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Wir schauen uns an:
Warum die Väter in der LXX oft 100 Jahre älter waren.
Das Rätsel um den 'zweiten Kainan' (Lukas 3,36).
Was die Qumran-Rollen über unser heutiges Altes Testament verraten.
Wie Roger Liebis Thesen zur Chronologie einzuordnen sind.
Ein tiefer Einblick in die Treue der Überlieferung und die Herausforderungen der biblischen Zeitrechnung. Viel Segen beim Studium!“
Die
"100-Jahre-Differenz": In der Genesis ist die LXX bei fast jedem
Stammvater exakt 100 Jahre älter als der MT.
Dies wirkt wie eine systematische Anpassung – die Frage ist nur: Hat der MT
sie gestrichen oder die LXX sie hinzugefügt?
Das Kainan-Rätsel:
Die LXX (und Lukas 3,36) führen einen "Kainan" zwischen Arpachschad und
Schelach auf, der im MT fehlt.
Wer den MT als absolut fehlerfrei ansieht, muss erklären, warum dieser Name
im Neuen Testament erscheint.
Die archäologische
Schere: Der MT setzt die Sintflut zeitlich sehr nah an den Bau der
Pyramiden.
Die LXX gibt der Geschichte mehr "Atempause" für die Ausbreitung der Völker
nach Babel.
Eine
einfache Antwort im Sinne von „Text A ist immer richtig“ gibt es leider nicht,
da beide Traditionen –
der Masoretische Text (MT)
und die Septuaginta (LXX)
– unterschiedliche Systeme verfolgen.
Hier ist eine kurze Checkliste für die "Bereinigung" Ihres Skripts, bevor Sie es aufnehmen:
Der Kern-Unterschied:
MT = küzere Zeitspanne (ca. 1.656 Jahre bis zur Flut), LXX = längere
Zeitspanne (ca. 2.242 Jahre).
Das Zeugen-Alter:
Die LXX (griechisch) ist zwar eine Übersetzung,
aber auf einer hebräischen Vorlage basiert, die über 1.000 Jahre älter ist
als unser ältester vollständiger hebräischer Text (MT).
Das Kainan-Dilemma:
Lukas 3,36 der "Schiedsrichter" ist, der dem LXX-Text Recht gibt,
was für MT-Verfechter eine harte Nuss ist.
Lukas 3,36 des Kainan, des Arphaxad, des Sem, des Noah, des Lamech,
Der Hauptunterschied liegt in den Listen der Erzväter
(von Adam bis Abraham).
In der Septuaginta sind die Väter bei der Geburt ihrer Söhne oft genau
100 Jahre älter als im
Masoretischen Text.
| Textzeuge | Alter der Väter bei Geburt | Gesamtdauer (Schöpfung bis Flut) |
| Masoretischer Text (MT) | Eher niedrig | ca. 1.656 Jahre |
| Septuaginta (LXX) | Meist 100 Jahre höher | ca. 2.242 Jahre |
| Samaritanischer Pentateuch | Variiert | ca. 1.307 Jahre |
Lange Zeit galt der MT als der Goldstandard, besonders in der protestantischen Tradition.
Konservative Überlieferung: Die Masoreten waren extrem akribisch darin, den Text Buchstabe für Buchstabe zu kopieren.
Kürze als
Echtheitsbeweis: In der Textkritik gilt oft die Regel
Lectio brevior potior
(die kürzere Lesart ist meist die ursprüngliche).
Man vermutete, die LXX habe die Zahlen künstlich erhöht, um die Chronologie
an ägyptische Geschichtsschreibungen anzupassen, die viel weiter
zurückreichten.
In der modernen Forschung gewinnt die LXX jedoch massiv an Boden:
Biologische Plausibilität: Im MT zeugen Männer Kinder in einem Alter (ca. 30 Jahre), während die Lebenserwartung noch bei 900 Jahren lag. Das wirkt proportional unstimmig. In der LXX erfolgt die Vaterschaft später (ca. 130 Jahre), was besser zur langen Lebensspanne passt.
