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00770 Lukas Evangelium Kp 1 bis 24 C.A. Coates

C. A. Coates – Lukas-Evangelium

Einige Abschnitte dieses Evangeliums wurden nicht von diesen Notizen erfaßt, und deswegen waren einige Lücken in dem Umfang der Lehre unvermeidlich. Die angeführten Schriftstellen sind aus der von J. N. Darby aus dem Grundtext übersetzten Elberfelder Bibel.


Kapitel 1

In seinen letzten Worten im Timotheusbrief lenkt Paulus die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß Lukas bei ihm war, was den geistlichen Hinweis in sich schließt, daß der Dienst des Lukas mit demjenigen des Paulus nahe verknüpft ist. Die Schriften des Lukas stellen Dinge dar, die wesentlich sind, um Paulus zu verstehen. Er allein von den Evangelisten berichtet insbesondere über die mit der Himmelfahrt des Herrn verbundenen Umstände. Paulus wurde dadurch bekehrt, daß er Jesum im Himmel als den Verherrlichten sah; die Person aber, die er als im Himmel weilend erkannte, war auf Erden von Augenzeugen gesehen worden, und um die Person zu erkennen, die jetzt im Himmel ist, brauchen wir die Evangelien, besonders das Lukasevangelium. Um Ihn da, wo Er ist – im Himmel – zu erkennen, müssen wir Ihn so kennenlernen, wie Er hienieden war. Derjenige, der jetzt im Himmel ist, hat auf dieser Erde als der demütige Mensch gewandelt; Er wurde von einer Schar gesehen und gehört und bedient, die mit Ihm vertraut war. Dieses Evangelium ist geschrieben worden, auf daß uns die höchste Gunst von Gott gewährt werde, in einer geistlichen Weise das zu sehen und zu hören, was diejenigen gesehen und gehört haben, die Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind. Uns gehört das Vorrecht, mit ihnen an dem, was sie an dem Gepriesenen gesehen und gehört haben, teilzuhaben. Keine größere Gunst könnte uns erwiesen werden, und wenn wir es nicht verstehen, über Ihn auf Seiner Laufbahn in dieser Welt nachzusinnen, werden wir Ihn nicht so erkennen, wie Er jetzt im Himmel ist. Unsere Erkenntnis Seiner Selbst im Himmel hängt davon ab, was in Ihm auf Erden geoffenbart worden ist.

Lukas und Paulus waren beide in derselben Lage wie wir – keiner von ihnen hatte den Herrn persönlich auf Erden gesehen. Lukas aber folgte genau von Anfang an den Dingen, die Ihn betrafen, und Gott hat Sich des Lukas bedient, um die genaue Erkenntnis und Zuverlässigkeit dieser Dinge zu übermitteln. Es gibt gewisse Dinge, „die unter uns völlig geglaubt werden“. Die glaubende Schar ist noch auf Erden, und gewisse Dinge werden von dieser Schar völlig geglaubt. Gott sei Dank, daß es so ist! Das beraubt uns aber nicht des Vorrechtes, die Zuverlässigkeit dieser Dinge zu erkennen.

Das Lukasevangelium entfaltet hauptsächlich die Herrlichkeit des Herrn als Mittler, und wenn wir dieses durch den Geist betrachten, werden wir nach demselben Bilde verwandelt. Für Lukas wie auch für Johannes war der Herr „das Wort“. Ich habe mich oft darüber gewundert, warum wir nicht mehr von Christo als dem „Worte“ reden. Es war augenscheinlich eine allgemeine und bekannte Bezeichnung für Ihn, denn beide – Lukas und Johannes – gebrauchen sie als einen wohlbekannten Titel. Er übermittelt den Gedanken, daß Gott jetzt in einem Menschen Seine Gedanken und Seine Natur völlig geoffenbart hat.

Wir haben es jetzt mit Dingen zu tun, die die Schöpfung weit überragen. Gott konnte ein Machtwort reden, und die Schöpfung ward. Johannes sagt uns, daß „ohne dasselbe auch nicht eines ward, das geworden ist“; darin war aber keinerlei Mitteilung der Gedanken Gottes enthalten, noch wurde darin enthüllt, was Er Seiner Natur und Seinem Charakter nach war. Jetzt ist die volle Offenbarung dessen vorhanden, was Gott in Seiner Natur, in Seinen Gedanken und Seinem Herzen ist, und zwar in Demjenigen, der als Mensch auf dieser Erde wandelte und von Menschen wie wir gesehen, gehört und bedient worden ist.

Ein Mensch, wenn er dazu tüchtig ist, kann eine Uhr herstellen; Gott kann aber eine durch ein Wort herstellen; durch das Herstellen einer Uhr oder gar einer Welt oder eines Weltalls kämen aber die Gedanken Gottes nicht zum Ausdruck. Das würde das Herz oder den Sinn Gottes nicht ans Licht bringen, aber das „Wort“ tut es. Die Offenbarung ist größer als die Schöpfung.

Männer und Frauen wie wir genossen das Vorrecht, Augenzeugen und Diener des Wortes zu sein. Sie hatten das Vorrecht, in Seinem Gefolge zu sein, und der Geist Gottes will uns durch die Evangelien das Vorrecht der persönlichen Nähe zum Wort verleihen. Man kann sehen, daß die Apostel und die Heiligen der ersten Zeiten viel über die Größe der göttlichen Offenbarung nachgedacht haben. Sie dachten und sprachen viel über „das Wort“. Wir denken an Christum als Herrn, als Heiland, als Haupt und als Priester, und dies sind wunderbare Titel und Wesenszüge; wie groß und ruhmreich ist Er aber als „das Wort“! Johannes und Lukas waren sich dessen zutiefst bewußt.

In dem Wort brachte Gott das zum Ausdruck, was Seinen Sinn und Sein Herz erfüllte, ja selbst Sein eigentliches Wesen. Es beugt die Seele, wenn man darüber nachdenkt. Es war für die Liebe Gottes eine Notwendigkeit, daß Er aus Seinem Wesen, Seinen Gedanken und Seinem Herzen heraus redete und Wesen hatte, die fähig wären, dieses zu schätzen.

Es war nicht wie ein königlicher Besuch; wenn irgendeine große Persönlichkeit kommt, ist Zurückhaltung geboten; alle müssen dann ehrfurchtsvoll sein; Soldaten sind da, um das Volk zurückzuhalten; alles wird formell und in ansehnlicher Pracht abgehalten. Doch hier war nichts dergleichen vorhanden. Petrus spricht von der Zeit, „in welcher der Herr Jesus bei uns ein- und ausging“. Es war ein demütiger Mensch, der in all den gewöhnlichen Umständen des menschlichen Lebens ein- und ausging; aber in diesen Umständen brachte Er das Wesen und den Charakter Gottes wie auch Seine Tätigkeit in grenzenloser Gunst und Gnade den Menschen gegenüber zum Ausdruck. Er war „das Wort“.

In Hebr. 1 heißt es, daß Gott im Sohne (in der Person des Sohnes) geredet hat. Wir können uns darüber nicht wundern, daß etliche es unternommen haben, darüber zu berichten. Wie hätten sie es auch unterlassen können? „Dieweil ja viele es unternommen haben, eine Erzählung von den Dingen, die unter uns völlig geglaubt werden, zu verfassen…“

Was die Menschen sahen und hörten – was sie zum Dienst Ihm gegenüber anhielt – war das Wunder, wie Er Gott zum Ausdruck brachte. Zum ersten Male sahen und hörten sündige Menschen „das Wort“. Es wäre sonderbar gewesen, wenn viele es nicht unternommen hätten, eine Erzählung über solche Dinge zu verfassen. Diese Angelegenheiten sind so interessant und wichtig für alle Menschen, daß das Wissen darüber den Wunsch, sie kundzumachen, entfacht. Wir können mit der tiefsten Dankbarkeit sagen, daß diese Dinge „unter uns völlig geglaubt werden“.

Gott hat uns eine besondere Gunst erwiesen, indem Er einen aus den Nationen dazu gebrauchte, um dieses Evangelium zu schreiben. Lukas war wahrscheinlich aus den Nationen, und er schrieb an einen aus den Nationen, dessen Name „ein Gott Liebender“ bedeutet. Die Tatsache, daß dieses wunderbare Evangelium an einen einzelnen geschrieben wurde, zeigt, wie es Gott wohlgefällt, Sich einem einzelnen Menschen zu offenbaren. Jeder einzelne Leser kann es ganz und gar als an ihn selbst gerichtet auffassen.

Gott hat uns eine große Gunst erwiesen, indem Er Lukas dazu befähigte, in einer göttlichen Weise einen Bericht über diese Dinge zu verfassen. Andere hatten sich darum schon aufs beste bemüht, das war aber noch nicht gut genug für uns; Gott gebrauchte den Lukas durch den Heiligen Geist als Mittel für diese Mitteilungen, damit alle diese Dinge betreffs des Wortes uns genau und der Reihe nach kundgetan würden. Es ist die Rücksichtnahme der göttlichen Gnade auf uns; es ist gut, wenn wir die Gnade, die uns so ein Evangelium gegeben hat, in Ehrfurcht bewundern.

Lukas schreibt an einen, der Gott liebt, und nur solche können sein Evangelium in einer geistlichen Weise wertschätzen. Er weist auch auf die Tatsache hin, daß er „der Reihe nach“ schreibt, er schreibt alles ordnungsgemäß nieder; somit sollten wir uns bei Lukas nicht nur das, was er schreibt, merken, sondern auch wo und wie er die Dinge einordnet. Es ist wie eine schöne Bildergalerie, aber die Bilder sind nicht irgendwohin aufgehängt; jedes Bild ist am rechten Platz; alles ist „der Reihe nach“. Deshalb können wir die Bilder des Lukas nicht nur einzeln und jedes für sich bewundern, sondern wir können auch sehen, daß jedes Bild in der Reihe seinen rechten Platz hat. Lukas greift Ereignisse auf und ordnet sie genau „der Reihe nach“ ein, und er verfolgt dabei ein gewisses Ziel.

Der erste Wesenszug der Methode, den wir bemerken, ist, daß Lukas uns in etwas, was eine priesterliche Atmosphäre genannt werden kann, einführt. Das will besagen, daß die Dinge, über welche er schreibt, nur in geistlichen Zuständen erfaßt werden können. Deshalb stellt es uns zuerst priesterliche Zustände und eine gebetsvolle Atmosphäre vor Augen. Er gießt den Wohlgeruch des Weihrauchs über den Anfang seines Evangeliums und weist dadurch auf Zustände hin, die für das, was Gott im Begriff war einzuführen, passend sind, und auch darauf, daß man in einer priesterlichen Gesinnung an dieses Evangelium herantreten sollte, wenn man seinen Inhalt als geistliche Wirklichkeit erfassen will.

Zweifellos ist uns allen sein Wortlaut bekannt; den Gläubigen ist meistens das Lukasevangelium ebenso bekannt wie irgendein anderer Teil der Schrift; wenn wir es aber mit geistlicher Wertschätzung erfassen wollen, müssen passende Zustände vorhanden sein.

Wir finden also hier einen Mann und sein Weib, beide aus der priesterlichen Familie, und sie wandelten beide im Einklang mit dem Licht, das Gott ihnen bis zu dieser Zeit gegeben hatte. Wenn wir nicht in Übereinstimmung mit dem uns gegebenen Lichte wandeln, sind wir nicht in dem rechten Zustande, noch mehr zu bekommen. Diese zwei – Zacharias und Elisabeth – stimmten mit dem ihnen von Gott gegebenen Lichte überein; sie fürchteten Jehova und wandelten untadelig vor Ihm, und Zacharias erfüllte seinen priesterlichen Dienst des Räucherns.

Räucherwerk ist in der Schrift ein Vorbild vom Gebet (Ps. 141, 2), und zwar von einer besonderen Art. Ich zweifle nicht daran, daß dieses Evangelium das Aufrichten von priesterlichen Zuständen vor sich hat. Zum Schluß zeigt es uns eine Schar im Tempel, die Gott preist und lobt. Am Anfang des Evangeliums gibt es eine betende Schar im Tempel, am Ende desselben sind alle ihre Gebete erfüllt worden, so daß sie Gott loben und preisen. Wenn unsere Gebete den Charakter des Räucherwerks tragen, werden sie sicherlich dahin führen, daß wir Gott loben und preisen.

Der Psalmist sagt: „Laß als Räucherwerk vor dir bestehen mein Gebet“ – unsere Übung sollte darauf hinzielen, ob unsere Gebete diesen Charakter tragen. Nach 2. Mose 30 ist Räucherwerk sehr kostbar; es wurde aus wohlriechenden Gewürzen und reinem Weihrauch zusammengesetzt, aber nach der Kunst des Salbenmischers – es war rein, gesalzen und heilig. Dies weist auf einen Gott wohlgefälligen Charakter des Gebets hin.

Räucherwerk ist Gebet, das im Einklang mit der Gesinnung Gottes steht. Das wunderbarste Beispiel eines Gebets, das wahrhaftig ein Räucherwerk war, ist in Joh. 17 zu finden; jedes Körnchen dieses Gebets war tatsächlich wohlriechend. Wenn wir die Gebete des Paulus für die Kolosser und Epheser lesen, sehen wir in ihnen Gebete, die den Charakter des Räucherwerks tragen: jedes Körnchen dieser Gebete war wohlriechend vor Gott, denn sie waren der Ausdruck Seiner Gedanken für Sein Volk.

Im Gebet des Herrn finden wir nicht die leiseste Anspielung auf irgendein Fehlen seitens der Heiligen. Auch in den Gebeten des Paulus gibt es gar keine Anspielung auf irgendein Fehlen ihrerseits; er ist völlig mit den Gedanken Gottes in bezug auf Sein Volk beschäftigt. Das ist Räucherwerk. Ich zweifle nicht daran, daß Zacharias nach diesen Richtlinien gebetet hat.

Der Engel sagte: „Dein Flehen ist erhört.“ Vor vielen Jahren hatte er um einen Sohn gebetet, und die ihm gewährte Antwort weist auf die Gesinnung hin, in welcher er gebetet hatte. Er hatte augenscheinlich einen Sohn gewünscht, der in irgendeiner Weise der Ausdruck der Gunst Gottes Israel gegenüber sein sollte, und der Engel sagte: Deine Gebete sind erhört worden; du sollst einen Sohn haben, und sein Name soll Johannes heißen (was „die Gunst Gottes“ bedeutet), und er wird viele der Söhne Israels zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.

Zacharias hatte sich danach gesehnt, daß die Söhne Israels zum Herrn, ihrem Gott, bekehrt werden möchten. Ein solches Gebet ist wahrhaftig Räucherwerk. Dann stieg der Wohlgeruch des Räucherwerks in diesem Kapitel im Innern des Tempels empor, und das Volk war im Einklang damit – sie beteten draußen.

Wenn wir aus dem Lukasevangelium Nutzen ziehen sollen, werden wir in unserem Kämmerlein, in unseren Haushalten und in unseren Versammlungen beten müssen. Es lohnt sich nicht, daran zu denken, das Lukasevangelium ohne Gebet zu lesen. Der Herr wird in diesem Evangelium besonders als der Mann des Gebets dargestellt, es gibt wenigstens sieben Fälle, wo Er gebetet hat.

Uns steht das Vorrecht zu, in unseren Lokalen und in unseren Häusern für das Interessengebiet Gottes zu sorgen. Wenn wir in unserem Kämmerlein beten, werden wir das so kostbar finden, daß wir nicht gern des Vorrechts, in unseren Haushalten zu beten, verlustig gehen möchten, und wir werden wiederum dieses so kostbar finden, daß es uns dazu führen wird, daß wir unser Vorrecht, in der Versammlung zu beten, aufnehmen werden.

Gott will nicht stumme Priester haben; ein solcher kommt seinen eigenen Wünschen nicht nach. Wir haben oft heilige und geistliche Wünsche, aber wir entsprechen ihnen nicht im Glauben, und deshalb müssen wir den Ausdruck des Mißfallens Gottes erleben. Gott mißfiel der Unglaube des Zacharias, und es ist Ihm nicht wohlgefällig, wenn wir unseren Gebeten nicht entsprechen.

Wir müssen vielleicht oft bekennen, daß, sobald wir uns von unseren Knien erhoben haben, wir durch etwas ganz anderes gekennzeichnet waren als durch das, worum wir gebetet hatten. Dieses Kapitel bringt die Tatsache ans Licht, daß Gott in Seiner Gnade trotz des Unglaubens, der Ihm dieses nicht zutraut, mit uns weitergeht. Der Engel sagt: „… bis zu dem Tage, da dieses geschehen wird“; das heißt: ob Glauben vorhanden ist oder nicht, werde Ich mit Meinen Gedanken der Gnade weitergehen.

In diesem Evangelium sehen wir eine unwiderstehliche und unauslöschliche Gnade, so daß sogar, wenn ein Mensch betet und seinen Gebeten nicht gewachsen ist, Gott sagt: „Ich bin ihnen gewachsen, und Ich werde sie erhören; Ich werde nicht nur das ausführen, was in deinem Herzen ist, sondern alles, was in Meinem Herzen ist!“ Gott wird dies in Seiner beharrlichen Gnade tun; Er erreicht die Erfüllung Seiner eigenen Gedanken trotz des Unglaubens.

Ich nehme an, daß jeder, der diese ersten Kapitel des Lukasevangeliums gelesen hat, durch die in ihnen geoffenbarte Nähe des Himmels beeindruckt worden ist. Im Matthäusevangelium sind die Mitteilungen aus dem Himmel gewissermaßen verschleiert; ein Engel erscheint dem Joseph, aber es geschieht im Traum; bei Lukas gibt es keine Träume. Ein Traum deutet auf eine gewisse Entfernung hin, hier fällt uns aber der persönliche und traute Charakter der Mitteilungen aus dem Himmel auf.

Zacharias war nicht nur amtlich, sondern auch moralisch ein Priester; er hatte das Hinzunahen zu Gott im Verborgenen erlebt, und wie wir bemerkt haben, hatte er irgendein Zeichen der Gunst Gottes Israel gegenüber begehrt. Wir haben seinen Unglauben erwähnt; es ist aber gut, im Auge zu behalten, daß seine Übungen vor Gott sehr aufrichtig gewesen waren und daß sie von Gott beachtet wurden, und sie wurden durch die frohe Botschaft aus dem Himmel beantwortet. Selbst die Gesinnung Gottes, wie sie im Himmel bekannt ist, wurde dem Menschen auf Erden in der frohen Botschaft verkündigt.

Eine himmlische Persönlichkeit erschien dem Zacharias. Es ist interessant zu sehen, daß Engel Namen haben, die das Wesen Gottes zum Ausdruck bringen: Michael bedeutet: „Wer ist wie Gott?“ und Gabriel bedeutet: „Gott ist mächtig.“ Gabriels gewohnter Platz war es, vor Gott zu stehen; er wurde zu Zacharias als einer gesandt, der die Gesinnung Gottes so kannte, wie sie im Himmel bekannt ist.

Der Engel erschien „zur Rechten des Räucheraltars“. Es war nicht am ehernen Altar, obwohl das Morgen- und Abendlamm zweifellos dort geopfert worden war; doch wir sollten nicht vergessen, daß das Blut des Sündopfers auf die Hörner des Räucheraltars gelegt wurde. Lukas führt aber nicht die Seite des Opfers ein; der Räucheraltar ist der Platz, wo die Mitteilungen aus dem Himmel ankommen.

Dieses Evangelium redet nicht vom Hinwegtun der Sünde durch das Erlösungswerk – obwohl dieses äußerst notwendig ist –, sondern vom Räuchern des heiligen Wohlgeruchs vor Gott, an welchem Er Wohlgefallen finden konnte. Es ist ein Hinweis darauf, daß die Gunst Gottes den Menschen gegenüber Christo gemäß ist; das, was Seine Gunst den Menschen zugedacht hat, kam in Christo zum Ausdruck, und als in Ihm ausgedrückt ist es Gott eine Wonne. Gott war im Begriff, Einen auf Erden zu haben, an dem Er Seine Wonne haben konnte, da Er Seine Gunst den Menschen gegenüber völlig in Sich darstellte. Darin lag ein wohlriechendes Räucherwerk für das Herz Gottes.

„Die Rechte“ ist die günstige Seite; der Herr stellt die Schafe zu Seiner Rechten, und als Bathseba zu Salomo kam, ließ er einen Thron für sie zu seiner Rechten errichten; es ist der Platz der Gunst, und hier in Lukas Kap. 1 bringt er die Gunst Gottes den Menschen gegenüber zum Ausdruck. Die Geburt des Johannes wurde dort verkündigt. Johannes bedeutet „die Gunst Gottes“.

Der große Gedanke im Lukasevangelium ist die Gunst Gottes den Menschen gegenüber; der Himmel kommt der Rechten des Räucheraltars nahe. Lukas verweilt nicht bei der Seite des Opfers, sondern bei der Seite der göttlichen Gunst den Menschen gegenüber. Darum wird der Tod Jesu bei Lukas nicht vom Standpunkt des Opfers dargestellt, sondern eher wie in Hebr. 2: „So daß er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte.“ Es ist die äußerste Gunst Gottes den Menschen gegenüber, wie sie im Tode Jesu dargestellt wird.

Die ganze Gnade des Himmels wurde den Menschen in dieser Welt nahegebracht; die Verkündigung kam durch eine große und himmlische Persönlichkeit zu Zacharias und zu Maria; sie kam durch einen, dessen Name die Macht Gottes darstellte, dessen Dienst aber die Tatsache offenbarte, daß Gott in Gnaden den Menschen gegenüber tätig war.

Im Lukasevangelium wird die Größe Gottes in Seiner Gnade den Menschen gegenüber erhoben. Wohl können wir mit David sagen: „Groß ist Jehova und sehr zu loben, und seine Größe ist unerforschlich“ (Ps. 145, 3). Später lesen wir in diesem Evangelium: „Sie erstaunten aber alle sehr über die herrliche Größe Gottes“ (Luk. 9, 43). In diesem Evangelium geht es nicht nur darum, der Not des Menschen gerecht zu werden, sondern um die Offenbarung der Größe Gottes in Gnade. Das Endziel ist, daß Gott an den Menschen Wohlgefallen habe.

Johannes bekam seinen Namen vom Himmel, und sein Name bedeutet „die Gunst Gottes“. Zweifellos hatte Zacharias darum gebetet, einen Sohn zu haben, der ein Ausdruck der Gunst Gottes den Söhnen Israels gegenüber sein sollte, und sein darauf folgender Unglaube beeinträchtigte nicht die Echtheit seiner Übungen vor Gott noch hinderte er Gott daran, auf diese Übungen dadurch zu antworten, daß Er Seine eigene Gunst einführte.

Noch nie zuvor war in dieser Welt solch ein Ausdruck der göttlichen Gunst gewesen, denn Johannes sollte nicht gleich einem alttestamentlichen Propheten sein, der über die göttliche Dazwischenkunft nur als von einem mehr oder weniger entfernten Standpunkte reden konnte. Johannes sollte der unmittelbare Vorläufer Jesu sein; deswegen war er groß vor Jehova, indem er die göttliche Gunst den Menschen gegenüber so zum Ausdruck brachte, wie kein Prophet dies jemals getan hat.

Gabriel verkündete die Geburt des Johannes als frohe Botschaft aus dem Himmel; er sollte Zacharias zur Freude und zur Wonne sein, und viele sollten sich über seine Geburt freuen, denn er würde groß sein vor dem Herrn. Er würde nicht durch natürliche Energie oder Erregung gekennzeichnet sein – Wein und starkes Getränk –, sondern dadurch, daß er durch den unumschränkten Willen Gottes mit dem Heiligen Geist erfüllt werden sollte. Er sollte der Ausdruck der unumschränkten Gunst Gottes in bezug auf die Abtrünnigkeit Israels von Ihm sein. Er sollte das Gefäß der göttlichen Kraft und Gnade sein, um viele der Söhne Israels zu ihrem Gott zu bekehren.

Als die Söhne Israels von Gott abgewichen waren, erschien die göttliche Gunst, um sie zu Jehova, ihrem Gott, zu bekehren. Alles geschah, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten. Ein Volk muß dafür zugerüstet werden, die aus dem Himmel kommende Gnade zu schätzen – die göttliche Gunst den Menschen gegenüber, die bald in Jesu zum Ausdruck kommen sollte. Wir alle müssen dafür zubereitet werden, sie zu schätzen, ebenso wie die Söhne Israels dafür zubereitet werden mußten.

In Maria sehen wir die Erhebung der göttlichen Gunst mehr als in irgendeinem anderen Falle. Kein menschliches Wesen war jemals der Gegenstand solch einer Gunst wie Maria; Gabriels Gruß an sie lautete: „Sei gegrüßt, Begnadigte!“ Sein Kommen zu ihr wird nicht als eine Antwort auf ihre Übungen dargestellt, sondern als der nicht gesuchte und gesegnete Ausfluß der Gunst des Himmels.

Das ist der Charakter des Lukasevangeliums – der Himmel kommt in diese Welt, um den Menschenkindern göttliche Freude zu bringen. Es ist nicht die göttliche Gunst, die in der göttlichen Vorsehung oder in veränderten Umständen für die Menschen erkannt wird, sondern Gott Selbst tritt in einer alles überragenden Gnade hervor, in einer Gnade, die so viel höher als die Gedanken der Menschen war, wie der Himmel höher als die Erde ist.

In einer Hinsicht steht Maria im Gegensatz zu Zacharias; Zacharias dachte an sich selbst, was zum Unglauben führte, aber Maria dachte überhaupt nicht an sich selbst. Sie ergab sich Gott, um ein Gefäß zum Ausführen Seiner äußerst großen Gedanken der Gnade zu werden. Sie sagte: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es geschehe mir nach deinem Worte.“ Da war kein Gedanke an sich selbst. Elisabeth konnte sagen: „Glückselig, die geglaubt hat.“ Maria ist ein hervorragendes Beispiel in der Schrift von einem Gläubigen.

Der Himmel war im Begriff, in grenzenloser Gunst zu den Menschen hervorzutreten, und es gab wenigstens ein von Gott bereitetes Herz, um dieses zu schätzen. Dieser Gedanke wirft die Übung auf, ob wir durch göttliche Gnade zubereitet worden sind, um die in diesem Evangelium entfalteten großen Dinge Gottes zu schätzen.

Maria fragte bloß: Wie? Es war eine Frage des Glaubens, nicht des Unglaubens. Sie war nicht stumm; wie lieblich redete sie! Es muß bemerkt werden, daß sie nicht wie Elisabeth oder Zacharias als vom Heiligen Geiste erfüllt redete. Sie redete aus ihrem Glauben und ihrer eigenen einfältigen Freude über die Gnade.

„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heilande.“ Die Tätigkeit des eigenen Geistes der Maria wird uns vor Augen gestellt; sie konnte diese Dinge sagen, weil sie ihnen in ihrem eigenen Geiste gewachsen war. Mit seinem eigenen Geiste und Verständnis zu reden, ist in einem gewissen Sinne größer, als durch die Kraft des Heiligen Geistes zu reden genötigt zu werden, weil wir im ersteren Falle eine Person haben, die einsichtsvoll in dem, was sie redet, gestaltet ist.

Der Geist kann Sich eines Gefäßes wie Bileam bedienen und ihn zwingen, wunderbare Dinge auszusprechen, von denen er selber nichts wußte; es ist aber etwas Größeres, Dinge über die göttliche Gnade auszusprechen, indem man selbst weiß, wie gesegnet sie sind. Maria war ein passendes Gefäß, um von der göttlichen Gunst gebraucht zu werden, und das, was sie war, kam in dem, was sie sagte, ans Licht.

Sie war von der Gesinnung ihrer Schwester Hanna im Alten Testament durchdrungen. Ich denke, wir könnten Maria mit Recht als eine Vertreterin derjenigen Menschenart betrachten, womit der Herr im Begriff war, Sich teilhaftig zu machen.

Maria wurde aus dem Himmel als eine Begnadigte gegrüßt – „Sei gegrüßt, Begnadigte!“ – und „du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Es handelte sich nicht darum, der Not zu begegnen, sondern um den Ausdruck der göttlichen Gnade aus den himmlischen Höhen.

Die Geburt des heiligen Kindleins Jesu, als von einem Weibe empfangen und geboren, war der höchste Ausdruck dieser Gunst. „Geboren von einem Weibe“, sagt Paulus. Wie gnädig ist Gott zu den Menschen! Er war gewillt, Seinen Sohn zu senden, geboren von einem Weibe, als Kindlein geboren. Das prophetische Wort hatte gesagt: „Ein Kind ist uns geboren.“ Maria war tatsächlich Seine Mutter, doch Er wurde uns, die wir zum Menschengeschlecht gehören, geboren; Er kam als ein Reis aus dem Stumpfe Isais hervor. Möge die Größe davon unsere Herzen erfassen und sie fesseln!

Die von uns verlesene Schriftstelle wird durch zwei Aussagen bestätigt: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben.“ Das geborene Kind sichert alles in der göttlichen Gunst für den Menschen, der gegebene Sohn sichert das höchste Wohlgefallen am Menschen für Gott. Wenn wir das erfassen, befähigt uns Gott, Ihm einen Namen zu geben. Er möchte uns dazu befähigen, Ihn Jesus zu nennen. Gott will, daß wir einsichtsvoll alles anerkennen, was in diesem Namen ausgedrückt und eingeschlossen wird – die Unendlichkeit der göttlichen Gunst dem Menschen gegenüber – „Du sollst seinen Namen Jesus heißen.“

Es kann keinen größeren Begriff der göttlichen Gunst geben als den, der in diesem Namen zum Ausdruck gekommen ist. Er bedeutet: „Hilfe Jehovas“ oder „Heil Jehovas“. Im Alten Testament wird vorbildlich und prophetisch über die Hilfe und das Heil Gottes für die Menschen geredet, jetzt ist es aber Derjenige, der in einer göttlichen Weise als für uns geboren kommt. Die ganze Gnade des Himmels ist in diesem Jesusnamen enthalten, der in die Menschheit gebracht wurde, um von Menschen anerkannt und gekannt zu werden.

Haben wir es gelernt, Ihn als den Ausdruck der unendlichen göttlichen Gunst richtig zu benennen? Der Engel sagte zu den Hirten: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird; denn euch ist heute, in Davids Stadt, ein Erretter geboren, welcher ist Christus, der Herr.“

Die Tragweite des Kommens dieses kindes bezieht sich in göttlicher Gunst auf alle Menschen. Im Lukasevangelium handelt es sich nicht nur darum, daß der Mensch Gott braucht, sondern auch darum, daß Gott den Menschen braucht, auf daß Er im Menschen und dem Menschen gegenüber die Gunst des eigenen Herzens zum Ausdruck bringe.

Dies ist in dem Sinne unumschränkt, weil Gott ungebeten Seinen Weg einschlug; Er wirkte Seinem eigenen Wohlgefallen gemäß, indem Er den Aufgang aus der Höhe uns zu besuchen veranlaßte – das Ausstrahlen aus dem Himmel von dem, was in Seinem eigenen Herzen war.

Ich wundere mich nicht darüber, daß Satan durch seine Diener sich äußerst anstrengt, um die jungfräuliche Geburt Jesu zweifelhaft erscheinen zu lassen. Wenn ihm dieses gelingen kann, hat er sein ganzes Ziel erreicht; er hat uns alles dessen beraubt, was der Name Jesus bedeutet – er hat uns der Gunst Gottes und Seines Heils beraubt. Wenn Nazareth und Bethlehem verlorengehen, dann geht auch Golgatha verloren, und dann ist kein Jesus aus Nazareth zur Rechten Gottes verherrlicht. Der ganze Bau des Christentums ist dann dahin.

Um den Ausspruch: „Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden“ zu verstehen, müssen wir zu Luk. 6, 34 u. 35 greifen. „Wenn ihr denen leihet, von welchen ihr wieder zu empfangen hoffet, was für Dank ist es auch? denn auch die Sünder leihen Sündern, auf daß sie das gleiche wieder empfangen. Doch liebet eure Feinde, und tut Gutes, und leihet, ohne etwas zu hoffen, und euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein.“

Die Art und Weise, wie der Höchste im Lukasevangelium erwähnt wird, scheint darauf hinzudeuten, wie Gott über allem Bösen der Menschen steht. Er ist so groß und so hoch, daß das Böse der Menschen Ihn nicht behindert; Er geht auf der Höhe Seiner eigenen gepriesenen Gnade und Güte voran, und zwar demzufolge, was Er ist. Die Größe Jesu als des Sohnes des Höchsten ist die Größe der Überlegenheit allem Bösen gegenüber. Er wurde durch dasselbe nicht behindert. Gott geht mit Seinen erhabenen Gedanken voran, Er wird von ihnen durch das Böse im Menschen nicht abgelenkt.

Wenn Gott allem Bösen in den Menschen überlegen und trotz des Bösen in ihnen gnädig zu ihnen ist, so zieht Er auch die Tatsache in Betracht, daß es für den Menschen feindliche Mächte gibt, und deswegen ist vom Thron die Rede. „Der Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben“ – der Thron Davids war ein siegreicher Thron. Seine Herrschaft war durch das Unterwerfen von allem, was Israel feindlich war, gekennzeichnet.

Gott zieht in Betracht, daß der Mensch der Macht der ihm feindlichen Dinge verfallen ist, Gott ist aber dem Menschen gnädig, und Er hat in Jesu einen Thron aufgerichtet, einen Thron der unbestreitbaren Überlegenheit über jede für den Menschen feindliche Macht.

Es hatte Gott wohlgefallen, Menschen an regierenden Stellungen einzusetzen; sie versagten aber alle; jetzt redet Er aber von Einem, der allen für den Menschen feindlichen Mächten siegreich begegnen wird – Satan, Fürstentümern und Gewalten, und allen aus ihnen hervorgehenden Einflüssen, selbst dem Tode. Der Thron hat sich als allem überlegen erwiesen, und bald wird er sich so auch öffentlich erweisen.

Seine Herrschaft über das Haus Jakobs bringt die unumschränkte Berufung und Auserwählung Gottes ans Licht. Sonst wären keine Untertanen für die Herrschaft Jesu da. Jakob brauchte eine lebenslange Zucht; er mußte berichtigt und zurechtgewiesen werden, aber Gott hatte ihn in Gnade und Treue aufgenommen, und Er schloß mit ihm nicht ab, bevor Er das, was Er beabsichtigte, zustandegebracht hatte. Er sagte zu ihm: „Ich werde dich nicht verlassen, bis ich getan, was ich zu dir geredet habe.“

Jesus herrscht über das Haus Jakobs; alle Gegenstände der göttlichen Berufung und Auserwählung kommen unter die Herrschaft Jesu. Das Ziel Gottes in Seiner Berufung und Auserwählung ist, Sich ein Volk zu sichern, das wirksam unter die Herrschaft Jesu kommen soll – unter den Einfluß der in Ihm dargestellten göttlichen Gnade –, und indem wir das tun, werden wir das ewige Leben erreichen, darauf weisen die Worte hin: „Seines Reiches wird kein Ende sein.“

Um uns ins ewige Leben zu bringen, ist nichts weiter nötig, als uns der Herrschaft Jesu zu unterwerfen. Die höchste Gnade in Jesu bringt das ewige Leben mit sich, denn sie erwirkt Zustände, die Gesetzlosigkeit und Götzendienst und die Macht des Tode beiseite setzen.

„Maria aber sprach zu dem Engel: Wie wird dies sein?“ Wenn es irgendeine Schwierigkeit in bezug auf göttliche Dinge gibt und wir nach einer Erklärung verlangen, bekommen wir immer eine Erweiterung davon, worüber geredet worden ist. Als der Herr Seine Gleichnisse erklärte, fügte Er immer ihre Bedeutung hinzu.

Als Maria Gabriel fragte, wie dies sein sollte, bekam sie eine große Erweiterung. Es ist bemerkenswert, daß Maria in der ersten Aussage als ein Gegenstand der göttlichen Gunst eine hervorragende Stellung einnimmt; aber beim Beantworten ihrer Frage wendet sich der Engel der göttlichen Seite zu, so daß nun der Heilige Geist, die Kraft des Höchsten und das Heilige, das Sohn Gottes genannt werden wird, die hervorragende Stellung einnehmen.

Jetzt geht es darum, was für Gott ist. Einer sollte in Menschengestalt gefunden werden, der dem Herzen Gottes volle Befriedigung und Wonne bringen sollte; Er sollte der Sohn Gottes genannt werden – es ist das, was Er in Beziehung zu Gott ist. Was wir bisher betrachtet haben, zeigt, was Er von Gottes Seite in Beziehung zu den Menschen sein sollte; jetzt sehen wir aber, was Er in Beziehung zu Gott sein sollte – der Sohn Gottes.

Das weist auf die andere Seite der frohen Botschaft hin; es ist der Gedanke Gottes, Söhne für Sich Selbst zu haben. Das ewige Leben ist für die Menschen, aber die Sohnschaft ist für Gott, zu Seinem eigenen Wohlgefallen.

Es sollte Einer als Mensch in dieser Welt sein, der Sohn Gottes genannt werden konnte; das völlige Wohlgefallen Gottes im Blick auf die Einführung der Menschen in die Sohnschaft zum Wohlgefallen Gottes war in Ihm gesichert. Der vollendete Gedanke Gottes wird in den beiden Dingen dargestellt – im ewigen Leben und in der Sohnschaft – und alles sollte durch das Kommen des Kindes, das uns geboren, und des Sohnes, der uns gegeben, gesichert werden.

„Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott Seinen Sohn, geboren von einem Weibe, geboren unter Gesetz, auf daß er die, welche unter Gesetz waren, loskaufte, auf daß wir die Sohnschaft empfingen.“ Wir leben in dieser außergewöhnlichen Zeit in den Wegen Gottes, in einer durch Fülle gekennzeichneten Zeit; es ist darin die höchste Gunst für die Menschen und das höchste Wohlgefallen für Gott vorhanden. Es ist die Zeit der Fülle der Gedanken des Herzens Gottes im Segen den Menschen gegenüber und zur Wonne Seines eigenen Herzens.

Die Menschen sagen, sie seien armselige, elende Geschöpfe, Gott aber möchte zu ihnen sagen: „Begreift ihr das Wesen des gegenwärtigen Augenblicks? Begreift ihr, daß ein Kind geboren und ein Sohn gegeben ist? Wollt ihr nicht in Betracht ziehen, was sich daraus für euch und für Mich ergeben hat?“

Wir haben das Hervorstrahlen Gottes in der Offenbarung Seiner Selbst, und dies wird uns zu etwas Großem. Wir beginnen mit anbetenden und befriedigten Herzen die Fülle dessen zu betrachten, was uns durch das geborene Kind und den gegebenen Sohn geworden ist. Alles ist für die Menschen und für Gott gesichert.

Das Lukasevangelium zeigt, wie Gott den Menschen braucht, um Seine unumschränkte Gunst zum Ausdruck zu bringen. Es wird oft gefragt, warum Gott das Aufkommen der Sünde zuließ? Er ließ das Aufkommen der Sünde zu, weil Er die unumschränkte Gnade Seines Herzens in bezug auf ein sündiges Geschöpf in einer ganz anderen Weise zum Ausdruck bringen konnte als einem nicht gefallenen Geschöpfe gegenüber. Es hat Gott die Veranlassung gegeben, Sich in der Größe Seiner Gnade zu offenbaren, damit Er als Ergebnis die Menschen zum Gegenstand des Wohlgefallens Seines Herzens machen könnte. Das zeigt den außerordentlichen Platz, den der Mensch in den Gedanken Gottes innehat.

Die Person der Gottheit, die von einem Weibe geboren wurde, war nach dem Vorsatz Gottes der Ausdruck der Gedanken, die Er in bezug auf die Menschen vor Sich hatte. Der Gedanke Gottes für den Menschen war, daß er zu Seinem Wohlgefallen in Sohnschaft vor Ihm sein sollte. Man empfindet die Notwendigkeit, die Gesinnung der Maria sich einzuprägen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es geschehe mir nach deinem Worte.“ Sie gab sich hin, um das Gefäß dieser wunderbaren gnadenreichen Gedanken zu werden.

Gott will, daß wir uns Seinen gnadenreichen Gedanken über uns unterwerfen, wie auch Seinen Gedanken über Sein eigenes Wohlgefallen. Wir treten an sie in einer unterwürfigen Gesinnung als solche heran, die durch die Gnade und Liebe, die sie geoffenbart haben, überwältigt sind.

Es könnte kaum etwas Schöneres geben als die Zustände, die uns in diesen heiligen Weibern vor Augen gestellt werden. „Das Gebirge“ ist ein angemessener Schauplatz für solche Ereignisse; in diesen begnadeten Personen und in ihren Aussprüchen ist eine sittliche Erhabenheit vorhanden, die bei weitem die Welt und die Gedanken der Menschen überragt.

Elisabeth und Maria waren beide außerordentliche Gegenstände der Gunst Gottes, insbesondere Maria. Sie sind Vertreterinnen der Menschheit als die Gegenstände der höchsten göttlichen Gunst. Sie redeten beide darüber, was Gott an ihnen getan, wie Er in bezug auf sie gewirkt hat. Weder bei Maria noch bei Elisabeth finden wir eine Spur von der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes. In beiden kommt die Erhöhung, welche die Gnade dem Geschöpf verleiht, ans Licht: „Er hat … Niedrige erhöht.“

In diesen heiligen Weibern sehen wir die Menschheit in der gesegnetsten Weise erhöht, und zwar als Gegenstände der Gunst Gottes. Das „Gebirge“ enthält einen sittlichen Hinweis; es ist eine hochliegende Gegend; es ist wichtig, daß wir dieses in bezug auf das Kommen Jesu wahrnehmen sollten.

Bei Maria und Elisabeth sehen wir eine Niedrigkeit und eine Erhöhung, und weder das eine noch das andere ist dem gefallenen Geschöpf eigen. Wir sehen Unterwürfigkeit Gott gegenüber und eine Wertschätzung der göttlichen Gunst; wir sehen Erhabenheit und Würde durch die Gotteserkenntnis, und ein Erfassen dessen, was für das Geschöpf in Gott vorhanden ist; alles dieses ist Erhöhung, nicht Erniedrigung.

Wir müssen die Erniedrigung des Menschen als eines gefallenen Geschöpfes in Betracht ziehen; beim Lesen des Lukasevangeliums werden wir aber dazu geführt, die Erhöhung zu sehen, die die göttliche Gunst diesem gefallenen Geschöpfe verleiht, so daß von der Erniedrigung keine Spur zurückbleibt. Was könnte erhabener sein als die Ansprüche der Elisabeth und der Maria!

Es ist äußerst wichtig, daß wir zwei Richtlinien in der Schrift sehen. Vom Anfang der Schrift bis zum Ende finden wir eine mannigfaltige Schilderung der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes. Daneben finden wir aber eine andere Linie; vom ersten Kapitel der Schrift bis zum letzten sehen wir die Geschichte der sittlichen Erhebung, zu welcher die Gunst Gottes die Menschen erhöhen kann. Diese beiden Richtlinien durchlaufen die ganze Schrift.

Ich verweile dabei, weil das in bezug auf das Kommen des Sohnes Gottes in diese Welt so sehr wichtig ist. Der Herr kam, um an dem Leben des Menschen als Gegenstand der göttlichen Gunst teilzunehmen. Der Herr machte Sich nicht eher mit der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes eins, bis Er diese Erniedrigung als Opfer auf dem Kreuze auf Sich nahm.

Es war dort und damals, und zwar nur dort und damals, daß der Herr mit der Sünde in persönliche Berührung kam. Er tat „keine Sünde“; Er „kannte nicht“ die Sünde; und „Sünde ist nicht in Ihm“; Er war „das Heilige“; auf dem Kreuze berührte Er aber die Sünde stellvertretend und als Opfer; Er wurde zur Sünde gemacht; Er trug das Gericht, das mit der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes zusammenhing.

Zu Seinen Lebzeiten machte Er Sich aber niemals mit der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes eins, sondern nahm teil an allem, was aus Gott war. Maria und Elisabeth sind Vertreterinnen der Lebensgeschichte des Menschen, die mit dem Menschen als einem Gegenstand der göttlichen Gunst zusammenhängt.

Durch die ganze Schrift hindurch sehen wir, daß es neben der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes noch etwas anderes gibt; es gibt das Wirken der göttlichen Gnade im Menschen. Durch alle Zeitalter hindurch, beginnend mit Abel, finden wir Menschen, die durch Gottesfurcht und Glauben an Gott gekennzeichnet waren und die Wertschätzung und Freude an der Erkenntnis dessen fanden, was in Gott für sie vorhanden war und was Er ihnen sein konnte.

Nichts, was in dieser Richtung gefunden wird, gehört zur Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes. Wir bemerken da die sittliche Erhabenheit eines Geschöpfes, das gelernt hat, Gott zu fürchten und auf Seine Barmherzigkeit zu hoffen, wie auch demütig zu sein, indem es weiß, was ihm von Natur eigen ist, nämlich daß es naturgemäß auch wie alle anderen ein Kind des Zornes ist.

Wieviel steht in der Schrift über die Geschichte des Glaubens geschrieben, über den Menschen, der sittlich durch göttliche Gunst erhöht wird. Es ist äußerst wichtig einzusehen, daß der Herr Jesus, als Er Mensch wurde, in keiner Weise an der Erniedrigung des gefallenen Geschöpfes teilnahm noch Sich damit persönlich einsmachte, bis Er auf dem Kreuze zur Sünde gemacht wurde; Er fand aber alle Seine Wonne an denjenigen, die durch göttliche Barmherzigkeit und Gunst sittlich erhaben waren.

Ich halte das als wesentlich für die Wahrheit des Christentums, und ich glaube nicht, daß die Wahrheit über die Person des Herrn oder die göttliche Gnade ohne diese Erkenntnis richtig begriffen werden kann.

Alle Titel und Bezeichnungen, die der Herr annahm, weisen darauf hin, daß Er mit Männern oder mit Weibern teilhatte, die als Gegenstände der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade betrachtet werden. Er wird als der Same des Weibes und der Same Abrahams und der Same Davids bezeichnet. Alle diese Bezeichnungen weisen auf das Wirken der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade hin.

Abraham ist der große Vater der Familie des Glaubens, die Wurzel des Olivenbaumes der Verheißung; er ist ein einzigartiges Beispiel von einem Menschen, der ein Gegenstand der göttlichen Gunst ist. David war der Aufbewahrungsort oder das Gefäß der Verheißungen, die sich auf das Reich bezogen, ebenso wie Abraham das Gefäß der Verheißungen der weltweiten Segnungen der Familien auf der Erde war.

Daß Christus der Same des Weibes war, unterstreicht in einer außerordentlichen Weise diese Linie der Barmherzigkeit und der göttlichen Gunst. Als Jehova Gott über den Samen des Weibes zur Schlange sprach: „Er wird dir den Kopf zermalmen“ sagte Er damit, was für eine Gunst Er dem Weibe erwies. Es hieß soviel, wie wenn Er gesagt hätte: „Du hast sie verdorben und erniedrigt, Ich will ihr aber Ehre erweisen: Ich werde ihr einen Samen geben, der imstande sein wird, deine Macht völlig zu zerstören.“

Dadurch wurde dem Weibe eine Ehre erwiesen, die ausschließlich der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade entsprang. Der Same des Weibes umschließt grundsätzlich nicht nur Christum, sondern alle Heiligen. Gott sagte: „Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe“ – ich denke, das weist darauf hin, daß das Weib die Menschheit als Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit darstellte – „und zwischen deinem Samen und ihrem Samen“.

Abel war der erste von der Linie des Samens des Weibes, und Kain der erste von der Linie des Samens der Schlange; es war Feindschaft zwischen ihnen, und seitdem hat Feindschaft zwischen den beiden Samen bestanden. Der Same der Schlange stellt die Menschen vom Standpunkt ihrer Erniedrigung als gefallene Geschöpfe dar, der Same des Weibes stellt aber die Menschen dar, die zu Gegenständen der göttlichen Gunst werden und denen dann eine sittliche Erhöhung zuteil wird.

Der Herr nahm von dem letzten Standpunkt aus an der Menschheit teil. Es wird in Hebr. 2 über Ihn gesagt: „Er nimmt sich fürwahr nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an.“ Er nimmt Sich der Menschheit von dem Standpunkte ihrer Verbindung mit den Verheißungen Gottes aus an, mit der Familie des Glaubens. Er nahm an jener Familie teil: „Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir gegeben hat.“ „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an denselben teilgenommen.“

Maria und Elisabeth waren zwei vom „Samen Abrahams“, und zwar nicht nur von Natur, sondern auch in sittlicher Hinsicht, da sie Glauben hatten. Sie stellen die Menschenart dar, woran der Herr Jesus, der heilige Sohn Gottes, teilhaben konnte. Es wäre eine Lästerung zu sagen, daß Er an dem gefallenen Menschengeschlecht teilgenommen hat, natürlich ausgenommen bei der Sühnung.

Der Herr sprach oft von Sich als vom Sohne des Menschen; dieser Titel weist aber nicht auf den Gedanken des Menschen als eines gefallenen Geschöpfes hin, sondern auf alles, was Christus als der Erbe von allem ist, was Gott dem Menschen zugedacht hat. Wenn wir Ps. 8 lesen, werden wir sehen, daß es sich um den über allem erhöhten Menschen handelt.

In Ps. 8 werden zwei Wörter für Mensch gebraucht: „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst“ – das Wort hier bedeutet den sterblichen oder gefallenen Menschen – „Und des Menschen Sohn, daß du auf ihn acht hast.“ Christus ist der Sohn des Menschen. Gott gedenkt des gefallenen Menschen; Er betrachtet ihn mit Barmherzigkeit und Gnade, der Sohn des Menschen ist aber der Erbe aller Gedanken der Größe, der Erhöhung und der Obergewalt, die Gott dem Menschen zugedacht hat.

Der Titel „Sohn des Menschen“ ist eigentlich Sohn Adams; Adam war der Name, den Gott dem Menschen vor dem Fall gab, dem Erben der großen Würde und Erhöhung, ja der weltweiten Obergewalt, wie es in Ps. 8 zu sehen ist.

Es ist oft gesagt worden, daß das Geschlechtsregister des Herrn im Lukasevangelium bis Adam zurückgeht, wenn wir es aber lesen, werden wir merken, daß es bis Gott zurückgeht, und das macht einen großen und lebenswichtigen Unterschied aus. Schritt für Schritt wird es direkt bis auf Gott zurückgeführt, und ich glaube, daß jede der Personen in dieser Kette ein Gegenstand der unumschränkten Barmherzigkeit und Gunst Gottes war und auf der Linie Seiner Gnade und Gunst zu finden ist.

Der Herr kam, um Seinen Platz in jenem Geschlecht einzunehmen; Er war aus diesem Stumpfe; nicht aus dem Stumpfe des gefallenen Menschen, der als Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade gekennzeichnet ist: Er war ein Reis aus dem Stumpfe Isais.

Unbestimmte Gedanken diesbezüglich liegen vielen irrtümlichen Lehren über die Person des Herrn zugrunde, und wenn wir über die Person des Herrn keine Klarheit haben, so haben wir über gar nichts Klarheit.

Das Anteilnehmen des Herrn an der Taufe mit denen, die von Johannes getauft wurden, bestätigt das Gesagte. Als Er sah, daß der bußfertige Überrest sich von Johannes taufen ließ, ging auch Er hin, um von ihm im Jordan getauft zu werden. Er nahm öffentlich mit ihnen an der Taufe teil, weil sie sich in der Buße zu Gott hin bewegten.

Er nahm nicht mit ihnen als mit gesetzlosen Sündern teil, sondern als mit Bußfertigen. Es ist wahr, daß Er Sünder aufnahm und mit ihnen aß, denn Er war hienieden, um die Unendlichkeit der göttlichen Gnade den Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen; wir können aber sicher sein, daß nur Bußfertige zu Ihm in dieser Weise kamen; eigentlich kamen nur die Gottesfürchtigen zu Ihm.

Maria spricht davon, daß die Barmherzigkeit Gottes von Geschlecht zu Geschlecht bis ans Ende besteht. Der Herr sagt: „Wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“ Natürlich wird Er das, denn Gott wird ihn in Seiner Gnade erhalten.

Ich zweifle nicht daran, daß Adam Glauben hatte, denn er „gab seinem Weibe den Namen Eva, denn sie war die Mutter aller Lebendigen“. Ich glaube, das war ein Zeichen seines Glaubens. Alles fing bei Gott an; dann haben wir diese lange Linie, diese Kette mit vielen Gliedern, die mit Gott beginnt und mit Jesu endet. Es ist die Linie des Menschen, der als ein Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade betrachtet wird. In dieser Linie wird der Mensch durch seine Gotteserkenntnis hoch erhoben.

Das ist die Linie, woran der Herr Jesus teilnehmen konnte; Er nahm an dem gefallenen Menschen nur teil als Opfer und Stellvertreter auf dem Kreuz. Er sagte prophetisch in Psalm 16: „Zu den Heiligen, die auf Erden sind, und zu den Herrlichen: An ihnen ist alle meine Lust.“ Das war Sein Geschlecht, und wir sehen ein Muster davon in Maria und Elisabeth; der Herr nahm an einem für Ihn sittlich passenden Geschlechte teil.

Seth war ein Gefäß des Lobes Gottes, denn er wurde von Gott an die Stelle von Abel gesetzt; er wurde an die Stelle von einem gesetzt, der wußte, was vor Gott vortrefflich war, nämlich die „Erstlinge seiner Herde und ihr Fett“. Es war nicht die Wirksamkeit des Opfers Abels, die es empfahl, sondern seine Vortrefflichkeit. Durch den Glauben besaß er eine Wertschätzung Christi in der Vortrefflichkeit, die durch den Tod ans Licht gebracht werden würde, so daß sein Opfer nicht ein Brandopfer oder ein Sündopfer genannt wird, sondern eine Opfergabe, was sich auf das Wohlgefallen Gottes an Seinen Gaben bezieht.

Dann war Enos ein Gefäß des Lobes Gottes in der Anerkennung dessen, was der Mensch unter der Sünde und dem Tode geworden ist – sein Name bedeutet schwach oder sterblich –, und es war im Bewußtsein davon, daß man anfing, den Namen Jehovas anzurufen“ (1. Mose 4, 26).

Wir brauchen nur Enoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Boas und David (als einige wohlbekannte aus dem Geschlechtsregister ausgewählte Namen) zu erwähnen, um zu sehen, daß hier die durch die göttliche Barmherzigkeit und Gnade gekennzeichnete Linie dargestellt wird. Es ist tatsächlich wahr, zu sagen, daß sie alle von Christo abstammten. Er ist die Wurzel Davids wie auch sein Geschlecht (Nachkomme); in einem geistlichen Sinne hatte David alles seinem größeren Sohne entnommen. Abraham entnahm Dem alles, der sagen konnte: „Ehe Abraham ward, bin ich.“

Es war der Geist Christi in den alttestamentlichen Heiligen, der ihnen Gepräge und Glauben verlieh. Alles Göttliche, was der Menschheit verliehen wurde, kam durch die unumschränkte Gunst Gottes, und Jesus kam und nahm durch Seine Geburt von Maria an der ununterbrochenen Linie der göttlichen Gunst den Menschen gegenüber teil.

Er nahm teil an der „Barmherzigkeit (wie er zu unseren Vätern geredet hat) gegen Abraham und seinen Samen in Ewigkeit.“ Sein Geschlecht paßte in sittlicher Hinsicht zu Ihm, da es von Anfang bis zu Ende göttliche Wesenszüge besaß.

In Elisabeth sehen wir ein vom Heiligen Geiste erfülltes Weib, und ihr Kind war von Mutterleibe an vom Heiligen Geiste erfüllt. Als vom Heiligen Geiste erfüllt, erkennt Elisabeth das ungeborene Kind an als „meinen Herrn“.

Was Maria betrifft, so besaß sie die Glückseligkeit eines Glaubenden; die ihr gesagten Dinge würden in Erfüllung gehen; alles, was ihr verliehen war, rührte ausschließlich von der göttlichen Gunst her. In einem geistlichen Sinne entnahm sie alles von Gott und von ihrem gepriesenen und heiligen Sohne. Wie lieblich sind ihre Worte! „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heilande.“

Sie hatte das, was kommen sollte, vor sich; ihr ganzes inneres Wesen war von der Glückseligkeit der göttlichen Gunst erfüllt, und es ist der Gedanke Gottes für einen jeden von uns, daß wir auch davon erfüllt sein möchten. Maria war wahrhaftig eine Demütige, die erhöht wurde; von Natur war sie ein Kind des Zorns, wie auch die übrigen, aber als ein Gegenstand der göttlichen Gunst erwähnt sie überhaupt nicht ihren Zustand als den eines gefallenen Geschöpfes.

Sie redet wohl von ihrer Niedrigkeit, aber nicht als von der Niedrigkeit einer gesetzlosen Sünderin, sondern als einer Magd Gottes. Sie hatte sich Seinem Dienste völlig gewidmet und war Seinem Willen ergeben. Niedrigkeit war ihr eigen, aber welch eine Erhöhung wurde ihr erwiesen! Von nun an sollten sie alle Geschlechter glückselig preisen, aber ihre Erhöhung rührte ausschließlich von der göttlichen Gunst her, nichts davon konnte ihr zugeschrieben werden.

„Denn große Dinge hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein Name.“ Sie redet über Seine Barmherzigkeit und darüber, wie Er Israel geholfen hat. Alles bewegt sich in der Richtlinie, was der Mensch ist als ein Gegenstand der göttlichen Gunst, und dies entfacht bei Maria eine anbetende Gesinnung. Sie war sich der göttlichen Gunst bewußt, und sie dachte an die Geschlechter, die den Mächtigen fürchten und die in Jesu geoffenbarte Gunst wertschätzen würden.

Ich denke, Gott will, daß beim Lesen dieses Evangeliums Seine Gnade uns völlig von allen Bedenken betreffs unseres natürlichen, sündigen Zustandes befreien möchte, damit wir völlig und anbetend mit der höchsten Glückseligkeit Seiner Gunst, die uns in Jesu erreicht hat, beschäftigt sein möchten.

Gott zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind; Er hat Mächtige von Thronen hinabgestoßen; Reiche schickt Er leer fort; Er erhöht Niedrige und erfüllt Hungrige mit Gütern.

Wir haben von Elisabeth und Maria als von Vertreterinnen der Menschheit als Gegenstände der göttlichen Gunst gesprochen. Der Grundton des nun vor uns liegenden Abschnitts scheint das Wort „Barmherzigkeit“ zu sein. Maria sagte: „Seine Barmherzigkeit ist von Geschlecht zu Geschlecht über die, welche ihn fürchten“; sie schaute voraus auf viele Geschlechter, die Gegenstände der Barmherzigkeit sein würden; das werden die Geschlechter sein, die sie glückselig preisen würden.

Weiter sagt sie: „Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, damit er eingedenk sei der Barmherzigkeit (wie er zu unseren Vätern geredet hat) gegen Abraham und seinen Samen in Ewigkeit.“

Während der letzten Tage seines Lebens wurde J. N. Darby gefragt: „Was ist der Unterschied zwischen Barmherzigkeit und Gnade?“ Seine Antwort lautete: „Die Barmherzigkeit ist groß nach der Größe der Not, die Größe der Gnade liegt in den Gedanken dessen, der sie ausübt.“ Dieser Satz ist es wohl wert, erwogen zu werden.

Nehmen wir eine Veranschaulichung. Ein König mag mir in einer besonderen Weise seine Gunst bezeugen; dabei würde es sich lediglich darum handeln, was in seinem Herzen ist. Die Größe der Gnade liegt in den Gedanken dessen, der sie ausübt. Nehmen wir aber an, daß ich ein überführter Verbrecher im Gefängnis wäre, da würde Barmherzigkeit erforderlich sein, und der König könnte mir seine Gunst nur durch Barmherzigkeit erweisen; also liegt die Größe der Barmherzigkeit in der Größe der Not.

Wir haben sehr viel über die Gnade geredet – über die göttliche Gunst –, wobei es sich lediglich um das handelt, was im Herzen Gottes ist. Wir müssen aber auch den sündigen Zustand der Menschen ins Auge fassen, und das macht Barmherzigkeit erforderlich.

Israels Väter waren arme Götzendiener gewesen, und als Gott den Abraham berief, war das tatsächlich Barmherzigkeit. Als Gott einen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob schloß, hatte Er die Geschichte des Volkes vor Sich: Er wußte alles, was sie sein würden bis zu der Kreuzigung Christi.

Israel war Sein Knecht aus reiner Barmherzigkeit, und alles, was Er zu den Vätern geredet hatte, war Barmherzigkeit. Barmherzigkeit setzt gottwidrige Zustände voraus, aber ihnen gegenüber erwies Er Barmherzigkeit. Als Israel das goldene Kalb anbetete, sagte Gott: „Ich werde begnadigen, wen ich begnadige.“ Nichts kann die Barmherzigkeit Gottes gegen uns beeinträchtigen; Er überblickte unsere ganze Lebensgeschichte, ehe Er mit uns anfing; Er wußte alles, was wir als Sünder wie auch als fehlende Gläubige sein würden; Er begann mit uns in Barmherzigkeit, und von Anfang bis ans Ende wird es bei der Barmherzigkeit bleiben.

Hier wird die Barmherzigkeit im Zusammenhang mit dem Kommen Jesu erwähnt: Gott gedachte der Barmherzigkeit. Am Ende von 2. Mose 2 wird uns gesagt, daß Gott Seines Bundes gedachte. Das Volk war der Knechtschaft und dem Götzendienst verfallen; Hesekiel sagt uns, daß sie Götzen dienten, als Gott Sich ihrer in Ägypten annahm; Er gedachte aber Seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob, und Er erkannte sie als Gegenstände der Barmherzigkeit an. Auf diese Weise hat Gott auch uns anerkannt.

Der Zustand Israels in Luk. 1 war ein sehr trauriger, aber Maria faßte sie als Gegenstände der Barmherzigkeit auf. Johannes kam gänzlich nach der Richtlinie der Barmherzigkeit: Jehova hatte „seine Barmherzigkeit an Elisabeth groß gemacht“, und als ihre Nachbarn und Verwandten es hörten, schätzten sie das und freuten sich mit ihr. Der Gegenstand des Gesprächs im ganzen Gebirge war das Tun Gottes in Barmherzigkeit.

Gott sei Dank, daß es noch Menschen gibt, die „im Gebirge“ wohnen, die nicht von Geschäften oder Vergnügungen oder Politik oder Religion in Anspruch genommen werden, sondern sich zusammen über die Wege Gottes in Barmherzigkeit unterhalten!

Gott schloß Seinen Bund aus Barmherzigkeit, und Er gedenkt seiner, und nichts kann ihn beeinträchtigen. Er gab Jesum aus reiner Barmherzigkeit; Er besitzt also eine Fülle der Barmherzigkeit, so daß Er eine große Menge zu verteilen hat.

Wir sehen hier, daß es einige Personen gab, die die Barmherzigkeit schätzten, doch mußten sie lernen, ihre natürlichen Gedanken abzulegen. Es wäre durchaus natürlich, das Kind nach seinem Vater zu nennen, doch war Johannes vom Himmel genannt worden. Er war der Ausdruck der Gunst des Himmels, und Zacharias und Elisabeth waren mit dem Gedanken des Himmels vertraut. Sie waren frei von natürlichen Gedanken, und beide schätzten, daß sein Name Johannes war.

Der Herr Jesus Christus ist der große Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes, und Elisabeth war mehr mit dem Kinde Marias beschäftigt als mit ihrem eigenen, und Zacharias war mehr erfüllt mit Gedanken über Christum als über Johannes. Er redete darüber, daß Gott an ihren Vätern „Barmherzigkeit vollbracht“ habe und Seines „heiligen Bundes“ gedachte. Er sprach von der „herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes“. Das ist die Quelle, welcher aller Segen entspringt; Jesus kam als der völlige Ausdruck derselben.

Zacharias redet ausschließlich über das, was Gott getan hat. In seinem Reden gibt es keinerlei „wenn“; er erwähnt nicht einmal den Gedanken an den Glauben seitens des Volkes Gottes. Alles wird gänzlich als von Gott aus Barmherzigkeit gewirkt angesehen; er war von dem erfüllt, was in Jesu kommen sollte.

Er sagt nicht wie Simeon, daß das Kind zum Fall vieler in Israel gesetzt wurde und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird. Er redet darüber, was von seiten Gottes in all Seiner Größe als Barmherzigkeit Seinem Volke gegenüber kommen sollte. Er hatte Sein Volk besucht und ihm Erlösung geschafft und ein Horn des Heils aufgerichtet.

„Die herzliche Barmherzigkeit Gottes“ weist auf das zärtliche Sehnen Gottes nach dem Menschen, nach Israel, hin. Das, was Gott Seinem Wesen nach ist, ist die Quelle und der Ursprung der Barmherzigkeit und der Gnade. Die Schrift sagt nicht, daß Gott Barmherzigkeit oder daß Gott Gnade ist, sondern daß Gott Liebe ist; das ist es, was Er in Seiner Natur ist, und dem entspringen Barmherzigkeit und Gnade.

Gott hat Sein Volk in der Erlösung besucht und hat ein mächtiges Horn des Heils aufgerichtet, auf daß Sein Volk von allen Widerwärtigkeiten erlöst werden möchte, damit sie Ihm dienen sollten in Frömmigkeit und Gerechtigkeit alle ihre Tage. Gott hat alles Erforderliche gegeben.

Dieser Ausspruch von Zacharias zeigt, daß Gott in Anbetracht der Not, die der Barmherzigkeit bedarf, wirkt. Der Gedanke an Gott und die Seinem Volke feindlichen Einwirkungen tritt deutlich hervor, denn er spricht von der „Rettung von unseren Feinden und von der Hand aller, die uns hassen“. Feindliche Zustände liegen vor, aber das Horn des Heils ist ihnen allen gewachsen.

Es ist ein freudiger Gedanke, daß, wenn wir durch irgendeine feindliche Macht verhindert werden, die Ursache keinesfalls bei Gott liegt, denn Er hat ein Horn des Heils aufgerichtet, das allem gewachsen ist. Wir alle haben Feinde. Vieles erhebt sich in uns, und vieles wirkt auf uns durch andere ein, aber Gottes Horn des Heils ist dem mehr als gewachsen, uns von allem zu befreien. Wir brauchen jetzt durch keinen gottwidrigen Einfluß behindert zu werden.

Petrus redet über fleischliche Lüste, welche wider die Seele streiten; wenn ich eine fleischliche Lust habe, so ist das eine Gelegenheit, die Macht von Gottes Horn des Heils zu erleben. Dann gibt es auch Vernunftschlüsse. Habt ihr niemals mit euren Vernunftschlüssen gekämpft? Gottes Horn des Heils wird euch befreien von allen „Vernunftschlüssen, … und jeder Höhe, die sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes“.

Wie kommt es, daß Menschen die Erlösung nicht erlangen? Ich glaube, daß wir die Erlösung nicht erlangen, weil wir uns nicht endgültig dem Dienste Gottes gewidmet haben. Jeder, der sich endgültig dem Dienste Gottes widmet, wird finden, daß in dem mächtigen Horn, das Gott aufgerichtet hat, Erlösung vorhanden ist.

Wir müssen dahin kommen und feststellen, daß es nichts Glücklicheres gibt, als Gott zu dienen. Wenn ich glückselig sein will, kann ich es nur finden, wenn ich Gott diene. Mir selbst oder meinen Lüsten und Vergnügungen zu dienen, ist Knechtschaft; wir haben alle erlebt, daß es so ist. Wenn ich nur ein bequemes Leben in der Welt führe, so wird meine Seele von allem beraubt, was sie im Dienste Gottes hätte genießen können.

Freiheit wird gefunden, wenn wir Gott dienen; das ist das glücklichste von allem, was wir tun können, wenn wir uns mit dem, was Gott wohlgefällt, verbinden. Keiner kann die Erlösung erlangen, bis er von Gott wie Paulus sagen kann: „Dessen ich bin und dem ich diene.“ Wenn wir auf diesem Grund stehen, dann erleben wir die Macht von Gottes Horn des Heils.

Gott gibt nicht die Erlösung als ein Ding an sich; Er hat die Erlösung in einer Person gegeben; Er hat ein Horn des Heils aufgerichtet – Jesum. In Jesu ist eine erlösende Macht vorhanden, um uns von allem, was Gott und uns zuwider ist, zu befreien.

Die Erlösung des Volkes aus Ägypten war ein Bild davon. Gott trat aus Barmherzigkeit ins Mittel, um Israel aus der Knechtschaft Ägyptens zu erlösen, damit sie Ihm dienten. „Laß meinen Sohn ziehen, daß er mir diene!“ – das ist es, was Er wollte. Dies ward in Israel im Bilde gesehen, wir sollten aber zu der Verwirklichung dessen in Jesu kommen.

In Jesu ist eine wunderbare Macht verfügbar. Ich nehme an, daß keiner von uns wirklich die gewaltig große göttliche Macht versteht, die uns in Ihm zur Verfügung steht. Satan wirkt immer, um uns dazu zu bewegen, irgend einem anderen als Gott zu dienen; er sagt immerfort: Dienet euch selbst, oder dienet der Welt, oder dienet euren Umständen.

Das Glück liegt aber darin, Gott zu dienen, und der große Beweis der Barmherzigkeit ist, daß Gott eine angemessene Macht eingeführt hat, um uns vollkommen zu befreien, auf daß wir von morgens bis abends alle Tage unseres Lebens nichts anderes tun sollten, als Gott zu dienen und unser Glück darin zu finden. Ob in unseren alltäglichen Geschäften, im Haushalt oder im Geschäft oder in der Versammlung, wir haben in jedem Kreise nur Gott zu dienen.

Dies ist das höchste Glück, und dazu ist die Erlösung nötig, und die Kraft dazu liegt in Jesu. Unsererseits ist Selbstgericht erforderlich, und deswegen geht Johannes vor dem Angesicht des Herrn als der Prophet des Höchsten her; der Dienst des Johannes soll Selbstgericht und Buße bewirken. Wenn ich mich selbst richte, so ist nichts da, um das Wirken des Höchsten in der erhabensten Gnade zu hemmen; Er kann mit mir nach Belieben verfahren.

Wenn ich selbstzufrieden oder hochmütig bin, kann ich keinerlei Segnungen von Gott erwarten; wenn ich aber im Selbstgericht wandele, so wird das gnadenreiche Wirken Gottes durch nichts verhindert. Johannes sollte der Prophet des Höchsten genannt werden, um vor dem Angesicht des Herrn herzugehen, Seine Wege zu bereiten.

Was waren das für Wege! Wenn wir dieses Evangelium durchnehmen, laßt uns niemals vergessen, daß wir die Wege des Höchsten beobachten. Jeder Seele, die im Selbstgericht ist, kommen sie zugute. Er kommt, um Sünden zu vergeben und dadurch die Erkenntnis des Heils zu verleihen.

Das Himmelslicht – der Aufgang aus der Höhe – bricht in dieser wunderbaren Weise hervor. Das Himmelslicht ist hervorgestrahlt, um Vergebung der Sünden durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes zu geben.

Bei unserem Gott ist solch eine große Barmherzigkeit – solch ein Sehnen, von Seinen sündigen Geschöpfen erkannt zu werden –, daß Er hervortritt, um unsere Sünden zu vergeben. Wenn Gott die Sünden vergeben wird, so wird Er auch alles Nötige für uns tun. Wenn Gott die Sünden Seines Volkes vergibt, wird Er es dann hilflos in den Händen des Feindes lassen? Niemals! Die Tatsache, daß Er unsere Sünden vergeben hat, bürgt dafür, daß Er uns von jedem feindlichen Einfluß und jeder Macht erlösen wird, damit wir befreit werden, um Ihm fortwährend zu dienen.

Es mag äußerlich schmerzliche Erlebnisse geben, aber sie übertreffen nicht die innere Freude. Zwei liebe Brüder erlebten Schmerzliches in Philippi; sie waren aber imstande, durch alles hindurch zu singen. Sie besaßen die innere Freude der Erlösung, bevor sie äußerlich erlöst wurden. Sie beteten und lobsangen Gott; sie waren innerlich ebenso frei wie eine Lerche, die sich in den azurblauen Himmel – die Brust voller Gesang hinaufschwingt.

Der Aufgang aus der Höhe ist das Licht, das aus dem Himmel leuchtet, das Licht der völligen Vergebung und der völligen Erlösung, und es ist in Jesu zutage getreten. Es ist ein Horn des Heils vorhanden, eine Person, die mächtig genug ist, uns von jedem Gott oder von uns selbst oder feindlichen Gedanken und Gefühlen und Einflüssen zu befreien – Jesus ist imstande, dies zu tun.

Wir könnten vielleicht die Lehre des Heils auswendig aufsagen, ohne sie selbst erlebt zu haben; wenn wir aber zu Jesu kommen, finden wir den Heiland. Gott scheint in Jesu auf die Menschen, um uns aus der Finsternis und dem Todesschatten hinauszuführen und um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten, den wir von Natur nicht kennen.


Kapitel 2

Es könnte keinen größeren Beweis für den niedrigen Zustand des Volkes Gottes geben als denjenigen, den wir hier sehen. Der Erbe des Thrones Davids war ein Zimmermann in einer unbedeutenden Stadt in Galiläa, und er war mit ganz Israel unter der Herrschaft des römischen Kaisers.

Aber alle, vom Kaiser bis zum Zimmermann, mußten sich in einer solchen Weise in Bewegung setzen, daß sie den Willen Gottes und Seinen Vorsatz wie auch das prophetische Wort erfüllten. Der ganze bewohnte Erdkreis wurde in Bewegung gesetzt, um Maria nach Bethlehem zu bringen, auf daß ihr Sohn dort geboren würde.

Gott regierte über alles; Er regierte über den Kaiser; Er gebrauchte ihn, um die Bewegungen von Maria und Joseph zu leiten, und Er brachte genau das zustande, was Er wollte, und es ist immer so. „Nach unergründlich tiefem Rat… verfolgt Er Seinen Segensplan – Sein Wille triumphiert“ (Lied 461), und Er zwingt alles, zur Förderung der Pläne Gottes beizutragen. Er zwingt alles, sich Seinem Willen zu beugen; es ist gut, die Größe Gottes zu sehen.

Der Kaiser Augustus mußte seinen Platz beim Ausführen des Willens Gottes einnehmen. Wahrscheinlich geschah die Einschreibung selbst nicht zu dieser Zeit, sondern einige Jahre später, als Kyrenius Landpfleger von Syrien war, was zeigt, daß Gott die Verordnung benutzte, um Joseph und Maria zur rechten Zeit in die königliche Stadt zu bringen.

Wichtig war nicht die Einschreibung, sondern die Geburt Jesu. „Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Raum für sie war.“ Das waren nicht bloß zufällige Umstände, denn sie wurden vom Himmel als „das Zeichen“ verkündigt.

Der Engel sagte: „Dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Es ist das Zeichen. Wir sollten den Gegensatz zwischen dem Evangelium nach Matthäus und nach Lukas bemerken.

In Jes. 7 ist dies das von Gott gegebene Zeichen: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und wird seinen Namen Immanuel heißen.“ Diese Schriftstelle wird in Matth. 1 angeführt. Dies ist das Zeichen, daß Gott kommt, um als Immanuel mit Seinem Volke zu sein: „Gott mit uns.“

Bei Matthäus werden keine Windeln erwähnt; dort ist alles erhaben; Er wird als König geboren; Sein Stern erstrahlt weit über die heidnische Welt; die Magier kommen, um anzubeten und ihre Schätze zu öffnen, um Ihm Gaben – Gold, Weihrauch und Myrrhe – darzubringen. Er wird in göttlicher und königlicher Herrlichkeit gesehen.

Bei Lukas ist aber das Zeichen mit der Niedrigkeit Seiner Geburt verbunden; kein Stern, keine Anbetung, keine Gaben, nur „ein Kind … in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Es war der Ausdruck der Schwäche und der völligen Abhängigkeit.

Persönlich und den Umständen nach stieg Er bis zum allerniedrigsten Punkte hernieder. Ein Säugling ist ein menschliches Wesen in Gestalt der größten Schwäche und Abhängigkeit; niemand ist so völlig abhängig wie ein neugeborener Säugling, Er empfing alles von Gott durch die Fürsorge Seiner Mutter.

Für einen Säugling bedeutet es Vollkommenheit, der Gegenstand der mütterlichen Liebe und Fürsorge zu sein, und auf diesem Platze vertraute Er auf Gott (Ps. 22, 9 u. 10). Die Hirten sahen Einen am Platze offensichtlicher Abhängigkeit, und dies sollte bis ans Ende für Ihn charakteristisch sein.

Man kann sagen, daß jeder Säugling von der Fürsorge seiner Mutter abhängt. Was aber diesem Schauplatz vor uns so unendliche Bedeutung und so großen Wert verleiht, ist, daß der Heiland, Christus, der Herr, der Sohn des Höchsten, der Sohn Gottes in einem Zustande zu finden war, worin Seine Mutter Ihn in Windeln wickeln und in eine Krippe legen mußte.

Die Tatsache, daß gerade Dieser Sich dort befand, erhebt diese Umstände zu der höchsten sittlichen Herrlichkeit. Die Windeln bedeuteten dem Himmel Großes; sie redeten von dem Platze der völligen Abhängigkeit, worauf der Sohn Gottes Sich als Mensch geworden befand. Das Heil Gottes ist zu uns in Einem gekommen, der Menschengestalt annahm, um ein völlig Abhängiger zu sein.

Er war auf Gott geworfen, Er vertraute auf Gott von Mutterschoße an, wie der Psalm sagt. Das Wunder und die Herrlichkeit davon bestehen darin, daß solch eine Person Sich an solch einem Platze befinden sollte, indem Er am allerniedrigsten Punkte der menschlichen Schwäche erschien, um vom Augenblick Seiner Geburt an der Abhängige zu sein. Gott fand in Ihm Einen, der sogar als Säugling Ihm völlig vertrauen konnte.

Ps. 22 sagt es deutlich: „Auf dich bin ich geworfen von Mutterschoße an“, und wiederum: „Du bist es…, der mich vertrauen ließ an meiner Mutter Brüsten.“ Er empfing alles als ein von Gott Abhängiger, wie sich die Fürsorge Gottes auch äußern mochte – durch Seine Mutter oder durch andere – wie sie auch kommen mochte, Ihm war sie die Fürsorge Seines Gottes.

Vom ersten Augenblick Seines Kommens in diese Welt war Er der vollkommen Abhängige, für den Gott sorgte, und das Heil Gottes ist in Ihm zu uns gekommen. Den Hirten wurde gesagt: „Ihr werdet ein Kind finden…“ Der Himmel konnte mit Wonne darüber sprechen.

Der Welt lag nichts an einem Säugling, für den alles getan werden mußte, dem Himmel lag aber alles an Ihm. Die Hirten empfanden ein tiefes Interesse: „Laßt uns nun hingehen nach Bethlehem und diese Sache sehen, die geschehen ist, welche der Herr uns kundgetan hat.“ Ein Kindlein in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend war das Zeichen.

Gott hat das in dieses Zeichen gewickelt, was für die ganze Wahrheit Seiner Gnade wesentlich ist. Die Hirten kamen und sahen, und sie sprachen darüber weit und breit. Die Leute, die dies hörten, wunderten sich, und die, welche es erfaßten, verherrlichten und lobten Gott.

Es gibt aber in dieser Welt keinen Raum für jemand, der völlig auf Gott geworfen ist. Es sind nicht die Abhängigen, die die besten Räume in der Herberge bekommen; es sind die Unabhängigen, die begüterten Männer, die die besten Räume bekommen. Eine Herberge ist ein Ort, wo Menschen gemessen werden: die besten Räume werden den Reichen zugeteilt, die einfachen Räume bekommen die Armen, für Jesum war aber gar kein Raum in der Herberge.

In der Welt des Menschen ist für vollkommene Abhängigkeit von Gott kein Raum. Die Menschen sagen: „Wir haben unsere Gesellschaften, unsere Vereine, unsere Clubs. Kommt und schließt euch uns an, und wir werden euch beschützen und euer Leben angenehm gestalten. Eure Zeit in der Herberge wird recht angenehm sein.“

Wenn aber einer ruhig sagt: „Ich stelle das, was ihr tut, nicht in Frage, aber meinerseits ziehe ich es vor, mich auf Gott zu verlassen“, so hat das für viele Bekenner Christi in den christlichen Ländern den Verlust ihres täglichen Brotes bedeutet. Es gibt in der Welt des Menschen keinen Raum für Abhängigkeit von Gott, sondern es gibt alle Formen der Unabhängigkeit.

Gott versorgte Jesum mit einer Krippe; sie redet von einer Versorgung, die außerhalb der Versorgung des Menschen für sich oder für seine Mitmenschen liegt. Die Krippe liegt außerhalb dessen, womit der Mensch den Menschen versorgt, Gott versorgt aber immer alle diejenigen, die sich damit begnügen, alles anzunehmen, womit Er sie versorgen mag.

Gott hat immer eine Versorgung für diejenigen gehabt, die Ihm vertrauen, und Er wird sie immer haben, und diejenigen, die von Ihm abhängig sind, werden das erleben. Es mag nicht in Üppigkeit sein, aber dem Glauben wird es immer genügen.

Wahrhaft Abhängige nehmen das an, was ihnen dargereicht wird, und die Versorgung Gottes ist ihren Herzen sehr kostbar, sogar in äußerer Schmach. Die Krippe bedeutete einen Platz außerhalb – einen Platz der Schmach; Gott hatte aber dieses heilige Kind damit versorgt; es war kein ehrenvoller Platz in dieser Welt, der aber als die Fürsorge Gottes für Den, der Ihm völlig vertraute, geschätzt wurde.

Es wird immer das geben, was der Krippe entspricht; uns gebührt es zuzusehen, daß wir uns damit begnügen; es ist ein Zeichen von einer wunderbaren Tragweite. Die Leute sagen: Warum baut ihr nicht eine feine Kapelle, und zwar auf der Hauptstraße, warum drängt ihr euch nicht mehr in den Vordergrund?“ Wir müssen das Zeichen der Krippe, welches von der göttlichen Fürsorge am Platze der Schmach redet, in Erinnerung behalten.

Denkt daran, was es für Joseph und Maria bedeutete, in die Stadt Davids zu kommen und keinen Raum in der Herberge zu finden! Der rechtmäßige Erbe des Thrones Davids kommt in die Stadt Davids, und da ist kein Raum in der Herberge! Wenn die Dinge in Bethlehem in Ordnung gewesen wären, hätte man für sie die besten Räume in der Herberge freigemacht.

Doch sie nahmen die Krippe an, und sie wurde zum Zeichen des Platzes, wo das Heil Gottes gefunden wurde. Ihr werdet das Heil Gottes nicht in den besten Räumen der Herberge finden, sondern in der Krippe.

Die hereinbrechende Gnade sollte nicht groß und hochverehrt in der Welt werden; sie sollte den niedrigsten Platz in der Begutachtung der Menschen haben. Wir aber sollten den Gedanken des Himmels haben. Joseph und Maria waren in dieses Geheimnis eingeweiht. Sie wußten von der Größe und Herrlichkeit des Kindleins, welches gerade geboren werden sollte, als sie in jene Stadt kamen, sie nahmen aber die Krippe als die Fürsorge Gottes an.

Das ganze Interesse des Himmels drehte sich um jene Krippe und um das Kindlein, das in ihr lag und in Windeln gewickelt war. Außerlich kam da die größte Schwäche und Abhängigkeit zum Ausdruck, doch es war auch alles Große und Herrliche vorhanden. Wie begünstigt wurden die Hirten, daß sie Mitteilungen aus dem Himmel empfingen! Sie erfuhren, wo alle wahre Herrlichkeit zu finden war; sie lernten die göttliche Gunst in dem kennen, was den Menschen gar nichts bedeutete.

Die Herberge stellt die Selbstversorgung des Menschen für sich und für seine Mitmenschen dar, und darin war kein Raum für Jesum; es gab aber Hirten, die auf freiem Felde blieben und die mit dem Himmel in Einklang waren.

Im Matthäusevangelium erkannten die Magier unter der Belehrung des Himmels, daß Er der König war. Sie sagten: „Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? denn wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.“ Sie sahen die dem Kindlein eigene königliche Herrlichkeit, und sie huldigten Ihm: sie brachten Ihm erlesene und köstliche Gaben dar.

Bei Lukas geht es aber um die Gnade Gottes, die sich den Menschen nähert, und der Platz der Abhängigkeit, den Er einnahm, wird hervorgehoben, der Platz, an dem es außer der Fürsorge Gottes keine Hilfsquellen gibt. Jesus kam, um am Platze der Abhängigkeit zu sein, der in der Begutachtung der Welt völlig unbedeutend ist – um in einer Krippe zu liegen.

Die Hirten waren im Einklang mit den Gedanken des Himmels, und alle diese Gedanken konzentrierten sich um das Kindlein in der Krippe. Bei Matthäus wird Seine amtliche Herrlichkeit hervorgehoben, bei Lukas aber Seine sittliche Herrlichkeit.

Im Lukasevangelium sehen wir oftmals den Herrn im Gebet. Es ist die Darstellung Dessen, der ganz und gar abhängig war, und die Windeln waren das Zeichen dafür. Er nahm alles als den Ausdruck der Fürsorge Seines Gottes an.

Die Hirten wurden sehr durch das, was sie hörten und sahen, beeindruckt: sie kehrten um, indem sie Gott verherrlichten und lobten. Hirten stellen solche dar, die auf Kosten persönlicher Aufopferung für das sorgen, was vor Gott wertvoll ist. Gott nahm Sich solcher Hirten wie Moses und David an, weil sie, wenn sie für ihre Herden sorgten, mit Seinen eigenen Gedanken in Einklang waren.

Wenn für den Herrn in der Herberge kein Raum war, so war Raum für Ihn in den Herzen der Hirten; der Himmel zog sie in sein Vertrauen. Wenn wir vom Himmel ins Vertrauen gezogen worden sind, sehen wir eine wunderbare Herrlichkeit in dem, was in den Augen des Menschen überhaupt gar nicht beachtenswert ist.

Die Hirten sagten: „Laßt uns nun hingehen nach Bethlehem und diese Sache sehen, die geschehen ist, welche der Herr uns kundgetan hat“; und sie kamen und sahen, und wurden Zeugen davon vor anderen, und sie kehrten um, indem sie Gott verherrlichten und lobten. Alle, die es hörten, verwunderten sich; Maria aber tat mehr als sich verwundern, sie „bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“.

An dieser Begebenheit gibt es noch einen bemerkenswerten Wesenszug, der nicht übersehen werden darf. Bei den Hirten war nicht nur ein Engel des Herrn, sondern „die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie“: Jehova, Gott Selbst, war da, wie auch der Engel. Er war in der Herrlichkeit der Gnade zu den Hirten hernieder gekommen.

Er hatte nicht nur eine Botschaft aus dem Himmel gesandt, um zu verkündigen, was in dem geborenen Kindlein eingeführt worden war, sondern Gott war auch zugegen in Seiner Herrlichkeit; die Herrlichkeit Jehovas umleuchtete sie. Es war die Herrlichkeit der Gegenwart Gottes, doch sie wurde in einem neuen Charakter gesehen; es war Gott, der aus dem Gewölk und dem Dunkel hervortrat, um im Abglanz Seiner Herrlichkeit in vollkommener Gnade die Menschen zu umleuchten.

Anstatt daß Furcht am Platze war, sollten die Herzen der Menschen von einer „großen Freude“ erleuchtet und erfüllt werden. Der Engel brachte eine wunderbare Botschaft vom Himmel; die Freude des Himmels wallte über und ergoß sich in die Herzen der Menschen auf Erden, und Jehova Selbst war da, die unmittelbare Gegenwart der Herrlichkeit Gottes. Die Herrlichkeit der Gnade verleiht diesem ganzen Evangelium ihr Gepräge; die Herrlichkeit Gottes wird den Menschen in Gnade geoffenbart.

Gott Selbst kam im Abglanz Seiner Herrlichkeit den Menschen nahe, doch nicht in einer solchen Weise, um Furcht einzuflößen, sondern um die Herzen der Hirten mit der höchsten Freude zu erfüllen. Es ist wahr, daß die Hirten „sich mit großer Furcht fürchteten“, aber das war deswegen, weil sie das Wesen der Herrlichkeit nicht verstanden.

Der Engel sagte ihnen, sie sollten sich nicht fürchten, denn die Herrlichkeit leuchtete in vollkommener Gnade; sie leuchtete, um die Herzen der Menschen mit einer großen Freude zu füllen. Es war ein schöner Anblick; möchten wir um die Befähigung beten, es in uns aufzunehmen.

Alles war in diesem Kindlein gesichert. Obwohl es noch nicht geoffenbart war, war es Gott und dem Himmel wohlbekannt, und Gott will, daß den Menschen diese „große Freude, die für das ganze Volk sein wird“, wohlbekannt sein möchte. Wenn wir an den Zustand denken, in welchem „das ganze Volk“ sich befand, so erhöht das die Herrlichkeit der Gnade; die meisten von ihnen waren noch in Gefangenschaft, in oder jenseits von Babylon.

Wahrscheinlich waren damals die meisten von ihnen auf die Standhöhe ihrer Umgebung herabgesunken, und doch sollte das ganze Volk die frohe Botschaft der großen Freude empfangen. Dies ist beschränkter als das, was im Ausspruch Simeons zum Ausdruck kommt, es ist auf „das ganze Volk“ beschränkt – d. h. auf Israel.

Es ist gesagt worden, daß die Gnade der Herrlichkeit angemessen ist; das verleiht der Gnade ein wunderbares Gepräge. Wenn wir an alle Herrlichkeit, die Gott eigen ist, denken, ist die Gnade ihr angemessen, sie kann nur durch die Herrlichkeit Gottes ermessen werden.

Die Herrlichkeit Jehovas war in einem gewissen Sinne im Alten Testament bekannt, jetzt ist sie aber in der Fülle der Gnade ans Licht gekommen. Johannes sagt: „Wir haben seine Herrlichkeit angeschaut“, der Charakter dieser Herrlichkeit war aber, daß sie „voller Gnade und Wahrheit“ war. Im Alten Testament war die Herrlichkeit ein verzehrendes Feuer, jetzt ist es aber die Herrlichkeit der Gnade und der Wahrheit – eine umwandelnde Macht; diejenigen, die sie anschauen, werden ihr gleichgestaltet.

Große Freude ist von Gott und vom Himmel gebracht worden; die in der Gnade erkannte Herrlichkeit Gottes wird zur Quelle einer großen Freude. Wenn jemand jetzt nicht vollkommen glücklich ist, so ist es wegen des Unglaubens; es gibt keine Veranlassung dafür, unglücklich zu sein, denn Gott hat die frohe Botschaft einer „großen Freude“ verkündigt.

Die Botschaft des Engels war mit dem, was Maria und Zacharias sagten, im Einklang. „Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, damit er eingedenk sei der Barmherzigkeit (wie er zu unseren Vätern geredet hat) gegen Abraham und seinen Samen in Ewigkeit“ (Kap. 1, 54). „Um Barmherzigkeit zu vollbringen an unseren Vätern und seines heiligen Bundes zu gedenken, des Eides, den er Abraham, unserem Vater, geschworen hat“ (Kap. 1, 72). Diese Aussagen sind auf Israel beschränkt.

Das verleiht der Barmherzigkeit ein besonderes Gepräge, denn das böseste Volk auf der Fläche der ganzen Erde war Israel. Denkt an ihre Geschichte! Unglaube, Ungehorsam, Abtrünnigkeit, Götzendienst, Ablehnen des prophetischen Wortes! Keiner der Nationen haftete eine so große Schuld an wie Israel; keine der Nationen hatte die Gelegenheit, so schlecht zu sein wie Israel. Israel war nämlich der Gegenstand außerordentlicher Gunst seitens Gottes gewesen; sie hatten Seine heiligen Aussprüche, das Gesetz, die Verheißungen, die Bündnisse, das Heiligtum und dessen Dienst; sie hatten jedes Vorrecht, das Gott den Menschen gewähren konnte.

Doch mit all diesem Licht, das die Nationen niemals hatten, führten sie sich so schlecht auf, daß ihretwegen der Name Gottes unter den Nationen gelästert wurde. Wenn man das Licht, welches sie besaßen, in Betracht zieht, so war kein Volk in solch einem Zustande des sittlichen Abfalls von Gott wie Israel.

Der Bund bestand aber in Barmherzigkeit, und Gott dachte daran. Am Ende dieses Evangeliums lesen wir, daß Buße und Vergebung der Sünden „allen Nationen, anfangend von Jerusalem“, gepredigt werden sollten. Sie sollten gerade bei dem Volke beginnen, das Christum verraten und ermordet hatte, d. h. beim schlechtesten Volk auf der ganzen Fläche der Erde.

In einem gewissen Sinne wird Israel ein noch bemerkenswerteres Denkmal der Barmherzigkeit sein als die Nationen. Kein andere Volk verwarf Christum tatsächlich und buchstäblich; den Nationen wurde Er niemals dargestellt. Kein anderes Volk hatte die Gelegenheit, den Gerechten zu verraten und zu ermorden.

Wir sind nicht besser als sie, aber in der tatsächlichen Geschichte der Dinge kamen in den Juden derartige Wesenszüge der Bosheit zum Vorschein, die in anderen Völkern niemals zutage treten konnten, darum ist ein besonderes Wesen der Barmherzigkeit dem Verfahren Gottes mit ihnen eigen.

Gott trat hervor, um solch einem Volke die Herrlichkeit Seiner Gnade erstrahlen zu lassen, und hier wird kein Wort von der Buße gesagt. Ich trete nicht für das Auslassen der Buße ein – das sei ferne; was ich aber hier so erhaben sehe, ist die unfaßbare Gunst des gepriesenen Gottes, die frohe Botschaft einer „großen Freude, die für das ganze Volk sein wird“, es ist nicht einmal von Buße die Rede, sondern es ist bedingungslose Gunst.

Wenn wir das Bewußtsein davon, welche Gunst Gott Seinem armseligen Geschöpf erzeigt, dem Herzen des Menschen einprägen könnten, würde dies ihn völlig zerbrechen. – Die Güte Gottes würde ihn zur Buße führen.

In Lukas 2 liegt das Augenmerk nicht auf den Sünden des Volkes, sondern auf ihrem Erretter. Wenn ein Erretter da war, so schloß das ein Verlorensein und durch die Macht des Feindes verwirkte Segnungen in sich. Aber ein Erretter, der einem solchen Volke geboren wurde, brachte alles, was sie bedurften, mit Sich. Allem wurde in einer göttlichen Weise begegnet.

Gott hat den wahren David eingeführt, einen Menschen nach Seinem eigenen Herzen, um Seinen ganzen Willen zu erfüllen, der in Davids Stadt geboren war. Es war eine kleine Stadt Judas; es ist alles auf dem Boden dessen, was in den Augen der Menschen klein ist. Der Prophet hatte über die Stadt Bethlehem gesagt, sie sei „klein … unter den Tausenden von Juda“.

Christus kam in derselben Weise wie David – Er hatte keine Bedeutung. Als Isai seine Söhne zusammenrief, damit Samuel sie anschauen könnte, schloß er David nicht mit ein; er war zu unbedeutend, um überhaupt beachtet zu werden, und der wahre David kam nach demselben Grundsatz. Er war aber der Gesalbte Gottes, mit göttlicher Gewalt als Herr bekleidet, aber Seine Gewalt übte Er als Erretter in Gnade für das ganze Volk aus.

Es ist leicht verständlich, daß die Menge der himmlischen Heerscharen sich dabei im Lobe Gottes einfand. Sie redeten nicht von der menschlichen Seite, von dem was kommen sollte, es war die Seite Gottes. „Herrlichkeit Gott in der Höhe“ – das ist Gottes Seite; „und Friede auf Erden“ bedeutet nicht, wie die Menschen denken, Frieden unter den Menschen, obwohl das sich daraus ergeben kann, sondern daß keine feindlichen Elemente unter den Augen Gottes zurückgeblieben sind. Und dann heißt es noch, Gottes „Wohlgefallen an den Menschen“.

Der Engel sagt, was die Menschen bekommen: „Euch ist … ein Erretter geboren, welcher ist Christus, der Herr“; er war ein wahrer Evangelist. Die Menge der himmlischen Heerscharen war aber mit dem beschäftigt, was für Gott gesichert werden würde, und sie priesen Gott deswegen.

Es ist glückselig, daran zu denken, daß die himmlischen Heerscharen das Wesen der Herrlichkeit Gottes verstanden. In Lukas 15 ist von den Engeln als von den Freunden und Nachbarn der göttlichen Personen die Rede. Gott hat die Engel ins Vertrauen gezogen, und Er hat ihnen Seine Gedanken in bezug auf die Menschen zu verstehen gegeben und ihnen gesagt, was Seine Herrlichkeit in bezug auf die Menschen bedeutet. Sie sind darüber ebenso glücklich, als ob alles dieses für sie wäre.

„Herrlichkeit Gott in der Höhe“ – diese Worte verkünden, daß Gott in der vollen Höhe Seiner himmlischen Gnade gesehen werden würde. Seiner Herrlichkeit sollte dieser erstaunliche Charakter eigen sein – es sollte eine Herrlichkeit der höchsten Gnade den Menschen gegenüber sein.

Wir lesen weiter noch von der Herrlichkeit Seiner Gnade (Eph. 1) und von dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1. Tim. 1). Er wird in den kommenden Zeitaltern den überschwenglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns in Christo Jesu erweisen; Seine Herrlichkeit wird in dieser Weise im allerhöchsten Grade erstrahlen.

Es tut uns not, über die Herrlichkeit Gottes in Gnade nachzusinnen; das wird im Lukasevangelium entfaltet. Den Höhepunkt dieser Dinge sehen wir in dem Menschen, der noch vor einer Stunde ein verurteilter und sterbender Verbrecher war, dann aber mit Jesu ins Paradies einging. Das ist die Herrlichkeit Gottes. Die Herrlichkeit Gottes ist jetzt die Herrlichkeit der Gnade. Es handelt sich nicht um die Not des Geschöpfes, sondern darum, daß Gott in der höchsten Herrlichkeit Seiner Gnade erkannt werden will, und Er hat dies durch Jesum in einer wunderbaren Weisheit ans Licht gebracht.

„Friede auf Erden.“ Als Jesus hienieden weilte, war auf dieser Erde eine Stelle in solch einem Einklang mit Gott, daß dort nichts die Ruhe Gottes störte. Es gab dort keine feindlichen Elemente, nichts, das dem Sinn Gottes entgegengesetzt war – keine Regung des Eigenwillens, um einen Mißton hervorzurufen.

Es ist schon oft auf den Gegensatz zwischen dieser Schriftstelle und Luk. 19, 38 hingewiesen worden: Jerusalem hatte nicht die Dinge erkannt, die zu seinem Frieden dienten, und von der Zeit an sollte der Friede „im Himmel“ sein, nicht „auf Erden“. Der Herr sollte bald verworfen werden; es sollte fortan kein Friede auf Erden sein, sondern im Himmel, weil Jesus dort war.

„An den Menschen ein Wohlgefallen.“ Das Wohlgefallen Gottes an den Menschen sollte völlig gesichert werden. Ich zweifle nicht daran, daß dies ein Hinweis auf Sprüche 8, 31 ist. Das Kommen Jesu sollte das Vernichten der Werke des Teufels bewirken, und Gottes Wohlgefallen an den Menschen sollte auf ewig gesichert werden.

Das zeigt, daß die Menschen ein besonderer Gegenstand der Gunst Gottes sind. Menschen, die sündige Geschöpfe gewesen waren und alle dem göttlichen Wohlgefallen entgegengesetzte Wesenszüge hatten, sollten auf ewig Gott zum Wohlgefallen sein.

Wenn wir daran denken, beginnen wir die Menschen in einem neuen Lichte zu betrachten. Welch ein Vorrecht, einige von diesen „Menschen“ zu kennen, an denen Gott solch ein Wohlgefallen hat! Was für ein Vorrecht, zu ihnen infolge solch einer unendlichen Gunst zu zählen, und zwar, weil wir Christum schätzen!

In Psalm 16 sagt Christus prophetisch über die Heiligen: „An ihnen ist alle meine Lust“. Seine Gegenwart hier auf Erden, sogar als Kindlein in einer Krippe, bürgt dafür, daß das göttliche Wohlgefallen an den Menschen zustandekommen sollte.

Der Geist Gottes zeigt uns mit Wonne, daß alles, was Gott in den Verordnungen des Alten Testaments vor Sich hatte, in Jesu völlig gesichert wurde. Das haben wir weiter insbesondere in der Beschneidung und der Darbringung des Erstgeborenen vor uns. Das sind zwei hervorragende und gesegnete Gedanken im Alten Testament.

Was für eine Freude muß es für Gott gewesen sein, in Vorbildern alles ans Licht zu bringen, was in Jesu und durch Jesum in anderen zu Seinem Wohlgefallen gesichert werden sollte! In diesen Vorbildern gab es ein für Gott vorbehaltenes Teil, und zwar sogar zu einer Zeit, wo niemand die Bedeutung davon erfaßte.

Die Beschneidung war „ein Zeichen des Bundes“ (1. Mose 17), und die Darbringung des geheiligten Erstgeborenen wies auf den Vorsatz Gottes, Söhne zum Wohlgefallen Seiner Liebe zu haben, hin. Die Erkenntnis Gottes, der in einen Bund mit dem Menschen eingetreten ist, – und die Antwort darauf seitens der Menschen –, deckt einen großen Teil davon, was uns im Alten Testament vor Augen gestellt wird. Dann ist da der zusätzliche Gedanke, daß die Menschen auf dem Platze der Sohnschaft stehen.

In der Beschneidung Jesu und in Seiner Darbringung als Erstgeborener vor Jehova werden diese zwei köstlichen Gedanken der göttlichen Liebe als erfüllt betrachtet. Sie sollten beide in Ihm in vollem Maße erfüllt werden und durch die Gnade Gottes durch Ihn in vielen anderen in Erfüllung gehen.

„Und ich werde meinen Bund errichten zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir, nach ihren Geschlechtern, zu einem ewigen Bunde, um dir zum Gott zu sein und deinem Samen nach dir … und du, du sollst meinen Bund halten, du und dein Same nach dir, nach ihren Geschlechtern. Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir: alles Männliche werde bei euch beschnitten… und acht Tage alt soll alles Männliche bei euch beschnitten werden nach euren Geschlechtern“ (1. Mose 17, 7–14).

Gott trachtete danach, ein Volk zu haben, dem Er zum Gott sein konnte und das Ihm völlig vertrauen würde, um zu zeigen, was Ihm an Menschen auf dieser Erde wohlgefiel.

Wie das Neue Testament uns sagt, war die Beschneidung ein Zeichen des „Ausziehens des Leibes des Fleisches“ (Kol. 2,11); sie redete vom Ende jeglichen Vertrauens auf das Fleisch und vom Vertrauen auf Gott allein.

Gott verband Sich mit Abraham durch einen Bund und sagte ihm, er würde der Vater einer Menge von Nationen sein, und Er würde ihm das Land Kanaan als ewigen Besitz geben, aber seitens Abrahams und seines Samens mußte die Beschneidung stattfinden. Ihrerseits sollten sie jegliches Vertrauen auf das Fleisch ablehnen und völlig auf Gott vertrauen.

Die wahre Beschneidung ist nicht äußerlich im Fleische, sondern etwas Inneres und Verborgenes. Paulus sagt: „Beschneidung ist die des Herzens, im Geiste“; sie ist eigentlich nur Gott bekannt: „Dessen Lob nicht von Menschen, sondern von Gott ist“ (Röm. 2, 29). Gott zieht diejenigen in Betracht, deren Hilfsquellen in Ihm sind und für die Er wirklich Gott ist; es bereitet Ihm großes Wohlgefallen, uns Gott zu sein.

In Jesu war kein sündiges Fleisch, aber alles, was bei der Beschneidung als dem Zeichen des Bundes gemeint war, erlangte in Ihm Erfüllung und wurde zum Beispiel. In Menschengestalt von der frühesten Kindheit bis zur Mannesreife und während Seines ganzen Wandels kannte Er Gott als Seinen Gott – Er vertraute auf keinen anderen.

Er wollte alles nur von Gott empfangen; Er wollte nur auf Gott vertrauen; Er nahm völlig von dem Vertrauen auf das Fleisch oder auf irgend ein Geschöpf Abstand. Er war Sich dessen wahrhaftig und völlig bewußt, daß Gott Sich Ihm anvertraut hatte, um das, was in Seinem Herzen war, zustande zu bringen.

Dadurch, daß Er beschnitten wurde, nahm Er offensichtlich das Bundesverhältnis mit Gott auf, und zwar um alles das, was Gott in Seinen Gedanken der Segnung den Menschen gegenüber war, anzuerkennen und zu genießen und auch darauf mit Wonne zu antworten, indem Er auf nichts anderes vertraute.

In Jesu wurde eine Menschenart gefunden, die völlig außerhalb der Selbstgenügsamkeit und des Selbstvertrauens stand und die ihre ganze Kraft und alle Hilfsquellen in Gott fand. Zum ersten Male stand Gott mit dem Menschen in der Glückseligkeit des völlig gesicherten Bundesverhältnisses, und auch der Mensch mit Gott.

Diese Beziehungen waren gewissermaßen in von Gott begünstigten Heiligen zustande gebracht worden, jetzt aber war Einer da, in dem sie in absoluter Vollkommenheit gesichert worden waren. Für uns konnten diese Beziehungen nur durch Seinen Tod zustandegebracht werden, und durch unsere „nicht mit Händen geschehene“ Beschneidung.

Zweifellos war Seine Beschneidung ein Bild Seines Todes, worin der Leib des Todes ausgezogen wird, und das Ergebnis davon ist, daß das dem Menschen natürliche und eigene Selbstvertrauen beiseite gesetzt wird; und Seine Heiligen werden dahin gebracht, völlig auf Gott zu vertrauen.

In Ihm war nichts, was beseitigt werden mußte, Er war aber in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde gekommen, und dieses Fleisch sollte in Seinem Tode abgeschnitten werden, was Paulus mit den Worten: „Die Beschneidung des Christus“ erwähnt. Zweifellos war Seine Beschneidung, die damals geschah, als Er acht Tage alt war, eine Andeutung darauf, was durch Seinen Tod vollbracht werden sollte.

Die Tatsache, daß Sein Name in Verbindung mit der Beschneidung Jesu genannt wurde, zeigt, daß Seine rettende Kraft auf dem beruht, was in Seinem Tode vollbracht wurde. Das Ergebnis davon, daß Gott dem Menschen wirklich zum Gott ist, sehen wir darin, daß der Mensch völlig für Gott ist.

Der achte Tag wird in der Schrift mit dem, was für Gott ist, verbunden. In bezug auf die Erstgeborenen der Tiere heißt es: „Am achten Tage sollst du es mir geben“ (2. Mose 22, 30). Am achten Tage sollte das männliche Kind beschnitten werden. Also ist der achte Tag der Tag Gottes, wenn Er Sein Teil bekommt.

Das volle Ergebnis davon wird an dem Tage sein, den Petrus den „Tag Gottes“ und den „Tag der Ewigkeit“ nennt. In Jesu wurde alles für Gott im Menschen gesichert; da war eine Vollkommenheit vorhanden, die durch den Tod in die Auferstehung hinübergehen und ewig dem Wohlgefallen Gottes dienen konnte.

In Jesu ist das Vorbild von alles, was in den zeitlichen oder in den ewigen Zuständen Gott Wohlgefallen bereitet. Er ging in den Tod, um den Menschen nach dem Fleische, der niemals Gott Wohlgefallen bereiten konnte, beiseite zu setzen; in Ihm aber wurde alles, was im Menschen vor Gott wohlannehmlich ist, völlig dargestellt.

Wenn wir die Beschneidung annehmen – das Abschneiden des Fleisches im Tode Christi – und durch den Geist Gottes diesen Tod wie ein scharfes Messer auf das Fleisch in uns anwenden, werden wir erleben, wie es Gott wohlgefällt, für den Menschen zu sein, und in der Kraft davon werden wir für Ihn da sein. Das Vorbild von allem wird uns in Jesu gegeben.

Gott schloß Seinen Bund mit Abraham und gab ihm die Beschneidung als Zeichen dafür; und als Er Israel aus Ägypten herausführte, führte Er einen noch kostbareren Gedanken ein, nämlich daß Er den erstgeborenen Sohn für Sich haben wollte. Dies sind zwei der größten Gedanken in der Schrift.

Er sagte: „Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener“, und Er beanspruchte jeden Erstgeborenen für Sich. In Lukas 2 sehen wir den wahren Erstgeborenen, der Jehova heilig dargestellt wurde; niemals zuvor hatte es einen wahrhaftig heiligen erstgeborenen Sohn gegeben.

„Das Heilige, das geboren werden wird, (wird) Sohn Gottes genannt werden.“ Das, worauf der Erstgeborene im Vorbilde hinwies, wurde jetzt in Jesu zur Wirklichkeit.

Im allgemeinen sehen wir in der Schrift, daß das Erstgeborene der Natur beiseite gesetzt werden muß. Das Erstgeborene Ägyptens ist ein Vorbild des Erstgeborenen der Natur, und das mußte unter das Gericht kommen. Gott hat aber Seinen eigenen Gedanken über den Erstgeborenen, und Er verwirklicht ihn in Jesu.

Gott hat jetzt die Versammlung der Erstgeborenen, die alle den Charakter der Erstgeborenen tragen. So etwas könnte in einer natürlichen Familie nicht gekannt werden. In der Familie Gottes sind alle Erstgeborene, weil alle an der Würde und Vorzüglichkeit Christi teilhaben.

Als sie kamen, um Ihn Jehova darzustellen, war ihrerseits Reinigung nötig: nicht für das Kind, sondern für die Eltern. „Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz Moses erfüllt waren, brachten sie ihn nach Jerusalem hinauf, um ihn dem Herrn darzustellen“ (Vers 22).

In 3. Mose 12, wo diese Verordnung uns gegeben wird, wird mit keinem Gedanken auf die Notwendigkeit der Reinigung für das Kind hingewiesen. Das Brandopfer und das Sündopfer waren für die Mutter, nicht für das Kind. Der Priester soll „Sühnung für sie tun“, das heißt, für die Mutter.

Der Geist Gottes hatte das heilige Kind vor Sich; als Gott die Verordnung in bezug auf den Erstgeborenen und auf die Reinigung festsetzte, dachte Er an Jesum. Das Brandopfer und das Sündopfer sind ein Hinweis auf das, was für die Reinigung der Menschen geschehen sollte, das heißt für die in Maria dargestellte Reinigung Israels.

Ich habe manchmal gedacht, daß keine Opfer im Alten Testament jemals in der Schätzung Gottes ganz die Stelle dieser zwei Turteltauben und der zwei jungen Tauben haben konnten. Salomo und Hiskia und Josia brachten Tausende von Farren und Schafen dar, wer kann aber sagen, was diese zwei kleinen Vögel für Gott waren.

Es gefiel Gott wohl, daß in Verbindung mit Jesu das bescheidenste und allerkleinste Vorbild dargebracht werden sollte – zwei kleine Vögel -, äußerlich unbedeutend, aber für Gott bedeuteten sie sehr viel. Sie brachten das vor Gott, was Er durch das Kommen dieses Kindleins erreichen würde, nämlich eine völlig neue Grundlage, auf welcher der Mensch angenommen werden sollte, und die völlige Abschaffung der Verunreinigung durch die Sünde!

Die Turteltauben und die jungen Tauben scheinen in besonderer Weise darauf hinzudeuten, wie die Gnade Gottes eingeführt wurde. Viele Tausende von Farren wurden bei der Einweihung des Tempels geopfert, nach außen hin war das eine recht große Veranstaltung. Als aber Gott Seine rettende Gnade einführte, brachte Er sie in einer Gestalt, die in den Augen des Menschen sehr unbedeutend war; nichts könnte ein besserer Beweis dafür sein, als ein in einer Krippe liegendes Kindlein.

Es bringt das Wesen der Verwaltung ans Licht. Gott bringt nichts öffentlich Großes hervor, Er bringt Seine Errettung dem Menschen in einer Gestalt nahe, die äußerlich klein und schwach zu sein scheint. Zwei Turteltauben oder Tauben waren für die äußerste Armut vorgesehen.

Die Dinge waren in solch einer Unordnung in Israel, daß der Erbe des Thrones Davids nicht imstande war, mehr als zwei kleine Vögel darzubringen; es war unter diesen Umständen, daß Gott Seine höchste Gnade in die Welt einführte.

Die größten Dinge Gottes sind auf einem Wege gekommen, der äußerlich klein und schwach ist; es gab gar nichts, was den natürlichen Menschen beeindrucken konnte. Für den Glauben und für Gott ist wohl alles da, aber nichts, was dem Sinne des natürlichen Menschen dienen könnte.

Wir finden weiter einen Mann, dessen Name Simeon, „einer, der hört“, bedeutet; seine Ohren waren dem gegenüber geöffnet, was der Geist Gottes zu sagen hatte. Es waren damals viele tüchtige Männer in Jerusalem, Schriftgelehrte und dergleichen, aber das Ohr Simeons war demgegenüber geöffnet, was der Geist zu sagen hatte.

Haben wir jemals auf das gehört, was der Geist sagt? Der Geist erzählte Simeon von Jesu. Er wartete auf den Trost Israels. Was für einen Glauben hatte er! Israel war in einem beklagenswerten Zustande; die meisten von ihnen waren noch in Gefangenschaft, hier war aber ein Mann, der Israel im Lichte des Bundes und der Verheißungen betrachtete und der in seinem Herzen ihren kommenden Trost wertschätzte.

Der Geist zog ihn ins Vertrauen und sagte ihm Dinge, die öffentlich gar nicht bekannt waren. Es ist bemerkenswert, wieviel über ihn in Verbindung mit dem Geist gesagt wird. „Und der Heilige Geist war auf ihm… Und es war ihm von dem Heiligen Geist ein göttlicher Ausspruch geworden, daß er den Tod nicht sehen solle, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe… Und er kam durch den Geist in den Tempel“ (Vers 25-27).

Er war vom Geiste ins Vertrauen gezogen worden, und der Geist sagte ihm Dinge, die öffentlich unbekannt waren. Petrus sagte: „Da ich weiß, daß das Ablegen meiner Hütte bald geschieht.“ Er wußte, daß er seine Hütte ablegen mußte; auch Paulus wußte, daß die Zeit seines Abscheidens vorhanden war; sie wußten beide, daß der Herr zur Zeit ihres Lebens nicht kommen würde.

Als junger Gläubiger wagte ich es, J. B. Stoney zu fragen: „Glauben Sie, daß der Herr zur Zeit Ihres Lebens kommen wird?“ Er sah sehr ernst aus und sagte: „Ich glaube nicht; ich glaube, Er hätte es mir gesagt.“ Er war dem Herrn sehr nahe, und er war überzeugt, daß der Herr es ihm gesagt hätte.

Dem Simeon wurde es gesagt, der Geist teilte es ihm mit, daß er den Tod nicht sehen sollte, bevor er den Christus des Herrn gesehen habe. Ich glaube, daß es vor der Entrückung einige in dieser Welt geben wird – vielleicht nicht viele -, die mit dem Heiligen Geiste so in Verbindung stehen werden, daß sie sich dessen bewußt sein werden, daß sie nicht sterben.

„Durch Glauben ward Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehen sollte.“ Er hatte den Glauben an die Entrückung, bevor er entrückt wurde; das ist sehr auffallend.

