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Klagelieder Walvoord


Klagelieder (Charles H. Dyer)


EINLEITUNG


Das Buch "Klagelieder" ist ein Anhang zu dem Buch Jeremia. In fünf Trauerliedern klagt der Autor über das Schicksal Jerusalems. Und doch enthält dieses Buch mehr als nur den Rückblick eines Propheten, dessen Weissagungen sich erfüllt haben. "Es ist eine bewegende Erinnerung daran, daß die Sünde trotz all ihrer Verzauberung und Faszination ein schweres Gewicht von Leid, Trauer, Elend, Verlassenheit und Schmerzen mit sich bringt. Es ist die andere Seite der Iß, trink und sei fröhlich-Medaille." (Charles R. Swindoll, The Lamentations of Jeremiah , "Introduction") In den Klageliedern wird sowohl der Untergang der Stadt beklagt als auch Zurechtweisung, Hilfe und Hoffnung für die Überlebenden dieses Untergangs angeboten.



Titel


Der Titel des Buches ist von dem ersten Wort des Buches abgeleitet, ?LKCh . Dieses Wort kann mit "Wehe!" übersetzt werden und war der charakteristische Aufschrei einer Klage (vgl. 1Sam 1,19; Jer 9,18 ). Die rabbinischen und talmudischen Schreiber benennen das Buch mit diesem Titel oder mit dem Wort qInNT , das "Trauerlieder" oder "Klagerufe" bedeutet.

Die Übersetzer der Septuaginta gaben den rabbinischen Titel qInNT mit thrEnoi wieder, dem griechischen Wort für Klagelieder. Dieser Name wurde von der lateinischen Vulgata übernommen, die das Buch mit threni , "Klagelieder", überschrieb. Die deutschen Übersetzer folgten den griechischen und lateinischen Übersetzungen und nannten das Buch "Klagelieder". Dieses Wort gibt zugleich den Inhalt wieder. Viele übernahmen auch die jüdische Tradition, das Buch dem Propheten Jeremia zuzuschreiben. Der deutsche Name lautet daher entweder "Die Klagelieder Jeremias" oder einfach nur "Klagelieder".



Autor und Entstehungszeit


Das Buch selbst nennt seinen Autor nicht, aber die jüdische Tradition schreibt es Jeremia zu. In der Septuaginta lesen wir als Einleitung zu dem Buch die folgenden Worte: "Und es geschah, als Israel gefangengenommen und Jerusalem zerstört war, daß Jeremia weinend dasaß und diese Klagelieder über Jerusalem klagte und sagte ..." Der aramäische Targum des Jonatan, der babylonische Talmud, die Peschitta und die Vulgata nennen ebenfalls Jeremia als Autor dieses Buches.

Auch innere Argumente sprechen für Jeremia als Autor. Mehrere Aussagen und Gedanken, die Jeremia in seinen Weissagungen benutzt, tauchen in den Klageliedern wieder auf (vgl. Jer 30,14 mit Kl 1,2 und Jer 49,12 mit Kl 4,21 ). In beiden Büchern sagt der Autor, daß seine Augen von Tränen überfließen ( Jer 8,23; 9,17; Kl 1,16; 2,11 ); in beiden ist er ein Augenzeuge der Eroberung Jerusalems durch Babylon und der Greuel, die Jerusalem in seinen letzten Tagen erlebte ( Jer 19,9; Kl 2,20; 4,10 ).

Bis ins Jahr 1712 hinein wurde die Autorschaft Jeremias allgemein anerkannt. Herman von der Hardt schrieb den ersten Kommentar, der dies bezweifelte. Die Argumente von der Hardts und anderer Alttestamentler sind jedoch bereits überzeugend widerlegt worden (z. B. Gleason L. Archer, Jr., A Survey of Old Testament Introduction . Chicago: Moody Press, 1964, S. 365 - 367; Walter C. Kaiser, Jr., A Biblical Approach to Personal Suffering , S. 24 - 30).

Wenn Jeremia wirklich der Autor dieses Buches gewesen ist, dann muß das Buch selbst innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums geschrieben worden sein. Jeremia müßte diese poetischen Klagelieder dann nach dem Fall Jerusalems im Jahre 586 V. Chr. (vgl. Kl 1,1-11 ), aber noch bevor er nach der Ermordung Gedaljas nach Ägypten gebracht wurde (ca. 583 - 582 V. Chr.; vgl. Jer 43,1-7 ), abgefaßt haben. Auch die lebendigen Beschreibungen, die das Buch enthält, und die tiefen Gefühle, die darin zum Ausdruck kommen, verlangen eine Abfassung kurz nach den Ereignissen, also eventuell E586 V. Chr. oder Anfang 585 V. Chr.



Historischer Hintergrund


Von 588 bis 586 V. Chr. gelang es dem babylonischen Heer, die Verteidigung Jerusalems systematisch zu durchbrechen (Anmerkungen zu diesen Zeitangaben finden sich im Kommentar zu 2Kö 25,1-10 ). Judas ursprüngliche Begeisterung nach seiner Rebellion gegen Babylon wich einem Gefühl der Unsicherheit und Furcht. Ägypten, sein Verbündeter, hatte eine militärische Niederlage hinnehmen müssen, als es vergeblich versucht hatte, Juda von dem Zugriff der Babylonier zu befreien. Eine jüdische Stadt nach der anderen wurde erobert (vgl. Jer 34,6-7 ), bis nur noch Jerusalem den babylonischen Heerscharen Widerstand entgegensetzte.

Innerhalb der Stadt ließ der immer enger werdene babylonische Belagerungsring die gesellschaftlichen Strukturen und Normen zerbrechen. Mütter aßen ihre eigenen Kinder ( Kl 2,20; 4,10 ). Der Götzendienst florierte, denn die Menschen schrien zu jedem ihnen bekannten Gott um Hilfe. Die Menschen wurden vom Wahnsinn erfaßt. Schließlich wollten sie gar den Propheten Gottes als Verräter und Spion töten, nur weil er die Wahrheit verkündete.

Die lange Belagerung endete ganz plötzlich am 18. Juli 586 V. Chr. Die Mauern wurden durchbrochen, und das babylonische Heer drang in die Stadt ein ( 2Kö 25,2 . 3-4 a). König Zedekia und die übriggebliebenen Männer seiner Armee versuchten zu fliehen, wurden aber gefangengenommen ( 2Kö 25,4 b. 5-7 ). Mehrere Wochen dauerte es, bis Nebukadnezar die Stadt von Widerstandskämpfern gesäubert und alles Wertvolle geraubt hatte, aber am 14. August 586 V. Chr. war diese Aufgabe erfüllt, und die Zerstörung der Stadt begann ( 2Kö 25,8-10 ). (Die beiden Daten - 18. Juli und 14. August 586 V. Chr. - werden u.a. erfolgreich begründet von Edwin R. Thiele, The Mysterious Numbers of the Hebrew Kings . Überarb. Aufl., Grand Rapids: Zondervan Publishing House, 1983, S. 190.) Die babylonischen Truppen verbrannten den Tempel, den Königspalast und alle größeren Gebäude der Stadt und rissen die Mauern, die ihr Schutz geboten hatten, nieder. Als die Babylonier schließlich ihr Zerstörungswerk vollendet hatten und mit ihren Gefangenen abgezogen waren, ließen sie nur Ruinen und wertloses Gerümpel zurück.

Jeremia mußte die Entweihung des Tempels und die Zerstörung Jerusalems mitansehen (vgl. Jer 39,1-14; 52,12-14 ). Die vormals so stolze Hauptstadt war in den Staub getreten worden. Ihre Bevölkerung war einem grausamen Sklavenhalter ausgeliefert. All dies lastete schwer auf Jeremias Seele, als er sich niedersetzte und diese Klagelieder schrieb.

 

 

Die Beziehung zu 5Mo 28


Ein wesentliches, aber oft übersehenes Charakteristikum des Buches Klagelieder ist seine Beziehung zu 5Mo 28 .John A. Martin hat es so formuliert: "Der Autor des Buches Klagelieder wollte die Erfüllung des in 5Mo 28 angekündigten Fluches zeigen" ("The Contribution of the Book of Lamentations to Salvation History". Dissertationsarbeit für Th. M., Dallas Theological Seminary, 1975, S. 44). Die folgende Tabelle zeigt viele dieser Parallelen zwischen Klagelieder und 5Mo 28 .

Alle Schwierigkeiten und Nöte, die Jerusalem nach dem Buch Klagelieder erlebte, hatte Mose bereits etwa 900 Jahre zuvor vorausgesagt. Gott hatte die Israeliten vor den furchtbaren Konsequenzen des Ungehorsams gewarnt, und wie Jeremia sorgsam anmerkte, hatte Gott seine Drohungen des Fluches erfüllt. Doch macht gerade dies das Buch der Klagelieder zu einem Buch der Hoffnung für Israel. Gott war in jeder Hinsicht treu bei der Erfüllung seiner Bundesverheißung. Israel wurde für seinen Unglauben bestraft. Aber es wurde nicht ausgelöscht, denn Gottes Bund war immer noch gültig. Der gleiche Bund, der das Gericht für seinen Ungehorsam ankündigte, verhieß auch seine Wiederherstellung nach Umkehr und Buße (vgl. 5Mo 30,1-10 ). Jeremia konnte also mitten in der Verzweiflung eine sichere Hoffnung anbieten ( Kl 3,21-32 ). Jeremias Botschaft an die Israeliten in der Gefangenschaft war, daß sie aus 5Mo 28 lernen und zum Herrn umkehren sollten. Das Gebet in Kl 5,21-22 ist kein zweifelnder Aufschrei eines entmutigten Überrestes. Vielmehr ist es die Antwort des Glaubens jener Gefangenen, die die Lektion aus 5Mo 28 und dem Buch Klagelieder gelernt hatten. Sie riefen zu Gott, daß er auch seine übrigen Bundesverheißungen erfüllen und sie wieder als Volk aus der Gefangenschaft zurückbringen möge.


Struktur und Stil


Das Buch Klagelieder weist vor allem drei große strukturelle und stilistische Eigenheiten auf:

1. Die Klagestruktur Das Buch Klagelieder umfaßt fünf Lieder bzw. Trauergesänge, die jeweils eines der Kapitel darstellen. Ein Trauergesang war ein Beerdigungslied, das für jemanden geschrieben wurde, der gerade gestorben war (vgl. 1Sam 1,17-27 ). Dieses Lied betonte gewöhnlich die guten Eigenschaften des Verstorbenen und den tragischen Verlust, den die Trauernden bei seinem Tod empfanden. Jeremia beklagte den tragischen "Tod" der Stadt Jerusalem und die Folgen dieses Ablebens für die Menschen. Er benutzte also die Form eines Beerdigungsliedes, um die Gefühle der Traurigkeit und des Verlustes auszudrücken, die die Überlebenden empfanden.

