Markus (John D. Grassmick)
EINLEITUNG Das Markusevangelium ist das kürzeste der vier
Evangelien. Vom 4. bis ins 19. Jahrhundert galt es lediglich als Auszug
aus dem Matthäusevangelium und wurde daher von den Bibelwissenschaften
kaum beachtet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich dann jedoch
allgemein die Überzeugung durch, daß das Markusevangelium überhaupt das
erste schriftliche Evangelium sei. Von da an wurde es zu einem
Gegenstand besonderen Interesses und intensiver Forschung. Verfasserfrage Formal gesehen ist das Markusevangelium anonym
geschrieben, der Autor wird an keiner Stelle genannt. Der Titel "Das
Evangelium nach Markus" ( Kata Markon ) wurde der Schrift erst später,
kurz vor dem Jahr 125 n. Chr., vorangestellt. Wir haben jedoch genügend
Hinweise aus der frühkirchlichen Überlieferung (äußere Belege) und auch
aus dem Evangelium selbst (innere Belege), um den Verfasser
identifizieren zu können. Die frühen Kirchenväter sind einhellig der Ansicht,
daß es sich bei dem Verfasser des Markusevangeliums um einen Mitarbeiter
des Apostels Petrus namens Markus handelt. Die älteste uns bekannte
Aussage in dieser Richtung stammt von Papias (um 110 n. Chr.), der sich
dabei auf Johannes den Älteren - wahrscheinlich ein Name für den Apostel
Johannes - beruft. Papias nennt Markus als Autor und gibt folgende
Hintergrundinformationen zu seiner Verfasserschaft: 1. Er war kein
Augenzeuge der Worte und Werke Jesu. 2. Er begleitete den Apostel Petrus
und hörte seine Predigten. 3. Er schrieb alle Worte und Werke Jesu auf,
an die Petrus sich erinnerte, jedoch nicht der Reihe nach, d. h. nicht
immer in chronologischer Reihenfolge. 4. Er war Petrus' "Dolmetscher".
Das heißt wohl einfach, daß Markus die Lehre des Petrus einem breiteren
Publikum zugänglich machte, indem er sie niederschrieb, und nicht etwa,
daß er Petrus' auf Aramäisch gehaltene Reden ins Griechische oder
Lateinische übersetzte. 5. Sein Bericht ist vollkommen zuverlässig (vgl.
Euseb, Kirchengeschichte 3. 39. 15). Diese frühen Belege werden von Justinus dem
Märtyrer ( Dialog 106. 3; etwa 160 n. Chr.), im Antimarcionitischen
Prolog zum Markusevangelium (etwa 160 - 180 n. Chr.), von Irenäus (
Adversus Haereses 3. 1. 1 - 2; etwa 180 n. Chr.), Tertullian ( Adversus
Marcionem 4. 5; etwa 200 n. Chr) und durch die Schriften des Clemens von
Alexandrien (etwa 195 n. Chr.) sowie des Origenes (etwa 230 n. Chr), die
von Euseb zitiert werden ( Kirchengeschichte 2. 15. 2; 6. 14. 6; 25. 5),
bestätigt. Die äußeren Hinweise auf eine Verfasserschaft von Markus sind
also relativ alt und stammen aus verschiedenen Zentren der frühen
Christenheit: Alexandria, Kleinasien und Rom. Obwohl es nirgendwo ausdrücklich gesagt wird, gehen
die meisten Exegeten davon aus, daß der Markus, von dem die Kirchenväter
sprechen, mit jenem "Johannes (ein hebräischer Name), auch Markus (ein
lateinischer Name) genannt", identisch ist, der im Neuen Testament
zehnmal erwähnt wird ( Apg 12,12.25;13,5.13;15,37.39; Kol 4,10; 2Tim
4,11; Phlm 1,24; 1Pet 5,13 ). Die Einwände, die gegen diese
Identifizierung erhoben werden, sind nicht überzeugend. Außerdem gibt es
keinerlei Hinweise auf einen "anderen" Markus, der in engem Kontakt mit
Petrus stand, und auf dem Hintergrund des Datenmaterials im Neuen
Testament stellt sich ebenfalls keine Notwendigkeit, einen "unbekannten"
Markus einzuführen. Die internen Belege, wenngleich nicht ganz
eindeutig, sind mit den historischen Zeugnissen der frühen Kirche
durchaus vereinbar. Sie sagen folgendes über den Verfasser des
Evangeliums aus: 1. Markus war mit der Geographie Palästinas vertraut;
vor allem kannte er Jerusalem (vgl. Mk 5,1;6,53;8,10;11,1;13,3 ). 2. Er
verstand anscheinend Aramäisch, die Umgangssprache in Palästina (vgl. Mk
5,41;7,11.34;14,36 ). 3. Er kannte die jüdischen Institutionen und
Bräuche (vgl. Mk 1,21;2,14.16.18;7,2-4 ). Auch auf eine Verbindung zu Petrus gibt es
Hinweise: (a) die anschaulichen und ungewöhnlich genauen Einzelheiten
der Erzählungen, die den Eindruck erwecken, daß sie den Erinnerungen
eines apostolischen Augenzeugen aus dem "engsten Kreis" um Jesus, zu dem
Petrus ja gehörte, entstammen (vgl. Mk
1,16-20.29-31.35-38;5,21-24.35-43;6,39.53-54;9,14-15;10,32.46;14,32-42
); (b) der Umgang des Verfassers mit Petrus' Worten und Taten (vgl. Mk
8,29.32-33;9,5-6;10,28-30;14,29-31.66-72 ); (c) der Einschub "und
Petrus" in Kapitel 16,7 , der nur im Markusevangelium zu finden ist; und
(d) die auffällige Übereinstimmung zwischen dem Aufbau des
Markusevangeliums und der Predigt des Petrus in Cäsarea (vgl. Apg
10,34-43 ). Im Lichte der äußeren und der inneren Belege ist es
also durchaus plausibel, jenen "Johannes/Markus", der in der
Apostelgeschichte und den Briefen auftaucht, als Verfasser des
Evangeliums zu betrachten. Dieser Markus war ein Judenchrist, der mit
seiner Mutter Maria zur Anfangszeit der Kirche in Jerusalem lebte. Über
seinen Vater ist nichts bekannt. Das Haus der Familie war ein
frühchristlicher Versammlungsort (vgl. Apg 12,12 ), möglicherweise sogar
Schauplatz von Jesu' letztem Passamahl (vgl. den Kommentar zu Mk
14,12-16 ). Markus selbst könnte der "junge Mann" gewesen sein, der nach
Jesu Gefangennahme nackt von Gethsemane floh (vgl. den Kommentar zu Mk
14,51-52 ). Daß Petrus ihn "mein Sohn" nennt ( 1Pet 5,13 ), bedeutet
vielleicht, daß er es war, der Markus zum christlichen Glauben bekehrte. Zweifellos hörte Markus in der Frühzeit der Kirche
in Jerusalem (etwa 33 - 47 n. Chr.) Petrus predigen. Später kam er mit
Paulus und Barnabas (seinem Vetter; vgl. Kol 4,10 ) nach Antiochia und
begleitete sie auf ihrer ersten Missionsreise bis nach Perge (vgl. Apg
12,25;13,5.13 : etwa 48 - 49 n. Chr.). Aus ungeklärten Gründen kehrte er
von dort nach Jerusalem zurück. Weil Markus sie das erste Mal verlassen
hatte, weigerte Paulus sich, ihn auf seine zweite Missionsreise
mitzunehmen. Statt dessen arbeitete Markus mit Barnabas zusammen auf der
Insel Zypern (vgl. Apg 15,36-39; etwa 50 - ? n. Chr.). Etwas später,
vielleicht im Jahr 57, ging er dann nach Rom, wo er Paulus in der Zeit
seiner ersten Gefangenschaft beistand (vgl. Kol 4,10; Phlm 1,23 - 24 ;
etwa 60 - 62 n. Chr.). Nach Paulus' Freilassung blieb Markus anscheinend
in Rom und arbeitete mit Petrus zusammen, nachdem auch dieser in das
"Babylon" - Petrus' Codewort für Rom - gekommen war (vgl. 1Pet 5,13;
etwa 63 - 64 n. Chr.). (Manche Exegeten beziehen "Babylon" auch auf die
Stadt am Euphrat; vgl. den Kommentar zu 1Pet 5,13 .) Wahrscheinlich
veranlaßt durch die schweren Verfolgungen unter Kaiser Nero und Petrus'
Martyrium verließ Markus Rom dann wieder für einige Zeit. Während seiner
zweiten Gefangenschaft in Rom (etwa von 67 - 68 n. Chr.) bat Paulus
Timotheus in Ephesus, er möge Markus, der sich zu dieser Zeit vermutlich
irgendwo in Kleinasien befand, suchen und nach Rom mitbringen, weil er
ihn dort brauche (vgl. 2Tim 4,11 ). Quellen Wenn man davon ausgeht, daß Markus der Verfasser
des Markusevangeliums war, so bedeutet das nicht, daß er selbst das in
diesem Evangelium verarbeitete Material schuf. Ein "Evangelium"
verkörpert vielmehr eine ganz bestimmte literarische Form des 1.
Jahrhunderts. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine Biographie
Jesu, eine Chronik seiner "Taten" oder um eine Sammlung von Erinnerungen
seiner Jünger, wenn auch durchaus etwas von all dem darin enthalten ist;
in erster Linie ist ein Evangelium eine theologische Proklamation von
Gottes "guter Nachricht", die ihr Zentrum in den historischen
Ereignissen von Jesu Leben, Tod und Auferstehung hat, für eine ganz
bestimmte Leserschaft. Von dieser Intention geleitet stellte Markus das
historische Material, das ihm vorlag, zusammen und bearbeitete es. Seine Hauptquelle bildeten die Predigten und Lehren
des Apostels Petrus (vgl. die Ausführungen unter "Verfasserfrage").
Vermutlich hatte er ihn zwischen 33 und 47 n. Chr. viele Male in
Jerusalem predigen hören, sich teilweise Notizen zu dem Gehörten gemacht
und wohl auch mit Petrus persönlich gesprochen. Auch mit Paulus und
Barnabas (vgl. Apg 13,5-12;15,39; Kol 4,10-11 ) stand Markus in
Verbindung, und zumindest eine Stelle in seinem Evangelium dürfte sogar
auf eine eigene Erinnerung zurückgehen (vgl. Mk 14,51-52 ). Zu den
anderen Informationsquellen des Evangelisten gehören: (a) Einheiten
mündlicher Überlieferung, die in der Frühkirche einzeln oder als
thematische (z. B. Mk 2,1-3,6 ), zeitliche oder geographische
Zusammenfassungen zirkulierten (z. B. Mk 14-15 ) und zu einer
zusammenhängenden Erzählung verschmolzen; (b) voneinander unabhängige,
tradierte Jesusworte, die durch "Stichworte" miteinander verbunden
wurden (z. B. Mk 9,37-50 ); und (c) mündliches Überlieferungsgut, das
Markus zusammenfaßte (z. B. Mk 1,14-15;3,7-12;6,53-56 ). Aus all diesen
Quellen schuf Markus unter der Anleitung des Heiligen Geistes ein
historisch genaues und vertrauenswürdiges Evangelium. Es gibt keine sicheren Hinweise darauf, daß Markus
auch schriftliche Quellen benutzte, obwohl die Leidensgeschichte ( Mk
14-15 ) ihm wohl zumindest teilweise in dieser Form vorlag. Damit stellt
sich die Frage nach dem Verhältnis des Markusevangeliums zu Matthäus und
Lukas. Viele Forscher sind der Ansicht, daß Markus das
erste schriftliche Evangelium war und zusammen mit anderem
Quellenmaterial die wichtigste Vorlage für Matthäus und Lukas bildete.
Lukas erwähnt ja sogar ausdrücklich, daß ihm bereits andere schriftliche
Dokumente zur Verfügung standen ( Lk 1,1-4 ). Mehrere Argumente sprechen für die Priorität des
Markusevangeliums: 1. Das Matthäusevangelium enthält etwa 90 Prozent des
Markustextes, Lukas über 40 Prozent - bei Matthäus und Lukas zusammen
finden sich über 600 von den 661 Versen des Markusevangeliums. 2.
Matthäus und Lukas folgen im allgemeinen Markus' Chronologie, und wo
einer von ihnen einmal aus thematischen Gründen von ihr abweicht, hält
der andere sie doch ein. 3. Es gibt kaum Stellen, an denen Matthäus und
Lukas sich im gleichen Zusammenhang beide gegen Markus wenden, wenn alle
drei über dasselbe Ereignis berichten. 4. Matthäus und Lukas wiederholen
Markus' Aussagen häufig wörtlich; wo sie von ihm abweichen, erscheint
die Sprache jeweils nur grammatisch oder stilistisch geglättet (vgl. z.
B. Mk 2,7 mit Lk 5,21 ). 5. In manchen Fällen hat man den Eindruck, daß
Matthäus und Lukas Markus' Worte lediglich abwandelten, um ihre
Bedeutung klarer herauszuarbeiten (vgl. Mk 2,15 mit Lk 5,29 ) oder um
einige besonders harte Aussagen des Markusevangeliums etwas
"abzumildern" (vgl. z. B. Mk 4,38 b mit Mt 8,25 und Lk 8,24 ). 6.
Matthäus und Lukas lassen manchmal Worte aus Markus' "ausführlichen"
Beschreibungen aus, um dafür zusätzliches Material aufzunehmen (vgl. z.
B. Mk 1,29 mit Mt 8,14 und Lk 4,38 ). Gegen diese Theorie wurden in der Hauptsache fünf
Einwände geltend gemacht: 1. Matthäus und Lukas stimmen in manchen
Passagen gegen Markus überein. 2. Lukas bezieht sich nirgends auf das
Material aus Mk 6,45-8,26 ,was ungewöhnlich wäre, wenn er das
Markusevangelium benutzt hätte. 3. An einigen Stellen enthält der
Markustext Informationen, die im Bericht von Matthäus und Lukas nicht
auftauchen (vgl. Mk 14,72 ). 4. Die Kirchenväter waren anscheinend der
Überzeugung, daß Matthäus - nicht Markus - das erste Evangelium ist. 5.
Wenn das Markusevangelium das erste Evangelium wäre, so hieße das, daß
Matthäus und/oder Lukas erst nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70
n. Chr. geschrieben wurden. Dem ersten Einwand ließe sich entgegenhalten, daß
die Übereinstimmungen von Lukas und Matthäus gegen Markus nur einen sehr
geringen Anteil ausmachen (sechs Prozent) und wahrscheinlich auf
gemeinsame, zusätzliche Quellen (d. h. mündliche Überlieferungen)
zurückzuführen sind, die die Verfasser neben dem Markusevangelium
verwendeten. Der zweite Einwand verliert viel von seiner
Überzeugungskraft angesichts der allgemein anerkannten Tatsache, daß die
Verfasser der Evangelien ihr Material aus den Quellen, die ihnen zur
Verfügung standen, je nach ihrer besonderen Intention auswählten. So
überging Lukas das in Mk 6,45-8,26 Gesagte vielleicht bewußt, um den
Ablauf seiner eigenen Schilderung der Reise Jesu nach Jerusalem nicht zu
unterbrechen (vgl. Lk 9,51 ). Das würde, neben der Tatsache, daß Markus
sich auf Petrus als Augenzeugen stützte und dadurch möglicherweise
zusätzliche Einzelheiten erfuhr, auch den dritten Einwand bis zu einem
gewissen Grad beantworten. Der vierte Einwand leitet sich hauptsächlich
von der Reihenfolge der Evangelien im neutestamentlichen Kanon ab. Von dieser Anordnung darauf zu schließen, daß die
frühen Kirchenväter das Matthäusevangelium für das erste schriftlich
vorliegende Evangelium hielten, ist jedoch nicht zwingend. Ihnen lag vor
allem an der apostolischen Autorität und der apologetischen Beweiskraft
der synoptischen Evangelien, nicht an den historischen
Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Texten. Aus diesem Grund wurde
dem von einem Apostel verfaßten Matthäusevangelium, das zudem mit dem
Stammbaum Jesu begann und damit eine Brücke zum Alten Testament schuf,
der erste Platz eingeräumt. Außerdem würde man, wenn Matthäus das erste
schriftliche Evangelium wäre und Markus und Lukas es benutzt hätten,
doch erwarten, Stellen zu finden, an denen Lukas sich an Matthäus
orientiert und Markus nicht - was jedoch nie der Fall ist. Darüber
hinaus lassen sich die Unterschiede zwischen dem Markus- und dem
Matthäusevangelium sehr viel schwerer erklären, wenn man Matthäus als
Grundlagentext voraussetzt, als wenn man in Markus die Vorlage sieht.
Die Abweichungen in der Chronologie sprechen durchgehend stärker für
Markus als erstes Evangelium. Gegen den letzten vorgebrachten Einwand
schließlich ist zu sagen, daß die Priorität von Markus nicht zwingend
eine Datierung von Matthäus und/oder Lukas in die Zeit nach 70 n. Chr.
verlangt (vgl. den Kommentar zu "Datierung"). Insgesamt scheint sich die enge Verwandtschaft
zwischen den drei synoptischen Evangelien nur durch die Annahme einer
literarischen Abhängigkeit erklären zu lassen. Die Theorie von der
Priorität des Markustextes, wenngleich selbst nicht ganz
unproblematisch, erhellt dabei noch am ehesten den grundlegenden Aufbau
und die bis in Einzelheiten gehenden Ähnlichkeiten. Die daneben
bestehenden Unterschiede dagegen sind wahrscheinlich auf die Kombination
verschiedener mündlicher und schriftlicher Überlieferungen
zurückzuführen, die Matthäus und Lukas unabhängig voneinander zusätzlich
zum Markusevangelium benutzten. (Weitere Ausführungen zu diesem Punkt
und eine andere Auffassung des synoptischen Problems, nämlich die
Annahme, daß Matthäus das älteste Evangelium ist, siehe in der
Einführung zum Matthäusevangelium.) Datierung Nirgendwo im Neuen Testament findet sich eine
explizite Aussage über den Zeitpunkt der Entstehung des
Markusevangeliums. Der Abschnitt mit Jesu Vorhersage der Zerstörung des
Tempels in Jerusalem (vgl. den Kommentar zu Mk 13,2.14-23 ) legt jedoch
immerhin die Vermutung nahe, daß das Evangelium vor der tatsächlichen
Zerstörung im Jahre 70 n. Chr. geschrieben wurde. Über die Frage, ob Markus sein Evangelium vor oder
nach dem Martyrium des Petrus schrieb (zwischen 64 - 68 n. Chr.), gehen
die Zeugnisse der Kirchenväter auseinander. Einerseits erklärte Irenäus
( Adversus Haereses 3. 1. 1), daß Markus nach dem "Weggang" ( exodon )
von Petrus und Paulus (also nach 67 oder 68 n. Chr.) schrieb. Er
gebrauchte dabei das Wort exodon wahrscheinlich im Sinne von "Ende" oder
"Hinscheiden" - wie es auch bei Lk 9,31 und 2Pet 1,15 auftaucht. Diese
Deutung wird ganz klar durch die Aussage des Antimarcionitischen Prologs
zum Markusevangelium gestützt, der feststellt: "Nach dem Tod des Petrus
schrieb er (Markus) dieses Evangelium nieder..." Nach Clemens von
Alexandrien und Origenes dagegen (vgl. Euseb, Kirchengeschichte 2. 15.
2; 6. 14. 6; 6. 25. 5) entstand das Markusevangelium noch zu Lebzeiten
von Petrus, ja, ihrer Ansicht nach war Petrus sogar an der Niederschrift
beteiligt und billigte die Verwendung des Textes in der Kirche. Die einander widersprechenden äußeren Belege
erschweren somit eine eindeutige Klärung der Datierung. Es gibt zwei
Möglichkeiten. Wenn man sich an der Tradition orientiert, derzufolge es
nach dem Tod von Petrus und Paulus geschrieben wurde, muß es zwischen 67
und 69 n. Chr. verfaßt worden sein. Die Verfechter dieser These datieren
die Entstehung des Matthäus- und des Lukasevangeliums in der Regel
entweder nach 70 n. Chr. oder vor dem Markusevangelium. Die zweite
These, daß das Evangelium vor 64 - 68 n. Chr. (also vor Petrus' Tod)
geschrieben wurde, geht dagegen davon aus, daß der Text zu Lebzeiten von
Petrus entstand. Das beinhaltet die Möglichkeit, das Markusevangelium
(oder auch das Matthäusevangelium) als das älteste Evangelium zu
betrachten und zugleich die Annahme beizubehalten, daß alle synoptischen
Evangelien vor 70 n. Chr. geschrieben wurden. Folgende Gründe sprechen dafür, dieser zweiten
These den Vorzug zu geben: 1. Die Überlieferung zu diesem Punkt ist zwar
nicht einheitlich, doch sprechen die verläßlicheren Belege für die
zweite Annahme. 2. Die Priorität von Markus (vgl. die Ausführungen unter
"Quellen") und vor allem der Zusammenhang zwischen dem Markus- und dem
Lukasevangelium, das quasi den ersten Teil der Apostelgeschichte
darstellt (vgl. Apg 1,1 ), weist auf eine Entstehung vor 64 n. Chr. hin.
Die Tatsache, daß die Apostelgeschichte mit Paulus' erster
Gefangenschaft schließt (etwa 62 n. Chr.), verlegt die Datierung sogar
noch vor das Jahr 60 n. Chr. 3. Historisch gesehen spricht einiges
dafür, daß sich Markus (und vielleicht für kurze Zeit auch Petrus) gegen
Ende der 50er Jahre in Rom aufhielt (vgl. die Ausführungen zu
"Verfasserfrage" und "Ursprungsort und Adressaten"). Vor diesem
Hintergrund bietet sich eine Datierung des Markusevangeliums zwischen 57
und 59 n. Chr., in der Anfangszeit der Regierung Kaiser Neros (54 - 68
n. Chr.), an. Ursprungsort und Adressaten Fast alle frühen Kirchenväter (vgl. die Belege
unter "Verfasserfrage") stimmen darin überein, daß das Markusevangelium
in Rom in erster Linie für römische Heidenchristen geschrieben wurde. Diese Auffassung wird auch von den folgenden
Belegen aus dem Evangelium selbst gestützt: 1. Jüdische Bräuche werden
erklärt (vgl. Mk 7,3-4;14,12;15,42 ). 2. Aramäische Ausdrücke sind ins
Griechische übersetzt (vgl. Mk
3,17;5,41;7,11.34;9,43;10,46;14,36;15,22.34 ). 3. Es werden eher
lateinische Termini als ihre griechischen Entsprechungen benutzt (vgl.
Mk 5,9;6,27;12,15.42;15,16.39 ). 4. Die römische Zeitrechnung wird
zugrundegelegt (vgl. Mk 6,48;13,35 ). 5. Nur Markus identifiziert Simon
von Kyrene als den Vater von Alexander und Rufus (vgl. Mk 15,21; Röm
16,13 ). 6. Es kommen nur wenige Zitate aus dem Alten Testament oder
Hinweise auf erfüllte alttestamentliche Prophezeiungen vor. 7. Markus spricht immer wieder mit besonderem
Nachdruck von "allen Völkern" (vgl. den Kommentar zu Mk
5,18-20;7,24-8,10;11,17;13,10;14,9 ), und an einer der wichtigsten
Stellen seines Evangeliums bezeugt niemand anderer als ein heidnischer
römischer Hauptmann unabsichtlich Jesu Gottheit (vgl. Mk 15,39 ). 8. Der
Ton und die Botschaft des Evangeliums sind auf die römischen Gläubigen
zugeschnitten, die bereits Verfolgungen ausgesetzt waren und in
Erwartung weiterer Leiden lebten (vgl. den Kommentar zu Mk 9,49;13,9-13
). 9. Markus setzt voraus, daß seine Leser mit den Hauptcharakteren und
-ereignissen seines Berichts vertraut waren; er schrieb also stärker aus
einer theologischen als biographischen Intuition heraus. 10. Markus
spricht seine Leser direkter als die anderen Evangelisten als Christen
an, indem er die Bedeutung bestimmter Handlungen und Aussagen im
christlichen Kontext transparent macht (vgl. Mk 2,10.28;7,19 ). Besonderheiten Das Markusevangelium nimmt aus mehreren Gründen
eine Sonderstellung unter den synoptischen Evangelien ein. Zunächst
einmal stellt es Jesu Taten stärker in den Vordergrund als seine Lehren.
Markus erzählt beispielsweise achtzehn Wunder Jesu, greift aber nur vier
seiner Gleichnisse ( Mk 4,2-20.26-29.30-32;12,1-9 ) und nur eine größere
Rede ( Mk 13,3-37 ) auf. Er weist zwar wiederholt darauf hin, daß Jesus
lehrte, geht jedoch an keiner Stelle näher auf den Inhalt dieser Lehren
ein ( Mk 1,21.39;2,2.13;6,2.6.34;10,1;12,35 ). Die meisten Lehren, die
er aufgenommen hat, stammen aus Jesu Kontroversen mit den jüdischen
Religionsführern und Theologen ( Mk 2,8-11.19-22.25-28; 3,23-30; 7,6-23;
10,2-12; 12,10-11.13-40 ). Zweitens: Markus' Stil ist lebendig, kraftvoll und
sehr anschaulich, er hat die Unmittelbarkeit eines Augenzeugenberichts,
wie Petrus ihn etwa hätte geben können (vgl. z. B. Mk
2,4;4,37-38;5,2-5;6,39;7,33;8,23-24;14,54 ). Sein Griechisch ist nicht
sehr gebildet, es entspricht eher der Umgangssprache der damaligen Zeit
und hat außerdem einen merklichen semitischen Einschlag. Sein Umgang mit
der griechischen Zeitform, besonders der Einsatz des Präsens historicum
(das über einhundertfünfzigmal vorkommt), die einfachen, durch "und"
verbundenen Sätze, das häufige "alsbald" (euthys; vgl. den Kommentar zu
Mk 1,10 ) im Sinne von "und da, in diesem Moment" wie überhaupt die
kernige, sehr ausdrucksvolle Wortwahl (z. B.: "der Geist trieb ihn in
die Wüste"; Mk 1,12 ) machen den Bericht dabei ungemein spannend und
lebendig. Drittens: Bemerkenswert ist die ungewöhnliche
Offenheit, mit der Markus seine Personen schildert. So würzt er die
Reaktionen von Jesu Hörern mit den verschiedensten Ausdrücken des
Erstaunens (vgl. den Kommentar zu Mk 1,22.27;2,12;5,20;9,15 ). Er
berichtet ohne Beschönigung, daß die Familie Jesu sich tatsächlich
Sorgen um seine geistige Gesundheit machte (vgl. Mk 3,21.31-35 ), und
legt freimütig und wiederholt das mangelnde Verständnis der Jünger und
ihre Schwächen offen (vgl. Mk 4,13;6,52;8,17.21;9,10.32;10,26 ).
Außerdem beschreibt er ganz plastisch die Emotionen Jesu, sein Mitleid (
Mk 1,41;6,34;8,2;10,16 ), seinen Zorn und sein Mißfallen ( Mk 1,43; 3,5;
8,33; 10,14 ), aber auch seine Angst und seine Not ( Mk
7,34;8,12;14,33-34 ). Viertens: Das Markusevangelium steht ganz im
Zeichen des Kreuzes und der Auferstehung. Von Mk 8,31 an sind Jesus und
seine Jünger "auf dem Weg" (vgl. Mk 9,33;10,32 ) von Cäsarea Philippi im
Norden durch Galiläa nach Jerusalem im Süden. Der ganze übrige Bericht
(immerhin sechsundreißig Prozent) ist den Ereignissen der Karwoche
gewidmet - den acht Tagen von Jesu Einzug in Jerusalem ( Mk 11,1-11 )
bis zu seiner Auferstehung ( Mk 16,1-8 ). Theologie Im Mittelpunkt der Theologie des Markusevangeliums
steht das Bild, das der Evangelist von Jesus zeichnet, und die Bedeutung
dieses Bildes für die Nachfolge. Bereits im ersten, einleitenden Vers
wird Jesus als der "Sohn Gottes" ( Mk 1,1 ) bezeichnet, ein Titel, der
vom Vater bestätigt ( Mk 1,11;9,7 ) und von den Dämonen ( Mk 3,11;5,7 ),
von Jesus selbst ( Mk 13,32;14,36.61-62 ) und von einem römischen
Hauptmann bei Jesu Tod ( Mk 15,39 ) wieder aufgegriffen wird. Aber auch
die Vollmacht, mit der er lehrt ( Mk 1,22.27 ), und seine souveräne
Macht über Krankheiten und körperliche Gebrechen ( Mk 1,30-31.40-42;
2,3-12; 3,1-5; 5,25-34; 7,31-37; 8,22-26; 10,46-52 ), Dämonen ( Mk
1,23-27;5,1-20;7,24-30;9,17-27 ), die Naturgewalten ( Mk
4,37-39;6,35-44.47-52;8,1-9 ) und den Tod ( Mk 5,21-24.35-43 )
legitimieren diesen Anspruch. All das war der überzeugende Beweis, daß
"das Gottesreich" - Gottes endgültige Herrschaft - den Menschen in
Jesus, in seinen Worten und Werken (vgl. den Kommentar zu Mk 1,15 )
nahegekommen war. Dabei hebt Markus paradoxerweise besonders Jesu
Gebot hervor, daß die Dämonen schweigen sollen ( Mk 1,25.34;3,12 ) und
die Kunde von seinen Wundertaten nicht weitergetragen werden soll ( Mk
1,44;5,43;7,36;8,26 ). Er betont, daß Jesus in Gleichnissen sprach, wenn
er die Menge lehrte ( Mk 4,33-34 ), weil seine Herrschaft zu diesem
Zeitpunkt noch verhüllt war - ein Geheimnis, das nur im Glauben
verstanden werden konnte ( Mk 4,11-12 ). In diesem Zusammenhang zeigt
der Evangelist auch die Begriffsstutzigkeit der Jünger, die Jesu Person
immer wieder verständnislos gegenüberstanden, obwohl Jesus ihnen viele
seiner Aussagen im persönlichen Umgang nochmals gesondert erklärte ( Mk
4,13.40;6,52;7,17-19;8,17-21 ). Auffallenderweise werden auch die Jünger
nach dem Bekenntnis des Petrus zu Jesu Gottessohnschaft aufgefordert,
Stillschweigen zu bewahren ( Mk 8,30 ). Das geschah offensichtlich wegen
der irreführenden Ansichten, die die Juden mit der Person des Messias
verknüpften, und die im Gegensatz zum eigentlichen Zweck seines
irdischen Daseins standen. Jesus wollte nicht, daß seine Identität
bekannt wurde, bevor er nicht seinen Anhängern das rechte Verständnis
für den Messias und für das Wesen seines Auftrags vermittelt hatte. Markus gibt Petrus' Bekenntnis, "du bist der
Christus" ( Mk 8,29 ), in schlichter, unverbrämter Form wieder. Jesus
akzeptierte den ihm darin zugewiesenen Titel weder, noch wies er ihn
zurück, sondern er lenkte die Aufmerksamkeit der Jünger von der Frage
nach seiner Identität weg auf die Frage nach seinem Wirken ( Mk 8,31.38
). Er selbst gebrauchte bevorzugt die Bezeichnung "Menschensohn" und
lehrte seine Jünger, daß er leiden und sterben müsse und wieder
auferstehen werde. Der Titel "Menschensohn", der im Markusevangelium
zwölfmal von Jesus selbst verwendet wird, während er nur ein einziges
Mal von sich als dem "Christus" spricht ( Mk 9,41 ), bringt in
besonderer Weise die ganze Tragweite seines messianischen Auftrags für
die Gegenwart und die Zukunft zur Geltung (vgl. den Kommentar zu Mk
8,31.38;14,62 ). Er war der leidende Gottesknecht ( Jes 52,13-53,12 ),
der sein Leben in Gehorsam gegen Gott für andere dahingab ( Mk 8,31 ).
Er war der Menschensohn, der kommen wird in Herrlichkeit, um Gericht zu
halten und sein Reich auf Erden zu errichten ( Mk 8,38-9,8;13,26;14,62
). Doch vor dem herrlichen Triumph seiner messianischen Herrschaft mußte
er zuerst den Fluch Gottes über die Sünde des Menschen tragen ( Mk
14,36;15,34 ), er mußte leiden und sterben zur Erlösung für viele ( Mk
10,45 ). Das aber hatte wichtige Konsequenzen für alle, die ihm
nachfolgen wollten ( Mk 8,34-38 ). Es war schwer für Jesu zwölf Jünger, das zu
begreifen. Sie erwarteten als Messias einen Herrscher, nicht jemanden,
der litt und starb. In den Kapitel über die Nachfolge ( Mk 8,31-10,52 )
zeigt Markus Jesus "auf dem Weg" nach Jerusalem, wie er seine Jünger
lehrt, was es bedeutet, ihm anzuhängen. Es waren keine schönen
Aussichten, die er ihnen eröffnete, doch dreien von ihnen gewährte er
bei seiner Verklärung einen ermutigenden Vorgeschmack seines späteren
Kommens in Macht und Herrlichkeit ( Mk 9,1-8 ). Bei diesem Anlaß
bestätigte der Vater die Sohnschaft Jesu und wies die Jünger an, ihm zu
gehorchen. Die Jünger "sahen" zwar, doch sie begriffen nicht (vgl. Mk
8,22-26 ). Wieder betont der Evangelist das Erstaunen, das
Unverständnis, ja sogar die Furcht, mit der sie Jesu Worten begegneten (
Mk 9,32;10,32 ). Bei seiner Gefangennahme verließen sie ihn denn auch
alle ( Mk 14,50 ). Mit wenigen, dürren Worten berichtet Markus dann über
das Kreuzigungsgeschehen und die begleitenden Phänomene, die seine
Bedeutung klar hervortreten lassen ( Mk 15,33-39 ). Dagegen legt er viel Gewicht auf das leere Grab und
die Botschaft des Engels, daß Jesus am Leben sei und seinen Jüngern
voraus nach Galiläa, an den Ausgangspunkt ihres Wirkens ( 6,6 b. 7-13 )
gehe ( Mk 14,28;16,7 ). Der abrupte Schluß des Markusevangeliums macht
auf eindrucksvolle Weise deutlich, daß Jesus lebt und seine Jünger
leitet und für sie sorgt, wie er es früher getan hat. Sie sollten
deshalb ihre "Reise" der Jüngerschaft im Lichte und im Bewußtsein von
Jesu Tod und Auferstehung antreten ( Mk 9,9-10 ). Anlaß und Zweck des Evangeliums Auch dazu macht das Markusevangelium keine direkten
Angaben, so daß wir diese Information ebenfalls aus seinem Inhalt und
dem historischen Umfeld, soweit es bekannt ist, erschließen müssen.
Derartige Einschätzungen fallen jedoch im allgemeinen verschieden aus,
und so haben wir es auch hier mit einer Vielzahl unterschiedlicher
Standpunkte zu tun. Hier nun einige der Hypothesen, die im Zusammenhang
mit dem Zweck des Evangeliums aufgestellt wurden: (a) es sollte ein
biographisches Bild von Jesus als dem Gottesknecht vermitteln; (b) es
sollte die Menschen zum Glauben an Jesus Christus bekehren; (c) es
sollte neubekehrte Christen unterweisen und ihren Glauben angesichts der
Verfolgung, der sie ausgesetzt sind, stärken; (d) es sollte als Material
für Evangelisten und Lehrer dienen; und (e) es sollte falsche
Vorstellungen über Jesus und seinen messianischen Auftrag zurechtrücken.
Jede dieser Thesen ist zwar in gewisser Hinsicht hilfreich, übergeht
dabei jedoch Teile des Evangeliums oder wird den von Markus besonders
herausgestellten Tatbeständen nicht gerecht. Markus' Anliegen ist in erster Linie
seelsorgerlicher Natur. Die Christen in Rom hatten die gute Nachricht
von Gottes rettender Macht bereits gehört und glaubten sie ( Röm 1,8 ),
doch sie mußten sie nochmals, mit anderem Schwerpunkt, hören, um neu zu
begreifen, was sie für ihr Leben in einer aus den Fugen geratenen und
ihnen häufig feindlich gesonnenen Umwelt bedeutete. Sie mußten verstehen
lernen, was es heißt, Jesu Jünger zu sein und ihm nachzufolgen - im
Lichte dessen, was Jesus war, was er getan hatte und noch immer für sie
tat. Wie ein guter Hirte verkündet Markus deshalb "das
Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes" ( Mk 1,1 ), und er
verkündet es auf eine Art und Weise, die diesem Bedürfnis in der
Gemeinde entgegenkam und tiefen Einfluß auf das Leben seiner Leser nahm.
Es gelang ihm, Jesus und die zwölf Jünger so darzustellen, daß die Leser
sich mit ihnen identifizieren konnten (vgl. den Kommentar zu
"Theologie"). Er zeigt, daß Jesus Christus der Messias ist, weil er der
Sohn Gottes ist, und daß sein Tod als der leidende Menschensohn zu
Gottes Plan für die Erlösung der Menschen gehörte. Vor diesem
Hintergrund zeichnet er Jesu Fürsorge für seine Jünger und das Bild der
Nachfolge, das er angesichts seines Todes und seiner Auferstehung für
sie entwarf - eine Fürsorge und Wegweisung, die alle, die Jesus folgen,
nötig haben. GLIEDERUNG I. Der Titel ( 1,1 ) II. Einleitung: Die Vorbereitung auf Jesu
öffenliches Wirken ( 1,2-13 ) A. Jesu Vorläufer, Johannes den Täufer ( 1,2-8
) B. Jesu Taufe durch Johannes den Täufer (
1,9-11 ) C. Jesu Versuchung durch Satan ( 1,12-13 ) III. Jesu erstes Wirken in Galiläa ( 1,14-3,6 ) A. Einführende Zusammen- fassung: Die
Botschaft Jesu ( 1,14-15 ) B. Jesu Berufung von vier Fischern ( 1,16-20 ) C. Jesu Macht über Demonän und Krankheit (
1,21-45 ) D. Jesu Auseinandersetzungen mit den
Schriftgelehrten und Pharisäern in Galiläa E. Schluß: Jesu Verwerfung ( 2,1-3,5 ) durch
die Pharisäer( 3,6 ) IV. Jesu späteres Wirken in Galiläa ( 3,7-6,6 a) A. Einführende Zusammen- fassung: Jesu Wirken
am See Genezareth ( 3,7-12 ) B. Jesu Berufung der Zwölf ( 3,13-19 ) C. Der Beelzebul-Vorwurf und Jesu wahre
Familie ( 3,20-35 ) D. Jesu Gleichnisse als Abbild des
Gottesreiches ( 4,1-34 ) E. Jesu Wunder als Zeichen seiner Macht (
4,35-5,43 ) F. Schluß: Jesu Verwerfung in Nazareth ( 6,1-6
a) V. Jesu Wirken in und um Galiläa ( 6,6 b. 8,30 ) A. Einführende Zusammen- fassung: Jesu
Lehrreise durch Galiläa ( 6,6 b) B. Die Aussendung der Zwölf und der Tod
Johannes' des Täufers ( 6,7-31 ) C. Jesu Selbstoffenbarung gegenüber den
Zwölfen in Wort und Tat ( 6,32-8,26 ) D. Schluß: Das Bekenntnis des Petrus ( 8,27-30
) VI. Jesu Reise nach Jerusalem ( 8,31-9,29 ) A. Die erste Leidens- ankündigung ( 8,31-9,29
) B. Die zweite Leidens- ankündigung (
9,30-10,31 ) C. Die dritte Leidens- ankündigung ( 10,32-45
) D. Schluß: Der Glaube des blinden Bartimäus (
10,46-52 ) VII. Jesu Wirken in und um Jerusalem ( 11,1-13,37 ) A. Der Einzug in Jerusalem ( 11,1-11 ) B. Die Prophezeiungen des Gerichtes über
Israel ( 11,12-26 ) C. Die Kontroversen mit den jüdischen
Religionsführern im Tempelbezikt ( 11,27-12,44 ) D. Die Endzeitrede an die Jünger auf dem
Ölberg ( Kap. 13 ) VIII. Jesu Leiden und Tod in Jerusalem ( Kap. 14-15
) A. Der Verrat des Judas, das Passamahl und die
Flucht der Jünger ( 14,1-52 ) B. Jesu Gerichtsverhandlungen, seine
Kreuzigung und sein Begräbnis ( 14,53-15,47 ) IX. Jesu Auferstehung von den Toten bei Jerusalem (
16,1-8 )
A. Die Ankunft der Frauen beim Grab ( 16,1-5 ) B. Die Vekündigung des Engels ( 16,6-7 ) C. Die Reaktion der Frauen auf die Nachricht
von Jesu Auferstehung ( 16,8 ) X. Der umschrittene Epilog ( 16,9-20 ) A. Die drei ersten Erscheinungen Jesu nach
seiner Auferstehung ( 16,9-14 ) B. Jesu Auftrag an seine Jünger ( 16,15-18 ) C. Jesu Himmelfahrt und das weitere Wirken der
Jünger ( 16,19-20 ) AUSLEGUNG I. Der Titel ( 1,1 ) Mk 1,1 Der Eingangsvers des Markusevangeliums (ein Satz
ohne Verb) enthält Titel und Thema des Buches. Die Bezeichnung
Evangelium ( euangeliou , "gute Nachricht") bezieht sich dabei nicht auf
Markus' Schrift, die unter dem Namen "Markusevangelium" bekannt wurde,
sondern auf die "gute Nachricht" von Jesus Christus . Dem mit dem Alten Testament vertrauten Leser war
die Bedeutung des Wortes "Evangelium" durchaus bekannt (vgl. Jes
40,9;41,27;52,7;61,1-3 ), und "Nachricht" bedeutete nichts anderes, als
daß etwas Wichtiges geschehen war. Als Markus das Wort benutzte, war es
bereits zum Terminus technicus für die christliche Botschaft von Jesus
Christus geworden: "Das Evangelium" ist die Verkündigung von Gottes
Macht, durch Jesus Christus alle, die an ihn glauben, zu retten ( Röm
1,16 ). Für den theologischen Rahmen des Markustextes spielt der Begriff
eine wichtige Rolle ( Mk 1,14-15;8,35;10,29;13,9-10;14,9 ). Der Anfang des Evangeliums liegt für Markus in den
historischen Begebenheiten des Lebens, des Todes und der Auferstehung
Jesu, denen dann die Verkündigung durch die Apostel folgte. Ihr Wirken
begann dort ( Apg 2,36 ), wo Markus mit seinem Bericht endete. Sein Evangelium handelt "von Jesus Christus", dem
Sohn Gottes . Der ihm von Gott gegebene Name "Jesus" (vgl. Mt 1,21; Lk
1,31; Lk 2,21 ) ist das griechische Äquivalent für das hebräische Wort
y+hNSVaZ ("Josua"), "Yahwe ist das Heil". "Christus" wiederum ist die griechische Bezeichnung
für den hebräischen Titel M ASIaH ("Messias, der Gesalbte") - ein
Hoheitstitel des von den Juden ersehnten Erlösers, der als Gottes
Werkzeug die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllen sollte (z. B.
1Mo 49,10; Ps 2;110; Jes 9,1-6;11,1-9; Sach 9,9-10 ). Dieser seit langem
erwartete Messias war Jesus. Auch wenn der Titel "Christus" in der
Frühzeit der Kirche bereits mit dem Namen Jesus verschmolzen war, so hat
Markus, wie sein Sprachgebrauch zeigt, dabei doch stets die ganze
Bedeutung dieses Titels (vgl. Mk 8,29;12,35;14,61;15,32 ) im Blick. Der Titel "Sohn Gottes" weist auf die einzigartige
Beziehung Jesu zu Gott hin. Er war Mensch (Jesus), und er war Gottes
"Werkzeug" (der Messias), doch zugleich war er auch göttlichen Wesens.
Als Sohn war er abhängig von Gott dem Vater und gehorchte ihm (vgl. Hebr
5,8 ). II. Einleitung: Die Vorbereitung auf Jesu
öffentliches Wirken ( 1,2 - 13 ) In einer kurzen Einführung beschreibt Markus drei
Ereignisse, die für ein rechtes Verständnis der Mission, die Jesus zu
erfüllen hatte, entscheidend sind: das Amt Johannes' des Täufers (V. 2 -
8 ), Jesu Taufe (V. 9 - 11 ) und Jesu Versuchung (V. 12 - 13 ). Zwei
immer wiederkehrende Wörter ziehen sich wie ein roter Faden durch den
ganzen Abschnitt und halten ihn zusammen: "die Wüste" ( erEmos ; V. 3 -
4; 12 - 13 ) und "der Geist" (V. 8.10.12 ). A. Jesu Vorläufer, Johannes der Täufer ( 1,2 - 8 ) ( Mt 3,1-12; Lk 3,1-20; Joh 1,19-37 ) 1. Johannes' Erfüllung der alttestamentlichen
Prophezeiung ( 1,2 - 3 ) Mk 1,2-3 Gleich zu Anfang seines Berichtes rückt Markus das
Gesagte in den größeren biblischen Kontext, in den es gehört. Dies ist,
abgesehen von den alttestamentlichen Zitaten, die Jesus gebraucht, die
einzige Stelle desMarkusevangeliums, an der auf das Alte Testament Bezug
genommen wird. Es handelt sich bei Vers 2 um ein Zitat aus 2Mo
23,20 (LXX) und Mal 3,1 (LXX), Vers 3 zitiert Jes 40,3 (LXX). Markus
geht von einem traditionellen Verständnis dieser Verse aus, so daß er
sie ohne weitere Erklärung einfach anführen kann. Ihm liegt vor allem an
dem Wort "Weg" ( hodos , wörtlich: "Straße"), das zu einem Schlüsselwort
für seine Auffassung von Nachfolge wird ( Mk 8,27;9,33;10,17.32.52;12,14
). Seinen Zitaten aus den drei alttestamentlichen
Büchern stellt Markus die einleitende Wendung, b, voran, durchaus ein
übliches Verfahren bei den neutestamentlichen Autoren, wenn sie mehrere
Textstellen, die ein und dasselbe Thema behandelten, zitieren wollten.
Im vorliegenden Fall geht es dabei um die "Wüsten"-Tradition in der
Geschichte Israels. Da Markus vom Amt Johannes' des Täufers in der Wüste
sprechen wollte, nannte er nur Jesaja als Quelle, weil bei ihm von einer
"Stimme" in der Wüste die Rede ist. Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes gab Markus
diesen alttestamentlichen Texten eine messianische Deutung: er änderte
die Wendung "vor mir her den Weg" ( Mal 3,1 ) in deinen Weg , und machte
aus "eine ebene Bahn unserm Gott" ( Jes 40,3; LXX) seine Steige eben .
So wird der Sprecher, ich , zu Gott, der seinen Boten (Johannes) vor dir
(Jesus) her senden will, damit er deinen (Jesu) Weg bereite . Johannes
war eine Stimme , die das Volk Israel aufforderte, den Weg des Herrn
(Jesus) zu bereiten (das Verb steht im Plural) und seine (Jesu) Steige
eben zu machen. Die Bedeutung dieser Metaphern wird dann in Vers 4 - 5
am Amt Johannes' des Täufers aufgezeigt. 2. Johannes' Wirken als Prophet ( 1,4 - 5 ) Mk 1,4 In Erfüllung der obigen Prophezeiung war ( egeneto
, "erschien") Johannes der letzte Prophet des Alten Testaments auf der
Bühne der Geschichte (vgl. Lk 7,24-28;16,16 ) und markierte in seinem
Wirken einen Wendepunkt in der Geschichte Gottes mit den Menschen.
Johannes war in der Wüste ( erEmO , "trockenes, unbewohntes Land") und
predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden . Das Wort
"predigte" ( kEryssOn ) könnte man im Lichte der Vorhersage von Mk 1,2-3
mit "als Bote verkündigen" übersetzen. Der Vorgang der Taufe war an sich nichts Neues für
die Israeliten; schon immer hatten die Juden von den Heiden, die zum
Judentum übertreten wollten, verlangt, sich durch Selbstuntertauchen
taufen zu lassen. Neu und erstaunlich war nur die Tatsache, daß Johannes
diese Taufe nun Gottes Bundesvolk, den Juden , zumutete und sie
angesichts des kommenden Messias zur Buße aufrief (vgl. Mt 3,2 ). Die Taufe des Johannes ist beschrieben als
Inbegriff oder Ausdruck der Buße zur ( eis ) Vergebung der Sünden . Die
griechische Präposition eis kann einen Bezug ("in bezug auf") oder auch
einen Zweck ("um zu") ausdrücken, ist jedoch wahrscheinlich nicht kausal
("wegen") gedacht. Das Wort "Buße" ( metanoia ) steht im
Markusevangelium nur an dieser einen Stelle. Es bedeutet "ein Umkehren,
eine bewußte geistige Wende, die zu einer Richtungsänderung im Denken
und Tun führt" (vgl. Mt 3,8; 1Thes 1,9 ). "Vergebung" ( aphesin ) bedeutet "die Aufhebung
oder Annullierung einer Verpflichtung oder Schuld". Sie bezieht sich auf
Gottes Akt der Gnade, durch den die Schuld der "Sünden" mit Christi
Opfertod getilgt wird (vgl. Mt 26,28 ). Diese Vergebung war nicht durch
den äußeren Ritus der Taufe zu erlangen; die Taufe war vielmehr nur ein
sichtbares Zeichen der Buße und des Empfangens der göttlichen Gnade der
Sündenvergebung (vgl. Lk 3,3 ). Mk 1,5 Mit dem rhetorischen Stilmittel der Hyperbel
(Übertreibung; vgl. auch V. 32 - 33.37 ) verdeutlichte Markus die
gewaltige Wirkung, die das Auftretendes Täufers in ganz Judäa und
Jerusalem hatte. Alle Leute gingen zu ihm hinaus und ließen sich von ihm
taufen im Jordan (vgl. V. 9 ) und bekannten ihre Sünden . Das Imperfekt
der griechischen Verben läßt den nicht abreißenden Strom der Menschen,
die zu Johannes hinauspilgerten, um seine Predigt zu hören und sich von
ihm taufen zu lassen, wie einen Film an uns vorüberziehen. Das Verb "taufen" ( baptizO , eine Steigerungsform
von baptO , "eintauchen") bedeutet "eintauchen, untertauchen". Die Taufe
durch Johannes im Jordan war bei einem Juden ein Zeichen seiner
"Bekehrung" zu Gott. Sie wies ihn als bußfertigen Menschen aus, der sich
auf das Kommen des Messias vorbereitete. Zum Taufritus gehörte auch ein offenes
Sündenbekenntnis der Betreffenden. Das Verb "bekennen" ( exomologoumenoi
, "übereinstimmen mit, anerkennen, zugeben"; vgl. Apg 19,18; Phil 2,11 )
drückt sehr viel aus. Die Menschen erkannten damit öffentlich Gottes
Urteil über ihre Sünden ( hamartias , "das Versagen, der Norm [d. h. dem
Maßstab Gottes] zu genügen") an. Alle Juden, die mit der Geschichte
Israels vertraut waren, wußten, daß sie Gottes Gebote nicht erfüllt
hatten. Ihre Bereitschaft, sich von Johannes in der Wüste taufen zu
lassen, war das Eingeständnis ihres Ungehorsams und ein Ausdruck ihrer
Umkehr zu Gott. 3. Johannes' Leben als Prophet ( 1,6 ) Mk 1,6 Johannes' Kleidung und Nahrung kennzeichneten ihn
als Mann der Wüste und Propheten Gottes (vgl. Sach 13,4 ). Er ähnelte
darin dem Propheten Elia ( 2Kö 1,8 ), der in Mal 3,23 mit dem Boten (
Mal 3,1 ), von dem bereits die Rede war ( Mk 1,2;9,13; Lk 1,17 ),
gleichgesetzt wird. Heuschrecken (getrocknete Insekten; in 3Mo 11,22 zu
den "reinen" Lebensmitteln gerechnet) und wilder Honig waren in den
Wüstenregionen durchaus gebräuchliche Nahrungsmittel. 4. Johannes' Botschaft als Prophet ( 1,7 - 8 ) Mk 1,7 Die Eingangsworte dieses Verses lauten wörtlich:
"Und verkündete als Bote und sprach ..." (vgl. V. 4 ). Markus faßt hier
die Botschaft des Täufers kurz zusammen und arbeitet dabei zugleich sein
Hauptanliegen heraus: die Ankündigung eines Größeren, der nach ihm
kommen und die Menschen mit dem Heiligen Geist taufen wird (V. 8 ). Die Worte nach mir (zeitlich) kommt einer nehmen
dabei die ähnlich lautenden Formulierungen aus Mal 3,1 und Mal 3,23
wieder auf. Die genaue Identität dessen, der da kommen sollte, blieb
jedoch bis nach Jesu Taufe auch Johannes verborgen (vgl. Joh 1,29-34 ).
Zweifellos vermied Markus den Titel "Messias" bewußt wegen der vielen
Mißverständnisse, die allgemein mit ihm verknüpft waren. Vers 8 enthält
dann die Erklärung, inwiefern der Kommende stärker sein wird als
Johannes. Johannes betonte die Bedeutung dieses Kommenden und
machte seine eigene Bedeutungslosigkeit neben ihm deutlich (vgl. Joh
3,27-30 ), indem er sagte, er sei es nicht wert, sich vor ihm zu bücken
(diese Formulierung findet sich nur bei Markus) und die Riemen
(Lederbänder) seiner Schuhe zu lösen - ein Dienst, den nicht einmal ein
hebräischer Sklave seinem Herrn leisten mußte! Mk 1,8 Dieser Vers lebt von dem betonten Kontrast zwischen
ich und er . Johannes vollzog das äußere Zeichen, die Taufe mit Wasser ,
der Kommende aber würde den lebenspendenden Geist schenken. In Verbindung mit Wasser bedeutete das Wort "Taufe"
gewöhnlich ein wirkliches Eintauchen (vgl. V. 9 - 10 ), im Zusammenhang
mit dem Heiligen Geist ist es dagegen als Metapher für die Unterwerfung
unter die lebenspendende Macht des Geistes zu verstehen. Die Wendung
"ich taufe" steht im Urtext im Imperfekt: "ich taufte"; wahrscheinlich
wandte Johannes sich hier an die, die er bereits getauft hatte. Die
Wirkung seiner Taufe mit (oder "im") "Wasser" war begrenzt und
vorläufig, doch wer sie empfing, gelobte damit, den Kommenden, der mit
dem Heiligen Geist taufen würde, willkommen zu heißen (vgl. Apg
1,5;11,15-16 ). Die Gabe des Geistes galt als ein sicheres Merkmal für
das Kommen des Messias ( Jes 44,3; Hes 36,26-27; Joe 3,1-2 ). B. Jesu Taufe durch Johannes den Täufer ( 1,9 - 11 ) ( Mt 3,13-17; Lk 3,21-22 ) 1. Jesu Taufe im Jordan ( 1,9 ) Mk 1,9 Völlig abrupt führt Markus dann Jesus als den
kommenden Messias (V. 7 ) ein. Im Gegensatz zu "allen Leuten", die aus
Judäa und Jerusalem kamen (V. 5 ), kam er aus Nazareth in Galiläa zu
Johannes in die Wüste. Nazareth war ein obskures kleines Dorf, von dem
weder im Alten Testament noch im Talmud oder in den Schriften des
Josephus, des bekannten jüdischen Historikers des 1. Jahrhunderts, die
Rede ist. Galiläa, etwa fünfundvierzig Kilometer breit und neunzig
Kilometer lang, war die dicht besiedelte, nördlichste der drei Provinzen
Palästinas: Judäa, Samaria und Galiläa. Johannes taufte Jesus im ( eis ) Jordan (vgl. V. 5
). Die griechischen Präpositionen eis ("in", V. 9 ) und ek ("aus", V. 10
) legen die Vermutung nahe, daß es sich auch hier um eine Taufe durch
ein völliges Eintauchen ins Wasser des Flusses handelte. Wahrscheinlich
fand die Taufe in der Nähe von Jericho statt. Jesus war zu diesem
Zeitpunkt etwa dreißig Jahre alt ( Lk 3,23 ). Im Gegensatz zu allen anderen legte Jesus vor der
Taufe kein Sündenbekenntnis ab (vgl. Mk 1,5 ), weil er ohne Sünde war
(vgl. Joh 8,45-46; 2Kor 5,21; Hebr 4,15; 1Joh 3,5 ). Markus sagt nichts
darüber, warum Jesus sich der Taufe des Johannes unterzog; drei Gründe
dafür sind immerhin denkbar: 1. Es war ein Akt des Gehorsams, der
zeigte, daß Jesus sich völlig dem Plan Gottes und der Rolle, die die
Taufe des Johannes darin spielte, unterwarf (vgl. Mt 3,15 ). 2. Es war
ein Akt der Identifikation mit dem Volk Israel, dessen Erbe und
Sündenlast er damit auf sich nahm (vgl. Jes 53,12 ). 3. Es war ein Akt
der Selbsthingabe an seinen messianischen Auftrag, ein Zeichen, daß er
ihn von diesem Augenblick an offiziell anerkannte und auf sich nahm. 2. Gottes Antwort aus dem Himmel ( 1,10 - 11 ) Mk 1,10 An dieser Stelle verwendet Markus zum ersten Mal
das insgesamt zweiundvierzigmal in seinem Evangelium vorkommende
griechische Adverb euthys ("plötzlich, alsbald"). Drei Dinge zeichnen Jesus vor allen anderen, die
getauft worden waren, aus. Erstens sah er, daß sich der Himmel auftat .
Das ausdrucksvolle Verb "aufgetan werden" ( schizomenous , "gespalten")
ist eine Metapher für Gottes jähes Einbrechen in das menschliche
Erleben, sein gewaltiges Kommen, mit dem er sein Volk erlösen wird (vgl.
Ps 18,9.16-19;144,5-8; Jes 64,1-5 ). Zweitens: Er sah, daß der Geist wie eine Taube
herabkam auf ihn . Der Geist kam in der sichtbaren Form einer Taube,
nicht in der Art und Weise einer Taube (vgl. Lk 3,22 ). Das Bild der
Taube ist wahrscheinlich ein Ausdruck für das schöpferische Wirken des
Geistes (vgl. 1Mo 1,2 ). Zur Zeit des Alten Testamentes kam der Geist
über bestimmte Menschen, um ihnen für den Dienst an Gott Kraft zu geben
(z. B. 2Mo 31,3; Ri 3,10;11,29; 1Sam 19,20.23 ). So wurde auch Jesus
durch den Geist für seinen messianischen Auftrag (vgl. Apg 10,38 ) und
sein Amt, andere mit dem Geist zu taufen, wie Johannes vorhergesagt
hatte, ausgerüstet ( Mk 1,8 ). Mk 1,11 Drittens: Jesus hörte eine Stimme vom Himmel (vgl.
Mk 9,7 ). Die Worte des Vaters, die sein uneingeschränktes Ja zu Jesus
und seinem Auftrag zum Ausdruck bringen, beziehen sich auf drei Verse im
Alten Testament: 1Mo 22,2; Ps 2,7; Jes 42,1 . In der ersten Aussage, "Du bist mein Sohn" ,
bestätigt Gott Jesu einzigartige Verwandtschaft mit dem Vater. Die
Bedeutung dieser Worte erhellt sich aus Ps 2,7 ,wo Gott den gesalbten
König als seinen Sohn ansprach. Mit seiner Taufe begann Jesu offizielle
Rolle als der Gesalbte Gottes (vgl. 1Sam 7,12-16; Ps 89,27; Hebr 1,5 ). Die Einfügung lieber (wörtlich "Geliebter"; ho
agapEtos ) ist entweder ein Titel ("der Geliebte") oder ein
beschreibendes Adjektiv ("lieber" Sohn). Als Titel ist es ein Ausdruck
der Intensität der Liebe zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn, ohne
dabei seine beschreibende Qualität zu verlieren. Als Adjektiv kann es im
alttestamentlichen Sinn als "einziger" Sohn (vgl. 1Mo 22,2.12.16; Jer
6,26; Am 8,10; Sach 12,10 ) verstanden werden und ist damit ein
Äquivalent des griechischen Adjektivs monogenEs ("einziger,
eingeborener"; vgl. Joh 1,14.18; Hebr 11,17 ). Diese stärker
interpretative Übersetzung enthält einen Hinweis auf die präexistente
Sohnschaft Jesu. Der Satz an dir habe ich Wohlgefallen verweist auf
die Majestät des Sohnes, die Jesus bei seinem Auftrag auf Erden zukommen
sollte. Das Verb eudokEsa steht dabei in der Vergangenheit ("Ich hatte
Wohlgefallen"). Da die Aussage jedoch zeitlos ist, ist es im Deutschen
im Präsens wiedergegeben, um anzuzeigen, daß Gott zu allen Zeiten
Wohlgefallen an seinem Sohn hat. Gottes Freude an Jesus hat keinen
Anfang und kein Ende. Die Worte selbst stammen aus Jes 42,1 ,wo Gott
seinen erwählten Knecht anspricht, den Einen, an dem er Wohlgefallen hat
und auf den er seinen Geist herabgesandt hat. Mit dieser Stelle beginnt
eine Reihe von vier Prophezeiungen über den wahren Gottesknecht, den
Messias, im Gegensatz zum ungehorsamen Gottesknecht, dem Volk Israel
(vgl. Jes 42,1-9;49,1-7;50,4-9;52,13-53,12 ). Der wahre Gottesknecht
wird in der Erfüllung des göttlichen Willens leiden müssen. Er wird als
"Schuldopfer" ( Jes 53,10 ) sterben und wird sich selbst als Opferlamm (
Jes 53,7; Joh 1,29-30 ) dahingeben. Mit der Taufe durch Johannes begann
auch Jesu Rolle als leidender Gottesknecht, eine Seite seines
messianischen Auftrags, die Markus stark in den Vordergrund rückt ( Mk
8,31;9,30-31;10,32-34.45;15,33-39 ). Jesu Taufe veränderte jedoch nicht seinen
göttlichen Status, er wurde nicht erst hier (oder gar erst bei seiner
Verklärung; Mk 9,7 ) zum Sohn Gottes. Seine Taufe war vielmehr ein
Zeichen der ungeheuerlichen Bedeutung, die seiner Annahme der Berufung
als leidender Gottesknecht und Messias aus dem Geschlecht Davids zukam.
Weil er der Sohn Gottes ist, der Eine, der dem Vater wohlgefällt, und
unter der Vollmacht des Geistes steht, ist er der Messias (nicht
umgekehrt!). Alle drei Personen der Trinität sind an diesem Geschehen
beteiligt. C. Jesu Versuchung durch Satan ( 1,12 - 13 ) ( Mt 4,1-11; Lk 4,1-13 ) Mk 1,12 Nach seiner Taufe wandelte Jesus in der Kraft des
Heiligen Geistes, und alsbald ( euthys , "sofort") trieb ihn der Geist
weiter hinaus in die Wüste . Das Wort "trieb" ist die Übersetzung des
äußerst plastischen Verbs ekballO , "ausfahren, austreiben,
fortschicken", das Markus auch im Zusammenhang mit der Austreibung von
Dämonen verwendet (V. 34.39 ; Mk 3,15.22-23;6,13;7,26;9,18.28.38 ). Hier
zeigt sich abermals Markus' höchst lebendiger und anschaulicher Stil
(vgl. "führte" bei Mt 4,1; Lk 4,1 ); er verdeutlicht sehr schön den
starken inneren Zwang, mit dem der Geist Jesus veranlaßte, die Offensive
gegen die Versuchung und das Böse zu ergreifen, statt ihnen aus dem Weg
zu gehen. Die Wüste ( erEmos ; vgl. Mk 1,4 ), das trockene, unbewohnte
Land, galt den Juden von jeher als Heimstattder bösen Mächte (vgl. Mt
12,43; Lk 8,29;9,42 ). Der Ort, an dem Jesus der Überlieferung zufolge
versucht wurde, liegt nordwestlich des Toten Meeres und westlich von
Jericho. Mk 1,13 Jesus war in der Wüste vierzig Tage . Diese
Formulierung paßt zwar zu mehreren alttestamentlichen Stellen ( 2Mo
34,28; 5Mo 9,9.18; 1Kö 19,8 ), die engste Parallele ist jedoch die zum
Sieg Davids über Goliat, der sich Israel vierzig Tage lang in den Weg
gestellt hatte ( 1Sam 17,16 ). Jesus wurde versucht von dem Satan . "Versucht" ist
die Übersetzung des griechischen Verbs peirazO , "auf die Probe stellen,
prüfen", um herauszubekommen, wes Geistes Kind eine Person ist. Es wird
in positivem Sinn als göttliche Prüfung (z. B. 1Kor 10,13; Hebr 11,17 )
oder auch negativ im Sinne der Verführung zur Sünde durch den Satan und
sein Gefolge gebraucht. An dieser Stelle schwingen beide Bedeutungen
mit. Gott prüfte Jesus (der Heilige Geist veranlaßte ihn dazu), um zu
beweisen, daß er für die ihm bevorstehende Aufgabe qualifiziert war.
