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Lukas Walvoord

Lukas

Lukas (John A. Martin)


EINLEITUNG


Verfasserfrage




Die beiden neutestamentlichen Bücher, die gewöhnlich Lukas zugeschrieben werden (das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte), machen zusammen etwa achtundzwanzig Prozent des griechischen Neuen Testaments aus. In keinem von beiden wird Lukas namentlich erwähnt; der Name Lukas taucht lediglich an drei Stellen in den Briefen, und zwar in Kol 4,14; 2Tim 4,11 und Phim 1,24 auf. Daneben bezieht sich der Verfasser der Apostelgeschichte in den "wir"-Passagen seines Berichtes ( Apg 16,10-17;20,5-21,18;27,1-28,16 ) ausdrücklich mit ein.

Lukas muß Heide gewesen sein, denn nach Aussage des Paulus waren von seinen Mitarbeitern nur Aristarch, Markus und Johannes Juden ( Kol 4,10-14 ); die anderen, Epaphras, Lukas und Demas, waren also wohl Heiden. Paulus schreibt außerdem, daß Lukas Arzt war ( Kol 4,14 ), eine Tatsache, die man häufig auch aus bestimmten Stellen des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte zu erhärten suchte. Bis heute besteht in der Kirche jedenfalls Übereinstimmung darüber, daß Lukas der Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte ist. Der Überlieferung zufolge stammte er aus Antiochien, eine Behauptung, die jedoch nicht bewiesen werden kann.



Quellen


Lukas verstand sich in erster Linie als Geschichtsschreiber ( Lk 1,1-4 ), der sein Material sorgfältig recherchierte. So befragte er Augenzeugen ( Lk 1,2 ), sprach wegen bestimmter Einzelheiten, z. B. hinsichtlich der Jugendzeit Jesu (vgl. Lk 2,51 ), möglicherweise sogar mit Maria persönlich und hatte anscheinend auch Kontakte zum herodianischen Königshof (vgl. Lk 3,1.19;8,3;9,7-9;13,31;23,7-12 ). Über die Quellen, die er für sein Evangelium benutzte, sind sich die Gelehrten nicht einig. Es wäre denkbar, daß er unterschiedliches Quellenmaterial, das ihm zur Verfügung stand, überarbeitete, um einen zusammenhängenden, ganz in seinem Stil geschriebenen Bericht zu schaffen, in dem er seine eigene Theologie entfalten konnte. Auf jeden Fall vollzog sich dieser Prozeß unter dem unmittelbaren Einfluß des Heiligen Geistes.



Datierung und Ort der Entstehung


Eine Reihe verschiedener Daten wurden für die Entstehung des Lukasevangeliums vorgeschlagen. Wenn die Apostelgeschichte vor der Christenverfolgung Neros (im Jahr 64 n. Chr.) geschrieben wurde - was naheliegend scheint, da Paulus am Ende des Buches noch lebt und in Gefangenschaft ist -, so muß das Lukasevangelium mehrere Jahre zuvor entstanden sein, denn die Apostelgeschichte schließt sich an das Evangelium an. Eine ganz genaue Datierung ist damit zwar nicht möglich, doch die Zeit zwischen 58 und 60 n. Chr. scheint immerhin sehr plausibel.

Lukas selbst gibt keinerlei Hinweise, wo er sein Evangelium niederschrieb, so daß man über diesen Punkt allenfalls Vermutungen anstellen kann. Im allgemeinen wird in der Forschung jedoch die Auffassung vertreten, daß entweder Cäsarea oder Rom als Abfassungsort in Frage kommen.


Intention des Buches


Mit der Niederschrift seines Evangeliums verfolgte Lukas zwei Ziele. Zum einen wollte er Theophilus in seinem Glauben bestärken. Er wollte ihm beweisen, daß sein Glaube an Jesus Christus auf sicheren historischen Tatsachen beruhe ( Lk 1,34 ). Zum anderen lag ihm daran, Jesus als den Menschensohn zu zeigen, der von Israel abgelehnt worden war. Denn erst aufgrund dieser Verwerfung wurde Jesus auch den Heiden gepredigt, so daß auch sie von Gottes Heilsplan hören und gerettet werden konnten.



Die Heidenchristen als Zielgruppe des Buches


Vieles deutet darauf hin, daß Lukas in erster Linie für Heidenchristen schrieb. So erklärt er beispielsweise an vielen Stellen jüdische Ortsangaben ( Lk 4,31;8,26;21,37;23,51;24,13 ), was unnötig wäre, wenn er sich an Judenchristen wenden würde. Zweitens verfolgt er Jesu Stammbaum ( Lk 3,23-38 ) bis auf Adam zurück (nicht nur, wie Matthäus, bis Abraham) - offensichtlich, um deutlich zu machen, daß Jesus zu allen Menschen und nicht nur zum jüdischen Volk gekommen ist. Drittens macht Lukas seine Zeitangaben zu Jesu Geburt und zur Predigt Johannes' des Täufers an den Regierungszeiten römischer Kaiser fest ( Lk 2,1 ). Viertens verwendet er bestimmte Worte, die heidnischen Lesern wahrscheinlich vertrauter waren als die entsprechenden jüdischen Begriffe im Matthäusevangelium, so z. B. das griechische didaskalos statt des hebräischen rabbi für "Meister".

Fünftens: Für die wenigen wörtlichen Zitate aus dem Alten Testament, die in seinem Evangelium vorkommen, wie auch für die in Hülle und Fülle vorhandenen Anspielungen auf alttestamentliche Texte verwendet Lukas durchgehend - bis auf eine Ausnahme - die Septuaginta (vgl. Lk 2,23-24;3,4-6;4,4.8.10-12.18-19;7,27;10,27;18,20;19,46;20,17.28.37.42-43 und Lk 22,37 ). Die einzige Ausnahme bildet das Zitat in Kapitel Lk 7,27 ,das weder aus der griechischen Septuaginta noch aus dem hebräischen masoretischen Text stammt und eine andere Quelle haben muß. Sechstens: Auch über die Erfüllung der Prophezeiungen des Alten Testaments durch Jesus wird im Lukasevangelium nur sehr wenig gesagt, wahrscheinlich weil dieses Thema für heidnische Leser nicht annähernd so wichtig war wie für Judenchristen. Nur fünfmal spricht Lukas direkt von der Erfüllung einer Prophezeiung, und alle diese Hinweise - bis auf einen ( Lk 3,4 ) - stehen im Zusammenhang mit an Israel gerichteten Lehren Jesu.

 

Die Beziehung des Lukasevangeliums zu Matthäus und Markus


Als synoptisches Evangelium weist das Lukasevangelium zahlreiche inhaltliche Übereinstimmungen mit Matthäus und Markus auf. Eine relativ lange Passage des Buches enthält jedoch überwiegend Material, das nur bei Lukas vorkommt ( Lk 9,51-19,27 ). Ebenso einzigartig sind die Geburtsgeschichten von Johannes und Jesus und die Erzählung über den zwölfjährigen Jesus ( Lk 1,5-2,52 ). Man geht daher davon aus, daß Lukas das Matthäus- und das Markusevangelium oder auch die Quellen, die ihren Verfassern vorlagen, kannte und benutzte. Die Unterschiede in der Chronologie und im dargebotenen Material lassen sich aus den unterschiedlichen theologischen Zielsetzungen der verschiedenen Evangelisten erklären. Denn obwohl die Berichte alle auf historischen Tatsachen basieren, vertritt doch jeder Verfasser letztlich eine ganz spezifische Theologie. (Näheres zum Verhältnis der synoptischen Evangelien zueinander in der Einleitung zum Matthäus- und zum Markusevangelium.)



Besonderheiten des Buches


1. Stärker als die anderen Evangelien stellt Lukas die Universalität der Botschaft des Evangeliums in den Vordergrund. Er schreibt bevorzugt über Sünder, Arme und Außenseiter der jüdischen Gesellschaft und berichtet an auffallend vielen Stellen von Heiden, die des Segens des Messias teilhaftig wurden, soz. B., daß sich Samariter zum Glauben an ihn bekehrten. Aber auch der Glaube von Frauen und Kindern nimmt bei Lukas einen besonderen Stellenwert ein.

2. Das Lukasevangelium vermittelt dem Leser einen umfassenderen Einblick in die Geschichte der damaligen Zeit als die anderen Evangelien und enthält mehr Fakten über das irdische Leben Jesu als die Berichte von Matthäus, Markus oder Johannes.

3. Eines der Hauptanliegen des Lukasevangeliums ist die Vergebung der Sünden ( Lk 3,3;5,18-26;6,37;7,36-50;11,4;12,10;17,3-4;23,34;24,47 ).

4. Große Bedeutung hat bei Lukas auch das Gebet. Jesus wird immer wieder im Gebet dargestellt ( Lk 3,21;5,16;6,12;9,18.29;22,32.40-41 ).

5. Lukas betont die Wichtigkeit der persönlichen Buße, den Niederschlag der Nachfolge Jesu im Handeln jedes einzelnen. Als Beispiele dafür führt er Zacharias, Elisabeth, Maria, Simeon, Anna, Marta, Maria, Simon, Levi, den römischen Hauptmann, die Witwe von Nain, Zachäus und Josef von Arimathäa an.

6. Das Lukasevangelium enthält mehr Aussagen über Geld und materielle Dinge als irgendeine andere Schrift des Neuen Testaments. Dabei sind für Lukas die Armen nicht immer automatisch gerecht, doch die selbstgerechten Reichen, für die ihr Reichtum mehr bedeutet als Jesus, sind auf jeden Fall unfähig, die Rettung, die Jesus ihnen anbot, anzunehmen.

7. Ganz wichtig für Lukas ist die Freude, die mit dem Glauben und der Erlösung Hand in Hand geht ( Lk 1,14;8,13;10,17; 13,17; 15,5.9.32; 19,6.37 ).



GLIEDERUNG


I. Der Prolog und die Intention des Lukasevangeliums ( 1,1-4 )

II. Geburt und Kindheit von Johannes dem Täufer und Jesus ( 1,5-2,52 )

     A. Die Geburtsankündigungen ( 1,5-56 )
     B. Geburt und Kindheit von Johannes und Jesus ( 1,57-2,52 )

III. Die Vorbereitung auf Jesu Wirken ( 3,1-4,13 )

     A. Das Amt Johannes' des Täufers ( 3,1-20 )
     B. Die Taufe Jesu ( 3,21-22 )
     C. Der Stammbaum Jesu ( 3,23-28 )
     D. Die Versuchung Jesu ( 4,1-13 )

IV. Jesu Wirken in Galiläa

     A. Der Beginn von Jesu Wirken ( 4,14-30 )
     B. Die Bestätigung von Jesu Vollmacht ( 4,31-6,16 )
     C. Jesu Predigt "auf dem Felde" ( 6,17-49 )
     D. Jesu Wirken in Kapernaum und den umliegenden Städten ( Kap. 7-8 )
     E. Jesu Weisungen an seine Jünger ( 9,1-50 )

V. Jesu Reise nach Jerusalem ( 9,51-19,27 )

     A. Die Verwerfung Jesu durch die meisten Menschen auf dem Weg nach Jerusalem ( 9,51-11,54 )
     B. Jesu Weisungen an seine Jünger angesichts der Verwerfung ( 12,1-19,27 )

VI. Das Wirken Jesu in Jerusalem ( 19,28-21,38 )

     A. Jesu Einzug in Jerusalem als Messias ( 19,28-44 )
     B. Jesus im Tempel ( 19,45-21,38 )

VII. Tod, Begräbnis und Auferstehung Jesu ( Kap. 22-24 )

     A. Der tod und das Begräbnis Jesu ( Kap. 22-23 )
     B. die Auferstehung und die Erscheinungen Jesu ( Kap. 24 )


AUSLEGUNG


I. Der Prolog und die Intention des Lukasevangeliums
( 1,1 - 4 )


Lk 1,1-4


Lukas ist der einzige der vier Evangelisten, der gleich am Anfang seines Buches die Methode und den Zweck seiner Schrift darlegt. sind, spricht. Der nächste Satz, in dem es heißt, daß uns das (d. h. die Berichte und Lehren, von denen er in V. 1 spricht) mündlich durch die, die es von Anfang an selbst gesehen haben, überliefert wurde, widerspricht dieser Annahme jedoch. Lukas sieht sich demnach als Historiker und nicht als Augenzeugen. Seine Recherchen, so schreibt er, waren umfassend und genau, er hat alles von Anfang an , d. h. von Christi Geburt an, sorgfältig erkundet .

"Theophilus" (wörtlich: "der Gott Liebende") war im ersten Jahrhundert kein seltener Name, und wir können heute nicht mehr feststellen, wen Lukas hier meinte. Die These, daß er sich auf diese Weise an alle, die Gott lieben, wandte, den Namen also einfach in einem ganz allgemeinen Sinne als Anrede für die Leser seiner Evangeliumserzählung benutzte, scheint jedoch unwahrscheinlicher als daß Theophilus eine ganz bestimmte Person war - nämlich der erste Leser des Lukasevangeliums, der dann für dessen weite Verbreitung in der frühen Kirche sorgte. Möglicherweise hatte er irgendein öffentliches Amt inne, denn Lukas nennt ihn "hochgeehrter" (vgl. Apg 23,26;24,2;26,25 ,wo dasselbe griechische Wort, kratiste , verwendet wird).



II. Geburt und Kindheit von Johannes dem Täufer und Jesus
( 1,5 - 2,52 )


A. Die Geburtsankündigungen
( 1,5-56 )


Lukas hat versucht, in seinen Berichten über die Geburt und Kindheit von Johannes sowie über die von Jesus Parallelen herauszuarbeiten. In beiden werden jeweils zunächst die Eltern eingeführt (V. 5 - 7 und 26 - 27 ), dann folgt eine Engelserscheinung (V. 8 - 23 und 28-30 ), ein Zeichen wird gegeben (V. 18 - 20 und 34 - 38 ), und eine Frau, die noch keine Kinder hatte, wird schwanger (V. 24 - 25 und 42 ).



1. Die Ankündigung der Geburt des Johannes
( 1,5 - 25 )


a. Die Eltern des Johannes
( 1,5 - 7 )


Lk 1,5-7


Die Eltern von Johannes dem Täufer waren ein Priester mit Namen Zacharias und Elisabeth, seine Frau, aus dem Geschlecht Aarons . Johannes war damit schon durch seine Herkunft für das Priesteramt bestimmt. Seine Eltern lebten zur Zeit des Herodes (des Großen), des Königs von Judäa , von 37 v. bis 4 n. Chr. (vgl. die Tabelle zur Dynastie des Herodes). Sie waren fromme Leute und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig ( dikaioi , "gerecht"). Beide waren bereits hochbetagt und hatten keine Aussicht mehr auf ein Kind, was für Elisabeth, wie sie später selbst sagte (V. 25 ), eine große Enttäuschung war. Doch schon im Alten Testament geschah es mehrmals, daß Gott einer unfruchtbaren Frau, die das Gebäralter eigentlich schon überschritten hatte, noch Kinder schenkte (z. B. den Müttern von Isaak, Simson und Samuel).

 



b. Die Verkündigung des Engels an Zacharias
( 1,8 - 23 )


Lk 1,8-9


Lukas berichtet, daß die Gruppe von Priestern, zu der Zacharias gehörte, die Ordnung (der Gruppe von) Abija ( Lk 1,5; vgl. 1Chr 24,10 ), an der Reihe war, den Gottesdienst zu halten. Es gab insgesamt vierundzwanzig solcher Unterabteilungen der Priesterschaft - eine Einteilung, die noch auf die Zeit König Davids zurückging ( 1Chr 24,7-18 ). Die Priester jeder Gruppe hatten zweimal jährlich eine Woche lang Dienst.

Nach dem Brauch der Priesterschaft traf Zacharias das Los ( elache ), das Räucheropfer darzubringen . Bei der großen Zahl der Priester war dies wahrscheinlich das einzige Mal in seinem Leben, daß er mit dieser Aufgabe betraut wurde. Wie auch an anderen Stellen in der Schrift (z. B. Est 3,7 ) zeigt die Tatsache, daß das Los gerade zu diesem Zeitpunkt auf Zacharias fiel, daß Gott auch Entscheidungen, die normalerweise ganz vom Zufall abhängen, nach seinem Plan lenkt.



Lk 1,10-11


Während Zacharias sich im Tempel , vor dem Altar für das Räucheropfer, befand, versammelte sich die ganze Menge des Volkes draußen, um zu beten . Das Opfer, für das Zacharias verantwortlich war, war ein Symbol für die Gebete des ganzen Volkes. In diesem besonderen Augenblick war Zacharias also der Mittelpunkt der gesamten jüdischen Nation.



Lk 1,12-13


Der Engel des Herrn war gekommen, um Zacharias und Elisabeth die Geburt eines Sohnes anzukündigen. Doch als Zacharias ihn sah, kam Furcht über ihn . Immer wieder reagieren die Menschen im Lukasevangelium angesichts der Allmacht Gottes mit Furcht oder Ehrfurcht ( phobos ; vgl. Lk 1,30.65; 2,9-10; 5,10.26; 7,16; 8,25.37.50; 9,34.45; 12,4-5.32; 21,26; vgl. 23,40 ). Die Botschaft des Engels - fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört - deutet darauf hin, daß Zacharias um einen Sohn oder möglicherweise sogar um das Kommen des Messias gebetet hatte und daß die Geburt von Johannes zumindest teilweise die Antwort auf dieses Gebet war. Der Engel sagte Zacharias - wie später auch Maria, als er ihr erschien ( Lk 1,31 ) -, wie er den Sohn, den er haben würde, nennen sollte.



Lk 1,14-17


Außer dem Namen teilte der Engel Zacharias noch sechs Charaktereigenschaften seines Sohnes mit.

1. Du wirst Freude und Wonne haben (V. 14 ). Eines der Schlüsselwörter des Lukasevangeliums (und auch der Apostelgeschichte) ist das Wort "Freude", das der Evangelist immer wieder mit dem Begriff der "Rettung" in Zusammenhang bringt. Ein Beispiel dafür ist Lk 15 , wo dreimal in Gleichnisform von der Freude die Rede ist, die herrscht, wenn etwas Verlorenes wiedergefunden wurde - eine Metapher für die Rettung. So sollte auch das Amt Johannes' des Täufers bei den Israeliten, die seiner Botschaft der Buße und der Vergebung der Sünden glaubten, große Freude hervorrufen ( Lk 3,3 ).

2. Er wird groß sein vor dem Herrn . Die Formulierung "vor dem" ( enOpion ) ist ebenfalls charakteristisch für Lukas. Im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte kommt sie insgesamt 35mal vor, in den anderen Evangelien steht sie nur an einer einzigen Stelle ( Joh 20,30 ).

3. Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken . Später legte Johannes freiwillig das Gelübde der Nasiräer ab, die nichts Gegorenes tranken ( 4Mo 6,1-21 ). Lukas schreibt nicht, daß Johannes alle Vorschriften dieses Gelübdes halten, sondern nur, daß er keinen Wein trinken würde - vielleicht um seiner Botschaft Nachdruck zu verleihen. Er glich außerdem dem Propheten Elia und brachte schon durch seine Kleidung, sein Handeln und die Nahrung, die er zu sich nahm, zum Ausdruck, von welcher entscheidenden Dringlichkeit seine Botschaft war (vgl. Mt 3,4; 2Kö 1,8 ).

4. Er wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist . Als Elisabeth während ihrer Schwangerschaft den Besuch Marias erhielt, "hüpfte" das Kind in ihrem Leib. Das Wirken des Heiligen Geistes spielt im Lukasevangelium eine entscheidende Rolle, und der Evangelist wird nicht müde, immer wieder auf seine kraft- und lebenspendende Macht hinzuweisen. Auch die Eltern von Johannes wurden vom Heiligen Geist erfüllt ( Lk 1,41.67 ).

5. Er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren . Durch Johannes' Predigt wandten sich viele Israeliten wieder Gott zu ( Mt 3,5-6; Mk 1,4-5 ).

6. Er wird vor dem Herrn hergehen. Johannes der Täufer war der Bote und Wegbereiter des Herrn, dessen Kommen er im Geist und in der Kraft Elias prophezeite. Lukas bezieht sich hier auf zwei Passagen aus Maleachi, in denen von einem Boten die Rede ist: Ein Bote soll gesandt werden, um dem Herrn den Weg zu bereiten ( Mal 3,1 ), und bevor der Tag des Herrn kommt, soll Elia zurückkehren ( Mal 3,23-24 ), um die Herzen der Väter zu den Kindern zu bekehren . Zacharias verstand die Worte anscheinend im Sinne von Mal 3,1 , denn in seinem Lobgesang sagte er später, daß Johannes "dem Herrn vorangehen und seinen Weg bereiten" werde ( Lk 1,76; vgl. 3,4 - 6). Zu einem späteren Zeitpunkt bestätigte Jesus dann, daß Johannes tatsächlich die Erfüllung von Mal 3,1 verkörperte ( Mt 11,10 ) und daß er auch die Prophezeiung aus Mal 2,23-24 erfüllt hätte , wenn die Menschen seiner Botschaft Glauben geschenkt hätten ( Mt 11,14 ).



Lk 1,18-20


Zacharias zweifelte zunächst an den Worten des Engels, da er und auch Elisabeth immerhin schon sehr alt waren. Doch der Engel, der sich Gabriel nannte, versicherte ihm, daß die Botschaft, die er ihm zu überbringen hatte, von Gott sei. Wie einst im Falle des Propheten Daniel, dem Gabriel auch zweimal erschienen war ( Dan 8,17;9,21 ) und eine Botschaft und genaue Weisung überbracht hatte, so scheint der Engel auch Zacharias die Nachricht dann noch ausgelegt zu haben. Darauf läßt jedenfalls Zacharias' Lobgesang und das Vertrauen, das er später an den Tag legte, schließen ( Lk 1,67-79 ). Seine Unfähigkeit zu reden, bis sich Gabriels Botschaft erfüllen würde, war in gewissem Sinne die Strafe für seinen anfänglichen Unglauben; doch sie war auch ein Zeichen. Als Zeichen galt im Alten Testament ein bestätigendes, allen Menschen sichtbares Phänomen, das eine Prophezeiung begleitete. In den kommenden neun Monaten sollten Zacharias' (vergebliche) Versuche zu sprechen die Wahrheit von Gabriels Botschaft beweisen.



Lk 1,21-23


Als Zacharias schließlich aus dem Tempel herauskam, gelang es ihm offenbar, den Menschen begreiflich zu machen, daß er eine Erscheinung gehabt hatte . Und als die Zeit seines Dienstes um war, da ging er heim in sein Haus im Gebirge.



c. Elisabeths Schwangerschaft
( 1,24 - 25 )


Lk 1,24-25


Die Frau des Zacharias, Elisabeth, wurde schwanger und hielt sich fünf Monate lang verborgen , wahrscheinlich, weil sich die Leute aus ihrer Umgebung den Mund über ihre Schwangerschaft zerrissen hätten (V. 25 ). Maria erfuhr wohl als erste Außenstehende von den Neuigkeiten, die der Engel verkündet hatte (V. 36 ).

Lukas sagt in Vers 25 nicht, ob Elisabeth zu dieser Zeit bereits die Bestimmung ihres Sohnes kannte. Da sie jedoch, noch bevor Zacharias wieder sprechen konnte, wußte, daß er den Namen Johannes erhalten sollte (V. 60 ), hatte ihr Mann ihr die Vision wohl auf schriftlichem Wege mitgeteilt. Elisabeth war außer sich vor Freude, daß sie schließlich doch noch ein Kind haben sollte.

 

2. Die Ankündigung der Geburt Jesu
( 1,26 - 56 )


a. Maria und Josef
( 1,26 - 27 )


Lk 1,26-27


Im sechsten Monat , d. h. im sechsten Monat der Schwangerschaft von Elisabeth, wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth .

Maria hatte noch mit keinem Mann Geschlechtsverkehr gehabt, denn Lukas nennt sie eine Jungfrau ( parthenon ; vgl. Lk 1,34 ) und berichtet, daß sie vertraut war einem Mann mit Namen Josef (vgl. Lk 2,5 ). Nach jüdischem Brauch waren ein Mann und eine Frau für eine bestimmte Zeit verlobt, bevor sie endgültig heirateten. Diese Verlobung war allerdings sehr viel bindender als etwa nach unserem heutigen Verständnis; die beiden galten damit bereits als Mann und Frau, zogen jedoch erst zusammen, nachdem die Hochzeit gefeiert war.



b. Die Verkündigung des Engels an Maria
( 1,28 - 38 )


Lk 1,28-31


Der Engel sagte Maria zunächst, daß sie begnadet ( kecharitOmenE , ein Partizip, das mit dem Substantiv charis, "Gnade", verwandt ist; das Verb charitoo findet sich im Neuen Testament sonst nur noch in Eph 1,6 ) sei und Gnade gefunden habe bei Gott . Offensichtlich hatte Gott ihr eine besondere Ehre zugedacht, und seine Gnade sollte ihr in ganz einzigartiger Weise zuteil werden.

Dann verkündete er ihr dieselbe Botschaft, wie sie Zacharias in bezug auf Elisabeth erhalten hatte: Fürchte dich nicht, du wirst schwanger werden (vgl. V. 13 ). Auch ihr sagte er, wie sie ihren Sohn nennen sollte (V. 31 ; vgl. V. 13 b).



Lk 1,32-33


Über diesen künftigen Sohn Marias sagte der Engel ebenfalls fünf Dinge voraus:

1. Er wird groß sein.

2. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden (vgl. V. 76 ). In der Septuaginta ist der Terminus "Höchster" ( hypsistou ) meist die Übersetzung des hebräischen Wortes ZelyNn (vgl.V. 76 ). Maria kann die Bedeutung dieser Sprachverbindung nicht entgangen sein. Die Tatsache, daß ihr Kind "Sohn des Höchsten" genannt werden sollte, hieß letztlich nichts anderes, als daß er Gott gleich sein würde. Im semitischen Denken wurde ein Sohn als eine Art "Kopie" seines Vaters betrachtet, und die Wendung "Sohn des" wurde häufig benutzt, um zum Ausdruck zu bringen, daß ein Mann dieselben Eigenschaften wie sein Vater besaß (eine boshafte Person konnte beispielsweise im Hebräischen als "Sohn der Ungerechtigkeit" bezeichnet werden; Ps 89,23 ).

3. Ihm wird der Thron seines Vaters David gegeben. Jesus wird als Nachkomme Davids im Tausendjährigen Reich auf dessen Thron sitzen ( 2Sam 7,13.16; Ps 89,4-5.28-30 ).

4. Er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit . Jesu Herrschaft als König über das Volk Israel wird im Tausendjährigen Reich beginnen und von da an ewig fortbestehen.

5. Sein Reich wird kein Ende haben . Dieses Versprechen muß in Maria sofort die Erinnerung an die Verheißungen Jahwes für David wachgerufen haben ( 2Sam 7,13-16 ). David hatte diese Prophezeiung damals nicht nur auf seinen Sohn (Salomo) bezogen, der den Tempel bauen würde, sondern auch auf jenen zukünftigen Nachkommen, der für immer herrschen sollte. Er war überzeugt, daß Jahwe hier von einer fernen Zukunft gesprochen hatte ( 2Sam 7,19 ). So verstand wohl auch Maria, daß das, was der Engel ihr verkündete, sich auf den seit langem verheißenen Messias bezog.



Lk 1,34-38


Sie schien nicht überrascht, daß der Messias jetzt kommen sollte, sondern wunderte sich nur darüber, daß sie Mutter werden sollte, da sie doch noch von keinem Mann wußte . Doch der Engel tadelte sie nicht, wie er es bei Zacharias getan hatte (V. 20 ) - ein Hinweis, daß Maria nicht etwa an den Worten Gabriels zweifelte, sondern nur wissen wollte, wie diese Verkündigung wahr werden sollte. Die Antwort lautete, daß der Heilige Geist in seiner Schöpferkraft die Empfängnis bewirken werde (V. 35 ). Die wunderbare Empfängnis und Jungfrauengeburt Jesu Christi war notwendig, um die Gottheit und Präexistenz des Messias' zu wahren (vgl. Jes 7,14; 9,6; Gal 4,4 ).

Wie Zacharias wurde auch Maria ein Zeichen gegeben: Elisabeth war auch schwanger . Maria nahm die Rolle, die ihr zugedacht war, an: "Mir geschehe, wie du gesagt hast." Sie unterwarf sich willig Gottes Plan und bezeichnete sich selbst als des Herrn Magd ( doulE , "Sklavin"; vgl. Lk 1,48 ).



c. Marias Besuch bei Elisabeth und ihre Rückkehr
( 1,39 - 56 )


Lk 1,39-45


Nachdem sie vernommen hatte, worin das Zeichen für die Wahrheit der Botschaft des Engels bestand, ging Maria eilends zu Elisabeth . Die Eltern des Johannes lebten in einer Stadt im Gebirge in Juda. Wahrscheinlich ist damit die Landschaft um Jerusalem gemeint. Als Maria kam, hüpfte das Kind in Elisabeths Leibe vor Freude, und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt . Auch über Zacharias kam später der Heilige Geist (V. 67 ) - ein Wunder, das auch schon vor dem Pfingstereignis den Gläubigen in besonderen Situationen Kraft gab.

Elisabeths laut ausgesprochene Worte: gepriesen ( eulogEmenE ; wörtlich: "wohl gesprochen sei von") bist du unter den Frauen, besagen, daß Maria vor allen Frauen am höchsten ausgezeichnet wurde. Elisabeth nannte sie daher auch "die Mutter meines Herrn". Lukas verwendet aus zweierlei Gründen für Jesus sehr oft den Terminus"Herr" ( kyrios ): Zum einen konnten die griechischen Leser mit dem Titel "Herr" vielleicht mehr anfangen als mit der Bezeichnung "Christus" (Messias), denn die Heiden hatten ja nicht in der Messiaserwartung gelebt wie die Juden, und zum anderen benutzt die Septuaginta das Wort "Herr" ( kyrios ) häufig als Übersetzung für Jahwe. Elisabeth pries Maria noch einmal (V. 45 ), daß sie selig ( makaria , "glücklich") sei, weil sie geglaubt hatte, was Gott ihr durch den Engel hatte sagen lassen. Maria war also wohl nicht zu Elisabeth gekommen, weil sie in irgendeiner Weise an den Worten des Engels zweifelte, sondern weil sie sich darüber freute und bestätigt sehen wollte, was ihr verkündigt worden war.



Lk 1,46-55


Gleichsam als Antwort auf die ihr widerfahrene Gnade sprach Maria einen Lobgesang auf Gott, der sie und ihr Volk gesegnet hatte. Das "Magnifikat", wie diese Passage allgemein bezeichnet wird, besteht, wie auch die Lobgesänge des Zacharias und des Simeon (V. 1,68-79; 2,29-32 ), fast ausschließlich aus Zitaten und Anspielungen aus dem Alten Testament. Marias Gesang weist dabei hauptsächlich Anklänge an den Lobpreis Hannas auf ( 1Sam 2,1-10 ). Zunächst pries sie Gott dafür, daß er unter allen Frauen gerade sie gesegnet hatte ( Lk 1,46-50 ). Sie rechnete sich selbst also zu dem kleinen Rest derer, die Jahwe treu geblieben waren, und nannte Gott meinen Heiland ( sOtEri mou ), was auf eine enge Beziehung zu ihm hindeutet. Sie pries seine Treue (V. 48 ), seine Macht (V. 49 ), Heiligkeit (V. 49 ) und Barmherzigkeit (V. 50 ) und dankte ihm dafür, daß er unter allen Völkern gerade Israel gesegnet hatte (V. 51 - 55 ). Durch das Kind, das sie bekommen sollte, würde Gott Abraham und seiner Kinder in Ewigkeit gedenken . Maria war sich bewußt, daß die Geburt ihres Kindes die Erfüllung der Verheißungen an Abraham und sein Volk bedeutete.



Lk 1,56


Sie blieb etwa drei Monate bei Elisabeth, anscheinend bis Johannes zur Welt gekommen war (vgl. V. 36 ); danach kehrte sie wieder heim . Im Griechischen steht, daß sie in "ihr Heim" zurückkehrte - ein Beleg dafür, daß sie noch Jungfrau, d. h. noch nicht mit Josef verheiratet war.

 

B. Geburt und Kindheit von Johannes und Jesus
( 1,57 - 2,52 )


Wie im vorhergehenden Abschnitt ( Lk 1,5-56 ), der von den Ankündigungen der Geburt von Johannes und Jesus handelt, ordnet Lukas auch die Berichte über ihre Geburt parallel an. Jesu Geburt nimmt dabei allerdings eine Vorrangstellung ein und wird sehr viel detaillierter beschrieben als die von Johannes.



1. Die Geburt und die Jugend Johannes' des Täufers
( 1,57 - 80 )


a. Johannes' Geburt
( 1,57 - 66 )


Lk 1,57-66


Über die Geburt des Johannes, die in einem einzigen Vers einfach mitgeteilt wird (V. 57 ), freuten sich alle Nachbarn und Bekannten mit Elisabeth. Die folgende Passage zeigt in eindrücklicher Weise den Gehorsam von Zacharias und seiner Frau. Das alte Ehepaar hielt sich streng an die Vorschrift, den Jungen zu beschneiden. Gegen den Widerstand der anderen bestand Elisabeth darauf, daß ihr Kind Johannes heißen sollte, und auch Zacharias schrieb diesen Namen auf eine kleine Tafel . Unmittelbar darauf konnte er plötzlich wieder sprechen, eine Tatsache, die die Menge der Nachbarn in höchstes Erstaunen setzte. Wie alle anderen, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen, stimmte auch Zacharias ein Loblied ( eulogOn ; "segnete"; vgl. eulogEmonE in V. 42 ) zur Ehre Gottes an. Sogleich verbreitete sich im ganzen Gebirge Judäas (im Gebiet um Jerusalem) die Geschichte über dieses ungewöhnliche Kind. Die Leute merkten, daß die Hand des Herrn mit ihm war . Jahre später, als Johannes sein Predigtamt antrat, kamen viele Menschen aus seiner Heimat zu ihm ( Mt 3,5 ), zweifellos, weil sie sich an die erstaunlichen Begebenheiten im Zusammenhang mit seiner Geburt erinnerten.

 



b. Zacharias' Prophezeiung und Lobpsalm
( 1,67 - 79 )


Lk 1,67-79


Auch dieser Psalm, das sogenannte "Benediktus", ist voller Zitate und Anspielungen aus dem Alten Testament. Zacharias entfaltete darin vier Gedanken:

1. Er forderte die Menschen auf, Gott zu loben (V. 68 a).

2. Er nannte den Grund, warum Gott zu loben war - denn er hat besucht und erlöst sein Volk (V. 68 b).

3. Er beschrieb die Erlösung Israels durch den Messias (V. 69 - 75 ). Der Messias, Israels Macht des Heils (V. 69 ), sollte das Volk a us der Hand seiner Feinde erlösen (V. 74 ). Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Erwähnung des heiligen Bundes, des Eides, den Gott geschworen hat unserem Vater Abraham (V. 72 - 73 ; vgl. 1Mo 22,16-18 ).

4. Er beschrieb in prophetischer Schau das Amt Johannes' des Täufers ( Lk 1,76-79 ). Zacharias hatte die Botschaft des Engels verstanden und sagte voraus, daß sein Sohn Johannes dem Herrn vorangehen und seinen Weg bereiten werde (vgl. Jes 40,3; Mal 3,1 ). Er sollte ein Prophet des Höchsten heißen ( Lk 1,76; vgl. V. 32 ). Vers 77 bezieht sich wohl eher auf den Herrn als auf Johannes, doch auch Johannes verkündete die Botschaft der Vergebung der Sünden (vgl. Lk 3,3 ).



c. Die Jugend Johannes' des Täufers und sein Aufenthalt in der Wüste
( 1,80 )


Lk 1,80


Und Johannes wuchs und wurde stark im Geist , d. h. er besaß Lebenskraft und Mut. Daß er bis zu seinem öffentlichen Auftreten ganz zurückgezogen in der Wüste lebte, war zwar ungewöhnlich für einen so jungen Menschen, doch aufgrund seines besonderen Auftrags, dessen sich Johannes bereits seit frühester Jugend bewußt war, hatte er sich entschlossen, dem Vorbild Elias zu folgen, der ebenfalls in der Wüste gelebt hatte (vgl. V. 17 ). Nur für kurze Zeit sollte sein Amt ihn in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücken.