Der Geist stand in einem Vertrauensverhältnis zu Simeon; dies ist möglich und einem jeden von uns zugänglich, wenn wir Liebe und die geistliche Befähigung dafür besitzen. Es ist höchst wichtig, nicht nur die Schriftstellen zu lesen, die die Wahrheit betreffs des Kommens des Herrn ans Licht bringen, sondern in solch einem trauten Verhältnis mit dem Heiligen Geiste zu sein, daß wir genau wissen, wie die Dinge stehen.

Die Menschen beschäftigen sich mit Ereignissen, aber auf diese Weise werden sie niemals etwas erfahren. Was die Versammlung anlangt, so wird die erste Bewegung zur Rechten Gottes stattfinden. Wer kann uns darüber berichten? Niemand außer dem Geiste; der Geist ist von dort gekommen, und Er ist in die dort bekannten Geheimnisse eingeweiht.

Der Geist findet Wohlgefallen daran, einige hienieden zu haben, die Er in Sein Vertrauen ziehen und denen Er sagen kann, was zur Rechten Gottes vor sich geht. Das ist etwas sehr Begehrenswertes.

Simeon war gerade da, wo er sein sollte; er tat das Richtige zur rechten Zeit. Alles, was im Geiste getan wird, wird immer in einer für den angegebenen Augenblick passenden Weise getan werden. Wir können uns nicht denken, daß ein vom Geiste beherrschter Mensch etwas Ungeziemendes tun würde.

So kam Simeon gerade zur rechten Zeit in den Tempel, und Anna gleichfalls. Der Geist brachte sie gerade zur rechten Zeit an jenen Ort; Er kommt niemals zu früh oder zu spät: jede Regung des Geistes wird mit der größten Genauigkeit auf die rechte Zeit abgestimmt.

Simeon ist ein bemerkenswertes Vorbild oder Muster von dem, was bei den Heiligen im Blick auf die Wiederkunft des Herrn möglich ist. Er war ein zubereiteter Diener, der bereit war, Ihn zu empfangen und Ihn auf seine Arme zu nehmen.

Jesus hatte zu jener Zeit nicht den Thron Seines Vaters David, aber Er hatte die liebevolle Umarmung von einem, der Ihn als das Heil Gottes zu schätzen wußte. Bedenkt diese Innigkeit und Liebe! Simeon nahm Ihn in seine Arme und wußte genau, wer Er war; ihm waren Seine Größe und Seine Majestät bekannt, denn Er war das Heil Gottes.

Dies geschah im Heiligtum, deswegen liegt eine große Erweiterung darin. Simeon hatte einen viel weiteren Ausblick als irgend jemand vorher in diesem Evangelium. Er hatte einen weiteren Ausblick als Zacharias oder Elisabeth oder Maria oder gar der Engel. Seine Aussprüche reichen viel weiter als Israel.

Der Engel sagte: „Ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird“ – das geht nicht weiter als Israel. Simeon aber sagt: „Denn meine Augen haben dein Heil gesehen, welches du bereitet hast vor dem Angesicht aller Völker“; er hatte die Welt vor sich. Deshalb fährt er fort: „Ein Licht zur Offenbarung der Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel.“

Darin können wir das weltumfassende Wesen der Gnade sehen. Gott will, daß alle Völker das schauen, was Er eingeführt hat; es sollte vor keinem verborgen bleiben. Die Tatsache, daß die Nationen zuerst erwähnt werden, ist ein Zug der Gnade, der mit dem Lukasevangelium im Einklang steht.

Das Licht leuchtete, um die Nationen als Gegenstände der göttlichen Gunst offenbar zu machen; das war etwas Neues in den Wegen Gottes. Das prophetische Licht hatte hauptsächlich geleuchtet, um zu zeigen, daß Israel der Gegenstand der Gunst Gottes war, aber das Kommen Jesu war „ein Licht zur Offenbarung der Nationen“; der Gedanke war, daß die Nationen unter der göttlichen Gunst stehen sollten.

Simeon hatte wahrscheinlich solch eine Schriftstelle im Sinn wie Jesaja 49, 6, wo Gott prophetisch über Christum gesagt hat: „Ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um mein Heil zu sein bis an das Ende der Erde.“

Gott wollte die Nationen nicht unbeachtet lassen; Israel genügte Ihm nicht, wenn es auch die Herrlichkeit Seines Volkes Israel gab. Er wollte nicht das, was Israel gehörte, schmälern, denn welche Herrlichkeit Israel auch als der Gegenstand der Verheißungen und der Weissagung haben mochte, alles sollte in jenem heiligen Kinde in Erfüllung gehen.

Das Heil Gottes, Sein Licht und Seine Herrlichkeit waren dort in solch einer Gestalt, daß man sie liebreich und zärtlich umarmen konnte. Der Geist Gottes möchte uns dahin führen, daß wir diese ganze große und köstliche Gnade, die in Jesu gefunden wird, umarmen möchten.

Es gibt hier etwas Lieblicheres, Trauteres und Gesegneteres als das, was wir bei Matthäus haben. Dort ist es so, daß, als die Magier Ihn sahen, sie niederfielen und Ihn anbeteten; es war durchaus geziemend, daß sie es taten, denn bei Matthäus wird Er in Seiner amtlichen und königlichen Herrlichkeit gesehen.

Bei Simeon haben wir einen lieblicheren und trauteren Gedanken; er nahm Ihn in seine Arme. Der Geist möchte auch uns dazu befähigen, Ihn zu umarmen. Simeon wurde nicht von einem Stern geleitet; das war etwas Schönes, aber Außerliches und Entferntes – ziemlich weit Entferntes.

Wir lesen von gewissen Personen, die die Verheißungen von fern sahen und sie begrüßten oder umarmten; man muß sich weit nach vorne strecken, um in der Ferne liegende Verheißungen zu umfangen oder zu umarmen! Aber in Lukas 2 ist das Heil Gottes nahe, und es ist in einer solchen Gestalt, daß man es umarmen kann.

Alles war da in Ihm, und es gibt sonst nirgends Licht, Herrlichkeit oder Errettung. Große Erwartungen und tiefes Begehren können in uns durch den Glauben erweckt werden; stellt euch aber die wunderbare Tiefe und Fülle der Erwartungen und des Begehrens vor, das der Heilige Geist einem Menschen verleihen kann.

Was wir bei Simeon sehen, ist, daß der Heilige Geist auf ihm war; in seinen Gedanken, seinem Bestreben und Begehren wurde er vom Geiste beherrscht. Es kam aber ein Augenblick, wo jede vom Geiste Gottes ihm eingegebene Erwartung und jedes Begehren erfüllt wurden; es war der glücklichste Tag seines Lebens.

Man konnte dem nichts hinzufügen; in diesem sechs Wochen alten Kindlein war alles da; das Heil Gottes und die Herrlichkeit Israels waren da, um liebreich umarmt zu werden. Ein Mensch, der Ihn umarmt hatte, konnte nichts mehr wünschen; er sagt: Nun bin ich zu gehen bereit.

Simeon hatte auch das, was wir die dunkle Seite der Dinge nennen können, vor sich. Er sah nicht nur das hellste Licht, welches jemals menschlichen Augen geleuchtet hatte, sondern er sah auch die Zustände, in denen dieses Licht leuchten würde; er sah, daß das Empfangen und das Ergebnis dieses Leuchtens gemischt sein würden.

„Dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“ Nach Jesaja 8 sollte Er zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns werden; viele würden fallen; das war sehr ernst.

Das Licht und das Heil Gottes und die Herrlichkeit Israels waren da, aber ihnen würde die Feindseligkeit des menschlichen Herzens entgegengestellt werden. Wie furchtbar, wenn menschliche Wesen über Jesum in die ewige Verdammnis straucheln! „Aber auch deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“

Maria stellte den begünstigten Überrest Israels dar, dem das Kind geboren und der Sohn gegeben wurde, und dieser begünstigte Überrest sollte den tiefen Kummer erleben, daß das Volk Ihn verwarf. Er war das Heil Gottes, das Licht Gottes und die Herrlichkeit Israels, doch würde Israel, dessen Trost Er war, Ihn verwerfen. Das war wirkliche Seelenpein – ein die Seele durchdringendes Schwert.

Simeon redet davon, daß die Überlegungen vieler Herzen offenbar werden würden. Ich zweifle nicht daran, daß die Überlegungen aller Herzen ans Licht gebracht werden; Gott liebt aber, die Gedanken Seiner Heiligen über Jesum offenbar werden zu lassen.

Es ist über 1900 Jahre her, seitdem Er gestorben ist, und seitdem hat der Geist Gottes immerzu die Herzen der Heiligen mit Gedanken über Jesum erfüllt. Wie viele Bücher brauchte man, um sie alle einzutragen!

Betrachtet das Weib in Lukas 7. Sie befand sich zu Seinen Füßen, sie wusch sie mit ihren Tränen und salbte sie mit Myrrhe; die liebreiche Handlung offenbarte die Überlegungen ihres Herzens. Viele von uns sind gut bewandert mit den Wahrheiten und mit den Lehren; wenn einer etwas Falsches sagt, entdecken wir es sofort.

Dem Himmel geht es aber darum, daß wir Jesum in unseren Zuneigungen umarmen, so daß wir köstliche Überlegungen über Jesum haben, die geoffenbart werden können. Wenn man unsere Herzen von innen nach außen drehen könnte, was würde da geoffenbart werden!

Im Laufe von neunzehn Jahrhunderten haben die Heiligen über Jesum gesprochen und gepredigt und Ihn gepriesen; sie haben Lieder gedichtet und gesungen; sie haben sich über Ihn unterhalten, und wieviele unausgesprochene und ungeschriebene Gedanken gibt es noch! Wenn alle diese Gedanken geoffenbart werden, wird es eine wunderbare Bibliothek für den Himmel zu lesen geben!

Anna führt uns eine andere Seite der Dinge vor Augen. Der Geist Gottes verweilt bei der Dauer und dem mannigfaltigen Charakter ihrer Erfahrungen; das ist der bemerkenswerte Wesenszug bei ihr.

Das, was Anna erreicht hatte, hatte sie durch ein langes und erfahrungsreiches Leben mit Gott erreicht. Es war nicht bloß, daß der Geist ihr Dinge gesagt hatte, wie Er es mit Simeon tat, sondern sie war auch eine Frau, die jahrelang die Dinge erfahrungsgemäß selbst verwirklicht hatte.

Das ist es, was eine Prophetin kennzeichnet – eine Prophetin muß Seelenerfahrung haben, und das, was sie in langjährigen Erfahrungen mit Gott erworben hatte, wurde zum Worte Gottes im Zeugnis.

Simeon stellt diejenigen dar, für die der Geist die Dinge bewirkt, Anna stellt aber das dar, was durch Seelenübung und Erfahrung ausgewirkt wird; diese Wesenszüge müssen zusammengesetzt werden.

Es wird uns gesagt, daß Anna mit ihrem Manne sieben Jahre von ihrer Jungfrauschaft an gelebt hatte. Es scheint mir, daß das Leben mit ihrem Manne dem Verweilen im Tempel entgegengestellt wird. Sie mußte erfahrungsgemäß den Tod des Natürlichen erleben.

Wie glücklich sie mit ihrem Manne auch gewesen war, es hielt sie davon ab, sich selbst ganz und gar dem Dienste Gottes zu widmen. Gott brachte den Tod herein, und ihr ganzes Herz wandte sich Gott zu. Sie hatte tiefen Schmerz, aber das befreite sie.

Von dem Augenblicke an widmete sie sich völlig Gott; sie wohnte im Tempel und diente; ihr ganzer Lebenswandel änderte sich von dieser Zeit an – es war ein tiefernstes Erlebnis. Der Geist Gottes erzählt uns nicht diese Dinge umsonst.

Anna lernte, daß das, was von Natur gesetzesmäßig erlaubt war, einen davon abhalten kann, sich völlig dem Dienste Gottes zu widmen. Also war ihr ganzer späterer Lebenswandel durch Fasten gekennzeichnet, durch den Verzicht auf das Erlaubte im Bereich des Natürlichen.

Sie hatte ihre Belehrung beherzigt. Sie fastete nicht bloß manchmal, sondern sie diente immerfort „Nacht und Tag mit Fasten und Flehen“. Sie verharrte im Verzichten auf das, was der Natur nach erlaubt sein mochte, was aber, wie sie erfahren hatte, ihr dabei hinderlich sein konnte, sich gänzlich dem Dienste Gottes zu widmen.

Vom Tode ihres Mannes an bis zu 84 Jahren hatte sie sich völlig dem Dienste Gottes gewidmet. Und sie betete; das Gebet bringt das, was aus Gott ist, herein. Durch den Verlauf ihrer Seelenübungen erwarb sie sich die Erkenntnis der Gedanken Gottes für das Zeugnis; auf diese Weise wurde sie zur Prophetin.

Es ist uns verständlich, daß Anna von Jesu sprach. Sie lobte Gott und redete von Ihm; sie besaß das Wort Gottes im Zeugnis, aber es war das Ergebnis ihrer langjährigen Seelenerfahrung mit Gott.

Anna war aus dem Stamme Aser, was glücklich, glückselig bedeutet. Der Segen Asers ist sehr schön: „Von Aser kommt Fettes, sein Brot; und er, königliche Leckerbissen wird er geben“ (1. Mose 49, 20). Und weiter heißt es: „Gesegnet an Söhnen sei Aser; er sei wohlgefällig seinen Brüdern, und er tauche in Öl seinen Fuß! Eisen und Erz seien deine Riegel, und wie deine Tage, so deine Kraft“ (5. Mose 33, 24. 25).

Als im Tempel wohnend und in Fasten und Flehen verharrend, besaß sie das Fett und den Reichtum dessen, was Gott ihr sein konnte, und sie hatte das Wort Gottes im Zeugnis. Welch eine Fülle enthielten ihre Lobpreisungen Gottes! Alles, was sie durch jahrelange Seelenübungen zu schätzen gelernt und worauf sie gewartet hatte, war da in dem heiligen Kindlein, und Gott gab ihr den Zutritt zu vielen, denen sie wohlgefällig war; sie kannte alle, „welche auf Erlösung warteten in Jerusalem“.

So erfahren wir, daß es in Jerusalem viele gab, welche auf Erlösung warteten, und ihnen wurden „königliche Leckerbissen“ gegeben, wenn Anna zu ihnen über Jesum redete.

Ein Zug der Gnade kommt in der Tatsache ans Licht, daß Anna aus Israel war und nicht aus Juda; da sie aus dem Stamme Aser war, stellt sie eher die zehn Stämme als die zwei dar. Es zeigt, daß Gott sogar in den zehn Stämmen etwas für Sich vorbehalten hatte. Anna würde Paulus recht geben, wenn er sagt: „Unser zwölfstämmiges Volk, unablässig Nacht und Tag Gott dienend.“

Zweifellos wirkte Anna durch den Geist, es wird aber in ihrem Falle auf die langjährige Erfahrung, die sie mit Gott unter mannigfaltigen Umständen gehabt hatte, hingewiesen. Daraus ergab sich die Kraft zum Zeugnis.

Simeon ist dadurch gekennzeichnet, daß er, wie wir sagen können, Jesum privat umarmte und über Ihn redete. Anna sehen wir aber das Wort Gottes im Zeugnis; sie ist eine Prophetin, und sie redete zu allen, welche in Jerusalem auf Erlösung warten.

Es gab solche in Jerusalem, die mit dem Himmel im Einklang waren, und solchen hatte Gott viel betreffs Jesu zu sagen. Es ist interessant zu sehen, daß der Geist der Weissagung nicht ausgestorben war; er fand sich, vielleicht in einer schwachen Form, in einer betagten Witwe. Das prophetische Wort war nicht weggenommen; der Geist der Weissagung ist das Zeugnis Jesu; deshalb redete Anna von Ihm.

Diejenigen, welche auf Erlösung warteten, waren das Ergebnis des Geistes der Weissagung, er hatte in ihnen Frucht hervor gebracht. Gott hatte das bewahrt, was ein Geschlecht ergeben sollte, welches durch tiefes Interesse für Jesum gekennzeichnet war, so daß Anna eine beeindruckbare Hörerschaft hatte; sie hatte etwas zu sagen, was für diejenigen, welche auf Erlösung warteten, von höchstem Interesse war.

Zweifellos war dies ihr eine Belohnung für jene langen Jahre, während derer sie den Tod in bezug auf ihre auserlesensten natürlichen Zuneigungen verwirklichen mußte.

Denjenigen, welche auf Erlösung warten, kommt jeder vom Herrn gegebene prophetische Dienst zugute, und der Geist der Weissagung wird niemals weggenommen werden. Der Geist der Weissagung, der uns die Gedanken Gottes für den gegebenen Augenblick übermitteln kann, wird hienieden bleiben, bis das Reich aufgerichtet sein wird.

Er wird hienieden sein, solange die Versammlung hier ist; und nachdem die Versammlung entrückt sein wird, wird der prophetische Geist hienieden sein, und er wird immer das Zeugnis Jesu sein. Alles, woran Gott Wohlgefallen finden kann, ist in Jesu, und alles, was Er richten wird, wird deswegen von Ihm gerichtet werden, weil es Jesu nicht entspricht. Das macht das prophetische Wort interessant.

Gott wird Babylon, Tyrus, Sidon, Ägypten und Assyrien richten, weil sie Jesu nicht entsprechen; alles, was Jesu nicht entspricht, wird hinweggetan werden. Die ganze Glückseligkeit Seiner Person ist augenblicklich für uns; wenn wir zusammenkommen, so geschieht das, damit unsere Herzen für Eindrücke von Jesu geöffnet werden.

Jesus kam in Zustände, welche den unsrigen gleichen; Er kam in Zustände hinein, in welchen Er heranwachsen mußte, und Er hatte einen bestimmten Ort, wo Er heranwachsen sollte. Zweifellos ist das von einem jeden von uns wahr, wie es auch von Jesu wahr war.

„Sie kehrten nach Galiläa zurück in ihre Stadt Nazareth. Das Kindlein aber wuchs und erstarkte.“ Alles, worauf der Erstgeborene im Vorbilde hinwies, war in Jesu vorhanden; Vollkommenheit wurde in Umständen gefunden, wo ihre Entwicklung und ihr Wuchs an ihrer bestimmten Stelle gottgemäß verlaufen konnten.

Wir lesen in Sacharja 6, 12: „So spricht Jehova der Heerscharen und sagt: Siehe, ein Mann, sein Name ist Sproß; und er wird von seiner Stelle aufsprossen und den Tempel Jehovas bauen; und er wird Herrlichkeit tragen, und er wird auf seinem Throne sitzen und herrschen.“

Um den Tempel zu bauen, Herrlichkeit zu tragen und auf Seinem Throne zu sitzen und zu herrschen, mußte Er zuerst von Seiner Stelle aufsprossen. Mit Galiläa und Nazareth war Schmach verbunden, aber der kleine Ort, die unscheinbare Stelle, der Ort der Schmach, waren dem göttlichen Wuchse günstig.

Die geringen Umstände und die gewöhnlichen Dinge des alltäglichen Lebens sind uns eine Prüfung, aber sie sind die von Gott bestimmte Stelle für geistliches Wachstum. Nazareth war tatsächlich günstiger als die Stadt Davids.

Der Herr erinnerte Saulus von Tarsus aus der Höhe der Herrlichkeit daran, daß Er Jesus der Nazaräer war – Er wird ewig Jesus der Nazaräer sein. Er sproßte von Seiner Stelle auf; es war nicht eine nach außen hin oder den Umständen nach günstige Stelle. Wir haben nirgends einen Bericht darüber, daß während des Lebens und des Dienstes des Herrn auf Erden sich irgend jemand in Nazareth bekehrte.

Es war der Ort, wo der Herr aufstand, um zu lesen und wo Er ihnen sagte, daß diese Schrift vor ihren Ohren erfüllt war. Niemals hat es eine so wunderbare Predigt gegeben, doch blieben die Zuhörer völlig unbeeindruckt; das zeigt die wirkliche Kraft der Salbung.

Jeder von uns kann zu mitfühlenden Zuhörern predigen; aber die Gnade Gottes völlig gleichgültigen Leuten vor Augen zu stellen erfordert göttliche Kraft. Wir lesen hier, daß Er als kleines Kind in Nazareth mit Weisheit erfüllt war, und die Gnade Gottes war auf Ihm.

Könnte es etwas Wundervolleres geben, als dieses kleine Kind von der frühesten Kindheit an aufwachsen zu sehen, indem Er keinen Augenblick einen törichten Gedanken in Seinem Sinn oder in Seinem Herzen hegte? „Mit Weisheit erfüllt“ sein bedeutet, daß kein törichter Gedanke da war.

Dann war die Gnade Gottes auf Ihm; an diesem Kinde war nichts zu sehen als nur das, was die Gnade Gottes zum Ausdruck brachte. Die hier gebrauchten Worte deuten darauf hin, daß Er mit der Gnade Gottes bekleidet war.

In Apg. 4 wird von den Jüngern gesagt, daß „große Gnade auf ihnen allen war“. Sie handelten der Gnade gemäß, indem sie ihre Besitztümer und ihre Habe verkauften und allen Bedürftigen gaben, so daß gesagt werden konnte, daß die Gnade Gottes auf ihnen war.

Es ist wunderbar, an dieses kleine Kind zu denken, an dem nichts außer der Gnade Gottes zu sehen war, und das wurde von Tag zu Tag immer deutlicher, als Er zum Knaben heranwuchs.

Am Ende des Kapitels sehen wir, daß Jesus an Weisheit zunahm; Er war immer mit Weisheit erfüllt, alles war angemessen, und Vollkommenheit war immer vorhanden, aber alles entwickelte sich, als Er

heranwuchs. Es war niemals etwas da, aus dem Er herauswachsen mußte; Er brauchte niemals etwas zu verlernen. Das Vorhandene war immer an seinem Platze vollkommen, es gab aber darum auch Erweiterung; Er „nahm zu an Weisheit und an Größe“. Alles war angemessen, es war nichts Unnatürliches an dem Herrn.

Die Worte: „Das Kindlein … erstarkte“ besagen, daß Er als aus der Schwäche des Kindheitszustandes sich entwickelnd betrachtet wird. Ein recht starker neugeborener Säugling wäre unnatürlich gewesen.

Ein neugeborener Säugling ist schwach wie irgend etwas auf der Welt, und der Sohn des Höchsten kam in diesen Zustand der Schwäche, und Er wuchs daraus heran und erstarkte. Er wuchs heran aus der Schwäche eines Säuglings zu der Stärke eines Kindes und dann eines Knaben und schließlich zur Mannesreife. Er machte alle Zustände des menschlichen Lebens durch, was Adam niemals tat.

Adam hätte den Gemütsregungen eines Kindes kein Mitgefühl entgegenbringen können; er hätte sie gar nicht begreifen können. Jesus ist aber ein kleines Kind gewesen, so daß Er alle Seelenübungen eines kleinen Kindes mitfühlen kann. Ich glaube nicht, daß irgend jemand von uns weiß, wie früh geistliche Übungen sich im Herzen eines kleinen Kindes zu regen beginnen; aber Jesus kann sie alle mitfühlen.

Samuel ist ein Beispiel von einem Kinde, das sehr früh in seinem Leben die Stimme des Herrn hörte, und solcher gibt es viele, Gott sei Dank! Jesus hat jede Erfahrung durchgemacht, die dem Menschengeschlecht auf dem Pfade des Glaubens von der Kindheit bis zur Mannesreife zuteil werden konnte.

Es gibt keinen Zustand des menschlichen Lebens, in welchem Gott nicht vollkommen verherrlicht worden ist. Er ist dazu befähigt, den Tempel zu bauen und zu herrschen und das Priestertum auszuüben; zu dem allem ist Er deshalb fähig, weil Er von Seiner Stelle aufsproß.

Jesus war in der Gestalt Gottes gewesen, aber Er machte Sich Selbst zu nichts. Er kam in eine Stellung der völligen Unterwürfigkeit und des Gehorsams; es war für Ihn ein neuer Zustand. Was bei einem Geschöpf Abtrünnigkeit bedeuten würde, war in Christo Vollkommenheit. Menschliche Vollkommenheit ist in Jesu gesehen worden.

Er war niemals etwas Geringeres als „Gott über allem, gepriesen in Ewigkeit“, aber Er stieg aus der größten Herrlichkeit der Gottheit an den Platz des Gehorsams hernieder; wir steigen von der Erniedrigung unseres verlorenen Zustandes herauf, um durch den Gehorsam erhöht zu werden. Was für eine Erniedrigung für Christum! Was für eine Erhöhung für uns!

Er nahm den Ihm von Gott bestimmten Platz an. Wir sind unruhig und möchten oft gerne den Platz verlassen, wo Gott uns hingestellt hat; wenn wir ihn aber verlassen könnten, so würden wir bloß der von Gott bestimmten Zustände für unser Wachstum verlustig gehen. Wir können sicher sein, daß Gott uns an den richtigen Platz stellt, wo wir wachsen können. Seine Bestimmungen sind niemals fehlerhaft.

In Jesu sehen wir die schöne Entwicklung der Vollkommenheit, und alles entfaltete sich in Nazareth. Dann haben wir eine wunderbare Begebenheit, welche vom Geiste Gottes ausgewählt wird, weil Gott uns nicht ohne einen Eindruck aus jenen dreißig Jahren lassen wollte.

Der Geist Gottes wählte die Begebenheit aus, die am besten dazu geeignet war, uns solch einen Eindruck zu übermitteln. Darin sehen wir zum ersten Mal die Interessen und Antriebe Seines Herzens. Die Entwicklung, von der wir gesprochen haben, ging vor sich bis zum Alter von dreißig Jahren; dann war sie vollständig.

Der Herr Selbst sagt in bezug auf das Wachstum: „Zuerst Gras, dann eine Ähre, dann voller Weizen in der Ähre.“ Wir möchten sagen, daß Er als kleines Kindlein „der Grashalm“ war; mit zwölf Jahren war etwas zu sehen, was der „Ähre“ entsprach, und mit dreißig Jahren war der volle Weizen in der Ähre“ vorhanden.

Als völlig entwickelt, wurde Er zum Dienste gesalbt. Die Vollkommenheit, die wir an Ihm im Alter von zwölf Jahren sehen, ist nicht die Vollkommenheit in bezug auf den Dienst und die Predigt, sondern die Vollkommenheit in den Interessen Seines Herzens.

Joseph und Maria waren vortreffliche Menschen; das, was wir über sie wissen, gibt uns einen tiefen Eindruck von ihrer Frömmigkeit; sie gingen aber nicht so in den Dingen Gottes auf wie Er, und in dieser Begebenheit am Ende des Kapitels sehen wir einen gewissen Hinweis auf die Unzulänglichkeit ihrerseits. Sie waren sich nicht des Wertes des kostbaren, ihnen anvertrauten Schatzes bewußt; sie gingen eine Tagereise weit ohne Ihn.

„Seine Eltern gingen alljährlich am Passahfest nach Jerusalem“; es war eine Versammlungsangelegenheit. Als Er zwölf Jahre alt war, gingen sie an den Ort hinauf, wohin Jehova Seinen Namen gesetzt hatte; ganz Israel mußte dahin kommen.

Andere mochten kommen, das Nötige tun und dann heimkehren; Jesus wurde aber von der Glückseligkeit des Ortes, wohin Jehova Seinen Namen gesetzt hatte, gefesselt. Es ist eine Sache, sich den Versammlungsbräuchen anzuschließen, aber eine ganz andere, wenn das Herz durch die Glückseligkeit der Dinge Gottes gefesselt wird. Das letztere war Sein Teil; Sein Zurückbleiben war die Frucht geistlicher Erkenntnis.

Es ist auffallend, daß die erste erwähnte Tat des Herrn diesen Charakter aufweist – es war mehr eine unmittelbare Erkenntnis als der Gehorsam einem Gebote gegenüber. Joseph und Maria stehen nicht in gutem Lichte bei dieser Begebenheit; sie hätten niemals eine Tagereise lang ohne Ihn gehen sollen; und dann gerieten sie ganz und gar aus der Bahn heraus, auf der Er wandelte, als sie Ihn unter den Verwandten und Bekannten suchten. Sie hätten wissen sollen, daß Er nicht auf dem Gebiete des Natürlichen lebte.

Als sie nach Jerusalem zurückkehrten, suchten sie Ihn drei Tage lang, und sie kamen in den Tempel, was der letzte Ort war, wo sie Ihn gesucht hätten. Jesus sagt zu ihnen: „Was ist es, daß ihr mich gesucht habt? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?“

Joseph und Maria stellen diejenigen dar, die den Herrn wahrhaftig lieben, doch nicht geistlich genug sind, um zu wissen, ob Er bei ihnen ist oder nicht. Man vermutet oft Seine Gegenwart in einer Schar, wo Er aber nicht ist.

Viele Leute sagen uns, sie wären zu Seinem Namen hin versammelt, und Er wäre bei ihnen zugegen, wenn Er vielleicht gar nicht dort ist. Joseph und Maria fanden, daß Er nicht bei ihnen war, nicht in ihrer Reisegesellschaft, und drei oder vier Tage waren sie ohne Ihn. Was für ein Erlebnis! Maria mußte sagen, wir „haben dich mit Schmerzen gesucht“. Es wäre gut, wenn es einige schmerzen würde, wenn sie ein paar Tage ohne den Herrn verbringen müßten.

Wir sollten wissen, wenn Er nicht bei uns ist, und wir sollten nicht vermuten, Er wäre zugegen, wenn Er nicht bei uns ist. Maria und Joseph hätten wissen sollen, wo der Herr zu finden ist.

Das war kein öffentlicher Dienst, sondern der Zustand Seines Herzens in bezug auf die Dinge Gottes. Ich glaube, daß diese Begebenheit vom Geiste Gottes ausgewählt wurde, um uns zu zeigen, was Ihn in Seinen Zuneigungen und Interessen während jenen dreißig Jahre beherrschte.

Wir haben nur diesen einen kostbaren Ausspruch aus Seinem Leben während jener dreißig Jahre. Beschäftigt „in dem, was meines Vaters ist“ – das umfaßt die dreißig Jahre, und zwar nicht im öffentlichen Dienst, sondern in dem, womit Sein Herz innerlich beschäftigt war.

Seine Mutter hatte zu Ihm gesagt: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Doch Er legte das alles beiseite; das, was Seines Vaters war, beherrschte Ihn; für Ihn waren Jerusalem, der Tempel, die Lehrer alles, was die Schrift von ihnen behauptete.

Indem der Herr heranwuchs, ging Er in dem Geistlichen auf, in dem Interessengebiet Gottes. Deswegen hörte Er den Lehrern zu und befragte sie. Wie dieses heilige Kind wohl über die Schriften nachgesonnen haben muß! Mit welch einem großen Interesse hörte Er denen zu, die das Gesetz und die Schriften lehrten! Was für Fragen muß Er gestellt haben, als Er ihnen zuhörte!

Alle, die Ihn hörten, gerieten außer sich über Sein Verständnis und Seine Antworten. Das ganze Verständnis des Herrn und Seine Gedanken waren durch die Schriften gestaltet worden, Sein ganzes Interesse galt ihnen, so daß die, welche die Schriften lehrten, Ihn mehr interessierten, als sonst irgend etwas in Jerusalem.

Das waren die Dinge Seines Vaters, und Er beschäftigte Sich mit ihnen. Auch wir sollten uns alle mit ihnen beschäftigen. Die Zeit war für den Herrn noch nicht gekommen, um das öffentliche Werk aufzunehmen, das der Vater Ihm gegeben hatte, auf daß Er es tun sollte; das tat Er erst, als Er gesalbt wurde, aber Sein ganzes Herz und Seine ganze Seele wurden durch das, was Seines Vaters war, völlig in Anspruch genommen.

Uns steht es offen, uns darum zu kümmern und damit beschäftigt zu sein, es ist ein innerer Zustand des Herzens. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie der Levit „nach aller Lust seiner Seele“ an den Ort kam, wohin Jehova Seinen Namen gesetzt hat (5. Mose 18, 6).

Diese Begebenheit ist niedergeschrieben worden, um uns zu zeigen, wodurch der Herr im Alter von zwölf Jahren beherrscht wurde, wo Sein Interessengebiet bereits als Knabe lag. Aber der auf diese Weise momentan gelüftete Vorhang wurde schnell wieder zugezogen, denn Er war immer noch ein Knabe, und Sein Platz war der des Gehorsams.

Er nahm an, was Gott für Ihn für diese Zeit angeordnet hatte, und diese Anordnung war, daß Er denen, die an Ihm die Stelle der Eltern vertraten, untertan war. Er ging mit ihnen hinab nach Nazareth und war ihnen untertan. Wie vollkommen war Er in allen Dingen!

Und dort „nahm er zu an Weisheit und an Größe, und an Gunst bei Gott und Menschen“. Alles war moralisch so schön, daß die Menschen gezwungen waren, Ihm diese Gunst zuzusprechen. Die Zeit dazu war noch nicht gekommen, daß Sein Zeugnis ihr Gewissen berührte und die Feindschaft ihrer Herzen offenbarte.


Kapitel 3

In den ersten Versen dieses Kapitels wird die öffentliche Stellung in Betracht gezogen; alles, was mit Israel öffentlich verbunden war, war zusammengebrochen. Die Zeiten der Nationen nahmen ihren Lauf, die römische Macht herrschte. Das war an und für sich ein Zeichen davon, daß Israel das Reich verloren hatte.

Nachkommen Esaus waren untergeordnete Herrscher in dem, was das Reich Davids gewesen war. Was das Priestertum anbelangt, so wird uns gesagt, daß es das Hohepriestertum von Annas und Kajaphas war, und Lukas behauptet anderswo, daß sie zu der Sekte der Sadducäer gehörten. Wie ich es verstehe, war Annas abgesetzt worden, aber er übte weiterhin die Autorität des Hohenpriestertums aus, zusammen mit seinem Schwiegersohn Kajaphas.

Der Sinn davon ist, uns zu zeigen, wie das Reich und das Priestertum ihren göttlichen Charakter eingebüßt hatten. Die Männer, die das Priestertum ausübten, waren Sadducäer; sie leugneten, daß es einen Geist oder eine Auferstehung gibt; sie entsprachen den Ungläubigen der heutigen Zeit.

Wenn aber das Reich und das Priestertum auch zusammengebrochen waren, so gab es noch ein anderes Element, welches, Gott sei Dank, nicht zusammengebrochen war. Das Reich und das Priestertum hatten sich als unzulänglich erwiesen, aber das prophetische Wort geschah zu Johannes in der Wüste. Gott behält Sich immer das Recht zu reden vor, wie groß der Zusammenbruch seitens des Menschen auch sein mag. Das ist ein wichtiger Grundsatz.

Öffentlich ist die der Versammlung anvertraute Verwaltung zusammengebrochen, aber Gott behält Sich immer noch das Recht zu reden vor. Er hat auch am letzten dunkeln Tage der Abtrünnigkeit der Versammlung geredet, und Sein Wort ist ein reines Wort, es bricht nicht zusammen.

Annas und Kajaphas waren die Hauptanstifter bei der Kreuzigung des Herrn. Das war der Charakter des Priestertums, sie waren durch und durch ungläubig. Es ist ein großer Trost zu sehen, daß, wenn auch die dem Menschen anvertrauten Dinge zusammengebrochen sind, doch das prophetische Wort immer noch zur Verfügung stand, und es wird auch immer zur Verfügung stehen.

Das Wort Gottes geschah zu Johannes. Damals redete Gott im Blick auf das Auftreten Christi, und Er redet jetzt in den letzten Tagen der Versammlung im Blick auf die Wiederkunft Christi. Der Zustand der Dinge in der Versammlung ist ebenso schlimm, wenn nicht noch schlimmer als in Israel, aber Gott redet in einer klaren und deutlichen Weise.

Seit der Reformation hat Gott immerfort Licht gegeben; jedes Jahrhundert hat mehr Licht gebracht; das Wort Gottes ist gegeben worden, und das ist es, was das Volk Gottes frei macht. Sie konnten dem, was in Wirklichkeit das Wort des Menschen ist, dadurch entgehen, daß sie das Wort Gottes annahmen; das Wort erzeugt ein Geschlecht, das Gott entspricht. Es ist der unverwesliche Same, und er erzeugt ein sich selbstähnliches Geschlecht.

Ein Kennzeichen Philadelphias ist: „Du hast mein Wort bewahrt“; solche Menschen nehmen das Wort Gottes an und schätzen es. Gott redet in Gnaden, und solcherart wird das göttliche Reden sein, solange die Versammlung noch hienieden ist.

Das Wort Gottes ist das Wort der Gnade; Paulus sagt: „Nun befehle ich euch Gott und dem Worte seiner Gnade.“ Das Wort Gottes an Johannes betraf die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden; es war ein Wort der reinen Gnade und es erzeugte Frucht; die Gnade Gottes erschloß einen neuen Boden, welchen das Volk einnehmen konnte.

Die große Belehrung des Dienstes des Johannes ist, daß der Mensch es ausschließlich mit Gott zu tun hat. Gott war im Begriff, einen wunderbaren Weg einzuschlagen, aber dieser Weg mußte vorbereitet werden, und Gott Selbst mußte ihn vorbereiten.

Die Buße ist ein fruchtbarer Grundsatz in der Seele, denn er umschließt durch die Gnade das sittliche Zurechtbringen durch das Heil Gottes. Diejenigen, die von Johannes getauft wurden, gaben zu, daß für sie nichts anderes zu erwarten blieb als nur der kommende Zorn.

Aber durch die Gunst Gottes war es ihnen vergönnt worden, einen völlig neuen Boden einzunehmen, indem sie sich selbst richteten und Gott um die Vergebung der Sünden und um Sein Heil anflehten. Die Buße ist das Ergebnis eines sittlichen Werkes Gottes in dem Menschen, demzufolge anerkannt wird, daß jegliche Segnung ausschließlich aus Gott sein muß. Es gibt keinen natürlichen Boden, auf welchem wir sie erlangen können.

Wenn Gott in Gnaden wirkt, so ist es, um alle Ihm im Wege stehenden Hindernisse oder Schwierigkeiten zu beseitigen; das tritt in diesem aus Jesaja angeführten Verse ans Licht: „Jedes Tal wird ausgefüllt werden.“ Die Täler stellen das dar, was die gebührende Standhöhe nicht erreicht; da ist Mangel vorhanden, die Täler müssen ausgefüllt werden.

Dies wird in den Volksmengen veranschaulicht, die es an Rücksicht anderen gegenüber fehlen ließen und die fragten: „Was sollen wir tun?“ Johannes sagt: „Wer zwei Leibröcke hat, teile dem mit, der keinen hat; und wer Speise hat, tue gleicherweise.“

Wenn Gott Sich ins Mittel legt, in Gnaden und Errettung zu wirken, so wird Er jeden Mangel ausfüllen. Andererseits gibt es aber Berge und Hügel, die erniedrigt werden müssen; sie stellen solche dar, die gleich wie die Pharisäer sich rühmten, Abraham zum Vater zu haben; aller derartigen Dinge müssen erniedrigt werden; wenn Gott in Gnaden wirkt, wird Er solche erniedrigen.

„Das Krumme“ entspricht solchen Menschen wie den Zöllnern, die zu viel vom Volke verlangten; die Kriegsleute, die die Leute erpreßten und sie fälschlich anklagten, entsprechen den „Höckerichten“. Wenn Gott in Gnaden wirkt, so wird Er alles zurechtbringen, so daß alles Fleisch Sein Heil sehen wird; das Ergebnis davon wird sein, daß alle sehen können, wie Gott den Menschen in allen Dingen zurechtbringen kann.

Er wirkt auf alle Zustände ein, und Er setzt alles Unrechte zurecht, ob es mangelhaft oder hoch oder stolz oder krumm oder höckerich ist – Gott schlägt Seine eigenen Wege ein, um für Ihn passende sittliche Zustände zu bewirken.

Es gibt heutzutage viele krumme und höckerichte Stellen, wir müssen das beherzigen. Ist alles in unseren Seelen mit Gott in Übereinstimmung gebracht worden, sodaß gar nichts mehr zurückgeblieben ist, was dem gnadenvollen Wege Gottes hinderlich ist?

Die Gnade Gottes wirkt, um vollkommene sittliche Berichtigung zu bewirken, und alles wird dadurch zustande gebracht, daß der Mensch sich dessen bewußt wird, was für ihn in Gott durch die Gnade vorhanden ist. Er muß jegliche Hoffnung aufgeben, selbst seinen Zustand zu verbessern; die Taufe bedeutet, daß man solche Gedanken völlig aufgegeben hat: der Mensch muß unter dem Wasser verschwinden.

Durch die Gunst Gottes ist es möglich, einen neuen Boden einzunehmen, Buße zu tun und Gott um die Vergebung der Sünden und um Errettung zu bitten. Die Errettung umfaßt völliges sittliches Zurechtbringen.

Johannes lehrt die Notwendigkeit der neuen Geburt in einer sehr auffallenden Weise, obwohl er es nicht genau mit diesen Worten sagt. Er sagt zu ihnen: „Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ Ich zweifle nicht daran, daß dies ein Hinweis auf die Notwendigkeit der neuen Geburt ist.

Wenn Gott aus einem Stein ein Kind macht, so ist das ein durchaus unumschränktes Wirken, und daß Gott also wirkt, ist die einzige Hoffnung für den Menschen. Soweit es sich um den Menschen handelt, ist in ihm gar nichts für Gott vorhanden; wenn aber Gott einen Stein zu einem Kinde macht, so ist es ein Wunder der Barmherzigkeit.

Der Mensch nach dem Fleische stammt moralisch von Satan ab. Er ist „Otternbrut“, und deswegen hat dieser Mensch niemals gute Früchte hervorgebracht, und er wird es auch niemals können. Johannes sagt, daß die Zeit gekommen ist, sich mit diesem Baume bis an die Wurzel zu befassen. Es handelt sich nicht bloß um die Frucht, sondern um den Baum; er sagt: „Jeder Baum nun, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“; die Axt wird an die Wurzel der Bäume gelegt.

Die Wurzel ist das Wesen des Menschen nach dem Fleische. Der Mensch nach dem Fleische hat noch niemals gute Frucht gebracht, und die Zeit war gekommen, wo man nichts mehr von dem Menschen nach dem Fleische erhoffen sollte; der Baum sollte nicht nur abgehauen, sondern ins Feuer geworfen werden.

Es ist gewiß, daß, wenn man einen Baum abhaut, man nachher keine Frucht von ihm erwartet, und noch weniger würde man von ihm Frucht erwarten, wenn er ins Feuer geworfen worden ist; das ist seine völlige und endgültige Verwerfung, so daß von der Zeit an von ihm nichts mehr zu erwarten ist, man kann ihn nicht wiederbeleben.

Solch eine Behauptung schaute auf das Kreuz voraus, wo alles, was der Mensch nach dem Fleische ist, abgehauen und ins Feuer geworfen wurde, damit der Boden für ein neues Geschlecht freigemacht wurde, das Gott aus dem, was leblos war, aufgerichtet hat – „aus diesen Steinen“.

„Alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“ Das, was Gott im Begriff war, in Gnaden zu tun, sollte von Seinem Heil zeugen; und es wird so sein, wenn Gott Israel errettet. Wenn ganz Israel errettet sein wird, wird alles Fleisch in Israel das Heil Gottes sehen.

Es ist jetzt die Absicht Gottes, daß alles Fleisch Sein Heil in Seinem Volke sehen sollte. Wenn die Kirche in Einheit geblieben wäre, welch ein Zeugnis hätte es in dieser Welt für das Heil Gottes gegeben – Menschen, die in Frömmigkeit und Gerechtigkeit wandeln und alle Tage ihres Lebens Gott dienen! Was für ein Zeugnis für die rettende Macht Gottes!

Wenn ein Mensch, der ein berüchtigter Trinker war oder ein gottloses Leben führte, oder einer, der einen heftigen Charakter hatte, dem durch die Gnade Gottes entflieht und dann durch die entgegengesetzten Wesenszüge gekennzeichnet ist und ohne Prahlerei oder Anmaßung demütig mit seinem Gott wandelt – was ist das für ein Zeugnis! Alle können das Heil Gottes sehen.

Darin liegt Kraft. Die Leute merken sich die Christen ganz genau, sie beobachten uns die ganze Zeit, aber sehen sie das Heil Gottes an uns? Der Kerkermeister zu Philippi sah das Heil Gottes in Paulus und Silas, und er sagte: Ich möchte auch errettet werden. Die Hauptsache ist, daß die Menschen zu Gott bekehrt werden.

Von Johannes war gesagt worden: „Viele der Söhne Israels wird er zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.“ Wenn der Mensch sich zu Gott bekehrt, wird Gott ihn in Gnaden zurechtbringen und erretten und ihm Buße und Vergebung der Sünden schenken, wie auch alles, was ihm not tut.

Die ganze Frage besteht darin: Bekehren wir uns zu Gott? Der Natur nach haben wir allerhand eigene Auswege, das Geheimnis des Segens liegt aber darin, sich zu Gott zu bekehren. Im Evangelium sagt Gott gleichsam: Ich werde alles für dich tun, wenn du dich bloß zu Mir bekehrst. Das ist der Gott, mit dem wir es zu tun haben.

Zum Schluß wird Er Seine Scheune voll von kostbarem Weizen haben. Das Kennzeichen des sündigen Zustandes des Menschen ist, daß alle seine Gedanken sich um ihn selbst und um seinen Vorteil drehen. Die Menschen dieser Welt sind durch Selbstsucht gekennzeichnet, doch wenn die Gnade Gottes einen Menschen berührt, so beginnt er, an das Wohl der anderen zu denken, anstatt sich selbst zu leben (Vers 11).

Hier wird nicht die Frage gestellt, ob die Menschen den Militärdienst verlassen sollen, sondern es geht darum, daß sie sich in diesem Dienst richtig verhalten. Ich glaube, daß es Gott in Seiner wunderbaren Gnade wohlgefallen hat, beinahe in allen Lebensständen irgend ein Zeugnis für Sich zu haben.

Jeder Heilige sollte darüber in Übung sein, im Einklang mit seinem christlichen Bekenntnis zu sein; es gibt keine Schriftstelle, die sagt, daß ein Mann, der ein Soldat ist, dies aufgeben muß; Gott hat dies der persönlichen Übung überlassen.

Es ist ein Teil der christlichen Freiheit, daß es eine gewisse Anzahl von Dingen gibt, worüber es keine Gesetzgebung gibt; sie bleiben der persönlichen Übung überlassen, und in solchen Fällen handelt es sich darum, inwiefern ich Gott kenne. Es wird nur gesagt „mit Gott“ in dem Berufe zu bleiben, in welchem ich berufen worden bin.

Wenn meine Gotteserkenntnis wächst, werde ich über Dinge in Übung kommen, über welche ich nicht in Übung war, als ich Gott nicht so gut kannte. Der Christ urteilt nicht in einer gesetzlichen Weise über die Dinge, sondern nach der geistlichen Eingebung eines Menschen, der Gott kennt, aber natürlich im Lichte von all dem, wozu wir in den Schriften ermahnt werden, oder der darin befindlichen Grundsätze.

Gott sieht es gern, wenn Sein Volk in den eigenen Übungen und seinen geistlichen Eingebungen gemäß vorangeht. Ein mit Heiligem Geiste getaufter Mensch wird gottgemäße Übungen haben.

In allen hier betrachteten Fällen werden die Dinge richtiggestellt: die Täler werden ausgefüllt, die Berge und Hügel erniedrigt, die krummen Stellen werden gerade, und die höckerichten werden eben – alles wird zurechtgebracht.

Dann sagt Johannes: „Es kommt aber, der stärker ist als ich, dessen ich nicht würdig bin, ihm den Riemen seiner Sandalen zu lösen; er wird euch mit Heiligem Geiste und Feuer taufen.“ Was für einen Begriff über den Kommenden muß das seiner Zuhörerschaft übermittelt haben! Johannes war von Mutterleibe an mit dem Heiligem Geiste erfüllt; er war ein außerordentlicher Mensch, aber der Herr war unendlich größer.

Ich glaube, es besteht am heutigen Tage eine besondere Notwendigkeit, über die Taufe mit Heiligem Geiste in Übung zu sein. Allenthalben um uns her reden die Menschen viel über die Taufe mit Heiligem Geiste, und sie verbinden sie mit allerhand Dingen, die mehr oder weniger die Aufmerksamkeit auf sich lenken – mit der Krankenheilung oder dem Zungenreden usw.

An einem Tage, wo die religiöse Welt mit allerlei Gedanken über die Taufe mit Heiligem Geiste erfüllt ist, sollten wir darüber in Übung sein, uns ihrer geistlichen Echtheit zu erfreuen. Ich fürchte, daß bei uns ein Mangel an der Läuterung besteht, von welcher das Feuer redet. Es bedeutet die Reinigung von den Schlacken.

Die Wassertaufe weist auf die äußerliche Reinigung hin, wie die Bereinigung von bösen Verbindungen, das Feuer dringt aber in das Innerste ein; das läuternde Feuer des Schmelzers prüft das Innere, es ist eine intensive Läuterung und ist mit dem, was der Herr in Mal. 3, 3 sagt, verbunden: „Er wird sitzen und das Silber schmelzen und reinigen; und er wird die Kinder Levi reinigen und sie läutern wie das Gold und wie das Silber.“

Feuer dringt in die allerinnersten Gefühle und Beweggründe des Herzens ein und läßt keine Schlacken ungerichtet. Wenn ich mit Zungen reden könnte, wäre ich eine ziemlich wichtige Person, viel wichtiger als eine, die es nicht könnte; und wenn ich Menschen heilen oder Wunder wirken könnte, wäre ich ein wunderbarer Mann. Aber innerlich mit Gott im Einklang zu sein, ist moralisch etwas viel Größeres, als solche Dinge zu tun.

Der Geist und das Feuer würden einen läuternden Einfluß auf den Mittelpunkt des moralischen Wesens des Menschen ausüben, damit in seinen heimlichen Gedanken, Gefühlen oder Wünschen nichts Gottwidriges vorhanden ist. Sind wir bereit, uns dem hinzugeben?

Es ist zu befürchten, daß junge Menschen von einem göttlichen Pfade durch hochklingende Reden über die Taufe mit Heiligem Geiste und ihrem Ergebnis in äußeren Zeichen abgelenkt werden könnten. Wir sollten darüber geübt sein, Denjenigen zu kennen, der mit Heiligem Geiste tauft. Johannes sagt: „Er wird euch mit Heiligem Geiste… taufen.“

Ein großes Kennzeichen davon, daß wir mit Heiligem Geiste getauft sind, ist, daß wir harmonisch, als Glieder des einen Leibes, zu welchem Er uns getauft hat, zusammen wirken können. Die Taufe des Geistes bezieht sich genau genommen nicht auf den einzelnen, sie fügt alle Heiligen wesentlich in einen lebendigen Organismus zusammen, und der große Beweis der Kraft des Geistes besteht darin, daß wir als Glieder des Leibes entsprechend wirken.

Als ein Glied des Leibes Christi in der rechten Weise zu wirken, ist moralisch etwas Größeres, als ein Wunder zu wirken oder mit Zungen zu reden.

Johannes redet über Jesum unter zwei Wesenszügen – als mit Heiligem Geiste und mit Feuer taufend, und als Seine Tenne reinigend. Das umfaßt den Dienst Jesu gemäß dem Ausblick des Johannes. Er sichtet den Weizen durch die Taufe mit Heiligem Geiste, und das erfordert das völlige Hinwegtun dessen, was vom Fleische ist.

Ich zweifle nicht daran, daß das Ergebnis des Dienstes Johannes gesichtet werden mußte. Es gab Weizen, aber auch Spreu. Der Dienst des Herrn bewirkte ein Durchsieben: er entledigte Sich dessen, was wertlos war, sogar wenn es augenscheinlich mit dem, was aus Gott war, zusammenhing.

Ich nehme an, daß Johannes die Tatsache anerkannte, daß sich vieles in der Tenne als Ergebnis seines Dienstes befand, was in die Scheune nicht hineingehörte, und seine Worte enthielten die ernste Warnung, daß die Spreu mit unauslöschlichem Feuer verbrannt werden würde.

Ich denke aber, daß wir das Durchsieben auch als eine Darstellung des Dienstes des Herrn, wodurch Er das wertlose Fleisch sogar bei wahren Heiligen beiseitesetzt, betrachten können. Die Tenne ist der Platz, wo der Weizen sich auf dem Wege zur Scheune befindet. Sie entspricht dem gegenwärtigen Platz der Heiligen; wir sind jetzt auf Seiner Tenne, noch nicht in Seiner Scheune.

Die Heiligen werden als Weizen betrachtet, d. h. als göttlich wertvoll, weil sie moralisch Genossen Christi sind. Feuer ist die durchdringendste Form der Reinigung, die es gibt, und es geht mit der Taufe mit Heiligem Geiste zusammen. Trotz aller Anmaßung wird alles, was vom Fleische ist, verbrannt.

Das Taufen mit Heiligem Geist bewirkt das, was bestimmten Wert vor Gott hat, und es weicht darauf hin, daß ohne den Geist kein eigentlicher Wert im Menschen für Gott vorhanden ist. Alles, was vom Fleische herrührt, ist wertlos; es ist schade, sich daran zu klammern, denn es wird alles verbrannt.

Die Taufe mit dem Geiste erfordert solch ein Verwerfen des Fleisches, welches nicht möglich war, bevor der Geist gegeben wurde. Im Alten Testament wurde noch etwas Raum für das Fleisch gelassen, jetzt wird ihm aber gar nichts gewährt.

Wir dürfen von unendlicher Gnade reden, aber für das Fleisch gibt es keine Gnade. Mit dem Geiste getauft zu sein, bedeutet, daß Menschen durch den Heiligen Geist gekennzeichnet sein sollten, und außerhalb des Geistes kann nichts Gott Wohlgefallen bereiten.

Die Tatsache, daß die Axt an die Wurzel des Baumes gelegt ist, zeigt, daß die Zeit gekommen ist, wo Gott den Dingen an die Wurzel gehen würde; Er ging direkt an die Wurzel des Wesens des Menschen nach dem Fleische, und Er verfuhr damit auf solch eine Weise, daß Seiner Gnade in Christo freie Bahn geschaffen wurde.

Wenn der durch Sünde und Tod gekennzeichnete Mensch abgehauen ist, ist die Bahn frei für den zweiten Menschen aus dem Himmel, auf daß Er das ganze Wohlgefallen des Himmels einführen möchte. Es geht um die Frage: Sind wir bereit, Ihm bei uns freie Bahn zu gewähren?

Es ist gut, sich zu merken, daß alles dieses das „Evangelium“ des Johannes für das Volk war. Das Ergebnis davon – der durch den Heiligen Geist gekennzeichnete Mensch – wird in Jesu vollkommen dargestellt werden, so daß wir das wahre Wesen des Weizens sehen, wenn wir Ihn anschauen.

Der Weizen hat einen köstlichen Wert vor Gott, weil er durch den Heiligen Geist gekennzeichnet ist. Durchsieben ist nicht ein heftiges oder zerstörendes Verfahren wie Verbrennen; es beseitigt die Spreu auf eine sanfte Art. Die Worfschaufel verursacht eine Bewegung der Luft, welche die Spreu wegbläst; es ist eine sachte Regung, wirksam, aber nicht heftig: solcherart ist der gegenwärtige Dienst des Herrn.

Ein großes Ziel, welches Sich der Herr bei allem Dienst setzt, ist, in einer praktischen Weise das Fleisch zu beseitigen; Er beseitigt es durch das, was vom Geiste ist und was in Ihm als Vorbild so vollkommen dargestellt worden ist.

Es gibt Zucht und Dienst; Drangsal ist, glaube ich, ein Wort, das mit Dreschen verbunden ist, das Durchsieben kommt aber nach dem Dreschen. Wie ich es verstehe, ist dem Dreschen mehr der Charakter der Zucht eigen. Die Zucht Gottes ist immer von einer erlösenden Art; sie greift immer gerade dort ein, wo das Fleisch geneigt ist, besonders tätig zu sein.

Das Durchsieben macht von der Spreu los, so daß sie nicht mehr zu sehen ist; nichts bleibt sichtbar außer dem Weizen, der dem Christus als Mensch im Heiligen Geiste ähnlich ist.

Die Versuchung in Kap. 4 war nötig, damit das Wesen des durch den Heiligen Geist gekennzeichneten Menschen offenbar werde. Das Verfahren des Durchsiebens würde viel schneller vor sich gehen, wenn wir uns mehr dem Herrn hingeben würden. Es ist bei uns ein großer Mangel

an Unterwürfigkeit vorhanden wie bei Petrus, der sagte: „Du sollst nimmermehr meine Füße waschen!“

Es geht um die Frage: Worauf sind wir eingestellt, was wollen wir fördern? Wir säen entweder für das Fleisch oder für den Geist. Legen wir uns ins Mittel, Christum und den Geist hervorzuheben?

In die Scheune kommt nichts außer dem, was Christo zum Wohlgefallen dient, denn es ist Seine Scheune. Johannes hatte das volle Ergebnis des Kommens des Herrn vor sich. Der Herr taufte nicht tatsächlich mit dem Heiligen Geiste, bis Er zur Rechten Gottes ging, aber Johannes betrachtete das ganze Ergebnis Seines Kommens; er hatte das durch den Geist vor sich.

Laßt uns den Gedanken dessen, was göttlichen Wert hat, hoch schätzen; es ist alles in Jesu zu sehen, und bis wir es dort erkannt haben, ist es zweifelhaft, ob diese Erkenntnis sich als Kraft in unseren Seelen auswirkt.

Wenn man also gewohnheitsmäßig mit dem Fleischlichen vorangeht, so ist das ein Beweis für eine große Entfernung von Jesu; wir sind nicht unter Seinem persönlichen Einfluß. Das würde die Frage aufwerfen, ob wir den Getauften gleichen, mit denen Jesus Sich einsmachte.

Diejenigen, die von Johannes getauft wurden und mit denen Jesus getauft wurde, waren solche Personen, mit denen Er Sich einsmachen konnte; sie gaben jegliches Vertrauen auf das Fleisch auf wie auch jeglichen Anspruch auf den Segen Gottes auf Grund der eigenen Güte; daran konnte Jesus teilnehmen.

Dieses Boden konnte Jesus öffentlich einnehmen; nichts kann wunderbarer sein, als daß der Herr öffentlich den Platz einnimmt, der in den Worten von Ps. 16 geschildert wird: „Meine Güte reicht nicht hinauf zu dir.“

Er lebte in der erkannten Gunst Gottes; glückselig und sündenlos, wie Er war, war es Seine Wonne, auf dem Boden dessen zu stehen, was Gott dem Menschen war. Er, der Sündlose, nahm den Boden ein, daß Güte nicht vom Menschen zu Gott hinaufreicht, sondern von Gott zum Menschen herniederreicht. Sünder konnten auch auf diesem Boden stehen.

Es ist wunderbar, dies zu sagen – es war ein gemeinsamer Boden für den Sündlosen und für die Bußfertigen. Wenn der Mensch außer Gott keine Zuflucht hat – und das verursacht seine Sündhaftigkeit -, wird er zu einem Gefäß für den Empfang alles dessen, was Gott dem Menschen in Gnade ist. So erlangt der Mensch Segen; er gibt zu, daß er sündig ist und keine Ansprüche hat und daß Gott seine einzige Zuflucht ist, und er wird dann zum Gefäß, um alles zu empfangen, was Gott in Seiner Gunst für den Menschen bereitet hat.

Der Mensch erreicht diesen Punkt, wenn er durch die Güte Gottes seiner Not als Sünder überführt wird; Jesus nahm diesen Boden in der reinsten und vollkommensten Gnade ein. Der Mensch erhebt sich dazu aus seiner Erniedrigung, Jesus stieg dazu hernieder auf einen Platz, wo Er sagen konnte: „Meine Güte reicht nicht hinauf zu dir.“

In Psalm 16 nimmt Er die Stellung eines Menschen ein, der auf Gott vertraute und deswegen alles empfing, was die reine und unbeschränkte Gunst Gottes mit Freuden gibt. Durch die Buße können sündige Menschen auch alles durch die unumschränkte Gunst empfangen.

Deshalb war Jesus bei solchen; Er wurde getauft, und Er betete. Alles dem Menschen Geziemende wurde in Ihm als Vorbild dargestellt. Die Worte des Herrn an den Jüngling: „Was heißest du mich gut?“ sind im Einklang mit dem, worüber wir geredet haben.

Der Herr wird hier am Platze der völligen Abhängigkeit von Gott gesehen; es war ein glückseliger Mensch hienieden, über dem der Himmel aufgetan werden konnte; nichts beengte jetzt den Himmel, nichts konnte seinen Erguß zurückhalten; der Himmel wurde aufgetan, weil ein Mensch in dieser Welt als ein gebührender Ruheort für den Heiligen Geist gefunden worden war.

Der Heilige Geist als Taube ist ein Hinweis darauf, daß Er einen Ruheplatz suchte. Die Taube Noahs suchte einen Ruheplatz, und der Psalmist sagt: „O, daß ich Flügel hätte wie eine Taube! Ich wollte hinfliegen und ruhen.“

Die Taube sucht Ruhe, und der Geist Gottes suchte im Menschen Ruhe, und Er fand sie endlich in Jesu, dem vollkommenen Menschen – in Demjenigen, der völlig den Platz der Abhängigkeit von Gott einnahm.

Hier sehen wir den zweiten Menschen aus dem Himmel, der vor Gott an der Stellung derer teilnahm, die allen Ansprüchen entsagten und sich völlig auf das warfen, was Gott in Seiner Gunst den Menschen gegenüber war.

Wenn im Menschen für Gott nichts da war, so war in Gott alles für den Menschen da, und wenn die Menschen das erkennen, so werden sie zu Gegenständen des Wohlgefallens Gottes. Jesus wurde hier öffentlich als der geliebte Sohn, an welchem Gott sein Wohlgefallen gefunden hatte, anerkannt.

Als Mensch entnahm Er alles Gott, Sein ganzes Wesen war Gott entnommen, und moralisch hatte Er immer von dem, was Gott Ihm war, gelebt; Er war der geliebte Sohn, und die Wonne Gottes war an Ihm.

In der Person Jesu wird der Mensch am Platze der Sohnschaft als dem Ruheplatz des Geistes gesehen, und das ganze Begehren des Herzens Gottes war überschwenglich in Demjenigen befriedigt, der zu Ihm aufschaute, um alles das zu empfangen, was es der göttlichen Gunst wohlgefiel, dem Menschen zu schenken.

Wenn wir diesen Reichtum und die Glückseligkeit dieser Gunst erlangen sollten, so hing das vom Vollbringen des Erlösungswerkes, von der Verherrlichung Jesu und der Gabe des Geistes ab; es wird hier aber in Jesu als Vorbild dargestellt.

Er empfing alles von Gott: „Die Meßschnüre sind mir gefallen an lieblichen Orten; ja, ein schönes Erbteil ist mir geworden.“ – „Jehova ist das Teil meines Erbes und meines Bechers; du erhältst mein Los.“ Als der abhängige Mensch empfing Er alles, was es Gott wohlgefiel, dem Menschen als dem vollen Ausdruck Seiner Gunst zu schenken.

Die Sohnschaft war zur Wonne Gottes vorhanden; der Mensch, der in der Person Seines geliebten Sohnes Sich der höchsten Gunst und Glückseligkeit bei Gott erfreute, wird hier als mit den Bußfertigen einsgemacht gesehen, mit solchen, die durch unendliche Gnade zu Seinen Miterben werden sollten.

Alle diese dreißig Jahre hindurch war Er die Wonne Gottes gewesen; Er war immer in völliger Abhängigkeit von Gott gewesen, und die einsichtsvolle und liebevolle Antwort des geliebten Sohnes Gottes war immer vorhanden gewesen.

Die himmlischen Heerscharen hatten aber gesagt: „An den Menschen ein Wohlgefallen.“ Alles, was in Jesu als Vorbild dargestellt wurde, wird zum Wohlgefallen Gottes in „vielen Söhnen“ zustande gebracht.

Das Wohlgefallen, das Gott an Jesu fand, wird Er an jedem Weizenkorn, das in die Scheune kommt, finden. Dies wird nach sehr einfachen Richtlinien erreicht; wenn wir den Platz einnehmen, daß wir gar keine Ansprüche haben, handelt es sich bloß um die Frage: Was ist die Gunst Gottes dem Menschen gegenüber?

Wenn wir den Platz einnehmen, daß wir einige Ansprüche besitzen, können wir nicht ausschließlich aus der reinen Gnade allein empfangen. Nach dieser Richtschnur hat Gott gar keine Gunst. Seine Gunst dem Menschen gegenüber beruht auf der reinen Gnade und hängt von Seinem Wesen ab.

Der höchste Gedanke der göttlichen Gunst für den Menschen ist die Sohnschaft. Gott hat das einem Menschen gesichert; das, was Er in dem Vorsatz Seiner Liebe von jeher gehegt hat, hat Er Sich in einem Menschen gesichert. Danach kann Er es Sich aber auch durch das Erlösungswerk in Millionen sichern.

Bei Markus und Lukas heißt es: „Du bist mein geliebter Sohn“, bei Matthäus aber: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“ Bei Matthäus ist die Salbung mehr amtlich – Gott lenkt die Aufmerksamkeit auf Ihn: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“ Wenn Er aber sagt: „Du bist mein geliebter Sohn“, so bringt Er Seine eigene Wonne an Ihm zum Ausdruck; das schließt das Versiegeln in sich.

„Der Heilige Geist in leiblicher Gestalt wie eine Taube stieg auf Ihn herab.“ Das scheint den auffallenden Gedanken darzustellen, daß der Geist Gottes, der dem Menschen Seinen Charakter verleiht, in Jesu spürbar zum Ausdruck gelangen sollte.

Wenn wir das Wesen des vom Geiste gekennzeichneten Menschen verstehen wollen, müssen wir Jesum anschauen; bei Ihm wurde das in leiblicher Gestalt zum Ausdruck gebracht.

Ich glaube, daß es hier das Geschlechtsregister der Maria ist; bei Matthäus ist es das gesetzmäßige Geschlechtsregister des Königs, das auf Joseph geht; hier aber, wie wir schon früher bemerkt haben, wird es bis auf Gott zurückgeführt.

Ich habe den Eindruck, daß jede der hier genannten Personen irgendwelche Wesenszüge von Gott besaß; es ist nicht ein dem gefallenen Menschen entnommenes Geschlechtsregister, sondern es ist Gott entnommen.

Der Herr kam als die Fülle alles dessen, was die Gnade Gottes im Laufe von 4000 Jahren erzeugt hatte. Er kam als der Höhepunkt, und die ganze Fülle war in Ihm da. Der Herr nahm nicht an dem gefallenen Menschengeschlecht teil, sondern an dem Menschen als Gegenstand der göttlichen Gnade.


Kapitel 4

Wir wissen alle ziemlich viel über den Menschen im Fleische, nicht nur aus der Schrift, sondern aus eigener Erfahrung und durch Beobachtung anderer; Gott will aber, daß wir die in Seinem geliebten Sohne, der hienieden in Menschengestalt völlig zu Seinem Wohlgefallen weilte, geoffenbarte Schönheit verstehen und schätzen sollten. Er kam auf jenen Platz im Blick auf den Gedanken Gottes, viele Söhne zum Wohlgefallen Seiner Liebe zu haben.

Gott wollte, daß es erwiesen werden sollte, daß ein Mensch, der voll Heiligen Geistes ist, „jeder Versuchung“ widerstehen kann. Lukas ist der einzige Evangelist, der vom Herrn sagt, daß Er voll Heiligen Geistes war; Lukas stellt Ihn als das Gefäß in Menschengestalt für den Heiligen Geist dar.

Mit einer Ausnahme ist Lukas der einzige der neutestamentlichen Schreiber, der darüber spricht, daß Menschen voll Heiligen Geistes sind. Die eine Ausnahme ist in Eph. 5, wo Paulus sagt: „Werdet mit dem Geiste erfüllt.“ Lukas aber redet wiederholt in der Apostelgeschichte darüber, daß die Jünger und Diener voll Heiligen Geistes waren. Diese Menschenart ist in Jesu als Vorbild dargestellt zu sehen.

In dieser heiligen Person war nichts Unpassendes; Er hatte es nicht nötig, passend gemacht zu werden. Wenn wir vom Heiligen Geiste erfüllt werden sollen, so ist es augenscheinlich, daß wir dafür passend gemacht werden müssen; das ist uns persönlich nicht eigen, wie es bei Ihm der Fall war.

Bei uns ist der passende Zustand, um den Geist zu empfangen, das Ergebnis davon, daß wir im Werte des Erlösungswerkes dastehen, und das wird durch das Wirken Gottes, welches uns durch viele Übungen hindurchführt, zustande gebracht. Christus war aber persönlich ein passendes Gefäß, um voll Heiligen Geistes zu sein.

Es ist ergreifend zu bemerken, daß Er in dem Augenblick mit dem Geiste versiegelt wurde, als Er Sich mit der bußfertigen Schar einsmachte; das zeigt die Gott wohlgefällige Gesinnungsart.

In Kap. 3 wird Er als persönlich Gott wohlgefällig gesehen, und das schloß Seine Versiegelung in sich, es war eine persönliche Angelegenheit; in Kap. 4 ist Er aber der gesalbte Diener. Das, was Er persönlich ist, überragt moralisch Seine amtliche Stellung und geht dem voraus.

Was uns anlangt, so ist es gut, über das, was wir persönlich und geistlich sind, in Übung zu sein, mehr als darüber, was wir öffentlich sein könnten; man könnte dazu befähigt sein, dem Herrn auf irgendeine Weise zu dienen, aber es ist etwas Größeres, bewußt in der Sohnschaft zum Wohlgefallen Gottes vor Ihm zu stehen.

Im Herrn Jesu wird hier gezeigt, daß Er geistlich in voller Reife passend war. Lukas stellt eine wunderbare Entwicklung in Ihm dar; er führt den Herrn als Kindlein ein, und er lenkt unsere Aufmerksamkeit in einer auffallenden Weise auf Sein Wachstum, auf Sein Erlangen der vollen Reife.

Ich habe das mit dem Worte des Herrn verglichen: „Zuerst Gras, dann eine Ähre, dann voller Weizen in der Ähre“ (Mark. 4, 28). In dem kleinen Kindlein, auf dem die Gnade Gottes war (Luk. 2, 40), sehen wir den „Grashalm“; mit zwölf Jahren sehen wir die „Ähre“ – die Dinge nahmen eine bestimmte und einsichtsvolle Form vor Gott an; dann, mit dreißig Jahren, sehen wir den „vollen Weizen in der Ähre“ – alles war zur Reife gelangt.

Da fehlte kein einziges Element von dem, was im Menschen Gott wohlgefällig sein konnte. Auf diese Weise erscheint Er vor unseren Blicken als das unvergleichliche Gefäß voll Heiligen Geistes.

Mit dem Herrn erschien ein ganz anderer Charakter der Dinge. Wenn wir den Charakter des Menschen als abhängig und voll Heiligen Geistes erkennen wollen, müssen wir Jesum betrachten.

In bezug auf die Versuchung muß man sich merken, daß Er durch den Geist in der Wüste umhergeführt wurde, um versucht zu werden; der Geist gab die erste Anregung, nicht der Teufel.

Es war nötig, daß das Wesen des Menschen, der abhängig und voll Heiligen Geistes ist, in Gegenwart der ganzen Macht und Hinterlist des Teufels offenbar werden sollte. Es war nicht eine Prüfung des Menschen, der unabhängig von Gott ist; dieses Prüfen war viertausend Jahre lang vor sich gegangen, und jeden Augenblick hatte der unabhängige Mensch seine Unzulänglichkeit erwiesen; Gott wollte aber, daß es sich erweise, daß der abhängige Mensch, der voll Heiligen Geistes ist, imstande war, der ganzen Macht des Bösen zu widerstehen.

Es ist für uns etwas Großes, das zu verstehen; es ist Gott wohlgefällig, wenn wir die Vollkommenheit Jesu betrachten und Ihn als das Vorbild dessen anschauen, was der Mensch als abhängig und voll Heiligen Geistes wirklich ist.

Die Wesenszüge, die sich hier zeigen, sind äußerst wichtig. Wir können sicher sein, daß der Teufel weniger wichtige Punkte nicht aufwerfen, sondern den Versuch machen würde, das anzugreifen, was Gott am kostbarsten und auch am wichtigsten war für das Leben des Menschen in bezug auf Gott.

Andererseits waren es genau diejenigen Wesenszüge, die der Absicht des Geistes Gottes gemäß ans Licht gebracht werden sollten. Gott will unsere Herzen mit den bestimmten Wesenszügen Christi, die sich in Ihm bei der Versuchung offenbarten, beschäftigen; das waren Wesenszüge, die sich für den Menschen in bezug auf Gott geziemen.

Wir sehen hier einen Menschen am Platze der menschlichen Verantwortlichkeit, und Er füllte diesen Platz mit gänzlicher Vollkommenheit aus. In Ihm sehen wir einen Menschen am Platze der Verantwortlichkeit ohne jede Unzulänglichkeit, ohne jede Unvollkommenheit, und Er war durch Abhängigkeit und die Anwesenheit des Geistes gekennzeichnet.

Es ist der Gedanke Gottes, den Menschen in seiner Verantwortlichkeit nach dem Vorbilde Jesu zu haben; es ist der eigentliche Charakter der Söhne Gottes. Als Christ lerne ich, was mein Vorrecht als unter Verantwortlichkeit stehend ist, nicht vom Menschen nach dem Fleische, sondern von Christo.

Er kam an den Platz der menschlichen Verantwortung und Er hat ihn in gänzlicher Vollkommenheit ausgefüllt; Er hatte gar keine Kraft und keine Hilfsquellen in Sich Selbst – darin liegt das Wunder -, sondern Er vertraute auf Gott. Er füllte diesen Platz als der abhängige Mensch aus, indem Er die ganze Kraft und Unterstützung dem Gott, dem Er vertraute, entnahm.

Er hat Seiner Verantwortlichkeit in genau derselben Weise entsprochen, wie wir das Vorrecht haben es zu tun. Wenn ich immer abhängig und voll Heiligen Geistes wäre, würde ich immer meiner Verantwortlichkeit zum Wohlgefallen Gottes entsprechen.

Es ist Einer hier auf Erden als Mensch gewesen, der von jedem Worte Gottes lebte und jeden Augenblick und bei jedem Schritt von Gott abhängig war, und alles an Ihm diente zum Wohlgefallen Gottes.

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß in Christo viel mehr vorhanden war als bloß erfüllte Verantwortlichkeit, denn in Ihm war die vollkommene Darstellung der Gunst und Liebe Gottes dem Menschen gegenüber; wir reden aber im Augenblick über das, was durch die Versuchungen des Teufels geprüft und ans Licht gebracht wurde.

Als Ergebnis der Versuchungen kam die Tatsache ans Licht, daß es einen Menschen hier auf Erden gab, in dem das Verhältnis des Menschen zu Gott in völlig richtiger Weise zu sehen war, und es war so sichergestellt, daß die ganze Macht des Teufels das, was in Jesu für den Menschen geordnet war, nicht stören konnte.

Zweifellos wußte der Teufel, daß Er vom Himmel aus als der geliebte Sohn Gottes begrüßt worden war; es war aber dem Teufel moralisch unmöglich, die Person, die er versuchte, zu kennen. Wie könnte ein böses Wesen eine gänzlich wahre und heilige und gute Person verstehen? Wenn der Teufel Ihn moralisch erkannt hätte, hätte er Ihn niemals versucht; er hätte gewußt, daß es ganz zwecklos war, Ihm solche Dinge zu bieten.

Gott ließ aber die Versuchung zu, und es geschah unter der Führung des Heiligen Geistes, daß Jesus in sie hineinging, auf daß der wahre Charakter des abhängigen und von Heiligem Geiste erfüllten Menschen offenbar werde, und damit man sehen könnte, daß solch ein Mensch Sein Verhältnis mit Gott unbeeinträchtigt bewahren konnte.

In der Person Seines geliebten Sohnes hat Gott etwas in diese Welt eingeführt, was in Gegenwart der ganzen Macht des Bösen unveränderlich bleibt. Da war eine Vollkommenheit vorhanden, die die Teufel nicht berühren konnten, um sie in irgend einer Weise zu verderben.

Erstens war es wichtig, anschaulich zu beweisen, wie der Mensch in bezug auf Gott lebt. Die erste Versuchung brachte das ans Licht; der Mensch lebt „von jedem Worte Gottes“. Er lebt von dem, was es Gott wohlgefällt, ihm mitzuteilen.

Das war die große Belehrung, die Gott Israel in der Wüste einprägen wollte. „Er ließ dich hungern und speiste dich mit Man…um dir kundzutun, daß der Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern daß der Mensch von allem lebt, was aus dem Munde Jehovas hervorgeht.“

Durch das Empfangen von Mitteilungen von Gott lebt der Mensch; es gibt für den Menschen, was seinen Geist angeht, der ja der eigentliche Mensch ist, kein anderes Leben; er kann von keinen äußeren Hilfsquellen leben.

Der Natur nach wenden wir uns alle etwas anderem zu, doch schlägt das fehl. Wir denken, es würde uns befriedigen, dieses oder jenes zu tun, was wir uns selbst vorgenommen haben, doch auf dieser Richtlinie kommt es zu Demütigung und Hunger. Wie wir im Buche des Predigers sehen, wird das Begehren des Geistes des Menschen durch solche Dinge nicht gestillt.

Wir entwerfen Pläne, und wenn Gott es erlaubt, bringen wir unser Vorhaben zur Vollendung; wir finden aber, daß es auf dieser Richtlinie gar kein Leben gibt; wir können aus Steinen kein Brot gewinnen, aber Mitteilungen von Gott befähigen den Menschen, zu leben.

Alle die Übungen in der Wüste waren dazu bestimmt, den Kindern Israel diese Belehrung beizubringen, und auch wir müssen sie beherzigen. Stoffliche Dinge, die wir auf eine natürliche Weise bekommen können, bringen unserem Geiste kein Leben in bezug auf Gott.

Einige der Psalmen sind sehr kostbar, weil sie zeigen, wie hoch Menschen die Mitteilungen von Gott geschätzt haben. Menschen, die den Geist Christi hatten, schätzten Mitteilungen von Gott ungemein hoch ein. Die Psalmen 19 und 119 sind feine Unterweisungen in bezug auf die Kostbarkeit „jedes Wortes Gottes“.

Im Laufe von ungefähr dreißig Jahren hatte Jesus Selbst von den Worten Gottes gelebt und jedes Wort nach und nach als Licht und Stütze in Anwendung auf die Umstände, in welchen Er Sich damals befand, empfangen. „Jedes Wort Gottes“ hatte Er Sich zu eigen gemacht — nicht nur die Mitteilungen Gottes im allgemeinen, sondern auch in allen Einzelheiten.

„Jeden Morgen“ wurde Sein Ohr geweckt, damit Er hören möchte gleich solchen, die belehrt werden (Jes. 50, 4). Er gab jedem Worte Gottes Seinen Platz, und Er lebte von der Glückseligkeit dessen, was Ihm von Gott mitgeteilt wurde.

Er wollte nicht auf das Anstiften des Versuchers hin Steine zu Brot machen, denn Er lebte in der Kraft einer Nahrung anderer Art. Ich denke, wir haben alle erlebt, wie ein Wort, das uns vielleicht in Bedrängnis oder in prüfenden Umständen erreichte, alles verändert hat. Nicht, daß etwas äußerlich verändert wäre; die Umstände blieben alle dieselben, aber ein Wort von Gott war in unsere Seelen eingedrungen, so daß wir in der Glückseligkeit davon lebten.

Das ist kostbarer, als wenn alle Hilfsquellen der Welt uns zur Verfügung ständen. Der Mangel an Hilfsquellen mag manchmal prüfend sein und uns auf Gott werfen, es ist aber eine noch größere Prüfung, im Überfluß zu leben und die Möglichkeit zu haben, jeden Herzenswunsch zu erfüllen, und in solch einer Umgebung fähig zu sein, von jedem Worte Gottes zu leben. Das ist die wahre Glückseligkeit eines Heiligen.

Ich habe Menschen gekannt, die in bezug auf diese Welt große Hilfsquellen besaßen, die aber betreffs des Lebens ihres Geistes nicht in diesen Hilfsquellen lebten, sondern von Mitteilungen, die ihnen von Gott gegeben wurden.

„Jedes Wort Gottes“ umschließt alle Seine Mitteilungen. Wir erlangen die Erkenntnis Gottes dadurch, daß wir Seinen Mitteilungen zuhören. Der erste Atemzug des Lebens in der Seele des Menschen ist der Augenblick, wenn er eine Mitteilung von Gott empfängt. Das gibt ihm etwas, was natürliche Hilfsquellen ihm nimmer geben könnten.

Er erfährt die kostbaren Gedanken Gottes in bezug auf sich, und er lebt von ihnen. Hier geht es natürlich nicht um die Verleihung des Lebens, sondern um seine Erhaltung. Unsere Seelen haben es nötig, am Leben erhalten zu werden (Ps. 66, 9).

Der Brauch, frühmorgens einige Verse zu lesen, ist eine gute Stütze für den Tag, es ist wunderbar, wie oft man in dieser regelmäßigen Wortbetrachtung gerade das bekommt, was für den betreffenden Tag nötig ist. Wir werden uns dessen bewußt, daß dies das Wort Gottes für uns zu dieser Zeit ist.

Wenn wir es nicht bekommen, so ist es sehr wahrscheinlich, daß wir vor Tagesschluß versuchen werden, irgendeinen Stein zu Brot zu machen.

Die zweite Versuchung bringt den großen und gesegneten Gegenstand des Dienstes und der Anbetung Gottes ans Licht, und diese können nur von solchen Menschen getan werden, die erkannt haben, daß man von Mitteilungen von Gott lebt. Gott ist bereit, jeden Tag zu uns zu reden; das lehrt Er uns durch das Manna.

Er zeigt, daß Er jeden Tag für Sein Volk sorgt; Er gab nicht einen Vorrat für die ganze Woche, sondern einen täglichen Vorrat. Der Herr Selbst als Mensch hienieden wußte, was es bedeutet, von jedem Worte Gottes zu leben, und wir haben den Bericht darüber, daß Er jeden Morgen Mitteilungen empfing. Jehova öffnete Sein Ohr, damit Er hörte gleich solchen, die belehrt werden (Jes. 50); es ist eigentlich das Wort „Jünger“; Er war der wahre Jünger.

Sein Geist wurde nicht durch äußere Umstände oder Ermutigungen bewahrt, sondern durch jedes Wort Gottes. Wenn Er sagen konnte, daß Sein Ohr geweckt wurde, so können wir daraus sehen, daß wir von Gott abhängig sein müssen, damit Er unsere Ohren weckt und jeden Morgen zu uns redet. Er ist durchaus bereit, dies zu tun.

Er unterließ es niemals, das Manna zu geben. Er drohte kein einziges Mal, den Zufluß von Manna zu sperren, obwohl sie ungehorsam waren, sich empörten, Götzen dienten und ihre Herzen sich nach Ägypten zurückwandten.

Das Manna war ein besonderes Zeichen der Treue Gottes; es wurde niemals eingestellt, wie schlecht ihr Verhalten auch gewesen sein mochte. Wir haben es nötig, sehr in Übung darüber zu sein, daß wir am Leben erhalten werden, denn Gott ist ein lebendiger Gott, und Er will ein lebendiges Volk haben – ein Volk, das jeden Tag von neuen Mitteilungen lebt.

Der Herr Jesus hatte jeden Morgen neue Mitteilungen, deswegen war Er zum Dienst befähigt; Er wußte den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er sagte zu den Jüngern: „Alles, was ich von meinem Vater gehört, habe ich euch kundgetan.“ Er empfing Mitteilungen und gab sie weiter.

Wenn ich etwas von Gott empfangen habe, werde ich auch etwas zum Weitergeben haben, und andere werden davon Nutzen haben. Der ganze Umfang des Ehrgeizes des von Gott abgefallenen Menschen ist in der Gewalt und Herrlichkeit der Weltreiche zu finden, und das ist auch die Grenze dessen, was der Teufel geben kann.

Er kann nichts jenseits des Todes geben, nichts für die Ewigkeit, aber die Gewalt und Herrlichkeit in dem gegenwärtigen, bewohnten Erdkreis kann von ihm verliehen werden. Er schlug Jesu vor, sie Ihm zu geben, wenn Er bloß vor ihm anbeten würde.

Dies bringt den schrecklichen Preis ans Licht, für den die gegenwärtige Herrlichkeit dieser Welt erworben werden kann. Sie zu begehren bedeutet eigentlich, sich vor einer Gott feindlichen Macht niederzubeugen.

Aber der Sohn Gottes, der gepriesene abhängige Mensch voll Heiligen Geistes, ging völlig in Gott auf und in dem, was Ihm gebührte. Einer, der Gott anbetet, wird nicht durch eine Gewalt und Herrlichkeit angezogen werden, die der Teufel geben kann. Er hat eine Gewalt und Herrlichkeit von einer anderen Art vor sich.

„Gott, du bist mein Gott! frühe suche ich dich. Es dürstet nach dir meine Seele… gleichwie ich dich angeschaut habe im Heiligtum – um deine Macht und deine Herrlichkeit zu sehen“ (Ps. 63, 1. 2).

Es ist auffallend, daß die Anbetung und der Dienst Gottes im Gegensatz zu dem Bestreben steht, die Gewalt und die Herrlichkeit dieser Welt zu besitzen. Wenn wir von dem leben, was Gott zu uns sagt, so ist das im Hinblick darauf, daß wir in einer priesterlichen Weise dienen und anbeten sollten.

Die Söhne Gottes sind auch Priester und üben heiligen Dienst vor Gott in Seinem Hause aus. Wenn wir im Ausstrahlen der Liebe und der Wonne Gottes leben, so ist das, was sich aus dem Herzen ergießt, von einer anbetungsvollen Gesinnung durchdrungen.

Gott hat jetzt ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum. Von Zacharias wird in diesem Evangelium gesagt, daß er den priesterlichen Dienst vor Gott erfüllte. Diejenigen, welche das tun, finden keine Anziehungskraft für eine Macht und Herrlichkeit, die der Teufel verleihen kann.

Das ganze Haus Gottes ist ein herrlicher Ort; da ist eine Macht und Herrlichkeit vorhanden, welche alles, was in der Welt ist, in den Schatten stellt.

Die Versuchungen stehen in einem Rahmen, der dem 5. Buche Mose entspricht, denn jede der vom Herrn angeführten Schriftstellen ist aus diesem Buche, und im 5. Buche Mose wird ein großer Platz dem Orte eingeräumt, den Jehova erwählt, Seinen Namen daselbst wohnen zu lassen, und wo man Ihm dienen und Ihn anbeten soll.

Unsere Aufmerksamkeit wird dadurch auf die Pracht dessen gelenkt, was Er auf Erden aufrichten will, und zwar im Gegensatz zu allem, was nach der Einschätzung der gefallenen Menschen Macht und Herrlichkeit besitzt.

Ich zweifle nicht daran, daß der Tempel Salomos der prächtigste Bau war, der jemals auf Erden gestanden hat; er war „groß und wunderbar“; es war aber nur ein Vorbild, ein Schatten; wir aber haben es mit dem eigentlichen Tempel zu tun.

Das Haus Gottes, wie es augenblicklich auf Erden ist, überragt den Tempel Salomos in geistlicher Hinsicht um vieles, und wir brauchen nicht nach Jerusalem zu gehen, um es zu finden.

Der Teufel redet nicht zum Herrn über das, was Menschen die bösen Dinge in der Welt nennen würden, sondern über die Reiche dieser Welt mit ihrer Macht und Herrlichkeit; er erhebt Anspruch auf sie als ihm übergeben, und der Herr bestreitet nicht seinen Anspruch.

In dieser Welt, welche der Teufel sein eigen nennen kann, mögen Gewalt und Herrlichkeit vorhanden sein und alles, was den Ehrgeiz, die Eitelkeit und den Stolz des Menschen befriedigen kann, aber das, was Gott gebührt, kann dort nicht gefunden werden.

Im Hause Gottes ist aber alles, was Seinem Wohlgefallen dient; es ist ein geistliches Haus, und die Schlachtopfer, die darin dargebracht werden, sind geistliche Opfer, und sie sind Gott wohlannehmmlich durch Jesum Christum.

Es gibt zwei große Systeme: das System der Welt, wo der Mensch ohne Gott mit Gewalt und Herrlichkeit angetan ist, und ein anderes System, wo eingesehen wird, daß alle Gewalt und Herrlichkeit Gott gehören und wo Ihm gedient und Er angebetet wird. In welchem System leben wir?

Das Haus Gottes ist die Versammlung des lebendigen Gottes, und es wird aus lebendigen Steinen erbaut, und dort wird Gott gedient, und Er wird angebetet. Als das Haus erbaut wurde, kam die Herrlichkeit hernieder und erfüllte es.

Ich glaube, dies ist moralisch immer wahr: die Herrlichkeit Gottes erfüllt Sein Haus. Die Macht und Herrlichkeit Gottes so zu sehen, wie sie im Heiligtum gekannt werden, erlöst uns vom System dieser Welt.

Der Gedanke am Ende von Eph. 2 ist sehr schön: „Der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.“ Die endgültige Vollendung ist noch nicht erreicht, aber die Züge, die dem heiligen Tempel eigen sind, nehmen die ganze Zeit hindurch zu. Das ist nicht der Fall, wenn wir den Himmel erreichen, denn es ist „im Herrn“ und bezieht sich auf die Zeit, wo wir hienieden unter Verantwortlichkeit sind.

Die Heiligen sollten jetzt etwas mehr das Gepräge des heiligen Tempels tragen als vor fünf Jahren. Wir werden nicht von der Welt dadurch befreit, daß wir einigen Dingen entsagen, sondern dadurch, daß wir uns der moralischen Größe eines Gebietes bewußt sind, wo alles geistlich ist, wo das ganze Licht Gottes sich befindet und wo Ihm gedient und Er angebetet wird.

Das große Anliegen Israels war, zu dem Ort hinaufzugehen, den Jehova erwählt hatte, um Seinen Namen dort wohnen zu lassen; sie mußten das immer im Sinn behalten; und unser wichtigstes Anliegen ist es, mit dem Dienst und der Anbetung Gottes in Seinem Hause beschäftigt zu sein, dieses Haus ist ein guter Ort für Menschen, es wird uns aber in der Schrift hauptsächlich als ein Ort für Gott gezeigt, wo es etwas Wohlannehmliches für Ihn gibt — „geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum“.

Der Teufel hatte es vor, die Gewalt und Herrlichkeit der Weltreiche dem Sohne Gottes zu geben, wenn Er vor ihm anbeten würde; der Besitz von solcher Gewalt und Herrlichkeit erfordert ein gewisses Maß Teufelshuldigung. Das ist eine sehr ernste Überlegung.

Der Teufel sagte: „Mir ist sie übergeben“; das ist wahr, aber es ist nicht rechtmäßig, sondern besteht als Tatsache infolge der Lüste der Menschen. Die Lüste der Menschen haben dem Teufel Gewalt verliehen, denn er kann solche Lüste gebrauchen.

Die Gewalt und Herrlichkeit der Welt sind der große Preis des heillosen Ehrgeizes des Menschen geworden, weil sie jedem verdorbenen Begehren im Herzen des Menschen, der Gott nicht kennt, entsprechen.

Wie glückselig es ist, ein anderes System zu kennen, wo alles aus Gott ist, ein System, das mit der ganzen Vollkommenheit

 und Glückseligkeit Christi erfüllt ist - die Frucht Seines Werkes, und wo alles durch die Gegenwart des Geistes aufrechterhalten wird!

Es gibt ein System, wo Gott und Christus und der Geist die Quelle von allem sind, und in diesem System werden Gott Dienst und Anbetung dargebracht; in dieser Welt wird Ihm nicht gedient, noch wird Er dort angebetet.

Lukas setzt die Versuchungen in ihre moralische Reihenfolge; Matthäus gibt die geschichtliche Reihenfolge. Das, was Lukas als die zweite Versuchung darstellt, war nach Matthäus die letzte in der geschichtlichen Reihenfolge; als der Herr sagte: „Geh hinweg, Satan!“ war dies das Ende; danach sagte der Teufel nichts mehr.

Lukas stellt aber die Versuchungen in ihrer moralischen Reihenfolge dar, denn er schreibt der Reihe nach (Luk. 1, 3), und er schildert die Versuchungen in einer anwachsenden Schwere.

Zuerst kommt die Versuchung, Steine zu Brot zu machen, dann das Angebot des Teufels, die Gewalt und Herrlichkeit der Reiche der Welt zu geben, und dann zum Schluß bringt er das, was man die geistliche Versuchung nennen könnte.

Der Teufel ist der Verkläger; er verleumdet Gott den Menschen gegenüber, und er verklagt die Heiligen Gott gegenüber. Satan heißt der Widersacher, er ist derjenige, der sich in jedem Punkte Gott entschieden widersetzt.

Ich glaube nicht, daß irgend eine andere Familie dasselbe Vorrecht zu dienen und anzubeten haben wird, wie wir es haben. Jetzt wird Preis und Anbetung von denen dargebracht, die im Heiligtum gewesen sind; das wird im Tausendjährigen Reiche nicht so sein.

Es ist dem Herrn eine Freude, wenn wir im Einklang mit Ihm preisen; die große Wonne Seines Herzens ist es, daß wir Seinen Gott und Seinen Vater kennen möchten, damit wir Ihn anbeten und Ihm dienen, und wenn Er uns bis zu diesem Punkte gebracht hat, ist das Seine höchste Befriedigung.

Wenn es dem Herrn wohlgefiel, Sich mit einigen armen Sündern, die bußfertig waren, einszumachen, wenn sie in Seinen Augen die Herrlichen der Erde waren, von denen Er sagen konnte, an ihnen wäre alle Seine Lust - was hat Er dann an denen für eine Lust, die von Ihm die Erkenntnis Seines Gottes und Vaters empfangen haben und die im Genuß der Gnade und Glückseligkeit leben, die Er ihnen gebracht hat! Was für eine unbeschreibliche Lust hat Er an solch einer Schar! Er sagt von ihnen, sie wären nicht von der Welt; sie gehören zu dem geistlichen System, das gänzlich außerhalb der Welt liegt.

Die dritte Versuchung war listiger als die beiden ersten, weil sie auf einer göttlichen Verheißung begründet war; es war der Vorschlag, der Herr sollte Sich eine Verheißung zunutze machen, die Ihn öffentlich als den Gegenstand der göttlichen Fürsorge darstellen würde. Der Teufel schlug vor, Gott auf die Probe zu stellen, ob Er Seinem Worte treu sein würde oder nicht.

Das zu tun, wäre ein Beweis für den Mangel an Vertrauen auf Gott gewesen; es hätte bedeutet, Gott zu versuchen, wie das Volk es tat, als sie sagten: „Ist Jehova unter uns oder nicht?“ Der Herr antwortete darauf mit der Schriftstelle, die dieses zu tun verboten hat.

Wir sehen daraus, daß Satan sich in den Schriften auskennt; er wußte, daß Jesus der Sohn Gottes und der Messias war, und er kannte die Schriftstellen, die sich auf den Messias beziehen, und er führte eine solche an. Ich nehme an, daß der Teufel die Bibel besser kennt als irgend einer von uns, und er führt sie oft für seine eigenen Zwecke an.

Er führte aber vorsorglich nur soviel an, wie es seinem Zwecke entsprach; gleich darauf folgte ein Vers: „Auf Löwen und Ottern wirst du treten, junge Löwen und Schlangen wirst du niedertreten.“ Das führte er nicht an!

Nun wird die Frage aufgeworfen, ob ein abhängiger und vom Geiste erfüllter Mensch noch äußere Beweise dafür braucht, daß Gott für ihn sorgt. Der Herr Jesus hatte ein Heim; der eben angeführte Psalm sagt: „Wer im Schirme (am verborgenen Orte) des Höchsten sitzt, wird bleiben im Schatten des Allmächtigen.“

Einer, der am verborgenen Orte wohnt – man könnte geradezu sagen im Schoße Gottes -, braucht keinen Umstand, kein Zeichen und kein Wunder, um ihn dessen zu versichern, daß Gott ihn liebt und für ihn sorgt.

In Vers 4 dieses Psalmes heißt es: „Mit seinen Fittichen wird er dich decken, und du wirst Zuflucht finden unter seinen Flügeln.“ Nichts könnte rührender sein, als daß der gepriesene Gott Sich mit einem Vogel vergleicht, der seine Jungen liebreich pflegt; Er redet von dem Messias, den Er mit Seinen Fittichen deckt.

Nichts konnte inniger oder trauter sein. Er war unter der Wärme der hegenden und liebenden Pflege Gottes, und Er brauchte kein äußeres Zeichen dafür. Vers 9 dieses Psalmes zeigt die Zustände, in welchen Er lebte: „Weil du Jehova, meine Zuflucht, den Höchsten gesetzt hast zu deiner Wohnung.“

Das ist das Vorrecht des Heiligen. Der abhängige Mensch, der voll Heiligen Geistes war, genoß die Liebe Gottes in der innigsten Weise; Er lebte darin. Es ist gesagt worden, daß wir in der Welt nicht leben können, und wir leben noch nicht im Himmel; der einzige Ort, wo wir leben können, ist die Liebe Gottes.

Wenn wir fortwährend in der erkannten Liebe irgend einer Person leben, denken wir nicht daran, diese Liebe auf die Probe zu stellen; das zu tun wäre ein Beweis des Mißtrauens. Ebenso ist es auch mit Gott; wenn wir Ihn auf die Probe stellen müssen, ob Er uns liebt und für uns sorgt oder nicht, so ist das ein Beweis des Unglaubens und des Mißtrauens.

Der Apostel sagt: „Wir rühmen uns auch der Trübsale… denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist.“ Dies ist das Geheimnis.

Ich erkenne nicht die Liebe Gottes durch äußere Umstände; Er könnte es zulassen, daß ich schwer zu leiden hätte. Viele unserer Geschwister haben sehr schwer zu leiden; ihre äußeren Umstände scheinen nicht davon zu zeugen, daß Gott sie liebt, wir erkennen aber die Liebe Gottes durch die Tatsache, daß Christus für uns gestorben ist, und der Geist Gottes gießt diese Liebe in unsere Herzen aus.

Wir haben ein Geheimnis; dieser Psalm spricht vom „Schirm (dem geheimen Ort) des Höchsten“. Die Liebe Gottes ist ein glückseliges Geheimnis und ist nur denen bekannt, die in das Licht des Todes Christi kommen. Als Christen schätzen wir dieses wunderbare Geheimnis.

Wir erkennen die Liebe Gottes auf zweierlei Art: durch ihren Ausdruck im Tode Seines Sohnes, und dadurch, daß der Geist sie in unsere Herzen ausgießt. Das ist wahrhaftig „der geheime Ort“, und wenn wir dort wohnen, brauchen wir kein Zeichen.

Es ist ein lieblicher Gedanke, daß Gott einen geheimen Platz im Herzen eines Menschen hat, wo Seine Liebe erkannt worden ist; wir aber haben einen geheimen Platz im Herzen Gottes: „Weil er Wonne an mir hat“ (weil Er an mir hängt).

Es war ein glückseliger Mensch auf Erden, der an Gott Seine Wonne hatte, und dies ist auch unser Vorrecht. Dann werden wir gar nicht daran denken, irgendein äußeres Zeichen Seiner Liebe zu brauchen; wir haben es insgeheim in unseren Herzen durch den Heiligen Geist.

Sogar Hiob konnte sagen: „Tötete er mich, ich werde auf ihn warten“ (hoffen). Er hatte die Wurzel dieser Sache in sich. Manchmal gefällt es Gott wohl, Seine Kinder in sehr prüfenden Umständen und in großem Leid zu lassen; Er scheint nicht ins Mittel zu treten.

Ich habe viele Heiligen gekannt, die nicht einmal wünschten, daß Er ins Mittel treten sollte. Sie waren so glücklich in Seiner wohlbekannten Liebe, daß sie nicht wünschten, daß Er ihre Umstände ändere; sie wollten kein äußeres Zeichen.

Das ist eine große Verherrlichung für Gott. Es ist ein großer Triumph für Gott, wenn es Ihm gelingt, einem Menschen, der sich in solchen Umständen befindet, das Bewußtsein Seiner Liebe nahezubringen.

Ich erinnere mich an eine alte Schwester, die fünfunddreißig Jahre lang nicht die vier Wände ihres kleinen Zimmers verlassen hatte, und als meine Mutter sie besuchte und etwas über die Liebe Gottes sagte, antwortete sie: „O, die Liebe Gottes, sie verschlingt mich ganz.“ Sie befand sich am geheimen Ort. Wir sollen das wertschätzen.

Manchmal singen wir: Der Herzen Zuflucht ist nun Deine Wohnung, des Himmels unumwölktes Paradeis. Das ist der verborgene Ort. Dann brauchen wir nicht die Liebe Gottes auf die Probe zu stellen.

Die Schrift sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“; dies bezog sich auf die Kinder Israels in der Wüste, als alles fehlschlug und sie kein Wasser zu trinken hatten. Die Dinge sahen sehr düster aus; sie waren in einer Wüste ohne Wasser, das war eine schreckliche Sache.

Sie sagten aber: „Ist Jehova unter uns oder nicht?“, und Gott vergaß das niemals; Er erinnerte sie mehrmals daran im Laufe ihrer Geschichte. Denkt daran, was Er alles für sie getan hatte: das Passahlamm, der Durchzug durch das Rote Meer, die Feuersäule bei Nacht und die Wolkensäule bei Tag, das Manna jeden Tag, und doch sagten sie: „Ist Jehova unter uns oder nicht?“

Was uns anbetrifft, so haben wir den Tod Seines Sohnes. „Christus ist für uns gestorben.“ Nichts in der Geschichte der Welt kann damit verglichen werden. Die Tatsache, daß der Teufel den Psalm 91 anführte, gebrauchte der Herr dazu, um die Aufmerksamkeit der Heiligen immerfort auf diesen Psalm zu lenken, der so schön das persönliche Verhältnis des Herrn Jesu als Mensch mit dem gepriesenen Gott ans Licht bringt, so daß dies ein Psalm ist, der eine eingehende und sorgfältige Erwägung verdient.

Es ist ein Gespräch; es sind mehrere Sprecher darin, aber er bringt das Verhältnis des Christus als Mensch mit Gott ans Licht. Es ist von der höchsten Wichtigkeit, daß wir verborgenen Umgang in unserem Geiste mit Gott pflegen, auf daß wir immerfort die erkannte Liebe Gottes schmecken und nicht warten, bis wir in eine Klemme geraten, um dann Befreiung bei Gott zu suchen und diese dann für einen Beweis Seiner Fürsorge und Liebe halten; wir leben besser die ganze Zeit über in der Lieblichkeit und Glückseligkeit der erkannten Liebe Gottes.

Röm. 8 sagt uns, daß uns nichts von der Liebe Gottes und der Liebe Christi zu scheiden vermag; dies sind Dinge, von deren Kostbarkeit uns nichts zu scheiden vermag. Warum sollten wir also eine Veränderung der Umstände herbeiwünschen, um uns dessen noch sicherer zu machen, daß Gott oder Christus uns liebt? Es gibt nichts Demütigenderes, als daran zu denken, was für Kleinigkeiten uns außer Fassung bringen können; das zeigt, wie wenig wir eigentlich in der Liebe Gottes leben.

Wir verbringen unsere Zeit damit, Gott darum zu bitten, unsere Umstände zu ändern, während wir unsere Zeit lieber dazu gebrauchen sollten, Ihm darum zu bitten, daß wir verändert werden sollten.

Jesus kehrte in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück; Er hatte die Prüfung in unverminderter Kraft überstanden. Zu Beginn war Er voll Heiligen Geistes, und Er war nicht ein bißchen weniger voll Heiligen Geistes, als Er zurückkehrte, um öffentlich Seinen kostbaren, gnadenreichen Dienst als der Gesalbte Gottes anzutreten.

Die ganze Gnade des Himmels wartete darauf, sich auf die Menschen zu ergießen, sie brauchte aber ein passendes Gefäß, worin sie sich offenbaren konnte. Die vollständige und vollkommene Antwort darauf war in Jesu vorhanden, in dem nichts war, was mit dem Himmel nicht übereinstimmte.

Der Himmel fand eine vollkommene Antwort hier auf Erden in einem Menschen, der vor dem Angesicht Gottes der geliebte Sohn war – der Gegenstand des Wohlgefallens Gottes – und vor dem Teufel war Er unantastbar. Das ist Derjenige, in dem die Gnade Gottes zu den Menschen gekommen ist – zu uns.

Es gefiel Gott wohl, daß das große Licht nicht in Judäa, sondern in Galiläa leuchten sollte, denn der Wert eines großen Lichtes wird am besten in der Finsternis erkannt. Es hieß im prophetischen Worte, daß ein großes Licht einem Volke leuchten würde, das in der Finsternis und im Todesschatten saß, und dieses Licht leuchtet immer noch für uns.

Es ist eine Person, die solch einen Charakter und so eine Befähigung besitzt, daß Sie imstande ist, die ganze Gnade des Himmels dem Menschen zu bringen.

Nun sehen wir Ihn voll Heiligen Geistes und mit göttlicher Autorität reden. Er redete in gänzlicher Gnade zu einem Volke, welches arm, gefangen und blind war. Er brachte die Botschaft der unermeßlichen Gnade denen, die sie nicht verdient hatten.

Alles, was wir im Herrn in Seinem Wandel hienieden kennenlernen, lebt in Ihm im Himmel, so daß unsere Herzen zum Himmel, in die Höhe gerichtet werden. Jeder einzelne in dieser Welt, der die Gnade Gottes kennt, hat sie bei Jesu kennengelernt. Er ist immer noch der gesalbte Prediger; menschliche Gefäße sind bloß Mundstücke, Jesus aber ist immer noch der gesalbte Prediger; und der Epheserbrief sagt uns, daß Er zu den Nationen gekommen ist, um den Fernen Frieden zu verkündigen. Er sagt dasselbe vom Himmel, was Er auf Erden gesagt hat.

Was wir zu tun haben, ist, dem Geiste Gottes zu erlauben, unsere Herzen mit dem Bewußtsein dessen, wer Jesus ist und was Er gebracht hat, zu erfüllen.

Die Tatsache, daß der Herr solch eine wunderbare göttliche Gunst den Menschen predigte, die sie nicht im geringsten schätzten, zeigt, daß sie ganz von Gottes Seite kommt, denn es scheint, daß kein einziger sich in Nazareth zum Herrn bekehrte.

Wir sehen diese Gnade in ihrer ganzen Oberhoheit, Majestät und Herrlichkeit, und sie leuchtet um so heller, weil sie in der Finsternis leuchtet. Nichts beeinflußte das Leuchten und die Predigt - die Gleichgültigkeit änderte die Predigt nicht um ein Tüpfelchen.

Er kam an einen Ort, von dem Er wußte, daß man Ihn nicht schätzen würde: „Wahrlich, ich sage euch, daß kein Prophet in seiner Vaterstadt angenehm ist.“

Jes. 61 war schon viele Male gelesen worden, aber niemals zuvor wurde es so wie an jenem Tage gelesen, denn es war mehr als ein Lesen der Schrift - es war eine Erfüllung der Schrift. Dann rollte der Herr das Buch zu; Er las nicht ein langes Stück - nur zwei Verse -, aber was für Bände waren in jenen zwei Versen enthalten!

Dann fügte Er etwas hinzu, was niemand zuvor hätte hinzufügen können: „Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt.“ Das war nicht von ungefähr; Er fand die Schriftstelle für jenen Tag; Er las nicht weiter.

Jesus stellt die Gnade des Himmels dar, und wenn wir wirklich bereit sind, Ihn wertzuschätzen, wird Er jedem von uns zum vornehmsten Gegenstand werden. Er sagte: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen und Blinden das Gesicht, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen das angenehme Jahr des Herrn.“

Sind wir nun arm und gefangen und blind, so werden wir Ihn schätzen; oder sind wir von selbstgerechtem Stolz erfüllt? Das ist die Probe, und wenn wir uns dessen bewußt werden, daß wir blind sind, und daß wir wirklich die gute Botschaft der Befreiung vom Himmel nötig haben, so ist das nicht länger ein schönes Bild zum Bewundern; es ist ein persönlicher Befreier, der das Herz fesselt und entzückt, so daß wir Ihm nachzufolgen willig werden, was es uns auch kosten mag.

Wenn der Herr gesalbt wurde, um gute Botschaft den Zerschlagenen zu predigen, so haben sidonische Witwen und syrische Aussätzige dasselbe Anrecht darauf wie andere.

Bei der Witwe aus Sarepta und bei Naaman war etwas, was zerschlagen werden mußte, damit jeder von ihnen den Reichtum der völlig unverdienten Gnade und Barmherzigkeit, die ihnen widerfahren waren, verstehen konnte.

Als der Herr Seine Zuhörerschaft über den wahren Zustand ihrer Herzen überführte, kam zum Vorschein, daß sie gar nicht arm, blind, zerschlagen und gefangen waren; sie waren gar nicht in dieser Gesinnung, denn sie führten ihn bis in den Rand des Berges, um Ihn hinabzustürzen.

Wir nehmen die Gnade nicht sehr bereitwillig auf; es ist sonderbar, wie wenig das Herz bereit ist, die reine Gnade zu erfassen.

Die Überführung von Sünde ist das Ergebnis des unumschränkten Wirkens Gottes; es ist ein göttliches Wirken, das wir nicht erklären können und das keine menschliche Macht zustandebringen kann.

In den Versen 33–41 sehen wir die Gnade in ihrer Anwendung. Der Zustand des Menschen ist derart, daß er für den Dienst nach Gott und nach dem Menschen hin gänzlich unfähig ist. Aber die gnadenreiche Macht von Jehovas Horn des Heils trat darin zutage, daß der unreine Dämon in der Synagoge seines Besitzes beraubt wurde, damit der Mensch in einem für die Heiligkeit Gottes und für den Dienst Gottes passenden Zustande sein möchte.

Dann war die Schwiegermutter des Simon infolge des Fiebers für den Dienst den Menschen gegenüber unfähig, und die Anwendung der Gnade auf sie setzte sie in völlige Freiheit für den Dienst den Menschen gegenüber: sie stand auf und diente ihnen.

Diese zwei Begebenheiten sind allgemein charakteristisch für das Lukasevangelium. Gott hat eine Person eingeführt, welche durch die Anwendung Seiner Gnade die Menschen von allem zu befreien imstande ist, was sie für den Dienst nach Gott und den Menschen hin unfähig machte.

Eine große Menge Menschen verlangt nach Befreiung; das Geheimnis davon liegt in einer Person, und diese Person steht uns völlig zur Verfügung. Die ganze in Ihm vorhandene Kraft steht uns in unseren moralischen Schwächen und Nöten ebenso zur Verfügung, wie sie den Menschen leiblich zur Verfügung stand, die in den Tagen Seines Fleisches mit Ihm in Berührung kamen.

Wir müssen zu den Evangelien zurückgreifen, wenn wir den Charakter der Person, von welcher die Briefe reden, erkennen wollen. Die Lehre wird in den Briefen entfaltet, den wesentlichen Inhalt müssen wir aber in den Evangelien suchen. Das Wesen und die Kraft der Befreiung liegen in der Person Christi.


Kapitel 5

Kapitel 4 endet mit einer Erwähnung des „Evangeliums vom Reiche Gottes“. Das Reich Gottes ist etwas ganz Neues; wir können im Alten Testament nur prophetisch davon lesen; an sich war es noch nicht da. Das Neue Testament beginnt mit dem Ausspruch, daß es nahe gekommen war.

Niemals gab es solch ein freudevolles Reich wie das Reich Gottes; sein Charakter wird durch den „neuen Wein“ dargestellt - ein Wein, der reichhaltiger und köstlicher als irgendein auf Erden bekannter Wein ist; es ist in der Tat „guter Wein“. Von den Männern zu Pfingsten wurde zum Spott gesagt: „Sie sind voll süßen Weines“, geistlich war das wirklich wahr; so manches wahre Wort wird zum Spott ausgesprochen.

Der Herr will, daß ein jeder von uns voll neuen Weins sein sollte. Er kam in diese Welt, um ihn zu sichern, und Luk. 5 zeigt, wie Er Gefäße sichert, die die kostbare Gnade, die Er vom Himmel herniedergebracht hat, enthalten sollen.

Das Kommen des Herrn in diesem Evangelium soll drei Dinge sichern: Herrlichkeit Gott in der Höhe, Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen. Das ist es, was Gott will, und um dies zu sichern, fing Er damit an, daß Er einen Menschen einführte, an welchem Er völliges Wohlgefallen gefunden hatte.

Das Wirken Gottes zielt darauf hin, uns in unseren Zuneigungen voll und ganz mit diesem Menschen zu verbinden, damit wir zu Gegenständen des Wohlgefallens Seines Herzens werden - damit Er an uns wie an Christo Wohlgefallen haben möchte.

In Kap. 4 haben wir ein wunderbares Gefäß, welches fähig ist, die ganze Gnade des Himmels den Menschen in dieser Welt zu bringen - die ganze Gnade des Herzens Gottes.

In Kap. 5 wird uns eine Anzahl Gefäße vor Augen gestellt, die dazu tüchtig gemacht worden sind, neuen Wein zu enthalten - sie wurden alle aus dem einen wunderbaren Gefäß gefüllt. Das gibt uns einen wunderbaren Begriff des Reiches Gottes.

Am Anfang dieses Kapitels drängen sie auf Ihn an, um das Wort Gottes zu hören. Wir sehen aber, daß Predigen und Hören nicht genügen; es muß ein Werk Gottes in den Seelen der Menschen vorhanden sein, um die Gleichgestaltung der neuen Gefäße zustande zu bringen. Das ist es, was wir hier veranschaulicht sehen.

Der Herr predigte, und die Volksmenge hörte, aber außerdem wurde ein Werk Gottes in der Seele von Simon Petrus gewirkt - ein unumschränktes Wirken, welches zweifellos bildlich in der Anzahl der in Simons Netz gefangenen Fische dargestellt wird. Eine Bewegung unter der Oberfläche brachte alle diese Fische in Simons Netz.

Es war eine Bewegung des unumschränkten Willens Gottes, denn vorher waren keine Fische da; sie hatten sich die ganze Nacht hindurch bemüht und nichts gefangen.

Der Gedanke wird angedeutet, daß Gott in den Seelen der Menschen wirken muß, damit aus der Masse des Menschengeschlechts einiges für Sein Wohlgefallen herausgenommen wird. Der erste Grundsatz beim Gestalten eines neuen Gefäßes ist das Überführen von Sünde.

Es war eine neuartige Überführung von Sünde, die kein Sünder, der jemals in dieser Welt gelebt, vorher erlebt hatte. Kein Mensch wurde jemals zuvor in der Gegenwart Jesu der Sünde überführt, und das machte den ganzen Unterschied aus.

Er fiel zu den Knien Jesu nieder, weil außer der Überführung von Sünde eine mächtige Anziehungskraft da war. Das ist die Anziehungskraft, die die Menschen festhält; die Überführung von Sünde ist das Netz, in welchem Gott die Menschen fängt, es heißt aber: „Ihr Netz riß.“ Es konnte das Gefangene nicht halten.

Ihr „Netz“ stellt das dar, was ihnen bekannt war, nämlich das Gesetz und die Propheten, Das mochte die Menschen überführen, aber es konnte sie nicht für Gott festhalten; im Gesetz und in den Propheten war keine Anziehungskraft - ihnen war keine Kraft eigen, die Menschen für Gott zu halten - in Jesu ist aber eine Anziehungskraft, die die Menschen für Gott halten kann.