Satan seinerseits versuchte, Jesus von seinem göttlichen Auftrag
abzubringen (vgl. Mt 4,1-11; Lk 4,1-13 ). Jesu Sündlosigkeit schließt
also nicht aus, daß er in echte Versuchung geriet, ein Zeichen dafür,
daß er ein wirklicher Mensch war (vgl. Röm 8,3; Hebr 2,18 ). Der Versucher war Satan, der Feind, der
Widersacher. Markus spricht nicht vom "Teufel" (Verleumder; Mt 4,1; Lk
4,2 ). Satan und seine Mächte befinden sich in ständiger, erbitterter
Opposition zu Gott und Gottes Plänen, besonders gegen das, was Jesus
verkörpert und was er tun soll. Der Böse versucht, die Menschen von
Gottes Willen abzubringen, er verklagt sie vor Gott, wenn sie gefallen
sind, und sucht ihr Verderben. Bevor Jesus den Auswirkungen der
Aktivitäten Satans gegenübertrat, begegnete er dem Fürsten des Bösen
selbst. Er stellte sich der Aufgabe, ihn zu besiegen und die Menschen
aus seiner Gewalt zu befreien ( Hebr 2,14; 1Joh 3,8 ). Er kämpfte als
Sohn Gottes in der Wüste gegen den Satan, und später erkannten ihn die
Dämonen als Gottes Sohn an (vgl. Mk 1,24;3,11;5,7 ). Der Verweis auf die wilden Tiere findet sich nur
bei Markus. In der Vorstellungswelt des Altes Testaments war "die Wüste"
ein von Gott verfluchter Ort - eine Stätte der Trostlosigkeit,
Verlassenheit und Gefahr, die von schrecklichen, raubgierigen Tieren
bevölkert war (vgl. Jes 13,20-22;34,8-15; Ps 22,12-22;91,11-13 ). Das
Vorhandensein wilder Tiere soll also wohl den feindseligen Charakter der
Wüste, der Domäne Satans, unterstreichen. Im Gegensatz zu den gefährlichen wilden Tieren
steht Gottes schützende Fürsorge durch die Engel , die Jesus in der Zeit
der Versuchung dienten ( diEkonoun ; das Verb kann allerdings auch mit
"begannen, ihm zu dienen" übersetzt werden, was bedeuten würde, daß die
Engel erst nach der Versuchung erschienen). Sie brachten ihm Hilfe und
versicherten ihn der Gegenwart Gottes. Markus spricht nicht davon, daß
Jesus fastete (vgl. Mt 4,2; Lk 4,2 ), wahrscheinlich, weil sich das für
ihn aus dem Aufenthalt in der Wüste von selbst versteht. Verglichen mit den Parallelerzählungen bei Matthäus
und Lukas ist der Bericht des Markusevangeliums über die Versuchung sehr
kurz. Er sagt nichts über den Gegenstand der Versuchungen, ihre
Steigerung am Schluß oder Jesu Sieg über den Satan. Für Markus war dies
nur der Anfang eines fortdauernden Konflikts zwischen Jesus und Satan,
der auch weiterhin versuchte, Jesus mit allen möglichen unredlichen
Mitteln vom Gehorsam gegen Gott abzubringen (vgl. Mk
8,11.32-33;10,2;12,15 ). Aufgrund der Berufung, die er in der Taufe
angenommen hatte, stellte sich Jesus der Konfrontation mit Satan und
seinen Mächten. Das Markusevangelium ist nichts anderes als der Bericht
dieses großen Kampfes, der seinen Höhepunkt am Kreuz erreichte. Schon
gleich zu Beginn errang Jesus einen persönlichen Sieg über den Satan,
auf den sich seine späteren Dämonensaustreibungen gründeten (vgl. Mk
3,22-30 ). III. Jesu erstes Wirken in Galiläa ( Mk 1,14-3,6 ) Der erste größere Abschnitt des Markusevangeliums
beginnt mit einer zusammenfassenden thematischen Aussage über Jesu
Botschaft ( Mk 1,14-15 ). Es folgen die Berufung der ersten Jünger ( Mk
1,16-20;2,14 ), verschiedene Dämonenaustreibungen und Heilungen in und
um Kapernaum ( Mk 1,21-45 ) und eine Reihe von Kontroversen mit
jüdischen Theologen ( Mk 2,1-3,5 ). Die Passage schließt mit einem
Mordkomplott der Pharisäer und der Anhänger des Herodes gegen Jesus ( Mk
3,6 ). In all diesen Geschehnissen manifestiert sich in Jesu Worten und
Werken immer wieder seine Macht über alle Dinge. A. Einführende Zusammenfassung: Die Botschaft Jesu ( Mk 1,14-15 ) ( Mt 4,12-17; Lk 4,14-21 ) Jesus begann in Galiläa zu predigen (vgl. Mk 1,9 ),
nachdem Johannes der Täufer von Herodes Antipas I. gefangengesetzt
worden war (vgl. die Tabelle zum Geschlecht des Herodes bei Lk 1,5 ).
Der Grund für seine Gefangennahme wird in Mk 6,17-18 genannt. Bevor
Jesus nach Galiläa ging, hielt er sich ungefähr ein Jahr lang in Judäa
auf und wirkte dort (vgl. Joh 1,19-4,45 ). Daß Markus diese Einzelheit
nicht erwähnt, zeigt, daß es ihm in seinem Evangelium nicht um einen
vollständigen chronologischen Bericht über das Leben Jesu ging. Mk 1,14 Die Worte gefangengesetzt war geben das griechische
Verb paradothEnai , von paradidomi , "übergeben oder ausliefern",
wieder, mit dem Markus auch Jesu Verrat durch Judas beschreibt ( Mk 3,19
). Er sieht also offensichtlich eine Parallele zwischen den Erfahrungen
von Johannes und Jesus (vgl. Mk 1,4.14 a). Die Verwendung des Passiv
ohne erkennbares Subjekt macht deutlich, daß Johannes' Gefangennahme in
Gottes Plan gehörte (vgl. die Parallele zu Jesus, Mk 9,31;14,18 ) und
daß damit der Zeitpunkt für Jesu Wirken in Galiläa gekommen war (vgl.
den Kommentar zu Mk 9,11-13 ). Deshalb kam Jesus nach Galiläa und predigte (
kEryssOn ; vgl. Mk 1,4 ) das Evangelium ( euangelion ; vgl. V. 1 )
Gottes (von Gott). In manchen griechischen Handschriften steht an dieser
Stelle vor "Gottes" noch die Einfügung "des Gottesreiches". Mk 1,15 Jesus faßte seine Botschaft in zwei Aussagen und
zwei Geboten zusammen. Die erste Aussage, die Zeit ist erfüllt ,
unterstrich den Beiklang des Endgültigen, der Jesu Verkündigung eigen
war (vgl. Lk 4,16-21 ). Die von Gott festgesetzte Zeit der Vorbereitung
und Erwartung, die Zeit des Alten Testaments, war nun, dem göttlichen
Plan entsprechend, erfüllt (vgl. Gal 4,4 ; Hebr 1,2; 9,11-15 ). Die zweite Aussage, das Reich Gottes ist
herbeigekommen , war eine Schlüsselaussage in Jesu Botschaft. "Reich" (
basileia ) bedeutet soviel wie "Königtum" oder "königliche Herrschaft".
Der Terminus steht für die souveräne Autorität eines Herrschers, die
Tätigkeit des Herrschens selbst und den Herrschaftsbereich
einschließlich seiner Vorzüge (vgl. Theological Dictionary of the New
Testament [von nun an TDNT]; Grand Rapids: "basileia" , 1,579-80; und
den Kommentar zu Mk 3,23-27 ). "Reich Gottes" ist also kein statischer,
sondern ein dynamischer Begriff, der sich auf Gottes souveränes Handeln
oder Herrschen über die Schöpfung bezieht. Das Bild des Gottesreiches war den Juden zur Zeit
Jesu durchaus vertraut. Angeregt durch die Prophezeiungen des Alten
Testaments (vgl. 1Sam 7,8-17; Jes 11,1-10;24,23; Jer 23,4-6; Mi 4,6-7;
Sach 9,9-10;14,9 ) erwarteten sie in der Zukunft ein messianisches
davidisches Reich auf Erden (vgl. Mt 20,21; Mk
10,37;11,10;12,35-37;15,43; Lk 1,31-33;2,25.38; Apg 1,6 ). Jesus mußte
also nicht erst Interesse für seine Botschaft wecken - seine Hörer
bezogen seine Verweise auf das Gottesreich ganz selbstverständlich
aufdas langerwartete Reich des Messias, das im Alten Testament
vorhergesagt worden war. Die Zeit der Entscheidung war nun gekommen; daher
die doppelte Aufforderung Jesu an seine Hörer: "Tut Buße und glaubt an
das Evangelium!" Buße und Glaube gehören zusammen; sie sind eins und
folgen nicht zeitlich aufeinander. "Buße tun" ( metanoeO ; vgl. Mk 1,4 )
heißt, sich von einem existierenden, konkret erfahrbaren Gegenstand des
eigenen Vertrauens (z. B. von sich selbst) abzuwenden. "Glauben" (
pisteuO , hier pisteuete en , diese Wendung kommt so nur einmal im Neuen
Testament vor) heißt, sich von ganzem Herzen einem Gegenstand des
Glaubens anzuvertrauen. An das Evangelium, die "gute Nachricht", zu
glauben bedeutete daher, an Jesus selbst als den Messias, den Sohn
Gottes, zu glauben. Er ist der "Inhalt" des Evangeliums (vgl. V. 1 );
nur wer an ihn glaubt, kann in das Reich Gottes kommen oder es - als ein
Geschenk - empfangen (vgl. Mk 10,15 ). Das Volk Israel lehnte diese Aufforderung jedoch ab
(vgl. Mk 3,6;12,1-12;14,1-2.64-65;15,31-32 ), und Jesus lehrte deshalb,
daß er seine davidische Herrschaft auf Erden nicht sofort antreten werde
(vgl. Lk 19,11 ). Erst nachdem Gott seinen Plan, Juden und Heiden zu
retten und seine Kirche zu bauen, vollendet haben wird (vgl. Röm
16,25-27; Eph 3,2-12 ), wird Jesus zurückkehren und sein Reich auf Erden
errichten ( Mt 25,31.34; Apg 15,14-18; Offb 19,15;20,4-6 ). Dann wird
das Volk Israel wiederhergestellt und erlöst werden ( Röm 11,25-29 ) und
die Erfüllungen der Verheißungen des Gottesreiches erleben. B. Jesu Berufung von vier Fischern ( 1,16 - 20 ) ( Mt 4,18-22; Lk 5,1-11 ) Unmittelbar an die Wiedergabe des Kernstücks von
Jesu Botschaft schließt sich bei Markus die Berufung von vier Fischern -
zwei Brüderpaaren - als Jünger an. Der Evangelist macht damit deutlich,
daß "Buße tun und an das Evangelium glauben" ( Mk 1,5 ) auch beinhaltet,
mit seinem bisherigen Leben zu brechen und Jesus nachzufolgen, d. h. auf
den Ruf des Messias zu antworten und sich ihm zur Verfügung zu stellen.
Die Berufung dieser vier Männer war ein Vorverweis auf die spätere
Berufung und Aussendung der Zwölf ( Mk 3,13-19;6,7-13.30 ), mit ihr
begann Jesu Wirken in Galiläa. Mk 1,16 Das Galiläische Meer (die semitische Bezeichnung
für den See Genezareth), ein ungefähr zehn Kilometer breiter und zwanzig
Kilometer langer, etwa zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel
gelegener, warmer Süßwassersee, war der Standort eines blühenden
Fischfang- und Fischverarbeitungsgewerbes. Er war das geographische
Zentrum von Jesu Wirken in Galiläa. Als er am Ufer des Sees entlangging, sah er Simon ,
mit dem Beinamen Petrus, und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze
(drei bis fünf Meter große, runde Wurfnetze) ins Meer warfen . Bedeutsam
daran war, wie Markus erklärt ( gar , "denn" ), daß sie Fischer von
Beruf waren. Mk 1,17-18 Die Worte folgt mir nach lauten wörtlich "geht
hinter mir her", ein Fachausdruck, der soviel bedeutet wie: "Folgt mir
als meine Schüler." Im Gegensatz zu einem Rabbiner, den seine Schüler
wählten und aufsuchten, ergriff Jesus selbst die Initiative und berief
seine Jünger. Seine Berufung beinhaltete ein Versprechen: "Ich
will euch zu Menschenfischern machen." ( genesthai , vgl. 8, 27). Er
hatte sie für sein Reich "an Land gezogen" und wollte sie nun zu seinen
Mitarbeitern machen. Sie sollten Fischer werden ( genesthai beinhaltet
die Vorbereitung auf ihr künftiges Amt), die "Menschen" (vgl. Mk 8,27 )
"fangen". Die Metapher des Fischens lag schon wegen des
Berufes der Brüder nahe, doch sie hat außerdem auch einen
alttestamentlichen Hintergrund (vgl. Jer 16,16; Hes 29,4-5; Am 4,2; Hab
1,14-17 ). Für die Propheten war sie allerdings ein Bild des göttlichen
Gerichts, doch Jesus setzte sie in positivem Sinn ein, als Zeichen für
die Vermeidung des Gerichts. Angesichts der nahe bevorstehenden
gerechten Herrschaft Gottes (vgl. Mk 1,15 ) berief Jesus diese Männer
dazu, die Menschen aus dem "Meer" (ein alttestamentliches Bild für Sünde
und Tod, z. B. Jes 57,20 ) herauszufischen. Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,12 ) verließen Simon
und Andreas ihre Netze (ihren alten Beruf) und folgten ihm nach . In den
Evangelien ist das Verb "nachfolgen" ( akoloutheO ), wenn es sich auf
Einzelpersonen bezieht, ein Ausdruck der Berufung und der Annahme der
Jüngerschaft. Das spätere Geschehen (vgl. V. 29-31 ) zeigt, daß die
Jünger deshalb die Ihren nicht im Stich ließen (vgl. Mk 10,28 );
entscheidend war vielmehr, daß sie sich Jesus gegenüber als absolut treu
erwiesen. Mk 1,19-20 Bei der gleichen Gelegenheit sah Jesus Jakobus und
Johannes , die Söhne des Zebedäus (vgl. Mk 10,35 ) und Geschäftspartner
von Simon (vgl. Lk 5,10 ), wie sie im Boot die Netze flickten (von
katartizO , "in Ordnung bringen, bereit machen") für den Fischzug der
nächsten Nacht. Und alsbald ( euthys ) rief er sie , ihm zu folgen. Da
ließen sie ihr altes Leben (das Fischerboot und die Netze) und ihre
früheren Verpflichtungen ( ihren Vater Zebedäus und die Tagelöhner )
zurück und folgten ihm als Jünger nach (wörtlich: "gingen hinter ihm
fort"). Markus erwähnt keine früheren Kontakte zwischen
Jesus und diesen Fischern, doch Joh 1,35-42 deutet immerhin an, daß sie
ihn bereits als den Messias Israels angenommen hatten. Später sammelte
Jesus die Zwölf dann in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis um sich ( Mk
3,14-19 ). Markus kürzt die historischen Geschehnisse, die dazu führten,
ab ( Mk 1,14-20 ); ihm ging es vor allem darum, die Macht Jesu über die
Menschen und den Gehorsam derer, die ihm nachfolgten, herauszustellen. Das Thema der Nachfolge hat im Markusevangelium,
wie bereits erwähnt, einen ganz entscheidenden Stellenwert. Die
Schilderung der Berufung der Jünger würde bei Markus' Lesern zwei Fragen
auslösen: "Wer ist der, der da ruft?" und "Was heißt es, ihm zu folgen?"
Diese Fragen wollte Markus beantworten. Er ging davon aus, daß es im
Grunde zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den Jüngern (vgl. den
Kommentar zu Mk 3,13;13,37 ) und seinen christlichen Lesern gab, so daß
alles, was er über die ersteren schrieb, zur Unterweisung der letzteren
dienen konnte. Schließlich ist die Nachfolge eine selbstverständliche
Reaktion auf den Glauben an das Evangelium (vgl. Mk 1,15 ). C. Jesu Macht über Dämonen und Krankheit ( 1,21-45 ) Die Vollmacht (V. 22 ) und Bedeutung (V. 38-39 )
der Worte Jesu, die die vier Fischer bereits gespürt hatten, fand eine
weitere Bestätigung in seinen Taten. In Vers 21 - 34 werden Jesu
Aktivitäten am Beispiel eines - vielleicht typischen - Sabbats in
Kapernaum geschildert: seine Macht über Dämonen (V. 21 - 28 ), die
Heilung der Schwiegermutter von Petrus (V. 29-31 ) und die Heilung
weiterer Menschen nach Sonnenuntergang (V. 32 - 34 ). Die Verse 35 - 39
berichten von einem kurzen Rückzug zum Gebet und danach in geraffter
Form von einer Predigtreise durch Galiläa. Ein wichtiges Ereignis auf
dieser Reise war die Heilung eines Leprakranken (V. 40 - 45 ). Jesu
machtvolle Worte und Taten lösten sowohl Erstaunen als auch Furcht bei
den Menschen aus, und es war abzusehen, daß sie Anlaß zu Kontroversen
geben würden ( Mk 2,1-3,5 ). 1. Die Heilung eines Besessenen ( 1,21-28 ) ( Lk 4,31-37 ) Mk 1,21-22 Die vier neugewonnenen Jünger begleiteten Jesus in
ihre nahegelegene Heimatstadt Kapernaum (vgl. Mk 2,1;9,33 ) am
nordwestlichen Ufer des Sees Genezareth. Kapernaum wurde zum Mittelpunkt
des Wirkens Jesu in Galilaä (vgl. Lk 4,16-31 ). A lsbald ( euthys ; vgl.
Mk 1,10 ), am Sabbat (Samstag), besuchte Jesus den Gottesdienst in der
Synagoge , dem jüdischen Versammlungs- und Gotteshaus (vgl. V. 23.29.39
; Mk 3,1;6,2; 12,39; 13,9 ). Zweifellos auf Einladung des
Synagogenvorstehers lehrte er dort (vgl. Apg 13,13-16 ). Markus bezieht
sich immer wieder auf das Lehramt Jesu ( Mk
2,13;4,1-2;6,2.6.34;8,31;10,1;11,17;12,35;14,49 ), er geht jedoch nur
ganz selten auf den Inhalt seiner Lehre ein. Die Hörer in Kapernaum waren jedenfalls entsetzt (
exeplEssonto ; wörtlich: "erstaunt, verwirrt, überwältigt", auch in Mk
6,2;7,37;10,26;11,18 ) über die Art und Weise und über den Inhalt seiner
Lehre (vgl. Mk 1,14-15 ). Jesus lehrte mit der Vollmacht Gottes und
stellte die Menschen damit vor Entscheidungen - ganz im Gegensatz zu den
Schriftgelehrten , die nur das Gesetz und seine mündliche Auslegung
kannten. Ihr Wissen stammte lediglich aus der schriftlichen
Überlieferung, sie zitierten also einfach ihre Vorgänger. Mk 1,23-24 Die Anwesenheit Jesu und seine in der Vollmacht
Gottes vorgetragene Lehre in der Synagoge bewirkte bei einem Menschen,
der von einem unreinen Geist (die semitische Bezeichnung für "Dämon";
vgl. V. 34 ) besessen war, alsbald ( euthys vgl. V. 10 ) einen heftigen
Anfall. Der Dämon sprach aus dem Mann, der schrie: Was
willst du von uns ...? Das ist die Übersetzung einer hebräischen
Redewendung, die das Zerrissensein von unvereinbaren, einander
widerstrebenden Kräften zum Ausdruck bringt (vgl. Mk 5,7; Jos 22,24; Ri
11,12; 1Sam 16,10; 19,23 ). Die Frage des Dämons wird in der folgenden
Erklärung, "Du bist (in die Welt) gekommen, uns zu vernichten" ,
sogleich von ihm selbst beantwortet und auf den Punkt gebracht. Das
Pronomen "uns" in beiden Sätzen deutet darauf hin, daß er weiß, was die
Gegenwart Jesu auf Erden für alle dämonischen Mächte bedeutet (vgl. Mk
1,15 ), nämlich die äußerste Bedrohung ihrer Macht und ihres Wirkens. Im Gegensatz zu den meisten Menschen erkannte der
Dämon Jesu wahres Wesen und seine wirkliche Identität als der Heilige
Gottes (vgl. Mk 3,11;5,7 ), der ermächtigt war durch den Heiligen Geist.
Daher wußte er auch, woher Jesu Macht kam. Mk 1,25-26 Mit wenigen klaren Worten (nicht etwa mit
Zaubersprüchen) bedrohte ( epetimEsen ; vgl. Mk 4,39 ) Jesus den bösen
Geist und befahl ihm, aus dem Mann auszufahren. Verstumme ist die
Übersetzung des ausdrucksvollen griechischen Verbs phimOthEti , "zum
Schweigen oder Verstummen gebracht werden"; vgl. Mk 4,39 ). Der unreine
Geist gehorchte der Autorität Jesu. Er verließ den Besessenen unter
Krämpfen und fuhr mit lauten Schreien aus von ihm. Jesus nahm also die abwehrende Äußerung des Dämons
(V. 24 ) nicht hin, denn das wäre ein Ausweichen vor seiner Aufgabe,
Satan und seinen Mächten gegenüberzutreten und sie zu besiegen, gewesen.
Seine Macht über die bösen Geister war der Beweis, daß Gottes Herrschaft
mit ihm angebrochen war (vgl. V. 15 ). Dieser erste Exorzismus war der
Ausgangspunkt einer ständigen Auseinandersetzung zwischen Jesus und den
Dämonen, die eine wichtige Rolle im Markusevangelium spielt. (Vgl. die
Liste von Jesu Wunder bei Joh 2,1-11 .) Mk 1,27-28 Alle entsetzten sich ( ethambEthEsan , "überrascht,
erstaunt"; vgl. Mk 10,24.32 ) angesichts dessen, was sie da erlebten.
Ihre Frage was ist das? bezog sich sowohl auf Jesu Lehre als auch auf
seine Austreibung eines Dämons allein durch sein befehlendes Wort. Seine
Lehre war neu ( kainE ) in ihrer Art und wurde in einer Vollmacht
ausgesprochen (vgl. Mk 1,22 ), die sogar die Dämonen zwang, ihm zu
gehorchen (sich ihm zu unterwerfen; vgl. Mk 4,41 ). Markus berichtet
denn auch knapp, daß die Kunde von ihm alsbald ( euthys ; vgl. V. 10 )
überall im ganzen galiläischen Land erscholl . 2. Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus ( Mk 1,29-31 ) ( Mt 8,14-15; Lk 4,38-39 ) Mk 1,29-31 Alsbald ( euthys ; vgl. V. 10 ), nachdem sie die
Sabbatversammlung in der Synagoge verlassen hatten, begaben sich Jesus
und die vier Jünger in das nahegelegene Haus des Simon (Petrus) und
Andreas . Dieses Haus wurde so etwas wie ein Hauptquartier für Jesus,
wenn er sich in Kapernaum aufhielt (vgl. Mk 2,1;3,20;9,33;10,10 ). Dort wurde ihm gleich bei seinem Kommen ( euthys ;
vgl. V. 10 ) berichtet, daß Simons Schwiegermutter mit Fieber zu Bett
lag. Voller Mitleid trat Jesus zu ihr, nahm, ohne ein Wort zu sagen,
ihre Hand und richtete sie auf. Das Fieber verließ sie vollständig, und
ohne, wie es nach so hohem Fieber üblich ist, noch geschwächt zu sein,
stand sie auf und begann, ihren Gästen zu dienen ( diEkonei ,
Imperfekt). 3. Die Heilung vieler Menschen bei Sonnenuntergang ( 1,32 - 34 ) ( Mt 8,16-17; Lk 4,40-41 ) Mk 1,32-34 Hier wird von der Aufregung berichtet, die nach den
wunderbaren Vorkommnissen an diesem Sabbat in Kapernaum herrschte. Die
doppelte Zeitangabe, am Abend aber, als die Sonne untergegangen war ,
will ganz deutlich machen, daß die Bewohner von Kapernaum, um das Gesetz
(vgl. 2Mo 20,10 ) oder die rabbinischen Vorschriften, nach denen es
verboten war, am Sabbat zu arbeiten, nicht zu verletzen (vgl. Mk 3,1-5
), offensichtlich warteten, bis der Sabbat vorüber war (bei
Sonnenuntergang), und erst dann die Kranken zu Jesus brachten. Dann aber brachten (wörtlich: "trugen, schleppten",
Imperfekt) sie alle physisch Kranken und Besessenen (nicht: "von Teufeln
Besessenen", wie es manchmal heißt, denn es gibt nur einen Teufel) zu
ihm. Wieder wird dabei ganz klar zwischen physischer Krankheit und
dämonischer Besessenheit unterschieden (vgl. Mk 6,13 ). Es hat den
Anschein, als habe sich an jenem Abend die ganze Stadt (Hyperbel; vgl.
Mk 1,5 ) vor der Tür von Simons Haus versammelt . Jesus hatte Mitleid
mit den Qualen der Menschen und half vielen Kranken (ein hebräisches
Idiom, das bedeutet, er half "allen, die gebracht wurden"; vgl. V. 32 ;
Mk 10,45; Mt 8,16 ), die mit den verschiedensten Gebrechen behaftet
waren. Außerdem trieb er ( exebalen , von ekballO ; vgl. Mk 1,12.39 )
viele böse Geister aus , die er jedoch, wie zuvor bei dem besessenen
Mann (V. 23 - 26 ), zum Schweigen brachte und nicht davon reden ließ,
daß sie ihn erkannten, womit er bewies, daß sie gegen ihn machtlos
waren. Die Wunder, von denen Jesu Predigt begleitet war,
steigerten seine Popularität. Er tat sie jedoch nicht, um die Menschen
mit seiner Macht zu beeindrucken, sondern um die Echtheit seiner
Botschaft zu beweisen (vgl. V. 15 ). 4. Der Rückzug zum Gebet und die Predigtreise durch
Galiläa ( 1,35 - 39 ) ( Lk 4,42-44 ) Mk 1,35 Trotz der Anstrengung des vergangenen Tages (V. 21
- 34 ) stand Jesus am nächsten Morgen noch vor Tage auf (etwa um vier
Uhr morgens) und ging hinaus an eine einsame ( erEmon , "unbewohnt,
abgelegen") Stätte und betete dort . Er zog sich vor dem Ansturm der
Menschen in Kapernaum in die Wüste zurück - den Ort, an dem er zum
ersten Mal Satan begegnet war und seinen Versuchungen widerstanden hatte
(vgl. V. 12 - 13 ). Dreimal zeigt Markus Jesus im Gebet: zu Beginn
seines Berichts (V. 35 ), in der Mitte ( Mk 6,46 ) und am Ende ( Mk
14,32-42 ). Jedesmal ist eine Atmosphäre von Dunkelheit und Einsamkeit
um ihn. In allen drei Situationen stand Jesus vor der Versuchung, seinen
messianischen Auftrag auf angenehmere, weniger mühselige Art und Weise
zuerfüllen. Doch jedesmal gab das Gebet ihm Kraft, die übernommene
Aufgabe weiterzuführen. Mk 1,36-37 Als die Menge in der Annahme, Jesus dort
vorzufinden, zu Simons Haus zurückkehrte, war er bereits fort. Simon
aber und die bei ihm waren (vgl. V. 29 ), eilten ihm nach (wörtlich:
"jagten ihm nach", von katadiOkO , das nur an dieser Stelle im Neuen
Testament steht). In ihrem Ausruf, jedermann sucht dich , schwingt eine
gewisse Verärgerung mit, denn sie waren der Meinung, Jesus lasse in
Kapernaum einige ausgezeichnete Chancen ungenutzt verstreichen. Mk 1,38-39 Jesu Antwort zeigt, daß auch die Jünger ihn und
sein eigentliches Amt offensichtlich nicht verstanden. Sein Plan war,
anderswohin zu gehen, in die nächsten Städte - Marktflecken, in denen es
viele Menschen gab -, um auch dort zu predigen (vgl. Mk 4,14 ). Seine
Erklärung denn dazu (um zu predigen) bin ich gekommen bezieht sich
wahrscheinlich nicht auf den Weggang aus Kapernaum (er hatte die Stadt
ja nur verlassen, um zu beten; V. 35 ), sondern auf seinen göttlichen
Auftrag. Er wollte "das Evangelium Gottes" verkündigen (V. 14 ) und die
Menschen auffordern, "Buße zu tun und zu glauben" (V. 15 ). Da die
Bewohner von Kapernaum in ihm jedoch lediglich einen Wundertäter sahen,
verließ er ihre Stadt, um anderswo zu predigen. Vers 39 faßt seine Reise durch ganz Galiläa (vgl.
V. 28 ), die wahrscheinlich mehrere Wochen dauerte, in einem Satz
zusammen (vgl. Mt 4,23-25 ). Hauptsächlich predigte er (vgl. Mk 1,14-15
) in den Synagogen und verlieh seiner Botschaft besondere Schlagkraft,
indem er die bösen Geister austrieb ( ekballOn ; vgl. V. 34 ). 5. Die Heilung eines Leprakranken ( 1,40 - 45 ) ( Mt 8,1-4; Lk 5,12-16 ) Mk 1,40 Auf Jesu Reise durch Galiläa kam zu ihm ein
Aussätziger - ein Schritt, der von einem Leprakranken sehr viel Mut
verlangte. Als "Aussatz" wurden damals eine Vielzahl schwerer
Hauterkrankungen bezeichnet, von der Ringelflechte bis hin zur echten
Lepra (Hanson Bazillus), einer progressiv verlaufenden Krankheit. Der
Mann, der da zu Jesus kam, führte ein elendes Dasein, nicht nur wegen
der verheerenden physischen Auswirkungen seiner Krankheit, sondern auch
wegen der rituellen Unreinheit (vgl. 3Mo 13-14 ) und dem Ausschluß aus
der Gesellschaft. Die Lepra, ein alttestamentliches Bild für die Sünde,
brachte den Betroffenen vielfältiges Leid: auf physischer, psychischer,
sozialer und religiöser Ebene. Die Rabbiner hielten Lepra für unheilbar. Nur in
zwei Fällen berichtet das Alte Testament, daß Gott einen Aussätzigen
heilte ( 4Mo 12,10-15; 2Kö 5,1-14 ). Trotzdem war dieser Mann überzeugt,
daß Jesus ihm helfen konnte. Ohne Anmaßung ("willst du") und zugleich
ohne jeden Zweifel an Jesu Fähigkeit, ihn zu heilen ( so kannst du mich
reinigen ), kniete er demütig vor Jesus nieder und bat ihn, ihn gesund
zu machen. Mk 1,41-42 Jesus jammerte ( splanchnistheis , "tiefes Mitleid
haben") der Mann - er berührte den Unberührbaren und heilte den
Unheilbaren! Diese Berührung zeigte, daß die rabbinischen
Reinheitsvorschriften für Jesus keine Gültigkeit hatten. Sowohl seine
symbolische Berührung (vgl. Mk 7,33;8,22 ) als auch sein mit göttlicher
Vollmacht gesprochener Satz - ich will's tun (Präsens), sei rein (Aorist
passiv; der Kranke erfährt den neuen Zustand als etwas bereits
Geschehenes) - bewirkten die Heilung. Der Mann wurde auf der Stelle (
euthys ; vgl. Mk 1,10 ) vollständig und vor aller Augen gesund. Mk 1,43-44 Die hart klingenden Worte trieb ihn von sich (
exebalen ; vgl. V. 12 ) alsbald ( euthys ; vgl. V. 10 ) und drohte ihm
(vgl. Mk 14,5 ) veranschaulichen den unbedingten Gehorsam, den Jesus für
seine in Vers 44 gegebenen Anweisungen von dem Geheilten verlangte. Zuerst warnte er ihn streng (dasselbe Verb wie in
Mk 14,5 ): "Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst" (über diese Heilung).
Wahrscheinlich handelte es sich dabei um ein zeitlich beschränktes
Gebot, das nur solange in Kraft war, bis die Reinheit des Mannes durch
den Priester bestätigt worden war. Doch auch in anderen Fällen verlangte
Jesus häufig Stillschweigen von den Menschen, die seine Wunder erlebten,
und war darauf aus, daß möglichst wenig über seine wahre Identität und
seine wunderbaren Kräfte geredet wurde (vgl. Mk
1,25.34;3,12;5,43;7,36;9,9 ). Warum tat er das? Manche Forscher
vertreten die Ansicht, daß Markus und die anderen Evangelisten diese
Schweigegebote später einfügten, um zu erklären, warum die Juden Jesus
während seines Wirkens auf Erden nicht als Messias anerkannten. Diese
Theorie vom sogenannten "Messiasgeheimnis" besagt, daß die Messianität
Jesu verborgen blieb. Eine befriedigendere Lösung scheint jedoch in der
Annahme zu liegen, daß Jesus versuchte, Mißverständnisse zu vermeiden,
die eventuell zu einer verfrühten und/oder von irrigen Vorstellungen
geleiteten Reaktion des Volkes geführt hätten (vgl. den Kommentar zu Mk
11,28 ). Er wollte nicht, daß bekannt wurde, wer er war, bevor er den
Charakter seiner Mission nicht ganz klargemacht hatte (vgl. den
Kommentar zu Mk 8,30;9,9 ). Der Schleier, der über seiner Identität lag,
lüftete sich also erst allmählich, bis Jesus sich dann am Ende
öffentlich zu seiner Messianität bekannte ( Mk 14,62; vgl. Mk 12,12 ). Zum anderen wies Jesus den geheilten Aussätzigen
an, sich dem Priester zu zeigen , der ihn als einziger für rituell rein
erklären konnte, und zu opfern, was Mose geboten hatte (vgl. 3Mo 14,2-31
. Diese Forderung ist erläutert in der Wendung ihnen
zum Zeugnis , die entweder in positivem Sinne ("als überzeugender
Beweis") oder negativ ("als belastendes Indiz") für die Menschen im
allgemeinen oder für die Priester im besonderen verstanden werden
konnte. In diesem Zusammenhang ist, wie auch in den beiden anderen
Fällen, in denen diese Wendung im Markusevangelium vorkommt ( Mk
6,11;13,9 ), der negativen Deutung der Vorzug zu geben. Ein solches
"Zeugnis" wäre dann also ein Beweis, der als Beleg für die Anklage
verwendet werden kann (vgl. TDNT; "martys"; 4,502-4), und "ihnen"
bezieht sich auf die Priester. Die Heilung des Aussätzigen war ein untrügliches
Zeichen für die Gegenwart des Messias (vgl. Mt 11,5; Lk 7,22 ) und den
Beginn eines neuen Abschnittes in der Geschichte Gottes mit den
Menschen. Wenn die Priester nun den Aussätzigen für rein erklärten, den,
der ihn rein gemachte hatte, jedoch verwarfen, würde ihr Unglaube als
Beweis ihrer Schuld gegen sie sprechen. Mk 1,45 Statt aber Jesus zu gehorchen, ging der Mann fort
und fing an, viel davon zu reden (wörtlich: "es viel zu verkündigen";
kEryssein ) und die Geschichte seiner Heilung weit und breit bekannt zu
machen. Ob er Jesu zweitem Gebot, sich dem Priester zu zeigen, Folge
leistete, wird nicht gesagt. Als Folge dieser Handlungsweise konnte Jesus seine
Predigttätigkeit in den Synagogen von Galiläa (vgl. V. 39 ) nicht
fortsetzen. Er konnte nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen , ohne
daß sich eine große Menge um ihn sammelte und ihn mit den
verschiedensten Anliegen bedrängte. Selbst wenn er sich an einsame (
erEmois , "unbewohnt, abgelegen"; vgl. V. 35 ) Orte zurückzog, strömten
die Menschen von allen Enden zu ihm. Die Befreiung, die Jesus brachte, ging über das
mosaische Gesetz und seine Regeln hinaus. Obwohl das Gesetz Vorschriften
für die rituelle Reinigung eines Aussätzigen vorsah, war es doch nicht
in der Lage, jemanden von dieser Krankheit zu heilen oder ihn innerlich,
geistlich, zu erneuern. D. Jesu Auseinandersetzungen mit den
Schriftgelehrten und Pharisäern in Galiläa ( 2,1 - 3,5 ) Markus stellte die fünf Episoden, um die es hier
geht, in einen Zusammenhang, weil sie alle denselben thematischen
Schwerpunkt haben - den Konflikt zwischen Jesus und den jüdischen
Religionsführern in Galiläa. Die chronologische Reihenfolge ist daher
nicht genau eingehalten. An einer späteren Stelle ( Mk 11,27-12,37 )
findet sich nochmals eine ähnliche Sammlung von fünf ebenfalls
kontrovers verlaufenden Begegnungen im Tempel in Jerusalem. Im vorliegenden Fall entzündete sich der Streit an
Jesu Macht über Sünde und Gesetz. Der Bericht über den ersten
Zwischenfall wird von einem summarischen Verweis auf Jesu
Predigttätigkeit eingeleitet ( Mk 2,1-2 ). Markus benutzt solche
Bemerkungen häufig als literarisches Stilmittel, um Jesu eigentliches
Amt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und seine Erzählung bis zum
nächsten Ereignis, auf das näher einzugehen dann wieder in den Aufbau
seines Evangeliums paßt, zu überbrücken (vgl. Mk
1,14-15.39;2,1-2.13;3,7-12.23;4,1.33-34;8,21-26.31;9,31;10,1;12,1 ). 1. Die Heilung eines Gelähmten und die
Sündenvergebung ( 2,1-12 ) ( Mt 9,1-8; Lk 5,17-26 ) Mk 2,1-2 Als Jesus nach einigen Tagen nach Kapernaum
zurückkehrte (vgl. Mk 1,21 ), sprach es sich herum, daß er im Hause
(wahrscheinlich im Haus von Petrus; vgl. Mk 1,29 ) war. Nach jüdischem
Brauch drängten viele Uneingeladene herzu, die bis vor die Tür standen
und den Eingang versperrten. Jesus sagte (Imperfekt, elalei ) ihnen das
Wort (vgl. Mk 1,14-15;4,14.33 ). Mk 2,3-4 Da brachten sie auf einem Bett einen Gelähmten, von
vieren getragen , in der Hoffnung, ihn zu Jesus bringen zu können. Doch
sie konnten nicht ins Haus wegen der Menge . Wie viele Häuser in
Palästina besaß auch dieses wahrscheinlich eine Außentreppe, die auf das
flache Dach führte. Die Männer stiegen hinauf, deckten das Dach auf (die
Dächer bestanden aus Gras, Lehm, Lehmziegeln und Latten), wo Jesus
stand, machten ein Loch und ließen das Bett hinunter, auf dem der
Gelähmte lag (wahrscheinlich mit Hilfe von herumliegenden Tauen). Mk 2,5 Jesus sah diese entschlossenen Bemühungen der vier
als sichtbares Zeichen ihres Glaubens an seine Macht, den Kranken zu
heilen. Er tadelte sie nicht für die Unterbrechung seiner Predigt,
sondern sagte - völlig überraschend - zu dem Gelähmten: Mein Sohn (eine
liebevolle Anrede) , deine Sünden sind dir vergeben . Im Alten Testament galten Krankheit und Tod als
Folge des sündigen Zustands der Menschen, und die Heilung war ein
Zeichen für Gottes Vergebung (z. B. 2Chr 7,14; Ps 41,4;103,3;147,3; Jes
19,22;38,16-17; Jer 3,22; Hos 14,5 ). Das heißt nicht, daß jede
Krankheit durch eine ihr vorausgehende Sünde ausgelöst wird (vgl. Lk
13,1-5; Joh 9,1-3 ). Jesus wollte hier einfach sagen, daß die Krankheit
dieses Mannes im Grunde eine geistliche Ursache hatte.
Mk 2,6-7 Die anwesenden Schriftgelehrten (wörtlich
"Schreiber") fühlten sich von dieser rätselhaften Äußerung Jesu vor den
Kopf gestoßen. Nur Gott kann Sünden vergeben (vgl. 2Mo 34,6-9; Ps
103,3;130,4; Jes 43,25;44,22; Dan 9,9 ). Im Alten Testament wurde die
Fähigkeit zur Sündenvergebung nirgends mit dem Messias in Verbindung
gebracht. Für die Schriftgelehrten war eine solche Rede von "dem da"
deshalb ein anmaßender Affront gegen Gottes Macht und Autorität - er
lästerte damit Gott , ein schweres Verbrechen, das mit Steinigung
bestraft wurde ( 3Mo 24,15-16 ). Tatsächlich wurde Jesus später aufgrund
des Vorwurfs der Gotteslästerung öffentlich verurteilt (vgl. Mk 14,61-64
). Mk 2,8-9 Jesus erkannte sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 )
in seinem Geist ihre feindseligen Gedanken und stellte ihnen einige
pointierte Gegenfragen (ein rhetorisches Stilmittel in einem
Streitgespräch zwischen Rabbinern; vgl. Mk 3,4;11,30;12,37 ). Mk 2,10 Dieser Vers bereitet den Exegeten aufgrund der
Adressatenänderung in der Mitte einige Schwierigkeiten. Jesus schien
sich zunächst an die Schriftgelehrten zu wenden (V. 10 a), doch dann
findet noch im selben Vers ein abrupter Bruch statt, nach dem er dann
plötzlich zu dem Gelähmten sprach. Ein zweites Problem angesichts des
"Messiasgeheimnisses" bei Markus ist die öffentliche Verwendung des
Titels "Menschensohn" durch Jesus selbst, in Gegenwart ungläubiger
Zuhörer und zu einem so frühen Zeitpunkt seines Wirkens (vgl. Mk
9,9;10,33 ). Außer an dieser Stelle und in Vers 28 fällt dieser Titel im
Markusevangelium erst wieder im Zusammenhang mit dem Bekenntnis des
Petrus ( Mk 8,29 ). Danach taucht er zwölfmal auf und spielt auch bei
der Selbstoffenbarung Jesu vor seinen Jüngern eine wichtige Rolle (vgl.
Mk 8,31.38;9,9.12.31;10,33.45;13,26;14,21 [zweimal] 41.62 ; vgl. auch
den Kommentar zu Mk 8,31 ). Vor dem Hintergrund dieser Schwierigkeiten könnte
man Vers 10 a vielleicht als einen redaktionellen Einschub von Markus
sehen (vgl. auch V. 15 c. 28 ; Mk 7,3-4.19;13,14 ). Er fügte ihn
möglicherweise in seinen Bericht ein, um seinen Lesern die entscheidende
Bedeutung dieses Ereignisses vor Augen zu führen: daß Jesus als der
auferstandene Menschensohn die Vollmacht ( exousian , das Recht und die
Macht) hat, Sünden zu vergeben auf Erden , etwas, was die
Schriftgelehrten nicht wußten. Nur an dieser Stelle in den Evangelien
wird dem Menschensohn dieses Recht zugeschrieben. Diese Annahme spräche dann auch für die
literarische Einheit des Textabschnitts: die Sündenvergebung wird
ausgesprochen ( Mk 2,5 ), in Frage gestellt ( 6 - 9 ), bekräftigt ( 11 )
und für alle erkennbar ( 12 ). Die Eingangsworte von Vers 10 , damit ihr
aber wißt , könnten also auch übersetzt werden: "ihr (die Leser des
Markusevangeliums) solltet nun wissen, daß ...." Der Nachsatz bezeichnet
dann das Ende der Randbemerkung des Evangelisten und die Rückkehr zum
Geschehen selbst. Mk 2,11-12 Jesus gebot dem Gelähmten: "Steh auf (eine Prüfung
seines Glaubens) , nimm dein Bett und geh heim (die Forderung nach
Gehorsam)." Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) war der Mann in der Lage,
dieser Aufforderung nachzukommen, vor aller Augen , auch der Kritiker
Jesu. Durch diese Demonstration wurden sie praktisch gezwungen
einzusehen, daß der Mann tatsächlich Gottes Vergebung empfangen hatte.
Das Geschehene machte deutlich, wie die Rettung, die Jesus brachte,
eigentlich aussah: es war ein Heil-Machen des ganzen Menschen. Alle
(wahrscheinlich auch die Schriftgelehrten) entsetzten sich ( existasthai
, wörtlich: "gerieten außer sich"; vgl. Mk 3,21;5,42;6,51 ) und priesen
(gaben ihm die Ehre) Gott für diese Zurschaustellung übernatürlicher
Macht. 2. Die Berufung des Levi und das Mahl mit den
Zöllnern ( 2,13 - 17 ) ( Mt 9,9-13; Lk 5,27-32 ) Mk 2,13 Jesus ging wieder hinaus aus Kapernaum an den See
(Genezareth; vgl. Mk 1,16 ). Markus bringt seine Tätigkeit erneut auf
die Formel, daß er alles Volk lehrte, das weiterhin zu ihm strömte, um
ihn zu hören. Der Rückzug Jesu aus der Stadt und ihrem Gedränge zieht
sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Markusevangelium (vgl. Mk
1,45;2,13;3,7.13;4,1;5,21; usw.) und läßt immer wieder das
"Wüsten"-Thema vom Anfang anklingen (vgl. Mk 1,4.12-13.35.45 ). Mk 2,14 Kapernaum war ein Zollknotenpunkt auf der
Karawanenroute von Damaskus zum Mittelmeer. Unter den dortigen Zöllnern
befand sich auch Levi - mit zweitem Namen Matthäus (vgl. Mk 3,18; Mt
9,9;10,3 ) -, ein jüdischer Steuereinnehmer im Dienste des Herodes
Antipas, zu dessen Herrschaftsbereich Galiläa gehörte (vgl. die Tabelle
zum Geschlecht des Herodes bei Lk 1,5 ). Diese Beamten, die häufig mit
unlauteren Methoden arbeiteten und die Menschen übervorteilten, waren
bei den Juden in höchstem Maße verhaßt. Trotzdem forderte Jesus Levi
freundlich auf, ihm zu folgen und seinen alten Beruf aufzugeben (vgl. Mk
1,17-18 ). Mk 2,15-16 : Bald darauf gab Matthäus ein Festmahl für Jesus
und seine Jünger . Dies ist die erste von insgesamt dreiundvierzig
Stellen, an denen Markus die "Jünger" als besondere Gruppe erwähnt. Er
fügt noch kommentierend hinzu, daß es viele (Jünger) waren, die ihm
nachfolgten , nicht nur die fünf, die Jesus bis jetzt berufen hatte. Viele Zöllner (Levis frühere Kollegen) und "Sünder"
, eine Bezeichnung für die einfachen Leute, die nach Ansicht der
Pharisäer das Gesetz nicht kannten und sich nicht an die strengen
pharisäischen Regeln hielten, nahmen an diesem Mahl teil. Daß Jesus und
seine Jünger mit solchen Menschen aßen (ein Ausdruck des Vertrauens und
der Kameradschaft), stellte für die Schriftgelehrten unter den
Pharisäern eine Beleidigung dar. Die Pharisäer, die einflußreichste
religiöse Gruppierung in Palästina, orientierten sich ganz am mosaischen
Gesetz. Sie richteten ihr Leben streng nach den von ihnen als bindend
verstandenen Auslegungen der Gebote aus, die auf mündlichem Wege
weitergegeben wurden. Besonderen Wert legten sie auf die rituelle
Reinheit (vgl. Mk 7,1-5 ) - ein Grund, Jesus, der die fromme
Unterscheidung zwischen "den Gerechten" (ihnen selbst) und "den Sündern"
nicht beachtete und sich nicht von derartigen Elementen fernhielt, hier
als Abtrünnigen anzugreifen. Mk 2,17 Jesus beantwortete ihre Kritik mit einem bekannten
Sprichwort (dessen Richtigkeit auch seine Widersacher nicht
bezweifelten) und mit einem Hinweis auf seinen Auftrag, der sein
Betragen rechtfertigte. Die Wendung die Gerechten ist hier ironisch
gemeint und bezog sich auf diejenigen, die sich selbst für gerecht
hielten: auf die Pharisäer (vgl. Lk 16,14-15 ), die nicht einsahen,
warum sie Buße tun und glauben sollten (vgl. Mk 1,15 ). Doch Jesus
wußte, daß jedermann, auch "der Gerechte", sündig ist. Er kam (in die
Welt), um die Sünder in das Gottesreich zu rufen - diejenigen, die in
Demut erkennen, was ihnen fehlt, und seine gnädige Vergebung empfangen.
Deshalb aß Jesus mit den Sündern (vgl. Mk 2,5-11.19-20 ). 3. Die Frage des Fastens angesichts der mit Jesu
Kommen gegebenen neuen Situation ( 2,18 - 22 ) ( Mt 9,14-17; Lk 5,33-39 ) Mk 2,18 Markus berichtet, daß die Jünger des Johannes (der
verbliebene treue Rest der Anhänger Johannes des Täufers) und die
Pharisäer (sowie ihre Jünger oder Anhänger) viel fasteten , während
Jesus und seine Jünger es sich in Levis Haus wohlsein ließen. Das Alte
Testament schrieb ein Fasten für alle Juden als einen Akt der Buße nur
am Versöhnungstag vor ( 3Mo 16,29-31 ), doch die Pharisäer propagierten
darüber hinaus ein freiwilliges Fasten an jedem Montag und Donnerstag
als Akt der Frömmigkeit (vgl. Lk 18,12 ). Als Antwort auf die kritische
Anfrage einiger Leute erklärte Jesus, wie widersinnig es für seine
Jünger wäre, in ihrer Situation zu fasten ( Mk 2,19-22 ). Dabei lehnte
er das Fasten nicht prinzipiell ab, sondern befürwortete es, wenn es auf
die rechte Weise geschah (vgl. Mt 6,16-18 ). Mk 2,19-20 Mit dem Vergleich, den Jesus in seiner Gegenfrage
zog, stellte er eine verborgene Analogie zu sich selbst her. Wie es für
Hochzeitsgäste (wörtlich: "Söhne des Brautgemachs", die Begleiter des
Bräutigams) unangemessen wäre zu fasten (ein Ausdruck der Trauer), wenn
der Bräutigam anwesend ist, so war es auch für Jesu Jünger unangebracht
(in Trauer) zu fasten, solange er bei ihnen war . Jesu Anwesenheit gab zu ebensogroßer Freude Anlaß
wie ein Hochzeitsfest. Aber die Freude würde nicht von Dauer sein, denn
es würde die Zeit (wörtlich: "die Tage") kommen, daß der Bräutigam
(Jesus) von ihnen genommen ( aparthE ; das Verb impliziert eine
gewalttätige Entfernung, Raub; vgl. Jes 53,8 ) würde. An jenem Tage
(seiner Kreuzigung) würden die Jünger fasten, im metaphorischen Sinn
vonTrauern statt Fröhlichsein. Diese Anspielung auf seinen
bevorstehenden Tod ist der erste Hinweis auf das Kreuz im
Markusevangelium. Mk 2,21-22 Die beiden ersten Gleichnisse Jesu, die Markus
erzählt, haben einen breiteren Bedeutungshorizont als nur das Thema
"Fasten". Mit Jesu Anwesenheit bei seinem Volk brach eine neue Zeit (die
Zeit der Erfüllung) an, sein Kommen war ein Zeichen, daß das Alte
vergangen war. Der Versuch, diese Neuheit des Evangeliums mit der
alten Religion des Judentums zu verbinden, war ebenso nutzlos, wie einen
Lappen von neuem Tuch auf ein altes ( palaion , "abgetragen") Kleid zu
setzen. Wenn der neue (kainon, "qualitativ neu") Lappen ( plErOma ,
"Fülle") naß wird, wird er einlaufen und vom alten abreißen, und der Riß
wird noch ärger werden. Ebenso katastrophal wirkt es sich aus, wenn man
neuen ( neon , "frisch"), noch nicht voll ausgegorenen Wein in alte (
palaious , "abgenutzt", ohne Elastizizität, brüchig) Schläuche füllt .
Wenn der neue Wein gärt (sich ausdehnt), zerreißt er die Schläuche, und
der Wein ist verloren und die Schläuche auch. Die Rettung, die Jesus
brachte, hatte nichts mehr mit dem alten jüdischen System zu tun (vgl.
Joh 1,17 ). 4. Das Ährenraufen und -essen am Sabbat ( 2,23 - 28 ) ( Mt 12,1-8; Lk 6,1-5 ) Mk 2,23-24 Als Jesus am Sabbat auf einem Fußweg durch ein
Kornfeld ging, fingen seine Jünger an, Ähren auszuraufen und sie zu
essen. Das war zwar vom Gesetz her erlaubt ( 5Mo 23,25 ), doch für die
Pharisäer war es gleichbedeutend mit "ernten", also eine "Arbeit", die
ja am Sabbat verboten war (vgl. 2Mo 34,21 ). Sie forderten daher eine
Erklärung von Jesus. Mk 2,25-26 Dieser berief sich in seiner Antwort auf die
Schrift, und zwar auf einen Präzedenzfall, den David und die bei ihm
waren geschaffen hatten, als sie in Not waren und hungerten ( 1Sam
21,2-7 ). Die Worte "die bei ihm waren" und "in Not" sind an diesem
Vorfall entscheidend. David ging in das Haus Gottes, ließ sich die
Schaubrote geben (vgl. 3Mo 24,5-9 ), die nach dem mosaischen Gesetz den
Priestern vorbehalten waren (vgl. 3Mo 24,9 ), und gab sie auch denen,
die bei ihm waren . Jesus benutzte diese Tat, die Gott nicht verurteilt
hatte, um zu zeigen, daß die engstirnige Gesetzesauslegung der Pharisäer
Gottes eigentliche Absicht entstellte. Die Bedürfnisse der Menschen
hatten - auch von der innersten Bedeutung des Gesetzes her - Vorrang vor
allen zeremoniellen Vorschriften. Nach Markus fand Davids "Übergriff" zur Zeit
Abjatars, des Hohenpriesters , statt, doch in Wirklichkeit war damals
Abimelech, der Vater des Abjatar, Hohepriester ( 1Sam 21,2 ). Eine
plausible Erklärung für diese Verwechslung ergibt sich, wenn man die
einleitende Wendung mit "in der Passage über Abjatar, den Hohenpriester"
(vgl. die Parallelstelle bei Mk 12,26 ) übersetzt. So pflegten die Juden
jeweils einen bestimmten Abschnitt des Alten Testaments, auf den sie
sich bezogen, anzugeben. Da Abjatar, der kurz nach Abimelech
Hoherpriester wurde, wesentlich bekannter war als sein Vater, ist es
durchaus gerechtfertigt, daß Markus an dieser Stelle seinen Namen nennt. Mk 2,27-28 Mit den Worten und er sprach zu ihnen fügt der
Evangelist dann zwei Schlußfolgerungen an, die sich aus dieser
Geschichte ergeben: 1. Er zitiert Jesu Worte, daß der Sabbat (von Gott)
um des Menschen willen und zu seiner Erholung gemacht ist, und nicht
umgekehrt die Menschen um des Sabbats willen strenge Vorschriften
einhalten müssen. 2. Er beschließt den Abschnitt (so - vor dem
Hintergrund von V. 23 - 27 ) mit einer eigenen Anmerkung (vgl. V. 10 )
zur Bedeutung dieser Aussage Jesu für seine Leser. Der Menschensohn
(vgl. Mk 8,31 ) ist ein Herr auch über den Sabbat , er hat souveräne
Bestimmungsgewalt über das, was am Sabbat geschehen darf, wie auch der
nächste Zwischenfall zeigt. 5. Die Heilung des Mannes mit der verdorrten
Hand am Sabbat ( Mk 3,1-5 ) ( Mt 12,9-13; Lk 6,6-10 ) Mk 3,1-2 Abermals an einem Sabbat sah Jesus in der Synagoge
(wahrscheinlich in Kapernaum; vgl. Mk 1,21 ) einen Mann mit einer
verdorrten Hand (es war seine Rechte; vgl. Lk 6,6 ). Sie (die Pharisäer;
vgl. Mk 3,6 ) lauerten darauf , wie Jesus sich verhalten würde, und ob
er ihnen vielleicht einen Grund liefern würde, damit sie ihn verklagen
könnten . Denn das Heilen am Sabbat war nur bei Lebensgefahr erlaubt,
die Krankheit dieses Mannes war jedoch nicht lebensbedrohlich und hätte
auch bis zum nächsten Tag warten können. Wenn Jesus ihn aber dennoch
heilte, konnten sie ihn als Sabbatschänder anklagen, ein Vergehen, auf
das die Todesstrafe stand (vgl. 2Mo 31,14-17 ). Mk 3,3-4 Jesus gebot dem Mann tritt hervor , so daß die
ganze versammelte Menge seine verdorrte Hand sehen konnte. Dann stellte
er den Pharisäern eine rhetorische Frage, welche von zwei
unterschiedlichen Handlungsweisen dem Sinn des Sabbats im mosaischen
Gesetz wirklich entspräche. Die Antwort lautete natürlich: Gutes tun und
Leben ( psychEn , "Seele"; vgl. Mk 8,35-36 ) erhalten . Wenn man diesem
Mann am Sabbat aber nicht half (vgl. Mk 2,27 ), so hieße das, Böses tun
(seinen eigentlichen Zweck mißbrauchen) und, wie es dann schließlich
auch aufgrund des hinterlistigen Komplotts der Pharisäer an diesem
Sabbat (vgl. Mk 3,6 ) geschah, zu töten . Hier ging es um die moralische
(nicht die gesetzliche) Seite des Vollbringens von Gutem am Sabbat, doch
die Pharisäer weigerten sich, auch nur darüber zu diskutieren. Mk 3,5 Jesus sah sie (die Pharisäer) ringsum (von
periblepomai , ein alle einschließender, durchdringender Blick; vgl. V.
34 ; Mk 5,32;10,23;11,11 ) an mit Zorn . Das ist das einzige Mal im
Neuen Testament, daß ausdrücklich berichtet wird, daß Jesus zornig
wurde. Er fühlte gerechte Empörung und tiefen Schmerz (Kummer) über ihre
halsstarrige Gefühllosigkeit ( pOrOsei , "Verhärtung"; vgl. Röm 11,25;
Eph 4,18 ) gegenüber Gottes Gnade und menschlichem Elend. Als der Mann auf Jesu Gebot hin seine Hand
ausstreckte , wurde sie sofort und vollständig gesund. Jesus führte
dabei keine Handlung durch, die als "Arbeit" am Sabbat hätte
interpretiert werden können. Als Herr über den Sabbat ( Mk 2,28 ) hob
Jesus die gesetzlichen Einschränkungen auf, die diesen Tag verkrusteten,
und befreite den Mann gnädig von seinem Leiden. E. Schluß: Jesu Verwerfung durch die Pharisäer ( 3,6 ) ( Mt 12,14; Lk 6,11 ) Mk 3,6 Dieser Vers ist der Höhepunkt des Abschnitts über
Jesu Streitigkeiten mit dem religiösen Establishment in Galiläa ( Mk
2,1-3,5 ). Er enthält den ersten expliziten Hinweis auf Jesu Tod, der
von nun an sein Wirken überschattete. Unmittelbar im Anschluß ( euthys ;
vgl. V. 10 ) an die Auseinandersetzung über den wahren Sinn des Sabbats
verschworen sich die Pharisäer in nie dagewesener Einigkeit mit den
Anhängern des Herodes (vgl. Mk 12,13 ), einflußreichen politischen
Parteigängern des Herodes Antipas, aus dem gemeinsamen Wunsch heraus,
Jesus zu vernichten (vgl. Mk 15,31-32 ). Jesu Vollmacht kollidierte mit
ihrer eigenen Autorität und bedrohte sie, daher mußte er beseitigt
werden. Die Frage war nur, wie sich das bewerkstelligen ließ. IV. Jesu späteres Wirken in Galiläa ( 3,7 - 6,6 a) Der zweite größere Abschnitt des Markusevangeliums
beginnt und schließt vom Aufbau her wie der erste (vgl. Mk 1,14-15 mit
Mk 3,7-12;1,16-20 mit Mk 3,13-19;3,6 mit Mk 6,1-6 a). Er beschreibt das
weitere Wirken Jesu trotz des Widerstandes und des Unglaubens um ihn
herum. A. Einführende Zusammenfassung: Jesu Wirken am See
Genezareth ( 3,7-12 ) ( Mt 12,15-21 ) Mk 3,7-10 Die zusammenfassende Schilderung dieser vier Verse
ähnelt in Inhalt und Stil der Aussage von Mk 2,13 .Als neues Element
tritt allerdings hinzu, daß Jesus mit seinen Jüngern (im Griechischen
zur Hervorhebung an erster Stelle genannt), die sowohl die
Feindseligkeit bestimmter Gruppen als auch die Beliebtheit bei der
Menge, die Jesus genoß, mit ihm gemeinsam erlebten, entwich . Viele Leute aus Galiläa folgten (hier nicht im
Sinne von Nachfolge gebraucht, sondern einfach: "gingen mit") ihm, und
auch von außerhalb Galiläas - aus dem Süden, Judäa, Jerusalem und Idumäa
, aus dem Osten, von jenseits des Jordan (Peräa), und aus dem Norden,
den Küstenstädten Tyrus und Sidon (in Phönizien) kam eine große Menge ,
die von all seinen Taten (d. h. seinen Wunderheilungen) angezogen wurde.
An all diesen Orten (außer in Idumäa; vgl. Mk 5,1;7,24.31;10,1;11,11 )
hielt sich Jesus eine Zeitlang auf. Der Ansturm auf seine Heilkraft und
der Wunsch all derer, die geplagt waren ( mastigas , "gepeinigt"; vgl.
Mk 5,29 ["Plage"]., 34 ), ihn anzurühren , war so groß, daß er zu seinen
Jüngern sagte, sie sollten ihm ein kleines Boot bereithalten , damit er
dem Andrang der Menge, wenn es nötig wurde, ausweichen konnte. Diese
Einzelheit berichtet nur Markus, der sich hier wahrscheinlich auf einen
Augenzeugen wie z. B. Petrus bezieht. Mk 3,11-12 Unter den herbeiströmenden Menschenmassen waren
auch Besessene, deren Reden und Verhalten von unreinen Geistern
beherrscht war. Diese Geister erkannten stets sofort Jesu Status als
Gottes Sohn und gerieten durch seine Anwesenheit in große Bedrängnis. Er
ging jedoch auf ihre wiederholten (Imperfekt) Ausrufe des Erkennens
nicht ein und befahl ihnen, ihn nicht offenbar zu machen ( Mk
1,24-25;4,39;8,30.32-33;9,25 ). Daß Jesus sich die verfrühten
Bekenntnisse der Dämonen erneut verbat, zeigt wieder, daß er sich Gottes
Plan, seine Identität und seinen Auftrag erst nach und nach zu
enthüllen, unterwarf. B. Jesu Berufung der Zwölf ( 3,13 - 19 ) ( Mt 10,1-4; Lk 6,12-16 ) Mk 3,13 Von der Ebene am See ging Jesus auf einen Berg
(inmitten Galiläas; vgl. Mk 6,46 ). Er rief zu sich, welche er wollte ,
d. h. die Zwölf ( Mk 3,16-19 ), und die gingen aus der Menge hin zu ihm
(vgl. Lk 6,13 ). Markus hatte bereits an einer früheren Stelle
angedeutet, daß die Zahl der Jünger sich inzwischen vergrößert hatte
(vgl. Mk 2,15 ). Mk 3,14-15 Er setzte (d. h. "machte") zwölf ein: (a) daß sie
bei ihm sein sollten (und er sie in enger Gemeinschaft unterweisen
konnte) und (b) daß er sie aussendete zu predigen (vgl. Mk 1,4.14 ) und
daß sie (von ihm) Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben (
ekballein ; vgl. Mk 1,34.39; ihr zukünftiges Amt; vgl. Mk 6,7-13 ). Für
Markus war also die enge Verbundenheit der Jünger mit Jesus und die
Tatsache, daß er sie auf ihren späteren Dienst vorbereitete,
entscheidend. In fast allen wichtigeren griechischen
Handschriften und den meisten früheren Versionen fehlt der Einschub die
er auch Apostel nannte . Das scheint korrekter. Daß die Wendung dennoch
in einigen wenigen frühen Manuskripten auftaucht, ist wahrscheinlich auf
den Einfluß von Lk 6,13 zurückzuführen. Außerdem gebraucht Markus selbst
die Bezeichnung "Apostel" nur noch in Mk 6,30 ,und zwar nicht in
irgendeinem spezifischen Sinn. Die Zahl zwölf entsprach den zwölf
Stämmen Israels und war damit ein Ausdruck dafür, daß Jesu Kommen dem
ganzen Volk galt. "Die Zwölf" wurde in der Folgezeit zur offiziellen
Bezeichnung bzw. zum Titel für die von Jesus bei dieser Gelegenheit
ernannten Jünger (vgl. Mk 4,10;6,7;9,35;10,32;11,11;14,10.17.20.43 ).