 

2. Geburt und Jugend Jesu
( Lk 2 )


a. Jesu Geburt
( 2,1 - 7 )


Lk 2,1-2


Lukas schreibt, daß Jesus zur Regierungszeit des Kaisers Augustus geboren wurde, der im Jahr 27 v. Chr. offiziell zum Herrscher des römischen Reiches proklamiert wurde und bis 14 n. Chr. regierte (vgl. die Liste der römischen Kaiser). Da die Regierungszeit Herodes' des Großen im Jahr 4 n. Chr. endete, muß Jesus also vor dieser Zeit geboren sein. Ein gewisses historisches Problem stellt die Erwähnung des römischen Statthalters Quirinius in Syrien dar. Quirinius amtierte von 6 - 7 n. Chr., also viel zu spät für Jesu Geburt. Bezieht sich das Wort allererste ( prOtE ) möglicherweise auf eine erste, d. h. auf eine frühere Schätzung durch Quirinius? Wenn ja, so müßte man davon ausgehen, daß Quirinius bereits vor 4 v. Chr. für eine Amtsperiode Statthalter in Syrien war. Doch es ist vielleicht plausibler, "allererste" im Sinne von "vor" zu verstehen (vgl. Joh 15,18 ). Lk 2,2 hieße dann: "Das war die Schätzung, die stattfand, bevor Quirinius Statthalter in Syrien war" (d. h. vor 6 n. Chr.).



Lk 2,3-5


Für die Schätzung mußten sich Josef und Maria nach Bethlehem , Josefs Heimatstadt, begeben, denn Josef war ein Nachkomme Davids (vgl. Lk 1,27 ), der aus Bethlehem stammte. Manche Forscher halten es für seltsam, daß die Menschen nicht an ihrem augenblicklichen Wohnort gezählt wurden, doch es gibt noch andere Beispiele für die Praxis, die Zählung am Geburtsort durchzuführen (vgl. I. Marshall, The Gospel of Luke , S. 101 - 2). Für Maria gab es mehrere Gründe, Josef zu begleiten: Das Paar wußte, daß in dieser Zeit ihr Kind zur Welt kommen würde und wollte bei diesem Ereignis wahrscheinlich nicht getrennt sein. Da sich beide außerdem darüber im klaren waren, daß das Kind der Messias sein würde, wußten sie wohl auch, daß die Geburt in Bethlehem stattfinden mußte ( Mi 5,1 ).



Lk 2,6-7


Tatsächlich brachte Maria das Kind dann auch während ihres Aufenthaltes in Bethlehem zur Welt. Daß Jesus als ihr erster Sohn bezeichnet wird, deutet darauf hin, daß sie später noch weitere Kinder bekam. Josef und Maria hatten in Bethlehem keine Privatunterkunft, und so kam es, daß Jesus das Licht der Welt in einer Herberge, oder, wie die Überlieferung berichtet, in einem Stall neben der Herberge erblickte, und Maria ihn in die Krippe legte, aus der normalerweise das Vieh fraß. Die Tatsache, daß er in Windeln gewickelt war, war wichtig, denn daran sollten ihn die Hirten erkennen (V. 12 ). Kinder wurden manchmal auf diese Weise eingebunden, um ihre Glieder gerade zu halten und sie vor Verletzungen zu schützen.



b. Die Anbetung der Hirten
( 2,8-20 )


Lk 2,8-14


Des Nachts erschien einer Gruppe von Hirten auf dem Feld ein Engel, ein Bote des Herrn, inmitten von anderen Engeln und verkündigte ihnen die Geburt des Heilands in der Stadt Davids , in Bethlehem (V. 4 ). Die Engelserscheinung und die strahlende Klarheit des Herrn , die sie umgab, versetzte die Hirten, die wahrscheinlich über die für das Passafest bestimmten Lämmer wachten, in große Furcht. Das griechische Verb, das hier für fürchteten sich steht (wörtlich: "fürchteten eine große Furcht"), macht eigens deutlich, wie groß ihre Angst war. Doch der Engel tröstete sie mit den Worten: "Fürchtet euch nicht" (vgl. Lk 1,13.30 ). Er sagte, daß ihnen "der Heiland", Christus der Herr, geboren war. Diese Botschaft brachte eine große Freude für die Menschen und sollte allem Volk verkündet werden. (Im ganzen Lukasevangelium wird das Wort "Freude" ( chara ) immer wieder mit der Rettung in Verbindung gebracht.) Die gute Nachricht von der Geburt des Heilandes galt zwar in erster Linie dem Volk Israel, doch wahrscheinlich deutet Lukas hier bereits an, daß der Heiland zu allen Menschen kommen würde. Danach erschien die Menge der himmlischen Heerscharen bei dem Engel, und sie lobten Gott . Die Übersetzung Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens ist der anderen Überlieferung: "und den Menschen ein Wohlgefallen", vorzuziehen. Der Friede Gottes wird nicht denen gegeben, die guten Willens sind, sondern denen, die Gottes guten Willen oder seine Gnade annehmen.



Lk 2,15-20


Die Hirten machten sich sogleich auf, um das Kind zu sehen. Sie hatten erkannt, daß der Herr durch die Engel zu ihnen gesprochen hatte. Sie glaubten der Botschaft und gingen nun, um sich selbst von dem zu überzeugen, was sie gehört hatten. Genauso hatte Maria gehandelt, als sie von Elisabeths Schwangerschaft erfuhr. Ein solches Verhalten steht in schroffem Gegensatz zu dem der religiösen Führer, die ebenfalls wußten, wo das Kind geboren werden sollte, aber weder die Zeit noch die Mühe investierten, sich davon zu überzeugen ( Mt 2,8 ).

Nachdem sie das Kind gesehen hatten, verkündeten die Hirten als erste die Botschaft von der Ankunft des Messias: Sie breiteten das Wort aus. Und alle, vor die es kam, wunderten ( ethaumasan ) sich . Das Thema der Verwunderung über die Verkündigung des Messias zieht sich durch das ganze Lukasevangelium. (Das griechische Wort thaUmazO , "überrascht sein, erstaunt sein, sich (ver-)wundern, sich entsetzen", findet sich in Lk 1,21.63;2,18.33;4,22;8,25;9,43;11,14.38;20,26;24,12.41; daneben benutzt Lukas noch zwei andere Wörter für denselben Sachverhalt, vgl. Lk 2,48 .) Maria aber machte sich ihre eigenen Gedanken über diesen bedeutsamen Augenblick in der Geschichte. Von allen Frauen Israels war gerade sie die Mutter des Messias! Die Hirten kehrten wieder um und priesen und lobten Gott , wie es auch die Engel getan hatten (V. 13 - 14 ).



c. Jesu Beschneidung
( 2,21 )


Lk 2,21


Maria und Josef hielten sich an die Worte des Engels und nannten ihren Sohn so, wie es Maria vor ( Lk 1,31 ) und Josef nach der Empfängnis ( Mt 1,18-21 ) mitgeteilt worden war. Der Name Jesus, die griechische Form des hebräischen Namens Josua - "Jahwe ist die Rettung" - war sehr passend (vgl. Mt 1,21 ). Wie es Brauch war, wurde Jesus nach acht Tagen , wahrscheinlich noch in Bethlehem, beschnitten ( 3Mo 12,3 ).



d. Jesu Darstellung im Tempel
( 2,22 - 38 )


(1) Das Opfer ( Lk 2,22-24 )



Lk 2,22-24


Das Gesetz schrieb den Eltern Jesu nicht nur vor, ihren Sohn beschneiden zu lassen ( 3Mo 12,3 ), sondern verlangte auch, daß sie ihren Erstgeborenen nach dreiunddreißig Tagen dem Herrn darstellten ( 2Mo 13,2.12.15; 3Mo 12,4 ) und ein Opfer für die Reinigung Marias nach der Geburt darbrachten ( 3Mo 12,1-8 ).

An ihren Opfergaben wird deutlich, wie arm Maria und Josef waren. Da sie sich kein Lamm leisten konnten, nahmen sie ein Paar Tauben oder Turteltauben und reisten die kurze Strecke von Bethlehem nach Jerusalem , um Jesus darzustellen und das Reinigungsopfer zu bringen.



Lk 2,25-26


(2) Simeons Prophezeiung und seine Segnung der Familie ( Lk 2,25-35 )

Simeon hatte vom Heiligen Geist erfahren, daß er den Tod nicht sehen sollte, bevor er nicht den Messiasgesehen hatte. Er war fromm ( dikaios ) und gottesfürchtig ( eulabEs , "ehrfürchtig") und wartete, im Gegensatz zu den religiösen Machthabern, den Schriftgelehrten und Pharisäern, auf den Trost Israels , d. h. auf den Messias, den Einen, der das Volk trösten sollte (vgl. "die Erlösung Jerusalems"; V. 38 ). Die Bemerkung, daß der Heilige Geist mit Simeon war , erinnert an die alttestamentlichen Propheten, auf die der heilige Geist herabgekommen war. Wahrscheinlich stand Simeon in der alten Tradition der Propheten Israels wie Hanna, die als eine "Prophetin" bezeichnet wird (V. 36 ). Die einzigartige Offenbarung des Heiligen Geistes, daß er den Messias sehen sollte, war ihm vielleicht zuteil geworden, weil seine Sehnsucht nach dem Verheißenen so groß war.



Lk 2,27-32


Als Simeon Jesus sah, nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott . Auf diese Weise reagieren alle gottesfürchtigen Menschen im Lukasevangelium auf den Messias. Dann rezitierte er einen Lobpsalm, in dem er Gott pries, der seine Verheißung erfüllt und den Heiland gesandt hatte. Der Messias ist die Quelle der Rettung, wie auch sein Name - Jesus - besagt. In allen drei Dank- und Lobpsalmen der beiden ersten Kapitel des Lukasevangeliums ( Lk 1,46-55.68-79;2,29-32 ) geht es um die Bedeutung der Geburt von Johannes und Jesus für die Rettung Israels - und der Welt. Denn Simeon sagte, daß der Messias zu allen Völkern gekommen sei. Darin kommt ein weiterer Hauptgedanke des Lukasevangeliums zum Ausdruck: die Ausdehnung der Erlösung auch auf die Heiden.



Lk 2,33


Maria und Josef wunderten sich ( thaumazontes ; vgl. den Kommentar zu V. 18 ) über Simeons Worte. Obwohl ihnen gesagt worden war, daß ihr Sohn der Messias sei, hatten sie wahrscheinlich nicht in vollem Ausmaß erfaßt, was sein Kommen für die ganze Welt - für die Heiden ebenso wie für das Volk Israel - bedeutete.



Lk 2,34-35


Simeon offenbarte Maria, daß ihr Sohn auf Widerstand stoßen würde ( zu einem Zeichen, dem widersprochen wird , werden sollte) und daß auch über sie großes Leid kommen würde. Der Kummer sollte ihr wie ein Schwert durch die Seele dringen. Ihr Sohn war gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel . Während seines ganzen Wirkens verkündete Jesus, daß der einzige Weg ins Gottesreich, auf das das Volk so lange gewartet hatte, in der Nachfolge bestand. Wer ihm folgte, sollte gerettet werden und "aufstehen"; wer ihm jedoch nicht glaubte, sollte "fallen". An diesen Folgen würde sich zeigen, wie die Menschen zu dem Sohn Marias standen.


Lk 2,36-38


(3) Hannas Dankpsalm ( Lk 2,36-38 )

Diese gottesfürchtige Frau aus der Linie der Propheten setzte fort, was Simeon begonnen hatte. Hanna war 84 Jahre alt und hatte sich, nachdem ihr Mann vor Jahren gestorben war, völlig dem Dienst des Herrn im Tempel geweiht. Nun verkündete sie allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten (vgl. V. 25 ), daß der Messias wahrhaftig gekommen war. Die Nachricht von Jesus verbreitete sich wahrscheinlich in der ganzen Stadt, und je nachdem glaubten die Menschen den Worten des alten Propheten und der verwitweten Prophetin oder auch nicht.



e. Jesu Jugend in Nazareth
( 2,39 - 40 )


Lk 2,39-40


Nach der Darstellung Jesu kehrten Josef und Maria mit ihrem Sohn nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth (etwa 90 Kilometer nördlich von Jerusalem) zurück, wo Jesus seine Kindheit verbrachte. Lukas berichtet nichts über die Flucht nach Ägypten (vgl. Mt 2,13-21 ), denn es lag nicht in seiner Absicht, das Thema der Verwerfung des Messias schon so früh einzuführen. Im Lukasevangelium wird Jesus zum ersten Mal abgelehnt, als er sich in Nazareth öffentlich als Messias offenbarte. In dieser Stadt wuchs er auf und wurde auf sein Amt vorbereitet. Lukas schreibt, daß er stark wurde, voller Weisheit ( sophia ). Von seinem Zunehmen an Weisheit ist auch an einer späteren Stelle nochmals die Rede( Lk 2,52 ), und in Lk 21,15 stellt Lukas Jesus als Quelle der Weisheit für seine Jünger dar. Auf ihm lag die Gnade ( charis ) Gottes , eine Eigenschaft, auf die Lukas ebenfalls in Lk 2,52 nochmals hinweist. Diese Weisheit und Gnade Gottes zeigten sich schon an ihm, als er noch nicht zwölf Jahre alt war.



f. Der zwölfjährige Jesus im Tempel
( 2,41 - 50 )


Lk 2,41-50


Als Jesus zwölf Jahre alt war , wurde ihm sein Auftrag auf Erden deutlich. Wie es Brauch war, gingen Maria und Josef jedes Jahr nach Jerusalem, um dort das Passafest zu feiern. An das eintägige Passa schloß sich unmittelbar das siebentägige Fest der Ungesäuerten Brote an ( 2Mo 23,15; 3Mo 23,4-8; 5Mo 16,1-8 ); manchmal wurden daher auch die ganzen acht Tage dauernden Feierlichkeiten als Passafest bezeichnet ( Lk 22,1.7; Joh 19,14; Apg 12,3-4 ). Auf der Heimreise nach Nazareth bemerkten seine Eltern erst am Abend, daß Jesus nicht bei ihnen war. Sie kehrten nach Jerusalem zurück und fanden ihn nach drei Tagen im Tempel sitzen . Die "drei Tage" beziehen sich auf die Zeit seit ihrer Abreise aus Jerusalem: Sie waren bereits eine Tagesreise von der Stadt entfernt ( Lk 2,44 ), als sie sein Fehlen bemerkten; einen Tag dauerte es, bis sie wieder zurückgegangen waren, und am folgenden Tag fanden sie ihn schließlich. Er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte ihnen kluge Fragen. Alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich ( existanto , "waren außer sich vor Verwunderung"; vgl. Lk 8,56 ) über seinen Verstand und seine Antworten . Als Maria und Josef ihn sahen, entsetzten sie sich ( exeplagEsan , "gerieten außer sich", vielleicht vor Freude; vgl. Lk 4,32;9,43 ). Auf Marias Frage, warum er ihnen das angetan habe, antwortete Jesus mit einer scharfen Trennung zwischen seinen irdischen Eltern und Gott, seinem eigentlichen Vater ( Lk 2,49 ). Seine Äußerung ließ erkennen, daß er um seinen Auftrag wußte und enthielt zugleich einen Verweis für seine Eltern, die ihn doch ebenfalls hätten kennen müssen. Doch sie verstanden das Wort nicht .



g. Jesus nimmt zu an Weisheit, Alter und Gnade
( 2,51 - 52 )


Lk 2,51-52


Lukas legt Wert darauf festzuhalten, daß Jesus Josef und Maria durchaus gehorsam war, damit seine Leser aus den Ereignissen in Vers 41 - 50 keine falschen Schlußfolgerungen zogen. Maria behielt alle diese Worte in ihrem Herzen und dachte über die Äußerungen ihres Sohnes nach, wenn sie sie auch nicht verstand. Vielleicht hatte Lukas die Informationen über die Kindheit und Jugend Jesu von Maria selbst oder von jemandem, dem sie sich anvertraut hatte, erzählt bekommen. Jesus nahm zu ( proekopten ) in jeder Hinsicht (geistlich, geistig und körperlich) und fand Gnade bei Gott und den Menschen (vgl. V. 40 ).

 

III. Die Vorbereitung auf Jesu Wirken
( 3,1 - 4,13 )


Dieser Abschnitt bildet sozusagen die Einleitung für das Herzstück des Lukasevangeliums: Jesu Wirken in Galiläa und auf dem Weg nach Jerusalem ( Lk 4,14-19,27 ).



A. Das Amt Johannes' des Täufers
( 3,1 - 20 ) ( Mt 3,1-12; Mk 1,1-8 )


Wie bereits gesagt ( Lk 1,80 ), führte Johannes bis zu seinem kometenhaften Aufstieg zum Ruhm und seinem ebenso plötzlichen Untergang durch Herodes ein völlig abgeschiedenes Leben.



1. Die Einführung des Täufers
( 3,1 - 6 )


Lk 3,1-2


Johannes begann mit der Verkündigung seiner Botschaft im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius (14 bis 37 n. Chr.), also im Jahr 29 n. Chr. Drei Jahre zuvor war Pontius Pilatus , der dem jüdischen Volk im allgemeinen sehr ablehnend gegenüberstand, zum Statthalter von Judäa ernannt worden. Er hatte dieses Amt bis zum Jahr 36 n. Chr. inne. Jener Landesfürst Herodes , von dem hier die Rede ist, war Herodes Antipas. Von Tiberius als Vasallenkönig Roms eingesetzt herrschte er von 4 bis 39 n. Chr. über Galiläa. Seine Residenz lag in Cäsarea Philippi. Fast ebenso lange wie Herodes - von 4 bis 34 n. Chr. - regierte sein Bruder Philippus das Gebiet östlich des Jordan. (Vgl. die Karte zum Geschlecht des Herodes bei Lk 1,9 .) Über Lysanias , der in der nordwestlich von Damaskus gelegenen Region Abilene herrschte, wissen wir wenig. Als Johannes an die Öffentlichkeit trat, waren Hannas und Kaiphas Hohepriester . Hannas hatte das Amt von 6 bis 15 n. Chr. innegehabt, war dann aber von den römischen Behörden abgesetzt worden; an seine Stelle trat schließlich sein Schwiegersohn Kaiphas (18 bis 36 n. Chr.). Die Juden betrachteten Hannas jedoch weiterhin als ihren rechtmäßigen Hohenpriester (vgl. den Kommentar zu Apg 4,5-6 und die Tabelle zu Hannas' Familie; vgl. auch den Kommentar zu Lk 22,54; Apg 7,1 ).

Lukas berichtet, daß das Wort Gottes zu Johannes in der Wüste kam. Ganz ähnliche Wendungen finden sich an vielen Stellen im Alten Testament, wenn Gott Propheten für besondere Aufgaben beruft. Daß Johannes sich bis zu seinem öffentlichen Auftreten in der Wüste aufhielt, hatte Lukas bereits erwähnt ( Lk 1,80 ).



Lk 3,3-6


Johannes verkündigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden . Seine Taufe stand also mit der Buße, dem äußeren Beweis einer inneren Wandlung, in Zusammenhang. Das Wort "zur" ( eis ) bezieht sich dabei zurück auf den Ausdruck "Taufe der Buße". Doch nicht die Taufe rettete die Menschen, wie aus dem folgenden klar wird (V. 7 - 14 ); es war die Buße , die "zur" (vgl. den Kommentar zu Apg 2,38 ) Vergebung der Sünden diente bzw. sie bewirkte. Johannes war nur der Wegbereiter Christi, daher war auch seine Taufe nur die Vorstufe zu einer anderen Taufe ( Lk 3,16 ). Nach Lukas taufte und lehrte Johannes in der ganzen Gegend um ( perichOron ) den Jordan . Möglicherweise wählte er bewußt dieses Gebiet am Unterlauf des Jordan, weil Elia, dessen Rolle er eindeutig übernahm, dort seine letzten Tage verbracht hatte (vgl. 2Kö 2,1-12 ). Lukas zitiert an dieser Stelle Jes 40,3-5 ,wo davon die Rede ist, daß Gott Israel den Weg für die Rückkehr aus dem babylonischen Exil ebnet. Wie die beiden anderen Synoptiker bezieht auch er diese Passage auf Johannes den Täufer.

Jesaja hatte geschrieben: "Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg." Matthäus, Markus und Lukas wandeln diese Prophezeiung um: Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste - die Worte "in der Wüste" gehören hier zu "der Stimme", nicht zum "Weg", weil sie nach der Septuaginta zitiert sind. Natürlich ist letztlich beides richtig - die Stimme (von Johannes dem Täufer) erklang in der Wüste, und in der Wüste sollte der Weg gebahnt werden.

Wenn ein König durch die Wüste reiste, wurden zuvor Arbeiter entsandt, um eventuelle Hindernisse aus dem Weg zu räumen und die Straßen zu ebnen, ihm also die Reise zu erleichtern. Bei Lukas ist das Ebnen eine Metapher für die Predigt des Johannes, der viele Menschen auf Jesu Botschaft vorbereitete und so dem Messias den Weg freimachte (vgl. Lk 1,17 ).

Charakteristisch dafür, welche Bedeutung im Lukasevangelium der Universalität der christlichen Botschaft beigemessen wird, sind die Worte in Lk 3,6 : "Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen."



2. Die Botschaft des Täufers
( 3,7 - 14 )


Im Lukasevangelium erhält die Botschaft Johannes' des Täufers eine ethische Dimension. Johannes lehrte, daß sich am Leben eines jeden Menschen zeige, ob er wahrhaft bereut (vgl. den Jakobusbrief). Dieser ethische Aspekt war Lukas sehr wichtig; er betont beispielsweise auch immer wieder, daß den Armen und Unterdrückten geholfen werden muß.



Lk 3,7-9


Johannes forderte die Menschen auf, als Zeichen ihres Glaubens Früchte der Buße zu bringen. Anscheinend kamen manche Leute zu ihm, die dachten, daß sie sich nur taufen lassen müßten, um gerettet zu werden. In gerechtem Zorn beschimpfte Johannes sie als Schlangenbrut und warnte sie, es sich nicht zu leicht zu machen. Er machte ihnen unmißverständlich klar, daß sie dem künftigen Zorn Gottes, dem Gericht, ins Angesicht sehen mußten. Johannes war überzeugt, daß die Zugehörigkeit zum erwählten Volk allein keinen Menschen retten würde (V. 8 ; vgl. Joh 8,33-39; Röm 2,28-29 ). Die Axt lag schon bereit, die Bäume, die nicht gute Frucht trugen, abzuhauen , damit sie verbrannt werden konnten. Ebenso gewiß war das Gericht denjenigen, die keine Beweise ( rechtschaffene Früchte ) echter Buße brachten (V. 8 ).



Lk 3,10-14


Die Menge, darunter auch Zöllner und Soldaten, fragte: Was sollen wir denn tun (V. 10.12.14), um echte Buße zu zeigen? (Vgl. die ähnlichen Fragen in Lk 10,25;18,18 .) Daraufhin wies Johannes sie an, (a) großzügig ( Lk 3,11 ), (b) ehrlich (V. 13 ) und (c) maßvoll (V. 14 ) zu sein.

Buße zeigt sich in der Großzügigkeit im Umgang mit den zum Leben unverzichtbaren Dingen: Kleidung und Nahrung. Eine Tunika ( chitOn ) war ein hemdähnliches Kleidungsstück. Häufig war es so, daß jemand, der zwei Tuniken besaß, auch beide anzog.

Die Zöllner , die für ihre Unehrlichkeit berüchtigt waren, weil sie sich häufig dadurch bereicherten, daß sie überhöhte Steuern verlangten (vgl. Lk 5,27-32 ), sind hier das personifizierte Beispiel der Unehrlichkeit. Die Soldaten , die für ihre Geldgier bekannt waren und dafür gehaßt wurden (sie plünderten die Menschen aus und schoben dann anderen die Schuld zu), verkörpern die Unzufriedenheit und Gewalt unter den Menschen.



3. Die Rolle des Täufers
( 3,15 - 17 )


Lk 3,15-17


Lukas hat seinen Lesern bereits erklärt, worin die Aufgabe des Täufers bestand ( Lk 1,17.76 ). Die Menge jedoch, die hinausströmte, um ihn zu hören, begann sich zu fragen, ob er vielleicht der Christus wäre . Johannes dagegen wies sie auf den Unterschied zwischen der Taufe, die er ihnen gebracht hatte, und der künftigen Taufe Christi hin: Die Taufe des Johannes wurde mit Wasser vollzogen, doch der Messias würde mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen. Johannes stellte Jesus in seiner Verkündigung also nicht nur als den vom Heiligen Geist Getauften dar, sondern gleichzeitig als den Einen, der selbst die Taufe spendet ( Joh 20,22 ). Die Wirkung der Taufe des heiligen Geistes zeigte sich schließlich an Pfingsten ( Apg 2,1-4 ). Die Wendung "mit Feuer" bezieht sich entweder auf den reinigenden Aspekt der Taufe mit dem Heiligen Geist ( Apg 2,3 ) oder auf die reinigende Wirkung des Gerichts bei der Rückkehr des Messias ( Mal 3,2-3 ). Diese Deutung scheint angesichts der Gerichtsdrohung in Vers 17 (vgl. V. 9 ) plausibler.



4. Die Predigt und Gefangennahme des Täufers
( 3,18 - 20 )


Lk 3,18-20


Über die Jahreszahl der Gefangennahme und des Todes von Johannes sind sich die Forscher nicht einig. Wahrscheinlich hatte er im Jahre 29 n. Chr. mit seiner Predigttätigkeit begonnen (vgl. V. 1 ), wurde im folgenden Jahr verhaftet und nicht später als 32 n. Chr. enthauptet. Sein Wirken dauerte also nicht länger als drei Jahre - von denen er nur etwa ein Jahr in Freiheit und zwei Jahre im Gefängnis verbrachte. (Zu Einzelheiten über die Gefangennahme und Enthauptung Johannes' des Täufers vgl. Mt 14,1-12; Mk 6,14-29; Lk 9,7-9 .)



B. Die Taufe Jesu
( 3,21 - 22 ) ( Mt 3,13-17; Mk 1,9-11; Joh 1,29-34 )


Alle vier Evangelisten berichten über diesen einzigartigen Augenblick im Leben Jesu, der den Ausgangspunkt seines öffentlichen Wirkens bildet, doch bei Lukas nimmt die Schilderung des Geschehens eine besonders verdichtete Form an. In der Taufe sollte Jesus mit dem Heiligen Geist gesalbt und vom Vater bestätigt werden, bevor er sein Amt aufnahm. An allem, was der Sohn auf Erden tat - auch an seiner Taufe - waren alle Personen des dreieinigen Gottes beteiligt. Der Sohn wurde getauft, der Heilige Geist kam auf ihn herab, und der Vater bestätigte ihn. Zugleich identifizierte sich Jesus, der ohne Sünde war, durch die Taufe mit den Sündern.



Lk 3,21


Nur Lukas berichtet, daß Jesus bei seiner Taufe betete . (Im Lukasevangelium geschieht es häufig, daß Jesus während oder vor bestimmten Ereignissen in seinem Leben betet; Lk 5,16;6,12;9,18.29;22,32.40-44;23,46 .) Mit den Worten da tat sich der Himmel auf vermittelt Lukas die Vorstellung, daß Gott hier durch eine Offenbarung in die menschliche Geschichte einbrach, um in voller Souveränität zu erklären, daß Jesus sein Sohn war.

 

Lk 3,22


Die Anwesenheit des Heiligen Geistes in Gestalt einer Taube - ein Symbol des Friedens oder der Befreiung vom Gericht ( 1Mo 8,8-12 ) - bei Jesu Taufe war ein Zeichen, daß Jesus denen, die sich zu ihm bekehrten, die Rettung bringen würde. Die Stimme Gottes bestätigte Jesus mit Worten aus Ps 2,7 und Jes 42,1 .



C. Der Stammbaum Jesu
( 3,23 - 38 ) ( Mt 1,1-17 )


Der Stammbaum Jesu, den Lukas unmittelbar nach seiner Bestätigung durch den Vater in der Taufe einfügt, zeigt auf seine Weise, wie Gott in den Lauf der Welt eingriff, so daß der Messias den Willen des Vaters erfüllen konnte.



Lk 3,23


Lukas berichtet, daß Jesus, als er auftrat, etwa 30 Jahre alt war ; für ihn scheint es keinerlei Zweifel über die Datierung zu geben. Da er, wie er gleich zu Anfang festhält, sorgfältige Nachforschungen angestellt hatte ( Lk 1,3 ), ist es unwahrscheinlich, daß er sich im Zeitpunkt des Amtsantritts Jesu geirrt haben soll. In der Bibelforschung gibt es dazu allerdings ganz gegensätzliche Meinungen. Dennoch scheint das Jahr 29 am gesichertsten zu sein. Wahrscheinlich wählte Lukas die Formulierung "etwa dreißig", um deutlich zu machen, daß Jesus die nötige Reife für seinen Auftrag besaß. Schon im Alten Testament begannen viele Propheten und Gottesmänner ihr Wirken im Alter von dreißig Jahren ( 1Mo 41,46; 4Mo 4,30; 1Sam 5,4; Hes 1,1 ). Daß Lukas sich auch in bezug auf die Jungfrauengeburt vollkommen sicher war, zeigt die Formulierung und wurde gehalten für einen Sohn Josefs .



Lk 3,24-38


In Vers 23 - 38 werden sechsundsiebzig Namen aufgelistet, die zunächst von Jesus bis auf Adam und dann auf Gott selbst zurückgehen. Im Gegensatz zum Stammbaum Jesu bei Matthäus, der von Abraham ausgeht und in drei Abschnitten über vierzehn Generationen bis hin zu Jesus führt, beginnt Lukas also mit Jesus und verfolgt die Linie seiner Abstammung zurück. Dabei geht er über Abraham als Stammvater hinaus und nennt noch zwanzig Namen vor ihm, bis hin zu Adam, der seinerseits Gottes war.

Auch die Aufzählungen von David bis Schealtiel (in der Zeit des babylonischen Exils) unterscheiden sich; sie verfolgen verschiedene Linien. Während Matthäus Davids Ahnenreihe über Salomo zurückverfolgt, hält sich Lukas an Nathan. Nach Serubbabel, dem Sohn Schealtiels, wo sie sich treffen, weichen die beiden Listen erneut voneinander ab, bis sie bei Josef, der,wie Lukas schreibt, für Jesu Vater "gehalten wurde", abermals zusammenlaufen. Zweifellos konzentriert sich Matthäus in seinem Stammbaum auf die Linie König Davids, also auf das legale Königshaus. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Wie ist die Genealogie bei Lukas zu deuten? Darauf gibt es zwei mögliche Antworten:

1. Lukas führt Marias Stammbaum an. Viele Forscher sind der Ansicht, daß Lukas hier die Ahnenreihe Marias wiedergibt, um zu beweisen, daß Jesus auch durch seine Mutter, die ebenfalls aus dem Geschlecht Davids stammte, und nicht nur durch Josef (dessen ältester Erbe er nach dem Gesetz war) als Messias qualifiziert war.

2. Lukas gibt den tatsächlichen Stammbaum Josefs wieder. Dieser These zufolge liefen der königliche Stammbaum und die tatsächliche Herkunftslinie Davids, aus der Jesus kommt, in Josef, der ja als der Vater Jesu galt, zusammen. Demnach wäre Jakob, der Onkel des Josef, kinderlos gestorben und Josef der nächste lebende Erbe gewesen, wodurch er - und auch Jesus - in die Linie des Königsgeschlechts aufgerückt wären.

Beide Vorschläge werfen Probleme auf, die schwer zu lösen sind, z. B. die Tatsache, daß sich die beiden Stammbäume bei Schealtiel und Serubbabel treffen und dann ein zweites Mal trennen, um bei Josef und Jesus erneut zusammenzulaufen. (Vgl. den Kommentar zu Mt 1,12 .) Unabhängig davon, welche Auffassung man sich hier zu eigen machen will, muß jedoch ein wichtiger Aspekt der Theologie des Lukasevangeliums, der in dieser Genealogie zum Ausdruck kommt, festgehalten werden. Lukas bringt Jesus nicht nur mit Abraham in Verbindung, sondern führt seinen Stammbaum bis auf Adam und Gott zurück. Das ist ein Zeichen für die Universalität der Rettung, die in seinem Evangelium eine so wichtige Rolle spielt: Jesus kam, um alle Menschen zu retten - die Heiden ebenso wie das Volk Israel (vgl. Lk 2,32 ).



D. Die Versuchung Jesu
( 4,1 - 13 ) ( Mt 4,1-11; Mk 1,12-13 )


1. Jesus wird vom Geist in die Wüste geführt
( 4,1 - 2 )


Lk 4,1-2


Nach der Beschreibung des Stammbaums Jesu nimmt Lukas den in Lk 3,23 unterbrochenen Bericht über die Vorbereitung des Herrn auf sein Amt wieder auf. Jesus war voll des Heiligen Geistes ( Lk 3,22;4,14.18 ). Interessanterweise führte ihn der Geist als nächstes in die Wüste, wo er vierzig Tage lang von dem Teufel versucht wurde . Nach der Überlieferung handelte es sich bei diesem Ort um einen unfruchtbaren Landstrich nordwestlich des Toten Meers. Das Motiv der "vierzig Tage" ist aus dem Alten Testament bekannt (vgl. 1Mo 7,4; 2Mo 24,18; 1Kö 19,8; Jon 3,4 ). Israels Aufenthalt und Versuchung in der Wüste hatte vierzig Jahre gedauert. Der Zeitraum der Versuchung Jesu war also nicht zufällig. Jesu Antworten auf die Einflüsterungen Satans sind denn auch Zitate aus dem 5. Buch Mose (Kapitel sechs und acht); sie zeigen, daß auch er in dieser Zeit an die Erfahrungen seines Volkes in der Wüste dachte. Die Israeliten wurden damals allerdings durch ein Wunder mit Nahrung versorgt, Jesus dagegen aß nichts .



2. Die Versuchung Jesu in bezug auf seine physischen Bedürfnisse
( 4,3 - 4 )


Lk 4,3-4


Da Jesus allmählich sehr hungrig war (V. 2 ), ist es nicht weiter überraschend, daß der Teufel zunächst hier ansetzte und ihn dazu verführen wollte, einen Stein in ein Brot zu verwandeln. Jesus begegnete dieser Versuchung mit einem Zitat aus 5Mo 8,3 ,in dem Mose das Volk über den rechten Umgang mit dem Manna, das Gott ihnen geschenkt hatte, belehrte. Das Manna, das Gott seinem Volk gab, lag zwar auf dem Boden herum, war aber dennoch eine Prüfung für den Glauben der Israeliten, denn sie mußten sich ganz auf das Wort Gottes verlassen, daß es jeden Tag wieder dasein würde. Wenn es nicht sein Wille war, daß sie weiterlebten, wären sie mit Sicherheit gestorben; daher lebten sie nicht vom Brot allein. Jesus, der Gottes Wort kannte, wußte um den Auftrag, der vor ihm lag, und vertraute auf den Vater und sein Wort. Er war ganz sicher, daß er nicht in der Wüste sterben würde.



3. Die Versuchung Jesu in bezug auf Macht und Herrlichkeit
( 4,5 - 8 )


Lk 4,5-8


Lukas kehrt die Reihenfolge der zweiten und dritten Prüfung im Vergleich zum Matthäusevangelium um. Vielleicht will er damit deutlich machen, daß es sich hier um Versuchungen handelte, die im Laufe seines Wirkens auf Erden immer wieder an Jesus herantreten sollten. Im Lukasevangelium verspricht Satan Jesus als zweites, ihm alle Reiche der Welt zu geben - unter der Bedingung, daß er ihn anbete ( proskynEsEs ; wörtlich: "das Knie beugen vor"). Jesus wäre dann zwar der Herr der Welt gewesen, doch gleichzeitig abhängig von Satan - statt von Gott Vater und seinem Plan. Auch hier begegnete er der Versuchung wieder mit einem Zitat aus dem Alten Testament. In 5Mo 6,13 forderte Mose sein Volk auf, beim Betreten des verheißenen Landes, in dem Herrlichkeit und Macht auf die Menschen warteten, nicht der Versuchung zu erliegen, vor lauter Selbstzufriedenheit Gott zu vergessen. Daß Jesus diesen Vers zitierte, zeigt, daß er dieser Versuchung Herr geworden war. Er gab Gott und nicht sich selbst die Ehre und versagte nicht, wie Israel damals versagt hatte.