Das ist das Wesen der zum Christentum gehörenden Überführung von Sünde: die Menschen werden zutiefst von ihrer Sünde überführt, es kommt aber in ihre Seelen das Bewußtsein der wunderbaren Anziehungskraft, die in Jesu ist; das hält sie für Gott.

Die alten Geistlichen pflegten über den Unterschied zwischen gesetzlicher Buße und Buße durch das Evangelium zu reden, und das war ziemlich richtig.

Nehmen wir an, ein Mensch stände unter dem Berge Sinai, mit seinem Donner und Blitz, und hörte die schrecklichen Worte: „Stirb ohne Barmherzigkeit“ - dieser Mensch kann in seiner großen Angst von Sünde überführt werden; das ist aber nicht die Überführung von Sünde, die Gott heute den Menschen gibt.

Ein Mensch könnte sich dessen bewußt werden, daß er über dem Abgrund der Hölle steht und jeden Augenblick hinabstürzen kann - das ist aber nicht die Art der Überführung, die Gott heute den Menschen gibt.

Es gibt eine neuartige Überführung von Sünde, die zum Reiche Gottes gehört, zum neuen System der göttlichen Gnade. Kap. 4 ist Jesus der Prediger und der Befreier, in Kap. 5 ist Er aber der Bräutigam.

Am Ende von Kap. 5, wo die Pharisäer Ihn fragten, warum Seine Jünger aßen und tranken, während die Jünger des Johannes fasteten, antwortete Er: Der Bräutigam ist da, alles ist jetzt neu.

Sogar die Überführung von Sünde trug einen anderen Charakter; es war anders, als irgend jemand es zuvor erlebt hatte. Simon Petrus fiel nieder, aber er fiel zu den Knien Jesu nieder. Er war so nahe bei Ihm, wie er nur sein konnte; die Anziehungskraft war groß in seinem Herzen.

Das ist die Art der Überführung von Sünde, die Gott jetzt den Menschen gibt; sie fühlen, wie völlig unpassend sie für Jesum und für Gott sind, gleichzeitig werden sie aber von dem Bewußtsein erfüllt, wie außerordentlich gut Jesus zu ihnen paßt.

Das Lukasevangelium ist die göttliche Enthüllung der persönlichen Anziehungskraft Jesu, des himmlischen Bräutigams. „Die Mildtätigkeit des Menschen macht seinen Liebreiz aus“ (Spr. 19, 22, Engl. Übers. von J. N. Darby). Es gibt kein schönes Wort in der Schrift, und wir können sagen, daß es das Lukasevangelium darstellt.

Hier ist ein Mann so überführt worden, daß er sich bewußt ist, daß in ihm nichts anderes als nur Sünde ist; er ist ein von Sünde erfüllter Mensch, und doch wird er so von der Lieblichkeit Jesu angezogen, daß er zu Seinen Knien niederfällt. Das ist der erste Grundsatz bei der Gestaltung der neuen Schläuche.

Es ist die tiefste Überzeugung von unserer Unwürdigkeit und Sündhaftigkeit, darin liegt aber keine Entmutigung oder Reue, weil wir das in Anwesenheit der persönlichen Anziehungskraft - der Anziehungskraft des Bräutigams erfahren.

Buße und Vergebung der Sünden sollen in Seinem Namen gepredigt werden - das ist das Ende des Lukasevangeliums - wir sollen die Buße und die Vergebung der Sünden in der ganzen persönlichen Anziehungskraft des Namens Jesu darstellen.

Es entfacht unsere Liebe zu Gott, wenn wir sehen, daß Er diesen Weg gewählt hat, daß Er solch eine wunderbare Person eingeführt hat. Ich wundere mich nicht darüber, daß diese Leute entsetzt und erstaunt waren; in ihren Herzen blieb nur noch Staunen.

Denkt an die Lieblichkeit Dessen, der Gott als Sein geliebte Sohn persönlich wohlgefällig war; in diesem Charakter sehen wir Seine Lieblichkeit in Kap. 3.

Dann in Kap. 4 sehen wir die Lieblichkeit Dessen, der für den Teufel unantastbar war, und die Lieblichkeit des gesalbten Predigers, der völlig die Gnade Gottes den Menschen gegenüber darstellen konnte, und dann die Lieblichkeit des Befreiers, der uns von jeder Macht des Bösen und von jedem Gebrechen befreien kann.

In Kap. 5 sehen wir nun die Lieblichkeit Seiner Anziehungskraft einem Manne gegenüber, der der Sünde überführt war. Dann sagt der Herr zu ihm: „Fürchte dich nicht; von nun an wirst du Menschen fangen“ - Er nimmt Simon als Teilhaber auf, denn ein solcher ist für den Menschenfang tüchtig, weil er etwas sehr Anziehendes darstellen kann - er kann über die Lieblichkeit Jesu reden. Wenn wir diese Lieblichkeit besser kennten, würden wir sie anderen mehr vorstellen.

Dieses Kapitel stellt sorgfältig und der Reihe nach die verschiedenen Grundsätze für uns zusammen, die zur Gestaltung der neuen Schläuche gehören.

Der erste Grundsatz ist die Überführung von Sünde in der Gegenwart Jesu. Das ist aber nicht alles, was nötig ist; es erweckt vielmehr in der Seele die Notwendigkeit einer göttlichen Reinigung, und zwar einer solchen, die nicht nur unser Gewissen zufriedenstellt, sondern uns auch für Gott passend macht.

Wir haben also weiter eine neuartige Reinigung. Es hatte nie zuvor einen Menschen gegeben, zu welchem ein Aussätziger kommen und sagen konnte: „Du kannst mich reinigen“; dieser Aussätzige kommt aber und sagt zu Jesu: „Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen.“

Welch eine Erkenntnis der neuen Ordnung der Dinge besaß er also - es gab einen Menschen auf Erden, der Aussätzige so reinigen konnte, daß sie in einem passenden Zustande waren, Gott zu nahen.

Dieser Aussätzige sagte: „Herr, wenn du willst.“ Was war das für eine schöne Gesinnung! Er hatte das gelernt, was die Menschen in der Synagoge zu Nazareth verwarfen: sie verwarfen den unumschränkten Willen Gottes; dieser Mann hatte aber gelernt, sich ihm auf dem Wege der Segnung zu beugen.

Wenn wir uns dem unumschränkten Willen Gottes unterwerfen, werden wir finden, daß er uns zehntausendmal günstiger ist, als wir es jemals dachten.

Es ist das unumschränkte Wohlgefallen Gottes, eine Reinigung zustande zu bringen, die Ihm völlig angemessen ist. Das ist es, was Gott vor Sich hat; Er wollte uns nicht nur so reinigen, daß wir unbescholten in den Himmel gelangen und bei der Tür irgendein einsames Plätzchen bekommen könnten, sondern uns dazu passend machen, Ihm dargestellt zu werden, wie irgendein heiliger Engel es jemals war, und sogar noch mehr, denn diese Reinigung konnte nur durch den Tod Jesu vollbracht werden.

Könnte es jemals etwas Wunderbareres geben? Jesus brachte durch Seinen eigenen Tod die Reinigung für uns zustande. Es war in Seinem Tode, daß Jesus wirklich und wirksam den Aussätzigen berührte. Es war das Wohlgefallen Gottes, uns so wirksam zu reinigen, daß auch das schärfste priesterliche Sehvermögen - nicht einmal Sein eigenes heiliges Auge - eine einzige Spur des Aussatzes entdecken konnte; jede Befleckung wurde völlig hinweggetan.

Um das zu vollbringen, ging der Herr ans Kreuz. Die Anziehungskraft Seiner Lieblichkeit allein konnte den Fall nicht erledigen. Er hat Sich am Kreuze mit unserem sündigen Zustande einsgemacht; Er hat uns berührt; Er ist für uns zur Sünde gemacht worden.

So wertvoll ist der Tod Christi, daß für uns, die wir an Ihn glauben, unter den Augen Gottes keine Spur der Verunreinigung zurückgeblieben ist. „Ich will: sei gereinigt“, ist das Wort vom Kreuz. Dieses Wort erschallt von Golgatha durch alle Zeitalter hindurch.

„Ich will: sei gereinigt“, ist eine völlig neuartige Reinigung; es ist nicht bloß eine formelle Reinigung, die ein Israelit durch Befolgung der feierlichen Bräuche und Satzungen des Gesetzes haben konnte. Es ist eine neuartige Reinigung, die uns fleckenlos angesichts der Heiligkeit Gottes macht, und alles ist durch den Tod Jesu gesichert worden.

Dann sagte der Herr zu ihm: „Gehe hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, wie Moses geboten hat.“ Stellt euch nun diesen Mann vor, wie er 3. Mose 14 gemäß seine zwei Vögel nimmt und Zedernholz und Karmesin und Ysop und seine Lämmer und sein Feinmehl und Öl und zum Priester geht! Alles, was er opferte, redet zu uns von der Person, die ihn gereinigt hat.

Welch eine Belehrung liegt in den Dingen, die er darbrachte! Die zwei Vögel, von denen der eine geschlachtet und der andere in das Blut des toten Vogels getaucht und dann ins Freie losgelassen wurde, reden von Christo, der in den Tod ging und in der Auferstehung wieder daraus hervorkam.

Dann verkündeten Zedernholz, Karmesin und Ysop die Größe und Herrlichkeit Christi als Mensch. Zedernholz spricht von Seiner auserlesenen Gestalt, Karmesin von der Herrlichkeit des Menschen, die in Christo gesehen wurde, und Ysop ist eine Andeutung der Demut Dessen, der in die tiefsten Tiefen herniederstieg, um mit sündigen Menschen zusammenzutreffen.

Den Vorbildern nach hatte der Aussätzige das alles vor sich; es sollte unsere Seele mit anbetenden Gedanken über Christum erfüllen. Wir können diese Dinge anschauen und sagen: Das ist alles für mich; es ist in dem Werte dieser heiligen Person, die in den Tod ging, daß ich gereinigt bin, meine Seele steht in anbetender Freiheit in der Gegenwart der Vollkommenheit Christi, der in den Tod ging, um meine Reinigung der gött

ichen Heiligkeit gemäß zu sichern und um mich in der Kraft der Salbung des Heiligen Geistes aufzurichten.

Es handelt sich nicht darum, was ich zur Erleichterung meines Gewissens brauche, sondern um den wunderbaren Charakter der Reinigung, die dadurch zustande gekommen ist, daß der Sohn Gottes Mensch wurde und in Sich Selbst jeden Wesenszug der menschlichen Vortrefflichkeit und Vollkommenheit darstellte, und das alles im Tode dahingab, damit ich im Werte dieser Vortrefflichkeit gereinigt bin.

Es ist nicht nur eine Beseitigung, sondern ein Hineinbringen der gesegneten Vollkommenheit Christi, so daß wir frei sind, Christum vor Gott darzubringen.

Der gereinigte Aussätzige zog von dannen mit dem Blut auf seinem Ohrläppchen, dem Daumen und der großen Zehe. Bedenkt, daß er so in die Welt hinausging, und zwar in dem Bewußtsein, daß sein ganzes Hören und Tun und sein ganzer Wandel durch die Erkenntnis des wunderbaren Charakters seiner Reinigung bestimmt werden sollten!

Er war durch eine Person gereinigt, die aus dem Himmel kam und jede menschliche Vollkommenheit, die Gott gebührt, besaß, die aber als ein Opfer für die Sünde in den Tod ging, um für den sündigen Menschen eine Reinigung zu sichern, die ihn vor Gott ebenso fleckenlos, wie Er ist, hinstellte.

Der gereinigte Aussätzige hatte das Blut auf seinem Ohr, seinem Daumen und seiner großen Zehe, und er hatte das Öl auf dem Blute, und dann wurde der ganze Rest des Öles auf sein Haupt gegossen.

Der gereinigte Aussätzige besaß eine Würde in Israel, die sonst niemandem als nur dem gesalbten Priester und König Gottes eigen war. Er ging als ein gesalbter Mensch von dannen. Diese neuartige Reinigung überragt bei weitem jede Reinigung, die die Menschen im Alten Testament gehabt haben mochten; es ist eine Reinigung, die nur an der Person gemessen werden kann, die sie bewirkt.

Solcherart ist der Wert des Todes Christi, daß, wenn die volle Ausstrahlung des Lichtes Gottes auf den Gläubigen scheint, kein einziger Flecken der Sünde entdeckt werden kann; er ist gereinigt.

Bei Vers 16 ist eine vielsagende Pause: „Er aber zog sich zurück und war in den Wüsteneien und betete.“ Das scheint auf die Vollendung dessen hinzudeuten, was Er mit der Bloßstellung der Sünde und ihrer Reinigung zu tun hatte.

Die Bloßstellung des sündigen Zustandes des Menschen und seine Reinigung waren nicht alles, was die göttliche Gnade vor sich hatte, und ich möchte den Gedanken aussprechen, daß der Herr Sich zurückzog, um in bezug auf die weiteren Gedanken Gottes für die Menschen zu beten. Es ist äußerst interessant, daran zu denken, daß der gepriesene Sohn Gottes auf alle Gedanken der Gnade einging und darum betete, sie möchten bei den Menschen völlig Eingang finden.

Wenn es für den neuen Wein neue Schläuche geben muß, so muß nicht nur eine neuartige Überführung von Sünde und eine neue Reinigung vorhanden sein, sondern auch eine neue Kraft. Die Menschen sind durch Schwäche gekennzeichnet, aber einer der großen Gedanken Gottes für die Menschen ist, daß sie durch Kraft anstatt durch völlige Unfähigkeit zum Guten gekennzeichnet sein sollten, damit sie fähig sein möchten, zur Herrlichkeit Gottes hienieden zu wandeln.

In diesem Abschnitt sehen wir einen Gelähmten. Es ist nicht nur wahr, daß wir sündig sind und Reinigung brauchen, sondern wir sind auch völlig unfähig und kraftlos. Das ist noch eine Gelegenheit zur Enthüllung der göttlichen Gnade; ich glaube nicht, daß es zu viel ist, wenn wir sagen, daß die Kraft, die zum Heilen gegenwärtig war und in der der Gelähmte aufstand und wandelte, die Antwort auf das Gebet des Herrn Jesu war.

Es ist keiner von uns hier, der nicht empfunden hätte, wie notwendig wir Kraft brauchen; wir sollten aber damit auf der göttlichen Seite anfangen. Schon lange bevor ich die Notwendigkeit der Kraft verspürte, fühlte Jesus es für mich, und lange bevor ich um Kraft betete, betete Er um Kraft für mich.

Sein Beten brachte die Kraft Gottes in das Haus und in den Gelähmten. Kraft ist immer eine Antwort auf Gebet, laßt uns aber die allvermögende Wirksamkeit der Gebete Jesu nicht vergessen.

Welcher Not ich mir auch bewußt werden mag, ich darf sicher sein, daß es keine einzige Not gibt, die der Herr Jesus nicht empfunden und für die Er Sich nicht fürbittend für mich verwendet hätte. Wie zieht das unsere Herzen zu Ihm hin!

Hier kommen wir dem Bilde nach zu der Gabe des Geistes; die Kraft liegt in der Gabe des Geistes. Es ist der Gedanke der göttlichen Gnade für uns, daß wir zum Guten fähig sein sollten. Der Natur nach sind wir durch völlige Schwachheit in bezug auf das Gute gekennzeichnet; der Gedanke der göttlichen Gnade ist es aber, uns durch die Gabe des Geistes in Kraft aufzurichten.

Wir bekommen aber die Gabe des Geistes als Gebetserhörung: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, wieviel mehr wird der Vater, der vom Himmel ist, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ Und der Herr sagte zur Samariterin: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest, und wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so würdest du ihn gebeten haben, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“

Während wir das vor uns halten, so laßt uns aber nicht vergessen, daß der Geist als Antwort auf das Gebet des Herrn Jesu, des gepriesenen Sohnes Gottes, gegeben wird. Er sagte: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Sachwalter geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit.“ Die Gabe des Geistes ist die Antwort auf das Gebet Jesu, ebenso wie die Kraft, die diesem Gelähmten zuteil wurde, die Antwort auf das Gebet Jesu war.

Das ist die Person, die wir durch die unendliche Gnade Gottes kennen - eine lebendige Person, die nun im Himmel ist, und die gebetet hat, daß wir den Heiligen Geist als Kraft haben möchten.

Kraft bei einem Geschöpf muß abhängige Kraft sein; Gott würde dem Geschöpf niemals die Kraft verleihen, von Ihm unabhängig zu sein. Der Geist als Kraft ist eine abhängige Kraft, und man sieht, daß sogar die Gabe des Geistes eine Antwort auf das Gebet ist, das ein Ausdruck der Abhängigkeit ist.

Der Gelähmte war gänzlich abhängig, er wurde von anderen getragen; er wurde durch Menschen gebracht, die an das, was zur Verfügung stand, glaubten. Der ganze Fall, dessen Sich Jesus und diese Menschen annahmen, war durch Abhängigkeit gekennzeichnet.

Es gab das Gebet Jesu und den Glauben dieser Menschen, und das Ergebnis war, daß dieser Mann gekräftigt wurde, und durch Kraft, die aus Gott war, gekennzeichnet war.

Es gibt keinen Gedanken der Gnade Gottes über mich, den der Herr Jesus nicht fürbittend vor Gott aufgenommen hätte, und es geschieht auf diesem Grunde, daß wir Segen erlangen. Das bringt etwas sehr Anziehendes zum Vorschein; dadurch wird nämlich der Herr Jesus sehr anziehend; wir beginnen etwas von Seinem Charakter als Bräutigam zu sehen.

Dieses Kapitel führt uns stufenweise zur Erkenntnis Christi als Bräutigam, der alles für Gott in Kraft und Liebe aufrecht erhält und auch persönlich sehr anziehend ist, weil Er auf alle, die Ihn kennenlernen, anziehend wirkt. Er ist der große anziehende Mittelpunkt des Weltalls Gottes, und alles dieses führt dahin, daß eine Schar gesichert wird - die „Gefährten des Bräutigams“ (Söhne des Brautgemachs); sie finden Lieblichkeit und Befriedigung in dem Bräutigam.

Sie handelten nicht nach den herkömmlichen Bräuchen in der Art, wie sie ihr Anliegen ausführten, sondern sie brachten den Mann zu Jesu heran, und damit war die ganze Sache erledigt. Das ist es, was wir nötig haben; viele von uns mögen unsere Bibel lesen und beten, gelangen wir aber zu Jesu hin?

Diese Männer schafften jenen Mann zu Jesu, obwohl ich sicherlich sagen darf, daß sie die Schriftgelehrten und Pharisäer durch die Art und Weise, wie sie es taten, erschütterten. Es gibt immer einen Weg zu Jesu von oben her.

Die dabeisitzenden Schriftgelehrten und Pharisäer stellten die Untauglichkeit des alten gesetzmäßigen Systems dar. Sie konnten nur dabei sitzen, wie der Priester und der Levit in Kap. 10 vorbeigingen.

Die Kraft kommt durch Jesum zustande, aber nach dem Grundsatz des Glaubens und der Abhängigkeit. Die Kraft des Geistes wird verliehen, auf daß der Wandel der Heiligen ein lebendiges Zeugnis für die Haltung des Herzens Gottes den Menschen gegenüber sein möchte. Es geht nicht bloß darum, daß wir Kraft haben, um durchzukommen, sondern darum, daß in dieser Welt ein Zeugnis von der Vergebung, die im Herzen Gottes für die Menschen ist, vorhanden sei.

Die Not wurde von Jesu völlig empfunden, keiner von uns hat genügend die Not empfunden, nur Er allein. Derjenige, der unser Herr, unser Haupt, unser Bräutigam ist, empfand die Not, und darum sagte Er: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Es soll gewissermaßen heißen: Das ist die Hauptsache im gegenwärtigen Zeugnis Gottes.

„Deine Sünden sind dir vergeben“, bedeutet, daß Gott im Vergeben hervortritt. Das Aufstehen und Gehen dieses Mannes sollte ein Zeugnis für die Tatsache sein, daß auf dieser Erde ein Mensch war, der die Haltung des Herzens Gottes in ihrer ganzen Segensfülle kundtat. Das Herz Gottes wurde vor dem Menschen, dem schuldigen Sünder, enthüllt.

Was tat Gott? Er war dabei, die Welt in Christo zu versöhnen. Im Herzen Gottes ist Vergebung; trotz allem, was ich getan habe, weigert sich Sein Herz, etwas gegen mich festzuhalten. Der Herr scheint zu sagen, diese Frage kommt zuerst; du mußt die Haltung des Herzens Gottes dir gegenüber erkennen.

Es ist ein wunderbarer Augenblick, wenn wir die Haltung des Herzens Gottes uns gegenüber erkennen. Wenn wir sie erkennen, werden wir verstehen, daß Er uns nicht ohne die Kraft, zu Seiner Herrlichkeit zu wandeln, lassen wird. Wenn Er uns mit solch einer Zärtlichkeit betrachtet, wenn das Seine Gesinnung und Haltung ist, wird Er uns nicht ohne Kraft lassen; Er sagt aber, die Kraft, die Ich euch gebe, soll ein Zeugnis von der Haltung Meines Herzens sein.

Wir denken nicht hoch genug über die Vergebung der Sünden. Viele denken, das sei eine anfängliche Frage; doch finden wir sie nicht im Römerbrief, außer in einer aus den Psalmen angeführten Schriftstelle (Röm. 4, 7). Wir finden sie aber im Kolosserbrief und im Epheserbrief. Im Römerbrief wird betont, daß Gott beim Rechtfertigen gerecht ist, aber Vergebung ist die zärtliche Haltung (Einstellung) des Herzens Gottes.

Im Römerbrief finden wir nicht solch einen Vers wie: „Seid aber gegeneinander gütig, mitleidig, einander vergebend, gleichwie auch Gott in Christo euch vergeben hat“ (Eph. 4, 32). Ich finde die Vergebung wirklich im Herzen des glückseligen Gottes. Vergebung ist die Haltung des Herzens des beleidigten Gottes, es ist das, was Er fühlt.

Gott rühmt Sich der Vergebung; sie war in Seinem Herzen, ehe sie in Christo Gestalt gewann. Es geht dabei nicht so sehr darum, der Not des Menschen entgegenzukommen, sondern darum, daß das große Herz Gottes einen Ausfluß haben muß.

Unsere Sünden, unsere Schwachheiten und alles, was uns eigen ist, sind vom Standpunkte des Lukasevangeliums von Gott geschätzte und für Ihn kostbare Gelegenheiten, weil sie Ihm die Gelegenheit bieten, Sich uns in der wunderbaren Fülle Seiner Gnade zu offenbaren.

Nicht nur hat das sündige Geschöpf Gott nötig, sondern Gott hat auch mich nötig; Er hat mich in meiner Sündhaftigkeit, in meiner Schwachheit, in meiner ganzen moralischen Unzulänglichkeit als gefallenes Geschöpf nötig, um an mir den unausforschlichen Reichtum Seiner gepriesenen Gnade zum Ausdruck zu bringen.

Kapitel 6

Es ist bemerkenswert, wie der Herr einen passenden Ruheplatz in dieser Welt für Sich Selbst suchte. Er war der Mensch, der völlig unter der Herrschaft des Geistes stand, und der Sabbat war ein Vorbild der Ruhe, in die Er als Mensch eingehen wollte. Als der Sohn des Menschen war Er Herr auch über den Sabbat.

In diesem Kapitel wird uns gezeigt, daß es eine Schar von Menschen gibt, die die unumschränkte Gnade Gottes genießen und dabei so glücklich sind, daß sie sich nicht einmal an einem Sabbat zurückhalten können. Sie pflückten Ähren und rieben sie mit den Händen, um sie zu essen. Das war ihre Nahrung und ihre Freude, und das war wichtiger als die Sabbatruhe.

Es war eine Freude für den Herrn, daß es Leute gab, die solche Freude an dem fanden, was Er war und was Er brachte. Es war etwas sehr Schönes, daß sie so völlig von Ihm eingenommen waren, daß sie den Gedanken an Sabbatruhe dahinterstellten. Der Sabbat war in gewisser Weise das Höchste im Judentum, aber die Freude, die sie an Jesu hatten, war noch größer.

Es gab also eine Schar, die so glücklich mit Jesu war, daß die Sabbatruhe nicht mehr den ersten Platz einnahm. Der Herr war darüber so glücklich, daß Er von Sich Selbst als dem Herrn des Sabbats sprach. Er war der Mensch, der die wahre Ruhe Gottes kannte und genoß, und Er wollte, daß andere daran teilhatten.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Gedanken. David war in der Stiftshütte und aß die Schaubrote, die allein den Priestern zu essen erlaubt waren. Das war etwas ganz Besonderes: die Priester aßen die Schaubrote in der Stiftshütte, und das war ein Vorbild davon, wie der Herr Seine Heiligen mit Sich Selbst nährt. Es gibt eine Nahrung, die nur für die Priester bestimmt ist, und David und seine Männer aßen davon.

Wenn wir Jesu lieben, werden wir eine Nahrung haben, die die Welt nicht kennt. Es ist ein großes Vorrecht, mit Ihm in einer innerlichen und verborgenen Weise verbunden zu sein und eine Nahrung zu haben, die nur für diejenigen bestimmt ist, die Ihn lieben. Das zeigt uns, daß die Zuneigungen der Heiligen für den Herrn sehr kostbar sind.

Der Herr sagt: „Der Sohn des Menschen ist Herr auch des Sabbats.“ Es ist Seine Freude, für Sich und für Seine Heiligen eine wahre Ruhe zu sichern, eine Ruhe, die auf Ihm und Seinem Werke beruht. Die Sabbatruhe war nur ein Schatten; die wahre Ruhe ist in Ihm. Er ist der Herr der wahren Ruhe.

In diesem Kapitel sehen wir auch, wie der Herr die Menschen in Seine eigene Ruhe einzuführen suchte. Er heilte einen Mann mit einer verdorrten Hand am Sabbat. Es war Seine Freude, zu zeigen, daß Seine Gnade und Seine Kraft über alle gesetzlichen Beschränkungen erhaben sind. Er heilte den Mann, und der Mann wurde wiederhergestellt.

Die Pharisäer waren voller Wut und besprachen, was sie Jesu antun könnten. Aber Er wußte, was in ihren Herzen war. Er kannte ihre Gedanken. Das ist ein großer Trost für uns: Er kennt alle Gedanken und Pläne der Feinde, und nichts kann Ihn überraschen.

Der Herr zog Sich zurück, um zu beten. Er suchte die Gemeinschaft mit Seinem Vater, um Kraft und Weisheit für Seinen Dienst zu empfangen. Das ist ein Beispiel für uns: wir sollen alles im Gebet vor Ihn bringen.

Dann wählte Er die zwölf Apostel aus. Er rief sie zu Sich, und sie verließen alles und folgten Ihm nach. Es war Seine souveräne Wahl. Er wußte, wen Er erwählt hatte, und Er bereitete sie für den Dienst vor.

Eine große Menge Volk kam, um Ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Alle suchten, Ihn anzurühren, denn Kraft ging von Ihm aus und heilte alle. Welch ein Bild der Gnade! Er war da, um allen zu helfen, die zu Ihm kamen.

Dann sprach Er die Seligpreisungen aus. Er sagte: „Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes. Glückselig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Glückselig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ Er zeigte, daß wahre Glückseligkeit nicht in äußerem Besitz oder Wohlstand liegt, sondern in der Beziehung zu Ihm und in der Hoffnung auf das Reich Gottes.

Er sprach auch Wehe über die Reichen, die Satten, die Lachenden und die, von denen alle Menschen gut reden. Das sind die, die ihr Vertrauen auf irdische Dinge setzen und nicht nach geistlichen Segnungen verlangen.

Dann lehrte Er über die Liebe zu den Feinden. „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, segnet, die euch fluchen, betet für die, die euch beleidigen.“ Das ist das Wesen der göttlichen Liebe, die über alles Natürliche hinausgeht.

Er sprach auch über das Richten: „Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden. Verdammet nicht, und ihr werdet nicht verdammt werden. Gebet, und es wird euch gegeben werden.“ Das sind wichtige Grundsätze für das Leben der Gläubigen.

Er gab das Gleichnis vom Blinden, der einen Blinden führt. Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in die Grube. Wir müssen sehen können, um andere führen zu können, und das wahre Licht kommt von Ihm.

Er sprach auch vom Balken im eigenen Auge und vom Splitter im Auge des Bruders. Wir sollen zuerst den Balken aus unserem eigenen Auge ziehen, dann können wir klar sehen, um den Splitter aus dem Auge unseres Bruders zu ziehen.

Dann das Gleichnis vom Baum und seiner Frucht: Ein guter Baum bringt gute Frucht, ein schlechter Baum bringt schlechte Frucht. An den Früchten erkennt man den Baum. So ist es auch mit den Menschen: aus dem Herzen kommen die bösen Gedanken heraus.

Er schloß mit dem Gleichnis vom Hausbau: Wer auf den Felsen baut, dessen Haus hält dem Sturm stand; wer auf die Erde baut, dessen Haus fällt in sich zusammen. Der Fels ist Christus und Seine Worte. Wer sie hört und tut, baut auf den Felsen.

Alles in diesem Kapitel zeigt die Überlegenheit der Gnade und die Herrlichkeit dessen, der voll Heiligen Geistes war und die Menschen in die wahre Ruhe und Segnung einzuführen suchte.


Kapitel 7

Dieses Kapitel zeigt uns die Gnade in ihrer vollen Entfaltung. Ein Hauptmann sandt Älteste der Juden zu Jesus, um Ihn zu bitten, seinen Knecht zu heilen, der todkrank lag. Der Hauptmann hielt sich selbst nicht für würdig, zu Jesus zu kommen, sondern sandte Freunde mit der Botschaft: „Sprich ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“ Er erkannte die Autorität Jesu: „Denn auch ich bin ein Mensch, der unter Obrigkeit gestellt ist, und habe Kriegsknechte unter mir; und ich sage zu diesem: Gehe hin! und er geht; und zu einem anderen: Komm! und er kommt; und zu meinem Knecht: Tue das! und er tut’s.“

Jesus verwunderte sich über ihn und sprach: „Ich sage euch, selbst nicht in Israel habe ich so großen Glauben gefunden.“ Und die Gesandten kehrten in das Haus zurück und fanden den Knecht gesund. Welch ein Bild des Glaubens, der die Autorität Jesu anerkennt und sich auf Sein Wort allein stützt!

Dann ging Jesus in eine Stadt namens Nain, und Seine Jünger und eine große Menge gingen mit Ihm. Als Er sich dem Tor der Stadt näherte, siehe, da wurde ein Toter herausgetragen, der einzige Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe. Und als der Herr sie sah, jammerte sie Ihn, und Er sprach zu ihr: „Weine nicht!“ Und Er trat hinzu und rührte den Sarg an, und die Träger standen still. Und Er sprach: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ Und der Tote setzte sich auf und fing an zu reden. Und Jesus gab ihn seiner Mutter.

Da kam Furcht über alle, und sie verherrlichten Gott und sprachen: „Ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden“, und: „Gott hat sein Volk besucht.“ Die Gnade Jesu war mächtig, selbst den Tod zu überwinden.

Und die Jünger des Johannes berichteten ihm von allen diesen Dingen. Und Johannes rief zwei seiner Jünger zu sich und sandte sie zu Jesus und ließ Ihn fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Als die Männer zu Ihm kamen, sprachen sie: „Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und läßt dir sagen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“

Zu derselben Zeit heilte Jesus viele von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern, und vielen Blinden schenkte Er das Augenlicht. Und Er antwortete und sprach zu ihnen: „Gehet hin und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde werden sehend, Lahme wandeln, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird gute Botschaft verkündigt. Und glückselig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“

Als aber die Boten des Johannes weggegangen waren, fing Er an, zu der Volksmenge über Johannes zu reden: „Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Rohr, vom Wind bewegt? Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen, mit weichen Kleidern angetan? Siehe, die in herrlicher Kleidung und Üppigkeit leben, sind in den Königs Höfen. Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch, sogar mehr als einen Propheten. Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: ‚Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird.‘ Ich sage euch, unter den von Frauen Geborenen ist kein größerer Prophet als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reich Gottes ist größer als er.“

Und alles Volk, das Ihn hörte, und die Zöllner rechtfertigten Gott, indem sie sich mit der Taufe des Johannes taufen ließen. Die Pharisäer aber und die Gesetzesgelehrten verwarfen den Rat Gottes für sich selbst, indem sie sich nicht von ihm taufen ließen.

„Wem soll ich nun die Menschen dieses Geschlechts vergleichen, und wem sind sie gleich? Sie sind Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und einander zurufen und sprechen: Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint. Denn Johannes der Täufer ist gekommen, der aß kein Brot und trank keinen Wein, und ihr sagt: Er hat einen Dämon. Der Sohn des Menschen ist gekommen, der ißt und trinkt, und ihr sagt: Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern. Und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von allen ihren Kindern.“

Dann sehen wir eine bewegende Szene: Einer der Pharisäer lud Jesus ein, mit ihm zu essen. Und Er ging in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war, als sie erfuhr, daß Er im Haus des Pharisäers zu Tisch liege, brachte eine Alabasterflasche mit Salböl und trat von hinten zu Seinen Füßen, weinte und fing an, Seine Füße mit Tränen zu netzen und mit den Haaren ihres Hauptes abzutrocknen, und küßte Seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.

Als aber der Pharisäer, der Ihn eingeladen hatte, es sah, sprach er bei sich selbst: „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was für eine Frau das ist, die Ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.“ Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen.“ Er aber spricht: „Lehrer, sage an.“

„Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine war fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nichts zu bezahlen hatten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?“ Simon antwortete und sprach: „Ich nehme an, der, dem er mehr geschenkt hat.“ Er aber sprach zu ihm: „Du hast richtig geurteilt.“

Und Er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: „Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen genetzt und mit ihren Haaren abgetrocknet. Du hast mir keinen Kuß gegeben; sie aber, seit sie hereinkam, hat nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Und Er sprach zu ihr: „Deine Sünden sind vergeben.“

Und die mit zu Tisch lagen, fingen an, bei sich selbst zu sagen: „Wer ist dieser, der sogar Sünden vergibt?“ Er aber sprach zu der Frau: „Dein Glaube hat dich gerettet; gehe hin in Frieden.“

Welch ein wunderbares Bild der Gnade! Die Liebe der Frau war die Antwort auf die erfahrene Vergebung. Sie liebte viel, weil ihr viel vergeben worden war. Ihre Zuneigungen flossen über, und sie brachte das Kostbarste, was sie hatte, um Jesu zu ehren.

In all diesen Begebenheiten sehen wir die Herrlichkeit der Gnade, die sich in Jesus offenbart. Er ist derjenige, der heilt, der Tote auferweckt, der Sünden vergibt und der die Herzen der Menschen mit Liebe und Dankbarkeit erfüllt.


Kapitel 8

Und es geschah danach, daß Er nacheinander durch jede Stadt und jedes Dorf zog, indem Er predigte und das Evangelium vom Reich Gottes verkündigte; und die Zwölf waren mit Ihm, und etliche Frauen, die von bösen Geistern und Krankheiten geheilt worden waren: Maria, genannt Magdalene, von der sieben Dämonen ausgefahren waren, und Johanna, das Weib Chusas, eines Verwalters des Herodes, und Susanna und viele andere, die Ihn mit ihrer Habe dienten.

Als sich aber eine große Volksmenge versammelte und sie aus jeder Stadt zu Ihm hinkamen, sprach Er durch ein Gleichnis: „Der Sämann ging aus, seinen Samen zu säen. Und indem er säte, fiel etliches an den Weg, und es wurde zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen es auf. Und anderes fiel auf den Felsen, und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten es. Und anderes fiel in die gute Erde und ging auf und brachte hundertfältige Frucht.“ Als Er dies sagte, rief Er: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Seine Jünger aber fragten Ihn, was dieses Gleichnis bedeute. Er aber sprach: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu wissen, den übrigen aber in Gleichnissen, auf daß sie sehend nicht sehen und hörend nicht verstehen. Dies aber ist das Gleichnis: Der Samen ist das Wort Gottes. Die aber an dem Weg, das sind die, welche hören; dann kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen weg, auf daß sie nicht glauben und gerettet werden. Die aber auf dem Felsen, das sind die, welche, wenn sie hören, das Wort mit Freuden aufnehmen; und diese haben keine Wurzel, die für eine Zeit glauben und in der Zeit der Versuchung abfallen. Das aber unter die Dornen fiel, das sind die, welche gehört haben und hingehen und von Sorgen und Reichtum und Vergnügungen des Lebens erstickt werden und keine Frucht zur Reife bringen. Das in der guten Erde aber, das sind die, welche in einem feinen und guten Herzen das Wort hören und behalten und Frucht bringen in Ausharren.“

„Niemand aber, der eine Lampe anzündet, bedeckt sie mit einem Gefäß oder stellt sie unter ein Bett, sondern er stellt sie auf ein Lampengestell, auf daß die Hereinkommenden das Licht sehen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird, noch geheim, was nicht bekannt werden und ans Licht kommen wird. So sehet nun zu, wie ihr hört; denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und wer nicht hat, von dem wird auch das genommen werden, was er zu haben meint.“

Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu Ihm; und sie konnten wegen der Volksmenge nicht zu Ihn gelangen. Und es wurde Ihm berichtet: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: „Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die das Wort Gottes hören und tun.“

Und es geschah an einem der Tage, daß Er in ein Schiff stieg, Er und seine Jünger; und Er sprach zu ihnen: „Laßt uns ans andere Ufer des Sees fahren.“ Und sie fuhren ab. Während sie aber fuhren, schlief Er ein. Und ein Sturmwind fiel auf den See, und das Schiff füllte sich, und sie waren in Gefahr. Sie traten aber hinzu und weckten Ihn auf und sprachen: „Meister, Meister, wir kommen um!“ Er aber stand auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers; und sie legten sich, und es ward Stille. Er aber sprach zu ihnen: „Wo ist euer Glaube?“ Sie aber fürchteten sich und verwunderten sich und sprachen zueinander: „Wer ist denn dieser, daß Er auch den Winden gebietet und dem Wasser, und sie sind Ihm gehorsam?“

Und sie fuhren zum Land der Gadarener, das Galiläa gegenüberliegt. Als Er aber ans Land ausstieg, begegnete Ihm ein Mann aus der Stadt, der seit langer Zeit Dämonen hatte; und er trug keine Kleider und blieb nicht in einem Hause, sondern in den Gräbern. Als er aber Jesus sah, schrie er auf und fiel vor Ihm nieder und sprach mit lauter Stimme: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn Gottes, des Höchsten? Ich bitte dich, quäle mich nicht.“ Denn Er gebot dem unreinen Geist, von dem Menschen auszufahren. Denn oft hatte er ihn ergriffen; und er wurde mit Ketten und Fußfesseln gebunden und bewacht; und er zerriß die Bande und wurde von dem Dämon in die Wüsten getrieben.

Und Jesus fragte ihn: „Welches ist dein Name?“ Er aber sprach: „Legion“, denn viele Dämonen waren in ihn gefahren. Und sie baten Ihn, daß Er ihnen nicht geböte, in den Abgrund zu fahren. Es war aber dort eine Herde vieler Schweine, die an dem Berge weideten. Und sie baten Ihn, daß Er ihnen erlaube, in jene zu fahren. Und Er erlaubte es ihnen. Die Dämonen aber fuhren von dem Menschen aus und fuhren in die Schweine; und die Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See und ersoff.

Als aber die Hirten sahen, was geschehen war, flohen sie und verkündeten es in der Stadt und auf dem Lande. Sie gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war; und sie kamen zu Jesus und fanden den Menschen, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bekleidet und vernünftig zu den Füßen Jesu sitzen; und sie fürchteten sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen auch, wie der Besessene geheilt worden war. Und die ganze Menge der Umgegend der Gadarener bat Ihn, von ihnen wegzugehen, denn sie waren von großer Furcht ergriffen. Er aber stieg in das Schiff und kehrte zurück.

Der Mann aber, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bat Ihn, daß er bei Ihm sein dürfe. Jesus aber entließ ihn und sprach: „Kehre in dein Haus zurück und erzähle, wie große Dinge Gott an dir getan hat.“ Und er ging hin und verkündigte in der ganzen Stadt, wie große Dinge Jesus an ihm getan hatte.

Als Jesus zurückkehrte, nahm Ihn die Volksmenge auf; denn sie alle erwarteten Ihn. Und siehe, ein Mann namens Jaïrus, und er war ein Vorsteher der Synagoge; und er fiel zu den Füßen Jesu und bat Ihn, in sein Haus zu kommen; denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, und sie lag im Sterben. Während Er aber hinging, drängten Ihn die Volksmengen.

Und eine Frau, die seit zwölf Jahren einen Blutfluß hatte und alle ihre Lebensunterhalt an Ärzte aufgewendet hatte, und von niemand geheilt werden konnte, trat von hinten heran und rührte die Quaste seines Gewandes an; und sogleich stand ihr Blutfluß. Und Jesus sprach: „Wer ist es, der mich angerührt hat?“ Als aber alle es leugneten, sprach Petrus: „Meister, die Volksmengen drängen und drücken dich.“ Jesus aber sprach: „Es hat mich jemand angerührt, denn ich habe erkannt, daß Kraft von mir ausgegangen ist.“ Als aber die Frau sah, daß sie nicht verborgen blieb, kam sie zitternd und fiel vor Ihm nieder und erklärte vor allem Volk, aus welchem Grunde sie Ihn angerührt hatte und wie sie sogleich geheilt worden sei. Er aber sprach zu ihr: „Tochter, dein Glaube hat dich gerettet; gehe hin in Frieden.“

Während Er noch redete, kommt einer von dem Synagogenvorsteher und spricht: „Deine Tochter ist gestorben; bemühe den Lehrer nicht mehr.“ Als aber Jesus es hörte, antwortete Er ihm: „Fürchte dich nicht; glaube nur, und sie wird gerettet werden.“ Als Er aber in das Haus kam, erlaubte Er niemand mit Ihm hineinzugehen als Petrus und Johannes und Jakobus und den Vater des Kindes und die Mutter. Alle aber weinten und beklagten sie. Er aber sprach: „Weinet nicht, denn sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft.“ Und sie verlachten Ihn, da sie wußten, daß sie gestorben war. Er aber faßte sie bei der Hand und rief und sprach: „Kind, stehe auf!“ Und ihr Geist kehrte zurück, und sie stand sogleich auf; und Er befahl, ihr zu essen zu geben. Und ihre Eltern gerieten außer sich; Er aber gebot ihnen, niemand zu sagen, was geschehen war.


Kapitel 9

Und Er rief die Zwölf zusammen und gab ihnen Kraft und Gewalt über alle Dämonen und um Krankheiten zu heilen; und Er sandte sie aus, das Reich Gottes zu predigen und die Kranken gesund zu machen. Und Er sprach zu ihnen: „Nehmet nichts auf den Weg, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; noch soll jemand zwei Unterkleider haben. Und in welches Haus ihr eintretet, dort bleibet, und von dort geht fort. Und so viele euch nicht aufnehmen, da gehet fort aus jener Stadt und schüttelt auch den Staub von euren Füßen zum Zeugnis wider sie.“ Sie aber gingen aus und durchzogen nacheinander die Dörfer, predigend das Evangelium und heilend überall.

Es hörte aber Herodes, der Vierfürst, alles, was durch Ihn geschah; und er war in Verlegenheit, weil von etlichen gesagt wurde, Johannes sei aus den Toten auferstanden, von etlichen aber, Elia sei erschienen, von anderen aber, einer der alten Propheten sei auferstanden. Herodes aber sprach: „Johannes habe ich enthauptet; wer aber ist dieser, von dem ich solches höre?“ Und er suchte Ihn zu sehen.

Und die Apostel kehrten zurück und erzählten Ihm alles, was sie getan hatten; und Er nahm sie mit und zog sich besonders zurück in eine öde Gegend bei einer Stadt, Bethsaida genannt. Als aber die Volksmengen es erfuhren, folgten sie Ihm; und Er nahm sie auf und redete zu ihnen vom Reich Gottes, und die der Heilung bedurften, heilte Er.

Der Tag aber begann sich zu neigen; und die Zwölf traten herzu und sprachen zu Ihm: „Entlaß die Volksmenge, damit sie in die umliegenden Dörfer und auf das Land gehen und Herberge und Speise finden; denn wir sind hier an einem öden Ort.“ Er aber sprach zu ihnen: „Gebet ihr ihnen zu essen.“ Sie aber sprachen: „Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; es sei denn, daß wir hingehen und für dieses ganze Volk Speise kaufen.“ Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: „Machet sie, sich zu lagern, in Gruppen zu je fünfzig.“ Und sie taten so und machten alle lagern.

Er aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte auf zum Himmel und segnete sie; und Er brach sie und gab sie den Jüngern, um der Volksmenge vorzulegen. Und sie aßen und wurden alle gesättigt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrigblieb, zwölf Körbe.

Es geschah aber, als Er allein betete, waren die Jünger bei Ihm; und Er fragte sie und sprach: „Wer sagen die Volksmengen, daß ich sei?“ Sie aber antworteten und sprachen: „Johannes der Täufer; andere aber: Elia; andere aber, daß einer der alten Propheten auferstanden sei.“ Er aber sprach zu ihnen: „Ihr aber, wer sagt ihr, daß ich sei?“ Petrus aber antwortete und sprach: „Der Christus Gottes.“ Er aber gebot ihnen streng und befahl, dies niemand zu sagen, indem Er sagte: „Der Sohn des Menschen muß viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferweckt werden.“

Er sprach aber zu allen: „Wenn jemand mir nachkommen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erretten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erretten. Denn was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder einbüßt? Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Sohn des Menschen schämen, wenn Er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen Engel.“

Er sprach aber auch: „Wahrlich, ich sage euch, es sind etliche von denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes sehen.“

Es geschah aber etwa acht Tage nach diesen Worten, daß Er Petrus und Johannes und Jakobus mitnahm und auf den Berg stieg, um zu beten. Und als Er betete, wurde das Aussehen Seines Angesichts anders, und Sein Gewand strahlend weiß. Und siehe, zwei Männer redeten mit Ihm, die Moses und Elia waren. Diese erschienen in Herrlichkeit und besprachen Seinen Ausgang, den Er in Jerusalem erfüllen sollte. Petrus aber und die mit ihm waren, waren vom Schlaf beschwert; als sie aber völlig aufgewacht waren, sahen sie Seine Herrlichkeit und die zwei Männer, die bei Ihm standen. Und es geschah, als diese von Ihm schieden, sprach Petrus zu Jesus: „Meister, es ist gut, daß wir hier sind; und laß uns drei Hütten machen, dir eine und Moses eine und Elia eine“; und er wußte nicht, was er sagte. Während er aber dies sagte, kam eine Wolke und überschattete sie; sie fürchteten sich aber, als sie in die Wolke eintraten. Und eine Stimme kam aus der Wolke, die sprach: „Dieser ist mein auserwählter Sohn, Ihn höret!“ Und als die Stimme geschah, wurde Jesus allein gefunden. Und sie schwiegen und verkündeten in jenen Tagen niemand etwas von dem, was sie gesehen hatten.

Es geschah aber am folgenden Tage, als sie von dem Berge herabstiegen, kam Ihm eine große Volksmenge entgegen. Und siehe, ein Mann aus der Volksmenge rief und sprach: „Lehrer, ich bitte dich, besiehe meinen Sohn, denn er ist mein einziger; und siehe, ein Geist ergreift ihn, und plötzlich schreit er, und er zerrt ihn, daß er schäumt, und weicht kaum von ihm, indem er ihn zermalmt. Und ich bat deine Jünger, daß sie ihn austrieben, und sie konnten es nicht.“ Jesus aber antwortete und sprach: „O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein und euch ertragen? Bringe deinen Sohn her.“ Während er aber noch herbeikam, warf der Dämon ihn hin und zerrte ihn. Jesus aber bedrohte den unreinen Geist und heilte den Knaben und gab ihn seinem Vater zurück. Und alle gerieten außer sich über die Herrlichkeit Gottes.

Als sich aber alle verwunderten über alles, was Er tat, sprach Er zu seinen Jüngern: „Fasset ihr diese Worte in eure Ohren: denn der Sohn des Menschen wird überliefert werden in der Hände der Menschen.“ Sie aber verstanden dieses Wort nicht, und es war vor ihnen verborgen, so daß sie es nicht begriffen; und sie fürchteten sich, Ihn über dieses Wort zu fragen.

Es kam aber ein Gedanke unter sie, wer von ihnen der Größte sei. Als aber Jesus den Gedanken ihres Herzens sah, nahm Er ein kleines Kind und stellte es neben Sich und sprach zu ihnen: „Wer dieses Kind aufnehmen wird in meinem Namen, nimmt mich auf; und wer mich aufnehmen wird, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste ist unter euch allen, dieser ist groß.“

Johannes aber antwortete und sprach: „Meister, wir sahen jemand, der in deinem Namen Dämonen austrieb, und wir wehrten es ihm, weil er dir nicht mit uns nachfolgt.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Wehret nicht; denn wer nicht wider uns ist, ist für uns.“

Es geschah aber, als die Tage Seiner Aufnahme erfüllt wurden, daß Er sein Angesicht feststellte, nach Jerusalem zu gehen. Und Er sandte Boten vor Seinem Angesicht her; und sie gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, um Ihm zu bereiten. Und sie nahmen Ihn nicht auf, weil Sein Angesicht nach Jerusalem hin gerichtet war. Als aber die Jünger Jakobus und Johannes es sahen, sprachen sie: „Herr, willst du, daß wir sagen, daß Feuer vom Himmel herabfalle und sie verzehre?“ Er aber wandte Sich um und tadelte sie. Und sie gingen nach einem anderen Dorf.

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Ihm: „Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels Nester; aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo Er das Haupt hinlege.“ Er sprach aber zu einem anderen: „Folge mir nach.“ Der aber sprach: „Erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben.“ Er aber sprach zu ihm: „Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes.“ Es sprach aber auch ein anderer: „Ich will dir nachfolgen, Herr; zuvor aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von denen, die in meinem Hause sind.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“


Kapitel 10

Danach aber bestimmte der Herr siebzig andere und sandte sie je zwei und zwei vor Seinem Angesicht her in jede Stadt und jeden Ort, wohin Er selbst kommen wollte. Er sprach nun zu ihnen: „Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter aussende in seine Ernte. Gehet hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe. Traget keinen Geldbeutel, keine Tasche, keine Sandalen, und grüßet niemand auf dem Wege. In welches Haus ihr aber eintretet, sagt zuerst: Friede diesem Hause! Und wenn dort ein Sohn des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, so wird er zu euch zurückkehren. In demselben Hause aber bleibet,



Kapitel 10

Wir haben bemerkt, daß der Herr solche aussandte, die Seine persönlichen Vertreter sein sollten. Er erweiterte das Zeugnis der Gnade, indem Er noch andere Gefäße, in welchen es getragen werden sollte, hinzufügte - zuerst die Zwölfe und dann die Siebenzig. Grundsätzlich ist jede Seele, die zur Erkenntnis des Herrn gebracht worden ist, eine Erweiterung des Zeugnisses der Gnade und des Kreises der persönlichen Vertreter Christi in dieser Welt.

Der Herr sagt in Vers 16: „Wer euch hört, hört mich; und wer euch verwirft, verwirft mich; wer aber mich verwirft, verwirft den, der mich gesandt hat." Der Herr war der persönliche Vertreter Gottes, und diejenigen, die Er aussendet, sind Seine persönlichen Vertreter. Darin, daß sie zu je zwei ausgesandt wurden, sehen wir einen göttlichen Grundsatz. Einer ist als Zeuge nicht zuständig: „Damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde." Petrus stand mit den Elfen auf, er stand aber nicht allein auf.

Wenn wir dazu berufen sind, persönliche Vertreter Jesu zu sein, so ist es wichtig, daß wir auch unserer Mission gewachsen sind. Die Siebenzig waren wie auch wir ihrer Mission nicht gewachsen. Sie waren in einer wunderbaren Weise gebraucht worden, sie wurden aber ausgesandt, des Herrn Weg zu bereiten; Er sandte sie aus „in jede Stadt und jeden Ort, wohin er selbst kommen wollte“. Sie wurden ausgesandt, um Seinen Weg zu bereiten, und auch als Arbeiter in Seiner Ernte. Weil sie Seinen Geist hatten, wurden sie als Lämmer inmitten von Wölfen gesandt, sie wurden als Friedensboten geschickt, und sie sollten sich mit den Umständen, worin sie sich befanden, begnügen. Alles dieses war in ihrer Sendung enthalten; als sie zurückkehrten, freuten sie sich jedoch darüber, daß die Dämonen ihnen in Seinem Namen untertan waren. Dies war auf einem niedrigeren Boden als ihre Sendung; es war etwas, was sie selber auszeichnete. Es war göttliche Kraft da; sie dachten aber augenscheinlich nur daran, daß sie ihnen eine besondere Auszeichnung verlieh „die Dämonen sind uns untertan" -, darüber freuten sie sich.

Der Gegensatz in diesem Abschnitt ist bezeichnend; diese Verse sind die Krone und der Höhepunkt des Lukasevangeliums. Die Freude der Siebenzig war ganz anders als die des Herrn. Er hatte Seine Freude, ihre Freude beruhte aber auf etwas ganz anderem als dem, worauf die Seinige beruhte; und der Herr begnügt Sich nicht damit, daß wir eine Freude, deren Wesen und Grundlage sich von Seiner Freude unterscheidet, haben sollten. Deswegen ist das der Höhepunkt dieses Evangeliums, weil wir in diesen Versen in das Gebiet der eigenen, persönlichen Freude des Herrn, wie auch in das Wohlgefallen des Vaters und des Sohnes eingeführt werden. Dort können die bösen Mächte unmöglich wirken; da gibt es keine Dämonen, die untertan gemacht werden müssen.

Lukas unterstützt den Paulus sehr, weil er dem Himmlischen in unseren Gedanken den Vorrang gibt. Das Wichtigste ist nicht, daß wir dermaleinst in den Himmel kommen werden - alle Christen warten darauf -, sondern daß wir gegenwärtig schon Bürger des Himmels sind; unsere Namen sind dort angeschrieben, wir sind gegenwärtig schon auf der Liste der Bürger des Himmels. Wenn wir da hineinschauen könnten, würden wir unsere Namen und die Namen aller derer, die den Herrn Jesum Christum lieben, dort finden, und zwar als gegenwärtige Bürger des Himmels eingeschrieben. Die Lehre über die himmlischen Dinge bei Lukas entspricht der Lehre des Paulus: wir haben es mit dem Himmlischen zu tun, und wir sind himmlisch.

Kapitel 9 bringt uns zum Himmel. „Es geschah aber, als sich die Tage seiner Aufnahme erfüllten" - das ist der große Wendepunkt dieses Evangeliums; was darauf folgt, ist mehr oder weniger mit dem Herrn in Seiner himmlischen Stellung als aufgenommen verbunden. Lukas stellt die Dinge von der moralischen Seite dar, und dies ist der Zeitpunkt, wo der Geist Gottes durch Lukas den Herrn als Den betrachtet, der im Begriff stand, aufgenommen zu werden, Er ging in den Himmel. Von jetzt an dreht sich die ganze Lehre dieses Evangeliums darum, und wir sollten durch die Wichtigkeit des Himmlischen beeindruckt werden.

Die Menschen sagen: Warum habt ihr nicht mehr Bekehrte? Wir müssen die Dinge in ihrem richtigen Verhältnis erkennen. Ich sehe Menschen, die große Taten vollbringen und von Bekehrungen reden können; wie steht das aber alles in Beziehung zu dem Himmlischen? Das ist die große Frage. Man kann eine große Betätigung der göttlichen Kraft haben und wenig Wertschätzung des Himmlischen, wie es bei den Siebenzig war; das war aber dem Herrn nicht wohlgefällig. Seine Gedanken sind auf das Himmlische gerichtet. Wenn der Herr uns als „aufgenommen" vor Augen gestellt wird, so muß das Himmlische höchst wichtig sein.

Ich sehe, daß Menschen sich mehr dafür interessieren, auf Erden Macht zu haben, als dafür, Bürger des Himmels zu sein; sie reden von Zungenreden, von Krankenheilungen, von Wundertaten und messen dem allem große Wichtigkeit bei; das ist aber nicht der Himmel, noch ist es das Himmlische.

Bis zum Ende seines Laufes wurde Paulus zum Predigen des Evangeliums gebraucht, es hatte aber immer einen himmlischen Klang; sein Evangelium war in Blau gehüllt. Er wurde niemals müde, den Menschen zu sagen, daß er durch ein Licht aus dem Himmel bekehrt worden war; er hatte einen himmlischen Auftrag, und es lag etwas besonders Himmlisches in seiner Art, das Evangelium zu predigen.

Der Herr hatte die Siebenzig im Lichte und in der Kraft des Himmlischen ausgesandt. Doch sie fanden ihre Freude an der Macht, die sie über alles Böse besaßen, und es war auch wirklich der Fall. Der Herr hatte aber den Fall Satans vom Himmel vor Sich: „Ich schaute den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“ Der Herr dachte an den Himmel, sie aber dachten an ihre wunderbare Macht über das Böse hienieden.

Der Herr war dabei, in den Himmel zu gehen; die Tatsache, daß Er aufgenommen wurde, brachte den Fall Satans mit sich. Die bloße Tatsache, daß Jesus als Mensch in den Himmel aufgenommen wurde, machte es durchaus erforderlich, daß Satan vom Himmel fallen mußte.

Wir werden ausgesandt, um den Herrn darzustellen, wir müssen aber empfinden, daß unsere Darstellung mangelhaft ist, wir können das nicht leugnen. Die gegenwärtige Verwaltung hat den Himmel vor sich; somit wird die volle Höhe aller Dinge von der himmlischen Seite aus in Liebe eingeführt. Es ist das, was die Propheten zu schauen begehrten, aber nicht gesehen haben. Das, was die göttliche Liebe befriedigt, muß ein Schauplatz sein, wo nichts Böses gegenwärtig ist.

Die Zusammenstellung dieser Dinge ist köstlich - Christus wird in den Himmel aufgenommen, die Heiligen werden dort angeschrieben und der Satan fällt vom Himmel. Dann sagt der Herr: „Ich will, daß eure Freude dort sei." Der Herr gibt die Kraft, die ganze Macht des Bösen den Füßen der Heiligen zu unterwerfen; sogar Satan selbst soll unter ihre Füße zertreten werden; das ist aber nicht unsere Freude, noch das, was den Herrn zum Lobpreisen veranlaßte.

Der Fall Satans hat sich tatsächlich noch nicht ereignet, aber der Herr hatte ihn vor Augen. Ehe Offenbarung 12 eintritt, ist Satan tatsächlich noch nicht hinausgetrieben; doch in den Augen des Herrn wird Satan als vom Himmel gefallen und der Mensch als in den Himmel erhöht gesehen, und die Heiligen sind im Himmel angeschrieben. Wir sollten viel an den Himmel als unseren gegenwärtigen Platz denken, nicht nur daran, daß wir dahingehen werden. Je mehr wir anerkennen, daß wir gegenwärtig schon Bürger des Himmels sind, desto mehr sind wir durch himmlische Wesenszüge gekennzeichnet.

Öffentlich wurde der Herr verworfen. Was diesen Abschnitt des Evangeliums kennzeichnet, ist der Gedanke des Besonderen: „Er wandte sich zu den Jüngern besonders" (Vers 23). Der Herr sagte diese Dinge privat. Das, was wir hier haben, können wir nicht durch die Predigt oder durch den Dienst des Wortes erlangen; es ist eine private und persönliche Angelegenheit. Der Herr zog ihre Herzen in den Bereich Seiner ewigen Freude.

Es gab einen Bereich der ungemischten Freude für den Herrn, und dort vollzog sich Sein Lobpreisen. Bei dieser Gelegenheit wird es uns erlaubt zu hören, was der Sohn zum Vater redet – wie äußerst interessant für uns! Es liegt ein heiliger Charakter und eine Holdseligkeit darin, was sonst nichts anderem eigen ist. In Johannes 17 ist es auch ein privater Schauplatz; der Herr ist bei Seinen Geliebten, und Er öffnet freimütig Sein Herz, und Er redet in ihrer Gegenwart zu Seinem Vater.

Die Schwierigkeit besteht darin, daß so viele von uns von dem Öffentlichen leben oder von dem, was wir in der Predigt des Evangeliums oder beim Lehren hören; doch auf diese Weise bekommen wir keine Offenbarung. Hier haben wir den Bereich, wo der Vater wirkt; wir haben das Wirken des Vaters und des Sohnes. Es regt sich da sonst gar nichts, wir sind vollkommen außerhalb des Bereichs des Bösen.

Der Vater wird gepriesen, weil Er diese Dinge vor den Weisen und Verständigen verborgen und sie den Unmündigen geoffenbart hat; deshalb ist es bedauerlich, weise und verständig zu sein. Es gibt ein direktes Einwirken des Vaters und des Sohnes in der persönlichen Offenbarung. Es ist ein glückseliger Zufluchtsort. Sogar wenn wir mächtige Werke vollbringen könnten, gibt es etwas weit Besseres, nämlich die Gunst, eine persönliche Offenbarung zu empfangen.

Es ist das Wirken des Vaters, daß Er diese kostbaren, himmlischen Dinge Unmündigen offenbart, Menschen, die in dieser Welt kein Ansehen genießen, aber doch Gegenstände der Liebe sind. Wenn wir bereit sind, dies zu sein, so ist das, was wir durch die göttliche Gunst bekommen können, unbegrenzt. Ein Unmündiger zu sein bedeutet, daß wir Gegenstände des Wirkens Gottes sind, so daß die Selbstwichtigkeit, die uns allen von Natur anhaftet, gerichtet ist und daß eine andere Art Gesinnung bei uns aufgekommen ist, und dann kann uns der Vater himmlische Dinge offenbaren.

Jemand hat einst Bruder J. N. Darby um einige Anweisungen über die beste Art und Weise, die Schriften zu studieren, gebeten. Er antwortete: Ich finde, daß, wenn ich an das Wort in der Gesinnung eines neugeborenen Säuglings gehe, ich etwas bekomme.

In Vers 22 sagt der Herr: „Niemand erkennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und wer der Vater ist, als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will." Das ist persönlich. Man kann sich nichts Größeres oder Höheres vorstellen, denn es ist das Wohlgefallen des Vaters und des Sohnes. Der Vater wird in Seiner höchsten Gewalt als Herr des Himmels und der Erde gesehen, und es hat Ihm wohlgefallen, die ganze Glückseligkeit der himmlischen Dinge Unmündigen zu offenbaren.

Alle Dinge im Himmel und auf Erden werden hier als dem Sohne übergeben angesehen. Wir sind außerhalb des Bereichs des Bösen, denn das System der Dinge, das dem Sohne vom Vater übergeben worden ist, kann unmöglich fehlgehen. Das verändert den Charakter derjenigen, denen diese höchste Gunst widerfährt; es steht allen offen, die den Charakter der Unmündigen besitzen. Diese Dinge übersteigen unsere Gedanken welches Geschöpf könnte den Gedanken erfassen, daß alle Dinge dem Sohne vom Vater übergeben worden sind? Es ist unendlich.

Der Sohn ist so groß, daß niemand außer dem Vater Ihn erkennen kann. Was ist das für ein Trost! Wenn Einer in der Gestalt Gottes Mensch wird, so muß an Ihm etwas Unausforschliches sein. Es ist unser großer Gegenstand des Lobpreises, daß niemand den Sohn erkennt, als nur der Vater; wir dürfen nicht meinen, daß wir den Sohn erfassen können.

Dann aber erkennt niemand, wer der Vater ist, als nur der Sohn, „und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will". Es ist eine Angelegenheit der persönlichen Gunst und des Wohlgefallens des Sohnes, den Vater zu offenbaren. Es ist dem Herrn eine Wonne, die Erkenntnis des Vaters, wie Er Ihn kennt, in die Herzen Seiner Heiligen zu legen. Wenn wir überhaupt den Vater erkennen, so erkennen wir Ihn so, wie der Sohn Ihn kennt; es gibt keinen anderen Weg, Ihn in diesem himmlischen System zu erkennen. Er wird durch die Unumschränktheit des Sohnes geoffenbart.

Matth. 11 stellt die Seite der Verwerfung des Sohnes dar. Hier lobpreist Er im Blick auf die Vollständigkeit des Falles von allem Bösen und des darauffolgenden Aufrichtens des göttlichen Wohlgefallens, und dieses begehrten die Propheten und Könige zu sehen. Es war nicht nur, daß die Dinge vor den Weisen und Verständigen verborgen waren, sondern sie wurden auch nicht einmal von Männern gesehen, die am Platze der größten Gunst bei Gott standen. Es ist erstaunlich zu denken, daß wir größere Gunst bei Gott genießen als Daniel, David, Salomo oder Jesaja; sie sahen nicht, was wir sehen. Sie hatten nur eine Ahnung von dem himmlischen System.

Was für ein Begehren muß im Herzen Davids aufgekommen sein, als er den Psalm 110 schrieb: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße" - wie muß er wohl danach verlangt haben, das zu verstehen! Die Schrift sagt, daß sie fleißig nachsuchten und nachforschten; es gab im Alten Testament Fingerzeige auf das Himmlische, und das geistliche Verlangen der Propheten und der Könige wurde dadurch so stark erweckt, daß Gott sie tröstete, indem Er ihnen sagte, daß diese Dinge nicht für sie selbst waren, sondern für andere, die nach ihnen kommen sollten. Sie werden zweifellos ihr Teil am Himmlischen haben, sie hatten es damals aber noch nicht; sie sahen diese Dinge noch nicht.

Wir sollten den Gedanken der Überschwenglichkeit der göttlichen Gunst hegen. Wieviele von uns hier haben das tiefe Bewußtsein in der Seele, daß wir viel mehr begünstigt sind als Abraham? Dieses Bewußtsein würde uns vor der Welt bewahren. Wenn wir die Heiligen vor der Welt und vor irdischer Gesinnung bewahren wollen, müssen wir sie in ihren Gedanken mit Christo und mit dem, was droben ist, beschäftigen.

Diese Propheten und Könige beschämen uns, denn sie sahen nicht das, was wir sehen. Wir können diesen Grundsatz auch anders anwenden. Wie viele große und ehrwürdige Diener Gottes in der Kirche haben nicht das gesehen, was wir sehen! Der Geist Gottes erweckt zweifellos himmlische Wünsche. Alle unsere Brüder, die im Geist wandeln möchten, sollten himmlische Dinge begehren, aber sehr viele von ihnen sind in einer Umgebung, wo sie das Himmlische nicht sehen können. Was ist das für eine Gunst, die Fähigkeit und das Vorrecht zu haben, die himmlischen Dinge zu sehen! Wir sind zu einer himmlischen Stellung, Freude und Verwandtschaftsbeziehung berufen; das dient alles dem Wohlgefallen des Vaters und des Sohnes - es gibt nichts Höheres als das.

Diese Verse bringen uns zum Höhepunkt der Dinge, wie Lukas sie darstellt, und von diesem Standpunkte aus gehen wir nun zum letzten Teil des Kapitels über. Der Mensch unter Räubern war ein hilfloses Opfer. Das ist nicht der Bereich des göttlichen Vorsatzes; in diesem Abschnitt kommen wir zu einem Schauplatz der Not. Wenn wir auf jener himmlischen Höhe gewesen sind, wo lauter Licht und Glückseligkeit ist, und die dort vorhandenen Reichtümer erkannt haben, so können wir auf diesen Schauplatz des Zusammenbruchs und der Not herabsteigen, um dort als wahre Nächsten zu wirken - als solche, die das Nötige für solche Zustände darreichen können.

Zustände der tiefsten und bittersten Not herrschen auch bis zum heutigen Tage, und das sogar unter dem Volke Gottes, denn der Mensch, der unter die Räuber fiel, war zweifellos einer von ihnen. Der Herr konnte die Hilfsquellen des Himmels herabbringen, und der Herr sagt uns jetzt: Dies ist es, was Ich will, daß du sein möchtest - ein Nächster. Wir werden nicht dadurch geprüft, was im Himmel ist, sondern dadurch, was auf dem Schauplatz der Not zu finden ist. Die Probe ist: Sind wir geistlich im Himmel gewesen, und haben wir die Hilfsquellen des Himmels? Der Herr konnte himmlische Hilfsquellen zum Stillen der bittersten Not herniederbringen. In der Kraft und Glückseligkeit der himmlischen Hilfsquellen wollte der Herr diesen Gesetzgelehrten zu einem Nächsten machen. Der Herr ist das Vorbild dafür, aber dabei soll es nicht bleiben. In der Kraft und Glückseligkeit dessen, was wir im Verborgenen beim Herrn lernen, können wir uns als Nächste auf einem Schauplatz der Not erweisen.

Die himmlischen Hilfsquellen sind grenzenlos, und der Herr möchte uns in dieses Gebiet einführen, um uns auszustatten. Wieviel Not gibt es doch unter den Brüdern! Was für eine Gesinnung ruft das hervor? Die Gesinnung eines Gesetzgebers, der da sagt: Dies und auch das sollte nicht so sein, oder die Gesinnung Dessen, der alle erforderlichen Hilfsquellen darreichen kann? Der Priester und der Levit mögen sehr gute Männer gewesen sein, aber sie hatten keine Hilfsquellen. Der Nächste hatte aber eine Fülle der Hilfsquellen. Wenn wir himmlisch sind, werden wir bei der Berührung mit der Not Hilfsquellen haben.

Von Natur sind wir alle Gesetzgelehrte. Der Gesetzgelehrte wird alles Licht, sogar in bezug auf die Gesinnung Gottes, in einer gesetzlichen Weise gebrauchen und dazu anwenden, um sich selbst hervorzuheben und die Schwachheit und Unzulänglichkeit anderer bloßzustellen; er hat aber keine Hilfsquellen. Das bezieht sich auf uns alle, wenn die Zustände nicht so sind, wie sie sein sollten.

Der Mensch, der unter die Räuber fiel, hatte den von Gott gegebenen Platz der Gunst verlassen und war in einen von Gott niemals gewollten Zustand geraten. Was kannst du nun für ihn tun? Kannst du so handeln, wie Christus es tat? Dieser Mensch wurde geheilt, getragen und versorgt; er ist der Gegenstand des Dienstes und der Fürsorge, bis der Herr wiederkommt. Wenn wir wahre Nächsten sind, sollten wir die Heiligen als Gegenstände der Fürsorge betrachten.

Der gesetzliche Mensch kann uns sagen, was verkehrt ist und wie ihn das betrübt, aber er kann kein Heilmittel darreichen. Der Gesetzgelehrte kam und gab an, als interessiere er sich für das ewige Leben; als er aber vor den Herrn trat, wurde eine sehr ernste Frage in bezug auf seinen eigenen Zustand aufgeworfen, denn er besaß keine Hilfsquellen.

Das ewige Leben ist mit dem kommenden Zeitalter verbunden; dann werden göttliche Hilfsquellen zur Verfügung gestellt werden, um dem ganzen Zustande des Elends und der Schwachheit entgegenzutreten; besitzen wir aber Hilfsquellen, um dem schon jetzt gerecht zu werden? Dazu ist die Gnade des Himmels erforderlich. Der Nächste kam und stellte keine Anforderungen, sondern er reichte alles Erforderliche dar. Wir sollten bereit sein, aus reiner Gnade bis ans Ende als Nächste zu wirken.

Wenn wir wie der Mensch, der unter die Räuber fiel, es erlebt haben, daß wir verarmt waren, und Christus uns alles Notwendige dargereicht hat, so wird das unsere Herzen beeinflussen, und wir werden imstande sein, allen gegenüber in dieser Gesinnung aufzutreten. Die Versammlung ist der Ort, wo Menschen betreut werden; sie ist wie die Herberge ein Ort, wo der Dienst Christi unermüdlich betrieben wird, bis Er kommt.

Der Tod des Herrn ist in Sein Kommen an den Ort, wo jener Mensch war, eingeschlossen. Es ist bemerkenswert, daß es die Frage über den Nächsten war, die im Gewissen dieses Mannes wachgerufen wurde, nicht die Frage wegen der Liebe zu Gott. Sein Zusammenfassen des Gesetzes in Vers 27 bezog sich auf beides. Der Herr hatte in Kap. 7 gezeigt, wie der erste Teil - die Liebe zu Gott, zuwege gebracht wird. Gott sichert Sich die Liebe Seiner armen Schuldner; der große Gläubiger tritt in der Gnade der Vergebung hervor, und Er erwirbt Sich dadurch die Liebe des schlimmsten Schuldners, daß Er alles vergibt. Es gibt aber auch die Frage wegen des Nächsten.

Es ist wunderbar, daran zu denken, daß der Herr die Wunden, die ich mir infolge meiner Abtrünnigkeit zugezogen habe, dazu gebrauchen kann, daß ich die Berührung Seiner Hände in einer Weise erlebe, wie es ohne diese Wunden unmöglich gewesen wäre, und das läßt mich das Bewußtsein der Zärtlichkeit Seiner Hände beim Verbinden dieser Wunden verspüren. Es ist in der Gnade, die ich in Ihm erkenne, daß ich anderen dienen kann; wenn ich wirksam dienen soll, muß ich den Dienst an mir selbst erlebt haben.

Dieser Mensch war in Jericho; es gibt wenig Heilige, die es nicht erlebt haben, daß sie fortgerissen wurden. Der Mann verlor sein Eigentum, er verlor seine Kleidung, er verlor alles außer seinem Leben; er veranschaulicht einen, der vom Herrn abgewichen ist. Viele haben das verloren, was Gott ihnen in Seiner Gunst geschenkt hatte.

Der Herr fragte diesen Gesetzgelehrten, was er für diesen Menschen tun konnte; Er wirft diese Frage in deutlichen Worten auf. Er sagt gleichsam: Es nützt nichts, wenn du alle deine reichen Vorräte an Gelehrsamkeit und Gesetz entfaltest; wenn du nichts für diesen Menschen tun kannst, mußt du Mir Platz machen.

Das Öl, der Wein und das Tier weisen alle auf den Heiligen Geist hin. Der Heilige Geist wird zuerst vom Standpunkt der Wiederherstellung aus betrachtet. Der Herr kam und brachte göttliche Hilfsquellen, und sie liegen alle im Geiste. Die Lebenskraft wird dem Menschen wiedergegeben, und dann setzte Er ihn auf Sein Tier, um ihn zu tragen. Er war selbst nicht fähig, zu gehen, aber er wird in der Kraft eines Anderen aufgerichtet. Bruder J. B. Stoney pflegte uns zu sagen, daß er geheilt, getragen und versorgt wurde. Die Wiederherstellung und die Kraft zum Wandeln liegen im Geiste.

Der Wirt stellt den Charakter der Verantwortung und der Betreuung im Hause Gottes dar; er handelt nach der Unterweisung des Nächsten. Dieser Dienst zugunsten derjenigen, die das verloren haben, was sie hätten bewahren sollen, ist jetzt in die Hände der Heiligen übergegangen. Der Geist wirkt durch die Heiligen. Eine Herberge ist eine zeitweilige Versorgung, ein Ort für vorbeireisende Fremdlinge. An diesem zeitweiligen Platze wird Nächstendienst geleistet, und Hilfsquellen werden für die verwendet, die nichts besitzen. Die Möglichkeit, noch mehr auszugeben, weist darauf hin, daß alles Erforderliche für jeden Umfang der Betreuung vorhanden ist.

Der Herr ist sehr darum besorgt, daß diese Gesinnung unter Seinem Volke vorherrschen sollte. Wenn wir hienieden gelassen sind, um die Gnade des Himmels auszuteilen, wer wird dann sagen, daß wir nicht genug haben, um diesen Dienst fortsetzen zu können. Ich habe es erfahren müssen, was für ein Nächster Er mir ist. Bedenkt die vielen Arten der Not, in welchen wir uns befinden, und die erforderlichen Hilfsquellen sollten vorhanden sein, um ihnen allen abzuhelfen; das ist die Gesinnung, in welcher wir zusammen wandeln sollen.

Im 1. Korintherbrief zeigt der Apostel, was die Herberge sein sollte; Kap. 13 ist die Gesinnung, die dort herrschen sollte. Im 2. Korintherbrief sagt der Apostel: „Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwenglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde" (Kap. 12, 15). Das ist die wahre Gesinnung des Nächsten, und der Wirt muß von dieser Gesinnung durchdrungen sein. Der Nächste übernimmt alle Ausgaben, er ist nicht beschränkt, er verwendet für die Betreuung so viel wie er will.

Wir müssen die Heiligen als in dem Bereich der Not betrachten; sie sollten versorgt werden. Welcherart Leute erwarten wir in der Versammlung, wenn wir sie als Herberge betrachten, zu finden? „Weiset die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmet euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle" (1. Thess. 5, 14) - das sind die Leute, die wir in der Versammlung finden können.

Der Herr will uns durch Sein Abendmahl in einen anderen Bereich führen. Als Er es uns gab, beabsichtigte der Herr, daß wir mittels des Abendmahls aus dem Bereich der Not in den Bereich des göttlichen Wohlgefallens übergehen und diesen Kreis wie Maria wertschätzen sollten. „Jesus aber liebte die Martha“, sie duldete es aber, daß der Dienst sie daran hinderte, Jesu das Wohlgefallen zu bereiten, welches Maria Ihm bereitete. Wollen wir es dulden, daß der Dienst uns hindert? Martha wurde durch ihr Dienen daran gehindert, was äußerst gut war. Sie hatte den Herrn in ihr Haus aufgenommen, um Ihm zu dienen; nichts könnte mehr zu empfehlen sein; doch wurde sie dadurch abgelenkt.

Hier wird uns hauptsächlich der Gegensatz zwischen einem Menschen, der sich dafür interessierte, was dem Herzen des Herrn sehr nahe ist, und einem, der sogar durch den Dienst daran gehindert wird, gezeigt. Der Herr will uns aus solchen wie Martha zu Marien machen, ebenso wie Er uns aus Gesetzgelehrten zu Nächsten machen will.

In Joh. 12 sehen wir Martha ohne jede Ablenkung dienen. Sie war in einer göttlichen Weise zurechtgewiesen worden, so daß sie ihren Platz im Kreise der Liebe einnehmen und den wahren Platz des Dienstes darstellen konnte. Wenn man sich mit dem Dienst beschäftigt, findet man solch eine Menge von verschiedenen Dingen, die die Aufmerksamkeit verlangen, daß er uns zur Ablenkung wird, um uns des guten Teiles zu berauben. Bei uns allen ist ein starkes Widerstreben vorhanden, in den Bereich des Wohlgefallens Gottes einzugehen. Wir bedürfen des Dienstes Christi; Maria war ein Erzeugnis des eigenen Dienstes des Herrn.

Das ist der Höhepunkt des Evangeliums; alles Vorhergehende führt uns zum Himmlischen. Der Herr will uns zu der Einsicht führen, daß der Himmel unser Platz ist - nicht bloß in der Zukunft, sondern jetzt. Alle Gläubigen geben zu, daß der Himmel in der Zukunft ihr Platz ist, aber sehr wenige haben eingesehen, daß er schon jetzt ihr Platz ist und daß die Welt jetzt ebensowenig ihr Platz ist, wie sie nicht mehr der Platz Christi ist.

Maria widmete sich Seinen Gedanken und Seinen Worten. Martha diente Ihm tatsächlich ergeben, sie berührte aber nicht den Bereich jenes guten Teiles. Es gibt keinen wahren Dienst, wenn wir nicht zu Jesu Füßen gesessen haben. Die Tatsache, daß man durch den Dienst besorgt und beunruhigt ist, beweist, daß er den Charakter der Martha trägt. Einer der weltlichen Dichter hat gesagt: „Jeder große Dienst entspringt dem Mittelpunkt eines ruhigen Herzens."

Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn wir beginnen, uns über die Geschwister zu beklagen. Martha beklagte sich. Wenn wir allein dienen wollen, denken wir immer, daß andere genau das tun sollten, was wir tun. Die Frage aber ist: Gehört unser höchstes Interesse dem, was dem göttlichen Wohlgefallen dient? Die Segnung Marias lag in ihrem tiefen Interesse an der höchsten Freude des Vaters und des Sohnes; sie bereitete dem Herzen Jesu die höchste Freude dadurch, daß sie Seinem Worte zuhörte.

Vielleicht haben wir es alle erlebt, wie es ist, wenn wir für einen sehr viel getan haben und diese Person es dankbar und liebevoll annimmt. Und unsere Herzen mögen von etwas erfüllt sein, worüber wir reden möchten; aber wir finden, daß man sich nicht dafür interessiert; wir kennen die bittere Enttäuschung, welche uns dadurch entsteht. Oft ist es mit uns ebenso, und das Herz des Herrn ist betrübt. Wir interessieren uns mehr dafür, was unserer Not dienlich ist, als für das, was Ihm zum Wohlgefallen gereicht.

Ich merkte das, als ich zuerst zu predigen begann; wenn ich darüber redete, was sich auf das Wohl oder den Vorteil des Menschen bezog, so wurde Interesse gezeigt; wenn ich mich aber dem zuwandte, darüber zu reden, was dem Herzen Gottes diente, so nahm das Interesse ab.

Maria begriff den wahren Charakter und die Glückseligkeit des Augenblicks. Der Sohn war hienieden und offenbarte den Vater; Sein Wort war die Offenbarung Gottes als Vater, und sie empfand, daß dies unendlich größer war als alle Angelegenheiten des Dienstes hienieden, sie widmete sich völlig dem Zuhören. Das gute Teil ist die Erkenntnis Gottes, der als Vater geoffenbart ist. Die Wahrheit betreffs Gottes, des Vaters, ist geoffenbart worden; wir brauchen auf kein weiteres Licht über Gott, den Vater, zu warten. Es wurde vor vielen Jahren gesagt: Wer kann nach dem Sohne reden? Wenn der Sohn spricht, so ist es das Schlußwort, und Er redet, um Gott als Vater kundzutun. Das Maß, in welchem wir diese Offenbarung beherzigt haben, wird durch das Maß unseres Gottvertrauens gemessen.

Es hat dem Sohne wohlgefallen, den Vater zu offenbaren, und das erste Erzeugnis dieser Offenbarung ist vollkommenes Gottvertrauen, was zu unserer Glückseligkeit wesentlich notwendig ist. Abhängigkeit ohne Vertrauen bedeutet Elend; aber auf Vertrauen beruhende Abhängigkeit bedeutet das höchste Glück.


Kapitel 11

Im vorigen Kapitel sahen wir den Herrn als den Offenbarer, es ist klar, daß Er dies auf der Seite Gottes ist; hier sehen wir Ihn aber als den Lehrer, und das bezieht sich auf unsere Seite. Das Gebet stellt geistliche Seelenübungen unsererseits dar, welche als Ergebnis der Offenbarung wachgerufen worden sind; das ist der wahre Charakter des Gebets.

Keiner hat jemals so zum Vater geredet, wie der Sohn zu Ihm geredet hat. Ich nehme an, daß die Jünger den wunderbaren Charakter Seines Redens zum Vater empfanden, und sie wurden dadurch so beeindruckt, daß sie belehrt werden wollten, wie sie beten sollten. Ich glaube, wir müßten alle die Notwendigkeit mehr empfinden, über das Beten belehrt zu werden, denn das Gebet im geistlichen Sinne ist nicht bloß der Ausdruck der Not, sondern der Ausdruck von Seelenübungen, die durch das Licht der Offenbarung Gottes erzeugt worden sind.

Von Saulus von Tarsus wurde gesagt: „Siehe, er betet." Seine Gebete wurden durch das Licht, das den Glanz der Sonne übertraf, hervorgerufen. Seine Gebete bekamen ihren Auftrieb aus dem Himmel, und wir können es verstehen, daß neuartige Wünsche, die durch das himmlische Licht, das ihn erreicht hatte, erzeugt worden waren, sich in seinem Herzen zu regen begannen. Alle seine Gebete waren von diesem himmlischen Licht geprägt.

Ich glaube, daß das Gebet im christlichen Sinne das Ergebnis davon ist, daß man von der göttlichen Seite aus unter den Einfluß Jesu als den Offenbarer und von der Seite der Abhängigkeit unter Seinen Einfluß als den Menschen des Gebets kommt. Die heiligsten Teile der Schrift sind diejenigen, welche die Worte der Gebete des Sohnes zum Vater wiedergeben. Es ist der reine, gesalzene, heilige Weihrauch - hochheilig -, es gibt nichts Ergreifenderes, als das Reden des Herrn zu Seinem Vater zu hören.

Ich nehme an, daß wir es alle empfinden, daß wir in Johannes 17 einen Ort erreichen, der mit nichts anderem in der Schrift zu ver- gleichen ist; es ist das innerste Heiligtum.



Ich nehme an, daß wir es alle empfinden, daß wir in Johannes 17 einen Ort erreichen, der mit nichts anderem in der Schrift zu ver- gleichen ist; es ist das innerste Heiligtum. Eine Person der Gottheit redet als Mensch zu einer anderen, zum Vater - es ist das allerinnerste Heiligtum. Dadurch wurde die ganze Wahrheit ans Licht gebracht und der Name des Vaters kundgemacht; darum muß jedes passende und geistliche Gebet in diesem Lichte sein. Der Vater ist geoffenbart worden, und die Jünger werden als in diesem Lichte stehend betrachtet, nämlich als solche, denen der Herr den Namen des Vaters kundgetan hat; darum können sie „Vater" sagen, sie können zu Gott im Lichte der Offenbarung reden.

Wir gewöhnen uns daran, „Vater“ zu sagen, ohne die Größe davon zu bedenken; wir vergessen, daß solche Männer wie Abraham, David und Daniel niemals „Vater" sagen konnten. Ich gebrauche Ausdrücke, welche keiner von den gesegneten Männern des Alten Testaments gebrauchen konnte. Der Name Vater durfte nicht beim Reden zum glückseligen Gott gebraucht werden, bis der Sohn hienieden als Mensch weilte und den Namen des Vaters kundtat und auf diese Weise den Herzen Seiner Jünger einprägte, daß sie unter Seiner gesegneten Belehrung „Vater" sagen durften. Nur der Herr konnte das lehren; in bezug auf die Fähigkeit, „Vater“ zu sagen, sind wir ebenso vom Vater abhängig wie die Jünger es damals waren.

Er hat den Namen Gottes so verkündet, wie Er Ihn kennt; für Ihn war Er Vater, und das, was Er für Ihn war, hat es Ihm wohlgefallen, anderen zu offenbaren, und durch Seine Belehrung gibt Er uns die Fähigkeit, eine Stellung bei Gott einzunehmen, die der Seinigen entspricht. Wir sollten unsere Seelenübungen inbezug auf das Gebet im Lichte der Offenbarung beginnen. Die volle Wahrheit ist geoffenbart worden; Gott wird in der dem Vater gehörenden Fülle der Gnade erkannt. Hier geht es nicht um die Verwandtschaftsbeziehung, sondern um die Offenbarung; das heißt - der gepriesene Gott wird als Vater erkannt - es ist der Name der höchsten Gnade -„Geheiligt werde dein Name“ -, diesen heiligen Namen können wir nur zusammen mit Jesu, dem geliebten Sohne und als von Ihm belehrt aussprechen.

Als von Ihm belehrt ist es unser erster Wunsch, daß dieser Name geheiligt werde. Es scheint ein Gegensatz zu dem zu sein, was in Röm. 2 über die Juden gesagt wird, nämlich daß der Name Gottes ihrerthalben unter den Nationen gelästert wurde. Das Heiligen des Namens des Vaters bringt die höchstmögliche Standhöhe der Heiligung für die Heiligen mit sich; das ist der Charakter meiner Heiligung, als von Jesu belehrt. Ich soll nichts Geringeres dulden als die Heiligkeit dieses Namens oder was im Einklang mit dieser Gnade steht. Wenn ich unfreundlich über einen Bruder spreche, so bedeutet das, daß ich den Namen des Vaters nicht heilige.

Dieses Gebet enthält das Wesentliche für das Zeugnis. Es enthält noch nicht die Bitte um den Geist, das wird weiter hinzugefügt. Es enthält die Offenbarung Gottes als Vater, die die Jünger hatten, ehe sie den Geist empfingen. In Joh. 17 kommen wir in tiefere Wasser; da finden wir eine andere Beziehung, in die die Heiligen versetzt sind und worin sie mit derselben Liebe geliebt werden wie der Sohn; dieses Gebet hat es mit dem Lichte der Offenbarung zu tun, ehe die Verwandtschaftsbeziehung verwirklicht wird.

Diese Beziehung ist davon abhängig, daß der Geist „Abba, Vater" in unseren Herzen ruft; es sind diejenigen, die den Geist haben, die bewußt diese Beziehung verwirklichen können. Hier ist es die Offenbarung; das, was Gott in Gnade ist, erleuchtet und beeinflußt die Seele tief, gibt ihr einen neuen Charakter und verändert alle ihre Wünsche.

Ich nehme an, daß die Worte: „Geheiligt werde dein Name" nicht bloß ein frommes Gefühl ausdrücken, sondern daß die Heiligen sich auch dafür einsetzen, daß der Name des Vaters in ihnen geheiligt werde. Dieser Name ist in den Heiligen; er wird sonst nirgends geheiligt, von der Welt wird er gelästert; wenn aber Jesus zu mir als Offenbarer und Lehrer gekommen ist, so wird der Name des Vaters in mir, in meinen Worten und in meinen Wegen geheiligt werden. Ich fühle, wie wenig wir die Kraft dieser Dinge erkannt haben, aber es ist die Wahrheit.

Dann ist der Gedanke des Reiches des Vaters so schön. Es ist hier nicht das Reich des Sohnes, sondern es ist des Vaters Reich. Ich nehme an, daß die Heiligen als solche betrachtet werden, die das Wesen des Reiches erkannt und geschmeckt haben; darum wünschen sie, daß es kommen und sein Licht und seine Glückseligkeit ausstrahlen möchte. Sie können bitten, daß es kommen möchte, weil es schon in ihnen ist. Das Reich des Vaters wird in den Herzen der Heiligen erkannt, deswegen können sie auch ernstlich begehren, daß es weltweit erkannt werde.

Ich nehme an, daß das Reich des Vaters kommen wird, wenn alles, was der Vater in Gnade in Seinen Heiligen gewirkt hat, im ganzen Weltall einflußreich sein wird. Es ist wunderbar, daß der Vater in Gnaden wirkt. Der Vater wird immer in der Schrift als der Ursprung des Werkes der Gnade betrachtet; Er hat zweitausend Jahre lang durch unzählige Seelenübungen in Seinen Heiligen gewirkt, wie auch dadurch, daß sie die Glückseligkeit Seines Reiches in Seinem geliebten Sohne kennengelernt haben; und Er wird alles dieses, die Frucht Seines Wirkens, in solch einer Weise entfalten, daß das ganze Weltall sich freuen wird: „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters."

Somit werden die Dinge nicht nur Gott angemessen sein, sondern der Einfluß der Gnade wird auch vorhanden sein. Im Reiche Gottes ist alles Gott entsprechend, Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiste - alles ist moralisch Gott entsprechend. Im Reiche des Vaters haben wir aber den Einfluß der Glückseligkeit der göttlichen Natur. Es ist ein schöner Gedanke, der zeigt, daß das Reich von dem holdseligen Einfluß der Gnade durchdrungen sein wird. Die Frucht des Werkes des Vaters wird darin entfaltet; es wird alles geoffenbart werden, wenn das, was der Vater tut, vollständig sein wird.

Bedenkt, welche Gnade der Vater hat! - Er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen - das ist etwas Zusätzliches zu dem, was moralisch recht ist. Im Herzen des Vaters wirkt ein Antrieb, der Ihn gütig gegen die Undankbaren macht. Weiter wird uns gesagt, daß Er mitleidig ist, es sind zärtliche Gefühle in Seinem Herzen, und alles dieses wird Seinem Reiche das Gepräge geben. Somit genügt es nicht, an das kommende Reich nur als die Herrschaft der Gerechtigkeit zu denken; diese Dinge werden jetzt gestaltet, und alles, was ich unter dem Einfluß der Gnade des Vaters tue, ist wesentlich für Sein Reich.

Nehmen wir an, ich werde von jemandem beleidigt und ich nehme es ihm nicht übel, sondern ich bete für den, der mich beleidigt und verfolgt. Da ist ein Ausdruck des Reiches des Vaters. Sein Reich bezieht sich auf das Gebiet Seines Einflusses. Es gibt ein gewisses Gebiet für den Einfluß des Vaters, und dieses beschränkt sich gegenwärtig auf Seine Heiligen; sie kennen die Holdseligkeit davon so gut, daß sie darum beten.

Wenn wir bedenken, in welcher Weise der Herr den Namen des Vaters kundtat, wie Er in diesem Evangelium wandelte, welche Gnade, welche Rücksichtnahme, welche Zärtlichkeit und Geduld Er an den Tag legte - das war die Entfaltung des Namens des Vaters und alles dessen, was das Reich des Vaters ausmacht.

In diesem Lichte sollte ich das nötige tägliche Brot betrachten; nach diesen Richtlinien kann man die Notwendigkeit des täglichen Brotes verstehen. Wie können wir auf solchen geistlichen Richtlinien aufrechterhalten werden? Nur durch das nötige tägliche Brot. Unser persönlicher Pfad ist in Tage eingeteilt. Es ist oft gesagt worden, daß Versammlungsübungen wöchentlich, unsere persönlichen Seelenübungen aber täglich sind, und jeden Tag müssen wir das nötige Brot haben; wenn wir es nicht haben, so werden wir im Zeugnis des geheiligten Namens des Vaters zusammenbrechen. Das Manna hebt die Notwendigkeit frischer Darreichungen für jeden Tag hervor.

Nehmen wir an, ich wüßte am Anfang des Tages alle Umstände, welche meinem Gemüt eine Probe sein würden oder gegen welche ich ankämpfen müßte, so könnte ich mich für diese Gelegenheiten stärken, oder ich könnte überlegen, was ich tun könnte; aber ich weiß nicht, was mich erbittern wird, noch welche kleinen Gelegenheiten ich habe kann, um das Zeugnis von dem Namen des Vaters zu erhöhen, die ich durch meine Unachtsamkeit versäumen mag. Der Vater aber kennt für jeden Tag alle Umstände meines Lebens, und Er kann mir das Nötige darreichen, so daß ich im Zeugnis nicht zusammenbreche.

Der Herr bekam Seine Anweisungen jeden Morgen. Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden“ - Er wurde belehrt, wie Er ein Wort zur rechten Zeit sprechen sollte. Denkt an die geheiligten Mitteilungen, welche der Herr am Morgen von Joh. 4 empfing, wo der Vater Selbst die Worte, die Er zu dem Weibe am Brunnen reden sollte, Ihm ins Herz und auf die Lippen gab! Er bekam dieses Wort an jenem Morgen. Für jeden Tag gibt es eine volle Darreichung des nötigen Brotes, wenn wir das bloß ausfindig machen wollten.

Keiner von uns wird je einen Tag wie den heutigen haben, und wir werden diesen Tag niemals wiedersehen; also ist es wichtig, daß wir auf der Höhe sind und im Zeugnis nicht zusammenbrechen. Wenn wir nach dieser Richtlinie handeln würden, würden wir im Zeugnis für den Namen des Vaters aufrechterhalten werden, und Sein Name würde geheiligt werden. Es ist ein Wunder, und doch ist es innerhalb der Schranken des Möglichen. Christen haben mir oft erzählt, daß schwere Prüfungen sie unerwartet überfielen, und daß sie ohne das kleine Wort, das sie am Morgen vom Herrn bekamen, nicht durchgekommen wären. Ein Bruder sagte einmal zu mir: Ich wußte, daß ein ungewöhnlicher Anspruch an mich gestellt werden würde, und zwar weil der Herr mir am Morgen beim Lesen eine solche Unterstützung gewährte. In dieser Weise können wir, wenn eine Prüfung kommt, in einem gewissen Maße den Namen des Vaters verherrlichen, anstatt unser Fleisch und unsere Natur zu offenbaren. Keiner von uns kann das tun, ohne das nötige Brot für jeden Tag zu bekommen.

Dann kommt der Name des Vaters in der Gesinnung der Vergebung zum Vorschein. Nehmen wir an, ein Bruder beleidigt dich, wie willst du dem entgegentreten? Manchmal beleidigen wir uns gegenseitig. Will ich dann eine Entschuldigung haben? Soll man den Fall durch die Gesinnung des Forderns oder der Vergebung erledigen? Der Heilige, der dieses Gebet sprechen kann, ist allem in der Gesinnung der Vergebung begegnet, so daß er damit rechnen kann, daß der Vater ihm die Sünden vergibt. Er hat die Kostbarkeit davon geschmeckt, einen Erlaß zu halten. Das Jahr des Erlasses ist nicht nur eine Gunst dem Schuldner gegenüber, sondern es ist auch ein Vorrecht des Gläubigers.

Nehmen wir an, ein Bruder oder eine Schwester ist nicht genau so, wie ich es von ihnen erwarte; nehmen wir an, sie verletzen und schädigen mich! Man kann ein hartes, nagendes Gefühl haben, welches einen verbittert und unglücklich macht. Was ist es da für ein Vorrecht, einen Erlaß zu halten! Der Gläubiger entledigt sich dessen, was in ihm nagte. Man mag sagen, der oder die tat etwas sehr Unrechtes. Nun, gibt es eine so große Sünde, daß man ihr in der Gnade der Vergebung nicht begegnen kann? Gott hat uns gezeigt, daß es keine derartige gibt. Wir brauchen aber Nahrung, um das tun zu können; daher muß die göttliche Natur aufgebaut und genährt werden, denn von Natur würden wir gern jeden Pfennig für die Schuld verlangen.

Schließlich nimmt der Herr an, daß wir alle viele Sünden haben, die vergeben werden müssen, und Jakobus sagt: „Wir alle straucheln oft." Es nützt nichts zu sagen, daß wir keine Sünder sind. Wenn wir gegen uns selbst ehrlich sind, so müßten wir eine Menge von Sünden zugeben, und wie könnten wir glücklich weiterleben, ohne uns der Vergebung des Vaters bewußt zu sein? Viele Christen haben ein trauriges Leben, weil sie sich dessen nicht bewußt sind, wie gern der Vater vergibt. Die Ursache ist, daß sie die Kostbarkeit des Erlasses nicht geschmeckt haben - es können kleine Dinge sein, kleine Beleidigungen, die unseren Stolz und unsere Eitelkeit verletzt haben.

Dann sollen wir sagen: „Führe uns nicht in Versuchung." Das zeigt, daß der Heilige sich selber kennt, er macht sich keine Gedanken über die Versuchung. Gott läßt aus Barmherzigkeit vielleicht Dinge, die mich verführen würden, niemals in meine Reichweite kommen. Ich glaube, daß es für jeden von uns etwas gibt, was sich bei einer Versuchung als zu viel für uns erweisen würde, und deshalb sagen wir: „Führe uns nicht in Versuchung." Ich möchte durch die Gnade des Vaters vor diesen besonderen Dingen, denen ich nicht widerstehen könnte, bewahrt werden, wie auch vor Umständen, die mir eine zu große Prüfung sein würden.

So endet dieses Gebet in tiefer Demut, in einer wahren Gesinnung des Mißtrauens sich selbst gegenüber und der wahren Selbsterkenntnis. Es gibt kein Selbstvertrauen mehr; wir sind auf den Vater geworfen, und wenn Er uns in der Versuchung verlassen sollte, würden wir sicherlich fallen; deshalb bitten wir in wahrem Selbstgericht und in Demut darum, bewahrt zu werden. Ich glaube, daß dieses Gebet zeigt, wie die Heiligen im göttlichen Zeugnis bewahrt werden können. Es wird verhängnisvoll sein, wenn wir es nicht beachten. Wir gebrauchen es nicht als Form, sondern wir wünschen, daß der Herr uns lehrt, dieses Gebet zu beten.

Die Offenbarung erzeugt Vertrauen; deshalb empfindet man keine Schwierigkeit, wenn es darum geht, etwas vom Vater zu bekommen. Der Herr gebraucht Bilder, um den Sinn Seiner Worte zu veranschaulichen; aber wir finden, daß diese Bilder manchmal auch als Gegensätze, nicht nur als Vergleiche gebraucht werden. Zum Beispiel heißt es hier, ein Mensch hat einen Freund, und wenn er zu einer ungewöhnlichen Zeit, um Mitternacht, mit seiner Bitte zu ihm kommt, so mag sein Freund nicht gewillt sein, sie ihm zu erfüllen, obwohl er infolge der Unverschämtheit seines Freundes seinen Unwillen überwinden mag.

Dann deutet der Herr aber an, daß wir es niemals nötig haben, so etwas bei dem Vater zu erwarten, wenn wir bitten, suchen und anklopfen. Wiederum spricht der Herr von einem Manne, der ein Vater ist: Wenn sein Sohn ihn um Brot bittet, würde er ihm einen Stein geben? oder um einen Fisch, würde er ihm einen Skorpion geben? Nein, sagt Er, das würdet ihr selbst nicht tun, obwohl ihr böse seid. „Wieviel mehr wird der Vater, der vom Himmel ist, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten." Er vergleicht die Glückseligkeit des Vaters mit der Veranlagung irdischer Eltern, das Beste für ihren Sohn zu tun. Die Haltung des Vaters wird gänzlich auf einen höheren Boden gestellt. „Wie- viel mehr", sagt der Herr.

So ist es wiederum in Kap. 18, wo der Herr über das Gebet in Verbindung mit dem ungerechten Richter und der Witwe redet. Der Richter geht auf ihre Bitte nicht ein; sein Herz wird nicht im geringsten durch ihre Bitte bewegt; er wird aber durch ihr beständiges Kommen geplagt, und deshalb bekommt sie, was sie braucht. Gott verfährt ganz anders mit denjenigen, die zu Ihm kommen, obwohl wir im Gebet verharren sollen.

Ich glaube, daß unser Mangel an Vertrauen darauf beruht, daß wir die Offenbarung Gottes als Vater nur schwach erfaßt haben. Wahre Abhängigkeit beruht auf Vertrauen, deswegen ist sie glückselig. Wir wissen alle, wie es ist, wenn wir in einigen Dingen von Menschen abhängig sind, zu denen wir kein Vertrauen haben es ist ein Elend. In einem gewissen Sinne sind alle Menschen von Gott abhängig, und oft haben sie kein Vertrauen zu Ihm, und so sind sie nicht glücklich.

Im Lichte der Offenbarung hat der Gläubige Vertrauen, deswegen ist seine Abhängigkeit voll Vertrauen, und er weiß, daß es nicht schwer ist, etwas vom Vater zu bekommen. Der Vater wird zur Wirksamkeit Seiner Gnade durch jeden wahren Wunsch bewegt, der Ihn als Antwort auf Seine Offenbarung erreicht.

Es ist zu bemerken, daß die Ernährungsfrage den Herrn sehr beschäftigt. Darin liegt eine geistliche Andeutung, die auf die große Wichtigkeit der Ernährung hinzuweisen scheint. Ich verstehe es so, nachdem wir die Offenbarung, die uns vom Sohne gebracht worden ist, empfangen haben, ist es erforderlich, daß wir darin durch gute Nahrung aufrechterhalten werden; die Kraft des Vertrauens unserer Herzen muß durch geistliche Nahrung aufrechterhalten werden; es muß eine Nahrung sein, die uns fortwährend in der Erkenntnis Gottes sättigt und kräftigt. Ich glaube, das ist eine grundlegende Notwendigkeit für ein glückliches christliches Leben.

Der Dienst Christi in der Kraft des Geistes nährt die Erkenntnis Gottes in unseren Seelen, so daß unser Vertrauen mit der Zeit nicht abnimmt, sondern unser Gottvertrauen von Tag zu Tag wächst. Die Erkenntnis Gottes ist das einzige, was wir nötig haben. Paulus schreibt den Korinthern: „Etliche sind in Unwissenheit über Gott"; er schrieb an Gläubige, und sie hatten keine Erkenntnis Gottes. Allgemein gesagt stellt die Nahrung den Dienst, der in der Versammlung zu finden ist, dar, und die volle Darreichung derselben sollte eine Angelegenheit der Seelenübung und des Gottvertrauens sein.

Im Kolosserbrief spricht Paulus vom Wachsen „durch die Erkenntnis Gottes" - Nahrung im geistlichen Sinne ist das, was unsere Erkenntnis Gottes fördert. Das ist alles höchst wichtig im Blick auf das Kommen des Geistes. Dieses Kapitel bringt uns zu der Gabe des Geistes. Diese vertrauensvolle Haltung ist die Vorbereitung der Seele für das Empfangen des Geistes. Es ist wunderbar, den Vater so durch die Belehrung des Sohnes zu kennen, daß wir vollkommen sicher sind, daß Er uns den Heiligen Geist geben wird, damit unsere Hilfsquellen und unser Vermögen unserer Bürgerschaft, die uns im vorigen Kapitel eröffnet wird, entsprechen sollten.

Lukas scheint uns die moralischen Zustände zu geben, die die Seele auf den Geist vorbereiten, und ich glaube nicht, daß der Geist uns zugute kommt, bis diese Zustände vorhanden sind. Ich sage nicht, daß wir den Geist nicht haben, ehe diese Zustände erreicht worden sind, aber der Geist kommt uns noch nicht zugute. Viele Menschen haben den Geist, denen Er aber noch nicht zugute kommt. Die Galater hatten den Geist, doch sie waren vom Lichte der Offenbarung weit abgewichen. Die Korinther hatten den Geist, doch wurde die Offenbarung durch ihre Fleischlichkeit verdunkelt, so daß Paulus sagen mußte: „Etliche sind in Unwissenheit über Gott; zur Beschämung sage ich's euch.“

Hier sehen wir die moralischen Zustände, die uns nach der Schilderung des Lukas auf das Empfangen des Geistes vorbereiten sollen. Es ist etwas Großes, dessen sicher zu sein, daß der Vater gewillt ist, uns eine unschätzbare Gabe zu verleihen. Der Zweck des Gebens des Geistes ist, daß die Heiligen den Platz im Zeugnis, den Jesus so vollkommen hielt, als Er hienieden war, wirksam und einsichtsvoll behaupten möchten. Dieses sollte so vollkommen bewirkt werden, daß der Herr in Kap. 12 sagen konnte, sie würden es nicht nötig haben zu bedenken, was sie sagen sollten - „der Heilige Geist wird euch in selbiger Stunde lehren“ -, eine wunderbare Tüchtigkeit zum Zeugnis. Diesen moralischen Richtlinien gemäß gelangen wir dahin in Kraft.

In diesen Dingen, wie Lukas über sie berichtet, gibt es eine moralische Reihenfolge. Zuerst sagt der Herr ihnen, sie sollten sich darüber freuen, daß ihre Namen in den Himmeln angeschrieben sind, was größer ist, als die Macht zu haben, Dämonen auszutreiben. Wenn das so ist, sollten wir da nicht schon jetzt etwas Bestimmtes und Himmlisches besitzen? Der Herr bringt uns dahin, daß wir Vertrauen zum Vater haben, daß Er uns den Heiligen Geist geben wird, damit wir hienieden vom Reichtum des himmlischen Vermögens auch leben können. Wir haben nicht nur die Bürgerschaft - sie ist wunderbar - sondern wir haben auch die Hilfsquellen und das Vermögen - den ganzen Reichtum des Geistes, der uns vom Vater gegeben wird.

Der Herr möchte uns dazu ermutigen, Freimütigkeit und Vertrauen zu haben; Er möchte alle Fragen und jede Unsicherheit beim Beten im Lichte der Offenbarung aus unseren Gedanken vertreiben. Einer, der im Lichte der Offenbarung steht, würde niemals etwas wünschen, was mit ihr nicht übereinstimmt.

Das Empfangen des Geistes wird in gar mannigfaltigen Weisen in der Schrift geschildert, um uns davor zu bewahren, daß wir uns in einer formellen Weise damit befassen. Es gibt kaum zwei Schriftstellen über das Kommen des Geistes, die über Sein Kommen in dieselben Umstände reden. Es gibt Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit, um uns vor einheitlichen Geleisen zu bewahren, damit wir lebendige Wirklichkeit anstreben. Es heißt bei Lukas, daß wir um den Heiligen Geist bitten sollen, weil wir Vertrauen zum Vater haben. Wir sind so von der Gnade, die mit dem Namen des Vaters verbunden ist, überzeugt, daß wir vertrauensvoll auf Ihn rechnen, daß Er uns sogar eine so überschwenglich große Gabe wie den Heiligen Geist geben wird.

Die Gabe des Geistes ist für uns im Blick auf die wunderbare Stellung, in welche wir durch die Offenbarung des Vaters versetzt worden sind und in welcher wir hienieden im Zeugnis des Vaters stehen. Der Herr sagte: „Ich habe ihnen dein Wort gegeben“ - das ist des Vaters Wort im Zeugnis.

Wenn wir diese Richtlinien nicht befolgen, sind wir in Gefahr, dem zu verfallen, was darauf folgt. Die Offenbarung wird verworfen und Satan kommt zur Macht. Das Haus wird gekehrt und geschmückt; die Dinge sind äußerlich anständig, doch böse Geister kommen und wohnen dort, und der letzte Zustand ist ärger als der erste. Das ist der Zustand Israels, es ist aber auch ebenso der Zustand der Christenheit. Entweder befolgen wir die Richtlinien, die sich aus dem Empfangen des Geistes und dem damit verbundenen Reichtum ergeben, oder wir sind auf der anderen Linie, wo viel Kehren und Schmücken betrieben wird - alles ist äußerlich richtig - es gibt aber keinen Platz für Gott oder für Christum, und die bösen Geister kommen, um da zu wohnen. Dem treibt allmählich die Christenheit zu. Möchten wir doch dem Heiligen Geiste und dem Namen des Vaters Raum geben.

Es kann keine Neutralität geben. Es ist Christus oder Satan; es gibt keinen Pfad dazwischen. „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich." Es ist entweder der Pfad, wo dem Geiste, der vom Himmel ist, Raum gegeben wird, oder der Pfad, der sich daraus ergibt, daß böse Geister eingedrungen und zur Macht gelangt sind. So ernst sehen die Dinge, die hier geschildert werden, aus.

Ich glaube, der Herr stellt diese Dinge vor, um uns zu befestigen und um unser Vertrauen zum Vater zu bestärken. Ich fühle, daß, wenn ich Gott besser kennte, ich in keinen Umständen verzagen würde; ich könnte in allen Dingen auf Ihn rechnen. Wie wunderbar ist es doch, daß es eine Person aus dem Himmel gibt, die jetzt in den Heiligen wohnt! Nicht nur sind wir himmlisch infolge unserer Berufung, sondern das Wesen des Himmels ist jetzt schon in uns durch den Geist. Wenn das der Fall ist, wollen wir dem nicht schon jetzt mehr Ausdehnung bieten, mehr Raum geben, damit es zum Ausdruck gelangen kann?

Wir haben von dem Herrn als Lehrer gesprochen, der uns lehrt, im Lichte der Offenbarung des Vaters, die Er uns gebracht hat, zu beten, so daß das Gebet zum Ausdruck des Vertrauens wird. Wenn das der Fall ist, werden wir sehen, daß die Macht des Bösen sich in Stummheit erweist. Wenn ein Mensch stumm ist, so zeigt das, daß er nicht zu Gott reden kann; er steht nicht im Lichte der Offenbarung, und deswegen hat er gar kein Vertrauen zum Reden. In solch einem Falle ist die Macht des Reiches erforderlich.

Wenn diese Macht nicht nach ihrem unumschränkten Willen wirkt, so würde nichts bewirkt werden. Der Herr handelte nach Seinem unumschränkten Willen. Er trieb den Dämon aus; es war Sein eigenes Wirken in der Kraft des Fingers Gottes. Es ist das große Ziel Gottes, in dieser Welt zu beweisen, daß Seine Macht größer ist als die ganze Macht des Bösen, und so kommt der Charakter der beiden Reiche ans Licht: des Reiches Satans und des Reiches Gottes. Deswegen ist es nicht möglich, neutral zu sein; deswegen sagt der Herr: „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich."

Wenn der Charakter der beiden Reiche offenbar wird, ist eine Neutralität unmöglich. Wenn es in unserer Stadt keine einzige Seele gäbe, die in dem Vertrauen der Gnade zu Gott reden kann, so wäre hier gar kein Lebenszeichen des Reiches Gottes. Der Herr ermutigt uns, daß wir Vertrauen haben sollen; Er ermutigt uns, zu Gott in dem Lichte der Offenbarung, die uns erreicht hat, zu reden und in zuversichtlichem Vertrauen zu reden. Um das zu bewirken, ist der Finger Gottes erforderlich. Es ist ein Dämon vorhanden, der die Lage aufhält, und er muß seiner Macht beraubt werden. Hier beraubt der Herr den Dämon seiner Macht und zeigt, daß das Reich Gottes stärker als die ganze Macht des Bösen ist. Die Frage lautet: Werden wir uns mit Ihm einsmachen? Eine Neutralität ist unmöglich.

Der Finger Gottes vollbringt das, was die Macht des Geschöpfes völlig übersteigt. Als der Staub in Ägypten zu Stechmücken gemacht wurde, konnten die Schriftgelehrten mit ihren Zauberkünsten das nicht nachmachen, und sie sprachen: „Das ist Gottes Finger." Es lag in ihrer Macht, einiges zu tun; aber es lag nicht in der Macht des Geschöpfes, den Tod zum Leben zu machen. Wenn nur eine Seele so im Lichte der Offenbarung des Vaters steht, daß sie vertrauensvoll zu Ihm reden kann, so ist das der Finger Gottes. Jeder Gläubige, der vertrauensvoll zu Gott reden kann, zeugt davon, daß die göttliche Macht größer als das Böse ist.

Es ist nicht nur Befreiung vorhanden, sondern das Herz wird auch in Besitz genommen. Aus den weiteren Worten des Herrn folgt, daß es einen Menschen gibt, aus dem der unreine Geist ausgefahren ist, dessen Herz aber nicht in Besitz genommen ist. Es ist daher nötig, daß unser Herz durch etwas eingenommen wird, was es gegen das Böse sichert; Gott, der im geliebten Sohne erkannt ist, sollte in das Herz einziehen, so daß es in Besitz genommen wird. Es hat sich nicht nur die Befreiung vollzogen, sondern das Herz ist auch in Besitz genommen und gegen jede Wiederkehr des hinausgetriebenen Bösen geschützt.

Wir sollten so gesichert sein, daß jene Macht niemals wiederkehrt, und nicht nur von ihr befreit sein; sonst wird das Letzte für uns ärger sein als das Erste. Es war so bei Israel, und es wird der Christenheit ebenso ergehen. Wir möchten wünschen, daß Christus bei uns einen solchen Platz einnimmt, daß das Haus von Ihm eingenommen wird und nicht nur gekehrt und geschmückt ist. Bei Matthäus haben wir das Wort „leer" (unbesetzt) in bezug auf das Haus. Es genügt nicht, eine äußere Befreiung zu haben, die von der göttlichen Vorsehung herrühren kann.

Israel war in der Stellung eines Menschen, aus dem der unreine Geist ausgefahren war; der unreine Geist des Götzendienstes fuhr aus, er wurde aber nicht durch den Finger Gottes hinausgetrieben. Ich möchte sagen, daß es die Vorsehung Gottes angeordnet hatte. Als aber der Herr ihnen vor Augen gestellt wurde und Gott Sich ihnen in der Person Jesu näherte, wollten sie Ihn nicht aufnehmen, und deshalb war das Haus nicht besetzt; wenn es auch gekehrt und geschmückt war, so war es doch leer. Das ist der heutigen Christenheit ähnlich.

Durch die göttliche Vorsehung ist die Christenheit von den großen Schlechtigkeiten der heidnischen Welt befreit worden; darin liegt aber keine Sicherheit. Die Sicherheit beruht darauf, daß wir dem Herrn Jesu einen Platz in unseren Herzen geben, damit wir nicht leer bleiben. Er ist nicht nur der Besitzer, sondern der Besitzergreifer; wenn Er dies ist, ist Sicherheit gegen das Böse vorhanden.

