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Botschafter des Heils in Jesus Christus   Williiam Kelly

Der erste Brief des Johannes

W. K .

Vorwort

Der gläubige Leser wird mir zu Anfang einige persönliche Worte gestatten. Niemand hat mehr Ursache, Gott für die Briefe des Johannes zu danken, als der Schreiber dieser Zeilen. Besonders der erste der drei Briefe war mir vor mehr als sechzig Jahren zum besonderen Segen. Ich war ohne menschliches Zutun zu Gott bekehrt worden, war aber durch das Bewußtsein der innewohnen­den Sünde noch sehr niedergebeugt. Da wies mich ein gläubiger Freund auf das Zeugnis Gottes in 1. Johannes 5, 9‑10 als Seine Antwort auf die mich quälenden Fragen hin, und der Heilige Geist benutzte dies, um mir von nun an Ruhe im Sohne Gottes und in Seinem Sühnungswerk zu schenken.

Seither ist es mir eine große Freude gewesen, aus diesen Briefen zunächst selbst zu lernen und dann ‑ wenn auch in Schwachheit ‑andere Gläubige daraus zu unterweisen. Fast alle mir bekannten Gläubigen hatten besondere Schwierigkeiten, sich diesen kostba­ren Teil der Schrift zu eigen zu machen. Das kann nicht an Schwierigkeiten in der Ausdrucksweise liegen, denn die Briefe sind in einer ganz einfachen Form geschrieben. Der Grund liegt wohl teilweise an ihrer geistlichen Unzulänglichkeit und anderer­seits an der Tiefe der Wahrheiten, die die persönliche Würde des Herrn und die Fülle Seiner Gnade gegenüber den Kindern Gottes entfalten. Es fiel ihnen schwer, die Gemeinschaft mit dem Vater und Seinem Sohne Jesus Christus, zu welcher der Apostel aufruft, auch nur zu verstehen, geschweige sie zu genießen.

Nach langjährigem Dienst in den meisten Teilen Englands und auch teilweise im Ausland, durch den ich Seelen behilflich sein durfte, mit der Gnade des Heiligen Geistes insbesondere diese Briefe zu erforschen, bin ich dankbar, dieses Buch nun hinaus­schicken zu können, wenn es auch hinter dem, was man wünschen könnte, zurückbleibt. ER aber, der dies geschriebene Wort inspiriert hat, wird auch diejenigen, die Ihn darum bitten, in die ganze Wahrheit leiten. Möge seine Freude »völlig« werden, denn das ist das ausdrückliche Ziel der Briefe des Apostels Johannes.

W. K.

London, den 20. April 1905

 

Einleitung

 

Der erste Brief des Johannes

 

Der Aufbau dieses kurzen, aber außerordentlich wertvollen Brie­fes ist einfach. Die vier ersten Verse des ersten Kapitels bilden die Grundlage ‑ das fleischgewordene Wort des Lebens. Das ewige Leben, das bei dem Vater war, wurde auserwählten Zeugen in vollkommener Weise geoffenbart. Was diese gesehen und gehört hatten, berichteten sie den Gläubigen, damit diese dieselbe Gemeinschaft hätten wie die Apostel (Apg. 2, 42). Diese Gemein­schaft ist tatsächlich mit nichts vergleichbar, denn es ist die Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesus Chri­stus. So kann der Apostel sagen: » Und dies schreiben wir (gleich­sam im Namen aller Apostel) euch, auf daß eure Freude völlig sei. «

 

Mit dieser Offenbarung Gottes in Christus ist die Botschaft der christlichen Verantwortung in den Versen 5‑10 untrennbar ver­bunden. Hier zeigt sich der Einfluß des Charakters Gottes ‑ der Licht ist ‑ auf den Wandel aller, die den Namen des Herrn anrufen, und gleichzeitig die völlige Inkonsequenz und Wider­sprüchlichkeit derer, die nur Worte, aber keine Werke aufweisen.

Kapitel 2, 1 u. 2 ist ein Anhang, in dem der Name des Vaters wieder genannt wird, der in dem zweiten Teil von Kapitel 1, wo unser Bekenntnis gleichsam auf die Probe gestellt wird, nicht erscheint. Obwohl alle aufgerufen werden, nicht zu sündigen, so ist doch die göttliche Liebe tätig, um wiederherzustellen, wenn jemand gesündigt hat. Zudem haben wir einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, der nicht nur der Gerechte, sondern auch die Sühnung für unsere Sünden ist und, in einem allgemeine­ren Sinn, auch für die ganze Welt.

 

Wie erweist sich nun die Wirklichkeit des göttlichen Lebens im Christen? Das wird in Kapitel 2, 3‑11 gezeigt, und zwar zunächst im Gehorsam (V. 3‑6), ebenso zwingend aber dann in der Liebe (V. 7‑11), wobei auf der positiven Seite das Echte, auf der negativen Seite das Unechte herausgestellt wird.

Danach folgt eine Einschaltung über die verschiedenen geistli­chen Reifegrade innerhalb der Familie Gottes (V. 12‑28). Insge­samt gesehen sind alle geliebte Kinder (teknia, wie z.B. in Kapitel 2, 1. 12. 28; 3, 7. 18; 5, 21), denen der Apostel schreibt, weil ihnen ihre Sünden um des Namens Christi willen vergeben sind. Innerhalb dieser belehrenden Einschaltung besteht die Familie jedoch aus:

1. »Vätern«, die Den erkannt haben, der von Anfang ist, das im Fleisch geoffenbarte ewige Wort;

2. »Jünglingen«, die stark sind, in denen das Wort Gottes bleibt und die den Bösen überwunden haben; und

3. »Kindlein«, die den Vater erkannt haben.

 

Der Apostel spricht alle drei Gruppen zweimal an, wobei er das zu den Vätern Gesagte einfach wiederholt, bei den Jünglingen jedoch einiges ergänzt und besonders ausführlich zu den Kindlein spricht, die in besonderer Weise die Gegenstände der antichristli­chen Verführungsversuche, aber zugleich auch der bewahrenden Gnade sind.

 

Von Kapitel 2, 28 an wird der allgemeine Teil wieder aufgenom­men mit der Ermahnung an die »Kinder«, also an alle, in Christus zu bleiben, damit die Arbeiter, zu denen der Apostel sich rechnet, bei der sicher bevorstehenden Offenbarung Christi Freimütigkeit haben und nicht durch ihr Abirren beschämt werden. Somit ist die praktische Gerechtigkeit der Beweis dafür, daß jemand aus Gott geboren ist (V. 29). Dann schaltet der Apostel wieder eine kurze, aber treffende Bemerkung ein über die Liebe des Vaters ‑ die notwendige Triebfeder und Kraft zur Stärkung und Ermunterung der Seele auf dem schmalen Pfad praktischer Gerechtigkeit (Kap. 3, 1‑3). In den Versen 4‑7 folgt dann genau am rechten Platz die Darstellung der Person und des Werkes Christi: Er war völlig abgesondert von der Sünde und hat unsere Sünden hinweggenom­men. Demzufolge wird nachdrücklich darauf hingewiesen, daß jeder, der in Ihm bleibt, nicht sündigt, und jeder, der sündigt, Ihn weder gesehen noch Ihn erkannt hat. Der Rest des Kapitels beschäftigt sich mit dem Gegensatz zwischen denen, die aus dem Teufel sind, und der grundsätzlichen und praktischen Gerechtig­keit der Kinder Gottes sowie mit deren Liebe zueinander (V. 11), die sich scharf abhebt von Kain und einer vom Haß regierten Welt. Gott sucht die vollkommene Verwirklichung der Liebe sowohl in den kleinen als auch in den großen Dingen. Wir sollten Freimütig­keit des Herzens vor Ihm begehren, die wir aber nur durch den Gehorsam und den Glauben an den Namen Seines Sohnes Jesus Christus erlangen können. Wer so gehorcht, bleibt in Gott und Gott in ihm, und der Geist, den Er gegeben hat, ist die Kraft dieser Verbindung.

 

Hier ist jedoch Unterscheidungsvermögen besonders erforder­lich und die Wahrheit unerläßlich, damit wir nicht irregeführt werden. Das Bewahrungsmittel wird daher in Kapitel 4, 1‑6 mitgeteilt. Der erste Prüfstein zum Schutz gegen den Irrtum ist das Kommen Jesu Christi im Fleische. Ihn will der Heilige Geist stets verherrlichen, während ein Geist, der Ihn nicht bekennt, nicht aus Gott ist. Der zweite Prüfstein besteht nicht in dem Gesetz und den Propheten (obwohl sie von Gott inspiriert waren), sondern in dem neuen Zeugnis über Christus durch die Apostel und Propheten. »Wer Gott kennt, hört uns; wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht. « Auch das Neue Testament als Ganzes ist unerläßlich, um gegen den Geist des Irrtums gewappnet zu sein.

 

Von Kapitel 4, 7 an wird das Thema der gegenseitigen Liebe in einzigartiger Fülle wieder aufgenommen. Es wird gezeigt, daß diese Liebe aus Gott ist und nicht davon zu trennen ist, daß man Ihn liebt und kennt. Das führt uns zur Offenbarung der Liebe Gottes zu uns in der Sendung Seines eingeborenen Sohnes, auf daß wir durch Ihn leben möchten, denn wir waren ja tot. Zugleich wurde Er aber auch als eine Sühnung für unsere Sünden gesandt, denn wir waren voller Schuld. Wenn Gott uns so geliebt hat, sollten auch wir einander lieben. Wenn wir es tun, bleibt Gott in uns, und Seine Liebe ist vollendet in uns, anstatt behindert zu werden. So wie Christus am Anfang Gott kundmachte, den niemand gesehen hatte, so sind auch wir nun berufen, das Gleiche zu tun. Die dazu notwendige Kraft liegt darin, daß Er uns von Seinem Geiste gegeben hat. Das gilt für jeden, der bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, entsprechend dem Zeugnis, daß der Vater den Sohn als Heiland der Welt gesandt hat. Seine Liebe, die wir erkannt und geglaubt haben, ist in uns. Aber das ist noch nicht das Höchste. »Die Liebe ist mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tage des Gerichts, daß, gleichwie er ist, auch wir sind in dieser Welt.« Diese Feststellung ist um so erstaunlicher, wenn wir sie mit Kapitel 3, 2 vergleichen. So wird die Furcht durch die vollkommene Liebe ausgetrieben, und mit vollem Recht kann gesagt werden: » Wir lieben, weil Er uns zuerst geliebt hat« (4, 19). Das Kapitel endet mit der Entkräftung des Vorwandes, daß man Gott lieben könne, ohne den Bruder zu lieben. Das ist unmöglich, denn beides gehört notwendigerweise zusammen.

 

In Kapitel 5, 1‑5 wird die Frage »Wer ist unser Bruder?« aufgeworfen und beantwortet. »Jeder, der da glaubt, daß Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren.« Der Apostel weist damit auf die erhabenere Seite dieser Beziehung hin. Er bringt aber ebenso deutlich zum Ausdruck, daß die Liebe zum Vater die Liebe zu Seinen Kindern einschließt und daß der Beweis, daß man Seine Kinder liebt, darin liegt, daß man Ihn liebt und Seine Gebote hält. Ihn lieben heißt gehorchen, und Seine Gebote sind nicht schwer, sondern gut und voller Segen und Trost. Wir brauchen uns nicht zu verwundern, denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt. Es ist der Glaube, der diesen Sieg errungen hat. Dies wird in Vers 5 noch ausführlicher erklärt. Dort heißt es: »Wer ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, welcher glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist?«

 

In den Versen 6‑12 finden wir die drei Zeugen mit dem übereinstimmenden Zeugnis über Jesus und die Wahrheit in Ihm: den Geist, das Wasser und das Blut, ‑ nicht nur Reinigung und Versöhnung, sondern auch den Heiligen Geist als die verwirkli­chende Kraft. Im ersten Menschen finden wir Sünde und Tod; im zweiten Menschen aber ewiges Leben, so daß wir uns im Geist des Vaters und des Sohnes erfreuen. Dies ist nur möglich, weil Er es uns in Seinem Sohn gegeben hat: in Ihm besitzen wir das Leben.

Mit Vers 13 beginnt der Schluß des Briefes. Der Apostel hatte ihn mit dem fleischgewordenen Sohn begonnen als dem Gegen­stand des Glaubens und dem Mittel zu der wunderbaren Gemein­schaft, die völlige Freude gibt. Er beendet ihn mit den Worten, daß er diese Dinge schreibt, damit wir im innersten Bewußtsein erkennen, daß wir als Gläubige ewiges Leben haben. Er spricht dann nochmals von der durch solch eine Gnade vermittelten Freimütigkeit zu erbitten, was mit dem Willen Gottes in Überein­stimmung ist. Er schließt hiervon nur den Fall aus, daß ein Bruder unter der Zucht Gottes steht, weil er unter besonderen Umstän­den gesündigt hat und daher von Gott nicht länger auf der Erde gelassen wird. In den Schlußworten ab Vers 18 begegnet der Apostel dem damals aufkommenden, immerdar lernenden und nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommenden Gnostizismus. Er stellt ihm das tiefe und klare Wissen der Gläubigen entgegen, das sich auf dreierlei Weise äußert:

1 . Im abstrakten Sinne durch die Bewahrung eines jeden, der aus Gott geboren ist, vor Sünde und Satan;

2. durch unser persönliches Wissen, daß wir aus Gott sind und uns daher im Gegensatz zur ganzen Welt befinden, die unter der Macht des Bösen steht;

3. durch die ebenfalls persönliche Kenntnis des großen Gegen­standes des Glaubens, nämlich des Sohnes. Er hat uns das Verständnis gegeben, den Wahrhaftigen zu kennen und in Ihm zu sein, in Seinem Sohne Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Er ist zugleich unser Schutz vor den Götzen.

 

Der zweite und dritte Brief des Johannes

 

Diese Briefe sind in bezug auf Thema und Aufbau so einfach ‑obwohl sie wichtig sind für die Wahrheit und diejenigen, die sie lieben ‑, daß hier nur wenige Worte genügen. Die Schwester, eine namentlich nicht genannte Frau, wird ernstlich ermahnt, nieman­den aufzunehmen, der der Lehre Christi (d. h. Seiner Person, die die Grundlage und der Inhalt aller Wahrheit ist) untreu ist. ‑ Der Bruder, dessen Name im Brief erwähnt wird, wird ermahnt, angesichts des Widerstandes von Personen oder Parteien in der Liebe, die ihn kennzeichnete, auszuharren und treue, wenn auch unbekannte Brüder aufzunehmen, die für »den Namen« ausge­gangen waren. Die Weisheit und der Wert dieser beiden Briefe sind groß. Es konnte besonders für Frauen ein schwieriges Pro­blem sein, äußerlich gefällige Männer abzuweisen, die scheinbar eifrig im Werk des Herrn tätig waren, z. B. einen Evangelisten, durch den einst Seelen zum Glauben kamen, oder einen Ältesten, wie es einige in Ephesus gab, von denen Paulus bezeugte, daß sie abgeirrt seien. Ist der Geist des Irrtums aber tätig, so ist nur die Wahrheit maßgebend, nicht der Dienst oder das Amt. Anderer­seits sollte sich der in der rechten Stellung befindliche Bruder nicht durch den Unwillen eines Diotrephes beunruhigen lassen. Er sollte diejenigen, die wahrhaft für den Namen des Herrn ausge­hen, willig empfangen und dadurch einen Demetrius ermutigen, der sonst vielleicht eingeschüchtert würde. Wie bewundernswert sind die Weisungen des Heiligen Geistes, die uns in den bösen Tagen leiten sollen!

 

Der erste Brief des Johannes

 

Was von Anfang war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, betreffend das Wort des Lebens; (und das Leben ist geoffenbart worden, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, welches bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist;) was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir euch, auf daß auch i h r mit uns Gemeinschaft habet; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus. Und dies schreiben wir euch, auf daß eure Freude völlig sei.

 

1.Johannes1,1‑4

 

Einen so erhabenen Anfang wie dieser Brief hat kein anderer, mit Ausnahme des Hebräerbriefes, der sich aus bestimmten Gründen von allen anderen Briefen unterscheidet. Beide Briefe stellen uns ohne jede Einleitung den menschgewordenen Sohn, das fleischgewordene Wort vor Augen. Im Hebräerbrief geschieht dies, um den Blick der Juden, die Jesus als den Christus bekann­ten, im Glauben auf Seine verherrlichte Person und auf Seinen Dienst im Himmel zu lenken, der sich auf Sein Erlösungswerk gründet. Der Zweck des ersten Johannesbriefes dagegen ist es, alle Gläubigen vor jeder Neuerung in Lehre und Praxis zu bewahren; sie werden an das erinnert, »was von Anfang war« in der unveränderlichen Gnade und Herrlichkeit Seiner Person, in welcher Er sich auf der Erde offenbarte: Ebenso wahrhaftig Gott wie Mensch in Ihm für immer vereint. Der Hauptgegenstand des Hebräerbriefes ist der in die Himmel eingegangene Mensch; der des ersten Johannesbriefes die Tatsache, daß Gott in Christus herabgekommen ist, um ewiges Leben zu geben. Jedoch ist der Hebräerbrief auch reich an Einzelheiten über Seine Person, wie umgekehrt der erste Johannesbrief auch ausführlich auf Sein Sühnungswerk eingeht.

 

Es ist auch auffallend, daß in beiden Briefen die Namen der Schreiber sowohl wie der Empfänger fehlen. Dafür mag es verschiedene Gründe geben; der wichtigste ist wohl die über­ragende Bedeutung Christi für ihre eigenen Herzen und der Wunsch, diese Größe nach dem Willen Gottes, des Vaters, den Lesern des Briefes besonders eindrücklich vorzustellen. Der Apostel der Nationen hatte, selbst in seinem direkten Arbeitsfeld unter den Nationen, stets in Wort und Tat zum Ausdruck gebracht, daß das Evangelium Gottes Kraft ist, zum Heil jedem Glaubenden, sowohl den Juden zuerst als auch den Griechen. Nun sendet er im Hebräerbrief seine letzte Botschaft an diejenigen, die geglaubt hatten, wobei seine eigene Person in bewundernswerter Weise ganz zurücktritt. Indem er den Herrn als Apostel und Hohenpriester des christlichen Bekenntnisses vorstellte (der die Vorbilder des Mose und Aaron in Sich vereinigt, aber weit über ihnen steht), erwähnt er weder die zwölf Apostel noch sich selbst unter dieser Bezeichnung. Er schreibt mehr in der Art eines christlichen Lehrers, der das Alte Testament auslegt (wie es nur ein inspirierter Schreiber konnte), als daß er mit der Autorität eines Apostels und Propheten neue Wahrheiten offenbart.

 

Der Apostel kannte die Voreingenommenheit seiner Brüder nach dem Fleische gegen ihn, der so eifersüchtig darüber wachte, daß die Freiheit der Nationen nicht eingeschränkt wurde. So mag seine Liebe zu diesen Brüdern zunächst wenigstens ein Grund gewesen sein, seinen Namen nicht zu nennen. Nachdem der Brief jedoch den Weg bereitet und die Wahrheit ihre Herzen mit Dem erfüllt hatte, der aus dem Himmel zu ihnen sprach, konnte am Schluß durch die Erwähnung des Timotheus auf dessen großen Freund Paulus als den Schreiber des Briefes hingewiesen werden. Noch ein anderer Gedanke mag von Bedeutung gewesen sein: die Anweisung des Herrn bei der Aussendung (nicht der Zwölfe nach Lukas 9, sondern) der Siebzig in Lukas 10, 4: » Grüßet niemand auf dem Wege!« Es handelte sich damals um eine abschließende Sendung. Zeiten ernster Gefahr und drohenden Verfalls erfor­dern Eile. So mußte der freundliche Gruß auf dem Wege dem Ernst einer solchen Botschaft weichen, die ihren Verächtern die schwersten Folgen ankündigte. Auch dieser Gedanke mag die inspirierten Knechte Gottes bewegt haben.

 

Der eine Schreiber richtete die letzte Botschaft an seine jüdi­schen Brüder, damit sie angesichts der bevorstehenden Zerstö­rung der Stadt und des Tempels ihre Herzen auf das himmlische Heiligtum richteten und aus dem Lager zu Ihm hinausgingen, Seine Schmach tragend, ehe sie durch das Gericht dazu gezwun­gen wurden. Der andere Apostel schrieb mit gleicher Eindring­lichkeit an die Familie Gottes nicht nur angesichts des sich einschleichenden Bösen, sondern noch mehr im Blick auf den weit furchtbareren Charakter der »letzten Stunde«, die für die Christen schon gekommen war. Viele »Antichristen«, die einst bei ihnen gewesen waren, gingen jetzt in offener Feindschaft hinaus; doch sie waren »nicht von uns, denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein«.

 

Wie dem auch gewesen sei, jeder Gläubige darf gewiß sein, daß der Heilige Geist gute Gründe hatte, die beiden Schreiber in so ungewöhnlicher Weise zu leiten, daß sie ihre Namen in diesen Briefen nicht erwähnen. Wir wollen uns nun dem Anfang unseres Briefes zuwenden.

 

Der erste Vers des ersten Johannesbriefes deutet darauf hin, daß das Johannesevangelium bereits geschrieben und den Lesern bekannt war. Der Ausdruck »das Wort des Lebens« wäre unver­ständlich, wenn wir nicht Johannes 1 hätten, wo uns vieles über Ihn geoffenbart wird. Das Johannesevangelium öffnet uns also den Weg zum Verständnis der Eingangsworte dieses Briefes. Doch gibt es auch einen auffälligen Unterschied, der als Zeugnis für die Wahrheit äußerst interessant und wichtig ist. Im Evange­lium lesen wir: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. « Dem, dessen Herrlichkeit noch nie so einfach und zugleich so tief geoffenbart worden war, gebührte diese einzigartige Darstellung der Gnade und Wahrheit. Welch einen grundlegenden Kontrast bilden diese klaren Mitteilungen an die Gläubigen zu der mystischen Philosophie eines Philo, des alexandrinischen Juden und teilweisen Zeitgenossen des Apo­stels! Kein anderes Evangelium besitzt eine Einleitung wie die in den ersten achtzehn Versen dieses Kapitels. Der erste Titel Christi ist »das Wort«. »Im Anfang« (V. 1 u. 2) bedeutet »vor der Schöpfung«. Das wird deutlich durch Vers 3, wo dem »Wort« das Bestehen des gesamten Weltalls zugeschrieben wird. Er gab in so absoluter Weise allen Dingen ihre Existenz, daß nichts ohne Ihn bestehen konnte. Gehen wir in unseren Gedanken so weit zurück, wie es uns nur möglich ist, stets war Er »bei Gott« und hatte doch, im Gegensatz zum Geschöpf, Seine persönliche Existenz als Gott. Es gibt keine Zeitspanne in der Ewigkeit vor dem Beginn der Schöpfung, von der nicht gesagt werden kann, daß Er »im Anfang« da war. Das Fehlen des Artikels im Griechischen unter­streicht in feiner Weise diese Wahrheit, die wir nicht ausdrücken können, denn der Artikel vor dem Wort »Anfang« hätte im Griechischen auf einen bestimmten Zeitpunkt hingewiesen. Dieser Gedanke soll jedoch gerade ausgeschlossen werden. Das unerschaffene Sein des »Wortes« soll durch diesen Ausdruck angedeutet werden, der auf das Grenzenlose hindeutet. »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde«: damit beginnt die Zeit. »Im Anfang war das Wort«: das versetzt uns in die Ewigkeit. Man hat daher mit Recht gesagt, daß Johannes 1, 1 zeitlich vor 1. Mose 1, 1 liegt.

 

Wenn Johannes 1, 1 uns mitteilt: »Im Anfang war das Wort«, so sagt uns V. 14: »Das Wort ward Fleisch«, und zwar in der Zeit. Mit dieser göttlich wunderbaren Tatsache, die von so reichem Segen für alle Gläubigen ist und auch für die Sünder, die wir ja alle einst waren, fängt der erste Johannesbrief an. Das Wort war nicht nur von Ewigkeit her da, sondern es wurde zur bestimmten Zeit Fleisch. Daher heißt es im Johannesbrief nicht »im Anfang«, sondern »von Anfang«‑

Den gleichen Ausdruck verwendet auch der inspirierte Evange­list Lukas unter der Leitung des Heiligen Geistes in seiner Darstellung des Lebens des Herrn auf der Erde.

 

Anders als Markus, beginnt er nicht mit Seinem Dienst am Evangelium (»Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes«). Lukas, der allem von Anfang an genau gefolgt war, geht weiter zurück. Deshalb zeigt er uns auch, mehr als alle anderen Schreiber, den Herrn in Seiner frühen Jugend. Er geht auf das heilige Menschsein des Herrn ein, beschreibt das Kindlein in der Krippe und im Tempel, als Gegenstand der Huldigung von Simeon und Anna und als ein Zeugnis für alle, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Bei Lukas finden wir die rührende Szene im Tempel, wo Er in der Mitte der Lehrer sitzt, ihnen zuhört und Fragen stellt. Alle, die Ihn hörten, waren erstaunt über Sein Verständnis und Seine Antworten. Vor und nach dieser Begeben­heit dürfen wir einen kurzen Blick auf den heranwachsenden Knaben im Elternhaus werfen. Lukas stellt den Herrn also, mehr als alle anderen, »von Anfang an« als Menschen auf der Erde dar. Sogar wenn er von denen spricht, die uns die Dinge, die unter uns völlig geglaubt werden, überliefert haben, beschreibt er sie als solche, die »von Anfang an« Augenzeugen und Diener des Wortes waren.

 

Auch die vielsagende Bezeichnung »das Wort des Lebens« verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Sie steht in engstem Zusammenhang mit dem Hauptgegenstand des Briefes; doch abgesehen von der Einleitung in Johannes 1 werden wir hier bei ihrer ersten Erwähnung nicht im geringsten darauf vorbereitet. Plötzlich und unvermutet wird dieser erhabene, göttliche Gegen­stand vom Heiligen Geist aufgenommen und uns vorgestellt. Welch ein Zeugnis für den Herrn war es, in Johannes 1 mit dem Wort in Verbindung mit der Ewigkeit, hier aber in Verbindung mit Seiner Person als Mensch zu beginnen! Die Empfänger des Briefes und sogar der Apostel Johannes müssen zurücktreten, um dem Gegenstand des Glaubens Platz zu machen. Das Wort, das Wort des Lebens, wird plötzlich ins Blickfeld des Gläubigen gerückt. Besser könnte die Ehrfurcht, die das Herz des Apostels erfüllte und die sich auch für unsere Herzen geziemt, nicht zum Ausdruck gebracht werden. In beachtenswerter Weise wird hier das Wort des Lebens als Mensch an den Anfang gestellt, und zwar nicht als im Himmel befindlich, sondern auf der Erde. Der verherrlichte Mensch droben auf dem Thron Gottes ist einer der Hauptgegenstände des Apostels Paulus. Hier wird jedoch mit großer Sorgfalt »das Wort« gezeigt, wie Er auf der Erde wandelte; nicht vor Seiner Fleischwerdung (davon spricht V. 2) oder nach Seinem Tod und Seiner Auferstehung, wie an anderen Stellen in diesem Brief. Diese Stellungen, die unser Herr einnahm, kommen in passender Weise am rechten Ort zur Geltung. Hier ist jedoch von dem ewigen Leben die Rede, das sich auf der Erde offenbart und sich voll und ganz bezeugt hat und das die alleinige Quelle der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne ist. Völlige Freude ist das Teil derer, die diese Gemeinschaft durch Gottes Gnade genießen. Deshalb läßt der Apostel auch sogleich die Darstellung des Wortes des Lebens folgen, wie die Jünger Ihn auf der Erde gesehen und gehört hatten.

 

»Was von Anfang war« ‑ das war schon bevor ein Mensch Ihn gesehen hatte. »Was wir gehört ... haben« ‑ nur so konnte die Botschaft von dem Herrn Jesus sie erreichen. Die ersten Apostel waren Jünger Johannes' des Täufers gewesen. Es war ein Vorrecht des Apostels (obwohl hier nicht erwähnt), einer der ersten zu sein, die dem Herrn Jesus nachfolgten. Gleich manchen anderen hatten sie durch Seinen Herold von Ihm gehört, ehe sie Ihn selbst sahen. Tatsächlich war es das Zeugnis des Johannes über den Herrn, das zwei seiner Jünger veranlaßte, ihn (zumindest später) zu verlassen und Christus nachzufolgen. Der eine war nicht Simon Petrus, sondern Andreas, der Bruder Simons. Wir brauchen nicht zu zweifeln, daß sein Gefährte Johannes war, der Schreiber des Evangeliums und der Briefe. Es ist gewiß von nicht geringem Wert zu wissen, daß Johannes mit Andreas schon so früh in die Nachfolge Jesu trat. Somit war er, wenn auch noch aus anderen, wichtigeren Gründen, besonders geeignet, uns über das Wort des Lebens zu berichten. Durch den Geist wurde er geleitet, von »uns«, den erwählten Zeugen, in ganz allgemeiner Weise zu sprechen. » Was wir mit unseren Augen gesehen ... haben«. Es ist genau, was sie gehört hatten: »Siehe, das Lamm Gottes!« Sie hatten das Zeugnis gehört und hatten mit ihren Augen die wunderbare Person gesehen, »und sie folgten Jesu nach ... und blieben jenen Tag bei ihm«. So begann die göttliche Verbindung zwischen dem Herrn Jesus und den Jüngern. Wenn wir bedenken, welchen besonderen Platz in der Zuneigung des Herrn Johannes unter den Zwölfen einnahm, wer hätte wohl geeigneter sein können als er, alles dieses in der Kraft des Heiligen Geistes und in seiner besonderen Art niederzuschreiben?

 

Auch die Verzögerung bei der Niederschrift ist beachtenswert. Wir hätten es für das beste gehalten, wenn Johannes seine Erinnerungen an die traute Nähe des Herrn für die Gläubigen niedergeschrieben hätte, solange noch alles frisch in seinem Herzen und Gedächtnis war. Gott aber leitete es so, daß die Wahrheit mindestens fünfzig Jahre zwar nicht im Innern seines Herzens verborgen blieb, aber nicht von seiner Feder niederge­schrieben wurde. Gottes Weg ist für alle stets der weiseste und beste, wenn auch der nichtige Mensch gerne seinen eigenen Weg gehen möchte. Aber der Heilige Geist sorgte dafür, daß durch das einsichtsvolle Warten auf Gott Sein Wille ausgeführt wurde. Nach Seinem Willen und zu Seiner Zeit sollte der Apostel Johannes, der als erster zum Herrn Jesus kam, Sein letzter inspirierter Zeuge sein. Ihm wurde der Auftrag zuteil, dem Engel der Versammlung in Ephesus (die noch leuchtend dastand, als der Apostel in seinem hohen Alter dorthin schrieb) die Mahnung des Herrn zu übermit­teln: »Tue Buße und tue die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken. « Er mußte der Versammlung in Laodicäa die bedin­gungslose Drohung des Herrn mitteilen, sie aus Seinem Munde auszuspeien, obwohl er sie noch zur Buße aufrief. Aber ehe er die Briefe des Herrn an die sieben Versammlungen in Kleinasien sendet, schreibt der letzte Apostel bereits von dem bedrohlich aufkommenden Bösen und von dem Anbrechen der »letzten Stunde« mit ihren »vielen Antichristen«.

 

Dadurch erhält der vor uns liegende Brief einen anderen Charakter als die Briefe des Petrus und Jakobus. Der Apostel Paulus beschreibt den Antichrist zwar in einem seiner ersten Briefe (ohne genauere Einzelheiten zu erwähnen) als den »Men­schen der Sünde«, den »Sohn des Verderbens« und den »Gesetzlo­sen« (2. Thess. 2). Aber nur der Apostel Johannes schreibt sowohl über die »vielen Antichristen«, die Vorläufer des großen Kommenden, wie auch über »den Antichrist«, der in Offenbarung 13 ' 11‑18 gesehen wird als das Tier aus der Erde mit zwei Hörnern gleich einem Lamme, der »falsche Prophet«. Johannes wurde es geschenkt, Christus besonders lebendig in Seiner göttlichen Würde darzustellen. So können wir es gut verstehen, daß es ihm auch gegeben wurde, den menschlichen Gegenspieler des Herrn, der von Seinem geistlichen Widersacher, Satan, erfüllt und gelenkt wird, unter der Bezeichnung Anti‑Christ zu beschreiben. Wenn es auf der Erde ein Herz gab, das einen Schlag, der den Herrn Jesus traf, tief mitempfand, dann war es das des Apostels Johannes, der Seine Liebe mehr als andere genossen hatte und Ihn vielleicht mehr liebte als alle anderen. In der Regel versteht derjenige die Liebe des Heilandes am besten, der seine Sünden am tiefsten empfindet. So erklärte der Herr es jenem Mann, der von keinem von beiden das rechte Verständnis hatte: derjenige liebt am meisten, dem am meisten vergeben ist. Zweifellos besaß der geliebte Jünger ein besonders zartes Gefühl für die Liebe seines Herrn zu ihm persönlich und auch eine entsprechend tiefe Sündenerkenntnis. Die Apostel Petrus und Paulus schätzten und empfanden Seine Liebe ebenfalls, doch wohl auf eine andere Weise. Es ist daher nicht verwunderlich, daß Johannes auserwählt wurde, um uns Worte voll inniger Liebe und tiefen Ernstes niederzuschreiben. Es sind Worte der Gnade und der Wahrheit, die ganz besonders geeignet sind, den Gläubigen auch in den größten Gefahren auf der Erde, vor den listigen Versuchen, den Namen Jesu zu verdrehen und zu verleugnen, zu bewahren. Gerade damit beschäftigen sich diese Briefe, vornehmlich der erste.

 

Der Brief stellt also die Person des Herrn Jesus vor unsere Blicke, jedoch nicht als in Herrlichkeit aufgenommen. Der ver­herrlichte Mensch droben ist dazu angetan, den Gläubigen über die (vergängliche) Schein‑Herrlichkeit dieser Welt zu erheben, wie auch die Kraft Seiner Auferstehung geeignet ist, ihm einen festen Halt gegenüber den irdischen Anmaßungen der Scheinreli­gion zu geben. So brachte die Macht des Geistes Saulus von Tarsus durch den Anblick Christi in der Herrlichkeit zur Bekehrung. Der verherrlichte Christus wurde damit der besondere Gegenstand sowohl seines Dienstes am Evangelium als auch in seiner Darstel­lung Christi als Haupt der Versammlung ‑ dieser großen Wahr­heit, die er mehr als jeder andere inspirierte Schreiber verkün­dete. Der Apostel Johannes geht jedoch aus Gründen, die Gott, dem Geber jeder guten Gabe, ausreichend und weise erschienen, zu dem Christus auf der Erde zurück, dem wahren Menschen und zugleich wahren Gott. Seine Absicht ist nicht so sehr, Ihn als den Himmlischen zu schildern, sondern zu bezeugen, daß Er, der wahre Mensch, eine göttliche Person ist. Der himmlische Mensch hat uns aufgrund der Gnade Gottes herrliche Vorrechte gegeben. Doch muß das Himmlische dem Göttlichen Platz machen. Gott benutzt die himmlische Verbindung der Gläubigen dazu, sie von der Neigung zu irdischer Gesinnung zu lösen, aber nur die Kraft des göttlichen Lebens macht dem Stolz des Menschen, seinen Begierden und seinem Willen, sich selbst gegen den Vater und den Sohn zu erheben und dadurch dem Satan zur Beute zu fallen, ein Ende. Die Gesinnung des Fleisches widersteht nicht nur dem Herrschaftsanspruch Christi, sie ist auch vollkommen blind für die Überragende innere Herrlichkeit Seiner Person als Gott, welche die ihm als Mensch verliehenen Rechte weit übertrifft. Der Apostel Paulus verweilt mehr bei der Herrlichkeit, die Ihm gegeben wurde, während Johannes uns insbesondere Seine Herr­lichkeit beschreibt, die Er von Ewigkeit her besaß, d. h. nicht als der Erstgeborene aus den Toten, sondern als der eingeborene Sohn. Als solcher steht Er allein da. Paulus schreibt über die Einheit der Glieder Seines Leibes mit Ihm, Johannes über die Liebe des Vaters zu denen, die bereits jetzt Seine Kinder sind. Daraus war zu folgern, daß jetzt die Stunde war, jeden irdischen Gottesdienst ‑ auch den im Heiligtum zu Jerusalem ‑ zu verlassen und als wahre Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anzube­ten, »denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter«. Laßt uns daher danach trachten, dem Herrn treu zu sein, Sein Wort zu bewahren und Seinen Namen nicht zu verleugnen.

 

Es steht außer Frage, daß die Wahrheit, die wir im ersten Johannesbrief jetzt betrachten wollen, die positive Seite des Lebens, wie es in Ihm und in den Seinigen jetzt auf der Erde dargestellt wird, besonders hervorheben soll, denn sie steht in Verbindung mit der persönlichen Herrlichkeit des Herrn. Jeder geistlich Gesinnte, dem die in den letzten Jahren auf diesem Gebiet entstandenen Irrtümer bekannt sind, wird bestätigen müssen, daß weder das Evangelium noch der Brief des Johannes auch nur die geringste Grundlage für derartige Fehlschlüsse enthalten, sondern sie mit Entschiedenheit ausschließen. Manche von uns haben zu ihrer Betrübnis zwei Angriffe auf die Person des Herrn miterlebt (in den vierziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts), während wir in der Erwartung der glückse­ligen Hoffnung und Erscheinung unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus stehen. Heute wie in den vergangenen Zeiten haben die Kinder Gottes allen Grund, mit Herzensent­schluß dem Herrn anzuhangen und im Bewußtsein des ewigen Lebens, das sie in Ihm haben, immer tiefer gegründet zu werden, damit sie auch den schwächeren Gläubigen helfen können, dieses Leben als ihren bleibenden Besitz zu erkennen. Dadurch wird selbst die List Satans zum Nutzen derer dienen, die Ihn lieben und nach Vorsatz berufen sind. Lassen wir uns nicht von denen verführen, die sich und anderen einreden wollen, man habe Charakter und Anwendung dieser so klaren Wahrheit mißverstan­den. Dieser Einwand wird stets erhoben, wenn eine falsche Lehre bloßgestellt wird. Danach versucht man, das Böse zu bemänteln und zu beschönigen, wenn man es nicht ganz leugnen kann, um dadurch Aufdeckung und Mißtrauen zu verhindern. Wie anders, wenn Aufrichtigkeit vor Gott vorhanden ist! Hat sich ein aufrich­tig gesinnter Gläubiger in eine falsche Lehre verstrickt, so wird er nur allzu dankbar sein, wenn der Irrtum aufgedeckt wird und er sich unter Trauer und Demütigung davon lossagen kann. Für diejenigen, die einst um der Wahrheit willen vieles in der Welt aufgegeben haben, ist es unwürdig, einen so schwerwiegenden Irrtum zu verdecken, zu verkleinern oder zu entschuldigen. Sie begeben sich dadurch in die Gefahr, selbst in den Irrtum verstrickt zu werden, mit dem sie sich beschäftigen, oder ihr geistliches Unterscheidungsvermögen zu verlieren. Das aber ist bereits die Wirksamkeit des Geistes des Irrtums.

 

Der erste Vers beschreibt den Herrn Jesus, wie Er auf der Erde im trautesten Umgang mit den Jüngern geschaut und betrachtet werden konnte. Er unterschied sich denkbar weit von den Macht­habern jener Zeit, besonders denjenigen des Orients, die ihre Ehre und Herrlichkeit dadurch zu mehren trachteten, daß sie sogar die Großen ihres Reiches in gebührendem Abstand hielten. Damals bedeutete es, wie wir alle wissen, den sicheren Tod, wenn jemand dem »großen König« ohne eine Aufforderung nahte. Das Leben des Hinzunahenden war davon abhängig, ob die Hand des Königs ihm das goldene Zepter entgegenstreckte. Doch hier gesellte sich Er, der höher ist als die Höchsten, in gnädiger Herablassung zu den Geringsten und Niedrigsten. Er stieß keinen Sünder von sich, der zu Ihm kam. Er berührte und heilte Aussätzige. Er weinte am Grabe dessen, den Er von den Toten auferweckte. Wer war jederzeit und für jeden so zugänglich wie Er? Wie gab Er denen, die Er ausdrücklich erwählte, um »bei Ihm zu sein«, Gelegenheit, Ihn mit ihren Augen zu sehen, anzu­schauen und sogar zu betasten! Es war daher kein Zweifel möglich, daß der Heilige Gottes zugleich wahrer Mensch war. In Vers 3 lesen wir: » Was wir gesehen und gehört haben. « Es ist gut, darauf zu achten, daß es in Vers 1 zuerst heißt »gehört« und danach erst »gesehen«. Die Wahrheit wird immer zuerst durch das Ohr aufgenommen, nicht durch das Auge. Sie »hörten« und glaubten. Der Glaube ihrer Seelen gründete sich auf das Hören, nicht auf das Sehen. Doch konnte Christus auch mit den Augen gesehen werden, nicht nur einmal, sondern sie konnten Ihn anschauen und mit ihren Händen betasten, um anderen Zeugnis von Ihm geben zu können. Welch eine wunderbare Wahrheit, daß der Schöpfer Himmels und der Erde Mensch wurde und Sein Menschsein so unter Beweis stellte, daß Menschenhände Ihn betasten durften! Er erlaubte dies selbst nach Seiner Auferste­hung; zwar nicht einer Maria Magdalena, aus besonderen Grün­den, wohl aber den Frauen aus Galiläa sowie dem ungläubigen Apostel Thomas: »Reiche deinen Finger her!« So war es auch, als Er noch auf der Erde wandelte. Der Herr erkannte im voraus die schreckliche Bosheit, die es wagen würde, Sein wahres Mensch­sein zu leugnen, und sorgte somit für den klaren Gegenbeweis. Wir dürfen darin Seine Gnade uns gegenüber bis zu Seinem Tode erblicken.

 

Ebenso klar, vielleicht noch schärfer, wird die andere böse Lehre abgewehrt, welche leugnet, daß Er Gott war. Sie sieht in Ihm nur einen mit außergewöhnlichen Kräften begabten Men­schen, unter Ausschluß seiner Göttlichkeit. Aber Er war wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person. Deshalb wird Er hier »das Wort des Lebens« genannt. Alles was in Vers 1 gesagt wird, betrifft »das Wort des Lebens«. Das »Leben«, hier das höchste geistliche Leben, gehört Gott allein. Es ist etwas anderes und Höheres als die Schöpfermacht, wie wir bei einem Vergleich von Johannes 1, 3 und 4 sehen. Entsprechend dem Zweck dieses Briefes kombiniert der Ausdruck hier das »Wort« und das »Leben«. » Und das Leben ist geoffenbart worden. « Diese Wahr­heit wird hier einfach als Tatsache festgestellt, ohne Angabe, wem die Offenbarung galt. Jeder konnte es betrachten, d. h. alle, die den Herrn Jesus Christus sahen, sowohl Gläubige wie auch Ungläubige. Für die letzteren blieb es allerdings ein flüchtiger Eindruck ohne lebenspendende Wirkung; sie empfanden kein Bedürfnis nach Ihm und konnten daher nicht von Gott über Ihn belehrt werden. Denn nur wenn wir im Bewußtsein unserer Sünden kommen, können wir wahren Segen empfangen. Aber wenn sie auch Seine wunderbare Person nicht erkannten, konnten sie doch sehen, wie wunderbar Er mit allen handelte, die zu Ihm kamen, ob es Männer, Frauen oder Kinder waren. Ihren blinden Augen konnte Er jedoch Gott und sich selbst nicht offenbaren, wie Er es bei der Sünderin im Hause Simons, des Pharisäers, bei der Samariterin und dem glaubenden Räuber am Kreuz tat. Ihnen blieb es nicht verborgen, daß Er weit mehr als nur ein Mensch war. Jeder von ihnen konnte an diesem Wendepunkt seines Lebens tatsächlich das Wort des Lebens zu seinem Heil hören. Wenn der Sünderin, in deren Seele offenbar bereits Glauben und Buße vorhanden waren, Vergebung und Frieden geschenkt wurden, so waren es zweifellos die Worte des Heilandes, die in der Samarite­rin und dem gekreuzigten Räuber neues Leben bewirkten. Der letztere erkannte die unendliche Gnade und Würde des Herrn Jesus in der Stunde Seiner größten Schmach und Verachtung.

 

» Und das Leben ist geoffenbart worden. « Das ist der Grundton des Briefes: es wurde hier geoffenbart. » Und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, welches bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist« (V. 2). Hier wird das »Hören« nicht mehr erwähnt. Es wird vorausgesetzt, daß sie den Herrn bereits kannten, und daher heißt es: »Wir haben gesehen und bezeugen. « Jetzt ist nicht mehr, wie am Anfang, vom Hören und Sehen die Rede, sondern vom Sehen und Bezeugen und davon, daß den Gläubigen das ewige Leben verkündigt wird, welches bei dem Vater (d. h. von Ewigkeit) war und uns in der Zeit geoffenbart worden ist, als Er auf der Erde weilte. Es ist wohl vielen bekannt, daß der eigenartige Versuch unternommen wurde, gerade im Neuen Testament einen Unterschied zwischen »Leben« und »ewigem Leben« zu machen. Wird das hier nicht widerlegt? In Vers 1 heißt es: Das Wort des Lebens«, zu Anfang von Vers 2 einfach »das Leben«, und bald danach finden wir im gleichen Vers »das ewige Leben«. Mit den beiden Bezeichnungen »das Leben« und »das ewige Leben« ist somit sicherlich genau das gleiche gemeint, nur von etwas verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet. Es ist mit der Person Dessen verknüpft, der das »Wort« ist, und ist in dem Herrn Jesus Christus geoffenbart. Das ist doch völlig klar. Der eingeschaltete Vers 2 teilt uns die weitere große Wahrheit mit, daß das »ewige Leben« bei dem Vater war, ehe Es auf der Erde im Fleisch geoffenbart wurde. Er war nicht nur »das Wort« und der eingeborene Sohn, sondern auch »das ewige Leben«. Er war damals in gleichem Maße das ewige Leben, wie zu dem Zeitpunkt, als Er sich herabließ, zur Ehre Gottes und zum Heil und Segen des Menschen von einem Weibe geboren zu werden und dadurch das Leben, das Er dem Gläubigen schenkt, zu offenbaren.

 

Es ist beachtenswert, daß hier dem ewigen Wort, dem Sohn Gottes, ewiges Leben zugeschrieben wird, ehe Er in die Welt kam. Das ewige Leben konnte aber erst als das Teil des Gläubigen gekannt werden, nachdem Christus auf der Erde geoffenbart war. Als Er in den Himmel zurückkehrte, wurde es nicht geoffenbart, sondern im Gegenteil in Gott verborgen. Nein, hier in der Welt voller Sünde, Kummer und Elend, wo der erste Mensch so vollkommen versagt hatte, daß der Tod die Folge war, da offen­barte der zweite Mensch das ewige Leben, indem Er gehorsam wurde bis zum Tode. Durch Seinen Tod besiegte Er Satan und legte die Grundlage für eine ewige Erlösung für alle, die an Ihn glauben. Sie besitzen ewiges Leben in Ihm, sie leben jetzt aus Seinem Leben, nicht mehr aufgrund ihres eigenen gefallenen Lebens.

 

Die Offenbarung dieses Lebens fand nirgends anders als aus­drücklich auf dieser Erde statt. Der Himmel ist nicht der Ort seiner Offenbarung. Es ist auch falsch zu behaupten, das Leben sei geoffenbart worden, als es bei dem Vater war. So weit es uns Menschen betrifft, fand diese Offenbarung erst statt, als der Sohn Gottes Mensch wurde und als der treue und wahrhaftige Zeuge Gottes, des Vaters, gesehen und gehört wurde. Erst mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes, und zu keinem anderen Zeitpunkt, wurde das ewige Leben geoffenbart, welches bis dahin bei dem Vater war. Das Leben befand sich in Seiner sichtbaren wirklichen Person auf der Erde in gleicher Weise, wie es bis dahin im Himmel in Ihm gewesen war. Eine auserwählte Schar von Jüngern, die Ihn gehört hatten, sah unter den verschiedensten Umständen das Leben in Ihm. Das befähigte sie, anderen zu bezeugen, daß Gott Mensch geworden und das ewige Leben in Christus in seiner unbefleckten, vollkommenen Vortrefflichkeit den Menschen auf Erden geoffenbart worden war. Welch ein Segen für uns, wenn auch im Bewußtsein unserer eigenen Schwachheit, unsere Aufgabe nun aufnehmen zu können, indem wir auf die Gnade unseres Herrn blicken.

 

Christus selbst ist unser höchstes Gut, heute noch wie einst für die Empfänger unseres Briefes. Der Apostel schreibt ihn an seine »lieben« Kinder oder »Kindlein«, die Familie Gottes, die heute so wirklich existiert wie damals. Diese Gemeinschaft bleibt beste­hen, solange die letzte Stunde andauert. Wenn bei uns heute auch viel Zukurzkommen ist, dürfen wir doch die Worte des Apostels in Demut für uns nehmen, dürfen an die Liebe des Vaters glauben, die Gnade und Herrlichkeit Seines Sohnes, des Herrn Jesus, bezeugen und uns auf den in uns wohnenden Geist Gottes stützen, um so Nutzen aus dem zu ziehen, was bereits am Anfang dieser letzten Stunde mitgeteilt wurde. Wir kennen unsere große Not, aber auch die Barmherzigkeit und Güte Dessen, der einst die Empfänger des Briefes und heute uns dahin bringen will, in Christus die unfehlbare Stütze für den Glauben und die Antwort auf jedes Bedürfnis zu finden.

 

»Was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir euch, auf daß auch ihr mit uns Gemeinschaft habet. « Welch ein kostbares Vermächtnis der Liebe Gottes angesichts des Verfalls und der heutigen Gefahren! Welch eine gesegnete Gemeinschaft ist die Gemeinschaft oder der Zusammenhalt der Apostel unter solchen Umständen (vgl. Apg. 2, 42)! » Und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus« (V. 3). Bald sollte die Hand des letzten Apostels aufhören zu schreiben. Aber selbst wenn er bis heute geblieben wäre, hätte der Apostel etwas Tröstlicheres oder Ermutigenderes schreiben können, als daß die Gemeinschaft der Apostel, die am Pfingsttag begann, noch besteht? Ja, noch mehr, daß die Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesus Christus bleibt, die wir aufgrund des ewigen Lebens, das im Sohne ist, durch Glauben genießen dürfen. Der ausdrückliche Zweck dieser göttlichen Mitteilung ist somit, uns in die gleiche Gemeinschaft einzuführen, wie sie die Apostel mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesus Christus genossen, und die gnädige Absicht, unsere Herzen dadurch mit Freude zu erfüllen. Wenn solche Segnungen dazu nicht in der Lage wären, was dann? Gibt es eine andere Gabe, die unsere Herzen mit so unvergleichlicher Freude erfüllen könnte, als die, das in dem Herrn Jesus geoffenbarte ewige Leben als die neue, göttliche Natur in uns zu besitzen und so Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne zu haben? Das erfüllt uns mit einer Freude, die in ihrem Ursprung und Wesen göttlich ist. Laßt uns daher die Gnade und Wahrheit in Christus, wie sie uns als Grundprinzip und Leitgedanke in der Einleitung dieses Briefes dargestellt werden, mit der gebührenden Ehrfurcht betrachten.

In wenigen Worten wird hier die zentrale Wahrheit des Chri­stentums aufgezeigt. In dunkelster Stunde, wenn Satan es wie nie zuvor darauf anlegt, die Person Christi anzugreifen, ist es ihr besonderes Ziel, die Gläubigen mit Gottes eigener Freude zu erfüllen.

 

Wir finden hier keinen Aufruf zur Wachsamkeit durch eine ausführliche Aufklärung über die verschiedenen Irrlehren und ihre verderblichen Auswirkungen. Ebensowenig werden die Die­ner Gottes aufgefordert, ihre Kräfte einzusetzen, um allen Natio­nen das Evangelium zu predigen. Auch finden wir hier keine Enthüllungen über die Drangsale, die der Christenheit sowie der Welt im allgemeinen bevorstehen, und der danach folgenden Herrlichkeiten. Diese Dinge ‑ nicht das, »was ist«, sondern die kommenden Gerichte ‑ sind ausführlich in der Offenbarung beschrieben. Den alttestamentlichen Propheten wurden Dinge mitgeteilt, die, wie sie erfuhren, nicht für sie selbst, sondern für uns bestimmt waren (l. Petr. 1, 12). Gleichermaßen werden auch die Gläubigen in der Zeit nach der Entrückung der Versammlung den Geist der Weissagung als das Zeugnis Jesu haben (vergl. Offb. 19, 10). Das ist eine bemerkenswerte Bezeichnung für den Heili­gen Geist. Er ist dann nicht mehr als die Kraft der gegenwärtigen Gemeinschaft anwesend, sondern, wie in früheren Zeiten, als Geist »der Weissagung«, indem Er die Gläubigen auf die Zukunft hinweist, auf die Ankunft Jesu in Macht und Herrlichkeit.

 

Im Gegensatz dazu steht die Tätigkeit des Heiligen Geistes in der jetzigen Zeit. Was geoffenbart ist, ist uns geoffenbart; und was uns geoffenbart ist, soll dazu dienen, daß wir Gott im Geiste erkennen und die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne genießen. Die Kinder Gottes sollen auch in der schweren Zeit diese Dinge nicht nur kennen, sondern in vollem Umfang genie­ßen. Alles, was uns geoffenbart ist, soll wie ständige Segensströme in unsere Herzen fließen. Der einzige richtige Anfang ist die Wiedergeburt und die Sündenvergebung durch Christus und Sein Werk. Denn wir lernen Gott kennen, wenn Sein Geist das Gewissen erweckt. Wir entsprechen Gottes Gedanken über uns aber keineswegs, wenn wir dabei stehenbleiben, auch wenn wir großen Eifer bei der Verbreitung des Evangeliums an den Tag legen. Nachdem wir das ewige Leben empfangen haben, sollen wir durch Christus in die Gemeinschaft eingeführt werden, die uns, wie hier so klar dargestellt, mit Freude erfüllen soll. Von Natur sind wir sündige Geschöpfe, die blindlings dem Gericht entgegen­ gehen. Durch die Annahme des Herrn Jesus werden wir aber aus Gott geboren, und als solche, die auf dem Erlösungswerk ruhen, empfangen wir die Gabe des Heiligen Geistes als Salbung und Versiegelung.

 

Durch das neue Leben erhalten wir die Fähigkeit und durch den Geist die Kraft, auch den Vater zu erkennen, nachdem wir den Sohn angenommen haben. Durch den Willen und das Wort Gottes empfangen wir die volle und glückliche Gewißheit, daß der Genuß dieser Gemeinschaft unser herrliches Vorrecht ist.

 

Laßt uns nicht auf diejenigen hören, die meinen, daß solche Segnungen für uns jetzt auf der Erde unerreichbar seien! Er, der für den heimkehrenden Sohn das beste Kleid bereithielt, möchte, daß du als Sein Kind die Gemeinschaft mit Ihm und Seinem Sohne genießt. Das ist allerdings etwas, wozu die menschliche Natur unfähig ist. Dieses Vorrecht ist für solche, die Teilhaber der göttlichen Natur geworden sind. Seine Quelle ist die Liebe des Vaters und des Sohnes, und die Kraft dazu der vom Himmel gesandte Heilige Geist, der für immer in uns ist und bei uns bleibt. Es ist daher für den Christen von besonderer Bedeutung, und das um so mehr, als das heutige christliche Bekenntnis nach außen hin voll von Irrtum und Bösem ist. Wer den Vater und den Sohn leugnet, wird diese Gemeinschaft zweifellos als Fabel und Täu­schung hinstellen. Aber warum solltest du, als Christ, deshalb auf das dir zugedachte Teil verzichten?

 

Alle Kinder Gottes, selbst die Kindlein ‑ oder »Säuglinge« ‑ der Familie Gottes, haben in ihrem Maße ebenso teil an diesen Segnungen wie die Kräftigeren und Gereiften. Daher werden auch die »Säuglinge« aufgefordert, in diese Gemeinschaft einzu­treten und sie völlig zu genießen. Auf welcher Grundlage? Das ewige Leben in Christus ist die Grundlage dafür. Kostbar ist die Rechtfertigung aus Glauben, das Bewußtsein der Errettung, wenn die Frage der Sünden und der Sünde vor Gott geordnet ist. Aber die Wahrheit, die uns hier so eindrücklich vor Augen gestellt wird, ist die positive Seite, das ewige Leben. Der Apostel Paulus hat wie kein anderer sowohl die persönliche Rechtfertigung des einzelnen Gläubigen wie die Teilhaberschaft an dem einen Leibe des Christus und die damit verbundenen himmlischen Vorrechte bezeugt. Dem Apostel Johannes oblag es, in den Tagen des Verfalls das ewige Leben in einer Weise darzulegen, wie es selbst der große Apostel der Nationen nicht in solcher Fülle getan hat.

 

Was ist die Quelle der Freude, die der Geist Gottes uns hier vor Augen stellt? Was ist die Grundlage und das Wesen dieser Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne, zu der wir berufen sind? Welches ist der Zugang zu dieser göttlichen Freude? ‑ Was bewirkt in dem Christen den Haß gegenüber dem Bösen und die Liebe zum Guten gemäß den Gedanken Gottes? Wodurch werden seine Zweifel und Befürchtungen für immer zerstreut? Weshalb kann er mit vollem Vertrauen dem Vater nahen und sich im Sohne erfreuen? Das alles wäre unmöglich ohne den Glauben an das Sühnungswerk des Heilandes, aber die wahre Befähigung hierzu ist das Leben, das ewige Leben, das Leben Christi.

 

Betrachten wir jedoch die Kinder Gottes, so sehen wir ein unterschiedliches Maß an geistlichem Leben. Könnten wir die Schar aller Gotteskinder überblicken, so würden wir bei jedem einzelnen ein anderes Maß feststellen. Unser geistliches Leben offenbart sich, was seine Äußerungen betrifft, in ebenso verschie­dener Weise wie unser natürliches Leben. Selbstverständlich ist es bei allen dasselbe Leben, aber durch eine Vermengung mit dem alten Leben, die ja eigentlich nicht stattfinden sollte, werden diese Unterschiede hervorgerufen. Bei dem einen mag vielleicht etwas mehr von dem neuen Leben sichtbar sein als bei einem anderen, aber unmöglich kann uns ein so wechselhaftes Bild befriedigen. Nur bei Christus, der das ewige Leben selbst ist, findet es seinen wahren Ausdruck, ohne die geringste Beimischung oder irgendei­nen Schatten. Nur wenn wir den Herrn Jesus betrachten, wie Er uns in den Evangelien vorgestellt wird, sehen wir das Leben in seiner ganzen Vollkommenheit. Da erblicken wir Gerechtigkeit und Gnade; erhabene Würde und Unterordnung; Ernst und Zartheit; glühenden Eifer und Demut des Herzens; Reinheit in Sich Selbst und Mitleid für andere; Liebe zu Seinem Vater, zu den Gläubigen und zu den Sündern. Wir erblicken den gehorsamen Menschen und zugleich das Wort und den Sohn Gottes. Alles das, was durch den Vorhang Seines Fleisches hindurch erstrahlte, war das ewige Leben; und nur in Ihm kann die Fülle dieses Lebens geschaut werden.

 

Wenn wir dieses Leben im Sohne besitzen, was wäre dann von größerer Bedeutung, als klar und in allen möglichen Umständen zu erkennen, wie dieses Leben wirklich beschaffen ist? Es ist ja unser Leben und zugleich unsere Lebensregel. Auch hat der Heilige Geist es uns mit einer Ausführlichkeit veranschaulicht, die in der Heiligen Schrift ohnegleichen ist. Durch das Wort Gottes wollte Er uns die vollständigste Einsicht in das schenken, was die Wonne des Vaters war. Wir sollten gemeinschaftlich die Freude genießen, daß dies unser wirkliches neues Leben ist, zugleich aber auch ein beständiges Vorbild und eine Richtlinie für unser Selbst­gericht. Einerseits soll die Freude völlig werden, andererseits sollen wir im Bewußtsein unserer eigenen Unzulänglichkeit in unseren eigenen Augen nichts sein. Das ist es, was der Christ von seiten Gottes benötigt; und das ist es, was Er als unser Vater uns in Christus bereitet hat.

 

Welche Unterweisungen empfangen wir, wenn wir Ihn als Denjenigen betrachten, der Knechtsgestalt annahm ‑ ein bestän­diger Wohlgeruch für den Vater! Niemals hat Sein Gehorsam versagt. Es war ein bedingungsloser Gehorsam gegenüber Seinem Vater, der sich in jedem Wort und Werk, ob groß oder klein, offenbarte. »Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt. « Kraft und Macht hatten auch andere; aber wer außer Ihm hat nie seinen eigenen, sondern immer den Willen des Vaters getan? Ob in Leiden, Verachtung, Verleumdung, die das Herz erforschen ‑stets erniedrigte der Herr der Herrlichkeit Sich in Seiner Sanftmut bis zum Äußersten. Obwohl Er den Schmerz tief empfand, der Ihm durch den Unglauben des Volkes bereitet wurde, wandte Er Sich in derselben Stunde mit Dank und völliger Unterwürfigkeit an Seinen Vater. Wenn das erwählte, aber stolze Volk Ihn in seiner Blindheit ablehnte, so eröffnete die Gnade den Unmündi­gen das, was den selbstzufriedenen Weisen und Verständigen verborgen blieb. In solchen Szenen sehen wir die Tätigkeit und Darstellung des ewigen Lebens. Wenn alles einzeln aufgezeichnet würde, wie es sich gebührte, so könnte selbst die Welt die geschriebenen Bücher nicht fassen, wie der Apostel Johannes uns am Ende seines Evangeliums sagt. Die Bibel enthält die vom Geist Gottes getroffene Auswahl. Kein anderer wäre dazu in der Lage gewesen. Er reicht uns darin die Speise Gottes als unsere Speise dar; denn unsere Gemeinschaft besteht darin, daß wir Anteil an dem haben dürfen, was der Vater im Sohn und der Sohn im Vater gefunden hat. Das ist nicht nur das Teil der Apostel, sondern des einzelnen Christen und der Familie Gottes.

 

Denken wir einmal an Mose, der einen ganz besonderen Platz im Blick auf Israels Erlösung und die Gesetzgebung sowie als Schreiber des Pentateuch (der fünf Bücher Mose) einnahm. Wie wenig wissen wir eigentlich über seine Person! Wie hielt er sich im Hintergrund, der der sanftmütigste unter allen Menschen war, bis Christus die Erde betrat. Aber was war Mose, wenn wir ihn mit Christus vergleichen?

 

Auch über Paulus, der unter den Aposteln und im Neuen Testament einen außergewöhnlichen Platz einnimmt, wissen wir nur wenig Persönliches. Wie viele haben schon gewünscht, mehr über ihn zu erfahren. Aber die besonders ausgeprägten Züge seiner Persönlichkeit ‑ wie auch des Petrus und Johannes, um die bekanntesten zu erwähnen ‑ zeigen den großen Unterschied zum Herrn, bei dem alle Charakterzüge in vollkommener Harmonie vorhanden waren. Bei den Aposteln stach manche Seite stark hervor, nicht so bei Ihm. Er war vollkommener Mensch für Gott, vollkommener Gott für den Menschen und zugleich ewiger Sohn innerhalb der Personen der Gottheit!

 

So ist das ewige Leben nicht lediglich der Messias, der als vollkommener Mensch kam, sondern das Wort und der Sohn Gottes in einem für Ihn bereiteten Leibe, obwohl Er der Sohn der Jungfrau war. In der Vereinigung von Gottheit und Menschheit in dem Herrn Jesus liegt das Wunder Seiner Person hier auf Erden und der Segen der Offenbarung des ewigen Lebens in Ihm beschlossen. Das ist das Wesen des neuen Lebens für den Gläubi­gen, für dich und mich. Wenn wir von Ihm im Wort der Wahrheit lesen, Ihn ehren, wie wir den Vater ehren, und in Ihm das finden, was in besonderer Weise unsere Liebe ‑ die Liebe jedes Christen ‑hervorruft, können wir dann, wenn Seine Gnade und Wahrheit unsere Herzen erleuchten, ausrufen: Das ist mein Leben! Das ist dein Leben, mein Bruder“? Dadurch haben wir Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesus Christus. Erfüllt dieses unvergleichliche Vorrecht unsere Herzen nicht mit unaussprechli­cher und verherrlichter Freude?

 

Wir sind gemeinsame Teilhaber an den Segnungen des ewigen Lebens durch den Glauben an Christus. Wir haben zunächst Gemeinschaft mit dem Vater, weil wir Seinen Sohn Jesus Christus besitzen. Der Sohn ist die Wonne des Vaters, und Er ist es auch für dich und für mich. Der Vater und Seine Kinder finden ihre völlige und gemeinsame Freude im Sohne. Der Vater hat uns den Sohn gesandt und gegeben; so besitzen wir nun den Sohn. Wer aber den Sohn hat, hat das Leben. Wir haben dieses wunderbare Leben, weil wir den Sohn haben. Der Sohn muß in Seiner anbetungswür­digen Person die Wonne derer sein, die ewiges Leben haben. Nur der Vater kennt den Sohn vollkommen, daher schätzt auch nur Er den Sohn so, wie es Ihm gebührt. Von uns wagen wir das nicht zu sagen, obwohl wir den Sohn haben, Ihn lieben und uns nach unserem Maß an Ihm durch den Geist Gottes erfreuen. Das ist Gemeinschaft mit dem Vater in dem Sohne Jesus Christus.

 

Aber wie haben wir Gemeinschaft mit Seinem Sohn? Wir haben sie in dem Vater, der sowohl Sein Vater wie auch unser Vater ist.

Der Sohn stand als solcher in ewiger Beziehung zu dem Vater. In Übereinstimmung mit dem Wille ' n und der Gnade des Vaters gefiel es Ihm, Ihn uns als unseren Vater bekanntzumachen (vergl. Joh. 20, 17). Es war Ihm nicht genug, uns den Vater zu zeigen. Das hätte zwar dem Apostel Philippus genügt, nicht aber der Liebe Gottes. Gott wollte unser Vater sein und uns als Seine Kinder besitzen. Solche sind wir nun geworden und haben daher durch die Gnade Gemeinschaft mit dem Sohn, während der Vater Ihn als Sohn in den Rechten der Gottheit hat.

 

Wir haben somit Gemeinschaft mit dem Vater im Besitz des Sohnes und mit dem Sohn im Besitz des Vaters. Sollte unsere Freude da nicht völlig sein? Im Vergleich dazu treten selbst der Himmel und die ewige Herrlichkeit zurück, obwohl auch diese unser Teil sind. Wenn wir von einer solchen Gemeinschaft wüßten, sie aber nicht besäßen, wie könnte unsere Freude dann so voll sein, wie sie es jetzt ist? Um diese Gemeinschaft zu besitzen, brauchen wir nicht zu warten, bis wir abscheiden, um bei Christus zu sein, oder gar bis zur Umgestaltung unserer Leiber in Sein Bild bei Seiner Ankunft. Nur der Unglaube kann ein Kind Gottes darin hindern, sie jetzt und hier auf der Erde zu genießen. Der Heilige Geist ist jedem einzelnen von uns persönlich gegeben worden, damit Seine göttliche Kraft diese Gemeinschaft in uns bewirken möge. Der Sohn kam auf diese Erde hernieder, sonst könnten wir diese Gemeinschaft ‑ wenn überhaupt ‑ nicht in der Form haben, wie es jetzt der Fall ist. Der Apostel beginnt seine Belehrungen mit der Tatsache, daß der Herr zu diesem Zweck auf die Erde kam und damit die Grundlage zur göttlichen Gemeinschaft im ewigen Leben gelegt hat. Nur mittels des ewigen Lebens können wir diese Gemeinschaft als unser Teil besitzen. Ohne das ewige Leben wäre sie unmöglich, denn mit dem Fleisch kann es keine göttliche Gemeinschaft geben. Deshalb bezeugte der Herr wiederholt, daß der gegenwärtige, bewußte Besitz des ewigen Lebens die Grund­lage des Christentums und dieser Gemeinschaft ist ‑ dieser Gemeinschaft als der reichsten Gabe aufgrund des ewigen Lebens, das in Ihm ist und das Er uns mitgeteilt hat.

 

Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: daß Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist. Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber in dem Lichte wandeln, wie e r in dem Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde. Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

 

1. Johannes 1, 5‑10

 

Wir haben bereits gesehen, daß uns die ersten Verse die Offenbarung Gottes, und zwar hier insbesondere die des Vaters in Seinem Sohne, dem Menschen Christus Jesus, dem Wort des Lebens, vor Augen stellen. Mit besonderer Sorgfalt wird die überragende Bedeutung der Tatsache festgestellt, daß in Seiner Person Sein unumschränkt anerkanntes Gott‑Sein mit wahrem Mensch‑Sein vereint wurde. Nur so konnte Seine Gnade geoffen­bart und die notwendige, vollständige Grundlage für alles gelegt werden, dessen wir uns nun in Christus rühmen können. Das ist wahres Christentum von seiner positiven Seite aus gesehen. Denn wir haben bisher noch nicht die Notwendigkeit erwähnt, daß Er unsere Sünden tragen und Gott unseretwegen die Sünde im Fleische verurteilen mußte. Die Gegenüberstellung dieser beiden Seiten sollte uns beeindrucken.

 

Wohl jeder Christ würde, wenn er etwas über das Christentum schreiben wollte, als Ausgangspunkt den schuldigen und verlore­nen Sünder nehmen. Wie unermeßlich segensreicher ist es aber, mit Christus in der Fülle Seiner Gnade zu beginnen, wie es der Geist Gottes hier tut! Seine Absicht ist hier nicht, verlorenen Sündern zu zeigen, wie sie in Gottes Augen gerechtfertigt werden können. Der Brief richtet sich an die Kinder Gottes, auf daß ihre Freude völlig werde. Und welche Freude könnte größer sein als diejenige, die Gott uns in Christus bereitet hat? Christus wird in diesem außergewöhnlichen Schriftteil ganz deutlich als die Offenbarung des ewigen Lebens dargestellt. Er wird »das ewige Leben, welches bei dem Vater war« genannt und vorher »das Wort des Lebens«, weil Er es den Seinigen darstellte und mitteilte, damit auch sie in Ihm Leben hätten.

 

Das ist die Grundlage für das wunderbare Vorrecht, von welchem hier die Rede ist: » Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus.« Diese Gemeinschaft kann nur verwirklicht werden, wenn wir Christus als unser Leben besitzen. Von solch großer Wichtigkeit ist also der gegenwärtige Besitz des ewigen Lebens durch den Glauben! Dieses Leben befindet sich ohne Frage in Christus, aber es ist das Leben, das uns jetzt bereits zuteil geworden ist. Wer diese Wahrheit leugnen oder auch nur abschwächen wollte, würde der Wirksamkeit des Feindes auf versteckte, aber wirksame Weise Vorschub leisten.

 

Doch die Gnade, diese Quelle unserer Freude, ist noch nicht alles. Wir dürfen niemals die Tatsache aus dem Auge verlieren, daß unser Vater zugleich Gott ist, und daß, wenn auch die Gnade überströmend ist, die Wahrheit über Sein Wesen, über Seine Heiligkeit unmittelbare Auswirkungen auf unsere Seele hat. Was sind wir denn in uns selbst? Höchstens ein tönendes Erz oder eine schallende Zimbel! Diese »Botschaft« kann nicht von der »Offen­barung« Gottes im Menschen in der Person Christi getrennt werden, die uns in die Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne versetzt. Zweifellos können wir weder die aus dieser Gemeinschaft hervorströmende Freude noch auch das ewige Leben, das ihre Grundlage bildet, besitzen, ohne an der Natur Gottes in sittlicher Hinsicht teilzuhaben. Die Gnade und die Wahrheit sind durch Christus geworden. Die Wahrheit ist, daß Er ein Gott ist, der Seinen Abscheu gegenüber der Sünde bezeugt, und dies jetzt, da Er von uns als Vater gekannt ist, in unvergleich­lich stärkerem Maße, als da Er von Seinem irdischen Volk als Jehova angebetet wurde.

 

Einst wohnte Gott in dichter Finsternis. Schon damals offen­barte Er Seine Güte, Seine Gerechtigkeit, Seine Macht in Seinen Regierungswegen, Seine Barmherzigkeit und Langmut. Er gab Verheißungen des Segens und herrliche Hoffnungen, die Er auch gewißlich erfüllen wird, wenn die Zeit gekommen ist. Denn Jehova ist der ewige Gott Israels, der die den Vätern gegebenen Verheißungen an den Kindern erfüllen wird. Aber ehe dieser Tag auf der Erde anbricht, ja sogar ehe das Christentum kommen konnte, mußte sich die vollständige Verderbtheit der Juden und der ganzen Welt, die beide Christus verworfen haben, zeigen. Was könnte ein deutlicherer Beweis dieses Verderbens sein als die Tatsache, daß Juden und Nationen gemeinsam den Herrn Jesus ermordet haben? Der Mensch tat damit Gott, der in der Person Christi gegenwärtig war, aus Seiner eigenen Welt hinaus. Er bewies dabei seinen tiefsten Haß und seine Verachtung, indem er ihm ins Angesicht spie und Ihn an das Kreuz nagelte. Das war das Wesen dieser Welt, der Welt von ihrer besten Seite aus betrachtet! Nicht in erster Linie das Wesen Roms oder Babylons, der »goldenen Stadt« der Chaldäer, sondern das Jerusalems. »Jerusa­lern, Jerusalem, die da tötet die Propheten«, nun hast du deinen eigenen Messias, den Gesalbten Jehovas, gekreuzigt!

 

Damit hatte der Mensch den überwältigenden Beweis erbracht, daß in ihm nichts Gutes wohnt. Gerade das Volk, das die höchsten religiösen Vorrechte des natürlichen Menschen besaß, hat diese durch seinen Unglauben in das Gegenteil verkehrt und damit die größte Schuld auf sich geladen. Trotz dieser Tatsache sollte nun aber allen Nationen im Namen Jesu Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden, »anfangend von Jerusalem«. Wie unergründlich ist doch Gottes Gnade gegenüber denen, die nur das schwerste Gericht verdient hatten! Seine Gnade beschränkt sich nicht auf die engen Grenzen Israels, sondern ergießt sich nun nach allen Seiten zu jeder Nation, jedem Land und jeder Sprache. Gott will Seine himmlische Wohnung mit Gästen füllen auf der Grundlage des ewigen Lebens, das von nun an verkündet werden sollte. Das ewige Leben war in der Person Jesu auf der Erde gegenwärtig gewesen, aber wie wenige hatten es erkannt! Selbst diejenigen, die es kannten, erkannten es nur in sehr unvollkom­menem Maße. Nun aber, da der Verfall der Versammlung in jeder Hinsicht schon zutage trat (wenn der Verfall auch noch nicht in der großen Weise wie heute, sondern auf eine verdeckte, aber unleug­bare Art sichtbar war), wurde das ewige Leben klar und deutlich verkündet. Schon zeigte das Böse seine schlimmsten Triebe. Alles, was sich später an Bösem entwickelte, war im Keim bereits vorhanden, ehe die Apostel entschliefen. Aus diesem Grunde wurde dieser segensreiche Brief des Johannes geschrieben, um die Herzen aller Treuen in der Gnade und der Wahrheit zu befestigen. Sie sollten die Gewißheit haben, daß Christus unverändert und unveränderlich Derselbe bleibt, wie groß auch das Versagen gegenüber der Verantwortung war und wie schnell auch der Niedergang einsetzen mochte. Er, der »von Anfang war«, wird den Glauben nie beschämen; groß aber wird die Schande derer sein, die Seinen Namen verunehren, sowie das Verderben der Abtrünnigen. Denn es ist eine ernste und gefährliche Sache, die Person Christi leichtfertig zu behandeln. Wie traurig, wenn ein Christ so gleichgültig sein oder sich so irreführen lassen kann, daß er derartigem Bösen Vorschub leistet!

 

Mit der Offenbarung der vollkommenen Gnade ist die Bot­schaft der Heiligkeit untrennbar verbunden. Beide zusammen entsprechen dem Charakter Gottes und sind notwendig für die Gläubigen. Wie lautet die Botschaft? » Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben« ‑ nämlich von Christus selbst, nicht »über (peri) ihn«, sondern »von (apo) Ihm« ‑ »und euch verkündi­gen (eigentlich: berichten): daß Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist. « Wie wir sehen, ist diese Botschaft etwas anderes als die Offenbarung, bei der es sich um das »Wort des Lebens«, die unvermischte Gnade Gottes in Christus, handelt. Hier heißt es nicht »betreffend (das Wort des Lebens)«, sondern »von Ihm«; es ist nicht eine Offenbarung Seiner Liebe, sondern eine Botschaft, die sich gegen die Sünde wendet.

 

Übrigens begegnen wir hier zum erstenmal der Gewohnheit des Apostels, in einem Fürwort Gott mit der Person Christi, der ja ebenfalls Gott ist, zu verbinden. Nachdem er erst von Christus gesprochen hat, erwähnt er dann die Botschaft von »Ihm«. Damit deutet er eigentlich auf Gott hin, obwohl er vorher gerade von Christus gesprochen hatte. Solch ein plötzlicher Wechsel bringt viele Ausleger in Verwirrung. Es handelt sich aber um keinen Makel im Stil, sondern um eine besondere Schönheit des Wortes Gottes.

 

Diese Botschaft bringt Gott in Seinem Charakter als Licht (das ja ebenfalls in Christus geoffenbart war) in Beziehung zu unserer Stellung und unserem Zustand. Es ist nur begreiflich, wenn die heidnischen Griechen »Chaos« zum Erzeuger von »Erebos« (Fin­sternis, Unterwelt) und »Nyx« (Nacht) machten. Viele ihrer Götter wurden in ihrem Wesen durch Finsternis gekennzeichnet. Moralische Finsternis charakterisierte sie alle. Es waren Gotthei­ten des Düsteren, der Lust und der Lüge. Aber wie anders ist unser Gott! In Ihm ist »gar keine Finsternis«. Dies klar zu bezeugen in Wesen, Grundsatz und Wirklichkeit ist ein besonde­res Vorrecht des Christentums. Selbst im Judentum war diese Eigenschaft Gottes nur zum Teil geoffenbart, denn Gott wohnte im undurchdringlichen Dunkel. Jedem Menschen, der sich anmaßte, Ihm zu nahen oder auf irgendeine Weise Sein Gesetz zu brechen, wurde der Tod angedroht. Doch hat das Gesetz nichts zur Vollendung gebracht (Hebr. 7, 19). Wir dürfen heute ohne Einschränkung sagen, daß Gott Licht ist. Er hat Seine Liebe vollkommen unter Beweis gestellt. Was könnte mit Seiner in Christus geoffenbarten Gnade, die wir in den vorigen Versen gesehen haben, verglichen werden? Gott ist aber auch Licht. Wir alle wissen, wie man sich an den Ausspruch gewöhnt hat, daß Gott Liebe ist. Ja, man geht sogar soweit zu behaupten, daß die Liebe Gott ist. Aber wie selten hören wir die Botschaft, daß Gott auch Licht ist! Der Mensch machte auf dem Gipfel seiner Torheit aus Gott ein bloßes Idol. Wenn es wahr ist, daß Gott Liebe ist, dann ist Er aber viel mehr als nur Liebe. »Licht« ist wie ein Wort in Flammenschrift, das die innewohnende absolute Reinheit des göttlichen Wesens zum Ausdruck bringt, während »Liebe« von der unumschränkten Tätigkeit Gottes im Blick auf andere wie auch in Sich Selbst spricht. Nie muß bei Gott das Licht hinter der Liebe zurückstehen. Eine solche Annahme wäre tatsächlich ein großer Verlust für Seine Kinder. Dies ist aber ebenso unwahr wie unmöglich. Weil »Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist«, kann Er keine Finsternis in den Seinigen dulden, die freien Zutritt zu Seiner Gegenwart und Gemeinschaft haben. Was könnte Christus und Seiner Lehre mehr entgegengesetzt sein? An anderer Stelle lesen wir, daß wir einst Finsternis waren, jetzt aber Kinder des Lichts sind. Johannes brauchte das nicht mehr zu erwähnen, da der Apostel Paulus diese Belehrung bereits nieder­geschrieben hatte.

 

Aber was Johannes nun schreibt, ist ebenfalls von größter Bedeutung. Er berührt nämlich einige große Widersprüche inner­halb der Christenheit, die mit wahrem Christentum unvereinbar sind. In den Versen 6‑10 heißt es dreimal » Wenn wir sagen«, und dabei handelt es sich jedesmal um äußerst wichtige Dinge. ‑»Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. « Was kann in krasserem Widerspruch zum wahren Wesen des Christentums stehen? Man sagt etwas, ohne es auch zu tun. Eine solche Unaufrichtigkeit war schon unter dem Volke Israel schlimm genug. Wie traurig aber, wenn dies bei uns gefunden wird, die wir durch das Wort der Wahrheit wieder gezeugt sind und denen das Licht und die Liebe so vollkommen geoffenbart wurden!

 

» Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben ... « In diesem und den nächsten beiden Fällen wird das Wort »wir« in einem allgemeinen Sinn gebraucht, während es in vielen anderen Schriftstellen nur die Gläubigen einschließt. Wir können daraus lernen, wie falsch es ist, aus dem gelegentlichen Gebrauch eines Wortes in einem bestimmten Sinn eine feste Regel ableiten zu wollen. Wie ich selber feststellen konnte, halten viele es für eine selbstverständliche Tatsache, daß der Ausdruck »wir« in der Schrift stets die Familie Gottes andeutet. Dies trifft zwar häufig, ja sogar gewöhnlich zu, aber eben doch nicht in allen Fällen. Mit den Worten »in ihm leben und weben und sind wir« (Apg. 17, 28) meinte der Apostel Paulus sowohl die gesamte Menschheit wie auch die heidnischen Athener, zu denen er redete. Es ist ein göttlicher Grundsatz, nach dem Gott mit den Menschen entspre­chend ihrem Bekenntnis handelt. Der Apostel Johannes zeigt hier das Abweichen von der Wahrheit, das bereits damals begann und sich heute durch die gesamte Christenheit hin ausbreitet. Im Christentum ist es viel leichter, ein bloßer Bekenner zu sein, als im Judentum. Man mußte normalerweise ein Jude sein, um als ein solcher anerkannt zu werden, da es sich ja um äußerliche Merk­male handelte. Dagegen kann jemand, der kein wahrer Christ ist, den Schein, ein solcher zu sein, lange aufrecht erhalten. Er kann sogar, ohne ein Betrüger zu sein, sich selbst betrügen, indem er meint, ein Christ zu sein. Die Botschaft des Apostels sollte daher gerade in dieser Situation ein Prüfstein für das sich ausbreitende christliche Bekenntnis sein. Da sie alle den Namen des Herrn bekannten, verwendet der Apostel weiterhin den Ausdruck »wir«, obwohl der Zustand von vielen die Echtheit ihres Bekennt­nisses vor Gott äußerst fraglich erscheinen ließ.

 

Wir benötigen also zur rechten Auslegung des Wortes die Leitung des Heiligen Geistes. Ebenso wichtig ist es, ein Wort in seinem Zusammenhang zu sehen, denn dadurch wird die Bedeu­tung meistens schon von selbst klar. Das ist für unsere Seelen viel dienlicher und gereicht mehr zur Verherrlichung Gottes, als wenn dieses Wort fachgerecht definiert würde. Auch handelt Gott mit uns als mit Söhnen, denn wenn wir uns als Christen im rechten Zustand befinden, sind wir »Erwachsene« geworden und haben Fortschritte gemacht. Wir sind dann keine »ABC‑Schützen« mehr, die gerade das Buchstabieren gelernt haben, sondern wir vermögen durch die Gnade das Wort mit Verständnis zu lesen, wenn wir in der Erkenntnis Gottes und Seiner Wege gewachsen sind. Gott sucht echten Fortschritt bei uns. Wie betrübend ist es daher, daß viele Christen ihr Leben lang bei den einfachsten Grundbegriffen stehenbleiben und sich mit der Hoffnung zufrie­dengeben, daß ihre Sünden vergeben sind oder doch einst verge­ben werden!

 

Wenn eine Seele sich mit dem ersten Geschenk der Gnade Gottes, der Sündenvergebung, zufrieden gibt, besteht nur zu oft Anlaß zu der Befürchtung, daß sie einer ernsten Selbsttäuschung unterliegt. Das Evangelium verkündet die Vergebung der Sün­den, und der Glaube stützt sich auf Gottes Wort und nimmt sie an. Ruhen wir nun auf dem Erlösungswerk Christi, so empfangen wir ewiges Leben und die Gabe des Heiligen Geistes, der uns befä­higt, die Liebe des Vaters zu genießen. Wenn wir aber Leben haben von dem Leben, welches Christus ist, wie sollte sich dann nicht ein Wachstum am inneren Menschen zeigen, das nicht nur in äußerlichem Dienst, sondern in der Gnade und der Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus sichtbar wird? Alle neutestamentlichen Briefe späteren Datums machen auf diese ernste, Frage aufmerksam. Aber, soweit ich mir ein Urteil erlau­ben darf, beschäftigt sich keiner in so tiefgründiger Weise mit dieser Frage wie der Apostel Johannes, und zwar ganz besonders in dem uns vorliegenden Brief.

 

»Wenn wir sagen« ... (wie oft machen wir nur leere Worte!) »wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben«, so kann das nur die Frucht der Annahme Christi und der Gabe des Lebens in Ihm sein. Das ewige Leben ist die Grundlage wahrer Gemein­schaft mit dem Vater und dem Sohne. Der Genuß dieser Gemein­schaft führt notwendigerweise dazu, daß unsere Seelen die darin verborgene Kraft für unseren Wandel, unsere Anbetung und unseren Umgang mit dem lebendigen Gott als unserem Vater und mit Seinem Sohne erkennen und schätzen lernen. »Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben«, das bedeutet, daß wir durch die Gnade in das neue Verhältnis zu Gott eingetreten sind und Anteil an Seiner Natur, Seinen Gedanken und Seinen Zuneigungen haben. Das ist etwas unendlich Großes, und wir benötigen Seine Gnade, um sowohl im Licht als auch in der Liebe Gottes zu stehen. Es handelt sich hier um Gott, während in Verbindung mit der vollen Offenbarung der Gnade der Name des Vaters genannt wurde. ‑ » Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis«, so wäre das eine klare Widerlegung unserer Behauptung. Der Wandel in der Finsternis entspricht dem Tun des Weltmenschen; eine solche Beschreibung trifft auf jemand zu, der keine Wiedergeburt erlebt hat. Das geht beträchtlich weiter, als wenn jemand in Sünde oder in einen unglücklichen Seelenzustand geraten ist. So deuteten die Puritaner diese Stelle. Sie waren ganz gewiß gottesfürchtige, ehrenwerte Leute, aber leider in ihren Auffassungen sehr einseitig; das Alte Testament lag ihnen mehr als das Neue. Sie standen unter dem Gesetz, und das Gesetz trübt immer das geistliche Unterscheidungsvermögen. Nur die Gnade macht das Herz weit und läßt uns ‑ unter der Leitung des Geistes ‑ Gottes himmlische Ratschlüsse und Seine Wege mit der Erde verstehen. Den Purita­nern fehlte dafür die Einsicht; sie gerieten in jene Selbstbeschäfti­gung, die unausbleiblich ist, wenn ein Gläubiger sich unter das Gesetz stellt. Die hier beschriebenen Menschen hatten sich nie im Lichte Gottes gerichtet. Sie waren wahrscheinlich getauft und so in die Gemeinschaft der Versammlung aufgenommen worden, ohne sich offensichtlich weitere Gedanken zu machen. Der Fehler lag nicht bei dem guten Samen, sondern bei dem unfruchtbaren Boden. Wenn auch das Wort sogleich mit Freuden aufgenommen wird, so sagt der Herr doch von solchen: »Er hat aber keine Wurzel«, weil keine göttliche Wirksamkeit im Gewissen stattge­funden hat. Solche Menschen glauben vielleicht eine Zeitlang auf menschliche Weise, aber sie fallen entweder in Zeiten der Versu­chung ab, oder, falls sie länger mitgehen, sind sie doch lebendig tot. Weil sie aber den Namen des Herrn bekannt hatten, waren sie zur Vergebung der Sünden mit Wasser getauft worden und hatten sich den Christen beigesellt. War das nicht genug? Weitere Seelenübungen kannten sie nicht, und es konnte auch nichts weiteres Gutes über sie gesagt werden. Selbst in den Tagen des Johannes gab es also bereits solche, die in der Finsternis wandel­ten, aber trotzdem behaupteten, Gemeinschaft mit Gott zu haben ‑ denn das ist ja wirklich das Teil des Christen. Das eigentliche Bekenntnis eines Christen hat jedoch zum Inhalt, daß wir von Sünden, vom alten Menschen und von der Macht Satans befreit sind; daß wir die Finsternis hinter uns gelassen haben und bereits hier in Sein wunderbares Licht berufen sind. In diesem Lichte wandeln wir. Diese nicht wiedergeborenen Menschen behaupte­ten ebenfalls, daß sie Gemeinschaft mit Gott hätten, aber »wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit«. Weder die Taufe noch die Teilnahme am Abendmahl können das Geringste daran ändern. Sie waren nie wirklich erwacht und hatten bezüglich ihrer Sünden keinerlei Begegnung mit Gott in der Person Christi gehabt. Ihre Buße war ebenso fleischlich wie ihr Glaube. Ihr Gewissen war nicht einmal vor Gott in Tätigkeit getreten, es fehlte ihnen jedes wahre Verlangen nach der Gnade Gottes, wie es durch den Glauben hervorgerufen wird. Jede Beziehung ist mit einer entsprechenden Verantwortung verbunden. Diese Bekenner, die keine Täter waren, standen nicht nur unter der Verantwortung jedes Menschen bezüglich Sünde, Tod und Gericht, sondern unter einer viel größeren, weil sie sich zum Namen des Herrn bekannt hatten. Durch ihren Wandel in der Finsternis leugneten sie tatsächlich ihre Verantwortung, Christus, den zweiten Menschen und letzten Adam, in Wandel und Wort zu bezeugen. Sie konnten keinerlei Gemeinschaft mit Gott haben, geschweige denn mit dem Vater und mit Seinem Sohn, was der höchste Ausdruck christli­cher Gemeinschaft ist. Sie wandelten wirklich in der Finsternis, so als ob das Christentum nur ein Bekenntnis oder ein Dogma sei, das der menschliche Verstand auf natürliche, äußerliche Weise anerkennen und verstehen kann. Welch eine Blindheit gegenüber dem Worte Gottes! Finsternis ist unvereinbar mit ewigem Leben. Ewiges Leben heißt, daß wir den Vater, den allein wahren Gott, und Seinen Sohn, den Herrn Jesus Christus, den Er gesandt hat, erkennen. Wenn wir Ihn durch Gottes Unterweisung erkannt haben, so ist es allein göttliche Liebe, die uns in die Gemeinschaft mit beiden, mit dem Vater und mit dem Sohne, führt.

 

Hier jedoch waren Bekenner, die vorgaben, in dieser Gemein­schaft zu sein, die aber keine lebendigen Auswirkungen in ihrem täglichen Wandel, ihren Wegen und ihren Zielen auf Erden zeigten. Haben wir nicht schon viele sogenannte Christen dieser Art gesehen? Und ist das nicht eine Tatsache, die ernst zum Gewissen eines jedes Namenchristen reden sollte? Hast du, lieber Leser, selber bereits eine gründliche Begegnung mit der Wahrheit gehabt? Wenn Gottes Gnade die Seele erfaßt, dann nimmt diese die Wahrheit mit Freuden auf, ohne zweifelnde Fragen zu stellen und ohne vor den Kosten nach außen und nach innen zurückzu­schrecken. Im Lichte wandeln bedeutet, von nun an in der Gegenwart Gottes, der sich völlig geoffenbart hat, zu wandeln; wir befinden uns jetzt ständig bei Ihm im Licht. Zwar können wir fallen, und wer wollte die Unbeständigkeit seines Wandels im Lichte leugnen? Aber das ist eine andere Sache. Es heißt hier nämlich nicht, wie es manchmal fälschlicherweise ausgelegt wird: »Wenn wir in Übereinstimmung mit dem Lichte wandeln.« Das konnte nur von Einem in Vollkommenheit gesagt werden. Als man Ihn fragte: »Wer bist Du?« konnte nur Er antworten: »Durchaus das, was Ich auch zu euch rede« (Joh. 8, 25). Der Heiland, der Gottes Sohn und zugleich Mensch war, wandelte in völliger Übereinstimmung mit dem Licht. Er war ja selbst das Licht, das wahrhaftige Licht, das ewige Leben.

 

Doch auch wir, die Glaubenden, sind aus der Finsternis in jenes wunderbare Licht gebracht worden. Das darf bei jedem aufrichti­gen Christen vorausgesetzt werden. Wenn wir nun in dieses Licht gebracht sind, wird Gott uns dann des Lichtes wieder berauben, wenn und weil wir versagen? Keinesfalls, denn wir wandeln darin und empfangen in Ihm das Licht des Lebens, um nicht in der Finsternis zu wandeln. Wenn wir nicht wachsam sind, können wir Dinge tun, die Seiner unwürdig sind. Wir können vorübergehend in falsche Grundsätze oder in ein falsches Verhalten hineingezo­gen werden. Aber nichts derartiges kann uns dieses Licht nehmen und uns in die Finsternis zurückstoßen. Wer wirklich aus der Finsternis herausgeführt wurde, wandelt im Licht. Es kann nur der Genuß der Gemeinschaft eine Zeitlang verlorengehen und dann eine Wiederherstellung notwendig werden (auf welche Weise werden wir später sehen). Hier handelt es sich aber um bekennende Christen, die behaupteten, Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne, mit Gott Selbst, zu haben, und die doch, wie jeder Unbekehrte, unbekümmert in der Finsternis wandelten. Oberflächlich betrachtet, mochten zwar große Unterschiede bei ihnen bestanden haben. Einige mochten äußerlich sittsame und ehrbare Menschen gewesen sein, andere das gerade Gegenteil. Manche mochten behaupten, streng religiös zu sein, wie etwa der Pharisäer im Tempel, der die anderen Menschen, vor allem den Zöllner (oder Steuereinzieher), verachtete. Was dachte Gott aber von den beiden? Wie beurteilte der Herr sie? Hat uns das nicht auch heute noch etwas zu sagen? Wir mögen zwar keine »Zöllner« sein, aber wir müssen im Glauben in das Heiligtum eintreten, wenn wir Gott nahen wollen. Denn ich glaube, daß für einen irdischen Tempel keinerlei Raum mehr vorhanden ist, nachdem der Herr hinaufgestiegen und uns der Zugang zum himmlischen Heiligtum geöffnet ist. Aber wir haben es mit dem gleichen Gott zu tun, der jetzt zwar völlig geoffenbart ist, was noch nicht der Fall sein konnte, ehe der Vorhang zerrissen wurde. Aber seit dem Tode Christi strahlen Seine Liebe und Sein Licht in vollkommener Weise aus zur Errettung der Seele, noch nicht zur Rettung der Welt oder des Volkes Israel, sondern des Christen. Hier aber waren Menschen, die sich Christen nannten und das hohe und heilige Vorrecht der Gemeinschaft mit Gott für sich beanspruch­ten, während sie in der Finsternis wandelten und die Verantwor­tung, Seinen Willen zu tun, leugneten. Was sagt Gott über sie: »Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit Ihm haben und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. « Das ganze Leben ist dann eine Lüge, weil es dem wesentlichen Grundsatz und Charakter des Christen widerspricht, der nicht nur ein Gegenstand der göttlichen Gnade ist, sondern auch im Lichte Gottes wandelt. Als wahrer Christ kannst du dieses Licht ebenso wenig verlassen, wie ein Mensch, der am Tage im hellen Sonnenschein wandelt. Das ist die Bedeutung des wahren Chri­stentums.

 

In Vers 7, wo der Apostel die wahre christliche Stellung in markanter Weise hervorhebt, finden wir das Gegenteil, die Seite des Segens. Der Namenchrist kann über seine wahre Stellung auf dreifache Weise hinwegtäuschen. (Das zeigt der Apostel ja gerade in diesen Versen: wir sehen jetzt, wo die Ernte nahe ist, die Frucht dessen, was damals vom Feind ausgesät wurde.) Als Gegenstück finden wir hier drei große und wesentliche Kennzeichen des wahren Christen. Das erste ist der Wandel im Licht: »Wenn wir aber in dem Lichte wandeln. « Das hier gebrauchte Bild dient zur Erläuterung der Wahrheit. Wenn jemand sich in einem völlig dunklen Zimmer befindet, tappt er umher, kann das, was er sucht, nicht finden und beschädigt sich selbst und die Gegenstände, gegen die er stößt. Sobald der Raum jedoch hell erleuchtet wird, hört die Verwirrung auf, und er kann sicher und bequem umherge­hen. So ist es auch, wenn das geistliche Licht Christi den Weg des Christen erhellt. Es geht hier nicht um das »Wie«, sondern um das »Wo«. Durch Gnade wandelt jeder Christ in dem Licht. Es ist daher von großer Bedeutung, daß er sich dieser Tatsache bewußt ist (was leider bei vielen nicht der Fall ist). Es handelt sich um ein großes, allgemeines christliches Vorrecht; nicht nur um ein Gefühl oder eine Idee, sondern um eine göttlich gewirkte Stellung. Sie ist zugleich eine praktische Tatsache, die nach Gottes Willen von jedem Christen verstanden und genossen werden soll. Zwar kann und wird Versagen bei dem einzelnen nicht ausbleiben, wie bereits erwähnt, und wir sind dann um so mehr verantwortlich, unsere Fehler zu erkennen und zu bekennen, weil wir im Lichte wandeln.

 

»Wenn wir aber in dem Lichte wandeln, wie er in dem Lichte ist« (d. h. wie Gott in dem Lichte ist), »so haben wir Gemeinschaft miteinander. « Das ist das zweite Kennzeichen. Wir wandeln nicht nur in dem Licht, sondern wir haben aufgrund dieser Tatsache als Christen Gemeinschaft miteinander. Wenn wir auf der Straße einem »Kind des Lichts« begegnen und nur ein paar Worte hören, die erkennen lassen, daß Gott dies Herz erleuchtet hat und ein wirklicher Wandel im Licht vorliegt, dann werden unsere Herzen sofort angezogen. Wir fühlen uns von einer solchen Seele weit stärker angezogen, als von leiblichen Brüdern oder Schwestern, die nicht im Lichte wandeln. Viele kennen ja den Schmerz nur zu gut, daß die nächsten Angehörigen das Licht und den Herrn, der dieses Licht ist, hassen, anstatt durch die Gnade in diesem Lichte zu wandeln.

 

Die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander ist also ein zweites christliches Vorrecht. Sie ist etwas anderes als Gemein­schaft mit dem Vater und dem Sohne, und auch als die Gemein­schaft der Versammlung am Tische des Herrn. Die erstere Gemeinschaft könnte man als Grundlage der anderen, und die anderen bis hin zur letzten als Frucht der ersten bezeichnen. Wir finden in diesem Brief jedoch nichts, was auf die Versammlung Bezug hat. Alles ist hier eindrücklich auf den einzelnen bezogen, aber doch ewige Wahrheit ‑ die Gnade und Wahrheit, die durch Jesus Christus geworden ist. Die hier genannte Gemeinschaft gründet sich darauf, daß wir das neue Leben in dem Bruder wahrnehmen. Auch wenn wir nicht einmal den Namen des anderen wissen, können wir Gemeinschaft miteinander haben. Da wir denselben, durch die Gnade geschenkten Segen genießen, »haben wir Gemeinschaft miteinander«. Wenn in der Welt jemand einen Preis gewinnt, so bedeutet das, daß er ihn erhält und kein anderer ihn bekommen kann. Aber bei den geistlichen Vorrech­ten der Christen ist es völlig anders. Wir alle besitzen sie vollkom­men für uns, und doch sind sie ebenso vollkommen das gemein­same Teil aller. Die Tatsache, daß alle Gläubigen die Vorrechte in gleicher Weise besitzen wie wir selbst, erhöht noch die Freude der Liebe, die unsere Herzen erfüllt.

 

Die Vorrechte, die man als Engländer oder Franzose oder aus irgendeinem anderen, von der Welt oft als wichtig eingeschätzten Grund genießt, sind nur gering und von kurzer Dauer. Hier aber beginnen wir mit der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne. Nur der Heilige Geist kann in uns die Aneignung dieser Gemeinschaft durch den Glauben bewirken und uns darin erhal­ten. Wir werden noch auf die Wirksamkeit dieser göttlichen Person im weiteren Verlauf des Briefes hingewiesen werden. Hier sehen wir aber, was Seine Gnade in dem Gläubigen bewirkt, wenn er einem Mitgläubigen noch so »zufällig« begegnet: »So haben wir Gemeinschaft miteinander. « Ist das nicht ein herrlicher Sieg über das eigene Ich, das immer zur Trennung und Spaltung neigt? Diese Wahrheit hat auch in der heutigen schrecklichen Verwir­rung Gültigkeit, wo die Unterschiede schärfer zutage treten und vielleicht tiefer empfunden werden als selbst die Trennungen, die einst unter den doch größtenteils fleischlichen Juden bestanden.

 

Ihre Streitigkeiten und Parteiungen können kaum mit dem vergli­chen werden, was wir selbst in unseren bevorzugten Ländern täglich erleben müssen. Geliebte Freunde, wir sollten uns wirklich ernstlich wegen des traurigen Zustandes innerhalb der Christen­heit beugen! Aber noch schwerer belastet es unsere Herzen, wenn wir sehen, wie wenig die Christen sich über all das Versagen hinaus zu der Wahrheit erheben, daß wir Gemeinschaft miteinan­der haben.

 

Wohl jeder wahre Christ hat ein Empfinden für diese Gemein­schaft und verwirklicht sie entsprechend seinem Verständnis von der Gnade Gottes. Aber sie wird immer schwach bleiben, wenn das geistliche Verständnis der Gnade und Wahrheit fehlt, die Christus gebracht hat, um uns jetzt schon alle in eine sichtbare Stellung gegenseitiger Liebe zu versetzen. »So haben wir Gemein­schaft miteinander. « Mit tiefer Freude erkennen wir denselben Christus in dem Bruder und haben so Gemeinschaft miteinander.

 

Nun gibt es noch ein drittes Vorrecht, ohne das nichts Gutes unser bleibendes Teil wäre und jede Kraft fehlen würde, um Schwierigkeiten zu überwinden und zu beseitigen. Denn Sünden sind unüberwindliche Hindernisse, aber »das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde« (oder, ganz genau übersetzt: »von jeder Sünde«, wodurch der Satz noch gezielter wirkt). Es ist falsch, die Tragweite dieses Wortes dadurch herab­zumindern, daß man ihm zeitliche Bedeutung beilegt. Auch diese Wahrheit wird in der charakteristischen, abstrakten Schreibweise des Apostels Johannes ausgedrückt. Er stellt uns hier den großen, unveränderlichen Trost des Christen vor Augen. Niemand konnte vor dem Kreuz die Wirksamkeit dieses Blutes kennen, erst von jenem Augenblick an ist sie unser Teil. Und je heller das Licht mit seiner alles offenbarenden Kraft erstrahlt, um so deutlicher zeigt es die reinigende Wirkung dieses Blutes. Wandeln wir im Lichte (und dahin sind wir gekommen, wenn wir Christus angenommen haben), so haben wir Gemeinschaft miteinander und kennen den Wert des Opfers Christi. Er ist das Licht, und da wir das ewige Leben haben, genießen wir die Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne. Überdies haben wir auch Gemeinschaft mit­einander. Weder auf der Erde noch im Himmel kann es wahre Gemeinschaft geben, wenn wir Christus nicht in dieser Weise kennen und genießen. In einer religiösen Gemeinschaft mag ein liebliches Zusammengehörigkeitsgefühl herrschen, in einer weltli­chen Vereinigung mag es freundschaftlich zugehen, Christus aber versetzt uns schon hier auf der Erde, trotz aller Verwirrung auf religiösem Gebiet, in ein Verhältnis, das nicht nur real ist, sondern göttlichen Charakter trägt. Nichts hindert die Gemeinschaft so sehr wie das eigene Ich, der sündige Egoismus, der jedem Menschen, ob Mann, Frau oder Kind dieser Welt, innewohnt, weil wir alle eine gefallene Natur besitzen. Die Menschen greifen instinktiv nach den Dingen, von denen sie sich eine Befriedigung ihrer selbst und ihrer Wünsche erhoffen. Das ist nicht Gemein­schaft, sondern ihr Gegenteil in einer sündigen Natur. In diese schuldige, unglückliche, unter der Sünde seufzende Welt, die nur ihr Gericht zu erwarten hat, trat der Schöpfer ein, dessen Liebe schon vor der Schöpfung da war, die aber völlig geoffenbart wurde, als die ganze Schöpfung sich gegen Ihn erhob und Ihn hinauswarf. Seine göttliche Liebe ‑ läßt uns an allem, was Er besitzt, teilhaben, ausgenommen das, was absolut göttlich und daher nicht mitteilbar ist. In vollkommener Liebe teilt Er mit dem Christen alles, was Er zu geben vermag, Er, der gemeinsam mit dem Vater alle Dinge besitzt. Wenn wir mit Ihm und dem Vater Gemeinschaft haben, haben wir auch Gemeinschaft untereinan­der. Das ewige Leben wurde in Christus geoffenbart, der uns dasselbe Leben als unser Leben gegeben hat. Dieser höchste Segen macht uns fähig zu der Gemeinschaft; sie wird bewahrt und aufrechterhalten durch Seinen Tod, der jede Sünde auslöscht. Trotzdem bleibt für uns auf der Erde als Gegenstände solchen Segens die christliche Verantwortung bestehen. Deshalb ist beständige Abhängigkeit erforderlich, damit wir, wenn wir durch den Geist leben, auch durch den Geist wandeln. Denn der Geist ist uns gegeben, um Christus in allen Dingen, und ganz besonders in dieser Gemeinschaft, zu verherrlichen. »Wenn ihr dies wisset, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut« (Joh. 13, 17).

 

Wir haben hier also unsere Stellung in der Gnade, den drei­fachen Segen des Christen, vor uns. Diese unzerreißbare »dreifa­che Schnur« setzt sich zusammen aus dem Wandel im Licht, der Gemeinschaft miteinander und der Kraft des von aller Sünde reinigenden Blutes Christi. Es zeugt von geringer Kenntnis der griechischen Sprache, wenn man meint, daß die Zeitform des Wortes »reinigen« in Vers 7 nur die begrenzte Gegenwart andeu­tet. Diese Form wird in vielen Fällen für allgemein gültige, an keine Zeit gebundene Tatsachen verwendet. So auch in Vers 7. Es ist die Eigenschaft des Blutes Christi, daß es von aller Sünde reinigt, unabhängig davon, wann das geschieht. Aus anderen Schriftstellen wissen wir, daß es für den Christen nur ein einmali­ges Opfer, ein Blutvergießen, nur eine Anwendung des Blutes gibt. Es ist ein Irrtum, wenn die Reinigung durch das Blut nicht von der Reinigung durch das Wasser unterschieden wird. Wäh­rend die Anwendung des Blutes Christi ein für allemal geschieht, muß die Waschung mit Wasser fortwährend wiederholt werden. Sobald die immerwährende Reinigung des Blutes angezweifelt wird, entsteht nur Ungewißheit. Es fehlt dann der gesicherte Friede in dem Bewußtsein, daß alle meine Sünden vor Gott vollkommen ausgelöscht sind. Mit der größten Klarheit und Sorgfalt wird in der Schrift ‑ besonders den Judenchristen ‑ diese große Wahrheit dargelegt, daß das Opfer und dessen Darbringung in der Person Christi eine einmalige Tatsache sind. Im jüdischen Gottesdienst war es nicht so, denn der Priester mußte tagaus, tagein neue Opfer darbringen. Für uns jedoch hat der Herr für immerdar und ohne Unterbrechung Seinen Platz im Himmel eingenommen. Das Wort, das in Hebräer 10, 12 mit »auf immer­dar« übersetzt ist (s. V. 14), bedeutet »ununterbrochen« (s. V. 1). Das ist viel stärker als »auf immerdar«, denn unter letzterem Ausdruck könnte verstanden werden, daß die Barmherzigkeit zwar ewig andauert, aber daß Er Seinen Platz droben doch immer wieder verlassen müßte. Das hier gebrauchte Wort bedeutet dagegen »ohne Unterbrechung«. Leider wird das nicht von allen Kindern Gottes verstanden und geglaubt. Das hat zur Folge, daß diesem Vers eine verkehrte Bedeutung unterlegt wird. Man entnimmt aus ihm, daß Sein Blut in dem Maße fortlaufend reinigt, wie wir immer wieder unsere Zuflucht zu ihm nehmen. Diese Auffassung zieht das Blut Christi mehr oder weniger auf den Boden der alttestamentlichen, bei jeder Sünde erneut zu bringen­den Opfer herab. Das ist jedoch nicht die Lehre der Schrift.

 

Der Apostel spricht hier in einer absoluten Weise von unseren Vorrechten, wie er auch an anderen Stellen die Wahrheit in abstrakter und absoluter Form mitteilt. Wenn wir unseren Vers unter diesem Aspekt betrachten, so ist der Wandel im Licht eine fortdauernde Wirklichkeit für den Christen, auch wenn er in der Praxis hier und da von der Regel abweichen mag. Auch die Worte: »So haben wir Gemeinschaft miteinander« bleiben absolut wahr, obwohl wir dann und wann versagen. Es handelt sich hier um den bleibenden Grundsatz, den wir verwirklichen sollen. Wir sind dazu befähigt aufgrund unseres gemeinsamen Teiles, das keine irdischen Dinge, sondern ewige Segnungen umfaßt. Genauso verhält es sich in Bezug auf das Blut unseres Herrn Jesus Christus. Es reinigt von jeder (aller) Sünde. Es wird nicht gesagt, wann Er diese Reinigung vollbrachte, daß sie noch geschehen wird, oder gar, daß sie immer geschieht. Das inspirierte Wort äußert sich nicht in dieser Weise, es spricht nur von der vollkommenen Wirkung des Blutes. »Denn mit einem Opfer hat Er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden.« Was dagegen die Waschung mit Wasser durch das Wort anbetrifft, so benötigen wir diese bei jedem Versagen, und wie oft kommt dieses leider bei uns vor! Es handelt sich um die Fußwaschung durch den Herrn (Joh. 13), die wir später noch näher betrachten werden. Wir brauchen daher jetzt nicht auf diesen Gegenstand einzugehen. Wir erwäh­nen ihn nur, um Irrtümer und einer falschen Auslegung des Wortes Gottes entgegenzutreten. Es sei noch bemerkt, daß hier keineswegs die Gemeinschaft als Versammlung am Tische des Herrn, so wichtig diese auch sein mag, gemeint ist. Der Apostel spricht von der geistlichen Gemeinschaft wahrer Christen wäh­rend des Verfalls des äußeren Bekenntnisses. Diese Gemeinschaft sollte sich stärker erweisen als das Versagen und der allgemeine Niedergang; und in dem Maße, wie wir in Gemeinschaft mit Gott wandeln, wird sie das auch tun. Auch hier handelt es sich wieder um eine Wahrheit in abstrakter Form, die wir in die Praxis umsetzen müssen.

 

Wir kommen jetzt zu der zweiten Behauptung christlicher Bekenner, die mit den Worten »Wenn wir sagen« beginnt (V. 8). Es ist fast unglaublich, daß Christen behaupten könnten, »daß wir keine Sünde haben«, aber offensichtlich gibt es solche, die dieser Meinung sind. Man müßte sie bemitleiden, da sie wohl keine Christen sein können, obwohl dies aus dem Text nicht eindeutig hervorgeht. Es heißt weiter: »Wenn wir sagen, daß wirkeine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst«. Wie leicht können wir uns selbst betrügen, und bei einer solchen Meinung wären wir bestimmt im Irrtum. Wie kann jemand, der ewiges Leben in Christus besitzt, so verblendet sein zu behaupten, er habe keine Sünde? Er darf mit Recht sagen, daß Christus seine Sünden hinweggetan hat, daß sein alter Mensch gekreuzigt ist und daß Gott in bezug auf ihn die Sünde im Fleische verurteilt hat. Aber in das eigene Herz zu blicken und dann die Augen zum Himmel zu erheben mit den Worten: »Ich habe mich selbst geprüft und kann sagen, daß ich keine Sünde habe!«, das wäre für einen Gläubigen doch der Gipfel der Selbsttäuschung. Bei einem Pantheisten wäre eine solche Behauptung verständlich, da sowohl er wie auch sein Gott gleichermaßen blind ist. Aber eine geringe Wertschätzung Christi geht mit einer hohen Selbsteinschätzung Hand in Hand. In diesen Irrtum scheinen auch die Pelagianer verfallen zu sein.

 

Wenn wir diesen Vers prüfen, sehen wir, daß es sich nicht um Tatsünden, sondern um die innewohnende Sünde handelt, die ständige Neigung zum Sündigen, die stets zum Ausbruch kommt, wenn wir nicht wachsam sind. Wir besitzen zwar in Christus das neue Leben, aber auch unsere alte, böse Natur ist noch vorhan­den. Es bedarf der Wachsamkeit, um ihre Regungen stets im Keim zu ersticken. Wir haben die tröstliche Gewißheit, daß unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden ist, auf daß der Leib der Sünde abgetan sei, daß wir der Sünde nicht mehr dienen. Trotz­dem werden wir aufgerufen, die Glieder (d. h. die Taten) des Leibes durch den Geist zu töten. Wenn Abhängigkeit und Unter­werfung des Herzens bei uns vorhanden ist, wird Gott stets bei uns sein, um uns zu stärken. Aber zu behaupten, daß wir keine Sünde haben, ist ein Zeichen von verkehrter Selbstgerechtigkeit. Eine solche Behauptung kann nur einen Anschein von Wahrheit erhal­ten, wenn durch Selbstbetrug und Unkenntnis der Wahrheit die Sünde als etwas ganz Unbestimmtes hingestellt wird. Viele teure Seelen sind dieser Täuschung bereits erlegen. Wir müssen einer­seits Mitleid mit ihnen haben, andererseits aber klar bezeugen, daß nur ein völlig falsches Bild sowohl von der Sünde wie auch von der Wahrheit einem solchen Gedanken Raum verschaffen kann.

 

Von Einem allein konnte zu Recht gesagt werden: »Sünde ist nicht in ihm« (l. Joh. 3, 5). In jedem anderen ohne Ausnahme ist die Sünde vorhanden. Die alte Natur ist noch anwesend, und wenn wir sie nicht durch den Geist Gottes ganz unter der Macht des Todes Christi halten, wird sie unweigerlich zum Ausbruch kom­men. Hier handelt es sich somit um ein fleischliches, falsches Rühmen. Alle diese Sätze, die mit »Wenn wir sagen« beginnen, weisen auf die Ausbreitung des Bösen unter den bekennenden Christen hin. Sie setzen grundsätzlich Irrtümer durch menschliche Spekulationen voraus. »Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. « Diese scharfe Ausdrucksweise läßt es zweifelhaft erschei­nen, daß diese Getäuschten überhaupt Christen sein können. Aber die Worte »die Wahrheit ist nicht in uns« scheinen etwas anderes zu bedeuten, als daß wir die Wahrheit überhaupt nicht kennen. Zweifellos kann bei jedem Gläubigen vorausgesetzt werden, daß er durch die göttliche Belehrung die Wahrheit kennt. Die Besonderheit der hier gebrauchten Ausdrucksweise führt jedoch die Selbsttäuschung darauf zurück, daß wir die Wahrheit nicht in unserem Innern besitzen. Wir sollten die Wahrheit nicht nur glauben und äußerlich besitzen, sondern »in uns« haben.

 

Sicher gibt es manche Menschen, die an der Theorie der Sündlo­sigkeit festhalten, die aber dennoch Gläubige sind. Sie glauben vielleicht, daß sie der Sünde niemals nachgeben; aber selbst eine solche Behauptung wäre eine Vermessenheit. Sie beweisen damit zumindest, daß sie eine sehr hohe Meinung von sich selbst haben, während geistlich gesinnte Gläubige weit davon entfernt sind, etwas derartiges zu empfinden oder auszusprechen.

 

In Vers 9 stellt der Apostel den Gläubigen durch die Leitung des Heiligen Geistes auf einen ganz anderen Boden. » Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt. « Wie können wir Selbstgericht und Bekenntnis erwarten, »wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben«? In einem solchen Zustand ist kein Raum oder Bedürfnis dafür vorhanden. Die Illusion von der eigenen Vollkommenheit übt einen verderblichen Einfluß auf die Seele aus. In diesem Vers heißt es aber nicht: »Wenn wir sagen.« Das Sündenbekenntnis ist ebenso ein Beweis lebendiger Wirklichkeit wie der Wandel im Licht, die Gemein­schaft miteinander und die Reinigung von aller Sünde durch das Blut. Hier fehlen daher die Worte: »Wenn wir sagen.« Wahre Christen stellen ihr Teil in Christus nicht zur Schau, sie genießen es. Christus lebt in ihnen, und da sie durch das Wort der Wahrheit wiedergeboren sind, tun sie auch die Wahrheit. Die Wahrheit ist in ihnen. Das ist unser aller wahre Berufung, die wir Ihn wirklich als unser Licht, unser Leben und als die Wahrheit besitzen.

 

Der Christ wird hier durch eine völlig andere Einstellung gekennzeichnet. » Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. « Wenn wir von der Sünde übereilt worden sind, müssen wir ein Bekenntnis ablegen. Das gilt sowohl bei der Bekehrung als auch für unser ganzes späteres Leben, so oft unser Zustand es erfordert. Denn unser Gott kann Sünden nicht dulden. Wir können sie nicht verbergen, sondern müssen sie vor Gott und, wenn nötig oder ratsam, auch vor Menschen bekennen. So wird der stolze Eigenwille gebrochen, und die Gnade bewirkt, daß wir unserer eigenen armseligen Ehre vor den Menschen entsagen. Wir denken nur noch an die Verherrlichung des Namens Christi, den auch wir tragen. Was ist unser Name im Vergleich zu Seinem Namen? Wenn wir daher unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, daß Er uns vergibt. Welch ein ermunterndes Wort ist das; und es ist schon wahr seit unserer ersten Umkehr zu Gott! Auch hier handelt es sich um einen Grundsatz, dem, wie in ähnlichen Fällen, keine zeitliche Begrenzung gesetzt ist. Es ist ein erstrangiger und unumstößlicher Grundsatz für den Christen, der seinen erneuerten Wandel vom Anfang bis zum Ende beherrschen und der als eine lebendige Tatsache von ihm festgehalten werden soll.

 

Es geziemte uns, einst mit all unserem Bösen zu Gott zu kommen, als wir als Verlorene vor Ihm im Staube lagen. Er bleibt stets der Gott aller Gnade, in weicher Not wir uns auch befinden rnögen. »Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt« ‑ nicht nur von aller Sünde, sondern ‑ »von aller Ungerechtigkeit«. Die Verunreinigung, das traurige Ergebnis der Sünde, ist dazu ange­tan, die Seele unaufrichtig zu machen, wenn man sie wie Adam verbirgt. Wer seine Sünde in seinem Inneren verbirgt, entfernt sich mehr und mehr von Gott. Das einzig Richtige ist daher, sich Ihm anzuvertrauen und die Sünde zu Seinen Füßen zu bekennen. Das gilt für unseren ganzen Weg, wenn wir Gott als unseren Vater erkannt haben. Unser Vater ist in Seinen Regierungswegen gegenüber dem Gläubigen ebenso treu und gerecht wie in Seiner Barmherzigkeit dem gegenüber, der zum erstenmal die Verge­bung seiner Sünden erfahren hat. Das ist auch die Bedeutung der diesbezüglichen Bitte in dem sogenannten »Vaterunser«. Sie bezieht sich nicht so sehr auf die Bekehrung des Ungläubigen, sondern in erster Linie auf die täglichen Bedürfnisse der Jünger, ebenso wie auch alles andere, was der Herr in der Bergpredigt lehrte. Es ist wichtig zu beachten, daß der Herr damals keineswegs das Evangelium verkündete, um Seelen für Gott zu gewinnen. Wenn ein Gläubiger sündigt (Joh. 15, 1‑10; 1. Petr. 1, 14‑17), dann beschäftigt sich der Vater mit ihm in Seiner sittlichen Regierung über unsere Seelen. Er beachtet das Geringste in unserem Wandel, weil wir Seine Kinder und Jünger Christi sind. Seine Liebe und Ehre, Seine Gnade und Wahrheit sind davon betroffen. Wir sind und werden immer wieder durch das Wort gereinigt. Diese Reinigung bezieht sich nicht nur auf die Sünden, sondern auch auf deren Folgen, auf jede Ungerechtigkeit und jede Unlauterkeit, die als natürliche Folge der Sünde entsteht.

 

Wir kommen jetzt zum dritten und letzten Vers, der mit den Worten »Wenn wir sagen« eingeleitet wird und der zugleich die dreisteste der bisherigen Behauptungen enthält. »Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns« (V. 10). Hier werden offenbar Menschen beschrieben, die soweit herabgesunken sind, daß sie es wagen, sich mit einer jeder Grundlage entbehrenden Behauptung gegen Gott aufzulehnen. Nirgendwo gedeihen derartig verkehrte Leh­ren so üppig wie in der bekennenden Christenheit. Denn das Verderben des Besten ist das schlimmste Verderben. Selbst unter den Juden hat es eine derartige Anmaßung kaum gegeben, obwohl sie viele verkehrte Überlieferungen besaßen' durch die Gott verunehrt sie selbst verunreinigt wurden. Aber die Christen­heit ist eine Brutstätte unzähliger Verirrungen und Fabeln, le sich stets weiter ausbreiten und den Zorn Gottes herausfordern.

 

Die letzte Behauptung »Wenn wir sagen ... « stellt eine der unreinen Lehren dar, die im Gnostizismus endeten. Schon Paulus hatte früher davor gewarnt. Die böse Entwicklung hatte ihren Lauf gerade begonnen und griff nach dem Tode der Apostel schneller und stärker um sich. Diese unbegründeten und unheili­gen Spekulationen des menschlichen Geistes über göttliche Dinge rütteln an den sittlichen Fundamenten des Christentums. Alle falschen Lehren streben in diese Richtung und verraten sich dadurch selbst. Sie schwächen nicht nur die Grundlagen der christlichen Verantwortung, sondern leugnen und zerstören sie vollends.

 

Hier möchte ich bemerken, daß die Sittenlehre aller alten und modernen Philosophen zwangsläufig auf schwankender Grund­lage steht. Sie haben die Wahrheit nicht erfaßt, daß jedes Bezie­hungsverhältnis mit bestimmten Pflichten verbunden ist, und dies ganz besonders, wenn es sich um die Beziehungen zu Gott handelt. Sie machen in dieser Hinsicht denselben schwerwiegen­den Fehler wie die Heiden, die weder Gott kannten noch von irgendwelchen Beziehungen zu Ihm und zu Seinem Sohne etwas wußten. Die Namenchristen (von denen in Vers 10 die Rede ist) machten sich jedoch noch weit schuldiger, da sie ihren früheren Glauben verleugneten, so daß praktisch kein Raum mehr für die göttliche Gnade in Christus verblieb. »Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben ... «! Welche Finsternis muß in ihren Seelen geherrscht haben! Wie war doch das Licht in ihnen in Finsternis verwandelt! Welche Finsternis könnte dunkler oder hoffnungsloser sein? Wir erleben sie auch heute und leider gar nicht so selten.

Wir müssen uns vor Augen halten, daß die Antichristen einst ihren Platz innerhalb der Versammlung hatten und in der Familie Gottes anerkannt wurden, solange der Apostel noch lebte. »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber auf daß sie offenbar würden, daß sie alle nicht von uns sind« (Kap. 2, 19). Wenn die in Vers 10 genannten auch keine Antichristen waren, so waren sie jedenfalls Feinde der Wahrheit, die sich selbst betrogen. Die Letztgenannten sind die Schlimm­sten, denn es ist ein Zeichen der Verachtung des Wortes Gottes, zu behaupten, daß wir nicht gesündigt haben. Es ist schon böse genug, zu sagen, daß wir jetzt als Christen keine Sünde haben. Die Behauptung, daß wir nie gesündigt haben, widerspricht aber jedem Zeugnis Gottes über den Menschen sowohl im Alten als im Neuen Testament, und Gott wird damit auf schamlose Weise zum Lügner gemacht. Solchen Menschen begegnen wir in der Chri­stenheit ab und zu ‑ Gott sei Dank, jedoch nur selten ‑, welche leugnen, daß es so etwas wie Sünde gibt. Dasselbe tun auch die Pantheisten, indem sie behaupten, selber ein Teil der Gottheit zu sein , und wie könnte Gott sündigen?