4. Die Versuchung Jesu in bezug auf den Zeitpunkt seines Auftrags
( 4,9 - 12 )


Lk 4,9-12


Als nächstes versuchte der Teufel, Jesus dazu zu bringen, den zeitlichen Ablauf und die äußere Form seines Wirkens zu ändern. Jesus wußte, daß er der leidende Gottesknecht war ( Jes 52,13-53,12 ), daß er gekreuzigt werden und für die Sünden der Welt sterben mußte. Nun forderte der Teufel ihn auf, sich von der Zinne des Tempels - damit war wahrscheinlich die südöstliche Ecke der Stadtmauer, die das tiefergelegene Kidrontal überragte, gemeint - hinunterzuwerfen . Satan wollte damit wohl sagen, daß das Volk Jesus sofort als Messias akzeptieren würde, wenn es sähe, daß er bei einem solchen Sprung auf wunderbare Weise unverletzt bliebe. Als Beleg zitierte er sogar Ps 91,11-12 ,wo geschrieben steht, daß der Messias sicher vor allen Unglücksfällen bewahrt wird.

Doch Jesus war sich bewußt, was ein solches Wunder bedeuten würde. Wenn er die Menschen dazu brachte, ihn zu akzeptieren, ohne gekreuzigt zu werden, so hieß das, Gottes ganzen Plan und sein Mitwirken an dem, was geschah, in Frage zu stellen. Genau darüber - über den Zweifel an Gott - sprach Mose in 5Mo 6,16 ,der Stelle, die Jesus in diesem Fall als Antwort zitierte. Darin erinnerte Mose die Israeliten an ihren Zweifel, ob Gott in der Wüste wirklich mit ihnen war ( 2Mo 17,7 ). Doch Jesus vertraute auf Gottes Gegenwart und darauf, daß der Zeitpunkt, den sein Vater festgesetzt hatte, der richtige war. So widerstand er der Versuchung des Teufels.



5. Der Teufel muß Jesus verlassen
( 4,13 )


Lk 4,13


Der Teufel wich von ihm , doch nicht für immer; er wartete lediglich auf eine günstigere Gelegenheit, um Jesus erneut in Versuchung zu führen.



IV. Jesu Wirken in Galiläa
( 4,14 - 9,50 )


Jesus konzentrierte sich zu Beginn seines Wirkens auf die Provinz Galiläa, obwohl wir aus Joh 1-4 wissen, daß er sich davor bereits in Judäa undJerusalem aufgehalten hatte. In Galiläa sollte Jesus als Messias bestätigt werden und seine Jünger berufen.



A. Der Beginn von Jesu Wirken
( 4,14 - 30 ) ( Mt 4,12-17; Mk 1,14-15 )


In den folgenden siebzehn Versen faßt Lukas das gesamte Geschehen während des Wirkens Jesu in Galiläa zusammen: Jesus offenbarte sich als der Messias ( Lk 4,21 ), doch seine jüdischen Zuhörer erwiesen sich als seiner Botschaft vom Gottesreich nicht wert (V. 28 - 29 ), deshalb sollte das Evangelium auch den Heiden gebracht werden (V. 24 - 27 ).



1. Jesu Aufnahme in Galiläa
( 4,14 - 15 )


Lk 4,14-15


Als Jesus nach Galiläa zurückkehrte, besaß er die Kraft ( dynamei , "geistliche Fähigkeit") des Geistes . Der Heilige Geist war auf ihn herabgekommen ( Lk 3,21-22 ) und hatte ihn in die Wüste geführt ( Lk 4,1 ). Nach dem Bestehen der Prüfungen wirkte er nun "in der Kraft des Geistes". Diese Kraft war die Quelle seiner Autorität (vgl. Lk 4-6 ). Zu Anfang reagierten die Menschen positiv auf Jesus, die Kunde von ihm erscholl durch alle umliegenden Orte , und in den Synagogen pries ihn jedermann .



2. Die Ablehnung Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth
( 4,16 - 30 ) ( Mt 13,53-58; Mk 6,1-6 )


Lk 4,16-30


Zu Beginn seines Wirkens war Jesus ein äußerst populärer Lehrer, und so war es ganz natürlich, daß er, als er eines Tages in seine Heimatstadt Nazareth kam, auch dort in die Synagoge ging und lehrte. Es war üblich, zum Lesen der Schrift aufzustehen, sich zur Auslegung dann jedoch hinzusetzen. Jesus las Jes 61,1-2 ,einen Text über den Messias. Er schloß mit den Worten: zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn - hörte also mitten im Text auf, ohne den nächsten Vers, Jes 61,2 ,wo von der Rache Gottes die Rede ist, noch zu lesen. Der Satz, den er seiner Lesung hinzufügte - heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren - ließ nur einen Schluß zu: Jesus erhob damit den Anspruch, der Messias zu sein, der das lang verheißene Gottesreich bringen sollte. Er sagte aber auch, daß mit seinem ersten Kommen noch nicht die Zeit des Gerichts angebrochen war. Die Menschen waren offensichtlich fasziniert von seiner Predigt: und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn ( Lk 4,20 ). Jesu Worte waren ein Angebot: Den Menschen stand in ihm das Gnadenjahr des Herrn (d. h. die Zeit des Gottesreiches) offen (vgl. V. 21 ).

Alle wunderten ( ethaumazon , "verwundert, erstaunt") sich, daß solche Worte der Gnade aus seinem Munde kamen und fragten ihn sofort nach der Vollmacht, aus der heraus er solche Dinge behaupten konnte. Wie konnte Josefs Sohn - der Junge, den sie in ihrer Stadt hatten aufwachsen sehen - der Messias sein? Jesus spürte ihren Widerstand ( Lk 4,23-24 ) und wies sie darauf hin, daß die Propheten Gottes verschiedentlich zu den Heiden gegangen waren und unter ihnen Wunder vollbracht hatten, während Israel ihnen nicht glaubte: Elia hatte der Witwe aus Sarepta geholfen (V. 25 - 26 ; vgl. 1Kö 17,8-16 ) und Elisa dem aussätzigen Naaman aus Syrien ( Lk 4,27; vgl. 2Kö 5,1-19 ).

Diese Zurechtweisung erfüllte alle mit Zorn ( Lk 4,28 ), und sie versuchten, ihn zu töten, doch er ging mitten durch sie hinweg (V. 30 ). Zweifellos beschreibt Lukas mit diesem Entkommen Jesu aus der wütenden Menge ein Wunder. Was sich in Nazareth abspielte, wiederholte sich während des ganzen Wirkens Jesu immer wieder: Er ging zu den Juden, doch sie verwarfen ihn; er sagte, daß auch Heiden ins Gottesreich kommen sollten, und daraufhin versuchten einige von ihnen, ihn zu töten. Doch es gelang ihnen nicht, bevor die Zeit gekommen war, die für seinen Tod bestimmt war ( Lk 23,46; vgl. Joh 10,15.17-18 ).

 

B. Die Bestätigung der Vollmacht Jesu
( Lk 4,31-6,16 )


Jesus lehrte und heilte, um den Einwohnern Nazareths und anderen Juden in Galiläa, die von ihm gehört hatten und sich fragten, in wessen Auftrag er handelte, seine Vollmacht zu beweisen. Aufgrund seines Amtes und seiner Lehre besaß er auch die Vollmacht, Jünger zu berufen. In diesem Abschnitt des Lukasevangeliums vollbringt Jesus dreimal mehrere Wunder und beruft danach jedesmal einen oder mehrere Jünger ( Lk 5,1-11.27-32;6,12-16 ).

1. Jesu Nachweis seiner Vollmacht durch seine Lehre und zahlreiche Heilungen
( 4,31 - 44 )


a. Die Heilung eines Mannes mit einem unreinen Geist
( 4,31 - 37 ) ( Mk 1,21-28 )


Lk 4,31-37


Da Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth auf Ablehnung gestoßen war, ging er nach Kapernaum , wo er später wohnte und wo auch Petrus und Andreas zuhause waren (V. 38 ). Auch hier verwunderten sich ( exeplEssonto , wörtlich: "gerieten außer sich"; vgl. Lk 2,48; 9,43; vgl. auch ethaumazon , "verwundert, erstaunt"; Lk 4,22; vgl. V. 36 ) alle über seine Lehre (V. 32 ); denn er predigte mit Vollmacht . Um diese Vollmacht zu bestätigen, vollbrachte Jesus eine Reihe von Wunderheilungen, die bewiesen, daß das, was er in Nazareth verkündet hatte, der Wahrheit entsprach (vgl. V. 18 - 19 ). So war beispielsweise ein Mensch in der Synagoge, besessen von einem unreinen Geist . Manche Exegeten sind der Ansicht, daß Lukas hier ausdrücklich erwähnt, daß es sich um einen "unreinen", d. h. einen bösen Geist handelte, weil die Menschen der hellenistischen Sphäre, für die sein Evangelium aller Wahrscheinlichkeit nach bestimmt war, sowohl an gute als auch an böse Geister glaubten. Der Dämon erkannte Jesus sogleich und nannte ihn nicht nur bei seinem Namen, Jesus von Nazareth , sondern bezeichnete ihn auch als den Heiligen Gottes (V. 34 ). Die Besessenen, von denen in den Evangelien die Rede ist, schreien stets mit lauter Stimme, es scheint sich dabei um ein typisches Merkmal der dämonischen Besessenheit zu handeln. Als Jesus den Dämon austrieb (V. 35 ), entsetzten sich die Menschen (wörtlich: und es kam eine Furcht [ thambos ] über sie alle ; V. 36 ), denn sie sahen, daß Jesus Vollmacht ( exousia ) und Gewalt ( dynamei ) über Dämonen hatte (vgl. Lk 9,1 ), und die Kunde von ihm erscholl in alle Orte des umliegenden Landes ( Lk 4,37 ). Dies war Jesu drittes Wunder. (Vgl. die Liste der Wunder Jesu bei Joh 2,1-11 .)



b. Die Heilung der Schwiegermutter Simons
( 4,38 - 39 ) ( Mt 8,14-15; Mk 1,29-31 )


Lk 4,38-39


Sowohl Markus als auch Lukas berichten, daß das nächste Wunder unmittelbar nach dem Heilungswunder in der Synagoge geschah. Simons Schwiegermutter hatte hohes Fieber , das sie auf Jesu Wort hin jedoch sogleich verließ. Wenn Jesus einen Menschen heilte, so verschwand die Krankheit einfach, und die betreffende Person litt unter keinerlei Nachwirkungen. Der Dämon fuhr aus, ohne den Mann zu verletzen (V. 35 ), und das Fieber sank, so daß Simons Schwiegermutter sofort aufstehen und die Gäste bedienen konnte (V. 39 ); sie war also nicht noch geschwächt von der Krankheit.



c. Die Heilung eines Kranken und eines weiteren Besessenen
( 4,40 - 41 ) ( Mt 8,16-17; Mk 1,32-34 )


Lk 4,40-41


Die Kunde, daß Jesus Krankheiten heilen konnte, verbreitete sich rasch, und noch in derselben Nacht kamen weitere Menschen zu Jesus, die Heilung suchten. Alle brachten ihre Kranken zu ihm als die Sonne untergegangen war , der Sabbat also vorbei war. Am Sabbat Kranke zu tragen, hätte gegen das Gesetz verstoßen. Von vielen fuhren auch die bösen Geister aus und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Doch Jesus verbot ihnen diese Aussage, da er nicht auf die Erde gekommen war, um von bösen Geistern als der Christus, d. h. als Messias, anerkannt zu werden, sondern von den Menschen .



d. Der eigentliche Auftrag Jesu
( 4,42 - 44 ) ( Mk 1,35-39 )


Lk 4,42-44


Jesus sagte den Menschen, daß er einen Auftrag erfüllen mußte (vgl. V. 18 ): Er war zu dem gläubigen Rest des Volkes Israel gesandt worden. Die Aufnahme, die ihm in Kapernaum zuteil wurde, stand in schroffem Gegensatz zu der Aufnahme, die er in seiner Heimatstadt Nazareth fand. Die Einwohner von Kapernaum baten ihn sogar, ganz bei ihnen zu bleiben, doch er mußte auch den andern Städten das Evangelium predigen vom Reich Gottes .

Jesu eigentliche Aufgabe war es, das Gottesreich zu verkündigen, nicht, Kranke zu heilen. Er half den Menschen zwar auch, weil er Mitleid mit ihnen hatte, doch in der Regel war seine Tätigkeit als Wunderheiler lediglich eine Bestätigung seines Wirkens als Prediger (vgl. Mt 11,2-6 ). Unter diesem Aspekt ist sicherlich auch die Angabe zu verstehen, daß er in den Synagogen Judäas predigte . "Judäa" ( Ioudaias ) bezieht sich wahrscheinlich auf das ganze Volk (das Land der Juden), nicht nur auf das Südreich. Lukas hebt hervor, daß Jesus überall, wo er hinkam, lehrte, daß er der Messias sei, der gekommen war, um das Gnadenjahr Gottes zu verkündigen ( Lk 4,18-19 ).



2. Jesu Beweis seiner Vollmacht durch die Berufung der ersten Jünger
( 5,1 - 11 ) ( Mt 4,18-22; Mk 1,16-20 )


Der Zwischenfall, über den hier berichtet wird, war offensichtlich nicht die erste Begegnung zwischen Jesus und den Männern, die er zu seinen ersten Jüngern machte. Lukas sprach ja bereits von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus durch Jesus. Er kannte Simon und Andreas also wahrscheinlich schon und traf sie hier mindestens zum dritten Mal Im Johannesevangelium ( Lk 1,41 ) teilt Andreas Petrus mit, daß er den Messias gefunden habe. Anscheinend hatten die Brüder nicht gleich von Anfang an ihren Beruf aufgegeben, um sich ganz der Nachfolge zu widmen, denn in Mk 1,16-20 (vgl. auch Mt 4,18-22 ) beruft Jesus Simon und Andreas gleichzeitig mit Jakobus und Johannes, und zwar bevor Jesus den Besessenen in der Synagoge in Kapernaum heilte. Daß Petrus ihn nach diesem Ereignis zu sich nach Hause einlud, ist nicht überraschend.

Einige Zeit danach arbeiteten Petrus und die anderen immer noch als Fischer. Doch nun, nachdem Jesus in Kapernaum seine Vollmacht offenbart hatte ( Lk 4,31-44 ), berief er sie endgültig zu seinen Jüngern.



Lk 5,1-3


Als Jesus sich am See Genezareth , in der Nähe eines kleinen Dorfes am Nordwestufer, aufhielt, umdrängte ihn eine große Menschenmenge so dicht, daß sie ihn vom Predigen abhielt. Daher fuhr er in Simons Boot ein Stück weit auf den See hinaus, um ihnen von dort aus das Wort zu verkündigen.



Lk 5,4-7


Auf Jesu Aufforderung hin warf Simon dann seine Netze aus und fing eine große Menge Fische . Obwohl Simon, ein erfahrener Fischer, sicher gewesen war, daß er zu dieser Tageszeit - am Abend, wenn die Fische sich tiefer in den See zurückziehen - nichts mehr fangen würde, hatte er Jesus gehorcht. Das zeugte für seinen großen Glauben. Der Fang drohte denn auch beinahe, seine Netze zu zerreißen , so daß sie Simons Boot und das eines seiner herbeigerufenen Kollegen mit so vielen Fischen füllten, daß sie fast sanken .

 

Lk 5,8-11


Das Fischwunder rief bei Petrus und den anderen zweierlei Reaktionen hervor. Sie waren zunächst erschrocken (wörtlich: Schrecken , thambos , erfaßte ihn und alle, die bei ihm waren , V. 9 ; vgl. Lk 4,36 ) über diesen Fang , und Petrus wurde sich vor Jesus seiner Sündhaftigkeit zutiefst bewußt ( Lk 5,8 ). Schließlich machte Jesus diese einfachen Fischer zu Menschenfischern . Seine Lehre verbunden mit den Wundern zeigte, daß er die Vollmacht besaß, Menschen zu berufen und aufzufordern, um seinetwillen alles zu verlassen.



3. Der Beweis der Vollmacht Jesu durch weitere Heilungen
( 5,12 - 26 )


Die beiden nächsten Heilungen brachten Jesus in Konflikt mit dem religiösen Establishment - es ist der erste Zusammenstoß dieser Art, von dem bei Lukas die Rede ist. Beide Heilungen bestätigten den Anspruch Jesu auf den Messiastitel (vgl. Lk 4,18-21 ).



a. Die Heilung eines Aussätzigen
( 5,12 - 16 ) ( Mt 8,1-4; Mk 1,40-45 )


Lk 5,12-16


Jesus begegnete einem Mann voller Aussatz . Vielleicht befand er sich im letzten Stadium der Lepra, ein Zustand, der sich in seiner Heimatgemeinde wohl kaum verbergen ließ. Das Gesetz ( 3Mo 13 ) befahl die strenge Absonderung eines Leprakranken, denn die Krankheit galt als sichtbarer Ausdruck der Unreinheit. Ein Aussätziger durfte nicht am Gottesdienst teilnehmen; er war zeremoniell unrein und wurde daher völlig von der Gemeinschaft isoliert.

Der Aussätzige sprach Jesus als Herr ( kyrie ) an, wie es auch Simon getan hatte ( Lk 5,8 ). Dieser Begriff besagte zwar auch damals meistens nur soviel wie unsere heutige Anrede, "Herr Sowieso", doch hier scheint er eine andere, tiefere Bedeutung zu haben. Der Aussätzige zweifelte offensichtlich nicht daran, daß Jesus ihn heilen konnte, denn er sagte: ...Willst du, so kannst du mich reinigen . In seinen Augen hing seine Rettung also nur vom Willen Jesu ab. Nach dem mosaischen Gesetz durfte ein Aussätziger nicht von jemandem berührt werden, der zeremoniell rein war, denn die Unreinheit war ansteckend. Lukas macht jedoch mit seinem Bericht deutlich, daß Jesus die Quelle zeremonieller Reinheit war. Wenn er diesen Aussätzigen rein machen konnte, dann konnte er auch das ganze Volk rein machen. Dieses Thema wird in der nächsten Heilungsepisode (V. 17 - 26 ) und in der Berufung des Levi (V. 27 - 32 ) erneut aufgegriffen. Als Jesus den Aussätzigen berührte, wich der Aussatz sogleich von ihm .Die Unmittelbarkeit dieser Heilung erinnert an Lk 4,35 und Lk 4,39 .Heilungen von Leprakranken waren selten; die Schrift berichtet davon nur in zwei Fällen, nämlich bei Miriam (12) und dem Syrer Naaman ( 2Kö 5; vgl. Moses, 2Mo 4,6-7 ). Es kam also nur sehr selten vor, daß sich ein vom Aussatz Geheilter dem Priester zeigte und für seine Reinigung opferte . Die Vorschriften für ein solches Reinigungsopfer stehen in 3Mo 14,1-32 .In Lk 5,14 ist vor allem die Wendung ihnen zum Zeugnis entscheidend. Wenn ein Mensch vor dem Priester behauptete, von Aussatz geheilt worden zu sein, würden die religiösen Führer aufmerksam werden und merken, daß in Israel etwas Neues vorging. Doch warum gebot Jesus ihm, daß er's niemandem sagen sollte ? Vielleicht aus zwei Gründen: (a) Er sollte erst einmal zum Priester gehen und damit ein Zeugnis für Jesus ablegen; (b) wenn sich die Kunde von Jesu Heilkraft noch weiter ausbreitete, würde ihn die Menschenmenge noch stärker bedrängen, so daß er sich noch häufiger zurückziehen müßte (V. 15 - 16 ).


b. Heilung und Sündenvergebung bei einem Gelähmten ( Lk 5,17-26 ) ( Mt 9,1-8; Mk 2,1-12 )


Lk 5,17-26


Als nächstes berichtet Lukas davon, wie Jesus einen Gelähmten heilte und ihm seine Sünden vergab - ein weiterer Beweis für seine Vollmacht und Befähigung, die Menschen zeremoniell rein zu machen. Nach Auskunft des Evangelisten waren bei diesem Ereignis sogar eine Reihe sehr einflußreicher religiöser Würdenträger aus Jerusalem anwesend. Lukas schildert die beiden Vorgänge, die Heilung des Aussätzigen und die Heilung des Gelähmten, nicht als unmittelbar aufeinander folgend. Er stellt sie offensichtlich nur nebeneinander, um eine bestimmte Entwicklung in seiner Argumentation zu veranschaulichen.

Die Aussage: Die Kraft ( dynamis , "geistliche Fähigkeit") des Herrn war mit ihm, daß er heilen konnte, steht nur bei Lukas (vgl. Mt 9,1-8; Mk 2,1-12 ); er benutzt den Ausdruck dynamis mehrere Male im Zusammenhang mit Jesu Heilungen (vgl. Lk 4,36;6,19;8,46 ). Mittlerweile war Jesus wegen seiner Wunderheilungen überall von einer großen Menschenmenge umringt. Daher mußten die Männer, die einen gelähmten Menschen auf einem Bett zu ihm bringen wollten, auf das Dach des Hauses, in dem er lehrte, steigen, einige Ziegel entfernen und das Bett vor Jesus hinunterlassen . Wie in anderen Fällen zuvor (vgl. Lk 7,9;8,25.48.50;17,19 und Lk 18,42 ) brachte Jesus auch hier das Wunder der Heilung mit ihrem Glauben in Verbindung ( Lk 5,20 ). Wahrscheinlich bezog er in dieser Wendung auch den Glauben des Gelähmten mit ein ( Lk 5,20 ).

Überraschenderweise heilte Jesus den Mann nicht sofort von seinem physischen Leiden, sondern vergab ihm zuerst seine Sünden . Das ist sehr wichtig für den Gedankengang dieses Abschnitts, in dem Lukas die Leser zu der Erkenntnis hinführen will, daß Jesus auch die Vollmacht besaß, unter denen, die (wie etwa Levi) nicht als gerecht galten, Jünger zu berufen (V. 27 - 32 ). Die religiösen Führer bezeichneten Jesu Worte sofort als Gotteslästerung, denn sie waren - völlig zu Recht - davon überzeugt, daß nur Gott Sünden vergeben konnte (vgl. Lk 7,49 ), was Jesus ihnen dann auch bestätigte. Daß er den Mann unmittelbar darauf auch von seinem körperlichen Gebrechen befreite, war jedoch der unwiderlegbare Beweis dafür, daß er die Vollmacht hatte, Sünden zu vergeben und daher tatsächlich Gott war. Jeder konnte sagen: Deine Sünden sind dir vergeben . Das war im Grunde genommen sehr viel leichter als zu sagen: Steh auf und geh umhe r, denn wenn der Mann nach dieser Aufforderung nicht imstande gewesen wäre zu gehen, hätten alle den Beweis seiner Ohnmacht sofort mit eigenen Augen gesehen. Jesus jedoch konnte beides - Sünden vergeben und heilen -, und die Folge war, daß sich alle entsetzten (wörtlich: "Entsetzen empfingen") und von Furcht ( phobou , "Ehrfurcht") erfüllt wurden angesichts der seltsamen Dinge ( paradoxa , "außergewöhnliche Dinge"), die sie heute gesehen hatten.



4. Der Beweis der Vollmacht Jesu durch die Berufung eines Zöllners
( 5,27 - 39 ) ( Mt 9,9-17; Mk 2,13-22 )


Lk 5,27-39


Die beiden vorhergehenden Wunder gipfelten schließlich in der Berufung des Levi . (In Mt 9,9 wird Levi Matthäus genannt.) Jesus hatte gezeigt, daß er die Vollmacht besaß, Menschen zeremoniell rein zu machen und Sünden zu vergeben. Diese beiden Fähigkeiten benötigte er nun für den, den er als nächsten zu seinem Jünger berufen wollte.

Lukas geht nicht weiter darauf ein, daß Levi Zöllner war, also einen Beruf hatte, der ihn von der religiösen Gemeinschaft seiner Zeit ausschloß (vgl. Lk 5,29-31 ). Zöllner galten als Menschen, die ihr Volk um ihres persönlichen materiellen Vorteils willen verraten hatten, denn sie trieben Steuern für die Römer - die Heiden - ein, die so auf Kosten der unterworfenen Völker leben konnten und nicht arbeiten mußten (vgl. Lk 3,12-13 ). Levi kam also wirklich nicht für die Nachfolge dessen in Frage, der beanspruchte, der Messias zu sein. Doch Jesus sprach einfach die Worte: Folge mir nach , und Levi brach mit seinem bisherigen Leben; er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach . Seine Reaktion auf die Berufung war dieselbe wie die der Fischer ( Lk 5,11 ).

Der theologische Standpunkt des Lukasevangeliums wäre schon deutlich genug zum Ausdruck gekommen, wenn der Evangelist seinen Bericht mit Levis Entschluß, Jesus nachzufolgen, beendet hätte, doch er schildert auch noch die Ereignisse anläßlich eines Gastmahls, das Levi, der neue Jünger, für Jesus gab. Der Zöllner Levi muß ein wohlhabender Mann gewesen sein, denn er richtete ihm ein großes Mahl zu in seinem Haus und lud viele Gäste ein, unter anderem natürlich auch viele Zöllner. Dieselben religiösen Führer, die schon zuvor Jesu Autorität in Frage gestellt hatten (V. 21 ), fragten nun nach der Schicklichkeit, mit Zöllnern und Sündern gemeinsam zu Tisch zu sitzen. Jesus hatte nicht nur Kontakte zu Leuten, die die Pharisäer ablehnten, sondern, was wesentlich schwerer wog, er aß und trank auch noch mit ihnen. Die Tischgemeinschaft mit anderen war für die Juden ein Ausdruck enger Verbundenheit. Obwohl die Pharisäer sich bei den Jüngern beklagt hatten, antwortete ihnen Jesus selbst (V. 31 - 32 ). Er sagte, daß er nicht gekommen sei, die Gerechten, sondern die Sünder zur Buße zu rufen , ging dabei jedoch nicht weiter auf den Begriff der "Gerechten" ein, sondern wies nur darauf hin, daß er zu denen gekommen sei, die der "Buße" - der wahrhaften inneren und äußeren Umkehr - bedurften und sich dessen auch bewußt waren (vgl. Lk 3,7-14 ). Die Pharisäer hatten jedenfalls nicht das Gefühl, daß sie eine solche Umkehr nötig hatten. Da Jesus bei den beiden vorangehenden Heilungen seine souveräne Vollmacht gezeigt hatte, wird beim Leser der Schluß vorausgesetzt, daß er auch seinen Auftrag an den Sündern erfüllen konnte.

Die an Jesus gerichtete Äußerung in Vers 33 macht einige Probleme bei der Auslegung. Wenn hier immer noch die Pharisäer und religiösen Führer das Wort haben, scheint es seltsam, daß sie von ihren eigenen Jüngern als Jünger der Pharisäer sprechen. Es wäre jedoch denkbar, daß dieses Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt stattfand und Lukas es an dieser Stelle anführt, weil es inhaltlich zur Intention dieses Abschnittes paßt. Der Vorwurf, der Jesus gemacht wurde, lautete, daß er und seine Jünger, im Gegensatz zu den Jüngern des Johannes und der Pharisäer, die als "Gerechte" galten, nicht fasteten. Jesus erwiderte darauf, daß der neue Weg (sein Weg) und der alte Weg (der Weg des Johannes und der Pharisäer) nichts miteinander zu tun haben. Er machte das an drei Beispielen deutlich:

1. Die Hochzeitsgäste eines Bräutigams (vgl. Joh 3,29 ) fasten nicht, solange er bei ihnen ist , denn das ist ein Anlaß zur Freude. Sie fasten erst dann, wenn er sie verlassen hat.

2. Auf ein altes Kleid setzt man keinen neuen Lappen , denn er wird bei der Wäsche einlaufen und den Riß dadurch nur noch vergrößern.

3. Neuer Wein wird nicht in alte Schläuche gefüllt, denn er wird gären und die alten Schläuche , die nicht mehr elastisch sind, zerreißen, so daß der Wein und die Schläuche verdorben sind.

In jedem der drei Beispiele geht es darum, daß man zwei Dinge nicht zusammenbringen darf: die Festzeit und die Fastenzeit (V. 34 - 35 ), einen neuen Lappen und ein altes Kleid (V. 36 ) und neuen Wein und alte Schläuche (V. 37 - 38 ). Genauso unvereinbar waren für Jesus sein Weg und der Weg der Pharisäer. Die Pharisäer und religiösen Führer weigerten sich, den neuen Weg zu beschreiten, weil sie ihren eigenen, alten Weg für besser hielten. Jesu Lehre war für sie wie neuer Wein, und sie wollten nichts davon haben (V. 39 ).



5. Der Beweis der Vollmacht Jesu über den Sabbat
( Lk 6,1-11 )


In Lk 6,1-11 berichtet Lukas von zwei Zwischenfällen, die sich am Sabbat ereigneten: "an einem Sabbat" (V. 1 ) und "an einem anderen Sabbat" (V. 6 ). Er führt die beiden Ereignisse unmittelbar nacheinander an, um zu zeigen, daß Jesus auch über den Sabbat Herr war.

a. Das Ährenraufen der Jünger am Sabbat
( 6,1 - 5 ) ( Mt 12,1-8; Mk 2,23-28 )


Lk 6,1-5


Als sie an einem Sabbat durch ein Kornfeld gingen, rauften seine Jünger Ähren aus und zerrieben sie mit den Händen und aßen . Das mosaische Gesetz gestattete einen solchen "Mundraub" im Vorübergehen ( 5Mo 23,25 ). Die Pharisäer mit ihren spitzfindigen Vorschriften waren jedoch der Ansicht, daß das Reiben der Ähren, um die Körner freizulegen, dem "Dreschen" gleichkomme, also einer Arbeit, die am Sabbat verboten war. Jesus beantwortete ihren Einwand mit dem Hinweis auf 1Sam 21,2-7 .Dort wird berichtet, daß David zu den Priestern von Nob gegangen war und sie um Brot gebeten hatte. Die einzige Nahrung, die ihnen im Moment zur Verfügung stand, waren jedoch die Schaubrote , die eigentlich nur sie allein essen durften . Doch die Priester gaben David das Brot, und er und die, die bei ihm waren, aßen. Die Parallele in Jesu Lehre liegt auf der Hand. Um zu überleben, durften David und seine Gefährten mit der Erlaubnis der Priester das Gesetz verletzen. Auch standen Christus und seine Begleiter über dem Gesetz der Menschen, das die Pharisäer verkündeten. Noch eine weitere implizite Parallele in Jesu Lehre darf nicht übersehen werden: David, der Gesalbte Gottes, wurde von einer sterbenden Dynastie - dem Geschlecht Sauls - verfolgt. Jesus war Gottes neuer Gesalbter, der ebenfalls von einer sterbenden Dynastie gejagt wurde (vgl. Lk 5,39 ). Die wichtigste Schlußfolgerung aus diesem Ereignis war jedoch, daß Jesus Herr über den Sabbat ist, d. h. daß er auch in Belangen des Gesetzes Vollmacht hat.



b. Die Heilung eines Mannes am Sabbat
( 6,6 - 11 ) ( Mt 12,9-14; Mk 3,1-6 )


Lk 6,6-11


Dieses zweite Streitgespräch über den Sabbat (vgl. das erste in V. 1-5 ) scheinen die Schriftgelehrten und Pharisäer mit Absicht vom Zaun gebrochen zu haben. Als Jesus in der Synagoge lehrte, kam zu ihm ein Mann, dessen rechte Hand verdorrt war . Die religiösen Führer beobachteten Jesus; sie lauerten darauf, ob er auch am Sabbat heilen würde, damit sie etwas fänden, ihn zu verklagen . Jesus aber merkte ihre Gedanken, wie schon zuvor, als sie ihn das erste Mal angegriffen hatten ( Lk 5,22 ). Er machte sich die Situation zunutze, um ihnen zu zeigen, daß seine Vollmacht sich auch über den Sabbat erstreckte, und fragte sie: "Ist's erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu erhalten oder zu vernichten?" Er setzte also die Weigerung, am Sabbat Gutes zu tun, damit gleich, am Sabbat Böses zu tun. Wenn man Leiden nicht lindert, fügt man dem Leidenden Böses zu.

Als der Mann auf Jesu Gebot seine Hand ausstreckte, wurde sie wieder zurechtgebracht . Jesus "arbeitete" hier nicht - er sprach einfach ein paar Worte, und eine Hand war geheilt. Damit demütigte er die religiösen Führer und heilte gleichzeitig den Mann, ohne ihr Gesetz zu verletzen. Kein Wunder, daß das religiöse Establishment ganz von Sinnen war und nach einem Weg suchte, ihn loszuwerden.



6. Der Beweis der Vollmacht Jesu durch die Berufung der Zwölf
( 6,12 - 16 ) ( Mt 10,1-4; Mk 3,13-19 )


Lk 6,12-16


Bevor Jesus die zwölf Jünger berief, verbrachte er eine ganze Nacht im Gebet . Dann wählte er aus seinen vielen Jüngern zwölf aus, die ihm nah sein sollten. Sie wurden Apostel ( apostolous ) genannt und somit von den übrigen Jüngern ( mathEtas ) unterschieden. Die Jünger folgten ihm nach, doch die Apostel dienten ihm als Boten und erhielten Anteil an seiner Vollmacht (vgl. "Apostel" in Lk 9,10;17,5;22,14;24,10 ). In der Liste der Zwölf im Lukasevangelium wird (wie auch bei Matthäus und Markus) Petrus als erster und Judas Iskariot als letzter genannt. Bartholomäus muß ein anderer Name für Nathanael sein ( Joh 1,45 ), Levi und Matthäus sind ein und dieselbe Person, und Thaddäus ( Mk 3,18 ) ist Judas, der Sohn des Jakobus . Diese Männer waren Augenzeugen des Wirkens Jesu und damit auch seiner Vollmacht geworden. Sie waren deshalb bereit, sich als Apostel aussenden zu lassen und ihr Leben ganz in den Dienst Jesu zu stellen.



C. Jesu Predigt auf dem Felde
( 6,17 - 49 ) ( Mt 5-7 )


Lk 6,17-19


Die in Vers 17 - 49 aufgezeichnete Predigt ist eine Kurzfassung der Bergpredigt des Matthäusevangeliums, Kapitel 5 - 7 . Beide richten sich an die Jünger Jesu, beginnen mit verschiedenen Seligpreisungen und schließen mit denselben Gleichnissen. Auch inhaltlich entsprechen sie sich weitgehend. Bei Lukas fehlen allerdings die "jüdischen Teile" (d. h. die Gesetzesauslegungen), weil sie nicht in sein Konzept passen. Die Schwierigkeit nachzuweisen, daß es sich bei diesen beiden Textpassagen um ein und dieselbe Predigt handelt, liegt hauptsächlich in der unterschiedlichen Ortsangabe der beiden Evangelisten. Matthäus berichtet, daß Jesus sie "auf einem Berg" hielt ( Mt 5,1 ), während der Schauplatz bei Lukas ein ebenes Feld ist ( Lk 6,17 ). Dieses Problem läßt sich jedoch leicht lösen, wenn man sich die Reihenfolge der Ereignisse klarmacht. Jesus ging "auf einen Berg" bei Kapernaum, wo er die ganze Nacht betete (V. 12 ). Dort berief er zwölf Jünger zu seinen Aposteln. Dann begab er sich hinab auf ein ebenes Feld, um zu den Menschen zu sprechen und Krankheiten zu heilen (V. 17 - 19 ), und danach stieg er wieder höher hinauf, um etwas Abstand von der Menge zu bekommen und seine Jünger zu lehren ( Mt 5,1 ). Die Menge ( Mt 7,28; Lk 7,1 ) kam ihm jedoch nach, um ihm weiter zuzuhören, was auch Jesu Worte am Ende der Predigt erklärt ( Mt 7,24; Lk 6,46-47 ).

1. Die Seligpreisungen und die Weherufe
( 6,20 - 26 )


Jesus begann seine Predigt mit einer Reihe von Seligpreisungen und Weherufen. Sie sind in zwei Vierergruppen eingeteilt - vier Seligpreisungen und vier Weherufe stehen einander parallel gegenüber.



a. Die Seligpreisungen
( 6,20 - 23 )


Lk 6,20-23


Der Terminus "selig" ( makarioi ) kommt über dreißigmal in den Evangelien vor, davon achtundzwanzigmal bei Matthäus und Lukas. Im Griechischen beschrieb das Wort ursprünglich den glücklichen Zustand der Götter, die hoch über den irdischen Leiden und Mühen der Menschen stehen; später bezeichnete es jede Art von positiver Erfahrung des Menschen. Im Gegensatz zu den biblischen Autoren leiteten die Griechen "Glück" von irdischen Gütern und Werten ab. Die Verfasser des Alten Testaments erkannten jedoch, daß wahrhaft selig (oder glücklich) nur ist, wer auf Gott vertraut, auf ihn hofft und wartet, ihn fürchtet und liebt ( 5Mo 33,29; Ps 2,12 b; Ps 32,1-2; 34,9; 40,5; 84,12; 112,1 ). Eine formale Seligpreisung war die Bestätigung eines glücklichen Lebens vor Gott und den Menschen ( Ps 1,1; Spr 14,21;16,20;29,18 ).