Obwohl ihre Zahl einen bedeutsamen Hinweis auf Israel darstellt, werden
sie doch an keiner Stelle als "neues" oder "geistliches" Israel
bezeichnet. Sie waren vielmehr der Kern einer kommenden neuen
Gemeinschaftsform, der Gemeinde (vgl. Mt 16,16-20; Apg 1,5-8 ). Mk 3,16-19 Diese Verse enthalten eine traditionelle Liste der
Namen der zwölf zu Jüngern ernannten Männer. An erster Stelle steht
Simon (vgl. Mk 14,37 ). Jesus gab ihm den Beinamen Petrus (vgl. Joh 1,42
), das griechische Wort für das aramäische Kephas , "Stein oder Fels".
Das war jedoch wohl eher ein Ausdruck für seine führende Rolle während
Jesu Wirken und in der Urkirche (vgl. Mt 16,16-20; Eph 2,20 ) als ein
Hinweis auf seinen persönlichen Charakter. Jakobus und Johannes , die
Söhne des Zebedäus, trugen den Beinamen Boanerges , ein hebräisches
Wort, das Markus mit Donnersöhne wiedergibt (vgl. Mk 9,38;10,35-39; Lk
9,54 ), wenngleich Jesus damit wohl etwas Schmeichelhafteres meinte (das
wir heute nicht mehr entschlüsseln können). Bis auf Andreas ( Mk 1,16;13,3 ), Judas Iskariot (
Mk 14,10.43 ) und vielleicht noch Jakobus, den Sohn des Alphäus
("Jakobus der Kleine"; Mk 15,40 ), kommen die Namen, die hier noch
genannt werden, nicht noch einmal bei Markus vor: Philippus ( Joh
1,43-46 ) Bartholomäus (Nathanael; Joh 1,45-51 ), Matthäus (Levi, vgl.
Mk 2,14 ), Thomas ( Joh 11,16;14,5;20,24-28;21,2 ), Jakobus, Sohn des
Alphäus (wahrscheinlich nicht Levis Bruder; vgl. Mk 2,14 ), Thaddäus
(Judas, Sohn des Jakobus; Lk 6,16; Apg 1,13 ) und Simon Kananäus ( Lk
6,15; Apg 1,13 , Simon der Zelot, wobei "Zelot" wahrscheinlich ein
Ausdruck seines Eifers für Gott war, und nicht seine Parteizugehörigkeit
zu den Zeloten, einer extremen politischen/nationalistischen
Gruppierung, bezeichnete). Judas Iskariot (ein "Mann aus Kerijot", der
einzige Nicht-Galiläer; vgl. Joh 6,71;13,26 ) schließlich war er es, der
Jesus dann an seine Feinde verriet ( Mk 14,10-11.43-46 ). C. Der Beelzebul-Vorwurf und Jesu wahre Verwandte ( 3,20 - 35 ) Der folgende Abschnitt ist wie ein "Sandwich"
aufgebaut: in die Geschichte über Jesu Familie (V. 20 - 21.31 - 35 ) ist
der Vorfall, der zu der Beschuldigung führte, Jesus treibe die bösen
Geister durch Beelzebul aus (V. 22 - 30 ), eingefügt. Markus setzt
diesen literarischen Kunstgriff mehrmals bewußt ein, jedesmal aus
anderen Gründen (vgl. Mk 5,21-43;6,7-31;11,12-26;14,1-11.27-52 ). An
dieser Stelle arbeitet er damit die Parallele zwischen den Vorwürfen,
die Jesus gemacht wurden, heraus (vgl. Mk 3,21.30 ) und unterscheidet
gleichzeitig zwischen der allgemeinen Opposition gegen Jesus und der
Schmähung der Werke, die der Heilige Geist durch ihn vollbrachte. 1. Die Besorgnis von Jesu Familie ( 3,20 - 21 ) Mk 3,20-21 Diese beiden Verse stehen nur bei Markus. Nachdem
Jesus in ein Haus (in Kapernaum; vgl. Mk 2,1-2 ) gegangen war, kam
abermals eine so große Menge zusammen, daß er und seine Jünger nicht
einmal essen konnten (vgl. Mk 6,31 ). Als die Seinen (ein griechisches
Idiom für Verwandte, nicht für Freunde) hörten , daß seine rastlose
Tätigkeit ihn sogar davon abhielt, seine einfachsten Bedürfnisse zu
befriedigen, machten sie sich auf (wahrscheinlich aus Nazareth) und
wollten ihn festhalten ( kratEsei , ein Wort, das bei Gefangennahmen
verwendet wird; vgl. Mk 6,17;12,12;14,1.44.46.51 ), denn (gar; vgl.
"denn" in Mk 1,16 ) sie sagten, ersei von Sinnen , ein geisteskranker
religiöser Fanatiker (vgl. Apg 26,24; 2Kor 5,13 ). 2. Die Rückweisung des "Beelzebul"-Vorwurfs ( 3,22 - 30 ) ( Mt 12,22-32; Lk 11,14-23;12,10 ) Mk 3,22 Mittlerweile war eine Abordnung Schriftgelehrter
von Jerusalem herabgekommen , um Jesus zu verhören. Sie warfen ihm
wiederholt vor, daß er (a) von Beelzebul (d. h. von Dämonen; vgl. V. 30
) besessen sei und daß er (b) die bösen Geister durch Satan, ihren
Obersten (Herrscher), mit dem er im Bunde sei, austreibe (vgl. V. 23 ). Die Schreibweise "Beelzebul" ist gegenüber
"Beelzebub" in den zuverlässigeren griechischen Quellen belegt. Das Wort
kommt von dem hebräischen Wort "Baalzebul" (das im Alten Testament nicht
vorkommt), was soviel wie "Herr der Höhe" (des Tempels), d. h. im
Kontext des Neuen Testaments "Herr der bösen Geister" bedeutet (vgl. Mt
10,25; Lk 11,17-22 ). Weniger gesichert ist die Schreibweise der
lateinischen Vulgata, "Beelezbub", von dem hebräischen Wort "Baalezbub",
"Herr der Fliegen", der Name einer alten kanaanitischen Gottheit (vgl.
2Kö 1,2 ). Mk 3,23-27 Jesus rief daraufhin seine Ankläger zusammen und
wies ihre Beschuldigungen in Gleichnissen (kurzen epigrammatischen
Aussprüchen, nicht etwa Geschichten) zurück. Er ging zunächst auf die
zweite Anklage (V. 23 - 26 ) und die Absurdität des ihr
zugrundeliegenden Gedankens - daß Satan gegen sich selbst vorgehe - ein.
Anhand zweier Bilder erläuterte er die selbstverständliche Tatsache, daß
ein Reich oder ein Haus , das in seinem Handeln und seinen Zielen mit
sich selbst uneins wird, nicht bestehen kann . Dasselbe gilt für Satan,
wenn er sich, wie der Vorwurf der Schriftgelehrten zu implizieren
scheint, gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst uneins wird. Das
würde bedeuten, daß es mit ihm aus ist , d. h. mit seiner Macht - nicht
mit seiner persönlichen Existenz. Dem ist jedoch eindeutig nicht so,
Satan ist weiterhin stark (vgl. V. 27 ; 1Pet 5,8 ). Also war die
Beschuldigung, daß Jesus mit Hilfe Satans Dämonen austreibe, falsch. Mit einem weiteren Beispiel in Vers 3,27 widerlegte
Jesus die erste Anklage der Schriftgelehrten (V. 22 ), indem er bewies,
daß es sich in Wirklichkeit (wörtlich: "im Gegenteil") genau andersherum
verhielt. Satan ist der Starke . Sein Haus ist der Bereich der Sünde,
des Bösen, der Besessenheit und des Todes. Sein Hausrat sind Menschen,
die von einem oder mehreren dieser Dinge versklavt sind, und sein
Werkzeug sind Dämonen, die seine teuflischen Pläne ausführen. Niemand
kann in sein Haus eindringen und seinen Hausrat rauben ( diarpasai ,
"plündern"), wenn er nicht zuvor den Starken fesselt (zeigt, daß er
mächtiger ist). Erst dann kann er sein Haus berauben ( diarpasei ,
"plündern") und die Gefangenen befreien. Jesus aber hatte bei seiner
Versuchung (vgl. Mk 1,12-13 ) und durch seine Teufelsaustreibungen
bewiesen, daß er stärker war als der Starke und daß er den Heiligen
Geist besaß (vgl. Mk 3,29 ). Sein Auftrag war es, sich Satan
entgegenzustellen, ihn zu überwinden (nicht etwa mit ihm
zusammenzuarbeiten) und seine Gefangenen zu befreien. Mk 3,28-30 Auf dem Hintergrund der vorausgegangenen
Anschuldigungen sprach Jesus nun eine strenge Warnung aus. Die Worte
wahrlich (Amen), ich sage euch bilden eine wiederholt gebrauchte Formel
feierlicher Bestätigung, die nur in den Evangelien vorkommt (bei Markus
dreizehnmal) und nur von Jesus ausgesprochen wird. Jesus sagte, daß alle Sünden, auch die Lästerungen
(Schmähworte gegen Gott), den Menschenkindern vergeben werden können
(vgl. Mk 1,4 ), mit einer Ausnahme: die Lästerungen gegen den Heiligen
Geist . Hier ist von einer allgemeinen Haltung (nicht von einer
einmaligen Handlung oder Äußerung) trotziger Feindseligkeit gegenüber
Gottdie Rede, die Gottes rettende Kraft, wie sie in den Werken des
Geistes und in der Person Jesu zum Ausdruck kommt, ablehnt, und der
Dunkelheit den Vorzug gibt, trotzdem das Licht zu sehen ist (vgl. Joh
3,19 ). Eine solche eigensinnig verneinende Haltung des Unglaubens kann
sich mit der Zeit zu einem Zustand verhärten, in dem Buße und Vergebung
- beide bewirkt durch den heiligen Geist - unmöglich werden. Wer sich so
verhält, macht sich ewiger Sünde (Singular, die äußerste Sünde, da sie
für immer unvergeben bleibt; vgl. Mt 12,32 ) schuldig ( enochos ,
"verantwortlich für, in den Klauen von"). Judas Iskariot ( Mk 14,43-46;
Mt 27,3-5 ) war ein lebendiges Beispiel für diese Worte. Markus erklärt, daß Jesus sich zu dieser Äußerung
genötigt sah, weil sie (die Schriftgelehrten; Mk 3,22 ) immer wieder
behaupteten, er habe einen unreinen Geist (V. 30 ). Jesus sagte nicht,
daß die Schriftgelehrten diese unverzeihliche Sünde (der Lästerung gegen
den Geist) tatsächlich schon begangen hatten, doch er warnte sie, weil
sie ihr gefährlich nahe gekommen waren, indem sie seine
Dämonenaustreibungen, die er durch die Macht des Heiligen Geistes
vollbrachte, der Macht des Satans zuschrieben. Sie waren nahe daran, den
Heiligen Geist "Satan" zu nennen. 3. Jesu wahre Verwandte ( 3,31 - 35 ) ( Mt 12,46-50; Lk 8,19-21; 11,27-28 ) Mk 3,31-32 Die Ankunft der Mutter Jesu und seiner Brüder (vgl.
Mk 6,3 ) nimmt die in Mk 3,21 unterbrochene Erzählung wieder auf. Von
draußen schickten sie jemanden zu ihm, der sich durch das Volk, das um
ihn saß, hindurcharbeitete und Jesus um eine private Unterredung bat, in
der sie versuchen wollten, seinem Tun Einhalt zu gebieten. Mk 3,33-35 Jesu rhetorische Frage (V. 33 ) war keine Leugnung
seiner Familienbeziehungen (vgl. Mk 7,10-13 ), sondern ein Hinweis auf
die viel tiefergehende Frage nach der Beziehung des einzelnen zu ihm. Es
geht um die Qualität dieser Beziehung: Wer sind die Menschen, die meine
Mutter und meine Brüder sind? Mit einem Blick ringsum ( periblepomai ,
vgl. Mk 3,5 ) auf die, die um ihn im Kreise saßen (seine Jünger, im
Gegensatz zu denen, die draußen standen; V. 31 ) stellte Jesus fest, daß
seine Verbundenheit mit ihnen weit über die natürliche Verwandtschaft
innerhalb der Familie hinausging. Danach dehnte er diesen neuen
Verwandtschaftsbegriff über den Kreis der Anwesenden hinaus auf all jene
aus, die Gott gehorchen. Wer Gottes Willen tut , gehört zur Familie
Jesu. Die Worte Bruder und Schwester und Mutter , im Griechischen alle
ohne Artikel (und daher abstrakt gemeint), sind ein Bild für Jesu
geistliche Familie. Denn wer Gottes Willen tut (z. B. Mk 1,14-20 ), ist
Jesus im Geiste verwandt. D. Jesu Gleichnisse über das Gottesreich ( 4,1 - 34 ) Die Gruppe von Gleichnissen, um die es hier geht,
bildet die erste von zwei längeren Einheiten im Markusevangelium, die
sich mit Jesu Lehre befassen (vgl. auch Mk 13,3-37 ). Markus wählte
diese Gleichnisse (wie sich aus Mk 4,2.10.13 und 33 entnehmen läßt) aus
einer größeren Sammlung aus, um das Wesen des Gottesreiches zu
beschreiben (vgl. Mk 4,11 mit Mk 1,15 ). Sie wurden in einem Umfeld wachsender
Feindseligkeit und Opposition gegen Jesus erzählt (vgl. Mk 2,3-3,6.22-30
), während gleichzeitig der Ansturm der Masse unverändert anhielt (vgl.
Mk 1,45;2,2.13.15;3,7-8 ). Beide Reaktionen zeigen, daß die Menschen
Jesu wahres Wesen trotz allem nicht begriffen hatten. "Gleichnis" ist das deutsche Wort für das
griechische parabolE , "Vergleich" (erhalten in dem Fremdwort
"Parabel"). Es kann eine Reihe verschiedener Formen der bildlichen Rede
bezeichnen (z. B. Mk 2,19-22;3,23-35;4,3-9.26-32;7,15-17;13,28 ).
Gewöhnlich ist ein Gleichnis jedoch ein kurzes Lehrstück, das mit Hilfe
eines anschaulichen Vergleichs eine geistige Wahrheit vermittelt. Die
Wahrheit, die einsichtig gemacht werden soll, wird dabei mit einem
Gegenstand oder Geschehen aus der Natur oder aus der alltäglichen
Erfahrung verglichen. In der Regel vermittelt ein Gleichnis nur eine
einzige Erkenntnis, doch manchmal wird seine Bedeutung um einen zweiten,
weniger wichtigen Gedanken erweitert (vgl. Mk 4,3-9.13-20;12,1-12 ). Die
Hörer des Gleichnisses werden in die Situation hineingestellt und dazu
gebracht, sie zu bewerten und die erkannte Wahrheit auf sich selbst
anzuwenden. (Vgl. die Tabelle der fünfunddreißig überlieferten
Gleichnisse Jesu bei Mt 7,24-27 .) 1. Einführende Zusammenfassung ( 4,1 - 2 ) ( Mt 13,1-3 a) Mk 4,1-2 Wieder einmal (vgl. Mk 2,13;3,7 ) lehrte Jesus eine
riesige Menge am See (Genezareth). Es waren so viele, daß er in ein Boot
steigen mußte, das im Wasser lag , um von dort zu seinen Zuhörern, die
das Ufer säumten, zu sprechen. Diesmal lehrte er sie vieles in
Gleichnissen . 2. Das Gleichnis vom Sämann ( 4,3 - 20 ) a. Das Gleichnis wird erzählt ( 4,3 - 9 ) ( Mt 13,3-9; Lk 8,4-8 ) Sowohl zu Beginn als auch am Schluß des
Gleichnisses forderte Jesus die Menschen auf, gut zuzuhören (vgl. Mk
4,3.9.23 ). Mk 4,3-9 Als ein Sämann Saatgut auf seinem ungepflügten Feld
aussäte, fiel einiges auf den harten, festgetretenen Weg, einiges auf
felsigen Boden , wo es keinen Halt in der Erde fand, und einiges unter
die Dornen (Boden, auf dem ausgerissene Dornbüsche lagen). Einiges fiel
auch auf gutes Land . Nicht alles Saatgut brachte Frucht hervor. Vögel
fraßen das, was auf den Weg gefallen war ( Mk 4,4 ), die Sonne verdorrte
die zarten Pflanzen, die in dem flachen felsigen Boden zwar alsbald (
euthys ; vgl. Mk 1,10 ) aufgeschossen waren, aber keine Wurzeln gebildet
hatten ( Mk 4,6 ), die Dornen wuchsen empor und erstickten die anderen
Pflanzen, die daraufhin keine Frucht trugen (V. 7 ). Nur die Saat, die auf den guten Boden gefallen war,
schlug Wurzeln, wuchs und brachte Frucht in überreichem Maß: Sie ergab
das Dreißig-, Sechzig- und Hundertfache (V. 8 ), je nachdem, wie
fruchtbar der Boden war. (Ein Ergebnis von 10:1 galt damals durchaus als
gute Ernte.) b. Der Zweck der Gleichnisse ( 4,10 - 12 ) ( Mt 13,10-17; Lk 8,9-10 ) Mk 4,10 Hier fällt zunächst vor allem der Szenenwechsel
auf. Die in Vers 10-20 berichteten Ereignisse fanden offensichtlich
später statt (vgl. 35 - 36 ; Mt 13,36 ), doch Markus fügt sie bereits
hier ein, um das in Mk 4,11.33-34 ausgedrückte Prinzip zu
veranschaulichen und dadurch auch die Bedeutung der Gleichnisse zu
unterstreichen. Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren
(andere wahre Jünger; vgl. Mk 3,34 ), samt den Zwölfen, nach den
Gleichnissen im allgemeinen und nach dem Gleichnis vom Sämann im
besonderen (vgl. Mk 4,13 ). Mk 4,11-12 Diese Verse müssen im Zusammenhang mit dem
Unglauben und der Feindseligkeit (vgl. Mk 3,6.21-22.30 ), die Jesus
entgegenschlugen, gesehen werden. Denen, die glaubten - euch (zur
Hervorhebung steht auch im Griechischen das Pronomen an erster Stelle),
den Jüngern - hatte Gott das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben (vgl.
Mk 1,15 ), denen aber draußen (außerhalb des Kreises der Jünger, in der
ungläubigen Menge) wurde alles, Jesu Botschaft und sein Auftrag, nur in
Gleichnissen zuteil, wobei "Gleichnis" hier in dem speziellen Sinn von
"rätselhafter" oder "dunkler" Rede gebraucht ist. Die Menge verstand
Jesus also nicht wirklich. Beide Gruppen wurden mit Jesus und seiner Botschaft
konfrontiert (vgl. Mk 1,14-15 ). Doch nur die Jünger ließ Gott in Jesus
das "Geheimnis" ( mystErion ) des Reiches sehen, ihnen wurde Gottes Plan
mit dem Gottesreich für die jetzige Zeit, die eine Zeit der "Aussaat"
sein sollte, enthüllt (vgl. Mk 4,13-20 ). Dieses Geheimnis war den
Propheten früher verborgen, doch nun wurde es denen, die er erwählt
hatte, offenbart (vgl. Röm 16,25-26 ). Jesu "Geheimnis", von dem alle Gleichnisse über das
Gottesreich sprechen, ist, daß in Jesus die Herrschaft Gottes auf Erden
(das Gottesreich) in einer neuen geistlichen Form für die Menschen
erfahrbar gemacht ist. Den Jüngern, die an Jesus geglaubt hatten, hatte
Gott dieses "Geheimnis" schon jetzt gegeben ( dedotai , Perf. pass.),
wenn sie auch nur wenig von seiner Tragweite begriffen hatten. Andererseits sahen diejenigen, die durch ihren
Unglauben geblendet waren, in Jesus nur eine Bedrohung ihrer Existenz.
Sie lehnten ihn ab und nahmen sich damit selbst die Möglichkeit, das
"Geheimnis" des Gottesreiches kennenzulernen. Jesu Gleichnisse dienten
dazu, ihnen die Wahrheit zu verbergen. Sie waren wie die Israeliten zur Zeit Jesajas ( Jes
6,9-10 ). Jesaja hatte gesagt, daß die geistliche Blindheit und Taubheit
der Menschen das Gericht Gottes seien. Er bezog sich damit insbesondere
auf das Volk Israel, das Gottes Offenbarung, wie sie in Jesus zum
Ausdruck kam, verwarf. Sie sollten die Gleichnisse sehen und hören, ohne
ihre eigentliche Bedeutung zu verstehen, damit sie sich nicht etwa (
mEpote ) bekehren (zu Gott) und ihnen vergeben werde . Jesu Hörern wurde die Möglichkeit, an ihn zu
glauben, nicht versagt. Doch nachdem sie sich beharrlich gegen seine
Botschaft verschlossen hatten (vgl. Mk 1,15 ), wurden sie später durch
die Mitteilungsform des Gleichnisses von einem tieferen Verständnis
ausgeschlossen. Doch selbst die Gleichnisse, die ja die Wahrheit
verhüllten, sollten die Menschen noch zum Nachdenken bringen und ihnen
dadurch schließlich die Wahrheit offenbaren (vgl. Mk 12,12 ). Sie
wahrten in einzigartiger Weise die Freiheit der Menschen zu glauben und
zeigten doch gleichzeitig, daß Gott allein Glauben schenken kann (vgl.
Mk 4,11 a). c. Das Gleichnis vom Sämann wird gedeutet ( 4,13 - 20 ) ( Mt 13,18-23; Lk 8,11-15 ) Mk 4,13 Die doppelte Frage zeigt, wie wichtig das Gleichnis
vom Sämann ist. Wenn die Jünger dieses Gleichnis nicht verstehen konnten
( oidate , "intuitiv begreifen), würden sie auch die andern alle nicht
verstehen ( gnOsesthe , "aus der Erfahrung heraus verstehen"). Mk 4,14-20 Der Sämann wird zwar nicht näher bezeichnet, doch
aus dem Zusammenhang kann man schließen, daß damit wahrscheinlich Jesus
und alle anderen, die das Wort (die Botschaft) Gottes, d. h. die Saat
(vgl. Mk 1,15.45;2,2;6,12 ), aussäen (verkünden), gemeint sind. In Mk
4,15-20 dagegen geht es um die Hörer dieses Wortes: die verschiedenen
Bodenformen stehen für die verschiedenen Hörer, in deren Inneres das
Samenkorn des Wortes fällt. Viele Menschen zeigen eine der drei beschriebenen
negativen Reaktionen: Manche hören das Wort verhärteten, gleichgültigen
Herzens, und sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) kommt der Satan (wie die
Vögel) und nimmt das Gehörte weg . Es kommt also gar nicht erst zu einer
Reaktion. Andere nehmen es sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 )
mit Freuden auf , doch ihre Begeisterung ist nur ein kurzes Strohfeuer
und geht nicht tief. Sie sind wetterwendisch , weil das Wort keine
Wurzel in ihnen schlägt. Wenn sich Bedrängnis (wörtlich: "Not") oder
Verfolgung um des Wortes willen erhebt (wie die heiße Sonne), so fallen
sie sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) ab ( skandalizontai , "werden
abgestoßen"; vgl. den Kommentar zu Mk 14,27 ). Ihr Bekenntnis ist also
nicht echt. Andere hören das Wort , doch sie sind zu
beschäftigt mit ihrem alltäglichen Leben und ihrer Jagd nach Reichtum.
Drei miteinander konkurrierende Anliegen - die Sorgen der Welt
(wörtlich: "dieses Zeitalters"), der betrügerische Reichtum (der
trügerische Glanz des Reichtums) und die Begierden nach allem andern -
überwuchern ihr Leben (wie wildwachsendes Dorngestrüpp). Diese Dinge
ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht (vgl. Mk 10,22 ), was
beweist, daß sie keine wahren Gläubigen sind.
Im Gegensatz zu diesen Gruppen gibt es jedoch auch
Menschen, die das Wort hören und annehmen ( paradechontai , "es für sich
selbst willkommen heißen") und (geistliche) Frucht bringen . Dies sind
die wahren Jünger. Bei der kommenden Ernte werden sie reiche Erträge in
unterschiedlicher Höhe erbringen: dreißigfach, sechzigfach oder
hundertfach (vgl. Mk 4,24-25 mit Mt 25,14-30; Lk 19,11-27 ). Die Verkündigung der Nachricht vom Gottesreich
gleicht dem Aussäen von Saatgut auf verschiedenen Böden. Bei Jesu erstem
Kommen und im gegenwärtigen Zeitalter ist das Gottesreich angesichts der
Opposition Satans und des Unglaubens der Menschen noch weitgehend
verhüllt. Dennoch schlägt Gottes Herrschaft Wurzeln in denen, die Jesu
Botschaft akzeptieren, und manifestiert sich in geistlichen Früchten.
Doch erst bei der Wiederkunft Jesu wird das Gottesreich offen, in einer
Herrlichkeit, die jetzt noch verhüllt ist, auf Erden errichtet werden
(vgl. Mk 13,24-27 ). Dann wird die Ernte überreichlich sein. Das
Gleichnis vom Sämann zeigt also das Gottesreich sowohl in seiner
gegenwärtigen, verborgenen , als auch in seiner zukünftigen, herrlichen
Form (vgl. Mk 1,14-15 ). 3. Das Gleichnis vom Licht und vom rechten Maß ( 4,21 - 25 ) ( Lk 8,16-18; Mt 5,15 und Lk 11,33;
Mt 7,2 und Lk 6,38; Mt 10,26 und Lk 12,2; Mt 13,12;25,29 und Lk 19,26 ) Jesus kam bei verschiedenen Gelegenheiten auf die
gleichnishaften Aussagen dieser Verse zurück (vgl. dazu die oben
angeführten Belegstellen). Markus fügt sie an dieser Stelle ein, weil
sie die Botschaft vom Gottesreich unterstreichen und die Notwendigkeit,
richtig auf diese Botschaft zu reagieren, deutlich machen. Vers 23.24 a
erinnern an die Aufforderung Jesu in Vers 3.9 - ein Beleg dafür, daß
Markus diese Sätze den für alle Zuhörer bestimmten Gleichnissen
zuordnete (vgl. V. 26.30 ) und nicht als Fortsetzung der nur an die
Jünger gerichteten Erklärungen verstand. Mk 4,21-23 Jesus ging in seinem Gleichnis von der
selbstverständlichen Tatsache aus, daß man ein Licht , einen brennenden
Docht in einer flachen, mit Öl gefüllten Tonschale, nicht anzündet, um
es dann unter einem Scheffel (wie es beim Zubettgehen geschah) oder
unter einer Bank zu verbergen (wie es nachts geschah). Es wurde vielmehr
auf den Leuchter gesetzt, damit es leuchte. Dann erklärte ( gar , denn )
Jesus, daß alles, was (in der Nacht) verborgen oder geheim sei, offenbar
und an den Tag gebracht werden solle. Diese Geschichte über einen
kleinen, alltäglichen Vorgang veranschaulicht eine geistliche Wahrheit,
aus der jeder, der bereit dazu ist, lernen kann. Mk 4,24-25 Wenn jemand Jesu Botschaft annimmt (vgl. Mk 1,15 ),
wird Gott ihn bereits jetzt an seinem Reich teilhaben lassen und ihm in
seinem zukünftigen Reich noch dazugeben (vgl. Mk 4,21-23 ). Wer jedoch
sein Wort ablehnt, wird alles verlieren, denn eines Tages wird man ihm
auch die Möglichkeit, in das Reich einzugehen, die er jetzt noch hat,
nehmen . 4. Das Gleichnis vom Wachsen der Saat ( Mk 4,26-29 ) Dies ist das einzige Gleichnis, das nur bei Markus
steht. Wie das Gleichnis vom Sämann ist es ein allumfassendes Bild vom
Kommen des Gottesreiches, dessen Botschaft ausgesät wird (V. 26 ),
wächst (V. 27 - 28 ) und geerntet wird (V. 29 ), wobei die Betonung hier
auf dem Wachsen liegt. Nur eine Person, der Sämann (der nicht
identifiziert wird), tritt in allen drei Phasen auf. Mk 4,26 Die Anfangsworte des Gleichnisses könnten übersetzt
werden: Mit dem Reich Gottes ist es folgendermaßen: Es ist wie... Zuerst
wirft der Sämann Samen aufs Land . Mk 4,27-28 In der zweiten Phase ist der Sämann zwar auch
anwesend, jedoch nicht aktiv. Nachdem er den Samen ausgesät hat,
überläßt er ihn sich selbst und geht Nacht und Tag seinen anderen
Pflichten nach, ohne dabei die ganze Zeit ängstlich an die Saat zu
denken. Inzwischen keimt der Same, geht auf und wächst - er weiß nicht
wie . Die Erde bringt Frucht, die von selbst ( automatE ;
vgl. das Fremdwort "automatisch") heranreift. Dieses griechische
Schlüsselwort (es steht in hervorgehobener Position) könnte mit "ohne
sichtbare Ursache", also "ohne menschliches Zutun", wiedergegeben werden
und bezieht sich auf den Teil der Arbeit, der von Gott getan wird (vgl.
die ähnlichen Situationen in Jos 6,5; Hi 24,24; Apg 12,10 ). Gott wirkt
in dem Samen, der das Leben in sich trägt und, wenn er in gute Erde
gepflanzt ist, von selbst, ohne menschliches Zutun, wächst und Frucht
trägt. Mk 4,29 Die Aufmerksamkeit des Sämanns gilt dann erst
wieder der dritten Phase, der Ernte. Wenn (Futur) sie aber Frucht
gebracht hat, so schickt er alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) die Sichel
hin (eine Redefigur für das "Aussenden der Schnitter"), denn die Ernte
ist da ( parestEken , "steht bereit"). Manche Exegeten halten dieses Gleichnis für ein
Bild der Evangelisierung. Für andere symbolisiert es das geistliche
Wachstum des Gläubigen. Wieder andere halten es für eine Metapher des
Kommens des Gottesreiches durch das geheimnisvolle, souveräne Wirken
Gottes. Das Hauptgewicht liegt dabei auf der Phase des Wachstums der
Saat unter Gottes Aufsicht, in der Zeit zwischen der Verkündigung Jesu
(des demütigen Sämanns) und seiner Jünger und der endgültigen
Manifestation des Gottesreiches durch Jesus (den mächtigen Schnitter).
Auf dem Hintergrund von Mk 4,26 a und vom Gesamtkontext der Gleichnisse
über das Gottesreich her ist wohl dieser dritten These der Vorzug zu
geben. Markus 5. Das Gleichnis vom Senfkorn ( 4,30 - 32 ) ( Mt 13,31-32; Lk 13,18-19 ) Mk 4,30-32 Das Gleichnis beginnt mit einer Doppelfrage, die im
wesentlichen besagt, daß das Kommen des Gottesreiches einem Senfkorn
(der gewöhnliche schwarze Senf, sinapis nigra ) vergleichbar ist, das
aufs Land gesät wird. Die Winzigkeit des Senfsamens, des kleinsten unter
allen Samenkörnern , war im jüdischen Denken sprichwörtlich. 725 - 760
Senfkörner wogen nur ein Gramm! Der Senfstrauch ist eine einjährige
Pflanze, die aus dem winzigen Samenkorn zu einer Staude heranwächst, die
größer ist als alle Kräuter ( ta lachana , "große, schnellwüchsige
einjährige Sträucher") in Palästina und in wenigen Wochen drei bis vier
Meter hoch wird. Die Vögel unter dem Himmel (undomestizierte Tiere)
werden von seinem Samen und von dem Schatten seiner großen Zweige (vgl.
TDNT, "sinapi" , 7,287-91) angelockt. Das Kernstück des Gleichnisses ist
der Kontrast zwischen diesem kleinsten aller Saatkörner und der Größe
der Staude, zu der es heranwächst - ein Bild für den unbedeutenden,
verborgenen Beginn des Gottesreiches, verkörpert in der Gestalt Jesu,
und der Größe, die es haben wird, wenn es bei seinem zweiten Kommen
endgültig errichtet und alle irdischen Königreiche an Macht und
Herrlichkeit überragen wird. Der Verweis auf die Vögel ist vielleicht
ganz einfach ein Bild für die überraschende Größe, die der Strauch am
Ende erreicht. Möglich ist jedoch auch, daß sie böse Kräfte verkörpern
(vgl. V. 4 ), was allerdings bedeuten würde, daß das Gottesreich sich
anders entwickelt als erwartet. Wahrscheinlich sind sie eher ein Symbol
für die Einbeziehung auch der Heiden in das Gottesreich (vgl. Hes
17,22-24;31,6 ). Was Gott im Alten Testament verheißen hatte ( Hes 17 ),
begann er nun in der Person Jesu zu verwirklichen. (Das Gottesreich ist
dabei jedoch nicht mit der Kirche gleichzusetzen; vgl. den Kommentar zu
Mk 1,15 .) 6. Schluß: Zusammenfassung ( 4,33 - 34 ) Mk 4,33-34 Die beiden abschließenden Verse bringen nochmals
den Sinn und die Absicht, die Jesus mit seiner Lehre in Gleichnissen
verfolgte, zum Ausdruck (vgl. V. 11 - 12 ). Er sagte ihnen - der Menge
und den Jüngern - das Wort (vgl. Mk 1,15 ) in Gleichnissen, die er ihrem
Auffassungsvermögen anpaßte.
Wegen der irrtümlichen Vorstellungen, die die
Menschen sich vom Gottesreich machten, redete er nicht ohne Gleichnisse
(in bildlicher Rede) zu ihnen. Doch seinen Jüngern legte er, wenn sie
allein ( kat?idian ; vgl. Mk 6,31-32;9,2.28;13,3 ) waren, alles , was
mit seinem Auftrag und seiner Beziehung zum Gottesreich zu tun hatte,
aus (wörtlich: "fuhr er fort, auszulegen"). Dieses zweifache Vorgehen,
das hier in Kapitel 4 beschrieben wird, wird im folgenden weiterhin
vorausgesetzt. E. Jesu Wunder als Zeichen seiner Macht ( 4,35 - 5,43 ) Der Auswahl von Gleichnissen folgt eine Reihe von
Wundern, die das, was Jesus sagte (seine Worte), durch das, was er tat
(seine Werke), bestätigten. Beide Teile beziehen sich dabei auf die
Gegenwart der Gottesherrschaft (des Gottesreiches) in Jesus. Bis auf drei Ausnahmen finden sich alle
Wunderberichte des Markusevangeliums vor Kapitel 8,27 . (Vgl. die Liste
"Die Wunder Jesu" bei Joh 2,1-11 .) Der Evangelist will dadurch
besonders deutlich machen, daß Jesus seinen Jüngern erst dann von seinem
bevorstehenden Tod und seiner Auferstehung erzählte, als sie ihn offen
als den Messias Gottes anerkannt hatten. In diesem Abschnitt werden vier Wunder beschrieben,
die Jesu Macht über ganz verschiedene feindliche Kräfte zeigen: einen
Sturm auf dem See ( Mk 4,35-41 ), Besessenheit ( Mk 5,1-20 ), unheilbare
Krankheiten ( Mk 5,25-34 ) und den Tod ( Mk 5,21-24.35-43 ). 1. Die Stillung des Sturmes ( 4,35 - 41 ) ( Mt 8,23-27; Lk 8,22-25 ) Mk 4,35-37 Die anschaulichen Einzelheiten dieser Begebenheit,
die Markus schildert, zeigen, daß er sich hier auf einen
Augenzeugenbericht - wahrscheinlich von Petrus - stützt. Am Abend
desselben Tages , an dem er am See gelehrt hatte (vgl. V. 1 ), entschloß
sich Jesus, mit seinen zwölf Jüngern auf die andere (östliche) Seite des
Sees Genezareth hinüberzufahren . Der Grund dafür wird zwar nicht
genannt, doch wahrscheinlich wollte er sich vom Ansturm der Menge
erholen und ausruhen. Vielleicht suchte er auch ein neues Gebiet für
seine Predigttätigkeit (vgl. Mk 1,38 ). Trotzdem begleiteten ihn auch
jetzt noch andere Boote mit denen, die mit ihm zusammenbleiben wollten. Seine Jünger - mehrere von ihnen erfahrene Fischer
- übernahmen die Leitung der Überfahrt. Die Worte wie er im Boote war
beziehen sich zurück auf Mk 4,1 und verknüpfen seine Lehren vom Boot aus
mit dem Wunder, das er nun ebenfalls in einem Boot auf dem See
vollbrachte (vgl. die Anrede der Jünger: "Meister", V. 38 ). Die Fahrt wurde von einem plötzlich aufkommenden
großen Windwirbel gestört, wie sie auf diesem von hohen Hügeln und engen
Tälern, die wie Windkanäle wirkten, umgebenen See üblich waren. Am Abend
war ein solcher Sturm besonders gefährlich, und diesmal schlugen die
Wellen in das Boot, so daß das Boot schon voll wurde . Mk 4,38-39 Erschöpft von der Anstrengung des Tages, schlief
Jesus hinten im Boot auf einem der ledernen Ruderkissen einer der
Seeleute. In panischer Angst weckten ihn die Jünger, voller Vorwurf (vgl
Mk 5,31;6,37;8,4.32 ) über seine scheinbare Gleichgültigkeit gegen die
Gefahr, in der sie sich befanden. Auch wenn sie ihn Meister nannten (die
griechische Bezeichnung für das hebräische Wort "Rabbi" ), hatten sie
seine Lehre noch immer nicht verstanden. Jesus bedrohte (wörtlich: "befahl"; vgl. Mk 1,25 )
den Wind und sprach zu dem Meer: "Schweig und verstumme!" (Im
Griechischen Perfekt, pephimOso .) Das Verb, "verstumme", war eine Art
Terminus technicus für einen Exorzismus (vgl. Mk 1,25 ), daher liegt die
Annahme nahe, daß Jesus hinter dem "Sturm" das Wirken dämonischer Kräfte
sah. Doch auf seinen Befehl legte sich der Wind, und es entstand eine
große Stille auf dem See. Mk 4,40-41 Jesus tadelte seine Jünger, weil sie in dieser
Krise so furchtsam ( deiloi , "feige") reagiert hatten. Trotz seiner
Lehre (V. 11.34 ) hatten sie noch immer nicht im entferntesten
begriffen, daß Gottes Macht und Autorität in Jesus anwesend war. Das
meinte er mit seiner zweiten Frage: "Habt ihr noch keinen Glauben?"
(vgl. Mk 7,18;8,17-21.33;9,19 ). Mit der Stillung des Sturmes bewies Jesus, daß er
eine Macht besaß, die im Alten Testament nur Gott hatte (vgl. Ps
89,9-10;104,2-10;106,8-9;107,23-32 ). Deshalb fürchteten die Jünger sich
sehr (wörtlich: "fürchteten eine große Furcht"), als sie sahen, daß ihm
sogar die Naturgewalten gehorsam waren. Das Verb "fürchteten sich" (
phobeomai , "Ehrfurcht haben"; vgl. deilos, "Furcht", in Mk 4,40 ) ist
ein Ausdruck für das ehrfürchtige Staunen, das Menschen in der Gegenwart
einer übernatürlichen Macht befällt (vgl. Mk 16,8 ). Die Frage, die sie
sich untereinander stellten - wer ist der? -, zeigt jedoch, daß sie die
ganze Tragweite dieses Geschehens nicht völlig begriffen. 2. Die Heilung des besessenen Geraseners ( 5,1-20 ) ( Mt 8,28-34; Lk 8,26-39 ) a. Die Beschreibung des Besessenen ( 5,1-5 ) Mk 5,1 Jesus und seine Jünger kamen an die Ostseite des
Sees (Genezareth) in die Gegend der Gerasener . Die Ortsangaben der
griechischen Handschriften schwanken hier, es werden drei Orte genannt:
Gadara ( Mt 8,28 ), Gergesa (bei Origenes) und Gerasa (vgl. den
Kommentar zu Lk 8,26 ). Die Bezeichnung "Gerasener", die sich
wahrscheinlich auf die kleine Stadt Gersa (das heutige Khersa) am
Ostufer des Sees Genezareth bezog, ist jedoch am sichersten bezeugt. Die
meisten Einwohner dort waren Heiden. Mk 5,2-5 Die Detailliertheit der Schilderung läßt sowohl den
Bericht eines Augenzeugen als auch die Erzählungen der Leute aus der
Stadt, die den Besessenen schon lange kannten, durchschimmern. Als Jesus
aus dem Boot trat, lief ihm alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) von den
Gräbern (ek, "aus") her ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen
(vgl. Mk 5,8.13 mit Mk 1,23 ). Bei diesen Gräbern handelte es sich
wahrscheinlich um höhlenähnliche Grüfte, die in den Fels der
nahegelegenen Hügel gehauen waren und manchmal Geisteskranken als
Zufluchtsort dienten. Matthäus spricht in diesem Zusammenhang von
mehreren Besessenen, während Markus und Lukas nur einen, wahrscheinlich
den schlimmsten Fall, erwähnen. In Vers 3-5 wird der pathologische Zustand des
Mannes ganz genau beschrieben. Er hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen
(ein Ausgestoßener) und war nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen, denn
niemand konnte ihn mehr binden (von damazO , "ein wildesTier zähmen"),
nicht einmal mit Fußfesseln oder Ketten an den Handgelenken. Er wanderte
Tag und Nacht herum, stieß wilde Schreie aus und schlug sich -
vielleicht in einem dämonischen Ritual - mit scharfkantigen Steinen. Ein solches Verhalten zeigt, daß es sich bei
dämonischer Besessenheit nicht um eine gewöhnliche Krankheit oder
Geisteskrankheit handelt, sondern um den verzweifelten Versuch des
Satans, die Gottebenbildlichkeit des Menschen zu entstellen und zu
zerstören (vgl. TDNT, " daimOn ", Mk 2,18-19 ). b. Der Befehl an den Dämon ( 5,6-10 ) Mk 5,6-7 Die kurze Mitteilung, daß Jesus einem Besessenen
begegnete (V. 2 ), wird nun näher ausgeführt. Drei Dinge zeigen, daß der
Dämon, der von dem Mann Besitz ergriffen hatte, Jesu göttliche Identität
und seine überlegene Macht genau kannte: er fiel vor ihm nieder (als
Zeichen der Anerkennung, nicht der Anbetung); er benutzte Jesu
göttlichen Namen in dem Versuch, Macht über ihn zu gewinnen (vgl. Mk
1,24 ); und er bat Jesus dreist, ihn nicht zu bestrafen. Die Wendung
Gott, der Allerhöchste kommt im Alten Testament vor. Sie wird häufig von
Heiden benutzt, um die Überlegenheit des wahren Gottes Israels über alle
von Menschen gemachten Götter deutlich zu machen (vgl. 1Mo 14,18-24; 4Mo
24,16; Jes 14,14; Dan 3,26; 3,32; vgl. den Kommentar zu Mk 1,23-24 ). Die Bitte, ich beschwöre dich bei Gott , war eine
exorzistische Formel. Der Dämon bat Jesus, ihn nicht zu quälen , indem
er ihn seiner endgültigen Strafe überantwortete (vgl. Mk 1,24; Mt 8,29;
Lk 8,31 ). Mk 5,8 Dieser Vers enthält einen kurzen erläuternden
Einschub ( gar , "denn") von Markus (vgl. Mk 6,52 ). Jesus hatte ihm ,
dem Dämon, befohlen, den Menschen zu verlassen. Von nun an ist ständig
abwechselnd von dem Mann und dem Dämon, der von ihm Besitz ergriffen
hatte, die Rede bzw. kommen diese beiden abwechselnd zu Wort - was
zunächst etwas irritierend wirkt. Mk 5,9-10 Hier wird das Gespräch von Vers 7
wiederaufgenommen. Der Dämon sprach durch den Mann: "Legion heiße ich;
denn wir sind viele." Viele böse Mächte hatten diesen Mann also in der
Gewalt und unterdrückten ihn in grausamster Weise. Sie peinigten ihn
offensichtlich mit vereinten Kräften unter der Leitung des einen Dämons,
ihres Sprechers; daher auch der Wechsel zwischen Singular und Plural der
Pronomen ("ich" und "wir"). Wiederholt bat der oberste Dämon Jesus
inständig, daß er sie nicht aus der Gegend in ein einsames Exil
vertreibe (vgl. V. 1 ), wo sie die Menschen nicht mehr quälen konnten. Das lateinische Wort "Legion" war in Palästina
durchaus bekannt; es bezeichnete eine römische Heereseinheit von
sechstausend Soldaten oder in vielen Fällen einfach eine große Anzahl
(vgl. V. 15 ). Für die Menschen damals, die unter römischer Besatzung
leben mußten, drückte sich in diesem Begriff sicherlich große Stärke und
erbarmungslose Unterdrückung aus. c. Der Verlust der Schweineherde ( 5,11 - 13 ) Mk 5,11 Für die Juden waren Schweine "unreine" Tiere (vgl.
3Mo 11,7 ). Doch die Bauern an der Ostseite des Sees Genezareth, wo die
Bevölkerung vorwiegend aus Heiden bestand, hielten Schweine für die
Fleischmärkte in der Dekapolis, den "Zehn Städten" dieser Region (vgl.
Mk 5,20 ). Mk 5,12-13 Die unreinen Geister baten Jesus schließlich ganz
konkret, sie in ( eis drückt hier eine Bewegung hin zu etwas aus) die
Säue fahren zu lassen , um von ihnen Besitz zu ergreifen. Sie wußten,
daß sie Jesus gehorchen mußten und flehten ihn in dem verzweifelten
Versuch, bis zum endgültigen Gericht dem körperlosen Zustand zu
entgehen, an, ihnen dieses Zugeständnis zu machen. Jesus erlaubte es ihnen. Doch als die Dämonen den
Mann verließen und indie Säue fuhren, stürmte die ganze Herde den Abhang
hinunter in den See, etwa zweitausend, und sie ersoffen im See
(wörtlich: "eines nach dem andern ertränkten sie sich selbst"). Der
"See" symbolisiert hier möglicherweise den Bereich Satans. Markus d. Die Bitte der Stadtbevölkerung ( 5,14 - 17 ) Mk 5,14-15 Die Sauhirten flohen voller Angst und verkündeten
das befremdliche und erschreckende Ereignis in der Stadt (wahrscheinlich
Gersa; vgl. V. 1 ) und auf dem umliegenden Land . Ihr Bericht klang so
unglaublich, daß viele Leute hinausgingen , um sich selbst von dem zu
überzeugen, was da geschehen sein sollte. Sie sahen den ehemaligen
Besessenen, wie er dasaß, bekleidet (vgl. Lk 8,27 ) und vernünftig . Er
war ganz offensichtlich wieder bei Verstand und völlig Herr seiner
selbst (im Gegensatz zu Mk 5,3-5 ). Die Veränderung, die mit ihm
vorgegangen war, war so groß, daß die Leute aus der Stadt sich
fürchteten (Ehrfurcht hatten; vgl. Mk 4,41 ). Mk 5,16-17 Die Hirten (und vielleicht auch die Jünger)
berichteten, was mit dem Besessenen geschehen war, und das von den Säuen
. Markus hebt dieses Detail besonders hervor, um zu zeigen, daß die
Hauptsorge der Leute der ökonomischen Einbuße durch den Verlust der
Schweineherde (und nicht dem Geheilten) galt. Aus diesem Grund fingen
die Leute aus der Stadt an, Jesus zu drängen fortzugehen . Anscheinend
befürchteten sie weitere Verluste, wenn er blieb. Es wird denn auch an
keiner Stelle berichtet, daß er jemals in ihre Gegend zurückkehrte. e. Die Bitte des geheilten Mannes ( 5,18 - 20 ) Mk 5,18-20 Im Gegensatz zu den Leuten aus der Stadt (vgl. V.
17 ) bat ( parekalei , dasselbe Wort wie es der Dämon verwendete; V. 10
) der frühere Besessene Jesus, daß er bei ihm bleiben dürfe . Jesu
Wunder hatten immer wieder dieselbe Wirkung: die einen stießen sie ab
(V. 15 - 17 ), und andere zogen sie an (V. 18 - 20 ). Die Worte "daß er bei ihm bleiben dürfe" erinnern
an den ganz ähnlich lautenden Satz in Kapitel 3 , Vers 14 , in dem einer
der Gründe angegeben wird, warum Jesus die zwölf Jünger berufen hatte.
In demselben Sinn lehnte er hier die Bitte dieses Mannes ab. Er sagte ihm, er solle in sein Haus (zu seiner
Familie) zu den Seinen (seinen Leuten) gehen, die ihn ausgestoßen
hatten, und ihnen alles, was der Herr, der höchste Gott (vgl. Mk 5,7; Lk
8,39 ), für ihn getan hatte und wie er sich seiner erbarmt hatte,
erzählen. Der Mann gehorchte und fing an, in den Zehn Städten (einem
Zusammenschluß von zehn griechischen Städten, die - bis auf eine -
östlich des Jordan lagen) die wunderbaren Dinge, die Jesus ihm getan
hatte , zu verkündigen (vgl. Mk 1,4.14 ). Jeder, der ihn hörte,
verwunderte sich ( ethaumazon , vgl. "erstaunt"; Mk 6,6 a; 12,17;
15,5.44 ). Da der Mann Heide war und seine Verkündigung sich
auf ein heidnisches Gebiet beschränkte, in dem Jesus nicht willkommen
war, gebot Jesus ihm nicht, wie sonst, zu schweigen (vgl. Mk
1,44;5,43;7,36 ). 3. Die Auferweckung der Tochter des Jarus und die
Heilung der blutflüssigen Frau ( 5,21 - 43 ) ( Mt 9,18-26; Lk 8,40-56 ) Dieser Abschnitt ist, ähnlich wie Mk 3,20-35 , in
drei Schichten aufgebaut. Der Bericht von der Auferweckung der Tochter
des Jarus von den Toten ( Mk 5,21-24.35-43 ) wird durch den Zwischenfall
mit der blutflüssigen Frau ( Mk 5,25-34 ) unterbrochen. Was zunächst wie
eine verhängnisvolle Verzögerung für Jarus' Tochter erscheint, erweist
sich am Ende nur als Bekräftigung der heilenden Macht Jesu. Es war eine
Prüfung, um Jarus' Glauben zu stärken. a. Jaïrus' Bitte ( Mk 5,21-24 ) ( Mt 9,18-19; Lk 8,40-42 ) Mk 5,21-24 Jesus und seine Jünger kehrten auf die andere
(westliche) Seite des Sees Genezareth, wahrscheinlich nach Kapernaum,
zurück. Dort versammelte sich erneut eine große Menge bei ihm, solange
er noch am See war. Da kam Jaïrus zu ihm. Als einer der Vorsteher der
Synagoge war er ein "Laienbeamter", der für die Wartung des
Synagogengebäudes und für den technischen Ablauf des Gottesdienstes
verantwortlich war, eine in der Gemeinde sehr angesehene Aufgabe. Nicht
alle Leute in führenden religiösen Positionen standen Jesus also
feindlich gegenüber. Jaïrus' kleine Tochter (seine einzige Tochter; Lk
8,42 ) lag in den letzten Zügen . Matthäus, der sehr viel kürzer über
dieses Ereignis berichtet (seine Schilderung umfaßt nur
einhundertfünfunddreißig Wörter im Griechischen, bei Markus sind es
dreihundertvierundsiebzig), schreibt gleich zu Anfang, daß das Mädchen
bereits gestorben war ( Mt 9,18 ). Jarus fiel Jesus in demütiger Haltung
zu Füßen und bat ihn sehr (vgl. Mk 5,10 ), zu kommen und ihr die Hände
aufzulegen, damit sie gesund (wörtlich: "gerettet" und vom physischen
Tod erlöst) werde und lebe . Die Praxis der "Handauflegung" beim Heilen
symbolisierte die Übertragung von Lebenskräften vom Heiler auf den
Kranken; sie wurde allgemein mit Jesu Heilungen assoziiert (vgl. Mk
6,5;7,32;8,23.25 ). Wahrscheinlich hatte Jarus bereits von Jesu Macht
gehört (vgl. Mk 1,21-28 ) und war deshalb zuversichtlich, daß dieser das
Leben seiner Tochter retten könnte. Als Jesus mit Jaïrus ging, folgte ihnen eine große
Menge, und sie umdrängten (von synthlibO , vgl. V. 31 ) ihn . b. Die Heilung der blutflüssigen Frau ( 5,25-34 ) ( Mt 9,20-22; Lk 8,43-48 ) Mk 5,25-27 Unter der Menge befand sich auch eine nicht
namentlich genannte Frau mit einer unheilbaren Krankheit. Sie hatte
(wörtlich: "war in") seit zwölf Jahren den Blutfluß (vgl. V. 42 ). Es
kann sich dabei um eine chronische menstruelle Störung oder um eine
Gebärmutterblutung gehandelt haben. Auf jeden Fall machte dieser Zustand
sie rituell unrein (vgl. 3Mo 15,25-27 ) und schloß sie somit vom
normalen gesellschaftlichen Leben aus, da jeder, der mit ihr in
Berührung kam, ebenfalls "unrein" wurde. Sie hatte die verschiedensten Behandlungen von
vielen Ärzten ausprobiert und dabei viel durchgemacht. All ihr Gut hatte
sie dafür aufgewandt, in dem verzweifelten Versuch, wieder gesund zu
werden; doch nichts half. Im Gegenteil, es war noch schlimmer mit ihr
geworden . Als sie jedoch von Jesu heilenden Kräften hörte,
erwachte ihr Glaube. Trotz ihrer Unreinheit kam sie in der Menge von
hinten heran und berührte sein Gewand (das Oberkleid). Sie wollte sich
möglichst nicht der Peinlichkeit einer öffentlichen Enthüllung ihrer
Krankheit aussetzen. Mk 5,28 Sie sagte sich, daß sie, wenn sie nur seine Kleider
berühren könnte, gesund würde und sich dann unbemerkt zurückziehen
könnte. In ihren Glauben mischte sich vielleicht die im Volk verbreitete
Vorstellung, daß die Kraft eines Heilers schon durch seine Kleidung
wirke, oder sie kannte jemanden, der auf diese Weise geheilt worden war
(vgl. Mk 3,10;6,56 ). Mk 5,29 Als die Frau Jesu Gewand berührte, versiegte
sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) die Quelle ihres Blutes. Sie spürte
(wörtlich: "wußte", von ginOskO , "aus Erfahrung wissen"; vgl. Mk 5,30 )
es am Leibe, daß sie von ihrer Plage geheilt war . Die Heilung geschah
also ohne sichtbares Zutun Jesu. Mk 5,30 Und Jesus spürte sogleich ( euthys ) an sich (von
epiginOskO , "genau wissen"; vgl. V. 29 ), daß eine Kraft von ihm
ausgegangen war . Diese ungewöhnliche Formulierung ist auf zweifache
Weise verstanden worden. Die eine These lautet, daß Gott der Vater die
Frau heilte und Jesus erst im nachhinein spürte, was geschehen war. Die
zweite Auffassung geht davon aus, daß Jesus seine Heilkraft an der Frau
erwies, um ihren Glauben zu belohnen. Diese letztere These paßt besser
zu den anderen Heilungen Jesu. Seine Kraft ging nicht ohne sein Wissen
und seinen Willen von ihm aus, doch er wandte sie nur auf Geheiß des
Vaters an (vgl. Mk 13,32 ). Die Berührung des Gewandes jedoch hatte
keine magische Wirkung. Da Jesus wußte, wie das Wunder stattgefunden hatte,
wandte er sich um und sprach: Wer hat meine Kleider berührt? Er wollte
eine persönliche Beziehung zu der geheilten Person herstellen, um
irrigen Vorstellungen einer quasi-magischen Wirkung zuvorzukommen. Mk 5,31-32 Seinen Jüngern (den Zwölfen; vgl. Lk 8,45 ) schien
diese Frage absurd, da die Menge ihn von allen Seiten umdrängte (von
synthlibO ; vgl. Mk 5,24 ) und er ständig von irgend jemandem berührt
wurde. Jesus konnte jedoch die Berührung eines Menschen, der im Glauben
die Rettung von ihm erhoffte, sehr wohl von der versehentlichen
Berührung eines Menschen aus der Menge unterscheiden. Zwischen beidem
war - und ist - ein großer Unterschied. Daher sah er sich um (
perieblepeto ; "sah sich scharf um"; vgl. Mk 3,5.34 ) und musterte die
Menge, die ihn umgab, um herauszufinden, wer ihn auf diese Weise berührt
hatte. Mk 5,33-34 Da fiel die Frau, die seine Frage als einzige
verstanden hatte, vor ihm nieder und fürchtete sich und zitterte (von
phobeomai , "ehrfürchtige Scheu haben", vgl. Mk 4,41 ), in dem
Bewußtsein, was an ihr geschehen war, und sagte ihm mutig und dankbar
die ganze Wahrheit . Die zärtliche Anrede Tochter (die Jesus nur an
dieser Stelle benutzte) war ein Ausdruck ihrer neuen Beziehung zu ihm
(vgl. Mk 3,33-35 ). Jesus schrieb ihre Heilung ihrem Glauben zu, nicht
der Berührung seines Gewandes. Ihr Glaube hatte sie gesund gemacht
(wörtlich: "hat dich gerettet" bzw. "befreit"; vgl. Mk 5,28;10,52 ),
weil er sie bei Jesus Heilung suchen ließ. Die Wirksamkeit des Glaubens,
des zuversichtlichen Vertrauens, kommt nicht von dem, der diesem Glauben
Ausdruck gibt, sondern von dem, dem er gilt (vgl. Mk 10,52;11,22 ). Jesus sagte: "Geh hin in Frieden und sei gesund von
deiner Plage!" (vgl. Mk 5,29 ). Das war die Bestätigung für sie, daß
ihre Heilung vollständig und von Dauer war. In ihrer Not - unheilbar
krank und gesellschaftlich und religiös isoliert - war sie zwölf Jahre
lang eine "lebende Tote" gewesen. Ihre Wiederherstellung und Rückführung
ins Leben war gleichsam eine Vorwegnahme der dramatischen Heilung von
Jarus' Tochter, die im Alter von zwölf Jahren wirklich gestorben war. c. Die Auferweckung der Tochter des Jarus ( 5,35-43 ) ( Mt 9,23-26; Lk 8,49-56 ) Mk 5,35-36 Die Verzögerung (vgl. V. 22-24 ), die durch die
Heilung der blutflüssigen Frau entstand (V. 25-34 ), stellte Jairus'
Glauben auf eine harte Probe. Seine Befürchtung, daß seine kleine
Tochter sterben könnte, bevor er mit Jesus zu Hause anlangte, wurde
durch den Bericht einiger Männer (nicht mit Namen genannte Freunde und
Verwandte) aus seinem Haus, die ihm die Nachricht überbrachten, daß sie
inzwischen tatsächlich gestorben war, bestätigt. Ihrer Ansicht nach
machte der Tod des Kindes alle Hoffnung zunichte, daß Jesus ihr noch
helfen könnte, und sie meinten daher, daß es sinnlos sei, den Meister
(vgl. Mk 4,38 ) weiter zu bemühen (wörtlich: "belästigen"). Jesus hörte diese Botschaft mit an, doch er
weigerte sich, die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, zu
akzeptieren. So jedenfalls läßt sich das hier verwendete Verb deuten,
das auch mit "überhören" ( parakousas , "sich weigern, zuzuhören")
übersetzt werden kann (vgl. Mt 18,17 ). Statt dessen ermutigte er Jairus
und forderte ihn auf: "Hör auf, dich zu fürchten (im Unglauben), glaube
nur weiter!" Mit seinem Kommen hatte Jarus bereits bewiesen, daß er an
Jesus glaubte, und in der Heilung der blutflüssigen Frau war er Zeuge
des Verhältnisses zwischen Glauben und Jesu Macht geworden ( Mk 5,25-34
); jetzt sollte er glauben , daß Jesus sogar imstande war, seiner
Tochter das Leben wiederzugeben. Mk 5,37-40 a Außer Jarus ließ Jesus nur drei seiner Jünger -
Petrus, Jakobus und Johannes - mit in das Haus (vgl. 5Mo 17,6 ). Diese
drei Jünger fungierten, wie auch bei Jesu Verklärung ( Mk 9,2 ) und in
Gethsemane ( Mk 14,33 ), als Zeugen, in diesem Fall als Zeugen der
Vorwegnahme der Auferstehung Jesu. Vor und im Haus hatte bereits das Zeremoniell der
jüdischen Totenklage begonnen. Zu diesem Getümmel ( thorybon ,
"Aufruhr") gehörten unter anderem auch bezahlte Klageweiber (vgl. Jer
9,16; Am 5,16 ), die abwechselnd weinten und heulten . Jesus ging hinein und tadelte die Trauernden, weil,
wie er sagte, das Kind nicht gestorben sei, sondern schlafe . Wollte er
damit sagen, daß es nur im Koma lag? Die Freunde und Verwandten (vgl. Mk
5,35 ) und die Klageweiber, die seine Worte höhnisch verlachten, wußten
jedoch offensichtlich mit Sicherheit, daß das Mädchen tot war (vgl. Lk
8,53 ). Beschrieb Jesus also einfach den Tod als "Schlaf" und setzte
zwischen Tod und Auferstehung eine Art "Schlaf" als Übergangszustand
voraus? Diese These wird allerdings an keiner anderen Stelle im Neuen
Testament erhärtet (vgl. Lk 23,42-43; 2Kor 5,6-8; Phil 1,23-25 ).
Wahrscheinlicher ist, daß er sagte, der Tod sei in diesem Fall wie ein
Schlaf. Für die Trauernden würde der Tod des Mädchens wie ein "Schlaf"
wirken, aus dem sie geweckt würde. Ihr Zustand war also nicht endgültig
und unwiderruflich (vgl. Lk 8,55; Joh 11,11-14 ). Mk 5,40-42 (Mk 5,40b-42) Nachdem er die gesamte Trauergemeinde
hinausgetrieben hatte, nahm Jesus die Eltern des Kindes und die bei ihm
waren (vgl. V. 37 ) mit sich in das Zimmer, in dem das Mädchen lag. Dann
e rgriff er das Kind bei der Hand und sprach die aramäischen Worte:
"Talita kum!" Das war ein Gebot, kein Zauberspruch. Markus übersetzte es
für seine griechisch sprechenden Leser: "Mädchen, steh auf!" und fügte,
um die Macht Jesu über den Tod besonders deutlich herauszustellen, die
Wendung: "Ich sage dir!" ein. Da die Galiläer zweisprachig waren,
benutzte Jesus sowohl das Aramäische, seine Muttersprache - ein
semitischer Dialekt, der dem Hebräischen verwandt ist - als auch das
Griechische, die Lingua franca der gräco-romanischen Welt.