Die Klagestruktur wird durch zwei weitere strukturelle Elemente unterstrichen. Das erste ist die wiederholte Verwendung des Wortes "Wehe" ( ?LKCh ) in der Eröffnung von drei der fünf Kapitel (vgl. Kl 1,1; 2,1; 4,1 ). Wie bereits unter "Titel" erwähnt, hat das Wort ?LKCh die Bedeutung eines starken Klagerufes. Das zweite Element, das die Klagestruktur betont, ist der häufige Gebrauch des qInCh -Metrums in den Kap. 1 - 4 . Bei diesem rhythmischen Versmaß hat die zweite Hälfte einer Verszeile einen Schlag weniger als die erste Hälfte. Daraus entsteht ein 3 + 2 "hinkendes Versmaß", das bei dem Leser ein Gefühl von Leere und Unvollständigkeit hinterläßt. Aufgrund dieser beiden Elemente spiegeln die Klagelieder die Empfindung höchster Traurigkeit wider, wodurch deren emotionale Intensität verstärkt wird.

2. Die akrostische Anordnung Eines der Schlüsselelemente des Buches Klagelieder, das sich jedem Übertragungsversuch widersetzt, ist die akrostische Anordnung der Kapitel 1 - 4 . Ein Akrostichon ist so geordnet, daß die ersten Buchstaben, Silben oder Worte jedes Satzes oder jeder Reihe, wenn man sie der Reihenfolge nach aneinanderfügt, ein Wort, eine zusammenhängende Gruppe von Worten oder das Alphabet ergeben. Im Buch Klagelieder ist jedes der ersten vier Kapitel akrostisch geordnet. Vers 1 beginnt also jeweils mit dem Buchstaben ?aleP , Vers 2 mit bLT , usw. Die Kapitel 1; 2; 4 bestehen aus je 22 Versen, die mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabetes beginnen. Kapitel 3 , das Herzstück des ganzen Buches, hat 66 Verse. Jeweils drei Verse beginnen mit einem Buchstaben des Alphabetes. Nur Kapitel 5 ist nicht akrostisch geordnet, obwohl es ebenfalls 22 Verse hat.

Bevor wir die Bedeutung dieser Akrostichen erörtern, muß auf eine weitere Besonderheit eingegangen werden. In jedem der Kapitel 2 - 4 treten zwei hebräische Buchstaben in umgekehrter Reihenfolge auf. Die normale Reihenfolge des 16. und 17. Buchstabens ist Zayin-pE (vgl. Ps 119 ). Dieser Anordnung folgt auch Klagelieder 1. In den Kap. 2 - 4 jedoch wird sie umgekehrt , so daß Zayin auf pE folgt. Lange war dies für die Ausleger ein schwer zu lösendes Problem. Erst kürzlich haben archäologische Entdeckungen dazu beigetragen, diese Frage zu klären. Man hat bei Ausgrabungen mehrere hebräische Alphabet-Tafeln (Alphabete, die von hebräischen Kindern beim Erlernen des Schreibens in Tonscherben geritzt worden waren) gefunden. Einige dieser Tafeln enthalten das Alphabet in der heute gebräuchlichen Form. Bei anderen dagegen ist die Reihenfolge des 16. und 17. Buchstabens umgekehrt ( pE-Zayin ). Offensichtlich waren beide Formen des Alphabetes üblich. Der Autor der Klagelieder benutzte also lediglich zwei damals gebräuchliche Formen des hebräischen Alphabetes.

Warum aber bediente er sich der akrostischen Anordnung? Ein möglicher Grund dafür ist, daß er dadurch den Lesern beim Auswendiglernen der Klagelieder helfen wollte. Viele Gitarrenschüler lernen heute die Reihenfolge der Saiten durch ein Akrostichon ( E in A nfänger d er G itarre h at E ifer). Ähnliche Beispiele gibt es genug. Auf die gleiche Weise diente die alphabetische Anordnung der Klagelieder wohl als Gedächtnisstütze, damit die Israeliten die wichtigen Lektionen dieses Buches behalten konnten.

Eine zweite Erklärungsmöglichkeit wäre, daß der Autor seinen Lesern auf diese Weise die Vollständigkeit ihres Leidens, das wegen ihrer Sünde über sie gekommen war, zeigen wollte. Das Alphabet sollte sie daran erinnern, daß Jerusalems Gericht "von A bis Z" eingetreten war. Vielleicht hatte Jeremia auch beide Gründe gemeinsam vor Augen, als er die Kapitel 1 - 4 auf diese Weise anordnete.

3. Strukturelle Ausgewogenheit Das Buch Klagelieder zeichnet sich durch seine strukturelle Ausgewogenheit aus. Die Kapitel 1-2; 4-5 sind parallel zueinander und chiasmisch geordnet. So geht es in den Kap. 1; 5 hauptsächlich um die Menschen, während in den Kap. 2; 4 vor allem von Gott die Rede ist. Kapitel 3 ist der Höhepunkt des Buches und zeigt Jeremias Reaktion inmitten der Anfechtung. Graphisch kann man diese Ordnung folgendermaßen verdeutlichen:

Dieser strukturellen Symmetrie steht ein progressives Element gegenüber. Die ersten vier Kapitel sind Akrostichen, das fünfte nicht. Die ersten vier Kapitel benutzen das qInCh -Metrum häufig, das fünfte nicht. Drei der ersten vier Kapitel (mit Ausnahme von Kl 3 ) beginnen mit dem Wort ?LKCh , Kapitel 5 nicht. In mancherlei Hinsicht "durchbricht" das fünfte Kapitel Strukturen, die in den anderen Kapiteln aufgerichtet wurden. Es ist kein Zufall, daß es mit einem Gebet beginnt und mit einem Gebet endet ("Gedenke, Herr"; Kl 5,1 ; "Bringe uns, Herr, zu dir zurück"; V. 21 ). In Kapitel 5 zeigt uns Jeremia die Reaktion und Antwort, die Gott von dem Überrest erwartete. Es stellt somit einen treffenden Schluß des ganzen Buches dar. Gottes Züchtigung sollte zu Umkehr und Buße führen.

 



GLIEDERUNG


I. Erstes Lied: Jerusalems Verwüstung wegen seiner Sünde ( Kap. 1 )

     A. Jeremias Klage über die Verwüstung Jerusalems ( 1,1-11 )
     B. Jerusalems Bitte um Erbarmen ( 1,12-22 )

II. Zweites Lied: Gottes Strafe für Jerusalems Sünde ( Kap. 2 )

     A. Gottes Zorn ( 2,1-10 )
     B. Jeremias Trauer ( 2,11-19 )
     C. Jerusalems Bitte ( 2,20-22 )

III. Drittes Lied: Jeremias Antwort ( Kap. 3 )

     A. Jeremias Leiden ( 3,1-18 )
     B. Jeremias Hoffnung ( 3,19-40 )
     C. Jeremias Gebet ( 3,41-66 )

IV. Viertes Lied: Der Zorn Gottes( Kap. 4 )

     A. Die Situation vor und nach der Eroberung ( 4,1-11 )
     B. Die Gründe für die Eroberung ( 4,12-20 )
     C. Die Ruf nach Rechtfertigung( 4,21-22 )

V. Fünftes Lied: Die Antwort des Überrestes ( Kap. 5 )

     A. Das Gebet des Überrestes um Gottes Gedenken ( 5,1-18 )
     B. Das Gebet des Überrestes um Wiederherstellung ( 5,19-22 )


AUSLEGUNG


I. Erstes Lied: Jerusalems Verwüstung wegen seiner Sünde
( Kl 1 )


Jeremias erstes Lied liefert uns das Thema des ganzen Buches - das Leid, das die Sünde bringt. Fünfmal wird in Kapitel 1 erwähnt, daß der Schrei Jerusalems um Hilfe nach seinem Untergang unbeantwortet geblieben sei "Es ist niemand ..., der sie tröstet" (V. 2.9.16 - 17.21 ). Die Stadt hatte sich von der schützenden Fürsorge ihres Gottes abgewandt, um fremden Verbündeten und leblosen Götzen nachzujagen. Nun, da sie die Hilfe anderer am nötigsten brauchte, war sie ganz allein - verlassen und hilflos.

Jeremia enthüllte die hoffnungslose Lage Jerusalems schrittweise in zwei Bildern. Das erste war das eines Fremden, der die Stadt betrachtete (V. 1 - 11 ). Es war der Blick von außen nach innen. Das zweite Bild personifizierte Jerusalem selbst, wie es zu jenen schrie, die vorbeizogen, daß sie stehenbleiben und seine Lage betrachten sollten (V. 12 - 22 ). Dies war der Blick von innen nach außen.



A. Jeremias Klage über die Verwüstung Jerusalems
( 1,1 - 11 )


Als Jeremia die Zerstörung dessen betrachtete, was einmal eine blühende Stadt gewesen war, fing er an, über diese Zerstörung zu klagen. In den Versen 1 - 7 wird das Ausmaß dieser Zerstörung beschrieben, und in den Versen 8 - 11 wird der Grund dafür erläutert.



Kl 1,1


Jerusalem hatte eine katastrophale Verwandlung über sich ergehen lassen müssen. Jeremia nennt drei Bereiche, in denen sich alles radikal verändert hatte. Erstens hatte sich die Bevölkerung der Stadt stark verringert. Die einst vor Leben berstende Stadt war nun verlassen. Zweitens hatte sich die wirtschaftliche Lage völlig verändert. Die Stadt, die eine Fürstin unter den Völkern gewesen war, war nun wie eine Witwe geworden. Das Bild der Witwenschaft findet sich oft im Alten Testament, um eine hoffnungslose Verzweiflung zu bezeichnen. Oft stehen die Witwen neben Fremdlingen und Waisen, die sich ebenfalls nicht selbst schützen konnten (vgl. 2Mo 22,21; 5Mo 10,18; 24,19-21; 26,13; 27,19; Jes 1,17 ). Jerusalem war verlassen und hilflos geworden. Drittens schließlich hatte sich die soziale Lage völlig verändert. Die Königin war zur Sklavin geworden. Die Stadt, die über andere Völker geherrscht hatte, mußte nun dem Volk der Babylonier dienen.



Kl 1,2


Indem Jeremia diese Personifizierung Jerusalems weiterführte, beschrieb er dessen Reaktion auf die Zerstörung. Während andere Völker friedlich ausruhen und schlafen konnten, lag die Stadt Jerusalem weinend auf ihrem Kissen und beklagte ihren Zustand bitterlich. Sie brauchte den Trost ihrer Liebhaber und Freunde , aber diese kamen nicht. Ihren wahren Liebhaber und Freund, Jahwe, hatte sie um falscher Götter und fremder Verbündeter willen verlassen. Aber nun, da die Stunde der Not gekommen war, waren ihre treulosen Freunde nirgends zu finden. Sie waren ihre Feinde geworden . Niemand war da, der ihr Elend lindern half.

 

Kl 1,3-6


In diesen Versen wird die Schilderung des Elends fortgesetzt, das über Juda und Jerusalem gekommen war. Statt sicher in seinem eigenen Land zu wohnen, war Juda gefangen und wohnte unter den Heiden . Die Babylonische Gefangenschaft, die von 605 bis 538 V. Chr. dauerte, zwang die meisten Juden, ihre Heimat zu verlassen und in fremden Ländern als Sklaven zu leben. Die Straßen und Tore Jerusalems, einst mit Pilgern überfüllt, die kamen, um im Tempel anzubeten und die verordneten Feste dort zu feiern, waren nun verlassen. Der Tempel selbst war zerstört (vgl. V. 10 ), die Priester seufzten und die Feste hatten aufgehört. Die Widersacher und Feinde des Volkes Gottes hatten triumphiert. Jerusalems Jungfrauen trauerten (V. 4 ), seine Kinder waren gefangen (V. 5 ) und seine Führer ( Fürsten ) flohen wie gejagte Hirsche (V. 6 ).

