das
uns dahin bringen, daß wir für ihn beten; auf diese
Weise kann der armseligste Bruder erhöht werden. Die
Gebrechen der Geschwister sollten uns ein Anlaß
sein, ihnen zu dienen. Die dienstfertige Gesinnung
nimmt keine überlegene Stellung ein. Jede Schwester
kann ebenso dienen wie jeder Bruder, und ein großer
Charakterzug unseres Dienstes ist das Gebet.
Wenn wir zum Dienen bevollmächtigt werden
sollen, müssen wir den Charakter des Augenblicks
erkennen lernen. Das tritt in den Versen 35-38
zutage. Dadurch, daß der Herr nicht mehr bei ihnen
sein sollte, fand eine große Veränderung statt. Als
der Herr hienieden war, konnte Er sie ohne Börse,
Tasche und Sandalen aussenden; sie gingen aus und
hatten Sein Wort allein als ihre Hilfsquelle; sie
gingen einfach im Gehorsam Ihm gegenüber aus. Der
Herr war hier auf Erden, und Er genügte ihnen in
allem; wenn sie noch etwas anderes gehabt hätten, z.
B. eine Börse, eine Tasche oder Sandalen, so würde
es das Zeugnis geschmälert haben, daß der Herr
allein für alles genug war. Er fragt sie: „Mangelte
euch wohl etwas?" und sie sagten: „Nichts."
Jetzt aber, sagt Er, ist alles anders. Wir
müssen jetzt Seelenübungen in bezug auf das Erlangen
von Hilfsquellen durchmachen; der Herr ist nicht
hienieden, und wir müssen in uns selbst Hilfsquellen
haben. Der Herr sagt: „Das, was mich betrifft, hat
eine Vollendung" - dadurch werden wir auf unsere
eigenen Hilfsquellen geworfen. Das ist eine
vollständige Veränderung; der Herr würde unter die
Gesetzlosen gerechnet werden. Er ging in den Tod;
die Dinge, die Ihn betreffen, würden eine Vollendung
haben, und deshalb sollte der Dienst auf einem
anderen Grundsatze ausgeübt werden. Ich zweifle
nicht daran, daß, wenn Er in Vers 38 von einer
Börse, von einer Tasche und von Sandalen redete, Er
solche Dinge nicht buchstäblich, sondern in einem
geistlichen Sinne meinte. Ich glaube, daß Er Sich
darauf bezog, was die Heiligen im Heiligen Geiste
haben würden; das sind Hilfsquellen, die sie durch
ihre eigenen Seelenübungen erwerben würden, so daß
sie damit ausgestattet sind. Wir reden von leeren
Gefäßen; manchmal sagen wir, daß wir nichts haben.
Das ist aber keine geistliche Seelenübung. Der Herr
lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Dinge, die wir durch
Seelenübungen erwerben müssen.
Ich glaube nicht, daß irgend jemand zum
Dienste taugt, wenn er nicht ausgestattet ist. Was
nützt es, unter den Heiligen umherzureisen, wenn man
nichts hat, was man ihnen geben kann? Man braucht
eine Börse, eine Tasche und Sandalen. Die Tasche
spricht von der Versorgung mit Speise, sie ist das
Gefäß, worin die Speise getragen wird. Der Herr
deutet an, daß, wenn wir dienen wollen, wir mit
geistlichem Reichtum ausgestattet sein müssen, denn
wir brauchen Speise und Kraft zum Kampfe, und wir
müssen zusehen, daß wir diese Dinge haben. Ihr sagt
vielleicht, daß doch alles in Christo ist; der Herr
sagt aber: Das wird euch jetzt nicht mehr genügen;
es war so in der Vergangenheit, jetzt müßt ihr aber
das Nötige selbst bei euch haben. Es stehen jetzt
wunderbare Hilfsquellen im Geiste zur Verfügung, mit
welchen das Volk Gottes bereichert werden kann.
Was für eine große Börse besaß Paulus! Wie oft
spricht er von Reichtum in bezug auf den Dienst am
Worte! Er hatte eine große Börse, und er sagt uns in
Eph. 3, wie er dazu kam, sie zu besitzen; er sagt:
Ich habe euch geschrieben, auf daß ihr verstehet,
wie ich dazu kam, so reich zu werden; ich bin
bevollmächtigt worden, unter den Nationen den
unausforschlichen Reichtum des Christus zu
verkündigen. Die Vorräte sind mannigfaltig: Milch
für die Kindlein und Fleisch für die Erwachsenen; es
gibt ein Maß Korn zur gegebenen Zeit, und grüne Auen
für Lämmer und Schafe. Ein großer Teil des Dienstes
besteht darin, etwas Speise für das Volk Gottes
auszuteilen.
Das Schwert bezieht sich auf den Kampf. Die
Jünger verstanden nicht, was der Herr ihnen vor
Augen führte; sie betrachteten es in einer
materiellen Weise. Petrus gebrauchte das Schwert,
als er es nicht hätte gebrauchen dürfen; der Herr
spricht hier von einem geistlichen Schwert. Paulus
spricht vom Schwerte des Geistes, welches Gottes
Wort ist; dieses benötigen wir. Das Bereichern und
das Speisen des Volkes Gottes kann niemals ohne
Kampf ausgeführt werden. Es ist niemals eine Zeit
gewesen, in der man ein Schwert nötiger gehabt hätte
als jetzt. Diese drei Dinge hängen zusammen: der
Dienst des Reichtums und der Speisung einerseits,
und andererseits die Befähigung zu kämpfen.
Der Herr spricht von geistlicher Ausrüstung;
es ist Sein Schlußwort, ehe Er in den Garten und ans
Kreuz ging; deshalb sollten wir ihm eine große
Wichtigkeit beimessen. Der Herr wollte eine Schar
zurücklassen, die mit allem Nötigen zum Ausüben des
Dienstes ausgerüstet ist. „Wer keine (Tasche) hat,
verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert" (Vers
36). Das Kleid deutet auf etwas hin, was für uns
vorteilhaft sein kann; wir sollten bereit sein, es
aufzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend jemand
wirklich am Kampfe teilnehmen kann, ohne sich auf
viel Demütigung vorzubereiten. Der Kampf bringt
Demütigungen mit sich; man muß bereit sein, als gar
nichts zu gelten, damit die Wahrheit
aufrechterhalten wird. Paulus kümmerte sich nicht
darum, was die Korinther von ihm dachten; er war
bereit, als ein Verworfener zu gelten, wenn sie nur
richtig standen. Kraft zum Kampf erfordert die
Bereitschaft, alles aufzugeben und sein Kleid zu
verkaufen – d. h. etwas zu verkaufen, was man
naturgemäß hoch einschätzt.
„Das, was mich betrifft, hat eine Vollendung"
(Vers 37). Alles, was mit Christo nach dem Fleische
verbunden war, ging seinem Ende entgegen. Es war
eine einzigartige Zeitspanne, als der Herr hier auf
Erden war; es war nie zuvor etwas Ähnliches
dagewesen, und es wird es auch niemals wieder sein.
Es war nicht dazu bestimmt, daß es fortgesetzt
werden sollte, sondern es erreichte sein Ende; es
gibt aber jetzt im Geiste Hilfsquellen, die wir uns
aneignen müssen, sonst sind wir den Anforderungen
des Dienstes nicht gewachsen.
Der Olberg nimmt in diesem Evangelium einen
großen Platz ein. Hier bittet der Herr nicht darum,
daß sie mit Ihm wachen sollten; Seine Gedanken über
sie waren voller Gnade und auf ihr Bewahren
gerichtet, und wir dürfen sagen, daß es auch mit uns
so ist. Der Herr sagte zweimal: „Betet, daß ihr
nicht in Versuchung kommet." Sein Gedanke war, daß
eine Zeit der höchsten Prüfung herannahte, und daß
die Jünger und auch wir durch nichts anderes für
einen solchen Augenblick gerüstet sein können als
nur dadurch, daß wir mit Gott hindurchgehen. Weil
sie nicht mit Gott im Gebet waren, sagten sie:
„Sollen wir mit dem Schwerte dreinschlagen?" Es war
die Entfernung vom Herrn, die einen von ihnen dazu
verleitete, eines Menschen Ohr abzuschlagen. Es wird
hier gesagt, daß einer von ihnen dieses tat, als ob
sie alle daran gedacht hätten, es zu tun.
Sie hatten sich vom Herrn weiter als einen
Steinwurf weit entfernt; es ist etwas Schreckliches,
sich weiter als um einen Steinwurf vom Herrn zu
entfernen. Der Herr deutete an, daß Er sogar in
solch einem Augenblick nicht ganz außer der
Reichweite des Menschen war. Zwischen Ihm und ihnen
war aber ein Abstand; die Heftigkeit Seines Kampfes
und Seiner Gebete und der stärkende Dienst vom
Himmel waren allein für Ihn. Zwischen Ihm und ihnen
war ein Abstand - ein Steinwurf weit; es war aber
keine Entfernung, die Ihn völlig ihrer Reichweite
entzog. Ein Steinwurf ist das Maß der Reichweite
eines Menschen.
Ich denke, der Herr hatte Sich nahe genug zu
ihnen gestellt, damit Er ihnen ein Vorbild geben
konnte, und Er war ein Vorbild für uns im Gebet. In
der Gegenwart der Macht des Bösen war das Gebet
Seine einzige Zuflucht; Er war mit Gott. In dem
gepriesenen Herrn sehen wir einen Menschen mit Gott
und deswegen einen gänzlichen Überwinder; der Wille
des Vaters bestimmte alles. Es war des Herrn
Gedanke, daß keiner von Seinen Jüngern sich weiter
als einen Steinwurf von Ihm entfernen sollte; das
ist das Geheimnis der Sicherheit, und ganz besonders
während der Stunde des Menschen und der Gewalt der
Finsternis. Der Herr zeigte den Jüngern dadurch das
Geheimnis ihrer Bewahrung; dieses Geheimnis besteht
für sie und für uns darin, nahe bei Gott zu bleiben.
Das Gebet, wenn es überhaupt etwas bedeutet,
bedeutet bei Gott zu sein; wenn das nicht der Fall
ist, dann ist es nicht viel wert. Die Gewohnheit zu
beten sollte bei uns gefördert werden; wenn sonst
der Augenblick der Bedrängnis kommt, ist es zu spät,
anzufangen zu beten. Diesen Fehler machen wir oft;
wir denken, wir können anfangen zu beten, wenn die
Bedrängnis kommt; das geht aber nicht. Er ging
Seiner Gewohnheit nach an den Olberg. Man muß die
Gewohnheit haben, sich in die Nähe des Himmels und
in die Gegenwart Gottes zurückzuziehen - das ist die
einzige Zuflucht in der Stunde des Menschen und der
Gewalt der Finsternis. Es ist ein sehr ernstes Wort
für uns.
Die Jünger schliefen; sie waren nicht bei
Gott. Der Herr war bei Gott; wir sehen in Ihm einen
Menschen bei Gott — es ist ein wunderbarer Anblick
-, Er war ein Mensch, der vom Himmel gestärkt wurde.
Der Herr behielt vollkommen die Stellung bei, in die
Er gekommen war; Er war in die Stellung des Menschen
gekommen, und Er behielt sie bei und wurde vom
Himmel gestärkt. Wir sollten uns niemals von dieser
Stellung entfernen; wenn wir es tun, werden wir von
der Macht der Finsternis versucht werden. Die Macht
der Finsternis ist etwas Schreckliches. In demselben
Augenblick, wo ich den Gedanken an Christum als
Vorbild, wie auch das Bestreben, Ihm ähnlich zu
sein, aufgebe, falle ich auf meinen eigenen
Standpunkt zurück; das bezieht sich auf das Erste
und das Letzte vom Morgen bis zum Abend. Wir müssen
den Gedanken von einem Vorbilde festhalten und
Christum nachahmen.