Wahrscheinlich sprach er außerdem auch Hebräisch. Auf Jesu Gebot stand das Mädchen sogleich ( euthys
; vgl. Mk 1,10 ) auf und begann umherzugehen , denn ( gar ), so schreibt
Markus erklärend, es war zwölf Jahre alt. Die Eltern und die drei Jünger
entsetzten sich über die Maßen (von existEmi , wörtlich: "waren außer
sich vor großem Staunen"; vgl. Mk 2,12;6,51 ) über dieses Wunder. Mk 5,43 Jesus gab den Anwesenden zwei Anweisungen. Zunächst
verbot er ihnen streng , jemandem zu erzählen, was hier geschehen war,
denn er wollte nicht, daß die Menschen um des Wunders willen, also aus
den falschen Gründen, zu ihm kamen (vgl. den Kommentar zu Mk 1,43-45 ). Die zweite Anweisung, dem Mädchen zu essen zu
geben, zeigt sein Gefühl für die Bedürfnisse anderer und ist außerdem
ein Indiz dafür, daß es wieder vollkommen gesund war. Jarus' Tochter war
zum Leben erweckt, dem natürlichen Leben wiedergegeben und damit auch
immer noch dem natürlichen Tod unterworfen, und mußte daher essen. Das
ist der Unterschied zu einem auferstandenen Körper (vgl. 1Kor 15,35-57
). F. Schluß: Jesu Verwerfung in Nazareth ( 6,1 - 6 a) ( Mt 13,53-58; Lk 4,16-30 ) Mk 6,1 Aus Kapernaum ging Jesus in seine Vaterstadt
Nazareth (vgl. Mk 1,9.24 ), etwa 30 Kilometer südwestlich, in der er
früher gelebt und gewirkt hatte (vgl. Lk 4,16-30 ). Seine Jünger folgten
ihm nach , er kehrte also als Meister (Rabbi), umgeben von seinen
Schülern, zurück. Er erfüllte damit seinen Auftrag und bereitete
gleichzeitig seine Jünger durch sein Beispiel auf ihre eigene spätere
Aufgabe vor (vgl. Mk 6,7-13 ). Mk 6,2-3 Am Sabbat lehrte er in der Synagoge (vgl. Mk 1,21
), wahrscheinlich legte er das Gesetz und die Propheten aus. Viele
verwunderten sich ( exeplEssonto , "waren erstaunt, überrascht,
überwältigt"; vgl. Mk 1,22;7,37;10,26;11,18 ) über seine Lehren. Doch viele fragten auch geringschätzig, woher er
das alles habe: (a) seine Lehre, (b) die Weisheit, die ihm gegeben ist
(wörtlich: "dem da") und (c) seine Macht, mächtige Taten , Wunder, zu
tun (vgl. Mk 6,5 ). Nur zwei Antworten waren möglich: entweder hatte er
diese Macht von Gott oder vom Satan (vgl. Mk 3,22 ). Trotz seiner beeindruckenden Worte und Taten machte
Jesus keinen Eindruck auf die Nazarener; sie kannten ihn einfach zu gut.
In ihrer abschätzigen Frage "ist er nicht der Zimmermann?" schwang die
Feststellung mit: "Er ist ein ganz gewöhnlicher Arbeiter wie wir auch."
Seine Familienangehörigen - Mutter, Brüder und Schwestern - waren in der
Stadt bekannt, und man wußte, daß sie ganz normale Leute waren. Auch die
Wendung Marias Sohn war verächtlich gemeint, denn normalerweise wurde
ein Mann bei den Juden nicht als seiner Mutter Sohn bezeichnet, auch
dann nicht, wenn sie eine Witwe war, es sei denn, man wollte ihn
beleidigen (vgl. Ri 11,1-2; Joh 8,41; 9,29 ). In ihren gezielten
Schmähreden steckte aber auch eine Anspielung auf Jesu Geburt, mit der
nach Ansicht der Leute etwas nicht stimmte. Seine Brüder und Schwestern (vgl. Mk 3,31-35 )
waren wahrscheinlich Kinder von Josef und Maria, die nach Jesus zur Welt
gekommen waren, und nicht Josefs Kinder aus einer früheren Ehe oder Jesu
Cousins. Jakobus wurde später einer der führenden Männer der Kirche in
Jerusalem (vgl. Apg 15,13-21 ) und verfaßte auch den Jakobusbrief ( Jak
1,1 ). Judas war wahrscheinlich der Autor des Judasbriefs ( Jud 1,1 ).
Von Joses und Simon und den Schwestern ist sonst nichts bekannt. Über
Josef, seinen Vater, wird vielleicht nichts gesagt, weil er bereits
gestorben war. Da sich die Nazarener also keinen Reim auf Jesus
machen konnten, ärgerten sie sich an ihm (von skandalizomai , "zum
Stolpern gebracht werden, abgestoßen sein"; vgl. den Kommentar zu Mk
14,27 ). Sie sahen keinen Grund zu glauben, daß er der Gesalbte Gottes
war. Mk 6,4 Jesus beantwortete ihre Ablehnung mit dem
Sprichwort, daß ein Prophet in seinem Hause nicht geschätzt wird. Er
verglich sich mit den Propheten des Alten Testaments (vgl. V. 15 ; Mk
8,28 ), deren Worte häufig Ablehnung hervorriefen und die meist von
denen, die sie am besten kannten, am wenigsten geschätzt wurden (vgl. Mk
6,17-29 ). Mk 6,5-6 a Wegen des hartnäckigen Unglaubens der Leute aus
Nazareth konnte Jesus dort nicht eine einzige Tat tun, außer daß er
wenigen Kranken die Hände auflegte (vgl. Mk 5,23 ) und sie heilte . Das
heißt nicht, daß er hier keine Macht hatte, doch er wollte Wunder nur da
tun, wo Glauben war. In dieser Stadt hatten nur wenige genug Glauben, um
zu ihm zu kommen und ihn um Heilung zu bitten. Selbst Jesus wunderte sich ( ethaumasen ; vgl. Mk
5,20;12,17;15,5.44 ) über ihren Unglauben , ihre mangelnde Bereitschaft
zu akzeptieren, daß seine Weisheit und seine Macht von Gott kamen.
Soweit wir wissen, kehrte er nach dieser Episode nie mehr nach Nazareth
zurück. Die Leute aus Nazareth waren ein Symbol für Israels
Blindheit. Ihre Weigerung, an Jesus zu glauben, war ein Bild für das,
was die Jünger bald erfahren (vgl. Mk 6,7-13 ) und was auch Markus'
Leser (damals und heute) bei der Ausbreitung des Evangeliums zu spüren
bekommen sollten. V. Jesu Wirken in und um Galiläa ( Mk 6,6 b - 6,7-8,30 ) Der dritte größere Abschnitt des Markusevangeliums
beginnt, was den Aufbau betrifft, wie die beiden ersten (vgl. Mk 6,6 b
mit Mk 1,14-15 und Mk 3,7-12;6,7-34 mit Mk 1,16-20 und Mk 3,13-19 ),
doch er schließt statt mit einer Aussage der Verwerfung (vgl. Mk
3,6;6,1-6 a) mit dem Bekenntnis des Petrus, daß Jesus der Messias sei (
Mk 8,27-30 ). In dieser Phase seines Wirkens schenkte Jesus den Jüngern
besondere Aufmerksamkeit. Angesichts des Widerstands, dem er
allenthalben begegnete, offenbarte er ihnen durch seine Worte und Taten,
wer er war und ist. Die meiste Zeit verbrachten sie dabei außerhalb
Galiläas. A. Einführende Zusammenfassung: Jesu Lehrreise
durch Galiläa
( 6,6 b) ( Mt 9,35-38 ) Mk 6,6 b In diesem Vers wird Jesu dritte Reise durch Galiläa
knapp rekapituliert (zur ersten vgl. Mk 1,35-39; von der zweiten ist im
Markusevangelium nicht die Rede; vgl. Lk 8,1-3 ). Trotz der erfahrenen
Ablehnung in Nazareth ging Jesus rings umher in die umliegenden Dörfer
und lehrte (vgl. Mk 1,21 ). Er bereitete damit den Boden für den
Missionsauftrag der Zwölf. B. Jesu Aussenden der Zwölf und der Tod Johannes'
des Täufers ( 6,7 - 31 ) Dieser Abschnitt hat wieder die klassische
"Sandwich"-Struktur mit einem Hauptteil, der durch einen Einschub
unterbrochen ist (vgl. Mk 3,20-35;5,21-43 ): In den Bericht über die
Aussendung der Zwölf ( Mk 6,7-13.30-31 ) ist die Nachricht vom Tode
Johannes' des Täufers eingewoben ( Mk 6,14-29 ). Dadurch wird deutlich,
daß der Tod des Boten Johannes nicht auch seine Botschaft zum Verstummen
brachte. Der Tod des Wegbereiters war zugleich eine Vorankündigung des
Todes Jesu. Auch Jesu Botschaft würde nach seinem Tod von seinen Jüngern
weiter gepredigt werden. 1. Der Auftrag der Zwölf ( 6,7-13 ) ( Mt 10,1.5-15; Lk 9,1-6 ) Mk 6,7 Um sein Wirken auf dieser Reise durch Galiläa auf
eine breitere Basis zu stellen, fing Jesus an, die Zwölf auszusenden
(von apoStellO ; vgl. Mk 3,14;6,30 ), je zwei und zwei , eine Praxis,
die damals aus praktischen und rechtlichen Gründen allgemein üblich war
(vgl. Mk 11,1; 14,13; Joh 8,17; 5Mo 17,6; 9,15 ). Die Zwölf waren Jesu bevollmächtigte Vertreter,
gemäß der jüdischen Vorstellung des S+lUHIm , nach der der
Stellvertreter ( SClIaH ) eines Mannes ebensoviel gilt wie der Mann
selbst (vgl. Mt 10,40 und TDNT, "apostolos" , 1,413-27). Die Jünger
sollten einen Sonderauftrag erfüllen und dann zurückkehren und Jesus
Bericht erstatten (vgl. Mk 6,30 ); daher galten Jesu ungewöhnliche
Anweisungen (V. 8 - 11 ) auch nur für diesen besonderen Auftrag. Er gab ihnen Macht ( exousian ; das "Recht" und die
"Macht"; vgl. Mk 2,10;3,15 ) über die unreinen Geister . Diese
Fähigkeit, Dämonen auszutreiben (vgl. Mk 1,26 ), sollte ihre Predigt
bestätigen (vgl. Mk 6,13;1,15 ). Mk 6,8-9 Die Dringlichkeit ihres Auftrags erforderte es, daß
sie mit leichtem Gepäck reisten. Daher durften sie nur einen Stab (
rhabdon , "Wanderstock") und Schuhe (gewöhnliches Schuhwerk) tragen,
sollten jedoch kein Brot (keine Nahrung), keine Tasche (wahrscheinlich
ist eine Provianttasche, kein Bettelsack, gemeint), kein Geld im Gürtel
(kleine Kupfermünzen konnten leicht in die Gürtel gesteckt werden) und
keine zwei Hemden (zusätzliche Unterkleidung, die in der Nacht als Decke
diente) mitnehmen. Sie sollten, was Nahrung und Schutz anging, also
allein auf Gottes Hilfe und die jüdische Gastfreundschaft angewiesen
sein. Das Mitnehmen des Stabes und der Sandalen wird den Jüngern nur bei
Markus zugestanden. Bei Matthäus sind auch diese beiden Reiseutensilien
verboten ( Mt 10,9-10 ), während bei Lukas nur die Schuhe erlaubt sind (
Lk 9,3 ). Matthäus benutzt allerdings das Verb ktaomai ("beschaffen,
erwerben") statt airO ("nehmen"): Die Jünger sollten also keine
zusätzlichen Stäbe oder Schuhe kaufen, sondern die verwenden, die sie
bereits besaßen. Markus und Lukas schreiben beide airO , "nehmen oder
mitnehmen". Doch während es bei Lukas heißt: "Ihr sollt nichts mit auf
den Weg nehmen, keinen Stab ( rhabdon )", womit vermutlich gemeint ist,
daß sie keinen zusätzlichen Stab mitnehmen dürfen, lautet die Anweisung
bei Markus, "nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab" (
rhabdon ; vgl. Mk 6,8 ) - aller Wahrscheinlichkeit nach den Stab, den
jeder in Gebrauch hatte. Jeder Evangelist betont also einen anderen
Aspekt der Anweisungen Jesu. Mk 6,10-11 Wann immer die Jünger in ein Haus eingeladen
wurden, sollten sie dort bleiben und von dort aus arbeiten, bis sie die
Stadt wieder verließen. Sie sollten sich also nicht bei mehreren Leuten
einquartieren oder bessere Angebote annehmen, nachdem sie sich einmal an
einem Ort niedergelassen hatten. Und sie sollten sich auf Ablehnung gefaßt machen.
Wenn sie irgendwo (in einem Haus, einer Synagoge oder in einem Dorf)
nicht aufgenommen würden und man ihre Botschaft nicht hören wollte,
sollten sie den Ort verlassen und den Staub von ihren Füßen schütteln .
Das taten fromme Juden, wenn sie heidnische (fremde) Gebiete verließen,
um zu zeigen, daß sie sich von diesem Ort distanzierten - die Geste
würde den jüdischen Zuhörern also zeigen, daß sie sich wie Heiden
verhielten, wenn sie die Botschaft der Jünger ablehnten. Gleichzeitig war das Abschütteln des Staubes ein
Zeugnis (vgl. Mk 1,44;13,9 ) gegen die Bürger der betreffenden Stadt,
eine Warnung, daß die Jünger ihre Pflicht ihnen gegenüber erfüllt hatten
und daß diejenigen, die in ihrer Ablehnung verharrten, sich nun allein
vor Gott zu verantworten hatten (vgl. Apg 13,51;18,6 ). Zweifellos
führte dieses Vorgehen bei manchen doch noch zu ernsthaftem Nachdenken
und zu wirklicher Reue. Mk 6,12-13 Gehorsam predigten die Zwölf, man solle Buße tun
(vgl. Mk 1,4.14-15 ), trieben viele böse Geister aus (vgl. Mk 1,32-34.39
) und machten viele Kranke gesund (vgl. Mk 3,10 ). Als Stellvertreter
Jesu (vgl. Mk 6,7;9,37 ) machten sie die Erfahrung, daß seine Macht über
seine persönliche Gegenwart hinaus wirksam war. Ihr Auftrag war ein
Zeichen für das Kommen des Gottesreiches (vgl. Mk 1,15 ). Vom Salben der Kranken mit Öl (Olivenöl) ist nur
bei Markus die Rede. Es geschah aus zwei Gründen: erstens wegen seiner
heilenden Eigenschaften (vgl. Lk 10,34; Jak 5,14 ) und zweitens wegen
seines Symbolcharakters: als Zeichen dafür, daß die Jünger in Jesu
Vollmacht und nicht aus eigener Kraft handelten. 2. Die Enthauptung Johannes des Täufers ( 6,14 - 29 ) ( Mt 14,1-2; Lk 3,19-20;9,7-9 ) a. Die Ansichten des Volkes über Jesu Identität ( 6,14 - 16 ) Mk 6,14-16 Die Wunder, die Jesus und die Zwölf in ganz Galiläa
taten, erregten schließlich auch die Aufmerksamkeit von Herodes Antipas
I., dem Sohn Herodes' des Großen (vgl. die Tabelle zum Geschlecht des
Herodes bei Lk 1,5 ). Herodes Antipas war Tetrarch (Herrscher über ein
Viertel des Reiches seines Vaters) von Galiläa und Peräa, ein
Vasallenkönig Roms, von 4 v. Chr. bis 39 n. Chr. (vgl. Mt 14,1; Lk
3,19;9,7 ). Er war zwar offiziell nicht König, wurde jedoch
wahrscheinlich wegen seiner ehrgeizigen Projekte in seinem Umfeld so
genannt, was die Verwendung des Titels bei Markus erklären würde. Mk
6,14 b- 15 zählt drei Gerüchte auf, die über Jesu Identität und seine
Taten im Umlauf waren. Demnach war er (a) Johannes der Täufer (vgl. Mk
1,4-9 ), der von den Toten auferstanden war, (b) Elia (vgl. Mal
3,1;3,23-24 ) oder (c) ein Prophet , der die unterbrochene Linie der
Propheten Israels fortsetzte. Trotz anderslautender Meinungen war der von
Gewissensbissen geplagte Herodes fest überzeugt, daß Jesus der Mann sei,
den er enthauptet hatte. Er glaubte, daß Johannes der Täufer von den
Toten auferstanden sei und nun Wunderkräfte besäße. Mk 6,17-29 erklärt
in einem Rückblick die Hintergründe von Vers 16 , die Herodes zu seiner
Einschätzung veranlaßten. b. Rückblick: Die Hinrichtung Johannes' des Täufers ( 6,17 - 29 ) Markus fügt diesen Abschnitt nicht nur ein, um die
Information von der Gefangennahme des Täufers in Kapitel 1,14 zu
ergänzen und das im vorangehenden Vers ( Mk 6,16 ) Gesagte näher zu
erklären. Es geht ihm auch um die Parallele zwischen der
"Leidensgeschichte" des Vorläufers Jesu und seinem eigenen Leiden und
Sterben. Er konzentriert sich dabei vor allem auf das, was Herodes und
Herodias Johannes angetan hatten. Sein Bericht ist möglicherweise auch
deshalb so detailliert, weil er einen Bogen zu dem Konflikt zwischen
Elia und Isebel schlagen möchte. Immerhin identifizierte Jesus Johannes
später mit Elia ( Mk 9,11-13 ). Mk 6,17-18 Der Evangelist erläutert ( gar , denn ), daß
Herodes selbst befohlen hatte, Johannes zu ergreifen und ins Gefängnis
zu werfen. Nach Josephus lag das Gefängnis, in dem sich Johannes befand,
bei dem Festungspalast von Machärus an der Nordostküste des Toten Meeres
(Ant. 18.5.2). Herodes hatte Johannes gefangengesetzt, um ihn vor seiner
ehrgeizigen zweiten Frau Herodias zu schützen. Er war zunächst mit der
Tochter eines arabischen Königs, Aretas IV., verheiratet gewesen und
hatte sich dann in seine Halb-Nichte Herodias (die Tochter seines
Halbbruders Aristobulus) verliebt, die ihrerseits mit seinem anderen
Halbbruder ( Bruder bedeutet hier Halbbruder) Philippus verheiratet war
(nicht der Philippus, von dem in Lk 3,1 die Rede ist, sondern ihr
Halbonkel; vgl. Josephus, Ant. 18.5.1 - 2) und mit ihm eine Tochter,
Salome, hatte. Herodes und Herodias hatten sich beide von ihren
Ehepartnern scheiden lassen, um einander zu heiraten. Diese Ehe hatte
Johannes wiederholt als ungesetzlich bezeichnet (vgl. 3Mo 18,16; 3Mo
20,21 ). Mk 6,19-20 Johannes' kühner Tadel erzürnte Herodias, die
seitdem einen Groll gegen ihn hegte (wörtlich: "etwas gegen ihn hatte").
Nicht zufrieden mit seiner Gefangennahme, wollte sie ihn töten . Doch
ihre Pläne wurden durchkreuzt, denn Herodes fürchtete Johannes , den er
als frommen und heiligen Mann kannte (er hatte eine abergläubische
Furcht vor ihm). So beschützte er Johannes vor Herodias' mörderischen
Plänen, indem er ihn in Gewahrsam nehmen ließ - ein geschickter
Kompromiß. Trotz seines unmoralischen Lebenswandels war
Herodes von Johannes fasziniert. Er hörte ihn gern predigen, obwohl er
danach jedesmal sehr unruhig war. Die Worte "sehr unruhig" ( polla
Eporei ) sind in den Handschriften gut bezeugt und auch vom Kontext her
der Lesart "er tat viele Dinge" ( polla epoiei ) vorzuziehen, einer
Variante, die wahrscheinlich auf einen Fehler der Kopisten zurückgeht,
die den Text nach Diktat aufschrieben. Herodes' Konflikt zwischen seiner
Leidenschaft für Herodias und seiner Achtung vor Johannes zeugen für
seine schwankende moralische Haltung und seine Labilität. Mk 6,21-23 Schließlich fand Herodias jedoch eine Gelegenheit,
ihr Ziel doch noch zu erreichen. Herodes gab an seinem Geburtstag ein
Festmahl , eine luxuriöse Feier für seine Großen (die Zivilbeamten) und
die Obersten des Heeres und die Vornehmsten (vornehmeBürger) von Galiläa
. Bei diesem Anlaß sandte Herodias mit Vorbedacht (darauf deuten die
Verse 24-25 hin) ihre Tochter Salome in den Festsaal, die durch ihren
Tanz die Gunst des Königs erringen sollte. Salome war eine junge Frau im heiratsfähigen Alter
( korasion , "Mädchen"; vgl. Est 2,2.9; Mk 5,41-42 ), wahrscheinlich
etwa 15 Jahre alt. Ihr geschmeidiger, aufreizender Tanz gefiel Herodes
und denen, die mit ihm am Tisch saßen und veranlaßte ihn zu einem
prahlerischen, übereilten Versprechen: Er wollte ihr alles, was sie
begehrte, geben - bis zur Hälfte seines Königreiches (vgl. Est 5,6; Est
7,2 ) - und schwur einen Eid darauf. In Wirklichkeit hatte Herodes
allerdings gar kein "Königreich" (Reich) zu verschenken (vgl. den
Kommentar zu Mk 6,14 ); es war nur eine gebräuchliche Übertreibung, die
seine Großzügigkeit ausdrücken sollte und, wie Salome sehr wohl wußte,
keinesfalls wörtlich zu nehmen war (vgl. 1Kö 13,8 ). Mk 6,24-25 Als Salome ihre Mutter fragte, um was sie bitten
solle, antwortete Herodias mit einer Schnelligkeit, die darauf schließen
läßt, daß sie sich die Antwort bereits zurechtgelegt hatte: "Das Haupt
Johannes' des Täufers." Sie wollte den Beweis, daß er wirklich tot war.
Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) ging Salome eilig hinein zum König
und äußerte ihre makabre Bitte. Sie verlangte, daß die Hinrichtung jetzt
gleich ( exautEs , "sofort") vollzogen würde, bevor Herodes einen Weg
finden konnte, ihre Bitte zu umgehen. Dem festlichen Anlaß entsprechend
sollte der Kopf auf einer Schale gebracht werden. Mk 6,26-28 Salomes Bitte betrübte den König sehr (vgl. Mk
14,34 ). Doch wegen des Eides (den er für unwiderruflich hielt), und um
vor seinen Gästen nicht das Gesicht zu verlieren (vgl. Mk 6,21 ), hatte
er nicht den Mut, ihre Forderung abzulehnen. So befahl er sogleich (
euthys ; vgl. Mk 1,10 ), daß die Bitte erfüllt werde. Ein Henker ( spekoulatora , ein lateinisches
Lehnwort, wahrscheinlich eine Art Leibwächter) enthauptete Johannes im
Festungsgefängnis und trug sein Haupt herbei auf einer Schale und gab
sie Salome, die sie wiederum Herodias überreichte (vgl. Mk 9,12-13 ).
Johannes war nun zwar zum Schweigen gebracht, doch was er zu Herodes
gesagt hatte, galt nach wie vor. Mk 6,29 Als die Jünger des Johannes (vgl. Mt 11,2-6 ) von
seinem Tod hörten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn
in ein Grab . 3. Die Rückkehr der Zwölf ( 6,30 - 31 ) ( Lk 9,10 a) Mk 6,30-31 Die Apostel ( apostoloi , "Abgesandte, Boten")
kehrten zu Jesus zurück, wahrscheinlich, wie es zuvor ausgemacht worden
war, nach Kapernaum, und verkündeten ihm alles, was sie in Erfüllung
ihres Auftrags getan (in "Werken") und gelehrt (in "Worten") hatten
(vgl. V. 7-13 ). Die Bezeichnung "Apostel" für die Zwölf taucht nur
zweimal im Markusevangelium auf (vgl. Mk 3,14 ). Sie wird jedoch nur
ganz allgemein zur Umschreibung ihrer Missionstätigkeit gebraucht und
nicht als offizieller Titel (vgl. Eph 2,19-20 ). Jesus war der Ansicht, daß die Jünger nun eine
wohlverdiente Ruhepause nötig hätten, und da der Zustrom der Menschen so
stark war und so viele kamen und gingen, daß sie nicht Zeit genug zum
Essen hatten (vgl. Mk 3,20 ), schlug er vor, sich allein ( kat? idian ;
vgl. Mk 4,34 ) an eine einsame ( erEmon ; "abgelegen"; vgl. Mk 1,35.45 )
Stätte zurückzuziehen (vgl. Mk 6,32 ). C. Jesu Selbstoffenbarung gegenüber den Zwölfen in
Wort und Tat ( 6,32 - 8,26 ) In der Periode seines Wirkens, um die es im
folgenden geht, verließ Jesus Galiläa mehrmals, um an anderen Orten zu
predigen (vgl. Mk 6,31;7,24.31;8,22 ). Er offenbarte in dieser Zeit den
Zwölfen - und auch den späteren Lesern des Markusevangeliums - wie er
für die Seinen sorgt. 1. Die Speisung der Fünftausend ( 6,32 - 44 ) ( Mt 14,13-21; Lk 9,10 b. 11-17 ; Joh
6,1-14 )
Mk 6,32-34 Hier wird der Bogen von der erfolgreichen Mission
der Zwölf zu der sich daraus ergebenden Anwesenheit einer großen Menge
an einem einsamen Ort geschlagen. Die Wendungen für sich allein ( kat?
idian , ein griechisches Idiom, das "privat" bedeutet), ein Ausdruck,
der bei Markus für die persönliche Unterweisung einzelner durch Jesus
steht, und an eine einsame ( erEmon ; "abgelegen") Stätte (vgl. Mk
1,3-4.12-13.35.45;6,31-32.35 ) greifen dabei Jesu Anweisung von Vers 31
wieder auf. Der Ort, an den sie segelten, wird nicht näher bezeichnet,
doch wir wissen, daß er in der Nähe von Betsaida Julias, einer Stadt
jenseits des Jordan, an der Nordostseite des Sees Genezareth, lag (vgl.
Lk 9,10 ). Viele Leute aus der Menge, der sie eigentlich
hatten entfliehen wollen, merkten, wo sie hinfuhren und kamen ihnen
zuvor , indem sie zu Fuß dorthin gingen. Durch die vielen Menschen, die
in Not waren, kamen die Jünger also nicht zu ihrer wohlverdienten Ruhe. Als Jesus die große Menge sah , wurde er keineswegs
ärgerlich, sondern sie jammerte ihn . Aus diesem Gefühl heraus konnte er
nicht anders, als ihnen zu helfen (vgl. z. B. Mk 6,39-44 ). Er sah sie
als Schafe, die keinen Hirten haben , verloren und hilflos, ohne
Führung, Nahrung und Schutz. In vielen Passagen des Alten Testaments (
4Mo 27,17; 1Kö 22,17; Hes 34,5.23-25 ) ist das Bild vom Hirten und den
Schafen mit der "Wüste" ( erEmos ; vgl. Mk 6,31-32 ) assoziiert. Die
ratlose Menge, das Sinnbild des Volkes Israel, wurde des Erbarmens von
Jesus, dem guten Hirten (vgl. Joh 10,1-16 ), teilhaftig und wurde von
ihm lange über das Gottesreich belehrt (vgl. Lk 9,11 ) und liebevoll
versorgt ( Mk 6,35-44 ). Mk 6,35-38 Nachdem Jesus fast den ganzen Tag zu den Menschen
gesprochen hatte, entspann sich ein wichtiger Dialog zwischen ihm und
den Zwölfen. Da es schon spät war (nach drei Uhr nachmittags) und sie
sich an einem öden ( erEmos ; vgl. V. 31 - 32 ) Ort befanden, baten die
Jünger Jesus, die Leute gehen zu lassen, damit sie in die Höfe und
Dörfer ringsum gehen und sich Brot kaufen könnten, bevor die Sonne
unterging. Jesus wies sie jedoch statt dessen
überraschenderweise an, der Menge selbst zu essen zu geben, wobei er das
Pronomen ihr ( hymeis ) besonders betonte. Die sarkastische Antwort der
Jünger machte deutlich, wie unmöglich es war, diese Bitte mit ihren
beschränkten finanziellen Mitteln zu erfüllen. Eine solche Menschenmenge
satt zu bekommen, hätte ihrer Berechnung nach zweihundert Denare,
Silbergroschen, gekostet. Ein Denar, die wichtigste römische
Silbermünze, die in Palästina in Umlauf war, war der durchschnittliche
Tageslohn eines Landarbeiters. Zweihundert Denare entsprachen also etwa
acht Monatslöhnen, eine Summe, die die Mittel der Jünger bei weitem
überstieg. Jesus dagegen wollte wissen, wieviele Brote sie
insgesamt zur Verfügung hätten (wahrscheinlich im Boot und in der
wartenden Menge). Die Jünger kehrten mit der Antwort zurück: fünf ganze
Laibe Brot und zwei Fische (gesalzen und getrocknet oder geröstet). Mk 6,39-44 Die Unmittelbarkeit, mit der Markus das folgende
Wunder beschreibt, läßt, wie zuvor an anderen Stellen, auf den Bericht
eines Augenzeugen - wahrscheinlich Petrus - schließen. Um eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel zu
gewährleisten, befahl Jesus den Jüngern, dafür zu sorgen, daß die
Menschen s ich lagerten, tischweise, auf das grüne Gras (es war also
wohl Frühling). Die Wendung "tischweise" in Vers 39 gibt das griechische
symposia symposia , "Eß- oder Trinkgelage", wieder, während in Vers 40
eine Anordnung prasiai prasiai (wörtlich: "Beet an Beet") gemeint ist,
ein Bild für wohlgeordnete, vielleicht bunt gekleidete Menschengruppen,
die zu hundert und fünfzig im Gras saßen. Jesu Gebot war eine
Herausforderung für den Glauben der Menge wie für den der Jünger. Dann sprach Jesus als Gastgeber die üblichen
jüdischen Segensworte über die fünf Brote (runde Weizen- oder
Gerstenlaibe) und zwei Fische (vgl. 3Mo 19,24; 5Mo 8,10 ). Die Verbform
dankte kommt von eulogeO (wörtlich: "preisen, loben" (Gott) oder
"segnen"; vgl. Mk 14,22 ). Der Gegenstand des Segens in einem solchen
Gebet war nicht die Speise, sondern Gott, der sie gab. Jesus sah auf zum
Himmel , wo nach dem Glauben der Menschen Gott ist (vgl. Mt 23,22 ), und
zeigte damit, daß eigentlich Gott der Vater das Speisungswunder tat. Danach brach er die Brote in einzelne Brocken,
teilte die zwei Fische in Stücke und gab sie (wörtlich: reichte sie
ihnen immer weiter zu) den Jüngern, damit sie unter ihnen austeilten .
Wie das Wunder selbst vor sich ging, wird nicht berichtet, doch die
Imperfektform des Verbs "gab" deutet darauf hin, daß das Brot sich in
den Händen Jesu vermehrte (vgl. Mk 8,6 ). Diese Nahrungsbeschaffung vollzog sich auf
wunderbare Weise und sorgte zudem für Speise im Überfluß. Markus betont
ausdrücklich, daß alle aßen und satt wurden . Das wird bestätigt durch
die Tatsache, daß die Jünger danach zwölf Körbe ( kophinoi , kleine
Weidenkörbe; vgl. dagegen Mk 8,8.20 ) voll übriggebliebene Brocken
aufsammelten, also wohl jeder Jünger einen Korb. Bei den Fünftausend (
andres , "Männer"), die bei dieser Gelegenheit von Jesus versorgt
wurden, einer sehr großen Zahl für die damaligen Verhältnisse, zumal an
diesem Ort, sind Frauen und Kinder, die wahrscheinlich nach jüdischem
Brauch gesondert saßen und ihre Mahlzeit einnahmen, nicht mitgerechnet
(vgl. Mt 14,21 ). In diesem Zusammenhang ist nicht wie sonst am Ende
einer Wundergeschichte vom Erstaunen der Beteiligten die Rede. Das
deutet, gemeinsam mit den kommentierenden Bemerkungen zu diesem Ereignis
in Vers 52 und in Kapitel 8,14 - 21 , darauf hin, daß Markus diese
Episode in erster Linie als eine für die Jünger bestimmte
Selbstoffenbarung Jesu betrachtete. Doch diese verstanden ihre Bedeutung
nicht (vgl. Mk 6,52 ). 2. Jesus geht auf dem Wasser ( 6,45-52 ) ( Mt 14,22-33; Joh 6,15-21 ) Mk 6,45-46 Alsbald ( euthys , vgl. V. 10 ) nach der Speisung
der Fünftausend trieb Jesus seine Jünger, wieder in das Boot zu steigen
und vor ihm hinüberzufahren nach Betsaida (dem "Haus des Fischens"). Das
Verb "trieb" deutet auf eine unerklärliche Eile beim Aufbruch hin, über
die dann Johannes ( Mk 6,14-15 ) näheren Aufschluß gibt. Offensichtlich
erkannten die Menschen in Jesus den verheißenen Propheten (vgl. Mk
6,14-15 ) und waren entschlossen, ihn zum König zu machen, notfalls auch
mit Gewalt. Jesus spürte die potentielle Gefahr dieser "messianischen
Begeisterung" und ihrer Auswirkung auf die Jünger, daher trieb er sie
an, sich bereits einzuschiffen, bis er das Volk gehen ließe . Über die geographische Lage des Ortes "Betsaida"
sind die Forscher sich nicht ganz einig (vgl. Mk 6,32; Lk 9,10; Joh
12,21 ). Die einfachste Lösung scheint zu sein, daß Betsaida Julias
(östlich des Jordan gelegen) sich bis auf die westliche Seite des Jordan
ausbreitete und dort "Betsaida in Galiläa" genannt wurde (vgl. Joh
1,44;12,21; Mk 1,21.29 ), eine Vorstadt von Kapernaum, in der in der
Hauptsache Fischer lebten (vgl. Joh 6,17 ). Die Jünger segelten vom
Nordostufer des Sees Genezareth nach dieser Stadt, wurden jedoch in
südlicher Richtung vom Kurs abgetrieben und landeten schließlich am
Westufer des Sees in Genezareth (vgl. Mk 6,53 ). Jesus selbst stieg, als
er die aufgeheizte Menge fortgeschickt hatte , auf einen nahegelegenen
Berg, um zu beten (vgl. den Kommentar zu Mk 1,35 ). Mk 6,47 Am Abend (zwischen Sonnenuntergang und Einbruch der
Dunkelheit) befand sich das Boot mit den Jüngern mitten auf dem See
(hier ist nicht die geographische Mitte gemeint), und Jesus war auf dem
Land allein . Wenn ihr Meister nicht bei ihnen war (oder es zumindest so
aussah), gerieten die Jünger häufig in schwierige Situationen, in denen
immer wieder ihr mangelnder Glaube zutage trat (vgl. Mk 4,35-41;9,14-32
). Mk 6,48 Jesus betete bis nach Mitternacht. In der
Zwischenzeit waren die Jünger kaum vorwärtsgekommen, denn der Wind (ein
starker Nordwind) stand ihnen entgegen . Im trüben Licht der frühen
Morgendämmerung, um die vierte Nachtwache (nach römischer Rechnung von
drei bis sechs Uhr morgens; vgl. Mk 13,35 ), sah Jesus, wie sie sich
abplagten beim Rudern und kam zu ihnen und ging über die aufgepeitschte
Wasserfläche. Die Worte und wollte an ihnen vorübergehen bedeuten nicht,
daß er sich nicht um sie kümmern wollte, sondern bezeichnen ein
"Vorübergehen" im Sinne einer Theophanie, wie sie das Alte Testament
kennt (vgl. 2Mo 33,19.22; 1Kö 19,11; Mk 6,50 b), um ihnen ihre Angst zu
nehmen. Mk 6,49-50 a Die Jünger schrien jedoch auf (vgl. Mk 1,23 ) vor
Entsetzen, als sie Jesus auf dem Wasser sahen. Sie meinten, es wäre ein
Gespenst ( phantasma , ein Phantom). Markus erklärt ihre Reaktion damit,
daß sie ihn alle sahen (und nicht nur ein oder zwei an eine
Halluzination glaubten) und deshalb so sehr erschraken . Mk 6,50-52 (Mk 6,50b-52) Doch Jesus beruhigte sie sogleich ( euthys ; vgl.
Mk 1,10 ) und sprach zu ihnen: Seid getrost ( tharseite ); fürchtet euch
nicht (wörtlich: "hört auf, euch zu fürchten")! Vertraute Wendungen, die
schon im Alten Testament Menschen in Angst und Not Mut zusprachen (vgl.
die LXX: Jes 41,10.13-14; Jes 43,1; Jes 44,2 ). Jenes tröstende
"Fürchtet euch nicht" kehrt insgesamt siebenmal im Neuen Testament
wieder und stammt mit einer Ausnahme ( Mk 10,49 ) immer aus dem Munde
Jesu (vgl. Mt 9,2.22;14,27; Mk 6,50; Joh 16,33; Apg 23,11 ). Die Worte
ich bin's (wörtlich: "ich bin", egO eimi) mögen einerseits nur ein
Erkennungszeichen sein ("ich bin's, Jesus"), doch wahrscheinlich soll in
ihnen an dieser Stelle auch die alttestamentliche Formel der göttlichen
Selbstoffenbarung anklingen: "Ich bin der ich bin" ( 2Mo 3,14; Jes
41,4;43,10-11;51,12;52,6 ). Als Jesus zu den Jüngern ins Boot trat, legte sich
der Wind ( ekopasen , "hörte auf, ruhte"; vgl. Mk 4,39 ), ein weiteres
Zeichen seiner Macht über die Natur (vgl. Mk 4,35-41 ). Die Jünger entsetzten sich über die Maßen (
existanto , wörtlich: "außer sich"; vgl. Mk 2,12;5,42 ) untereinander
über diese Demonstration der Gegenwart und Kraft Jesu. Nur das
Markusevangelium fügt hier noch erklärend ( gar , "denn") an, daß sie
offensichtlich durch das Wunder der Brote um nichts verständiger
geworden waren (vgl. Mk 6,35-44 ). Sie begriffen dieses Ereignis nicht
als einen Hinweis auf die wahre Identität Jesu, deshalb erkannten sie
ihn auch nicht, als er auf dem Wasser ging. Sie waren geistlich blind
(vgl. Mk 3,5 ). 3. Zusammenfassung: Jesu Heilungen in Genezareth ( 6,53 - 56 ) ( Mt 14,34-36 ) In diesen knappen Sätzen ist der Höhepunkt von Jesu
Wirken in Galiläa zusammengefaßt, unmittelbar vor seiner Abreise in die
Küstenregion um Tyrus und Sidon (vgl. Mk 7,24 ). Mk 6,53 Jesus und seine Jünger waren von Nordosten nach
Westen über den See Genezareth hinübergefahren (vgl. V. 45 ) und legten
in Genezareth , einer fruchtbaren, dicht besiedelten Ebene (drei
Kilometer breit und sechs Kilometer lang) am nordwestlichen Ufer des
Sees, südlich von Kapernaum, an. Die Rabbiner nannten diese Ebene "den
Garten Gottes" und "ein Paradies". Auch eine kleine Stadt dort trug den
Namen "Genezareth". Mk 6,54-56 Die Leute erkannten Jesus sofort (euthys; vgl. Mk
1,10 ) und fingen an, die Kranken auf Bahren zu ihm zu bringen, während
er durch das Land zog. In allen Orten, in die er kam, legten sie die
Kranken auf den Markt (offene Plätze). Aufgrund seiner vielen
Heilquellen war dieser Landstrich ohnehin Anziehungspunkt für viele
Leidende. Die Menschen baten Jesus immer wieder ( parekaloun
; vgl. Mk 5,10.23 ), daß sie auch nur den Saum seines Gewandes berühren
dürften, wenn er vorbeiging. Dieser "Saum" oder die "Einfassung" des
Kleides bestand aus einer Reihe blauer Quasten, die ein frommer Jude an
seinem Obergewand trug (vgl. 4Mo 15,37-41; 5Mo 22,12 ). Alle, die ihn berührten, wurden gesund (wörtlich:
"wurden gerettet"; vgl. Mk 5,28 ). Hier spielt Markus erneut auf die
persönliche Glaubensbeziehung zwischen Jesus und der kranken Person an
(vgl. Mk 3,7-10;5,25-34 ). Die Heilung erfolgte auch hier nicht durch
die Berührung, sondern durch das gnädige Handeln Jesu, der den in ihrer
Bitte sich äußernden Glauben der Menschen an ihn auf diese Weise
belohnte. 4. Der Streit mit den Religionsführern über die
Unreinheit ( 7,1 - 23 ) ( Mt 15,1-20 ) In diesem Abschnitt tritt erneut der Konflikt
zwischen Jesus und den religiösen Führern (vgl. Mk 2,1-3,6 ) und die
Ablehnung, die Jesus trotz seiner Beliebtheit beim Volk (vgl. Mk 6,53-56
) in Israel erfuhr (vgl. Mk 3,6.19-30;6,1-6 a), in den Vordergrund. Er
bildet damit eine Überleitung zu Jesu Wirken bei den Heiden ( Mk
7,24-8,10 ). Die Worte "unrein" ( Mk 7,2.5.15.18.20.23 ) und "Satzungen"
(V. 3.5.8.9.13 ), die sich wie ein roter Faden durch den Text ziehen,
machen den Abschnitt zu einer Einheit. a. Der Vorwurf der religiösen Führer ( 7,1 - 5 ) ( Mt 15,1-2 ) Mk 7,1-2 Die Pharisäer (vgl. Mk 2,16;3,6 ) und einige von
den Schriftgelehrten (vgl. Mk 1,22 ) aus Jerusalem trafen erneut mit
Jesus zusammen, wahrscheinlich in Kapernaum (vgl. Mk 7,17 ), um ihn und
seine Jünger zu befragen. Sie hatten einige seiner Jünger beobachtet, wie sie
mit unreinen Händen aßen. "Unrein" ( koinais , im Sinne von "gewöhnlich,
gemein") bedeutete, wie Markus seinen heidnischen Lesern erklärt,
ungewaschen , d. h. ohne die Durchführung der vorgeschriebenen rituellen
Waschungen. Mit diesem Terminus technicus wurde bei den Juden alles
bezeichnet, was nach ihren strengen religiösen Vorschriften verunreinigt
war und daher nicht in die Kategorie des Heiligen und Gottgefälligen
fiel. Mk 7,3-4 Vers 3 und 4 bilden einen Einschub, in dem Markus
seinen heidnischen Lesern, die außerhalb Palästinas lebten, die bei den
Juden übliche Praxis der zeremoniellen Waschungen erläutert ( gar ,
"denn"). Die Pharisäer und alle Juden (eine
Verallgemeinerung, die veranschaulichen soll, daß es sich hier um einen
festen Brauch handelte) befolgten streng die rituellen Waschvorschriften
und hielten so die Satzungen der Ältesten aufs genaueste ein. Diese
Satzungen, Auslegungen des Gesetzes, die das jüdische Leben bis ins
kleinste regelten, galten als ebenso bindend wie das geschriebene Gesetz
und wurden von frommen Schriftgelehrten von Generation zu Generation
weitergegeben. Später, im 3. Jh. v. Chr., wurde die mündliche Tradition
in der Mischna gesammelt und kodifiziert, die ihrerseits als Grundlage
für den Talmud und seinen Aufbau diente. Das häufigste Reinigungsritual war das Waschen der
Hände mit einer Handvoll Wasser, eine formale Handlung, die vor dem
Essen vollzogen werden mußte (vgl. TDNT, "katharos" , 3,418-24). Dies
war besonders wichtig, wenn man auf dem Markt gewesen war, wo man leicht
mit einem "unreinen" Heiden oder mit Dingen wie Geld oder "unreinen"
Gerätschaften in Berührung kommen konnte. Die Aussage, daß die Juden noch viele andre Dinge ,
von denen Markus dann einige aufzählt, hielten, d. h. noch viele andere
Vorschriften befolgten, deutet darauf hin, daß es in der hier geführten
Diskussion im Grunde um den gesamten, äußerst komplexen Bereich der
vorgeschriebenen rituellen Reinigung ging. Für einen frommen Juden war
die Nichtbeachtung dieser Vorschriften eine Sünde; sie zu befolgen, war
dagegen gleichbedeutend mit Rechtschaffenheit und Gehorsam gegenüber
Gott. Mk 7,5 Die religiösen Führer richteten ihre kritische
Anfrage an Jesus, der als Lehrer der Jünger die Verantwortung für ihr
Verhalten trug (vgl. Mk 2,18.24 ). Sie waren der Ansicht, daß die
Nichtbeachtung der rituellen Reinigungsvorschriften durch die Jünger auf
ein tieferliegendes Problem hindeutete: Ihre eigentliche Sorge war, daß
die Jünger, und auch Jesus, nicht nach den Satzungen der Ältesten lebten
(vgl. Mk 7,3 ). b. Jesu Antwort und Gegenfrage an seine Kritiker ( 7,6 - 13 ) ( Mt 15,3-9 ) Jesus bezog sich in seiner Antwort zunächst nicht
direkt auf das Verhalten der Jünger, sondern sprach die beiden Probleme
an, die der Frage zugrunde lagen: (a) die eigentliche Quelle religiöser
Autorität - die Tradition oder die Schrift ( Mk 7,6-13 ) - und (b) den
eigentlichen Grund der Verunreinigung - rituelle und moralische Vergehen
(V. 14 - 23 ). Mk 7,6-8 Jesus zitierte Jes 29,13 (fast wörtlich aus der
LXX) und wandte Jesajas Charakterisierung seiner Zeitgenossen auf die
Fragesteller an, die er Heuchler nannte (als solche werden die
religiösen Führer bei Markus nur einmal, an dieser Stelle, bezeichnet). Sie waren "Heuchler", weil sie die Gottesverehrung
zu einer rein äußerlichen Angelegenheit machten, ihm jedoch in ihren
Herzen , dem Mittelpunkt ihres Denkens und ihrer Entscheidungen, fern
waren (vgl. Mk 7,21;12,30 ). Ihr Gottesdienst (ihr frommes Tun) war
vergeblich ( matEn ), weil sie wie die Juden aus Jesajas Tagen
Menschengebote als Gebote Gottes ausgaben. Jesus warf ihnen also vor, Gottes Gebot , sein
Gesetz, aufzuheben, und statt dessen die Satzungen der Menschen zu
halten. Er wies nach, daß ihre mündliche Überlieferung (vgl. Mk 7,3.5 )
letztlich menschlichen Ursprungs war (vgl. V. Mk 9,13 ) und sprach
dieser Tradition mit Entschiedenheit jegliche Autorität ab. Mk 7,9 Er wiederholte seine Anschuldigung, daß die
religiösen Führer geschickt Gottes Gebote umgingen, um ihre eigenen
Satzungen aufzurichten (vgl. V. 8 ), und untermauerte sie mit einem
Beispiel (V. 10 - 12 ), das in plastischer Weise verdeutlichte, wie aus
ihrer Verdrehung des göttlichen Gebotes Sünde wurde. Mk 7,10 Mose hatte in unzweideutiger Form das Gebot
ausgesprochen (vgl. V. 13 ), daß man Vater und Mutter ehren solle. Er
formulierte die Pflichten der Kinder gegenüber ihren Eltern sowohl
positiv ( 2Mo 20,12 ,LXX, das fünfte Gebot; vgl. 5Mo 5,16 ) als auch
negativ ( 2Mo 21,17 ,LXX; vgl. 3Mo 20,9 ). Zu ihnen gehörte auch die
angemessene finanzielle Unterstützung und praktische Versorgung der
Eltern, wenn sie alt waren (vgl. 1Tim 5,4.8 ). Wer sich vor dieser
Verantwortung drückte und seine Eltern gar verächtlich behandelte,
sollte mit dem Tod bestraft werden. Mk 7,11-12 Im Anschluß daran zitierte Jesus eine Satzung der
Schriftgelehrten, die dieses Gebot Gottes klar umging. Die Worte, ihr
aber lehrt sind hervorgehoben, um den Gegensatz zu Moses Worten (V. 10 )
ganz deutlich zu machen. Laut "Überlieferung" der Schriftgelehrten war
es nämlich möglich, daß man seinen gesamten Besitz als Korban erklärte
und sich dadurch von der Erfüllung des fünften Gebots entband. "Korban" ist die griechische Übertragung eines
hebräischen Begriffes, mit dem eine Opfergabe für Gott bezeichnet wurde.
Es war eine Weiheformel, die über Geld und andere Besitztümer gesprochen
wurde, die damit durch ein unauflösliches Gelübde dem Tempel vermacht
wurden. Derartige Gaben durften nur noch für religiöse Zwecke verwendet
werden. Wenn ein Sohn also erklärte, daß die Mittel, die
eigentlich zur Versorgung seiner alternden Eltern aufgewandt werden
mußten, "Korban" seien, dann war er nach der Satzung der
Schriftgelehrten von dem Gebot Gottes, für die Eltern zu sorgen,
befreit, und es konnten keine gesetzlichen Ansprüche mehr an ihn
gestellt werden. Die Schriftgelehrten hoben eigens hervor, daß ein
solches Gelübde unaufhebbar war (vgl. 4Mo 30 ) und Priorität vor der
Verantwortung für die Familie hatte, ließen ihn also nichts mehr für
seinen Vater oder seine Mutter tun. Mk 7,13 Durch derartige Satzungen hoben sie letztlich
Gottes Wort auf . "Aufheben" ist die Übersetzung des griechischen Wortes
akyrountes , von akyroO , das in den Handschriften die Annullierung von
Verträgen bezeichnet. Die Billigung religiöser Schenkungen auf Kosten
des göttlichen Gebotes über die Pflichten gegenüber den Eltern hieß
nichts anderes, als menschliche Satzungen über Gottes Wort zu stellen. Das "Korban"-Gelübde war nur ein Beispiel von
vielen ähnlichen Fällen (z. B. Sabbatvorschriften; vgl. Mk 2,23-3,5 ),
in denen das Alte Testament durch die Zusätze der Schriftgelehrten
entstellt und verdunkelt wurde. c. Jesu Definition der wahren Unreinheit ( 7,14 - 23 ) ( Mt 15,10-20 ) An dieser Stelle ging Jesus doch noch konkreter auf
die Frage nach der Unreinheit ein (vgl. Mk 7,5 ). Er wandte sich dabei
zunächst an die Menge (V. 14 - 15 ) und teilte seinen Zuhörern eine
allgemein anwendbare, grundsätzliche Definition von Unreinheit mit.
Später erklärte er seinen Jüngern dieses Grundprinzip dann noch genauer
(V. 17 - 23 ). Mk 7,14-16 Nach einem feierlichen Aufruf an alle, aufmerksam
zuzuhören und das Gehörte zu überdenken (vgl. Mk 4,3 ), enthüllte Jesus
dem Volk die wahre Ursache der Unreinheit. Es gibt nichts, was von außen
in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte (vgl. Mk 7,2 ).
Jesus sprach hier in moralischem, nicht in medizinischem Sinn. Von dem,
was man ißt, wird man nicht moralisch unrein, auch dann nicht, wenn man
sich nicht vorher in vorgeschriebener Weise die Hände gewaschen hat. Was aus dem Menschen herauskommt (vgl. V. 21 - 23
), das ist's, was den Menschen unrein macht . Moralisch unrein wird man
von dem, was man im Herzen denkt, auch dann, wenn man die äußerlichen
Reinheitsvorschriften peinlich genau einhält. Jesus widersprach also der
rabbinischen Auffassung, indem er sagte, daß die Sünde aus dem Innern
des Menschen und nicht von außen kommt (vgl. Jer 17,9-10 ). Damit machte
er auch klar, worum es bei den Speisevorschriften im mosaischen Gesetz
(vgl. 3Mo 11; 5Mo 14,1-21 ) eigentlich ging: Ein Jude, der "Unreines"
aß, wurde nicht durch das Nahrungsmittel unrein, sondern dadurch, daß er
Gottes Gebot nicht gehorchte. Mk 7,17 Und als er von dem Volk ins Haus kam
(wahrscheinlich in Kapernaum; vgl. Mk 2,1;3,20 ), fragten ihn seine
Jünger nach diesem Gleichnis (V. 15 ). Die Unfähigkeit der Jünger, Jesu
Worte und Werke in ihrer wahren Bedeutung zu begreifen, wird in diesem
ganzen Abschnitt von Mk 6,32-8,26 immer wieder hervorgehoben und auf
ihre verhärteten Herzen zurückgeführt (vgl. Mk 6,52;8,14-21 ). Mk 7,18-19 Jesu Frage: "Seid ihr denn auch so unverständig?"
zeigt, daß sie seine Lehren trotz all der Erklärungen, die er ihnen
bereits gegeben hatte, ebensowenig verstanden. Jesus wiederholte ihnen nochmals in erweiterter
Form die negativ formulierte Wahrheit, daß alles, was von außen in den
Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann (vgl. V. 15 a), denn
die Nahrung (und alles andere) geht nicht in sein Herz , das Zentrum der
menschlichen Persönlichkeit, und hat daher auch keinen Einfluß auf seine
moralische Integrität, sondern sie geht nur in den Bauch (der mit der
Moral nichts zu tun hat). Der Schlußsatz von Vers 19 ist eine redaktionelle
Anmerkung des Evangelisten (vgl. Mk 2,10.28;3,30;13,14 ). Er will damit
offensichtlich die Bedeutung der Aussage Jesu für seine christlichen
Leser in Rom herausarbeiten, von denen manche möglicherweise durch die
jüdischen Speisevorschriften verunsichert waren (vgl. Röm 14,14; Gal
2,11-17; Kol 2,20-22 ). Markus sagt ihnen deshalb ganz klar, daß Jesus
für die Christen alle Speisen für rein erklärte . Es dauerte lange, bis
sich diese Wahrheit in der frühen Kirche durchsetzte (vgl. Apg 10,1-16;
Apg 15,7-29 ). Mk 7,20-23 Danach ging Jesus erläuternd auf den positiven Satz
ein, daß alles, was aus dem Menschen herauskommt (vgl. V. 15 b), also
von innen, aus dem Herzen der Menschen , moralisch unrein macht (vgl. V.
19 ). Der allgemeine Begriff, der im Deutschen mit böse
Gedanken übersetzt ist, geht im griechischen Text dem Verb voran, um
anzuzeigen, daß hier die Wurzel anderer Übel liegt, die daraus folgen.
Im Herzen entstandene schlimme Gedanken vereinen sich mit dem Willen des
Menschen und führen so zu bösen Worten und Taten. Der Katalog der Vergehen, die Jesus dann auflistet,
erinnert stark an das Alte Testament. Er besteht aus zwölf Punkten.
Zuerst kommen sechs Substantive (sie stehen im Griechischen im Plural),
die böse Taten widerspiegeln: Unzucht (porneiai, "unerlaubte sexuelle
Handlungen aller Art"), Diebstahl ( klopai ), Mord ( phonoi ), Ehebruch
( moicheiai , "verbotene sexuelle Beziehungen einer verheirateten
Person"), Habgier ( pleonexiai , "Begierde"), das unstillbare Verlangen
nach dem, was anderen gehört, und schließlich Bosheit ( ponEriai ,
"Schlechtigkeit"), die vielfältigen Äußerungsformen böser Gedanken. Dann folgen sechs Substantive, die im Singular
stehen und böse Haltungen oder Veranlagungen zum Ausdruck bringen:
Arglist ( dolos ), Täuschungsmanöver, mit denen man andere um des
eigenen Vorteils willen hinters Licht führt; Ausschweifung ( aselgeia ;
vgl. Röm 13,13; Gal 5,19; Eph 4,19; 2Pet 2,2.7 ), maß- und schamloses
unmoralisches Verhalten; Mißgunst ( ophthalmos ponEros , wörtlich:
"böser Blick", ein hebräischer Ausdruck für Geiz; vgl. Spr 23,6 ), Neid
und Eifersucht auf den Besitz anderer; Lästerung ( blasphEmia ),
schmähende oder verleumderische Äußerungen gegenüber Gott oder anderen
Menschen; Hochmut ( hyperEphania ; das Wort steht nur an dieser Stelle
im Neuen Testament), das prahlende Herausstellen seiner selbst gegenüber
anderen, die mit verächtlicher Herablassung betrachtet werden; und
Unvernunft ( aphrosynE ), geistliche und moralische Stumpfheit. Alle diese bösen Dinge verunreinigen den Menschen,
und sie kommen von innen heraus , aus dem Herzen. Jesus lenkte also die
Aufmerksamkeit weg von den äußeren Ritualen und betonte statt dessen,
wie sehr die Menschen Gott brauchen, damit er ihre Herzen rein mache
(vgl. Ps 51 ). 5. Die Heilung der Tochter der syrophönizischen
Frau ( 7,24-30 ) ( Mt 15,21-28 ) Dies ist die erste von drei Episoden im
Zusammenhang mit der dritten Reise Jesu über die Grenzen Galiläas
hinaus, von denen Markus berichtet (zu diesen drei Reisen vgl. Mk
4,35;5,20;6,32-52;7,24-8,10 ). Auf dieser Reise verließ er,
wahrscheinlich das ersteund einzige Mal, Palästina. Seine Erlebnisse auf
heidnischem Boden fügen sich nahtlos an das in den Versen 1-23 Gesagte
und weisen voraus auf die Verkündigung des Evangeliums in der
heidnischen Welt (vgl. Mk 13,10;14,9 ). Mk 7,24 Jesus ging von dort (wahrscheinlich Kapernaum) in
das Gebiet von Tyrus , einer Hafenstadt am Mittelmeer, in Phönizien (dem
heutigen Libanon), etwa sechzig Kilometer nordwestlich von Kapernaum. An
dieser Stelle sollten die Worte "und Sidon" ergänzt werden (vgl. V. 31
), die von äußerst zuverlässigen frühen griechischen Handschriften
bezeugt sind. Jesus zog nicht dorthin, um auch hier öffentlich zu
predigen, sondern um endlich einmal allein zu sein, was ihm bisher
nirgends gelungen war (vgl. Mk 6,32-34.53-56 ), und um sich ungestört
seinen Jüngern widmen zu können. Deshalb wollte er es niemanden wissen
lassen , daß er dort war. Doch er konnte seine Anwesenheit nicht
geheimhalten , denn die Nachricht über seine Heilungen war ihm
vorausgeeilt (vgl. Mk 3,8 ). Mk 7,25-26 Eine nicht mit Namen genannte Frau, deren
Töchterlein einen unreinen Geist hatte (vgl. Mk 1,23;5,2 ), kam alsbald
( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) und fiel nieder zu seinen Füßen , eine Geste,
die ihre Ehrerbietung, aber auch ihren tiefen Kummer über den Zustand
ihrer Tochter zum Ausdruck brachte (vgl. Mk 9,17-18.20-22.26 ). Sie bat
Jesus eindringlich, daß er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe . Markus hebt ausdrücklich hervor, daß die Frau keine
Jüdin war; sie war eine Griechin, stammte jedoch nicht aus Griechenland,
sondern aus einer heidnischen Kultur und Religion - aus Syrophönizien ,
einem Teil der Provinz Syrien. Matthäus bezeichnet sie als
"kanaanitische Frau" ( Mt 15,22 ). Mk 7,27 Jesu Entgegnung spiegelte den eigentlichen Grund
seines Aufenthalts in dieser Gegend wider, in der er hoffen konnte,
unbehelligt zu bleiben (vgl. V. 24 ). Sie war dem Auffassungsvermögen
der Frau angepaßt und in bildhafte Formulierungen gekleidet: Die Kinder
waren seine Jünger (vgl. Mk 9,35-37 ), das Brot der Kinder sein Wirken
an ihnen, und die Hunde (wörtlich: "kleine Hunde", Haustiere, im
Gegensatz zu den in freier Wildbahn lebenden Tieren, die sich von Aas
ernährten) waren die Heiden (an dieser Stelle nicht im anbetenden
Sinne). Jesus teilte der Frau also mit, daß er in erster
Linie hier sei, um seine Jünger zu lehren. Wie es unpassend wäre, eine
Mahlzeit in der Familie zu unterbrechen, um die Hunde mit dem Essen vom
Tisch zu füttern, so wäre es auch nicht richtig, die Unterweisung der
Jünger zu unterbrechen, um ihr, einer Heidin, zu helfen. Doch diese
Weigerung ließ den Glauben der Frau nur noch wachsen. Andere Exegeten sehen in den Worten Jesu eine
weitreichendere theologische Aussage: Die Kinder (das ungläubige Israel)
mußten gespeist werden (Jesu Auftrag); ihr Brot (besondere Privilegien,
darunter auch das Vorrecht, als erste Jesu Wirken zu erfahren) durfte
nicht vor die Hunde (die Heiden) geworfen werden, weil deren
"Fütterungszeit" (die weltweite Verkündigung des Evangeliums) noch nicht
gekommen war. Obwohl diese Überlegungen theologisch richtig sind, gehen
sie hier doch sicherlich über das, was Markus sagen wollte, hinaus. Mk 7,28 Die Frau akzeptierte Jesu Antwort mit den Worten:
"Ja, Herr" (eine respektvolle Anrede). Sie war sich im klaren darüber,
daß er das Recht hatte, ihre Bitte abzuschlagen, doch ohne eine
Beleidigung in dem Vergleich zu sehen, den er gerade benutzt hatte,
trieb sie diesen sogar noch einen Schritt weiter und gab ihm zu
bedenken: "Aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen
der Kinder." Ihr Einwand lief darauf hinaus, daß die Hunde zur
gleichen Zeit wie die Kinder Essen bekommen, also nicht einfach warten
müssen. Sie verlangte ja gar nicht, daß er seine Arbeit mit den Jüngern
unterbrach; alles, worum sie ihn demütig bat, war ein Brosamen, ein
kleiner Beweis seiner Gnade für ihre verzweifelte Not. Mk 7,29-30 Aufgrund dieses Wortes , an dem sich ihre Demut und
ihr Glaube zeigten, sagte Jesus zu ihr, sie solle nach Hause gehen (vgl.
Mk 2,11;5,34;10,52 ), und versicherte ihr, daß der böse Geist von ihrer
Tochter ausgefahren sei. Die Verbform ist ausgefahren (Perfekt) deutet
an, daß die Heilung bereits vollzogen war. Als sie in ihr Haus zurückkehrte, fand sie das Kind
tatsächlich ruhig auf dem Bett liegen, und der böse Geist war
ausgefahren . Das ist das einzige Wunder im Markusevangelium, das Jesus
aus der Ferne vollbrachte, ohne irgendeine befehlende Formel
auszusprechen. 6. Die Heilung des Taubstummen ( 7,31 - 37 ) Von diesem Wunder berichtet nur Markus. Es bildet
den Abschluß eines Erzählzyklus ( Mk 6,32-7,37 ) und mündet in ein
Bekenntnis des Volkes über Jesus ( Mk 7,37 ). In dem, was hier
geschieht, spiegelt sich bereits das Öffnen der "Ohren" der Jünger (vgl.
Mk 8,18.27-30 ). Mit Kapitel 8,1 beginnt dann ein zweiter Erzählzyklus,
der im Bekenntnis der Jünger gipfelt ( Mk 8,27-30 ). Mk 7,31-32 Jesus verließ das Gebiet von Tyrus (vgl. V. 24 )
wieder und wandte sich nach Norden, wobei er nach etwa dreißig
Kilometern durch Sidon , eine Küstenstadt, kam. Dann zog er, unter
Vermeidung Galiläas, nach Südosten, an die Ostküste des Galiläischen
Meeres, mitten in das Gebiet der Zehn Städte (vgl. Mk 5,20 ). Dort baten ihn einige Leute, einem Mann die Hand
aufzulegen (vgl. Mk 5,23 ), der taub war und kaum sprechen konnte (
mogilalon , "nur unter Schwierigkeiten sprechend"). Dieses seltene Wort
taucht nur an dieser einen Stelle und einmal in der Septuaginta, bei Jes
35,6 ,auf, einem Abschnitt, der vom Kommen der Gottesherrschaft auf
Erden spricht. Die verheißenen Wunder, von denen dabei die Rede war,
wurden in Jesu Amt bereits Wirklichkeit (vgl. Mk 7,37;1,15 ). Mk 7,33-35 Jesus setzte bei der Heilung des Mannes
Zeichensprache und verschiedene symbolische Handlungen (die Markus nicht
näher erklärt) ein, die in einzigartiger Weise auf die Bedürfnisse des
Taubstummen abgestimmt waren und Glauben in ihm weckten. Er nahm ihn
beiseite (vgl. Mk 6,32 ), um sich ihm ganz persönlich, ungestört von der
Menge, zu widmen. Durch das Berühren der Ohren und der Zunge und sein
Aufblicken zum Himmel (zu Gott; vgl. Mk 6,41 ) vermittelte er dem
anderen ein klares Bild dessen, was er tat. Sein tiefer Seufzer war
möglicherweise Ausdruck seines Mitleids, eher jedoch wohl eine Äußerung
der starken Emotionen im Kampf gegen die satanischen Mächte, die den
Leidenden in ihrer Gewalt hatten. Schließlich gab Jesus ihm den aramäischen Befehl:
"Hefata!, das heißt: Tu dich auf!" (wörtlich: "sei völlig geöffnet").
