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Die Kainan‑Frage in Lukas 3,36
Warum steht in Lukas 3,36 ein „Kainan“,
den es im Alten Testament gar nicht gibt?
Ein Name, der in der hebräischen Bibel fehlt — aber
in allen
Handschriften des Lukas steht.
Was ist da passiert?
1. Der Befund im Neuen Testament
Wenn wir die Handschriften des Neuen Testaments anschauen, ist die Sache
eindeutig:
Alle wichtigen Zeugen — P75, Vaticanus, Sinaiticus, Alexandrinus, die gesamte
byzantinische Tradition — haben Kainan.
Es gibt keine Handschrift des Lukas ohne diesen Namen.
Textkritisch gehört Kainan also fest zum lukanischen Text.
2. Der Befund im Alten Testament
Ganz anders sieht es im Alten Testament aus:
Der masoretische Text kennt keinen zweiten Kainan.
Der samaritanische Pentateuch kennt ihn nicht.
Die Qumran‑Fragmente kennen ihn nicht.
Und auch die frühjüdischen Autoren — Josephus, Philo, das Jubiläenbuch —
schweigen völlig dazu.
In der gesamten jüdischen Tradition existiert dieser Kainan nicht.
3. Die Septuaginta‑Spur
Die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, ist hier
der Schlüssel.
Denn:
Ein Teil der LXX‑Handschriften fügt zwischen Arphaxad und
Schelach einen zusätzlichen Kainan ein.
Aber: Die ältesten LXX‑Zeugen — Vaticanus und Sinaiticus —
haben ihn nicht.
Er taucht erst in späteren LXX‑Traditionen auf, etwa im Codex
Alexandrinus oder der lucianischen Rezension.
Das zeigt:
Dieser Kainan ist kein ursprünglicher Bestandteil von Genesis,
sondern ein sekundärer Zusatz in einem Teil der griechischen
Überlieferung.
4. Wie kam er dann in Lukas?
Die wahrscheinlichste Erklärung lautet:
Eine frühe christliche Abschrift des Lukas‑Evangeliums wurde mit einer
LXX‑Version abgeschrieben, die diesen zusätzlichen Kainan bereits enthielt.
Und weil die lukanische Genealogie sehr früh sehr stabil überliefert wurde, hat
sich dieser Name im NT festgesetzt, obwohl er im hebräischen AT
nie existierte.
5. Was bedeutet das theologisch?
Wir müssen zwei Dinge sauber unterscheiden:
Die Differenz ist kein Fehler, sondern ein Beispiel dafür, wie
unterschiedlich die Überlieferungsgeschichte von LXX und MT verlaufen ist.
Und genau deshalb müssen wir sie stehen lassen, statt sie
künstlich zu harmonisieren.
Die Kainan‑Problematik in Lukas 3,36 (nicht
3,26) ist eines der spannendsten textkritischen Themen im Neuen Testament.
Du kennst die Stelle natürlich gut, aber ich lege sie hier kurz in der
Elberfelder 1905 dar
„… des Kainan, des Arphaxad, des Sem …“ (Lk 3,36)
Im masoretischen Text von 1. Mose 10 und 11 existiert dieser
Kainan nicht.
In der Septuaginta dagegen steht er drin –
allerdings nicht in allen Handschriften.
Damit stehen wir vor der Frage:
Hat Lukas bewusst einen zweiten Kainan übernommen, oder ist er ein
späterer Einschub?
Die Lage in drei klaren Blöcken:
(1) Textkritik, (2) Theologie, (3)
mögliche Lösungen.
1. Textkritische Lage
A. Externe Evidenz
Das ist wichtig:
Textkritisch ist Kainan in Lukas praktisch unanfechtbar.
B. Septuaginta‑Tradition
C. Frühjüdische Literatur
Das zeigt:
Der zweite Kainan ist kein allgemein jüdisches Traditionsgut.
2. Theologische Lage
Die Frage ist:
Warum sollte Lukas einen Namen übernehmen, den das AT (MT) nicht kennt?
Drei Möglichkeiten:
A. Lukas folgt einer LXX‑Version, die Kainan enthielt
Das ist die klassische Erklärung.
Lukas zitiert sonst häufig die LXX.
Wenn seine LXX‑Rolle Kainan enthielt, übernimmt er ihn einfach.
Problem:
Die ältesten LXX‑Zeugen für Genesis kennen Kainan nicht.
Das heißt:
Lukas hätte eine spätere LXX‑Variante benutzt – was historisch schwierig
ist.
B. Lukas übernimmt eine genealogische Tradition, die uns verloren ging
Das ist möglich, aber spekulativ.
Es gibt keine jüdische Quelle, die diese Tradition bezeugt.
C. Der Name ist ein späterer christlicher Einschub in Lukas
Diese These wird heute wieder diskutiert.
Argumente dafür:
Argumente dagegen:
3. Mögliche Lösungen (technisch & theologisch)
Vier ernsthaften Modelle, die heute diskutiert werden – und wie tragfähig sie sind.
Lösung 1:
Lukas hat Kainan bewusst aus seiner LXX übernommen
Technisch: möglich
Theologisch: unproblematisch
Problem: Die LXX‑Version mit Kainan ist wahrscheinlich
jünger als Lukas.
Lösung 2:
Ein späterer christlicher Schreiber hat Kainan in Lukas eingefügt
Technisch: möglich, aber schwer erklärbar
Theologisch: unproblematisch
Problem: Warum gibt es dann keine Handschrift
ohne Kainan?
Lösung 3:
Kainan war ursprünglich in der Ur‑LXX, wurde aber später aus Genesis entfernt
Technisch: sehr spekulativ
Theologisch: würde Lukas entlasten
Problem: keine Belege in jüdischen Quellen
Lösung 4:
Lukas benutzt eine genealogische Tradition, die nicht aus Genesis stammt
Technisch: möglich
Theologisch: erlaubt
Problem: keinerlei externe Bestätigung
4. Meine Einschätzung (auf Basis der Daten, nicht als Meinung)
Wenn man nur die Evidenz betrachtet, ergibt sich folgendes Bild:
Daraus folgt:
Die wahrscheinlichste technische Lösung:
Ein früher christlicher Schreiber (1. Jh. Ende oder 2. Jh. Anfang) hat Kainan aus einer bestimmten LXX‑Version in Lukas eingefügt, und diese Version wurde dann dominant.
Die wahrscheinlichste theologische Lösung:
Lukas selbst hat Kainan nicht bewusst eingefügt – aber die christliche Überlieferung hat ihn sehr früh und sehr vollständig in den Text aufgenommen.
5. Wenn du eine exegetische Entscheidung treffen musst
Für die Arbeit (Elberfelder 1905 →→ , textkritisch sauber, reformatorisch klar)
Tabellarische Übersicht der Handschriften zur Kainan‑Problematik (Lk 3,36)
Die Tabelle zeigt alle relevanten Textzeugen, getrennt nach:
Die entscheidenden Zeugen, nicht eine inflationäre Liste.
So bleibt die Fußnote später klar und wissenschaftlich belastbar.
1. NT‑Handschriften zu Lukas 3,36