 

Eine solche Behauptung ist natürlich eine verkehrte und ent­artete Philosophie. Aber die bange Frage für den Christen und das Schreckliche in den Augen Gottes ist: Wie ist es möglich, daß jemand, der einst den Sohn Gottes als seinen Heiland und die Vergebung der Sünden durch Sein Blut bekannt hat, so abgrund­tief sinken kann, daß er völlig leugnet, jemals gesündigt zu haben? »Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns«. Hatten sie das vergessen, was sie bekannten, als sie sich von dem kraftlosen Judentum oder den Nicht‑Göttern der Heiden abwandten? Das Schlimmste war jedoch, daß sie Gott zum Lügner machten! Es ist schlimm genug, wenn wir angesichts des Lichtes, das uns offenbar machen sollte, »uns selbst betrügen«. Doch das ist noch etwas Geringes gegenüber dem Versuch, Gott zum Lügner zu machen! Das ist eine direkte Gotteslästerung, ein mutwilliger Angriff auf die erhabene Ehre, Wahrhaftigkeit und Heiligkeit Gottes. »Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. «

 

Diese Menschen verwerfen nicht nur die »Wahrheit« (was im Grunde gleichbedeutend ist), sondern in direkter Weise Sein klares »Wort«, das in ihren Seelen wohl nie eine Aufnahme gefunden hatte. Wenn Sein Wort in uns wohnt, dann bekennen wir nur zu gerne und in Demut, wenn wir gesündigt haben. So wird es auch Israel an dem kommenden Tage tun, wenn »ganz Israel errettet« wird und die ganze Erde frohlocken wird. Und wie ist es mit uns, die wir dem erhöhten Christus angehören? Was sprachen unsere Lippen aus, als wir aus der Finsternis in das Licht kamen? Es waren die unvergeßlichen Worte aller wahrhaft bekehrten Seelen am Anfang ihres neuen Weges: »Wir haben gesündigt!« Aber hier muß der Apostel, Jahrzehnte nach der Offenbarung der Gnade und Wahrheit durch Christus, und nachdem das christliche Zeugnis bereits so lange bestanden hatte, in ernster Weise auf das eingedrungene Böse hinweisen. Es hatte seinen Ursprung nicht im Juden‑ oder Heidentum, sondern in der bekennenden Christen­heit jener Tage ‑ wie auch unserer Tage! Damals wie heute hatte sich das Bekenntnis von der Wirklichkeit entfernt und war dem Abfall nahe. »Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. «

Ich möchte an dieser Stelle dem unter anderem von den Puritanern vertretenen Irrtum entgegentreten, die Stelle Jesaja 50, 10 auf Christen anzuwenden. Das steht in direktem Wider­spruch zu dem ersten »Wenn wir sagen« in den Versen 6 und 7. Diese Auffassung wird noch heute u. a. von einer Gruppe von Calvinisten vertreten und findet ihren klaren Ausdruck in der Schrift eines bekannten alten Theologen: »Kind des Lichts beim Wandel in der Finsternis.« Es soll nicht unterstellt werden, daß der Schreiber damit die Stelle im Johannesbrief widerlegen wollte. Ich erinnere mich nicht, daß er den Apostel überhaupt erwähnt. Er hatte wahrscheinlich die Verwirrung gar nicht erkannt, die er durch diese Anwendung der Jesaja‑Stelle anrichtete. Dieser Puri­taner dachte wohl dabei an solche Seelen innerhalb der seit langem entarteten Christenheit, die, obwohl wahre Christen, keinen gefestigten Frieden besitzen. Das, was sie einst hatten, verlieren sie meist aus den verschiedensten Gründen, vornehm­lich deshalb, weil sie in sich selbst nach dem Frieden suchen, der nur in Christus und in Seinem Werk für uns zu finden ist. Dieser Mangel an Heilsgewißheit führte zu der Auffassung, ein Kind des Lichts könne in der Finsternis wandeln. Damit gibt man den Worten »Licht« und »Finsternis« jedoch eine Bedeutung, die weder bei Johannes noch bei Jesaja zu finden ist. Keiner von beiden bezieht sich auf den zwar widersprüchlichen, aber leider häufig vorkommenden Fall, daß ein Gläubiger dem Unglauben Raum gibt, anstatt diesen Unglauben als Sünde gegen das Zeugnis des Heiligen Geistes, das Werk des Erlösers und den Willen des Vaters zu verurteilen. Solche Seelen haben das Wort der Wahr­heit, das Evangelium, niemals in der rechten Weise aufgenom­men. Dies ist der erste Schritt, der ihnen fehlt, abgesehen von allem anderen, das sie sonst zu bekennen haben mögen. Wenn sie in der Wahrheit ihrer Sünden zu Gott kommen, so wird Er ihnen in der Wahrheit Seiner Gnade zu ihrer Rettung entgegenkommen.

 

Der Prophet Jesaja spricht in der angeführten Stelle nicht von Christen, sondern vom zukünftigen gläubigen Überrest Israels. Er steht im Gegensatz zu der abgefallenen Masse des Volkes Israel, die gemäß Vers 11 umkommen wird. »Wer unter euch fürchtet Jehova? Wer hört auf die Stimme seines Knechtes? Wer in Finster­nis wandelt und welchem kein Licht glänzt, vertraue auf den Namen Jehovas und stütze sich auf seinen Gott. « Es dürfte selbstverständ­lich sein, daß der jüdische Prophet und der christliche Apostel die Ausdrücke »Finsternis« und »Licht« nicht in dem gleichen Sinn benutzen. Der Prophet gebraucht sie im Hinblick auf die schreck­lichen Umstände jenes zukünftigen Tages, an dem die Bestrafung der Sünden des Volkes, nicht nur seines Götzendienstes, sondern ‑ was weit schlimmer ist ‑ der Verwerfung seines Messias ausge­führt wird. Furchtbare Leiden werden das Teil der Frommen sein, ob sie den Märtyrertod erleiden oder hindurchgerettet werden. Es wird ihnen kein Licht scheinen, aber sie werden ihren Befreier erwarten, der die inneren und äußeren Feinde vernichten wird. Der Apostel hingegen behandelt eine christliche Wahrheit, den Ausdruck der ewigen Natur Gottes in Seinen Kindern, und geht damit weit über prophetische Aspekte oder die Merkmale einer bestimmten Haushaltung hinaus. Der Christ wandelt zwar nicht immer dem Licht entsprechend, aber stets im Licht, er befindet sich, wie Gott selbst, in dem durch Christus geoffenbarten Licht. Das ist der sittliche Charakter der neuen Natur, der Natur Gottes, der Licht ist und in dem gar keine Finsternis ist. Der Christ hat zwar noch die alte Natur an sich, aber er ist freigemacht, als mit Christus gestorben, um ihr jetzt durch die Gnade nicht mehr nachzugeben. Er vermag das zu verurteilen, was Gott auf dem Kreuze an Christus richtete, obwohl Er dafür den höchsten Preis bezahlen mußte. Wir besitzen tatsächlich eine vollkommene Errettung, nicht nur von Sünden, sondern auch von der Sünde. Wir sind von der bösen Wurzel (Röm. 6, 7) sowie von der bösen Frucht (Röm. 5, 1) gerechtfertigt.

 

Der Apostel Paulus hatte den Auftrag, über diese zweifache Rechtfertigung zu schreiben, die bisher von keiner Theologie richtig verstanden worden ist. Der Apostel Johannes dagegen beschreibt eingehender als alle anderen das ewige Leben, unsere neue und göttliche Natur. Er stellt die Echtheit dieses neuen Lebens in den wahren Christen in Gegensatz zu dem Wandel der falschen Bekenner, die durch ihren Wandel dieses Leben und die Wahrheit verleugnen. Von Gemeinschaft mit Gott zu sprechen, während man in der Finsternis der gefallenen Schöpfung wandelt, ist eine lebendige oder richtiger eine »tödliche« Lüge. Der wahre Christ kann ohne Anmaßung aus Glauben sagen, daß er die Finsternis von Anfang an verlassen hat und im Licht wandelt.

 

»Ich bin das Licht der Welt« (Israel konnte das nie von sich sagen), »wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben« (Joh. 8, 12). Der Gläubige kann aus Unachtsamkeit einen Fehltritt begehen, sei­nem Eigenwillen nachgeben oder von den Lüsten des Fleisches und der Gedanken fortgerissen werden. Alle diese Dinge sind sündig und mit dem Licht unvereinbar. So ernst diese Fehltritte auch sind, so ist doch die in Christus geoffenbarte Liebe Gottes, die uns als Feinden Vergebung schenkte und uns als Verlorene rettete, bereit, die nötige, wiederherstellende Gnade darzurei­chen, wie wir es im nächsten Kapitel sehen werden. Niemals wird in einem solchen Fall gesagt, daß wir »in der Finsternis wandeln«. Wenn schon das Kindschaftsverhältnis unserer Kinder zu uns durch ihre Fehler nicht aufgehoben werden kann, wieviel weniger unser Verhältnis zu Gott! Wer, wie der Apostel schreibt, in der Finsternis wandelt, lügt und tut nicht die Wahrheit. Er hat weder Leben noch Licht und muß aufgeweckt und lebendig gemacht werden. Bei dem Christen, der gestrauchelt ist, wird dagegen durch ein aufrichtiges Bekenntnis die unterbrochene Gemein­schaft wiederhergestellt. Anstatt des Lichtes verlustig zu gehen, dient dieses Licht gerade dazu, daß er sich über seinen Fehltritt tief demütigt.

 

Vers 7 zeigt klar und deutlich den Boden, auf dem jeder wahre Christ durch die Gnade steht. »Wenn wir aber in dem Lichte wandeln, wie er in dem Lichte ist«, das ist das bleibende Kennzei­chen eines jeden, der aus der Finsternis herausgerufen ist. Indem wir die göttliche Natur in dem Bruder wahrnehmen, »haben wir Gemeinschaft miteinander«. Das göttliche Leben wird im Blick auf unsere Brüder wirksam, während der erste Teil des Verses sich auf unseren Wandel vor Gott bezieht. Danach folgt die kostbare Grundlage und Stütze für beide Seiten unseres Wandels. Es ist ein Vorrecht und eine Notwendigkeit zugleich, daß »das Blut Jesu Christi, seines Sohnes ... uns von aller Sünde reinigt«. Ohne diese Tatsache könnten wir das wunderbare Teil, das jeder Christ besitzt, weder empfangen noch darin bewahrt bleiben. Es ist die Grundlage, auf der jeder wahre Gläubige steht.

Wer in dem letzten Satz von Vers 7 nur die göttliche Vorsorge für unsere Fehltritte sehen will, wie es häufig geschieht, verkennt seinen tieferen Sinn und den Zusammenhang, in dem er steht.

 

Man löst ihn von seinem grundlegenden Gegenstand und ver­wechselt ihn mit dem in 1. Johannes 2, 1‑2 genannten göttlich gegebenen Weg zur Wiederherstellung. Eine solche falsche Anwendung ist in jeder Hinsicht gefährlich. Vers 7 bildet eine Zusammenfassung der allgemeinen christlichen Stellung. Liest man ihn so, wie er dasteht, so sagt er gerade das Gegenteil von dem aus, was manche aus ihm machen wollen. Denn dann müßte er wohl eher lauten: »Wenn wir nicht in dem Lichte wandeln usw., und nicht Gemeinschaft miteinander haben, reinigt uns das Blut Jesu Christi von dieser oder jener Sünde.« Ein solcher Sinn steht jedoch offensichtlich im Gegensatz zu der wahren, beabsichtigten Bedeutung: einer abstrakten Beschreibung der gemeinsamen christlichen Vorrechte. Nur diese Bedeutung paßt in den Zusam­menhang. Dadurch werden die herrlichen und vollkommenen christlichen Vorrechte den verschiedenen Formen des falschen Bekenntnisses gegenübergestellt, welche den Namen des Herrn verunehren, von der Wahrheit abweichen und ins ewige Verder­ben führen. Gottes Weg zur Wiederherstellung gefallener Gläubi­ger wird an anderer Stelle und auf andere Weise behandelt.

 

Meine Kinder, ich schreibe euch dieses, auf daß ihr nicht sündiget; und wenn jemand gesündigt hat ‑ wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesum Christum, den Gerechten. Und e r ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

 

1.Johannes 2, 1‑2

 

Diese beiden Verse gehören eigentlich noch als notwendige Ergänzung zum ersten Kapitel. Obwohl der dritte Vers mit dem Bindewort »und« beginnt, fängt dort doch ein neuer Abschnitt an. Er behandelt die äußerst wichtige und interessante praktische Anwendung der in Kapitel 1 gelehrten Wahrheit, um Seelen vor Selbsttäuschung und Irrtum zu bewahren. Wenden wir uns jedoch zunächst den beiden ersten Versen zu. Sie bieten uns reichlich Stoff zum Studium des Wortes und zum Nachsinnen für unsere Seelen.

 

Wie wir gesehen haben, besteht das erste Kapitel aus zwei Teilen. Wir sehen die Liebe des Vaters in dem fleischgewordenen Sohn, die ohne äußeren Anlaß (außer unseren Sünden) aus göttlicher Gnade ausströmt. Die treibende Kraft Seiner Natur ist Liebe, die Reinheit Seiner Natur wird durch das ausdrucksvolle Wort Licht dargestellt. Kein anderes Wort erschien dem Heiligen Geist zu unserer Belehrung so geeignet und unserem Fassungsver­mögen angepaßt. Kein Element widersteht dem Verderben mehr als das Licht, da es in sich völlig rein ist; jedenfalls ist dies bei dem Licht der Natur Gottes der Fall. Diese Seine Natur ist nach Gottes Gnadenratschluß das Teil, das wir als Christen empfangen. Und diese Mitteilung mußte der Apostel, geleitet durch den Geist, den Gläubigen machen, als die Versammlung äußerlich bereits in Verfall geriet. Daß dieser Verfall damals bereits eingesetzt hatte, wird durch den vorliegenden Brief bewiesen. Die schlimmste Form des Bösen in der Christenheit zeigt sich in dem »Antichri­sten«, und damals gab es bereits »viele Antichristen«. Heute sind es noch viel mehr geworden! Gott trug Sorge dafür, daß zumindest der Keim des ärgsten Bösen sich deutlich zeigen mußte, ehe der letzte Apostel seinen Anteil an dem Neuen Testament geschrie­ben hatte. Dadurch besitzen wir ein göttliches Urteil über das sich anbahnende Böse und über die damit verbundenen Gefahren. Er überließ die Beurteilung nicht nur unserem geistlichen Urteilsver­mögen, obwohl auch dieses sicherlich erforderlich ist, wenn wir Nutzen aus Gottes Wort ziehen wollen. Wir besitzen somit über diesen Gegenstand die in Seinem Wort ausgedrückte göttliche Autorität. Wir sind nicht auf menschliche Schlußfolgerungen und Beweisführungen oder auf die Erfahrungen von Gläubigen ange­wiesen, sondern können uns auf die göttliche Autorität stützen, die dem Gewissen jedes Gotteskindes Vertrauen einflößt. Da alle diese bösen Dinge in Erscheinung treten würden, sorgte Gott in Seiner Weisheit dafür, daß auch die schlimmste Form des Bösen damals bereits existierte, so daß Er sie in Seinem Wort zum Nutzen Seiner Kinder bezeichnen und verurteilen konnte.

 

Dieser Brief trägt daher einen ganz besonderen Charakter. Er bezieht sich nicht, wie der zweite Brief an die Thessalonicher, auf einen zukünftigen Zeitpunkt, der noch nicht da ist, aber vor dem Tage des Herrn eintreten muß, auf die Zeit des »Abfalls«. Der Ausdruck Abfall besagt, daß man sich völlig vom Christentum lossagen wird. Dies wird unabänderlich geschehen. Ein böser Faktor auf dem Wege dahin ist die moderne kritische Theologie. Sie bereitet die Menschen auf den vorbehaltlosen, völligen und jeder Maske beraubten Unglauben vor. Wo bleibt das Verantwor­tungsbewußtsein der geistlichen Würdenträger, die aufgrund ihrer Stellung die Autorität des Wortes Gottes aufrecht erhalten soll­ten? Man untergräbt die Fundamente, aus denen man irdische Anerkennung und Vorteile zieht, obwohl man die eigene Zerstö­rungsarbeit erkennen könnte und müßte. Doch der Abfall selbst ist noch zukünftig. Antichristen waren aber schon vorhanden, denn es war bereits die »letzte Stunde«. Das Kennzeichen der letzten Stunde sind die »vielen Antichristen«. Sie sind die Vorläu­fer des Antichristen, und wir sehen daran, daß das Böse nicht nur zukünftig ist.

 

In den vorliegenden Versen handelt es sich um das Böse in einer allgemeineren Form. Leider muß mit ihr bei jedem Namenchri­sten gerechnet werden. Das Fleisch ist Feindschaft gegen Gott. Es stellt eine gegenwärtige und beständige Gefahr dar, da es dem Feind einen willkommenen Anknüpfungspunkt bietet, und zwar nicht nur bei solchen, die nur das Fleisch kennen, sondern auch bei denen, die im Bereich des Geistes wandeln, aber das Fleisch noch an sich tragen. Es wird wohl von ihnen ausdrücklich gesagt, daß sie nicht im Fleische sind, d. h., daß sie durch den Glauben an Christus vom Fleische befreit sind. Sie haben eine andere, voll­ständig neue Natur empfangen und sind nicht ihrer 'alten Natur hilflos überlassen. Jedem Gläubigen steht im Heiligen Geist die nötige Kraft zur Verfügung, um vor der Sünde bewahrt zu bleiben.

 

Wir wissen nur zu gut, daß wir noch sündigen können und daß wir alle oft straucheln. Aber das ist unsere eigene Schuld. Deshalb sollte der Gläubige auch bereit ‑ ich möchte sagen, glücklich ‑sein, Gott zu rechtfertigen und sich selbst zu verurteilen. Das ist zwar demütigend, aber haben wir nicht immer großen Segen aus den Dingen empfangen, die uns demütigten? Jede Übung dieser Art, wie traurig, schmerzhaft und ungerecht sie auch erscheinen mag, erweist sich durch Gottes Gnade für uns stets zum Guten, wenn wir sie von Ihm annehmen. »Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind« (Röm. 8, 28). Und da wir wissen, daß jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk von dem Vater der Lichter kommt, sind wir nicht zu entschuldigen, wenn wir Ihm nicht entsprechen; denn wir sind Seine Kinder und berufen, den Charakter der Familie Gottes zu offenbaren.

 

So ist es verständlich, daß der Apostel in der zweiten Hälfte des ersten Kapitels den wunderbaren Ausgangspunkt des Gläubigen beschreibt. Denn der so oft mißverstandene Vers 7 bezieht sich tatsächlich auf die Stellung des Gläubigen, nicht, wie so häufig angenommen, auf sein Tun und seinen Wandel. Er stellt das Kennzeichen unseres normalen Wandels dar, da wir ewiges Leben besitzen. Dieses Leben hat sowohl seinen mächtigen Schutz als auch die Grundlage zu unbegrenzter Erquickung in dem Opfer Christi. So sind die Worte: » Wenn wir aber in dem Lichte wandeln« eine abstrakte Kennzeichnung des wahren Christen. Sie genügt, um die Verkehrtheit einer anderen Auslegung dieses Verses zu zeigen. Es handelt sich nicht um einen bestimmten Zeitpunkt oder um Handlungen im Wandel des Gläubigen, sondern um seinen gottgemäßen Charakter. Genau dieses zeigt der Apostel so freu­dig in seinem Brief und wendet es immer wieder auf uns an. »Wenn wir aber in dem Lichte wandeln«, das bedeutet in Wirk­lichkeit, wenn wir Christen sind, wenn wir das Licht des Lebens gesehen haben, wenn wir Christus nachfolgen. Der Herr sagt: »Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln« (Joh. 8, 12). Meint der Herr damit etwas, das nur für gewisse Heilige gilt? Nein, Er versichert, daß es auf jeden zutrifft, der Ihm nachfolgt: »Der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. « Das ist ein großes Vorrecht, das aber völlig auf der Gnade Gottes und in keiner Weise auf unserer Treue beruht. Es ist allein das Ergebnis der unvergleichlichen Güte Gottes, daß wir es als Gläubige unmittelbar mit Ihm zu tun haben, wie Er ist. Nicht in der Finsternis, sondern nur im Licht können wir Gott erkennen, wie Er ist. In diesem Licht besitzen wir nicht nur das ewige Leben, sondern wandeln auch dementsprechend im Licht und nicht mehr in der Finsternis wie ein Heide. Der gefallene Mensch wandelt notwendigerweise in der Finsternis, weil er Gott nicht kennt. Der Gläubige aber wandelt im Licht, weil er Gott kennt und Christus, das Licht des Lebens, erblickt hat. Dieses Licht des Lebens ist kein schwacher, vergänglicher Strahl, son­dern das vollkommene, unveränderliche Licht. »Das wahrhaftige Licht leuchtet schon«, es scheint auf den Christen, ja, bis in sein Herz hinein. Der Apostel Paulus nennt es sogar den »Lichtglanz der Herrlichkeit«, weil er mit dem erhöhten Christus droben beschäftigt ist. Hier haben wir es mehr mit dem Licht des Lebens in Christus, dem wahren Licht der göttlichen Natur, zu tun. Als wir uns bekehrten und auf dem Erlösungswerke ruhten, wurden wir noch nicht in den Himmel, aber zu Gott geführt (l. Petr. 3, 18). Gott aber ist nicht Finsternis, sondern »Licht ... und gar keine Finsternis in ihm«. In diesem Lichte wandeln wir.

 

Manche verwechseln den Wandel im Licht mit dem Wandel, der diesem Licht entspricht. Aber das ist eine völlig andere Sache. Denn wenn wir sagen: »Wir wandeln in Übereinstimmung mit dem Licht«, dann bezieht sich das auf unser praktisches Verhal­ten. Heißt es aber: »Wir wandeln im Licht«, so zeigt das, wohin wir durch unseren Herrn Jesus Christus gebracht worden sind, nämlich zu Gott. In diesem Lichte wandeln wir von da an bis zu dem Augenblick, da wir bei Ihm sein werden, wo das Licht dann vollkommen ungehindert erstrahlen wird. Hier haben wir noch mit allerlei Zukurzkommen, Hindernissen und Gefahren von seiten des Fleisches, der Welt und Satans zu tun. Doch wandeln wir durch den Glauben schon jetzt in dem Licht der Gegenwart Gottes.

Der Feind hat einen, wie man sagen könnte, persönlichen und ganz besonderen Haß auf den Sohn Gottes, den Herrn Jesus. Satan haßte natürlich auch den Menschen von Anfang an, wäh­rend Gott barmherzige, huldvolle Gefühle für den Menschen hegte. Es war ja der Ratschluß Gottes, daß der Sohn selbst Mensch werden sollte. Doch auch der Mensch als solcher war ein Gegenstand des Interesses Gottes. Er war nur ein Geschöpf aus Staub, bis Gott den Odem des Lebens in seine Nase hauchte. Der Mensch allein, als das Haupt der irdischen Schöpfung, empfing den Odem Gottes auf diese unmittelbare Weise. Die anderen Geschöpfe wurden ins Leben gerufen, ohne diesen Hauch emp­fangen zu haben; infolgedessen war ihr Leben mit dem Tode beendet. Nicht so der Mensch. Zwar kehrt er mit dem Tode zum Staube zurück, aber was geschieht mit dem Odem Gottes? Er bildet die Grundlage der Unsterblichkeit der Seele. Ich meine jetzt nicht das neue Leben des Gläubigen, sondern die Seele, die jeder Mensch besitzt. Wenn jemand die Unsterblichkeit der Seele leugnet, so ist er in dieser Beziehung ein Ungläubiger, denn er stellt damit die menschliche Seele auf eine Stufe mit der eines Hundes. Kann es eine größere Beleidigung Gottes und zugleich Beweis des Unglaubens geben angesichts dessen, was Er an und für den Menschen getan hat? Kein anderes Lebewesen wurde im Bilde und nach dem Gleichnis Gottes geschaffen. Um so größer der Unglaube und die Undankbarkeit, die Gott und Sein Wort derartig verachten, ‑ den Gott, der dem Haupt der Schöpfung solche Güte und Ehre erwiesen hat! Der Mensch wurde zum Herrschen geschaffen. Eine solche Stellung nehmen nicht einmal die Engel ein; sie sind alle Diener. Kein Engel wird je eine Krone tragen oder auf einem Thron sitzen (was auch Dichter und Theologen diesbezüglich behaupten mögen). Aber die Heiligen werden ganz sicher mit Christus herrschen.

 

Es liegt somit schon in der Erschaffung des Menschen etwas außerordentlich Erhabenes. Satans Absicht ist es, ihn zu einem nur für die Gegenwart lebenden Wesen zu machen. Vor allem Zukünftigen soll er seine Augen verschließen und Gottes Wort und sein darin angekündigtes Gericht ignorieren. Es gibt in unseren Tagen viele Formen des Unglaubens. Wir dürfen wohl sagen, daß die erste Stufe des Unglaubens in der Leugnung der Bibel als Gottes Wort, oder aber in der Verwerfung Seines Zeugnisses über Christus gemäß dem verkündeten Evangelium besteht. Als nächster Schritt wird das Leben der unsterblichen menschlichen Seele dem des Tieres gleichgestellt und damit Himmel und Hölle geleugnet. So geht es tiefer und tiefer in die finsteren Abgründe des Unglaubens. Es besteht aber auch immer die Gefahr der Anmaßung, denn das Fleisch neigt dazu, alles zu mißbrauchen, am meisten jedoch, die Gnade zu verdrehen. Selbst wo eine neue Natur vorhanden ist, wird der Gläubige nur auf dem rechten Weg erhalten, wenn er sich in Abhängigkeit von Gott durch den Glauben auf das Werk Christi stützt.

 

Andererseits handelt Gott selbst in aktiver Weise. Wenn das Licht der sittliche Charakter Gottes ist, so ist die Liebe die Energie Seines Wesens, die sich in tiefer Zuneigung und Mitgefühl äußert.

 

In abstraktem Sinne kann nur die Liebe sich derart äußern. Zweifellos kann die Liebe leicht mißbraucht werden. Wir würden sie nicht nur gelegentlich mißbrauchen, sondern zu noch Schlim­merem fortschreiten, wenn Gott Sich in Christus nur als Leben und Licht und nicht auch als Liebe geoffenbart hätte. Aus dieser Liebe heraus starb der Heiland und vergoß Sein Blut für uns, um uns in Gottes Augen weißer als Schnee zu machen. Er, der Heilige und Gerechte, ist auch unser Sachwalter bei dem Vater.

 

Wir sehen, daß der Apostel hier nicht wie im zweiten Teil des ersten Kapitels die Natur Gottes beschreibt, sondern Seinen Charakter als Vater, diese Bezeichnung voller Gnade in Seinem Verhältnis zum Christen. Die Gnade, die Gott dem Christen erweist, ist die höchste Gnade, die Gott je bewiesen hat oder beweisen wird. Sein Wort ist jetzt vollständig. Gott wird keine neuen Offenbarungen mehr geben, der Mensch hat keine mehr zu erwarten. Gott hat Seine letzte und bedeutungsvollste Mitteilung gemacht; außerdem ist der Heilige Geist jetzt anwesend, um uns in Seinem Sohn die erforderliche Kraft darzureichen. Wir brau­chen nicht nach Jerusalem, Samaria oder Rom zu gehen, um die Bedeutung des Wortes Gottes zu erfahren. Die Heilige Schrift ist allein Grundlage und Maßstab der Wahrheit, und der Heilige Geist wohnt in jedem Christen zu dem ausdrücklichen Zweck, ihn in die ganze Wahrheit zu leiten.

 

Das setzt jedoch einen geeigneten Seelenzustand voraus. Im ersten Teil von Kapitel 1 finden wir als hohen und gesegneten Gegenstand die Gemeinschaft vorgestellt. Christliche Gemein­schaft beinhaltet, in jeder Hinsicht teilzuhaben an den Gedanken und Zuneigungen des Vaters, an Seinem Werk und Seinen Absichten, die alle auf Den hinzielen, welcher der Gegenstand unseres Glaubens geworden ist. Wir finden sie persönlich in dem menschgewordenen Wort sowie in dem niedergeschriebenen Wort, und wir haben sie im Glauben zu ergreifen. Wir erkennen dann, daß Gottes Tun in Christus für uns schon Gegenstand Seines Herzens war, ehe Er noch irgend etwas gewirkt hatte. Er hat es uns in Seinem Sohn geoffenbart und durch den Heiligen Geist mitgeteilt. Wir haben das Beste empfangen, was Gott uns geben konnte. Seine eigene Wonne am Sohne von Ewigkeit her ist nun auch uns mitgeteilt. Denn als Er sagte: »Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe«, ist dieser Ausspruch nicht viel wunderbarer, als wenn Er gesagt hätte: »an welchem ihr Wohlgefallen finden sollt«? Schon das müßten wir als eine große Gnade empfinden. Gott aber will die höchste Freude Seines Herzens mit uns teilen. Denn Sein Wohlgefallen ist auf den Herrn Jesus konzentriert, und zwar um so mehr, weil der Sohn sich herabließ, Menschengestalt anzunehmen und von einem Weibe geboren zu werden. Diese Tatsache war zu unserem Heil und Segen ebenso notwendig wie diejenige, daß Er gleichzeitig Gott von Ewigkeit ist. Ohne die Fleischwerdung des Sohnes Gottes war keine Verbindung zwischen Gott und dem Menschen möglich. Und wie sehr wurde Gott darin verherrlicht!

 

Der Herr Jesus kam nicht nur auf die Erde, um zu sterben. Das ist zwar für uns von höchster Bedeutung, denn dadurch sind wir aus Sündenelend und allen Folgen unserer gefallenen Natur errettet worden. Aber Gott Selbst zu genießen, wie Er ist, Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesus Chri­stus zu haben, ist ein Vorrecht, das heute leider den meisten Christen unbekannt ist, obwohl dies unser schönstes und höchstes Teil ist. Ist das nicht ein beklagenswertes Zukurzkommen? Man meint, es genüge, errettet zu sein oder gar nur demütig darauf zu hoffen, daß man einmal gerettet wird. Dies ist ein besonders selbstsüchtiger und schwer zu beseitigender Standpunkt der Calvi­nisten. Sie sagen: »Die Hauptsache ist, daß ich gerettet bin! Erwählt oder nicht erwählt zu sein, das ist die erste entscheidende Frage!« Dabei dreht sich alles um das eigene Ich. Für Gott ist es nur der erste Schritt, daß der Mensch an den Herrn Jesus glaubt. Dann kann das Herz sich durch die Macht des Geistes völlig dem Vater und dem Sohne öffnen und sich nicht nur zu allen Gläubi­gen, sondern auch zu allen Sündern ausstrecken, damit auch sie glauben und errettet werden.

 

Nein, meine eigene Sicherheit ist nicht das Wichtigste. So gesegnet es ist, errettet zu sein, so bedeutet meine eigene Rettung doch nur einen geringen Teil dessen, was das Christentum aus­macht, und wieviel weniger noch im Blick auf Gottes Herrlichkeit! Die Errettung durch die Annahme des Heilandes steht zwar als wichtiges Erfordernis am Anfang des Weges jedes Gläubigen. Sie beweist, daß er keinerlei Verdienst aufweisen konnte, um einen Segen zu empfangen. Sie ist die freie und vollkommene Gabe Gottes. Aber was könnte uns größere Freude bereiten, als an Seiner Liebe und der Wonne, die Er an dem Sohne Seiner Liebe empfindet, teilzuhaben? Was könnte selbst im Himmel diese Freude übersteigen? Dort wird alles Böse hinweggetan sein, und Herrlichkeit wird alles erfüllen. Aber auch dort wird es nichts Höheres geben als die Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesus Christus. Es ist völlig unverständlich, daß ein Christ in einer Schrift behauptet hat, daß wir im Himmel keine Gemeinschaft haben würden. Selbstverständlich dachte er nicht an eine »kirchliche« Gemeinschaft; das wäre unsinnig, so wertvoll diese auf Erden auch ist. Nein, er bestritt jede Gemeinschaft im Himmel. Das wunderbare an der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne ist, daß wir sie schon hier auf der Erde genießen dürfen. Es ist jedoch nur einer der überragenden Gnadenbeweise Gottes, daß wir schon hier durch die Kraft des Heiligen Geistes zu ihrem Genuß befähigt werden.

 

So gesegnet die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne auch ist, sie kann leider leicht unterbrochen werden. Schon ein einziger törichter Gedanke, ein unbedachtes Wort genügen dazu. Denn wie könnte der Vater und der Sohn Gemeinschaft mit Sünde haben? Wir müssen deshalb wiederhergestellt werden. Aus die­sem Grund finden wir hier die gnadenreiche Ergänzung: »Meine Kinder, ich schreibe euch dieses, auf daß ihr nicht sündiget« (V. 1). Der Apostel fürchtet nicht, daß sie verlorengehen könnten. In dieser Beziehung haben auch die sonst harten und engherzigen Calvinisten vollkommen recht. Ewiges Leben bedeutet wirklich ewiges Leben und nicht weniger. Aber es bedeutet zugleich viel mehr, als man unter diesen beiden Worten gewöhnlich versteht. Ihre Tragweite und Tiefe reicht weiter als viele Gläubige und selbst viele Märtyrer in ihnen fanden. Es ist klar, daß die Bezeichnung »ewiges Leben«, selbst oberflächlich betrachtet, mehr in sich schließt als nur unsere Errettung und Sicherstellung. Wir wissen jedoch, daß es leider lebendige Christen gibt, die noch nicht einmal diese Seite des ewigen Lebens bejahen. Nichts ist zu töricht oder sogar Gottes Wort entgegengesetzt, daß es nicht in christlichen Kreisen Eingang finden würde, abgesehen von der Grundwahrheit über Christus Selbst. Aber Gott wacht über Herz, Gedanken und Worte Seiner Kinder, so mußte Er hier jeden Mißbrauch Seiner unvergleichlichen Gnade, jede Geringschät­zung Seiner anbetungswürdigen Person verhindern.

 

Die Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne, die sich auf das ewige Leben in Christus gründet, macht uns passend für das Licht und befähigt uns zu einem Wandel im Licht. In Seiner Gnade reicht Gott uns nicht nur Einsicht für unseren Wandel, sondern auch Frieden und völlige Freude dar. Aber wie viele Kinder Gottes wissen gar nicht, daß sie jetzt schon einen Anspruch auf diese Vorrechte besitzen, weil dies den Gedanken des Vaters über sie entspricht! In ihrem täglichen Leben als Christen sind sie weit von der »völligen Freude« entfernt, die nicht nur hier genannt, sondern auch von Paulus bezeugt und vorgelebt wurde.

 

Betrachten wir den Philipperbrief, den »Brief der Erfahrung«, der doch wie kein anderer von überströmender Freude angefüllt ist. Der Apostel war selbst von Freude erfüllt und wollte sie auch in den Herzen der Philipper finden, die er gleichermaßen liebte wie sie ihn. Man kann sagen, daß er die Arbeit in Philippi in einem Kerker um Mitternacht weitergeführt hat unter großen Schmä­hungen von Seiten der Menschen. Mißhandlungen und Schande waren sein Teil und das seines Begleiters Silas gewesen. Aber an keinem anderen Ort begann die Evangeliumsarbeit so offenkun­dig mit Triumphgesängen vor Gott inmitten von Leid und Schmerz. Nicht nur die Mitgefangenen hörten ihnen zu, wie uns mitgeteilt wird, sondern auch Gott hörte sie; und Er antwortete mit einem Erdbeben, wie es, wie wir wohl annehmen dürfen, noch keines an einem anderen Ort seit Bestehen der Erde gegeben hat. Die Auswirkungen dieses Bebens hatten einen beispiellosen Erfolg: alle Fesseln wurden gelöst, trotzdem flüchtete keiner der Gefangenen, und niemand wurde getötet oder auch nur verletzt. Für den Kerkermeister gab es ein wunderbares Erwachen. Er hörte nicht nur, daß alle seine Gefängnisinsassen in Sicherheit waren, er erfuhr etwas unvergleichlich Besseres: den Heiland, der ihn durch göttliche Gnade rettete. Er war gewiß ein rauher, harter und rücksichtsloser Mann gewesen wie so mancher Gefängniswär­ter besonders jener Zeit, nun aber wurde er ein mächtiger Beweis göttlicher Barmherzigkeit. Er war ein Zeugnis der Antwort Gottes auf den Mißbrauch der Autorität, aber zugleich auch auf das gläubige Ausharren Seiner Knechte, die Ihm im Kerker lobsangen. Von dort waren ihre Lobgesänge, die sie trotz ihrer vielen Striemen Ihm zur Ehre freudig anstimmten, wohlgefällig an Sein Ohr gedrungen. Wenn wir ‑ unter unseren normalen Umständen ‑ die Gnade und Wahrheit Gottes in Ruhe und Frieden genießen können, sollten sicherlich unsere Lieder im Geiste jederzeit zu Gott emporsteigen. Das heißt nicht, daß Christen immerzu singen sollten, sondern daß allezeit Lob und Dank aufsteigen sollten aus ihren Herzen. So würde es sicherlich auch sein, wenn alle Gläubigen die ihnen in Christus geschenkten Segnungen, wie sie in Gottes Wort geoffenbart sind, besitzen und genießen würden, frei von jeder Verdunklung der Wahrheit durch mangelnden Glauben.

 

Kapitel 2 beginnt mit einem rührenden Appell an das liebevolle Vertrauen derer, die der Apostel hier »meine lieben Kinder« nennt (vgl. S. 278). Er hat eine derartige liebevolle Anrede bisher nicht verwendet; jetzt gebraucht er sie. Es heißt hier auch nicht mehr: »Wir schreiben«, als passender Ausdruck des gemeinsamen Zeugnisses in Kapitel 1, sondern: »Ich schreibe euch dieses«. Er wird hier in seinen Worten ganz persönlich. Der Apostel schrieb an jeden einzelnen und an alle gemeinsam, wie Gott ihn leitete, aber von sich aus ganz persönlich. Er war gewiß ebenso inspiriert, im ersten Kapitel den Ausdruck »Wir schreiben« zu gebrauchen wie »ich schreibe« im zweiten. Im ersten Kapitel handelte es sich um das, was auserwählte Zeugen durch die Gnade Gottes bezeug­ten und was von allen Gläubigen vollkommen genossen werden sollte. Wenn sie Gott um Mitternacht lobsingen konnten, dann würden sie Ihm sicherlich auch am lichten Mittag ihre geistlichen Loblieder darbringen. Aber hier spricht der Apostel eine ernste Warnung aus: »Ich schreibe euch dieses, auf daß ihr nicht sündi­get. « Wer könnte sich wundern, daß diese Warnung nun persön­lich ausgesprochen wird? Sünde ist stets eine ernste Sache; wenn aber ein Gläubiger sündigt, wird der Herr besonders verunehrt. Wenn wir das Evangelium kennen, sollten wir wissen, daß das ewige Leben weiterbesteht, auch wenn die Zeit aufhört. Der Christ besitzt das ewige Leben; es ist das Leben Christi, das ihm jetzt schon mitgeteilt ist. Ebenso besitzt er nicht, wie das Volk Israel unter Mose bei dem Auszug aus Ägypten, eine zeitliche, sondern eine ewige Erlösung (Hebr. 9, 12). Wie alle unsere christlichen Vorrechte ist auch unsere Erlösung eine ewige. Hier in 1. Johannes 2, 1 handelt es sich nicht darum, daß wir in dieser Beziehung die Befürchtungen zu hegen brauchen, die einen Israeliten bedrängen konnten. Als solche, die das Leben und den Charakter Christi offenbaren sollen, läßt uns aber die Gnade tief empfinden, was den Namen Christi verunehrt oder den Heiligen Geist Gottes betrübt, durch Den wir versiegelt sind auf den Tag der Erlösung. Aber es geht noch weiter, denn auch der Vater wird hier erwähnt. Wir sind nicht nur Teilhaber der göttlichen Natur geworden, sondern wir stehen auch in einem Kindesverhältnis ZUM Vater.

 

Wir können uns vielleicht vorstellen, wie groß der Schmerz eines Waisenkindes sein muß, das seine eigenen Eltern nie gekannt hat, wenn es sieht, welches Verhältnis andere Kinder mit ihren Eltern verbindet. Welche große Leere muß dieses Kind empfinden! In unserem Verhältnis zu Gott als unserem Vater gibt es jedoch keinen Grund zu derartigen Gefühlen. Wir haben nicht nur durch Gnade die göttliche Natur empfangen, die uns in allen Proben und Schwierigkeiten erhalten bleibt, sondern unsere Stellung in Christus als Kinder Seines und unseres Vaters bleibt unumstößlich bestehen. Was ist nun Sünde in Seinen Augen? Nichts anderes als ein direkter Schlag gegen das Wesen und die Natur Gottes. Durch unser inniges Verhältnis zu Ihm wird die Gott zugefügte Beleidigung nur noch vergrößert. Sünde in ihrem wahren Charakter bedeutet, daß jemand nach seinem eigenen Willen gegen den Willen Gottes handelt. Es handelt sich nicht um die Übertretung des Gesetzes oder »Unrecht«, wie Luther in 1. Johannes 3, 4 übersetzt. Was der Apostel dort wirklich ausdrük­ken will, ist, daß die Sünde die Gesetzlosigkeit ist; das geht weiter und tiefer als eine Gesetzesübertretung. Das Gesetz konnte durch einen Juden aus Unachtsamkeit oder auch vorsätzlich gebrochen werden, indem er die hinter dem Gesetz stehende Autorität Gottes außer acht ließ. »Gesetzlosigkeit« hat dagegen einen schrecklichen Charakter. Gesetzlosigkeit kennzeichnet die Hei­den, die kein Gesetz kennen; sie werden als »gesetzlos« bezeich­net. Für uns Christen aber lautet die Definition der Sünde: »Sünde ist Gesetzlosigkeit.« Eine Gesetzesübertretung ist stets Sünde, aber das Umgekehrte kann man nicht immer sagen, denn Sünde hat eine viel weiter gehende Bedeutung. Sünde ist Gesetzlosig­keit, d. h. ungezügelter Eigenwille.

 

Nachdem der Apostel im ersten Kapitel die Gemeinschaft mit Gott und die Natur Gottes beschrieben hat, ermahnt er nun in liebevollem Verantwortungsbewußtsein seine Kinder, nicht zu sündigen. Sündige ich, so ist das ewige Leben in mir nicht in Tätigkeit; ich beleidige in gröbster Weise die Liebe des Vaters und des Sohnes und verstoße gegen die sittliche Natur Gottes. Das ist etwas ganz anderes als eine Übertretung des Gesetzes Moses, so bedeutungsvoll und wertvoll dieses auch für jeden ist, der es kennt. Das Gebot ist heilig, gerecht und gut. Wir aber, selbst wenn wir ehemals Juden gewesen wären, sind jetzt mit Christus dem Gesetz gestorben und auf einen völlig anderen Boden gestellt worden. Wir stehen jetzt unter Gnade, nicht unter Gesetz. Das ist die neue, nach Christi Tod und Auferstehung geoffenbarte Stel­lung des Gläubigen. Aber Satan ist immer auf der Lauer, um uns dazu zu verleiten, den Herrn zu verunehren. Deshalb lesen wir hier die kurze aber bedeutungsvolle Mahnung: »Ich schreibe euch dieses, auf daß ihr nicht sündiget. « Die Schlichtheit dieser Worte und die liebevolle Anrede: »meine Kinder« unterstreichen noch ihren Ernst. Dann heißt es weiter: » Und wenn jemand gesündigt hat«; d. h., wenn ein Gläubiger, jemand, der in dem beschriebenen Verhältnis zu Gott steht und Seine Natur besitzt, sündigt. Hier ist nur von einer sündigen Tat die Rede; es wird niemals vorausgesetzt, daß ein Christ bewußt in der Sünde lebt. Für eine solche Gleichgültigkeit Gottes Geboten gegenüber finden wir in der Schrift keinerlei Berechtigung und auch keine Entschuldi­gung. Zwar gibt es Seelen, die der bösen Theorie anhangen, daß in uns keine Sünde sei. Wie wir aber gesehen haben, betrügen solche sich selbst, und die Wahrheit ist nicht in ihnen. Wer leugnet, daß wir gesündigt haben, geht noch weiter. Er beweist damit, daß sein Gewissen verhärtet ist und ihm das göttliche Licht, das unser ganzes Leben im Eigenwillen offenbart, völlig fehlt. Welche Behauptung könnte der Aussage des Wortes Gottes über unseren Zustand mehr zuwiderlaufen?

 

» Und wenn jemand gesündigt hat ‑ wir haben einen Sachwalter. « Geben diese Worte nicht einer tröstlichen Wahrheit einen beson­ders schönen Ausdruck? Es heißt nicht »er hat«, sondern »wir haben einen Sachwalter«. Diese Sachwalterschaft Christi beschränkt sich nicht nur darauf, die Trauer und Beschämung des gefallenen Gläubigen zu beseitigen, so groß diese Wohltat auch an sich ist. Obwohl es hier um die Behandlung einer einzelnen sündigen Handlung geht, hat das Wort »Sachwalter« doch eine viel weiter reichende allgemeine Bedeutung. Da es sich um einen Gläubigen handelt, muß unser Sachwalter einer um so größeren Verunehrung Gottes entgegentreten. Was hatte das Tragen der Sünde und der Sünden den Herrn doch gekostet! Als Er »zur Sünde gemacht« wurde, stieg Er in die tiefsten Tiefen hinab und ertrug unter der Hand Gottes das Gericht über die Sünde, damit wir es nicht erdulden müßten. »Wenn jemand gesündigt hat ‑ wir (d. h. alle Gläubigen, die Gegenstände der Gnade Gottes gewor­den sind) »haben einen Sachwalter. « Er weilt droben, um unseren Bedürfnissen zu entsprechen. Da Er ständig dort für uns da ist, besitzen auch wir Ihn ununterbrochen. Wie wir die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Sünden und das ewige Leben besitzen, so haben wir in Ihm auch nicht weniger einen Sachwalter bei dem Vater. Die Gnade Gottes hat in dieser wunderbaren Weise Vorsorge für uns getroffen. Das Wort »Sachwalter« (griech. parakl~tos) ist dieselbe Bezeichnung, die Johannes in seinem Evangelium für den Heiligen Geist verwendet. Das Wort »Sachwalter« deutet in der Schrift immer auf jemand hin, der für uns berufen ist, um in vollkommener Weise das für uns auszuführen, wozu wir selbst unfähig sind. Das allein zeigt uns, daß wir der Bedeutung dieses Wortes keine zu engen Grenzen setzen und es nicht auf die Beschäftigung mit der Sünde allein beschränken dürfen. Er ist zugleich auch unser Tröster und sorgt für alle unsere Bedürfnisse. Obwohl die Tröstung Gottes gnädige Vorsorge für uns darstellt, so wäre es doch seltsam und keineswegs angemes­sen, wenn einem Gläubigen, der gesündigt hat, nur auf diese Weise begegnet würde. Es mag zwar dem menschlichen Fleische gefallen, die Sünde so wenig wie möglich zu erwähnen, um »die Gefühle unseres armen gefallenen Bruders, der wirklich nichts dafür konnte«, zu schonen. Eine aufrichtige Seele wird aber stets den Wunsch haben, daß die Wunde sondiert und dem heimtücki­schen Übel bis auf den Grund nachgegangen wird. Sie wird im Selbstgericht vor Gott stehen, weil sie in etwas verstrickt wurde, was des Vaters und des Sohnes so unwürdig ist und den Heiligen Geist betrübt. Aber schon ehe die Sünde begangen wurde, war Jesus Christus, der Gerechte, als Sachwalter bei dem Vater tätig; Er ruht auch nachher nicht, um die so betrübende Tat zum Guten zu wenden. Er tut dies nicht in Seiner Eigenschaft als Gott. Das wäre angebracht, wenn wir unseren Platz als Christen verloren hätten. Aber obwohl die Sünde so beschämend ist, können wir die göttliche Gnadenstellung nicht verlieren. Wir dürfen darauf ver­trauen, daß dies unsere Stellung ist und bleibt. Gerade in den Augenblicken, wenn wir durch unsere eigene Torheit in Sünde gefallen sind, haben wir es besonders nötig, uns unsere Stellung als Christen deutlich vor Augen zu halten. Wie könnten wir uns sonst aufrichtig und tief wegen unserer Sünde schämen, ohne dabei verzweifeln zu müssen? Wie sollte es uns tief niederbeugen, daß wir uns als Gegenstände unvergleichlicher Barmherzigkeit und Segnungen unseres Gottes in Ungerechtigkeit und Sünde verstrik­ken, die Liebe und Heiligkeit unseres Vaters vergessen und uns mit dem sündigen alten Menschen wieder einlassen konnten!

 

Die innewohnende Sünde ist wie ein wildes Tier, das hinter Schloß und Riegel gehalten werden muß, damit es nicht ausbricht. Sie ist unser Todfeind, den wir jedoch unter dem Urteil des Todes zu halten befähigt sind, und zwar des einzig wirksamen Todes, des Todes Christi sowie unseres Todes mit Ihm. Fallen wir trotzdem, so beweist das einen Mangel nicht nur an persönlicher Wachsam­keit, sondern auch an praktischem Vertrauen auf Christus, eine mangelnde Tätigkeit unseres Glaubens an das, was Er am Kreuz für uns vollbracht hat. Dieses Werk geschah nicht nur zur Tilgung der Sünden, sondern auch, um die Sünde im Fleische an Ihm, dessen Fleisch vollkommen heilig war, richterlich zu verurteilen. Gott hat sie an Ihm gerichtet, und das ist uns durch Gnade zugerechnet; sie ist nicht vergeben, sondern gerichtet worden. Tatsünden müssen vergeben werden, aber die innewohnende Sünde hat Gott an Christus, als Er zur Sünde gemacht wurde, verurteilt und gerichtet. An dem gekreuzigten Christus wurde das Gericht über die Sünde ausgeführt, damit wir in Ihm befreit werden konnten. Das ist es, was wir nötig hatten, und durch die Gnade ist es uns nun zuteil geworden (Röm. 8, 3). Wir müssen aber stets wachsam sein, damit wir die Kraft haben, das Fleisch zu verurteilen, wo immer es sich zeigt oder auch nur innerlich wirksam wird, ohne daß andere es bereits sehen können.

 

in unserer Schriftstelle handelt es sich jedoch um Tatsünde. Was geschieht, wenn ein Gotteskind, ich oder du, gesündigt hat? Es liegt in der Natur der Sünde, daß sie im Bösen immer weiter fortschreitet und uns zu größerer Gottlosigkeit fortziehen will. Das würde auch geschehen, wenn wir nicht einen solchen Sach­walter bei dem Vater hätten. Seine Tätigkeit für uns bewirkt, daß wir die Sünde als solche empfinden und unter Beugung vor unserem Gott und Vater richten. Es mag manchem Leser sehr merkwürdig erscheinen, daß es nicht heißt: »Wenn jemand Buße tut«, sondern: »Wenn jemand gesündigt hat, ‑ wir haben einen Sachwalter«. Einer gesetzlichen Haltung, die an keine Gnade glaubt, würde diese Formulierung zweifellos besser entsprechen. Denn müßte es nicht richtiger lauten: »Wenn jemand Buße tut ‑ wir haben einen Sachwalter«? ‑ Aber Gottes Wort sagt: »Wenn jemand gesündigt hat«. Wohl haßt Gott die Sünde mit göttlichem Haß, aber Er liebt den Gläubigen, und als Vater liebt Er Sein Kind mit einer Liebe, die alle Schwierigkeiten überwindet. Sein Ziel ist es ja, den Gläubigen in Seine eigenen Gedanken einzuführen; er soll dahin gebracht werden, die Sünde so zu hassen, wie Gott Selbst sie haßt. Deswegen haben wir einen Sachwalter, und zwar nicht nur bei Gott ‑ als hätten wir durch die Sünde alles verloren und müßten nun einen neuen Anfang machen ‑, sondern bei dem Vater. Durch die Sünde habe ich Seine Gnade und Wahrheit verunehrt, und Er will mich dazu bringen, daß ich meine Sünde verurteile und mich selbst dementsprechend richte. Es ist der Sachwalter droben, der dahingehend in mir wirkt. Er benutzt dazu auch noch einen anderen Sachwalter auf der Erde, den Heiligen Geist. Es ist daher einleuchtend, daß die richtige Übersetzung des Wortes parakletos »Sachwalter« ist, und zwar sowohl im Johannesevangelium in bezug auf den Heiligen Geist, als auch hier in bezug auf den Herrn Jesus in Seiner Tätigkeit bei dem Vater. Der Ausdruck »Sachwalter« deutet an, daß jemand alles für uns vollbringt, wozu wir selbst nicht in der Lage sind, bis hin zu dem extremen Fall eines Abgleitens in die Sünde. Eine ähnliche Bedeutung (soweit ein schwaches Beispiel aus der Welt es ver­deutlichen kann) hatte das Wort »Patron« bei den Römern der Frühzeit. Damals hatten Selbstsucht, Luxus und moralischer Verfall noch nicht so stark eingesetzt wie in späterer Zeit, und sie besaßen einen für ein heidnisches Volk hohen sittlichen Stand. Die Mitglieder und Nahestehenden der Sippe konnten zu ihrem Oberhaupt, dem »Patron«, gehen und seine Hilfe in Anspruch nehmen. Aufgrund der Tatsache, daß er ihr Haupt war, war er verpflichtet, sich persönlich und aktiv für die Interessen der Angehörigen seiner Sippe, die seine Hilfe benötigten, einzuset­zen. Das war jedenfalls die Theorie, die dem System zugrundelag, wenn es auch in der Praxis, wie immer bei den Menschen dieser Welt, nicht zur vollen Auswirkung kommen mochte. Es war das Prinzip der Sachwalterschaft, und was von Menschen sehr unvoll­kommen ausgeführt wurde, kann der Gläubige in dem Herrn Jesus jetzt in Vollkommenheit finden. Und nicht nur in Ihm, dem Sachwalter bei dem Vater, sondern auch in dem Heiligen Geist, der von dem Vater und dem Sohn gesandt wurde, um als Sachwalter in uns Wohnung zu machen. Es ist ein Teil Seiner Tätigkeit, Sich für Heilige in der Fürbitte Gott gemäß zu verwen­den. Dies ist ein beständiges Eintreten des Heiligen Geistes für uns, wie wir es in Römer 8, 26. 27 finden, wenn auch nicht genau in der gleichen Weise, wie die Tätigkeit Christi im Himmel (Röm. 8, 34). Diese doppelte göttliche Sachwalterschaft entspricht in jeder Hinsicht allen unseren Bedürfnissen. Ob wir uns in Schwierigkei­ten, Versuchungen oder Trübsal befinden, stets ist der Geist für uns da. Sind wir schwach oder unwissend, so kommt der Geist uns auf irgendeine Weise zu Hilfe, indem Er nicht immer direkt in uns wirkt, sondern manchmal andere dazu benützt. Ist diese Tätigkeit nicht beglückend für uns? Nach Gottes Gedanken stehen wir keineswegs unabhängig voneinander da. Durch die Kraft des Geistes sind wir als Glieder des einen Leibes Christi auch zu Gliedern voneinander gemacht worden. Es ist der Wille Gottes, daß wir dies auf der Erde zum Ausdruck bringen; doch wie weit tun wir es? ‑ Jedenfalls wissen wir, daß unser Sachwalter droben niemals versagt, ebensowenig wie der Sachwalter hier auf der Erde. So ermutigt und umsorgt uns die wunderbare Gnade Gottes in doppelter Weise, um uns treu zu erhalten, wie groß auch unsere Schwachheit sein mag. Wie doppelt dankbar sollten wir Gott für diese zwei Hilfsmittel sein, die Er uns durch Johannes in sei­nem Evangelium und hier in seinem ersten Brief vor Augen stellt ‑

 

Unter denen, die für den Namen des Herrn Jesus lebten, dienten und litten, gab es keinen größeren Verwalter der Geheim­nisse Gottes, keinen mächtigeren Arbeiter im Evangelium und in der Versammlung, als den Apostel Paulus. Trotzdem sind uns nicht alle Wahrheiten durch seine Schriften mitgeteilt worden. Der Apostel Johannes nimmt einen besonderen Platz ein, den nur er unter der Leitung des Heiligen Geistes ausfüllen konnte. Das verwundert uns nicht, wenn wir bedenken, daß er es war, der sich an die Brust Jesu lehnte. Es gab Ursachen und Gründe dafür, daß ihm ein so gesegnetes Vorrecht zuteil wurde. Wir dürfen heute Segen empfangen durch diesen Jünger, den Jesus liebte, und der durch die Gnade Gottes geformt und zubereitet wurde für ein Werk, das er viele Jahre später tun sollte, als die Versammlung Gottes sich in der bis dahin größten Bedrängnis befand. Heute allerdings erleben wir eine noch größere und umfassendere Not innerhalb der Christenheit. Aber auch heute bleibt uns der getreue Sachwalter droben und ebenso auch der »andere Sachwal­ter«, der bei und in uns ist. Glauben wir aufrichtig, einfältig und unerschütterlich an diese wunderbaren Tatsachen?

 

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen der Sachwalterschaft und dem Priestertum des Herrn zu erkennen. Im Blick auf die Gläubigen stellt Johannes den Herrn nie als Priester vor. Als Sachwalter nimmt der Herr eine viel vertrautere Stellung zu uns ein. Doch Sein Priestertum ist trotzdem äußerst wichtig. Es wird dort besonders herausgestellt, wo es am meisten erforderlich war, nämlich im Brief an die Hebräer, von denen manche noch an dem alten Priestertum mit seinem Zeremoniell hingen. Diese für die Christen aus den Hebräern so notwendige Belehrung wird eigen­artigerweise von dem Apostel Paulus gegeben. Er war ja nun nicht der Apostel der Juden, daher trägt dieser Brief an sie mehr den Charakter einer Belehrung als den der apostolischen Autorität. Dadurch, daß Paulus seinen Namen nicht erwähnt, tritt er selbst zurück und stützt sich ganz auf Schriftstellen aus dem Alten Testament, die mit unvergleichlichem Geschick herangezogen werden. Doch dieses Geschick wurde ihm durch den Heiligen Geist für diesen besonderen Zweck vermittelt. So war er zweifel­los ein gesegnetes Werkzeug zum Dienst für den Herrn, den großen Priester im Himmel, während Johannes die vertrautere Stellung des Herrn als Sachwalter für die Seinen vorstellen durfte. Es ist verhältnismäßig einfach, den Unterschied zwischen die­sen beiden Briefen zu erkennen, dem Brief an die Hebräer und dem des Johannes, mit dem wir uns beschäftigen, denn die jeweils besonders hervorgehobene Wahrheit wird nicht nur an einer Stelle erwähnt, sondern zieht sich durch den ganzen Brief. Der Brief an die Hebräer behandelt unser Hinzunahen zu Gott, den Zutritt zu Seinem Heiligtum. Es handelt sich hier nicht um unser Verhältnis zum Vater. Zwar wird in Kapitel 12 erwähnt, daß Gott zu den Gläubigen als zu Seinen Söhnen spricht und daß Er sich als Vater der Geister die Züchtigung derjenigen vorbehält, bei denen wirkliches Leben vorhanden ist. Aber es entspricht dem Charak­ter des Briefes, daß durchweg nur »Gott« genannt wird, sofern auf die Gläubigen Bezug genommen wird. Es handelt sich daher um die Frage, wie wir in unserem menschlichen Zustand Gott im Heiligtum nahen können. Infolgedessen wird hier das Opfer Christi in seiner vollkommenen Allgenugsamkeit besonders ein­drucksvoll vorgestellt. Es wird darauf hingewiesen, daß es im Gegensatz zu den Opfern Israels ein ganz besonderes Merkmal trägt: es ist das »ein für allemal geschehene Opfer«. Diese Einmaligkeit, die jeden Gedanken an eine erneute Anwendung des Blutes ausschließt, wird sorgfältig hervorgehoben. Und wes­halb? Das Blut Christi hat eine Eigenschaft, die kein anderes Blut je besaß oder besitzen konnte. Es vermochte ein vollkommenes Sühnungswerk zu vollbringen, das daher »ein für allemal« gesche­hen ist. Gerade diese Wahrheit wird heute leider nur noch selten völlig und uneingeschränkt geglaubt.

 

Obwohl sich die einzelnen christlichen Kirchensysteme und Bekenntnisformen voneinander unterscheiden, so stimmen doch alle, auch die Protestanten, darin überein, daß das Blut Christi immer wieder aufs Neue in Anspruch genommen oder angewen­det werden muß. Im Grunde ist das eine Rückkehr zum Juden­tum, obwohl die jüdischen Gebräuche und Satzungen besonders durch den Apostel Paulus in aller Deutlichkeit für abgetan erklärt wurden. In seinen Briefen an die Thessalonicher, Korinther, Römer, Galater, Epheser, Kolosser und Philipper finden wir nicht die geringste Spur eines solchen Gedankens. Den Hebräern, die ja Judenchristen waren, erklärt Paulus mit aller Entschiedenheit, daß jeder Gedanke an eine wiederholte Anwendung des Blutes des Herrn ausgeschlossen ist. Wenn das nämlich der Fall wäre, so sagt er in Kapitel 9, 26 dieses Briefes, »hätte er oftmals leiden müssen«. Er hat aber nur einmal gelitten. In diesem Punkt zeigt sich, welcher Irrtum, ja welche Torheit der römisch‑katholischen Messe zugrundeliegt. Sie ist anerkanntermaßen ein »unblutiges Opfer«, das Tag für Tag zur Vergebung von Sünden wiederholt wird. Durch dieses »Sakrament« wird aber tatsächlich erklärt, daß das Blut Christi nicht ausreicht und daher das Meßopfer zur Vergebung der Sünden erforderlich ist. In Wirklichkeit handelt es sich nur um einen Betrug, um eine verwerfliche Erfindung, die von der Überheblichkeit der irdischen »Priesterschaft« zeugt und eine große Verunehrung des Herrn Jesus sowohl auf der Erde wie im Himmel darstellt. Aber selbst die strengsten Protestanten sind nicht frei von dem Irrtum bezüglich der immer wiederkehrenden Inanspruchnahme des Blutes Christi.

 

Die Entstehung dieses Irrtums und des darauf aufgebauten Systems ist darauf zurückzuführen, daß man die »Waschung mit Wasser durch das Wort« gewöhnlich übersehen hat. Diese Wahr­heit wird einfach nicht erkannt und nur mit der Taufe in Zusam­menhang gebracht. Die Heilige Schrift dagegen wendet sie auf das ständige Bedürfnis des Gläubigen an, nachdem er durch den Glauben auf der Grundlage des Blutes Christi ruht. Diese Waschung mit Wasser hat nach Gottes Wort zwei Seiten. Die »Waschung der Wiedergeburt« (Titus 3, 5) findet meist zum gleichen Zeitpunkt statt, zu dem wir durch den Blick auf das Blut Christi zur Ruhe gekommen sind, und wird nie wiederholt. Es gibt keine Wieder‑Wiedergeburt! Ebensowenig, wie es eine Wieder­holung des Opfers Christi gibt, kann es eine Wiederholung der Wiedergeburt geben. Beides hat einen einmaligen Charakter. Das Blut Christi behält vor Gott und für uns stets seine vollkommene Wirksamkeit. Wenn es nicht so wäre, wären wir tatsächlich verloren, denn Christus kann nicht noch einmal für uns sterben. Manche Menschen glauben jedoch, daß das Werk Christi, zu dem sie Zuflucht genommen haben, durch Sünde in seiner Wirksam­keit unterbrochen wird, so daß zu unserer Reinigung eine erneute Anwendung des Blutes erforderlich ist. Sollte das stimmen, wo wäre die erneute Blutanwendung zu finden? Christus ist ein für allemal gestorben, und der Wert Seines Werkes bleibt auf immer­dar (oder: ununterbrochen, fortwährend; gr. »eis to dienekes«) bestehen.

 

Dagegen ist die »Waschung mit Wasser durch das Wort« fortlaufend möglich und erforderlich. Die Notwendigkeit unserer fortwährenden Reinigung wird bemerkenswerterweise nicht im Hebräerbrief oder in den drei ersten Evangelien, sondern nur im Evangelium des Johannes dargestellt. In Johannes 13 nahm der Herr ein Waschbecken, Wasser und ein leinenes Tuch, um die Füße Seiner Jünger zu waschen. Mit dieser symbolischen Hand­lung deutete Er Seine jetzige Tätigkeit im Himmel an, wenn unsere Füße hier auf der Erde beschmutzt worden sind. Er sagte den Jüngern, daß sie später verstehen würden, was diese Hand­lung zu bedeuten hatte. Sie soll die Verunreinigungen, die der Wandel des Christen mit sich bringt, hinwegtun. Hier sehen wir den Herrn deutlich in Seiner Eigenschaft als Sachwalter. Er deutete diesen Seinen Dienst an, indem Er sich niederbeugte, nicht um für sie zu sterben, sondern um ihre beschmutzten Füße zu waschen. Damit rief Er das Erstaunen des Petrus und zweifellos auch der anderen Jünger hervor. Petrus bewies durch seinen Einspruch das Unverständnis der Jünger und zugleich, wie töricht es war, die Ehre Seines Herrn nach seinen eigenen Gedanken aufrecht erhalten zu wollen. Aber gerade in der Erniedrigung, zu welcher der Herr Sich in Seiner Liebe herabließ, zeigt sich Seine höchste sittliche Herrlichkeit. Die Liebe des Vaters wurde darin in vollkommener Weise befriedigt, und auch wir Gläubigen dürfen uns völlig daran erfreuen. Die Fußwaschung entspricht daher den Worten des Johannes in seinem Brief: » Wir haben einen Sachwal­ter bei dem Vater« (l. Joh. 2, 1). Es handelt sich nicht um die Anwendung des Blutes, sondern des Wassers. »Dieser ist es, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus, der Christus; nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und das Blut. « So schreibt der Apostel in Kapitel 5, 6, wobei er sich offensichtlich auf die Worte in Kapitel 19, 34. 35 seines Evangeliums bezieht. Christi Tod ist das Mittel zur Versöhnung und sittlichen Reinigung des Sünders, der an Ihn glaubt. Dabei kommt das Blut ein für allemal zur Anwendung, das Wasser aber (nach Johannes 15, 3 ein Bild des Wortes Gottes) nicht nur zu Anfang, sondern fortwäh­rend bis hin zum Ende unseres Erdenwandels. Das Wort wendet Seinen Tod auf uns an, um uns durch den Glauben zu reinigen. Wie bereits erwähnt, ist im Hebräerbrief der Zutritt zu Gott aufgrund eines vollkommenen Opfers, »das Blut Seines Kreuzes« , gesichert. Durch Seinen Eintritt in das Heiligtum als der große Hohepriester über das Haus Gottes ist Er, unser Vorläufer, dort bereits für uns eingegangen, damit auch wir Freimütigkeit zum Eintritt haben mögen. Sein Priestertum dient dazu, uns in Ver­suchungen zu helfen und uns in unseren Schwachheiten Mitleid zu erweisen, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe. Im Himmel erscheint Er vor dem Ange­sicht Gottes für uns. Er ermuntert und stärkt uns in allen Anfechtungen, die die Wüste mit sich bringt, in all unseren Schwachheiten und Nöten. Sein Priestertum droben wird jedoch nirgendwo im Zusammenhang mit unseren Sünden gesehen; dafür ist ausdrücklich Seine Sachwalterschaft vorhanden. »Wenn jemand gesündigt hat ‑ wir haben einen Sachwalter bei dem Vater. « Es ist zwar derselbe Jesus, aber in einer anderen Tätigkeit, um die durch die Sünde unterbrochene Gemeinschaft mit dem Vater wiederherzustellen.

 

Unsere Aufmerksamkeit wird aber noch auf eine weitere Tatsache gelenkt. Als Sachwalter wird Jesus Christus »der Gerechte« genannt; das ist sehr bedeutsam. Aber mehr noch, »er ist die Sühnung für unsere Sünden« (V. 2). Wir haben hier also eine zweifache Grundlage. Erstens gründet sich Seine Sachwalter­schaft auf die Tatsache, daß Er der Gerechte ist. Wir besaßen keine Gerechtigkeit; aber Er, der Gerechte, ist uns von Gott nicht nur Weisheit, sondern auch Gerechtigkeit geworden (l. Kor. 1, 30). Außerdem ist Er die Sühnung für unsere Sünden und wurde zu diesem Zweck von Gott, dem Vater, hernieder gesandt. Er tat alles, was nötig war, um unsere Sünden im Gericht Gottes ein für allemal zu sühnen. Als Sachwalter aber beschäftigt Er Sich mit den Sünden der Gläubigen, die den Genuß ihrer Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne unterbrochen haben. Das hat nichts mit Seinem einmaligen Leiden unter dem Gericht Gottes zu tun ‑denn diese Frage wurde am Kreuz völlig abgeschlossen ‑, sondern nur mit der Wiederherstellung der so leicht unterbrochenen Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne. Wie beschämend ist es, geliebte Geschwister, wenn wir diese Gemeinschaft geringach­ten und kein Gefühl dafür haben, daß sie bereits durch ein leichtfertiges Wort, eine törichte Tat unterbrochen wird! Doch »wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten«.

 

Christus weilt für uns droben in all Seiner Gnade. Trotzdem bleibt die Gerechtigkeit in unvermindertem Ausmaß bestehen, ebenso wie das durch Sein Blut vollbrachte Sühnungswerk. Es ist ein Grund der Freude und des Ruhmes für den Christen, daß der auferstandene Christus und die Wirksamkeit Seines Werkes am Kreuz für uns durch nichts angetastet werden können. Wenn auch die Welt für diese Wahrheit blind und taub ist, wird doch im Himmel ihre Bedeutung im Blick auf die Verherrlichung Gottes und auf unsere Reinigung nie vergessen.

 

Wir müssen hier jedoch noch etwas anderes beachten. Der Apostel sagt, daß Christus nicht nur die Sühnung für unsere Sünden ist, »sondern auch für die ganze Welt«. Die Sühnung der Sünden bezieht sich in der ganzen Schrift immer ausdrücklich auf diejenigen, die glauben, neutestamentlich also auf die Kinder Gottes. Christus ist zwar die Sühnung für die ganze Welt in einem allgemeinen Sinn, aber im engeren Sinn nur »für unsere Sünden«. Wenn von der Welt die Rede ist, wird stets ein deutlicher Unterschied gemacht. Man geht also weiter als Gottes Wort, wenn man den Satz ergänzt: »sondern auch für die Sünden der ganzen Welt«. Der Hinweis auf »die Sünden« der Welt ist in diesem Satz durchaus unrichtig. Wenn der Herr die Sünden der ganzen Welt gesühnt hätte, so würde die ganze Welt auch in den Himmel kommen! Wenn Er ihre Sünden in der gleichen Weise wie die unsrigen getragen hätte, was hätte Gott dann noch an der Welt auszusetzen? Nein, Er ist die Sühnung für unsere Sünden; Er hat sie auf ewig hinweggetan, ausgetilgt durch Sein Blut. Gelte dies auch für die Welt, so wäre sie ja mit Gott im reinen!

 

Die Calvinisten zeigen auch in diesem Punkt eine oberflächli­che, harte und falsche Auffassung. Sühnung gilt nicht nur für die Kinder Gottes. Unabhängig von unserer Errettung mußte Gott im Blick auf die Sünde verherrlicht und Seine Liebe selbst hinsicht­lich Seiner ärgsten Feinde erwiesen werden. Wir finden diese beiden Wahrheiten im Bilde des großen Versöhnungstages (3. Mose 16) dargestellt. Das Volk Israel mußte an diesem Tage zwei Ziegenböcke darbringen. Einer davon war für Jehova, der andere für das Volk. Aber nur auf den Bock, der für das Volk war, wurden alle ihre Sünden bekannt. Bei dem ersten Bock war das nicht der Fall; er wurde als Sündopfer dargebracht. Der wichtige Unterschied liegt darin, daß der erste Bock für Jehova dazu diente, Seine Herrlichkeit, die in dieser Welt durch die Sünde verdunkelt worden ist, ans Licht zu bringen und Seine Forderun­gen in Gnade zu erfüllen. Gott mußte im Blick auf die Sünde unbedingt verherrlicht werden. Damit war aber noch nicht die Frage der Schuld des Sünders geregelt. Um Vergebung zu erlan­gen, mußten die Sünden ausdrücklich bekannt werden. Das tat Aaron, indem er seine beiden Hände auf den zweiten, lebendigen Bock, der für das Volk war, legte. Der erste Bock wurde geschlachtet, sein Blut in das Heiligtum gebracht und innerhalb und außerhalb des Zeltes gesprengt. Hier haben wir im Vorbild die Sühnung, die sich insoweit auf die ganze Welt erstreckt, als nun jedem Sünder die Frohe Botschaft verkündet werden kann. Diese Lehre finden wir auch an anderen Stellen der Heiligen Schrift, aber durch dieses Vorbild wird der Unterschied besonders deutlich. Das Opfer Christi hat Gottes Natur vollkommen ver­herrlicht, so daß Er jetzt in Seiner Unumschränktheit der ganzen Schöpfung das Evangelium verkündigen lassen kann. Aber um gerettet zu werden, ist für den Sünder mehr erforderlich. »Chri­stus hat ihre Sünden an seinem Leibe auf dem Holz getragen« (l. Petr. 2, 24). Das wird niemals in bezug auf die Welt gesagt; das Wort ist sehr genau in den diesbezüglichen Aussagen. Aber da Gott durch das Opfer Christi im Blick auf die Sünde vollkommen verherrlicht worden ist, kann Er durch Seine Diener sogar Seine Feinde bitten und ermahnen lassen: »Laßt euch versöhnen mit Gott!« Gottes Liebe ist die Triebfeder, Christi Tod der Weg und die Grundlage für die Frohe Botschaft des Heils. Das besagt nicht, daß die ganze Schöpfung tatsächlich gerettet werden wird, aber daß Gott in Christus verherrlicht worden ist. Selbst wenn keine einzige Seele errettet würde, so ist Gott doch durch den duftenden Wohlgeruch Christi und Seines Werkes verherrlicht worden.

 

Zwischen diesen beiden Tatsachen besteht ein großer und wichtiger Unterschied. Wenn Gott dem Menschen alles überlas­sen hätte, hätte niemand gerettet werden können. Nur durch die Gnade sind wir gerettet worden. Gott bewirkt den Glauben in den Auserwählten, und erst dann wird die Sühnung unserer Sünden wirksam. Kein gottesfürchtiger Mensch nimmt an, daß alle Men­schen gerettet werden, oder aber leugnet, daß die Gnade den Unterschied zwischen einem Gläubigen und einem Ungläubigen ausmacht. Der große Versöhnungstag bezeugt uns, daß die Ver­herrlichung Gottes an erster Stelle steht und unabhängig von der Sühnung der Sünden Seines Volkes ist. Von größerer Wichtigkeit war, daß Seine Wahrheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit, Seine Liebe und Majestät durch das Kreuz Christi unter Beweis gestellt wurden. Hier trafen wie nie zuvor Gut und Böse aufeinander. Das Ergebnis war Gericht und Sieg über das Böse und der Triumph des Guten, wodurch nicht nur alle Glaubenden, sondern auch alle Dinge (nicht alle Menschen!) mit Gott versöhnt werden und die Grundlage für neue Himmel und eine neue Erde von ewigem Bestand gelegt wurde. Diese Grundlage wird uns durch den geschlachteten Bock, der für Jehova war, angedeutet. Um das Volk aber von seinen Sünden zu befreien, stellte Gott Seine große Barmherzigkeit unter Beweis. So sehen wir, daß die Sünden des Volkes ausdrücklich bekannt und auf den lebendigen Bock gelegt wurden, der sie in ein ödes Land trug, damit ihrer nie mehr gedacht würde. Darin besteht der Unterschied zwischen Sühnung und Stellvertretung.

 

Der Herr Jesus ist, wie wir hier lesen, die Sühnung für unsere Sünden, »nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt«. Die »Kinder Gottes« und die »Welt« werden dabei sorgfältig unterschieden. Deshalb ist es nicht richtig, wenn man übersetzt: »für die Sünden der ganzen Welt«. Es ist gefährlich, den Worten der Schrift etwas hinzuzufügen; wir sollen aber nur ihren klaren Worten Glauben schenken. Durch menschliche Zusätze entstehen Schwierigkeiten, die durch das Festhalten am Wort Gottes vermieden werden können. Dieses Wort genügt, um der ganzen Welt die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, Sein Wesen und Seine Liebe zu rechtfertigen. Es bezeugt allen Men­schen, daß Er ein Heiland‑Gott ist. Gott läßt Seine Botschaft der Gnade zu allen Menschen ausgehen und gebietet ihnen allenthal­ben, Buße zu tun. Um gerettet zu werden, bedarf es nach dem Gnadenratschluß Gottes zuerst des Rufes an den Sünder, danach der Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Herzen des Glauben­den, damit er Christus ergreift. Das kann aber nicht von der »ganzen Welt« gesagt werden, und es ist müßig, diese Tatsache leugnen zu wollen. Gottes Wort erklärt uns das deutlich.

 

Zu jemand, der an den Herrn Jesus glaubt, dürfen wir aufgrund des Wortes sagen: »Er hat deine Sünden getragen.« Wir haben aber nicht das Recht, einem Ungläubigen oder der »ganzen Welt« diese Zusicherung zu geben. Nur der Glaube hat ein Anrecht darauf.

 

Der große Versöhnungstag gibt uns tatsächlich ein besonders deutliches Zeugnis für einen großen Grundsatz im Wort Gottes, der in der Lehre des Neuen Testaments klar erläutert wird. Denken wir an den Unterschied, der zwischen »Erlösung« (Eph. 1, 7) und »Erkaufen« (2. Petr. 2, 1) besteht. Diese beiden Wahrheiten werden oft miteinander verwechselt (z. B. von den Calvinisten und Arminianern), so daß Wahrheit und Irrtum vermengt werden. Durch Seinen Tod hat der Herr die ganze Schöpfung einschließlich aller Menschen, auch der falschen Leh­rer, »erkauft«. Wer Seine Rechte leugnet und sich gegen seinen göttlichen Gebieter auflehnt, tut dies zu seinem ewigen Verder­ben. Doch nur diejenigen werden »erlöst«, die durch den Glauben an Sein Blut die Vergebung ihrer Vergehungen empfangen. Sowohl die »Erlösung« des einzelnen als auch das »Erkaufen« der ganzen Welt werden in der Schrift gelehrt, aber es entsteht ein großer Irrtum, wenn beide Wahrheiten miteinander vermengt oder verwechselt werden. Durch Seinen Tod am Kreuz fügte der Herr Seinen Rechten als Schöpfer einen weiteren Anspruch auf alle Kreatur hinzu, indem Er den unermeßlichen Kaufpreis für sie bezahlte. Alle gehören nun Ihm und nicht mehr sich selbst, wenn auch nur der Gläubige dies völlig anerkennt. Durch die Erlösung werden wir von Satan und Sünden befreit, doch dies ist nur das Teil des Glaubens.

 

Die gleiche Wahrheit finden wir in anderen Worten in Hebräer 2, 9. 10. Durch Gottes Gnade schmeckte Christus den Tod für alles (griech.: hyper pantos), auch für alle Menschen (vergl. V. 7 un 8); alle wurden erkauft. Aber wir finden eine ganz andere Ausdrucksweise in Vers 10, wo uns mitgeteilt wird, daß Gott, indem Er »viele Söhne« zur Herrlichkeit brachte, den Anführer ihrer Errettung durch Leiden vollkommen machte. Bringt man diese beiden Wahrheiten durcheinander, so geht nicht nur die Genauigkeit des Wortes Gottes verloren. Auch die Wahrheit wird beeinträchtigt, einerseits durch das mangelnde Verständnis über den für alles bezahlten Kaufpreis, andererseits durch eine geringe Wertschätzung der Erlösung des einzelnen.

Möge Gott die betrachteten Wahrheiten zur Verherrlichung Seines Sohnes an uns segnen.

 

Und hieran wissen wir, daß wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer da sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in diesem ist die Wahrheit nicht. Wer aber irgend sein Wort hält, in di sein ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet.

Hieran wissen wir, daß wir in ihm sind. Wer da sagt, daß er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt hat.

 

1. Johannes 2, 3‑6

 

Jedem nachdenklichen Christen wird beim Lesen dieser Worte auffallen, daß diese Verse eine eigenartige Stellung in dem gegebenen Zusammenhang einnehmen. Das Bindewort »und« am Anfang scheint eine Verbindung zu dem Vorhergehenden herzu­stellen. Tatsächlich besteht auch ein wesentlicher innerer Zusam­menhang, wenn auch nicht in der üblichen Weise, wie wir verschiedene Gegenstände miteinander verbinden würden. Denn es wird ein von dem Vorhergehenden abweichender Gegenstand eingeführt. Die Verbindung wird aber durch das Wort »Leben« hergestellt. Es handelt sich nicht mehr allein um das Leben aus Gott, sondern um Seine Natur. Sie wird bildlich in der absoluten Reinheit des »Lichtes« dargestellt, in welches der Christ bei seiner Bekehrung eingeführt wird.

 

Dieses Licht wirkt seitdem mächtig auf das Gewissen, da dieses nicht nur erweckt, sondern auch gereinigt ist. Die neue Natur ist für das Licht Gottes um so empfänglicher, je mehr sie sich auf schmerzliche Weise der Verderbtheit der alten Natur bewußt wird. Doch besitzen wir jetzt eine Natur, die aus Gott ist. Der Apostel Petrus bezeugt uns, den Glaubenden, daß wir eine göttliche Natur haben, und zwar von dem Augenblick an, da das göttliche Leben in der Seele tätig geworden ist, d. h. seit dem Augenblick der Bekehrung zu Gott. Es mag zwar sein, daß wir zunächst noch keinen Frieden besitzen; es kann sogar ziemlich lange dauern, bis wir ihn völlig genießen. Aber die Gewißheit, daß Gott deutlich und ernst zu unserer Seele geredet hat, bewirkt bereits große Freude. Die aufrichtige, tiefe Beugung im Licht Gottes, das unser vergangenes Leben offenbart und verurteilt, bringt eine unermeßliche Erleichterung. Warum wohl? Der Grund liegt darin, daß wir neues Leben aus Gott haben, und das Leben Christi ist das Licht der Menschen. Es wird an anderer Stelle als ewiges Leben bezeichnet, doch ist es stets das gleiche Leben. Der Ausdruck »ewiges Leben« ist besonders bezeichnend und eindrücklich, aber es handelt sich um dasselbe Leben; denn ein anderes gibt es für den Gläubigen nicht. Wir sehen auch, wie passend und gut das ist, denn Christus ist Selbst das ewige Leben, wie wir in Kapitel 1, 2 gelesen haben. So sagt der Apostel Paulus in Kolosser 3, 4 ausdrücklich, daß Christus unser Leben ist, und in Galater 2, 20: »Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir. « Es kann somit keinen Zweifel über diese Wahrheit geben. Weder Christus noch der Gläubige haben zwei verschiedene Leben (im geistlichen Sinn; ich spreche hier nicht von dem natürlichen Leben). In Ihm war Leben von Ewigkeit her. Und indem Er vom Himmel kam, gab Er nicht nur den Juden, sondern der Welt das Leben aufgrund des Glaubens (Joh. 6, 33). Der Heide, welcher glaubt, sollte es in der gleichen Fülle erhalten wie der Jude. Somit besitzt der Gläubige nun dieses Leben, und mit wachsendem Verständnis erkennt er zu seiner großen Freude, daß es das ewige Leben ist.

Die gleiche grundlegende Wahrheit finden wir in der »Heili­gung des Geistes«, die in 1. Petrus 1, 2 erwähnt wird. Diese Bezeichnung hat bei den Theologen aller Richtungen zu falschen Auslegungen geführt. Fast alle Ausleger und Übersetzer verste­hen darunter die praktische Heiligkeit, was z. B. Beza zu gröbster Mißdeutung geführt hat. Ist der Irrtum erst gesät, dann erntet man daraus nur Verwirrung. Der Zusammenhang macht es unzweideu­tig klar, daß die Heiligung des Geistes hier nur die Aussonderung des Gläubigen für Gott bedeuten kann. Sie kommt dadurch zustande, daß er aus Gott geboren wird, denn diese Heiligung des Geistes führt ihn »zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi«, das heißt, daß sie einem Christusähnlichen Gehorsam und der Besprengung mit Seinem Blute vorausgeht und nicht darauf folgt, wie es bei dem Gesetz und der damaligen Blutbe­sprengung der Fall war (2. Mose 24). Sofort mit dem Empfang des neuen Lebens, wodurch der Geist uns für Gott abgesondert hat, sind wir zu einem Gehorsam berufen, der dem des Christus gleicht. Wir sind Söhne geworden, die in einer heiligen Freiheit stehen, während die Blutbesprengung uns gleichzeitig bezeugt, daß unsere Sünden vergeben und hinweggetan sind. Bei Israel dagegen begann das Bemühen um die Erlangung des Lebens mit der Befolgung der Gesetzesvorschriften. Das Blut des Opfertie­res, das auf das Buch des Gesetzes und das Volk gesprengt wurde, bezeugte ihnen dabei die Todesstrafe, die auf dem Brechen des Gesetzes ruhte.

 

Aus demselben Grunde stellt der Apostel in 1. Korinther 6, 11 die Worte »abgewaschen« und »geheiligt« vor das Wort »gerecht­fertigt«. Wenn es sich um praktische Heiligkeit handelte, hätte das Wort »gerechtfertigt« an erster Stelle stehen müssen. Die »Heili­gung des Geistes«, die von den beiden großen Aposteln behandelt wird, bezeichnet die Absonderung für Gott, die dann stattfindet, wenn wir »aus Gott geboren« werden (nach der Ausdrucksweise des Johannes), ehe die Blutbesprengung Christi erfolgt. Durch die Heiligung des Geistes werden wir in die Lage versetzt, Gott zu gehorchen, wie Christus es getan hat. Der Erzbischof Leighton ist fast der einzige mir bekannte Theologe, der ein wenig von der Kraft dieser Wahrheit erfaßt hat. Unter dem Gesetz wurde dem Israeliten das Leben nur unter der Bedingung seines Gehorsams verheißen. Trotzdem besaß er es nicht in Wirklichkeit, denn es war ja verwirkt und der Macht des Todes unterworfen gleichwie das Leben des ersten Adam. Nirgends lesen wir jedoch, daß es der Macht der Vernichtung preisgegeben war. Nicht die Auslöschung des menschlichen Lebens, sondern das Gegenteil wird in der Schrift gelehrt. Die ganze Macht Satans kann keinen einzigen Menschen vernichten. Zweifellos wurden Wesen geschaffen, die nicht dazu bestimmt waren, nach dem Tode weiterzuleben. Aber beim Tode des Menschen findet nur eine Trennung von Seele und Leib statt. Der schuldige Mensch muß sterben, um nachher gerichtet zu werden. Es entspricht nur der Gerechtigkeit, daß er für seine Ungerechtigkeit gegen Gott und Menschen büßen muß. Der Gläubige ist von Gott darüber belehrt, daß er schon hier das gleiche ewige Leben im Sohne besitzt, wie nach seiner Verwand­lung oder Auferweckung aus den Toten. Das Leben, das ihn hier auf Erden zur Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne befähigte, wird ihn auch befähigen, sich des Vaters und des Sohnes in alle Ewigkeit zu erfreuen.

 

Der Geist Gottes ist sowohl die göttliche Kraft wie auch die Person, die in diesem Leben allen Widerständen entgegenwirkt. Dadurch verherrlicht Er Christus, der uns in Seiner Gnade dieses Leben gegeben hat. Wir benötigen den Spender dieses Lebens, den Herrn Jesus, als den immerwährenden Gegenstand und die Kraftquelle unserer Seelen. Ebenso werden wir Ihn in der Ewig­keit benötigen, dann um Ihm zu dienen, Ihn anzubeten und uns Seiner zu erfreuen. ‑ Jetzt lebt Er im Himmel für uns, so daß wir nicht nach Ihm zu verlangen brauchen, als wäre Er nicht unser. Mögen wir stets unsere Wonne an Ihm haben, der Sein Leben für uns dahingab! Mögen wir vor allen Dingen begehren, Ihm wohlzugefallen. In der Liebe zu Ihm dürfen wir schon jetzt auf dieser Erde Gottes Willen zur Ausführung bringen, wie wir es droben in der Herrlichkeit tun werden, wenn alle hindernden Einflüsse für ewig hinweggetan sind. Wir beginnen hier bereits, solange wir in einer vergänglichen Welt sind, mit dem, was ewig währen wird. Weich ein Segen für uns, die Ewigkeit nicht nur als etwas Zukünftiges ansehen zu müssen! Gott gibt uns die Gewißheit, daß jeder, der das ewige Leben besitzt, in Wirklichkeit schon jetzt an etwas teilhat, das ewig bestehen wird! Wir schauen nicht auf das Sichtbare, das nur zeitlichen Bestand hat, sondern wir haben das Vorrecht, auf das Unsichtbare schauen zu dürfen, das ewig bleiben wird. Der Glaube weiß, daß die unsichtbaren Dinge viel wirklicher und unwandelbarer sind als alles Sichtbare. Die Grund­lage unserer Verbindung besteht darin, daß Er, der Selbst das ewige Leben ist, auch unser Leben ist. Und wie wird dieses Leben erkannt? Wir wissen, daß Satan immer wieder versucht, uns Zweifel einzuflößen, doch sollte der Gläubige ihnen niemals Raum geben. Wer der Offenbarung Gottes geglaubt hat, muß jeden Zweifel als Sünde betrachten; denn wogegen richtet sich der Zweifel? Gewiß nicht gegen uns selbst! Bis zu dem Augenblick, da wir die Stimme des Sohnes Gottes vernahmen, waren wir nichts als Sünder. Die Schrift bezeugt uns, daß wir verloren waren. Ebenso kann es keinerlei Zweifel an der Liebe Gottes geben. Sie hat sich darin erwiesen, daß Christus für uns dahingegeben, ja gekreuzigt worden ist. Der unermeßliche Wert Seines Blutes hat unsere Sünden hinweggetan. Er ist auferstanden und befindet Sich jetzt in der Herrlichkeit droben, wo Er Sich unser nicht schämt, sondern uns Seine Brüder nennt. Durch die Gnade besitzen wir Christus jetzt und in alle Ewigkeit; Er selbst versichert es uns (Joh. 10,28).

 

Wie die ewige Erlösung so ist auch das ewige Leben eine wunderbare Gabe, die uns in Christus geschenkt ist und in Ewigkeit unverändert bleibt. Christus stieg in den Tod hinab, damit dieses Leben nicht nur dadurch gekennzeichnet ist, daß es ewig ist, sondern daß es auch den wunderbaren Charakter der Auferstehung trägt. Mit Ihm lebendig gemacht, wissen wir nun, daß alle unsere Vergehungen vergeben sind (Kol. 2, 13). »Mitauf­erweckt« bedeutet, daß Er, der gestorben ist, in Ewigkeit lebt und daß auch wir in diese Seine Stellung eingeführt sind; wir dürfen sie durch Gnade schon als unser gegenwärtiges Teil genießen. Sind wir aber nachlässig, nicht wachsam oder träge im Gebet und im Lesen des Wortes Gottes als unserer täglichen Speise, so geben wir Satan dadurch Angriffsmöglichkeiten. Jedermann weiß, daß der Körper Speise zu seiner Erhaltung braucht. Hat nicht die Seele ein ebenso großes oder gar größeres Bedürfnis nach Stärkung, und ist sie nicht unvergleichlich wichtiger als unser Leib? Was ist nun das Brot des Lebens, das wir benötigen? Es ist Christus, wie Er im Worte geoffenbart ist; das Wort, das Christus durch die Wirkung des Heiligen Geistes zu unserer Speise macht. Christus allein ist die Nahrung für unsere Seelen. Wenn jemand aber der Versu­chung nachgegeben und in Sünde gefallen ist, macht sich der Feind die Gelegenheit sofort zunutze. Er versucht dann meistens, Zweifel an Gottes Wort ins Herz zu säen, häufig unter dem Vorwand, daß man an sich selbst zweifle. In Wirklichkeit ist es aber ein Zweifeln an Gott und an Seiner in Christus geoffenbarten Gnade. Wie beschämend sind derartige Zweifel bei solchen, denen der Herr als gekreuzigt vor die Augen gestellt ist! Im Wort Gottes wird Er unserem Glaubensauge als der Gekreuzigte vorge­stellt, um jeden Zweifel völlig zu beseitigen. Er starb für gottlose und kraftlose Feinde (Röm. 5, 6‑10)! Wären wir nicht so verderbt wie wir es sind, so hätten wir wohl eines solchen göttlichen Heilandes nicht bedurft! Wir waren tatsächlich so schlecht, daß man sich schwerlich vorstellen kann, wir könnten noch schlechter sein. Auch wissen wir, wie trügerisch das Fleisch des Gläubigen ist. Das verursacht vielen Gotteskindern eine gewisse Besorgnis. Es sind nicht die Sünden der Vergangenheit, als sie sich noch in Finsternis und Tod befanden, sondern ihr so häufiges Versagen in der Gnade und Wahrheit, die Ausbrüche von Eigenwillen, Tor­heit, Eitelkeit, Stolz, Weltförmigkeit und allem anderen, was den Heiligen Geist betrübt, nachdem Gott ihnen soviel Barmherzig­keit erwiesen hat. Wie traurig ist es, wenn sich Gläubige, die die Fülle der Gnade erfahren haben, hart und unfreundlich oder nachlässig und leichtfertig zeigen! Durch solche Verfehlungen werden in der Seele ernste Fragen hervorgerufen bezüglich der Stellung vor Gott. Verunehrt er den Herrn durch Sünden, von denen auch andere Menschen Kenntnis erlangen, so kann es leicht dazu kommen, daß auch sie seine Errettung in Frage stellen.

 

Nachdem im ersten Kapitel (einschließlich der beiden ersten Verse des zweiten Kapitels) die lehrmäßige Grundlage des Briefes gelegt worden ist, wird daher jetzt die Frage angeschnitten: Wie kann ich die Merkmale wahren Lebens erkennen? Die Philoso­phen reden zwar viel, wissen aber wenig über das natürliche Leben. Ist es da verwunderlich, wenn es Satan leicht gelingt ' Zweifel am geistlichen Leben zu wecken, besonders bei solchen, die sich in sein Netz verstrickt haben und daher kein reines Gewissen mehr haben?

 

Ab Vers 3 finden wir die herzerforschenden Prüfsteine, deren Anwendung uns und anderen zeigen soll, ob wirkliches Leben vorhanden ist oder nicht. Zuerst wird eine vollkommene Darstel­lung Christi als Gegenstand des Glaubens gegeben. Sodann wird die notwendige Wirksamkeit des göttlichen Lebens in den Seini­gen gezeigt. Nach einer kurzen Einschaltung über die Wiederher­stellung eines gefallenen Gläubigen durch die Gnade kommen wir dann zu den göttlich gegebenen Merkmalen des neuen Lebens. Das erste Erkennungszeichen finden wir in den Versen 3‑6. Worin besteht es? Das Vorhandensein des neuen Lebens bei einem Menschen ist von Anfang an in aller Deutlichkeit an dem Gehor­sam festzustellen, ebenso wie fehlender Gehorsam das Gegenteil beweist. »Und hieran wissen wir, daß wir ihn kennen (oder: erkannt haben; die Erkenntnis ist ein bleibendes Resultat), wenn wir seine Gebote halten. « Das bedeutet nichts anderes als Gehor­sam. Es ist zwar nicht der einzige Weg, auf dem der Geist des Gehorsams sich erweist, doch gewöhnlich ist es der erste, der sich unverzüglich zeigt. Gehorsam geziemt sich auch für den jüngsten Gläubigen. Die Frage des Gehorsams wird sicherlich von Anfang an ein Prüfstein seines Glaubens sein, und das neue Leben in ihm wird ihn stets zum Gehorsam anspornen.

 

Das sehen wir bei dem Mann, der einmal der große Apostel der Nationen werden sollte. Im gleichen Augenblick, in dem die Stimme des Herrn sein Herz erreichte und damit den Gekreuzig­ten mit dem wahren Gott identifizierte, konnte er nicht anders als ausrufen: »Was soll ich tun, Herr?« Er verurteilte seinen Irrtum und wünschte zu gehorchen. Das zeigt den sogleich erwachenden Instinkt des geistlichen Lebens. Nachdem sein Herz zur Umkehr gebracht war, wünschte er völlig Dem zu gehorchen, den er ohne Zögern als »Herrn« anerkannte. So sehen wir im ganzen Wort Gottes, wie wichtig und allumfassend der Gehorsam ist. Betrach­ten wir z. B. die Unterwerfung der Seele unter die Gerechtigkeit Gottes, die im Römerbrief »Glaubensgehorsam« genannt wird. Damit ist nicht der durch den Glauben bewirkte praktische Gehorsam im Wandel gemeint, sondern der erste Akt der Seele, Gottes Wort im Glauben zu ergreifen. Das ist der eigentliche Herzensgehorsam, der Gehorsam gegenüber der Wahrheit, die Annahme des Zeugnisses Gottes über Seinen Sohn. Der bislang gottlose Mensch erkennt dieses Zeugnis wahrhaft an, beugt sich unter das Wort Gottes, ergreift die Wahrheit über die Person und das Werk Christi und wird dadurch gerechtfertigt. Das Evange­lium wird daher allen Nationen gepredigt, nicht wie einst bei Israel zum Gesetzesgehorsam, sondern zum Glaubensgehorsam. Das ist die wahre, volle Bedeutung, die uns den Sinn des Wortes klar­macht. Es ist nicht ein Gehorsam, der durch den Glauben bewirkt wird, sondern die Annahme des Evangeliums im Glauben. Das findet man in der ganzen Heiligen Schrift in verschiedenen Formen immer wieder.

 

Es gibt aber noch andere Zeugnisse und Beweise für die Wichtigkeit des Gehorsams. Betrachten wir nur den Anfang der Menschheitsgeschichte, den ersten Adam, den Vater des Men­schengeschlechts. Ach, die sittliche Geschichte des Menschen beginnt damit, daß er ungehorsam war. Das Gebot im Garten Eden stellte einzig und allein eine Prüfung des Gehorsams dar, und zwar unter Androhung des Todes. Das Essen von dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen war an sich keine sittlich verwerfliche Tat wie Diebstahl, Mord, Habgier oder die Übertre­tung eines der Zehn Gebote. Diese Gebote setzen eine angebo­rene böse Neigung voraus, die aber bei Adam noch nicht vorhan­den war. Er war noch unschuldig und aufrichtig, und Gott gebot ihm, nicht von der Frucht jenes Baumes zu essen. Dieses Verbot hatte nichts mit der Eigenschaft der Frucht zu tun, etwa als Hinweis darauf, daß die Frucht giftig sei. Das hätte der menschli­chen Art mehr entsprochen, da er gerne alle Dinge von dem Standpunkt aus betrachtet, inwieweit sie ihn selbst berühren. Das Gebot war einfach der Ausdruck der Autorität Jehova‑Gottes. Es sollte den Gehorsam 'des Menschen, sein Vertrauen auf Gottes Wort und Güte, kurz seine völlige Unterwerfung als ein Geschöpf Gottes auf die Probe stellen. Adam konnte ja noch nicht durch Gnade ein Kind Gottes genannt werden. Er war, im gleichen Maße wie die Athener, ein »Sohn« vom »Geschlecht Gottes« (Apg. 17, 29), d. h., er war nicht nur ein Lebewesen ohne Verstand, ein unvernünftiges Tier. Von Anfang an besaß er durch das Einhauchen des Odems Gottes eine unsterbliche Seele. In diesem Sinne war er natürlich von »göttlicher Abstammung«, aber er war noch kein Kind Gottes, das durch Gnade und Glauben aus Ihm geboren ist. Diese Geburt ist nur als Frucht der göttlichen Gnade in Christus möglich. Nur so empfängt man Leben in Seinem Sohne. Das besaß Adam nicht, als er im Garten Eden lediglich als Mensch im Zustand der Unschuld lebte.

 

Leider trat bald der Umstand ein, der zu seinem tiefen Sturz führte: Er fiel in Ungehorsam. Sein Ungehorsam gereichte ihm zum Tode im Gegensatz zum zweiten Menschen, dem letzten Adam, der gehorsam war bis zum Tode. In Seinem ewigen Wesen, Seiner Ihm zustehenden Stellung und Seiner unveräußerlichen persönlichen Herrlichkeit war der Sohn eine göttliche Person; Er hatte als solcher mit Gehorsam nichts zu tun. Aus diesem Grunde wird uns in Hebräer 5, 8 gesagt, daß Er »an dem, was er litt, den Gehorsam lernte«. Bevor Er herabkam, um Mensch zu werden, kannte Er nicht aus Erfahrung, was es bedeutete, gehorsam zu sein. Er wußte zwar genau, was dies für andere, für jedes Geschöpf bedeutete, aber Er war ja kein Geschöpf, sondern der Schöpfer. Da Er aber Mensch geworden war, nahm Er auch in vollkommener Treue die Pflichten des Menschen auf Sich. Die erste Aufgabe des Menschen aber ist, Gott zu gehorchen.

 

Der Herr offenbarte einen Gehorsam wie kein anderer auf Erden; Er verherrlichte Seinen Vater durch alles Trachten Seines Herzens, jedes Wort Seines Mundes und jeden Schritt auf Seinem Wege. Mit den Worten: »Also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen«, brachte Er den Einwand Johannes des Täufers zum Schweigen. Er begegnete den Versuchungen Satans mit nichts anderem als Gehorsam. Darin zeigt sich der gewaltige Unter­schied zwischen dem Herrn Jesus als Mensch und jedem anderen Menschen. Nie war ein anderer ununterbrochen gehorsam. Die­ser Gehorsam charakterisiert Seinen Abstand zum Menschen viel mehr als die Wunder, die Er tat, denn jeder könnte Wunder vollbringen, wenn Gott ihm die Kraft dazu verliehe. Auch Judas hat Wunder getan, und viele werden an jenem Tage zu dem Herrn sagen: »Herr, Herr! haben wir nicht durch deinen Namen geweis­sagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? Und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter« (Matth. 7, 22‑23).

 

Das Vollbringen von Wundern allein braucht keineswegs ein Zeichen sittlicher Größe zu sein. Im allgemeinen kennzeichneten Wunder die gerechten Knechte Gottes, die Seinen geoffenbarten Willen zum erstenmal kundmachten oder für ihn eintraten, wenn das Volk abfällig wurde. Gott zeigt uns aber in Seiner weisen Absicht sogar Menschen der bösesten Art, die große Zeichen vollbrachten, bis hin zu dem Verräter des Herrn Jesus, der bereits erwähnt wurde. Wir werden bald einem weiteren Beispiel dieser Art begegnen, doch der erste, der ein »Sohn des Verderbens« genannt wurde, zeigte offensichtlich, daß er nicht die geringste Wertschätzung für Christus besaß. Er hatte zwar Machtbefugnisse erhalten, bewies aber weder Gehorsam noch den Glauben, der ihn bewirkt.

 

So wird unser Blick von selbst von diesem ersten »Sohn des Verderbens« auf den letzten, den Antichristen, gelenkt. Was kennzeichnet den Antichristen, was macht ihn in einem erstaunli­chen Ausmaß zu einem willigen Werkzeug Satans? Wie Judas keine größere Auflehnung gegen Gott zeigen konnte als durch den Verrat an dem Geliebten Gottes, so wird der Antichrist, wie nie ein Mensch zuvor, Juden und Nationen ins Verderben stürzen. Was ist das besondere Kennzeichen des Antichristen, bereits ehe es Satan für kurze Zeit gestattet wird, seine Macht in ihm zu offenbaren? Was ist bei dem Antichristen die Voraussetzung, die ihn dafür zubereitet? Es ist sein Eigenwille, die Quelle alles Ungehorsams. Er wird deshalb als der König bezeichnet, der nicht nach Gottes Willen, sondern »nach seinem Gutdünken« und nach dem Willen Satans handeln wird (Dan. 11, 36). Er ist »der Mensch der Sünde«, der »Gesetzlose« (2. Thess. 2, 3. 8). Ach, auch wir werden so leicht Sklaven Satans, wenn wir unseren eigenen Willen tun! Doch bei ihm wird dies in besonders schrecklicher Weise in Erscheinung treten. Wir sehen an diesen beiden völlig gegensätzli­chen Beispielen, welch wichtigen Platz der Gehorsam von Anfang bis Ende in der Heiligen Schrift einnimmt. Am Anfang verließ der erste Mensch diesen Platz des Gehorsams, und völliges Verderben war die Folge. Doch dann kam der Zweite Mensch, der gehorsame Mensch. Er brachte den Menschen nicht nur vollen Segen, sondern auch Versöhnung und Frieden durch das Blut Seines Kreuzes. Er hat die Sünden jedes Gläubigen in vollkommener Weise getilgt. Er sandte den Heiligen Geist vom Himmel, der von Ihm und Seinem ewig gültigen Erlösungswerk sowie von der Versöhnung des Weltalls bei Seiner Wiederkunft zeugt. Gehor­sam ist daher der Wunsch, das Ziel und die Freude der Seele, die Jesus kennt und bekennt. Durch das Wort und den Geist Gottes wird der stolze, gleichgültige und verfinsterte Mensch zum Stillste­hen gebracht. Das Herz wird mit Abscheu über seine eigene Bosheit erfüllt und erfährt die Güte Gottes, der Christus für die Rettung der Seele dahingab. Nun beugt sich der Mensch vor seinem Herrn und Heiland und wird von dem ernsten Begehren erfüllt, Ihm von diesem Augenblick an zu gehorchen. Wie der Gehorsam im Leben der erneuerten Seele von Anfang an eine äußerst wichtige Rolle spielt, so auch in allen Wegen Gottes mit der Welt, wie wir es bis hin zu dem Antichrist am Ende dieses Zeitalters sehen.

 

Es handelt sich hier somit um einen Grundsatz von größter Tragweite und Bedeutung, sowohl bezüglich der Verherrlichung Gottes als auch hinsichtlich des Menschen und weit über den Menschen hinaus. Denken wir nur daran, daß die gefallenen Engel einst himmlische Wesen waren! Durch ihren Ungehorsam und ihren Stolz verließen sie die ihnen von Gott zugewiesene Stellung, um sich eine andere, die Gott ihnen nicht zugedacht hatte, anzumaßen. Dagegen ist der Gehorsam Gott gegenüber stets die Quelle wahren Segens.

 

Es ist daher nicht verwunderlich, daß der Geist Gottes dieses Thema in unserem Brief an dieser Stelle sogleich aufgreift. Wenn jemand an seinem Verhältnis zu Gott Zweifel hegt oder wenn andere ihm mit Zweifeln begegnen, dann gibt uns der Geist den Gehorsam als den ersten wichtigen Prüfstein. Die Frage lautet: Besitzt diese Seele den Geist des Gehorsams? Gerade in unserer dunklen Zeit wissen wir, daß wir einst zu Recht »Söhne des Ungehorsams« (Eph. 2, 2) genannt wurden; doch als der Wende­punkt der Bekehrung zu Gott eintrat, wurden wir »Kinder des Gehorsams« (l. Petr. 1, 14). Der Gehorsam ist von Anfang an der wahre Ausdruck des durch den Glauben gereinigten Herzens. Sein stetes inneres Verlangen ist es jetzt, Gott zu gehorchen, vielleicht lange bevor die Seele den gefestigten Frieden genießt, obwohl dies in verhältnismäßig kurzer Zeit der Fall sein kann. Das Verabscheuen der Sünde, die Verurteilung des eigenen Ichs und die Gnade Christi bewirken nicht nur das Verlangen, sondern auch die Befähigung dazu; denn ohne einen noch so geringen Strahl göttlicher Gnade wird niemand je bekehrt werden. Bestür­zung kann den Menschen zwar zum Einhalt bringen und in eine andere Richtung weisen, aber niemals bekehren. Auch aus Schrecken heraus wurde noch keine Seele bekehrt, obwohl sie dadurch zum Hören des Evangeliums veranlaßt werden kann. Um uns für Gott zu gewinnen, ist mehr und etwas anderes erforderlich als Furcht. Ich glaube, daß die Person Christi, wenn auch in noch so schwachem Maße, erkannt werden muß, wenn dem Glauben göttliches Licht und ewiges Leben geschenkt werden sollen. Dieses Leben zeigt sich im Gehorsam und erweist seine Wirklich­keit dadurch, daß der innere Mensch Gott mit Herzensentschluß unter einem Gesetz der Freiheit, nicht der Knechtschaft, gehorcht. Das Leben Christi in uns findet seine Freude daran, Seinen Willen und sonst nichts auszuführen, wie dies bei Christus allezeit in Vollkommenheit geschah.

 

Das Gesagte erklärt den scheinbar merkwürdigen Unterschied zu dem vorhergehenden Teil des Briefes. Doch ist dies genau die richtige Stelle, auf den Gehorsam eindrücklich hinzuweisen. Wir haben gesehen, daß die göttliche Segensquelle im Vater durch den Sohn kundgemacht wurde und daß wir nun mit dem Vater und dem Sohne Gemeinschaft haben. Auch haben wir gehört, daß Sein Zeugnis über den Charakter Gottes in all seiner Heiligkeit untrennbar damit verbunden ist. Wenn wir des Segens teilhaftig geworden sind, werden wir die mit dem Besitz des Lichtes Gottes und unserem Wandel in diesem Licht verbundene Verantwortung nur begrüßen können. Das wird dadurch bewirkt, daß das ewige Leben, welches Er in Sich Selbst war, auch unser Leben ist. Sowohl das Licht als auch das Leben offenbaren sich im Gehor­sam. Wie der Gehorsam aus dem ganzen Wandel Christi hervor­leuchtete, so ist er auch ein wesentliches Element in dem Gläubi­gen. Er ist der wichtigste Prüfstein des neuen Lebens hier auf der Erde. » Und hieran wissen wir, daß wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. «

 

Es geht bei diesem Gehorsam ist nicht um Predigteifer, wie er sich heutzutage oft zeigt. Manche möchten sich, sobald sie bekehrt sind, als Prediger betätigen, auch wenn es sich noch fast um Kinder handelt. Es geht auch nicht darum, eine sogenannte »Gabe des Gebets« zu entwickeln, die sich besonders in der Öffentlich­keit zeigt. Bei genauerer Betrachtung kann manchmal festgestellt werden, daß es sich hierbei lediglich um eine fließende Wiederho­lung von Bitten für Bedürfnisse und Mängel innerhalb der ganzen Christenheit handelt. Wie dem auch sei, die geoffenbarten Gedanken Gottes gehen ganz andere Wege. Wir wissen, daß besonders der Dienst der Verkündigung ein Fallstrick für die menschliche Eitelkeit sein kann. Es scheint ein Dienst zu sein, der von vielen begehrt wird, doch ist bei manchen wohl der Wunsch, leider aber nicht die nötige Kraft zu diesem Dienst vorhanden. Wo diese Gabe wirklich vorhanden ist, sind Glaube und Liebe vereint in wunderbarer Weise tätig. Dazu muß aber auch die notwendige Grundlage vorhanden sein. Ausschlaggebend sollte stets die Liebe zu den Seelen und nicht der Drang zum Dienst sein. Auch muß im Herzen die göttlich bewirkte Erkenntnis davon sein, was wir in uns selbst sind sowie vor allem was Gott in Christus für die Verlorenen ist und sein will.

 

Der Apostel stellt den Gehorsam an den Anfang; er ist es, der Gott vor allem gebührt und sich für uns stets geziemt. Der Gehorsam ist eine durchaus persönliche Sache und sollte von uns überall und allezeit geübt werden. Er macht und erhält uns demütig, aber gleichzeitig standhaft. Er erfordert Abhängigkeit von Gott und bewahrt uns vor Eigenwillen und dem falschen Einfluß anderer. Es muß ein persönlicher Umgang mit Gott vorhanden sein, um dem Gehorsam wahren Wert zu verleihen und uns vor Selbsttäuschung zu schützen. Zunächst heißt es: »Wenn wir seine Gebote halten. « Wir stehen hier vor einer bemerkenswer­ten Eigenart dieses Briefes. Sehr oft kann im Verlauf des Briefes nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob das Fürwort »Er« auf Gott oder auf Christus hindeutet. Der Apostel wechselt öfters von Einem zum Anderen, weil seine Aussprüche für Beide wahr sind. Denn obwohl Christus Mensch wurde, hat Er niemals aufgehört, zugleich Gott zu sein. Wenn wir daher von »Gottes Geboten« reden, so sind sie gleichzeitig auch diejenigen Christi. Häufig beginnt der Apostel direkt mit Christus und geht dann ebenso deutlich dazu über, von Gott zu sprechen. Christus ist ja Selber Gott, das Wort Gottes, der große Zeuge Gottes, der in Seiner Person die Gedanken Gottes in Tat und Wort kundgemacht hat. Der Heilige Geist, der in Christus stets wirkte, macht diese göttlichen Gedanken auch in dem Gläubigen lebendig und bewirkt in ihm diesen Gehorsam, damit er nicht seinen eigenen Gedanken Raum gibt oder gar nach seinem eigenen Willen handelt, sondern sich von Gott leiten läßt. Denn das ist die Aufgabe des Heiligen Geistes in dieser wie auch in jeder anderen Hinsicht.

 

So fängt also bei uns das Lernen wie bei neugeborenen Kindern im natürlichen Leben an. Sie haben zunächst noch wenig Ver­ständnis, es ist aber äußerst wichtig, daß sie bereits lernen, gehorsam zu sein, ehe sie alles begreifen können. Die Unterwei­sung zum Gehorsam muß klar und einfach und ihrem kindlichen Verständnis angepaßt sein. Man kann von einem Kind nicht erwarten, daß es einen abstrakten Grundsatz sofort begreift. Auch der Hinweis auf Vorbilder wird nicht immer den gewünschten Erfolg haben. Das Kind mag dann sehr bald entgegnen, das alles sei schön und gut für Vater und Mutter oder für diese und jene Person. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn es seine eigene kleine Person betrifft.

 

So zeigt sich der Gehorsam zuerst in der einfachsten, ureigen­sten und notwendigsten Form, nämlich in der Unterwerfung unter die Gebote Gottes. Mit diesen Geboten sind nicht die Zehn Gebote des Gesetzes gemeint. Auf diese bezieht sich Johannes niemals, wenn er, wie hier, über Gebote spricht. Vielmehr stehen sie stets mit Christus in lebendiger Verbindung. Der Unterschied zwischen der Bürde, die das Gesetz auferlegte, und der Erpro­bung durch diese Gebote des Herrn ist, kurz gesagt, folgender: Das Gesetz bewies, was der Mensch in sich selbst ist; das Evangelium dagegen ist die Offenbarung dessen, was Gott in Christus ist. Der unter Gesetz stehende Mensch wurde auf die Probe gestellt, ob er bereit sei, seinen Eigenwillen aufzugeben und den Forderungen Gottes nachzukommen, um dadurch Leben zu empfangen. Das Leben wurde ihm unter der Bedingung verhei­ßen, daß er gehorsam war, im Gegensatz zu dem, was Gott dem Glaubenden jetzt schenkt. Jetzt ist der Besitz des Lebens die Voraussetzung für den Gehorsam; das Leben ist in dem Gläubigen aufgrund seines Glaubens ebenso, wie es in Christus war, ehe Er in diese Welt kam. Er war als das ewige Leben bei dem Vater, und als Er Mensch wurde, änderte sich nichts an diesem ewigen Leben. Er wurde auf Erden nicht nur als göttliche Person geoffenbart, um als wahrer Gott und Gottes Sohn Seine Liebe zu offenbaren; Er war zugleich das ewige Leben, das denen, die durch die Sünde im Tode lagen, Leben brachte. Es ist also offensichtlich, daß die hier erwähnten Gebote dem uns gegebenen neuen Leben als Richt­schnur dienen, anstatt ein moralischer Wertmaßstab zu sein, durch dessen Befolgung wir Leben empfangen. Sie werden durch das Leben in Christus, das der Gläubige durch die Gnade bereits empfangen hat, in die Tat umgesetzt. Die Art, wie sich dieser Gehorsam zunächst erweist, bezeichnen die Worte: »Wenn wir seine Gebote halten.« In Seiner Gnade stellt Gott diese Dinge in autoritativer Weise vor unsere Seelen. Seine Kinder, gleichsam die Neugeborenen der Gnade, sollen den Ernst, die Wichtigkeit und Notwendigkeit Seiner Gebote empfinden. Er spricht daher in vielen Fällen mit großer Entschiedenheit, mit aller Klarheit und Autorität. Ist das nicht gut und richtig? Kann ein nüchtern denkendes Geschöpf sich vorstellen, daß Gott je anders als mit absoluter Autorität reden könnte oder daß Seine Autorität nicht hinter allem steht, was Er dem Menschen gebietet? Man denke nicht, daß sich die Gebote Gottes nur auf das erstrecken, was der Mensch tun soll. Sollte es in dem, was Er getan hat, nichts geben, was es zu glauben gilt? In 1. Johannes 3, 23 wird uns geboten, an den Namen Seines Sohnes zu glauben. Das ist nicht weniger ein Gebot Gottes als das zur gegenseitigen Liebe untereinander. Gott gebietet also dem Menschen, dem Evangelium zu glauben, und den Gläubigen, einander zu lieben. Er stellt beides als ein Gebot auf. Damit zeigt Er uns, daß in allen Dingen Seine Autori­tät, nicht nur Seine Liebe, maßgebend ist und daß Er das Recht hat zu gebieten. Der Mensch aber hat ohne Frage Gott Gehorsam zu leisten.

 

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Nach Apostelgeschichte 17, 30 sagt der Apostel Paulus den Athenern, daß Gott jetzt allen Menschen überall gebietet, Buße zu tun. Das ist gleichbedeutend damit, daß man an Seinen Sohn Jesus Christus glaubt. Es geht nicht darum, daß Menschen wie einst in Ninive dem zeitlichen Verderben entrinnen, sondern daß Sünder vor dem ewigen Feuer der Hölle gerettet werden. Weder Jona noch die Einwohner von Ninive dachten daran, von dem ewigen Gericht errettet zu werden oder ewiges Leben zu empfangen, um sich der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne erfreuen zu können und ewig bei Christus in der Herrlichkeit zu sein. Wir aber haben jetzt Sein diesbezügliches ausdrückliches Gebot empfangen, und befinden sich unsere Seelen in der rechten Stellung, dann hat dieses Gebot für uns allergrößtes Gewicht. Gott zeigt dadurch, wie wertvoll wir Ihm sind. Welche Freude für eine Seele, die sich wegen ihrer Sünden in Staub und Asche gebeugt hat, im Glauben zu erkennen, daß Gott ernsthaft darum bemüht ist, sie freigebig aus der Fülle Seiner Gnade zu segnen! Zugleich ist es auch eine Frage, die Seine Majestät betrifft; Gott kann sie nicht preisgeben, um dem armseli­gen, hochmütigen Menschen entgegenzukommen. Wie völlig blind ist der Mensch im Blick auf sein ganzes Leben voller Sünde und Feindschaft gegen Gott, im Blick auf sein völliges Verderben durch den Eigenwillen, wenn er bei Gott die Schuld suchen will, bei dem Gott, der Seinen Sohn gab, um den verworfensten Sünder zu retten.

 

Wenn wir jemand lieben, so freuen wir uns, seine Wünsche zu erfüllen, auch wenn sie in die Form eines Gebotes gekleidet sein sollten. Ist es eine Autoritätsperson, so erhält ihr Wunsch selbst im Verkehr unter Menschen den Charakter eines Gebotes. Wie­viel mehr ist das bei Gott der Fall, der nie lügt oder betrügt, der Sich selbst gleichgültigen und aufsässigen Menschen gegenüber voller Güte, Erbarmen und Langmut erweist. Zudem ist es für die Seele von bleibendem, ewigem Segen, wenn wir Seine Gebote halten. Der Sünder, der sich sein Leben lang an das Böse gewöhnt hat, muß jetzt das Gute lernen. Wenn er wirklich vor Gott Buße getan und an den Herrn Jesus Christus geglaubt hat, bedeutet das eine völlige Änderung seines ganzen Lebens. Gott macht ihn dann in aller Klarheit und Entschiedenheit mit Seinem Willen und Seinen Gedanken bekannt. Diese liebevolle Sorgfalt Gottes macht den Eigenwillen und die Gleichgültigkeit des Menschen Seinen Geboten gegenüber um so verwerflicher, besonders wenn er sich dabei zu dem Herrn bekennt.

 

In Vers 5 gibt uns der Apostel einen etwas tieferen Einblick: » Wer aber irgend sein Wort hält ... « Das ist nicht das gleiche wie das Halten Seiner »Gebote«. Das erhöht (seiner Natur und seinem Ausmaß nach) den Gehorsam. Es setzt voraus, daß der Gläubige geistliche Fortschritte gemacht hat und daß sein geistliches Ver­ständnis ebenso zugenommen hat wie seine feste Absicht, Gottes Wort in die Tat umzusetzen. Sein Gehorsam wird dabei nicht mehr nur durch ein »Gebot« regiert, sondern durch »Sein Wort«. Dieses Wort muß nicht in ein bestimmtes Gebot gekleidet sein, es enthüllt aber der Seele, was Ihm wohlgefällt und was Er wert­schätzt. Einer solchen von Grund auf gehorsamen Seele genügt schon eine Andeutung, um in einer bestimmten Sache treu zu sein, auch wenn Gott kein ausdrückliches Gebot zum Ausdruck gebracht hat.

 

Es ist erstaunlich und schmerzlich zugleich zu sehen, wie das gesetzlich eingestellte Herz in einer genau entgegengesetzten Weise handelt. In der Christenheit (besonders unter den Bapti­sten) herrscht die Ansicht vor, die Taufe und das Abendmahl seien als Seine Gebote zu betrachten. Dabei handelt es sich hierbei um nichts derartiges. Wo finden wir in der Schrift ein Gebot, getauft zu werden oder das Abendmahl zu nehmen? Ein Gebot hieraus zu machen, rückt diese Handlungen in ein ganz falsches Licht. Die christliche Taufe ist eine Gunst, die dem Gläubigen aufgrund der Autorität des Herrn Jesus erwiesen wird. Der Kämmerer fragte: »Was hindert mich getauft zu werden?«; und im Falle des Kornelius sagte Petrus: »Kann wohl jemand das Wasser verwehren ... ?« Es wäre eigenartig, so zu reden, wenn es sich bei der Taufe um ein Gebot handeln würde. Wer könnte es wagen, ein Gebot des Herrn verhindern oder verweigern zu wollen? In diesem Falle traten sofort die aus der Beschneidung auf und stritten heftig mit Petrus. Man kann in der Schrift keine Stelle finden, die das Getauftwerden als ein Gebot hinstellt. Wer sich mit der Taufe eines christlichen Bekenners befaßt, wird ihn sicher entweder selber taufen oder ihn anweisen, sich von jemand taufen zu lassen. Doch das meinen die Baptisten nicht. Sie sprechen von einem direkten Gebot des Herrn Jesus an den Täufling, sich taufen zu lassen. Doch der Herr Jesus hat nichts dergleichen geboten. Es ist Seine Freude, der Seele die Taufe gemäß Seinem Wort als eine Gunst zu erweisen. Sie ist somit kein Gegenstand eines Gebotes, sei es im moralischen oder gesetzlichen Sinne des Wortes. Mit dem Abendmahl verhält es sich ebenso. Der Herr sagt: »Nehmet, esset!« Macht diese Ausdrucksweise die Auffor­derung des Herrn zu einem Gebot? Angenommen, ich läge im Sterben; ein lieber Freund besuchte mich an meinem Sterbebett und ich würde auf meine Bibel deutend sagen: »Nimm meine Bibel und behalte sie!« Wenn jemand diesen Wunsch ein Gebot nennen wollte, müßte er wohl einfältig oder böswillig sein. Es ist kein Gebot, sondern der Ausdruck meiner Liebe zu meinem Freund. Zweifellos hat eine solche Bitte die Wirkung eines Gebotes, doch sie geht viel weiter und unterscheidet sich auch wesentlich davon. Sie spricht von den Zuneigungen des Herzens zu einem Menschen, den man bis zu seinem Abscheiden lange und innig geliebt hat und dessen man sich gern erinnert. Die Bitte kam von einem Sterbebett, sie wurde in dieser Gesinnung aufgenom­men und muß auch so von jedem einsichtigen Menschen verstan­den werden.

 

Ein Beispiel, das ich öfter gebraucht habe, wird das vielleicht noch klarer machen. Stellen wir uns eine ärmliche kleine Familie vor, die für ihren Unterhalt auf die tägliche Arbeit angewiesen ist. Das Familienhaupt, der Ernährer der Familie, muß jeden Morgen sehr früh zur Arbeit gehen. Ich bin mir darüber im klaren, daß dies in unseren Tagen des Wohlstandes ein seltener Fall sein mag, doch hat es das früher jedenfalls gegeben. Nehmen wir also an, daß der Mann morgens sehr früh fort muß, um seine Fabrik oder seine sonstige Arbeitsstätte zu erreichen. Doch die Mutter des Hauses erkrankt plötzlich und muß nun zu Bett liegen. Die ‑ Frau, die morgens mit Freuden aufstand, um ihrem Mann das Frühstück und alles, was er tagsüber brauchte, zu bereiten, ist so krank, daß sie nicht einmal ansprechbar ist. Was ist in dieser plötzlich eingetretenen Notlage zu tun? Eine Tochter der Familie hat die mißliche Lage sofort erfaßt. Niemand hat ihr geboten, jetzt zu handeln, doch sie erkennt klar, was sie zu tun hat. Sie weiß, daß in den häuslichen Umständen eine Änderung eingetreten ist, und da die Mutter nicht imstande ist, den Haushalt zu führen, tut sie es. Sie hatte ihrer Mutter oft geholfen, und so ergreift sie jetzt die Initiative. Sie steht frühmorgens auf, macht das Feuer an, bereitet dem Vater heißen Kaffee oder Tee und versorgt ihn mit allem, was er für die Zeit seiner Abwesenheit braucht. Niemand hatte ihr ein diesbezügliches Gebot gegeben; und so dient dieses Beispiel als Illustration, was mit »Seinem Wort« gemeint ist. Wie das Wort Gottes, ohne in eine Gebotsform gekleidet zu sein, Seinen Willen zum Ausdruck bringt, so kannte auch die Tochter des Hauses den Willen der Mutter, wenn diese ihn auch nicht ausdrücken konnte. Der Vater war durch die Krankheit seiner Frau so belastet, daß er sich kaum oder gar nicht seine Mahlzeiten hätte bereiten können; trotzdem mußte er wie gewohnt zur Arbeit gehen. Sein Kind verstand das alles. Ohne viel Aufhebens zu machen, erledigte sie daher die Arbeit, die ihre Mutter sonst getan hätte. Hier wurde kein »Gebot« befolgt; das Beispiel zeigt, was das »Halten Seines Wortes« bedeutet.

 

Auf diese Weise wächst der Gläubige in der Erkenntnis Gottes und findet seine Freude daran, Ihm wohlzugefallen. Er befolgt Sein Wort nicht nur, wenn es die Form eines Gebotes hat; dem gehorsamen Herzen genügt es zu wissen, was der gute Wille Gottes in jeder Sache ist, um ihn zu tun. Das bedeutet, weder eine äußere Anleitung für das Gewissen noch Rat in sich selber zu suchen. Nein, ich bin dazu berufen, Gott durch das Halten Seines Wortes unterworfen zu sein. Ich bin verpflichtet, den Willen Gottes zu tun, der jetzt in dem geschriebenen Wort der Heiligen Schrift niedergelegt ist. Sie ist sowohl zu unserer Zurechtweisung als auch zu unserem Trost geschrieben. So befahl der Apostel Paulus diejenigen, die sein Angesicht nicht mehr sehen sollten, Gott und dem Wort Seiner Gnade an. Ist es uns darum zu tun, daß alle Gläubigen dem Willen Gottes gehorsam sind, dann laßt uns zusehen, daß wir damit in aller Demut bei uns selber anfangen. Alles dazu Erforderliche ist in Seinem Wort klar enthalten, und die beste Art, es auf die rechte Weise zu lesen, ist Christus Selbst darin zu betrachten; Er ist in der ganzen Schrift der hervorragende Gegenstand Gottes. Dabei ist nicht nur das wichtig, was Christus sagte, obwohl es gewaltig ist; auch nicht, was Er gebot, obwohl es von höchstem Wert ist; sondern die Offenbarung Seiner Selbst in jedem Augenblick Seines irdischen Wandels. Da finden wir Ihn z. B. schon in aller Frühe, ehe es Tag wurde, im Gebet zu Gott. Hat das dir und mir nichts zu sagen? Betrachte Ihn, wie Er die ganze Nacht hindurch im Gebet vor Gott verweilte, wenn Er am folgenden Tag eine wichtige Entscheidung treffen mußte. Das sollte doch ganz bestimmt zu unseren Herzen reden. Wir dürfen und sollen nicht denken, daß wir es dem Herrn darin gleichtun können; aber wer wollte leugnen, daß Er uns damit ein Beispiel hinterließ? Ein Beispiel ist kein Gebot, dennoch soll es machtvoll auf die Seele einwirken, um ihre Aufmerksamkeit und Bereitwil­ligkeit zum Gehorsam zu wecken.