Ein Tauber konnte dieses Wort leicht von den Lippen lesen; daß Jesus es
auf aramäisch sagte, deutet vielleicht darauf hin, daß der Mann kein
Heide war. Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) taten sich seine
Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig
. Sprachstörungen sind häufig auf Hörstörungen zurückzuführen - sowohl
im körperlichen als auch im seelischen und geistlichen Bereich. Mk 7,36 Je mehr Jesus, der im Gebiet der Zehn Städte
predigen wollte, ohne sich gleichzeitig als "Wundertäter" einzuführen,
den Leuten verbot , über diese Heilung zu sprechen, desto mehr breiteten
sie es aus (vgl. Mk 1,44-45;5,20.43 ). Mk 7,37 Gerade auch über dieses Werk Jesu wunderten sich (
exeplEssonto ; "überwältigt"; vgl. Mk 1,22;6,2;10,26 ) die Menschen über
die Maßen ( hyperperissOs , ein verstärkendes Adverb, das im Neuen
Testament nur an dieser Stelle steht). Das Bekenntnis, in dem ihr Erstaunen gipfelte, ist
eine allgemeine Aussage darüber, wen diese Leute nach allem, was sie
schon zuvor über ihn gehört hatten (vgl. Mk 3,8;5,20 ), in Jesus sahen.
Die Worte die Tauben und die Sprachlosen stehen dabei im Plural und
beziehen sich auf zwei verschiedene Kategorien von Menschen. Markus kam
es wahrscheinlich darauf an, die Anspielung auf Jes 35,3-6 im Bekenntnis
der Menge herauszuarbeiten. 7. Die Speisung der Viertausend ( 8,1 - 10 ) ( Mt 15,32-39 ) In Kapitel 8,1-30 schildert Markus eine Reihe von
Ereignissen, die eine Parallele zu den Geschehnissen in Mk 6,32-7,37
bilden. Trotz der wiederholten Erfahrung der Wunder Jesu und dem
ständigen Umgang mit seiner Lehre taten sich die Jünger noch immer
schwer damit, "zu sehen und zu hören", d. h. wirklich zu begreifen, wer
Jesus war (vgl. Mk 8,18 ). In beiden Erzählzyklen spielt die Speisung
einer großen Menge Volks eine wichtige Rolle (vgl. Mk 6,52;8,14-21 ). Mk 8,1-3 Während Jesu Wirken im Gebiet der Dekapolis (vgl.
Mk 7,31 ) versammelte sich wieder eine große Menge um ihn,
wahrscheinlich sowohl Juden als auch Heiden. Nachdem die Menschen Jesus drei Tage lang zugehört
hatten, hatten sie nichts mehr zu essen. Sie waren so schwach vor
Hunger, daß sie, wenn Jesus sie hätte hungrig heimgehen lassen, auf dem
Wege verschmachtet wären; denn einige von ihnen waren von ferne
gekommen. Jesus jammerte ihre physische Not (vgl. Mk 6,34 ),
und er sprach die Jünger darauf an (vgl. dazu Mk 6,35-36 ,wo die Jünger
umgekehrt ihn darauf aufmerksam machten). Er ergriff also selbst die
Initiative, um die Menge, die auf Speise verzichtet hatte, um sich an
seinem Wort sattzuhören, mit leiblicher Nahrung zu versorgen. Mk 8,4-5 Die Frage der Jünger bewies erneut, wie schwer es
ihnen fiel zu verstehen, was es bedeutete, daß Jesus in dieser neuen
schwierigen Lage bei ihnen war. Ihre Entgegnung zeigte aber auch, daß
sie sich nicht dazu imstande fühlten, etwas gegen den Hunger der
wartenden Menge zu unternehmen. Damit gaben sie indirekt das Problem,
das sie nicht bewältigen konnten, an Jesus zurück (vgl. dazu Mk 6,37 ,wo
auch das anders war). Jesu Frage, wieviel Brote sie noch hätten, ließ
seine Absicht erkennen und war eine Aufforderung an die Jünger, sich der
Mittel, die ihnen zu Gebote standen - sieben Brote und "einige Fische"
(vgl. Mk 8,7; Mt 15,34 ) - zu bedienen. Mk 8,6-7 Die Speisung der Menge verlief ganz ähnlich wie die
der Fünftausend (vgl. Mk 6,39-42 ). Die griechischen Partizipien, die im
Deutschen mit den Imperfektformen nahm und dankte ( eucharistEsas ; vgl.
Mk 14,23 ) wiedergegeben sind, und das Wort brach stehen im Urtext im
Aorist, bezeichnen also abgeschlossene Handlungen, wohingegen die
Verbform gab auch im Griechischen Imperfekt ist, wodurch angezeigt wird,
daß Jesus den Jüngern immer wieder Brot zum Austeilen zureichte (vgl. Mk
6,41 ). Dasselbe tat er mit einigen Fischen . Mk 8,8-9 a Ganz knapp berichtet Markus dann noch, daß durch
das Wunder alle genug zu essen bekamen ( sie aßen aber und wurden satt
), daß noch überreichliche Reste blieben (sieben Körbe voll) und auch
hier wieder sehr viele Menschen gespeist worden waren ( viertausend ,
dazu noch Frauen und Kinder; vgl. Mt 15,38 ). Allerdings wurden diesmal zum Aufsammeln der
übriggebliebenen Brocken andere Körbe ( spyridas ) verwendet als bei der
Speisung der Fünftausend ( kophinoi ; Mk 6,43; vgl. Mk 8,19-20 ). Es
handelte sich dabei um Sisal- oder Bastkörbe, die manchmal so groß
waren, daß ein Mann darin transportiert werden konnte (vgl. Apg 9,25 ).
Die "sieben Körbe voll" (vielleicht für jeden Laib Brot einer) faßten
also wahrscheinlich mehr als die zwölf Körbe, von denen in Mk 6,43 die
Rede ist. Mk 8,9-10 (Mk 8,9b-10) Als er die Menge entlassen hatte, stieg Jesus
alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) mit seinen Jüngern in ein Boot und
setzte in die Gegend von Dalmanuta , eine Stadt in der Nähe von
Tiberias, an der Westseite des Sees Genezareth (vgl. Mk 8,13.22; auch
Magadan genannt; vgl. Mt 15,39 ), über. 8. Die Forderung der Pharisäer nach einem Zeichen ( 8,11 - 13 ) ( Mt 16,1-4 ) Mk 8,11 Die Führer der religiösen Partei, die Pharisäer
(vgl. Mk 3,22-30; 7,1-5 ), kamen heraus und fingen an, mit ihm zu
streiten ( syzEtein , "disputieren, debattieren"). Sie wollten ihn
versuchen (von peirazO ; vgl. Mk 1,13;10,2;12,15 ), um ihn dazu zu
bringen, die Quelle seiner Macht preiszugeben (vgl. Mk 3,22-30;11,30;
5Mo 13,2-5;18,18-22 ). Aus diesem Grund forderten sie (von zEteO ; vgl.
Mk 11,18;12,12;14,1.11.55 ) von ihm ein Zeichen vom Himmel , an dem
seine göttliche Vollmacht sichtbar werden sollte. Im Alten Testament war
ein "Zeichen" nicht so sehr eine Demonstration der Macht als vielmehr
ein Beleg dafür, daß eine Äußerung oder Handlung echt und glaubwürdig
war (vgl. TDNT, " sEmeion ", 7,210-6;234-6). Die Pharisäer baten also
nicht um ein spektakuläres Wunder, sondern um den unumstößlichen Beweis,
daß er und sein Auftrag von Gott kamen, denn sie glaubten ja ganz das
Gegenteil (vgl. Mk 3,22 ). Mk 8,12 Jesus seufzte in seinem Geist (vgl. Mk 7,34 ) und
stellte ihnen eine rhetorische Frage, die seinen Unmut über ihren
verbohrten Unglauben deutlich machte. Die Worte dieses Geschlecht stehen
dabei für das ganze Volk Israel, wie es in seinen Repräsentanten, den
religiösen Führern, vor ihm stand (vgl. Mk 8,38;9,19;13,30 ). Immer
wieder hatte das Volk die Gnade, die Gott ihm erweisen wollte,
zurückgestoßen (vgl. 5Mo 32,5-20; Ps 95,10 ). Mit einer feierlichen Einleitungsformel ( wahrlich,
ich sage euch ; vgl. Mk 3,28 ) und einer hebräischen Wendung, die starke
Ablehnung ausdrückt (vgl. Ps 95,11; Hebr 3,11;4,3.5 ), wies Jesus ihre
Forderung zurück: "Es wird diesem Geschlecht kein Zeichen gegeben
werden!" Matthäus spricht in diesem Zusammenhang noch von einer einzigen
Ausnahme, "dem Zeichen des Jona" ( Mt 16,4 ), d. h. Jesu Auferstehung
(vgl. Mt 12,39-40 ). Im Markusevangelium wird vom Wortschatz her klar
zwischen einem Wunder ( dynamis ) und einem Zeichen ( sEmeion )
unterschieden. Das erstere war eine Bestätigung für Gottes Gegenwart und
Macht in Jesus. Die Forderung nach einem Wunder kann daher ein legitimer
Ausdruck des Glaubens eines Menschen sein (z. B. Mk 5,23;7,26.32 ), sie
wird jedoch illegitim, wenn sie, wie es bei den Pharisäern der Fall war,
dem Unglauben entspringt. Mk 8,13 Wie empört Jesus über den Vorfall war, sehen wir an
seinem raschen Aufbruch. Er fuhr wieder über den See Genezareth, hinüber
an die Nordostküste. Sein öffentliches Wirken in Galiläa war damit
beendet. 9. Die Jünger verstehen Jesu Worte und Werke nicht ( 8,14 - 21 ) ( Mt 16,5-12 ) Mk 8,14 Ihre überstürzte Abreise (V. 13 ) war
wahrscheinlich der Grund dafür, daß die Jünger vergessen hatten, Brot
mitzunehmen . Sie besaßen nur noch ein Brot - was ja aber durchaus
ausreichte, wenn Jesus sich an Bord befand (vgl. Mk 6,35-44 ). Mk 8,15 Jesus, der noch an die Begegnung bei Tiberias (V.
11 - 13 ; der Ort, an dem auch der Palast des Herodes lag) denken mußte,
warnte seine Jünger (wörtlich: gab ihnen weiterhin Anordnungen; vgl. Mk
7,36 ) vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes
Antipas . Schon eine kleine Menge Sauerteig kann in einer
großen Menge Brotteig viel bewirken. "Sauerteig" war daher bei den Juden
eine gebräuchliche Metapher für eine unsichtbare, aber sehr wirksame
Kraft. Häufig versinnbildlichte der Begriff, wie hier, einen
verderblichen Einfluß. An dieser Stelle ist damit das allmähliche
Wachsen des Unglaubens gemeint. Das stand hinter der Bitte der
Pharisäer, die ein Zeichen sehen wollten, obwohl sie sich bereits ein
abschließendes Urteil gebildet hatten (vgl. Mk 6,14-16; Lk
13,31-33;23,8-9 ). Wie Jesu Ausruf ( Mk 8,12 ) deutlich machte, hatte
diese Haltung bereits auf das ganze Volk Israel übergegriffen, und er
wollte nun seine Jünger davor warnen, indem er sie zum Glauben und
Verstehen ohne Zeichen aufrief (vgl. V. 17 - 21 ). Mk 8,16 Die Jünger überhörten seinen Hinweis auf die
Pharisäer und Herodes jedoch völlig. Sie verstanden nur das Wort
"Sauerteig" und dachten, Jesus habe von ihrem Brotmangel gesprochen. Mk 8,17-18 Mit leidenschaftlichen, eindringlichen Fragen
versuchte Jesus, ihnen ihr fehlendes geistliches Verständnis
klarzumachen (vgl. Mk 4,13.40;6,52 ). Da er merkte, was sie besprachen
(vgl. Mk 8,16 ), tadelte er sie zunächst nicht, weil sie seine Warnung
nicht begiffen hatten (V. 15 ), sondern dafür, daß sie es offensichtlich
einfach nicht fertigbrachten, sich auf seine Gegenwart zu verlassen.
Ihre Herzen waren verhärtet (vgl. Mk 6,52 ). Sie hatten Augen und sahen
nicht und Ohren und hörten nicht (vgl. Jer 5,21; Hes 12,2 ). So waren
sie im Grunde nicht besser als die "draußen" (vgl. Mk 4,11-12 ) und
hatten ein ebenso kurzes Gedächtnis wie die Menge. Mk 8,19-20 Die Fragen über die beiden wunderbaren Speisungen
(vgl. Mk 6,35-44;8,1-9 ) machen überdeutlich, daß die Jünger weder die
Bedeutung dessen, was sie gesehen hatten, verstanden, noch die wahre
Identität Jesu erkannten. Mk 8,21 Jesu Frage: "Begreift ihr denn noch nicht?" war
eher ein Appell als ein Verweis. Das Gewicht, das Jesus dem Begreifen
der Jünger beilegte (V. 17-18.21 ), zeigt, worum es ihm in seinen Worten
und Werken ging, und wieweit er noch von seinem Ziel entfernt war. 10.
Die Heilung des Blinden in Betsaida ( Mk 8,22-26 ) Dieses Heilungswunder und sein Gegenstück in
Kapitel 7,31 - 37 , das vom Aufbau her gleich ist, sind die beiden
einzigen Wundergeschichten, die ausschließlich im Markusevangelium
berichtet werden. Es ist außerdem das einzige Wunder, das Jesus in zwei
Schritten vollbrachte. "Sehen" war zugleich eine weitverbreitete
Metapher für "Verstehen", so daß das Geschehen auch als ein Sinnbild für
das zwar richtige, aber noch unvollständige Begreifen der Jünger
aufgefaßt werden kann. Mk 8,22 Als Jesus und die Jünger in Betsaida Julias ankamen
(vgl. V. 13 ; Mk 6,32 ), brachten sie einen Blinden zu ihm und baten
ihn, daß er ihn anrühre und heile (vgl. Mk 5,23;7,32 ). Mk 8,23-24 Jesus führte den Blinden hinaus vor das Dorf ,
wahrscheinlich, um wie immer einen persönlichen Kontakt zu ihm
herzustellen (vgl. Mk 7,33 ) und um die Öffentlichkeit auszuschließen (
Mk 8,26 ). Normalerweise waren Jesu Wunder öffentliche Ereignisse (vgl.
Mk 1,23-28.32-34; 3,1-12; 6,53-56; 9,14-27; 10,46-52 ), doch bei Markus
gibt es drei Ausnahmen ( Mk 5,35-43;7,31-37;8,22-26 ). Die beiden
letzteren Vorfälle sollten wahrscheinlich zum Ausdruck bringen, daß das
rechte Verstehen nur durch eine persönliche Beziehung zu Jesus,
unbeeinflußt von der Meinung der Menge, möglich ist. Die Berührung des Mannes mit Speichel und das
Handauflegen (vgl. Mk 7,33 ) zeigte dem Blinden Jesu Absicht und weckte
seinen Glauben. Doch zuerst kam es nur zu einer teilweisen
Wiederherstellung seiner Sehkraft. Er sah auf (vgl. Mk 8,25 ) und nahm
die Menschen (vielleicht die Zwölf) nur als verschwommene, sich
bewegende Objekte wahr, als sähe er Bäume umhergehen . Jesu
ungewöhnliche Frage: "Siehst du etwas?" zeigte, daß dieses Ergebnis in
seiner Absicht gelegen hatte, daß das unvollständige Gelingen des
Wunders also nicht etwa auf den schwachen Glauben des Mannes
zurückzuführen war. Es war vielmehr eine bildhafte Fortsetzung des
Tadels, den er den Jüngern zuvor erteilt hatte (V. 17 - 21 ). Der Mann
war zwar nun nicht mehr stockblind, doch er sah vorerst nur wenig. Wie
sehr ähnelten ihm darin die Jünger! Mk 8,25 Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen.
Da sah er deutlich (von diablepO ; in V. 24 steht eine Form von anablepO
) und wurde wieder zurechtgebracht, so daß er alles scharf sehen (von
emblepO ) konnte . Jetzt konnte der vormals Blinde wieder sehen, ein
Ereignis, auf das auch die Jünger, trotz ihrer langsamen Fortschritte,
hoffen durften. Mk 8,26 Offensichtlich lebte der Mann nicht in Betsaida, da
Jesus ihn mit der Ermahnung heimschickte: "Geh nicht hinein in das
Dorf!" (d. h. "geh nicht zuerst dorthin"). Wahrscheinlich wurde auch ihm
Schweigen auferlegt, damit Jesus sein Werk in Ruhe fortführen konnte
(vgl. Mk 1,44-45;5,43;7,36 ). D. Schluß: Petrus' Bekenntnis, daß Jesus der
Christus ist ( 8,27 - 30 ) ( Mt 16,13-20; Lk 9,18-21 ) In den Mittelpunkt seines Evangeliums stellte
Markus das Bekenntnis des Petrus, daß Jesus der Messias sei. Bis zu
diesem Moment stand immer die Frage im Hintergrund: "Wer ist dieser Mann
eigentlich?". Nach Petrus' Erklärung im Namen aller zwölf Jünger
verlagert sich dann die Intention des Evangeliums ganz auf das Kreuz und
die Auferstehung. Von jetzt an lautet die allem zugrundeliegende
doppelte Frage: "Worin besteht seine Aufgabe als Messias, und was heißt
es, ihm zu folgen?" Die folgende wichtige Passage ist also der
entscheidende Wendepunkt, zu dem die erste Hälfte des Buches hinführt
und von dem aus sich die zweite Hälfte weiterentwickelt. Mk 8,27 Jesus zog mit seinen Jüngern in die etwa vierzig
Kilometer nördlich von Betsaida (vgl. V. 22 ) gelegenen Dörfer bei
Cäsarea Philippi , einer Stadt an der Jordanquelle, vor den südlichen
Ausläufern des Hermongebirges. Sie lag in der Tetrarchie des Herodes
Philippus, der ihr seinen Namen gab, um sie von dem anderen Cäsarea am
Mittelmeer zu unterscheiden. Auf dem Wege ( en tE hodO ; vgl. Mk
1,2;9,33-34;10,17.32.52 ) fragte er seine Jünger , was die Leute von ihm
sagten. Jesu Fragen bildeten häufig den Ausgangspunkt für eine neue
Aussage seiner Lehre (vgl. Mk 8,29;9,33;12,24-25 ). Mk 8,28 Die Antwort der Jünger entsprach den in Kapitel
6,14 - 16 festgehaltenen Äußerungen. Johannes der Täufer, Elia, einer
der Propheten . Alle diese Hypothesen waren falsch und zeigten, daß Jesu
wahre Identität und sein Auftrag den Menschen nach wie vor verborgen
blieben. Mk 8,29 Dann fragte Jesus die Jünger ganz persönlich: "Ihr
aber, wer sagt ihr, daß ich sei?" Die Betonung liegt auf dem "ihr", auf
denjenigen, die er selbst auserwählt und ausgebildet hatte. Petrus
machte sich wie schon häufig zum Sprecher der Zwölf (vgl. Mk
3,16;9,5;10,28;11,21 ) und erklärte: "Du bist der Christus , der
Messias, der Gesalbte Gottes" (vgl. Mk 1,1 ). Dieses freie Bekenntnis der Jünger war - gerade zu
diesem Zeitpunkt (vgl. Joh 1,41.51 ) - deshalb so entscheidend, weil die
Menschen im allgemeinen Jesu wahre Identität verkannten und die
religiösen Führer ihn sogar aufs heftigste bekämpften, während er selbst
im Begriff stand, den Jüngern Dinge über sich zu offenbaren, die für sie
nicht ohne schwerwiegende Folgen bleiben sollten. Es war also ungemein
wichtig, daß die Frage nach seiner Identität hier ein für alle Mal
geklärt wurde und feststand. Das Glaubensbekenntnis der Jünger war,
ungeachtet ihres zeitweiligen Versagens und ihrer Fehler und Schwächen,
der Dreh- und Angelpunkt für ihre Nachfolge (vgl. Mk 14,50.66-72 ). Markus gibt das Bekenntnis des Petrus in seiner
einfachsten, knappsten Form wieder (vgl. Mt 16,16-19 ) und stellt damit
die Aussagen Jesu über das Wesen seines messianischen Auftrags in den
Mittelpunkt (vgl. Mk 8,31;9,30-32;10,32-34.45 ). Mk 8,30 Jesus gebot ihnen streng (wörtlich: "befahl"; vgl.
Mk 1,25;3,12 ), daß sie niemandem sagen sollten , daß er der Messias
war. Die Menschen hatten sich viele falsche Vorstellungen über den
"Messias" zurechtgelegt. Den verheißenen davidischen Messias (vgl. 1Sam
7,14-16; Jes 55,3-5; Jer 23,5 ) dachte man sich als eine politische
Gestalt, die sich an die Spitze einer nationalistischen Bewegung setzen
und die Juden von der römischen Herrschaft befreien würde (vgl. Mk
11,9-10 ). Jesu messianischer Auftrag sah dagegen völlig anders aus und
war weit umfassender, daher zögerte er auch, diesen Titel zu benutzen
(vgl. Mk 12,35-37;14,61-62 ). Außerdem waren die Jünger noch nicht dazu
in der Lage, die wahre Bedeutung des Messiasamtes Jesu zu verkünden. Jesus wußte, daß er Gottes Gesalbter war (vgl. Mk
9,41;14,62 ), deshalb ließ er Petrus' Erklärung als korrekte
Feststellung stehen. Dennoch gebot er den Jüngern, die allzuleicht
Mißverständnissen über seine Person erlagen ( Mk 8,32-33 ),
Stillschweigen, bis er ihnen erklären konnte, daß er als Messias leiden
und sterben mußte, um Gottes Willen zu tun ( Mk 8,31 ). VI. Jesu Reise nach Jerusalem ( 8,31 - 10,52 ) Den Rahmen für den vierten größeren Abschnitt des
Markusevangeliums bildet die Reise Jesu von Cäsarea Philippi im Norden,
wo die Jünger ihn als Messias bekannten, nach Jerusalem im Süden, wo er
seinen messianischen Auftrag zu Ende führte ( Mk
8,27;9,30.31;10,1.17.32;11,1; vgl. auch Mk 14,28; Mk 16,7 ). Jesus legte hier das Wesen seiner Berufung als
Messias dar und machte deutlich, was das für all jene, die ihm
nachfolgen wollten, bedeutete. Dabei besteht eine ausgewogene Spannung
zwischen der Verborgenheit und Verhülltheit seines Leidens und seinem
zukünftigen Offenbarwerden in Herrlichkeit. Der Text gruppiert sich um
drei Leidensankündigungen: Mk 8,31-9,29;9,30-10,31;10,32-52 .Jede der
drei Einheiten enthält eine Vorhersage ( Mk 8,31;9,30-31;10,32-34 ), die
jeweilige Reaktion der Jünger ( Mk 8,32-33; 9,32; 10,35-41 ) und eine
oder mehrere Aussagen über die Nachfolge ( Mk
8,34-9,29;9,33-10,31;10,42-52 ). A. Die erste Leidensankündigung ( 8,31 - 9,29 ) 1. Jesu erste Ankündigung seines Todes und seiner
Auferstehung ( 8,31 ) ( Mt 16,21; Lk 9,22 ) Mk 8,31 Nachdem Petrus erklärt hatte, daß Jesus der Messias
sei (V. 29 ), fing Jesus an, sie zu lehren , was dieser Satz bedeutete.
Seine Lehre wandte sich damit einem neuen Inhalt zu. Im Gegensatz zu den weitverbreiteten Erwartungen an
den Messias war Jesus nicht gekommen, um bereits jetzt ein messianisches
Reich auf Erden zu errichten. Statt dessen erklärte er, daß der
Menschensohn viel leiden (vgl. Jes 53,4.11 ) und von den jüdischen
Obersten verworfen werden müsse, ja daß er schließlich getötet und nach
drei Tagen ("am dritten Tage"; vgl. Mt 16,21; Lk 9,22 ) auferstehen (
Jes 52,13;53,10-12 ) werde. Für die Jünger gewann das verheißene
Gottesreich damit eine völlig neue Dimension, auf die sie nicht gefaßt
waren (vgl. Mk 8,32 ). Das Hilfsverb muß ( dei , "es ist nötig") deutet
auf einen Zwang hin, in diesem Fall auf den Zwang, unter dem Jesus stand
- den Willen Gottes, den göttlichen Plan für seinen messianischen
Auftrag (vgl. Mk 1,11 ), zu erfüllen. Seine Leidensankündigung war der
Beweis, daß er sich diesem Willen unterwerfen würde (vgl. Mk 14,35-36 ). Drei Gruppen - die Ältesten (einflußreiche Laien),
die Hohenpriester (die Sadduzäer, vgl. Mk 12,18 ,Angehörige vornehmer
Priestergeschlechter und ehemalige Hohepriester) und die
Schriftgelehrten (zum größten Teil Pharisäer) bildeten zusammen den
Hohen Rat (Sanhedrin), den höchsten jüdischenGerichtshof, der in
Jerusalem tagte (vgl. Mk 11,27;14,53.55 ). Obwohl Petrus ihn als "den Christus" bezeichnet
hatte ( Mk 8,29 ), ging Jesus nicht näher auf diesen Titel oder das
Problem seiner Identität ein, sondern stellte seinen Auftrag in den
Vordergrund und verwendete statt dessen den Titel "Menschensohn". Dieser
Ausdruck kam bisher nur zweimal im Markusevangelium vor (vgl. Mk 2,10.28
). Beide Male wollte Markus damit auf die Bedeutung eines bestimmten
Ereignisses für seine christlichen Leser hinweisen. Von nun an kehrt der
Titel häufiger wieder, doch nur Jesus selbst gebraucht ihn für sich
(vgl. Mk 8,31.38;9,9.12.31;10,33.45;13,26;14,21 [zweimal] 41.62 ). Er umschrieb besonders all das, was Jesus wirklich
war und was er eigentlich wollte. Da er keinerlei politische
Konnotationen hatte, weckte er auch keine falschen Erwartungen. Dennoch
war er mehrdeutig genug (wie ein Gleichnis), um das Gleichgewicht
zwischen Verhüllung und Offenbarung, das Jesu ganzes Leben und Wirken
bestimmte, zu wahren (vgl. Mk 4,11-12 ). Er verband, besser als jede
andere Bezeichnung es vermocht hätte, die Elemente des Leidens und der
Herrlichkeit und war so die angemessenste Definition der einzigartigen
Rolle Jesu als Messias. 2. Petrus' Unmut und Jesu Tadel dieses Unmuts ( 8,32 - 33 ) ( Mt 16,22-23 ) Mk 8,32-33 Im Gegensatz zu seinen früheren, verhüllten
Anspielungen (vgl. Mk 2,20 ) sprach Jesus nun frei und offen , in
unzweideutigen Ausdrücken, über die Notwendigkeit seines Todes und
seiner Auferstehung. Petrus begriff seine Worte zwar sehr wohl ( Mk 8,31
), doch er konnte sein "Messiasverständnis" (V. 29 b) nicht mit dem
Leiden und dem Tod, von dem Jesus sprach, in Einklang bringen. Daher
fing er an, ihm zu wehren . Diese Reaktion, die sich wahrscheinlich mit der der
übrigen Jünger deckte, war - ähnlich wie die Versuchung in der Wüste
(vgl. Mk 1,12-13 ) - ein Versuch des Teufels, Jesus vom Kreuz
abzubringen. Jesus bedrohte Petrus ( Mk 8,33 ) deshalb zum Nutzen aller
Menschen. Es war kein persönlicher Angriff. Das gebietende Geh weg von
mir, Satan lautet wörtlich: "Geh fort, hinter mich", und ist wohl kaum
als ein Befehl an Petrus zu verstehen, seinen Platz als Jünger
einzunehmen (vgl. dagegen Mk 1,17;8,34 ); vielmehr sprach Jesus wohl
Satan als den Urheber von Petrus' Gedanken an. Petrus wurde hier ohne sein Wissen und Wollen zum
Sprecher Satans; er meinte nicht ( phroneO bedeutet "eine geistige
Haltung haben zu"; vgl. Kol 3,2 ), was göttlich war, d. h. ihm lag nicht
an den Wegen und Absichten Gottes, sondern an dem, was menschlich ist ,
also an menschlichen Werten und Gesichtspunkten. Gottes Wille war jedoch
der Weg des Kreuzes, und Jesus weigerte sich, von diesem Weg
abzuweichen. 3. Jesu Lehre von der Nachfolge ( 8,34 - 9,1 ) ( Mt 16,24-28; Lk 9,23-27 ) Ein leidender Messias brachte auch eine völlig neue
Dimension in den Gedanken der Nachfolge. Der folgende Abschnitt enthält
daher eine Reihe kurzer Aussagen über die persönliche Bindung an Jesus
in der Nachfolge (vgl. Mk 9,43-50;10,24-31 ). Der wichtigsten Aussage
(V. 34 ) folgen im Griechischen vier mit gar ("denn") eingeleitete
Erklärungen (V. 35 - 38 ) und eine abschließende Feststellung ( Mk 9,1
). Das hier Gesagte war Teil der Vorbereitung der Jünger auf ihr
künftiges Amt und zugleich eine Ermutigung für die Leser des
Markusevangeliums, die in Rom Verfolgungen ausgesetzt waren. Mk 8,34 Jesus forderte das Volk, interessierte Zuschauer
(vgl. Mk 4,1.10-12;7,14-15 ), samt seinen Jüngern auf, ihm zuzuhören.
Die Worte wer (es sind also nicht nur die Jünger angesprochen) mir
nachfolgen will (vgl. Mk 1,17 ) belegen, daß er von ihrer Nachfolge als
Jünger sprach (vgl. Mk 1,16-20 ). Er nannte zwei Bedingungen für diese
Nachfolge, die, wie Buße und Glauben (vgl. Mk 1,15 ), zusammengehörten. Zum einen sollten die Jünger etwas aufgeben: sie
sollten sich selbst verleugnen ("verleugnen" ist Aorist Imperativ) und
selbstsüchtigen Interessen und irdischen Sicherheiten entsagen.
Selbstverleugnung heißt dabei nicht, die eigene Persönlicheit zu
verleugnen, als Märtyrer zu sterben oder allen "materiellen Dingen" zu
entsagen (wie in der Askese). Es bedeutet vielmehr die Verleugnung des
"Selbst", die Abwendung vom Götzendienst der Ichzentriertheit und von
dem Bestreben, sein Leben ganz für sich selbst, nur nach dem Diktat des
Eigennutzes, zu leben (vgl. TDNT, "arneomai" , 1,469-71).
Selbstverleugnung ist aber in jedem Fall nur das "Negativ" des Bildes,
das Jesus hier skizzierte, nicht etwas, das um seiner selbst willen
praktiziert werden muß oder "an sich" gut ist. Zum anderen wurde von den Jüngern Jesu verlangt,
etwas zu tun: sie sollten ihr Kreuz auf sich nehmen (auch "nehmen auf
sich" ist Aorist Imperativ) und "Ja" zu Gottes Willen und Weg sagen. Die
Metapher des Kreuzes war den Juden zwar nicht von Hause aus vertraut,
doch im von den Römern besetzten Palästina wahrscheinlich wohlbekannt.
Man dachte dabei an einen Verurteilten, der gezwungen wurde, seine
Unterwerfung unter den Urteilsspruch der römischen Oberherren dadurch
zum Ausdruck zu bringen, daß er einen Teil seines Kreuzes durch die
Stadt an seinen Hinrichtungsort schleppte. "Sein Kreuz auf sich nehmen"
war also ein öffentliches Zeichen der Unterwerfung bzw. des Gehorsams
gegenüber einer Autorität, gegen die man sich zuvor aufgelehnt hatte. Jesu Unterwerfung unter den Willen Gottes war die
richtige Antwort auf den Anspruch Gottes, dem er Vorrang vor den
Ansprüchen des Selbst einräumte. Für ihn bedeutete das den Tod am Kreuz.
Die, die ihm folgen, müssen ihr (nicht sein) Kreuz auf sich nehmen - was
auch immer Gott ihnen als Nachfolger Jesu auferlegen wird. Das bedeutet
nicht zwangsläufig, daß man leiden muß, wie er es tat, oder gekreuzigt
werden wird, noch ist damit einfach gemeint, daß man den Mühseligkeiten
des Lebens mit stoischem Gleichmut begegnen soll. Nachfolge äußert sich
vielmehr im Gehorsam gegenüber Gottes Willen, wie er in seinem Wort
offenbart ist, und als vorbehaltloses Akzeptieren der Folgen dieses
Gehorsams um Jesu und des Evangeliums willen (vgl. Mk 8,35 ). Für manche
bedeutet das, wie die Geschichte gezeigt hat, allerdings auch
körperliches Leiden und sogar den Tod (vgl. Mk 10,38-39 ). In Jesu Worten folge mir nach steckt ein Imperativ
Präsens: "(So) laßt ihn mir immer weiter nachfolgen" (vgl. Mk
1,17-18;2,14;10,21.52 b; vgl. "täglich" bei Lk 9,23 ). "Nein" zum Selbst
und "Ja" zu Gott sagen heißt, alles unter dem Aspekt der Nachfolge Jesu
zu tun (vgl. Röm 13,14; Phil 3,7-11 ). Mk 8,35 Die Verse 35 - 38 beginnen alle mit dem erklärenden
griechischen Wörtchen gar ( denn ). Sie erläutern die Bedingungen, von
denen Jesus in Vers 34 sprach, und kreisen um den Eintritt in die
Nachfolge, das Aufgeben der alten Bindungen an das Leben (die Masse) und
die neue Verpflichtung als Jünger Jesu. Paradoxerweise wird ein Mensch, der sein Leben (
psychEn ; "Seele, Leben") erhalten (von zOzO , "bewahren") will, es
verlieren - er wird nicht in das ewige Leben eingehen. Wer jedoch sein
Leben um Jesu und um des Evangeliums willen verliert (wörtlich:
"verlieren wird"; vgl. Mk 1,1 ), d er wird's erhalten ; er wird das
ewige Leben besitzen (vgl. den Kommentar zu Mk 10,26-27;13,13 ). Hier handelt es sich um ein Wortspiel mit den
Begriffen "Verlieren" und "Leben" ( psychE ). Das griechische Wort
psychE bezeichnet einerseits das natürliche Leben des Menschen, zugleich
aber auch das wahre Selbst, den Kern der Person, der die irdische
Existenz transzendiert (vgl. Mk 8,36; Mt 10,28; TDNT, " psychE ",
9,642-4). Wer also in dieser Welt ein ganz auf sich selbst
konzentriertes Leben führen will und Jesu Bedingungen ablehnt ( Mk 8,35
), wird sein ewiges Leben verlieren. Umgekehrt wird ein Mensch, der in
der Treue zu Jesus und zum Evangelium (vgl. Mk 10,29 ) sein Leben
"verliert" (es Jesus übergibt, "sich selbst verleugnet"; gegebenenfalls
bis hin zum physischen Tod), weil er seine Bedingungen akzeptiert ( Mk
8,34 ), es für ewig bewahren. Als Nachfolger Jesu ist er ein Erbe des
ewigen Lebens bei Gott (vgl. Mk 10,29-30; Röm 8,16-17 ). Mk 8,36-37 Um das Paradoxon von Vers 35 noch plastischer
hervorzuheben und die überrragende Bedeutung des ewigen Lebens
begreiflich zu machen, konfrontierte Jesus seine Zuhörer mit
eindringlichen rhetorischen Fragen und bediente sich einer dem
Wirtschaftsleben entlehnten Sprache. Denn ( gar , vgl. V. 35 ) was hülfe (wörtlich:
"nützte") es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne - alle
irdischen Annehmlichkeiten und Besitztümer, wenn das möglich wäre - und
nähme an seiner Seele ( psychEn ) Schaden (wörtlich: "erlitte den
Verlust seiner Seele"), d. h. verlöre das ewige Leben? Die Antwort
konnte hier nur lauten: "Es würde ihm überhaupt nichts nützen!" (vgl. Ps
49 ,bes. V. 16 - 20 ). Denn ( gar ; vgl. Mk 8,36 ) was kann der Mensch
geben, womit er seine Seele ( psychEs ) auslöse zum ewigen Leben mit
Gott? Antwort: "Nichts", denn weil er "die Welt gewonnen hat", wird er
am Ende das ewige Leben mit Gott unwiderruflich verloren haben und
nichts besitzen, was ihn dafür entschädigen könnte. Mk 8,38 Vom Aufbau her gleichen und ergänzen diese Verse
Vers 35 , indem sie den Gedanken, der dort ausgesprochen ist, zu Ende
denken. Denn ( gar ; vgl. V. 35 ) wer sich Jesu und seiner
Worte (vgl. Mk 13,31 ) schämt (sie verleugnet) unter diesem abtrünnigen
(ungläubigen) und sündigen Geschlecht ( genea ; vgl. Mk 8,12; Mt 12,39;
Jes 1,4; Hos 1,2 ), dessen wird sich auch der Menschensohn (vgl. den
Kommentar zu Mk 8,31 ) schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit
seines Vaters (sichtbar ausgestattet mit Gottes Glanz) mit den heiligen
Engeln (vgl. Mk 13,26-27 ). Ganz eindeutig sind Jesus (vgl. "ich, mein") und
der Menschensohn hier ein und dieselbe Person (vgl. Mk 14,41 b. 42.62 ).
Der verhüllte Hinweis auf Jesu zukünftige Rolle als Richter war an die
Adresse des zuhörenden Volkes gerichtet. Sich Jesu zu "schämen" bedeutete, ihn zu verwerfen
(vgl. Mk 8,34-35 a) und aus Unglauben und Angst vor der Verachtung der
Welt "diesem Geschlecht" verhaftet zu bleiben. Wenn Jesus jedoch als
ehrfurchtgebietender Richter in Herrlichkeit zurückkommen wird, wird er
sich weigern, die, die sich seiner geschämt haben, als sein Eigentum
anzuerkennen (vgl. Mt 7,20-23; Lk 13,22-30 ), und sie werden zuschanden
werden (vgl. Jes 28,16;45,20-25; Röm 9,33; 10,11; 1Pet 2,6.8 ). Mk 9,1 Dieser Vers gibt Auskunft über jene anderen, die
nicht zuschanden werden ( Mk 8,38; vgl. Mt 10,32-33; Lk 12,8-9 ), und
schließt den Abschnitt über die Nachfolge ( Mk 8,34-9,1 ) mit einer
Zusicherung Jesu. Die Worte und er sprach zu ihnen (vgl. Mk 2,27 )
leiten eine Aussage Jesu in der Vollmacht des Geistes ein. Er sagte
voraus, daß einige , die hier mit ihm standen und ihm zuhörten, den Tod
nicht (wörtlich: "unter keinen Umständen", ou mE ) schmecken würden, bis
sie das Reich Gottes in seiner ganzen Herrlichkeit sehen würden. "Den
Tod schmecken" ist eine hebräische Redewendung für das Erleben des
physischen Todes, der auftritt wie ein tödliches Gift, das früher oder
später jeder einnehmen muß (vgl. Hebr 2,9 ).
Für die Worte sehen das Reich Gottes kommen mit
Kraft wurden verschiedene Deutungen vorgeschlagen. Gemeint sein könnte:
(a) Jesu Verklärung, (b) Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, (c) die
Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten ( Apg 2,1-4 ) und die
Ausbreitung des Christentums in der frühen Kirche, (d) die Zerstörung
Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. oder (e) die Wiederkunft Christi. Aus dem Kontext heraus scheint die erste Erklärung
am plausibelsten. Die genaue Zeitangabe in dem nachfolgenden Bericht
über die Verklärung Jesu ( Mk 9,2 a) deutet darauf hin, daß Markus einen
ausdrücklichen Zusammenhang zwischen der Verheißung Jesu (V. 1 ) und
diesem Ereignis sah. Jesu Verklärung war ein überwältigender Vorblick
und eine feste Garantie für seine Wiederkunft in Herrlichkeit (vgl. 2Pet
1,16-19 ). 4. Jesu Verklärung ( 9,2 - 13 ) ( Mt 17,1-13; Lk 9,28-36 ) a. Die Offenbarung seiner Herrlichkeit ( 9,2 - 8 ) Das Geschehen bei der Verklärung Jesu bestätigte
das Bekenntnis des Petrus ( Mk 8,29 ) und erfüllte die Verheißung Jesu
von Vers 1 . Es war zugleich der Auftakt der Leidensgeschichte Jesu ( Mk
14-15 ). Trotz seines unmittelbar bevorstehenden Todes ( Mk 8,31 )
versicherte Jesus seinen Jüngern auf diese Weise, daß seine Rückkehr in
Herrlicheit ( Mk 8,38 b) sicher und ihr Vertrauen in ihn wohlbegründet
sei ( Mk 8,34-37 ). Dem gegenwärtigen Leiden würde - für ihn und für sie
- künftige Herrlichkeit folgen. Mk 9,2-4 Die Worte nach sechs Tagen stellen eine Verbindung
zwischen Jesu Verklärung und seiner Vorhersage in Vers 1 her. Das
Ereignis geschah also am siebten Tag nach der Vorhersage - ein Tag, der
in besonderer Weise an die Erfüllung von Verheißungen und an eine
bestimmte Offenbarung erinnerte (vgl. 2Mo 24,15-16 ). Bei Matthäus ist die zeitliche Abfolge dieselbe,
während es bei Lukas heißt, daß die Verklärung "nach acht Tagen"
stattfand ( Lk 9,28 ). Er geht wohl von einer anderen Zählung aus, bei
der der Teil eines Tages als ganzer Tag gerechnet wurde (vgl. den
Kommentar zu Lk 9,28 ). Jesus wählte Petrus, Jakobus und Johannes aus (vgl.
Mk 5,37;14,33 ) und führte sie auf einen hohen Berg, nur sie allein (
kat? idian ; vgl. Mk 4,34 ). Bei diesem Ort, der nicht näher genannt
wird, handelte es sich wahrscheinlich um einen südlichen Gipfel des
Hermongebirges (etwa 2800 Meter hoch), ungefähr 20 Kilometer nordöstlich
von Cäsarea Philippi (vgl. Mk 8,27;9,30.33 ), und wohl nicht um den
Tabor im Süden Galiläas. Auf einem solchen "hohen Berg", nämlich auf dem
Sinai (Horeb, vgl. 2Mo 24,12-18; 1Kö 19,8-18 ), hatte sich Gott einst
Mose und Elia offenbart; ein "hoher Berg" war also ein Ort, an dem sich
Gott den Menschen gezeigt hatte. Hier nun wurde Jesus vor den Augen dreier seiner
Jünger verklärt (vgl. 2Pet 1,16 ). "Verklärt" ( metemorphOthE ; vgl.
"Metamorphose") heißt, "in eine andere Gestalt verwandelt", nicht nur
eine Veränderung der äußeren Erscheinung (vgl. Röm 12,2; 2Kor 3,18 ).
Für kurze Zeit war Jesu menschlicher Körper verwandelt (verherrlicht),
und die Jünger sahen ihn, wie er sein wird, wenn er, für alle sichtbar,
in Macht und Herrlichkeit zurückkehren wird, um sein Reich auf Erden zu
errichten (vgl. Apg 15,14-18; 1Kor 15,20-28; Offb 1,14-16;19,15-16; Offb
20,4-6 ). Das zeigte sich sehr anschaulich in dem überirdisch
leuchtenden Weiß seiner Kleider - ein Detail, das nur von Markus erwähnt
wird und wahrscheinlich auf den Augenzeugenbericht des Petrus
zurückgeht. Zwei bedeutende Männer aus dem Alten Testament,
Elia und Mose , erschienen auf wunderbare Weise und redeten mit Jesus
(vgl. Lk 9,30 ). Daß Markus Elia zuerst erwähnt, liegt wahrscheinlich
daran, daß er für seinen Kontext besonders wichtig ist (vgl. Mk
8,28;9,11-13 ). Mose, in der Rolle des Befreiers und Gesetzgebers des
Volkes Israel, repräsentierte das Gesetz. Elia, der Verteidiger des
rechten Gottesdienstes und der zukünftige Wiederhersteller aller Dinge (
Mal 3,23-24 ), repräsentierte die Propheten. Beide waren wichtige
Mittler zwischen Gott und seinem Volk (vgl. 2Mo 3,6;4,16;7,1; 5Mo
18,15-18; 1Kö 19,13; Apg 7,35 ), und ihre Anwesenheit war eine
Bestätigung der Messianität Jesu. Mk 9,5-6 Die impulsive Reaktion von Petrus, der im ersten
Eifer den hebräischen Titel Rabbi (vgl. Mk 11,21;14,45; vgl. auch
"Meister" in Mk 4,38;9,17;10,35; Mk 13,1 ) benutzte, zeigt, daß er
wieder einmal das Geschehen nicht verstand. Er meinte, hier sei für sie
alle gut sein - vielleicht weil er das wunderbare Erlebnis verlängern
wollte. Darauf deutet jedenfalls seine Idee, an dieser Stelle drei
Hütten (Zelte für Zusammenkünfte, Bretterhütten; vgl. 3Mo 23,33-43 ) zu
zimmern, eine für Jesus, eine für Mose und eine für Elia. Anscheinend
hielt er alle drei für gleich hochgestellt. Da Petrus offensichtlich
dachte, das Gottesreich sei bereits angebrochen, fand er es angebracht,
Hütten für das Laubhüttenfest zu bauen ( Sach 14,16 ). Bewußt oder
unbewußt widersetzte er sich damit erneut (vgl. 8,32 ) dem Leiden, das
nach Jesu Worten der Herrlichkeit voranging. Markus merkt daher erklärend ( gar , "denn") an,
daß Petrus, der Sprecher der Jünger, nur deshalb so unangemessen
reagierte, weil ( gar ) sie von dieser verwirrenden Zurschaustellung
übernatürlicher Herrlichkeit ganz verstört waren ( ekphoboi ,
"entsetzt", ein sehr ausdrucksstarkes Adjektiv, das nur hier und in Hebr
12,21 steht, wo es mit "erschrocken" übersetzt ist; vgl. das Verb
phobeomai , "sich fürchten", in Mk 4,41;16,8 ). Mk 9,7-8 Die Antwort Gottes auf Petrus' Vorschlag offenbarte
dagegen die eigentliche Bedeutung der Verklärung Jesu. Die Wolke , die
sie (Jesus, Elia und Mose) überschattete , zeigte, daß Gott selbst
zugegen war (vgl. 2Mo 16,10;19,9 ), und plötzlich geschah eine Stimme
aus ihr . Abermals, wie bereits bei der Taufe Jesu, bekannte der Vater
sich uneingeschränkt zu seinem geliebten Sohn (vgl. den Kommentar zu Mk
1,11 ). Jesu Stellung als Sohn erhebt ihn über alle Menschen, auch über
Mose und Elia. Den sollt ihr hören (Imperativ Präsens) heißt
eigentlich: "Ihm sollt ihr gehorchen", und spielt damit auf die
Verheißung in 5Mo 18,15 (vgl. auch 5Mo 18,19.22 ) an. Hier dient es zur
Identifizierung Jesu als des neuen und endgültigen Mittlers der
Herrschaft Gottes in ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Form (vgl. Ps
2,4-7; 2Pet 1,16-19 ). Er war der Nachfolger von Mose und Elia, die
plötzlich wieder verschwanden, so daß nur Jesus allein zurückblieb. Ihre
Aufgabe war erfüllt, und ein anderer war an ihre Stelle getreten. Jesus,
nicht Mose oder Elia, war jetzt Gottes bevollmächtigter Herrscher und
Sprecher. b. Sein Gebot zu schweigen ( 9,9 - 10 ) Mk 9,9 Während des Abstiegs vom Berg gebot Jesus den drei
Jüngern, über das, was sie gesehen hatten , bis nach seiner Auferstehung
Stillschweigen zu bewahren. Auch zu diesem Zeitpunkt hatten sie seinen
messianischen Auftrag noch nicht begriffen ( Mk 8,29-33; vgl. Mk
9,5-6.10; und den Kommentar zu Mk 8,30 ). Dies war das letzte Mal im
Markusevangelium, daß Jesus von seinen Begleitern Schweigen verlangte,
und das einzige, bei dem er sein Gebot zeitlich begrenzte. Damit war
klar, daß dieser Zeit des Schweigens eine Zeit der Verkündigung folgen
würde ( Mk 13,10;14,9 ). Erst von der Auferstehung her würden die Jünger
das Ereignis der Verklärung richtig verstehen und in der Lage sein,
seine Bedeutung richtig zu verkündigen. Mk 9,10 Jesu Gebot hatte die drei Jünger völlig verwirrt.
Sie befragten sich untereinander: Was ist das, auferstehen von den
Toten? Sie glaubten zwar an eine Auferstehung in der Zukunft, waren
jedoch verstört über die unerwartete Ankündigung von Jesu offensichtlich
nahe bevorstehendem Tod und seiner dann kurz darauf erfolgenden
Auferstehung. c. Die Erklärung Jesu zur Person des Elia ( Mk 9,11-13 ) Mk 9,11 Elias Anwesenheit bei der Verklärung (V. 4 ), die
eindeutige Bestätigung Jesu als Messias ( Mk 8,29;9,7 ) und seine
Anspielung auf die Auferstehung (V. 9 ) brachten die Jünger auf den
Gedanken, daß das Ende aller Dinge nahe war. Doch wenn dem tatsächlich
so war, wo war dann Elia , der doch zuvor kommen mußte, um das Volk auf
das Kommen des Messias vorzubereiten (vgl. Mal 3,1-4.23-24 )? Vielleicht
dachten die Jünger, daß Elias Werk der Erneuerung bewirken würde, daß
der Messias nicht leiden mußte. Mk 9,12-13 Daraufhin stellte Jesus zwei Dinge klar. Er gab
ihnen darin recht, daß Elia tatsächlich zuvor (vor dem Messias) kommen
(wörtlich: "kommt") und alles durch eine geistliche Erneuerung wieder
zurechtbringen soll ( Mal 3,23-24 ). Doch das hob nicht die
Notwendigkeit auf, daß der Menschensohn viel leiden und verachtet werden
mußte (vgl. Ps 22; Jes 53 ,bes. V. 3 ). Aber (im Griechischen ein sehr starker Gegensatz)
Jesus erklärte ihnen auch, daß Elia bereits gekommen war . In verhüllter
Form deutet Markus hier an, daß Jesus Johannes den Täufer als denjenigen
identifizierte, der bei seinem ersten Kommen die Aufgabe, die in der
Endzeit Elia haben wird, erfüllte (vgl. Mk 1,2-8; Mt 17,13; Lk 1,17 ).
Damit erkannte Jesus Johannes eine Bedeutung zu, die nicht einmal diesem
selbst ganz klar gewesen war (vgl. Joh 1,21; Kommentar zu Mt 11,14 ). Die Formulierung sie haben ihm angetan, was sie
wollten ist ein Ausdruck für das erbarmungslose und willkürliche
Verhalten von Herodes Antipas und Herodias, das Johannes zu erdulden
hatte und das schließlich zu seiner Ermordung führte (vgl. Mk 6,14-29 ).
In ganz ähnlicher Weise war Elia von Ahab und Isebel verfolgt worden
(vgl. 1Kö 19,1-3.10 ). Was Elia und Johannes zugestoßen war, würden Gott
feindlich gesonnene Menschen nun auch Jesus antun. In Johannes dem Täufer erfüllte sich die
Elia-Prophezeiung ( Mal 3,23-24 ) bei Christi erstem Kommen. Vor seinem
zweiten Kommen aber wird nach der Prophezeiung Maleachis ( Mal 3,23-24 )
Elia selbst erscheinen (vgl. Offb 11 ). 5. Die Heilung eines besessenen Knaben ( 9,14 - 29 ) ( Mt 17,14-21; Lk 9,37-43 ) Diese Episode tiefsten menschlichen Leides, in dem
die Jünger versagten, steht in schroffem Gegensatz zu der
vorausgegangenen Herrlichkeit der Verklärung. In ihr zeigt sich mit
voller Härte die Realität des Lebens, wie es sein würde, wenn Jesus
nicht mehr da war. Die Jünger, von denen die Menschen eigentlich Hilfe
erwarten durften (vgl. Mk 6,7 ), erwiesen sich als machtlos. Den
Schlüssel zum Verständnis des Vorfalls liefert Mk 9,28-29 : In Jesu
Abwesenheit sind die Jünger wie alle Menschen darauf angewiesen, aus dem
Glauben an Gott heraus, wie er im Gebet zum Ausdruck kommt, zu leben und
zu arbeiten. Die Ausführlichkeit des Markustextes an dieser Stelle (im
Gegensatz zu Matthäus und Lukas) und die Lebendigkeit des ganzen
Berichtes deuten wieder einmal darauf hin, daß hier der Augenzeuge
Petrus zu Wort kommt. Mk 9,14-15 Als Jesus und die drei Jünger (vgl. V. 2 ) zu den
übrigen neun zurückkehrten, sahen sie eine große Menge um sie herum und
Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten . Worum es in diesem Streit
ging, wird nicht berichtet. Sobald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) die Menge jedoch
Jesus sah, war sie höchst überrascht ( exethambEthEsan , "erschrocken";
vgl. Mk 14,33;16,5-6 ), und alle liefen herbei und grüßten ihn . Ihr
Erstaunen war nicht etwa auf einen "Nachglanz" der Verklärung an der
Person Jesu zurückzuführen (vgl. Mk 9,3 ), sondern einzig und allein auf
sein unerwartetes, wenn auch höchst willkommenes Auftauchen in ihrer
Mitte. Mk 9,16-18 Jesus fragte die neun Jünger, um was sie stritten ,
woraufhin einer aus der Menge, der Vater eines von einem Dämon
besessenen Jungen, ihm die Situation erklärte. Er sprach Jesus voller
Respekt mit Meister (vgl. V. 5 ) an und erzählte ihm, daß er seinen Sohn
hergebracht habe, um ihn von Jesus heilen zu lassen. Der Junge war von
einem Geist besessen (vgl. den Kommentar zu Mk 1,23-24 ), der ihn
sprachlos machte (und taub; vgl. Mk 9,25 ). Außerdem plagte er ihn
häufig mit heftigen, epilepsieartigen Krampfanfällen. An den
verschiedenen Versuchen des Dämons, den Jungen zu zerstören (vgl. V.
18.21-22.26 ), wird erneut deutlich, worauf eine solche dämonische
Besessenheit abzielt (vgl. den Kommentar zu Mk 5,1-5 ). Es war völlig berechtigt, daß der leidgeprüfte
Vater sich, da Jesus nicht da war, an die Jünger wandte und sie bat, den
Dämon auszutreiben, denn Jesus hatte ihnen die Vollmacht über böse
Geister gegeben (vgl. Mk 6,7 ). Mk 9,19 Tief betroffen über ihr Unvermögen wandte sich
Jesus an die Menge, besonders jedoch an die Jünger (vgl. Mk 3,5;8,12 ).
Sein Ausruf o du ungläubiges Geschlecht wirft ein Licht auf die
grundlegende Ursache alles geistlichen Versagens - den mangelnden
Glauben an Gott (vgl. Mk 9,23;10,27 ). In den anschließenden
rhetorischen Fragen spiegelt sich dann Jesu ganzer Unmut über die
spirituelle Stumpfheit der Jünger (vgl. Mk 4,40;6,50-52;8,17-21 ). Doch
er wollte seine Macht zeigen, wo sie versagt hatten, und befahl: "Bringt
den Jungen her zu mir!" Mk 9,20-24 Als der Geist Jesus sah, erlitt der Junge sogleich
( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) einen so heftigen Anfall, daß er vollkommen
hilflos war (vgl. Mk 9,18 ). Auf Jesu mitleidige Frage berichtete der Vater, daß
sein Sohn bereits von Kind auf unter den schweren Krämpfen litt, die ihn
mehr als einmal in Lebensgefahr gebracht hatten. Er befand sich also
bereits seit langer Zeit in diesem schlimmen Zustand. Die Worte wenn du
aber etwas kannst zeigen, daß die Unfähigkeit der Jünger, den Dämon
auszutreiben (V. 18 ), auch den Glauben des Vaters an Jesus erschüttert
hatte. Jesus nahm seine zweifelnden Worte wenn du kannst
auf, um deutlich zu machen, daß es hier nicht um seine Fähigkeit, den
Jungen zu heilen, ging, sondern um die Fähigkeit des Vaters, auf Gott zu
vertrauen, der tun kann, was den Menschen unmöglich ist (vgl. Mk 10,27
). Er forderte den Vater des Jungen auf, nicht zu zweifeln: alle Dinge
sind möglich dem, der da glaubt (vgl. Mk 9,29 ). Der Glaube setzt Gottes
Macht keine Grenzen und unterwirft sich seinem Willen (vgl. Mk 14,35-36;
1Joh 5,4-15 ). Die Antwort des Vaters kam sogleich ( euthys ). Er
beteuerte seinen Glauben ( ich glaube ), doch er bekannte auch seine
Schwäche: Hilf meinem Unglauben! Hier wird ein wesentliches Merkmal des
christlichen Glaubens deutlich: er ist nur möglich mit der Hilfe dessen,
auf den er sich richtet. Mk 9,25-27 Als nun Jesus sah, daß das neugierige Volk
herbeilief (anscheinend hatte die Menge sich kurz zurückgezogen),
bedrohte er den unreinen (vgl. Mk 1,23.34 ) Geist und sprach zu ihm:
Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Mit einem letzten Ausbruch der Gewalt gegenüber
seinem Opfer und einem Wutschrei (vgl. Mk 1,26 ) entfloh der Dämon. Der
Knabe lag in äußerster Erschöpfung wie tot da, so daß die Menge sagte:
Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf .
Daß Markus hier die gleichen Worte gebraucht wie bei der Auferweckung
der Tochter des Jarus (vgl. Mk 5,39-42 ) legt die Annahme nahe, daß das
Entkommen aus der Macht des Satans wie der Übergang vom Tod zum Leben
ist. Um das ein für allemal und unwiderruflich festzuhalten, war es
nötig, daß Jesus selbst starb und auferstand. Mk 9,28-29 Diese Verse beschließen den Zwischenfall und
erklären, warum es den Jüngern nicht gelungen war, den Dämon
auszutreiben. Als Jesus heimkam (wörtlich: "ins Haus", vgl. Mk 7,17; der
Ort wird nicht näher genannt), fragten ihn seine Jünger für sich allein
( kat? idian ; vgl. Mk 4,34 ), warum sie den Dämon nicht hatten
austreiben können. Jesus antwortete ihnen, diese Art - womit er wohl
eher böse Geister im allgemeinen und nicht einen besonderen Typus von
Dämon meinte - kann durch nichts ausfahren als durch Beten. Die Jünger
hatten versagt, weil sie sich nicht vertrauensvoll im Gebet an die Macht
Gottes gewandt hatten. Offensichtlich hatten sie sich auf ihre früheren
Erfolge verlassen (vgl. Mk 6,7.13 ) und waren deshalb gescheitert. In nahezu allen wichtigeren griechischen
Handschriften steht am Ende dieses Verses "Beten und Fasten ".
Vielleicht wurden diese Worte der schriftlichen Überlieferung schon früh
von den Schriftgelehrten hinzugefügt, die einer asketischen Auffassung
des Christentums das Wort reden wollten. Wenn sie jedoch authentisch
sind, beziehen sie sich auf die Praxis, die Aufmerksamkeit, wenn man
etwas Bestimmtes erreichen will, für eine begrenzte Zeit
ausschließlicher als sonst auf Gott zu richten. B. Die zweite Leidensankündigung ( 9,30 - 10,31 ) 1. Jesu zweite Vorhersage seines Todes und seiner
Auferstehung ( 9,30 - 31 ) ( Mt 17,22-23 a; Lk 9,43 b- 44 ) Mk 9,30-31 Jesus und seine Jünger gingen von dort weg (vgl. V.
14.28 , vermutlich von einem Ort in der Nähe von Cäsarea Philippi) und
zogen durch das nordöstliche Galiläa (vgl. Mk 1,9 ) nach Kapernaum ( Mk
9,33 ). Es war die erste Etappe ihrer letzten Reise nach Süden, nach
Jerusalem. Jesus wollte nicht, daß jemand von ihrer Route wissen sollte,
denn sein öffentliches Wirken in Galiläa war nun beendet, und er wollte
sich jetzt ganz seinen Jüngern widmen und sie auf ihre zukünftige
Aufgabe vorbereiten. Sein Hauptthema auf dieser Reise war sein
bevorstehender Tod. Er erklärte den Jüngern, daß er, der Menschensohn
(vgl. Mk 8,31 ), in die Hände der Juden und der Heiden überantwortet
werden würde. "Überantwortet" ( paradidotai ) bedeutet "ausgeliefert"
oder "übergeben". Der Begriff wird im Zusammenhang mit dem Verrat des
Judas an Jesus ( Mk 3,19;14,41; Lk 24,7 ) und auch für die Auslieferung
Jesu an den Tod durch Gott zur Erlösung der Sünder ( Jes 53,6.12; Apg
2,23; Röm 8,32 ) benutzt. Hier steht wahrscheinlich die letztere
Vorstellung im Vordergrund, vorausgesetzt, daß das implizite Subjekt des
passivischen Verbs Gott, und nicht Judas, ist. 2. Das mangelnde Verständnis der Jünger ( 9,32 ) ( Mt 17,23 b; Lk 9,45 ) Mk 9,32 Die Jünger verstanden das Wort nicht (vgl. V. 10 )
und fürchteten sich , ihn weiter zu fragen. Vielleicht erinnerten sie
sich an Jesu Verweis gegenüber Petrus ( Mk 8,33 ) oder, was
wahrscheinlicher ist, sie befürchteten, weitere Erklärungen würden all
ihre Hoffnungen, daß der Messias die Herrschaft antreten werde, zunichte
machen. 3. Die Bedeutung der Nachfolge ( 9,33 - 10,31 ) Dieser Abschnitt spielt an zwei verschiedenen
Orten. Zunächst wird von der Unterweisung der Jünger in einem Haus in
Kapernaum in Galiläa berichtet ( Mk 9,33-50 ). Dann treffen wir Jesus
sowohl öffentlich als auch im kleinen Kreis lehrend in Judäa und Peräa (
Mk 10,1-31 ). a. Die wahre Grösse ( 9,33 - 37 ) ( Mt 18,1-5; Lk 9,46-48 ) Mk 9,33-34 Jesus und seine Jünger kamen, zum letzten Mal,
nachdem sie mehrere Monate fortgewesen waren,nach Kapernaum (vgl. Mk
8,13.22.27 ). Als sie daheim (vgl. Mk 2,1-2;3,20;7,17 ) waren, fragte
Jesus sie, worüber sie auf dem Weg ( en tE hodO ; vgl. den Kommentar zu
Mk 1,2 ) gesprochen hätten. Wieder bildete eine Frage von ihm die
Einleitung für eine bestimmte Aussage (vgl. Mk 8,27.29 ). Die Jünger schämten sich zuzugeben, daß sie
miteinander darüber verhandelt hatten, wer der Größte unter ihnen sei .