Der Herr erlebte eine Bedrängnis, die niemals
über uns kommen wird. Es war eine Heftigkeit darin,
die wir niemals kennenlernen werden - darauf weist
der Steinwurf hin. Es ist nicht mit den zweitausend
Ellen zwischen der Lade und dem Volke zu
vergleichen, als sie über den Jordan zogen, denn das
war ein großer Abstand. Es handelte sich damals um
die Macht Seiner Person, als Er der Macht des Todes
entgegentrat und sie zunichtemachte; das ist für uns
kein Vorbild. Es wurde alles in der Kraft Seiner
Person bewirkt. Ich kann jetzt in der Kraft Seines
Sieges hinüberziehen, doch dabei ist Er kein Vorbild
für mich. Der Steinwurf birgt aber den Gedanken des
Vorbildes in sich.
Die Jünger waren moralisch fern von Ihm; sie
hatten sich weiter als einen Steinwurf von Ihm
entfernt. Petrus war noch viel weiter vom Ihm, als
er im Hofe saß, sich wärmte und den Herrn
verleugnete. Der Herr sagt: „Stehet auf und betet."
Hier wird der Schlaf dem Gebet entgegengesetzt; ein
betender Heiliger verfällt niemals in Schlaf. Die
einzige Möglichkeit, wach zu bleiben, ist, zu beten;
wenn wir nicht beten, schlafen wir ein. Sobald wir
den Gedanken an den Herrn als unser Vorbild
aufgeben, werden wir gleichgültig. Es ist nicht nur
ein Vorrecht, Ihm ähnlich zu sein, sondern auch eine
Notwendigkeit; es ist meine einzige Sicherheit. Es
ist auch für uns möglich, vom Himmel gestärkt zu
werden, wie Er es wurde, und wir haben das nötig,
wenn es der Macht der Finsternis erlaubt wird, auf
uns einzuwirken.
Es gibt nichts Gesegneteres, als vom Himmel
gestärkt zu werden und zu empfinden, daß wir von
solcher einer Macht angefochten werden, so daß wir
sicherlich unterliegen müßten, wenn wir nicht bei
Gott sind. Dann beten wir heftiger und finden, daß
wir vom Himmel gestärkt werden; anstatt zu
unterliegen, sind wir dann Überwinder. Der Engel
bedient uns mit der Darreichung des Himmels. Es ist
nicht der Geist, denn Er ist schon hienieden; aber
das Kommen eines Engels bringt einen frischen
Beitrag der Darreichung vom Himmel. Das ist eine
glückselige Wirklichkeit. Ich werde nicht nur vom
Geiste unterstützt, der ja hienieden bleibt, sondern
im Augenblick meiner Bedrängnis wird auch ein Engel
gesandt, der ein direkter Bote vom Himmel ist.
Wenn wir uns dessen bewußt wären, würden wir
niemals daran denken, beim Verteidigen des Herrn und
der Wahrheit zu fleischlichen Mitteln zu greifen.
Wenn Er eine Stärkung vom Himmel durch einen Engel
wertschätzen konnte, so muß es etwas Wunderbares
sein. Wir sollten wissen, wie wir den Dingen
entgegentreten sollten; die Jünger wußten es nicht,
und darum begannen sie, darüber zu reden, ob sie
nicht mit dem Schwerte dreinschlagen sollten, und
Petrus hieb tatsächlich einem Menschen ein Ohr ab.
Sie wußten nicht, wie sie den Dingen entgegentreten
sollten; sie waren nicht bei Gott, und wenn wir
nicht bei Gott im Gebet sind, so gebrauchen wir
völlig verkehrte Mittel, um die Interessen des Herrn
zu fördern. Die Jünger dachten, daß sie die
Interessen des Herrn förderten, aber sie gebrauchten
verkehrte Mittel.
Bei Matthäus und Markus wird Gethsemane
erwähnt; diese Evangelien stellen dar, daß Gott Sich
tatsächlich mit der Sünde beschäftigt hat; sie
erwähnen, daß der Herr von Gott verlassen worden
ist. Das wird in diesem Evangelium nicht erwähnt.
Hier geht es mehr um die ungeheuer große Macht des
Bösen, die sich der Offenbarung Gottes in Gnade
widersetzt. Lukas schreibt nicht von dem
gerichtlichen Verfahren Gottes mit der Sünde in den
Sühnungsleiden des Herrn, sondern im Lukasevangelium
wird gezeigt, daß Er durch die Gnade Gottes den Tod
für alles geschmeckt hat. Bei Lukas bedeutet Sein
Tod eine Erweiterung Seiner persönlichen
Herrlichkeit, weil dadurch die göttliche Gnade
völlig geoffenbart worden ist; es ist nicht eine
Verengung, sondern eine Erweiterung. In diesem
Kapitel sehen wir die persönliche Herrlichkeit
Christi in Gegenwart der Macht der Finsternis in
einer sich immer steigernden Fülle. Wir sehen, wie
Seine persönliche Herrlichkeit sich ausdehnt. Er ist
der Christus, der Sohn des Menschen, der Sohn
Gottes; alles dieses tritt in dem Synedrium zutage.
Jener Raum des Synedriums wurde durch die ganze
Pracht Seiner persönlichen Herrlichkeit erleuchtet;
sie war nie zuvor in solch einem Lichtglanz
erstrahlt. Welch ein wunderbarer Schauplatz! Es war
ein Anblick für Engel und für Menschen, und alle
mußten das empfinden.
Der Herr unterweist uns in Gnaden; Er hat den
Schlüssel des Überwindens uns in die Hände gegeben -
wollen wir ihn nicht haben? Der Herr gibt uns den
Schlüssel des Überwinders, und das ist das Gebet;
und dann zeigt Er uns das klägliche Ergebnis davon,
wenn wir schlafen statt beten. Das Ergebnis ist, daß
wir zu fleischlichen Mitteln greifen, um die
Interessen des Herrn zu fördern, und wir schlagen
den Leuten die Ohren ab. Der Herr zeigt hier, wie
man den Widerstand überwinden soll; es ist nicht
durch die Anwendung von menschlichen oder
fleischlichen Mitteln, sondern durch das Erweisen
der Gnade; deswegen sagt Er: „Lasset es so weit",
und Er heilte jenen Menschen. Er ist unser Vorbild.
Ich möchte beim gnädigen Berühren von Notleidenden
geschickter sein. Der Herr tut alles bei uns in
reinster Gnade. Wir berühren nicht die Macht der
Finsternis in Gnade; doch die Menschen sind durch
die Macht der Finsternis verführt worden, und es ist
etwas Wunderbares, das Ohr eines Menschen berühren
zu können, der sich niemals für die Dinge Gottes
interessiert hat, und zwar es so zu berühren, daß er
von dem Augenblicke an der kostbaren Geschichte der
Gnade zuhört. Wenn wir zum Fördern des Werkes des
Herrn natürliche Mittel anwenden, so sinken wir nur
auf den menschlichen Boden herab, und dort finden
wir den Petrus. Petrus war beim Gebrauch des
Schwertes zu finden, und er stellte sich mit den
Menschen auf ihre Stufe.
Die Jünger waren „eingeschlafen vor
Traurigkeit"; sie liebten Ihn wirklich, aber sie
waren nicht bei Gott, und selbst die Tatsache, daß
sie Ihn liebten, brachte sie in Gefahr. Wenn Petrus
den Herrn nicht geliebt hätte, wäre er Ihm nicht
nachgefolgt. Es war bei Petrus die echte Liebe zum
Herrn, die ihn in Gefahr brachte, und zwar, weil er
nicht bei Gott war. Es ist möglich, die Bedrängnis
so sehr zu empfinden, daß man alles aufgibt und
einschläft; wir suchen einen Ausweg im Vergessen zu
finden. Ich habe einen Heiligen sagen hören: „Wenn
ich mir das alles nicht aus dem Kopfe schlage, so
werde ich von Sinnen werden." Das heißt aber nicht,
die Sache vor Gott zu bringen. Wenn wir die Sache
vor Gott bringen, so werden wir nicht von Sinnen
werden, sondern wir werden den Sinn Gottes bekommen.
Solcherart ist aber die Schwachheit der Natur, daß
wir wirklich vor echter Traurigkeit einschlafen. Wir
empfinden es tief, was sich auf den Herrn und auf
Seine Interessen bezieht, wir sind uns aber der Nähe
Gottes nicht bewußt, und wir schlafen ein.
Entfernung von Gott ist das Geheimnis aller
Schwäche. Ein Christ vollbringt oft das stärkste
Stück von Unbeständigkeit, das man sich denken kann!
Ich glaube nicht, daß irgendeiner von uns so den
Herrn geliebt hat wie Petrus; doch er verleugnete
Ihn dreimal. Der Herr blickte den Petrus an, und das
rettete die Lage.
Der Herr überwand in Gnade; Er überwand die
Macht der Finsternis und die ganze Schwäche bei
Petrus. Die Gnade Gottes wird weiterhin in einer
lebendigen Weise durch diejenigen zum Ausdruck
gebracht, die das Vorbild Christi nachahmen. In
demselben Augenblick, wo ich in meinem Herzen den
Gedanken an Christum als Vorbild und auch daran, daß
ich Ihm ähnlich sein soll, aufgebe, sinke ich auf
den Boden von dem herab, was ich bin, und dann sind
wir kein Zeugnis mehr. Wir mögen weiter zu den
Zusammenkünften kommen und an ihnen teilnehmen, doch
wir
sind kein Zeugnis mehr; nur Menschen, die
Christo ähnlich sind, sind im Zeugnis. Die ganze
Gnade Gottes wird uns in Christo als Vorbild
vorgestellt. Es ist eine glückselige Wirklichkeit,
daß der Charakter Christi in jedem Heiligen
vorhanden ist - man denkt daran mit Wonne. Doch es
ist wichtig, diesem Charakter auch freien Lauf zu
gewähren; auf alles, was vom Fleische und vom
Natürlichen ist, muß ein scharfes Messer angewendet
werden, damit das, was zum Charakter Christi gehört,
ans Licht treten kann. Das ist das Gesetz der
Freiheit.
Dann wurde der Herr vor die Versammlung
Israels geführt. Es war nicht mehr Seine Verwerfung
durch die Volksmenge oder durch einzelne Personen,
sondern weil Er vor die Ältestenschaft des Volkes
und die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die sich
für das Gesetz interessierten, gestellt wurde, war
das ganze Volk öffentlich vertreten. Die Versammlung
Israels war zusammengetreten, und zwar um den
Gesalbten Gottes zum Tode zu verurteilen. Es
handelte sich um Seine Person. Es ging um das
gesalbte Gefäß der Gnade, dessen Lebenslauf uns
durch den Geist Gottes in diesem Evangelium vor
Augen gestellt wird. Sie hatten keinen Grund, zu
sagen: „Wenn du der Christus bist, so sage es uns."
Er hatte es dreieinhalb Jahre in einer
unmißverständlichen Weise gesagt. Es war der feste
Vorsatz bei ihnen, sich des Gesalbten Gottes zu
entledigen, und zwar bei der verständnisvollsten
Versammlung, die damals auf der Erde zusammengerufen
werden konnte. Das ist äußerst ernst. Es dient dazu,
ans Licht zu bringen, daß alles, was in Ihm zum
Ausdruck gekommen war, keine andere Wirkung
erzeugte, als nur den Haß derer zu erwecken, die
durch die Macht der Finsternis getrieben wurden.