 

Daher schreibt Johannes: » Wer da sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in diesem ist die Wahrheit nicht“ (V. 4). Bei einem solchen fehlt der Geist des Gehorsams gänzlich. Er hält nicht nur Sein Wort nicht, sondern noch nicht einmal Seine Gebote. Er setzt sich kalt über seine Pflichten hinweg und schiebt die Anordnungen Gottes beiseite, nicht nur die des Alten Testaments, sondern auch die des Neuen Testa­ments, die dem Christen insbesondere auferlegt sind. An diesen neuen Geboten kann nämlich zuallererst gemessen werden, ob das christliche Bekenntnis eines Menschen echt ist. Wenn er kein Interesse für das Halten der göttlichen Gebote hat, dann brauchen wir nicht weiter zu forschen, wie er Christus und dem Neuen Testament als Ganzes gegenübersteht.

 

Vers 5 zeigt uns indessen das gerade Gegenteil: »Wer aber irgend sein Wort hält, in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. « Hier offenbart sich eine Gesinnung der Aufmerksam­keit dem ganzen Wort Gottes, allen Seinen Gedanken gegenüber, und sie werden auch ausgeführt, weil der Betreffende Gottes Wort liebt. Sein Herz liefert den Beweis dafür, daß er gehorsam ist, indem er nicht nur Gottes Gebote, sondern auch Sein Wort hält. Das Wort ist der Seele kostbar und wird nicht nur als autoritativ und machtvoll empfunden. Er untersucht das ganze Wort Gottes mit Freuden und zieht Segen daraus; und wo dies der Fall ist, da sagt Johannes ohne Zögern, daß die Liebe Gottes in einem solchen Menschen vollendet ist.

 

Das bietet erneut Gelegenheit, auf die besondere Art des Apostels hinzuweisen, die nicht nur in diesem Brief, sondern in allen seinen Schriften zu finden ist. Er betrachtet die Dinge nach den geoffenbarten göttlichen Grundsätzen, ohne sich mit den Hindernissen und dem Versagen zu beschäftigen, die sich aus dem Zustand und Verhalten des Menschen ergeben. Er behandelt nicht die Verfehlungen, die eine Folge unserer Gleichgültigkeit sind. Der Apostel hat den wahren Christen vor Augen und betrachtet ihn als einen, der Gottes Gedanken ausführt. Daher schwächt er diese Grundsätze nicht ab oder entkräftet sie durch die Einbeziehung von Schattenseiten einerseits oder Warnungen andererseits. Er stellt einfach das vor unseren Blick, was Gott wohlgefällig ist und sich für Sein Kind geziemt, und das bedeutet selbst für den jüngsten Gläubigen, »Seine Gebote zu halten«. Für diejenigen, die nicht mehr am Anfang stehen, sondern geistliche Erfahrungen gesammelt haben, gilt es, nicht nur Seine Gebote, sondern »Sein Wort« im allgemeinen zu halten, d. h. das, was im umfassendsten Sinne Seinen Willen kundtut.

 

Daher lesen wir, wenn wir noch einmal unseren Herrn anschauen wollen: »Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. « Er sagt nicht: »Dein Gesetz« oder »Dein Gebot«, obwohl Er stets Sein Gesetz hielt und Sein Gebot ausführte; Er ehrte und rechtfer­tigte Gottes Gesetz und gab ihm eine Tragweite, wie niemand zuvor es getan hatte. Er sagt aber auch noch: »In der Rolle des Buches steht von mir geschrieben. « Es war die Rolle des Buches, die nur der Vater, der Sohn und der Heilige Geist kannten (Gott benützt hier bildliche Ausdrücke, die dem Menschen geläufig sind). Es waren die Gedanken Gottes, verborgen in Seinem Ratschluß, die später im Buch der Psalmen niedergeschrieben wurden. Was von der Rolle des Buches gesagt wird, steht eigent­lich im Gegensatz zum Gesetz und seinen Anordnungen; aber dieser Ratschluß war von Ewigkeit her vorhanden. Und als Er kam und Mensch wurde, war der Zweck Seines Kommens, den Willen Gottes zu tun. Dieser Wille ging weit über das hinaus, was die Menschen unter den Zehn Geboten oder dem Gesetz verstan­den. In diesem Willen tat sich eine unaussprechliche Gnade kund. Der Herr tat nicht nur den Willen Gottes, Er erduldete ihn auch; denn Er war ihm gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Wann forderte oder erwartete das Gesetz von einem Gerechten jemals solch ein Opfer? Enthielt etwa das Gesetz den Gedanken, daß der Heilige Gottes für die Ungerechten sterben würde? Nein, aber gerade das war der Wille Gottes, und der Herr kannte ihn schon vor aller Zeit. Irdische Schlachtopfer und Darbringungen kamen für die Erlösung nicht in Betracht. Gott sagt, daß diese die Hinzunahenden niemals vollkommen machen können. Das Blut von Stieren, Schafen oder Ziegen kann unmöglich Sünden hin­wegnehmen, ein Entrinnen vom Feuersee bewirken oder einen Sünder vor dem Gericht Gottes retten. Kein Ritual vermag einen bösen Menschen in einen guten zu verwandeln oder zu bewirken, daß er ohne Flecken, »weiß wie Schnee«, vor Gott stehen kann. Wo ist dann Rettung zu finden? Der Herr sagt: »In der Rolle des Buches steht von mir geschrieben. « So nahm Er das Erste, das Gesetz, hinweg und richtete das Zweite auf, und das war der Wille Gottes. Dieser besteht darin, in unendlicher Gnade, durch den Tod des Herrn Jesus, den schlimmsten Sünder zu retten. Beweist das nicht, welch eine wunderbare Kraft in dem liegt, was Gott in Seinem Worte mitteilt? Gott verfolgte Seinen Ratschluß mit aller Beharrlichkeit, und der Herr kannte ihn bereits von Ewigkeit her. Als dann die Fülle der Zeit gekommen war, kam Er, um Gottes Willen zu tun, doch bei der Ausführung dieses Willens litt Er bis zum Äußersten. Kein noch so großes Werk der Macht Gottes wäre dafür ausreichend gewesen. Er war bereit, von Gott zur Sünde gemacht zu werden und alle sich daraus ergebenden Folgen zu tragen. Er war bereit, Gott im Blick auf die Sünde zu verherrli­chen und zu bewirken, daß Gott gerecht sein und doch volle Sündenvergebung gewähren kann, ja uns rechtfertigen und ver­herrlichen kann. Christus mußte für die Sünde unter der heiligen Hand Gottes leiden, die das Schwert gegen die Sünde trug und die Strafe vollzog, die die Sünde verdient hatte. Doch Er ertrug sie in vollkommener Unterwürfigkeit, was sie Ihn auch kosten mochte. Das zeigt den völligen Gegensatz zwischen Gesetz und Gnade.

 

Für den Gläubigen gilt diesbezüglich derselbe Grundsatz wie für Christus, jedoch natürlich mit der Ausnahme, daß Er Gott ist und das Sühnungswerk für uns vollbracht hat. Wir besitzen bereits das Leben, ehe wir in die Praxis des Glaubenspfades eintreten, so wie der Herr von Ewigkeit her das Leben in Sich hatte. Wir handeln also, weil wir Leben bereits haben, und nicht, wie der Mensch unter Gesetz, um das Leben zu erwerben. Der Wandel des Christen ist die praktische Entfaltung des neuen Lebens. Dies ist für jeden unmöglich, der kein neues Leben besitzt. Und nur wer den Glaubensblick auf den Herrn Jesus gerichtet hält und dadurch dieses Leben besitzt, ist zu einem solchen Wandel fähig. Andernfalls ist das Auge nicht mehr einfältig; es wird mit allen möglichen Dingen beschäftigt sein, so daß der Wandel nicht mehr im Licht geführt wird. Der Herr sagte in Matthäus 6, 22: »Wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein«; und nur Er vermag das Auge einfältig zu machen.

 

Das wird uns in diesem 5. Vers deutlich gezeigt. Doch der Apostel geht noch weiter: »Hieran wissen wir, daß wir in ihm sind«; er sagt nicht nur: »... daß wir Ihn kennen.« Welch ein Vorrecht spricht daraus, zu dem wir Zugang haben!

 

Auf diese Weise ermuntert Gott diejenigen, die in ihrem Geist wahrhaft gehorsam sind. Sie kennen Ihn nicht nur, sie wissen auch, daß sie in Ihm sind. Welch ein gesegnetes Vorrecht für einen Gläubigen ist die Zusicherung, daß er in Christus ist! Er ist der Unendliche, wir die Endlichen und Schwachen, jedoch durch Seine Gnade Gesegneten. Hier zeigt es sich, daß das Leben ganz von Gott und Seinem Sohne abhängig ist. Der Geist Gottes stärkt in uns das Verlangen nach dieser Abhängigkeit und benutzt das Wort, um uns in dieser Haltung zu befestigen. Und was sagt uns das Wort? Es enthüllt uns, daß Gott Seine Freude daran hat, den gehorsamen Gläubigen die Versicherung und das Wissen zu geben, daß sie in Ihm sind. Wie glücklich macht es uns doch zu wissen, was Er für uns ist und für uns war. Welch einen Trost und welche Kraft verleiht uns das, wo wir doch unsere eigene Schwach­heit fühlen!

 

Wenn wir diese Stelle mit Johannes 14, 20 vergleichen, dann finden wir, daß es ein Bestandteil des Reichtums der christlichen Segnungen ist, in Christus zu sein. Der Herr versicherte Seinen Jüngern bei jener Gelegenheit, daß sie dieses Vorrecht an dem Tage empfangen würden, an dem ihnen der Heilige Geist gegeben werden sollte, um in ihnen und bei ihnen zu bleiben, nachdem der Herr zum Vater aufgefahren war. »An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin, und ihr in mir und ich in euch. « Da ist zum erstenmal von der herrlichen Stellung des auferstandenen Herrn die Rede, die Er mit vollem Recht in Seinem Vater einnimmt. Es ist nicht verwunderlich, daß Er als der eingeborene Sohn im Vater ist, denn das war von jeher Seine Ihm eigene Stellung in der Gottheit. Aber jetzt wurde den Jüngern erstmals enthüllt, daß Er diese Stellung als der auferstandene Mensch, der Er war und stets bleiben wird, einnimmt. Es ist Sein Platz seit Seiner Auffahrt, der dem erhöhten Herrn gerechter­weise als Auszeichnung gegeben wurde, nachdem die Welt Ihn verworfen hat (vgl. Joh. 16, 10). Durch Glauben wissen wir, in Seinem Namen von dem Geist des Vaters unterwiesen, daß Er dort in Seinem Vater ist. Diese Stellung übersteigt weit diejenige, die Er als der Messias auf dem Thron David oder selbst als Sohn des Menschen im künftigen Reich als Herrscher über die Nationen der Erde einnehmen wird. Es ist Seine Stellung, und dies ist nur möglich, weil Er als göttliche Person eins mit dem Vater ist. Doch Er ist dort als auferstandener Mensch, der das Erlösungswerk vollbracht hat. Das verleiht dem Christentum seine einzigartige Größe.

 

Nachdem der Herr Seinen Jüngern gezeigt hatte, daß Er in dem Vater ist, sollten sie auch wissen, daß sie in Ihm waren. Das heißt, daß sie aufgrund Seines Todes und Seiner Auferstehung nicht nur Teil der Frucht waren, die das Weizenkorn dadurch hervor­brachte, daß es in die Erde gefallen und gestorben war. Sie sollten vielmehr eine vertraute und himmlische Stellung in Ihm einneh­men, soweit das für ein Geschöpf möglich ist; nicht nur das Auferstehungsleben, sondern den Platz sicherer Nähe in Ihm, den. wir jetzt schon kennen, während wir noch auf der Erde sind. Auch sollten sie von dem Wissen erfüllt sein, daß Christus in ihnen ist. Diese Wahrheit kennzeichnet den Kolosserbrief (Kap. 1, 27). Daß die Gläubigen in Christus sind, ist das Merkmal des Epheserbriefes (Kap. 1, 3; 2, 6. 10 usw.). Beide Apostel behandeln diese Wahrheit mit dem Unterschied, daß Johannes sie auf den einzel­nen Gläubigen anwendet, während Paulus sie mit der Einheit des Leibes Christi, der Versammlung, in Verbindung bringt. Es ist das Teil, das jeder wahre Christ besitzt. Die Unkenntnis, die darüber in der Christenheit herrscht, ist nur ein Beweis ihres bedauerli­chen Unglaubens. Dieser hindert manchen Gläubigen unserer Zeit, die volle Wahrheit zu erfassen, und das war sicher bereits seit dem Tode des Apostels der Fall. Er weist hier darauf hin, daß es nötig ist, das Wort Christi zu halten und in der Liebe Gottes vollendet zu sein, denn davon hängt die Verwirklichung dieser Wahrheit ab. Das ist nicht mehr, als sich für jeden Gläubigen geziemt; wo es daran mangelt, wird der Heilige Geist Gottes betrübt, durch welchen wir versiegelt worden sind auf den Tag der Erlösung, d. h. der Erlösung unseres Leibes. Der Mangel an Glauben und Treue macht das geistliche Auge blind für unsere höchsten Vorrechte.

 

»Wer da sagt, daß er in ihm bleibe ... « Der Apostel nennt hier einen weiteren Punkt, mit dem vielleicht jemand unberechtigt prahlen könnte. Er geht aber auf ganz andere Weise darauf ein als in dem Fall des gleichgültigen Verächters der Autorität Gottes. Einen solchen hatte er einen Lügner genannt und gesagt, daß die Wahrheit nicht in ihm sei. Damit hatte er ihn als einen gebrand­markt, der in Wirklichkeit nichts von Gott empfangen hatte. Geht es aber um das Bekenntnis, in Ihm zu bleiben, dann fällt die Beurteilung weniger scharf, jedoch durchaus zwingend aus. Behauptest du, in Ihm zu bleiben? Dann bist du schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie Er gewandelt hat. Hier geht es nicht darum, daß jemand behauptet, er habe keine Sünde. Wenn wir sagen, daß wir in Christus bleiben, wird sich dieses Bleiben in Ihm unmittelbar und kraftvoll auf den Wandel auswirken, denn dieser Wandel ist der Ausdruck eines Lebens im Lichte Gottes. Wenn ich wirklich in Ihm bleibe, der Leben und Licht ist, was kann mich dann daran hindern, so zu wandeln, wie Christus auch wandelte? In Seiner Gegenwart sündigen wir nicht; sind wir uns ihrer nicht bewußt, dann fallen wir in Sünde. Durch die Gnade gilt der gleiche Grundsatz für unseren Wandel, obwohl es eine Anmaßung wäre, zu behaupten, daß unser Wandel dem Seinen gleich sei. Wichtig ist, daß nicht das Gesetz, sondern Christus der Maßstab für unseren Wandel ist.

 

Nun wissen wir aber, wie leicht wir zu Fall kommen, wie schnell wir für kurze Augenblicke den Herrn vergessen, wie sehr wir geneigt sind, unsere eigene Natur wirken zu lassen. Wir sind dann nicht in Ihm geblieben. Der Apostel spricht jedoch nicht von solchen einschränkenden Behinderungen. Er hat den Grundsatz vor Augen, und ein Grundsatz hat einen absoluten Charakter. Jeder, der sich weigert, diese absolute Wahrheit anzuerkennen, weil sich der Mensch bald so, bald so verhält, gibt den Glauben zugunsten von Gefühlen und Empfindungen preis. Wie kann man dann die Wahrheit Christi an dieser und an anderen Stellen der Schrift überhaupt verstehen? Alles muß in seiner Absolutheit ergriffen werden, sowohl die Person Christi und Sein Werk wie auch die Gnade, wenn der Sünder den vollen Segen daraus ziehen soll. Wenn Gott mich rechtfertigt, dann gibt Er mir keine unvoll­kommene Rechtfertigung. Wenn Er den Gottlosen rechtfertigt, dann tut Er das ebenso absolut, wie wenn Er das ewige Leben in Christus schenkt. Der Gläubige hat das ewige Leben empfangen, um gehorsam zu sein und sich der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne erfreuen zu können. Daher lesen wir hier: »Wer da sagt, daß er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie Er gewandelt hat. « Es geht hier um jemand, der lediglich den Anspruch erhebt, in Ihm zu bleiben; daher soll dieses Wort auf sein Gewissen einwirken. Es geht hier nicht um die Glückseligkeit zu wissen, daß man in Ihm ist, sondern um das Bekenntnis, daß man Ihn zur Ruhestatt für die Seele gemacht hat, in der man in Freud und Leid, in jeder Gefahr und Schwierigkeit geborgen ist. Denn das heißt, in Ihm zu bleiben. Wenn dies wirklich der Fall bei mir ist, dann soll ich auch so wandeln, wie Er gewandelt hat. Wandeln wir wirklich so, in Tat und Wahrheit? Unser mangelhaf­ter Wandel beweist, wie wenig wir tatsächlich in Ihm bleiben. Als Gläubige bekennen wir uns aber dazu, daß Christus unser wahrer Maßstab ist, wie sehr uns das auch demütigen mag. Wir maßen uns nicht an, jemals auf der erhabenen Höhe wandeln zu können, auf der Christus gewandelt ist, doch trachten wir durch die Gnade danach, Seine Nachahmer zu sein.

 

Geliebte, nicht ein neues Gebot schreibe ich euch, sondern ein altes Gebot, welches ihr von Anfang hattet. Das alte Gebot ist das Wort, welches ihr gehört habt. Wiederum schreibe ich euch ein neues Gebot, das was wahr ist in ihm und in euch, weil die Finsternis vergeht und das wahrhaftige Licht schon leuchtet. Wer da sagt, daß er in dem Lichte sei, und haßt seinen Bruder, ist in der Finsternis bis jetzt. Wer seinen Bruder liebt, bleibt in dem Lichte, und kein Ärgernis ist in ihm. Wer aber seinen Bruder haßt, ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen verblendet hat.

 

1. Johannes, 2, 7‑11

 

Wie wir bereits in den vorangegangenen Versen gesehen haben, ist der Gehorsam das erste und wesentlichste Kennzeichen dafür, daß jemand Leben aus Gott hat. Es liegt im Wesen des Gehor­sams, daß man nicht nur tut, was in sich recht ist, sondern es in Anerkennung der Autorität Gottes tut und weil man Ihm wohlge­fällig sein will. Ein Mensch handelt stets auf verkehrter Grund­lage, wenn er das Rechte nur um des Rechten willen tut, denn er läßt dann außer acht, was für Gott und auch für den Gläubigen als Sein Kind das Allerwichtigste ist. An erster Stelle muß es stets darum gehen, daß Gott zu Seinem Recht kommt. Geht es dem Menschen dagegen lediglich darum zu tun, was er nach seinem eigenen Urteil für richtig hält, dann ignoriert er Gott. Nicht der Mensch, sondern der Wille Gottes ist maßgebend. Daher geziemt sich Gottesfurcht für ihn, die immer der Anfang geistlicher Weisheit ist. Somit ist der Gehorsam der erste Prüfstein für das Vorhandensein des neuen, göttlichen Lebens, insbesondere im Hinblick auf die Gesetzlosigkeit, die bereits damals unter den christlichen Bekennern wirksam war.

 

Wenn der Mensch sich selber die Beurteilung der Dinge anmaßt, ohne sich um den unsichtbaren Gott zu kümmern, dann verläßt er jede Grundlage für eine sichere und gottgemäße Beurteilung. Er mag moralisch einwandfrei und äußerlich korrekt erscheinen, trotzdem ist er Gott nicht gehorsam, wenn er in allem, was ihm begegnet, lediglich nach eigenem Ermessen handelt. Ohne den Gehorsam Gott gegenüber ist alles verkehrt und völlig unvereinbar mit der Verantwortlichkeit eines Christen.

 

Nun gibt es aber noch einen weiteren sittlichen Grundsatz ' der mit dem eben behandelten in Verbindung steht. Die Ursache davon ist klar: Beide Grundsätze haben ihre Quelle in dem Herrn Jesus und kommen von Ihm. Denn Er ist das Leben, und die Darstellung, die Er hier auf Erden in Wort und Tat davon gab, liefert uns nicht nur eine Theorie oder Lehre, sondern gibt uns den Maßstab dafür, was ewiges Leben wirklich ist. Nichts ist dem Geschöpf vertrauter als das »Leben«. Empfindung, Urteilsfähig­keit, selbständiges Handeln sind ohne Leben undenkbar. Alle Menschen besitzen das natürliche Leben des unter die Macht der Sünde und des Todes geratenen Menschen. Welchen Nutzen kann dieses Leben für Gott oder für uns haben? Es ermöglicht uns, viel Böses zu tun, kann uns aber niemals dahin bringen, Gott wohlge­fällig zu sein. Das war allein bei dem Herrn Jesus der Fall, der stets in vollkommener Weise das Gott Wohlgefällige tat. Dieses Leben Christi ist aber jetzt unser Leben geworden. Er schenkt jedem dieses Leben, der von Herzen an Ihn glaubt. Durch den ersten Menschen wurde der Tod eingeführt, doch der Zweite Mensch ist ein lebendig machender Geist. In Ihm, dem ewigen Wort, war Leben, und als Mensch empfing Er von dem Vater, Leben in Sich Selbst zu haben. Er gibt das Leben denen, die Ihn aufnehmen; Er macht (ebenso wie der Vater) lebendig. Nichts kennzeichnet Gott mehr in Seinem Tun, als daß Er Leben erschafft und Leben gibt * Die Weisen dieser Welt, denen es an Glauben mangelt, haben immer noch nicht entdeckt, was Leben ist und wo es ist. Manche suchen eifrig in der Retorte nach seinen Spuren; sie hoffen, mittels chemischer Experimente hinter sein Geheimnis zu kommen. Die Metaphysiker sind auch nicht einen Deut weiser dadurch, daß sie ihre Vernunft zu Rate ziehen, die sich wohl bestens für die Prüfung von Schlußfolgerungen eignet, aber unfähig ist, die Wahrheit zu ergründen. Solche und ähnliche menschlichen Hilfs­mittel mögen gut genug sein für die elementaren Dinge, die zum materiellen und intellektuellen Bereich gehören. Wenn wir aber bedenken, daß es sich um das Leben handelt, dann können wir wohl ermessen, wie fruchtlos die menschlichen Bemühungen und Erwartungen sein müssen, dem Leben durch derartige Untersu­chungen auf die Spur zu kommen.

 

Nein, der Mensch erhielt das Leben ursprünglich und unmittel­bar von Gott, und zwar dadurch, daß Gott ihm Seinen Odem einhauchte. Aus diesem Grunde hat nur er eine unsterbliche Seele. Die Tiere haben eine für ihr Dasein passende Seele und Leben, aber diese entstanden nicht durch den Odem Gottes, sondern nur durch Seinen Willen und Seine Macht. Er gestattete ihnen ein befristetes Dasein; das ist aber etwas ganz anderes, als das persönliche Einhauchen des Odems Gottes in die Nase des Menschen. Bei keinem anderen Geschöpf der Erde hat Er dieses getan, nur der Mensch genoß einen solchen Vorrang. Hat man diesen Unterschied erkannt, dann wird einem klar, daß der Mensch ein sittliches Wesen mit persönlicher Verantwortung ist, weil er eine unsterbliche Seele besitzt. Nun gibt es aber ein Vorrecht, das unermeßlich größer ist als nur die Unsterblichkeit im Sinne einer unaufhörlichen Existenz der Seele. Diese allein kann unaussprechlich furchtbare Konsequenzen haben; man denke an die endlose Existenz im Feuersee! Jeder, der den Sohn verwirft, kommt unweigerlich unter das ewige Gericht Gottes. Das bedeutet ein endloses Dasein in der Pein, und zwar unter Leiden von seiten Gottes. Der Mensch hat sich ja in seiner Unbußfertigkeit vorsätzlich geweigert, daran zu glauben, daß der Herr Jesus in Seiner Gnade das Gericht Gottes erduldet hat, damit der schuldige Sünder niemals Seine Strafe erleiden muß, sondern für immer gesegnet sei. Wie reich ist Gottes Barmherzigkeit, den Verlorenen Rettung anzubieten, weil Christus an dem Kreuz das Gericht über die Sünde trug! Glaubt man aber weder Ihm noch der guten Botschaft von dem, was Gott durch Ihn gewirkt hat, so steht man unter der Macht Satans, in der Gewalt des unerbittlichen Feindes, der Gott und Menschen haßt.

 

Die Existenz des Menschen kann niemals mehr aufhören; darin besteht ja die entsetzliche Schuld des Sünders, der seinem Dasein gern ein Ende bereiten würde, wenn er könnte. Er mag Selbst­mord begehen; doch wird er darüber Gott Rechenschaft ablegen müssen. Denn Gott gab ihm das Leben, und der Mensch hat keine Befugnis, dieses Leben mit eigener Hand auszulöschen. Wie könnte solch eine verwerfliche und törichte Tat irgend etwas Gutes hervorbringen? Wenn schon jeder Mord ein furchtbares, finsteres Verbrechen ist, so ist der Selbstmord eine seiner schlimmsten Formen und zudem eine direkte, grobe Beleidigung Gottes.

 

Der vollkommene Gehorsam des Herrn Jesus entsprang Sei­nem vollkommenen, ewigen Leben. In uns Gläubigen ist dieses Leben nicht immer tätig, weil wir zu unserer Schande das Fleisch wirksam werden lassen. Doch das neue, ewige Leben ist stets in Bereitschaft für eine gottgemäße Handlungsweise. Unvorsichtig­keit und Mangel an Wachsamkeit zum Gebet lassen das alte Leben zuweilen zum Vorschein kommen, denn es ist immer noch vorhanden. Nach Römer 8, 7 ist es die »Gesinnung des Fleisches«, die Feindschaft gegen Gott bedeutet. Es zeigt sich als der Eigenwille des Menschen, mit dem er dem Satan gehorcht; denn der Wille des Menschen wird Satans Werkzeug. Das also ist der vermeintliche freie Wille, mit dem der Mensch sich brüstet!

Wir dürfen nicht aufhören, immer wieder darauf hinzuweisen, daß jeder, der an Christus glaubt, von Ihm sogleich ewiges Leben empfängt. Die ersten Atemzüge dieses Lebens setzen bereits ein, sobald die Seele zu glauben beginnt, d. h., wenn sich der Sünder vor Christus beugt als vor Dem, den Gott in Seiner Gnade für uns dahingab. Selbst dieser Glaubensakt ist, wie wir gesehen haben, bereits eine Sache des Gehorsams Gott gegenüber. Es ist Sein ausdrückliches Gebot, daß man Buße tut und dem Evangelium glaubt. Dadurch unterwirft sich die Seele in Wahrheit Gottes Willen. Denn der Gehorsam bezieht sich nicht nur auf das, was man fortan für Gott tun soll; vielmehr beugt sich die Seele von Anfang an vor Gott und anerkennt, daß Er in Seinem Sohn der Heiland‑Gott ist.

 

In welch gesegneter Weise gab Er mir das Leben, auf welch wunderbare Art machte Er mich zum Gegenstand Seiner Liebe! Konnte Gott mir noch größere Liebe erweisen? Er gab nicht nur Den, der das ewige Leben war, für mich dahin, um für meine Sünden zu sterben und durch diese ewige Erlösung alle meine Sünden völlig zu tilgen; Er sandte auch Seinen Sohn für mich auf diese Erde, um mir ewiges Leben zu geben. Dieses neue Leben ist aber nicht nur die Quelle des Gehorsams, sondern auch der gottgemäßen Liebe. Es handelt sich hierbei nicht lediglich um die Liebe zu Gott. Diese muß ja aus der Erkenntnis erwachsen, daß Gott uns in Seiner unumschränkten Gnade, in Seinem eingebore­nen, geliebten Sohn, ewiges Leben und die Sühnung der Sünden geschenkt hat. In diesem Abschnitt wird jedoch der Nachdruck darauf gelegt, daß wir Gläubigen einander lieben sollen. Christen, die noch jung im Glauben und, wie in Korinth, ungeistlich sind, meinen, es sei etwas Leichtes, einander zu lieben. Man kann nur wünschen, daß sie es auch täglich mit allem Ernst versuchten. Bei einer gründlichen Selbstprüfung vor Gott würden sie bald erken­nen, daß vieles, was für Liebe gehalten wird, nur ein Lieben »mit Worten und mit der Zunge« ist (l. Joh. 3, 18). Es mag alles sehr einfach erscheinen, solange die Dinge glatt laufen und keine Widerstände auftreten. Werden unsere Wünsche aber durch­kreuzt, dann kommen diejenigen in Bedrängnis, die das Lieben für eine leichte Sache hielten. Diese Art von Liebe findet sich bei jedem liebenswürdigen Menschen, ja selbst bei Hunden und Katzen, ohne daß sie eine Spur göttlichen Wesens aufweist.

 

Wenn es darum geht, unsere Brüder wirklich zu lieben, dann zeigen sich erst die gewaltigen Hindernisse in uns und teilweise, wenn nicht ebenso stark, auch in ihnen. Der Christ unterscheidet sich darin von dem Herrn Jesus, von dem es heißt: »In ihm ist keine Sünde. « In uns ist sie aber der Natur nach noch vorhanden. Jeder, der das nicht glaubt, ist zu bedauern. Er lebt in einer großen Selbsttäuschung, wenn er sich einbildet, in praktischer Hinsicht jetzt schon vollkommen zu sein. Er ist davon weit entfernt, denn er hat noch nicht einmal verstanden, daß die christliche Vollkom­menheit darin besteht, sich selbst zu verleugnen und alles in Christus zu finden. Was kann er erst davon wissen, wenn es sich um die tägliche Praxis handelt! Nein, unsere Vollkommenheit wird erst dann erreicht sein, wenn wir vollständig in Sein Bild verwandelt sein werden. Beurteilen wir uns selbst im Licht, so werden wir bald allen Grund haben, unser Versagen zu beklagen. Dennoch gebot der Herr Seinen Jüngern ausdrücklich und mit allem Ernst, einander zu lieben. Der Glaube an Ihn gereichte den Juden äußerlich ebensowenig zum Vorteil wie die Tatsache, daß sie auf alle Nationen von oben herabsahen. Wieviel Stolz liegt doch in der Liebe zum eigenen Volk! Man identifiziert sich so gern mit den besonderen Verdiensten und glänzenden Vorteilen, die man bei seinem Volk zu sehen glaubt. Die Juden waren diesbezüg­lich gewiß so stolz, wie es ein Volk nur irgend sein kann; sie hatten allem Anschein nach auch mehr Veranlassung dazu als ihre Feinde. In Wirklichkeit hat aber kein Mensch den geringsten Grund, stolz zu sein; er gehört in den Staub wegen der Sünden, die er gegen Gott begangen hat. Man mag noch so beeindruckt sein von dem, was Gott gewirkt hat, ‑ und Israel hatte zweifellos mehr Grund dazu als alle anderen Völker ‑ es bleibt doch wahr, daß jeder aufrichtige Mensch nicht anders kann, als sich wegen seiner Unwürdigkeit vor Gott zu demütigen, sobald er die Dinge in Seinem Lichte sieht. Wir erkennen unsere Sündhaftigkeit und auch die der anderen. Deshalb ist es nötig, daß uns der Heilige Geist über das alles erhebt, was uns herausfordert und in Versu­chung bringt, was sich im Gegensatz zu unseren Wünschen befindet und was wir als verkehrt erkannt haben.

 

Die nächsten Verse stellen uns hinsichtlich der Liebe unaus­weichlich auf die Probe. Die Frage lautet, ob wir die Ausdauer haben, selber in dieser Weise zu lieben. Wohl darf es uns nie gleichgültig sein, wenn Christus verunehrt oder die Wahrheit Gottes preisgegeben wird, wenn Ungerechtigkeit oder offenkun­dige Sünde in irgendeiner Form zutage tritt. Doch wir sind dazu berufen, zu tragen und zu ertragen, stark zu sein in der Gnade, die in Christo Jesu ist, Trübsale zu erleiden als Seine guten Kriegs­leute, alles um der Auserwählten willen zu erdulden, damit auch sie die Seligkeit erlangen, die in Christo Jesu ist, mit ewiger Herrlichkeit (2. Tim. 2, 10). So handelt wahre Liebe. Dann kommt man dahin, in fast allen Dingen, die einem tagsüber begegnen, ähnlich geduldig zu werden, wie Gott Selbst es ist. Der Herr Jesus bewies diese Geduld bis zum Äußersten und offenbarte sie Tag für Tag in Seinem Erdenleben. Das hinderte Ihn aber nicht daran, das gegen Gott gerichtete Böse öffentlich zu rügen. Doch das war keineswegs ein Mangel an Liebe. Das Böse nicht zu hassen hätte eine Herabwürdigung der Natur Gottes und Seines Wortes bedeutet; Gleichgültigkeit dem Bösen gegenüber ist das genaue Gegenteil von Heiligkeit. Das Gute zu lieben und nach Gerechtig­keit zu trachten sind Bestandteile der praktischen Heiligkeit des aus Gott Geborenen. In allem, was uns persönlich zu schaffen macht und unserem Denken und Wünschen oft so entgegengesetzt ist, erweist sich die Liebe als siegreich. Wir können im Glauben alle unsere Schwierigkeiten Gott überlassen und sollten es stets aus Liebe tun. Es gibt viel Verkehrtes um uns her zu mißbilligen; wir müssen es verurteilen, doch nur insoweit, als wir dabei nicht selber ungebührlich handeln. Laßt uns aber bedenken, daß wir dazu berufen sind, uns in der Liebe Gottes zu erhalten (Jud. 21), wie bedauerlich auch die Zustände sind. Das wird nicht nur uns selber zum Segen gereichen, sondern sich auch in unserer Umge­bung auswirken.

 

Es sei kurz darauf hingewiesen, daß das erste Wort in Vers 7 ein Beispiel für die Neigung des Menschen ist, sich nicht an die exakte Ausdrucksweise des Wortes Gottes zu halten. In einigen Überset­zungen steht hier das Wort »Brüder«. Aber der Apostel ist noch nicht soweit gekommen, diese Anrede zu benutzen. »Brüder« sagt er etwas später, in Kapitel 3, 13, übrigens das einzige Mal als Anrede in diesem Brief. Jetzt beschäftigen ihn nicht in erster Linie unsere gegenseitigen Beziehungen, sondern die Liebe ist zunächst der Gegenstand, über den er schreiben möchte. Seine Anrede steht damit in trefflicher Übereinstimmung. »Kinder« und »Geliebte« sind seine üblichen Worte, und auch hier ist die richtige Lesart: » G e 1 i e b t e, nicht ein neues Gebot schreibe ich euch ... « Ist das nicht sehr bezeichnend? Die Beziehungen der Gläubigen zueinander waren eine wichtige Tatsache, doch darum ging es ihm jetzt nicht. Er spricht jetzt in einer Weise zu ihnen, die sie daran erinnern soll, daß sie geliebt wurden. Es war gar nicht nötig zu sagen, wer sie so liebte. Selbstverständlich waren sie dem Apostel durch die Gnade teuer und wertvoll. Aber auch Gott Selbst liebte sie, und zwar mit einer unwandelbaren Liebe, wie sie durch den Herrn Jesus kundgetan worden war. Welch ein Ansporn zur gegenseitigen Liebe, zur Liebe allen gegenüber, die Gegenstände derselben Liebe sind! »Geliebte, nicht ein neues Gebot schreibe ich euch, sondern ein altes Gebot, welches ihr von Anfang hattet. « Dieses alte Gebot finden wir bereits im Evange­lium des Johannes. Dieser inspirierte Schreiber bringt es weit mehr als die übrigen zum Ausdruck, und er ist wohl auch der einzige, der so bestimmt darüber spricht. Mit welchem Ernst gebot der Herr Seinen Jüngern, daß sie einander lieben sollten! Das lesen wir bereits im ersten jener wunderbaren Kapitel des Johannesevangeliums, in denen Er davon sprach, daß Er diese Welt verlassen und zum Vater gehen würde. In den Versen 34 und 35 von Johannes 13 haben wir das neue Gebot. Es sei kurz erwähnt, was der Herr bei dieser Gelegenheit noch sagte: »Kin­der, noch eine kleine Weile bin ich bei euch; ihr werdet mich suchen, und wie ich den Juden sagte: Wo i c h hingehe, könnt i h r nicht hinkommen, so sage ich jetzt auch euch. « Sein Fortgang war eine notwendige Voraussetzung für die Einführung des Christentums. Die Abwesenheit Christi auf der Erde bedeutet, daß Er im Himmel ist. Solange Er hier war, hatte das Christentum noch nicht eigentlich begonnen, d. h., soweit die gegenseitigen Beziehungen der Jünger in Frage kamen, obwohl der Ursprung aller Segnungen in Ihm lag. Doch ihre wahre Stellung und Ihr Verhältnis zu Christus und daraus folgend zu allen übrigen war etwas Neues und wurde erst bewußt erfaßt, nachdem der Herr gestorben, aufer­standen und zum Himmel aufgefahren war.

 

Als der Herr den Jüngern eröffnete, daß Er sie verlassen würde, äußerte Er ihnen gegenüber Seinen Wunsch, daß diese Liebe in ihnen sei und auch von ihnen ausstrahlen möge. »Ein neues Gebot gebe ich euch«, ‑ (man sieht deutlich die direkte Bezugnahme auf das Johannesevangelium) ‑ »daß ihr einander liebet, auf daß, gleichwie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. « Im Johannesbrief finden wir die praktische Anwendung davon. Das Gebot, das Johannes bereits in seinem Evangelium bekanntgemacht hatte, war vom Herrn gegeben Worden, als Er noch auf Erden war. Damit wird bestätigt – wie bereits bei der Erläuterung der ersten Verse dieses Briefes gesagt ‑, daß der Ausdruck »von Anfang« etwas völlig anderes bedeutet als »im Anfang«. Es hätte allerdings nichts »von Anfang« sein können, wenn nicht »im Anfang«, d. h., ehe Himmel und Erde wurden, das Wort ‑ der Sohn ‑ gewesen wäre. »Von Anfang« heißt, von der Zeit an, als das ewige Wort, Fleisch geworden, voller Gnade und Wahrheit hier auf Erden bei den Jüngern war und unter ihnen zeltete oder wohnte. Auf diese Zeit bezieht Johannes die Worte: »Das alte Gebot ist das Wort, welches ihr von Anfang hattet. « »Das Wort, welches ihr gehört habt« war ganz gewiß nicht das Wort, das »im Anfang« war, sondern die Mittei­lung, die sie von dem Herrn Jesus empfangen hatten. Solch ein Gebot war nie zuvor gegeben worden. Es handelt sich nicht um die Nächstenliebe, die, gleich welchen Ursprungs, in Art und Umfang wie auch bezüglich des Personenkreises von ganz anderem Cha­rakter war. Hier handelte es sich um göttliche Liebe, ausgehend von und zu solchen, die das ewige Leben in Christus empfangen hatten, für die das ewig gültige Erlösungswerk durch Seinen Tod geschehen sollte und die also auch selber Gegenstände dieser göttlichen Liebe waren. Eine ganz neue Gemeinschaft war im Entstehen. Die Jünger, als deren Glieder, wurden jetzt auf das vorbereitet, was sie besitzen sollten. Sie wurden umgestaltet, soweit dies schon damals entsprechend dem ewigen Leben, das sie in Ihm besaßen, möglich war. Doch Sein Tod und Seine Auferste­hung waren ein unabdingbares Erfordernis, um eine göttliche Grundlage zu schaffen, auf der allen Schwierigkeiten und Män­geln begegnet werden kann und die uns die Garantie für sämtliche Vorrechte bietet. Dieser Teil der Ratschlüsse und Wege Gottes gehört jedoch nicht zu dem speziellen Gebiet, das dem Apostel Johannes anvertraut war; dazu müssen wir die Briefe des Apostels Paulus erforschen. Johannes hat mehr die abstrakten Grundsätze vor Augen, die für die Heiligen ganz persönlich und uneinge­schränkt gelten. Einschränkungen kommen nur in gewissem Umfang vor, soweit sie durch unseren Zustand und den der Welt verursacht werden. Die Grundsätze bleiben trotzdem an ihrem Platz bestehen, und Johannes führt die Getreuen voll und ganz in sie ein. Er beharrt auf den von Gott gegebenen Grundsätzen, die es für uns festzuhalten gilt. Bleiben wir in der Abhängigkeit von dem treuen Gott, so werden alle Probleme durch das Wort gelöst, das ja zu diesem Zweck, hauptsächlich durch den Apostel Paulus, niedergeschrieben wurde.

 

Johannes besteht nun darauf, daß wir nach dem Vorbild der Liebe Christi zu uns lieben sollen. Es handelte sich um ein »altes Gebot«, weil Er es den Jüngern gab, als Er vor Seinem Tode und Seiner Auferstehung noch mit ihnen auf der Erde lebte. Sie waren bis dahin noch Juden, hatten aber in ihren Seelen bereits das empfangen, was unendlich weit über das Judentum hinausging. Äußerlich fuhren sie fort, in den Tempel zu gehen, mögen auch nach den Vorschriften des Gesetzes Opfer dargebracht und Gelübde geleistet haben. Viele, wenn nicht alle Jünger in Jerusa­lern verharrten in diesen Dingen noch geraume Zeit. Selbst von den führenden Aposteln lesen wir, daß sie, nachdem sie am Pfingsttag den Heiligen Geist der Verheißung empfangen hatten, zur Stunde des Gebetes gemeinsam zum Tempel hinaufgingen, wie sie es von früher, ehe sie dem Herrn nachfolgten, und auch nach Seinem Fortgang gewohnt waren.

 

»Das alte Gebot ist das Wort, welches ihr gehört habt« (der Ausdruck »von Anfang« wird hier völlig zu Recht nicht wieder­holt). Dies Gebot kann sich nicht auf die Ewigkeit beziehen. »Im Anfang« wurde dieses Gebot nicht erlassen; niemand hörte es in der Ewigkeit. Es war ja niemand da, der dieser Aufforderung gemäß hätte lieben können, und so wäre dieses Gebot im falschen Bereich von Raum, Zeit und Person gegeben worden. Kurz, es ist ein offensichtlicher Irrtum, wenn man die Begriffe »von Anfang« und »im Anfang« nicht auseinanderhält, was viele leider unterlas­sen und damit das Wort verdrehen.

 

Nun lesen wir in Vers 8 etwas, das ziemlich paradox klingt. Johannes macht dies jedoch nicht zu schaffen; denn das, was paradox zu sein scheint, ist tatsächlich nichts als die vollkommene Wahrheit. Das unbeschnittene Ohr meint zwar, etwas Unbegreif­liches und Widersprüchliches zu vernehmen. Doch die rechte Art und Weise, die Schriften zu verstehen, besteht stets darin, ihnen zu glauben; dann beginnen wir sie zu verstehen. Wie könnte man die Schrift ohne Glauben verstehen? Nur der menschliche Sinn stellt das eigene Ich über Gott und weigert sich, das anzunehmen, was unermeßlich weit über seinen Horizont hinausgeht. Die eigenen Gedanken, Ansichten und Worte über Gottes Wort zu erheben ist völlig unvereinbar mit dem Glauben an die göttliche Inspiration.

 

Für den Gläubigen gibt es nur einen Standpunkt ‑ sich ganz entschieden auf die Seite Gottes und Seines Wortes zu stellen. möglicherweise kann er sich diese oder jene Schwierigkeit im Wort nicht erklären; doch er glaubt Gott und mißtraut sich selbst. Daher wartet er ab in der Überzeugung, daß der Herr ihm Licht über die rätselhafte Stelle schenken wird, falls dies gut für ihn ist. Empfängt er kein Licht darüber, so vertraut er darauf, daß der Herr auch hierin Seine guten Gründe hat. Er ist sich im klaren darüber, daß Gott stets recht handelt, weiß aber andererseits, wieviel Irren bei ihm selbst zu finden ist. So fährt nun der Apostel fort: »Wiederum schreibe ich euch ein neues Gebot, das, was wahr ist in ihm und in euch. « Wenn dieser Vers auf den ersten Blick schwer verständlich erscheint, so erklärt er doch alles ganz genau. Man braucht nicht lange nachzudenken oder weit herumzusu­chen, um zu verstehen, inwiefern das alte Gebot zugleich auch das neue Gebot ist. Die menschliche Schulweisheit freilich würde wohl nie dahinter kommen, wenn sie auch bis zum Jüngsten Tage Zeit hätte. Sie möchte gerne verstehen, ohne zu glauben, und daher bleibt sie verfinstert und unwissend, wie gelehrt sie auch sonst sein mag. Das alte Gebot war wahr in Christus. Als Er es den Jüngern mitteilte, liebte Er sie alle so, wie nur Gott lieben kann, nämlich mit aller Vollkommenheit. Könnt ihr euch vorstellen, daß die Jünger zu jener Zeit einander liebten? Waren sie nicht so eifersüchtig aufeinander, wie man es sich bei frommen Menschen nur vorstellen kann? Der Hang zum Hader war bei ihnen stets erkennbar, und sie stritten unbeirrt und eifrig darum, wer von ihnen der Größte sei. War da ein Funken Liebe vorhanden? Solche Rivalität ist das Gegenteil von Liebe und zeugt nur von der Wirksamkeit des Fleisches.

 

Die Liebe hätte gefühlt, daß es allein Gottes Sache ist, jedem einzelnen seinen Platz anzuweisen. Die Schrift zeigt uns, daß Gott die Glieder gesetzt hat, wie es Ihm gefiel. Aber jeder von ihnen wollte der Größte sein, was natürlich unmöglich war. Kann es einen stärkeren Gegensatz zur Liebe geben als den Wunsch, der Größte zu sein und den besten Platz für sich selbst zu beanspru­chen? Dieses Trachten steht in völligem Widerspruch zu der Gesinnung Christi, die wir in Philipper 2 finden.

 

Hier wird also gezeigt, daß das, was während der Anwesenheit des Herrn auf der Erde ein altes Gebot war, jetzt ein neues Gebot ist, weil es jetzt nicht mehr allein in Ihm, sondern auch in Seinen Jüngern wahr ist. Nur durch den Tod und die Auferstehung des Herrn Jesus war das möglich geworden, und nur dadurch wird alles neu. Die Auferstehung war ohne den Tod nicht denkbar. Ebenso konnte ohne den Tod Christi das Alte nicht zum Ver­schwinden gebracht werden, noch das Neue ohne Seine Auferste­hung eingeführt werden. Doch Er ist die Auferstehung und das Leben; das ist der erhabene und glorreiche Grundsatz des Christentums. Alles gründet sich auf den Tod und die Auferstehung des Herrn Jesus; dadurch wird das Alte neu und damit auch in en Jüngern ebenso wahr wie in Ihm. Er war und ist die Wahrheit. Doch wie steht es in dieser Hinsicht mit mir und dir? Wandeln wir im Geiste, oder ist es uns noch immer um das eigene Ich zu tun? Dann ist weder Christus noch die Liebe der Beweggrund unseres Tuns.

 

Welch ein Segen, daß das alte Gebot jetzt ein neues ist, wahr in Ihm und in den Seinen, und zwar weil alle Gläubigen durch den Besitz Seines Lebens in die gleiche Stellung gebracht sind. Auf dem Kreuz Christi ist mit den Sünden abgerechnet und alles gerichtet worden, was die Wirksamkeit des göttlichen Lebens, seine Ausübung in Liebe und seine freie Entfaltung untereinander verhinderte. Indem das Wort diese Dinge offenbart, macht der Geist sie in dem Herzen jedes Gläubigen lebendig. Der Apostel gibt auch hier wieder den Grundsatz an. Irgendwelche gelegentli­chen Einschränkungen, die sich aus dem jeweiligen Zustand des Gläubigen ergeben, zieht er nicht in Betracht. Dafür enthält das Wort Gottes an anderen Stellen die entsprechenden Hilfsmittel. Johannes teilt uns hier den wahren und absoluten Grundsatz mit, an dem sich der Glaube erfreut und der durch Gnade, entspre­chend unserem geistlichen Verständnis, verwirklicht werden muß. Er erklärt, daß dieser Grundsatz in uns, d. h. in allen Gläubigen, ebenso wahr ist wie in Christus.

 

Das ist eine beglückende, ja erstaunliche Tatsache im Bereich der geistlichen Vorrechte. Der daraus fließende Segen wird jedoch niemals genügend erkannt, wenn man nicht glaubt, daß Gottes Wort es sagt und daß dies für die anderen Gläubigen ebenso zutrifft wie für die eigene Seele. Das alte Gebot war solange wirkungslos, bis Christus starb und auferstand. Als Er aber gestorben und auferstanden und damit die ganze Segensfülle in Ihm ans Licht gekommen war, wurde es auch auf Seine Jünger übertragen. Das Weizenkorn blieb allein, bis es in die Erde fiel und starb. Doch der Herr sagte: » Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. « Wo ist denn diese viele Frucht? In allen wahren Gläubi­gen. Bedauerlicherweise kommen Abschwächungen vor, die sich hindernd in den Weg stellen. Daher ist es so wichtig zu lernen, wie diese Hindernisse überwunden werden können, wie wir über ihnen stehen können und sollten. Niemals dürfen wir es dahin kommen lassen, daß wir uns der beschaulichen Ruhe hingeben, daß wir nachlassen im ernsten Rufen zu Gott und im Gebrauch der Mittel, die Sein Wort und Sein Geist uns bieten, um die Schwierigkeiten in uns und eventuell bei anderen zu beseitigen. Der Herr hat uns in der Fußwaschung ein Beispiel hierfür hinterlassen; laßt auch uns einander die Füße waschen.

 

Dieser Grundsatz, das Gebot Christi, erweist sich also jetzt in Kraft. Als es noch das alte Gebot war, hat nur Er es vollständig ausgelebt. Man beachte den Unterschied bei den Jüngern, nach­dem der Herr gestorben und auferstanden war.

 

Wir lesen in Apostelgeschichte 2, Vers 14: »Petrus aber stand auf mit den Elfen ... « Sie handelten gemeinsam wie ein Mann, kein fleischlicher Streit, keine Rivalität oder Selbstsucht war mehr zu sehen. So etwas hatte es bis dahin noch nie gegeben. Niemals lesen wir von einer solchen Veränderung bei ihnen, solange der Herr Seinen Dienst auf der Erde vollführte (also der Zeitraum, der hier »von Anfang« genannt wird). Damals war das Gebot Christi nur in Ihm wahr; erst durch die Macht Seiner Auferstehung war es gleicherweise wahr in Ihnen wie in Ihm. Welcher Grund wird dafür angegeben? »Weil die Finsternis vergeht ... « (nicht »ver­gangen ist ... «, das wäre nicht richtig). Es tut mir leid, hier wieder als Kritiker erscheinen zu müssen, doch bitte ertragt mich, denn es geht ja um die Wahrheit. Ich weiß und sage aus Überzeu­gung, daß diese Übersetzung der Wahrheit entspricht. Es ist keine Vermutung, keine subjektive Empfindung oder Meinung. Das vom Geiste Gottes hier angewendete Wort bedeutet »im Verge­hen begriffen« und nicht »vergangen«. Es wäre weit übertrieben zu sagen, daß die Finsternis bereits vergangen sei. Sie wird bis zur Wiederkunft Christi nicht vergangen sein. So sagt Jesaja 60, 1: »Stehe auf, leuchte! Denn dein Licht ist gekommen. « Erst dann wird die ganze Erde Licht haben. In Jerusalem wird vielleicht ein besonderer Glanz sein; doch das Licht wird die ganze Welt erleuchten, so wie Seine Herrlichkeit dann die gesamte Erde erfüllen wird.

 

Es ist klar, daß dieser Zustand noch längst nicht eingetreten ist. In unserem Zeitalter werden das Heidentum und die Religionen, wie z. B. der Islam, nicht aufhören zu bestehen. Babylon und Rom existieren und werden sich mehr und mehr entfalten, ebenso alle Arten von Greueln, sogar innerhalb der Christenheit. Das Schlimmste aber ist, daß das Kommen des »Gesetzlosen« bevor­steht, der sich in den Tempel Gottes setzen und sich selbst darstellen wird, daß er Gott sei. Man denke auch an den Skeptizis­mus, der heutzutage an jedem Sonntag in London (und vielen anderen Städten der Christenheit, Anm. d. Üb.) gepredigt wird, sowohl in Staatskirchen wie auch in freikirchlichen Gemeinden, und zwar nicht etwa von überspannten Leuten, sondern von einigen ihrer hervorragendsten Geistlichen. Es sind nur wenige, die entschieden gegen diesen sträflichen Unfug auftreten, nur einige »lästige« Personen, die sich in zunehmendem Maße durch ihre vernehmlichen Warnungen unbeliebt machen. Wie sehr sie sich auch von diesen Lehren fernhalten und einfältig wandeln, machen sie doch durch ihr Zeugnis deutlich, daß dieser Irrglaube ein Betrug des Teufels ist und daß er den kommenden Abfall sowie den Menschen der Sünde ankündigt, den der Herr Jesus bei Seiner Erscheinung in Herrlichkeit vernichten wird.

 

Die Finsternis ist also noch keineswegs vergangen, aber sie ist im Vergehen. Inwiefern? Durch jeden Gläubigen, der der Ver­sammlung in aller Welt hinzugefügt wird, sei es in Kamtschatka, in Japan oder selbst im armen, stolzen, listigen und aggressiven Rußland. Wo auch die Gnade wirkt ‑ mit jedem weiteren Men­schen, der im Glauben zu Gott kommt, weicht die Finsternis zurück. Sie wird auch in jedem Gläubigen zurückgedrängt. Der Apostel spricht auch hier wieder in grundsätzlicher Weise; er untersucht nicht, inwieweit das schon verwirklicht ist, denn das ist nicht seine Aufgabe. Er betrachtet die Dinge so , wie sie in dem Christen sein sollten, d. h., wie er das göttliche Prinzip, das seine Seele empfangen hat, zur Darstellung bringen sollte. Er fügt aber noch hinzu: »... und das wahrhaftige Licht schon leuchtet.« Damit ist der ganze Sachverhalt so genau wie möglich ausge­drückt. Es gibt Christen, die keinen großen Wert auf Genauigkeit und Sorgfalt legen. Aber ist es nicht besser, die einfache, klare und vollständige Wahrheit zu besitzen, die uns allein weiterhelfen kann? Hier ist davon die Rede ‑ und das ist der wesentliche Punkt ‑, was nach dem Tod und der Auferstehung Christi in Erscheinung trat. Hat die Welt nicht das Licht durch Seinen Tod ausgelöscht? Sie versuchte es jedenfalls mit allen Mitteln. Doch Seine Auferste­hung strafte die Welt und alle ihre Anstrengungen Lügen; denn das Licht scheint jetzt machtvoller denn je. »Das wahrhaftige Licht leuchtet schon.« Die Gläubigen, die vorher so schwach waren, erstarkten und vergaßen in ihrer Freude über den aufer­standenen Heiland sich selbst und ihre früheren Irrungen. Der Geist, den Gott aufgrund des Werkes Christi gegeben hat, ist der Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. So können wir sehen, wie wahr das Gebot der Liebe in Ihm und in den Jüngern ist. Das Problem lag »in ihnen«, nicht in Ihm, in dem das Gebot unbestreitbar verwirklicht war. Doch wie konnte es auch in ihnen wahr werden? Dadurch, daß Er auferstanden ist, um viel Frucht zu bringen, weicht die Finsternis, und das wahrhaftige Licht scheint bereits. Christus verbannt die Finsternis für jeden' Gläubigen und leuchtet schon immer heller für sie und in ihnen.

 

Folgerichtig bekommt in Vers 9 derjenige seine Antwort, der da sagt, er sei in dem Lichte, obwohl er seinen Bruder haßt. Der Ausdruck »sagen« hat in diesem Brief einen ungünstigen Sinn. Das wahre Gotteskind spricht nicht leichtfertig davon, daß es im Licht sei. Der Gläubige weiß, daß er im Licht ist, und preist Gott dafür. Aber er behandelt einen derart erhabenen Gegenstand mit dem größten Ernst und überläßt es anderen, sich mit der Aussage zu brüsten: »Ich bin in dem Lichte«, während er von einem wahren Heiligen meint: »Du bist in der Finsternis.« Was könnte dem Namen des Herrn mehr Schmach zufügen und eines Christen unwürdiger sein als ein solches Großtun. Das richtige, wahre Verhalten besteht nicht darin zu sagen, daß man im Licht wandelt, sondern daß man es durch einen gottgemäßen Wandel bezeugt. »Wer da sagt, daß er in dem Lichte sei, und haßt seinen Bruder«, beweist, daß er nicht in dem Lichte ist. Der Haß dem Bruder gegenüber ist nicht nur mit der Liebe, sondern auch mit dem Licht und dem Leben unvereinbar, denn diese sind untrennbar mitein­ander verbunden. Das Leben äußert sich im Gehorsam, aber ebenso in der Liebe; und das wahre Licht, das bereits leuchtet, macht eine solche Finsternis ‑ d. h. den Haß im Herzen ‑ sichtbar. Wenn ein Bruder hart und ungeduldig ist oder sonstwie falsch handelt, dann dient das sicherlich dem Zweck, dich auf die Probe zu stellen; sei um so behutsamer, wenn du etwas Übles an ihm wahrzunehmen meinst. Sollte dein Herz sich nicht bemühen, ihn durch Liebe zu gewinnen? Warum die Liebe preisgeben, wo sie so dringend benötigt wird? Du solltest auch Mitleid mit dem Bruder haben, wenn du meinst, daß er ein schweres Unrecht begangen hat. Mach ihn zum Gegenstand der ernsten Fürbitte vor Gott, wie sehr du auch das Böse verurteilen magst.

 

»Wer da sagt, daß er in dem Lichte sei, und haßt seinen Bruder, ist in der Finsternis bis jetzt.« Das sind geballte Worte von schneidender Schärfe, und sie werden von dem »liebevollen« Johannes gesagt! Niemand war so zartfühlend, aber auch niemand so entschieden wie er. Hier sehen wir den leuchtenden Gegensatz zur Gleichgültigkeit. Er sagt nicht nur: »Ich liebe meinen Bruder«, sondern er liebt ihn tatsächlich. » Wer seinen Bruder liebt, bleibt in dem Lichte«; und er liebt auch dann, wenn betrübliche Irrungen vorliegen, die hohe Anforderungen an seine Liebe stellen und sie um so mehr ans Licht bringen; »... und kein Anlaß zum Anstoß ist in ihm.« Es mochte ein Fall sein, der ihm große Übungen brachte. Doch er liebte, und so ist er einer, »der in dem Licht bleibt, und kein Anlaß zum Anstoß (oder: kein Ärgernis) ist in ihm«. Hätte er nach dem Grundsatz gehandelt, Böses mit Bösem zu vergelten, sich zu rächen, so wäre ein Anlaß zum Anstoß vorhanden gewesen . Dann hätten ihn nur die natürlichen Gefühle des Menschen geleitet, aber das bedeutet die Verleugnung Christi und somit des Christen.

 

In Vers 11 wird das Böse mit aller Deutlichkeit in seinem gewalttätigen Charakter gezeigt: » Wer aber seinen Bruder haßt, ist in der Finsternis ... « Das ist der Zustand, der letzten Endes den Ausschlag gibt. Wie Johannes später in Kapitel 3, 15 klarmacht, ist jeder, der seinen Bruder haßt, im Prinzip ein Menschenmör­der. Es geht nicht nur darum, was er tut oder wie er wandelt, sondern er ist tatsächlich in der Finsternis. Sein grausames Verhal­ten liefert den Beweis dafür; seine Worte und Taten machen seinen Zustand nach außen hin kund. Wovon zeugen seine Worte? »Er haßt seinen Bruder. « Was verraten seine Taten? »Er haßt seinen Bruder«, und er »wandelt in der Finsternis.« Der Wandel eines solchen Menschen läßt seinen inneren Zustand erkennen, wie ja auch umgekehrt die Tatsache, daß wir im Lichte sind, zur Folge hat, daß wir im Lichte wandeln. Es geht hier nicht um eine Theorie, sondern um tiefe Wirklichkeit; nichts weniger als das liegt in dem Wort »Wandel«. »Und weiß nicht, wohin er geht« heißt es weiter. Er betrügt sich selbst und ist unglücklich. In seiner Verhärtung merkt er nicht, daß er eine Beute des Feindes geworden ist. Es fehlt ihm das Bewußtsein, daß sein Weg ins Verderben führt, doch das ist die Wahrheit und das um so mehr, als er in seiner Verblendung einst den Platz eines Christen einnahm. Nichts ist gesegneter, als ein wahrer Christ zu sein, aber nichts verwerflicher, als keiner zu sein und doch nach außen hin als ein solcher gelten zu wollen. Doch wie viele Seelen werden heutzutage auf diese Weise irregeführt!

 

Wie kann man denn Gewißheit haben? Ich bin zunächst über­zeugt, daß ich ein verlorener Sünder bin, aber daß Gott den verlorenen Sünder im Namen Jesu willkommen heißt. Denn Gott gab Seinen Sohn, damit Er als der Sohn des Menschen das Verlorene sucht und rettet. Ich brauche Christus zu meiner Errettung und glaube an Ihn so, wie das Wort Gottes von Ihm spricht. Bin ich daher nicht berechtigt, den Platz eines Christen einzunehmen? Wenn wir Christus annehmen, empfangen wir Sein Leben, und für den Glauben ist Er die einzige Sühnung für unsere Sünden. Auf diese Weise erhalten die, welche an Seinen Namen glauben, das Recht, Kinder Gottes zu heißen. Nur Er ist der Garant dafür, daß sie alle in die christliche Stellung und Segnun­gen eingeführt werden. Alle Vorrechte der Gnade sind praktisch in Ihm zusammengefaßt. Bekennt sich dagegen jemand nur oberflächlich zu dem Namen des Herrn, ohne eine aufrichtige Erkenntnis seiner Sünden und der Notwendigkeit der Befreiung und Erlösung, so wandelt und bleibt er eindeutig in der Finsternis. Er weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen verblendet hat; das ist um so schlimmer, da er sich als Christ ausgibt. » Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß die Finsternis!« sagt der Herr in Matthäus 6, 23. Der wahre Christ ist nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren. Es geschieht durch den lebendigen Glauben an den Herrn Jesus.

 

Ich sage das nicht, um den schwächsten unter den Gläubigen zu entmutigen; das ist nicht meine Absicht. Es gibt weder im Alten noch im Neuen Testament ein einziges Wort, das Menschen in Zweifel stürzen will; alles dient nur dazu, sie zum Glauben anzuspornen. Denen, die glauben und sich Gottes geoffenbartem Wort, dem Wort Seiner Wahrheit und Gnade, unterwerfen, gehören alle Segnungen. Das Wort der Wahrheit ist das Evange­lium des Heils. Dieses Wort allein hat die Wirkung, den Menschen als verlorenen Sünder bloßzustellen, gleichzeitig aber jeden Makel an ihm zu beseitigen, jede Sünde zu tilgen und ihm zu ermöglichen, sich des Besitzes des ewigen Lebens und der Recht­fertigung vor Gott zu erfreuen. Ich rechtfertige mich nicht selbst; ich verurteile mich. Gott aber rechtfertigt den an den Herrn Jesus Glaubenden. Nur Er war imstande, mich von jedem Verdam­mungsurteil zu befreien. Wenn ich Christus habe, kann ich mein Ich gänzlich beiseite setzen. Alles, worauf ich einst eingebildet und stolz war, alle Torheiten jeglicher Art gebe ich dann auf, da ich erkenne, wie verkehrt und böse alles war. Welche Seligkeit zu erkennen, daß alle Segnungen Gottes in Christus zu finden sind und daß Gott sie alle aus freier Gnade schenkt! Nicht aufgrund unserer Werke, auf daß sich niemand rühme. Aber nun stelle man sich jemand vor, der es wagt, diesen heiligen Namen für sich in Anspruch zu nehmen, ohne ein aufrichtiges Empfinden für seine Sünden und für die Gnade Gottes zu haben. Es ist reine Anma­ßung und Selbstbetrug; oder heutzutage klerikaler Druck, um gedankenlose Massen in den Kirchen dahingehend zu beeinflus­sen. Nun gesellt sich ein solcher zu den Christen und ihrer Gemeinschaft, versagt dann aber vollständig. Er haßt seinen Bruder und beweist damit, daß er ein natürlicher Mensch und als solcher in der Finsternis ist. Er » wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen verblendet hat«. Doch hat man wirklich geglaubt, so sieht man klar. Der Glaube an Christus räumt die Blindheit ebenso wie jedes andere Hindernis hinweg. Gottes Gnade gibt uns Christus nicht nur als das Leben und die Sühnung, sondern als den Führer für den tagtäglichen Wandel mit seinen Gefahren und Schwierigkeiten. Es ist ermunternd, auf welch einfache und doch tiefgründige Weise der Apostel diese beiden Prüfsteine oder Merkmale hervor­hebt, an denen wir den wahren Gläubigen erkennen: zunächst am Gehorsam, sodann an der Liebe. Wo diese beiden vorhanden sind, wandelt man nicht mehr in der Finsternis wie die Welt, sondern man besitzt das Licht des Lebens. Weil wir Christus im Glauben und Gehorsam nachfolgen, wandeln wir auch in der Liebe. Wir haben also als erstes und wichtigstes gefunden, daß der Gehorsam Gott gegenüber das primäre und wesentlichste Kenn­zeichen des Christen ist. Der Gehorsam erstreckt sich auf jede Handlung in unserem Leben. Alles, was wir in Angriff nehmen, alle Absichten und Wünsche, gleich welcher Art, sind nach der Regel zu beurteilen: Entsprechen sie Gottes Willen? Sind sie Ihm wohlgefällig? Liegt darin Sein Auftrag für mich, etwas zu tun oder zu tragen, ganz gleich, um was es sich handelt?

 

Wenn man sich Seinem Wort unterwirft, sind alle Fragen entschieden. Christus wandelte stets in dieser Abhängigkeit. Die absolute Unterwerfung unter den Willen Seines Vaters macht uns die Nachfolge leicht. Er sagte: »Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. « Mein Bruder, bist du von Herzen bereit einzuwilligen? Welch ein Trost, daß das Joch durch Christus Selbst leicht gemacht wird, wenn nur das Auge fest auf Ihn gerichtet bleibt. Wendest du es von Ihm ab und auf dich selbst oder auf irgend etwas anderes, dann wird Seine Last unerträglich, und du brichst im Unglauben völlig zusammen.

 

Wir können die Weisheit des Geistes darin erkennen, daß Er diese beiden Prüfsteine vorstellt und sie auch in dieser Reihen­folge aufeinander folgen läßt, nämlich zuerst Gehorsam, sodann Liebe. Man wird allgemein feststellen ‑ das ist meine Erfahrung ‑, daß Christen bei Unterhaltungen über die Praxis des Christentums dazu neigen, der Liebe den ersten Platz zu geben. Man setzt voraus, daß ein Bruder, der die Liebe so in den Vordergrund stellt, sie auch am meisten ausübt. Es wäre tatsächlich erbärmlich, als Bruder keine Liebe zu haben. Doch wie ist es mit seinem Gehorsam bestellt? Ist er, einst eigenwillig, jetzt dadurch gekenn­zeichnet, daß er Gott gehorsam ist?

 

Erinnern wir uns an die ersten Verfolgungen, denen die Apostel ausgesetzt wurden (Apg. 4 und 5). Sie hatten nur eine Rechtferti­gung für ihr Tun ‑ sie mußten Gott gehorchen! Ihre Verkündigung und Lehre, daß Jesus der Christus sei, versetzte die jüdischen Hohenpriester, Ältesten, Schriftgelehrten und Sadducäer in höch­ste Aufregung. Sie geboten den Aposteln, nicht in diesem Namen zu reden. Doch Gott trat für sie ein zum Erstaunen aller, die sie beschuldigt und eingekerkert hatten. Ein Engel führte sie aus dem Gefängnis heraus und gebot ihnen, erneut im Tempel zu predigen. So erging es auch Petrus, als er auf wunderbare Weise allein aus dem Gefängnis befreit wurde. Doch vorher waren bereits alle Zwölfe gleicherweise befreit worden, während die Wachen ahnungslos vor dem Kerker auf und ab gingen und nicht im mindesten wahrnahmen, was Gott in diesen Augenblicken tat. Ja, Er weiß die Augen zu blenden und von Fesseln zu befreien, wie es Ihm gefällt. Nachdem sie zum Tempel zurückgeführt worden waren, verkündeten sie dort Seine Botschaft. Doch die jüdischen Führer blieben selbst durch dieses Wunder unbeeindruckt und beharrten darauf, daß die Apostel schweigen sollten. Petrus konnte ihnen darauf erwidern, daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Dies ist die allerwichtigste Forderung Gottes und die unabdingbare Pflicht des Gläubigen ‑ der Gehor­sam. Wenn wir Gott nicht gehorchen, begehen wir das größte Unrecht gegen Ihn.

 

Es gibt auf dieser Erde Menschen, die das Recht haben zu gebieten, wie auch solche, die gehorchen müssen. Ein Kind zum Beispiel muß seinen Eltern gehorchen, und jeder ist gehalten, der Obrigkeit untertan zu sein. Doch dieses Gehorchen unterscheidet sich grundlegend von dem Gehorsam, dessen Wesen hier dem Gläubigen vorgestellt wird. Äußerlicher oder natürlicher Gehor­sam kann auch trotz inneren Widerstrebens geleistet werden. Doch niemals drang ein derartiges Empfinden in den Gehorsam des Herrn Jesus ein, und das sollte auch bei dem Gläubigen nie der Fall sein. Er ist geheiligt zum Gehorsam Jesu Christi (l. Petr. 1, 2) und wird ermahnt, in das vollkommene Gesetz der Freiheit nahe hineinzuschauen (Jak. 1, 25), weil er eine neue Natur besitzt ' die es liebt, den in der Schrift geoffenbarten Willen Gottes zu tun. Er befindet sich darin im Gegensatz zu Israel, das sich unter einem Gesetz der Knechtschaft und der Androhung der Todesstrafe befand. Die neue Natur findet alle ihre Beweggründe in dem Willen Gottes; Christus war dafür das vollkommene Vorbild.

 

Es kann sein, daß wir leiden müssen, wenn wir Gott gehorsam, doch das ist dann eine Ehre für uns. Die Apostel wurden sind, wegen ihres entschiedenen Gehorsams geschlagen, aber demütig ertrugen sie diese Folgen. Es galt für einen Juden als eine große Schande, vor dem Synedrium gezüchtigt zu werden. Doch die Apostel ertrugen es gelassen, »voll Freude«, für Seinen Namen so geschmäht worden zu sein. Das war kein »passiver Widerstand«, sondern heiliger Gehorsam; sie erduldeten die Folgen des Gehor­sams ohne Murren und voller Freude. Gehorsam setzt also voraus, daß der eigene Wille gebrochen und dem Wort Gottes, und damit Ihm Selbst, unterworfen ist. Ohne Gehorsam gibt es keine wahre Demut. Ist er aber vorhanden, dann wappnet er die schwächste Seele gegen alle Verlockungen und gibt ihr Festigkeit gegenüber jedem Widersacher. So war es bei dem Herrn Jesus, der die Heilige Schrift ehrte wie nie jemand zuvor. Er gestaltet auch den Gläubigen nach Seinem eigenen Vorbild um. Gehorsam richtet den moralischen Sinn ganz auf den Willen Gottes aus und ist eifersüchtig darauf bedacht, Gottes Autorität hinsichtlich jedes Wortes, das aus Seinem Munde hervorgegangen ist, aufrechtzuer­halten. Denn er weiß, daß in Ihm Majestät, Heiligkeit, Wahrheit und Treue in göttlicher Vollkommenheit vereinigt sind und in Christus, Seinem Bilde, völlig zur Darstellung kamen.

 

Die Liebe ist nicht gleichbedeutend mit der Reinheit des Wesens ‑ obwohl sie vollständig damit in Einklang ist, wie das Licht es deutlich zum Ausdruck bringt, das überall, wo es scheint, sowohl sich selbst kundtut, wie auch jeden Menschen und alle Dinge offenbar macht. Liebe ist die Energie der Gottheit, die in inniger Güte nicht nur da tätig ist, wo Beziehungen zu Gott und Übereinstimmung mit Ihm bestehen, sondern die sich auch über alle Hindernisse erhebt und sich selbst schändlichsten Sündern zuwendet, um alle, die Christus annehmen, in souveräner Gnade aus dem größten Verderben zu erretten kraft der Erlösung durch Christi Blut. Sie empfangen das ewige Leben, das in dem Sohne ist und das dem Gläubigen als sein neues Leben gegeben wird, sowie den Heiligen Geist, der die Führung des Gläubigen als eines Kindes Gottes nun übernimmt. Der Heilige Geist wirkt fortan in ihm und durch ihn in der Einheit des Leibes Christi, der Versamm­lung, während der Gläubige das Kommen des Herrn erwartet, der ihn zu Sich aufnehmen und mit allen Heiligen in das Vaterhaus einführen wird. Wenn ich mich so ausdrücken darf, dann ist der Gehorsam in dem Licht die zentripetale, d. h. nach innen gerich­tete, Kraft des Gläubigen, während die Liebe die Zentrifugalkraft ist, die nach außen strebt. Durch sie sind wir Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandeln in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt und Sich Selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohl­geruch (Eph. 5, 1. 2).

 

Möge der Herr schenken, daß nicht nur das erste Kennzeichen in uns wahr ist, sondern auch das zweite ‑ diese Liebe, die das machtvolle Prinzip der göttlichen Natur ist. Bedenken wir, daß die Thessalonicher noch jung im Glauben waren, und doch konnte ihnen der Apostel Paulus schreiben: »Was aber die Bruderliebe betrifft, so habt ihr nicht nötig, daß wir euch schreiben; denn ihr seid selbst von Gott gelehrt, einander zu lieben« (l. Thess. 4, 9). Der Herr gebe uns Gnade, daß wir, von Gott gelehrt, in der Liebe noch reichlicher zunehmen mögen. Mit der Liebe geht auch die Dankbarkeit stets Hand in Hand. Alle andere Nächstenliebe ist reine Gefälligkeit, wie die Menschen es nennen, nichts weiter als liebenswürdiges Wesen, das nicht gern verletzt und auch selbst nicht gern gekränkt werden möchte und das jeden bereitwillig seinen eigenen Weg gehen läßt. So etwas wird dann Liebe genannt! Möge uns der Herr befähigen, die Dinge des Geistes Gottes recht zu erkennen.

 

Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist. Ich schreibe euch, Jünglinge, weil ihr den Bösen überwunden habt. Ich schreibe euch, Kindlein, weil ihr den Vater erkannt habt.

 

1. Johannes, 2, 12 u. 13

 

Die Behandlung der Merkmale, an denen geprüft werden kann, ob das ewige Leben und die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne bei jemand Wirklichkeit sind, wird an dieser Stelle deutlich erkennbar unterbrochen. Offensichtlich nimmt der Schreiber mit dem 28. Vers dieses Kapitels das Thema in abgewandelter Form wieder auf. Das dort Gesagte trägt im wesentlichen denselben Charakter wie der Abschnitt von Kapitel 2, Vers 3 bis 11, der sich mit den zwei großen Grundsätzen beschäftigt, die den wahren Gläubigen von jeder anderen Person unterscheiden. Der erste ist, wie wir bereits sahen, der Gehorsam und der zweite die Liebe, beides wichtige und unerläßliche Stücke. Sie sind nicht miteinan­der vergleichbar, es sei denn, daß man dem Gehorsam den ihm gebührenden ersten Platz einräumt, weil es sich hier um den Gehorsam Gott gegenüber handelt und Er in allem den Vorrang haben muß und soll. Die Liebe, von der hier gesprochen wird, ist dagegen nicht die Liebe zu Gott, sondern die zu den Brüdern. Obgleich diese Liebe eines der Hauptprinzipien des Christentums darstellt und ihr Fehlen verhängnisvoll für das Bekenntnis eines Christen ist, hat der Gehorsam Gott gegenüber dennoch durchaus Vorrang vor der Liebe zu unseren Brüdern. Unter gewissen Umständen kann er sogar die Ansprüche, die die Liebe stellt, erheblich beeinflussen. Beide ‑ Gehorsam und Liebe ‑ nehmen praktisch gleichzeitig ihren Anfang, nämlich sobald jemand durch den Glauben an unseren Herrn Jesus ewiges Leben empfängt * Von diesem Zeitpunkt an lebt nicht mehr das alte »Ich«, sondern Christus lebt in mir, und das gilt für jeden Gläubigen ohne Ausnahme.

 

Hier nun wendet sich das Wort, im Anschluß an den einführen­den Vers 12, den zwischen den Gläubigen bestehenden Abstufun­gen im geistlichen Wachstum zu. Dieses Thema wird von Vers 13 bis zum Ende von Vers 27 behandelt. Zuerst aber stellt der Apostel ausdrücklich alle Gläubigen auf einen gemeinsamen Boden, indem er sagt: »Ich schreibe euch, Kinder ... « Damit bereitet er sorgfältig den Weg für die darauf folgenden Gedanken. Er spricht sie alle zusammen an und führt ihnen absichtlich ihr gemeinsames Vorrecht vor Augen, als Einleitung zur Behandlung der unterschiedlichen Gruppen der Gläubigen, welche infolge ihrer verschiedenen geistlichen Entwicklung bestehen. Denn obwohl das Wort Gottes jetzt vollendet ist und es in Christus, der absolut vollkommen ist, keine Weiterentwicklung geben kann, so kann und sollte es in dem Gläubigen ein Wachstum in der Erkenntnis Gottes geben. Ehe der Schreiber auf diese besonderen Unterschiede zwischen den Christen eingeht, zeigt er im Geiste der Gnade die erforderliche Grundlage, auf die uns der Glaube an das Evangelium stellt. Auf dieser Grundlage gesehen sind wir alle gleich, und zwar von dem ersten Augenblick an, da wir an Christus geglaubt haben. Es ist sicherlich kostbar und interessant zu sehen, was die Schrift als ersten Schritt zeigt, den der Gläubige zu tun hat, wenn er das Leben empfangen und seine Seele die Prinzipien des Gehorsams und der Liebe aufgenommen hat, die wesentlich und untrennbar mit dem Leben verknüpft sind. Wer von denen, die den Herrn Jesus kennen, könnte bezweifeln, daß Er stets gehor­sam war und immer in Liebe wandelte? Der Christ kann grund­sätzlich nicht von Christus getrennt werden, denn er ist ein Geist mit dem Herrn. Er verdankt Ihm alles, und Christus ist sein ein und alles, wie Er auch alles und in allen ist (Kol. 3, 11).

 

Es gibt ein Vorrecht von höchster Bedeutung, das die Christen von Anfang an kennen und genießen sollten. Wahrscheinlich ist das nicht immer der Fall, und das hat verschiedene Ursachen, obwohl das Evangelium dem Glaubenden ja sofortige und voll­ständige Sündenvergebung durch den Glauben an Christus und Sein Werk zusichert. Doch viele Heilige versagen in diesem Punkt, wie wir nur zu gut wissen, und das schon seit langem, ja, man kann sagen, seit die Apostel nicht mehr auf Erden sind. Die Gnade Gottes in der Erlösung geriet schon bald unter den Einfluß menschlicher Vernunft und damit unter einen gesetzlichen Geist. Sogar die volle Vergebung der Sünden wurde entkräftet und allmählich zum Endziel der christlichen Laufbahn gemacht, anstatt ihr Ausgangspunkt zu sein. In kurzer Zeit durchsetzte die Irrlehre der Galater das christliche Bekenntnis, obwohl der Galaterbrief sie gebrandmarkt und widerlegt hatte. Das Evange­lium wurde dem Gesetz unterstellt, das stets das Leben als etwas vorstellt, wofür wir wirken müssen, um die Segnung zu erringen und zu bewahren. Auf diesem Boden fällt man in das Judentum zurück, da man die besondere Gnade des Evangeliums verlassen hat. Denn darin besteht ja gerade die Frohe Botschaft Gottes, daß der Gläubige von Anfang an unter die göttliche Gnade gestellt wird, die ihm aufgrund des Glaubens sowohl Leben in Christus als auch Seine Sühnung für die Sünden schenkt. Wenn es auch nicht möglich ist, das Leben wieder auszulöschen, so kann doch die Wirksamkeit und der Genuß des Lebens sehr beeinträchtigt werden. Dies geschieht durch den Irrtum, der die Sündenverge­bung beseitigt oder verdeckt, indem er die Menschen veranlaßt, sich selbst die Vergebung zu erwirken. Daraus entstehen Seufzer, Zweifel und Furcht, weil es ihnen nicht gelingt. Die Frage: »Bin ich Sein oder nicht?« ist für einen Christen beschämend und des Herrn unwürdig. Seltsamerweise vertreten sogar ernste Christen diesen Standpunkt. Es überrascht weiterhin, daß nicht nur »Arminianer« an diesen Zweifeln festhalten, sondern auch strengste Calvinisten. Manche gehen soweit zu behaupten: »Wenn du nicht über dich selber im Zweifel bist, dann bin ich im Zweifel über dich.« Gibt es eine engherzigere und extremere Lehrauffassung? Ein Katholik könnte kaum trüber in seinen Gedankengängen sein als diese. Es gibt solche »Super‑Calvinisten«, die in ihrer Selbst­prüfung völlig befangen sind und alle anderen verurteilen, nur nicht sich selbst. Würden sie sich selber verurteilen, so bekämen sie die Kraft, sich ganz auf die Gnade des Herrn Jesus zu verlassen, und würden im Genuß der reichen Güte Gottes in Christus Jesus nicht mehr an sich selbst denken.

 

Nichts kräftigt die Seele unter der Anleitung des Heiligen Geistes so sehr wie die Gnade Gottes. Die Vergebung unserer Sünden hat der Herr Jesus uns gesichert durch Sein Blut, das uns von jeder Sünde reinigt. Das Evangelium verkündet diese Tat­sache jedem Menschen, damit er es im Glauben ergreift. Selbst die größten Sünder der Erde können nun mit voller Berechtigung in Wahrheit, mit Ernst, Liebe und Beharrlichkeit aufgefordert wer­den, an Christus und Sein kostbares Blut zu glauben zur Verge­bung ihrer Sünden. Die Schrift bezeugt, daß die Vergebung gewährt wird aufgrund des Werkes Christi, nicht nur gemäß der Gnade Gottes, sondern auch in Übereinstimmung mit Seiner Gerechtigkeit. Und doch gibt es tatsächlich viele Christen, die an den Herrn Jesus glauben, aber nicht begreifen, daß sie durch Sein Werk am Kreuz Anspruch auf die gegenwärtige und vollständige Vergebung haben. Sie glauben an Ihn, stellen aber ihre Sünden zwischen Christus und sich. Überdies quält sie ganz besonders der Gedanke an die innewohnende Sünde. Das letztere kann man gut verstehen; die Sünde im Fleische bereitet den Gläubigen bei und auch nach der Bekehrung noch große Schwierigkeiten. Obgleich sie wirklich bekehrt sind, stellen sie durch Erfahrung fest, daß das Böse viel tiefer in ihnen wohnt, als sie es je geahnt hatten.

 

Es überrascht solche Gläubige, daß ihnen dies erst so spät schmerzlich zum Bewußtsein kommt. Doch es ist das Licht des Lebens, das in ihren Seelen wirkt und ihnen ihr eigenes Ich vor Augen stellt, den so wesentlichen Bestandteil ihrer alten Natur. Durch die Gnade kommt die Seele nach dem Maß ihres Wachs­tums zu der Erkenntnis, daß nicht nur der neue Mensch vorhan­den ist, von dem sie annahm, er allein wohne in ihr, sondern daß auch der alte Mensch noch existiert und sogar sehr lebendig ist. Er will ständig zum Durchbruch kommen und muß daher durch den Glauben am Platz seines Todes gehalten werden, dem Kreuz Christi, wo Gott ihn verurteilt hat. Nur Sein Tod konnte mit dem alten Menschen vollkommen abrechnen. Wenn von dem sühnen­den Blute Christi die Rede ist, dann denken wir meist an unsere Sünden oder unsere Schuld. Doch der Opfertod Christi erstreckt sich auf weit mehr als nur auf sündige Taten. Am Kreuz wurde auch mit der Gesinnung des Fleisches richterlich abgerechnet. Dort verurteilte Gott die Sünde im Fleische durch das Opfer, das nicht nur für die Sünden, sondern auch für die innewohnende Sünde geschah. Das lernt man jedoch nicht nur durch den Glauben, sondern auch durch die Erfahrung verstehen.

 

Viele, vielleicht fast alle Christen sind nach ihrer Bekehrung schockiert, wenn sie die innewohnende Sünde bei sich feststellen, nachdem sie an Christus geglaubt haben. In der großen Freude über ihren vollkommenen Heiland begreifen sie nicht, daß ihre Sünden vollständig ausgetilgt sind, zudem müssen sie noch Böses in sich wahrnehmen, das ihnen bis dahin nie so zu schaffen machte. Wenn aber der Tod Christi dafür nicht ausreichend ist, was könnte dann noch dafür getan werden? Was hat endgültiger mit der Sünde abgerechnet? Im Brief an die Hebräer wird eine gründliche Untersuchung des Werkes Christi vorgenommen. Der Hauptpunkt dabei ist, daß es nur einen göttlichen Erlöser gibt und damit auch nur ein wirksames Opfer; wäre mehr erforderlich, dann hätte Christus oftmals leiden müssen. Das aber würde die Wahrheit vom Kreuze Christi leugnen und verkehren, es würde das Werk Dessen zunichte machen, der ein für allemal gestorben ist. Es heißt: »Der Tod herrscht nicht mehr über ihn« (Röm. 6, 9). Die Sünde hat niemals über Ihn geherrscht.

 

Doch die Sünde, die selbst noch, nachdem wir geglaubt haben, in uns wohnt, mußte am Kreuz Christi verurteilt werden. Gott mußte sie richten, und das ist im Tode Christi geschehen. Das Feuer des Gerichtes mußte in dem Sündopfer die Sünde vor Gott verzehren, wie es das wohlbekannte Bild im Alten Testament zeigt. im Neuen Testament wird uns die volle Wahrheit über das enthüllt, was im Alten Testament nur teilweise vorgebildet war. In Christus und Seinem Werk sind alle diese Bilder in einem viel umfangreicheren Maße, als es die Bilder zeigen konnten, verwirk­licht.

 

Der Apostel führt die gesegnete Tatsache der vollen Sünden­vergebung als Grund dafür an, daß er diesen Brief schreibt, hat aber davon ausgehend noch weit mehr zu sagen. Es ist nicht sein einziger Grund, aber sein Anlaß, ihnen zu schreiben. Wir können hinzufügen, daß dieser Grund mit allen sich daraus ergebenden Nutzanwendungen für uns erhalten bleibt. Die ganze christliche Lehre und jede Unterweisung der Gläubigen ruht auf der Grund­lage, daß wir durch Gnade die Vergebung der Sünden haben. Wir befinden uns solange nicht auf dem wahren christlichen Boden, wie wir nicht Gottes Mitteilung akzeptieren, daß unsere Sünden in Christus vergeben sind. »Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. « Mit dem Aus­druck »Kinder« umschließt der Apostel die ganze Familie Gottes, über die er anschließend noch manches zu sagen hat. Wie klar und einfach ist doch der Inhalt des 12. Verses! Es ist für den Anfang nichts nötiger, um voll gesegnet zu werden, als diese persönliche Erkenntnis. Für den Christen gilt es, mit dieser tröstlichen Gewiß­heit den Tag zu beginnen, den Tag über darin zu leben und mit ihr den Tag zu beschließen. Denn es ist eine unumstößliche Tatsache, daß unsere Sünden vergeben sind um Seines Namens willen. Es gibt keinerlei Grund für die erbärmliche Furcht, irgend etwas könnte noch dunkel oder ungewiß geblieben sein. Die Frohe Botschaft, die wir in unserem verlorenen Zustand hörten, bezeugt klar und deutlich, daß Gott uns aufgrund unseres Glaubens die Sünden vergeben hat. Es wäre daher eine Herabsetzung des Evangeliums, sowie eine große Verunehrung des Herrn Jesus, daran zu zweifeln. Solch ein Denken setzt offensichtlich die klaren Worte Gottes außer Kraft. Kann man es noch deutlicher sagen, als es in Vers 12 steht? Ist diese Grundlage nicht unveränderlich? Oder sind uns etwa zeitlich begrenzte, an Bedingungen geknüpfte Verheißungen gegeben, wie sie Israel unter dem Gesetz hatte?

 

Schon in den ersten Tagen des Christentums verkündigte Petrus die Vergebung der Sünden: »Diesem geben alle Propheten Zeugnis, daß jeder, der an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt durch seinen Namen« (Apg. 10, 43). Darauf wurde all denen aus den Heiden, welche glaubten, der Heilige Geist gegeben, wie auch zuvor den Gläubigen aus den Juden. Ohne die Gewißheit der Sündenvergebung erhält man dieses göttliche Siegel nicht (vgl. Apg. 11, 17). Später predigte der Apostel Paulus in der Synagoge zu Antiochien in Pisidien genau dasselbe: »So sei es euch nun kund, Brüder, daß durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird; und von allem, wovon ihr im Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird in diesem jeder Glaubende gerechtfertigt« (Apg. 13, 38. 39). So bestätigen die beiden großen Apostel ‑ der Apostel der Beschneidung sowohl wie der der Nationen ‑ völlig das gleiche, was der letzte überlebende Apostel am Ende des apostolischen Zeitalters niederschrieb, um dem zunehmend verderblichen Werk der Verführer entgegenzutreten. Er machte die Gläubigen mit diesem Vorrecht nicht bekannt, damit sie erführen, daß ihre Sünden um Seines Namens willen vergeben wären; er schrieb ihnen diesen Brief, weil sie vergeben waren. Ohne Sündenvergebung würde die wesentliche Grundvor­aussetzung für den Christen fehlen, und ohne die innere Gewiß­heit darüber kann es keinen Frieden mit Gott geben. Auch wäre die Seele dann nicht imstande, weiter gehende göttliche Unterwei­sungen zu empfangen und aus ihnen Nutzen zu ziehen.

 

Kein »wenn« mit nachfolgenden Bedingungen wird an dieser Stelle eingefügt. Das Wörtlein »wenn« ist in der Schrift sehr wichtig und darf dort, wo es vorkommt, nicht wegdiskutiert werden. Hier aber steht es nicht, weil ein »wenn« im Evangelium sein Wesen, seinen Inhalt und Zweck völlig vernichten würde. Der Segen der Erlösung hängt nämlich nicht von dem Erlösten, sondern vom Erlöser ab (was auch immer die Gnade und die neue Verantwortlichkeit, die sie begleiten, sein mögen). Nichts ist einfacher als diese Wahrheit, deren Gehalt in so wenigen Worten dargelegt wird, und der Glaube erfaßt einfältig, was Gott darüber sagt. Er hat alles Nötige getan und hat Sich dabei nicht nur der beiden großen Apostel Petrus und Paulus, sondern, wie wir sehen, auch des Johannes bedient, des letzten aller Apostel. Die Wahr­heit des Evangeliums bleibt bis zur »letzten Stunde« dieselbe und wird am Ende ebenso aktuell sein wie am Anfang. So, wie sie in der Schrift enthalten ist, kann sie nicht im geringsten abge­schwächt werden durch den praktischen Verfall der Versammlung. Auch nicht durch den furchtbaren Abfall, den der Apostel Paulus schon verhältnismäßig früh mit dem Hinweis ankündigte, daß er kommen würde, ehe der Tag des Herrn im Gericht in Erscheinung tritt. Schon in einem seiner ersten Briefe, dem 2. Thessalonicherbrief, unterrichtete er die Thessalonicher dar­über; der 1. Thessalonicherbrief ist ja der erste Brief des Apostels überhaupt. Der 2. Thessalonicherbrief wurde nicht lange danach geschrieben, vielleicht noch innerhalb desselben Jahres. In diesem Brief ist die schreckliche Zunahme der Gesetzlosigkeit vorausge­sagt, der Abfall von der Wahrheit, und zwar weder für die Juden noch für die Heiden, sondern traurigerweise für die Christenheit. Wenn die allgemeine Vereinigung auf christlichem Boden zustande gekommen ist, dann wird sie diesen Charakter tragen. Die Juden waren bereits abtrünnig geworden, als sie den Gott ihrer Väter zugunsten von Götzen verließen. Sie krönten ihr Tun mit der Verwerfung ihres Messias, des Herrn Jesus. Wir können das ihren Abfall nennen, obwohl sie vor dem Ende dieses Zeit­alters zu noch größerer Abtrünnigkeit fortschreiten werden. Die Heiden waren von dem Zeitpunkt an, da sie sich ihren falschen Göttern zuwandten, stets in einem Zustand des Abfalls von Gott gewesen. Doch der zweite Brief an die Thessalonicher enthüllt die schreckliche Tatsache, daß am Ende des Zeitalters, ehe der Tag des Herrn kommt, die Christenheit selbst sich im Abfall befinden wird. Die Tageszeitungen, Monatszeitschriften und sonstigen Veröffentlichungen unserer Zeit enthalten in ihren religiösen und wetlichen Ausgaben bereits deutliche Anzeichen des be­vorstehenden Abfalls. Die dahin zielende Entwicklung kann nicht verborgen bleiben; sie verrät sich in diesen Organen von selbst.

 

»Höhere Kritik«, wie sie fälschlicherweise genannt wird, ist das Mittel des Teufels, den Menschen hinsichtlich der Heiligen Schrift Sand in die Augen zu streuen. Was bleibt dann noch von Gottes Wort für den Glauben übrig? Wenn man leugnet, daß die Heilige Schrift Gottes Wort ist, wo bleibt dann die Versammlung, der Gläubige oder der verlorene Sünder? Was wird mit Christus, dem Herrn, oder dem Zeugnis Gottes über Seine Gnade und Wahr­heit? Dem Glauben ist dann jegliche Grundlage entzogen. Man macht die Aussage der Bibel zu einer ungewissen Sache, indem man erklärt, sie sei mehr das Wort von Menschen als das Wort Gottes (man denke an die Einteilung des Pentateuch in u. a. »jahwistische« und »elohistische« Elemente). Dadurch verliert man aber zugleich Gottes rettende Liebe und Gnade und ignoriert die Tatsache, daß Gott Selbst über Sein Wort wachte und schwa­che, irrende Menschen, die es niederschrieben, davor bewahrte, auch nur einen einzigen Fehler zu machen. Die ganze Schrift, wie sie ursprünglich von Ihm eingegeben wurde, ist daher fehlerlos. So entsprach es Gottes Willen, und der Apostel Paulus unterstreicht in seinem zweiten Brief an Timotheus diese Absicht Gottes mit allem Nachdruck. Es war der letzte Brief des Apostels; die Zeit war reif für die Feststellung in 2. Timotheus 3, 16, wo der Apostel sagt, daß nicht nur die ganze Heilige Schrift im allgemeinen Sinne, sondern »alle« oder »jede« Schrift, jeder einzelne Teil der Bibel, durch Inspiration von Gott eingegeben ist. Ob im Alten oder Neuen Testament ‑ jeder Schriftteil, jedes kleinste Teilchen ist göttlich inspiriert. Gepriesen sei Gott, daß es so ist! Kann Gott lügen? Hat Er irgendeinen Grund, zu bereuen oder Seinen Sinn zu ändern?

 

Wie groß ist doch die Bosheit des Menschen, besonders auch in der Mitte der Christenheit. Es erschüttert einen zutiefst, die ungerichtete Zweifelsucht in all den großen und kleinen Benen­nungen zu sehen. Keine von ihnen kann sich dem zersetzenden Einfluß des Skeptizismus entziehen, der besonders bei ihren führenden und tonangebenden Männern zu finden ist.

 

Im Vers 12 haben wir also das selbstverständlichste und auch allererste Vorrecht, dessen Besitz bei jedem wahren Christen vorausgesetzt werden muß. Es geht nicht nur darum, daß man Leben hat, denn das besaßen auch alle Gläubigen des Alten Testaments. Doch konnte keiner von ihnen sagen: »Unsere Sünden sind vergeben um seines Namens willen. « Christus war ja noch nicht gekommen und hatte deshalb noch nicht gelitten. Das Sühnungswerk war noch nicht vollbracht, und so konnte auch die volle Gnade noch nicht verkündigt werden. Jetzt aber ist alles vollbracht, auch in bezug auf Ihn, so daß Er Vollmacht hat, Lebendige und Tote zu richten. Daher konnte auch geschrieben werden: »Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. « Vor Seinem Kommen war das. nicht möglich. Die Worte »um seines Namens willen« sind von entscheidender Bedeutung. Es braucht gar nicht deutlicher ausge­drückt zu werden, wer »Er« ist; jeder Christ versteht es sofort. Sein Name steht für alles, was Gott über Ihn und Sein Werk kundgetan hat, und diese einst gegebene Offenbarung Seiner Gnade und Wahrheit bleibt für immer bestehen. Somit erhalten die Worte »um seines Namens willen« während Seiner Abwesen­heit besonderes Gewicht. Sie schließen in sich, was der Herr in Seinem Wandel auf Erden war und was Er erlitt und vollbrachte, ehe Er diese Welt verließ und zum Vater zurückkehrte. Auf Seine Bitte hin, aber auch vom Vater gesandt, kam der Heilige Geist hernieder, nicht nur zum reichen Segen für die Heiligen, sondern zur Verherrlichung des Herrn Jesus und damit das in Seiner Kraft verkündigte Evangelium zu allen Menschen hingelangt. Alle ohne Ausnahme sollen den Schall des Evangeliums hören. Viele Men­schen weigern sich zwar in ihrer Feindschaft und Gleichgültigkeit hinzuhören; doch das ist ihr eigener Entschluß, für den sie einst Rechenschaft ablegen müssen. Das hindert das Evangelium aber nicht, sich an alle zu wenden, seien es Juden oder Griechen, Beschneidung oder Vorhaut, Barbar oder Scythe, Sklave oder Freier ‑ niemand ist von Gottes Versöhnungsangebot ausge­schlossen. Gott handelt nicht nur gemäß Seiner Gnade, sondern auch nach Seiner Gerechtigkeit. Der Geist wirkt auch an unseren Gewissen, wenn wir abgewichen sind, und dann handelt es sich um eine Frage der praktischen Heiligkeit und des Zustandes unserer Seele. Unsere Gemeinschaft mit Gott, die durch die Sünde unterbrochen wurde, muß wiederhergestellt werden. Niemand kann den wirklichen Segen als Ergebnis der Versöhnung für sich in Anspruch nehmen, der nicht durch Gottes Gnade an Christus glaubt, und das setzt voraus, daß der Geist Gottes in seinem Herzen und Gewissen wirkt. Diese lebendige Wirksamkeit ist nur möglich aufgrund des Glaubens an Gottes Wort.

 

Von jeher wurde es unter den Gläubigen als völlig klar erachtet, daß jeder, der der Versammlung Gottes angehört, sich der Vergebung seiner Sünden bewußt ist. Wie könnte sich auch sonst die Seele vor Gott erfreuen und mit einfältigem Auge Seinen Willen erkennen, sowie die Energie haben, ihn zu tun, angesichts all der Fallen, die ihr die Welt, das Fleisch und der Teufel stellen? Wie könnte es sonst wahre Gemeinschaft in der Anbetung geben? Man wäre unfähig, in der Versammlung seinen Teil zur Behand­lung von Bösem beizutragen und als letztes Mittel den Sauerteig auszufegen. Man würde ja nicht die Verantwortung fühlen, daß »ein wenig Sauerteig die ganze Masse durchsäuert«, und würde daher auch nicht entsprechend handeln können. Wenn die freu­dige Gewißheit der Sündenvergebung fehlt, hat man nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern eines, das tatsächlich niemals von den toten Werken gereinigt worden ist, um dem lebendigen Gott zu dienen. Die geistliche Kraft ist nicht vorhanden, und es kann nicht anders sein, als daß die Seele durch Ungewißheit verfinstert und geschwächt ist. Wenn man durch den Glauben die Gnade ergreift, die durch das Blut Christi das Gewissen reinigt, dann zeigt uns der Heilige Geist die gemeinsame vorrangige Verpflichtung, den alten Sauerteig auszufegen, »auf daß ihr eine neue Masse sein möget, gleichwie ihr ungesäuert seid«.

 

Die Praxis muß durch göttliche Grundsätze beherrscht werden, sonst dient die Versammlung zur Verunehrung Seines Namens und existiert schließlich nur, um Ihn zu verleugnen und zu beleidigen. »Denn auch Christus, unser Passah, ist geschlachtet. Darum laßt uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit.« Es mag traurige Verfehlungen geben, wie bei den Korinthern, von denen ohne Frage alle die Vergebung ihrer Sünden durch den Glauben an das Evangelium erlangt hatten. Bei denen aber, die keine Vergebung besitzen, verfehlen diese Briefe ihren Zweck; sie werden darin gar nicht angesprochen, da sie sich nicht auf dem Boden des Christen­tums, geschweige auf dem der Versammlung befinden.

 

Wo findet man unter Christen heute noch, daß das oben Gesagte ganz entschieden festgehalten wird? Die Reformation stellte keine diesbezügliche Forderung für die Versammlung auf (wenn man überhaupt von der »Versammlung« in der damaligen Zeit sprechen kann), denn sie führte nicht im geringsten die Ordnung wieder ein, die der Versammlung gegeben war. Sie tat ein Werk, das viel notwendiger und wichtiger war: Sie gab dem Volk die Bibel, die ihm ausgerechnet von der stolzesten aller religiösen Körperschaften, die sich zu Unrecht Kirchen nennen, vorenthalten worden war. Lange Zeit hatte die Heilige Schrift im Verborgenen gelegen. Ein Priester konnte wohl die Erlaubnis zum Lesen der Bibel geben, doch tat er dies kaum, und das Volk wußte nicht, woher es sonst das Wort Gottes empfangen sollte.

 

In London lebte jemand, der äußerst begierig war, das Neue Testament zu lesen. Da er der römisch‑katholischen Kirche angehörte und, wie man sagt, ein »guter Katholik« war, wollte er jedoch das Gesetz der »Kirche« nicht brechen, die das Lesen des Neuen Testamentes grundsätzlich verbot. Sie hatte allerdings nicht verboten, das griechische Testament zu lesen, und so kam der Mann auf Umwegen doch zu seinem Ziel. Obwohl er Vorar­beiter in einer Fabrik war (jeder weiß wohl, welche Verantwor­tung und zeitliche Inanspruchnahme mit einer solchen Stellung verbunden ist), lernte er Griechisch nur zu dem Zweck, um in den Genuß des Wortes Gottes zu kommen, das ihm nun im Neuen Testament in der Originalsprache zugänglich war. Das wurde mir von seinem Meister erzählt, der ein bekannter und geachteter Christ war und großes Vertrauen in seinen eifrigen und gewissenhaften Angestellten setzte. Wir sehen darin das gesunde christli­che Empfinden eines Katholiken, das sich gegen den gottlosen, despotischen Eifer seiner entarteten kirchlichen Obrigkeit wandte. Wenn ihm auch das Licht fehlte, das Böse ihrer Lehre zu verurteilen, so steht doch fest, daß er innerlich nach dem Wort Gottes, und zwar nach dem zuletzt geschriebenen Teil verlangte und keine Mühe scheute, es zu erhalten. Wir wollen hoffen, daß es seiner Seele zum Segen gereichte. Ich kann nichts weiter darüber sagen, als was mir erzählt wurde; auch, daß unter seinen Arbeits­kollegen keiner zuverlässiger war als dieser arme Katholik, der eigens Griechisch lernte, um sich des Neuen Testamentes so erfreuen zu können, wie es von Gott eingegeben ist. Kann man bezweifeln, daß er Gott fürchtete und Sein Wort liebte?

 

Wir kommen nun zu den verschiedenen Stufen des geistlichen Wachstums, nachdem uns gezeigt wurde, was ihnen allen gemein­sam ist . Wir lesen als erstes: »Ich schreibe euch, Väter«; damit sind diejenigen gemeint, welche die höchste Reife in geistlicher Kraft und Erkenntnis erreicht haben. Wie äußerst wichtig ist es, zu beachten, was die Schrift sagt! Die Stellung von »Vätern« hat nichts mit Herrschen ( in der Versammlung) oder mit der Lehre zu tun; sie bedeutet das tiefe Eindringen in die Gedanken Gottes über Christus, ein höheres Maß an Verständnis über den Herrn Jesus. Dadurch ist man in geistlicher Hinsicht ein Vater, der unter den drei von dem Apostel unterschiedenen Gruppen der Familie Gottes an erster Stelle steht. Zuerst kommen die »Väter«, dann die »Jünglinge« und schließlich die »Kindlein«. Weil die »Kin­der«, wie das griechische teknia korrekt wiedergegeben wird, alle drei Gruppen in sich einschließen, muß man für die Gläubigen des untersten Reifegrades ein anderes Wort, wie z. B. »Kindlein« (griech. paidia) benutzen. Erinnern wir uns daran, daß hier im Grundtext zwei völlig verschiedene Wörter gebraucht und auch durchgehend beibehalten werden. Mit dem Wort »Kinder« im 12. Vers, das eine unveränderliche Stellung ausdrückt, ist die ganze Familie Gottes gemeint. Dieses Wort steht einleitend zu Beginn des eingeschobenen Abschnittes von Vers 13 bis 27. Im 28. Vers, wo der Faden wieder aufgenommen wird, nachdem sich der Apostel mit den verschiedenen Klassen unter den Gläubigen beschäftigt hat, finden wir genau dasselbe Wort, wiederum als Einleitung für die folgenden Verse. Der Apostel hatte den Ablauf seiner Belehrungen unterbrochen, um zu zeigen, daß es unter den Kindern Gottes unterschiedliche Stufen der geistlichen Reife gibt ‑ übrigens die einzige Art von Unterschied, den die Schrift anerkennt. Innerhalb des genannten Abschnittes benutzt der Apostel jedoch ein ganz anderes Wort. So finden wir im letzten Teil des 13. Verses: »Ich schreibe euch, Kindlein (paidia) ... «, und am Beginn des 18. Verses noch einmal: »Kindlein (pai­dia) . . . « Das sind die einzigen Stellen in diesem Brief, wo dieses Wort vorkommt. Unser Herr gebrauchte beide Ausdrücke (Kin­der und Kindlein) in allgemeinem Sinn, wie wir es im Johannes­evangelium finden. Ich möchte aber jetzt nicht darauf eingehen, da offensichtlich keine Beziehung zu dem besonderen Gebrauch besteht, dessen Bedeutung im ersten Johannesbrief so klar erkennbar ist. Wenn Gott uns die Wahrheit mit aller Deutlichkeit mitgeteilt hat, braucht man keinen Menschen nach seiner Mei­nung zu fragen. Dann braucht es auch keinerlei Ungewißheit mehr zu geben. Auch Unterschiede in den Ansichten sollten dann nicht zugelassen werden; denn Gott ist in Seinem Wort das Ende allen Widerspruchs, und das sollte für jeden bindend sein.

 

So sind also im 13. und 18. Vers ‑ und nur an diesen Stellen ‑ mit den »Kindlein« die Jüngsten der Familie Gottes gemeint. Nach den »Vätern« und den »Jünglingen« kommen die »Kindlein«, wenn man es so ausdrücken darf; es sind drei Abteilungen der »Kinder« oder der gesamten Familie Gottes. Man muß sie schon in mancher Hinsicht unterscheiden, und das um so mehr, als ausgezeichnete und gelehrte Männer zu Irrtümern verleitet wur­den, weil sie diese Unterschiede nicht beachteten. Irrige Ansich­ten sind immer die zwangsläufige Folge, wenn die Gelehrsamkeit nicht der geoffenbarten Wahrheit untergeordnet wird und man daher auch nicht begehrt, durch den Heiligen Geist in Überein­stimmung mit dem Wort geleitet zu werden. In einem solchen bedauerlichen Fall verursacht die Gelehrsamkeit mehr Schaden als Nutzen und kann nichts Gutes hervorbringen; denn nichts ist geistlich gesund, wenn nicht der Heilige Geist daran beteiligt ist und die Führung übernimmt. Redet Er aber in Worten, gelehrt durch Ihn Selbst, müssen wir uns dem Wort unterwerfen. Nur dann ist die gesegnete Gewißheit in uns, daß wir es mit der Offenbarung Seiner Gedanken zu tun haben, andernfalls nicht.

 

Die Tragweite des 13. Verses ist unverkennbar, dabei zeichnet er sich wie der vorhergehende Vers durch große Einfachheit und Klarheit aus. Die drei unterschiedlichen Klassen der Gläubigen werden hier nur ganz kurz hervorgehoben. Doch der Geist Gottes geht dann noch einmal auf sie ein, dann aber ‑ mit einer deutlichen Ausnahme ‑ ausführlicher und in wahrhaft belehrender Weise, was wir noch betrachten werden. Jetzt wollen wir uns damit begnügen, die wenigen Worte, die uns der Geist Gottes über die charakteristischen Unterschiede mitteilt, in uns aufzunehmen.

 

Die »Väter« werden hier deswegen so bezeichnet, weil sie Den erkannt haben, »der von Anfang ist«. Wer könnte zweifeln, wer damit gemeint ist? Es ist Christus, niemand anders. Er wird hier jedoch nicht mit Seinem üblichen Namen genannt. Längst vor der Zeit, welche die Schrift »von Anfang« nennt, war Er das Wort und der Sohn; von Ewigkeit her war Er der Eingeborene des Vaters. Den ewigen Sohn des ewigen Vaters kann kein menschlicher Sinn ergründen, und ebenso unerforschlich ist auch Seine Fleischwer­dung. Diese Tatsache bietet aber nicht den geringsten Grund, dem nicht zu glauben, was unendlich weit über unseren Horizont hinausgeht; denn es ist ohne Frage göttlich geoffenbart worden. Die Menschen scheitern oft an diesen Dingen, weil sie vom Menschen auf Gott schließen wollen; das ist immer falsch. Man muß umgekehrt von Gott ausgehen zum Menschen hin, wenn man die Wahrheit erkennen will, denn wer außer Gott kennt die Wahrheit? Wer außer Ihm kann sie offenbar machen, wie Er es in Christus getan hat? Wie äußerst genau redet Johannes, wenn er in seinem Evangelium sagt: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. « Man kann versuchen, sich in Gedanken in die Tiefen der Ewigkeit zurückzuversetzen, soweit man es vermag ‑ und sei es um Jahrmillionen ‑, so hat man noch nicht den »Anfang« erreicht. (Man kann natürlich nicht eigentlich von »Jahren« sprechen, ehe die Zeit begann und gemessen werden konnte.) Gehe in deiner Vorstellung zurück in diese Unermeß­lichkeit der Ewigkeit, so findest du, daß Er immer da war. Er, der Ewige, hat keinen Anfang, und in Seiner eigenen Persönlichkeit war Er auch »bei Gott«. Wie schon gesagt, war Er nicht nur bei Gott als eine vom Vater und dem Geist unterschiedene Person, sondern Er war auch Selbst Gott. Es gibt auch keine charakteristi­schere Eigenschaft Gottes als die Tatsache, daß Er ewig ist. Wenn Er nicht ewig wäre, wäre Er nicht Gott.

 

Hier wird jedoch auf etwas ganz anderes Bezug genommen. Hier geht es nicht darum, Ihn zu kennen als Den, der im Anfang bei Gott war, sondern als Den, »der von Anfang ist«. Und das bedeutet Seine Fleischwerdung, als Er als das fleischgewordene Wort in diese Welt kam. Das ist ein absolut neuer Tatbestand. »Von Anfang« heißt von dem Zeitpunkt an, als Er als der Emanuel, Gott und Mensch zugleich, in Erscheinung trat. Dieses fleischgewordene Wort kannten die »Väter«. Was kannst du über den Sohn in der Ewigkeit wissen, abgesehen davon, daß Er der eingeborene Sohn in des Vaters Schoß und der Gegenstand Seiner ewigen Wonne war, wie uns Sprüche 8 belehrt? In dieser Weise war Er schon da, als noch kein Geschöpf im Himmel und auf Erden existierte, kein Engel, kein Mensch und kein niederes Wesen. Nur Gott war da, gepriesen in Ewigkeit, und zwar der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, wie wir es jetzt wissen. Es bestanden auch göttliche Ratschlüsse, und es war vorgesehen, sie uns, die wir jetzt glauben, mitzuteilen. Mehr wissen wir nicht darüber. Schauen wir aber auf Den, »der von Anfang ist«, dann empfangen wir praktisch über alles Belehrung und Kenntnis. Und wo finden wir diesen unermeßlichen Gegenstand? Das ganze Neue Testament spricht von Ihm, insbesondere die Evangelien, die Ihn als den Menschen auf der Erde zeigen, nicht nur als ein menschliches Wesen, sondern als Gott und Mensch in einer Person, wahrlich, eine göttliche Person. Dort finden wir Seine Geburt von der Jungfrau, nicht nur als Messias, sondern auch als Sohn Gottes, als »Elohim« und »Jehova« (Matth. 1, 21 u. 23). Wieviel können wir doch selbst aus Seiner Geburt lernen! Ich berühre jetzt nur flüchtig die Tatsache Seiner Fleischwerdung. Wenn uns schon so manches über Ihn berichtet wird, als Er noch ein kleines Kindlein war, dann erfahren wir noch mehr über den zwölfjährigen Knaben Jesus. Und wie bedeutsam ist das Schwei­gen über all die Jahre bis zu Seinem dreißigsten Lebensjahr! Weder Trompetengeschmetter noch Trommelwirbel, weder Prunk noch Zeremonien gab es Seinetwegen, nichts dergleichen geschah zur Erinnerung an den Tag Seiner Geburt. Kein Mensch dachte daran, mit Ausnahme Seiner Mutter und Seines Pflegeva­ters und vielleicht der nächsten Bekannten. Man nahm nicht weiter Notiz von Ihm. Es war genauso wie bei Seiner Geburt, als in der Herberge kein Raum für Ihn war. Niemand hat wohl mehr Scharfsinn dafür, eine namhafte Persönlichkeit nach weltlichen Maßstäben einzuschätzen, als ein Hotelportier. Er kommt schnell dahinter, wie der eintretende Gast einzustufen ist, und hat ein gutes Gespür dafür, ob der Betreffende dem Hause etwas ein­bringt. Nicht so bei Ihm ‑ für solche Leute ist die Krippe gerade gut genug. Im Stall war noch Platz, aber »in der Herberge war kein Raum für sie«.

 

Eine der erstaunlichsten Tatsachen ist, daß Er, die Wonne des Vaters, Sich in so völliger Zurückgezogenheit aufhielt, als Er die einfache Arbeit in der Zimmermannswerkstatt Seines Pflege­vaters verrichtete. Doch gerade dort und damit erfüllte Er den Willen Seines Vaters. »Muß ich nicht in dem sein, was meines Vaters ist?« Da saß Er dann im Tempel, hörte den Lehrern zu und stellte ihnen Fragen. Er stieg nicht auf ein Podium, um zu predigen, wie es manche törichte Jungen tun, die von noch törichteren Erwachsenen dazu ermutigt werden. Er saß bei ihnen in demütiger und lieblicher Weise, hörte ihnen zu und befragte sie, obwohl Er weit mehr Kenntnisse als alle Seine Lehrer besaß. War das nicht für ihre Gewissen ein Zeugnis, aus dem sie lernen konnten, was sich diesbezüglich geziemt? Denn in Seinem Betra­gen war keinerlei Anmaßung. Er war Mensch geworden, aber blieb zunächst ganz schlicht ein Knabe. Doch dieser Knabe war zugleich Jehova‑Gott, der Schöpfer des Weltalls, der Eine, auf den der Vater herniederblickte und in Ihm alles fand, was Seinen Gedanken und Herzensregungen entsprach. Er war nicht nur eine göttliche Person, sondern ‑ und das ist das wunderbare ‑ eine göttliche Person, die Mensch geworden war. Er wurde Mensch! Das Wort ward Fleisch! Wer kann es fassen? Er trat ein in die Familie des Menschen. Doch der Mensch ist seit eh und je das verderbteste, nichtigste und stolzeste aller Geschöpfe Gottes. Die Tiere bleiben bei ihren Gewohnheiten seit der Zeit, als die verheerende Wirkung der Sünde des Menschen sich auch auf sie erstreckte. Der Mensch aber schritt von einer Bosheit zur anderen und wurde im Laufe der Zeit immer böser. Je mehr äußeres Licht er empfing, um so mehr verderbte er sich.

 

Als die Welt, allgemein betrachtet, den Zustand höchsten Verderbens erreicht hatte, wurde der Herr in der Fülle der Zeit geboren. Und was enthüllte sich Tag für Tag vor Ihm, als Er Seinen öffentlichen Dienst begann! Welche Belehrungen ström­ten aus Seinem Munde und aus Seinem Leben hervor! Er war mit Männern, Frauen und Kindern, mit Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäern, mit Heuchlern und Selbstgerechten, mit bösen, aber auch häufig mit gottesfürchtigen Männern und Frauen bestens vertraut. Denn der Herr kam mit jeder Klasse von Menschen in Berührung. Niemand zuvor hatte so vielseitige Kontakte wie Er und bemühte sich um einen jeden so liebevoll, uni allen, die zu Ihm kamen, die göttliche Gnade und Wahrheit kundzutun. Von Seinen Wundern, die so erstaunlich waren, und Seinen Zeichen, die von noch tieferen Dingen zeugten, soll jetzt nicht die Rede sein. Auch brauche ich nicht ausführlich auf Seine Worte einzugehen, obgleich niemand jemals so geredet hat wie Er. Er konnte auf die Frage, wer Er sei, antworten: »Durchaus (oder absolut; griech.: tün archen) das, was ich auch zu euch rede« (Joh. 8, 25). Er war das, was Er sagte. Er allein, und niemand anders, ist die Wahrheit. Wer sind nun diejenigen, die das alles genießen, ihre Freude an Ihm haben, Ihn wertschätzen, der solchermaßen vor die Blicke gestellt wird, und zugleich wissen, wie Seine Wesenszüge in uns zu verwirklichen sind? Es sind die »Väter«, deren Herzen von Christus erfüllt sind. Er hat ja zugleich Seinen Vater kundgemacht: »Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.«

 

Wie wir sehr wohl wissen, finden vielfach selbst wahre Christen nicht ihre volle Befriedigung in Ihm. Im Hinblick darauf, wie sich die Dinge seit den ersten Tagen der Christenheit entwickelt haben, kann das auch nicht erwartet werden. Für den Christen, der nicht völlig mit dem alten Menschen und der Welt gebrochen hat, wird das nie möglich sein. Er muß persönlich vom Heiligen Geist durch alle die Schwierigkeiten in sich selbst und bei anderen geführt werden. Für hingegebene Gläubige ist es oftmals das Werk des Herrn, in dem sie völlig aufgehen; bei anderen können es, wenn auch seltener, die Dinge der Versammlung sein. Aber wenn Christus so gekannt wird, wie Er war, deckt Er alles Unangemessene auf und stellt Ausgewogenheit her. So wird Er immer besser erkannt, und das Verständnis über die Fülle, die in Ihm leibhaftig wohnt, wird vertieft.

 

Natürlich war jeder »Vater« zunächst ein »Kindlein« und dann ein »Jüngling«, ehe er ein »Vater« werden konnte. Er hatte die erste Freude am Herrn in all ihrer Frische geschmeckt und teilgenommen an den Konflikten, die geistliche Energie und Mut erfordern. Das Ergebnis aller Erfahrungen, die er als Mann des Glaubens und der Liebe gemacht hatte, lautete: Nichts außer Christus! und: Christus ist alles! Aber ‑ ich wiederhole ‑ es geht um die Kenntnis Dessen, »der von Anfang ist«, nicht des Sohnes, wie Er von Ewigkeit her im Himmel war, obwohl Seine ewige Gottheit selbstverständlich anerkannt wird. Es geht hier um Ihn als den Menschen unter Menschen auf der Erde. Was die Väter insbesondere kennzeichnet, ist also die Kenntnis des fleischgewor­denen Sohnes, des Christus, wie Er tagtäglich bei Seinem öffentli­chen Dienst in Galiläa, Judäa oder Samaria gesehen und gehört werden konnte. Er war Gott und Mensch zugleich, auch Gott im Menschen, der Sohn, der den Vater offenbarte in allem, was Er redete und tat. Das hatte die Herzen der »Väter« gewonnen, befestigt und erfüllt. Es erfreut auch das Herz Gottes: »Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.« Sowohl als Ausdruck Seiner Gnade (Matth. 3) als auch zum Zeugnis Seiner kommenden Herrlichkeit (Matth. 17) wurde diese Stimme des Vaters vernommen. In unserem Abschnitt wird bekundet, daß ein »Vater« sich der Gemeinschaft mit Ihm erfreut. Die »Väter« hatten eine wirklich tiefgreifende, praktische Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn.

 

Man mag eine große Gnadengabe besitzen, aber deswegen ist man noch keineswegs ein »Vater«. Man kann ein großer Prediger des Evangeliums oder ein gewaltiger Lehrer sein, und ist doch noch kein »Vater«. Diese Stellung hat nichts mit einer Gabe zu tun, sie hängt von der geistlichen Wachstumsstufe ab, in der man erkannt hat, daß alles außer Christus wertlos ist. Es gibt andere Dinge, durch die die Seele gesegnet wird, und seien es sogar solche, die sie demütigen und ihr große Schmerzen verursachen. Man kann sich in Bewunderung, Freude und Dankbarkeit mit den geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern beschäftigen oder mit den Gliedern Seines Leibes, von dem Er das Haupt zur Rechten Gottes ist, oder mit der Gemeinschaft der Heiligen, die ihren Ursprung in der Gemeinschaft mit Ihm hat. Doch das Ergebnis all dieser wunderbaren Geheimnisse und Erfahrungen muß zu der Erkenntnis führen, daß unser ein und alles in Christus Selbst ist, in dem Christus, den der Vater liebt und ehrt. Er ist es, der unsere Herzen erfüllt und erfreut als Derjenige, der in dieser Welt geoffenbart worden ist. Das bedeutet also, Den erkannt zu haben, »der von Anfang ist«, und stellt den letzten und höchsten Abschnitt in unserer geistlichen Entwicklung dar; es ist das Teil der »Väter«.

 

Der Apostel wendet sich nun der zweiten Stufe zu und sagt: »Ich schreibe euch, Jünglinge, weil ihr den Bösen überwunden habt. « Das charakteristische Merkmal der »Jünglinge« ist die Energie, die sich in Glauben und Liebe nach außen hin zeigt. Die Jünglinge hatten die Sünde zutiefst erkannt und verurteilt und wußten, daß sie ihr mit Christus gestorben waren. Sie wußten aber auch, daß sie mit dem Christus auferweckt worden waren und nun ihren Sinn auf Ihn und auf das, was droben ist, zu richten hatten, ihre Glieder aber, die auf der Erde waren, töten mußten. Die Beschäftigung mit dem Ich war für sie eine überwundene Sache. Sie hatten die Macht Satans kennengelernt und traten ihr mutig entgegen. Sie widerstanden dem Teufel, und er floh von ihnen. Auf diese Weise hatten sie den Bösen überwunden. Sie befanden sich inmitten dieses Glaubenskampfes und erwiesen sich stark darin. Sie hatten auch die erste Stufe, die der »Kindlein«, erfolgreich durchschrit­ten. Damit muß natürlich jeder beginnen und kommt dann vielleicht dazu, ein »Jüngling« zu werden. Aber sehr wenige erreichen die Stellung eines »Vaters«. Ich kenne eine große Anzahl Gläubiger, aber ich muß sagen, daß ich auf meiner Pilgerreise durch diese Welt nur wenige »Väter« kennengelernt und mit wenigen Ausnahmen auch nichts über solche gehört habe. Erfreulicherweise ist es aber nicht so ungewöhnlich, »Jünglinge« anzutreffen; allerdings findet man sie kaum oder gar nicht in der allgemeinen, verweltlichten Christenheit. Der wahre und eigentli­che Charakter der »Jünglinge« kann sich auch nicht dort entwik­keln, wo die Welt ihren Einfluß ausübt. Daher kommt es auch, daß oft nicht einmal Neugeborene im Glauben die von dem Apostel beschriebenen Merkmale der »Kindlein« an sich tragen, wie noch gezeigt werden wird. Wie schade, wenn noch nicht einmal die den »Kindlein« von Gott gegebenen Merkmale vorhan­den sind und offenbar werden.

 

Wir haben nun die zweite Wachstumsstufe genügend umrissen und hoffen, daß jeder Gläubige sie versteht und wertschätzt, selbst wenn er diese Stufe nicht für sich in Anspruch nehmen kann. Die »Jünglinge« stellen ein Christentum voller Tatkraft, Gerad­heit und Entschiedenheit dar. Sie wissen sehr wohl, daß es nichts nützt, mit Fleisch und Blut gegen die Macht Satans zu kämpfen. Sie brauchen die ganze Waffenrüstung Gottes und legen sie auch an, weil sie für diese Art des Kampfes unerläßlich ist. Sie wissen, sowohl zu widerstehen und, nachdem sie alles ausgerichtet haben, zu stehen. Sie haben den Bösen überwunden. Sie sind sich in jeder Hinsicht darüber im klaren, welchen Kampf sie zu führen haben. Die Gedanken des Feindes sind ihnen nicht unbekannt, aber sie widerstehen ihm entschieden und sind befähigt, ihn zu überwin­den. Wie gesagt ‑ es ist ein tatkräftiges Christentum, das sich im Glauben und in der Praxis machtvoll erweist. Auch hier ist es nicht eine Frage der besonderen Gaben, sondern es geht um rein geistliche Errungenschaften. Weder die Vergebung der Sünden, noch der Besitz des Lebens und Lichtes in Christus sind Dinge, die man sich erwerben kann; man empfängt sie durch den Glauben an das Evangelium. In Anbetracht der Beschaffenheit der Welt und der Menschen besteht für die Gläubigen, nachdem sie errettet wurden, die Notwendigkeit, sich selbst und das Wesen der Welt zu erkennen, aber auch den Satan, der erkannt und zum Schweigen gebracht werden muß. Sie werden durch das, was der große Feind unmerklich im Geheimen tut, nicht betrogen, sondern stehen durch die Gnade unerschütterlich auf der Grundlage des errunge­nen Sieges ihres Herrn und Heilandes und danken Gott, der auch uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus. Somit beweisen sie, daß sie in allen Dingen, die gegen sie zu sein scheinen, mehr als Überwinder sind durch Den, der sie geliebt hat. Auf diese Weise also haben die »Jünglinge« den Bösen überwunden.