Derartige Fragen nach dem Rang des einzelnen waren für die Juden sehr
wichtig (vgl. Lk 14,7-10 ), daher war es ganz natürlich, daß auch die
Jünger darüber nachdachten, welche Stellung sie in dem kommenden
messianischen Reich einnehmen würden. Die Vorrechte, die Petrus, Jakobus
und Johannes eingeräumt worden waren (vgl. Mk 5,37;9,2 ), hatten die
Diskussion vielleicht etwas angeheizt; doch was auch immer der Anlaß
war, der Streit der Jünger zeigte, daß die Zwölf die Bedeutung der
Leidensankündigung Jesu (V. 31 ) für sie selbst weder verstanden noch
akzeptiert hatten. Mk 9,35 Nachdem Jesus sich gesetzt hatte - die
traditionelle Pose eines jüdischen Lehrers (vgl. Mt 5,1; Mk 13,1 ) -,
rief er die Zwölf zu sich. Er lehrte sie das Wesen wahrer Größe: Wenn
jemand will (vgl. Mk 8,34 ) der Erste sein , also die höchste Stellung
unter den "Großen" im Gottesreich innehaben will, der soll (aus freiem
Willen und Entschluß) der Letzte sein von allen und aller Diener . Der
Begriff "Diener" ( diakonos ) versinnbildlicht hier eine Person, die die
Nöte und Bedürfnisse anderer freiwillig lindert und nicht, weil sie in
einer dienenden Position ( doulos , Sklave) ist. Jesus verurteilte damit
nicht den Wunsch, eine bessere Stellung im Leben zu erringen, machte
aber deutlich, daß Größe in seinem Reich nicht eine Frage des Status,
sondern des Dienens ist (vgl. Mk 10,43-45 ). Mk 9,36-37 Um anschaulich zu machen, was mit diesem Dienen
gemeint war, nahm Jesus ein Kind aus dem Haus (vgl. V. 33 , vielleicht
ein Kind von Petrus) und stellte es mitten unter sie . Ein "Knecht aller
zu sein" hieß auch, einem Kind, dem geringsten (vgl. "der Letzte", V. 35
) Mitglied eines Haushalts in der jüdischen und auch in der
griechisch-römischen Gesellschaft, in der erst das reife
Erwachsenenalter geschätzt wurde (vgl. TDNT, pais , 5,639-52), seine
Aufmerksamkeit zu schenken. Jesus herzte das Kind (vgl. Mk 10,13-16 ). Ein
solches Kind , das den geringsten der Jünger darstellte (vgl. Mk 9,42 ),
in Jesu Namen (um seinetwillen) aufzunehmen - das heißt, ihm zu dienen
oder Freundlichkeit zu zeigen - ist genauso, als nähme man Jesus selbst
auf (vgl. Mt 25,40 und den Kommentar zu Mk 6,7 ), und nicht nur ihn,
sondern in ihm auch seinen himmlischen Vater, der ihn auf die Erde
gesandt hat (vgl. Joh 3,17;8,42 ). Damit verlieh Jesus der Aufgabe des
Dienstes füreinander eine große Würde. b. Die Ablehnung des Sektierertums ( 9,38 - 42 ) ( Lk 9,49-50 ) Mk 9,38 Jesu Worte (V. 37 ) veranlaßten Johannes (vgl. Mk
3,17;5,37;9,2 ), der ihn mit Meister (vgl. Mk 4,38;9,5 ) anredete, ihm
von einem Versuch der Jünger zu berichten, einen anonymen Exorzisten
davon abzuhalten, in Jesu Namen böse Geister auszutreiben (vgl. den
Kommentar zu Mk 1,23-28;5,7 ). Sie hatten das getan, weil er keiner der
ihren war und ihnen nicht nachfolgte . Er war zwar ein Jünger, doch er
gehörte nicht zu den Zwölfen, die von Jesus den Auftrag, Dämonen
auszutreiben, erhalten hatten (vgl. Mk 6,7.13 ). Nicht, daß der Mann
Jesu Namen mißbrauchte, ärgerte sie (wie in Apg 19,13-16 ), sondern sie
nahmen Anstoß daran, daß er Jesu Namen ohne "offizielle" Erlaubnis
benutzte. Darüber hinaus war er (im Gegensatz zu den Neunen; Mk 9,14-18
) auch noch erfolgreich, was sie ihm zusätzlich übelnahmen. Dieser
Zwischenfall war ein Beispiel für den engherzigen
Ausschließlichkeitsanspruch der Zwölf. Mk 9,39-40 Jesus dagegen verbot ihnen, den Exorzisten
weiterhin in seiner Arbeit zu behindern, denn niemand, der in seinem
Namen ein Wunder ( dynamin ; eine mächtige "Tat") tut , dreht sich
anschließend um und redet schlecht über Jesus. Er bekräftigte seine tolerante Haltung gegenüber
dem Mann mit dem Satz: "Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns."
(Vgl. die Umkehrung dieses Wortes bei Mt 12,30 .) Die Formulierungen
"gegen uns" und "für uns" lassen keinen Raum für Neutralität. Wenn
jemand für Jesus, d. h. in seinem Namen (vgl. Mk 9,38 ), arbeitet, kann
er nicht gleichzeitig gegen ihn arbeiten. Obwohl dieser Mann Jesus nicht
auf dieselbe Weise nachfolgte wie die Jünger, war seine Nachfolge doch
wahrhaftig und gegen den Satan gerichtet. Mk 9,41 Mit einer feierlichen Versicherung ( wahrlich, ich
sage euch ; vgl. Mk 3,28 ) dehnte Jesus die Bedeutung des Gesagten ( Mk
9,39-40 ) auch auf andere Bereiche aus. Wer auch nur die kleinste Geste
der Gastfreundschaft in Jesu Namen erweist (vgl. V. 37 ), wie jemandem
einen Becher Wasser zu reichen, weil er Christus angehört , dem wird es
auf keinen Fall ( ou mE , eine betonte Verneinung) unvergolten bleiben .
Er wird am Ende dafür entschädigt werden und in das Gottesreich eingehen
(vgl. V. 47 ; Mk 10,29-30 ), nicht aufgrund seiner Verdienste, sondern
weil Gott denen, die an ihn glauben, gnädig ist (vgl. Lk 12,31-32 ).
Jesus gebrauchte hier ausnahmsweise den Titel "Christus" statt
"Menschensohn", der in den synoptischen Evangelien sonst sehr selten
vorkommt. Mk 9,42 Dieser Vers schließt den in Vers 35 - 41
behandelten Gedankengang ab und bildet die Überleitung zu den Versen 43
- 50 . Jesus warnte streng davor, einen Menschen absichtlich vom Glauben
an ihn abzubringen. Die Strafe für jemanden, der einen dieser Kleinen
("geringe" Jünger, auch Kinder, die noch unreif im Glauben sind; vgl. V.
37 ), die an Jesus glauben, zum Abfall verführt , würde so schwer sein,
daß es besser für ihn wäre, wenn ihm zuvor ein Mühlstein an den Hals
gehängt und er ins Meer geworfen würde . Das Verb "zum Abfall verführen" ( skandalisE ; vgl.
V. 43 ) muß vom Blickpunkt des zukünftigen Gerichts her verstanden
werden (vgl. V. 43 - 48 ). Es umschreibt hier den Tatbestand, daß ein
Jünger dem Glauben abspenstig gemacht oder zum Abfall verleitet wird und
dadurch ernsthaften geistlichen Schaden nimmt. Der naive Glaube jenes
Exorzisten (V. 38 ) oder irgendeines anderen, der in Jesu Namen handelt
(V. 41 ), sollte Ermutigung erfahren und nicht durch rücksichtslose
Kritik oder voreingenommenes Sektierertum zerstört werden. Bei dem großen Mühlstein ( mylos onikos , wörtlich:
"Esel-Mühlstein") handelte es sich um einen schweren, flachen, von einem
Esel gedrehten Stein, mit dem Korn gemahlen wurde; daneben gab es einen
kleinen Handmühlstein, den die Frauen benutzten ( mylos ; Mt 24,41 ).
Die Strafe des Ertränkens mit einem Mühlstein um den Hals war den
Jüngern zweifellos vertraut (vgl. Josephus, Ant. 14. 15. 10). c. Der Fallstrick der Sünde und die radikalen
Bedingungen der Nachfolge ( 9,43 - 50 ) ( Mt 18,7-9 ) Mk 9,43-48 Die harten Worte dieser Passage sind eine strenge
Mahnung an die Jünger, sich nicht selbst vom rechten Weg abbringen zu
lassen. Jesus unterstrich die harten Anforderungen der Nachfolge (vgl.
Mk 8,34-38;10,24-31 ) durch übersteigerte Bilder (vgl. TDNT, "melos" ,
4,559-61). Wenn ( ean , "wann immer"; ein Ausdruck für eine
reale Möglichkeit) dich aber deine Hand (das Werkzeug der inneren
Neigungen; vgl. Mk 7,20-23 ) zum Abfall verführt ( skandalisE ; vgl. Mk
9,42 ), so haue sie ab! Damit wollte Jesus sagen, daß ein Jünger rasch
und entschlossen gegen alles vorgehen sollte, was ihn eventuell dazu
verführen konnte, seine Treue zu Jesus zu vergessen. Dasselbe gilt für
den Fuß und das Auge , denn die Versuchung hat viele Gesichter. Was auch
immer einen Jünger dazu bringt, sich an das Leben dieser Welt zu
klammern, muß radikal entfernt werden, wie ein Chirurg ein brandig
gewordenes Glied amputiert. Es ist besser, verkrüppelt zum ewigen Leben (vgl.
Mk 10,17.30 ) und in das Gottesreich ( Mk 9,47 ) einzugehen (also auf
irdische Besitztümer zu verzichten), als ein Ungläubiger zu sein. Ein
Ungläubiger bleibt der Welt verhaftet. Er lehnt das ewige Leben mit Gott
zu Gottes Bedingungen ab und wird deshalb in die Hölle ( geennan ; V.
45.47 ) geworfen . Das griechische Wort geenna ("Gehenna", "Hölle")
ist eine Zusammensetzung aus zwei hebräischen Worten, die "Hinnom Tal"
bedeuten und einen Ort südlich von Jerusalem bezeichnen, wo einst dem
heidnischen Gott Baal zu Ehren Kinder geopfert wurden (vgl. 2Chr 28,3;
2Chr 33,6; Jer 7,31;19,5-6;32,35 ). Später, nach den Reformen Josias (
2Kö 23,10 ), wurde dort ein ständiges Feuer unterhalten, um die
regelmäßig anfallenden Müllberge, in denen Ungeziefer - der Wurm -
nistete, zu verbrennen. In der jüdischen Vorstellung war das Bild des
Feuers und des Wurmes eine sehr anschauliche Metapher für den Ort der
zukünftigen ewigen Bestrafung der Bösen (vgl. das apokryphe Buch Judit
16,21 und Pred 7,17 ). Das Wort geenna kommt insgesamt zwölfmal im Neuen
Testament vor und wird bis auf eine Ausnahme - Jak 3,6 - nur von Jesus
verwendet. Die Wendung in das Feuer, das nie verlöscht ist
wahrscheinlich eine Umschreibung der Gehenna für die römischen Leser des
Evangeliums. Der Wurm (innere Qual) und das ewige Feuer (äußere Qual;
zitiert nach der LXX; Jes 66,24 ) versinnbildlichen die nie endende, die
Sünder bei vollem Bewußtsein treffende Strafe, die all jene erwartet,
die Gottes Erlösung ablehnen. Das Wesen der Hölle ist unaufhörliche Qual
und ewiges Verstoßensein von Gott. Mk 9,49 Dieser rätselhafte Satz, der nur bei Markus steht,
ist schwer zu deuten. Über fünfzehn Erklärungsmöglichkeiten sind dazu
vorgelegt worden. Ein erklärendes "denn" ( gar ) und das Wort "Feuer"
verbinden den Vers mit den Versen 43 - 48 . Jeder kann sich auf drei
Dinge beziehen: 1. Auf jeden Ungläubigen, der in die Hölle eingeht. Sie
werden mit Feuer gesalzen werden spielt in diesem Fall darauf an, daß
Nahrung durch Salz konserviert werden kann, so wie die Sünder, von
glühendem Feuer konserviert, auf ewig ihre Strafe erleiden werden. 2.
Auf jeden Jünger, der in dieser feindlichen Welt lebt. Sie werden "mit
Feuer gesalzen" ist dann eine Anspielung auf die alttestamentlichen
Opfer, die mit Salz gewürzt wurden ( 3Mo 2,13; Hes 43,24 ). So werden
die Jünger, als lebende Opfer (vgl. Röm 12,1 ), durch reinigende schwere
Prüfungen (vgl. Spr 27,21; Jes 48,10; 1Pet 1,7;4,12 ) geläutert werden.
Diese Prüfungen werden alles, was in ihnen nicht Gottes Willen
entspricht, austilgen und das Gute bewahren. 3. Alle Menschen, die je
nach ihrer Beziehung zu Jesus "mit Feuer gesalzen" werden - die
Ungläubigen mit dem nie verlöschenden Feuer der ewigen Verdammnis, die
Jünger mit dem läuternden Feuer der gegenwärtigen Prüfungen und Leiden.
Diese letztere Erklärung scheint am plausibelsten. Mk 9,50 Das Wort "Salz" verbindet diesen Vers mit Vers 49 .
Das Salz ist gut , nützlich. In der alten Welt war Salz wichtig als
Gewürz und Konservierungsmittel; es war lebensnotwendig und hatte daher
auch wirtschaftlichen Wert. Die Hauptquelle für Salz in Palästina war das
Gebiet südwestlich des Toten Meers (Salzmeers). Das grobe, unreine Salz
aus den dortigen Salinen war sehr anfällig für Verschmutzungen und
verwandelte sich dann in geschmacklose, salzähnliche Kristalle. Wenn (
ean ; "wann immer"; vgl. V. 43 ) es nicht mehr salzt , also seine
Würzkraft verloren hat, kann es diese Eigenschaft auch nicht mehr
wiedererlangen, ist als Salz also nutzlos. Der Ausspruch habt Salz bei euch (Imperativ
Präsens) weist darauf hin,daß die Jünger ständig "gutes" Salz in sich
haben müssen. Hier ist "Salz" ein Bild für das, was die Jünger von den
Nicht-Jüngern unterscheidet ( Mt 5,13; Lk 14,34 ). Ein Jünger muß Jesus
unter allen Umständen treu bleiben und sich stets von verderblichen
Einflüssen reinhalten (vgl. Mk 9,43-48 ). Die zweite Anweisung habt Frieden untereinander
(ebenfalls Imperativ Präsens) baut auf der ersten auf und schließt den
Kreis der Diskussion, die die Jünger durch ihren Streit (V. 33 - 34 ) in
Gang gesetzt hatten. Jesus meinte damit: "Bleibt fest im Glauben an
mich, dann werdet ihr auch in der Lage sein, untereinander Frieden zu
halten, statt über euren Rang zu streiten" (vgl. Röm 12,16 a; Röm 14,19
). d. Von der Ehescheidung ( 10,1 - 12 ) ( Mt 19,1-12; Lk 16,18 ) Mk 10,1 Auf seiner letzten Reise nach Jerusalem verließ
Jesus Kapernaum in Galiläa (vgl. Mk 9,33 ) und kam von dort in das
Gebiet von Judäa , westlich des Jordan, und jenseits (östlich) des
Jordan nach Peräa. Weil er in diesen Gebieten allgemein sehr bekannt
und beliebt war (vgl. Mk 3,8 ), lief das Volk abermals in Scharen bei
ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals
(vgl. Mk 1,21-22; 2,13; 4,1-2;6,2.6 b. 34; 11,17; 12,35 ). Das zweite
"abermals" soll die Bedeutung des Gesagten hervorheben: Jesus nahm also
sein öffentliches Wirken wieder auf (vgl. Mk 9,30-31 ). Obwohl Jesus wohl etwa sechs Monate in Judäa und
Peräa blieb und predigte, geht Markus nur auf einige der Ereignisse am
Ende dieser Periode ein, die wahrscheinlich in Peräa stattfanden (vgl.
Mk 10 mit Lk 18,15-19,27 ). Mk 10,2 Eine Gruppe von Pharisäern stellte Jesus Fragen
über die Ehescheidung , um ihn zu versuchen (von peirazO ; vgl. Lk
8,11;12,15 b). Sie wollten ihn zu einer Antwort veranlassen, durch die
er sich selbst belastete und damit öffentlich in Mißkredit brachte.
Vielleicht würde er sich in Widersprüche zu 5Mo 24,1 (vgl. Mk 10,4 )
verwickeln. Alle Pharisäer stimmten darin überein, daß dieser Abschnitt
des Alten Testaments die Scheidung erlaubte, daß sie nur vom Ehemann
ausgehen konnte und das Recht beinhaltete, sich wieder zu verheiraten.
Über die Gründe für eine Scheidung waren sie jedoch uneins. Die strenge
Haltung des Rabbi Shammai erlaubte sie nur, wenn die Frau sich
unmoralisch verhalten hatte; der großzügigere Rabbi Hillel dagegen
gestattete es einem Mann, sich aus nahezu jedem Grund von seiner Frau
scheiden zu lassen (vgl. Mischna Gittin 9. 10). Die Pharisäer hofften
nun, daß Jesus in diesem Streit Partei ergreifen und damit die Reihen
seiner Anhänger spalten oder daß er Herodes Antipas beleidigen würde,
wie es Johannes der Täufer getan hatte (vgl. Mk 6,17-19; Herodes hatte
trotz der Vorschriften in 3Mo 18 seine Halb-Nichte Herodias geheiratet).
In diesem Fall hätten sie ihn, da er sich in Peräa, einem Gebiet, das
unter der Rechtsprechung des Herodes stand, aufhielt, gefangennehmen
können. Mk 10,3-4 Doch Jesu Gegenfrage schob die spitzfindige
Kasuistik der rabbinischen Interpretation beiseite und führte die
Pharisäer auf das Alte Testament zurück (vgl. Mk 7,9.13 ). Die Verbform
geboten deutet darauf hin, daß er sie seinerseits befragte, was das
mosaische Gesetz zur Ehescheidung sagte. Ihre Entgegnung war eine knappe Rekapitulation von
5Mo 24,1-4 ,dem Grundlagentext für die Ehescheidung. Sie glaubten, daß
Mose einem Mann erlaubte, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, wenn
er sie vor dem Vorwurf des Ehebruchs schützte, indem er ihr vor Zeugen
einen Scheidebrief ausstellte, ihn unterzeichnete und ihr aushändigte
(vgl. Mischna Gittin 1. 1 - 3; 7. 2). Im alten Israel stand auf Ehebruch
die Todesstrafe (vgl. 3Mo 20,10; 5Mo 22,22-25 ), wenn die Schuld ganz
klar erwiesen war (vgl. 4Mo 5,11-31 ). Zur Zeit Jesu (etwa im Jahr 30 n.
Chr.) war die Todesstrafe zwar bereits aufgehoben (vgl. Mt 1,19-20;
TDNT, " moicheuO ", 4,730-5), doch das rabbinische Gesetz zwang einen
Mann noch immer, sich von seiner ehebrecherischen Frau scheiden zu
lassen (vgl. Mischna Sotah 1. 4 - 5; Gittin 4. 7). Mk 10,5 Jesus hält dagegen, daß Mose dieses Gebot ( 5Mo
24,1-4 ) lediglich angesichts der Hartherzigkeit der Menschen und ihrer
eigensinnigen Weigerung, sich Gottes Sicht der Ehe zu eigen zu machen,
geschrieben habe. Mose erkannte damit zwar an, daß es in Israel die
Scheidung gab, doch er führte sie weder ein noch billigte er sie. Mk 10,6-8 Dann stellte Jesus der Auffassung der Pharisäer von
der Ehe Gottes Auffassung von Beginn der Schöpfung an (Jesus zitierte
sowohl 1Mo 1,27 als auch 1Mo 2,24 ) gegenüber. Gott hat sie, das erste
Paar, Adam und Eva, geschaffen als Mann und Frau , einander in ihrer
Verschiedenheit vollkommen ergänzend. Ein Mann soll seine Eltern
verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei - Mann und Frau -
werden ein Fleisch sein . Als "ein Fleisch" bilden sie eine neue
Einheit, ein geschlechtlich vereinigtes, allumfassendes Paar, das in
Gottes gegenwärtiger Schöpfungsordnung ebenso unauflöslich ist wie die
Blutsverwandtschaft zwischen Eltern und Kindern. So ( hOste , "daher, demnach") sind sie nun nicht
mehr zwei, sondern ein Fleisch . Die Ehe ist kein zeitlich begrenzter
Vertrag, der nach Belieben wieder gelöst werden kann; sie ist ein Bund
gegenseitiger Treue, eine lebenslängliche Einheit, die vor Gott
geschlossen wird (vgl. Spr 2,16-17; Mal 2,13-16 ). Mk 10,9 Daran schloß Jesus ein Verbot an. "Was nun Gott als
ein Fleisch zusammengefügt hat (vgl. V. 6 - 8 ), soll der Mensch nicht
scheiden" ( chOrizetO , Präsens; vgl. dasselbe griechische Verb in 1Kor
7,10.15 ). Der "Mensch" ( anthrOpos ; gemeint ist hier wahrscheinlich
der Ehemann) muß deshalb aufhören, die ehelichen Bande durch die
Scheidung zu zerreißen. Die Ehe ist eine monogame, heterosexuelle,
dauernde Beziehung eines Fleisches. Damit bestätigte Jesus indirekt
Johannes' des Täufers mutige Verkündigung (vgl. Mk 6,18 ) und
widersprach den laschen Ansichten der Pharisäer. Mk 10,10-12 Später, als die Jünger ihn daheim (vgl. Mk 7,17 )
nochmals über dieses Thema befragten, fügte er hinzu: "Wer sich scheidet
( apolysE ; "befreit"; dasselbe Wort steht auch in Mk 15,6.9.15 ) von
seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr , der ersten Frau
(vgl. 2Mo 20,14.17 ), gegenüber die Ehe." Vers 12 , ein Satz, der so nur
bei Markus steht, dehnt diese Aussage auch auf eine Frau aus, die sich
scheidet von ihrem Mann und einen anderen heiratet . Das war wichtig für
die römischen Leser des Markusevangeliums, da nach römischem Gesetz auch
eine Frau die Scheidung beantragen konnte. Obwohl die Frauen nach
jüdischem Gesetz dieses Recht nicht besaßen, kam auch in Palästina
manchmal eine Scheidung auf Wunsch der Frau vor (vgl. Herodias, Mk
6,17-18 ). Die Scheidung verletzt Gottes Schöpfungsordnung,
doch sie setzt sie nicht außer Kraft. Auch Jesus ließ die Möglichkeit
der Scheidung im Fall von ehelicher Untreue offen, wie es das jüdische
Gesetz zur Zeit des Neuen Testaments verlangte ( Mk 10,4 ). Doch er
verbot eindeutig die Wiederverheiratung, die nach rabbinischem Gesetz
erlaubt war (vgl. TDNT, gameO , gamos , 1,648-51; moicheuO , 4,733-5).
(Viele Exegeten sind der Ansicht, daß Jesus hiervon eine Ausnahme
machte. Vgl. den Kommentar zu Mt 5,32;19,1-12 .) Gottes Wunsch im Falle
einer "gebrochenen" Ehe ist die Vergebung und Wiedervereinigung der
beiden Partner (vgl. Hos 1-3; 1Kor 7,10-11 ). e. Das Empfangen des Gottesreiches in kindlichem
Vertrauen ( 10,13-16 ) ( Mt 19,13-15; Lk 18,15-17 ) Die Episode, von der hier die Rede ist, bildete
eine Ergänzung zu Jesu Aussagen über die Ehe. Sie ereignete sich
wahrscheinlich ebenfalls "daheim" (V. 10 ) und wurde in der späteren
Kirchengeschichte mit der Kindertaufe in Zusammenhang gebracht, ohne daß
hier allerdings ein klarer Hinweis darauf zu finden ist. Mk 10,13 Die Leute - Mütter, Väter, ältere Kinder und andere
- brachten Kinder zu ihm ( paidia , Kinder vom Säuglingsalter bis zum
Alter von 10 - 12 Jahren; vgl. dasselbe Wort in Mk 5,39; in Lk 18,15
steht ein anderes Wort, brephE , das Kleinkinder und kleine Kinder
bedeutet), damit er sie anrühre - eine sichtbare Geste der Segnung für
ihr weiteres Leben (vgl. Mk 10,16 ). Die Jünger aber fuhren sie an (vgl.
Mk 8,30.32-33 ) und versuchten, sie von Jesus fernzuhalten. Sie hielten
Kinder wahrscheinlich für zu unbedeutend (vgl. Mk 9,36-37 ) und wollten
nicht, daß Jesus mit ihnen seine Zeit vertue - ein weiteres Beispiel
dafür, daß sie nur von ihren engen menschlichen, kulturell geprägten
Kategorien her dachten (vgl. Mk 8,32-33; 9,33-38 ). Mk 10,14 Jesus aber wurde unwillig (vgl. V. 41 ) über die
Einmischung der Jünger (vgl. Mk 9,38 ). Dieses Verb, das eine starke
emotionale Reaktion ausdrückt, steht nur bei Markus, der stärker als die
Verfasser der anderen Evangelien auf die Gefühle Jesu eingeht (vgl. Mk
1,25.41.43;3,5;7,34;8,12;9,19 ). Jesu scharf formulierte, zweiteilige
Anweisung - laßt (wörtlich: "fangt an zu erlauben") die Kinder zu mir
kommen und wehret ihnen nicht (wörtlich: "hört auf, sie daran zu
hindern") - war ein Verweis für die Jünger (die zuvor ihrerseits die
Menschen angefahren hatten). Jesus nahm die Kinder freundlich auf, weil das
Reich Gottes , Gottes gegenwärtige geistliche Herrschaft im Leben der
Menschen (vgl. den Kommentar zu Mk 1,14-15 ), solchen gehört . Alle -
auch Kinder - die in kindlichem Vertrauen und kindlicher Abhängigkeit zu
Jesus kommen, dürfen sich ihm nähern. Mk 10,15 Wiederum nach einer feierlichen Einleitung
(wahrlich, ich sage euch; vgl. Mk 3,28 ) entfaltete Jesus dann die in
Vers 14 ausgesprochene Wahrheit: Wer das Reich Gottes nicht in der
vertrauensvollen Haltung eines Kindes empfängt, der wird nicht (betonte
Verneinung, ou mE ; "unter keinen Umständen") hineinkommen . Er wird von
den zukünftigen Segnungen, insbesondere vom ewigen Leben, ausgeschlossen
sein (vgl. V. 17.23 - 26 ). Das Gottesreich erwirbt man nicht durch
Leistung oder Verdienst. Es muß in schlichtem Glauben und in dem
Bewußtsein der eigenen Unfähigkeit, es zu erlangen, empfangen werden
(vgl. den Kommentar zu Mk 1,15 ). Mk 10,16 Das liebevolle Verhalten Jesu gegenüber den Kindern
(vgl. Mk 9,36 ) macht in lebendiger Weise deutlich, daß er seinen Segen
denen reichlich gibt, die ihn vertrauensvoll annehmen. Das
ausdrucksvolle zusammengesetzte Verb kateulogei ("segnete"; Imperfekt;
es steht nur an dieser Stelle im Neuen Testament) betont die warme
Zuneigung, mit der Jesus jedem Kind, das zu ihm kam, seinen Segen
spendete. f. Die Gefahr des Reichtums ( 10,17 - 27 ) ( Mt 19,16-26 ); Lk 18,18-27 ) Zu diesem Zwischenfall kam es wahrscheinlich, als
Jesus das Haus in Peräa, in dem er sich aufgehalten hatte, verließ (vgl.
Mk 10,10 ). Der reiche Jüngling ist ein Beispiel für all jene, die nicht
erkennen, daß man sich das ewige Leben nicht verdienen kann, und es auch
nicht als Geschenk von Gott annehmen können (vgl. V. 13 - 16 ). Mk 10,17 Als Jesus sich auf den Weg (vgl. den Kommentar zu
Mk 8,27 ) nach Jerusalem machte ( Mk 10,32 ), kam ein einflußreicher und
wohlhabender junger (vgl. Mt 19,20.22; Lk 18,18 ) Mann zu ihm. Die Art,
wie er sich Jesus näherte ( er lief herbei ), die knieende Haltung, die
achtungsvolle Anrede ( guter Meister , ein bei den Juden nicht üblicher
Titel für einen Rabbi) und seine von echtem Bemühen zeugende Frage
offenbarten seinen Ernst und seinen Respekt vor Jesus als religiösem
Führer. Seine Frage zeigt, daß er das ewige Leben als etwas sah, das man
durch gute Werke erringen könne (im Gegensatz zu Mk 10,15; vgl. Mt 19,16
), und daß er sich über sein zukünftiges Schicksal in Zweifel befand.
Die Hinweise auf das ewige Leben (bei Mk. nur in Mk 10,17.30 ), "das
Hineinkommen in das Gottesreich" (V. 23 - 25 ) und das "Selig-Werden"
(V. 26 ) konzentrieren sich alle auf den künftigen Besitz des Lebens
gemeinsam mit Gott, doch der Mensch geht bereits jetzt darin ein, wenn
er sich in seinem irdischen Leben Gottes Herrschaft unterwirft. Vor
allem das Johannesevangelium hebt hervor, daß wir das ewige Leben schon
jetzt besitzen. Mk 10,18 Jesus wandte sich zunächst gegen die irrige
Auffassung des Jünglings von "Gut-Sein" als einer Eigenschaft, die an
menschlichen Leistungen gemessen werden kann. Niemand ist gut , d. h.
vollkommen, als Gott allein , die wahre Quelle und der Maßstab alles
Guten. Der Jüngling sollte sich selbst im Licht der Vollkommenheit
Gottes sehen. Jesus verleugnete damit nicht seine eigene Gottheit,
sondern wies vielmehr versteckt auf sie hin. Statt ihn ohne klare
Einsicht "gut" zu nennen, sollte der junge Mann eine Ahnung von Jesu
wahrer Identität vermittelt bekommen. (Er ließ das Beiwort "gut"
allerdings im weiteren Verlauf des Gespräches fallen; V. 20 .) Mk 10,19-20 Als direkte Antwort auf die Frage des jungen Mannes
zitierte Jesus dann fünf Gebote der sogenannten "zweiten Tafel" des
Dekalogs (vgl. 2Mo 20,12-16; 5Mo 5,16-20 ), doch in anderer Reihenfolge
als sie dort aufgeführt sind. Die Befolgung dieser Gebote, die sich mit
den zwischenmenschlichen Beziehungen auseinandersetzen, sind leichter an
der Lebensführung eines Menschen abzulesen als der Gehorsam gegen die
der ersten Tafel ( 2Mo 20,3-8 ). Das Gebot du sollst niemanden berauben
steht nicht im Dekalog und taucht im Neuen Testament nur bei Markus auf;
möglicherweise soll es das zehnte Gebot ( 2Mo 20,17 ) ersetzen.
Wahrscheinlicher ist jedoch, daß es sich dabei um eine Zusammenfassung
des achten und neunten Gebots ( 2Mo 20,15-16 ), bezogen auf die
Situation eines begüterten Mannes (vgl. 3Mo 5,20-24; Mal 3,5 ), handelt. Die Antwort des Mannes zeigt, daß er überzeugt war,
alle diese Gebote vollständig gehalten zu haben (vgl. Phil 3,6 ) - von
Jugend auf , d. h. seit seinem zwölften Lebensjahr, als er die
persönliche Verantwortung übernommen hatte, das Gesetz als ein "Sohn des
Gesetzes" zu halten (Bar Mizwa ; vgl. Lk 2,42-47 ). Vielleicht hatte er
erwartet, daß Jesus ihm irgend etwas auferlegen würde, was er ableisten
mußte, um etwaige Verfehlungen wiedergutzumachen. Mk 10,21-22 Jesus schaute bis in die Seele des reichen
Jünglings (von emblepO ; vgl. Mk 3,5 ), er sah die eigentliche Not
hinter seiner Frömmigkeit und gewann ihn lieb - eine Regung, die nur bei
Markus erwähnt wird (vgl. den Kommentar zu Mk 10,14 ). Das einzige, was
dem jungen Mann noch fehlte , war die bedingungslose Hingabe an Gott,
denn bis jetzt war noch sein Reichtum sein Gott (V. 22 ). Er liebte
seinen Besitz mehr als den wahren Gott und brach damit das erste Gebot (
2Mo 20,3 ). Jesus befahl ihm daher zwei Dinge: 1. Er sollte
hingehen , alle seine Besitztümer verkaufen und den Erlös den Armen
geben , um damit das, was ihn noch vom ewigen Leben trennte - seine
Selbstgerechtigkeit und seine Liebe zum Geld - abzulegen. 2. Er sollte
Jesus nach Jerusalem und bis ans Kreuz folgen (Imperativ Präsens). Der
Weg zum ewigen Leben führt über die Abkehr von allem Selbstvertrauen und
Vertrauen in irdische Sicherheiten hin zum bedingungslosen Vertrauen auf
Jesus (vgl. Mk 10,14-15 ). Der Jüngling ging, traurig über Jesu Anweisungen,
davon . Die besondere Form der Selbstverleugnung, die Jesus von ihm
verlangt hatte - alles, was er hatte, zu verkaufen -, war zwar in seiner
Situation angebracht, ist jedoch keine universell gültige Vorbedingung
für die Nachfolge. Mk 10,23-25 Als Jesus den Jüngern sagte, daß es schwer sei für
die Reichen, in das Reich Gottes zu kommen , waren sie entsetzt (
ethambounto , "überrascht"; vgl. Mk 1,27;10,32 ), denn im Judentum war
Reichtum ein Zeichen dafür, daß jemand die Gunst Gottes genoß und damit
einen Vorteil besaß und nicht etwa ein Hindernis für den Eingang in das
Reich Gottes. Dies ist die einzige Stelle in den synoptischen
Evangelien, an der Jesus seine Jünger als Kinder (vgl. Joh 13,33 )
anredete - ein Hinweis auf ihre geistliche Unreife. Angesichts ihrer Überraschung wiederholte und
erklärte Jesus seine Aussage nochmals. Der Zusatz "für die Reichen"
fehlt in Vers 24 (ein Vers, der in diesem Wortlaut nur im
Markusevangelium vorkommt). Damit bezieht er sich möglicherweise auf
alle, die mit den Forderungen des Gottesreiches konfrontiert sind. Wenn
man sich diesen Zusatz jedoch hinzudenkt, so erläutern die Worte einfach
die schwierige Situation des reichen Jünglings und verweisen auf die
Gefahr, die das Vertrauen in den eigenen Reichtum mit sich bringt. Der humorvolle Vergleich in Vers 25 spielt auf ein
jüdisches Sprichwort, das ein Ausdruck für das total Unmögliche war, an.
Vergleichsweise sollte es für ein Kamel , damals das größte Tier in
Palästina, leichter sein, durch ein gewöhnliches Nadelöhr (die kleinste
Öffnung) zu gehen, als für einen Reichen , der sich auf seinen Reichtum
verläßt, in das Reich Gottes zu kommen .
Mk 10,26-27 Diese Äußerung Jesu (V. 25 ) entsetzte (
exeplEssonto , "erstaunte, überwältigte, brachte außer sich"; vgl. Mk
1,22;6,2;7,37;11,18 ) die Jünger noch viel mehr . Sie zogen die logische
Folgerung daraus: Wenn es für einen Reichen unmöglich ist, in das Reich
Gottes zu kommen, wer kann dann selig werden? (gerettet werden für das
ewige Leben; vgl. Mk 10,17.30 ). Jesus beruhigte sie jedoch mit der Erklärung, daß
die Rettung zwar bei den Menschen unmöglich sei - außerhalb ihrer
menschlichen Verdienste und Leistungen liege - nicht jedoch bei Gott. In
seiner Macht steht es, sie zu retten: denn bei Gott sind alle Dinge ,
die nötig sind, um die Menschen - arme und auch reiche - zu retten,
möglich (vgl Hi 42,2 ). Was Menschen nicht bewirken können, kann und
wird Gott durch seine Gnade tun (vgl. Eph 2,8-10 ). g. Der Lohn der Nachfolge ( 10,28 - 31 ) ( Mt 19,27-30; Lk 18,28-30 ) Mk 10,28 Als Sprecher der Zwölf (vgl. Mk 8,29 ) erinnerte
Petrus Jesus in ziemlich anmaßender Weise daran, daß sie (das wir ist im
Griechischen betont, um den Kontrast stärker hervorzuheben), die Jünger,
im Gegensatz zu dem reichen Jüngling, alles verlassen hatten, um ihm
nachzufolgen (vgl. Mk 1,16-20;2,14;10,21-22 ). In dieser Feststellung
schwang die Frage mit: "Wie werden wir dafür entschädigt werden?" (vgl.
Mt 19,27 ) - ein weiteres Beispiel dafür, daß die Jünger sich
offensichtlich im Gottesreich bestimmte äußere Ehrungen erhofften (vgl.
Mk 9,33-34;10,35-37; Mt 19,28-29 ). Mk 10,29-30 Mit einer erneuten feierlichen Bestätigung (
wahrlich, ich sage euch ; vgl. V. 15 ; Mk 3,28 ) erkannte Jesus an, daß
ihre Treue zu ihm und zum Evangelium (vgl. Mk 1,1;8,35 ) ihnen den
Verlust alter Bindungen gebracht hatte - sie mußten, je nach ihrer
persönlichen Situation, ihr Haus , die, die sie liebten und ihren Besitz
( Äcker ) verlassen (vgl. Mk 13,11-13; Lk 9,59-62 ). Doch jedem, der
diesen Bruch vollzog, versprach Jesus, daß er es hundertfach durch seine
neuen Gefährten zurückerhalten werde (vgl. Mk 3,31-35; Apg 2,41-47; 1Tim
5,1-2 ), jetzt in dieser Zeit , der Zeit zwischen Jesu erstem und
zweitem Kommen, und in der zukünftigen Welt , der Zeit nach Jesu
Rückkehr (vom Standpunkt des Neuen Testaments aus), wo jeder die
endgültige Belohnung - das ewige Leben - erhalten wird (vgl. Mk 10,17 ).
In Vers 30 taucht das Wort "Vater" (vgl. V. 29 ) nicht auf, weil Gott
der Vater dieser neuen, geistlichen Familie sein wird (vgl. Mk 11,25 ).
Nur Markus weist realistischerweise außer auf die Belohnungen auch auf
die Verfolgungen hin, die die Jünger erleiden werden. Wie Jesus später
sagte ( Mk 10,43-45 ), gehört zur Nachfolge das Dienen, und zum Dienen
gehört häufig auch das Leiden. Das war wichtig für die römischen Leser,
an die sich Markus richtete und die unter Verfolgungen litten; es
bewahrte sie vor der Versuchung, die Nachfolge Jesu einfach mit
Belohnungen gleichzusetzen (vgl. V. 31 ). Mk 10,31 Dieses "geflügelte Wort" (vgl. dieselben Worte in
anderen Zusammenhängen: Mt 20,16; Lk 13,30 ) könnte Verschiedenes
bedeuten: (a) eine Warnung angesichts der Überheblichkeit, die Petrus an
den Tag legte ( Mk 10,28 ), (b) eine Bestätigung von Jesu Verheißungen
(V. 29 - 30 ), oder, was am wahrscheinlichsten ist, (c) eine
Zusammenfassung der Lehre Jesu über den dienenden Charakter der
Nachfolge (vgl. Mk 9,35;10,43-45 ). Die Belohnungen im Gottesreich haben
nichts mit irdischen Maßstäben wie Rang, Priorität, Dienstalter,
persönlichen Verdiensten oder Opfern zu tun (vgl. Mt 20,1-16 ), sondern
basieren auf der Treue zu Jesus und gläubiger Nachfolge. C. Die dritte Leidensankündigung Jesu ( 10,32 - 45 ) 1. Die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und
Auferstehung ( 10,32 - 34 ) ( Mt 20,17-19; Lk 18,31-34 ) Mk 10,32 a Jesus und seine Jünger setzten ihren Weg hinauf
durch das Jordantal (vgl. V. 1 ) n ach Jerusalem fort. An dieser Stelle
erwähnt Markus zum ersten Mal ihr Reiseziel. Jesus ging ihnen , wie es
sich für einen Rabbi geziemte, voran . Dieses Detail, das nur bei Markus
steht, zeigt, daß Jesus die Seinen sowohl im Leid als auch im Jubel
führt (dasselbe Wort ist in Mk 14,28 und Mk 16,7 mit "vor euch hingehen"
übersetzt). Seine unerschütterliche Entschlossenheit angesichts
der drohenden Gefahr entsetzte ( ethambounto ; "überraschte"; vgl. Mk
10,24;1,27 ) die Jünger, und die ihm nachfolgten, fürchteten sich (
ephobounto ; vgl. Mk 4,40-41;6,50;11,18;16,8 ). Markus hatte an dieser
Stelle wahrscheinlich nur eine einzige Gruppe - die Zwölf - im Blick. In
Vers 46 dagegen erwähnt er auch noch die Anwesenheit einer weiteren
Gruppe von Menschen. Mk 10,32-34 (Mk 10,32b-34) Abermals nahm Jesus die Zwölf (vgl. Mk 3,13-15 ) zu
sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde . Diese
dritte Vorhersage ist die genaueste und umfassendste der drei
Leidensankündigungen bei Markus (vgl. den Kommentar zu Mk 8,31;9,30-31;
vgl. auch Mk 9,12 ). Dank seiner tiefen Kenntnis des Alten Testaments
(vgl. Ps 22,6-8; Jes 50,6;52,13-53,12; Lk 18,31 ), und weil er das
momentane religiös-politische Klima sehr wohl einschätzen konnte (vgl.
Mk 8,15 ), war Jesus in der Lage, das Kommende klar vorauszusehen.
Als er die bevorstehenden Ereignisse beschrieb,
gebrauchte er achtmal Verben im Futur - ein Hinweis darauf, daß das
Geschilderte mit aller Bestimmtheit eintreffen würde. Neu war in diesem
Zusammenhang, daß der Menschensohn (vgl. den Kommentar zu Mk 8,31 ) den
Händen der jüdischen politischen und religiösen Führer, dem Hohen Rat,
überantwortet werden sollte (vgl. Mk 8,31 ). Sie würden ihn zum Tode
verurteilen (vgl. Mk 14,64 ) und den Heiden (den Römern) überantworten ,
da es dem Hohen Rat nicht erlaubt war, die Todesstrafe zu vollstrecken
(vgl. Mk 15,1.9-10 ). Bevor sie ihn hinrichteten ( Mk 15,24-25 ),
sollten ihn die Römer verspotten (vgl. Mk 15,18.20 ), anspeien (vgl. Mk
15,19 ) und geißeln (vgl. Mk 15,15 ) - alles Hinweise darauf, daß er die
Kreuzigung erleiden würde (vgl. Mt 20,19 ). Doch die Verheißung der
Auferstehung versprach Hoffnung für die Zukunft. 2. Das Wesen der Nachfolge ( 10,35 - 45 ) ( Mt 20,20-28 ) Mk 10,35-37 Jakobus und Johannes (vgl. Mk 1,19;5,37;9,2 )
traten in einer stillen Stunde zu Jesus und baten ihn, indem sie ihn als
Meister (vgl. Mk 4,38;9,5 ) anredeten, um Ehrenplätze in seiner
Herrlichkeit , dem messianischen Königreich, das er ihrer Meinung nach
in Kürze öffentlich errichten würde (vgl. Mk 8,38;9,1-2;13,26 ). Der
eine von ihnen wollte gerne zu seiner Rechten , an der höchstmöglichen
Position, und der andere zu seiner Linken , an der zweithöchsten Stelle
am Königshof, sitzen (Josephus, Ant. 6. 11. 9). Im Matthäusevangelium wird berichtet, daß ihre
Mutter mit ihnen kam und diese Vergünstigung für sie erbat ( Mt 20,20-21
). Sie hieß Salome und war wahrscheinlich eine Schwester von Jesu Mutter
(vgl. Mt 27,56; Mk 15,40; Joh 19,25 ). Wenn das stimmt, waren Jakobus
und Johannes Cousins ersten Grades von Jesus. Vielleicht dachten sie,
ihre Verwandtschaftsbeziehungen würde ihnen helfen, ihre Bitte
durchzusetzen. Mk 10,38-39 Jesus entgegnete ihnen jedoch, daß sie sich
offensichtlich nicht darüber im klaren seien, was ihre ehrgeizige Bitte
bedeutete. Wer einen Ehrenplatz in seiner Herrlichkeit haben wollte,
würde seine Leiden teilen müssen, da das eine die Voraussetzung für das
andere ist. Jesu Frage verlangte eigentlich eine verneinende
Antwort, denn die ihm bevorstehenden Leiden und sein Tod waren ganz
allein an die Erfüllung seines messianischen Auftrags gebunden. Der
Kelch war eine bei den Juden gebräuchliche Metapher für Freude (vgl. Ps
23,5;116,13 ) oder, wie hier, für das göttliche Gericht über die Sünde
(vgl. Ps 75,7-8; Jes 51,17-23; Jer 25,15-28;49,12;51,7; Hes 23,31-34;
Hab 2,16; Sach 12,2 ). Jesus wandte dieses Bild auf sich selbst an, denn
er sollte den Zorn des göttlichen Gerichtes über die Sünde anstelle der
Sünder tragen (vgl. Mk 10,45;14,36;15,34 ). Er würde den "Kelch"
freiwillig trinken . Das Bild der Taufe drückt etwas ganz Ähnliches aus.
Vom Wasser überspült zu werden, bedeutete in der alttestamentlichen
Vorstellungswelt soviel wie vom Unglück überwältigt zu werden (vgl. Hi
22,11; Ps 69,2.15; Jes 43,2 ). Das "Unglück", das Jesus bevorstand, war
das Ertragen der Last des göttlichen Gerichtes über die Sünde, das
unaussprechliches Leiden und schließlich den Tod über ihn bringen würde
(vgl. Lk 12,50 ). Er würde von Gott getauft werden , der ihm alle diese
Leiden auferlegte ( Jes 53,4 b, 11 b). Jakobus und Johannes dagegen
interpretierten Jesu Antwort wohl als Beschreibung der Schlacht des
Messias bei der Errichtung seines Reiches, daher ihre selbstsichere
Antwort, ja, das können wir . Sie zeugte von ihrer Bereitschaft, an Jesu
Seite zu kämpfen, bewies zugleich aber auch, wie wenig sie seine Worte
verstanden hatten. Jesus übertrug die Bilder des Kelchs und der Taufe
auf die beiden, wenn auch in einem anderen Sinn. Sie sollten seine
Leiden in der Nachfolge teilen (vgl. 1Pet 4,13 ) und sogar in den Tod
gehen, aber ihr Tod bedeutete nicht dasselbe wie Jesu Tod. Die
Prophezeiung, die Jesus hier aussprach, bewahrheitete sich: Jakobus war
der erste Apostel, der das Martyrium erlitt ( Apg 12,2 ), während
Johannes viele Jahre lang verfolgt wurde, ins Exil fliehen mußte und
schließlich als letzter Apostel starb (vgl. Joh 21,20-23; Offb 1,9 ). Mk 10,40 Jesus verweigerte den beiden Jüngern ihre Bitte um
Ehrenplätze in seinem künftigen Reich. Es stand nicht in seiner Macht,
sie zu vergeben. Er versicherte Jakobus und Johannes jedoch, daß Gott
der Vater (vgl. Mt 20,23 ) diese Plätze denen geben würde, für die sie
bestimmt sind . Mk 10,41-44 Als die übrigen zehn Jünger dahinterkamen, daß
Jakobus und Johannes versucht hatten, sich heimlich einen bevorzugten
Status zu erschleichen, w urden sie unwillig (vgl. V. 14 ) über sie .
Diese eifersüchtige Reaktion zeigt, daß sie offensichtlich ähnliche
ehrgeizige Gedanken hegten. Um Streitigkeiten unter den Zwölfen zu
vermeiden und ihnen das Wesen wahrer Größe nochmals eindringlich vor
Augen zu führen (vgl. Mk 9,33-37 ), stellte Jesus den Begriff der Größe
in den Königreichen dieser Welt der Größe im Gottesreich gegenüber. Der
Gegensatz besteht nicht in zwei unterschiedlichen Herrschaftsformen,
sondern zwischen Herrschen (sei es nun gut oder böse) und Dienen. Heidnische Herrscher halten ihre Völker nieder ,
unterdrücken ihre Untergebenen, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an
und beuten sie aus. So soll es jedoch unter denen, die Jesus folgen und
unter der Herrschaft Gottes stehen, nicht sein. Wer groß sein will unter
euch, der soll euer Diener sein ( diakonos ); er soll also anderen
freiwillig dienen. Und wer unter euch der Erste sein will, der soll
aller Knecht ( doulos , "Sklave") sein ; er soll also seine eigenen
Rechte zugunsten aller aufgeben (vgl. den Kommentar zu Mk 9,35-37 ). Ein
Jünger soll den Interessen anderer, nicht seinen eigenen dienen, und er
soll es freiwillig tun und als Opfer ansehen. Mk 10,45 Jesus selbst war das beste Beispiel für wahre Größe
(im Gegensatz zu V. 42 ). Der Menschensohn (vgl. den Kommentar zu Mk
8,31 ) verbarg freiwillig seine Herrlichkeit (vgl. Mk 8,38;13,26 ) und
kam als Gottes Knecht (vgl. Jes 52,13-53,12; Phil 2,6-8 ), nicht, daß er
sich dienen lasse, sondern daß er diene (vgl. Mk 2,17;10,46-52; Lk 22,27
). Der Höhepunkt seines Dienens war sein Tod als ein Lösegeld für viele.
Er starb freiwillig, als Opfer, stellvertretend und gehorsam (vgl. den
Kommentar zu Mk 15,34 ). "Lösegeld" ( lytron ) steht außer an dieser Stelle
im Neuen Testament nur noch in Mt 20,28 . Der Begriff, der soviel wie
"Freikaufsumme" bedeutet, meint eine Zahlung für die Freilassung von
Sklaven oder Kriegsgefangenen. Dazu gehört auch der Gedanke der
Stellvertretung (vgl. TDNT, " lyo ", 4,328-35). Die Menschen sind
Gefangene der Sünde und des Todes (vgl. Röm 5,12; Röm 6,20 ), aus deren
Macht sie sich nicht aus eigener Kraft befreien können. Jesu
stellvertretender Tod war der Preis, der sie erlöst hat (vgl. Röm 6,22;
Hebr 2,14-15 ). (Vgl. die Tabelle "Neutestamentliche Worte für
Erlösung".) Die Präposition "für" ( anti ), die Markus nur an
dieser Stelle benutzt, unterstreicht den stellvertretenden Charakter des
Leidens Jesu. Sie bedeutet "statt, anstelle von" (vgl. Mt 2,22; Lk
11,11; 1Pet 3,9 ). Jesus gab sein Leben ( psychEn ) anstelle von vielen
(vgl. Mk 14,24 ,wo hyper , "für", steht). "Viele" ist hier in der umfassenden Bedeutung von
"alle" gebraucht (vgl. Mk 1,32-34; Jes 53,11-12 ). Das Wort dient dazu,
plastisch herauszuarbeiten, daß eine große Zahl von Menschen durch das
eine Opfer des Erlösers gerettet wird (vgl. Röm 5,15.18-19 ). Jesu
Sühnetod gilt nicht nur für sein Volk, sondern für alle Menschen (vgl.
1Tim 2,5-6 ). D. Schluß: Der Glaube des blinden Bartimäus ( 10,46 - 52 ) ( Mt 20,29-34; Lk 18,35-43 ) Dies ist die letzte Heilungsgeschichte im
Markusevangelium. Sie beschließt den wichtigen Abschnitt über die
Nachfolge ( Mk 8,31-10,52 ) und ist zugleich eine ausgezeichnete
Illustration für die Bedeutung des zuvor Gesagten. Sie läßt erkennen,
daß die Jünger, trotz aller Mißverständnisse von ihrer Seite (vgl. Mk
8,32-33;9,32;10,35-41 ), schließlich doch noch zu voller Einsicht (d. h.
zu vollem Verständnis) gelangen würden, da Jesus ihnen die Augen für all
das, was aus seinem messianischen Auftrag für sie und ihn erwuchs,
öffnen würde. Die Anschaulichkeit der Darstellung (z. B. V. 50 )
legt die Annahme nahe, daß auch hier wieder die lebendige Erinnerung
eines Augenzeugen wie Petrus federführend war. Die Berichte der drei
synoptischen Evangelien über dieses Ereignis weichen etwas voneinander
ab. Matthäus spricht von zwei blinden Männern ( Mt 20,30 ), und Lukas
verlegt den Zeitpunkt des Zwischenfalls auf Jesu Ankunft in Jericho
statt auf seine Abreise ( Lk 18,35 ). Vielleicht gab es tatsächlich zwei
Blinde, und Markus und Lukas konzentrierten sich nur auf die Geschichte
des einen, weil er sich besser artikulieren konnte oder bekannter war.
Auf jeden Fall gab es zwei Jerichos - eine alte und eine neue Stadt. Die
Heilungen könnten also stattgefunden haben, als die Menge das alte,
israelitische Jericho verließ ( Mt 20,29; Mk 10,46 ) und in das neue,
herodianische Jericho ( Lk 18,35 ) einzog. Allerdings kann man von den
Belegen her nicht mit Sicherheit sagen, ob das alte Jericho zu diesem
Zeitpunkt überhaupt noch bewohnt war. Jesus und seine Jünger verließen Peräa (vgl. V. 1
), überquerten den Jordan und kamen nach Jericho in Judäa. Das Jericho
der neutestamentlichen Zeit, das von Herodes dem Großen als
Winterresidenz erbaut worden war, lag etwa acht Kilometer westlich des
Jordan, anderthalb Kilometer südlich der alttestamentlichen Stadt ( Jos
6; 2Kö 2,4-5.15-18 ) und etwa 29 Kilometer nordöstlich von Jerusalem. Als sie zusammen mit einer großen Menge,
wahrscheinlich Pilgern, die zum Passafest nach Jerusalem unterwegs waren
(vgl. Ps 42,4; Mk 14,1-2 ), wieder aus Jericho , wahrscheinlich aus der
alten Stadt, weggingen, sahen sie einen blinden Bettler , Bartimäus -
ein aramäischer Name, der "Sohn des Timäus" bedeutet. Nur Markus erwähnt
seinen Namen, was darauf hindeutet, daß Bartimäus vielleicht in der
frühen Kirche bekannt war. Er saß am Wege und bettelte, ein vertrauter
Anblick in der reichen Stadt Jericho. Mk 10,47-48 Als Bartimäus hörte, daß Jesus von Nazareth (vgl.
Mk 1,24 ) an ihm vorbeiging, schrie er laut, um seine Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken,und bat Jesus immer wieder, Erbarmen mit ihm zu haben
(vgl. Ps 4,2;6,3 ). Zweifellos hatte er von Jesu Heilungen gehört. Als
viele ihn anfuhren (vgl. Mk 10,13 ), um ihn zum Schweigen zu bringen,
schrie er nur noch viel mehr . Die Menschen betrachteten ihn
wahrscheinlich einfach als lästiges Ärgernis und hatten keine Lust, den
Zug von ihm aufhalten zu lassen. Oder sie hatten etwas gegen das, was er
schrie. Sohn Davids , ein Titel, der hier zum ersten Mal im
Markusevangelium auftaucht, bezeichnete den Messias als Nachkommen
Davids ( 1Sam 7,8-16 ) und wurde zu einem anerkannten Titel des
Messias-Königs (vgl. den Kommentar zu Mk 12,35-37; vgl. auch Jes 11,1-5;
Jer 23,5-6; Hes 34,23-25; Mt 1,1;9,27;12,23;15,22; Röm 1,3 ). Daß
Bartimäus ihn benutzte, spricht dafür, daß er, ganz im Gegensatz zu dem
blinden Unglauben der meisten Juden, ungeachtet seiner Blindheit
glaubte, daß Jesus von Nazareth der Messias Israels war. Später sprach
er Jesus persönlicher an (Rabbuni; Mk 10,51 ) und folgte ihm nach (vgl.
V. 52 b). Da Jesus ihm nicht Schweigen gebot, darf man annehmen, daß er
den Titel gelten ließ. Mk 10,49-52 a Jesus ignorierte Bartimäus nicht, sondern ließ ihn
zu sich kommen - ein Verweis für die (zu denen vielleicht auch die
Jünger gehörten), die versucht hatten, ihn am Rufen zu hindern (vgl. V.
14 ). Auch auf dem ihm vorgezeichneten Weg nach Jerusalem fand Jesus
immer noch Zeit, einem Menschen, der in Not war, zu helfen (vgl. V. 43 -
45 ). Die Menge ermutigte den Bettler: Sei getrost (
tharsei , "fasse Mut"; vgl. Mk 6,50 ), steh auf (wörtlich: "erhebe
dich") ! Er ruft dich! Daraufhin warf Bartimäus seinen Mantel von sich,
den er vor sich ausgebreitet hatte, um die Almosen einzusammeln, sprang
auf und kam zu Jesus . Die Frage, die Jesus dem Blinden stellte, diente
nicht zu seiner Information, sondern sollte Bartimäus Mut machen, seine
Bitte auszusprechen und so seinem Glauben Ausdruck zu verleihen.
Bartimäus' schlichte Antwort, Rabbuni, daß ich sehend werde , zeigt denn
auch sein vorbehaltloses Vertrauen in Jesu Macht. Rabbuni ist eine
betonte, persönliche Anrede, die bedeutet: "Mein Herr, mein Meister"
(vgl. Joh 20,16 ). Jesus erkannte seinen Glauben: Geh hin, dein Glaube
hat dir geholfen ( sOken , "gerettet"). Der Glaube war das notwendige
Mittel, nicht die Ursache dieser Heilung (vgl. den Kommentar zu Mk 5,34
). Die körperliche "Rettung" des Blinden (d. h. die Erlösung von der
Dunkelheit [Blindheit] zum Licht [Sehen]) war ein äußerliches Bild für
seine geistliche Rettung (vgl. Ps 91,14-16; Lk 3,4-6 ). Mk 10,52 b Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10; im Gegensatz zu
Mk 8,22-26 ) wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege ( en tE
hodO ; vgl. den Kommentar zu Mk 1,2 ). Obgleich Bartimäus Jesus zuerst
wohl hauptsächlich nach Jerusalem begleitete, um ein Dankopfer im Tempel
darzubringen, wurde er doch auch ein "Nachfolger" Jesu im Sinne eines
treuen Jüngers (vgl. Mk 8,34 ). Er war ein eindrucksvolles Beispiel für
die Nachfolge: Er erkannte sein eigenes Unvermögen, vertraute Jesus als
dem einen, der ihm Gottes Gnade schenken konnte, und folgte ihm, sobald
er klar "sehen" konnte, als Jünger nach. VII. Jesu Wirken in und um Jerusalem ( 11,1 - 13,37 ) Der fünfte Hauptteil des Markusevangeliums stellt
Jesu Wirken in und um Jerusalem dar. Er verurteilte die jüdischen
Religionsführer für die Ablehnung, die sie Gottes Boten, besonders dem
letzten, seinem Sohn, entgegengebracht hatten. Er warnte sie vor Gottes
drohendem Gericht über Jerusalem und über das Volk. Die Passage behandelt einen Zeitraum von insgesamt
nur drei oder vier Tagen ( Mk 11,1-11 ,Sonntag; Mk 11,12-19 , Montag; Mk
11,20-13,37 ,Dienstag und wahrscheinlich Mittwoch). Zwischen 11,20 und
Mk 13,37 fehlt eine genaue Zeitangabe, was darauf hindeutet, daßMarkus
das Geschehen hier thematisch und nicht chronologisch angeordnet hat
(vgl. Mk 2,1-3,6 ). Er wollte in diesem Fall einen zusammenfassenden
Überblick über das Wirken Jesu am Dienstag und am Mittwoch der Karwoche
geben (vgl. Mk 14,49 ). Die Leidensgeschichte beginnt dann in Kapitel
14,1 mit einem neuen chronologischen Ausgangspunkt. Der gesamte
zeitliche Rahmen für Mk 11,1-16,8 erstreckt sich über eine Woche, von
Palmsonntag bis Ostersonntag. A. Jesu Einzug in Jerusalem ( 11,1 - 11 ) ( Mt 21,1-11; Lk 19,28-44; Joh
12,12-19 ) Der Bericht des Markusevangeliums über dieses
Ereignis enthält zwar viele anschauliche Details, sagt jedoch relativ
wenig über die Proklamation Jesu als Messias aus (vgl. den Kommentar zu
Mk 1,43-44;8,30-31 ). Erst später (wahrscheinlich nach der Auferstehung)
verstanden die Jünger das Geschehene ganz. Mk 11,1 a Knapp anderthalb Kilometer südöstlich von Jerusalem
lag das Dorf Betfage (wörtlich: "Haus der unreifen Feigen") und etwa
drei Kilometer davon entfernt, auf der östlichen Seite des Ölbergs ,
eines hohen, etwa drei Kilometer langen Bergkamms, der für seine
Olivenbäume bekannt war, Betanien (wörtlich: "Haus der Datteln oder
Feigen"). In Betanien, dem letzten Zwischenhalt auf der einsamen und
gefährlichen Straße von Jerusalem nach Jericho (vgl. Mk 10,46 ), stand
das Haus von Maria, Marta und Lazarus ( Joh 11,1 ), in dem Jesus
gewöhnlich übernachtete, wenn er sich in Judäa aufhielt (vgl. Mk 11,11
). Auch Simon der Aussätzige ( Mk 14,3-9 ) wohnte in Betanien. Mk 11,1-3 (Mk 11,1b-3) Jesus sandte zwei seiner Jünger (vgl. Mk 14,13 ) in
das Dorf vor ( katenanti , "gegenüber", vielleicht auf der anderen Seite
des Ölbergs) ihnen, wahrscheinlich Betfage, wo sie gleich am Dorfrand
ein noch nicht zugerittenes Eselfüllen finden sollten. Das sollten sie
losbinden und herführen . Matthäus ergänzt in diesem Zusammenhang, daß
die Mutter des Füllens bei ihm stand (vgl. den Kommentar zu Mt 21,2 ). Wenn jemand sie daraufhin ansprechen sollte, so
sollten sie sagen: Der Herr bedarf seiner, und er sendet es alsbald (
euthys , "ohne Verzögerung"; vgl. Mk 1,10 ) wieder her (zurück ins
Dorf). Es wird allgemein angenommen, daß Jesus mit dem Wort "Herr" (
kyrios ; vgl. Mk 5,19 ) sich selbst meinte und nicht den Eigentümer des
Esels. Mk 11,4-6 Markus berichtet, wie die Jünger Jesu Anweisungen
ausführten (vgl. V. 2 - 3 ), und zeigt die bis ins einzelne gehende
Genauigkeit der Vorhersage. Auch das Losbinden des Füllens, in dem Jesus
vielleicht ein messianisches Zeichen sah (vgl. 1Mo 49,8-12 ), gehörte
dazu. Hatte Jesus mit dem Eigentümer des Füllens bereits
vorher alles abgesprochen, oder war dieses Ereignis ein Beweis für sein
übernatürliches Wissen? Eine ähnliche Begebenheit, die sich später
zutrug ( Mk 14,13-16 ), läßt die erstere These an Wahrscheinlichkeit
gewinnen, doch die vielen Einzelheiten, die Markus im Zusammenhang mit
der ganzen Transaktion anführt ( Mk 11,2-6 ), sprechen stark für die
zweite Annahme. Aber auch in diesem Fall wäre es noch denkbar, daß der
Eigentümer des Füllens zuvor mit Jesus zusammengetroffen war. Die Genauigkeit der Schilderung läßt wieder auf den
Bericht eines Augenzeugen schließen - möglicherweise war Petrus einer
der beiden Jünger, die das Füllen holen sollten (vgl. die Einführung ). Mk 11,7-8 Die Jünger legten ihre Kleider als Sattel auf das
Tier, und Jesus bestieg das noch ungerittene Füllen und ritt in
Jerusalem ein. Viele Menschen waren von diesem großen Augenblick bewegt
und bezeigten ihm spontan ihre Ehrfurcht, indem sie ihre Kleider vor ihm
auf den staubigen Weg breiteten (vgl. 2Kö 9,12-13 ). Andere streuten
grüne Zweige aus ( stibadas ; "Blätter oder Zweige mit Blättern"), die
sie auf den umliegenden Feldern abgehauen hatten (in Joh 12,13 ist von
Palmzweigen die Rede). Mk 11,9-10 Der chiastische Aufbau dieser Verse (a-b-b'-a')
deutet darauf hin, daß sie von zwei Gruppen im Wechselgesang gerufen
wurden - von denen, die vorangingen und von denen, die nachfolgten . Sie
sangen Ps 118,26 .Bei dem jährlich stattfindenden Passafest (vgl. Mk
14,1 ) sangen die Juden stets die sechs Psalmen des Lobgesangs ( Ps
113-118 ) und gaben damit ihrem Dank, ihrem Lob und ihren Bitten vor
Gott Ausdruck. Hosianna, eine Transkription des gleichlautenden
griechischen Wortes, das seinerseits eine Transkription des hebräischen
hNSI ZCh nA? ist, war ursprünglich eine Gebetsformel, die besagte: "O
rette uns jetzt" (vgl. Ps 118,25 a). Später wurde es zu einem preisenden
Ausruf (wie "Halleluja!"), dann zu einem begeisterten Willkommensgruß
für Pilger oder einen berühmten Rabbi. Hosianna in der Höhe heißt
wahrscheinlich so viel wie: "Rette uns, o höchster Gott, der im Himmel
lebt!" In dem Zusammenhang, in dem der Ruf hier benutzt wird, fließen
wohl alle seine verschiedenen Bedeutungselemente zusammen. Die Anrufung gelobt sei! galt Gottes gnädiger
Macht, die sich dem Menschen zuwendet und Dinge bewirkt, während die
Wendung der da kommt im Namen des Herrn (als Stellvertreter und
Bevollmächtigter Gottes) sich ursprünglich auf Pilger bezog, die zum
Passafest kamen. Es handelt sich also nicht um einen Messias-Titel im
eigentlichen Sinn, wenn der Messiasgedanke auch sicherlich mitspielte,
als die Pilger ihn auf Jesus anwandten (vgl. 1Mo 49,10; Mt 3,11 ).
