Das Buch Esther

Schlüsselvers: Kap. 4,14.

Leitgedanke: Die Wirklichkeit der göttlichen Vorsehung.

Eigenart:

1. Der grosse Reformator Luther war kein Freund des Buches Esther. Er wünschte, dass es nicht vorhanden sein möchte. «Es Judezeit (jfidelt) so arg und ist voll jüdischer Unarten», sagte er. Viele teilen auch heute seine Ansicht. Gewiss ist das Buch Esther ein Problem und voller Schwierigkeiten. Auf den ersten Blick scheint das Buch einen völlig weltlichen Charakter und damit keinen Anspruch zu haben, als ein Buch geistlicher Belehrung angesehen zu werden, und noch weniger berechtigt zu sein, einen Platz in der Heiligen Schrift einzunehmen.

2. Beachte: a) der Name Gottes wird in diesem Buche nicht erwähnt, wahrend der Name des heidnischen Königs mehr als 150 mal vorkommt, b) Esther wird im Neuen Testament nicht angeführt, c) Wir finden keinerlei Erwähnung des Zeremonialgesetzes.

Tatsache:

1. Ehe wir das Buch voreilig verurteilen, wollen wir fragen, was das jüdische Volk darüber denkt, und ob wir es wirklich verstehen oder nicht.

2. Es ist eine Tatsache, dass dieses Buch nicht nur als ein Teil des Kanons angenommen wurde, sondern es wurde von vielen Juden als besonders heilig angesehen. Nach ihrer Meinung gebührt ihm der erste Platz nach den fünf Büchern Mose.

Erklärung:

1. Das völlige Fehlen des Namens Gottes ist eine Haupt-Eigenart des Buches Esther, darf aber keineswegs als ein Mangel angesehen werden.

2. Matthäus Henry sagt: «Wenn der Name Gottes nicht darin enthalten ist, so doch Sein Finger». Dr. Pierson nannte es «Das Buch der Vorsehung». Unter Vorsehung verstehen wir den göttlichen Einfluss in dem Leben des Menschen. Gott lenkt seine Geschicke - das Geschick des Einzelnen und der Völker. Aber diese Leitung ist geheim, d. h. verborgen. Deshalb erscheint in dieser wundervollen Geschichte, die die Wirklichkeit göttlicher Vorsehung beweist, der Name Gottes nicht. Nur das Auge des Glaubens sieht den göttlichen Einfluss im Menschenleben; aber für den aufmerksamen Beobachter ist alles Gesche-

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hen ein «brennender Busch», erfüllt mit der geheimnisvollen Gegenwart Gottes.

3. Der Talmud führt 5. Mose 31,18 als einen Grund dafür an, dass Gottes Name nicht erwähnt wird. Wegen ihrer Sünde hatte sich Gott von Israel abgewandt. Aber wenn Er auch Sein Angesicht verbarg, vergass Er doch Sein Volk nicht und nahm sich desselben, wenn auch im Verborgenen, an.

4. Es ist schon vermutet worden, dass dieses Buch ein Auszug aus den amtlichen Urkunden des persischen Hofes (Esther 2,23) sei. Dies würde ein weiterer Grund des Fehlens des Namens Gottes und für die genauen Einzelheiten in diesem Buche sein.

Verfasser:

1. Es kann nichts Bestimmtes über seine Autorschaft gesagt werden. Augustin schrieb das Buch Esra zu, der Talmud der Grossen Synagoge.

2. Es ist möglich, dass Mordokai selbst das Buch schrieb (vergl. Kap. 9, 20).

Einteilung:

Merkwürdigerweise gruppieren sich alle Ereignisse des Buches um drei Feste; deshalb zerfällt es naturgemäss in drei Teile.

Gliederung: A. Das Fest des Ahasveros and seine Folgen (Kap. l and 2)

1. Ein Fest, das sechs Monate dauerte (Kap. l, l-4)

2. Diesem Fest folgte ein weiteres von sieben Tagen (Kap. l, 5-8)

3. Die Weigerung der Königin, zu gehorchen, und ihre Absetzung (Kap. 1,9-22).

4. Zwischen Kap. l und 2 machte der König seinen historischen Angriff gegen Griechenland mit einer Armee von fünf Millionen, wobei er eine schreckliche Niederlage erlitt.

5. Erwählung und Thronbesteigung Esthers (Kap. 2,1-20)

6. Mordokai rettet das Leben des Königs (Kap. 2,21-23)

7. Beachte: «Esther» ist ein persischer Name und bedeutet «Stern», «Glücksstern», «Stern des Ostens»; aber ihr hebräischer Name war «Hadassa», das heisst «Myrte».

B. Ereignisse, die zu dem Feste der Esther führten and seine Folgen (Kap. 3 bis 7)

1. Mordokais Weigerung, sich vor einem Nachkommen Agags zu beugen (Kap. 3,1-2)

2. Die Hofbeamten klagen ihn deswegen bei Haman an (Kap. 3,3-4)

3. Hamans Verschwörung (Kap. 3,5-15)

4. Die Klage Mordokais und sein «bitterliches Geschrei» (Kap. 4, l-4)

5. Mordokais Botschaft an Esther (Kap. 4,5-14)

6. Esthers Fasten (Kap. 4,15-17)

7. Esther besucht den König (Kap. 5,1-8)

8. Hamans Anschlag, Mordokai umzubringen (Kap. 5,9-14)

9. Des Königs schlaflose Nacht und ihr Ergebnis (Kap. 6)

10. Esthers Fest und Ergebnis (Kap. 7)

G. Einsetzung des Festes der Purim and seine Folgen (Kap. 8-10)

1. Esthers Eingreifen und ihre Bemühungen, das Leben Israels zu retten. (Kap. 8)

2. Der Tag der Rache (Kap. 9,1-19)

3. Das Fest der Purim wird eingesetzt, das bis heute noch von den Juden

gefeiert wird (Kap. 9,20-32). 4 Die Grosse Mordokais (Kap. 10)