Der Name Zion (V. 4.6 ) bezog sich ursprünglich auf den Hügel in Jerusalem, auf dem die Stadt Davids erbaut worden war (vgl. 1Sam 5,7; 1Kö8,1 ). Später, als der Tempel auf dem Berg Morija erbaut und die Bundeslade aus der Stadt Davids in den Tempel gebracht worden war (vgl. 2Chr 5,2.7 ), fing man an, den Hügel, auf dem der Tempel stand, "Berg Zion" zu nennen (vgl. Ps 20,3; 48,2; 78,68-69 ). Aber man benutzte dieses Wort auch für ganz Jerusalem, wozu die Stadt Davids, der Tempelberg und die westlichen Hügel, auf die sich die Stadt später ausdehnte, gehörten (vgl. Jer 51,35 ). "Zion" bezeichnet oft den Wohnort Gottes, wobei entweder der Tempel allein oder die Stadt, in der dieser Tempel lag, gemeint war. (Zu Tochter Zion vgl. die Anmerkungen zu Kl 2,1 .) In 1,4 - 6 wird also die religiöse Zerstörung Jerusalems unterstrichen, nachdem der Tempel und die dazugehörigen Opfer und Feste, die Gottes Gegenwart und seine Gemeinschaft mit seinem Volk dargestellt hatten, vernichtet worden waren.


Kl 1,7


Als wäre das physische Trauma nicht genug, kam auch noch eine innere Verzweiflung über die Bewohner Jerusalems. Sie erinnerten sich an all das Gute, das sie von alters her gehabt hatten. Der Spott und Ruin, denen sie sich jetzt gegenübersahen, standen in scharfem Gegensatz zu ihrer früheren Herrlichkeit - aber in dieser Erinnerung an das, was es früher gewesen war, fand Jerusalem keinen Trost. Seit es unter des Feindes Hand gefallen war (vgl. V. 2 - 3.5 - 6 ), verspottete man es.



Kl 1,8-9


Nach der Beschreibung dessen, was Jerusalem widerfahren war (V. 1 - 7 ) erklärte Jeremia nun, warum dies so war (V. 8 - 11 ). Jerusalem hatte sich versündigt (vgl. V. 5 ). Die Katastrophe, die über die Stadt hereingebrochen war, entsprang nicht den Gedanken eines herzlosen Gottes und richtete sich nicht gegen ein unschuldiges Volk. Jerusalem selbst hatte seine eigene Zerstörung verschuldet, indem es gesündigt hatte. Es hatte geerntet, was es gesät hatte. Als es sich von Gott abwandte, um seinen eigenen, götzendienerischen Wegen zu folgen, hätte es nicht gemeint, daß es ihm zuletzt so gehen würde . Wie viele einzelne Menschen auch hatte Jerusalem nicht erkannt, daß Sünde nur zu Tod und Zerstörung führt ( Hes 18,4; Röm 6,23 ).



Kl 1,10-11


Jeremia nannte kurz zwei Folgen der Sünde Jerusalems. Erstens mußte Jerusalem zusehen, wie sein Tempel entheiligt wurde - die Heiden gingen in sein Heiligtum . Das Gebäude, in dem die Menschen irrigerweise ihren Schutz vor jeglicher Zerstörung gesehen hatten (vgl. Jer 7,2-15; 26,2-11 ), war nun vor ihren Augen durch Heiden entweiht worden, die doch eigentlich dort nicht hineingehen durften. Offenbar hatten die Juden ihren Tempel als eine Art riesigen Talisman, einen Glücksbringer, betrachtet und geglaubt, daß Jerusalem sicher sei, weil Gottes Haus hier stand. Vielleicht würde er, so argumentierten sie, andere Orte vernichten lassen, aber doch sicherlich nicht sein eigenes Haus. Zu spät mußten sie erkennen, daß bei Gott Steine nicht wichtiger sind als Gehorsam und daß Ungehorsam zur Zerstörung führt.

Die zweite Folge der Sünde, die Jerusalem erleben mußte, war eine Hungersnot. Während und nach der Belagerung war die Nahrung knapp. Die Menschen mußten ihre Kleinode um Speise geben , um ihr Leben zu erhalten (vgl. Kl 1,19; 2,20; 4,10 ). Die Nichtigkeit des Materialismus wurde all jenen deutlich, die mehr Silber und Gold als Brot besaßen.



B. Jerusalems Bitte um Erbarmen
( 1,12 - 22 )


In der zweiten Hälfte dieses ersten Liedes wechselt die Perspektive. Statt von außerhalb in die Stadt hineinzuschauen, begab sich Jeremia nun nach drinnen und sah hinaus. Jerusalem selbst rief alle, die in der Nähe waren, dazu auf, seine Notlage zu sehen. Die Verse 12 - 19 enthalten den Aufruf Jerusalems an die Menschen in seiner Umgebung, während die Verse 20 - 22 seine Bitte an Gott wiedergeben.



Kl 1,12-13


Jerusalem rief alle Vorübergehenden auf, stehenzubleiben und seine Lage zu beachten. Als erstes wies es auf das Gericht Gottes hin, das es erlebt hatte (V. 12-17 ). Dann erklärte es, daß dieses Gericht wegen seiner Sünde wirklich verdient war (V. 18-19 ).

Jerusalems Zerstörung war kein zufälliges Ereignis. Sie war die direkte Folge seiner Sünde. Der Herr hatte sie gebracht (vgl. Kl 2,1-8; 4,11; 5,20 ). Vier Bilder benutzte Jeremia, um Gottes Tun wider Jerusalem zu beschreiben. Erstens war Gottes Angriff wie Feuer , das er in Jerusalems Gebeine gesandt hatte. Damit könnten Blitze gemeint sein, die vom Himmel kamen und die Menschen trafen (vgl. 1Kö 18,38; 2Kö 1,10; Hi 1,16; Ps 18,13-15 ).

Zweitens war Gottes Angriff wie der eines Jägers, der Jerusalems Füßen ein Netz gestellt hatte. Netze benutzte man, um unzählige Tiere, u. a. Vögel ( Spr 1,17 ), Fische ( Pred 9,12 ) und Antilopen ( Jes 51,20 ) zu fangen. In einem Netz verwickelten und verfingen sich die Tiere, so daß sie nicht mehr fliehen konnten.



Kl 1,14


Drittens war Gottes Angriff, als hätte er Jerusalems Sünden zu einem Joch zusammengeknüpft , das auf Jerusalems Hals gekommen war. Ein Joch verband zwei Zugtiere miteinander, damit sie gemeinsam schwere Lasten ziehen konnten. Der schwere, hölzerne Kreuzbalken des Joches war ein Bild für Sklaverei oder für das Leid und die Schwierigkeiten, die jemand tragen mußte (vgl. 1Mo 27,40; 3Mo 26,13; 5Mo 28,48; 2Chr 10,3-11; Jes 9,3; 58,6.9; Jer 27,2.6-11 ). Jerusalems Sünden schufen dieses Joch des Gerichtes, unter dem die Menschen nun gezwungen waren, Babylon zu dienen. Gott hatte ihnen ihre Kraft genommen und sie in die Gewalt ihrer Feinde gegeben .



Kl 1,15


Viertens war Gottes Angriff dem Vorgang des Kelterns gleich. Wie Trauben war Jerusalems junge Mannschaft zertreten worden. Der HERR hatte die Kelter getreten der Jungfrau, der Tochter Juda . Geerntete Trauben wurden in eine Weinpresse gegeben und mit den Füßen zerstampft, bis der Saft in einen angeschlossenen Bottich gelaufen war. Dieser Vorgang wurde zu einem Bild für die völlige Zerstörung (vgl. Jes 63,1-6; Joe 4,12-15; Offb 14,17-20; 19,15 ). "Jungfrau, ... Tochter Juda" bezieht sich auf Jerusalem (vgl. Kl 2,2.5 ), das dieses Gericht Gottes erleben mußte. Gott hatte gegen es ein Fest ausrufen lassen .



Kl 1,16-17


Jerusalems Aufruf an die Vorüberziehenden, die Folgen des göttlichen Gerichtes anzuschauen, endete mit einem Schrei größter Verzweiflung. In Worten von anrührender Trauer verglich Jeremia Jerusalem mit einer gebrochenen, weinenden Witwe (vgl. V. 1 ), die ihre Hände ausstreckte, um ein wenig Trost und Hilfe zu finden. Aber ihr Tröster war ferne von ihr, und ansonsten war niemand da, der sie tröstete (vgl. V. 9.21 ). Die Stadt war einsam und verachtet. Gott hatte ihre Feinde ringsum aufgeboten , und diese betrachteten sie als ein unreines Weib (vgl. V. 8 ). Das hier benutzte Wort ( nidCh ) bezieht sich auf die zeremonielle Unreinheit, die durch die Menstruation hervorgerufen wird (vgl. 3Mo 15,19-20; Hes 18,6 ). Jerusalem wurde von allen gemieden und abgelehnt.



Kl 1,18-19


In seinem Schuldbekenntnis gab Juda zu, daß das Gericht von einem gerechten Gott geschickt worden war, der ein ungerechtes Volk damit strafte: Der HERR ist gerecht, denn ich bin seinem Worte ungehorsam gewesen . Gott ist nicht der Urheber des Bösen, und er ist auch kein allmächtiger Sadist, dem es Spaß macht, die Menschen mit Heimsuchungen zu quälen (vgl. Hes 33,11; 2Pet 3,9 ). Aber Gott ist gerecht, und daher läßt er die Sünde nicht ungestraft. Wer sich den vergänglichen Freuden der Sünde hingibt, muß dafür einen sehr hohen Preis zahlen. Jerusalem verließ seinen Gott, um diese "Freuden" zu erleben. Nun mußte es den Preis dafür zahlen - Schmerz und Gefangenschaft (vgl. Kl 1,3 ), Verlust der Freunde und Hungersnot .

 

Kl 1,20-22


Jerusalem hatte die Vorübergehenden angerufen (V. 12 - 19 ), aber nun wandte es sich in seinem Jammer an Gott. Jerusalem legte seine Seele offen dar vor dem Herrn und bat ihn, doch auf seine Not zu sehen. Draußen hatte es das Schwert und im Hause der Tod beraubt. Während der Belagerung durch Nebukadnezars Heer wurden alle, die in die Freiheit zu entkommen suchten, durch das Schwert getötet. Die, welche in der Stadt blieben, starben an Hunger und Pest.