Die Menschen werden dadurch betrogen, daß das Haus gekehrt und geschmückt ist. Die Dinge sind anständiggemacht worden, es gibt aber keinen, der Besitz ergriffen hat, und das Ende davon ist die Abtrünnigkeit. Der letzte Zustand wird ärger sein als der erste. Unsere einzigste Sicherheit besteht darin, bewohnt zu sein. Der Geist führt Christum ein. Wenn wir den Heiligen Geist aus dem Himmel haben, so haben wir eine Person der Gottheit von dem Platze her, wo Christus ist. Er kommt, um in unseren Herzen ein Zeuge der Herrlichkeit Christi zu sein, so daß das Haus bewohnt ist und die unreinen Geister nicht zurückkehren können.

Wenn die unreinen Geister ausgetrieben worden sind, werden sie niemals zurückkehren; wenn sie aber bloß ausgefahren sind, können sie vielleicht zurückkehren. Es besteht dieser Unterschied zwischen dem, was Gott in Seiner Vorsehung und dem, was Er in Seiner Macht tut. Wenn die Geister durch den Finger Gottes ausgetrieben worden sind, so werden sie nie zurückkehren. Wenn die Person, die die Befreiung vollbracht hat, das Haus besetzt, so ist völlige Sicherheit vorhanden.

Der Höhepunkt des Gebetes des Paulus in Epheser 3, 16 ist: „Daß der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne." Wenn Christus in unseren Zuneigungen lebt, so ist dadurch eine beständige Sicherheit gegeben.

Dem Herrn tat es leid, daß sie ein Zeichen forderten (Vers 20); das zeigte, daß sie ein böses Geschlecht waren. Wenn der Mensch angesichts alles dessen, was in Ihm vorhanden war, ein Zeichen forderte, so war das der Beweis dafür, daß er böse war, und Er sagt, daß kein Zeichen ihnen gegeben werden sollte als nur das Zeichen Jonas. Jona brachte den Niniviten das Zeugnis über ihren wahren Zustand in den Augen Gottes. Gott sagte: „Geh nach Ninive, der großen Stadt, und predige gegen sie", und die Predigt Jonas lautete: „Noch vierzig Tage, so ist Ninive umgekehrt."

Der Herr sagt eigentlich zu ihnen: Ihr könnt Segen nur auf dem gemeinsamen Boden mit der heidnischen Welt empfangen. Er stellt dieses Geschlecht auf denselben Boden wie die Niniviten. Das Wunderbare dabei ist, daß ihr Zustand in dem Sohne des Menschen dargestellt wurde. Der Zustand Israels und der heidnischen Welt wird nicht dadurch dargestellt, daß das Gericht sie ereilte, sondern dadurch, daß der Sohn des Menschen das Gericht ertrug; darum wird ihr Zustand durch die höchste Gnade bezeugt.

Johannes der Täufer zeigte, daß der Zustand des Menschen verderbt ist und daß der Baum abgehauen werden muß; der Sohn des Menschen zeigt aber, wie der Baum im heiligen Gericht abgehauen worden ist, doch auf dem Wege der Gnade den Menschen gegenüber. Deswegen ist der Sohn des Menschen das Zeichen. Die Jud

en hätten an Ihn als den Sohn Gottes denken können, oder sie hätten sich Seiner als des Sohnes Davids gerühmt; Gott sagt aber: Nein, ihr müßt weiter ausgedehnt werden und Segen auf derselben Grundlage erlangen wie die Niniviten. Als Sohn des Menschen war Er der große Ausdruck der weltweiten Reichweite der Gnade Gottes.

Das einzige, was Ninive rettete, war das Erbarmen Gottes, womit Jona gar nicht übereinstimmte. Gott sagte zu ihm: Du erbarmst dich des Wunderbaumes, und du willst nicht, daß Ich Mich Ninives erbarme, „worin mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht zu unterscheiden wissen zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und eine Menge Vieh". Es ist das Erbarmen Gottes gegen Sein Geschöpf, das der Sohn des Menschen in Gnade zum Ausdruck bringt.

Der Herr sagte den Juden, sie müßten auf den Standpunkt herniedersteigen, daß der Sohn des Menschen das ganze Gericht Gottes über den sündigen Zustand der Menschen in Gnade auf Sich nehmen würde; darum ist der Sohn des Menschen das große Zeichen des Zustandes des Menschen und das gesegnete Zeichen der Gnade Gottes Seinem Geschöpf gegenüber.

Die weiteste Herrlichkeit des Herrn ist Seine Herrlichkeit als Sohn des Menschen; es war als Sohn des Menschen, daß Er kam, das Verlorene zu suchen und zu erretten. Es gab dabei keine Unterschiede, denn Juden und Heiden sind beide verloren; es gibt nur eine gemeinsame Grundlage, auf welcher der Sohn des Menschen die Menschen berühren kann, und das ist die Grundlage Seines Todes. Jona ist das große Zeichen dafür, daß alles, was für Gott anstößig war, vor Seinen Augen beseitigt worden ist, und Salomo ist das große Zeichen dafür, daß alles, was Gott wohlgefällig ist, zustande gekommen ist.

In Matthäus 12 redet der Herr darüber, daß Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauche des großen Fisches war, und Er sagt: „Also wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein." Das zeigt, daß der Sohn des Menschen auf den äußersten Grund gehen wollte; Er stürzte nicht nur, sondern Er wurde auch begraben. Die ganze Tragweite der Beseitigung des Menschen wurde durch Christum ausgeführt; es war nicht nur der Tod, sondern auch das Begräbnis ein Niedersteigen in das Herz der Erde. Das Begräbnis bedeutet die völlige Beseitigung, der Tod aber noch nicht. Wenn ein Mensch stirbt, so ist er als ein toter Mensch noch zu sehen; wenn er aber begraben ist, ist er nicht mehr zu sehen, er ist hinweggetan. Darin liegt die Wichtigkeit des Begräbnisses Christi. Es bedeutet die gänzliche Beseitigung des Menschen vor den Augen Gottes; er ist nicht mehr zu sehen.

Wir können kein vollständiges Evangelium predigen, ohne über das Begräbnis Christi zu reden. Paulus sagt uns in 1. Kor. 15, was das von ihm verkündigte Evangelium umfaßte: „Daß Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften, und daß er begraben wurde." Das ist ein Teil des Evangeliums. Wir brauchen den Sühnungstod in seiner ganzen Tragweite. Das Sterben ist ein Teil der Sühnung, aber nicht das ganze, denn Gott hatte zu Adam gesagt: „Staub bist du, und zum Staube wirst du zurückkehren“ — das bedeutet Begräbnis; Adam sollte vor den Augen Gottes verschwinden. So verschwindet der Mensch in dem Tode und dem Begräbnis Christi vor den Augen Gottes. Wir sollten mit Seinem Tode, aber auch mit Seinem Begräbnis im Einklang sein. Wir sollten uns dessen an jedem Tag unseres Wandels auf Erden bewußt sein; an dem Platze, wo Er begraben wurde, sollten wir mit Seinem Tode übereinstimmen; ohne dasselbe gibt es kein Christentum.

In Jona sehen wir die völlige Beseitigung des Menschen, der unter dem Gericht Gottes war, und das hat der Sohn des Menschen getan; Er ist das Zeichen davon. Der Sohn des Menschen ist in den Tod und in das Grab gegangen, um den Menschen, der lauter Anstoß gab, zu beseitigen. Das bedeutet nicht, daß wir den alten Menschen in Stücke schlagen müssen, sondern wir dürfen einsehen, wie gesegnet es ist, daß der Sohn des Menschen ihn beseitigt hat. Wenn der Sohn des Menschen ihn beseitigt hat, so ist es keine Gerechtigkeit, ihn wieder zurückzubringen.

In Salomo haben wir die ganze Weisheit Gottes; all die tiefen Gedanken der göttlichen Weisheit in bezug auf den Menschen wurden durch Salomo ausgesprochen. In Verbindung mit Salomo deutet der Herr an, daß Leute von weither kommen würden. Die Königin von Scheba stellt die Schar aus den Nationen dar, die Christum als die Weisheit Gottes wertschätzen würde, wenn Israel dieselbe mißachtete. Salomo war der Mittelpunkt eines Systems, wo alles vom Ruhme des Namens Jehovas sprach: das Haus, das er gebaut hatte, und das Sitzen seiner Knechte und der Aufgang, auf welchem er in das Haus Jehovas hinauf- ging. Alles war in Übereinstimmung mit dem Namen Jehovas, und das war es, was die Königin von Scheba gehört hatte. Um Salomo zu erreichen, ist Bewegung erforderlich.

Das sind die zwei Seiten der Wahrheit. Jona stellt das Hervortreten der Gnade und des Mitgefühls mit den Menschen in ihrer Not dar, wie auch das Offnen einer Tür zur Buße. Gottes Erbarmen ist das Wort, das bei Jona gebraucht wird, und sogar das Vieh wird erwähnt, was zeigt, daß Gott an Seine Schöpfung dachte. Am Ende des Markusevangeliums heißt es, das Evangelium sollte der ganzen Schöpfung gepredigt werden, was auf das Interesse Gottes für die ganze Schöpfung und auf Seine Rücksichtnahme auf den Zustand, in welchen sie geraten ist, hinweist. Diese Seite der Wahrheit wird zu uns gebracht.

Um aber Salomo zu erreichen, muß eine Reise gemacht werden, aber nur diejenigen, die Gott lieben, unternehmen sie. Salomo muß dort gefunden werden, wo er ist; er ist in seinem eigenen Kreise zu finden, wo alles dem Herzen Gottes Wohlgefallen bereitet. Das sind die zwei Seiten des Werkes Gottes. Ich glaube nicht, daß wir die Berufung Gottes verstehen, wenn wir diese zwei Seiten nicht sehen.

Wenn die Berufung Gottes uns im 1. Korintherbriefe in einer grundlegenden Weise vor Augen gestellt wird, so wird von Christo gesagt, Er ist die Weisheit Gottes, und Er ist uns Weisheit von Gott geworden. Der Apostel hat ein ganzes System der Dinge, "welche Gott zuvorbestimmt hat, vor den Zeitaltern, zu unserer Herrlichkeit“ - für die Heiligen vor sich. Es ist ein bestimmtes Gebäude, das Gott in der Kraft des Geistes Wohlgefallen bereitet, ein durch Herrlichkeit gekennzeichnetes System - „Salomo in all seiner Herrlichkeit". Die Königin von Scheba hörte von seinem Ruhm in Verbindung mit dem Namen Jehovas.

Wenn wir an den Menschen als sündig denken, so muß Gott zu ihm kommen; wenn das Zeichen ihn erreichen soll, muß es ihn dort antreffen, wo er ist. Jona ist das Zeichen der Gnade, welche den Menschen zur Buße führen möchte, so daß er von allen seinen alten Verbindungen befreit wird; Gott aber hat noch mehr vor Sich, etwas für die, die Gott lieben. Wie es mir scheint, kam die Königin von Scheba als von Liebe getrieben; sie hatte Fragen, die gelöst werden mußten, und sie war bereit, den wunderbaren Charakter der göttlichen Weisheit, die in der Umgebung Salomos zu sehen war, zu schätzen. Es ist etwas Großes, wenn wir beginnen, uns für die göttliche Weisheit zu interessieren und zu erforschen, was in den Briefen der Apostel über die Weisheit gesagt wird.

Das System, in welches wir eingeführt worden sind, bezeugt die Weisheit Gottes, und das ergibt, daß die Fürstentümer und Gewalten in den himmlischen Ortern „die mannigfaltige Weisheit Gottes" in der Versammlung kennenlernen. Alles ist zum Wohlgefallen Gottes, und es ist alles mit Christo verbunden, weil Er die Weisheit Gottes ist. Wenn wir die Welt nicht verlassen, werden wir nicht verständnisvoll ein Teil des Gefäßes des Lichts bilden, das hienieden zum Wohlgefallen Gottes ist. Es gibt darin das Hervorleuchten von allem, was aus Gott ist und mit Gott übereinstimmt; dies wird in Christo und in der Kraft des Geistes verwirklicht, und sogar die Leiber der Heiligen sollten diese Herrlichkeit ausstrahlen.

Gott kommt zu uns in Gnade, damit wir zu Ihm in Liebe kommen möchten, und als Ergebnis davon wird das Licht, das die Stadt erfüllen wird, moralisch jetzt schon in den Heiligen gefunden. „Das Licht des Leibes ist das Auge." Unsere Wertschätzung des Lichts hängt von unserer Sehkraft ab; deshalb wendet Sich der Herr von dem Gedanken des Lichtes in seinem Ursprung zu dem Zustande, der fähig ist, es zu sehen. Darin besteht die Seelenübung.

Das kostbarste Licht leuchtet; es hat niemals ein größeres Ausstrahlen von geistlichem Lichte gegeben als jetzt; aber das Werkzeug für die Wahrnehmung desselben ist von der höchsten Wichtigkeit. Das Licht hat „in unsere Herzen geleuchtet" (siehe 2. Kor. 4). Gott leuchtete in das Herz des Paulus um des Hervorleuchtens willen; in gewissem Sinne kann nichts zu dem Lichtglanz des Hervorleuchtens hinzugefügt werden. Wenn aber das Gefäß durch Licht gekennzeichnet werden soll, wenn es für das öffentliche Zeugnis auf einen Leuchter gestellt werden soll, sind einige Bedingungen dafür erforderlich; wir brauchen ein einfältiges Auge - eine Sehkraft, die durch keine selbstsüchtigen Beweggründe verdunkelt wird und durch keine Form des Götzendienstes.

Solch ein Auge steht im Gegensatz zu dem bösen Auge; das Auge ist entweder einfältig oder böse. Paulus betet um „den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst" - das würde ein einfältiges Auge bewirken. Es ist die göttliche Absicht, daß der Geist der Weisheit und Offenbarung den Heiligen gegeben werde, damit keine Fremdkörper die Sehkraft verdunkeln. Sie soll nicht kompliziert gemacht werden durch mannigfaltige Beweggründe wie durch Selbstgefälligkeit, Selbstsucht oder Selbstherrlichkeit. Alles Götzendienerische und Böse harmoniert nicht mit der gesegneten Offenbarung und mit der Zuversicht, die durch die Offenbarung erzeugt wird; es harmoniert nicht mit dem Geiste und führt zu einem bösen Auge. Ein einfältiges Auge ist gerade das Gegenteil davon.

Es ist interessant, den allgemeinen Gedanken des Lichts in Vers 33 zu sehen: „Niemand aber, der eine Lampe angezündet hat, stellt sie ins Verborgene, noch unter den Scheffel, sondern auf das Lampengestell, auf daß die Hereinkommenden das Licht sehen." Das ist der allgemeine Gedanke des Lichts, und dann haben wir die Art und Weise, wie das in den Heiligen verwirklicht wird, damit das, was so vollkommen im Sohne des Menschen leuchtet, auch in ihnen leuchten möchte, und selbst ihre Leiber sollten licht sein. Das ist etwas, was kein Pharisäer nachahmen kann. Er konnte ein sauberes Gewand anziehen, aber es konnte niemals licht sein. Die zwei Männer am Ende dieses Evangeliums hatten strahlende Kleider an; in der Weise sollte der Charakter des Ausstrahlens Gottes in Christo die Heiligen kennzeichnen.

In Korinth wurde das Licht verdunkelt; der Leuchter war da mit allen seinen Gefäßen, das Licht aber war verdunkelt; die Lampen brauchten priesterliche Aufsicht. Das Licht strahlte aber in Paulus, und es sollte in den Heiligen strahlen, damit das Licht wie der Leuchter sein möchte, d. h. daß es entschieden in einer bestimmten Stellung aufgestellt werden möchte. Es ist nicht gerade das Licht der Welt, es geht aber um die Hereinkommenden -„daß die Hereinkommenden den Schein sehen“. Unter den Heiligen ist ein Gebiet gesichert worden, wo göttliches Leuchten vorhanden ist.

Leuten, die sich über armselige Zusammenkünfte beklagten, habe ich gesagt: Ihr wart wohl noch nie in einer Zusammenkunft, wo nichts zum Lobe Gottes oder Seines geliebten Sohnes gesagt wurde. Man kommt herein und sieht den Schein; man geht heraus mit dem Evangelium. Die göttliche Absicht beim Hereinbringen eines Lichtes ist, daß es öffentlich, nicht geheim ist. Es gibt ein gewisses Gebiet, wo das Licht sich befindet, und es erfüllt dieses Gebiet mit seinem Leuchten. Dieser Schein ist nicht nur da, wenn wir zusammen sind, obwohl er besonders dann zu sehen ist, wenn die Heiligen versammelt sind; dann werden wir vor ablenkenden Einflüssen bewahrt. Die befreiende Macht des Reiches wird erlebt, wenn wir zusammen sind; wir kommen in ein Gebiet, wo andere Grundsätze vorhanden sind.

Es gibt dort ein Leuchten, und kein Raum ist dort für die Finsternis, ob wir zum Brotbrechen oder zum Gebet oder zur Wortbetrachtung zusammenkommen. Es ist der Ort für das Licht. Im Gegensatz dazu sehen wir (Vers 37), daß es ein System gibt, das vorgibt, den Herrn zu empfangen - der Pharisäer lud Ihn zum Essen ein. Augenscheinlich erwies er dem Herrn Ehre, es war aber nur, um sich selbst zu erhöhen, und seine Umgebung war völlig in Finsternis. Nachdem das volle Licht erstrahlt ist, besteht ein System der Finsternis, das sich so wider Gott erweisen wird, daß das Blut aller Seiner treuen Zeugen von ihm gefordert werden wird, wie wir in Offenbarung 18 lesen. Das Große für uns ist, das Licht zu schätzen, verständnisvoll mit dem Lichte beschäftigt zu sein, und in dieser Weise werden wir vor der Finsternis bewahrt werden.

Gott wirkt von innen. Im System der Finsternis ist äußerlich alles anständig, aber das Innere bleibt selbstsüchtig und böse. Gott wirkt von innen, damit Herzen da seien, die fähig sind, Christum zu empfangen. Das, was der Pharisäer äußerlich tat, sollen wir bereit sein, innerlich zu tun. Es ist gut zu verstehen, daß Gott es mit dem Innern zu tun hat; das äußerliche System taugt nichts. „Du hast Lust an der Wahrheit im Innern, und im Verborgenen wirst du mich Weisheit kennen lehren" (Psalm 51, 6). Da beginnt Gott, Er wirkt viel mit Seelen im Verborgenen, ehe irgend etwas davon zum Vorschein kommt. Der Feind möchte das, was dort aus Gott ist, verheimlichen, aber Gott will, daß es leuchtet.

Gott wirkt, um die Menschen dahin zu bringen, daß sie auf das Fleisch ganz und gar nicht mehr vertrauen; Seine Beschuldigung gegen die Pharisäer bestand darin, daß sie in bezug auf Kleinigkeiten sehr genau waren, das Gericht und die Liebe Gottes aber übergingen. Wie schätzt Gott das ein? Was denkt Er? Darüber sollte man besorgt sein. Ich sehe zum Beispiel das Urteil Gottes in dem Ausspruch: „An dir habe ich Wohlgefallen gefunden." Das ist Sein Urteil, so hat Er Seinen geliebten Sohn eingeschätzt, und wenn wir Sein Urteil über gewisse Dinge haben wollen, so werden wir alles im Lichte des Urteils Gottes über Christum beurteilen. Er hat ein Urteil darüber, was Ihm wohlgefällt, und Sein Werk in unseren Seelen soll uns darauf vorbereiten, Sein Urteil zu haben, so daß anstatt Selbstsucht und Bosheit Christus zugegen ist, und Er wird zum verborgenen Menschen des Herzens.

Dieses Kapitel ist wichtig, weil es uns den Charakter des Systems gibt, das vorgibt, Christum aufzunehmen, in Wirklichkeit aber ein System der Finsternis ist, wo Christus nur zur Selbstverherrlichung gebraucht wird. Das Urteil Gottes wird darin nicht in Betracht gezogen, und die Liebe Gottes ist unbekannt. Es ist sehr wichtig, zuerst das Urteil Gottes zu haben, dann kommen wir zu bestimmten Schlußfolgerungen. Im Christentum ist alles durch Endgültigkeit gekennzeichnet; das Urteil Gottes ist ausgesprochen worden, und es ist des Menschen Weisheit, es zu beachten. Wenn ich das Urteil Gottes in bezug auf Christum beachte, so verpflichtet es mich, Sein Urteil in bezug auf den Menschen nach dem Fleische auch zu beachten.

Um nun das Urteil Gottes und die Liebe Gottes zu bewahren, gibt es ein Gefäß des Lichts, und es steht im Gegensatz zu dem religiösen System, das vorgibt, Christo Ehre zu erweisen. Die Dinge, über welche der Herr in diesem Kapitel redet, sind ganz bestimmter Art – das Urteil Gottes, die Liebe Gottes, die Weisheit, der Schlüssel zur Erkenntnis, der Heilige Geist - welch ein kostbarer Reichtum ist das gegenüber dem System der Finsternis!

Gott wirkt nach den Richtlinien der verborgenen Dinge, Er will das Herz reinigen; Er wirkt, um Sich zuerst ein inneres Ergebnis zu sichern. Er wirkt, um ein Gefäß des Lichts aufzurichten, und um es zu besitzen, muß Er innerlich wirken. Paulus redet davon, daß unsere Herzen durch den Glauben gereinigt werden - wenn Gott einzieht, zieht die Sünde aus. Der Glaube bringt Gott und Christum uns nahe, und wenn das so ist, werden wir die Selbstsucht und die Bosheit los.

Der Pharisäer führte Christum moralisch oder geistlich nicht in sein Haus ein; er stellt dasjenige System dar, das dem Namen nach Christum anerkennt und Ihm Ehrerbietung erweist, aber innerlich nichts besitzt. Gott gibt Seinen Geist nur gereinigten Herzen; die Gabe des Geistes bezeugt, daß Herzen gereinigt worden sind. Paulus redet zu den Kolossern darüber, daß das Evangelium wächst und Frucht bringt. Nicht nur in einzelnen, sondern auch darin, wie die Heiligen zusammengesetzt sind und zusammen wandeln, sehen die Menschen, die hereinkommen, das Licht. Es wird in der christlichen Schar gefunden.

Die gegenseitigen Beziehungen der Heiligen werden im Lichte der Offenbarung, im Vertrauen auf Gott und in der Gegenwart des Geistes gestaltet, so daß es ein ganzes System der geistlichen Dinge gibt, das im Gegensatz zur Finsternis Licht ist.

Das Geben von Almosen (Vers 41) zeigt die Betätigung der Gnade. Wenn wir die Gnade betätigen, werden wir uns keine Verunreinigungen zuziehen - es ist dann ein Schutzpanzer um die Seele her vorhanden. Sehr oft wird durch unsere Trägheit in der Ausübung der Gnade dem, was unrein ist, die Tür geöffnet. Wenn wir bei der Ausübung der Gnade das Wohl anderer anstreben, so sind wir außerhalb der Reichweite des Unreinen: Selbstsucht, Bosheit und Unreinigkeit finden dann keinen Einlaß.

In 3. Mose 11 wird uns gesagt, daß Wasserbehälter, Quellen und Zisternen nicht verunreinigt werden, sogar wenn ein unreines Tier oder ein Insekt dort hineinfällt. Wo solch eine Betätigung des Geistes gefunden wird, wenn die Heiligen zusammenkommen, wird das Verunreinigende ausgeschlossen. Die Beschäftigung mit dem Guten schließt das Böse aus. Praktische Befreiung wird darin gefunden, daß man in Gott wohlgefälligem Tun verharrt. Es ist Gottes würdig, nach dieser Richtlinie zu wirken.

Wenn ein Heiliger gefallen ist, wie wirst du ihm helfen? Nicht dadurch, daß du ihm sagst, daß er gefallen ist, sondern durch etwas Gutes. Bruder J. N. Darby hat gesagt: „Der Weg des Friedens im Inneren und der Kraft nach außen hin besteht darin, immer und ausschließlich mit dem Guten beschäftigt zu sein.“ Das ist das einfältige Auge. Paulus schreibt an die Philipper über schöne Dinge, und er sagt: „Dieses erwäget" (Phil. 4, 8).

Auf das Äußere achtgeben, während das Innere unrein ist, und sich sehr um Kleinigkeiten befleißigen - das sind Grundsätze der Finsternis. Ich habe beobachtet, daß, wenn die Menschen in bezug auf nichtige Dinge allzu genau sind, sie meistens empfindlich in großen Dingen fehlen. Wir können uns selbst darin gefallen, wenn wir in Dingen, die uns nicht viel kosten, äußerst genau sind. Kleine Kräuter zu verzehnten, kostet nichts; aber der Pharisäer kann sich darin selbst gefallen. Es ist recht, auf kleine Dinge achtzugeben, denn der Herr sagt: „Diese Dinge hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen." Vernachlässigt nicht die kleinen Dinge, aber messet ihnen nicht ungebührliche Wichtigkeit bei. Die Dinge als beschwerlich hinzustellen, gehört zum System der Finsternis.

Paulus legte den Heiligen niemals Lasten auf, er zeigte aber, wie gern bereit er war, die Dinge, die an ihn herankamen, zu tragen. Man kann nicht die Briefe Pauli lesen, ohne zu empfinden, daß hier ein Mann ist, der bereit ist, uns zu helfen, unsere Lasten zu tragen, sei es eine Seelenübung oder eine persönliche Schwierigkeit oder ein Leid betreffs der Versammlung; er kommt nicht mit Forderungen, sondern mit einer helfenden Hand. Wir sollten nicht in einer fordernden Gesinnung auftreten - das gehört zum System der Finsternis. Paulus nahm die ganze Last der Schwierigkeit in Galatien auf sich; er trug sie in seinem Geiste und brachte einen außerordentlichen Dienst göttlichen Reichtums hervor. Auf diese Weise wies er die Dinge zurecht; er gab praktische Almosen.

Das Lastentragen gehört zum Gefäß des Lichtes, und wir sollten diesen Lichtglanz immer mehr beherzigen, damit wir uns entschieden von den Grundsätzen der Finsternis absondern, obwohl sie sich uns von Natur empfehlen.


Kapitel 12

Wir haben uns mit der göttlichen Absicht beschäftigt, daß eine Lampe hienieden angezündet und, um für Gott zu leuchten, auf ein Lampengestell gestellt werden und so moralisch und geistlich das Scheinen der Heiligen Stadt im voraus darstellen soll. Wir haben bemerkt, daß der Herr die Aufmerksamkeit auf das lenkt, was das Scheinen verdunkeln kann. Ich nehme an, daß nichts es so verdunkeln kann wie die Heuchelei; deswegen war dies das erste, was Er auf dem Herzen hatte, es Seinen Jüngern zu sagen.

Wenn wir uns aller Formen der Heuchelei entledigen könnten, wären wir wie jene Stadt. Wir lesen in Offenbarung 21: „Ihr Lichtglanz war gleich einem sehr kostbaren Edelstein, wie ein kristallheller Jaspisstein" (Vers 11); „und die Stadt reines Gold, gleich reinem Glase" (Vers 18); „die Straße der Stadt reines Gold, wie durchsichtiges Glas“ (Vers 21). Das weist auf ein Gefäß hin, das in keiner Weise das Licht verdunkelt, und das hat uns der Herr jetzt schon geistlich zugedacht. Heuchelei bedeutet, ein unechtes Wesen vorzutäuschen; das ist der Sauerteig der Pharisäer. Heuchelei ist ein Grundsatz, welchem wir natürlicherweise zugeneigt sind; darum tut es uns not, die heilsamen Worte des Herrn zu beachten.

Der Charakter des Christentums wird in dem Strome des Wassers des Lebens veranschaulicht: „Er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, glänzend wie Kristall, der hervorging aus dem Throne Gottes und des Lammes" (Offb. 22, 1). Wenn die Stadt öffentlich entfaltet werden wird, werden alle verdunkelnden Einflüsse verschwunden sein; wie ich es aber verstehe, wird ihre Beseitigung nicht durch ein mächtiges Wirken der göttlichen Kraft zuwege gebracht, sondern durch ein Verfahren der geistlichen Seelenübung, die solche kristallähnliche Klarheit bewirkt, so daß es gar nicht nötig ist, etwas vorzutäuschen, was wir ja doch nicht sind. Als Christen haben wir es nicht im Geringsten nötig vorzugeben, etwas zu sein, was wir nicht sind.

In seiner ihm eigenen Kraft will das Evangelium uns kristallähnlich machen, so daß kein verdunkelndes Element vorhanden ist. Wir beginnen mit dem Charakter und der Natur Gottes. „Dies ist die Botschaft... daß Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist"; und das Evangelium, das uns erreicht hat, besitzt diesen Charakter. Es kommt in solch einer Gnade, daß es den Geist der Heuchelei vertreibt. Ich glaube nicht, daß jemand als Heuchler errettet werden kann.

In diesen Versen sehen wir zwei Gefahren. Der Sauerteig der Pharisäer bedeutet, vorzugeben besser zu sein als man ist; andererseits kann man vielleicht nicht in dem Lichte leuchten, das man im Herzen hat; aus Menschenfurcht mag man es verbergen. Es gibt diese zwei Gefahren. Die erste wird in dem, was Ananias und Saphira taten, veranschaulicht, und die zweite in der Heuchelei des Petrus, worüber Gal. 2 berichtet. In Apg. 6 waren es solche, die unter den Geschwistern ein Ansehen wegen ihrer Ergebenheit genießen wollten, die in ihren Herzen nicht vorhanden war. Das war eine ernste Angelegenheit und brachte sofortiges Gericht mit sich.

Andererseits änderte Petrus sein Handeln, „da er sich vor denen aus der Beschneidung fürchtete". Er hatte das Licht des Evangeliums in seinem Herzen, aber er ließ es zu, daß es durch die Furcht vor denen aus der Beschneidung verdunkelt wurde, und ich denke, daß dem Wunsch zugrunde lag, seinen Ruf als guter Jude aufrechtzuerhalten. Paulus nennt das Heuchelei (eig. Verstellung) - bestimmt ein sehr starkes Wort, das auf den Apostel angewandt wird. In diesem Zeitpunkt war Petrus nicht frei von dem System, das das Licht verdunkelte.

Wenn die Offenbarung Gottes in Christo in ihrem wahren Charakter aufgenommen wird, so vertreibt sie völlig den Wunsch, anders zu erscheinen, als wir sind. Alles ist ans Licht gekommen; bei jedem von uns war eine ganze Lebensgeschichte der verborgenen und geheimen Dinge; das Evangelium hat uns aber gezeigt, wie Gott mit diesen Dingen verfahren ist; beim Tragen des Gerichts durch Christum hat Er sie alle ins volle Licht gebracht, und Er ist so wirksam mit ihnen verfahren, daß kein Jota und kein Strichlein solcher Dinge zurückgeblieben ist, um das Licht, worin Er scheint, zu verdunkeln. Wir sollten uns nicht schämen, wenn diese Dinge in der öffentlichsten Weise aufgedeckt werden.

Verborgene Dinge werden offenbar werden, und geheime Dinge, die ins Ohr gesprochen wurden, werden öffentlich bekanntgegeben werden. Wir wandeln in diesem Lichte. Hesekiel (Kap. 1, 22) redet vom Kristall, aber er sagt: „der wundervolle (eigentlich: erschreckende) Kristall"; der Gedanke ist, von dem göttlichen Lichte durchleuchtet zu werden. Wer möchte aus Kristall gemacht sein, so daß die verborgensten Gedanken und geheimsten Beweggründe von allen gesehen werden können? Kein natürlicher Mensch möchte das.

Hesekiel zeigt aber, daß es in dem erschreckenden Kristall etwas für Gott gibt, etwas auf einer höheren Stufe. Er sieht einen Thron, und darauf die Gestalt wie das Aussehen eines Menschen, und ringsum um den Thron war ein Regenbogen. Gott kann in der Treue Seines eigenen Bundes sündigen Menschen gegenüber wirken, weil derselbe Mensch, der auf dem Throne sitzt, an dem Kreuze für sie gestorben ist, und alles, was das Licht bloßgestellt hat, hat die Liebe beseitigt, also ist es gar nicht nötig, irgend etwas zu ver- decken; es ist alles ans Licht gekommen. Dahin stellt uns das Evangelium. Jetzt sind die verborgenen und heimlichen Dinge bei den Christen von einer solchen Art, daß wir sehr froh wären zu denken, daß sie öffentlich herauskommen sollten. Es wird ans Licht kommen, was wir insgeheim getan haben.

Der Christ hat auf den Knien im Verborgenen in seinem Kämmerlein gelegen und wollte eine bessere Erkenntnis Gottes und Christi haben und er betete für seine Geschwister. Das sind die neuartigen Geheimnisse, die an einem kommenden Tage aufgedeckt werden; es gibt jetzt eine neuartige, geheime Lebensgeschichte. Wenn wir mit Dingen vorangehen, von denen wir nicht wünschen, daß die Geschwister sie erfahren sollten, so sind das bestimmt Dinge, die wir weiterhin nicht tun sollten, und alles wird ans Licht kommen.

Es ist eine ganz böse Sache, wenn irgendeiner von uns den Sauerteig der Pharisäer bei sich duldet, und es wird eine sehr kurze Dauer haben; es wird alles öffentlich herauskommen. Wenn ein Heiliger einen bösen Lebenswandel führt, so wird das sehr wahrscheinlich schon jetzt herauskommen. Wenn ein Mensch gar nicht bekehrt ist, so kann es vielleicht im Dunkeln gelassen werden. Wenn wir uns damit begnügen wollten, nur das zu sein, wozu uns die Gnade Gottes gemacht hat, so würde das alles vereinfachen.

Paulus konnte sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Das war er, und er wollte nichts anderes sein. Er konnte auch sagen: „Gott aber sind wir offenbar geworden; ich hoffe aber auch in euren Gewissen." Das Urteil Gottes ist die Art und Weise, wie Gott die Dinge betrachtet. Als Er sagte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“, so war das das Urteil Gottes. Es ist die Wertschätzung Christi; Er hat ein Urteil gefällt und es zum Ausdruck gebracht, und es ist unsere Weisheit, das Urteil Gottes zu beachten, dann kommen wir zur Erkenntnis der Liebe Gottes, und dann kommen wir weiterhin zu der Weisheit Gottes.

Das Licht ist die Offenbarung Gottes. Das sehen wir im vorhergehenden Kapitel; die Offenbarung ist vorhanden, und im Lichte der Offenbarung Gottes betet ein Mensch. Das wahre Gebet möchte die Finsternis verdrängen. Wenn einer betet, scheidet die Finsternis aus, weil Gebet bedeutet, daß wir uns Gott nähern, und in der Nähe Gottes ist keine Finsternis. John Bunyan sagte, daß entweder das Gebet den Menschen zwingt, das Sündigen aufzugeben, oder die Sünde den Menschen zwingt, das Beten aufzugeben.

In Vers 4 sagt nun der Herr: „Ich sage aber euch, meinen Freunden.“ Es ist schön, daß der Herr uns in dieser Weise anreden kann. Im Grunde des Herzens sind wir Seine Freunde. Es besteht aber die Gefahr, daß wir aus Menschenfurcht unsere Freundschaft verbergen. Wir möchten aber nicht, daß unsere Freundschaft mit Jesu durch Menschenfurcht verdunkelt werde; Menschenfurcht ist ein sehr verdunkelnder Einfluß. Das Weitestgehende, was sie tun könnten, ist, uns zu töten. Ich bin oft durch eine ganz nichtige Sache daran gehindert worden, als ein Freund Jesu aufzutreten, nur durch den Gedanken, daß man mich zum Narren halten und auslachen könnte.

Was ist es aber für ein Vorrecht, als ein Freund Jesu aufzutreten und nur Denjenigen zu fürchten, der in die Hölle zu werfen vermag! Die Gottesfurcht wird uns vor eitlem Ruhm bewahren. Es ist heilbringend, Gott in dem Charakter vor sich zu haben, der gefürchtet werden soll. Er hat die Gewalt, in die Hölle zu werfen. Das würde jeden Eigendünkel und jede Prahlerei beseitigen. Wir wandeln in der Furcht Gottes, denn Er hat die Gewalt, in die Hölle zu werfen. Der Herr möchte, daß dieser Gedanke uns gegenwärtig sei.

Petrus schreibt: „Wenn ihr den als Vater anrufet, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht“ (1. Petr. 1, 17). Wir haben es mit Gott als dem Richter aller zu tun; Er erforscht fortwährend unsere Beweggründe, und wir wissen, daß Gott das Böse nicht duldet.

Andererseits sind die Freunde Jesu vorzüglicher als viele Sperlinge. Die Freunde und Bekenner Jesu sind nicht vergessen; die Haare ihres Hauptes sind gezählt. Der Herr belehrt us darüber, daß die Betreuung und der Schutz Gottes in alle Einzelheiten eingreifen; während das Bewußtsein Seiner Gewalt die tiefste Ehrfurcht mit sich bringt, liegt jedoch die tiefste Zuversicht im Bewußtsein Seiner Fürsorge; die Freunde und Bekenner Jesu sind die Gegenstände der größten Fürsorge und Anteilnahme Gottes.

Nehmen wir an, jemand befindet sich der Gegenwart weltlicher Menschen, und, indem er sich seiner großen Schwachheit bewußt ist, bemüht sich, stammelnd den Namen Jesu auszusprechen; Gott hält so viel davon, daß selbst alle Haare des Hauptes von einem solchen gezählt sind. Er wird dem Feinde nicht erlauben, auch ein Haar seines Hauptes auszuz

ziehen, wenn es nicht zur Förderung des Zeugnisses ausschlagen würde. Wenn nur ein Haar weniger vorhanden ist, weiß Er es, und es geht dabei um das Bekennen. Dadurch wird die ungeheure Wichtigkeit des Bekennens des Sohnes des Menschen ans Licht gebracht.

Man kann in einem Kaufladen oder in einem Kontor oder in einer Schule sein, und die Versuchung liegt nahe, den Sohn des Menschen nicht zu bekennen - Jesum nicht zu bekennen. Bedenkt aber, was alles damit zusammenhängt; es kommt ein Tag, wo der Sohn des Menschen den himmlischen Heerscharen sagen wird, wie du dich verhalten hast. Wenn du als junger Christ in einem Kontor oder in einer Schule den Sohn des Menschen bekennst, so wird Er allen himmlischen Heerscharen davon erzählen, daß du Seinen Namen gerade bekannt hast. Alles dieses gibt uns ein Bewußtsein von der Fürsorge Gottes, die bis in die kleinsten Einzelheiten eingreift.

Wir machen uns nicht viel aus einem Sperling, der Herr sagt uns aber, daß nicht einer von Gott vergessen ist. Er vergißt nicht einen Sperling, nicht für einen Augen-blick! Es ist wunderbar! Deshalb ist nichts in unserem Leben gering. Für den Bekenner Jesu ist nichts gering. Jedesmal, wenn du Seinen Namen ehrfurchtsvoll vor der Welt erwähnst, wird es Tausenden und Abertausenden gesagt werden. Es lohnt sich, dies zu tun. Ich würde jungen Christen raten: Erwähnet Seinen Namen; es macht nichts aus, wie ihr ihn aussprecht.

Wenn man euch vorschlägt, einen Roman zu lesen oder ins Kino zu gehen, so sagt nicht: „Es interessiert mich nicht"; weicht dem Bekennen nicht durch eine Hintertür aus; es bedeutet, ein Vorrecht zu versäumen. Erwähnt Seinen Namen, macht euch nichts daraus, wenn ihr ihn nur zaghaft und schwach aussprecht; ihr mögt wie Espenlaub zittern, doch sprecht Seinen Namen aus. Sagt, warum ihr nicht ins Kino geht. Erwähnt Seinen Namen; dadurch hißt ihr die Fahne des Reiches, und die ganze Macht des Reiches wird euch unterstützen.

„Wer mich aber vor den Menschen verleugnet haben wird, der wird vor den Engeln Gottes verleugnet werden." Es wird angenommen, daß der Charakter einer solchen Person schließlich derart sein wird; aber ein etwas anderer Ausdruck wird in bezug darauf gebraucht. Der Charakter eines solchen Menschen wird als ein Verleugner des Herrn Jesu hingestellt. Petrus verleugnete den Herrn, aber das war nicht der Charakter des Petrus; zu Pfingsten verleugnete er den Herrn nicht.

Die Freunde und Bekenner Christi werden hier als mit dem Zeugnis des Heiligen Geistes einsgemacht betrachtet. Ich denke, daß das, was der Herr hier über den Heiligen Geist sagt, Seine Freunde und Bekenner ermutigen soll, damit sie die Freimütigkeit haben, am Bekennen Seines Namens durch den Geist teilzuhaben, und damit sie verstehen, wie außerordentlich verhängnisvoll es ist, das Zeugnis des Geistes zu mißachten oder zu lästern. Weil es die Zeit der größten Gnade von seiten Gottes ist, ist es auch die Zeit der größten Schuld von seiten des Menschen.

Das Zeugnis des Sohnes war nicht abschließender Art, denn danach kam noch das Zeugnis des Geistes; für diejenigen aber, die verächtlich das Zeugnis des Heiligen Geistes verwerfen, ist nichts mehr da. Wenn das Zeugnis des Geistes in gewalttätiger Weise verleugnet und verworfen wird, so kann das nicht mehr gutgemacht werden, denn der Geist ist gelästert worden. Das kann durch Apg. 13 veranschaulicht werden, wo das Zeugnis der Vergebung der Sünden verkündigt wurde, und die, welche es hörten, lästerten; dann gebrauchten Paulus und Barnabas Freimütigkeit und sprachen entschieden: „Zu euch mußte notwendig das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßet und euch selbst nicht würdig achtet des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.“ Dem Grundsatze nach bezieht sich das auf den Geist, wie Er den Platz des Zeugnisses in den Heiligen hat.

Der Geist wird in anderen Schriftstellen als die Kraft betrachtet, wodurch der Herr Seine mächtigen Werke tat, aber in Apg. 13 wird das Zeugnis als in die Hände der Heiligen übergegangen betrachtet, obwohl es eigentlich das Zeugnis des Heiligen Geistes ist. Es ist ein sehr ernster Gedanke, zu wissen, daß das Zeugnis in seinem wahren Charakter das Zeugnis des Heiligen Geistes ist. Bruder Stoney sagte manchmal, wir befänden uns entweder mit der Welt auf der Anklagebank oder im Zeugenstand mit dem Geiste (siehe Joh. 16).

Diejenigen, die wider den Sohn als Menschen reden, wird vergeben, aber wer wider den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben. Es zeigt die außerordentliche Wichtigkeit und den Ernst der Gegenwart des Geistes im Zeugnis. Wo das Zeugnis der Apostel mutwillig verworfen und dagegen lästerlich geredet wurde, gab es keine Vergebung. Das bezieht sich nicht auf irgendeine gegenwärtige Predigt; die Apostel predigten das Evangelium durch den aus dem Himmel gesandten Geist; wir würden uns aber nicht anmaßen, es ebenso zu tun wie die Apostel. Der Herr sagt das zur Ermutigung, damit man nicht davor zurückschrecken sollte, mit dem Zeugnis des Geistes einsgemacht zu werden; sogar wenn man sie vor die Synagogen und vor die Obrigkeiten und Gewalten führen würde, würde der Geist sie lehren, was sie sagen sollten.

Ich kann so gut predigen, wie ich es nach meinem Maße der Erkenntnis tun kann, es ist vielleicht aber nicht das direkte Zeugnis des Geistes. Hier ist der Gedanke der, daß ein mutwilliger und bösartiger Haß gegen den Heiligen Geist vorhanden ist, wenn Er von Christo zeugt; dafür gibt es keine Vergebung. In Apg. 7 gab Stephanus einen Überblick über die ganze Geschichte der Vergangenheit und brachte göttliches Licht in die damalige Lage; er sagte nicht ein Wort, das nicht das Ergebnis des Lehrens des Heiligen Geistes war; deshalb war es eine außerordentlich verhängnisvolle Sache, dieses Zeugnis zu verwerfen. Wenn ein Mann ganz und gar in der Kraft des Geistes predigen würde, ist es verhängnisvoll, dagegen zu reden. Mit dem Zeugnis des Geistes darf nicht gespielt werden; wenn es auch nur Feindschaft hervorbringt, ist das sehr ernst.

Dann ermutigt das die Freunde und Bekenner, weil ihnen bekannt wird, daß sie mit dem wunderbarsten, gleichzeitig aber auch mit dem verantwortungsvollsten Zeugnis einsgemacht sind, d. h. es bringt die größte Verantwortung für diejenigen mit sich, welche es mutwillig und verächtlich verwerfen. Es gibt eine Menge Menschen, die nicht Bekenner sind, aber auch nicht lästernd reden; sie nehmen eine neutrale Stellung ein. So stehen heute die meisten in der Christenheit da. Das Zeugnis ablehnen, geht nicht so weit wie dagegen lästern; ich denke, das letztere ist der Ausdruck von einer bösartigen Feindschaft, und das findet man nicht bei einem jeden.

Bei den Pharisäern war es bösartige Feindschaft wider den Geist, der im Herrn Selbst geoffenbart wurde; ich glaube aber, daß dieser Grundsatz auf die Bekenner übergeht, um die Zeugen dadurch zu ermutigen, daß sie mit dem Zeugnis des Geistes einsgemacht werden. Der Herr sagt in Joh. 15: „Der Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, wird von mir zeugen. Aber auch ihr zeuget" - d. h., Er macht das Zeugnis der Jünger mit dem Zeugnis des Heiligen Geistes eins. Das Zeugnis des Geistes war ausschließlich von Gott; vom Menschen war gar nichts dabei, und es brachte einen teuflischen Charakter des Widerstandes zum Vorschein.

Paulus sagt von sich, er sei ein Lästerer und Verfolger und ein Gewalttäter gewesen; er fügt aber den rettenden Vers noch hinzu: „Aber mir ist Barmherzigkeit zuteil geworden, weil ich es unwissend im Unglauben tat." Was unwissend getan wird, ist etwas Verschiedenes; es wird als Sünde der Unwissenheit angesehen; diese Feindschaft und Bosheit ist aber mutwillig, mit offenen Augen.

Dann wendet Sich der Herr einem anderen verdunkelnden Einfluß zu, dem Begehren nach irdischen Gütern. Der Herr will die Aufmerksamkeit auf eine Lebensart lenken, die nicht von der irdischen Habe besteht; das Leben besteht nicht aus jenen Gütern, sondern Gott gegenüber reich sein ist Leben. Sicherlich begehren wir alle, in bezug auf Gott reich zu sein. Der Herr lehnt die Stellung eines Richters oder Erbteilers ab, aber ich glaube, daß er demjenigen, der mit Ihm sprach, wie auch seinem Bruder es nahelegte, daß sie durch Habsucht beherrscht wurden.

Die Habsucht verstellt sich oft als Klugheit; die große Gegenmaßnahme ist, in bezug auf Gott reich zu sein. Wenn etwas zu meinem Reichtum in bezug auf Gott nichts hinzufügt, dann trägt es zu meinem Leben gar nichts bei. Es ist sehr wichtig, daß wir unsere Geschäfte nicht in einer habsüchtigen Gesinnung betreiben und dadurch unsere Habe hienieden vermehren. Wir sollten die Dinge begehren, die unser Leben in bezug auf Gott fördern, damit mehr Freude, mehr Lob und ein größeres Bewußtsein von dem göttlichen Reichtum vorhanden sein möchten - das sollte der große Gegenstand unseres Begehrens sein.

Wenn wir auf dem Standpunkt stehen, daß wir unsere Scheunen niederreißen und größer bauen sollten, haben wir die Fürsorge des Vaters nicht nötig; das bedeutet, daß wir für uns selbst sorgen. In bezug auf Gott reich zu sein bedeutet, eine Wertschätzung der Barmherzigkeit zu besitzen; einer, der die Barmherzigkeit schätzt, ist reich nach Gott hin; er schätzt das, woraus der Reichtum Gottes besteht. Sein Herz strebt Gott zu, sein Reichtum ist dem Wohlgefallen Gottes gewidmet, er ist sich der Gunst Gottes in Christo bewußt, und er erwirbt den Reichtum, der im Geiste liegt, wobei er ein Erbteil erwirbt, das ihm kein selbstsüchtiger Bruder wegnehmen kann. Alle diese Dinge machen uns reich in bezug auf Gott. Was ist der Nutzen des Dienstes, wenn er unseren Reichtum nach Gott hin nicht fördert?

Auch in bezug auf geistliche Dinge kann man sich selbst zum Mittelpunkt machen; aber alles, was dem wahren Leben dient, macht uns reich in bezug auf Gott, und wir sind dann besser ausgerüstet, dem Wohlgefallen Gottes zu dienen. Das ist das Ziel des Dienstes. Einer, der darüber in Übung ist, in bezug auf Gott reich zu sein, wird zum besonderen Gegenstand der Fürsorge Gottes, denn Ängstlichkeit betreffs der irdischen Umstände könnte ein sehr verdunkelnder Einfluß sein. Es wäre traurig, wenn wir angestrengt für uns selbst gearbeitet und die Verantwortung, für uns selbst zu sorgen, übernommen hätten, und dabei des glückseligen Vorrechts, von Gott betreut zu werden, verlustig gingen.

Ein Freund und Bekenner Christi und einer, der reich ist in bezug auf Gott, wird von Gott sehr beachtet; es ist ein Leben und ein Leib vorhanden, die dem glückseligen Gott von tiefstem Interesse sind. Wenn Er schon für eine Blume oder einen Vogel sorgt, was wird Er nicht alles für einen Freund und Bekenner Christi oder für einen, der reich ist in bezug auf Gott, tun?

In diesem Kapitel sehen wir einen Unterschied zwischen dem, was wir bedürfen und dem, was der Vater uns gibt. Die Dinge, die Er uns gibt, übersteigen bei weitem das, was wir bedürfen. Es hat dem Vater wohlgefallen, uns das Reich zu geben, und das ist viel mehr als uns zu ernähren und zu kleiden. Wenn Er dir das Reich geben will - ein ganzes Gebiet gesegneter Dinge, die vollkommen Seinem Sinne entsprechen, so wird Er dir sicherlich auch Brot zum Essen und Kleidung zum Anziehen geben, damit du für dieses Reich vollkommen frei bist.

Von seiten des Vaters gefällt es Ihm wohl, uns das Reich zu geben; es sollte uns wohlgefallen, danach zu trachten und durch das Bewußtsein der göttlichen Fürsorge von den Sorgen um die zeitlichen Bedürfnisse befreit zu sein, damit sie nicht zum vorherrschenden Grundsatz des Lebens werden. Der Grundsatz der Habsucht herrscht dann nicht vor, sondern wir sind völlig frei, nach dem Reiche des Vaters zu trachten, indem wir uns der Fürsorge des Vaters bewußt sind.

Das Reich des Vaters ist etwas Wunderbares; danach sollten wir trachten, und wir können auch alle danach trachten. Nichts hat ein größeres Anrecht auf uns. Die Menschen sagen, sie hätten keine Zeit für geistliche Dinge, nichts aber hat ein größeres Anrecht auf uns als das Reich des Vaters. Die kleine Herde ist eine auserwählte Schar, die passend ist, das Reich zu empfangen; sie sind frei von Heuchelei und Habsucht und von aller Furcht; sie sind Freunde Christi und mit dem Zeugnis einsgemacht.

Das Reich des Vaters ist ein Gebiet, das dem Vater entsprechend regiert wird. Es ist ein Ort, wo Gott in der höchsten Gnade als Vater erkannt wird; die Heiligen stehen darin in Abhängigkeit, sie beten im Lichte der Offenbarung, und sie haben die Gabe des Geistes aus dem Himmel. Diese Dinge machen die wichtigsten Wesenszüge des Reiches des Vaters aus. Das Reich des Vaters ist eine Ordnung der Dinge, die moralisch mit Seiner Gesinnung im Einklang sind. Gott wird dort in der Verwandtschaftsbeziehung als Vater erkannt: „Es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben“, und: „Euer Vater aber weiß, daß ihr dieses bedürfet."

Es wird jetzt alles in Umständen äußerer Kleinheit zustande gebracht - in einer „kleinen Herde". Dem Vater hat es wohlgefallen, uns dieses wunderbare Gebiet der geistlichen Güter zu geben; alles Gute, das in dem Herzen des glückseligen Gottes ist, ist zum Vorschein gekommen, um alle bösen Einflüsse hienieden zu überwinden. Wir sollten aber danach trachten und dadurch als im Gegensatz zum Sorgen und zur Habsucht stehend gekennzeichnet sein. „Verkaufet eure Habe und gebet Almosen" - das Zeugnis Gottes kommt im Geben ans Licht; wir sind hienieden, um geistliche Reichtümer, die Reichtümer des Evangeliums, auszuteilen; wir sollen aber auch Almosen geben.

Es geht augenscheinlich aus den Schriften hervor, daß das Geben von Almosen Gott sehr wohlannehmlich ist, weil es der Ausdruck Seines eigenen Charakters ist, denn Er ist voll Güte und Freigebigkeit. Möchten unsere Seelen von der Gnade der Worte des Herrn durchdrungen sein und mit Bestimmtheit daran denken, so daß, wenn kein einziger standhafter Christ mehr auf Erden vorhanden wäre, jedem aber das Vorrecht offenstände, der erste zu sein. Der Herr steigt nicht von der Höhe der göttlichen Gedanken hernieder, um Sich uns anzupassen; Er will uns zu ihnen emporheben, und wir müssen auch dort beginnen.

Wenn ein Mangel an Freigebigkeit in der Gesinnung der Heiligen bemerkbar ist, so beweist das ihre Armut; wir müssen die Heiligen dann bereichern. Sind wir uns alle dessen bewußt, daß wir in bezug auf Gott reich sind, weil wir den unumschränkten Reichtum des Gebietes, das Er uns gegeben hat, empfangen haben, eines Gebietes, wo alles durch Schönheit und Wohlgefallen gekennzeichnet ist? Wenn das in unseren Seelen lebt, so werden wir die irdischen Güter in ihrer Beziehung zum Himmel betrachten, und wir werden entschieden im Blick auf den Himmel sozusagen Schätze sammeln – wir werden verkaufen und uns Säckel machen, die nicht veralten.

Wir sind dann bestrebt, nicht von der Gesinnung des habsüchtigen Menschen beherrscht zu werden, der alles haben will, was er nur bekommen kann, noch werden wir von der Sorge geplagt, es könnte uns an etwas mangeln oder wir könnten etwas verlieren. Wir sollten unsere Geschäfte im Lichte des Himmels machen. Ich bin davon überzeugt, daß unsere zum Himmel strebende Gesinnung davon abhängt, was in unserem alltäglichen Leben in einer praktischen Weise zum Ausdruck kommt.

Wenn wir in der Weise, wie wir es gerade hingestellt haben, an unsere Geschäfte herangehen, werden wir himmlisch gesinnt sein, und wir haben dann Jesum als unseren „eigenen" Herrn (Vers 36). Das bedeutet, daß, wenn Er auch keines anderen Menschen Herr auf Erden wäre, Er doch mein Herr wäre. Es steht uns allen offen, nach diesen Richtlinien zu wandeln, und wenn andere es auch nicht tun, steht es mir immer noch offen.

Ich denke, es ist nicht recht, daß wir unser Geben von Almosen zu sehr dem Zufall überlassen. Das Geben von Almosen und das Gebet sind miteinander verbunden, was darauf hinweist, daß das Geben in verwirklichter Abhängigkeit von Gott betrieben werden soll und nicht nach der Richtlinie der menschlichen Güte und Wohltätigkeit. Es ist leicht, Geld und Güter zu vergeben, nichts erfordert aber mehr Gnade als so zu geben, daß der Charakter Gottes dabei richtig hervorleuchtet. Wenn wir den Reichtum des Evangeliums verteilen, müssen wir um offene Türen und um den Zugang zu Seelen beten; wir sind darum besorgt, Empfänger zu haben.

Beim Geben von Almosen sind wir ebenso von Gott abhängig wie beim Vergeben des Reichtums des Evangeliums; wir sollten um Gelegenheiten bitten, in solch einer Weise zu geben, daß Gott dabei verherrlicht wird. Wir sollen nicht durch Habsucht oder Sorgen gekennzeichnet sein, sondern alle Dinge in Beziehung zu Gott halten. Sobald der Mensch beginnt, Schätze im Himmel zu besitzen, wird sein Herz himmlisch. Das, was wir hienieden besitzen, bietet uns die Gelegenheit zum Geben. Schätze im Himmel sind durchaus sicher, und dies ist auch der Weg, wie wir himmlisch gesinnt werden.

Das ist notwendig, damit wir Seine Knechte sein können, die während Seiner Abwesenheit über Sein Eigentum wachen; das bereitet uns dafür vor, die Verantwortung zu übernehmen. Er hat ein Besitztum, und Er überläßt es der Fürsorge derer, für die Er ihr eigener Herr geworden ist. Maria sagte: „Weil sie meinen Herrn weggenommen“, und Paulus sagte: „Christus Jesus, mein Herr." Der Herr hat einen Haushalt, ein Besitztum, und Er hat ihn unter der Aufsicht Seiner Knechte gelassen. Er kann jederzeit kommen; deshalb muß alles für Seinen Empfang bereit sein.

Die Hochzeit ist ein allgemeines Bild; der Sinn ist, daß bei allen Gelegenheiten jeder Knecht wachsam sein soll. Wir sollen wachsam sein, so daß, wenn der Herr kommt, wir Ihm alsbald aufmachen; Er möchte nicht einen Augenblick warten. Die Knechte vollführen ihren Aufseherdienst, denn das gehört zu dem betrachteten Zustande. Das Klopfen zeigt, daß der Herr Seinen Wunsch, einzutreten, andeuten wird. Wir müssen nicht denken, daß diese Schriftstelle sich auf die Entrückung bezieht; es ist nicht das Kommen des Herrn, um Seine Heiligen von hier wegzunehmen. Es ist der Haushalt des Herrn hienieden; Er ist abwesend, und Er mag jederzeit oder oftmals kommen. Das Gleichnis deutet darauf hin, daß Er oftmals kommt: „Wenn er in der zweiten Wache kommt und in der dritten Wache kommt" (Vers 38). Das deutet auf Besuche hin. Es ist verhängnisvoll, daß Laodicäa Ihn nicht hereinläßt.

In Vers 39 wird ein Haus betrachtet, wo der Herr nicht erwartet wird. In diesem Haushalt ist der Herr nicht willkommen; es ist gleichsam das, was Er zu Sardes sagt: „So werde ich über dich kommen wie ein Dieb." Das steht im Gegensatz zu dem Hause, wo es keine Gewalt außer der des Herrn gibt, wo jeder Knecht gegürtet ist, Licht hat und jederzeit bereit ist, Ihn hereinzulassen. Denen, die in dem Hause sind, wo eine andere Gewalt wie Jesabel aufgestellt ist, muß der Herr sagen, was Er Sardes sagt: „So werde ich über dich kommen wie ein Dieb." Wenn wir nicht auf Ihn warten, muß Er den Charakter eines Diebes annehmen.

Diotrephes hatte den Platz des Herrn eingenommen (siehe den 3. Johannesbrief) und stieß Leute aus der Versammlung, die Freunde Christi waren, für die Er „ihr eigener Herr“ war; in seinen Gedanken gab es keinen Raum für solche Leute, denn er war der Herr im Hause. Diotrephes hätte sich nicht über einen Besuch des Johannes gefreut, und noch weniger über einen Besuch des Herrn des Johannes. Johannes stellt den wahren Hausherrn dar, und wenn er mit Gewalt bekleidet hereinkäme, würde die Angelegenheit in bezug auf Diotrephes recht bald erledigt sein.

Die Verse 36-40 geben den Schlüssel zu der ganzen Lage: diese zwei Häuser stehen noch da; des Herrn Haushalt, der treuen und klugen Knechten anvertraut ist, die Ihn als ihren eigenen Herrn schätzen und mit umgürteten Lenden und brennenden Lampen zu jeder Zeit der Nacht zum Dienst bereit stehen - es ist nämlich ein nächtlicher Schauplatz, am Tage benötigen wir keine Lampen -, und dann ist aber das andere Haus auch da, welches einen anderen Hausherrn hat.

Wenn wir zusammenkommen, sollten wir anerkennen, daß wir des Herrn Haushalt sind, und daß Er jederzeit Seinen Haushalt besuchen kann. Wir sehen, was Er sagt: „Wenn er in der zweiten Wache kommt und in der dritten Wache kommt“ - das deutet auf wiederholte Besuche hin, und wie oft Er auch kommen mag, wir sollten bereit sein.

Diese treuen Knechte sollen sich zu Tische legen, und ihr eigener Herr kommt und bedient sie. Ich glaube nicht, daß das im Himmel ist, denn Er sagt: „Er... wird hinzutreten und sie bedienen." Es handelt sich also um Sein Hinzutreten, um uns zu bedienen; es soll uns die außerordentliche Glückseligkeit zeigen, welche diejenigen erwartet, die rechte Zustände während der Abwesenheit des Herrn bewahren. Wenn Er eintritt, so kommt Er, um zu dienen, und wenn wir in der Gesinnung jener Knechte sind, werden wir Sein Klopfen hören, und wenn wir öffnen, wird Er hereinkommen und uns bedienen.

Wir sollten unseren Herzen das Bewußtsein einprägen, daß wir einen Platz für den Herrn in der Welt halten, die Ihn verworfen hat; es ist ein Ort, den Er gerne besucht, und wenn Er kommt, klopft Er an, und wenn wir öffnen, so erleben wir ein wunderbares Vorrecht. Es ist unser Dienst, gemeinsam einen Platz für Ihn zu halten und mit umgürteten Lenden und brennenden Lampen dazustehen, um zu augenblicklichem Dienste bereit zu sein. Wir sollten uns nicht erst fertigmachen, wenn das Klopfen oder der Ruf ertönt. Wie oft stehen wir da und sind nicht umgürtet; wir umgürten unsere Gedanken nicht und lassen sie hie und da nach anderen Dingen abschweifen.

Wie oft hat man empfunden, daß eine vorzügliche Gelegenheit zum Dienst sich geboten hat, und wir haben sie unbenutzt gelassen. Der Gedanke ist, daß wir zu sofortigem Dienst bereitstehen sollten; unsere Lampe soll brennen, so daß wir nicht in der Finsternis sind. Keiner, der im Dienst des Herrn steht, tappt im Dunkeln umher.

Die Erwähnung des Kommens des Sohnes des Menschen schließt Seine weltweiten Rechte in sich. Der Haushalt ist ein etwas engerer Gedanke als das, was weltweit ist. Er verläßt Seinen eigenen Haushalt und Seine Knechte, die ihn für Ihn bewahren sollen; es ist ein Gebiet, das zu Seinem Wohlgefallen in Seiner Abwesenheit gehalten wird, und Er hat das Recht, dahin zu kommen und jederzeit aufgenommen zu werden. Es geht eigentlich nicht um eine anvertraute Verwaltung, sondern mehr um das persönliche Verhältnis des Herzens zu Ihm.

Sie erwarten ihren eigenen Herrn, und der Gedanke erfreut sie, daß Er zu jeder Stunde oder mehrmals kommen kann; und sobald Er kommt, werden sie Ihm alsbald aufmachen. Die Belohnung ist nicht eine Stellung in der Verwaltung, sondern ein persönlicher Liebesbeweis ihnen gegenüber; die Belohnung entspricht ihrer anvertrauten Stellung.

Nichts kann köstlicher sein, als daß der Herr uns dienen sollte und uns die Liebe, deren Wonne es ist, zu dienen, verspüren läßt. Er kommt herein, und dann läßt Er sie sich zu Tische legen, und Er tritt hinzu und bedient sie. Wenn der Herr dient, so ist das unermeßlich, denn Er will uns mit dem speisen, was Er Selbst genießt. Es ist etwas Großes, darauf schon jetzt zu warten und es nicht auf einen zukünftigen Tag zu verlegen, sondern jetzt darauf zu warten.

Als vom Herrn bedient, lernen wir, wie wir den Haushalt bedienen sollen. Er ist der Erste, der den Haushalt bedient, und es scheint mir, daß Er dadurch das Vorbild für jeden Dienst im Haushalt fest- legt, so daß jeder, der von Ihm bedient wird, die dem Haushalt wohlannehmliche Art und Weise des Dienstes kennt - der Dienst ist dann so voller Gnade, daß der Herr dadurch im Vordergrund steht. Ich denke, es wird dem ganzen Dienst im Hause die Prägung verleihen. „Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende." Das war Seine Haltung und Sein Charakter während der ganzen Zeit, als Er diente.

Die Tatsache, daß der Herr davon spricht, zweimal zu kommen, zeigt, daß dieses Erlebnis wiederholt werden kann. Die Anwendung des Bildes scheint einfach zu sein; der Herr hat einen Platz hienieden, der für Ihn von Seinen liebevollen und treuen Knechten gehalten wird; dieser Platz soll so für Ihn gehalten werden, daß Er zu jeder Stunde der Nacht kommen und begrüßt werden kann, und Er sagt uns, wie das Ergebnis sein wird - wenn die Tür aufgemacht wird, tritt Er herein und läßt sie sich zu Tische legen und bedient sie.

In Joh. 14 sagt der Herr: „Ich komme zu euch", das ist, als wenn Er sagte, daß dies für die Zeit, wo Er zum Vater gegangen ist, charak- teristisch ist; Er wird zu den Seinigen kommen, und sie würden auf Ihn warten und für Ihn bereit sein und sich jederzeit Seines Kommens freuen. Es ist eine Andeutung auf Besuche. Die zweite und dritte Wache weisen auf das Fortschreiten der Nacht hin; die Nacht schreitet fort, und Er kann wiederholt während ihres Fortschreitens kommen. Wenn Er einmal gekommen ist, sollen sie nicht einschlafen, denn Er kann wiederkommen. Jeder Besuch des Herrn sollte bei uns das Begehren nach noch mehr erwecken, so daß, wenn wir einen Besuch gehabt haben, wir noch einen haben wollen.

Petrus wirft die Frage auf, wem diese Belehrung gilt, und der Herr sagt: Sie gilt solchen, denen Verantwortlichkeit auferlegt worden ist. „Wer ist nun der treue und kluge Verwalter?" - Es bezieht sich auf diejenigen, denen der Dienst der Speisung des Haushaltes anvertraut worden ist. Persönliche Verantwortung wird hervorgehoben. An erster Stelle waren die Apostel treue und kluge Verwalter, und sie speisten den Haushalt in vollem Maße und zur rechten Zeit. Maß und Zeit sind beide wichtig.

Als Paulus davon sprach, nach Rom zu kommen, sagte er: „Ich weiß, daß wenn ich zu euch komme, ich in der Fülle des Segens Christi kommen werde" - das Maß würde voll sein. Epaphras begehrte ein volles Maß für die geliebten Kolosser; er betete, auf daß sie „vollkommen und völlig überzeugt in allem Willen Gottes“ stehen sollten. Dann soll die Belehrung auch zur rechten Zeit sein. Wenn wir die Briefe lesen, können wir die treuen und klugen Verwalter sehen, die dem Gesinde die angemessene Speise zur rechten Zeit geben.

Der Verwalter schließt den Gedanken der Verwaltung in sich. Das Harren und Warten auf den Herrn bezieht sich nicht auf die Verwaltung; es geht um den Platz, den Er in den Herzen Seiner Knechte einnimmt. Hier aber (Verse 42-44) wird die Verwaltung anvertraut und Knechte werden über das Gesinde gesetzt, um die zugemessene Speise zur rechten Zeit zu geben, und die Belohnung entspricht dem Dienste: „Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, also tuend finden wird!... er wird ihn über seine ganze Habe setzen."

Der Herr gibt ihm eine große Stellung in der Verwaltung. Klugheit und Treue werden hervorgehoben; der Herr kann eine große Erweiterung geben, so daß, wenn ein Knecht auf einem kleinen Gebiet zu wirken anfängt, der Herr ihm ein größeres Gebiet anweisen kann. Ich glaube, es handelt sich hier um den Grundsatz eines weit aus- gedehnten Gebietes des Dienstes, und wenn der Herr Sein Erbteil übernimmt, werden Seine treuen Knechte tatsächlich darin einen großen Platz haben.

Jetzt ist nicht die Zeit, um Herrschaft auszuüben; unsere Tüchtigkeit zum Herrschen hängt von unserer Fähigkeit, Speise zu geben, ab. Der böse Knecht nimmt eine herrschende Stellung ein; dann hört das Speisen auf, und das Schlagen beginnt. In den Korintherbriefen sehen wir die schöne Gesinnung des Paulus; er wollte nicht über sie herrschen, sondern ein Mitarbeiter an ihrer Freude sein (2. Kor. 1, 24).

Das Korn ist ein Hinweis auf das, was im auferstandenen und sogar im verherrlichten Christus verwirklicht ist. Petrus hatte den Auftrag, die Lämmer und die Schafe zu weiden; die Ältesten der Versammlung zu Ephesus waren durch den Heiligen Geist zu Aufsehern gesetzt worden, um die Versammlung Gottes zu hüten. Es gibt solche, die in dieser Weise verantwortlich sind, und der Grad der Verantwortung entspricht dem, was uns gegeben ist; es wird von uns nicht verlangt, Ziegelsteine ohne Stroh zu machen, oder auf eigene Kosten in den Krieg zu ziehen. Es geht darum, das, was uns anvertraut ist, zu handhaben.

Dem Archippus wird gesagt: „Sieh auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast." Die Sache ist empfangen worden, wir brauchen sie nicht aus eigenen Mitteln aufzubringen. Das Korn wird gegeben, der Vorrat ist da, er braucht nur in Treue und Klugheit ausgeteilt zu werden.

Petrus sagt in seinem ersten Briefe: „Je nachdem ein jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dienet einander damit als gute Verwalter der mancherlei Gnade Gottes. Wenn jemand redet, so rede er als Aus- sprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, auf daß in allem Gott verherrlicht werde durch Jesum Christum, welchem die Herrlichkeit ist und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit" (Kap. 4, 10). Das zeigt, daß alles dargereicht wird. Die Knechte brauchen nicht die Speise für den Haushalt zu suchen; sie wird ihnen in die Hand gelegt, und die Fähigkeit zum Dienst wird von Gott gegeben; deshalb sollte jeder von uns darüber nachsinnen, was wir haben.

Mein Maß ist das Maß des Glaubens und der Gnade, die Gott mir zugeteilt hat. Ich bin nicht für das Maß verantwortlich, das ein anderer hat, wohl aber in bezug auf das meine, und der Herr möchte bei uns die Frage aufwerfen, welches Maß der Gnade jedem Bruder und jeder Schwester zugeteilt worden ist, denn ob groß oder klein, es ist uns zum Wohl des Haushaltes gegeben worden. Wenn wir wissen wollen, wie die Lämmer und Schafe geweidet und behütet werden sollen, können wir nichts Besseres tun, als die Briefe des Petrus zu erforschen; da werden wir die Art der Speise finden, die durch einen Mann ausgeteilt wird, der einen besonderen Auftrag bekam, wie auch die Fähigkeit, ihn auszuführen.

Das Hindernis ist oft bei uns, daß wir das uns Anvertraute nicht wirklich in Augenschein nehmen. Die Gnade Gottes ist „mancherlei" oder vielfältig (1. Petr. 4, 10). In Römer 12 werden wir ermahnt, so zu denken, daß es besonnen sei, wie Gott einem jeden das Maß des Glauben zugeteilt hat. Was für ein Maß des Glaubens hat Er mir zugeteilt? Es nützt nichts zu sagen, daß Er mir kein Maß des Glaubens zugeteilt habe, denn es heißt, daß Er es getan hat; darum ist es gut, das Vorhandene ins A

uge zu fassen und das Maß herauszufinden. Petrus sagt, daß uns Gnade gegeben ist. Wenn wir das Vorhandene überblicken, so müssen wir bedenken, daß das, was wir haben, zum Wohl des Haushalts dienen soll: es ist nicht zum persönlichen Gebrauch.

Der geistliche Vorrat, den wir haben, liegt in der Erkenntnis Gottes, die uns durch Jesum Christum erreicht hat. Wenn wir keinen Vorrat haben, sollten wir die Angelegenheit untersuchen und herausfinden, warum das der Fall ist. Es gibt eine ganze Menge Vorräte, welche sozusagen in Vorratskammern eingeschlossen sind, anstatt verteilt zu werden. Ich habe den Eindruck, daß es sehr viel verborgene Begabung gibt, recht viel Begabung, die Gott verliehen hat, die aber um verschiedener Ursachen willen nicht betätigt wird.

Jeder von uns sollte sich das zu Herzen nehmen und zusehen, daß, wenn eine Begabung vorhanden ist, sie auch ausgeübt wird, und daß wir gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes seien. Das Wachstum in der Erkenntnis Gottes geht weiter; das Ergebnis von der Berührung der Geschwister miteinander ist ein beständiges Wachstum in der Erkenntnis Gottes, und auch des Umfangs des größeren und volleren Lobes, wenn wir als Versammlung zusammen sind. Das Maß dieser Dinge entspricht dem Maße, in dem wir gespeist werden. Petrus macht viel aus Hinzufügung, Zuwachs und Wachstum.

Wenn wir mit den Geschwistern in Berührung kommen, möchten wir bei ihnen den Eindruck erwecken, daß große Vorräte zur Verfügung stehen, daß es keine magere Zeit ist, sondern eine sehr fette Zeit. Der wahre Charakter des Hauses bedeutet, daß die zugemessene Speise zur rechten Zeit ausgeteilt wird. Wir können nicht einen Augenblick zugeben, daß etwas anderes für den Haushalt des Herrn genügen wird; Sein Haushalt ist so vorzüglich geordnet, daß nichts Geringeres als ein vollkommenes Maß und vollkommene Genauigkeit ihm genügen. Erfülle ich mein Teil in dieser wunderbaren Einrichtung? Wenn ich das Küchenmädchen bin, so kann ich nicht die Arbeit des Kochs oder des obersten Schenken tun; aber jeder Knecht hat seinen Platz, und es ist für mich keine Schande, wenn ich nicht das tun kann, was du tust. Nichts gibt einem mehr Freude, als einen Bruder oder eine Schwester das tun zu sehen, was man selber nicht tun kann. Es bereitet einem eine tiefe Freude, und man dankt dem Herrn dafür, denn wir empfinden alle, wie beschränkt wir sind; wir können ein jeder nur ein Weniges tun, aber der Haushalt braucht den gesamten Dienst aller.

Wir sollten nicht unsere Mitknechte schlagen und bemängeln; wir sind dankbar zu sehen, daß sie ihren Platz ausfüllen. Wie dem Archippus gesagt wird, gibt es einen Dienst im Herrn, und je mehr wir beten, desto mehr wird unser Dienst gereinigt werden. Ein Bruder kann z. B. sehr gut reden und durch sein Reden einen Platz erlangen, doch das kann auch nur natürliche Befähigung sein. Die Fähigkeit, die Menschen dadurch zu fesseln, wie man die Dinge auslegt, kann bloß eine menschliche Eigenschaft sein; wenn aber ein Mensch betet, trachtet er immer danach, daß sein Dienst nicht bloß menschliche Eindrücke darstellen möchte; er möchte nicht die Menschen durch seine natürliche Persönlichkeit beeindrucken und möchte wünschen, daß sein Dienst im Herrn ist. Er möchte nicht gern, daß sein Dienst Bewunderung und Beifall hervorruft, sondern daß er das Werk Gottes tut - das ist es, was nötig ist.

In Seiner Verwaltung hatte der Herr dem Archippus eine bestimmte Stellung im Dienste zugeteilt; er war aber nicht geneigt, ihn auszufüllen. Die meisten von uns trifft dieselbe Schuld. Ich glaube, daß, wenn einer sein Maß übersteigt, neun andere da sind, die ihr Maß nicht erreichen, und der Grund, warum dieser sein Maß übersteigt, ist, daß die anderen neun das ihre nicht erreichen und deshalb für ihn Raum machen.

Dann gibt es den Knecht, der sagt: „Mein Herr verzieht sein Kommen“, und das Verantwortungsgefühl läßt nach; das führt zum Bemängeln, zum Schlagen der anderen Knechte und zum Einnehmen einer herrschenden Stellung. Er ist durch Selbstgefälligkeit gekennzeichnet- er ißt und trinkt und berauscht sich - er ist ein böser Knecht, und zum Schluß wird er entzweigeschnitten. Das ist ein großer Gegensatz zu den Versen 44 und 45. Der Grundsatz der Verantwortung ist sehr wichtig; wir sind geneigt, das nicht genug zu beachten. Des Herrn Unterstützung hängt davon ab, daß wir in bestimmter Weise Verantwortung übernehmen.

Es kommt auch vor, daß man den Willen des Herrn weiß und ihn nicht tut. Hier sehen wir den Grundsatz des Regierens, der Herr übt ihn jetzt schon aus. Es ist eine sehr ernste Sache, den Willen des Herrn genau zu kennen. Licht empfangen, bedeutet Verantwortung, und es gibt auch mehr „Schläge", wenn man nicht bereit ist, den Willen des Herrn zu tun. Ich glaube, daß der Herr in Seiner Regierung Schläge dort austeilt, wo sie angebracht sind. Seine Regierung geht weiter, und ich denke nicht, daß Er bei uns dulden wird, was Er bei einigen unserer Brüder duldet, die weniger Licht haben. Einige unserer Geschwister tun gewisse Dinge mit gutem Gewissen, und der Herr duldet es; wenn wir sie aber tun würden, so ereilt uns Seine Zucht. Seine Regierung schreitet fort, und wir sind ihr alle unterstellt, und es ist auch gut, daß es so ist.

In diesem Evangelium wird die Gnade, in welcher der Herr kam, sehr hervorgehoben; es ist aber nicht minder wahr, daß Er gekommen ist, Feuer auf die Erde zu werfen. Wenn Gott das, was von Ihm ist, einführt, so verurteilt das notwendigerweise alles, was nicht von Ihm ist. Es muß so sein. Es ist eine sehr ernste Erwägung, daß jetzt, wo das ganze Licht über das, was Gott in Gnade ist, verkündigt worden ist, es auch zum Gericht über all das wird, was dem zuwider ist. Paulus sagt, das Gesetz wäre nicht für einen Gerechten bestimmt, „sondern für Gesetzlose und Zügellose, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Ungöttliche... und wenn etwas anderes der gesunden Lehre zuwider ist, nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, welches mir anvertraut worden ist“ (1. Tim. 1, 9).

Das heißt, daß alles, was dem Evangelium zuwider ist, deshalb dem Gericht verfällt, weil das Evangelium gekommen ist. Die Gnade herrscht in der Seele des Gläubigen, um Selbstgericht zu bewirken; das ist die normale Wirkung des Lichtes Gottes. In dieser Weise dringt das Feuer in die Seele des bußfertigen Sünders; das Feuer brennt durch Selbstgericht; wenn aber das Feuer kein Selbstgericht bewirkt, so macht es die Notwendigkeit des Gerichts offenbar.

Das Feuer ist auf die Erde geworfen worden, und der Herr sagt: „Was will ich, wenn es schon angezündet ist?" Er schreckt gewissermaßen vor diesem Gedanken zurück; es ruft Gefühle der Bedrängnis, beinahe Entsetzen bei Ihm wach, aber es muß sein. Nichts macht den gesetzlosen Zustand der Menschen so offenbar wie dieses Evangelium. Das Gesetz tut das nicht; das Gesetz sagt: Tue dies und tue das, und du sollst dies und das nicht tun. Im Evangelium aber tritt Gott hervor und sagt: Siehe, was Ich dir alles zugedacht habe, siehe, was Ich für dich getan habe; und die Antwort des Menschen ist: Ich will Dich gar nicht haben, und ich möchte nicht mit Dir versöhnt werden.

Auf diese Weise macht das Evangelium den Zustand des Menschen offenbar; es erzeugt aber Selbstgericht da, wo es angenommen wird; es bewirkt Buße, stellt aber diejenigen, die es nicht annehmen, in ein ernstes Licht; das Feuer ist auf die Erde geworfen worden. Wenn Gott Sich dem Menschen nähert, bedeutet das, daß Feuer auf die Erde geworfen wird; solch ein Licht ist gebracht worden, daß es das Feuer des Gerichts auf diejenigen wirft, die nicht Buße tun; sie können dem durch die Buße entfliehen.

Die Schriftgelehrten, die Pharisäer und die Gesetzgelehrten wurden gerichtet; das ganze System wurde dadurch gerichtet, daß Gott in Gnaden gegenwärtig war, und die, welche Buße taten, sich von alledem abwandten; sie wandten sich Gott in Gnaden zu, und sie taten Buße wegen alles dessen, was zum System der Finsternis gehörte. Es muß auch heute noch so sein. Ich sehe nicht ein, wie die Buße vorhanden sein kann, ohne daß alle mit Feuer gesalzen werden.

Jesaja sagte: „Wehe mir! denn ich bin verloren; denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen, und inmitten eines Volkes von unreinen Lippen wohne ich." Er fühlte, daß er sich von sich selbst und von seinen Verbindungen trennen mußte; sie waren alle ebenso schlecht, wie er es war, sie waren alle unrein - das war die Wirkung des Kommens des Feuers. Wenn das Licht einen Menschen erleuchtet, stellt es die anderen bloß. Wenn einer von uns beginnt, Gott zu fürchten und in Seinen Wegen zu wandeln, werden diejenigen dadurch verurteilt, die Gott nicht fürchten. Ein betender Mensch in einer Stadt verurteilt die ganze Stadt, weil sie nicht betet. Wenn einige Heilige danach trachten, in der Wahrheit zu wandeln, verurteilen sie alle, die zu der überlieferten Religion der Christenheit gehören; einige, die in der Wahrheit wandeln, bringen das Gericht auf alles, was der Wahrheit zuwider ist.

Der Blinde in Joh. 9 verurteilte die Synagoge. Das Werk Gottes war in ihm, und die Pharisäer waren dagegen, und darum wurden sie dadurch verurteilt. Die eigentliche Wirkung jedes Zeugnisses für Gott, ob im einzelnen oder gemeinsam, ist, daß dadurch alles, was dagegen ist, verurteilt wird; es bringt nicht Frieden, sondern Entzweiung. Der Herr sagt: „Denket ihr, daß ich gekommen sei, Frieden auf der Erde zu geben? Nein, sage ich euch, sondern vielmehr Entzweiung." Sein Kommen sollte Familien entzweien. Wenn ein Haushalt Christo nicht unterstellt ist, so wird dort Entzweiung sein. Die Zeit für weltweiten Frieden ist noch nicht gekommen, und das Einführen dessen, was aus Gott ist, wird deshalb Entzweiung herbeiführen. Im 1. Buche Mose lesen wir, daß Gott das Licht von der Finsternis schied. Es ist der Grundsatz Gottes, daß, wenn Er Licht bringt, es Entzweiung herbeiführen muß.

In Vers 58 lenkt der Herr die Aufmerksamkeit darauf, mit der Gegenpartei zur Obrigkeit zu gehen. Wenn der Fall vor die Obrigkeit kommt, muß er erledigt werden, und ein gerechtes Urteil muß gesprochen werden, aber unterwegs gibt es eine Gelegenheit zur Versöhnung. Gott sagt damit: Wenn Ich in der Stellung der Gegenpartei bin, gibt es eine Gelegenheit zur Versöhnung. Der Herr sagt das jetzt zur Christenheit. Die Zeit zum Gericht und zur endgültigen Verurteilung ist noch nicht gekommen. Dies stimmt mit dem überein, was Er zu den sieben Versammlungen in Offenbarung 2 und 3 sagt; Er sagt ihnen, sie sollen Buße tun.

Er ist die Gegenpartei; Er sagt: „Ich habe wider dich." Wenn bei irgendeinem von uns etwas ist, was mit Christo nicht im Einklang steht, so sagt Er: Tue Buße, mach Schluß damit, verurteile es und versöhne dich. Es ist sehr erforschend. Der ganze Grundsatz besagt, daß dem Menschen die Gelegenheit zur Buße angeboten wird; jeder einzelne hat die Gelegenheit, Buße zu tun, und auch die Versammlung hat die Gelegenheit, Buße zu tun.

„Diese Zeit" (Vers 56) weist auf den Charakter der gegenwärtigen Haushaltung hin. Sie konnten um sich blicken und sagen: Es ist ein schöner Tag; natürliche Dinge konnten sie verstehen, aber sie sahen nicht den großen geistlichen Charakter jenes Augenblicks. Jehova war in der Person Jesu gegenwärtig, und sie konnten mit Ihm nach dem einfachen Grundsatz der Buße versöhnt werden. Dies ist nun ein weltweiter Grundsatz; es ist eine Zeit, wo alle auf der Grundlage der Buße versöhnt werden können. Gott sagt: Ich bin gezwungen, gegen euch zu sein, weil eure Wege nicht Meine Wege sind, ihr braucht aber nur Buße zu tun, und Ich bin zur Versöhnung bereit.

Der Herr hat eine Streitfrage mit der Versammlung, wie Er auch eine mit Israel hatte, und die Gelegenheit zur Versöhnung ist vorhanden, doch nur auf Grund der Buße.


Kapitel 13

Die ersten Verse dieses Kapitels zeigen, daß allem Segen die Buße zugrunde liegen muß. Als man Ihm von den von Pilatus getöteten Galiläern berichtete, sagte der Herr: „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen." Es ist die einzige Grundlage, auf welcher wir mit Christo in Einklang gebracht werden können; es ist die Grundlage des Selbstgerichts. Wenn gefehlt worden ist, ist die Buße die einzige Frucht, die Gott sucht. Er sucht nicht Gutes in den Menschen, sondern die Anerkennung ihrer Schlechtigkeit. Er sagt: Wenn ihr bloß zugebt, daß ihr böse seid, kann Ich etwas mit euch tun.

Die Juden dachten, daß die Getöteten sehr böse Männer gewesen wären; der Herr aber sagt: Nein, das ist eine Warnung für euch: ihr werdet alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht Buße tut. Ich zweifle nicht daran, daß es sich auf die Nation bezog. Sie taten nicht Buße, und bei der Zerstörung Jerusalems kamen mehr als eine Million Juden um; die Straßen wurden zu Strömen von Blut.

Der Feigenbaum (Verse 6-9) stellt Israel dar, dem noch eine Gelegenheit zur Buße geboten wurde. Israel wurde verflucht, weil sie keine der Buße würdigen Früchte brachten. Gott wollte sie mit aller Fülle segnen, es war aber keine Buße da. Der natürliche Mensch richtet niemals sich selbst, und Gott hat aufgehört zu erwarten, daß er es tun wird, darum sagt Er: „Nimmermehr komme Frucht von dir in Ewigkeit."

Nathanael richtete sich selbst; bei ihm war alles ans Licht gekommen, der Herr hatte alles gehört, was er unter dem Feigenbaum gesagt hatte, und Er konnte sagen: er ist ein Mann ohne Trug, er hat alles bekannt, und Ich weiß, was das alles war. Jeremia 24 spricht von guten und schlechten Feigen: die guten Feigen waren die Menschen, die sich der Notwendigkeit unterwarfen, in Gefangenschaft zu gehen, weil sie es verdient hatten; sie richteten sich selbst und nahmen das an, was sie verdient hatten. Die schlechten Feigen waren diejenigen, die in Jerusalem blieben und ihre religiöse Anmaßung festhielten; darum verfluchte Gott sie. Das ist der Grundsatz des Selbstgerichts; Gott segnete diejenigen, die sich selbst richteten, und verfluchte die, welche sich weigerten, dies zu tun.

Hiskia hatte ein Geschwür, das beinahe seinen Tod herbeiführte; aber ein Feigenkuchen wurde darauf gelegt, und dadurch wurde er wiederhergestellt. Ein Geschwür stellt einen gewaltigen Ausbruch des Fleisches dar, aber unter der gesegneten, heilenden Macht des Selbstgerichts kam Wiederherstellung zustande. Dieser Grundsatz der Buße ist höchst wichtig für uns alle. Wenn etwas zwischen zwei Brüdern oder zwei Schwestern nicht in Ordnung ist, kann es nur nach dem Grundsatz des Selbstgerichts geheilt werden. Die Frage lautet: Was habe ich verkehrt gemacht? Ich habe nichts damit zu tun, was der andere getan hat. In jedem Falle von Zwistigkeit unter den Geschwistern ist meistens das Unrecht auf beiden Seiten; es sind selten Fälle gewesen, wo auf der einen Seite alles schwarz war und auf der anderen alles weiß. Wenn ich beginne, das kleine Teil des Unrechts auf meiner Seite zu richten, so ist es viel leichter für die andere Seite, sich selbst ebenfalls zu richten.

Neunzehn Jahrhunderte sind seit dem Tode Jesu vergangen; es ist die längste der dagewesenen Perioden, und der Abschluß naht. Es ist die reinste Gnade, daß wir nicht dahingerafft worden sind. Der Herr hat uns vielleicht deswegen hienieden gelassen, weil in unseren Wegen und in unserem Geiste etwas ist, was Ihn zu unserer Gegenpartei macht, und Er will uns die Gelegenheit zur Buße geben. Er sagt zu uns: Ich will, daß ihr mit Mir in völliger Harmonie und im Einklang steht.

Das Weib, von dem wir in den Versen 10–14 lesen, stellt diejenigen dar, bei denen keine Frucht der Buße vorhanden war, denen aber die Dazwischenkunft Gottes in Christo noch nicht zugute gekommen war, und deshalb waren sie durch Satan geknechtet. Es ist wichtig, diese zwei Klassen zu erkennen: die nicht bußfertige Nation, die die Gelegenheit zur Buße nicht ergriff, die nicht danach trachtete, sich mit der Gegenpartei zu versöhnen, und der Überrest, der im Bewußtsein seines sündigen Zustandes niedergebeugt war.

Grundsätzlich gleicht das Röm. 7. Wir sehen, welchen Gebrauch Satan von frommen Seelenübungen macht. Satan hatte dieses Weib gebunden, die eine Gläubige war, denn sie war eine Tochter Abrahams, sie gehörte zur Familie des Glaubens, und der Herr war gekommen, um ihr die Hände aufzulegen, sie war aber nicht frei. Sie kannte nicht die von Gott eingeführte große Befreiung in Christo. Unter dem System des Gesetzes fielen sogar die „Kinder" der Knechtschaft zum Opfer. In Hebr. 2 werden die Kinder als eine unterschiedliche Klasse angeführt; der Herr nahm Sich nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams.

„Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an denselben teilgenommen, auf daß er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren." Das stellt Personen vor, die durch Frömmigkeit und Gottesfurcht gekennzeichnet sind. Es ist der Gedanke Gottes, daß Sein Volk nicht niedergebeugt sein soll; hier aber war eine Tochter Abrahams so niedergebeugt, daß sie außer sich selbst nichts sehen konnte; sie konnte ihr Gesicht nicht aufheben, um den Herrn zu sehen.

Seelen, die in solch einem Zustande sind, werden immer vom Herrn beachtet. Er war gesalbt worden, um den Gebundenen zu predigen. Dieses Weib war achtzehn Jahre gebunden gewesen, und Gott hatte beobachtet, daß hier eins von den Kindern war, die das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren. Dieses Weib war in Knechtschaft, es war nicht die Wirkung der Sünde. Es war wie in Röm. 7: man hat Wohlgefallen am Gesetz Gottes, aber keine Kraft. Dann schaltete Sich der Herr als der gesalbte Befreier ein. Er legte ihr die Hände auf und befreite sie. Das ist Sein Wohlgefallen: das Wohlgefallen Jehovas gedeiht in Seiner Hand. Es gefällt dem Herrn wohl, Seelen zu befreien; wenn Menschen achtzehn Jahre lang in Knechtschaft verbleiben, kennen sie das Wohlgefallen Gottes nicht.

Gott ließ diese Berichte von Seinen Dienern nicht nur als Geschichte niederschreiben; sie sind auch Bilder von dem, was der Herr jetzt noch tut. Wenn in meiner Seele jetzt irgendein Element der Knechtschaft vorhanden ist, so steht mir der Herr so nahe, wie Er jenem Weibe nahe war, und Er führt das Wohlgefallen Gottes aus. Es war nicht das Wohlgefallen Gottes, daß sie gebunden sein sollte.

Der moralische Zustand der Nation wird in dem Feigenbaum, der keine Frucht hervorbrachte, dargestellt; dieses Weib stellt aber den Überrest dar, den Gegenstand des Werkes Gottes, die Tochter Abrahams, ein Teil der Familie des Glaubens. Tausende gehören jetzt zu der Familie des Glaubens; Buße ist getan worden, und Gott hat einen zerschlagenen Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz bei ihnen gefunden; Satan möchte sie aber gebunden halten - mit sich selbst beschäftigt und nicht fähig, emporzuschauen wie der Mensch in Röm. 7. Sobald wir die Freiheit in einem Anderen sehen, können wir emporschauen und sagen: „Ich danke Gott."

Zwei schöne Kapitel, die man zusammen lesen kann, sind Röm. 7 und Jes. 53. Jeder, der Jes. 53 gelesen hat, wird bemerkt haben, daß es dort überall heißt: Er und Sein; es ist der Gegensatz zum ich und mich in Röm. 7. Ein Anderer ist gekommen und ist durch den Tod gegangen, um das Wohlgefallen Gottes zu haben und auszuführen. Nun liegt die Befreiung von der Knechtschaft darin, von meinem Ich zu Ihm zu entfliehen.

Dieses Weib mußte warten, bis der Herr als der gesalbte Befreier hervortrat; es scheint, daß ihre Knechtschaft anfing, als Er etwa zwölf Jahre alt war. Von dem Augenblick an, wo der Herr verständnisvoll Sein Verhältnis zu Gott zum Ausdruck brachte (was Er tat, als Er in Jerusalem zurückblieb und mit den Gelehrten im Tempel weilte), wartete der Herr 18 Jahre; Er wartete aber auf die Salbung.

Es ist wunderbar, daran zu denken, daß die Gnade auf ihre Gelegenheit und die Schwachheit auf ihre Befreiung 18 Jahre warteten. Es kam der Augenblick, wo der Herr gesalbt und frei war zu wirken, und das war der Zeitpunkt für die Befreiung des Weibes. Dem Wohlgefallen Gottes gemäß gibt es jetzt kein Warten mehr. Vielleicht erlangen einige wahrhaft bußfertige Seelen Leben und Freiheit erst auf ihrem Sterbebette; das ist aber Satans Werk, nicht Gottes Werk.

Man kann sagen, dieses Weib wurde in einem Anderen aufgerichtet. Er legte ihr Seine Hände auf, Er machte Sich mit ihr eins; das war es, was sie befreite. Bildlich sind wir alle in dem gesalbten Befreier; die Befreiung wird herbeigeführt und durch die Berührung Seiner Hände vollzogen. Außer der Berührung gab es auch noch das Reden Jesu. Das Reden gleicht dem befreienden Dienste, die Berührung gleicht aber dem Verleihen des Geistes. Es gibt befreienden Dienst, den Dienst Christi als des gesalbten Predigers. Jeder, der Gott fürchtet, wird Christo und dem Auslegen über alles, was als Ergebnis des Sündentragens zustande kam, zuhören. Er weiß alles, was Gott vor Sich hat, und Er erduldete alle Leiden, damit es uns zugute kommen sollte.

Dann ist die Berührung ein Hinweis auf das Werk des Geistes; Christus berührt jetzt Seelen durch den Geist. Seelen mögen einen sehr befreienden Dienst hören, sie erlangen aber nicht die Befreiung, bis sie dafür bereit sind; zweifellos waren diese 18 Jahre für das Weib ein Vorgang, während dem sie ziemlich viel lernte. Sie war eins der „Kinder", eine von denen, die Buße taten.

Ob wir uns als Sünder betrachten oder als in einem im Verfall stehenden Bekenntnis, Buße ist immer erforderlich; hier sehen wir aber auch, daß der Herr sie aufrichtete. Wir sehen daraus, wie Satan eine Seele in Knechtschaft hielt, die wirklich Glauben hatte, jedoch zusammengekrümmt und nicht fähig war, emporzuschauen. Das Gesetz machte nichts vollkommen; es machte die Unvollkommenheit offenbar, aber der Herr kam, um es durch Vollkommenheit zu ersetzen; Er machte sie gerade, damit sie Gott verherrlichen konnte.

In Jesu sehen wir Gott, der Sich in den Gedanken Seiner Gnade kundtut; Er tut sie nicht nur kund, sondern Er verwirklicht sie auch. Wenn Gott Sich für Sein Volk in seiner ganzen Sündhaftigkeit und Schwachheit einsetzt, dann hat es eine neuartige Kraft, die Herzen in Freude und Gerechtigkeit vor Seinem Angesicht emporzuheben.

Der Herr will hier die Anteilnahme Gottes an Seinem Geschöpf ans Licht bringen. Sogar der Mensch würde sich für seinen Ochsen oder seinen Esel interessieren und für ihn sorgen; wenn der Mensch sich so für sein Vieh interessiert, sicherlich steht es dann auch Gott zu, Sich für Sein Volk zu interessieren, besonders für diejenigen, die zur Familie des Glaubens gehören. Dieses bringt die gnädigen Gedanken Gottes ans Licht. Der Herr war hienieden, um sie zum Ausdruck zu bringen; Es ist, als wenn Er sagte: Wollt ihr Mich nicht so gnädig sein lassen, wie ihr es seid? Er sagt es in dieser Weise; es ist aber schrecklich, daß Er „Heuchler" sagt.

Der religiöse Mensch gibt nicht zu, daß Gott ebenso gütig ist, wie er selbst. Das ist erstaunlich, aber wahr. Der Sabbat war der gesegnete Ausdruck der Güte Gottes; es war ein Tag der Ruhe und der Erquickung. Er wurde für den Menschen gemacht; wir hätten erwarten können, daß der Herr sagen würde, er sei für Gott gemacht worden. Der religiöse Mensch machte ihn zur Knechtschaft, aber der Herr gab ihm seinen wahren Charakter, indem Er eine Tochter Abrahams am Sabbat völlig frei machte - sie hatte noch nie zuvor einen wirklichen Sabbat erlebt.

„Alle seine Widersacher wurden beschämt, und die ganze Volksmenge freute sich über all die herrlichen Dinge, welche durch ihn geschahen.“ Wir leben in einer Zeit herrlicher Dinge; wir sollten nicht anders denken. Das System, zu dem wir gehören, besteht in Herrlichkeit; es ist nicht nur am Endziele herrlich. Alle stellen sich die Herrlichkeit am Endziele vor; unser System beginnt aber schon in Herrlichkeit, und es gibt die ganze Zeit hindurch herrliche Dinge. Der wahre Charakter des Reiches Gottes ist ein System von herrlichen Dingen; deswegen ist es so traurig, daß es zu einem großen Baum und zu einem Sauerteig geworden ist (Vers 21).

Dieser Gedanke scheint dem Herrn als ein Gegensatz dazu in den Sinn zu kommen. Er führte ein herrliches System ein, aber Er wußte, wozu es in Seiner Abwesenheit ausarten würde - zu einem großen Baum und zu einem Sauerteig. Darum gebührt es uns in diesem Zusammenhang danach zu ringen, einzugehen - es gibt eine enge Pforte, und nichts außer Christo geht durch diese Pforte. Nur insoweit, wie wir uns das Gepräge des Systems der Herrlichkeit angeeignet haben, können wir durch die enge Pforte gehen; nichts anderes kommt da hindurch.

Der Herr betrachtete die öffentliche Gestalt, die die Dinge annehmen würden; Er hat das Reich Gottes eingeführt, doch Er wollte seine Auswirkung der Verantwortung des Menschen überlassen, und es würde dann zu etwas Großem werden, was Er niemals beabsichtigt hatte. Es gibt eine enge Pforte, welche nichts, was dem Menschen nach dem Fleische eigen ist, durchläßt; nichts Fleischliches kann durch diese Pforte hindurchgehen. Dort hindurchzudringen ist eine Angelegenheit eifrigen Ringens, eine ernste Sache für uns.

Der Herr weist auf das Verhängnisvolle und Schwierige der gegenwärtigen Lage hin. Ich kannte einen Ort, wohin ein Prediger eine lange Zeit hindurch kam, und nach ihm kam ein anderer und sagte: Er hat euch gesagt, wie leicht es ist, errettet zu werden, und nun bin ich gekommen, um euch zu sagen, wie schwer es ist, errettet zu werden. Beides ist wahr. Wenn Christus unser alles als Gerechtigkeit vor Gott sein soll, dann muß Er auch hienieden alles sein. Das benötigt eine enge Pforte, damit nichts, das vom Fleische ist, hindurchgehen kann.

Es ist leicht, durch den großen Baum und den Sauerteig beeinflußt zu werden. Der Baum ist groß, weil da so vieles, was dem Menschen nach dem Fleische eigen ist, vorhanden ist; und der Sauerteig ist aufgeblasen, weil so viel von der menschlichen Bosheit darin ist. Verstehen wir, daß nicht ein bißchen davon vor Gott taugt? Wenn wir im Reiche sein wollen, müssen wir durch die enge Pforte eingehen. Wenn Christus in bezug auf Gerechtigkeit alles für uns sein soll, dann muß Er auch für das praktische christliche Leben alles sein. Das ist die enge Pforte; nur geht da hindurch, was Gott wohlgefällt.

Dann braucht man nicht zu fürchten, eine geschlossene Tür vorzufinden. Der Herr sprach ernst zu den Menschen in Seiner Nähe, die in Seiner Gegenwart aßen. Sie hatten nicht danach gerungen, durch die enge Pforte einzugehen; keiner wird jemals danach streben, durch die enge Pforte einzugehen, und es dann nicht auch vermögen. Die Tür wird aber geschlossen werden - die Menschen wollen zu den öffentlichen Segnungen des Reiches Zutritt finden, sie dürfen aber nicht die enge Pforte vernachlässigen. Sie möchten eingehen, aber ohne jemals die Schmach des Reiches auf sich genommen zu haben. An ihnen ist dann nichts, was der Herr anerkennen kann; sie waren religiös und äußerlich in Seiner Gesellschaft und Ihm nahe, aber Er nennt sie Übeltäter. Sie hatten sich in dem betätigt, was in religiösem Sinne vom Fleische war, und genau dasselbe tut jetzt die Christenheit. Alles, was nicht Christus ist, ist böse; deshalb sagt der Herr: Ich kenne euch nicht. Es war nichts in ihnen, was der Herr als Ihm eigen anerkennen konnte.

Der Herr erkennt jede bußfertige Seele an. Er könnte nicht einer bußfertigen Seele sagen: Ich kenne dich nicht. Der bußfertige Sünder bereitet dem Himmel Freude. Das ist der einfachste Wesenszug des Werkes Gottes; jeder bußfertige Sünder ist im Himmel und dem Herrn wohlbekannt. Auch jede Wertschätzung Christi macht uns Ihm wohlbekannt; Er merkt Sich das.

Der Herr lenkte die Aufmerksamkeit auf den weit ausgedehnten Charakter des Reiches Gottes; es sollte keine beschränkte Ordnung der Dinge sein, denn Abraham, Isaak und Jakob würden da sein, und Menschen von Osten und Westen und von Norden und Süden sollten zu Tische liegen im Reiche Gottes. Die Gedanken Gottes sind nicht eng, aber das Wort ist sehr erforschend: „Siehe, es sind Letzte, welche Erste sein werden, und es sind Erste, welche Letzte sein werden."

Wenn das Reich Gottes offenbar sein wird, werden Abraham und Isaak und Jakob darin zu sehen sein, und eine große Schar von allen Enden der Erde wird in die Gemeinschaft der Gnade eingeführt sein. Das Reich Gottes wird als ein Ort der Ruhe und der Befriedigung betrachtet, wo die Menschen „liegen" - es scheint die Gemeinschaft der göttlichen Gnade zu sein. Um gegenwärtig einzugehen, ist die Pforte eng, aber das, worin man eingeht, ist sehr umfangreich.

Der Herr hatte auf den Gegensatz zwischen diesem und der öffentlichen Seite, dem Senfbaum und dem Sauerteig in Vers 21 hingewiesen. Öffentlich würde das Reich groß und verderbt sein, so daß jetzt schon ein Ringen, um durch die enge Pforte einzugehen, erforderlich ist, um auf eine wirkliche Weise in das Reich einzugehen. Alle Grundsätze, die den Senfbaum und den Sauerteig ausmachen, haben dem Wesen nach keinen Platz im Reiche, obwohl sie öffentlich einen Platz haben. Wenn wir dem Wesen nach im Reiche sein wollen, müssen wir von allen Grundsätzen frei sein, die den Baum groß gemacht und den Teig durchsäuert haben.

Die Worte des Herrn: „Es sind Letzte, welche Erste sein werden" sollen bedeuten, daß die Letzten im Bekenntnis des Christentums, in dem, was wesentlich ist, die Ersten sein werden. Das ist die große Seelenübung der gegenwärtigen Zeit; wir sollten wünschen, die Letzten zu sein in dem, was groß und durch bösen Einfluß verderbt ist. Diejenigen, die darin die Letzten sind, werden in Wirklichkeit im Reiche die Ersten sein.

Es ist leicht, sich selbst zum Mittelpunkt zu machen und die göttliche Gnade aus den Augen zu verlieren. Der Gedanke an die Erwählung Gottes wird immer als ein Gedanke, der sich erweitert, eingeführt; durch Seine Erwählung erwirbt Gott viele. Das, was die Schar in Vers 29 genießt, ist allen gemeinsam; sie legen sich alle zu Tische, und derjenige, der am meisten die Gnade genießt, ist der Erste im Reich. Es ist nicht durch besondere Befähigung, sondern durch den Genuß der Gnade, daß einer im Reiche zum Ersten wird. Wenn die Erwählung nicht wäre, würde keiner von uns eingehen; die Erwählung Gottes erwirbt eine große Schar. Es

wird immer in der Schrift in dieser Weise hingestellt. Es gefällt Gott wohl, eine große Schar in Sein Reich zu bekommen - Abraham, und in ihm werden alle Nationen gesegnet.

Alles dieses ist sehr erforschend und bringt Seelenübungen mit sich. Zweifellos empfanden die Pharisäer den erforschenden Charakter dieser Dinge, und sie versuchten den Herrn dadurch einzuschüchtern, daß sie Ihm sagten, Herodes wollte Ihn töten; aber ihre Bemühungen, Ihn zu erschrecken, brachten bloß den standhaften und vor nichts zurückschreckenden Charakter Seines Laufes ans Licht. Er konnte von Seinem Laufe weder durch Herodes noch durch irgendeinen anderen abgelenkt werden. Wir sehen Unvollkommenheiten in den Lebensgeschichten Seiner Diener, aber keine bei dem Meister Selbst.

Er sagt: „Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und morgen“ - nichts sollte bei Seinem Tun dazwischenkommen -, und der dritte Tag ist ja die Auferstehung. Der Herr ging bis zur Beständigkeit der Auferstehung weiter, und dann war Er vollendet. Er wurde dadurch vollendet, daß Er durch den Tod in die Auferstehung einging; die gewissen Gnaden Davids wurden in dem Auferstandenen gesichert. Der dritte Tag ist eine Andeutung auf die Auferstehung, und das schließt den Tod ein, damit der Herr als das Gefäß der Gnade vollendet wurde; Er wäre nicht vollendet worden, wenn Er nicht durch den Tod gegangen wäre. All die Gnade, die der Herr als Mensch auf Erden zum Ausdruck brachte, ging durch den Tod in die Auferstehung hinein. Das ganze System der göttlichen Gnade ist in Ihm vollendet, so daß es ohne Fehl ist. Wir gehören zu einem System der Vollkommenheit.

Vers 33 ist etwas anderes: „Ich muß heute und morgen und am folgenden Tage wandeln." Es wird dabei nichts vom dritten Tage gesagt, und es bezieht sich auf den Wandel des Herrn hienieden, der bis in den Tod fortgesetzt wurde; Er setzte Seinen Lauf bis zum Ende fort, ohne Ablenkung und ohne Abweichung. Sein Angesicht war festgestellt, um nach Jerusalem zu gehen; Er mußte dahingehen, um Seinen Lauf zu vollenden und um in Jerusalem zu leiden, ebenso wie die Propheten gelitten hatten. Sein Pfad, der durch keine irdische Güte erleichtert wurde, führte nur zum Tode.

Er sollte in der am meisten begünstigten Stadt der Erde verworfen werden, und weil sie die höchste Gunst genoß, war sie auch die schuldigste. In dem wunderbaren Aufruf nimmt der Herr deutlich den Platz Jehovas ein: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Brut unter die Flügel, und ihr habt nicht gewollt!" Es war Jehova, dessen Innerstes aus Liebe zu der Stadt, die Er erwählt hatte, bewegt war; Er war oft bereit gewesen, sie unter die Wärme und Pflege Seiner behütenden Liebe zu nehmen, sie hatte aber nicht gewollt. Darin liegt eine große Würde, weil Er weiter fortschreitet.

Es ist darin der Gedanke, daß es mit Bedacht geschieht: „Ich muß heute und morgen und am folgenden Tage wandeln." Er hatte einen bestimmten Lauf, und nichts konnte Ihn erschüttern. Es geziemte Ihm zu leiden; Er schritt völlig mit Bedacht und zielbewußt voran. Es ist gut, das Auge auf Ihn zu richten. Die Christenheit ist jetzt in einer ähnlichen Lage, wie es damals Jerusalem war; es war diejenige Stadt auf Erden, wo die Gunst Gottes erkannt worden war.

Man empfindet den tiefen Ernst der Worte des Herrn, wenn Er zum letztenmal in dieser Weise zu der Stadt sprach, die Ihn nicht haben wollte: „Ihr habt nicht gewollt." Das ähnelt sehr Seiner Haltung gegenüber Laodicäa: Er steht an der Tür, Sein Innerstes ist durch Seine treue Liebe bewegt, Er ist bereit einzutreten, aber Er ist draußen. Jehova hatte Seine Diener und Propheten nach Jerusalem geschickt, und als allerletzter kam Er Selbst in der Person Jesu und zeigte, daß Er gewillt war, sie zu hegen und zu pflegen.

Trotz allem, was sie waren, war Seine Haltung voll unumschränkter Gnade; jetzt sagt Er aber: „Siehe, euer Haus wird euch überlassen." Sie sollten Ihn nicht mehr sehen, bis sie sagen würden: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn." Ihr Haus wurde ihnen überlassen; der Herr sagte zu ihnen gleichsam: Wenn ihr Mich nicht haben wollt, muß Ich euch verlassen, damit ihr sehet, wie leer alles ohne Mich ist. Wie leer ist alles ohne Christum! Wenn Jehova verworfen ist, welchen Wert hat dann Sein Haus? Es wird ihnen überlassen; der Herr nennt es „euer Haus".

Es ist bemerkenswert, wie die Zeit, wo der Herr auf Erden war, der jetzigen entspricht; der Herr könnte zur Christenheit ebenso reden, wie Er es hier am Ende der Verwaltung tut. Auch wir sind am Ende einer Periode, in welcher man vorgibt, Gott Ehre zu erweisen, und der Herr wird verworfen. Der Herr kann zu uns sagen: Euer Haus wird euch überlassen. Was ist das Christentum ohne Christum? In Laodicäa erwähnt Christus mit Bestimmtheit diejenigen, die sich rühmen, Christen zu sein. Unser Innerstes sollte in einer göttlichen Weise über sie bewegt sein; die Haltung des Herrn den sieben Versammlungen gegenüber ist ein Beispiel für die unsrige.

Wie Er an der Tür steht und anklopft, so ist es auch unser Vorrecht, anzuklopfen und alles zu tun, was wir können, um bereit zu sein, die Aufmerksamkeit eines jeden auf Christum zu lenken. Die prophetische Stimme Christi ertönt, wenn auch die Menschen nicht zuhören; der Herr hat nicht aufgehört prophetisch zu warnen und in Liebe zu reden. In der ganzen Schrift gibt es keine Stelle, die so erschütternd zu unseren Herzen spricht - es ist das innere Sehnen des Herzens des verworfenen Christus. Jerusalem war der begünstigste Ort gewesen, und es war nun desto mehr schuldig. Jerusalem bekam den größten Ausdruck der Gnade, denn das Evangelium nahm dort seinen Anfang. Man möchte alles so empfinden wie der Herr, und zwar um über andere bis ins Innerste besorgt zu sein.


Kapitel 14

In diesem Kapitel betrachtet der Herr nicht nur alle Dinge voller Barmherzigkeit, sondern Er bringt auch Heilung zustande. Der wassersüchtige Mensch stellte die Gesetzgelehrten und Pharisäer dar, er war ein Beispiel für diese Gesellschaft. Sie lauerten darauf, Denjenigen, der Jehova war, in ihrer Mitte zu verurteilen; Er aber betrachtete den aufgeblähten Zustand des wassersüchtigen Menschen als ein Zeichen von ihrem Zustand, und Er war da, um den Menschen auf sein richtiges Maß herabzubringen. Um die göttliche Gnade zu empfangen, muß der Mensch von seiner Wassersucht geheilt werden; nichts kann die eigene Wichtigkeit des Menschen beseitigen als nur die Wirkung des Herrn Selbst.

Wenn ein Mensch es darauf absieht, seine eigene Gerechtigkeit aufzurichten, so ist er wassersüchtig; er ist dann nicht bereit, den niedrigsten Platz einzunehmen. Es gibt keinen anderen Weg zur Erhöhung, als nur ganz nach unten zu rücken, und keiner außer dem Herrn Jesu kann meine eigene Wichtigkeit heilen und mich willig machen, den niedrigsten Platz einzunehmen. Er allein kann den Menschen auf sein richtiges Maß herabsetzen, und nachdem Er ihn dahin gebracht hat, kann Er ihn erhöhen.

Es war eine Handlung des unumschränkten Willens Gottes, denn der Mensch bat nicht um Heilung, und die Tischgesellschaft war dagegen; der Herr nahm Sich seiner an und heilte ihn nach Seinem unumschränkten Willen. Der Mensch gebrauchte den Sabbat, um in seiner eigenen Wichtigkeit zu leben, und die Menschen suchten sich die ersten Plätze aus – das ist Selbstwichtigkeit.

Jeder von uns hat diese Krankheit gehabt, und nur der Herr kann sie heilen. In Phil. 2 lesen wir, daß der Herr Sich Selbst zu nichts machte; Derjenige, der in Gestalt Gottes war und Gleichheit mit Gott beanspruchen durfte, machte Sich Selbst zu nichts. Er stieg hernieder, um für uns ans Kreuz zu gehen; wir aber müssen aus unserem krankhaften Zustande herabsteigen, um bereit zu sein, den letzten Platz einzunehmen, um unsere ganze eigene Wichtigkeit aufzugeben. Es sind die Letzten, die die Ersten sein werden.

Gerade diese eigene Wichtigkeit macht mich zum Gegenstand der Anteilnahme Gottes; wenn ich mir dessen bewußt werde, bin ich bereit, heruntergesetzt zu werden. Alle Kennzeichen unseres moralischen Verfalls erwecken die Anteilnahme des Herzens Gottes. Sobald wir unter der Belehrung des Herrn einzusehen beginnen, daß wir selbstwichtig sind, hassen wir uns selbst und denken, Gott muß uns auch hassen; Er liebt uns aber und sagt: Ich werde dich heilen, damit du klein genug wirst, um in der Zeit und der Ewigkeit zu Meiner Familie zu gehören. Wenn ich den niedrigsten Platz einnehme, sagt Er: „Rücke höher hinauf." Gott wird es so führen, daß allerlei Dinge auf uns einwirken, um unsere eigene Wichtigkeit herniederzubringen. Kein Heiliger kann in seiner eigenen Wichtigkeit vor den Herrn treten.