Der ganze Umfang des göttlichen Lichtes war in
Seiner Person; Er war der Christus, der Gesalbte
Gottes, und Er war der Sohn des Menschen, der zur
weltweiten Herrschaft bestimmt war, und Er war der
Sohn Gottes, eine Mensch gewordene Person der
Gottheit – das ganze Licht war in Seiner Person
zusammengefaßt, doch die ganze Macht der Finsternis
war in dem, was die öffentliche Versammlung Israels
ausmachte, zusammengefaßt. In einem anderen
Evangelium wird gesagt, daß sie Zeugen suchten, auf
daß sie Ihn töteten; das war ihr ganzes Ziel. Es gab
viele Zeugen, die man hätte rufen können, nämlich
gereinigte Aussätzige, Blinde, deren Augen geöffnet
worden waren, auferweckte Tote und Tausende von
Geheilten. Es gab viele Zeugen dafür, daß Er der
Christus war; doch wagten es die Ältesten zu sagen:
„Sage uns." Seine Person war der große Prüfstein,
nicht religiöse Glaubensbekenntnisse oder die
Kenntnis der Schrift.
Ich nehme an, daß jedermann in diesem
Synedrium die Schriften kannte, doch Seine Person
war der Prüfstein. Bei jedem, der mit Ihm in
Berührung gekommen war, war die Überzeugung
vorhanden, daß alles, was Er sagte und tat, von Gott
war. "... Jesum, den von Nazareth, wie Gott ihn mit
Heiligem Geiste und mit Kraft gesalbt hat, der
umherging, wohltuend und heilend alle, die von dem
Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm"
(Apg. 10, 38). Es war unmöglich, etwas davon in
Frage zu stellen, und doch sagten sie: „Sage uns."
Es war zu spät, solch eine Frage zu stellen. Die
Lage war jetzt entschieden; es bestand keine
Hoffnung für eine Anderung Seines Urteils über sie,
noch in ihrem Urteil über Ihn. Er hatte Sein Urteil
über sie in Kap. 11 und 20 kundgemacht, und sie
waren jetzt zu einer feierlichen Versammlung
zusammengetreten, um öffentlich ihr Urteil über Ihn
zu verkündigen.
Es gibt keinen einzigen Charakterzug des
Gesalbten Gottes, der sich dem religiösen Menschen
empfiehlt; wir müssen diese Tatsache in ihrer ganzen
ernsten Wirklichkeit annehmen. Je mehr es uns also
gelingt, anschaulich zu beweisen, daß Jesus der
Christus ist, desto bestimmter und tödlicher ist
auch der Widerstand, der im natürlichen und
religiösen Menschen wachgerufen wird. Die Menschen
brauchen nicht mehr überzeugt zu werden; wir denken,
daß, wenn wir die Wahrheit nur auf eine überzeugende
Weise darstellen könnten, alles gut gehen wird; je
überzeugender sie aber dargestellt wird, desto mehr
Haß kommt zum Vorschein. Niemals wurde die Wahrheit
überzeugender dargestellt als in Gottes gesalbtem
Gefäß; Seine Werke und Seine Lehre stellten die
Wahrheit in Wort und Tat dar, und zwar überzeugend;
aber die Tatsache, daß sie überzeugend dargestellt
wurde, brachte die Feindseligkeit des menschlichen
Herzens zum Vorschein. Wir sagen oft, der Mensch sei
gefallen, verloren und Gott feindlich; doch es fragt
sich, wie weit wir das glauben?
Die Verwerfung Christi hemmt Gott in Seinen
wunderbaren Plänen nicht; sie vereitelt keineswegs
die Erfüllung der Absichten Gottes, so daß der Herr
mit Bestimmtheit von ihnen sagen konnte, daß sie
nicht glaubten und Ihn nicht loslassen wollten; sie
wollten von dem eingeschlagenen Wege nicht abstehen.
Andererseits würde Gott auch von Seinem Wege nicht
abstehen; wenn der Sohn Gottes verworfen wurde, so
würde der Sohn des Menschen in den weiteren Bereich
Seiner weltweiten Herrschaft eingehen. Wir lesen
diese Schriftstelle nicht in der rechten Weise, wenn
wir nicht verstehen, daß dies ein dunkler
Hintergrund ist; wir sehen aber, daß der Vorsatz und
Ratschluß Gottes, trotz allem Seinem gesegneten
Ziele zustrebt.
Das Zeugnis der Gnade war jetzt öffentlich für
Israel zu Ende, sie hatten ihre Lage selbst
bestimmt; die Versammlung war zusammengetreten, um
den Gesalbten Gottes zu verurteilen. Was den Herrn
auf diesem Schauplatze kennzeichnete, war Schweigen;
Seiner Worte waren äußerst wenige. „Er wurde
mißhandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund
nicht auf, gleich dem Lamme, welches zur Schlachtung
geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor
seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf"
(Jes. 53, 7). Es ist auffallend, wie wenig Er zu
sagen hatte; Sein Schweigen in der Stunde des
Menschen und in Gegenwart der Macht der Finsternis
war ein Ausdruck der göttlichen Gnade. Er hatte sie
in Wort und Tat zum Ausdruck gebracht, und nun
drückte Er sie durch Schweigen aus. In Gegenwart von
Haß, Ungerechtigkeit und Gewalttat nahm die Gnade
die Stellung des schweigenden Duldens ein. Er steht
in dieser Haltung als ein Vorbild für uns da, und
wenn wir es betrachten, lernen wir die Gnade im
leidenden Lamme kennen. Wenn wir das nachahmen,
werden wir in unserer Natur und Liebe dazu tüchtig
gemacht, die Braut des Lammes zu sein. Wir werden
bald in der innigsten Vereinigung mit diesem
Gepriesenen stehen; doch nichts kann mit Ihm
vereinigt werden, was Ihm nicht entspricht; Seine
Braut muß Sein Gegenstück sein. Seiner Worte waren
wenige, sie waren aber doch das Bekenntnis der
Wahrheit von Seiner Person; Er würde der Sohn des
Menschen zur Rechten der Macht sein.
Zweifellos bezogen sich die Worte des Herrn
(Vers 69) auf Daniel 7, und diese Schriftstelle war
einem jeden in jener Versammlung bekannt. „Ich
schaute, bis Throne aufgestellt wurden und ein Alter
an Tagen sich setzte: sein Gewand war weiß wie
Schnee, und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle;
sein Thron Feuerflammen, dessen Räder ein loderndes
Feuer. Ein Strom von Feuer floß und ging von ihm
aus; tausend mal Tausende dienten ihm, und
zehntausend mal Zehntausende standen vor ihm. Das
Gericht setzte sich, und Bücher wurden aufgetan"
(Vers 9 u. 10); und dann heißt es weiter: 'Ich
schaute in Gesichten der Nacht: und siehe, mit den
Wolken des Himmels kam einer, wie eines Menschen
Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor
denselben gebracht. Und ihm wurde Herrschaft und
Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker,
Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine
Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht
vergehen, und sein Königtum ein solches, das nie
zerstört werden wird" (Vers 13 u. 14).
Alle in dem Synedrium kannten diese
Schriftstelle, und sie wußten, daß der Herr Sich
darauf bezog. Der Alte an Tagen ist einer der
hoheitsvollsten Titel Gottes, welche die Schrift
enthält, und es wird vom Sohne des Menschen gesagt,
daß Er zu dem Alten an Tagen gebracht wurde. Wie die
Anmerkung unten (in der englischen Übersetzung von
J. N. Darby) sagt, heißt es eigentlich: „Er reichte
bis zu dem Alten an Tagen"; das heißt, daß der Sohn
des Menschen der Genosse Jehovas ist (Sach. 13, 7).
Er reicht bis zu dem Alten an Tagen; es besteht
keine Ungleichheit, keine Unterordnung zwischen dem
Sohne des Menschen und dem Alten an Tagen. Was die
Rechte Seiner Person betrifft, so beansprucht der
Sohn des Menschen es, mit Gott auf gleicher Stufe zu
stehen. Sie wußten das genau. Er wird eine weltweite
Herrschaft besitzen. Kein Mittelweg war möglich;
wenn wir an die Rechte der Person des Herrn denken,
so ist es für keinen Menschen möglich, demgegenüber
gleichgültig zu bleiben. Wenn wir den Menschen die
Wahrheit der Person des Herrn klarmachen würden, so
werden sie entweder zu Seinen Füßen niederfallen und
Ihn anbeten, oder sie werden mit den Zähnen gegen
Ihn knirschen; die Menschen müssen Ihn entweder
anerkennen oder verwerfen. Es ist wichtig beim
Verkündigen, die Rechte Seiner Person hervorzuheben
und die Würde, die Majestät und die weltweite
Herrschaft, die Seiner Person eigen sind, zu
betonen. Jeder Mensch wird durch Seine Person auf
die Probe gestellt. Ist Er der Gesalbte Gottes? Ist
Er der Sohn des Menschen? Diese Leute verstanden
vollkommen, daß, wenn Er der Christus und der Sohn
des Menschen war, Er dann auch der Sohn Gottes war,
eine Mensch gewordene Person der Gottheit. Keiner
konnte bis zu dem Alten an Tagen hinaufreichen als
nur ein Mensch, der Sein Genosse war; für diese
Leute bedeutete es, daß Er der Sohn Gottes war. In
diesen Tagen, wo Er jeder Herrlichkeit, die Ihm
gehört, entkleidet wird, ist es von wesentlicher
Wichtigkeit, die Größe Seiner Person kundzutun.
„Der Christus" umfaßte das Zeugnis der Gnade,
das Zeugnis, das erschollen war und durch das ganze
Land, vom Toten Meer bis zum Libanon, widerhallte.
Er war der Gesalbte Gottes, das Gefäß, das für alle
zugänglich und mit göttlicher Gnade und Segnung
erfüllt war. Seine Verwerfung als der Gesalbte
Gottes bedeutete die völlige Verwerfung der Gnade.
Der Sohn des Menschen schließt aber die herrliche
Oberhoheit ein, die Ihm eigen ist; Er wird weltweite
Herrschaft besitzen, und jedes Knie wird sich Ihm
beugen müssen. Auch das müssen wir kundtun. Ein
Mensch, der das Evangelium hört und dem es in der
Kraft des Geistes eingeprägt wird, kann nie sagen:
Ich werde es mir überlegen. Er muß entweder den Sohn
des Menschen anbeten oder Ihn verwerfen. Auf diese
Weise behauptet der Herr als Sohn des Menschen in
einer völligen Weise Seinen Platz der Herrschaft,
der Gewalt und der Macht. Sie hatten Ihn als den
Christus verworfen; darum war es eine Torheit, Ihn
zu fragen, wer Er sei; und dann verwarfen sie Ihn
als Sohn des Menschen. Sie verstanden, daß keiner
der Sohn des Menschen sein konnte, der nicht der
Sohn Gottes war. Christus und der Sohn des Menschen
sind öffentliche Titel, dahinter steht aber Seine
persönliche Herrlichkeit als der Sohn Gottes.
Kapitel 23
In diesem Kapitel gehen wir vom Synedrium zum
Gerichtshof des Pilatus über. In Pilatus sehen wir
den Charakter des letzten Tieres von Daniel 7, eine
von Gott eingesetzte, aber von der Politik
beeinflußte Gewalt, Pilatus war nicht wie die
jüdischen Führer durch Haß gegen Christum
gekennzeichnet. Er stellt einen großen Teil Leute in
dieser Welt dar, denn er konnte unterscheiden, daß
Derjenige, der vor ihm stand, kein Verbrecher war.
Er konnte das Urteil fällen, daß an Ihm keine
Schuld, nichts Todeswürdiges zu finden war; seine
Haltung wurde aber von der Klugheit beeinflußt, von
dem, was unter den damals herrschenden Umständen
vorteilhaft war. Auch wir können durch die Umstände,
in welchen wir uns befinden, beeinflußt werden.
Wenn ich Christum bekennen könnte, aber
schweige, weil ich denke, es könnten mir dadurch
Schwierigkeiten erwachsen, oder ich könnte denen,
bei denen ich bin, mißfallen - dann stehe ich neben
Pilatus. Sind wir bereit, unter allen Umständen für
Christum einzustehen? Wenn Pilatus eine wahre
Wertschätzung Christi gehabt hätte, wäre er für Ihn
gestanden, koste es, was es wolle. Er befürchtete
einen Aufruhr der Juden, denn er hatte viele
Schwierigkeiten mit ihnen und wollte keine mehr
haben. Gott ließ es zu, daß er öffentlich sein
gerechtes Urteil über Christum zum Ausdruck brachte,
gleichzeitig trat es aber ans Licht, daß er sich
durch Klugheit leiten ließ.