Nachdem Jerusalem seine Not beschrieben hatte, rief es zu Gott, er möge doch das Gericht über seine Feinde bringen: So laß doch den Tag kommen, den du verkündet hast, daß es ihnen gehen soll wie mir . Der "Tag" ist der "Tag des Herrn", der schon durch seine Propheten angekündigt worden war. Dies ist jene Zeit, in der Gottes Gericht die ganze Erde erfassen, alle Ungerechtigkeit vergelten und das Zeitalter der Gerechtigkeit herbeiführen wird, das verheißen worden ist (vgl. die Anmerkungen zu "der Tag des Herrn" in der Einführung zu Joel).

Jerusalem wollte, daß Gott die Sünden seiner Feinde ebenso bestrafte, wie er seine Sünden bestraft hatte: Richte sie zu, wie du mich zugerichtet hast um aller meiner Missetat willen (vgl. Kl 4,21-22 ). Dies geschah damals nicht, aber Gott wird einmal alle Völker richten während und nach der noch zukünftigen Zeit der großen Trübsal (vgl. Jes 62,8-63,6; Hes 38-39; Joe 4,1-3.9-21; Ob 1,15-21; Mi 7,8-13; Sach 14,1-9; Mt 25,31-46; Offb 16,12-16; 19,19-21 ).



II. Zweites Lied: Gottes Strafe für Jerusalems Sünde
( Kl 2 )


Charles Swindoll hat dieses Kapitel sehr treffend mit "Worte aus dem Holzschuppen" überschrieben. Jeremia wendet sich von der personifizierten Stadt Jerusalem weg und kommt auf die Strafe zu sprechen, die Gott an ihm vollzogen hat. Die ersten zehn Verse zeigen, wie Gott in seinem Zorn die Stadt systematisch entblößt, indem er ihr das Gericht schickt. Die Verse 11 - 19 enthalten (a) Jeremias Aufschrei der Angst, als er die Zerstörung der geliebten Stadt beweint, und (b) seinen Aufruf an die Menschen, zu Gott zu schreien. Die Verse 20 - 22 schildern die Antwort der Menschen. Jerusalem fleht erneut zum Herrn, daß er doch ihr Elend ansehen möge.



A. Gottes Zorn
( 2,1 - 10 )


Das zweite Lied beginnt mit der Nennung des wirklichen Grundes für das Elend Jerusalems. Gott war derjenige gewesen, welcher die Stadt und ihre Bevölkerung zerstört hatte. In diesen zehn Versen hämmerte Jeremia seinen Lesern die Wahrheit ein, daß Gottes Gericht die Folge ihrer Sünde war. Die Worte Jeremias zeigen uns, wie Gott persönlich über die Vernichtung der Stadt wachte. Das Verb bAlaZ ("verschlingen" oder "völlig verschlucken") wird viermal benutzt (V. 2.5 [zweimal]. 8 ; in den deutschen Übersetzungen meist "vertilgt", "vernichtet" oder ähnlich). Vermutlich soll es das Feuer des göttlichen Gerichtes beschreiben, das die Stadt völlig eingeschlossen hatte. Jeremia benutzte noch andere anschauliche Verben wie "überschüttet" (V. 1 ), "abgebrochen" (V. 2 ), "zerbrochen" (V. 3 ), "gewütet" (V. 3 ), "zerstört" (V. 5 - 6 ), "vernichtet" (V. 6 ), "verworfen" (V. 7 ), "vernichten" (V. 8 ) oder "zerbrochen und zunichte gemacht" (V. 9 ). Diese Worte beschreiben den Zustand der Verwüstung und des Chaos, in dem Jerusalem sich befand. Gott war der Eine, der diese ganze Zerstörung hervorgebracht hatte.



Kl 2,1-5


Jeremia erklärte, daß Gottes Zorn (V. 1 [zweimal]. 3 ; vgl. Kl 1,12; 2,6.21-22; 3,43.66; 4,11 ) und Grimm ( Kl 2,4; 3,1; 4,11 ) sich gegen die Burgen der Tochter Juda gerichtet habe ( Kl 2,2 ). "Tochter Juda" bezieht sich auf Jerusalem (vgl. Kl 1,15; 2,5 ). Die Stadt wird auch Tochter Zion ( Kl 1,6; 2,1.4.8.10.13.18 : Kl 4,22 ) und "Tochter Jerusalem" (vgl. Kl 2,13.15 ) genannt. Diese Zerstörung betraf die Wohnungen (V. 2 ), Paläste (V. 5 ; vgl. V. 7 ) und Burgen (V. 2.5 ), aber auch die Führer des Landes. Gott hatte ihr Königreich und ihre Fürsten erniedrigt (V. 2 ). König Zedekia und seine Familie waren aus ihrer Führungsposition vertrieben worden. Gott hatte alle entfernt, bei denen die Menschen Leitung und Führung suchten. Die Juden waren wegen dieser Zerstörung, in der Gott ihnen wie ein Feuer (V. 3 - 4 ) und wie ein Feind (V. 4 - 5 ) erschienen war, voller Jammer und Leid.



Kl 2,6-7


Gottes Zorn hatte sich auch gegen seinen Tempel gerichtet: Er hat sein eigenes Zelt zerwühlt wie einen Garten . Das Wort für "Zelt ( ROK ) ist eine andere Schreibweise des Wortes für "Hütte" ( sVkCh ). Jeremia wollte damit zeigen, daß Gott seinen Tempel ( seine Wohnung ) in der gleichen Weise niedergerissen hatte, wie eine einfache Feldhütte, die nur während der Erntezeit ein wenig Schatten spenden soll, hinterher abgerissen wird. Die Feiertage, Sabbatverordnungen, alle Opfer und sogar der Altar waren von Jerusalems Fall betroffen. Das Geschrei im Hause des HERRN war eigentlich eine laute Klage über den Anblick des zerstörten Tempels.



Kl 2,8-10


Wieder sprach Jeremia von der Führerschaft Jerusalems, die durch Babylon vernichtet worden war. Er brachte die Führer mit der Mauer Jerusalems in Verbindung, die die Menschen beschützt hatte. Aber so, wie die physischen Mauern und der Wall Jerusalems niedergerissen worden waren (V. 8 - 9 a), so war auch sein "menschlicher Schutzwall" entfernt worden (V. 9 b - 10 ). Die Babylonier hatten die davidische Dynastie von ihrem Thron gestoßen. Der König und die Fürsten (vgl. V. 2 ) waren unter den Heiden , d. h. im Exil. Durch die Zerstörung des Tempels hatten die Priester ihr Amt verloren (vgl. V. 6 ), so daß das Gesetz nicht mehr befolgt werden konnte. Eine weitere Gruppe von Führern, die der Propheten, war von Scharlatanen verführt worden (vgl. Jer 23,9-32;28; Hes 13 ), so daß sie keine Gesichte vom HERRN mehr hatte und nicht mehr in seinem Namen sprechen konnte (vgl. Kl 2,14 ). Alle, die von Gott den Auftrag erhalten hatten, sein Volk zu führen - der König, die Priester und die Propheten -, waren also durch den Untergang Jerusalems betroffen.

Als Reaktion auf diesen Verlust ihrer Führung klagte das Volk, von den Ältesten bis zu den Jungfrauen. Mit dieser Stilfigur, die zwei Extreme vereint (die alten Männer und die jungen Frauen), wollte Jeremia vermutlich zeigen, daß alle - ob jung oder alt, ob Frau oder Mann - diesen Verlust beklagten. In ihrem Leid waren die Menschen still geworden; sie streuten sich Staub auf ihre Häupter und trugen Sackleinen , beides Zeichen von Trauer und Verzweiflung (vgl. 1Mo 37,34; Neh 9,1 ; Hiob 2,12 - 13). (Zu "Sack" vgl. die Anmerkungen zu Jes 3,24 ,zu "Tochter Zion" die Anmerkungen zu Kl 2,1 und zu "Zion" die Anmerkungen zu Kl 1,6 .)



B. Jeremias Trauer
( 2,11 - 19 )


Voller Verzweiflung schrie Jeremia auf über die Dinge, die er sehen mußte. Er entwarf fünf Bilder des Zustandes Jerusalems, der diesen Aufschrei veranlaßt hatte.



Kl 2,11-12


Das erste Bild zeigte die Hungersnot, die Jerusalem während der Belagerung heimgesucht hatte. Das traurigste Schauspiel in jedem Krieg oder kriegerischen Konflikt ist das Leid der Kinder. Jeremia weinte so sehr aus seinem inneren Jammer heraus, daß die Tränen seine Augen blind machten (vgl. Kl 3,48-49 ). Daß sein Herz (wörtl.: "Leber") auf die Erde ausgeschüttet war, bedeutet, daß er gefühlsmäßig völlig ausgelaugt war. Er fing die Not des Augenblicks ein, indem er beschrieb, daß die Säuglinge und Unmündigen , die schwach geworden waren (vgl. Kl 2,19 ), nach Nahrung schrien, während ihr Leben in den Armen ihrer Mütter verging. Nicht einmal das absolut Lebensnotwendige hatten die liebenden Eltern ihren Kindern geben können.



Kl 2,13


Die hoffnungslose Situation der Stadt veranlaßte Jeremia, sie direkt anzusprechen. Sein zweites Bild war das eines Menschen, der verzweifelt versuchte, einem trauernden Freund Trost zu bieten. Aber das Ausmaß des Gerichtes war so gewaltig, daß es keinen Trost für ihn gab.



Kl 2,14


Das dritte Bild, das Jeremia entwarf, zeigte die falschen Propheten, die Jerusalems Untergang eher beschleunigt als verhindert hatten. Gott hatte gedroht, Jerusalem wegen seiner Schuld zu zerstören, und die Propheten sollten dieses nahende Unheil verkünden und die Menschen zur Umkehr aufrufen. Aber obwohl es treue Propheten wie Jeremia und Hesekiel gab, redeten andere den Leuten nach dem Mund und verkündeten Frieden und Wohlstand (vgl. Jer 28,1-4.10-11; 29,29-32 ). Jerusalem entschied sich dafür, die Warnungen der wahren Propheten zu mißachten und auf die schmeichelnden und daher trügerischen Worte der falschen Propheten zu hören.



Kl 2,15-17


Das vierte Bild stellte dar, wie die siegreichen Feinde über den Untergang Jerusalems spotteten. Die einst so majestätische und sichere Stadt war nun zum Gegenstand von Hohn und Spott geworden. Die Menschen lachten über sie und machten sich lustig über ihre frühere Schönheit und Fröhlichkeit, die nun vergangen waren, und ihre Feinde freuten sich hämisch über ihren Sieg (vgl. Kl 3,46 ).

Aber damit Jerusalem nicht anfing, den Prahlereien seiner Feinde zu glauben, erinnerte Jeremia die Juden noch einmal daran, daß diese Zerstörung das Werk Gottes war: Er hat den Feind über dich frohlocken lassen und hat die Macht deiner Widersacher erhöht . Die "Macht", die Jerusalems Feinde bei ihrer Zerstörung der Stadt zur Schau stellten, war nicht ihre eigene. Gott gab ihnen die Vollmacht, Jerusalem einzunehmen. Deshalb war er derjenige, welcher die Stadt niedergeworfen hatte. Er hatte dies ohne Erbarmen getan (vgl. V. 2.21 ; Kl 3,43 ), weil die Menschen gesündigt hatten.