 

Wir kommen nun zu der sehr interessanten und weit zahlreiche­ren dritten Gruppe, den »Kindlein«: »Ich schreibe euch, Kindlein, weil ihr den Vater erkannt habt« (oder: »die Kenntnis des Vaters habt«). Die »Kindlein« sind also die Kleinsten unter den »Kin­dern«, die wir in den Versen 1, 12 und 28 finden. Habt ihr schon einmal festzustellen versucht, inwieweit die Kinder Gottes, die ihr kennt, diesen Charakterzug an sich tragen? Sicherlich sind viele von uns im Laufe des Lebens als Gläubige nicht wenigen Kindern Gottes begegnet. Hätte man sie aber gefragt: »Hast du den Vater erkannt?«, was wäre wohl in den meisten Fällen die Antwort gewesen? Ich gehe wohl nicht zu weit, wenn ich annehme, daß die meisten gemeint hätten, das sei wohl ein zu hoher Anspruch. »Ob ich den Vater erkannt habe? Es tut mir leid, aber ich wage so etwas nicht von mir zu behaupten.« Die meisten Christen denken offensichtlich, daß die Erkenntnis des Vaters bereits auf Erden eine wirklich außerordentliche Errungenschaft sei. Wer kann eine solche Kenntnis in diesem Leben und in dieser Welt erlangen? Den Vater erkannt zu haben heißt, zu wissen, daß man schon jetzt Sein Kind ist und diesbezüglich keinerlei Bedenken zu haben braucht. Es bedeutet, daß dies eine in der Seele fest verankerte und gesicherte Wahrheit ist, die man von Gott empfangen hat, und nicht aufgrund von Einbildung, Gefühlen oder sonstigen Vorstellungen, auch nicht durch eigenes Verdienst. Sie sind auf diese Weise von Gott belehrt worden und haben Seine Belehrung dankbar im Glauben angenommen. Sie wissen schon jetzt, daß ihre Sünden vergeben sind, wie wir bereits sahen. Sie hätten ohne die Gewißheit der Erlösung in Christus den Vater nicht erkennen können. Doch wie wenige Heilige ruhen wirklich immer in diesem Frieden auf Seinem Erlösungswerk!

 

Die Lehre von der Erlösung festzuhalten ‑ und mag sie noch so gesund sein ‑ heißt noch lange nicht, daß die Seele aufgrund des Wortes Gottes tatsächlich auf dem Erlösungswerk Christi ruht. Es ist durchaus möglich, die Wahrheit von der Erlösung rein theo­retisch anzunehmen und doch sagen zu müssen: »Ich bin vor Gott wegen meiner Sünden nicht in Sicherheit. Manchmal habe ich eine schwache Hoffnung, aber manchmal liegt meine Seele auch wieder völlig am Boden. « Es ist klar, daß dies kein wahrer und viel weniger ein gefestigter Friede ist. Der feste innere Friede gründet sich auf das Blut Seines Kreuzes und wankt daher auch nicht, weil seine Grundlage sich nie verändert. Wir kennen dann auch unsere Stellung zum Vater, in die der Heilige Geist uns eingeführt hat, weil wir Söhne sind. Selbst für das »Kindlein« ist es charakteri­stisch, daß es mehr als nur die Sündenvergebung kennt. Die völlige Tilgung der Sünden durch das Blut ist eine elementare christliche Wahrheit. Diese Erkenntnis stellt aber, wie gewiß sie auch im Glauben verwirklicht werden mag, nicht das kennzeich­nende Merkmal des »Kindleins« in der Familie Gottes dar. Wäre dies alles, dann fehlte ihm der wesentliche Bestandteil der Seg­nung, die in der Verbindung mit dem Vater ‑ und zwar in einer bewußten Verbindung mit Ihm ‑ besteht.

 

Deshalb schreibt der Apostel Paulus den Galatern (Kap. 3, 26): »Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus« mit dem gleichen Nachdruck, mit dem unser Apostel hier sagt: »Ich schreibe euch, Kindlein, weil ihr den Vater erkannt habt. « Diese Erkenntnis konnten sie nur deshalb haben, weil sie Söhne waren und weil Gott den Geist Seines Sohnes in ihre Herzen gesandt hatte, der da ruft: »Abba, Vater! « (Gal. 4, 6). Nur wer den Geist der Sohnschaft empfangen hat ‑ nicht den der Knechtschaft, der zur Furcht führt ‑ kann so empfinden und so zu Gott sprechen. Es wirkt dann die göttliche Kraft in uns, um sowohl diese Gesinnung und Liebe hervorzurufen als auch die innige Beziehung aufrechtzuerhalten, die uns befähigt, das zu tun, was unserem Vater wohlgefällig ist. Mit welcher Klarheit wird doch dieses gesegnete Vorrecht mitgeteilt und dargelegt! In unserer Zeit glauben wohl viele an den Herrn Jesus, doch sie scheuen sich zu glauben, daß sie Söhne Gottes sind und daß sie es auch immer bleiben werden. Durch solchen Unglauben wird der Heilige Geist betrübt. Er muß ihn mißbilligen und kann diese Christen nicht in die herrliche Freiheit einführen, die einer solchen Beziehung entspricht. Doch hier werden uns nun die jüngsten Angehörigen der Familie Gottes gezeigt als solche, die ihr Verhältnis zum Vater kennen. Niemand kann dieses ständige Bewußtsein, ein Kind Gottes zu sein, in sich tragen, es sei denn, er ist mit dem Heiligen Geist versiegelt. In einem solchen Herzen wohnt der Geist, weil »die Sünden vergeben sind um Seines Namens willen«, und durch Ihn kennen auch die »Kindlein« den Vater. So schreibt der Apostel den Ephesern (Kap. 1, 13): »Auf welchen auch ihr gehofft, nachdem ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils, in welchem ihr auch, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung. « Die Epheser waren zu jener Zeit keine fortgeschrittenen Christen und waren in der Wahrheit noch nicht viel gewachsen. Sie hatten gerade erst die Wahrheit des Evangeliums, so wie Gott es ihnen verkündigen ließ, aufgenommen. Sie glaubten an die Wirksamkeit des Todes Christi und hatten die Fülle Seiner Gnade angenommen, die nicht nur ihre Sünden ausgetilgt, sondern sie auch zu Söhnen Gottes gemacht und ihnen den Heiligen Geist gegeben hatte, durch den sie allezeit rufen konnten: »Abba, Vater!« Die ,e, christlichen Segnungen sind nicht wie die jüdischen an Bedingungen geknüpft oder zeitlich begrenzt. Gesetzliche Denkweise erniedrigt das Werk Christi für uns unter das Werk des Heiligen Geistes in uns und stellt damit den Frieden, der durch das Blut Seines Kreuzes gemacht ist, in Frage.

 

Es ist gewiß etwas Wunderbares, wenn jemand, der vielleicht noch kurz zuvor ein Sünder war, nun durch den Glauben diese Stellung einnimmt. Er hat nun als Gläubiger, kraft des Erlösungs­werkes Christi, die Kenntnis des Vaters. Das bedeutet eine völlige Veränderung für ihn und führt ihn dahin, als Sohn vertrauten Umgang mit dem Vater zu pflegen. Wenn ein Vater nach dem Fleische, insbesondere ein zärtlicher und gewissenhafter Vater, seinen Kindern liebevoll begegnet, dann gibt es einen innigen und lebhaften Verkehr zwischen ihnen. Sollte es bei unserem Gott und Vater anders sein? Er hat stets unser Wohl im Auge und ist besorgt um alles, denn Er ist ebenso zärtlich wie treu und wahrhaftig; und das hat einen liebevollen Umgang zwischen den Söhnen und dem Vater zur Folge. »Wer aber ist dazu tüchtig? « Nur bei Gott finden wir alles, was unsere Herzen dazu befähigt. Es geht nicht allein um den Ruf: »Abba, Vater!«, sondern um das Wissen: »So viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes; ... der Geist Selbst zeugt mit unserem Geiste, daß wir Kinder Gottes sind. « Dadurch genießen wir auch den Trost und die Gewißheit, daß uns der Vater Tag für Tag liebt und segnet, wenn Er uns vielleicht auch züchtigen muß zu unserem Nutzen, damit wir Seiner Heiligkeit teilhaftig werden, da wir ja zu Seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus berufen sind. Unter diesem Gesichtspunkt sehen wir also die »Kindlein« Seiner Familie, und, was sie charakteri­siert, ist, »den Vater erkannt zu haben«.

 

Es ist nicht nur so, daß man in der Christenheit vergeblich nach »vätern« in Christus Ausschau hält und daß nur sehr wenige »Jünglinge« in Erscheinung treten, die den wahren Stempel Gottes an sich tragen. Leider muß man sich auch fragen: Wo sind die »Kindlein«, die diesem Bild der so geoffenbarten Wahrheit entsprechen? Muß einen das nicht tief betrüben? Nie waren die Menschen selbstzufriedener als heutzutage. Mit welcher Freude würde man solche »Kindlein«, wie sie der Apostel beschreibt, begrüßen und bemüht sein, sie auf dem Glaubensweg zu ermun­tern, dem Feind gegenüber standhaft zu sein und Christus immer besser kennenzulernen, der für uns so unaussprechlich gelitten hat. Aber es ist schwer, sie zu finden. Vom ersten Jahrhundert an ‑wir dürfen wohl sagen: von der Zeit an, als noch die ersten Kirchenväter lebten ‑ ging es bergab. Einen der deutlichsten Beweise für den Verfall liefert die Tatsache, daß die Kenntnis so elementarer Wahrheiten verlorenging, wie: »Eure Sünden sind vergeben um seines Namens willen« und: »Ich schreibe euch, Kindlein, weil ihr den Vater erkannt habt. «

 

Man denke nur einmal an die vorherrschende Auffassung, daß man immer wieder zu dem Blut Christi Zuflucht nehmen muß, um bei Fehltritten wiederhergestellt zu werden. Wie könnten Chri­sten so reden, wenn sie daran glaubten, daß Christus eine ewige Erlösung zustande gebracht hat und daß die Anbeter, einmal gereinigt, kein Gewissen mehr von Sünden haben? Sie können in ihren Herzen unmöglich die Wahrheit des Evangeliums fest­halten, sonst würden sie nicht solche Ansichten vertreten. Chri­stus trug unsere Sünden an Seinem Leibe auf dem Holz, und zwar nicht nur diejenigen, die wir begangen hatten, ehe wir glaubten. Sein Blut reinigt von jeder Sünde, nicht nur von einigen. Die Heiligen sollten wissen, daß die Waschung mit Wasser durch das Wort geschieht, um jede Beschmutzung des Gläubigen auf seinem Weg zu beseitigen, daß aber die Erlösung durch das Blut Christi niemals ungültig gemacht werden kann. »Denn mit einem Opfer hat Er (Christus) auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden«, d. h. nicht nur für immer, sondern ununterbrochen (griech. eis to dii5nekes) ist die Vollkommenheit vor Gott unser Teil. Das Evangelium Gottes enthält keinen solchen Gedanken, daß wir immer wieder eine neue Sühnung durch Sein Blut benötigten, denn Sein Werk ist vollständig und allgenügsam. Unsere beschmutzten Füße aber müssen durch das Wort und die Sachwalterschaft Christi stets gereinigt werden. Deshalb beken­nen wir jede Sünde, wenn wir im Widerspruch zu Ihm gehandelt haben; wir bekennen Gott die einzelne Sünde und verurteilen in uns dasjenige, was uns veranlaßte zu fallen. Das entspricht Sei­nem Wort. Wir dürfen aber niemals die Grundlage Seines ein­maligen Opfers und die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, antasten. Wären nicht alle unsere Sünden getilgt, wie stände es dann mit uns? Wenn nur eine einzige nicht vergeben wäre, dann erginge es uns schlecht. Doch für den Gläubigen bedeutet die Vergebung der Sünden vollständige Befreiung von der Schuldenlast. Sollten wir trotzdem sündigen, dann regt sich das Gewissen unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, und das führt uns zu aufrichtiger Demütigung im Blick auf jede Verfehlung. Denn jede Sünde, die wir tun, gereicht uns zur Schande und betrübt den Heiligen Geist Gottes, durch den wir versiegelt worden sind auf den Tag der Erlösung. Dadurch kann jedoch niemals das einst im Glauben angenommene Werk unseres Herrn Jesus, des Urhebers ewigen Heiles, außer Kraft gesetzt werden. Auch die Erkenntnis des Vaters und unsere Verbindung mit Ihm als Seine Kinder werden dadurch nicht im geringsten erschüttert. Denn »wir haben einen Sachwalter bei dem Vater«, der ausdrücklich droben ist, um wirksam für uns in all diesen Schwierigkeiten einzutreten, die ohne Ihn nicht zu bewältigen wären. Wir sind somit Christus stets zu Dank verpflichtet, müssen aber wissen, daß Seine Sachwalterschaft nicht in der erneuten Anwendung Seines Blutvergießens besteht und daß umgekehrt Sein Blut nicht Seine Sachwalterschaft darstellt. Als der Aufer­standene ist Er im Himmel bei dem Vater und weilt dort, um für uns einzutreten. Sein Blut hatte eine gänzlich andere Aufgabe und Wirkung. Sein Opfer ist ein vollkommenes Werk mit einer eigenen Zweckbestimmung. Auch Seine Sachwalterschaft hat ihren bestimmten Platz und kommt unseren Bedürfnissen nach unserer Bekehrung entgegen. Wehe denen, die achtlos die Wahr­heit verrücken und sie mit Vorstellungen vermengen, die das Evangelium des Christus untergraben ‑ auch wenn sie an Seine Person glauben!

 

Ich habe euch, Väter, geschrieben, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist. Ich habe euch, Jünglinge, geschrieben, weil ihr stark seid und das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt. Liebet nicht die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit. Kindlein, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen geworden; daher wissen wir daß es die letzte Stunde ist. Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber auf daß sie offenbar würden, daß sie alle nicht von uns sind. Und i h r habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles. Ich habe euch nicht geschrieben, weil ihr die Wahrheit nicht wisset; sondern weil ihr sie wisset, und daß keine Lüge aus der Wahrheit ist. Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der da leugnet, daß Jesus der Christus ist? Dieser ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. Ihr, was ihr von Anfang gehört habt, bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang gehört habt, so werdet auch i h r in dem Sohn und in dem Vater bleiben. Und dies ist die Verheißung, welche e r uns verheißen hat: das ewige Leben. Dies habe ich euch betreffs derer geschrieben, die euch verführen. Und ihr, die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr bedürfet nicht, daß euch jemand belehre, sondern wie dieselbe Salbung euch über alles belehrt und wahr ist und keine Lüge ist, und wie sie euch belehrt hat, so werdet ihr in ihm bleiben. «

 

1. Johannes 2, 14‑27

 

In diesen Versen haben wir deutlich erkennbar wieder die verschiedenen Stufen des geistlichen Wachstums, die die Familie Gottes kennzeichnen; sie werden hier ausführlicher behandelt. Doch gleich zu Beginn stellen wir eine bemerkenswerte Tatsache fest. Zu den »Vätern«, von denen wir annehmen könnten, daß über sie noch weit mehr zu sagen ist, weil sie mehr als alle anderen die Wahrheit Gottes genießen, werden genau dieselben Worte geredet wie beim erstenmal. Das ist um so auffälliger, als Wieder­holungen in der Heiligen Schrift keineswegs üblich sind. Es gibt einige Fälle, wo gleiche oder ähnliche Worte wiederholt werden; doch das sind Ausnahmen, und hier haben wir eine solche.

 

Der Grund für diese Wiederholung ist sehr bedeutsam für unsere Herzen. In Vers 13 lesen wir: »Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist«; ‑ es ist Christus, wie Er hier auf der Erde geoffenbart wurde. Johannes geht nicht auf den göttlichen Ratschluß ein, wie er von Ewigkeit her bestand, blickt auch nicht voraus auf die zukünftigen Herrlichkeiten Christi, erwähnt selbst nicht, daß Er jetzt zur Rechten Gottes sitzt, welches die zentrale Wahrheit für den Apostel Paulus ist. Der geliebte Jünger wurde geleitet, dem bereits einsetzenden Verfall entgegenzutreten und den »Vätern«, die die höchsten geistlichen Fortschritte erzielt hatten, am besten zu dienen, indem er einfach wiederholt: »Ich (schreibe, oder) habe euch, Väter, geschrieben, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist. « Kein Wort unterscheidet sich vom anderen, es ist Wort für Wort derselbe Text. In Vers 13 sagt er »ich schreibe« und in Vers 14 »ich habe euch geschrieben« und bezieht sich somit auf das, was er ihnen bereits mitgeteilt hatte. Und warum hat er ihnen nicht mehr zu sagen? Weil es sich nicht um Ausströmungen Gottes handelte, wie einige denken, sondern die Fülle der Gottheit Selbst leibhaftig in Ihm wohnte. Jetzt hatte Gott in Ihm, einem Menschen, die Fülle Seiner Gnade und Wahrheit verkörpert und geoffenbart, wie es nie zuvor geschehen war und auch nie wieder notwendig sein wird. Die Vorstellung allein, daß die in Ihm verkörperte Fülle noch erweitert werden könnte, würde diese Fülle leugnen und wäre daher eine Lüge Satans.

 

In Ihm schauen wir das, was unendlich ist. Und daß dieses Unendliche nicht allein in der erhabenen Natur der Gottheit, sondern in der göttlichen Person des menschgewordenen Sohnes zur Darstellung kommt, ist das größte Wunder. Es ist Sein Menschsein, das diesem Wunder die unerforschliche Tiefe ver­leiht. Ohne die Beteiligung der Gottheit hätten wir in der Tat nur etwas Geringes vor uns. Aber indem Gott Sich Selbst im Men­schen und als Mensch offenbarte, tat Er das, was alle anderen Wunder übersteigt, wenn wir von dem Sühnungstode Christi absehen. In Ihm war das, worin die »Väter« ihr alles fanden. Einst waren auch sie »Kindlein« gewesen, die den Vater erkannt hatten. Als »Jünglinge« hatten sie ein neues, innigeres und gesegnetes Vorrecht kennengelernt, indem sie in Tatkraft und geistlicher Energie wandelten; durch diese Erfahrungen erwarben sie sich eine Segnung, die nie wieder verlorengeht.

 

Aber nachdem sie durch Schwierigkeiten und Gefahren aller Art gegangen waren und einen reichen Gewinn durch das Wachs­tum in der wahren Erkenntnis Gottes erworben hatten, wurde der Herr nun ihr stärkster Anziehungspunkt; Er gewann alle ihre Zuneigungen für immer. Es war der Herr, wie Er hier umherwan­delte, sprach und wirkte, indem Er Gott und Seinen Vater in jedem Beweggrund, jedem Wort und jeder Tat Seines Lebens hienieden offenbarte. Das ist die wahre Bedeutung davon, Den erkannt zu haben, »der von Anfang ist«. Außerhalb des auf diese Weise beglaubigten Christus können wir nichts finden, was so tiefgreifend und wahr ist, und auch nichts von solcher Höhe, Heiligkeit und Unmittelbarkeit erfahren. Es geht nicht um den zu himmlischer Herrlichkeit erhöhten Menschen, dem für die geistli­che Energie des Gläubigen so grundlegend wichtigen Gegenstand der besonderen Lehre des Apostels Paulus. Hier ist es Gott, auf der Erde geoffenbart im Fleische, d. h. Jesus, der inmitten des Bösen voller Gnade und Wahrheit wandelte, um uns von dem Bösen abzusondern und durch die Kraft des Heiligen Geistes in uns nach Seinen Gedanken wirken zu können.

 

Wir kommen dann zur nächsten Stufe ‑ den »Jünglingen« ‑, und hier wird der Geist Gottes etwas ausführlicher: »Ich habe euch, Jünglinge, geschrieben, weil ihr stark seid und das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt. « Beachten wir zuerst, daß hier ein Zusatz steht, der in Vers 13 fehlt und der das wahre Geheimnis ihrer Stärke bezeichnet. Das Wort Gottes bleibt in ihnen! Das ist eine sehr bedeutsame Wahrheit, die unermeßli­chen Mut und geistliche Kraft verleiht. Es bedeutet nicht nur, zu dem Wort seine Zuflucht zu nehmen, um Hilfe zu empfangen, wenn man sich unter Druck oder in Schwierigkeiten und Versu­chungen befindet, sondern die Offenbarung Seiner Person in dem Wort stets und ständig in sich zu haben. Das finden wir in vollkommener Weise bei dem Herrn Jesus. Was die Menschen einst aus Seinem Munde hörten, war das Wort Gottes; dabei spielte es keine Rolle, ob sie Freunde oder Feinde waren, ob sie von hoher oder niederer Herkunft waren. Selbst als der Teufel Ihn versuchte, antwortete Er mit dem Wort, und als der Feind es in böser Absicht zitierte, erwiderte der Herr ihm ebenfalls mit der Schrift, aber der Wahrheit gemäß. Wenn es nötig war, die Jünger darüber zu belehren, was sie erwartete, dann redete Er durch das Wort Gottes zu ihnen. Die Vollkommenheit, in der das Wort Gottes zu aller Zeit, unter allen Umständen und allen Personen gegenüber in dem Herrn Jesus wohnte, ist ohne Beispiel unter den Menschen. Nicht einmal bei den Aposteln finden wir das gleiche, obwohl sie als Apostel, wie ein Johannes selbst, das Wort zutiefst wertschätzten und ein Petrus den Herrn überschwenglich und mit Inbrunst liebte. Keiner war darin dem Herrn gleich, selbst der Apostel Paulus nicht, von dem wir überzeugt sein dürfen, daß er wie kein anderer Mensch dem Worte Gottes Ehre erwies. Trotz all dieser Vorzüge reichte in dieser, wie übrigens in jeder anderen Hinsicht, keiner an den Herrn Jesus heran. Was Ihn insbesondere kennzeichnete, war die völlige Unterwerfung unter das Wort Seines Vaters. Daher können wir auch aus den Evangelien, die den Herrn in Seinem täglichen Leben zeigen, so reichen Nutzen ziehen und lernen, selber demütig zu werden. Sie werden jedoch von den meisten Kindern Gottes wegen ihres niedrigen prakti­schen Zustandes nicht voll erfaßt.

 

Die meisten Christen neigen nach ihrer Bekehrung dazu, sich den Briefen an die Römer und Galater zuzuwenden, doch kom­men manche von ihnen selbst im Römerbrief nicht sehr weit. Die sicheren Heilsgrundlagen, die Gott in den ersten Kapiteln gege­ben hat, fesseln ihre Aufmerksamkeit und erfreuen sie. Sie sind erstaunt herauszufinden, daß dort nicht nur von Seiner Gnade ' sondern auch von Seiner Gerechtigkeit die Rede ist. Sie stehen auf dem Boden der Gerechtigkeit, die Christus zustande gebracht hat ' und haben Ihn als ihre Gerechtigkeit im Glauben ergriffen. Sie sind belehrt worden, daß dies ihre Stellung ist, im Unterschied zu der Gerechtigkeit oder Heiligkeit in ihrem Wandel. Diese Heilig­keit bewirkt der Geist Gottes in uns, weil wir Christus angehören. Gerechtigkeit ist aber dasjenige, was der ungerechte Sünder benötigt, ebenso wie die Barmherzigkeit, die ihm die Gewißheit über die Vergebung seiner Sünden schenkt. In Christus ist das alles für ihn in der ganzen Fülle vorhanden. Er muß sich nur als ein verlorener Sünder sehen und sich sozusagen ganz auf den Herrn Jesus werfen, der seine Gerechtigkeit geworden ist. Damit vermag er sogar vor den Thron Gottes hinzutreten und fortan im Glauben völlig sicher, d. h. ohne Furcht, dort zu weilen. Indem er sich wegen seiner Sünden radikal verurteilt, besitzt er in Ihm eine Gerechtigkeit, die Gott befriedigt und verherrlicht. Es ist ja Gottes eigene Gerechtigkeit, die ihn freispricht aufgrund dessen, was Christus für den verworfensten unter den Sündern getan und erlitten hat, zu denen auch er ja gehört. Vielleicht sagt er wie der Zöllner: »0 Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!« So, als wollte er sagen: »Wenn es je einen Sünder gab, dann bin ich Sünder. « Doch selbst der Apostel Paulus sagte von sich selbst, daß er der größte Sünder sei, und das war wahr. Gerade die Tatsache seiner Gerechtigkeit aus dem Gesetz machte ihn zu einem maßlo­sen Feind des Herrn und zu einem Hasser all derer, die Seinen Namen anriefen. Er besaß nichts weiter als die Religion des Menschen im Fleische, um seine eigene Ausdrucksweise zu gebrauchen. Es war bei ihm der »Hebräer von Hebräern«, der sich anmaßte, diese Gerechtigkeit aufrecht erhalten zu können. Er wandelte äußerst gewissenhaft, aber gemäß der Finsternis, in der er sich befand, die ihn auch so bitter gegen den Herrn Jesus und all die Seinigen machte. Es gibt nichts, was in stärkerem Widerspruch zu der Gerechtigkeit Gottes in Christus steht, als die »Gerechtig­keit« des Menschen im Fleische.

 

In Johannes 16 wird gezeigt, daß es jetzt nicht darum geht, den Fragen der Sünde, der Gerechtigkeit und des Gerichtes vom Gesetz her zu begegnen. Durch die Anwesenheit des Herrn auf der Erde und Seine Verwerfung ist eine so grundlegende Ände­rung eingetreten, daß nun der Geist nach Seinem Herniederkom­men die Welt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht überführt. Der Herr sagt: » Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben; von Gerechtigkeit aber, weil ich zu meinem Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehet; von Gericht aber, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist« (Joh. 16, 8‑11). Das Überführen von Gericht besteht nicht in einer äußer­lich in Erscheinung tretenden Vergeltungsmaßnahme Gottes, wie im Falle Ägyptens, Kanaans, Babylons oder Roms. Der Herr meint das Gericht, das dem Fürsten dieser Welt angekündigt wurde, der die Welt dazu anstiftete, den Herrn der Herrlichkeit zu kreuzigen. Diese Kreuzigung war zugleich sein Gericht; die Vollstreckung des Urteils steht zwar noch aus, aber die Sache ist endgültig entschieden. Die große Sünde besteht darin, nicht an Christus zu glauben; die wahre Gerechtigkeit in der Rückkehr des Verworfenen zu Seinem Vater. Die Welt hat Jesus verloren. Er kam in die Welt und trachtete danach, wo Er sich auch aufhielt, Sünder zu erretten. Aber sie wollten Ihn nicht annehmen, und Sein eigenes Volk trieb es mit Seiner Verwerfung am schlimmsten; sie schlugen Ihn ans Kreuz. Doch aufgrund des Kreuzes ist nicht nur Gott verherrlicht worden; es hat auch bewirkt, daß die Aufnahme Christi in die Herrlichkeit die wahre Gerechtigkeit gegenüber dem Menschen, Satan und der Welt, einschließlich Israels, darstellt.

 

Gott hat Seine Gerechtigkeit sodann kundgetan, indem Er dem verlorenen Sünder die Frohe Botschaft des Heils anbietet. Sie wird im Namen Jesu verkündet, dem einzigen Namen unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in welchem wir errettet werden müssen. Darin ist Gottes Gerechtigkeit geoffen­bart worden durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die da glauben. Nach der Rechtfertigung beginnt zwangsläu­fig die praktische Heiligkeit. Denn in Seinem Namen haben wir nicht nur die Vergebung der Sünden empfangen, sondern auch Leben, und dieses neue Leben bringt gute Frucht hervor. Das ist allerdings eine Frage der Heiligkeit. Was uns als Sündern begeg­net ist und uns gerettet hat, ist Christus und Sein Werk für uns vor Gott. Was jetzt unsere Seelen dahin bringt, Selbstgericht zu üben und Gott durch schonungsloses Bekennen unserer Sünden zu ehren, ist Bestandteil der Heiligkeit dessen, der nun in Christus und um Seinetwillen gerechtfertigt ist.

 

Hier wird uns das Geheimnis dieser durch ihre Tatkraft gekenn­zeichneten »Jünglinge« vorgestellt. Sie hatten keine natürliche Energie, denn die kann nichts enthalten, was der Gnade ent­spricht, sondern sie hatten geistliche Kraft und geistlichen Mut, und das in ihnen bleibende Wort wirkte erhaltend und regulierend auf ihren Wandel. Ihre Liebe zum Wort war so groß, daß sie es nicht nur stets bei sich, sondern bleibend in sich hatten. Es erging ihnen nicht so, wie man von manchen lieben Brüdern sagen hört, daß sie »täglich ein oder zwei Stunden über dem Wort sitzen«. Bei den »Jünglingen« stand das Wort stets über ihnen. So muß es auch sein; nicht, daß wir über dem Wort sitzen, denn das endet meistens damit, daß wir nur viel darüber reden. Steht das Wort aber über uns, dann macht es unseren eigenen Gedanken ein Ende. Es stärkt uns, aber beherrscht uns auch und verurteilt jede Eigenwilligkeit. So war es bei den »Jünglingen«, die das Wort bleibend in sich hatten. Allein das Forschen in der Schrift genügte ihnen nicht. Sie lasen sie auch nicht, um neugierige Fragen zu beantworten oder Dinge zu ergründen, die wir nach Gottes Willen vielleicht im Augenblick oder überhaupt in dieser Zeit noch nicht wissen sollen. Nein, sie unterwarfen sich dem ganzen Wort. Wir können überzeugt sein, daß sie über die Schriften, soweit sie ihnen zur Verfügung standen, von Anfang bis zu Ende unter Gebet nachsan­nen, und das war damals etwas viel Schwierigeres als in unseren Tagen. Schaut man dagegen heutzutage in die Bibel eines Christen, so findet man meist nur an wenigen Stellen einige Notizen, viele andere Teile der Bibel sind fast neu und unberührt. fei das, das Wort bleibend in sich zu haben? In diesem Fall müssen wir das ganze Wort schätzen und fleißig untersuchen, denn wir wissen nie, welchen Teil des Wortes wir als nächsten brauchen werden. Laßt uns bedenken, daß es Gott wohlgefällig, weise und notwen­dig für uns ist, das Wort bleibend in uns zu haben.

 

Doch es geht noch weiter: »Liebet nicht die Welt!« Warum werden gerade die »Jünglinge« davor gewarnt und nicht die »Väter« oder die »Kindlein«? Wie wir noch sehen werden, empfangen die Kindlein viele andere Unterweisungen; den Vätern gegenüber wiederholt Johannes dagegen nur das, was er ihnen bereits schrieb. Das Teil, das sie besonders kennzeichnete, war, wie Maria zu den Füßen des Herrn zu sitzen und auf Sein Wort zu lauschen! Bedeutet das nicht, Christus in sich aufgenom­men zu haben und von Ihm erfüllt zu sein? Das Wort des Christus wohnte reichlich in ihnen in aller Weisheit und geistlichem Verständnis. Aber das war nicht alles. Christus Selbst, als hier auf der Erde geoffenbart, war ständig vor ihnen als der Hauptgegen­stand ihrer Freude und Gemeinschaft mit dem Vater. Diese jungen Männer aber werden gewarnt mit den Worten: »Liebet nicht die Welt!« Ist das nicht eine merkwürdige Sprache gegenüber Gläubigen, die solche geistliche Energie aufweisen? Keineswegs, denn gerade diese Energie, und sei sie auch geistlicher Art, birgt eine Gefahr in sich. Sie waren mit dem ernsthaften Wunsch ausgegangen, die Wahrheit zu verkündigen, und zeugten furchtlos von Christus durch Sein Wort, das bleibend in ihnen war, und in der Kraft des Heiligen Geistes, der durch sie wirkte. Gerade die errungenen Siege erweisen sich als eine Gefahr, und durch den Umgang mit Weltmenschen kann sich der Weltgeist ins Herz einschleichen, ehe man etwas davon gewahr wird. Wir müssen bedenken, daß die Liebe zur Welt nicht lediglich darin besteht, Geschmack an ihren Dingen zu finden, wie Schaustellungen und Vergnügungen, Musik und Theater, Jagen, Schießen, Pferderen­nen, Glücksspiel und noch gröberen Dingen der weltlichen Lust.

 

Die Welt ist eine heimtückische Falle und viel gefährlicher als das Fleisch. Denn man verabscheut sicher die fleischlichen Lüste, und selbst Menschen, die der Welt ergeben sind, würden sich ihrer schämen. Die Weltlust ist aber etwas ganz anderes. Sie sieht SO' ehrbar aus. Finden wir sie nicht auch bei den angesehenen Persönlichkeiten? Weltlust bedeutet, das zu begehren, was der Gesellschaft gefällt und was die Aufgeklärten, die Führenden und Verfechter des »angenehmen Lebens« in dieser Welt für den eigentlichen Lebenszweck aller Menschen halten. Sie übt einen gewaltigen Einfluß aus, besonders auf die Jüngeren und auch diejenigen unter ihnen, die voller Tatkraft sind, den Herrn kennen und sich redlich bemühen, die Kenntnis der Wahrheit auszubrei­ten Dieses Bemühen verleitet sie zu manchem kühnen Wagnis, uni sie sind oft der Meinung, sie könnten sich überall hinwenden, weil sie doch eine so frohe Botschaft anzubieten haben. Sie kennen ja den Retter, den andere nicht kennen; gibt es also einen Ort, an den sie mit ihrer Botschaft nicht gehen dürften? Bei diesem Eifer bedürfen sie jedoch ganz besonders der Bewahrung vor der Welt und ihrem Wesen.

 

Die Welt in diesem Sinne ist ja nicht das, was Gott geschaffen hat, sondern das System, das der Teufel in moralischer Hinsicht nach dem Sündenfall des Menschen aufrichtete. Die »Welt« nahm ihren Anfang bei Kain und seiner Nachkommenschaft. Was lesen wir über Kain? Er war dazu verurteilt, unstet und flüchtig auf dieser Erde zu sein. Um dieses Urteil aber unwirksam zu machen, baute er eine Stadt. Es befriedigte ihn nicht, daß der eine hier und der andere dort lebte; er wollte mit allen zusammenleben. Einig­keit macht stark, sagen die Menschen. Hinzu kommt, daß der Tüchtige alles daransetzt, um eine Spitzenposition zu erringen. Die meisten Menschen hoffen, irgendwann und irgendwie zur Spitze aufzusteigen, und sei es auch nur bis zu einem gewissen Grad. Gott sowie die Sünde werden bei solchen Anstrengungen leicht außer acht gelassen. In dieser Gesinnung baute Kain eine Stadt und benannte sie nach seinem Sohn. Sein Stolz wurde befriedigt, ebenso seine Selbstgefälligkeit und das Bestreben, anderen zu gefallen. An Gott dachte man keinen Augenblick mehr. Ein fortschrittlicher Mann konnte weder an Abel noch an Seth, der an die Stelle Abels trat, etwas Anziehendes finden; aber bei Kain und seinen Nachkommen kam er reichlich auf seine Kosten. Mit ihnen begann die Dichtkunst der Menschheit. So schrieb Lamech in selbstgefälliger Weise ein Gedicht für seine Frauen, derselbe Lamech, der die Polygamie (Vielehe) einführte. In diesem Lied, das er den Gegenständen seiner Zuneigung widmete, rechtfertigte er das Töten zum Zwecke der Selbstvertei­digung. Er dachte nicht an Gott, selbst nicht bei einem solch tragischen Ereignis, sondern an seine Frauen. Die Vereinbarung Gottes mit Kain war für ihn nicht nur ein Grund dafür, seine eigene Tat zu verteidigen, sondern sie auch gutzuheißen. Weiterhin finden wir in dieser Familie den Ursprung des verwegenen Nomadenlebens, aber auch der verfeinerten Kultur und der Genüsse für das Ohr, die Blas ‑ und Streichinstrumente bieten. Zu einem so frühen Zeitpunkt war also die »Welt« bereits tätig. Erkennen wir sie nicht darin? Zweifellos hat die Welt manche Annehmlichkeiten, die auch ein Christ gebrauchen kann. Doch ein dunkler Schatten liegt auf all ihrem Besitz und Wesen ‑ die Abwesenheit eines verschmähten und doch um so mehr geliebten Christus! Nenne mir eine einzige Seite der Welt, die Christus gutheißen könnte! Wo ist das, was Er wertschätzte, worin Er lebte und was Er liebte? Hier haben wir das Kriterium für die Beurtei­lung der Welt. Es zeigt einerseits mit aller Schärfe, wieviel für den Christen von dieser Welt nicht in frage kommt und abgelehnt werden muß; andererseits macht es klar, daß alles, was nicht von Christus kommt, für das Herz des gefallenen Menschen begeh­renswert sein kann. Und darin besteht gerade das Wesen der Welt. Manche Menschen befassen sich mit der Wissenschaft, andere bevorzugen die Literatur oder finden an der Politik Gefallen. Leider ist es sogar möglich, daß Weltmenschen sich der Religion bedienen und das Werk des Herrn sowie den Gottes­dienst in weltlichem Geist und selbstsüchtigem Sinn gebrauchen, um sich dadurch Gewinn oder Ruhm zu verschaffen. Auch bietet die Religion den Menschen viele Möglichkeiten, die Gunst des Volkes zu gewinnen. Doch ist nicht auch das die »Welt«? Der Name des Herrn, losgelöst von Seinem Willen und Seiner Herr­lichkeit, ist nicht vor Mißbrauch geschützt. Einige der gottlosesten Dichter, die je lebten, haben derart gehandelt. Sie schrieben über Gegenstände der Heiligen Schrift ohne irgendeinen Nutzen für sich selbst, denn sie blieben weiterhin fern von Gott und oftmals Feinde Christi.

 

Es bestand somit für die »Jünglinge« seitens der Welt ernste Gefahr, wie stark sie auch sein mochten, falls sie sich nicht ein ständig wachsendes Empfinden für ihre Beziehungen zum Vater bewahrten. Diese Kenntnis hatten sie schon als Kindlein gehabt; sie waren dadurch gekennzeichnet gewesen und hatten sich dessen erfreut. Die Gewißheit der Sündenvergebung und darüber hinaus die Erkenntnis des Vaters ist ein überaus kostbares Vorrecht. Wie viele Christen, die sich selbst für geistlich fortgeschritten halten und auch von anderen als solche betrachtet werden, wagen es doch nicht, dieses Vorrecht für sich in Anspruch zu nehmen. Sie sind nicht völlig überzeugt und rufen Gott meistens nicht im vollen Sinn als Vater an, sondern als den Allmächtigen, als Jehova, als den Gott Abrahams usw., als ob sie Juden wären. Wir sollten erkennen, daß das der heutige Zustand der Christenheit ist, besonders innerhalb der Kreise, die auf das Alter und die Mitglie­derzahl ihres Religionssystems stolz sind. All das trägt einen ausgesprochen jüdischen Charakter. Christus dagegen bewirkt wahres Christentum, indem Er Menschen aus allen irdischen Verbindungen, seien sie jüdischer oder heidnischer Art, heraus­nimmt und ihnen vom Beginn ihres Glaubenslebens an auf dem ganzen Weg Sein Wesen aufprägt. Er sagt von denen, die der Vater Ihm gegeben hat, daß sie nicht von der Welt sind, wie Er auch nicht von ihr ist. So waren es insbesondere die »Jünglinge«, die sich vor der Welt hüten mußten, damit sie nicht bei all ihrem Eifer in die Gefahren der Welt verstrickt würden. Sie mochten geltend machen, daß sie nur den Wunsch hatten, die Welt für Christus zu gewinnen, und daß ihr einziger Beweggrund der sei, Christus und Sein Evangelium der Welt zu verkünden. Doch wir müssen stets in der Abhängigkeit von Ihm und unter der Leitung Seines Geistes bleiben, wenn wir in Seinem Dienst ausgehen, auch bezüglich des Ortes und der Ausführung dieses Dienstes. Es genügt nicht, gute Absichten zu haben oder einen guten Zweck zu verfolgen. Die größte Gefahr liegt in der Art und Weise, in welcher wir etwas tun. Wir irren nur zu leicht darin, »wie« wir etwas tun. Die Sache an sich mag gut sein, doch auch die Mittel müssen mit Gottes Wort und Willen übereinstimmen. Nur Er, dem wir angehören und der durch Sein Wort und Seinen Geist in uns wirkt, kann uns hinsichtlich der anzuwendenden Mittel leiten und bewahren. Nun werden die »Jünglinge« nicht nur allgemein aufgefordert, auf der Hut zu sein; es folgt noch eine weitere Warnung. Es wird ihnen gesagt, daß sie nicht lieben sollen, » was in der Welt ist«. Das kann unter Umständen noch gefährlicher und heimtückischer sein als die Welt selbst. Man denke an die Religionen der Welt, an die Menge der bloßen Bekenner, an die sogenannten Großen, Edlen, Weisen und Gelehrten. Welcher natürliche Mensch läßt sich nicht durch edle, religiöse Dinge gefangennehmen, es sei denn, er sei absolut gottlos? Selbst Kain in seiner Finsternis und Gottesferne hatte seine Religion und auch seine Welt. Sind diese Dinge für manchen Gläubigen nicht äußerst verführerisch und ein Anreiz für seinen tatkräftigen Einsatz? Denn mancher Christ könnte sagen: »Ich wage es nicht, die Welt zu lieben; aber dieses Angebot ist durchaus annehmbar und gibt mir Gelegenheit, viel Gutes zu tun und sogar von Christus zu zeugen . Da macht es doch nichts aus, in welcher Gemeinschaft ich mich befinde oder welche Umstände vorliegen!« Das bedeutet aber immer, Zugeständnisse auf Kosten der Wahrheit zu machen, und gehört zu den Dingen, »die in der Welt sind« und die wir nicht lieben sollen. Muß noch gesagt werden, wie verkehrt es ist, einer Sache, die einen besonders fesselt, einem Hobby oder Stecken­pferd nachzugehen, das keine wahre Verbindung mit Christus hat? Alle derartigen Dinge werden zu Götzen, denn Christus allein hat allen Anspruch auf unsere ganze Liebe und auf die Wahrnehmung unserer Pflichten und Beziehungen zu Ihm.

 

Christus ist der Gegenstand, den der Vater uns vor Augen stellt, und wenn unser Auge einfältig auf Ihn gerichtet ist, dann können wir sicher sein, daß auch unser ganzer Leib voller Licht sein wird. Unmöglich kann jemand wirklich auf Christus blicken und Ihn zum Gegenstand des täglichen Dienstes und Wandels machen, wenn er gleichzeitig etwas in Angriff nimmt, das der Herr nicht gutheißt. Das Wort Gottes muß in uns wohnen. Sind wir damit zufrieden, nur das zu tun, was Ihm wohlgefällt, dann wird Er uns auch ganz sicher zu Hilfe kommen. Doch der blindmachende Einfluß der Welt ist stets vorhanden. So kann es sein, daß der Eifer uns dazu führt, uns selbst wichtig zu nehmen und nach unserem eigenen Wollen zu handeln. Folglich kann selbst aufrich­tiger Ernst zu einer Gefahr für uns werden. Die »Jünglinge« werden daher gewarnt: »Liebet nicht die Welt, noch was in der Welt ist!« Es wird noch eine äußerst ernste Warnung hinzugefügt: »Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm. « Johannes liebt es, eine Sache ganz absolut und grundsätzlich vorzustellen, ohne auf einschränkende Umstände einzugehen. Bei der Formulierung »wenn jemand die Welt liebt« führt er keine Abschwächung ein. Der Grundsatz steht da, und wenn du im Prinzip und auch praktisch die Welt liebst, dann kann die Liebe des Vaters keine Wirklichkeit für dich sein.

 

Wenn man heutzutage mit Christen in Berührung kommt und ihren Wandel betrachtet, findet man oft eine traurige Vermi­schung der Prinzipien, Sie werden sowohl durch gute als auch durch schlechte Beweggründe geleitet. Doch hier erblicken wir solch ein Bild nicht. Es gibt andere Stellen in Gottes Wort, die sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigen. Hier aber wurde der Schreiber dahin geleitet, in besonderer Weise sowohl den absolut richtigen wie auch den absolut falschen Grundsatz vorzustellen. Es wird daher klar festgelegt, daß die Liebe des Vaters nicht in jemand ist, der die Welt liebt. Das ist gesunde und wahre Lehre; sie geht davon aus, daß dieser Grundsatz nach beiden Seiten hin seine Wirksamkeit ausübt. sodann kommt Johannes auf die besonderen Unterschiede zwischen den Begierden, die in der Welt herrschen zu sprechen: »Denn alles was in der Welt ist, die Lust des Fleisches« (das ist, was in einem selbst wirkt), »die Lust der Augen« (das, was außerhalb von mir ist und meine Aufmerksamkeit fesselt) »und der Hochmut des Lebens ... «. Das ist der dritte Fallstrick, der darin bestehen kann, daß man eine Stellung in der Welt mit dem entsprechenden Lebensstil und äußerem Ansehen aufrechtzuerhalten sucht. Man denke z. B. an einen Edelmann, an Angehörige der vornehmen Gesellschaft oder auch an die große Masse, die nach solchen Stellungen strebt, ‑ wo ist da Christus zu finden? Bilden wir uns etwa ein, daß Christus bei Seinen Jüngern den irdischen Rang oder die erworbene Stellung in dieser Welt irgendwie an­erkennt? Was meinte denn der Herr, als Er sagte: »Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich nicht von der Welt bin«? Kann der Christ etwas von der Welt als ein wohlgefälliges Opfer vor Ihm darbringen?

 

Mancher Christ hält sehr an seiner irdischen Würde fest und weiht sie, wie er meint, Christus, als ob der Herr irgendwelchen Wert darauf legte. Hat unser Herr uns etwas derartiges gelehrt, oder wandelten die Apostel und andere treue Gläubige in solcher Weise? Die Absonderung Christi von der Welt zum Vater hin ist für das einfältige Herz, das durch Glauben gereinigt ist, ein Anreiz, es Ihm gleichzutun. Es ist nur zu bekannt, daß man in vielen Christen leider genau das entgegengesetzte Bestreben findet, und das war stets ein Grund zu tiefer Sorge und eine Belastung für alle, die Empfindungen für Seinen Namen und Sein Wort haben. Hochmut in einem Christen ist eine Gefühllosigkeit gegenüber den anderen und wird vom Vater verabscheut. Der Herr schaut nicht nach hoch oder niedrig inmitten all der Sünde und Torheit, der Eitelkeit und des Stolzes, wodurch die Menschen beherrscht werden. Auch uns begegnete Er nicht so, sondern kam, um all die Nichtigkeiten auszumerzen und das Urteil des Todes darauf zu schreiben. Ist an Seinem Kreuz irgend etwas von diesen weltlichen Dingen vom Tode verschont geblieben? Darum sagt Sein Diener an dieser Stelle, daß nicht eines davon vom Vater ist, sondern von der Welt, die Ihn und Seinen Sohn gehaßt hat. Hat der Vater etwa Freude an diesen Dingen, die den Menschen so viel bedeuten und an denen sie mit solcher Zähigkeit hängen, einander darum beneiden und ihnen nachjagen? Kurz, der Hochmut des Lebens ist nicht vom Vater, sondern ‑ und das sagt noch mehr ‑ ist von Seinem Feind, der Welt.

 

Was ist denn die Welt? Sie ist das System, das Satan unter den gefallenen Menschen aufgerichtet hat, um die Erinnerung an das verlorene Paradies auszulöschen. Dieses System hat sich seitdem immer mehr ausgebreitet und geschmückt und ist trotz der schrecklichen Katastrophe, die die Sintflut mit sich brachte, immer weiter fortgeschritten, bis es sich gegen den Sohn Gottes empörte und Ihn an das Kreuz schlug. So weit hat es die Welt gebracht mit all ihrer Kunst und Literatur, Religion und Philoso­phie. Sie bestand damals sowohl aus Juden wie aus Heiden; beide liebten die Welt, und beide vereinigten sich, um den Herrn der Herrlichkeit auf die schändlichste Weise hinauszuwerfen. Kann diese Welt oder irgend etwas in ihr dann ein Gegenstand der Liebe eines Christen sein?

 

Kann er das lieben, was ihren Stolz und ihre Freude ausmacht? Wäre das nicht ein Verrat an dem Vater und an dem Sohn?

Die Welt trägt aber noch ein weiteres Kennzeichen, auf das hier mit Nachdruck hingewiesen wird. Sie ist im Verschwinden begrif­fen, da Gottes Todesurteil auf ihr liegt. Sie wird gänzlich ver­gehen. Die Welt und ihre Lust vergeht, und wer kann das aufhalten? Ob es sich um Reichtum oder Stellung, Vergnügen, Macht oder was auch immer handelt ‑ alles wird zunichte werden; auch ihr Stolz wird vergehen, den man in unserem Zeitalter zuweilen selbst im Armenhaus finden kann. Und um all dieses Vergängliche bemühen sich die Menschen und sind erfüllt von dem Wunsch, mehr zu scheinen, als sie sind. So schwelen unter der Oberfläche ständig Ruhelosigkeit und Elend, und die können auch durch Vergnügungen nicht beseitigt werden.

 

»Die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit. « Nicht nur das Wort bleibt in Ewigkeit, sondern auch der, der den Willen Gottes tut. Der Wille Gottes ist von weit größerer Wichtigkeit als alle von Menschen aufgestellten Lehren oder sogenannten Glaubensartikel. Es ist ohne Zweifel sehr wichtig, allem zu widerstehen, was falsch und böse ist. Dazu müssen wir aber dem geoffenbarten Wort und Willen Gottes unterworfen sein. Selbst wenn die besten Männer solche Lehren in ihren Kampf‑ oder Verteidigungsschriften formulieren, So schleicht sich doch allzuleicht ein Irrtum ein. Hier aber wird uns gesagt, daß der in Ewigkeit bleibt, der den Willen Gottes tut; und das ist nur möglich, wenn man dem Herrn nachfolgt und den Vater liebt. »Der Sohn bleibt in Ewigkeit«; und der Christ, mag er auch entschlafen, bleibt ebenfalls in Ewigkeit. Der Herr wird kommen und ihn aus dem Todesschlaf auferwecken oder, wenn er lebt und übrigbleibt, umgestalten zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit wird in Ewigkeit an ihm gesehen werden. Doch er ist dazu berufen, diese Tatsache schon jetzt anzuerkennen und täglich danach zu leben. Er soll nicht auf die verunreinigenden Wege der Welt geraten, die so einladend erscheinen und doch, wohin man blickt, voller Verderben und Gottlosigkeit sind.

 

Nun kommen wir in Vers 18 zu den »Kindlein«. Sie stellen nicht die ganze Familie Gottes dar. Es ist ein unverzeihlicher Irrtum, die ganze Familie mit einer besonderen Gruppe in ihr, den »Jüng­sten«, zu verwechseln. Sie sind es, von denen gesagt wird, daß sie den Vater erkannt haben. Ach, wie weit sind die Gläubigen heute von dieser Kenntnis abgekommen! Ist es nicht der Beachtung wert, daß der Geist Gottes den »Kindlein« so viele weitere Mitteilungen widmet? Den »Vätern« wurde beim zweitenmal kein weiteres Wort hinzugefügt, den »Jünglingen« nur einiges, doch den »Kindlein« nun am meisten. Spürt man nicht die Schönheit der Gnade darin? Das ist nicht die Weise des Menschen, sondern Gottes, der durch Seinen Geist auf die Bedürfnisse der »Kindlein« eingeht. Sie benötigten Seine Fürsorge am meisten; so erhalten sie auch die meisten Mitteilungen. Bei ihnen befaßt sich der Geist Gottes mit viel mehr Einzelheiten als bei den »Jünglingen«, denn sie waren großen Gefahren ausgesetzt.

 

»Kindlein, es ist (die) letzte Stunde« heißt es wörtlich, und das geht augenscheinlich weiter als die »letzten Zeiten« in 1. Timo­theus 4, 1 und die »letzten Tage« in 2. Timotheus 3, 1. Ja, es ist »letzte Stunde«; zweifellos eine sehr lange andauernde Stunde, aber nicht, weil Er verzieht, sondern weil Gott langmütig ist und nicht will, daß irgendwelche verlorengehen, sondern alle zur Buße kommen. Es sind noch mehr Seelen da, die Er retten und segnen und zu Gliedern am Leibe Christi machen will, und daher wartet Gott noch. Doch bereits seit den Tagen der Apostel währt die »letzte Stunde«. Wie kam es dazu? Nicht etwa, weil die Kenntnis Christi zugenommen hätte, sondern wegen der »vielen Antichristen«. Die Zeit Seines Kommens wird das »Ende dieser Tage« genannt. Diese Tage nahmen ihren Anfang, als Gott begann, sich mit Seinem irdischen Volk zu beschäftigen, und endigten in der »Vollendung des Zeitalters«, als Christus kam. So lesen wir in Galater 4, 4: »Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn. «

 

Hier nun steht ein bemerkenswert ernster Ausdruck: es ist »letzte Stunde«. Die Zeit ist kurz, der Herr ist nahe. Er steht bereit, Lebendige und Tote zu richten, wie der Apostel Petrus sagt; nicht nur, uns in den Himmel aufzunehmen. Doch gleichzei­tig verlängert Gott die Zeit Seiner herrlichen Gnade, um noch mehr Menschen zu retten. Was wird geschehen, wenn das letzte Glied Christi hinzugefügt ist? Der Herr wird kommen und die Seinen zu Sich nehmen. Darauf wird Er beginnen, unter den Juden und auch unter den Heiden (d. h. den nicht‑christlichen Völkern) zu wirken, um besonders Sein irdisches Volk für seine Stellung auf der Erde zuzubereiten. Bei Seinem ersten Kommen war Sein Volk nicht bereit; beim zweitenmal wird der Herr zu seinem Ziel kommen. Dann wird ein für den Herrn und Sein Reich zubereitetes Volk auf Erden vorhanden sein. Was Johannes der Täufer nicht vermochte, wird Er dann vollbringen. Er wird das Herz Israels wenden. Sie werden ihren lange verworfenen Messias aufnehmen, in dem sie zu ihrem Erstaunen und großen Schmerz niemand anders als Den erkennen werden, den sie einst gekreu­zigt haben. In jenen Tagen wird Jehova Ihm die Großen zuteilge­ben, und mit Gewaltigen wird Er die Beute teilen, wohingegen Gott jetzt das Törichte und Schwache und das Unedle der Welt auserwählt hat, um Seine Gnade in Christus groß zu machen. Am Tage Seiner Erscheinung wird Er sich Zions erbarmen, das so lange erniedrigt war; die Nationen werden den Namen Jehovas fürchten, und alle Könige der Erde Seine Herrlichkeit (Ps. 102, 15). Ein Teil der Juden wird diese Entdeckung vielleicht schon vorher machen, andere werden erst bei Seiner Erscheinung Klarheit empfangen; denn es wird Unterschiede diesbezüglich unter ihnen geben.

 

Für uns aber ist jetzt die »letzte Stunde«. Weder nimmt das Christentum heute eine beherrschende Stellung ein, noch wird das Evangelium des Reiches allen Nationen verkündet. Die »letzte Stunde« bedeutet, daß viele Antichristen jetzt in Erscheinung treten. Danach werden bekehrte Juden unter allen Heidenvölkern missionieren, auch dort, wo die Christen nicht hingekommen sind; die Gnade Gottes wird ihnen die Kraft dazu geben. Dann wird das Ende des Zeitalters kommen.

Ist das aber die christliche Hoffnung? Wir warten nicht auf das Ende, sondern auf Christus, damit Er uns dahin entrückt, wo Er jetzt ist. Auch die Juden erwarten den Herrn. Sie erwarten, daß Er herabkommt und die Erde segnet; und das wird Er auch gewißlich tun. Aber das ist etwas ganz anderes und wird sich erst danach ereignen. Zwischen dem himmlischen und dem irdischen Zweck Seines Kommens liegt noch ein gewisser Zeitabschnitt, der aber sicher nur von kurzer Dauer sein wird. Welchen Eindruck muß diese ernste Ankündigung, daß die letzte Stunde da ist, in den Seelen derer hinterlassen haben, an die der Apostel schrieb! Wie erstaunt müssen sie darüber gewesen sein! Viele denken wohl, daß solch eine Wahrheit ganz und gar nicht die richtige Nahrung für ein »Kindlein« sei. Wie wichtig ist es, daß die Gläubigen ihre Bibel nicht nur lesen, sondern ihr auch in kindlichem Vertrauen glau­ben! Was sie dort finden, setzt allen menschlichen Gedanken und Theorien ein Ende. »Kindlein, es ist (die) letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen geworden. « Das stempelt diese Zeit zur »letzten Stunde«. Es gibt kein verabscheuungswürdigeres Übel als Anti­christentum, die unmittelbar gegen die Person des Herrn gerich­tete Feindschaft. Der Antichrist mag den Herrn Jesus nachahmen, doch sein Beweggrund ist nur der Widerstand gegen Ihn. Er wird das für sich beanspruchen, was allein Gott zukommt. Sein Ziel wird sein, sich selbst zu erhöhen und Gott zu verleugnen, und das ist sicher die schlimmste und anmaßendste Form des Bösen, das sich direkt gegen Ihn richtet. »Auch jetzt sind viele Antichristen geworden. « Es gibt nicht nur in dieser Stadt, sondern in der ganzen Christenheit viele Antichristen. Sie predigen und lehren, und die Massen lauschen ihnen ohne den geringsten Argwohn, daß sie antichristlichen Lehren zuhören. Daß auch wahre Christen so leichtfertig darauf eingehen, liegt daran, daß sie so wenig unter der Anleitung des Heiligen Geistes das Wort Gottes erforschen.

 

Man begreift den Charakter dieses Bösen besser, wenn man an den alten englischen »Deismus« denkt. Er wurde vor etwa 200 Jahren aus diesem Lande (England) vertrieben, dann von den Deutschen aufgegriffen und ist jetzt, durch deutschen Scharfsinn mit neuem Glanz und einem Schein falscher Gelehrsamkeit versehen, wieder hierher zurückgekehrt. Er macht einen großen Teil der »höheren Bibelkritik« aus, die von den Menschen begie­rig als etwas Neues, Großes und Fortschrittliches aufgenommen wird. Leider hat sich dieser Geist sowohl der alten als auch der modernen Lehrstühle auf den Hochschulen bemächtigt und sie zu einem Bollwerk gegen den Herrn Jesus gemacht. Sie sind zu Zentren geworden, von denen aus der Unglaube verbreitet wird. Sie vergiften die jungen Leute, die dazu bestimmt sind, Pastoren Zu werden oder kirchliche Ämter zu übernehmen. Unter den Benennungen gibt es in dieser Hinsicht nur geringe Unterschiede.

 

Der liberale Teil der englischen Staatskirche ist dadurch ebenso verdorben wie der von ihr unabhängige Protestantismus, und die Zersetzung schreitet bei beiden fort. Auch die anglikanische Hochkirche, bisher standhaft geblieben, fängt jetzt an zu kapitu­lieren. Die Menschen wollen es nicht glauben, und folglich greift das Verderben auch auf sie über, ganz gleich, welchen Richtungen sie angehören. Selbst Gläubige tragen ernste Schäden davon. Doch der Herr weiß, wie Er die Seinigen daraus befreien kann; Er ist bemüht, ihren getrübten Blick zu erhellen und sie zu befähigen, die Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Es ist völlig klar, daß die Gelehrsamkeit sich weder als Kontrollmittel für das Böse noch als Hindernis dagegen eignet. Doch Gott wird die »Kindlein« in Seiner Gnade behüten. Dazu bietet ihre Erkenntnis des Vaters eine gesegnete Grundlage. Kümmern sich diese modernen Kriti­ker um eine solche Erkenntnis? Haben sie das Wort Gottes bleibend in sich? Begehren sie von dem Geist Gottes die Kraft, um Seine Wahrheit aufzunehmen und darin zu wandeln? Das kann unmöglich bei denen der Fall sein, die leugnen, daß die Heilige Schrift Gottes Wort ist. Ja, wahrlich ‑ »viele sind Antichristen geworden; daher wissen wir, daß es die letzte Stunde ist«. Welcher einsichtige Christ weiß das heute nicht? Viele können sich noch an die Zeit entsinnen, als dieses Übel noch nicht so überhandgenom­men hatte wie heute. Der Unglaube nimmt jetzt ungeheuer schnell zu; aber der Keim dieser Entwicklung zeigte sich bereits in den Tagen des Apostels. »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. « Sie tragen das Merkmal der Abtrünnigkeit an sich. Einige führende Persönlichkeiten des Antichristentums waren einst bekennende Christen. Manche von ihnen waren auch unter uns bekannt ‑ tüchtige und gelehrte Männer, die aber nun in diesem religiösen System des Skeptizismus hervorragende Stel­lungen einnehmen. Einer galt als Vegetarier, Moralist, Absti­nenzler und als revolutionär in seinen Ansichten; das machte auf viele Menschen Eindruck; denn sie neigen sehr zu der Annahme ' daß in solchen Personen etwas Gutes stecken muß. Und doch handelt es sich um einen Antichristen.

 

»Denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber auf daß sie offenbar würden, daß sie alle nicht von uns sind. « Die Übersetzung »... daß sie nicht alle von uns sind« (wie z. B. bei Luther, Anm. d. Üb.) ist eine falsche Wiedergabe des griechischen Textes und muß als ungenaue oder überhaupt ungültige Übersetzung betrachtet werden, da sie kei­neswegs den richtigen Sinn vermittelt. Der griechische Text lautet: »... daß sie alle nicht von uns sind«, und das bedeutet, daß keiner von ihnen »von uns war.« Wenn man dagegen sagt, daß »nicht alle von uns sind«, drückt man damit aus, daß einige wohl von uns waren; einige dieser Antichristen sollten demnach von uns gewesen sein! Dem widerspricht der Apostel aber ausdrücklich. Daran erkennt man, daß die gelehrtesten Männer ihre Augen manchmal zu verschließen scheinen, wenn sie sich mit der Bibel beschäftigen. Es wäre vielleicht interessant, die Hintergründe einmal zu erforschen, wie fromme, gelehrte Männer dazu kommen, in einen so abwegigen Irrtum zu verfallen. Doch es genügt festzustellen, daß die Lesart »sie alle sind nicht von uns« oder »keiner von ihnen ... « den einzig richtigen Sinn angibt. Der nicht studierte Leser kann versichert sein, damit die wahre Bedeutung dieser Stelle vor sich zu haben, die sich auf die genaueste Anwendung der grammatischen Regeln stützt. Die Gelehrten müßten das ohnehin wissen, doch kommt es immer wieder vor, daß sie Fehler machen, wie auch hier.

 

» Und i h r habt die Salbung von dem Heiligen. « Diese Gabe von oben besaßen auch die »Kindlein«, die durch die entschlossenen Angriffe der vielen Antichristen bedroht waren. Sie waren gesalbt mit dem Geist Gottes, der ihnen gegeben worden war, und diese Salbung kam von dem Heiligen, dem Herrn Jesus. Wie steht es damit bei dir, mein Leser? Es ist für dich von großer Wichtigkeit, ob du auf diese Weise gesalbt bist. Denn erst das macht den wahren Christen aus; er muß nicht nur in Christus befestigt sein, sondern auch mit dem Heiligen Geist gesalbt sein, wie wir in 2. Korinther 1, 21 lesen. Das war bei den Kindlein der Fall, sowenig sie als solche auch noch entwickelt waren. Ist das so auch bei dir? Verschwende deine Zeit nicht damit, dich um andere zu kümmern, ehe du nicht weißt, daß dieses Vorrecht auch dir von dem Heiligen geschenkt ist. Erst dann hast du das Recht, mit gutem Gewissen und glücklichen Herzen das Wohl der anderen zu suchen. Wenn wir uns unbehindert, treu und eifrig um andere bemühen wollen, dann müssen wir uns zuerst über unsere Stellung vor Gott und über unsere eigenen Bedürfnisse im klaren sein. Es ist zu beachten, daß in diesem Vers die Betonung auf »ihr« liegt. Da hier die jüngsten Gläubigen angesprochen werden, wird damit klargestellt, daß dieses Vorrecht auch allen anderen Gläubigen gehört. » Und i h r habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles.« Ist das nicht eine sehr bemerkenswerte Aussage über den Zustand der »Kindlein«? Es gibt jedoch keinen Grund, diesbezüg­lich Zweifel zu hegen, wenn wir bedenken, daß sie Angehörige der Familie Gottes waren. Sie waren Kinder Gottes und hatten bereits mit den übrigen die gesegnete Gewißheit der Vergebung ihrer Sünden empfangen. Dadurch waren Schuld und Furcht und alles, was die Freude und jeden Fortschritt hindern muß, von ihnen hinweggenommen.

 

Wenn wir noch nicht wüßten, daß unsere Sünden vergeben sind, so könnten wir nur mit einem ungereinigten Gewissen versuchen, in die ganze Wahrheit einzudringen. Selbst die Welt gibt zu, daß ein schlechtes Gewissen uns zu Feiglingen macht. Dagegen ver. leiht ein einmal göttlich gereinigtes Gewissen Freimütigkeit. Das sehen wir an Petrus, der bekanntlich den Herrn verleugnete. Doch nachdem er wiederhergestellt war und auf dem Boden der Erlö­sung stand, konnte er den Juden, die kein gereinigtes Gewissen hatten, vorhalten: »... den ihr ... angesichts des Pilatus ver­leugnet habt, als dieser geurteilt hatte , ihn loszugeben«! Die mit Sünden beladene Seele schreckt vor dem Hören der Wahrheit zurück, weil diese das Ich fortwährend verurteilt. Wir müssen vor Gott ein reines Gewissen haben, erst dann können wir durch die Erkenntnis Seiner Person wachsen und die Kraft empfangen, auch anderen zu dienen.

 

Wir sehen also, daß dieser Brief an alle Kinder Gottes geschrie­ben wurde, weil ihre »Sünden vergeben sind um Seines Namens willen«. Dieser Brief hatte nicht den Zweck, sie erstmalig damit bekanntzumachen; sie wußten um die Vergebung bereits, seitdem sie dem Evangelium geglaubt hatten. Christus hatte ihnen die Vergebung durch Sein Blut erworben. Das ist für alle Heiligen eine feststehende Tatsache. Es wäre töricht, behaupten zu wollen, daß nur alle Sünden vor der Bekehrung vergeben seien. Was soll dann mit den Sünden geschehen, die danach begangen worden sind? Soviel ist sicher, daß der Herr nicht noch einmal für Sünden leiden wird; auch litt Er nicht nur für einige unserer Sünden, sondern für alle. Das gibt uns wahre Gewißheit der Sündenverge­bung. Das Sühneopfer Christi erstreckt sich nicht nur auf einen bestimmten Teil unserer Sünden, sondern auf ihre Gesamtheit, und die hat der Herr ein für allemal getragen. Darin besteht ja der unermeßliche Segen, den Er uns mit dieser Wohltat Seiner göttlichen Gnade geschenkt hat. Wir haben es dabei nicht init einer Lehre zu tun, die man wie einen Siegespreis erringen muß, auch nicht mit einer Wahrheit außerhalb, die öffentlich vorzutra­gen und zu bewundern ist, sondern mit einem persönlichen Vorrecht, das wir im Glauben ergreifen und auf das eigene Herz und Gewissen anwenden. Wir haben die Vergebung als eine Unvergleichliche Gunst von Gott empfangen, um damit unseren Glaubenslauf zu beginnen.

 

Die, »Kindlein« hatten nun über dieses allen Gläubigen gemein­same Teil hinaus Fortschritte gemacht, nachdem sie als Seine y,inder den Vater erkannt hatten. Sie kannten Gott nicht nur als Schöpfer oder als den allmächtigen Gott, der sich um die schwa­chen Pilger hienieden kümmert, oder als den Jehova‑Gott, den Herrscher, sondern als Vater. Sie wußten, daß Er ihr Gott und Vater war wie auch der des Herrn Jesus, denn der Auferstandene selbst hatte es ihnen kundgetan. Sein eigenes Wort und der in ihnen wohnende Heilige Geist, durch den sie »Abba, Vater« riefen, waren die Gewähr dafür. Wie können Christen wohl eine Wahrheit, die sie so unmittelbar angeht und den größten Raum im Neuen Testament einnimmt, übersehen9 Sie ist das Kennzeichen wahren Christentums. Am Kreuz Christi ist alles Böse gerichtet worden, und so empfängt der Gläubige vom ersten Augenblick seines Glaubens an die Fähigkeit, Gott als seinen Vater zu erkennen. Selbst die »Kindlein« wußten, daß sie damit nicht eine vorübergehende Segnung empfangen hatten, wie dem Israeliten Segnungen je nach seinem Gehorsam verheißen waren. Im Evan­gelium bietet Gott dem Glaubenden eine bleibende Gabe an; das vermochte das Gesetz nicht. Dort wurden Bedingungen gestellt. Wenn ihr dem Gesetz Gottes gehorsam seid, werdet ihr leben und nicht sterben. Das Evangelium dagegen sagt nicht: Wenn du Gott liebst, dann wird Er dir gnädig sein; auf dieser Grundlage könnte kein Sünder errettet werden. Es heißt vielmehr: »Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. «

 

Dieses große göttliche Angebot wird allen Menschen vorge­stellt. Wenn ich Gott bezüglich Seines Sohnes nicht glaube, geht meine Seele ewig verloren und der Zorn Gottes bleibt auf mir. Nehme ich Sein Angebot aber an, dann empfange ich aufgrund

des Glaubens an Christus Jesus nicht nur Vergebung meiner Sünden, sondern ewiges Leben und dadurch die Stellung eines Sohnes Gottes. Damit befinde ich mich auf der einzig wahren christlichen Grundlage als Kindlein. Diese Kindlein mußten nun vor den Gefahren gewarnt werden, weil Verführer und Antichri­sten Überhand nahmen. Weiter unten werden wir etwas über die besonderen Verführungskünste dieser Menschen hören. Zunächst befassen wir uns damit, wie die göttliche Vorsorge die Kindlein rechtzeitig warnt und im voraus gegen die Widersacher wappnet. »Ich habe euch nicht geschrieben, weil ihr die Wahrheit nicht wisset, sondern weil ihr sie wisset, und daß keine Lüge aus der Wahrheit ist. «Ohne die Salbung von dem Heiligen (d. h. ohne den von dem Heiligen, Christus, gegebenen Heiligen Geist) hätten sie nicht die Fähigkeit gehabt, den gefährlichen und heimtückischen Schlingen zu entgehen. Die Gabe des Heiligen Geistes kennzeich­net den Christen. Der Herr sprach von Ihm als dem »lebendigen Wasser«, das Er dem Gläubigen geben würde. Nicht der Herr selbst ist damit gemeint, sondern der Heilige Geist, welchen der Herr uns als eine unaufhörlich in uns sprudelnde, frische Quelle lebendigen Wassers schenkt. Er ist nicht ein »Brunnen«, sondern eine »Quelle«, ein »Urquell« Wassers, der ins ewige Leben quillt. So haben wir also am Anfang unseres Glaubensweges nicht nur ewiges Leben empfangen, sondern tragen in uns auch durch Gnade die Kraft des Heiligen Geistes zu einem Leben der Herrlichkeit.

 

Nachdem der Apostel gezeigt hat, daß dieses göttliche Vorrecht bereits unser Teil ist, sagt er den »Kindlein«, daß sie »alles wissen«. Wie kann das von ihnen gesagt werden? Weil sie Christus als ihr Leben haben, der die Kraft und die Weisheit Gottes ist. »Sie werden alle von Gott gelehrt sein«, heißt es in Johannes 6, 45. Christus zu besitzen bedeutet, den Schlüssel zu haben, der alle Türen öffnet. Darüberhinaus befähigt uns die Salbung durch den Heiligen Geist, die Wahrheit zu erkennen und sie uns mit aller Gewißheit und Entschiedenheit anzueignen. Diese Gnade wurde uns gegeben, um uns von der Welt und ihren Gedankengängen sowie von unseren eigenen Überlegungen hinweg und zum Vater hin abzusondern. Denn was sind wir in uns, getrennt von Christus und der Abhängigkeit von Ihm?

 

»Ich habe euch nicht geschrieben, weil ihr die Wahrheit nicht wisset, sondern weil ihr sie wisset, und daß keine Lüge aus der Wahrheit ist. « Wie ermunternd und tröstend sind diese Worte! Menschliche Lehren sind stets verschwommen und lassen die Seele in Ungewißheit, auch in der für uns wichtigsten Frage: Wie bekommen wir bleibenden Frieden mit Gott? Wenn aber bei denen, die Christus in Einfalt des Herzens aufgenommen haben und sich Seiner erfreuen, das Begehren nach neuen Wahrheiten entsteht, dann öffnet man so leicht dem Bösen die Tür, und der läßt nicht lange auf sich warten. Die Kindlein müssen daher auf der Hut sein. Keine Lüge ist aus der Wahrheit, und eine einzige offenbare Lüge verrät die Verkehrtheit des gesamten Systems, weil die Wahrheit ein fest in sich gefügtes Ganzes ist. Gott macht selbst die Kindlein mit ihr vertraut. Diese Verführer dagegen leugneten es ab, daß die Kindlein solche Kenntnis hätten; sie allein kennten die Wahrheit. »Wir haben das neue Licht; ihr seid in den Anfängen steckengeblieben, die wir längst hinter uns gelassen haben. Was eure alten Lehrer euch hinterlassen haben, ist weiter nichts als das Klimpern auf ungestimmten Instrumenten, während bei uns bereits das volle Orchester spielt.« So reden selbstgefällige Menschen stets, die sich dem Betrug des Feindes ausgeliefert haben. »Wer ist der Lügner« fragt der Apostel aufge­bracht, »wenn nicht der, der da leugnet, daß Jesus der Christus ist?« Die Antichristen versuchten auf verschiedene Weise, Seine Per­son anzutasten und, wenn möglich, zunichte zu machen. Wie schrecklich, wenn Menschen, die sich einst zu Ihm bekannten, solche Lügen als neue und große Wahrheit hinstellen! Der »Lüg­ner« ist hier nicht der Satan, sondern der, der einst als Christ galt und jetzt leugnet, daß Jesus der Christus ist.

 

Aber der Apostel folgt den Spuren der Lüge noch weiter: »Dieser ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. « Ein Antichrist geht also darauf aus, mehr Wahrheit preiszugeben, als den Juden bekannt war. Im allgemeinen Sinne konnte auch ein Jude, der von dem Herrn Jesus hörte und Ihn verwarf, »der Lügner« sein. Das Gesetz, die Psalmen und Propheten wiesen alle auf Jesus hin. Doch der Jude wollte keinen Messias, der, anstatt Sein Weltreich aufzurichten, am Kreuz litt und starb. Er zog daher das vor, was der Teufel anbot, was der Messias aber damals nicht für Sich in Anspruch nahm. Der Scheinchrist mag ein noch raffinierterer Lügner sein, doch am schlimmsten ist der Antichrist. Sein Platz war einst das christliche Bekenntnis; er hatte die Wahrheit über den Vater und den Sohn gehört, doch nun verwarf und leugnete er sie.

 

Kein Jude als solcher erkennt je etwas über die ewigen Bezie­hungen der Gottheit; er steht der Wahrheit und den Vorrechten des Christentums stets fremd und sogar feindselig gegenüber. In diesem Teil von Vers 22 ist der christliche Grundsatz enthalten, noch bestimmter aber in den Worten der christlichen Taufe nach Matthäus 28, Vers 19. Diese Stelle enthält die einzige, maßgebli­che Taufformel und lautet: » Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. « Ich will damit nicht sagen, daß bei der Taufe der Name des Herrn Jesus wegzulassen ist. Doch die richtige Formel wird durch den Herrn Jesus so deutlich angegeben, daß man an der Gültigkeit einer Taufe zweifeln muß, bei der die drei Personen der Gottheit nicht genannt werden. Man hört zwar alle möglichen diesbezüglichen Meinungen, nur auf die Worte unseres auferstandenen Herrn wird nicht Bezug genommen. Die Argumente, die sich auf die Stellen in der Apostelgeschichte stützen, in denen die Taufe erwähnt wird, sind insofern ohne Bedeutung, weil dort nirgends gesagt wird, das, was dort steht, sei die volle Taufformel gewesen. Die einzige Stelle, die den Anschein erwecken könnte, die in der Apostelzeit gebräuchliche Formel zu enthalten, hat keinerlei Gewicht, da mit Sicherheit allgemein anerkannt wird, daß Apostelgeschichte 8, Vers 37 unecht ist. Gemäß diesem Vers soll Philippus den Kämmerer aufgefordert haben, ein Bekenntnis seines Glaubens abzulegen, was dieser auch tat. Doch dieser ganze Vers muß abgelehnt werden, da er in den alten Handschriften nicht vor­kommt. (In der Elberf. Bibel fortgelassen! Anm. d. Übers.) Wahrscheinlich war er ursprünglich lediglich eine Randbemer­kung, die durch einen späteren Abschreiber in den Text übernom­men wurde in der Annahme, er sei Bestandteil des Originals. In der Apostelgeschichte findet sich also tatsächlich keine Tauffor­mel, und daher besteht auch kein Grund, von dem ausdrücklichen Befehl unseres Herrn abzuweichen. Auch die Annahme, diese Weisung des Herrn sei für den künftigen jüdischen Überrest bestimmt, ist nicht haltbar. Sie verträgt sich weder mit der Tatsache, daß der Herr sich unmittelbar davor auf »alle Nationen« bezieht, noch mit dem geistlichen Zustand jenes Überrestes, über dessen Erkenntnis die Worte des Herrn hinausgehen.

 

Hier ist nun von jemand die Rede, der zwar Christus bekennt, den Vater und den Sohn aber leugnet (seine Mißachtung des Heiligen Geistes war zweifellos so groß, daß darüber kein Wort gesagt zu werden brauchte). Er leugnete den Vater und den Sohn, und das ist für einen geistlich gesinnten Gläubigen das deutlichste Kennzeichen des Antichristen. Mit Ernst wird darauf hingewie­sen, daß diese Antichristen von der Gemeinschaft der Christen ausgegangen waren. Niemand sollte sich darüber wundern, daß Menschen von einem Platz der Gnade und der Fülle der Wahrheit, die eine eifrige Verbreitung und praktisches Ausleben bewirkten, ins völlige Gegenteil verfallen können, wenn sie alles preisgeben und sich verderblichen Ideen ausliefern. Es geht dann nach dem bekannten Sprichwort: Das Verderben des Besten ist das Schlimmste. Nichts ist so verwerflich, als der höchsten und umfassendsten Wahrheit untreu zu werden, und das kennzeichnet die Antichristen.

 

Wenn nun hier auch die Warnung steht: »Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht«, dann folgen doch darauf zur Ermunterung der »Kindlein« die Worte: »Wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. « Beide Seiten sind wichtig, sowohl wegen der inneren Bedeutung dieser Worte als auch wegen des Lichtes, das sie auf die Listen des Teufels werfen. Die Unitarier z. B. behaup­ten, den Vater zu ehren, aber sie leugnen den Sohn. Folglich ist ihr Bekenntnis zum Vater gemäß dieser Schriftstelle völlig wertlos. Nicht der Vater ist der Prüfstein für die Wahrheit, sondern der Sohn. Wenn daher jemand den Sohn anerkennt, dann hat er auch den Vater. Diese beiden göttlichen Personen gehören zusammen, doch der Sohn ist das alleinige Entscheidungsmerkmal und auch der einzige Mittler. Wenn du den Sohn leugnest, so verwirft der Vater dein Bekenntnis zu Ihm gänzlich wegen der Unehre, die du dem Sohn antust. Der Vater verdankt die Tatsache, daß Er gerechtfertigt und verherrlicht wurde, dem Sohn, der sich der Herrlichkeit, die Ihm zukam, entäußerte und Sich Selbst ernied­rigte, nicht nur zum Menschen und zum Knecht, sondern zum Tode am Kreuz. Jeder, der den Sohn mißachtet, zieht daher ewige Strafe auf sich. Gott hat dies dem Menschen eindrücklich bezeugt, so daß er ohne Entschuldigung ist.

 

Wir kommen nun zu einem sehr interessanten Punkt, über den kurz etwas gesagt werden muß. »Ihr, was ihr von Anfang gehört habt, bleibe bei euch. « Hier ist es nicht »Er, der von Anfang ist«, sondern »das, was ihr von Anfang gehört habt. « Johannes bedient sich hier desselben Ausdrucks wie am Anfang seines Briefes. Zwischen den Worten »Der von Anfang ist« und »was von Anfang ist« besteht nur ein sehr geringer Unterschied. Beide Aussagen sind natürlich wahr, und jede von ihnen ist an ihrem Platz vollkommen. Auf dem Anfang des 24. Verses liegt ein gewisser Nachdruck, der in einigen Übersetzungen verlorengegangen ist (z. B. bei Luther, Anm. d. Übers.): »Ihr, was ihr von Anfang ... « Was der Apostel betonen will, ist, daß sie in dem bleiben sollten, was sie von Anfang gehört hatten.

 

Neue Ergänzungen des Wortes Gottes sind stets abzulehnen. Wenn etwas Neues gebracht wird, ist es keine christliche Wahr­heit; Weiterentwicklungen sind das Werk Satans. Alles, was der Offenbarung Gottes in Christus hinzugefügt wird, ist eine Fäl­schung. Dem natürlichen Menschen ist es zwar verhaßt, sich dem Wort Gottes zu unterwerfen. Daher kommen die Anstrengungen, sich der göttlichen Autorität sowohl des Alten wie des Neuen Testaments zu entledigen. Die »höhere Kritik« ist glatter Unsinn, wenn nicht noch Schlimmeres; sie dient dazu, den Glauben zu vergiften und zu zerstören. Ebenso ist es mit der entgegengesetzten Auffassung, die behauptet, daß »die Kirche lehrt«. Manche kombinieren auch beide Irrtümer. Wo findet man in der Heiligen Schrift einen Hinweis, daß die Kirche lehrt? Nach Gottes Wort wird sie belehrt durch die Apostel und Propheten, sowie üblicher. weise durch die Gaben der Lehrer usw., die Christus, das Haupt, zu diesem Zweck gegeben hat. Die Kirche wird belehrt, aber niemals lehrt sie selbst. Sie glaubt und erfreut sich der Wahrheit und ist auch verantwortlich, in Wahrheit zu wandeln und anzubeten. In dieser Zeit des Unglaubens wäre es für die Kirche wichtiger, darauf zu achten, daß sie selber in der Wahrheit steht.

 

Es ist ein gefährlicher Irrtum zu glauben, daß »die Kirche lehrt«. In Zuchtfragen muß zwar auf sie gehört werden (Matth. 18, 17), doch das Lehren ist etwas ganz anderes. Die Kirche soll die Wahrheit festhalten; aber die Vorstellung, daß die Kirche lehrt, führt nur zu bald dazu, daß Menschen auf Dinge hören, die nicht in der Bibel geoffenbart sind. Es führt zu eigenwilligen Gedanken und zu der Beschäftigung mit menschlichen Theorien und Legen­den, die man der Bibel hinzufügt, wie die Phantasievorstellungen über die Jungfrau Maria, die Heiligen, überirdische Erscheinun­gen usw. Oder man befaßt sich mit den rationalistischen Hypothe­sen, nach denen die Zweifler leben oder besser gesagt, mit denen sie in den Tod gehen. Gott allein ist der unfehlbare Lehrer. Nach den Worten Seiner Propheten werden alle Seine Kinder, alle, die geglaubt haben, von Gott gelehrt sein, der sich in Seinem Wort kundtut. Dazu brauchen sie nicht die Kirche, die sich anmaßt, selber zu lehren. Bei dem, was wir von »Anfang gehört« haben, gibt es keine Weiterentwicklung. Alle diese sogenannten »Weiter­entwicklungen«, die die Menschen unserer Tage auf religiösem wie auf wissenschaftlichem Gebiet in Begeisterung versetzen, sind weiter nichts als Phantasieprodukte, und zwar von übler Art, besonders im religiösen Bereich. Die wissenschaftlichen Behaup­tungen kommen und gehen, doch religiösen Lügen wohnt eine satanische Macht inne, die nicht nur zum Verderben der Seelen gereicht, sondern einen dauerhaften Schaden anrichtet.

 

Wo ist nun die Wahrheit zu finden, und worin besteht sie? Christus, wie Er auf der Erde geoffenbart wurde, ist die Wahrheit. Wie könnte es in Ihm oder dem geschriebenen Wort Gottes, das Ihn offenbart, irgendeine Entwicklung geben? Der Wahrheit ist nichts hinzuzufügen; sie kann nicht vollkommener gemacht wer­den, als sie es bereits ist. Auch ist die Klarheit der Worte, die der Herr zu den Jüngern redete, als Er auf der Erde war, nicht zu steigern, noch das, was der Heilige Geist später schriftlich hinzu­fügte, da die Jünger es damals noch nicht verstehen konnten. Das alles wurde verkündet nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit , sondern gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel, d. h. die Wahrheiten und die Worte waren vom Heiligen Geist eingegeben. Wie gesegnet ist das Ergebnis davon in praktischer Hinsicht! Es ist dasselbe Wort, das in ihnen bleiben sollte. »Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang gehört habt, so werdet auch ihr in dem Sohne und in dem Vater bleiben. « Die Wahrheit läßt sich nicht von Christus trennen, und zwar von Christus, wie Gott Ihn in Seinem Wort geoffenbart hat. »Und dies ist die Verheißung, welche er uns verheißen hat: das ewige Leben. « Diese Aussage über die Gabe des ewigen Lebens wird ebenso eindringlich formuliert wie die Mitteilung über die Person, die seine Quelle ist (vgl. Kap. 1, 1‑2).

 

»Dies habe ich euch betreffs derer geschrieben, die euch verfüh­ren.« Die »Kindlein« müssen zu äußerster Wachsamkeit gegen­über denen ermahnt werden, die Neuerungen einführen wollen. Sie zerstören die Wahrheit durch Voraussagen, die ebenso falsch sind, wie Gottes Verheißungen wahr sind. Man denke nur an den verwerflichen Irrtum, den so viele von uns in der vergangenen Zeit zu bekämpfen hatten und der von allen aufrichtigen Herzen so schmerzlich empfunden wurde. Ging es dabei nicht gerade um das ewige Leben? Diese jüngsten Verführer versuchten, sich und andere davon zu überzeugen, daß man nicht schon jetzt das ewige Leben in dem Sohne habe, sondern es erst bei der Auferstehung empfangen kann. Doch das bedeutet, das zu vergessen und preiszugeben, was wir von Anfang gehört haben. Es war eine Lüge, und keine Lüge kann aus der Wahrheit sein. Die Schrift­stelle, die wir vor uns haben, zeigt deutlich, daß diese und andere neue Ideen unwahr sind. Das Wort des Herrn beweist ihre Verkehrtheit, denn Kapitel 1, Vers 1, sagt: » Was von Anfang war, was wir« ‑ die inspirierten Zeugen ‑ »gehört haben ... « Nichts ist gewisser und von größerer Bedeutung. Wir sehen also, daß die Verführer auch heute sich keineswegs zurückhalten, sondern immer noch fortfahren, die Lüge zu verbreiten, ganz gleich, ob sie sich auf eine apostolische Nachfolge berufen oder nicht (vgl. Offb. 2,2).

 

» Und ihr, die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch. « Auch hier ist das »ihr« betont, wie in den Versen 20 und 24. Johannes hatte ihnen gesagt, daß das gehörte Wort in ihnen bleiben sollte, da es das einzige und schriftlich niedergelegte Fundament der Wahrheit ist. Nun wiederholt er die andere gesegnete Tatsache: Die heilige Salbung, der ihnen gegebene Heilige Geist, bleibt auch in ihnen. In treuer Fürsorge sagt er ihnen noch einmal: Seine Salbung bleibt in euch, Kindlein; die Salbung mit dem Geist dient dazu, daß ihr in Seiner Kraft die Wahrheit Gottes in Christus versteht und euch ihrer erfreut.

 

» Und ihr bedürfet nicht, daß euch jemand belehre. « Sie hatten Christus empfangen, der der Weg und die Wahrheit und das Leben ist. Dieses Wissen hatte ihnen bereits Gott, der Vater, durch den Heiligen Geist mitgeteilt.

 

»Sondern wie dieselbe Salbung euch über alles belehrt und wahr ist und keine Lüge ist, und wie sie euch belehrt hat, so werdet ihr in ihm bleiben. « Der Heilige Geist war in ihnen, um sie über das hinaus, was sie schon kannten, zu belehren und sie in alle Einzelheiten des Wortes Gottes und deren Anwendung einzufüh­ren. So sorgte Gott in Seiner Gnade für die »Kindlein«. Wenn sie das beachteten, brauchten sie sich nicht vor den Verführern zu hüten oder zu fürchten. Sie waren nicht auf Menschen angewie­sen, die sich selbst predigten und nicht den Herrn Jesus. Welch eine Gewißheit und welch einen Segen haben doch schon die in geistlicher Hinsicht Jüngsten der Familie Gottes empfangen! Sie mußten aber in Christus bleiben, in dem, was Er von Anfang gelehrt hatte.

 

Und nun, Kinder, bleibet in ihm, auf daß wir, wenn er geoffenbart werden wird, Freimütigkeit haben und nicht vor ihm beschämt werden bei seiner Ankunft. Wenn ihr wisset, daß er gerecht ist, so erkennet, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm geboren ist. ‑Sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, daß wir Kinder Gottes heißen sollen! Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, daß, wenn es offenbar werden wird, wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, gleichwie e r rein ist. Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit. Und ihr wisset, daß e r geoffenbart worden ist, auf daß er unsere Sünden wegnehme, und Sünde ist nicht in ihm. Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen noch ihn erkannt.

 

1. Johannes, 2, 28 bis 3, 6

 

Wir kehren nun zu den allgemeinen Belehrungen dieses Briefes zurück. Nachdem die verschiedenen Gruppen der Kinder Gottes in dem bemerkenswerten Abschnitt von Vers 12 bis 27 behandelt worden sind, werden ab Vers 28 alle Seine Kinder wieder gemein­sam angesprochen, wie bereits in den Versen davor. Der Apostel nimmt damit das eigentliche Thema seines Briefes wieder auf. Das Wort, das sich hier an alle richtet, lautet: » Und nun, Kinder, bleibet in ihm«.

 

Der Glaube an Seine Person führt dazu, daß man in Ihm bleibt, und das ist die wahre Voraussetzung für einen christlichen Wan­del. Es genügt nicht, in der Wahrheit, im Wort oder in der Lehre zu bleiben, Es ist die lebendige und göttliche Person Christi selbst, die gewissermaßen eine magnetische Wirkung auf uns ausübt; diese Wirkung ist um so stärker, als Er sowohl Mensch als auch Gott ist. Manche sehen Ihn entweder nur als Mensch, dann aber getrennt von Seiner Gottheit; oder umgekehrt nur als Gott, gelöst von Seiner Menschheit; aber beides ist falsch. Es gibt tatsächlich nur eine Person, die zwei Naturen in sich vereinigt, darin liegt ja gerade dieses unermeßliche Geheimnis, das unmöglich von dem Menschen ergründet werden kann. Er Selbst sagt darüber: »Niemand erkennt (epiginöskei) den Sohn als nur der Vater. « Beachten wir, daß dies nicht bezüglich des Vaters gesagt wird, obwohl der Vater niemals wie der Sohn Mensch geworden ist. Der Sohn offenbart den Vater; wir lesen aber nirgends, daß der Vater den Sohn offenbar macht (siehe hierzu Matth. 11, 27 und Luk. 10, 22). Johannes 17, 3 lehrt uns dagegen, daß es Fortschritte in der Erkenntnis gibt. In dem Herrn Jesus liegt das Unerforschliche. In dem Bemühen, in dieses Unerforschliche einzudringen, liegt die Gefahr für den Geist des Menschen, der auf allen Gebieten stolz und dreist ist und insbesondere in den göttlichen Dingen eine respektlose Anmaßung zeigt. Gerade an diesem Bereich hat der natürliche Mensch aber nicht den geringsten Anteil. Er ist ohne Gerechtigkeit und ohne Erkenntnis, und selbst das Verlangen, Gott zu suchen, fehlt ihm. Darum stolpert er von einem Irrtum in den anderen. In 1. Korinther 2, 11 heißt es: »Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also weiß auch niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. « Uns, die wir an Christus glauben, ist der Heilige Geist gegeben worden, damit wir Ihn verherrlichen kön­nen. Der Herr Jesus ist die Wahrheit, und zwar der Herr in dieser zweifachen Weise ‑ Gott und Mensch in einer Person. Glauben wir an Ihn, dann besteht unsere Weisheit, unser Glück, unsere Kraft zum Dienst und zur Anbetung und unsere ganze Sicherheit darin, »in Ihm zu bleiben«.

 

Als Gott Israel als Volk bildete, wurde keine göttliche Person geoffenbart. Gott gab Gebote, die von Seiner Majestät zeugten. Sie waren von furchteinflößenden Kundgebungen Seiner Macht gegenüber Seinem irdischen Volk begleitet, von dem der größte Teil ja nicht einmal bekehrt war. Das Gesetz galt für jeden Israeliten, aber so etwas wie die Offenbarung einer Person gab es darin nicht. Gerechte Gebote, Verordnungen, Anweisungen und Zeremonien wurden von Gott dem Volk in der eindrucksvollsten und bedeutsamsten Weise auferlegt. Alles redet von dem Namen des Herrn Jesus, von den Stellungen, die Er bekleidet, und von Seinem Werk. Das Gesetz beruhte auf der Autorität Gottes, der Sich in tiefe Finsternis hüllte. Das Wesen der christlichen Wahr­heit dagegen besteht darin, daß der Sohn Gottes vom Vater ausging und zu den Menschen herniederkam. Wir kennen die Dinge, die Gott uns bereitwillig in Ihm geschenkt hat, der Gott und Mensch zugleich ist. Er konnte den Menschen in der Voll­kommenheit darstellen, wie er vor Gott sein sollte. Er hat auch Gott in Seinem Verhalten dem Menschen gegenüber vollkommen geoffenbart und hat dann, nach vollbrachtem Erlösungswerk, den Heiligen Geist herniedergesandt. Ist das nicht unumschränkte Gnade? Welch ein unschätzbarer Segen ist mit der Person des Herrn Jesus verbunden! Nicht das Gesetz brachte diesen Segen, obwohl Er die Erfüllung der Verheißung und auch der Erfüller Selbst ist. Nein, Er Selbst war es, der Sohn, der sich herabließ, wahrer Mensch zu werden, nur mit der Ausnahme, daß in Ihm keine Sünde war, wie uns etwas später in diesem Brief gesagt wird. Er tat nicht nur keine Sünde und kannte auch keine (vgl. 1. Petr. 2, 22; 2. Kor. 5, 21), sondern es war auch keine Sünde in Ihm. Seine Natur war heilig und vollkommen sündlos. Ohne Frage wurde Er von der Jungfrau Maria geboren. Aber daraus ergab sich nicht Seine Sündlosigkeit, denn die Jungfrau hatte, wie alle Menschen, die sündige Natur in sich. Sie war eine Gläubige von reinem Charakter und bemerkenswerter Herzenseinfalt; aber auch sie hatte den Heiland nötig, und in ihrem eigenen Sohn fand sie denselben Retter wie wir. Sie wußte sehr wohl, daß sich ihr Sohn in der Weise, wie Er Fleisch wurde, von allen anderen Kindern unterschied, denn Seine Menschwerdung geschah durch die Kraft des Heiligen Geistes. Daher war Er unbefleckt, nicht aber sie. Wir müssen entschieden bei der Wahrheit bleiben. Wenn man sich erdreistet, etwas zu der geoffenbarten Wahrheit hinzuzu­fügen, dann entsteht durch Aberglauben eine Fälschung der Wahrheit, und die einzigartige Stellung Christi wird auf jemand anders übertragen. Gott wird eine solche Lästerung richten.

 

Im Zusammenhang mit der Fleischwerdung des Herrn vollzog sich ein Wunder von erstaunlicher Art; ein weiteres Wunder geschah bei Seinem Tod und Seiner Auferstehung. Es gibt nichts Menschlicheres, als geboren zu werden und zu sterben, denn das ist die Bedingung, der der Mensch jetzt unterworfen ist. Der Herr kannte diese Bedingung, und doch hat Er in allem Gott geoffen­bart. Es gefiel Ihm, am Kreuz Sein Leben zu lassen; niemand hätte es Ihm nehmen können, wenn Er es nicht gewollt hätte. Er Selbst ließ Sein Leben in einer Weise, wie kein anderer es zu tun vermochte. Würde einer von uns seinem Leben ein Ende machen, so wäre das eine große Sünde. Aber bei dem Herrn Jesus war es wunderbare Gnade und diente zur Aufrechterhaltung der heiligen Ansprüche Gottes gegenüber aller Sünde. So steht der Herr in diesen beiden Ereignissen, in denen Er dem Menschen am nächsten kommt, doch als göttliche Person unendlich weit über ihm. Hier versagt der Verstand des Menschen völlig. In seiner Selbstüberheblichkeit und Unwissenheit über Gott will der Mensch nicht anerkennen, daß es Geheimnisse gibt, die über sein Denkvermögen hinausgehen. Bei jeder Schwierigkeit baut er nu auf seine eigenen Fähigkeiten und vertraut lieber auf sich selbst anstatt auf Gott; und der mächtige Feind bestärkt ihn noch darin. Gott aber will ihn dazu bringen, als Sünder vor Ihm im Staub zu liegen und nur auf den Herrn Jesus zu blicken; denn nur durch Ihn empfängt der Glaube alle Segnungen, und auch der Glaube selbst ist Gottes Gabe. Aber gerade das fordert den Stolz des Menschen heraus, die Gnade Gottes in Christus zu verwerfen.

Nachdem der Apostel gezeigt hat, wer und was diese wunder­bare Person ist, die von Anfang war und Gott und Mensch in einer Person vereinigt, sagt er: »Bleibet in ihm. «

 

Wir kennen keine andere Person, in der wir bleiben sollten, außer Christus, der die Wahrheit ist. Der Geist Gottes wohnt in uns, um uns die Kraft dazu darzureichen; der geoffenbarte Gegenstand des Glaubens ist jedoch Der, mit dem wir unseren Glaubensweg begonnen haben. Deshalb wird gesagt, daß die »Kindlein« die Salbung von dem Heiligen haben. Sie waren nicht nur zur Bekehrung gekommen. Christ sein heißt wesentlich mehr, als nur lebendig gemacht und zu Gott umgekehrt zu sein. So war auch der Gläubige des Alten Testaments bekehrt. Er empfing aber nicht den Heiligen Geist; denn diese Gabe folgt erst auf die bewußte Erkenntnis der Erlösung, und das ist eine typisch christli­che Segnung. Christus empfing den Heiligen Geist ohne die Notwendigkeit der Erlösung und des Sühnungswerkes, denn Er allein war der Heilige Gottes, der Gerechte. Wir aber brauchten die Erlösung, die Vergebung unserer Sünden. Daher empfangen wir, nachdem wir uns bekehrt und dem Evangelium geglaubt haben, den Heiligen Geist; erst dadurch werden wir wahre Christen (vgl. Apg. 11, 17). Die Gabe des Geistes, die »Salbung von dem Heiligen«, ist dafür das wahre Erkennungszeichen. Sie darf nicht damit verwechselt werden, daß wir aus dem Geist geboren sind. So sagt also der Apostel zu ihnen: Ihr (nicht die Antichristen) habt diese große Gabe von dem Heiligen; und da Christus es ist, von dem die Salbung kommt, müßt ihr »in Ihm bleiben«.

 

Gab es im Gesetz irgend etwas Bleibendes für die Israeliten? Ihnen war durch das Gesetz keine göttliche Person geoffenbart worden. Auf dem Boden des Gesetzes war die Erlösung ein zukünftiger Gegenstand, nach dem sie Ausschau hielten (abgese­hen von der symbolhaften Wirkung der Anordnungen). Sie hatten Christus nicht im Glauben angenommen, geschweige denn Sein Sühnungswerk. Das Kommen des Herrn Jesus hatte den Zweck, dein, der an den Sohn glaubt, Gott und den Vater zu offenbaren; die Ausgießung des Heiligen Geistes fand erst statt, nachdem der Herr gestorben, auferstanden und aufgefahren war (um Seinen Geist vom Himmel herabzusenden). Etwas derartiges hatte es selbst für bekehrte Menschen noch nie gegeben, nicht einmal die falschen Religionen nehmen es im allgemeinen für sich in Anspruch. Denken wir an den Koran Mohammeds mit seinen hochtrabenden Versen und Vorstellungen, die Lust und Leiden­schaften wecken; er enthält keine Offenbarungen Gottes, wohl aber die Offenbarung einer Fülle von Lügen. Ebenso verhält es sich mit den uralten »Veden«, wie die Hindus ihre heiligen Schriften nennen. Noch schlimmer ist es bei den Buddhisten: Sie sind Atheisten, obwohl sie mit den Polytheisten liebäugeln. Der Brahmanismus ist polytheistisch, doch der Buddhismus ist ein System des Atheismus in seiner pantheistischen Form und kennt daher keinen persönlichen Gott, der sich zu offenbaren vermag.

 

Doch das Wesen des Christentums besteht darin, daß Gott sich in Seinem Sohn geoffenbart hat, und zwar als Mensch, der, erfüllt von heiliger Liebe, auf Erden wandelte und doch weit über all der Sünde und der Lüge stand, die Ihn umgab. Denn es sollte nicht nur eine Offenbarung im Worte sein, sondern in Tat und Wahrheit. Alle Seine Handlungen und Worte offenbarten Gott, den Vater, alle Seine Wunder machten Ihn in einer Weise bekannt, die weit über das hinausging, was es bis dahin gegeben hatte. Es mochten Zeichen geschehen sein und Kräfte gewirkt haben durch Männer wie Mose, Elia, Elisa usw.; aber diese waren von anderer Art. Hier haben wir die einzigartige Person Jesus Christus, den Mittler zwischen Gott und Menschen. Ihn hatten die »Kindlein« ange­nommen, und in Ihm sollten sie bleiben. Nur dann waren sie sicher und empfingen Segen; nur in Ihm waren das Licht und die Liebe Gottes zu finden sowie das Wissen um den Besitz des ewigen Lebens, das Gott dem Glaubenden schenkt. Das alles ist in Ihm zu finden und kann nie von Ihm getrennt werden.

 

Vor kurzem wurde behauptet, daß wir das ewige Leben nicht in uns selbst hätten. Solche Christen sollten sich in acht nehmen, daß sie nicht über das hinausgehen, was die Schrift sagt. Insoweit sie daran festhalten, daß das Leben im Sohne ist, haben sie vollkom­men recht, denn das ist eine kostbare Tatsache. Wir danken Gott, daß es so ist, weil das Leben dadurch sicher, unbefleckt und unverändert erhalten bleibt. In Ihm ist das Leben beständig und vollkommen sichergestellt. In Ihm ist es aber auch jedem Glau­benden als sein neues Leben gegeben worden. Hätten wir es getrennt von Ihm, dann würden wir es schon bald verloren oder  ebenso veruntreut haben, wie auch die anderen von Gott erhalte­nen Vorrechte. Doch es ist gleicherweise wahr, daß wir das Leben haben und daß wir es in Ihm haben, und die letztere Wahrheit erhöht noch den Wert der ersteren. Er ist unser Leben.

 

Gehen wir weiter: » Und nun, Kinder« (es ist die ganze Familie Gottes angesprochen), »bleibet in ihm, auf daß wir, wenn er geoffenbart wird, Freimütigkeit haben und nicht vor ihm beschämt werden bei seiner Ankunft. « Diesen Satz sollten wir aufmerksam lesen, denn er wird oft nicht richtig verstanden. Im allgemeinen denkt man, daß wir oder andere Christen mit denen gemeint sind, die nicht beschämt werden sollen. Aber der Apostel sagt doch ganz deutlich: Bleibt »ihr« in Ihm, damit »wir« nicht beschämt werden! »Wir« sind die Diener des Herrn, und unter »ihr« sind diejenigen zu verstehen, die die Frucht ihrer Arbeit ausmachten. Für die Wahrheit wäre es eine große Herabwürdigung und für den Arbeiter sehr schmerzlich, wenn jemand, der anscheinend die Wahrheit angenommen hatte, sie wieder preisgab. Das änderte jedoch nichts daran, daß der Apostel, wenn er persönlich an ihnen gearbeitet hatte, dennoch ein gesegneter, heiliger und treuer Arbeiter war. Es ist aber an sich sehr beschämend für den Arbeiter des Herrn, wenn diejenigen, die er in die Wahrheit eingeführt zu haben meinte, sich wieder von ihr abwenden. Die Worte des Apostels sind daher ein Appell an ihre Liebe zu ihm.

 

Wir müssen uns daran erinnern, daß die Abkehr von der Wahrheit bereits zu jener Zeit Fortschritte machte. Judas Iskariot war einer der ersten gewesen, aber schon lange vor dem Verrat des Judas zogen sich viele der Jünger des Herrn zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm, als Er davon sprach, daß Seine Fleischwer­dung und Sein Tod die unentbehrliche Speise für den Glauben sei. Auch unter den Obersten der Juden glaubten viele an Ihn, aber wegen der Pharisäer bekannten sie sich nicht zu Ihm, weil sie die Ehre bei den Menschen mehr liebten als die Ehre bei Gott. Geliebte Freunde, hütet euch vor einer solchen Gesinnung! Bekennt Ihn, wenn ihr gläubig seid! Bekennt Ihn, wenn ihr durch den Glauben an Ihn ewiges Leben besitzt! Und bekennt Ihn nicht nur, sondern bleibt in Ihm, wie groß auch die Bedrängnis sei. Der Apostel spricht hier außerordentlich zart: »... daß wir, wenn er geoffenbart wird, . . . nicht vor ihm beschämt werden bei seiner Ankunft. « Würde nicht ihr Mangel an jenem Tage auch für uns eine Beschämung und keine Ehre bedeuten?

 

Dieser Vers enthält aber noch mehr Unterweisungen. In ihn, werden zwei Ausdrücke gebraucht, die nicht genau dasselbe besagen. Der erste ist: »wenn er geoffenbart wird«, der andere: »bei seiner Ankunft«. Der Begriff »Seine Ankunft« bedeutet in ,diesem Zusammenhang nicht nur, wie an vielen anderen Stellen (z. B. Joh. 14, 3; 1. Kor. 11, 26, wo »kommen« [griech. erchomai] steht), lediglich den Vorgang Seines Herniederkommens, sondern auch die Tatsache oder den Zustand Seiner Anwesenheit (griech. parousia), es ist Seine Gegenwart, wenn Er gekommen ist. Neh­men wir als Beispiel die Auferstehung jener Heiligen, die zu Beginn und im späteren Verlauf des Zeitraumes, den die Offenba­rung beschreibt, getötet werden. Diese beiden Klassen von Heili­gen, die auferstehen werden, nachdem der Herr als Richter erschienen ist (Offb. 22, 4), bilden einen Teil derer, die des Christus sind bei Seiner Ankunft. »Seine Ankunft« bedeutet auch an dieser Stelle die Tatsache Seiner Anwesenheit (im Gegensatz zur Abwesenheit), nicht den Vorgang Seines Herniederkommens. Es ist aber doch ein Unterschied zu beachten. Das Wort »Anwe­senheit« oder »Ankunft« im genannten Sinn kann sich auf Sein Kommen sowohl für das irdische als auch für das himmlische Volk beziehen. Die irdische Seite wird z. B. im Jakobusbrief gezeigt, wo es in Kapitel 5, 8 heißt: »Die Ankunft des Herrn ist nahe gekom­men«, oder in den Worten des Herrn: »Also wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein« (Matth. 24). Die Verbindung Seiner Ankunft mit dem »Sohn des Menschen« in den Evangelien nach ,Matthäus, Markus und Lukas weist klar auf Sein Kommen auf diese Erde hin. Das bringt auch Jakobus in seinem Brief zum Ausdruck, wenn er weiter sagt: »Der Richter steht vor der Tür. « Wenn der Herr in dieser Weise vorgestellt wird, steht Seine Ankunft immer mit Seinem Tage oder Seiner Erscheinung in Verbindung. Seine Ankunft oder Anwesenheit auf der Erde wird dann auch zur Folge haben, daß Er hier »geoffenbart« wird.

 

Doch das Wort »Ankunft« schließt auch den Akt Seines Kom­mens in sich, um uns zu Sich in das Vaterhaus einzuführen, ehe Er geoffenbart wird. Mit anderen Worten, wenn der Ausdruck parousia, »Ankunft«, nicht mit einer Sein Offenbarwerden audrückenden Beifügung verbunden ist, dann bedeutet er, daß der Herr durch Seine Ankunft die Seinen nach 1. Thessalonicher 4 und 2. Thessalonicher 2, 1 zu Sich nehmen wird. Ohne nähere Bestimmung wird dieses Wort einfach dazu benutzt, um Seine Anwesenheit in Gnade auszudrücken, und sie ist wirklich mit souveräner Gnade verbunden. Geht es aber um unsere Verantwortlichkeit, dann ist immer von Seiner Erscheinung oder Offenbarung, nicht nur von Seinem Kommen, die Rede. Und das ist der Gegenstand in Vers 28, wo aber beide Begriffe genannt werden; denn Sein Offenbarwerden hat Seine Anwesenheit zur Vorausset­zung, während Seine Ankunft oder Anwesenheit noch nicht Seine Offenbarung bedeuten muß.

 

Es ist noch etwas zu beachten. In dem Satz »wenn er geoffenbart wird« steht nicht das zeitliche, sondern das bedingte »Wenn« (griech. ean: gesetzt den Fall, daß). Da mag für den, der die Heilige Schrift nicht so zu lesen pflegt, wie Gott sie inspiriert hat, befremdend klingen. Doch wir können sicher sein, daß Gott Sich stets so genau wie möglich ausdrückt und auch dafür gesorgt hat, daß Sein Wort für uns verständlich ist. So bezieht sich das »wenn« hier nicht auf den Zeitpunkt, sondern auf die Tatsache der Offenbarung Christi, unabhängig davon, zu welcher Zeit sie stattfindet. Daß sie sich in Zukunft ereignen wird, steht außer Zweifel. Wenn es nun ganz sicher ist, daß Er geoffenbart wird, dann sollten die Heiligen auch in Ihm bleiben und nicht abbewegt werden, damit »wir« (d. h. die Arbeiter im Werk des Herrn) Freimütigkeit haben und nicht vor Ihm beschämt werden bei Seiner Ankunft. Der Apostel drückt aus, was er in seiner Liebe zu denen, die den Namen des Herrn Jesus tragen, empfindet. Es hätte ihn sehr geschmerzt, wenn einer von ihnen von der Wahrheit abgekommen wäre. Doch wie groß auch seine Liebe zu seinen Kindern im Glauben war, er liebte den Namen Christi mehr als die Heiligen, und diese Liebe drängte ihn, danach zu trachten, daß keiner der Anlaß zu seiner Beschämung an jenem gesegneten Tag würde.

 

» Wenn ihr wisset, daß er gerecht ist, so erkennet, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm geboren ist. « Dieses Tun entspringt, wie der Gehorsam, dem neuen Leben. Weil Er gerecht ist, ist jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus Ihm geboren, d. h. die Ausübung der Gerechtigkeit hängt mit dem neuen Leben zusam­men. Wir kommen hier zu der Behandlung der praktischen Gerechtigkeit, die sich auch auf die folgenden Verse erstreckt. Dabei muß auf eine geringfügige Ausnahme hingewiesen werden. Es geht jetzt nicht um die Liebe, auch nicht um den Gehorsam als solchen; beide sind bereits in Kapitel 2 von Vers 3 bis Vers 6 bzw. 7 bis 11 behandelt worden. Im letzten Teil des dritten Kapitels werden wir nach den Ausführungen über die Gerechtigkeit die Liebe wiederfinden. Das ähnelt dem zweiten Kapitel, wo auf den Gehorsam auch die Liebe folgt. Somit besteht durch die Liebe ein wichtiges Bindeglied zwischen Gehorsam und Gerechtigkeit, denn sie ist in Wahrheit das Band der Vollkommenheit, wie wir in Kolosser 3, 14 lesen.

 

Es wäre interessant zu untersuchen, worin der Unterschied zwischen unserem Gehorsam und unserer Gerechtigkeit liegt. Doch ist die Antwort eigentlich nicht völlig klar? Obwohl die Gerechtigkeit stets durch Gehorsam geprägt ist, ist sie doch nicht nur der Ausdruck der Unterwerfung unter die Autorität Gottes, sondern auch der Übereinstimmung mit unserer Beziehung zu Ihm. Darin liegt offensichtlich die Definition ihres eigentlichen Wesens. Selbst wenn wir uns mit Gottes vollkommener Gerechtig­keit beschäftigen, können wir diese Definition anwenden: Sie besteht in der Übereinstimmung mit Seinen Beziehungen. Das gleiche gilt sowohl für die Gerechtigkeit Christi wie für unsere Gerechtigkeit, so groß der Unterschied zwischen beiden auch sein mag. Im ersteren Fall schauen wir die Vollkommenheit der Übereinstimmung Christi mit Seinen Beziehungen; in unserem Fall müssen wir unser Zukurzkommen in der Darstellung unserer Beziehungen als Christen beklagen.

 

Sind das nicht für jeden von uns ernste Erwägungen? Doch die Gnade Gottes in Christus gibt uns nicht die geringste Veranlas­sung, mutlos zu werden; der Hauptzweck dieses Verses ist es ja auch, die Heiligen in Christus zu befestigen. Daher wird auch nichts erwähnt, was Fragen oder Zweifel bei ihnen hervorrufen könnte; denn das ist die Handlungsweise der Verführer ‑ mehr noch als die anderer Ungläubiger ‑, um ihren Irrtümern Eingang zu verschaffen und einfältige Gläubige, die sich der Wahrheit Gottes erfreuen, irrezuleiten. Es ist eines der' Hauptanliegen dieses Briefes, selbst die Jüngsten im Glauben gegen die bösen und gefährlichen Angriffe dieser Leute zu wappnen. Eine ihrer Methoden bestand darin, unerfahrenen Gläubigen Zweifel einzu­flößen, ob sie auch wirklich die ganze Wahrheit besäßen. Die Antichristen behaupteten, es gäbe noch weitaus mehr und höhere Wahrheiten als die bisher bekannten. Dieses »neue Licht«, das sie besäßen, sei die große Errungenschaft, und bei denen, die sie nicht hätten, sei es eine Frage, ob sie überhaupt Christen seien. . Im Gegensatz dazu war es dem Apostel darum zu tun, diesen jungen Gläubigen die Gewißheit zu geben, daß sie mit dem Geiste gesalbt waren und in dem bleiben mußten, was sie von Anfang gehört hatten. So jung sie auch waren, sie hatten die Pflicht, jede anmaßende Berufung auf eine »neue Erleuchtung« mit Hilfe der altbekannten Wahrheit zu verurteilen und zurückzuweisen. Es muß für jeden Heiligen ein Alarmzeichen sein, wenn von »neuem Licht« gesprochen wird. Besonders die Jungen müssen auf der Hut sein, weil sie allzu leichtgläubig sind, wenn ihnen große und hohe Dinge, die andere noch nicht besitzen, vor Augen gestellt werden. Wenn es sich nachher aber herausstellt, daß alles Lüge war, was dann? Wir müssen bei neuen Lehren stets damit rechnen, daß es Lügen des Feindes sind, denn Gott hat uns über Seinen Sohn nichts Neues mitzuteilen. Er hat uns bereits alles kundgetan, und die »Kinder« hatten die Wahrheit, wie sie in Seinem Sohn ist und von Anfang war, angenommen. Er ist die Wahrheit; in Ihm ist sie demnach vollständig vorhanden. Daher ist alles Reden über neue Wahrheiten ein Betrug Satans. Manche von uns haben es erlebt, wie der Geist des Irrtums wirkt, denn in unseren Tagen ist das mehr denn je der Fall. Wir brauchten nicht weit zu gehen, um auf Irrlehren zu stoßen.

 

Im 29. Vers nun legt der Apostel großen Nachdruck darauf, daß die praktische Gerechtigkeit von höchster Bedeutung ist, weil sie sich auf unser Kindschaftsverhältnis gründet. Ist das nicht auch für uns eine wichtige Lektion? Im allgemeinen sind die heutigen Christen in diesem Punkt sehr gleichgültig. Sie schätzen die neuen Beziehungen nicht genügend, in die uns die Gnade versetzt hat. Niemand anders als der Herr Jesus hat uns diese neuen Vorrechte verschafft. Ihm und dem Vater gebührt das höchste Anrecht an diesen Beziehungen, und der Heilige Geist hat in uns Wohnung gemacht als die göttliche Kraft, durch die wir dieses Verhältnis zu Gott verwirklichen können. Wir werden finden, daß dieses den Heiligen Geist betreffende Thema am Ende von Kapitel 3 aufge­nommen und im nächsten Kapitel weiter behandelt wird. Daran erkennen wir den offensichtlich streng systematischen Charakter dieses Briefes. Seine Mitteilungen sind zwar in einfache Worte gekleidet, enthalten aber Gedanken und Empfindungen von großer Tiefe, die der Gnade und Wahrheit Gottes entsprechen.

 

Manche werden sich noch an die Zeit erinnern, als unter uns alles, was »System« heißt, verurteilt wurde. Diese Reaktion wurde durch die starren Neuerungen in den Benennungen ausge­löst, die sich im Gegensatz zu der heiligen Freiheit des Geistes befanden, die nach der Schrift in der Versammlung bestehen muß. Es hat manche Überstürzung bei der Auseinandersetzung mit dein »System« gegeben, weil man meinte, es wäre das einzig richtige, gar kein System anzuerkennen. Wo es dazu kam, waren die Betreffenden jedoch wirklich zu bedauern. Die wahre Frage lautet: Worin besteht Gottes System? Das System der Menschen ist unbedingt falsch. Aber es sei ferne von uns, das System Gottes zu verwerfen, gleichgültig, worin es besteht; denn Er hat stets Sein eigenes System, das der natürliche Mensch niemals begreift. Nur Sein Wort kann es uns entfalten und Sein Geist uns dazu befähi­gen, es in die Tat umzusetzen. Dabei müssen wir empfinden, daß nur Seine Gnade und die machtvolle Wirksamkeit Seines Geistes uns durch die Heilige Schrift die Fähigkeit gab, aus dem Labyrinth alten und modernen Irrtums herauszufinden und außerhalb der menschlichen Traditionen und Irrtümer Seinen Weg zu betreten. Der gottgemäße Weg erscheint denen, die in diese Irrtümer verstrickt sind, hart, ungewiß, eng, pharisäerhaft und vieles andere. Dagegen vermittelt er in Wirklichkeit eine Weite des Herzens, eine Freiheit und Freimütigkeit sowie Demut vor Gott, wenn wir die menschlichen Systeme aufrichtig im Licht des Systems Gottes beurteilen; denn Sein System ist im Wort Gottes geoffenbart. Jedes Buch und jedes Kapitel der Schrift ist wunder­bar systematisch angelegt. Auch dieser Brief des Johannes trägt dieses charakteristische Merkmal, das um so bedeutsamer ist, als es nicht an der Oberfläche erscheint, sondern tief in den Text verflochten ist. Das finden wir durchweg in der Bibel, und stets liegt ihm eine besondere Absicht zugrunde. Hier besteht es darin, in besonders eindringlicher Weise in die Höhen und Tiefen der Wahrheit über das Leben Christi einzuführen, wie dies an anderen Stellen des Neuen Testamentes kaum gefunden wird.

 

»Wenn ihr wisset, daß er gerecht ist, so erkennet, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm geboren ist. « Der praktische Wandel in Gerechtigkeit läßt klar die Quelle des neuen Lebens erkennen. Es mag gefragt werden, wer im ersten Satzteil mit »Er« gemeint ist. Wahrscheinlich würden viele Gläubige an Christus denken und hätten damit auch vollkommen recht. Nicht wenige aber haben diese Frage dahingehend beantwortet, daß Gott hier Derjenige ist, der »gerecht« genannt wird, weil das »Geborensein« aus »Ihm« in diesem Zusammenhang naturgemäß auf Gott hinweist. Diese Begründung hat unbestritten erhebliches Gewicht, da niemand leugnen kann, daß Gott gerecht ist. Doch dabei würde eine sehr auffällige Eigentümlichkeit dieses Briefes Übersehen werden, nämlich, daß man nie mit absoluter Sicherheit sagen kann, ob an einer Stelle Gott oder Christus gemeint ist. Der Grund hierfür ist sehr kostbar, denn Christus ist zugleich Gott. Dabei wird der Vater keineswegs ausgeschlossen, da die göttliche Natur dem Sohn ebenso zu eigen ist wie dem Vater, was kein Gläubiger leugnen wird. Johannes, der sich mehr als die anderen Apostel mit dem Wesen Gottes beschäftigte und seine Wonne darin fand, bewegt sich fortwährend ‑ in Ehrfurcht gesagt ‑ auf dem anbetungswürdigen Kreis, der von Christus zu Gott, von Gott zu Christus und wieder zurück zu Gott führt, wenn er in diesem Brief von »Er« und »Ihm« spricht. Das zeigt sich schon im ersten Teil des zweiten Kapitels. Hier, am Ende des Kapitels; sehen wir das gleiche, und dies setzt sich fort am Anfang des dritten Kapitels bis zum Ende des Briefes, wo der Apostel im Blick auf Christus ohne Bedenken sagt: »Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. « Einem nicht erweckten Gelehrten würde dies beim Lesen ziemlich verworren vorkommen. Diejenigen jedoch, die wissen, daß Christus der Sohn Gottes und mit dem Vater zugleich Gott ist, erblicken darin eine Schönheit der Wahrheit. Aus diesem Grunde weist der Herr in Johannes 5, 23 auf das Tun des Vaters hin und fügt hinzu: »Auf daß alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. « Weil Gottheit beide Personen kennzeichnet, kann unmöglich in absoluter Weise festgelegt wer­den, ob der Vater oder der Sohn gemeint ist, und da beide Personen der Gottheit in Liebe tätig sind, wechselt der Apostel absichtlich und gleichsam unmerklich von dem Einen zum Ande­ren. »Wenn ihr wisset, daß er gerecht ist, so erkennet, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm geboren ist«. Würden wir zu Beginn des Satzes meinen, »Er« gelte für Christus, so könnten wir ebenso berechtigt sagen, daß am Ende mit »Ihm« Gott gemeint ist.

 

Der inspirierte Schreiber muß für einen derart ungewöhnlichen Schreibstil einen göttlichen Beweggrund gehabt haben. Da diese Unbestimmtheit in der Bezeichnung der Gottheit nicht nur gele­gentlich auftaucht, sondern sich durch den ganzen Brief hinzieht, läßt sie eine besondere Absicht erkennen. Auch zeigt der Schrei­ber keinerlei Bedenken in ihrer Anwendung. Wir wissen, daß jeder sorgfältige Schriftsteller peinlichst darauf bedacht ist, bei alltäglichen Themen etwas derartiges zu vermeiden. Ein Literat oder Gelehrter ist stolz auf die Einhaltung bestimmter Regeln, die seinen Stil so durchsichtig machen, daß selbst ein Laie die zweimalige Erwähnung eines »Er« in einem Satz auseinanderhal­ten kann. Sicher war der Apostel von jedem eitlen Bemühen weit entfernt, durch Worte mit einem dunklem Sinn den Eindruck ZU erwecken, besonders tiefsinnig zu schreiben. Es kann nicht bezweifelt werden, daß der Grund für seine Schreibweise in dem Geheimnis der Gottheit lag, deren der Vater und der Sohn gleichermaßen teilhaftig sind. Wo ist der Weise, wo der Schriftgelehrte, wo der Schulstreiter dieses Zeitlaufs, wenn es um eine solche Wahrheit geht? Gerade weil der eingeborene Sohn Selbst Gott ist, wollte Johannes Ihn nicht auf einen Boden mit dem Menschen stellen. Obgleich Er in unendlicher Gnade Mensch wurde, wollte Johannes keine begrenzte, menschlich faßliche Darstellung von Ihm geben. Durch diese Verschmelzung und die wechselnde Bedeutung der Personalpronomen läßt er uns sehen, daß er Gott und Christus so vereinigt vor uns stellen möchte, daß sie durch den sprachlichen Ausdruck des Menschen nicht zu trennen sind ‑ Wie kann er in Vers 29 eine solche Aussage machen: »... so erkennet, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm geboten ist«.2 Weil die Heiligen aus Gott geboren sind und das Leben Christi besitzen. Diese Wahrheit liegt auch dem gesamten Brief zugrunde. Aus der Tatsache, daß Christus uns Sein Leben gegeben hat, ergibt sich, daß »Christus unser Leben« ist. Ein markantes Kennzeichen des Lebens Christi ist Seine makellos vollkommene Gerechtigkeit, die Er in Seinem ganzen Wandel offenbarte. Und es ist Sein Leben, das nun auch unser Leben geworden ist; es ist das einzige Leben, dessen wir uns rühmen können. Es ist göttliches Leben, weil es in unendlicher Gnade von Gott kommt, der uns das beste, höchste, wertvollste und vollkom­menste Leben schenkte, das es je gegeben hat. Es war von Ewigkeit her im Sohne, der es uns jetzt mitgeteilt hat. Durch die Ausübung der Gerechtigkeit (entsprechend der Tatsache, daß Er gerecht ist) sollen wir bezeugen, daß unsere Lebensquelle in Ihm ist.

 

Wie traurig, daß es Christen gibt, die diese Tatsache bezweifeln! Das bedeutet tatsächlich, das Christentum anzuzweifeln, da es sich durch das praktische Verhalten, wie zuvor erläutert, als solches erweist. Es ist nutzlos, für derartige Zweifel Entschuldi­gungen vorbringen zu wollen. Der Irrtum ist zu deutlich und zu fundamental, als daß er durch eine mangelhafte Ausdrucksweise im Bibeltext oder durch die Auffassung, es handle sich hier um eine andere, falsch verstandene Seite der Wahrheit, erklärt wer­den könnte. Dieser Irrtum ist so schwerwiegend und gefährlich, daß er zu verwerfen ist und man versuchen muß, jeden, der in diese verderbliche Falle geraten ist, daraus zu befreien. Hier wird klar gezeigt, daß ein gerechter Wandel aus der moralischen Gemeinschaft mit Christus herrührt. Alle, die in Gerechtigkeit handeln, können somit als aus Gott geboren gelten, da Er gerecht Ist. Jeder muß erkennen, daß in diesem Vers nicht von Rechtferti­gung die Rede ist, sondern von praktischer Gerechtigkeit. Daß wir kraft des Kreuzes Christi, an dem Gott Ihn für uns zur Sünde machte, durch Glauben Gottes Gerechtigkeit in Christus werden, ist absolut wahr, doch das ist unsere Stellung durch die Gnade! Unser Text spricht von dem Wandel, der auf diese Rechtfertigung folgt. Der Apostel betont die äußerst wichtige Tatsache, daß praktische Gerechtigkeit Einssein mit Christus bedeutet und unlösbar damit verbunden ist, aus Gott geboren zu sein.