Es gibt mehr solche, die wie Pilatus sind, als
wir denken. Wir können aber nicht gleichgültig sein;
wir müssen für Christum oder gegen Ihn sein. Unsere
Stellung sollte sein, daß wir für Christum da sind;
wir sollten zu Ihn stehen. Seine Gnade ist so
wunderbar, Seine Gewalt und Kraft so groß und Seine
persönliche Herrlichkeit so hervorragend, daß wir zu
Ihm stehen müssen, koste es, was es wolle. Das ist
die Stellung, und keine Neutralität ist möglich. Ich
fühle mich gedemütigt, wenn ich das sage, denn wir
alle fühlen, wieviel Neutralität bei uns ist.
Am Anfang der Apostelgeschichte sehen wir
Menschen, die Ihn alle verlassen hatten, und einen,
der Ihn sogar dreimal verleugnet hatte; doch sie
standen jetzt unverrückbar wie ein Fels als solche,
die völlig mit Ihm einsgemacht waren. Ob im
Widerstand, Aufruhr, Gefängnis oder Tod, sie standen
zu Ihm ohne einen Schatten von Neutralität. Sie
beten, denn wir können in solcher einer Stellung nur
durch Gebet stehen. Pilatus befürchtete Widerstand
und Aufruhr; sie fürchteten sich aber nicht, sie
standen fest durch Gebet, und aus Apg. 4 sehen wir,
daß die Stätte, wo sie waren, bewegt wurde - Gott
gab ein offensichtliches Zeichen, daß Seine Macht
mit ihnen war. Gott unterstützte sie so, daß sich
ihnen nichts widersetzen konnte; alle Mächte der
Finsternis brachen vor ihnen zusammen.
Herodes war ein Mann, der gar kein Gewissen
hatte. Er suchte nur irgendeine Unterhaltung; er
hoffte ein vom Herrn geschehenes Wunder zu sehen.
Pilatus hatte ein Gewissen, er wurde aber von
menschlicher Klugheit getrieben; Herodes hatte
jedoch kein Gewissen mehr. Der Herr nannte ihn einen
Fuchs; er suchte schlau seinen eigenen Vorteil, und
sein Wunsch, den Herrn zu sehen, war bloß Neugier.
Der Herr hatte dem Herodes nichts zu sagen; Er
wollte nicht der Neugier dienen. Wenn die Menschen
sich darum bemühen, das Christentum für den
natürlichen Menschen anziehend zu machen, so ist das
so ähnlich, als wenn man Christum vor Herodes
bringen würde, und das führt nur dahin, daß Er
geringschätzig behandelt und verspottet wird. Gott
wirkt nicht auf diese Weise, und wir sollten solche
Dinge nicht tun. Wenn ein Mensch nur durch
natürliche Neugier getrieben wird, hat der Herr ihm
nichts zu sagen.
Alles nahm seinen zuvorbestimmten Lauf im
Blick auf das Kreuz. Die Handlungen der Menschen
waren alle der Absicht Gottes unterstellt, damit
Seine Gnade in dieser Welt vollkommen dargestellt
werden möchte. Die Stunde des Menschen und die Macht
der Finsternis dienten nur dem Zweck, Wunder ans
Licht zu bringen, die vorher nicht geoffenbart
werden konnten. Es ist, als wenn die Finsternis über
den Erdkreis kommt, was der Offenbarung der Pracht
des Himmels dient, so daß wir hinaufblicken und das
Werk der Hände Gottes schauen können. Wir können
dann Wunder und Herrlichkeiten schauen, die bei
Tageslicht nicht gesehen werden können; die
Finsternis bietet ihnen die Gelegenheit,
auszustrahlen. Als die Macht der Finsternis sich im
Widerstand Jesu gegenüber offenbarte, war es gerade
die rechte Zeit, daß die Herrlichkeit Gottes in
Gnade in ihrer heiligen Pracht erstrahlen sollte.
Die bösen Gedanken im Herzen des Menschen dienten
bloß dazu, die kostbaren Gedanken im Herzen Gottes
ans Licht zu bringen.
Es ist sehr bedeutungsvoll, daß der Herr
gekreuzigt wurde, denn das war nicht der von Gott
bestimmte Tod für einen Lästerer, denn dieser war
die Steinigung. Wie wir wissen, hatten die Juden
häufig die Absicht, Ihn zu steinigen, aber das
sollte nicht sein. Es wurde von Gott angeordnet, daß
Er den Platz von einem, der unter dem Fluche steht,
einnehmen sollte, denn ein Gehenkter ist ein Fluch
Gottes; Er sollte aber durch die Gnade Gottes diesen
Platz einnehmen. Der Gedanke der Steinigung ist, daß
jeder der Beteiligten seinen Abscheu gegen die
verübte Sünde zum Ausdruck bringt, während ein
Gekreuzigter zu einem öffentlichen Schauspiel
gemacht wird; er befindet sich öffentlich am Platze
des Fluches. Der Herr kam dahin in reiner und
vollkommener Gnade, um uns dadurch vom Fluche zu
erlösen, daß Er Selbst zum Fluche wurde, auf daß der
Segen Abrahams in Christo Jesu zu den Nationen käme,
„auf daß wir die Verheißung des Geistes empfingen
durch den Glauben" (Gal. 3, 14). Die Bosheit des
Menschen hinderte Gott nicht im Geringsten; sie
führte nur Seinen bestimmten Ratschluß herbei, damit
Segen für uns alle durch das Erlösungswerk
hervorkommen möchte.
Johannes sagt uns in seinem Evangelium, daß
Jesus Sein Kreuz trug. Er wird dort dargestellt, wie
Er alles in der Größe Seiner Person trug. Als erhöht
sollte Er zum Sammelpunkt für alle werden. Bei
Johannes handelt es sich nicht um die Schande des
Kreuzes, sondern um die Erhöhung, die der Weg war,
den die göttliche Liebe und Kraft nahm, um Gottes
gesegnetes Endziel zu erreichen. In den anderen
Evangelien aber wird Simon von Kyrene als das Kreuz
des Herrn tragend erwähnt, und zwar nicht nach
seinem eigenen Willen, sondern durch die Feinde Jesu
dazu gezwungen. Er war offensichtlich ein Mann von
einem afrikanischen Volksstamme, der, wie die
Menschen sagen würden, zufällig zur Stelle war, denn
Markus sagt, er wäre ein Vorübergehender gewesen,
der von seiner Tagesarbeit vom Felde kam. Er war
augenscheinlich ein Mann, den sie zu solch einem
Zwecke für passend hielten; sie hätten dafür keinen
Schriftgelehrten noch einen Pharisäer oder einen
Gesetzgelehrten gewählt.
Markus sagt uns, daß Simon von Kyrene zwei
Söhne hatte, Alexander und Rufus, wodurch er
andeutet, daß er einen Namen unter den Gläubigen
hatte. Ich zweifle nicht daran, daß er ein Jünger
war, und daß es so von Gott angeordnet wurde, daß er
sich im rechten Augenblick zur Stelle befand, als
gerade jemand nötig war, um das Kreuz zu tragen. Es
ist gut, unter der Anordnung Gottes ein
Vorübergehender zu sein, wenn Jesus verschmäht wird,
und dann bereit zu sein, wenn Seine Feinde uns
zwingen, Sein Kreuz zu tragen. Mit Jesu verbunden zu
werden und ausgewählt als nur dazu fähig, Sein Kreuz
zu tragen, ist die größte Ehre, die die Welt uns
erweisen kann. Sind wir in unserem Wandel und in
unseren Wegen derart, daß die Welt uns zu dieser
Ehrung auswählen würde?
Dann war die Volksmenge da, die wehklagte und
Ihn bejammerte. Der Herr will nicht das Mitleid der
Menschen, sondern ihren Glauben haben. Er wußte
alles, was über sie kommen würde, und Er sagte:
„Wenn man dies tut an dem grünen Holze, was wird an
dem dürren geschehen?" Er war das grüne Holz des
größten Vorrechts Gottes, und Er wurde von der
ganzen Nation verworfen. Das Holz war aber immer
noch grün; sogar durch Seine Kreuzigung verlor es
nichts an seiner Frische. Er konnte sagen: „Vater,
vergib ihnen.“ Das grüne Holz ist die volle
Darstellung Gottes in Gnade, und dies war noch zu
Pfingsten und durch die ganze Apostelgeschichte
hindurch zu sehen. Das verdorrte Holz ist, wenn der
Mensch ohne Gott, ohne Christum und ohne den
Heiligen Geist sich selbst überlassen wird; das ist
eigentlich die Zeit der völligen Abtrünnigkeit, wenn
Gott Sich von denen zurückzieht, die Ihn aufgegeben
haben.
„Andere hat er gerettet!" sagten die Obersten
spottend; Er wollte Sich aber nicht retten, weil Er
Sich in königlicher Gnade dort befand. Der
bußfertige Übeltäter verstand das; er fürchtete Gott
und erkannte, daß Jesus nicht um Seinetwillen dort
war, sondern in Gnade, und daß Er in Seinem Reiche
wiederkommen würde. Dies ist der Weg zur Segnung,
denn er ward Jesu zugesellt, um mit Ihm im Paradiese
zu sein. Wir könnten diesen Übeltäter als den
Erklärer von allem, was sich ereignete, betrachten;
er war imstande alles so zu deuten, wie keiner der
Apostel es damals vermochte. Er besaß göttliches
Licht über die Sachlage, und er konnte sie zum
Nutzen seines Mitgekreuzigten wie auch zu unserem
Nutzen deuten. Er erkannte die ganze Wahrheit der
Sachlage. Es waren drei Männer unter dem Gerichte:
zwei von ihnen empfingen durchaus das, was sie
verdient hatten; es war aber ein Anderer am Platze
des Gerichts, und Er war dem Übeltäter als Derjenige
bekannt, dem das Reich gehörte; für die Seele dieses
Menschen war er der Christus, der Auserwählte
Gottes. Wenn Er, dem das Recht auf das Reich
gehörte, Sich am Platze des Gerichts befand, so war
Er zweifellos dort in Gnade. Das Bekenntnis des
Übeltäters zeigt, daß das kostbare Werk Gottes in
seiner Seele ihn wohlannehmlich gemacht hatte, Jesu
im Paradiese zugesellt zu werden. Seine Worte:
„Dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan", und
seine Erwähnung des kommenden Reiches stimmten mit
dem überein, was Gabriel am Anfang dieses
Evangeliums der Maria über die Heiligkeit Jesu
gesagt hatte, und er stimmte mit dem überein, was
aus dem Himmel gekommen war. Nichts geht in den
Himmel ein, als nur das, was aus dem Himmel gekommen
ist. Durch die unendliche Gunst Gottes ging er in
das Paradies in vollkommener Übereinstimmung mit
Dem, der ihn dorthin mitnahm, ein.
Das zeigt, wie schnell das Werk Gottes vor
sich gehen kann. Dieser Mann, der ein Spötter
gewesen war, trat jetzt auf dem Schauplatz auf
Golgatha hervor, indem er allem, was sich dort
zutrug, eine Deutung gab. Er ist einer der
bemerkenswertesten Menschen in der Schrift. Er trat
hervor, um Sein Geschlecht auszusprechen. In bezug
auf seinen eigenen Zustand gab es keine
Unbestimmtheit oder Zweideutigkeit, denn er
verurteilt ihn vollkommen, indem er sagte: „Wir zwar
mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten wert
sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan."