Vermeidung von Paradoxien: Im MT würde Methusalah die Sintflut rechnerisch überleben (oder genau im Jahr der Flut sterben, ohne in der Arche zu sein). Die LXX-Zahlen bereinigen solche mathematischen Probleme oft eleganter.
Qumran-Funde: Die Totenmeer-Rollen haben gezeigt, dass die LXX oft auf einer hebräischen Vorlage basiert, die älter sein kann als der Standard-MT.
Die Forschung geht heute davon aus, dass die Zahlen nicht durch Kopierfehler, sondern durch bewusste Redaktion verändert wurden.
Theologische Motive: Man wollte bestimmte Ereignisse (z. B. den Tempelbau) in ein symbolisches Jahr legen (z. B. das Jahr 4000 nach der Schöpfung).
Harmonisierung: Die Übersetzer der LXX wollten die biblische Geschichte vermutlich „kompatibel“ mit der hellenistischen Weltchronik machen.
Historisch-kritisch: Es gibt kein „Original“. Beide Texte haben die Zahlen vermutlich angepasst, um theologische oder chronologische Konzepte ihrer Zeit zu stützen.
Tendenz: Viele moderne Gelehrte neigen dazu, der Septuaginta in Bezug auf die Urgeschichte (Gen 5 & 11) eine höhere innere Logik zuzusprechen, während der MT ab der Königszeit (Bücher der Könige/Chronik) als präziser gilt.
Wichtig: Die Unterschiede betreffen vor allem die Zeitrechnung vor Abraham. Ab der Zeit der Könige stimmen die Zahlenreihen in den Textzeugen weitgehend überein.
Roger Liebi ist bekannt dafür, dass er die biblische Chronologie sehr detailliert und mit einem hohen Anspruch an die historische Genauigkeit untersucht.
Man stellt bei Roger Liebi fest dass er eine sehr
klare Position vertritt.
Hier ist ein kleiner „Spoiler“ bzw. Leitfaden, worauf man beim Lesen achten kann:
Roger Liebi gehört zu den Verfechtern der Priorität des Masoretischen Textes (MT). In seinem Werk geht er davon aus, dass der MT die ursprünglichen Zahlen bewahrt hat. Seine Argumentation stützt sich oft auf folgende Punkte:
Zahlen-Struktur: Er sieht im MT ein präzises, von Gott inspiriertes mathematisches System, das durch die (höheren) Zahlen der Septuaginta (LXX) verzerrt würde.
Texttreue der Juden: Er vertraut auf die Akribie der jüdischen Überlieferer, die laut seiner Auffassung kein Motiv hatten, die Lebensalter der Erzväter zu verkürzen.
Synchronisation: Liebi versucht, die Zahlen des MT mit archäologischen Daten (z. B. aus Ägypten oder Mesopotamien) zu harmonisieren. Er argumentiert, dass die konventionelle Ägyptologie falsch datiert ist und der MT perfekt in eine korrigierte Chronologie passt.
Achte mal darauf, wie Liebi das „Methusalah-Problem“ oder die „Kainan-Frage“ löst:
Kainan: In der Septuaginta (und im Lukasevangelium 3,36) taucht ein zweiter Kainan in der Stammtafel auf, der im MT fehlt. Liebi muss hier erklären, warum der MT diesen Namen nicht enthält, obwohl er im Neuen Testament steht.
Die Lücke: Er vertritt die Ansicht, dass die Genealogien im MT lückenlos sind (was für eine junge Erde/kurze Chronologie entscheidend ist).
Die Skepsis gegenüber dem Masoretischen Text (MT) aufgrund seines Alters und seiner Varianten ist wissenschaftlich gut begründet.
Hier sind die Fakten, die deine Skepsis untermauern, und wie man sie heute einordnet:
Du hast völlig recht: Die ältesten vollständigen Handschriften des MT (wie der Codex Leningradensis) stammen aus der Zeit um 1000 n. Chr. * Die Septuaginta (LXX) hingegen ist in großen Codices (Vaticanus, Sinaiticus) bereits aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. überliefert.