 

Die Tatsache und das Wesen der neuen Beziehungen zu Gott wird hier vor uns gestellt. Wir sind aus Gott geboren, sind Seine Kinder. Kann man sich etwa die geringste Ungerechtigkeit in Gott oder in Christus vorstellen? Wir können daher die Feststellung, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus Gott geboren ist, auch umkehren und sagen, daß jeder, der aus Gott geboren ist, auch die Gerechtigkeit tut. Es ist also eine Frage des Tuns, nicht nur der Zunge oder des Bekennens. Unsere Stellung kommt hier nicht in Betracht, sondern das, was die Gnade durch die neue Natur in unserem Wandel hervorbringt, der dadurch auf die Quelle dieses neuen Lebens hinweist. Was könnte stärker auf das Gewissen einwirken als ein von Gott geschenktes neues Leben? Wenn diese Worte auch niedergeschrieben wurden, um den Glauben zu stärken, so sollten sie gewiß auch kräftig auf das Gewissen einwirken; denn Gerechtigkeit bedeutet, in Übereinstimmung mit einer Beziehung zu sein, die kein Liebäugeln mit der Sünde gestattet.

 

Nun zeigt gerade der nächste Vers (Kap. 3, 1), daß wir die Gnade in ihrer ganzen Fülle nötig haben. Je klarer und ungehin­derter das Gewissen tätig sein soll, um so mehr haben wir den Frieden nötig, den die vollkommene Gnade uns verleiht. Dieser Gedanke wird hier scheinbar ganz unvermittelt zur Sprache gebracht, und zwar um unsere neue Kindesbeziehung, die durch die Liebe des Vaters geprägt ist, hervorzuheben. Diese neue Beziehung ist hier nicht nur als die erforderliche Grundlage unseres Wandels hervorgehoben; sie wird uns auch als Grund unserer Freude an der alles Denken übersteigenden Liebe des Vaters und ihren herrlichen Resultaten gezeigt. Wenn es daher auch wie ein plötzlicher Gedankensprung erscheint, den wir in den Schriften des Johannes hin und wieder finden, so erkennen Wir darin doch nur göttliche Weisheit, die uns genau das mitteilt, was wir tagtäglich benötigen. »Sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat!« Nicht nur der Umfang, sondern auch die Art dieser Liebe ist so wunderbar. Sie zeigt sich darin, daß der Vater uns diese grenzenlose Liebe gegeben hat, »daß wir Kinder Gottes heißen sollen«. »Kinder« ist hier der korrekte Ausdruck, nicht »Söhne«. Johannes wendet das Wort »Sohn« normalerweise nur auf Christus an, weil er eifersüchtig auf die Ehre des Sohnes bedacht ist. Sodann leitet ihn aber auch die ihm von Gott übertragene Sorge um die geoffenbarte Wahrheit, weniger von unserer Sohnschaft zu sprechen als davon, daß wir Kinder Gottes sind. Übrigens drückt die Kindesbeziehung in der Familie viel größere Innigkeit aus als die Sohnesstellung. Wir besitzen die Sohnschaft, aber als Kinder verbindet uns das innigste Familien­band mit dem Vater. Beide Vorrechte besitzen wir durch Seinen Sohn. So wunderbar ist also die Liebe, die uns gegeben wurde, daß wir Kinder Gottes heißen sollen.

 

»Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. « Welche Ehre bedeutet es für uns, mit Christus das gleiche Los zu teilen, von der Welt nicht erkannt zu werden! Unsere Stellung und neue Natur in Christus sowie unsere enge Beziehung zu Gott sind für die Welt unverständlich.

 

Vielleicht ist es nützlich, zu erwähnen, daß einige der ältesten bekannten Manuskripte hinter dem Satz »... daß wir Kinder Gottes heißen sollen« übereinstimmend den Zusatz haben: »und wir sind es!« Dieser kurze Satz erscheint nicht in der englischen »Authorized Version« (ebensowenig in einigen deutschen Über­setzungen). Ich bin jedoch nicht in der Lage, mich mit Bestimmt­heit über diesen speziellen Punkt zu äußern. Ich möchte lediglich noch bemerken, daß diese alten Manuskripte manchmal gemein­sam etwas enthalten, was mit Sicherheit falsch ist. In diesem Satz liegt jedoch eine Besonderheit: »... daß wir Kinder Gottes heißen sollen. Und wir sind es!« Diese letzte Feststellung ist zweifellos wahr und wird ja auch zu Beginn des zweiten Verses mit besonderer Betonung zum Ausdruck gebracht. Manchmal sind zwar die Lesarten der alten Manuskripte dort, wo sie von anderen Handschriften abweichen, offensichtlich falsch; dieser Zusatz ist Zumindest wahr. Es fragt sich nur, ob er etwa von dem folgenden Vers übernommen und hier eingefügt worden ist, und somit a s menschliche Ergänzung betrachtet werden muß. (Aufgrund wei­terer Handschriftenfunde wird heute allgemein angenommen, daß »und wir sind es« zum ursprünglichen Text gehört. Anm. d. Herausgebers.)

 

Der vorliegende Gegenstand ist von so großer Bedeutung, daß noch eine weitere Bemerkung berechtigt ist. Die lateinische Vulgata, die, obwohl nur eine Übersetzung, von der römisch-katholischen Kirche als maßgebende Heilige Schrift anerkannt Wird, irrt an dieser Stelle. Sie gibt diesen Satz zwar wie die alten griechischen Unzialschriften wieder, wird aber dort fehlerhaft, wo diese in Übereinstimmung mit der Wahrheit sind. Die Vulgat4' schreibt in diesem Fall ‑ durch natürliche Gedankengänge geleitet«

»... daß wir Söhne Gottes heißen sollen und sollten es auch sein.« Ihr lateinischer Text heißt also nicht »wir sind«, sondern »wir sollten sein« oder »wir mögen sein«. Das entspricht nicht der Wahrheit. Damit wird geleugnet, daß wir jetzt schon Kinder Gottes sind, und versucht, dies als eine zukünftige Sache hinzustellen, vielleicht mit dem Gedanken, daß es von unserem guten Wandel abhänge. Solche Überlegungen sind unvereinbar mit den nachfolgenden Worten des Apostels und können, weil unwahr, nicht aufrecht erhalten werden. Jedoch der Zusatz: »Und wir sind es!« ist ohne Frage in sich wahr. Ob er Bestandteil des inspirierten Textes ist, bleibt offen. Die gleiche Feststellung steht aber Anfang des folgenden Verses.

 

»Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. « Damit erhalten :c Gläubigen eine wichtige Zusicherung, die sie kennen müssen. Diese Mitteilung geht über den vorhin erwähnten fraglichen Satz hinaus, denn das »jetzt« ist höchst bedeutsam. Wir sind nicht nur Kinder Gottes, wir sind es »jetzt« schon. Dieses Wort ist ebenso unserer Beachtung wert wie der unmittelbar vorangegangene Satz: »Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. « In welch bemerkenswerter Weise wird hierdurch unser Einssein mit dem Herrn zum Ausdruck gebracht! Die Welt hat weder Christus noch die Seinen verstanden. Niemals kann der Mensch Ihn wirklich begreifen, obwohl er es vielleicht behauptet. Nur der Vater erkennt Ihn vollkommen. Doch die Welt hat aus Seinem Munde und durch Sein Leben genügend erfahren, um Ihn zu hassen. Aus diesem Grunde blieb Er ihr als eine Person, der Ehrfurcht, Ehre und Liebe gebührt, unbekannt. Er ist für die Welt ein Niemand, mit dem man nichts anfangen kann, und ebenso betrachtet sie auch die wahren Gläubigen. Durch die Gnade sind wir in die gleiche Beziehung eingeführt, in der Er zum Vater steht, und folglich teilen wir auch Sein Los, in dieser Welt nichts zu sein. So wie Er in dieser Welt ein Unbekannter war, sind auch wir es. Sollten wir das nicht als eine hohe Ehre betrachten?

 

Bekanntlich trachtet man in der Welt mit größter Anstrengung nach Macht und Ruhm, Behaglichkeit und Vergnügen. Bemühen sich nicht die meisten Menschen darum, Reichtum und etwas von der Ehre in dieser Welt zu erlangen? Geht man zu weit mit der Behauptung, daß dies auch das Trachten vieler Christen ist? Christus war niemals damit beschäftigt. Nicht nur trachtete 132 nicht nach der Welt, Er lehnte sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit ab. Er war hienieden stets der treue Diener und konnte sagen: »Gleichwie der lebendige Vater mich gesandt hat, und ich lebe des Vaters wegen, so auch, wer mich ißt« (d. h. als Speise für den Glauben), »der wird auch leben meinetwegen« (Joh. 6, 57, vgl. Fußnote dazu in der Elberfelder Übers.). Daraus folgt, daß die Liebe des Vaters der Weltliebe direkt entgegengesetzt ist. Wo die Liebe des Vaters nicht ist, ist die Liebe der Welt oder zur Welt; wo umgekehrt die Liebe des Vaters wohnt, hat die Weltliebe keinen Platz . Die Welt verachtete Ihn, und ebenso behandelt sje auch alle, die treu im Glauben vorangehen, wie es sich für Kinder Gottes geziemt. Könnte sich die Gesinnung der Welt klarer und deutlicher dokumentieren als in dieser völligen Gering­schätzung? Die Welt ist so völlig von sich überzeugt, daß sie meint, ohne Gott und die Seinen auskommen zu können. Die Kinder Gottes sind für sie tatsächlich nichts weiter als lästige Stören­friede.

, »Geliebte« sagt der Apostel wieder zu den Kindern ‑ ein sehr bezeichnendes Wort, wie wir schon früher sahen. Er behandelt hier die hohe Stellung, die wir gegenwärtig schon besitzen, sowie die Hoffnung auf die Herrlichkeit, die uns bevorsteht; beide aber haben wir nur durch die Liebe des Vaters empfangen. » Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, daß, wenn es offenbar werden wird, wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. « Hier finden wir wieder das Wort »wenn«, und wieder ist es nicht in zeitlicher Hinsicht zu verstehen, sondern an einen Umstand geknüpft (griech. ean, im Fall daß o. ä.). Wenn man z. B. in diesem Satz »Wenn er offenbar werden wird« das »wenn« als Zeitangabe versteht, könnte man zu der falschen Schlußfolgerung kommen, daß mit Seinem Offenbarwerden auch der Zeitpunkt gemeint ist, an dem wir Ihm gleichgestaltet werden. Diese Auffassung hat sicher viele verwirrt, aber wir wissen aus 1. Korinther 15, 51 und 52; 1. Thessalonicher 4, 16 und 17 sowie 2. Thessalonicher 2, 1, daß unsere Umgestaltung in dem Augen­blick stattfinden wird, wenn Er für uns kommt. Dann ist unser Leib Seinem Leibe gleichförmig, und wir werden sein, wie Er ist. Und wenn wir Ihm bei Seinem Kommen für uns bereits gleichge­staltet werden, dann ist es gewiß, daß das auch unser Zustand bei Seiner Erscheinung oder Seinem Offenbarwerden sein wird. Die ganze Welt wird uns mit Ihm so sehen und erkennen, daß wir Ihm gleich sind und mit Ihm dieselbe Herrlichkeit besitzen (vgl. Joh. 17, 22 und 23 und Kol. 3, 4). Unsere Verwandlung wird also nicht zu diesem Zeitpunkt geschehen, sondern sie wird schon vorher stattgefunden haben, und darum ist es wichtig, das Wort »wenn>> hier richtig zu verstehen. Ich sage das nicht, um etwas zu behaupten, was durch einen Beweis aus der Schrift erhärtet werden müßte, sondern einfach deswegen, weil das grammatisch die Bedeutung dieses Partikels ist: Wenn (oder unter der Voraussetzung, daß) Er geoffenbart werden wird (was ganz gewiß der Fall sein wird), werden wir Ihm gleich sein. Aus den angeführten Stellen wissen wir, daß wir Ihm gleich sein werden, ehe Er uns in den Himmel einführt und in das Vaterhaus bringt. Und wenn wir mit Ihm aus dem Himmel kommen und der Welt offenbar werden, werden wir Ihm noch immer gleich sein, nicht erst gleichgestaltet werden. Denn das geschah, als wir Ihn für uns kommen sahen. Das muß beachtet werden, sonst könnte das »wenn« in diesem Falle zu Trugschlüssen führen.

 

Was sind das doch für Vorrechte, geliebte Brüder! Wenn wir dann an unsere so mangelhafte Treue und Hingabe denken, was sollen wir dann sagen? Doch der Wunsch unserer Herzen ist, auf Seine Stimme zu hören und Ihm zu folgen. Blicken wir im Glauben auf Christus und sind mit Ihm beschäftigt, so werden wir durch den Heiligen Geist mehr und mehr in Sein Bild verwandelt. Auf Erden werden wir Ihm jedoch nie gleich werden. Wir dürfen Ihm nacheifern, der für uns litt und uns ein Beispiel hinterlassen hat, damit wir Seinen Fußspuren folgen. Wir werden auch aufgefor­dert, es dem Apostel Paulus gleichzutun, der ein treuer Nach­ahmer Christi war. Doch niemals wird gesagt, daß wir Ihm schon jetzt gleich sein werden; das wird erst geschehen, wenn wir verwandelt und aufgenommen worden sind, nicht eher. Es wäre eine große Vermessenheit zu behaupten, daß jemand Ihm schon jetzt gleich sei. Jetzt besitzen wir alles nur stückweise. Wenn daß Vollkommene für uns gekommen sein wird, dann werden wir Seine Herrlichkeit teilen, in keinem Stück werden wir Ihm dann ungleich sein. Wie eindrücklich und umfassend wird die gewaltige Verwandlung, die den Gläubigen bei dem Kommen des Herrn bevorsteht, in unserem Vers zum Ausdruck gebracht! Wenn Er geoffenbart wird, dann werden wir es auch, und zwar mit der' selben Herrlichkeit, und alle Welt wird uns dann sehen. Verwandelt werden wir bereits, wenn wir Ihn erblicken, denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist, und das geschieht nicht an dem Tage Seiner Erscheinung vor der Welt, sondern bei der ersten Phase Seiner« »Ankunft«, wenn Er kommt, um die Seinen zu Sich zu nehmen Dann werden wir Ihn sehen, wie Er ist, und auch Ihm gleich sein.

 

Bei Seinem und unserem Offenbarwerden wird Ihn jedes Auge sehen. Die Hoffnung, die uns hier vorgestellt wird, übt eine gegenwärtige geistliche Wirkung aus, deren Bedeutung für den Gläubigen nicht stark genug betont werden kann. » Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist. « Hier ist nicht die Hoffnung auf den Menschen gemeint, sondern die Hoffnung, die auf (epi) Christus gegründet ist. Die genaue Bedeutung dieses Wortes ist »auf« Ihn, nicht zu Ihm. Es ist eine Hoffnung, die auf Ihn gerichtet ist und auf Ihm ruht. Dadurch »reinigt sich der Gläubige selbst«. Aus dieser Feststellung ergibt sich von selbst, daß wir Ihm noch nicht gleich sind. Christus mußte Sich niemals reinigen. Er heiligte sich Selbst, d. h., Er sonderte sich ab, und kehrte zum Himmel zurück, um für uns, die wir auf der Erde sind, das große Vorbild zu sein, damit auch wir für den Vater abgesondert seien durch Wahrheit (vgl. Joh. 17, 19). Wir jedoch müssen uns noch ständig reinigen, weil wir außer dem Leben Christi auch die alte Natur in uns haben. Ihre Regungen müssen wir im Tode halten, damit sie nicht zum Vorschein kommen und uns zum Sündigen verleiten. Deshalb müssen wir uns von jeder Beschmutzung reinigen, die durch Unachtsamkeit und Nachlässigkeit im Gebet entsteht, und uns immer wieder nach der Norm ausrichten, die in Christus ist, da es heißt: »gleichwie er rein ist«. Er war stets absolut rein. Diese Aussage könnte nun wiederum auf Gott angewandt werden, denn Gott ist Licht und rein in Sich Selbst, was kein Gläubiger bezweifeln wird. Hier jedoch ist gemeint, daß Christus rein ist, und das ist um so beachtlicher, wiewohl völlig gewiß, als Er auch wahrhaftiger Mensch war. Obwohl Er von einer Frau geboren wurde, ist Er rein im absoluten Sinne. Allen, die diese Aussage nicht auf Christus anwenden, geht sehr viel verloren. Sie schmälern die Ehre, die Ihm zukommt, wenn sie leugnen, daß diese Stelle von Ihm spricht. Manche gelehrte und auch fromme Menschen haben das getan.

 

Damit kommen wir zu dem Gegenstand, der das genaue Gegenteil von Reinheit ausmacht, und zwar zu der Auseinander­setzung mit der Frage, was Sünde wirklich ist. »Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit« (Kap. 3, 4). Ich kenne kaum einen Vers im Neuen Testament, der, wenn ich so sagen darf, mehr entstellt worden ist oder so weitverbreitetes Mißverständnis hervorgerufen hat.

 

(Der Text der englischen »Authorized Version« lautet sinnge­mäß: »Wer Sünde begeht, übertritt auch das Gesetz, denn Sünde ist Gesetzesübertretung.« Die nachstehenden Ausführungen haben diese falsche Übersetzung zum Anlaß, Anm. d. Üb.). Wie Schade, daß die im allgemeinen ausgezeichnete »Authorized Version« hier in so deutlicher und schmerzlicher Weise von den offenbarten Gedanken Gottes und der einzig legitimen Bedeutung Seines Wortes abweicht!

 

Der Grund für die Entstehung dieses Irrtums und für seine allgemeine Anerkennung liegt in dem judaisierenden Einfluß, der seit langem in der Christenheit vorherrscht. Betrachten nicht die vielen verschiedenen Benennungen das Gesetz Moses als die Richtschnur für das Leben des Christen? Wie abwegig, da doch allein Christus und Sein Wort die Richtschnur für jede Einzelheit im Leben des Gläubigen ist! Steht nicht die Stelle Johannes 1, Vers 17 »die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden« im Gegensatz zum Gesetz? Das Gesetz ist im Gegensatz zur Gnade der Dienst des Todes und der Verdammnis (2. Kor. 3, 7‑9) und somit das Todesurteil für den Sünder. Als solches hat es sich auch dem Israeliten gegenüber erwiesen. Das gilt nicht nur für das Zeremonialgesetz, sondern auch ausdrücklich für die in Stein eingegrabenen Zehn Gebote, wie der Apostel Paulus uns belehrt.

 

Was jedoch die Übersetzung aus dem griechischen Grundtext betrifft, so gibt es in diesem Vers nicht den geringsten Hinweis auf »Gesetzesübertretung«. Trotzdem wird wohl kaum ein Katechis­mus zu finden sein ‑ ganz gleich, welcher Herkunft ‑, in dem nicht die Verfasser, durch diese falsche Übersetzung irregeführt, die Sünde als »Gesetzesübertretung« definiert haben. Diese Defini­tion ist aber absolut falsch und entspricht durchaus nicht dem ' was der Apostel schreibt. Gesetzlosigkeit geht erheblich tiefer und ist tückischer und weitreichender als die Verstöße gegen das Gesetz. Sie äußert sich nicht nur in bösen Handlungen, sondern bekundet sich in der Wirksamkeit einer böswilligen Natur. Daher ist die Gesetzlosigkeit besonders bei solchen Menschen zu finden, die unter Umständen noch nie etwas vom Gesetz gehört haben und hemmungslos ihrem eigenen Willen leben. Wie kann man in bezug auf Menschen von Gesetzesübertretung sprechen, die von der Existenz des Gesetzes überhaupt nichts wissen? Ihr böses Tun kann man schwerlich »Übertretung« nennen, denn das bedeutet Zuwiderhandlung gegen ein bekanntes Gesetz. Der Ausdruck »Übertretung des Gesetzes« erklärt sich doch selbst ganz deutlich und unterscheidet sich klar von »Gesetzlosigkeit«. Der letztere Begriff ist die einzig richtige Übersetzung an dieser Stelle, wäh­rend der andere Ausdruck nur irreführt.

 

Wir können sicher annehmen, daß fast jeder aufmerksame Christ schon von der wahren Bedeutung dieses Verses gehört hat, denn seit über hundert Jahren haben viele Diener Gottes mit Nachdruck daran festgehalten und sie verkündet.

 

Sünde bedeutet mehr als fleischliche und weltliche Lüste, vor denen in Kapitel 2, 16 gewarnt wird. Der Urteilsspruch Gottes über die Sünde wird hier reziprok (wechselseitig) dargestellt: »Die Sünde ist die Gesetzlosigkeit«, und »die Gesetzlosigkeit ist die Sünde. « In ihr bezeugt sich der Eigenwille, der entweder Gottes Willen nicht kennt oder nicht beachten will. Vers 4 sagt unmißver­ständlich aus, daß jeder, der Sünde tut oder ausübt, auch die Gesetzlosigkeit tut. Es ist darunter nicht zu verstehen, daß man in eine Sünde fällt, sondern daß man Sünde »praktiziert«, d. h. das, was der Sünder ständig tut, worin er lebt. Solange ein Mensch ein Sünder ist, kann er nichts als Sünde tun. Als Sünder kann er es nicht unterlassen, zu sündigen, weil die Sünde sein natürlicher Zustand und er ein gefallenes Geschöpf ist. Er tut nicht die Gerechtigkeit, er ist von der Heiligkeit denkbar weit entfernt; das Sündigen kennzeichnet sein ganzes Leben. »Jeder«, sagt Johannes hier; dabei macht es nichts aus, ob der Betreffende ein Jude oder ein Heide ist. »Jeder, der die Sünde tut, tut die Gesetzlosigkeit. « Der Jude vermehrte seine Schuld dadurch, daß er das Gesetz übertrat. Der Heide dagegen tat die Gesetzlosigkeit und wurde dadurch zum Sünder, wenngleich er vom Gesetz nichts wußte und daher auch nicht ein Gesetzesübertreter genannt werden konnte. Die Schrift bezeichnet ihn auch nicht so, sondern nennt ihn »Sünder aus den Nationen«. Die angeblichen und die wirklichen Gesetzesübertreter (die Juden) waren beide schuldig; sie taten ihren eigenen Willen, und darin besteht die Gesetzlosigkeit. Sie bedeutet, Gott völlig außer acht zu lassen und nach eigenem Willen zu handeln, weil es einem so gefällt. Der Mensch wagt es, sich So gegen Gott aufzulehnen! Doch Gott läßt sich nicht spotten; Er wird ihn ins Gericht bringen. Wenn der Mensch auch jetzt noch seine Ohren verstopft, so wird er doch an jenem Tage mit unausprechlichem Entsetzen vor Gott stehen müssen.

 

»Gesetzlosigkeit« ist also nach Gottes Gedanken der Sinn des Wortes hier, das eine viel größere Tragweite als der fälschlich so Übersetzte Begriff »Gesetzesübertretung« hat. Beide Ausdrücke unterscheiden sich wesentlich voneinander und werden auch verschieden angewandt. Das Wort Gesetzesübertretung kommt IM Neuen Testament auch z. B. in Römer 2, 23 vor. »Übertretung<~,< ohne das Bestimmungswort »Gesetz« hat in den Stellen Römer 4, 15; Galater 3, 19; Hebräer 2, 2 und Hebräer 9, 15 dieselbe Bedeutung. Aber in unserem Vers ist im deutliche Gegensatz dazu von »Gesetzlosigkeit« die Rede. Das wird am Ende des Verses besonders klar, denn es schließt jeden sündige Menschen und sein ganzes Leben in sich. Ein solcher Mensch leb ein Leben der Gesetzlosigkeit, und das steht im absoluten Gegensatz zu Christus, der aus diesem Grunde in Vers 5 (ohne Nennung Seines Namens) eingeführt wird. » Und ihr wisset, daß er« (betont) »geoffenbart worden ist, auf daß er unsere Sünden wegnehme. Hier ist nicht von »tragen« (wie in 1. Petrus 2, 24), sondern von »wegnehmen« die Rede, wiewohl Er beides durch eine Handlung, vollbrachte. Es kann keinen Zweifel darüber geben, wer »Er» ist der so litt. Es war nicht Gott, der Vater, sondern ausschließlich der Sohn, der Herr Jesus. Auf dem Kreuz trug Er allein unsere Sünden und nahm sie für immer hinweg. Dieses Erlösungswerk erstreckte sich nicht über eine längere Zeit Seines Lebens, E wurde innerhalb weniger Stunden vollbracht und hat doch Auswirkungen für die ganze Ewigkeit. » Und Sünde ist nicht in ihm. « Das spricht von Seiner heiligen Person, wie sie während Seines ganzen Lebens, von Seiner Geburt an bis zu Seinem Tode, von Seiner Auferstehung bis zu Seiner Aufnahme in Herrlichkeit gekennzeichnet war.

 

Wenn man nur die Seite Seiner ewigen göttlichen Existenz als Sohn betrachtet, kann es bezüglich Seiner Sündlosigkeit gar keine Unklarheit geben. Aber weil Er von der Jungfrau Maria geboren wurde, hat man trotz des Wunders Seiner Menschwerdung (vgl. Luk. 1, 35) gewagt, diesbezügliche Zweifel aufkommen zu lassen. Doch »in Ihm ist keine Sünde« ‑ sie war nie in Ihm und kann auch niemals in Ihm sein. Christus war auf Erden das absolute Gegen­teil von dem, was den Sünder kennzeichnet. Der Sünder hat nichts als Sünde. Selbst in seinen Zuneigungen hat er nicht Gott im Sinn, sondern nur sich selbst. Sie entsprechen nicht der Liebe, die in Gott und in Christus war, die in die Herzen der Kinder Gottes ausgegossen ist und durch sie wirkt. Jene Gefühle der Zuneigung hat der Mensch sogar mit Hunden und Katzen gemein, denn es gibt unter diesen sehr anschmiegsame Tiere, nicht alle sind bissig. Die unsterbliche Seele des Menschen verleiht seinen Herzens­regungen zwar einen höheren Charakter, doch der Mensch ist ein Sünder, die unvernünftige Kreatur ist es nicht! Und weil er eine unsterbliche Seele hat, wird er ins Gericht kommen. Tiere werden nicht gerichtet werden, sondern nur der Mensch als einziges Geschöpf auf der Erde. Wir sprechen jetzt nicht von Engeln9' die gefallenen unter ihnen werden ebenfalls das Gericht erleiden.

 

Doch von den Geschöpfen auf der Erde ist der Mensch das einzige, das so beschaffen ist, daß es zur Rechenschaft gezogen ,werden kann; er ist Gott direkt verantwortlich.

 

Hier wird uns Christus in wahrer und einzigartiger Weise vor Augen gestellt. Er hatte nicht nur keine Sünde in Sich, Er kam auch, um unsere Sünden wegzunehmen, wie hoch der Preis auch sein sollte. Gibt es etwas, das wir Ihm nicht verdanken? Und wie sieht nun die Praxis aus, die den Beziehungen der Gnade, in die wir schon jetzt gebracht sind, entspricht? Antwort: »Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht. « Wenn nun jemand nicht in Ihm bleibt, kann es uns dann wundern, daß er sündigt? Wenn er nicht in Christus bleibt, wandelt er nicht als Christ. Dagegen sündigt kein Gläubiger, der seine Wonne an dem Sohn Gottes hat, sein ganzes Vertrauen auf Ihn setzt und in bewußter Abhängigkeit von Ihm bleibt. Was sonst könnte uns mit Sicherheit davor bewahren zu sündigen? »Jeder, der sündigt, hat Ihn nicht gesehen noch erkannt. « Hier spricht Johannes in grundsätzlicher Weise. Er hat einzig und allein das Wesen und den Charakter der neuen Natur des Gläubigen vor Augen. Die andere, alte Natur des Menschen dient diesem nur zur Schande und bringt ihn in Trübsal. Jede Neigung, sie gewähren zu lassen, wird von dem Apostel scho­nungslos verurteilt, ob es ihn selbst oder andere Gläubige betrifft. Doch die neue Natur trägt die Merkmale Christi an sich und sündigt nicht, sie kann es auch nicht.

 

»Jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen noch ihn erkannt. « Das Sündigen läßt sich unmöglich mit der aufrichtigen Liebe zu Christus in Einklang bringen. Sünde kennzeichnet den Zustand, in dem sich der Mensch von Natur aus befindet; er kann nicht anders als sündigen. Doch als Sünder hat er Christus weder gesehen noch erkannt. Hätte er Ihn wirklich als Sohn Gottes angenommen, dann würde er Ihm geglaubt haben. Wenn er Ihn als solchen erkannt hätte, wäre ihm das Leben in Christus geschenkt worden, und er hätte fortan die Sünde gehaßt. Wer im Besitz dieses neuen und heiligen Lebens ist, der blickt auf Christus und bleibt in Abhängigkeit von Ihm, um vor dem Bösen bewahrt zu bleiben. Er begehrt, in praktischer Gerechtigkeit zu verharren, gleichwie Er gerecht ist. Getrennt von Ihm können wir nichts tun und keine Gott wohlgefällige Frucht bringen. Eine bekehrte Seele mag sich noch geknechtet, schwach und elend fühlen, wie es in Römer 7, 7 ‑ 24 beschrieben wird, ist sie aber durch die Gnade dahin gebracht, sich selbst als hoffnungslos verdorben aufzugeben und sich Christus und Seiner befreienden Macht auszuliefern, wird sie von dem Gesetz der Sünde und des Todes freigemacht und in die christliche Freiheit eingeführt. Nur der Apostel Paulus geht auf diesen Prozeß ein, der der Seele Befreiung bringt. Unser Brief übergeht diesen Vorgang und betrachtet die ganze Familie Got­tes, einschließlich der Kindlein, als im Zustand des gefestigten Friedens und auf der wahren christlichen Grundlage stehend. Sein Hauptthema ist das neue Leben in Christus.

 

Der kostbare Gesichtspunkt in dem Zeugnis des Apostels Johannes liegt daher in den Worten unseres Herrn, die er in Johannes 14, 20 niederschrieb: »An jenem Tage« (der nun bereits seit dem Pfingsttag währt) »werdet ihrer kennen, daß ich in meinem Vater bin, und ihr in mir und ich in euch. « Wenn das wirklich unser gekanntes Teil ist, dann besitzen wir das neue »Ich«; wir sind nicht mehr »im Fleische«, fürchten auch nicht mehr das Gericht über unsere Sünden, sondern der auferstandene Christus ist unser Leben im Geiste. Wir müssen uns vor dem Gedanken hüten, dieser Wechsel vollziehe sich lediglich in unserem Verstand, er bringt uns in den praktischen Besitz der Gesinnung des Geistes (Röm. 8, 6). Noch weniger dürfen wir an das Gesetz denken, das Gerechtigkeit von uns fordert; das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat uns freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

 

Ganz offensichtlich spricht der Apostel in diesen Versen nicht, wie im 2. Kapitel, von den Lüsten und vom Hochmut des Menschen ohne Christus, sondern er geht weiter. Er führt Chri­stus in Seiner absoluten Sündlosigkeit und in Seinem sühnenden Werk allen Heiligen vor Augen. Daher legt er auch die Wurzeln der Sünde frei und stellt damit den Urheber der Sünde in aller Offenheit bloß, dessen hochmütige, rebellische Unabhängigkeit von Gott sich in denen fortsetzt, die die Bezeichnung tragen, »aus dem Teufel« zu sein (V. 8). Der Sohn Gottes ist nicht nur geoffenbart worden, um unsere Sünden hinwegzunehmen, son­dern auch, um die Werke des Teufels zu vernichten. Diese Vernichtung reicht weit über die Sünden der Menschen hinaus und schließt Satans vorsätzliche Anstrengungen und Entschlos­senheit ein, Gott zu verunehren und die Menschen zu verderben. Es ist nicht zu übersehen, daß der Sohn Gottes an dieser Stelle dem Teufel persönlich gegenübergestellt wird, ebenso wie sich im 2. Kapitel die Weltliebe in offenbarer Opposition zur Liebe des Vaters befindet.

 

In Vers 9 kommt die verborgene Ursache dieses radikalen Unterschiedes zum Vorschein: »Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.« Der erste Mensch, der Wille des Fleisches oder der Wille des Mannes kommen hier nicht in Betracht. Fleisch und Blut haben nichts in sich, was als Quelle des neuen Lebens dienen könnte. Moralpredigten (»Moralische Aufrüstung«) sind ebenso kraftlos wie religiöse Einrichtungen, denn »was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch. « Man muß aus Gott geboren sein; das geschieht aber durch den Glauben an Seinen Sohn. Er ist der Gegenstand des Glaubens, und die Wirksamkeit Seines Geistes durch das Wort bewirkt die Wieder­geburt. Auf diese Weise ist der Gläubige aus dem Geist geboren; und hier ist ebenfalls wahr, daß das, was aus dem Geist geboren ist, Geist ist (Joh. 3, 6). Fleisch und Geist bleiben scharf voneinan­der getrennt; das eine kann keine Verbindung mit dem anderen haben. Auch verbessert oder verändert der Geist das Fleisch nicht. Jede Natur bleibt ihrem Ursprung gemäß bestehen.

 

So besitzt der Gläubige nicht nur die Rechtfertigung aus Glauben und die dadurch bewirkte Reinigung seines Herzens. Das Versöhnungswerk des Herrn für den Sünder und das Werk des Heiligen Geistes in ihm sind ohne Frage eine Tatsache, sind Wirklichkeit. Aber es gibt auch ein neues Leben das nicht dem ersten Menschen, sondern dem zweiten Menschen entstammt und dem Sünder mitgeteilt wird. Bis dahin war er ja geistlich tot, wie der Herr unmißverständlich nach Johannes 5, 24 bezeugt. Das erklärt auch die Sprache des Apostels in diesem Abschnitt, wenn er davon spricht, daß der aus Gott Geborene nicht sündigt. Er wird als in Übereinstimmung mit der göttlichen Natur betrachtet, zu deren Teilhaber ihn die Gnade gemacht hat (vgl. 2. Petr. 1, 4). Es wird vorausgesetzt, daß er sein altes, sündiges Ich verabscheut und aus dem neuen Leben lebt, das er in dem Sohn hat; daß er vor den Listen, Versuchungen und Anreizungen des Teufels auf der , Hut ist, der auf jede Weise versucht, auf den alten Menschen einzuwirken.

 

Da der Gläubige das Leben Christi besitzt, ist er dafür verant­wortlich, die Neigungen der alten Natur zu erkennen, zu hassen und ihnen keinen Raum zu geben. In diesen Versen wird jedoch nicht der Nachdruck auf die Verantwortlichkeit gelegt, sondern darauf, daß eine Natur stets ihrem Wesen gemäß handelt, denn jede Natur bleibt sich grundsätzlich treu. Da der Gläubige jetzt eine neue Natur von Gott hat, lebt er in Übereinstimmung mit ihr. Sie unterscheidet sich ganz deutlich von der alten, gefallenen Schöpfung; und im Glauben erkennt er an, daß sie ebenso wirklich vorhanden ist und eine unvergleichlich höhere Bedeutung hat. Von dieser Grundlage ausgehend schreibt der Apostel nicht nur, »er sündigt nicht«, sondern »er kann nicht sündigen, weil er auf Gott geboren ist«, und das ist durchaus wahr. Daß er nicht sündigt, wird damit begründet, daß »sein Same in ihm bleibt«. Der Same ist das durch Gottes Macht in Gnaden vermittelte Leben Christi, das nicht der Vergänglichkeit und dem Tode unterworfen ist, wie die alte Schöpfung, und das in ihm bleibt. Die neue Natur ist unfähig zu sündigen, und wer sie in Christus besitzt, trägt ausschließlich ihre Merkmale an sich. Er kennt die Sünde im Fleische nicht mehr, sie wurde bereits durch Gott an Christus gerichtet, der am Kreuz für sie zum Opfer gemacht wurde. Von der Art und Weise, wie Gott das Erlösungswerk zustande brachte, wird hier ebensowenig gesprochen wie von unserer sündigen Natur. Wir hören nur davon, daß der Gläubige durch das Wesen des neuen Menschen gekennzeichnet ist. Dieser lebt ausschließlich in und durch Abhängigkeit von Christus, der seine Ouelle ist. Wenn der Gläubige aufhört, im Glauben zu wandeln, und sich nicht mehr auf den Herrn stützt, dann bricht die alte Natur wieder hervor und sündigt.

 

Während wir dieses Leben nun allein in Christus besitzen, ist es äußerst wichtig und interessant zu sehen, mit welcher Sorgfalt der Heilige Geist bemüht ist, den Sohn fortwährend greifbar und objektiv vor unsere Augen zu stellen. Dadurch will Er uns vor Mystizismus und Selbstgefälligkeit, diesen so verbreiteten Schlin­gen für gottesfürchtige Seelen, bewahren. Er lenkt unsere Blicke auf die alles überragende Hoffnung, daß wir Christus gleich sein werden, wenn wir Ihn sehen werden, wie Er ist. Beachten wir auch die mit allem Nachdruck getroffene Feststellung: »In ihm ist keine Sünde. « Sie ist für das Herz des Gläubigen so kostbar, weil er auf den Menschen Christus Jesus blickt, der in leuchtendem Gegen­satz zu allen anderen Menschen vor uns steht. Wie verwerflich muß dem Apostel der Gedanke gewesen sein, es könnte dem Satan gelingen, uns der anmaßenden Lüge zugänglich zu machen, Christus sei sündhaft gewesen, weil Er als wahrhaftiger Gott sich herabließ, die menschliche Natur mit Seiner Gottheit zu vereini­gen! Daß Sünde in Seiner Natur gewesen sei, ist eine äußerst böse Einflüsterung des Teufels. Auch die Lehre, daß Er wegen Seiner menschlichen Geburt zwangsläufig in einem fernen Verhältnis zu Gott gestanden habe, ist nicht weniger verkehrt. Sowohl die erste als auch die zweite Lüge ist mit einem vollkommenen Sühnungs­werk sowie mit Seiner göttlichen Person unvereinbar.

 

,Kinder, daß niemand euch verführe! Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, gleichwie er gerecht ist. Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang. Hierzu ist der Sohn Gottes geoffenbart worden) auf daß er die Werke des Teufels Vernichte. Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt.

 

1. Johannes 3, 7‑10

 

ich ergreife hier die Gelegenheit, kurz noch einmal auf das zurückzukommen, was wir in den vorigen Versen bereits betrach­tet haben. Dadurch sehen wir die großen Grundsätze deutlicher und ohne die vielen Einzelheiten. Diese Grundsätze sind nach jeder Seite von unermeßlicher Bedeutung, obwohl die Art und Weise, wie der Apostel die zweite dieser beiden Seiten zur Sprache bringt, zunächst eigentümlich erscheint. Doch er tut es gemäß der Weisheit Gottes. Nur wegen unserer Unwissenheit kommt uns das merkwürdig vor. Wir können völlig überzeugt sein, daß das, was Gott tut oder sagt, immer der beste Weg sein muß.

 

Wir haben gesehen, daß das Thema unserer Gerechtigkeit erstmalig im letzten Vers von Kapitel 2 in die Betrachtung eingeführt wird, d. h., hier wird zum erstenmal bezüglich unserer Gerechtigkeit gesagt, was sie dem Grundsatz nach ist und wie sie sich praktisch auswirkt. Vorher (in Kapitel 1, 9) sahen wir schon daß Gott gerecht ist, und ‑ wie wunderbar! ‑ daß Er »treu und' gerecht« ist, daß Er uns unsere Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. In der Vorstellung des Menschen würde Seine Gerechtigkeit darin bestehen, das Böse streng zu verdam­men. Doch Christus hat durch Seinen sühnenden Tod für den gläubigen alles verändert, so daß die Vergebung seiner Sünden Jetzt nicht nur eine Angelegenheit der Gnade Gottes, sondern auch Seiner Gerechtigkeit ist. Die Grundlage dafür ist Er Selbst, Jesus Christus, der Gerechte, und Sein Tod für unsere Sünden. Aufgrund Seines Werkes kann Gott nicht nur gnädig sein und uns seine unverdiente Gunst erweisen, sondern uns auch gerechterweise die Sünden vergeben, die so beleidigend für Ihn waren, Sobald wir aus Gott geboren sind, entsagen wir auch den Sünden. Wir haben verstanden, die Sünde als solche zu verurteilen und auch uns wegen unserer Sündenschuld. Das ist bei einem Gläubigen vom ersten Augenblick an der Fall, da er sich zu Gott wendet. Er verabscheut sich und seine Sünden nun im Lichte Gottes. Er weiß noch sehr wenig, doch dies erkennt er persönlich und aufrichtig durch Gottes Belehrung. Wenn das Werk des Herrn Jesus und Seine Person in der Kraft des Heiligen Geistes erfaßt werden, sieht selbst der jüngste Gläubige die Dinge bereits so klar, wie sie in den Augen Gottes wirklich sind. Nicht nur das, sondern er lernt auch Gott Selbst in Seinen Empfindungen kennen, die sich in vollkommener Liebe den Seinen gegenüber äußern.

 

An dieser Stelle wird nun betont, daß unsere Gerechtigkeit unlösbar mit unserer neuen Geburt zusammenhängt. Das macht oft solche, die noch jung im Glauben sind, unruhig, weil sie selbstverständlich sofort den Blick nach innen richten. Sie finden in sich aber keine Grundlage, die ihnen Befriedigung gibt, und können sie ja auch niemals finden. Wir müssen zuallererst in Christus ruhen, der unsere Gerechtigkeit geworden ist; auf Ihn muß der Glaubensblick gerichtet sein. Auf uns selbst zu blicken ist kein Akt des Glaubens; da machen wir nur die Erfahrung, daß wir völlig ohnmächtig sind. Nur wenn Christus das Blickfeld des geistlichen Auges ausfüllt, wird Seine Kraft in unserer Schwach­heit vollbracht. Das hat dann aber auch wirklich praktische Gerechtigkeit zur Folge.

 

Dies ist der Aspekt, den der Apostel der ganzen Familie Gottes erneut vor Augen hält. Er stellt dabei den Grundsatz auf: »Wenn ihr wisset, daß er gerecht ist, so erkennet, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus Ihm geboren ist. « Es wurde schon gesagt, daß Gerechtigkeit in jedem Fall Übereinstimmung mit der jeweili­gen Beziehung bedeutet, ob es sich nun um Gottes vollkommene Gerechtigkeit oder um das geringe Maß bei uns handelt, die wir aus Ihm geboren sind. Gerade aus diesem Grunde scheint der Apostel in den ersten Versen des 3. Kapitel das Thema Gerechtig­keit unvermittelt zu verlassen, obwohl er es im letzten Vers von Kapitel 2 erst begonnen hatte. Er bricht plötzlich in jene wunder­baren Worte aus: »Sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat. . . !« Auf diese Weise bezieht er die gegenwärtige Liebe des Vaters und die künftige Herrlichkeit in die alles übersteigende. Gunst Gottes Seinen Kindern gegenüber mit ein, die darin besteht, daß wir Christus gleich sein werden, »denn wir werden Ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat« (zu Christus, auf den sie sich gründet), »reinigt sich selbst, gleichwie er (Christus) rein ist. « Natürlich ist der Christ nicht in dem Sinne rein, wie Er rein ist, sonst müßte er nicht aufgefordert werden, sich zu reinigen. Aber da Christus der Maßstab ist und Er absolut rein ist, wird jeder Nachfolger Christi, der Ihn als sein Leben und als seine Gerechtigkeit hat, die eigene Unreinheit als unvereinbar mit Seiner Reinheit empfinden. Er wird nicht anders können, als sich von allem, was Christi unwürdig ist, zu reinigen. Denken wir nur an unsere tägliche Unterhaltung! Allzuoft versagen wir dabei. Doch Johannes beschäftigt sich nicht mit den Unzulänglich­keiten des täglichen Wandels, sondern mit dem Grundsatz. Die­sen stellt er in seiner ganzen Einfachheit vor, denn dazu war er berechtigt.

 

Dies ist die einzig richtige Art, einen Grundsatz zu betrachten; von möglichen oder tatsächlichen Komplikationen muß man dabei absehen. Wenn wir dahin kommen, links und rechts und rundherum etwas abzuschneiden, werden wir niemals einen Grundsatz wirklich ganz erfassen können. Es kann leicht dazu kommen, daß wir ihn aus den Augen verlieren, wenn wir auf die Umstände blicken. Ein Grundsatz steht aber über allen Umständen, wenn es ein Grundsatz der Gnade ist, ein Grundsatz der Gnade, der in Christus jetzt schon unser Teil ist, während wir noch auf dieser Erde sind. Hilft uns das nicht zu erkennen, warum Johannes sich der Entfaltung der so überreichen Gnade und Herrlichkeit zuwendet, nachdem er mit der praktischen Gerech­tigkeit begonnen hatte? »Sehet, welch eine Liebe!« Warum sagt er das an dieser Stelle? Weil diese ganze Gnade für unsere praktische Gerechtigkeit notwendig ist. Wie könnte diese Gerechtigkeit ohne jene machtvolle Hilfsquelle auf dem Wege von Dauer sein? Wie könnte der Christ hinreichenden Trost finden, trotz der Gefahren der Welt von außen und des Fleisches von innen, mit Freude und Vertrauen den Willen Gottes unbeirrt zu tun, wenn er nicht Seiner vollkommenen Liebe gewiß sein dürfte? Seine wun­derbare Liebe wird genau im richtigen Augenblick und an der richtigen Stelle eingeführt, obwohl es wie eine merkwürdige Abkehr von dem gerade besprochenen Gegenstand aussieht. Sie dient aber dazu, durch die Liebe des Vaters das darzureichen, was unserer praktischen Gerechtigkeit am besten Kraft verleiht.

 

Wir werden unsere Pflichten Gott und anderen gegenüber niemals richtig erfüllen, wenn wir nicht durch die Gnade über den Pflichten stehen. Kommen wir unter sie zu liegen, werden wir stets versagen. In diesem Fall wird es zwangsläufig immer etwas geben, das wir nicht fertigbringen. Viele Christen geben sich damit zufrieden, auf einem solchen schwankenden Stege weiter zutreten. Sie sind völlig damit zufrieden, wenn sie die leidlich begründete Hoffnung haben, nicht verlorenzugehen. »Ich habe das bescheidene Vertrauen, daß Gott mich in Seiner Barmherzigkeit nicht in die Hölle werfen wird; ich hoffe, um Christi willen in den Himmel zu kommen. « Mit diesen Gedanken gehen sie beruhigt ihren Weg weiter, als ob das Evangelium nicht mehr zu bieten hätte. Verträgt sich das aber mit der Beziehung, die ein Kind zum Vater hat? Wie erbärmlich gering ist eine solche Hoffnung gegenüber de dem Glauben hier geoffenbart wird und was den Gläubigen scholl jetzt mit steter Wonne und völliger Freude erfüllen sollte. Denn ein Christ hat auf nichts Geringeres Anspruch. Warum? Weil es um Christus geht! Für den Gläubigen gründet sich alles auf Ihn. Daher wird hier an seinen Glauben appelliert, mit dem er alle Zusagen ergreifen sollte. Auf keinem anderen Weg können Wir jemals irgendeine Segnung von Gott empfangen, seitdem die Sünde in die Welt gekommen ist. Wer hat je ein göttliches Zeugnis erlangt außer durch den Glauben an das, was Gott in Christus ist? In Ihm ist Gott für den Gläubigen ein rettender Gott. Er allein errettet, aber niemals wird Er einwilligen, auf eine andere Weise als durch den Herrn Jesus zu erretten, und der Heilige Geist, der Christus verherrlicht, bewirkt in dem Christen, daß er sich dessen bewußt wird. Ohne die innewohnende Kraft des Heiligen Geistes hätte er die Wahrheit, so kostbar sie auch ist, nicht in sich. Doch wenn jemand in Christus und Seinem Erlösungswerk ruht, macht der Heilige Geist aus dem Wissen eine innere Wirklichkeit und verwandelt selbst die härteste Bedrängnis in die höchste Freude. Wir müssen nicht annehmen, es sei ein Vorrecht speziell für die ersten Christen gewesen, daß sie mit dem Apostel Paulus Gemeinschaft haben konnten, als er sie aufforderte: »Freuet euch in dem Herrn allezeit! Wiederum will ich sagen: Freuet euch!« In unserer Zeit wird diese Freude von den Kindern Gottes wenig genossen. ­Es ist daher gut, wenn wir an uns selbst die Frage richten, ob wir in diesem Genuß stehen.

 

Laßt uns danach trachten, daß in uns und in unseren Brüdern durch die Gnade Christi, unseres gemeinsamen Herrn, das, was wir im Wort lesen, auch verwirklicht wird. Wir finden hier, daß diese neue Beziehung zu Gott mit besonderer Wärme hervorgehoben wird, und zu welchem Zweck? Soll damit nur gesagt werden, daß wir Fremdlinge und Pilger sind wie ein Abraham? Nein. Wir sind zwar solche oder sollten es zumindest sein; aber geht unsere Stellung nicht weit über dieses Maß hinaus? Abraham wurde von den Nationen abgesondert, weil diese aus Götzendienern bestan­den. Er und seine Familie wurden berufen, abgesondert für Gott zu wandeln. Deswegen brauchten sie einen starken Schutz. Sie mußten Ihn Selbst als ihren Schild haben inmitten von Feinden, die sie haßten, weil sie zu Seinem Namen hin abgesondert waren. Hätten sie sich wie die anderen Mitbürger mit ihnen verschwägert, hätten sie gemeinsam an ihrem Streben, an ihren Freundschaften und Kriegen teilgenommen, dann wäre alles in Ordnung gewesen. Auch heute gilt für uns der gleiche Grundsatz. Die Christen haben durch die Verbindung mit der Welt unermeßlich viel verloren. Sie haben sich genau wie die Weltmenschen über die Buren und die Deutschen, über die Japaner und die Russen und über viele Ereignisse in dieser Welt ereifert. Was haben wir mit solchen Geschehnissen zu tun? Wären wir nur Angehörige unserer Nation und sonst nichts weiter, würden und müßten wir uns sehr viel mit all diesen Vorgängen abgeben. Als Menschen im Fleisch hätten Wir eine natürliche Verpflichtung dazu, wenn man bei sündigen, schuldigen und verlorenen Menschen überhaupt von Verpflich­tungen reden kann. Als Gläubige aber gehören wir nicht mehr uns selbst, sondern wir sind um einen Preis erkauft. Wir sind errettet und zu Gott gebracht, um nicht mehr uns selbst, sondern Dem zu leben, der für uns starb und auferstanden ist. Wir sind berufen, Gottes Willen zu tun während der kurzen Zeit, die wir hier auf der Erde inmitten einer bösen Welt verbringen. Folglich haben wir eine weit höhere Beziehung. Abraham brauchte Schutz, und er hatte ihn in dem gesegneten Namen des »Allmächtigen«. Wie treffend war dieser Name für die Beziehung, in der er und die Seinen zu Gott standen! Seine Feinde hielten sich in seiner Nähe auf und umgaben ihn; so konnte es sehr leicht unter ihnen kund werden, daß seine Nachkommen die Amoriter und die übrigen Nationen einstmals vertreiben würden. Ohne Zweifel hätte man­cher Israelit erzählen können, daß Gott das Land Kanaan den Vätern und ihren Nachkommen auf ewig gegeben habe. Jedenfalls Muß die Tatsache, daß Abraham in dieses Land kam und sich dort niederließ, für die Kanaaniter und die übrigen Bewohner des Landes ein Hinweis darauf gewesen sein. Deutete es nicht darauf hin, daß sie das Land würden räumen müssen, und war es nicht eine Warnung vor dem kommenden Gericht? Denkt jemand etwa, daß sie das so gelassen hingenommen haben? Das auserwählte Volk war zwar noch nicht in Sicht, es handelte wenige Personen. Doch wurde die Wahrheit in dem bar, wie sie zahlreicher und stärker wurden, vor alle gewaltigen Werk der Erlösung Israels aus Ägypten, trotz aller Anstrengungen des boshaften Königs, alle Männlichen umzubringen, so stark vermehrt hatten.

 

Dann wurden die Kinder Israel zum Sinai gebracht. Ehe sie dort ankamen, eröffnete Gott ihnen in Verbindung mit ihrer Erlösung aus Ägypten ‑ natürlich war es nur eine äußerliche Erlösung ‑, daß Er im Begriff stand, Sich ihnen unter einem neuen Namen kundzutun. Er gab Sich dem Volke Israel gegenüber den Namen Jehova. Die Bezeichnung »Vater« hätte nicht der Wahrheit entsprochen, denn dieses große Volk bestand zum größten Teil aus unbekehrten Menschen. Es ging auch gar nicht darum, daß sie durch die Gnade erneuert werden sollten. Sie wurden von Gott ab Volk zum Herrschen berufen, und das erforderte nicht unbedingt daß ein solches Volk göttliches Leben in sich hatte. Die Regierung oder Herrschaft dient dazu, das Böse niederzuhalten; und so nahm Gott den Namen eines göttlichen Herrschers an. Er war der Gott ihrer Väter, aber nun auch »Jehova«. Am Sinai nahm Israel als Sein Volk es auf sich, als Bedingung für ihre Stellung und den Empfang Seiner Segnungen Seinem Gesetz zu gehorchen. Gott wußte jedoch genau, daß sie Ihm nicht unterwürfig sein, sondern sich in fortschreitendem Maße gegen Ihn auflehnen würden. Leider trägt die fleischliche Gesinnung nur das Prinzip des Eigen­willens in sich und will sich niemals Gott unterordnen. Sie ist im Gegenteil Feindschaft gegen Gott und widersetzt sich Seinem Willen. Daher war es von vornherein gewiß ‑ auch Mose war sich dessen bewußt ‑, daß sich das Volk völlig verderben würde. Es würde Jehova verlassen und bereitwillig fremden Göttern dienen und daher aus dem herrlichen Land vertrieben werden. Welch eine ernste Warnung für alle Nationen ist dieses Volk, für das Gott einst die mächtigsten Taten vollbrachte und dem Er so viel Güte, zuwandte, das aber dann nicht nur aufsässig, sondern auch abtrünnig wurde! Infolgedessen mußte es äußerst streng und für die ganze Welt sichtbar gestraft und unter das Joch seiner schlimmsten Feinde, die Werkzeuge seiner Erniedrigung, dahingegeben werden.

 

Dies alles geschah, solange sich Jehova mit den Juden ihrer Beziehung gemäß beschäftigte, bis der Sohn Gottes erschien. Bald folgten weitere Gerichte, und es müssen diesbezüglich noch Mehr Voraussagen in Erfüllung gehen. Gottes Sohn erschien als Mensch; das war die einzige Möglichkeit, in Gnade und Seinem Vorsatz entsprechend zu erscheinen. Es war auch der Weg, der für Seil, Kommen zur Erfüllung der Schrift unbedingt erforderlich war. Indem Er die Gestalt annahm, in welcher der Mensch fortwährend und in jeder Form das Böse vollbracht hatte, kam Er ,licht nur, um Gott in diese Welt einzuführen, sondern auch um die Sünde aus ihr zu entfernen. Das konnte natürlich nicht alles mm gleichen Zeitpunkt geschehen. Unterdessen steigerte sich die Bosheit des Unglaubens unter den Juden soweit" daß sie Jesus als den Messias Jehovas verwarfen, obwohl Er ihnen überwältigende Beweise der Wahrheit Seiner Sendung geliefert hatte. Dennoch wollte ihr eingefleischter und rebellischer Eigenwille Ihn nicht annehmen. Sie trugen daher am meisten dazu bei, daß Er an das Kreuz kam. Selbst die heidnischen Römer hatten das nicht gewünscht. Unter den römischen Statthaltern galt Pilatus als hart und streng; doch im Vergleich zu dem Hohenpriester, den Alte­sten, Schriftgelehrten und übrigen Juden sticht Pilatus noch vorteilhaft ab. Die Volksmengen, ganz gleich welcher Klasse, waren voller Feindschaft und Trotz gegen ihren eigenen Messias und verblendet durch den fleischlichen Eigenwillen. Das nennen ,die Menschen dieser Welt den »freien Willen«.

 

Dabei ist es nur des Satans und des Sünders »freier Wille«. Welches Recht kann der Mensch als solcher überhaupt auf einen freien Willen haben? Ist er nicht als intelligentes Geschöpf gehalten, Gott zu dienen? Folglich ist der Anspruch auf die Ausübung eines freien Willens ganz widersinnig. Ist er nicht als gefallener Mensch ein Sklave Satans? Und ist das nicht der Zustand, in dem du und ich und alle anderen Menschen geboren wurden und lebten, bis Gott es uns schenkte, den Platz des Todesurteils anzunehmen? Dort empfingen wir durch den Glau­ben neues Leben aus Ihm, der vom Himmel kam. Und Er, der Sohn Gottes und zugleich Sohn des Menschen, machte Seine Jünger während Seines Erdenwandels mit dem neuen Namen bekannt, den Gott den Gläubigen als Seinen Kindern offenbart. Es ist derselbe Name, den der Sohn nicht erst seit jenem Zeitpunkt, sondern schon von Ewigkeit her kannte und liebte ‑ der Name des Vaters. Der Sohn hatte ein göttliches Recht dazu, diesen Namen auszusprechen, und auch wir haben es nun durch die unumschränkte Gnade.

 

Von solcher Art ist die Frucht der Liebe, die unsere einst finsteren Herzen erreicht hat und auf die an dieser Stelle Bezug genommen wird, nämlich, daß uns nicht nur vergeben wurde und wir gerechtfertigt worden sind, sondern daß wir auch Kind« Gottes heißen sollen. Der zweite Vers von Kapitel 3 (wenn nicht schon der erste), sagt aus, daß wir es jetzt schon sind. Diese Bezeichnung wird nicht erst im Himmel oder bei der Auferstehung Wirklichkeit werden. Es heißt: »Jetzt sind wir Kinder Gottes. « Es wurde schon darauf hingewiesen, daß der Apostel den Ausdruck »Sohn« hier nicht auf uns anwendet, sondern das Wort »Kinder«. Unsere Bibelübersetzer waren hervorragende Gelehrte, doch unsere Herzen verlangen danach, daß das Wort schriftgemäß und in ständiger Abhängigkeit von dem Geist übersetzt wird, der der Verfasser des Wortes ist. Hätten sie es mit irgendeinem anderen Buch zu tun gehabt, würden sie es sicher korrekt übersetzt haben; aber bei der Bibel ließen ihre theologischen Vorurteile sie hin und wieder straucheln. Ihre Fehler scheinen hauptsächlich aus ihrer Denkgewohnheit entstanden zu sein. Es war nicht Mangel an Gelehrsamkeit, sondern der Hang zu traditionellem Denken, der sie zu solchen Mißgriffen verleitete. Sie hatten festgestellt, daß andere namhafte Persönlichkeiten vor ihnen schon in bestimmtem Sinne übersetzt hatten, und sie folgten den vorgezeichneten Spuren. Kann es aber eine engere Beziehung zu Gott geben als »Kinder Gottes« zu sein? Der Mensch vermag nicht, aus einer fremden Person, die keine Beziehung zu ihm hat, sein Kind zu machen; Gott kann das, und Er hat es getan. Darin besteht schon jetzt das durch die Gnade geprägte Kindschaftsver­hältnis. Nicht nur Christus nannte Gott seinen Vater; Sein Vater ist nun auch unser Vater. Er fügte hinzu, daß »Sein Gott« auch »unser Gott« ist, nachdem Er das Gericht über unsere Sünden getragen, sie gesühnt hatte und aus den Toten auferstanden war. Es ist doch sehr bedeutungsvoll, daß Christus Ihn normalerweise nicht als Gott, sondern als Vater ansprach. Als Er aus den Toten auferstanden war und das Werk der Erlösung vollbracht hatte, sagte Er jedoch nicht nur »euer Vater«, sondern auch »euer Gott«. Diese Worte werden überaus wichtig durch einen Ver­gleich mit dem Augenblick, als der Herr ausrief: »Mein Gott, mein Gott!« In den Tagen Seines Fleisches, vor diesem Ausruf, sagte Er immer »Vater«, wenn Er zu Ihm oder über Ihn sprach. Als die Schrecken hinter Ihm lagen, zur Sünde gemacht und daher von Gott verlassen zu sein, nannte Er sogar unmittelbar vor Seinem Tode Gott wieder »Vater«, um uns wissen zu lassen, daß alles, was gegen uns sprach, beseitigt war. Denn Er hatte sich, mit unseren Sünden belastet, diesem grenzenlos schweren Gericht ausgeliefert und besaß in Seinem Geist nun die Gewißheit, daß es beendet und das Werk der Erlösung angenommen war. So konnte Er in dem letzten Augenblick, ehe der Tod eintrat, »Vater« ausrufen, weil das Gericht tatsächlich vorüber war. Die Auferstehung lieferte den öffentlichen Beweis dafür, daß Frieden gemacht war; doch ehe Er verschied, sagte Er: »Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!« In Übereinstimmung damit wird uns hier das wunderbare Vorrecht gezeigt, daß der Vater uns das Recht gegeben hat, Kinder Gottes zu heißen; das kennzeichnet uns jetzt. Um es noch klarer zu machen, daß es sich wirklich um eine Natur handelt, die Er uns verliehen hat, nicht etwa nur um einen Titel, fügt der Apostel hinzu: »Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. « Etwas allgemeiner wurde schon vorher bezeugt, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, gleichwie Er gerecht ist, »aus Gott geboren ist«.

 

Das ist alles überaus wichtig, um eine feste und sichere Grund­lage für unsere Gerechtigkeit zu besitzen; denn um die Gerechtig­keit zu erlangen, ist es überhaupt nicht nötig, daß wir bestimmte Pflichten erfüllen. Das war der Boden, auf dem der Israelit einst stand. Das Gesetz legte ihm bestimmte Verpflichtungen auf, die er einhalten mußte, um Leben zu erlangen. Er ist ihnen jedoch niemals nachgekommen. Das Gesetz konnte ihn daher nur ver­dammen. Der Christ steht dagegen auf einer völlig anderen Grundlage. Das wird dadurch deutlich gemacht, daß wir die Versicherung empfangen, Kinder Gottes zu sein und Ihn zum Vater zu haben in der gleichen Weise, wie Christus Ihn kannte. Er kannte Ihn als Vater aufgrund Seiner eigenen göttlichen Person, wir einzig und allein durch die Gnade. Haben wir nun aber keine Pflichten? Wenn ja, welche sind es? Es sind die Pflichten der Kinder Gottes. Wir sind in eine Beziehung gebracht, die hoch über allen Pflichten steht. Was könnten wir im Vergleich zu der erhabenen Stellung, die wir als Kinder Gottes besitzen, durch die Erfüllung von Pflichten noch zusätzlich zustande bringen? Wir stehen daher stets über unseren Pflichten. Wir sind Gott so nahe gebracht worden, wie es durch keine Pflichterfüllung jemals hätte erreicht werden können. Wir empfingen dieses Recht durch unumschränkte Gnade, als wir im völligen Verderben lagen und Kinder des Zorns waren, wie auch die übrigen; da gab Er uns Leben in Seinem Sohn.

 

Viele müssen die gesegnete Wahrheit erst erkennen, daß unsere Pflichten sich aus der zum Vater bestehenden Beziehung ergeben und nicht erst erfüllt werden müssen, um das Kindesverhältnis zu erlangen. Unsere Pflichterfüllung bringt uns nicht in diese Beziehung. Vielmehr bestimmt unsere Stellung die Art der uns auferlegten Pflichten, die sich für uns geziemen, und die wir erfüllen sollten. Unsere innige und gesegnete Beziehung zum Vater (und es gibt keine innigere) ist das Ergebnis der Tatsache, daß wir jetzt Seine Kinder sind. Sie ist eine feststehende Tatsache, die durch nichts verändert werden kann. Eine Ausnahme wäre lediglich, daß jemand, der ein Christ zu sein bekannte, später erkennen läßt, daß keine Spur göttlichen Lebens in ihm ist, indem er Christus den Rücken kehrt. Ein solcher Zustand würde im Gericht sogar gegen ihn sprechen. Was über die Pflicht gesagt wurde, ist selbstverständlich ein allgemeiner Grundsatz und kann leicht im Blick auf unsere natürlichen Pflichten verstanden werden. Die Welt ist stets im Unrecht mit ihren ethischen Vorstellungen, weil sie nie die Pflicht auf eine bestehende Beziehung gründet. Im Gegenteil, sie leitet die Pflicht von der vermeintlichen moralischen Kraft des Menschen ab. Sie setzt voraus, daß der Mensch fähig ist, seine Pflicht zu erfüllen, wenn er es nur will. Somit wäre die Pflichterfül­lung eines Menschen nichts weiter, als was er zu tun vermag, falls er sich dazu entschließt. Es ist eine traurige Tatsache, daß der Mensch in seinen Pflichten Gott gegenüber völlig versagt; doch daran denken die Philosophen kaum. Der Irrtum in dieser Auffas­sung zeigt deutlich, daß das ganze System der Ethik ihren Ursprung nicht in göttlicher Offenbarung hat, sondern lediglich ein Produkt des gefallenen Menschen ist. Es enthält weder die Wahrheit Gottes, noch zeigt es die wahre Natur des Menschen, so wie Gott ihn sieht.

 

Zur Erläuterung des Gesagten wollen wir ein Elternpaar betrachten. Worauf gründen sich die Pflichten des Kindes den Eltern gegenüber? Auf die Familienbeziehung. Weil es das Kind seines Vaters ist, soll es ihn, der es zeugte, lieben und IhM gehorsam sein. Niemand anders kann die Stelle des Vaters einnehmen. Würde das Kind anderen Personen, außer seinem Vater, dieses innige Verhältnis einräumen oder gar erlauben, den Vater aus dieser Stellung zu verdrängen, dann ist es klar, daß alles durcheinander geraten muß. Nehmen wir auch die Beziehung zwischen zwei Eheleuten als Beispiel; da sind die Verpflichtungen noch augenscheinlicher. Es ist die Pflicht des Ehemannes, seine Frau zu lieben und keine andere (wenn sie ihn auch manchmal etwas in Übungen bringen mag). Und es ist die Pflicht der Ehefrau, ihrem Mann gehorsam zu sein, obgleich sie zweifellos manches von ihm ertragen muß.

 

Diese Pflichten sind gänzlich unabhängig von vorübergehend bestehenden Umständen oder von dem Willen des Mannes oder der Frau. Welche Gedanken und Empfindungen sie auch haben mögen, die Verpflichtung, ihre Schuldigkeit zu tun, ergibt sich aus der bestehenden Familienbeziehung. Dieses begründet die Ver­pflichtung und fordert auch ihre Erfüllung, ob man ihr nun nachkommt oder nicht. Auch in einem Dienstverhältnis ist, wenn auch in abgeschwächter Form, etwas von diesem Grundsatz enthalten. Das wird besonders in unserer Zeit deutlich, wo die Bediensteten mehr und mehr ihrer Herren überdrüssig werden, während ihre Herrschaften dazu neigen, sich leicht von ihnen zu trennen, oft aus geringfügigen Anlässen. In sich selbst ist ein solches Dienstverhältnis natürlich kein bleibendes, sondern ein vorübergehendes, wie wir in Johannes 8 lesen. Doch die vorhin erwähnten Familienbeziehungen bleiben für dieses irdische Leben bestehen und können daher besser als Illustration für die Bezie­hungen dienen, die die Gnade aufgerichtet hat, um niemals aufzuhören. Gottes Wort berechtigt uns völlig dazu, dies im Glauben festzuhalten. Doch während wir noch das Fleisch an uns tragen, benötigen wir die Gnade (siehe auch Jakobus 4, 6: »Ergibt aber größere Gnade«), um unseren Verpflichtungen Gott gegen­über und zwischen uns Brüdern gemäß unseren Beziehungen nachzukommen. Schon ganz lockere Beziehungen führen zu entsprechenden Verpflichtungen; doch die allerwichtigsten Pflichten ergeben sich aus den erhabenen und souveränen Rech­ten Gottes. Darum wird Gott in Seiner unvergleichlichen Liebe vor uns gestellt: »Sehet, welch eine Liebe ... « Sie übersteigt völlig jegliche Zuneigung, die der Mensch sich erdenken kann. Gott allein vermag so zu lieben, und er schenkt uns diese Liebe in Verbindung mit Seinem Vaternamen. So hat Ihn der Herr Jesus gekannt; und nachdem Er gestorben und auferstanden war, teilte Er Seinen Jüngern diesen Namen mit, der uns nun ebenso wirklich gehört wie Ihm. Dieses alles menschliche Denken übersteigende gesegnete Teil, das schon jetzt unser ist, gibt uns den Mut und die Kraft, allen Verpflichtungen nachzukommen, die sich aus dieser Beziehung zum Vater ergeben.

 

Hat diese Beziehung dann nicht sehr viel mit Gerechtigkeit zu tun? Wenn das so ist, dann kann man sofort erkennen, wie angemessen und schön diese Worte sind, um uns besondere Kraft zur Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit zu vermitteln, d. h., uns in Übereinstimmung mit unserer Beziehung zu halten. Wenn irgendwo in der Schrift, dann ist hier dieses Familienverhältnis in Seiner ganzen Wirklichkeit und gegenwärtigen reichen Gnade zum Ausdruck gebracht. Der Abschnitt führt uns bis zur Ankunft des Herrn, wenn wir Ihn sehen werden, wie Er ist, und Ihm gleich sein werden. So wirft die Stelle ein vollständiges, göttliches Licht auf dieses Thema, das in einer ebenso unerwarteten wie notwendigen Art vorgestellt wird und bestimmt und geeignet ist, die nötige Energie zur Ausübung der praktischen Gerechtigkeit darzureichen. Auch soll sie uns zu einer unerschütterlichen Freude und Kraftquelle in allen Umständen dienen.

 

Denken wir nur an die Gefahren, die sich daraus ergeben, wenn wir das Bewußtsein unserer Beziehungen preisgegeben und zu zweifeln anfangen, ob wir wirklich Kinder Gottes sind; sind Wir dann nicht reif für die Einflüsse der Welt und anfällig für die Sünde. Kein Wunder, wenn wir auf böse Wege geraten, weil wir nicht an der gegenwärtigen, lebendigen, ewigwährenden Beziehung zu Gott festhalten. Halten wir aber daran fest, dann haben wir keine Entschuldigung für die Sünde. Wir besitzen dann als Ansporn das neue Leben, das enge Band zum Vater und Seine Liebe, eine Liebe von der machtvollsten Art. Die neue Natur in uns kann entweder in Verbindung mit unserer Beziehung zum Vater betrachtet werden oder getrennt von ihr, damit wir sehen, wie sie aus sich selbst wirkt. Doch der beste und richtige Weg ist, sowohl die neue Natur wie unsere Kindesbeziehung auf unseren Wandel anzuwenden und einwirken zu lassen. Und das tut unser Apostel hier in seiner eigenen bemerkenswerten Art in den drei Versen, die er zwischen den ersten und den nachfolgenden Versen einfügt, welche die Frage der Gerechtigkeit behandeln.

 

Nachdem er so die Liebe des Vaters, unsere Beziehung zu Ihm als Kinder und die damit in Verbindung stehende herrliche Hoffnung in seine Ausführungen einbezogen hat, wendet er sich erneut der moralischen Seite zu und verfolgt die Sünde bis zu ihren Wurzeln, wie er es bisher noch nicht getan hatte. Er bezeichnet die Sünde nicht als »Gesetzesübertretung«, und zwar aus einem sehr wichtigen Grunde. Er behandelt sie in weit umfassenderer Weise als in Verbindung mit dem Gesetz oder mit den Juden. Sie hatten sich in gewissem Maße an die Begriffe von Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit gewöhnt, obwohl sie, bedingt durch ihren Unglau­ben, nicht allzu viel davon verstanden. Sie lasen zwar gewohnheitsmäßig davon in ihrer Heiligen Schrift, dem Alten Testament ­So konnten sie sich nur wundern über die Tiefe der Worte der Gerechtigkeit, die der Herr aussprach, als Er selbst als das wahre Licht in ihrer Mitte leuchtete.

 

Was wußten aber die Heiden über Gerechtigkeit? Sie hatte keine bewußten Beziehungen zu Gott. Er war für sie ein unbekannter Gott. Die einzige moralische Empfindung, die sie ange­sichts ihrer selbstgemachten Gegenstände der Verehrung hatten, war Furcht. Sie hatten nicht die geringste Vorstellung davon, daß Gott ein Gott der Liebe ist. Ihre Götter waren Schutzheilige des Lasters und der Gemeinheit, ihr Wesen wuchs nie über die Selbstsucht hinaus. Sollten sie je zum Menschen auf die Erde herniedersteigen, dann vielleicht zu dem Zweck, diesen oder jenen zu ihrem Günstling zu machen, oder auch zu etwas Verwer­flichem, denn sie waren tatsächlich schändlich in ihrer Unmoral * Hat der Hellenismus in religiöser Hinsicht jemals mehr hervorge­bracht als verächtliche Götter, die keine Spur von Heiligkeit oder Liebe besaßen? Waren sie nicht alle moralisch böse, von Zeus angefangen bis hinunter zu den niedrigsten Göttern? Die Götter der Heiden spiegelten in vergrößertem Maßstab nur das Wesen ihrer Anbeter wider.

 

Hier aber haben wir die Wahrheit Gottes, wie sie in unum­schränkter Gnade wirkt; sie vermittelt uns den Segen, den wir nicht im geringsten verdient haben. Der Christ kann nur anerken­nen, daß er auf der Grundlage des ersten Menschen total verdor­ben und böse war, jetzt aber in Christus auf dem Boden der vollkommenen Gerechtigkeit und Gnade steht. Alle Tugenden, die wirksame Kraft und aller Segen kommen von Gott, der an alle, die an Christus glauben, willig austeilt. Wieviel Gutes hat unser Gott und Vater doch dem Gläubigen geschenkt, weil er seinem alten Ich entsagte und alle Hindernisse überwand, um Christus als seinen Herrn und Heiland zu bekennen. Er darf sich der gesegne­ten Nähe und Innigkeit seiner Beziehung zum Vater erfreuen und ein neues, durch die Gnade mitgeteiltes Leben führen.

 

Daß der Gläubige als ein aus Gott Geborener gerecht ist und jetzt mit Christus den Haß Gottes gegen die Sünde teilt, ist etwas Großes; denn auf das Einssein mit Ihm folgt nun auch der entsprechende Wandel. Jeder, der die Gerechtigkeit tut, ist aus Gott geboren und weiß, daß er in diese innige Beziehung gebracht Ist, weil er ein Gegenstand der göttlichen, vollkommenen Liebe des Vater ist. So führen die neue Natur und die Beziehung zum Vater zueinander und vereinigen sich, und das setzt uns der Apostel an dieser Stelle auseinander. Nachdem er diese herrliche Seite vorgestellt und auf die gegenwärtige Wirklichkeit und die Überragende Hoffnung hingewiesen hat, fährt er fort, hervorzuhe­ben, daß die Natur Gottes ‑ sei sie in Christus oder in uns ‑zwangsläufig unvereinbar mit jeder Sünde ist.

 

»Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit« (V. 4). Hier steht nicht »der die e Sünde begeht«; diesen Ausdruck gebraucht man im allgemeinen für die einzelne Tat. Man sagt z. B., jemand habe die und die Sünde oder böse Tat begangen. Doch in dem Ausdruck »Sünde tun« liegt mehr; er bezeichnet sowohl den bösen Grundsatz im Menschen als auch seine fortwährende Betätigung; denn der natürliche Mensch kann nichts anderes, als die Sünde tun, es ist seine Natur. Von wem spricht der Apostel hier? Von jedem natürlichen Menschen, denn jeder Mensch tut in Gottes Augen nichts anderes als Sündigen. Das betrifft nicht nur die Nationen, sondern auch die Juden. In Seinem Licht wird klar, daß es keinen Unterschied zwischen den Menschen gibt, wenn sie sich in Ihrem gegenseitigen Haß und ihrer Verachtung auch noch so sehr anfeinden. Hatte der Mensch irgendeine Ursache sich zu rühmen ' ehe Gott sich in Christus völlig offenbarte? Dem Menschen gebührt der Platz als Sünder im Staube.

 

Jeder Mensch ist also ohne Ausnahme als solcher in seinem natürlichen Zustand ein Sünder. War das nicht auch mein und dein Zustand, ehe wir Christus kennenlernten? Gott war unseren Seelen unbekannt, wir empfanden nur eine gewisse Furcht vor Ihm ‑ die Furcht, daß Er uns eines Tages in die Hölle werfen würde. Wenn unser Sinn aber nicht von Gott erfüllt war, so war er es ganz bestimmt von der Sünde. Was ist denn der wahre Charakter der Sünde? Die Gesetzlosigkeit, das Prinzip des Eigen­willens und der vollkommenen Unabhängigkeit von Gott. Es fällt dem Menschen heutzutage nicht leicht, von seinen Mitmenschen unabhängig zu sein; er hat aber keine Hemmung, sich Gott gegenüber völlig gleichgültig zu verhalten. Welch ein unsinniger, böser und schrecklicher Zustand! Für Gott hat er keinen Gedan­ken übrig, und das ist Sünde. Betrachten wir das wirkliche Wesen der Sünde, wie sie hier offenbar gemacht wird, so trifft sie auf jeden Menschen zu, sei er Jude oder aus den Nationen. Der Jude erhob einen Anspruch auf Gerechtigkeit, denn er stand unter den, Gesetz. Das hatte zur Folge, daß er im Fall der Versündigung ein ihm bekanntes Gesetz gebrochen hatte ‑ das Gesetz Gottes ‑ und somit als »Übertreter« eine zusätzliche Schuld auf sich lud. Der Heide konnte kein Übertreter sein, weil er das Gesetz als eine allgemeinverbindliche Vorschrift nicht kannte. Die meisten Hei­den werden kaum jemals etwas von seiner Existenz erfahren haben. Daher würde man den Ausdruck »Übertreter« auf einen Heiden völlig zu Unrecht anwenden. Die Schrift nennt ihn auch nie so, sondern bezeichnet ihn als »gesetzlos« oder »Sünder aus den Nationen« wie z. B. in Galater 2, 15.

 

in bezug auf den Juden lesen wir aber nun von Gesetzlosigkeit. Wenn er nicht an Christus glaubte, war er bei all seinem Rühmen hinsichtlich des Gesetzes ebenfalls gesetzlos, denn sein Sündigen bewies, daß er tatsächlich ohne Gott lebte. Solange der Tempel bestand, konnte er hinaufgehen und seine Opfer darbringen. Jeder Jude wird das wohl getan haben. Der Mensch ‑ und sei es der schlechteste ‑ bekleidet sich gerne mit ein wenig Religion. Kains Liebe galt nicht nur dem Weltsystem, wie es durch ihn seinen Anfang nahm, sondern er hatte auch eine weltliche Reli­gion nach den Vorstellungen des Menschen. Er gehörte keines­wegs zu denen, die nicht ihre »Kirche« oder »Kapelle« haben. Es war ihm darum zu tun, dem Herrn ein Opfer, jedoch nach seinen eigenen Gedanken, zu bringen. Dieses Opfer stellte aber nichts weiter als eine tatsächliche Beleidigung Dessen dar, der allein bestimmen kann, auf welche Weise wir Ihn anbeten dürfen. So lag in diesem Opfer Kains auch ein absolutes Übergehen und Ignorie­ren seiner eigenen Sündhaftigkeit. Er brachte die Früchte und Blumen der Erde dar. Etwas Ähnliches tun die Leute auch heute bei Begräbnissen. Wie wir wissen, haben Blumen dann ihren »großen Tag«; man findet sie sogar am Grab. Etwas Sinnloseres, als Blumen auf den Sarg zu legen, kann man sich kaum vorstellen, wenn man einmal an die grundsätzliche Seite denkt. Der Ernst des Todes und die Folgen, die sich aus ihm ergeben, werden dadurch völlig verwischt. Für den Gläubigen bedeutet der Tod nichts anderes, als abzuscheiden, um bei Christus zu sein. Aber was ist er für den Sünder? Nichts anderes als die Totenglocke, die ihm das unumgängliche und gerechte Gericht ankündigt. Was haben dann bei dem einen oder bei dem anderen Begräbnis Blumen zu suchen? Ist es verwunderlich, wenn selbst verständige Menschen dieser Welt ihren Freunden Anzeigen mit dem Vermerk »Blumen unerwünscht« zuschicken? Jedenfalls kann man sich kaum eine gedankenlosere und törichtere Sitte vorstellen, als den Tod mit Blumenspenden zu verbinden. Den Gärtnern mag dieses liegen; es entspricht dem menschlichen Geschmack und mag den Handel fördern, ist aber sonst zu nichts nütze.

 

»Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit. « Sünde ist nicht das Brechen des Gesetzes, sondern Gesetzlosigkeit. Das ist der wahre Sinn dieses Wortes, jede andere Übersetzung ist unzulässig. Wer an Gesetzesübertretung denkt, macht einen großen Fehler, indem er das Gesetz anstelle von Christus zur Richtschnur für das Leben des Christen macht. Manche, die die Schrift nicht richtig verstehen, sind diesem Irrtum verfallen. » Und ihr wisset, daß er geoffen­bart worden ist, auf daß er unsere Sünden wegnehme; und Sünde ist nicht in ihm. « Mit diesem Vers stellt der Apostel sofort den Gegensatz vor unsere Augen. Wohin sollen wir blicken, um jemand zu finden, der völlig frei von Gesetzlosigkeit ist? ES gibt nur Einen, und es ist so offensichtlich, wer es ist, daß es unnötig war, Seinen Namen zu nennen. Ja, wir wissen, daß der Herr Jesus es ist, der geoffenbart wurde, um unsere Sünden wegzunehmen. Das konnte nur eine göttliche Person sein, die zugleich wahrer Mensch war. Er verabscheute in der Tat die Sünde, und es wird auch unmittelbar nach der Erwähnung Seines Werkes hinzuge­fügt: »Sünde ist nicht in ihm. « Das heißt nicht nur, in Ihm »war« keine Sünde, also vor Seinem Kommen auf die Erde, auch nicht, in Ihm »wird keine Sünde sein«, auf die Zeit nach Seiner Auferste­hung bezogen; sondern es ist eine absolute Wahrheit, daß in Ihm keine Sünde ist. Zu keiner Zeit war Sünde in Ihm, es konnte keine in Ihm sein. Aber gerade diesen Sündlosen machte Gott zur Sünde, damit wir, die wir wirklich Sünder waren, Gottes Gerech­tigkeit würden in Ihm. Der erste Teil von Vers 5 bezieht sich auf das einzigartige Werk und Ziel Seines sühnenden Todes, der andere auf den unveränderlichen und heiligen Charakter Seines Lebens, das in dieser Welt so außergewöhnlich zur Darstellung gebracht und erprobt wurde. Es offenbarte sich vor aller Augen; nur Blinde oder solche, die nicht richtig sehen wollten, nahmen es nicht wahr.

 

»Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht. « Es gibt kein anderes Mittel gegen die Sünde, als ständig abhängig und vertrauensvoll in Ihm zu bleiben. Nicht dadurch, daß man einst den Namen des Herrn angerufen hat, ist man nun gegen die Sünde geschützt oder im Besitz eines Bewahrungsmittels. Das war der erste Schritt, um den Glaubensweg zu beginnen. Viele, die heute »Herr, Herr!« sagen, wird Er an jenem Tage nicht kennen. In Christus zu bleiben, ist der Prüfstein dafür, ob man wirklich einen lebendigen Glauben an Christus hat, der nicht fruchtleer oder vergeblich ist. Er muß sich in Werken der Liebe erweisen, wie auch den Galatern gesagt wurde, die für das Gesetz eiferten: »Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich (das ist der alte Mensch), sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleische, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat« (Gal. 2, 20; 5, 6). Er schämt Sich nicht, uns Brüder zu nennen. Er hat Seine Liebe zu uns bis zum Äußersten unter Beweis gestellt in einer Weise, die weder auf den Vater noch auf den Heiligen Geist angewendet werden kann, aber die den göttlichen Forderungen entsprach. Weder der Vater noch der Geist kamen jemals im Fleische, um in einem irdischen Leben den absoluten Gehorsam zur Darstellung zu bringen und dann durch den Tod das göttliche Gericht über unsere Sünden zu erdulden. All das tat aber der Sohn. Darin liegt für uns ein überaus starker Ansporn, insbesondere weil Er uns Seine gerechte Natur mitgeteilt und uns in eine so innige Bezie­hung zu Gott gebracht hat, wie sie nur die alles übersteigende Liebe des Vaters erdenken und verleihen konnte.

 

Wir kommen nun zu den bisher nicht behandelten Versen.

»Kinder, daß euch niemand verführe!« (Kap. 3, 7). Gibt es ein Thema, das häufiger mißverstanden wird? Bei kaum einem ande­ren neigen die Menschen mehr dazu, nicht nur selbst zu irren, sondern auch andere, die sich auf das Wort stützen, irrezuführen. Vor der Verführung, schützt nur, in Christus und Seinem Wort und unter der Leitung Seines Geistes zu bleiben. Was kann einem die Gelehrsamkeit dabei nützen? Selbst Gottesfurcht kann nicht viel ausrichten, wenn wir nicht auch wirklich in Ihm bleiben. »Außer mir könnt ihr nichts tun«, sagte der Herr einst. Wenn wir so in Ihm bleiben, kann uns der Böse nicht schaden, wenn wir auch ständig seinen Listen ausgesetzt sind. Doch seine Absichten sind uns ja nicht unbekannt. Nicht uns fürchtet er, sondern Christus, der ihn besiegt hat. Unser Glaube und unser Bleiben in Christus stellt Ihn zwischen uns und den Teufel, der dann durch diesen Widerstand gezwungen wird, von uns zu weichen. Unsere alte Natur, das Fleisch, wird durch die Gnade und Wahrheit nicht in eine gute Natur verwandelt. Das Fleisch, die Gesinnung des Fleisches, ist unverbesserlich böse. An diesem Fleisch hat Gott für uns, die wir an Christus als das Opfer für die Sünde glauben, das Gericht vollzogen. Nachdem Er gestorben und auferstanden war, teilte Er uns Sein Auferstehungsleben mit. So sind wir jetzt eine neue Schöpfung; die alte wurde nicht verbessert, sondern am Kreuz Christi gerichtet und für immer beseitigt. Wie ist Sein Leben beschaffen? Wurde es durch eine einzige Sünde befleckt, oder wurde Er je im geringsten verunreinigt? Das aber ist das Leben, das wir nun besitzen, und daher ruhen das Wohlgefallen und die Liebe des Vaters auf uns als Seinen Kindern ‑ den Kindern Gottes, des Vaters. Wir haben somit zunächst die neue gerechte Natur erhalten und sind dadurch befähigt, nun die Gerechtigkeit zu tun. Diese Natur kann nur die Gerechtigkeit tun; alle Unge­rechtigkeit ist ihr zuwider.

 

Das Gesetz richtete sich an den Israeliten als einen Menschen mit einer sündigen Natur. Es setzte bei ihm die sündigen Triebe voraus; daher mußte er nach jeder Seite von Verboten umgeben werden. Er sollte weder falsche Götter anerkennen, noch sich ein Bildnis von dem wahren Gott machen. Sein Gottesdienst galt ausschließlich dem unsichtbaren, jedoch allein wahren Gott, der Israel aus Ägypten herausführte und dessen Name nicht miß­braucht werden durfte. Der Israelit durfte sich nicht an dem Eigentum eines anderen vergreifen, auch selbst nicht begehren, was seinem Nächsten gehörte. Er mußte den Sabbat am siebenten Wochentag halten und seine Eltern ehren. So gab es für alles die strengsten Vorschriften. Warum wohl? Weil er in seiner Natur durch den Widerwillen gegen Gottes Willen ungerecht war. Das Gesetz hielt für ihn Leben und Tod bereit ‑ Leben, wenn er gehorsam war, Tod im Falle des Ungehorsams. Es hieß: »Ver­flucht sei der Mann, der nicht aufrecht hält die Worte dieses Gesetzes, sie zu tun! Und das ganze Volk sage: Amen!« Dement­sprechend war das Volk schon seit langem dem Tod verfallen. Doch der Tag wird kommen, an dem auch sie leben werden, und dann werden auch sie »Gerechtigkeit tun«. Wer Gerechtigkeit tut und liebt, hat neues Leben in Christus; Gott schenkt es in Seiner Gnade, ohne daß wir etwas dazu beitragen könnten. Durch die Wirksamkeit Seines Geistes in uns tun wir Buße und glauben an das Evangelium. Mit dem neuen Leben beginnt auch die neue christliche Verantwortlichkeit. Wir sind berufen, in Übereinstim­mung mit Christus zu wandeln, dessen gerechtes Leben uns geschenkt worden ist. »Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, gleichwie er gerecht ist« (V. 7). Das bewirkt Seine Natur in uns, » während der gefallene Mensch nichts als sündigen kann.

 

Nun wird Johannes wesentlich schärfer, indem er auf die Quelle des Verderbens hinweist: » Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel« (V. 8). Er hatte die Quelle des Segens gezeigt; jetzt blickt er auf die Urquelle der Sünde. Er geht nicht nur auf das zurück, was Adam und Eva taten, sondern was die Schlange ihren Herzen einflößte. Wie gelang es doch dem Teufel seit eh und je, bei jeden, Angehörigen des Menschengeschlechts zu der ersten Sünde immer wieder neue Ungerechtigkeit hinzuzufügen! Hier wird es klar gesagt, daß jeder, der die Sünde tut, aus dem Teufel ist. Er ist der Anführer, dem die Menschen willig Folge leisten. Der Mensch mag sich seiner Vorfahren rühmen. Doch da ist ein anderer, Satan, der zwar nicht buchstäblich sein Vater ist, den der gefallene Mensch aber praktisch zu seinem Gott gemacht hat. So nennt ihn auch die Schrift den »Gott dieses Zeitlaufs« und den »Fürst dieser Welt«. Wie wahr ist es doch, daß jeder, der die Sünde tut, aus dem Teufel ist! Das ist keine unbedachte, menschliche Behauptung, sondern es ist die Wahrheit Gottes. Wer die Sünde tut, ist nicht nur ein Sünder, sondern »aus dem Teufel«. »Denn der Teufel sündigt von Anfang«, d. h. von der Zeit an, da es ihm nicht mehr genügte, ein Engel Gottes zu sein, sondern er sich in seinem Hochmut gegen Gott auflehnte. Von diesem Augenblick an war er der Teufel. Hier sehen wir übrigens wieder, daß »von Anfang« nicht dasselbe bedeutet wie »im Anfang«. Letzteres wird vom »Wort«, von dem Sohn gesagt und bedeutet von Ewigkeit her, ehe die Schöpfung war. In 1. Mose 1, Vers 1, weist der Ausdruck »im Anfang« auf den Beginn des Handelns Gottes, jedoch nicht etwa auf einen Anfang Seiner Existenz hin. »Von Anfang« bedeutet überall, wo es vorkommt, von der Zeit an, als die Person, von der jeweils die Rede ist, sich offenbar machte. Bezüglich Christus heißt »von Anfang« seit dem Augenblick, als Er Sich offenbarte. Beim Teufel ist »von Anfang« nicht die Zeit, als er sein Dasein als Engel begann, sondern der Augenblick, als seine Überheblichkeit Gott gegenüber und damit dann seine Bosheit in Erscheinung trat, die auch bei den Menschen das Resultat des Hochmuts ist.

 

»Hierzu ist der Sohn Gottes geoffenbart worden, auf daß er die Werke des Teufels vernichte«(V. 8 b). Das scheint nicht genau dasselbe zu sein wie das Wegnehmen unserer Sünden. Es kann aber nicht bezweifelt werden, daß dieses große Ereignis auf denselben Zeitpunkt hinweist. Wir müssen uns daran erinnern, daß der Tod Christi viel mehr bewirkte, als nur unsere Sünden wegzunehmen. Für uns ist dies natürlich das Wichtigste. Man kann auch sagen, daß jedenfalls alles, was die Gnade Gottes für uns bereitet hat, praktisch seinen Anfang in dem Werk hat, das unsere Sünden hinwegnahm. Aber Er wurde auch der Knecht Gottes und damit Sein Genosse im Kampf gegen den Satan, den unaufhörlichen Widersacher Gottes und des Menschen. Christus wurde nicht nur geoffenbart, um uns mit Gott zu versöhnen, sondern um alles zu vernichten, was Satan in seinem ganzen verruchten Dasein zustande gebracht hat. Und das wird Christus auch ausführen. Satans Anteil an Kriegen, Hungersnöten, Erdbeben, Seuchen usw. ist riesengroß, wie wir aus dem ersten Teil des Buches Hiob und aus anderen Stellen wissen. Gott behält aber die Oberhand und wendet das Böse, das Satan anrichtet, zum Guten, obwohl Satan rastlos bemüht ist, Unheil zu stiften, denn er trägt dieses Unheil allezeit in sich. Dem steht die nie endende Liebe Gottes gegenüber. Sie wendet alles zum besten bei denen, die auf Ihn und auf das, was Er über den Herrn Jesus offenbart, hören. »Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde. « Die Gerechtig­keit ist sein Leben, das sich in der Praxis und in wahrer Gottes­furcht erweist. Der Gläubige ist durch das neue Leben gekenn­zeichnet, das nicht sündigt. Versetzen wir uns in die Zeit der Sklaverei und stellen wir uns vor, daß ein Mann von Geburt an ein Sklave war. Eines Tages kommt ein gütiger Mann, tritt ins Mittel und kauft ihn von seinem Besitzer frei. Nach den Gesetzen des Landes ist der Sklave nun sofort ein freier Mann ‑ eine ganz unerwartete Wohltat für ihn. Wenn er nach diesem Ereignis an sich denkt oder von sich spricht, wird er sich wohl immer noch als Sklave sehen? Keineswegs, er denkt sicher nicht im entferntesten daran. Er war einmal ein Sklave, aber jetzt ist er ein freier Mann. Man mag nun einwenden, daß in dem Gläubigen immer noch der alte Mensch vorhanden ist. Die Antwort darauf lautet, daß Gott den Gläubigen durch den Tod Christi von ihm befreit hat. Diese Illustration enthält somit genügend zutreffende Tatsachen, um ihre Anwendung auf unseren Gegenstand zu rechtfertigen. Geist­liche Unterweisungen sind jedoch nicht so leicht zu verstehen und zu empfinden wie menschliche Argumente.

 

»Jeder, der aus Gott geboren ist ... « Aus Gott geboren zu sein ist der wirkliche Ausgangspunkt ‑ nicht Seiner Gedanken in den ewigen Ratschlüssen, sondern ‑ Seines praktischen Werkes in der Seele. Johannes spricht hier nicht von dem anderen, alten Leben, sondern unmißverständlich von jedem, der mit einer Natur gebo­ren worden ist, die niemals sündigt. Unsere Aufgabe ist es, die alte Natur nicht in Erscheinung treten zu lassen, sondern sie unter der Macht des Todes Christi zu halten und alles zu töten, was ihr angehört. Gestärkt durch die Gnade dürfen wir ihr nie erlauben, in Tätigkeit zu treten. Wir mögen straucheln, und das kommt durch unsere Schuld leider vor. Da aber der Geist in uns wohnt, um dem Fleisch zu widerstehen, sind wir stets ohne Entschuldi­gung, wenn wir so zu Fall kommen. Doch von Anfang an ist die Gerechtigkeit unser Prinzip, und es ist eine gesegnete Tatsache, daß wir sie als unsere neue Natur besitzen. Wir erwarten sie nicht als eine Belohnung, die wie bei dem Israeliten noch in der Zukunft liegt. Durch unumschränkte Gnade ist die Gerechtigkeit bereits unser Teil, nicht nur für uns zur Rechtfertigung, wie der Apostel Paulus es sagt, sondern auch in uns als eine neue Natur, wie wir hier sehen. Da Gott uns diese Segnung gegeben hat, müssen wir auch in Übereinstimmung mit ihr handeln, indem wir dabei auf Gott, ihre Quelle, und auf den Herrn Jesus blicken, durch den wir sie empfangen haben. Dadurch werden wir in Ihm bleiben und auf unserem ganzen Lebensweg viel Frucht zur Verherrlichung des Vaters bringen.

 

»Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm. « Gottes Wort sagt hier nicht, daß der aus Gott Geborene nicht Sünde tun sollte, sondern es heißt klar, daß er sie nicht tut. Jedes Geschöpf handelt gemäß seiner Natur, und die neue Natur des Christen ist so beschaffen, daß er nicht sündigen kann. Die neue Natur verurteilt die Sünde, und sie sündigt niemals. Sünde tun bedeutet ein bedauerliches Abweichen von der neuen Natur, indem man der verderbten alten Natur erlaubt, wieder tätig zu werden. Das widerspricht ganz klar dem Willen Gottes, welcher will, daß die alte Natur im Tode Christi gehalten wird. Sind wir ihr nicht bereits gestorben in dem Augenblick, als wir vom Tode in das Leben übergingen? Gab nicht unsere Taufe Zeugnis davon? Alles Unreine und Tote sollte aus unserem Blickfeld verschwunden, ja, aus unserem Leben vollständig ver­bannt sein. » Und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. « Es ist klar, daß das neue Leben die Kraft dazu verleiht, nicht zu sündigen, daher kann der Apostel dies so bestimmt sagen.

 

»Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott. « Es gibt aber noch einen Prüfstein, ob jemand aus Gott geboren ist, und das ist die Liebe; deshalb fügt der Apostel hinzu: »... und wer nicht seinen Bruder liebt« (V. 10). Wer in seinem Wesen diese Liebe vermissen läßt, der zeigt, daß er niemals die neue Natur empfangen hat, welche die Gerechtigkeit liebt und sie auch auslebt. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die außer­ordentliche Entschiedenheit des Apostels hinweisen, mit der er die Menschen in diese beiden Gruppen einteilt. Manche ausge­zeichnete Christen bestreiten nämlich das Recht der Heiligen, derartige Beurteilungen vorzunehmen. Sie berufen sich dabei auf das Verbot unseres Herrn in Matthäus 7, 1 und 2: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maße ihr messet, wird euch gemessen werden. « In der Anwendung dieser Stelle sind sie jedoch nicht sehr weise. Der Herr tadelt mit diesen Worten überhaupt nicht die geistliche Beurteilung von Personen oder Dingen. Das ist im Gegenteil ein klares und bedeutsames Vorrecht des Gläubigen sowohl zur eigenen Orientierung wie auch dazu, anderen eine Hilfe zu sein und sie zu warnen. So stellt auch der Apostel Paulus in 1. Korinther 2, 15 fest, daß der geistliche Mensch (im Gegensatz zum natürlichen) alles beurteilt oder einer Prüfung unterzieht, er selbst aber von niemand beur­teilt wird. Wovor der Herr Seine Jünger warnte, ist die böse Kritiksucht, der Richtgeist, die so oft dazu führen, daß wir andere Personen ohne Grund und in liebloser Weise böser Motive verdächtigen.

 

Durch den Gedanken, daß wir nicht beurteilen dürften, wer ein Kind Gottes ist, würde die Liebe im Gegenteil unterdrückt werden. Wenn es uns untersagt wäre, die Kinder Gottes als solche zu erkennen, wie könnten wir sie dann lieben? Gerade die nachfolgenden Worte des Herrn an dieser Stelle beweisen, daß wir zum Beurteilen imstande sind und auch dazu aufgefordert wer­den. Der Herr hält es nicht nur für wünschenswert, sondern für richtig und notwendig, wenn Er sagt: » Gebet nicht das Heilige den Hunden; werfet auch nicht eure Perlen vor die Schweine« (Matth. 7, 6). Wenn wir also derart verpflichtet werden, die Unreinen zu erkennen, wieviel mehr ist es dann unser Vorrecht, die Schafe und Lämmer der Herde Gottes ausfindig zu machen und ihnen, soweit es uns möglich ist, liebevoll in ihrer Not beizustehen.

 

Wir brauchen aber gar nicht über unseren Vers hinauszugehen, um die Wahrheit zu finden, die in diesem Gegenstand enthalten ist. »Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. « Der Apostel stellt den Unterschied so einfach wie möglich dar. Wie gewöhnlich ist es ihm um eindeutige, klare und praktische Beweise zu tun. Dabei verfolgt er sein Ziel, ohne sich mit der Behandlung von Heuchlern aufzuhalten, die sich eventuell eine Zeitlang der Entdeckung entziehen könnten. Er stellt der Familie Gottes mit allem Ernst das vor, worauf sie achten muß, und was fortwährend von Wichtigkeit und Interesse für alle Kinder Gottes ist. Es ist überhaupt nicht schwer, unter denen, deren Wandel uns bekannt ist, zu einem gesunden Urteil darüber zu kommen, ob sie in der Gerechtigkeit oder in der Ungerechtig­keit wandeln. Es ist natürlich unverantwortlich, ein verborgenes Übel da zu vermuten, wo sich keins offenkundig gezeigt hat. Ebensowenig wäre es zu rechtfertigen, jemandem ein Verdienst zuzuschreiben, das man sich nur einbildet. Ein gerechtes Urteil bildet sich nur auf einer Grundlage, die kein aufrichtiger, in der Gnade gefestigter Christ anfechten kann, besonders wenn es sich um so allgemeine Fälle handelt.

 

Das Leben des Weltmenschen ist voller Ungewißheit und hohlem Schein. Der Christ dagegen sollte nicht so wandeln. Aus einer Beziehung zu Gott und zu seinen Brüdern ergeben sich für t; ihn klare Verpflichtungen, denen gemäß er handeln muß. Er hat tagtäglich mit Menschen zu tun, die entweder Kinder Gottes oder Kinder des Teufels sind. Die in ihm wirkende göttliche Liebe kann weder der einen noch der anderen Klasse von Menschen gegen­über gleichgültig bleiben. Sie äußert sich jedoch ganz verschieden­artig, je nachdem, ob es sich um Weltmenschen oder um Gläubige handelt. Für den Apostel gab es diesbezüglich keine Hindernisse; er ermuntert daher den Gläubigen, sowohl für Gott als auch der Kinder Gottes tätig zu sein. Er möchte ihn auch zugunsten davor bewahren, sich aufgrund von unklaren und ungewissen Überlegungen ein vorschnelles Urteil zu bilden. »Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. « Gerech­tigkeit und Liebe haben Auswirkungen, die jedermann sehen kann. Beide offenbaren sich in den Kindern Gottes. Aber es ist ebenso offenkundig, daß sie in den Kindern des Teufels nicht zu finden sind; bei diesen zeigt sich eher das gerade Gegenteil.

 

Es ist schmerzlich zu sehen, wie es dazu kommt, daß Gläubige in einen so bedenklichen Fehler verfallen und Schriftstellen verdre­hen oder einfach übergehen. Wie oft setzt Gott in Seinem Wort als selbstverständlich voraus, daß selbst die einfachsten Gläubigen ihre Brüder erkennen und lieben. Ebenso sollen sie ihre Ver­pflichtung fühlen, die Sorglosen aus ihrer verhängnisvollen Ver­blendung herauszuführen und die Verächter und Spötter vor ihrem Schicksal zu warnen. Es liegt an dem Niedergang des christlichen Bekenntnisses, daß über die Pflichten eines Christen heutzutage so verderbliche Ansichten herrschen. Die Welt ist teilweise religiös und verkirchlicht, aber die Kirche ist weit mehr verweltlicht. Daher trägt der gegenwärtige Zustand der Gläubi­gen den Stempel der Verwirrung an sich. Sie haben sich mit denen vermengt, die keinerlei geistliche Güter besitzen und folglich diejenigen Gläubigen, die ungehindert und frei dem Herrn zur Verfügung stehen sollten, in ihre Finsternis hinabziehen. Es wird wohl niemand bezweifeln, daß kein Heiliger seinen unbekehrten Mitmenschen in die Gemeinschaft mit Gottes Gedanken einzu­führen vermag. Ist es nicht völlig gewiß und natürlich, daß bei einem ungleichen Joch der natürliche Mensch den geistlichen durch sein weltliches Übergewicht immer mehr hinunterzieht, bis dieser sich schließlich kaum noch in seinen Gedanken und Wegen von seinem schlechten Vorbild unterscheidet?

 

Denn dies ist die Botschaft, die ihr von Anfang gehört habt, daß wir einander lieben sollen; nicht wie Kain aus dem Bösen war und seinen Bruder ermordete; und weshalb ermordete er ihn? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht.

Wundert euch nicht, Brüder, wenn die Welt euch haßt. wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder lieben; wer den Bruder nicht liebt, bleibt in dem Tode. Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschenmörder, und ihr wisset, daß kein Menschenmörder ewiges Leben in sich bleibend hat.

Hieran haben wir die Liebe erkannt, daß er für uns sein Leben dargelegt hat; auch w i r sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen. Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschließt sein Herz vor ihm ' wie bleibt die

Liebe Gottes in ihm? 

 

1. Johannes 3, 11 ‑ 17

 

Der letzte Satz von Vers 10 ist, wie schon erwähnt, das Bindeglied, mit dem der Apostel von der Gerechtigkeit zur Liebe überleitet. Die Menschen haben diese beiden Wesensarten in Gegensatz zueinander gebracht. Aber in Christus, der die Gerech­tigkeit und die Liebe in Vollkommenheit ist, sind sie völlig miteinander vereinigt und gelten gleicherweise voll und ganz auch für den Christen, da ja Christus sein Leben ist. Durch den Glauben haben wir das Leben empfangen, das in Ihm Selber war. Es ist nicht das Leben Adams, das alle Menschen haben, sondern ein neues Leben, das niemand von uns besaß, ehe wir an den Herrn Jesus glaubten. Da es Leben an sich ist, hat es keine äußerlich wahrnehmbaren Merkmale; es ist unsichtbar, auch für uns. Wir können aber anhand seiner Handlungen und Auswirkun­gen erkennen, wo es vorhanden ist. Wenn das schon bei dem natürlichen Leben der Fall ist, sollte es bei dem übernatürlichen oder geistlichen Leben nicht erst recht so sein? Wir sollen nicht um dieses Leben bitten, denn damit würden wir nur beweisen, daß wir gar nicht wissen, was Leben ist. Wenn es auch schwierig sein mag> das Leben zu definieren, so weiß doch jeder, daß der Tod eintritt sobald das Leben entflieht. Die Wirksamkeit des Todes macht sich bereits bemerkbar, ehe wir sterben, sie ist seit dem Sündenfall vorhanden. Die Sterblichkeit ist eine Wirklichkeit, sie kommt aber erst im Tod sichtbar zum Ausdruck. Im allgemeinen kann Mensch feststellen, wenn bei einem anderen Menschen oder bei einem Tier der Tod eingetreten ist. Allerdings wissen wir, daß ‑Wo und wieder Ausnahmen vorkommen. Es gibt wohl keine Regel ohne Ausnahme, und bei jeder Wirklichkeit stoßen wir auf Doch hinsichtlich des Wortes Gottes gibt es keine derartigen Schwierigkeiten, die dem geistlichen Verständnis Hindernisse bereiten könnten. Für diejenigen, die keine Kenntnis Gottes haben, besteht zweifellos eine unüberwindliche Schwierig­keit; doch durch den Glauben an Christus empfangen wir diese ]Kenntnis. »Dies aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den allein »wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen«

(Joh. 17, 3).

 

Wer besitzt nun diese neue Natur? Jeder Gläubige hat sie von seines Glaubenslebens an, sie ist jetzt in ihrer ganzen Fülle für jeden Gläubigen vorhanden. Denn als der Herr auf der Erde war, sprach Er davon, daß wir Leben im Überfluß haben würden:

»Ich bin gekommen, auf daß sie Leben haben und es in Überfluß haben« (Joh. 10, 10). Der Ausdruck »Überfluß« kann nicht gesteigert werden. Wie ist doch durch dieses Leben alles anders geworden! Das Leben, das die Jünger besaßen, als der Herr auf war, hielt sie beharrlich davon ab, öffentlich mit dem Tempel und dem jüdischen System zu brechen. Was hatte dagegen unser Herr, der Sich in herablassender Gnade bezüglich des Gesetzes dem jüdischen System unterworfen hatte, noch mit dem Gesetz zu tun, nachdem Er gestorben und auferstanden war? Es wäre widersinnig, davon zu sprechen, daß der auferstandene Christus zum Tempel hinaufgegangen wäre oder an den jüdischen Zeremonien, an ihren Festen usw. teilgenommen hätte. Die Jünger aber mußten durch die Lehre erst darüber unterwiesen Werden. Sie erfaßten nicht alles auf einmal. Auch wir neigen dazu, diese großen Veränderungen nur zögernd zu begreifen. Doch das Auferstehungsleben war in diesen Gläubigen vorhanden, und so Waren sie auch allen diesen Dingen gestorben. Christus ist nicht nur für unsere Sünden gestorben. Er ist auch der Sünde gestorben; sie war niemals in Ihm, wir aber waren tief in sie verstrickt. Er ist ihr ein für allemal gestorben und hatte dann nichts mehr mit der Sünde Zu tun. Stets war Er für ihre Wirkungen völlig unempfänglich; alles, was sie in Seinem Leben hervorrufen konnte, waren Schmerz und Mitgefühl für jene, die durch sie irregeleitet waren. Durch Sein Sterben vollbrachte der Herr Jesus das mächtigste Werk, das Gott je getan hat. Seine Wiederkehr in Herrlichkeit wird tatsächlich nur bewirken daß an jenem Tag alle Seine Vortrefflichkeiten, die Er bereits am Kreuz offenbarte, öffentlich und machtvoll zur Darstellung kommen werden.

 

So trägt dieses neue Leben, obwohl es nicht äußerlich wahr­nehmbar ist, die Kraft der Unauflöslichkeit in sich. Es ist durch den Heiligen Geist mit Macht ausgestattet, denn Er ist nicht ein Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Die Apostel sollten mit Kraft ausgestattet werden. Sie sollten nicht nur vor anderen als Zeugen auftreten, sie mußten auch selbst in weitaus erhabenere Dinge eingeführt werden, die sie damals noch nicht erfassen konnten. Diese Dinge konnten sie erst erkennen, als sie nicht nur das Auferstehungsleben besaßen ' sondern auch der Heilige Geist vom Himmel herniedergesandt worden war. Diese beiden Dinge dürfen wir nicht durcheinander­bringen. Auch sollten wir das Wirken des Geistes nicht auf Sprachen, Wunder und ähnliche Machtbezeugungen beschrän­ken, die nur äußere Zeichen Seiner göttlichen Wirksamkeit waren. Die inwendig wirkende Kraft des Geistes war viel größer als irgendeines der sie begleitenden Zeichen. Diese verschwanden in dem Augenblick, als die Versammlung in Verfall geriet und Liebe, Wahrheit und Licht preisgab. Wie konnte Gott weiterhin das Siegel Seiner Zustimmung auf einen unwürdigen Zustand der Dinge setzen? Bedenken wir, was selbst der Versammlung in Ephesus angedroht wurde; denn sie hatte bereits die erste Liebe verlassen, als Johannes die Offenbarung schrieb. Nach seinem Abscheiden versanken die Christen allgemein in diesen Zustand. Die Anwesenheit der Apostel hatte den Verfall, der bereits So intensiv eingetreten war, noch spürbar aufgehalten.

 

Es ist gut, wenn wir das neue Leben unter diesem Gesichtspunkt betrachten, da es die praktische Gerechtigkeit und die tätige Liebe des Gläubigen miteinander vereint. Johannes spricht hier nicht von der Liebe Gottes ‑ obwohl diese mit einbezogen ist ‑, sondern von unserer Liebe, ebenso wie er auch nicht die Gerechtigkeit in Christus meint, die zu unserer Rechtfertigung dient, sondern unsere Gerechtigkeit, wenn er sie hier zur Sprache bringt. Es ist klar, daß diese Gerechtigkeit aus guten Früchten besteht. Wie kann es aber gute Früchte ohne einen guten Baum geben? In unserem natürlichen Zustand waren wir alles andere als gute Bäume; wir waren schlechte Bäume, die schlechte Früchte trugen . Um gute Früchte hervorbringen zu können, mußte uns erst eine göttliche Natur verliehen werden, anders war dies nicht möglich. Bei einem wilden Baum muß man auch ein Pfropfreis einsetzen, um edle Früchte ernten zu können. Johannes ist hier mit diesem Leben, dem ewigen Leben, beschäftigt. Was die Gerechtigkeit betrifft ‑ es ist nicht diejenige für uns (wir hatten keine, wurden aber Gerechtigkeit in Christus, vgl. 2. Kor. 5, 21) ‑, sondern die jetzt in uns ist, welche täglich aufs neue unsere praktische Gerechtigkeit hervorbringt. Die Menschen mögen die Wahrheit nicht gern hören, doch hier ist sie in den Worten des Apostels niedergeschrieben. Zudem ist die Sache zu ernst, als daß wir leichtfertig damit umgehen dürften. Niemand ist ein wahrer Christ, der nicht sowohl die Gerechtigkeit besitzt, die außerhalb von uns, in Christus, ihre Grundlage hat, wie er auch in sich die gerechte Natur hat, das neue Leben, das das Leben Christi ist. Wir können mithin zwei Dinge unterscheiden: die »objektive« Seite außerhalb von uns und die »subjektive« Seite, das, was wir sind. Beide gründen sich auf die Tatsache, daß der Gläubige das Leben Christi besitzt. Dieses Leben unterscheidet sich nicht von Ihm Selbst. Er hat es uns gegeben, damit wir das Leben, das Er hat, besitzen und in demselben sowie durch dasselbe leben.

 

So beginnt der Apostel mit den Worten: »Und dies ist die Botschaft, die ihr von Anfang gehört habt. « In Kapitel 1, Vers 5, finden wir dieselben Worte: » Und dies ist die Botschaft, die wir von Ihm gehört haben. « Unser Vers ist jedoch noch präziser. Die Botschaft war nicht nur »von Ihm«, sie war auch »von Anfang« (nicht vorher) gehört worden. Beides ist entscheidend. Was der Mensch noch hinzugefügt hat, ist belanglos. Die unveränderliche Wahrheit des praktischen Christentums bleibt bestehen, und das ist von um so größerer Bedeutung, als sie im absoluten Gegensatz zu den vorherrschenden Vorstellungen des Menschen steht. Besonders widerlegt sie offenkundig die Ansichten, die über die sog. Entwicklung bestehen, Die Entwicklungsidee ist völlig falsch, sowohl hinsichtlich der natürlichen wie in noch schlimmerem Maße bezüglich der göttlichen Dinge. Sie geht auf heidnische Vorstellungen zurück, die später bezüglich der Natur wieder aufgegriffen wurden. Der Entwicklungsgedanke leugnet Gottes Macht und Willen, alles nach seiner Art zu bestimmen. Das wahre Prinzip der Zoologie besteht in den göttlich geschaffenen Arten. Sie sind vom Schöpfer ebenso verankert wie auch die anderen sog. Naturgesetze. Menschliche Klassifizierung oder äußerliche Ähn­lichkeiten führen leicht in die Irre. Daher steht die Entwicklungs­lehre bei klarer Überlegung mit der Schöpfung, ja, mit den Rechten Gottes im Blick auf die Schöpfung, völlig im Wider­spruch. Doch wie beschämend, daß eine solch arrogante und unbesonnene heidnische Vorstellung in unserer Zeit wieder auf­ lebt! Daß die in Finsternis lebenden Menschen, die Gott nicht kannten, so dachten, war nur natürlich. Sie hatten diese Auffas­sung bereits lange vor Darwin und seinen Gesinnungsgenossen. Heutzutage scheint sie das Steckenpferd der sog. »Philosophen« und ihrer Anhänger zu sein, der ergebenen Sklaven einer auf reine Phantasie aufgebauten Idee. Würde die Entwicklungsidee nur auf die niederen Geschöpfe angewandt, so wäre das zwar verkehrt, es spielte aber keine große Rolle, abgesehen von dem Antasten der Rechte Gottes ‑ wie man sich die Entwicklung einer Maus, eines Affen oder anderer Tiere vorstellt. Steht aber der Mensch und seine Beziehung zu Gott in Frage, indem man behauptet, er sei aus einer Meeresalge oder irgendeiner Urzelle der Natur entstanden, so ist das eine sehr ernst zu nehmende Irrlehre. Man richtet damit Gewissen und Verantwortlichkeit sowie Gottes Ansprüche an die von Ihm geschaffene Menschheit zugrunde. Wegen des Unglau­bens, der diese ganze Theorie durchsetzt, kann sie nie geduldet werden; es ist daher nötig, dies ganz klar auszusprechen.

 

Wir kommen nun zu einer weiteren Stelle von besonderem Interesse, weil es hier um »die Botschaft« geht, ebenso wie in den einführenden Worten des 1. Kapitels, die der Kundmachung der göttlichen Liebe und des göttlichen Lebens in dem Sohn des Menschen auf Erden folgen. Dort war es die »Botschaft«, daß Gott Licht ist, die uns vorgestellt und auf uns angewendet wurde. Sie ist ebenso gewiß eine Wahrheit der christlichen Lehre wie die Tatsache, daß Gott Liebe ist. Ja, ehe letzteres im 4. Kapitel direkt ausgesprochen wird, finden wir bereits die Feststellung, daß Gott Licht ist. Zwar deuten schon die ersten vier Verse des ersten Kapitels klar an, daß Gott Liebe ist, doch finden wir die direkte Aussage darüber erst später. Es war überaus wichtig, daß der Mensch, durch die unumschränkte Gnade zu Gott gebracht, niemals vergessen sollte, daß Gott Licht ist. Der Empfang des ewigen Lebens in Christus darf uns nie dazu führen, unsere praktische Heiligkeit in unser Belieben zu stellen. Gott stellte die Hassenswürdigkeit der Sünde unter Beweis, als Er den Herrn Jesus, der mit unserer unerträglichen Bürde beladen war, an, Kreuz verließ. So sollte unsere neue Gnadenstellung vor Gott bewirken, daß die Sünde auch für uns in gleicher Weise hassens­würdig ist. Wenn Er uns bereits unschätzbaren Segen geschenkt hat, so können wir uns nicht der moralischen Verantwortlichkeit, dem Lichte entsprechend zu wandeln, entziehen. Das ist übrigens auch ein großes Vorrecht. Wie gesegnet, daß wir, einst durch die Sünde Söhne der Finsternis, in dieses wunderbare Licht versetzt Sind, und zwar bereits in dieser Welt, nicht erst, wenn wir in den Himmel eingehen werden. So werden wir auch aufgefordert, dementsprechend zu wandeln. Müßten wir diesen Weg gehen, ohne daß unser Vater ständig über uns wacht, so wären wir völlig überfordert, denn wir würden bei jeder Versündigung von Gott abfallen. Die Sünde unterbricht zwar die Gemeinschaft, aber sie zerstört nicht das Leben Christi in uns. Sein Leben unterscheidet sich von jedem anderen dadurch, daß es niemals zunichte werden kann. Es ist von Natur her ewig. Darin besteht für uns der stärkste Trost, obwohl es auch ernst an unsere Herzen und Gewissen appelliert.

 

So sagt der Apostel erneut: »Denn dies ist die Botschaft, die ihr von Anfang gehört habt. « Das war, als Christus in Liebe kam und uns Leben gab. Dann wurden wir aufgefordert, nicht nur an die Liebe Gottes in Christus zu uns zu glauben, sondern auch einander zu lieben, wie Er uns geliebt hat. Es ist ein Segen und ein wunderbarer Aufruf, der des Herrn würdig ist. Er setzt voraus, daß für uns und in uns ein vollständiger Wechsel stattgefunden hat. Wenn es irgend etwas gibt, das den gefallenen Menschen charakterisiert, dann ist es die Tatsache, daß er selbst stets der Mittelpunkt all seiner Gedanken und Empfindungen ist. Wir sind das, wonach wir trachten und was wir wertschätzen. Selbstsucht ist niemals Liebe. Das eigene Ich gilt für die Welt, um mit ihren Worten zu reden als die »Nummer Eins«. Für den Menschen ist nicht Gott die »Nummer Eins«, sondern sein armes, erbärmliches, gefallenes Ich. Jeder ist sein eigener Gott. Aus der Sicht des Einen, des Höchsten, ist und kann nur Er Gott sein. In meinem Herzen sollte unbedingt Gott den Platz »Nummer Eins« einneh­men. Das wäre auch der Fall, wenn ich nicht ein gefallener, sündiger Mensch wäre. Der Herr macht nun dieser Entfernung von Sich dadurch ein Ende, daß Er eine solche Aufforderung der Gnade an uns richtet. Sie ist in jedem Fall das Ergebnis davon, daß Gott in Ihm herniederkam, um für uns der Segenspender zu werden. Und das nicht nur durch ein Werk, das Er für uns ausführen ließ, sondern durch das Leben, das Er uns gab. So besteht praktisches Christentum aus einem Leben für Gott und in Übereinstimmung mit Seinem Wort. Wir ruhen dabei nicht nur nach außen hin auf Christus und Seinem Werk, sondern wir haben Christus auch in uns. Beide Tatsachen sind wahr, und zwar bereits von Anfang an. Daran kann sich nichts ändern; jede Veränderung dieser Wahrheit wäre nur zum Verderben. Diese Botschaft wurde »von Anfang« gehört. Wie einleuchtend ist es, daß »von Anfang« nicht dasselbe bedeutet wie »im Anfang«, als Gott allein exi­stierte. Nicht einmal ein Engel war da, Ihn zu hören, wieviel weniger ein Mensch. Heißt es aber: »Ihr habt sie von Anfang gehört«, dann erschallt die Botschaft offensichtlich von der Zeit an, als Christus auf Erden war. Es war auch nicht etwa nur die Aufforderung, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben; das wäre nur Gesetz gewesen.

 

Mit »deinem Nächsten« war damals in erster Linie der Jude gemeint. Die Juden liebten ja die Heiden nicht. Sie hatten vielleicht etwas weniger Schwierigkeit bezüglich der Heiden, die gekommen waren, um unter den »Flügeln des Gottes Israels Zuflucht zu suchen«. Solche mochten durch Gnade zu ihren Nächsten gezählt werden. Diese Nächsten aus den Nationen waren jedoch, alle zusammengefaßt, zahlenmäßig gering im Ver­gleich zu der übrigen Menschheit. Ruth nahm Zuflucht unter dem Schutz des Gottes Israels. Obwohl sie nicht dem Samen Abrahams angehörte, wurde sie mit einem nicht unbedeutenden Israeliten vermählt und dadurch mit ihm in das Geschlechtsregister einge­reiht, dem der Hirte Israels, der Herr Jesus Selbst, entstammen sollte. Solche Personen waren dann praktisch Israeliten. Doch das braucht hier nicht erörtert zu werden. Jeder von uns weiß, daß bis zum Kommen des Herrn das »Liebe deinen Nächsten!« sehr engherzig aufgefaßt wurde. Der Herr erweiterte seine Bedeutung beträchtlich, als der Schriftgelehrte, zu dem Er sprach, die Streitfrage aufwarf: »Wer ist mein Nächster?« Wenn die Wahrheit einfach und verständlich dargelegt wird, so daß die Hörer Mühe haben, ihr zu entrinnen, stellen sie gerne Fragen, um damit ihr Gegenüber zu verwirren. Der Herr erzählte darauf das wunder­schöne Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Welch ein Schlag war das für den jüdischen Stolz! Nicht der »barmherzige Israelit«, sondern der »barmherzige Samariter« wurde als Vorbild hinge­stellt! Worin lag die Kraft dieses Gleichnisses? Der Samariter sah nicht einen Angehörigen seines Volkes, der seine Hilfe benötigte, sondern einen Israeliten, von dem sich jeder andere abwandte, nur nicht er, der Samariter. Selbst als ein Levit den Leidenden sah, oder ein Priester ‑ o nein, das war nicht ihre Angelegenheit. Sie mißachteten ihren Nächsten völlig, und zwar, weil das Elend dieses Menschen Liebe und Barmherzigkeit erforderte. Anders der Samariter. Er verband seine Wunden und versorgte ihn. War es nicht ein treffendes Bild von dem Herrn Selber? Und wie lieblich, daß der Herr es auch so gemeint hat, als Er das Gleichnis erzählte. Er, der herniederkam, um »Knecht« zu sein, war auch bereit, sich hinter der Gestalt eines »Samariters« zu verbergen. Er kam, um unsere Sünden an Seinem Leibe auf dem Holz allein zu tragen und auszutilgen und um als der Gerechte für uns, die Ungerechten, zu leiden.

 

Kein Wunder, daß Er sich nicht schämte, in diesem Gleichnis ein Samariter zu sein; aber welche Niedertracht von den Juden, wenn sie Ihn wegwerfend so bezeichneten (Joh. 8, 48)!

 

Wir haben hier eine andere Art von Liebe. Sie hat den Wohlgeruch von Gottes eigener Liebe. Wem wird die göttliche Liebe in ihrer ganzen Fülle gezeigt? Seinen Kindern. Daß man diese Liebe nur so wenig wahrnimmt, ist ein Beweis, wie weit man in der Christenheit abgewichen ist. Sogar die schwächsten Chri­sten haben kein geringes Empfinden für Sünder, die in Gefahr sind, für ewig verlorenzugehen. Für die Belange der Kinder Gottes aber, ob diese Gott und Seinen Sohn verherrlichen oder nicht, scheinen sie wenig übrigzuhaben. Der große Gegenstand ist für sie nur, daß Sünder zur Bekehrung kommen; alles andere ist von untergeordneter Bedeutung. Wie schade, bei diesem Punkt stehenzubleiben! Entspricht das den Empfindungen Gottes? War das alles, worum sich Sein eigener Sohn bemühte, als Er auf Erden war? Er war der geoffenbarte Gegenstand der Liebe und Gunst Gottes während der ganzen Zeit Seines Hierseins, ehe Er unsere Sünden an dem Kreuz trug; und wie sehr liebte Er die Kinder Gottes!

 

Seine Stellung ist jetzt auch die unsrige, mit Ausnahme Seines Sühnungswerkes. Wir sind Kinder Gottes, und die Liebe, die auf Ihm ruhte, ruht jetzt auch auf uns, wie der Herr uns am Ende von Johannes 17 versichert. Doch das geht gänzlich über das hinaus, womit sich die meisten Kinder Gottes zufrieden geben. Natürlich leugnen sie die Worte des Herrn nicht; doch erwecken sie nicht den Eindruck, daß sie sie verstehen. Oder reden und handeln sie etwa danach, daß diese Worte ihnen das Vorbild für ihre Vor­rechte und Pflichten vermitteln? Das Bewußtsein, so geliebt zu werden, bewirkt auch die Liebe zu denen, die gleicherweise die Gegenstände dieser Liebe Gottes sind.