Trotzdem erkannten sie ihn nicht als den Messias. Das Reich, das da kommt (vgl. den Kommentar zu Mk
1,15 ), war in Verbindung mit der Person Davids ein Ausdruck der
messianischen Hoffnung der Menschen auf die Wiederherstellung des
davidischen Königreichs (vgl. 1Sam 7,16; Am 9,11-12 ). Doch ihre
Begeisterung galt einem herrschenden Messias und einem politischen
Königreich - die Tatsache, daß der, der da friedlich auf einem
Eselfüllen einherritt, der ersehnte Messias war (vgl. Sach 9,9 ), der
leidende Messias, dessen Reich schon begonnen hatte, weil er zu ihnen
gekommen war, konnten sie weder begreifen noch akzeptieren. Für die
meisten Menschen damals gehörte dieser Moment des Jubels ohnehin einfach
nur zu den Feierlichkeiten des traditionellen Passafestes. Er brachte
weder die römischen Autoritäten auf den Plan noch führte er zur
Verhaftung Jesu durch die jüdischen Machthaber. Mk 11,11 Und Jesus ging hinein nach Jerusalem in den Tempel
( hieron , "die Vorhöfe des Tempels", nicht in das zentrale Heiligtum [
naos ; vgl. Mk 14,58;15,29.38 ]). Er sah sich gründlich im Tempelbezirk
um, um festzustellen, ob er auch den Zwecken diente, die er nach Gottes
Willen hatte. So kam es dann auch zu seiner Reinigungsaktion am nächsten
Tag (vgl. Mk 11,15-17 ). Da kurz vor Sonnenuntergang die Stadttore
geschlossen wurden, ging Jesus mit den Zwölfen hinaus nach Betanien , um
dort zu übernachten (vgl. V. 1 a). B. Die Prophezeiungen des Gerichtes über Israel ( 11,12 - 26 ) Dieser Abschnitt ist wieder in der schon mehrmals
verwendeten "Sandwich"-Struktur aufgebaut (vgl. Mk
3,20-35;5,21-43;6,7-31 ). Die Erzählung von der Verfluchung des
Feigenbaums ( Mk 11,12-14.20-26 ) wird durch den Bericht über die
Säuberung der Tempelvorhallen unterbrochen (V. 15 - 19 ). Diese Abfolge
deutet darauf hin, daß die beiden Episoden einander gegenseitig
erklären. Wie bei dem Feigenbaum sproßten in Israel nur die "Blätter",
der zeremonielle Bereich des religiösen Lebens, doch es fehlten die
"Früchte" der Gerechtigkeit, die Gott forderte. Beide Geschichten
verweisen auf Gottes drohendes Gericht über Israel wegen der religiösen
Heuchelei des Volkes (vgl. den Kommentar zu Mk 7,6 ). Matthäus berichtet
diese Vorgänge in zwei getrennten, aufeinanderfolgenden Abschnitten,
ohne wie Markus die präzisen zeitlichen Zwischenräume anzugeben ( Mt
21,12-17.18-22 ). 1. Das Urteil über den unfruchtbaren Feigenbaum ( 11,12 - 14 ) ( Mt 21,18-19 ) Mk 11,12-13 Am nächsten Tag, am Montagmorgen, als sie von
Betanien nach Jerusalem gingen (vgl. V. 1 a), hungerte ihn (wörtlich:
"er wurde hungrig"). Und er sah einen Feigenbaum von ferne, der Blätter
hatte; da ging er hin, ob er etwas darauf fände , doch er hatte nichts
als Blätter . Markus fügt noch hinzu, daß es nicht die Zeit für Feigen
war. Es war die Zeit des Passafestes (vgl. Mk 14,1 ),
die Mitte des Monats Nisan (April). In Palästina tragen die Feigenbäume
im März bereits kleine eßbare Knospen, denen Anfang April große grüne
Blätter folgen. Diese frühen grünen "Früchte" (Knospen) waren bei den
ortsansässigen Bauern ein beliebtes Nahrungsmittel. (Das Fehlen der
Knospen trotz bereits vorhandener Blätter zeigte an, daß der Baum dieses
Jahr keine Früchte tragen würde.) Die Knospen fielen schließlich ab,
wenn Ende Mai und im Juni, in der eigentlichen Feigensaison, die
richtigen Früchte reiften. Jesus konnte also mit Recht davon ausgehen,
bereits jetzt, kurz vor dem Passafest (Mitte April), etwas Eßbares an
dem Baum vorzufinden, obwohl die Zeit für Feigen noch nicht gekommen
war. Mk 11,14 Jesu strenge Verurteilung des Feigenbaums, die
Petrus als Fluch bezeichnete (V. 21 ), war eine dramatische prophetische
Ankündigung des drohenden göttlichen Gerichtes über Israel, nicht etwa
eine ärgerliche Reaktion, weil er hungrig war und keine Nahrung fand. Der vielversprechende, aber unfruchtbare Feigenbaum
war ein Symbol für die geistliche Unfruchtbarkeit Israels, das trotz
aller erfahrenen göttlichen Gnade und trotz des beeindruckenden Bildes,
das seine Religion nach außen vermittelte, keine Früchte aufwies (vgl.
Jer 8,13; Hos 9,10.16; Mi 7,1 ). Mk 11,27-12,40 ist eine einzige
Demonstration dieses belastenden Tatbestandes. 2. Das Urteil über den Mißbrauch des Tempels ( 11,15 - 19 ) ( Mt 21,12-17; Lk 19,45-46 ) Über dieses Ereignis wird in allen drei
synoptischen Evangelien übereinstimmend berichtet. Johannes hat die
Vertreibung der Händler aus dem Tempel an den Anfang des öffentlichen
Wirkens Jesu verlegt (vgl. den Kommentar zu Joh 2,13-22 ). Mk 11,15-16 Als Jesus in Jerusalem anlangte, begab er sich zum
Tempel ( hieron ; vgl. V. 11 ), in den weiten äußeren Hof der Heiden,
der die heiligen inneren Bezirke des Tempels selbst umgab (siehe den
Tempelgrundriß). Nichtjuden durften nur diesen äußeren Vorhof betreten.
Hier hatte sich mit Genehmigung des Hohenpriesters Kaiphas (vielleicht
als erst seit kurzem bestehendewirtschaftliche Neuerung) an zahlreichen
Ständen ein schwunghafter Handel mit rituell "reinen" Gegenständen, die
für den Tempelgottesdienst benötigt wurden, wie Wein, Öl, Salz, heilige
Opfertiere und -vögel, entwickelt.
In Palästina kursierte zur Zeit des Neuen
Testaments Geld aus drei verschiedenen Quellen: kaiserliches (römisches)
Geld, (griechisches) Geld aus den Provinzen und (jüdisches) Geld aus
Palästina selbst. Geldwechsler hielten daher an ihren Tischen die
erforderliche (jüdische) Währung, die von Tyrus aus in Umlauf gebracht
wurde, für die jährliche, einen halben Schekel betragende Tempelsteuer
bereit ( 2Mo 30,12-16 ), die jeder männliche Jude ab dem zwanzigsten
Lebensjahr entrichten mußte. Sie wechselten sie gegen die griechischen
und römischen Münzen ein, die Portraits von Menschen trugen und daher
als götzendienerisch galten. Ein geringer Zuschlag für derartige
Transaktionen war zwar erlaubt, doch es gab durchaus auch Wucher und
Betrug. Außerdem gingen ständig Lastträger die Abkürzung durch den
Tempelbereich (vgl. Mk 11,16 ) und machten ihn so zu einem vielbenutzten
städtischen Durchgangsweg.
Jesus war empört über die Verunglimpfung dieses den
Nichtjuden vorbehaltenen Tempelbereichs. Er stieß die Tische der
Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um und ließ nicht zu, daß
jemand etwas durch den Tempel trage . Es gab in der Stadt genügend
Märkte, auf denen Geschäfte getätigt werden konnten. Mk 11,17 Der Vorgang erregte Aufmerksamkeit bei den
Umstehenden, und er lehrte (wörtlich "begann zu lehren") sie, wofür der
Tempel nach Gottes Willen eigentlich bestimmt war. Mit einer Frage, die
nur bejahend beantwortet werden konnte, berief er sich für sein Tun auf
die Autorität des Alten Testamentes (und zitierte Jes 56,7 b nach dem
Wortlaut der LXX). Nur Markus erweitert das Jesajazitat um die Worte
für alle Völker . Gott wünschte, daß sowohl Heiden als auch Juden den
Tempel als Ort des Gottesdienstes und der religiösen Verehrung benutzten
(vgl. Joh 12,20 ). Dieser Gedanke war für die Leser des
Markusevangeliums in Rom besonders wichtig. Doch statt dessen habt ihr (im Griechischen
betont), die uneinsichtigen Juden, aus dem Hof der Heiden eine
Räuberhöhle gemacht , einen Zufluchtsort für betrügerische jüdische und
heidnische Händler (vgl. Jer 7,11 ) statt eines Bethauses (vgl. 1Kö
8,28-30; Jes 60,7 b). Mit seiner Tat beanspruchte Jesus als Messias
größere Vollmacht im Tempel als der Hohepriester (vgl. Hos 9,15; Mal
3,1-5 ). Mk 11,18-19 Als die religiösen Führer (vgl. den Kommentar zu Mk
8,31;11,27;14,1.43.53 ) davon hörten, trachteten sie danach (vgl. Mk
12,12;14,1.11 ), wie sie ihn umbrächten , ohne einen größeren Aufruhr zu
verursachen. Markus fügt als einziger Synoptiker erklärend an ( gar ,
"nämlich"), daß sie sich vor ihm fürchteten , weil er beim Volk so
beliebt war und Autorität besaß. Alles Volk, die Pilger, die aus allen
Teilen der Alten Welt zum Passafest nach Jerusalem gekommen waren,
verwunderte sich ( exeplEsseto ; "erstaunt, außer sich, überwältigt";
vgl. Mk 1,22;6,2;7,37;10,26 ) über seine Lehre (vgl. Mk 1,27 ). Seine
Popularität hielt die jüdischen Machthaber davon ab, ihn auf der Stelle
verhaften zu lassen. Abends (Montagabend) verließen Jesus und die Zwölf
Jerusalem und gingen wahrscheinlich wieder nach Betanien (vgl. Mk 11,11
). 3. Der verdorrte Feigenbaum und eine Lektion in
Glauben und Gebet ( 11,20 - 26 ) ( Mt 21,20-22 ) Mk 11,20-21 Diese Verse beschreiben die auf Mk 11,12-14
folgenden Ereignisse. Am nächsten Morgen, Dienstag, als Jesus und seine
Jünger nach Jerusalem zurückkehrten, sahen sie, daß der Feigenbaum , an
dem sie am Vortag vorbeigekommen waren (V. 13 ) v erdorrt war bis zur
Wurzel , völlig vertrocknet - Jesu Worte hatten sich also erfüllt (V. 14
). Petrus wandte sich an Jesus, sprach ihn als Rabbi
an und wies ihn überrascht auf den Zustand des Baumes hin, dessen
Zerstörung sehr viel schlimmer war, als Jesu Worte am vorigen Tag ( Mk
11,14 ) hatten vermuten lassen. Jesus erklärte das Geschehene nicht,
doch nach Ansicht vieler Exegeten war der Vorfall ein Bild für das
drohende Gericht Gottes über Israel (vgl. den Kommentar zu V. 12 - 14 ). Mk 11,22-24 Statt das Bild zu deuten, ermahnte Jesus die
Jünger: "Habt Glauben an Gott!" Glaube, der in Gott ruht, bedeutet
unerschütterliches Vertrauen in seine Allmacht und unwandelbare Güte
(vgl. Mk 5,34 ). Nach einer feierlichen Einleitung ( wahrlich, ich
sage euch ; vgl. Mk 3,28 ) sagte Jesus in einer bewußten Übersteigerung,
daß, wer zu diesem Berg - dem Ölberg, der ein unverrückbares Hindernis
darstellte - spräche: Heb (wörtlich: "entwurzelt werden" und "geworfen
werden") dich und wirf dich ins Meer (das Tote Meer, das man vom Ölberg
aus sehen konnte), so wird's ihm geschehen . Die einzige Bedingung dafür
ist, daß der Bittende nicht zweifelt, sondern glaubt und
unerschütterliches Vertrauen in Gott setzt, daß dieser die Bitte
erfüllen wird. Ein solcher Glaube war in der Tat ein schroffer Kontrast
zu dem mangelnden Glauben Israels. Darum, weil ein gläubiges Gebet Gottes Macht, das
dem Menschen Unmögliche zu tun, in Bewegung setzen kann ( Mk 10,27 ),
ermahnte Jesus seine Jünger, zu glauben , daß sie bereits empfangen
haben, worum sie im Gebet bitten . Der Glaube geht davon aus, daß seine
Bitte bereits erfüllt ist, auch wenn die tatsächliche Antwort noch in
der Zukunft liegt. Diese Verheißung für das Gebet galt natürlich nur
unter der Voraussetzung, daß die vorgetragene Bitte auch in Einklang mit
Gottes Willen stand (vgl. Mk 14,36; Mt 6,9-10; Joh 14,13-14; 15,7;
16,23-24; 1Joh 5,14-15 ). Nur dann ist der Glaube in der Lage, die
Antworten, die Gott gibt, zu vernehmen. Gott ist stets bereit, auf die
Gebete eines gehorsamen Gläubigen zu antworten, der in dem Bewußtsein zu
ihm kommen kann, daß ihm kein Problem und keine Situation zu schwierig
ist. Mk 11,25-26 Ebenso wichtig für ein wirksames Gebet wie der
Glaube an Gott ist die innere Bereitschaft, anderen zu vergeben. Wenn
ein Gläubiger aufsteht, um zu beten - die bei den Juden übliche
Gebetshaltung (vgl. 1Sam 1,26; Lk 18,11.13 ) - und dabei etwas gegen
jemanden hat , sei es nun ein Gläubiger oder ein Ungläubiger, etwa wegen
einer früheren Beleidigung einen Groll gegen einen anderen hegt, soll er
ihm vergeben. Das muß er tun, damit sein Vater im Himmel (das
einzige Mal, daß Markus diese Wendung gebraucht, im Gegensatz zu
Matthäus, der sie häufig verwendet) auch ( kai im Griechischen) ihm
seine Übertretungen ( paraptOmata ; auch dieser Ausdruck kommt nur an
dieser einen Stelle bei Markus vor), all die Gedanken oder Handlungen,
in denen er von Gottes Wahrheit abgewichen ist, vergebe. Die Vergebung Gottes gegenüber dem Gläubigen und
die Vergebung des Gläubigen gegenüber anderen sind untrennbar
miteinander verbunden, denn zwischen dem göttlichen Vergeber und dem
Glaubenden, dem vergeben wurde, besteht eine enge Beziehung (vgl. Mt
18,21-35 ). Wer Gottes Vergebung angenommen hat, von dem wird erwartet,
daß er anderen vergibt, wie Gott ihm vergeben hat ( Eph 4,32 ). Wenn er
es nicht tut, verwirkt er Gottes Vergebung in seinem täglichen Leben. C. Der Streit mit den jüdischen Religionsführern im
Tempel ( 11,27 - 12,44 ) Markus bündelt in Mk 11,27-12,37 wahrscheinlich
bewußt fünf Episoden rund um den Konflikt zwischen Jesus und mehreren
einflußreichen religiösen Gruppierungen (vgl. auch Mk 2,1-3,5 ). Eine
Gegenüberstellung ihrer selbstgerechten Religiosität und der wahren
Frömmigkeit beschließt diesen Abschnitt ( Mk 12,38-44 ). Der
Tempelbereich war der Mittelpunkt des Wirkens Jesu in seiner letzten
Lebenswoche (vgl. Mk 11,11.15-17.27;12,35.41;13,1-3;14,49 ). Die
Kontroversen mit den Schriftgelehrten lassen nochmals ein
zusammenfassendes Bild seiner Lehre von Dienstag und Mittwoch erstehen.
Sie machen aber auch die wachsende Feindseligkeit der religiösen Führer
deutlich. 1. Die Frage nach der Vollmacht Jesu ( 11,27 - 12,12 ) Verschiedene Vertreter des Hohen Rates stellten die
Vollmacht Jesu in Frage, gerieten durch seine Entgegnung jedoch in große
Verlegenheit ( Mk 11,27-33 ). Anhand des Gleichnisses von den bösen
Weingärtnern ( Mk 12,1-12 ) führte ihnen Jesus ihre Ablehnung der Boten
Gottes vor Augen. a. Jesu Frage zur Taufe des Johannes Mk 11,27-28 Am Dienstagmorgen (vgl. V. 20 ) kamen Jesus und
seine Jünger wieder nach Jerusalem (vgl. V. 11 - 12. 15 ). Im Tempel (
heirO , vgl. V. 11. 15 ) sprachen die Hohenpriester und Schriftgelehrten
und Ältesten , Abgeordnete des Hohen Rates (vgl. den Kommentar zu Mk
8,31;14,43.53;15,1 ), Jesus an. Als Wächter über das religiöse Leben
Israels stellten sie ihm zwei Fragen: 1. Aus welcher Vollmacht tust du
das? (vgl. Mk 1,22.27 ) 2. Wer hat dir diese Vollmacht gegeben, daß du
das tust? "Das" (wörtlich: diese Dinge) bezog sich auf die Reinigung des
Tempels am vorigen Tag (vgl. Mk 11,15-17 ), wahrscheinlich aber auch
ganz allgemein auf seine Worte und Taten, die überall große
Aufmerksamkeit erregten (vgl. V. 18 ; Mk 12,12.37 ). Die Fragen der
Vertreter des Sanhedrin zeigen, daß Jesus offensichtlich nicht klar
gesagt hatte, daß er der Messias sei; ein Punkt, der wieder auf das
Motiv des Messiasgeheimnisses verweist, das bei Markus eine wichtige
Rolle spielt (vgl. den Kommentar zu Mk 1,43-45;12,1.12 ). Mk 11,29-30 In einer Gegenfrage - einer in den Streitgesprächen
der Rabbiner üblichen rhetorischen Figur (vgl. Mk 10,2-3 ) - machte
Jesus seine Antwort auf ihre Fragen von ihrer Antwort auf die seine
abhängig. Sie zielte auf die Taufe des Johannes und das ganze Amt des
Täufers (vgl. Mk 1,4-8;6,14-16.20 ). Kam sie vom Himmel (war also
göttlichen Ursprungs; vgl. Mk 8,11 ) oder von den Menschen (war also
menschlichen Ursprungs)? Jesus ging hier davon aus, daß seine eigene
Vollmacht denselben Ursprung hatte wie die des Johannes, was erneut
deutlich macht, daß keine Rivalität zwischen ihnen bestand. Das Urteil
der religiösen Führer über Johannes würde damit zeigen, wie sie ihn
selbst einschätzten. Mk 11,31-32 Diese Frage brachte die religiösen Führer in eine
Zwickmühle. Wenn sie antworteten: vom Himmel , würden sie damit sich
selbst beschuldigen, weil sie ihm nicht geglaubt und ihn nicht
unterstützt hatten (vgl. Joh 1,19-27 ). Sie würden sich selbst das
Zeugnis ausstellen, Gottes Boten verworfen zu haben, und sie wären
andererseits gezwungen anzuerkennen, daß auch Jesu Vollmacht von Gott
kam (vgl. Mk 9,37 b). Diese Antwort war also, wenngleich richtig, für
sie unakzeptabel, weil sie keinen Glauben hatten. Wenn sie jedoch antworteten: von Menschen , lagen
die Konsequenzen auf der Hand: Damit würden sie bestreiten, daß Johannes
seinen Auftrag von Gott erhalten hatte, und sich beim Volk unbeliebt
machen. Markus fügt ergänzend an, daß sie sich vor dem Volk fürchteten
(vgl. Mk 12,12 ), denn alle hielten Johannes wirklich für einen
Propheten , ein Sprachrohr Gottes (vgl. Josephus, Ant. 18. 5. 2). Die
letztere Antwort hätten sie also zwar, obgleich sie falsch war, lieber
gegeben, doch sie trauten sich nicht aus Angst vor der Menge. Mk 11,33 :
Da also keine der beiden Möglichkeiten für sie akzeptabel war, schützten
sie Unwissenheit vor, um ihr Gesicht zu wahren. Daher war auch Jesus
nicht verpflichtet, ihnen zu antworten. Seine Frage (vgl. V. 30 )
implizierte allerdings, daß seine Vollmacht , wie die des Johannes, von
Gott kam. Durch ihren Rückzieher machten die Vertreter des
Hohen Rates ihre Ablehnung gegen Johannes und Jesus, die Boten Gottes,
umso deutlicher. In der Geschichte Israels war es immer wieder so
gewesen, daß die Führer und Machthaber Israels Gottes Boten
zurückstießen. Das zeigte Jesus an dem folgenden Gleichnis. b. Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern ( 12,1 - 12 ) ( Mt 21,33-46; Lk 20,9-19 ) Dieses Gleichnis spiegelt die soziale Situation im
Palästina des ersten Jahrhunderts, vor allem in Galiläa wider.
Wohlhabende ausländische Landeigentümer besaßen große Ländereien, die
sie verpachteten. Die Pächter verpflichteten sich, das Land in der
Abwesenheit der Besitzer zu bebauen und die Weinberge zu pflegen.
Außerdem hatten sie einen vertraglich festgelegten Anteil des Ertrags
als Pacht zu zahlen. Zur Erntezeit schickten die Eigentümer
Bevollmächtigte, die die Pacht einzogen. Unausweichlich kam es bei
diesem System zu Spannungen zwischen den abwesenden Eigentümern und den
Pächtern des Landes. Mk 12,1 a Eine knappe Feststellung (vgl. die Einführung zu Mk
2,1-2 ) bildet die Überleitung zum einzigen Gleichnis (vgl. die
Einführung zu Mk 4,1-2 ), das Markus in diesem Zusammenhang erzählt.
Jesus wandte sich mit seinen Ausführungen offensichtlich an die
Abgeordneten des Hohen Rats, die ihn befragt hatten und nun ein Komplott
gegen ihn schmieden wollten (vgl. Mk 11,27;12,12 ). Das Gleichnis, das
er ihnen erzählte, entlarvte ihre feindseligen Pläne und warnte sie vor
den Folgen ihres Handelns. Mk 12,1 b Die Einzelheiten zur Bepflanzung des Weinberges
stammen aus Jes 5,1-2 (und gehören zu einer Prophezeiung des göttlichen
Gerichtes über Israel). Der Weinberg war ein den Juden vertrautes Symbol
für das Volk Israel (vgl. Ps 80,8-19 ). Ein Mensch , ein Landeigentümer (vgl. Mk 12,9 ),
pflanzte einen Weinberg - eine Parallele zu der Beziehung Gottes zu
Israel. Die Errichtung eines Schutzzaunes, einer Kelter , um den Saft
aus den Trauben aufzufangen, und eines Wachtturmes zum Schutz und als
Lagerraum zeigen, daß der Eigentümer aus diesem Stück Land etwas ganz
Besonderes machen wollte. Dann verpachtete er ihn an Weingärtner -
Israels religiöse Führer - und ging außer Landes . Sein Wohnsitz lag
möglicherweise im Ausland, in jedem Fall gehörte er zur Gruppe der weit
entfernt lebenden Landbesitzer. Mk 12,2-5 Zur Erntezeit ( als die Zeit kam , "zur rechten
Zeit"; d. h. zur Lese im fünften Jahr; vgl. 3Mo 19,23-25 ) sandte der
Eigentümer drei Knechte - Bevollmächtigte, die Gottes an Israel gesandte
Knechte (die Propheten) darstellten - zu den Weingärtnern, um seinen
Anteil an den Früchten zu holen . Doch die Pächter mißhandelten sie in
übelster Weise. Sie nahmen den ersten Knecht, schlugen ihn und schickten
ihn mit leeren Händen fort . Den zweiten verletzten sie ernsthaft und
schmähten ihn, den dritten töteten sie. Der langmütige Eigentümer schickte noch viele
andere; die einen schlugen sie, die anderen töteten sie . Wieder und
wieder hatte Gott den Israeliten Propheten geschickt, um die Früchte der
Reue und Rechtschaffenheit (vgl. Lk 3,8 ) einzusammeln, doch sie alle
wurden mißhandelt, verwundet und getötet (vgl. Jer 7,25-26;25,4-7; Mt
23,36-39 ). Mk 12,6-8 Am Schluß hatte der Eigentümer noch einen zu
senden, seinen geliebten Sohn (eine Bezeichnung für Gottes Sohn, Jesus;
vgl. Mk 1,11;9,7 ). Als letzten , eine Wendung, die nur bei Markus
steht, sandte er seinen Sohn . Er nahm an, daß die Pächter ihm dieEhre
erweisen würden, die sie seinen Knechten verweigert hatten. Die Ankunft des Sohnes brachte die Pächter
möglicherweise auf den Gedanken, daß der Eigentümer gestorben und dieser
Sohn sein einziger Erbe sei. In Palästina konnte damals jeder ein Stück
"herrenloses" Land rechtmäßig in Besitz nehmen, wenn er es als erster
für sich beanspruchte und wenn sich innerhalb einer bestimmten Frist
kein Erbe meldete (vgl. Mischna Baba Bathra 3.3). Die Pächter dachten
sich also wohl, daß sie den Weinberg für sich behalten könnten, wenn sie
den Sohn töteten. So schmiedeten sie ein Komplott, töteten ihn und
warfen ihn hinaus vor den Weinberg . Manche Forscher sehen darin einen
Vorverweis auf das, was mit Jesus geschehen sollte: Er sollte außerhalb
Jerusalems gekreuzigt werden, ausgestoßen aus Israel in einer äußersten
Steigerung der Verwerfung durch die religiösen Führer. Meines Erachtens
mißt eine solche Interpretation des Gleichnisses diesem einen Detail
jedoch zu viel Gewicht bei. Die Tatsache, daß sie die Leiche des Sohnes
ohne Begräbnis einfach über den Zaun warfen, muß wohl eher als die
letzte und zugleich schrecklichste ihrer Schandtaten gesehen werden.
Außerdem spielten sich nach der Darstellung des Evangelisten die Szenen
der Ablehnung des Sohnes und seine Ermordung im Weinberg, also innerhalb
Israels, ab. Mk 12,9 Mit seiner rhetorischen Frage forderte Jesus seine
Hörer auf, mitzuentscheiden, was der Herr des Weinbergs gegen die
Pächter unternehmen sollte. Er bekräftigte ihre Antwort (vgl, Mt 21,41
), indem er sie erneut auf Jes 5,1-7 hinwies. Darin steckte eine
eindringliche Aufforderung an alle, die sich gegen ihn verschworen
hatten, die ernsten Folgen ihres Handelns zu bedenken, da er sich selbst
offensichtlich als den "einzigen Sohn", den Gott gesandt hatte, sah (
Joh 3,16 ). Was mit dem Sohn des Eigentümers geschah, richtete
sich im Grunde gegen den Eigentümer selbst, der in seiner ganzen Macht
kommen, die mörderischen Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen
geben wird . In genau der gleichen Weise war auch die Verwerfung
Johannes' des Täufers und Jesu, des letzten Boten Gottes, durch die
jüdischen Religionsführer letztlich eine Absage an Gott selbst. Damit
würde unausweichlich sein Gericht über Israel hereinbrechen und die
Privilegien des jüdischen Volkes eine Zeitlang anderen übertragen werden
(vgl. Röm 11,25.31 ). Mk 12,10-11 Jesus arbeitete die Anwendung des Gleichnisses auf
sich selbst als Sohn noch schärfer heraus und zitierte in diesem
Zusammenhang Ps 118,22-23 : ( Ps 117 in der LXX), eine vertraute
Passage, die auch an anderer Stelle mit dem Messias in Verbindung
gebracht wird ( Apg 4,11; 1Pet 2,4-8 ). Das Bild wechselt damit vom Sohn
und den Pächtern zum Gleichnis vom Stein und den Bauleuten im Psalm. In
diesem Vergleich schwingt auch ein Verweis auf Jesu Auferstehung und
Erhöhung mit, der zuvor nicht möglich war. Ein ermordeter Sohn kann
nicht wieder lebendig werden, doch ein verworfener Stein kann
wiedergefunden und beim Bau eines Hauses verwendet werden. Der Psalm schließt unmittelbar an das Gleichnis von
den bösen Weingärtnern an. Der Stein (Jesus, der Sohn), den die Bauleute
(die jüdischen Religionsführer, die Pächter des Weinbergs) verworfen
haben, der ist zum Eckstein geworden . Dieser Eckstein war der
wichtigste Stein eines Bauwerks. Die dramatische Umkehrung der
Entscheidung der Bauleute und die Erhöhung des verworfenen Steins war
allein Gottes Werk. Er ist Herr über alle rebellischen Versuche der
Menschen, seine Absichten zu unterlaufen. Mk 12,12 Sie, die Vertreter des Hohen Rates ( Mk 11,27 ),
trachteten danach (vgl. Mk 11,18 ), ihn zu ergreifen , denn sie hatten
gemerkt, daß er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Doch sie
fürchteten sich vor dem Volk , der aufgeregten Menge, die sich zum
Passafest versammelt hatte, daher ließen sie ihn und gingen davon . Die
Tatsache, daß Jesu Widersacher das Gleichnis verstanden, deutet auf eine
neue Entwicklung hin (vgl. Mk 4,11-12 ), die die Vermutung nahelegt, daß
er das "Geheimnis" seiner wahren Identität bald offenlegen wollte (vgl.
den Kommentar zu Mk 1,43-45;14,62 ). 2. Die Frage nach der Steuer ( 12,13 - 17 ) ( Mt 22,15-22; Lk 20,20-26 ) Mk 12,13 Trotzdem Jesus seine Gegner aus dem Hohen Rat im
vorhergehenden Gleichnis gewarnt hatte, blieben sie bei ihrem Vorsatz,
ihn auszuschalten, und sandten zu ihm einige von den Pharisäern (vgl. Mk
2,16 ) und von den Anhängern des Herodes (vgl. Mk 3,6 ) , daß sie ihn
fingen in Worten (wörtlich: "durch ein Wort", d. h. durch eine
unbedachte Bemerkung, die sie gegen ihn verwenden konnten; vgl. Mk 10,2
). Das Verb, das hier mit "fingen" ( argeusOsin ; es steht nur an dieser
einen Stelle im Neuen Testament) übersetzt ist, war ein Ausdruck für das
Fangen wilder Tiere in einer Falle. Mk 12,14 Sie begrüßten Jesus als Meister (vgl. Mk 4,38;9,5 )
und verbargen ihre wahren Motive hinter vorsichtig gewählten
Bemerkungen, damit er sich ihrer Frage nicht entziehen konnte. Zunächst
schmeichelten sie ihm, daß er ehrlich, unvoreingenommen und unabhängig
sei, denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen (wörtlich: "Du
schaust nicht in das Gesicht der Menschen", eine hebräische Redewendung;
vgl. 1Sam 16,7 ). Dann stellten sie ihm folgende Frage: "Ist's recht ,
d. h. nach dem Gesetz Gottes erlaubt (vgl. 5Mo 17,14-15 ) , daß man dem
Kaiser , dem römischen Imperator, Steuern zahlt oder nicht? Sollen wir
sie zahlen ( ; "sollen wir geben") oder nicht zahlen?" "Steuern" ( kEnson ) war vom lateinischen "census"
("Schätzung, Steuern") abgeleitet. Der Begriff bezog sich auf die
jährliche Steuer (Kopfsteuer), die der römische Kaiser seit dem Jahr 6
n. Chr., in dem Judäa römische Provinz geworden war, von jedem Juden
erhob (Josephus, Ant. 5. 1. 21). Das Geld ging direkt an den Kaiser. Die
Steuer war allgemein verhaßt, weil sie ein Symbol für die Unterwerfung
der Juden durch Rom war (vgl. Apg 5,37 ). Die Pharisäer waren ebenfalls gegen die Steuer,
verteidigten ihre Zahlung jedoch aus Zweckmäßigkeitserwägungen heraus.
Ihnen ging es vor allem um die religiösen Implikationen ihrer Frage. Die
Herodianer dagegen unterstützten die Fremdherrschaft der Dynastie des
Herodes und waren für die Steuer; ihnen ging es hier um die politischen
Implikationen der Frage. Jesus sollte also offensichtlich in einen
Zwiespalt zwischen religiösem und politischem Recht hineinmanövriert
werden. Wenn er die Frage bejahte, beschwor er damit den Unmut des
Volkes herauf und wurde außerdem als Bote Gottes unglaubwürdig. Wer den
Anspruch erhob, der Messias zu sein, konnte nicht der willigen
Unterwerfung unter heidnische Herrscher das Wort reden. Eine verneinende
Anwort hätte andererseits Rom herausgefordert. Mk 12,15-16 Jesus merkte ihre Heuchelei , die boshafte Absicht,
die hinter ihrer angeblich so aufrichtigen Frage lag, sofort. Er
entlarvte sie mit der rhetorischen Frage: "Was versucht ( peirazete ,
"prüfen"; vgl. Mk 10,2 ) ihr mich?" Dann gebot er ihnen: "Bringt mir
einen Silbergroschen (einen Denar; vgl. Mk 6,37 ) , daß ich ihn sehe!"
Der römische Denar, eine kleine Silbermünze, war das einzige Geldstück,
das für die kaiserliche Steuer akzeptiert wurde. Als Jesus sie aufforderte, ihm zu sagen, wessen
Bild und Aufschrift sich auf dem Silberstück befänden, antworteten sie:
"Des Kaisers." Bei dem Bild ( eikOn ) handelte es sich wahrscheinlich um
das des Tiberius (er regierte von 14 - 37 n. Chr.; vgl. die Tabelle der
römischen Kaiser bei Lk 3,1 ). Die lateinische Aufschrift lautete:
"Tiberius Cäsar Augustus, Sohn des göttlichen Augustus", und auf der
Rückseite: "Hoherpriester". Diese Inschrift hatte ihren Ursprung im
römischen Kaiserkult und brachte den Anspruch des Kaisers auf
Göttlichkeit zum Ausdruck - was besonders für die Juden unerträglich
war. Mk 12,17 Die Münzen als Zahlungsmittel des Cäsar zu
gebrauchen, hieß zugleich, seine Herrscherautorität und die positiven
Aspekte der römischen Verwaltung, die diese Autorität repräsentierte,
und damit auch die Verpflichtung zur Zahlung von Steuern anzuerkennen.
Deshalb erklärte Jesus: "Gebt ( apodote , "gebt zurück"; vgl. V. 14 )
dem Kaiser, was des Kaisers ist" (wörtlich: "die Dinge, die dem Kaiser
gehören"). Diese Steuer war etwas, was die Israeliten dem Kaiser
schuldeten, weil sie sein Geld und die übrigen Vorteile, die seine
Herrschaft ihnen brachte, in Anspruch nahmen. Jesus fügte dieser Aussage jedoch bedeutsamerweise
hinzu: "Und gebt Gott zurück, was Gottes ist" (wörtlich: "die Dinge, die
Gott gehören"). Das kann sich auf das "Zahlen" der Tempelsteuer beziehen
(vgl. Mt 17,24-27 ), wahrscheinlicher ist jedoch, daß Jesus es als
Protest gegen den Anspruch des Kaisers auf Göttlichkeit meinte. Der
Kaiser mußte bekommen, was ihm zustand, doch nicht mehr. Göttliche
Verehrung stand ihm nicht zu; sie gebührt nur Gott. Die Menschen selbst
sind gleichsam "Münzen Gottes", weil sie sein Ebenbild tragen (vgl. 1Mo
1,27 ). Sie schulden ihm, was ihm gehört - ihre Treue. Dieser
Gesichtspunkt, und nicht die Steuerfrage, war für Jesus entscheidend.
Seine Fragesteller wunderten sich ( exethaumazon ; Imperfekt; dieses
zusammengesetzte Verb steht nur an dieser Stelle im Neuen Testament)
über ihn . Der Zwischenfall war wieder besonders für die römischen Leser
des Evangeliums relevant, denn er zeigte ihnen, daß Christen sich auch
dem Staat gegenüber durchaus loyal verhalten durften. 3. Die Frage nach der Auferstehung ( 12,18 - 27 ) ( Mt 22,23-33; Lk 20,27-40 ) Mk 12,18 Da traten , in einem weiteren Versuch, Jesus zu
diskreditieren (vgl. Mk 11,27;12,13 ), die Sadduzäer zu ihm . Die
Sadduzäer galten allgemein als eine aristokratische jüdische
Gruppierung, deren Mitglieder zum größten Teil aus der Oberschicht und
aus alten Priestergeschlechtern kamen. Sie waren zwar weniger zahlreich
und auch weniger bekannt als die Pharisäer, doch sie hatten großen
Einfluß im Hohen Rat (Sanhedrin), dem obersten Gerichtshof der Juden,
und waren im allgemeinen römerfreundlich. Die Sadduzäer glaubten nicht
an die Auferstehung , das Jüngste Gericht und die Existenz von Engeln
und Geistern (vgl. Apg 23,6-8 ). Für sie waren allein die fünf Bücher
Mose (der Pentateuch) maßgeblich; die mündlichen Überlieferungen - für
die Pharisäer ebenso bindend wie "das Gesetz" - lehnten sie ab. Das
Markusevangelium erwähnt die Partei der Sadduzäer nur an dieser einen
Stelle. Mk 12,19-23 Nachdem sie Jesus höflich als Meister (vgl. V. 14 )
begrüßt hatten, trugen sie ihm in verkürzter Form eine Version des
mosaischen Gesetzes über die leviratische (aus dem Lateinischen, levir,
"Bruder des Ehemanns") Ehe (vgl. 5Mo 25,5-10 ) vor. Wenn ein Mann ohne
männlichen Erben starb, mußte sein (unverheirateter) Bruder (oder, wenn
er keinen besaß, sein nächster männlicher Verwandter) die Witwe zur Frau
nehmen. Der erste Sohn aus dieser Verbindung erhielt dann den Namen des
toten Bruders und galt als sein Kind. So wurde einerseits verhindert,
daß ein Familienzweig ausstarb, und zugleich das Erbe der Familie
zusammengehalten. Die Sadduzäer erzählten Jesus eine hypothetische
Geschichte von sieben Brüdern , die nacheinander ihre Pflicht erfüllten
und die Frau ihres ersten Bruders heirateten, aber alle sieben kinderlos
starben . Als letzte starb auch die Frau . Nun fragten sie Jesus: "In
der Auferstehung: wessen Frau wird sie sein?" Sie machten sich also ganz
offensichtlich über die Auferstehung lustig. Mk 12,24 In Form einer zweiteiligen Gegenfrage, deren
Formulierung im griechischen Text eine zustimmende Antwort erfordert,
machte Jesus ihnenklar, inwiefern sie irrten ( planasthe , "ihr täuscht
euch selbst"; vgl. V. 27 ): (a) Sie kannten die Schrift nicht in ihrer
wahren Bedeutung, sondern nur ihren Wortlaut; und (b) sie kannten die
lebenspendende Kraft Gottes und seine Macht über den Tod nicht. Dann
führte er beide Argumente näher aus, wobei er mit dem zweiten (V. 25 )
begann. Mk 12,25 Die Sadduzäer gingen fälschlicherweise davon aus,
daß es auch nach der Auferstehung so etwas wie die Ehe geben würde. Doch
im Leben nach dem Tod werden die Menschen weder heiraten (eine Ehe
schließen) noch sich heiraten lassen (von ihren Eltern eine Ehe
arrangieren lassen). Sie werden sein wie die Engel im Himmel und
unsterblich in Gottes Gegenwart leben. Die Ehe ist in der gegenwärtigen Weltordnung, in
der der Tod herrscht, nötig und angebracht, damit die Menschen nicht
aussterben. Die Engel jedoch, deren Existenz die Sadduzäer leugneten
(vgl. Apg 23,8 ), sind unsterblich und leben in einer anderen Ordnung,
in der eheliche Beziehungen und Fortpflanzung überflüssig sind. Ihr
Leben ist ganz der Gemeinschaft mit Gott gewidmet. So werden auch die
Menschen, die in einem richtigen Verhältnis zu Gott stehen, im ewigen
Leben sein. Die Sadduzäer hatten nicht begriffen, daß Gott im
Leben nach dem Tode eine ganz neue Ordnung errichten wird, in der
Schwierigkeiten in der Art, wie sie sie Jesus vortrugen, nicht mehr
existieren, und daß ihre Frage deshalb letztlich irrelevant war. Markus Mk 12,26-27 Auch mit ihrer Behauptung, daß im Pentateuch von
der Auferstehung nicht die Rede sei, waren die Sadduzäer im Irrtum. In
seiner zweiten Frage, die ebenfalls nur zu bejahen war, berief sich
Jesus im Gegenteil auf das Buch des Mose , und zwar auf das Wunder mit
dem brennenden Dornbusch ( 2Mo 3,1-6 ). Damals hatte Gott selbst sich Mose zu erkennen
gegeben und ihm bestätigt, daß er der Gott Abrahams und der Gott Isaaks
und der Gott Jakobs sei ( 2Mo 3,6 ). Damit gab er ihm zu verstehen, daß
die Patriarchen noch am Leben waren und er als ihr Gott, der seinen Bund
mit ihnen hielt, noch immer in Verbindung mit ihnen stand, auch wenn sie
schon vor langer Zeit gestorben waren. Das beweist, so schloß Jesus, daß
Gott nicht ein Gott der Toten ist, in dem Sinn, wie die Sadduzäer den
Tod verstanden, nämlich als ein Auslöschen, sondern ein Gott der
Lebenden . Er war noch immer der Gott der Väter Israels, was er nicht
sein könnte, wenn sie mit dem Tod aufgehört hätten zu existieren, d. h.
wenn mit dem Tod alles enden würde. Seine Bundestreue war letztlich die
Garantie für ihre leibliche Auferstehung. Jesu Antwort war ein klares Ja zu einem Leben nach
dem Tod. Dabei ging er offensichtlich davon aus, daß damit auch die
Auferstehung des Leibes bewiesen war. Im hebräischen Denken ist der
Mensch die Einheit aus Materie (des Körpers) und Geist (bzw. Seele). Das
eine ist ohne das andere unvollkommen (vgl. 2Kor 5,1-8 ). Daher setzt
eine echte menschliche Existenz in der ewigen Ordnung des Lebens die
Einheit von Geist/Seele und Körper voraus (vgl. Phil 3,21 ). Doch die
leibliche Auferstehung wie auch das Leben nach dem Tod sind letztlich
allein abhängig von der Treue des "Gottes der Lebenden". Die abschließende Bemerkung Jesu, die bei Markus
steht, unterstrich nochmals, wie gründlich die Sadduzäer irrten (
planasthe ; "ihr täuscht euch"; vgl. Mk 12,24 ), wenn sie die
Auferstehung und das Leben nach dem Tod leugneten. Markus 4. Die Frage nach dem höchsten Gebot ( 12,28 - 34 ) ( Mt 22,34-40; Lk 10,25-28 ) Mk 12,28 Einer von den Schriftgelehrten (vgl. Mk 1,22 ),
wahrscheinlich ein Pharisäer, hatte die Diskussion zwischen Jesus und
den Sadduzäern ( Mk 12,18-27 ) mitangehört und war beeindruckt, wie gut
Jesus ihnen geantwortet hatte . Er trat - offensichtlich ohne alle
Feindseligkeit oder Hintergedanken - zu Jesus, um ihn zu seiner
geistesgegenwärtigen Antwort auf eine der meistdiskutiertesten Fragen in
den Kreisen der Schriftgelehrten zu beglückwünschen und um ihm
seinerseits eine Frage über das Gesetz zu stellen. Die Schriftgelehrten
gingen im allgemeinen von 613 Einzelvorschriften - 365 Verboten und 248
Geboten - im mosaischen Gesetz aus. Sie hielten zwar alle für bindend,
machten jedoch Unterschiede in der Gewichtigkeit der einzelnen
Vorschriften, und immer wieder versuchten sie auch, das ganze Gesetz in
einem einzigen Gebot zusammenzufassen. Angesichts dieser Debatte fragte der
Schriftgelehrte Jesus nun: "Welches ( poia ) ist das höchste ( prOtE ,
"erste") Gebot von allen?" Markus Mk 12,29-31 Daraufhin nannte ihm Jesus, ohne sich in
irgendwelche Spitzfindigkeiten zu verlieren, das höchste Gebot und,
untrennbar davon, ein zweites, die zusammen das ganze Gesetz enthalten. Er begann mit den Einleitungsworten des Shema (aus
dem Hebräischen, "Höre!"; S+maZ , das erste Wort von 5Mo 6,4 ). Dieses
Glaubensbekenntnis ( 4Mo 15,37-41; 5Mo 6,4-9; 5Mo 11,13-21 ) wurde von
frommen Juden zweimal täglich - morgens und abends - gebetet. Es war die
Grundlage des jüdischen Glaubens: Der Herr (hebräisch: Yahwe ), unser
Gott , der Bundesgott Israels, ist der Herr allein , d. h. ist der
einzige Gott (vgl. Mk 12,32 ). Das Gebot, du sollst den Herrn, deinen Gott ( 5Mo
6,5 ), lieben , zielt auf die auf persönlicher Entscheidung beruhende,
aus ganzem Herzen kommende Treue zu Gott. Die wiederholte Präposition
von ( ex , "aus": gibt den Ursprungsort an), das Adjektiv ganz ( holEs ;
"das Ganze") und die verschiedenen Umschreibungen für die menschliche
Persönlichkeit - Herz (Kontrollzentrum; vgl. Mk 7,19 ), Seele
(Bewußtsein; vgl. Mk 8,36-37 ), Gemüt (hier im Sinne von Verstand) und
Kräfte (körperliche Kräfte), unterstreichen diese Forderung. Im
hebräischen Text fehlt der Begriff "Gemüt" und in der Septuaginta das
Wort "Herz"; doch Jesus nannte alle beide und hob damit den
ganzheitlichen Aspekt des höchsten Gebots hervor (vgl. Mk 12,33; Mt
22,37; Lk 10,27 ). Eine ähnliche Verpflichtung sah Jesus dem Nächsten
gegenüber, indem er ein anderes , vom ersten untrennbares (vgl. 1Joh
4,19-21 ) und es ergänzendes Gebot zitierte: "Du sollst deinen Nächsten
( plEsion , "den, der neben dir ist", der Begriff für "Mitmensch")
lieben wie dich selbst" ( 3Mo 19,18 ). Die ganz natürliche Selbstliebe
des Menschen soll nicht zur Selbstsucht führen - eine Gefahr, die immer
besteht -, sondern sollte auch auf andere ausstrahlen. Es ist kein anderes Gebot größer als diese beiden.
Gott und den Nächsten aus ganzem Herzen lieben ist die Summe und das
Wesen des Gesetzes und der Propheten (vgl. Mt 22,40 ). Wer diese Gebote
erfüllt, erfüllt damit alle anderen. Markus Mk 12,32-34 a Diese Verse, die nur bei Markus stehen, sind
offensichtlich genau auf die Leser des Markusevangeliums zugeschnitten,
die als Heidenchristen Schwierigkeiten mit dem Verhältnis zwischen
geistlicher Realität und zeremoniellem Ritual hatten (vgl. den Kommentar
zu Mk 7,19 ). Der Schriftgelehrte (vgl. Mk 12,28 ) erkannte die
Wahrheit dessen, was Jesus gesagt hatte, und ehrte ihn daraufhin mit der
Anrede Meister (vgl. V. 14.19 ). Er wiederholte Jesu Antwort, wobei er
es jedoch sorgfältig vermied, das Wort "Gott" auszusprechen -
entsprechend dem jüdischen Brauch, den Namen Gottes aus Ehrfurcht nicht
unnötig zu nennen. Die Formulierung es ist kein anderer außer ihm stammt
aus 5Mo 4,35 . Ja, der Schriftgelehrte ging sogar soweit, das
Doppelgebot der Liebe über ( mehr als ) alle Brandopfer (ganz Gott
dargebrachte Opfer) und Schlachtopfer (Opfer, die zum Teil zu Ehren
Gottes verbrannt und zum Teil von den Gottesdienstteilnehmern gegessen
wurden) zu stellen (vgl. 1Sam 15,22; Spr 21,3; Jer 7,21-23; Hos 6,6; Mi
6,6-8 ). Er hatte verständig reagiert, und wahrscheinlich
wurde er von Jesu Hinweis du bist nicht fern (fern ist im Griechischen
betont) vom Reich Gottes (vgl. Mk 1,15;4,11;10,15.23 ) zu weiterem
Nachdenken angeregt. Dieser Mann besaß ein religiöses Verständnis (vgl.
Mk 10,15 ) und eine Offenheit Jesus gegenüber, die ihn in die Nähe des
Gottesreiches - der geistlichen Herrschaft Gottes über jene, die an ihn
glauben - brachten. Ob es ihm gelang, später tatsächlich noch in eine
echte Glaubensbeziehung zu Gott zu kommen, erfahren wir nicht. Markus Mk 12,34 b Alle Versuche der Gegner Jesu, ihn unglaubwürdig zu
machen, waren damit gescheitert. Dabei hatte Jesus die Hintergedanken
und Irrtümer seiner Widersacher so geschickt entlarvt, daß niemand mehr
wagte, ihn noch etwas zu fragen . Markus 5. Jesu Frage nach dem Davidssohn ( 12,35 - 37 ) ( Mt 22,41-46; Lk 20,41-44 ) Mk 12,35 Später, als Jesus wieder einmal im Tempel ( tO
hierO ; vgl. Mk 11,11 ) lehrte, fragte er die Versammelten, was die
Schriftgelehrten ihrer Ansicht nach meinten, wenn sie sagten, daß der
Christus , der erwartete Messias, Davids Sohn (Nachkomme) sei, der in
Herrlichkeit kommen und sie erlösen würde (vgl. Mk 10,47 ). Die Juden
glaubten fest an die Davidssohnschaft des Messias (vgl. Joh 7,41-42 ) -
eine Überzeugung, die sich auf zahlreiche Aussagen im Alten Testament
gründete (vgl. 1Sam 7,8-16; Ps 89,4-5; Jes 9,1-6;11,1-12; Jer
23,5-6;30,9;33,15-17.22; Hes 34,23-24;37,24; Hos 3,5; Am 9,11 ). Nun
lehrte Jesus sie, daß der Messias zugleich auch der Herr Davids war. Die
Schriftgelehrten hatten zwar recht, doch ihre Lehre war unvollständig
(vgl. Mk 9,11-13 ). Die Schrift ging weit über ihre engen
nationalistischen Hoffnungen hinaus. Markus Mk 12,36-37 a Um zu beweisen, daß der Messias nicht nur der Sohn,
sondern gleichzeitig auch der Herr Davids war, zitierte Jesus, was David
selbst durch den (unter dem Einfluß des) heiligen Geist in Ps 110,1
gesagt hatte . Was dort steht, spricht sowohl für eine Verfasserschaft
Davids als auch dafür, daß er die Worte unter göttlichem Einfluß
niederschrieb. David sagte: Der HERR (hebräisch "Yahwe" , Gott der
Vater; vgl. Mk 12,29 ) sprach zu meinem (Davids) Herrn (hebräisch
?!DOnAy , der Messias): Setze dich zu meiner (des Vaters) Rechten , dem
höchsten Ehrenplatz, bis (oder "während"; vgl. Mk 9,1;14,32 ) ich (der
Vater) deine (des Messias) Feinde unter deine (des Messias) Füße lege ,
d. h. sie dir unterwerfe (vgl. Jos 10,24; Hebr 10,12-14 ).
Ohne jeden Zweifel nannte David den Messias an
dieser Stelle Herr . Das warf ein Problem auf: Woher (oder "in welchem
Sinne") ist ( estin ) er (der Messias, Davids Herr) dann sein (Davids)
Sohn? Diese rhetorische Frage Jesu ließ nur einen einzigen Schluß zu:
Der Messias war Davids Sohn und zugleich Davids Herr, d. h. er war
sowohl Gott (der Herr Davids) als auch Mensch (der Sohn Davids; vgl. Röm
1,3-4; 2Tim 2,8 ). Seine Aufgabe war es, das zukünftige davidische Reich
auf Erden wiederherzustellen ( 1Sam 7,16; Am 9,11-12; Mt 19,28; Lk
1,31-33 ). Es ist anzunehmen, daß Jesus diese Frage mit
Absicht aufgebracht hatte, um seine Zuhörer dazu anzuregen, hier einen
Zusammenhang zu ihm herzustellen. Sie enthielt einen kühnen, doch
verschleierten Hinweis auf seine wahre Identität, den die jüdischen
Hörer zwar wahrscheinlich begriffen, aber nicht akzeptierten (vgl. den
Kommentar zu Mk 12,12;14,61-62 ). (Interessanterweise finden sich im
Neuen Testament mehr Verweise und Anspielungen auf Ps 110 als auf jede
andere Textstelle des Alten Testaments; vgl. z. B. Apg 2,29-35; Hebr
1,5-13;5,6;7,17.21 .) Markus Mk 12,37 b Im Gegensatz zu den jüdischen Religionsführern, die
permanent versucht hatten, Jesus mit subtilen Fragen in eine Falle zu
locken (vgl. V. 13 ), hörte alles Volk , die ganze große Gemeinde des
Passafestes, ihn gern , wenn auch sicherlich nicht unbedingt mit großem
Verständnis. Markus 6. Schluß: Verurteilung der Heuchelei und Betonung
der wahren Frömmigkeit ( 12,38 - 44 ) Der Bericht des Markusevangeliums über Jesu Wirken
in der Öffentlichkeit schließt mit einer Warnung vor den
Schriftgelehrten (V. 38 - 40 ). Diese Warnung bezeichnet gleichzeitig
Jesu endgültigen Bruch mit den jüdischen Autoritäten und steht in
schroffem Gegensatz zu der Anerkennung, die er der wahren Frömmigkeit
einer Witwe zollt (V. 41 - 44 ). Die kleine Episode mit dem Scherflein
der armen Witwe greift erneut das Thema der Unterweisung der Jünger auf
und bildet zugleich den Übergang zu der prophetischen Rede in Kapitel 13
. a. Jesu Verurteilung der Heuchelei ( 12,38 - 40 ) ( Mt 23,1-39; Lk 20,45-47 ) Mk 12,38-39 Jesus warnte die Menschen immer wieder: Seht euch
vor (vgl. Mk 8,15 ) vor den (das Griechische impliziert hier: vor
"denjenigen") Schriftgelehrten , die das Lob der Menschen suchen und
ihre Privilegien mißbrauchen. Dieser Vorwurf traf auf viele, wenn auch
nicht auf alle Schriftgelehrten zu (vgl. Mk 12,28-34 ). Sie liebten es, (a) in langen Gewändern
umherzugehen - langen weißen Leinengewändern mit Fransen, wie sie die
Priester, Schriftgelehrten und Leviten trugen; (b) sich auf dem Markt
von den einfachen Leuten, für die sie Respektspersonen waren, mit ihren
Titeln - Rabbi (Lehrer), Meister, Vater - grüßen zu lassen (vgl. Mt
23,7; Lk 20,46 ); (c) in den Synagogen obenan zu sitzen , auf den
Ehrenplätzen für die Würdenträger vor dem Kasten mit den heiligen
Schriftrollen, mit dem Gesicht zur übrigen Gemeinde; und (d) obenan zu
sitzen am Tisch beim Mahle - z. B. bei besonderen Gesellschaften, bei
denen sie neben dem Gastgeber saßen und bevorzugt behandelt wurden. Markus Mk 12,40 Da die Schriftgelehrten im 1. Jahrhundert keine Bezahlung erhielten (Mischna
Aboth 1. 13; Bekhoroth 4. 6), waren sie abhängig von der
Gastfreundschaft frommer Juden, eine Praxis, die leider häufig auch
Gelegenheit zu Mißbrauch gab. Der Vorwurf sie fressen die Häuser der
Witwen vermittelt einen anschaulichen Eindruck von der Unverschämtheit,
mit der dabei teilweise die Großzügigkeit weniger begüterter Leute,
insbesondere der Witwen, ausgenutzt wurde. Außerdem verrichteten sie
lange Gebete , um das Volk mit ihrer Frömmigkeit zu beeindrucken und das
Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Jesus verurteilte das ostentative Gehabe, die
Habgier und die Heuchelei der Pharisäer. Statt die Aufmerksamkeit der
Menschen auf Gott zu lenken, wie es eigentlich ihr Amt gewesen wäre,
nahmen sie sie, unter dem Deckmantel der Frömmigkeit, für sich selbst in
Anspruch. Lehrer, die so versagen, werden in Gottes Endgericht ein um so
härteres Urteil empfangen (vgl. Jak 3,1 ). Markus b. Jesu Lob für die Frömmigkeit einer Witwe ( 12,41 - 44 ) ( Lk 21,1-4 ) Mk 12,41-42 Vom Vorhof der Heiden (vgl. Mk 11,15 ) aus, wo er
die Menschen gelehrt hatte, betrat Jesus den Frauenhof. An einer Mauer
dieses Hofes standen dreizehn trompetenförmige Kollektenbehälter, die
die freiwilligen Opfer und Gaben der Gläubigen aufnahmen (Mischna
Shekalim 6. 5). Von einem günstigen Punkt direkt gegenüber von
einem dieser Gotteskästen ( katenanti ; vgl. den Kommentar zu Mk 11,2 )
sah Jesus zu, wie ( pOs , "auf welche Weise") die Festgemeinde des Passa
Geld einlegte . Im Gegensatz zu vielen Reichen , die große Summen
gaben (wörtlich: "vieleMünzen" aller Art - Gold, Silber, Kupfer und
Bronze), spendete eine nicht mit Namen genannte arme Witwe nur zwei
Lepta ( Scherflein ). Ein Lepton war die kleinste jüdische Bronzemünze,
die in Palästina kursierte. Der Wert zweier Lepta betrug ein
Vierundsechzigstel eines römischen Denars, des Tageslohnes eines
Arbeiters (vgl. Mk 6,37 ). Für seine römischen Leser gab Markus den Wert
der Münzen noch in römischer Währung an: einen Pfennig . Markus Mk 12,43-44 Mit der feierlichen Einleitungsformel ( wahrlich,
ich sage euch ; vgl. Mk 3,28 ) machte Jesus seine Jünger darauf
aufmerksam, daß diese Frau mehr in den Gotteskasten gelegt hatte als
alle. Denn ( gar ) während die anderen alle etwas aus ihrem Überfluß
gespendet hatten, was ihnen wenig ausmachte, hatte die Witwe von ihrer
Armut ihre ganze Habe eingelegt . Proportional gesehen hatte sie am
meisten gegeben - nämlich alles, was sie zum Leben hatte . Mit dieser
Opfergabe für Gott vertraute sie sich ganz und gar seiner gnädigen
Fürsorge an. Dabei hätte sie durchaus eine Münze für sich
zurückbehalten können, denn die rabbinische Vorschrift, daß ein Opfer
von weniger als zwei Lepta nicht akzeptabel war, bezog sich auf Gaben
für die Armen und hatte hier keine Gültigkeit. Am Beispiel dieser Witwe
versuchte Jesus seinen Jüngern deutlich zu machen, welchen Wert Gott auf
ein wirklich von Herzen kommendes Vertrauen legt, denn die Treue der
Jünger Jesus gegenüber sollte bald auf eine ernste Probe gestellt werden
(vgl. Mk 14,27-31 ). Zugleich war dieser Zwischenfall ein Bild für Jesu
vollkommene Selbstaufgabe im Tod. Markus D. Die Endzeitreden an die Jünger auf dem Ölberg ( Mk 13 ) ( Mt 24; Lk 17,23-37; 21,5-36 ) Dieses Kapitel, bekannt als die Endzeitrede auf dem
Ölberg, enthält die längste zusammenhängende Passage von Lehraussagen
Jesu im ganzen Markusevangelium (vgl. Mk 4,1-34 ). In ihr sagte Jesus die Zerstörung des Tempels in
Jerusalem ( Mk 13,2 ) voraus, was die erschrockenen Jünger sogleich zur
Frage nach dem genauen Zeitpunkt, an dem "das" geschehen sollte (V. 4 ),
veranlaßte. Offenbar brachten sie die Zerstörung des Tempels mit dem
Ende des gegenwärtigen Zeitalters in Verbindung (vgl. Mt 24,3 ). In
seiner Antwort verwob Jesus eine von zwei unterschiedlichen Perspektiven
ausgehende Prophezeiung geschickt zu einer einheitlichen Lehre: (a) das
Nahereignis, die Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) und (b) das in der
Zukunft liegende Kommen des Menschensohnes in den Wolken mit Macht und
Herrlichkeit. Das erstere, auf einen bestimmten Ort beschränkte Ereignis
war dabei ein Vorgeschmack des späteren universalen Geschehens. Jesus
folgte damit dem Beispiel der alttestamentlichen Propheten und kündigte
ein in ferner Zukunft liegendes Geschehen in Gestalt einer nahe
bevorstehenden Katastrophe an, deren Eintreffen zumindest einige seiner
Zuhörer noch miterleben sollten (vgl. Mk 9,1.12-13 ). Daß er sich dieses Stilmittels bediente, deutet
darauf hin, daß er wußte, daß zwischen seiner Auferstehung und seinem
zweiten Kommen eine Zeit der historischen Entwicklung liegen würde (vgl.