Kl 2,18-19


Jeremias fünftes Bild schließlich führt uns die Überlebenden des Volkes vor Augen, wie sie in ihrer Verzweiflung ohne Unterlaß zu Gott um ihres Elendes willen schrien. Der Ausdruck schütte dein Herz aus vor dem HERRN wie Wasse r meint ein ernstes Gebet. Die Menschen sollten ihre innersten Gedanken und Gefühle enthüllen und sie Gott mitteilen (vgl. Ps 42,5; 62,9; 142,3 ). Zwischen diesem Aufruf Jeremias an das Volk und seiner eigenen Erfahrung (festgehalten in Kl 2,11 ) besteht eine große Ähnlichkeit. In beiden Fällen weinen sie und sind verzweifelt, schütten sie ihre Empfindungen vor Gott im Gebet aus und liegt ihrer Erschütterung vor allem das herzzerreißende Bild hungernder Kinder zugrunde.



C. Jerusalems Bitte
( 2,20 - 22 )


Jeremia beendete den Ausruf seiner persönlichen Trauer (V. 12 - 19 ) mit einer Aufforderung an Jerusalem (V. 19 ), auf seine Not ebenso zu reagieren, wie er es getan hatte. Dann übermittelte er Gott die Bitte Jerusalems.



Kl 2,20 (Kl 2,20ab)


In einem Schrei voller Schmerz und Entsetzen rief die Stadt Gott auf, ihre verzweifelte Lage zu sehen und daran zu denken. Daß Kinder verhungern müßten, war besonders grausam. Die Belagerung Jerusalems war so schlimm, daß allen seinen Bewohnern der Hungertod bevorstand. Einige Eltern waren gar in einem erschreckenden Anflug von Selbsterhaltungstrieb zu Kannibalen geworden und hatten ihre eigenen Kinder gegessen: Sollen denn die Frauen ihres Leibes Frucht essen, die Kindlein, die man auf Händen trägt? Schon Mose hatte dies vorausgesagt, als er Israel vor den Folgen des Ungehorsams gegenüber Gottes Gesetz gewarnt hatte (vgl. 3Mo 26,27-29; 5Mo 28,53-57 ). Dieses verwerfliche Tun ereignete sich nur in Zeiten allergrößter Not (vgl. 2Kö 6,24-31 ).



Kl 2,20-21 (Kl 2,20c-21b)


Außer den kleinen Kindern wurden auch die religiösen Führer sowie Menschen aller Altersstufen getötet. Propheten und Priester wurden innerhalb des Tempelbezirkes ermordet, als die babylonische Armee die Stadt eroberte. Während Jeremia durch die verwinkelten Gassen Jerusalems ging, sah er überall die blutigen Körper Erschlagener zwischen den Trümmern liegen. Knaben und Alte lagen auf der Erde. Als die babylonische Armee schließlich die Verteidigung Jerusalems durchbrochen hatte, waren ihre Soldaten wütend, weil Jerusalem sie 30 Monate lang aufgehalten hatte. Sie machten keinen Unterschied zwischen Alter und Geschlechtern. Die blutdürstigen Babylonier schlachteten Tausende ab.



Kl 2,21.22 (Kl 2,21c.22)


Aber damit niemand den letzten Richter vergaß, erinnerte Jeremia die Menschen noch einmal (vgl. V. 17 ) daran, daß Gott der Eine war, der das Schwert des Gerichtes geführt hatte. Die Babylonier hatten nur gesiegt, weil er sie hatte siegen lassen. Gott hatte Israel gewarnt, daß er dies tun werde, weil das Volk ihm ungehorsam war ( 3Mo 26,14-39; 5Mo 28,15-68 ), und er hatte seine Drohung wahr gemacht. Die er geliebt hatte, hatte der Feind umgebracht.



III. Drittes Lied: Jeremias Antwort
( Kl 3 )


Kapitel 3 ist das Herzstück des ganzen Buches. Dieses Kapitel ist der positive Mittelpunkt, um den herum die anderen Kapitel sich drehen. Die Kapitel 1 - 2 und 4 - 5 bilden den düsteren Hintergrund, vor dem sich die leuchtende Herrlichkeit der treuen Liebe Gottes in Kapitel 3 offenbart.

Dieses Kapitel unterscheidet sich in bemerkenswerter Weise von den beiden ersten. Statt 22 hat es 66 Verse - drei Verse für jeden Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das Kapitel beginnt ebenfalls mit dem bekannten "Wehe" ( ?LKCh ), das auch den Kap. 1;2 vorangestellt ist. Aber hier entfaltet sich eine Erzählung in der ersten Person, in welcher der Autor seine persönliche Reaktion auf das Leiden, das er erlebt hat, beschreibt.

Über die Identität des Ich-Erzählers in Kapitel 3 ist viel diskutiert worden. Manche Ausleger meinen, daß "ich", "mir" und "mich" sich auf das personifizierte Jerusalem beziehen (vgl. Kl 1,12-22; 2,22 ). Zwar könnten sich Teile von Kapitel 3 wirklich in dieser Weise auf die Stadt beziehen, aber andere Abschnitte sprechen doch eindeutig von einem bestimmten Menschen (vgl. Kl 3,14.52-54 ). Die Parallelen zwischen diesem Menschen und Jeremia sind auffällig. Beide wurden von ihren Landsleuten gehaßt ( Jer 1,18-19; Kl 3,52 ); sie wurden von denen verspottet, welchen sie helfen wollten ( Jer 20,7-8; Kl 3,63 ), man verschwor sich gegen sie und schmiedete Intrigen gegen ihr Leben ( Jer 11,18-19; Kl 3,60 ); man warf sie in wäßrige Löcher ( Jer 38,4-13; Kl 3,53-58 ). Auch weinten beide über die Zerstörung des Volkes ( Jer 9,1; 13,17; 14,17; Kl 3,48-49 ).

Es ist daher wahrscheinlich, daß es sich um Jeremia selbst handelt. Und doch gehen die Aussagen in Kapitel 3 über einen einzelnen Menschen hinaus. Besonders offensichtlich wird dies dort, wo vom Singular zum Plural gewechselt wird ("wir", "uns", "unser"; vgl. V. 22.40-47 ). Die beste Lösung ist wohl, in dem Erzähler von Kapitel 3 Jeremia zu sehen, in dessen Person jedoch alle Israeliten repräsentiert waren. Er brachte seine eigenen Erfahrungen zum Ausdruck, weil das, was er durchgemacht hatte, dem entsprach, was viele Israeliten erlitten hatten.

Das Kapitel läßt sich in drei Abschnitte einteilen. Jeremia beschrieb zunächst seine Leiden und Nöte während der Eroberung Jerusalems (V. 1 - 18 ). Aber sein Wissen um die Wege Gottes inmitten aller Anfechtungen rief Hoffnung, nicht Verzweiflung hervor (V. 19 - 40 ). Deshalb konnte Jeremia Israel im Gebet um Befreiung, Wiederherstellung und Rechtfertigung leiten (V. 41 - 66 ).



A. Jeremias Leiden
( 3,1 - 18 )


Kl 3,1-3


In einer langen Reihe von Bildern beschrieb Jeremia die vielen Leiden, die er als Stellvertreter Judas wegen des Grimmes Gottes durchleben mußte (Vgl. Kl 2,2.4; 4,11 ). Jeremia war verwirrt , als er sah, wie Gott augenscheinlich seine frühere Haltung und sein früheres Handeln geändert hatte. Statt im Licht der Führung Gottes zu wandeln, mußte Jeremia in der Finsternis umherstolpern (vgl. Kl 3,6 ). Gott hatte seine Hand gegen ihn gewendet . Dieser Ausdruck ist einzigartig, aber das Bild der Hand Gottes ist im Alten Testament wohlbekannt (vgl. 1Sam 5,6; Hi 19,21 ). Gottes gnädige Hand war zu einer feindlichen Faust geworden.



Kl 3,4-6


Gottes Gegnerschaft hatte Jeremia ins Elend gestürzt. Die Heimsuchungen forderten ihren Tribut von seiner Gesundheit (vgl. Ps 38,3-4 ): Sein Fleisch und seine Haut waren alt (vermutlich runzlig) geworden, und sein Gebein war zerschlagen (ein Bild seiner inneren Qual; vgl. Ps 42,11 ). Zu diesen äußerlichen Veränderungen kam noch die innere Bitternis (vgl. Kl 3,15.19 ). Jeremia war ein an Leib und Seele gebrochener Mann.



Kl 3,7-9


Jeremia konnte keinen Ausweg aus seinem Leiden sehen. Er war gefangen und gebunden, seine Freiheit war dahin. Gott lehnte es ab, auf seine Gebete um Hilfe zu hören, und alle Fluchtwege waren versperrt.



Kl 3,10-13


Gott schien Jeremia ausgesondert zu haben, um ihn zu bestrafen. Der Herr war wie ein Bär oder Löwe , der im verborgenen am Wegesrand gelauert hatte, um Jeremia anzugreifen und ihn zu zerfleischen. Dann wiederum fühlte sich Jeremia wie ein Ziel, auf das Gott seinen Pfeil abgeschossen hatte (vgl. Hi 6,4;7,20;16,12-13 ). Gott hatte sich ihn als Gegner ausgesucht.



Kl 3,14-18


In äußerst lebhaften Bildern beschloß Jeremia die Beschreibung seines Leidens. Sein Volk spottete und lachte über ihn, er war mit Bitterkeit und Wermut (vgl. V. 19 ), der bittersten Pflanze in Israel, getränkt, wurde mit in die Asche gestoßen, des Friedens und des Wohlstandes beraubt und der Verzweiflung überlassen.



B. Jeremias Hoffnung
( 3,19 - 40 )


Kl 3,19-24


Jeremias Zustand war dem Judas gleich. Seine äußeren Leiden (V. 19 a; vgl. V. 1 - 4 ) und seine innere Unruhe (V. 19 b; vgl. V. 5.13.15 ) trieben ihn zur Verzweiflung. Aber ein Gedanke ( Dies nehme ich zu Herzen ) überstieg die Hoffnungslosigkeit, die ihn zu überwältigen drohte: Die Güte des HERRN ist's, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende . Juda war niedergeworfen, aber nicht ausgelöscht worden. Gott bestrafte Juda für seine Sünde, aber er verwarf es nicht als auserwähltes Bundesvolk. Das Wort für "Güte" ist HeseD , ein Wort, das den Gedanken der treuen Liebe enthält. Gott stand zu dem Volk, das er sich erwählt hatte. Der Bund mit Israel in 5Mo 28 (vgl. die Einführung ) war nicht aufgelöst. Ja, Gottes Güte kam sogar in der Treue zum Ausdruck, mit der er einerseits den Fluch, den er angedroht hatte, verwirklichte, andererseits aber einen Überrest bewahrte. Das Gericht selbst war ein Zeugnis dafür, daß Gott sein Volk nicht verlassen hatte. Gottes "Barmherzigkeit" (von reHem , "Mutterleib", im Plural "mütterliches Erbarmen") zeigte seine große Liebe und Fürsorge für die, die zu ihm gehörten.