 

Es ist auch wichtig zu verstehen, daß eine solche Liebe wie die Seinige etwas völlig Neues darstellte. Damals wurde es erstmalig den Seinen auferlegt, daß die Kinder Gottes einander lieben sollten. Der Herr legte es in dem »neuen Gebot« fest. Es war tatsächlich etwas Neues zu erfahren, daß Gott nun im Begriff stand, eine Familie zu bilden, in der alle zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelt werden sollten.

 

Das hatte es vorher noch nie gegeben. Gott tat das auf zwei besondere Arten. In den Schriften des Johannes finden wir die Familieneinheit, in den paulinischen Briefen die Einheit des Leibes Christi. Beide verschmelzen miteinander als zwei verschiedene Arten göttlicher Einheit. Einerseits offenbarte Christus die Natur Gottes auf dieser Erde, um sie hier den Glaubenden mitzuteilen und sie als Kinder Gottes in eins zu versammeln. Andererseits besteht der Leib Christi, weil Christus im Himmel verherrlicht ist und wir durch den Geist in der Höhe mit Ihm vereinigt sind. Hier besteht also die Einheit zwischen dem Haupt und dem Leib. Das Haupt des Leibes ist der verherrlichte Mensch, und der Mittelpunkt der Familie ist Jesus, der Sohn Gottes; Christus droben ist beides.

 

Damit ist der Bereich abgesteckt, innerhalb dessen diese Liebe tätig ist. Es ist die Liebe untereinander, nicht die Liebe des Evangeliums, die zu dem verlorenen Menschen ausgeht. Sie hat mit dem Gesetz oder unserem Nächsten nichts zu tun. Es ist Liebe in göttlichen Beziehungen zur Familie Gottes. Die Liebe zu den Kindern Gottes erstreckt sich auf alle Heiligen auf der ganzen Erde und beschränkt sich nicht nur auf unser Land. Alle sind sie Glieder am Leibe Christi. Diese Wahrheit soll in bezug auf jeden Gläubigen verwirklicht werden, ob er sich in der Ferne oder in der Nähe befindet. Man kann keinen aus dem Bereich der Liebe auslassen, ohne Gefahr zu laufen, gegen Gottes Wort zu versto­ßen oder es zu mißachten und damit den Heiligen Geist zu betrüben, der in uns ist, damit wir fortan den Willen Gottes tun.

 

Das gibt dem Apostel Gelegenheit, die Sonde noch tiefer anzusetzen. Er stellt in krassem Gegensatz die Kinder Gottes den Kindern des Teufels gegenüber und geht bei beiden Kategorien bis auf die Wurzel. Es genügt ihm nicht, die letzteren böse oder Kinder des Zorns zu nennen, wie sie an anderen Stellen bezeich­net werden. Er sagt hier: »Kinder des Teufels. « Das führt zu einem Punkt von ungeheurer Bedeutung. Merkwürdigerweise greift er auf die frühesten Tage des gefallenen Menschen zurück, als Adam und Eva Kinder geboren wurden, und beginnt mit ihrem ältesten Sohn: »Nicht wie Kain aus dem Bösen war. « Kain kann niemals unser Vorbild sein, wir müssen uns im Gegenteil von ihm abwen­den. Und weshalb? »Er ermordete seinen Bruder. « So weit brachte ihn seine Bosheit. Das war sicherlich keine Liebe, sondern Haß, und das will Johannes hier vorstellen. Er denkt nicht an eine Neutralität zwischen Liebe und Haß; er will keine abschwächenden Vorstellungen gelten lassen, die bei manchen Christen anscheinend so beliebt sind. Jede Gefühlsregung, die für Kain Entschuldigungsgründe gelten läßt, ist ein Kompromiß gegenüber der Wahrheit. Es ist aber von höchster Wichtigkeit zu erkennen, daß es eine deutliche Scheidung geben muß zwischen dem, was von Gott ist, und dem, was vom Teufel ist. Das will Johannes uns hier klarmachen.

 

Es ist bemerkenswert, daß uns hier die weitreichende Wahrheit gezeigt wird, daß Kain es war, der zwei Neuerungen einführte. Er richtete als erster Mensch eine »fleischliche« Religion auf. Kain war keinesfalls ein religionsloser Mensch zu nennen. Er entsprach den Menschen der heutigen Zeit, die regelmäßig in ihre Kirche oder Gemeinde gehen. Er besaß lediglich die natürliche Religiosi­tät des Fleisches, die in seiner Seele keinen Gedanken aufkommen ließ, ob sein Opfer seinem eigenen Zustand angemessen war oder den Gedanken Gottes entsprach. Die Menschen kümmern sich im allgemeinen um solche Fragen nicht. Für die meisten genügt die Begründung: »Unsere Eltern und Großeltern sind auch schon in diese Kirche gegangen. « Sie wurden dort getauft, konfirmiert und nahmen teil an den Sakramenten; oder, wie andere es nennen, sie waren Mitglieder der Kirche oder Gemeinde. All das gehört sich so nach ihrer Ansicht für einen anständigen Menschen. Die Jesuiten gehen noch weiter, indem sie sagen, daß alles zu Gottes höherem Ruhme gereiche. Das ist die angebliche Rechtfertigung ihrer herzlosen, skrupellosen und bösen Bestrebungen. Sie sind ihrem General zum unbedingten Gehorsam verpflichtet, wenn er erklärt, daß der Zweck jedes Mittel heiligt. Der General arbeitet nämlich nicht nur mit dem Papst zusammen, sondern auch als sein Stellvertreter, und ist ihm manchmal in seinen Entschlüssen weit voraus. Alles geschieht angeblich zur Vermehrung des Ruhmes ihres Herrn, des Papstes!

Kain hatte also seine eigenen Vorstellungen davon, auf welche Weise er Gott nahen könne, um Ihm zu huldigen. Er wird gedacht haben: »Es gibt nichts Schöneres als die Blumen und Früchte, die Gott in dieser herrlichen Welt gemacht hat.« Doch es war bereits eine gefallene Welt, und die Menschen waren solche, die aus dem Paradies vertrieben worden waren. Wir schnell hatte er diese Tatsache und noch mehr den Anlaß dazu vergessen! Kain dachte nicht mehr an die Sünde des aufsässigen Ungehorsams, der Gott genötigt hatte, das erste Menschenpaar aus dem Paradies zu. verbannen. War es dann nicht seine religiöse Pflicht, das nach seiner Meinung Allerbeste der Erzeugnisse des Erdbodens als Opfer darzubringen? Sicher war er über das Opfer seines Bruders Abel entsetzt. »Was soll man bloß von ihm halten? Denkt nur, wie dumm er ist! Er will ein Lämmlein opfern und es gar für Jehova töten! Was soll man dazu sagen? Wie grausam und schrecklich muß das für Gott sein! Was hat das Lämmchen denn verbrochen? Warum nimmt der denn von den Erstlingen der Herde und von ihrem Fett? Sicher hat er den Charakter Jehovas völlig mißver­standen. Hat Er etwa Wohlgefallen an Blut oder Fett? Freut es Ihn etwa, wenn man ein armes, unschuldiges Tier schlachtet, dem Er das Dasein gab?«

 

Wir finden bei Kain im einzelnen, was heute im allgemeinen einen großen Teil der Vernunftgründe der Menschen ausmacht. Auf dieser Grundlage hat sich zu allen Zeiten die Naturreligion, die Religion des Fleisches in allen ihren Formen entwickelt. Es ist eine Religion, die der Mensch sich selber und anderen zurecht­macht und die er für Gott geziemend hält. Da aber der Mensch die einzige Quelle dieser Religion ist, enthält sie keinerlei göttliches Element, sondern nur menschliche Gedanken und Anmaßungen.

Und wie stand es mit Abel? Er hatte diese Dinge im Glauben gründlich erwogen und hatte zumindest die furchtbare Tatsache entdeckt, daß er in den Augen Gottes ein Sünder war. Denn wir können sicher sein, daß Abel durch seine Eltern von dem Urteil Gottes über den Sündenfall gehört hatte. Er hatte auch erfahren, daß Gott von einem Mittler gesprochen hatte, dem Samen des Weibes, der das Werk vollbringen würde, das kein Geschöpf zu tun vermochte: die Vernichtung der Schlange und ihrer feindli­chen Nachkommenschaft. Doch mehr als das: Er hatte auch gehört, daß Gott seine Eltern mit Röcken von Fell anstatt mit Feigenblättern bekleidet hatte, und das war ihm nicht gleichgültig gewesen. Für Kain hatte das keine Bedeutung gehabt. Abel aber erkannte mit Sicherheit, daß darin eine große Wahrheit lag. »Das bedeutet den Tod!« muß er sich gesagt haben. »Was muß es bedeuten, mit dem Ergebnis des Todes bekleidet zu sein! Und zwar nicht meines Todes, als dem Lohn der Sünde, sondern des Todes eines anderen, eines geheimnisvollen anderen!« Denn wir sind davon überzeugt, daß Jehova in Seiner Gnade auf die einzig mögliche Bekleidung für den gefallenen, sündigen Menschen und sein Weib hingewiesen hatte, die trotz ihrer Schürzen aus Feigen­blättern (der Bekleidung, die von der gefallenen Natur angelegt war) wegen ihrer Sünde in jeder Hinsicht nackt waren. Vor dem Sündenfall waren sie im Zustand der Unschuld nackt gewesen aber nun trat ihre vermessene Übertretung offen zutage. Ihr eiliger Versuch, diesen Fehltritt durch das Bekleiden mit Feigen­blättern zu verdecken, verriet nur, daß ihre Ansicht auch nicht besser als die Kains war. Gott allein brachte die Frage der Bekleidung für sie in Ordnung, und sie erkannten Seine Maßnahme an. »Und Jehova Gott machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fell und bekleidete sie. « Es war eine auf den Tod gegründete Bekleidung. Daher war Abel durch Glauben unter­wiesen, diese Tatsachen miteinander zu verknüpfen und demge­mäß die Erstlinge seiner Herde darzubringen. Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott wohlzugefallen. Der Glaube stützt sich auf das Zeugnis Gottes. Es steht uns nicht an zu entscheiden, wie weit Abel durch den Glauben geleitet wurde. Soviel steht fest, daß er durch den Glauben Verständnis erlangte, Kain aber nicht. Sein Glaube mag gering gewesen sein, aber er umfaßte klar alle bereits geoffenbarten Wahrheiten. Das ist stets die Hauptsache: Der Glaube muß eine Wirklichkeit und von Gott gewirkt sein.

 

Der Glaube Abels war von großer' Einfachheit, dafür aber voll geistlicher Einsicht. Er brachte von den Erstlingen seiner Herde ein Lamm dar, das sterben sollte. Es war kein Opfer, das Macht ausdrückte, die Schlange zu bezwingen, etwa ein Wolf, ein Löwe oder ein Bär; es war nur ein Lämmlein, das sterben mußte. » Und Jehova blickte auf Abel und auf sein Opfer. « Er erblickte darin, was Er schon von Ewigkeit her sah, was selbst die Gläubigen damals nur undeutlich erkannten. Er sah »das Lamm ohne Fehl und ohne Flecken«, zuvorerkannt vor Grundlegung der Welt, aber geoffenbart am Ende der Zeiten in Christus um unseretwil­len. So kommt hin und wieder ein Strahl der göttlichen Wahrheit zum Vorschein, und dazu bekannte sich Abel, indem er alle menschlichen Vorstellungen verwarf. Doch an Kain und seinem Opfer von der Frucht des Erdbodens konnte Jehova kein Wohlge­fallen finden.

 

Es wurde vorhin darauf hingewiesen, auf welche Weise Kain den ersten Anstoß für die Weiterentwicklung der Welt gab. Über die äußeren Handlungen hinaus gibt das Wort jedoch weiter­gehende Andeutungen, daß Kain auch der Religionsstifter der Welt wurde. Um diese Tatsache scheint es dem Heiligen Geist ganz besonders im Judasbrief zu gehen. Dieser weist mehr als alle anderen einen inneren Zusammenhang mit dem ersten Johannes­brief auf, obwohl seine Art, Gegensätze einander gegenüberzu­stellen, mit dem zweiten Petrusbrief auffallend übereinstimmt. Die markante Ähnlichkeit zwischen dem Johannesbrief und dem Judasbrief besteht darin, daß sich beide Briefe mit dem Abfall der Christenheit beschäftigen. Diese drohende, düstere Wolke am Horizont kennzeichnet beide. Sie zeigen die Wurzel des Bösen auf, die Wirksamkeit des Geistes der Abtrünnigkeit, des Vorbo­ten des künftigen Abfalls. Im Brief des Apostels Johannes sind es die »vielen Antichristen«, die als Vorläufer »des« Antichristen bereits auftreten. Vor Dem, der in der Versammlung wohnt, konnten diese Anzeichen nicht verborgen bleiben.

 

Judas, der Bruder des Jakobus und »Sklave Jesu Christi«, spricht von dem »Weg Kains«. Dieser Hinweis beschränkt sich nicht auf den verübten Mord an seinem Bruder. Er weist vielmehr (wie auch bei Balaam und Korah) auf das religiös Böse hin, das den unmittelbaren Anlaß für den Mord lieferte. Außerdem war Kain seinem Charakter nach ein verwegener, anmaßender und böser Mann. »Seine Werke waren böse, die seines Bruders aber gerecht.« Er war gerade der geeignete Mann, um der Gründer »der Welt« und der fleischlichen Religion zu werden. Kein Wunder, daß er sich nicht damit begnügte, in seinem eigenen Haus zu leben. »Nein«, wird er gesagt haben, »Einheit macht stark! Wir müssen uns vereinigen«. Als ein Mann voll Energie fand er bald Menschen, die seine Meinung teilten. Sein Wille erwies sich mächtiger als der ihrige. Er erbaute als erster eine Stadt, und wir können überzeugt sein, daß er auch über diese Stadt herrschte, sobald sie sich weiterentwickelte. So ist der Mensch und sein Wille geartet: Er liebt die Macht. Das war auch bei Kain der Fall. Aber zuvor wandte er sich äußerlich der Religion zu, und das war der eigentliche offenbare Anlaß zu seinem Niedergang. Denn damit brach er endgültig mit Gott; das furchtbare Resultat wird uns in diesem Brief vor Augen geführt. Es ist in der Tat so, daß die Religion der Welt und ihre Zivilisation gut zueinander passen. Es ist unwahr, wenn böse Menschen behaupten, Adam und Eva seien Barbaren gewesen; das waren sie keinesfalls. Wer aber würde den Zustand, in dem sie sich befanden, als eine Stufe der Zivili­sation bezeichnen? Nach dem Willen Gottes zu leben ist eine Wirklichkeit, die unvergleichlich hoch über jeder Zivilisation steht. Und wenn man an den Fortschritt denkt, dessen sich die Menschen rühmen: Was bedeutet er in den Augen Got­tes, oder welchen Wert hat er für unsere Seele und unseren Geist?

 

Die Welt frohlockt in unseren Tagen über ihren Fortschritt. Er nahm damals bereits seinen Anfang. Bereits die Nachkommen Kains erfanden Blas ‑ und Streichinstrumente zum Musizieren, allerlei Geräte und Schneidwerkzeuge aus Erz und Eisen und brachten damit Luxus und Bequemlichkeit in das irdische Dasein. Ohne die Kunst der Metallverarbeitung konnte es keinen Fort­schritt geben, und so war Kains Familie schon bald eifrig in diesem Handwerk tätig. In den Tagen Lamechs wurde die Polygamie (Vielehe) eingeführt. Der erste Liedvers, der uns überliefert wird, war nicht Gott als Lobpreis gewidmet, sondern den Frauen Lamechs. Er richtete ein kurzes Lied an Ada und Zilla, in Selbstrechtfertigung und Überheblichkeit, aber auch um sie hin­sichtlich ihrer Befürchtungen zu beschwichtigen. In herausfor­dernder Art verdrehte er Gottes Aussage und meinte auch noch, daß Gott sein Tun gutheißen müsse. Wenn Kain siebenfältig gerächt würde, dann Lamech gewiß siebenundsiebenzigfältig. Die Zusage Gottes an Kain wandte Lamech in stolzer Überheblichkeit auf sich selbst an. Das ist das Wesen dieser Welt, und das war der Charakter ihrer Religion schon in den frühesten Ansätzen.

 

In unserem Brief tritt die Wahrheit klar zutage: » Und weshalb ermordete er ihn? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht. « Die Schrift stellt den moralischen Zustand von Kain und Abel fest, der sie kennzeichnete, bevor sie ihre Opfer darbrachten. Kains Werke waren »böse«, die seines Bruders aber »gerecht«. »Böse« ist ein stärkerer Ausdruck als »schlecht«, er deutet auf eine Absicht und ein Leben im Bösen hin. Es handelt sich nicht nur um böse Taten, sondern um ein Vorangehen und Verbleiben im Bösen. Seine Werke waren böse, die seines Bru­ders dagegen gerecht. Das war bereits beider Herzenszustand, ehe der Anlaß kam, der den Unwillen Kains erregte. Doch es ist lehrreich zu sehen, welches dieser Anlaß war. Jehova hatte Abel und sein Opfer angenommen, Kains Opfer aber verworfen. Das konnte Kain nicht ertragen. Sein Stolz bäumte sich dagegen auf, sein Zorn kannte keine Grenzen. Da er nichts gegen Jehova persönlich unternehmen konnte, wandte er sich gegen seinen eigenen Bruder. Der Angriff war ganz klar gegen Jehova gerich­tet. Daß Gott ihn verworfen hatte, war in seinen Augen viel schlimmer als Abels Annahme, obwohl auch sie seine Wut hervorrief. Kain spürte in seinem Gewissen weder ein Empfinden der Sünde, noch ein Empfinden für Gott. Gott und die Sünde bedingen sich im Bewußtsein des Menschen gegenseitig. Denn das Gefühl, gesündigt zu haben, führt die Seele in Gottes Gegenwart, und zwar vor Ihn als den Richter der Sünde. Was muß daher in Seinen Augen unsere Schuld zur Folge haben? Doch gibt es denn kein Erbarmen für den Sünder? Ja, Seine Barmherzigkeiten sind nie zu Ende. Der Gläubige weiß das, und Israel wird es gewißlich durch Seine Gnade noch erfahren. Kain hatte nie daran geglaubt; so kam er von der Verstocktheit zur Verzweiflung. Da er böse in sich selbst war, hatte er keine Vorstellung von der Güte Gottes, die Er selbst einem bösen Menschen erweist, wenn er sich auf den Ruf der Gnade zu Ihm wendet. Das eine wußte er sehr gut: Würde ihn selbst jemand beleidigen, so hätte derjenige kaum mit seiner Barmherzigkeit zu rechnen. Und da er niemals das Bedürfnis nach einem Heiland empfunden hatte und auch kein Vertrauen zu Gottes Gnadenratschluß in dem Samen des Weibes besaß, beur­teilte er Gott nach seinen eigenen Gedanken. Er meinte, Gott würde, wie er selbst oder in noch schlimmerer Weise, dem Schuldigen gegenüber unbarmherzige Strenge walten lassen.

 

In den nächsten Versen kommt dies zur Anwendung. » Wundert euch nicht, Brüder« (»meine Brüder« ist nicht korrekt übersetzt), »wenn die Welt euch haßt. « Diese Änderung der Anrede ist sehr bedeutsam. Wir finden allgemein die Anrede »Kinder«, zweimal »Kindlein«, sodann »Geliebte«, hier aber den Ausdruck »Brü­der«. Es ist nicht schwer zu erkennen, wie passend jeder dieser Ausdrücke an seiner Stelle ist. Der Apostel will über die Liebe zu den Brüdern sprechen; so bezeichnet er sie jetzt dementsprechend als »Brüder«. Wir sollten niemals gedankenlos über ein Wort der Schrift hinweglesen, sondern zu verstehen suchen, warum Gott gerade dieses Wort und kein anderes verwendet. Der Glaube kann bestätigen, daß das Wort in dieser Anwendung stets von größtem Nutzen ist. Dabei dürfen wir nicht die Unzuverlässigkeit des Menschen und deren Folgen vergessen, durch die es manch­mal zu einer falschen Wortwahl bei Übersetzungen gekommen ist. Wir können uns das Einschleichen solcher Fehler erklären und haben im allgemeinen genügend Anhaltspunkte zu ihrer Richtig­stellung, wenn das auch nicht in jedem Fall möglich sein wird.

 

Was in diesen Versen steht, ist sehr einfach zu verstehen. »Wundert euch nicht, Brüder, wenn die Welt euch haßt.« Wer waren denn diejenigen, die diese Welt bildeten? Und wer waren diese Hasser, die der Apostel insbesonders im Sinn hatte? Zumin­dest in der Hauptsache die, welche einst in der Gemeinschaft der Versammlung standen, diese aber dann verlassen hatten. Das sind stets die schlimmsten Gegner. Menschen, die die Wahrheit aufge­ben, hassen dann nicht nur die Wahrheit in besonderer Weise, sondern auch diejenigen, die an dieser Wahrheit festhalten. Sie können beide nicht ertragen, und warum? Aus denselben Grün­den, aus denen Kain es auch nicht vermochte. Sie fühlen sich durch sie verurteilt. Nichts fordert einen Abtrünnigen so heraus wie der Gedanke, daß er verurteilt wird. Er versucht, jeden Verdacht bezüglich seiner eigenen Verderbtheit weit von sich zu weisen, weil er durch den Feind völlig verblendet ist. Da er sich der Lüge Satans ausgeliefert hat, teilt er auch dessen mörderische Gesinnung.

So ist der Geist der Welt beschaffen, besonders in denen, welche die Wahrheit, die sie einst bekannten, preisgegeben haben und die in diesem ganzen Brief eine so traurige Rolle spielen. Sie hatten einst ‑ so schien es jedenfalls ‑ der Welt den Rücken gekehrt; nun kehrten sie zu derselben Welt zurück, die sie einst äußerlich verurteilt hatten. Es war nur eine oberflächliche Tren­nung von ihr gewesen. Die Bindungen waren nie wirklich gelöst worden. Nun gingen sie dorthin zurück, wohin ihre alten Zunei­gungen sie lockten, da die Wahrheit das Neuartige für sie verloren hatte und sie nicht mehr anzog. Der Name Jesu hatte ihr Herz nie für Gott gewonnen, obwohl er selbst auf Unbekehrte oft einen sichtlichen Einfluß ausübt. Ich möchte darauf hinweisen, welche bemerkenswerte Wirkung der Heiland selbst auf Menschen aus­übt, die durch und durch weltlich sind. Denken wir einmal an die Künstler. Frömmigkeit ist gerade nicht das Merkmal, das sie als Klasse von den anderen Menschen unterscheidet. Im Gegenteil sind sie oft ganz besonders der Befriedigung ihrer Sinne und Süchte und jeder Art von Weltlust hingegeben. Wir wissen natürlich, daß es nicht wenige christliche Maler gegeben hat. Da diese Tatsache unbestritten ist, möchte ich nicht alle Maler als zu einer Klasse gehörig hinstellen. Unser ausgezeichneter Freund, der Dichter William Cowper, hatte von seinen Dichterkollegen eine sehr schlechte Meinung. Er sagte, die Dichter seien in der Regel eine »schlechte Gesellschaft«; und niemand war wohl mehr berechtigt, sie zu charakterisieren, als Cowper. Obwohl er ein echter Dichter war, hielt er sich aus den Kreisen seiner unliebenswerten Dichterkollegen völlig heraus und war froh, mit ihnen keinerlei Gemeinschaft zu haben. Dichter neigen wie die Maler dazu, der Eitelkeit der Männer und Frauen zu schmeicheln; tatsächlich leben viele davon, denn Eltern z. B. lieben schmeichel­hafte Bilder von ihren Kindern. Doch selbst die Maler wurden, sogar äußerst stark, durch die Lehre des Herrn Jesus beeinflußt. Wer die Bildhauerkunst des Altertums kennt, wird zugeben müssen, daß die Skulpturen der Griechen ausgesprochen sinnlich waren. Sie entsprachen ihrer eigenen Einstellung. Doch die Malerei des Mittelalters, besonders die berühmten Gemälde der späteren Zeit, die bis in unsere Tage erhalten geblieben sind, waren in überraschender Weise vom Christentum geprägt, trotz der mangelhaften Darstellung Christi unter dem Papsttum. Sie unterschieden sich grundlegend von der Kunst des Altertums. Etwas von heiliger Schönheit strahlt aus diesen Gemälden wider, soweit ein Weltmensch sie überhaupt darstellen kann. Man findet die Ergebenheit der Demut und die Abhängigkeit von dem unsichtbaren Gott treffend zum Ausdruck gebracht. Auch wird das Weib nicht mehr als Verlockung für den Mann dargestellt, und umgekehrt auch nicht der Mann in seinem Begehren und seiner Lust. Keine Spur mehr von Aphrodite und Apollo, die die Griechen anstachelten, sich in den sinnlichen Dingen zu verder­ben. Die Darstellung der Jungfrau mit dem Kinde zeugt von einer Huldigung dem Reinheitsideal gegenüber, die es bis dahin unter den Weltmenschen nicht gegeben hatte. Ich möchte selbstver­ständlich nicht den Eindruck erwecken, als ob ich diesen Darstel­lungen tiefere Bedeutung beimesse. Im Gegenteil zeigte sich das böse Herz des Menschen darin, daß er durch die Vergötterung der Mutter den Sohn Gottes entehrte. Es war der machtvolle, doch nur äußerliche Einfluß des Namens Jesu auf Menschen, die sich nicht über ihre Natur erheben konnten und keinen wahren Glauben an den Vater und den Sohn besaßen.

 

Wir brauchen daher nicht überrascht zu sein, daß diejenigen, die sich in Selbsttäuschung der Kirche anschlossen, durch alles, was sie umgab, und durch den geistlichen Einfluß des gepriesenen Namens Jesu tief beeindruckt wurden. Doch ging der Einfluß nicht tiefer, nur ihre Sinne wurden davon ergriffen. Christus war nicht ihr Leben geworden, sonst hätten sie Ihn nie verlassen, und noch viel weniger hätte Er sie verlassen. »Denn wenn sie von uns. gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein. « Und was war die Folge, wenn sie nicht in der Mitte der Gläubigen blieben? Sie wurden allmählich immer unversöhnlicher, beson­ders als die Gläubigen sich wegen ihrer Abtrünnigkeit weigerten, sie zu den Christen zu zählen. »Wundert euch nicht, wenn die Welt euch haßt«. Sie gehörten zu der Welt Kains, die stets mit religiöser Anmaßung begann und mit Mord endete.

 

Doch dann zeigt Johannes den unmittelbaren Gegensatz dazu: das wahre Christentum. »Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. « Das ist ein Satz, der um so stärker ins Gewicht fällt, weil er die unmittel­bare Verbindung zu Stellen im Evangelium herstellt, die von größter Bedeutung sind. In Johannes 5, Vers 24, spricht der Herr Selbst diese Worte (im letzten Satzteil des Verses) aus, ohne das nachdrückliche »wir« und ohne auf den einzelnen Gläubigen bezug zu nehmen: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tode in das Leben übergegangen. « Welchen Segen haben diese wunderbaren Worte schon vielen Seelen gebracht!

 

Wir dürfen uns allerdings nie zu sehr von scheinbar ähnlichen Stellen in der Schrift beeinflussen lassen. Man sagt, daß sich der kluge Kopf darin erweist, selbst dort Ähnlichkeiten zu finden, wo unterschiede bestehen, zur Überraschung und zum Vergnügen der anderen. Es gibt aber etwas besseres, als einen klugen Kopf zu haben, und das ist ein gesundes Urteilsvermögen. Dieses zeigt sich oft darin, Unterschiede bei Dingen festzustellen, die ähnlich zu sein scheinen. Das ist gerade das Gegenteil von Schlauheit, und darin versagen die Menschen im allgemeinen.

 

Worin liegt also der Unterschied zwischen den beiden angeführ­ten Texten? Zeigt der Herr dort nicht, daß ein Mensch durch den Glauben an Gottes Zeugnis über Seinen Sohn ewiges Leben erhält und nicht in das Gericht kommt, was zwangsläufig das Teil jedes Menschen ohne Christus ist? Denn wer in das Gericht kommt, wird ihm in Wahrheit nie wieder entfliehen können. Der Grund ist verständlich, denn »Gericht« bedeutet, daß man das empfängt, was man verdient hat. Was haben du und ich denn wirklich verdient? Waren wir nicht schuldig, unfähig, das Gute zu tun, und gottlos, ehe wir durch die Gnade gerettet wurden? Denke daher nicht, daß jemand so, wie er ist, in das Gericht gehen und wieder herauskommen kann. Nein, es gibt für ihn nur den Weg in den Feuersee. Aber mit denen, die glauben, handelt Gott nicht so. Sie haben ewiges Leben und kommen nicht ins Gericht. Das bedeutet nicht nur, daß sie nicht in die »Verdammnis« kommen; denn dieses Wort drückt nicht den Gedanken aus, der in dem Wort »Gericht« liegt. Der Herr spricht eindeutig davon, daß der Glaubende nicht ins Gericht kommt, denn Er hat selbst das Gericht über unsere Sünden auf dem Kreuz getragen. Die Vorstel­lung, Gericht mit dem ewigen Leben zu verbinden, wäre ungeheu­erlich und völlig sinnlos. Um die Gnade noch stärker zu betonen, sagte Er, daß der Betreffende »aus dem Tode in das Leben übergegangen« sei. Der Tod war sein Zustand als Verlorener, jetzt besitzt er das Leben des Herrn. Dieser Wechsel hat für die Seele bereits hier stattgefunden, allerdings noch nicht für den Leib; dieser wird in der Auferstehung des Lebens verwandelt werden, wie Johannes 5, Vers 29, uns bezeugt.

 

Vers 24 ist somit ein sehr segensreiches Wort für den armen Sünder, der gern wissen möchte, wie er ewiges Leben empfangen kann. Doch davon ist in unserem Brief gar nicht die Rede. Es geht hier nicht darum, zu glauben, um diese Segnung zu erlangen. Hier heißt es, daß »wir« (die Brüder) »wissen« und, indem wir die Brüder lieben, den praktischen Beweis liefern. Dies wäre ohne das ewige Leben, die göttliche Natur, die allein gottgemäß liebt, nicht möglich. Daher betont der Apostel das »wir« mit solchem Nachdruck und meint damit nur die Brüder in Christus. Der Unterschied zu Johannes 5, Vers 24, ist somit unverkennbar. Das Wort »wir« hat natürlich nicht immer diesen Sinn; der Textzusammenhang allein entscheidet, wer mit »wir« gemeint ist. Das Fürwort »wir« wird nämlich in der Schrift so unterschiedlich angewandt, daß es nur Unkenntnis seines jeweiligen Gebrauchs verriete, würde man eine Regel über seine gleichbleibende Bedeutung aufstellen. Hier ist das »wir« betont: »Wir wissen (ganz bewußt), daß wir aus dem Tode in das Leben übergegan­gen sind, weil wir die Brüder lieben.« Wie deutlich fällt uns der Unterschied auf, wenn wir beide Texte aufmerksam verglei­chen.

 

Was weiß der Ungläubige über diesen Wechsel? Wie könnte er überhaupt etwas darüber wissen? Der Ungläubige ist tot in Sünden und geht in das Gericht. Nur der Glaube empfängt die Segnung, die Christus hier mitteilt. Doch die Brüder als solche lieben einander, da sie zur Familie Gottes gehören und bereits geglaubt haben. »Wir« werden daher nicht an dieser Stelle aufgefordert zu glauben. Es wird vorausgesetzt, daß wir, die hinsichtlich des ewigen Lebens geglaubt haben, unsere Brüder lieben. Die Tatsache, daß wir aus dem Tode in das Leben übergegangen sind, wird durch unsere Liebe bestätigt. Wir haben diese bewußte Kenntnis und müssen sie auch haben, im Gegensatz zu jenen, die ohne jede göttliche Liebe ein leeres Wissen zu einer hohen Theorie erhoben. Von allen Menschen auf Erden haben nur Gläubige, nur Brüder im Herrn, nur »wir« das Vorrecht, sagen zu können, daß wir aus dem Tode in das Leben übergegan­gen sind, weil wir die Brüder lieben. Diese Bruderliebe ist das Zeugnis und der praktische Beweis dafür. Nur der Glaube hat uns durch die Gnade Christi in diese gesegnete Stellung versetzt. Wir haben weder das ewige Leben empfangen, noch sind wir aus dein Tode in das Leben übergegangen aufgrund unserer Liebe zu den Brüdern. Ehemals haßten wir die Brüder, da wir tot in Sünden waren. Erst als wir Gott glaubten, gingen wir aus dem Tode in das ewige Leben über und lernten dann die Brüder kennen, um sie von da an für immer zu lieben.

 

Der Apostel stellt daher mit den Worten: » Wer den Bruder nicht liebt, bleibt in dem Tode« ein Axiom des Christentums auf, d. h. einen unwiderlegbaren Grundsatz, der keines Beweises bedarf. Welch ernste Schlußfolgerung ist daraus zu ziehen! Jeder, der diese Liebe nicht hat, besitzt weder das Leben noch ist er aus dem Tode ausgegangen. Warum aber sagt Johannes »Bruder«? Es ist eine abstrakte Feststellung, die sich auf sein Bekenntnis gründet. Der Apostel liebt solche Aussagen, die von Pedanten peinlichst vermieden werden. Er begnügt sich keineswegs mit Theorien. Er begegnet jedem auf dem Boden seines Bekenntnisses und bezeugt, daß der »in dem Tode bleibt, der den Bruder nicht liebt«. ~r beweist gerade durch seinen Haß, daß er kein wahrer Bruder Ist. Man beachte die Schärfe seiner Ausdrucksweise! Er sagt nicht nur, daß ein solcher tot ist, sondern daß er »in dem Tode bleibt«. Was er auch immer bekannt haben mag, er war stets geistlich tot und bleibt auch im Tode. Der Beweis dafür ist, daß er nie den geliebt hat, den er als ein Glied der Familie Gottes zu lieben berufen war. Er hatte keine Liebe; hätte er wirklich das Leben Christi in sich gehabt, so hätte er auch die Liebe besitzen müs­sen.

 

Sodann geht der Apostel noch einen Schritt weiter: »Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschenmörder.« Er steigert damit erheblich die Schärfe seiner Worte. Es geht jetzt nicht nur um einen Menschen, der nicht liebt, sondern um jemand, in dessen Herz der Haß positiv tätig ist. Durch seine Worte und sein ungezügeltes Betragen verrät er seinen Haß und wird somit als ein »Mörder« bezeichnet. Der Apostel stößt hier bis zur Wurzel des Bösen vor. Da jener Mensch bei der Prüfung seiner Gesinnung Haß erkennen läßt, ist er im Prinzip ein Mörder. Ebenso nennt der Herr denjenigen Mann dem Grundsatz nach einen Ehebrecher, der unerlaubter Lust frönt, anstatt sie zu verurteilen, sich ihrer zu schämen und sich ihretwegen zu beugen. Gott beschäftigt sich mit dem Herzen und nicht nur mit dem Äußeren der Christen. Die Vorgänge im Inneren sowohl wie das, was sich nach außen zeigt, kennzeichnen den christlichen Bekenner, vor einem weltlichen Gerichtshof würde das natürlich nicht anerkannt und wäre unmöglich.

 

»Und ihr wisset daß kein Menschenmörder ewiges Leben in sich bleibend hat.« Hier finden wir das genaue Gegenteil von Christus und die höchste Angleichung an das Wesen des Teufels. Entspricht das nicht völlig unserem Widersacher, dem Lügner und Mörder von Anfang?

 

»Hieran haben wir die Liebe erkannt, daß er für uns Sein Leben dargelegt hat. « Es heißt nicht »die Liebe Gottes«; der genaue Schrifttext lautet nur »Liebe«. Der Zusatz »Gottes« (in der »Authorized Version«) wurde mit guter Absicht eingefügt, doch es ist besser, bei der einfachen Wahrheit zu bleiben. »Er hat Sein Leben für uns dargelegt. « Hier ist das »Er« wieder bemerkens­wert. Zweifellos handelt es sich auch um die Liebe Gottes; aber Johannes vermengt absichtlich die Begriffe »Gott« und »Christus« miteinander, obwohl allein Christus Sein Leben für uns dargelegt hat. Wir haben das in unseren früheren Betrachtungen wiederholt gefunden. Diese Tat Christi ist der große und unwiderlegbare Beweis unendlicher Liebe, einer Liebe, die ganz klar aus Gott kam, aber von Christus allein offenbar gemacht wurde. Er legte Sein Leben für uns dar. Es wäre reine Illusion und zeigte, daß man die Macht dieses Todes nicht begriffen hätte, wenn man ihn vergleichen wollte mit dem Sterben eines Menschen, der sich aus großer Zuneigung zu seinem Freund opfert oder sein Leben einsetzt, um einen Fremden zu retten. Betrachte Ihn doch, den Einen, der so für uns starb! Der Mensch wurde, um auf eine äußerst schreckliche Weise leiden und sterben zu können, und das für uns, die wir verloren waren und nichts als Sünden aufzuweisen hatten!

 

»Auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen. « Sein Leiden brachte Ihn in unergründliche Tiefen; nichts könnte diesen Leiden in irgendeiner Weise gleichkommen. Trotzdem ist sein Tun das Vorbild für die Seinigen, natürlich unter Ausschluß der sühnenden Seite. Doch gibt es sonst Grenzen dafür, Ihn nachzuahmen? Die Liebe ist uns gegeben, damit wir durch sie alle Schwierigkeiten überwinden. Die Liebe, die Gott zu uns hatte, als wir noch in unseren Sünden waren, ruft in uns die Liebe zu[ Gott sowie zu Seinen Kindern, unseren Brüdern, hervor. Und »wir sind schuldig«, unser Leben darzulegen. Johannes sagt nicht: »Wir legen unser Leben dar«, obwohl es Gläubige gegeben hat, die nicht nur um Christi willen, sondern auch für ihre Brüder gestor­ben sind. Aber Johannes begnügt sich damit, zu sagen: »Auch wir sind schuldig. « Unsere Liebe, die aus Gott ist, befähigt uns dazu. Und falls unser Sterben von wirklichem Nutzen für unseren Bruder wäre, sollten wir auch dazu bereit sein. Es wird jedoch selten ein solch außergewöhnlicher Fall eintreten, in dem der Einsatz des Lebens von uns gefordert wird.

 

Wir werden aber auch belehrt, daß genügend praktische Gele­genheiten an unser Herz appellieren, ohne daß es dazu kommen muß, diesen extremen Beweis unserer Liebe liefern zu müssen. Wir brauchen nicht weit zu gehen, um Bedürfnisse zu finden, die nach der Betätigung der Liebe in unseren Herzen verlangen. Denken wir nur an die alltäglichen Dinge. Es wird uns auf Erden wohl kaum der Fall begegnen, unser Leben für die Brüder darlegen zu müssen. Aber man trifft sehr häufig auf natürlichen Mangel, und wir wissen auch meistens, worin unsere Aufgabe besteht: Einem Bruder oder einer Schwester in ihrer großen Not zu helfen. Was empfindet deine Seele in einem solchen Fall? Wie geht unsere Liebe auf die Leiden des armen Bruders oder der Schwester ein?

 

»Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?« Das Wort »sehen« hat hier die tiefere Bedeutung von betrachten, ins Auge fassen, wahrnehmen; man erfaßt die Not des Bruders mit klarem Blick. Er hat vielleicht nicht die geringste Andeutung gemacht, hat nicht geklagt und seine Schwierigkeiten niemand anderem gegenüber erwähnt. Dieses Schweigen sollte ein um so stärkerer Appell an unsere Herzen sein. Der Bruder hat seine Last ohne Murren getragen; die Schwester hat darin ausge­harrt und Gott allein ihre Not geklagt. Unsere Augen nehmen das wahr, blicken auf die Bedrängnis unseres Bruders, und doch zögern wir zu helfen. Man hat die Mittel, mit denen man ihm helfen und seine Not lindern kann, doch stattdessen »verschließt man sein Herz«, sein Innerstes vor dem, der so leiden muß. » Wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? « Der Apostel setzt diese Worte still und behutsam, doch zugleich ernst und herzerforschend hinzu. Er fordert mich nicht auf, für den Bruder zu sterben; er bittet mich aber ernstlich, meine Liebe mit den Mitteln, die über meine wirklichen Bedürfnisse hinausgehen, jemandem zu erweisen, der unter Kälte, Hunger, Krankheit oder anderen Nöten leidet. Man kann oft die Not des Bruders erleichtern, und man tut es doch nicht; »wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?«

 

Liebe ist die Triebfeder der Natur Gottes, und sie ist es auch in der neuen Natur Seiner Kinder. Sie muß ständig zu anderen hin ausströmen, nicht nur bei besonderen Anlässen, sondern in den geringsten Dingen des Lebens. Möge uns die überaus treffende Ausdrucksweise des Apostels nicht entgehen. In Vers 16 sprach er nur von »Liebe«; das genügte dort völlig, denn aus den nachfol­genden Worten ging deutlich hervor, daß es die Liebe Dessen ist, der Sein Leben für uns dargelegt hat. In Kapitel 2 fanden wir nicht nur die »Liebe«, die im Gegensatz zur Welt steht, auch nicht die »Liebe Gottes«, sondern die »Liebe des Vaters«. Aber in diesem Abschnitt hätte der Ausdruck »Liebe des Vaters« nicht den richtigen Platz. Hier haben wir die »Liebe Gottes«, die Er selbst dem Geringsten Seiner Geschöpfe entgegenbringt, und die Sein Kind so ernst tadeln muß, wenn es sein Herz vor seinem geprüften Bruder verschließt.

 

Zum Schluß möchte ich noch auf die verschiedenartigen Anwendungen des Todes Christi im 3. Kapitel hinweisen. In Vers 5 sehen wir Ihn geoffenbart, auf daß Er unsere Sünden wegnehme; in Vers 8 wurde Er geoffenbart, auf daß Er die Werke des Teufels vernichte; und in Vers 16 schließlich hat Er Sein Leben für uns dargelegt und uns Seine Liebe erwiesen als einen Maßstab für unsere Liebe. All dieses ist in Seinem Tode vereint zum Ausdruck gekommen, wie wir es noch eingehender auch in Hebräer 2, 9. 10. 14. 17 finden.

 

,Kinder, laßt uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. Und hieran werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind, und werden vor ihm unsere Herzen überzeugen, ‑ daß, wenn unser Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles kennt. Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott, und was irgend wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun. Und dies ist sein Gebot, daß wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, gleichwie er uns ein Gebot gegeben hat. Und wer seine Gebote hält, bleibt in ihm, und er in ihm; und hieran erkennen wir, daß er in uns bleibt, durch den Geist, den er uns gegeben hat.

 

1. Johannes 3, 18‑24

 

Wir kommen nun zu einem neuen Gegenstand, der bisher nicht berührt wurde, der aber mit der gegenseitigen Liebe der Kinder Gottes, über die wir bereits hörten, in Verbindung steht. Der Apostel wendet sich zuerst wieder an die geliebten »Kinder« und redet damit wie überall in diesem Brief, die ganze Familie Gottes an. Des Zusatzes »meine« Kinder bedarf es nicht; er ist von dem Geist Gottes nicht benutzt worden und ist daher unberechtigt. Der allgemeine Ausdruck seiner herzlichen Zuneigung für sie ist »liebe Kinder«. Das Wort »Kinder« allein würde diese zärtliche Liebe nicht genügend ausdrücken, daher sagt er »liebe Kinder« (vgl. S. 278). Beide Ausdrücke schließen die ganze Familie Gottes ein, sowohl die Väter wie die Jünglinge und die Kindlein.

 

Hier fordert der Apostel uns also auf, in Tat und Wahrheit, nicht nur mit Worten und mit der Zunge zu lieben, und lenkt damit unsere Aufmerksamkeit auf einen neuen Gegenstand. Er fügt hinzu: »Hieran werden wir erkennen«; er sagt nicht, »wir erken­nen«, sondern »wir werden erkennen«. Das ist insofern wichtig, als es sich nicht auf das bezieht, was sie bereits in Christo waren. Über den gegenwärtigen Besitz des ewigen Lebens in Christus z. B. hatten die »Kinder« bereits feste Kenntnis. Johannes hat aber nun die Kühnheit und das Vertrauen des Herzens vor Augen, die aus einem aufrichtigen Wandel vor Gott im täglichen Leben und besonders aus der Ausübung der Liebe erwachsen. Das ist nämlich eine Schuldigkeit, bezüglich derer sich viele selbst betrügen. Es ist sehr leicht, Liebe zu fordern und darüber zu klagen, daß andere so lieblos sind; aber diejenigen, die sich am lautesten darüber beklagen, zeigen oft den größten Mangel an Liebe. Sie möchten gerne selber Gegenstände der Liebe sein; wir müssen aber selber lieben, wenn wir geliebt werden wollen. Wenn sich unser Herz ohne selbstsüchtige Absichten anderen gegenüber erschließt, so werden auch andere Herzen sich öffnen. Unsere Lippen reden leider nur allzu leicht von Liebe, ohne sie irgendwie zu verwirklichen. Johannes wählt daher diese behutsamen Worte und verbindet durch sie das bisher Gesagte mit seinen folgenden Ausführungen. »Liebe Kinder, laßt uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge. « Jeder Christ, unabhängig von seinem geistlichen Zustand, wird wohl zugeben, daß dies verwerflich wäre. Befindet er sich aber Gott gegenüber in keinem guten Zustand, so wird seine Liebe zwangsläufig oberflächlich und kraftlos sein. Darum wird hier gesagt: »Nicht mit Wort noch mit der Zunge«; so lautet die genaueste Wiedergabe des Schrifttextes. Im zweiten Teil des Verses sind die Artikel und das Wörtlein »mit« fortgelassen: Wir sollen »in Tat und Wahrheit« lieben. Der natürliche Mensch in der Christenheit spricht auf seine Weise von Liebe. Christus dagegen stellte Seine Liebe in ihrer ganzen Echtheit unter Beweis, und wir, die wir Ihn bekennen, sollen in der gleichen Aufrichtigkeit und Wirklichkeit wandeln.

 

Das alles kommt klar erkennbar aus dem ewigen Leben hervor, das wir besitzen, wenn wir an Ihn glauben. Es wird in Epheser 4, 18 in ungewöhnlicher Weise »Leben Gottes« genannt; in Kolosser 3, 3 und 4 dagegen heißt es »Christus unser Leben«. Einen ähnlichen Ausdruck finden wir auch in Galater 2, 20: »Christus lebt in mir. « Johannes vermengt in auffallender Weise die Namen »Gott« und »Christus« miteinander, so daß man manchmal kaum genau sagen kann, wer von beiden gemeint ist. Doch das geschieht absichtlich, und zwar aus einem erhabenen Grund: Der Sohn ist in gleicher Weise Gott wie der Vater, das dürfen wir nie vergessen. Johannes tat das nicht etwa aus Achtlosigkeit; er wußte genau was er tat und meinte es auch so, wie er es niederschrieb. Nur törichte Menschen, die allzu großes Vertrauen in sich selbst setzen, wagen es, anders über einen inspirierten Schreiber zu urteilen. Christus bleibt stets ebenso wahrhaftiger Gott wie die anderen Personen der Gottheit, obwohl Er Mensch wurde. Durch Seine Erniedri­gung, die Er zur Verherrlichung Gottes und zum Heil der Men­schen auf Sich nahm, gab Er für keinen Augenblick Seine göttliche Herrlichkeit auf. Er war der wahrhaftige Gott, als Er sich herab­ließ, von einer Frau geboren zu werden. Wir wissen, wie völlig ein neugeborenes Kind auf seine Mutter oder Pflegerin angewiesen ist. Gibt es irgendein Geschöpf in der Welt, das die liebende Fürsorge so nötig braucht wie ein neugeborenes Kindlein? Aber selbst unter diesen Umständen war Christus ebenso vollkommen der wahrhaftige Gott wie zu der Zeit, wo Er Lazarus oder andere Tote auferweckte. Und als Er starb, war Er noch immer Derselbe, obwohl unter entgegengesetzten Umständen. Er konnte nie auf­hören, wahrhaftiger Gott zu sein; diese Tatsache wurde durch Sein Sterben weder angetastet noch irgendwie beeinflußt. Selbst bei einem Menschen werden Seele und Geist durch den Tod nicht berührt; er trennt nur die Verbindung zwischen dem Leib und dem inwendigen Menschen. So war es auch bei dem Herrn Jesus. Er blieb stets der Sohn. Jesus Christus ist zwar der Name, den Er nach Seiner Menschwerdung erhielt, aber Er ist »über allem, Gott gepriesen in Ewigkeit. Amen!« Er ist im gleichen Maße Gott wie der Vater und der Heilige Geist, welche niemals Fleisch an­nahmen.

 

Liebe ist es also, die das Wesen Gottes kennzeichnet. Wie gesegnet ist das in sich und für uns! Gericht entspricht nicht Seiner Natur, es wurde auch niemals am Menschen ausgeführt, bis die Sünde in Erscheinung trat. Ein solches Handeln Gottes wurde erst durch die Sünde notwendig. Gott war aber immer Liebe. Und als der geeignete Augenblick gekommen war, Seine Liebe in Tätig­keit zu setzen, insbesondere in der Fleischwerdung und dem Werk Christi, da strömte sie in ihrer ganzen beispiellosen Fülle aus. Sie Übertraf weit Seine Güte gegenüber Seiner Schöpfung. Seine weise und gütige Vorsorge für die Tiere, vom größten bis zum kleinsten, wie wunderbar sie auch ist, wurde durch diese Liebe überstrahlt. Das wird noch augenscheinlicher, wenn wir an Seine Güte und Fürsorge dem Menschen gegenüber denken.

 

Wir tun gut daran, das zu erwägen, was uns umgibt. Der Herr wies manchmal auf Dinge in der Natur hin, die einleuchtende Belehrungen enthalten. Denken wir nur an die bedeutsamen Unterweisungen, die der Herr Seinen Jüngern über die Vögel des Himmels oder die Lilien des Feldes gab. Sie reden tatsächlich deutlich nicht nur von göttlicher Macht, sondern von Seiner Weisheit, Güte und Fürsorge, die bis ins kleinste an sie denkt und die sich trotz der Sünde und Bosheit des Menschen noch immer auf die ganze Schöpfung erstreckt. Gott hätte ja nach dem Sündenfall des Menschen das Grün des Feldes in ein unangenehmes Rot verwandeln können, als ein alarmierendes Zeichen des kommenden Gerichts, aber Er führte keine solche Veränderung herbei. Das grüne Feld blieb grün, und die Blumen sind immer noch schön und duften lieblich. Damit will ich nicht sagen, daß alles noch so ist, wie es seinerzeit im Paradies war; denn durch den Sündenfall ist natürlich alles hienieden sehr stark betroffen wor­den. Aber es ist unbestreitbar ein so idealer Zustand erhalten geblieben, wie der Mensch ihn nie hätte schaffen können. Salomo war in all seiner Herrlichkeit nicht so gekleidet wie die Blumen des Feldes, die ohne jede menschliche Anstrengung wachsen und blühen.

 

Es ist aber wichtig zu erkennen, daß die göttliche Liebe gänzlich außerhalb der Schöpfung wohnt und ihrem Wesen nach über der rein menschlichen Natur steht. Sie ist ebenso übernatürlich wie das Leben, die neue Natur, auf die der Geist Gottes einwirkt. Es muß eine Natur da sein, welche Frucht hervorbringt, die Gott anerkennen kann. Ohne eine lebendige Quelle in sich ist es unmöglich, Frucht zu tragen. Woher stammt die Quelle, die Gefühle und Handlungen hervorrufen kann, welche alles, was der Mensch als solcher zu tun vermag, bei weitem überragen? Aus welcher Quelle fließt alle Liebe, die der Gläubige zu Gott und zu den Menschen hat? Es ist das ewige Leben. Ohne dieses besitzen wir keine Natur, die gute Frucht hervorbringen könnte. Sind wir für diese Wahrheit nicht selbst der beste Beweis? Wir waren einst als natürliche Menschen mit den erstaunlichen Eigenschaften ausgestattet, die Gott dem Menschen verleiht; sie sind beträcht­lich, haben aber nichts mit der neuen Schöpfung und ihren besonderen Vorrechten zu tun. Von diesen besaßen wir damals kein einziges, und wir hätten nichts, was über die Gnade gesagt wurde, verstehen können. Dem natürlichen Menschen wäre das alles hochtrabend und sinnlos vorgekommen, wie es ja stets der Fall ist, obwohl er manchmal klug genug ist, den Mund zu halten und seine Meinung nicht zu äußern. Doch die Menschen empfin­den, daß sie nicht in die Gedanken Gottes eingehen können; nicht einmal der Geist des Menschen, das Höchste an ihm, kann Gottes Gedanken verstehen. Der Geist des Menschen erhebt sich uner­meßlich weit über seine niedrigeren Wesensteile, aber nicht einmal er kann je in die Dinge Gottes eindringen (vgl. Joh. 3, 3‑6). Der Geist des Menschen kann sich nicht über die Dinge des Menschen erheben (siehe 1. Kor. 2, 9‑11), ebensowenig wie ein Hund z. B. den Mechanismus einer Uhr begreifen kann. Der Hund hat lediglich die Natur eines Hundes, nicht die eines Menschen. Der Mensch verfügt über eine weit höhere Intelligenz, mit deren Hilfe er sich weiterbildet, von anderen lernt, bewußt auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet und z. B. bei der Anfertigung einer Uhr sowohl durch Überlegung geleitet wird als auch mecha­nische Energie in Anspruch nimmt. Im Lauf der Zeit arbeitet er vielleicht nur noch rein mechanisch, aber zunächst mußte er viel Gedankenarbeit und handwerkliche Fähigkeit aufwenden, um die erste Uhr herzustellen. Wahrscheinlich war sie noch recht plump und umfangreich und bedurfte häufiger Reparaturen. Trotzdem erforderte die erste Uhr eine größere geistige Anstrengung als die spätere Fertigkeit, mit der die besten Uhren der Welt hergestellt werden können. Die Hersteller haben heute den Vorteil, sich all die bisherigen zahlreichen Verbesserungen an den einzelnen Teilen des Werkes zunutze machen zu können, um meisterhafte Uhren bauen zu können. Doch mit aller Tätigkeit des menschli­chen Geistes ist das Bewußtsein der Verantwortlichkeit vor Gott und ein weit höheres moralisches Empfinden als der reine Intel­lekt verbunden, über den auf Erden nur der Mensch verfügt. Die Schlußfolgerung ist: Die Dinge Gottes sind dem besten natürli­chen Menschen und selbst den wertvollsten Teilen seiner Persön­lichkeit ebensoweit überlegen, wie eine Uhr oder andere Pro­dukte des menschlichen Geistes einem Hunde mit all seinem Instinkt überlegen sind. Welch ein moralischer Tiefstand, das vergessen zu wollen! Dieser Unterschied ist wirklich ungeheuer wichtig; wo er tatsächlich empfunden wird, kann er nur unseren Dank gegen Gott hervorrufen. Er trägt auch dazu bei, die Tiefen der Gnade Gottes zu entfalten und in unserem Bewußtsein aufrechtzuerhalten. Er hat ja uns, den Glaubenden, ein Leben gegeben, das fähig ist, in Seine Gedanken und Gefühle einzuge­hen, Seinen Ratschluß und Seinen Sinn zu erkennen und durch den Heiligen Geist alle Dinge zu erforschen, auch die Tiefen Gottes.

 

Wir müssen zugeben, daß wir auch dafür den Geist Gottes benötigen. Es genügt nicht, aus dem Geist geboren zu sein. Die Gläubigen des Alten Testaments besaßen zwar diese Geburt, doch konnten sie damals noch nicht den innewohnenden Heiligen Geist aus dem Himmel empfangen. Er wurde keinem Gläubigen zuteil, bis Christus das Erlösungswerk vollbracht hatte. Nur die bekehrte Seele, die auf diesem Erlösungswerk ruht, empfängt jetzt die Gabe des Heiligen Geistes. Weil das bei vielen Bekehrten fehlt, sind sie in geistlicher Hinsicht so kraftlos. Sie kommen nicht Über die Anfänge der göttlichen Wahrheit hinaus, weil sie trotz des Besitzes der neuen Natur noch nicht die Kraft des Heiligen Geistes in sich haben. Bei genauerer Prüfung würde man feststellen, daß sie noch keinen gefestigten Frieden besitzen. Tatsache ist, daß sie noch nicht wirklich auf dem Erlösungswerk Christi ruhen und daher das Ergebnis dieser Erlösung auch nicht genießen können. Sie bemühen sich eifrig, wie sie sagen, das zu ergreifen, was sie noch nicht besitzen, und halten Ausschau danach. Dabei müssen sie aber lernen, daß die Freiheit in Christus nur dem zuteil wird, der sich selbst und seine Anstrengungen gänzlich aufgibt, um einzig und allein auf Christus und Seinem Erlösungswerk zu ruhen, denn das Sühnungswerk ist endgültig vollbracht.

 

Diese Verflachung und Verkürzung des Glaubens brach nach dem Abscheiden der Apostel wie eine Flut herein. In den ersten Tagen der Versammlung konnte ihr niemand hinzugefügt werden, der nicht mit dem Heiligen Geist versiegelt war. Dann aber begann die Versammlung, in der Welt heimisch zu werden, Verfolgungen brachen nur noch gelegentlich aus, und viele Gebil­dete und Reiche, Mächtige und Edle schlossen sich ihr an. Daraus ergab es sich, daß die Gläubigen mit vielen Persönlichkeiten in Berührung kamen und durch die Bande der christlichen Liebe viel vertrauter mit ihnen wurden, als es in der Welt der Fall gewesen wäre. Das war für nicht wenige ein Beweggrund, sich solchen anzuschließen. Diese Erfahrung haben ja auch manche Leute unserer Tage aus dem gleichen Anlaß gemacht. Die göttliche Liebe gerät unter solchen Umständen bald in Verfall. So können wir gut verstehen, wie nötig die Mahnung ist: »Laßt uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. «

 

» Und hieran werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind«, nämlich, wenn wir in der Liebe wandeln. Für den Gläubi­gen liegt darin ein gewaltiger Trost. Es wäre aber ein großer Fehler, diese Worte einem Unbekehrten vorzustellen, um ihn, den Weg zur Sündenvergebung zu zeigen! Wer von denen, die das Evangelium kennen, könnte von einem Unbekehrten verlangen, derartige Früchte der Liebe hervorzubringen? Doch bei den Heiligen sollten sich solche Gefühle vorfinden, und zwar als Ergebnis dessen, was man zurecht die moralischen Regierungs­wege Gottes nennt. Denn wenn wir zu Gott gebracht worden sind ' handelt Er mit uns als der Vater, der uns täglich ohne Ansehen der Person richtet (l. Petr. 1, 17). Der Herr stellt diese Seite bildlich in Johannes 15 dar. Er nennt Sich dort den wahren Weinstock, während die Jünger die Reben waren. Dies ist kein Bild von der Wiedergeburt (davon hatte Er in Johannes 3, 3‑6) gesprochen); noch weniger hat dieses Bild mit der Einheit des Leibes zu tun, wie manche irrtümlich meinen. Weder kann jemand das ewige Leben, das er besitzt, wieder verlieren, noch als Glied am Leibe Christi wieder abgeschnitten werden. Diese Tatsachen genügen, um solche falschen Anwendungen zu widerlegen. Der Weinstock lehrt uns die Notwendigkeit der praktischen Gemeinschaft mit Christus. Wenn wir in Ihm bleiben und Er in uns, dann haben wir die Kraft, Frucht zu tragen. Denn was befähigt den Jünger dazu, Frucht zu bringen? Ist es nicht die Abhängigkeit von Ihm, das Bewahren Seiner Worte und das Gebet? (vgl. Joh. 15, 7). Christus ist die Quelle aller Frucht, und die Reben tragen diese Frucht, indem sie an Ihm bleiben. Außer Ihm können sie nichts tun. Der Vater reinigt die Reben, damit sie mehr Frucht bringen; doch allein der Weinstock liefert den nötigen Saft für die Reben, die mit ihm verbunden sind.

 

Unser Herr hat noch weit mehr für uns getan; doch zum Hervorbringen der Frucht ist dies Seine Tätigkeit. Wenn man die Rebe vom Weinstock abschneidet, was geschieht dann? Kann sie je wieder Trauben tragen? Kann es dann noch zur Bildung von Frucht kommen? Nicht im geringsten. Da waren Personen, die einst Christus nachfolgten, aber dann nicht mehr mit Ihm wandel­ten. Sie hatten sich selbst abgeschnitten. Sie waren keine Reben am Weinstock mehr. Es soll nicht geleugnet werden, daß es hier und da solche geben mag, die ihren falschen Weg bereut und sich um Wiederherstellung bemüht haben. Niemand sollte je durch uns abgewiesen oder entmutigt werden. Doch diejenigen, die sich von Christus abwenden, werden bis zu einem gewissen Grade verhärtet und feindselig. Es kommt tatsächlich verhältnismäßig selten vor, daß Menschen, die Ihm den Rücken zugekehrt haben, wieder zu Ihm zurückkehren. Hat sich die Seele jedoch wirklich gebeugt, wer ist dann so bereitwillig wie Er, sie wieder aufzuneh­men? Seine Liebe kennt keine Grenzen. Aber hier ist von solchen die Rede, die sich nicht selbst verurteilen, sondern böse Gedan­ken über Christus hegen, ohne Ehrfurcht Seine Person herabset­zen und Sein Werk geringschätzen. Sie beweisen damit, daß sie nie ewiges Leben besaßen, sondern nur ihren Einbildungen gefolgt waren.

 

Es ist daher sehr wichtig, daran zu denken, daß Gott Sich in Seinen moralischen Regierungswegen mit den Seelen beschäftigt, und zwar mit einer zweifachen Wirkung. Einerseits wacht Gott üb r jeden Seiner Heiligen und richtet jede Verfehlung, und zwar in Treue und Liebe. Andererseits gibt es solche, die Ihm miß­trauen und die Sein Handeln mit ihnen nicht ertragen können. Sie widersetzen sich den Übungen, die Gott als Mittel zur Wiederherstellung anwendet, oder achten sie gering. Gott züchtigt, und keine Züchtigung scheint für die Gegenwart angenehm zu sein. Freude würde Seinem Charakter völlig widersprechen; doch die Züchtigung ist zum Nutzen und gibt hernach die friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt sind. Gott Züchtigt jetzt als Vater jeden nach seinen Handlungen; es sind Seine moralischen Regierungswege. Er befaßt sich mit denen, die Seine Kinder sind oder jedenfalls bekennen, Seine Kinder zu sein. Denn Er befaßt Sich mit den Menschen entsprechend ihrem Bekenntnis und handelt daher ganz anders mit denen, die niemals den Namen des Herrn getragen haben.

 

Es ist daher die ernste Pflicht eines jeden, der den Namen des Herrn nennt, daß er absteht von der Ungerechtigkeit. Ist er in Schlingen des Teufels gefangen, so muß er daraus erwachen, damit der Feind nicht einen dauernden und alles erdrückenden Einfluß auf die Seele gewinnt. Je länger man damit wartet, um so schlimmer wird es. Schlimm genug ist es um die bestellt, die angesichts von Übungen glauben, sich in die Isolation zurückzie­hen zu müssen. Leider geben sich nicht wenige mit einer solchen Selbstisolierung zufrieden, als ob sie sich dadurch ihrer Verant­wortlichkeit bei der zunehmenden Unordnung entziehen könn­ten. Sie blicken auf die Fehler anderer Christen, um ihre Isolation zu rechtfertigen, und weichen dadurch den Übungen aus, die bei dem gemeinsamen Wandel mit den Geschwistern entstehen. Das Zukurzkommen der anderen geißeln sie sogleich in unbarmherzi­ger Weise. Bezüglich ihres eigenen Zustandes aber haben sie kein wirkliches Bewußtsein davon, was zur Ehre Gottes gereicht. Wie erbärmlich ist es, wenn wir uns selbst rechtfertigen, indem wir die Fehler der anderen herausstellen! Wenn man ihren Wandel mit dem solcher Menschen vergleicht, die sich niemals zu Christus bekannt haben, ist er dann wohl besser zu nennen? Ist es nicht so, als wandelten sie in dem Licht ihres eigenen Feuers und in dem Glanz der Funken, die sie selbst entzündet haben? Mögen sie sich in acht nehmen, daß sie nicht einmal jammernd am Boden liegen. Ihr Weg ist weder durch Gerechtigkeit noch durch Liebe gekenn­zeichnet; das Christentum aber vereinigt beides in sich gemäß der Wahrheit des Christus.

 

Wenn wir zu Gott gebracht sind, dann liegt das Geheimnis der Kraft für unseren Wandel in der Abhängigkeit von Christus. Lehrt uns der Weinstock das nicht besser als alle anderen Beispiele? Im ganzen Reich der Natur findet man kaum ein Gewächs, das so

eindrucksvoll wie der Weinstock zeigt, wie nötig es für die Reben ist, an ihm zu bleiben, damit sie Frucht tragen können. Zwischen Christus und dem Gläubigen besteht genau das gleiche Prinzip, und das wird uns in dieser Schriftstelle gezeigt. Muß es Gott nicht Mißfallen, wenn wir nur mit Worten und mit der Zunge lieben und nicht in Tat und Wahrheit? Bedeutet das nicht eine Beleidigung des Geistes Gottes? Wenn wir als Kinder des Lichts wandeln, dann verwirklichen wir auch das göttliche Prinzip der Liebe, d. h. wir suchen einander Gutes zu tun, ohne selbstsüchtige Absichten zu haben. So haben wir die Liebe Gottes kennengelernt. Christus wurde ja Mensch, um diese Liebe in einer Weise darzustellen, wie es Gott Selbst nicht tun konnte. Kann es uns dann wundern, daß Er die geringste Herabsetzung des Namens Seines Sohnes, Jesu, unseres Herrn, so tief empfindet? Christus zeigte diese Liebe, indem Er Sich erniedrigte, Mensch wurde und die Leiden ertrug, die Seine Dahingabe als Schlachtopfer mit sich brachte. Sie ging soweit, daß Er das Gericht Gottes über die Sünde auf Sich nahm. Gott konnte als Gott die Liebe nicht sichtbar zum Ausdruck bringen; aber Er hat es in Christus und Seinem Sühnungswerk getan. Von diesem Werk strahlt die ganze Fülle des Lichtes, der Liebe und der Wahrheit Gottes in einer Weise aus, die das Denken des Menschen übersteigt. Und das ist wahres Chri­stentum.

 

Zum praktischen Christentum gehören nicht nur Gerechtigkeit und Gehorsam, wie wir schon gesehen haben, sondern auch die Liebe. Johannes betont, daß die Liebe echt sein muß. Ist das der Fall, dann »werden wir erkennen«. Er stellt sich hier auf einen Boden mit den übrigen Gläubigen; das erhöht die Schönheit seiner Worte. »Hieran werden wir erkennen, daß wir« (ihr und ich, der Apostel und die Heiligen) »aus der Wahrheit sind. « Ist das Gewissen aber verunreinigt, dann schwindet die Ausübung der Liebe und alles andere, was dem göttlichen Leben entspringt, dahin. Das bezieht sich hier natürlich auf die Kinder Gottes, nicht auf Weltmenschen. Seine Kinder sind es, die unter diesen Umständen verkümmern und Mangel leiden durch das, was sie eingebüßt haben. Immer, wenn die Gemeinschaft mit Ihm auf solche Weise unterbrochen worden ist, geht auch die Freude verloren. Vielleicht wundern sich manche darüber, daß das von Gott in Christus geschenkte Leben ewig bleibt, die dadurch genossene Gemeinschaft aber so leicht durch Böses unsererseits gestört werden kann. Lassen wir in unserem Wandel die geringste Torheit zu, so ist im gleichen Augenblick die Gemeinschaft unterbrochen. Weshalb? Gemeinschaft bedeutet, in bezug auf Segen ein gemeinsames Teil mit Gott zu haben. Wie aber könnte Gott an der geringsten Torheit bei uns Anteil haben? Er kann mit keiner einzigen Sünde Gemeinschaft haben, und wir können mit ihr auch nicht in Christus wandeln. Die Freude der Gemeinschaft wird durch Sünde augenblicklich unterbrochen. Gott ist aber weit davon entfernt, sie als unwiederbringlich verloren anzusehen; wir können sie wiedergewinnen. Aber wie dankbar können wir Ihm dafür sein, daß das ewige Leben nicht wiedererlangt werden muß, denn es besteht ewig. Doch in bezug auf die Gemeinschaft besteht die Notwendigkeit der Wiederherstellung, wenn sie durch irgend etwas Böses unterbrochen wurde. Das kann bereits ein böser Gedanke oder ein böses Empfinden sein; dadurch wird die Gemeinschaft solange unterbrochen, bis das Selbstgericht dar­über stattgefunden hat. Hat man so etwas bei sich geduldet, so verhindert es die Gemeinschaft in gleicher Weise wie eine nach außen offenkundige Sünde.

 

Johannes sagt also: »Hieran werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind, und werden vor ihm unsere Herzen überzeu­gen. « Die Grundlage für die praktische Wahrhaftigkeit ist, daß man »aus der Wahrheit ist«. Verliert oder vernachlässigt man die Wahrheit, so gerät man bald in einen unaufrichtigen Wandel. Man kommt dahin, mit Worten oder mit der Zunge zu lieben, anstatt in Tat und Wahrheit. Johannes geht es hier nicht darum zu untersu­chen, ob sie bekehrt oder noch weniger, ob sie getauft waren. Durch keines dieser beiden Dinge will Gott uns Trost darreichen, wenn Er durch solche Umstände derart verunehrt worden ist; Er muß uns vielmehr dadurch beschämen. Ist es nicht beschämend, daß ich, der ich zu Ihm gebracht worden bin und nicht nur ein äußeres Merkmal Seiner Annahme an mir trage, mich so schlecht benommen habe? Wandeln wir dagegen wachsam und aufrichtig vor Gott, sowie in Liebe und Niedriggesinntheit, dann »werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind«. Das verleiht uns Kühnheit oder Freimütigkeit vor Gott. Das ist der eigentliche Sinn dieses Verses. Hier ist nicht unsere Stellung oder die Gewißheit des Glaubens gemeint, sondern die Freimütigkeit des Herzens vor Gott, die sich in einem Wandel ungeschmälerter und tätiger Liebe kundtut. »Hieran werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind, und werden« ‑ nicht wissen, sondern ‑ »vor ihm unsere Herzen überzeugen. « Dies ist die einfache und wörtliche Bedeutung des Wortes. Dieses »Überzeugen« wirkt trefflich auf unsere Seelen und drückt die Freimütigkeit aus, die ein lebendiger christlicher Wandel in Einfalt und Aufrichtigkeit des Herzens verleiht.

 

In diesen Schriftworten liegt viel, das einem gottesfürchtigen Methodisten Ermunterung und Stärkung schenken kann. Der wunde Punkt bei den Methodisten ist, daß sie das ewige Leben in Christus nicht voll erfassen und ihren Gefühlen zu viel Bedeutung beimessen. Die im Evangelium dargebotene Gnade Gottes bietet genügend Raum für die wärmsten und tiefsten Gefühle. Geistliche Gefühle haben ihre Berechtigung. Aber die Gnade und Wahrheit, die durch Christus geworden sind und diese Gefühle verursachen und ans Licht bringen, haben Vorrang. Alle Heiligen sollten sich stets in einem gesunden Zustand gemäß dem Wort und dem Geist Gottes befinden. Auf der anderen Seite kennen wir die strengen Ansichten der Calvinisten, denen die Erkenntnis am wichtigsten ist, auserwählt zu sein und damit Anrecht auf jeden göttlichen Trost zu haben. Dadurch, daß sie sich so in die Auserwählung vertiefen, verhindern sie jeden Gedanken an die moralischen Regierungswege Gottes mit uns. Nun ist die Auserwählung eine wunderbare Wahrheit, für die wir Gott preisen können. Sie soll aber nicht als Schutz gegen die schmerzliche Erkenntnis dienen, daß wir Gott verunehrt haben.

 

Warum sollten wir Trost begehren angesichts der Tatsache, daß wir Gott betrübt haben? Er möchte, daß wir darüber gedemütigt werden. Und das drückt der unmittelbar folgende Vers aus: »Daß, wenn unser Herz uns verurteilt ... «

Genau das tut unser Herz, wenn wir gefehlt haben, wenn Dinge vorliegen, die den Geist Gottes betrüben und wir nicht vor Ihm in angemessenem Selbstgericht gewesen sind. Und wenn wir schon erkennen, daß unser Herz uns verurteilt, wieviel mehr hat Gott dann Grund, uns tadeln zu müssen! » Gott ist größer als unser Herz und kennt alles. «

 

Manche Calvinisten verändern den Sinn folgendermaßen: »Wenn unser Herz uns verurteilt ‑ Gott in Seiner Gnade verurteilt uns nicht.« Wie schade, wenn man durch solches systematisches Abweichen von dem klaren Sinn des Wortes um den Gewinn kommt, der in Seinem Wort liegt! Was Gott hier meint, ist folgendes: Wenn ich mich selbst verurteile, so ist Gott größer als ich und weiß alles, während ich nur einen Teil erkannt habe.

 

Die Calvinisten fürchten, daß durch diese Auslegung unsere Stellung erschüttert werden könnte. Das hat aber überhaupt nichts mit unserer Stellung in Christus zu tun, sondern mit unserem täglichen Zustand.

 

Durch eine Sünde verlieren wir nicht unsere Stellung, sondern unsere Gemeinschaft mit Ihm. Wir werden daher aufgefordert, uns vor Seinem Angesicht zu verurteilen, anstatt deswegen unsere Auserwählung oder unsere Stellung in Frage zu stellen. Sowohl Auserwählung wie auch Stellung bleiben unangetastet; es ist völlig verkehrt, wenn ein Gläubiger das eine oder das andere bezweifelt. Wenn sein Herz ihn aber verurteilt, dann können wir sicher sein, daß Gott viel mehr darüber weiß und alles erkennt. Er sollte deshalb vor Ihm im Staube liegen, damit Gott ihm alles zeigen kann und damit er seine Sorglosigkeit verabscheut, weil er ein Gegenstand solch großer Gnade ist. Wir sollen unseren bösen Zustand verurteilen, dabei aber an unserer Stellung in Christus, die Gott uns gegeben hat, festhalten. Diese bleibt unverändert bestehen. Unser Zustand aber war schlecht, und Gott will, daß wir ihn nicht zu verbergen oder zu entschuldigen suchen, sondern uns schonungslos verurteilen.

 

Welch ein Schaden, sich in diese menschlichen Systeme zu verstricken, wie man die Sonderlehren der Calvinisten und Arminianer bezeichnen muß. Ich tadle nur diese Sonderlehren, nicht aber die Wahrheit, an der auch sie als Christen festhalten. In beiden Benennungen gibt es liebe Kinder Gottes. Doch leiden beide nicht wenig darunter, daß einerseits die Arminianer der Gnade Gottes bezüglich des ewigen Lebens nicht die gebührende Ehre geben, während die Calvinisten die Gemeinschaft nicht genügend würdigen, was oft zu einer Ungewißheit bezüglich der eigenen Auserwählung führt. So sagte einer von ihnen: »Wenn du keine Zweifel über dich selbst hast, dann muß ich deinethalben zweifeln. « Sie neigen dazu, ihre Sünden zu verschleiern oder ein System des Zweifelns aufzurichten. Der Mann, der obiges sagte, war gottesfürchtig und hat viele https://www.bbkr.ch/Singetdemherrnkomplett_23_09_2019/singetdemherrn/index.htmgeschrieben. Ich kann nur hoffen, daß die Lieder besser sind als seine Lehre. Solches Zweifeln ist verwerflich und nicht nur eines Christen, sondern vor allem Christi selber unwürdig. Man leugnet dadurch praktisch das Evangelium, welches das Heil durch Gottes Gnade verkündigt und uns auffordert, uns dessen mit einem friedevollen Herzen zu erfreuen. Es ist daher eine Tatsache, daß die Calvini­sten im allgemeinen hinsichtlich des Evangeliums auf schwachen Füßen stehen, wenn es auch leuchtende Ausnahmen gibt. Sie sind mehr mit der Auserwählung beschäftigt als mit Gottes Liebe zur Welt, geschweige mit der Vorsorge der Gnade für ihre eigenen Seelen. Die Auserwählung nimmt in ihrem Glaubensbekenntnis eine beherrschende Stellung ein und wird dadurch zu einem Nothelfer für alle Lagen. Das ist aber ein trauriges Zukurzkom­men bezüglich der Gnade und Wahrheit Gottes. Christus bietet Raum für jedes Element der Wahrheit, an dem Calvinisten und Arminianer festhalten, und darüber hinaus für vieles andere, was beiden Bekenntnissen fehlt. Wie schade, daß Kinder Gottes solche einseitigen Lehrschemata nicht fallenlassen und sich statt­dessen allein an die göttliche Offenbarung klammern, sie allein anerkennen und jeglichen Ersatz ablehnen. Wahres Christentum bietet genügend Raum für die umfassendsten Empfindungen und das gesündeste Urteil, ja, für alles, was der Glaube von Gott empfangen soll und die Liebe zu Seiner Verherrlichung vollbrin­gen darf.

 

Das Verurteilen unserer Herzen in Vers 20 entsteht aus dem Bewußtsein unseres Versagens auf dem Wege und aus der Über­zeugung, daß Gott in Seiner moralischen Regierung das ganze Ausmaß unseres Fehltrittes kennt. Dieser Grundsatz ist auch in der Bitte enthalten: » Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben. « Auch hier handelt es sich nicht um die Vergebung unserer Gesamtschuld durch den Glauben an das Evangelium, sondern um das ständige und aufmerksame Wachen Gottes über die Wege Seiner Kinder. Das hat gar nichts mit den Bedürfnissen des Sünders in seinem elenden Zustand zu tun. Es ist doch klar, daß das Evangelium keine Sündenvergebung zusagt unter der Bedingung, daß man seinerseits zu vergeben gewillt ist. Die Gnade schenkt die Sündenvergebung aufgrund des Glaubens an den Herrn Jesus. Davon ist hier aber nicht die Rede. Wenn du als Gläubiger nicht die Gesinnung zeigst, anderen willig zu vergeben, so ist Gott betrübt über dein Verhalten. Dadurch kannst du dich nicht mehr der Gemeinschaft mit Ihm erfreuen, und Er wird dich nicht eher wiederherstellen, bis du dich aufrichtig wegen deines Unrechts verurteilt hast. Die mangelnde Verge­bungsbereitschaft führte dazu, daß du dich selbst verurteilen mußtest und Gottes Mißbilligung empfandest.

 

Es ist offensichtlich also äußerst wichtig, zu unterscheiden zwischen dem Boden der Gnade, auf dem wir stehen bezüglich des ewigen Lebens und der Erlösung, und der täglichen Handlungs­weise Gottes mit uns in moralischer Hinsicht, wenn Er unsere verkehrten Wege richten muß. Er züchtigt uns deswegen, damit wir Seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Das bringt uns dazu, unseren Mangel an Übereinstimmung mit Ihm aufrichtig zu verurteilen und unseren Wandel mit Gottes Gedanken bezüglich Seines Hasses gegenüber der Sünde in Einklang zu bringen, so daß wir in Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit Fortschritte machen *

Der Apostel sagt: »Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verur­teilt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott, und was irgend wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun. « Er hat jene im Auge, die im ungetrübten Zustand vor Gott wandeln. Jetzt heißen sie nicht mehr nur »liebe Kinder«. Es erfreut den Apostel, die Liebe verwirklicht zu sehen, und er ermuntert sie dazu, die Liebe im Gebet zu betätigen, sofern bei ihnen alles in Ordnung ist. Wir können nicht Freimütigkeit haben, weitere Gunsterweisungen von Ihm zu erbitten, solange der Geist Gottes sich mit unserem Versagen beschäftigen muß. Wir müssen uns der demütigenden Erkenntnis unterwerfen, daß, wenn wir uns selber wegen unseres falschen Tuns verurteilen müssen, Gott uns noch mehr verurteilen muß. Genießen wir aber durch Seine Macht die ruhige Freude der Gemeinschaft, dann können unsere Herzen ernstlich weitere Gnade erbitten. »Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott, und was irgend wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefäl­lige tun. « Ist das der Fall, so gibt es nichts, was die Tätigkeit der Liebe beschränkt. Die Gnade kann sich ungehindert zu allem Guten auswirken, weil wir glücklichen Herzens im Lichte Gottes wandeln, so daß das Herz sich keine Vorwürfe machen muß. Wir können dann unser eigenes Ich völlig vergessen und uns des Herrn erfreuen.

 

Das sollte bei einem Gläubigen der gesunde Zustand in seinem täglichen Wandel sein. Wir müssen danach trachten; aber, ach! wie leicht kommt es vor, daß wir versagen. Doch durch die Gnade sind wir berufen, in Frieden, Herzenseinfalt und Vertrauen vor

Ihm zu wandeln; und das ist nur möglich, wenn wir uns in Übereinstimmung mit unserem Leben in Christus befinden. Im Fall von Verfehlungen uns selbst zu trösten, daß wir ja das ewige Leben besitzen, entspricht nicht dem, was Gott und unserem Zustand in solchen Umständen angemessen ist. Wenn wir durch den Geist leben, so laßt uns auch durch den Geist wandeln. Zu der Nachfolge des Herrn gehört nicht nur der Glaube, sondern auch die täglich erfahrene Wirklichkeit dieser Dinge, wie sie bei den, Apostel Paulus gefunden wurde und die er folgendermaßen ausdrückt: »Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleische, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat« (Gal. 2, 20). Traditionen sind nichtig und kirchliche Formen kraftlos. Die Macht des Kreuzes Christi wird uns hier eindringlich vor Augen geführt. Der Apostel war hinsichtlich seines alten Lebens durch den Glauben Christus gleichgemacht worden, der deswegen gelit­ten hatte. Nun lebte er in Ihm, der immerdar lebt, und zwar ein Leben des Glaubens in Seiner Liebe. Eine derartige Beziehung auf eine Einzelperson kommt in der Schrift nicht häufig vor. Üblicherweise werden Ausdrücke wie »Christus hat geliebt« oder »Christus hat Sich hingegeben« auf die Gesamtheit der Gläubigen angewandt, wie z. B. in Epheser 5, 1. 2. Doch es ist sehr kostbar, dieses Teil auch persönlich zu kennen, obwohl die rein persönliche Anwendung allein nicht ausreicht, denn dadurch ginge uns die Wertschätzung unserer Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn innerhalb der gesegneten Verbindung der ganzen Familie Gottes verloren.

 

So unentbehrlich der Friede mit Gott und der Friede des Gewissens auch sind, so stellen sie doch nicht die gesamte Segnung dar, mit der uns Seine Gnade erfreuen will. Noch weniger erschöpft sie sich in der Gewißheit, daß alle unsere Sünden vergeben sind. Diese haben wir aufgrund unseres Glaubens an Gottes Frohe Botschaft erlangt. Doch davon ist in den Versen 19 bis 22 nicht die Rede. Die Sündenvergebung stand am Anfang des Weges eines jeden Gläubigen als die notwendige und große Gabe von seiten Gottes. Wenn dieser Glaube vorhanden ist, dann wäre es verkehrt, die Frage aufkommen zu lassen, ob man wirklich glaubt oder nicht. Die Schrift kennt keinen derartigen Gedanken, daß jemand, der an Christus glaubt, solche Zweifel in sich hegt. Niemals wird sein Blick auf das gerichtet, was in ihm Selbst ist. Solange jemand verloren ist, weist Gott ihn auf Seinen Sohn als den Retter hin. Hier geht es um die Blickrichtung der Gläubigen in ihrem täglichen Wandel, und es handelt sich um praktisches Vertrauen in ihren Herzen. Durch die Gnade sind wir Ihm so nahegebracht worden, daß alles, was nicht in die Gegenwart unseres Gottes und Vaters paßt, unerträglich für uns sein und sorgfältig verhütet werden muß.

 

Viele von uns, die Familien haben, wissen, was es bedeutet, Wenn ein Kind manchmal unartig ist. Merkt man dann nicht sofort, daß das Kind anders ist als sonst, wenn es die Eltern wirklich liebhat? Selbst wenn Vater und Mutter nicht wissen, was vorliegt ‑ das Kind zeigt sich unruhig und unzufrieden. Es kann nicht wie sonst seinen Eltern unbefangen gegenübertreten; etwas ist nicht in Ordnung, und je aufrichtiger das Kind ist, um so stärker empfindet es dies. Genauso geht es uns unserem Gott und Vater gegenüber, mit der Ausnahme, daß Er nie versagt und stets alles weiß. Aus diesem Grund ist das Selbstgericht so ungeheuer wichtig; wir haben es um unserer selbst willen nötig. Wenn es bei einem Fehltritt ausgeübt wird, kehrt die Seele in die Freude der Gemeinschaft zurück, in der wir Freimütigkeit vor Gott haben. Es geht nicht um die Stellung, die der Gläubige unveränderlich besitzt, sondern um das herzliche Verhältnis zu Ihm, das leider durch Sorglosigkeit unterbrochen werden kann. Solange wir im Geist wandeln, ist diese Freimütigkeit Gott gegenüber unser glückliches Teil; sie ist der einzige Zustand, der sich für einen Gläubigen geziemt. Wie traurig, wenn ein Herzenszustand, der dieses Teil nicht hat, zur Gewohnheit geworden ist! Wie sollte doch die Seele dann ernsthaft zu Gott schreien, um herauszufin­den, was die Ursache dieses Mangels ist. Geschieht das, dann wird man nicht lange zu Gott rufen müssen. Es entspricht der Liebe des Vaters, uns ihren Trost zu schenken, aber auch ihren Verlust fühlenzulassen, wenn sie durch einen ungerichteten Fehltritt verlorengegangen ist. Wir haben in dem Herrn Jesus als dem Sachwalter bei dem Vater die nötige Hilfsquelle und brauchen keinen irdischen Anwalt zu suchen, der den Herrn nur verdrängen und niemals fähig sein würde, eine derart schwierige Aufgabe mit dem nötigen Zartgefühl zu lösen. Wir haben das Vorrecht, freimütig und sofort durch Christus vor den Thron der Gnade zu treten, ja, zu der Liebe des Vaters Zuflucht zu nehmen in er Gewißheit, dort keine Absage zu erhalten.

 

Daher wird hier so schön hinzugefügt: »Und was irgend wir bitten, das empfangen wir von ihm. « Es ist ein weiteres Beispiel von der absoluten Ausdrucksweise, derer sich Johannes so gern bedient. Er beschäftigt sich nicht mit irgendeiner Einschränkung durch gelegentliche Umstände oder besondere Hindernisse, die entstehen könnten. Er deutet auch nicht die Möglichkeit eines Zustandes an, der nicht mit Ihm in Übereinstimmung ist. Er geht davon aus, daß das Herz sich nicht verurteilen muß, daß Freirn11­tigkeit zu Gott vorhanden ist und daß wir uns Seiner Gemeinschaft erfreuen. Und was ist die Folge dieser Gemeinschaft mit Ihm? Sie schließt verkehrte Bitten aus. Wir trachten dann nicht nach Dingen, die dem Willen Gottes widersprechen. Wir bitten um das, was nach Seinem Willen ist, und Er wird uns nichts Gutes vorenthalten. Es ist Seine Wonne, wenn wir uns all dessen erfreuen9 was zu Seiner Verherrlichung dient. Und das haben wir alles in Christus gefunden; Er zieht unsere Herzen stets an und ist das tragende Verbindungsglied zum Vater. Christus ist es, der alles für uns auswählt. In unseren Herzen ist kein Licht und keine sprudelnde Quelle, ohne daß wir uns auf Christus stützen. Darum hat unser Gott uns das in Christus geschenkt. Was irgend wir erbitten, empfangen wir, denn in diesem Zustand werden wir nie unverständig bitten. Der Apostel gibt den Grund dafür an: »Weil wir seine Gebote halten. « Diejenigen, die nicht erkennen, daß es sich hier um Gottes moralische Regierung über den praktischen Zustand des Gläubigen handelt, verfallen in den Fehler, es mit der Grundlage des Heils zu vermengen und somit das Halten Seiner Gebote zur Bedingung für die Errettung zu machen. Dadurch würde aber die unumschränkte Gnade Gottes zur Errettung der Sünder zunichte gemacht. Hier geht es nicht um Gnade, sondern um Gottes Regierungswege, und da müssen zwangsläufig Bedin­gungen erfüllt werden. Aber die Gnade Gottes hinsichtlich der Rettung unserer Seelen und der Tilgung unserer Sünden ist bedingungslos, umsonst und unumschränkt. Die einzige Bedin­gung dabei ‑ wenn man das eine Bedingung nennen will ‑ ist, daß wir uns selbst als gottlos aufgeben und das annehmen, was Seine Liebe uns willig in Christus schenkt.

 

Doch hier haben wir einen völlig anderen Gegenstand. Es ist der übliche Irrtum der sogenannten »Theologie«, ihn mit der Gnade zu vermengen. Es ist daher kein Wunder, daß einfältige, treue und einsichtige Gläubige einem solch unzuverlässigen Füh­rer mißtrauen und ihn ablehnen. Sie haben auch allen Grund, vor ihren Lehren auf der Hut zu sein; denn gewöhnlich verwirrt und verfinstert sie die Gläubigen, die in der Wahrheit noch unbefestigt waren und meinten, von ihr auf den rechten Weg geleitet zu werden. Systematische Gottesgelehrtheit erweist sich als ein »hortus siccus«, d. h. Blüten, Blätter usw. sind von einer Pflanze abgerupft und getrocknet worden, so daß sich kein Krümelchen Frische oder Leben mehr in ihnen zeigt.

 

Das ist das Wesen der sogenannten »Theologie«, wohingegen die Heilige Schrift »Geist und Leben« ist. Das finden wir auch bei dem Herrn Jesus, dem Lebendigen, welcher starb, aber wieder lebendig ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ebenso verhält es sich mit dem Heiligen Geist, dem Geist der lebendigmachenden Wahr­heit, der nicht nur zum Leben gegeben wird, sondern auch jede Wahrheit frisch und kraftvoll erhält; und so ist es auch mit der nie versiegenden Liebe Gottes, des Vaters. Der Mensch macht aus der Offenbarung eine Wissenschaft, zumindest bemüht er sich, das zu tun. Könnte es jedoch zwei Dinge geben, die sich so grundlegend voneinander unterscheiden? Wer hat jemals Leben oder Frieden in der systematischen Theologie gefunden? Sie ist ständig bemüht, dieses und jenes mit menschlichen Waffen zu verteidigen und ihre ungewissen und anfälligen Lehren zu einge­bildeten Bollwerken des Glaubens aufzutürmen. Dabei kann Christus allein das in uns durch Sein Wort und Gottes Geist bewirken. Nur in der Bibel besitzen wir die Wahrheit, und zwar die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Wir haben den Heiligen Geist, der alles niederschreiben ließ, um uns in die ganze Wahrheit zu leiten. Daher haben wir Vertrauen zu Gott und zu dem Wort Seiner Gnade.

 

Die Schrift ist die göttliche Grundlage, der Geist Gottes die Kraft, die herniedergesandt wurde, um für immer in uns und bei uns zu bleiben. Welche weitreichenden Vorrechte haben wir doch, wenn wir noch an die Gaben für den Dienst denken, von den größten bis zu den geringsten, die Christus in Seiner Gnade gegeben hat! Sie sind uns anvertraut worden, und Gott möchte, daß wir alles verurteilen, was ihnen im Wege steht. Das hat der Apostel auch hier im Sinn. Und wenn wir im Glauben und in der Liebe Fortschritte machen, dann gilt auch uns das Wort: »Was irgend wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun. « Und nun stelle man sich vor, diese Worte auf das Evangelium anzuwenden! Der letzte Satzteil drückt genau das aus, was unser gepriesener Herr, wie Er bezeugt (Joh. 8, 29), allezeit tat. Er war in allem, was Er tat, vollkommen: »I c h tue allezeit das vor ihm Wohlgefällige. « Darin aber versagen wir. Weder tun noch sagen wir stets das, was Ihm wohlgefällt. Gott sieht und hört alles, und Er achtet in besonderer Weise auf Seine Kinder; nicht als wäre Er gegen uns, nein, Er ist für uns. Wenn aber Gott für uns ist, wer gegen uns? Weil Er nun gar nichts bei uns übersieht, so können wir uns nicht hinter Schriftstellen wie Johannes 17 oder Römer 8 zu verbergen suchen, sondern tun gut daran, uns wegen jeder Sache zu demütigen, mit der wir den Heiligen Geist Gottes betrübt haben, durch welchen wir versiegelt worden sind auf den Tag der Erlösung. Dadurch kehren unsere Herzen in den Genuß der Freimütigkeit vor Gott zurück. Das gibt uns wieder Freudigkeit und Kraft zum Gebet, wie auch hier gesagt wird: »Was irgend wir bitten ... « Wenn wir uni mehr Abhängigkeit von Christus bitten, so wird Gott uns sicher­lich erhören. Bitten um mehr Anhalten im Gebet, um mehr Nutzen aus Seinem Wort zu ziehen, um Befähigung, dem ewigen Leben gemäß zu leben und in seinem Genuß zu stehen, sind in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes. Das ewige Leben ist die eigentliche Grundlage von allem, was dieser Brief enthält.

 

» Und dies ist sein Gebot, daß wir dem Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben. « Dieser Vers wird manchmal durch »an den Namen glauben« übersetzt; aber die griechische Form läßt kein »an« Zu. Es mag Schwierigkeiten bereiten, die Stelle so zu verstehen, wie der Geist Gottes sie fraglos niederschreiben ließ. Aber wenn wir diese Ausdrucksweise auch nicht verstehen soll­ten, müssen wir nicht dennoch uneingeschränkt das anerkennen, was geschrieben steht? Wir brauchen keine besondere Deutung in diese Ausdrucksweise hineinzulegen. Wir können uns mit ihr begnügen, auch ohne sie gleich zu verstehen, und abwarten, bis wir Verständnis darüber erlangen. Aber diese Worte stehen da und wurden an die Familie Gottes geschrieben, obwohl die Ausdrucksweise ungewöhnlich erscheint. Die Schrift redet gewöhnlich von »Gott glauben« und Gott bezüglich Seines Sohnes glauben. Wenn Christus genannt wird, dann heißt es »an Christus glauben«; so drückt sich die Schrift gewöhnlich aus. Hier aber wird die Form »Seinem Namen glauben« gebraucht. Wenn gesagt wird, daß jemand Gott bezüglich Seines Sohnes glaubt, so bedeutet das, Gottes Zeugnis über Seinen Sohn zu glauben, das anzunehmen, was Gott mir über Seinen Sohn mitteilt. Wenn es nun aber heißt,' daß wir »dem Namen seines Sohnes glauben«, ist damit nicht gesagt, all dem zu glauben, was dieser Name in sich birgt? Der Name ist Gottes Offenbarung über den Herrn, d. h. von dem, was Er ist und was Er getan hat; das ist eine wunderschöne Ausdrucks­weise. Das bedeutet nicht nur, daß Er als Mensch den Namen Jesus trug (das brauche ich wohl kaum zu erwähnen), noch handelt es sich nur um Seinen Titel als Herr oder irgendeine Seiner amtlichen Würden. Hier bedeutet es, dem Namen, der göttlichen Offenbarung, dem Zeugnis Gottes über Seinen Sohn Jesus Chri­stus zu glauben. Der Herr Jesus ist in dieser Eigenschaft der hervorragende Gegenstand des Glaubens, und hier auf Erden und in dieser Zeit sollen wir Seinem Namen glauben, als wäre er die Personifizierung Seiner Selbst. Es ist nicht nur das, was wir anfangs glaubten, als wir zur Bekehrung kamen. Damals glaubten wir an den Herrn Jesus. Der Apostel spricht aber mit Vorliebe von Seiner Person und allem, was dem Glaubenden in und durch Seine Person geschenkt wird. Darum wählt er diese eigenartige Aus­drucksweise: »daß wir dem Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben«. Wir kennen die Abhängigkeit von Christus; hier aber geht es darum, dem »Namen Seines Sohnes Jesus Christus« zu glauben, d. h. allem, was dieser hochgelobte Name in sich birgt gemäß der Offenbarung Gottes in Seinem Wort. So glauben wir Seinem Namen.

 

In bezug auf das Wort »glauben« möchte ich noch auf einen Unterschied in der Lesart hinweisen, der allerdings nur geringfügig ist. Üblicherweise finden wir in dem auf sicheren Quellen beruhenden Schrifttext die Form, die eine Fortdauer des Glaubens ausdrückt. Andere bedeutsame Texte benützen »glauben« im Sinne einer abgeschlossenen Handlung; die Tatsache des Glaubens wird in ihrem Ergebnis zusammengefaßt. Bei dem Wort »Liebe« dagegen ist die Bedeutung stets: Tag für Tag Liebe üben. Beide Begriffe sind aber in einem Gebot zusammengefaßt; es ist das erhabene Gebot der christlichen Lehre, im Gegensatz zu den Geboten des Gesetzes. Nach dem Gesetz sollte man Gott und seinen Nächsten lieben. Jetzt aber heißt es, dem Namen Seines Sohnes Jesus Christus zu glauben und einander, d. h. die Kinder Gottes, zu lieben. Welch ein bedauerliches Mißverständnis ist es, die Kinder Gottes mit unserem Nächsten zu verwechseln! Das ist nicht die Bedeutung dieser Schriftstelle. Wir sollen jene lieben, die die Welt nicht erkennt, wie sie Ihn, dessen Namen wir glauben, nicht erkannt hat. Das alles geht weit über das Denken des Menschen hinaus. Was würdest du von jemand halten, der von dir verlangen würde, alle Kinder in London genauso zu lieben, wie deine eigenen Kinder? Du würdest ihn für geistesgestört halten. Diese Illustration mag dazu dienen, uns zu zeigen, wieviel erhabe­ner »Sein Gebot« ist. Wie bereits gesagt, besteht zwischen den Kindern Gottes und den Kindern des Teufels der größtmögliche Unterschied. Jemand mag vielleicht mein Wohnungsnachbar und doch einer der ärgsten Feinde Christi sein. Einem solchen gegen­über findet dieses Gebot, ich solle lieben, keine Anwendung. Man sollte liebende Teilnahme für ihn empfinden und wünschen und beten, daß er das Wort der Wahrheit, das Evangelium des Heils, annehmen möge. Gerade sein hartnäckiger Widerstand und sein Trotz gegen Gott mögen unsere Fürbitte verstärkt hervorrufen, daß er doch ein Denkmal der Gnade Gottes werden möge. Und Gott hat in solchen Fällen schon oft die Gebete  erhört. Das in Glauben und Demut beharrlich hinaufgesandte Rufen und Flehen für einen schuldigen Menschen wurde belohnt. Es erfordert allerdings keinen geringen Mut, sich für einen Nachbarn voll solchem Charakter in wirksamer Fürbitte einzusetzen. Trotzdem fällt dieser Nachbar keineswegs in den Anwendungsbereich des vorliegenden Gebotes. Es bezieht sich vielmehr nur auf diejeni­gen, »die einander lieben, gleichwie er uns ein Gebot gegeben hat«. Es handelt sich hier einzig und allein um die gegenseitige Liebe der Gläubigen.

 

Wir haben hier ein weiteres Beispiel dafür, wie Johannes Gott und Christus fast nicht unterscheidet. Am Anfang des Verses ist Gott die Person, die zuletzt erwähnt wurde. Von Ihm sollen wir erbitten und empfangen, und das vor Ihm Wohlgefällige tun. » Und dies ist sein Gebot, daß wir dem Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, gleichwie er uns ein Gebot gegeben hat. « Nun wissen wir sehr gut, daß es Christus war, der dieses Gebot gab (vgl. Joh. 15, 17). Und doch wird durchgehend offenbar auf denselben »Er« Bezug genommen. Solch ein Schreibstil wäre nie möglich, wenn Christus nicht in derselben Weise Gott wäre wie der Vater. Darin besteht das Geheimnis dieser Eigen­tümlichkeit. Johannes schreibt absichtlich so, um den Sohn wie auch den Vater dadurch zu ehren; es handelt sich dabei nicht etwa um eine Nachlässigkeit in der Ausdrucksweise. In der Heiligen Schrift gibt es keine Flüchtigkeitsfehler, wie sie selbst bei den berühmtesten Klassikern vorkommen können; im geschriebenen Wort Gottes herrscht überall göttliche Absicht und vollkommene Weisheit.

 

»Und wer seine Gebote hält, bleibt in ihm, und er in ihm.« Johannes geht hier zu dem neuen Gegenstand über, nämlich daß wir in Gott bleiben und Gott in uns. Es besteht keinerlei Unklar­heit darüber. Ohne Gehorsam können wir dieses wunderbare Vorrecht nicht besitzen. Dem Zusammenhang nach heißt es, daß wir in Gott bleiben und Gott in uns bleibt. Das gleiche ist aber auch auf Christus anwendbar und wird auch an anderen Stellen von Ihm gesagt. In sich selbst ist daher beides vollkommen wahr, ob es heißt, daß wir »in Christus bleiben« oder »in Gott bleiben«. Wenn du in Christus bleibst, dann bleibst du auch in Gott; und wenn du in Gott bleibst, bleibst du auch nicht minder in Christus. ]Bei genauer Auslegung mag aus dem Zusammenhang heraus der einen Ausdrucksweise vor der anderen der Vorzug gegeben werden. Es ist oft wichtig, das zu erkennen, doch bereitet es keine Schwierigkeiten. Es verhilft aber zu besserem Verständnis, wenn man in bezug auf die Schrift Fehler vermeidet und keine spitzfindigen Unterscheidungen vornimmt.

 

» Und hieran erkennen wir, daß er in uns bleibt, durch den Geist den er uns gegeben hat. « Hier ist die Gabe des Geistes die Kraft

und der Beweis dafür, daß Gott in dem Gläubigen bleibt. Auf diese Weise bleibt Gott in ihm; Er hat ihm Seinen Geist gegeben. Umgekehrt ist das Bleiben in Gott in der täglichen Praxis eine Frage der geistlichen Abhängigkeit von Ihm. Sie wäre nicht möglich, wenn nicht der in dem Gläubigen wohnende Geist ein ungetrübtes Aufblicken zu Ihm und Empfangen von Ihm bewirkte. Betrübe ich den Herrn, dann bleibe ich nicht mehr in Ihm. Ich habe mich unversehens von Ihm entfernt und folge vielleicht eine Zeitlang meinen eigenen Gedanken und meinem Willen und gehe einen eigenen Weg. Ob es nur ein kurzes Ausgleiten oder ein längeres Abweichen von Ihm ist ‑ ich habe den Genuß Seiner Gegenwart verloren und bin nicht in Ihm geblieben.

 

Beachten wir, daß im Gegensatz zum ersten Teil des 24. Verses, wo beide Seiten der Wahrheit genannt werden, der zweite Teil nur von dem Bleiben Gottes in uns spricht. Er bleibt in uns einfach durch den Geist, den Er uns gegeben hat. Nur von der Innewoh­nung Seines Geistes hängt Sein Bleiben in uns ab. Es ist auf die Erlösung gegründet und bleibt ebenso bestehen, wie auch unsere Erlösung bestehenbleibt. Unser Bleiben in Ihm aber ist eine Frage unseres geistlichen Zustandes; es wird hier nur erwähnt; im letzten Teil von Kapitel 4 wird es ausführlicher erläutert. Die ersten sechs Verse von Kapitel 4 bilden eine äußerst wichtige Einschiebung und stellen für die Erklärung dieser beiden Seiten die Ausgangs­basis dar.

 

In den Versen 23 und 24 des dritten Kapitels legt der Apostel die wahre und vollständige Stellung des Gläubigen dar. Dabei berührt er so wenig wie möglich die negative Seite, die in den vorange­gangenen Versen so stark hervorgehoben wurde. Mit der gleichen Schlichtheit, aber auch der gleichen Tiefe, wie sie für diesen Brief von Anfang bis Ende charakteristisch ist, wird hier allen Heiligen der positive Reichtum unserer Vorrechte vor Augen geführt. Vers 23 zeigt uns die klaren und leicht zu erkennenden Merkmale des Gläubigen. In Vers 24 ist es die weniger leicht wahrnehmbare, aber nicht weniger wirkliche innere Tätigkeit des ewigen Lebens durch die Kraft des innewohnenden Geistes Gottes, der auf dieses Leben einwirkt, oder, besser gesagt, sich in diesem Leben aus­wirkt. Wie wir gesehen haben, wird besonders auf den verderbli­chen Einfluß hingewiesen, den ein nachlässiger Wandel auf die Freimütigkeit des Herzens vor Gott ausübt, die doch ständig unser Teil sein sollte.

 

Geliebte, glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen. Hieran erkennet ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesum Christum im Fleische gekommen bekennt, ist aus Gott; und jeder Geist, der nicht Jesum Christum im Fleische gekommen bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der Geist des Antichrists, von welchem ihr gehört habt, daß er komme, und jetzt ist er schon in der Welt.

Ihr seid aus Gott, Kinder, und habt sie überwunden; weil der, welcher in euch ist, größer ist als der, welcher in der Welt ist. Sie sind aus der Welt, deswegen reden sie aus der Welt, und die Welt hört sie. Wir sind aus Gott, wer Gott kennt, hört uns', wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht. Hieraus erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.

 

1 . Johannes 4, 1‑6

 

Ehe der Apostel fortfährt, über das Bleiben Gottes in uns zu sprechen, das durch den uns gegebenen Geist bezeugt wird (Kap. 3, 24), wendet er sich dem uns vorliegenden ernsten Gegenstand zu. Er will uns dadurch vor den Angriffen des Feindes gegen die Fundamente des Glaubens schützen. Das tut er, indem er die Wahrheit über die Person Christi, Gottes maßgebliche Offenba­rung über ihn, vorstellt. Diese wurde durch den erhöhten Herrn den inspirierten Aposteln und Propheten mitgeteilt und bildet einen Bestandteil der neutestamentlichen Schriften.

 

Es sind im Gegensatz zu den bisherigen Belehrungen des Apostels nicht die Erkennungszeichen, die zur Scheidung der wahren Christen von den unechten oder von denen, die sich selbst betrügen, führen. Unter der Anleitung des Heiligen Geistes schweift Johannes in der ihm eigenen, uns schon bekannten Art, zu einem Thema ab, das von fundamentaler Wichtigkeit ist, nämlich zu den von Gott gegebenen Prüfsteinen der Wahrheit selbst. Es gibt deren zwei: Seine Person selbst als geoffenbart im Fleisch und die durch auserwählte Zeugen kundgetane Offenba­rung Über Ihn. Da Er wahrhaftiger Gott und vollkommener Mensch war, mußte auch die Mitteilung dieser überaus herrlichen Wahrheit durch die Autorität Gottes geprägt und durch eigens zu diesem Zweck inspirierte Männer niedergeschrieben, nicht weniger göttlich sein. Er ist Derjenige, von dessen Annahme das ewige Leben mit allen Vorrechten für den Gläubigen und für die Versammlung abhängt, deren Diener der Apostel Paulus vor allen anderen Aposteln war. Er ist auch Derjenige, durch dessen Verwerfung Gottes Zorn (nach Joh. 3, 35 u. 36) auf allen Schuldigen bleibt. Gemäß dem Charakter, in dem Er als die Wahrheit Selbst in unumschränkter Gnade vom Himmel kam, hat Gott auch für die zuverlässigste Offenbarung Seines Sohnes durch den Menschen und für den Menschen gesorgt, ob dieser nun darauf hört oder sie ablehnt. Diese Offenbarung ist dem Gewissen und Herzen des Menschen angepaßt, aber von Gott, der nicht irren kann, überwacht und eingegeben.

 

Wenn es Gott aufgrund der Erlösung gefiel, dem Gläubigen den Heiligen Geist in einem Umfang und in einer Weise mitzuteilen, wie es vor dem Tode, der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi nicht geschah und auch nicht möglich war, dann machte sich Satan sogleich daran, diese himmlische Gabe nachzuahmen, um dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist entgegenzuwir­ken. Er bedient sich dabei der Abtrünnigen, der vielen falschen Propheten, die nicht nur andere Menschen ins ewige Verderben führen, sondern auch eine schwerere Strafe auf sich laden als die schuldigen Juden und die verfinsterten Heiden. Deshalb wird mit so großer Sorgfalt das zweifache Kennzeichen der Wahrheit in der einfachsten und direktesten Weise vorgestellt, um jedem Gläubi­gen, der es benötigt, eine Hilfe darzureichen.

 

» Geliebte, glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind. « Es ist eine Frage der Unterscheidung nicht der Gläubigen, sondern des wahren Charakters derjenigen, die vorgeben, im Geiste zu reden. Das nämlich ahmte der Feind nach, und die Macht seiner raffinierten Überredungskunst ist seit seiner ersten Verführung des Menschen im Paradies stets groß gewesen. Der Herr sagt von ihm (Joh. 8, 44): »Jener war ein Menschenmörder von Anfang und ist in der Wahrheit nicht bestanden, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben. « Böse Geister waren mehr denn je am Werk, um dem Geist der Wahrheit zu widerstehen, wie auch sehr viele böse Geister durch den Heiligen Gottes aus den Besessenen ausgetrieben worden waren, als Er auf Erden wandelte. Im Evangelium nach Markus, dem Evangelium des Knechtes Gottes und der Menschen, ist die Austreibung eines unreinen Geistes das erste Wunder, das berich­tet wird. Christi Wort hatte Macht, Menschen zu segnen und Dämonen auszutreiben. Nachdem der unerschrockene, unnach­giebige Apostel der Nationen die Erde verlassen hatte, erfüllten sich seine warnenden Worte an die Ältesten der Versammlung in Ephesus zusehends: »Denn ich weiß dieses, daß nach meinem Abschiede verderbliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die der Herde nicht schonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her« (Apg. 20, 29‑30).

 

Diese Entwicklung des Bösen steigerte sich noch weiter vor den Augen des letzten noch lebenden Apostels. Er erinnert jeden Gläubigen an seinen Glauben an Christus und an das Wort Gottes. Er entkleidet die Frage, auf die es ankommt, von allem Schein der Beweisführungen und Emotionen, mit denen der Feind den wahren Sachverhalt zu verschleiern suchte. Es ging in Wirklich­keit darum, unter dem Vorwand neuer und höherer Wahrheit Gott und Sein Wort aufzugeben. Manche Antichristen leugneten die wirkliche Menschheit Christi, andere leugneten Seine wahre Gottheit, noch andere die Vereinigung beider in einer Person. Damit verließen sie alle die Wahrheit über Seine Person und folglich auch über Sein Werk und versuchten, sie umzustürzen. Die »Geliebten« kannten aber den Vater und den Herrn Jesus Christus, den Er gesandt hatte, und sie hatten den Geist zu ihrer Hilfe. So waren sie als einfache Kinder Gottes nicht nur verant­wortlich, sondern durch die Gnade auch in der Lage, zu prüfen, welcher Geist in diesen »neuen Erleuchtungen« wirksam war. Sie mußten sowohl um Seinetwillen wie um ihrer eigenen Seelen willen die neuen Lehren sorgfältig prüfen, »denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen«. Gehörten diese Lehrer auch zu jenen? Christus hatte wahre »Apostel und Propheten« gegeben, die gemeinsam die lehrmäßige Grundlage der Versammlung bildeten. So haben wir Markus und Lukas, auch Jakobus und Judas, die keine Apostel, sondern Propheten waren. Satan ahmte sie nach und bediente sich dieser Ungläubigen, die in die Welt ausgingen, um irrezuführen und zu zerstören. Es gab bereits »viele falsche Propheten«.

 

Das erste Erkennungsmerkmal bezieht sich auf den Geist »Hieran erkennet ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus im Fleische gekommen bekennt, ist aus Gott.« Manch( Übersetzungen geben diesen Vers nicht seiner wahren Bedeutung gemäß wieder. Die Einfügung der Wörter »daß« und »ist« (»daß Jesus Christus ... gekommen ist«) ist nicht nur unangebracht sondern verändert diese Aussage in das reine Bekenntnis eine Tatsache, wohingegen das apostolische Wort auf das Bekenntnis Seiner Person hinweist. Stimmt es, daß ein böser Geist die historische Tatsache, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, leugnen würde? Geben das nicht selbst Anhänger Mohammeds ohne Zögern zu, während die Juden sich dagegen sträuben? Und ganz gewiß lassen einige der extremsten und bösartigsten Zweifler diese Tatsache bestehen und rühmen den Herrn nach ihren Vorstellungen als den besten Menschen. Doch ein wahres Bekenntnis der Person des Herrn, wie es hier durch den Apostel niedergelegt wird, ist nur möglich durch den Geist Gottes. Der Apostel gebraucht nur wenige Worte, aber sie enthalten den Kern der Sache. Zwischen den Tagen des Sohnes Nuns und denen des Sohnes der Jungfrau Maria war mancher Israelit »Jesus« genannt worden. Der erste Mann dieses Namens, den die Schrift erwähnt, war in Wahrheit nur ein Vorläufer des unermeßlich größeren »Josua«. Andere mögen den gleichen Namen getragen haben, doch als gänzlich Unwürdige, vor allem jener Mensch, den die Juden dem Herrn der Herrlichkeit vorzo­gen (wenn wir den etwa 20 Handschriften Glauben schenken wollen, die dieses bezeugen). Sicher ist, daß er den Zunamen Barabbas (d. h. Sohn des Vaters) hatte; er war Satans Gegenstück zu dem wahren »Sohn des Vaters«. In Matthäus 1 gibt uns der Geist Gottes Seine Auslegung des Namens unseres Herrn: »Du 4 sollst seinen Namen Jesus heißen, denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden.« Josua führte das Volk Israel in das Land Kanaan ein, angesichts der Feinde, von denen es dort wimmelte; aber nur der wahre Josua konnte Sein Volk von ihren Sünden erretten. Er war Jah, Jehova, der Ewigseiende im absoluten Sinn, der Ewige in relativer wie in historischer Hinsicht. Und da es Sein Volk war, sollte Er es von seinen Sünden erretten, weil kein anderer als Er es vermochte. Er war zugleich auch Immanuel, d. h. Gott mit uns; wer anders als Er könnte diesen Titel für sich beanspruchen? Wenn Sein Volk Ihn zu seinem eigenen Schaden zeitweilig verwarf, dann wandte Seine Gnade sich den törichten Nationen zu, zumindest denen, die auf Seine Stimme hören. Das Heil ist in der Zwischenzeit den Nationen, aus denen auch wir stammen, gesandt worden. Die durch Unglauben und Stolz aufgeblasenen Heiden müssen abgeschnitten werden, wie es auch zum Teil mit den Juden geschah, damit wir eingepfropft werden konnten. Endlich werden sie zu ihrem gekreuzigten Messias umkehren, der dann erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein wird (Jes. 52, 13). Alle ihre innere und äußere Furcht wird gewichen sein, und so »wird ganz Israel errettet werden« (Röm. 11, 26) Er hat in Seiner Liebe lange gewartet; sie bleibt unermüdlich und ungeschmälert, bis sie ihre ganze Sünde und den Grund ihrer Leiden erkannt haben werden. Seine Barmherzigkeit währt ewig­lich, Seine Gnadengaben und Seine Berufung sind unbereubar (Röm. 11, 29).

 

Das ist dieser »Jesus Christus«, den jeder Geist, der aus Gott ist, bekennt. Nur wird Er jetzt im Christentum viel tiefer und inniger gekannt, als bei Seinem Offenbarwerden vor dem Volke Israel; es wird Ihn in der sichtbaren Herrlichkeit des kommenden Reiches erkennen. Er, der im Fleische kam, war Jah, der Retter, zugleich auch der Gesalbte Gottes, der Christus. Er ist es, den der Geist der Wahrheit ehrt, ebenso wie der Geist des Irrtums Ihn haßt. Denn auch diese finstere Seite wird uns gezeigt: »Jeder Geist, der nicht (den) Jesus bekennt, ist nicht aus Gott. « Die auf vielen alten Handschriften beruhende verkürzte Lesart in diesem Satzteil wird dadurch bestätigt , daß im Griechischen vor »Jesus« der Artikel steht. Er wird üblicherweise vor Namen im hinweisenden Sinne gebraucht. Doch der Sinn, der damit ausgedrückt wird, ist klar und eindeutig: »Jeder Geist, der nicht (den) Jesus (der eben beschrieben wurde) bekennt ... « eine Wiederholung der hier ausgelassenen Worte ist unnötig, der Satz schließt aber diese Aussage über Ihn als wahrheitsgemäß in sich.

 

Der Name Jesus ist der Ausdruck alles dessen, was Er als von Gott geoffenbart ist; und alles, was unseren Bedürfnissen ent­spricht, ist uns in Ihm zu unserer ewigen Freude geschenkt. Sein Name steht auch nicht nur für die überragenden Vortrefflichkei­ten alles dessen, was in Ihm und durch Ihn zu finden ist. Er, und nur Er allein, stellt uns die Wahrheit über jeden Menschen und jede Sache vor Augen und zeigt uns, wie sie wirklich beschaffen sind. Damit beweist Er, daß Er Selbst die Wahrheit in objektiver Hinsicht ist, so wie der Geist die Wahrheit als inwendige Kraft ist, die uns befähigt, alles, was uns in und durch Christus geschenkt ist, zu verwirklichen und zu genießen (vgl. 1. Joh. 5, 6). Er allein führt uns in eine wahrheitsgemäße Erkenntnis Gottes ein. Er zeigt uns den Vater. Er macht uns, aber nicht die Welt, mit dem Heiligen Geist bekannt. Er offenbart die Dreieinheit Gottes. In Christus allein erkennen wir das Licht, das Leben und die Liebe, die aus Gott sind. In Ihm erkennen wir Gehorsam, Gerechtigkeit, Heilig­keit, Ehrfurcht, Abhängigkeit, Treue, Niedriggesinntheit und Sanftmut in absoluter und vollkommener Weise. In Ihm sehen wir den Menschen als einen würdigen Gegenstand der Wonne Gottes.

 

Durch Ihn sehen wir aber auch, was der Mensch unter der Macht Satans in seiner Feindschaft gegen Gott ist; die Wahrheit über den natürlichen Menschen, so wie er ist. So wissen wir auch durch Ihn, wer Satan in seinem Haß und in seinem Betrug ist. Ohne Christus hätten wir nur die Schattenbilder des Erlösungs ‑ und Sühnungs­werkes, des Schlachtopfers und des Speiseopfers, des Priester­tums und des Heiligtums. Er allein ist Inhalt und Erfüllung der Vorbilder; Er Selbst der Mittelpunkt von allem, gibt allem seine rechtmäßige Stellung und bringt es in die wahre Beziehung zu Gott. Hast du in irgendeiner Sache Zweifel und suchst die Wahrheit? Bringe Christus in deine Schwierigkeiten hinein, bringe Ihn mit deinem Problem in Verbindung, und du wirst in jedem einzelnen Fall die Wahrheit finden. Ist Er nicht offenkun­dig und völlig zu Recht der Prüfstein der Wahrheit?

 

Während sich der Verstandesmensch auf der Suche nach der Wahrheit (die der schärfste menschliche Geist nicht fassen kann) im Labyrinth der Spekulation verliert, kann die Gnade dem einfachsten Gläubigen, der auf Ihn als sein ein und alles blickt, die Wahrheit in Christus darreichen. In Ihm finden wir die Lösung des Problems. Christus ist die objektive Wahrheit, der Heilige Geist ist die Wahrheit als Kraft für den Geist des Gläubigen. Jene selbstsüchtigen, eingebildeten »falschen Propheten« mögen dem »Kindlein« erzählen, daß es ohne sie nicht auskommen könne, daß nur sie den »Geist« hätten, die »Kindlein« nicht mehr als den »Buchstaben« besäßen. Der Gläubige weiß, daß er Christus hat, den Sohn geoffenbart im Fleisch. Er weigert sich, das, was er »von Anfang gehört hat« und was jetzt in dem geschriebenen Wort Gottes zu finden ist, preiszugeben. Er gibt nicht vor, alles voll erfaßt und verwirklicht zu haben. Doch er weiß, daß er Christus, die Wahrheit, besitzt und somit alles in Vollkommenheit in Ihm hat. Er verläßt sich auf die Salbung des Geistes und macht davon Gebrauch. Daher empfindet er, wie äußerst wichtig es ist, daß alles, was von Anfang gehört worden ist, in ihm bleibt und daß auch er selbst in dem Sohn und in dem Vater bleiben muß. Wenn der so geoffenbarte Christus aufgegeben wird, dann ist es mit dem Christentum zu Ende. Und während der Feind unter dem Vor­wand, höhere Wahrheiten zu bringen, die Wahrheit in Christus untergräbt, ruft der Geist Gottes Ihn ins Gedächtnis zurück, der die Wahrheit war und immer sein wird. Er läßt daher keinen Gedanken an eine Fortentwicklung der Wahrheit zu, die weiter nichts als eine Lüge Satans ist und nicht der Wahrheit entspricht. Sie verrät sich selbst als Lüge, indem sie das empfangene ewige Leben als Seine gegenwärtige Gabe leugnet. Die Lüge kann als Ersatz nur »Ideen« anbieten.

 

Die Gnade schenkt uns also ein sicheres Unterscheidungsmerk­mal, damit wir erkennen können, ob der Geist Gottes die Wahr­heit lehrt oder ob ein böser Geist seine großen Lügen unbemerkt verbreiten will. Der Heilige Geist verherrlicht den Herrn Jesus; der böse Geist dagegen rühmt die Welt, da er ein Werkzeug des Teufels ist, um die Menschen so weit wie möglich zu betrügen. Wenn er die Auserwählten nicht betrügen kann, dann beschuldigt er sie und läßt sie engherzig, beschränkt und frömmelnd erschei­nen, weil sie sich nicht durch die schillernden Farben verleiten lassen, mit denen Satan seine bösen Irrtümer tarnt. Sie glauben Gott und Seiner Aussage über Seinen Sohn. Das ist etwas ganz anderes, als Glauben und Leichtgläubigkeit miteinander zu vermi­schen; letztere bedeutet nichts anderes, als menschlichen Behaup­tungen zu glauben. Zu Gott gibt es keine Verbindung als nur dadurch, daß man Gott glaubt, und zwar anhand Seines Wortes. Seit dem Fortgang des Apostels handelt es sich um das geschrie­bene Wort. Der Heilige Geist hat dem Herrn als dem fleischge­wordenen Sohn Gottes Zeugnis gegeben. Wir glauben daher an den Herrn Jesus Christus aufgrund des Wortes Gottes und erlan­gen dadurch ewiges Leben. Eine einzelne Ihn betreffende Tatsa­che anzuerkennen, so wahr und wichtig sie auch sein mag, heißt noch nicht, an Ihn zu glauben und Ihn Selbst zu bekennen. Das Leben ist in Seinem Sohn, und dieser kam im Fleisch; denn so war Er in Wahrheit der »Jesus«, das Wunder göttlicher Gnade, der Prüfstein der göttlichen Wahrheit. Ihn bekennen heißt, daß man die Wahrheit Seiner Person ‑ auf diese Weise im Fleische gekom­men ‑ anerkennt. Der Unterschied ist nicht nur wesentlich, sondern lebenswichtig. Es geht nicht darum, nur die Tatsache Seiner Geburt, sondern Seine auf diese Weise geborene Person zu bekennen.

 

Viele meinen, es handle sich hier nur um die Tatsache Seiner Fleischwerdung. Ganz gewiß wird auf Seine Fleischwerdung der Nachdruck gelegt, denn sie ist eine Grundwahrheit des Christen­tums, voll reicher Gnade. Es gab schon damals einige, die sie leugneten und aus ihr eine Scheinwahrheit machen wollten. Kürzlich wurde ein kleines, sehr altes Büchlein entdeckt; es trug den Titel: »Evangelium des Petrus«. Dieses Buch ist nicht nur unecht, sondern enthält schädlichste Irrlehren und beweist damit, welch grober Irrtum bereits in den ersten Tagen verbreitet wurde. Es ist höchst bedauerlich, daß so etwas überhaupt jemals geschrieben wurde. Das Buch ist nicht nur völlig falsch in sich, es stellt auch einen gemeinen Betrug dar, denn weder Petrus noch irgend­ein anderer Gläubiger kann es je verfaßt haben. Petrus war wegen seines Eifers bekannt und stand deswegen hoch in Gunst. Viele, die sich mit der Lehre des Apostels Paulus nicht völlig einsmachen konnten, waren über die Predigten des Petrus hoch erfreut. Der gewissenlose Fälscher machte sich dieses Ansehen des Apostels zunutze (wahrscheinlich erst nach dessen Tod), um für seine eigenen gnostischen Lügen Anklang zu finden. Diese Schrift behauptet, Christus sei nicht im Fleisch gekommen, um so am Kreuz zu sterben. Er habe lediglich Fleisch angenommen in der Art, wie jemand ein Haus betritt, um darin zu woh­nen und es später wieder zu verlassen. Das Fleisch sei nie wirk­licher Bestandteil Seiner Person gewesen, und nachdem Er eine Zeitlang in dem Leibe gelebt habe, habe Er bei dem Gang zum Kreuz den Körper verlassen und sei zum Himmel aufge­fahren.

 

Das ähnelt der Lehre der Moslems, die sich vorstellen, daß Gott sich im entscheidenden Augenblick mit Seiner Macht und vergel­tenden Gerechtigkeit einschaltete, Judas Iskariot an die Stelle des Herrn Jesus setzte und den Herrn zu Sich erhöhte. Kurz gesagt vertrat diese Klasse von Gnostikern, wie die Moslems, die Mei­nung, daß der Herr nie am Kreuz gestorben ist. Tatsächlich glauben die Moslems daran, daß der Herr wiederkommen wird, um die Welt zu richten, und daß Er dann die ganze Welt in einem Zustand des Abfalls antreffen werde. In der Christenheit gibt es überall unwissende Menschen, die verkehrte Dinge predigen; und sie erwarten, daß die Menschen auf Erden ohne Christus in zunehmendem Maße einen Zustand der Vollkommenheit errei­chen werden. Ist es nicht ein demütigender Gedanke, daß zahllose Menschen sowohl in den Staatskirchen wie unter den Dissidenten (Freikirchen) in der Vorstellung leben, ein Königreich könne ohne den König aufgerichtet werden? Manche schauen ohne Zweifel nach einer weiteren und größeren Ausgießung des Heili­gen Geistes aus, die diesen Zustand herbeiführen soll. Aber der Heilige Geist wird auf diese Weise erst zur Verherrlichung der Regierung Christi auf dieser Erde ausgegossen werden. Die Mohammedaner bekennen trotz ihrer Blindheit, daß sie in der zukünftigen Krise ihren Koran (ihr »heiliges Buch«) aufgegeben haben und die Juden das Alte Testament und die Christen das Neue Testament verworfen haben werden. Die Schrift zeigt uns, daß die Christenheit diesem Abfall mit großen Schritten entgegeneilt. Der stärkste Impuls hierzu sind die Theorien der Skeptiker, weiche die göttliche Inspiration der Schriften leugnen, und das ist bereits heute in der Christenheit weit verbreitet.