Wir können vorgeben, von uns selbst nichts zu halten; wir mögen bereit sein, herabwürdigende Dinge von uns selbst zu sagen; Gott aber muß darin Wahrhaftigkeit bewirken, und es ist in der Gegenwart Seiner Liebe, daß wir es lernen, den niedrigsten Platz einzunehmen. Der Dienst des Wortes, den Gott sendet, ist der Dienst Christi, und wenn demselben in unseren Herzen Raum gegeben wird, muß alles Fleischliche hinausgetan werden. Wenn Christus hereinkommt, muß die eigene Wichtigkeit hinausgetan werden. Bei den meisten von uns geschieht das nur in geringem Maße, es verschwindet nur langsam. Die eigene Wichtigkeit beginnt zu verschwinden, und Christus beginnt hervorzukommen. Gott wirkt nach dieser Richtlinie bei uns; deshalb sollten wir es dem Herrn überlassen, uns zu erhöhen. Laß den Herrn sagen: „Rücke höher hinauf.“

Maria sagte: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es geschehe mir nach deinem Worte." Sie war bereit, zur höchsten Gunst, die jemals einem aus der menschlichen Familie erzeigt wurde, hinaufzusteigen; es war aber der Herr, der sie erhöhte. Es geschah, weil sie gar keine eigene Wichtigkeit mehr hatte, daß sie auf den höchsten Platz hinaufrücken konnte. Man sollte deshalb die Gesinnung haben, sich damit zu begnügen, der Letzte zu sein, um mehr als jeder andere die Gunst Gottes einem armen Sünder gegenüber zu schätzen.

Einer, der den letzten Platz einnimmt, empfiehlt sich der gnädigen Aufmerksamkeit des Herrn, und auch der gnädigen Aufmerksamkeit der Geschwister. Wenn wir einen Menschen sehen, der einen hervorragenden Platz erlangen will, der sich bemerkbar machen und etwas sein will, so erniedrigt er sich selbst, und wir schätzen ihn sehr gering ein. Wenn er aber gesinnt ist, auf den niedrigsten Platz herabzusteigen, so ist an ihm etwas Empfehlenswertes. Keiner kann deswegen einen Fehler an mir finden, weil ich der Letzte sein will. Paulus sagte von sich, er sei „der Allergeringste von allen Heiligen". Ich habe oft gefragt: Wenn Paulus der Allergeringste war, wie groß bist du dann? Es ist eine schöne Gesinnung im Reiche, und eine, die uns die größte Freude bereitet, denn Freude kommt durch die Wertschätzung der Gnade zustande. Je niedriger ich stehe, desto besser bin ich für die Erhöhung durch die Gnade vorbereitet, wie der Mensch, der der Letzte war, und zu dem der Gastgeber sagte: „Rücke höher hinauf.“

Der Herr hat es niemals im Sinn, uns zu erniedrigen; Sein Gedanke ist, uns zu erhöhen und nicht zu erniedrigen; das möchte Er uns überlassen, damit Er uns erhöhen kann. Wenn die Menschen in ihrem Hochmut wandeln, weiß der Herr sie zu erniedrigen; doch wir möchten das nicht. Es lohnt sich, den niedrigsten Platz einzunehmen, es ist zu unseren Gunsten. Wenn wir den besten Platz haben wollen, so ist das ungünstig für uns, denn vielleicht wird der Herr ihn einem anderen geben, und wir werden uns schämen müssen; wir fangen dann an „mit Schande den letzten Platz einzunehmen“. Der Herr möchte, daß unser Zustand derartig sei, daß Er uns erhöhen kann. Jeder von uns sollte die anderen höher achten als sich selbst; das können wir tun, wenn wir uns nicht mit unseren guten Eigenschaften beschäftigen, sondern mit den guten Eigenschaften der anderen, und sie bewundern und sie höher achten als die unsrigen.

Wir können vorgeben, den niedrigsten Platz zu lieben, wenn es auch nicht der Fall ist, aber der Herr kann uns die ganze Wassersucht wegnehmen. In dem nächsten Abschnitt dieses Kapitels kommen wir zum Dienst der Gnade; wir denken nicht daran, unsere Zeit angenehm mit Leuten zu verbringen, die ebenso gut zu uns sein können, wie wir es zu ihnen sind, sondern wir denken an den Dienst der Gnade.

Gegenseitigkeit ist nicht Gnade; die Gnade handelt immer von einer Seite aus. Gegenseitigkeit und Liebe wird im Familienkreise gefunden; die Gnade aber geht immer von einer Seite aus, sie kommt ganz von Gottes Seite her, und sie fließt von Gott zu unwürdigen Menschen hernieder. Zuerst müssen wir Gnade haben, dann Liebe. Im Familienkreise haben wir Liebe und Gegenseitigkeit, hier geht es aber um das Reich, nicht um die Familie, und im Reiche sollen wir zum Dienste der Gnade bereit sein. Derjenige, der etwas hat, ist bereit, es demjenigen zur Verfügung zu stellen, der nichts hat. Das allein ist gerecht.

Wenn ich nicht bereit bin, das, was ich habe, den Geschwistern zur Verfügung zu stellen, ohne an eine Vergeltung zu denken, stehe ich nicht auf dem Boden des Reiches. Ladet also nicht diejenigen ein, die ebenso gut sind wie ihr selbst und auch euch einladen können, ladet aber die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden ein. Wir müssen nach dem Grundsatze Gottes handeln, und wie handelt Gott? Er hat alles für den armen Sünder gegeben, der nichts hat, und wir sollen niemals diesen Dienst der Gnade aufgeben. Es geschieht am niedrigsten Platz, daß wir tüchtig zum Dienst werden, weil wir dort die Gnade kennenlernen; wenn wir sie kennengelernt haben, können wir sie anderen gegenüber, ohne eine Vergeltung zu erwarten, zum Ausdruck bringen.

Wir wollen keine Vergeltung in der gegenwärtigen Zeit haben, sondern wir bekommen sie in der Auferstehung. Paulus wollte keinen Lohn haben, er sagt: „Wenn ich auch, je überschwenglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde." Der Herr möchte uns davon abbringen, Menschen zu versorgen, die uns ebensoviel zurückgeben können, wie wir ihnen geben; Er heißt uns aber, solchen Gnade zu erzeigen, die uns nichts geben können, und dann werden wir in der Auferstehung etwas bekommen. Es lohnt sich dann, vergolten zu bekommen.

Man kann zeitweilig in dieser Welt eine große Vergeltung erlangen; es stellt sich aber heraus, daß Leute, die in einem Augenblick eine gute Meinung von uns haben, im nächsten Augenblick schlecht von uns denken können. Glückseligkeit besteht darin, wie Gott zu handeln: „Geben ist seliger als Nehmen." Wenn ich handle wie Gott, kann nichts glückseliger sein; alles, was wir in der Haushaltung der Gnade besitzen, soll denjenigen zu Diensten stehen, die es nicht vergelten können.

Viele arbeiten, und wenn sie nicht gerühmt werden, fühlen sie sich unglücklich, weil man ihnen das, was ihnen ihrer Meinung nach gebührt, vorenthält; wir sollen aber zu der Auferstehung vorausblicken. Wir sollten wünschen, daß unser Tun in der Auferstehung anerkannt werden möchte. Wir sollten mehr unter den Augen Gottes zu Seinem Wohlgefallen leben und nicht unter der Anerkennung der Geschwister oder irgendeines anderen; das ist nicht der Beweggrund, obwohl die Geschwister zweifellos unser Tun gutheißen werden.

Die Armen, die Krüppel, die Lahmen und die Blinden sind Leute, die nicht vergelten können; es sind keine bösen Leute, sondern sie sind ärmer als wir selbst. Unter dem Volke Gottes befinden sich solche, die an irgendetwas Mangel leiden, und solche entsprechen den Krüppeln, den Lahmen und den Blinden; ihnen soll aber in Gnaden gedient werden. Der Sinn der Sache ist der, daß Gott in der Auferstehung Seine Vergeltung erlangen wird, wenn die Heiligen in einem geistlichen Zustande auferstehen werden und keine Spur der Schwachheit und der Gebrechlichkeit vorhanden sein wird.

Es gibt nichts, was mehr von einer Seite aus geschieht, als die Auferstehung; es liegt ein Mensch tot im Grabe, und die unumschränkte Macht Gottes, die in Liebe wirkt, schaltet sich ein und weckt ihn auf, und Gott hat Seine Vergeltung. Wenn Gott auf die ganze auferweckte Schar herniederblicken wird - sie alle gleichen Christo -, wird Gott Seine Vergeltung haben. Er wird herniederblicken und einen Augenblick alle die auferstandenen Heiligen auf Erden sehen. Es ist gut, daran zu denken, daß Gott in der Auferstehung Seine Vergeltung haben wird. Wir müssen zugeben, daß wir Ihm im gegenwärtigen Zustande nicht viel vergolten haben. Wie Israel, so ist auch das Volk Gottes Ihm eine Quelle der Sorge und des Kummers gewesen. Gott hat Sein armes Volk weltlich und fleischlich gesehen, Er wird sie aber dann auf ewig in der Auferstehung in einem geistlichen Zustande haben. Was für eine Vergeltung wird das sein!

Wenn ich euch gegenüber im Blick auf die Auferstehung wirke, werde ich diese geistliche Richtschnur befolgen; wir sollten alle nach der geistlichen Richtschnur im Blick auf die Auferstehung wirken. Diejenigen, die nach diesen Grundsätzen handeln, sind gerecht; sie handeln wie Gott, und es wird ihnen in der Auferstehung der Gerechten vergolten werden. Gott will, daß wir auf die Belohnung schauen. Es gefiel Ihm wohl, daß Mose auf die Belohnung schaute. Paulus schaute auf eine Krone; im allgemeinen sah er alle das Ihrige suchen; Paulus wird aber seine Belohnung erlangen, wenn er die Heiligen in der Auferstehung sieht. Er schreibt an die Thessalonicher: „Wer ist unsere Hoffnung oder Freude oder Krone des Ruhmes? Nicht auch ihr vor unserem Herrn Jesus bei seiner Ankunft?“ Das ist die Zeit, wo Paulus belohnt werden wird. Wir werden dann belohnt werden, sogar wenn wir jetzt leiden müssen.

In der Familie gibt es Gegenseitigkeit, die sich nach beiden Seiten hin auswirkt, die Gnade wirkt aber von einer Seite aus. Das enthüllt das Geheimnis von dem großen Abendmahl; es ist zur Freude Gottes. Das große Abendmahl soll nicht dem Lindern unserer Not, sondern dem Verlangen Gottes dienen, auf daß Sein Haus voll werde. Er trifft Vorbereitungen im Einklang mit der Größe dessen, was Er vor Sich hat, und Er sagt: „Kommt", es ist alles von Seiner Seite aus. Keiner von ihnen konnte etwas dazu beitragen, alle vermögenden Leute verfehlten es; diejenigen aber, die nichts hatten, waren froh, hereinzukommen.

Hier wirkt Gott um Seiner eigenen Befriedigung willen, es wird kein Wort von Buße oder Vergebung gesagt. In diesem Gleichnis sehen wir eine größere Darstellung der Gnade, als wir sie sonst in diesem Evangelium gehabt haben. Es ist die Feier der Gerechtigkeit genannt worden, und ich finde das sehr schön. Die Geladenen machten Einwände, weil ihnen das Wohlgefallen Gottes gleichgültig war; sie interessierten sich für andere Dinge. Der große Schwerpunkt heutzutage ist, daß Gott sagt: Ich habe alles zur höchsten Befriedigung Meines Herzens zubereitet; Ich habe Mein Wohlgefallen völlig gesichert - interessiert ihr euch dafür, hereinzukommen und das, was Ich genieße, zu sehen? Das ist das Evangelium.

Der Ort, wo Jesus verherrlicht ist, ist der Schauplatz des Wohlgefallens Gottes; Gerechtigkeit ist erfüllt worden, und Gott sagt zum Menschen: Ich will, daß du hereinkommst. Gott bereitet alles. Die bestehende Notwendigkeit ist auf Gottes Seite - Er macht das Abendmahl, und Er hat Gäste nötig, die hereinkommen und es genießen sollen. An das Vorleben dieser Leute wird gar nicht gedacht, es geht gar nicht um ihre vergangene Lebensgeschichte. Das, was Gott bereitet hat, ist zu Seinem Wohlgefallen, der Zustand des Menschen wird hier gar nicht erwähnt.

Es ist Gott, der zu Seinem Wohlgefallen alles bereitet, und dann sagt Er: „Kommt." Die geladenen Gäste waren Israel, „deren... die Verheißungen“ sind. Einem gewissen Volk gehörten die Verheißungen, und Gott hatte angedeutet, was Er zu Seinem Wohlgefallen tun würde; aber Israel interessierte sich nicht mehr für das Wohlgefallen Gottes, als die jetzigen Menschen es tun. Wenn wir auf die Straßen hinausgehen und über das Wohlgefallen Gottes reden, sind die Menschen gleichgültig; sie interessieren sich für ihre Geschäfte, ihre Familien und für andere Dinge.

Das Fest in Matth. 22 ist das, was Gott zu Ehren Seines Sohnes bereitet, aber in Luk. 14 ist es zum Wohlgefallen Seines eigenen Herzens. Er bereitet alles auf Grund des Todes Christi. Ein Mensch ist vor das Angesicht Gottes zu Seinem Wohlgefallen getreten, und der Heilige Geist ist herniedergekommen, um das zu verkünden, damit das, was Gott zu Seinem Wohlgefallen gesichert hat, hienieden genossen werden möchte. Bevor es im zukünftigen Zeitalter entfaltet werden wird, soll es hienieden genossen werden.

Nicht ein einziger von den geladenen Gästen ging hinein, noch wird das jemals einer tun; alle, die eingehen, werden genötigt oder gezwungen. Keiner würde zur Feier der Gnade eingehen, wenn er nicht dazu genötigt würde. Es gibt keinen Raum für den freien Willen des Menschen. Gott hat alles für Sein unsagbares Wohlgefallen bereitet; es ist nicht der Mensch in seiner Unschuld oder als gefallen, sondern der Mensch in Gerechtigkeit im Himmel, ein verherrlichter Mensch in Gerechtigkeit. Gott hat Sein höchstes Wohlgefallen an Christo gesichert, und Er spricht: Kommt herein und genießet dies mit Mir.

Es sind zuerst die geladenen Gäste, dann die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden, und dann die Menschen an den „Wegen und Zäunen“, was die Nationen einführt. Der Knecht stellt den Heiligen Geist dar, der herniedergekommen ist, um zu sagen: „Schon ist alles bereit." Gott hat in einem auferstandenen und verherrlichten Menschen alles zu Seinem Wohlgefallen gesichert, und betreffs der Gäste werden keine Fragen gestellt, alles ist gesichert.

Die geladenen Gäste wollen aber nicht kommen, und der Hausherr, der das Abendmahl bereitet hat, wird zornig. Es gibt keinen so schrecklichen Zorn, wie den Zorn der Gnade. Gar nichts kann hinzugefügt werden, um das Wohlgefallen Gottes noch größer zu machen als es schon ist, und es liegt alles außerhalb von uns selbst, ob schuldig oder gefallen; es liegt alles im unumschränkten Willen Gottes. Was in der Zukunft im Reiche Gottes entfaltet werden wird, soll jetzt schon im Hause Gottes genossen werden.

Das Werk des Nötigens wird dem Knechte zugeschrieben. Im Römerbrief hebt Paulus den Befehl des ewigen Gottes hervor; das Evangelium im Römerbrief beruht nicht auf einer Einladung, sondern auf einem Befehl: „Es ist geschehen, wie du befohlen hast.“ Dann wird das Nötigen mit der Berufung Gottes verbunden. Der Römerbrief gibt uns die göttliche Berufung; gewisse Personen werden unter dem Nötigen der göttlichen Gnade berufen. Gott beruft in einer unwiderstehlichen Weise. Die Berufung wird im Römerbrief als das Mittel zur Segnung entfaltet - „welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt" —, und Paulus schreibt an die Korinther: „Sehet eure Berufung“ — d. h. schaut euch um und sehet, was für Menschen Gott berufen hat. Man kann der Berufung nicht widerstehen, es ist eine liebevolle Nötigung.

Das Aussenden der Einladung war eine Handlung der Gnade, aber auf die Einladung hin ist nie jemand gekommen; es muß eine göttliche, nötigende Kraft wirksam sein, damit das Haus voll werde. Das Evangelium wird nur in den Berufenen wirksam, wie mächtig der Ruf auch erschallen mag. Wenn das Evangelium gepredigt wird, so ist es das Flehen Gottes; Gott will Sich vor allen Menschen rechtfertigen, und kein Geschöpf Gottes kann jemals sagen: Du gabst mir keine Gelegenheit.

Diese wunderbare Entfaltung der Gnade erstreckt sich noch weiter als in Kap. 7 und 10; es ist ein neues System, das nicht dazu eingeführt wurde, um der Not des Menschen gerecht zu werden, sondern um das Herz Gottes zu befriedigen. Es ist ein wunderbares Bild; niemand als nur der Sohn Gottes hätte es entwerfen können. Weil Er als Mensch vor das Angesicht Gottes getreten ist, ist der Höhepunkt des göttlichen Wohlgefallens erreicht: Gott hat den Menschen in Gerechtigkeit vor Sich. Dann sagt Er: Komm herein und genieße dies und sieh ein, daß es Mein Gedanke ist, dich wie Jesus zu Meinem Wohlgefallen zu haben. Hier wird die Frage nicht berührt, ob wir auch passend sind. Im nächsten Kapitel finden wir das beste Kleid, den Ring und die Sandalen; in diesem Kapitel wird aber dieser Gedanke absichtlich nicht erwähnt, damit wir sehen möchten, daß die Gnade vollständig auf Gottes Seite ist.

Nun müssen wir aber zusehen, daß wir die Gnade nicht in einer oberflächlichen Weise annehmen. „Es gingen aber große Volksmengen mit ihm"; es schien ein leichter Pfad zu sein, Einem zu folgen, der so glückselig von der göttlichen Gnade redete. Es ist nützlich, beide Seiten im Auge zu behalten; wir sind so geneigt, den Gedanken der Gnade leicht zu nehmen und nicht zu verstehen, was er in sich schließt. In den beiden Kapiteln 14 und 15 gibt uns der Herr die praktische Wirkung der Annahme der Gnade; die praktische Wirkung davon ist die Probe, ob wir zum großen Abendmahl eingegangen sind. Wenn wir dies getan haben, sind wir zur Jüngerschaft bereit; das ist die Probe dafür, ob ich wirklich zum großen Abendmahl eingegangen bin.

Dieses System der Gnade, das Feiern der Gerechtigkeit, ist etwas, was sich ganz außerhalb des Bereiches des Natürlichen befindet. Im Bereiche des Natürlichen neigt alles dazu, sich dem zu widersetzen, ebenso wie die Ochsen, der Acker und das Weib uns dahin bringen, uns dem Wohlgefallen Gottes gegenüber gleichgültig zu machen. Die besten Dinge im Natürlichen neigen dazu, uns von der Glückseligkeit dieses neuen Systems der himmlischen Gnade abzulenken, so daß die Jüngerschaft dazu nötig ist, in unseren Seelen die Freude über das neue System, in welches wir genötigt wurden einzugehen, zu bewahren.

Wir können nicht beim großen Abendmahl sein, ohne dem Pfade der Jüngerschaft hingegeben zu sein. Du kannst nicht sagen: Ich will Jesum haben und Seine ganze Liebe und Gnade zu den Menschen, und ich will nichts anderes haben; wenn du Ihn in Seiner Liebe und Gnade zu den Menschen hast, so mußt du Ihn auch in Seiner Treue Gott gegenüber haben - das ist die Treue der Jüngerschaft. Der Herr Selbst war der Jünger. In Jes. 50 sagt Er, daß Ihm „eine Zunge der Belehrten" gegeben wurde, das ist dasselbe Wort wie Jünger. Der Herr ließ Sich niemals durch das Natürliche ablenken: Er hatte eine Mutter, und Er liebte Seine Mutter, Er sorgte für sie aufs Zärtlichste, indem Er sie sogar am Kreuze dem Johannes anvertraute; jedoch ließ Er Sich niemals durch sie beeinflussen. „Was habe ich mit dir zu schaffen, Weib?" sagte Er, als sie Ihm einst einen Hinweis machte. Er wurde nicht vom Natürlichen beeinflußt, und Er wurde immer durch Treue Gott gegenüber beherrscht.

Wir müssen zugeben, daß das Natürliche, wie anziehend es auch sein mag, dazu geneigt ist, uns von der Gnade, in die wir gebracht worden sind, abzulenken; deswegen müssen wir lernen, es von diesem Standpunkte aus zu hassen. Alle unsere natürlichen Beziehungen müssen überwacht werden, und zwar im Blick auf ihre Neigung, uns von der Erkenntnis Gottes in Gnade abzulenken. Es gibt nichts, was uns mehr erforscht als die Gnade; sie ist viel erforschender als das Gesetz. „Dazu aber auch sein eigenes Leben" (Vers 26); diese Worte berühren unser Innerstes. Das bedingt eine moralische Absonderung von allem, was natürlicherweise das eigene Leben ausmacht und was nicht das System der Gnade ist, in das wir einzugehen genötigt werden.

Der Herr will uns lehren, eine scharfe Trennungslinie zu ziehen zwischen der himmlischen Gnade, dem Wohlgefallen Gottes an Christo, das ich durch den Geist genieße, und dem Allerbesten von Natur, dem eigenen Leben, das als außerhalb dieses Systems der Gnade betrachtet wird. Ich muß alles in mir hassen, was außerhalb dieses Systems der Gnade liegt. Was vom Natürlichen herrührt, ist dazu geneigt, uns abzulenken, und wir müssen es überwachen.

Das ist nur eine einfache Tatsache, und die meisten von uns sind alt genug in der Schule Gottes, um es in Erfahrung gebracht zu haben. Gott will uns durch den völlig neuen Charakter davon beeindrucken, wohin Er uns durch das Nötigen gebracht hat; es ist ebenso weit von den natürlichen Beziehungen wie von der Sünde entfernt. Viele sind der Ansicht, daß das Christentum uns von der Sünde befreit, aber es ist gekommen, um uns auch von dem Besten in der Natur zu befreien.

Ein Bruder mag von allen häuslichen Freuden und Bequemlichkeiten umgeben sein; aber beim Berühren der Dinge Gottes gibt es etwas noch Kostbareres für das Herz, eine tiefere Freude wird geschmeckt, und wenn wir in rechter Seelenübung sind, müssen wir achtgeben, daß sogar das häusliche Glück uns nicht von der Glückseligkeit ablenkt, in die wir eingegangen sind. Der Herr macht das zum Prüfstein, als ob Er sagen wollte: Ihr habt euch gefreut zu hören, was ich gesagt habe, und ihr drängt auf Mich ein; versteht ihr aber auch, daß es ein völlig neues Leben bedeutet, nicht nur von der Sünde getrennt, sondern auch vom natürlichen Leben getrennt zu stehen? Das Natürliche neigt immer dazu, dieses zu verhindern, und deswegen muß es eifrig überwacht werden.

Hier geht es um das Salz des Bundes. Der Bund ist reine Gnade, man kann aber den Bund nicht ohne das Salz haben, und das ist der Grundsatz der Treue Gott gegenüber. Es ist Treue Gott gegenüber in Beziehung zu dem System der Gnade, das Er aufgerichtet hat, es geht um Treue dem wahren Charakter der Gnade gegenüber. Der Herr lebte in der vollen Glückseligkeit der Gunst Gottes den Menschen gegenüber, aber Er erlaubte nicht, daß irgend etwas auch nur für einen Augenblick Ihn an Seiner Treue Gott gegenüber hinderte.

Wir können nicht zum Abendmahl eingehen und an der Festlichkeit teilnehmen, ohne den Pfad der Jüngerschaft zu betreten. Diese beiden Dinge voneinander zu trennen, würde die Gnade Gottes verderben; nichts sollte zugelassen werden, was uns dem Genuß dieses wunderbaren Systems entfremden würde. Das Kreuz auf sich nehmen, ist mehr die öffentliche Seite. Der Herr gebraucht das allerstärkste Wort. Der Gedanke der Kreuzigung besagte in jenen Tagen das Höchstmaß an Schande und Erniedrigung, denen ein Mensch ausgesetzt werden konnte; es war eine Todesart, die das römische Gesetz nur auf einen Sklaven anzuwenden erlaubte, und auch nur im Falle eines schrecklichen Verbrechens, wenn er z. B. seinen Herrn ermordet hatte.

Bedenkt, daß der Herr dieses Wort gebraucht! Wir haben uns so an dieses Wort gewöhnt, daß wir nicht daran denken, was es bedeutete; es war die äußerste Tiefe der Schande und der Erniedrigung. Doch der Herr sagt: Dazu müßt ihr bereit sein; ihr müßt bereit sein, euer Kreuz zu tragen. Wir neigen dazu zu

erwarten, daß man uns als Christen wertschätzt, aber das Tragen des Kreuzes bedeutet die Bereitschaft, „der Auskehricht der Welt" zu sein, wie Paulus sagt.

Heutzutage haben wir sehr wenig von solchen Leiden. Wir leben in solchen leichten Zeiten; wir werden nicht ins Gefängnis geworfen oder am Pfahl verbrannt, wie es vielen unserer Geschwister widerfuhr, aber dieser Grundsatz in unseren Seelen kann uns im Blick auf die geringfügigen Fälle stärken, wo uns Schande, Verachtung und Schmach widerfahren. Viele von unseren Geschwistern in einigen Teilen der Welt stehen Grausamkeiten und Verfolgungen gegenüber, während wir hier ruhig sitzen; wir benötigen aber dieselbe Bereitschaft, um unsere geringfügige Schmach zu erleiden, wie sie diejenigen bedürfen, die größeren Dingen gegenüber standhalten müssen. Wir müssen diesen Zustand als normal betrachten, damit wir weder niedergeschlagen noch erstaunt sind, wenn die Menschen uns verlachen, verschmähen oder mit Verachtung betrachten. Das Tragen des Kreuzes ist ein wesentlicher Teil der Jüngerschaft; das Maß unserer Bereitschaft, es zu tragen, ist das Maß, in welchem wir zum Abendmahl eingegangen sind.

Alles das hängt zusammen, es gibt das Erbauen des Turmes und den König, der in den Krieg auszieht. Der Herr wirft dadurch die Frage auf: Habt ihr auch das Nötige zum Ausführen? Seid ihr sicher, daß ihr das Angefangene vollenden könnt? Anzufangen ist eine Sache, aber es mag sehr oberflächlich sein, und der Herr sagt: Setzt euch nieder und berechnet die Kosten. Habt ihr genug Hilfsquellen? Wenn ihr keine Hilfsquellen habt, um dem Feinde zu begegnen, so ist es besser, sich ihm zu ergeben; es ist das Verständigste, was man tun kann.

Wenn alles für das Wohlgefallen Gottes in Christo bereitet ist, und wenn wir alles, was wir haben, hinter uns gelassen haben, um dort einzugehen und das durch den Geist Bereitete zu genießen, dann werden wir, je mehr wir uns niedersetzen und berechnen, um so mehr einschen, daß wir genug zum Anfangen und auch zum Vollenden besitzen.

Der Herr sagt in Vers 33: „Jeder von euch, der nicht allem entsagt, was er hat, kann nicht mein Jünger sein." Die Frage ist: Gehen wir mit dem, was unser eigen ist, oder mit dem, was von Gott und von Christo ist, voran? Wenn wir mit dem, was von Gott und von Christo ist, vorangehen, so haben wir genug, um zu vollenden. „Wenn Gott für uns ist, wer wider uns?" Wir haben mehr mit uns, als wider uns. Wenn der Feind Zwanzigtausend hat, so haben wir vielmehr.

In dieser ganzen Angelegenheit handelt es sich darum, der Treue Gottes in Gnade zu vertrauen; Er kann uns hindurchführen, wenn auch die Macht des Feindes zehntausendmal mehr beträgt. Gott kann uns zum Siege verhelfen; es ist nicht nötig, sich zu ergeben. Alle diese Dinge machen uns frei. Ich finde, daß ich etwas Besseres besitze als die liebste natürliche Beziehung, und etwas Besseres als irgendwelche eigenen Hilfsquellen. Ich bin mir solch einer Herrlichkeit vor dem Angesicht Gottes bewußt, daß ich zur tiefsten Erniedrigung bereit bin. Das ist das einfache Christentum, und es hängt mit dem großen Abendmahl zusammen; es ist die Richtlinie der höchsten Befriedigung und des Sieges.

Es ist nicht niederschlagend, sondern für eine wahrhaftige Seele ist es ermutigend, denn im Lichte der Gnade, die im großen Abendmahl zum Ausdruck kommt, kann man sagen: Ich habe genug, um zu vollenden.

Die Worte des Herrn betreffs des Salzes sind sehr wichtig; es ist wichtig, nicht abtrünnig zu werden. Es ist sehr ernst, von der Gnade und der Treue Gott gegenüber abzuirren, denn dafür gibt es keine Wiederherstellung; wenn das Salz kraftlos geworden ist, so gibt es keine Wiederherstellung. Das Salz ist der Grundsatz der Treue, der praktisch auf alle Einzelheiten des Lebens angewandt wird, damit keine verderblichen Einflüsse wirken können. Ein guter Vorrat an Salz wird benötigt. Es gibt eine Schriftstelle, die von „Salz ohne Maß" spricht (Esra 7, 22); es sollte ein unbegrenzter Vorrat vorhanden sein. Das Salz des Bundes sollte beim Darbringen von keiner Opfergabe fehlen. Wenn ich z. B. Gott wegen der Demut und Sanftmut Christi preise - das ist das Speisopfer - dann verleiht mir das Salz des Bundes das Empfinden, daß ich mit nichts anderem auskommen kann und daß ich mich darauf einstellen muß, diese Wesensart zu bewahren. Ich kann nicht Gott dafür preisen, weil es in Christo vorhanden ist, und es nicht in mir selbst bewahren. Dieser Gedanke kommt schön in dem 5. Verse unseres Liedes 230 zum Ausdruck: All Deine Demut wir bewundern, und möchten Dir doch gleichen mehr, ja, Ruh und Freude darin finden, von Dir zu lernen, teurer Herr!

Kapitel 15

Es wurde die allgemeine Behauptung aufgestellt, daß Zöllner und Sünder sich dem Herrn nahten, um Ihn zu hören. Es war gerade eine solche Hörerschaft bei Ihm, die sich gewöhnlich zu Ihm versammelte und Ihm angenehm war; der Herr gab den Menschen als Sündern solch einen Eindruck von der Güte und Gnade Gottes, daß sie sich dafür interessierten. In der Neuen Übersetzung (von J. N. Darby) steht eine Bemerkung unten, die darauf hinweist, daß diese Schar sich gewöhnlich zum Herrn zu versammeln pflegte, um Ihn zu hören; es war nicht nur in dem Augenblick der Fall. In den Augen der Schriftgelehrten und Pharisäer kam der Herr dadurch in schlechten Ruf, daß Er solch eine Schar um Sich hatte und daß Er sie aufnahm und mit ihnen aß. Es handelt sich aber darum, den Gegensatz zwischen dem Sinn des Himmels und dem Sinn der religiösen Menschen auf Erden festzustellen.

Solchen Menschen bedeutete es viel, wenn ihnen gesagt wurde, daß sie Gott sehr wertvoll waren. Ich habe oft empfunden, daß wir sehr wenig von der Gesinnung der Gnade durchdrungen sind. Wir sagen einem Menschen, daß er verloren ist, und wir meinen damit, daß er heruntergekommen, erniedrigt und in einem sehr unwürdigen Zustande ist; in der Schrift wird aber das Wort „verloren" gebraucht, um auf etwas Wertvolles hinzuweisen. Der Herr erweckte den Eindruck, daß Gott Sich für Seine Geschöpfe interessierte; Gott war sehr darum besorgt, daß Er Sein Geschöpf verloren hatte. Es war nicht nur wichtig, daß das Geschöpf verloren war, sondern es ging auch darum, wer es verloren hatte.

Manchmal lesen wir Anzeigen über verlorene Dinge, und darin wird zuweilen bekanntgegeben, daß eine Belohnung ausgesetzt ist, und dadurch wissen wir, daß die Person, die etwas verloren hat, darum besorgt ist. Die Sache ist nicht wertlos, sondern wertvoll; je mehr die Person sich bemüht, die Sache zurückzubekommen, desto mehr empfindet man ihren Wert. Was in diesem Kapitel hervorgehoben wird, ist der Wert des Sünders für Gott; es bereitet Gott Sorge, daß Er den Menschen verloren hat.

„Welcher Mensch unter euch, der … eines von ihnen (von den Schafen) verloren hat…?“ Hier liegt der Nachdruck nicht so sehr darauf, daß das Schaf verloren ist, sondern mehr darauf, daß der Eigentümer es verloren hat.

Dieses Kapitel dient dazu, die moralische Größe der Buße ans Licht zu bringen. Nach Lukas 15 wird derjenige, der Buße tut, völlig für Gott wiederhergestellt; hier liegt der Nachdruck auf der Mühe der Personen der Gottheit, die Sünder zur Buße zu bewegen. Der Mensch, der Sünder, ist Gott sehr wertvoll; Gott hat ihn verloren, und Er will, daß er wiedergewonnen und wiederhergestellt werde. Nach diesem Kapitel ist die Buße die Wiederherstellung des Geschöpfes, das Er verloren hatte, für Gott; somit wird der Buße ein großer Platz eingeräumt. Menschen mögen sagen, daß sie Gläubige sind, aber welche moralische Wirkung hat das in ihren Seelen erzeugt? Die Buße ist eine in der Seele erzeugte moralische Wirkung, welche den ganzen Charakter der Beziehungen des Geschöpfes zu Gott ändert; es ist nicht, daß man gewisse Dinge glaubt, sondern der Mensch ist verwandelt. In der Seele ist eine moralische Wirkung vorhanden, die den Menschen dazu befähigt, Gott als in Gnade erkannt hochzuschätzen. Wenn Gott, als in der Gnade erkannt, geschätzt wird, so hat Er Sein Geschöpf wiedererlangt, und zwar ist es auf solch eine Weise zurückgekehrt, daß es dem Himmel eine Freude ist.

Somit stellt dieses Bild des Eigentümers, der dem Schafe nachgeht, dar, wie weit der Sohn Gottes zu gehen bereit ist, um den Sünder zur Buße zu bringen; es entfaltet nicht das, was Er zur Herrlichkeit Gottes oder um für die Sünde zu sühnen tun mußte. Als die Tatsache, daß der Sohn Gottes für ihn in den Tod gegangen war, dem Paulus einleuchtete, verwandelte er alle seine Gedanken über Gott. Der Herr Jesus kam aus der vollen Herrlichkeit der Gottheit zu der Tiefe der Leiden auf Golgatha herab, um unsere Gedanken über Gott zu verändern. Es war nicht nötig, Gottes Gedanken zu ändern. Ich glaube, daß bei uns vielfach der Gedanke vorhanden ist, daß Jesus gekommen war, um die Gedanken Gottes über uns zu verändern; aber Er kam, um unsere Gedanken über Gott zu verändern; das ist Buße. Wir ändern dabei unsere Gedanken und sehen ein, daß Gott dem Verlorenen nachgeht, weil es in Seinen Augen so kostbar ist; Er ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen, um Buße zustande zu bringen. Der Sohn Gottes mußte herniederkommen und in den Tod gehen, um Buße zu Gott in meiner Seele zu bewirken; das gibt uns ganz andere Gedanken über Gott. Er ist bereit, alles zu tun, um mich zur Buße zu bringen. Das verlorene Schaf wird gefunden, wenn Buße bewirkt worden ist. Nachher nimmt der Besitzer alles völlig auf sich; er hat das Schaf gefunden, und er übernimmt die Fürsorge und die ganze Verantwortung.

Wenn wir das Evangelium predigen, stellen wir Gott in Seinem wahren Lichte dar. Gott hat den Menschen verloren, weil der Mensch allerlei falsche Gedanken über Gott hat, die ihm von Satan eingeflößt worden sind, und der natürliche Unglaube des Herzens des gefallenen Menschen klammert sich an diese falschen Gedanken. Jesus ist aber in wunderbarer Liebe und Gnade hervorgetreten. Der Sohn Gottes ist bis zum Äußersten gegangen; Er ist in den Tod gegangen, damit wir sehen möchten, was für Mühe, was für Kosten, was für eine Tätigkeit die göttliche Gnade auf sich nehmen mußte, damit wir zur Buße gebracht werden möchten. Wenn das zustande gekommen ist, sind tausend Schwierigkeiten gelöst, die in der Lebensgeschichte der Seele entstehen, weil sie noch nicht gefunden worden ist. Man kann einem Menschen zeigen, daß er ein Sünder ist, wenn man das Gesetz predigt, und in dieser Weise ihm die Erkenntnis der Sünde beibringen; die Evangeliumsbuße besteht aber in einem Selbstgericht, das dadurch hervorgebracht wird, daß man die Gedanken Gottes, wie auch Seine wunderbare Anteilnahme an den Menschen verstanden hat. Er wollte alles tun und Seinen Sohn in den Tod geben, um die Menschen zur Buße zu bringen. Der Hirte hatte etwas verloren, und Er kann nicht ruhen, bis Er es zurückerlangt hat.

Wenn der Herr uns die moralische Bedeutung der ersten beiden Gleichnisse angibt, sagt Er uns, daß es die Buße ist. Er sagt: „Also, sage ich euch, ist Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut." Das gefundene Schaf ist ein bußfertiger Sünder; wenn der Sünder zur Buße gebracht worden ist, hat der suchende und rettende Hirte ihn gefunden, und das hat die ganze Angelegenheit erledigt. Nach diesem Kapitel bedeutet die Buße die Wiederherstellung des Verlorenen für Gott; Buße geschieht nach Gott hin. Bedenkt, was in den Weg des Herrn eingeschlossen war. Dieser Weg schloß das Tragen der Sünden ein – Er wurde zur Sünde gemacht und von Gott verlassen – das ganze Tragen der Sünde am Kreuz – und so weit mußte Er gehen, um mich zur Buße zu bringen.

In den ersten beiden Gleichnissen handelt es sich noch nicht um die Wirkung auf mich, sondern die Sache wird völlig von der göttlichen Seite aus betrachtet; in dem Gleichnis von dem jüngeren Sohne sehen wir einen Teil der Übungen, die in unserer Seele vor sich gehen. Es zeigt, wie viel in der Buße enthalten ist; eine wahrhaftig bußfertige Seele ist sich dessen bewußt, daß Gott sie gefunden hat. Derjenige, der mich verloren hatte, wollte mich wiederhaben und hat mich gefunden; es hat Ihn viel gekostet, mich zu suchen, aber Er hat mich gefunden. Das ist ein glückseliges Bewußtsein in der Seele; der Verlorene ist erstaunt zu erfahren, daß es Gott eine Freude ist, ihn wiederzufinden. Es ist wunderbar, das Bewußtsein zu haben, daß wir Freude im Himmel hervorrufen; nicht allein Gott nimmt Anteil daran, sondern auch alle einsichtigen Geschöpfe bei Gott. Ich zweifle nicht daran, daß es einen Kreis auf Erden gibt, der mit dem Himmel mitfühlt, eine Gemeinschaft der Freude, die den Schriftgelehrten und Pharisäern gar nicht ähnlich ist.

Vers 10 weist auf die Freude Gottes Selbst hin, die Freude Gottes an Seiner Gnade, die die Engel vor sich haben. Wie wunderbar, die bewußte Freude zu besitzen, daß man für Gott wiedergefunden ist! Jeder Bußfertige kann sagen: Es ist etwas in meiner Seele bewirkt worden, wodurch ich für Gott völlig wiederhergestellt bin. Er hatte mich verloren; nun hat Er mich gefunden. Es könnte keine größere Freude geben, als an die Freude Gottes zu denken, die Er daran hat, mich zu haben; das bricht die Macht der Sünde. Die Sünde bestand darin, daß ich sehr gut ohne Gott auskommen konnte; nun finde ich aber, daß Gott ohne mich nicht auskommen kann, und das bricht die Macht der Sünde.

Der Herr sagte von Paulus: „Siehe, er betet." Was war das für eine Freude für Gott, den Feind und Verfolger dahin gebracht zu sehen, daß er im Lichte des verherrlichten Christus betete; das Licht, in welchem er betete, war das Licht eines verherrlichten Heilands. Er hatte Ihn gehaßt und verfolgt, und er hatte sich bemüht, Seinen Namen von der Erde auszutilgen, und nun hatte er erfahren, daß er statt eines Betrügers einen verherrlichten Heiland im Himmel hatte. Saulus betete mit diesem Lichte in seinem Herzen, und Christus hatte ihn gefunden; er konnte sagen: Christus hat von mir Besitz ergriffen.

Einige von uns haben nun schon ziemlich viele Jahre die tiefe Freude über den Gedanken gehabt, daß Gott und der Himmel an einem jeden von uns einzeln Anteil nehmen. In der Wertschätzung der religiösen Menschen mögen wir völlig wertlos sein, oder es mag sogar als eine Verunreinigung gelten, mit uns irgend etwas zu tun zu haben; aber was ihre Gedanken über uns auch sein mögen, so sind wir doch für Gott und für den Himmel vom tiefsten Interesse. Es ist augenblicklich eine tiefe Freude, und ich denke, daß ich sagen darf, daß uns diese Freude jetzt mehr bedeutet als damals, als wir sie zum ersten Male schmeckten. Wahre Buße sollte in unseren Seelen jetzt tiefer sein als jemals zuvor, und in gewissem Sinne sollten wir Gott und dem Himmel jetzt mehr Freude bereiten, weil wir gründlich den Zustand verurteilen, in dem wir von Natur waren, und wir sehen die wunderbare Tätigkeit der göttlichen Gnade. Es ist gut, in dieses Gebiet einzugehen.

‚Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verloren hat, läßt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?“ Der Herr gibt zu verstehen, daß die neunundneunzig Personen die sind, die der Buße nicht bedürfen –; das sind eigentlich die Schriftgelehrten und die Pharisäer, so schätzen sie sich selber ein. Der Herr bringt das Herz Gottes und die Gesinnung des Himmels ans Licht; die Gesinnung des Himmels ist voller Interesse für bußfertige Sünder; es ist nicht dasselbe Interesse für diejenigen vorhanden, die der Buße nicht bedürfen. Hier wird die Frage nicht erwogen, ob wirklich solche vorhanden sind; dem Namen nach oder nach ihren eigenen Gedanken gibt es vielleicht solche.

Wir sagen oft zu den Menschen: Wenn ihr keine Sünder seid, gibt es für euch keinen Heiland. Christus Jesus kam in diese Welt, um Sünder zu erretten; somit gibt es keinen Heiland für Leute, die keine Sünder sind. Das Haus, wohin das Schaf getragen wurde, deutet auf einen Ort auf Erden hin, wo die Anteilnahme des Himmels einen Widerhall findet. Wir sind dorthin gebracht worden, was Gott in Gnaden ist, und das ist unsere Freude – es ist alles, was wir haben. Was alles andere anbetrifft, so verurteilen und verwerfen wir es; Buße bedeutet, daß wir alles ablehnen, was nicht von Gott und aus Gnaden ist, und das ist vollkommenes Glück. Sehr viele Christen sind nicht glücklich oder jedenfalls nicht so glücklich, wie sie es sein könnten, weil sie sich Luk. 15 nicht zu eigen gemacht haben.

Es gibt eine Person der Gottheit hier auf Erden, welche durch Gefäße wirkt, in denen Sie wohnt, und eine wunderbare Tätigkeit dieses Geistes geht beständig vor sich. Es geht nicht nur darum, wie weit der Sohn Gottes ging, indem Er in den Tod hinabstieg, um uns zur Buße zu bringen, sondern der Geist übt auch Tätigkeiten aus, die durch das Weib, das die Lampe anzündet, das Haus kehrt und sorgfältig sucht, bildlich dargestellt werden; diese Tätigkeiten des Geistes geschehen im Blick auf dasselbe Ziel. Der Verlust des Weibes wird unterstrichen. Sie hat ihre Drachme verloren, und sie sagt in Vers 9: „Ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte." Eine Drachme deutet auf etwas Wertvolles hin.

Ich bin nicht darum besorgt, daß die Menschen an gewisse Dinge glauben sollten; sie sagen oft, daß sie glauben, doch nimmt man an ihnen kein besonderes Ergebnis wahr; ihr Wandel ist nicht verändert. Wenn jemand behauptet ein Gläubiger zu sein, dann möchte man wissen, was für ein moralisches Ergebnis bei ihm erzeugt worden ist. Übt der Betreffende auch Selbstgericht aus? Das ist das Wichtige. Dann hat das Herz Gott immer mehr vor sich, und Er wird, als in Gnaden erkannt, geschätzt, daher ist eine dankerfüllte Gesinnung vorhanden, und Gott bekommt etwas von dieser Seele, und die Heiligen bekommen auch etwas.

Die Tätigkeit des Geistes geschieht durch die Heiligen; in dieser Weise wirkt der Geist in diesem Kapitel. Im Christentum wohnt der Heilige Geist in einem Gefäß; das Anzünden der Lampe ist die Predigt des Wortes. Das Wort wird allgemein von den Heiligen angewandt; die Dinge werden durch das Licht des Wortes beleuchtet. Was der Geist in dieser Hinsicht tut, wird durch die Heiligen getan. Stehen wir dem Geiste zu einem solchen Dienste zur Verfügung? Wir dürfen dieses wunderbare Vorrecht nicht beiseite setzen. Ich nehme an, daß sehr wenige zur Buße gebracht werden, ohne daß sie von den Heiligen beeinflußt werden; das besagt einfach, daß von denen, in denen der Geist wohnt, ein Einfluß ausgeht; es ist die Tätigkeit des Geistes, aber es geschieht durch die Heiligen. Paulus sagt: „Wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium"; d. h. Paulus predigte, Gott berief und der Geist „kehrte" – alles ging zusammen vor sich.

Es ist etwas Großes, den persönlichen Charakter dieses Kapitels zu erfassen. Nicht nur hat Gott die Welt also geliebt, sondern Gott interessierte Sich auch für mich und wollte mich haben. Hier ist es nicht die weltumfassende Gnade, sondern die Gnade im besonderen Sinne. Gott hat mich gefunden, und deshalb kann ich Ihm sagen, daß ich weiß, wie glückselig Er ist, daß Er mich hat. Es ist etwas Wunderbares, sich dessen bewußt zu sein, daß man dem Herzen Gottes ein Gegenstand des Wohlgefallens ist.

Ich nehme an, daß dieses Kapitel sich in besonderer Weise auf diejenigen bezieht, die auf einem bevorzugten Platze sind, mehr als auf diejenigen, die wie die Heiden gar keine Erkenntnis Gottes hatten. Der Jude war auf einem bevorzugten Platze, die Christenheit ist auf einem bevorzugten Platze, und ebenso sind es auch die Kinder gläubiger Eltern. Wer unter der christlichen Lehre erzogen ist, befindet sich auf einem bevorzugten Platze, und in einem solchen Gebiete gibt es zwei Klassen. Es gibt solche, die dem, was sie von Gott wissen, den Rücken kehren und ihrem eigenen Vergnügen leben, ohne auf Gott Rücksicht zu nehmen; und es gibt andere, die einen gewissen Anstand wahren und Ehrerbietung Gott gegenüber zu haben scheinen, aber schließlich erweisen sie sich als moralisch noch weiter von Gott entfernt als die erste Klasse. Der sogenannte verlorene Sohn stellt jemand dar, der sich von dem, was er kannte, entschieden abwandte; er könnte dem Worte in Jes. 53 entsprechen: Wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg." Es hat sich ein entschiedenes Abwenden von dem, was von Gott ist, und ein Hinwenden zur eigenen Befriedigung vollzogen. Ein „verlorener Sohn“ in diesem Sinne zu sein schließt in sich, daß man an einem bevorzugten Platze gewesen war; dadurch wird der Angelegenheit eine besonders ernste Anwendung auf die Gegenwart gegeben.

Adam und Eva entfernten sich von der ihnen bekannten und von ihnen genossenen Güte Gottes; der Garten Eden war ein Platz des Vorrechts und der Segnung, der unschuldigen Geschöpfen vollkommen angemessen war, aber Adam und Eva wandten sich entschieden auf ihren eigenen Weg. Das machte die Sache sehr ernst; es war nicht nur das Ergebnis der Sünde Adams, sondern ein Weg der Abtrünnigkeit wurde auch dadurch von einem Menschen beschritten, der einigermaßen Gott und Seine Güte gekannt hatte. Sich von Gott abzuwenden ist jetzt schrecklicher als je zuvor; es ist schrecklich zu sehen, wie die Kinder gläubiger Eltern sich abwenden, wenn sie 16 oder 17 Jahre alt werden. Sie wollen ihren eigenen Weg gehen, sie fühlen sich eingeschränkt. Alles, was sie haben, verdanken sie der Vorsehung Gottes; aber sie erheben darauf ihren Anspruch als ihr Eigentum und beanspruchen das Recht, es an sich zu nehmen und Gott zu verlassen. Ich wurde in einem christlichen Heim erzogen mit allen Vorzügen, die die Schriften und eine gebetserfüllte Umgebung mir gewähren konnten, jedoch fand sich in mir der deutliche Wunsch, sich von alledem abzuwenden.

Der ältere Bruder stellt eine andere Klasse dar. Sie wenden sich äußerlich nicht ab; augenscheinlich erweisen sie Gott Ehrerbietung; sie betreten nicht öffentlich die Wege der Sünde; sie gehen zur Kirche, zur Kapelle oder zum Versammlungsraum; sie lesen die Bibel; sie sagen ihre Gebete auf und tun nichts äußerlich Verkehrtes. Es gibt viele von solchen im Kreise des Vorrechts, doch ist es möglich, daß sie sich moralisch noch weiter von Gott weg befinden als diejenigen, die auf Gott gar keine Rücksicht nehmen. Diese Dinge werfen ein helles Licht auf die ganze Lage.

Wir sehen gewisse Leute, die das Recht beanspruchen, alles, was Gott ihnen gegeben hat, für sich zu gebrauchen; sie wollen nicht die Beschränkung annehmen, die die Erkenntnis Gottes uns auferlegt; sie wollen sich möglichst weit davon entfernen und ihre eigene Befriedigung, fern von dem Gott, den sie am Platze des Vorrechts gekannt haben, leben. Es gibt auch andere, die ein anständiges, religiöses Leben führen – sie sagen: „Niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten" – das Ergebnis beweist aber, daß sie den Gott des Lukasevangeliums nicht kennen, und es besteht mehr Hoffnung für die erste Klasse als für die zweite.

Wir sehen hier die Wege Gottes, wie Er es zuläßt, daß wir uns bis an die Grenze des Möglichen entfernen. Der Pfad der eigenen Befriedigung wird mit jedem Tage weniger erfreulich; beständig nimmt die Ergötzung der Sünde ab. Ein junger Mann mag an der eigenen Befriedigung viel Freude finden, aber beim zweitenmal findet er schon weniger Freude daran, und beim drittenmal noch weniger, und so geht es weiter, bis die Zeit kommt, wo eben die Dinge, die ihn so ergötzten, ihm gar kein Vergnügen mehr bereiten – er hat alles vergeudet und ist am Ende. Ich glaube, daß jeder von uns moralisch das Ende des Bestrebens, Vergnügen fern von Gott zu finden, erleben muß; wir müssen alle diesen Weg gehen. Der Herr gibt uns diesen äußersten Fall, weil er alle anderen Fälle in sich begreift. Wir haben alle gesucht, eigene Befriedigung zu finden und haben unser Vermögen vergeudet, denn ein Leben, das in der eigenen Befriedigung gelebt wird, wird vergeudet, ob es nun auf eine grobe oder auf eine verfeinerte Art geschieht.

Hier wird uns der ganze Verlauf aufgedeckt, der Verlauf des Abirrens und der Wiederherstellung werden von einer Meisterhand beschrieben. Der verlorene Sohn hatte alles vergeudet, er besaß nun nichts mehr, um sein Dasein fristen zu können. Wir sind alle diesen Weg gegangen; wir ergötzten uns an der Sünde in dieser oder jener Form, bis sie uns nicht mehr befriedigen konnte, und unsere Gewissensbisse bereiteten uns mehr Elend als die eigene Befriedigung uns Vergnügen bereitet hat. Wenn unsere Hilfsquellen zu Ende sind, wird die Hungersnot sicherlich kommen. Wir haben nichts mehr, das uns befriedigen könnte; und dann erweist sich uns dieses Land der Gottesferne als ein Ort der Hungersnot. Dann steigt der verlorene Sohn noch eine Stufe weiter hinab; er hängt sich an einen der Bürger jenes Landes und befindet sich nun an einem Platze der äußersten Erniedrigung. Das geschieht oft in der Lebensgeschichte einer Seele; in solch einem Falle fällt jemand in solche Tiefen der Erniedrigung, die er niemals für möglich gehalten hätte; er kann aber dort keine Befriedigung finden, und niemand gibt ihm etwas, noch nicht einmal das Schweinefutter. Alles das geschieht durch die Barmherzigkeit Gottes. Ihr mögt sagen: Das ist ein furchtbares Bild des Eigenwillens und der Abtrünnigkeit; aber der Herr bringt es ans Licht, um zu zeigen, daß Gott diese Umstände gebraucht, um die höchst erdenkliche Segnung zuwege zu bringen.

Der Mensch ist überhaupt unfähig, Freude zu genießen, als nur in den Dingen, die er durch Gottes Vorsehung besitzt; wenn er nichts von Gott hätte, hätte er auch keine Kraft, sich zu freuen. Er hat nur das, was er durch die Vorsehung besitzt – seine Kraft, seine Gesundheit, seine Fähigkeiten, seine Mittel – alles ist ihm von Gott durch die Vorsehung gegeben, und er nimmt und gebraucht es zu seiner eigenen Befriedigung. Er muß aber auf diesem Boden zu Ende kommen, und dann findet er, daß in seinem Herzen etwas noch Tieferes ist als die eigene Befriedigung. Die eigene Befriedigung steht oben an, und wir dürfen sagen, auch in der Mitte, aber ganz unten, ist noch etwas. So war es bei dem samaritischen Weibe; sie lebte ein Leben in Selbstgefälligkeit, und alle Leute in Samaria hielten sie für eine sehr selbstgefällige Frau; der Herr aber sah noch etwas anderes. Tief unter dem allen sah der Herr den Gedanken über die Anbetung Gottes und über den Messias – über den Kommenden, der ihnen über alle Dinge Licht geben würde.

„Als er aber zu sich selbst kam“ – das wahre „Ich" dieses Menschen war ganz anders als die Selbstgefälligkeit, worin er bis zur äußersten Möglichkeit gelebt hatte. Das Werk der Gnade hatte das jetzt nach oben gebracht. So ist es mit denjenigen, die an einem bevorzugten Platze gewesen sind; sie haben von dem gepriesenen Gott, der im Lukasevangelium verkündigt wird, gehört, und im Laufe ihres selbstgefälligen Lebens finden wir das auf dem Grunde ihres Herzens. Wenn alles fehlgeschlagen hat, kommt es an die Oberfläche; es tritt zutage und behauptet sich. Es war da im Herzen des verlorenen Sohnes. „Als er aber zu sich selbst kam“ – ein auffallendes Wort. Es ist das wahre „Ich" dieses Mannes; er mußte zu seinem wahren „Ich“ zurückkommen.

Der Herr hat hier die Wiederherstellung des Verlorenen vor Sich, und alle diese Erlebnisse des verlorenen Sohnes gehören zum Wege Gottes, ihn zu dem Punkte der Buße zu bringen. Das wahre „Ich" des Mannes wurde erreicht, als er dazu kam, sich selbst zu verurteilen und die Fülle und Befriedigung im Hause des Vaters anzuerkennen, und er sagte: „Ich aber komme hier um vor Hunger." Es ist ein scharfer Gegensatz. Er sagt: Ich weiß einen Ort, wo der niedrigste Tagelöhner, der niedriger ist als ein Knecht, Überfluß hat. Er besaß dieses Wissen, das er nie verlor. Das ist ein großer Trost. Es gibt Menschen, für die wir oft beten – die Jungen und Mädchen, die unter uns gesessen und die Wahrheit von dem Gott des Lukasevangeliums gehört haben; man hat gesehen, wie viele von ihnen sich von Gott abwandten und ihre eigenen Wege gingen, indem sie in der Gottesferne die eigene Befriedigung suchten. Wir beten für sie, weil wir hoffen, daß etwas in die Tiefe des Herzens gelegt worden ist, das der Teufel nie wegnehmen kann.

Viele Kinder der Heiligen bekennen, daß sie an Jesum glauben, die Probe kommt aber, wenn die Begierden des Fleisches sich zu behaupten beginnen und die Welt ihre Anziehungskraft bietet; dann kann sich ein entschiedenes Abwenden vollziehen. „Wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg." Es ist ein ernster Augenblick, es ist etwas Herzzerreißendes, wenn ein junger Mann oder eine junge Frau dahin kommt, daß die Zusammenkünfte ihm oder ihr gleichgültig werden; sie ziehen die Welt mit ihren Unterhaltungen und ihrer Geselligkeit vor, und allmählich oder plötzlich reißen sie sich von den Gläubigen los. Es ist aber ein Trost, daran zu denken, daß sie für uns nicht endgültig verloren sind; das wahre „Ich“ kann bei ihnen vorhanden sein, wie auch eine Wertschätzung der Güte Gottes. Als ich ein kleines Kind war, hatte ich in meiner Seele ein wunderbares Bewußtsein von der Güte Gottes und von der Kostbarkeit Jesu; es war da, ehe ich begann in ein fernes Land auszuwandern, und zur bestimmten Zeit fängt es dort an, in mir wieder aufzuleben; denn es war mein wahres „Ich“.

Ich glaube, wir sollten das von der Seite der Unumschränktheit Gottes betrachten, und das wahre „Ich" des Menschen, wenn er auch sein Vermögen vergeudet hat und in Armut, Hunger und Erniedrigung ist, ist das Bewußtsein von der glückseligen Güte Gottes. Es tröstet mich, sehr daran zu denken, daß, wenn der Schutt und Abfall durch traurige Erfahrungen weggeräumt worden ist, das wahre „Ich" ans Licht kommt. Es muß dann wahres Selbstgericht eintreten, denn wenn ich mich von dem Gott des Lukasevangeliums abgewandt habe, bin ich einer der schlimmsten Sünder. Bedenkt, was es ist – ich habe es tatsächlich vorgezogen, Gott zu verlassen und meinen eigenen Weg zu gehen! Das hilft dann, das richtige Bewußtsein von der Sünde zu erzeugen; es erzeugt ein tausendmal tieferes Bewußtsein von der Sünde als alle Donner des Sinai. Das wird hier von der Seite der Verantwortlichkeit geschildert, es ist die äußere Lebensgeschichte; wir können aber wahrnehmen, daß unter der äußeren Lebensgeschichte ein geheimes Werk Gottes vorhanden ist, das das Bewußtsein von der Güte Gottes erzeugt. Er sagt: Da gibt es Überfluß.

Es ist ein wunderbarer Augenblick in der Lebensgeschichte der Seele, wenn es ihr einleuchtet, daß die niedrigste Person, die es mit Gott zu tun hat, unendlich besser gestellt ist als die höchste Person in dieser Welt. Das ist nicht nur ein Gedanke, gleichsam wie wenn die Menschen sagen, daß Gott gütig ist. Die Wirklichkeit der Sache kommt durch die Bewegung zutage; man kehrt sich entschieden von allem ab, was das Leben in der Welt ausmacht, und man kehrt sich Gott zu. Sobald dieser Punkt erreicht ist, ist alles in Ordnung. Der Herr deutet nicht an, daß der verlorene Sohn auch nur einen Schritt getan hat. Er sagte: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen"; wir lesen aber nicht, daß er auch nur einen Schritt tat, denn sein Vater sah ihn, als er noch fern war. Es ist dasselbe Wort wie das ferne Land.

Eine Frage steht vor einer Seele, die sich verurteilt hat, weil sie gegen den Himmel und in den Augen Gottes gesündigt hat. „Gesündigt gegen den Himmel" ist ein bemerkenswerter Ausspruch. Wenn meine ganze Lebensführung der Gesinnung des Himmels entgegengesetzt war und ich vor Gott, dem Gott des Lukasevangeliums gesündigt habe, was für einen Empfang kann ich dann erwarten? Wenn ich Güte von Gott erwarte habe, wird er nun aber auch so gütig sein, wie ich es erwartet habe? Der Herr sagt: Er wird unendlich gnadenreicher sein, als die größten Erwartungen, die ich jemals gehabt habe, es mir angeben. In dem Gleichnis sah der Vater den verlorenen Sohn, als er noch sehr fern war; er wurde innerlich bewegt, er lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn sehr (vielmals oder zärtlich); es ist der inbrünstige Ausdruck der Zuneigungen. Und das geschah, ehe der verlorene Sohn auch nur ein Wort, irgendein Sündenbekenntnis ausgesprochen hatte. Das ist der Gott, mit welchem wir es zu tun haben; keine Schranke ist da, denn sobald wir uns selbst richten und von Gott Güte erwarten, wird Er alles für uns tun, Er wird alles für uns verwenden, Er wird uns mit Küssen bedecken. Das einzige Mal, wenn Gott Sich beeilt und läuft, ist, wenn es einen bußfertigen Sünder gibt.

Das Bedecken mit Küssen beweist das Bewußtsein von der Liebe Gottes; das ist mit der Gabe des Geistes verbunden. Es würde uns viel helfen, wenn wir das tiefe Bewußtsein von der Freude hätten, die Gott erlebt, wenn Er sieht, daß wir uns Ihm zugewandt haben. Jeder, der sich selbst gerichtet und sich Gott zugewandt hat, hat dem Herzen des gepriesenen Gottes tiefe Freude bereitet. Das gibt dem Selbstgericht Kraft. Im fernen Lande sagte der verlorene Sohn: „Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir", aber sein Selbstgericht wird wohl noch zehnmal tiefer gewesen sein, als die Arme des Vaters seinen Hals umfaßten und er mit Küssen bedeckt wurde. Die wirkliche Grundlage der geistlichen Freude und Kraft besteht darin, daß wir uns vor der göttlichen Gnade zu verurteilen wissen, so daß wir niemals etwas von uns selbst erwarten, sondern alles von Gott erwarten – dann sind wir glücklich. Habt ihr jemals das unbeschreibliche Bewußtsein der Liebe Gottes und Seiner Freude, daß Er Sich Selbst euch zugewandt hat, erlebt? Es ist Gott eine Wonne, dieses Bewußtsein zu geben; wir können es einander nicht geben. Ich glaube nicht, daß irgend jemand beschreiben kann, was es ist – das unbeschreibliche Bewußtsein, daß Er mich liebt und daß ich ein Gegenstand Seines Wohlgefallens bin, weil ich mich selbst gerichtet habe und bußfertig bin und mich Ihm zugewandt habe. Die Seele empfindet das durch den Geist; all die Liebe, die auf Golgatha zusammengefaßt wurde, wird jetzt durch den Geist in Millionen Herzen ausgegossen, und jedes Herz hat empfunden, daß es geküßt wurde. Wir haben hier dieselben Worte – „der Vater fiel um seinen Hals" – wie in Apg. 11 – der Heilige Geist „fiel" auf die, welche im Hause des Kornelius das Wort hörten. Die Liebe Gottes wird in unsere Herzen durch den Geist gebracht, so daß die Haltung Gottes uns gegenüber innerlich erkannt wird.

Die Grundlage für alles dieses ist die Versöhnung, doch wird das in diesem Kapitel nicht ans Licht gebracht. Die einzige Andeutung darauf sehen wir in dem Schlachten des gemästeten Kalbes, was auf den Tod Christi hindeutet; aber es ist der Tod Christi mehr als die Grundlage der ewigen Freude im Hause Gottes, als die Versöhnung. Es beruht alles auf der Versöhnung, aber die Versöhnung wurde durch den Tod Christi bewirkt. Durch den Tod Christi wurde ein solches Werk vollbracht, daß alles, was Gott nicht wohlgefiel, beseitigt wurde. Hierin sehen wir das auf Erfahrungen gegründete Werk in der Seele, wodurch die Frucht der Versöhnung uns zugute kommt. Alles, was wir hier haben, beruht auf der Versöhnung. Kol. 1 sagt: „Versöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und tadellos und un

sträflich vor sich hinzustellen." Der verlorene Sohn wird in dieser Weise hingestellt, er ist heilig und tadellos und unsträflich; das ist die Frucht der Versöhnung. Wenn die Versöhnung durch den Tod Christi nicht bewirkt worden wäre, so hätten wir keinesfalls Luk. 15 in unseren Bibeln.

Das beste Kleid besagt, daß wir in einem neuen Zustande vor Gott stehen. Als der Vater den verlorenen Sohn küßte, konnte seitens des Vaters nichts hinzugefügt werden; Er bedeckte ihn mit Küssen. Er konnte nicht mehr tun – das Kleid, der Ring und die Sandalen sind alle den Küssen untergeordnet. Wenn jemand mich inbrünstig küßt, so ist darin mehr Zuneigung als im Geben eines Kleides. Die Küsse deuten auf das Hervorkommen der tiefsten Tiefen des Herzens Gottes betreffs dieses Gegenstandes der Liebe; das Herz Gottes bricht in Seiner ganzen Fülle hervor, und der verlorene Sohn fühlt, daß Gott ihn von ganzem Herzen liebt. Gott bedeckt ihn mit Küssen — was könnte noch größer sein als das? Dann werden seitens des verlorenen Sohnes einige Dinge benötigt, so daß das Kleid, der Ring und die Sandalen in Erscheinung treten, damit er mit bewußter Annehmlichkeit für Den, der ihn geküßt hat, bekleidet ist.

Das beste Kleid scheint mit dem Vorsatze Gottes verbunden zu sein; es ist im Hause vorhanden, und die Knechte wissen, wo es zu finden ist. Es war nach Seinem Vorsatze da; wir können sagen, es war von Ewigkeit her da. An diesem besten Kleide war alles vorhanden, was die genaueste Untersuchung des Auges Gottes befriedigen konnte. Wenn man sich dessen bewußt ist, daß man geküßt worden ist, so kann das Herz durch nichts befriedigt werden, als nur durch das Bewußtsein von der Wohlannehmlichkeit Dem gegenüber, der einen geküßt hat; darum wird man durch das beste Kleid mit Wohlannehmlichkeit bekleidet. Die Person, die geküßt wurde, ist nun angenehm gemacht in dem Geliebten. Die Knechte sind da, um mit dem besten Kleide zu bekleiden; es ist ihre Arbeit, dies zu tun; sie kennen den Reichtum und die Hilfsquellen des Hauses. Wir sollten fähig sein, die verlorenen Söhne zu bekleiden, wenn sie zurückkehren.

In diesem Gleichnis wird beim Charakter des Empfanges verweilt; es endet nicht mit der Buße des Sünders, die im Falle des Schafes und der Drachme die Hauptsache ist. Natürlich tritt in dieser Geschichte die Wahrheit der Buße ans Licht, aber die Hauptsache ist der wunderbare Charakter des Empfanges. Man möchte seine Seele mit dem Bewußtsein von dem wunderbaren Empfang erfüllt haben, den Gott allen Zurückkehrenden gewährt. So stellt der Herr die Angelegenheit dar; wir haben eine Schilderung, die unmöglich von einem anderen gegeben werden konnte als nur vom Sohne der Liebe des Vaters. Gott hat an dieser Angelegenheit eine solche tiefe Freude, daß Er sagt, es gezieme sich, fröhlich zu sein und sich zu freuen. Er rechtfertigt Sein Tun nicht auf Grund der Barmherzigkeit und der Gnade, sondern Er sagt: „Es geziemte sich." Die Lehre Pauli über die Gerechtigkeit Gottes liegt dem zugrunde, d. h. Seine Gnade ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit.

Gott will, daß wir die Art und Weise, wie Er uns empfängt, erfassen, wie auch die Vollkommenheit und Glückseligkeit Seiner eigenen Gedanken, die vor Anbeginn der Welt in Christo gefaßt worden sind. Unsere geistliche Lebensgeschichte möchte uns damit bekleiden, damit wir, wie Paulus sagt, „vollkommen in Christo" dargestellt werden. Paulus schreibt an die Kolosser: „Christus... den wir verkündigen, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, auf daß wir jeden Menschen vollkommen in Christo darstellen." Das war das Bemühen des Apostels Paulus, und auch Epaphras rang im Hintergrund darum, auf daß die Heiligen mit dem besten Kleide, dem Ring und den Sandalen bekleidet sein möchten. Die ewigen Gedanken Gottes in Christo sind völlig ans Licht gekommen, so daß sie denjenigen, die an Ihn glauben, verliehen werden können. Die Knechte bedienen den Heimgekehrten im Blick darauf, daß er durch den Dienst Christi so von sich denken möchte, wie Gott von ihm denkt.

Am Anfang des Epheserbriefes redet Paulus davon, daß Gott die Heiligen vor Grundlegung der Welt in Christo auserwählt hat, auf daß sie heilig und tadellos vor Ihm in Liebe seien. Denkt euch solch einen Vorsatz! Denkt an das Wesen dieser Heiligkeit und Tadellosigkeit, das in den Gedanken Gottes in Christo vor Grundlegung der Welt vorhanden war! Es ist nicht Adam, ob unschuldig oder gefallen, noch der wiederhergestellte Adam, sondern es ist diejenige Art der Wohlannehmlichkeit vor Gott, die in Seinen Gedanken und in Seinem Herzen in Christo vor Grundlegung der Welt vorhanden war. Dieses wunderbare Kleid war von Ewigkeit her vorhanden, es konnte aber nicht eher herausgebracht werden, als bis diese köstlichen Gedanken in dem auferstandenen und verherrlichten Christus Gestalt angenommen hatten. Jetzt haben diese Gedanken in einem auferstandenen und verherrlichten Menschen Gestalt gewonnen, und Gott will uns zu verstehen geben, daß Er jeden annimmt, der sich Ihm in der Kostbarkeit und dem Werte und der unendlichen Glückseligkeit dieser Seiner ewigen Gedanken in Christo zuwendet. Wenn man mit dem besten Kleide angetan ist, entkleidet man sich aller Gedanken an sich selbst, ob gute oder böse, und man ist mit den köstlichen Gedanken Gottes bekleidet, die im Vorsatz in Christo vor Grundlegung der Welt vorhanden waren. Wir machen einen ganz neuen Anfang. Einer, der mit dem besten Kleide angetan ist, ist von der Welt, vom Fleische und von der ganzen religiösen Ordnung der Dinge hienieden befreit, weil er mit etwas bekleidet ist, das der Ewigkeit angehört, nämlich mit den ewigen Gedanken Gottes in Christo. Das ist der einzige Weg, auf dem wir gänzlich von uns selbst befreit werden können. Es gibt keinen anderen Weg, als nur bewußt mit den Gedanken Gottes, die in Christo Gestalt gewonnen haben, angetan zu sein. Die Gedanken Gottes in Christo werden uns dann im Dienste nahegebracht – Verwaltung und Belehrung und Dienst am Worte sind alle nötig –, das Ergebnis ist aber, daß die Heiligen in Christo dargestellt sind. Daran ist nichts Unwirkliches oder Unrechtes; es wird zu einem Teil des moralischen Seins. Ich bin mir dessen bewußt, daß nichts anderes für Ihn und auch für mich wohlannehmlich ist, wenn ich Ihn liebe. Nichts ist wichtiger, als daß die Heiligen bewußt mit dem Wesen der Heiligkeit, Tadellosigkeit und Unbescholtenheit angetan sein sollten, wie Gott es ihnen in Christo schon vor Grundlegung der Welt zugedacht hat. Für uns gibt es nichts Geringeres, ich muß das haben, oder ich habe mich selbst; es mag ein gutes, religiöses oder reformiertes oder verchristlichtes „Ich" sein, aber dieses „Ich" ist nicht Christus. Auf unserer Seite gibt es nichts Vollkommenes; doch auf Gottes Seite sind die Dinge vollkommen, auf unserer Seite aber nur stückweise. Sogar ein Apostel konnte sagen: „Wir erkennen stückweise“, und es wird nie anders sein, es wird immer Raum für erweiterte Erkenntnis sein, bis das Vollkommene gekommen sein wird, und dann werden wir erkennen, gleichwie wir erkannt worden sind. In dem vollkommenen Zustande werde ich mich selbst erkennen, wie Gott mich erkannt hat, und das ist der Höhepunkt der Glückseligkeit.

Der Ring scheint in der Schrift mit öffentlicher Ehre verbunden zu sein. Dem Joseph wurde ein Ring von dem Pharao verliehen, und im Buche Esther lesen wir, daß der König dem Haman und dann dem Mordokai seinen Ring gab. Es scheint auf eine Stellung der Würde und der öffentlichen Ehrung hinzuweisen. Als Pharao seinen Ring abnahm und ihn dem Joseph gab, verlieh er ihm die öffentliche Ehre als Verwalter von allem, was in Ägypten war – das ist die Ehre, die Gott für Seine Söhne vor Sich hat. Die Söhne Gottes sollen als solche in Erscheinung treten, die bei Gott eine sehr ehrenvolle Stellung einnehmen, so daß nichts Unwürdiges oder Gemeines sich für die, welche den Ring tragen, geziemt. Wir könnten uns nicht dazu herablassen, etwas Niedriges oder Gemeines zu tun. Wir müssen immer dessen eingedenk sein, daß wir von seiten Gottes mit der größten öffentlichen Ehrung angetan sind, die bald offenbar werden wird; wenn die Söhne Gottes offenbar werden, werden sie die ganze Schöpfung befreien. Wie würden wir sein, wenn wir dieser Würde gemäß wandeln würden? Paulus schreibt an die Korinther: „Wisset ihr nicht, daß ihr die Welt richten werdet, daß ihr die Engel richten werdet", und doch streitet ihr wegen einer kleinen Geldangelegenheit? Es war ein Verweis, sie hatten nicht den Ring an. Der Ring gibt uns ein Bewußtsein von der Würde an dem Platze, wo wir Gott darstellen. Als Pharao dem Joseph seinen Ring gab, war es gewissermaßen so, als wenn er sagte: Du sollst mich vertreten. Und als der König seinen Ring dem Mordokai gab, sollte er den König vertreten, damit er jedes Dokument mit dem Siegel des Königs versiegeln konnte. Der Ring stellt die Macht des Königs dar. Bedenkt, welch eine Würde ist, dazu gesetzt zu sein, Gott im Weltall darzustellen! Wir sind jetzt Söhne Gottes, und uns gehört jetzt bei Gott dieselbe Ehre, die wir am Tage der Herrlichkeit haben werden. Am Tage der Herrlichkeit wird unsere Würde bei Gott nicht ein bißchen größer sein, als sie in diesem Augenblick ist. Dann wird sie offenbar werden, aber jetzt schon möchte Gott uns mit dieser Würde bekleiden. Wir denken nicht genug über uns selbst nach; wir denken an uns nach den Richtlinien der Natur und des Fleisches, oder an das, was bei uns durch Unvollkommenheit und Schwachheit gekennzeichnet ist; Gott aber will, daß wir so über uns denken, wie Er über uns denkt, und Er trägt in Seinem Herzen die Gedanken über uns, die in Christo Gestalt gewonnen haben. Soweit wie wir es können, möchten wir gegenwärtig andere von Kummer befreien. Als der Herr hienieden weilte, war Er der große Befreier von jedem Kummer und von jedem Druck – das gehört zum Ring. Der Herr war hienieden, um den ganzen Reichtum des Himmels zu verwalten, und wir sind gewissermaßen in einer Stellung, worin wir Gott darstellen und vertreten sollen, weil wir Sein Siegel tragen. Bedenkt, wir sollen den Dingen das Siegel Gottes aufprägen und sie in einer Gott würdigen Weise berühren! Es ist demütigend, daran zu denken, wie wenig wir in dieser Würde stehen; aber dadurch wird Gott nicht verherrlicht.

Die Sandalen reden davon, daß wir im Bewußtsein der Sohnschaft wandeln sollen. Nur Söhnen wurde es gestattet, Sandalen im Hause zu tragen. Wir sollen als Söhne Gottes wandeln, die vom Geiste Gottes geleitet werden. „So viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes." Der Geist kann mich niemals so leiten, daß ich etwas tue, das dem natürlichen Menschen entspricht; es ist die größte Schmach für uns, wenn unser Tun dem Tun der Menschen gleicht. Diesen Vorwurf machte Paulus den Korinthern: „Ihr ... wandelt nach Menschenweise." Wir halten es oft für selbstverständlich, daß wir nach Menschenweise wandeln, das ist aber ganz verkehrt; wenn wir es tun, haben wir die Sandalen nicht an. Es sollte etwas an der ganzen Haltung eines Menschen, der zu Gott gebracht ist, zu sehen sein, was ihn als einen kennzeichnet, der bei Gott am Platze der Liebe steht. Die Freiheit der Sohnschaft gehört uns; uns ist das schon gegeben worden, was zur neuen Schöpfung gehört. Es ist nicht der verbesserte Adam noch das verbesserte Fleisch, sondern eine neue Schöpfung in Christo, und das alles wurde durch den Tod Christi zustandegebracht. Es ist eine Ordnung der Dinge, die gar nicht zur alten Schöpfung gehört. Das beste Kleid, der Ring und die Sandalen bildeten keinen Teil der ersten Erbschaft des verlorenen Sohnes; er wurde aber damit angetan, und dann wurde das gemästete Kalb geschlachtet, und sie setzten sich hin und fingen an, fröhlich zu sein. Ich zweifle nicht daran, daß diese Glückseligkeit durch die Erkenntnis gesteigert wird, daß das alles durch den Tod Christi bewirkt worden ist. Das werden wir ewig feiern, wenn wir in der Glückseligkeit der neuen Schöpfung leben werden; wir werden uns ewig mit Gott an dem Gedanken ergötzen, daß alles dieses durch den Tod Christi herbeigeführt worden ist. Das gemästete Kalb deutet auf Christum als Denjenigen hin, in dem wir die Zartheit und Vorzüglichkeit der Liebe gesehen haben, die alle Gedanken Gottes in einer gerechten und Gott wohlannehmlichen Weise gesichert hat; alles ist durch den Tod gesichert worden. Wenn wir in irgendeinem Maße erkannt haben, was es bedeutet, mit dem besten Kleide, dem Ring und den Sandalen bekleidet zu sein, wie tröstlich ist es dann, mit Gott daran zu denken, daß dies ganz und gar die Frucht des Todes Seines Sohnes ist!

Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Hause und dem Felde. Das Feld stellt den Ort der Gütigkeiten der Vorsehung Gottes dar; es bedeutet alles Gute, das Gott den Menschen, die auf der Erde leben, schenken kann. Man könnte natürlich denken, es wäre ein recht guter Ort, um dort zu leben; aber es ist nicht das Haus. Ich denke, daß das Feld in diesem Kapitel die Gütigkeit der Vorsehung, die genossen werden kann, darstellt. Eine große Anzahl Menschen leben an diesem Orte; sie sind dankbar für die Güte Gottes und für Seine Gütigkeiten, für Gesundheit und Kraft, Fähigkeiten und Mittel und für alles, was von der Gütigkeit der Vorsehung Gottes redet; das ist aber das Feld und nicht das Haus. Das Haus ist der Ort, wo die Freude der Gnade wohnt, und das ist etwas ganz anderes als die Gütigkeit der Vorsehung. Ich kann die beste Gesundheit haben und in meinen irdischen Umständen gut gestellt sein, und ich kann Gott für Seine Güte an mir dankbar sein, das ist aber nicht die Gnade Gottes; es ist das Feld und nicht das Haus. Das Haus wird hier als der Kreis der Freude der Gnade gesehen, und wir sollten dort hineingehen.

Es wird uns nicht gesagt, daß der Mann im nächsten Kapitel ein böser Mann war; es wird uns gesagt, daß er reich und gut gestellt war, aber er starb, und er schlug seine Augen im Hades auf. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels ist sehr wichtig, weil er den Zustand sehr vieler Menschen schildert und zeigt, wo sie leben. Die Frage wird gar nicht aufgeworfen, ob der ältere Sohn ein Übeltäter war; wie wir sagen würden, führte er ein achtbares, ordentliches Leben; er konnte sagen: „So viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten.“ Der Herr stellt ihn als einen äußerst musterhaften Mann dar. Er ist auf dem Felde und genießt dort die Gütigkeit und Barmherzigkeit der Vorsehung Gottes, er ist aber außerhalb der Hauses, und soweit wie dieses Gleichnis geht, kommt er niemals herein. Das Haus ist der Ort, wo Fröhlichkeit herrscht, wo Musik und Reigen sind; es ist, wo die Freude der Gnade den ganzen Schauplatz mit Musik erfüllt. Nun handelt es sich für uns alle um die Frage: Wo leben wir? Leben wir im Hause, auf der Feier der göttlichen Gnade, oder im Felde, beim Genießen der Gütigkeiten Gottes?

In diesem Lande muß unsere Predigt oft an diejenigen gerichtet werden, die dem älteren Sohne ähnlich sind. Der jüngere Sohn hatte ein ausschweifendes Leben geführt und vergeudete sein Vermögen in Schwelgereien; sehr viele Leute aber leben um uns her, die ein solches Leben gar nicht geführt haben; sie haben sich anständig und religiös verhalten; wie sie denken, haben sie ihre Pflicht vor Gott und vor ihrem Nächsten getan, sie kennen aber das Haus gar nicht. Die Vorsehung Gottes für die Welt ist auf die Versöhnung gegründet; jeder Regenschauer, der fällt, und jeder Sonnenstrahl, alles was wächst, die gesamte Gesundheit der Menschen und jeder Atemzug sind auf die Versöhnung gegründet. Wenn Christus nicht gestorben wäre, wäre nichts von alledem da; aber das ist nicht das Haus. Wenn nicht der Tod Christi gewesen wäre, wäre diese Welt schon vor Jahrtausenden untergegangen. In der Vorsehung bezeugt Gott Seine Güte; ein Mensch kann nicht zu Mittag speisen, ohne ein Zeugnis von der Güte Gottes zu haben. Die Menschen sagen: Wir verdienen das mit unserer Arbeit, aber das ist nicht der Fall. Nehmen wir an, Gott würde keinen Regen und keinen Sonnenschein geben, was würde da die Arbeit des Menschen nützen? Er ist hilflos wie ein Sandkorn. Alles kommt von Gott durch Seine gütige Vorsehung, aber das ist das Feld; es ist nicht das Haus.

Ein alter Bruder pflegte zu mir zu sagen: Warum wird beim Predigen immer über den jüngeren Sohn gepredigt? Warum predigt man nicht auch über den älteren Sohn? Das Wunderbare ist, daß Gott wirkt, um sogar einen solchen zur Erkenntnis Seiner Selbst in Gnade zu bringen. Gott wirkt die ganze Zeit, um diese religiösen und anständigen Menschen, die nie etwas Böses getan haben, zur Erkenntnis Seiner Gnade zu bringen. Hier richtete der Herr Seine Rede an die Pharisäer, die sich darüber beschwert hatten, daß Er Sünder aufnahm und mit ihnen aß; darum beschreibt er die Zöllner und Sünder unter dem Bilde des jüngeren Sohnes, und die Schriftgelehrten und die Pharisäer unter dem Bilde des älteren Sohnes; dann aber zeigt Er, daß im Herzen Gottes dieselbe Gnade beiden gegenüber wohnt. Das Herz des Vaters neigt sich ebenso zu dem einen wie auch zu dem anderen – das ist der Gegenstand des Lukasevangeliums. Gott hat nicht zwei verschiedene Gesinnungen den Menschen gegenüber; Er hat dieselbe Gesinnung allen Arten von Menschen gegenüber, damit jeder Mensch zur Erkenntnis Seiner Selbst in der Freude Seiner Gnade gebracht werden sollte. Der Weg, den älteren Bruder der Sünde zu überführen, ist, ihm das Bewußtsein beizubringen, daß er mit all seiner ganzen Güte, Anständigkeit und Religiosität Gott in Gnade nicht kennt, und daß er Gott in Gnade nicht schätzt – er wurde zornig. Der Vater verfährt mit dem älteren Sohne in solch einer wunderbaren Gnade; Er trat heraus und sagte: „Kind“. Darin liegt ein besonderer Zug der Liebe. Gott hat väterliche Gefühle für jeden stolzen Pharisäer in dieser Welt; in einem gewissen Sinne hat Er väterliche Gefühle für jeden Menschen in dieser Welt, denn die Haltung Gottes den Menschen gegenüber ist gnädig. Paulus sagt zu den Athenern: „Wir sind sein Geschlecht." Wir sind so langsam und schwerfällig, die Haltung Gottes zu erfassen und zu verstehen, daß die Gefühle Seines Herzens einem gegenüber, der Ihn wegen Seiner Gnade haßt, derart sind. Gott hat eine grenzenlose Freude an der Gnade, Er wird aber dafür gehaßt, und dann sagt Er noch: Ich habe genau dieselben Gefühle zu dir. Die ganze Schrift ist ein Zeugnis von den väterlichen Gefühlen Gottes zu Seinem Geschöpf, dem Menschen. Die wunderbare und unaussprechliche Gnade Gottes kommt aber nirgends in einer solchen Pracht ans Licht, wie sie in Seinem Verfahren mit dem älteren Sohn zum Ausdruck kommt.

Der ältere Sohn lebte in seinen eigenen Umständen, und die Freude der Gnade war seinem Herzen vollständig fremd. Als er davon hörte, rief er einen der Knechte, einen Knaben herzu. Jeder Knabe im Hause kannte seinen Vater besser als er. Er war ganz und gar außerhalb desselben; als er die Musik und den Reigen hörte, wurde er zornig – der ganze Ort war mit Fröhlichkeit erfüllt –, er aber war außerhalb und mußte einen Knaben herbeirufen, um zu erfahren, was geschehen war, – er erfuhr, daß sein Bruder gekommen war und daß sie das gemästete Kalb für ihn geschlachtet hatten. Der ältere Sohn kannte seinen Vater nicht als einen Geber. Er sagte: „Mir hast du niemals ein Böcklein gegeben, auf daß ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Er hatte einen Kreis von Freunden, zweifellos waren es sehr anständige Leute wie er selbst; es war eine Art Gesellschaft zur gegenseitigen Bewunderung, aber ohne jede Freude über die Gnade; es war unwahrscheinlich, daß sein Vater etwas zu einer solchen Fröhlichkeit beisteuern würde. Alles das zeigte, daß er mit dem Vater keinen einzigen gemeinsamen Gedanken hatte. Es war im Hause augenscheinlich ein ganzes System der Dinge vorhanden, worüber der ältere Sohn gar nichts wußte; er wußte nichts von der Fröhlichkeit, dem Essen und Trinken und dem Reigen; er kannte nicht die Schätze des Hauses – das beste Kleid, den Ring und die Sandalen; er war der ganzen Sache völlig fremd. Dennoch trat der Vater zu ihm hinaus und ermahnte ihn. Gott läßt nicht den stolzesten Pharisäer ohne die flehentliche Ermahnung der Gnade. Was kann aus einem werden, der über die Gnade zornig ist? Wenn er sich nicht umstellt, wird er bei dem reichen Manne im nächsten Kapitel sein.

Der Bereich der Freude der Gnade ist der Bereich der Glückseligkeit Gottes. Es geht nicht um den Gewinn, den der Sohn hat, der zurückkommt, sondern um der Gewinn Gottes. Den Sohn zurückzuhaben, ist die Freude des Himmels. Die Freude des Himmels besteht nicht nur darin, daß arme Sünder von ihrem Elend erlöst und in endlose Güte versetzt werden, sondern die Freude des Himmels ist der Gewinn, den Gott hat. Wenn Gott einen Sünder empfängt, der Ihm entfremdet war, so ertönt die Freude darüber im Himmel droben, und im Hause unten ertönt der Widerhall der Fröhlichkeit. Wenn jemand bekennt, bekehrt zu sein, so sollten wir wirkliches Interesse dafür haben, zu erfahren, was Gott dadurch erworben hat. Die wirkliche Frage, die ein Verkündiger stellen sollte, wenn er niederkniet, ist: „O Gott, wieviel hast Du bekommen?"

Wenn ein Bruder aufsteht, um Gott in der Freude der Gnade zu preisen, so ist das wie die Musik – sind wir bereit, dazu einen Reigen zu tanzen? Schlägt jedes Herz dem freudig entgegen und tanzt es zu dieser Musik? Der Herr sagte zu etlichen: „Wir haben euch gepfiffen, und ihr habt nicht getanzt.“ Wenn ein Laut des Lobpreises Gottes wegen Seiner Gnade im Hause ertönt, regt sich dann unser Geist als Antwort darauf? Der Psalmist spricht über die Lobeserhebung Gottes im Reigen; das bedeutet lebhafte Regungen in den Zuneigungen. Im Alten Testament waren natürlich diese Dinge äußerlich, jetzt sind aber Musik und Reigen geistlich.

Der ältere Bruder sagt: „Dein Sohn“, nicht „mein Bruder." Er stimmte nicht im Geringsten mit seinem Vater überein; die ganze Zeit, wo der verlorene Sohn weggewesen war, hatte er sich kein einziges Mal hingesetzt, um zu hören, was der Vater über ihn zu sagen hatte. Während der Abwesenheit des verlorenen Sohnes hatte Er niemals seinem Vater Gesellschaft geleistet, um zu erfahren, was sein Vater fühlte, denn er war erstaunt über den Empfang des verlorenen Sohnes. Wenn er mit seinem Vater Gemeinschaft gepflegt hätte, wären ihm die Gedanken seines Vaters bekannt gewesen. Der Vater sagt zu ihm: „Kind, du bist allezeit bei mir, und all das Meinige ist dein." Aus Gnaden sagte der Vater gleichsam zu ihm: Mein Gedanke ist, daß du bei mir sein solltest; das Meinige ist dein, und ich möchte, daß du an dieser Angelegenheit ebenso teilnimmst wie Ich. Trotz der Hartherzigkeit, Selbstgerechtigkeit und Selbstsucht des älteren Sohnes ist der Vater darauf bedacht, jedes Mittel zu gebrauchen, um ihn zur Selbsterkenntnis in der Gnade zu bringen, wie auch dazu, mit Seiner Freude an der Gnade im Einklang zu sein.

Es gibt nichts Rührenderes, als die Art und Weise, in welcher der Vater zu ihm redet; alles war für ihn da. Der Römerbrief bringt das der Lehre nach ans Licht; wenn wir die moralische Grundlage dieser Dinge kennen wollen, müssen wir uns zum Römerbrief wenden. In Luk. 15 haben wir nicht die Grundlage der Lehre gemäß, sondern die Quelle dieser Dinge im Herzen Gottes wird geoffenbart – das ist das große Ziel der Evangelien. In den Briefen wird das Evangelium gelehrt; in der Apostelgeschichte wird es gepredigt, und in den Evangelien wird die frohe Botschaft bildlich dargestellt, so daß das jüngste Kind sie verstehen kann. Die Bilder sind von einer Meisterhand entworfen worden.

Zweifellos hatte der Jude einen gewissen Vorzug, wie auch der Pharisäer. Die Schriftgelehrten und Pharisäer besaßen eine Erkenntnis der Schriften, die die Zöllner und Sünder nicht hatten. Der ältere Sohn hatte darin einen Vorzug vor dem jüngeren, daß er äußerlich zum Hause gehörte; wir finden aber, daß sein wirkliches Interesse in einer Gemeinschaft lag, die der Freude an der Gnade ebenso fremd war wie das ferne Land. Deshalb waren die beiden Söhne gleich weit entfernt von Gott – der eine war nur äußerlich nahe, der andere weit entfernt von Gott; als aber der eine zu Gott zurückgebracht wurde, da wurde die Freude des Herzens Gottes gesichert.

Paulus war innerlich bewegt über die Juden, da er selbst ein älterer Bruder gewesen war. Die Welt der Nationen war kein Ort, wo er die älteren Brüder finden konnte; er schildert diese Welt in Röm. 1 als einen Schauplatz des hoffnungslosen Verfalls, des Verderbens und der Ausschweifung. Der Jude hatte die Schriften, den Tempel und die Gunst Gottes; trotz ihres Zustandes wurden sie vom Messias geliebt, und auch Gott liebte sie. Paulus litt unaufhörlichen Schmerz ihretwegen, und sein ganzes Herz schlug ihnen entgegen. Er sagte: „Ich habe gewünscht, durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein für meine Brüder"; er ging so weit, wie ein Mensch gehen kann. Paulus dachte: Wenn sie auch keinem anderen glauben, so werden sie auf mich hören; ich stand dabei, als das Blut des Märtyrers Stephanus vergossen wurde; sie werden wissen, was für ein Pharisäer ich war, wie ich die Christen haßte und mich bemühte, jenen Namen auszurotten – sie werden sicherlich auf mich hören. Sie wollten aber nicht. Wir finden nicht, daß der ältere Sohn zugehört hat; der Vater ermahnte und flehte, aber nichts deutet darauf hin, daß er zugehört hätte.

Wir können Gott nicht mehr Liebe erweisen, als an Ihn der Wahrheit gemäß zu denken; das ist Seine Gnade zu Seinem Geschöpf. Wenn wir an Gott der Wahrheit gemäß denken, so denken wir an den Gott, der in Luk. 15 dargestellt wird; wir beten Ihn an und loben und verherrlichen Ihn, weil wir Ihn in der Wahrheit Seiner Gnade erkennen. Wenn ich dahin gebracht werde, so hat Gott mehr Freude daran als ich, denn Gott weiß, wie weit entfernt ich war, und Er ist der Einzige, der es weiß. Wo keine Erkenntnis Gottes Seiner Gnade gemäß ist, da ist der Mensch in bezug auf Gott tot; da gibt es keine Regung des Lebens; und ein Mensch, der zu Gott geht und Ihm dafür dankt, daß er nicht wie andere Menschen ist, daß er anständig und religiös erzogen wurde – dieser Mensch ist tot. Nehmen wir einen Augenblick an, daß der ältere Sohn nachgegeben und zu seinem Vater gesagt hätte: „Ich war ebenso schlecht und noch schlechter als mein Bruder", und wenn der Vater ihn dann auch geküßt hätte, so wäre er hereingekommen und beide hätten dann das beste Kleid und den Ring und die Sandalen angezogen und hätten das gemästete Kalb gegessen und sich gefreut, so wäre keine Spur vom verlorenen Sohn oder vom Pharisäer zurückgeblieben. Sie wären auf Grund der ewigen Gedanken Gottes in Gnade hereingekommen; es gibt dort keinen verlorenen Sohn oder Pharisäer mehr, sondern einen neuen Menschen – das ist die Wahrheit von der Gnade Gottes.


Kapitel 16

Die Frage der Verantwortung wird in Kap. 15 nicht aufgeworfen – das, was Gott verloren hat, wird wiederhergestellt, das, was tot ist, lebt wieder, und die eigene Freude Gottes beherrscht dieses Kapitel von Anfang bis zu Ende. Der Herr rechtfertigt vor den Pharisäern und Schriftgelehrten die überschwengliche Glückseligkeit der göttlichen Gnade, denn es ist der Gedanke Gottes, Söhne in Wohlannehmlichkeit und in Seiner Nähe zu haben. Dann wendet Sich aber der Herr Seinen Jüngern zu und wirft nunmehr die Frage der Verantwortlichkeit auf. Sohnschaft und Verwaltung müssen miteinander verbunden werden; wenn es zur Verwaltung kommt, werden wir auf die Probe gestellt. Wie wir schon vorher bemerkt haben, sehen wir im Lukasevangelium die allerköstlichsten Entfaltungen der göttlichen Gnade, und unmittelbar darauf kommt irgend etwas, was uns auf die Probe stellt.

Dieses Gleichnis bezieht sich auf den Menschen von dem Standpunkte aus gesehen, daß er etwas handhabt, worauf er keinen Anspruch hat. Die Treue wird vielfach daran geprüft, wie wir uns in bezug auf den ungerechten Mammon verhalten. Es ist etwas, worauf wir kein Anrecht haben, es gehört einem Anderen. Alle materiellen Dinge gehören einem Anderen, und keiner von uns könnte einen gerechten Anspruch auf das erheben, was wir gegenwärtig in den Händen haben. Der Herr redet hier vom Mammon, der dem Menschen in der gegenwärtigen Welt einen Platz gibt. Das Geld gibt dem Menschen keinen Platz bei Gott; es kann ihm nur in der Welt einen Platz geben, aber das Geld sollte rechtschaffen in der Verwaltung gehandhabt werden. Der Christ hat das Recht, alles, was er an materiellen Werten hat, als Gott gehörend zu betrachten, so daß es einen neuen Charakter gewinnt, und es ist wichtig, daß es nicht verschwendet, sondern im Blick auf unseren zukünftigen Vorteil verwendet wird.

Die Güter des Herrn zu verschwenden, kann nicht richtig sein; doch der Herr sagt: Wenn du es im Blick auf dein zukünftiges Wohl verwendest, will Ich mit dir zufrieden sein. Wir haben unsere Reichtümer und unsere Freuden im Hause. Wenn ich weiß, was es bedeutet, ein Sohn im Hause zu sein, so ist mein Reichtum dort; mein Teil, meine Freude, mein Alles ist da. Dort wohne ich, und in diesem Bewußtsein kann ich hervorkommen und die Dinge hienieden in der Gesinnung eines Verwalters handhaben. Wenn wir das besser kennten, was unser eigen ist, so würde es uns eine wunderbare Unabhängigkeit von den Dingen hienieden verleihen; wir würden keine Ansprüche auf irgendein persönliches Recht erheben, sondern wir würden alles in der Gesinnung der Verwaltung berühren. Wenn wir die Dinge richtig betrachten, so werden wir eine Vermehrung des ungerechten Mammons als eine vermehrte Verantwortlichkeit empfinden; es vermehrt unsere Arbeit, aber nicht unsere Mittel. Der Herr betrachtet den ungerechte Mammon als für einen Augenblick in unsere Hände gegeben, und wir sollen uns mit ihm Freunde machen.

Der ungerechte Mammon umfaßt den allgemeinen Charakter des Eigentums hienieden. Ein Mensch hat keinen dauernden Anspruch darauf, es wird ihm als seinem Verwalter anvertraut. Er kann ihn nicht als sein Eigentum beanspruchen, denn er gehört einem Anderen, und er wird tatsächlich in der Welt in einer ungerechten Weise verwendet. In weiterem Sinne ist Geld der ungerechte Mammon, und die Geldliebe ist eine Wurzel alles Bösen. Viel Geld zu haben ist kein Beweis für göttliche Gunst; das, was wir hienieden haben, ist eine Probe für uns. Ich darf nicht von irgendwelchem Gelde, das mir gehört, sagen, daß Gott es mir als beständiges Eigentum geschenkt hat; Er vertraut es mir aber zum Gebrauch an. Das, was Gott mir als Eigentum gibt, befindet sich im Hause. Ich darf mich dessen rühmen, soviel ich will; was außerhalb liegt, ist eine Probe für mich, wie ich verwalten kann.

Es gefiel Gott wohl, dem Salomo große Dinge anzuvertrauen, und anfangs nah

m er auf Gott Rücksicht, aber zum Schluß gebrauchte er alles für den eitlen Versuch, sich selbst zu leben; er mußte erleben, daß es eitel und ein Haschen nach Wind war. Das ganze System dieser Welt geht durch das Geld vor sich; nichts kann ohne Geld gemacht werden. Das ist der allgemeine Charakter des ungerechten Mammons, aber dem christlichen Verwalter ist es erlaubt, ihn zu handhaben und sich mit ihm Freunde zu machen, damit ihm die Aufnahme in die ewigen Hütten gesichert wird. Diejenigen bekommen den wahren Reichtum, die bereit sind, das, was sie von Natur besitzen, mehr im Blick auf die Zukunft als auf die Gegenwart zu gebrauchen. Gott schätzt solche Menschen wert, die ihre Mittel im Blick auf ihren zukünftigen Vorteil gebrauchen.

Weil wir es mit Gott zu tun haben, ist die tatsächliche Summe nicht wichtig; für den einen ist eine kleine Summe als Wochenlohn und für einen anderen eine große Summe der Prüfstein, aber moralisch gibt es keinen Unterschied. Der kleine Verwalter wird ebenso in seinem Bereiche geprüft wie der große in seinem – sie müssen beide Rechenschaft ablegen. Ich zweifle nicht daran, daß die Witwe mit den zwei Scherflein einen guten Platz in den ewigen Hütten haben wird; sie hat die ganze Versammlung durch den Gedanken, was wahrer Reichtum ist, bereichert. In der Wertschätzung Gottes war sie viel reicher als Salomo. Die Gaben werden nicht nach Mark und Pfennig, sondern nach dem Zustande des Herzens gemessen. Die Witwe mit den zwei Scherflein überragte den Zustand von dem, was wir hier sehen; bei ihr ging es um Ergebenheit, nicht um Klugheit; sie war ergeben, und sie legte ihre zwei Scherflein in den Schatzkasten. In ihren Gedanken war Gott alles dessen würdig.

Hier aber geht es nicht um Ergebenheit, sondern um Klugheit. Hier handelte der Verwalter so, daß er später einen Vorteil hatte; er handelte klug, und der Herr sagt: Ich will, daß ihr klug seid. Er lenkt die Aufmerksamkeit darauf, daß die Söhne dieser Welt klüger sind als die Söhne des Lichts – sein Herr lobte die Klugheit des ungerechten Verwalters. Die Söhne dieser Welt beschämen uns oft; sie wissen, was sie wollen, und sie setzen sich dafür ein. Wir wissen oft kaum, was wir bezwecken, und wir betreiben es so träge.

Vers 13 ist sehr ernst; er zeigt, daß, wenn wir den ungerechten Mammon nicht in der Gesinnung der Verwaltung handhaben, er zu unserem Herrn werden wird – er herrscht über viele. Was ist es denn, was uns beherrscht? Was uns beherrscht, ist eine tiefforschende Frage. Der Herr sagt: „Kein Hausknecht kann zwei Herren dienen." Es ist nicht möglich, Gott und dem Mammon gleichzeitig zu dienen; somit sollte ein Christ nicht durch einen materiellen Vorteil als Beweggrund beherrscht werden. Er sollte darüber in Seelenübung sein, ob dies der Wille Gottes für ihn ist, und er sollte sich nach dem Willen Gottes richten. Wenn man ihm doppeltes Geld anbieten würde, sollte er sich fragen, ob dies von Gott sei oder eine Schlinge des Teufels, die um seine Füße gelegt wird. Wenn der Teufel uns dahin bringen kann, dem Mammon zu dienen, so hat er sein Ziel erreicht. Wir dürfen zum System der Welt nichts beitragen; wenn jedoch das Geld zu unserem Ziel wird, so gehen wir mit der Welt Hand in Hand, und wir helfen, das System dieser Welt aufzubauen; wir sollten aber als Verwalter die Dinge in einer solchen Weise gebrauchen, daß es für uns später zum Vorteil ausschlagen wird.

Dann ist auch Treue erforderlich, was einen Gegensatz zu dem Verwalter in diesem Gleichnis darstellt. Seine Klugheit wird gelobt, aber seine Untreue wird verurteilt. „Wenn ihr nun in dem ungerechten Mammon nicht treu gewesen seid, wer wird euch das Wahrhaftige anvertrauen? Und wenn ihr in dem Fremden nicht treu gewesen seid, wer wird euch das Eurige geben?“ Das scheint den Genuß des Geistlichen davon abhängig zu machen, wie wir das Materielle handhaben. Mir scheint, wir setzen oft die verkehrten Aufschriften auf die Körbe! Die meisten von uns haben zwei Körbe, und wir haben Zettel daran geklebt; auf dem einen steht: Meine Dinge, und auf dem anderen: Gottes Dinge, aber wir kleben die Zettel verkehrt. Meine Dinge, denken wir, sind mein Geld und das, was ich hienieden besitze. Doch das sind nicht meine Dinge, das sind Gottes Dinge, die mir anvertraut worden sind. In dem anderen Korbe mit der Aufschrift Gottes Dinge sind alle geistlichen Dinge. Nein, dies sind meine Dinge, die himmlischen Dinge sind mein. Ich habe ein absolutes Eigentumsrecht, einen unveräußerlichen Anspruch auf diese Dinge. Ich könnte das nicht in bezug auf irgend etwas hienieden sagen; mein Mantel ist mir für ein paar Jahre geliehen worden, ich kann nicht sagen, daß er mir völlig gehört. Die rechte Gesinnung ist so wichtig in diesen Dingen; wir müssen das, was wir hienieden haben, als Verwalter handhaben. Ich glaube, das ist die Antwort auf die Sohnschaft. Wenn ich innerhalb des Hauses ein Sohn bin, befasse ich mich mit den natürlichen Dingen nur noch in der Gesinnung eines Verwalters. In meinen Zuneigungen besitze ich ein ganzes System von Dingen, die mein eigen sind, und ich kann mich darin zurückziehen als in mein Eigentum. Wenn ich tausend Morgen Land hätte, könnte ich sie nicht mein eigen nennen, darüber bin ich nur ein Verwalter; ich habe aber Besitztümer, die auf ewig mein sind, und durch die Gnade habe ich einen echten Anspruch darauf.

Der Herr scheint es so hinzustellen, daß, wenn wir als Verwalter in irdischen Dingen treu sind, wir einen großen Gewinn in geistlichen Dingen erlangen. Wollen wir geistlich vorwärtskommen? Wie handhaben wir dann die Dinge, die durch die Vorsehung in unseren Händen sind? Gebrauchen wir sie zu unserem gegenwärtigen Vergnügen und Genuß oder in Treue als etwas, was uns von einem Anderen – von Gott Selbst — anvertraut worden ist?

Der Grundsatz der ewigen Hütten wird sicherlich jetzt schon unter den Geschwistern verwirklicht, wenn wir unsere eigenen ewigen Dinge genießen. Wir singen manchmal: „Die Ewigkeit begann." Wenn die Ewigkeit begonnen hat, sind wir in den ewigen Hütten, und wiederum singen wir: „Im Geiste schon dort“ – d. h. in den ewigen Hütten. Die Herrlichkeit ist erschienen; sie steht nicht nur vor uns, sondern das Herz des Heiligen ist schon jetzt damit erfüllt. Es wurde dem Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Verklärungsberge erlaubt, einen Augenblick mit der Herrlichkeit erfüllt zu sein. Ich gebe zu, daß sie ihr nicht gewachsen waren, aber dem Grundsatze nach war sie da. Ich denke nicht, daß ein verschwenderisches Verschenken von allem, was wir haben, dem Gedanken des Herrn im Geringsten entspricht. Beim Verschenken von Geld kann man sehr unvernünftig sein; nichts ist leichter als es wegzugeben. Wir können das tun und immer noch beschuldigt werden, den Reichtum des Herrn vergeudet zu haben. Nehmen wir an, ich hätte einem Armen mehr gegeben, als er im Augenblick braucht; das könnte ihn in Versuchung führen. Ich glaube, daß die Güte und Mildtätigkeit des Volkes Gottes manchmal Schaden anrichtet; man soll eben klug sein und sein Amt als Verwalter ausüben. Wir müssen aber auch dessen eingedenk sein, was Johannes sagt: „Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschließt sein Herz vor ihm“ (1. Joh. 3, 17). Wir müssen uns davor hüten, dieses zu tun. Unser ganzer geistlicher Zustand kann dadurch in Frage gestellt werden. Johannes sagt ganz ernst: „Wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?"

Das Gewissen der Pharisäer wurde offensichtlich durch die Worte des Herrn berührt; mit ihrer ganzen Religiosität dienten sie eigentlich dem Mammon. Es wird uns gesagt, daß sie geldliebend waren, und sie verhöhnten Ihn. Man kann jetzt Gott auf eine äußerst gesegnete Art dienen. Die Erkenntnis des Wohlgefallens Gottes hat sich beständig erweitert. Der Herr sagt uns hier, daß die Dinge, die unter den Menschen hoch sind, in den Augen Gottes ein Greuel sind. Wenn das so ist, so dürfen wir nicht von solchen Dingen beherrscht werden; wir sollten den Charakter des Gott wohlgefälligen Dienstes erkennen. Der Charakter des hier geschilderten Dienstes ist von der Verkündigung des Reiches Gottes abhängig. Es gibt fortschreitende Stufen, auf denen das Wohlgefallen Gottes ans Licht gekommen ist: zuerst das Gesetz, dann die Propheten, die uns ein erhöhtes Maß über die Erkenntnis des Wohlgefallens Gottes geben, und dann wurde von Johannes an das Reich Gottes verkündigt. Der volle Charakter dessen, was Gott wohlgefällt, kam, als Sein geliebter Sohn auf Erden weilte, ans Licht, und das gibt jetzt dem Reiche das Gepräge - das ganze Wohlgefallen Gottes ist ans Licht gekommen. Es ist auf dem Wege der Gnade den Menschen gegenüber zutage getreten und ist in Jesu geoffenbart worden; das, was Gott im höchsten Grade wohlgefällig ist, bildet einen Gegensatz zu dem, was in Seinen Augen ein Greuel ist.

Ich sollte in Seelenübung darüber sein, wie ich in das Reich Gottes eindringen kann; der Herr deutet an, daß es nicht leicht ist, dort einzudringen. Er sagt: „Das Evangelium des Reiches Gottes wird verkündigt, und jeder dringt mit Gewalt hinein." Es ist nicht leicht, in das Reich Gottes einzudringen, weil das Reich der Ort ist, wo Gott Sein ganzes Wohlgefallen kundgetan hat. Das Gesetz gab eine beträchtliche Menge Licht in bezug auf das, was das Wohlgefallen Gottes ausmachte, und die Propheten gaben noch mehr Licht darüber, weil die Propheten die Gefühle Gottes und die Gedanken Seines Herzens ans Licht brachten. In den Propheten wurde das Reich klar vorausgesehen; als aber der Sohn Gottes hienieden als Mensch weilte, führte Er das volle Maß des Wohlgefallens Gottes herbei. Man kann sich nichts denken, was dem göttlichen Wohlgefallen hinzugefügt werden konnte, als der Sohn Gottes hienieden war. Bei Gott gibt es keine Weiterentwicklung; Er hat das Endziel nach dem Grundsatz der Gnade erreicht. Mir scheint es ein erstaunlicher Gedanke zu sein, daß das volle Wohlgefallen Gottes offenbar geworden ist. Bin ich darauf eingestellt oder bin ich bereit, mit den Dingen voranzugehen, die es Gott gefiel in Seiner Regierung zuzulassen? Das ist eine wirkliche Seelenübung für einen jeden von uns. Es ist etwas, das Anstrengung erfordert, und es bedarf der Gewalt. Ein Mensch muß gewalttätig genug sein, um sich seinen Weg durch alle Hindernisse zu bahnen, und die Geldliebe ist das größtmögliche Hindernis; man muß sich da mit Gewalt hindurchdrängen, wie auch durch alles andere, ganz gleich was es sei.

Der Satz in bezug darauf, daß ein Mann seine Frau entläßt und eine andere heiratet, scheint nicht mit dem Vorhergegangenen zusammenzuhängen; ich glaube aber, daß der Herr ihn dazu gebraucht, um den Unterschied zwischen dem, was Gott in Seiner Regierung zuläßt, und dem, was mit Seinem Wohlgefallen übereinstimmt, hervorzuheben. Unter dem Gesetz ließ Er die Scheidung auf einer sehr breiten Grundlage zu, aber das stimmte nicht mit Seinem Wohlgefallen überein, und es hat keinen Platz in Seinem Reiche. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiste. Wir sind jetzt in einem anderen Gebiete, im Gebiete des göttlichen Wohlgefallens. Ich fühle, wie wenig ich das kenne; ich sehne mich aber danach, es mehr zu kennen. Dazu brauchen wir Kraft, aber wenn ich mich nach dem Wohlgefallen Gottes richte, kann ich sicherlich auf Seine Kraft rechnen. Die Gewalt ist keine natürliche, sondern eine geistliche Gewalt, die bereit ist, durch alles hindurchzugehen. Es gibt aber Dinge, die Gott in Seinen Regierungswegen zuläßt, viele Dinge, die mit Seinen Gedanken nicht wirklich übereinstimmen; Er läßt sie zu, und Er hat es weiterhin mit denen zu tun, die diese Dinge tun, wir sollen aber nicht nach diesen Grundsätzen leben. Nach diesen Grundsätzen werden wir niemals den Kolosserbrief oder den Epheserbrief – die himmlische Seite – erreichen, und die große Belehrung dieses Kapitels besteht darin, daß wir die himmlische Seite erreichen – auf diese Weise verstehe ich das Gleichnis vom reichen Mann und dem Lazarus.

Wenn wir Mut haben, so steht es uns offen; es handelt sich darum, in das Reich einzudringen. Abraham stellt die himmlische Seite dar; er ist der Vater der himmlischen Familie. Was würde Abraham von mir halten, wenn er jetzt auf Erden leben würde? Würde er sagen: Mein Sohn, du ist ganz nach meinem Herzen, komm und lege dich in meinen Schoß? Der reiche Mann wird gar nicht als ein böser Mensch nach dem menschlichen Maßstabe dargestellt. So waren auch die Menschen in Kap. 14, die sich weigerten, zum großen Abendmahl zu kommen, keine Bösewichte; nicht ihre Sünden verhinderten ihr Kommen; es waren Angelegenheiten, die ihr Land und ihre Ochsen und ihr Weib betrafen, die sie hinderten.

Der Arme hier war draußen; der Reiche lebte in Prunk und Freude auf Erden und interessierte sich gar nicht für das Himmlische; das ist eine Fortsetzung der Lehre des Evangeliums. Abraham war ein Mann, der zur Absonderung berufen wurde; Gott hatte ihn berufen, sein Land, seine Verwandtschaft und das Haus seines Vaters zu verlassen. Er gehorchte, er glaubte Gott und nahm die Stellung eines Fremdlings und Pilgers ein; er hatte seinen Altar und sein Zelt, er erwartete eine Stadt und hielt nach dem himmlischen Lande Ausschau. Der Herr schildert Abraham als denjenigen, der jeden seiner Söhne in seinen Schoß aufnimmt; die Engel wissen, wohin sie sie tragen müssen. Das ist eine Andeutung, daß die Engel in Lazarus einen Erben der Seligkeit erkannt hatten, und obwohl äußerlich seine einzigen Diener die Hunde waren, die seine Geschwüre leckten, so sahen in Wirklichkeit die Engel doch nach ihm und dienten ihm; aber sogar der Dienst der Engel änderte nicht seine Umstände hienieden. Die Engel erkannten Lazarus als einen geeigneten Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit, und sie wußten, wohin sie ihn tragen mußten, als er starb; sie trugen ihn in den Schoß seines Vaters.

Der Herr lüftet dadurch den Vorhang; Er will, daß wir uns eingehend mit der unsichtbaren Welt beschäftigen. Er will sie uns sehr deutlich vor Augen stellen und uns zu sehen geben, daß der Ärmste in dieser Welt den höchsten himmlischen Segen haben kann, und der Reichste in dieser Welt bei seinem Tode in die endlose Qual eingehen kann. Der Herr möchte, daß wir uns des Ernstes der Sache bewußt sind, damit wir wie Lazarus leben sollten; dieser Arme voller Geschwüre lebte im Lichte des Himmlischen. Der Reiche scheint an ihm gar keine Anteilnahme gehabt zu haben als nur, daß er erlaubte, daß er von den Brosamen, die von seinem Tische fielen, ernährt werde. Bei ihm war die Gesinnung des Bundes gar nicht bemerkbar; er hatte äußerlich alle Segnungen des Bundes, doch es fehlte bei ihm die Gesinnung des Bundes.