Konnte Juda Gott soweit verstoßen, daß er es schließlich ganz verließ? Gab es eine Grenze für Gottes treue Liebe und Barmherzigkeit? Jeremias Antwort war eindeutig: Nein. Gottes Güte war alle Morgen neu . Gott bot seinem Bundesvolk jeden Tag von neuem seine Liebe an. Ähnlich dem Manna in der Wüste würde diese Liebe niemals aufhören. Diese Wahrheit brachte Jeremia dazu, Gott zu lobpreisen: Deine Treue ist groß . Durch die unbegrenzte Gnade Gottes, die ihm immer wieder angeboten wurde, wurde er von neuem angenommen. Deshalb beschloß Jeremia, auf Gottes Handeln, seine Wiederherstellung und seinen Segen zu hoffen. Er konnte Gott trotz der widrigen Umstände vertrauen, denn er verstand nun, wie unerschöpflich Gottes treue Liebe war.



Kl 3,25-40


Der Gott, der den Fluch in 5Mo 28 erfüllt hatte, würde auch die Wiederherstellung, die in 5Mo 30 verheißen wurde, erfüllen. In der Zwischenzeit mußte sich Gottes Volk darum bemühen, die richtige Einstellung zu seinem Leiden zu gewinnen. Jeremia nannte sieben Grundsätze in Bezug auf das Leid Israels: (1) Das Leid sollte ertragen werden in der Hoffnung auf Hilfe , d. h. der letztlichen Wiederherstellung des Volkes durch die Gnade Gottes ( Kl 3,25-30 ). (2) Das Leid war zeitlich begrenzt und durch Gottes große Güte gemildert (V. 31 - 32 ). (3) Gott freute sich nicht am Leiden Judas (V. 33 ). (4) Wenn das Leid von der Ungerechtigkeit herrührte, dann sah Gott dies, und es gefiel ihm nicht (V. 34 - 36 ). (5) Leid war immer im Zusammenhang mit Gottes Allmacht zu sehen (V. 37 - 38 ; vgl. Hi 2,10 ). (6) Das Leid war letztlich die Folge von Judas Sünde ( Kl 3,39 ). (7) Das Leid sollte dazu dienen, Gottes Volk wieder zu ihm zurückzubringen (V. 40 ).

Jeremia konnte sein (und Israels) Leid in das rechte Licht rücken, indem er sich daran erinnerte, welche Beziehung es zu Gottes Wesen und seinem Bund mit seinem Volk hatte. Judas Leiden waren keine grausamen Handlungen eines unberechenbaren Gottes, der sich daran ergötzte, unschuldigen und hilflosen Menschen Schmerzen zu bereiten. Vielmehr kamen gerade diese Leiden von einem barmherzigen Gott, der treu zu seinem Bund stand. Er hatte keine Freude daran, anderen Leid zuzufügen, aber er ließ das Leid als zeitlich begrenztes Mittel zu, Juda zu sich zurückzuführen. So beendete Jeremia diesen Abschnitt, indem er den Menschen zurief: Laßt uns erforschen unsern Wandel und uns zum HERRN bekehren . Das Leid, das Gott Juda auferlegt hatte, sollte als Korrekturmittel für sein widerspenstiges Volk dienen ( 5Mo 28,15-68 ). Es sollte das Volk zum Herrn zurückführen ( 5Mo 30,1-10 ).

 

C. Jeremias Gebet
( 3,41 - 66 )


Seine eigene Lage (V. 1 - 18 ) und das Wesen Gottes (V. 19 - 40 ) bewogen Jeremia dazu, zum Herrn zu beten. Dieser nächste Abschnitt besteht wiederum aus zwei Teilen. Im ersten Teil (V. 41 - 47 ) ermahnt der Prophet die Menschen, ihre Sünden Gott zu bekennen, weil sie so sehr dafür leiden müssen. Dieser Teil ist im Plural geschrieben ("wir", "uns", "unser"). Im zweiten Teil (V. 48 - 66 ) erinnert sich Jeremia an Gottes Eingreifen nach seinem eigenen Schrei um Hilfe. Deshalb ruft er nun zu Gott, daß er doch seine Feinde richten möge. Dieser Teil ist wieder im Singular geschrieben ("ich", "mir", "mich"). Wir finden darin Jeremia als Vorbild für Juda. Wie Gott Jeremia gerettet und seine Feinde gerichtet hatte, so würde Gott auch Juda retten und seine Feinde richten, wenn Juda ihn um Hilfe anrief.



Kl 3,41-47


Dieses Gebet floß aus der Ermahnung in Vers 40 . Judas Umkehr zum Herrn würde durch das Gebet geschehen. Indem es sich Gott zuwandte, gab es zu, daß es gesündigt hatte und ungehorsam gewesen war. Die Nöte des Volkes - es war Gottes Zorn ausgesetzt (vgl. Kl 2,1.3.6.22; 3,43 ), seine Gebete wurden nicht beantwortet, es war verworfen wie Unrat unter den Völkern und wurde verspottet (vgl. Kl 2,16 ) - all dies entsprang seinem Ungehorsam gegen Gott. Alles, was es an Schrecken und Angst erdulden mußte, resultierte aus dem Abfall von Gottes Bund. Wenn Juda diese schrecklichen Konsequenzen seiner Sünde erkannte, dann würde es schließlich auch seine Schuld eingestehen.

 

Kl 3,48-51


In Vers 48 wechselte Jeremia ganz plötzlich vom Plural zum Singular über. Die Verse 48 - 51 bilden die Überleitung zwischen dem Bekenntnis des Volkes (V. 41 - 47 ) zu Jeremias Beispiel (V. 52 - 66 ). So wie die Menschen ihre Sünden bekannten und auf Gottes Antwort warteten, so weinte auch Jeremia ohne Unterlaß (vgl. Kl 2,11 ) und wollte so lange beten, bis der HERR vom Himmel herabschaute und ihn sah. Gott versprach, Israel wiederherzustellen, wenn es aus seiner Gefangenschaft zu ihm rief ( 5Mo 30,2-3 ). Deshalb versprach Jeremia, um diese Wiederherstellung des Volkes Gottes zu beten, bis sie schließlich erfolgen würde.

 

Kl 3,52-55


Nachdem er gelobt hatte, für die Menschen zu beten, bis Gott ihr Schicksal wenden würde, teilte Jeremia Ereignisse aus seinem eigenen Leben mit, die ein Beispiel für das Volk Juda sein konnten. So wie Juda leiden mußte, hatte auch Jeremia gelitten. So wie es zu Gott um Hilfe schrie, hatte auch Jeremia um Hilfe geschrieen. Deshalb war die Befreiung Jeremias durch Gott ein Vorspiel für die Befreiung, die er seinem Volk bringen würde.

Jeremias Wirken in den letzten Tagen Judas hatte ihm viele Feinde geschaffen. Die Menschen seiner eigenen Heimatstadt planten eine Verschwörung gegen ihn und wollten ihn töten ( Jer 11,18-23 ), und jeder im Tempel verlangte, daß er hingerichtet werden müsse ( Jer 26,7-9 ). Er wurde geschlagen und als Verräter ins Gefängnis geworfen ( Jer 37,11-16 ), und später, gegen Ende der Belagerung Nebukadnezars, warf man ihn in eine schlammige Zisterne, damit er dort verhungerte ( Jer 38,1-6 ).

Auf dieses letzte Ereignis bezog sich Jeremia vermutlich in Kl 3,53-55 .Er schrie zu Gott um Hilfe aus der Grube heraus, wo er sich vom Tode bedroht sah. Manche Ausleger meinen, daß dies nicht nur konkret zu verstehen sei, nämlich als Hinweis auf die Zisterne, sondern auch auf das Grab oder Totenreich hindeute (vgl. 1Sam 22,5-6; Ps 18,5-6; 69,2-3.15-16; Jon 2,5-6 ). Sehr wahrscheinlich ist auf jeden Fall, daß Jeremias Erfahrung in der physischen Grube in ihm die hebräische Vorstellung von einem unterirdischen Totenreich hervorrief. Diesen Gedanken darf man natürlich nicht zu weit ausdehnen, denn der Ausdruck Sie haben Steine auf mich geworfen ( Kl 3,53 ) wäre ohne Bedeutung, wenn sich die Grube nur auf den Tod beziehen würde. Wenn jemand in die Grube des Todes sinkt, warum sollte es ihn dann noch berühren, wenn Menschen Steine auf ihn warfen? Wenn er dagegen in einer physischen Zisterne gefangen war, dann bedeutete dies eine wirkliche Gefahr für ihn.



Kl 3,56-58


Jeremias Schreien um Befreiung aus der Grube wurde erhört: Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief . Gott griff ein und rettete Jeremia vor dem sicheren Tod in der schlammigen Zisterne (vgl. Jer 38,7-13 ). Deshalb war Jeremia auch für Juda ein lebendiges Beispiel für Gottes Liebe und Treue (vgl. Kl 3,22-23 ). Gott hatte diesen Mann, der ihn um Hilfe angerufen hatte, befreit ( erlösest bedeutet hier "befreist").



Kl 3,59-66


Jeremia schrie nun zu Gott, er möge ihn vor seinen Feinden, seinen jüdischen Widersachern , rechtfertigen. Gott hatte das Unrecht gesehen, das Jeremia angetan wurde - ihr Streben nach Rache , ihre Anschläge , ihr Geschwätz und ihre Spottlieder . Jeremia bat Gott daher, ihnen zu vergelten, was sie verdienten. Dies erfüllte sich in der Geschichte, als Nebukadnezar Jerusalem eroberte. Die Führer, die für die Ächtung und Verfolgung Jeremias verantwortlich waren, wurden von Babylon bestraft (vgl. Jer 39,4-7; 52,7-11.24-27 ). Die Parallele zu Jerusalem ist offensichtlich. Auch es war von seinen Feinden verfolgt worden ( Kl 3,46-47 ). Aber es durfte zuversichtlich sein, daß Gott es vor seinen Feinden rechtfertigen würde, wenn es zu ihm umkehrte.


IV. Viertes Lied: Der Zorn Gottes
( Kl 4 )


Kapitel 4 steht parallel zu Kapitel 2 , in dem das Gericht beschrieben wird. Nach der Schilderung der Reaktion eines einzelnen inmitten des Gerichtes ( Kl 3 ) wandte sich Jeremia wieder dem traurigen Schauspiel zu, das sich ihm in Jerusalem bot. Er stellte die Verhältnisse in Jerusalem vor und nach der Belagerung einander gegenüber ( Kl 4,1-11 ), erklärte die Gründe für die Belagerung (V. 12 - 20 ) und besang die Rechtfertigung Zions (V. 21-22 ).



A. Die Situation vor und nach der Eroberung
( 4,1 - 11 )


Die grausame Realität des Gerichtes über Jerusalem wird besonders deutlich, wenn man den Zustand der eroberten Stadt mit dem vor ihrem Untergang vergleicht. Mehrere Ausleger haben zwischen den Versen 1 - 6.7 - 11 Parallelen festgestellt (vgl. die Tabelle). Beide Abschnitte wurden geschrieben, um die gleiche Aussage zu unterstreichen - Jerusalems gegenwärtige Not war Gottes Strafe für seine Sünde (V. 6.11 ).