Die Seligpreisungen im Neuen Testament haben emotionale Kraft. Sie stellen häufig die falsche, von irdischen Maßstäben ausgehende Bewertung einer Sache der wahren, von Gott kommenden Bewertung eines Menschen, der wahrhaft gesegnet ist, gegenüber ( Mt 5,3-6.10; Lk 11,28; Joh 20,29; 1Pet 3,14;4,14 ). Alle weltlichen Güter und Werte sind einem höchsten Gut untertan - Gott selbst. Das bedeutet die Umkehrung aller menschlichen Werte. Die Seligpreisungen stellen das Gegenwärtige im Licht des Zukünftigen dar (vgl. Lk 23,29 ).

Jesus nannte vier Zustände, die für die Menschen, die ihm nachfolgten, die Seligkeit bedeuten sollten. Selig seid ihr Armen ... selig seid ihr, die ihr jetzt hungert ... selig seid ihr, die ihr jetzt weint ... selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen ( Lk 6,20-22 ). Nach jeder Seligpreisung folgt eine Erklärung, inwiefern eine solche Person selig oder glücklich zu preisen ist. Ein Armer ist selig, weil ihm das Reich Gottes gehören wird. Matthäus bezieht sich dabei auf die "Armen im Geiste" ( Mt 5,3 ), doch Lukas schreibt einfach: "die Armen". Die Menschen, die Jesus zuhörten, besaßen keine materiellen Güter. Lukas hat nicht umsonst bereits zweimal erwähnt, daß die, die Jesus folgten, alles verließen ( Lk 5,11.28 ).

Ihnen - den Armen - wird das Gottesreich gehören, weil sie dem folgten, der gesagt hatte, daß er sie in das Reich eingehen lassen kann. Sie hatten alles, was sie besaßen, darauf gesetzt, daß Jesus die Wahrheit sprach, und folgten seinem neuen Weg ( Lk 5,37-39 ). Jesu Worte bedeuteten nicht, daß jeder Arme einen Platz im Gottesreich haben wird, sondern bezogen sich ganz konkret nur auf die Jünger, die Menschen, die mit der Nachfolge ernst machten. Sie waren arm, und ihrer war das Gottesreich. Selig waren sie, weil es für sie sehr viel besser war, arm zu sein, Jesus zu folgen und einen Platz im Gottesreich zu besitzen, als reich zu sein und nicht in das Gottesreich einzugehen.

Die beiden nächsten erklärenden Sätze beziehen sich auf die Zukunft. Die Hungrigen werden satt werden , und die, die weinen, werden lachen . Die Apostel, die in der Nachfolge darben und leiden mußten, würden schließlich für ihren Glauben belohnt werden.

Die letzte Seligpreisung betraf die Verfolgung um des Menschensohnes willen , die den Aposteln mit Sicherheit bevorstand. Sie würden gehaßt, ausgeschlossen, geschmäht und verworfen werden. Dennoch würden sie glücklich ("selig") sein, weil ihr Lohn im Himmel auf sie wartete und weil sie in die Linie der Propheten (d. h. derer, die für Gott sprachen; vgl. Lk 6,26 ) aufgenommen waren.



b. Die Weherufe
( 6,24 - 26 )


Lk 6,24-26


Dann stellte Jesus den Jüngern, die alles aufgegeben hatten, um ihm zu folgen, die Menschen gegenüber, die nicht bereit waren, ihm nachzufolgen und dafür auf irgend etwas zu verzichten (vgl. Lk 18,18-30 ). Das waren die Reichen , die, die satt sind, die Lachenden und die Beliebten. Sie begriffen den Ernst der Lage, in der sie sich befanden, nicht und lehnten es ab, dem Einen zu folgen, der sie ins Gottesreich bringen konnte. Über sie sprach Jesus die Weherufe aus, in denen er ihnen mit einer radikalen Umkehrung ihrer jetzigen vorteilhaften Lebensumstände drohte. Die Weherufe sind das genaue Gegenteil zu den Seligpreisungen und Belohnungen, die den Jüngern zuteil werden ( Lk 6,20-23 ).



2. Wahre Gerechtigkeit
( 6,27 - 45 )


a. Wahre Gerechtigkeit, die sich in der Liebe zeigt
( 6,27 - 38 )


Lk 6,27-38


Jesus zählte sieben Aspekte der bedingungslosen Liebe auf. Die Verhaltensweisen, die hier gefordert werden, gehen über das normale menschliche Vermögen hinaus. Es bedarf übernatürlicher Kraft, sie sich zu eigen zu machen, deshalb sind sie ein Beweis wahrer Gerechtigkeit:

(1) Liebt eure Feinde .

(2) Tut wohl denen, die euch hassen .

(3) Segnet, die euch verfluchen .

(4) Bittet für die, die euch beleidigen .

(5) Nehmt keine Rache (V. 29 a).

(6) Seid großzügig (V. 29 b - 30 ).

(7) Wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch (V. 31 ).

Diese Liebe kennzeichnet den, der sie empfindet, als etwas Besonderes (V. 32 - 34 ) und zeigt seine Verwandtschaft mit seinem Vater im Himmel (V. 35 ).

Dann lehrte Jesus die Jünger eine Grundwahrheit des Universums: Man erntet, was man gesät hat (V. 36 - 38 ; vgl. Gal 6,7 ). Zum Beweis für dieses in der Schrift immer wiederkehrende Thema von Aussaat und Ernte führte er fünf Beispiele an:

(1) Barmherzigkeit wird Barmherzigkeit hervorbringen ( Lk 6,36 ). Die Jünger wurden aufgefordert, den Menschen gegenüber barmherzig zu sein, wie Gott sich ihnen gegenüber als barmherzig erwiesen hatte.

(2) Richtendes Denken und Verhalten wird zum Gericht führen (V. 37 a).

(3) Verdammendes Verhalten wird Verdammung zur Folge haben (V. 37 b).

(4) Vergebung wird Vergebung bewirken (V. 37 c).

(5) Geben wird Geben bewirken (V. 38 ).

Es ist eine einfache Lebenstatsache, daß bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen auf den Betreffenden zurückwirken.



b. Wahre Gerechtigkeit, die sich im Handeln zeigt
( 6,39 - 45 )


Lk 6,39-45


Jesus machte seinen Zuhörern klar, daß ein Mensch die Einstellung, die er zur Gerechtigkeit hat, nicht verbergen kann. Es liegt auf der Hand, daß ein Blinder nicht in der Lage ist, einen anderen Blinden zu führen; sie werden beide in die Grube fallen (V. 39 ). Die Tatsache, daß ein Mensch ungerecht ist, wird schon dadurch an den Tag kommen, daß er auch andere vom rechten Weg abbringt. Nach den Worten Jesu wird ein Mensch allgemein dem ähnlich, den er sich zum Vorbild nimmt (V. 40 ); deshalb sollten seine Jünger ihm nacheifern. Bevor man seinem Bruder helfen kann, sich von einer Sünde zu befreien, muß man selbst diese Sünde loswerden (V. 41 - 42 ). Häufig ist die eigene Sünde größer als die, die man bei dem anderen kritisiert - sie ist gleich einem Balken im Vergleich zu einem Splitter . Man kann also niemandem helfen, gerecht zu werden, wenn man selbst nicht gerecht ist; das zu versuchen, wäre heuchlerisch.

Gleichzeitig wies Jesus darauf hin, daß schon die Worte eines Menschen erkennen lassen, wes Geistes Kind er ist (V. 43 - 45 ). Wie man den Baum durch die Frucht, die er trägt, erkennt , so sieht man an dem, was ein Mensch sagt, ob er gerecht ist oder nicht. In diesem Fall steht die Frucht für das, was der Mensch sagt , nicht für das, was er tut : Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über .



3. Wahrer Gehorsam
( 6,46 - 49 )


Lk 6,46-49


Wichtiger als die äußere Haltung ist der Gehorsam (V. 46 ). Es reicht nicht, Herr, Herr zu Jesus zu sagen. Ein Glaubender muß auch tun, was er sagt. Wer Jesu Worte hört und danach handelt, ist sicher - wie ein Mensch, der sein Haus auf Fels baut (V. 47 - 48 ). Wer sie jedoch hört und nicht zum Maßstab seines Handelns macht, wird zugrunde gehen - wie ein Mensch, der ein Haus baute, ohne Grund zu legen (V. 49 ). Die Jünger hatten bereits bis zu einem gewissen Grad nach seinem Wort gehandelt, indem sie ihm folgten. (Das ist das erste von Jesu Gleichnissen im Lukasevangelium. Vgl. die Liste mit den 35 Gleichnissen Jesu bei Mt 7,24-27 .)



D. Jesu Wirken in Kapernaum und den umliegenden Städten
( Lk 7-8 )


In diesem Abschnitt besteht eine Wechselwirkung zwischen den Wundern, die Jesus vollbrachte (und die erneut bestätigten, daß er der Messias war: Lk 7,1-17.47;8,22-56 ), und seiner Lehre (deren Vollmacht sich auf die Botschaft stützte, die er verkündigte: Lk 7,18-35;8,1-21 ). Lukas stellt jedoch die Lehre in den Vordergrund. Ihre Vollmacht wird bestätigt durch die wunderbaren Geschehnisse, die sie begleiteten und in symbolischer Form zeigten, daß Jesus der Messias war.

1. Jesu Wirken inmitten von Krankheit und Tod
( 7,1 - 17 )


Im folgenden Abschnitt berichtet Lukas von zwei Wundern - von der Heilung des Knechtes eines römischen Hauptmanns und der Auferweckung eines toten Knaben -, die grundlegend für den Glauben an Jesu Vollmacht sind (V. 22 - 23 ).



a. Die Heilung des Knechtes des römischen Hauptmanns
( 7,1 - 10 ) ( Mt 8,5-13; Joh 4,43-54 )


Lk 7,1-10


Nachdem Jesus die Predigt ( Lk 6 ) außerhalb der Stadt beendet hatte, ging er nach Kapernaum , in seine Wahlheimat, wo er viele seiner messianischen Zeichen vollbrachte. Ein Hauptmann der römischen Armee, ein Centurio, war der Befehlshaber einer Hundertschaft von Soldaten. In Kapernaum lebte ein solcher römischer Hauptmann, der, im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Soldaten, wohlgelitten und respektiert war bei den Juden innerhalb und außerhalb der Stadt, weil er sie liebte und ihnen eine Synagoge gebaut hatte ( Lk 7,4-5 ). Nun war ein Knecht dieses Hauptmanns todkrank , doch der Hauptmann war überzeugt davon, daß Jesus ihn gesund machen könne. Der Grund dafür, daß er die Ältesten der Juden als seine Fürsprecher zu ihm sandte, war vielleicht, daß er nicht sicher war, ob Jesus auf die Bitte eines römischen Soldaten eingehen würde. Matthäus ( Lk 8,5-13 ) berichtet über dasselbe Ereignis, schreibt jedoch nichts von den Boten. Bei ihm gewinnt der Leser den Eindruck, als sei der Hauptmann persönlich zu Jesus gekommen. Die Matthäusstelle spiegelt damit in der Realität wider, was der Hauptmann meinte, als er sagte, Jesus möge nur ein Wort sprechen, um seinen Knecht gesund zu machen, denn er wisse, daß z. B. seine Untergebenen, oder wie hier möglicherweise seine entsandten Stellvertreter, seiner Bitte oder seinem Befehl ebenso nachkämen, als wäre er selbst anwesend ( Lk 7,8 ).

Der Hauptmann wußte, daß seine Bitte die Grenzen des Vertretbaren überstieg und daß er es wirklich nicht wert war, Jesus zu sehen (V. 7 ). Jesus wunderte sich ( ethaumasen ; vgl. den Kommentar zu Lk 2,18 ) über den Mann und stellte fest: "Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden." Der Gedanke des Glaubens spielt überhaupt in den Kapiteln 7 und 8 eine zentrale Rolle: Es ist lebenswichtig, an den zu glauben, der Jesus ist (d. h. der Messias), und an das, was er sagte. Der Erweis dieses rechten Glaubens wird später im Lukasevangelium sogar auf die Heiden ausgedehnt.



b. Die Auferweckung des Sohnes einer Witwe
( 7,11-17 )


Lk 7,11-17


Lukas schickt der Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Jüngern Johannes' des Täufers (V. 18 - 23 ) bewußt den Bericht über die Auferweckung des Sohnes einer Witwe in Nain voraus, um der Antwort Jesu auf die Anfrage der Johannesanhänger größeren Nachdruck zu verleihen.

Als Jesus sich von Kapernaum nach Nain begab, das etwa vierzig Kilometer südwestlich von Kapernaum lag, folgte ihm wie üblich eine große Menschenmenge (V. 11 ). Eine große Menge begleitete auch die Begräbnisprozession, die den Sarg eines toten jungen Mannes, des einzigen Sohns seiner Mutter , trug. Die Frau war ohne ihren Sohn, ihren einzigen männlichen Verwandten, nun völlig allein und scheinbar schutzlos. Schon im Alten Testament, insbesondere bei der Bundesschließungim 5. Buch Mose, aber auch im Neuen Testament wird der Unterstützung von Witwen große Bedeutung beigemessen. Als Jesus die Frau sah, jammerte sie ihn , und er begann sogleich, sie zu trösten. Der Ausdruck "sie jammerte ihn" ist die Übersetzung des griechischen Verbs esplanchnisthE , "Mitleid haben", das sehr häufig in den Evangelien vorkommt. Es ist mit dem Substantiv splanchna verwandt - "die inneren Organe des Körpers", wo der Sitz der Gefühle vermutet wurde. Splanchna taucht zehnmal im Neuen Testament auf ( Lk 1,78; 2Kor 6,12; 7,15; Phil 1,8; 2,1; Kol 3,12; Phlm 1,7.12.20; 1Joh 3,17 ). Auf jeden Fall müssen die Witwe und die anderen Begräbnisteilnehmer Vertrauen zu Jesus gefaßt haben, denn als er den Sarg berührte, blieben die Träger stehen . Auf Jesu Gebot richtete sich der Tote sofort auf und fing an zu reden - ein sicherer Beweis dafür, daß er wirklich wieder lebendig war. Und Furcht ( phobos ; vgl. den Kommentar zu Lk 1,12 ) ergriff sie alle . Sie priesen Gott und hielten Jesus für einen großen Propheten (wobei sie zweifellos an die Werke Elias und Elisas dachten) und meinten, daß Gott gekommen sei, seinem Volk zu helfen (vgl. Jes 7,14 ); und die Kunde von Jesus verbreitete sich im ganzen Land.

 

2. Die Wundertaten Jesu bestätigen sein Amt
( 7,18 - 35 ) ( Mt 11,2-19 )


Mit den beiden vorangehenden Wundergeschichten ( Lk 7,1-17 ) wollte Lukas seine Leser auf das Gespräch zwischen den Jüngern des Johannes und Jesus vorbereiten. Es war wichtig, daß die Menschen an Jesus - an seine Worte und Werke - glaubten, denn in beiden offenbarte sich seine Messianität.



a. Die Frage Johannes' des Täufers nach der Person Jesu
( 7,18 - 23 )


Lk 7,18-23


Die Begegnung, um die es hier geht, fand statt, als Johannes bereits im Gefängnis war ( Mt 11,2 ). Die kometenhafte Laufbahn des Täufers hatte kaum länger als ein Jahr gedauert. Er hatte erwartet, daß der Messias das Gottesreich errichten würde, wie er, Johannes, verkündigt hatte. Doch plötzlich fand er sich im Gefängnis wieder und sah seinem möglichen Tod entgegen, und das Reich war noch immer nicht gekommen. Nun wurde er langsam unruhig; er kannte das Alte Testament, und er kannte auch die Werke des Messias, von denen es berichtete -, doch sah er keinerlei Ansätze für das Kommen des Reiches. Deshalb schickte er zwei Jünger zu Jesus, die fragen sollten: "Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Die Jünger trafen auf Jesus, als dieser gerade v iele gesund machte von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern und vielen Blinden das Augenlicht schenkte . Jesus, der messianische Wunder vollbrachte, erinnerte die Jünger des Täufers an Jes 61,1-2 ,jene Stelle, die er auch in der Synagoge in Nazareth vorgelesen hatte. Seine Wundertaten wiesen ihn eindeutig als den Messias aus. Entscheidend war, daß man sich nicht an ihm ärgerte ( skandalisthe ; wörtlich: "hereingelegt wird" und sich so "zum Abfall verführen läßt"). Man mußte an seine Botschaft und seine Werke glauben. Weder Matthäus noch Lukas berichten, wie Johannes auf diese Antwort reagierte.



b. Die Verdammung Israels für seine Verwerfung des Täufers und des Messias
( 7,24 - 35 )


Lk 7,24-28


Jesus benutzte den Anlaß dazu, die Menschen über das Amt des Täufers zu belehren und sein Wirken zu loben. Er sagte, daß Johannes nicht schwach war, ohne Meinung, wie ein Rohr im Wind , und daß er nicht in weiche Kleider gekleidet ging. Die Leute hatten recht, wenn sie ihn für einen Propheten hielten. Doch Johannes war mehr als ein Prophet - er war, wie in Mal 3,1 vorausgesagt, der Wegbereiter des Messias. An der betreffenden Stelle im Buch Maleachi ( 3,1 - 2 ) ist von zwei Boten die Rede. Der eine ist der Wegbereiter, der hier als Johannes der Täufer offenbart wird, und der andere ist der "Engel des Bundes", der sein Volk reinigen wird, d. h. der Messias selbst.

Jesus wies Johannes eine besondere Ehrenstellung zu, indem er sagte, daß keiner größer sei als er - und doch ist der, der der Kleinste ist im Reich Gottes größer als er . Damit wollte Jesus nicht sagen, daß Johannes nicht in das Gottesreich eingehen würde. Schließlich hatte er dieselbe Botschaft von Buße und Sündenvergebung gepredigt wie der Messias selbst. Jesus meinte vielmehr, daß es nicht einmal annähernd soviel wert ist, ein großer Prophet zu sein, wie ein Angehöriger des Gottesreiches zu sein. In dieser Aussage steckt implizit die Tatsache, daß die Bürger des Gottesreiches einen entscheidenden Vorteil vor den Propheten haben, die doch im Alten Testament als große Männer Gottes galten. Denn die Bürger des Gottesreiches stehen unter dem Neuen Bund und haben das Gesetz Gottes in ihre Herzen geschrieben ( Jer 31,31-34 ). Noch die geringste Person im Gottesreich wird deshalb größere geistliche Kraft haben als Johannes der Täufer, der Mann Gottes.



Lk 7,29-30


Lukas schildert die tiefe Kluft im Denken, die die Zuhörerschaft des Johannes - und nun auch die Jesu - in zwei Gruppen spaltete. Diejenigen, die sich mit der Taufe des Johannes hatten taufen lassen, d. h. die ihre Sünden aufrichtig bereut und ihren Wunsch zur Umkehr auch äußerlich bewiesen hatten, stimmten Jesus zu und gaben Gott recht. Aber die Pharisäer und Schriftgelehrten verachteten, was Gott ihnen zugedacht hatte . Ihre Weigerung, sich taufen zu lassen , zeigte, daß sie Johannes' Botschaft von der Buße ebenso ablehnten wie die Botschaft Jesu vom Gottesreich. Damit verwarfen sie Gottes Heilsplan für sie. Eine besondere Ironie lag dabei in der Tatsache, daß ja gerade die Pharisäer und Schriftgelehrten am besten über das Amt des Wegbereiters (Johannes) und des Messias (Jesus) hätten Bescheid wissen müssen.



Lk 7,31-35


Die redaktionelle Zwischenbemerkung des Evangelisten in Vers 29-30 soll als Erklärung für die folgenden fünf Verse dienen. Da die religiösen Führer Israels die Botschaft von Johannes und Jesus ablehnten, machte der Herr ihr Verhalten an einem kurzen Gleichnis deutlich. Mit den Menschen ( anthrOpous ) dieses Geschlechts meinte Jesus nicht etwa die Menschen ( laos ) in Vers 29 , die seine Botschaft angenommen hatten. Die Leute in seinem Gleichnis waren die religiösen Führer aus Vers 30 , die Johannes und Jesus verwarfen. Jesus beschrieb sie als launische Kinder, die stets verlangten, daß die anderen nach ihrer Pfeife tanzten. Weder Johannes noch Jesus konnten es ihnen recht machen. Johannes war ihnen zu asketisch, und Jesus hatte zu viel von einem Lebemann (wie ihn sich die Pharisäer vorstellten) an sich. Keines der beiden Extreme konnte sie zufriedenstellen. Doch Jesus hielt demgegenüber fest, daß die Weisheit gerechtfertigt worden ist von allen ihren Kindern . Die vielen, die Jesus und Johannes folgten, waren Beweis genug für die Richtigkeit ihrer Lehre.



3. Jesus vergibt einer Sünderin
( 7,36 - 50 )


Unmittelbar im Anschluß folgt ein praktisches Beispiel für das soeben Gesagte. Dabei wird das Verhalten eines Pharisäers namens Simon dem einer Sünderin gegenübergestellt - ihr wird vergeben (V. 47 ), und sie wird gerettet (V. 50 ).

Lk 7,36-38


Simon (V. 40 ), ein Pharisäer, bat Jesus, b ei ihm zu essen , vielleicht, um ihn irgendwie in eine Falle zu locken. Damals war es Brauch, den Gästen Gelegenheit zu geben, sich vor dem Essen die Füße waschen zu lassen. Das war notwendig, weil die nur mit Sandalen bekleideten Füße durch das Gehen auf den ungepflasterten Straßenmeist staubig oder schlammig waren. Wie Lukas später schreibt, bot Simon Jesus diese Möglichkeit jedoch nicht (V. 44 ). Für besondere Einladungen wurden außerdem Liegen oder Sofas aufgestellt, auf die sich die Gäste zum Essen niederließen.

Eine Frau, die vernommen hatte, daß Jesus bei Simon zu Tisch saß, kam ebenfalls zu dem Bankett. Sie war wahrscheinlich eine stadtbekannte Prostituierte, jedenfalls kannte der Pharisäer sie gut genug, um sie vor Jesus als Sünderin zu bezeichnen (V. 39 ). Die Frau war zwar nicht eingeladen, doch sie hatte sich irgendwie Zutritt zur Versammlung der Gäste verschafft und auch ein Glas mit Salböl mitgebracht. An ihrer Anwesenheit war an sich nichts Außergewöhnliches, denn wenn ein Rabbi irgendwo eingeladen war, konnten auch andere Leute vorbeikommen und dem Gespräch zuhören. Die Frau stellte sich hinter Jesus, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salböl . Öl über jemandes Haupt zu gießen war ein ganz normales Zeichen des Respekts. Doch vielleicht hielt die Frau sich für unwert, Jesu Haupt zu salben, und salbte deshalb seine Füße. Auf jeden Fall bedeutete ihre Tat ein großes finanzielles Opfer für sie, denn sie war offensichtlich nicht wohlhabend. Sie kniete vor Jesus nieder, trocknete seine Füße mit den Haaren ihres Hauptes und küßte sie mehrfach (das griechische Verb katephilei steht im Imperfekt, was eine wiederholte Handlung in der Vergangenheit bezeichnet), ein Zeichen des höchsten Respekts, der Unterwerfung und der Zuneigung. Jesus wies später darauf hin, daß sein Gastgeber im Gegensatz zu dieser Frau sein Haupt nicht gesalbt (V. 46 ), ja ihm nicht einmal Wasser für seine Füße gegeben hatte (V. 44 ).

Lukas teilt uns nicht mit, warum die Frau weinte. Vielleicht bereute sie ihr Leben, oder sie weinte vor Freude darüber, dem nahe zu sein, den sie offensichtlich für den Messias hielt.



Lk 7,39


In den Augen des Gastgebers bewies diese Episode, daß Jesus kein Prophet sein konnte, denn dann hätte er gewußt, daß die Frau eine Sünderin war und hätte ihr nicht gestattet, ihn zu berühren, da die Berührung eines Sünders zeremonielle Unreinheit zur Folge hatte.



Lk 7,40-43


Doch Jesus spürte Simons Gedanken (vgl. Lk 5,22 ) und machte ihm anhand eines Gleichnisses klar, daß ein Mensch, dem viel vergeben wird, auch sehr viel mehr lieben wird als einer, dem wenig vergeben wird. Das Gleichnis handelte von einem Mann, dem eine zehnmal größere Schuld vergeben wurde als einem anderen - fünfhundert Silbergroschen (Denare) statt fünfzig . Beides waren riesige Summen; ein Arbeiter bekam im Durchschnitt nur einen Tageslohn von einem Denar. Als Jesus Simon fragte, welcher der beiden den Verleiher nun wohl am meisten lieben würde, antwortete dieser ganz richtig, daß der, dem die größere Schuld erlassen worden war, natürlich größere Liebe empfinden müsse. Dieses Gleichnis übertrug Jesus nun auf die Situation der Sünderin.


Lk 7,44-50


Ihr war viel vergeben worden, deshalb liebte sie Jesus sehr. Jesus wollte damit nicht sagen, daß der Pharisäer nicht genauso der Vergebung bedurfte. Es ging ihm nur darum, daß "ein Sünder", dem vergeben wird, denjenigen, der ihm vergeben hat, ganz selbstverständlich liebt und ihm dankt. Die Frau wußte, daß sie eine Sünderin war und der Vergebung bedurfte. Sie hatte erkannt, daß ihr viel vergeben worden war und bewies Jesus nun mit ihrer großzügigen Handlung ihre Dankbarkeit und Zuneigung. Simon dagegen, der sich selbst rein und gerecht dünkte, hielt es nicht für nötig, Jesus zuvorkommend zu behandeln, ja er erwies ihm nicht einmal die einfachsten Gesten der Höflichkeit: bei Männern den Kuß auf die Wange als Gruß und das Salben des Hauptes eines Gastes mit einer kleinen Menge Öl . Er glaubte offensichtlich nicht, daß Jesus etwas für ihn tun konnte, denn in seinen Augen war er nicht einmal ein Prophet (V. 39 ), geschweige denn der Messias.

Der Frau war also nicht vergeben worden, weil sie liebte, sondern sie liebte, weil ihr vergeben worden war (V. 47 - 48 ). Ihr Glaube hatte sie gerettet: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden (vgl. Lk 8,48 ). Eben dieser Glaube aber ließ sie Jesus lieben. Die anderen Gäste fragten sich: "Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?" (vgl. Lk 5,21 ). Jesus sagte zwar im Gespräch mit Simon nirgends ausdrücklich, daß er der Messias sei, doch das, was er sagte und tat, war ein eindeutiger Beweis für seine Messianität.

 

4. Die verschiedenen Reaktionen der Menschen auf Jesu Wirken
( 8,1 - 21 )


a. Die kleine Gruppe der gläubigen Jüngerinnen
( 8,1 - 3 )


Lk 8,1-3


Ähnlich gegensätzlich wie die Sünderin und Simon, der Pharisäer ( Lk 7,36-50 ), reagierten auch andere Menschen auf die Botschaft vom Reich Gottes , die Jesus verkündigte ( Lk 8,4-15 ). Zu denen, die an ihn glaubten, gehörte außer den Zwölf eine Reihe von Frauen, die Jesus geheilt hatte, darunter Maria, genannt Magdalena (Maria aus Magdala in Galiläa), von der sieben böse Geister ausgefahren waren . Die Zahl sieben symbolisiert in der Bibel häufig die Vollständigkeit einer Sache oder eines Tatbestandes. Maria Magdalena war also offensichtlich ganz in der Gewalt von Dämonen gewesen. Auch Johanna, die Frau eines Verwalters des Herodes , und Susanna werden explizit genannt. Diese drei und viele andere Frauen dienten ihnen (d. h. Jesus und den Zwölfen) mit ihrer Habe - eine Situation, die in damaliger Zeit in Palästina ein Skandal war. Doch wie der Sünderin, von der oben die Rede war ( Lk 7,36-50 ), war auch diesen Frauen viel vergeben worden, und sie liebten viel. Sie waren ein positives Beispiel für die Reaktion auf Jesu Botschaft.



b. Die verschiedenen Reaktionen auf das Gottesreich im Gleichnis vom Sämann
( 8,4 - 15 ) ( Mt 13,1-23; Mk 4,1-20 )


Lk 8,4


Anhand dieses Gleichnisses zeigte Jesus, daß auf das Wort Gottes unterschiedliche Antworten möglich sind. Lukas berichtet, daß sich aus den Städten eine große Menge um Jesus versammelt hatte. Darunter waren mit großer Sicherheit auch Menschen, die auf eben die vier Arten, die Jesus in seinem Gleichnis beschrieb, auf seine Botschaft reagierten. Das Gleichnis sollte wohl eine Warnung für seine Hörer sein, sich die Annahme des Gotteswortes nicht zu einfach vorzustellen.



Lk 8,5-8


Damals wurde noch von Hand ausgesät, wobei das Saatgut auf dem gepflügten Acker ausgestreut wurde. Die Saat des Sämanns in Jesu Gleichnis geriet dabei auf vier verschiedene Böden. Einiges fiel auf den Weg und wurde von den Vögeln gefressen .

Anderes fiel auf Fels (die dünne Erdschicht, die die Felsen bedeckt) und verdorrte (V. 6 ).

Noch anderes fiel mitten unter die Dornen, die es erstickten (V. 7 ).

Und einiges fiel auf gutes Land und trug hundertfach Frucht (V. 8 ).

Jesus schloß das Gleichnis mit dem Ausruf: Wer Ohren hat zu hören, der höre . Daß er diese Worte rief, macht deutlich, daß er damit auf den wesentlichen Punkt seiner Aussage zu sprechen kam. Die Wendung "wer Ohren hat zu hören, der höre" wird von Jesus verschiedentlich im Zusammenhang mit Gleichnissen gebraucht (vgl. Mt 11,5;13,9.43; Mk 4,9.23; Lk 8,8;14,35 ). Sie besagt, daß vom Geist geleitete Menschen durchaus in der Lage sind, die religiöse Bedeutung eines Gleichnisses zu verstehen, während die anderen nur seine oberflächliche Bedeutung erkennen können.


Lk 8,9-10


Die Jünger fragten Jesus, was dieses Gleichnis bedeute . Bevor er es jedoch erklärte, sagte er ihnen, warum er überhaupt in Gleichnissen zu ihnen sprach. Die Menschen, die vom Geist erleuchtet waren und ihm nachfolgten und seine Botschaft glaubten (wie die in Lk 7,36-8,3 ), konnten die Geheimnisse des Reiches Gottes verstehen . Doch den anderen, die die Botschaft vom Gottesreich nicht verstanden, blieben auch die Gleichnisse rätselhaft (vgl. 1Kor 2,14 ). Zum besseren Verständnis zitierte Jesus hier Jes 6,9 - die Menschen hörten, was er sagte, doch sie verstanden es nicht. Daß Jesus in Gleichnissen sprach, war also letztlich eine Gnade für jene unter seinen Zuhörern, die sich weigerten, ihn als Messias anzuerkennen. Das Gericht über sie würde so weniger streng sein, als wenn sie seine Botschaft leichter hätten verstehen können (vgl. Lk 10,13-15 ).



Lk 8,11-15


Dann erklärte Jesus seinen Jüngern das Gleichnis. Der Same ist das Wort Gottes . Die Worte, die von dem lebendigen Wort, Jesus, gepredigt wurden, enthielten dieselbe Botschaft, wie sie auch Johannes der Täufer verkündigt hatte. Nun war es Sache der Menschen, diese Botschaft anzunehmen.

Die vier Bodenarten symbolisieren vier Menschentypen. Alle vier hören dieselbe Nachricht. Die erste Gruppe hört das Wort, doch sie glaubt nicht , weil der Teufel sie daran hindert (V. 12 ).

Die zweite Gruppe hört und freut sich, doch sie bleibt nicht bei der Wahrheit der Botschaft, denn sie hat keine Wurzel (V. 13 ). Die Tatsache, daß die Angehörigen dieser Gruppe eine Zeitlang glauben , doch dann abfallen , bedeutet, daß sie das Wort nur verstandesmäßig akzeptieren und nicht daran festhalten, wenn sie dadurch Unannehmlichkeiten bekommen. Sie verlieren dabei nichts, denn sie haben das Heil nie besessen.

Die dritte Gruppe hört zwar das Wort, doch es gelangt in ihr nicht zur Reife (V. 14 ). Damit sind die Menschen gemeint, die zwar an Jesu Botschaft interessiert sind, sie jedoch nicht annehmen können, weil sie zu stark mit materiellen Dingen - den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens - beschäftigt sind.

Die vierte Gruppe schließlich besteht aus den Menschen, die das Wort hören und behalten und bringen Frucht (V. 15 ), d. h. geistliche Frucht, Beweise ihres neuen geistlichen Lebens. Ihre Herzen verwandeln sich und werden fein und gut .

Im Verlauf des Wirkens Jesu schälten sich allmählich genau diese vier Gruppen heraus: (1) Die Pharisäer und anderen religiösen Führer weigerten sich von vornherein zu glauben. (2) Manche Menschen suchten Jesu Nähe, weil er sie gesund machte und ihnen zu essen gab, doch sie behielten seine Botschaft nicht (z. B. Joh 6,66 ). (3) Andere, wie der reiche Jüngling ( Lk 18,18-30 ), waren an Jesus interessiert, doch sie hingen zu sehr an materiellen Dingen und schafften es nicht, alles aufzugeben und ihm zu folgen. (4) Manche aber folgten ihm und verpflichteten sich bedingungslos auf sein Wort (z. B. Lk 8,1-3 ).



c. Die Notwendigkeit, positiv auf Jesu Lehre zu antworten
( 8,16 - 18 ) ( Mk 4,21-25 )


Lk 8,16-18


Dieses kurze Gleichnis bildet gleichsam die Fortsetzung des Gleichnisses vom Sämann. Das Schwergewicht liegt auch diesmal auf dem Hören, oder, wie es hier formuliert ist, dem Zuhören (V. 18 ). Wer die Worte Gottes versteht, in dessen Leben sollte dieses Verständnis auch zum Ausdruck kommen (vgl. V. 15 ). So wie man ein Licht nicht anzündet , um es zu verbergen (vgl. Lk 11,33-36 ), so werden einem Menschen die "Geheimnisse des Reiches Gottes" ( Lk 8,10 ) nicht gegeben, damit er sie geheim halte. Die Jünger sollten das, was Jesus ihnen erzählte, bekannt machen. Die Menschen, die Jesus nachfolgten, sollten darauf sehen, wie sie zuhörten ( 18 ). Wenn sie mit wahrem Glauben hörten und antworteten (vgl. 15 ), dann sollte ihnen noch mehr von der Wahrheit gegeben werden . Wenn sie aber nicht annahmen, was sie hörten, sollten sie auch das verlieren, was sie besaßen.d. Die Reaktion der irdischen Familie Jesu ( Lk 8,19-21 ) ( Mt 12,46-50; Mk 3,31-35 )



Lk 8,19-21


Die logische Schlußfolgerung aus der vorhergehenden Passage ( 1 - 18 ) lautet, daß jemand, der das, was Jesus sagte, verstand (und in die Tat umsetzte), auch mit ihm verwandt war. Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm , um ihn zu sehen. Bei diesen Brüdern handelte es sich zweifellos um Söhne von Maria und Josef, die nach Jesus zur Welt gekommen waren. Die beiden hatten nach Jesu Geburt - vorher hatten sie keinen Geschlechtsverkehr gehabt ( Mt 1,25 ) - als Ehepaar zusammengelebt und noch mehrere Kinder bekommen, die demnach Halbgeschwister Jesu waren.

Als Jesus unterrichtet wurde, daß seine Blutsverwandten ihn sehen wollten ( Lk 8,20 ), leugnete er diese Verwandtschaft nicht etwa. Er stellte lediglich in positivem Sinne fest, daß seine Verbundenheit mit denen, die Gottes Wort hören und tun , genauso eng war wie die verwandtschaftlichen Beziehungen in einer Familie. Diese Aussage kann auch dahingehend verstanden werden, daß das Evangelium nicht auf ein Volk - die Juden - beschränkt ist, sondern allen gilt, die glauben - auch den Heiden. Wieder steht das Hören von Gottes Wort im Mittelpunkt; doch diesmal kommt noch die explizite Aufforderung hinzu, daß es auch in Handeln umgesetzt werden muß. Vor allem Jakobus, Jesu Halbbruder, muß sehr beeindruckt von dieser Lehre gewesen sein, denn er legt später in seinem Brief großen Wert darauf, daß man das Wort nicht nur hören soll, sondern ihm auch praktisch gehorchen muß ( Jak 1,22-23 ).