Das muß Gott ihm eingegeben haben. In den Augen der
Schriftgelehrten und Pharisäer war alles, was der
Herr getan hatte, ungeziemend, der Übeltäter
rechtfertigte aber den Herrn in jeder Weise; für
seine Seele war Er der Christus, der Auserwählte
Gottes, und wenn Er am Platze des Gerichts war, so
konnte es nur aus Gnaden sein. Der Räuber verstand
das vollkommen. Er empfand, daß, wenn Derjenige, dem
das Reich gehören sollte, aus Gnaden am Kreuze war,
er auch auf Gnade für sich selbst rechnen konnte. Er
hatte Licht in bezug auf die ganze Sachlage; er war
in dem Lichte dieser Person. Er war im Lichte Seines
Todes, Seiner Auferstehung, Seiner Himmelfahrt,
Seines Reiches und Seiner Wiederkunft in
Herrlichkeit. Die elf Apostel hätten zu seinen Füßen
sitzen und Wunderbares lernen können! Das erinnert
mich an die Worte des Herrn: „Letzte werden Erste
sein."
Das Paradies deutet auf die Wonne und das
Wohlgefallen Gottes hin; es bedeutet einen Garten
der Wonnen. Das umfaßt Gemeinschaft mit Jesu. Den
Menschen am Orte Seiner Wonne zu haben, war das
volle Ergebnis dessen, was die Gnade vollbrachte. In
diesem Evangelium sehen wir, daß Gott den Menschen
zu Seiner Wonne bringt. Das Paradies ist der Ort
Seiner eigenen Wonne, und im Lukasevangelium sagt
Gott zu dem Menschen durch den Tod Jesu: Ich will
dich in Meiner Nähe haben. Der Herr sagt: „Heute
wirst du mit mir im Paradiese sein", so daß er sogar
schon vor der Auferstehung dorthin ging. Daß ein
Mensch schon vor der Auferstehung mit Jesu in das
Paradies gehen kann, hebt den Wert des Todes Jesu
hervor. Der eigene Geist des Herrn ging in demselben
Augenblick in das Paradies, als Er starb, und im
Werte Seines kostbaren Todes ging auch der Übeltäter
als ein Gegenstand der Wonne Gottes dahin.
Lukas läßt die Finsternis nicht aus; sie zeigt
den unergründlichen Charakter des Werkes. Wenn die
Versöhnung vollbracht werden sollte, dann mußte sie
dadurch zustandekommen, daß Derjenige, der Sünde
nicht kannte, zur Sünde gemacht wurde - das ist die
Grundlage. Lukas bringt aber nicht das Verlassensein
von Gott, weil das mit dem führenden Gedanken seines
Evangeliums nicht übereinstimmt. Gott erstrahlte
hier in äußerster Gunst den Menschen gegenüber. „Der
Vorhang des Tempels riß mitten entzwei"; es wird
nicht gesagt, daß er „zerriß", wie bei Matthäus und
Markus. Das deutet vielleicht an, daß er aus eigenem
Antrieb zerriß. Es war Gott, der durch den Tod Jesu
Seine eigene Natur in Gnade zum Ausdruck brachte. Es
ist hier nicht die Wucht des göttlichen Gerichts,
das den ergebenen Messias traf. Bei Lukas kommt
alles das ans Licht, was im Herzen Gottes für die
Menschen vorhanden war.
Bei Lukas sagt der Herr, Er wäre beengt: „Ich
habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muß,
und wie bin ich beengt, bis sie vollbracht ist!" Die
ganze Gnade war in Seinem Herzen eingeschlossen;
doch nun brach sie hervor; der geöffnete Vorhang
ließ alles, was dahinter vorhanden war,
hervorströmen zur Linderung der Not des Menschen.
Die ganze Gnade Gottes den Menschen gegenüber fand
durch das Fleisch Jesu in Seinem Tode ihren völligen
Ausdruck. Gott hat alles beseitigt, was den Menschen
daran hindern könnte, zu Seinem Wohlgefallen
aufrechterhalten zu werden. Durch den Tod Jesu ist
Gott hervorgetreten, um uns zu Seinem Wohlgefallen
in dem ganzen Werte des Todes Seines Sohnes vor Sich
zu haben. Das ist etwas, was nie zuvor zum Vorschein
gekommen war; das Alte Testament zeigt, daß Gott dem
Menschen seine Schuld wegnehmen kann, damit er in
Seiner Gunst auf Erden leben möchte; aber etwas
darüber hinaus gibt es uns nicht. Jetzt aber kann
der Mensch durch den Tod Jesu zum Wohlgefallen
Gottes am Orte der Wonne Gottes aufrechterhalten
werden.
Einige haben deshalb gegen die Lieder, die
sagen, Christus habe Sein Blut vergossen, Einspruch
erhoben, weil es in Wirklichkeit ein römischer
Kriegsknecht war, der es vergoß. Es gibt aber doch
drei Schriftstellen, die direkt vom Vergießen des
Blutes Christi reden, und das sind die eigenen Worte
des Herrn beim Abendmahl in Matthäus, Markus und
Lukas. Vergießen und ausgießen ist dasselbe Wort; Er
kam in der Absicht, Sein Blut zu vergießen. Die
Liebe Gottes wurde ausgegossen. Sicherlich hatte der
Herr das vor Sich; es war nicht einfach die Tat des
Kriegsknechts. Es ist durchaus schriftgemäß, zu
sagen, daß Er Sein Blut vergoß; Er war im Hinblick
auf dieses Vergießen gekommen; es war eine Tat der
göttlichen Liebe. Das Wort ausgegossen wird in Apg.
2, 33 in bezug auf den Heiligen Geist gebraucht. Das
Blutvergießen war eine Liebestat von seiten Gottes
und Christi, ebenso wie der Geist in göttlicher
Liebe ausgegossen wurde, und das geschah, damit die
auf Golgatha entfaltete Liebe in Millionen
Menschenherzen ausgegossen werden möchte. Unter dem
Vorwande einer buchstäblichen Genauigkeit verlieren
wir manchmal das geistliche Leben von einer Sache.
Die Finsternis deutet auf das Unausforschliche
hin. In der Art und Weise, wie die Versöhnung
vollbracht wurde, ist eine Tiefe, die für uns
undurchdringlich ist; es ist höchst erstaunlich. Wer
kann das nur annähernd nachprüfen? Wir müssen mit
unbeschuhten Füßen abseits stehen. Die Worte des
Herrn: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen
Geist“, deuten auf das göttliche Wohlgefallen hin.
Sogar im Tode wurde der Herr in vollkommener
Zuversicht dem Vater gegenüber gesehen. Es zeigt
auch, wie vollständig Er den Platz des Menschen
eingenommen hatte, denn Sein Geist war Er Selbst.
Die Wahrheit ist, daß Er Gott ist und Mensch
geworden ist, das war bei der Fleischwerdung.
Derjenige, der in Gestalt Gottes war, und was Seine
Person betrifft, Gott war, ist Mensch geworden und
wird ewig Mensch bleiben. Er ist in diese Stellung
gekommen, damit dem Herzen Gottes neue Wonne daraus
werden möchte; Er hat diese Stellung mit gänzlicher
Vollkommenheit ausgefüllt.
Der Herr kam als Kindlein auf diesen Platz des
Vertrauens. „Du bist es ... der mich vertrauen ließ
an meiner Mutter Brüsten“ (Ps. 22, 9). Eine Person
der Gottheit ist Mensch geworden und bleibt auf ewig
Mensch. Derjenige, der Gott war, ist Mensch
geworden, damit dem Herzen Gottes neue Wonnen
bereitet werden möchten, und zwar nicht nur an Ihm
Selbst, sondern auch an denen, die Seine Genossen
sind. Als Kindlein kam Er in die Stellung des
Gegenstandes der göttlichen Fürsorge. Es ist sehr
ergreifend zu sehen, daß die Tatsache, daß Er von
Seiner Mutter in Windeln gewickelt wurde, der erste
Ausdruck der göttlichen Fürsorge war, und der letzte
Ausdruck dieser Fürsorge war, daß Er von Joseph in
feine Leinwand gewickelt wurde. Er wurde also in der
Kindheit, im Mannesalter und im Tode versorgt.
Es ist sehr ergreifend zu sehen, daß die
Fürsorge Gottes für Jesum von Anfang an oft durch
die Heiligen zum Ausdruck kam. Bedenkt, daß es einem
Weibe erlaubt wurde, dieses heilige Kindlein zu
nehmen und in Windeln zu wickeln, damit die Fürsorge
Gottes durch zärtliche, heilige Hände zum Ausdruck
kam! Wir mögen sagen: O, wäre ich doch einer von
ihnen gewesen! Die Gelegenheit bleibt jedoch
bestehen; wir können immer noch die Fürsorge Gottes
für Ihn zum Ausdruck bringen - Er ist in Seinen
Heiligen, und wir können ihnen dienen. Dann dienten
Ihm die Engel; das war auch die Fürsorge Gottes.
Sogar der Teufel wußte, daß der Herr der Gegenstand
der göttlichen Fürsorge war, denn er sagte: „Er wird
seinen Engeln über dir befehlen, dich zu bewahren",
und es war ein rührender Abschluß der göttlichen
Fürsorge, daß Sein Leib in feine Leinwand gewickelt
wurde.
Lukas sagt uns nicht, daß Joseph ein geheimer
Jünger war, weil er es mit der Gnade Gottes in
Joseph zu tun hat. Die Gnade Gottes tritt in ihm ans
Licht, wie sie auch in dem Räuber ans Licht trat.
Die Furcht war verschwunden, als er zu Pilatus ging
und um den Leib Jesu bat. Als die Gelegenheit sich
bot, war er bereit, und im Bilde brachte er seine
Wertschätzung Christi dar. In Jesu hatte Joseph den
Charakter des Reiches Gottes kennengelernt, und er
erwartete es, und die Wertschätzung des Reiches in
seiner Seele kam in der feinen Leinwand zum
Ausdruck. Indem er mit seinen Händen diesen
kostbaren Leib bediente, hatte er einen göttlichen
Begriff davon, was darin eingeschlossen war.
Es hat Joseph etwas gekostet; Markus sagt uns,
daß er die feine Leinwand kaufte. Wenn du etwas
hast, was dessen würdig ist, damit es um Jesum
gewickelt werden kann, dann hat es dich etwas
gekostet, vielleicht einen Zusammenbruch des
Fleisches. Es bedeutete den Zusammenbruch des ganzen
Lebens Josephs; alles wurde jetzt für Jesum
geopfert. Er legte Ihn in seine eigene Gruft, und
moralisch ging auch er hinein, denn wir können uns
nicht vorstellen, daß
Joseph zu seiner früheren Stellung
zurückkehren würde. Was werden die Menschen gesagt
haben, wenn sie vorbeigingen und die Gruft endgültig
zugedeckt fanden und einen Stein an die Öffnung
gewälzt sahen? Sie werden gesagt haben, daß Joseph
endgültig beseitigt war - und so war es auch. Ich
zweifle nicht daran, daß Joseph nie wieder im
Synedrium gesehen wurde.
Dann werden noch die Weiber erwähnt. Lukas
sagt uns, daß sie Spezereien und Salben bereiteten;
sie besaßen ihre Wertschätzung, aber sie kamen zu
spät, um sich dem Wirken Gottes anzuschließen. Es
ist etwas Großes, rechtzeitig zur Stelle zu sein.
Simon von Kyrene war zur Stelle, als man seiner
bedurfte, und Joseph und auch der Räuber - sie
füllten alle ihren Platz aus in dem göttlichen
Wirken der Gnade. Wie jene Weiber mögen wir kostbare
Spezereien und Salben haben und doch zu spät kommen
und den kritischen Augenblick versäumen. Sie hatten
niemals das Vorrecht, wie Maria von Bethanien ihre
Wertschätzung auf den Leib Jesu auszugießen. Maria
salbte Ihn im voraus zum Begräbnis. Es ist etwas
Wunderbares, sich geistlich im voraus nach der
Richtung hin zu bewegen, was Gott tun wird. Andere
breiteten ihre Kleider vor Ihm aus, als Er in
Jerusalem einzog; sie stellen Seelen dar, die genau
die Richtung kennen, in der der Herr Sich bewegt.