Kl 4,1-2


Jeremia verglich Jerusalem mit stumpf gewordenem Gold und weggeworfenen Edelsteinen . Dann erklärte er diese Bildsprache. Das "Gold" und die "Edelsteine" waren die edlen Kinder Zions , die Einwohner von Jerusalem.

 

In ihrer früheren Herrlichkeit waren sie so kostbar wie Gold gewesen, aber nun waren sie den irdenen Töpfen gleich . Ton gab es überall in Palästina, beinahe das gesamte Geschirr wurde daraus hergestellt. Tontöpfe gab es in Hülle und Fülle, und ihr Wert war gering. Wenn einer zerbrach, warf man ihn weg und ersetzte ihn durch einen neuen. In gleicher Weise waren die Menschen Jerusalems, Gottes kostbares Volk, wertlos geworden.

 

Kl 4,3-5


Jeremia wandte sich nun den Kindern zu. Während der Belagerung war die Behandlung der Kinder durch ihre Mütter schlimmer als die, welche man von verabscheuten wilden Tieren erwartete. Schakale, die man im Mittelmeergebiet häufig fand, streiften in Rudeln umher. In den Vorstellungen der Leute verband man sie immer mit wüsten Gegenden und mit Zerstörung (vgl. Jes 35,7; Jer 9,10; 10,22; 49,33; 51,37; Mal 1,3 ).

Aber selbst die Schakale ernährten ihre Jungen, während die Schreie der Kinder Jerusalems nach Brot und Wasser bei ihren Eltern keine Beachtung fanden. Die Menschen Jerusalems waren so unbarmherzig geworden wie wilde Strauße . Straußenmütter scheinen sich um ihre Jungen nicht zu kümmern, denn sie legen ihre Eier in den Sand, wo sie vielleicht zertreten werden (vgl. die Anmerkungen zu Hi 39,14-18 ).

Säuglinge und Kinder starben vor Durst und Hunger ( Kl 2,19 ). Die, welche immer gut gegessen hatten, mußten während der Belagerung der Stadt verschmachten . Wer früher auf Purpur getragen wurde (d. h. die Fürsten), lag nun im Schmutz , vermutlich wegen Krankheit (vgl. Hi 2,8 ).



Kl 4,6


Jeremia beendete die erste Strophe dieses vierten Liedes, indem er Jerusalem mit Sodom verglich. Aber Jerusalems Schicksal war schlimmer als das Sodoms, denn seine Heimsuchung zog sich in die Länge, während Sodom plötzlich untergegangen war. Außerdem erfolgte die Zerstörung trotz der Hilfe Ägyptens, während Sodom keine Hand zu Hilfe gekommen war.



Kl 4,7-9


Die zweite Strophe (V. 7 - 11 ) ist parallel zur ersten (V. 1 - 6 ) aufgebaut, aber die Bilder sind hier noch intensiver und dichter aneinandergedrängt. Die Fürsten (vgl. Kl 2,2.9 ), also die Führer der Stadt, mußten das gleiche Schicksal erleiden wie alle anderen "Kinder Zions" (V. 2 ). Ihre helle Haut (ein Zeichen für Vornehmheit) und ihre gesunden Körper konnten den Verwüstungen durch die Babylonier nicht entgehen. Auch ihre Gestalt wurde dunkel vor Schwärze und vor lauter Hunger so dürr wie ein Holzscheit (vgl. Kl 5,10 ).


Kl 4,10-11


Die Kinder, die hungern mußten (V. 4 - 5 ), wurden nun gar die Opfer ihrer eigenen Eltern. Die nagenden Schmerzen des Hungers (vgl. Kl 1,11.19 ) trieben schließlich selbst die barmherzigsten Frauen zum Kannibalismus. Sie aßen ihre eigenen Kinder (vgl. die Anmerkungen zu Kl 2,20 ).

Jeremia beschloß diese zweite Strophe, indem er noch einmal deutlich machte, daß der Herr die Ursache der Heimsuchung Zions war (vgl. Kl 1,12-17; 2,1-8; 5,20 ). Jerusalem erlebte den Zorn Gottes (vgl. Kl 2,2.4; 3,1 ) und seinen Grimm (vgl. Kl 1,12; 2,3.6 ) über seine Sünde. Gottes Gericht war wie ein Feuer (vgl. Kl 2,3 ), das außer Kontrolle geraten war und die ganze Stadt verschlang. Die Gebäude wurden samt ihrer Fundamente zerstört.



B. Die Gründe für die Eroberung
( 4,12 - 20 )


Kl 4,12


Jerusalem war eine mächtige Festung gewesen, die sicher schien. Zwar war sie bereits einige wenige Male von feindlichen Armeen erobert worden (vgl. 1Kö 14,25-28; 2Kö 14,13-14; 2Chr 21,16-17 ), aber ihre Verteidigungslinien waren jedesmal wieder aufgebaut und noch verstärkt worden (vgl. 2Chr 32,2-5; 33,14 ), und durch den Tunnel Hiskias war die Wasserversorgung der Stadt gesichert. So betrachteten die Könige zur Zeit Jeremias die Stadt als uneinnehmbar. Und doch ließ Gott zu, daß sie fiel.



Kl 4,13-16


Einer der Gründe für Jerusalems Belagerung und Fall war die Sünde ihrer Propheten und ihrer Priester . Die Führer, die als Mittler zwischen Gott und das Volk gesetzt worden waren, waren ruchlos geworden. Statt die Gerechtigkeit zu fördern und die Treue gegen Gottes Bund zu betonen, hatten diese Männer das Blut Unschuldiger vergossen und waren deshalb mit Blut besudelt . Sie waren durch die Sünde so unrein geworden, daß sie wie Aussätzige waren. Man mied die Propheten und Priester, als wären sie aus der Bundesgemeinschaft ausgeschlossen (vgl. 3Mo 13,45-46 ). Gott zerstreute Jerusalems Führer ( Priester und Alte ), weil sie die Menschen in die Sünde geführt hatten.



Kl 4,17-19


Wenn der erste Grund für die Belagerung Jerusalems die Sünde der Propheten und Priester war (V. 13 - 16 ), dann war der zweite Grund die Unzuverlässigkeit der ausländischen Verbündeten. Statt auf Gott zu vertrauen, hatte Jerusalem bei Ägypten Schutz vor Babylon gesucht. Vergeblich wartete es auf ein Volk, das ihm doch nicht helfen konnte . Jeremia und auch Hesekiel hatten es vor der Vergeblichkeit seines Vertrauens auf Ägypten als Schutzmacht gewarnt ( Jer 37,6-10; Hes 29,6-7 ). Diese falsche Hoffnung Judas brachte ihm nur bittere Enttäuschung ein, als die babylonische Armee schneller als die Adler (vgl. Hab 1,8 ) Jerusalem eroberte und alle verfolgte, die zu entfliehen versuchten, als das Ende kam.



Kl 4,20


Der dritte Grund für die Belagerung und den Untergang Jerusalems war Zedekia, sein König. Zedekia war der Gesalbte des HERRN . Das Wort "Gesalbter" ( mASIaH ) wurde für die Könige Israels benutzt, weil über ihre Häupter Öl ausgegossen worden war als Zeichen dafür, daß sie von Gott für ihre Aufgabe bestimmt waren (vgl. 1Sam 10,1; 16,1; 1Kö 1,39-45; 2Kö 11, 12). Als Jerusalem fiel, versuchte Zedekia, zum Jordan und damit in Richtung Ammon zu fliehen ( Jer 39,2-7 ), aber er wurde gefangen in den Gruben der Feinde. Seine Kinder wurden getötet, und er selbst wurde in Ketten weggeführt. Die Führer Jerusalems, die das Volk als Beschützer betrachtet hatte, (seinen Lebensodem und seinen Schatten ), waren unfähig, es zu beschützen.



C. Der Ruf nach Rechtfertigung
( 4,21 - 22 )


Kl 4,21-22


Weil Gott seinem Bund mit Israel treu war ( 5Mo 28-30 ), konnten die Menschen auf Rechtfertigung hoffen. Die beiden letzten Verse in Klagelieder 4 zeichnen einen scharfen Kontrast zwischen Israel und seinem heidnischen Feind Edom (vgl. die Tabelle).

Edom hatte eine aktive Rolle gespielt, als es darum ging, Jerusalems Eroberung durch die Großmacht Babylon herbeizuführen (vgl. Ps 137,7; Jer 49,7-22; Hes 25,12-14;35 ). (Zu Uz vgl. die Anmerkungen zu Hi 1,1 .) Edoms Verbrechen gegen seinen "Bruder" Jakob ( 5Mo 23,8 ) standen stellvertretend für das, was alle Völker getan hatten, die sich auf Jerusalems Kosten bereichert hatten. Gott hatte ihr Tun nicht vergessen und würde diese Völker für ihre Sünde genauso bestrafen, wie er dies verheißen hatte ( 5Mo 30,7 ). Auch wenn sich Edom jetzt freute und fröhlich war über Jerusalems Elend, würde doch eines Tages der bittere Kelch auch zu ihm kommen (vgl. Kl 1,21-22 ). Das Trinken aus einem Kelch war ein Bild für ein Gericht, das man zu erleiden hatte (vgl. Jer 25,15-28 ). So wie Gott in den Tagen Jeremias Jerusalem für seine Sünden richtete, so würde er auch die Edomiter - und schließlich alle heidnischen Völker - für ihre Sünden richten. Jerusalem konnte sich auf seine Wiederherstellung freuen, aber Edom stand nur das Gericht bevor (vgl. die Anmerkungen zu Ob 1,4.15-18.20-21 ).

 


V. Fünftes Lied: Die Antwort des Überrestes
( Kl 5 )


Das abschließende Lied des Propheten durchbricht formal die ersten Klagelieder. Weder das Akrostichon noch das qInCh -Metrum sind hier zu finden. Eigentlich ist das ganze Kapitel eher ein Gebet als ein Klagelied. Die Kapitel 1 - 3 enden jeweils mit einem Gebet zu Gott ( Kl 1,20-22; 2,20-22; 3,55-66 ). In Kapitel 4 dagegen finden wir kein Gebet. Es scheint, daß Kapitel 5 das Gebet ist, das auf Kapitel 4 folgt, und gleichzeitig das Gebet, das als Abschluß des ganzen Buches dient.

Das Gebet selbst besteht aus zwei Teilen, in denen jeweils die Antwort zusammengefaßt wird, die der Überrest Gott schuldet. Die erste Antwort ist ein Ruf zu Gott, doch seiner Lage zu gedenken ( Kl 5,1-18 ). Auch ein Sündenbekenntnis gehört zu diesem Abschnitt. Dem Aufruf an Gott, der Not seines Volkes zu gedenken, folgt die Bitte, Juda wieder aufzurichten (V. 19-22 ). Gemeint ist damit zugleich eine Wiederherstellung des Landes und des Bundessegens ( 5Mo 30,1-19 ).