5. Jesu Wirken in einer Reihe von Wundern
( 8,22 - 56 )


Lukas hat bereits von vielen Ereignissen berichtet, die die Vollmacht Jesu bestätigten ( Lk 4,31-6,16 ). An dieser Stelle wird jedoch ein erneuter Beweis dieser Vollmacht notwendig. Jesus hatte die Menschen gelehrt, seinen Worten aufmerksam zuzuhören und sie auch in ihrem Handeln zu befolgen. Diese Lehre bekräftigte er nun auf einzigartige, messianische Art und Weise, indem er seine Macht über drei Bereiche der Schöpfung demonstrierte: über die Natur ( Lk 8,22-25 ), die Dämonen ( 26 - 39 ) und über Krankheit und Tod ( 40 - 56 ).



a. Jesu Macht über die Natur
( 8,22 - 25 ) ( Mt 8,23-27; Mk 4,35-41 )


Lk 8,22-25


Als Jesus mit seinen Jüngern über den See Genezareth fuhr , um sich in ein weniger dicht besiedeltes Gebiet zurückzuziehen, kam ein Sturm auf, so daß Wasser ins Boot schwappte und es in Gefahr geriet zu kentern. Solche plötzlichen Stürme verwandelten den See rasch in ein wütendes Meer. Da Jesus s chlief, traten die Jünger zu ihm und weckten ihn auf , denn sie hatten Angst zu ertrinken. Jesus bedrohte den Wind und tadelte sie für ihre Furchtsamkeit und ihren Kleinglauben . Er hatte ihnen ja zuvor gesagt, daß sie über den See fahren - also auch auf der anderen Seite ankommen - würden ( 22 ). Die Jünger hätten also Gelegenheit gehabt, mit Gottes Wort, das er sie gelehrt hatte ( 1 - 21 ), ernst zu machen. Auf Jesu Gebot hin beruhigte der See sich sofort (was nach einem heftigen Sturm äußerst ungewöhnlich ist). Die Jünger aber fürchteten sich und verwunderten sich (vgl. 35.37 ).



b. Jesu Macht über Dämonen
( 8,26 - 39 ) ( Mt 8,28-34; Mk 5,1-20 )


Lk 8,26


Laut Bericht des Matthäusevangeliums begegnete Jesus nach dem Erlebnis im Sturm zwei von Dämonen besessenen Männern ( Mt 8,28-34 ), im Lukasevangelium ist dagegen nur von einem Mann die Rede. Auch über den Ort des Geschehens besteht einige Unklarheit. Was ist mit der Gegend der Gerasener gemeint? Anscheinend war das Gebiet nach der kleinen Stadt Gersa (die heutigen Ruinen von Khersa) benannt, die - am Ostufer des Sees - Galiläa gegenüberliegt . Matthäus wiederum spricht von der "Gegend der Gadarener" ( Mt 8,28 ) und scheint sich auf die Stadt Gadara zu beziehen, etwa neun Kilometer südöstlich der unteren Spitze des Sees Genezareth. Vielleicht gehörte das Gebiet um Gersa zur Stadt Gadara (vgl. den Kommentar zu Mk 5,1 ).



Lk 8,27-29


Als Jesus ans Land trat, begegnete ihm ein Mann aus der Stadt, der hatte böse Geister . Die Lebensweise des Unglücklichen zeigte, daß er völlig unter der Macht der Dämonen stand. Er war von allen normalen Annehmlichkeiten des menschlichen Lebens ausgeschlossen ( 27 ) und wurde von dem bösen Geist häufig in die Wüste getrieben ( 29 ). Wie die meisten Besessenen in den Evangelien schrie auch dieser Mann laut. Auch hier erkannte der Dämon Jesus sofort und nannte ihn: Jesus, du Sohn Gottes des Allerhöchsten . Seine Bitte: Quäle mich nicht , zeigt an, daß er erkannte, daß Jesus, im Gegensatz zu den anderen Menschen, mächtiger war als er ( 28 ).



Lk 8,30-33


Auf die Frage Jesu antwortete der böse Geist, sein Name sei Legion , die lateinische Bezeichnung für eine Einheit von sechstausend römischen Soldaten. Damit wollte er wohl ausdrücken, daß eine große Zahl von Dämonen von dem Mann Besitz ergriffen hatte. Sie alle baten Jesus, sie nicht zu quälen ( Mt 8,29 fügt hinzu: "ehe es Zeit ist"), d. h. ihnen nicht zu gebieten, in den Abgrund zu fahren , in dem nach dem Glauben der Alten die Toten wohnten. Man stellte sich diesen Abgrund übrigens als einen "wässerigen" Ort vor, was die Ironie des Schlusses dieser Begegnung noch erhöht. Auf ihr eindringliches Flehen hin gestattete Jesus den Dämonen, in eine in der Nähe weidende große Herde Säue zu fahren, die daraufhin sofort den Abhang hinunter stürmte, sich in den See stürzte und ersoff. So erfüllte Jesus den bösen Geistern zwar ihre Bitte, sie nicht in den Abgrund zu stürzen, doch an einen "wässerigen" Ort kamen sie trotzdem.



Lk 8,34-37


Dieser Vorfall rief bei den Einwohnern des Landes so große Furcht (vgl. Lk 7,16;8,25 ) hervor, daß sie Jesus baten, von ihnen fortzugehen .


Lk 8,38-39


Im Gegensatz zu diesem zurückweichenden Verhalten der großen Masse verbreitete der ehemalige Besessene auf Jesu Geheiß überall die Nachricht von seiner Heilung. Das war das erste Zeugnis über Jesus in heidnischem Gebiet, von dem wir wissen.



c. Jesu Macht über Krankheit und Tod
( 8,40 - 56 ) ( Mt 9,18-26; Mk 5,21-43 )


Dieser Abschnitt ( Lk 7-8 ) beginnt mit Wundertaten Jesu an Kranken und Toten ( Lk 7,1-17 ) und schließt auch mit diesem Thema. Den Höhepunkt bilden die in Lk 8,40-56 beschriebenen Heilungen, die mit vielfältiger Symbolik Jesu Fähigkeit darstellen, andere rein zu machen, ohne dabei selbst zeremoniell unrein zu werden.



Lk 8,40-42


Jaïrus, ein Vorsteher der Synagoge , bat Jesus um das Leben seiner einzigen Tochter, die in den letzten Zügen lag . Die Tatsache, daß sogar ein Vorsteher der Synagoge zu Jesus kam, macht deutlich, daß viele Menschen Jesu Messianität allmählich erkannten. Der Vorsteher einer jüdischen Synagoge war für den Gottesdienst und für die Instandhaltung und Reinigung des Gebäudes verantwortlich. Auch Krispus ( Apg 18,8 ) und Sosthenes ( Apg 18,17 ) waren Vorsteher von Synagogen.



Lk 8,43-48


An dieser Stelle unterbricht Lukas die Geschichte von der Tochter des Jarus, um zu berichten, was auf dem Weg zu Jarus' Haus geschah. Eine Frau in der Menge hatte den Blutfluß seit zwölf Jahren . Interessant ist die zeitliche Parallele der beiden ineinander verschlungenen Geschichten: Jarus' einzige Tochter war zwölf Jahre alt, und die Krankheit der Frau dauerte ebenfalls seit zwölf Jahren an. Die Blutung machte die Frau zeremoniell unrein ( 3Mo 15,25-30 ), so daß jeder,der sie berührte, ebenfalls unrein wurde. Niemand hatte sie heilen können, doch als sie den Saum von Jesu Gewand berührte, hörte ihr Blutfluß sogleich auf . Jesu Frage: Wer hat mich berührt? bedeutet nicht, daß er nicht wußte, was geschehen war. Doch er wollte, daß die Frau sich zu erkennen gab und ihren Glauben, der sie dazu veranlaßt hatte, ihn zu berühren, offen aussprach. Sie fiel denn auch vor ihm nieder. (Das erinnert an eine andere Frau, die sich Jesus ebenfalls gläubig zu Füßen warf; Lk 7,36-50 .) Ihr Glaube - der Glaube, daß Jesus sie zeremoniell rein machen konnte, und damit der Glaube, daß er der Messias war - hatte ihr geholfen ( Lk 8,48 ). Jesus entließ sie mit denselben Worten wie kurz zuvor die Sünderin ( Lk 7,50 ): "Geh hin in Frieden."



Lk 8,49-56


Danach nimmt Lukas den Faden der Erzählung über Jaïrus wieder auf. Trotzdem er die Nachricht erhielt, daß seine Tochter bereits gestorben sei, glaubte er, daß Jesus sie auferwecken könne. Sein Glaube zeigte sich daran, daß er Jesus, den soeben noch eine unreine Frau berührt hatte, ohne Umstände gestattete, in sein Haus zu kommen.

Nachdem Jesus das Mädchen auferweckt hatte, ließ er ihr etwas zu essen geben, ein klarer Beweis, daß sie wieder ganz gesund war und nicht erst langsam genesen mußte (vgl. den ganz ähnlichen Verlauf im Fall der Schwiegermutter des Petrus; Petr 4,39). Die Eltern entsetzten sich ( exestEsan ; "außer sich vor Erstaunen"; vgl. Lk 2,47 ) zwar auch diesmal, doch sie fürchteten sich nicht. Jesu Gebot, niemandem von dem Wunder zu erzählen, ging wohl auf seinen Wunsch zurück, nicht vor seiner formalen Proklamation in Jerusalem öffentlich als der Messias verkündet zu werden.



E. Jesu Weisungen an seine Jünger
( 9,1 - 50 )


Der Bericht des Lukasevangeliums über Jesu Wirken in Galiläa schließt mit mehreren wichtigen Ereignissen, in deren Anschluß Jesus seinen Jüngern jeweils bestimmte Weisungen erteilte. Bei aller Bedeutsamkeit bilden diese Lehren jedoch noch nicht die Hauptaussage des Lukasevangeliums, sondern nur den krönenden Abschluß der Zeit in Galiläa ( Lk 4,14-9,50 ). Zugleich leiten sie über zur Reise Jesu nach Jerusalem, dem eigentlichen Höhepunkt des Buches, der nach dieser Passage beginnt.



1. Die Aussendung der Zwölf
( 9,1 - 6 ) ( Mt 10,5-15; Mk 6,7-13 )


Lk 9,1-6


Jesus sandte die Zwölf aus und gab ihnen zwei Aufträge: das Reich Gottes zu predigen und die Kranken zu heilen . Dazu gab er ihnen Gewalt ( dynamin , "die spirituelle Fähigkeit"; vgl. Lk 4,14.36;5,17;6,19;8,46 ) und Macht ( exousian , "das Recht, Macht auszuüben") über geistige und körperliche Krankheiten. Er selbst hatte soeben seine Macht über diese beiden Bereiche bewiesen ( Lk 8,26-56 ). Daß nun auch die Jünger die Macht besaßen, Menschen zu heilen, sollte die Wahrheit ihrer Verkündigung bestätigen. Die Tatsache, daß sie in seinem Namen und unter seiner Vollmacht predigten und heilten, zeigte, daß Jesus wirklich der Messias war, der das Gottesreich herbeiführen konnte. Der Glaube an die Messianität Jesu ging daher notwendigerweise mit dem Glauben an die Aussagen der Zwölf einher. Er erwies sich in bereitwilliger Gastfreundschaft gegenüber den Männern, die in Jesu Namen auftraten.

Aus diesem Zusammenhang erklären sich auch die recht seltsam klingenden Anweisungen, die Jesus den Jüngern auf den Weg gab ( Lk 9,3-5 ). Die Mission der Zwölf sollte nicht lange dauern - sie kamen schon bald zurück und erstatteten Bericht ( 10 ). Doch warum durften sie keinerlei Hilfsmittel und kein Geld mitnehmen? Die Antwort war klar: weil sie zum einen nur so kurz unterwegs waren und zum anderen an der Reaktion der Menschen prüfen sollten, ob das Volk Jesus als Messias akzeptierte oder nicht. Die, die der Botschaft und den Heilungen der Apostel glaubten, würden sich glücklich schätzen, das Ihre mit ihnen zu teilen. Wer aber nicht glaubte, würde dem Gericht verfallen ( 5 ). Wenn eine Stadt die Botschaft der Zwölf ablehnte, sollten sie den Staub von ihren Füßen schütteln , eine Geste der Juden, mit der sie, wenn sie aus heidnischem Gebiet nach Hause zurückkehrten, deutlich machten, daß sie nichts mit Heiden zu schaffen hatten. Die Zwölf brachten auf diese Weise also zum Ausdruck, daß die Juden, die nicht hörten und nicht glaubten, sich letztlich wie Heiden verhielten. Mit der Aussendung der Zwölf gab Jesus der ganzen Region die Möglichkeit, seine Botschaft zu hören und zu glauben. Lukas berichtet, daß die Jünger an alle Orte gingen, womit wahrscheinlich ganz Galiläa und nicht ganz Israel gemeint ist.



2. Herodes' Frage nach Jesus
( 9,7 - 9 ) ( Mt 14,1-2; Mk 6,14-29 )


Lk 9,7-9


Die Zwölf erregten großes Aufsehen in den Dörfern und Städten. Auch Herodes , der Tetrarch von Galiläa (vgl. Lk 3,1 ), hörte von ihren Taten, konnte sich jedoch keinen Reim auf die verschiedenen Gerüchte um die Person Jesu machen. Offensichtlich glaubte er nicht an die Auferstehung und war daher sicher, daß Jesus nicht Johannes der Täufer sein konnte, den er selbst hatte enthaupten lassen. Einige sagten aber auch, er sei Elia oder ein anderer alttestamentlicher Prophet, der von den Toten auferstanden sei . Lukas geht es hier wohl in erster Linie darum, deutlich zu machen, daß das ganze Volk, sogar der Landesfürst, über Jesus und die Zwölf sprach.



3. Die Speisung der Fünftausend
( 9,10 - 17 ) ( Mt 14,13-21; Mk 6,30-44; Joh 6,1-14 )


Die Speisung der Fünftausend ist das einzige Wunder Jesu, von dem alle vier Evangelien berichten. In vieler Hinsicht ist es der Höhepunkt seiner Wundertaten. Auch dieses Zeichen zielte darauf ab, Glauben in seinen Jüngern zu wecken.



Lk 9,10-11


Wie schon in Lk 6,13 werden die Jünger auch an dieser Stelle als Apostel ( apostoloi ) bezeichnet. Wahrscheinlich kamen sie zu Jesus nach Kapernaum zurück, und er nahm sie von dort mit nach Betsaida, über den Jordan an die Nordostseite des Sees Genezareth. (Manche Forscher sind allerdings auch der Ansicht, daß Betsaida südlich von Kapernaum liegt und heute Tabgha heißt.) Wie gewöhnlich zog ihm eine große Menge nach , der Jesus die Botschaft vom Reich Gottes verkündigte. Er hatte die Zwölf ausgesandt zu predigen, und er selbst machte weiterhin gesund, die der Heilung bedurften . Das folgende Wunder war der stärkste Beweis dafür, daß Jesus tatsächlich der Messias war und für sein Volk sorgen konnte. Herodes hatte die Frage gestellt, wer Jesus sei ( Lk 9,7-9 ). Später, nach der Speisung der Fünftausend ( 10 - 17 ), stellte Jesus den Jüngern dieselbe Frage ( 18 - 20 ).



Lk 9,12-17


Die Menge, die sich versammelt hatte, stammte anscheinend nicht aus der Gegend, denn die Jünger wollten, daß Jesus die Menschen gehen lasse, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden . Das wäre nicht nötig gewesen, wenn sie in der Nähe gewohnt hätten und einfach hätten heimgehen können. Jesu Aufforderung an seine Männer, den Leuten selbst zu essen zu geben , machte ihnen im selben Augenblick auch klar, daß es nach menschlichem Ermessen völlig ausgeschlossen war, diesem Ansinnen nachzukommen. Die Jünger erwiderten denn auch sogleich, daß sie in diesem Fall erst etwas kaufen müßten, weil sie nur noch fünf Brote und zwei Fische hatten - mit Sicherheit nicht genug für so viele Menschen. Bei den fünftausend Mann ( andres , "Männer") handelte es sich zweifellos um eine geschätzte Zahl, bei der die ebenfalls anwesenden Frauenund Kinder nicht mitgerechnet wurden ( Mt 14,21 ). Insgesamt waren es also wohl über zehntausend Menschen.

Nachdem er sie in Gruppen zu je fünfzig hatte niedersitzen lassen, um die Verteilung zu erleichtern, dankte Jesus Gott dem Vater und teilte die vorhandenen Vorräte aus, d. h. er reichte den Jüngern von dem Brot und Fisch, und sie gaben es weiter. Nachdem alle gegessen hatten, wurden noch zwölf Körbe voll übriggebliebener Brocken gesammelt - es blieb also wohl für jeden Jünger ein Korb, an dessen Inhalt auch er sich noch sattessen konnte. Das an dieser Stelle verwendete Wort für Körbe ( kophinoi ) stammt aus dem jüdischen Wirtschaftsleben (bei den sieben Körben, die nach der Speisung der Viertausend übrigblieben [ Mk 8,8 ], handelte es sich um andere, größere Körbe). Durch diesen Akt der Fürsorge hatte Jesus bewiesen, daß er in der Lage war, für das Volk Israel zu sorgen und ihm Wohlergehen zu schenken, wenn es nur an ihn glaubte. Das Speisungswunder erinnerte in seiner Art an das Zeichen Elisas, der nach dem Wort des Herrn mit nur zwanzig Gerstenbroten und ein wenig Getreide hundert Mann satt machte und noch etwas übrig behielt ( 2Kö 4,42-44 ).



4. Jesu Identität und sein Auftrag
( 9,18 - 27 ) ( Mt 16,13-28; Mk 8,27-9,1 )


Zum ersten Mal sprach Jesus nun zu den Jüngern über die Vollendung seines Auftrages - seinen Tod.



Lk 9,18-21


In diesem Gespräch, das, wie Markus schreibt, auf dem Weg nach Norden, nach Cäsarea Philippi ( Mk 8,27 ), stattfand, stellte Jesus den Jüngern die Frage, für wen ihn die Leute hielten (vgl. Lk 9,7-9 ). Er war dabei besonders daran interessiert, was die Jünger selbst dachten. Petrus machte sich zum Sprecher der Zwölf und antwortete für alle: "Du bist der Christus (d. h. der Messias) Gottes." Obwohl seit dem Speisungswunder wohl bereits einige Zeit verstrichen war, scheint Lukas hier andeuten zu wollen, daß es dieses Wunder war, das den Jüngern vollends die Augen geöffnet hatte. Doch Jesus wollte nicht, daß seine Identität bereits jetzt allgemein bekannt wurde (V. 21 ), denn die Zeit dafür war noch nicht gekommen. Seine öffentliche Proklamation sollte ja erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, und über das, was dann kommen sollte, sprach er nun zu den Jüngern.



Lk 9,22-27


Das Thema des folgenden Abschnitts ist der Tod - der Tod Jesu und derer, die ihm nachfolgten. Jesus offenbarte seinen Jüngern, daß die jüdischen Religionsführer eine Hauptrolle bei seinem Tod spielen sollten (V. 22 ). Er sprach an dieser Stelle zum ersten Mal auch von seiner Auferstehung (V. 22 ). Dann bereitete er sie darauf vor, daß auch sie sterben mußten und lehrte sie, sich im Tod und im Leben ebenso zu verhalten wie er. Sie sollten sich selbst verleugnen , d. h. nicht an ihr eigenes Wohl denken, und ihr Kreuz täglich auf sich nehmen , d. h. sich zu Jesus, für den sie litten, bekennen (vgl. den Kommentar zu Lk 14,27 ). Sie sollten ihm nachfolgen bis in den Tod.

Die Worte, die Jesus hier sprach, müssen in ihrem historischen Kontext gesehen werden. Nicht lange zuvor waren die Jünger unterwegs gewesen, um den Messias und das Reich Gottes zu verkündigen. Zweifellos hatten sie in den Augen vieler Menschen damit ihr Leben weggeworfen, denn sie hatten ihren Beruf und damit ihr Einkommen und alles, was sie besaßen, aufgegeben. Außerdem waren sie ständig in Gefahr, weil die religiösen Machthaber sie genauso wie Jesus verfolgten und ihnen nach dem Leben trachteten. Doch Jesus versicherte ihnen, daß sie die richtige Entscheidung getroffen hatten ( Lk 9,24-25 ). Die Menschen waren aufgefordert, im Glauben auf seine Botschaft vom Gottesreich zu antworten und sie anzunehmen (V. 24 ). Wer das nicht tat, würde verworfen werden (V. 25 ). Denn wer sich Jesu und seiner Worte schämt (d. h. wer sich nicht zu ihm bekennt oder ihm bzw. seiner Botschaft nicht glaubt), dessen wird sich der Menschensohn auch schämen in der Zukunft. Es war also lebenswichtig für die Menschen der damaligen Generation, Partei für Jesus und seine Jünger zu ergreifen, denn nur so konnten sie dem künftigen Gericht entgehen. Dieses Gericht wird stattfinden, wenn der Messias kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen Engel (vgl. 2Thes 1,7-10 ).

Jesus fügte noch hinzu: "Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes sehen." Dieser Satz wurde im Laufe der Jahrhunderte auf die verschiedenste Weise gedeutet. Die vier häufigsten Erklärungsversuche lauten: (1) Jesus bezog sich damit auf den Beginn der christlichen Mission an Pfingsten. Diesen Tag erlebten sicherlich die meisten Apostel noch mit, denn damals war nur Judas gestorben. Wenn man allerdings Pfingsten mit dem Beginn des Gottesreiches gleichsetzt, begibt man sich in Widerspruch zu vielen alttestamentlichen Aussagen über das Gottesreich. (2) Jesus sprach von der Zerstörung Jerusalems. Es ist jedoch schwer einzusehen, inwiefern dieses Ereignis mit dem Gottesreich in Zusammenhang stehen soll. (3) Jesus wollte mit seinen Worten sagen, daß die Jünger nicht mit ihm sterben, sondern nach seinem Tod das Evangelium weiter verkünden würden. Auch das ist jedoch auf dem Hintergrund des Alten Testaments, mit dem die Jünger ja vertraut waren, schwer mit dem Gottesreich in Verbindung zu bringen. (4) Jesus sprach von den drei Aposteln, die ihn auf den Berg begleiten und Zeugen seiner Verklärung, eines Vorgeschmacks der Herrlichkeit des Gottesreiches, sein würden. Diese These scheint am plausibelsten. Sie läßt sich zumindest vom Kontext des Lukasevangeliums her vertreten, denn der Evangelist stellt diese Aussage Jesu ( Lk 9,27 ) dem Bericht über die Verklärung (V. 28 - 36 ) unmittelbar voran.



5. Die Verklärung Jesu vor den drei Jüngern
( 9,28 - 36 ) ( Mt 17,1-8; Mk 9,2-8 )


Lk 9,28-31


Etwa acht Tage nach diesen Reden nahm (Jesus) Petrus, Johannes und Jakobus und ging auf einen Berg, um zu beten . Nach Markus fand dieses Ereignis sechs Tage später statt ( Mk 9,2 ). Dieser Widerspruch läßt sich leicht auflösen, wenn man davon ausgeht, daß Markus nur die vollen, zwischen dieser Rede und der Verklärung liegenden Tage zählt, und Lukas den Tag, an dem Jesus lehrte sowie den Tag, an dem die Verklärung stattfand, mitrechnet. Der Ort der Verklärung war wahrscheinlich das Hermongebirge bei Cäsarea Philippi (vgl. Mk 8,27 ); manche Forscher halten auch den Tabor für möglich. Bei der Verklärung geschahen drei Dinge:

1. Das Aussehen seines Angesichts (wurde) anders, und sein Gewand wurde weiß und glänzte . Das erinnerte die drei anwesenden Jünger sicherlich sogleich an Moses leuchtendes Gesicht, als er vom Sinai, wo er die Gesetzestafeln empfangen hatte, herabkam ( 2Mo 34,29-35 ).

2. Mose und Elia erschienen und redeten mit Jesus. Die Leichen von Mose und Elia wurden nie gefunden. Daher waren die Juden überzeugt, daß Gott selbst Mose begraben hatte ( 5Mo 34,5-6 ), und daß Elia nicht gestorben, sondern in den Himmel entrückt worden war ( 2Kö 2,11-12.15-18 ). Die beiden Männer symbolisierten gleichsam den Anfang und das Ende Israels: Mose, der Gesetzesgeber, hatte das Volk gegründet, und Elia würde, nach den Worten des Propheten Maleachi, vor dem großen und schrecklichen Tag des Herrn zurückkehren ( Mal 3,23-24 ).

3. Mose und Elia redeten von seinem Ende ( exodon , "heraus- oder weggehen"), das er in Jerusalem erfüllen sollte . Das "Ende" bezog sich auf Jesu Verlassen der Welt, das zugleich die Rettung der Welt bringen würde - so wie Jahwe Israel im Exodus (dem Weggang) aus Ägypten befreit hatte. Dieses Ende sollte in Jerusalem erfüllt werden. Deshalb wies Jesus die Jünger von nun an immer wieder darauf hin, daß er nach Jerusalem gehen müsse ( Lk 9,51.53;13,33;17,11;18,31 ), und wollte nicht, daß sich seine Wunder schon jetzt herumsprachen, denn die eigentliche Erfüllung mußte in Jerusalem geschehen, wie auch Elia und Mose bestätigt hatten.



Lk 9,32-33


Bei Jesu Verklärung waren drei Jünger zugegen, eine Zahl, die an die drei Begleiter Moses erinnert - Aaron, Nadab und Abihu -, die ebenfalls Gott sahen ( 2Mo 24,9-11 ). Petrus , Jakobus und Johannes waren anfangs sehr müde und schliefen ein. (Auch später, als Jesus in Todesangst in Gethsemane betete [ Lk 22,45 ], übermannte die Jünger der Schlaf.) Doch als sie aufwachten, waren sie überwältigt von der Herrlichkeit, die sich ihnen darbot. Sie begriffen, daß sie Zeugen einer Szene waren, die im Gottesreich stattfand, was Petrus auf die Idee brachte, an diesem Ort drei Hütten zu bauen. Vielleicht dachte er dabei an das Laubhüttenfest, ein Erntefest, das lange Zeit mit dem Kommen des Gottesreiches assoziiert wurde (vgl. Sach 14,16-21 ), oder er hielt das Gottesreich für bereits gekommen.

Lukas fügt hier noch an, daß Petrus nicht wußte, was er redete . Das soll nicht heißen, daß er nicht verstand, was vorging - das hatte er ganz richtig erkannt. Sein Fehler bestand darin, daß er darüber Jesu Leidensankündigung vergaß ( Lk 9,22 ).



Lk 9,34-36


Während Petrus noch redete, kam eine Wolke und überschattete sie . Rein grammatikalisch gesehen kann sich das Wort "sie" auf die drei Jünger, auf alle sechs Anwesenden (Jesus, Mose, Elia und die drei Jünger) oder, was am wahrscheinlichsten ist, nur auf Jesus und die beiden Besucher aus dem Himmel beziehen. In diesem Fall waren die Jünger diejenigen, die erschraken. Die Wolke war auch im Alten Testament häufig ein Symbol für die Anwesenheit Gottes ( 2Mo 13,21-22; 40,38 ). Vielleicht dachten die Jünger, Jesus werde nun von ihnen genommen und sie würden ihn nie wiedersehen.

Wie bei Jesu Taufe ( Lk 3,22 ) sprach auch hier eine Stimme aus der Wolke: "Dies ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören!" Wer mit dem Alten Testament vertraut war - was auf die Jünger zweifellos zutraf -, erkannte in den Worten "den sollt ihr hören" sofort den Hinweis auf 5Mo 18,15 ,wo von einem Propheten die Rede ist, der größer sein würde als Mose und auf den die Menschen hören (d. h. dem sie gehorchen) sollten.

Ganz plötzlich fanden die Jünger Jesus dann wieder allein. Zu diesem Zeitpunkt erzählten sie noch niemandem, was sie gesehen hatten. Das, was sie erlebt hatten, war die Erfüllung von Jesu Vorhersage in Lk 9,27 . Drei seiner Jünger wurden so Zeugen einer Manifestation des Gottesreiches, bevor sie starben (vgl. 2Pet 1,16-19 ).



6. Die Heilung eines epileptischen Kindes
( 9,37 - 43 ) ( Mt 17,14-18; Mk 9,14-27 )


Lk 9,37-43


Die Verklärung geschah wahrscheinlich bei Nacht, denn Lukas schreibt, daß die vier am nächsten Tag von dem Berg kamen und einer großen Menge begegneten. Ein Mann bat Jesus, nach seinem von einem bösen Geist besessenen Sohn zu sehen, dem die Jünger (die übrigen neun) nicht hatten helfen können. Nur Jesus war offensichtlich in der Lage, dem Jungen zu helfen - wie er auch der Einzige ist, der die Welt retten kann. Ohne ihn waren die Jünger machtlos. Als der Junge geheilt war, entsetzten sich ( exeplEssonto , "waren außer sich"; vgl. Lk 2,48;4,32 ) alle über die Herrlichkeit Gottes .


7. Jesu zweite Ankündigung seines Todes
( 9,44 - 45 ) ( Mt 17,22-23; Mk 9,30-32 )


Lk 9,44-45


Inmitten der entsetzten Menge sagte Jesus den Jüngern zum zweiten Mal, daß er sterben werde: "Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen." Aber dieses Wort verstanden sie nicht, und es war vor ihnen verborgen. Anscheinend konnten sie noch immer nicht begreifen, daß auf Jesus, der doch so mächtig war, ein so erniedrigender Tod warten sollte. Außerdem konnten sie sich angesichts der Reaktion der Menge auf seine Wunder nicht vorstellen, daß das Volk sich eines Tages gegen ihn wenden und ihn töten würde.



8. Die wahre Größe
( 9,46 - 50 ) ( Mt 18,1-5; Mk 9,33-40 )


Lk 9,46-50


Mit Jesu mahnenden Worten in bezug auf die Einstellung der Jünger zur Größe, d. h. zu Macht und Ehre, schließt dieser Abschnitt ( Lk 9,1-50 ). Jesus war ihnen als der Messias offenbart worden, der das Gottesreich bringen würde - eine Hoffnung, die sie vielleicht dazu verleitete, sich Gedanken über ihre eigene Stellung in diesem Reich zu machen und darin untereinander zu konkurrieren. Jesus hielt diesem Rangstreit entgegen: "Wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß." Er selbst war das beste Beispiel für diese Haltung - er war bereit, für die Menschen ans Kreuz zu gehen.

Zu dieser Erörterung über die wahre Größe paßt auch der Versuch des Jüngers Johannes, einem, der, wie er sagte, "keiner von ihnen war", zu verbieten, in Jesu Namen böse Geister auszutreiben . Wahrscheinlich empfand er die Tatsache, daß andere, die nicht zum engsten Kreis der Jünger gehörten, erfolgreich Dämonen austrieben, als Demütigung. Doch Jesu Antwort: Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch , legte die Annahme nahe, daß die Zwölf sich nicht als Gottes ausschl ießliche Vertreter verstehen durften. Sie sollten sich vielmehr freuen, daß Gottes Macht auf Erden sich auch in anderen manifestierte: Damit würden sie zeigen, daß es ihnen wirklich darum ging, dem Messias zu dienen, und nicht um ihren Status.



V. Jesu Reise nach Jerusalem
( 9,51 - 19,27 )


Der folgende, sehr lange Abschnitt des Lukasevangeliums besteht aus zwei Teilen: (1) Die Verwerfung Jesu durch die meisten Menschen auf seinem Weg nach Jerusalem ( Lk 9,51- Lk 11,54 ) und (2) Jesu Weisungen an seine Anhänger angesichts dieser Verwerfung ( Lk 12,1-19,27 ).

Während in den vorhergehenden Passagen ( Lk 4,14-9,50 ) die Bestätigung der Messianität Jesu durch die Wunder, die er in Galiläa tat, im Mittelpunkt stand, geht es nun um etwas ganz anderes, nämlich um die Nachfolge. Der größte Teil des jüdischen Volkes hatte Jesus nicht als den Messias angenommen. Deshalb begann er nun bewußt, seine Jünger auf ein Leben in Verfolgung und Ablehnung von seiten der Umwelt vorzubereiten.

A. Die Verwerfung Jesu durch die meisten Menschen auf dem Weg nach Jerusalem
( 9,51 - 11,54 )


Der Abschnitt beginnt mit der Zurückweisung, die Jesus und seine Jünger in einem samaritanischen Dorf erfuhren ( Lk 9,51-56 ). Daß die Samariter ihn ablehnen würden, war eigentlich zu erwarten gewesen, doch ihre Reaktion war nur ein Vorgeschmack auf das, was noch folgen sollte. Ihren ersten Höhepunkt erreichte die Stimmung gegen Jesus, als man ihm vorwarf, seine Macht stamme vom Satan ( Lk 11,14-15 ).

1. Jesus und die Samariter
( 9,51 - 10,37 )


a. Die Abweisung Jesu in einer samaritischen Stadt
( 9,51 - 56 )


Lk 9,51-56


Unmittelbar nach der Verklärung ( Lk 9,28-36 ), in der Mose und Elia mit dem Herrn über sein Ende in Jerusalem sprachen, wandte Jesus sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern . Er zog zwar sicherlich mehrmals in seinem Leben nach Jerusalem, doch Lukas faßt alle diese Reisen hier zu einer einzigen zusammen, um deutlich zu machen, daß Jesu eigentlicher Auftrag darin bestand, nach Jerusalem zu gehen, sich dort als Messias zu offenbaren und hinrichten zu lassen. Auf dem Weg dorthin sandte er Boten vor sich her , doch die Samariter nahmen ihn nicht auf, weil er sein Angesicht gewandt hatte, nach Jerusalem zu wandern . Zwischen Juden und Samaritern bestand eine jahrhundertealte Feindschaft, daher baten wohl auch die Jünger, allen voran Jakobus und Johannes, den Herrn nach diesem Empfang, Feuer vom Himmel fallen und sie verzehren zu lassen . Sie dachten dabei zweifellos an Elia ( 2Kö 1,9-12 ), der Soldaten des Königs, die sich Gottes Werk in den Weg stellten, durch Feuer vom Himmel vernichten ließ. Doch Jesus forderte die aufgebrachten Jünger zur Toleranz auf. Das soll nun nicht heißen, daß die Haltung der Samariter richtig war - auch sie würden dafür bestraft werden, daß sie den Messias zurückgestoßen hatten. Doch im Moment stand Wichtigeres auf dem Spiel, deshalb galt es vor allem, Jerusalem zu erreichen.



b. Vom Ernst der Nachfolge
( 9,57 - 62 ) ( Mt 8,19-22 )


Als nächstes führt Lukas drei Personen ein, die sich Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem anschließen wollten.



Lk 9,57-58


Als sie auf dem Wege waren, sprach ein Mann sie an und wollte Jesus folgen, wohin er ging . Jesus antwortete ihm, daß er, wenn er ihm nachfolgen wolle, alles aufgeben müsse, was andere für unerläßlich hielten. Weder er selbst noch seine Jünger besaßen ein Zuhause; sie waren auf dem Weg nach Jerusalem, wo Jesus umgebracht werden sollte.



Lk 9,59-60


Dann berief Jesus einen anderen Mann mit denselben Worten, mit denen er auch seine Jünger berufen hatte ( Lk 5,27 ). Dessen Antwort, daß er zuvor noch seinen Vater begraben wolle, ist sehr unterschiedlich gedeutet worden. Manche Exegeten sind der Ansicht, daß der Vater des Mannes bereits tot war, was jedoch eher unwahrscheinlich klingt, weil in diesem Fall die Begräbnisfeierlichkeiten bereits im Gange gewesen wären. Wahrscheinlicher ist, daß sein Vater im Sterben lag und er Jesus bat, noch ein wenig zu warten. Vielleicht dachte er dabei auch an sein Erbe. Mit seiner Entgegnung: Laß die Toten ihre Toten begraben , überließ Jesus die physisch Toten den geistlich Toten. Die Verkündigung des Reiches Gottes war so wichtig, daß sie keinerlei Aufschub duldete. Wenn der Mann tatsächlich alles hätte liegen und stehen lassen und Jesus gefolgt wäre, wäre das natürlich ein öffentlicher Skandal gewesen; doch auch das darf niemanden von der Verkündigung des Gottesreiches und der Aufgabe, dem Messias zu folgen, abhalten. Ein Jünger muß sein Leben radikal in den Dienst Jesu stellen.