Diese Schriftstelle ist besonders wichtig; es ist so, als wenn der Herr Selbst den Vorhang aufheben würde. Wir sagen vielleicht, daß noch keiner zurückgekommen ist, um uns etwas von dort zu sagen; aber der Herr der Herrlichkeit hat den Vorhang gelüftet; Er allein wußte über die unsichtbare Welt Bescheid, und Er hat uns gesagt, was es dort gibt. Es ist eine grobe Lästerung gegen den Herrn, wenn man meint, daß es nötig ist, daß einer von dort zurückkommen sollte, wo der Herr doch die Wahrheit gesagt hat – wir haben nicht nur Moses und die Propheten, sondern auch das Zeugnis des Herrn der Herrlichkeit. Es ist die eigene Schilderung des Herrn über die unsichtbare Welt. Die Zustände sind dort festgelegt; warum sollten wir noch für die Toten beten? Wenn sie in Abrahams Schoß sind oder, wie wir jetzt sagen können, bei Christo sind, können wir ihnen nichts Größeres bringen, und wenn sie sich in der Qual befinden, kann man sie von dort nicht wieder herausnehmen; das zeigt, daß der Gedanke, für die Toten zu beten, von Satan ist. Der Herr deutet hier an, daß die Verlorenen in der unsichtbaren Welt alles, was ihnen zur Verfügung gestanden hat, erkennen; es ist schrecklich für sie, darüber nachzudenken. Dieser Mann, der, wie wir sagen können, auf ewig verloren ist, kannte den Abraham. Er kannte den Grundsatz der Absonderung von der Welt und des Glaubens an Gott, wovon Abraham der ewige Zeuge ist. Es ist ernst, daran zu denken, daß diejenigen, die niemals die Wege Gottes in Gnade in dieser Welt erkannt haben, sie in der unsichtbaren Welt erkennen müssen. Dem Bekenntnis nach war dieser Mann ein Jude, und nach dem Fleische war er vom Samen Abrahams, aber geistlich war er kein Sohn, und obwohl ihn Abraham im Gleichnis Kind nennt, war Abraham nicht sein Vater. Es wird ein Teil der Qual der Verlorenen ausmachen, daß sie imstande sein werden, das zu erkennen, was Gott zur Verfügung gestellt hat, und zu empfinden, daß es für sie nie wiedererlangt werden kann. Das wird der bitterste Bestandteil des Kelches der Leiden sein, den die Verlorenen trinken werden.

Es ist auffallend, daß dieser Mann die Gerechtigkeit seiner Leiden nicht in Frage stellt und nicht bittet, Lazarus möge geschickt werden, um ihn dort herauszunehmen; er bittet nur um eine Erleichterung seines Elends, aber das kann ihm nicht gewährt werden. Der Grund, warum er sich dort befand, war, daß er sich mit den guten Dingen dieser Welt begnügte. Er wird nicht als ein böser Mensch geschildert, er hatte sich aber mit den guten Dingen in dieser Welt begnügt und sie im höchsten Grade genossen, und er interessierte sich nicht für Glaubenssachen. Er war dem Himmlischen völlig fremd geblieben, und deswegen paßte er gar nicht zu Abraham. Das sagt uns, den Gläubigen, daß wir nicht zu sehr mit den Dingen dieses Lebens beschäftigt seien, sondern himmlische Hoffnungen und Vorgefühle pflegen und im Glauben unseres Vaters Abraham wandeln sollten. Paulus spricht von denen, „die in den Fußstapfen des Glaubens wandeln, den unser Vater Abraham hatte“ (Röm. 4, 12).

Der Herr zeigt in diesem ganzen Evangelium, daß Er das Himmlische einführen möchte. Er wurde durch einen himmlischen Boten angekündigt, und als Er geboren wurde, waren die himmlischen Heerscharen da; es war der Himmel, der in Gnaden herniedergekommen war. Die Umstände des Menschen hienieden werden dadurch nicht verbessert, der Mensch wird dadurch weder anständiger noch reicher gemacht, sondern himmlische Freuden werden eingeführt. Kapitel 15 zeigt den Charakter der eingeführten himmlischen Freuden. Ziehen sie so unsere Herzen an, daß wir bereit sind, das Irdische aufzugeben und uns dem Himmlischen zu widmen? Abraham und die Patriarchen zeigten deutlich, daß sie ein himmlisches Land suchten.


Kapitel 17

Die Jünger waren unter dem Einfluß Jesu gewesen, und Er hatte ihren Herzen die Glückseligkeit Gottes, der in Gnaden erkannt wird, wie auch die Glückseligkeit des himmlischen Systems gezeigt. Nun warnt Er sie im voraus, weil das Aufkommen von Ärgernissen unvermeidlich ist; der Feind wird sich beständig darum bemühen, die Jünger zu verstricken und sie von der Gesinnung der „Kleinen“ abzubringen. Ärgernisse sind unvermeidlich. Dieses Wort wird oft in bezug auf den Herrn gebraucht: Christus Selbst ist ein Fels des Ärgernisses; „den Juden ein Ärgernis“; — „das Ärgernis vom Kreuze“. Christus und die Wahrheit werden dem natürlichen Menschen zum Ärgernis werden. Hier wird aber dieses Wort in bezug auf Dinge gebraucht, die dem geistlichen Wohlergehen entgegengesetzt sind. Der Herr betrachtet die Jünger als die Kleinen, die von Ihm lernen, Gott in Gnade zu erkennen und im Lichte des himmlischen Systems zu wandeln. Hier sind Ärgernisse solche Dinge, die dazu neigen, dem Einfluß des Herrn entgegenzuwirken.

Wenn man unsere Schwierigkeiten bis an ihre Wurzel verfolgt, so erweist es sich, daß recht viele von ihnen der Selbstwichtigkeit entspringen. Ein Bewußtsein von der Größe Gottes in Gnade macht uns wunderbar klein; der Feind will aber immer Ärgernisse hervorrufen, das ist irgend etwas, um die Kleinen vom Kleinsein abzubringen. Das ist die beständige Handlungsweise des Feindes. Der Herr schätzt den Zustand eines Herzens sehr hoch, das nicht an sich selbst denkt, sondern an die Glückseligkeit Gottes, der in Gnade erkannt worden ist, wie auch an das himmlische System. Er beurteilt alles das sehr ernst, was davon ablenkt; der Herr nimmt jeden Einfluß sehr ernst zur Kenntnis, der dahin neigt, uns davon abzubringen, „klein“ zu sein. Halt uns nah bei Dir, o Liebe Gottes, damit unsre Nichtigkeit wir sehn.

Es gäbe keine Störungen und Mißtöne, wenn wir alle klein blieben. Die Tatsache, daß der Herr „wehe" sagt, zeigt, wie ernst Er jeden Einfluß betrachtet, der dazu neigt, Seinem eigenen Einfluß entgegenzuwirken. Jünger sind diejenigen, die sich Seinem Einfluß oder Seiner Unterweisung unterstellen. Er will machen, daß der in der Gnade erkannte Gott uns groß ist, wie auch alles, das zum Vorsatze Gottes gehört - die himmlischen Dinge will Er für uns groß machen. Aber dieses Bewußtsein, wenn es wahrhaftig im Herzen ist, macht uns klein. Dieses Bewußtsein verkleinert uns. Es tut uns not, in beständiger Seelenübung darüber zu sein, damit wir klein bleiben.

Vers 2 bringt zum Ausdruck, wie streng der Herr alles verurteilt, was Seinem eigenen Einfluß entgegenwirkt, und jeder wahre Diener möchte von dem ihm eher das, worüber Herzensgrunde wünschen, Vers 2 spricht, geschehe, als daß er einen dem Herrn entgegengesetzten Einfluß ausüben sollte. Sicherlich möchte ich lieber auf den Grund des Meeres geworfen werden, als auf Erden gelassen werden, um die Heiligen dem Herrn entgegengesetzt zu beeinflussen. Ein Mensch, der das vorsätzlich tut, ist selbstverständlich ein Widersacher des Herrn und wird ganz sicherlich verurteilt werden.

Es ist eine große Gunst, klein genug zu sein, um Gott zum Ausdruck zu bringen; einem solchen fehlt jede eigene Behauptung, aber er kann den Einfluß Gottes geltend machen. Es ist das, was wir begehren sollten; wir wissen alle, wieviel Gegensätzliches vorhanden ist, aber der Glaube führt eine Kraft ein, die uns befähigt, das Hinderliche zu beseitigen. Der Herr sagt uns hier, was uns begegnen kann; Ärgernisse sind unvermeidlich, und wir mögen durch einen Bruder geprüft werden. Er kann ein unartiger Bruder sein, aber er ist wertvoll, wenn wir es verstehen, ihn einzuschätzen, denn er bietet den Heiligen die Gelegenheit, die Gnade auszuüben; wenn er sündigt, ist eine wiederherstellende Handlung nötig. Der Herr kannte alle Umstände, die uns widerfahren können, und Er wußte, daß ein Bruder unartig genug sein kann, um siebenmal an einem Tage gegen uns zu sündigen. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen, aber der Herr sagt, es könnte geschehen, und wir sollen dann darauf achten, daß eine solche Sache uns nicht von der Gesinnung der Gnade abbringt, die einem Kleinen eigen sein sollte. Der Kleine denkt überhaupt nicht an sich, sondern an die Freude, Gnade zu üben, als wenn die Gesinnung von Kap. 15 auf unsere brüderlichen Beziehungen übergehen sollte.

Die Vergebung kann nicht ohne Buße ausgeübt werden; man kann sie nicht verschenken, obwohl sie im Herzen vorhanden ist. Deswegen soll man es dem Bruder verweisen, wenn er sündigt, nicht damit wir das, was uns zusteht, bekommen, sondern damit er wiederhergestellt werde. Wir denken an seine Not, nicht an uns selbst. Der Herr nimmt an, daß ein Bruder in einem solchen Zustande sein kann, daß er so weit von einem Kleinen entfernt ist, daß er gegen seinen Bruder sündigen kann, und zwar siebenmal an einem Tage. Es könnte eingewendet werden, daß, wenn er es wirklich bereut hätte, er es an demselben Tage nicht wieder getan hätte, aber der Herr nimmt sogar diesen äußersten Fall an. In einem solchen Fall richtig vorzugehen, stellt hohe Anforderungen an uns. Ich weiß nicht, wie ich mich dem gegenüber verhalten würde, wenn ein Bruder siebenmal sündigen würde; ich kann vielleicht beim sechsten oder siebentenmal sagen: Ich bin es nun überdrüssig, ich sehe keinerlei Veränderung an dir! Hier wird eine wirkliche Sünde in Betracht gezogen, nicht daß man wegen einer Kleinigkeit beleidigt ist. Wenn wir den Dingen, die den Heiligen Kummer bereiten, auf den Grund gehen, so ist meist nichts als die Torheit der Selbstbehauptung vorhanden. Hier wird angenommen, daß eine wirkliche Sünde begangen wurde, und doch soll ihr in dieser wunderbaren, dienstbereiten und gnadenreichen Gesinnung entgegengetreten werden.

Wenn ein Bruder sündigt, kann man mit ihm nicht so weitergehen, als ob nichts geschehen wäre; bis er es bereut, ist man zu einer gewissen Zurückhaltung gezwungen. Man verweist es ihm, aber es geschieht zu seinem Wohl, und nicht um das, was uns zusteht, zu behaupten. Wir wahren nicht von ihm Abstand und wünschen, daß er in unermeßliche Tiefen von Selbstverurteilung versinkt; wenn er bereut, ergeben wir, es ist eine freie Handlung der Gnade, eine eie, herzliche Vergebung. Zum Verweisen braucht man ehr Gnade als zu allem anderen. Wenn ich einen Bruder in bezug auf etwas Verkehrtes zur Rede stellen muß, ringt das eine tiefe Seelenübung mit sich, denn bevor man einen Verweis machen kann, braucht man ein außergewöhnliches Maß von Gnade; die Seele muß von Gnade durchdrungen sein, weil sonst das Fleisch so leicht zum Vorschein kommt. Es ist auffallend, daß es die Apostel sind, die sagen: „Vermehr uns den Glauben.“ Sie empfanden, was das für eine scharfe Probe sein würde; sie fühlten, daß dies die Kräfte der Natur mit ihrer ganzen Selbstbehauptung überträfe. Sie waren dem nicht gewachsen. Vielleicht fühlen wir auch dasselbe. Es erfordert eine große Menge Gnade, um verweisen zu können, das Fleisch gerät so leicht in Tätigkeit. Ich habe manchmal einen Verweis bekommen, und ich habe den Unterschied zwischen einem Verweise im Fleische und im Geiste empfunden. Sehr wenige Christen könnten einer Ermahnung in der Gnade Christi widerstehen; sie wären sehr hart, wenn sie es könnten. Wenn ich von Natur an anderen Unrecht sehe, so ist das eine Art Selbsterhöhung. Ein Verweis im Fleische neigt dahin, das Fleisch in uns aufzuregen, aber ein Verweis im Geiste dämpft uns.

Wenn der Herr Sich auf den Maulbeer-Feigenbaum bezieht, so deutete Er auf die tief eingewurzelte Selbstbehauptung des menschlichen Herzens hin. Der Herr warnt uns hier vor drei Dingen, die der normalen Wirkung der Erweisung der Gnade hinderlich sein können. Um die Gnade in die Praxis umzusetzen, müssen wir sehr klein sein; unsere Schwierigkeit besteht darin, daß wir zu groß sind; wir sind nicht klein genug, um die Grundsätze der Gnade auszuführen. Der Herr richtet hier das Augenmerk auf die Gnade: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn.“ Die Jünger wollten eine Vermehrung des Glaubens haben, aber der allerkleinste Teil des Glaubens wird einen neuen Grundsatz in die Seele einführen; es ist so klein, daß man ihn mit dem Kleinsten der Samen vergleichen kann, doch mächtig genug, um das völlige Entwurzeln des natürlichen Grundsatzes der Selbstbehauptung des menschlichen Herzens zu veranlassen.

Hier schildert der Herr den Glauben als klein; manchmal stellt Er ihn als groß dar, aber hier macht Er ihn so klein wie nur möglich. Der Glaube führt Gott ein, und wenn das den kleinsten Platz in der Seele bekommt, wird es zur Kraft, um von uns selbst frei zu werden; das „Ich“ wird hier nicht als gesetzlos oder wollüstig betrachtet, sondern als groß und wichtig. Bei Gott gibt es Macht, die ganze natürliche Selbstbehauptung des Menschen zu entwurzeln und so wirksam zu beseitigen. Das ist die wunderbare Wirkung davon, wenn dieser göttliche Grundsatz des Glaubens selbst im geringsten Grade in der Seele einen Platz hat; im Lichte Gottes kann man nicht selbst wichtig sein. Der Glaube führt Gott, der in Gnade erkannt worden ist, ein; im Lukasevangelium wird Gott in Gnade geoffenbart. Die Erkenntnis dessen, was Gott eingeführt hat, mag sehr gering sein, und der Herr nimmt an, daß der Glaube anfangs sehr klein sein kann, doch es ist Kraft darin vorhanden. Die Gnade sollte alles beherrschen; jede Tat, jedes Wort und jeder Gedanke sollten durch die Offenbarung Gottes in Gnade beherrscht werden. Es ist einfach, dies zu sagen, aber es bedeutet viel. Wenn deshalb ein Bruder sündigt, so kann man das, was aus Gott ist, zu seiner Wiederherstellung einführen, und zwar nicht weil wir geschädigt oder durch sein Verhalten uns gegenüber beleidigt worden sind, sondern damit wir die Freude der Gnade erleben möchten.

Wenn die Grundsätze des Gesetzes bei uns wirken, so gibt es nichts Schädlicheres, weil Gott diese Grundsätze als unnütz verworfen hat. Manchmal finden wir, daß sehr viel geistliche Gnade einem Sünder, der ein Trinker oder dergleichen ist, erzeigt wird, aber sehr wenig einem irrenden Bruder gegenüber. Das sollte nicht so sein. Das System des Gesetzes ist von Gott als nutzlos verworfen worden, und die Grundsätze des Gesetzes sollten nicht in der Versammlung Gottes wirken. Der Glaube ist das Licht Gottes, der in Gnade erkannt ist, und alles sollte sich nach dem Lichte der Offenbarung richten. Unser Verlangen ist nicht echt, wenn es nicht durch den Glauben gestaltet wird. In einem früheren Teil dieses Evangeliums haben wir eine Unterweisung in bezug auf das Gebet. Unsere Gebete und Wünsche werden durch die Erkenntnis Gottes, die uns durch die Offenbarung erreicht hat, gestaltet, und wenn wir nicht im Einklang damit beten, ist das kein christliches Gebet, denn jedes Gebet sollte durch die Offenbarung Gottes gestaltet sein.

Der Herr setzt diesen Gegenstand fort und zeigt, daß auch Fleiß und Treue in unserem Dienst zur Selbstbehauptung führen können, und wir denken, daß wir Rücksicht verdienen. Einmal hörte ich einen Mann sagen, er habe dem Herrn fünfzig Jahre lang gedient; er beanspruchte deshalb irgendeine Stellung, etwas, was ihm zukommen müsse. Ich bin sicher, daß wir älteren Brüder uns alle nur schämen können, daß unser Wachstum so gering ist; wenn wir alles getan haben, was wir tun mußten, sollen wir sagen: „Wir sind unnütze Knechte." Der Herr sieht voraus, daß Selbstbehauptung in Verbindung mit unserem Verlangen, Ihm zu dienen, aufkommen kann; das geschah sogar bei den Aposteln. Der Herr wußte, zu wem Er redete und kannte ihre Herzen. Er sah ihre Selbstbehauptung, daß sie darüber streiten würden, wer der Größte sein sollte, und Er sah auch einige, die eine besondere Stellung haben wollten. Der Herr wußte das alles und Er sagte zu ihnen: Ihr sollt Knechte sein, die geschickt werden zu tun, was ihnen befohlen ist, und dann sollt ihr dabei noch fühlen, daß ihr unnütz seid. Es ist gar nicht recht, euch zu loben, wenn ihr eure Arbeit getan habt, und zwar gut getan habt. Wir sollen keine Rücksichtnahme erwarten, sondern einfach das tun, was uns befohlen ist. Gnade ist dazu erforderlich, daß, wenn wir viel gearbeitet haben, wir von uns selbst nichts halten. Wenn Gott nach Seinem unumschränkten Willen uns erlaubt, irgendeinen kleinen Dienst zu verrichten, dann sollen wir alle Möglichkeiten unseres Dienstes ausschöpfen und es so treu und fleißig wie nur möglich tun; es ist aber kein Grund zur Selbstbehauptung dabei. Ich bin einfach ein Knecht, und es ist keine besondere Ehre für mich, daß ich das tue, was mein Herr mir befiehlt. Das Bewußtsein davon, wem wir dienen, würde uns demütig halten. Wenn wir die Größe Gottes vor uns haben und die Person, in der Er Sich uns in Gnade geoffenbart hat, so werden wir gar nichts von uns halten; wenn solche Gefühle in uns aufkommen, sollten wir sie im Geheimen verurteilen.

Keiner sollte sich selbst betrügen und meinen, diese Grundsätze seien bei ihm nicht zu finden; wenn er das dächte, wäre das Selbstbetrug. Wenn ich das aber verurteile, kann ich mit meinem Gott und meinem Meister und Herrn vorangehen; also kann ich meinem Herrn sagen, daß ich ebenso darüber denke wie Er. Ohne Zweifel wird der Herr sogar das Geben eines Bechers kalten Wassers empfehlen, loben und belohnen; dieses bezieht sich aber auf unsere eigene Gesinnung. Was halte ich von mir selbst? Große Werke und Verdienste rechnet uns der Herr nicht an. Kleine Dinge im Verborgnen, spricht Er, habt ihr Mir getan.

Der Knecht kehrt von draußen nach seiner Arbeit als Hirte und vom Pflügen zurück, um seinen Herrn zu bedienen und nicht, um von seinem Herrn geehrt zu werden. Er kehrt zurück in der wahren Gesinnung eines Dieners: „Wer über seinen Herrn wacht (eigentl.: auf seinen Herrn achthat), wird geehrt werden.“ Es ist ähnlich wie in Apg. 13; sie waren dort nicht mehr auf dem Felde beschäftigt, dort waren sie gewesen, und sie kamen in der Gegenwart des Herrn zusammen, und in der Gesinnung des Dienstes fasteten und dienten sie Ihm. Ein wahrer Diener, der seinen Herrn liebt, würde es schätzen und als einen Feiertag empfinden, wenn er Ihn bedienen darf. Der Herr hat einige Male gesagt: „Kommet ihr selbst her... besonders und ruhet ein wenig aus", aber dann haben wir mehr Beschäftigung als zuvor.

Hier sind zehn aussätzige Männer, die von ferne stehen. Was die Verantwortlichkeit angeht, so hat der Mensch gänzlich gefehlt - er steht deshalb moralisch in Verbindung mit den zehn Aussätzigen -, wenn sie aber von Gott gereinigt worden sind, ist es möglich, daß sie Gott einen Platz geben. Gott erwarb einen großen Platz bei dem samaritischen Aussätzigen; die Menschen empfinden es leichter, daß sie von Gott infolge ihres Aussatzes ausgeschlossen sind, und sie wünschen, befreit zu werden, als daß sie Gott wegen der Herrlichkeit, die Ihm infolge der Reinigung gebührt, wertschätzen. Der Zweck der Reinigung ist, daß Gott bei uns einen großen Platz erwerben möchte. Wir hören vielleicht, daß es an einem Ort viele Bekehrungen gibt, und wir zweifeln nicht daran; aber welchen Platz hat Gott in den Herzen dieser Menschen bekommen? Was ist für Gott darin vorhanden? Viele gehen einfach mit den Segnungen voran, wie die neun Aussätzigen, welche alles bekamen, was sie wollten; sie wurden aber nicht durch Gottes unmittelbares Tun an ihnen durch Jesum tief berührt.

Hier sehen wir den Herrn nicht mit den Aposteln oder Jüngern, sondern mit zehn aussätzigen Männern. Es zeigt, was der Mensch ist, der ein System des Hinzunahens zu Gott hat, das aber nicht vollkommen macht. Sie standen von ferne und flehten um göttliche Barmherzigkeit. Gott möchte aber in der Herrlichkeit, in der Er uns reinigt, erkannt werden, damit Er dem Herzen mehr bedeutet als das System, welches Er eingeführt hatte und immer noch anerkannte. Der zehnte Aussätzige wurde sehr durch das unmittelbare Verfahren Gottes mit ihm durch Jesum beeindruckt, und das verdrängte alles andere; Gott erlangte bei ihm einen Platz. Hier sehen wir die Vollkommenheit der direkten göttlichen Reinigung, womit der Priester nichts zu tun hatte. Wenn er damit nichts zu tun hatte, so war es eigentlich nicht nötig, für einen, der es schätzte, daß die Reinigung direkt von Gott durch Jesum vollbracht wurde, zu den Vertretern eines Systems zu gehen, das eigentlich durch das direkte Wirken Gottes inmitten Seines Volkes beiseitegesetzt worden war. Der Mann, der den Priester aus den Augen verlor, weil er vom Bewußtsein des direkten Verfahrens Gottes mit ihm erfüllt war, war Gottes „Zehntel". Es gibt heutzutage ein System, das die neun hält; sie werden aber nicht durch das System geheilt, noch werden sie vom System als rein anerkannt. Es kann keinen als rein erklären. Man mag von der Absolution (der kirchlichen Vergebung) reden, aber wenn man sorgfältig nachforscht, so ist nichts dahinter, denn alles ist unbestimmt.

Der Herr empfand es tief, wenn Er fragte: „Wo sind die neun?" Der zehnte Aussätzige bekam hier eine Bestätigung; er kehrte zurück und gab Gott die Ehre. Die größte Besorgnis des Herrn in bezug auf uns ist, daß Gott bei uns Seinen Platz haben möchte. Die Frage lautet: Was für Gedanken habe ich über Gott? Wird Er in meinen Zuneigungen verherrlicht? Dann bekommt Gott Sein „Zehntel".


Kapitel 18

Es waren „Tage des Sohnes des Menschen", als das Reich Gottes in Ihm auf dem Wege der Gnade dargestellt wurde, und es werden „Tage des Sohnes des Menschen" sein, wenn alles Böse bei Seinem Kommen hinweggetan werden wird. Zwischen diesen beiden Abschnitten kommt die Zeit des Leidens und der Verwerfung (Kap. 17, 25), woran auch die Auserwählten Gottes teilhaben. Das gibt der gegenwärtigen Zeit das Gepräge. Alles wird moralisch im Lichte der Tage des Sohnes des Menschen beurteilt. Dieser Ausdruck deutet auf die Glückseligkeit hin, welche jedem dieser Tage eigen war im Gegensatz zu den darauffolgenden Tagen, wo die Bosheit des Menschen heranreifen würde. Der Glaube würde alles das in Gegensatz zu dem stellen, was die Tage des Sohnes des Menschen kennzeichnete. Es ist gut, die Tage des Dienstes Christi hienieden im Gegensatz zu den 1260 Tagen in Offb. 11 zu betrachten. Während der Tage Christi hienieden brachte jeder Tag irgendeinen neuen Wesenszug der Gnade des Herzens Gottes ans Licht. Jetzt haben wir einen neuen Maßstab, der viel höher als derjenige des Gesetzes und der Propheten ist, nach dem wir alles beurteilen können.

Während der Zeit der Verwerfung und des Leidens ist das Gebet eine große Hilfsquelle: „Er sagte ihnen, daß sie allezeit beten und nicht ermatten sollten." Dabei (Vers 7) geht es um das Erleiden von Unrecht, ohne daß Abhilfe da ist. Während Gott langmütig wartet, erhebt sich Tag und Nacht das Schreien Seiner Auserwählten. Es ist eine Zeit der Langmut Gottes, und Er will Seine Heiligen auch zur Langmut erziehen. Es ist alles vor Gott vorhanden, um alles zurechtzubringen; aber für den Augenblick ist Gebet und nicht Vergeltung unser Teil. Wenn ein ungerechter Richter, der Gott nicht fürchtet und von moralischen Dingen nichts hält, dennoch Recht schafft, um nicht andauernd belästigt zu werden, wieviel mehr wird Gott es tun, der solch einen innigen Anteil an Seinen Auserwählten nimmt und auf ihr Schreien hört!

Wir sehen in den Versen 10–13, daß der Mensch, der sich selbst erniedrigt und sich auf die Erbarmungen Gottes wirft, gerechtfertigt wird. Wenn wir gesinnt sind, uns selbst zu erhöhen, so bedeutet das nur, daß wir erniedrigt werden müssen. Wenn wir etwas in dieser Gesinnung tun, werden wir erniedrigt werden. Nichts demütigt eigentlich den Menschen mehr als das Bewußtsein der Sünde. Es geht nicht um ein Vorgeben, demütig zu sein, sondern um wahre Demütigung. Der Weg der göttlichen Erhöhung ist das Herniederbringen und Hinwegtun des Menschen. Wir müssen lernen, gar nichts von uns zu halten, denn dann wird Gott etwas von uns halten; zuerst rechtfertigt Er uns und dann erhöht Er uns, wenn wir die Erbarmungen Gottes in Christo wertschätzen. Er ist der große Ausdruck des göttlichen Erbarmens. Der Zöllner sagt: „O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!" Der einzige andere Vers, in welchem dieses Wort vorkommt, ist Hebr. 2, 17: „Auf daß er ... ein barmherziger und treuer Hoherpriester werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen." Es steht ein ähnliches Wort in 1. Joh. 2, 2 und 4, 10, und eine andere Form davon ist „Gnadenstuhl“ in Röm. 3 und Hebr. 9. Es enthält den Gedanken der Sühnung. Soweit wie es zu jener Zeit möglich war, hatte der Mann in Vers 13 unseres Kapitels den Gedanken des Todes Christi als den Ausdruck des göttlichen Erbarmens erfaßt, der deswegen jede Sünde der göttlichen Herrlichkeit entsprechend hinwegtat. Es ist nicht das gewöhnliche Wort für Erbarmen, das auf zärtliche Gefühle des Mitleids und der Güte hindeutet, sondern hier ist es eine deutliche Anspielung auf Sühnung für die Sünde. Dieser Mann kam auf Grund des Todes Christi in den Tempel, und er ging gerechtfertigt und erhöht in sein Haus hinab. Das sollte in unseren Seelen aufrechtgehalten werden, so daß wir, was uns betrifft, bei Gott niemals auf einer anderen Grundlage stehen. Es ist die wahre Grundlage des Friedens, und das gibt uns die Stellung von Kindlein, die Jesus berühren und denen Er das Reich Gottes geben kann.

Das Reich wird hier als etwas betrachtet, das zuerst empfangen und dann betreten werden soll. Ich nehme an, daß der gerechtfertigte und erhöhte Mensch in Röm. 5,1–11 zu sehen ist; aber das Reich Gottes zu empfangen, bedeutet in den Reichtum einzugehen, der in einem anderen Menschen vorhanden ist (Röm. 5, 12–21). Die Kindlein werden als solche betrachtet, die nichts aus sich selbst haben, sondern alles durch die Berührung Jesu empfangen. Sie wurden zu Ihm gebracht, auf daß sie die ganze Güte, die in einem anderen war, empfangen sollten — die Gnade Gottes und die freie Gabe in Gnade. Diejenigen, die die Überschwenglichkeit der Gnade und die freie Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben. Ihnen gehört ein Leben, das alles übertrifft; sie sind tot der Sünde und dem Gesetze gegenüber und dem Fleische überlegen; sie leben in Christo Jesu und sind mit Ihm im Sinne der Ehe verbunden, weil der Geist in ihnen wohnt; aus sich haben sie nichts, doch sie haben alles durch die Berührung Jesu. Die Lehre darüber ist im Römerbrief, die lebendige Erläuterung aber in dem Evangelium. Das Evangelium wird gepredigt in der Apostelgeschichte, gelehrt im Römerbrief und erläutert in den Evangelien. In dieser Weise kommen wir zu dem Herrschen der Gnade in der Seele des Gläubigen; sie herrscht durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben. Das bedeutet, in das Reich einzugehen, um das wahre Leben des Reiches zu genießen.

Der Oberste in Vers 18 war diesen Weg gar nicht gegangen. Er kam wie ein guter Mensch zu einem anderen; er hatte nicht gelernt wie der Zöllner, sich im Bewußtsein seiner Sünde zu demütigen, und er dachte gar nicht daran, etwas wie ein Kindlein zu empfangen, und deswegen war er gar nicht auf die Probe, die der Herr ihm stellte, vorbereitet. Der Herr erlaubte nicht, daß man sich Ihm in dieser Weise näherte. Er war hienieden, um der gepriesene Zeuge von der Güte zu sein, die in Gott für den Menschen vorhanden war. Er wollte nicht einmal die Stellung einnehmen, daß Er gut sei, sondern Er wollte alles Gute von Gott empfangen (Ps. 16). Wenn Er Güte empfing, konnte Er sie austeilen. Der Oberste wurde augenscheinlich durch Seine freigebige Güte angezogen, und er kam als ein guter Mensch, um etwas von einem anderen guten Menschen zu lernen. Etwas zu empfangen, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen; ihm fehlte das Bewußtsein, daß er etwas empfangen mußte. Der Herr mußte den wahren Zustand seines Herzens vor ihm bloßstellen; er war nicht gut, obwohl er glaubte, gut zu sein. Er hatte nichts, was als genügender Beweggrund zum Aufgeben seiner Güter gelten konnte. Der Beweggrund zum Aufgeben ist das Reich Gottes, aber er kannte es gar nicht. Er liebte sich selbst und seine Reichtümer; er war zum Aufgeben derselben nicht bereit. Keiner von uns wird den Grundsatz des Aufgebens verwirklichen, bis wir im Reiche Gottes dazu einen angemessenen Beweggrund haben.

Der Herr spricht vom Verlassen von Häusern, Eltern, Brüdern, von Weib und Kindern um des Reiches Gottes willen. Man muß den Wert des Reiches Gottes verstehen, um dazu bereit zu sein, hienieden alles aufzugeben, und dieser Mann hatte niemals den Wert des Reiches Gottes erkannt, er verstand ihn nicht. Wir müssen verstehen, worin der Gewinn des Reiches besteht; es ist etwas sehr Vorteilhaftes, es ist etwas, was empfangen werden muß. Kleine Kindlein empfangen es. Wenn es bei uns noch Selbstbehauptung gibt, können wir es nicht empfangen.

Der Herr prüfte nicht diesen Mann durch die Gebote; Er vermied absichtlich alles im Gesetz, was ihn bloßstellen konnte. Die Gebote, die er gehalten hatte, hatten ihn eigentlich nicht in bezug auf das Aufgeben geprüft. „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsches Zeugnis geben; ehre deinen Vater und deine Mutter. Er aber sprach: Dies alles habe ich beobachtet von meiner Jugend an." Man kann alles das beobachten, ohne wirklich etwas aufzugeben.

Das ist der dritte große Grundsatz des Reiches. Wenn du etwas, was aus Gott ist, anstrebst, bist du dann auch bereit, etwas für Gott aufzugeben? Ist Gott dir etwas wert? Hast du solch einen Reichtum in der Erkenntnis Gottes, daß du bereit bist, etwas aufzugeben? Dieser Jüngling war dazu nicht bereit; er hatte alle Dinge beobachtet, die kein Aufgeben erforderten. Viele Menschen könnten sagen, daß sie diese Dinge von ihrer Jugend an beobachtet haben. In diesem Evangelium bringt der Herr fortwährend ans Licht, daß Dinge, die an und für sich recht sind, dem Segen der Seele hinderlich sein können. Es handelt sich dabei nicht um ausgeprägte Sünden, sondern darum, daß Dinge, die an sich gut und recht sind, hinderlich sind. Wenn man einen Schatz in den Himmeln haben will, muß hienieden etwas in irgendeiner Form aufgegeben werden. Alle Reichtümer, die ein Mensch haben mag, die nicht zum Reiche Gottes gehören, werden ihn daran hindern, darin einzugehen; natürlicherweise wirken sie so. Der Herr hat nicht schlechte Dinge im Sinn, sondern Dinge, an denen man sich sogar dem Gesetz nach bereichern durfte, die aber nicht das Reich Gottes sind. Solche Dinge geben uns die Gelegenheit zum Aufgeben. Möchten wir nachsehen, ob bei uns nicht etwas ist, das wir aufgeben müssen; es handelt sich dabei um erlaubte Dinge, die aber nicht das Reich Gottes sind.

Dann werden wir, wie der Herr sagt, „Vielfältiges empfangen... in dieser Zeit und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben." Das ewige Leben ist das dem Reiche entsprechende Leben; wenn das Reich öffentlich aufgerichtet werden wird, werden alle, die darin sind, ewiges Leben haben – „in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben" (Vers 30). Ewiges Leben ist eine Gabe, aber es ist auch ein Ziel und ein Kampfpreis. Der Weg dahin führt über den Pfad des Aufgebens; das vollzieht sich nicht durch menschliche Anstrengungen, sondern durch das mächtige Wirken Gottes in der Seele. Es ist bei Menschen unmöglich, bei Gott aber möglich. Wenn ein Mensch sich Gott zukehrt und den Segen Gottes wünscht, findet er, daß es etwas gibt, was er aufgeben muß. Die Probe besteht darin, ob wir bereit sind, das, was erlaubt ist, aufzugeben; es kann etwas sein, was wir ohne Gewissensbisse behalten dürften. Wir werden dadurch geprüft, welchen Wert das Reich Gottes in unseren Augen besitzt. Hat es den Wert, daß man um seinetwillen etwas aufgeben sollte? Die Jünger sahen in Jesu etwas, was sie zum willigen Verzicht antrieb; sie verließen ihre Schiffe und Netze, und einige von ihnen verließen ihren Vater; sie gaben alles auf, weil sie etwas empfangen hatten. Sie verzichteten nicht, um etwas zu bekommen, sondern weil sie den Wert, den Jesus für sie hatte, wahrnahmen.

Dieser Oberste war keinem Druck seiner ausgesetzt; seine Schwierigkeit bestand darin, daß er zu viel hatte und es liebte, und der Herr mußte ihm einprägen, daß er nicht gut war. Er dachte, er hätte alle Gebote beobachtet, und er fühlte sich von der Verwaltung der Güte in der Hand Jesu angezogen; er mußte aber eine demütigende Belehrung hinnehmen, und zwar, daß er gar nicht gut war, und das kam darin zum Vorschein, daß seine Güter ihm mehr bedeuteten als die Entfaltung der Güte. Wenn wir uns darauf einstellen, auf den Wegen Gottes zu wandeln, so erfahren wir, daß es etwas gibt, was wir aufgeben müssen. Ein Neubekehrter findet das schon am ersten Tage seines neuen Lebens heraus, und wenn er diesen Grundsatz nicht befolgt, kann er nicht mit Gott vorangehen. Um Christi willen erlitt Paulus den Verlust aller Dinge; er gab alles völlig auf, er verlor seinen guten Ruf, seine Mittel und seine Freunde. Alles war dahin, aber er erlitt alles „um Christi willen" - das war der Beweggrund.

Nach der Darstellung im Lukasevangelium ist das Reich Gottes dieses ganze System der Gnade, die in dem Herrn Jesu verkörpert war. Es ist das Herrschen der Gnade, das in Jesu dargestellt wurde, so daß diejenigen, die es empfangen, die Gabe der Gerechtigkeit, die Fülle der Gnade und ewiges Leben empfangen; es ist aber alles in einer Person zusammengefaßt - so wird das Reich Gottes im Lukasevangelium dargestellt. Zuerst muß es gesehen und empfangen werden, dann können wir hineingehen. Der Herr sagte zu Nikodemus, wenn jemand nicht von neuem geboren ist, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Um es zu sehen, ist die neue Geburt erforderlich; wenn es aber gesehen wird, muß eine Bewegung erfolgen, um hineinzugehen. Ich mag einen schönen Garten sehen, es ist aber etwas anderes, hineinzugehen. Das Reich Gottes wird zuerst gesehen, dann muß man hineingehen; wir gehen hinein, indem wir Jesus praktisch nachfolgen. Es waren nur diejenigen, welche Gegenstände des Werkes Gottes waren, die sehen konnten, was in Jesu vorhanden war. Heute ist es ebenso; Millionen Menschen wissen etwas über Jesum, sie sehen in Ihm aber nichts, was es wert wäre, etwas aufzugeben.

Die Jünger sagen (V. 26): „Wer kann dann errettet werden?" Sie dachten natürlicherweise, daß, je mehr Reicht 

tümer ein Mensch besäße, er desto mehr die Gunst Gottes genösse; aber der Herr bringt hier das Gegenteil davon ans Licht. Er zeigt, daß Reichtümer einen Menschen daran hindern können, die Gunst Gottes zu erlangen, so daß sie, anstatt ein Beweis des Segens Gottes zu sein, auch seine Entfernung von Gott beweisen können. Der ganze Zustand des Menschen war verkehrt; er war verloren, und er brauchte göttliche Errettung. Er hatte Christum nötig, und je mehr er von dem hatte, was nicht Christus war, desto unwahrscheinlicher war es, daß er Christum empfangen würde.

„Vielfältiges" in dieser Zeit ist nicht das, was der natürliche Mensch schätzt. Gott hat die Dinge in Seine Hand genommen; das ist das Reich, in einer sehr einfachen Weise ausgedrückt. In Jesu hat Er alles dargereicht, was der Not des Menschen, der ein gefallenes und sündiges Geschöpf ist, gerecht werden kann; Er hat es von Sich aus getan. Alle Rechte Gottes wurden durch Jesum aufrecht erhalten; Er hat die Erbarmungen Gottes eingeführt; Seine Güte, Seine Barmherzigkeit und Seine Errettung sind in Jesu vorhanden; und wenn sie aufgenommen werden, wird der Mensch umgewandelt. Alle seine Gedanken über sich selbst sind dann verändert, er denkt dann anders über die Welt, die Reichtümer und alles andere. Der Mensch beginnt in der Glückseligkeit zu leben, die Gott in Jesu kundgemacht hat. Im Herrn gibt es Quellen, und wir können sie niemals endgültig erschöpfen. Ich habe Einen, der mich nicht nur von meinen Sünden erretten und von der Furcht vor dem Gericht befreien kann, sondern Er ist auch eine lebendige Hilfsquelle, so daß ich zu Ihm gehen, Ihm alles anvertrauen und auf Ihn rechnen kann; das ist das Reich. Der Segen einer Seele, der Eingang in das Reich und die Errettung sind bei den Menschen unmöglich, es sind ber göttliche Möglichkeiten. Wir haben es mit einem System von Dingen zu tun, die bei den Menschen unmöglich sind. Wenn wir zu Gott und zu Christo kommen, so stehen die Dinge allen zur Verfügung; es handelt sich nicht um den guten oder schlechten Menschen, den reichen oder den armen Menschen, sondern darum, was Gott und Christus für alle Menschen sind.

Es handelt sich auch um den Tod Christi, von dem Er hier zu den Jüngern zu sprechen beginnt (Vers 31). Die Jünger verstanden es nicht, und ich glaube, daß es wenig Dinge gibt, über die wir so wenig wissen, wie über die Bedeutung des Todes Christi. Der Herr hatte schon vorher (Kap. 9, 22) zu ihnen gesagt, daß Er getötet werden und in die Hände der Menschen überliefert werden sollte, und es wird uns gesagt: „Sie verstanden nichts von diesen Dingen, und dieses Wort war vor ihnen verborgen, und sie begriffen das Gesagte nicht." Sie hatten geurteilt, daß Er der Christus Gottes war (Kap. 9), aber sie hatten niemals die Notwendigkeit Seines Todes eingesehen. Ich glaube nicht, daß dies ohne den Geist verstanden werden kann.

Der Tod Christi ist so wunderbar und außerordentlich tief, daß die Jünger das scheinbar gar nicht erfaßt hatten; es war aber nicht aus Mangel an Bemühungen von Seiten Gottes, diese Dinge begreiflich zu machen, denn die Schriften sind davon erfüllt. Der Sohn des Menschen konnte Seine Stellung der weltweiten Überlegenheit nur auf Grund des Erleidens des Todes einnehmen. Durch die Gnade Gottes sollte Er der große Leidtragende sein. Dieser Vorfall zeigt, wie viel wahre Wertschätzung Christi vorhanden sein kann, und sogar die Bereitwilligkeit, um Seinetwillen auf gewisse Dinge zu verzichten, ohne die Notwendigkeit Seines Todes zu verstehen. Durch die Gnade Gottes hatte Er es vor, alles auf die Grundlage Seines Todes zu stellen. Die Leiden und der Tod des Sohnes des Menschen brachten die Gnade Gottes in solch einer wunderbaren und so tiefen Weise zum Ausdruck, und es war von so weittragender Bedeutung, daß dies im voraus nicht verstanden werden konnte. Wie Petrus sagt, verstanden die Propheten nicht die Dinge, die sie schrieben. Das Unvermögen der Jünger, diese Dinge wahrzunehmen, wird in dem Blinden anschaulich gezeigt. Er hatte den Glauben an den Sohn Davids, den sie auch hatten; aber sie bedurften des geistlichen Sehvermögens, um Jesus auf dem weiteren Gebiet der Herrlichkeit des Sohnes des Menschen zu sehen; sie mußten ebenfalls einsehen, daß Er alles, was dem Menschen nach dem Vorsatze und den Ratschlüssen Gottes gehörte, auf Grund Seines Todes aufrichten würde. Die Augen des Blinden im Johannesevangelium wurden geöffnet, um den Sohn Gottes zu sehen, ich glaube aber, daß der Blinde im Lukasevangelium sehend gemacht wurde, um den Sohn des Menschen zu sehen und Ihm nachzufolgen. Für die Volksmenge war Er „Jesus, der Nazaräer", für den Blinden aber war Er der Sohn Davids, und als er sehend wurde, empfing er dem Bilde nach die Fähigkeit, Ihn als den Sohn des Menschen zu sehen und Ihm nachzufolgen.

Der Herr nennt Sich hier den Sohn des Menschen (Vers 31). Er suchte ihre Herzen wie auch die unsrigen mit allem zu beschäftigen, was mit Ihm als solchem verbunden ist. Er war im Begriff, das dem Sohne des Menschen bestimmte Erbe anzutreten, und zwar auf Grund Seines Todes, durch den Er von allem loskaufte, was infolge der Sünde des Menschen darauf lastete. In den Gedanken des Juden war der Sohn des Menschen mit der weltweiten Herrschaft nach Psalm 8 verbunden; Er war nicht nur der Sohn Davids, sondern auch der Sohn des Menschen. Der Herr sprach sehr oft von Sich in den Evangelien als dem Sohne des Menschen; dieser Titel bezieht sich auf Ihn als Denjenigen, der weltweite Herrscherrechte besitzt; das Wunderbare dabei ist aber, daß Er diese Herrschaft auf Grund Seiner eigenen Leiden und Seines Todes antreten sollte. Er sollte das Erbe von allem, was ihm durch die Sünde des Menschen anhaftete, befreien.

Das ist oft anschaulich erläutert worden durch ein stark verpfändetes Gut, und der Erbe will es von allen Schulden und Belastungen befreien, ehe er das Erbe als Alleinbesitzer antritt. Sünde war da und Leid, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Eitelkeit, die Knechtschaft des Verderbens, Tod - es war eine Last auf dem Erbe, von welcher niemand wußte und welche von niemandem verstanden wurde als nur von dem Erben und von Demjenigen, der von Ewigkeit her beabsichtigte, alles Sein werden sollte. Die Jünger verstanden nicht, wie belastet das Erbe war. Sie glaubten, daß Jesus der Christus und von Gott war. Sie sahen, daß Er imstande war, in göttlicher Kraft allem Bösen, das auf Erden war, entgegenzutreten, sie hatten solche Fälle jeden Tag gesehen; sie konnten aber nicht begreifen, wie stark das Erbe des Sohnes des Menschen belastet war. Alles war Sein Erbe, doch allein Sein Leiden und Sein Tod konnten es von den darauf lastenden Schulden loskaufen. Das gibt uns einen großen Gedanken von Jesu als dem Sohne des Menschen. Ein besonderes geistliches Sehvermögen ist erforderlich, um die weite Ausdehnung des Erbes des Sohnes des Menschen wahrzunehmen, und das schreckliche Wesen dessen, was auf ihm infolge der Sünde lastete, zu erkennen. Den Ratschlüssen Gottes gemäß hat es der Erbe unternommen, das Erbteil loszukaufen; Er wollte keine einzige Belastung darauf lassen, so daß, wenn Er das Erbe antritt, Gott im Weltall keine Schmach anhaften wird. Die Heiligen werden Seine Miterben sein. Die Jünger dachten, daß die Kraft, die sie in wohltätiger Güte wirksam gesehen hatten, genügte, um das Reich herbeizuführen; sie brauchten aber Sehkraft durch den Geist, um einzusehen, daß Leiden und Tod der göttliche Weg waren, um das, was Gott im Sinn hatte, zustande zu bringen.

Jetzt ist alles vollbracht, und der Sohn des Menschen ist am dritten Tage auferstanden. Obwohl das Erbteil öffentlich noch nicht erlöst ist, ist aber das Werk vollbracht, durch welches es erlöst werden wird. Unterdessen sind die Miterben Mitleidende, aber sie leiden in dem vollen Ausblick auf die kommende Herrlichkeit. Das Öffnen der Augen der Blinden war ein dem Messias vorbehaltenes Wunder. Jericho erinnerte den Herrn daran, was sich dort vor Jahren zugetragen hatte. Sogar in Jericho wurde etwas für Gott gefunden; das Werk Gottes war in der Seele der Rahab vorhanden gewesen. Überall, wo der Herr wandelte, brachte Er das Werk Gottes in den Seelen ans Licht. Jericho war nicht nur die Festung der Macht des Feindes, sondern es war auch der Platz des Werkes Gottes, und es ist augenscheinlich, daß in dem blinden Bettler und in dem reichen Oberzöllner ein Werk Gottes vorhanden war. So ist es heute, wenn der Herr Sich im Zeugnis bewegt, wird das Werk Gottes ans Licht gebracht.

Der Blinde hier stellt diejenigen dar, die durch das Wort Jesu die Fähigkeit, die Bedeutung Seiner Leiden und Seines Todes zu verstehen, empfangen haben. Als Er vorüberzog, brachte der Herr das Werk Gottes in den Seelen ans Licht. Bei diesen zwei Geschehnissen in Jericho (Kap. 18, 35-43 und Kap. 19, 1-10) finden wir eine Volksmenge. Der Herr verwehrte nicht der Volksmenge, Ihm zu folgen, aber Sein Auge ruhte auf den einzelnen, in denen ein Werk Gottes vorhanden war. Beim blinden Bettler war Glaube da, aber es fehlte ihm das Augenlicht. Die Jünger kannten Christum dem Fleische nach; für den Blinden war Er der Sohn Davids. Er wollte aber in den Tod gehen und auferstehen; Er stand im Begriff, über allem als Sohn des Menschen zu herrschen. Das erforderte Sehvermögen. Saulus sollte sehen und mit dem Heiligen Geiste erfüllt werden (Apg. 9). Wenn der Herr das Werk Gottes ans Licht brachte, ließ Er die Dinge niemals so, wie Er sie vorfand. Dem Blinden hatte man zweifellos gesagt, daß der Messias die Augen der Blinden öffnen würde: „Die Augen der Blinden werden sehen" (Jes. 29, 18). Der Fluch wurde über Jericho verhängt, und man kann sagen, er wurde dem Bilde nach durch Elisas Tat beseitigt (2. Kön. 2, 19-22). Das Wasser wurde gesund, und es sollte keine Unfruchtbarkeit mehr geben; das gleicht dem Aufheben des Fluches. Elisa stellte die Gnade Gottes dar; sein Name bedeutet „das Heil Gottes“, und wenn das Heil Gottes dorthin kommt, wo der Fluch war, so wird er beseitigt.

Es ist bemerkenswert, daß die Geschichte Jerichos Fluch und Segen aufweist; die Hauptsache ist aber zu verstehen, daß das Werk Gottes dort vorhanden ist. Es war dort in Rahab, in dem Blinden und in Zachäus. In ihren Seelen wirkte etwas, was aus Gott war, und indem der Herr umherzog, kam es ans Licht, ebenso wie jetzt, wenn das Evangelium gepredigt wird, kommt das Werk Gottes in den Seelen ans Licht, und wir finden Personen, die interessiert und angezogen werden. In Jericho, der Stadt der Palmen, erreichte Gott Seinen eigenen Sieg; der blinde Bettler und der reiche Oberzöllner wurden beide zu Palmbäumen, und dieser Ort, der von der Macht des Feindes und von dem Fluch Gottes redete, wurde zum Schauplatz des göttlichen Sieges und Triumphes.

Jesus stand still (Vers 40). Es war eine Volksmenge da, aber Sein Auge war auf die gerichtet, in denen von Gott gewirkte Seelenübungen zu finden waren. Viele kommen zu den Zusammenkünften, die den Volksmengen gleichen können, mit einem gewissen Interesse für den Herrn und Seine Dinge, aber ohne bestimmte Seelenübungen; deswegen kommen und gehen sie, und sie bekommen nichts Bestimmtes. Der Herr schaut immer nach Seelenübungen im Herzen aus, und wenn jemand mit einer echten Seelenübung zur Zusammenkunft kommt, ist der Herr um diesen einen besorgt. Er bringt das Werk Gottes ans Licht, und Er läßt niemals dieses Werk, wie Er es vorfindet; Er fügt immer etwas hinzu. Wenn wir es in irgendeiner echten Seelenübung mit dem Herrn zu tun haben, können wir ganz sicher sein, daß Er uns etwas hinzufügen wird. Wir glauben nicht, wie bereitwillig der Herr ist; wir scheinen zu denken, daß wir unsere Lasten tragen und unsere Seelenübungen durcharbeiten müssen, aber Er stellt Sich uns immer zur Verfügung, wenn Ihm Raum gegeben wird, so daß Er Sich einschalten kann.

Nichts könnte größer sein, als daß wir die Fähigkeit zu sehen - geistliche Sehkraft - besitzen möchten. Die Sehkraft liegt in dem Geiste; es geschieht durch den Geist, daß wir sehen können. Sehvermögen unterscheidet sich vom Glauben. Dieser Mann hatte Glauben, ehe er Sehvermögen bekam. Sehen ist nicht glauben – es ist viel größer. Der Prophet Elisa sagte: „Jehova, öffne doch seine Augen, daß er sehe." Es war eine ganz außerordentliche Ansammlung von Dingen tatsächlich vorhanden, aber unsichtbar. Wir müssen Sehkraft haben, um den wunderbaren Charakter der jetzt vorhandenen Dinge zu sehen. Paulus redet über diese wunderbaren Dinge: „...indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht" – er hatte die Fähigkeit, unsichtbare Dinge anzuschauen. Ich kenne keinen größeren Beweis der göttlichen Gunst, als daß wir fähig sind, die unsichtbaren Wunder Gottes in Verbindung mit dem aus den Toten auferstandenen Sohne des Menschen zu sehen. Ananias sagte zu Saulus: „Der Herr hat mich gesandt, Jesus... damit du wieder sehend und mit Heiligem Geiste erfüllt werdest." Er sollte alles in einer neuen Weise in Verbindung mit dem Heiligen Geiste sehen. Es ist eine völlig neue Fähigkeit, und in Joh. 14 wird sie unmittelbar mit dem Geiste verbunden, wo der Herr von dem neuen Sachwalter spricht und sofort darauf sagt: „Ihr aber sehet mich.“ Das Ergebnis der Gabe des Geistes ist die Fähigkeit, eine unsichtbare Person zu sehen.

Die Evangelien geben anschauliche Erläuterungen von solchen Dingen, die vor dem Tode Christi und dem Herniederkommen des Geistes noch nicht in Kraft verwirklicht werden konnten; sie werden aber in den Evangelien anschaulich erläutert. Die Fähigkeit, diese Dinge zu sehen, ist ein sehr großes Vorrecht und eine von Gott verliehene Kraft. Die Schrift sagt: „Der Glaube ist aus der Verkündigung." Es ist sehr gesegnet, eine Verkündigung über Gott und Christum zu hören und ihr zu glauben; das Ergebnis des Glaubens ist aber, daß man den Heiligen Geist empfängt, und dann hat man die göttliche Fähigkeit, geistliche Dinge wahrzunehmen. Es ist nicht nur, daß wir dem glauben, was wir hören, sondern wir haben auch die Fähigkeit, es wahrzunehmen - das ist eine wichtige Unterscheidung. In Psalm 8 ist ein neues Weltall vorhanden, welches das Herrschaftsgebiet des Sohnes des Menschen ist; Er wird das Erbteil von jeglicher Belastung und von allem, was nicht passend ist, erlösen, so daß es Gottes und des Erben würdig sein wird. Die Heiligen, die den Geist haben, sehen dies, so daß jenes Weltall größer und wirklicher für uns ist als alle gegenwärtigen Dinge in dieser Welt. Diese Welt vergeht unter dem Gerichte des Kreuzes; das Kreuz bedeutet das Ende dieser Welt, in welcher wir einst lebten, und zu welcher wir einst gehörten. Jetzt haben wir eine andere Welt vor uns. „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns aber hat Gott es geoffenbart durch seinen Geist.“ Die Augen des Paulus waren geistlich auf dieses unsichtbare Gebiet gerichtet. Wir haben noch nicht tatsächlich das Weltall der Glückseligkeit, aber wir haben die Person, welche es herbeiführen und durch den Geist erfüllen wird, und wir sind fähig, Ihn zu sehen. „Wir sehen Jesum, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." Es sind nur diejenigen, die den Geist haben, die Ihn sehen können. Nachdem Elia aufgenommen worden war, gab es fünfzig Männer, die Elisa helfen wollten, Elia zu finden. Die Söhne der Propheten waren zweifellos sehr kluge Männer, eine Art theologisches Seminar, aber sie konnten nicht sehen, sie waren blind. Sie sagten, der Geist Gottes habe Elia auf einen der Berge oder in eins der Täler geworfen - was für einen Begriff hatten sie von Gott! Er wurde entrückt und in den Himmel getragen, und sie dachten, er sei in irgendeinem Tale und baten um Erlaubnis, ihn suchen zu gehen! Heutzutage ist es ähnlich; die Leute sprechen und unterhalten sich über Christum. Für uns ist aber der Ausgangspunkt: „Wir sehen Jesum." Wenn es mehr Sehvermögen gäbe, so wäre auch mehr Kraft vorhanden. Die Schrift sagt: „Wenn kein Gesicht ist, wird ein Volk zügellos." Glaube genügt nicht; wir benötigten Kraft, um zu sehen. Wenn kein Gesicht ist, haben die Menschen nichts als den Buchstaben der Schrift; es besteht aber ein ganzes System der Dinge, eine glückselige, geistliche Welt, welche mit dem aus den Toten auferstandenen und zur Rechten Gottes verherrlichten Sohne des Menschen verbunden ist. Wenn man das sieht, hat man mit der religiösen Welt völlig abgeschlossen. Es geht nicht darum, daß die Menschen heutzutage die Bibel nicht haben - Bibeln werden jedes Jahr zu Tausenden gedruckt -; aber um Sehvermögen zu haben, muß man den Geist empfangen haben und Ihm Raum geben, damit man die Dinge mit dem Gesichte des Geistes betrachten kann.

Der Geist läßt uns das, was zur Rechten Gottes ist, sehen. Ich habe den Menschen oft gesagt, daß, wenn sie Auskunft in bezug auf das Geschehen aus erster Hand haben wollen, sie ihre Augen zur Rechten Gottes emporheben müssen. Die erste Bewegung wird dort vor sich gehen. Der Christ, dessen Augen auf Christum zur Rechten Gottes gerichtet sind, wird der erste sein, der Auskunft bekommen wird über das, was Gott auf Erden tun wird. Wir sollten die prophetische Weltordnung im Lichte des Himmlischen betrachten. Es wurde dem Johannes gesagt: „Komm her“ (hier herauf); also müssen wir, um die Weissagung zu verstehen, in den Himmel hinaufsteigen und dann herniederschauen.

Der Herr war auf dem Wege nach Golgatha, um zu leiden und zu sterben, und der Blinde, der seine Sehkraft empfing, folgte Ihm auf diesem Wege. Er ging mit Jesu zusammen aus dem ganzen System dieser Welt hinaus.


Kapitel 19

Wir haben gesehen, daß der Herr in Kap. 18 einem Menschen in Jericho die Sehkraft gibt und daß der Ihm nachfolgt; der Herr wird der große Gegenstand für diejenigen, die Sehkraft haben. Dann bekommt der Herr in Zachäus noch ein Haus. Der Herr wußte, daß in Jericho ein Haus war, in dem man Ihn willkommen heißen würde. Der Herr war auf dem Wege nach Golgatha, in den Tod, und der Blinde empfing sein Sehvermögen und folgte Ihm auf dem Wege, nämlich auf diesem Wege; er verließ mit Jesu das ganze gegenwärtige System. Zachäus hatte einen Platz, wohin der Herr kam, um bewirtet zu werden, und wo Er bleiben und die Errettung bringen konnte. Das Werk Gottes war dort in Zachäus vorhanden, und er suchte Jesum zu sehen, und während er sich für sehr unwürdig hielt, erwartete er nur, einen Blick vom Herrn zu bekommen; es war aber ein Haus vorhanden, das für den Herrn gehalten wurde.

Diese zwei Begebenheiten stellen zwei wichtige Seelenübungen dar, nämlich die Fähigkeit, das zu sehen, was vollständig außerhalb der gegenwärtigen Ordnung der Dinge liegt, und dann das Vorrecht, ein Haus zu haben, wo man unter den gegenwärtigen Umständen den Herrn empfangen kann. Das Zeugnis des Herrn liegt in einem großen Maße in den Häusern der Heiligen, so daß das, was in den Versammlungen vor sich geht, sehr von dem abhängt, was in den Häusern vor sich geht. Ich glaube nicht, daß wir in den Zusammenkünften etwas geistlich Wertvolles haben können, was den Wert dessen übersteigt, was in den Häusern der Heiligen zu finden ist. Bei dem neuen Speisopfer wurden die Webebrote aus ihren Wohnungen gebracht; es ist etwas Wunderbares, wenn das Tausendjährige Reich schon in den Häusern aufgerichtet worden ist.

Wir haben bemerkt, wie der Herr im Vorbeigehen das Werk Gottes in den Seelen ans Licht brachte; es war ein Werk bei dem Blinden und bei Zachäus vorhanden. Zachäus war ein Sohn Abrahams, ein wahrer Gläubiger, wie wir sagen können; er gehörte zur Familie des Glaubens, und er war als Zöllner unter Schmach, aber er hatte Gott eigentlich keine Schmach angetan. Die Schmähungen derer, die murrten, waren nicht berechtigt. Ich nehme an, daß Zachäus sich auf sein früheres Leben berief, als er stand und sprach: „Die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich von jemand etwas durch falsche Anklage genommen habe, so erstatte ich es vierfältig." Die Tatsache, daß Zachäus sich so verhalten hatte, deutete darauf hin, daß ein Werk Gottes in ihm vorhanden war; seine Grundsätze waren derart, daß er es vermied, auf Gott Schmähungen zu bringen - das ist ein großes Merkmal des Werkes Gottes. Das nahm bei Zachäus aber nicht das Bewußtsein weg, daß er das Heil Gottes benötigte.

Der Herr sagte, Er sei gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu erretten, und Er sprach darüber, daß dem Hause des Zachäus Heil widerfahren sei; d. h. Er wurde dort als das Heil Gottes empfangen. Wie Kornelius in Apg. 10, so empfand Zachäus die Notwendigkeit der Errettung. Kornelius war ein musterhafter Mann, seine Gebete und seine Almosen stiegen vor Gott zum Gedächtnis auf, und er hatte nichts dagegen einzuwenden, als ihm gesagt wurde, daß Petrus ihm Worte sagen sollte, durch welche er und sein Haus errettet werden sollten. Je mehr wir darum besorgt sind, in einer Gottes würdigen Weise zu handeln, desto mehr würdigen wir die Größe Seines Heils. Das bringt die völlige Errettung von der gegenwärtigen Ordnung der Dinge mit sich. Christus ist das Heil Gottes, und wenn wir Ihn empfangen, gehört uns das Heil in seiner ganzen Vollständigkeit. Der Haushalt sollte das Gebiet sein, wo das göttliche Heil gefunden werden sollte. Das Heil widerfährt einem Hause, nicht bloß einzelnen Personen; eine errettete Person in einem Hause bringt das Heil Gottes in jenes Haus. Das bezieht sich nicht nur auf das Haupt des Hauses. Im Neuen Testament entsprach Zachäus der Rahab: es gab in Jericho ein Haus, wo das Heil Gottes aufgenommen wurde. Rahab hatte einen Vater, sie war ein untergeordnetes Glied der Familie, aber sie sicherte den Segen für ihren Vater und für ihre ganze Verwandtschaft. Wenn Gott eine Person in einer Familie bekehrt, so deutet Er damit an, daß Er in diese Familie zum Segen eingezogen ist. Wir sollten das so betrachten, ob es sich nun um Eltern oder um Kinder handelt. Gott kommt in ein Haus, um zu segnen; es ist recht selten, daß Gott Sich damit begnügt, Sich nur einen zu sichern. Heil für das Haus ist in der ganzen Schrift ein großer Grundsatz. Diese Bewegungen in Jericho sind bedeutungsvoll in Verbindung mit den früheren Triumphen Gottes dort.

Überall, wo der Herr Sich bewegte, brachte Er das Werk Gottes ans Licht; Er war auf dem Wege, um das Reich und das Erbe zu empfangen, und auf Seinem Wege brachte Er die Miterben ans Licht. Was aus Gott war und in Jesu in seiner ganzen Fülle und Glückseligkeit gefunden wurde, wurde in das Haus des Zachäus gebracht; etwas, was vollständig aus Gott war, wurde eingeführt, und es bedeutete die Errettung von allem, was nicht aus Gott ist. Das Heil widerfährt einem Hause, wenn die Glückseligkeit dessen, was aus Gott ist, dort einkehrt; dadurch wird aber die Seele von dem befreit, was nicht aus Gott ist. Gerechtigkeit war ein Zeichen, daß Zachäus durch das beherrscht wurde, was Gottes würdig war — sogar sein Name bedeutet „rein". Als Ergebnis des Werkes Gottes in Zachäus wurde Gott Ehre erwiesen, und durch das Verhalten des Zachäus wurde Ihm keine Schmach zugefügt. Die Leute schmähten den Herrn, und Zachäus stand für Ihn ein. Es ist etwas Großes, einen heiligen Eifer um den Herrn zu sehen, so daß wir Seinem Namen keine Schmach antun möchten und auch nicht zulassen, daß irgendeine Schmach Seinem Namen angetan wird.

Das folgende Gleichnis (Verse 11-27) zeigt, wofür wir errettet sind. Wir sind errettet, um die Güter des Herrn als gute Knechte in einer würdigen Weise zu handhaben. Das Reich Gottes ist noch nicht offenbar geworden, weil Gott vor Sich hatte, daß Sein Sohn im Himmel geehrt und verherrlicht werde, bevor Er auf Erden geehrt werden würde. Die Jünger verstanden das nicht richtig: „Sie meinten, daß das Reich Gottes alsbald erscheinen sollte." Der Herr gibt ihnen und auch uns das Licht über Seine gegenwärtige himmlische Stellung, etwas sehr Wichtiges für uns, zu verstehen. Wenn der Herr das Reich oder das Erbe empfängt, so empfängt Er es von der himmlischen Seite aus. Das ganze Lukasevangelium von Kap. 9 an dreht sich um die Aufnahme (Kap. 9, 51) des Herrn. Er war im Begriff, Sein Reich zu empfangen, jedoch nicht auf Erden, sondern im Himmel. Der „hochgeborene Mann" hatte nicht das, was ihm zustand, empfangen - öffentlich widerfuhren Ihm die Leiden des Kreuzes; der Herr empfing aber alles, was Ihm zustand, im Himmel. Wir leben gerade in dieser besonderen Zeitspanne. Der Herr ist im Himmel auf dem Thron, und Er kommt zurück, um hienieden das, was Ihm rechtmäßig zusteht, zu empfangen; in der Zwischenzeit hat Er uns aber als Verwalter in Seine Interessen eingesetzt; Er hat uns Kapital zum Handeln gegeben.

Der Herr hat etwas auf die Erde gebracht, was niemals vorher hier vorhanden war - das ist die Erkenntnis Gottes in der höchsten Gnade, und es ist unsere Beschäftigung, damit zu handeln. Der Herr hat das alles in unsere Hände gelegt, und wir sollen damit handeln; es gibt einen geistlichen Handel, der betrieben werden soll - das ist unsere eigentliche Beschäftigung. Was wir tun, um unseren Unterhalt auf Erden zu verdienen, ist gar nicht unser wirkliches Geschäft; unser wirkliches Geschäft besteht darin, das, was wir vom Herrn empfangen haben, so zu handhaben, daß es sich vergrößert, damit es bei uns nicht so aussieht, wie es vor zwei Jahren war. Lukas faßt die Dinge in einer moralischen Hinsicht zusammen, und der Zusammenhang mit der vorhergehenden Begebenheit besteht darin, daß wir errettet worden sind, um mit dem, was Christus uns gebracht und in unsere Hände gelegt hat, Handel zu treiben.

In Matth. 25 — in dem Gleichnis von den Talenten — wird der Gedanke der Unumschränktheit Gottes hervorgehoben; die verschiedenen Fähigkeiten werden in Betracht gezogen, alle empfangen nicht dasselbe. Der eine empfängt mehr als der andere, weil der Herr unsere Fähigkeit, damit Handel zu treiben, kennt. Doch hier bekommen alle das Gleiche; vom Standpunkte dieses Kapitels aus habe ich genau dasselbe wie der Apostel Paulus. Es ist eine Frage der Verantwortung hienieden, und nach diesem Grundsatz haben wir alle dasselbe empfangen; Paulus, Petrus oder Johannes hatten nicht mehr als wir alle haben, das heißt - die Erkenntnis Gottes in der höchsten Gnade, die in Jesu kundgemacht worden ist. Es ist nicht möglich, mehr zu haben, und es ist nicht möglich, weniger zu haben, und nun kommt die Probe: Welchen Gebrauch machen wir davon? Sind wir gute Knechte oder nicht? Wir haben alle dasselbe Kapital zu bearbeiten.

Dieses Gleichnis gibt uns einen völlig neuen Charakter der Verantwortung; die Tatsache, daß es zehn Knechte und zehn Pfunde waren, deutet auf den Gedanken der Verantwortung hin, aber es ist eine neuartige Verantwortung, die durch das, was wir von Christo empfangen haben, bedingt wird. Die höchste Gnade Gottes, die uns in diesem köstlichen Evangelium kundgetan wird, ist für alle dieselbe. Auf Grund dessen, was uns aus Gott in Jesu gegeben worden ist, sind wir auf derselben Höhe wie die Apostel, und sie sind auf derselben Höhe wie wir. Die Art und Weise, wie wir Handel treiben, bringt ans Licht, ob wir gute Knechte sind oder nicht; wir sollten unserer neuen Verantwortung entsprechen. Wir sind hienieden in der Abwesenheit Christi zurückgelassen worden, um mit Seinen Gütern, mit Dingen, die Christo wertvoll sind und die Er dazu bestimmt hat, in unseren Händen vergrößert zu werden, zu handeln. Es ist geistlicher Handel. Bedenkt den Fleiß des Paulus beim Handeln; er setzte das Kapital, so oft er konnte, um. Wenn wir uns ganz in uns selbst absperren, wachsen wir nicht. Es gibt eine große Gefahr, die Gnade in diesem köstlichen Evangelium so aufzufassen, als ob sie nur zu unserem Trost, zu unserer Sicherheit und Freude bestimmt sei, und sie dann in unseren Herzen verschließen; das heißt, wir treiben keinen Handel damit. Es ist uns alles zum Handeln gegeben worden, wir sind aber alle sehr dazu geneigt, das, was wir bekommen können, einzuhamstern. Es ist möglich, zu den Versammlungen zu kommen und bloß daran zu denken, was man bekommen kann. Unser Pfund in ein Schweißtuch eingewickelt zu halten, stellt das richtige, aber fruchtlose Halten der Wahrheit dar; dabei wird nichts erhandelt. Die rechtgläubige Christenheit hält auch die Wahrheit richtig und der Form nach fest, sie will für die Wahrheit Gottes einstehen; aber sie ist fruchtlos. Wenn ein Bruder, der teilnehmen sollte, schweigt, so verarmt er selbst. Wenn er etwas von Christo hat, das weltweiten Wert besitzt, und er damit keinen Handel treibt, so bringt es nicht sein. Der Gedanke ist, daß das, was aus Gott ist, sich vermehren soll, es wird sich aber nicht ohne Handeln vermehren. Es ist eine wichtige Angelegenheit, daß das, was vom Herrn ist, sich bei uns vermehren sollte; wir müssen das Kapital umsetzen.

Wir sind uns oft des Wertes der Dinge nach der Wertschätzung Christi nicht bewußt. Jeder von uns sollte empfinden, daß er etwas, was dem Herrn Jesus Christus äußerst wertvoll ist, empfangen hat, und nun muß damit Handel getrieben werden. Diese beiden Dinge hängen zusammen, nämlich unser persönlicher Fleiß in bezug auf das Empfangene, und dann das Umsetzen desselben auf dem Wege des Handelns; der geistliche Handel muß betrieben werden, damit das Kapital sich vermehrt. Das Ergebnis des Handelns brachte den Fleiß jedes Knechtes betreffs dessen, was ihm anvertraut war, ans Licht. Es hat nichts mit Begabung zu tun; es bezieht sich auf das, was allen gemeinsam ist. Paulus schreibt an die Korinther: „Mitarbeitend aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget" (2. Kor. 6, 1), und dann erzählt er ihnen weiter in diesem wunderbaren Kapitel von seinem eigenen Handeln, er bringt das ans Licht, was ihn beim Handhaben der Verantwortung in bezug auf die Gnade gekennzeichnet hatte. Er gibt uns eine lange Liste von seiner Haltung und von den verschiedenen Charakterzügen seines Dienstes und seiner Arbeit: „In allem erweisen wir uns als Gottes Diener, in vielem Ausharren, in Drangsalen, in Nöten, in Ängsten, in Streichen, in Gefängnissen, in Aufständen, in Mühen, in Wachen, in Fasten; in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Gütigkeit, im Heiligen Geiste, in ungeheuchelter Liebe; im Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes; durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken; durch Ehre und Unehre, durch böses Gerücht und gutes Gerücht, als Verführer und Wahrhaftige; als Unbekannte und Wohlbekannte, als Sterbende, und sie

Kapitel 17

Die Jünger waren unter dem Einfluß Jesu gewesen, und Er hatte ihren Herzen die Glückseligkeit Gottes, der in Gnaden erkannt wird, wie auch die Glückseligkeit des himmlischen Systems gezeigt. Nun warnt Er sie im voraus, weil das Aufkommen von Ärgernissen unvermeidlich ist; der Feind wird sich beständig darum bemühen, die Jünger zu verstricken und sie von der Gesinnung der „Kleinen“ abzubringen. Ärgernisse sind unvermeidlich. Dieses Wort wird oft in bezug auf den Herrn gebraucht: Christus Selbst ist ein Fels des Ärgernisses; „den Juden ein Ärgernis“; — „das Ärgernis vom Kreuze“. Christus und die Wahrheit werden dem natürlichen Menschen zum Ärgernis werden. Hier wird aber dieses Wort in bezug auf Dinge gebraucht, die dem geistlichen Wohlergehen entgegengesetzt sind. Der Herr betrachtet die Jünger als die Kleinen, die von Ihm lernen, Gott in Gnade zu erkennen und im Lichte des himmlischen Systems zu wandeln. Hier sind Ärgernisse solche Dinge, die dazu neigen, dem Einfluß des Herrn entgegenzuwirken.

Wenn man unsere Schwierigkeiten bis an ihre Wurzel verfolgt, so erweist es sich, daß recht viele von ihnen der Selbstwichtigkeit entspringen. Ein Bewußtsein von der Größe Gottes in Gnade macht uns wunderbar klein; der Feind will aber immer Ärgernisse hervorrufen, das ist irgend etwas, um die Kleinen vom Kleinsein abzubringen. Das ist die beständige Handlungsweise des Feindes. Der Herr schätzt den Zustand eines Herzens sehr hoch, das nicht an sich selbst denkt, sondern an die Glückseligkeit Gottes, der in Gnade erkannt worden ist, wie auch an das himmlische System. Er beurteilt alles das sehr ernst, was davon ablenkt; der Herr nimmt jeden Einfluß sehr ernst zur Kenntnis, der dahin neigt, uns davon abzubringen, „klein“ zu sein. Halt uns nah bei Dir, o Liebe Gottes, damit unsre Nichtigkeit wir sehn.

Es gäbe keine Störungen und Mißtöne, wenn wir alle klein blieben. Die Tatsache, daß der Herr „wehe" sagt, zeigt, wie ernst Er jeden Einfluß betrachtet, der dazu neigt, Seinem eigenen Einfluß entgegenzuwirken. Jünger sind diejenigen, die sich Seinem Einfluß oder Seiner Unterweisung unterstellen. Er will machen, daß der in der Gnade erkannte Gott uns groß ist, wie auch alles, das zum Vorsatze Gottes gehört - die himmlischen Dinge will Er für uns groß machen. Aber dieses Bewußtsein, macht uns klein, wenn es wahrhaftig im Herzen ist. Dieses Bewußtsein verkleinert uns. Es tut uns not, in beständiger Seelenübung darüber zu sein, damit wir klein bleiben.

Vers 2 bringt zum Ausdruck, wie streng der Herr alles verurteilt, was Seinem eigenen Einfluß entgegenwirkt, und jeder wahre Diener möchte von seinem Herzensgrunde wünschen, daß ihm eher das, worüber Vers 2 spricht, geschehe, als daß er einen dem Herrn entgegengesetzten Einfluß ausüben sollte. Sicherlich möchte ich lieber auf den Grund des Meeres geworfen werden, als auf Erden gelassen werden, um die Heiligen dem Herrn entgegengesetzt zu beeinflussen. Ein Mensch, der das vorsätzlich tut, ist selbstverständlich ein Widersacher des Herrn und wird ganz sicherlich verurteilt werden.

Es ist eine große Gunst, klein genug zu sein, um Gott zum Ausdruck zu bringen; einem solchen fehlt jede eigene Behauptung, aber er kann den Einfluß Gottes geltend machen. Es ist das, was wir begehren sollten; wir wissen alle, wieviel Gegensätzliches vorhanden ist, aber der Glaube führt eine Kraft ein, die uns befähigt, das Hinderliche zu beseitigen. Der Herr sagt uns hier, was uns begegnen kann; Ärgernisse sind unvermeidlich, und wir mögen durch einen Bruder geprüft werden. Er kann ein unartiger Bruder sein, aber er ist wertvoll, wenn wir es verstehen, ihn einzuschätzen, denn er bietet den Heiligen die Gelegenheit, die Gnade auszuüben; wenn er sündigt, ist eine wiederherstellende Handlung nötig. Der Herr kannte alle Umstände, die uns widerfahren können, und Er wußte, daß ein Bruder unartig genug sein kann, um siebenmal an einem Tage gegen uns zu sündigen. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen, aber der Herr sagt, es könnte geschehen, und wir sollen dann darauf achten, daß solch eine Sache uns nicht von der Gesinnung der Gnade abbringt, die einem Kleinen eigen sein sollte. Der Kleine denkt überhaupt nicht an sich, sondern an die Freude, Gnade zu üben, als wenn die Gesinnung von Kapitel 15 auf unsere brüderlichen Beziehungen übergehen sollte. Die Vergebung kann nicht ohne Buße ausgeübt werden; man kann sie nicht verschenken, obwohl sie im Herzen vorhanden ist. Deswegen soll man es dem Bruder verweisen, wenn er sündigt, nicht damit wir das, was uns zusteht, bekommen, sondern damit er wiederhergestellt werde. Wir denken an seine Not, nicht an uns selbst.

Der Herr nimmt an, daß ein Bruder in einem solchen Zustande sein kann, daß er so weit von einem Kleinen entfernt ist, daß er gegen seinen Bruder sündigen kann, und zwar siebenmal an einem Tage. Es könnte eingewendet werden, daß, wenn er es wirklich bereut hätte, er es an demselben Tage nicht wieder getan hätte, aber der Herr nimmt sogar diesen äußersten Fall an. In einem solchen Fall richtig vorzugehen, stellt hohe Anforderungen an uns. Ich weiß nicht, wie ich mich dem gegenüber verhalten würde, wenn ein Bruder siebenmal sündigen würde; ich kann vielleicht beim sechsten oder siebentenmal sagen: Ich bin es nun überdrüssig, ich sehe keinerlei Veränderung an dir! Hier wird eine wirkliche Sünde in Betracht gezogen, nicht daß man wegen einer Kleinigkeit beleidigt ist. Wenn wir den Dingen, die den Heiligen Kummer bereiten, auf den Grund gehen, so ist meist nichts als die Torheit der Selbstbehauptung vorhanden. Hier wird angenommen, daß eine wirkliche Sünde begangen wurde, und doch soll ihr in dieser wunderbaren, dienstbereiten und gnadenreichen Gesinnung entgegengetreten werden. Wenn ein Bruder sündigt, kann man mit ihm nicht so weitergehen, als ob nichts geschehen wäre; bis er es bereut, ist man zu einer gewissen Zurückhaltung gezwungen. Man verweist es ihm, aber es geschieht zu seinem Wohl, und nicht um das, was uns zusteht, zu behaupten. Wir wahren nicht von ihm Abstand und wünschen, daß er in unermeßliche Tiefen von Selbstverurteilung versinkt; wenn er bereut, ergeben wir, es ist eine freie Handlung der Gnade, eine ehrliche, herzliche Vergebung. Zum Verweisen braucht man ebenso viel Gnade wie zu allem anderen. Wenn ich einen Bruder in bezug auf etwas Verkehrtes zur Rede stellen muß, bringt das eine tiefe Seelenübung mit sich, denn bevor man einen Verweis machen kann, braucht man ein außerordentliches Maß von Gnade; die Seele muß von Gnade durchdrungen sein, weil sonst das Fleisch so leicht zum Vorschein kommt.

Es ist auffallend, daß es die Apostel sind, die sagen: „Vermehr uns den Glauben.“ Sie empfanden, was für eine scharfe Probe sein würde; sie fühlten, daß dies die Kräfte der Natur mit ihrer ganzen Selbstbehauptung übertraf. Sie waren dem nicht gewachsen. Vielleicht fühlen wir auch dasselbe. Es erfordert eine große Menge Gnade, um verweisen zu können, das Fleisch gerät so leicht in Tätigkeit. Ich habe manchmal einen Verweis bekommen, und ich habe den Unterschied zwischen einem Verweise im Fleische und im Geiste empfunden. Sehr wenige Christen könnten einer Ermahnung in der Gnade Christi widerstehen; sie wären sehr hart, wenn sie es könnten. Wenn ich von Natur an anderen Unrecht sehe, so ist das eine Art Selbsterhöhung. Ein Verweis im Fleische neigt dahin, das Fleisch in uns aufzuregen, aber ein Verweis im Geiste dämpft uns.

Wenn der Herr Sich auf den Maulbeer-Feigenbaum bezieht, so deutete Er auf die tief eingewurzelte Selbstbehauptung des menschlichen Herzens hin. Der Herr warnt uns hier vor drei Dingen, die der normalen Wirkung der Erweisung der Gnade hinderlich sein können. Um die Gnade in die Praxis umzusetzen, müssen wir sehr klein sein; unsere Schwierigkeit besteht darin, daß wir zu groß sind; wir sind nicht klein genug, um die Grundsätze der Gnade auszuführen. Der Herr richtet hier das Augenmerk auf die Gnade: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn.“ Die Jünger wollten eine Vermehrung des Glaubens haben, aber der allerkleinste Teil des Glaubens wird einen neuen Grundsatz in die Seele einführen; es ist so klein, daß man ihn mit dem Kleinsten der Samen vergleichen kann, doch mächtig genug, um das völlige Entwurzeln des natürlichen Grundsatzes der Selbstbehauptung des menschlichen Herzens zu veranlassen. Hier schildert der Herr den Glauben als klein; manchmal stellt Er ihn als groß dar, aber hier macht Er ihn so klein wie nur möglich. Der Glaube führt Gott ein, und wenn das den kleinsten Platz in der Seele bekommt, wird es zur Kraft, um von uns selbst frei zu werden; das „Ich“ wird hier nicht als gesetzlos oder wollüstig betrachtet, sondern als groß und wichtig. Bei Gott gibt es Macht, die ganze natürliche Selbstbehauptung des Menschen zu entwurzeln und sie wirksam zu beseitigen. Das ist die wunderbare Wirkung davon, wenn dieser göttliche Grundsatz des Glaubens selbst im geringsten Grade in der Seele einen Platz hat; im Lichte Gottes kann man nicht selbst wichtig sein. Der Glaube führt Gott, der in Gnade erkannt worden ist, ein; im Lukasevangelium wird Gott in Gnade geoffenbart. Die Erkenntnis dessen, was Gott eingeführt hat, mag sehr gering sein, und der Herr nimmt an, daß der Glaube anfangs sehr klein sein kann, doch es ist Kraft darin vorhanden. Die Gnade sollte alles beherrschen; jede Tat, jedes Wort und jeder Gedanke sollten durch die Offenbarung Gottes in Gnade beherrscht werden. Es ist einfach, dies zu sagen, aber es bedeutet viel. Wenn deshalb ein Bruder sündigt, so kann man das, was aus Gott ist, zu seiner Wiederherstellung einführen, und zwar nicht weil wir geschädigt oder durch sein Verhalten uns gegenüber beleidigt worden sind, sondern damit wir die Freude der Gnade erleben möchten.

Wenn die Grundsätze des Gesetzes bei uns wirken, so gibt es nichts Schädlicheres, weil Gott diese Grundsätze als unnütz verworfen hat. Manchmal finden wir, daß sehr viel geistliche Gnade einem Sünder, der ein Trinker oder dergleichen ist, erzeigt wird, aber sehr wenig einem irrenden Bruder gegenüber. Das sollte nicht so sein. Das System des Gesetzes ist von Gott als nutzlos verworfen worden, und die Grundsätze des Gesetzes sollten nicht in der Versammlung Gottes wirken. Der Glaube ist das Licht Gottes, der in Gnade erkannt ist, und alles sollte sich nach dem Lichte der Offenbarung richten. Unser Verlangen ist nicht echt, wenn es nicht durch den Glauben gestaltet wird. In einem früheren Teil dieses Evangeliums haben wir eine Unterweisung in bezug auf das Gebet. Unsere Gebete und Wünsche werden durch die Erkenntnis Gottes, die uns durch die Offenbarung erreicht hat, gestaltet, und wenn wir nicht im Einklang damit beten, ist das kein christliches Gebet, denn jedes Gebet sollte durch die Offenbarung Gottes gestaltet sein.

Der Herr setzt diesen Gegenstand fort und zeigt, daß auch Fleiß und Treue in unserem Dienst zur Selbstbehauptung führen können, und wir denken, daß wir Rücksicht verdienen. Einmal hörte ich einen Mann sagen, er habe dem Herrn fünfzig Jahre lang gedient; er beanspruchte deshalb irgendeine Stellung, etwas, was ihm zukommen müsse. Ich bin sicher, daß wir älteren Brüder uns alle nur schämen können, daß unser Wachstum so gering ist; wenn wir alles getan haben, was wir tun mußten, sollen wir sagen: „Wir sind unnütze Knechte." Der Herr sieht voraus, daß Selbstbehauptung in Verbindung mit unserem Verlangen, Ihm zu dienen, aufkommen kann; das geschah sogar bei den Aposteln. Der Herr wußte, zu wem Er redete und kannte ihre Herzen. Er sah ihre Selbstbehauptung, daß sie darüber streiten würden, wer der Größte sein sollte, und Er sah auch einige, die eine besondere Stellung haben wollten. Der Herr wußte das alles und Er sagte zu ihnen: Ihr sollt Knechte sein, die geschickt werden zu tun, was ihnen befohlen ist, und dann sollt ihr dabei noch fühlen, daß ihr unnütz seid. Es ist gar nicht recht, euch zu loben, wenn ihr eure Arbeit getan habt, und zwar gut getan habt. Wir sollen keine Rücksichtnahme erwarten, sondern einfach das tun, was uns befohlen ist. Gnade ist dazu erforderlich, daß, wenn wir viel gearbeitet haben, wir von uns selbst nichts halten. Wenn Gott nach Seinem unumschränkten Willen uns erlaubt, irgendeinen kleinen Dienst zu verrichten, dann sollen wir alle Möglichkeiten unseres Dienstes ausschöpfen und es so treu und fleißig wie nur möglich tun; es ist aber kein Grund zur Selbstbehauptung dabei. Ich bin einfach ein Knecht, und es ist keine besondere Ehre für mich, daß ich das tue, was mein Herr mir befiehlt. Das Bewußtsein davon, wem wir dienen, würde uns demütig halten. Wenn wir die Größe Gottes vor uns haben und die Person, in der Er Sich uns in Gnade geoffenbart hat, so werden wir gar nichts von uns halten; wenn solche Gefühle in uns aufkommen, sollten wir sie im Geheimen verurteilen. Keiner sollte sich selbst betrügen und meinen, diese Grundsätze seien bei ihm nicht zu finden; wenn er das dächte, wäre das Selbstbetrug. Wenn ich das aber verurteile, kann ich mit meinem Gott und meinem Meister und Herrn vorangehen; also kann ich meinem Herrn sagen, daß ich ebenso darüber denke wie Er. Ohne Zweifel wird der Herr sogar das Geben eines Bechers kalten Wassers empfehlen, loben und belohnen; dieses bezieht sich aber auf unsere eigene Gesinnung. Was halte ich von mir selbst? Große Werke und Verdienste rechnet uns der Herr nicht an. Kleine Dinge im Verborgnen, spricht Er, habt ihr Mir getan.

Der Knecht kehrt von draußen nach seiner Arbeit als Hirte und vom Pflügen zurück, um seinen Herrn zu bedienen und nicht, um von seinem Herrn geehrt zu werden. Er kehrt zurück in der wahren Gesinnung eines Dieners: ,Wer über seinen Herrn wacht (eigentl.: auf seinen Herrn achthat), wird geehrt werden.“ Es ist ähnlich wie in Apg. 13; sie waren dort nicht mehr auf dem Felde beschäftigt, dort waren sie gewesen, und sie kamen in der Gegenwart des Herrn zusammen, und in der Gesinnung des Dienstes fasteten und dienten sie Ihm. Ein wahrer Diener, der seinen Herrn liebt, würde es schätzen und als einen Feiertag empfinden, wenn er Ihn bedienen darf. Der Herr hat einige Male gesagt: „Kommet ihr selbst her... besonders und ruhet ein wenig aus", aber dann haben wir mehr Beschäftigung als zuvor.

Hier sind zehn aussätzige Männer, die von ferne stehen. Was die Verantwortlichkeit angeht, so hat der Mensch gänzlich gefehlt – er steht deshalb moralisch in Verbindung mit den zehn Aussätzigen –, wenn sie aber von Gott gereinigt worden sind, ist es möglich, daß sie Gott einen Platz geben. Gott erwarb einen großen Platz bei dem samaritischen Aussätzigen; die Menschen empfinden es leichter, daß sie von Gott infolge ihres Aussatzes ausgeschlossen sind, und sie wünschen, befreit zu werden, als daß sie Gott wegen der Herrlichkeit, die Ihm infolge der Reinigung gebührt, wertschätzen. Der Zweck der Reinigung ist, daß Gott bei uns einen großen Platz erwerben möchte. Wir hören vielleicht, daß es an einem Ort viele Bekehrungen gibt, und wir zweifeln nicht daran; aber welchen Platz hat Gott in den Herzen dieser Menschen bekommen? Was ist für Gott darin vorhanden? Viele gehen einfach mit den Segnungen voran, wie die neun Aussätzigen, welche alles bekamen, was sie wollten; sie wurden aber nicht durch Gottes unmittelbares Tun an ihnen durch Jesum tief berührt. Hier sehen wir den Herrn nicht mit den Aposteln oder Jüngern, sondern mit zehn aussätzigen Männern. Es zeigt, was der Mensch ist, der ein System des Hinzunahens zu Gott hat, das aber nicht vollkommen macht. Sie standen von ferne und flehten um göttliche Barmherzigkeit. Gott möchte aber in der Herrlichkeit, in der Er uns reinigt, erkannt werden, damit Er dem Herzen mehr bedeutet als das System, welches Er eingeführt hatte und immer noch anerkannte. Der zehnte Aussätzige wurde sehr durch das unmittelbare Verfahren Gottes mit ihm durch Jesum beeindruckt, und das verdrängte alles andere; Gott erlangte bei ihm einen Platz. Hier sehen wir die Vollkommenheit der direkten göttlichen Reinigung, womit der Priester nichts zu tun hatte. Wenn er damit nichts zu tun hatte, so war es eigentlich nicht nötig, für einen, der es schätzte, daß die Reinigung direkt von Gott durch Jesum vollbracht wurde, zu den Vertretern eines Systems zu gehen, das eigentlich durch das direkte Wirken Gottes inmitten Seines Volkes beiseitegesetzt worden war. Der Mann, der den Priester aus den Augen verlor, weil er vom Bewußtsein des direkten Verfahrens Gottes mit ihm erfüllt war, war Gottes „Zehntel". Es gibt heutzutage ein System, das die neun hält; sie werden aber nicht durch das System geheilt, noch werden sie vom System als rein anerkannt. Es kann keinen als rein erklären. Man mag von der Absolution (der kirchlichen Vergebung) reden, aber wenn man sorgfältig nachforscht, so ist nichts dahinter, denn alles ist unbestimmt. Der Herr empfand es tief, wenn Er fragte: „Wo sind die neun?" Der zehnte Aussätzige bekam hier eine Bestätigung; er kehrte zurück und gab Gott die Ehre. Die größte Besorgnis des Herrn in bezug auf uns ist, daß Gott bei uns Seinen Platz haben möchte. Die Frage lautet: Was für Gedanken habe ich über Gott? Wird Er in meinen Zuneigungen verherrlicht? Dann bekommt Gott Sein „Zehntel".


Kapitel 18

Es waren „Tage des Sohnes des Menschen", als das Reich Gottes in Ihm auf dem Wege der Gnade dargestellt wurde, und es werden „Tage des Sohnes des Menschen" sein, wenn alles Böse bei Seinem Kommen hinweggetan werden wird. Zwischen diesen beiden Abschnitten kommt die Zeit des Leidens und der Verwerfung (Kap. 17, 25), woran auch die Auserwählten Gottes teilhaben. Das gibt der gegenwärtigen Zeit das Gepräge. Alles wird moralisch im Lichte der Tage des Sohnes des Menschen beurteilt. Dieser Ausdruck deutet auf die Glückseligkeit hin, welche jedem dieser Tage eigen war im Gegensatz zu den darauffolgenden Tagen, wo die Bosheit des Menschen heranreifen würde. Der Glaube würde alles das in Gegensatz zu dem stellen, was die Tage des Sohnes des Menschen kennzeichnete. Es ist gut, die Tage des Dienstes Christi hienieden im Gegensatz zu den 1260 Tagen in Offb. 11 zu betrachten. Während der Tage Christi hienieden brachte jeder Tag irgendeinen neuen Wesenszug der Gnade des Herzens Gottes ans Licht. Jetzt haben wir einen neuen Maßstab, der viel höher als derjenige des Gesetzes und der Propheten ist, nach dem wir alles beurteilen können.

Während der Zeit der Verwerfung und des Leidens ist das Gebet eine große Hilfsquelle: „Er sagte ihnen daß sie allezeit beten und nicht ermatten sollten." Dabei (Vers 7) geht es um das Erleiden von Unrecht, ohne daß Abhilfe da ist. Während Gott langmütig wartet, erhebt sich Tag und Nacht das Schreien Seiner Auserwählten. Es ist eine Zeit der Langmut Gottes, und Er will Seine Heiligen auch zur Langmut erziehen. Es ist alles vor Gott vorhanden, um alles zurechtzubringen; aber für den Augenblick ist Gebet und nicht Vergeltung unser Teil. Wenn ein ungerechter Richter, der Gott nicht fürchtet und von moralischen Dingen nichts hält, dennoch Recht schafft, um nicht andauernd belästigt zu werden, wieviel mehr wird Gott es tun, der solch einen innigen Anteil an Seinen Auserwählten nimmt und auf ihr Schreien hört!

Wir sehen in den Versen 10–13, daß der Mensch, der sich selbst erniedrigt und sich auf die Erbarmungen Gottes wirft, gerechtfertigt wird. Wenn wir gesinnt sind, uns selbst zu erhöhen, so bedeutet das nur, daß wir erniedrigt werden müssen. Wenn wir etwas in dieser Gesinnung tun, werden wir erniedrigt werden. Nichts demütigt eigentlich den Menschen mehr als das Bewußtsein der Sünde. Es geht nicht um ein Vorgeben, demütig zu sein, sondern um wahre Demütigung. Der Weg der göttlichen Erhöhung ist das Herniederbringen und Hinwegtun des Menschen. Wir müssen lernen, gar nichts von uns zu halten, denn dann wird Gott etwas von uns halten; zuerst rechtfertigt Er uns und dann erhöht Er uns, wenn wir die Erbarmungen Gottes in Christo wertschätzen. Er ist der große Ausdruck des göttlichen Erbarmens. Der Zöllner sagt: „O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!" Der einzige andere Vers, in welchem dieses Wort vorkommt, ist Hebr. 2, 17: „Auf daß er ... ein barmherziger und treuer Hoherpriester werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen." Es steht ein ähnliches Wort in 1. Joh. 2, 2 und 4, 10, und eine andere Form davon ist „Gnadenstuhl“ in Röm. 3 und Hebr. 9. Es enthält den Gedanken der Sühnung. Soweit wie es zu jener Zeit möglich war, hatte der Mann in Vers 13 unseres Kapitels den Gedanken des Todes Christi als den Ausdruck des göttlichen Erbarmens erfaßt, der deswegen jede Sünde der göttlichen Herrlichkeit entsprechend hinwegtat. Es ist nicht das gewöhnliche Wort für Erbarmen, das auf zärtliche Gefühle des Mitleids und der Güte hindeutet, sondern hier ist es eine deutliche Anspielung auf Sühnung für die Sünde. Dieser Mann kam auf Grund des Todes Christi in den Tempel, und er ging gerechtfertigt und erhöht in sein Haus hinab. Das sollte in unseren Seelen aufrechtgehalten werden, so daß wir, was uns betrifft, bei Gott niemals auf einer anderen Grundlage stehen. Es ist die wahre Grundlage des Friedens, und das gibt uns die Stellung von Kindlein, die Jesus berühren und denen Er das Reich Gottes geben kann. Das Reich wird hier als etwas betrachtet, das zuerst empfangen und dann betreten werden soll. Ich nehme an, daß der gerechtfertigte und erhöhte Mensch in Röm. 5,1–11 zu sehen ist; aber das Reich Gottes zu empfangen, bedeutet in den Reichtum einzugehen, der in einem anderen Menschen vorhanden ist (Röm. 5, 12–21). Die Kindlein werden als solche betrachtet, die nichts aus sich selbst haben, sondern alles durch die Berührung Jesu empfangen. Sie wurden zu Ihm gebracht, auf daß sie die ganze Güte, die in einem anderen war, empfangen sollten – die Gnade Gottes und die freie Gabe in Gnade. Diejenigen, die die Überschwenglichkeit der Gnade und die freie Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben. Ihnen gehört ein Leben, das alles übertrifft; sie sind tot der Sünde und dem Gesetze gegenüber und dem Fleische überlegen; sie leben in Christo Jesu und sind mit Ihm im Sinne der Ehe verbunden, weil der Geist in ihnen wohnt; aus sich haben sie nichts, doch sie haben alles durch die Berührung Jesu. Die Lehre darüber ist im Römerbrief, die lebendige Erläuterung aber in dem Evangelium. Das Evangelium wird gepredigt in der Apostelgeschichte, gelehrt im Römerbrief und erläutert in den Evangelien. In dieser Weise kommen wir zu dem Herrschen der Gnade in der Seele des Gläubigen; sie herrscht durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben. Das bedeutet, in das Reich einzugehen, um das wahre Leben des Reiches zu genießen.

Der Oberste in Vers 18 war diesen Weg gar nicht gegangen. Er kam wie ein guter Mensch zu einem anderen; er hatte nicht gelernt wie der Zöllner, sich im Bewußtsein seiner Sünde zu demütigen, und er dachte gar nicht daran, etwas wie ein Kindlein zu empfangen, und deswegen war er gar nicht auf die Probe, die der Herr ihm stellte, vorbereitet. Der Herr erlaubte nicht, daß man sich Ihm in dieser Weise näherte. Er war hienieden, um der gepriesene Zeuge von der Güte zu sein, die in Gott für den Menschen vorhanden war. Er wollte nicht einmal die Stellung einnehmen, daß Er gut sei, sondern Er wollte alles Gute von Gott empfangen (Ps. 16). Wenn Er Güte empfing, konnte Er sie austeilen. Der Oberste wurde augenscheinlich durch Seine freigebige Güte angezogen, und er kam als ein guter Mensch, um etwas von einem anderen guten Menschen zu lernen. Etwas zu empfangen, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen; ihm fehlte das Bewußtsein, daß er etwas empfangen mußte. Der Herr mußte den wahren Zustand seines Herzens vor ihm bloßstellen; er war nicht gut, obwohl er glaubte, gut zu sein. Er hatte nichts, was als genügender Beweggrund zum Aufgeben seiner Güter gelten konnte. Der Beweggrund zum Aufgeben ist das Reich Gottes, aber er kannte es gar nicht. Er liebte sich selbst und seine Reichtümer; er war zum Aufgeben derselben nicht bereit. Keiner von uns wird den Grundsatz des Aufgebens verwirklichen, bis wir im Reiche Gottes dazu einen angemessenen Beweggrund haben. Der Herr spricht vom Verlassen von Häusern, Eltern, Brüdern, von Weib und Kindern um des Reiches Gottes willen. Man muß den Wert des Reiches Gottes verstehen, um dazu bereit zu sein, hienieden alles aufzugeben, und dieser Mann hatte niemals den Wert des Reiches Gottes erkannt, er verstand ihn nicht. Wir müssen verstehen, worin der Gewinn des Reiches besteht; es ist etwas sehr Vorteilhaftes, es ist etwas, was empfangen werden muß. Kleine Kindlein empfangen es. Wenn es bei uns noch Selbstbehauptung gibt, können wir es nicht empfangen.

Der Herr prüfte nicht diesen Mann durch die Gebote; Er vermied absichtlich alles im Gesetz, was ihn bloßstellen konnte. Die Gebote, die er gehalten hatte, hatten ihn eigentlich nicht in bezug auf das Aufgeben geprüft. „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsches Zeugnis geben; ehre deinen Vater und deine Mutter. Er aber sprach: Dies alles habe ich beobachtet von meiner Jugend an." Man kann alles das beobachten, ohne wirklich etwas aufzugeben. Das ist der dritte große Grundsatz des Reiches. Wenn du etwas, was aus Gott ist, anstrebst, bist du dann auch bereit, etwas für Gott aufzugeben? Ist Gott dir etwas wert? Hast du solch einen Reichtum in der Erkenntnis Gottes, daß du bereit bist, etwas aufzugeben? Dieser Jüngling war dazu nicht bereit; er hatte alle Dinge beobachtet, die kein Aufgeben erforderten. Viele Menschen könnten sagen, daß sie diese Dinge von ihrer Jugend an beobachtet haben. In diesem Evangelium bringt der Herr fortwährend ans Licht, daß Dinge, die an und für sich recht sind, dem Segen der Seele hinderlich sein können. Es handelt sich dabei nicht um ausgeprägte Sünden, sondern darum, daß Dinge, die an sich gut und recht sind, hinderlich sind. Wenn man einen Schatz in den Himmeln haben will, muß hienieden etwas in irgendeiner Form aufgegeben werden. Alle Reichtümer, die ein Mensch haben mag, die nicht zum Reiche Gottes gehören, werden ihn daran hindern, darin einzugehen; natürlicherweise wirken sie so. Der Herr hat nicht schlechte Dinge im Sinn, sondern Dinge, an denen man sich sogar dem Gesetz nach bereichern durfte, die aber nicht das Reich Gottes sind. Solche Dinge geben uns die Gelegenheit zum Aufgeben. Möchten wir nachsehen, ob bei uns nicht etwas ist, das wir aufgeben müssen; es handelt sich dabei um erlaubte Dinge, die aber nicht das Reich Gottes sind. Dann werden wir, wie der Herr sagt, „ Vielfältiges empfangen... in dieser Zeit und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben." Das ewige Leben ist das dem Reiche entsprechende Leben; wenn das Reich öffentlich aufgerichtet werden wird, werden alle, die darin sind, ewiges Leben haben – „in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben" (Vers 30). Ewiges Leben ist eine Gabe, aber es ist auch ein Ziel und ein Kampfpreis. Der Weg dahin führt über den Pfad des Aufgebens; das vollzieht sich nicht durch menschliche Anstrengungen, sondern durch das mächtige Wirken Gottes in der Seele. Es ist bei Menschen unmöglich, bei Gott aber möglich. Wenn ein Mensch sich Gott zukehrt und den Segen Gottes wünscht, findet er, daß es etwas gibt, was er aufgeben muß. Die Probe besteht darin, ob wir bereit sind das, was erlaubt ist, aufzugeben; es kann etwas sein, was wir ohne Gewissensbisse behalten dürften. Wir werden dadurch geprüft, welchen Wert das Reich Gottes in unseren Augen besitzt. Hat es den Wert, daß man um seinetwillen etwas aufgeben sollte? Die Jünger sahen in Jesu etwas, was sie zum willigen Verzicht antrieb; sie verließen ihre Schiffe und Netze, und einige von ihnen verließen ihren Vater; sie gaben alles auf, weil sie etwas empfangen hatten. Sie verzichteten nicht, u m etwas zu bekommen, sondern weil sie den Wert, den Jesus für sie hatte, wahrnahmen. Dieser Oberste war keinem Druck ausgesetzt; seine Schwierigkeit bestand darin, daß er zu viel hatte und es liebte, und der Herr mußte ihm einprägen, daß er nicht gut war. Er dachte, er hätte alle Gebote beobachtet, und er fühlte sich von der Verwaltung der Güte in der Hand Jesu angezogen; er mußte aber eine demütigende Belehrung hinnehmen, und zwar, daß er gar nicht gut war, und das kam darin zum Vorschein, daß seine Güter ihm mehr bedeuteten als die Entfaltung der Güte. Wenn wir uns darauf einstellen, auf den Wegen Gottes zu wandeln, so erfahren wir, daß es etwas gibt, was wir aufgeben müssen. Ein Neubekehrter findet das schon am ersten Tage seines neuen Lebens heraus, und wenn er diesen Grundsatz nicht befolgt, kann er nicht mit Gott vorangehen. Um Christi willen erlitt Paulus den Verlust aller Dinge; er gab alles völlig auf, er verlor seinen guten Ruf, seine Mittel und seine Freunde. Alles war dahin, aber er erlitt alles „um Christi willen" - das war der Beweggrund.

Nach der Darstellung im Lukasevangelium ist das Reich Gottes dieses ganze System der Gnade, die in dem Herrn Jesu verkörpert war. Es ist das Herrschen der Gnade, das in Jesu dargestellt wurde, so daß diejenigen, die es empfangen, die Gabe der Gerechtigkeit, die Fülle der Gnade und ewiges Leben empfangen; es ist aber alles in einer Person zusammengefaßt – so wird das Reich Gottes im Lukasevangelium dargestellt. Zuerst muß es gesehen und empfangen werden, dann können wir hineingehen. Der Herr sagte zu Nikodemus, wenn jemand nicht von neuem geboren ist, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Um es zu sehen, ist die neue Geburt erforderlich; wenn es aber gesehen wird, muß eine Bewegung erfolgen, um hineinzugehen. Ich mag einen schönen Garten sehen, es ist aber etwas anderes, hineinzugehen. Das Reich Gottes wird zuerst gesehen, dann muß man hineingehen; wir gehen hinein, indem wir Jesu praktisch nachfolgen. Es waren nur diejenigen, welche Gegenstände des Werkes Gottes waren, die sehen konnten, was in Jesu vorhanden war. Heute ist es ebenso; Millionen Menschen wissen etwas über Jesum, sie sehen in Ihm aber nichts, was es wert wäre, etwas aufzugeben. Die Jünger sagen (V. 26): „Wer kann dann errettet werden?" Sie dachten natürlicherweise, daß, je mehr Reichtümer

ein Mensch besäße, er desto mehr die Gunst Gottes genösse; aber der Herr bringt hier das Gegenteil davon ans Licht. Er zeigt, daß Reichtümer einen Menschen daran hindern können, die Gunst Gottes zu erlangen, so daß sie, anstatt ein Beweis des Segens Gottes zu sein, auch seine Entfernung von Gott beweisen können. Der ganze Zustand des Menschen war verkehrt; er war verloren, und er brauchte göttliche Errettung. Er hatte Christum nötig, und je mehr er von dem hatte, was nicht Christus war, desto unwahrscheinlicher war es, daß er Christum empfangen würde.

„Vielfältiges" in dieser Zeit ist nicht das, was der natürliche Mensch schätzt. Gott hat die Dinge in Seine Hand genommen; das ist das Reich, in einer sehr einfachen Weise ausgedrückt. In Jesu hat Er alles dargereicht, was der Not des Menschen, der ein gefallenes und sündiges Geschöpf ist, gerecht werden kann; Er hat es von Sich aus getan. Alle Rechte Gottes wurden durch Jesum aufrecht erhalten; Er hat die Erbarmungen Gottes eingeführt; Seine Güte, Seine Barmherzigkeit und Seine Errettung sind in Jesu vorhanden; und wenn sie aufgenommen werden, wird der Mensch umgewandelt. Alle seine Gedanken über sich selbst sind dann verändert, er denkt dann anders über die Welt, die Reichtümer und alles andere. Der Mensch beginnt in der Glückseligkeit zu leben, die Gott in Jesu kundgemacht hat. Im Herrn gibt es Quellen, und wir können sie niemals endgültig erschöpfen. Ich habe Einen, der mich nicht nur von meinen Sünden erretten und von der Furcht vor dem Gericht befreien kann, sondern Er ist auch eine lebendige Hilfsquelle, so daß ich zu Ihm gehen, Ihm alles anvertrauen und auf Ihn rechnen kann; das ist das Reich. Der Segen einer Seele, der Eingang in das Reich und die Errettung sind bei den Menschen unmöglich, es sind aber göttliche Möglichkeiten. Wir haben es mit einem System von Dingen zu tun, die bei den Menschen unmöglich sind. Wenn wir zu Gott und zu Christo kommen, so stehen die Dinge allen zur Verfügung; es handelt sich nicht um den guten oder schlechten Menschen, den reichen oder den armen Menschen, sondern darum, was Gott und Christus für alle Menschen sind. Es handelt sich auch um den Tod Christi, von dem Er hier zu den Jüngern zu sprechen beginnt (Vers 31). Die Jünger verstanden es nicht, und ich glaube, daß es wenig Dinge gibt, über die wir so wenig wissen, wie über die Bedeutung des Todes Christi. Der Herr hatte schon vorher (Kap. 9, 22) zu ihnen gesagt, daß Er getötet werden und in die Hände der Menschen überliefert werden sollte, und es wird uns gesagt: „Sie verstanden nichts von diesen Dingen, und dieses Wort war vor ihnen verborgen, und sie begriffen das Gesagte nicht." Sie hatten geurteilt, daß Er der Christus Gottes war (Kap. 9), aber sie hatten niemals die Notwendigkeit Seines Todes eingesehen. Ich glaube nicht, daß dies ohne den Geist verstanden werden kann.

Der Tod Christi ist so wunderbar und außerordentlich tief, daß die Jünger das scheinbar gar nicht erfaßt hatten; es war aber nicht aus Mangel an Bemühungen von Seiten Gottes, diese Dinge begreiflich zu machen, denn die Schriften sind davon erfüllt. Der Sohn des Menschen konnte Seine Stellung der weltweiten Überlegenheit nur auf Grund des Erleidens des Todes einnehmen. Durch die Gnade Gottes sollte Er der große Leidtragende sein. Dieser Vorfall zeigt, wieviel wahre Wertschätzung Christi vorhanden sein kann, und sogar die Bereitwilligkeit, um Seinetwillen auf gewisse Dinge zu verzichten, ohne die Notwendigkeit Seines Todes zu verstehen. Durch die Gnade Gottes hatte Er es vor, alles auf die Grundlage Seines Todes zu stellen. Die Leiden und der Tod des Sohnes des Menschen brachten die Gnade Gottes in solch einer wunderbaren und so tiefen Weise zum Ausdruck, und es war von so weittragender Bedeutung, daß dies im voraus nicht verstanden werden konnte. Wie Petrus sagt, verstanden die Propheten nicht die Dinge, die sie schrieben.

Das Unvermögen der Jünger, diese Dinge wahrzunehmen, wird in dem Blinden anschaulich gezeigt. Er hatte den Glauben an den Sohn Davids, den sie auch hatten; aber sie bedurften des geistlichen Sehvermögens, um Jesum auf dem weiteren Gebiet der Herrlichkeit des Sohnes des Menschen zu sehen; sie mußten ebenfalls einsehen, daß Er alles, was dem Menschen nach dem Vorsatze und den Ratschlüssen Gottes gehörte, auf Grund Seines Todes aufrichten würde. Die Augen des Blinden im Johannesevangelium wurden geöffnet, um den Sohn Gottes zu sehen, ich glaube aber, daß der Blinde im Lukasevangelium sehend gemacht wurde, um den Sohn des Menschen zu sehen und Ihm nachzufolgen. Für die Volksmenge war Er „Jesus, der Nazaräer", für den Blinden aber war Er der Sohn Davids, und als er sehend wurde, empfing er dem Bilde nach die Fähigkeit, Ihn als den Sohn des Menschen zu sehen und Ihm nachzufolgen. Der Herr nennt Sich hier den Sohn des Menschen (Vers 31). Er suchte ihre Herzen wie auch die unseren mit allem zu beschäftigen, was mit Ihm als solchem verbunden ist. Er war im Begriff, das dem Sohne des Menschen bestimmte Erbe anzutreten, und zwar auf Grund Seines Todes, durch den Er von allem loskaufte, was infolge der Sünde des Menschen darauf lastete.

In den Gedanken des Juden war der Sohn des Menschen mit der weltweiten Herrschaft nach Psalm 8 verbunden; Er war nicht nur der Sohn Davids, sondern auch der Sohn des Menschen. Der Herr sprach sehr oft von Sich in den Evangelien als dem Sohne des Menschen; dieser Titel bezieht sich auf Ihn als Denjenigen, der weltweite Herrscherrechte besitzt; das Wunderbare dabei ist aber, daß Er diese Herrschaft auf Grund Seiner eigenen Leiden und Seines Todes antreten sollte. Er sollte das Erbe von allem, was ihm durch die Sünde des Menschen anhaftete, befreien. Das ist oft anschaulich erläutert worden durch ein stark verpfändetes Gut, und der Erbe will es von allen Schulden und Belastungen befreien, ehe er das Erbe als Alleinbesitzer antritt. Sünde war da und Leid, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Eitelkeit, die Knechtschaft des Verderbens, Tod – es war eine Last auf dem Erbe, von welcher niemand wußte und welche von niemandem verstanden wurde als nur von dem Erben und von Demjenigen, der von Ewigkeit her beabsichtigte, daß alles Sein werden sollte. Die Jünger verstanden nicht, wie belastet das Erbe war. Sie glaubten, daß Jesus der Christus und von Gott war. Sie sahen, daß Er imstande war, in göttlicher Kraft allem Bösen, das auf Erden war, entgegenzutreten, sie hatten solche Fälle jeden Tag gesehen; sie konnten aber nicht begreifen, wie stark das Erbe des Sohnes des Menschen belastet war. Alles war Sein Erbe, doch allein Sein Leiden und Sein Tod konnten es von den darauf lastenden Schulden loskaufen. Das gibt uns einen großen Gedanken von Jesu als dem Sohne des Menschen. Ein besonderes geistliches Sehvermögen ist erforderlich, um die weite Ausdehnung des Erbes des Sohnes des Menschen wahrzunehmen, und das schreckliche Wesen dessen, was auf ihm infolge der Sünde lastete, zu erkennen. Den Ratschlüssen Gottes gemäß hat es der Erbe unternommen, das Erbteil loszukaufen; Er wollte keine einzige Belastung darauf lassen, so daß, wenn Er das Erbe antritt, Gott im Weltall keine Schmach anhaften wird. Die Heiligen werden Seine Miterben sein. Die Jünger dachten, daß die Kraft, die sie in wohltätiger Güte wirksam gesehen hatten, genügte, um das Reich herbeizuführen; sie brauchten aber Sehkraft durch den Geist, um einzusehen, daß Leiden und Tod der göttliche Weg waren, um das, was Gott im Sinn hatte, zustande zu bringen. Jetzt ist alles vollbracht, und der Sohn des Menschen ist am dritten Tage auferstanden. Obwohl das Erbteil öffentlich noch nicht erlöst ist, ist aber das Werk vollbracht, durch welches es erlöst werden wird. Unterdessen sind die Miterben Mitleidende, aber sie leiden in dem vollen Ausblick auf die kommende Herrlichkeit.