Das ist geistlich.
Kapitel 24
In diesem Kapitel haben wir das Lösen der
Bande des Todes (siehe Psalm 18, 4 und 116, 3).
Durch die Gnade Gottes war der Herr an den Platz des
Todes gekommen, und die ganze Macht des Todes, seine
ganze Kraft richtete sich gegen Ihn. Es gibt keinen
Charakterzug der Macht des Todes, dem Er in Gnade
nicht ausgesetzt wurde. Die Bande des Todes umfingen
wirklich und wahrhaftig den Gepriesenen, aber Gott
löste sie alle. Der Geist Gottes redet im Neuen
Testament über die Wehen des Todes" (Apg. 2, 24),
was uns an die Seelenpein erinnert, die damit
verbunden war, daß die Gnade Gottes im Tode ihren
Ausdruck fand. Das Wort „die Wehen" bedeutet
außerordentliche Schmerzen. Es zeigt, was die
Offenbarung der Gnade den Herrn Jesu gekostet hat.
Im Hebräerbrief lesen wir, daß Er durch die Gnade
Gottes für alles den Tod schmeckte. Nicht nur ging
Er in den Tod als solchen, sondern Seine Seele
schmeckte die ganze Bitterkeit des Todes.
Das Lösen der Wehen des Todes ist das Zeichen
von Seiten Gottes, daß die Strafe durch die Gnade in
solch einer Weise erlitten wurde, daß sie nun
zunichte gemacht ist. Ich glaube, daß wir hier den
Tod in einem anderen Charakter sehen. Es ist ein
göttliches Zeugnis vorhanden, daß die Strafe
hinweggetan ist, und daß Derjenige, der aus Gnaden
die Strafe für die Sünde erlitten hat, nun davon
befreit ist; es ist das Zeugnis Gottes von der
Vollständigkeit der Gnade. Das ist die eine Seite,
aber Petrus fügt am Tage der Pfingsten noch hinzu:
„Wie es denn nicht möglich war, daß er von demselben
(vom Tode) behalten würde." Da Er Gottes „Frommer
(Gnädiger)" war und ausschließlich aus Gnaden in den
Tod ging, war es unmöglich, daß Er vom Tode behalten
würde. Im Tode Jesu war kein wahrer und genügender
Ausdruck der Gnade Gottes möglich, wenn das ganze
Gewicht der Strafe nicht erduldet worden wäre. Es
ist gut, das, was sich dabei zutrug, nicht zu
unterschätzen. Wir müssen niemals das Bewußtsein
verlieren, daß das Gewicht der Strafe auf dem Herrn
Jesu lastete; es zieht unsere Herzen zu Ihm hin. Wie
ergreifend ist es, sagen zu können: Er ist für mich
gestorben. Der Stachel des Todes ist die Sünde, und
diese erforderte die härteste Strafe.
Für uns also, die wir unter dem Schatten eines
auferstandenen Christus weilen, ist die Strafe in
diesem Sinne vollständig beseitigt; die Wehen des
Todes sind gelöst worden. Alle Fragen sind erledigt
worden, so daß der Herr durch die „Tore der
Gerechtigkeit" in eine neue Stellung als Mittler der
alle Menschen segnenden Gnade Gottes eingehen
konnte. Wenn die Strafe für die Sünde in ihrer Fülle
erduldet und der Tod in diesem Sinne zunichte
gemacht worden ist, so ist auch die ganze Macht des
Todes, die durch die Sünde des Menschen in die Hände
Satans gelegt worden ist, zunichte gemacht worden.
Hier kommen wir zu dem vollständigen Triumph der
Gnade: Sünde, Tod und Satan sind völlig zunichte
gemacht worden. Zunichtemachen ist ein starkes Wort;
es bedeutet, daß sie so gemacht sind, als wenn sie
niemals da gewesen wären. Das gibt dem Herrn freie
Bahn, Leben und Unverweslichkeit ans Licht zu
bringen; zum ersten Male kommen sie in einem
auferstandenen Christus ans Licht, und da sehen wir,
was Gott dem Menschen zugedacht hat. Das ist die
andere Seite des Todes Jesu; das Beseitigen der
Strafe ist die eine Seite, doch wir können den Tod
Jesu auch in einer anderen Weise betrachten; es gibt
auch die Seite, auf der der Herr in diese neue
Stellung eintritt, worin Er zum weltweiten Austeiler
der Gnade Gottes wird. Der Tod ist der Eingang. In
der Auferstehung tut Ihm Gott die Tore der
Gerechtigkeit auf, und Er betritt diesen neuen Platz
als der Mittler der ganzen Gnade Gottes.
Das ist eigentlich nicht dieselbe Stellung,
die Er in den Tagen Seines Fleisches innehatte, denn
Er sagte: „Wie bin ich beengt!" Damals war die Gnade
beengt, jetzt aber, nachdem Er durch die Tore der
Gerechtigkeit eingegangen ist, ist der Mittler
vollkommen frei, die Gnade allen Menschen
auszuteilen, und Er hat diese Stellung durch den Tod
erlangt. Dem Psalm 118 gemäß stehen die Tore der
Gerechtigkeit in Verbindung damit, daß Er zum
Eckstein geworden ist, und Er führt einen neuen Tag
ein, „den Jehova gemacht hat". Das ist voll
Frohlocken und Freude für die Menschen, denn es ist
der Tag der Gnade ihnen gegenüber. Das ist der neue
Tag, den wir in Luk. 24 haben, ein Tag, auf den kein
Schatten des Todes mehr fallen kann.
Dem Psalm 16 gemäß ist der Herr als Gottes
Gnädiger (Heiliger) gekommen. Es war nicht möglich,
daß ein solcher die Verwesung sehen sollte. Der
Gnädige Gottes ging durch diese Welt der Sünde
hindurch, und nun ist Er durch die Tore der
Gerechtigkeit in eine neue Stellung eingegangen. Das
ist der neue Tag, der Tag, den Jehova gemacht hat,
und er ist durch Frohlocken und Freude
gekennzeichnet. Die Seite des Todes Jesu, die Lukas
schildert, besagt, daß Er durch den Tod in eine
Stellung der unbestreitbaren Oberhoheit eingegangen
ist. In der Apostelgeschichte wird häufig gesagt,
daß Gott Ihn auferweckt hat; die Evangelien
schildern uns aber Seine Person - Er ist
auferstanden. Das bedeutet, daß in diesem
Siegreichen eine eigene Macht war, die es unmöglich
machte, daß Er vom Tode behalten würde; Er mußte
auferstehen. Keine Macht konnte die Rechte Seiner
Gnade in Frage stellen. Er konnte sagen: „Brechet
diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn
aufrichten." In Hebr. 2, 9 lesen wir, daß Er „ein
wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes
erniedrigt war", das war aber auf dem Wege dahin, wo
Er „mit Herrlichkeit und Ehre" gekrönt wurde. Er
besitzt jetzt die weltumfassenden Rechte der Gnade;
Er konnte die Verheißung des Vaters geben. Er konnte
alles tun; Buße und Vergebung der Sünden sollten in
Seinem Namen allen Nationen gepredigt werden.
Es war nicht erforderlich, den Stein
wegzuwälzen, um solch eine Person freizulassen; doch
der Stein wurde weggewälzt, damit der Tod, als der
Ort des göttlichen Triumphes, freigelegt werde. Die
Weiber konnten in den Ort des Todes hineinschauen
und nichts anderes dort sehen als nur das Zeichen
des Triumphes der Gnade. Sie fanden nicht den Leib
des Herrn, doch seine Grabgewänder waren da - das
Zeugnis dafür, daß der Herr Jesus wirklich dagewesen
war. Wenn wir in den freigelegten Ort des Todes
hineinschauen, werden wir uns dessen bewußt, daß der
Herr des Lebens und der Herrlichkeit nicht mehr dort
ist; Er war dort aus Gnaden, jetzt ist aber die
erste Ordnung des Menschen beendet.
Es ist ein schöner Anblick, Männer in
strahlenden Kleidern zu sehen; es wird hier nicht
gesagt, daß sie Engel waren. Nachdem der Stein
weggewälzt war, haben wir sofort den Gedanken von
Menschen in einem völlig neuen Zustande, von
Menschen in strahlenden Kleidern, von Menschen, die
für einen neuen Zustand, der außerhalb des
sterblichen Lebens liegt, passend sind. Der
Auferstandene möchte in Seinem neuen Zustande
Genossen haben. Es sind zwei Männer, denn das
Zeugnis steht vor uns. Gott möchte, daß wir diese
wunderbaren Dinge sehen, daß wir als solche, die
Jesum lieben, in das Grab hineinschauen und sehen,
daß Er in Gnaden dort im Tode gewesen ist und daß Er
jetzt außerhalb des Grabes ist, und das Ergebnis
ist, daß Menschen in strahlende Gewänder gekleidet
sein können. Hier auf dieser Erde, wo Jesus starb,
sollen Menschen in strahlenden Kleidern stehen. Es
ist die Antwort auf Luk. 2, 14, denn es zeigt, daß
das Wohlgefallen Gottes an den Menschen in diesem
neuen Zustande gesichert worden ist. Sein
Wohlgefallen bezieht sich nicht auf die Menschen in
diesem Weltsystem, denn für solche gibt es keine
strahlenden Kleider. Nie zuvor wurde ein Mensch in
strahlenden Kleidern gesehen als nur der Herr auf
dem Verklärungsberge; solche Kleider entsprechen der
Auferstehungswelt. Das ist die Krone des
Wohlgefallens Gottes an den Menschen.
Der Herr konnte an bußfertigen Sündern
Wohlgefallen finden; für Ihn waren sie die
Herrlichen der Erde; sie waren Seine Gefährten in
den Tagen Seines Fleisches. Aber das volle
Wohlgefallen Gottes war damit noch nicht erreicht,
und Gott war nicht befriedigt, bis Menschen als
wohlannehmliche Genossen des Auferstandenen
vorhanden waren. Am Anfang der Apostelgeschichte
sehen wir Scharen von Menschen, die Genossen des
Auferstandenen waren.
Die beiden Männer in strahlenden Kleidern
hatten Verständnis, und sie sprachen zu den Weibern
mit Einsicht: „Was suchet ihr den Lebendigen unter
den Toten? Er ist nicht hier, sondern ist
auferstanden." Sie sollten verstehen, daß der Herr
durch den Tod hindurch gehen mußte, um Seine wahre
Stellung zu erreichen; Er mußte von dem Platze der
Beschränkung in einen weiten Ort der Freiheit
eingehen. Alles dieses wird in den ersten zwölf
Versen im Zeugnis dargestellt, doch es wurde nicht
darauf eingegangen. Der Geist Gottes stellt uns das
vor Augen, um zu zeigen, daß nicht einmal ein
göttliches Zeugnis uns in den Gewinn der Dinge
einführt; nur durch den persönlichen Dienst Christi
gehen wir in die Dinge ein. Das wirft uns auf Seine
wirksame Gnade.