Lk 9,61-62


Der dritte Mann wollte, bevor er mit Jesus mitkam, nur noch nach Hause gehen und von seiner Familie Abschied nehmen . Auch Elia hatte Elisa das gestattet, als er ihn vom Feld holte ( 1Kö 19,19-20 ). Doch abermals hob Jesus hervor, daß seine Botschaft des Gottesreiches wichtiger war als alles andere - auch wichtiger als die Familie. Die Botschaft und der Messias konnten nicht warten. Was Jesus zu sagen und zu tun hatte, war dringender als die Botschaft Elias und erforderte den ganzen Menschen; daher durften Jesu Knechte ihre Aufmerksamkeit nicht teilen, wie ein Bauer es tut, wenn er beim Pflügen zurücksieht . Da Jesus bereits auf dem Weg nach Jerusalem war, mußte der Mann sofort wählen, welchen Weg er gehen wollte. Interessanterweise berichtet Lukas in keinem der drei Fälle, wie sich die Männer entschieden.



c. Die Aussendung der Zweiundsiebzig
( Lk 10,1-24 )


Die Anweisungen in diesem Abschnitt ähneln denen, die die Jünger in Lk 9,1-6 erhielten. Auf dem Weg nach Jerusalem sandte Jesus Boten in alle Städte voraus, um den Menschen Gelegenheit zu geben, seine Botschaft zu hören und sie anzunehmen. Nur Lukas berichtet von dieser Episode.

(1) Die Einsetzung der Zweiundsiebzig ( Lk 10,1-16 )



Lk 10,1-12


Jesus sandte auf seinem Weg zweiundsiebzig Männer aus, die ihm den Weg bereiten, d. h. den umliegenden Städten sein Kommen melden sollten. In manchen griechischen Handschriften wird die Zahl der Ausgesandten auch mit "siebzig" statt mit "zweiundsiebzig" angegeben. Beide Lesarten sind gleich gut bezeugt. Auf jeden Fall gehörten die Zwölf nicht zu dieser Gruppe. Sie blieben offensichtlich bei Jesus. In seiner Aufforderung: Bittet den Herrn, daß er Arbeiter aussende, rechnete Jesus auch die Bittenden selbst zu den Arbeitern (V. 2 ). Ihr Auftrag war nicht ungefährlich (V. 3 ), deshalb war Eile geboten (V. 4 ). Was ihre Bedürfnisse anging, so sollten sie sich auf die Gastfreundschaft der Menschen verlassen, die ihre Botschaft annahmen (V. 7 ). Für die Städte, die glaubten, lautete diese Botschaft: "Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen." Der Messias war gekommen und konnte das Gottesreich heraufführen. Doch auch die anderen Städte, die nichts von Jesus und seinen Boten wissen wollten, sollten die Nachricht erhalten, daß das Gottesreich nahe war . (Zur Bedeutung des Staubabschüttelns von den Füßen vgl. den Kommentar zu Lk 9,5 .)



Lk 10,13-16


Jesus warnte die Städte davor, die Zweiundsiebzig abzuweisen, denn das war gleichbedeutend damit, ihn selbst und den Vater zurückzuweisen (V. 16 ). Zwei Städte nannte er sogar mit Namen - Chorazin und Betsaida -, beide am nördlichen Ufer des Sees Genezareth gelegen, wo er seine ersten Wunder vollbracht hatte. Auch seine zweite Heimatstadt Kapernaum , wo er ebenfalls Wunder getan hatte, führte er namentlich an. Seine Aussage ließ keinen Zweifel: Diese Städte (die zweifellos für viele andere standen) sollten wegen ihres Unglaubens wesentlich härter bestraft werden als manche heidnischen Städte wie z. B. Tyrus und Sidon (vgl. Sodom, V. 12 ), in denen Jesus nicht gepredigt und keine Wunder vollbracht hatte.


Lk 10,17-20


(2) Die Rückkehr der Zweiundsiebzig ( Lk 10,17-20 )

Als die Boten zurückkamen, waren sie voll Freude, daß auch die bösen Geister sich ihnen in Jesu Namen hatten unterwerfen müssen. Jesus antwortete ihnen: "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz." Damit meinte er nicht, daß der Teufel in ebendiesem Moment aus dem Himmel herabgestürzt wurde, sondern daß seine Macht gebrochen war. Die Wunder, die die ausgesandten Jünger hatten tun können, waren möglich, weil Jesus selbst zuvor den Satan besiegt hatte. Die Macht, die Jesus ihnen gegeben hatte, und die Verheißung, daß ihnen nichts schaden könnte, auch nicht Schlangen und Skorpione , galten allerdings nur für diesen besonderen Auftrag. Jesus ermahnte sie aber auch, sich nicht darüber zu freuen, daß sie in seinem Namen Dämonen austreiben konnten, sondern darüber, daß ihre Namen im Himmel geschrieben waren. Die persönliche Beziehung eines Glaubenden zu Gott ist es, die ihm Grund zur Freude gibt.



Lk 10,21-24


(3) Jesu Freude im Geist ( Lk 10,21-24; Mt 11,25-27 )

Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist (vgl. die Freude der Zweiundsiebzig, V. 20 ). Lukas spricht häufig vom Wirken des Heiligen Geistes in Jesu Leben. Alle drei Personen der Gottheit treten hier ganz klar zutage. Jesus der Sohn tat den Willen des Vaters in der Macht des Heiligen Geistes. Jede der drei Personen hat eine bestimmte Funktion (V. 21 - 22 ).

Die Menschen, die Jesus folgten, gehörten keineswegs zu den hervorragendsten Persönlichkeiten des jüdischen Volkes; niemand wäre darauf verfallen, sie zu den Weisen und Klugen zu rechnen. Im Gegenteil, um in das Gottesreich einzugehen, waren sie wie Unmündige geworden, aber gerade so erkannten sie den Sohn und den Vater. Die Jünger lebten in einer Zeit, die zu sehen sich viele alttestamentliche Propheten und Könige ihr Leben lang gesehnt hatten - sie erlebten die Zeit des Messias.

 

d. Das Gebot der Nächstenliebe
( 10,25 - 37 )


Lk 10,25-37


Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist vielleicht das bekannteste Gleichnis des Lukasevangeliums. Es muß auf zwei Ebenen gedeutet werden. Die erste Interpretationsebene besagt, daß man Menschen, die in Not sind, helfen muß, wie es der Samariter tat (V. 37 ). Wer seinen Nächsten liebt, wird auch erkennen, wenn er in Not ist, und ihm beistehen. Im Zusammenhang mit dem Thema der Verwerfung Jesu, um das es im größeren Kontext dieser Stelle geht, wird jedoch noch eine zweite Schicht des Gleichnisses wichtig: Die geistliche Obrigkeit Israels, die Priester, gingen achtlos an dem Mann, der unter die Räuber gefallen war, vorüber. Nur ein Samariter, ein Ausgestoßener, blieb stehen und half ihm. Jesus war wie dieser Samariter. Er war der Ausgestoßene, der die suchte und rettete, die in Gefahr waren. Damit stellte er sich in direkte Opposition zum religiösen Establishment - ein Thema, das an Jesu Worte an die Pharisäer erinnert ( Lk 7,44-50 ). Von nun an zeigte sich immer stärker, daß Jesus zu denen gekommen war, die ihn brauchten.

Ein Schriftgelehrter hatte Jesus gefragt: "Meister ( didaskale , das Synonym für das griechische "Rabbi") , was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?" - eine Frage, die in den Evangelien des öfteren gestellt wird ( Mt 19,16-22; Lk 18,18-23; Joh 3,1-21 ). Hier war sie jedoch nicht aufrichtig gemeint, denn Lukas schreibt, daß der Schriftgelehrte Jesus versuchte und daß er sich, nachdem Jesus ihm geantwortet hatte, rechtfertigen wollte ( Lk 10,29 ).

Jesus antwortete mit zwei Gegenfragen (V. 26 ), in denen er auf das Gesetz des Alten Testaments Bezug nahm. Der Schriftgelehrte antwortete ganz richtig mit einem Zitat aus 5Mo 6,5 und 3Mo 19,18 : Wer Gott und seinen Nächsten liebt , hält das Gesetz. Jesus gab dem Mann recht und sagte ihm, daß er leben werde , wenn er sich an diese Worte halte und sie in die Tat umsetze.

Nun hätte der Mann antworten müssen: "Wie kann ich das tun? Ich schaffe es nicht allein, ich brauche Hilfe." Statt dessen versuchte er, "sich selbst zu rechtfertigen", d. h. sich gegen die Implikationen von Jesu Worten zu verteidigen und mit der Frage: Wer ist denn mein Nächster? von sich selbst abzulenken.

Auf diese Frage hin erzählte Jesus ihm das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Die Straße von Jerusalem nach Jericho fiel auf einer Strecke von etwa fünfundzwanzig Kilometern fast neunhundert Meter ab. Sie war sehr gefährlich, denn der steile, gewundene Weg bot gute Schlupfwinkel für Räuber . Ein Mann war das Opfer eines Raubüberfalls geworden und lag hilflos am Straßenrand. Ein Priester, von dem man doch hätte erwarten dürfen, daß er Nächstenliebe zeigte, ging einfach an dem Verwundeten, der wahrscheinlich Jude war wie er, vorüber und zog seiner Wege.

Dasselbe spielte sich ab, als ein Levit vorbeikam. Die Leviten waren die Nachkommen Levis - nicht Aarons; sie assistierten den Priestern (den Nachkommen Aarons) im Tempel.

Die Samariter waren bei den Juden verachtet, weil ihre Vorfahren Mischehen mit Heiden eingegangen waren. Daß nun ausgerechnet ein Samariter dem halbtoten Mann half, seine Wunden verband, ihn in eine Herberge brachte und dort für ihn bezahlte, war blanker Hohn. Auf die Frage: Wer ist der Nächste gewesen? ( Lk 10,36 ) lehrte Jesus also, daß immer derjenige mein Nächster ist und mich als seinen Nächsten erfahren soll, der in Not ist. Der Nächste schlechthin war Jesus selbst, dessen Mitleid in schroffem Gegensatz zum Verhalten der jüdischen Religionsführer stand, die kein Erbarmen mit der Not der Menschen hatten. Jesus schloß seine Lehre mit dem Gebot an die, die ihm nachfolgten, sich ein Beispiel an diesem Samariter zu nehmen (V. 37 ).



2. Das Hören des Wortes als Zentrum des Lebens
( 10,38 - 42 )


Lk 10,38-42


Die Kernaussage dieses Abschnitts lautet nicht, daß man sich nicht mehr um die alltäglichen Dinge des Lebens zu kümmern braucht, sondern daß man in erster Linie auf Jesu Wort hören und ihm gehorchen soll. Das Dorf, in dem Marta und Maria Jesus aufnahmen, war Betanien ( Joh 11,1-12,8 ), nur wenige Kilometer östlich von Jerusalem gelegen. Dort verbrachte Jesus auch seine letzte Lebenswoche. Die beiden Schwestern waren sehr verschieden: Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu, während Marta sich viel zu schaffen machte, ihm zu dienen. Die Wendung eins aber ist not ( Lk 10,42 ) bezog sich auf das Hören des Wortes, auf das sich Maria konzentriert hatte (vgl. auch Lk 8,1 - 21 ).



3. Das Vaterunser
( 11,1 - 13 )


Lk 11,1


Im Lukasevangelium betete Jesus in jedem entscheidenden Moment seines Lebens, so z. B. bei seiner Taufe ( Lk 3,21 ) und bei der Berufung seiner Jünger ( Lk 6,12 ). Meistens, aber nicht immer, zog er sich dazu zurück ( Lk 5,16; Lk 9,18 ), aber er betete auch, wenn andere anwesend waren ( Lk 9,28-29 ). Er betete für Simon ( Lk 22,32 ), und er betete im Garten Gethsemane, bevor er verraten wurde ( Lk 22,40-44 ). Er betete sogar am Kreuz ( Lk 23,46 ). Einer seiner Jünger , der davon beeindruckt war, welche wichtige Rolle das Gebet in Jesu Leben spielte, bat ihn, auch sie beten zu lehren .

a. Das Gebet des Herrn
( 11,2 - 4 ) ( Mt 6,9-15 )


Lk 11,2-4


Dieses "Modellgebet" Jesu beginnt mit der vertrauten direkten Anrede: Vater - so nannte Jesus Gott, wenn er betete (vgl. Lk 10,21 ). Dann folgen fünf Bitten. Die beiden ersten handeln von Gott. Dein Name werde geheiligt ( hagiasthEtO , von hagiazO , "weihen, heiligen", oder, wie hier, "als heilig behandeln") bedeutet, daß die Menschen Gott die Ehre geben sollen.

Die zweite Bitte lautet: "Dein Reich komme." Johannes der Täufer, Jesus, die Zwölf und die Zweiundsiebzig hatten das Kommen des Gottesreiches gepredigt. Wer aber um das Kommen des Reiches bittet, identifiziert sich mit der Botschaft Jesu und seiner Jünger.

An dritter Stelle steht die Bitte um das tägliche Brot - als Symbol für die Nahrung im allgemeinen. Hier geht es also um die Erhaltung des Lebens.

Die vierte Bitte betrifft die Beziehung des Menschen zu Gott - die Vergebung der Sünden. Lukas hatte die Sündenvergebung bereits früher mit dem Glauben in Zusammenhang gebracht ( Lk 7,36-50 ). Mit der Bitte um Vergebung der Sünden gibt ein Mensch dem Glauben Ausdruck, daß Gott ihm tatsächlich vergeben wird, und beweist seinen Glauben dann, indem er selbst anderen vergibt.

Die fünfte Bitte lautet schließlich: "Und führe uns nicht in Versuchung." Doch warum war sie nötig? Gott will doch nichts weniger, als daß die Menschen sündigen. Diese Bitte beinhaltet den Wunsch, vor Situationen bewahrt zu werden, die zur Sünde verführen könnten. Im Gegensatz zu den Schriftgelehrten ( Lk 10,25-29 ) wußten die Jünger Jesu, wie leicht sie immer wieder in die Sünde zurückfielen; daher baten sie Gott, ihnen zu helfen, ein gerechtes Leben zu führen.



b. Zwei Gleichnisse
( 11,5 - 13 )


Lk 11,5-8


Im ersten Gleichnis geht es um das Beharren im Gebet. Im Lukasevangelium werden Jesu Lehren häufig an schlechten Beispielen verdeutlicht(vgl. Lk 16,1-9;18,1-8 ). Im Gegensatz zu dem Mann im Gleichnis, der nicht belästigt werden wollte, will Gott, daß sein Volk zu ihm betet ( Lk 11,9-10 ). Daher ermutigte Jesus die Menschen, im Gebet standhaft zu bleiben. Sie sollten nicht versuchen, Gottes Sinn zu ändern, sondern durch beständiges Gebet das empfangen, was sie brauchten.



Lk 11,9-13


Das zweite Gleichnis handelt davon, daß Gott, der Vater, seinen Kindern nur Gutes gewährt und sie vor Schaden bewahrt. Auch hier ermutigte Jesus das Volk Gottes wieder, ihn zu bitten. Er sagte, wenn auch ein irdischer Vater seinen Kindern Gutes zu essen gäbe, nicht etwas, was ihnen schaden könnte (manche Fische ähneln Schlangen , und der Körper eines großen weißen Skorpions könnte für ein Ei gehalten werden), um wieviel mehr wird dann der Vater im Himmel seinen Kindern geben, was gut für sie ist.

Diese gute Gabe war nach den Worten Jesu der Heilige Geist, das größte Gut, das seine Jünger empfangen würden (vgl. Apg 2,1-4 ). Der himmlische Vater gibt sowohl himmlische als auch irdische Güter. Die Gläubigen von heute brauchen nicht mehr um den Heiligen Geist zu beten, da das Gebet der Jünger um den Heiligen Geist an Pfingsten beantwortet wurde (vgl. Röm 8,9 ).


4. Die wachsende Ablehnung gegen Jesus
( 11,14 - 54 )


In diesem Abschnitt erreicht die ablehnende Haltung der Menschen gegenüber Jesus und seiner Botschaft ihren Höhepunkt. Nach den hier geschilderten Ereignissen verlagert sich das Interesse des Evangelisten auf die Weisungen Jesu an seine Jünger.



a. Der Beelzebul-Vorwurf
( 11,14 - 26 ) ( Mt 12,22-30; Mk 3,22-27 )


Die Begriffe "Dämon" und "Dämonen" kommen sechzehnmal, "böse(r) Geist(er)" oder "unreine(r) Geist(er)" achtmal im Lukasevangelium vor. Doch immer war Jesus stärker als die dämonischen Kräfte - ein Zeichen seiner messianischen Vollmacht ( Lk 7,21;13,32 ), über die sich das Volk immer wieder entsetzte ( Lk 4,36;9,42-43 ). Auch die Dämonen selbst ( Lk 4,31-41;8,28-31 ) und Jesu Feinde ( Lk 11,14-15 ) erkannten diese Macht, die Jesus auch anderen verleihen konnte ( Lk 9,1 ).



Lk 11,14-16


Nachdem das Volk zugesehen hatte, wie Jesus einen stummen bösen Geist aus einem Mann austrieb , äußerten einige den Verdacht, daß er vielleicht selbst dämonische Kräfte besitze, d. h. daß er die bösen Geister durch Beelzebul, ihren Obersten , austriebe. Dieser Name, den Satan hier erhält, bedeutet ursprünglich "Herr der Fürsten", wurde jedoch zu "Herr der Fliegen" entstellt (vgl. 2Kö 1,2 ). Damit wurde Jesus quasi unterstellt, selbst vom Satan besessen zu sein. Eine zweite Gruppe verlangte von ihm e in Zeichen vom Himmel . Auch diese Bitte war wahrscheinlich nicht aufrichtig gemeint, denn Lukas stellt sie in Zusammenhang mit der ersten und sagt, daß sie ihn versuchen wollten.



Lk 11,17-20


Jesus antwortete in zweifacher Weise und in aller Deutlichkeit auf diese Anschuldigungen. Zunächst einmal führte er seinen Zuhörern vor Augen, wie lächerlich es wäre, wenn Satan seine eigenen bösen Geister austriebe, denn damit würde er ja seine Position und sein Reich schwächen. Sodann wies er darauf hin, daß die, die ihn beschuldigten, offensichtlich zweierlei Maß anlegten. Wenn ihre Söhne Dämonen austrieben, sagten sie, es geschehe durch die Macht Gottes. Mußte dann nicht auch Jesus böse Geister durch Gottes Finger , d. h. mit Gottes Hilfe, austreiben? Das aber bedeutete nichts anderes, als daß das Reich Gottes gekommen war.



Lk 11,21-22


Auch die Worte vom Starken und dem noch Stärkeren, der ihn überwindet, wurden im Laufe der Geschichte ganz verschieden interpretiert. Mit dem Starken war auf dem Hintergrund des Kontextes eindeutig Satan gemeint und mit dem Stärkeren Jesus selbst (V. 17 - 20 ). Lukas geht dabeinicht darauf ein, zu welchem Zeitpunkt Christus Satan besiegte. Entweder dachte er dabei an die Versuchung Jesu in der Wüste oder an seine Auferstehung oder auch an seine Rückkehr, wenn er Satan endgültig vernichten wird. Auf jeden Fall ist Jesus "der Stärkere" und hat daher das Recht, die Beute zu verteilen . Dazu gehören auch alle die Menschen, die zuvor von Dämonen besessen waren, nun aber nicht länger dem Satan gehören.



Lk 11,23-26


( Mt 12,43-45 ): Jesus wies die Menschen auch auf die Unmöglichkeit hin, im Kampf zwischen ihm und Satan neutral zu bleiben. Die Zuschauer dieser Auseinandersetzung mußten sich für einen der beiden Kontrahenten entscheiden. Wer aber tatsächlich glaubte, daß Jesus durch die Macht Satans Dämonen austrieb, war eindeutig gegen ihn.



Lk 11,24-26


ist schwer zu deuten. Möglicherweise sprach Jesus hier nochmals von dem Besessenen, den er geheilt hatte, und weitete seinen Fall zu einem Gleichnis über alle von Dämonen besessenen Menschen aus. Für diesen Mann war es lebenswichtig, Jesus als Messias anzunehmen, denn andernfalls würde es ärger mit ihm werden als zuvor . Matthäus fügt noch hinzu, daß es so auch "dem Geschlecht", das ihm zuhörte, ergehen solle ( Mt 12,45 ).



b. Der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes
( 11,27 - 28 )


Lk 11,27-28


Die beiden folgenden Verse knüpfen an eine zu einem früheren Zeitpunkt gemachte Aussage Jesu an (vgl. Lk 8,19-21 ). Auf den Ausruf einer Frau hin, daß es wunderbar sein müsse, seine Mutter zu sein, antwortete Jesus, daß Familienbeziehungen nicht das Wichtigste im Leben seien. Die Vorstellung der leiblichen Verwandtschaft spielte in der damaligen Zeit noch eine größere Rolle als heute; so war z. B. das ganze Volk Israel stolz darauf, daß es von Abraham abstammte (vgl. Joh 8,33-39 ). Doch Jesus wies die Menschen darauf hin, daß eine solche Verwandtschaft unbedeutend ist im Vergleich zu der Beziehung zwischen ihm und einem Menschen, der das Wort Gottes hört und ihm gehorcht . Dabei wird erneut hervorgehoben, daß das Evangelium nicht nur für Israel bestimmt ist, sondern allen gilt, die an Christus glauben und ihm vertrauen.



c. Die Verweigerung eines Zeichens
( 11,29 - 32 ) ( Mt 12,38-42; Mk 8,11-12 )


Lk 11,29-32


Von Matthäus und Markus wissen wir, daß die Pharisäer Jesus um ein Zeichen gebeten hatten ( Mt 12,38; Mk 8,11 ). Lukas erwähnt dieses Ansinnen nicht explizit. Ein Zeichen war ein Wunder, das die Wahrheit einer Botschaft oder Aussage bestätigte. Ohne diese äußere Bestätigung wollte das Volk den Worten Jesu nicht glauben.

Doch Jesus antwortete, daß sie kein Zeichen erhalten würden als nur das Zeichen des Jona ( Lk 11,29 ). Dieser Ausspruch wurde auf mehrere Arten gedeutet: Manche Exegeten sind der Ansicht, daß Jesus hier von dem äußeren Erscheinungsbild Jonas sprach, dessen Haut von den Verdauungssäften des Fisches, der ihn verschluckt hatte, angeblich weiß geworden war. Diese These hat jedoch im Text keinerlei Anhaltspunkte. Mit dem "Zeichen des Jona" müssen vielmehr "die Worte" des Propheten (vgl. "Predigt", V. 32 ) gemeint sein, mit denen dieser den Niniviten von seiner wunderbaren Rettung erzählte. Die Einwohner von Ninive glaubten damals, was Jona sagte, obwohl sie keine äußere Bestätigung für seine Angaben hatten. Dazu paßt auch der Verweis auf die Königin vom Süden . Nur aufgrund dessen, was sie über Salomo gehört hatte - ohne irgendwelche Beweise dafür zu haben -, war sie von weither gekommen, um seine Weisheit zu hören ( 1Kö 10 ). Die Intention des Abschnittes ist damit klar: Die Generation, die Jesus zuhörte, besaß nicht einmal soviel Glauben wie die Heiden, die in früheren Zeiten auf die Worte Gottes hörten. Deshalb werden die Heiden beim Jüngsten Gericht mit den Leuten dieses Geschlechts auftreten und sie verdammen . Denn vor ihnen war mehr (Neutrum, nicht Maskulinum) als Salomo ( Lk 11,31 ) und mehr als Jona (V. 32 ). Sie sahen das Gottesreich selbst, gegenwärtig in der Person Jesu, und hatten nichts anderes zu tun, als ihm zuzuhören und zu glauben, statt weitere Zeichen zu fordern.



d. Das Licht der Lehre Jesu
( 11,33 - 36 )


Lk 11,33-36


Jesus belehrte seine Jünger oft in gleichnishafter Rede. Weil sie ihm zugehört hatten, waren sie erleuchtet (V. 36 ) worden und sollten das Licht , das sie empfangen hatten, nun auch mit anderen teilen (V. 33 ). Wenn sie Jesu Lehre in sich aufnahmen, wie die Augen das Licht, so würden sie selbst ganz licht (V. 34.36 ) werden und das auch nach außen widerspiegeln (vgl. den Kommentar zu Lk 8,16-18 ).


e. Die Vorwürfe und Fragen der Pharisäer
( 11,37-54 ) ( Mt 23,1-36; Mk 12,38-40 )


Lk 11,37-41


Jesus war von einem Pharisäer gebeten worden, mit ihm zu essen . Als er vor dem Essen nicht die üblichen rituellen Waschungen vollzog, wunderte sich sein Gastgeber. Daraufhin kam Jesus auf die Habgier zu sprechen, ein Laster, das bei den Pharisäern besonders häufig anzutreffen war, und sagte, daß sie sich um die Reinheit ihres Inneren ebenso kümmern sollten wie um die des äußeren Körpers. Ein Zeichen für innere Reinheit wäre es zum Beispiel, wenn sie den Inhalt ihrer Becher und Schüsseln den Armen als Almosen geben würden. Durch diese Freigebigkeit wäre zwar das, was sie falsch gemacht hatten, nicht wettgemacht, doch sie würde von einer richtigen Haltung gegenüber dem Gesetz und gegenüber Gott zeugen.



Lk 11,42-44


Danach sprach Jesus drei Weherufe (Verdammungsurteile) über die Pharisäer aus, weil sie das Recht und die Liebe Gottes mißachteten. Sie befolgten zwar die Vorschriften des Gesetzes übergenau und gaben in ihrer Spitzfindigkeit sogar den Zehnten von Minze und Raute , doch sie waren trotz allem Heuchler (vgl. Lk 12,1 ), denn gleichzeitig waren sie stolz und saßen gern obenan in den Synagogen . Statt die Menschen das Richtige zu lehren, verleiteten sie die, die ihnen folgten, dazu, sich zu verunreinigen, wie verdeckte Gräber einen Juden verunreinigten, wenn er, ohne es zu wissen, darüberging ( 4Mo 19,16 ). Die Pharisäer fürchteten nichts so sehr wie die rituelle Unreinheit, doch Jesus warf ihnen vor, daß sie mit ihrer Habgier, ihrem Stolz und ihrer Schlechtigkeit das ganze Volk verunreinigten.

 

Lk 11,45-52


Daran schlossen sich drei Weherufe über die Schriftgelehrten (V. 46 - 47.52 ) an. Sie beluden die Menschen mit unerträglichen Lasten und hielten sie so vom Weg des Wissens ab. Sie bauten den Propheten Grabmäler und stellten sich damit in eine Reihe mit ihren Vätern, die die Propheten getötet hatten. Ihre Verehrung war nur äußerlich, Gott wußte, daß sie die Propheten im tiefsten Innern ablehnten. Daher sollte von diesem Geschlecht das Blut aller Propheten gefordert werden . Die Wendung von Abels Blut an bis hin zum Blut des Secharja bezieht all die Unschuldigen, die getötet wurden, weil sie Gott gedient hatten, mit ein. Das erste unschuldige Opfer war Abel ( 1Mo 4,8 ), und der letzte Märtyrer des Alten Testaments ( 2Chr 24,20-21; im hebräischen Alten Testament bildeten die Bücher der Chronik den Abschluß des Kanons) war der Priester Secharja (nicht der Prophet Sacharja; vgl. auch Mt 23,35 ). Noch schwerer als diese Verfehlung wog jedoch, daß die Schriftgelehrten nicht nur sich selbst von aller Erkenntnis (d. h. von Jesu Lehre) ausschlossen, sondern auch den Schlüssel der Erkenntnis an sich nahmen, d. h. anderen die Erkenntnis vorenthielten (vgl. Lk 13,14 ).



Lk 11,53-54


Nach dieser Rede fingen die Schriftgelehrten und Pharisäer an, heftig auf ihn einzudringen . Sie stelltenihm Fragen über Fragen in der Hoffnung, etwas Falsches aus seinem Mund zu erhaschen .



B. Jesu Weisungen an seine Jünger angesichts der Verwerfung
( 12,1 - 19,27 )


Zunächst wandte sich Jesus an den engsten Kreis seiner Jünger, unterwies sie in der rechten Nachfolge und warnte sie vor falschen Einstellungen ( Lk 12,1-53 ). Dann dehnte er seine Predigt und Belehrung auf die herbeigeströmte Menge aus ( Lk 12,54-13,21 ). Seine Aussagen kreisten um das Gottesreich und die Menschen, die darin leben würden ( Lk 13,22-17,10 ), und um die rechte Haltung der Jünger vor dem Hintergrund des Kommens dieses Reiches ( Lk 17,11-19,27 ).

1. Jesu Weisungen für den engsten Kreis der Jünger
( 12,1 - 53 )


a. Mahnung zum furchtlosen Bekennen
( 12,1 - 12 )


Lk 12,1-3


Zunächst hielt Jesus den Jüngern vor, daß es töricht wäre zu heucheln, da schließlich doch alles offenbar wird (vgl. Lk 8,17 ). Daher sollten sie offen und aufrichtig in ihrem Lebenswandel und in ihren Worten sein. Dagegen warnte er sie vor dem Sauerteig der Pharisäer , d. h. vor ihrer Lehre, denn sie war nichts anderes als Heuchelei . (Das Bild vom "Sauerteig" ist an mehreren Stellen in der Heiligen Schrift negativ besetzt; vgl. z. B. Mk 8,15 .)



Lk 12,4-12


( Mt 10,28-33 ) Dann ermutigte Jesus die Jünger (seine Freunde ), furchtlos zu sein ( Lk 12,4; vgl. V. 32 ), weil Gott für sie sorgen würde. Statt die Menschen zu fürchten, die nur ihren Leib töten konnten (vgl. Lk 11,48-50 ), sollten sie Gott fürchten, der die Macht hat, sie in die Hölle zu werfen . Denn Gott weiß alles - das war die logische Schlußfolgerung aus Vers 2 - 3 . Gott kennt sogar die Zahl der Haare auf dem Haupt eines jeden Menschen. Wenn er keinen der Sperlinge, die doch für eine ganz geringe Summe verkauft wurden ( fünf Vögel für zwei Groschen ), vergaß, wieviel mehr würde er für seine Jünger tun, die doch weit mehr wert waren. Das Wort für "Groschen" an dieser Stelle ist assarion , eine römische Kupfermünze im Wert eines sechzehntel Denars (ein Denar war der Tageslohn eines Arbeiters); es kommt nur hier und in Mt 10,29 vor.

Die Verse 8 - 10 machen deutlich, worum es geht: Die Jünger müssen eine Entscheidung für oder gegen Jesus treffen. Bekennen heißt in diesem Zusammenhang, Jesus als den Messias anzuerkennen, wie es die Jünger taten, und dadurch Zugang zu Heil und Rettung zu gewinnen. Wer ihn aber nicht annimmt, verbaut sich selbst den Weg zur Rettung, noch schlimmer: "Wer den heiligen Geist lästert, dem soll es nicht vergeben werden." In Mt 12,32 brachte Jesus die Lästerung gegen den Geist mit der Ablehnung, die ihm und seinem Wirken von seiten der Pharisäer entgegenschlug, in Verbindung. Der Heilige Geist mußte ihnen offenbart haben, daß Jesus wirklich der Messias war, dennoch wiesen sie diese Erkenntnis beharrlich von sich. Damit stießen sie Gottes einziges Mittel zur Rettung zurück, deshalb konnte ihnen nicht vergeben werden. (Im Gegensatz zu der hartnäckigen Verstocktheit der Pharisäer fanden einige der Brüder Jesu, nachdem sie zuerst auch gegen den Menschensohn geredet hatten [ Joh 7,5 ], später zum Glauben [ Apg 1,14 ], und es wurde ihnen vergeben.)

Jesus versprach den Jüngern ( Lk 12,11-12 ), daß der Heilige Geist sie lehren würde, was sie sagen sollten , wenn sie wegen ihrer Predigt und Lehre angeklagt und vor die Obrigkeit zitiert würden. Ihnen würde der Geist - anders als den Feinden Jesu, die ihn lästerten - zu Hilfe kommen.



b. Warnung vor Habgier
( 12,13 - 21 )


Lk 12,13-21


In diesem Abschnitt wird erklärt, warum die Jünger sich vor aller Habgier hüten sollten. Ein Mann hatte Jesus gebeten, seinen Bruder dazu zu bewegen, sein Erbe, von dem ihm die Hälfte zustand, mit ihm zu teilen. Doch Jesus wies ihn darauf hin, daß niemand davon lebt, daß er viele Güter hat . Die Jünger mußten lernen, daß das Leben mehr ist als materieller Wohlstand. Deshalb erzählte Jesus ihnen ein Gleichnis über einen reichen Menschen, der größere Scheunen baute, um darin all sein Korn und seine Vorräte zu sammeln . Er dachte, daß er jetzt ein bequemes Leben führen könnte, weil er für sein ganzes Leben ausgesorgt hatte. Gott aber erklärte den scheinbar so weitsichtig planenden Bauern für einen Narren . Denn wenn er noch diese Nacht stürbe, würden ihm all seine Güter nichts nützen; sie würden einfach jemand anderem zufallen. Wer auf Erden reich ist, ist deshalb noch nicht reich bei Gott (vgl. 1Tim 6,6-10; Jak 1,10 ). Das Thema des Reichtums kommt in Kapitel 16 nochmals zur Sprache.



c. Vom falschen und rechten Sorgen
( 12,22 - 34 ) ( Mt 6,19-21.25-34 )


Die Aussagen in diesem Abschnitt gipfeln in Vers 31 , wo den Jüngern geboten wird, vor allem anderen nach dem Reich Gottes zu trachten . Jesus führte seine Zuhörer auf diesen entscheidenden Punkt hin, indem er ihnen zunächst drei Dinge über die Sorge sagte.



Lk 12,22-24


Erstens: Sorgen sind töricht, denn das Leben besteht aus mehr als Nahrung und Kleidung (vgl. V. 15 ). Wieder benutzte Jesus das Beispiel der Vögel (vgl. V. 6 - 7 ), um den Jüngern klarzumachen, daß Gott für sie sorgen wird, die doch besser sind als die Vögel, die auch von ihm ernährt werden. ( Raben wurden, anders als Sperlinge, nicht verkauft, weil sie Aasfresser sind.)



Lk 12,25-28


Zweitens: Sorgen sind töricht, weil sie nichts an der Situation ändern. Nicht eine Spanne können sie dem Leben hinzufügen, deshalb ist es lächerlich und vollkommen überflüssig, sich zu sorgen. Auch hier führte Jesus ein Beispiel aus der Natur an ( Lilien und Gras ), um zu zeigen, daß Gott für das Seine und die Seinen sorgt.



Lk 12,29-31


Drittens: Sorgen sind töricht, denn nur die Heiden in der Welt müssen sich sorgen. Sie sind ganz von den materiellen Dingen und der Sorge ums Überleben in Anspruch genommen und haben keine Zeit für die eigentlich entscheidende geistliche Realität. Wer jedoch nach diesen Dingen (nach dem Reich Gottes ) trachtet, dem wird Gott auch geben, was er zum Leben braucht.



Lk 12,32-34


Jesus gebot daher den Jüngern, ohne Furcht zu sein (vgl. V. 4.7 ). Er verglich sie mit einer kleinen, scheinbar völlig schutzlosen Herde , die jedem leicht zur Beute werden konnte. Ja, er wies sie sogar an: V erkauft, was ihr habt, und gebt Almosen , um sie noch wehrloser zu machen. (Auch darauf kommt Lukas in Kapitel 16 und 19 nochmals zurück.) Dieses Gebot wurde in der Urkirche denn auch relativ ernst genommen ( Apg 2,44-45;4,32-37 ). Jesus wußte, daß die Gedanken der Jünger, wenn sie reich wären, nur um ihren Reichtum kreisen würden. Wenn sie jedoch einen Schatz im Himmel hätten, wo er vor Diebstahl und Verderben sicher ist, und somit "reich bei Gott" wären ( Lk 12,21 ), würden sie sich auch gedanklich mit Dingen beschäftigen, die mit dem Gottesreich zu tun haben, und würden sich keine Sorgen machen.



d. Vom Warten auf das Kommen Christi
( 12,35 - 48 ) ( Mt 24,45-51 )


Die beiden Gleichnisse in diesem Abschnitt V. 35 - 40 und 42 - 48 ) sind durch eine Frage von Petrus miteinander verbunden (V. 41 ). Das zweite Gleichnis fungiert dabei als Erweiterung und Erklärung des ersten.



Lk 12,35-40


Jesus lehrte, daß die Jünger wachen und bereit sein sollten, denn der Menschensohn würde zu einer Stunde kommen , in der sie ihn am wenigsten erwarteten. Im ersten Gleichnis warten mehrere Knechte auf die Rückkehr ihres Herrn von einer Hochzeit . Sie sollen wach bleiben, um ihm aufzutun , wann immer er kommt und anklopft , denn wenn er sie wachend (V. 37 ) und bereit findet, will er ihnen dienen . Die zweite Nachtwache dauerte von neun Uhr abends bis Mitternacht und die dritte von Mitternacht bis drei Uhr morgens. Die Worte über den Dieb in Vers 39 besagen im Grunde dasselbe - die Jünger müssen jederzeit bereit sein, denn der Menschensohn wird völlig unerwartet kommen.