Fazit NT:
2. LXX‑Handschriften zu Genesis 10–11

Fazit LXX:

🧩 Gesamtfazit der Handschriftenlage
Damit ist die wahrscheinlichste textkritische Erklärung:
Kainan ist ein späterer Zusatz in der LXX‑Tradition von Genesis, wurde aber sehr früh (vor dem 2. Jh.) in die christliche Überlieferung von Lukas übernommen und dadurch im NT stabilisiert.
📌 Vorschlag für eine Fußnote in der Elberfelder‑1905‑Überarbeitung
Zu „Kainan“:
Die Nennung „des Kainan“ ist in der Überlieferung des Lukas‑Evangeliums textkritisch außerordentlich gut bezeugt: Alle maßgeblichen griechischen Handschriften (u. a. P75, B, א, A, C sowie der byzantinische Mehrheitstext) und die alten Übersetzungen (Altlatein, Vulgata) enthalten den Namen, so dass seine Zugehörigkeit zum überlieferten Text von Lk 3,36 kaum bestritten werden kann. Demgegenüber kennt der hebräische Text von 1. Mose 10–11 (sowohl der masoretische Text als auch der samaritanische Pentateuch) keinen zweiten Kainan zwischen Arpachschad und Schelach; ebenso schweigen die frühjüdischen Zeugen (Josephus, Philo, Jubiläenbuch, Qumranfragmente) zu einer solchen Gestalt. In der Septuaginta‑Überlieferung von Genesis ist die Lage uneinheitlich: Während die ältesten und textkritisch gewichtigsten LXX‑Zeugen (z. B. B, א) Kainan nicht bieten, erscheint er in späteren Handschriften und Rezensionen (u. a. A, lucianische Rezension) als zusätzliche Generation zwischen Arphaxad und Schelach. Dies legt nahe, dass Kainan ursprünglich nicht zum hebräischen Genesistext gehörte, sondern als sekundärer Zusatz in einem Teil der griechischen Genesis‑Tradition aufgekommen ist und von dort sehr früh in die christliche Überlieferung der lukanischen Genealogie eingedrungen ist. Theologisch ist daher zu unterscheiden: (1) In Lk 3,36 ist „Kainan“ als Bestandteil des überlieferten neutestamentlichen Textes anzuerkennen; (2) für die alttestamentliche Genealogie in 1. Mose 10–11 ist die hebräische Überlieferung maßgeblich, die keinen zweiten Kainan kennt. Eine Harmonisierung beider Textreihen durch nachträgliche Einfügung oder Tilgung des Namens wäre textkritisch nicht zu rechtfertigen; vielmehr ist die Differenz als Folge der unterschiedlichen Überlieferungsgeschichte von LXX und MT zu respektieren.