Das Öffnen der Augen der Blinden war ein dem Messias vorbehaltenes Wunder. Jericho erinnerte den Herrn daran, was sich dort vor Jahren zugetragen hatte. Sogar in Jericho wurde etwas für Gott gefunden; das Werk Gottes war in der Seele der Rahab vorhanden gewesen. Überall, wo der Herr wandelte, brachte Er das Werk Gottes in den Seelen ans Licht. Jericho war nicht nur die Festung der Macht des Feindes, sondern es war auch der Platz des Werkes Gottes, und es ist augenscheinlich, daß in dem blinden Bettler und in dem reichen Oberzöllner ein Werk Gottes vorhanden war. So ist es heute, wenn der Herr Sich im Zeugnis bewegt, wird das Werk Gottes ans Licht gebracht. Der Blinde hier stellt diejenigen dar, die durch das Wort Jesu die Fähigkeit, die Bedeutung Seiner Leiden und Seines Todes zu verstehen, empfangen haben.

Als Er vorüberzog, brachte der Herr das Werk Gottes in den Seelen ans Licht. Bei diesen zwei Geschehnissen in Jericho (Kap. 18, 35-43 und Kap. 19, 1-10) finden wir eine Volksmenge. Der Herr verwehrte nicht der Volksmenge, Ihm zu folgen, aber Sein Auge ruhte auf den einzelnen, in denen ein Werk Gottes vorhanden war. Beim blinden Bettler war Glaube da, aber es fehlte ihm das Augenlicht. Die Jünger kannten Christum dem Fleische nach; für den Blinden war Er der Sohn Davids. Er wollte aber in den Tod gehen und auferstehen; Er stand im Begriff, über allem als Sohn des Menschen zu herrschen. Das erforderte Sehvermögen. Saulus sollte sehen und mit dem Heiligen Geiste erfüllt werden (Apg. 9). Wenn der Herr das Werk Gottes ans Licht brachte, ließ Er die Dinge niemals so, wie Er sie vorfand. Dem Blinden hatte man zweifellos gesagt, daß der Messias die Augen der Blinden öffnen würde: „Die Augen der Blinden werden sehen" (Jes. 29, 18). Der Fluch wurde über Jericho verhängt, und man kann sagen, er wurde dem Bilde nach durch Elisas Tat beseitigt (2. Kön. 2, 19-22). Das Wasser wurde gesund, und es sollte keine Unfruchtbarkeit mehr geben; das gleicht dem Aufheben des Fluches. Elisa stellte die Gnade Gottes dar; sein Name bedeutet „das Heil Gottes“, und wenn das Heil Gottes dorthin kommt, wo der Fluch war, so wird er beseitigt. Es ist bemerkenswert, daß die Geschichte Jerichos Fluch und Segen aufweist; die Hauptsache ist aber zu verstehen, daß das Werk Gottes dort vorhanden ist. Es war dort in Rahab, in dem Blinden und in Zachäus. In ihren Seelen wirkte etwas, was aus Gott war, und indem der Herr umherzog, kam es ans Licht, ebenso wie jetzt, wenn das Evangelium gepredigt wird, kommt das Werk Gottes in den Seelen ans Licht, und wir finden Personen, die interessiert und angezogen werden. In Jericho, der Stadt der Palmen, erreichte Gott Seinen eigenen Sieg; der blinde Bettler und der reiche Oberzöllner wurden beide zu Palmbäumen, und dieser Ort, der von der Macht des Feindes und von dem Fluch Gottes redete, wurde zum Schauplatz des göttlichen Sieges und Triumphes.

Jesus stand still (Vers 40). Es war eine Volksmenge da, aber Sein Auge war auf die gerichtet, in denen von Gott gewirkte Seelenübungen zu finden waren. Viele kommen zu den Zusammenkünften, die den Volksmengen gleichen können, mit einem gewissen Interesse für den Herrn und Seine Dinge, aber ohne bestimmte Seelenübungen; deswegen kommen und gehen sie, und sie bekommen nichts Bestimmtes. Der Herr schaut immer nach Seelenübungen im Herzen aus, und wenn jemand mit einer echten Seelenübung zur Zusammenkunft kommt, ist der Herr um diesen einen besorgt. Er bringt das Werk Gottes ans Licht, und Er läßt niemals dieses Werk, wie Er es vorfindet; Er fügt immer etwas hinzu. Wenn wir es in irgendeiner echten Seelenübung mit dem Herrn zu tun haben, können wir ganz sicher sein, daß Er uns etwas hinzufügen wird. Wir glauben nicht, wie bereitwillig der Herr ist; wir scheinen zu denken, daß wir unsere Lasten tragen und unsere Seelenübungen durcharbeiten müssen, aber Er stellt Sich uns immer zur Verfügung, wenn Ihm Raum gegeben wird, so daß Er Sich einschalten kann.

Nichts könnte größer sein, als daß wir die Fähigkeit, zu sehen – geistliche Sehkraft – besitzen möchten. Die Sehkraft liegt in dem Geiste; es geschieht durch den Geist, daß wir sehen können. Sehvermögen unterscheidet sich vom Glauben. Dieser Mann hatte Glauben, ehe er Sehvermögen bekam. Sehen ist nicht glauben – es ist viel größer. Der Prophet Elisa sagte: „Jehova, öffne doch seine Augen, daß er sehe." Es war eine ganz außerordentliche Ansammlung von Dingen tatsächlich vorhanden, aber unsichtbar. Wir müssen Sehkraft haben, um den wunderbaren Charakter der jetzt vorhandenen Dinge zu sehen. Paulus redet über diese wunderbaren Dinge: „... indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht" – er hatte die Fähigkeit, unsichtbare Dinge anzuschauen. Ich kenne keinen größeren Beweis der göttlichen Gunst, als daß wir fähig sind, die unsichtbaren Wunder Gottes in Verbindung mit dem aus den Toten auferstandenen Sohne des Menschen zu sehen. Ananias sagte zu Saulus: „Der Herr hat mich gesandt, Jesus... damit du wieder sehend und mit Heiligem Geiste erfüllt werdest." Er sollte alles in einer neuen Weise in Verbindung mit dem Heiligen Geiste sehen. Es ist eine völlig neue Fähigkeit, und in Joh. 14 wird sie unmittelbar mit dem Geiste verbunden, wo der Herr von dem neuen Sachwalter spricht und sofort darauf sagt: „Ihr aber sehet mich.“ Das Ergebnis der Gabe des Geistes ist die Fähigkeit, eine unsichtbare Person zu sehen. Die Evangelien geben anschauliche Erläuterungen von solchen Dingen, die vor dem Tode Christi und dem Herniederkommen des Geistes noch nicht in Kraft verwirklicht werden konnten; sie werden aber in den Evangelien anschaulich erläutert. Die Fähigkeit, diese Dinge zu sehen, ist ein sehr großes Vorrecht und eine von Gott verliehene Kraft. Die Schrift sagt: „Der Glaube ist aus der Verkündigung." Es ist sehr gesegnet, eine Verkündigung über Gott und Christum zu hören und ihr zu glauben; das Ergebnis des Glaubens ist aber, daß man den Heiligen Geist empfängt, und dann hat man die göttliche Fähigkeit, geistliche Dinge wahrzunehmen. Es ist nicht nur, daß wir dem glauben, was wir hören, sondern wir haben auch die Fähigkeit, es wahrzunehmen – das ist eine wichtige Unterscheidung.

In Psalm 8 ist ein neues Weltall vorhanden, welches das Herrschaftsgebiet des Sohnes des Menschen ist; Er wird das Erbteil von jeglicher Belastung und von allem, was nicht passend ist, erlösen, so daß es Gottes und des Erben würdig sein wird. Die Heiligen, die den Geist haben, sehen dies, so daß jenes Weltall größer und wirklicher für uns ist als alle gegenwärtigen Dinge in dieser Welt. Diese Welt vergeht unter dem Gerichte des Kreuzes; das Kreuz bedeutet das Ende dieser Welt, in welcher wir einst lebten, und zu welcher wir einst gehörten. Jetzt haben wir eine andere Welt vor uns. „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns aber hat Gott es geoffenbart durch seinen Geist.“ Die Augen des Paulus waren geistlich auf dieses unsichtbare Gebiet gerichtet. Wir haben noch nicht tatsächlich das Weltall der Glückseligkeit, aber wir haben die Person, welche es herbeiführen und durch den Geist erfüllen wird, und wir sind fähig, Ihn zu sehen. „Wir sehen Jesum, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." Es sind nur diejenigen, die den Geist haben, die Ihn sehen können. Nachdem Elia aufgenommen worden war, gab es fünfzig Männer, die Elisa helfen wollten, Elia zu finden. Die Söhne der Propheten waren zweifellos sehr kluge Männer, eine Art theologisches Seminar, aber sie konnten nicht sehen, sie waren blind. Sie sagten, der Geist Gottes habe Elia auf einen der Berge oder in eins der Täler geworfen – was für einen Begriff hatten sie von Gott! Er wurde entrückt und in den Himmel getragen, und sie dachten, er sei in irgendeinem Tale und baten um Erlaubnis, ihn suchen zu gehen! Heutzutage ist es ähnlich; die Leute sprechen und unterhalten sich über Christum. Für uns ist aber der Ausgangspunkt: „Wir sehen Jesum." Wenn es mehr Sehvermögen gäbe, so wäre auch mehr Kraft vorhanden. Die Schrift sagt: „Wenn kein Gesicht ist, wird ein Volk zügellos." Glaube genügt nicht; wir benötigen Kraft, um zu sehen. Wenn kein Gesicht ist, haben die Menschen nichts als den Buchstaben der Schrift; es besteht aber ein ganzes System der Dinge, eine glückselige, geistliche Welt, welche mit dem aus den Toten auferstandenen und zur Rechten Gottes verherrlichten Sohne des Menschen verbunden ist. Wenn man das sieht, hat man mit der religiösen Welt völlig abgeschlossen. Es geht nicht darum, daß die Menschen heutzutage die Bibel nicht haben – Bibeln werden jedes Jahr zu Tausenden gedruckt –; aber um Sehvermögen zu haben, muß man den Geist empfangen haben und Ihm Raum geben, damit man die Dinge mit dem Gesichte des Geistes betrachten kann. Der Geist läßt uns das, was zur Rechten Gottes ist, sehen. Ich habe den Menschen oft gesagt, daß, wenn sie Auskunft in bezug auf das Geschehen aus erster Hand haben wollen, sie ihre Augen zur Rechten Gottes emporheben müssen. Die erste Bewegung wird dort vor sich gehen. Der Christ, dessen Augen auf Christum zur Rechten Gottes gerichtet sind, wird der erste sein, der Auskunft bekommen wird über das, was Gott auf Erden tun wird. Wir sollten die prophetische Weltordnung im Lichte des Himmlischen betrachten. Es wurde dem Johannes gesagt: „Komm her“ (hier herauf); also müssen wir, um die Weissagung zu verstehen, in den Himmel hinaufsteigen und dann herniederschauen. Der Herr war auf dem Wege nach Golgatha, um zu leiden und zu sterben, und der Blinde, der seine Sehkraft empfing, folgte Ihm auf diesem Wege. Er ging mit Jesu zusammen aus dem ganzen System dieser Welt hinaus.


Kapitel 19

Wir haben gesehen, daß der Herr in Kap. 18 einem Menschen in Jericho die Sehkraft gibt und daß der Ihm nachfolgt; der Herr wird der große Gegenstand für diejenigen, die Sehkraft haben. Dann bekommt der Herr in Zachäus noch ein Haus. Der Herr wußte, daß in Jericho ein Haus war, in dem man Ihn willkommen heißen würde. Der Herr war auf dem Wege nach Golgatha, in den Tod, und der Blinde empfing sein Sehvermögen und folgte Ihm auf dem Wege, nämlich auf diesem Wege; er verließ mit Jesu das ganze gegenwärtige System. Zachäus hatte einen Platz, wohin der Herr kam, um bewirtet zu werden, und wo Er bleiben und die Errettung bringen konnte. Das Werk Gottes war dort in Zachäus vorhanden, und er suchte Jesum zu sehen, und während er sich für sehr unwürdig hielt, erwartete er nur, einen Blick vom Herrn zu bekommen; es war aber ein Haus vorhanden, das für den Herrn gehalten wurde. Diese zwei Begebenheiten stellen zwei wichtige Seelenübungen dar, nämlich die Fähigkeit, das zu sehen, was vollständig außerhalb der gegenwärtigen Ordnung der Dinge liegt, und dann das Vorrecht, ein Haus zu haben, wo man unter den gegenwärtigen Umständen den Herrn empfangen kann. Das Zeugnis des Herrn liegt in einem großen Maße in den Häusern der Heiligen, so daß das, was in den Versammlungen vor sich geht, sehr von dem abhängt, was in den Häusern vor sich geht. Ich glaube nicht, daß wir in den Zusammenkünften etwas geistlich Wertvolles haben können, was den Wert dessen übersteigt, was in den Häusern der Heiligen zu finden ist. Bei dem neuen Speisopfer wurden die Webebrote aus ihren Wohnungen gebracht; es ist etwas Wunderbares, wenn das Tausendjährige Reich schon in den Häusern aufgerichtet worden ist.

Wir haben bemerkt, wie der Herr im Vorbeigehen das Werk Gottes in den Seelen ans Licht brachte; es war ein Werk bei dem Blinden und bei Zachäus vorhanden. Zachäus war ein Sohn Abrahams, ein wahrer Gläubiger, wie wir sagen können; er gehörte zur Familie des Glaubens, und er war als Zöllner unter Schmach, aber er hatte Gott eigentlich keine Schmach angetan. Die Schmähungen derer, die murrten, waren nicht berechtigt. Ich nehme an, daß Zachäus sich auf sein früheres Leben berief, als er stand und sprach: „Die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich von jemand etwas durch falsche Anklage genommen habe, so erstatte ich es vierfältig." Die Tatsache, daß Zachäus sich so verhalten hatte, deutete darauf hin, daß ein Werk Gottes in ihm vorhanden war; seine Grundsätze waren derart, daß er es vermied, auf Gott Schmähungen zu bringen – das ist ein großes Merkmal des Werkes Gottes. Das nahm bei Zachäus aber nicht das Bewußtsein weg, daß er das Heil Gottes benötigte. Der Herr sagte, Er sei gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu erretten, und Er sprach darüber, daß dem Hause des Zachäus Heil widerfahren sei; d. h. Er wurde dort als das Heil Gottes empfangen. Wie Kornelius in Apg. 10, so empfand Zachäus die Notwendigkeit der Errettung. Kornelius war ein musterhafter Mann, seine Gebete und seine Almosen stiegen vor Gott zum Gedächtnis auf, und er hatte nichts dagegen einzuwenden, als ihm gesagt wurde, daß Petrus ihm Worte sagen solle, durch welche er und sein Haus errettet werden sollten. Je mehr wir darum besorgt sind, in einer Gottes würdigen Weise zu handeln, desto mehr würdigen wir die Größe Seines Heils. Das bringt die völlige Errettung von der gegenwärtigen Ordnung der Dinge mit sich. Christus ist das Heil Gottes, und wenn wir Ihn empfangen, gehört uns das Heil in seiner ganzen Vollständigkeit. Der Haushalt sollte das Gebiet sein, wo das göttliche Heil gefunden werden sollte. Das Heil widerfährt einem Hause, nicht bloß einzelnen Personen; eine errettete Person in einem Hause bringt das Heil Gottes in jenes Haus. Das bezieht sich nicht nur auf das Haupt des Hauses. Im Neuen Testament entsprach Zachäus der Rahab: es gab in Jericho ein Haus, wo das Heil Gottes aufgenommen wurde. Rahab hatte einen Vater, sie war ein untergeordnetes Glied der Familie, aber sie sicherte den Segen für ihren Vater und für ihre ganze Verwandtschaft. Wenn Gott eine Person in einer Familie bekehrt, so deutet Er damit an, daß Er in diese Familie zum Segen eingezogen ist. Wir sollten das so betrachten, ob es sich nun um Eltern oder um Kinder handelt. Gott kommt in ein Haus, um zu segnen; es ist recht selten, daß Gott Sich damit begnügt, Sich nur einen zu sichern. Heil für das Haus ist in der ganzen Schrift ein großer Grundsatz. Diese Bewegungen in Jericho sind bedeutungsvoll in Verbindung mit den früheren Triumphen Gottes dort. Überall, wo der Herr Sich bewegte, brachte Er das Werk Gottes ans Licht; Er war auf dem Wege, um das Reich und das Erbe zu empfangen, und auf Seinem Wege brachte Er die Miterben ans Licht. Was aus Gott war und in Jesu in seiner ganzen Fülle und Glückseligkeit gefunden wurde, wurde in das Haus des Zachäus gebracht; etwas, was vollständig aus Gott war, wurde eingeführt, und es bedeutete die Errettung von allem, was nicht aus Gott ist. Das Heil widerfährt einem Hause, wenn die Glückseligkeit dessen, was aus Gott ist, dort einkehrt; dadurch wird aber die Seele von dem befreit, was nicht aus Gott ist. Gerechtigkeit war ein Zeichen, daß Zachäus durch das beherrscht wurde, was Gottes würdig war – sogar sein Name bedeutet „rein". Als Ergebnis des Werkes Gottes in Zachäus wurde Gott Ehre erwiesen, und durch das Verhalten des Zachäus wurde Ihm keine Schmach zugefügt. Die Leute schmähten den Herrn, und Zachäus stand für Ihn ein. Es ist etwas Großes, einen heiligen Eifer um den Herrn zu sehen, so daß wir Seinem Namen keine Schmach antun möchten und auch nicht zulassen, daß irgendeine Schmach Seinem Namen angetan wird.

Das folgende Gleichnis (Verse 11-27) zeigt, wofür wir errettet sind. Wir sind errettet, um die Güter des Herrn als gute Knechte in einer würdigen Weise zu handhaben. Das Reich Gottes ist noch nicht offenbar geworden, weil Gott vor Sich hatte, daß Sein Sohn im Himmel geehrt und verherrlicht werde, bevor Er auf Erden geehrt werden würde. Die Jünger verstanden das nicht richtig: „Sie meinten, daß das Reich Gottes alsbald erscheinen sollte." Der Herr gibt ihnen und auch uns das Licht über Seine gegenwärtige himmlische Stellung, etwas sehr Wichtiges für uns, zu verstehen. Wenn der Herr das Reich oder das Erbe empfängt, so empfängt Er es von der himmlischen Seite aus. Das ganze Lukasevangelium von Kap. 9 an dreht sich um die Aufnahme (Kap. 9, 51) des Herrn. Er war im Begriff, Sein Reich zu empfangen, jedoch nicht auf Erden, sondern im Himmel. Der „hochgeborene Mann" hatte nicht das, was ihm zustand, empfangen – öffentlich widerfuhren Ihm die Leiden des Kreuzes; der Herr empfing aber alles, was Ihm zustand, im Himmel. Wir leben gerade in dieser besonderen Zeitspanne. Der Herr ist im Himmel auf dem Thron, und Er kommt zurück, um hienieden das, was Ihm rechtmäßig zusteht, zu empfangen; in der Zwischenzeit hat Er uns aber als Verwalter in Seine Interessen eingesetzt; Er hat uns Kapital zum Handeln gegeben.

Der Herr hat etwas auf die Erde gebracht, was niemals vorher hier vorhanden war – das ist die Erkenntnis Gottes in der höchsten Gnade, und es ist unsere Beschäftigung, damit zu handeln. Der Herr hat das alles in unsere Hände gelegt, und wir sollen damit handeln; es gibt einen geistlichen Handel, der betrieben werden soll – das ist unsere eigentliche Beschäftigung. Was wir tun, um unseren Unterhalt auf Erden zu verdienen, ist gar nicht unser wirkliches Geschäft; unser wirkliches Geschäft besteht darin, das, was wir vom Herrn empfangen haben, so zu handhaben, daß es sich vergrößert, damit es bei uns nicht so aussieht, wie es vor zwei Jahren war. Lukas faßt die Dinge in einer moralischen Hinsicht zusammen, und der Zusammenhang mit der vorhergehenden Begebenheit besteht darin, daß wir errettet worden sind, um mit dem, was Christus uns gebracht und in unsere Hände gelegt hat, Handel zu treiben. In Matth. 25 – in dem Gleichnis von den Talenten – wird der Gedanke der Unumschränktheit Gottes hervorgehoben; die verschiedenen Fähigkeiten werden in Betracht gezogen, alle empfangen nicht dasselbe. Der eine empfängt mehr als der andere, weil der Herr unsere Fähigkeit, damit Handel zu treiben, kennt. Doch hier bekommen alle das Gleiche; vom Standpunkte dieses Kapitels aus habe ich genau dasselbe wie der Apostel Paulus. Es ist eine Frage der Verantwortung hienieden, und nach diesem Grundsatz haben wir alle dasselbe empfangen; Paulus, Petrus oder Johannes hatten nicht mehr als wir alle haben, das heißt - die Erkenntnis Gottes in der höchsten Gnade, die in Jesu kundgemacht worden ist. Es ist nicht möglich, mehr zu haben, und es ist nicht möglich, weniger zu haben, und nun kommt die Probe: Welchen Gebrauch machen wir davon? Sind wir gute Knechte oder nicht? Wir haben alle dasselbe Kapital zu bearbeiten.

Dieses Gleichnis gibt uns einen völlig neuen Charakter der Verantwortung; die Tatsache, daß es zehn Knechte und zehn Pfunde waren, deutet auf den Gedanken der Verantwortung hin, aber es ist eine neuartige Verantwortung, die durch das, was wir von Christo empfangen haben, bedingt wird. Die höchste Gnade Gottes, die uns in diesem köstlichen Evangelium kundgetan wird, ist für alle dieselbe. Auf Grund dessen, was uns aus Gott in Jesu gegeben worden ist, sind wir auf derselben Höhe wie die Apostel, und sie sind auf derselben Höhe wie wir. Die Art und Weise, wie wir Handel treiben, bringt ans Licht, ob wir gute Knechte sind oder nicht; wir sollten unserer neuen Verantwortung entsprechen. Wir sind hienieden in der Abwesenheit Christi zurückgelassen worden, um mit Seinen Gütern, mit Dingen, die Christo wertvoll sind und die Er dazu bestimmt hat, in unseren Händen vergrößert zu werden, zu handeln. Es ist geistlicher Handel. Bedenkt den Fleiß des Paulus beim Handeln; er setzte das Kapital, so oft er konnte, um. Wenn wir uns ganz in uns selbst absperren, wachsen wir nicht. Es gibt eine große Gefahr, die Gnade in diesem köstlichen Evangelium so aufzufassen, als ob sie nur zu unserem Trost, zu unserer Sicherheit und Freude bestimmt sei, und sie dann in unseren Herzen verschließen; das heißt, wir treiben keinen Handel damit. Es ist uns alles zum Handeln gegeben worden, wir sind aber alle sehr dazu geneigt, das, was wir bekommen können, einzuhamstern. Es ist möglich, zu den Versammlungen zu kommen und bloß daran zu denken, was man bekommen kann. Unser Pfund in ein Schweißtuch eingewickelt zu halten, stellt das richtige, aber fruchtlose Halten der Wahrheit dar; dabei wird nichts erhandelt. Die rechtgläubige Christenheit hält auch die Wahrheit richtig und der Form nach fest, sie will für die Wahrheit Gottes einstehen; aber sie ist fruchtlos. Wenn ein Bruder, der teilnehmen sollte, schweigt, so verarmt er selbst. Wenn er etwas von Christo hat, das weltweiten Wert besitzt, und er damit keinen Handel treibt, so bringt es nichts. Der Gedanke ist, daß das, was aus Gott ist, sich vermehren soll, es wird sich aber nicht ohne Handeln vermehren. Es ist eine wichtige Angelegenheit, daß das, was vom Herrn ist, sich bei uns vermehren sollte; wir müssen das Kapital umsetzen.

Wir sind uns oft des Wertes der Dinge nach der Wertschätzung Christi nicht bewußt. Jeder von uns sollte empfinden, daß er etwas, was dem Herrn Jesus Christus äußerst wertvoll ist, empfangen hat, und nun muß damit Handel getrieben werden. Diese beiden Dinge hängen zusammen, nämlich unser persönlicher Fleiß in bezug auf das Empfangene, und dann das Umsetzen desselben auf dem Wege des Handelns; der geistliche Handel muß betrieben werden, damit das Kapital sich vermehrt. Das Ergebnis des Handelns brachte den Fleiß jedes Knechtes betreffs dessen, was ihm anvertraut war, ans Licht. Es hat nichts mit Begabung zu tun; es bezieht sich auf das, was allen gemeinsam ist. Paulus schreibt an die Korinther: „Mitarbeitend aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget" (2. Kor. 6, 1), und dann erzählt er ihnen weiter in diesem wunderbaren Kapitel von seinem eigenen Handeln, er bringt das ans Licht, was ihn beim Handhaben der Verantwortung in bezug auf die Gnade gekennzeichnet hatte. Er gibt uns eine lange Liste von seiner Haltung und von den verschiedenen Charakterzügen seines Dienstes und seiner Arbeit: „In allem erweisen wir uns als Gottes Diener, in vielem Ausharren, in Drangsalen, in Nöten, in Ängsten, in Streichen, in Gefängnissen, in Aufständen, in Mühen, in Wachen, in Fasten; in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Gütigkeit, im Heiligen Geiste, in ungeheuchelter Liebe; im Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes; durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken; durch Ehre und Unehre, durch böses Gerücht und gutes Gerücht, als Verführer und Wahrhaftige; als Unbekannte und Wohlbekannte, als Sterbende, und siehe,

 wir leben; als Gezüchtigte und nicht getötet; als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und alles besitzend.“ Da ist ein Mann, der Handel treibt, und alles das sollte dem Dienst zugute kommen, er handhabte die Güter Christi in solch einer Weise, daß sie nicht vergeblich sind. Die Gnade war mächtig und wirksam und befähigte ihn, im Glauben voranzugehen; es brachte alle Arten von Zucht und Leiden mit sich, aber er ging unerschrocken vorwärts, auf daß der Schatz vervielfältigt würde und möglichst vielen zugute komme. Wir sollen alle einander reich machen; keiner könnte sagen, daß er kein Kapital hat.

Der böse Knecht wußte nichts davon und sprach von der Möglichkeit, daß man für den von Christo empfangenen Reichtum, den Er auf die Erde gebracht und hier gelassen hatte, verantwortlich sein könnte, ohne sich wesentlich dafür zu interessieren. Der Herr sagt: ‚Weil du im Geringsten treu warst." Das Große hängt mit dem Vorsatz Gottes zusammen, damit, daß unsere Namen im Himmel angeschrieben sind, mit unserer Berufung, und nichts kann das beeinträchtigen. Es hat nichts mit dem Herrschen über Städte zu tun; es bezieht sich darauf, daß man im Himmel ist und einen Platz im Vaterhause hat, wo wir Christi Brüder und Miterben sind – das ist die größte Seite. Die Seite der Verantwortlichkeit ist die geringste. Alles, was wir z. B. im Dienst vollbringen mögen, ist gering im Vergleich mit dem Platze, welchen wir dem Vorsatze der ewigen Liebe gemäß innehaben. Wir betreiben fleißig unser Geschäft in bezug auf das, was uns von Christo als Anteil an der Gnade Gottes anvertraut ist. Die Bank weist darauf hin, daß, wenn wir nicht energisch genug sind, um auf unsere Rechnung Geschäfte zu machen, wir anderen dazu verhelfen könnten. Dieser Mann interessierte sich aber nicht für die Sache; er kannte nicht seinen Herrn, er verleumdete ihn. Die Verantwortlichkeit prüft die Liebe. „Wenn ihr mich liebet, so haltet meine Gebote" – das heißt alles, was den Charakter eines Gebotes trägt, und ich glaube, daß jede Verantwortung diesen Charakter hat, sie wird aber zu einer Probe für die Liebe. Dadurch wurde der Mann, der seinen Herrn nicht liebte, offenbar gemacht. Die Hauptsache war, daß er seinen Herrn nicht liebte; er brachte eine recht mangelhafte Entschuldigung vor. Wenn wir Entschuldigungen vorbringen, so geben wir immer einen Grund für unsere Verurteilung an – das ist ein göttlicher Grundsatz, der in 1. Mose 3 anfängt und bis ans Ende fortdauert. Der Mann, der sein Pfund in ein Schweißtuch wickelte, liebte nicht seinen Herrn; er sah in ihm nichts, was er liebte; er sah nur einen strengen Mann, der Ungebührendes verlangte: die Erkenntnis seines Herrn war nicht solcherart, daß sie in ihm Liebe erzeugte. Für uns geht es um die Frage: Welcherart ist unsere Erkenntnis des Herrn? Einer wie Er sollte in uns eine überschwengliche Liebe erzeugen, was ist Er mir aber? Wie betrachte ich Ihn? Das bestimmt die ganze Lage. Wenn wir einen unwürdigen Gedanken über den Herrn haben, so werden wir in allem unwürdig sein.

Wenn wir den gnadenreichen Vorsatz Gottes, der uns in Christo vor den Zeiten der Zeitalter gegeben wird, verstehen, wenn wir sehen, daß wir in Christo vor Grundlegung der Welt auserwählt sind, daß der Vater „uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst“ – so würde uns das auf der Seite der Verantwortung eine wunderbare Triebkraft verleihen. Je mehr wir in allem, was mit dem göttlichen Vorsatz zusammenhängt, befestigt werden, desto mehr werden wir für den verantwortlichen Dienst hienieden gestärkt werden; wir dürfen aber nicht diese beiden Seiten miteinander verwechseln. Als die siebzig Jünger zum Herrn zurückkehrten und sagten: „Auch die Dämonen sind uns untertan", sagte der Herr: „Darüber freuet euch nicht... freuet euch aber, daß eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind." Wenn ich den wunderbarsten Dienst tun könnte, sogar bis zum Austreiben von Dämonen, wenn ich Kranke heilen und in einer solchen Weise das Evangelium predigen könnte, daß Tausende bekehrt würden, so würde der Herr doch sagen: Freue dich nicht darüber, sondern freue dich, daß du einen Platz im Himmel hast. Das weist uns geistlich zurecht, damit wir den Unterschied zwischen dem, was am größten ist, und dem, was sich auf das geringste bezieht, erkennen möchten. Das schlägt uns viel Selbstgefälligkeit aus dem Kopf, denn wir können manchmal betreffs unserer Verantwortung sehr selbstgefällig werden. Wir müssen dessen eingedenk sein, daß die Seite der Verantwortung die geringste ist; doch ist sie wichtig, weil sie unseren Platz im Reiche bestimmt, wenn auch nicht im Vaterhause. Wir sollten den Dienst nicht aufgeben, sondern aus unserem verborgenen Platz hervorkommen und mehr Dienst tun. Was ich von Gott weiß, soll sich im verantwortlichen Leben auswirken; es soll alles beherrschen. Wenn eine Schwierigkeit vorliegt, so sollte der erste Gedanke sein, daß ich in dieser Angelegenheit durch das, was ich von Gott in Gnade weiß, beherrscht werde. Wenn das der Fall wäre, so würde in unseren Beziehungen zu den Menschen oder zu den Geschwistern niemals etwas Ungeziemendes sein. Es wird uns etwas kosten, denn wir müssen das Natürliche aufgeben. Wenn wir aber der Gnade Gottes den gebührenden Platz in unseren Herzen geben, so bringt das unseren Seelen einen großen Gewinn, so daß es sich lohnt, sich von der Gnade leiten zu lassen. Die christliche Verantwortung hat zwei Seiten. Die eine Seite hat es mit dem Empfangen der Gnade Gottes zu tun; dann ist man dafür verantwortlich, daß man die Gnade Gottes nicht vergebens empfängt, sondern daß sie sich im Handeln auswirkt. Die andere Seite ist, daß die Rechte Christi während des Zeitabschnitts Seiner Abwesenheit im Zeugnis aufrechterhalten werden sollen; das wird in der Begebenheit mit dem Füllen gesehen.

Während wir mit dem geistlichen Reichtum des Herrn – der Erkenntnis Gottes in Gnade, die Er uns anvertraut hat – Handel treiben, dürfen wir als treue Knechte niemals vergessen, daß unser Herr in ein fernes Land gezogen ist, um das Reich zu empfangen. Seine Rechte sind Ihm hienieden verweigert worden, doch ist Er an einen Ort gezogen, wo Ihm alle Seine Rechte gewährt werden, und diese Rechte müssen im Zeugnis aufrechterhalten werden; sie werden Ihm vorenthalten, was aber das Zeugnis anbetrifft, so müssen sie völlig bewahrt werden. „Das Zeugnis unseres Herrn" ist eigentlich die frohe Botschaft, und die frohe Botschaft umschließt nicht nur alles, was zur Herrlichkeit Gottes in Gnade dient, sondern auch die Anerkennung aller göttlichen Rechte. Was im Zusammenhang mit dem Füllen zutage tritt, weist darauf hin, daß der Herr das Zeugnis von Seinen Rechten sichern will. Er will es nicht auf dem Wege des Prunkes oder von etwas Eindrucksvollem tun, denn Er reitet auf einem jungen Eselsfüllen. Das prophetische Wort hatte gesagt, daß der König kommen sollte - gerecht und ein Retter -, das gleicht dem Anfang dieses Kapitels; Er ist aber demütig. Wir müssen dessen eingedenk sein, daß der Herr gegenwärtig demütig ist – nicht nur persönlich, sondern auch im Charakter Seines Zeugnisses. Wir müssen das im Auge behalten, denn je höher wir in dieser Welt emporkommen und je feinere Räume und dergl. wir haben, desto mehr entfernen wir uns von dem wahren Charakter des Zeugnisses; es ist ein demütiges Zeugnis. Ich denke, daß wir darauf achten sollten. Es ist der Charakter des Zeugnisses, daß der König demütig ist. Wenn Er auch, was Seine Stellung in der Höhe anbetrifft, über alle Himmel erhöht ist, so ist Er doch, was Seine Stellung hienieden angeht, der Demütige. Sein Zeugnis wird durch Demut gekennzeichnet. Er sprach zu Saulus von Tarsus aus der Herrlichkeit als Jesus von Nazareth. Er hat jenen demütigen Namen angenommen. Der Herr wählt demütigen Baustoff für das Zeugnis. Das Zeugnis von den Rechten Christi ist ein wichtiger Gegenstand, und es entnimmt weitgehend seinen Charakter dem Baustoff, der zum Tragen des Zeugnisses genommen wird. Der gepriesene Gott sucht einen Baustoff, der Ihn verherrlichen wird; darum beruft Er nicht die Großen, die Weisen, die Edlen, sondern die Berufung ist durch die Erwählung von unbedeutenden Personen gekennzeichnet. Die Weisen und Edlen sind nicht ganz davon ausgeschlossen, denn Paulus sagt in 1. Kor. 1: „Nicht viele Weise ... nicht viele Edle." Das ist aber nicht der Charakter des Zeugnisses, denn Gott erwählt die Armen dieser Welt. Er sucht solche, die zerbrochenen Geistes und zerbrochenen und zerschlagenen Herzens sind – das sind diejenigen, die Ihm wohlgefallen. Menschen, die durch solche Wesenszüge gekennzeichnet sind, sind für das Zeugnis brauchbar; was groß und anmaßend und stolz ist, paßt nicht für das Zeugnis.

Lukas stellt diese zwei Seiten dar, über welche wir geredet haben, nämlich die volle Entfaltung der Gnade Gottes dem Menschen gegenüber, die in herablassender Freundlichkeit herniedersteigt, um ihn groß zu machen; andererseits aber müssen auch alle Rechte Gottes in Christo aufrechterhalten werden, wie die Schrift sagt: „Er wird sitzen auf dem Throne seines Vaters David." Dieses Füllen wurde zu diesem Zwecke festgehalten, und jeder von uns ist zu dem Zwecke festgehalten worden, um das Zeugnis der Rechte Christi zu tragen. Er erhebt auf uns Seinen Anspruch, und wir sollen uns Seinen Ansprüchen fügen und zugeben, daß wir im Blick darauf in die Welt geboren wurden. Paulus sagte: „Gott, der mich von meiner Mutter Leibe an abgesondert und durch seine Gnade berufen hat“ – Gott hatte das von Anfang an vor Sich gehabt. Auf diesem Füllen hatte noch nie jemand geritten; es hatte niemals seinen rechten Platz gefunden, bis es für den Herrn genommen wurde, um von Ihm gebraucht zu werden, und keiner von uns ist an seinem rechten Platz, bis wir uns dem Herrn unterwerfen. Wir wurden für diesen Zweck von unserer Geburt an bestimmt. Eine gewisse schützende Beschränkung wird allen denen gegenüber ausgeübt, die dazu ausersehen sind, den Herrn im Zeugnis zu tragen; in den Wegen Gottes wird ihnen eine Beschränkung auferlegt, so daß sie durch etwas festgehalten werden. Die Wege Gottes mit uns beginnen nicht dann, wenn wir bekehrt werden; es kommt ein Augenblick, wo der Herr uns für Sich beansprucht. Wie wir es oft in diesem Evangelium gesehen haben, geht es nicht darum, daß der Mensch Gottes bedarf, sondern Gott bedarf des Menschen. Deshalb bedarf hier der Herr des Füllens; es wurde für einen bestimmten Zweck beansprucht. Das Füllen wurde unterwürfig gemacht – wer würde sich zutrauen, auf einem ungebändigten Füllen zu reiten? Die Tatsache, daß der Herr auf einem ungebändigten Füllen ritt, deutet an, daß die Macht, durch welche Er alle Dinge Sich unterwerfen kann, schon das unterworfen hat, was Ihn im Zeugnistragen kann.

In Bethphage und Bethanien haben wir einen Gegensatz zu Jerusalem, denn beide Namen bedeuten „Feigenhaus", was darauf hindeutet, daß, wenn Jerusalem und Israel auch beide unfruchtbare Feigenbäume waren, aber doch ein Dorf vorhanden war, ein unansehnlicher Ort, wo der Herr Früchte fand und wo Seine Rechte anerkannt wurden. Die Herren des Füllens erkannten sofort die Rechte des Herrn an, und man kann auch sagen, daß das Füllen Seine Rechte anerkannte, und zwar ohne vorheriges menschliches Bändigen; es wurde unterwürfig gemacht, damit der Herr der Herrlichkeit auf ihm reiten möchte. Bethphage und Bethanien waren kleine Orte, aber ein Zeugnis war dort vorhanden; dort waren solche Menschen, die die Rechte des Herrn anerkannten. Jerusalem entspricht mehr dem Zustande des christlichen Bekenntnisses, wo die Rechte des Herrn verworfen werden; der Herr sichert Sich aber doch etwas, Er hat Sein Bethphage und Sein Bethanien und auch Sein Füllen. Diese zwei kleinen Dörfer liegen buchstäblich am Fuße des Olberges, der eine geistliche und himmlische Gegend bezeichnet. Der Geist ist vom Himmel herniedergekommen, damit es auf Erden ein Gebiet geben möchte, das mit der himmlischen Luft und Wertschätzung Christi erfüllt ist; es ist schön, wenn man sich in einer solchen Gegend befindet. Die ganze Fettigkeit des Olbaumes ist dort – „... die Wurzel und die Fettigkeit des Olbaumes". Die Fettigkeit ist die besondere Reichhaltigkeit und der besondere Reichtum, die in dem Geiste gefunden werden; der Geist möchte unsere Gedanken und Zuneigungen in Übereinstimmung mit der Gesinnung des Himmels bringen, und dann werden wir empfinden, was es für ein Vorrecht ist, auserwählt zu sein – in Anspruch genommen zu sein, um im Zeugnis die Rechte Christi auf einem Schauplatz zu tragen, wo diese Rechte allenthalben verachtet und abgelehnt werden.

Das Füllen wie auch das Gastzimmer waren für den Herrn zurückgehalten worden. Die Jünger stellen eine Schar, eine Volksmenge dar, die mit dem Sinn des Himmels im Einklang steht; darum setzten sie den Herrn auf das Füllen, und sie warfen ihre Kleider auf das Füllen. Alles, was sie selbst auszeichnen könnte, wurde jetzt der Herrlichkeit Christi untergeordnet. Was für ein wunderbares Bild! Wenn es etwas gibt, was mir in dieser Welt einen Platz, einen guten Ruf oder Ansehen geben kann, so habe ich dieses große Vorrecht, es Seinem Ruhm im Zeugnis unterzuordnen. Das Werfen ihrer Kleider auf das Füllen bezieht sich auf das, was für den Herrn Selbst getan wurde; aber das Ausbreiten der Kleider auf dem Wege deutet mehr auf den Lauf des Zeugnisses hin. Das Zeugnis sollte einen bestimmten Lauf nehmen. Die Jünger werden gesehen, wie sie nach dem Grundsatz der Unterwürfigkeit und der Selbstverleugnung dazu beitragen; sie ordneten sich den Wegen, die das Zeugnis nahm, unter. Viele haben den Weg verfehlt, weil sie nicht imstande waren, den Weg, den das Zeugnis nahm, wahrzunehmen. Die Kleider mußten im voraus ausgebreitet werden, was besagt, daß die Jünger den Weg wußten, den der Herr nehmen würde. Die wirkliche Prüfung für uns ist, infolge unserer Erkenntnis im voraus den Weg zu wissen, auf dem das Zeugnis sich fortbewegen wird. Manchmal bewegt es sich auf einem Wege weiter, den wir nicht erwartet haben, und dann sind wir ganz außer Fassung.

In der Wüste behielten die Priester nicht die Stiftshütte im Auge, sondern die Wolke; die Wolke ging vor der Stiftshütte her. Wenn wir kein priesterliches Sehvermögen besitzen, müssen wir warten, bis die Stiftshütte sich bewegt, um zu sehen, wie die Dinge weitergehen. Ein wahrer Priester war imstande, die Bewegung der Wolke zu sehen, noch ehe die Hütte sich in Bewegung gesetzt hatte. Es gibt drei bestimmte Dinge. Erstens behielt der Priester die Wolke im Auge; er sah, wenn sie sich bewegte und wenn sie emporgehoben wurde. Zweitens stieß er in die Trompete, und der Schall der Trompete setzte das Lager in Bewegung. Drittens brachen die Leviten die Hütte ab; jeder von ihnen nahm sich seiner besonderen Last an; und dann setzte sich das ganze Lager in Bewegung. Das sind drei Stufen, nämlich die Wolke bewegt sich, dann erschallen die Trompeten – der Dienst des Wortes geht aus, und dann bewegt sich das Zeugnis weiter. Wie können wir wissen, was das Zeugnis von den Rechten Christi in den nächsten fünf Jahren umfassen wird? Ich glaube, daß, wenn wir geistlich und priesterlich genug wären, wir durch Beobachtung der Bewegungen der Wolke im voraus wahrnehmen könnten und wissen könnten, wohin sich das Zeugnis beim Wahren der Rechte Christi wenden wird. Es ist eine rein geistliche Sache. Dann werden wir nicht erstaunt sein, wenn die Zeit kommt, wo die Hütte und das Lager sich in Bewegung setzen werden, denn wir haben die Bewegung der Wolke vorweggesehen. Ich sage dieses, um in uns allen das Bewußtsein dieses Vorrechts zu wecken, damit wir bereit sein möchten, alles, was uns hienieden auszeichnen könnte, dem Zeugnis unterzuordnen, unsere Kleider auszuziehen, um sie auf dem Wege, den der Herr geht, auszubreiten. Dieser Weg erfordert Selbstverleugnung, das Ablegen von meinem eigenen Ruhme, von allem, was mich auszeichnen könnte. Ich bin bereit, das alles abzulegen, weil das der Weg ist, wohin das Zeugnis von den Rechten des Herrn sich bewegt; Er geht auf diesem bestimmten Wege.

Seine unumschränkten Rechte werden durch die Menge gewahrt; hier ist es nicht die kleine Herde, sondern die ganze Menge der Jünger fing an, Gott mit lauter Stimme freudig zu loben. Wir haben in Kap. 2 die Menge der himmlischen Heerscharen gesehen, nun wird aber der Charakter dieser Menge in einer Menge Menschen hier auf Erden gesehen. Die himmlische Menge in Kap. 2 rühmte den Frieden auf Erden: sie schaute das Endergebnis des Kommens Jesu, des Sohnes Gottes, voraus; aber die Menge in diesem Kapitel verstand den besonderen Charakter des gegenwärtigen Augenblicks; daher sagen sie nicht: „Frieden auf Erden", sondern sie reden von Frieden im Himmel. Sie haben Verständnis über die Tatsache, daß Ihm alle Seine Rechte hienieden verweigert werden. Jerusalem würde Ihm Seine Rechte nicht einräumen; dadurch hat die Stadt, die Frieden hätte haben können, alles verworfen, was zu ihrem Frieden hätte dienen können. Der Friede ist im Himmel, und diese Menge war mit der Gesinnung des Himmels im Einklang, während der Herr öffentlich verachtet und verworfen wurde. Das war ein überaus schöner Anblick, und es war durchaus notwendig für Gott. Wenn Er nicht eine Menge Jünger finden konnte, würde Er Selbst die Steine reden lassen. Es war durchaus für Gott notwendig, daß Sein königlicher Sohn in Seiner königlichen Herrlichkeit gepriesen werde. Ich habe schon manches Mal die drei Frauen erwähnt, die in Wigtown den Märtyrertod erlitten. Auf ihrem Denkmal steht geschrieben: „Sie starben, um die Rechte Christi in der Versammlung aufrecht zu erhalten.“ Ich weiß nicht, ob etwas noch Edleres über irgendeinen Heiligen gesagt werden könnte. Gott hält die Menschen, die mit Ihm vorangehen wollen, nicht in der Finsternis. Der 2. Timotheusbrief hängt mit diesen Dingen zusammen, es geht um das Aufrechterhalten der Rechte Christi. Wenn wir den Namen des Herrn nennen, sollen wir von der Ungerechtigkeit abstehen. Alles, was nicht die Rechte Christi aufrecht erhält, ist Ungerechtigkeit. Die religiöse Welt hält nicht die Rechte Christi aufrecht; viele bekennen Seinen Namen, aber nur, um ihn zu verunehren. Im Gegensatz dazu sollen wir nun „nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen streben, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ — das ist eine Schar mit reinen Zuneigungen. Der Lauf des Zeugnisses wird durch das bestimmt, was der Geist zu irgendeiner gegebenen Zeit den Versammlungen sagt. Es ist wunderbar, daran zu denken, daß alles dieses auf die Gegenwart anwendbar ist, so daß wir in Gnaden berufen sind, an solch einem Rühmen teilzuhaben. Jerusalem ließ den Herrn unbeachtet und verhöhnte Ihn, aber ein wunderbares Rühmen Seiner Herrlichkeit ist jetzt im Gange. Es wird durch ein Volk betrieben, das arm, verachtet und unbedeutend ist, ein Volk, das von Natur die Abstammung hatte, daß es als ein Wildeselsfüllen geboren wurde; doch es wurde Christo unterworfen und für Sein Zeugnis beansprucht, zurückgehalten und auf dasselbe in den Zuneigungen gerichtet. Man sehnt sich danach, mehr diesen Grundsätzen entsprechend zu wandeln.

Zum Schluß des Kapitels sehen wir den Herrn über Jerusalem weinen; das ist überaus erschütternd. Als der gepriesene König kam Er in Seine königliche Stadt, aber sie hatte keine Augen, Ihn zu sehen, und das erweckte in Seinem Herzen tiefe Gefühle, die in den Tränen ihren Ausdruck fanden. Das deutet darauf hin, welche Gefühle in der gegenwärtigen Zeit im Herzen des Herrn vorhanden sind. Solche Gefühle sind durch den ganzen Zeitabschnitt des Zeugnisses hindurch in Ihm, und das sogar denjenigen gegenüber, die sich verhärten. Am Ende eines Tages besonderer Vorrechte, eines Tages der deutlichen Heimsuchung treten die zärtlichen Gefühle des Herrn ans Licht. Sie kommen auch in Laodicäa zum Vorschein, denn Er sagt: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an“ — darin kommt eine bittende Gesinnung zum Ausdruck. Das sollte in Seinen Heiligen in der gegenwärtigen Zeit ebenfalls zum Ausdruck kommen, denn die Haltung, die der Herr den Dingen gegenüber einnimmt, ist auch für uns sicherlich das richtige. Wenn wir wissen, was den Menschen bevorsteht, und auch die schrecklichen Folgen davon, daß sie es nicht erkannt haben, sollte uns zum Weinen bringen. Die Gesinnung des verworfenen Königs ist nicht verhärtet. Scheinbar ist das Weinen immer ein richtiger Wesenszug am Ende einer Verwaltungszeit. In seinen Klageliedern schließt Jeremia die Verwaltung mit Tränen ab, indem er über das Volk weinte. Solcherart sind auch die Gefühle Christi, wenn die Dinge beiseitegesetzt werden müssen. Es besteht dann die Gefahr, hart zu werden, wenn wir daran denken, daß die Rechte Gottes beiseitegesetzt werden und Christus verworfen wird. Wir sehen die überschwengliche Bosheit der Menschen; der Herr will aber nicht, daß dieses Gefühl bei uns vorherrscht, sondern daß wir daran denken, was ihnen bevorsteht, und wie schrecklich traurig ist es, Augen zu haben, die blind sind und das nicht sehen. Der Zustand Jerusalems entspricht weitgehend dem Zustand, worin die Christenheit sich jetzt befindet; sie hat einen wunderbaren Tag, eine Zeit der Heimsuchung, sie hat aber keine Augen, die Dinge zu sehen, die zu ihrem Frieden dienen. Das Herz Gottes ist noch niemals so voll von Erbarmen gewesen wie im gegenwärtigen Augenblick, denn Er kennt die volle Glückseligkeit dessen, was Seine Gnade den Menschen gebracht hat, und Er sieht den schrecklichen Zustand der Herzen der Menschen in bezug darauf; das rührt die göttlichen Erbarmungen tief. In Seinem Verfahren Laodicäa gegenüber ist der Herr deshalb Seiner eigenen Liebe treu. „Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe" - Er ist ein verschmähter Liebender, aber immer noch ein Liebender. Wenn Paulus von den Feinden des Kreuzes Christi sprechen muß, so tut er das mit Tränen. Wir werden oft hart, wenn wir über Feinde reden. Wir mögen sehr viel wissen und die Zeiten der Verwaltungen verstehen und den Menschen sehr ernsthaft sagen, daß das Gericht im Begriff steht bald zu kommen; es erfordert aber Nähe bei Christo, um imstande zu sein, ihnen das mit Tränen zu sagen. Wenn wir unrechte Dinge sehen, sind wir empört, und das ist manchmal richtig, aber es ist leichter empört zu sein, als zu weinen. Die Gesinnung um uns her ist heutzutage prahlerisch, herausfordernd; man denkt, man bedarf nichts, der Herr läßt aber die Dinge nicht dabei stehen.

Denn weiter betritt Er den Tempel und deutet dadurch darauf hin, daß Er die Dinge im Charakter des Tempels aufrechterhalten wird, wo nämlich die Gedanken Gottes erkannt werden können. Alles, was Gott wohlannehmlich ist, angefangen mit Gebet, göttlicher Belehrung, Gewalt und allem, was Gott in bezug auf alle großen Gegenstände gebührt, sollte dann aufrechterhalten werden, wenn das äußere Bekenntnis sich als blind und gleichgültig allem gegenüber erweist, was von Gott ist. Es ist unser Vorrecht, zum Tempel Zuflucht zu nehmen. Ich glaube tatsächlich, daß das Ziel, das Lukas beim Schreiben seines Evangeliums hatte, das war, uns zu Tempelbewohnern zu machen; das wird in dem letzten Kapitel erreicht, wo die Jünger allezeit im Tempel waren, Gott lobend und preisend, und Licht über die Gedanken Gottes hatten. Der Herr wird das bis ans Ende aufrechterhalten; was aus dem äußeren Bekenntnis auch werden mag, so wird doch alles, was den Charakter des Tempels trägt, bewahrt werden. „Und als er in den Tempel eingetreten war, fing er an auszutreiben die darin verkauften und kauften" (Vers 45), das deutet darauf hin, daß Er fortfahren wird, so zu handeln; das Austreiben dessen, was Gottes unwürdig war, sollte ein fortwährender Dienst sein. Es wird nicht nur gesagt, daß Er es tat, sondern daß Er anfing, es zu tun, was auf eine Fortsetzung der Handlung hindeutet. Die, welche kauften und verkauften, wurden von selbstsüchtigen Beweggründen beseelt; sie verdarben den Tempel, indem sie seinen wahren Charakter wegnahmen. Es war eine geldsüchtige und selbstsüchtige Gesinnung, die nur zu allgemein üblich ist. Im Gegensatz dazu ist der erste Grundsatz der Belehrung des Tempels, die Gott uns geben will, die Freigebigkeit Gottes und wie leicht Dinge von Ihm empfangen werden können. Sein Haus ist ein Bethaus. Wir können nicht kaufen, aber wir können bitten; dort werden die Dinge frei geschenkt. Das Gebet ist der Zustand der Abhängigkeit, der der göttlichen Belehrung Raum geben sollte. Es ist wichtig, daß wir die einfache Tatsache erfassen, daß das Gebet das Geheimnis ist, wie Dinge erlangt werden. Wir sollten um mehr Licht bitten. Wir danken oft für das Licht, das wir haben; aber es fällt uns nicht oft ein, daß es noch viel mehr Licht gibt, das wir haben könnten; wir bedürfen der Gesinnung des Forschens in Seinem Tempel. Wenn bei uns diese Gesinnung nicht ist, und wenn wir nicht nach mehr Licht forschen, werden wir nicht viel Nutzen aus dem ziehen, was wir haben. Das Geheimnis des ganzen Verfalls und der ganzen Abtrünnigkeit um uns her ist, daß das Volk Gottes aufgehört hat, im Tempel zu forschen. Es besteht immer die Neigung zu denken, daß wir das Endgültige erreicht haben. Das dachte man auch zur Zeit der Reformation, und so ließen sie sich nieder in dem Licht, das sie hatten. Wenn Gott Licht gibt, so ist diese Neigung immer vorhanden, und dann stirbt die Gesinnung des Forschens im Tempel aus, und kein frisches Licht ist mehr vorhanden; das empfangene Licht verliert dann seine ganze Kraft. Die volle Offenbarung Gottes kam in Christo zum Vorschein, und dadurch, daß Er Seinen Platz zur Rechten Gottes einnahm und daß der Geist herniederkam, ist alles vollständig. Auf der göttlichen Seite ist alles vollständig und dem göttlichen Ermessen entsprechend; auf unserer Seite aber sind die Dinge beschränkt, und es bedarf immerfort der Zurechtweisung und des Erwerbens göttlichen Lichtes. Während alles hervor gestrahlt ist, ist aber noch nicht alles in unsere Herzen gestrahlt. In den Briefen der Apostel sehen wir in dem Verfahren Gottes mit den Heiligen, wie unvollständig die Dinge sind, wie viel hinzugefügt und eingebaut werden und wie die Entwicklung von jedem Standpunkt aus gefördert werden muß.


 

Kapitel 20

Dieses Kapitel setzt den Gegenstand des Lehrens im Tempel fort und verbindet ihn mit dem Predigen der frohen Botschaft. „Es geschah an einem der Tage, als er das Volk im Tempel lehrte und das Evangelium verkündigte..." Alle Belehrung im Tempel trägt den Charakter des Evangeliums, weil sie immer das Wissen über das vermehrt, was für uns in Gott vorhanden ist, so daß das Licht niemals in Gesetzlichkeit aufgenommen werden sollte. Wir werden niemals angewiesen, Ziegelsteine ohne Stroh zu machen. Alle Lehre erfordert eine Erweiterung der Erkenntnis Gottes in Seiner Gnade und in Seiner Liebe zu den Menschen. Wenn das Licht uns nur Pflichten auferlegen würde, würden wir überlastet werden; es bringt uns aber eine größere Erkenntnis Gottes, so daß genügend dargereicht wird, um dem gegebenen Licht zu entsprechen.

Wenn die Lehre wirksam sein soll, so muß sie von dem Charakter der frohen Botschaft durchdrungen sein. Die Lehre vom 2. Korintherbrief – der neue Bund und die Versöhnung - ist mit dem Evangelium verbunden, das von den Heiligen benötigt wird, auf daß sie gestärkt werden, das, was Gottes würdig ist, im Zeugnis aufrechtzuerhalten, damit der Charakter des Tempels bewahrt wird. In seinem ersten Briefe sagt Paulus zu den Korinthern, sie wären der Tempel Gottes und daß der Tempel nicht durch menschliche Gedanken verunreinigt werden dürfe; er redet von den Personen der Gottheit. Der Prediger sollte nicht nur wissen, zu wem er spricht, nämlich zu armseligen, notleidenden Sündern – sondern von we m er gekommen ist, nämlich von dem gepriesenen Gott; die frohe Botschaft bezieht sich auf Seinen Sohn, und sie darf niemals außer acht gelassen werden. Als Bruder Darby gefragt wurde, ob er es nicht für erforderlich hielt, zu den ersten Grundsätzen zurückzukehren, sagte er: Nein, ich verlasse sie niemals.

Es ist auch wichtig, daß dieser Grundsatz der Autorität, den der Herr aufrechterhalten möchte, bei uns vorhanden ist. Nichts ist nötiger als Autorität; die allgemeine Schwachheit besteht darin, daß man sich so wenig der göttlichen Autorität bewußt ist. Die Gesetzlosigkeit besteht darin, daß der Gedanke der Autorität aufgegeben wird. Der Herr will uns in Seinem Tempel einprägen, daß Autorität hienieden vorhanden ist, jedoch in Demut. Er war hienieden als der demütige König; Er war nicht anmaßend in dem Sinne, daß Er Sich alles unterjocht hätte; aber Autorität war da. Die Priester und Schriftgelehrten und Ältesten merkten das, denn sie sagten: „Wer ist es, der dir dieses Recht (diese Autorität) gegeben hat?" Sie gaben damit zu, daß sie vorhanden war. Die Autorität machte sich nicht geltend, aber sie war spürbar vorhanden. Petrus sagt: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes“ (1. Petr. 4, 11). Diejenigen, die die Autorität nicht beachten, erweisen sich als gesetzlos. Es ist eine Autorität, die dem Beurteilen der Menschen nicht unterworfen ist; sie erkannte nur moralische Zustände an, die bei diesen Leuten gänzlich fehlten. Sie hatten niemals Buße getan, sie hatten sich niemals dem erforschenden Charakter der Lehre von Johannes unterworfen, und deshalb waren sie moralisch außerhalb des Gerichtshofs. Der Herr konnte als Sachwalter nicht einen Augenblick für sie einstehen. Für die religiöse Lehre wird es immer mehr charakteristisch, daß alles nur auf Vermutungen und auf dem, was die Menschen denken, beruht; das ist aber nicht der Gedanke Gottes. Wenn wir zum Tempel kommen, haben wir den Gedanken Gottes, und dementsprechend besitzen die Dinge Autorität; sie können nicht bestritten werden, sondern man muß sich ihnen fügen. „Wenn jemand sich dünkt, ein Prophet oder geistlich zu sein, so erkenne er, was ich euch schreibe, daß es ein Gebot des Herrn ist" (1. Kor. 14, 37). Paulus wollte, daß man seine Schriften als Gebote des Herrn anerkennen sollte. Das, was mit göttlicher Autorität gesagt oder getan wird, bleibt bestehen. Die Menschen mögen scheinbar diese Dinge unbeachtet lassen oder leichtfertig mit ihnen verfahren, aber sie bestehen. Ich möchte nicht Dinge sagen oder tun, die vermutlich in der Welt des Menschen bestehen bleiben; es ist aber glückselig, Dinge zu sagen und tun zu können, die im moralischen Weltall bestehen, so daß sie niemals rückgängig gemacht werden können.

Kapitel 20

Es ist eine Autorität, die mit Sanftmut und Gelindigkeit verbunden ist. Paulus ermahnte die Korinther flehentlich durch die Sanftmut und Gelindigkeit des Christus; persönlich war er bereit, den niedrigsten Platz im Dienste einzunehmen, sogar sich zu den Füßen der Heiligen herabzubeugen, er vergaß aber nie, daß er Autorität besaß.

In der Stadt in Offb. 21 gibt es keinen Tempel, weil die ganze Stadt das Gepräge des Tempels trägt. Es handelt sich nicht mehr um ein besonderes Heiligtum in der Stadt, sondern die ganze Stadt wird vom Lichte Gottes und des Lammes durchdrungen sein. Der Überwinder in Philadelphia wird zu einer Säule im Tempel gemacht, und er wird niemals aus dem Gebiete der Gedanken Gottes hinausgehen. In Eph. 2 wird gesagt, daß wir zu einem heiligen Tempel im Herrn heranwachsen - Gott bereitet das in der gegenwärtigen Zeit vor. Es zeigt deutlich, daß wir das Endgültige noch nicht erreicht haben. Wenn der Tempel vollständig ist, dann wird das Endgültige da sein; die Gesinnung Gottes wird dann in ihrer Vollständigkeit gesehen werden.

Wir müssen ebenso die Gesinnung Gottes wie auch das Herz Gottes wahrnehmen. Die Gesinnung Gottes steht über allen und gegen alle rein menschlichen Gedanken. Im Tempel sind wir von menschlichen Gedanken abgesondert, und wir haben die Gedanken Gottes. Paulus schreibt an die Korinther, sie wären der Tempel Gottes. Er redet von ihnen als von einem Heiligtume; das ist ein sehr trautes Wort, das den heiligen Charakter zum Ausdruck bringt, der nach den Gedanken Gottes den Heiligen eigen ist.

Im Lichte von dem allen können wir im Gleichnis vom Weinberge sehen, wie das, was Gott gebührt, gesichert wird. Die Früchte standen Gott zu. Wir wenden dieses Gleichnis nicht nur auf die Propheten vor alters an, die verworfen wurden, und auf das Kommen Christi und Seine Verwerfung, sondern es geht uns auch selbst an.

Die große Bedeutung dieses Gleichnisses liegt für uns darin, daß Er den Weinberg anderen gegeben hat und wir diese anderen sind. Uns ist sehr viel mehr anvertraut worden, als Israel je anvertraut wurde; sie kannten keinen verherrlichten Christus, und sie hatten auch nicht den Geist. Es gibt jetzt die Möglichkeit, Gott das darzubringen, was Ihm zusteht. Gott wird nicht zulassen, daß das, was Ihm zusteht, umkommt. Sind wir darauf eingestellt, daß Gott alles empfängt, was Ihm zukommt? Das ist das Endziel jedes Dienstes, den Gott uns geschickt hat, wie auch das Ziel des ganzen Dienstes am Worte.

Wir sind geneigt zu denken, daß Gott Seine Diener schickt, um uns zu helfen und zu dienen, und wir lassen es dabei bleiben. Der große Zweck des levitischen Dienstes ist aber, daß alles, was Gott zusteht, Ihm auch dargebracht wird. Die Leviten wurden in ganz Israel zerstreut, um dem Volk immer das vor Augen zu halten, was Gott dargebracht werden müßte. Der Weinberg stellt das dar, was Freude spenden soll; der Wein erfreut „Götter und Menschen".

In Seiner anfänglichen Berührung mit Abraham und seinem Samen führte Gott solche Grundsätze ein, die darauf abgestimmt waren, alles Gott Wohlgefällige hervorzubringen. Welch eine wunderbare Ordnung der Segnung und der Gunst wurde von Gott eingeführt! Er offenbarte Sich ihnen in der Erlösung; Er führte einen Weinstock aus Ägypten heraus. Er brachte sie in die Wüste und wohnte unter ihnen. Er gab ihnen Manna vom Himmel, Wasser aus dem Felsen, und das himmlische System der Stiftshütte wurde in ihrer Mitte aufgerichtet, und zwar war das alles nach dem Muster der Dinge in den Himmeln. Er führte sie dann in das Land ein und verhieß ihnen wunderbare Dinge. Auf diese Weise hatte Er den Weinberg gepflanzt, und dann gab Er ihn in ihre Hände, um zu sehen, was sie daraus machen würden. Es war alles so berechnet, daß nur solche Früchte, die Gott wohlgefällig sind, hervorkommen sollten; sie hätten niemals aufhören sollen, Ihm für die Erlösung zu danken und Ihn für Seine Wunder in der Wüste und dafür, daß Er sie in das Land gebracht hatte, zu preisen. Es hätte ein immerwährendes Lob für die Art und Weise, wie Gott Sich kundgetan hatte, aufsteigen sollen. Der Weinberg deutet auf ein System der Segnung und der göttlichen Gunst hin, das ganz und gar aus Gott ist.

Das trat tatsächlich in den Verheißungen an Abraham, Isaak und Jakob ans Licht, und es wirkte sich in den Wegen Gottes mit Seinem Volke aus. Man kann keinen Teil der Wege Gottes mit Seinem Volke sehen, der nicht äußerst günstig gewesen ist. Seine Regierung griff ein, wenn sie widerspenstig waren; doch das war nicht das, was Er Sich vorgenommen hatte. Das Pflanzen des Weinberges deutet nicht auf den gesetzlichen Grundsatz hin; Gott hatte viel Größeres im Sinne. Das System des Gesetzes war mit der wunderbarsten Entfaltung der göttlichen Güte und Gunst verbunden, was auf das Hervorbringen von Gott wohlgefälligen Früchten hinzielte. Im Weinberg war alles Fruchtbringende vorhanden, und Gott gab ihn den Weingärtnern. Ist es unsere große Freude, das darzubringen, was Gott gebührt? Gott möchte diese Frage an einen jeden von uns stellen. Er hat alles gegeben, und Seine Gnade genügt. Sind wir nun gewillt, das, was Ihm gebührt, darzubringen? Es bleibt dabei: "Wenn ihr willig seid und höret, so sollt ihr das Gute des Landes essen."

Nur einen kurzen Augenblick brachte Israel Frucht dar; Israel war fruchtbar und Gott angenehm, als die Opfergaben für die Stiftshütte gebracht wurden. Es gibt eine große Gefahr, daß wir geistliche Güter als etwas betrachten, das für uns selbst da ist, und dabei vergessen, daß alle geistlichen Güter das Darbringen dessen, was Gott gebührt, hervorrufen sollten. Das kam so schön in Verbindung mit der Stiftshütte und dem System der Opfer zur Entfaltung. Durch Seine gnadenreiche Gunst ihnen gegenüber hatten sie die schönste Gelegenheit, Gott das Gebührende darzubringen; doch sie ergriffen sie nicht. Wenn ihr die Persönlichkeiten des Alten Testaments, angefangen bei Mose, studiert, so werdet ihr sehen, daß jeder Diener darum besorgt war, daß etwas für Gott hervorkam. Ich glaube, daß das noch heute wahr ist; der brennende Wunsch eines jeden von Gott gesandten Dieners ist, daß etwas für Ihn vorhanden sei. Wir können sehr dankbar sein, wenn das bei unseren Zusammenkünften der Fall ist. Das Versammlungsgebet wird dadurch gekennzeichnet, daß etwas für die Personen der Gottheit vorhanden ist.

Der Römerbrief führt dazu, daß wir unsere Leiber als ein lebendiges Schlachtopfer Gott darstellen, und daß wir „einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi" verherrlichen sollen (Röm. 15, 6). Petrus sagt uns, daß wir zu einem geistlichen Hause aufgebaut werden, zu einem heiligen Priestertum, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich - d. h. es sollte etwas für Gott darin sein. Wenn es um den Dienst geht, so schreibt er: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes... auf daß in allem Gott verherrlicht werde durch Jesum Christum." Paulus gibt den Höhepunkt davon im Epheserbriefe an: „Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung", d. i. in einem Gefäß, worin alles für Gott ist. Wenn ich Gott, in Verbindung mit Seiner Gnade, in der Er Sich dem Menschen geoffenbart hat, das gebührende Lob nicht darbringe, so bin ich wertlos.

Der Herr sagt: „Jeder, der auf jenen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf welchen irgend er aber fallen wird, den wird er zermalmen" (Vers 18). Wenn Christus verworfen wird, bleibt dem Menschen nichts anderes als Gericht übrig. Christus wird zum Stein des Anstoßes; die Menschen fallen auf Ihn, und sie werden von Ihn auch zermalmt werden - beides ist Gericht. Wenn der Wille des Menschen wirkt, wird Christus zu einem Stein des Anstoßes; Petrus sagt uns, daß dies den Ungehorsamen gegenüber der Fall ist.

Der verworfene Erbe wird zum Eckstein, und alles wird jetzt durch Christum geprüft; alle Rechte Gottes, alles, was Ihm gebührt, wird nun in bezug auf Christum dargestellt. Der Eckstein ist immer noch mit dem Tempel verbunden. Petrus redet in dieser Weise darüber, daß es einen Bau gibt, dem seine ganze Herrlichkeit und sein ganzer Wert von Christo verliehen wird. „Euch nun, die ihr glaubet, ist die Kostbarkeit" (1. Petr. 2, 7). Christus ist der Eckstein, auserwählt und kostbar; dem Tempel wird jetzt das Gepräge durch die hervorragende Stellung Christi verliehen. Wenn die Menschen unter uns kommen, sollten sie bemerken, daß Christus eine hervorragende Stellung bei uns einnimmt, daß wir Ihn erhöhen und uns Seiner rühmen. Er ist der Eckstein, das Haupt der Ecke.

Christus ist der Erbe von allem, was Gott gebührt. Gott empfängt das Ihm Gebührende durch Christum. Wenn wir dem Sohne Ehre erweisen, so ehren wir auch den Vater, der Ihn gesandt hat. Wenn Christus erhöht und verherrlicht wird, so wird auch Gott erhöht und verherrlicht. Deshalb ist der geistliche Bau, der Tempel, dadurch gekennzeichnet, daß Christo darin Ehre erwiesen wird.

In Vers 13 ist ein besonderer Zug der Gnade zu sehen: „Ich will meinen geliebten Sohn senden; vielleicht, wenn sie diesen sehen, werden sie sich scheuen"; es ist eine Andeutung darauf, daß man solch einem Ausdruck der Gunst schwerlich widerstehen kann. Es ist rührend, daß der Herr es in dieser Weise sagt, als ob Er gleichsam sagen wollte, daß Gott Sein Äußerstes getan hat; vielleicht könnten die Herzen der Menschen dadurch noch gerührt werden. Es ist sehr ernst zu sehen, daß sich diese Menschen durchaus bewußt waren, daß sie Gott das Gebührende nicht dargebracht hatten. „Sie erkannten, daß er dieses Gleichnis auf sie geredet hatte."

Der nächste Abschnitt (Verse 20–26) führt den großen Gegenstand der Regierung Gottes in der Welt ein, und wie wir in bezug darauf stehen. Wir müssen den Kaiser anerkennen und das, was ihm zukommt; der Herr sagte aber auch: „Gebet... Gott, was Gottes ist." Wir sollten immer durch den Gedanken an das, was Gott gebührt, beherrscht werden. Der Herr hielt das, was der damaligen Obrigkeit gebührte, aber auch, was Gott gebührte, aufrecht. Wir haben es mit einer in der Welt aufgerichteten Obrigkeit zu tun, und wir haben eine gewisse Verpflichtung ihr gegenüber, indem wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist; was aber Gottes ist, sollte auch gegeben werden, es ist unsere Schuldigkeit.

Diese Dinge sind nicht unserem freien Willen überlassen; für freiwillige Opfergaben wird jede Freiheit gewährt, aber gewisse Dinge sind nicht freiwillig, sondern es sind Verpflichtungen, die Gott zukommen. Der Grundsatz, der in dem Liederverse: „O, wie viel wir schulden!" zum Ausdruck kommt, ist geistlich und moralisch richtig, und alles ist die Frucht Seiner Gnade. Wenn ich meine Schulden nicht bezahlen will, bin ich nicht ehrlich, wie Maleachi sagt: „Darf ein Mensch Gott berauben?" Die Anerkennung der Verpflichtung ist eine wichtige Tempel-Belehrung.

Nichts anderes ist recht als das, was dem Menschen und Gott gebührt, zu geben. Der Kaiser hat seine Stellung in der Welt, und er soll haben, was ihm gebührt, und es steht allen Menschen zu, daß man ihnen Achtung und Ehre erweist. Wenn ich das nicht tue, bin ich nicht gerecht. Die Schrift sagt uns, wir sollen alle Menschen ehren; das wird nicht dem freien Willen überlassen. Wenn jemand wegen seiner Person oder seines Amtes eine besondere Ehre gebührt, muß ich ihm das Gebührende geben. Auch den Geschwistern gebühren gewisse Dinge - gebe ich ihnen das Gebührende? Wenn ich es ihnen nicht gebe, bin ich eine ungerechte Person. Dann gibt es aber auch das, was Gott gebührt.

Der Römerbrief ist der große Brief der Gerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen geistlichen Zustand. Das ist ein feststehender Grundsatz. Der Herr liebt Gerechtigkeit und haßt Gesetzlosigkeit. Er liebt, was recht ist, und Gesetzlosigkeit ist das Gegenteil von dem, was recht ist.

Der Herr erwähnte zuerst den Kaiser, weil Er ihre Frage beantwortete. Sie kamen, um Ihn in Seiner Rede zu fangen. Wenn Er gesagt hätte, daß es erlaubt ist, dem Kaiser Steuer zu zahlen, so hätte Er alle nationalen Gefühle der Juden gegen Sich gehabt; wenn Er gesagt hätte, daß es nicht erlaubt ist, hätte man Ihn als einen Aufständischen der Obrigkeit übergeben; Er antwortete aber weise und brachte sie zum Schweigen.

Das, was Gott gebührt, besteht darin, daß wir eine wohlannehmliche Antwort auf die ungeheuer große Verpflichtung darbringen, weil Seine Gnade und Liebe uns in Christo geoffenbart und unseren Herzen durch den Geist nahegebracht worden sind. Es hängt eigentlich mit dem Dienste Gottes zusammen. Paulus redet davon, daß Christus unter den Nationen Gott lobsingt (Röm. 15, 9). Christus bringt Gott das, was Ihm gebührt, und die Nationen haben jetzt das Vorrecht, sich dem Lobgesang anzuschließen, indem sie das Gebührende darbringen.

Die nächste Belehrung im Tempel (Verse 27-40) bezieht sich auf die äußerste Wichtigkeit der geistlichen und ewigen Beziehungen; sie können nur auf der Grundlage der Gerechtigkeit beruhen. Wir kommen jetzt zu einem äußerst interessanten Gegenstande, nämlich zur Auferstehung und dem Charakter des Lebens, das der Auferstehungswelt eigen ist. Die Gedanken der Sadducäer waren alle „dieser Welt" gemäß gestaltet; der Herr stellt uns aber den geistlichen Charakter „jener Welt" vor Augen; diese Welt wird durch das Natürliche gekennzeichnet, und jene Welt durch das Geistliche, und in jene Welt geht nichts ein, was nicht geistlich ist. Der Herr vergleicht weiterhin den vergänglichen Charakter des gegenwärtigen Zeitalters mit dem geistlichen und bleibenden Charakter des kommenden Zeitalters. Es ist gut, wenn wir uns jetzt daran gewöhnen, das zu fördern, was zum kommenden Zeitalter gehört, und das ist geistlich. In Gottes Auferstehungswelt gibt es nur das, was geistlich ist.

Es gibt zwei Welten, die Welt des Natürlichen und die Welt des Geistlichen. Die Sadducäer stellten eine sehr törichte Frage und zeigten damit, daß ihre Ansichten über die Dinge rein natürlicher Art waren; der Herr benutzte das aber, um uns eine köstliche Belehrung über die Auferstehung zu geben. Nicht nur wird das Ungerechte oder Verkehrte nicht in die geistliche Welt eingehen, sondern das Natürliche wird auch nicht darin eingehen. Sogar Adam, wenn er nicht gesündigt hätte, wäre nicht darin eingegangen, denn er war ein natürlicher Mensch, und als solcher konnte er niemals in das Gebiet der Auferstehung eingehen. Der Herr will uns im Tempel die äußerste Wichtigkeit von dem, was geistlich ist, einprägen, und wir sollten auf Seine Worte sehr achten. Wir sollten bedenken, was in die geistliche Welt hinübergehen kann; natürliche Beziehungen können nicht darin eingehen, und wir sollten sehr darüber in Übung sein, daß wir gut mit dem ausgestattet sind, was darin eingehen kann.

Das Natürliche ist bloß für einen Augenblick, der Tod verschlingt es; die Auferstehung wird aber die zum Vorschein bringen, die des geistlichen und beständigen Zustandes würdig geachtet werden - sie sind den Engeln gleich in einem Zustande von dauernder Heiligkeit und Unverweslichkeit, und zwar als Söhne Gottes, als Söhne der Auferstehung. Der Herr redet davon, daß man „würdig geachtet" werden kann, „jener Welt teilhaftig zu sein". Bei solchen Menschen ist eine Würdigkeit vorhanden, an der geistigen Welt teilzuhaben. Welch eine Seelenübung sollte das im Herzen eines jeden hervorrufen, der das Licht und den Glauben der Auferstehung besitzt! Das Natürliche gibt uns keine Würdigkeit für jene Welt; nur wenn wir geistliche Wesenszüge haben, können wir würdig sein, Teilhaber jener geistlichen Welt zu sein. Die Schrift stellt diese Sache immer so dar: siehe Joh. 5, 29; Röm. 2,7; Phil. 3, 11; 2. Thess. 1, 5–7.

In jener Welt wird es keinen geben, der nicht würdig geachtet worden ist, dort zu sein. Der Übeltäter von Golgatha wird würdig geachtet werden, denn er richtete sich selbst und rechtfertigte Christum, und er erkannte an, daß das ganze Recht auf das Reich Ihm gehörte. Gott kann so etwas nicht aus Seiner geistlichen Welt ausschließen.

Der Herr will uns in unserem Geiste aus dem Natürlichen in eine Welt führen, wo kein Tod ist, und wo wir den Engeln gleich sein werden - Wesen, die durch die Liebeswahl und Macht Gottes in dem ungefallenen Zustande bewahrt worden sind. Sie sind heilige Wesen, und sie sind unsere Mitknechte (Offb. 22, 9), die gehorsamen und freudevollen Diener Gottes und Jesu, die Zeugen der wunderbaren Gnade Gottes den Menschen gegenüber, und zwar ohne Eifersucht. Sie sind Geister, Wesen von einer geistlichen Ordnung, die von Gott ins Vertrauen gezogen werden. „Den Engeln gleich" ist ein sehr hoher und heiliger Zustand. Obwohl unsere wahre christliche Stellung größer ist als die der Engel, ist unser gegenwärtiger Zustand nicht größer. Es hat Gott wohlgefallen, eine gewisse Ordnung der Wesen zu haben, bei welchen alles geistlich ist -„Der seine Engel zu Winden (zu Geistern) macht" - sie sind nicht und waren niemals natürlich; sie sind immer geistlich gewesen, und wenn wir den Engeln nicht gleich werden, werden wir die Sohnschaft in ihrer Fülle niemals erkennen.

Die natürliche Welt ist durch Heiraten gekennzeichnet; in dieser Welt hängt alles weitgehend vom Heiraten ab; es gibt aber einen anderen Zustand, und er ist geistlich. In der tatsächlichen Geschichte der Welt scheint Gott alles, was Er einführte, verloren zu haben, sogar Christum; aber Er sichert Sich alles zu Seinem Wohlgefallen in der Auferstehung. Abraham, Isaak und Jakob stellen die Berufung, die Verheißungen und Kraft und die Wege Gottes in der Zucht dar, aber sie starben alle. Aber Hunderte von Jahren später konnte der Herr von ihnen als Lebenden reden; alle leben für Gott, und alle werden in der Auferstehung unbeschwert durch das Natürliche hervorkommen, und zwar in allen geistlichen Wesenszügen, in welchen sie für Gott leben. Der Herr spricht von den Söhnen Gottes und den Söhnen der Auferstehung; es wird in der Auferstehung nur das Geistliche hervorkommen.

Wir mögen das Natürliche und Fleischliche bis zum Grabe tragen, es wird aber in der Auferstehung nichts hervorkommen, als nur das Geistliche - „Es wird auferweckt ein geistiger Leib" - was für eine gesegnete Wirklichkeit! In jener Welt gibt es nichts, als nur das Geistliche. Möchten wir uns selbst fragen, ob wir etwas besitzen, was in jener Welt hervorkommen wird. Abraham hatte sehr vieles, ebenso Isaak und auch Jakob; diese Männer werden herrlich hervorkommen. Gott schämte Sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; an ihnen waren solche geistlichen Wesenszüge vorhanden, die Gott unmöglich aus Seiner Welt ausschließen kann.

Die Geister von Abraham, Isaak, David und von vielen anderen werden in der Auferstehung vollkommen gemacht werden, doch keinen Augenblick eher als wir. Diese Männer leben für Gott. Sie sind begraben worden, es ist jedoch erforderlich, daß sie auferweckt werden; wenn sie für Gott leben, müssen sie auferweckt werden. Sie warten darauf, sogar in bezug auf ihre Leiber, in ein geistliches Gebiet eingeführt zu werden.

Der Zweck von dem allem ist, daß wir das Geistliche fördern sollen; das ist ein Teil der Belehrung im Tempel. Ich mag ein großer Mann in dieser Welt sein und viele Gaben besitzen; aber nichts wird in die Auferstehungswelt übergehen als nur das Geistliche. Das Natürliche ist eine Ordnung, die vergeht; das Geistliche aber bleibt bestehen. Die Sohnschaft ist rein geistlich, und sie kann nur von geistlichen Menschen aufgenommen werden; es ist eine verliehene Würde; aber einem ungeistlichen Menschen bedeutet sie nichts.

Kapitel 21

Der Herr will, daß, während wir das Reich Gottes erwarten, wir mit dem öffentlichen Laufe der Dinge bekannt sind. In Kap. 21 haben wir die Geschichte der öffentlichen Ereignisse, und Kap. 22 gibt uns die Geschichte der verborgenen Ereignisse, also dessen, was sich im inneren Kreise, wo die Gegenwart des Herrn unmittelbar gekannt wird, ereignet. Gott hat alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, damit die öffentlichen Dinge aufrechterhalten werden können.

Denkt an die außerordentliche Weisheit, die die Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes redeten, kennzeichnete! In Stephanus sehen wir ein hervorragendes Beispiel von solch einer Weisheit. Er hatte keine Gelegenheit, seine Verkündigung vorzubereiten. Doch dadurch waren die Verkündigungen in der Apostelgeschichte gekennzeichnet. Beinahe alle Verkündigungen, über welche dort berichtet wird, fanden unter solchen Umständen statt, die für den Prediger jede Möglichkeit, seinen Vortrag vorzubereiten, ausschlossen; alle diese Gelegenheiten waren unerwartet. Im Falle des Stephanus sehen wir, daß dieser gesegnete und heilige Mann Gottes so durch den Geist ausgestattet wurde, daß es keine Möglichkeit gab, ihm etwas zu widerlegen. Alles geschah in Weisheit, jedes Wort war am Platze. Sie konnten dem Stephanus nicht widerstehen; sie konnten ihn töten, aber sie konnten der Kraft dessen, was er sagte, nicht widerstehen. Wenn wir vor die Menschen treten, sind wir entweder Gefäße des Geistes oder Toren; entweder entkräftigen wir unsere Botschaft, oder wir sind Gefäße des Geistes.

Ich habe oft über die Verkündigungen in der Apostelgeschichte nachgedacht; für diejenigen, die in irgendeinem Maße ein öffentliches Zeugnis ablegen, ist es sehr lehrreich nachzuforschen, wie diese Männer redeten, die in der Kraft des Heiligen Geistes standen. Die Verkündigungen waren sehr kurz, sie blieben bei der Sache, jedes Wort war am Platze, nichts wurde wiederholt, alles war völlig nüchtern - das ist die Verkündigung in der Kraft des Heiligen Geistes.

Es gibt einen gewissen öffentlichen Lauf der Dinge, und wir können wissen, was davon zu erwarten ist; wir haben es nicht nötig, Bücher darüber zu lesen, um zu wissen, wie die Dinge sich gestalten. Der Herr hat uns genau gesagt, was sich im öffentlichen Lauf der Dinge ereignen wird. Viele Betrüger werden kommen und sagen, sie seien Christi Vertreter, und sie werden die Menschen verführen; es wird ein Geist des tödlichen Widerstandes vorhanden sein, so daß sogar natürliche Liebe davon überwunden werden wird. In der Welt werden ruhelose Zustände herrschen; es werden Kriege sein, Reiche und Mächte werden erschüttert werden. Wir sollten also nicht erstaunt sein, wenn große Kriege ausbrechen.

Es ist das Vorrecht der Heiligen, mit dem Heiligtum vertraut zu sein, und der Geist sagt von den Heiligen: „Ihr seid der Tempel Gottes." Wir haben nicht nur das Vorrecht, in den Tempel einzugehen, sondern wir machen auch den Tempel aus. Der Tempel und der Olberg hängen zusammen. Während der Herr bei Tage den Tempel mit geistlichem Lichte erfüllte, nahm Er nachts zum Olberge Zuflucht - das ist das Geheimnis. Es ist etwas Wunderbares, sich in ein dem Himmel entsprechendes Gebiet auf Erden zurückziehen zu können; man möchte diese Zuflucht mehr erleben.

Wenn wir der öffentlichen Lage aus Nächten, die auf dem Olberge verbracht worden sind, entgegentreten würden, so würde mehr Kraft vorhanden sein. Bevor Stephanus zu reden begann, schauten sie in sein Angesicht und sahen, daß es dem eines Engels ähnlich war; das zeigte, in welch einer Gesellschaft er sich aufgehalten hatte. Er war unmittelbar aus dem durch den Olberg angedeuteten geistlichen Gebiete gekommen, und der Widerschein des Himmels strahlte sogar aus seinem Antlitz.

Wir könnten keine bessere Auslegung für dieses Kapitel haben als Stephanus, denn wir sehen in ihm einen Menschen, gegen den ein völlig teuflischer Widerstand vorlag, und doch triumphierte er vollständig. Sie konnten gegen ihn mit den Zähnen knirschen, aber sie vermochten ihm nicht zu antworten. Stephanus legte ein sehr ernstes Zeugnis ab. Es war nicht gerade das Evangelium, denn die Zeit war gekommen, wo die öffentlichen Führer des Volkes nicht mehr als unwissende Totschläger angesehen wurden. Sie wurden durch Stephanus als vorsätzliche Mörder betrachtet; deswegen stellte er ihnen nicht die Gnade, sondern die Herrlichkeit vor Augen.

In Kap. 3 sagte Petrus: „Ich weiß, daß ihr in Unwissenheit gehandelt habt", und er öffnet ihnen die Zufluchtstadt; er sagt: Ihr habt Ihn getötet, aber nicht vorsätzlich, und er öffnete die Tür. In Kap. 7 gibt es aber keine Zufluchtsstadt mehr; das Volk hatte das Zeugnis des Heiligen Geistes verworfen, und Stephanus beschäftigt sich mit ihnen als mit vorsätzlichen Mördern Christi. Es gab kein Wort der Gnade mehr, sondern ein letztes, ernstes Zeugnis einem Volke gegenüber, das jedes Anrecht auf Segnung verwirkt hatte. Es war die Annahme oder die Verwerfung des Zeugnisses des Heiligen Geistes, die darüber entschied, ob ein Mensch ein versehentlicher Totschläger oder ein vorsätzlicher Mörder war. Wenn er ein versehentlicher Totschläger war, würde er sich vor dem Zeugnis des Heiligen Geistes beugen. In Apg. 2 sagten sie: "Was sollen wir tun?", und Petrus öffnete ihnen die Zufluchtstadt; wenn aber das Zeugnis des Heiligen Geistes verworfen wird, so gibt es keine Zufluchtstadt.

Der Herr sagt: „Es wird euch aber zu einem Zeugnis ausschlagen" (Vers 13). Wir sollten mehr an Gelegenheiten zum Zeugnis denken. Einige scheinen Gnade und Feingefühl zu haben, um jede Gelegenheit zu ergreifen; doch das ist nicht charakteristisch für uns alle. Die Dinge, die sich ereignen, sollten als Ermutigung aufgefaßt werden. Der Herr sagt uns, daß, wenn diese Dinge anfangen zu geschehen, wir unsere Häupter emporheben sollen, weil unsere Erlösung naht. Der Widerstand mag gewaltig gewesen sein, doch die Heiligen sollen deswegen nicht niedergeschlagen sein. Stephanus hob sein Haupt empor; sein Ausgang war wunderbar. Wenn Widerstand da ist, so ist das ein Hinweis auf das Vorhandensein von etwas Wertvollem, wogegen der Widerstand sich lohnt; wenn kein lebendiges Zeugnis über Christum im Himmel abgelegt wird, so gibt es auch keinen Widerstand.

Es ist bemerkenswert, daß der Herr das, was mit der öffentlichen Stellung zusammenhängt, bis ans Ende zurückhält. Wir können nichts in der Schrift überspringen, besonders nicht bei Lukas, weil er der Reihe nach schreibt. Wir müssen die Belehrungen des Herrn in bezug auf den Tempel Schritt für Schritt aufnehmen; dann werden die verschiedenen Dinge, worüber geredet wird, uns eine Ausstattung geben. Wir werden so ausgestattet sein, daß, wenn wir zur öffentlichen Seite übergehen, wir Männer von Ausdauer sind, die das, was der Herr vorher gesagt hat, gelernt haben. Wegen des Zusammenbruchs von allem, was öffentlich für Gott besteht, sind sie bereit zu verstehen, daß kein Stein auf dem anderen bleiben wird.

„Die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden." Das sollte für die Zeit der Abwesenheit des Herrn charakteristisch sein; auf dem Gebiete der Regierungen in dieser Welt hat es fortwährend Erschütterungen und Umwälzungen gegeben. Reiche sind gestürzt worden und andere sind emporgekommen; die Gesetzlosigkeit des Menschen ist wirksam gewesen, anstatt sich dem zu unterwerfen, was Gott eingesetzt hatte. Es gibt heutzutage viele Zeichen an Sonne, Mond und Sternen. Es gibt gewisse Gewalten, die Gott aufgerichtet hat, und gewisse Gewalten, die die Kräfte des Himmels sind. Diese Dinge rufen in den Herzen der Menschen Bestürzung hervor. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind gleichsam zur Erde gefallen. Wir können hier bequem sitzen und über diese Dinge reden, aber in anderen Teilen der Welt gelangen diese Dinge buchstäblich zur Ausführung. In einigen Teilen der Welt haben Christen unlängst gelitten, und einige sind sogar um ihres Glaubens willen gestorben; wir können uns nicht im Geiste von der christlichen Schar trennen, und wenn wir in unserem Lande auch nicht diesen außerordentlichen Umwälzungen gegenüberstehen, so haben es aber unsere Geschwister in anderen Ländern damit zu tun.

Der Herr nimmt an, daß die Heiligen in der Hoffnung auf Erlösung durch alles hindurchdringen werden, wie auch in der Hoffnung, völlig aus dem ganzen Gebiete der Wirksamkeit des Bösen herausgenommen zu werden. Wir gehen der Erlösung im vollsten Sinne dieses Wortes entgegen. Es sind diejenigen, die in der öffentlichen Stellung diese Gesinnung haben, die alle Seelenübungen des nächsten Kapitels in Verbindung mit dem Feste der ungesäuerten Brote und dem Abendmahle des Herrn aufnehmen können.

Es wird uns im Hebräerbrief gesagt, daß alles, was erschüttert werden kann, erschüttert werden wird; deshalb ist es gut zuzusehen, daß wir mit dem vorangehen, was nicht erschüttert werden kann. Es besteht die Gefahr, daß wir von den bleibenden Dinge abgelenkt werden, wie der Herr in Vers 34 sagt: „Hütet euch aber, daß eure Herzen nicht etwa beschwert werden durch Völlerei und Trunkenheit und Lebenssorgen, und jener Tag plötzlich über euch hereinbreche." Wir müssen zusehen, daß wir nicht in ein Leben der Selbstgefälligkeit herabsinken. „Wahrlich ich sage euch, daß dieses Geschlecht nicht vergehen wird, bis alles geschehen ist." Dieses Wort wird oft in der Schrift in einem moralischen Sinne gebraucht- es ist nicht ein Geschlecht im Sinne von 40 oder 50 Jahren. Der Charakter des Geschlechts, das vorhanden war, als der Herr redete, wird nicht vergehen, bis alles erfüllt ist. Dasselbe Geschlecht ist auch jetzt zugegen, denn Petrus sagt: „Laßt euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!" Es ist immer noch ein verkehrtes Geschlecht, und Menschen müssen davon gerettet werden.

In Phil. 2 sagt Paulus: „Tut alles... auf daß ihr tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts." Die Welt ist immer noch eine „gegenwärtige böse Welt“. Einige sagen, die Welt wird besser, andere sagen, sie wird schlechter, aber beide haben unrecht. Die Schrift sagt wohl, daß böse Menschen und Gaukler im Bösen fortschreiten werden, aber das ist auf dem Gebiete des christlichen Bekenntnisses. Die Welt ist dieselbe, die sie immer war; sie besteht aus der Lust des Fleisches und der Lust der Augen und dem Hochmut des Lebens, und sie wird immer dieselbe bleiben.

Der Herr hat ein Geschlecht: „Ein Same wird ihm dienen; er wird dem Herrn als ein Geschlecht zugerechnet werden." Auch Sein Geschlecht verändert sich nicht; es bleibt immer dasselbe. Der neue Mensch ist heute genau derselbe wie am Tage der Pfingsten; er hat keinen seiner Wesenszüge verändert, und er wird es auch niemals tun.

Kapitel 22

In diesem Kapitel scheint der Herr zum Innerlichen überzugehen, zu dem, was mit dem Kreise verbunden ist, wovon Er der Mittelpunkt ist und womit Er die Herzen Seiner Heiligen beschäftigen will. Er deutet an, daß es einen zurückgehaltenen Ort gibt, den Er Sein Gastzimmer nennt; gewisse Dinge haben dort ihren Platz, Dinge, die in Seinem Herzen sind und die Er in die  


Kapitel 22

In diesem Kapitel scheint der Herr zum Innerlichen überzugehen, zu dem, was mit dem Kreise verbunden ist, wovon Er der Mittelpunkt ist und womit Er die Herzen Seiner Heiligen beschäftigen will. Er deutet an, daß es einen zurückgehaltenen Ort gibt, den Er Sein Gastzimmer nennt; gewisse Dinge haben dort ihren Platz, Dinge, die in Seinem Herzen sind und die Er in die Herzen derer legen möchte, die Ihn lieben. Das ist mehr im Verborgenen als öffentlich.

Die ganze Holdseligkeit Seiner wunderbaren Liebe trat in diesem verborgenen Kreise hervor, obwohl der Verräter da war. Wir finden selbst den Judas in dem inneren Kreise, weil er einer der Zwölfe war; doch beeinflußt das nicht den Charakter dessen, was der Herr vor Sich hatte. Das zeigt, daß die Feindschaft sich sogar in dem Kreise, der Ihm am nächsten steht, regen kann. Wir brauchen nicht erstaunt zu sein, wenn sich die Feindschaft im inneren Kreise regt. Satan wählt passende Werkzeuge für seine Vorsätze; es diente mehr dem Vorsatze Satans, den Verräter im Kreise der Zwölfe zu haben, als die ganze Feindschaft der Schriftgelehrten und Pharisäer zu erwecken. Es war ein tödlicherer Schachzug Satans, sich ein Werkzeug oder Gefäß in dem inneren Kreise zu sichern.

Das Einführen des Passahs deutete auf die heiligen Zustände hin, in welchen allein der Tod des Herrn verstanden werden kann. Der ganze Gegenstand wird als mit dem Feste der ungesäuerten Brote zusammenhängend eingeführt; das ist sein Charakter. Es wird das Passah genannt, aber der hervorragende Gedanke des Geistes ist das Fest der ungesäuerten Brote, d. h. die Frage unseres Zustandes wird aufgeworfen. Das Fest der ungesäuerten Brote bedeutet, daß alles, worauf Satan einwirken kann, ausgeschlossen werden sollte. Der Sauerteig stellt den verderblichen und aufblähenden Grundsatz des Bösen im Herzen des Menschen dar. Er nimmt verschiedene Formen an, nämlich Hinterlist, Bosheit, Heuchelei und vieles andere.

Paulus sagt: „Unser Passah, Christus, ist geschlachtet. Darum laßt uns Festfeier halten" (1. Kor. 5, 7). Das zeigt den Zustand, in dem wir allein das Passah aufnehmen können. Wir können es nur in heiligen Zuständen feiern; es war der erste Tag der ungesäuerten Brote, an dem das Passah geschlachtet werden sollte. Wir können nur dann den Tod Christi vom Standpunkte des Passahs aus betrachten, wenn wir in dem Zeitabschnitt stehen, der durch einen ungesäuerten Charakter gekennzeichnet ist. Es wird in diesem Evangelium in dieser Weise dargestellt, um uns zu zeigen, wie wichtig das Vorhandensein dieser heiligen Zustände für uns ist.

Die Tragweite des Passahs reicht weiter als die des Abendmahls des Herrn. Ich habe den Eindruck, daß das Abendmahl eine Erkenntnis Christi ist, an welcher niemals eine andere Schar teilhaben wird; sie ist denjenigen eigen, die den Leib Christi ausmachen. Ich bezweifle, daß irgendeine andere Familie diesen besonderen Charakter der Liebe Christi, die im Tode ihren Ausdruck fand, erfassen wird, während das Passah im Tausendjährigen Reich seinen Platz für Israel haben wird.

Die Ausstattung ist sehr notwendig. Der Herr hatte einen Menschen in Jerusalem so beeinflußt, daß Er auf ihn rechnen konnte, daß er die rechten Zustände für das Passah bewahren würde; er stellt den Überwinder dar. Der Mann, der Hausherr, stellt das verantwortliche Element dar, der vom Lehrer beeinflußt worden war. "Ihr sollt zu dem Herrn des Hauses sagen: Der Lehrer sagt dir..." Er war durch den Lehrer beeinflußt worden, und der Herr wußte es. Möglicherweise kannte keiner der Jünger diesen Mann, der Herr kannte ihn aber, und Er konnte sagen: Dieser Mann ist so durch Meine Lehre beeinflußt worden, daß Ich Mich auf ihn verlassen kann, daß er alles Meinen Gedanken gemäß für das Passah bereiten wird. Der Herr des Hauses hatte einen Menschen mit einem Krug Wasser; er war mit Vorkehrungen für gereinigte Zustände beschäftigt, und der Herr sagt: Das ist der Mensch, dem man folgen soll. Der Mensch mit dem Krug Wasser hatte vielleicht gelesen, daß Hiskia betreffs des Passahs an die Reinigung gedacht hatte. Welch ein einzigartiger Mann muß das doch in Jerusalem gewesen sein!

Alles wurde durch die Ebbe und Flut der Religion getragen, als das Passah gefeiert wurde; doch es war auch ein Mann da, der durch den Lehrer beeinflußt wurde. Es ist nicht der Herr oder das Haupt, sondern der Lehrer, und dieser Mann besaß Eindrücke von Christo, keine Gebote, sondern Eindrücke. Ich vermute, daß die Eindrücke durch den Lehrer übermittelt wurden. Wir müssen das zuerst als einzelne verwirklichen und dann als Versammlung. Inwiefern besitzen wir Eindrücke von Christo, um das zu haben, was dem Belegen mit Polstern entspricht? Bei diesem Manne war das Zimmer wohl ausgestattet.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie er sich wohl immer wieder umgesehen haben muß, um zu sehen, ob auch alles mit den Eindrücken, die er von Christo als Lehrer besaß, im Einklang war. Ich habe den Gedanken des Lehrers gern; wir denken nicht genug daran. Es handelt sich nicht um Seine Herrschaft oder Autorität, und genau genommen auch nicht um Ihn als Haupt, sondern um das Lehren, d. h. wir werden durch Gedanken derart beeinflußt, daß wir von dem, was recht ist, Eindrücke empfangen. Dies nimmt dann alles Unpassende weg; wenn etwas Unpassendes in unserem persönlichen Verhalten oder in der Versammlung vorhanden ist, so ist es aus dem Grunde, weil wir an Eindrücken von Christo als Lehrer Mangel leiden.

In den zwei vorhergehenden Kapiteln sehen wir den Herrn im Tempel lehren, und wir haben die Entfaltung der charakteristischen Wesenszüge des Tempellichtes unter der Belehrung Christi. Das würde uns in bezug auf die Ausstattung helfen; wir sollten Eindrücke von allem Passenden besitzen, ohne dafür eine Schriftstelle zu haben. Ein Mensch, der eine Schriftstelle für alles haben will, vermißt etwas, denn ich glaube, daß es möglich ist, Eindrücke von Christo zu bekommen und sie auf Grund der Schrift nachzuprüfen. Die Ausstattung des Gastzimmers bezieht sich auf die Ordnung, nach welcher die Dinge getan werden.

Wir können nicht sagen, daß es in der Christenheit viel Ausstattung gibt, die Christo entspricht. Wir müssen lernen, eine ganz neue Auffassung von dem, was Ihm wohlgefällt, zu gewinnen. Die Heiligen werden von der Verwirrung in der Christenheit dadurch abgesondert, daß sie von dem, was für Christum wohlannehmlich ist, Eindrücke bekommen. Unsere Umgebung ist voll von Eindrücken, die nicht von Gott sind, und es dauert lange, bis man praktisch davon los ist. Bei richtigen moralischen Zuständen können die liebevollen Zuneigungen der Heiligen frei ausströmen, wenn sie des Herrn gedenken.

Beim Abendmahl ist es der Herr persönlich: „Mein Leib, der für euch gegeben wird" - das ist ein direkter, persönlicher Zug, ein liebevoller Zug. Zum ersten Male wurden die großen und kostbaren Gedanken Gottes im Herzen eines Menschen auf Erden gekannt. Vor dem öffentlichen Ergebnis, wenn das Reich kommt oder das Passah im Reiche Gottes erfüllt sein wird, war das alles im Herzen eines gepriesenen Menschen auf Erden bekannt, und Er sagt: „mit euch", als ob Er sagen wollte: Ich möchte liebevoll alles, was in Meinem Herzen betreffs meines eigenen Todes und des Passahs ist, mit euch teilen.

Das Hinzufügen des Kelches zum Passah durch den Herrn scheint der letzte erforderliche Grundsatz zu sein, um den Gedanken des Passahs zu vollenden. Das ist im Alten Testament nicht zu sehen, aber der Herr fügte ihn hier hinzu. Der krönende Abschluß des Passahs wird hier durch den Gedanken an die Freude eingeführt, die das Reich Gottes durch die Erkenntnis Gottes erfüllen wird. Der Herr ergreift die Gelegenheit, um den besonderen Charakter der Zwischenzeit zu erwähnen; es kam eine Zwischenzeit, während der der Herr nicht von dem Gewächs des Weinstocks trinken würde, bis das Reich Gottes kommen würde. Das deutet hin auf die den Heiligen geziemende Weihe der Nasiräer; d. h. wir freuen uns jetzt nicht nach der Art des Tausendjährigen Reiches. Wir haben jetzt unsere Freude, wenn wir die Stellung des Herrn als Nasiräer, in welcher Er von allen Freuden der Erde abgesondert ist, im Sinn behalten.

Der Herr sagt: „Ehe ich leide“, um den Gedanken hervorzuheben, daß Leiden Sein Teil hienieden sein sollten; nicht die Herrlichkeit des Reiches, sondern Leiden und daneben auch die Absonderung von den Freuden, die der Erde eigen sind, sollten Sein Teil sein. Der Tod Christi hat viele natürlichen Freuden für diejenigen beeinträchtigt, die seine Bedeutung verstehen. Die Menschen sagen: Was schadet dies oder das? Es gibt das, was die Menschen unschuldige Freuden nennen, und mir scheint, daß Christen mehr durch diese Dinge überwältigt werden als durch tatsächlich böse Dinge. Sie fragen: Worin liegt das Unrecht? Nun, steht es mit dem Tode Christi im Einklang? Stimmt es mit Seiner gegenwärtigen Stellung als Nasiräer zur Rechten Gottes überein? Es gibt viele Dinge, von welchen wir nicht sagen können, daß sie unrecht sind, aber sie stimmen nicht mit der Stellung Christi überein, und sie würden uns daran hindern, in passender Weise beim Abendmahl zu sein. Wir können nicht richtig beim Abendmahl sein, wenn wir an den Dingen, an denen Christus kein Teil hat, eine Vergnügungsquelle finden. Es handelt sich darum, wo Er lebt; Er ist der Sünde gestorben und Er lebt jetzt Gott, und es heißt: „Haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christo Jesu" — das ist die ganze christliche Stellung.

Die Freude des Nasiräers war, daß er völlig Gott geweiht war. In 4. Mose 6 kommen die Worte „für Jehova" immer wieder vor; das ist der Gedanke. Es geht nicht darum, daß ein Mensch sich vornimmt, ein Mönch zu werden, oder sich durch einen besonderen Charakter der Absonderung auszuzeichnen, sondern er untersteht vom Anfang bis zum Ende dem Befehl Jehovas. Dieses Vorrecht war denjenigen, die Jehova liebten, vorbehalten, daß sie diese besondere Ausnahmestellung „für Jehova" einnehmen durften; und es war die Freude des Nasiräers, daß er besonders geweiht war. In dem Ausspruch des Herrn, daß Er vom Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken werde, wird deutlich auf den Gedanken des Nasiräers hingewiesen. In der gegenwärtigen Zeit ist Christus der Nasiräer. Die Menschen sagen: Ihr seid zu eng und zu abgesondert; wie könnte aber die Absonderung zum Herrn zu stark sein? Kann jemand mir sagen, daß ich zu weit gegangen bin, als ich mich Ihm völlig geweiht habe? Es besteht bei uns eine Neigung, ablehnend zu denken und mehr das, was der Herr beseitigt hat, als das, was Er herbeigeführt hat, im Auge zu behalten.

So weit wie ich es verstehe, handelt es sich bei dem Gedanken des Leibes, der für uns gegeben wurde, um das, was Er herbeigeführt hat. Das Passah ist das, was Er beseitigt hat, Sein Leib ist aber Er Selbst, das, was Er aus dem Himmel herniedergebracht hat. Nach Markus soll dies genommen werden, nach Matthäus soll es gegessen werden, und wenn das getan wird, kann der Herr der Gegenstand unseres liebevollen Gedenkens sein. Das Lukasevangelium ist das einzige Evangelium, das uns die Gedenkfeier und das Einsetzen des Abendmahls gibt. Bei Matthäus und Markus wird das Einsetzen nicht erwähnt; aus diesen Evangelien könnte man nicht schließen, daß es jemals wieder getan werden sollte. Lukas gibt uns diejenige Seite des Abendmahls, die mit der Darstellung Pauli im 1. Korintherbrief übereinstimmt. Keiner von diesen zwei Männern hatte den Herrn auf Erden gesehen; darum konnten sie die Sache so schildern, daß wir sie aufnehmen können. Wir können niemals so des Herrn gedenken wie die Jünger, die Ihn auf Erden gesehen hatten. Der Charakter unseres Gedenkens ist ganz anders, weil wir Ihn nie gesehen haben. Die Jünger, die Ihn gesehen hatten und mit Ihm gewandelt waren, die Seine Worte gehört und Sein Handeln gesehen hatten, besaßen eine persönliche Erinnerung an den Herrn; wir haben jedoch niemals eine solche gehabt.

Das Gedenken, wovon der Herr im Lukasevangelium spricht und das Paulus im 1. Korintherbrief erwähnt, ist also eine Art des Gedenkens, die von Menschen befolgt werden kann, die Ihn niemals gesehen haben; es ist von solchen Menschen, von denen Petrus schreibt, daß man von ihnen sagen kann: „Welchen ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt, liebet" (1. Petr. 1, 8). Der Herr setzte das Abendmahl des Gedenkens ein, um darauf hinzudeuten, in welcher Weise die Versammlung Seiner gedenken sollte. Es sind nicht nur einzelne Menschen, die Sein Andenken schätzen, sondern Er will auch, daß in den Zuneigungen der Versammlung an Ihn gedacht werden möchte.

Der Herr hatte die Jünger in bezug auf dieses Sinnbild, das Er nach Seinem Wohlgefallen anwandte, belehrt - „Er nahm Brot". Er hatte sie schon vorher über dieses besondere Sinnbild von Ihm Selbst belehrt; Er hatte ihnen zu sehen erlaubt, was Er mit fünf Broten tun konnte, und was Er mit sieben Broten tun konnte, und Er hatte ihr Augenmerk auch auf ein Brot gelenkt. In einem jeden dieser Fälle waren die Brote Sinnbilder von Ihm Selbst; Er war die große Quelle der Darreichung. Ich denke, daß die fünf Brote bei der ersten Speisung der Volksmenge von den Vorräten der Gnade reden, die in Ihm sind, um jeder menschlichen Not gerecht zu werden. Fünf ist die menschliche Zahl und auch die Zahl der Gnade; in Ihm war genügend, um jeder menschlichen Not zu entsprechen, so daß die fünftausend Mann gespeist wurden und noch ein Rest für einen anderen Tag übrigblieb. Bei der zweiten Speisung der Volksmenge deuten die sieben Brote mehr auf die in Ihm vorhandene geistliche Vollständigkeit hin. Alles, was aus Gott war und in Gnade geoffenbart wurde, war in gänzlicher Vollkommenheit vorhanden, und zwar in einer Vollkommenheit, die sich niemals vermindert, weil, nachdem die Viertausend gespeist wurden (was auf den weltweiten Charakter der Versorgung hinweist), sieben Körbe aufgesammelt wurden; die Zahl sieben die Vollkommenheit - bleibt bestehen. Das ist mehr die geistliche Seite der Versorgung, es ist Gottes Seite der Sache - nicht nur das, was der Not des Menschen gerecht wurde, sondern auch das, was vollkommen genügte, um die Gnade Gottes darzustellen, die keine Abnahme kennt. Dann gab es noch einen Fall, wo nur ein Brot bei ihnen im Schiffe war; das war keine Belehrung für die Volksmenge, sondern für die kleine Schar im Schiffe. Der Gedanke von dem einen Brote ist für eine abgeschlossene Schar. Der 1. Korintherbrief erwähnt das eine Brot. Bei der Gelegenheit des einen Brotes warnte der Herr sie vor dem Sauerteig der Schriftgelehrten und der Pharisäer und des Herodes. Wir begehren nicht den Sauerteig des religiösen Menschen nach dem Fleische oder das Plänemachen der Weltmenschen. Der Gedanke des einen Brotes ist gleichsam der, als ob der Herr sagen wollte: Nun möchte Ich alle anderen Menschen ausschließen; ihr braucht keinen außer Mir. Alles dieses sollte die Jünger belehren, um sie auf das Sinnbild vorzubereiten, das der Herr gebrauchte, als Er ein Brot nahm - es war das von Ihm gewählte Gleichnis von Ihm Selbst, der Mensch geworden ist. Der Herr stellt Sich der Versammlung in Seiner einzigartigen Glückseligkeit dar und deutet an, daß alles, was in Ihm als dem Menschgewordenen besteht, für die Versammlung da ist. Es handelt sich nicht darum, was Er beseitigt, sondern darum, was Er herbeiführt, und was Er der Versammlung zur Aneignung vorsetzt. „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird." Es ist ein viel-umfassendes Wort, das alle Heiligen der Versammlung in sich begreift. Der Herr hatte die ganze Versammlung vor Sich, weil Paulus, wenn er die Einsetzung, die er vom Herrn in der Herrlichkeit empfangen hat, beschreibt, sagt: „Bis er kommt", so daß das, was der Herr eingesetzt hat und was „für euch" ist, die ganze Zeitspanne umfaßt, bis Er kommt.

Das Wort „gegeben" fehlt im 1. Korintherbrief. Ich glaube, daß dies für die Darstellung des Lukas charakteristisch ist. Lukas sagt nicht „nehmet", wie Markus, noch „esset", wie Matthäus; er verweilt aber bei der Herrn Seite der Sache; er gibt uns die Handlung des Herrn. Es wird uns gesagt, daß Er das Brot brach und es ihnen gab; es ist das, was der Herr tat, und Er sagt: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird." Das Geben der Liebe wird hervorgehoben, es soll aber zu eigen gemacht (gegessen) werden. Wenn Paulus davon redet, läßt er das Wort „gegeben" aus, er sagt aber: „für euch", weil der Geist die Beständigkeit der Sache hervorheben will; es ist nicht nur wichtig, daß der Leib gegeben wurde, sondern auch, daß das Gegebene für euch" bestehen bleibt. Lukas betont das Geben, weil es das eigene Tun des Herrn in Liebe hervorhebt; alles aber, was der Herr in Seinem Leibe gegeben hat, besteht für die Versammlung weiter, darum können wir allezeit sagen, daß dies für uns ist. Es ist gegeben worden, und es besteht jetzt für uns weiter.

Sein Leib, der für uns gegeben wurde, bringt die Größe dessen ans Licht, was uns in Ihm, der Mensch geworden und gestorben ist, gegeben worden ist. Das, was über Seinen Leib gesagt wird, deutet auf das Wunderbarste hin, was jemals nach dem Vorsatze Gottes sich zugetragen hat: „In der Rolle des Buches steht von mir geschrieben." Eine Person der Gottheit ist Mensch geworden und hat einen bereiteten Leib angenommen, und alle Wesenszüge, die Gott im Menschen Wohlgefallen bereiten, sind in diesem Leibe gesehen worden, und dieser Leib ist für die Versammlung in Liebe gegeben worden.

Es gibt eine besondere Art und Weise, nach der Er will, daß Seiner gedacht werden soll, und das soll nicht nur Seinem Herzen ein großes Wohlgefallen bereiten, sondern es soll auch die Liebe der Versammlung gestalten. Der Herr hat vorgenommen, die Liebe der Versammlung zu gestalten. Der Herr will eine Gefährtin haben, die Er Sich Selbst verherrlicht darstellen kann, weil sie alle Wesenszüge der moralischen Wohlannehmlichkeit und der herangebildeten Liebe, die Sein Herz befriedigen, besitzt. Eines der großen Mittel, die der Herr dazu gebraucht, um diese Entwicklung zustande zu bringen, ist Sein Abendmahl; deswegen ist es so besonders wichtig. Es ist nicht einfach eine Verordnung, der wir Folge leisten, weil wir müssen, sondern es ist auch etwas, was dem Herzen des Herrn Befriedigung bereitet.

Es ist möglich, daß einige, die schon lange das Brot gebrochen haben, das Abendmahl des Herrn niemals gegessen haben; sie haben es niemals den Gedanken des Herrn gemäß getan, sondern sie haben es so gegessen, wie sie es in Korinth taten. Obwohl sie in Korinth die Zeichen und den Dienst hatten, aßen sie das Abendmahl des Herrn nicht. Das Abendmahl des Herrn essen bedeutet eigentlich, es so zu nehmen, wie der Herr es vor Sich hatte. Der Herr nahm Brot und dankte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgend jemand, der damals zugegen war, diese Danksagung jemals vergessen konnte. Ich denke, daß jedes Wort in die Herzen derer, die es gehört haben, eingeprägt wurde. Ich wünschte, daß unsere Danksagung mit der Seinigen mehr übereinstimmte. Er verstand vollkommen, was Er mit dieser Veranstaltung verband, und Er dankte Seiner eigenen vollkommenen Auffassung gemäß.