Lk 12,41


Petrus' Frage, für wen dieses erste Gleichnis bestimmt sei, verbindet die beiden Gleichniserzählungen miteinander. Richtete sich der Aufruf zur Wachsamkeit nur an die Jünger, oder galt er allen?



Lk 12,42-48


Jesus beantwortete die Frage des Jüngers nicht direkt. Die folgenden Verse deuten jedoch darauf hin, daß er mit dem Gleichnis vor allem die damaligen Führer des Volkes gemeint hatte. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, die Menschen im Namen Gottes zu leiten, bis er selbst sein Reich heraufführte, doch sie waren ihrem Auftrag nicht gerecht geworden. Sie hatten nicht sehnsüchtig auf das Gottesreich gewartet. Nach der Strafe, die sie ereilen sollte (V. 46 - 47 ), zu urteilen, ging es hier nicht einfach um mangelhaft vorbereitete Gläubige, sondern wohl eher um die Haltung der geistlichen Obrigkeit in Israel beim Kommen des Menschensohnes. Der Unglaube derer, die es besser wissen müßten (V. 47 ), wird dabei strenger gerichtet werden als die Bosheit der Menschen, die nichts vom Kommen des Menschensohnes gehört haben (V. 48 a). Wer Gott kennt, aber nicht an ihn glaubt, wird sich einst dafür verantworten müssen.



e. Konflikte um Jesu willen
( 12,49 - 53 ) ( Mt 10,34-36 )


Lk 12,49-53


Ein Jünger Jesu zu sein, konnte unter Umständen dazu führen, daß man von niemandem mehr verstanden wurde, nicht einmal von der eigenen Familie. Jesus brachte letztlich nicht Frieden unter die Menschen, sondern Zwietracht , denn die einen nahmen seine Botschaft vom Gottesreich an, und die anderen lehnten sie ab. Die Wirkung seiner Lehre und seines Lebens würde einem verzehrenden Feuer gleichen (V. 49 ). Sein Leben und sein Tod bildeten die Grundlage für das Gericht über Israel, durch das das Volk wie durch ein Feuer geläutert würde. Jesus wünschte sich sehnlich, daß dieses Ziel schon erreicht und sein Auftrag erfüllt wäre. Mit der Taufe , von der er hier sprach, war zweifellos sein Tod gemeint, der, wie er sagte, vollbracht werden mußte (V. 50 ). Das Wirken Jesu brachte tatsächlich Konfliktstoff in die Welt, wie er prophezeit hatte (V. 52 - 53 ). Familien wurden uneins und Treueversprechen gebrochen. Noch heute werden Judenchristen von ihren Familien und Freunden geächtet. Doch ein Jünger muß bereit sein, solche Schwierigkeiten auf sich zu nehmen.



2. Jesu Weisungen an die Menge
( 12,54 - 13,21 )


Nach diesen für den Kreis der nächsten Jünger bestimmten Ausführungen wandte Jesus seine Aufmerksamkeit wieder der Menge zu. In den sechs Ereignissen, die im folgenden geschildert werden, spielt jeweils das Volk eine Hauptrolle. Diesen Menschen galt nun Jesu Interesse und seine Lehre.



a. Die Beurteilung der Zeit anhand von Zeichen
( 12,54 - 56 ) ( Mt 16,2-3 )


Lk 12,54-56


Jesus lehrte das Volk, auf die Dinge, die es sah, zu achten und sie richtig zu deuten. Obwohl die Menschen Zeugen seines Wirkens gewesen waren, glaubten sie noch immer nicht, daß er tatsächlich der Messias war. Jesus warf ihnen deshalb vor, daß sie zwar ohne Schwierigkeiten über die Zeichen der Natur (Wolken im Westen und Südwind - das Aussehen der Erde und des Himmels) urteilen konnten, geistliche Zeichen jedoch überhaupt nicht wahrnahmen. Sie sollten endlich aufmerken auf das, was sich vor ihren Augen abspielte: Das Gottesreich wurde ihnen angeboten, und sie reagierten nicht darauf.



b. Die rechtzeitige Versöhnung
( 12,57 - 59 )


Lk 12,57-59


Am Beispiel des menschlichen Verhaltens vor einer Gerichtsverhandlung versuchte Jesus dem Volk klarzumachen, wie wichtig es war, mit Gott im reinen zu sein. Auch auf Erden ist es sinnvoll, wenn man sich - notfalls noch auf dem Weg zum Gericht - mit dem Gegner aussöhnt, damit man nicht ins Gefängnis geworfen wird und alle seine Schulden tatsächlich bis auf den allerletzten Heller bezahlen muß. Wieviel wichtiger ist die Versöhnung nun aber, wenn Gott der Gegner ist! (Das Wort für "Heller" an dieser Stelle ist leptos , das nur hier, bei Mk 12,42 und Lk 21,2 steht. Ein leptos war eine jüdische Kupfermünze im Wert von einem Bruchteil eines Pfennigs.)



c. Die Bedrohung der menschlichen Existenz
( 13,1 - 5 )


Lk 13,1-5


An zwei relativ allgemeinen Beispielen verdeutlichte Jesus seinen Zuhörern die tiefe Unsicherheit der menschlichen Existenz, die jederzeit von irgendeinem Unglück heimgesucht werden kann. Der erste Fall betraf einige Galiläer , die von Pilatus getötet worden waren, während sie opferten. Im zweiten ging es um achtzehn Leute, die sich zufällig an einem bestimmten Ort, in Siloah , aufhielten und dabei - anscheinend völlig unschuldig - umkamen, als ein Turm einstürzte und sie erschlug. Für Jesus war das Entscheidende an diesen Vorfällen, daß der Tod dieser Menschen auf keinen Fall in irgendeiner Form mit ihrer Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht werden durfte. Das Unglück, das über einen Menschen kommt, hat nichts mit seiner Schuld oder Unschuld vor Gott zu tun und kann jeden ganz unvorbereitet treffen. Das ganze menschliche Leben kommt allein aus der Gnade Gottes. Der Tod ist allen Menschen gemeinsam. Doch durch wahre Buße kann man das Leben gewinnen, weil sie die Menschen auf das Gottesreich vorbereitet. In Vers 3.5 wird die Aussage nochmals auf den Punkt gebracht: "Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen."



d. Das Gleichnis vom Feigenbaum
( 13,6 - 9 )


Lk 13,6-9


Um das soeben Gesagte zu veranschaulichen, zeigte Jesus in einem Gleichnis, daß ein Leben, das keine Früchte bringt, dem Gericht verfällt. Ein Feigenbaum braucht in der Regel etwa drei Jahre , bis er die ersten Feigen trägt. Im Gleichnis befahl der Eigentümer des Baumes, als er auch nach drei Jahren noch keine Frucht an ihm fand, den Stamm zu fällen: "So hau ihn ab!" Doch sein Weingärtner bat ihn, noch ein weiteres Jahr zu warten. Das Gleichnis erzählt in Bildern, was mit der Aussage von Vers 1 - 5 gemeint ist: Wer nicht bereut, verfällt dem Gericht. Hier ging Jesus allerdings noch einen Schritt weiter und forderte zusätzlich zur Reue auch das Fruchtbringen (vgl. Mt 3,7-10;7,15-21; Lk 8,15 ). Im Leben eines Menschen, der behauptet, an den Messias zu glauben, muß es eine sichtbare Veränderung geben. Wenn diese Veränderung fehlt, wird er, wie der Feigenbaum, gerichtet.



e. Die Heilung einer Frau
( 13,10 - 17 )


Bei diesem Vorfall geht es wieder einmal um das Heilen am Sabbat. Zum letzten Mal im Lukasevangelium predigt Jesus in einer Synagoge. Wichtig ist die Rolle des Begriffes "Heuchler" ( Lk 13,15 ), der bereits zu Beginn des größeren inhaltlichen Zusammenhanges, in dem diese Passage steht ( Lk 12,54-13,21 ), auftauchte ( Lk 12,56 ). Jesus nannte die Menge und die religiösen Führer des Volkes "Heuchler", weil sie im Grunde genommen gar nicht daran interessiert waren, was Gott in ihrem Leben tun konnte und wollte.



Lk 13,10-13


Lukas schreibt von der Frau, daß sie seit achtzehn Jahren einen Geist hatte, der sie krank machte; sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten , denn Satan hatte sie gebunden (V. 16 ). Ohne damit die Authentizität des Geschehens leugnen zu wollen, muß doch darauf hingewiesen werden, daß die Tatsache, daß Lukas diesen Bericht gerade hier einfügt, auch sehr viel symbolische Aussagekraft hat. Jesus hatte den Auftrag, die Angehörigen des jüdischen Volkes von allen verkrüppelnden Einflüssen zu befreien und ihnen wieder zu einem aufrechten Gang zu verhelfen. Die Erfüllung dieser Mission wird in der Heilung der Frau sichtbar gemacht: Jesus berührte sie und sprach: Frau, sei frei von deiner Krankheit. Sogleich richtete sie sich auf und pries Gott . Das war die einzig richtige Reaktion auf ein solches Wunder Jesu (vgl. Lk 2,20;5,25-26;7,16;17,15;18,43;23,47 ). Sie zeigte, daß die Frau, wie schon vor ihr viele andere, Jesu Auftrag wirklich verstanden hatte.


Lk 13,14


Im Gegensatz zu der geheilten Frau war der Vorsteher der Synagoge unwillig, daß Jesus das Gesetz, wie er es verstand, nicht befolgte. Er appellierte an die Menge, sich ebenfalls von dem Tun Jesu zu distanzieren. An ihm bewahrheitete sich, was Jesus schon früher über die religiösen Führer gesagt hatte: daß sie nämlich das Volk daran hinderten, ins Gottesreich zu kommen ( Lk 11,52 ).



Lk 13,15-17


Jesus wies in seiner Entgegnung darauf hin, daß ein Mensch sehr viel mehr wert ist als ein Tier, seine Widersacher aber offensichtlich nichts Unrechtes darin sahen, ihr Vieh am Sabbat zu versorgen (vgl. Lk 14,5 ). Die Falschheit und Dummheit im Denken der religiösen Führer trat hier klar zutage. Daher mußten sich schämen alle, die gegen ihn gewesen waren. Und alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten, die durch ihn geschahen .


f. Die Lehre vom Gottesreich
( 13,18 - 21 ) ( Mt 13,31-33; Mk 4,30-32 )


Lk 13,18-21


Nach der Unterweisung der Menge ( Lk 12,54-13,21 ) verschiebt sich nun die Thematik der Lehre Jesu, und das Gottesreich tritt in den Mittelpunkt ( Lk 13,22-17,10 ). Manche Exegeten sind der Ansicht, daß in den kurzen Gleichnissen über das Senfkorn (aus dem winzigen Samenkorn des Senfbaums wird in einer einzigen Wachstumsperiode eine bis zu drei Meter hohe Staude) und über den Sauerteig etwas Positives über das Gottesreich ausgesagt ist. Es wäre jedoch auch denkbar, daß diese Gleichnisse Bilder für etwas Negatives sind, z. B. daß das Böse wie ein alles durchdringender Sauerteig dieses Zeitalter durchdringen wird. Diese Interpretation erfährt eine gewisse Bestätigung aus der Tatsache, daß Lukas die Gleichnisse unmittelbar nach der Kritik am Wirken Jesu durch den Vorsteher der Synagoge anführt.



3. Jesu Lehre über die Bewohner des Gottesreiches
( 13,22 - 17,10 )


Im folgenden geht es darum, wer schließlich in das Reich Gottes eingehen wird. Jesus bediente sich in diesem Zusammenhang häufig des Bildes vom Fest oder Festmahl ( Lk 3,29;14,7-24;15,23;17,7-10 ). Alle, die den Messias und seine Botschaft vom Gottesreich angenommen haben, werden bei diesem Fest dabei sein. Doch noch hat das Fest nicht begonnen, noch ist das Reich nicht gekommen.



a. Der Ausschluss der meisten Juden aus dem Gottesreich
( Lk 13,22-35 )


Lk 13,22-30


Nach Jesu Worten würde das Gottesreich vielen Juden verschlossen bleiben, während viele Heiden darin Einlaß finden würden. Daraufhin fragte ihn einer, ob denn überhaupt nur wenige selig werden würden. Anscheinend waren die Jünger etwas entmutigt, daß die Botschaft Jesu über das kommende Reich nicht das ganze Volk betraf, wie sie erwartet hatten. Statt dessen mußten sie immer wieder mitansehen, daß Jesus auf ebensoviel Widerstand wie Zustimmung stieß. Dabei war seine Aussage völlig unzweideutig: Wer in das Gottesreich kommen wollte, mußte zunächst akzeptieren, was Jesus sagte. Im jüdischen Denken waren Erlösung und Eintritt in das Reich Gottes untrennbar miteinander verbunden; die Rettung von den Sünden bedeutete den Eintritt in das Gottesreich.

Jesus beantwortete die Frage, ob nur wenige selig würden, mit der Geschichte eines Mannes, der ein Fest gab (ein Symbol für das Reich Gottes, V. 29 ). Nachdem er aufgestanden war und die Tür verschlossen hatte, konnte keiner von den zu spät Kommenden mehr hineingelangen (V. 25 ), ja sie wurden vom Hausherrn ausdrücklich fortgeschickt und sogar als Übeltäter bezeichnet (V. 27 ). Die Nachzügler erinnerten ihn daraufhin daran, daß sie doch mit ihm zusammen gegessen und getrunken hätten und daß er auf ihren Straßen gelehrt habe (V. 26 ) - ein klarer Hinweis auf Jesu Wirken unter seiner Generation. Mit dieser Geschichte wollte Jesus seinen Zuhörern klarmachen, wie entscheidend es war, daß sie jetzt auf seine Einladung antworteten, denn es würde eine Zeit kommen, in der es zu spät war und in der ihnen der Eingang ins Gottesreich versperrt sein würde.

Er sagte ganz unmißverständlich, daß diejenigen, die seine Botschaft hartnäckig ablehnten, ins Gericht kommen würden: "Da wird Heulen und Zähneklappern sein." (Zu der Wendung "Heulen und Zähneklappern" vgl. den Kommentar zu Mt 13,42 .) Sie würden hinausgestoßen werden, d. h. sie würden nicht in das Reich hineindürfen. Die Gottesfürchtigen im Volk jedoch (für die Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten stehen) werden in das Reich Gottes eingehen.

Diese Beurteilung der Situation war etwas völlig Neues für Jesu Hörer. Die meisten von ihnen setzten als selbstverständlich voraus, daß ihnen als Nachkommen Abrahams auf jeden Fall ein Platz im Gottesreich reserviert sei. Doch was Jesus dann sagte, war noch weit revolutionärer - ja geradezu vernichtend - für all diejenigen, die allein das jüdische Volk für das Volk Gottes hielten: Anstelle der hinausgestoßenen Juden sollten Heiden in das Reich eingehen ( Lk 13,29-30 ). Die aus allen Himmelsrichtungen herbeiströmenden Scharen versinnbildlichen die Völker der Erde. Im Grunde genommen hätte diese Enthüllung Jesu Hörer gar nicht so sehr überraschen dürfen, denn die Propheten hatten ihnen in der Vergangenheit oft dasselbe vorhergesagt. Trotzdem waren die Juden auch zur Zeit Jesu noch immer von der Minderwertigkeit der Heiden überzeugt. Deshalb hatte auch die Tatsache, daß Jesus die Heiden von Anfang an - bereits in Nazareth - in seine Lehre einbezog, die Menschen so aufgebracht, daß sie ihn am liebsten umgebracht hätten ( Lk 4,16-30 ). Nun sagte er gar, daß die Juden, die sich in jeder Beziehung für die Ersten hielten, die Letzten sein würden, d. h. keinen Platz im Gottesreich haben, während manche Heiden, die in ihren Augen immer die Letzten gewesen waren, die Ersten sein sollten ( Lk 13,30 )!



Lk 13,31-35


( Mt 23,37-39 ): Als einige Pharisäer Jesus vor Herodes warnten, der ihm nach dem Leben trachte, entgegnete er, daß er erst in Jerusalem umkommen werde. Ob diese Warnung aufrichtig gemeint war und ob Herodes tatsächlich die Absicht hatte, Jesus zu töten, darüber sind sich die Forscher nicht einig. Im ganzen Lukasevangelium werden die Pharisäer stets nur negativ geschildert. Warum sollten sie Jesus hier nun plötzlich warnen? Es scheint auf diesem Hintergrund am plausibelsten, den Vorfall als einen ersten Versuch zu verstehen, Jesus loszuwerden. Er hatte öffentlich verkündet, daß er nach Jerusalem gehen wollte, und war bereits auf dem Weg dorthin. Die Pharisäer dagegen wollten ihn um jeden Preis von der Erfüllung seiner Aufgabe abhalten, deshalb versuchten sie nun, ihm Furcht einzuflößen, damit er seinen Plan fallenließe.

Jesu Antwort: Geht hin und sagt diesem Fuchs , zeigt jedoch, daß er die Pharisäer lediglich als Zuträger des Herodes (Herodes Antipas; vgl. die Tabelle zur Dynastie des Herodes bei Lk 1,5 ) sah, die diesem umgehend Bericht über ihn erstatten würden. Erneut machte er unmißverständlich klar, daß er seinen Auftrag zu Ende führen mußte ( Lk 13,32 ).

Mit heute und morgen und am folgenden Tage meinte Jesus nicht, daß er in drei Tagen in Jerusalem sein würde. Es ging ihm ganz allgemein um seinen Auftrag und um das Ziel, das er sich selbst gesetzt hatte. Dieses Ziel war Jerusalem, wo er sterben sollte. Dort mußte er sich öffentlich den religiösen Machthabern stellen und zum Tode verurteilt werden.

An dieser Stelle fügt Lukas Jesu Klage über Jerusalem, das hier als Sinnbild für das ganze jüdische Volk zu verstehen ist, ein ( Lk 13,34-35 ). Jesus trauerte um die Stadt; er wollte ihre Einwohner sammeln, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt - sorgsam und liebevoll trotz allen Widerstandes und aller Abwehr, die ihm immer wieder entgegenschlug. Bis jetzt war es sein Auftrag und vordringlichstes Anliegen gewesen, dem jüdischen Volk das Gottesreich zu verkündigen und anzubieten. Doch da dieses Volk, das einst sogar seine Propheten getötet hatte, seine Worte verwarf, würde nun auch er seinerseits es zurückstoßen. Dessen Haus (wahrscheinlich ist damit nicht der Tempel, sondern die ganze Stadt gemeint) sollte wüst ( aphietai , "verlassen") gelassen werden . Auch wenn er sich den Menschen weiterhin als der Messias offenbaren würde, so war doch die Entscheidung gegen Jerusalem gefallen. Es war vom Messias verlassen.

Jesus zitierte in diesem Zusammenhang Ps 118,26 : Die Einwohner Jerusalems sollten ihn nicht mehr sehen , bis sie ihn als Messias anerkannten. Trotz der Mißbilligung der Pharisäer sang die Menge tatsächlich diesen Psalm, als Jesus im Triumph in Jerusalem einzog ( Lk 19,38 ). Ein für allemal aber wird diese Wahrheit verkündigt werden, wenn Jesus wiederkommt und die Stadt als Herrscher des Tausendjährigen Reiches betritt.


b. Viele Aussenseiter und Heiden werden in das Gottesreich eingehen
( 14,1 - 24 )


Dieser Abschnitt setzt den Gedankengang von Lk 13,22-35 fort, jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Nun stehen nicht mehr die Ausgeschlossenen im Mittelpunkt, sondern die anderen, die ins Gottesreich eingehen werden. Im Gegensatz zu den allgemeinen Erwartungen werden die aus der jüdischen Gesellschaft Ausgestoßenen und die Heiden einen großen Teil der Bevölkerung des Gottesreiches ausmachen.



Lk 14,1-6


Jesus war eingeladen, am Sabbat im Hause eines vornehmen Pharisäers zu essen. An diesem Essen nahm auch ein Mann teil, der an Wassersucht litt, einer Krankheit, bei der sich, ausgelöst durch eine bestimmte Krebsart oder auch durch eine Leber- oder Nierenfunktionsstörung, extrem viel Wasser im Gewebe ansammelt. Wahrscheinlich war der Kranke mit Vorbedacht in das Haus des Pharisäers eingeladen worden, um Jesus wieder einmal eine Falle zu stellen. Doch dieser ergriff sofort die Initiative und fragte den Gastgeber und die anderen Gäste, ob es erlaubt sei, am Sabbat zu heilen . Diese Frage entwaffnete sie anscheinend, denn alle schwiegen still . Daraufhin heilte Jesus den Mann. Errechtfertigte seine Handlungsweise mit dem Hinweis, daß die anderen Gäste ja auch ihrem Sohn oder ihrem Ochsen, wenn diese am Sabbat in einen Brunnen fielen , helfen würden. Damit schuf er die Voraussetzung für die anschließende Diskussion über zeremonielle Unreinheit, die es nach damaliger Vorstellung dem Verunreinigten unmöglich machte, in das Gottesreich einzugehen.


Lk 14,7-11


Jesus sah sich um und merkte, wie sie suchten, obenan zu sitzen , denn die Plätze neben dem Gastgeber waren Ehrenplätze. Es muß ein regelrechtes Gedränge unter den Gästen gegeben haben. Deshalb versuchte Jesus, sie durch ein Gleichnis dazu zu bringen, über die geistlichen Wahrheiten im Zusammenhang mit dem Reich Gottes, das er ihnen verkündigt hatte, nachzudenken.

In Vers 11 ist die Quintessenz dieses Gleichnisses zusammengefaßt: "Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden." Das erinnert an Jesu frühere Aussage, daß die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden ( Lk 13,30 ). Die Pharisäer, die davon ausgingen, daß sie wichtige Positionen im Gottesreich einnehmen würden, würden erniedrigt werden, wenn sie ihren Platz anden würden überlassen müssen ( Lk 14,9 ). Wenn sie sich jedoch selbst erniedrigten, würden sie vielleicht die Ehre haben vor allen, die mit am Tisch saßen (V. 10 ).



Lk 14,12-14


Dann wandte sich Jesus an den, der ihn eingeladen hatte, und sagte zu ihm, daß er beweisen könne, daß es ihm um den Herrn und nicht um seinen eigenen Vorteil ging, indem er die Außenseiter der Gesellschaft ( die Armen, Verkrüppelten, Lahmen und Blinden ) einlud - Leute, die ihm seine Großzügigkeit nicht vergelten konnten (vgl. Mt 6,1-4; Jak 1,26-27 ). Auf diese Weise würde er sich einen Schatz im Himmel sammeln ( Mt 6,20 ) und reich bei Gott werden ( Lk 12,21 ). Sein Tun würde ihn nicht gerecht machen, aber es wäre ein Zeugnis, daß er vor Gott als Gerechter dastand. Das beinhaltet jedenfalls Jesu Aussage, daß er den Lohn für sein Handeln nicht sofort erhalten würde, sondern erst bei der Auferstehung der Gerechten .



Lk 14,15-24


( Mt 22,1-10 ): Einer der Gäste sagte ein Segenswort über jeden, der das Brot ißt im Reiche Gottes . Er ging offensichtlich davon aus, daß er und alle anderen, die mit ihm an diesem Mahl teilnahmen, ins Gottesreich kommen würden. Jesus benutzte die Gelegenheit, anhand des Festmotivs zu erklären, daß viele der hier Anwesenden gerade nicht hineinkommen würden. Ihre Plätze würden die Außenseiter der Gesellschaft und die Heiden einnehmen. Um das zu verdeutlichen, erzählte er ihnen ein Gleichnis über ein großes Abendmahl . Der Gastgeber lud viele Gäste ein, doch alle Eingeladenen fingen an, sich zu entschuldigen . Ihre Entschuldigungen klangen recht plausibel - einer mußte nach einem neuerworbenen Acker sehen, ein anderer mußte ein paar Ochsen begutachten, die er soeben gekauft hatte, und ein dritter zog es vor, bei seiner ihm frisch angetrauten Ehefrau zu bleiben ( Lk 14,18-20 ).

Daraufhin wurde der Gastgeber zornig und gebot seinen Knechten, statt dessen die Menschen auf den Straßen und Gassen der Stadt, die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen hereinzubitten . Damit meinte Jesus die Mitglieder der jüdischen Gesellschaft, die als minderwertig und zeremoniell unrein galten wie z. B. der Mann mit der Wassersucht, den er gerade geheilt hatte (V. 2 - 4 ).

Als der Hausherr erfuhr, daß noch mehr Raum da war, gebot er, noch mehr Leute, nun von den Landstraßen und den Zäunen , einzuladen (V. 23 ). Diese Umschreibung galt wahrscheinlich den Heiden, die außerhalb der Bundesgemeinschaft standen. Zum Schluß merkte der Gastgeber an, daß keiner der ursprünglich eingeladenen Gäste sein Abendmahl kosten werde.

In diesem Gleichnis klang noch einmal bestätigend die Abwendung des Messias von Jerusalem an ( Lk 13,34-35 ).Die, denen die Teilhabe am Gottesreich ursprünglich angeboten worden war, hatten sie abgelehnt, daher wurde die Botschaft von diesem Reich nun anderen, darunter auch den Heiden, verkündigt. Die Entschuldigungen, mit denen die Menschen sich um das Gottesreich herumdrückten, mochten in ihren eigenen Ohren zwar recht plausibel klingen, doch sie waren kein Grund, sich dem Angebot Jesu zu verschließen. Nichts auf der Welt war so wichtig wie diese Einladung in das Gottesreich, von deren Annahme oder Ablehnung letztlich das Schicksal jedes einzelnen abhing.



c. Die Warnung vor gedankenloser Nachfolge
( 14,25 - 35 )


Lk 14,25-27


Nach dem Geschehen im Hause des Pharisäers folgt ein Szenenwechsel: Wieder einmal ging eine große Menge mit Jesus, und er wandte sich ihr zu. Er legte seinen Zuhörern eindringlich nahe, es sich gut zu überlegen, ob sie ihm wirklich nachfolgen wollten, denn er war auf dem Weg, am Kreuz zu sterben. Tatsächlich verließen ihn dann auch alle, als er am Ende allein in Gethsemane betete und schließlich verhaftet und vor Gericht gestellt wurde.

Um den Ernst der Nachfolge möglichst drastisch zu veranschaulichen, sagte Jesus, daß man seine Familie und sich selbst hassen müsse, um sein Jünger zu sein. Genaugenommen wäre der Haß auf die eigene Familie eine Verletzung des Gesetzes. Da Jesus die Menschen aber immer wieder ermahnt hatte, das Gesetz zu halten, meinte er das sicher nicht wörtlich, sondern versuchte nur, den Stellenwert, den die Liebe zu ihm im Leben des einzelnen haben sollte, ganz klarzumachen (vgl. Mt 10,37 ). Die Treue zu Jesus hat Vorrang vor der Treue zur Familie und auch vor dem eigenen Leben. Außerdem dachten die Leute wahrscheinlich wirklich, daß diejenigen, die gegen den Wunsch ihrer Familie Jesus nachfolgten, ihre Familie haßten.

Die zweite Forderung in der Nachfolge, auf die Jesus ausdrücklich hinwies, war, daß jeder sein (d. h. sein eigenes) Kreuz tragen und ihm nachfolgen müsse ( Lk 14,27; vgl. Lk 9,23 ). Unter der römischen Oberherrschaft mußten Verbrecher oder Gefangene, die gekreuzigt werden sollten, ihr Kreuz häufig selbst zum Ort der Hinrichtung tragen. Das galt als schweigendes Einverständnis des Delinquenten, daß das Todesurteil zu Recht gefällt worden war, und als öffentliches Bekenntnis zur römischen Rechtsprechung. Wenn also Jesus seinen Jüngern einschärfte, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen, so meinte er damit ein öffentliches Bekenntnis der Jünger zu ihm und eine Nachfolge bis in den Tod, wenn es nötig war. Genau das verweigerte ihm die religiöse Obrigkeit Israels.



Lk 14,28-33


An zwei Bildern machte Jesus deutlich, daß zur Nachfolge sowohl sorgfältige Überlegung als auch Opferbereitschaft gehören. Im ersten Beispiel ging es um einen Turm (V. 28 - 30 ). Bevor ein solcher Bau in Angriff genommen wird, muß sichergestellt werden, daß die Kosten des Projekts gedeckt sind. D. h. die Jünger müssen sich prüfen, ob sie bereit sind, den Preis für die Nachfolge zu bezahlen.

Im zweiten Beispiel war die Rede von einem König , der in den Krieg zieht. Wenn er sieht, daß er nicht gewinnen kann, muß er bereit sein, auf einen ersehnten Sieg zu verzichten. Dasselbe gilt für die Nachfolge: Wer Jesus folgen will, muß bereit sein, sich von allem, was er hat, loszusagen . Seine Jünger hatten das getan. Sie hatten Besitz und Beruf aufgegeben in dem Wissen, daß die Botschaft, die Jesus verkündigte, das Wichtigste auf Erden war.



Lk 14,34-35


Die Lehre Jesu über die Nachfolge gipfelte schließlich in der Aussage, daß das Salz nur gut ist, solange es seine Würze behält. Wenn das Salz nicht mehr salzt , ist es wertlos, und man wird's wegwerfen . Dasselbe gilt für die Jünger: Ohne Besonnenheit und Opferbereitschaft nützen sie Jesus nichts.


d. Die Mutlosen und Sünder werden in das Reich eingehen
( Lk 15 )


Erneut brachte sich Jesus in Gegensatz zu den religiösen Führern Israels, indem er nochmals darauf hinwies, daß viele Sünder, die in ihren Augen verloren waren, und Leute, die alle Hoffnung aufgegeben hatten, in das Gottesreich kommen würden. Die Gleichnisse, die in diesem Kontext berichtet werden, gehören vielleicht zu den bekanntesten überhaupt: das Gleichnis vom verlorenen Schaf, das Gleichnis vom verlorenen Groschen und das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Alle drei drücken dasselbe aus - Gott liegt daran, daß der Sünder bereut. Die dritte Geschichte geht jedoch über die beiden ersten hinaus, indem sie ihren Wahrheitsgehalt auf die Lage, in der sich Jesus selbst befand, anwendet - er wurde von den Außenseitern der Gesellschaft akzeptiert, während ihn die religiösen Machthaber ablehnten.



Lk 15,1-2


Sehr zum Mißfallen der letzteren hatte Jesus sich in die Gesellschaft von Leuten begeben, die als hoffnungslose Sünder galten. Wie so häufig im Lukasevangelium ging die Opposition von den Pharisäern und Schriftgelehrten aus. Für sie erzählte Jesus deshalb die drei Gleichnisse. Alle drei sprechen von einer Sache oder einer Person, die verlorenging und wiedergefunden wurde, und von der Freude des Wiederfindens.

Nach Ansicht mancher Exegeten handeln die Gleichnisse in erster Linie vom Vorgang der Wiederherstellung der Beziehung zwischen dem Gläubigen und Gott. Da man nur etwas verlieren kann, was man zuvor besessen hat, muß in den beiden ersten Gleichnissen von Kindern Gottes die Rede sein, die zu ihm zurückfinden. Da die Sohnschaft im Grunde etwas Unzerstörbares ist, lehrt auch das dritte Gleichnis dasselbe, nämlich daß Menschen, die glauben, immer wieder zu Gott zurückkehren können.

Andere Ausleger sind dagegen der Überzeugung, daß Jesus mit diesen drei Gleichnissen sagen wollte, daß auch verlorene Menschen (d. h. Ungläubige) zu Christus kommen können. Für diese Theorie sprechen zwei gewichtige Gründe: (1) Jesus wandte sich mit den Gleichnissen an die Pharisäer, die die Botschaft vom Reich Gottes ablehnten und Jesus vorwarfen, daß er Umgang mit Sündern hatte und daß Sünder an ihn glaubten. Es wäre aber sehr schwer, diese beiden Gruppen - Pharisäer und Sünder - im dritten Gleichnis zu entdecken, wenn es darin tatsächlich primär um die Wiederherstellung der Beziehung eines Gläubigen zu Gott ginge. (2) Vers 22 deutet darauf hin, daß der Sohn, als er zurückkam, eine Position erhielt, die er zuvor nicht innehatte. Die Juden waren "Kinder Gottes", weil ihr Volk eine Bundesbeziehung zu Gott hatte. Dennoch mußte auch bei ihnen jeder einzelne zum Glauben an Gott finden. Es lag bei ihnen, die Botschaft, die Jesus verkündete - daß er der Messias war und dem Volk das Gottesreich bringen würde -, anzunehmen oder abzulehnen.


Lk 15,3-7


Das Gleichnis vom verlorenen Schaf lehrt, daß Freude im Himmel sein wird über einen Sünder, der Buße tut . Damit wollte Jesus nicht sagen, daß die übrigen neunundneunzig Schafe unwichtig waren. Er verglich nur das eine Schaf, das sich von der Herde entfernt hatte, mit den Sündern, mit denen er zusammen aß (V. 1 - 2 ). Die neunundneunzig Gerechten aber waren die Pharisäer, die sich selbst für gerecht hielten und daher dachten, daß sie der Buße nicht bedürften .



Lk 15,8-10


Auch das Gleichnis vom verlorenen Groschen lehrt, daß Freude im Himmel sein wird vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut . Das ist dieselbe Grundaussage wie zuvor, doch liegt hier das Schwergewicht auf der Suche nach dem Verlorengegangenen. Die Frau, die den Groschen verloren hat, kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn gefunden hat , denn die Münze hat großen Wert für sie. Eine Drachme, eine griechische Silbermünze - eine Währung, die im Neuen Testament nur an dieser einen Stelle auftaucht -, war immerhin ungefähr einen Tageslohn wert. Für die Hörer Jesu war das eine ganz klare Aussage: Die Sünder, mit denen Jesus verkehrte, waren für Gott offensichtlich ungemein wertvoll (vgl. die ähnliche Formulierung in V. 6.9 .).

Dann erzählte Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn und seinem älteren Bruder, um deutlich zu machen, daß Gott alle Menschen in sein Reich einlädt.



Lk 15,11


Ein Mensch hatte zwei Söhne ; der Gegensatz zwischen diesen beiden bildet den Kern des Gleichnisses.


Lk 15,12-20 a


Zunächst wird das Wesen des jüngeren Sohnes beschrieben. Seine Bitte an den Vater, ihm das Erbteil , das ihm zustand, zu geben, war sehr ungewöhnlich. Normalerweise wurde ein Anwesen erst dann unter die Erben aufgeteilt, wenn der Vater ihm nicht mehr vorstehen konnte. Trotzdem erfüllte der Vater in diesem Fall die Bitte seines Sohnes. Er erhielt seinen Anteil, nahm ihn und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen , wobei er sich vermutlich, wie sein älterer Bruder annahm, unter anderem auch mit Prostituierten amüsierte (V. 30 ). Sicherlich fielen den Hörern an dieser Stelle der Geschichte einige Parallelen zu Jesus auf, dem schließlich auch vorgeworfen wurde, daß er sich mit Sündern - Menschen, die fern von Gott ein wildes, zügelloses Leben führten - abgab. Im Gegensatz zum jüngeren Sohn blieb der ältere beim Vater und tat seine Pflicht.

Als eine Hungersnot kam, mußte der zweite Sohn, nachdem er all sein Geld verschwendet hatte, in einem fremden Land für fremde Leute arbeiten und Säue hüten - für einen Juden die schlimmste und schmachvollste Arbeit, die sich denken ließ. Jenes Land, in dem sich all das zutrug, war vielleicht das Gebiet östlich des Sees Genezareth, wo für die Bewohner der Dekapolis Schweine gezüchtet wurden (vgl. Lk 8,26-37 ). Der Sohn hatte solchen Hunger, daß er sogar die Schoten gegessen hätte, die die Säue fraßen - ein Zeichen, daß er als Jude nicht mehr tiefer sinken konnte. Bei diesen Schoten handelte es sich wahrscheinlich um Johannisbrotschoten von den großen, immergrünen Johannisbrotbäumen.

In diesem elenden Zustand ging er in sich ( Lk 15,17 ). Er entschloß sich, zu seinem Vater zurückzukehren und für ihn zu arbeiten, denn zu Hause würde es ihm mit Sicherheit besser gehen als bei einem Fremden. Er war bereit, von nun an als Tagelöhner für seinen Vater zu arbeiten und erwartete nicht, als Sohn aufgenommen zu werden.