 

In unseren Versen haben wir das Erkennungsmerkmal, den Prüfstein für die Wahrheit: »Jeder Geist, der Jesus Christus im Fleische gekommen bekennt, ist aus Gott. « Das ist die klare und richtige Wiedergabe der Worte des Apostels. Der wahre Geist bekennt die Person Christi. Es ist von größter Bedeutung, das zu verstehen, weil man bei zu starker Betonung des »Kommens im Fleisch« leicht übersehen kann, wer so gekommen ist. Zweifellos ist Sein Kommen im Fleisch äußerst wichtig, doch weit bedeu­tungsvoller ist Er Selbst, der so kam. Wer war es, der so im Fleische kam? Verständige Menschen würden nicht behaupten, daß du oder ich im Fleische gekommen sind. Denken wir an die mächtigsten Monarchen, die Gründer der Weltreiche, an Nebu­kadnezar, Cyrus oder Kores, Alexander, Cäsar; oder denken wir an berühmte Namen in der Literatur, der Philosophie, der Rheto­rik, der Wissenschaft usw. Keiner könnte berechtigterweise von seinem »Kommen im Fleische« reden. Der Grund ist der, daß wir überhaupt nicht existierten, wenn wir nicht im Fleische geboren wären. Das Wunder, die Wahrheit, die unendliche Gnade beste­hen darin, daß Er im Fleische kam. Er war eine göttliche Person, der Sohn Gottes, der Schöpfer. Daß Er im Fleische kam, ist in moralischer Hinsicht eine herrliche Tatsache sowohl für Gott wie für den Menschen. Mit dieser Tatsache kann nichts in der vergangenen Ewigkeit ‑ ausgenommen Sein Sterben am Kreuz ‑ und auch nichts in der künftigen Ewigkeit verglichen werden.

 

Augenscheinlich liegt die große Bedeutung nicht nur in dem, was Er wurde, sondern darin, wer es ist, der auf diese Weise kam. Er hätte sicherlich auch auf andere Weise kommen können. Er hätte in Seiner eigenen Herrlichkeit oder in der Herrlichkeit der Engel kommen können (in einer solchen Gestalt verborgen, war Er ja des öfteren für kurze Zeit erschienen). Es gefiel Ihm aber, im Fleisch zu kommen, um den Vater zu verherrlichen, um für die Rechte Gottes einzutreten, um die Glaubenden zu segnen, um die, die Ihn verunehren, zu richten, um die Schöpfung wiederher­zustellen und um den Teufel und seine Werke zu vernichten. Alles hängt mit Seinem ewigen Sein und Seiner göttlichen Herrlichkeit zusammen. Das ist die Lehre, die Johannes in dem ganzen Brief sowie in seinem Evangelium und in prophetischer Sicht in der Offenbarung bringt. An dieser Stelle ist sie in dem Merkmal enthalten, durch das der Geist Gottes von dem Geist des Irrtums unterschieden werden kann.

 

Kein böser Geist wird Ihn jemals bekennen. Die bösen Geister denken an den Herrn Jesus nur mit Furcht und Schrecken. Diese Furcht ist nur zu verständlich, denn sie haben nie bezweifelt, daß Er eine göttliche Person ist und daß Er dazu ausersehen ist, nicht nur die Welt zu richten, sondern auch insbesondere sie selbst, die ständig aktiven, listigen Anstifter zur Feindschaft gegen Gott und die Urheber endlosen Unheils für die Menschen. Daher kam bei ihnen auch, sobald sie sich in der Gegenwart des Herrn befanden, das größte Entsetzen zum Ausdruck. Der Jakobusbrief sagt uns: »Auch die Dämonen glauben und zittern.« Leider tut das der Mensch nicht; weder glaubt er noch zittert er. Doch der Tag kommt, an dem er vor Gottes Richterstuhl zittern wird.

 

Wir haben also in der herrlichen Person Dessen, der im Fleisch kam, das erste Erkennungszeichen. Die Wahrheit von dem Herrn Jesus Christus durchzieht den ganzen Brief vom ersten bis zum letzten Kapitel. An dieser Stelle wird sie in wenigen, klaren Worten vorgestellt als der Prüfstein für den Geist der Wahrheit, der herniederkam, um Christus zu verherrlichen.

 

Darauf folgt das Gegenstück: » Und jeder Geist, der nicht Jesus bekennt ... « so lautet die kürzere und, wie ich glaube, richtige Lesart, der auch die besten Textkritiker zustimmen. Akzeptiert man diesen Text, so findet man darin die Bestätigung für den richtigen Sinn des vorangegangenen Versabschnittes. Er macht vollkommen deutlich, daß es sich um das Bekenntnis einer Person, nicht aber einer bloßen Tatsache handelt. Denn wenn es um das Erkennen eines bösen Geistes geht, so erwähnt das Wort nichts über das Kommen Christi im Fleisch, obwohl diese Tatsa­che natürlich angedeutet ist. Es lautet einfach »Jesus«, und zwar mit dem Artikel »den« davor, also »den Jesus«, über den bereits soeben gesprochen wurde. »Jeder Geist, der nicht (den) Jesus bekennt, ist nicht aus Gott. « Er ist genügend, jeden bösen Geist zu entlarven. Hier geht es nicht nur darum, daß Er herniederkam, daß Er wahrer Mensch wurde und daß Er wiederkommen wird. Auch die Mohammedaner glauben das alles und sind doch das, womit sie andere Menschen bezeichnen ‑ Ungläubige, denn sie glauben nicht an die Herrlichkeit Seiner Person. Ihr Unglaube veranlaßt sie, die Christen zu hassen und sich in gewissem Sinn mit den Juden in ihrem Haß gegen die Christen zu vereinigen. Sie betrachten Ihn nur als einen Propheten, einen wunderbaren Menschen, der alle anderen Menschensöhne überragt und der auch dazu verordnet ist, der Richter der Welt zu sein, wenn Er wiederkommen wird, um sieben Jahre lang hier zu herrschen! Aber an Seine göttliche Natur glauben sie ebensowenig wie daran, daß Er Seine göttliche Herrlichkeit verbarg, um die Gnade Gottes zu offenbaren.

 

Wenn der durch die Textkritik bestätigte Wortlaut der richtige ist, so verändert er im Endergebnis nicht den verneinenden Teil in seinem Bezug zu dem bejahenden Teil dieses Verses. Er bestätigt aber in überzeugendster Weise, daß sich das von dem Geist Gottes geforderte Bekenntnis nicht nur auf eine Tatsache, sondern auf die Person unseres Herrn bezieht. Denn im negativen Fall wird lediglich die Person genannt, obwohl die vollständigere Aussage angedeutet ist. Es ist vielleicht von Interesse zu erfahren, daß es nicht an Manuskripten mangelt, die von der richtigen Lesart in Vers 2 abweichen und lediglich eine Tatsache zum Ausdruck bringen. Die lateinische Vulgata sowie einige der ersten Kirchen­väter haben diesen Irrtum in ihre griechischen und lateinischen Texte übernommen. Abgesehen davon ist kein Textherausgeber von irgendwelcher Autorität ihrem Fehler gefolgt.

Damit ist das erste Erkennungszeichen des Geistes Gottes umrissen. Es besteht in dem Bekenntnis der Wahrheit: Jesus Christus im Fleisch gekommen. Jeder Geist, der Ihn bekennt ist aus Gott; jeder Geist, der Ihn nicht bekennt, ist nicht aus Gott. »Und dies ist der Geist (oder das Prinzip) des Antichrists, von welchem ihr gehört habt, daß er komme, und jetzt ist er schon in der Welt. « Nicht nur Menschen, sondern böse Geister waren am Werk. Der Apostel sagt es ihnen in wahrer Liebe, aber mit aller Entschiedenheit.

 

Wenn sich eine Person der Gottheit aus Liebe zu den Menschen soweit herabließ, von einem Weibe geboren zu werden, wie konnte es dann diesbezüglich noch zweifelnde Fragen geben? Ihn nicht zu bekennen, heißt gegen Gott streiten.

 

Mit dem ersten Kennzeichen eng verbunden ist der zweite Prüfstein der Wahrheit, die dem Gläubigen mitgeteilt wurde * Ohne Frage ist Christus Selbst die Wahrheit (vgl. Joh. 14, 6), das fleischgewordene Wort, das unter uns »zeltete« (Joh. 1, 14). Gott hat aber eine weitere Offenbarung gegeben, deren Mittelpunkt Er ist, und das ist Sein Wort und die Wahrheit. Das wird hier zur Sprache gebracht. Es ist das Wort des Vaters, das uns die Kenntnis über den Vater und den Sohn durch den Heiligen Geist vermittelt. Fragst du, wo wir das finden? In dem Buch, das man allgemein das Neue Testament nennt, die Zusammenfassung der Lehre Seiner heiligen Apostel und Propheten. Bereits damals behaupteten falsche Propheten, die höhere göttliche Erleuchtung zu besitzen. Sie gaben nicht zu, daß die »Lehre der Apostel« das Wort Gottes war. Diese sei für den Anfang gut genug, doch nur sie hätten die volle Wahrheit. Sie waren ähnlich wie die Quäker eingestellt, die so gerne Zeugnis ablegen, doch nur ihre eigenen Worte und Gedanken vorbringen. Auch fehlt es nicht an solchen, die mehr Wert auf Träume legen, um Christus zu erkennen, oder auf ihre christlichen Pflichten, als auf das geschriebene Wort Gottes. Jetzt gibt es zudem das rationalistische Lehrsystem der modernen Theologie. Es leugnet, daß die Heilige Schrift Gottes Wort ist, obgleich manche einräumen, daß Worte Gottes in ihr enthalten sein mögen. Alle aber leugnen, daß die Heilige Schrift als Ganzes das Wort Gottes ist. Dieser Unglaube stellt alles, was die Schrift uns sagt, in Frage. Denn wer kann dann noch entscheiden, was Sein Wort ist und was nicht, wenn wir nur auf ungewisse Aussagen angewiesen sind? Das jedoch gefällt gerade dem Skeptiker, denn er fürchtet sich vor der Autorität der Heiligen Schrift und vor dem Gericht, das sie allen denjenigen ankündigt, die sich nicht vor Gott beugen wollen. Ist sie aber das Wort Gottes, wie sehr beleidigt man dann Gott und besonders den Heiligen Geist dessen Lästerung, wie der Herr sagte, keine Vergebung findet.

 

Die Empfänger des Briefes empfanden zweifellos den Ernst dessen, was Johannes bereits mitgeteilt hatte. Er fügt daher sogleich ein weiteres gleichartiges Kriterium hinzu. Es ist das neu gegebene Wort Gottes, Seine letzte Mitteilung, die sich auf Herrn Jesus und Sein vollbrachtes und von Gott angenommenes Erlösungswerk gründet: »Ihr seid aus Gott, geliebte Kinder. « Man sollte den griechischen Ausdruck teknia durch »liebe« oder »geliebte Kinder« wiedergeben. Wir alle werden als »Kinder Gottes« bezeichnet, und das sind wir auch bereits jetzt. Es wäre falsch, in diesem Zusammenhang von »Söhnen Gottes« zu reden, obgleich wir auch Seine Söhne sind. Hier wird ausdrücklich von »Kindern Gottes« gesprochen, nicht von einer empfangenen Sohnschaft; wir sind aus Gott geboren und somit Seine Kinder. Teknia ist die Verkleinerungsform von tekna und mit dem Wort »Kinder« eng verbunden. Es ist ein Ausdruck der Zuneigung, und das ist der Grund für seine Anwendung an dieser Stelle. Man denke an einen Vater, dem es nicht genügt, sein kleines Töchter­chen »meine Liebe« zu nennen; er sagt dann etwa »mein Lieb­chen« oder »mein Liebling« zu ihm. So ist auch teknia ein Ausdruck der Zärtlichkeit (der von Johannes bei der Anrede stets benutzt wird: Kap. 2, 1. 12. 28; 3, 7. 18; 4, 4; 5,21), und das macht seine Bedeutung hier anschaulich. Daher scheint mir die Bezeich­nung »liebe Kinder« die beste Wiedergabe zu sein, um einerseits von dem Wort »Kinder« (tekna: Kap. 3, 1. 2. 10; 5, 2) und andererseits von den »Kindlein« (paidia: Kap. 2, 13. 18, dort die Bezeichnung der dritten Gruppe innerhalb der Familie Gottes) unterscheiden zu können.

 

"I h r seid aus Gott, liebe Kinder«, so redet er die ganze Familie an. Beachten wir das eindringliche »Ihr«. Die falschen Propheten behaupteten, die zuverlässigen Führer zu sein. Nein, sagt Johan­nes, sie sind die Feinde Christi, Abgesandte Satans. »Ihr« seid Gottes Kinder im Gegensatz zu jenen anmaßenden und irreleiten­den Führern, die die »lieben Kinder« verachten. Gott ist für euch in Christus die Quelle jeder Segnung, des ewigen Lebens, der Vergebung, der Beziehungen zu Ihm als dem Vater und der Gabe Seines in euch wohnenden Geistes. »Ihr seid aus Gott, liebe ,Kinder, und habt sie überwunden«, d. h. die falschen Propheten. Doch nicht etwa, weil ihr euch wegen eurer Weisheit, Macht oder Heiligkeit rühmen könntet, sondern »weil der, welcher in euch ist, größer ist«. Die Kraftquelle des Gläubigen ist der in ihm woh­nende Geist Gottes. Gott Selbst bleibt in ihm, und zwar durch Seinen innewohnenden Heiligen Geist. Daher kann Johannes sagen: »Weil der, welcher in euch ist, größer ist als der, welcher in der Welt ist. « Oder wie er in Kapitel 5, 19 sagt: »Die ganze Welt liegt in dem Bösen. « Hier ist offensichtlich der Teufel gemeint, der durch seine bösen Geister tätig ist. So wirkt der auf »Ihr« liegende Nachdruck außerordentlich ermunternd und stärkend.

 

Wie mußte es sie erfreuen zu hören, daß sie in Wahrheit »aus Gott« waren, und zwar in dem Sinne, daß Er die Quelle all ihrer Segnungen war. Dazu kommt, daß Er, der Geber dieser Segnun­gen, sich nicht verändert. Die Gnadengaben Gottes sind für Ihn unbereubar. Wenn es sich nicht um eine Gabe oder Berufung Gottes handelte, so könnte Er vielleicht bereuen. So reute es Ihn im Blick auf die verderbte Schöpfung (l. Mose 6, 1), und Er vernichtete sie. Die Schöpfung stellte keine Gabe, sondern eine Handlung Gottes dar, wie gewaltig der Schöpfungsakt auch war. Wenn Er aber in göttlicher Liebe arme, schuldige Menschen zu Sich ruft, um sie zu Seinem Eigentum zu machen, wenn Er die Gabe des ewigen Lebens schenkt, Sündenvergebung oder die Kindesstellung verleiht, dann sind solche Gunsterweisungen die Gnadengaben und die Berufung Gottes und als solche unbereubar. Er wird niemals in dieser Hinsicht Seinen Sinn ändern. Die Kinder mögen noch so oft töricht und verkehrt handeln. ‑ Er ändert Sich nie.

 

Was der Apostel hier mitteilt, hat zweifellos große Bedeu­tung. Sie hatten nicht nur alle diese Segnungen von Gott empfan­gen, sie waren auch selbst aus Gott: »Ihr (betont) seid aus Gott.«

 

Sie waren aus Gott geboren, wurden als solche von Ihm geliebt und ruhten in dieser neuen Stellung. Und wenn sie jene »überwunden« hatten, die Werkzeuge satanischer Betrügerei, dann war es, »weil der, welcher in euch ist, größer ist als der, welcher in der Welt ist«, wenn letzterer auch ihr Fürst und Gott ist. Die falschen Propheten setzten ihr Werk geistlicher Bosheit unentwegt fort, aber »ihr habt sie überwunden«. Die Gläubigen wurden durch sie nicht angelockt, sondern blieben ihnen fern. Sie hörten auf die Stimme des guten Hirten und folgten Ihm. Sie wußten, daß nur Er Leben, Freiheit und Nahrung (Joh. 10, 9) geben kann. Er war aus eigenem Antrieb und auf Wunsch des Vaters gekommen, um diesen Auftrag der Liebe Gottes sowie Seiner eigenen Liebe zu ihnen auszuführen. Nur der Sohn Gottes konnte solche Worte aussprechen; nur Er hatte Sein Leben als Sühnopfer für sie niedergelegt. Sie glaubten an Ihn, der Seine eigenen Schafe mit Namen ruft, und sie folgen Ihm, weil sie Seine Stimme kennen; die Stimme der Fremden kennen sie nicht, sondern sie fliehen vor ihnen und folgen ihnen nicht. Und nun, da sie auf dem Erlösungs­werk Christi ruhten, war Gott Selbst durch Seinen Geist in ihnen und blieb in ihnen.

 

Als nächstes beschreibt der Apostel die falschen Propheten mit den schärfsten Ausdrücken und setzt einen weiteren erschrecken­den Akzent im Hinblick auf sie: »S i e sind aus der Welt«. Die Quelle aller ihrer Lehren, ihres Wandels und ihrer Zielsetzung war nicht Gott, sondern die Welt, welche Feindschaft gegen Ihn bedeutet. Somit geschah ihre Wirksamkeit auf Betreiben Satans, der hinter allen Lügen steht, die angeblich die Wahrheit sind. »Deswegen reden sie aus der Welt. « Die Welt, die Gott in Christus hinaustat und kreuzigte, war der Ursprung alles dessen, was sie lehrten. Der Sinn ist nicht, daß sie »über« die Welt sprachen; die Welt war die Quelle, nicht der Gegenstand ihrer Lehren.

 

» Und die Welt hört sie. « Die Welt liebt das Ihrige. Da sie keine Kenntnis über Gott noch über die Sünde hat, die Sein Eingreifen in der Person des Herrn Jesus nötig machte, um ewiges Leben und ewige Erlösung zu bringen, gibt sie sich mit den großsprecheri­schen Spekulationen blinder Menschen zufrieden, die Gott aus­schalten und den Menschen in seinem sündigen Zustand erheben.

 

Sie haben die Stimme des Sohnes Gottes niemals wirklich gehört. Sie sind geistlich tot und stützen sich auf tote Lehren.

Dann setzt Johannes einen weiteren Schwerpunkt: »Wir sind aus Gott. « Es ist eine andere Aussage und unterscheidet sich von »Ihr seid aus Gott«. Unter der Anrede »Ihr« ist die Gesamtheit der wahren Gläubigen gemeint. Abgesehen von dem gemeinsamen Teil, das »wir« mit »euch« zusammen besitzen, benützt Gott als Quelle der göttlichen Macht, uns als Sprachrohr Seines Wortes, so daß ihr in Wahrheit Ihn hört, wenn ihr auf uns hört. »Wir« ‑ das sind die Apostel und Propheten, die Christus zum Segen für Seine Heiligen gegeben hat. Sie waren von Gott inspiriert und lehrten daher die Wahrheit, wie sie in dem Jesus ist (Eph. 4, 21). Das Neue Testament enthält diese göttlichen Mitteilungen in einer schriftlich festgehaltenen Form. Die inspirierten Männer schrie­ben das nieder, was sie lehrten; und wie sie niederschrieben, so brachten sie es auch mündlich zum Ausdruck. Da das Neue Testament aus einer Anzahl von Schriften besteht, die nach und nach aneinandergefügt wurden und damals noch nicht wie heute in einem einzigen Band zusammengefaßt waren, mögen sich für manche Schwierigkeiten ergeben haben. Die Autorität des Herrn war hinsichtlich des Alten Testaments für alle Gläubigen das Ende allen Widerspruches. In der ersten Zeit der Versammlung mag vielleicht Befremden darüber geäußert worden sein, daß die neuen Worte so anders waren als die des Alten Testaments, daß sie an manchen Stellen so einfach klangen, an anderen wieder so tiefgründig. So mögen manche Schwierigkeiten gehabt haben, all die kleinen Bücher, die damals im Umlauf waren, die Evangelien und Briefe, als tatsächlich von Gott inspiriert anzusehen. Der Apostel spricht an dieser Stelle von diesen »neuen Worten« Gottes, welche Bestandteil des sog. Neuen Testaments sind. Das ist ein weiteres Kriterium. Was die Apostel und Propheten durch den Heiligen Geist von dem Vater und dem Sohn bezeugten, ergab zu gegebener Zeit diesen neuen Beitrag zu dem inspirierten Wort. Der Apostel bezeichnet dieses Zeugnis als die Wahrheit im gleichen Maße, wie Christus Selbst die Wahrheit ist. Christus ist die Wahrheit in Person. Das Neue Testament, das das mündliche Zeugnis dieser auserwählten Zeugen wiedergibt, stellt die Wahr­heit in geschriebener Form dar. Von diesen Zeugen sagt Johannes daher: »Wir sind aus Gott. « Wir haben euch durch den Heiligen Geist die Wahrheit des Christus von Anfang bis Ende vorgelegt. Wir sind »aus Gott« in diesem Werk und aufgrund dieses Werkes: »Wer Gott kennt, hört uns. «

 

Es wäre wohl ein verhängnisvoller Irrtum, dasselbe auf jeden Gläubigen anzuwenden, der das Evangelium, sei es noch so rein, predigt, oder auf jeden Lehrer der Wahrheit, ganz gleich, wie gut er auch unterwiesen ist. Welcher Evangelist oder Lehrer könnte ein solches Zeugnis für sich beanspruchen? Möge doch niemand die Gaben, die der Herr in unserer Zeit noch gibt, auf die Ebene des inspirierten Wortes erheben wollen! Ich habe auch nie einen wahren Diener des Herrn gekannt, der etwas derartiges von sich behauptet hätte, was nur auf die inspirierten Männer zutrifft. Bedenken wir ernstlich, was der Apostel sagt: »Wer Gott kennt, hört uns. «

 

Könnte das irgendein Diener des Herrn im absoluten Sinn auf sich anwenden? Nicht nur die Trennungen in der Christenheit machen das heute unmöglich; diese Feststellung ging auch in Wahrheit niemals über die Aussprüche der Apostel und Prophe­ten hinaus. Johannes spricht nur von denen, die in jener Zeit, als die Grundlagen des Christentums gelegt wurden, mit ihm selbst die gleiche Stellung einnahmen. Es war richtig und notwendig, daß die Gläubigen von Anfang an die göttliche Autorität erken­nen sollten, die Gott ausdrücklich der Lehre der Apostel verliehen hat. Diese ist jedoch auf die inspirierten Schreiber des Neuen Testaments beschränkt, ebenso wie seinerzeit auf diejenigen des Alten Testaments. Heute wie damals kann jeder, der das Evange­lium verkündigt oder die Wahrheit lehrt, der gnädigen Leitung des Heiligen Geistes gewiß sein. Die Inspiration aber trägt den besonderen Charakter an sich, daß alle mitgeteilten Grundsätze des Glaubens völlig frei von jeglichem Irrtum sind.

 

Beachten wir ferner: Obwohl die inspirierten Schreiber nicht mehr da sind, hat Gott dafür Sorge getragen, daß wir in den Besitz ihrer vom Geist gelehrten Worte kamen. Wir besitzen nicht nur ihr allgemeines Zeugnis, sondern die genauen Worte, die der Geist ihnen eingab, auszusprechen. Was sie, durch Gottes Kraft, in jener Zeit darstellten, sollte uns erhalten bleiben, zum Nutzen für die Gläubigen, solange es noch solche auf Erden geben wird. So haben wir z. B. diesen Brief des Johannes in der gleichen Weise in Händen, wie damals die Empfänger, an die er ursprünglich gerichtet war, dazu besitzen wir denselben Geist wie sie, de], uns bleibt in Ewigkeit. Damals, am Anfang des christlichen Zeugnisses, mußte die Grundlage durch Männer gelegt werden, die von Gott inspiriert wurden. Heute haben wir keine derartige Klasse von Dienern Gottes mehr auf der Erde. Doch besitzen wir das durch inspirierte Schreiber vollendete Werk, die niedergeschriebenen Grundsätze des Christentums und der Versammlung. Johannes spricht einfach von dem, was die Apostel aussprachen und niederschrieben und die Gläubigen aufnahmen. Das Wort lag zu jener Zeit schon zum größten Teil in geschriebener Form vor, einiges mußte noch von Johannes selbst hinzugefügt werden. Er konnte aber ohne Bedenken sagen: »Wer Gott kennt (d. h. jeder Gläubige), hört uns. « Er verwarf die falschen Propheten, da sie aus dem Satan und nicht aus Gott waren. Er »hört uns«, d. h., er hört die Männer, die Gott ausdrücklich berufen hatte, die Wahr­heit zu bezeugen, die jetzt im Neuen Testament enthalten ist.

 

Die Worte des Apostels sind wichtig und von höchstem Inter­esse. Menschen haben zu behaupten gewagt, daß das Neue Testament nichts enthalte, was die Autorität Gottes für Sich in Anspruch nehmen könne. Ihre Unwissenheit hat sie blind gemacht für das, was Gott gerade in diesem Brief sagt. Dieses Zeugnis über die Wahrheit ist übrigens nicht das einzige im Neuen Testament, es gibt noch andere. Die erste Schriftstelle, die wir heranziehen wollen, finden wir in 1. Korinther 2. Bereits zu jener frühen Zeit des Christentums waren dämonische Mächte am Werke gewesen, weshalb der Apostel Paulus sich bemühte, im 12. Kapitel seines Briefes die Korinther vor jedem Geist zu warnen, der Jesus nicht als Herrn bekannte. Aber in Kapitel 2, Vers 13, schreibt er über das, was Gott uns gegeben hat. Es sind die Dinge, die von alters her selbst den Propheten des Alten Bundes verbor­gen waren, jetzt aber durch Seinen Geist »geoffenbart« worden sind. Jetzt war die Zeit da ‑ denn der Sohn Gottes war erschienen, uns durch den Geist sogar die »Tiefen Gottes« zu enthüllen. Paulus kommt dann auf ihre Inspiration bzw. ihre Mitteilung an die Gläubigen zu sprechen: » Welche Dinge wir auch verkündigen« (wörtlich: reden), »nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist. « Der Geist gab somit nicht lediglich die Gedanken ein. Durch diese Vorstel­lung haben viele die wörtliche Inspiration zu untergraben ver­sucht. Sie unterstellen, daß wohl die Gedanken vom Geist Gottes eingegeben wurden, es dann aber den Menschen überlassen wurde, sie nach bestem Vermögen in Worte zu kleiden. Kein Wunder, wenn manche durch diese Annahme Irrtümern zum Opfer gefallen sind. Doch gerade diese Behauptung ist ganz und gar falsch. Paulus sagt an dieser Stelle, daß sie die geoffenbarten Dinge in den Worten verkündeten oder redeten, die durch den Geist gelehrt worden waren. Keineswegs blieb die Formulierung der Worte der menschlichen Unzulänglichkeit überlassen. Kurz gesagt, der Geist, der die Wahrheit offenbarte, wachte auch ebenso sorgfältig über die Worte, in die sie gekleidet wurden. Er sorgte dafür, daß die »geistlichen Dinge durch geistliche (Worte)« mitgeteilt wurden. Die Mittel zur Weitergabe, die Worte, waren vom Heiligen Geist gelehrt und blieben nicht dem schwachen Menschen überlassen. So wird uns an dieser Stelle ausdrücklich bezeugt, daß auch die Worte, nicht nur die Gedanken inspiriert waren.

 

Nehmen wir ein weiteres Zeugnis im gleichen Sinne aus dem letzten Brief, den der Apostel Paulus geschrieben hat, nämlich aus seinem zweiten Brief an Timotheus. Dort zeigt er, daß in den gefahrvollen Zeiten der letzten Tage die wirksame Sicherheit nicht in ungewissen Traditionen unbekannter Herkunft liegt, sondern in dem Verharren in der Wahrheit, die wir mit völliger Überzeugung angenommen haben und deren Quelle wir kennen. Sie ist für uns heute das geschriebene Wort. Wir müssen diejeni­gen, die zu uns reden, betrachten, wie sie sich betragen, wie ihr Wandel, wie ihr ganzes Leben beschaffen ist. Paulus sagt daher: »Du aber hast genau erkannt meine Lehre, mein Betragen, meinen Vorsatz, meinen Glauben, meine Geduld, meine Liebe, mein Ausharren, meine Verfolgungen (nicht: meine >Popularität<), meine Leiden: welcherlei Leiden mir widerfahren sind in Antio­chien, in Ikonium, in Lystra; welcherlei Verfolgung ich ertrug, und aus allen hat der Herr mich gerettet. Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden. « Das sind die Hauptmerkmale des wahren Christen, sowohl heute wie zu allen Zeiten. »Böse Menschen aber und Gaukler werden im Bösen fortschreiten, indem sie verführen und verführt werden. Du aber« ‑wendet er sich dann an Timotheus ‑ »bleibe in dem, was du gelernt hast, und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast. « Der Punkt von entscheidender Bedeutung ist der Charakter dieser Männer; sie müssen von der Wahrheit durch­drungen sein. Was ein Mensch auch sagen mag, wie begabt, gewandt und mit feinen Empfindungen er auch reden mag ‑ alles Reden ist wertlos, wenn er nicht die Wahrheit vor den Gewissen der Auserwählten Gottes auslebt.

 

» Und weil du von Kind auf die Heiligen Schriften kennst« ‑ SO bezeichnet Paulus im 15. Vers das Alte Testament ‑,»die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. « In Vers 16 kommt er dann auf »jede Schrift« zu sprechen: »Jede Schrift ist von Gott eingegeben (bzw. ­eingehaucht). « Damit ist ohne Zweifel auch das Neue Testament gemeint; darum auch absichtlich der Ausdruck »jede« Schrift, denn ein Teil des Neuen Testaments, zumindest die Schriften des Johannes, waren damals noch nicht geschrieben. Hätte er »alle Schriften« gesagt, dann wäre darunter alles zu verstehen, was bereits geschrieben war. Aber mit dem Ausdruck »jede Schrift« blieb die Tür für alles, was noch inspiriert werden sollte, offen. »Jede Schrift« ist daher die richtige Lesart, wenn dem Kanon des Neuen Testamentes noch etwas hinzugefügt werden sollte. Es geht auch nicht nur darum, daß die Schreiber inspiriert wurden. Der Apostel bezeugt hier, daß jede Aussage, die den Charakter der Heiligen Schrift trug, inspiriert war. Auch hier kommt wieder klar zum Ausdruck, daß nicht nur die Gedanken, sondern die niedergeschriebenen Worte inspiriert waren. Unter der »Heiligen Schrift« müssen wir ihre Worte verstehen. Die Worte wurden ebenso inspiriert wie die Wahrheit, die sie ausdrückten. Wäre es nicht so, dann wären die Schriften nicht vollkommen. Kümmern wir uns nicht um diejenigen, die zu Kompromissen zwischen Inspiration und Irrtümern und Widersprüchen bereit sind. Wir, die wir an die göttliche Inspiration glauben, die solche Fehler ausschließt, werden aufgefordert, menschliche Meinungen über Bord zu werfen und uns an die Tatsachen zu halten. Wir verneinen aber ganz entschieden, daß solche Einwände begründet seien, obwohl wir die Schwierigkeiten keineswegs verkennen, die viel­fach durch die Abschreiber verursacht worden sind und daher mit Inspiration nichts zu tun haben.

 

Von allen derartigen Theorien ist sicher keine so ungereimt und unehrerbietig wie die Ansicht, daß ein so wichtiger Teil des Neuen Testaments wie die Evangelien und die Apostelgeschichte aus einer Mischung zwischen göttlicher Inspiration und Irrtümern bzw. Widersprüchen bestehe. Wie könnte ein so buntes Gemisch die Autorität Gottes in sich tragen oder das Recht für sich in Anspruch nehmen, »Wort Gottes« genannt zu werden? Die scheinbaren Widersprüche entspringen, wie nachgewiesen wer­den kann, in Wirklichkeit den unterschiedlichen Absichten, die Gott bei jedem Seiner Werkzeuge verfolgte. Er hat jedes einzelne durch die Gnade für Seine Aufgaben zweckentsprechend ausge­stattet. Alle zusammen stellen ein um so reichhaltigeres gemeinsames Zeugnis zur Verherrlichung des Herrn Jesus dar, das über die Gedanken der einzelnen Schreiber selbst hinausgeht, aber in dieser Form dem Gebrauch der Christen nun zur Verfügung steht. Einerseits aber zuzugeben, daß Gott die verschiedenen Schreiber nach Seinem Willen inspirierte, um Christus in der Kraft des Heiligen Geistes zu verherrlichen, und andererseits zu argumentieren, daß es den Schreibern möglich war, sich öfters zu irren (u. a. grobe und fahrlässige Irrtümer niederzuschreiben), ist von allen Theorien wohl die unbefriedigenste und auch in logischer Hinsicht am wenigsten haltbare, ganz abgesehen davon, daß sie des Heiligen Geistes und Dessen, der die Wahrheit ist, ganz und gar unwürdig ist. Diese Theorie der Halbheit kann sich, wie alle Kompromisse in göttlichen Dingen, niemandem empfehlen als nur ihren eigenen Erfindern und sehr wahrscheinlich nicht einmal diesen. Wir alle wissen, daß der Herr die Kraft des Heiligen Geistes verhieß, der die Apostel über alles belehren und sie an alles erinnern würde, was Er ihnen gesagt hatte. Doch diese armselige Hypothese besagt nichts anderes, als daß der Geist die Apostel nur insoweit an die Worte des Herrn erinnern konnte, daß sie vielen angeblichen Fehlern ausgesetzt waren. Ohne von sich behaupten zu wollen, daß er alle Schwierigkeiten aufklären könnte, hat der Gläubige doch die Gewißheit, daß der Heilige Geist das auch ausgeführt hat, was der Herr seinerzeit verhieß, und daß jede Schrift nicht nur ihrer Schreiber, sondern auch Gottes, des wahren Verfassers, würdig ist.

 

Wenn es also so ist, daß »wer Gott kennt, uns hört«, dann wird jeder Gläubige das Neue Testament als von Gott gegeben aner­kennen. Wer das nicht tut, ist kein wahrer Gläubiger, sondern ein Skeptiker. Denn das Hören der Apostel und Propheten in den Schriften des Neuen Testaments kann nicht von der Kenntnis Gottes getrennt werden. Dieser zweite Prüfstein der Wahrheit geht weiter als die Frage, ob jemand ein Christ ist. Christus zu bekennen und die volle Inspiration des Wortes zu verwerfen, läßt die Wirksamkeit böser Geister erkennen. Der Unglaube beginnt meistens bei dem Alten Testament, doch greift er dann auch ganz gewiß das Neue Testament an und verwirft es. Ein in der Welt hoch angesehener Herr in sehr bedeutender Stellung, der sich in der Sonntagschularbeit betätigte und als aufrichtiger Christ galt, enthüllte mir erstaunlicherweise eines Tages bei einer Unterhal­tung plötzlich, daß er wohl völlig an das Alte Testament, aber nicht an das Neue Testament glaube. Dieses Geständnis mußte einen Gläubigen natürlich tief verletzen. Es erschien mir als eine weitaus größere Sünde gegen Gott, als wenn er einen Menschen mit dem Revolver getötet hätte. Ist es nicht schrecklich, einen derartigen Unglauben bei einem Menschen zu finden, der als christlicher Lehrer anerkannt war?

 

»Hieraus erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums. « Wir sollten die Tragweite des hier mit aller Entschieden­heit vorgebrachten Grundsatzes gut beachten: »Wer Gott kennt, hört uns; wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht.« Das ist eine Ermunterung für den Gläubigen, der seine reichlichste geistliche Nahrung nicht in dem Alten Testament findet, obwohl dieses ebenso wirklich inspiriert ist, sondern im Neuen Testament, in welchem Christus nicht mehr verhüllt oder ferne von uns ist. Hier wird Er in all der Fülle Seiner Herrlichkeit und Gnade vorgestellt, in göttlicher Majestät und zugleich in der Sanftmut und Niedrig­keit des demütigsten Menschen, der je über diese Erde schritt. Durch die Propheten, Seine Knechte, hören wir Gott reden; aber als Vater redet Er im Sohn zu uns ‑ als Sein Vater und unser Vater, als Sein Gott und unser Gott. Dadurch wird sowohl der religiöse Mensch wie auch der Weltmensch verurteilt; Gott wird an Seinen Platz gerückt und ich an den meinigen. Der fromme Aberglaube ebenso wie der weltliche Unglaube werden vollständig verurteilt, aber auch jede der vielen Schattierungen des Unglaubens, der nicht auf die Stimme Gottes in den Worten der inspirierten Schreiber, hier insbesondere der Apostel und Propheten Christi, hören will. Wir sollten übrigens beachten, was der Apostel Paulus für sich in nicht geringerem Maße wie der Apostel Johannes für alle in Anspruch nimmt: » Wenn jemand sich dünkt ein Prophet zu sein, oder geistlich, so erkenne er, was ich schreibe, daß es ein Gebot des Herrn ist. Wenn aber jemand unwissend ist, so sei er unwissend« (l. Kor. 14, 37‑38). Welch eine Rüge für alle Chri­sten, die sich, wie die Korinther, in großspuriger Weise auf solch schlüpfrigen Boden begeben, ohne es zu merken!

 

»Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam, und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Gesinnung des Herzens; und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben« (Hebr. 4, 12‑13). Bedürfen wir der Kirche, damit sie uns erklärt, daß das Schwert des Geistes das Wort Gottes ist, wenn dieses uns durchbohrt wie sonst nichts anderes? So sagte unser Herr in Seiner letzten Rede zu den ungläubigen Juden: »Wenn jemand meine Worte hört und nicht bewahrt, so richte ich ihn nicht; denn ich bin nicht gekommen, auf daß ich die Welt richte, sondern auf daß ich die Welt errette. Wer mich verwirft und meine Worte nicht annimmt, hat den, der ihn richtet: das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten an dem letzten Tage« (Joh. 12, 12‑13).

 

Und hier in 1. Johannes 4, Vers 6, hat der Heilige Geist den Apostel dahingehend inspiriert, das Entsprechende von dem Wort zu bezeugen, das von den Aposteln und Propheten ausging. Benötigen wir die Kirche, um zu erkennen, daß Er die Wahrheit Gottes aussprach, dem Glaubenden zum Segen, aber zum Verderben der falschen Propheten und aller Menschen, die das verach­ten, was den Stempel der göttlichen Autorität trägt? Die inspirier­ten Männer waren Knechte Christi und Verwalter der Geheim­nisse Gottes, und die Worte, die sie sprachen oder schrieben waren nicht weniger die Worte Gottes, als wenn Er Selbst sie jedem Hörenden zugerufen hätte. Sowohl die Versammlung wie auch der einzelne Gläubige sind durch Sein Wort direkt angespro­chen. Das ist auf den ersten Blick aus den Briefen des Neuen Testaments ersichtlich. Sie wurden mit wenigen Ausnahmen an die allgemeine Menge der Gläubigen geschrieben. Nur einige kürzere Briefe waren an Mitarbeiter gerichtet als Unterweisung für das Werk, das von der Menge der Gläubigen nicht getan werden konnte, sondern nur von einzelnen Männern, die mit der erforderlichen Autorität bekleidet waren. Diese Briefe richten sich ebenso wirklich an die Gläubigen der jetzigen Zeit, wie an die der damaligen Zeit. Wenn Schwierigkeiten auftreten, wie sie bei den ersten Christen auch gefunden wurden, dann wissen wir, daß wir denselben lebendigen Ausleger haben wie unsere Brüder in der damaligen Zeit. Der wesentliche Grundsatz des Glaubens besteht darin, daß Gott durch Sein Wort unmittelbar zu Seinen Kindern redet. Die Kirche oder »die Geistlichkeit« als Vermittler zwischen Sein Wort und Seine Kinder einzuschalten, bedeutet Auflehnung gegen Gott. Es ist grundlegend falsch (was man häufig im Protestantismus findet), das Recht des Menschen zu betonen, wenn es um das Hören Seines geschriebenen Wortes geht. Dagegen ist es völlig richtig, Gottes Recht zu bezeugen, zu Seiner Familie zu reden, um sie zu unterweisen, zu trösten oder zu tadeln, ja, noch mehr, das Gewissen eines jeden Menschen anzusprechen, wie es ja auch der Herr und Seine Apostel sowie Seine Knechte ganz allgemein taten.

 

Es gibt kaum einen irrigeren Grundsatz als den, der kürzlich durch die Oxford‑Erweckungsbewegung über das ganze Land verbreitet wurde, nämlich den eines Papsttums ohne Papst. Man beruft sich dabei auf einen Ausspruch des berühmten Augustinus, des Bischofs von Hippo, dessen Aussage aber seiner Frömmigkeit unwürdig war. Er hatte gesagt, daß er dem Evangelium nicht glauben würde, wenn die Autorität der katholischen Kirche ihn nicht dazu geführt hätte; doch damit raubte er Gott das, was Ihm zukommt. So groß er auch als Mensch war, so wußte er hier offenbar nicht, was er sagte. Denn wenn man dem Wort Gottes nicht glaubt, weil Er es durch inspirierte Männer gesprochen hat, dann glaubt man auch Gott nicht wirklich, sondern eher Seinen menschlichen Gewährsleuten, und das ist tatsächlich eine offen­sichtliche Beleidigung Gottes. Glaube ich Gott Selbst, dann ist mein Glaube göttlichen Ursprungs und hat göttlichen Charakter. Einen andersartigen Glauben kann Gott nicht anerkennen. Die Menschen, die an Christus glaubten, weil sie Seine Zeichen sahen, hatten einen rein menschlichen Glauben, der von Gott nicht anerkannt werden konnte. Daher »vertraute Jesus selbst sich ihnen nicht an« (Joh. 2, 24). Es ist eine grobe Sünde gegen Gott, Personen oder Körperschaften das Recht zuzusprechen, Sein Wort beglaubigen zu müssen. Auch begeht man damit ein schwe­res Unrecht an Menschen. Ja, es könnte sich verhängnisvoll auswirken, wenn es nicht nur auf einem Irrtum beruhte und der Mensch nicht tatsächlich einen besseren Glauben besäße als den, der sich auf das Geschöpf gründet.

 

Wer zu dem Vorwand seine Zuflucht nimmt, der Apostel rede lediglich von dem gesprochenen Wort, der muß wissen, daß er sich in einem verhängnisvollen Irrtum befindet, wenn er das geschrie­bene Wort derart geringschätzt. Der Herr Selbst hat bezeugt, daß die Heilige Schrift wegen ihrer Autorität jedem gesprochenen Wort überlegen ist, auch da, wo Er Selbst der Redende war, der so sprach, wie nie jemand zuvor. Darum sagte Er zu den streitenden Juden: »Wähnet nicht, daß ich euch bei dem Vater verklagen werde; da ist einer, der euch verklagt, Moses, auf den i h r eure Hoffnung gesetzt habt. Denn wenn ihr Moses glaubtet, so würdet ihr mir glauben, denn e r hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubet, wie werdet ihr meinen Worten glauben?« (Joh. 5, 45‑47). Beides, Moses Schriften und die Worte des Herrn, waren das unanfechtbare Wort Gottes, das eine geredet, das andere niedergeschrieben durch den Heiligen Geist. Doch was die Autorität Gottes dem Menschen gegenüber betrifft, so räumt der Herr unleugbar dem geschriebenen Wort den höchsten Platz ein. Es ist das bleibende Zeugnis der Gedanken Gottes und ermöglicht viel besser als das gesprochene Wort ein Nachsinnen und Bewe­gen vor Gott in unseren Herzen. Wir können damit die Worte des Apostels Paulus in Römer 16, 26 vergleichen. Manche Über­setzer geben diese Stelle fälschlicherweise mit: »... durch der Propheten Schriften« wieder; doch das steht in krassem Widerspruch zu der unmittelbar vorangehenden Mitteilung, daß sie »jetzt aber geoffenbart« sind; ebenso dazu, daß sie »allen Nationen kundgetan« worden sind. Auch steht hier die griechi­sche Form ohne Artikel, so daß es richtig heißen muß: »... durch prophetische Schriften« (im Gegensatz zu Römer 1, 2). Die ganze Aussage dieses Verses bezieht sich tatsächlich auf die Schriften des Neuen Testaments, die in der am weitesten verbreiteten Sprache unter den Nationen (griechisch) erschienen und sich in dem Maße ausbreiteten, wie das Evangelium zu allen Nationen gebracht wurde.

 

Mit diesen Worten beendet der Apostel diesen Gegenstand; sie bilden einen bewundernswerten Abschluß. Ob es darum geht, Christus so zu bezeugen, wie Er wirklich ist, die Wahrheit über Seine Person, oder um die Autorität des Wortes, das Ihn offen­bart, ‑ hier finden wir die Wahrheit, die in Ihm ist und von Ihm ausging, in ihrer einfachsten Form. Dies ist der Geist der Wahr­heit. Aber auch der Geist des Irrtums ist vorhanden. Seine tatkräftige Quelle in der tödlichsten Form ist der Teufel. Es ist nur natürlich, daß diejenigen Menschen, die nicht an die Gegenwart des Geistes Gottes in Gnaden glauben, sich ebenso ungläubig erweisen hinsichtlich des gewaltigen Anteils, den Satan an allem Unheil in der Welt hat, sowohl im allgemeinen als auch am Elend einzelner Menschen, ganzer Nationen und der unzivilisierten Völker. Doch der schlimmste Teil seiner bösen Tätigkeit spielt sich innerhalb der Christenheit ab durch das, was er im Geheimen gegen Christus und die geoffenbarte Wahrheit Gottes unternimmt und einschleust. Hier wird nicht von dem Geist der Bosheit, sondern von »dem Geist des Irrtums« gesprochen, und dieser ist am gefährlichsten. Er zeigt sich nicht in grobem Verderben oder blutiger Gewalttätigkeit, sondern in einer Form, die äußerlich überzeugend wirkt, innerlich aber voller List und Tücke ist. Hinter einem bißchen Wahrheit versteckt sich eine große Lüge. Dem Eigenwillen sind Tür und Tor geöffnet, für das Gewissen ist kein Raum. Jesus wird nicht bekannt, sondern man versucht, Seine Person zu verdrehen, und der Vater ist unbekannt. So wirkt der Geist des Irrtums sich aus, und aus ihm wird der Abfall und der »Mensch der Sünde« hervorgehen. Das christliche Zeugnis ist im Verfall begriffen, sein völliges Versagen und sein Gericht sind im Wort geoffenbart, ohne daß eine einzige Verheißung Aussicht auf eine Wiederherstellung gibt. Wie groß ist da doch die Gnade Gottes, daß Er angesichts dieser Tatsachen für die Sicherheit und Freude der Treuen Vorsorge getroffen hat, welchen Übungen sie

auch ausgesetzt sein mögen: Sie liegt im treuen Bekennen und Glauben an den Herrn Jesus, im Wort Gottes, und beides durch die Wirksamkeit des Geistes der Wahrheit. Das ist der wesentliche Inhalt des eingeschalteten ernsten Abschnitts, den wir vor uns haben.

 

Von denen, die sich bezüglich ihrer Sicherheit und Führung auf äußerliche Satzungen und offizielle Ämter stützen und nicht auf die Worte der Schrift, wird man oft aufgefordert »auf die Kirche zu hören«. Man muß aber merkwürdigerweise feststellen, daß sie nie daran denken, diese Worte unseres Herrn gemäß Seiner Anweisung in Matthäus 18, 17 anzuwenden. Er schreibt dort die Zuchthandlung vor für den Fall, daß ein Bruder gegen den anderen sündigt. Dabei geht es offensichtlich um eine persönliche Angelegenheit zwischen den beiden Betroffenen, von denen kein anderer etwas weiß. Infolge der Widerspenstigkeit des Schuldigen wird die Sache schließlich doch bekannt, so daß die Versammlung als letzte Instanz eingeschaltet werden muß. Ist dies aber die Anwendung, die solche Leute von den Worten in Matthäus 18, 17 machen? Sie wenden die Stelle in einer Weise an, die der Herr weder hier noch irgendwo sonst in der Schrift beabsichtigt hat. Wie jedermann weiß, verstehen sie unter dem »Hören auf die Versammlung (Kirche)«, das Hören auf den Priester oder die Priesterschaft, oder bei Extremen das Hören auf den »Erzprie­ster«, den Papst. Doch das ist entweder krasser Irrtum, oder ‑wenn sie Seine Worte bewußt falsch anwenden ‑ ein Betrug.

Die Schrift geht jedoch noch viel weiter. Sie zeigt uns, daß der Verfall schon vor dem Tode des letzten Apostels solch starke Fortschritte machte, daß der Herr Johannes beauftragen mußte, im Geiste an die sieben ausgewählten Versammlungen Seine letzten Briefe an die Gläubigen auf der Erde zu schreiben. Der erste war an die Versammlung in Ephesus gerichtet, die in den ersten Tagen so leuchtend dastand, der aber der Herr nun drohen mußte, ihren Leuchter aus seiner Stelle wegzurücken. Im letzten Brief spricht Er davon, die Versammlung in Laodicäa als etwas unerträglich Ekelhaftes aus Seinem Munde auszuspeien. Der Herr wird dort nicht als Diener in Gnade, sondern als Richter inmitten der sieben Leuchter gesehen. Er erscheint daher als der Sohn des Menschen mit einem bis an die Füße reichenden Gewand bekleidet: Er hat es nicht aufgegürtet oder abgelegt, um zu dienen. An jede der sieben Versammlungen, die dazu bestimmt waren, die Versammlung als Ganzes auf Erden in einem Geheim­nis darzustellen, ehe sie hinweggenommen und hier nicht mehr geschaut wird, richtet der Herr die Schlußworte (mit einer voraus­gehenden oder nachfolgenden Verheißung): »Wer ein Ohr hat, höre was der Geist der Versammlung sagt!« Seit den Tagen der Apostel mußte der Herr sich sehr ernst mit den Versammlungen beschäftigen. Bereits damals trieben sie als örtliche Versammlun­gen dem Verfall entgegen, und der Herr mußte ihnen schließlich die Verweigerung Seiner Anerkennung androhen. Die Prophezeiung im unmittelbar folgenden Kapitel 4 zeigt, daß das äußere Gebilde der Kirche nun nicht mehr Gegenstand Seiner Mitteilun­gen ist. Wir sehen die Überwinder im Himmel verherrlicht um einen Thron geschart, von dem göttliche Gerichte über Juden und Nationen ausgehen. Nur jeweils ein Überrest aus ihnen wird verschont. Auf der Erde tritt keine Kirche ferner in Erscheinung, sondern Schläge des Gerichts treffen die Nationen. All dieses steht noch bevor und muß sich ereignen, nachdem die Periode der Kirche (»das was ist«) ihren Abschluß gefunden hat.

 

Wie außerordentlich ernst und kraftvoll ist eine solche Bot­schaft des Herrn an denjenigen, »der ein Ohr hat zu hören«. Sie verkehrt den schriftwidrigen Ruf: »Hört auf die Versammlung (Kirche)« ins Gegenteil und fordert jeden treuen Gläubigen auf, »zu hören, was der Geist den Versammlungen (Kirchen) sagt«. Die Versammlung war niemals ein Maßstab der Wahrheit, das ist allein Gottes Wort. Unzweifelhaft ist die Versammlung (nicht Israel, noch der Islam, noch das Heidentum) die verantwortliche Zeugin der Wahrheit, indem sie diese in Wort und Tat treu darstellt. In keinem anderen Bereich und keinem anderen Zeital­ter wird das anerkannt große »Geheimnis der Gottseligkeit« bezeugt als in dem der Versammlung. Sie ist nicht selbst die Wahrheit, sondern der Pfeiler und die Grundfeste derselben. Christus ist in Sich Selbst die Wahrheit und der Geist die inwendig wirkende Kraft, um sie uns nahezubringen. Als aber Verfall und Irrlehren Eingang fanden, hörte die äußerlich noch bekennende Kirche auf, auch nur eine zuverlässige Zeugin zu sein. Seitdem gebietet der Herr denen, die ein gehorsames, williges Ohr haben, zu hören, was der Geist den Versammlungen sagt.

 

Die Autorität der Wahrheit ist in Ihm verkörpert, dessen Worte göttlichen Charakter tragen, nicht in dem Pfeiler und der Grund­feste, der Versammlung, die Seine Worte einstmals aufrechthielt, damit sie gesehen und gehört werden konnten (vgl. 1. Tim. 3). Der Pfeiler mag beschädigt oder entstellt werden, doch die Wahrheit bleibt unveränderlich in Christus, im Geist und im Wort. In 2. Timotheus 3 ist die Rede von Menschen, die eine Form der Gottseligkeit haben, ihre Kraft aber verleugnen; wir werden ermahnt, uns von diesen abzuwenden. Im Verlauf des christlichen Zeugnisses entstanden schon bald Kirchensysteme, die nicht nur miteinander im Streit lagen, sondern sich gegenseitig sogar mit Bannflüchen belegten. Das zwang alle Christen, mit Ausnahme der Oberflächlichen, zu der Einsicht, wie notwendig die Kenntnis der Wahrheit ist, um beurteilen zu können, welche der beiden Kirchen (es war damals die griechische Kirche einerseits und die römische Kirche andererseits, Anm. d. Üb.) die wahre, oder ob vielleicht keine von beiden im Recht sei. Auf diese Weise gewann die siebenfache Aufforderung des Herrn, zu hören, was der Geist den Versammlungen sagt, erheblich an Bedeutung. Sie ist zwar für alle Zeiten wahr, wurde aber jetzt richterlich und individuell angewandt. Auch nach der Reformation blieb die Notwendigkeit durchaus bestehen, die Mahnung des Herrn aufrechtzuerhalten und anzuwenden, als nicht nur Könige und Staaten das Recht für sich in Anspruch nahmen, ihre eigenen Kirchen als separate religiöse Körperschaften zu gründen, sondern selbst führende Männer ein ähnliches Recht für ihre Gemeinschaften forderten. Auf diese Weise ging in dem allgemeinen Durcheinander inner­halb der Christenheit der wahre Begriff der Versammlung weitge­hend verloren.

 

Es überrascht uns nicht, daß Menschen, die schon seit langem nicht mehr an die Anwesenheit und Tätigkeit des Heiligen Geistes in der Versammlung glaubten, als Folge auch die Autorität des Wortes Gottes praktisch und im Prinzip preisgaben. Sie leugneten das Licht, das sich an dem Gewissen des Menschen so überzeu­gend erweist, und behaupteten, daß die schwache, im Verfall begriffene Kirche erforderlich sei, um der Autorität des Wortes Geltung zu verschaffen. Ihr Irrtum in diesem Punkt ist genauso offensichtlich wie ihre Vermessenheit. Sie bedienen sich jedes trügerischen Scheins, der durch ein falsches Verständnis der Schrift begründet wird, um ihren eigenen Religionssystemen Vollmacht zu verleihen. Das Prinzip, die Kirche müsse Gottes Wort beglaubigen, ist reiner Unglaube. Alle, die vorsätzlich darauf bestehen, beweisen damit, daß sie sich von der Autorität Gottes entfernt haben. Bereits am Tag der Pfingsten benützte der Apostel Petrus das Wort Gottes, um die Gabe des Heiligen Geistes zu bezeugen. Es fiel weder ihm noch einem anderen Apostel ein, sich diesbezüglich auf die Versammlung zu berufen. Gottes Wort hat keine menschliche Rechtfertigung nötig; bejaht man eine solche Notwendigkeit, so grenzt das an Lästerung. Der Apostel Paulus würdigte das Alte Testament, als er die Juden in Beröa lobte, weil sie nicht nur das Wort bereitwillig aufnahmen, sondern auch die Schriften untersuchten, »ob dies sich also verhielte«. Sie wußten, daß die alten Aussprüche von Gott kamen und handelten richtig, indem sie die mündliche Verkündigung eines Menschen, den sie nicht kannten, prüften. Durch beständi­ges Forschen in den Schriften fanden sie sein Zeugnis bestätigt. Das alte, niedergeschriebene Wort war die Richtschnur, das sie darin bestärkte, das neue Wort mit aller Bereitwilligkeit aufzu­nehmen.

 

Geliebte, laßt uns einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe. Hierin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbart worden, daß Gott seinen eingebo­renen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir durch ihn leben möchten. Hierin ist die Liebe: nicht, daß w i r Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.

 

1. Johannes 4, 7‑10

 

Nach der Einschaltung der ersten sechs Verse kehrt der Apostel zu dem neuen Gegenstand zurück, den er am Ende des dritten Kapitels aufgenommen hatte. Er hatte dort gezeigt, daß die wahre Bruderliebe den Charakter göttlicher Zuneigung trägt und daß sie nicht nur wünschenswert, sondern von so großer Bedeutung ist, daß sie das entscheidende Merkmal des echten Gläubigen dar­stellt. Wie sehr mahnt uns diese Tatsache, insbesondere vor jedem Selbstbetrug auf der Hut zu sein. »Geliebte, laßt uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. «

 

Da diese göttliche Schlußfolgerung gewiß und zwingend ist, gibt es für uns keine Entschuldigung für einen Mangel an Liebe. Wir müssen indessen daran denken, daß diese Liebe nicht lediglich Freundlichkeit unseren Mitgläubigen gegenüber bedeutet; sie ist auch treu Gott gegenüber. Manchmal wird die aus Liebe ausge­übte Treue übelgenommen, anstatt daß man sie willkommen heißt. Ein Bruder, der in einem solchen Fall über die Zurechtwei­sung aufgebracht ist und meint, das treue Handeln des anderen stehe im Widerspruch zur Liebe, hat wohl Grund, sich sorgfältig zu prüfen. Läßt er sich von seinem Groll überwältigen, wie es leider manchmal vorgekommen ist, dann kann es sich u. U. nachher herausstellen, daß er der göttlichen Gabe des ewigen Lebens nie' wirklich teilhaftig geworden war. Ein noch so kleines Abweichen von der Liebe bei sich selbst zuzulassen, ist nur zu oft ein sehr ernstes Anzeichen. Man könnte es als ein Symptom moralischen Aussatzes an dem betroffenen Menschen nennen; denn wir werden hier darüber belehrt, daß bei einem Menschen, dem die Liebe fehlt, nichts wirklich Göttliches und nichts wahrhaft Gesundes vorhanden ist. Das ist im Prinzip auch ganz klar. Der Haß stammt gewiß nicht von Gott, wohl aber die Liebe. Sie strahlt die aktive Energie Seiner Natur aus. Das moralische Grundele­ment Seiner Natur, wenn wir es so ausdrücken dürfen, ist das Licht, das in vollkommener Reinheit alles Böse aufdeckt und verabscheut. Denn in Gott ist das Licht mit absoluter Heiligkeit verbunden, und das gilt auch für einen Christen, wenn er wirklich ewiges Leben besitzt. Liebe dagegen ist die aktive Entfaltung der göttlichen Natur. Sie sucht das Wohl derer, die ihre Gegenstände sind, ohne daß diese irgendeinen Anlaß dazu bieten. Ihr Beweg­grund liegt in ihr selbst, der Quelle alles Guten. Gottes Liebe ist nicht nur bereit, alles zu geben, sondern auch alles zu vergeben. Letzteres ist uns gegenüber nur durch das Werk des Mittlers möglich, denn Gott ist konsequent in allen Seinen Handlungen. Wo Sünde vorliegt, muß eine Grundlage für Seine Gerechtigkeit vorhanden sein; und wo wäre diese zu finden? Gewiß nicht in dem sündigen Menschen. Gott wußte von Anfang an, wo die unfehl­bare Gerechtigkeit allein zu finden war, selbst in Zeiten des Überhandnehmens der Ungerechtigkeit.

 

Selbst in den dunkelsten Tagen Seines Volkes Israel wies Er durch Seinen Propheten auf Sein kommendes Heil und auf die Offenbarung Seiner Gerechtigkeit hin (Jes. 56, 1). Nirgendwo auf der Erde war etwas davon zu erblicken. Doch der Glaube schaute stets danach aus. Im Menschen war nichts davon zu finden, selbst nicht in wahren Gläubigen, etwa in Henoch oder in Elia, von anderen ganz zu schweigen. Doch sie schauten in Hoffnung danach aus. Gottes Heil war noch keine vollendete Tatsache. Die Zuversicht jedes Gläubigen war ganz auf den Einen gerichtet, der kommen sollte. Er war, wie wir wissen, den Menschen unmittel­bar nach dem Sündenfall angekündigt worden. Jehova Elohim hatte das dem schuldigen Paar in eindrucksvoller Weise vorge­stellt. Er äußerte das nicht direkt dem gefallenen Menschenpaar gegenüber, sondern in Seinem Urteil über die Schlange. Wer außer Gott hätte wohl je daran gedacht, in das Urteil über den Feind zugleich die Ankündigung eines Retters einzubeziehen? Er deutete in heiligem Ernst an, daß der Retter kommen würde, um die Macht des Bösen zu zermalmen und seine Opfer zu befreien. Zugleich aber würde der Retter aus Liebe bei der Ausführung dieses Erlösungswerkes Qualen auf Sich nehmen. Denn nur ein Ungläubiger könnte mißverstehen, was durch das Zermalmen der Ferse angedeutet wird. Trotz dieser Leiden würde der Same des Weibes aber der Schlange den Kopf zermalmen; von dieser Zerstörung wird sich der Böse nie wieder erholen.

 

Die in unserem Abschnitt angeführte Liebe hat keinerlei Ursprung im Geschöpf; sie ist »aus Gott«. Wäre Gott nicht ihre Quelle und ihre Kraft, so könnte niemand errettet werden und kein Gläubiger könnte in dieser Seiner Liebe wandeln. Denn die Liebe ist imstande, alle Hilfsquellen der Gnade für den Sünder, der sich in völligem Verderben befindet, hervorzubringen. Wir sehen das in Christus verwirklicht, der für unsere Sünden starb und nun als Sachwalter bei dem Vater für uns lebt. Welch eine Liebe offenbart sich da in jeder Hinsicht! Die Schrift sagt uns nicht nur, daß die Sünden des Gläubigen vergeben sind. Wäre das alles, dann könnte es bedeuten, daß der Gläubige, der zu Fall gekom­men ist, wieder von vorne beginnen, d. h., sich wieder erneut bekehren müßte. Es fehlt nicht an Gläubigen, die tatsächlich der Meinung sind, wenn ein Gläubiger gesündigt habe, so verliere er alle bisherigen Vorrechte und müsse einen neuen Anfang machen. Wer diese Meinung teilt, glaubt offensichtlich nicht an das ewige Leben als einen gegenwärtigen Besitz des Gläubigen in Christus. Leider gibt es Meinungen, die das ewige Leben noch auf andere Weise leugnen, was für Christen beschämend ist. Eine solche Verleugnung ist in jedem Fall ein Verstoß gegen eine Grundwahr­heit des Christentums.

 

Sodann wird uns gesagt: »Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren. « Aus Ihm geboren zu sein, schließt somit ein, daß man auch Seine Kinder liebt, denn sie besitzen ja Seine Natur. Wer nicht liebt, ist nicht aus Gott geboren. Es kann jedoch sein, daß jemand mangel­haft unterwiesen wurde und kaum gelernt hat, die Regungen des Fleisches zu verurteilen. Infolgedessen mag er kein Bewußtsein davon haben, daß Haßgefühle mit der Stellung eines Christen völlig unvereinbar sind. Sie sind es, weil sie im Widerspruch zum Wesen Gottes und zu dem Leben stehen, das der Gläubige in Christus besitzt. »Die Liebe ist aus Gott, und jeder« (wie klar ist das ausgedrückt!), »der liebt, ist aus Gott geboren und kennt Gott. « Wie wunderbar, daß so etwas von einem Menschen hier auf der Erde gesagt werden kann! Wir wissen nur wenig voneinander. Es ist ein Beweis unserer Unkenntnis, daß wir selbst bei engen Freunden und Verwandten zuweilen durch Kleinigkeiten über­rascht werden, die zu großen Schwierigkeiten, Kummer und endlosem Leid führen. Würden wir einander besser kennen und besäßen eine liebende Natur, so könnten derartige Dinge nicht auftreten. Wie erstaunlich erscheint es dann, daß wir fähig sein sollen, Gott zu kennen, die wir sogar über unseren unmittelbaren Nachbarn so wenig wissen! Wir kennen unsere Brüder sicherlich deswegen viel zu wenig, weil unsere Liebe so schwach ist. Würde unsere Liebe durch den Glauben erstarken, und wäre das neue Leben in uns ungehindert in Tätigkeit, so wären wir mit allen unseren Brüdern besser vertraut. Wir würden mit Christus und um Seinetwillen auf ihre Kümmernisse in einer Weise eingehen, die Gott wohlgefällig ist, ihnen Trost und unseren Seelen Segen brächte. Vertrauen erwächst aus der Liebe; wird die Liebe gekannt und genossen, so erzeugt sie Vertrauen, sowohl Gott als auch Seinen Kindern gegenüber. Wer wüßte nicht um die Tatsa­che, daß selbst zwischen Gotteskindern nur ein verhältnismäßig geringes Vertrauen vorhanden ist? Der Mangel an Liebe ist in der Tat tief bedauerlich und in keiner Weise vereinbar mit unserer Stellung als Hausgenossen Gottes. In unserem Abschnitt wird uns in kurzen und klaren Worten gesagt, was die Gedanken Gottes darüber sind.

 

Diese Welt ist voll von gewaltigen Schwierigkeiten, die durch den Verfall innerhalb der Christenheit noch verschlimmert wer­den. Dazu ist der Feind pausenlos in raffinierter Weise am Werke. Das haben wir in den vorhergehenden Versen gesehen (»Glaubet nicht jedem Geiste ... «). Der Heilige Geist wurde von dem Vater und dem Sohn herniedergesandt. Doch Satan wartete nicht lange, seinerseits böse Geister auszusenden, um den Geist Gottes nach­zuahmen. Auf die gleiche Weise hatte er zuvor auch das Werk des Herrn Jesus auf der Erde zu stören versucht. Dabei wirkte er nicht nur durch Besessene, sondern auch durch falsche Lehren, die sich gegen die Person des Herrn Selbst richteten. Als Christus Apostel, Propheten und Lehrer gab, die in der Kraft des Heiligen Geistes zur Auferbauung der Glieder Seines Leibes dienten, wirkte Satan auf allen Gebieten in entgegengesetzter Weise. Daher heißt es: »Glaubet nicht jedem Geiste!« Dann folgen die Erkennungszei­chen, die wir schon betrachtet haben. Hier nun geht es um unseren Wandel in der Liebe, nicht um die Angriffe auf die Wahrheit. Gott möchte, daß diejenigen, die Er durch das Wort der Wahrheit wiedergezeugt hat, in ihrem praktischen Glaubensleben von der Liebe mehr als von allem anderen durchdrungen sind. Bei Seinen Kindern werden Gerechtigkeit und Gehorsam vorausgesetzt, aber auch die Liebe muß vorhanden sein. Da die Liebe die machtvolle Triebfeder in Gottes Wesen ist, so ist sie auch die unentbehrliche Kraft in dem Leben der Gläubigen untereinander. Sie tritt viel­leicht stärker als alle anderen christlichen Tugenden in Erscheinung. Lieber Bruder, ist das bei dir der Fall? Mangelt es vielleicht bei dir an der Liebe?

 

Wie bereits an früherer Stelle, führt der Apostel dieses Thema mit der Anrede »Geliebte« ein. Damit appellierte er insbesondere an die Zuneigungen der Leser, obwohl er eine Warnung damit ,verband. Er sah, daß den Gläubigen ernste Gefahren drohten. Böse Geister waren wirksam, und leider besteht immer die Neigung, sowohl hinsichtlich des Heiligen Geistes einerseits, wie auch der Existenz Satans und seiner Boten andererseits, ungläubig zu sein. In der heutigen Christenheit sind böse Geister mehr denn je am Werk, ja, ihre Tätigkeit erstreckt sich vornehmlich gerade auf sie. Sie wirken nicht nur in den heidnischen Ländern mit ihrem finsteren, grausamen Aberglauben. Der Geist des Irrtums zeigt sich innerhalb der Christenheit auf eine ansprechende Weise getarnt; er gibt sogar vor, höchste Wahrheiten zu bringen. So hört man etwa sagen: »Besitzen wir nicht Wahrheiten, von denen niemand bisher etwas gehört hat, und die von höchstem Wert sind? Es war ja ganz recht, von Gottes Gerechtigkeit, der himmli­schen Berufung, dem Geheimnis der Versammlung usw. zu sprechen. Jetzt aber haben wir etwas viel Besseres. Damals wurden die Instrumente erst gestimmt; jetzt aber spielt das volle Orchester, und das ist unser Verdienst!« Ohne Zweifel sind solche Behauptungen völlig verkehrt, aber der Geist des Irrtums wirkt auf diese Weise auf die irregeleiteten Gefühle solcher Menschen, die sich von den bösen Geistern beeinflussen lassen. Wie offen­sichtlich steht eine solche Prahlerei im Gegensatz zu der Sanftmut des Herrn aller Dinge! Solche Irrlehrer dienen nur der Zerstörung der Wahrheit und nicht zur Auferbauung derer, die ihnen ihr Vertrauen schenken. Ihr Tun ist verwerflicher als das, was die Schrift mit den Worten bezeichnet: »Sie dienen ihrem eigenen Bauch« (Röm. 16, 18). Sie sind von der Welt, darum reden sie auch aus der Welt und beziehen ihre Motive aus sich selbst.

 

Es ist eine gesegnete Tatsache, daß die Liebe, die aus Gott ist, alle ihre Beweggründe in Seiner eigenen Güte findet, wogegen die Natur des Menschen genau das Gegenteil dieser Liebe aufweist. Als der Gläubige noch ein verlorener Sünder war, empfing er Gnade in ihrer ganzen Unumschränktheit. Nun, da er im Besitz des ewigen Lebens in Christus ist, erfährt er beständig den Zufluß dieser Gnade. Der Geist ist in der neuen Natur des aus Gott Geborenen wirksam. Er darf sich Gottes und Seiner Liebe rühmen, und zwar nur aufgrund der Güte, die in Gott zu finden ist und die Er so gerne auch anderen mitteilt. Das ist das Teil der an Christus Glaubenden. Sie sind von der Tatsache erfüllt, daß sie von Ihm mit Seiner göttlichen Liebe geliebt werden, und betätigen dann diese Liebe auch ihren Brüdern gegenüber durch den Geist Gottes, und darum geht es hier. Der Grundsatz ist vollkommen klar: Die Ausübung der Liebe kann nicht von der Geburt aus Gott getrennt werden. Durch die Betätigung der Liebe aber beweist der Gläubige, daß er ein Kind Gottes ist. Das hat überhaupt nichts mit den natürlichen Zuneigungen zu tun, die, wie jeder weiß, selbst in den bösesten Menschen stark ausgeprägt sein können. Entschie­dene Feinde Gottes, die sich niedrigen Lüsten und Leidenschaften hingeben, können trotzdem sehr liebenswürdig und wohlwollend sein. Aber das alles hat nichts mit der göttlichen Liebe, mit dem zu tun, wovon hier die Rede ist und was in dem Herrn Jesus vollkommen zur Darstellung kam. »Die Liebe ist aus Gott« sagt der Apostel. Alles, was aus uns stammt, ist nicht aus Gott. Diese Liebe aber ist nicht aus uns, auch nicht bei einem Gläu­bigen; er empfängt sie ausschließlich von oben. Er ist aus dem Geiste geboren, und was aus dem Geiste geboren ist ist Geist und nicht Fleisch. Er ist aus Gott geboren, und Gott ist Liebe.

 

Unser Vers steht in Verbindung mit dem, was am Ende des dritten Kapitels eingeführt wurde, wo wir zum erstenmal in diesem Brief vom Geist Gottes hören. In diesem Zusammenhang war davon die Rede, daß Gott in dem Gläubigen bleibt und daß der Beweis hierfür der Geist ist, den Er uns gegeben hat. Der dem Gläubigen geschenkte Geist wohnt in ihm und beweist damit, daß Gott in ihm bleibt. Welch ein gewaltiger Schritt ist das über den Besitz des neuen Lebens hinaus! So groß das Vorrecht auch ist, Teilhaber der göttlichen Natur sein zu dürfen ‑ die Tatsache, daß Gott in uns bleibt, ist weit mehr. Dieses Bleiben Gottes in uns wird durch die Gabe des Geistes bewirkt und ermöglicht, der das unterscheidende Merkmal des Gläubigen ist.

 

Der Apostel verfolgt also den Zweck, die gegenseitige Liebe unter den Gläubigen dadurch anzufachen, daß er die Quelle der Liebe aufzeigt sowie die Natur, die, sofern sie tätig ist, mit ihr übereinstimmen muß. Selbstverständlich gibt es große Hinder­nisse, die der Ausübung der Liebe entgegenstehen, sowohl von innen als auch von außen. Sie sind so groß, daß das Bleiben Gottes in dem Gläubigen erforderlich ist, damit die Liebe sich frei und in vollem Maße betätigen kann. Wir haben also nicht nur nötig, aus Gott geboren zu sein, wir brauchen auch die göttliche Kraft, ja, noch mehr, daß Gott in uns bleibt, um einander gottgemäß lieben zu können. Wären wir nur aus Gott geboren, so bliebe doch noch ein mächtiges Hindernis bestehen, das durch die neue Geburt nicht berührt wird. Was ist das? Die Unkenntnis über unsere Erlösung? Der Glaube an das Werk Christi für uns und an Sein Blut, das von jeder Sünde reinigt, muß vorhanden sein. Ehe man in der Erlösung, die in Christus Jesus ist, ruhen kann, muß ein göttliches Werk in der Seele vorgegangen sein.

 

Das können wir aus jeder diesbezüglichen Schriftstelle ersehen. Nehmen wir die Begebenheit mit der Frau aus Lukas 7, über die der Heilige Geist in wenigen Worten so viel aussagt: » Und siehe, da war ein Weib in der Stadt, die eine Sünderin war. « Obwohl sie eine Sünderin war, kam sie zum großen Erstaunen Simons des Pharisäers in sein Haus, als er mit dem Herrn und Seinen Jüngern zu Tische lag. Trotz der abschreckenden äußeren Umstände, kam sie in das Haus, das sie zu jeder anderen Gelegenheit gewiß nicht gern betreten hätte. Was verlieh ihr solche Kühnheit? Sie blickte im Glauben auf den Herrn; deswegen konnte nichts sie abhalten, auch unter diesen Umständen in ein solches Haus einzudringen (denn so muß es den Anwesenden erschienen sein, und jeder hätte ihr Erscheinen so bezeichnet). Doch die Kraft des Glaubens vermag die größten Hindernisse zu überwinden. In jenem Augen­blick wußte sie noch nichts davon, daß ihre Sünden vergeben waren; sie waren es tatsächlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber sie befand sich auf dem Wege dorthin. Sie liebte den Herrn. Es ginge wohl zu weit, wollte man sagen, daß sie auch die Jünger liebte. Noch weniger hatte sie für Simon andere Empfindungen als für die übrigen Leute seiner Art. Um eine solche Liebe hervorzu­bringen, war ein weiteres mächtiges Werk Gottes erforderlich. Der Herr zog sie zu Sich durch die ihr unbekannte göttliche Anziehungskraft, die von Ihm ausstrahlte. Es war die Liebe, die diese Wirkung des Glaubens hervorbrachte. Seine Gnade bewirkte eine Zuneigung in Ihr, die sie nie zuvor gekannt hatte. Sie war völlig davon überzeugt, daß der Herr von heiliger Liebe erfüllt war. Warum zog Er so unermüdlich im Lande umher? Welche Kraft war der Beweggrund Seines ganzen Lebens, Seiner Worte und Handlungen? War es nicht Seine göttliche Liebe?

 

So begann das Leben bereits in ihr zu wirken, die bis dahin eine sündige Frau voller Unreinheit und Ehrlosigkeit gewesen war. Sie glaubte bereits an den Herrn, und Sie liebte viel, wie der Herr dem Simon und allen anderen gegenüber bezeugte. Sie fand neues Leben in Ihm, und ihr Wesen wurde neu gestaltet durch den gesegneten Herrn. Vielleicht würde sie Ihn nie wiedersehen, und sie hätte wohl auch keine weitere derartige Gelegenheit, Ihm zu begegnen (mochte ihr Handeln in den Augen der anderen auch sehr unangebracht erscheinen). Für ihre Seele hieß es daher »jetzt oder nie! « Wenn der einfältige Glaube das Herz antreibt, kann es auch nicht anders handeln. Da verliert man keine Zeit und läßt sich durch nichts aufhalten. So trat sie in das Haus ein, »stand hinten zu seinen Füßen und weinte«. Ihr Verhalten besaß, ohne daß sie sich dessen bewußt war, moralische Schönheit; diese entstammte gewiß nicht ihrem früheren Leben, sondern wurde durch den Glauben an Christus in ihrer Seele bewirkt. Sie begann, Seine Füße mit ihren Tränen zu benetzen und sie mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen. Der Herr erkannte das alles und brauchte Sich nicht umzuwenden, um die hinter Ihm Weinende anzublicken. Er wußte alles in vollkommener Weise wie kein anderer. Doch bei Simon rief das alles nur Verachtung hervor. Der Unwille des Ungläubigen richtet sich in größerem Maße gegen den Herrn als gegen Seine Jünger. Er äußert das zwar nicht immer und erkennt vielleicht oft selbst nicht, daß er so fühlt. Möglicherweise hätte Simon seine innerlichen Gefühle nicht zugegeben. Seine ganze Moral war ‑ die Moral des Teufels. So sprach er bei sich selber: » Wenn dieser ein Prophet wäre, so hätte er erkannt, wer und was für ein Weib es ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin« (Luk. 7,39). Doch der Herr hatte es vernommen und antwortete darauf. War Er nicht gekommen, um Verlorene zu retten? Und wenn Simon , so wie das Weib, vor Ihm zusammengebrochen wäre, hätte Er dann nicht auch ihn errettet? Doch für einen stolzen, selbstgerechten Pharisäer war es viel schwerer, den Platz eines Sünders einzunehmen, als für eine Frau, die vor den Menschen nichts zu verlieren hatte.

 

Die Gnade und die Wahrheit vermochten jedoch einen Saulus von Tarsus zu zerbrechen, wie auch einem unmoralischen Men­schen ein tiefes Bewußtsein seiner Sündhaftigkeit zu vermitteln. Was führte in diesem Fall wohl dazu, daß die Frau zusammen­brach und gleichzeitig eine solche Liebe bekundete? Es war der Glaube an den Herrn Jesus, die göttliche Liebe, die sich in Ihm offenbarte. Doch die Frau brauchte mehr als das, und die Gnade war unverzüglich bereit, ihr auch mehr zu geben. Welch gewalti­ger Gewinn ist es für das Herz, die Gewißheit zu haben, daß die Sünden vergeben sind! Der Herr ließ es auch nicht nur mit einer Andeutung bewenden. Er verkündete ihr das göttliche Wort, nach dem ihre Seele schrie: »Deine Sünden sind vergeben!« Er war dazu berechtigt. Das Werk, auf das sich die Vergebung gründet, war zwar noch nicht vollbracht. Doch der Richter der Lebendigen und der Toten sagt nie etwas, das nicht völlig wahr wäre, ebenso wie der Richter der ganzen Erde nie anders als gerecht handeln kann. So nahm der Herr Sich ihrer Sache an und widerlegte den Unglauben des Pharisäers. Er erwies sich als der Herr über alle Propheten durch die Vergebung der Sünden, die Gott allein zukommt. Aus der Fülle Seiner Gnade schenkte Er der Frau die Gewißheit, daß ihr Glaube sie gerettet hatte und entließ sie in Frieden.

 

Wenn wir noch nicht wissen, daß unser Glaube uns errettet hat und unsere Sünden vergeben sind, wird diese Frage uns fortwäh­rend beunruhigen. Das ist die zwangsläufige Folge, wenn die Seele zum Schuldbewußtsein erwacht ist. Wie könnte sie in diesem Zustand Ruhe finden, ohne die Gewißheit zu haben, daß ihre Sünden getilgt sind und sie errettet ist? Solange sie darüber unbefriedigt und ungewiß ist, wird sich das Herz unentwegt mit dieser Frage beschäftigen. Es ist dann auch nicht in der Lage, seine Liebe zu denen ausströmen zu lassen, die bezüglich ihrer Sünden bereits zur Ruhe gekommen sind. Solange kann man auch nicht in Wahrheit die Stellung eines Gotteskindes einnehmen. So, wie die Frau in Lukas 7 die Zusicherung aus dem Munde des Herrn erhielt, müssen auch wir sie im Glauben durch das geschriebene Wort Gottes empfangen. Haben wir uns durch die Schrift noch nicht die Gewißheit der Vergebung sowie unserer neuen Bezie­hung zu Gott schenken lassen, so können wir uns lediglich auf unsere eigenen Gefühle und Gedanken oder gar auf diejenigen eines Menschen stützen, der selber keine volle Gewißheit besitzt. Der hervorragendste Prediger, der nichts als die reine Wahrheit verkündigt, kann uns nicht davon entbinden, das Zeugnis Gottes persönlich anzunehmen, das Er über Seinen Sohn gezeugt hat. »Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das Zeugnis in sich selbst. « Nur Gott allein kann uns dazu verhelfen, und nur Sein Wort ist die Richtschnur für den Glauben. Wir können die Wahrheit somit nur von Gott empfangen. Und wie geschieht das? Durch das geschrie­bene Wort, das Er uns gegeben hat.

 

Man kann keinen schlimmeren Angriff auf die Wahrheit unter­nehmen, als wenn man die göttliche Autorität der Heiligen Schrift leugnet. Eines der heute vorherrschenden Merkmale des Unglau­bens ist die Behauptung der »gemäßigten« Freidenker, die Schrift enthalte (teilweise, aber nicht ausschließlich) Gottes Wort. Alles, was der Herr und die Apostel lehrten, ist aber tatsächlich Gottes Wort. Wie wir schon sahen, ist »jede Schrift von Gott eingegeben« und beglaubigt damit das, was der Versammlung Gottes übergeben worden ist. In diesen »prophetischen Schriften« mögen auch Aussprüche des Teufels oder böser Menschen enthalten sein. Sie 1 wurden aber natürlich nicht niedergeschrieben, damit sie von uns befolgt werden, sondern damit wir auch durch das Verhalten der Feinde belehrt werden, soweit Gott dies für gut befand. Nur der Unglaube gerät da in Schwierigkeiten; der Gläubige nimmt alle Aussagen Gottes an, sei es über das Gute oder über das Böse. Alles, was die Schriften enthalten, ist wirklich Gottes Wort. Wir sollen aus Seiner Wahrheit Nutzen ziehen, um jeder Schlinge des Satans und der alten Natur zu entgehen und uns davor zu hüten.

 

Seitdem das Blut Christi vergossen wurde, oder allgemeiner gesagt, seitdem Er starb und auferstand, können Menschen nur durch den Glauben an die Frohe Botschaft Frieden erlangen. Der Geist verkündigt durch die Botschaft des Evangeliums die ret­tende Gnade Gottes. Der Glaube findet in Christus nicht nur Leben, sondern auch Frieden. Damit ist er dafür zubereitet, sowohl im Gehorsam zu wandeln als auch die Gläubigen zu lieben, die in gleicher Weise Kinder Gottes sind. Es besteht kein Zweifel darüber, daß das Wesen der neuen Natur Liebe ist. Das uns verliehene ewige Leben besitzt diese Fähigkeit. Doch ist das Fleisch nicht gründlich gerichtet, so stellt es sich hindernd in den Weg. Die Gnade leitet uns zunächst zu der Erkenntnis, wie unvereinbar diese beiden Wesensarten miteinander sind, ehe wir im Glauben voranschreiten können. Eine Maschine mag mit all ihren verschiedenen Teilen betriebsbereit sein, doch kann sie erst in Betrieb gesetzt werden, wenn ihr die nötige Energie zugeführt wird. Das soll uns bildlich erläutern, was die betrachteten Verse uns mitteilen wollen.

 

Auch hier wird wieder die negative Seite gezeigt: »Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt. « Es geht nicht darum, welche Gaben ein Mensch besitzt, welche Tätigkeit er ausübt, ob er Ansehen und Einfluß besitzt ‑ wenn er nicht liebt, hat er Gott nicht erkannt. Das Wort Gottes verurteilt schonungslos allen Selbstbetrug. Wer aus Gott geboren ist, liebt seinen Bruder und hat Gott erkannt. Seine neuen, göttlichen Zuneigungen erstrecken sich auf einen ganz bestimmten Bereich. Er hat auch jene Erkenntnis Gottes, die unser Herr ausdrücklich als das ewige Leben bezeichnet. Was Er dem Vater in Johannes 17, 3 vorstellte, wird hier tatsächlich als kurze lehrmäßige Feststellung im negativen Sinne wiederholt. » Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe. « WO keine Liebe zu finden ist, ist auch keine Erkenntnis Gottes vorhanden. Der Grund dafür ist ebenso klar wie überzeugend:

»Denn Gott ist Liebe. «

 

Die folgenden Verse entfalten nun die Liebe Gottes, die in unumschränkter Gnade und Fülle in das leere Herz strömt, um es zum Lieben zu befähigen. Der Geist spricht von der strahlenden Entfaltung der Liebe in dem Sohne Christus, der in unermeßlicher Gnade in diese Welt der Sünde, der Selbstsucht und der Finsternis gesandt wurde. Es dürfte schwerfallen, selbst in der Schrift eine Stelle zu finden, die dieser an schlichter Erhabenheit gleich­kommt. »Hierin ist die Liebe Gottes in uns geoffenbart wor­den ... « Es heißt hier nicht: »gegen uns« oder »gegen alle« wie in Römer 3, 22. Dem Grundsatz nach ist die Liebe Gottes jedem Menschen gegenüber geoffenbart worden. Doch an dieser Stelle wird sie in begrenzterem Sinne gesehen und bezieht sich mehr auf »alle ' die da glauben«, wie auch in dem betreffenden Vers in Römer 3 gesagt wird. Sie wurde »i n uns geoffenbart«. Damit wird auf die Wirkung hingedeutet, die sie in uns ausübt. Das Wörtchen »in« scheint hier daher am richtigen Platz zu stehen. Es heißt somit richtig: »Hierin ist die Liebe Gottes in uns (oder: in bezug auf uns) geoffenbart worden. « In diesem Vers wird das Kommen unseres Herrn in seinem ganzen Ausmaß zur Einführung des ewigen Lebens gesehen. Daher steht der Ausdruck »Gott hat gesandt« im Griechischen in Perfekt, das die Fortdauer des Ergebnisses der in der Vergangenheit stattgefundenen Handlung zum Ausdruck bringt. im nächsten Vers (10) steht dieser Ausdruck im Aorist. Hier wird lediglich die Tatsache genannt, doch hatte sie den tiefgreifendsten, erhabensten und bedeutsamsten Zweck, der je den Vater und den Sohn in der Zeit oder in der Ewigkeit beschäftigt hat. Der Unterschied in der Ausdrucksweise ist zwar nur gering, da das gleiche Verb, aber in verschiedenen Zeitfor­men, an beiden Stellen gebraucht wird. Da aber auch diese kleinen Unterschiede in der Schrift durch göttliche Weisheit gegeben wurden, tun wir gut daran, ihre jeweilige Bedeutung zu erforschen. Der Aorist drückt einfach die Tatsache aus, die hier allerdings von denkbar größter Bedeutung ist. Das Perfekt dage­gen bringt das gegenwärtige Resultat einer Handlung in der Vergangenheit zum Ausdruck, das Ergebnis Seiner Mission, nämlich daß wir durch Ihn leben möchten.

 

»Hierin ist die Liebe Gottes in (oder: in bezug auf) uns geoffen­bart worden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat. « Mit ,welcher Sorgfalt wird hier die Herrlichkeit Seiner Person heraus­gestellt! »Sein eingeborener Sohn!« Eine Wiederholung dieser Worte im folgenden Vers (10) ist nicht nötig, da die Bezeichnung »Sein Sohn« natürlich dasselbe aussagt. Doch welche Weisheit zeigt sich hier, ein derartig gewaltiges Werk mit ewigen Folgen in die einfachsten Worte zu kleiden, damit das Herz von Seiner unermeßlichen Größe und unergründlichen Tiefe erfüllt wird und von der Liebe Gottes überströmt. » Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, auf daß wir durch ihn leben möchten. « Das war die erste Tat göttlicher Gnade; sie entsprach dem wichtigsten Bedürfnis derer, die geistlich tot waren. Und das gilt ja auch für jede Seele bis auf den heutigen Tag. Den zu allererst erforderlichen und vorrangigen Beweis Seiner anbetungswürdi­gen Liebe lieferte Gott dadurch, daß Er den Gegenständen dieser Liebe, die Ihm gegenüber tot waren, Leben schenkte. Sie waren sich ihres eigenen Zustandes nicht bewußt, hatten keine Kenntnis von Gott und waren in ihrem moralischen Verderben beidem gegenüber völlig gleichgültig. Es mochten vielleicht verstandes­mäßige Vorstellungen von Gott vorhanden sein, aber kein Anzei­chen von Leben, von einer Regung für Gott. In ihrem Bewußtsein war Gott ein Gegenstand größeren Schreckens als der fürchter­lichste Dämon. Angesichts eines solchen Verderbens »hat Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt«! Welch eine Wahr­heit! Wie wunderbar ist schon allein die bloße Tatsache, wenn wir daran denken, daß es aus lauter Liebe geschah! Es war keine Handlung, die im Himmel ausgeführt wurde. Gott sandte Seinen eingeborenen Sohn in diese Welt, um Leben zu geben, um uns passend zu machen für den Bereich, aus dem Er kam. Kein Werk im Himmel konnte Gott und den Menschen befriedigen, selbst wenn der Sohn es ausführte. Der Weg der Liebe mußte beschrit­ten werden, indem der Sohn Mensch wurde, um Gott zu verherrli­chen und dem geistlich toten Menschen durch den Glauben das Leben in seiner höchsten Entfaltung zu geben. Auf der Erde lebten Juden und Nationen, doch alle waren gleichermaßen tot in Sünden und Übertretungen und von Natur Kinder des Zorns. Sie waren geistlich tot, wenn sie auch »lebten«. Weder haßten sie die Sünde, noch liebten sie die Gnade. Sowohl innerlich wie äußerlich war alles verderbt an ihnen. Ob es sich um Beschnittene oder Unbeschnittene handelte, die Gesinnung ihres Fleisches war nichts anderes als Feindschaft gegen Gott. Dennoch hat Gott Seinen eingeborenen Sohn, die Wonne des Vaters von Ewigkeit her, in die Welt gesandt, damit wir durch Ihn Leben hätten; und das Leben, das Er gab, war Sein eigenes Leben.

 

Das Alte Testament berichtet uns, wie sich das Menschengeschlecht ‑ ob Juden oder Heiden ‑ in all den Jahrtausenden Gott gegenüber benommen hatte; der Bericht des Neuen Testaments zeigt uns noch schlimmere Dinge. Doch Er, der alles im voraus wußte, sandte Seinen Eingeborenen in die Welt; und weshalb? Etwa, um Gericht auszuüben? Nein, genau zum Gegenteil. Tote Seelen sollten mit dem ewigen Leben, das in Seinem Sohn war, lebendig gemacht werden. Denn genau das wird in den Worten ausgedrückt: »A uf daß wir durch ihn Leben hätten. « Es handelte sich um ein neues Leben, das der Mensch als solcher nicht besitzt; selbst Adam im Zustand der Unschuld im Garten Eden besaß es nicht. Er fiel in Ungehorsam, als sich noch alles in ihm und um ihn herum in einem guten Zustand befand, und führte dadurch Tod und Gericht herbei. Im Gesetz wurde das Leben dem natürlichen Menschen, Israel, verheißen; wenn er gehorsam war, sollte er nicht sterben. Doch das einzige Ergebnis war, daß das Gesetz ein Dienst des Todes und der Verdammnis wurde (vgl. 2. Kor. 3, 7. 9). Denn die Einführung des Gesetzes stellte Anforderungen an den Willen des Menschen. Er wurde ein Übertreter und befand sich damit als Sünder in einer schlimmeren Stellung als vor dem Gesetz. So bewirkte die Sünde, auf daß sie als Sünde erschiene, durch das Gute den Tod, auf daß die Sünde überaus sündig würde (Röm. 7, 13). Nun war dem Sünder selbst das Fortbestehen des früheren Lebens verwehrt. Das Ergebnis war für den Sünder unter Gesetz völliges Verderben.

 

Aber es gab noch ein anderes Leben, das ewige Leben, und dieses Leben war in dem Sohne, dem eingeborenen Sohn, den Gott in Seiner Liebe in die Welt gesandt hatte. Zweifellos weckt der Vater Tote auf und gibt ihnen Leben; es ist das souveräne Vorrecht Gottes. Daher macht auch der Sohn lebendig, wen Er will. Aber indem Er Mensch wurde (obwohl Er niemals aufhörte, gleichzeitig Gott zu sein), empfing Er in völliger Unterwerfung alles von Gott, wie es dem vollkommenen Menschen geziemte. Daher, »gleichwie der Vater Leben in sich selbst hat, also hat er auch dem Sohne gegeben, Leben zu haben in sich selbst« (Joh. 5, 26). Es war der Sohn, der gesandt wurde, um Mensch zu werden und mit dem Menschen Umgang zu haben. Er war stets der Gegenstand des Glaubens. Und seitdem Er Mensch wurde, ist Er es noch offensichtlicher und völliger als Jesus Christus und zugleich Gottes Sohn, beides in einer Person. Auch wurde es immer deutlicher, zu welchem Zweck Gottes Liebe Ihn herabge­sandt hatte. Er kam, um Sich der Menschen, nicht der Engel, anzunehmen. »Das Leben war das Licht der Menschen. « Aber eine äußerliche Erleuchtung war für den Menschen in seiner Not nicht ausreichend. Obwohl Er in diese Welt kam und jeden Menschen erleuchtete (oder ins Licht stellte), so war doch viel mehr erforderlich. Er war das Leben für jeden, der glaubte. »So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden. « Sie waren nun aus keinem natürlichen Ursprung, sondern aus Gott geboren. Doch ohne das Wort Gottes und ohne den Geist ist kein Glaube und keine neue Geburt möglich. Gottes Wort ist notwendig, weil es zum eigentlichen Wesen des Glaubens gehört, daß man Gott und Seinem Worte glaubt, anstatt sich auf eigene Gedanken oder die anderer Menschen zu stützen (vgl. Röm. 10, 17; Jak. 1, 18; 1. Petr. 1, 23‑25). Christus ist der göttliche Same, der durch das lebendige und bleibende Wort Gottes mitgeteilt wird. Adam und Eva fielen im Garten Eden in Sünde, weil sie dem Wort Gottes gegenüber gleichgültig waren und sich ihm nicht unterwarfen. Eva wurde durch die Verführung der Schlange betrogen; Adam nicht, doch war seine Übertretung vermessener. Das Wort Gottes beherrschte nicht ihr ganzes Wesen. Der listige Feind konnte Mißtrauen gegen Den in ihre Herzen säen, der ihnen verboten hatte, von dem Baum zu essen und dadurch die Fähigkeit zu erlangen, Gutes und Böses zu erkennen. Das Begehren nach dieser Frucht folgte, als die Frau sich nicht davor fürchtete, noch etwas länger mit dem Geschöpf zu verhandeln, obwohl es dessen einziges Ziel war, sie zum Ungehor­sam gegen Gottes eindeutiges Verbot und zum Zweifeln an der angedrohten Todesstrafe zu verleiten. »Nicht doch, Gott wird doch nicht so hart sein! Schau nur die schöne Frucht an! Wie begehrenswert, um dich einsichtig zu machen. Gott möchte Sich allein die Kenntnis des Guten und Bösen vorbehalten. Aber du wirst sehen, welch ein neuer Zustand es sein wird, wenn ihr Gutes und Böses selbständig unterscheiden könnt. Jetzt wißt ihr noch nichts darüber; aber habt ihr erst einmal von der Frucht des Baumes gegessen, dann werdet ihr durch euer Gewissen selber beurteilen können, ob eine Sache gut oder böse ist. Warum wollt ihr euch nicht von Ihm unabhängig machen, der den Menschen so geringschätzig behandelt? Warum wollt ihr nicht eure eigenen Rechte über euer ganzes Reich behaupten?« Sie handelten im Eigenwillen, der die Wurzel alles Bösen ist. In Seiner Liebe kam der Sohn Gottes herab, um in die Bresche zu treten. Das erste Erfordernis für die Seele ist nicht die Sühnung durch das vergos­sene Blut des Heilandes. Niemand wird dem Evangelium je glauben können, ohne eine Natur aus Gott empfangen zu haben, die Gott um das bittet und anfleht, was allein das Evangelium anbietet. In jedem Fall ist man bereits aus Gott geboren, ehe man völlig auf dem Versöhnungswerk Christi zu ruhen vermag. Denn sobald man das neue Leben empfangen hat, fühlt man auch die Bedürfnisse dieses Lebens und erkennt seine Kostbarkeit. Im Glauben ißt man das Fleisch Christi und trinkt Sein Blut. Daher wird auch in Römer 10, Vers 9, gesagt, daß man in seinem Herzen glaubt, daß Gott Ihn aus den Toten auferweckt hat. Das bedeutet keine besondere Steigerung in Gefühlserregungen; es hat auch nichts damit zu tun, daß die Seele sich Gemütsbewegungen hingibt. Es bedeutet einfach, daß das Herz die ihm von Gott gesandte Frohe Botschaft bereitwillig aufnimmt und der Wahrheit nicht mehr widersteht. Mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerech­tigkeit; es stützt sich dabei darauf, wie Gott Selbst das Sühnungs­werk des Herrn Jesus einschätzt. Alsdann wird mit dem Munde bekannt zum Heil, zur Ehre Gottes und Seines Sohnes, des heute noch verworfenen Herrn.

 

Das erste Erfordernis ist somit das Leben, das ewige Leben in dem Sohne. Wie kann man ohne dieses ein angemessenes Gefühl für seine Sünden haben oder Gottes heilige Natur auch nur annähernd erkennen? Man empfindet ja nur Furcht vor Gott. Diese ist auch bei einem Heiden vorhanden, und selbst die Dämonen glauben und zittern. So sagt es uns das Wort göttlicher Autorität und erklärt damit manche geoffenbarte Tatsachen. Der Grund für ihr Verhalten ist das Bewußtsein, daß es für ihre Auflehnung gegen Gott keine Vergebung gibt. Obwohl sie wissen, wer Jesus ist, nützt es ihnen nichts; sie sind zum ewigen Verderben verurteilt. Ihre Sünde kann nicht getilgt werden. Für einen bösen Geist, einen gefallenen Engel, besteht keine Möglichkeit der Errettung.

 

Völlig anders ist jedoch die Lage des gefallenen Menschen. Die Geburt Christi bezeugte das Wohlgefallen an den Menschen; wieviel mehr spricht erst Sein sühnender Tod davon! Damit Sein vergossenes Blut aber Herz und Gewissen reinigen kann, emp­fängt der Mensch durch die Annahme des Herrn Jesus eine neue Natur. Man ruht noch nicht auf Seinem Werk, glaubt aber an Seine im Fleisch geoffenbarte Gnade und an die Herrlichkeit Dessen, der diese wunderbare Mission der Liebe Gottes aus­führte. In dem Augenblick, in dem das Herz den Herrn Jesus so, als die Gabe Gottes, aufnimmt, wird der Seele das Leben vermit­telt. Das Leben wird immer sofort geschenkt, während es bei dem Frieden mit Gott keineswegs immer so ist. Es ist eine Tatsache, daß die Seele erst manche Erfahrungen durchkosten muß und oft Monate oder selbst Jahre benötigen kann, um in den Genuß des Friedens mit Gott zu kommen. Trotzdem kann sie während der ganzen Zeit Teilhaber der göttlichen Natur sein, weil sie sich vor dem Sohne Gottes gebeugt hat, ohne schon einen gefestigten Frieden zu besitzen. Sobald sie den Herrn angenommen hat, ist das Leben ihr Teil. Damit besteht auch ein göttliches Wahrneh­mungsvermögen für das Böse im Inneren wie auch bezüglich des früheren Wandels. Man erkennt nicht nur, was man getan hat, sondern auch, was man ist. Das sind die Auswirkungen des göttlichen Lebens im Gläubigen. Daher wird das Leben hier, genau an der richtigen, ihm gebührenden Stelle, eingeführt, ehe von dem Sühnungswerk, das uns von der Schuldenlast befreit hat, gesprochen wird.

 

»Hierin ist die Liebe Gottes in (bezug auf) uns geoffenbart worden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir durch ihn leben möchten.« Den Grund dafür haben wir schon genannt. Wir waren bis dahin Gott gegenüber geistlich tot und ohne die geringste Lebensverbindung mit Ihm. Wir hatten nur die furchtbare Verantwortung, der Natur nach göttlicher Abstammung zu sein, aber uns durch unsere bösen Werke als Feinde Gottes erwiesen zu haben. In unserem durch die Sünde verderbten Zustand half es uns nichts, im Gegensatz zu der niederen Schöpfung im Bilde Gottes geschaffen zu sein; unsere Seelen konnten dadurch nicht errettet werden. Der Mensch unter Verantwortlichkeit fiel in Sünde, und das Unterfangen der Juden, dem Gesetz Gottes gehorsam zu sein, erhöhte nur noch ihre Verantwortung und konnte den Menschen in keiner Weise von dem kommenden Zorn erretten. Die Menschheit bestand damals entweder aus solchen, die ohne Gesetz ihrem eigenen Willen gehorchten, oder aus Juden, die durch das Halten des Gesetzes Gunst bei Gott zu erringen trachteten. Doch die rettende Gnade ist nicht im Sünder, sondern im Retter zu finden. »Gott erweist seine Liebe gegen uns darin, daß Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist« (Röm. 5). So lautet das Evangelium. Nicht wir liebten Ihn, sondern Er liebte uns, als wir noch Sünder waren, aus freiem Triebe mit unverdienter Liebe.

 

In unserem Vers (10) wird uns diese zweite Seite Seiner Liebe gezeigt. Der Apostel zeigt uns, wie Gottes Liebe im Blick auf unsere Sündenlast wirkte, nicht nur bezüglich unseres geistlich toten Zustandes. Die Liebe Gottes tat ein Werk, das für Sein Herz und für das Herz Seines Sohnes überaus schmerzlich war. Der Mensch kann nie erfassen, was es für den Herrn Jesus bedeutete, das Gericht von seiten Gottes über unsere Sünden zu erdulden. Das übersteigt auch völlig das Denken und Verstehen der Heili­gen. Selbst die Apostel sahen zunächst nur die äußere Seite des Kreuzes, bis ihnen der Herr das Verständnis öffnete, um die Schriften zu verstehen.

 

Die Schrift hatte die versöhnende Gnade und die unermeßli­chen Leiden des Herrn bereits im Gesetz, in den Psalmen und den Propheten im voraus bildlich dargestellt. Keiner der Jünger des Herrn hatte wohl das feierliche Ritual des großen Versöhnungs­tages nicht miterlebt, keiner hatte nicht den einzigartigen Psalm 22 bereits gehört und sich wohl über die Worte in Jesaja 53 verwun­dert, nicht etwa wegen einer Unverständlichkeit der Ausdrücke, sondern wegen der dargestellten befremdenden Wahrheit. Die Lösung dieser Fragen in allen drei Schriftstellen ist in dem Sühnungswerk des Herrn Jesus für unsere Sünden zu finden. Keines Seiner Worte vor dem Kreuz lieferte den Schlüssel zu ihrem Verständnis. Selbst nicht der Anblick des Gekreuzigten öffnete das Herz der Jünger für die Wahrheit. Für Gott bedeutete das Blut Seines Kreuzes, daß der Frieden errungen war. Für die Seelen der Jünger bedeutete das Kreuz bis dahin nur bittere Qual und grausame Enttäuschung; denn Seine Worte über die Bedeu­tung Seines Todes waren bis dahin auf taube Ohren gestoßen. Sie hatten die Schrift noch nicht verstanden, daß Er also leiden mußte, da sonst kein Mensch, auch sie nicht, errettet werden konnte. Am Auferstehungstag sprachen die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus niedergeschlagen das aus, was sie alle bewegte, als sie zu Ihm sagten: »Wir aber hofften, daß er der sei, der Israel erlösen solle. « ‑ Eben hierzu hatte Er ja die wirksame und ewige Grundlage gelegt, wie uns Vers 21 zeigt. Aber was gab unser gesegneter Heiland zur Antwort? »0 ihr Unverständigen und trägen Herzens, zu glauben an alles, was die Propheten geredet haben! Mußte nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?« (V. 25 u. 26). Erst kurz vorher hatte Er ihnen gesagt: »Zuvor aber muß er vieles leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht« (Luk. 17, 25).

 

Betrachten wir eine dieser Schriftstellen eingehender im Licht des auferstandenen Herrn und nach dem Zeugnis, das der Heilige Geist gegeben hat. Was bedeutete jener Schrei, der nicht von den beiden Räubern zu Seiner Seite, sondern von dem verworfenen Messias in ihrer Mitte kam? »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Er deutete auf die größte Bitterkeit dieses beispiellosen Leidens hin, daß der gerechte Knecht, der geliebte Sohn, von Seinem Gott verlassen wurde, als Er, von Seinem Volk verabscheut, von den Heiden verspottet und von Seinen Jüngern verlassen, dort hing. Das Licht des Angesichts Seines Vaters hatte Ihn bei jedem Schritt Seines ganzen Erdenwandels mit all seinen Versuchungen und Schmerzen ununterbrochen erfreut. Warum war es jetzt vor Ihm verborgen, als Er es zum Trost und zur Stärkung am meisten benötigte? Doch Er wußte alles; aber die Antwort sollten jene im Glauben geben, die einst tot, jetzt bekennen konnten, daß sie nichts als Sünden hatten, und zwar durch die Gnade Dessen, der sie an Seinem Leibe auf dem Holze trug. 0 wie groß war unsere Schuld! Doch größer noch war Dessen Liebe, der Seinen Sohn herabsandte nicht nur als das Leben für die Toten, sondern auch als die Sühnung für unsere Sünden, wie hoch der Preis auch sein mochte. Und der Preis, der bezahlt werden mußte, war unermeßlich hoch. Schmach, Verachtung, Spottgelächter und Hohn von hohen und niedrigen, religiösen und weltlichen Menschen, von Soldaten, ja selbst von den gekreuzig­ten Verbrechern, verletzten Seine Seele. Viele Farren hatten Ihn umgeben, mächtige Stiere von Basan Ihn umringt; Hunde und eine Rotte von Übeltätern hatten Ihn umzingelt. Wie fühlte Er die körperlichen Leiden aufgrund Seiner persönlichen Vollkommen­heit um so stärker, als Er wie Wasser hingeschüttet war und alle Seine Gebeine sich zertrennt hatten. Sein Herz war wie Wachs zerschmolzen, Seine Kraft vertrocknet wie ein Scherben, Seine Zunge klebte an Seinem Gaumen. Aber was war das alles im Vergleich dazu, daß Er von Seinem Gott verlassen wurde, wie Er es Selbst empfand und auch zum Ausdruck brachte?

 

Viele Gläubige des Alten Testaments hatten von Heiden, ja, auch von Juden, körperliche Qualen größten Ausmaßes erduldet und hatten sie geduldig und freudig ertragen. Noch weit größere Scharen Seiner Jünger haben seither von seiten der zu Unrecht »katholisch« genannten Kirche noch schlimmere höllische Tortu­ren erlitten, besonders durch ihr Kind, die abscheuliche Inquisi­tion. Aber auch sie triumphierten in Seinem Namen über diese schrecklichsten irdischen Verfolger. Doch Christus mußte beken­nen, von Seinem Gott verlassen zu sein; Er bekannte es vor Seinem Gott in Seinen Seelenqualen am Kreuz als Sein tiefstes Leid, so daß auch Seine Feinde es hören konnten. Sie verstanden es ebensowenig wie Seine Freunde, bis der auferstandene Herr alles ins rechte Licht rückte und die Wahrheit als Kraft des Friedens durch den Heiligen Geist in ihr Bewußtsein drang und allen bezeugt werden konnte. Doch der demütige Herr ging noch weiter. Selbst in den Augenblicken, als Er die Schrecknisse des Verlassenseins von Gott in Seiner heiligen und liebeerfüllten Seele empfand, rechtfertigte Er Den völlig, der Ihn über alles menschliche Verstehen hinaus zerschlug und zermalmte: »Doch .du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels. « Ja, noch mehr, Er erkannte an, daß Sein Verlassensein von Gott eine einmalige Ausnahme bildete: »Auf dich vertrauten unsere Väter; sie vertrauten, und du errettest sie. Zu dir schrien sie und wurden errettet; sie vertrauten auf dich und wurden nicht beschämt. Ich aber bin ein Wurm und kein Mann, der Menschen Hohn und der vom Volke Verachtete. « Doch das alles mußte geschehen, wenn Er die Sühnung für unsere Sünden werden sollte. Denn wir, die Schuldigen, konnten gerechterweise nicht gerettet werden, wenn Gott nicht den Sündlosen für uns zur Sünde machte, auf daß wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm. Das, und nur das allein, ist die wahre Antwort auf Seine Frage »Warum?«, die einzige und vollständige Lösung dieses Rätsels. Für alle Ungläubigen aber bleibt diese Tatsache immer noch unerforschlich, besonders für Israel. Doch wenn die Decke, die noch auf ihren Herzen liegt, hinweggenommen wird, dann wird gerade das Leiden des Messias der Anlaß zu ihrem ewigen Lobgesang sein. Das enthüllt auch die zweite Hälfte dieses 22. Psalms in aller Klarheit und Gewißheit. Sie beginnt mit der kleinen Herde der Christen, ehe das Licht des Himmels über der »großen Versammlung« aufgeht (V. 25) und allen Enden der Erde den rechten Weg zeigt, damit sie eingedenk werden und zu Jehova umkehren, und alle Geschlechter der Nationen vor Ihm niederfallen. Das wird nicht im Zeitalter der Kirche oder des Christentums stattfinden, sondern in den Tagen Seines Königreiches, wenn Er inmitten der Nationen herrschen wird, was heute ja noch keineswegs der Fall ist.

 

Es ist äußerst wichtig und notwendig, die Wahrheit festzuhal­ten, daß Christus wegen der Sühnung der Sünden von Gott verlassen wurde. Nur so kann die Grundlage der Gnade Gottes und unseres Friedens mit wahrem geistlichem Verständnis ergrif­fen und festgehalten werden. Nur dann können wir, wenn auch in großer Schwachheit, die unergründlichen Leiden richtig einschät­zen, die der Mann der Schmerzen für Gott und für uns erduldete, um Ihn zu verherrlichen und die Glaubenden zu erretten. In diesem Punkt sind die Theologen, auch die wahrhaft gottesfürchti­gen, oberflächlich und mangelhaft in ihrer Beurteilung. Das erweist sich als ein entsprechender Verlust für ihre eigenen Seelen sowohl als auch für alle, die sich ihrer Führung anvertrauen. Man braucht da nicht nur an die griechische oder die römische Kirche zu denken, wo diesbezüglich äußerste geistliche Armut herrscht. Aber sehen wir uns einmal die ausgeprägtesten Vertreter der evangelischen Richtung, die Anglikaner, Lutheraner oder Refor­mierten an. Oder nehmen wir die Nonkonformisten, die sich rühmen, in ihrem Denken frei von Tradition und Vorurteil zu sein. Von diesen könnte man sich keinen passenderen Vertreter denken als den genialen Matthew Henry, den frommen Sohn eines frommen Vaters, der 1662 durch die sog. »Uniformitätsakte« zum Austritt gezwungen wurde. Doch selbst dieser Angesehenste unter den englischen Kommentatoren (Schriftauslegern) erweist sich, wie alle anderen, als völlig unfähig, den Kerngedanken zu erfassen, weshalb der Herr Jesus am Kreuz von Gott verlassen wurde. Er sagt nämlich zu Psalm 22, 1 u. 2: »Es ist eine traurige Klage darüber, daß Gott Sich abgewandt hat. Man kann sie auf David oder auch auf jedes andere Gotteskind anwenden, das unter der Last Seines Mißfallens seufzt und die Zeichen Seiner Gunst vermißt ... « Natürlich glaubte auch Henry daran, daß diese Schriftstelle auf den gekreuzigten Christus anzuwenden sei, sonst könnte er ja nicht als ein Gläubiger betrachtet werden. Aber selbst da, wo er das tut, geschieht es in oberflächlicher Weise, wie es stets der Fall sein wird, wenn diese Stelle nicht ausschließlich auf Christus angewandt wird. Der 22. Psalm spricht durchgehend nur von Ihm allein als dem großen Gegenstand und zeigt in den Eingangsversen Sein Verlassensein ausschließlich als Folge Seiner Sühnung für alle Heiligen, die vor oder nach dem Kreuz gelebt haben bzw. leben. Keiner von ihnen hat je Sein Verlassensein von Gott geteilt; das konnte nur Er allein ertragen, obwohl es für Ihn, den Heiligen Gottes, unermeßlich mehr bedeutete als für alle Heiligen, die je gelebt haben. Ausdrücklich verneinte der Herr vor Seinem Gott (V. 4 u. 5), dies im Blick auf alle, die vor Ihm gelebt hatten. Dasselbe sagt auch der Heilige Geist im Neuen Testament in bezug auf jeden Christen. Christus wurde von Gott um unserer Sünden willen verlassen, auf daß wir und alle an Ihn Glaubenden niemals von Ihm verlassen würden. Daher ist es vollkommen falsch, diese Stelle auf »David oder irgendein ande­res Gotteskind« anzuwenden. Wer so etwas tut, entkräftet, ohne es zu merken, in ernster Weise das Evangelium. Selbst wenn die Sünde eines Gläubigen die schärfste Züchtigung erfordert, so handelt Gott stets mit ihm als Vater. Er züchtigt die, die Er liebt und geißelt jeden Sohn, den Er aufnimmt; denn wir alle straucheln in vielen Dingen. Er hat aber verheißen: »Ich will dich nicht versäumen, noch dich verlassen.« Das ist die absolute Wahrheit über Seine Gnade; und da sie sich auf unsere irdischen Schwierig­keiten bezieht, wieviel mehr dann auf alles, was für unsere Beziehungen zum Vater aufgrund des Sühnungswerkes Christi erforderlich ist!

 

Bei der vorbildlichen Belehrung des Versöhnungstages möchte ich mich hier auf den schönen Unterschied zwischen den beiden Böcken beschränken. Beide zusammen weisen im Vorbild auf das eine Sühnopfer für die Kinder Israel hin. Das eine Los war für Jehova, das andere für Asasel (den Bock, der fortgeschickt wurde) bestimmt. Der erste Bock wurde geschlachtet und sein Blut innerhalb des Vorhangs gebracht. Auf den zweiten Bock, der die Ergänzung zum ersten darstellt, bekannte der Hohepriester alle Ungerechtigkeiten des Volkes Israel und alle ihre Übertretun­gen nach ihren Sünden und legte sie bildlich auf seinen Kopf. Dann sandte er den Bock durch einen bereitstehenden Mann fort in ein ödes Land, in die Wüste, damit er nie mehr gesehen würde. Diese Handlung zeugt davon, wie Christus unsere Sünden stell­vertretend in ein Land des Vergessens hinwegtrug, während der geschlachtete Bock von der Sühnung für die Sünden spricht, die vor Jehova gerichtet wurden zur Rechtfertigung Seiner Natur, Seiner Majestät und Seines Wortes, die durch das Böse verunehrt worden waren. Zusammengenommen bildeten die beiden Hand­lungen das Versöhnungswerk Christi vor. Sie wiesen darauf hin, daß Gott den Retter, Seinen eigenen Sohn, nicht schonte, um schuldige Sünder wie uns begnadigen zu können. In dem Opfer, das Christus unseretwegen vor Gott darbrachte, um uns in Ewig­keit als Gerettete sicherzustellen, sehen wir die Liebe Gottes ' sowohl des Vaters wie des Sohnes, in vollkommener Weise geoffenbart.

 

Über Jesaja 52, 13 bis Kapitel 53 brauche ich nur wenig zu sagen. Dieser Abschnitt spricht sehr deutlich über den Messias, der erhöht und sehr hoch sein würde, der Sich aber zunächst für Sein sündiges Volk zum Opfer darbringen mußte, damit sie an den Segnungen und der Herrlichkeit teilnehmen könnten, die Er durch Seine Gnade für sie erwerben würde. Wir nehmen an den Leiden teil, die Er in Seinem Leben hier erduldete; manche werden auch Seiner Leiden als Märtyrer teilhaftig. Aber an Seinen sühnenden Leiden und Seinem stellvertretenden Tod kann kein Geschöpf teilhaben. Er steht hierin völlig allein da. Und nur diese Leiden wurden in 3. Mose 16 im Vorbild dargestellt. Nur sie erforderten Sein Verlassensein von Gott, das wir am Anfang von Psalm 22 finden. Er allein erduldete das Gericht Gottes über die Sünde und über unsere Sünden; nichts anderes als dieses Gericht hatte zur Folge, daß Gott Ihn verlassen mußte. Wir mögen wegen unserer Verfehlungen strenge Züchtigungen erdulden müssen, aber stets handelt Gott in Liebe mit uns. Er aber, nur Er allein, litt als Sündopfer für uns. Was bedeutet es, daß Er um unserer Übertretungen willen verwundet und unserer Ungerechtigkeiten wegen zerschlagen wurde, daß die Strafe zu unserem Frieden auf Ihm lag? Was bedeutet es, daß Jehova alle unsere Ungerechtigkei­ten auf Ihn legte? »Wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn (nicht Israel, wie die Juden sagen) Strafe getroffen.« Und noch deutlicher sagt es der Prophet: »Doch Jehova gefiel es, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen. Wenn seine Seele das Schuld­opfer gestellt haben wird ... « Was bedeutet das anderes als Sein Sühnungswerk? Weiter heißt es: »Ihre Missetaten wird er auf sich laden«, und »Er hat die Sünde vieler getragen«. Nur blinder, eigenwilliger Unglaube kann das ablehnen, was Gott so klar ausdrückt, wie Worte es nur deutlich machen können. »Hierin ist die Liebe: nicht, daß wir Gott geliebt haben ... « Gott zu lieben war eine Forderung des Gesetzes Gottes, der aber ebensowenig entsprochen wurde wie der Forderung nach Liebe zum Nächsten. Der Mensch betrügt sich leicht selber bei der Einschätzung seiner Liebe. Wie viele Juden versuchten, andere glauben zu machen, daß sie sowohl Gott als auch die Menschen liebten. Doch ihr Tun blieb kläglich hinter dem göttlichen Maßstab zurück, wie der Herr Jesus ihnen bewies, als Er hienieden war. Ehe das Herz durch das Erlösungswerk Christi freigemacht ist und Frieden mit Gott besitzt, vermag die Liebe unmöglich die Schranken und Hinder­nisse des Todes zu durchbrechen. Selbst Gläubige, die sich unter das Gesetz stellen, gleichen dem mit seinen Grabtüchern gebun­denen Lazarus, der zwar auferweckt war, aber gelöst werden mußte, um wandeln zu können. Wie läßt sich das Herz gewinnen? »Hierin ist die Liebe: nicht, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß e r uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden. « Je stärker das Gewissen die Forderungen des Gesetzes empfindet, um so unglücklicher ist es. Diejenigen See­len, die diesbezüglich geübt sind, werden nicht leichtfertig vor Gott wandeln. Sie empfinden ihr Zukurzkommen und sind schmerzlich gebeugt über ihren Zustand. Sie fürchten, daß Gott ihnen gegenüber in der gleichen Ungewißheit ist, wie sie selber sie notwendigerweise Ihm gegenüber hegen. Daß Er den Gottlosen aufgrund des Sühnopfers Christi rechtfertigt, ist jedoch der unumstößliche Beweis Seiner Liebe zu uns, und Er liebte uns, als wir noch Sünder waren.

 

Wie wir gesehen haben, muß der Besitz des Lebens dem Genuß des Friedens vorausgehen. Die Seele kann aus dem Sündenschlaf durch manche Schriftstelle, vielleicht durch die ernsten Aussprü­che Gottes über die Sünde und den Sünder, aufgeweckt werden. Das finden wir z. B. in dem Gleichnis über den verlorenen Sohn, das sich den beiden Gleichnissen vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme anschließt. In dem zweiten Gleichnis stellt der Herr den Verlorenen in seinem toten Zustand dar; in dem vorhergehenden als ein Schaf, das sich eigenwillig von der Herde entfernt hat. Der Mensch kann ein böses Leben führen und sich wissentlich von Gott entfernen; es gibt ein anderes Leben, dem gegenüber er geistlich tot ist. Diese beiden Gesichtspunkte des geistlichen Todes werden in den ersten Gleichnissen gezeigt. Das törichte Schaf, das unachtsam davonläuft und sich damit allem Unheil aussetzt, zeigte den Menschen in seiner eigenwilligen Abkehr von Gott. Die verlorene Münze zeigt den in Sünden toten Menschen. Der Hirte nimmt alle Mühsal auf Sich bei der Suche nach dem Verlorenen. Das Licht der Wirksamkeit des Geistes leuchtet, bis das verlorene Geldstück gefunden ist. Aber das ist noch nicht alles. Es bedarf des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, um das Bild zu vervollständigen. In diesem wird ein zweifaches göttliches Werk sichtbar. Zunächst kommt der Verlorene »zu sich selbst«, d. h., er tut Buße. Er verurteilt sich selbst als Sünder. Er anerkennt, daß er gegen den Himmel und vor seinem Vater gesündigt hat, wie es die Worte des Gleichnisses ausdrücken. Er befindet sich damit auf dem rechten Weg, er sucht Gott. Vorher hatte er die Befriedigung seiner Lüste und Begierden gesucht. Jetzt, nachdem er zu sich selbst gekommen ist, »machte er sich auf und ging zu seinem Vater«. Doch besaß er noch keinen Frieden. Er befand sich innerlich noch unter den Forderungen des Gesetzes: »Mache mich zu einem deiner Tagelöhner!« Das ist genau die Sprache des Gesetzes; anstatt zur Freiheit zu führen, kann es den Menschen nur in Knechtschaft bringen. Nur das Evangelium kann bezeugen, daß alle Bande durch den Heiland zerbrochen worden sind und daß der Sklave sich jetzt in der Freiheit des Christus befindet. Beachte dieses in der Art, wie die Gnade dem verlore­nen Sohn begegnet: »Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn sehr. « Der Sohn war zweifellos sehr betrübt über Sich selbst und malte sich den Empfang aus, den der Vater ihm bereiten würde. Doch der Vater ist es, der dem Sohn entgegen­läuft, nicht umgekehrt. Es ist auch der Vater, der ihn umarmt, trotz seines bösen Wandels und seiner Lumpen. Welch einen traurigen Anblick bietet der Sohn in dem Zustand, in den ihn seine Torheit und seine Sünden gebracht haben! In dem Vater sehen Wir die alles überwindende Liebe. Er läßt den Sohn gar nicht so weit kommen zu sagen: »Mache mich zu einem deiner Tagelöhner!« Er läßt das beste Kleid für ihn herausbringen, einen Ring an seinen Finger stecken und seine Füße mit Sandalen bekleiden. Das gemästete Kalb wird geschlachtet und ein Fest gefeiert, wie es noch nie in jenem Hause stattgefunden hatte. Das alles geschah für einen Sohn, der tot, aber nun wieder lebendig war, der verloren gewesen, aber nun gefunden worden war.

 

Durch dieses Gleichnis lernen wir anschaulich das, was die Schrift auch als Tatsache lehrt: Die Güte Gottes, die zur Buße leitet, die vom bösen auf den rechten Weg führt und das Selbstge­richt in der Seele bewirkt, alles Kennzeichen des göttlichen Lebens. Der Sohn war von der Furcht und dem Gesetz erst befreit, als er in den Armen des Vaters lag und die durch Gnade geschenkte Sohnschaft voll empfand. Erst dann und auf diese Weise erhielt er die Gewißheit, daß alles geordnet war. Die Umarmung des Vaters gab ihm völlige Klarheit, und alle weiteren Handlungen des Vaters an ihm waren hiervon das Ergebnis. Genau verhält es sich mit dem Evangelium, aber viele machen bereits an der Schwelle halt. Sie haben zwar das Land verlassen, in dem nicht einmal den nötigsten Bedürfnissen entsprochen wurde, sind aber noch nicht in den Bereich eingetreten, wo der Vater und der Sohn alles reichlich darreichen. Das sehen wir auch in dem Gegenstand unserer Betrachtung. »Hierin ist die Liebe ... «, daß den Toten Leben gegeben und Sühnung für die Schuldigen bewirkt wird. Ist das nicht ein größerer Segen, als wenn man nie ein Sünder gewesen wäre? Adam im Paradiese genoß nichts derartiges. Er besaß kein Leben aus Christus. Dieses wurde im Paradies nicht geschenkt. Er mag es später aufgrund des Glaubens erlangt haben, wie auch die übrigen alttestamentlichen Heiligen. Doch während seines Aufenthaltes im Paradies besaß er es nicht. Es ist tatsächlich so, daß Gott das Beste gab, als der Mensch sich zum Schlimmsten entwickelt hatte. Seine Gabe war Christus, der nicht nur herniederkam, um uns Leben zu geben, sondern um als eine Sühnung für unsere Sünden zu sterben.