Im darauffolgenden Teile des Kapitels übernahm
der Herr es Selbst, die Jünger durch Seinen
persönlichen Dienst darin einzuführen, und Er möchte
das mit einem jeden von uns tun. Er Selbst möchte
Sich uns in unserer ganzen Unwissenheit und in
unserem Unglauben nähern und uns in das einführen,
was uns im Zeugnis dargestellt wird. Unglauben
kennzeichnete die Weiber, und auch Verlegenheit, und
deswegen konnten sie nur langsam den Trost dessen,
was geschehen war, erfassen. Wir müssen bereit sein,
die Wichtigkeit der Auferstehung Christi zu
verstehen, denn es war die wunderbarste Bewegung des
Zeugnisses, die sich jemals ereignet hatte - ein
Übergang von Christo im Fleische zu Christo in der
Auferstehung. Die Jünger waren darauf nicht
vorbereitet; sie mußten von Gott darauf vorbereitet
werden, und wir müssen das auch. Viele sind
heutzutage nicht auf die moralische Bedeutung der
Auferstehung Christi vorbereitet. Sie mögen daran
als Tatsache glauben - sie wären gar keine Christen,
wenn sie nicht daran glaubten -, aber sehr wenige
verstehen ihre Bedeutung. Sie war eine wunderbare
Veränderung in den Wegen Gottes. In Luk. 23 sehen
wir einen Menschen, dem ein neuer Platz im Paradiese
gegeben wurde; jetzt finden wir aber Menschen, die
sich in einem neuen Zustande als Genossen eines
auferstandenen Menschen auf Erden befinden. Wenn wir
verstehen würden, daß dies unsere Stellung ist, so
würde für uns die ganze Macht der Welt gebrochen
sein. Wenn wir tatsächlich auferweckt sein werden,
dann werden wir verstehen, daß dies unsere Stellung
ist; das aber, was die Heiligen dann tatsächlich
kennzeichnen wird, sollte sie jetzt schon moralisch
kennzeichnen. Zu Pfingsten wurde die ganze Schar
moralisch in strahlenden Kleidern gesehen, kein
bißchen Selbstsucht war übriggeblieben.
Der Bericht, den uns Lukas über die zwei
Jünger gibt, die nach Emmaus gingen, bringt die
Gnade und den Dienst des Lebendigen mit einer
besonderen Holdseligkeit ans Licht. Die Männer in
strahlenden Kleidern hatten von Ihm als dem
Lebendigen geredet. Was für eine Tätigkeit ist nun
dem Lebendigen eigen? Wir haben hier ein schönes
Bild von Seiner Tätigkeit, sei es in bezug auf
solche, die Ihn aufrichtig lieben, aber nicht nach
den Grundsätzen Seiner Gedanken wandeln, oder in
bezug auf die versammelte Schar. Er wirkte im
Dienste der Gnade und Liebe.
Diese zwei Jünger liebten wirklich den Herrn,
sie verließen aber „am selbigen Tage" Jerusalem, um
nach Emmaus zu gehen, vermutlich gingen sie nach
Hause. Wir finden auch, daß Petrus, nachdem er die
Gruft besucht und die Zeichen der Auferstehung des
Herrn gesehen hatte, in sein eigenes Heim
zurückkehrte. Der Fehler liegt darin: Wir empfangen
gewisse Eindrücke von Christo, doch es gibt noch
etwas anderes, was die Bewegung unserer Füße leitet.
Es mag wahre Liebe vorhanden sein wie bei Petrus
oder diesen zwei Jüngern, die nach Emmaus gingen;
doch als sie zu ihrem eigenen Kreise zurückkehrten,
wurden sie nicht durch Liebe zu Christo geleitet. Es
ist oft so mit uns. Der Herr Jesus ging beiden
Jüngern nach und brachte sie in den Kreis zurück,
der mit Seinem Interessengebiet und mit Ihm als dem
Auferstandenen in Beziehung stand. Es geschah im
Blick darauf, daß sie zusammen sein sollten, und
zwar sollten sie mit einer Person verbunden sein,
die gänzlich außerhalb des Lebens in dieser Welt
stand, die man aber trotzdem in jenem Leben in
trauter Nähe kennen konnte, wie Petrus in Apg. 10,
41 sagt: „Die wir mit Ihm gegessen und getrunken
haben, nachdem er aus den Toten auferstanden war."
Es ist eine Andeutung auf die traute Nähe und innige
Verbindung mit Demjenigen, dessen Leben völlig
außerhalb des ganzen Laufes dieser Welt und davon
abgesondert lag.
Als Er das Brot brach, wurde Er von ihnen
erkannt. Es war zweifellos ein wichtiger Hinweis auf
Seinen Tod, als Er das Brot nahm und es segnete, und
nachdem Er es gebrochen hatte, es ihnen gab. Es war
eine Handlung, die dem entsprach, was Er im Obersaal
getan hatte, als Er das Abendmahl einsetzte, obwohl
dies tatsächlich nicht das Abendmahl war. Die zwei
erkannten Ihn; es war ein besonderer und
unmißverständlicher Charakterzug, den sie erkannten,
weil sie ihn früher gesehen hatten. Wer konnte so
segnen, wie Er es konnte! Was muß es für eine
außergewöhnliche Angelegenheit gewesen sein, den
Herrn danken und segnen zu hören! Ihre Augen wurden
aufgetan und sie erkannten Ihn - Er Selbst war es.
Die wunderbarste Auslegung der Schrift, die
jemals stattgefunden hat, brachte sie nicht dahin,
ihre Füße zur Umkehr zu bewegen; als Er aber von
ihnen im Brechen des Brotes erkannt wurde, wurden
ihre Füße sofort in Bewegung gesetzt; sie mußten
sich nun zu ihrer Schar zurückfinden. Sie hatten ein
inneres Empfinden, daß Er eine Schar hatte, und
obwohl es vorher zu spät gewesen war, um
weiterzugehen, war es nun aber nicht zu spät, nach
Jerusalem zurückzukehren. Es ist im allgemeinen die
Weise des Herrn, uns genug zu geben, um unsere
Herzen brennend zu machen, und dann unterzieht Er
uns einer Prüfung in bezug auf die erzeugte Wirkung.
Der Herr drängt Sich uns nicht auf.
Es ist eine sehr ernste Angelegenheit, eine
Offenbarung des Herrn oder eine Berührung Seiner
Hand zu empfangen, weil die Prüfung sicherlich
darauf folgen wird. In Mark. 6 lesen wir, daß Er auf
dem See wandelte und an ihnen vorübergehen wollte;
Er stellte Sich in ihre Reichweite, und es wurde zu
einer Prüfung für ihre Herzen. Petrus antwortete auf
die Prüfung; er sagte: „Herr, wenn du es bist, so
befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser." In
Offb. 3 sagt der Herr: „Siehe, ich stehe an der Tür
und klopfe an" - warum öffnet Er nicht die Tür? - Er
wird das nicht tun; er überläßt es dir und mir, die
Tür zu öffnen; bei Ihm gibt es kein Eindringen. So
gab Er ihnen hier diese wunderbarste Auslegung der
Schrift und brachte ihre Herzen dahin, daß sie vor
Eifer brannten, und dann stellte Er Sich, als wollte
Er weitergehen. Sie aber nötigten Ihn; sie wollten
Ihn nicht gehen lassen. Es ist wie der Geliebte im
Hohenliede Salomos, der durch die Gitter blickte.
Seine moralische Holdseligkeit, Seine persönliche
Anziehungskraft und Herrlichkeit stellt Er dar, und
dann wartet Er, um zu sehen, ob wir darauf antworten
werden. In dem Liede Salomos kam keine Antwort, und
der Geliebte zog sich zurück, und als das träge Herz
der Braut erwachte, um seiner zu begehren, da war er
weg. So können wir auch der Dinge verlustig gehen.
Der Herr kann uns durch den Dienst einen
Charakterzug von Sich zeigen, oder uns beim Lesen
des Wortes oder bei unseren Zusammenkünften eine
Berührung mit Sich geben, die unsere Herzen brennen
macht. In den Heiligen ist etwas, was leicht Feuer
fängt; sie sind entzündbares Material. Er wirkt, Er
dient mit dem Worte, Er dient, um irgendeine
Bewegung in uns hervorzurufen.
Wie wohlgefällig war es Ihm, sie dabei zu
finden, daß sie sich über Ihn unterhielten und
miteinander überlegten! Es ist eine feine Sache, die
Dinge, die sich auf Christum beziehen,
auszuarbeiten, ihren Zusammenhang zu verstehen und
sie in Liebe zu bedenken. Als sie zurückgekehrt
waren, trugen sie zur Versammlung bei; sie kamen
zurück mit besonderen Eindrücken von Christo. Was
nützen wir in der Versammlung, wenn wir keine
Eindrücke von Christo bringen? Wir sind sonst mehr
oder weniger ein Hemmnis; doch jeder Bruder und jede
Schwester, die mit irgend einem Eindruck von Christo
zur Versammlung kommen, tragen zu ihrem Reichtum
bei. Die geistlichen Möglichkeiten, die dem
einzelnen, der Christum liebt, zur Verfügung stehen,
sind unbegrenzt; wir werden nur durch das Verlangen
unserer eigenen Seele beschränkt. Trotz der
schrecklichen Zustände im christlichen Bekenntnis
gibt es unbegrenzte Möglichkeiten für Herzen, die
den Herrn lieben; das aber, was wir als Einzelne
empfangen, soll uns für unsere Stellung in bezug auf
die Geschwister tüchtig machen.
Der Herr liebt es, Sich kundzutun; Er teilt
uns nicht bloß erquickende und anregende Gedanken
mit, sondern auch deutliche Offenbarungen, so daß
der Herr dadurch in einer neuen Weise erkannt wird.
Jede Offenbarung gibt uns einen neuen Eindruck von
Christo; Er ist so groß, daß ich denke, Er wird Sich
wohl kaum zweimal in genau derselben Weise
offenbaren. Es gibt solch eine Mannigfaltigkeit der
Herrlichkeit, daß jede Offenbarung ihren eigenen,
einzigartigen Charakter trägt. Wir sollten dem immer
erwartungsvoll entgegensehen, weil es das
Köstlichste ist, was in unserer Reichweite liegt.
Wir sollten besonders dann auf Offenbarungen bedacht
sein, wenn wir zusammenkommen, um das Abendmahl des
Herrn zu essen. Unsere Tüchtigkeit im Dienst hängt
sehr weitgehend davon ab, in welcher Weise der Herr
Sich uns geoffenbart hat. Der Herr sagte zu Paulus,
er sollte ein Diener und Zeuge von den Dingen sein,
die er gesehen hatte und die ihm erscheinen würden.
Er gibt uns Offenbarungen, um uns zu Dienern und
Zeugen zu machen.
Darum konnten diese zwei Jünger zurückkehren
und der Versammlung Bericht erstatten - den Elfen
und den Versammelten - und ihnen erzählen, wie der
Herr Sich ihnen geoffenbart hatte. Sie brachten
Reichtum in die Versammlung. Nichts kann nur für den
einzelnen gelten; was dem einzelnen geschenkt wird,
ist zum Segen aller bestimmt. Es gibt keinen
neutestamentlichen Schreiber, der auf einem so
persönlichen Boden steht wie Johannes; doch kein
anderer Schreiber besteht so sehr darauf, daß wir
einander lieben sollen. In diesem Kapitel wird der
Herr in dem wunderbaren Charakter des Erklärers
aller Schriften gesehen. Es scheint auf den großen
geistlichen Reichtum zu deuten, der in die
Versammlung gebracht worden ist. Es geschah
offensichtlich im Blick auf den neuen Kreis der
Gemeinschaft, den der Herr aufzurichten im Begriff
stand und der zu Ihm als dem Auferstandenen völlig
außerhalb des Lebens dieser Welt in Beziehung stehen
sollte. Der ganze Reichtum der alttestamentlichen
Schriften wurde in dem Auferstandenen zusammengefaßt
und gelangte in Ihm zur Erfüllung. Die Versammlung
ist durch die Erklärung des Alten Testaments, die
der Herr den Heiligen gegeben hat, bereichert
worden.