Lk 15,20-24 (Lk 15,20b-24)


Der dritte Teil des Gleichnisses beschreibt die Reaktion des Vaters. Er hatte wohl schon lange auf die Rückkehr seines Sohnes gewartet, denn er sah ihn bereits, als er noch weit entfernt war, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn , ohne auf die vorbereiteten Entschuldigungsreden seines Sohnes zu achten. Statt dessen ließ er von seinen Knechten ein Festmahl zu Ehren seines wiedergefundenen Sohnes vorbereiten. Er gab ihm eine neue, wichtige Stellung und ließ ihn neu einkleiden mit einem Gewand , einem Ring und Schuhen . Auch in diesem Gleichnis griff Jesus wieder auf das Motiv des Festmahls als Symbol für das kommende Gottesreich (vgl. Lk 13,29;14,15-24 ) zurück. Die Bedeutung des Festes lag auf der Hand: Sünder (symbolisiert durch den jüngeren Sohn) gehen in das Reich Gottes ein, wenn sie sich zu Gott bekehren. Im Gegensatz zu denen, die sich für gerecht halten, ist ihnen klar, daß sie umkehren müssen und der Vergebung bedürfen.



Lk 15,25-32


Der letzte Teil des Gleichnisses beschreibt das Verhalten des älteren Bruders, der für die Position der Pharisäer und Schriftgelehrten stand und dieselbe Haltung gegenüber seinem Bruder vertrat wie die Pharisäer gegenüber den Sündern. Als er vom Feld, wo er gearbeitet hatte, nach Hause kam und hörte, was geschehen war, wurde er zornig. Genauso ärgerten sich die Pharisäer und Schriftgelehrten über Jesu Botschaft. Ihnen paßte die Vorstellung nicht, daß auch Heiden, aus der Gesellschaft Ausgestoßene und Sünder in das Gottesreich eingehen sollten. Wie der ältere Sohn, der sich weigerte, hineinzugehen und an dem Fest teilzunehmen, weigerten sich auch die Pharisäer, in das Reich, das Jesus dem Volk anbot, einzugehen.

Bemerkenswerterweise kam sein Vater daraufhin heraus und bat ihn , doch mitzufeiern. So aß auch Jesus sowohl mit den Pharisäern als auch mit den Sündern. Er wollte die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht vom Gottesreich ausschließen. Seine Botschaft war eine Einladung an jedermann.

Der ältere Bruder grollte jedoch weiter, weil er niemals mit einem Fest geehrt worden war, obwohl er, wie er sagte, dem Vater so viele Jahre gedient und sein Gebot nie übertreten hatte (V. 29 ). Er meinte offensichtlich, daß er durch seine Arbeit eine echte Beziehung zu seinem Vater hergestellt habe. Doch er hatte ihm nicht aus Liebe, sondern um der Belohnung willen gedient, ja er war sogar der Ansicht, daß er die ganze Zeit von seinem Vater in Knechtschaft gehalten worden war.

Sein Vater wies ihn darauf hin, daß er ja die ganze Zeit bei ihm gewesen sei und sich jetzt mit ihm über die Rückkehr seines Bruders freuen solle. Die Worte: Du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein , machen die bevorzugte Stellung der religiösen Führer als Angehörige von Gottes erwähltem Volk ganz deutlich. Sie hatten den Bund und das Gesetz empfangen und wachten darüber ( Röm 3,1-2; Röm 9,4 ). Statt zornig zu werden, sollten sie sich deshalb lieber freuen, daß andere sich ihnen anschlossen und ebenfalls in das Reich eingehen würden.



e. Die Gleichnisse vom Reichtum und vom Gottesreich
( Lk 16 )


Dieses Kapitel enthält zwei Gleichnisse über den Reichtum. Das erste (V. 1 - 13 ) war unmittelbar für die Jünger bestimmt (V. 1 ), das zweite (V. 19 - 31 ) erzählte Jesus den Pharisäern, weil sie sich über das erste Gleichnis mokiert hatten.



Lk 16,1-8 a


Mit dem Gleichnis vom unehrlichen Verwalter wollte Jesus seinen Jüngern deutlich machen, daß sie ihren Besitz für das Gottesreich einsetzen sollten. Der Exposition des Gleichnisses (V. 1 - 8 a) folgt die Auslegung für die Praxis (V. 8 b - 13 ).

Ein reicher Mann rief seinen Verwalter zu sich, um sich über seine Transaktionen Bericht erstatten zu lassen, denn es war ihm zu Ohren gekommen, daß sein Besitz verschleudert werde. Zur Zeit Jesu beschäftigten wohlhabende Männer häufig Verwalter, die die finanziellen Erträge aus ihren Ländereien anlegten. Ihre Funktion ist etwa der eines modernen Finanzmaklers oder Treuhänders vergleichbar, der das Geld seiner Kunden ebenfalls anlegt oder damit spekuliert. Die Geldmittel, die sie kontrollierten, waren also nicht ihr Eigentum, doch sie durften damit arbeiten, mit dem Ziel, das Vermögen ihrer Auftraggeber zu vergrößern. Der Verwalter, um den es im Gleichnis ging, hatte die Güter seines Herrn anscheinend schlecht verwaltet, so wie der jüngere Sohn sein Erbteil verpraßt hatte ( Lk 15,13 ).

Der Eigentümer warf ihm dabei zunächst wohl eher Unverantwortlichkeit als Betrug vor ( Lk 16,2 ) und entließ ihn. Um Freunde zu gewinnen, die ihm später Arbeit geben würden, fälschte der Entlassene daraufhin Schuldverschreibungen, indem er die Außenstände der Schuldner seines Herrn von hundert auf fünfzig Eimer Öl bzw. von hundert auf achtzig Sack Weizen verringerte. Er dachte sich: Sie werden mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde (V. 4 ).

Als dem reichen Mann zu Ohren kam, was sein Verwalter getan hatte, lobte er den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte . Das soll nicht heißen, daß er richtig gehandelt hatte, doch er hatte sich als vorausschauend erwiesen und versucht, sich materiell für die Zukunft abzusichern. Damit wollte Jesus den Jüngern nicht etwa beibringen, unehrlich zu sein,sondern materiellen Besitz für zukünftigen geistlichen Nutzen zu verwenden. Er machte ihnen also an einem schlechten Beispiel etwas Gutes klar.



Lk 16,8-13 (Lk 16,8b-13)


Für die Jünger, die in einer zumeist von Ungläubigen bevölkerten Welt leben mußten, ergaben sich drei Lehren aus diesem Gleichnis. Erstens: Sie sollten ihr Geld dazu verwenden, Menschen für das Gottesreich zu gewinnen (V. 8 b - 9 ). Jesus sagte: "Die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts." Er machte also einen Unterschied zwischen seinen Jüngern und dem unehrlichen Verwalter, der ein echtes "Kind dieser Welt" war, das versuchte, sein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Doch wie er sollten die Jünger, die "Kinder des Lichts" (vgl. Lk 11,33-36; Eph 5,8 ), klug (nicht unehrlich) handeln und sich den ungerechten Mammon für ihre gute Sache zunutze machen ( Lk 16,9 ). Das Wort "Mammon" ( mamOna ) kehrt kurz darauf, in Vers 13 , wieder, wo Jesus versichert, daß man nicht Gott und dem Mammon dienen kann. An dieser Stelle in Vers 9 ging es ihm jedoch in erster Linie darum, daß man sein Geld benutzen und nicht aufheben oder sich von seinem Reichtum versklaven lassen sollte. Der Mammon sollte den Jüngern dienen, nicht umgekehrt. Er sollte ihnen Freunde machen , wie auch der unehrliche Verwalter das Geld seines Herrn dazu verwendete, sich andere Leute gewogen zu machen. Wenn die Jünger so mit ihrem Geld umgingen, würden sie in die ewigen Hütten aufgenommen werden, denn ihr Reichtum konnte dann vielleicht mit dazu beitragen, anderen den Glauben an die Botschaft Jesu nahezubringen.

In Vers 10 - 12 folgt ein zweites Anwendungsbeispiel für das Gleichnis: Wer in Gelddingen ehrlich ist, dem kann auch in Wichtigerem vertraut werden. Das wahre Gut (V. 11 ) scheint sich hier auf die geistlichen Reichtümer des Gottesreiches zu beziehen, an denen die Jünger teilhaben sollten.

Die dritte Folgerung für die Nachfolge, die Jesus aus dem Gleichnis zog, lautete, daß ein Mensch nicht zwei Herren dienen kann, Gott und dem Mammon (V. 13 ), denn beide schließen sich gegenseitig aus. Die Liebe zum Geld bringt den Menschen von Gott ab ( 1Tim 6,10 ), und umgekehrt macht jemand, der Gott wirklich liebt, Geld nicht zum Hauptzweck seines Daseins.



Lk 16,14-18


Die geldgierigen Pharisäer spotteten über dieses Gleichnis und über Jesus, denn in ihren Augen war er nur ein armer Mann, dessen Anhängerschaft sich ebenfalls aus armen Leuten zusammensetzte und der sich hier anheischig machen wollte, sie in Geldangelegenheiten zu belehren. Doch Jesus hielt ihnen entgegen, daß Gott die Herzen der Menschen kennt und sich nicht von ihrem äußeren Auftreten oder ihrem Reichtum beeindrucken läßt. Die Pharisäer versuchten zwar allenthalben, sich zu rechtfertigen (V. 15 ; vgl. Lk 15,7 ), aber Gott, der den inneren Menschen richtet, wird auch über sie das letzte Wort sprechen. Sie hatten die Segnungen des Bundes, den Gott mit Israel geschlossen hatte, offensichtlich mißverstanden und glaubten anscheinend, daß der Reichtum eines Menschen die Belohnung für sein gerechtes Verhalten sei. Dabei übersahen sie völlig, daß schon im Alten Testament die Gerechten oft in Armut lebten, während viele Gottlose sehr reich waren.

Der Einschub in Vers 16 - 18 schließt sich an Jesu Aussage über den rechten Umgang mit materiellen Gütern an und geht noch näher auf die trügerische Selbstgerechtigkeit der Pharisäer, die in Wirklichkeit längst dem Gericht Gottes verfallen waren, ein. Seit der Zeit Johannes' des Täufers hatte Jesus das Reich Gottes verkündigt, und alle, auch die Pharisäer (vgl. Lk 14,15 und den Kommentar zu Mt 11,12 ), drängten sich mit Gewalt in dieses Reich hinein .

Dabei lebten die Pharisäer, die sich doch so rechtschaffen vorkamen, nicht einmal nach dem Gesetz, wie Jesus am Beispiel der Scheidung deutlich machte. Wer sich scheiden ließ und wieder heiratete, brach die Ehe. (Jesus gestattete hier nur eine einzige Ausnahme, vgl. den Kommentar zu Mt 5,32;19,1-12 .) Ehebruch aber war etwas streng Verbotenes. Trotzdem drückten viele Pharisäer beide Augen zu, wenn ein Mann eine andere Frau begehrte und sich ohne zwingenden Grund scheiden ließ und die andere heiratete. Sie redeten sich ein, daß er auf diese Weise keinen richtigen Ehebruch begehe. Für Jesus dagegen war diese Praxis geradezu ein Paradebeispiel für die Methode der Pharisäer, die eigenen Handlungen in den Augen der Menschen, nicht jedoch vor Gott, als gerecht erscheinen zu lassen ( Lk 16,15 ). Die religiösen Machthaber lebten also gar nicht wirklich nach dem Gesetz, dessen Unantastbarkeit Jesus hier ausdrücklich unterstrich (V. 17 ).



Lk 16,19-21


Am Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus führte Jesus seinen Zuhörern vor, daß Reichtum keineswegs mit Gerechtigkeit gleichgesetzt werden kann. Der Reiche besaß alles, was er wollte. Purpur bezieht sich auf die in dieser Farbe eingefärbten Kleider, und aus kostbarem Leinen wurde die Unterkleidung hergestellt; beides war sehr teuer.

Ein armer Mann , ein verkrüppelter Bettler namens Lazarus , besaß dagegen überhaupt nichts. Während der eine in verschwenderischem Luxus lebte, vegetierte der andere in äußerster Armut, Hunger und Krankheit ( voll von Geschwüren ) direkt vor seiner Tür. Den Namen Lazarus wählte Jesus vielleicht, weil er die griechische Form eines hebräischen Namens war, der "Gott, der Helfer" bedeutete. Lazarus war nicht gerecht, weil er arm war, sondern weil er sich auf Gott verließ.

 

Lk 16,22-23


Im Lauf der Zeit starben beide. Lazarus wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen , und der Reiche wurde begraben und kam in die Hölle , den Ort der ständigen, bei vollem Bewußtsein erlebten Pein (V. 24.28 ). Das griechische Wort hades, häufig mit Hölle übersetzt, steht elfmal im Neuen Testament. Die Septuaginta gibt das hebräische Wort S+?Nl (das Reich der Toten) einundsechzigmal mit hadEs wieder. Hier bezieht sich hadEs auf den Aufenthaltsort der unerlösten Toten, bevor sie vor den großen weißen Thron des Gerichts gerufen werden ( Offb 20,11-15 ). "Abrahams Schoß" dagegen bezieht sich anscheinend auf einen paradiesischen Ort, an den die Gläubigen des Alten Testaments nach dem Tod kamen (vgl. Lk 23,43; 2Kor 12,4 ).

 

Lk 16,24-31


Der reiche Mann, der in der Hölle saß, konnte von dort aus mit Abraham sprechen. Zunächst bat er ihn, Lazarus zu schicken, damit er ihm etwas Wasser gebe. Doch Abraham antwortete, daß das nicht möglich sei. Er gebot ihm, daran zu gedenken, daß er im Leben alles gehabt hatte, Lazarus dagegen nichts, und daß er ihm damals nie geholfen hatte. Außerdem bestünde eine große Kluft zwischen dem Paradies und dem Hades, so daß niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber . Daraufhin bat der reiche Mann, daß Lazarus auf die Erde geschickt werde, um seine Brüder zu warnen. Er war der Überzeugung, daß sie, wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, Buße tun würden (V. 30 ). Doch Abraham antwortete, daß sie, wenn sie schon nicht auf Mose und die Propheten hörten (also auf das Alte Testament; vgl. V. 16 ), sich auch nicht überzeugen lassen würden, wenn jemand von den Toten auferstünde .

Für Jesus war der reiche Mann offensichtlich ein Sinnbild für die Pharisäer. Sie wollten Zeichen sehen - Zeichen, die so eindeutig waren, daß sie den Menschen Glauben abnötigten. Doch wer der Schrift keinen Glauben schenkte, würde auch keinem Zeichen glauben, wie groß es auch sein mochte. Kurze Zeit später erweckte Jesus einen Mann - er hieß ebenfalls Lazarus - von den Toten ( Joh 11,38-44 ), doch gerade nach diesem Zeichen versuchten die religiösen Machthaber nur umso ingrimmiger, ihn zu töten - und Lazarus gleich mit ihm ( Joh 11,45-53;12,10-11 ).



f. Die Pflichten gegenüber Gott und den Menschen
( Lk 17,1-10 )


Lk 17,1-4


Danach kam Jesus auf die Verpflichtungen seiner Jünger gegenüber anderen Menschen (V. 1 - 4 ) und gegenüber Gott (V. 5 - 10 ) zu sprechen. Wer Jesus nachfolgt, darf niemanden zur Sünde verführen. Es ist auf Erden zwar unmöglich, die Sünde restlos auszutilgen, d. h. gewisse Verführungen werden immer bestehen. Doch für einen Jünger wäre es besser, daß man ihm einen Mühlstein (einen schweren Stein, mit dem Korn gemahlen wurde) an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als daß er einen dieser Kleinen (Menschen, die, wie kleine Kinder, hilflos sind vor Gott; vgl. Lk 10,21; Mk 10,24 ) zum Abfall verführt ( skandalisE ). Die Sünde, von der hier die Rede ist, bezog sich wahrscheinlich auf den fehlenden Glauben der Menschen an den Messias. Jesus hatte bereits gesagt, daß die Pharisäer sich nicht nur weigerten, das Reich Gottes für sich selbst anzunehmen, sondern darüber hinaus auch andere davon abhielten ( Lk 11,52 ).

Jesu Jünger dagegen sollen nicht nur niemanden zum Abfall verführen, sondern der Sünde aktiv entgegenwirken, indem sie anderen vergeben ( Lk 17,3-4 ): Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm - auch wenn er wieder und wieder sündigt. Die Zahl sieben ist auch hier nur ein Bild für die Vollständigkeit: Jedesmal, wenn ein Mensch sündigt, soll ihm vergeben werden.



Lk 17,5-10


Doch auch Gott gegenüber haben die Jünger Verpflichtungen. Vor allem anderen brauchen sie Glauben. Auf die Bitte der Jünger, ihren Glauben zu stärken , antwortete ihnen Jesus, daß sie nicht mehr Glauben, sondern den rechten Glauben nötig hätten. Denn noch der kleinste Glaube (wie ein Senfkorn , das kleinste den Juden bekannte Samenkorn; vgl. Lk 13,19 ) konnte Wunder bewirken und z. B. einen Maulbeerbaum , der sehr tiefe Wurzeln hat, entwurzeln ( Lk 17,6 ).

Die zweite Aufgabe der Jünger gegenüber Gott liegt im bescheidenen und demütigen Dienen (V. 7 - 10 ). Sie sollen tun, was ihnen aufgetragen ist, ohne besonderes Lob zu erwarten. Schließlich wird ein Knecht von seinem Herrn auch nicht dafür gelobt, daß er seine Arbeit tut. So haben auch die Jünger bestimmte Aufgaben, die sie in Demut als Gottes unnütze ( achreioi ; sonst nur noch in Mt 25,30 ) Knechte erfüllen sollen.



4. Die Lehre vom Gottesreich und von der Nachfolge
( 17,11 - 19,27 )


In diesem Abschnitt stellt Lukas eine Reihe von Ereignissen aus dem Leben Jesu zusammen und verknüpft sie mit dem Weg nach Jerusalem. Jedes dieser Geschehnisse verdeutlicht einen Aspekt der rechten Form der Nachfolge angesichts des kommenden Gottesreiches.



a. Die zehn Aussätzigen
( 17,11 - 19 )


Lk 17,11-14


Jesus wanderte durch Samarien und Galiläa nach Jerusalem. Dabei heilte er zehn Aussätzige , die ihn um Hilfe baten, von ferne. Dies ist die zweite Heilung von Leprakranken, von der im Lukasevangelium berichtet wird (vgl. Lk 5,12-16 ). Wie im ersten Fall wies Jesus auch diese Männer an, sich den Priestern zu zeigen . Auf dem Weg dorthin wurden sie von ihrer Krankheit geheilt und zeremoniell rein.



Lk 17,15-19


Doch nur einer von ihnen - ein Samariter , also ein Fremder - begriff offenbar die ganze Tragweite dessen, was an ihm geschehen war, und kehrte zurück, um Jesus zu danken. Er pries Gott mit lauter Stimme und fiel in einer Geste der Anbetung nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen. Vielleicht war ihm klar geworden, daß Jesus Gott war, denn er hatte Glauben. Ob er auch wußte, daß Jesus der Messias war, sagt Lukas nicht. Die Undankbarkeit der neun anderen dagegen war charakteristisch für die Haltungdes jüdischen Volkes gegenüber Jesu Wirken. Jesus allein hatte die Macht, das Volk zeremoniell rein zu machen, doch die Menschen wußten nichts mit ihm anzufangen. Sie ließen sich seine Wundertaten (die Heilungen und die Speisungen) zwar gern gefallen, doch sie akzeptierten ihn nicht als den Messias. Doch Leute außerhalb der Gesellschaft wie z. B. dieser samaritanische Aussätzige, der den Juden in zweifacher Hinsicht verächtlich war, wegen seiner Herkunft und wegen seiner Krankheit, verstanden Jesus und sagten ja zu ihm.



b. Vom Kommen des Gottesreiches
( 17,20 - 37 ) ( Mt 24,15-18.23-28.37-41 )


Lk 17,20-21


Die Pharisäer fragten Jesus, wann das Reich Gottes kommen werde. Diese Frage war völlig berechtigt, denn er hatte nun bereits einige Zeit gepredigt, daß das Reich nahe sei. Jesus gab ihnen darauf eine doppelte Antwort. Zum einen sagte er, daß sie das Kommen des Gottesreiches nicht an beobachtbaren Zeichen würden erkennen können. Zum anderen teilte er ihnen mit, daß es bereits mitten unter ihnen sei. Die Wendung "mitten unter euch" ist häufig mißverstanden worden. (Man muß sich dazu klarmachen, daß Jesus hier noch nicht zu den Jüngern sprach, an die er sich erst ab Vers 22 wandte.) Da die hier angesprochenen Pharisäer nicht an Jesus glaubten und ihn nicht als Messias anerkannten, ergäbe es wenig Sinn, wenn er ihnen sagen wollte, daß das Reich Gottes als eine Art geistliches Reich "inwendig in" ihnen sei. Die Übersetzung der griechischen Formulierung entos himOn mit "mitten unter euch" wird manchmal deutlicher mit "in eurem Besitz oder in eurer Reichweite" umschrieben. Jesus wollte den Pharisäern also begreiflich machen, daß das Gottesreich in seiner Person mitten unter ihnen war. Alles, was sie tun mußten, war zu akzeptieren, daß er wirklich der Messias war, der ihnen das Gottesreich bringen konnte - dann würde das Reich kommen.

 

Lk 17,22-25


Dann wandte Jesus sich erneut an seine Jünger und bereitete sie darauf vor, daß eine Zeit kommen würde, in der sie seine Rückkehr ersehnen würden und ihn nicht sehen könnten (V. 22 ). Wenn dann aber schließlich das Reich Gottes anbrechen würde, würde jeder es wissen (V. 24 ), denn es würde kein verborgenes (d. h. nur ein inneres, geistliches) Reich sein, sondern eines, das vor der ganzen Welt offenbar ist. Es wird mit einer Plötzlichkeit und strahlenden Helle kommen, wie der Blitz aufblitzt (vgl. Mt 24,27.30 ). Er sagte ihnen nochmals, daß er leiden müsse, bevor das Reich kommt ( Lk 17,25 ).



Lk 17,26-27


In einem neuen Bild verglich Jesus das Kommen des Reiches mit dem Kommen der Sintflut in den Tagen Noahs und mit dem Gericht über Sodom (V. 29 ). Damit spielte er auf den gerichtlichen Aspekt des Gottesreiches an: Bevor die Menschen in das Reich, das der Messias errichten wird, eingehen dürfen, werden sie gerichtet werden. Diese Äußerung ( Lk 17,26-35 ) bezog sich nicht auf die Entrückung, sondern auf das dem Reich vorangehende Gericht.

Jesus erinnerte seine Jünger daran, daß die Zeitgenossen Noahs nicht auf die Sintflut vorbereitet gewesen waren und daher alle vernichtet wurden ( 1Mo 7 ). Ganz ähnlich würde es auch beim Kommen des Gottesreiches sein - niemand würde damit rechnen und sich dafür bereitmachen.



Lk 17,28-33


Genauso verhielten sich die materialistisch gesinnten, gleichgültigen Einwohner Sodoms ( sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten ; 1Mo 19 ), die in Sünde lebten und nicht an Gott dachten und daher umkamen. Jesus ermahnte seine Jünger deshalb eindringlich, ihr Herz in dieser Zeit, in der das Gottesreich ganz unvermutet hereinbrechen konnte, nicht an materielle Dinge zu hängen, denn dann würden sie gerichtet wie Lots Frau .Wenn das Reich kam, sollten die, die arbeiteten oder sich auf ihren Dächern ausruhten (in Palästina waren die meisten Dächer flach), nicht versuchen, noch etwas aus ihren Häusern zu holen. Wer auf dem Feld arbeitete, sollte nicht nach Hause zurückkehren, um irgend etwas von seinem Besitz zu retten. Jede Verzögerung könnte tödlich sein, denn wer sein Leben zu erhalten sucht ( Lk 17,33 ) und für seinen Besitz nochmals zurückgeht (V. 31 ), wird es verlieren .



Lk 17,34-36


Das Reich wird auf der ganzen Welt zugleich kommen: Es wird in manchen Teilen der Welt Nacht sein (die Menschen werden im Bett liegen ), in manchen Tag (die Menschen dort werden ihren täglichen Aufgaben, wie Korn mahlen , nachgehen). Nach den Worten Jesu wird es dabei keine universale Entrückung geben, sondern manche Menschen werden preisgegeben werden. Er meinte damit, daß sie dem Gericht verfallen, während die "Angenommenen" in das Reich Gottes eingehen. (Manche Handschriften fügen noch V. 36 hinzu: Zwei werden auf dem Felde sein; der eine wird angenommen, der andere wird preisgegeben werden - wahrscheinlich ein Versuch, diese Textstelle mit Mt 24,40 in Einklang zu bringen.)



Lk 17,37


Die Jünger fragten Jesus, wo diese Preisgabe erfolgen würde. Seine rätselhafte Antwort wo das Aas ist, da sammeln sich auch die Geier wurde unterschiedlich ausgelegt. Am plausibelsten scheint, daß Jesus hier wiederum darauf anspielt, daß sie dem Gericht verfallen sollten. So wie ein Leichnam Geier anzieht, werden die Menschen, wenn sie gestorben sind, dem Gericht überantwortet, wenn sie nicht darauf vorbereitet sind, ins Gottesreich einzugehen (vgl. Mt 24,28; Offb 19,17-19 ).



c. Vom Beten
( 18,1 - 14 )


In diesem Abschnitt stehen zwei Gleichnisse über das Beten. Das eine war an die Jünger (V. 1 - 8 ) und das andere (V. 9 - 14 ) an einige, die sich anmaßten, fromm zu sein, gerichtet.



Lk 18,1-8


Im Gleichnis vom ungerechten Richter ging es Jesus um Beständigkeit im Gebet: daß sie, die Jünger, allezeit beten und nicht nachlassen sollten . Eine Witwe bedrängte einen ungerechten Richter immer wieder, ihr Recht zu verschaffen, doch er lehnte es stets ab, sie anzuhören. Doch am Ende gab er ihrem Drängen nach, weil sie ihm soviel Mühe machte, damit sie nicht zuletzt komme und ihm ins Gesicht schlage. In seiner Deutung (V. 6 - 8 ) wies Jesus darauf hin, daß, wenn sogar der ungerechte Richter der Frau Recht schaffte, dann doch auch Gott (der gerechte Richter) Recht schaffen sollte seinen Auserwählten, und zwar rasch. Jesu Frage: Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden? war kein Zeichen für seine Unwissenheit. Er fragte auch nicht danach, ob es bei seiner Rückkehr überhaupt noch Gläubige auf Erden geben würde, sondern wollte die Jünger zum gläubigen und standhaften Beten ermutigen. Auch in diesem Zusammenhang verwendete er also ein negatives Beispiel, um etwas Gutes deutlich zu machen (vgl. Lk 16,1-13 ).



Lk 18,9-14


Das Gleichnis vom Gebet des Pharisäers und des Zöllners sollte zeigen, daß man sich, was die Rechtfertigung anbelangt, nicht auf sich selbst verlassen und auf andere herabsehen darf (V. 9 ). Das Gebet des Pharisäers strotzte vor Eigenlob. Weil er das Gesetz durch Einhaltung der Fastengebote und Abgabe des Zehnten erfüllte (V. 12 ), dünkte er sich besser als andere Menschen (V. 11 ). Sein Gerechtigkeitsmaßstab orientierte sich also am Verhalten der anderen.

Für den Zöllner dagegen war Gott der Maßstab der Gerechtigkeit. Er erkannte, daß er zur Vergebung ganz auf Gottes Gnade angewiesen war.

Die Auslegung, die Jesus dem Gleichnis gibt, erinnert an das in V. 30 Gesagte. Man muß sich vor Gott demütigen, um Vergebung zu erlangen, denn die Stolzen ( wer sich selbst erhöht ) werden von Gott erniedrigt werden .



d. Die Segnung der Kinder
( Lk 18,15-17 ) ( Mt 19,13-15; Mk 10,13-16 )


Lk 18,15-17


Lukas fügt die kurze Episode der Segnung der Kinder an dieser Stelle ein, weil sie gut zur Aussage des vorigen Gleichnisses paßt. Jesus hatte gelehrt, daß es notwendig sei, demütig vor Gott zu sein. Hier nun verglich er diese Demut mit dem Wesen von Kindern: "Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes." Um ins Gottesreich zu kommen, sollen die Menschen sich Jesus nähern wie Kinder, die erwartungsvoll und freudig herbeigelaufen kommen und dabei wissen, daß sie von sich aus nichts vermögen und vollkommen von anderen abhängig sind. Wenn die Erwachsenen nicht auch zu einer solchen Haltung finden, können sie nicht ins Gottesreich hineinkommen.



e. Die Gefahr des Reichtums
( 18,18 - 30 ) ( Mt 19,16-30; Mk 10,17-31 )


Lk 18,18-20


Ein Oberer, vielleicht ein Mitglied des Hohen Rats oder der örtlichen Synagoge (er war sehr reich, V. 23 ), kam zu Jesus und fragte ihn: "Guter Meister, was muß ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?" "Das ewige Leben ererben" war gleichbedeutend mit "ins Gottesreich kommen" (vgl. Joh 3,3-5 ). Der Mann wollte wissen, wie er seine Beziehung zu Gott in Ordnung bringen konnte ( was muß ich tun? ).

Er hatte Jesus mit guter Meister angeredet, doch Jesus entgegnete darauf, daß nur Gott allein gut , d. h. wirklich gerecht sei. Anscheinend war der Mann der Ansicht, Jesus sei wegen seiner guten Werke gut bei Gott angeschrieben. Dessen Antwort brachte jedoch implizit zum Ausdruck, daß er in Wirklichkeit nur gut war, weil er Gott war - ein weiterer Beleg für den Göttlichkeitsanspruch Jesu.

Er riet dem Mann, das siebte, sechste, achte, neunte und fünfte Gebot ( 2Mo 20,12-16 ) zu halten, die alle von der Beziehung der Menschen untereinander reden. (Die vier ersten Gebote handeln von der Beziehung des Menschen zu Gott.)



Lk 18,21-22


Die Antwort des Oberen, daß er alle diese Gebote von Kindheit an gehalten habe, traf wohl sogar zu; vielleicht war er tatsächlich ein vorbildlicher Bürger.

Daraufhin sagte Jesus, daß ihm nur noch eines fehle : er sollte ihm nachfolgen - was bedeutete, daß er alles, was er hatte, verkaufen und den Armen geben mußte. Diese Forderung entsprach dem zehnten Gebot gegen die Habgier, das sich außer gegen das Begehren des Besitzes anderer auch gegen die allzu große Liebe zum eigenen Besitz wendet. An diesem Punkt zögerte der Mann jedoch.

Worum es Jesus hier ging, lag auf der Hand: (a) Um das ewige Leben zu gewinnen, muß jedes einzelne Gebot des Gesetzes voll und ganz gehalten werden (vgl. Jak 2,10 ); (b) gut - wirklich gerecht - ist nur Gott allein; (c) daher kann niemand das ewige Leben erwerben, indem er dem Gesetz nach lebt (vgl. Röm 3,20; Gal 2,21; 3,21 ). Die einzige Möglichkeit für den einzelnen, das ewige Leben zu gewinnen, ist, Jesus nachzufolgen.



Lk 18,23-25


Dazu aber war der reiche Mann nicht bereit (vgl. dagegen Zachäus; Lk 19,8 ). Er hing offenbar mehr an seinem Geld als an dem Gedanken, das "ewige Leben" zu gewinnen, obwohl er zu Beginn der Unterhaltung so kühn danach gefragt hatte. Jesus sagte ihm denn auch, daß Reichtum ein Hindernis für das ewige Leben sei, denn häufig trübt er den Blick des Menschen für das im Leben, was wirklich wichtig ist. Mit einem bei den Juden gebräuchlichen, übertreibenden Ausdruck für etwas ganz und gar Unmögliches beschrieb er das Verhältnis von Reichtum und Gottesreich: Eher sollte ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen (belones, eine Nähnadel, nicht, wie manchmal angenommen wird, eine kleine Pforte im Stadttor), als daß ein Reicher in den Himmel kommt. Es war also schwer - wenn auch nicht unmöglich (vgl. Zachäus, 19,1 - 10) - für einen Reichen , gerettet zu werden.



Lk 18,26-27


Die Jünger waren zutiefst verwirrt. Sie hatten, wie die Pharisäer, irrtümlicherweise geglaubt, daß Reichtum ein Zeichen des Segens Gottes sei. Wenn nun ein Mann wie dieser Obere nicht gerettet werden konnte, wer konnte dann selig werden? Doch Jesus wies sie darauf hin, daß es nicht prinzipiell ausgeschlossen war, daß ein Reicher erlöst wurde, weil bei Gott alles möglich ist .



Lk 18,28-30


Auf Petrus' Bemerkung, daß sie, die Jünger, ja alles aufgegeben hätten, bestätigte er ihm, daß sie dafür reich belohnt würden. Sie hatten zwar ihre Familien verlassen (vgl. Lk 14,26-27 ), sollten dieses Opfer jedoch vielfach wiederempfangen in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben . Hier bezog Jesus sich offensichtlich auf die Gemeinschaft der Gläubigen, die mit den Jüngern, die ihnen dienten, ihre Habe teilten. Sie bildeten eine enge Familie mit Gütergemeinschaft, so daß keiner Not litt ( Apg 2,44-47;4,32-37 ).



f. Die dritte Leidensankündigung
( 18,31 - 34 ) ( Mt 20,17-19; Mk 10,32-34 )


Lk 18,31-34


Jedesmal, wenn Jesus auf das zu sprechen kam, was ihm in Jerusalem widerfahren würde, schilderte er es den Jüngern etwas deutlicher. Hier nun erzählte er ihnen ganz genau, was ihm bevorstand - und erwähnte zum ersten Mal, daß auch die Heiden bei seiner Verurteilung und seinem Tod eine Rolle spielen würden. Dieser Punkt war für Lukas deshalb wichtig, weil er nicht wollte, daß seine Leser glaubten, nur die Juden hätten sich an Jesu Tod schuldig gemacht. Die ganze Welt war verantwortlich für den Tod des Retters. Doch die Jünger, die noch immer dachten, das Gottesreich stünde unmittelbar bevor, verstanden nicht, was damit gesagt war .


g. Jesus und der Blinde
( 18,35 - 43 ) ( Mt 20,29-34; Mk 10,46-52 )


In diesem und im nächsten Abschnitt ( Lk 19,1-10 ) schildert Lukas zwei Beispiele dafür, wie das Volk auf den Messias hätte reagieren sollen . Beide Male war es ein Außenseiter der jüdischen Gesellschaft, der sich richtig verhielt.



Lk 18,35-38


In der Nähe von Jericho fragte ein Blinder , als er die Menge hörte, die vorbeiging, die Umstehenden, was das wäre. Als er erfuhr, Jesus von Nazareth gehe vorbei, spürte er offenbar sofort, daß der Messias da war, denn seine Worte - Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner - lassen sich nicht anders deuten, als daß er wußte, daß Jesus der Messias war.

Der Symbolgehalt dieser Geschichte ist bemerkenswert. Der Mann war ein Bettler, der am Wege saß und darauf wartete, daß etwas geschah. Er war blind und konnte selbst nichts tun, um seine Situation zu verbessern. Doch als der Messias durch seine Stadt kam (wie er durch so viele Städte ging), erkannte ihn der Blinde sofort als den Messias, der ihn von seiner Blindheit heilen konnte. Die Außenseiter der Gesellschaft, die nicht in der Lage waren, sich selbst zu helfen, waren immer wieder eher bereit, den Messias anzuerkennen und ihn um Hilfe zu bitten als die frommen jüdischen Religionsführer.



Lk 18,39


Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen . Ähnlich versuchten auch die Religionsführer, die Menschen vom Glauben an Jesus abzubringen. Aber der Widerstand ließ den Mann nur noch hartnäckiger auf seiner Bitte bestehen.

 

Lk 18,40-43


Indem er Jesus gegenüber seinem Wunsch Ausdruck gab, wieder zu sehen, vertraute er darauf, daß der Messias die Macht hatte, ihn zu heilen. Es war also nicht die Macht seines Glaubens ( dein Glaube hat dir geholfen ), die den Mann geheilt hatte, sondern die Macht des Messias, an den er glaubte (vgl. Lk 7,50;17,19 ). So wäre auch das Volk, wenn es dem Messias geglaubt hätte, durch den Glauben von seiner geistlichen Blindheit geheilt worden. Als der Mann geheilt war, lobte er und alles Volk, das es sah, Gott .



h. Jesus und Zachäus
( 19,1 - 10 )