Das bedeutet: Zwischen den Ereignissen und dem ältesten kompletten hebräischen Text liegt eine riesige Zeitspanne.
Wenn man von den „Ausgaben“ oder Strömungen spricht, meint man meistens die drei großen Textfamilien, die zur Zeit Jesu (und davor) nebeneinander existierten:
Der proto-masoretische Text: Die Vorform unseres heutigen MT.
Die hebräische Vorlage der Septuaginta: Ein Texttyp, der oft detaillierter war und sich in den Qumran-Rollen (4QJerb) wiederfand.
Der Samaritanische Pentateuch: Eine eigene Linie, die besonders bei den Jahreszahlen in der Genesis oft einen „Mittelweg“ geht.
Dazu kommt, dass es innerhalb der Masoreten-Tradition verschiedene Familien gab (Ben Ascher vs. Ben Naftali), die sich in winzigen Details (Vokalisation, Akzente) unterschieden.
Die Verteidiger des MT (zu denen Roger Liebi gehört) bringen meist dieses Gegenargument: Die Masoreten haben den Text zwar erst spät fixiert, aber sie haben ein System von Kontrollsummen (Masora) benutzt. Sie zählten jeden Buchstaben und jedes Wort in der Mitte eines Buches. Wenn die Summe nicht stimmte, wurde die Abschrift vernichtet. Man geht davon aus, dass sie einen Text konserviert haben, der schon im 2. Jahrhundert n. Chr. als „Standard“ festgelegt wurde.
Es gibt eine starke Theorie, warum der MT „jünger“ wirkt als die LXX (nicht nur vom Papier her, sondern vom Inhalt):
Einige Forscher vermuten, dass die jüdischen Gelehrten im 2. Jahrhundert n. Chr. (nach der Zerstörung des Tempels)
die Chronologie im MT bewusst gekürzt haben.
Warum?
Um die messianischen Erwartungen zu dämpfen.
Nach damaliger Auslegung sollte der Messias im Jahr 4000 oder 5000 nach der Schöpfung erscheinen.
Durch das Kürzen der Zahlen im MT fiel Jesus von Nazareth chronologisch nicht mehr in dieses „Zeitfenster“.
Der Pentateuch (Die 5 Bücher Mose): Diese wurden als Erstes übersetzt, und zwar etwa zwischen 280 und 250 v. Chr. in Alexandria (Ägypten).
Hintergrund:
Die jüdische Gemeinde in Ägypten sprach zunehmend Griechisch und
benötigte die Tora für den Gottesdienst in ihrer Alltagssprache.
Zudem wollte der ägyptische König Ptolemäus II. Philadelphus die
jüdischen Gesetze für seine berühmte Bibliothek in Alexandria haben.
Die restlichen Bücher: Die Propheten und die Schriften (Psalmen, Chronik etc.) folgten nach und nach. Dieser Prozess war etwa um 130 bis 100 v. Chr. weitgehend abgeschlossen.
Das bedeutet, dass die Zahlen der Septuaginta (die
hohen Altersangaben der Erzväter) auf einer hebräischen Vorlage basieren,
die mindestens aus dem 3.
Jahrhundert vor Christus stammt.
Vergleicht man das mit dem Masoretischen Text (MT):
Die LXX fixierte ihren Textstand (auf Griechisch) ca. 250 v. Chr.
Der MT wurde in seiner heute vorliegenden Form (Konsonantentext) erst ca. 100 n. Chr. endgültig normiert.
Hier liegt die Ironie: Obwohl wir den MT heute als „Urtext“
(Hebräisch) bezeichnen, ist die griechische Übersetzung (LXX)
oft der ältere Zeuge für
den Textzustand der damaligen Zeit.
Wenn die Zahlen in der LXX also von denen im MT
abweichen, bedeutet das: Entweder haben die Übersetzer
in Alexandria 250 v. Chr. die Zahlen geändert – oder die Rabbiner in Israel
haben sie 100 n. Chr. geändert.