Der Herr will uns einprägen, wie Er es den
zwei Jüngern einprägte, daß die ganze im Alten
Testament geoffenbarte Gunst Gottes der Auferstehung
bedarf, um verkörpert zu werden. Die tatsächliche
Erfüllung dieser Dinge hängt von der Auferstehung
des Messias ab. Es hatte Gott wohlgefallen, durch
den Mund der alttestamentlichen Propheten eine große
Anzahl von Dingen in wunderbaren Einzelheiten zu
entfalten, wie es hier heißt: „Er erklärte ihnen in
allen Schriften das, was ihn betraf" (Vers 27). Und
weiter sagte Er dann noch: „Daß alles erfüllt werden
muß, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz
Moses und den Propheten und Psalmen" (Vers 44). Das
zeigt die große Ausdehnung des Alten Testamentes,
und ich glaube, daß es dem Herrn wohlgefällig wäre,
wenn es uns zu einem wohlbekannten Erlebnis würde,
mit Ihm durch das Alte Testament vom ersten Buche
Mose bis Maleachi zu gehen. Äußerlich war es eine
wirkliche Reise, denn sie gingen von Jerusalem nach
Emmaus, aber geistlich durchwanderten sie den ganzen
Umfang des Alten Testamentes. Bedenkt die große
Menge von Einzelheiten. Es ist ein sicherer Schutz
gegen die elenden und gottlosen Gedanken, die
allenthalben vorherrschen, mit Christo das Alte
Testament durchzugehen. Wenn der Reichtum, die
Fülle, die Kraft und die Mannigfaltigkeit der
geistlichen Gedanken über Christum vor uns kommen,
werden wir auf eine Höhe emporgehoben, von der wir
mit gänzlicher Verachtung auf den Unglauben des
Menschen herabblicken können. Keiner, der mit
Christo durch das Alte Testament gegangen ist, wird
den ungläubigen Gedanken, die heutzutage verbreitet
werden, Gehör schenken.
Im Alten Testament kam eine Menge von Gedanken
der göttlichen Gunst zum Ausdruck, und sie waren dem
Glauben kostbar, aber alle diese Menschen, die diese
Gedanken wertschätzten, starben - es gab nur zwei
Ausnahmen. Daß Menschen im Tode waren, war kein
Ausdruck der göttlichen Gunst, deshalb haben
vielleicht viele über die Sache im Glauben
nachgedacht. Doch im Alten Testament bekamen sie
nicht direkt das Licht der Auferstehung, sondern der
Glaube fand durch Überlegungen, daß eine
Auferstehung sein würde. Wenn Gott solche kostbaren
Gedanken der göttlichen Gunst hat und dennoch alle
Menschen dem Tode verfallen, dann muß es eine
Auferstehung geben. Daß der Herr leiden und in Seine
Herrlichkeit eingehen mußte, war der große
Gegenstand, und das Alte Testament machte es klar,
daß Er siegen würde. Die Schlange sollte Ihm die
Ferse zermalmen, und durch Seine Leiden sollte die
Macht der Schlange zunichte gemacht werden. Nun
zeigt Gott, daß Seine Gunst den Menschen gegenüber
größer war als das ganze Gift des Schlangenbisses.
Das Alte Testament ist von den huldreichen
Gedanken Gottes den Menschen gegenüber erfüllt; da
die Menschen aber dem Tode verfallen waren, so
konnten sie nur in der Auferstehung verwirklicht
werden. Nun ist der Messias gekommen als Derjenige,
auf den der Tod keinen Anspruch und über den der Tod
keine Macht haben konnte, denn Er war der
Lebensfürst; und dennoch ging Er in den Tod. Das war
der äußerste Ausdruck der Gunst Gottes den Menschen
gegenüber, daß Sein eigener Gesalbter in den Tod
ging; Er konnte aber nicht vom Tode behalten werden;
Er ging in die Auferstehung über, und alle Gedanken
der Gnade Gottes gelangten in dem Auferstandenen zur
Erfüllung. Der Herr ist heutzutage genau derselbe
wie damals, wo Er mit ihnen das Alte Testament
durchging.
Dieses Evangelium wird ganz und gar durch die
Gnade gekennzeichnet, und der Herr, dessen Füße beim
Durchwandern dieses Schauplatzes in den Tagen Seines
Fleisches lieblich waren, zeigte nun, daß Seine Füße
in der Auferstehung immer noch lieblich waren, und
zwar indem Er zweieinhalb Wegstunden mit zwei
Jüngern ging, die Ihn wirklich liebten, obwohl die
Richtung, in der sie gingen, mit Ihm nicht im
Einklang war. Er ging mit ihnen und führte sie
diesen wunderbaren Weg entlang und erweiterte ihre
Gedanken. Wie mußten sie dadurch bereichert sein!
Diese beiden Jünger liebten Ihn wahrhaftig, und sie
verstanden sich gut miteinander, und sie
unterhielten sich mit Ihn. Wenn wir mehr durch
solche Wesenszüge gekennzeichnet wären, denke ich,
so würde der Herr Sich uns nähern und Sich mit uns
unterhalten und Er würde uns denselben Weg führen,
den Er sie führte. Was für einen Reichtum brachten
sie in die Versammlung!
Wir müssen beten, daß wir einzeln und in
unseren Haushalten solche Eindrücke vom Herrn
empfangen möchten, daß wir befähigt sein möchten,
zum Reichtum der Versammlung beizutragen. Dieser
Gedanke durchzieht die ganze Schrift. Im Alten
Testament haben wir den Gedanken des Hinaufziehens
an den Ort, wohin Jehova Seinen Namen gesetzt hat;
sie zogen nicht leer hinauf, sondern Israel brachte
dann den Zehnten und die Opfergaben. Sie kamen alle
und trugen etwas herbei, und sie legten ihren
Reichtum in den Schatz der geweihten Dinge. Diese
zwei bereicherten die Versammlung; sie empfingen vom
Herrn eine Offenbarung, und sie brachten sie in die
Versammlung. Sie müssen viel beigesteuert haben. Die
Kunde hatte die Elfe erreicht, daß der Herr
auferstanden und dem Simon erschienen war - das war
schon etwas - aber wieviel mehr konnten diese zwei
bringen! „Sie erzählten, was auf dem Wege geschehen
war." Es muß viel Zeit in Anspruch genommen haben,
als sie den Elfen über diesen wunderbaren Gang durch
das Alte Testament erzählten. Dann setzten sie allem
die Krone auf, indem sie erzählten, wie sie Ihn im
Brechen des Brotes erkannt hatten; Er setzte es
ihnen hinzu, daß Er Brot nahm und es segnete, und
das ist Sein Gedanke für den gegenwärtigen
Augenblick und bis auf den heutigen Tag. Wie werden
die Elfe und die Übrigen wohl zugehört haben!
Vielleicht brauchten sie eine oder zwei Stunden, um
ihnen nur einen kleinen Umriß zu geben.
Man beklagt sich manchmal darüber, daß es
keine Gemeinschaft gibt. Wir sind dazu berufen,
darauf zu bestehen, daß eine Gemeinschaft vorhanden
ist, und sie ist das Gesegnetste von allem, was
jemals dagewesen ist. Der Herr hat diese
Gemeinschaft gestaltet, Er hat ihr ihren Charakter
verliehen; Er Selbst ist ihr Inhalt, und sie besteht
und ist allen zugänglich, die Ihn lieben. Wir
sollten in der Gesinnung Christi diese Eindrücke
unseren Mitchristen einprägen, wie der Herr sie
diesen zwei Jüngern einprägte. Er lenkt die
Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß es eine
Gemeinschaft von göttlichem Charakter gibt, und
sobald wir uns dessen bewußt sind, wollen wir auch
einen Ort finden, wo man diese Gemeinschaft genießen
kann. Es ist eine Gemeinschaft des Segens und der
Freude. Wir kommen zusammen, weil wir göttlich und
geistlich glücklich sind, und wir sehnen uns danach,
an einem Orte zu sein, wo auch andere an unserer
Freude teilnehmen können und wo man unsere Freude
schätzt und willkommen heißt. Die, welche über einen
Mangel an Gemeinschaft klagen, sind nicht im
Einklang mit dem Herrn. Der Herr klagt nicht über
einen Mangel an Gemeinschaft, sondern Er ist
bestrebt, Seinen Heiligen den äußerst gesegneten
Charakter der bestehenden Gemeinschaft vor Augen zu
führen. Wenn ich einen lau gewordenen Heiligen
finde, der unter den Einfluß der Welt geraten ist
und ich ihm wohltun will, so darf ich nicht über
seinen Zustand klagen, sondern ihm in geistlicher
Kraft das, was er vermißt, vor Augen stellen, und
das wird ihn sicherlich berühren.
Wenn wir zusammenkommen, um des Herrn zu
gedenken und ein Bruder für das Brot dankt, so
vernehme ich aus dem, was er zum Herrn sagt, daß er
dieselben Gedanken darüber hat wie ich. Er gibt es
mir aus der Hand, und ich gebe es einem Bruder oder
einer Schwester, und zwar in dem Vertrauen, daß er
oder sie dasselbe darüber denkt wie ich. Wir geben
das Brot und den Kelch von einem zum anderen als
solche, die alle dieselben Gedanken und dieselbe
Wertschätzung darüber haben; und es ist unsere große
Freude, unter Menschen zu sitzen, die in einem
größeren oder kleineren Maße genau dasselbe über
Christum denken wie wir - das ist die Gemeinschaft.
Welch ein wunderbarer Anblick ist es doch für den
Himmel daß er auf Leute herabschauen kann, die alle
dieselben Gedanken über den kostbaren in den Tod
gegebenen Leib Christi haben, und die auch alle
dasselbe über Sein kostbares Blut denken! Das
jüngste Kindlein hat dieselben Gedanken wie Paulus,
wenn auch die Gedanken eines Kindleins sehr viel
kleiner sind, aber es sind doch dieselben Gedanken,
die bei Paulus ausgereift waren. Das ist
Gemeinschaft. Wenn wir den verständnisvollsten
Bruder auf Erden beim Abendmahl des Herrn unter uns
hätten und er seine Danksagung aussprechen würde, so
könnte einer, der am Abend zuvor bekehrt worden ist,
zu jedem seiner Worte Amen sagen. Er könnte sagen:
Es ist wunderbar, und ich kann es nicht fassen, aber
es ist köstlich - das ist Gemeinschaft. Einer, der
Amen sagen kann, ist einer, der einen Beitrag
liefert. „Das ganze Volk sage: Amen." Jeder ist ein
Teilhaber an der Kostbarkeit Christi.
Als der Herr in Emmaus das Brot nahm, deutete
Er an, daß Er eine Gemeinschaft bildete; es waren
jedenfalls zwei Teilnehmer da. Der Herr bildete eine
Gemeinschaft, die ihren Charakter der Tatsache
entnahm, daß Er durch die Gnade Gottes den Tod
geschmeckt hatte; Er gab Seinen Leib in den Tod. Das
Ganze erhielt sein Gepräge von der Tatsache, daß sie
Ihn als lebend erkannten. Wenn sie den Herrn nicht
als lebend erkannt hätten, so hätten sie auch keine
rechten Gedanken über Seinen Tod gehabt. Wenn wir
das Brot und den Kelch in geistlicher Wirklichkeit
nehmen würden, so würden alle unrechten Beziehungen
unter den Geschwistern vor dem nächsten Tage des
Herrn geordnet werden. Wenn wir das Brot einem
Bruder reichen, mit dem wir nicht richtig stehen, so
würde solch ein Schmerz unser Herz durchbohren, daß
wir das Empfinden haben, daß wir das nie mehr tun
können. Wir gewöhnen uns daran, es nur der Form nach
zu tun, und alle möglichen Dinge kommen vor, die man
in 24 Stunden erledigen würde, wenn man wüßte, was
es in Wirklichkeit bedeutet, das Brot und den Kelch
zu nehmen. Es ist etwas Ernstes, in eine Art
Gemeinschaft zu verfallen, die nicht echt ist.
Andererseits müssen wir vorsichtig sein, daß
die Dinge, die zur persönlichen Schwachheit oder zu
persönlichen Eigenarten gehören, uns nicht in bezug
auf die Gemeinschaft beeinflussen. Wir haben alle
persönliche Eigenarten,