A. Das Gebet des Überrestes um Gottes Gedenken
( 5,1 - 18 )


Kl 5,1


Vers 1 ist die Einleitung eines Gebetes. Der Überrest rief zu Gott, er möge der Demütigungen gedenken , die sie erlitten hatten, und ihre gegenwärtige Schmach ansehen. Jeremia hatte bereits darauf hingewiesen, daß Gott diese Greueltaten sah ( Kl 3,34-36 ). Deshalb riefen die Menschen nicht nur, daß Gott sehen solle, was geschehen war (denn er sieht ja alles; vgl. Spr 15,3 ), sondern vielmehr, daß Gott ihren Zustand ansehen und handeln solle.



Kl 5,2


Durch den Gebrauch der ersten Person Plural ("wir", "uns", "unser") beschrieben die Menschen (in V. 2 - 10 ) die allgemeinen Umstände ihres Elends, das durch die Babylonier über sie hereingebrochen war. Das Land Juda war unter Fremde aufgeteilt. Babylon beanspruchte die Herrschaft über das Land für sich, und seine Besatzungstruppen waren dort stationiert ( Jer 40,10; 41,3 ). Darüber hinaus hatten noch andere Völker, die Nachbarn Judas waren, Teile des Landes besetzt oder annektiert (vgl. Hes 35,10 ).



Kl 5,3


Das Volk hatte seinen Besitz, aber auch alle Rechte verloren. Seine neuen Herren waren grausame Herrscher, die sich kaum um Juda kümmerten. Die Männer waren so wehrlos wie Waisen und Vaterlose und die Frauen so verletzlich wie Witwen . In der damaligen Zeit waren Waisen und Witwen die hilflosesten Gruppen der Gesellschaft (vgl. die Anmerkungen zu Kl 1,1 ). Sie hatten niemanden, der für ihre Rechte eintrat und dafür sorgte, daß sie gerecht behandelt wurden. Unter der Herrschaft Babylons hatte Juda keine Rechte und keine Mittel, sich zu schützen. Es war der besiegte Feind, und Babylon war sein grausamer Herr (vgl. Hab 1,6-11 ).


Kl 5,4-5


Babylons Herrschaft über Juda war hart. Die Juden mußten für das Wasser bezahlen, das sie tranken, und für das Holz, das sie zum Kochen benutzten. Weder in Juda noch in Babylon fanden sie Ruhe vor ihren Verfolgern. Jeder ihrer Schritte wurde von Angst und Verfolgung behindert (vgl. 5Mo 28,65-67; Hes 5,2.12 ).



Kl 5,6-8


Für das Elend Judas gab es noch einen weiteren Grund: Wir mußten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen . Hinter nATannU yAD , "die Hand geben", steht der Gedanke eines Paktes oder Abkommens (vgl. 2Kö 10,15 ). Oft bezieht sich dieser Ausdruck auf eine Gruppe, die sich einer mächtigeren Gruppe unterwirft und ein Abkommen mit ihr trifft (vgl. 1Chr 29,24; 2Chr 30,8; Jer 50,15 ). Juda hatte sowohl mit Ägypten als auch mit Assyrien im Verlauf seiner Geschichte Bündnisse geschlossen, die ihm Sicherheit bringen sollten (vgl. Hes 16,26-28; 23,12.21 ). Judas Führer in der Vergangenheit ( Väter ) wechselten immer wieder ihre Bündnispartner, und diese Unbeständigkeit führte letztlich zu seiner Zerstörung. Diese Sünde brachte den Tod, und alle Überlebenden mußten ihre Schuld (d. h. die der Väter) tragen. Die jetzige Generation behauptete nicht, ungerechterweise für die Sünden ihrer Vorväter bestraft zu werden (vgl. Kl 5,16 ), sondern sah ihre Strafe als logische Folge des Fehlverhaltens jener Vorfahren an. Deren Bereitschaft, sich gottlosen Völkern unterzuordnen, trug nun bittere Früchte. Babylon setzte grausame Aufseher über die Juden ein, Männer aus niedrigen Schichten wurden erhöht, und die Menschen von Juda mußten sich ihnen unterordnen: Knechte herrschen über uns .



Kl 5,9-10


Die schwierigen Umstände und die knapp gewordenen Nahrungsvorräte zwangen die Menschen dazu, verzweifelte Wege einzuschlagen, um überleben zu können. Vermutlich war das Schwert, durch das sie bedroht wurden, die Waffe plündernder Wüsten-Nomaden, durch deren Gebiet die Juden ziehen mußten, wenn sie Brot (d. h. Nahrungsmittel) kaufen wollten. Ihre Haut war verbrannt, weil sie nicht genügend zu essen hatten (vgl. Kl 4,8 ).



Kl 5,11-14


In diesen Versen wechselt das Subjekt von der ersten Person zur dritten. Nachdem sie von den allgemeinen Umständen ihres Leidens gesprochen hatten (V. 2 - 10 ), beschrieben die Menschen nun dessen Auswirkungen auf verschiedene Gruppen der Gesellschaft. Keine Gruppe konnte den Strafen des Gerichts entgehen.

Die erste Gruppe, welche die Schrecken der ausländischen Besatzung erfahren mußte, waren die Frauen Jerusalems (Zions) und die Jungfrauen Judas . Die Frauen, die die Eroberung ihrer Stadt überlebten, wurden von den babylonischen Soldaten ohne Barmherzigkeit vergewaltigt. Mit entsetzlicher Grausamkeit, wie so oft in der Geschichte der Eroberungskriege, fielen die Sieger über die wehrlosen Frauen her und machten sich einen Spaß daraus, ihre Lust an ihnen zu befriedigen.

Auch die Führer der Stadt fielen dem Zorn der Babylonier zum Opfer. Fürsten wurden von ihnen gehenkt . Die, welche die Verantwortung für die jüdische Rebellion gegen Babylon trugen, wurden auf grausamste Weise zu Tode gemartert. Es kann sein, daß dies durch Kreuzigung geschah, denn das Hängen und Pfählen der Opfer gehörte zu den damals üblichen Hinrichtungsarten. Auch die Alten wurden auf diese Weise mißhandelt.

Die Jünglinge , die den babylonischen Angriff überlebt hatten, wurden versklavt. Weil es nur noch wenige Haustiere in Palästina gab (vermutlich waren die meisten während der 30monatigen Belagerung aufgegessen worden), wurden die Männer gezwungen, Arbeiten zu übernehmen, die gewöhnlich von Tieren ausgeführt wurden. Männer drehten Mühlsteine (wie Simson, der dies ebenfalls tun mußte; Ri 16,21 ), um Korn zu mahlen, und Knaben mußten große und schwere Holzbündel tragen, die in der Stadt gebraucht wurden. Die, welche einmal Judas Hoffnung gewesen waren, waren nun zu Sklaven geworden.

Weisheit, Gerechtigkeit und Freude hatten die Stadt verlassen. Die Tore der Stadt, wo die Ältesten sich gewöhnlich versammelten, waren der Ort der Gerichtsurteile und weisen Entscheidung. Wenn es Streitigkeiten gab, wurden sie hier vor die Ältesten gebracht. Aber mit deren Wegführung (vgl. Kl 5,12 ) waren auch Weisheit und Recht verschwunden. Selbst das Saitenspiel der jungen Männer war verstummt. Musik wurde mit Freude und Fröhlichkeit in Verbindung gebracht (vgl. Ps 95,1-2 ); Juda aber hatte nichts mehr, worüber es sich freuen konnte, denn das ganze Volk litt unter der harten Hand Babylons.



Kl 5,15-18


Ein Schleier der Schwermut lag über Jerusalem. Die Freude und Ausgelassenheit, die einst hier geherrscht hatten, waren der Traurigkeit und dem Wehklagen gewichen. Die einst blühende Stadt mit ihrer überschäumenden Betriebsamkeit war zu einer wüsten Ruinenstätte geworden, in der die wilden Tiere hausten. Die Krone ist ein Bild für die Herrlichkeit und Majestät, die Jerusalem einst besessen hatte. Diese Pracht war nun verschwunden. Sie war vergangen wegen der Sünde. Die Menschen waren krank vor Elend und Schmerz, und ihre Augen waren trübe von Tränen (vgl. Kl 2,11; 3,48-49 ). Juda aber trug allein die Schuld an dieser Zerstörung.



B. Das Gebet des Überrestes um Wiederherstellung
( 5,19 - 22 )


Kl 5,19


Nachdem Juda seine Not geschildert hatte (V. 1 - 18 ), beschloß es sein Gebet mit der Bitte an Gott, zu handeln ( V. 19 - 22 ). Dieser Bitte lag der Glaube an Gottes ewige Allmacht zugrunde: Aber du, HERR, der du ewiglich bleibest . Juda litt nicht deshalb, weil Gott durch mächtigere Götter aus Babylon besiegt worden wäre. Judas Gott war der einzige wahre Gott, und er hatte dieses Elend hervorgerufen (vgl. Kl 1,12-17; 2,1-8; 4,11 ). Aber derselbe Gott, der die Zerstörung des Volkes herbeigeführt hatte, besaß auch die Macht, es wiederherzustellen - wenn er es nur wollte.



Kl 5,20


Das Wissen um Gottes Fähigkeit zur Erneuerung des Volkes ließ die Menschen zwei Fragen stellen. Die altorientalische Stilform des Parallelismus zeigt, daß diese beiden Fragen inhaltlich parallel zueinander standen. Juda zu vergessen würde bedeuten, es zu verlassen und seinem derzeitigen Leid auszuliefern. Das Wort "vergessen" steht als Gegenpol zu dem "Gedenken" in Vers 1 . Gott konnte natürlich nichts "vergessen". Es ging vielmehr darum, daß das Volk sich so verlassen fühlte, als ob er es vergessen hätte. Die Menschen fragten Gott, warum er sie lebenslang verlassen wolle. Es ist bedeutsam, daß auch Mose von Gott sagte, er werde seines Bundes gedenken, wenn sein Volk seine Sünde bekennen würde ( 3Mo 26,40-42 ). Die Menschen aus Juda baten also Gott, er möge seine Bundesverheißungen erfüllen.


Kl 5,21-22


Sie flehten zum Herrn: Bringe uns zu dir zurück, daß wir wieder heimkommen . Die Menschen wollten, daß ihnen wieder die Segnungen des Gottesbundes zuteil würden, zu denen auch die Rückführung in das Land Israel gehörte ( 3Mo 26,40-45; 5Mo 3,1-10 ). Ihre Hoffnung auf Erneuerung gründete sich letztlich auf Gottes Treue gegenüber seinen Bundesverheißungen. Wenn Gott das Volk nicht ganz verworfen hatte (was er nach seiner Verheißung niemals tun würde; 3Mo 26,44; Jer 31,31-37 ), dann konnte es sich darauf verlassen, daß er seine Bitte erfüllen würde.

Das Buch "Klagelieder" endet also mit einem hoffnungsvollen Ausblick. Trotz des schweren Gerichts über seine Sünde war Juda als Volk nicht verworfen worden. Gott ist immer noch allmächtig, und sein Bund mit Israel bestand weiter, dem Ungehorsam der Menschen zum Trotz. Diese hatten ihre Hoffnung nicht verloren. Wenn sie zu Gott riefen und ihm ihre Schuld bekannten, würde er sie während ihrer Gefangenschaft beschützen ( Kl 3,21-30 ) und sie schließlich wieder als Volk der Segnungen des Bundes teilhaftig werden lassen ( Kl 5,21 ).



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