 

Wenn wir an die Herrlichkeit jenes Einen denken, der diesen Tod erduldete, an all Seine Leiden, besonders unter Gottes Gericht, an die Sünden und Missetaten, die Er stellvertretend auf Sich nahm, so stehen wir voll Bewunderung vor Ihm, der den Riß zwischen Gott und dem Sünder in so wunderbarer Weise über­brückte, wie niemand anderes es hätte tun können. Das finden wir hier ausgedrückt: »Nicht, daß w i r Gott geliebt haben«; wir hätten das versuchen können, hätten aber kläglich versagt. Das war das Gesetz. Hier aber finden wir das Evangelium: »... son­dern, daß e r uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.« Mit einem Werk, mit Seinem einmaligen Leiden hat Er alles vollbracht. »Christus hat e i n­m a 1 (das genügte) für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, auf daß er uns zu Gott führe« (l. Petr. 3, 18). Er war Mensch, aber zugleich Gott. Er war der Sohn, und Er ist der Auferstandene. Damit ist der glorreiche Beweis erbracht, daß Er den Sieg davongetragen hat. Tatsächlich konnte Er nicht versa­gen; wie konnte Gott etwas mißlingen? Und war Er nicht der eingeborene Sohn Gottes? Wenn wir der Schrift glauben, dürfen wir sie nicht anzweifeln. Furcht und Versagen kennzeichnen den gefallenen Menschen. Er ist ein Sünder und fürchtet daher das Gericht Gottes. Gott verlangt aber nicht, daß der Mensch sich selbst vertrauen sollte; Er gebietet ihm, an den Herrn Jesus Christus zu glauben. Er weiß nur zu gut, daß der Mensch Ihn nicht liebt. Aber Er fordert dich auf, an Seine Liebe zu glauben, die sich in Christus und in Seinem Tode als Sühnung für den Menschen offenbarte. Sage nicht, du wärest zu schlecht dafür. Zwar bist du so schlecht, wie du nur sein kannst, und viel schlechter, als du es selber glaubst. Aber sei so ehrlich, den Platz des Verlorenen einzunehmen, dann wird alles Gerede über deine Schlechtigkeit ein Ende finden. Denn allein für die Verlorenen kam und starb Er auf dieser Erde.

 

Der verlorene Sohn meinte, sich tief zu demütigen, als er sich vornahm, um den Platz eines Tagelöhners zu bitten. Doch in Wirklichkeit war er gar nicht in der Lage, den Platz eines Knechtes einzunehmen. Meinst du, man würde einen Menschen mit einer solchen Vergangenheit als Knecht oder Diener einstellen? Aber es geht tatsächlich gar nicht um unseren Charakter, denn die unumschränkte Gnade erhebt sich über alle Sünde und Ungerech­tigkeit. Die Seele muß den Platz einnehmen, nichts als ein Sünder zu sein und es Gott überlassen, ihr nichts als Seine Liebe zuzuwen­den ' Er gibt mir nicht nur das Leben, durch das ich empfinde, was Gott zukommt und was sich für Sein Kind geziemt, sondern auch die Sühnung, die die Frage aller meiner Sünden ordnet und sie austilgt. Aber beachte: alle Sünden oder gar keine! Wenn Vergebung der Sünden, dann aller Sünden! Das ist der im Evangelium aufgezeigte Weg, wie Gott die Sündenfrage ordnet. Jeder Gläubige ist berufen, darin zu ruhen.

 

Liebe Brüder, seid ihr auf diese Weise in Christus zur Ruhe gekommen? Oder sagt noch einer von euch, der an Jesus, den Sohn Gottes, den Eingeborenen, glaubt: »Mache mich zu einem deiner Tagelöhner«? Er kam als Mensch, aber brachte uns ewiges Leben. Gerade durch diese Gabe des Lebens werden uns unsere Sünden bewußt, und wir können glauben, daß Er die Sühnung ist für unsere Sünden. Im jüdischen System wurden fortwährend Opfer, insbesondere immer wieder Sündopfer dargebracht. Jetzt aber, da der Sohn Sich Selbst zum Opfer dargebracht hat, wird die Vergebung der Sünden angeboten, es ist kein Opfer für Sünden mehr nötig (Hebr. 10, 18). »Denn durch e i n Opfer hat er auf immerdar (oder: >ununterbrochen<, ein noch stärkerer Ausdruck) vollkommen gemacht, die geheiligt werden. « Als »geheiligt« sind die zu verstehen, die durch das Blut Christi, nicht durch das Gesetz, für Gott abgesondert sind.

 

Geliebte Brüder, ist das auch euer Glaube? Der Herr schenke, daß dies der Fall ist und daß ihr euch der Liebe Gottes erfreut, die Er durch das Herniedersenden Seines Sohnes kundgetan hat, wie sie der Apostel Johannes hier in dem zweifachen Zweck Seines Kommens vor uns stellt (vgl. V. 9 u. 10). Könnte irgend etwas anderes den wahren Charakter der Liebe Gottes vollkommener zur Darstellung bringen und zugleich die Tatsache, daß sie nicht das Geringste mit unseren eigenen Anstrengungen zu tun hat? Sie ist völlig aus Gott entsprungen. Sind wir aber aus Gott geboren, so haben wir auch an Seiner Natur Anteil. Sind wir Teilhaber Seiner göttlichen Natur, so hat Er auch Vorsorge getroffen, alles hinweg­zuräumen, was der richtigen Entfaltung dieser Natur im Wege steht. Es ist eine Tatsache, daß unser alter Mensch noch vorhan­den ist, doch wissen wir ihn mit Christus gekreuzigt, auf daß der Leib der Sünde abgetan sei und wir der Sünde nicht mehr dienen.

 

Wendet sich unser Blick jedoch von Christus ab, dann stellt sich unsere alte Natur mit Sicherheit wieder hindernd in den Weg. Wir müssen daher Klarheit darüber besitzen, in welcher Weise Gott mit unseren Sünden und mit ihrer Wurzel, der Sünde, gehandelt hat. Es mag auch ein Hindernis dadurch entstehen, daß wir nicht in Übereinstimmung mit Ihm vorangehen, so daß Seine Liebe in uns nicht Seinem Wesen gemäß zu denen ausströmen kann, die wir nach Seinen Gedanken lieben sollten. Seine Liebe bewirkt in uns die Liebe zu allen, die Sein sind, zu allen Seinen Kindern. Die Voraussetzung dazu ist uns durch unseren Glauben, durch das neue Leben und durch den innewohnenden Geist gegeben. Es geht nicht darum, ob wir diese Eigenschaft oder jenes Verhalten unserer Geschwister schätzen usw. Gott rechnet damit, daß wir sie angesichts aller Schwierigkeiten mit der Liebe lieben, die aus Gott ist. Dazu stellt Er uns die beiden gewaltigen Offenbarungen göttlicher Liebe vor Augen, denen wir unsere neue Beziehung zu Ihm und die Tilgung unserer Sünden verdanken. Dadurch versetzt Er uns in den Stand, einander als Glieder der Familie Gottes zu lieben.

 

Das ist keineswegs alles, doch wollen wir an dieser Stelle das Kapitel abschließen. So der Herr will, werden wir später sehen, daß Er uns noch mehr zu sagen hat, und zwar Mitteilungen von überragender Bedeutung als Krönung Seiner Liebe. Wir halben gesehen, daß die Liebe in der Person des Sohnes aus den himmlischen Höhen herniederkam und für uns in unergründliche Tiefen hinabstieg. Nun werden wir sehen, wie sie uns zu jenen Höhen hinaufträgt. Ich möchte abschließend das kleine Lied eines berühmten Agnostikers*) zitieren, der sich vor seinem Tode zu Gott bekehrte. Wie schade, daß er niemand kannte, der ihm aus dem Wort die Versicherung der in Christus geoffenbarten Liebe Gottes geben und dadurch alle seine Zweifel zerstreuen konnte! Dieser Mann, J. G. R., bedurfte mehr des Trostes aus Lukas 15 als der Worte aus Psalm 27.

*)Agnostizismus ist die Lehre, daß man über Gott und ein absolutes Sein nichts wissen könne und die Frage nach Gottes Dasein daher unentschieden lassen müsse.

 

Ich bitte nicht um Deine Liebe, Herr.

Nie können Schmerzen sühnen, was ich tat.

Ach, wenn Du mir nur Dein Erbarmen zeigst,

dem heimgesuchten Schaf, das sich verirrt;

des' Klage über unvergess'ne Wege

niemals verstummt. 0 sende mich zurück

zu jenen Weiden, die ich einst gekannt;

wenn nicht, laß in der Wüste mich allein,

und töte mich mit der barmherz'gen Hand.

 

Ich bitte nicht um Deine Liebe Dich,

noch darum, Herr, daß Du mich hoffen lässest,

jemals an Deiner teuren Brust zu ruhn.

Doch bleibe Du mein Hirt, dessen Erbarmen

das Herze labt, und der Sein Schäflein ruft,

damit ich höre Deiner Füße Schritte,

und fühle die Berührung Deiner Hand,

mit mattem Auge noch Dein Antlitz sehe,

eh' ich vom Leben hin zum Tode gehe.

 

Geliebte, wenn Gott uns also geliebt hat, so sind auch wir schuldig, einander zu lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns. Hieran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er uns von seinem Geiste gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt.

Wer irgend bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, in ihm bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe ' und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

 

1. Johannes 4, 11‑16

 

Wie wir bereits sahen, bringt der Apostel in den betrachteten Versen 9 und 10 die Offenbarung der Liebe Gottes in Christus in Erinnerung, um den wahren Charakter dieser Liebe, zu der wir berufen sind, darzustellen. Die Liebe Gottes äußert sich in zweifacher Weise. Zunächst gab Er uns Leben, als wir geistlich tot waren. Als wir Leben empfangen hatten und die Last und Verwerflichkeit unserer Sünden empfanden, wie wir sie nie zuvor empfunden hatten, da lernten wir das Sühnungswerk schätzen, das Seine Liebe vollbracht hat, um alle unsere Sünden hinwegzu­tun. Das ist die Reihenfolge, in der Gott an der Seele handelt. Wir ersehen daraus, wie wichtig der Empfang des neuen Lebens für uns ist; denn ohne dieses Leben können wir die Dinge Gottes weder vernehmen noch recht darauf eingehen. Die Seele ist dann immer noch in einem toten Zustand, und die Vorstellung, daß der Heilige Geist sich bei einem solchen Zustand der Seele dort lebendig betätigen kann, wo es kein Leben gibt, ist einfach unhaltbar. Er kann nur da in Übereinstimmung mit dem Leben wirken, wo dieses vorhanden ist.

 

Christus ist ohne Zweifel das Leben des Gläubigen, und durch den Glauben wird das alte Ich als vor Gott nicht mehr vorhanden betrachtet. Es existiert zwar noch, doch besitzt es durch die Gnade Christi keinerlei Rechte mehr. Als Gläubige verleugnen wir es in Seinem Namen und erkennen an, daß es völlig wertlos ist. Wir sagen uns völlig von ihm los, da wir es jetzt so sehen, wie Gott es schon immer gesehen hat, nämlich als durch und durch böse.

 

Diese Erkenntnis ist ganz unabhängig davon, wie andere Men­schen uns einschätzen. Jemand mag als ein genialer Mensch gelten und über große Fähigkeiten verfügen. Doch sein altes Ich ist völlig losgelöst von Gott und auch völlig gegen Gott eingestellt, so daß es niemals in Seiner Gegenwart bestehen könnte. Wie könnte der alte Mensch somit durch den Heiligen Geist jemals gebraucht und für Gott geheiligt werden? Die Schrift redet daher auch nicht von einer Heiligung des verderbten alten Lebens, sondern von der Kreuzigung des alten Menschen mit Christus. Sie zeigt uns, daß Gott in Christus, dem Sündopfer, die Sünde im Fleische verur­teilte, auf daß der Leib der Sünde abgetan sei und wir der Sünde nicht mehr dienen. Nicht mehr lebt das sündige Ich, sondern »Christus lebt in mir« (Röm. 6, 6; Gal. 2, 20).

 

Es ist somit ein neues Leben vorhanden, an das der Heilige Geist aufgrund des Erlösungswerkes anknüpfen kann. Da ohne neues Leben nur der alte Mensch vorhanden ist, ist die Notwen­digkeit des neuen Lebens in Christus klar erwiesen. Selbstver­ständlich besaßen alle Heiligen des Alten Testaments, wie auch jeder Gläubige unserer Zeit, das Leben. Und welcher Gläubige wüßte von einem anderen Leben, das der sündige Mensch benö­tigt, als nur das Leben Christi? Wie die Unverweslichkeit des Leibes wird auch das Leben im Evangelium bald ans Licht gebracht, obwohl es bereits vor der Zeit des Evangeliums in allen Gläubigen wirksam war. Ohne dieses Leben hätten sie gar keine Heiligen sein können. Wie unterschiedlich dieses Leben sich auch nach außen hin auswirkte, in denjenigen, die dem Herrn nachfolg­ten, nachdem Er Mensch geworden war, konnte es sich jedenfalls besser offenbaren. Damals wurde so deutlich gemacht wie nie zuvor, was das neue Leben ist und wer diejenigen sind, denen Er aufgrund des Glaubens das Leben zuteilt. Es war für die Men­schen, nicht für die Engel. »Das Leben war das Licht der Men­schen«; soweit die Schrift es uns sehen läßt, wurde es nur diesen zugeteilt. Die auserwählten Engel sind niemals gefallen; da sie vor Sünde bewahrt blieben, benötigten sie kein neues Leben. Für die gefallenen Engel dagegen ist weder Buße noch Gnade möglich. Die Engel haben ein Leben, wie es nun auch gestaltet sein mag, über das uns nichts weiter mitgeteilt wird. Es ist auch nicht unsere Sache, das ergründen zu wollen. Was haben wir mit solchen Fragen zu tun? (Vgl. Kol. 2, 18.) Es ist stets ein vergebliches Bemühen, wenn der Mensch sich mit den Engeln beschäftigen will. Ich kannte einen Christen, der sich so eingehend mit den Engeln beschäftigte, daß er sich einbildete, Visionen sowohl von guten wie auch von bösen Engeln zu haben, die Nacht für Nacht auf ihn blickten; er meinte sogar, ihre Namen zu kennen. Es waren jedoch reine Einbildungen und Gefühle, obwohl es sich um einen wahren Gläubigen handelte. Es gibt wohl kaum eine größere Torheit, als sich auf derartige Spekulationen über die unsichtbare Welt einzulassen.

 

Hier aber haben wir es mit der gesegneten Realität der innigen Anteilnahme Gottes und Seiner tätigen Liebe gegenüber dem Menschen zu tun. Zunächst zeigte sich Seine Liebe in ihrem souveränen Charakter darin, daß sie uns Leben mitteilte, als wir tot waren. Als wir das Leben besaßen, befreite sie uns von all unserer Schuld. Denn derselbe Herr Jesus, der uns das Leben brachte, wurde auch die Sühnung für unsere Sünden. Als wir dieses heilige Leben besaßen, wurde die Sünde zu einer unerträg­lichen Last für uns. Doch Sein einmal vergossenes Blut hat die Sühnung vollbracht. Wir werden nun aufgefordert, die Gnade Gottes im Glauben anzunehmen und uns der herrlichen Wahrheit, die uns dies alles kundtut, zu erfreuen.

 

Doch das ist noch nicht alles; Schritt für Schritt kommt der Apostel auf das zu sprechen, was noch verbleibt. Er begann damit im letzten Vers von Kapitel 3: » Und wer seine Gebote hält, bleibt in ihm, und er in ihm. « Wer solchen Segen empfängt, ist gehorsam. Und wer allein kann gehorsam sein? Nur der wahre Christ. Das gilt aber nicht nur für einige, sondern für alle wahrhaft Glauben­den. Sie gehorchen Gott, weil sie Seiner Natur teilhaftig sind, des Lebens, das Christus ist und das er ihnen mitgeteilt hat. In diesem Vers 24 gibt der Apostel keine weitergehenden Erklärungen hierüber ab; er kommt später an geeigneter Stelle wieder darauf zu sprechen. Er fügt lediglich im letzten Teil des Verses eine kurze aber wichtige Andeutung hinzu: » Und hieran erkennen wir, daß er in uns bleibt, durch den Geist, den er uns gegeben hat. «Man empfindet, daß der Ausdruck »bleiben« hier mehr am Platze ist als »wohnen«. Dadurch wird jeder Zweifel ausgeschlossen, und zugleich ist das die richtige Übersetzung. Es gibt noch ein anderes Wort für »wohnen« (oikei), von dem sich dieses Wort (menei) unterscheidet. Gott »bleibt« in uns, das ist die klare und richtige Wiedergabe. Es handelt sich nicht um eine vorübergehende Handlung oder einen kurzfristigen Besuch. In dem Wort »blei­ben« haben wir eins der charakteristischen Wörter der christlichen Lehre, das die ewige Fortdauer zum Ausdruck bringt. Das Volk Israel wußte etwas von dem, was sehr gut war, aber nur für eine Zeit Bestand hatte. Es wurde ihnen später wieder genommen oder, wie den Hebräern geschrieben wurde: »Was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe. « So geschah es mit den jüdischen Verordnungen und Bräuchen; sie mußten dem, was in sich selbst und in den Seelen der Gläubigen Bestand haben sollte dem Christentum, Platz machen. Jede christliche Segnung hat den Charakter der Beständigkeit, mit Ausnahme derer, die an Bedin­gungen geknüpft sind und die es ebenfalls gibt. Doch das Neue trägt den Stempel der Ewigkeit an sich, besonders das Leben, das wir in Christus besitzen. Daher wird es auch mit diesem auffallen­den Ausdruck »bleiben« gekennzeichnet und wir sollten darüber hoch erfreut sein. Das war auch unser Empfinden, als wir gemein­sam mit vielen gleichgesinnten, dieses Leben freimütig verkünde­ten und dafür lobpriesen; zu unserem Schmerz hüllen viele sich heute bezüglich des »ewigen Lebens« in Schweigen. Es gibt aber noch mehr als das ewige Leben, obwohl das Wesen unserer Segnungen durch das Leben in Christus gekennzeichnet ist. Christus hat es selbst während Seines Erdenlebens fortwährend in jeder Seiner Handlungen zum Ausdruck gebracht. Es war Seine Abhängigkeit von Gott, die sich in Seinem unfehlbaren Gehorsam kundtat. Wenn Er uns auffordert, Seinem Gehorsam nachzuei­fern und Gebote für uns aufstellt, so haben diese nichts mit den Zehn Geboten zu tun. Das Gesetz war eine Forderung an das Fleisch; es stellte Leben hier auf Erden in Aussicht, das aber von keinem erworben wurde. Es sagte: »Tue dieses, und du wirst leben!« Die Gebote Christi dagegen sind wegweisende Vorschrif­ten für diejenigen, denen das neue Leben durch Gnade aufgrund des Glaubens bereits mitgeteilt ist. In Christus, der ihr Leben ist, besitzen sie schon jetzt die höchste aller Segnungen. Nichts ist gewisser, als daß Gott den Gläubigen Christus geschenkt und daß Christus Sich auch selber für sie hingegeben hat. Eine wunderbare und zugleich so einfache Wahrheit! Es ist das Wort der Wahrheit, das Evangelium unseres Heils. Doch die Wahrheit des Evange­liums geht den Menschen bald verloren, wenn sie anfangen, zu spekulieren, anstatt zu glauben.

 

Da nun dieses Leben ein Leben der Abhängigkeit von Gott ist, benötigen wir die Gegenwart und Macht Gottes, da auf unserem Wege gewaltige Gefahren und Schwierigkeiten zu überwinden sind. Wir brauchen in geistlicher Hinsicht außer den Fähigkeiten dieses Lebens auch Kraft. Fehlt diese, so können wir die Hinder­nisse nicht überwinden. Es stellt sich Trägheit bei uns ein, oder wir stützen uns auf fleischliche Energie. Wie gesegnet die Abhängig­keit auch ist, sie ersetzt aber nicht die Kraft. Die wahre Energie des Christen fließt aus dem Innewohnen des Geistes Gottes, nicht aus dem Leben im abstrakten Sinne, obwohl das Leben in Christus für unsere neue Stellung unbedingt erforderlich ist. Wir brauchen aber den Geist als Quelle der Kraft in uns. Als die Schöpfung ins Dasein gerufen wurde, trat auch der Heilige Geist in Tätigkeit. Als die Schöpfung dann in ein Chaos versank, brütete der Geist über dem Schauplatz des Durcheinanders und der Finsternis. Als dann Gott eine Wohnung inmitten Seines irdischen Volkes haben wollte, gestattete Er es Israel nicht, diese nach ihren eigenen Vorstellungen zu errichten. Alle Einzelheiten wurden von Ihm selber angeordnet. Außer Seinen Vorschriften gab Gott auch den Werkleuten, die mit der Ausführung betreut wurden, durch Seinen Geist die nötige Kraft und Weisheit. Nichts blieb menschli­chen Überlegungen überlassen, alles bewirkte der Geist Gottes durch Menschenhand.

 

Jetzt verfolgt der Geist Gottes ein unvergleichlich höheres Ziel. Es geht jetzt nicht mehr um eine irdische Stiftshütte oder ein prächtiges Tempelgebäude, obwohl wir wissen, daß beide damals durch göttliche Inspiration zustande kamen.

 

Der Geist Gottes läßt sich jetzt dazu herab, in den Gläubigen Wohnung zu machen. Er ist es, der jeden Glaubenden versiegelt auf den Tag der Erlösung. Die alttestamentlichen Heiligen besa­ßen dieses Vorrecht nicht. Obwohl sie Leben aus Gott hatten, scheinen sie wenig oder gar nichts darüber gewußt zu haben. Es gehört zu den Vorrechten des Christentums, daß wir heute sagen können: Wir wissen, daß Gott das geoffenbart hat, was ihnen noch verborgen war. »Was kein Auge gesehen ... und was in keines Menschen Herz gekommen ist«, offenbart Er jetzt durch Seinen Geist. Er ist für uns weniger der Geist der Weissagung, als der Geist der Gemeinschaft; sicherlich ist Er auch kein Geist knechti­scher Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnen­heit. Da wir gerade diese Eigenschaften brauchten, hat Gott sie uns auch gegeben. »Hieran erkennen wir, daß er in uns bleibt, durch den Geist, den er uns gegeben hat. «

 

Damit leitet der Apostel zu der erforderlichen Wahrheit über, die er im Zusammenhang mit der Aufforderung zur Liebe in Vers 7 noch nicht behandelt hatte. »Geliebte«, dieses Wort benützt er auch hier wieder als Anrede, ebenso wie vorher in Vers 1, wo Gott sie vor den falschen Propheten warnte, die durch böse Geister getrieben wurden. Er hatte den Heiligen in liebevoller Fürsorge vorgestellt, welch große Gefahr in der verführerischen Macht der bösen Geister bestand, die ihnen in dem Selbstvertrauen des ersten Menschen anstatt in dem Glauben des zweiten Adam gegenübertreten würden. Jesus allein ist der Sieger über Satan; der Gläubige kann ebenfalls siegen, aber nur durch Ihn, der ihn geliebt hat und für seine Sünden gestorben ist. Kein böser Geist bekennt den Herrn Jesus, nur der Heilige Geist bekennt Ihn als im Fleisch gekommen. Darin besteht die Sicherheit gegenüber den falschen Propheten, die den gefallenen Menschen mit aller Macht erhöhen und das fleischgewordene Wort herabsetzen wol­len. Doch der Apostel wiederholt die Bezeichnung »Geliebte«, wenn er die Gläubigen von Vers 7 an ermahnt, einander zu lieben; in beiden Fällen ist das Motiv, daß »die Liebe aus Gott ist«. Offensichtlich ist jeder, der liebt, aus Gott geboren und erkennt Gott; wie auch derjenige, der nicht liebt, Gott nicht erkannt hat, denn Gott ist Liebe. Hier in Vers 11, wo der Apostel das Thema weiter verfolgt, wiederholt er das Wort »Geliebte«.

 

»Geliebte, wenn Gott uns also geliebt hat, sind auch w i r schuldig, einander zu lieben. « Der Apostel sagt nie, daß wir Gott lieben sollen, denn er setzt stets voraus, daß wir Ihn lieben. Das wird auch bei jedem Gläubigen der Fall sein, der Gottes Liebe erkannt hat, die ihm in seinen Sünden und seiner Feindschaft entgegenkam. Im Evangelium lernten wir die unumschränkte Liebe zu uns in unserem sündigen und verlorenen Zustand kennen, die Christus, Gottes Sohn, für uns in den Tod gab. »Denn Christus ist, da wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben« (Röm. 5, 6). Die »bestimmte Zeit« war für die Liebe, derer wir so sehr bedurften und die so unermeßlich groß und Gottes und Seines Sohnes würdig ist, damals gekommen, als die Menschen, Juden sowohl wie Heiden, sich vereinigten, um den Retter zu kreuzigen. Sie hatten damit jede göttliche Gunsterweisung verscherzt, nur Seine grenzenlose Gnade konnte ihnen noch zugewandt werden. Die Juden rühmten sich des Gesetzes, obwohl sie es ständig übertraten, doch nie vorher in so schamloser Weise wie durch die Kreuzigung des Herrn. Die Römer rühmten sich ihrer eigenen Gesetze und der Beherrschung anderer Völker. Doch bei all ihrer vermeintlichen Überlegenheit und ihrem Stolz verurteilte ein Pilatus aus Furcht vor der boshaften Drohung des Volkes, er werde die Freundschaft des Kaisers verlieren, einen Unschuldigen zum Tode; denn er war von Jesu Unschuld über­zeugt. Juden und Heiden vereinigten sich in jener frevelhaften Ungerechtigkeit gegen Gott. Das war der Zeitpunkt und die Gelegenheit Gottes, Seine Liebe gegen uns darin zu erweisen, daß Er, als wir noch Sünder waren, Christus für uns sterben ließ. Wie töricht, sich einzubilden, Gott verlange von dem Sünder, durch gute und große Taten die Gunst Gottes zu erlangen! Das würde die Tatsache übergehen, daß es Gott war, der die einzige, beste und größte Tat vollbrachte, die nur Er vollbringen konnte, indem Er selbst das allgenugsame Opfer für den Glaubenden stellte. Wenn dieses Opfer im Glauben angenommen wird, wird selbst das stolzeste und finsterste Herz von Liebe erfüllt.

 

Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb der Gläubige Gott liebt. Mit der Annahme Christi hat er das ewige Leben empfan­gen, er ist aus Gott geboren und Sein Kind geworden. Er liebt Gott nun als seinen Vater. Schon in den irdischen, normalen Umständen liebt ein Kind seine Eltern, obwohl auf beiden Seiten viel Fehlen ist. Wieviel mehr treibt die neue Natur den Gläubigen dazu an, nicht nur seinen allgütigen und gnädigen Vater zu lieben, sondern auch alle, die das gleiche Leben und den gleichen Geist besitzen.

 

»Geliebte, wenn Gott uns also geliebt hat, so sind auch wir schuldig, einander zu lieben. « Man erkennt unschwer in der Schrift, daß bei allen an die Gläubigen gerichteten Ermahnungen der Besitz der göttlichen Gnade bereits vorausgesetzt wird. Gott forderte uns erst dann zum Lieben auf, als Er Selbst Seine Liebe zu uns in Christus unter Beweis gestellt und sie uns kundgemacht hatte. Wie diese Liebe dem zweifachen Bedürfnis des Sünders begegnete, ist bereits kurz zuvor anhand anderer Schriftstellen gezeigt worden. Wir fanden sie hier in kurzen, aber rührenden Worten in den Versen 9 und 10 unseres Kapitels angedeutet. Es ist keine Übertreibung, daß derjenige, der aus Gott geboren und durch Christi Blut erlöst ist, nicht anders kann, als Gott zu lieben . Das ist auch der klare und ausreichende Grund dafür, daß der Apostel uns nie ermahnt, Gott oder Christus zu lieben.

 

Der natürliche Mensch verhält sich darin völlig anders, wie es auch bei uns in unserem umgekehrten Zustand der Fall war. Diejenigen unter uns, die das Vorrecht besaßen, gläubige Eltern zu haben und von Kindheit an mit Gottes Wort und dem Gebet vertraut zu sein, hatten solange ein schlechtes Gewissen, bis ihre Herzen die Wahrheit aufnahmen. Wir fürchteten uns vor Gott, vernachlässigten aber eine so große Errettung. Wir zitterten bei dem Gedanken an Tod und Gericht, wenn solche Bilder unvermit­telt vor uns auftauchten. In diesem Zustand war es uns unmöglich, Den zu lieben, vor dessen ewigem Gericht unsere schuldbewußten Gewissen ab und zu mit Unruhe erfüllt wurden. Wir waren immer noch auf der Jagd nach Vergnügen, Aufstieg in dieser Welt, Reichtum und all den anderen nichtigen Dingen, die uns vor­schwebten. Wenn Liebe vorhanden war, so war es bestenfalls natürliche Liebe ohne irgendwelche Beziehung ‑des Herzens zu Gott. Eine derartige Liebe überstieg die Zuneigungen, die auch Hunde und Katzen zeigen, lediglich in dem gleichen Maße, wie ja auch die Stellung des Menschen diejenige der unvernünftigen Kreatur übersteigt. Doch die Liebe der neuen Natur ist übernatür­lichen Ursprungs. Sie hat ihr Wesen, ihre Beweggründe und ihre Quelle in Christus. Es ist falsch und gefährlich, natürliches Wohlwollen auf die Gnade zurückzuführen. Die christliche Liebe trägt dieselben Wesenszüge wie die Liebe Gottes, die Er uns entgegenbrachte, als in uns nichts Liebenswertes war. Wir lesen: »Denn einst waren auch w i r unverständig, ungehorsam, irre­gehend, dienten mancherlei Lüsten und Vergnügungen, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhaßt und einander hassend« (Tit. 3, 3). Das sagte der, dessen Gerechtigkeit, die nach dem Gesetz ist, tadellos war. Doch das Licht der Herrlichkeit Christi, das in sein Herz geleuchtet hatte, machte seine Verderbtheit offenbar. Seither achtete er die aufgezählten Dinge sowie alles, was zur Verherrlichung des Menschen dient, im Vergleich zur Person Christi als Dreck. Er scheute daher in seinem Bestreben, zur Auferstehung aus den Toten, d. h. zur Herrlichkeit Christi, zu gelangen, keine Leiden.

 

Der Apostel Johannes sagt uns: Wenn Gott uns so geliebt hat, dann sollen auch wir einander lieben. Denn wenn wir auch an demselben Leben in Christus und an derselben Sühnung für unsere Sünden teilhaben, so bereiten uns das Fleisch und die Welt doch Schwierigkeiten verschiedenster Art. Es ist nichts als Unglaube, wenn wir dann vor unserem Gott zurückschrecken und uns scheuen, unsere Herzen vor Ihm bezüglich der Torheiten und Verkehrtheiten, in die wir hineingeraten sind, auszuschütten. Er steht nach wie vor zu Seinem Verhältnis als Vater und zu uns als Seinen Kindern, während der Feind sich bemüht, uns Ihm zu entfremden. Die Kinder Gottes sind in Gefahr, durch das Fleisch in Schlingen hineinzugeraten. Sind sie nicht auf der Hut, so zeigt sich die Neigung, Fehler bei ihren Brüdern zu suchen und die eigenen Fehler zu verbergen oder zu beschönigen. Das zeugt aber keineswegs von gegenseitiger Liebe und noch viel weniger von der Liebe, mit der Christus uns geliebt hat. Er ist der Maßstab für den Christen, so wie das Gesetz der Maßstab für den Israeliten war, der seinen Nächsten lieben sollte wie sich selbst. Dieser Unter­schied sollte erkannt und empfunden werden. Israel war ein Volk nach dem Fleisch und stand unter Gesetz; wir sind im Geiste (Röm. 8, 9) und stehen unter Gnade (Röm. 6, 14), wenn der Geist Gottes wirklich in uns wohnt. Dann liebt man auch die Familie Gottes als Folge der Gnade, die von Gott zu uns strömt. Das Gesetz brachte nichts zur Vollkommenheit (Hebr. 7, 19). Es wurde auch nicht für Gerechte gegeben, sondern für Gesetzlose, Zügellose usw. bestimmt, um sie zu verurteilen und zu der einzigen Zuflucht für Sünder hinzuführen. In der abgeirrten Christenheit war es von jeher und ist es auch noch heute üblich, Gerechte unter das Gesetz zu stellen. Der Apostel erklärt diese Anwendung aber für ungesetzlich. Wir stehen ausdrücklich unter der Gnade, die uns trotz aller Hindernisse befähigt, einander zu lieben.

 

Wir können nicht anders, als Ihn zu lieben, der uns zuerst geliebt hat, als wir uns noch in Lumpen bei den Schweinen aufhielten. Diejenigen, die sich vielleicht über unsere Ausschwei­fung in Sünden und Torheiten gefreut hatten, erzeigten uns dann keinerlei Mitleid und waren nicht bereit, uns in unserer Not zu helfen. Das ist das Wesen dieser Welt; doch wie anders handelt der Vater! Als der verlorene Sohn seine bösen Wege und ihre schmerzlichen Folgen in etwa verurteilte, wandte sich sein Herz wieder dem zu, den er so lange verlassen und vergessen hatte: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner! Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn sehr« (Luk. 15, 18‑20). Das ist Gottes Liebe, dargestellt von Dem, der sie am besten kannte. Er entfaltete sie Selber gegenüber den Zöllnern und Sündern, die sich ungeachtet der murrenden Pharisäer und Schriftgelehrten um Ihn drängten, um die wunderbare Botschaft der Gnade zu hören. Der Vater gab sich nicht damit zufrieden, dem Sohn zu vergeben, noch gestattete er ihm, um einen Platz unter den Tagelöhnern zu bitten. Wir hören die Worte: »Bringet das beste Kleid her und ziehet es ihm an, und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße; und bringet das gemästete Kalb her und schlachtet es, und lasset uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. « Das ist die Gnade, im Gegensatz zum Gesetz; sie zeigt uns das Wesen Gottes als Vater in den kostbaren Worten Seines Sohnes. Wenn Er sich in solch gnädiger Weise zu dem verlassensten Sünder herabläßt, der zu Ihm umkehrt, wie traurig ist es dann, die Gnade, in der der Gläubige steht, in Frage zu stellen oder Seine erbarmende Liebe gegenüber einem irrenden Gläubigen, der ja Sein Kind ist, zu bezweifeln!

 

Doch wenn Er sich auch niemals verändert, so wird doch bei Seinen Kindern leider viel Unbeständigkeit gefunden. Daher war es durchaus richtig und notwendig, sie zu gegenseitiger Liebe aufzufordern, wie der Apostel das in Demut mit den Worten tut: »W i r sind schuldig, einander zu lieben. « Er stellt sich damit mit den übrigen auf den gleichen Boden, denen diese Pflicht auferlegt ist, deren Einhaltung gar nicht immer so einfach ist, wie manche annehmen mögen. Gottgemäße Liebe besteht nicht aus »brüderli­cher Zuneigung«, wie vortrefflich diese auch sein kann, wenn sie in Wahrheit ausgeübt wird. In 2. Petrus 1, 7 wird der Trennungs­strich gezogen und uns gezeigt, daß die Liebe tiefer geht und über der Bruderliebe steht. Wo die brüderliche Zuneigung bereit ist, die Hand zu reichen, wird die wahre Liebe dies vielleicht verwei­gern, da sie einen gefährlichen Fallstrick oder eine offenbare Sünde erblickt, welche die Zuneigung allein nicht im Licht Gottes erkannte. Göttliche Liebe betrachtet die Dinge von der göttlichen Seite, anstatt sich nur durch Gemütsbewegungen leiten zu lassen. Wir müssen sozusagen an der Quelle stehen, um selbst erfrischt zu sein und andere erfrischen zu können; mit einfältigem Auge müssen wir Täter der Liebe sein, die aus Gott ist. Nichts steht dem mehr entgegen als die menschliche Liebenswürdigkeit, die kein Gewissen erreicht und jedermanns Willen akzeptiert. Von Gott dagegen heißt es: » Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er geißelt aber jeden Sohn, den er aufnimmt. « Das muß sich auch in unserer Liebe zeigen, wenn sie mit Gottes Liebe übereinstimmen soll. Da die Liebe von Gott gewirkt ist, fühlt und handelt sie auch stets für Gott. Wenn Er uns so geliebt hat, so sind »auch w i r schuldig, einander zu lieben. « Er kannte alles Zukurzkommen und alle Rückfälle Seiner Kinder im voraus, ebenso wie Er unsere Sünden und Missetaten kannte und empfand, als wir noch Kinder des Zornes waren; und dennoch liebte Er uns so, daß Er Seinen Sohn für uns dahingab. Als Gegenstände solcher Liebe sollten wir sicherlich auch einander lieben.

 

Der Apostel Paulus schreibt den Gläubigen zu Ephesus: »Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch. « Es gibt nichts, was die Liebe in so starkem Maße hervorruft wie die Liebe selbst; und nichts schafft in uns eine so wirkungsvolle und fruchtbare Liebe wie die in Christus geoffenbarte Liebe Gottes, die Krönung Seiner Liebe. Das kön­nen wir bezeugen, nicht nur als Zuschauer wie die Engel, sondern als solche, die selber Gegenstände dieser Liebe sind in einem Maße, das selbst die Engel in Staunen versetzt. Denn wir befan­den uns ja in tiefem Verderben, mit schwerer Schuld beladen, in ohnmächtigem Streben nach dem, was wir nicht erlangen konn­ten. Doch Christus, Sein geliebter Sohn, erniedrigte sich unter unseren Sünden in Gottes Gericht am Kreuz. Er ist dann aufer­standen und in himmlischer Herrlichkeit über alles erhöht wor­den, so daß Engel und Fürstentümer und Gewalten Ihm unterwor­fen sind. Auch wir sind nun mit Ihm durch den Heiligen Geist vereinigt und ein Geist mit Ihm.

 

Der zwölfte Vers ist aller Beachtung wert; er erinnert uns an Johannes 1, 18: »Niemand hat Gott jemals gesehen. « Wie konnte einem so großen Bedürfnis des Menschen entsprochen werden? Hatte der Gott aller Gnade kein Gefühl für dieses Bedürfnis? Er tat sich in einer für Ihn und Seinen Sohn höchst glorreichen Weise kund. Dieser Weg war äußerst wirkungsvoll, göttlich vollkommen und bezeugte Seine große Liebe zum Menschen. Er sandte Seinen eigenen Sohn und ließ Ihn Mensch unter Menschen werden. Johannes fügt hinzu: »Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht. « Auf die Frage, wie Gott sich dem in Not und Elend befindlichen Menschen am besten und eindrücklichsten in Seiner göttlichen Liebe offenbaren könnte, hätte wohl kein Mensch, von Adam an, gewagt, eine Lösung vorzuschlagen, die mit Gottes Plan vergleichbar wäre. Doch Satan gelang es, den Menschen durch seine Lüste und Leidenschaften, durch seinen Eigenwillen, die Wahrnehmung seiner vermeintli­chen Interessen und besonders durch seine eigenwillige Religion dahin zu bringen, den Sohn Gottes zu seinem eigenen Verderben zu mißachten und zu verwerfen.

 

Der Sohn Gottes, der in göttlicher Liebe herniederkam, ist zu Seinem Vater zurückgekehrt. Und der Apostel sagt wiederum: »Niemand hat Gott jemals gesehen«, unter offensichtlicher Bezug­nahme auf die gleiche Aussage im Evangelium. Der Sohn, der von der Welt verworfen wurde, ist nicht mehr hier, um Ihn kundzuma­chen. Wie lautet daher die Antwort auf dasselbe Bedürfnis des Menschen? »Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns. « In welch überraschender und feierlicher Weise wird dadurch dem menschlichen Bedürfnis entsprochen. Empfiehlt sich diese Antwort nicht in persönlicher und machtvoller Weise euch, meinen lieben Brüdern, mir und jedem Kind Gottes? Wir sind jetzt bereits durch den Sohn nicht nur von unseren Sünden reingewaschen, sondern zu Söhnen Gottes gemacht und sollen durch die gegenseitige Liebe, die aus Gott ist, Ihn kennen und Ihn in einer Welt bezeugen, die Ihn nicht kennt. Die Liebe Gottes soll jetzt in dieser Welt von Seinen Kindern widergespiegelt werden. Der Herr hat dieses in Vollkom­menheit getan, als Er über diese Erde ging. Doch kennen wir Seine Liebe wirklich in dieser Weise, und bleiben wir in ihr9

 

Wir haben bisher nur die ersten Worte der Antwort betrachtet, die der Apostel hier gibt. Hören wir, was er noch sagt: »Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns« (V. 12). Die gegenseitige Liebe unter den Gläubigen ist die Kraft der Gemeinschaft und der Beweis, daß Er in uns bleibt und Seine Liebe in uns vollendet ist, anstatt durch das Fleisch erstickt oder durch die Verlockungen der Welt abgelenkt zu werden. Die Verkündigung des Evangeliums an die ungläubigen und umkom­menden Sünder ist nicht die Antwort auf die gestellte Frage. Wo und wie kann Gott jetzt gesehen werden? Angesichts aller Anstrengungen Satans, die Kinder Gottes untereinander zu ent­zweien, soll ihre Liebe zueinander gemäß der in Christus geoffen­barten Liebe Gottes beweisen, daß Gott in uns bleibt und Seine Liebe in uns vollendet ist. Welch eine Ermunterung, in einer demütigen, stillen Weise in der Liebe zu wandeln, die aus Gott stammt! Welch eine Zurechtweisung auch für jeden, der den Wert und Segen einer solchen Liebe geringschätzt! Doch die Aussage von 1. Johannes 4, 12 hätte nicht gemacht werden können, wenn ihr nicht Johannes 1, 18 vorausgegangen wäre, ja, wenn Christus nicht für uns gestorben und die Gabe des Geistes uns nicht gegeben worden wäre. Das Leben muß Christus sein, wenn Gottes Liebe in uns dargestellt werden soll. Als die Jünger die vollkom­mene Darstellung der göttlichen Liebe in Christus sahen, erkann­ten sie doch nur wenig davon, daß Gott in Ihm geoffenbart wurde. Nachdem Er gestorben und auferstanden war, verstanden sie schon mehr davon. Doch nach der Salbung mit dem Heiligen Geist traten sie in den vollen Genuß; ihr Wandel war nun mit dem Bleiben in dieser Liebe verbunden, die das Prinzip der göttlichen Natur ist. Dem Grundsatz nach gilt das gleiche für uns heute, und der Praxis nach insoweit, wie wir uns in einem geistlichen Zustand befinden.

 

Viele sogenannte Evangelikale vertreten die Meinung, daß ihre Liebe hauptsächlich in dem Bemühen, Seelen zu retten, zum Ausdruck kommen müsse. Das ist sicher ein guter Dienst, wenn er im Glauben und in der Liebe zu Christus ausgeübt wird. Doch das ist nicht die dem Herrn so am Herzen liegende Liebe, die er den Seinen auftrug. Auch kann es nicht geleugnet werden, daß eifrige Evangelisten nebst ihren Mitarbeitern oft sehr wenig Empfinden für das neue Gebot zeigen, daß wir einander lieben sollen. Sie neigen dazu, in ihrem eigenen Werk so aufzugehen, daß sie die Liebe großenteils nach der Unterstützung einschätzen, die ihren Interessen entgegengebracht wird. Ebenso verlangt das moderne System von besonderen Vereinigungen nach neuen Methoden, als wären die Worte des Herrn heute veraltet. Es liegt mir völlig fern, ein unfreundliches Wort über irgend jemand zu äußern; doch müssen wir die Tatsachen so sehen, wie sie sind, und ich beziehe mich auf Verhältnisse, die niemand leugnen kann.

Es ist leicht zu erkennen, wie weit die Liebe aus Gott, die wir zu unseren Brüdern haben, die rein moralischen Pflichten übersteigt. Hätte der Heilige Geist durch den Apostel uns nicht dieses niederschreiben lassen, so könnten wir es für eine schlimme Übertreibung halten, von der Liebe zueinander das Verbleiben Gottes und die Vollendung Seiner Liebe in uns abhängig zu machen. Mögen wir Seinem Wort einfältigen und völligen Glau­ben entgegenbringen, damit wir befähigt werden, so zu lieben. Dann werden unsere Seelen überzeugt sein, daß, wie die Liebe aus Gott ist, auch Er in uns bleibt, damit wir getrennt von der Welt wandeln. Die Welt kann diese Liebe durch Vermischung nur in ihrem Wesen zerstören, anstatt dazu beizutragen, daß sie in uns vollendet wird. Niemand kann an dieser Liebe teilhaben noch sie verstehen, der nicht aus Gott geboren ist, und auch dann nur insofern, wie er im Glauben an Christus wandelt und so das Unsichtbare und Ewige anschaut. Das Anschauen mit unseren natürlichen Augen und Sinnen kann ihren Charakter nur zer­stören.

 

Wir sind dafür verantwortlich, Gott zu erkennen, und als solchen, die an Christus glauben, wird uns die Freude dieses Vorrechtes auch zuteil. Jedes Seiner Worte und Werke, jeder Blick von Ihm, über den das Wort uns berichtet, führt uns in diesen vertrauten Umgang ein; denn die inspirierten Männer haben uns in all diesen Einzelheiten des Lebens Christi viel über Gott zu berichten. Die geringsten Einzelheiten wie die größten Herrlichkeiten machen uns Christus in den Schriften offenbar. Doch der Herr weilt jetzt nicht mehr hier; Er, der Gott kundgemacht hat, ist in den Himmel zurückgekehrt. Gibt es daher kein gegenwärtiges, lebendiges Zeugnis über Gott? Der Apostel wie­derholt in seinem Brief: »Niemand hat Gott jemals gesehen. « Seine Liebe war in Christus vollkommen kundgemacht worden; Er wurde im Gegensatz zu aller menschlichen Unvollkommenheit in Seiner göttlichen Vollkommenheit geschaut. Wo ist nun dieses Zeugnis in unserer heutigen Zeit? »Wenn wir einander lieben.« Wie ernst sollten wir es nehmen, daß Gott die Christen beauftragt, Ihn in dieser verfinsterten Welt darzustellen! Wir sind berufen, insbesondere durch die Tätigkeit der göttlichen Liebe in unseren Herzen und in unseren Wegen, Zeugen Gottes in der Welt zu sein, die jede Gewißheit über Ihn leugnet. Als Christus Gott offen­barte, da war Er vollkommen wie Gott Selbst. Doch wie steht es mit uns, die wir von jeder Schwachheit umgeben sind? »Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und Seine Liebe ist vollendet in uns. « Auch hier hebt der Apostel den Grundsatz hervor und schaut nicht auf das Versagen der Gläubigen. Wie wir bereits früher feststellen konnten, ist dies die Art des Johannes, uns die Dinge vor Augen zu stellen. Er vergißt nie, daß Gott die Quelle und Christus der Kanal ist, der sie uns kundgetan hat. Er stellt den Gläubigen den Ausfluß der göttlichen Gnade in Übereinstim­mung mit der neuen Natur vor.

 

Warum sollten wir fortwährend bei dem Bekenntnis stehenblei­ben, daß wir nicht nach der Wahrheit wandeln? Wenn Christen dabei verharren, wird dann der Geist Gottes nicht betrübt? Wir tun gut, wenn wir den Grund ausfindig machen und vor Gott verurteilen; denn wir werden davor gewarnt, den Geist Gottes zu betrüben. Es ist in erster Linie das Fleisch, das sich dem Geist widersetzt. Der Apostel Paulus schreibt den Galatern (5, 16. 17): »Wandelt im Geiste, und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; diese aber sind einander entgegengesetzt, auf daß ihr nicht das tut, was ihr wollt. « Das Fleisch ist stets der große Widersacher des Geistes. Manchmal benimmt es sich auf liebenswürdige Weise, die aber keine wahre Liebe ist; manchmal zeigt es sich in seiner ganzen Grobheit und Unverschämtheit, so daß von Liebe keine Rede sein kann. Wenn wir uns aber unterein­ander lieben, all den raffinierten Bemühungen des Geistes der Falschheit und Bosheit zum Trotz, dann erweist sich die Liebe Gottes um so stärker und sichtbarer; sie gründet sich nicht auf etwas in uns, sondern auf das, was Gott selbst uns allen in Christus geschenkt hat. Denken wir daran, was wir einst waren, die wir jetzt Gottes Kinder sind: ebenso böse wie diejenigen, die immer noch diese große Errettung vernachlässigen, einige von uns vielleicht noch anmaßender und verwerflicher als die meisten von ihnen. Das war unser wahrer Zustand. Falls wir moralische Vorzüge oder eine Religion des Fleisches aufzuweisen hatten und stolz auf etwas waren, was nichts weiter als ein Deckmantel war, so war dies wegen seiner Heuchelei noch schlimmer in Gottes Augen, als offenkundiges Böses. »Aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes« (l. Kor. 6, 11). So schreibt der Apostel den Korinthern und erkannte damit an, was die Liebe Gottes bei vielen in jener verdorbenen Stadt Korinth gewirkt hatte. Zugleich war es ein scharfer Tadel wegen ihrer mangelhaften Übereinstimmung mit der neuen Stellung. Er konnte jedoch zu seiner großen Freude feststellen, daß seine treuen Liebesbemühungen (die ihm selbst mehr Schmerzen verur­sachten als ihnen) nicht vergeblich waren. Sie hatten eine Betrüb­nis zur Buße bewirkt, einer nie zu bereuenden Buße zum Heil. Im Widerstreit seiner Gefühle hatte er zwar seinen eigenen ersten Brief bedauert, durfte sich aber nun durch die Gnade in bleiben­der Freude seiner erinnern. Die große Liebe des Apostels drang durch das Gewissen und die Wahrheit bis zu ihrem geringen Maß an Liebe durch. Welch einen Fleiß bewirkte sie nun in ihnen, welchen Unwillen, welche Furcht und Sehnsucht, welchen Eifer, welche Vergeltung! Sie erwiesen sich dadurch in allem, worin sie mit Recht scharf zu tadeln gewesen waren, nunmehr als rein. In diesem Beispiel sehen wir eine Form der gegenseitigen Liebe, die mit Übungen und Schmerzen verbunden ist. Aber sie ist wirkliche Liebe. Bei weitem glücklicher ist man allerdings, wenn man Sein Wort beachtet und so vor allem Bösen bewahrt bleibt.

 

»Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns. « Das ist der normale Zustand, wenn der Glaube und nicht das Fleisch tätig ist. Damit leitet der Apostel zu der großen Wahrheit der Gabe des Heiligen Geistes über, durch den Gott in uns bleibt. Das ist noch nicht alles, denn er fügt hinzu: » Und seine Liebe ist vollendet in uns. « Das hatte er an einer früheren Stelle und in einem anderen Zusammenhang schon einmal gesagt. In Kapitel 2, 5 lesen wir: »Wer aber irgend sein Wort hält, in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. « Durch das Halten Seines Wortes wird die höchste und tiefste Form des Gehorsams bewiesen. Wer nicht nur Seine Gebote in allen ihren Einzelheiten, sondern Sein Wort als Ganzes hält, »in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet«. Diese »Vollendung« soll nicht dem verhängnisvollen Irrtum Raum geben, daß der Mensch in sich selbst eine Vollkommenheit erreicht. Solange wir leben, erweist sich das Fleisch als unausrott­bar. Doch Gott hat es am Kreuz Christi gerichtet, und wir, die wir Leben in Christus haben, töten unsere Glieder, die auf der Erde sind. Das Fleisch ist noch in uns, obwohl wir nicht mehr im Fleische sind. Das Fleisch kann nie in Geist verwandelt werden, es wird auch niemals verschwinden, solange wir uns in diesem Leibe befinden. Wir sind aber durch die Gnade gehalten, es niemals wirken zu lassen, sondern es im Glauben unter der Macht des Todes Christi zu halten. Auf diese Weise wird in uns Seine Liebe vollendet, sowohl durch das Halten Seines Wortes wie durch die Liebe, die wir untereinander haben. Wir sind Seinem Wort unterworfen und wandeln miteinander in Liebe, trotz aller Schwierigkeiten. Auf diese Weise wird Seine Liebe nach den Gedanken Gottes in uns vollendet. Dabei haben wir nichts zu rühmen; wir gehorchen und lieben von Herzen durch die Macht Seiner Liebe zu uns und in uns. Das hat zweifellos zur Vorausset­zung, daß wir ständig zu Gott aufgeschaut haben und Er unsere Gebete erhört hat. So wird Seine Liebe in uns vollendet, Gehor­sam und Liebe werden nach Seinen Gedanken verwirklicht.

 

Johannes kommt nun auf die Gabe des Heiligen Geistes zu sprechen. »Hieran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er uns von seinem Geist gegeben hat. « Diese Aussage geht merklich über diejenige von Kapitel 3, 24 hinaus. Dort wird nur »der Geist« genannt. Gott hat in manchen Menschen durch den Geist gewirkt, obwohl nicht gesagt werden konnte, daß er ihnen »von Seinem Geist« gegeben hatte. Wir hören oft von der Wirksamkeit des Geistes im Alten Testament und noch häufiger im Neuen Testament. In Hebräer 6, 4‑6 finden wir sogar Men­schen, die (des) Heiligen Geistes teilhaftig geworden waren und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt hatten und die doch von Gott endgültig abgefallen waren. Von diesen wird niemals gesagt, daß sie aus dem Geist geboren waren, und noch weniger, daß Gott ihnen »von Seinem Geist« gegeben hatte. Denn das setzt wahre Gemeinschaft mit Gott voraus. Das Neue Testament verleiht den Worten »von Seinem Geist« eine tiefer gehende Bedeutung als das Alte Testament; die Gabe Seines Geistes ist der Weg, auf dem Gott in dem Christen bleibt. Doch auch wenn Gott äußerliche Absichten verfolgte, wirkte Er auf verschiedene Art durch die Kraft des Geistes. Da es in jedem Fall der Geist Gottes war, der ein Geist der Kraft ist, entstanden auch übernatürliche Wirkungen, die jedes Vermögen des Menschen überstiegen, ja selbst die Kraft des ewigen Lebens ohne die Wirkung des Geistes.

 

Johannes schreibt, daß »Gott in uns bleibt, und wir in Ihm bleiben«. Er spricht zunächst von Gottes Bleiben in uns, nicht umgekehrt. Es wird sich sogleich zeigen, daß es wichtig ist, diesen Unterschied zu erkennen. Daß Gott in uns bleibt, ist ein Akt Seiner Gnade uns gegenüber, die wir auf dem Erlösungswerk Christi ruhen. Daß wir in Ihm bleiben ist ein Ergebnis unseres Vertrauens auf Gott, das durch Seine Gnade in uns gewirkt wird. Wir ziehen uns gleichsam von uns selbst und von allem, was uns hier an Erschaffenem umgibt, zurück und finden in Gott den Ruhepunkt für unsere Herzen, während wir uns noch auf der Erde befinden. Das heißt, in Gott bleiben; und um dies zu verwirkli­chen, müssen wir ständig zu Ihm aufblicken, um durch Seine Gnade diese Stellung zu bewahren. Bleiben wir in Ihm, dann bewirkt Er in uns, aus der Gemeinschaft mit Ihm heraus, die nötige Kraft. In Übereinstimmung damit heißt es daher, daß Er uns von Seinem Geist gegeben hat. »Von Seinem Geist« ist ein Ausdruck von besonderer Bedeutung. Er läßt klar erkennen, daß wir mit Ihm selbst an Seinem Geiste teilhaben.

 

Es besteht jedoch keine geringe Gefahr, daß wir ein so hohes Vorrecht falsch auffassen. Viele gottesfürchtige Menschen ver­wechseln gewisse freudige Gefühle in ihren Herzen mit dem Bleiben Gottes in ihnen. Solche Gedanken tragen gewöhnlich einen mystischen Zug; man ist mit sich selbst beschäftigt und lebt in Gefühlsstimmungen.

 

Wer einmal gelesen hat, was der berühmte William Law über die Seele geschrieben hat, weiß, was ich hiermit sagen will. Er war einer dieser Mystiker, der aber der Wirksamkeit der sogenannten Gnadenmittel und den innerlichen Gefühlen des Menschen große Bedeutung beimaß und dadurch die Gnade Gottes in Christus verdeckte oder gar preisgab. Er hatte den gänzlichen Ruin des Menschen nicht im mindesten erfaßt, aber auch nicht die ganze Reichweite der Erlösung oder gar das Leben in Christus. Es ging ihm um ein Bemühen, Gott zu lieben und diesem Bestreben Anerkennung zu verschaffen. Der Glaube an Gottes erlösende Liebe und an Sein schonungsloses Gericht über das Fleisch fehlte. Durch diesen Glauben allein hätte er ein unendlich besseres Teil in Christus, dem Herrn, finden können. Es gibt seither eine Gemeinschaft, deren Unterscheidungsmerkmal es ist, sich um die sogenannte »christliche Heiligung« zu bemühen. Es handelt sich dabei nicht um die schriftgemäße Heiligung, sondern mehr um eine gute Meinung über den eigenen Seelenzustand, der sich auf glückliche Gefühle des Herzens gründet. Die Ursache und zugleich Auswirkung dieser Bemühungen ist eine übermäßige Beschäftigung mit sich selbst und mit den persönlichen Erfahrun­gen, die sie untereinander zur gegenseitigen Erbauung austau­schen. Dieser Austausch nimmt einen wichtigen und festen Platz in ihren Zusammenkünften ein, so daß sie regelmäßig in Gruppen, jeweils unter der Führung eines Leiters, wöchentlich zusammen­kommen, um sich gegenseitig mitzuteilen, was der Heilige Geist ihrer Meinung nach in ihren Seelen hervorgebracht hat. Sie können sich dabei natürlich auf keinerlei Anordnung oder Institu­tion dieser Art im Neuen Testament berufen.

 

Der Geist Gottes verherrlicht Christus, indem Er von dem Seinigen empfängt und es uns verkündigt. Er ist es, der in die ganze Wahrheit leitet. Die erwähnte Art von Mystizismus dage­gen verherrlicht das eigene Ich. Der Mensch beschäftigt sich mit seinen eigenen Gefühlen. Er ist damit direkt der Gefahr der Selbstvergötterung ausgesetzt, während wieder in anderen Seelen eine Depression ausgelöst wird, wenn sie mit dem durch ihre Anstrengungen Erreichten nicht zufrieden sind. Es ist heilsam für uns zu erkennen, daß uns nichts in uns selbst geistliche Befriedi­gung verschaffen kann, so daß wir Christus zu unserem ein und alles machen, was Er ja auch tatsächlich ist. Die Beschäftigung mit unseren eigenen Herzen, es sei denn, um uns deswegen zu demütigen, verunehrt Ihn und bringt uns selber in Gefahr. Die Selbstbeschäftigung ist nicht nur nutzlos, sie hindert uns auch, in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus zu wachsen. Zweifellos sind aber viele wahre Christen in diese menschlich erfundene Selbstbeschäftigung hineingezogen worden, die notwendigerweise die Beschäftigung mit dem Herrn Jesus verdrängt. Anstatt sich allezeit in dem Herrn zu erfreuen, sucht man die Freude in sich selbst.

 

Beachten wir die Sorgfalt, mit der das inspirierte Wort im folgenden Vers gegen die Lehre des Mystizismus Vorsorge getrof­fen hat. Die gesegnete Wahrheit des Christus und die Tatsachen, die uns in den Evangelien über Ihn mitgeteilt werden, sind das beste Heilmittel für diesen Mißbrauch der Selbstbetrachtung. Sie stellen das Herz auf die göttliche Grundlage, und die ungeschmä­lerte Freude in Christus schließt die Beschäftigung mit uns selbst und unserem vermeintlichen guten Zustand aus. So führt uns der Heilige Geist an dieser Stelle zu dem Ruhen auf dem zurück, was Gott für uns gewirkt hat, zu dem Evangelium selbst. Was wäre geeigneter, uns gründlicher von den Blicken in das eigene Herz zu befreien? » Und w i r haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. « »W i r haben gese­hen«, so können die inspirierten Zeugen mit Nachdruck bestäti­gen. Ganz gleich, womit sich andere beschäftigen mögen und wie vieler hoher Dinge sie sich rühmen mögen, ‑ »w i r haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. «

 

Wie wirkt sich nun eine solche Wahrheit aus, wie sollte sie sich auswirken? Erfüllt sie uns nicht mit dem Lobpreis des Vaters und des Sohnes? Läßt sie uns nicht beschämt unsere eigene Nichtigkeit erkennen? Es wird uns gezeigt, daß wir nichts als Sünder waren, aber mittels des Glaubens durch Seine Gnade nun völlig errettet sind. Der Kleinglaube zweifelt daran, ob wir wirklich so schlecht waren und Gott wirklich so gütig ist. Doch der durch den Heiligen Geist gewirkte einfältige Glaube findet sicher nichts in uns selbst, was wert ist, mit einer so reichen und immerwährenden Gnade verglichen zu werden. Auf diese Weise befreit uns Gott von der Beschäftigung mit uns selbst, der Welt und allem anderen um uns her, damit unsere Seelen ihre Wonne an Ihm und Seinem Sohne finden mögen. Die Erkenntnis vermag uns sogar aufzublähen; aber die göttliche Liebe des Vaters und des Sohnes bewirken unsere Auferbauung.

 

Die Wahrheit macht auch von einer anderen, entgegengesetz­ten Lehre frei. Manche beschäftigen sich mit sich selbst in einer gesetzlichen Weise. Sie suchen nicht nach dem vermeintlich Guten in sich selbst, sondern meinen, durch einen hoffnungslosen Pessimismus Gott wohlzugefallen und dadurch um so besser zu sein. Ihre Herzen können sich kaum über die Feststellung erhe­ben: »Ich elender Mensch, wer wird mich erretten von diesem Leibe des Todes?« Sie übersehen dabei völlig, was der Apostel Paulus den Gläubigen kraft des Werkes Christi verkündet. Anstatt wie Tagelöhner mit finsteren, verunreinigten Herzen sich niederzu­beugen, hat ihnen der Heiland ja ein Anrecht auf das »beste Kleid« und das »gemästete Kalb« verschafft, und sie sind berufen, an der Freude des Vaters, zur Verherrlichung Seines Sohnes, teilzunehmen. »Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Chri­stus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes« (Röm. 8, 2). Der Trost dieser Befreiung wird um so eindrucksvoller, wenn wir bedenken, daß das durch die Hinwendung zu Christus freigewordene »Ich« das gleiche ist, das kurz zuvor noch unter dem Gesetz seufzte (Röm. 7, 24). Anstatt sich auf so verschiedene Weise, teils durch Gefühlswallungen, teils durch Trübsinn, mit sich selbst zu beschäftigen, ist es viel besser, das Fleisch schonungslos und gänzlich zu verurteilen, wie es auch Gott am Kreuz getan hat, und Christus als würdigen Gegenstand unserer Betrachtung und als Quelle unvergänglichen Friedens und ständiger Freude zu ergreifen. Damit bestätigen wir unsere Beru­fung, den Willen des Vaters, das Werk des Sohnes und das Zeugnis des Heiligen Geistes als Gegenstand unserer Freude zu besitzen, wie es ja auch in der Ewigkeit unser Teil sein wird.

 

In diesem Zusammenhang ist die Tatsache interessant, daß Samaria der erste Ort war, in welchem der Herr als Heiland der Welt anerkannt wurde. Diese Anerkennung folgte auf die wun­derbare Begebenheit am Jakobsbrunnen, wo der armen Sünderin, die fünf Männer gehabt und jetzt einen hatte, der nicht ihr Mann war, durch den Glauben an den Herrn Jesus ewiges Leben geschenkt wurde. Der Herr sagte ihr auch, daß die rivalisierenden Religionen Jerusalems und Samarias hinweggetan werden wür­den. Von nun an würde die Anbetung einen völlig anderen Charakter annehmen. Das Wesen dieser Anbetung wurde bereits damals durch den Herrn angezeigt: »Es kommt die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. «

 

So wurde einer armen Samariterin, in deren Herz die Wahrheit zu wirken angefangen hatte, die Fülle der Gnade geoffenbart. Ihr Gewissen war getroffen und ihre Seele zum Schuldbewußtsein erwacht. Erst hernach erfuhr sie, wer es war, der (davon war sie überzeugt) in göttlicher Kraft zu ihrem Herzen geredet hatte. In aller Einfalt des Glaubens nahm sie Sein Wort an und wurde anderen eine Zeugin von Dem, an den sie glaubte. Der Herr nahm sich in Gnaden auch der anderen Samariter an. Er tat dort, was wir sonst während Seines Dienstes auf Erden nirgends finden: Er verweilte zwei Tage bei ihnen. Die Samariter konnten nachher bezeugen, daß sie an Ihn glaubten, nicht wegen des Zeugnisses der Frau, der der Herr »alles gesagt« hatte, was irgend sie getan hatte, sondern: » Wir selbst haben gehört und wissen, daß dieser wahrhaf­tig der Heiland der Welt ist. « (Der Zusatz »der Christus«, der von den Abschreibern an dieser Stelle eingesetzt wurde, entspricht nicht dem authentischen Worte Gottes und paßt in diesen Zusam­menhang nicht hinein.) Es ging in jenen Tagen um das Bekenntnis dieses Titels »Heiland der Welt«, wobei das Zeugnis, daß der Vater den Sohn gesandt hatte, den Umständen entsprechend noch fehlte. Diese Tatsache kannten die Samariter noch nicht und konnten auch nicht wagen, sie vorauszusetzen. Weder ihnen noch irgendeinem anderen Gläubigen war bis dahin der Heilige Geist gegeben worden, »durch welchen wir rufen: Abba, Vater!« Sie waren aber die ersten Gläubigen, die bezeugten, daß der Herr Jesus der »Heiland der Welt« ist. Es ging dabei nicht um Juden, sondern um Sünder und betraf somit die Samariter ebenso gut wie jeden anderen Menschen. Dieses ereignete sich, ehe der Herr Seinen öffentlichen Dienst antrat. Die ersten Kapitel des Johan­nesevangeliums berichten uns über die Handlungen des Herrn, ehe Johannes der Täufer überantwortet wurde und Er selbst nach Galiläa ging. Diese Ereignisse gewinnen um so mehr an Bedeu­tung durch die Anerkennung dieser gewaltigen Tatsache, daß Er »der Heiland der Welt« ist.

 

Wir finden bei den Samaritern eine Vorwegnahme des Evange­liums, indem sie in Wahrheit die in der Person des Herrn erschienene Gnade erfaßten. Er ist nicht nur ein Heiland, auch nicht nur der erwartete Messias des Volkes Israel, sondern Er ist »der Heiland der Welt«. Die Wahrheit brach sich durch die Wolken Bahn, und ihr Licht schien in die Herzen der verachteten und unwissenden Samariter. Sie waren die ersten, die Ihn auf diese Weise anerkannten. Hier, im Johannesbrief, haben wir nun das apostolische Zeugnis: »W i r haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. «

 

Wie können wir aber wissen, daß ein Sünder sich diese Gnade und Wahrheit Christi zu eigen gemacht hat? Wie können wir sicher sein, daß die göttliche, rettende Wahrheit in die Seele eines Menschen gedrungen und er nun in diese nahe Verbindung zu Gott gebracht worden ist, von der der Apostel redet? Die Antwort finden wir im nächsten Vers: » Wer irgend bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, in ihm bleibt Gott und er in Gott. «

 

Empfangen wir damit nicht eine höchst erstaunliche Versiche­rung? In Vers 14 haben wir soeben den wahren, einfältigen Gläubigen gesehen, der sich unter die Frohe Botschaft beugte, daß der Vater den Sohn als Heiland der Welt gesandt hat. Es geht aber nicht nur um die Unterwerfung unter den Messias, den kommenden König Israels, sondern um den Glauben, daß Er der Sohn Gottes ist. »Wer irgend bekennt« heißt es, und dieses »wer irgend« umfaßt alle ohne Ausnahme. Es geht somit um das »Bekennen«, nicht nur um das »Glauben«. Wer Ihn bekannte, hatte alle Hindernisse, Zweifel und Befürchtungen überwunden. Er hat die Wahrheit geprüft, die Gnade empfunden, sich selbst verurteilt und zögert nun nicht länger. Die Folge ist, daß der reiche Segen des Herrn sich über ihn ergießt. So sagt der Apostel Paulus: »Wenn du mit deinem Munde Jesus als Herrn bekennen und in deinem Herzen glauben wirst, daß Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, wirst du errettet werden« (Röm. 10, 9), und legt damit Nachdruck auf die Antwort Gottes auf das Werk Christi. Hier in unserem Abschnitt verweilt der Apostel Johannes wie gewöhnlich bei der Herrlichkeit der Person des Sohnes, im Evangelium dagegen stellt er Ihn in der ganzen Fülle Seiner Gnade zu den Verlorenen heraus. Wenn nun der Sünder sich von sich selbst und von jeder irdischen Stütze abwendet und bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, was ist dann die Folge? » Gott bleibt in ihm, und er in Gott. « Ich gehe davon aus, daß wohl niemand Ihn wahrhaftig als den Sohn Gottes bekennt, ohne auch an das Erlösungswerk zu glauben, das Er vollbracht und das Gott anerkannt hat. Für den Unglauben sind das alles zweifelhafte Dinge. Die Menschen mögen die Worte der Schrift gebrauchen, aber sie erkennen gar nicht die Wahrheit, die sie damit aus­drücken. Es ist daher die Voraussetzung, daß das Bekenntnis aufrichtig und in gottgemäßer Weise erfolgt. Es geht um das Bekenntnis, daß der Mensch Christus Jesus, den die großen Massen nur für einen Menschen, wenn auch für einen außerge­wöhnlichen hielten, der Sohn Gottes ist. Wer könnte in diesem Fall noch an der Wirksamkeit Seines Erlösungswerkes zweifeln? Die hier mitgeteilte auffallende Tatsache ist, daß jeder, der Jesus als den Sohn Gottes bekennt, nicht nur ewiges Leben, Vergebung seiner Sünden und den Heiligen Geist empfängt, sondern auch die höchsten geistlichen Vorrechte besitzt, die wir uns vorstellen können. Denn was könnte größer sein, als daß Gott in ihm bleibt und er in Gott? Zweifellos wird die Größe dieser Segnungen um so tiefer empfunden, je geistlicher der Zustand unseres Herzens ist. Der Apostel versichert aber hier dem Gläubigen, der dieses Bekenntnis ablegt, daß diese Segnungen sein Teil sind. Mögen wir diese Wahrheit wertschätzen und uns ihrer erfreuen! Möge der Herr alles von uns entfernen, was unseren Sinn und unsere Wertschätzung Seiner wunderbaren Segnungen trüben könnte!

 

Der Apostel bringt in Vers 16 nun die Nutzanwendung dieser Wahrheit: » Und w i r haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. « Der Hauptgrundsatz wird auch hier wieder deutlich hervorgehoben: »W i r (betont) haben erkannt ... « Seine Liebe ist nicht nur »zu uns«, sondern »in uns« (wörtliche Bedeutung des Grundtextes). Wir schätzen und erfreuen uns um so mehr der Tatsache, daß Seine Liebe in uns vorher zu uns ausströmte, als wir noch Kinder des Zorns waren. Auch hier wiederholt Johannes: »Gott ist Liebe«, doch diesmal verbunden mit der Feststellung: » Und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott in ihm. « Das ist eine ganz neue Art, über die Liebe zu sprechen. Wenn ich in der Liebe bleibe, die von Gott kommt, dann kann ich nicht anders als mich bei Gott völlig daheim zu fühlen. Die aus Seiner eigenen Güte hervorströmende Liebe hat Christus in den Tod gegeben, um eine vollkommene Grundlage für die Gabe der Gerechtigkeit zu schaffen. Sie hat meine Sünden getilgt und mich zu Seinem Kinde gemacht, ohne das geringste Verdienst auf meiner Seite. Sie veranlaßt Ihn auch, in mir zu bleiben. Es ist nicht verwunderlich, wenn diese Liebe in Ihm auch bei mir Liebe hervorruft; bleibe ich in dieser Liebe, so bleibe ich in Gott und Gott bleibt in mir. Es handelt sich nicht um gelegentliche Besuche bei Gott, sondern um ein ständiges Bleiben in Ihm. Es ist die Gewohnheit und das Zuhause des Gläubigen, in dieser Liebe zu bleiben. Könnte es eine kostbarere Segnung geben? Und wie einfach ist das alles, wenn wir nur glauben. Das stürzt jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, zu Boden. Der Apostel schreibt hier nicht an Theologen, Philosophen oder an Religionswissenschaftler, sondern an Gotteskinder. Keins von ihnen soll zu kurz kommen, alle sollen die Liebe Gottes, die schon Z Beginn ihres Glaubensweges ihr Teil war, besser kennenlernen und sich in zunehmendem Maße des Gottes der Liebe erfreuen.

 

Es wird jedoch gut sein, auf einige wichtige Unterschiede hinzuweisen, die zwischen unserem »Bleiben in Gott« und dem »Bleiben Gottes in uns« bestehen. Es sind drei verschiedene Formen dieser Segnung zu unterscheiden. Zeitlich steht an erster Stelle das Bleiben Gottes in dem Gläubigen, und wir haben gerade gesehen, daß jeder, der bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, diese Segnungen in zweifacher Weise besitzt (V. 15): Gott bleibt in ihm und er in Gott. Wie aber bleibt Gott in ihm? Wir wissen, daß dies durch den Geist geschieht, den Er uns gegeben hat (vgl. Kap. 3, 24). In Kapitel 4, 13 wird dann hinzugefügt: »Hieran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er uns von Seinem Geist gegeben hat. «

 

Hier finden wir also unser Bleiben in Ihm; dieses kann nur verwirklicht werden, wenn Er sich in Seiner unumschränkten Gnade herabläßt, durch die Gabe Seines Geistes in uns zu bleiben.

 

Das hat dann wieder zur Folge, daß wir in Ihm bleiben. Wie erklärt sich dann aber die Reihenfolge in Kapitel 4, 13? Der Vers deutet an, daß Gott in dem Gläubigen bereits aufgrund des ihm verliehenen Geistes bleibt. Durch die Kraft der Gemeinschaft, die dem Gläubigen durch den Anteil an Gottes Geist zufließt, bleibt er jedoch nicht nur in Gott, sondern Gott bleibt auch in ihm in der »dritten Form« dieses Bleibens, in besonderer Machtentfaltung. Das wird durch die besondere Formulierung in Vers 16 bestätigt: » Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. « Wie in Vers 13 wird auch hier der vorherige Segen des Bleibens Gottes angedeutet und die beiden weiteren Segnungen hinzugefügt. Das dritte Ergebnis ist die geistliche Kraft als ein weiteres besonderes Vorrecht. In Vers 15 finden wir den allgemeinen Fall: das Bekenntnis, daß Jesus der Sohn Gottes ist, und als Folge nur die erste und zweite Art der Segnung, daß Gott in ihm bleibt und er in Gott. Die dritte Segnung wird nur in den Versen 13 und 16 hinzugefügt. Es heißt hier nicht nur »der Geist«, sondern »von Seinem Geist«, was in besonderer Weise auf Gemeinschaft hin­weist.

 

Gott bleibt in dem Gläubigen durch den Geist, den Er ihm gegeben hat; hieran wissen wir, daß Er in uns bleibt. Das ist eine wunderbare Tatsache, sie umfaßt aber nicht die gesamte Segnung. Der Apostel ist unser Garant für diese Tatsache, und das genügt uns. Gott bleibt in uns; das übt eine starke Anziehungskraft auf uns aus, und indem wir Seine Liebe erkennen, bleiben auch wir in Ihm. Dieses erste Vorrecht können wir als die souveräne Tätigkeit Gottes bezeichnen, die Er zur Verherrlichung des Werkes des Herrn Jesus in denen ausübt, die Ihn als Sohn Gottes bekennen. Er versiegelt uns mit dem Heiligen Geist als die Seinen, die durch Blut erkauft sind (um die Ausdrucksweise des Apostels Petrus über diesen Gegenstand zu gebrauchen). Das bedeutet, daß Gott in uns bleibt. Das zweite Vorrecht ist die Antwort aus dem Herzen des Gläubigen, der gewohnheitsmäßig in demütiger und vertrau­ender Liebe mit Gott rechnet, anstatt bei sich selbst oder bei anderen Hilfe in Schwierigkeiten zu suchen. Darin besteht unser Bleiben in Gott. Wir wenden uns in allen Lagen an Ihn, dessen Liebe in uns eine Wohnung für Ihn bereitet hat. Nachdem wir in solch vertraute Nähe zu Ihm gebracht worden sind, machen wir nach Seinem Wunsche auch unser Zuhause in Ihm. Das scheint mir der Unterschied zwischen dem Bleiben Gottes in uns und unserem Bleiben in Ihm zu sein.

 

Es folgt noch die dritte Form göttlicher Vorrechte; sie besteht in der Kraft, die aus dieser Gemeinschaft fließt. Die erste Form war die souveräne Handlungsweise Gottes; die zweite ist die in unseren Herzen durch das Vertrauen auf Ihn ausgelöste Gegen­liebe; die dritte besteht in der durch den Geist bewirkten geistli­chen Kraft als Folge einer so großen Segnung. Und an dieser Stelle wird unsere Schwäche am meisten offenbar. Wir neigen inmitten einer vergänglichen Welt tatsächlich dazu, nicht in den vollen Genuß dieser Segnung zu treten. Das sollte nicht sein und ist sehr demütigend für uns. Denn wenn wir, du und ich, so wenig Hingabe und geistliche Kraft zeigen, dann sind wir uns wohl durchaus im klaren darüber, daß die Schuld daran einzig und allein bei uns liegt. Die Fehler anderer sind nicht der Grund und auch keine triftige Entschuldigung, sondern unser eigenes Versagen. Sind wir etwa von anderen gereizt worden, dann war etwas in uns, was sich reizen ließ. Dies wäre aber nicht vorhanden gewesen, wenn wir in Gott geblieben wären und Gott in Seiner Macht in uns geblieben wäre. Der Apostel zeigt uns klar, daß Gottes Bleiben in uns und unser Bleiben in Ihm das glückliche Teil jedes Gläubigen ist. Wie schade dann, wenn dieses Vorrecht nur dem Grundsatz nach anerkannt wird, in der Verwirklichung sich aber ein großes Zukurzkommen zeigt! Laßt uns einander ermuntern, damit dieser Grundsatz bei uns in praktische Frucht umgewandelt werde! Wir werden darin sehr ermuntert, wenn wir in Einfalt und Beständig­keit auf Gott blicken. Möge Seine Gnade diese Segnungen in uns verwirklichen und zur Verherrlichung Seines Namens auch in Erscheinung treten lassen; ebenso die Bereitschaft zu sofortigem Beugen in den Staub, wenn uns bewußt wird, Ihn verunehrt zu haben. Menschen, die solcher Segnungen teilhaftig geworden sind wie die Gläubigen, steht es schlecht an, nur in Selbstvorwürfen voranzugehen. Mögen wir zu unserer Freude die Feststellung machen, daß Gott jederzeit zu Seinem Wort steht. Er hat uns Vorrechte geschenkt, die so herrlich sind, daß nur wenige Gläu­bige es erfassen, daß sie uns nicht nur theoretisch gehören, sondern daß wir uns ihrer erfreuen und sie in unserem praktischen Wandel verwirklichen dürfen.

 

Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütig­keit haben haben an dem Tage des Gerichts, daß gleichwie er ist, auch w i r sind in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe. W i r lieben, weile r uns zuerst geliebt hat.

Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, wie kann der Gott lieben, den er nicht gesehen hat? Und dies Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe.

 

1. Johannes 4, 17‑21

 

Der zuletzt behandelte Abschnitt stellte, von dem Charakter seines Gegenstandes her, vielleicht größere Anforderungen an unser Verständnis. Doch haben wir jetzt Gelegenheit, das, was den vorigen Abschnitt mit den vor uns liegenden Versen verbin­det, unter Fortlassung der mancherlei Einzelheiten zu betrachten und einfach und in großen Zügen darzulegen. Wer könnte daran zweifeln, daß es die Absicht des göttlichen Verfassers war, die Aufmerksamkeit jedes Gläubigen auf einen Gegenstand zu len­ken und an ihn zu fesseln, den sie gewöhnlich für zu erhaben und daher für praktisch unerreichbar halten? Da er Bestandteil eines Briefes ist, der an keine Einzelperson, sondern mehr als andere Briefe unmittelbar an alle Kinder Gottes gerichtet ist, sollten wir, sollte nicht j e d e r von uns diesem Gegenstand darum die höchste Beachtung schenken? Gewiß werden wir feststellen, daß der wahre Glaube an Christus jeden wahren Gläubigen, kraft des neuen Lebens und des innewohnenden Geistes Gottes, dazu berechtigt, diese Segnungen erneut in der Gegenwart Gottes zu betrachten und zu erwägen. Dabei dürfen wir damit rechnen, daß Er uns in Seiner Liebe nicht nur ein erweitertes geistliches Verständnis geben, sondern uns auch dazu verhelfen wird, die Vorrechte, die Er uns vor Augen stellt, uns anzueignen und uns ihrer zu erfreuen. Viele von uns werden gelegentlich schon die köstliche Erfahrung gemacht haben, daß die eine oder andere Schriftstelle unter der Anleitung des Geistes ihre reichhaltigen Schätze zum Vorschein brachte, obwohl unsere Augen bis dahin wenig oder nichts von dieser Schönheit entdeckt hatten. In dem vorliegenden Abschnitt sollten wir um so mehr nach diesen verborgenen Schätzen suchen, da sie besonders dazu angetan sind, unsere Gemeinschaft mit Gott zu erweitern und zu vertiefen.

 

In den ersten sechs Versen von 1. Johannes 4 fanden wir den zweifachen Prüfstein der Wahrheit gegenüber den falschen Pro­pheten, nämlich Jesus, im Fleische gekommen, und die apostolische Offenbarung, d. h. das Neue Testament. Danach stellte der Apostel in der für ihn charakteristischen Weise den großen Gegenstand der Liebe mit dem gleichen Nachdruck heraus, wie es der Apostel Paulus in 1. Korinther 13 getan hat. Gottes Kinder sollen einander lieben, weil die Liebe aus Gott ist; jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wir sehen sogleich, daß Johannes die Liebe als mit der großen Wahrheit des ewigen Lebens in Christus untrennbar verbunden betrachtet und somit mit dem neuen Verhältnis zu Gott Selbst und Seiner Erkenntnis auf der Grundlage geistlichen Verständnisses. Es handelt sich für den Gläubigen auf der Erde daher um einen Bereich, der sowohl die menschliche Erkenntnis wie auch die natürlichen Zuneigun­gen übersteigt. Er erstreckt sich auf die Mitgläubigen, die sich auf der Erde befinden, und zwar auf einer Grundlage, die nicht nur übernatürlich, sondern göttlich ist und uns, wie wir sehen werden, in direkte Verbindung mit Gott und Seiner Gegenwart führt. Alles damit in Zusammenhang Stehende betrifft jeden Gläubigen unmittelbar, führt ihn aber nicht dazu, eine erhöhte Stellung einzunehmen und als ein einsamer Stern zu leuchten, sondern in das innige Verhältnis, das sich aus dem Bleiben Gottes in ihm und seinem Bleiben in Gott ergibt. Er wird begehren, nicht nur im Licht, sondern in der Liebe Gottes zu wandeln, die ja Gottes Natur und zugleich die Quelle der neuen Natur des Gläubigen ist.

 

Solche Gedanken könnten allerdings in der Seele des Gläubigen subjektive Empfindungen hervorrufen und ihn zur Überheblich­keit verleiten, da sie in der Tat sowohl wahr wie außerordentlich erhaben sind. Der nächste Schritt in unserem Abschnitt führt daher vom Gläubigen weg und stellt ihm völlig objektiv das Handeln Gottes ohne irgendein Mitwirken des Gläubigen vor. »Hierin ist die Liebe Gottes in uns (in unserem Fall) geoffenbart worden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir durch ihn leben möchten. Hierin ist die Liebe: nicht, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und Seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.«

 

Jeder »Ersatz« für Christus wäre völlig unzureichend gewesen. Wir brauchten die unendliche Wirklichkeit der Liebe Gottes in Christus; zunächst, auf daß wir, die wir tot waren, durch Ihn Leben hätten, und dann, damit Er für uns, die wir schuldig und unrein waren, stellvertretend zur Sünde gemacht würde. Die Liebe, die solche außerordentlichen Wirkungen hervorbringen konnte, war einzig und allein in Ihm, nicht in uns, zu finden. Wir sind daher nur Jünger des Herrn Jesus geworden, nicht etwa des Thomas von Kempen oder anderer Mystiker. Es ist der ausdrück­liche Zweck, die Wahrheit auf das zu gründen, was Gott für uns gewesen ist, und nicht auf das, was wir für Ihn sind oder zu sein begehren.

 

Nachdem der Apostel diese Tatsache bewundernswert klar dargestellt hat, weist er nun darauf hin, daß, wenn Gott uns so geliebt hat, auch wir einander lieben sollen. Wir lieben Gott und können auch gar nicht anders, als Ihn lieben, wenn wir an Seine unermeßliche Liebe in Christus zu uns glauben. Wir sollten aber auch diejenigen, die Er liebt, gleicherweise lieben, da wir alle Seine Kinder sind. Dann folgt die bemerkenswerte Aussage, die wir sehr ähnlich auch in Johannes 1, 12 finden, wo sie sich auf den Sohn bezieht, während sie in 1. Johannes 4, 12 mit den Kindern Gottes in Verbindung steht. Christus hat den unsichtbaren Gott auf vollkommene Weise geoffenbart; wie vermag unsere gegensei­tige Liebe nun das gleiche zu tun? Indem wir so lieben, wie wir es gesehen haben, denn dann »bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns. « Ohne Leben in Christus zu haben, war dieses unmöglich. Wir benötigten aber mehr als das, und das wurde uns auch gegeben, nämlich »von seinem Geist« (V. 13). Es ist derselbe Geist, der einst herniederkam und auf Christus kraft Seiner persönlichen und inneren Vollkommenheit blieb, der nun auch, aufgrund des Werkes des Herrn am Kreuz für uns, in uns bleibt. Dadurch ist es möglich, daß wir in Gott bleiben, so wie Er in uns bleibt, und daß wir um dieses gegenseitige Bleiben wissen. Diese Tatsache allein bewahrt uns davor, höher von uns selbst zu denken als es sich zu denken geziemt. Durch die Gnade haben wir freien Zugang zu einem vertrauten Verkehr mit Gott in umfassendster Weise.

 

Obwohl in Vers 12 gesagt wurde, daß das Sehen Gottes die Fähigkeiten der menschlichen Natur übersteigt, so lesen wir jetzt in Vers 14 von einem Betrachten Gottes, das durch die Augenzeu­gen bestätigt werden konnte: » Und w i r haben gesehen und be­zeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. «

 

Sie gaben damit nicht Zeugnis von einer Vision oder äußerlichen Schau, sondern von einer Verwirklichung im Glauben durch die Kraft des Heiligen Geistes. Darum folgt auf das Bekenntnis, daß Jesus der Sohn Gottes« ist, als nächster Schritt die Segnung, daß »Gott in ihm bleibt und er in ihm«. Gott handelt in Seiner Gnade in dieser Reihenfolge mit uns. Dies wird in augenfälliger Weise in Vers 16 bestätigt, wo sich der Apostel wieder mit allen übrigen Gläubigen eins macht, indem er hinzufügt: »Und w i r haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. « Denn wer wollte diese Worte, die von der Gemeinschaft der Gläubigen mit Gott reden, allein auf den Kreis der Apostel beschränken? Die Gemeinschaft gründet sich auf das neue Leben und das voll­brachte Sühnungswerk; sie wird durch den Geist aber als Folge weitergeführt, so daß wir als Kinder Gottes an Seiner Freude und Liebe teilhaben: » Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. « In dieser Reihenfolge macht die Seele geistliche Erfahrungen und gewinnt geistliche Kraft. Jeder Bestandteil dieser Segnungen ist eine Wirklichkeit für den Umgang des Gläubigen mit Gott, und jede Einzelheit wird hier an ihrer richtigen Stelle erwähnt. Welch eine Ermutigung für den einfältig Glaubenden; aber welche Zurechtweisung für den, der sich solcher göttlichen Gunst und Freude gegenüber gleichgültig verhält oder sie vernachlässigt! Wie bemerkenswert ist es auch, daß nichts an Träume oder übernatürliche Visionen erinnert, aber auch nichts dazu dient, den Gläubigen in den Augen der anderen oder in seinen eigenen Augen hervorzuheben!

 

Es mag uns unmöglich erscheinen, der so reich vor uns entfalte­ten Gnade noch irgend etwas hinzufügen zu können, das sie noch überbieten könnte. Erstens haben wir die Quelle all dieser Segnung in der Liebe Gottes gefunden, indem Er den Wert des Lebens und Sterbens Christi auf uns übertrug, als wir noch tot in Sünden waren. Zweitens haben wir gesehen, daß die göttliche Liebe in uns untereinander ebenso gewiß wirksam ist, wie wir aus Gott geboren sind und Ihn kennen. Dabei bleibt der Heilige Geist in uns, um uns zu befestigen und zu beleben, indem Er uns in Gott erhält und uns die Ergebnisse dieses Bleibens in geistlicher Kraft genießen läßt. Es wird mit äußerster Sorgfalt hervorgehoben, daß jeder Gläubige ein Anrecht auf diese Gnade hat; allerdings Müssen unsere Seelen sich in Gemeinschaft mit Gott befinden, damit sich diese Gnade auswirken kann. In Vers 17 wird uns aber eine weitere Segnung vorgestellt, gewissermaßen eine Krönung der vorgenannten Vorrechte: »Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tage des Gerichts, daß, gleichwie e r ist, auch wir sind in dieser Welt. « Damit wird dem Gläubigen ein neuer, wichtiger Zugang zu den göttli­chen Segnungen eröffnet. Es handelt sich um die göttliche Liebe, aber in diesem Fall nicht nur um ihre Offenbarung zu unseren Gunsten, als wir völlig wertlos und zu allem Guten unfähig waren; auch nicht darum, daß Seine Liebe in uns, den Kindern Gottes, gegenseitige Liebe bewirkt. Es ist auch nicht in erster Linie an das Seufzen des Heiligen Geistes gedacht, der mit uns, den erlösten Heiligen in unerlösten Leibern, seufzt inmitten der ganzen Schöp­fung, die sich nach der Befreiung sehnt, die ihr bei der Offenba­rung des Herrn Jesus in Macht und Herrlichkeit zuteil werden wird. Johannes sprach davon, daß der Geist hier und jetzt in den Kindern Gottes in der Kraft göttlicher Liebe wirkt und ihnen den Genuß der Gegenwart Gottes kostbar macht. Das war die in uns vollendete Liebe (V. 12). In Vers 17 spricht der Apostel jedoch von einer noch vortrefflicheren Gunst, nämlich, daß die Liebe mit uns vollendet worden ist, damit wir Freimütigkeit haben am Tage des Gerichts. Diese »Freimütigkeit« ist über jeden Gedanken erhaben, der Gläubige könnte noch in das Gericht kommen, d. h. in das ewige Gericht, das gerechte Gericht, das jeden Schuldigen und Unerlösten treffen wird. Das göttliche Gericht, das dem Herrn Jesus zur Ausübung übergeben ist, wird von jedem verbor­genen Gedanken und jedem Wort ebenso Kenntnis nehmen, wie von allen Handlungen des Leibes. Welcher Mensch könnte in ein solches Gericht treten, ohne schuldig gesprochen und verdammt zu werden?

 

Bereits im Alten Testament, das im Vergleich zum Neuen Testament nur wenig Licht auf das Gericht der Toten wirft, hören wir den Psalmisten sagen: »Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte! Denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht« (Ps. 143, 2). Das zeigt uns, daß selbst kein »Knecht Gottes« (d. h. ein »Gläubiger«), geschweige denn ein sorgloser Sünder, ja, daß kein Lebender im Gericht Jehovas gerechtfertigt werden kann. Denn das Gericht kann weder Tatsachen ignorieren noch Sünden ent­schuldigen, und kein sterblicher Mensch hat je ein sündloses Leben gelebt. Wie könnte ein sündiger Mensch gerechtfertigt oder errettet werden?

 

Als unser Herr auf Erden war, ging Er in vollkommen einfachen und klaren Worten auf dieses für den Menschen so furchtbare Problem ein (vgl. Joh. 5). Er spricht von Sich Selbst als dem fleischgewordenen Sohn Gottes, der Gewalt hat, jedem, der an Ihn glaubt, Leben zu geben, und der auch Gewalt hat, über alle Gottlosen, die Ihn verwerfen und verachten, das Gericht auszu­führen. Dem Glaubenden schenkt Er Leben, den Ungläubigen wird Er ins Gericht bringen. Die Worte, die den Weg der Erlösung völlig klar erkennen lassen, finden wir in Vers 24: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tode in das Leben übergegangen. « Das Wort »Gericht« in diesem Vers ist in anderen Übersetzungen schon fälschlicherweise mit »Verdammnis« wiedergegeben wor­den. Damit sollte es der in der Christenheit verbreiteten irrigen Vorstellung angepaßt werden, daß es ein allgemeines Gericht sowohl der Gläubigen wie der Sünder geben wird. Durch den Ausdruck »Gericht«, der allein den wahren Sinn wiedergibt, wird dieser Irrtum ausgeschlossen. Der Herr kündigt somit an dieser Stelle an: Jeder, der Sein Wort hört (damit sind weder die Zehn Gebote noch etwas Ähnliches gemeint), und Dem glaubt, der den Heiland gesandt hat (denn es ist wesentlich, daß wir die große Gabe Seiner Liebe anerkennen), hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode ins Leben übergegangen.

 

Der Gläubige muß niemals, wie der Ungläubige, wegen seiner Schuld vor Gericht gestellt werden. Wenn wir den Worten des Herrn glauben, dann wissen wir, daß er bereits aus dem Tode ins Leben übergegangen ist; indem er Christus angenommen hat, hat er ewiges Leben empfangen. Christus wird dadurch verherrlicht. Da aber der Ungläubige Ihn und Sein Wort verunehrt und nicht glaubt, daß Gott in Seiner Liebe Christus gesandt hat, muß er zum Gericht (»Verdammnis« ist nicht der richtige Ausdruck) aufer­weckt werden, während der Gläubige die Auferstehung des Lebens erlangt, die in Vers 24 der Auferstehung zum Gericht klar gegenübergestellt wird. Jedoch wird der Gläubige nach seiner Auferstehung dem Herrn Jesus gegenüber Rechenschaft ablegen müssen über alles, was er in seinem Leibe getan hat; er wird dann aber bereits droben eingeführt sein. Das hat nichts mit dem Gericht zu tun, aus welchem der Gläubige nach den Worten des Herrn herausgenommen ist. Das Gericht über unsere Sünden hat der Herr Jesus am Kreuz getragen; damit ist diese Frage durch Gnade geordnet. Der Gläubige wird aber vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden (nicht gerichtet werden), damit er erkennt, gleichwie auch er erkannt worden ist. Er wird dann von der Größe der Gnade Gottes, die sich in seiner Errettung kundge­tan hat, überwältigt sein.

 

Eine weitere Stelle, die sich mit diesem Punkt befaßt, finden wir in Hebräer 9, 27 und 28. Dort wird das Los des natürlichen Menschen, Tod und Gericht, dem gegenübergestellt, was Christus dem Gläubigen erworben hat. An die Stelle seines Todes ist der Tod Christi getreten, der durch Sein Opfer alle seine Sünden hinweggetan hat; anstelle des Gerichts erwartet er nun die Erscheinung Christi ohne Sünde (d. h. ohne Beziehung zur Sünde) zur Seligkeit. Für diejenigen, die nach Seinem zweiten Kommen ausschauen, ist somit an die Stelle des Gerichts die Errettung getreten.

 

Der Gläubige braucht nur das festzuhalten, was die Schrift grundsätzlich über die Rechtfertigung aus Glauben sagt, um zu erkennen, daß die Vorstellung eines gemeinsamen Gerichts der Sünder und der Gläubigen mit dem Evangelium ebenso unverein­bar ist wie der Gedanke, daß die Gläubigen durch ein tatsächliches Gericht gehen müssen. Soviel mir bekannt ist, hat kein einziger der Kirchenväter, geschweige ein Konzil in seinen Beschlüssen, diese biblische Wahrheit klar erkannt und festgehalten. Keines der sogenannten Glaubensbekenntnisse bezeugt diese Wahrheit über Christus. Es ist klar, daß diese falsche Vorstellung zu Widersprüchen führen muß. Es kann von niemand geleugnet werden, daß der Herr zur Aufnahme der Gläubigen, d. h. der Versammlung in ihrer Gesamtheit sowie der Gläubigen des Alten Testaments wiederkommen wird. Er wird sie mit Sich in der Luft vereinigen und sie in das Vaterhaus einführen. Die Vorstellung eines allgemeinen Gerichts (das sich auf das Scheiden der Guten von den Bösen aus den Nationen durch den Herrn in Matthäus 25, 31‑46 stützt), führt zu der verwirrenden Annahme, daß die durch Gott Gerechtfertigten, nachdem sie bereits im verherrlichten Zustand sind, von ihrem Heiland im Gericht geprüft werden müßten, ob sie nicht letzten Endes doch verlorengehen müßten. Diese Alternative wird zweifellos von jedem gesunden Gläubigen zurückgewiesen. Man zieht den Stachel aus dieser furchtbaren Behauptung heraus, indem man sagt, daß dieses Gericht nicht mehr bedeute, als daß die Gläubigen für gerettet erklärt würden. Nehmen sie nicht wahr, daß sie damit den von ihnen vorgebrach­ten Gedanken eines Gerichts auch der Gläubigen wirkungslos machen? Die Vertreter dieser Ansicht täten gut daran, die Schriften zu untersuchen, ob sie nicht bei richtiger Auslegung mit der vollmächtigen Aussage des Herrn übereinstimmen, daß der Gläubige nicht in das Gericht kommt und daß das Gericht nur für den Menschen ohne Christus, für den Schuldigen und Verlorenen, bestimmt ist.

 

Die Lehre von dem allgemeinen Gericht steht in direktem Widerspruch zum Wort Gottes, welches, wie der Herr Selbst sagt, diejenigen richten wird, die jetzt Seine Worte nicht angenommen haben. Diese Lehre wurde auch in dem bekannten Kanon des Vincent von Lerins verfochten und ist im Bekenntnis der katholi­schen Kirche in Ost und West enthalten, verbreitet aber überall nur geistliche Finsternis. Sie beraubt ihre Anhänger des Trostes, auf den sie durch Christus und Sein Werk mittels des Glaubens Anspruch haben. Sie dient dazu, den Vater ebenso wie den Sohn zu verunehren; denn es ist Gottes Wille, daß der Gläubige sich der Gnade völlig gewiß sein und die Früchte Seiner Liebe, sowohl ewiges Leben wie Erlösung, genießen soll. Diese irrige Ansicht läßt außer acht, daß der Herr die Seinen, die jetzt noch in einer verworrenen Welt leben, durch die Auferstehung und Entrückung in glorreicher Weise zu Sich absondern und in die Herrlichkeit des Himmels einführen wird.

 

Der Apostel Johannes stellt diese überragende Gunst Gottes nicht auf dem Boden oder in dem Charakter der Gerechtigkeit dar, wie der Apostel Paulus, der in 2. Korinther 5, 21 sagt: »Den, der Sünde nicht kannte, hat er (Gott) für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm. « Niemals wird der Richter den Wert der göttlichen Gerechtigkeit, die Er Selbst für uns zustande gebracht hat, einer Prüfung unterziehen. Er wird alle diejenigen richten, die sich eine eigene Gerechtigkeit anmaßen, denn sie besteht nur aus Lüge und Betrug. Ebenso wird Er alle richten, die Ihn im Gegensatz dazu in leichtfertiger Weise durch Ungerechtigkeit verachtet und ihre eigene Befriedigung unter Herausforderung Gottes gesucht haben. Er wird ein noch ärgeres Gericht über die Ungerechtigkeit der Menschen bringen, wenn sie die Wahrheit in Ungerechtigkeit auch noch so festgehalten haben, wie dies in der Namenchristenheit und in gewissem Maße im Judentum der Fall ist. Doch die in Christus Jesus Erfundenen, denen Er Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung geworden ist, wird Er niemals von dem eisigen Hauch des Gerichts im Himmel treffen lassen, nachdem Er ihre Herzen durch Seinen Geist mit der Wärme Seiner Gnade erfüllt hat. Es ist ein ebenso ungeheuerlicher wie unbegründeter Gedanke, daß der Richter an jenem Tage die Tatsache, daß Er Selbst unsere Gerechtigkeit ist, in Frage stellen sollte. Diese Behauptung wird durch den gesamten vorausgehenden Text widerlegt. Die erste Hälfte des 5. Kapitels vom 2. Korintherbrief führt den Nachweis, daß die Kraft des Auferstehungslebens in Christus den Gläubigen von den beiden großen Schrecknissen des natürlichen Menschen, vom Tod und vom Gericht, errettet hat. »Denn wir wissen, daß, wenn unser irdisches Haus, die Hütte, zerstört wird, wir einen Bau von Gott haben, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges, in den Himmeln. Denn in diesem freilich seufzen wir, uns sehnend, mit unserer Behausung, die aus dem Himmel ist, überkleidet zu werden; so wir anders, wenn wir auch bekleidet sind, nicht nackt erfunden werden. Denn wir freilich, die in der Hütte sind, seufzen beschwert, wiewohl wir nicht entkleidet, sondern überkleidet wer­den möchten, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber eben hierzu bereitet hat, ist Gott, der uns auch das Unterpfand des Geistes gegeben hat. So sind wir nun allezeit gutes Mutes und wissen, daß, während einheimisch in dem Leibe, wir von dem Herrn ausheimisch sind (denn wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen); wir sind aber gutes Mutes und möchten lieber ausheimisch von dem Leibe und einheimisch bei dem Herrn sein. Deshalb beeifern wir uns auch, ob einheimisch oder ausheimisch, ihm wohlgefällig zu sein. Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, auf daß ein jeder empfange, was er in dem Leibe getan, nachdem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses. «

 

In diesem Abschnitt geht es dem großen Apostel um das Bewußtsein des Gläubigen, daß ihm jede Furcht vor Tod und Gericht genommen ist, da Gott uns in dieselbe Stellung wie Christus versetzt hat, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei, die zur Gleichförmigkeit mit Seinem herrlichen Bild gebracht sind. Durch Sein Werk hat Er dem Tod seinen Schrecken genommen, der die ganze Menschheit beherrscht. Da wir noch einen unerlösten Leib an uns tragen, seufzen wir beschwert; und das um so mehr, wenn auch in Gott ergebener Weise, als wir selbst mit Ihm versöhnt sind und die damit verbundenen Segnungen bereits besitzen. Uns verlangt danach, mit dem verwandelten Leib überkleidet zu werden. Doch sind wir allezeit gutes Mutes, indem wir erkennen, daß abzuscheiden und bei Christus zu sein weitaus besser ist (wie Paulus den Philippern schreibt), als ausheimisch von dem Herrn zu sein, und wir daher auch selber lieber einhei­misch bei dem Herrn sein möchten.

 

Das Gericht, das Christus ausführen wird, versetzt uns nicht in Angst, so ernst es zweifellos auch sein wird; denn Er hat unser Gericht auf dem Kreuz bereits getragen. Gott nimmt uns hier schon manchmal durch Krankheit und auf andere Weise beiseite und gibt uns Gelegenheit, losgelöst von der Inanspruchnahme durch Arbeit und Beschäftigung, unseren Zustand und Wandel zu Überdenken. Er untersucht unsere Wunden und schaut in die verborgensten Winkel unseres Herzens. Er führt uns dazu, auszu­rufen: »Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine Gedanken! und sieh, ob ein Weg der Mühsal bei mir ist, und leite mich auf ewigem Wege!« (Ps. 139, 23. 24). Ein derartiges Selbstgericht ist außerordentlich heilsam. Wir würden vielen Segens verlustig gehen, wenn wir es nicht ausübten. Was der Gläubige aber jetzt im Selbstgericht ausübt, ist nur ein Teil dessen, was sich in vollem Umfang vor dem Richterstuhl des Christus abspielen wird. Dem Offenbarwerden vor Ihm entgehen zu können hieße, den damit verbundenen großen Segen zu verlieren. Dem Apostel liegt es fern, uns in Unruhe zu versetzen oder uns mutlos zu machen. Er spricht lediglich davon, wie wir in tiefem Mitgefühl für unsere unerretteten Mitmenschen beschwert sind und daher getrieben werden, sie zu überreden, daß sie sich von der Verstocktheit ihrer Herzen zu dem Herrn bekehren: »Da wir nun den Schrecken des Herrn kennen, so überreden wir die Menschen« (2. Kor. 5, 11). Sie empfanden diesen Schrecken für die Ungläubigen, nicht für sich selbst oder wegen ihrer eigenen Annahme bei Gott. Denn er sagt weiter: »Gott aber sind wir offenbar geworden; ich hoffe aber, auch in eurem Gewissen offenbar geworden zu sein.« Die Gnade hat uns dahin geführt, jetzt schon mit aller Bereitwilligkeit das Licht Gottes in Christus in uns hineinleuchten zu lassen. Dieses Hineinleuchten kann zwar behindert werden; vor dem Richterstuhl wird unser Offenbarwer­den aber vollkommen sein. Wir werden dann im verherrlichten Zustand befähigt sein, ohne falsche Scham, mit ungetrübtem Auge Seine ganze Herrlichkeit anzuschauen, obwohl sie zu unse­rer großen Demütigung gereichen wird. Doch welche Ehre wird sie für den Gott aller Gnade und für den Sohn bedeuten, dem allein jeder Gläubige diese Segnung verdankt, sowie für den Heiligen Geist, dessen ständige, wirksame Kraft diese Segnungen jedem Gläubigen in seinem Leben zu eigen machte.

 

Wir brauchen jedoch nicht nach weiterer Beweisführung zu suchen, denn Vers 17 zerstört gänzlich die abwegige, jahrhunder­tealte Vorstellung von einem allgemeinen Gericht. Dieser Irrtum hat nicht nur das Zeugnis der Wahrheit geschädigt, sondern auch manche gottesfürchtige Seele durch mangelnde Erkenntnis der Wahrheit beschwert. »Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tage des Gerichts. «

 

Erwägt diese Worte, die ihr euch der »Lehre der Kirche« rühmt und nie auf den Gedanken gekommen seid, daß ihr damit »zu einem anderen Evangelium umgewandt seid, welches kein ande­res ist« (Gal. 1, « Der Apostel verurteilt damit das gleiche Lehrsystem, welches das Kreuz als einen Götzen verehrt, aber nie die göttliche Belehrung erfaßt hat, daß der gekreuzigte Christus sie vom Menschen mit all seinen eitlen Traditionen, Philosophien, Wissenschaft usw. befreit hat, lauter Dinge, die sich wider die Bibel und das Erlösungswerk Christi erheben. Gottes Liebe zu den Sündern wurde darin geoffenbart, daß Er uns das Leben Christi als unseren Besitz gegeben und daß Sein Tod unsere Sünden gesühnt hat. Dadurch konnte die Liebe in uns, den Geheiligten, durch die Wirksamkeit Seines Geistes vollendet werden. Doch selbst das genügte nicht, unseren Gott hinsichtlich der Ehre Seines Sohnes zu befriedigen. Die Liebe ist mit uns vollendet worden, »damit wir Freimütigkeit haben am Tage des Gerichts«. Ich höre die Frage: »Können solche Zusagen wirklich in der Bibel stehen, und dürfen sie so verstanden werden, wie sie niedergeschrieben sind?« Es würde mich nicht im geringsten wundern, wenn solche Gedanken auch bei euch aufsteigen, ohne daß ihr wagen würdet, euren Unglauben bezüglich Gottes Wort zum Ausdruck zu bringen.

 

Doch es fehlt den Worten nichts an Deutlichkeit, mit denen der Apostel uns versichert, daß die Liebe mit uns vollendet ist, so daß wir nicht mit Zittern und Zweifeln, sondern mit Freimütigkeit dem Tage des Gerichts entgegensehen können. Diese Freimütig­keit auf irgend etwas anderes zu gründen als allein auf das Werk Christi, käme einer Lästerung gleich. In Christus bedeutet sie den Triumph göttlicher Liebe. Es ist die gleiche Liebe, die den verlorenen Sohn mit »dem besten Kleid« versah, als er sich in Lumpen befand. Es war nicht das Kleid der Unschuld, das Adam trug. Die Liebe bekleidet uns mit dem Hochzeitskleid, zur Ehre des Königssohnes. Wir haben Christus angezogen, den gestorbe­nen und auferstandenen Christus, der für den Glauben alle Fragen der Sünden und der Sünde geordnet hat. Laßt euch fragen, die ihr euch an den abgestandenen, unreinen Wassern der Traditionen übervoll getrunken habt: Warum hört ihr nicht auf die Stimme des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und nehmt von dem Wasser des Lebens umsonst? Christus hat Gott in Seinem Tode wie auch durch den Gehorsam Seines Lebens auf der Erde so völlig verherrlicht, daß Er jedem die Furcht vor dem Tod und dem Tage des Gerichts nehmen kann, selbst euch, die ihr diese Furcht so erfolgreich den hungernden Seelen eingeflößt habt, die zu euch um Nahrung aufblicken und doch nicht gesättigt werden. Es handelt sich um Worte Gottes, die wir alle erwägen sollten. »Die Liebe ist vollendet worden mit uns, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tage des Gerichts. « Diese Liebe hat ihre Quelle in Gott durch den Sohn, und wir sehen ihre Absicht für Seine Kinder im Blick auf jenen Tag. Welcher Gegensatz zu dem trübseligen Klagelied »Dies Irae« (d. h. der Tag des Zorns), das von manchen als christliche Dichtung bewundert wird! Das ist kein »geistliches Lied« für die Gläubigen, denn Gottes Liebe ist bemüht, alle Furcht aus ihren Herzen zu verbannen.

 

Doch der Gedanke wird noch weiter ausgeführt. Johannes zeigt uns den Grund dieser Gnade Gottes und erhöht damit noch ihren Wert: »Daß, gleichwie e r ist, auch w i r sind in dieser Welt. « Hätte Gott uns diese Wahrheit nicht geoffenbart, so könnte man diese Aussage für die schrecklichste Anmaßung halten, die je von einem Menschen ausgesprochen oder niedergeschrieben wurde. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, daß die volle Bedeu­tung dieser Schriftstelle an den theologischen Hochschulen höchst wahrscheinlich überhaupt nicht erfaßt und deshalb niemand durch diese erstaunliche Wahrheit aufgeschreckt worden ist. Denn der Apostel erklärt, daß, gleichwie Christus ist, auch wir, die Gläubi­gen, sind in dieser Welt. Er sagt das im Einklang mit der gesamten Lehre dieses Briefes: »Das, was wahr ist in ihm und in euch. « Christus ist gestorben und auferstanden und trägt nun viel Frucht, die Ihm gleichgestaltet ist. Natürlich ist unser altes Ich noch vorhanden, doch es ist wahr geworden, was der Herr in Johannes 14, 20 sagt: »A n jenem Tag werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin, und ihr in mir und ich in euch. « Dieser »Tag« besteht schon seit Pfingsten und dauert bis zum heutigen Tage an. Es war vor diesem Tage nicht »wahr« und wird es auch nicht im kommen­den Zeitalter sein, aber es ist jetzt wahr in den Gläubigen der Gnadenzeit.

 

Dieser Wahrheit entsprechend ist unsere Stellung und unser Vorbild nicht mehr in dem ersten Adam zu finden, sondern in dem zweiten Menschen, dem letzten Adam. Er ist das Haupt, nie wird es ein anderes geben. Der Sohn des Menschen hat Gott selbst im Blick auf die Sünde verherrlicht, Sein Tod bedeutete die einzige Möglichkeit der Errettung, denn in Ihm wurde die Sünde völlig gerichtet, zur Verherrlichung Gottes. Und Gott hat den Sohn des Menschen durch die Auferweckung und Aufnahme in den Him­mel verherrlicht; Er verherrlicht Ihn im Himmel, verherrlicht Ihn in Sich Selbst, wie es bei niemand anders gewesen ist noch sein könnte. Gott wartet nicht darauf, den Sohn auf dem Thron Davids in Zion oder als den König über die ganze Erde zu krönen. Noch am Auferstehungstag sandte der Herr »Seinen Brüdern« die Botschaft: »Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott. « Gott nimmt uns in unserer neuen Natur aus dem gefallenen Adam heraus und versetzt uns in den auferstandenen Christus. Daher, »wie er ist, sind auch wir in dieser Welt«.

 

Beachten wir es wohl: Es heißt nicht, wie Er war! Die Lehre der Kirche über diesen Punkt ist völlig verkehrt. Die Fleischwerdung Christi ist eine gesegnete Wahrheit und für den Glauben von entscheidender Bedeutung. Aber sie bedeutet nicht unsere Ver­einigung mit Ihm; das entspricht nicht der Lehre des Christen­tums. Solange Christus hier lebte, blieb Er allein; als Gestorbener bringt Er viel Frucht. Eine Vereinigung mit Ihm war erst möglich, nachdem Er für uns und unsere Sünden gestorben war. Erst als Auferstandener, der das Gericht Gottes über unsere Sünden getragen hatte, konnte Er sagen: »Mein Vater und euer Vater, mein Gott und euer Gott«. Der Vorhang wurde erst bei Seinem Tode zerrissen; vorher hatten Priester, Opfer und irdisches Heilig­tum noch von Gottes Seite ihre Berechtigung. Aber Sein Tod war auch unser Tod, und durch Seine Auferstehung haben wir teil an Seinem Leben in Kraft. Dann begann das Christentum seinen Lauf, der Heilige Geist kam hernieder, um die zu versiegeln, die durch das Blut des Herrn reingewaschen waren. »Wie e r ist, so sind auch w i r in dieser Welt. « Unsere Stellung »in dieser Welt« ist nun in Christus; jede Stellung vor Gott, die nicht in Ihm ist, müssen wir verwerfen. Könnte man annehmen, daß eine in dieser Weise belehrte Seele sich je mit den Täuschungen des Papsttums oder den verschiedenartigen Kompromissen innerhalb der prote­stantischen Benennungen zufrieden geben könnte? Haben wir nun eine gesegnete christliche Stellung auf unerschütterlicher Basis oder nicht? Eine höhere Stellung kann es nicht geben, und sie ist uns geschenkt, jedem wahren Gläubigen »in dieser Welt«. Es bleibt uns nur übrig, Gott in bezug auf die Stellung unserer eigenen Seelen zu glauben und uns von Ihm Gnade zu erbitten, diese Wahrheit zu lieben und auszuleben. Christus muß unser ein und alles sein.

 

Die nun folgenden Verse zeigen die gewaltige Bedeutung dessen, was wir in Vers 17 gefunden haben: »Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. « Wie reden die Worte Gottes doch zu unseren Herzen! Es geht hier nicht um Gefühle, sondern um den Gott, der Licht und Liebe ist und der Seine Kinder von allen Zweifeln befreien will, damit sie sich Seiner Segnungen in aller Einfalt und Gewißheit erfreuen können. Die Furcht, von der hier die Rede ist, ist mit der Liebe unvereinbar. Denken wir dabei an den weitverbreiteten Irrtum, daß Gott Seine Kinder in das Gericht bringen wird, die Auser­wählten aber unbeschadet daraus hervorgehen werden! Welche quälende Furcht eine solche Lehre in gottesfürchtigen Seelen hervorrufen mag, wer kann das ermessen? Der Lichtstrahl des Trostes ist für sie hinter dem undurchdringlichen Geheimnis verborgen, wer zu den Auserwählten gehört. In Wirklichkeit leuchtet aber das wahre Licht in Christus mit hellem, stetigem Schein für alle, die durch Ihn zu Gott kommen. Ich zweifle ebenso wenig wie die Calvinisten daran, daß alle, die zu Ihm kommen, auserwählt sind. Doch ist die calvinistische Lehrweise geeignet, die Seele auf einem Riff der Hoffnungslosigkeit stranden zu lassen, wogegen die christliche Wahrheit die schmachtende Seele stets auf Ihn hinweist, der Sich dem Sünder als Retter offenbart und der Seele durch den Glauben an Seine Person Ruhe ver­schafft.

 

Betrachten wir einen Christen, der sich mit dieser Frage abquält. Was kann seine wahren Zuneigungen mehr behindern und ersticken, als die Furcht vor dem unvermeidlichen Gericht am Ende seines Erdenlaufs? Kann man jemand freimütig und von Herzen lieben, wenn man befürchten muß, von Ihm vielleicht in die Hölle geworfen zu werden? »Furcht ist nicht in der Liebe«, sagt der Apostel. »In meiner Liebe ist aber Furcht«, sagt der einfältige Gläubige und denkt dabei an manches eigene Versagen, manche schwerwiegenden Dinge, die ihm im Blick auf jenen Tag Qualen bereiten. In dieser Bestürzung, die ihn ab und zu befällt, erblickt er zwar genug in Christus, um eine »schwache Hoffnung« in seinem Herzen zu bewahren. Doch ist er sicher, daß sie niemals zu dem Bekenntnis ausreicht, Freimütigkeit zu haben am Tage des Gerichts. Im Gegenteil, er scheut sich davor, an den Gerichtstag zu denken, der für ihn mit soviel Schrecken verbunden ist. Ich stelle diesen Fall genau so dar, wie ich ihn kennengelernt habe, um alle, die ähnlich denken, davon zu überzeugen, daß ihre Überle­gungen mit der geoffenbarten Wahrheit Gottes gänzlich unverein­bar sind. Wer dies bestreiten sollte, dem sei versichert, daß er seine Stellung damit nicht verbessert, sondern seine Seele durch die zweifelnde Vorstellung in Gefahr bringt, die Schrift stehe mit sich selbst im Widerspruch oder die Wahrheit, die ihm hier solche Schwierigkeiten bereitet, werde durch andere Schriftstellen abge­schwächt oder aufgehoben. Es ist jedoch der Irrtum, den er in sich aufgenommen hat, der im Widerspruch zu der betrachteten Schriftstelle steht; denn diese soll ja gerade die Furcht hinwegneh­men und nicht hervorrufen. Christus allein, der göttliche Zeuge und Garant der vollkommenen Liebe Gottes, kann alle deine Furcht beseitigen! Dies ist auch das unveränderliche Ziel der Wirksamkeit des Heiligen Geistes; Er leitet in alle Wahrheit, und zwar indem Er Christus verherrlicht, denn Er empfängt von dem Seinen und verkündet es uns. Er mag uns indirekt dadurch helfen, daß Er uns Dinge fortnimmt, damit wir vor Gott gedemütigt und gebeugt werden. Aber auch dadurch will Er uns nur mit dem Herrn beschäftigen, durch den die Gnade und die Wahrheit gekommen sind und der in Seiner Person alles in allem erfüllt.

 

Es besteht noch eine andere Gefahr für diejenigen, die noch nicht von der Furcht befreit sind. Sie stützen sich auf die Taufe oder nehmen zum Abendmahl ihre Zuflucht, um die Furcht dadurch zu übertönen. Doch die Schrift gibt uns keinerlei Anwei­sung zu solch einer Selbsttäuschung. Im Gegenteil warnte der Apostel die Korinther in seinem ersten Brief, als sich viele von ihnen in einem schlechten und gefährlichen Zustand befanden, vor jedem Mißbrauch des Abendmahls. In Kapitel 1, Vers 14, dankt er Gott, daß er außer Krispus und Gajus keinen von ihnen getauft habe, auf daß niemand sagen könne, er habe auf seinen eigenen Namen getauft. Er hatte auch das Haus des Stephanus getauft; sonst wußte er nicht, ob er noch jemand anderes getauft habe. »Denn«, so sagt er, Christus hat mich nicht ausgesandt, zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen. « Wie käme er dazu, so etwas zu schreiben, wenn die Taufe das Mittel wäre, ewiges Leben zu erlangen? Christus hatte ihn im Gegenteil nicht gesandt, um zu taufen; er überließ es anderen, an den »vielen« Korinthern, welche »hörten, glaubten und getauft wurden«, in jener Stadt diesen Akt durchzuführen (Apg. 18, 8). In 1. Korin­ther 4, 15 schreibt er den Korinthern: »Denn in Christus Jesus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium. « Das Evangelium, das Wort der Wahrheit, war und ist das Mittel, aus Gott geboren zu werden, und nicht die Taufe, so wertvoll diese auch an ihrem Platze ist.

 

In 1. Korinther 10 geht der Apostel noch weiter. Er warnt dort die Korinther und damit alle seither lebenden Christen davor, dem Vorbilde Israels nachzuwandeln. Denn obwohl sie alle durch das Meer hindurchgegangen und alle auf Moses in der Wolke und im Meer getauft waren und alle dieselbe geistliche Speise gegessen und denselben geistlichen Trank getrunken hatten, so hatte doch Gott an den meisten von ihnen kein Wohlgefallen, denn sie wurden in der Wüste hingestreckt. »Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, daß wir nicht nach bösen Dingen gelüsten, wie auch jene gelüsteten« (l. Kor. 10, 6). Und was das Abendmahl betrifft, so haben selbst aufrechte und urteilsfähige Katholiken, wie z. B. Kardinal Cajetan, die irrige Anwendung von Johannes 6, 53‑56 auf das Mahl des Herrn verworfen. Diese Stelle spricht zu uns von Christus Selbst in Seinem Tode als dem Gegenstand unseres Glaubens, so wie das lebendige Brot auf Ihn als den Fleischgewordenen vor Seinem Tode hinweist. Wendet man diese Stelle auf das Abendmahl an, so begeht man einen doppelten Fehler. Einerseits würde das bedeuten, daß man das ewige Leben nur durch das Abendmahl empfangen kann; ande­rerseits hieße es, daß jeder Teilnehmer am Abendmahl ewiges Leben habe. Beides wären jedoch verwerfliche Unwahrheiten. Wird die Stelle jedoch auf Christus in Seinem Leben und Seinem Sterben angewandt, so sind beides kostbare Wahrheiten. So erweist sich das Wort Gottes allen Argumentationen der Men­schen überlegen. Für den Gläubigen ist Christus alles.

 

Gott versichert durch Sein Wort alle Gläubigen Seiner Liebe. Er macht Seine Liebe darin kund, daß Christus im Fleische kam, daß Er den Sühnetod erlitt und daß Er jetzt in der Herrlichkeit ist ' wobei als Krönung die Versicherung gegeben wird, daß »gleichwie e r ist, auch w i r sind in dieser Welt«. Hier wird uns Seine Gnade und Wahrheit vorgestellt, und da Christus voller Gnade und Wahrheit war, empfängt jeder, der Ihn annimmt, von Seiner Fülle. Das gilt für jeden Gläubigen. Das gilt auch für dich, lieber zweifelnder, furchtsamer Freund! Glaubst du als ein armer, schuldiger Sünder an Ihn? Glaubst du daran, daß Gott in Seiner unermeßlichen Liebe Jesus, Seinen Sohn, dahingab? Laß die trügerische Hoffnung fahren, daß irgend etwas Gutes in dir Gott befriedigen könnte. Stütze dich auf Gottes Autorität und Gnade und nimm Ihn an, der nicht nur für Gott, sondern auch für dich alles gutgemacht hat; Gott hat Ihn als die Sühnung für Sünden herabgesandt. Wenn du dann die Frohe Botschaft Gottes ange­nommen hast und alles vor Ihm erwägst, darfst du sagen: »Durch die Gnade glaube ich, daß ich Leben und Frieden besitze und Sein Kind geworden bin!« Dann weißt auch du, daß du auserwählt bist. Jeder andere Weg, diese Gewißheit zu erlangen, wäre menschlich und gefährlich, ungewiß und böse, ein Betrug des Teufels, der ins Verderben führt. Christus ist die Wahrheit, nur Er gibt die Gewißheit über die Erwählung. Wenn du an Ihn glaubst und Ihn bekennst, darfst du ohne jede Spur von Zweifel sagen: »Gott hat mich auserwählt! Sonst wäre ich mir selbst und meinem Einwän­den überlassen geblieben und hätte nie den göttlich gewirkten Glauben erlangt. « So treibt die vollkommene Liebe die Furcht aus und schenkt dir durch den Glauben Frieden mit Gott anstatt der Strafe und Qual, mit denen dein Geist sich beschäftigt hatte.

 

Es ist daher durchaus verständlich, daß jeder, »der sich aber fürchtet, in der Liebe nicht vollendet ist«. Solange du der Liebe Gottes nicht gewiß bist, kannst du Ihn nicht wirklich lieben. Glaubst du aber an die Wirklichkeit Seiner Liebe, in der Er Seinen Sohn für die Gottlosen, für Seine Feinde, dahingab, kommt Er dir dann nicht hilfreich entgegen? Denke noch einmal an die einstige Sünderin (Luk. 7) und an den gewalttätigen Räuber am Kreuz (Luk. 23)! Warum werden wohl diese extremen Fälle mitgeteilt, wenn nicht, weil Gott dich damit ermutigen will? Andernfalls wären sie wohl mit Stillschweigen übergangen worden. Sie wurden aber ausdrücklich niedergeschrieben, um zweifelnden Männern und Frauen zu helfen, denen es vielleicht schwerer fällt, an die Liebe Gottes zu glauben, als dem am tiefsten gefallenen Sünder.

 

Verzage auch nicht, wenn du zu der Feststellung kommst, daß du Gott nicht liebst. Darum geht es jetzt nicht in erster Linie. Gott weist auf Christus und Seinen Tod hin, den Er für die Sünden erlitt; ist das nicht der beste Beweis, den Er nur geben konnte, für Seine Liebe zu dir und zu mir? Wenn du deine Einwände fahren läßt und dich diesem überwältigenden Beweis beugst, um dich von Seiner Liebe überzeugen zu lassen, dann wirst du ganz gewiß lieben, wenn du es auch nur zögernd zugibst. Andere werden die Wandlung bei dir wahrnehmen. Wenn du auf dem Sühnopfer Christi für deine Sünden ruhst, dann wird dein Herz sich Gott öffnen, der dich durch das Blut Christi von jeder Befleckung reinigt. Dann wirst du freudig ausrufen: »Ich habe Ihn gefunden!« und bald erkennen, daß Er es war, der dich gefunden hat. Komme zu Ihm gerade so, wie du bist, damit Er allein die Ehre hat! Und wenn Gott mich mit einer so gewaltigen Liebe geliebt hat, als nichts in mir dieser Liebe würdig war, als mein ganzes Wesen und Leben voller Sünde war, sollte Er dann aufhören, mich zu lieben, nachdem ich Sein Kind geworden bin, durch den Glauben an Christus die Sohnschaft empfangen habe und durch den Heiligen Geist »Abba, Vater« rufen darf? Sicherlich nicht! Selbst mein irdischer Vater würde mich nicht verstoßen, auch wenn ich abirrte, gedankenlos und töricht handelte. Gott aber, als mein Vater, beurteilt mein Verhalten als Sein Kind und züchtigt mich, wenn dies notwendig ist. Das ist das Ergebnis Seiner immerwäh­renden, treuen Liebe, solange ich mich in der Wüste befinde

 

Ein gewaltiger Trost liegt auch für uns als Kinder Gottes in der Gewißheit, daß wir mit all unseren Sorgen, Bedürfnissen und Befürchtungen, mit allem, dessen wir uns zu schämen haben, freimütig und ohne jedes Zögern zu Ihm kommen dürfen. Wir dürfen alle unsere Sorgen auf Ihn werfen, denn Er ist besorgt für uns und hat uns lieb. Achte aber darauf, daß Satan kein Mißtrauen Ihm gegenüber in dein H