Der Herr dankte als Haupt; Er besaß vollkommene Einsicht in bezug auf alles, was in Seinem kostbaren und heiligen Leibe, der für die Versammlung in Liebe hingegeben wurde, enthalten war. Ich kenne kein andere Vorbild, das diesen Dingen so nahe kommt, wie das des hebräischen Knechtes; ich glaube, daß die Brüder aus diesem Grunde ihn so oft erwähnen, der da sagte: „Ich liebe meinen Herrn, mein Weib und meine Kinder." Es wird uns in 2. Mose 21 gesagt: „Wenn er mit seinem Leibe (Anmerk. zu 2. Mose 21, 3) gekommen ist", ein bemerkenswerter Ausspruch; der Geist Gottes drückt das so aus. Es wird nicht so hingestellt, daß das Weib und die Kinder es bedürfen, von irgend etwas erlöst zu werden; sie sind ihm von Seinem Herrn gegeben. Sein Herr gibt ihm Gegenstände der Liebe. Wie wird Er Sich nun gegenüber diesen Gegenständen der Liebe verhalten? Er gibt Sich ihnen völlig hin, Er sagt: „Ich will nicht frei ausgehen." Was wird das wohl für eine Wirkung auf Sein Weib oder auf Seine Kinder ausgeübt haben? Können sie dieses durchbohrte Ohr geschaut haben, ohne bis zum Grunde ihres Herzen gerührt zu sein? Sie konnten niemals den Charakter Seiner Liebe, und wie Er Sich für sie dahingab, vergessen. Deswegen will der Herr, daß die Versammlung Seiner gedenke, wie Er Sich in Liebe für sie hingegeben hat. Er hätte Seine ganze Größe, Seine mannigfaltige Vorzüglichkeit und Vollkommenheit bewahren können, als Er hienieden im Fleische war; aber Er gab alles auf, Er gab Seinen Leib für die Versammlung. Er kam in diesem Leibe, um ihn der Versammlung in Liebe zu geben. Die Versammlung lebt dadurch, daß sie sich das aneignet; das ist das Leben der Versammlung.

In der Schriftstelle in 2. Mose 21 steht Seine Ergebenheit der Versammlung gegenüber an zweiter Stelle, nämlich nach Seiner Ergebenheit Seinem Herrn gegenüber; das heißt, Er kam, was es Ihn auch kosten mochte, als dem Willen Gottes hingegeben. Wenn wir Ihn in bezug auf den Willen Gottes betrachten, so bekommen wir die richtige Auffassung von Seiner Ergebenheit der Versammlung gegenüber. Er gab Sich für die Versammlung dahin, weil es der Wille Seines Vaters war, daß Er es tun sollte. Es war das Gebot Seines Vaters, daß Er es tat - das verleiht der ganzen Angelegenheit einen besonderen Charakter.

Ich habe den Eindruck, daß das Vorbild des hebräischen Knechtes die gegenwärtige Zeit nicht überschreitet. Es ist ein besonderer Augenblick, wo die Ergebenheit Christi Seinem Gott gegenüber uns in einer besonderen Weise durch den Geist bezeugt wird. Die Versammlung darf gegenwärtig Augenzeuge und Beobachter Seiner Ergebenheit Gott gegenüber sein; das ist etwas Wunderbares. Ehe der Herr Seine Stellung der Oberhoheit einnimmt, kommt Er in Seinen Haushalt; wir befinden uns in der besonderen Innigkeit eines Kreises der Zuneigungen, den Gott vor dem Tage Seiner öffentlichen Rechte für Ihn gesichert hat.

Ein Bruder bricht das Brot, aber er vertritt dabei alle und dient allen. Er tut es in der Gesinnung der Worte, die der Herr hier ausspricht: „Ich aber bin in euer Mitte wie der Dienende." Er tut es als eine demütige Diensthandlung den Geschwistern gegenüber, es ist aber die Handlung von allen, denn wir alle kommen zusammen, um das Brot zu brechen. Wir sollten aber nicht nur das Brot, sondern auch den Kelch ins Auge fassen; wir dürfen nicht die großen Gedanken, die mit dieser Veranstaltung verbunden sind, vermissen.

Wenn wir den Platz verstehen, den das Brot hat, das den in Liebe dahingegebenen Leib des Herrn darstellt, dann hilft es uns, den Charakter des Kelches zu erfassen; es ist das, was in dem Gedanken des neuen Bundes zum Ausdruck kommt. Die Worte „nach dem Mahle" sollen hervorheben, daß es nach dem Passahmahl war. Es ist die andere Seite der Dinge, die mit dem Passahkelch nicht verwechselt werden sollte. Ein paar Verse vorher wird uns gesagt, daß Er einen Kelch nahm, der noch zum Passah gehörte; das aber, worüber Er jetzt spricht, ist nach dem Passahmahl; es ist ein anderer Charakter der Dinge. In den anderen Evangelien finden wir diese Unterscheidung nicht; bei Lukas haben wir aber den Gedanken, daß es zum Gedächtnis getan werden sollte.

Der Herr will auch, daß wir Seiner in Seiner Herrlichkeit als Mittler gedenken, und das verbinde ich mit dem Kelch. Als Er den Kelch herumreichte, nahm Er den Platz des Mittlers ein. Es bezieht sich offensichtlich auf 2. Mose 24, wo Mose das Blut nahm und auf den Altar und auf das Buch und auf das ganze Volk sprengte und sagte: „Siehe, das Blut des Bundes." Das ist die schriftgemäße Grundlage für die Erwähnung des Blutes des Bundes. Darauf folgt, daß Mose und Aaron und die Ältesten Israels hinaufstiegen und den Gott Israels sahen, und ein Werk von Saphirplatten wie der Himmel selbst an Klarheit war unter Seinen Füßen. Sie stiegen hinauf und traten vor das Angesicht der Herrlichkeit Gottes; sie sahen den Gott Israels.

Der Gedanke des Blutes ist, daß uns gar nichts mehr hindert; es ist eine solche Grundlage geschaffen worden, daß Gott alles, was in Seinem Herzen ist, hervorbringen kann, und Sein Volk kann hinaufsteigen. Die Auswirkung davon, daß sie zu diesem Schauplatz der Herrlichkeit hinaufstiegen, war, daß Mose hinabstieg und alle Anordnungen betreffs der Wohnung gab. Der ganze Bau der Wohnung wurde in der Kraft des Blutes des Bundes aufgerichtet, so daß alles, was die Versammlung als die Wohnung Gottes und das Heiligtum für die Bundeslade ist, in der Kraft des Blutes besteht. „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute" - der Herr entfaltet das vor uns, wenn unsere Herzen die überschwengliche Größe dieser Dinge zu schätzen wissen.

Der Kelch ist nicht ein Herniedersteigen; wir gehen nicht vom Brote zum Kelche herunter. Es ist ein Aufstieg, wie es im Liede heißt: „Und aufwärts geht der Weg." Im Alten Testament finden wir immer wieder den Gedanken, daß man zum Anbeten hinaufstieg. Wir kommen in ein System der Herrlichkeit, das durch den Mittler erkannt wird; die Herrlichkeit strahlt, aber nicht in einer Pracht, die uns blendet, sondern sie scheint in heiliger Anziehungskraft in dem Menschen, der bei dem Tore zur Stadt Nain, bei dem Brunnen von Sichar und in Bethanien war. Die Herrlichkeit strahlt in dem Mittler und zieht uns an.

Nachdem der Herr das Gedächtnismahl in seiner sehr kostbaren Bedeutung eingesetzt hatte, wollte Er uns über die Zustände aufklären, die in der tatsächlichen Geschichte der Dinge bis zum Augenblick Seiner Wiederkunft vorherrschen würden. Die Betrachtung darüber, was wir in der tatsächlichen Geschichte der Dinge erwarten sollten, sollte uns nüchtern und sachlich stimmen.

In dem Kreise, wo Seine Liebe in der trautesten Weise gekannt wird, kann ein weit schrecklicherer Verrat gefunden werden als irgend etwas, was außerhalb gefunden werden kann. Der Herr konnte den Dingen ruhig ins Auge sehen, wenn Er sie auch tief empfand, denn Johannes sagt uns, daß Er im Geiste erschüttert ward. Er empfand die Gegenwart dessen, was den Charakter des finsteren Verrates trug. Der Herr wirft unter den Jüngern die Frage auf, daß es einer von ihnen war. Wer von ihnen würde das tun? Es ist gleichsam dasselbe wie das, was Paulus zu den Ältesten zu Ephesus sagte: „Aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden" (Apg. 20, 30). Das verursacht Seelenübung.

Unter denjenigen, die den Herrn kennen und mit allen Ausdrucksweisen Seiner Liebe vertraut sind, kann ein noch schrecklicherer Verrat vorkommen als irgend etwas, was außerhalb gefunden werden kann. Zweifellos ist das ein Grundsatz, der seit der Einsetzung des Abendmahls mehr oder weniger dabei zugegen gewesen ist. Es hat immer solche gegeben, die sich dem Satan verschrieben und die Erkenntnis, die sie am Platze Seiner trauten Nähe erworben haben, zum Fördern der Pläne Satans gebraucht haben. Das ist eine schreckliche, aber eine sehr nötige Erwägung, damit wir nicht erstaunt und erschüttert sind über die Dinge, die tatsächlich vorkommen mögen. Johannes spricht von dem besonderen Charakter der Antichristen; es sind charakteristische und nicht persönliche Antichristen, und das Charakteristische für sie ist, daß sie im Schoße der Versammlung aufstehen; er sagt: „Sie sind von uns gegangen."

Wir lesen in den Psalmen: „Denn nicht ein Feind ist es...sonst würde ich es ertragen" (Ps. 55, 12). Der Herr empfand es sehr tief, daß der Verrat bei einem aufkam, den Er als einen Freund und Vertrauten betrachtet hatte. Ich glaube, daß der Herr die Dinge demgemäß empfindet, in welchem Kreise sie entstehen. Je vertrauter das Verhältnis zwischen uns und dem Herrn ist - und das Verhältnis zwischen Judas und dem Herrn war nach außen hin sehr vertraulich - desto mehr fühlt Er das, was gegen Ihn untreu ist und auch, wo die Liebe gänzlich fehlt. Er sagt: „Die Hand dessen, der mich überliefert, ist mit mir über Tische" (Vers 21). Es heißt aber hier, daß Er erst von Judas sprach, als das Abendmahl vorüber war. Der Herr wollte dadurch zeigen, daß das Fleisch inmitten der wunderbarsten Vorrechte bei der innigsten Vertrautheit und in den rührendsten Umständen nicht im geringsten durch die Liebe Christi beeindruckt werden kann. Das ist mein Fleisch, denn Judas ist in einem jeden von uns - der Mensch kann den köstlichsten und zärtlichsten Offenbarungen der Liebe Christi völlig gleichgültig gegenüberstehen.

Ich nehme an, daß das Fleisch in seinem wahren Charakter ein Werkzeug ist, das dem Satan willig dienen kann; das ist nirgends so klar zu sehen wie bei Judas. Dieses Kapitel entspricht 1. Kor. 11, wo wir die ganze Glückseligkeit des Abendmahls sehen, und dann heißt es: „Ein jeder aber prüfe sich selbst." Wir sollten nicht nur emporsteigen, sondern auch niedersteigen. Hier führt uns der Herr herunter. Er scheint zu sagen: Das ist es, was Ich bin und was Gott ist; ihr müßt aber nicht meinen, daß selbst das euch darüber erhebt, was ihr seid. Das tritt auf allerlei Art zutage; hier tritt es in dem vertrautesten Kreise der göttlichen Liebe zutage - der Verrat des Judas, die Selbstgefälligkeit, die darüber streitet, wer für den Größten zu halten sei, die Selbstsicherheit Simons - alle diese Grundsätze waren zugegen, und der Herr tut uns kund, daß Er das weiß, doch es sollte uns völlig mit Ihm in Einklang bringen.

Es sollte uns nicht entmutigen, sondern wir sollten dadurch ermutigt werden, und unserer Freude sollte dadurch eine feste Grundlage gegeben werden, damit wir unsere Zuversicht nicht verlieren und der fehlerhafte Mensch dort nicht eindringen sollte; wir lernen diesen Menschen auf allen Stufen seiner Tätigkeit zu verurteilen. Das ist wichtig, damit wir das Abendmahl in rechter Weise essen können. Petrus mußte dahin zurückkehren, wo er begonnen hatte. Der Herr sagt: „Und du, bist du einst zurückgekehrt" - das ist das richtige Wort. Er begann in Luk. 5 mit dem Bewußtsein, daß er ein sündiger Mensch war, und in Kap. 9 sagte er von dem Herrn, Er wäre der Christus Gottes. Diese zwei Dinge geben der ganzen Sache den Ausschlag, und wenn Petrus dahin zurückkehrte, konnte er seine Brüder stärken.

Alles dieses wird uns gegeben, um uns zu stärken und nicht, um uns zu entmutigen. Der finsterste Verrat, den Satan in den inneren Kreis der Liebe des Herrn einführte, konnte nicht einen Augenblick das Vorhaben Gottes verhindern: „Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie es beschlossen ist." Die ganze Last der Verantwortung wird auf dem Haupte desjenigen gelassen, der sich dem Satan als Werkzeug hingab; doch der festgelegte Ratschluß Gottes geht unentwegt weiter.

Judas gehör

e niemals wahrhaftig zu den Jüngern; er war da, und er war einer von den Zwölfen, er war der göttlichen Natur niemals teilhaftig geworden; in seinen Zuneigungen hatte er Christum niemals wertgeschätzt. Solche Menschen werden sicherlich hinausgehen, und sie nehmen einen Grundsatz mit sich in die Welt hinaus, der schlimmer ist und mehr vom Geiste der Abtrünnigkeit in sich hat, als es je zuvor in der Welt der Fall war; das macht die Welt noch schlechter als zuvor. Das ernüchtert und erweckt Seelenübungen. Der gegenwärtige Augenblick ist die Nacht Seines Verrats; der Herr will nicht, daß wir vergessen, daß dies der Charakter des Augenblicks ist. Judas hat ihm sein Gepräge verliehen. Wir können niemals das Abendmahl essen, ohne an alles das erinnert zu werden, und zwar nicht nur daran, was im Abendmahl dargestellt wird, sondern auch daran, daß es dieselbe Nacht war, in welcher Er überliefert wurde. Es wird uns nicht erlaubt, das zu vergessen, und das gibt der Angelegenheit die passende Unterwürfigkeit und Besonnenheit.

Der Streit der Jünger in bezug darauf, wer von ihnen für den Größten zu halten sei, war eine weniger schlimme Art des Bösen; er trat in ihnen allen zutage, denn sie nahmen scheinbar alle an diesem unheiligen Streite teil. Es ist aber äußerst rührend, wie milde der Herr mit ihnen umgeht; wir hätten erwartet, daß Er sie sehr streng zurechtweisen würde, doch Er tat das nicht. Wie der Herr mit ihnen verfuhr, glich so sehr Ihm Selbst; ihr Streit lag der Gesinnung Dessen, der Seinen Leib dem Dienste hingeben wollte, sehr fern, und es stimmte mit dem Abendmahl gar nicht überein.

Ich glaube, daß das Abendmahl zum Ordnen und Zurechtweisen bestimmt ist; wir sollten es nicht nur als ein Vorrecht betrachten. Wir können das Abendmahl essen und als solche zurückkehren, wie wir hingingen, der Herr aber beabsichtigt, daß wir zurechtgewiesen werden möchten, und daß wir tief darüber in Übung sein möchten, dem Brote und dem Kelche zu entsprechen. Schon die Handlung des Essens und des Trinkens bedeutet, daß die Sache in unser Inneres aufgenommen werden sollte, um uns in Übereinstimmung damit zu bringen. Das würde ein Verurteilen von einem jeden Wunsche, größer als unsere Geschwister zu sein, bewirken. Es ist bemerkenswert, daß wir im 1. Korintherbriefe kaum von der zurechtweisenden Seite des Abendmahls loskommen; es wird kein Wort über die Seite der Vorrechte, kein Wort über die Gegenwart des Herrn unter den Seinigen oder darüber, daß Christus dem Vater lobsingt, erwähnt. Die Korinther haben vielleicht das alles nicht gekannt, ihr Zustand war dafür nicht passend; aber Paulus gibt ihnen den Tisch des Herrn und das Abendmahl des Herrn als Zurechtweisung.

Ich habe den Eindruck, daß dem Gedanken des Herrn gemäß wir niemals das Abendmahl essen sollten, ohne daß dadurch eine große Veränderung in unserem Geiste und in unserer ganzen Haltung zustande gebracht wird. Er gab Sich für die Versammlung dahin, auf daß Er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, und es gibt keinen Augenblick, wo Er sie mehr reinigt, als in dem Augenblick, wo Seine Liebe uns so deutlich vor Augen gestellt wird. Er erinnert uns daran, daß Seine Liebe uns heiligt und reinigt, ebenso wie sie uns nährt und pflegt.

Der Herr zeigte hier, daß Er zu dienen bereit war. Das ist wahre Größe. Man kann an einen anderen Menschen mehr denken als an mich, und er hat es wahrscheinlich auch verdient; wenn das sogar in ungerechter Weise geschieht, so hindert es mich nicht daran, zu dienen. „Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende" — das ist die Gesinnung des Dienstes. Wir verurteilen jeden selbstgefälligen Menschen, der groß sein, eine Stellung einnehmen, regieren und Gewalt haben möchte.

Es wird niemals eine Zeit sein, wo der herangereifteste Heilige es sich gestatten kann, zum Abendmahl zu kommen und zu essen, ohne sich vorher geprüft zu haben. Wir können niemals so herangereift und geheiligt sein, daß wir dies nicht mehr nötig haben. Wie schön stellt Sich uns hier der Herr vor Augen! Er wirkt niemals in abweisendem Sinne; Er hält mir nicht einfach einen Spiegel vor, damit ich sehen möchte, was für ein armseliges Geschöpf ich bin, sondern Er verdrängt immer das, was ich bin, durch das, was Er ist. Er stellt Sich Selbst dar, und darin liegt bestimmter Gewinn; Er verdrängt mich, und ich liebe Ihn mehr als mich selbst. Wenn ich auf mich selbst sehe, dann sehe ich die häßlichste Mißgestaltung; wenn ich aber auf Ihn sehe, dann sehe ich nur überragende Vortrefflichkeit, Herrlichkeit und Vollkommenheit, was mein Auffassungsvermögen übersteigt. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf Sich Selbst, Er sagt: „Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende“, und der Größte soll wie der Jüngste sein.

Es sollte eine Gesinnung der Hochachtung herrschen. Keiner kann sagen: „Ich habe schon vierzig Jahre lang das Brot gebrochen, ihr müßt auf mich hören"; denn er verhält sich wie der Jüngste. Wie schön erläutert Paulus das, wenn er über den Tisch des Herrn redet! Er sagte: „Ich rede als zu Verständigen; beurteilet ihr, was ich sage" (1. Kor. 10, 15). Das ist eine sehr glückliche Art, unsere Seelenübungen vor die Geschwister zu bringen - ich habe diese Seelenübung, und ich unterstelle sie eurem Urteil. Es weist auf die schöne Gesinnung hin, die sich für einen Großen geziemt, weil er uns sagt, er wollte nicht die apostolische Gewalt anwenden, sondern er möchte lieber die Dinge auf einem moralischen Wege erreichen. Paulus selbst war größer als seine Gabe.

Somit führt der Führer nicht in der Gesinnung, daß er besser sei als die Übrigen, sondern in der Gesinnung des Dienstes und in der Gesinnung Christi. In Treue beschäftigte sich Paulus mit den Umständen, wie sie waren, man kann aber sehen, daß Paulus die ganze Zeit über die Größe der Heiligen im Sinne behielt. Er beginnt damit, daß er über ihre Größe redet, und durch alle seine Briefe hindurch, in denen er so viele Ermahnungen bringen mußte, zeigt er uns die Größe des Volkes Gottes, als ob er sagen wollte: Wißt ihr nicht, wie groß ihr seid? Wißt ihr nicht, daß ihr der Tempel Gottes seid, daß eure Leiber der Tempel des Heiligen Geistes sind und daß ihr Glieder Christi seid? Er ist bestrebt, sie zur Einsicht über ihre Größe zu bringen, wie er selbst sie verstand.

Wenn ich die Geschwister für eine sehr niedrige Menschenart halte, die man sehr hoch emporziehen muß, um sie dazu zu machen, was sie sein sollten, so werde ich ihnen nicht gut dienen können. Wir sollten dienen im Bewußtsein der Größe des Volkes, dem wir dienen. Das Volk Gottes ist ein großes Volk; es gibt keine so erhabene Schar im Himmel und auf Erden wie die Versammlung Gottes. Eines der größten Vorrechte, die wir haben können, ist ihnen zu dienen, und der Diener ist ein Diener, nicht ein Herr.

Obwohl Mose manchmal mit großer Strenge reden mußte, und es war auch angebracht, so vergaß er niemals, was für ein großes Volk die Kinder Israel waren. Mose konnte sogar Gott in den Weg treten und Ihn von Seinem Vorhaben abhalten, und zwar deswegen, was das Volk war. Das Volk besaß einen außerordentlichen Platz bei Gott, und Mose erinnerte Ihn daran. Der Herr betrachtet hier die Heiligen unter dem höchstmöglichen Charakter; Er sagt in dem nächsten Verse: „Ihr aber seid es, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Versuchungen.“ Hier ist der Herr das Muster; die ganze Gesinnung des Dieners wird in Ihm anschaulich dargestellt; Er betrachtet die Heiligen in dem allergünstigsten Lichte. Er dient ihnen im Bewußtsein ihrer Größe; für Ihn waren sie „die Herrlichen". Das ist die Gesinnung, in der wir die Heiligen betrachten sollten.

Ich habe oft empfunden, wie gut es ist, das Ausharren der Heiligen in Betracht zu ziehen. Wir mögen sagen, daß sie armselig und schwach sind, und daß bei ihnen nicht viel geistliche Kraft vorhanden ist, und daß sie die göttlichen Gedanken nicht so aufzunehmen scheinen, wie sie es sollten, betrachtet aber ihr Ausharren! Sie gehen Jahr für Jahr voran; sie versäumen keine Gelegenheit, die sich ihnen bietet, den Dienst Christi und die Gemeinschaft der Geschwister zu haben; sie haben Freude am Wort und am Gebet. Sie gehen so weiter voran, einige von ihnen dreißig oder vierzig, und vielleicht sechzig Jahre lang; sie hätten diese ganze Zeit über in der Welt sein können und hätten einen Platz in manchen Gesellschaftskreisen haben können; sie haben aber wohl überlegt auf einem Pfade ausgeharrt, der mehr oder weniger Prüfungen, Schwierigkeiten und Seelenübungen in sich begreift. Sie haben ausgeharrt. Bedeutet das nichts für den Herrn? Es ist Ihm etwas Großes.

Ein anderer Wesenszug kommt dann noch in Simon ans Licht, der Grundsatz des Selbstvertrauens. Ich nehme an, daß Satan den Simon beobachtet hatte, und das, was in Simon war, war in ihnen allen. Satan hatte es gemerkt, und er hatte ihrer begehrt - „der Satan hat euer begehrt". Der Gedanke, daß Satan uns beobachtet, sollte unsere Herzen mit Furcht erfüllen, wenn wir den Herrn als Fürsprecher nicht hätten. Satan beobachtet uns und weiß, was wir für Neigungen in unserem Fleische haben; doch der Herr weiß das alles vollkommen. In Seiner Liebe sah der Herr, daß es für Simon nötig war, von Satan gesichtet zu werden, und deshalb betete Er für ihn.

Es war das Fleisch in seiner feinsten Form, ein ganz anderes als bei Judas. Bei Judas sehen wir das Fleisch in seiner schrecklichsten Gestalt, bei Simon aber in der besten Gestalt, weil es sich anmaßte willig und fähig zu sein, für den Herrn zu sterben. Der Herr betete für ihn, daß sein Glaube nicht aufhöre. Es ist sehr ergreifend, daß selbst die Neigungen meines Fleisches dem Herrn Anlaß zur Fürbitte geben. Es kann zugelassen werden, daß ich in die Hände Satans falle, ich bin dann aber der Gegenstand der Fürbitte des Herrn, und Satan kann mich dann nur solange sichten, wie es ihm erlaubt wird. Petrus wurde wiederhergestellt, und aus seinen Briefen geht hervor, daß die göttliche Natur das einzige ist, was bestehen bleibt. Kein Teil der Schrift gibt uns mehr Stärke als die Briefe des Petrus; sie sind das Ergebnis von dem, was er unter der Fürbitte Christi erlebte.

Das ist alles sehr ernüchternd für uns in bezug auf die heiligen Dinge Gottes. Wir können es mit ihnen als solche zu tun haben, die in den Wegen Gottes eine wahre Selbsterkenntnis erlangt haben. Es war eine harte Prüfung für Petrus, aber er wurde durch das Gebet des Herrn wiederhergestellt. Der Dienst des Herrn wird fortgesetzt: „Indem er immerdar lebt, um sich für uns zu verwenden." Der Herr wird nicht zulassen, daß wir gesichtet werden, ohne für uns zu beten. Er betet, daß unser Glaube nicht aufhören möchte; das Fleisch soll dadurch bloßgestellt werden; seine ganze Unzuverlässigkeit muß ans Licht gebracht werden; der Glaube ist aber auch da, nicht nur das Fleisch. Es war auch Glauben bei Petrus vorhanden, und der Herr hatte es darauf abgesehen, den Glauben aufrecht zu erhalten.

Der Herr kann es zulassen, daß wir durch die tiefste Demütigung gehen; doch es geschieht, um das Wesen des Fleisches bloßzustellen, auf daß wir damit zu Ende kommen. Das Sichten ist notwendig. Der Herr sagte zu Petrus: „Satan hat euer begehrt." Satan hatte Petrus ins Auge gefaßt; er hatte beobachtet, daß etwas in ihm war, was er niemals beim Herrn bemerkt hatte. Satan hatte beim Herrn niemals Selbstvertrauen beobachtet; er sah es aber bei Petrus, und er begehrte seiner. Der Herr erlaubte ihm, ihn zu sichten und die vorhandene Spreu ans Licht zu befördern; das Werk Gottes blieb aber für den Dienst des Herrn und für das Stärken der Brüder bestehen. Als Petrus seine zwei Briefe schrieb, war er damit beschäftigt, seine Brüder zu stärken.

In Vers 31 sprach ihn der Herr als Simon und in Vers 34 als Petrus an. Ich denke, der Name Simon weist mehr auf sein natürliches Wesen hin, doch der Name Petrussollte ihn daran erinnern, was er der göttlichen Berufung gemäß war. Es war sehr traurig, daß dem Petrus gesagt werden mußte, daß er den Herrn dreimal verleugnen würde. Das sollte ihn auf seine schreckliche Untreue aufmerksam machen, die genau das Gegenteil von dem war, wodurch ein Stein hätte gekennzeichnet sein sollen. Petrus bedeutet ein Stein, und ein Stein sollte durch Standhaftigkeit gekennzeichnet sein; doch er erwies sich als der Unbeständigste von allen. „Ich aber habe für dich gebetet" - das war vor der Versuchung -, das macht sehr weitgehend unseren Dienst unter den Geschwistern aus. Es ist eine sehr gesegnete Form des Dienstes.

Wenn wir Schwachheiten oder Gebrechen bei den Geschwistern sehen, bringt uns das dahin, daß wir über sie richten oder daß wir für sie beten? Das Fleisch mag kritisieren, aber der Glaube betet für sie. Wenn wir ein Zeichen der Schwachheit oder ein Gebrechen bei einem Bruder bemerken, so sollte das uns dahin bringen, daß wir für ihn beten; auf diese Weise kann der armseligste Bruder erhöht werden. Die Gebrechen der Geschwister sollten uns ein Anlaß sein, ihnen zu dienen. Die dienstfertige Gesinnung nimmt keine überlegene Stellung ein. Jede Schwester kann ebenso dienen wie jeder Bruder, und ein großer Charakterzug unseres Dienstes ist das Gebet.

Wenn wir zum Dienen bevollmächtigt werden sollen, müssen wir den Charakter des Augenblicks erkennen lernen. Das tritt in den Versen 35-38 zutage. Dadurch, daß der Herr nicht mehr bei ihnen sein sollte, fand eine große Veränderung statt. Als der Herr hienieden war, konnte Er sie ohne Börse, Tasche und Sandalen aussenden; sie gingen aus und hatten Sein Wort allein als ihre Hilfsquelle; sie gingen einfach im Gehorsam Ihm gegenüber aus. Der Herr war hier auf Erden, und Er genügte ihnen in allem; wenn sie noch etwas anderes gehabt hätten, z. B. eine Börse, eine Tasche oder Sandalen, so würde es das Zeugnis geschmälert haben, daß der Herr allein für alles genug war. Er fragt sie: „Mangelte euch wohl etwas?" und sie sagten: „Nichts."

Jetzt aber, sagt Er, ist alles anders. Wir müssen jetzt Seelenübungen in bezug auf das Erlangen von Hilfsquellen durchmachen; der Herr ist nicht hienieden, und wir müssen in uns selbst Hilfsquellen haben. Der Herr sagt: „Das, was mich betrifft, hat eine Vollendung" - dadurch werden wir auf unsere eigenen Hilfsquellen geworfen. Das ist eine vollständige Veränderung; der Herr würde unter die Gesetzlosen gerechnet werden. Er ging in den Tod; die Dinge, die Ihn betreffen, würden eine Vollendung haben, und deshalb sollte der Dienst auf einem anderen Grundsatze ausgeübt werden. Ich zweifle nicht daran, daß, wenn Er in Vers 38 von einer Börse, von einer Tasche und von Sandalen redete, Er solche Dinge nicht buchstäblich, sondern in einem geistlichen Sinne meinte. Ich glaube, daß Er Sich darauf bezog, was die Heiligen im Heiligen Geiste haben würden; das sind Hilfsquellen, die sie durch ihre eigenen Seelenübungen erwerben würden, so daß sie damit ausgestattet sind. Wir reden von leeren Gefäßen; manchmal sagen wir, daß wir nichts haben. Das ist aber keine geistliche Seelenübung. Der Herr lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Dinge, die wir durch Seelenübungen erwerben müssen.

Ich glaube nicht, daß irgend jemand zum Dienste taugt, wenn er nicht ausgestattet ist. Was nützt es, unter den Heiligen umherzureisen, wenn man nichts hat, was man ihnen geben kann? Man braucht eine Börse, eine Tasche und Sandalen. Die Tasche spricht von der Versorgung mit Speise, sie ist das Gefäß, worin die Speise getragen wird. Der Herr deutet an, daß, wenn wir dienen wollen, wir mit geistlichem Reichtum ausgestattet sein müssen, denn wir brauchen Speise und Kraft zum Kampfe, und wir müssen zusehen, daß wir diese Dinge haben. Ihr sagt vielleicht, daß doch alles in Christo ist; der Herr sagt aber: Das wird euch jetzt nicht mehr genügen; es war so in der Vergangenheit, jetzt müßt ihr aber das Nötige selbst bei euch haben. Es stehen jetzt wunderbare Hilfsquellen im Geiste zur Verfügung, mit welchen das Volk Gottes bereichert werden kann.

Was für eine große Börse besaß Paulus! Wie oft spricht er von Reichtum in bezug auf den Dienst am Worte! Er hatte eine große Börse, und er sagt uns in Eph. 3, wie er dazu kam, sie zu besitzen; er sagt: Ich habe euch geschrieben, auf daß ihr verstehet, wie ich dazu kam, so reich zu werden; ich bin bevollmächtigt worden, unter den Nationen den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen. Die Vorräte sind mannigfaltig: Milch für die Kindlein und Fleisch für die Erwachsenen; es gibt ein Maß Korn zur gegebenen Zeit, und grüne Auen für Lämmer und Schafe. Ein großer Teil des Dienstes besteht darin, etwas Speise für das Volk Gottes auszuteilen.

Das Schwert bezieht sich auf den Kampf. Die Jünger verstanden nicht, was der Herr ihnen vor Augen führte; sie betrachteten es in einer materiellen Weise. Petrus gebrauchte das Schwert, als er es nicht hätte gebrauchen dürfen; der Herr spricht hier von einem geistlichen Schwert. Paulus spricht vom Schwerte des Geistes, welches Gottes Wort ist; dieses benötigen wir. Das Bereichern und das Speisen des Volkes Gottes kann niemals ohne Kampf ausgeführt werden. Es ist niemals eine Zeit gewesen, in der man ein Schwert nötiger gehabt hätte als jetzt. Diese drei Dinge hängen zusammen: der Dienst des Reichtums und der Speisung einerseits, und andererseits die Befähigung zu kämpfen.

Der Herr spricht von geistlicher Ausrüstung; es ist Sein Schlußwort, ehe Er in den Garten und ans Kreuz ging; deshalb sollten wir ihm eine große Wichtigkeit beimessen. Der Herr wollte eine Schar zurücklassen, die mit allem Nötigen zum Ausüben des Dienstes ausgerüstet ist. „Wer keine (Tasche) hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert" (Vers 36). Das Kleid deutet auf etwas hin, was für uns vorteilhaft sein kann; wir sollten bereit sein, es aufzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend jemand wirklich am Kampfe teilnehmen kann, ohne sich auf viel Demütigung vorzubereiten. Der Kampf bringt Demütigungen mit sich; man muß bereit sein, als gar nichts zu gelten, damit die Wahrheit aufrechterhalten wird. Paulus kümmerte sich nicht darum, was die Korinther von ihm dachten; er war bereit, als ein Verworfener zu gelten, wenn sie nur richtig standen. Kraft zum Kampf erfordert die Bereitschaft, alles aufzugeben und sein Kleid zu verkaufen – d. h. etwas zu verkaufen, was man naturgemäß hoch einschätzt.

„Das, was mich betrifft, hat eine Vollendung" (Vers 37). Alles, was mit Christo nach dem Fleische verbunden war, ging seinem Ende entgegen. Es war eine einzigartige Zeitspanne, als der Herr hier auf Erden war; es war nie zuvor etwas Ähnliches dagewesen, und es wird es auch niemals wieder sein. Es war nicht dazu bestimmt, daß es fortgesetzt werden sollte, sondern es erreichte sein Ende; es gibt aber jetzt im Geiste Hilfsquellen, die wir uns aneignen müssen, sonst sind wir den Anforderungen des Dienstes nicht gewachsen.

Der Olberg nimmt in diesem Evangelium einen großen Platz ein. Hier bittet der Herr nicht darum, daß sie mit Ihm wachen sollten; Seine Gedanken über sie waren voller Gnade und auf ihr Bewahren gerichtet, und wir dürfen sagen, daß es auch mit uns so ist. Der Herr sagte zweimal: „Betet, daß ihr nicht in Versuchung kommet." Sein Gedanke war, daß eine Zeit der höchsten Prüfung herannahte, und daß die Jünger und auch wir durch nichts anderes für einen solchen Augenblick gerüstet sein können als nur dadurch, daß wir mit Gott hindurchgehen. Weil sie nicht mit Gott im Gebet waren, sagten sie: „Sollen wir mit dem Schwerte dreinschlagen?" Es war die Entfernung vom Herrn, die einen von ihnen dazu verleitete, eines Menschen Ohr abzuschlagen. Es wird hier gesagt, daß einer von ihnen dieses tat, als ob sie alle daran gedacht hätten, es zu tun.

Sie hatten sich vom Herrn weiter als einen Steinwurf weit entfernt; es ist etwas Schreckliches, sich weiter als um einen Steinwurf vom Herrn zu entfernen. Der Herr deutete an, daß Er sogar in solch einem Augenblick nicht ganz außer der Reichweite des Menschen war. Zwischen Ihm und ihnen war aber ein Abstand; die Heftigkeit Seines Kampfes und Seiner Gebete und der stärkende Dienst vom Himmel waren allein für Ihn. Zwischen Ihm und ihnen war ein Abstand - ein Steinwurf weit; es war aber keine Entfernung, die Ihn völlig ihrer Reichweite entzog. Ein Steinwurf ist das Maß der Reichweite eines Menschen.

Ich denke, der Herr hatte Sich nahe genug zu ihnen gestellt, damit Er ihnen ein Vorbild geben konnte, und Er war ein Vorbild für uns im Gebet. In der Gegenwart der Macht des Bösen war das Gebet Seine einzige Zuflucht; Er war mit Gott. In dem gepriesenen Herrn sehen wir einen Menschen mit Gott und deswegen einen gänzlichen Überwinder; der Wille des Vaters bestimmte alles. Es war des Herrn Gedanke, daß keiner von Seinen Jüngern sich weiter als einen Steinwurf von Ihm entfernen sollte; das ist das Geheimnis der Sicherheit, und ganz besonders während der Stunde des Menschen und der Gewalt der Finsternis. Der Herr zeigte den Jüngern dadurch das Geheimnis ihrer Bewahrung; dieses Geheimnis besteht für sie und für uns darin, nahe bei Gott zu bleiben.

Das Gebet, wenn es überhaupt etwas bedeutet, bedeutet bei Gott zu sein; wenn das nicht der Fall ist, dann ist es nicht viel wert. Die Gewohnheit zu beten sollte bei uns gefördert werden; wenn sonst der Augenblick der Bedrängnis kommt, ist es zu spät, anzufangen zu beten. Diesen Fehler machen wir oft; wir denken, wir können anfangen zu beten, wenn die Bedrängnis kommt; das geht aber nicht. Er ging Seiner Gewohnheit nach an den Olberg. Man muß die Gewohnheit haben, sich in die Nähe des Himmels und in die Gegenwart Gottes zurückzuziehen - das ist die einzige Zuflucht in der Stunde des Menschen und der Gewalt der Finsternis. Es ist ein sehr ernstes Wort für uns.

Die Jünger schliefen; sie waren nicht bei Gott. Der Herr war bei Gott; wir sehen in Ihm einen Menschen bei Gott — es ist ein wunderbarer Anblick -, Er war ein Mensch, der vom Himmel gestärkt wurde. Der Herr behielt vollkommen die Stellung bei, in die Er gekommen war; Er war in die Stellung des Menschen gekommen, und Er behielt sie bei und wurde vom Himmel gestärkt. Wir sollten uns niemals von dieser Stellung entfernen; wenn wir es tun, werden wir von der Macht der Finsternis versucht werden. Die Macht der Finsternis ist etwas Schreckliches. In demselben Augenblick, wo ich den Gedanken an Christum als Vorbild, wie auch das Bestreben, Ihm ähnlich zu sein, aufgebe, falle ich auf meinen eigenen Standpunkt zurück; das bezieht sich auf das Erste und das Letzte vom Morgen bis zum Abend. Wir müssen den Gedanken von einem Vorbilde festhalten und Christum nachahmen.

Der Herr erlebte eine Bedrängnis, die niemals über uns kommen wird. Es war eine Heftigkeit darin, die wir niemals kennenlernen werden - darauf weist der Steinwurf hin. Es ist nicht mit den zweitausend Ellen zwischen der Lade und dem Volke zu vergleichen, als sie über den Jordan zogen, denn das war ein großer Abstand. Es handelte sich damals um die Macht Seiner Person, als Er der Macht des Todes entgegentrat und sie zunichtemachte; das ist für uns kein Vorbild. Es wurde alles in der Kraft Seiner Person bewirkt. Ich kann jetzt in der Kraft Seines Sieges hinüberziehen, doch dabei ist Er kein Vorbild für mich. Der Steinwurf birgt aber den Gedanken des Vorbildes in sich.

Die Jünger waren moralisch fern von Ihm; sie hatten sich weiter als einen Steinwurf von Ihm entfernt. Petrus war noch viel weiter vom Ihm, als er im Hofe saß, sich wärmte und den Herrn verleugnete. Der Herr sagt: „Stehet auf und betet." Hier wird der Schlaf dem Gebet entgegengesetzt; ein betender Heiliger verfällt niemals in Schlaf. Die einzige Möglichkeit, wach zu bleiben, ist, zu beten; wenn wir nicht beten, schlafen wir ein. Sobald wir den Gedanken an den Herrn als unser Vorbild aufgeben, werden wir gleichgültig. Es ist nicht nur ein Vorrecht, Ihm ähnlich zu sein, sondern auch eine Notwendigkeit; es ist meine einzige Sicherheit. Es ist auch für uns möglich, vom Himmel gestärkt zu werden, wie Er es wurde, und wir haben das nötig, wenn es der Macht der Finsternis erlaubt wird, auf uns einzuwirken.

Es gibt nichts Gesegneteres, als vom Himmel gestärkt zu werden und zu empfinden, daß wir von solcher einer Macht angefochten werden, so daß wir sicherlich unterliegen müßten, wenn wir nicht bei Gott sind. Dann beten wir heftiger und finden, daß wir vom Himmel gestärkt werden; anstatt zu unterliegen, sind wir dann Überwinder. Der Engel bedient uns mit der Darreichung des Himmels. Es ist nicht der Geist, denn Er ist schon hienieden; aber das Kommen eines Engels bringt einen frischen Beitrag der Darreichung vom Himmel. Das ist eine glückselige Wirklichkeit. Ich werde nicht nur vom Geiste unterstützt, der ja hienieden bleibt, sondern im Augenblick meiner Bedrängnis wird auch ein Engel gesandt, der ein direkter Bote vom Himmel ist.

Wenn wir uns dessen bewußt wären, würden wir niemals daran denken, beim Verteidigen des Herrn und der Wahrheit zu fleischlichen Mitteln zu greifen. Wenn Er eine Stärkung vom Himmel durch einen Engel wertschätzen konnte, so muß es etwas Wunderbares sein. Wir sollten wissen, wie wir den Dingen entgegentreten sollten; die Jünger wußten es nicht, und darum begannen sie, darüber zu reden, ob sie nicht mit dem Schwerte dreinschlagen sollten, und Petrus hieb tatsächlich einem Menschen ein Ohr ab. Sie wußten nicht, wie sie den Dingen entgegentreten sollten; sie waren nicht bei Gott, und wenn wir nicht bei Gott im Gebet sind, so gebrauchen wir völlig verkehrte Mittel, um die Interessen des Herrn zu fördern. Die Jünger dachten, daß sie die Interessen des Herrn förderten, aber sie gebrauchten verkehrte Mittel.

Bei Matthäus und Markus wird Gethsemane erwähnt; diese Evangelien stellen dar, daß Gott Sich tatsächlich mit der Sünde beschäftigt hat; sie erwähnen, daß der Herr von Gott verlassen worden ist. Das wird in diesem Evangelium nicht erwähnt. Hier geht es mehr um die ungeheuer große Macht des Bösen, die sich der Offenbarung Gottes in Gnade widersetzt. Lukas schreibt nicht von dem gerichtlichen Verfahren Gottes mit der Sünde in den Sühnungsleiden des Herrn, sondern im Lukasevangelium wird gezeigt, daß Er durch die Gnade Gottes den Tod für alles geschmeckt hat. Bei Lukas bedeutet Sein Tod eine Erweiterung Seiner persönlichen Herrlichkeit, weil dadurch die göttliche Gnade völlig geoffenbart worden ist; es ist nicht eine Verengung, sondern eine Erweiterung. In diesem Kapitel sehen wir die persönliche Herrlichkeit Christi in Gegenwart der Macht der Finsternis in einer sich immer steigernden Fülle. Wir sehen, wie Seine persönliche Herrlichkeit sich ausdehnt. Er ist der Christus, der Sohn des Menschen, der Sohn Gottes; alles dieses tritt in dem Synedrium zutage. Jener Raum des Synedriums wurde durch die ganze Pracht Seiner persönlichen Herrlichkeit erleuchtet; sie war nie zuvor in solch einem Lichtglanz erstrahlt. Welch ein wunderbarer Schauplatz! Es war ein Anblick für Engel und für Menschen, und alle mußten das empfinden.

Der Herr unterweist uns in Gnaden; Er hat den Schlüssel des Überwindens uns in die Hände gegeben - wollen wir ihn nicht haben? Der Herr gibt uns den Schlüssel des Überwinders, und das ist das Gebet; und dann zeigt Er uns das klägliche Ergebnis davon, wenn wir schlafen statt beten. Das Ergebnis ist, daß wir zu fleischlichen Mitteln greifen, um die Interessen des Herrn zu fördern, und wir schlagen den Leuten die Ohren ab. Der Herr zeigt hier, wie man den Widerstand überwinden soll; es ist nicht durch die Anwendung von menschlichen oder fleischlichen Mitteln, sondern durch das Erweisen der Gnade; deswegen sagt Er: „Lasset es so weit", und Er heilte jenen Menschen. Er ist unser Vorbild. Ich möchte beim gnädigen Berühren von Notleidenden geschickter sein. Der Herr tut alles bei uns in reinster Gnade. Wir berühren nicht die Macht der Finsternis in Gnade; doch die Menschen sind durch die Macht der Finsternis verführt worden, und es ist etwas Wunderbares, das Ohr eines Menschen berühren zu können, der sich niemals für die Dinge Gottes interessiert hat, und zwar es so zu berühren, daß er von dem Augenblicke an der kostbaren Geschichte der Gnade zuhört. Wenn wir zum Fördern des Werkes des Herrn natürliche Mittel anwenden, so sinken wir nur auf den menschlichen Boden herab, und dort finden wir den Petrus. Petrus war beim Gebrauch des Schwertes zu finden, und er stellte sich mit den Menschen auf ihre Stufe.

Die Jünger waren „eingeschlafen vor Traurigkeit"; sie liebten Ihn wirklich, aber sie waren nicht bei Gott, und selbst die Tatsache, daß sie Ihn liebten, brachte sie in Gefahr. Wenn Petrus den Herrn nicht geliebt hätte, wäre er Ihm nicht nachgefolgt. Es war bei Petrus die echte Liebe zum Herrn, die ihn in Gefahr brachte, und zwar, weil er nicht bei Gott war. Es ist möglich, die Bedrängnis so sehr zu empfinden, daß man alles aufgibt und einschläft; wir suchen einen Ausweg im Vergessen zu finden. Ich habe einen Heiligen sagen hören: „Wenn ich mir das alles nicht aus dem Kopfe schlage, so werde ich von Sinnen werden." Das heißt aber nicht, die Sache vor Gott zu bringen. Wenn wir die Sache vor Gott bringen, so werden wir nicht von Sinnen werden, sondern wir werden den Sinn Gottes bekommen. Solcherart ist aber die Schwachheit der Natur, daß wir wirklich vor echter Traurigkeit einschlafen. Wir empfinden es tief, was sich auf den Herrn und auf Seine Interessen bezieht, wir sind uns aber der Nähe Gottes nicht bewußt, und wir schlafen ein. Entfernung von Gott ist das Geheimnis aller Schwäche. Ein Christ vollbringt oft das stärkste Stück von Unbeständigkeit, das man sich denken kann! Ich glaube nicht, daß irgendeiner von uns so den Herrn geliebt hat wie Petrus; doch er verleugnete Ihn dreimal. Der Herr blickte den Petrus an, und das rettete die Lage.

Der Herr überwand in Gnade; Er überwand die Macht der Finsternis und die ganze Schwäche bei Petrus. Die Gnade Gottes wird weiterhin in einer lebendigen Weise durch diejenigen zum Ausdruck gebracht, die das Vorbild Christi nachahmen. In demselben Augenblick, wo ich in meinem Herzen den Gedanken an Christum als Vorbild und auch daran, daß ich Ihm ähnlich sein soll, aufgebe, sinke ich auf den Boden von dem herab, was ich bin, und dann sind wir kein Zeugnis mehr. Wir mögen weiter zu den Zusammenkünften kommen und an ihnen teilnehmen, doch wir

sind kein Zeugnis mehr; nur Menschen, die Christo ähnlich sind, sind im Zeugnis. Die ganze Gnade Gottes wird uns in Christo als Vorbild vorgestellt. Es ist eine glückselige Wirklichkeit, daß der Charakter Christi in jedem Heiligen vorhanden ist - man denkt daran mit Wonne. Doch es ist wichtig, diesem Charakter auch freien Lauf zu gewähren; auf alles, was vom Fleische und vom Natürlichen ist, muß ein scharfes Messer angewendet werden, damit das, was zum Charakter Christi gehört, ans Licht treten kann. Das ist das Gesetz der Freiheit.

Dann wurde der Herr vor die Versammlung Israels geführt. Es war nicht mehr Seine Verwerfung durch die Volksmenge oder durch einzelne Personen, sondern weil Er vor die Ältestenschaft des Volkes und die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die sich für das Gesetz interessierten, gestellt wurde, war das ganze Volk öffentlich vertreten. Die Versammlung Israels war zusammengetreten, und zwar um den Gesalbten Gottes zum Tode zu verurteilen. Es handelte sich um Seine Person. Es ging um das gesalbte Gefäß der Gnade, dessen Lebenslauf uns durch den Geist Gottes in diesem Evangelium vor Augen gestellt wird. Sie hatten keinen Grund, zu sagen: „Wenn du der Christus bist, so sage es uns." Er hatte es dreieinhalb Jahre in einer unmißverständlichen Weise gesagt. Es war der feste Vorsatz bei ihnen, sich des Gesalbten Gottes zu entledigen, und zwar bei der verständnisvollsten Versammlung, die damals auf der Erde zusammengerufen werden konnte. Das ist äußerst ernst. Es dient dazu, ans Licht zu bringen, daß alles, was in Ihm zum Ausdruck gekommen war, keine andere Wirkung erzeugte, als nur den Haß derer zu erwecken, die durch die Macht der Finsternis getrieben wurden.

Der ganze Umfang des göttlichen Lichtes war in Seiner Person; Er war der Christus, der Gesalbte Gottes, und Er war der Sohn des Menschen, der zur weltweiten Herrschaft bestimmt war, und Er war der Sohn Gottes, eine Mensch gewordene Person der Gottheit – das ganze Licht war in Seiner Person zusammengefaßt, doch die ganze Macht der Finsternis war in dem, was die öffentliche Versammlung Israels ausmachte, zusammengefaßt. In einem anderen Evangelium wird gesagt, daß sie Zeugen suchten, auf daß sie Ihn töteten; das war ihr ganzes Ziel. Es gab viele Zeugen, die man hätte rufen können, nämlich gereinigte Aussätzige, Blinde, deren Augen geöffnet worden waren, auferweckte Tote und Tausende von Geheilten. Es gab viele Zeugen dafür, daß Er der Christus war; doch wagten es die Ältesten zu sagen: „Sage uns." Seine Person war der große Prüfstein, nicht religiöse Glaubensbekenntnisse oder die Kenntnis der Schrift.

Ich nehme an, daß jedermann in diesem Synedrium die Schriften kannte, doch Seine Person war der Prüfstein. Bei jedem, der mit Ihm in Berührung gekommen war, war die Überzeugung vorhanden, daß alles, was Er sagte und tat, von Gott war. "... Jesum, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geiste und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohltuend und heilend alle, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm" (Apg. 10, 38). Es war unmöglich, etwas davon in Frage zu stellen, und doch sagten sie: „Sage uns." Es war zu spät, solch eine Frage zu stellen. Die Lage war jetzt entschieden; es bestand keine Hoffnung für eine Anderung Seines Urteils über sie, noch in ihrem Urteil über Ihn. Er hatte Sein Urteil über sie in Kap. 11 und 20 kundgemacht, und sie waren jetzt zu einer feierlichen Versammlung zusammengetreten, um öffentlich ihr Urteil über Ihn zu verkündigen.

Es gibt keinen einzigen Charakterzug des Gesalbten Gottes, der sich dem religiösen Menschen empfiehlt; wir müssen diese Tatsache in ihrer ganzen ernsten Wirklichkeit annehmen. Je mehr es uns also gelingt, anschaulich zu beweisen, daß Jesus der Christus ist, desto bestimmter und tödlicher ist auch der Widerstand, der im natürlichen und religiösen Menschen wachgerufen wird. Die Menschen brauchen nicht mehr überzeugt zu werden; wir denken, daß, wenn wir die Wahrheit nur auf eine überzeugende Weise darstellen könnten, alles gut gehen wird; je überzeugender sie aber dargestellt wird, desto mehr Haß kommt zum Vorschein. Niemals wurde die Wahrheit überzeugender dargestellt als in Gottes gesalbtem Gefäß; Seine Werke und Seine Lehre stellten die Wahrheit in Wort und Tat dar, und zwar überzeugend; aber die Tatsache, daß sie überzeugend dargestellt wurde, brachte die Feindseligkeit des menschlichen Herzens zum Vorschein. Wir sagen oft, der Mensch sei gefallen, verloren und Gott feindlich; doch es fragt sich, wie weit wir das glauben?

Die Verwerfung Christi hemmt Gott in Seinen wunderbaren Plänen nicht; sie vereitelt keineswegs die Erfüllung der Absichten Gottes, so daß der Herr mit Bestimmtheit von ihnen sagen konnte, daß sie nicht glaubten und Ihn nicht loslassen wollten; sie wollten von dem eingeschlagenen Wege nicht abstehen. Andererseits würde Gott auch von Seinem Wege nicht abstehen; wenn der Sohn Gottes verworfen wurde, so würde der Sohn des Menschen in den weiteren Bereich Seiner weltweiten Herrschaft eingehen. Wir lesen diese Schriftstelle nicht in der rechten Weise, wenn wir nicht verstehen, daß dies ein dunkler Hintergrund ist; wir sehen aber, daß der Vorsatz und Ratschluß Gottes, trotz allem Seinem gesegneten Ziele zustrebt.

Das Zeugnis der Gnade war jetzt öffentlich für Israel zu Ende, sie hatten ihre Lage selbst bestimmt; die Versammlung war zusammengetreten, um den Gesalbten Gottes zu verurteilen. Was den Herrn auf diesem Schauplatze kennzeichnete, war Schweigen; Seiner Worte waren äußerst wenige. „Er wurde mißhandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, gleich dem Lamme, welches zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf" (Jes. 53, 7). Es ist auffallend, wie wenig Er zu sagen hatte; Sein Schweigen in der Stunde des Menschen und in Gegenwart der Macht der Finsternis war ein Ausdruck der göttlichen Gnade. Er hatte sie in Wort und Tat zum Ausdruck gebracht, und nun drückte Er sie durch Schweigen aus. In Gegenwart von Haß, Ungerechtigkeit und Gewalttat nahm die Gnade die Stellung des schweigenden Duldens ein. Er steht in dieser Haltung als ein Vorbild für uns da, und wenn wir es betrachten, lernen wir die Gnade im leidenden Lamme kennen. Wenn wir das nachahmen, werden wir in unserer Natur und Liebe dazu tüchtig gemacht, die Braut des Lammes zu sein. Wir werden bald in der innigsten Vereinigung mit diesem Gepriesenen stehen; doch nichts kann mit Ihm vereinigt werden, was Ihm nicht entspricht; Seine Braut muß Sein Gegenstück sein. Seiner Worte waren wenige, sie waren aber doch das Bekenntnis der Wahrheit von Seiner Person; Er würde der Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sein.

Zweifellos bezogen sich die Worte des Herrn (Vers 69) auf Daniel 7, und diese Schriftstelle war einem jeden in jener Versammlung bekannt. „Ich schaute, bis Throne aufgestellt wurden und ein Alter an Tagen sich setzte: sein Gewand war weiß wie Schnee, und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle; sein Thron Feuerflammen, dessen Räder ein loderndes Feuer. Ein Strom von Feuer floß und ging von ihm aus; tausend mal Tausende dienten ihm, und zehntausend mal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht setzte sich, und Bücher wurden aufgetan" (Vers 9 u. 10); und dann heißt es weiter: 'Ich schaute in Gesichten der Nacht: und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer, wie eines Menschen Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor denselben gebracht. Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird" (Vers 13 u. 14).

Alle in dem Synedrium kannten diese Schriftstelle, und sie wußten, daß der Herr Sich darauf bezog. Der Alte an Tagen ist einer der hoheitsvollsten Titel Gottes, welche die Schrift enthält, und es wird vom Sohne des Menschen gesagt, daß Er zu dem Alten an Tagen gebracht wurde. Wie die Anmerkung unten (in der englischen Übersetzung von J. N. Darby) sagt, heißt es eigentlich: „Er reichte bis zu dem Alten an Tagen"; das heißt, daß der Sohn des Menschen der Genosse Jehovas ist (Sach. 13, 7). Er reicht bis zu dem Alten an Tagen; es besteht keine Ungleichheit, keine Unterordnung zwischen dem Sohne des Menschen und dem Alten an Tagen. Was die Rechte Seiner Person betrifft, so beansprucht der Sohn des Menschen es, mit Gott auf gleicher Stufe zu stehen. Sie wußten das genau. Er wird eine weltweite Herrschaft besitzen. Kein Mittelweg war möglich; wenn wir an die Rechte der Person des Herrn denken, so ist es für keinen Menschen möglich, demgegenüber gleichgültig zu bleiben. Wenn wir den Menschen die Wahrheit der Person des Herrn klarmachen würden, so werden sie entweder zu Seinen Füßen niederfallen und Ihn anbeten, oder sie werden mit den Zähnen gegen Ihn knirschen; die Menschen müssen Ihn entweder anerkennen oder verwerfen. Es ist wichtig beim Verkündigen, die Rechte Seiner Person hervorzuheben und die Würde, die Majestät und die weltweite Herrschaft, die Seiner Person eigen sind, zu betonen. Jeder Mensch wird durch Seine Person auf die Probe gestellt. Ist Er der Gesalbte Gottes? Ist Er der Sohn des Menschen? Diese Leute verstanden vollkommen, daß, wenn Er der Christus und der Sohn des Menschen war, Er dann auch der Sohn Gottes war, eine Mensch gewordene Person der Gottheit. Keiner konnte bis zu dem Alten an Tagen hinaufreichen als nur ein Mensch, der Sein Genosse war; für diese Leute bedeutete es, daß Er der Sohn Gottes war. In diesen Tagen, wo Er jeder Herrlichkeit, die Ihm gehört, entkleidet wird, ist es von wesentlicher Wichtigkeit, die Größe Seiner Person kundzutun.

„Der Christus" umfaßte das Zeugnis der Gnade, das Zeugnis, das erschollen war und durch das ganze Land, vom Toten Meer bis zum Libanon, widerhallte. Er war der Gesalbte Gottes, das Gefäß, das für alle zugänglich und mit göttlicher Gnade und Segnung erfüllt war. Seine Verwerfung als der Gesalbte Gottes bedeutete die völlige Verwerfung der Gnade. Der Sohn des Menschen schließt aber die herrliche Oberhoheit ein, die Ihm eigen ist; Er wird weltweite Herrschaft besitzen, und jedes Knie wird sich Ihm beugen müssen. Auch das müssen wir kundtun. Ein Mensch, der das Evangelium hört und dem es in der Kraft des Geistes eingeprägt wird, kann nie sagen: Ich werde es mir überlegen. Er muß entweder den Sohn des Menschen anbeten oder Ihn verwerfen. Auf diese Weise behauptet der Herr als Sohn des Menschen in einer völligen Weise Seinen Platz der Herrschaft, der Gewalt und der Macht. Sie hatten Ihn als den Christus verworfen; darum war es eine Torheit, Ihn zu fragen, wer Er sei; und dann verwarfen sie Ihn als Sohn des Menschen. Sie verstanden, daß keiner der Sohn des Menschen sein konnte, der nicht der Sohn Gottes war. Christus und der Sohn des Menschen sind öffentliche Titel, dahinter steht aber Seine persönliche Herrlichkeit als der Sohn Gottes.

Kapitel 23

In diesem Kapitel gehen wir vom Synedrium zum Gerichtshof des Pilatus über. In Pilatus sehen wir den Charakter des letzten Tieres von Daniel 7, eine von Gott eingesetzte, aber von der Politik beeinflußte Gewalt, Pilatus war nicht wie die jüdischen Führer durch Haß gegen Christum gekennzeichnet. Er stellt einen großen Teil Leute in dieser Welt dar, denn er konnte unterscheiden, daß Derjenige, der vor ihm stand, kein Verbrecher war. Er konnte das Urteil fällen, daß an Ihm keine Schuld, nichts Todeswürdiges zu finden war; seine Haltung wurde aber von der Klugheit beeinflußt, von dem, was unter den damals herrschenden Umständen vorteilhaft war. Auch wir können durch die Umstände, in welchen wir uns befinden, beeinflußt werden.

Wenn ich Christum bekennen könnte, aber schweige, weil ich denke, es könnten mir dadurch Schwierigkeiten erwachsen, oder ich könnte denen, bei denen ich bin, mißfallen - dann stehe ich neben Pilatus. Sind wir bereit, unter allen Umständen für Christum einzustehen? Wenn Pilatus eine wahre Wertschätzung Christi gehabt hätte, wäre er für Ihn gestanden, koste es, was es wolle. Er befürchtete einen Aufruhr der Juden, denn er hatte viele Schwierigkeiten mit ihnen und wollte keine mehr haben. Gott ließ es zu, daß er öffentlich sein gerechtes Urteil über Christum zum Ausdruck brachte, gleichzeitig trat es aber ans Licht, daß er sich durch Klugheit leiten ließ.

Es gibt mehr solche, die wie Pilatus sind, als wir denken. Wir können aber nicht gleichgültig sein; wir müssen für Christum oder gegen Ihn sein. Unsere Stellung sollte sein, daß wir für Christum da sind; wir sollten zu Ihn stehen. Seine Gnade ist so wunderbar, Seine Gewalt und Kraft so groß und Seine persönliche Herrlichkeit so hervorragend, daß wir zu Ihm stehen müssen, koste es, was es wolle. Das ist die Stellung, und keine Neutralität ist möglich. Ich fühle mich gedemütigt, wenn ich das sage, denn wir alle fühlen, wieviel Neutralität bei uns ist.

Am Anfang der Apostelgeschichte sehen wir Menschen, die Ihn alle verlassen hatten, und einen, der Ihn sogar dreimal verleugnet hatte; doch sie standen jetzt unverrückbar wie ein Fels als solche, die völlig mit Ihm einsgemacht waren. Ob im Widerstand, Aufruhr, Gefängnis oder Tod, sie standen zu Ihm ohne einen Schatten von Neutralität. Sie beten, denn wir können in solcher einer Stellung nur durch Gebet stehen. Pilatus befürchtete Widerstand und Aufruhr; sie fürchteten sich aber nicht, sie standen fest durch Gebet, und aus Apg. 4 sehen wir, daß die Stätte, wo sie waren, bewegt wurde - Gott gab ein offensichtliches Zeichen, daß Seine Macht mit ihnen war. Gott unterstützte sie so, daß sich ihnen nichts widersetzen konnte; alle Mächte der Finsternis brachen vor ihnen zusammen.

Herodes war ein Mann, der gar kein Gewissen hatte. Er suchte nur irgendeine Unterhaltung; er hoffte ein vom Herrn geschehenes Wunder zu sehen. Pilatus hatte ein Gewissen, er wurde aber von menschlicher Klugheit getrieben; Herodes hatte jedoch kein Gewissen mehr. Der Herr nannte ihn einen Fuchs; er suchte schlau seinen eigenen Vorteil, und sein Wunsch, den Herrn zu sehen, war bloß Neugier. Der Herr hatte dem Herodes nichts zu sagen; Er wollte nicht der Neugier dienen. Wenn die Menschen sich darum bemühen, das Christentum für den natürlichen Menschen anziehend zu machen, so ist das so ähnlich, als wenn man Christum vor Herodes bringen würde, und das führt nur dahin, daß Er geringschätzig behandelt und verspottet wird. Gott wirkt nicht auf diese Weise, und wir sollten solche Dinge nicht tun. Wenn ein Mensch nur durch natürliche Neugier getrieben wird, hat der Herr ihm nichts zu sagen.

Alles nahm seinen zuvorbestimmten Lauf im Blick auf das Kreuz. Die Handlungen der Menschen waren alle der Absicht Gottes unterstellt, damit Seine Gnade in dieser Welt vollkommen dargestellt werden möchte. Die Stunde des Menschen und die Macht der Finsternis dienten nur dem Zweck, Wunder ans Licht zu bringen, die vorher nicht geoffenbart werden konnten. Es ist, als wenn die Finsternis über den Erdkreis kommt, was der Offenbarung der Pracht des Himmels dient, so daß wir hinaufblicken und das Werk der Hände Gottes schauen können. Wir können dann Wunder und Herrlichkeiten schauen, die bei Tageslicht nicht gesehen werden können; die Finsternis bietet ihnen die Gelegenheit, auszustrahlen. Als die Macht der Finsternis sich im Widerstand Jesu gegenüber offenbarte, war es gerade die rechte Zeit, daß die Herrlichkeit Gottes in Gnade in ihrer heiligen Pracht erstrahlen sollte. Die bösen Gedanken im Herzen des Menschen dienten bloß dazu, die kostbaren Gedanken im Herzen Gottes ans Licht zu bringen.

Es ist sehr bedeutungsvoll, daß der Herr gekreuzigt wurde, denn das war nicht der von Gott bestimmte Tod für einen Lästerer, denn dieser war die Steinigung. Wie wir wissen, hatten die Juden häufig die Absicht, Ihn zu steinigen, aber das sollte nicht sein. Es wurde von Gott angeordnet, daß Er den Platz von einem, der unter dem Fluche steht, einnehmen sollte, denn ein Gehenkter ist ein Fluch Gottes; Er sollte aber durch die Gnade Gottes diesen Platz einnehmen. Der Gedanke der Steinigung ist, daß jeder der Beteiligten seinen Abscheu gegen die verübte Sünde zum Ausdruck bringt, während ein Gekreuzigter zu einem öffentlichen Schauspiel gemacht wird; er befindet sich öffentlich am Platze des Fluches. Der Herr kam dahin in reiner und vollkommener Gnade, um uns dadurch vom Fluche zu erlösen, daß Er Selbst zum Fluche wurde, auf daß der Segen Abrahams in Christo Jesu zu den Nationen käme, „auf daß wir die Verheißung des Geistes empfingen durch den Glauben" (Gal. 3, 14). Die Bosheit des Menschen hinderte Gott nicht im Geringsten; sie führte nur Seinen bestimmten Ratschluß herbei, damit Segen für uns alle durch das Erlösungswerk hervorkommen möchte.

Johannes sagt uns in seinem Evangelium, daß Jesus Sein Kreuz trug. Er wird dort dargestellt, wie Er alles in der Größe Seiner Person trug. Als erhöht sollte Er zum Sammelpunkt für alle werden. Bei Johannes handelt es sich nicht um die Schande des Kreuzes, sondern um die Erhöhung, die der Weg war, den die göttliche Liebe und Kraft nahm, um Gottes gesegnetes Endziel zu erreichen. In den anderen Evangelien aber wird Simon von Kyrene als das Kreuz des Herrn tragend erwähnt, und zwar nicht nach seinem eigenen Willen, sondern durch die Feinde Jesu dazu gezwungen. Er war offensichtlich ein Mann von einem afrikanischen Volksstamme, der, wie die Menschen sagen würden, zufällig zur Stelle war, denn Markus sagt, er wäre ein Vorübergehender gewesen, der von seiner Tagesarbeit vom Felde kam. Er war augenscheinlich ein Mann, den sie zu solch einem Zwecke für passend hielten; sie hätten dafür keinen Schriftgelehrten noch einen Pharisäer oder einen Gesetzgelehrten gewählt.

Markus sagt uns, daß Simon von Kyrene zwei Söhne hatte, Alexander und Rufus, wodurch er andeutet, daß er einen Namen unter den Gläubigen hatte. Ich zweifle nicht daran, daß er ein Jünger war, und daß es so von Gott angeordnet wurde, daß er sich im rechten Augenblick zur Stelle befand, als gerade jemand nötig war, um das Kreuz zu tragen. Es ist gut, unter der Anordnung Gottes ein Vorübergehender zu sein, wenn Jesus verschmäht wird, und dann bereit zu sein, wenn Seine Feinde uns zwingen, Sein Kreuz zu tragen. Mit Jesu verbunden zu werden und ausgewählt als nur dazu fähig, Sein Kreuz zu tragen, ist die größte Ehre, die die Welt uns erweisen kann. Sind wir in unserem Wandel und in unseren Wegen derart, daß die Welt uns zu dieser Ehrung auswählen würde?

Dann war die Volksmenge da, die wehklagte und Ihn bejammerte. Der Herr will nicht das Mitleid der Menschen, sondern ihren Glauben haben. Er wußte alles, was über sie kommen würde, und Er sagte: „Wenn man dies tut an dem grünen Holze, was wird an dem dürren geschehen?" Er war das grüne Holz des größten Vorrechts Gottes, und Er wurde von der ganzen Nation verworfen. Das Holz war aber immer noch grün; sogar durch Seine Kreuzigung verlor es nichts an seiner Frische. Er konnte sagen: „Vater, vergib ihnen.“ Das grüne Holz ist die volle Darstellung Gottes in Gnade, und dies war noch zu Pfingsten und durch die ganze Apostelgeschichte hindurch zu sehen. Das verdorrte Holz ist, wenn der Mensch ohne Gott, ohne Christum und ohne den Heiligen Geist sich selbst überlassen wird; das ist eigentlich die Zeit der völligen Abtrünnigkeit, wenn Gott Sich von denen zurückzieht, die Ihn aufgegeben haben.

„Andere hat er gerettet!" sagten die Obersten spottend; Er wollte Sich aber nicht retten, weil Er Sich in königlicher Gnade dort befand. Der bußfertige Übeltäter verstand das; er fürchtete Gott und erkannte, daß Jesus nicht um Seinetwillen dort war, sondern in Gnade, und daß Er in Seinem Reiche wiederkommen würde. Dies ist der Weg zur Segnung, denn er ward Jesu zugesellt, um mit Ihm im Paradiese zu sein. Wir könnten diesen Übeltäter als den Erklärer von allem, was sich ereignete, betrachten; er war imstande alles so zu deuten, wie keiner der Apostel es damals vermochte. Er besaß göttliches Licht über die Sachlage, und er konnte sie zum Nutzen seines Mitgekreuzigten wie auch zu unserem Nutzen deuten. Er erkannte die ganze Wahrheit der Sachlage. Es waren drei Männer unter dem Gerichte: zwei von ihnen empfingen durchaus das, was sie verdient hatten; es war aber ein Anderer am Platze des Gerichts, und Er war dem Übeltäter als Derjenige bekannt, dem das Reich gehörte; für die Seele dieses Menschen war er der Christus, der Auserwählte Gottes. Wenn Er, dem das Recht auf das Reich gehörte, Sich am Platze des Gerichts befand, so war Er zweifellos dort in Gnade. Das Bekenntnis des Übeltäters zeigt, daß das kostbare Werk Gottes in seiner Seele ihn wohlannehmlich gemacht hatte, Jesu im Paradiese zugesellt zu werden. Seine Worte: „Dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan", und seine Erwähnung des kommenden Reiches stimmten mit dem überein, was Gabriel am Anfang dieses Evangeliums der Maria über die Heiligkeit Jesu gesagt hatte, und er stimmte mit dem überein, was aus dem Himmel gekommen war. Nichts geht in den Himmel ein, als nur das, was aus dem Himmel gekommen ist. Durch die unendliche Gunst Gottes ging er in das Paradies in vollkommener Übereinstimmung mit Dem, der ihn dorthin mitnahm, ein.

Das zeigt, wie schnell das Werk Gottes vor sich gehen kann. Dieser Mann, der ein Spötter gewesen war, trat jetzt auf dem Schauplatz auf Golgatha hervor, indem er allem, was sich dort zutrug, eine Deutung gab. Er ist einer der bemerkenswertesten Menschen in der Schrift. Er trat hervor, um Sein Geschlecht auszusprechen. In bezug auf seinen eigenen Zustand gab es keine Unbestimmtheit oder Zweideutigkeit, denn er verurteilt ihn vollkommen, indem er sagte: „Wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan." Das muß Gott ihm eingegeben haben. In den Augen der Schriftgelehrten und Pharisäer war alles, was der Herr getan hatte, ungeziemend, der Übeltäter rechtfertigte aber den Herrn in jeder Weise; für seine Seele war Er der Christus, der Auserwählte Gottes, und wenn Er am Platze des Gerichts war, so konnte es nur aus Gnaden sein. Der Räuber verstand das vollkommen. Er empfand, daß, wenn Derjenige, dem das Reich gehören sollte, aus Gnaden am Kreuze war, er auch auf Gnade für sich selbst rechnen konnte. Er hatte Licht in bezug auf die ganze Sachlage; er war in dem Lichte dieser Person. Er war im Lichte Seines Todes, Seiner Auferstehung, Seiner Himmelfahrt, Seines Reiches und Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Die elf Apostel hätten zu seinen Füßen sitzen und Wunderbares lernen können! Das erinnert mich an die Worte des Herrn: „Letzte werden Erste sein."

Das Paradies deutet auf die Wonne und das Wohlgefallen Gottes hin; es bedeutet einen Garten der Wonnen. Das umfaßt Gemeinschaft mit Jesu. Den Menschen am Orte Seiner Wonne zu haben, war das volle Ergebnis dessen, was die Gnade vollbrachte. In diesem Evangelium sehen wir, daß Gott den Menschen zu Seiner Wonne bringt. Das Paradies ist der Ort Seiner eigenen Wonne, und im Lukasevangelium sagt Gott zu dem Menschen durch den Tod Jesu: Ich will dich in Meiner Nähe haben. Der Herr sagt: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein", so daß er sogar schon vor der Auferstehung dorthin ging. Daß ein Mensch schon vor der Auferstehung mit Jesu in das Paradies gehen kann, hebt den Wert des Todes Jesu hervor. Der eigene Geist des Herrn ging in demselben Augenblick in das Paradies, als Er starb, und im Werte Seines kostbaren Todes ging auch der Übeltäter als ein Gegenstand der Wonne Gottes dahin.

Lukas läßt die Finsternis nicht aus; sie zeigt den unergründlichen Charakter des Werkes. Wenn die Versöhnung vollbracht werden sollte, dann mußte sie dadurch zustandekommen, daß Derjenige, der Sünde nicht kannte, zur Sünde gemacht wurde - das ist die Grundlage. Lukas bringt aber nicht das Verlassensein von Gott, weil das mit dem führenden Gedanken seines Evangeliums nicht übereinstimmt. Gott erstrahlte hier in äußerster Gunst den Menschen gegenüber. „Der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei"; es wird nicht gesagt, daß er „zerriß", wie bei Matthäus und Markus. Das deutet vielleicht an, daß er aus eigenem Antrieb zerriß. Es war Gott, der durch den Tod Jesu Seine eigene Natur in Gnade zum Ausdruck brachte. Es ist hier nicht die Wucht des göttlichen Gerichts, das den ergebenen Messias traf. Bei Lukas kommt alles das ans Licht, was im Herzen Gottes für die Menschen vorhanden war.

Bei Lukas sagt der Herr, Er wäre beengt: „Ich habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muß, und wie bin ich beengt, bis sie vollbracht ist!" Die ganze Gnade war in Seinem Herzen eingeschlossen; doch nun brach sie hervor; der geöffnete Vorhang ließ alles, was dahinter vorhanden war, hervorströmen zur Linderung der Not des Menschen. Die ganze Gnade Gottes den Menschen gegenüber fand durch das Fleisch Jesu in Seinem Tode ihren völligen Ausdruck. Gott hat alles beseitigt, was den Menschen daran hindern könnte, zu Seinem Wohlgefallen aufrechterhalten zu werden. Durch den Tod Jesu ist Gott hervorgetreten, um uns zu Seinem Wohlgefallen in dem ganzen Werte des Todes Seines Sohnes vor Sich zu haben. Das ist etwas, was nie zuvor zum Vorschein gekommen war; das Alte Testament zeigt, daß Gott dem Menschen seine Schuld wegnehmen kann, damit er in Seiner Gunst auf Erden leben möchte; aber etwas darüber hinaus gibt es uns nicht. Jetzt aber kann der Mensch durch den Tod Jesu zum Wohlgefallen Gottes am Orte der Wonne Gottes aufrechterhalten werden.

Einige haben deshalb gegen die Lieder, die sagen, Christus habe Sein Blut vergossen, Einspruch erhoben, weil es in Wirklichkeit ein römischer Kriegsknecht war, der es vergoß. Es gibt aber doch drei Schriftstellen, die direkt vom Vergießen des Blutes Christi reden, und das sind die eigenen Worte des Herrn beim Abendmahl in Matthäus, Markus und Lukas. Vergießen und ausgießen ist dasselbe Wort; Er kam in der Absicht, Sein Blut zu vergießen. Die Liebe Gottes wurde ausgegossen. Sicherlich hatte der Herr das vor Sich; es war nicht einfach die Tat des Kriegsknechts. Es ist durchaus schriftgemäß, zu sagen, daß Er Sein Blut vergoß; Er war im Hinblick auf dieses Vergießen gekommen; es war eine Tat der göttlichen Liebe. Das Wort ausgegossen wird in Apg. 2, 33 in bezug auf den Heiligen Geist gebraucht. Das Blutvergießen war eine Liebestat von seiten Gottes und Christi, ebenso wie der Geist in göttlicher Liebe ausgegossen wurde, und das geschah, damit die auf Golgatha entfaltete Liebe in Millionen Menschenherzen ausgegossen werden möchte. Unter dem Vorwande einer buchstäblichen Genauigkeit verlieren wir manchmal das geistliche Leben von einer Sache.

Die Finsternis deutet auf das Unausforschliche hin. In der Art und Weise, wie die Versöhnung vollbracht wurde, ist eine Tiefe, die für uns undurchdringlich ist; es ist höchst erstaunlich. Wer kann das nur annähernd nachprüfen? Wir müssen mit unbeschuhten Füßen abseits stehen. Die Worte des Herrn: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist“, deuten auf das göttliche Wohlgefallen hin. Sogar im Tode wurde der Herr in vollkommener Zuversicht dem Vater gegenüber gesehen. Es zeigt auch, wie vollständig Er den Platz des Menschen eingenommen hatte, denn Sein Geist war Er Selbst. Die Wahrheit ist, daß Er Gott ist und Mensch geworden ist, das war bei der Fleischwerdung. Derjenige, der in Gestalt Gottes war, und was Seine Person betrifft, Gott war, ist Mensch geworden und wird ewig Mensch bleiben. Er ist in diese Stellung gekommen, damit dem Herzen Gottes neue Wonne daraus werden möchte; Er hat diese Stellung mit gänzlicher Vollkommenheit ausgefüllt.

Der Herr kam als Kindlein auf diesen Platz des Vertrauens. „Du bist es ... der mich vertrauen ließ an meiner Mutter Brüsten“ (Ps. 22, 9). Eine Person der Gottheit ist Mensch geworden und bleibt auf ewig Mensch. Derjenige, der Gott war, ist Mensch geworden, damit dem Herzen Gottes neue Wonnen bereitet werden möchten, und zwar nicht nur an Ihm Selbst, sondern auch an denen, die Seine Genossen sind. Als Kindlein kam Er in die Stellung des Gegenstandes der göttlichen Fürsorge. Es ist sehr ergreifend zu sehen, daß die Tatsache, daß Er von Seiner Mutter in Windeln gewickelt wurde, der erste Ausdruck der göttlichen Fürsorge war, und der letzte Ausdruck dieser Fürsorge war, daß Er von Joseph in feine Leinwand gewickelt wurde. Er wurde also in der Kindheit, im Mannesalter und im Tode versorgt.

Es ist sehr ergreifend zu sehen, daß die Fürsorge Gottes für Jesum von Anfang an oft durch die Heiligen zum Ausdruck kam. Bedenkt, daß es einem Weibe erlaubt wurde, dieses heilige Kindlein zu nehmen und in Windeln zu wickeln, damit die Fürsorge Gottes durch zärtliche, heilige Hände zum Ausdruck kam! Wir mögen sagen: O, wäre ich doch einer von ihnen gewesen! Die Gelegenheit bleibt jedoch bestehen; wir können immer noch die Fürsorge Gottes für Ihn zum Ausdruck bringen - Er ist in Seinen Heiligen, und wir können ihnen dienen. Dann dienten Ihm die Engel; das war auch die Fürsorge Gottes. Sogar der Teufel wußte, daß der Herr der Gegenstand der göttlichen Fürsorge war, denn er sagte: „Er wird seinen Engeln über dir befehlen, dich zu bewahren", und es war ein rührender Abschluß der göttlichen Fürsorge, daß Sein Leib in feine Leinwand gewickelt wurde.

Lukas sagt uns nicht, daß Joseph ein geheimer Jünger war, weil er es mit der Gnade Gottes in Joseph zu tun hat. Die Gnade Gottes tritt in ihm ans Licht, wie sie auch in dem Räuber ans Licht trat. Die Furcht war verschwunden, als er zu Pilatus ging und um den Leib Jesu bat. Als die Gelegenheit sich bot, war er bereit, und im Bilde brachte er seine Wertschätzung Christi dar. In Jesu hatte Joseph den Charakter des Reiches Gottes kennengelernt, und er erwartete es, und die Wertschätzung des Reiches in seiner Seele kam in der feinen Leinwand zum Ausdruck. Indem er mit seinen Händen diesen kostbaren Leib bediente, hatte er einen göttlichen Begriff davon, was darin eingeschlossen war.

Es hat Joseph etwas gekostet; Markus sagt uns, daß er die feine Leinwand kaufte. Wenn du etwas hast, was dessen würdig ist, damit es um Jesum gewickelt werden kann, dann hat es dich etwas gekostet, vielleicht einen Zusammenbruch des Fleisches. Es bedeutete den Zusammenbruch des ganzen Lebens Josephs; alles wurde jetzt für Jesum geopfert. Er legte Ihn in seine eigene Gruft, und moralisch ging auch er hinein, denn wir können uns nicht vorstellen, daß 

Joseph zu seiner früheren Stellung zurückkehren würde. Was werden die Menschen gesagt haben, wenn sie vorbeigingen und die Gruft endgültig zugedeckt fanden und einen Stein an die Öffnung gewälzt sahen? Sie werden gesagt haben, daß Joseph endgültig beseitigt war - und so war es auch. Ich zweifle nicht daran, daß Joseph nie wieder im Synedrium gesehen wurde.

Dann werden noch die Weiber erwähnt. Lukas sagt uns, daß sie Spezereien und Salben bereiteten; sie besaßen ihre Wertschätzung, aber sie kamen zu spät, um sich dem Wirken Gottes anzuschließen. Es ist etwas Großes, rechtzeitig zur Stelle zu sein. Simon von Kyrene war zur Stelle, als man seiner bedurfte, und Joseph und auch der Räuber - sie füllten alle ihren Platz aus in dem göttlichen Wirken der Gnade. Wie jene Weiber mögen wir kostbare Spezereien und Salben haben und doch zu spät kommen und den kritischen Augenblick versäumen. Sie hatten niemals das Vorrecht, wie Maria von Bethanien ihre Wertschätzung auf den Leib Jesu auszugießen. Maria salbte Ihn im voraus zum Begräbnis. Es ist etwas Wunderbares, sich geistlich im voraus nach der Richtung hin zu bewegen, was Gott tun wird. Andere breiteten ihre Kleider vor Ihm aus, als Er in Jerusalem einzog; sie stellen Seelen dar, die genau die Richtung kennen, in der der Herr Sich bewegt. Das ist geistlich.

Kapitel 24

In diesem Kapitel haben wir das Lösen der Bande des Todes (siehe Psalm 18, 4 und 116, 3). Durch die Gnade Gottes war der Herr an den Platz des Todes gekommen, und die ganze Macht des Todes, seine ganze Kraft richtete sich gegen Ihn. Es gibt keinen Charakterzug der Macht des Todes, dem Er in Gnade nicht ausgesetzt wurde. Die Bande des Todes umfingen wirklich und wahrhaftig den Gepriesenen, aber Gott löste sie alle. Der Geist Gottes redet im Neuen Testament über die Wehen des Todes" (Apg. 2, 24), was uns an die Seelenpein erinnert, die damit verbunden war, daß die Gnade Gottes im Tode ihren Ausdruck fand. Das Wort „die Wehen" bedeutet außerordentliche Schmerzen. Es zeigt, was die Offenbarung der Gnade den Herrn Jesu gekostet hat. Im Hebräerbrief lesen wir, daß Er durch die Gnade Gottes für alles den Tod schmeckte. Nicht nur ging Er in den Tod als solchen, sondern Seine Seele schmeckte die ganze Bitterkeit des Todes.

Das Lösen der Wehen des Todes ist das Zeichen von Seiten Gottes, daß die Strafe durch die Gnade in solch einer Weise erlitten wurde, daß sie nun zunichte gemacht ist. Ich glaube, daß wir hier den Tod in einem anderen Charakter sehen. Es ist ein göttliches Zeugnis vorhanden, daß die Strafe hinweggetan ist, und daß Derjenige, der aus Gnaden die Strafe für die Sünde erlitten hat, nun davon befreit ist; es ist das Zeugnis Gottes von der Vollständigkeit der Gnade. Das ist die eine Seite, aber Petrus fügt am Tage der Pfingsten noch hinzu: „Wie es denn nicht möglich war, daß er von demselben (vom Tode) behalten würde." Da Er Gottes „Frommer (Gnädiger)" war und ausschließlich aus Gnaden in den Tod ging, war es unmöglich, daß Er vom Tode behalten würde. Im Tode Jesu war kein wahrer und genügender Ausdruck der Gnade Gottes möglich, wenn das ganze Gewicht der Strafe nicht erduldet worden wäre. Es ist gut, das, was sich dabei zutrug, nicht zu unterschätzen. Wir müssen niemals das Bewußtsein verlieren, daß das Gewicht der Strafe auf dem Herrn Jesu lastete; es zieht unsere Herzen zu Ihm hin. Wie ergreifend ist es, sagen zu können: Er ist für mich gestorben. Der Stachel des Todes ist die Sünde, und diese erforderte die härteste Strafe.

Für uns also, die wir unter dem Schatten eines auferstandenen Christus weilen, ist die Strafe in diesem Sinne vollständig beseitigt; die Wehen des Todes sind gelöst worden. Alle Fragen sind erledigt worden, so daß der Herr durch die „Tore der Gerechtigkeit" in eine neue Stellung als Mittler der alle Menschen segnenden Gnade Gottes eingehen konnte. Wenn die Strafe für die Sünde in ihrer Fülle erduldet und der Tod in diesem Sinne zunichte gemacht worden ist, so ist auch die ganze Macht des Todes, die durch die Sünde des Menschen in die Hände Satans gelegt worden ist, zunichte gemacht worden. Hier kommen wir zu dem vollständigen Triumph der Gnade: Sünde, Tod und Satan sind völlig zunichte gemacht worden. Zunichtemachen ist ein starkes Wort; es bedeutet, daß sie so gemacht sind, als wenn sie niemals da gewesen wären. Das gibt dem Herrn freie Bahn, Leben und Unverweslichkeit ans Licht zu bringen; zum ersten Male kommen sie in einem auferstandenen Christus ans Licht, und da sehen wir, was Gott dem Menschen zugedacht hat. Das ist die andere Seite des Todes Jesu; das Beseitigen der Strafe ist die eine Seite, doch wir können den Tod Jesu auch in einer anderen Weise betrachten; es gibt auch die Seite, auf der der Herr in diese neue Stellung eintritt, worin Er zum weltweiten Austeiler der Gnade Gottes wird. Der Tod ist der Eingang. In der Auferstehung tut Ihm Gott die Tore der Gerechtigkeit auf, und Er betritt diesen neuen Platz als der Mittler der ganzen Gnade Gottes.

Das ist eigentlich nicht dieselbe Stellung, die Er in den Tagen Seines Fleisches innehatte, denn Er sagte: „Wie bin ich beengt!" Damals war die Gnade beengt, jetzt aber, nachdem Er durch die Tore der Gerechtigkeit eingegangen ist, ist der Mittler vollkommen frei, die Gnade allen Menschen auszuteilen, und Er hat diese Stellung durch den Tod erlangt. Dem Psalm 118 gemäß stehen die Tore der Gerechtigkeit in Verbindung damit, daß Er zum Eckstein geworden ist, und Er führt einen neuen Tag ein, „den Jehova gemacht hat". Das ist voll Frohlocken und Freude für die Menschen, denn es ist der Tag der Gnade ihnen gegenüber. Das ist der neue Tag, den wir in Luk. 24 haben, ein Tag, auf den kein Schatten des Todes mehr fallen kann.

Dem Psalm 16 gemäß ist der Herr als Gottes Gnädiger (Heiliger) gekommen. Es war nicht möglich, daß ein solcher die Verwesung sehen sollte. Der Gnädige Gottes ging durch diese Welt der Sünde hindurch, und nun ist Er durch die Tore der Gerechtigkeit in eine neue Stellung eingegangen. Das ist der neue Tag, der Tag, den Jehova gemacht hat, und er ist durch Frohlocken und Freude gekennzeichnet. Die Seite des Todes Jesu, die Lukas schildert, besagt, daß Er durch den Tod in eine Stellung der unbestreitbaren Oberhoheit eingegangen ist. In der Apostelgeschichte wird häufig gesagt, daß Gott Ihn auferweckt hat; die Evangelien schildern uns aber Seine Person - Er ist auferstanden. Das bedeutet, daß in diesem Siegreichen eine eigene Macht war, die es unmöglich machte, daß Er vom Tode behalten würde; Er mußte auferstehen. Keine Macht konnte die Rechte Seiner Gnade in Frage stellen. Er konnte sagen: „Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten." In Hebr. 2, 9 lesen wir, daß Er „ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war", das war aber auf dem Wege dahin, wo Er „mit Herrlichkeit und Ehre" gekrönt wurde. Er besitzt jetzt die weltumfassenden Rechte der Gnade; Er konnte die Verheißung des Vaters geben. Er konnte alles tun; Buße und Vergebung der Sünden sollten in Seinem Namen allen Nationen gepredigt werden.

Es war nicht erforderlich, den Stein wegzuwälzen, um solch eine Person freizulassen; doch der Stein wurde weggewälzt, damit der Tod, als der Ort des göttlichen Triumphes, freigelegt werde. Die Weiber konnten in den Ort des Todes hineinschauen und nichts anderes dort sehen als nur das Zeichen des Triumphes der Gnade. Sie fanden nicht den Leib des Herrn, doch seine Grabgewänder waren da - das Zeugnis dafür, daß der Herr Jesus wirklich dagewesen war. Wenn wir in den freigelegten Ort des Todes hineinschauen, werden wir uns dessen bewußt, daß der Herr des Lebens und der Herrlichkeit nicht mehr dort ist; Er war dort aus Gnaden, jetzt ist aber die erste Ordnung des Menschen beendet.

Es ist ein schöner Anblick, Männer in strahlenden Kleidern zu sehen; es wird hier nicht gesagt, daß sie Engel waren. Nachdem der Stein weggewälzt war, haben wir sofort den Gedanken von Menschen in einem völlig neuen Zustande, von Menschen in strahlenden Kleidern, von Menschen, die für einen neuen Zustand, der außerhalb des sterblichen Lebens liegt, passend sind. Der Auferstandene möchte in Seinem neuen Zustande Genossen haben. Es sind zwei Männer, denn das Zeugnis steht vor uns. Gott möchte, daß wir diese wunderbaren Dinge sehen, daß wir als solche, die Jesum lieben, in das Grab hineinschauen und sehen, daß Er in Gnaden dort im Tode gewesen ist und daß Er jetzt außerhalb des Grabes ist, und das Ergebnis ist, daß Menschen in strahlende Gewänder gekleidet sein können. Hier auf dieser Erde, wo Jesus starb, sollen Menschen in strahlenden Kleidern stehen. Es ist die Antwort auf Luk. 2, 14, denn es zeigt, daß das Wohlgefallen Gottes an den Menschen in diesem neuen Zustande gesichert worden ist. Sein Wohlgefallen bezieht sich nicht auf die Menschen in diesem Weltsystem, denn für solche gibt es keine strahlenden Kleider. Nie zuvor wurde ein Mensch in strahlenden Kleidern gesehen als nur der Herr auf dem Verklärungsberge; solche Kleider entsprechen der Auferstehungswelt. Das ist die Krone des Wohlgefallens Gottes an den Menschen.

Der Herr konnte an bußfertigen Sündern Wohlgefallen finden; für Ihn waren sie die Herrlichen der Erde; sie waren Seine Gefährten in den Tagen Seines Fleisches. Aber das volle Wohlgefallen Gottes war damit noch nicht erreicht, und Gott war nicht befriedigt, bis Menschen als wohlannehmliche Genossen des Auferstandenen vorhanden waren. Am Anfang der Apostelgeschichte sehen wir Scharen von Menschen, die Genossen des Auferstandenen waren.

Die beiden Männer in strahlenden Kleidern hatten Verständnis, und sie sprachen zu den Weibern mit Einsicht: „Was suchet ihr den Lebendigen unter den Toten? Er ist nicht hier, sondern ist auferstanden." Sie sollten verstehen, daß der Herr durch den Tod hindurch gehen mußte, um Seine wahre Stellung zu erreichen; Er mußte von dem Platze der Beschränkung in einen weiten Ort der Freiheit eingehen. Alles dieses wird in den ersten zwölf Versen im Zeugnis dargestellt, doch es wurde nicht darauf eingegangen. Der Geist Gottes stellt uns das vor Augen, um zu zeigen, daß nicht einmal ein göttliches Zeugnis uns in den Gewinn der Dinge einführt; nur durch den persönlichen Dienst Christi gehen wir in die Dinge ein. Das wirft uns auf Seine wirksame Gnade.

Im darauffolgenden Teile des Kapitels übernahm der Herr es Selbst, die Jünger durch Seinen persönlichen Dienst darin einzuführen, und Er möchte das mit einem jeden von uns tun. Er Selbst möchte Sich uns in unserer ganzen Unwissenheit und in unserem Unglauben nähern und uns in das einführen, was uns im Zeugnis dargestellt wird. Unglauben kennzeichnete die Weiber, und auch Verlegenheit, und deswegen konnten sie nur langsam den Trost dessen, was geschehen war, erfassen. Wir müssen bereit sein, die Wichtigkeit der Auferstehung Christi zu verstehen, denn es war die wunderbarste Bewegung des Zeugnisses, die sich jemals ereignet hatte - ein Übergang von Christo im Fleische zu Christo in der Auferstehung. Die Jünger waren darauf nicht vorbereitet; sie mußten von Gott darauf vorbereitet werden, und wir müssen das auch. Viele sind heutzutage nicht auf die moralische Bedeutung der Auferstehung Christi vorbereitet. Sie mögen daran als Tatsache glauben - sie wären gar keine Christen, wenn sie nicht daran glaubten -, aber sehr wenige verstehen ihre Bedeutung. Sie war eine wunderbare Veränderung in den Wegen Gottes. In Luk. 23 sehen wir einen Menschen, dem ein neuer Platz im Paradiese gegeben wurde; jetzt finden wir aber Menschen, die sich in einem neuen Zustande als Genossen eines auferstandenen Menschen auf Erden befinden. Wenn wir verstehen würden, daß dies unsere Stellung ist, so würde für uns die ganze Macht der Welt gebrochen sein. Wenn wir tatsächlich auferweckt sein werden, dann werden wir verstehen, daß dies unsere Stellung ist; das aber, was die Heiligen dann tatsächlich kennzeichnen wird, sollte sie jetzt schon moralisch kennzeichnen. Zu Pfingsten wurde die ganze Schar moralisch in strahlenden Kleidern gesehen, kein bißchen Selbstsucht war übriggeblieben.

Der Bericht, den uns Lukas über die zwei Jünger gibt, die nach Emmaus gingen, bringt die Gnade und den Dienst des Lebendigen mit einer besonderen Holdseligkeit ans Licht. Die Männer in strahlenden Kleidern hatten von Ihm als dem Lebendigen geredet. Was für eine Tätigkeit ist nun dem Lebendigen eigen? Wir haben hier ein schönes Bild von Seiner Tätigkeit, sei es in bezug auf solche, die Ihn aufrichtig lieben, aber nicht nach den Grundsätzen Seiner Gedanken wandeln, oder in bezug auf die versammelte Schar. Er wirkte im Dienste der Gnade und Liebe.

Diese zwei Jünger liebten wirklich den Herrn, sie verließen aber „am selbigen Tage" Jerusalem, um nach Emmaus zu gehen, vermutlich gingen sie nach Hause. Wir finden auch, daß Petrus, nachdem er die Gruft besucht und die Zeichen der Auferstehung des Herrn gesehen hatte, in sein eigenes Heim zurückkehrte. Der Fehler liegt darin: Wir empfangen gewisse Eindrücke von Christo, doch es gibt noch etwas anderes, was die Bewegung unserer Füße leitet. Es mag wahre Liebe vorhanden sein wie bei Petrus oder diesen zwei Jüngern, die nach Emmaus gingen; doch als sie zu ihrem eigenen Kreise zurückkehrten, wurden sie nicht durch Liebe zu Christo geleitet. Es ist oft so mit uns. Der Herr Jesus ging beiden Jüngern nach und brachte sie in den Kreis zurück, der mit Seinem Interessengebiet und mit Ihm als dem Auferstandenen in Beziehung stand. Es geschah im Blick darauf, daß sie zusammen sein sollten, und zwar sollten sie mit einer Person verbunden sein, die gänzlich außerhalb des Lebens in dieser Welt stand, die man aber trotzdem in jenem Leben in trauter Nähe kennen konnte, wie Petrus in Apg. 10, 41 sagt: „Die wir mit Ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er aus den Toten auferstanden war." Es ist eine Andeutung auf die traute Nähe und innige Verbindung mit Demjenigen, dessen Leben völlig außerhalb des ganzen Laufes dieser Welt und davon abgesondert lag.

Als Er das Brot brach, wurde Er von ihnen erkannt. Es war zweifellos ein wichtiger Hinweis auf Seinen Tod, als Er das Brot nahm und es segnete, und nachdem Er es gebrochen hatte, es ihnen gab. Es war eine Handlung, die dem entsprach, was Er im Obersaal getan hatte, als Er das Abendmahl einsetzte, obwohl dies tatsächlich nicht das Abendmahl war. Die zwei erkannten Ihn; es war ein besonderer und unmißverständlicher Charakterzug, den sie erkannten, weil sie ihn früher gesehen hatten. Wer konnte so segnen, wie Er es konnte! Was muß es für eine außergewöhnliche Angelegenheit gewesen sein, den Herrn danken und segnen zu hören! Ihre Augen wurden aufgetan und sie erkannten Ihn - Er Selbst war es.

Die wunderbarste Auslegung der Schrift, die jemals stattgefunden hat, brachte sie nicht dahin, ihre Füße zur Umkehr zu bewegen; als Er aber von ihnen im Brechen des Brotes erkannt wurde, wurden ihre Füße sofort in Bewegung gesetzt; sie mußten sich nun zu ihrer Schar zurückfinden. Sie hatten ein inneres Empfinden, daß Er eine Schar hatte, und obwohl es vorher zu spät gewesen war, um weiterzugehen, war es nun aber nicht zu spät, nach Jerusalem zurückzukehren. Es ist im allgemeinen die Weise des Herrn, uns genug zu geben, um unsere Herzen brennend zu machen, und dann unterzieht Er uns einer Prüfung in bezug auf die erzeugte Wirkung. Der Herr drängt Sich uns nicht auf.

Es ist eine sehr ernste Angelegenheit, eine Offenbarung des Herrn oder eine Berührung Seiner Hand zu empfangen, weil die Prüfung sicherlich darauf folgen wird. In Mark. 6 lesen wir, daß Er auf dem See wandelte und an ihnen vorübergehen wollte; Er stellte Sich in ihre Reichweite, und es wurde zu einer Prüfung für ihre Herzen. Petrus antwortete auf die Prüfung; er sagte: „Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser." In Offb. 3 sagt der Herr: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an" - warum öffnet Er nicht die Tür? - Er wird das nicht tun; er überläßt es dir und mir, die Tür zu öffnen; bei Ihm gibt es kein Eindringen. So gab Er ihnen hier diese wunderbarste Auslegung der Schrift und brachte ihre Herzen dahin, daß sie vor Eifer brannten, und dann stellte Er Sich, als wollte Er weitergehen. Sie aber nötigten Ihn; sie wollten Ihn nicht gehen lassen. Es ist wie der Geliebte im Hohenliede Salomos, der durch die Gitter blickte. Seine moralische Holdseligkeit, Seine persönliche Anziehungskraft und Herrlichkeit stellt Er dar, und dann wartet Er, um zu sehen, ob wir darauf antworten werden. In dem Liede Salomos kam keine Antwort, und der Geliebte zog sich zurück, und als das träge Herz der Braut erwachte, um seiner zu begehren, da war er weg. So können wir auch der Dinge verlustig gehen. Der Herr kann uns durch den Dienst einen Charakterzug von Sich zeigen, oder uns beim Lesen des Wortes oder bei unseren Zusammenkünften eine Berührung mit Sich geben, die unsere Herzen brennen macht. In den Heiligen ist etwas, was leicht Feuer fängt; sie sind entzündbares Material. Er wirkt, Er dient mit dem Worte, Er dient, um irgendeine Bewegung in uns hervorzurufen.

Wie wohlgefällig war es Ihm, sie dabei zu finden, daß sie sich über Ihn unterhielten und miteinander überlegten! Es ist eine feine Sache, die Dinge, die sich auf Christum beziehen, auszuarbeiten, ihren Zusammenhang zu verstehen und sie in Liebe zu bedenken. Als sie zurückgekehrt waren, trugen sie zur Versammlung bei; sie kamen zurück mit besonderen Eindrücken von Christo. Was nützen wir in der Versammlung, wenn wir keine Eindrücke von Christo bringen? Wir sind sonst mehr oder weniger ein Hemmnis; doch jeder Bruder und jede Schwester, die mit irgend einem Eindruck von Christo zur Versammlung kommen, tragen zu ihrem Reichtum bei. Die geistlichen Möglichkeiten, die dem einzelnen, der Christum liebt, zur Verfügung stehen, sind unbegrenzt; wir werden nur durch das Verlangen unserer eigenen Seele beschränkt. Trotz der schrecklichen Zustände im christlichen Bekenntnis gibt es unbegrenzte Möglichkeiten für Herzen, die den Herrn lieben; das aber, was wir als Einzelne empfangen, soll uns für unsere Stellung in bezug auf die Geschwister tüchtig machen.

Der Herr liebt es, Sich kundzutun; Er teilt uns nicht bloß erquickende und anregende Gedanken mit, sondern auch deutliche Offenbarungen, so daß der Herr dadurch in einer neuen Weise erkannt wird. Jede Offenbarung gibt uns einen neuen Eindruck von Christo; Er ist so groß, daß ich denke, Er wird Sich wohl kaum zweimal in genau derselben Weise offenbaren. Es gibt solch eine Mannigfaltigkeit der Herrlichkeit, daß jede Offenbarung ihren eigenen, einzigartigen Charakter trägt. Wir sollten dem immer erwartungsvoll entgegensehen, weil es das Köstlichste ist, was in unserer Reichweite liegt. Wir sollten besonders dann auf Offenbarungen bedacht sein, wenn wir zusammenkommen, um das Abendmahl des Herrn zu essen. Unsere Tüchtigkeit im Dienst hängt sehr weitgehend davon ab, in welcher Weise der Herr Sich uns geoffenbart hat. Der Herr sagte zu Paulus, er sollte ein Diener und Zeuge von den Dingen sein, die er gesehen hatte und die ihm erscheinen würden. Er gibt uns Offenbarungen, um uns zu Dienern und Zeugen zu machen.

Darum konnten diese zwei Jünger zurückkehren und der Versammlung Bericht erstatten - den Elfen und den Versammelten - und ihnen erzählen, wie der Herr Sich ihnen geoffenbart hatte. Sie brachten Reichtum in die Versammlung. Nichts kann nur für den einzelnen gelten; was dem einzelnen geschenkt wird, ist zum Segen aller bestimmt. Es gibt keinen neutestamentlichen Schreiber, der auf einem so persönlichen Boden steht wie Johannes; doch kein anderer Schreiber besteht so sehr darauf, daß wir einander lieben sollen. In diesem Kapitel wird der Herr in dem wunderbaren Charakter des Erklärers aller Schriften gesehen. Es scheint auf den großen geistlichen Reichtum zu deuten, der in die Versammlung gebracht worden ist. Es geschah offensichtlich im Blick auf den neuen Kreis der Gemeinschaft, den der Herr aufzurichten im Begriff stand und der zu Ihm als dem Auferstandenen völlig außerhalb des Lebens dieser Welt in Beziehung stehen sollte. Der ganze Reichtum der alttestamentlichen Schriften wurde in dem Auferstandenen zusammengefaßt und gelangte in Ihm zur Erfüllung. Die Versammlung ist durch die Erklärung des Alten Testaments, die der Herr den Heiligen gegeben hat, bereichert worden.

Der Herr will uns einprägen, wie Er es den zwei Jüngern einprägte, daß die ganze im Alten Testament geoffenbarte Gunst Gottes der Auferstehung bedarf, um verkörpert zu werden. Die tatsächliche Erfüllung dieser Dinge hängt von der Auferstehung des Messias ab. Es hatte Gott wohlgefallen, durch den Mund der alttestamentlichen Propheten eine große Anzahl von Dingen in wunderbaren Einzelheiten zu entfalten, wie es hier heißt: „Er erklärte ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf" (Vers 27). Und weiter sagte Er dann noch: „Daß alles erfüllt werden muß, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen" (Vers 44). Das zeigt die große Ausdehnung des Alten Testamentes, und ich glaube, daß es dem Herrn wohlgefällig wäre, wenn es uns zu einem wohlbekannten Erlebnis würde, mit Ihm durch das Alte Testament vom ersten Buche Mose bis Maleachi zu gehen. Äußerlich war es eine wirkliche Reise, denn sie gingen von Jerusalem nach Emmaus, aber geistlich durchwanderten sie den ganzen Umfang des Alten Testamentes. Bedenkt die große Menge von Einzelheiten. Es ist ein sicherer Schutz gegen die elenden und gottlosen Gedanken, die allenthalben vorherrschen, mit Christo das Alte Testament durchzugehen. Wenn der Reichtum, die Fülle, die Kraft und die Mannigfaltigkeit der geistlichen Gedanken über Christum vor uns kommen, werden wir auf eine Höhe emporgehoben, von der wir mit gänzlicher Verachtung auf den Unglauben des Menschen herabblicken können. Keiner, der mit Christo durch das Alte Testament gegangen ist, wird den ungläubigen Gedanken, die heutzutage verbreitet werden, Gehör schenken.

Im Alten Testament kam eine Menge von Gedanken der göttlichen Gunst zum Ausdruck, und sie waren dem Glauben kostbar, aber alle diese Menschen, die diese Gedanken wertschätzten, starben - es gab nur zwei Ausnahmen. Daß Menschen im Tode waren, war kein Ausdruck der göttlichen Gunst, deshalb haben vielleicht viele über die Sache im Glauben nachgedacht. Doch im Alten Testament bekamen sie nicht direkt das Licht der Auferstehung, sondern der Glaube fand durch Überlegungen, daß eine Auferstehung sein würde. Wenn Gott solche kostbaren Gedanken der göttlichen Gunst hat und dennoch alle Menschen dem Tode verfallen, dann muß es eine Auferstehung geben. Daß der Herr leiden und in Seine Herrlichkeit eingehen mußte, war der große Gegenstand, und das Alte Testament machte es klar, daß Er siegen würde. Die Schlange sollte Ihm die Ferse zermalmen, und durch Seine Leiden sollte die Macht der Schlange zunichte gemacht werden. Nun zeigt Gott, daß Seine Gunst den Menschen gegenüber größer war als das ganze Gift des Schlangenbisses.

Das Alte Testament ist von den huldreichen Gedanken Gottes den Menschen gegenüber erfüllt; da die Menschen aber dem Tode verfallen waren, so konnten sie nur in der Auferstehung verwirklicht werden. Nun ist der Messias gekommen als Derjenige, auf den der Tod keinen Anspruch und über den der Tod keine Macht haben konnte, denn Er war der Lebensfürst; und dennoch ging Er in den Tod. Das war der äußerste Ausdruck der Gunst Gottes den Menschen gegenüber, daß Sein eigener Gesalbter in den Tod ging; Er konnte aber nicht vom Tode behalten werden; Er ging in die Auferstehung über, und alle Gedanken der Gnade Gottes gelangten in dem Auferstandenen zur Erfüllung. Der Herr ist heutzutage genau derselbe wie damals, wo Er mit ihnen das Alte Testament durchging.

Dieses Evangelium wird ganz und gar durch die Gnade gekennzeichnet, und der Herr, dessen Füße beim Durchwandern dieses Schauplatzes in den Tagen Seines Fleisches lieblich waren, zeigte nun, daß Seine Füße in der Auferstehung immer noch lieblich waren, und zwar indem Er zweieinhalb Wegstunden mit zwei Jüngern ging, die Ihn wirklich liebten, obwohl die Richtung, in der sie gingen, mit Ihm nicht im Einklang war. Er ging mit ihnen und führte sie diesen wunderbaren Weg entlang und erweiterte ihre Gedanken. Wie mußten sie dadurch bereichert sein! Diese beiden Jünger liebten Ihn wahrhaftig, und sie verstanden sich gut miteinander, und sie unterhielten sich mit Ihn. Wenn wir mehr durch solche Wesenszüge gekennzeichnet wären, denke ich, so würde der Herr Sich uns nähern und Sich mit uns unterhalten und Er würde uns denselben Weg führen, den Er sie führte. Was für einen Reichtum brachten sie in die Versammlung!

Wir müssen beten, daß wir einzeln und in unseren Haushalten solche Eindrücke vom Herrn empfangen möchten, daß wir befähigt sein möchten, zum Reichtum der Versammlung beizutragen. Dieser Gedanke durchzieht die ganze Schrift. Im Alten Testament haben wir den Gedanken des Hinaufziehens an den Ort, wohin Jehova Seinen Namen gesetzt hat; sie zogen nicht leer hinauf, sondern Israel brachte dann den Zehnten und die Opfergaben. Sie kamen alle und trugen etwas herbei, und sie legten ihren Reichtum in den Schatz der geweihten Dinge. Diese zwei bereicherten die Versammlung; sie empfingen vom Herrn eine Offenbarung, und sie brachten sie in die Versammlung. Sie müssen viel beigesteuert haben. Die Kunde hatte die Elfe erreicht, daß der Herr auferstanden und dem Simon erschienen war - das war schon etwas - aber wieviel mehr konnten diese zwei bringen! „Sie erzählten, was auf dem Wege geschehen war." Es muß viel Zeit in Anspruch genommen haben, als sie den Elfen über diesen wunderbaren Gang durch das Alte Testament erzählten. Dann setzten sie allem die Krone auf, indem sie erzählten, wie sie Ihn im Brechen des Brotes erkannt hatten; Er setzte es ihnen hinzu, daß Er Brot nahm und es segnete, und das ist Sein Gedanke für den gegenwärtigen Augenblick und bis auf den heutigen Tag. Wie werden die Elfe und die Übrigen wohl zugehört haben! Vielleicht brauchten sie eine oder zwei Stunden, um ihnen nur einen kleinen Umriß zu geben.

Man beklagt sich manchmal darüber, daß es keine Gemeinschaft gibt. Wir sind dazu berufen, darauf zu bestehen, daß eine Gemeinschaft vorhanden ist, und sie ist das Gesegnetste von allem, was jemals dagewesen ist. Der Herr hat diese Gemeinschaft gestaltet, Er hat ihr ihren Charakter verliehen; Er Selbst ist ihr Inhalt, und sie besteht und ist allen zugänglich, die Ihn lieben. Wir sollten in der Gesinnung Christi diese Eindrücke unseren Mitchristen einprägen, wie der Herr sie diesen zwei Jüngern einprägte. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß es eine Gemeinschaft von göttlichem Charakter gibt, und sobald wir uns dessen bewußt sind, wollen wir auch einen Ort finden, wo man diese Gemeinschaft genießen kann. Es ist eine Gemeinschaft des Segens und der Freude. Wir kommen zusammen, weil wir göttlich und geistlich glücklich sind, und wir sehnen uns danach, an einem Orte zu sein, wo auch andere an unserer Freude teilnehmen können und wo man unsere Freude schätzt und willkommen heißt. Die, welche über einen Mangel an Gemeinschaft klagen, sind nicht im Einklang mit dem Herrn. Der Herr klagt nicht über einen Mangel an Gemeinschaft, sondern Er ist bestrebt, Seinen Heiligen den äußerst gesegneten Charakter der bestehenden Gemeinschaft vor Augen zu führen. Wenn ich einen lau gewordenen Heiligen finde, der unter den Einfluß der Welt geraten ist und ich ihm wohltun will, so darf ich nicht über seinen Zustand klagen, sondern ihm in geistlicher Kraft das, was er vermißt, vor Augen stellen, und das wird ihn sicherlich berühren.

Wenn wir zusammenkommen, um des Herrn zu gedenken und ein Bruder für das Brot dankt, so vernehme ich aus dem, was er zum Herrn sagt, daß er dieselben Gedanken darüber hat wie ich. Er gibt es mir aus der Hand, und ich gebe es einem Bruder oder einer Schwester, und zwar in dem Vertrauen, daß er oder sie dasselbe darüber denkt wie ich. Wir geben das Brot und den Kelch von einem zum anderen als solche, die alle dieselben Gedanken und dieselbe Wertschätzung darüber haben; und es ist unsere große Freude, unter Menschen zu sitzen, die in einem größeren oder kleineren Maße genau dasselbe über Christum denken wie wir - das ist die Gemeinschaft. Welch ein wunderbarer Anblick ist es doch für den Himmel daß er auf Leute herabschauen kann, die alle dieselben Gedanken über den kostbaren in den Tod gegebenen Leib Christi haben, und die auch alle dasselbe über Sein kostbares Blut denken! Das jüngste Kindlein hat dieselben Gedanken wie Paulus, wenn auch die Gedanken eines Kindleins sehr viel kleiner sind, aber es sind doch dieselben Gedanken, die bei Paulus ausgereift waren. Das ist Gemeinschaft. Wenn wir den verständnisvollsten Bruder auf Erden beim Abendmahl des Herrn unter uns hätten und er seine Danksagung aussprechen würde, so könnte einer, der am Abend zuvor bekehrt worden ist, zu jedem seiner Worte Amen sagen. Er könnte sagen: Es ist wunderbar, und ich kann es nicht fassen, aber es ist köstlich - das ist Gemeinschaft. Einer, der Amen sagen kann, ist einer, der einen Beitrag liefert. „Das ganze Volk sage: Amen." Jeder ist ein Teilhaber an der Kostbarkeit Christi.

Als der Herr in Emmaus das Brot nahm, deutete Er an, daß Er eine Gemeinschaft bildete; es waren jedenfalls zwei Teilnehmer da. Der Herr bildete eine Gemeinschaft, die ihren Charakter der Tatsache entnahm, daß Er durch die Gnade Gottes den Tod geschmeckt hatte; Er gab Seinen Leib in den Tod. Das Ganze erhielt sein Gepräge von der Tatsache, daß sie Ihn als lebend erkannten. Wenn sie den Herrn nicht als lebend erkannt hätten, so hätten sie auch keine rechten Gedanken über Seinen Tod gehabt. Wenn wir das Brot und den Kelch in geistlicher Wirklichkeit nehmen würden, so würden alle unrechten Beziehungen unter den Geschwistern vor dem nächsten Tage des Herrn geordnet werden. Wenn wir das Brot einem Bruder reichen, mit dem wir nicht richtig stehen, so würde solch ein Schmerz unser Herz durchbohren, daß wir das Empfinden haben, daß wir das nie mehr tun können. Wir gewöhnen uns daran, es nur der Form nach zu tun, und alle möglichen Dinge kommen vor, die man in 24 Stunden erledigen würde, wenn man wüßte, was es in Wirklichkeit bedeutet, das Brot und den Kelch zu nehmen. Es ist etwas Ernstes, in eine Art Gemeinschaft zu verfallen, die nicht echt ist.

Andererseits müssen wir vorsichtig sein, daß die Dinge, die zur persönlichen Schwachheit oder zu persönlichen Eigenarten gehören, uns nicht in bezug auf die Gemeinschaft beeinflussen. Wir haben alle persönliche Eigenarten,