Mk 13,10;14,9 ). In der Tat sind nun seit dem Untergang Jerusalems
nahezu zweitausend Jahre vergangen, und das Ende ist noch immer nicht
gekommen. Jesus verband seine Prophezeiung (a) mit der Warnung vor
Irreführung und (b) mit der Ermahnung zu wachsamem Gehorsam in der
"Zwischenzeit", der Zeit der Mission, der Verfolgung und der sozialen
und politischen Unruhen. So finden sich in Kapitel 13,5 - 37 im
Griechischen insgesamt 19 Imperative, wobei jeweils aus einem Hinweis
Jesu auf die Zukunft (das Verb steht in der dritten Person Indikativ: u.
a. V. 7 b. 9 a. 11 ) eine Ermahnung abgeleitet wird (das Verb steht in
der zweiten Person: u. a. V. 5 b. 7 a. 9 a). Viermal taucht an wichtigen
Stellen der Rede (V. 5.9.23.33 ) die Verbform seht zu bzw. seht euch vor
( blepete ) auf. Sie soll dieGläubigen ermutigen, ihren Glauben an Gott
in der gegenwärtigen Zeit standhaft und gehorsam zu bewahren. Die Rede auf dem Ölberg bildet gleichsam eine
Brücke zwischen der Auseinandersetzung mit den religiösen Autoritäten (
Mk 11,27-12,44 ) und der Leidensgeschichte ( Mk 14,1-15,47 ), die in
Jesu Gefangennahme und seinem Tod ihren Höhepunkt fand. Hier auf dem
Ölberg offenbarte er seinen Jüngern, daß das "religiöse Establishment",
das ihm entgegenarbeitete und ihn schließlich zum Tode verurteilen
würde, selbst dem Gericht Gottes verfallen war. 1. Einleitung: Die Vorhersage der Zerstörung des
Tempels ( 13,1 - 4 ) ( Mt 24,1-3; Lk 21,5-7 ) Mk 13,1 Als Jesus - wahrscheinlich am Mittwochabend der
Passionswoche (vgl. die Einführung zu Mk 11,1-13,37 ) - den Tempel (
hierou ; vgl Mk 1,11 ) verließ, lenkte einer seiner Jünger seine
Aufmerksamkeit mit den ehrfürchtigen und bewundernden Worten: Meister
(vgl. Mk 4,38;9,5 ), siehe, was für Steine und was für Bauten! auf die
massiven, großartigen Bauten des Tempelbezirks mit ihren Höfen,
Vorbauten, Kolonnaden und Säulenhallen. Der Jerusalemer Tempel (der erst im Jahr 64 n. Chr.
vollendet wurde) war von der Dynastie des Herodes erbaut worden. Mit ihm
wollte sich das Königsgeschlecht der Herodianer ein bleibendes Denkmal
errichten und gleichzeitig die Gunst des jüdischen Volkes gewinnen. Er
galt als ein architektonisches Wunder der Alten Welt. Aus riesigen,
glänzenden weißen Steinen errichtet und großzügig mit goldenen
Verzierungen geschmückt (Josephus, Ant. 15. 11. 3 - 7), bedeckte er über
ein Sechstel des Stadtgebietes des alten Jerusalem. Für die Juden kam
denn auch nichts der Pracht und Großartigkeit ihres Tempels gleich. Markus Mk 13,2 Nun antwortete Jesus auf den bewundernden Ausruf
des Jüngers mit der erschreckenden Vorhersage der völligen Zerstörung
dieser ganzen Herrlichkeit. Alle diese großen Bauten sollten vollständig
dem Erdboden gleichgemacht werden - wörtlich: nicht ( ou mE ) ein Stein
wird auf dem andern bleiben, der nicht ( ou mE ) zerbrochen werde . Der
Gebrauch der doppelten Verneinung unterstrich noch die schreckliche
Gewißheit der Prophezeiung. Diese dunkle Weissagung schloß sich unmittelbar an
die Verurteilung an, die Jesus angesichts des Mißbrauchs des
Tempelgeländes ausgesprochen hatte (vgl. Mk 11,15-17; Jer 7,11-14 ). Wie
in den Tagen Jeremias sollte auch diesmal Gottes Gericht in Form der
Zerstörung des Tempels durch eine ausländische Macht über das sich
widersetzende Israel hereinbrechen. Die Vorhersage erfüllte sich tatsächlich bereits
innerhalb einer Generation. Im Jahr 70 n. Chr., nachdem der Tempel gegen
seinen ausdrücklichen Befehl niedergebrannt worden war, befahl Titus
seinen Soldaten, die Stadt Jerusalem niederzureißen und ihre Häuser dem
Erdboden gleichzumachen (Josephus; Jüd. Krieg 7. 1. 1). Markus Mk 13,3-4 Jesus wanderte mit seinen Jüngern durch das
Kidrontal zum Ölberg (vgl. Mk 11,1 a) und ließ sich dort mit ihnen
gegenüber dem Tempel nieder. Der Ölberg erhebt sich mehr als 800 Meter
über den Meeresspiegel, liegt damit jedoch nur etwa 30 Meter höher als
Jerusalem. Der Tempel und die Stadt befanden sich westlich des Berges. Die vier Jünger, die Jesus als erste berufen hatte
(vgl. Mk 1,16-20 ), fragten ihn, als sie allein waren ( kat? idian ;
vgl. Mk 6,32 ), was seine Vorhersage zu bedeuten habe. Ihre Namen
erwähnt nur Markus. Wie so oft im Markusevangelium bildete auch hier
eine Frage der Jünger die Einleitung zu einem längeren Diskurs Jesu
(vgl. Mk 4,10-32;7,17-23;9,11-13.28-29;10,10-12 ). Die Frage der Jünger, die möglicherweise von Petrus
vorgetragen wurde (vgl. Mk 8,29 ), richtete sich auf zwei Punkte: (a)
Wann wird das - die Zerstörung des Tempels ( Mk 13,2 ) und die
anderen,zukünftigen Dinge (man beachte den Plural!) - geschehen , und
(b) was wird das Zeichen sein, wenn das alles (wörtlich "diese Dinge")
vollendet werden soll? Das Verb "vollendet sein" ( synteleisthai )
bezeichnet die endgültige Erfüllung, das Ende des gegenwärtigen
Zeitalters (vgl. V. 7 ; Mt 24,3 ). Da die Jünger nur aus dem Blickwinkel der
alttestamentlichen Prophetie heraus denken konnten (z. B. Sach 14 ),
lagen für sie die Zerstörung des Tempels und die Ereignisse der Endzeit,
die schließlich im Kommen des Menschensohnes gipfeln würden, nahe
beieinander. Sie gingen davon aus, daß die Zerstörung Jerusalems und des
Tempels zu den Geschehnissen am Ende der Zeiten gehörte und daß damit
das messianische Königreich beginnen würde. Deshalb wollten sie wissen,
wann das geschehen und welches sichtbare Zeichen der Zerstörung
vorangehen würde, damit sie erkennen konnten, wenn die Erfüllung
gekommen war. Markus 2. Die Prophezeiungen über die Endzeit ( 13,5 - 32 ) Die äußeren Umstände, die mit dem drohenden Fall
Jerusalems assoziiert wurden, waren Vorboten der Ereignisse, die am Ende
der Welt eintreten werden. Die Worte Jesu an seine ersten Jünger gelten
deshalb für alle Menschen, die ihm jemals nachfolgten und heute noch
nachfolgen und die in ihrem Zeitalter mit ähnlichen Zuständen
konfrontiert werden. Zunächst ging er auf den zweiten Teil der Frage der
Jünger ein, auf das "Zeichen" (V. 4 b), das sie sich erhofften, indem er
sie einerseits vor den falschen Zeichen der Endzeit warnte (V. 5-13 )
und ihnen andererseits die wirklichen Geschehnisse, die der Zeit der
Trübsal vorhergehen sollten, beschrieb und ihnen die Umstände seines
zweiten Kommens schilderte (V. 14-27 ). Erst dann beantwortete er ihre
erste Frage zum Zeitpunkt (V. 4 a) dieses Geschehens in Form eines
Gleichnisses (V. 28-32 ). a. Jesu Warnung vor Irrlehrern ( 13,5 - 8 ) ( Mt 24,4-8; Lk 21,8-11 ) Mk 13,5-6 Seht zu ( blepete , "seid auf der Hut") war ein
Aufruf zur Wachsamkeit, der wie ein Leitmotiv im folgenden Diskurs immer
wieder anklingt (vgl. V. 9,23.33; V. 35 hat ein anderes Verb). Jesus
warnte seine Jünger eindringlich, sich vor Irrlehrern in acht zu nehmen.
In den kommenden Krisenzeiten werden viele falsche "Messiasse" unter
seinem Namen und seiner Vollmacht (vgl. V. 22 ) kommen und sagen: Ich
bin's (wörtlich: egO eimi, "ich bin"). In dieser Wendung, einer
Selbstoffenbarungsformel Gottes, steckt der Anspruch auf Göttlichkeit
(vgl. Mk 6,50; 2Mo 3,14; Joh 8,58 ). Diese falschen Propheten werden
viele verführen (vgl. Apg 8,9-11 ). Markus Mk 13,7-8 Zweitens warnte Jesus seine Jünger davor, in ihrer
Zeit stattfindende Ereignisse wie Kriege und Naturkatastrophen als
Zeichen, daß das Ende gekommen sei, mißzuverstehen. Sie sollten sich
nicht fürchten und von ihrer Arbeit ablenken lassen, wenn sie von Krieg
(den Schlachtlärm vor ihrer Tür) und Kriegsgeschrei (Gerüchte von
Kriegen) hören . Diese Dinge müssen ( dei , durch göttlichen Ratschluß;
vgl. Mk 8,31;13,10 ) geschehen . Sie gehören zu Gottes Plan, der den
Krieg als Folge der menschlichen Auflehnung und Sünde zuläßt. Aber das
Ende des gegenwärtigen Zeitalters und die Errichtung der Herrschaft
Gottes auf Erden ist damit noch nicht da . Diese Aussage wird im folgenden noch bestätigt (
gar , denn ) und erweitert: Es wird sich ein Volk gegen das andere
erheben (wörtlich: soll aufgehetzt werden; d. h. von Gott; vgl. Jes 19,2
). Es werden Erdbeben und Hungersnöte sein . Doch das (wörtlich: "diese
Dinge") ist erst der (wörtlich: "ein") Anfang der Wehen . Die "Wehen",
die starken Schmerzen, die einer Geburt vorausgehen, sind schon im Alten
Testament ein Bild für das göttliche Gericht (vgl. Jes 13,6-8; 26,16-18
; Jer 22,20-23; Hos 13,9-13; Mi 4,9-10 ). Sie beziehen sich auf die Zeit
der großen Trübsal, die der Geburt des neuen Zeitalters, der
messianischen Herrschaft, vorausgeht. Der wiederholte Hinweis auf die Verzögerung des
Endes - "aber das Ende ist noch nicht da" ( Mk 13,7 d) und "das ist der
Anfang der Wehen" (V. 8 c) - legt die Annahme nahe, daß vor dem "Ende"
noch eine längere Zeit vergehen wird. Jede Generation wird ihre eigenen
Kriege und Naturkatastrophen haben, die alle zu Gottes Plan gehören. Die
ganze menschliche Geschichte ist auf die Geburt des messianischen
Zeitalters hin angelegt. Markus b. Warnung vor den Gefahren der Verfolgung ( 13,9 - 13 ) ( Mt 24,9-14; Lk 21,12-19 ) Diese Aussagen Jesu (vgl. ihre Verwendung in
anderen Zusammenhängen: Mt 10,17-22; Lk 12,11-12 ) sind durch das immer
wiederkehrende Verb paradidOmi ("überantworten"; Mk 13,9.11.12 )
miteinander verbunden. Jesus sprach diese Sätze wahrscheinlich bei
mehreren Anlässen, nicht nur hier auf dem Ölberg. Er wollte damit die
Jünger auf das Leid vorbereiten, das ihnen ihre Treue zu ihm bringen
sollte. Mk 13,9 Mit der Ermahnung: seht euch vor ( blepete ; vgl.
V. 5 ), wies Jesus die Jünger an, sich auf ungerechte Behandlung in der
Verfolgung gefaßt zu machen. Sie sollten den Gerichten (wörtlich: dem
Rat), den jüdischen Gerichtshöfen in den Synagogen, überantwortet und in
den Synagogen öffentlich als Häretiker (vgl. Mischna Makkoth 3. 10 - 14)
gegeißelt , d. h. mit 39 Hieben ausgepeitscht werden. Ihre Treue zu
Christus würde sie vor Statthalter und Könige , d. h. vor die obersten
Verwaltungsbehörden der Provinzen, bringen (vgl. Apg 12,1;23,24;24,27 ),
ihnen zum Zeugnis (vgl. den Kommentar zu Mk 1,44;6,11 ). Das Zeugnis,
das sie in ihren Rechtfertigungsreden für das Evangelium ablegten, würde
in Gottes endgültigem Gericht zur Anklage gegen ihre Verfolger werden. Markus Mk 13,10 Das Evangelium muß (dei; "aus göttlichem
Ratschluß"; vgl. V. 7 ; Mk 8,31 ) zuvor gepredigt ("verkündigt") werden
unter allen Völkern (dieses Wort ist im Griechischen durch seine
Satzstellung hervorgehoben) der ganzen Welt (vgl. Mk 11,17;14,9 ). Jesus sagte den Jüngern, daß sie bei der
Verkündigung des Evangeliums mit Verfolgungen rechnen müßten, doch er
ermutigte sie auch, nicht zu verzweifeln und die Hoffnung nicht
aufzugeben. Denn trotz aller Widerstände hat die Verkündigung des
Evangeliums nach dem Willen Gottes für dieses Zeitalter Vorrang und wird
sich deshalb auch durchsetzen. Allerdings muß jede Generation die
Verantwortung für die Verkündigung immer wieder neu übernehmen (vgl. Röm
1,5.8; Röm 15,18-24; Kol 1,6.23 ). Dennoch ist die weltweite Predigt des
Evangeliums nicht die Voraussetzung und auch keine Garantie dafür, daß
am Ende dieses Zeitalters tatsächlich alle Menschen das Evangelium
angenommen haben (vgl. Mt 25,31-46 ). Markus Mk 13,11 Wenn die Jünger nun dafür, daß sie das Evangelium
verkündigt haben, hingeführt und überantwortet werden (von paradidOmi ;
vgl. V. 9 ), sollten sie sich nicht vorher sorgen, was sie zu ihrer
Verteidigung reden sollten . Sie sollten sagen, was Gott ihnen in jener
Stunde eingeben würde (vgl. 2Mo 4,12; Jer 1,9 ). Der heilige Geist wird
aus ihnen reden ; er wird sie in die Lage versetzen, zum richtigen
Zeitpunkt trotz ihrer Angst mutig das Richtige zu sagen. Diese Hilfe
wird jedoch nicht automatisch zu ihrer Freilassung führen. Markus Mk 13,12-13 Die Jünger erfuhren, daß sowohl offizielle Stellen
(V. 9.11 ) als auch ihre nächsten Verwandten und Freunde sich dem
Evangelium widersetzen würden. Ja, so ingrimmig sollte der Widerstand
sein, daß sogar Familienmitglieder - der Bruder gegen den Bruder, der
Vater gegen seine Kinder und die Kinder gegen ihre Eltern - einander den
feindlichen Autoritäten preisgeben (von von paradidOmi ; vgl. V. 9.11 )
und so helfen werden , Christen zu töten. Aufgrund ihrer Treue zu Jesus
(wörtlich: um meines Namens willen ; vgl. V. 9 ) werden seine Jünger bei
jedermann verhaßt sein, d. h. bei allen Menschen, nicht nur bei ihnen
feindlich gesonnenen Autoritäten oder Verwandten (vgl. Phil 1,29;3,10;
Kol 1,24; 1Pet 4,16 ). Wer aber beharrt (wörtlich: "wer ausgehalten hat"
bis zum Tod), wer Jesus Christus und dem Evangelium (vgl. Mk 8,35 ) treu
geblieben ist bis an das Ende (eis telos, ein Adverb mit der
idiomatischen Bedeutung: "völlig, bis an die Grenze"; vgl. Joh 13,1;
1Thes 2,16 ) seines irdischen Lebens, der wird selig (vgl. Mk
9,35;10,26-27 ), d. h. gerettet und schließlich verherrlicht werden
(vgl. im Gegensatz dazu Mk 13,20; vgl. auch Hebr 9,27-28 ). Ein solches
Ausharren im Glauben ist eine Folge und ein äußeres Zeichen, nicht aber
Voraussetzung wirklicher Frömmigkeit (vgl. Röm 8,29-30; 1Joh 2,19 ). Ein
Mensch, der in Wahrheit durch den Glauben, den Gottes Gnade ihm schenkt,
gerettet ist (vgl. Eph 2,8-10 ), hält bis ans Ende aus und wird selig
werden. Diese mahnenden Worte waren für die Leser des
Markusevangeliums, die wegen ihres Glaubens ständig unter der Drohung
des Verfolgtwerdens lebten, außerordentlich ermutigend. Ihr Leid wurde
erträglicher, wenn sie es im Kontext des Planes Gottes sehen konnten,
der wollte, daß die ganze Welt an der Gnade des Evangeliums teilhaben
sollte (vgl. den Kommentar zu Mt 24,13 ). Markus c. Die Zeit der Trübsal ( 13,14 - 23 ) ( Mt 24,15-28; Lk 21,20-24 ) Nach diesen vorwarnenden Sätzen beantwortete Jesus
die Frage der Jünger nach einem "Zeichen" für den Anbruch der Endzeit (
Mk 13,4 b) nun auch noch inhaltlich, indem er ihnen genau schilderte,
was dieser Zeit vorangehen würde (V. 14-23 ). Manche Exegeten beziehen die Ereignisse, die in
diesem Abschnitt vorhergesagt werden, auf die politischen Wirren vor der
Zerstörung Jerusalems (66 - 70 n. Chr.). Andere sehen sie ausschließlich
im Zusammenhang mit der Zeit der Trübsal vor Jesu Rückkehr. Die Analyse
des Textes legt jedoch die Annahme nahe, daß hier beides gemeint war
(vgl. Mt 24,15-16.29-31; Lk 21,20-28 ). Die Eroberung Jerusalems steht
in theologischer (nicht in chronologischer) Hinsicht mit den Ereignissen
der Endzeit (vgl. Dan 9,26-27; Lk 21,24 ) in Verbindung, wobei der
Ausdruck "das Greuelbild der Verwüstung" als Bindeglied zwischen der
historischen und der eschatologischen Perspektive fungiert (vgl. Dan
11,31 mit Dan 9,27;12,11 ). Die "nahe bevorstehende" Bedrängnis wird
dabei zum Vorzeichen und Sinnbild für die "ferne" Zeit der Trübsal am
Ende dieses Zeitalters. Mk 13,14 Das Zeichen, daß all "das" nahe bevorsteht (vgl. V.
4 ), soll die Erscheinung des Greuelbilds der Verwüstung (vgl. Dan
9,27;11,31;12,11; Mt 24,15 ) sein, das stehen wird, wo es nicht soll -
ein versteckter Hinweis auf das Allerheiligste. Eine genauere Angabe
hätte die Leser des Evangeliums möglicherweise in Gefahr gebracht. Daher
die Ermahnung des Evangelisten: "Wer es liest, der merke auf!" ; sie
sollte die Leser dazu anregen, das hier Gesagte auf dem Hintergrund des
Alten Testaments zu entschlüsseln (vgl. z. B. Dan 9,25-27 ). Das "Greuelbild" war ein Synonym für den
heidnischen Götzendienst und dessen widerwärtige Praktiken ( 5Mo
29,16-18; 2Kö 16,3-4;23,12-14; Hes 8,9-18 ). Der Ausdruck "Greuelbild
der Verwüstung" bezog sich auf die Anwesenheit eines Götzendieners oder
eines Gegenstands heidnischer Gottesverehrung im Tempel, ein Anblick,
der so verabscheuungswürdig war, daß der Tempel von seinen Gläubigen
verlassen wurde und wüst und leer zurückblieb. Historisch gesehen erfüllte sich diese Prophezeiung
Daniels ( Dan 11,31-32 )zum ersten Mal bei der Entweihung des Tempels im
Jahr 167 v. Chr. durch den syrischen Herrscher Antiochus Epiphanes. Er
hatte dem heidnischen Gott Zeus einen Altar über dem Brandopferaltar
errichtet und ihm darauf ein Schwein geopfert (vgl. 1. Makk 1,41 - 64;
1. Makk 6,7; und Josephus, Ant. 12. 5. 4). Doch Jesus dachte hier offensichtlich an ein
zweites derartiges Ereignis - an die Entweihung des Tempels und seine
Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. Wenn (wörtlich: "wann immer") seine -
gegenwärtigen und zukünftigen - Jünger sehen sollten, daß es zu einer
solchen Entweihung kommt, soll es ein Zeichen für die Menschen in Judäa
sein, auf die Berge , über den Jordan nach Peräa, zu fliehen . Josephus berichtet in seiner Chronik von der
Besetzung und Entweihung des Tempels im Jahr 67 - 68 n. Chr. durch
jüdische Zeloten, die einen Usurpator, Phanni, als Hohenpriester
einsetzten ( Jüd. Krieg 4. 3. 7 - 10; 4. 6. 3). Die Judenchristen flohen
damals nach Pella, einer Stadt in den Bergen jenseits des Jordan
(Eusebius, Kirchengeschichte 3. 5. 3). Die Tempelschändungen der Jahre 167 v. und 70 n.
Chr. sind Vorboten einer letzten, endgültigen Erfüllung dieser Worte
Jesu unmittelbar vor seiner Wiederkunft (vgl. Mk 13,24-27 ). Markus
benutzt das männliche Partizip des Verbs ï ( hestEkota , Part. Perf.
mask.), um das Neutrum-Substantiv "Greuelbild" ( bdelygma ; V. 14 )
näher zu bezeichnen. Das deutet eher darauf hin, daß es sich bei dem
"Greuelbild" um eine Person handeln wird, die "steht, wo sie nicht
stehen soll". Diese Person wird der Antichrist der Endzeit sein (
Dan 7,23-26;9,25-27; 2Thes 2,3-4.8-9; Offb 13,1-10.14-15 ). Er wird zu
Beginn der sieben Jahre, die dem zweiten Kommen Christi vorausgehen,
einen Bund mit dem jüdischen Volk schließen ( Dan 9,27 ). Der Tempel
wird wiedererbaut und der Gottesdienst wiedereingeführt werden ( Offb
11,1 ). In der Mitte dieser Zeit (also nach dreieinhalb Jahren) wird der
Antichrist den Bund jedoch brechen, die Opferungen einstellen, den
Tempel entweihen (vgl. Dan 9,27 ) und sich selbst als Gott ausrufen ( Mt
24,15; 2Thes 2,3-4; Offb 11,2 ). Diese Lästerung wird dann die
schrecklichen Ereignisse der Endzeit, der Zeit der großen Trübsal,
auslösen ( Offb 6;8-9;16 ). Wer sich weigert, dem Antichrist
nachzufolgen, wird schweren Verfolgungen ausgesetzt sein und fliehen
müssen ( Offb 12,6.13-17 ). Viele Menschen - sowohl Juden als auch
Heiden - werden in dieser Zeit gerettet werden ( Offb 7 ), doch viele
werden auch den Märtyrertod sterben ( Offb 6,9-11 ). Markus Mk 13,15-18 In dieser Krisenzeit darf einer, der auf dem Dach
ist (vgl. Mk 2,2-4 ), sich nicht die Zeit nehmen, hinunterzusteigen und
hineinzugehen , um etwas von seiner Habe zu retten. Und wer auf dem Feld
ist, der wende sich nicht um, seinen Mantel zu holen , um sich vor der
kalten Nachtluft zu schützen. Am schlimmsten werden die Schrecken der Endzeit
nach Jesu Worten die Schwangeren und Stillenden treffen, die unter solch
schwierigen Bedingungen fliehen müssen. Jesus empfahl seinen Jüngern
deshalb (vgl. Mk 13,14 ) zu bitten, daß es (vgl. V. 29 ) - das Unheil,
das sie zur Flucht zwingen wird - wenigstens nicht im Winter geschehe ,
in der Regenzeit, wenn die Flüsse Hochwasser führen und schwer zu
überqueren sind. Markus Mk 13,19 Der Grund für ihre eilige Flucht, die hoffentlich
ohne diese zusätzlichen Erschwernisse vor sich gehen würde, ist, daß i n
diesen Tagen eine solche Bedrängnis ( thlipsis ; vgl. V. 24 ) sein wird,
wie sie nie ( ou mE ; vgl. V. 2 ) gewesen ist bis jetzt vom Anfang der
Schöpfung, die Gott geschaffen hat, und auch nicht wieder werden wird .
Zu keiner Zeit in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gab es eine
solche schreckliche Zeit oder wird es sie je wieder geben. Auch die bevorstehende Zerstörung Jerusalems im
Jahre 70 n. Chr. stellte zwar eine solche Bedrängnis dar, doch das
Geschehen, das Jesus schilderte,war nicht auf dieses eine historische
Ereignis beschränkt (vgl. Josephus, Vorwort zum Jüd. Krieg 1. 1. 4; 5.
10. 5). Sein Blick ging über die nahe Zukunft hinaus in die Endzeit, die
Zeit der großen Trübsal ( thlipsis ; vgl. Offb 7,14 ) vor seinem zweiten
Kommen. Diese Annahme wird auch durch die folgenden Tatsachen gestützt:
1. Mk 13,19 nimmt Dan 12,1 auf, eine Endzeit-Prophezeiung 2. Die Worte
"wie sie nie gewesen ist und auch nicht wieder werden wird" implizieren,
daß es danach nie mehr eine Krise wie diese geben wird. 3. Die Wendung
"in diesen (bzw. "jenen") Tagen" verbindet die "nahe" mit der "fernen"
Zukunft (vgl. Mk 13,17.19-20.24; Jer 3,16-18;33,14-16; Joe 3,1 ). 4.
Laut Vers 20 werden "diese Tage" ein Ende haben. Markus Mk 13,20 Wenn der HERR ( Yahwe , Gott; vgl. Mk 12,29 ) nicht
bereits beschlossen hätte, diese Tage (wörtlich: "die Tage"; vgl. Mk
13,19 ) zu verkürzen (ihnen ein Ende zu setzen, nicht, die Zahl der Tage
zu vermindern), würde kein Mensch selig ( esOthE ; "würde gerettet";
vgl. Mk 15,30-31 ), d. h. vor dem physischen Tod errettet werden; diese
Aussage steht in Widerspruch zu Vers 13 . Aber Gott wird die Tage der
Trübsal beenden, um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat für
sich selbst und die in "diesen Tagen" erlöst werden (vgl. Apg 13,48 ).
All das bewahrheitete sich indirekt zwar bereits im Jahr 70 n. Chr.,
doch die Sprache des Verses deutet auf ein direktes Eingreifen Gottes im
Gericht hin und weist damit unmißverständlich voraus auf die Trübsal in
der Endzeit (vgl. Offb 16,1 ). Markus Mk 13,21-22 Wenn dann ( tote ; vgl. V. 26 - 27 ), in der Mitte
"dieser Tage" (vgl. V. 19 ) schwerer Bedrängnis und Flucht, jemand
auftritt und behauptet: Siehe, hier ist der Christus! Siehe, da ist er!
, so sollten die Jünger es nicht glauben (die betrügerische Behauptung
oder vielleicht auch "ihm", der Person, die sie aufstellt) und sich
nicht fälschlich in Sicherheit wiegen. Jesus erklärte ihnen im
Gegenteil, daß viele falsche Christusse (vgl. V. 6 ) und falsche
Propheten sich erheben und Zeichen und Wunder tun würden, die ihren
Anspruch sogar berechtigt erscheinen lassen würden. Ihr Ziel wird sein,
die Auserwählten , die an den wahren Messias glauben, zu verführen (vgl.
V. 20 ). Der Satz wenn es möglich wäre zeigt jedoch, daß sie damit
keinen Erfolg haben werden. Markus Mk 13,23 Noch einmal ermahnte Jesus seine Jünger seht euch
vor ( blepete ; vgl. V. 5.9 ) vor trügerischen Fallen in dieser schweren
Zeit. Markus d. Die Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit ( 13,24 - 27 ) ( Mt 24,29-31; Lk 21,25-28 ) Mk 13,24-25 Das Wort aber ( alla ) macht den schroffen
Gegensatz zwischen dem Erscheinen der "falschen Christusse", die
wunderbare Zeichen vollbringen werden (V. 22 ), und dem dramatischen
Kommen des wahren Messias zu jener Zeit (vgl. V. 19-20 ; Joe 3,1-5 ),
nach dieser Bedrängnis ( thlipsin , "Trübsal"; vgl. Mk 13,19 ),
deutlich. Daß diese Wendungen auch hier wieder aufgegriffen werden,
zeigt den engen Zusammenhang dieser Passage mit den vorangehenden Versen
( 14-23 ). Wenn sie sich ausschließlich auf die Ereignisse im Jahr 70 n.
Chr. bezogen hätten, hätte Jesus Christus kurz nach der Zerstörung
Jerusalems wiederkehren müssen. Daß er damals nicht kam, spricht dafür,
daß in Vers 14-23 sowohl von dem konkreten historischen Ereignis als
auch von der zukünftigen Zeit der großen Trübsal vor der Wiederkunft
Christi die Rede ist. Verschiedene kosmische Katastrophen, die die Sonne
, den Mond und die Sterne betreffen, werden dem zweiten Kommen des
Messias unmittelbar vorangehen. Jesu Beschreibung orientierte sich hier
an Jes 13,10 und Jes 34,4 ,ohne eine dieser Passagen direkt zu zitieren.
Die Erscheinungen, die er schilderte, erinnern lebhaft an tatsächlich am
Himmel beobachtbare Veränderungen des Universums. Die letzte Aussage - die Kräfte der Himmel
(wörtlich: "die Kräfte, die amHimmel sind") werden ins Wanken kommen -
kann sich entweder auf physikalische Kräfte beziehen, die normalerweise
die Bewegungen der plötzlich aus ihrer Bahn geratenen Himmelskörper
kontrollieren, oder auf negative spirituelle Kräfte, d. h. auf Satan und
seine Kohorten, die durch das Geschehen in die Enge getrieben werden.
Die erste These scheint allerdings plausibler. Markus Mk 13,26 Und dann ( tote , dieses griechische Wort steht
auch in V. 21 und 27 ), wenn die kosmischen Ereignisse, von denen zuvor
die Rede war, stattgefunden haben, werden sie (die Menschen auf der
Erde) sehen den Menschensohn (vgl. Mk 8,31.38 ) kommen in den Wolken
oder "mit" Wolken. Die "Wolken des Himmels" sind schon im Alten
Testament ein Zeichen für die Gegenwart Gottes (vgl. Mk 9,7; 2Mo 19,9;
Ps 97,1-2; Dan 7,13; Mt 24,30 b). Nun werden seine große Kraft und
himmlische Herrlichkeit sichtbar werden (vgl. Sach 14,1-7 ). Gemeint ist
hier Jesu persönliche, sichtbare, körperliche Rückkehr auf die Erde als
verherrlichter Menschensohn (vgl. Apg 1,11; Offb 1,7;19,11-16 ). Jesus
beschrieb sie in der seinen Hörern vertrauten, für unser Verständnis
schwer faßbaren Sprache von Dan 7,13-14 . Seine triumphale Rückkehr wird
der Verborgenheit des Gottesreiches in seiner gegenwärtigen Form ein
Ende machen (vgl. den Kommentar zu Mk 1,15;4,13-22 ). Markus Mk 13,27 Zu jener Zeit ( tote , "dann"; vgl. V. 21.26.27 )
wird der Menschensohn die Engel (vgl. Mk 8,38; Mt 25,31 ) senden (vgl.
Mk 4,29 ) und seine Auserwählten (vgl. Mk 13,20.22 ) versammeln von den
vier Winden . Die "vier Winde" sind ein Bild für die Menschen, die aus
allen vier Himmelsrichtungen, aus allen Teilen der Welt, zusammenströmen
werden. Das Weltumspannende dieser Sammlung wird durch die beiden
folgenden Wendungen (V. 27 ) noch unterstrichen. Keiner der Auserwählten
wird vergessen werden. Ohne daß davon ausdrücklich die Rede ist, scheint
damit auch die Auferstehung der alttestamentlichen Heiligen und der
Märtyrer, die in der Zeit der großen Trübsal für ihren Glauben starben,
gemeint zu sein (vgl. Dan 12,2; Offb 6,9-11;20,4 ). Über die, die nicht
zu den Auserwählten gehören, wird an dieser Stelle nichts ausgesagt
(vgl. 2Thes 1,6-10; Offb 20,11-15 ). Das Alte Testament spricht häufig davon, daß Gott
die zerstreuten Kinder Israel aus den entferntesten Teilen der Erde
sammeln und zu nationaler und religiöser Einheit in Palästina führen
wird ( 5Mo 30,3-6; Jes 11,12; Jer 31,7-9; Hes 11,16-17;20,33-35.41 ).
Zur Zeit des zweiten Kommens Christi in seiner Herrlichkeit wird Israel
um den Menschensohn gesammelt und von ihm gerichtet werden; danach wird
es als Volk wiederhergestellt und erlöst ( Jes 59,20-21; Hes 20,33-44;
Sach 13,8-9; Röm 11,25-27 ). Auch alle Heiden werden vor ihm gesammelt
werden ( Joe 4,2 ), und der Messias wird wie ein Hirte die "Schafe" (die
Auserwählten) von den "Böcken" trennen ( Mt 25,31-46 ). Die erlösten
Juden und Heiden werden in das Tausendjährige Reich eingehen und als
sterbliche Menschen auf Erden leben ( Jes 2,2-4; Dan 7,13-14; Mi 4,1-5;
Sach 14,8-11.16-21 ). Daß in diesem Zusammenhang sowohl Heiden als auch
Juden, die während der Zeit der Trübsal zum Glauben an Jesus gefunden
haben, als "Auserwählte" bezeichnet werden (vgl. Offb 7,3-4.9-10 ),
könnte bedeuten, daß die Kirche, der Leib Christi (vgl. 1Kor 15,51-53;
1Thes 4,13-18 ), noch vor dieser Zeit entrückt wird: Da die Kirche von
Gottes endgültigem Gericht über die Erde verschont werden wird (vgl.
1Thes 1,10;5,9-11; Offb 3,9-10 ), ist sie auch von der Zeit der Trübsal
ausgenommen. Das wiederum bedeutet für die Gläubigen der Gegenwart, daß
sie jederzeit mit der Entrückung rechnen müssen, und verleiht der
Ermahnung Jesu - wachet (vgl. Mk 13,35-37 ) - besonderen Nachdruck. Da
die Jünger jedoch noch keine klare Vorstellung von der künftigen Kirche
hatten (vgl. Mt 16,18; Apg 1,4-8 ), ging Jesus nicht näher auf diese
Vorphase der Endzeit ein. Manche Exegeten vertreten allerdings auch die
These, daß die Entrückung erst nach der Trübsal stattfinden wird. Sie
identifizieren die "Auserwählten", von denen in diesen Versen die Rede
ist, mit den Erlösten aller Zeiten - aus Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft. Dazu gehört auch die Auferstehung der gerechten Toten am Ende
der Zeit der Trübsal, die gemeinsam mit allen Lebenden emporgehoben
(entrückt) werden, um dem wiederkehrenden Menschensohn entgegenzugehen,
der zu jener Zeit auf die Erde herabkommen wird. In diesem Fall würde
die Kirche, der Leib Christi, während der Zeit der Trübsal auf Erden
bleiben und von einer übernatürlichen Macht vor dem Untergang bewahrt
werden. Am Ende dieser Zeit würde sie entrückt, um dann sofort auf die
Erde zurückzukehren und am Tausendjährigen Reich teilzuhaben. Auf dem
Hintergrund von Mk 13,17.32 (vgl. den Kommentar zu beiden Stellen)
scheint die These der Entrückung vor dem Gericht jedoch plausibler. Markus e. Das Gleichnis vom Feigenbaum ( 13,28 - 32 ) ( Mt 24,32-36; Lk 21,29-33 ) Mk 13,28 Die erste Frage der Jünger nach der Prophezeiung
Jesu (V. 4 a) war gewesen: "Sage uns, wann wird das geschehen?" Jesus
lehrte sie nun: "Lernt ein Gleichnis (vgl. die Einführung zu Mk 4,1-2 )
an dem Feigenbaum." Der Feigenbaum, sonst häufig ein Bild für Israel
(vgl. Mk 11,14 ), steht hier für die Mahnung zur Wachsamkeit (bei Lk
21,29 sind noch die Worte "und alle Bäume" angefügt). Im Gegensatz zu
den meisten anderen Bäumen in Palästina werfen die Feigenbäume im Winter
ihre Blätter ab und blühen erst spät im Frühjahr wieder. Wenn also die
harten, trockenen Winterzweige saftig werden und Blätter treiben , weiß
der aufmerksame Beobachter sofort, daß der Winter vorüber und der Sommer
nahe ist . Markus Mk 13,29 In diesem Vers wird das Bild von Vers 28 auf die
Jünger angewandt. Wenn ihr (das "ihr" ist im Griechischen durch die
Satzstellung hervorgehoben), die Jünger im Gegensatz zu den anderen
Menschen, seht, daß dies geschieht (vgl. V. 4.23.30 ) - die Ereignisse,
die in Vers 14-23 beschrieben sind -, so wißt, daß die drohende Krise
(vgl. V. 14 ) nahe vor der Tür ist , ein vertrautes und beliebtes Bild
für ein unmittelbar bevorstehendes Ereignis. Wenn die Jünger also auf
solche Zeichen, wie sie ihnen Jesus beschrieben hatte, sorgfältig
achteten, sollten sie eigentlich in der Lage sein, sie richtig zu
deuten. Das nicht genannte Subjekt der griechischen Wendung
"ist nahe vor der Tür" könnte der Menschensohn ("er"), oder, was
wahrscheinlicher ist, das "Greuelbild der Verwüstung" ("es"; vgl. V. 14
) sein. Markus Mk 13,30-31 Dann erklärte Jesus feierlich ( wahrlich, ich sage
euch ; vgl. Mk 3,28 ), daß dieses Geschlecht nicht ( ou mE , betonte,
doppelte Verneinung; vgl. Mk 13,2 ) vergehen wird, bis (wörtlich: "bis
zu der Zeit") dies alles (vgl. V. 4.29 ) geschieht . Der Begriff
"Geschlecht" (genea) kann sich auf die "Zeitgenossen", also auf alle,
die zu einer bestimmten Zeit leben (vgl. Mk 8,12.38;9,19 ), oder auf
eine Gruppe von Menschen, die von einem gemeinsamen Stammvater abstammt
(vgl. Mt 23,36 ), beziehen. Da er sowohl in engerem als auch in weiterem
Sinn gebraucht werden kann, ist es in diesem Kontext (vgl. Mk 13,14 )
naheliegend, beide Konnotationen zugleich herauszuhören. "Dieses
Geschlecht" bezeichnet dann in diesem Zusammenhang: (a) die Juden zur
Zeit Jesu, die später die Zerstörung Jerusalems miterlebten, und (b) die
Juden, die in der Zeit der Trübsal leben und die Endzeit mit all ihren
Schrecken sehen werden. Das ist jedenfalls die beste Erklärung für die
Wendung "dies alles" (vgl. V. 4 b. 14-23 ). Jesu Versicherung (V. 31 ) war zugleich auch eine
Garantie für die Erfüllung seiner Vorhersage (V. 30 ). Das gegenwärtige
Universum wird ein schreckliches Ende nehmen (vgl. 2Pet 3,7.10-13 ),
aber Jesu Worte - einschließlich dieser Prophezeiung - werden nicht ( ou
mE ; vgl. Mk 13,2.30 ) vergehen ; sie besitzen ewige Gültigkeit. Was für
Gottes Wort gilt (vgl. Jes 40,6-8;55,11 ), gilt gleichermaßen für Jesu
Wort, denn er ist Gott. Markus Mk 13,32 Wenngleich manche Menschen vielleicht erraten
können, daß das Ende nahe bevorsteht (V. 28-29 ), so weiß doch niemand
den genauen Zeitpunkt, den Tag oder die Stunde (vgl. V. 33 ) - nicht
einmal die Engel im Himmel (vgl. 1Pet 1,12 ) und auch der Sohn nicht -,
sondern allein der Vater . Daß Jesus hier offen zugibt, daß auch sein
Wissen begrenzt ist, unterstreicht und bestätigt seine Menschlichkeit.
In der Inkarnation nahm Jesus die Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind
- auch diese (vgl. Apg 1,7 ) -, freiwillig auf sich und unterwarf sich
damit dem Willen des Vaters (vgl. Joh 4,34 ). Auf der anderen Seite
beweist die Verwendung des Titels "Sohn" (nur an dieser einen Stelle im
Markusevangelium, statt des gebräuchlicheren "Menschensohns"), daß er
sich seiner Gottheit und Sohnschaft durchaus bewußt war (vgl. Mk 8,38 );
doch er machte von seinem göttlichen Wesen nur auf Geheiß des Vates
Gebrauch (vgl. Mk 5,30; Joh 8,28-29 ). Die Worte von dem Tag und der Stunde werden
normalerweise mit dem zweiten Kommen des Menschensohnes in Zusammenhang
gebracht ( Mk 13,26 ). Das wird jedoch nur der Höhepunkt einer ganzen
Reihe vorangehender Ereignisse sein. Vom Kontext dieser Passage (V.
14.29-30 ) her und auf dem Hintergrund der Verwendung dieser
Formulierung im Alten Testament ist es wahrscheinlicher, daß mit "dem
Tag" der "Tag des Herrn" gemeint ist. Der "Tag des Herrn" umfaßt die Zeit der Trübsal,
das zweite Kommen Christi und das Tausendjährige Reich (vgl. Jes
2,12-22; Jer 30,7-9; Joe 3,1-5; Am 9,11; Zeph 3,11-20; Sach 12-14 ). Er
wird ganz plötzlich und unerwartet hereinbrechen (vgl. 1Thes 5,2 ), und
niemand - allein der Vater - wird wissen, wann er kommt. Die These von der Entrückung der Gläubigen vor der
Zeit der Trübsal (vgl. den Kommentar zu Mk 13,27 ) impliziert auch, daß
der Herr vor der siebzigsten Woche Daniels zu den Seinen kommen wird
(die Entrückung). Die Entrückung ist nicht von irgendwelchen
vorhergehenden Ereignissen abhängig, daher muß jede Generation aufs neue
mit ihr rechnen. Das ist auch die Aussage des Gleichnisses vom
abwesenden Hausherrn (V. 34-37 ), das im Matthäusevangelium eine etwas
anderslautende, aber in ganz ähnlichem Sinne gebrauchte Parallele hat
(vgl. Mt 24,42-44 ). Sie kommt allen müßigen Spekulationen über das
mögliche Datum des Kommens des Herrn zuvor und macht deutlich, wieviel
wichtiger es ist, bis zu seiner Wiederkehr wachsam zu bleiben und
getreulich seine Pflicht zu erfüllen, wie Jesus es befahl. Markus 3. Jesu Ermahnung zur Wachsamkeit ( 13,33-37 ) ( Mt 24,42-44; Lk 21,34-36 ) Mk 13,33 Da niemand weiß, wann (vgl. V. 4 a) die Zeit des
Eingreifens Gottes ("der Tag", V. 32 ) kommen wird, wiederholte Jesus
seine Ermahnung seht euch vor ( blepete ; vgl. V. 5.9.23 ), und fügte
verstärkend hinzu, wachet ( agrypneite , "seid immer wachsam"). Markus Mk 13,34-37 Das Gleichnis vom abwesenden Hausherrn, das in
dieser Form nur bei Markus steht, unterstreicht die Forderung nach
ständiger Wachsamkeit der Christen und definiert sie als gläubige
Erfüllung der ihnen übertragenen Aufgaben (vgl. Mt 25,14-30; Lk 19,11-27
). Bevor er auf Reisen ging, gab der Hausherr seinen
Knechten (allen gemeinsam) Vollmacht über die laufenden Arbeiten in
seinem Haus. Jeder erhielt seine eigene Aufgabe, und dem Türhüter , der
den Zugang zum Haus beaufsichtigte, gebot er, zu wachen ( grEgoreite ,
Präsens; vgl. Mk 13,33 ). Jesus wandte das Gleichnis auf seine Jünger an
(V. 35-37 ), ohne allerdings die Unterscheidung zwischen dem Türhüter
und den anderen Knechten beizubehalten. Sie alle sollten wachen und sich
vor geistlichen Gefährdungen und Fallstricken hüten (vgl. V. 5-13 ),
denn niemand weiß, wann (vgl. V. 33 ) der Herr ( kyrios ) des Hauses -
Jesus selbst - kommt . Die "Nacht" war ein Bild für die Zeit der
Abwesenheit des Eigentümers (Jesus; vgl. Röm 13,11-14 ), der jedoch
jeden Augenblick zurückkehren kann. Deshalb sollten sie wachen, damit,
wenn (wörtlich: "dann, wenn") der Eigentümer, Jesus, plötzlich kommt, er
sie nicht schlafend (geistlich unachtsam) findet . Diese Wachsamkeit
wurde nicht nur den Zwölfen (vgl. Mk 13,3 ) aufgetragen; sie wird von
allen Gläubigen zu allen Zeiten gefordert. Die Glaubenden sollen in der
Gewißheit wachen und arbeiten (vgl. V. 34 ), daß ihr Herr wiederkommen
wird, auch wenn nur der Vater die genaue Zeit der Rückkehr kennt. Die vier Zeitangaben entsprechen den vier
Nachtwachen der römischen Zeitrechnung. Abend war es von 18 bis 21 Uhr,
Mitternacht von 21 bis 24 Uhr, der Hahnenschrei bezeichnete die dritte
Nachtwache (von 24 bis 3 Uhr) und die Morgenwache dauerte von 3 bis 6
Uhr. Die Bezeichnungen der einzelnen Vigilien leiteten sich also von
ihren Endpunkten ab. Nach dem jüdischen Zeitsystem war die Nacht nur in
drei Wachen eingeteilt. Markus verwendete jedoch das römische Zeitmaß,
weil er für römische Leser schrieb (vgl. 6,48 ). Markus VIII. Jesu Leiden und Tod in Jerusalem ( Mk 14-15 ) Der sechste große Hauptteil des Markusevangeliums,
die Leidensgeschichte, handelt von dem Verrat an Jesu, seiner
Gefangennahme, Gerichtsverhandlung und seinem Kreuzestod. Er bildet den
notwendigen historischen und theologischen Rahmen für verschiedene
Themen, die bereits in früheren Teilstücken anklangen: (a) Jesus als der
Christus, der Sohn Gottes ( Mk 1,1;8,29 ); (b) der Konflikt zwischen
Jesus und den religiösen Autoritäten ( Mk 3,6;11,18;12,12 ); (c) Jesu
Verwerfung, der Verrat an ihm und die Treulosigkeit derer, die ihm
nahestanden ( Mk 3,19;6,1-6 ); (d) die Unfähigkeit der Jünger, Jesu
messianischen Auftrag wirklich zu verstehen ( Mk 8,31-10,52 ); und (e)
Jesus als der Menschensohn, der gekommen ist, um sein Leben als Lösegeld
für viele zu geben ( Mk 10,45 ). Die Erzählung zeigt auch, wie die frühen Christen
versuchten, mit Hilfe des Alten Testaments (vor allem Ps 22;69; Jes 53 )
die Bedeutung des Leidens und Todes Jesu zu verstehen und ihren
jüdischen und heidnischen Zeitgenossen die schmachvollen Umstände beim
Ende ihres Herrn zu erklären (vgl. 1Kor 1,22-24 ). A. Der Verrat des Judas, das Passamahl und die
Flucht der Jünger ( 14,1-52 ) Dieser Abschnitt besteht aus drei Erzählzyklen (V.
1-11.12-26.27-52 ). 1. Die Verschwörung gegen Jesus und die Salbung in
Betanien ( 14,1 - 11 ) Wie viele andere Passagen im Markusevangelium ist
auch der erste Erzählzyklus in diesem Abschnitt wieder dreiteilig
aufgebaut (vgl. Mk 3,20-35;5,21-43;6,7-31;11,12-26 ). Der Bericht über
die Verschwörung der religiösen Führer und den Verrat des Judas (V.
1-2.10-11 ) wird von der Schilderung der Salbung Jesu in Betanien (V. 3
- 9 ) unterbrochen. Auf diese Weise arbeitet Markus den auffallenden
Kontrast zwischen der Feindseligkeit derer, die seinen Tod planten, und
der liebenden Frömmigkeit einer Frau, die ihn als den leidenden Messias
erkannte, heraus. a. Der Plan der Führer, Jesus gefangenzunehmen und
zu töten ( Mk 14,1-2 ) ( Mt 26,1-5; Lk 22,1-2 ) Mk 14,1 a Die Leidensgeschichte setzt mit einer neuen
Zeitangabe ein (vgl. die Einführung zu Mk 11,1-11 ). Solche Zeitangaben
verbinden die folgenden Ereignisse miteinander und gliedern das
Geschehen. Die Chronologie der Ereignisse der Passionswoche wird dadurch
etwas kompliziert, daß damals zwei Systeme der Zeitrechnung in Gebrauch
waren, das römische (das sich bis in unsere Zeit erhalten hat), bei dem
der neue Tag um Mitternacht beginnt, und das jüdische, bei dem der
Sonnenaufgang den neuen Tag einleitet (vgl. Mk 13,35 ). Das Passafest , das nur in Jerusalem gefeiert wurde
(vgl. 5Mo 16,5-6 ), war ein alljährlich am 14. und 15. Nisan
(März/April; wahrscheinlich am Donnerstag und Freitag der Karwoche)
stattfindendes jüdisches Fest (vgl. 2Mo 12,1-4 ). Zu den Vorbereitungen
für das Passamahl (vgl. Mk 14,12-16 ) - den Höhepunkt des Festes -
gehörte das Schlachten des Passalammes, das nach jüdischer Zeitrechnung
am Ende des 14. Nisan getötet werden mußte, also am
Donnerstagnachmittag. Das Mahl selbst wurde dann zu Beginn des 15. Nisan
eingenommen, d. h. zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht des
Donnerstagabend. Unmittelbar darauf, vom 15. bis 21. Nisan
(einschließlich), folgte das Fest der U ngesäuerten Brote , das an den
Exodus aus Ägypten erinnern sollte (vgl. 2Mo 12,15-20 ). Diese beiden jüdischen Feste hingen eng zusammen
und wurden im Volksmund häufig als "das jüdische Passafest" bezeichnet
(ein achttägiges Fest, vom 14. bis 21. Nisan [einschließlich]; vgl. Mk
14,2; Joh 2,13.23;6,4;11,55 ). So wurde der 14. Nisan, der Tag der
Vorbereitungen, gewöhnlich der "erste Tag des Festes der Ungesäuerten
Brote" genannt (vgl. Mk 14,12; Josephus, Ant. 2. 15. 1). Die Wendung
noch zwei Tage bis lautet wörtlich: "nach zwei Tagen". In der
Zeitrechnung der Juden bedeutete "nach zwei Tagen" "übermorgen". Vom 15.
Nisan (Freitag) zwei Tage zurückgerechnet wäre also der 13. Nisan
(Mittwoch), und "nach zwei Tagen" hieße dann "nach Mittwoch und
Donnerstag". Markus Mk 14,1 - 2 (Mk 14,1b - 2) Die jüdische Obrigkeit, die Mitglieder des Hohen
Rates (vgl. Mk 8,31;11,27; Mt 26,3 ), hatte bereits beschlossen, daß
Jesus getötet werden mußte (vgl. Joh 11,47-53 ). Ihre Furcht vor einem
Volksaufstand hielt sie jedoch davon ab, ihn in der Öffentlichkeit
gefangennehmen zu lassen. So suchten ( ezEtoun , Imperfekt; vgl. Mk
11,18;12,12 ) sie, wie sie ihn mit List , durch einen Hinterhalt,
ergreifen könnten . Denn angesichts der Volksmenge, die sich zum
Passafest versammelt hatte und Jesus möglicherweise unterstützen würde -
vor allem die Galiläer galten als äußerst hitzköpfig -, schien es nicht
ratsam, einen Aufstand zu riskieren. Daher beschlossen sie, ihn nicht
bei dem Fest , also nicht während der acht Tage vom 14. bis 21. Nisan
(einschließlich; vgl. Mk 14,1 a), zu verhaften. Sie wollten also wohl
mit seiner Gefangennahme warten, bis die Pilger die Stadt wieder
verlassen hatten. Doch das unerwartete Angebot des Judas (vgl. V. 10 -
11 ) beschleunigte ihr Vorhaben. Auf diese Weise wurde Gottes Zeitplan
eingehalten. Markus b. Jesu Salbung in Betanien ( 14,3 - 9 ) ( Mt 26,6-13; Joh 12,1-8 ) Diese Episode darf nicht mit einer anderen Salbung
in Galiläa zu einem früheren Zeitpunkt verwechselt werden ( Lk 7,36-50
). Sie deckt sich allerdings mit der gleichlautenden Erzählung im
Johannesevangelium ( Joh 12,1-8 ), wenn die beiden Berichte auch in
einigen Punkten voneinander abweichen. Einer der Unterschiede betrifft
die Zeitangabe. Bei Johannes spielte sich der Vorfall "sechs Tage vor
dem Passafest" ab, d. h. vor dem Beginndes Passafestes, dem 14. Nisan
(Donnerstag); das wäre also der Freitag vor der Passawoche gewesen. Der
Kontext des Markusevangeliums scheint dagegen die Annahme nahezulegen,
daß die Salbung am Mittwoch der Passionswoche vorgenommen wurde (vgl. Mk
14,1 a). Dennoch spricht mehr dafür, der Chronologie des
Johannesevangeliums zu folgen und die Angaben von Markus darauf
zurückzuführen, daß er das Ereignis aus thematischen Gründen (vgl. die
Einführung zu Mk 2,1-12;11,1-11 ) an dieser Stelle einordnete, um die
Handlungsweise der Frau und des verräterischen Jüngers einander
gegenüberzustellen. Die Zeitangabe in Mk 14,1 würde sich demnach auf die
Verschwörung der Religionsführer und nicht auf die Salbung Jesu
beziehen. Mk 14,3 Als er sich in Betanien (vgl. den Kommentar zu Mk
11,1 a) aufhielt, wurde Jesus im Hause Simons des Aussätzigen , eines
Mannes, den er anscheinend früher einmal geheilt hatte (vgl. Mk 1,40 )
und den die Jünger gut kannten, mit einem Festmahl geehrt. Bei der hier
nicht mit Namen genannten Frau handelte es sich um Maria, die Schwester
der Martha und des Lazarus (vgl. Joh 12,3 ). Sie kam mit einem Glas ,
einer kleinen Flasche mit langem, dünnem Hals, das unverfälschtes,
kostbares Nardenöl , ein aromatisches Öl aus der Wurzel einer seltenen,
in Indien beheimateten Pflanze, enthielt. Maria brach den dünnen Hals der Flasche ab und goß
das Öl auf Jesu Haupt . Johannes schrieb, daß sie es über seine Füße goß
und sie mit ihrem Haar trocknete (vgl. Joh 12,3 ). Beides ist möglich,
da Jesus wahrscheinlich auf einer der bei Gastmählern verwendeten
ottomanenartigen Liegen oder Polstern lag (vgl. Mk 14,18 ). Einem Gast
das Haupt zu salben war ein häufig geübter Brauch bei jüdischen
Festmählern (vgl. Ps 23,5; Lk 7,46 ), doch Marias Handlung hatte eine
sehr viel weitreichendere Bedeutung (vgl. Mk 14,8-9 ). Markus Mk 14,4-5 Einige der Jünger, allen voran Judas (vgl. Joh 12,4
), wurden unwillig (vgl. Mk 10,14 ) über diese offensichtliche
Verschwendung. Sie war ihrer Ansicht nach unangebracht, da man dieses Öl
für mehr als dreihundert Silbergroschen (etwa der Jahreslohn eines
Arbeiters; vgl. den Kommentar zu Mk 6,37 ) hätte verkaufen und das Geld
den Armen geben können . Das war zwar ein berechtigtes Anliegen (vgl.
Joh 13,29 ), doch hier offenbarte sich die Gefühllosigkeit der Jünger
und die Geldgier des Judas (vgl. Joh 12,6 ). Die Jünger fuhren Maria an
(dasselbe Verb wie in Mk 1,43 ), eine Bemerkung, die nur bei Markus
steht. Markus Mk 14,6-8 Doch Jesus wies sie zurecht und verteidigte Maria;
er sagte, sie habe ein gutes ( kalon ) Werk getan. Anders als die Jünger
sah er ihre Handlung als einen Ausdruck ihrer Liebe und Hingabe
angesichts seines bevorstehenden Todes und als eine Anerkennung seiner
Messianität. In Vers 7 geht es also nicht um einen Gegensatz
zwischen Jesus und den Armen, sondern um den Gegensatz zwischen den
Worten allezeit und nicht allezeit . Gelegenheit, den Armen zu helfen,
würden die Jünger immer haben - und sie hoffentlich auch wahrnehmen.
Doch Jesus würde nicht mehr lange bei ihnen sein, die Möglichkeit, ihm
zuliebe noch etwas zu tun, war also zeitlich begrenzt. In gewissem Sinn
hatte Maria seinen Leib im voraus für sein Begräbnis gesalbt . Markus Mk 14,9 Wieder unter Anwendung der feierlichen
Einleitungsformel ( wahrlich, ich sage euch ; vgl. Mk 3,28 ) versprach
Jesus Maria, daß, wo das Evangelium (vgl. Mk 1,1 ) gepredigt wird in
aller Welt (vgl. Mk 13,10 ), man auch von ihrem Liebeswerk sagen wird zu
ihrem Gedächtnis . Diese einzigartige Verheißung wies über seinen Tod,
sein Begräbnis und seine Auferstehung hinaus in das gegenwärtige
Zeitalter, in dem das Evangelium verkündet wird. Markus c. Der Verrat des Judas ( 14,10 - 11 ) ( Mt 26,14-16 ; Lk 22,3-6 ) Mk 14,10-11 In diesen Versen folgt die Fortsetzung von Vers 1 -
2 , wodurchder Kontrast zu Vers 3 - 9 noch deutlicher wird. Judas
Iskariot (vgl. Mk 3,19 ), einer von den Zwölfen (vgl. Mk 3,14 ), ging
hin zu den einflußreichen Hohenpriestern (vgl. Mk 14,1 ) und bot ihnen
an, Jesus an sie zu verraten ( paradoi ; vgl. V. 11 ; Mk 9,31 ). Er
schlug vor, es "ohne Aufsehen" zu tun ( Lk 22,6 ), um einen öffentlichen
Aufruhr, den die Priesterschaft auf jeden Fall vermeiden wollte, zu
verhindern (vgl. Mk 14,2 ). Dieses unerwartete Angebot, auf das sie nie
zu hoffen gewagt hätten, kam den Pharisäern sehr gelegen. Sie
versprachen, ihm Geld zu geben (dreißig Silberstücke, wie er verlangt
hatte; vgl. Mt 26,15 ). Judas suchte ( ezEtei ; vgl. Mk 14,1 ) nun nach
einer guten Gelegenheit , Jesus zu verraten ( paradoi ; vgl. V. 10 ; Mk
9,31 ) und ihn, ohne daß die Menge es merkte, in Gewahrsam nehmen zu
lassen. Was veranlaßte Judas zu seiner Tat? Darüber wurden
die verschiedensten Theorien vorgelegt, die wohl alle ein Quentchen
Wahrheit enthalten: 1. Judas, der einzige Nicht-Galiläer unter den
Zwölfen, reagierte möglicherweise nur auf den offiziellen amtlichen
Aufruf, Jesus auszuliefern (vgl. Joh 11,57 ). 2. Er war enttäuscht, weil
Jesus kein politisches Königreich errichtet hatte und auch seine
Hoffnungen auf materiellen Gewinn gescheitert schienen. 3. Seine
Geldgier trieb ihn. Er geriet dadurch unter die Macht des Satans (vgl.
Lk 22,3; Joh 13,2.27 ). Im Schicksal des Judas zeigt sich eine
verblüffende Mischung aus göttlicher Souveränität und menschlicher
Verantwortung. Nach Gottes Plan mußte Jesus leiden und sterben ( Offb
13,8 ); dennoch war Judas, der ja nicht dazu gezwungen wurde, zum
Verräter zu werden, selbst dafür verantwortlich, daß der Teufel Macht
über ihn gewinnen konnte (vgl. Mk 14,21; Joh 13,27 ). Markus 2. Das Passamahl als letztes Abendmahl ( 14,12 - 26 ) Auch der zweite Erzählzyklus in diesem Kapitel
besteht aus drei Teilen (V. 12-16.17-21.22-26 ). a. Die Vorbereitung des Passamahles ( 14,12 - 16 ) ( Mt 26,17-19; Lk 22,7-13 ) Mk 14,12 Beim "ersten Tag der Ungesäuerten Brote" handelte
es sich genau genommen um den 15. Nisan (Freitag). Der ergänzende
Nachsatz mit seinen inhaltlichen Angaben zu dem betreffenden Tag (ein
Stilmittel, das Markus häufig im Zusammenhang mit seinen Zeitangaben
einsetzt; vgl. Mk 1,32.35;4,35;13,24;14,30;15,42;16,2 ) - es ist
offensichtlich der Tag, an dem die Passalämmer geschlachtet werden -
deutet jedoch darauf hin, daß der 14. Nisan (Donnerstag) gemeint war
(vgl. den Kommentar zu Mk 14,1 a). Da das Passamahl dem Brauch gemäß innerhalb der
Stadtmauern Jerusalems eingenommen werden mußte, fragten die Jünger
Jesus, wo sie hingehen und das Passalamm vorbereiten sollten (vgl. V. 16
). Sie gingen davon aus, daß er dieses "Familienfest" mit ihnen zusammen
feiern würde (vgl. V. 15 ). Markus Mk 14,13-15 Die folgende Episode ist vom Aufbau her identisch
mit Mk 11,1 b.2-7. Sie ist wohl ein weiteres Beispiel für Jesu
übernatürliches Wissen. Doch dessen ungeachtet deuten auch hier die
Notwendigkeit, einen sicheren Ort zu finden (vgl. Mk 14,10-11 ), die
Frage der Jünger (V. 12 ) und Jesu Anweisungen gleichzeitig darauf, daß
er bereits zuvor einen Ort ausgewählt hatte, wo sie ungestört
miteinander das Passamahl essen konnten. Wahrscheinlich wohnte Jesus mit seinen Jüngern noch
in Betanien (vgl. 11, 1 a.11). Am Donnerstagmorgen sandte er zwei von
ihnen - Petrus und Johannes (vgl. Lk 22,8 ) - mit genauen Anweisungen,
wo sie den von ihm bestimmten Ort finden würden, nach Jerusalem. Aus
Sicherheitsgründen (vgl. Mk 14,11; Joh 11,57 ) blieben alle Beteiligten
anonym, und auch der Ort der Zusammenkunft wurde geheimgehalten. In der Nähe des östlichen Tores sollte ihnen ein
Mensch begegnen, der einen Krug Wasser trägt . Daß ein Mann einen
Wasserkrug trug, war sehr ungewöhnlich und deutete darauf hin, daß es
sich hier um ein verabredetes Zeichen handelte, denn normalerweise
trugen nur Frauen Wasserkrüge (Männer trugen Weinschläuche). Die Jünger
sollten dem Mann, offenbar ein Knecht, folgen, und er würde sie zu einem
Haus führen. Dort sollten sie dann den Hausherrn fragen: Der Meister
(vgl. Mk 4,38 ) läßt dir sagen: Wo ist der Raum ... ? Die knappe Angabe
zur Person, "der Meister", zeigt, daß Jesus dem Hauseigentümer
offensichtlich wohlbekannt war, und die bestimmte Form der Frage deutet
auf eine bereits zuvor getroffene Absprache. Er ( autos , der Hausherr "selbst") wird ihnen dann
einen großen Saal zeigen , der auf dem flachen Dach erbaut war und mit
Polster n und einem Eßtisch versehen und so für ein Festmahl vorbereitet
war. Wahrscheinlich hatte der Hausherr auch bereits für das Essen,
einschließlich des Passalamms, gesorgt. Dort, in diesem Raum, sollten
die Jünger für Jesus und die anderen das Essen vorbereiten (vgl. Mk
14,12 ). Aus der Überlieferung wissen wir, daß es sich dabei
möglicherweise um das Geburtshaus von Markus handelte (vgl. den
Kommentar zu Apg 1,13;12,12 ) und der Hausherr sein Vater war. Markus Mk 14,16 Zur Vorbereitung des Passamahles gehörte
wahrscheinlich das Braten des Lammes, die Zubereitung des Ungesäuerten
Brotes, das Bereitstellen von Wein und die Herstellung einer Sauce aus
getrockneten Früchten, Weinessig, Wein und Gewürzen, die dann mit Brot
und bitteren Kräutern gegessen wurde. Diese Passavorbereitungen, die am 14. Nisan
(Donnerstag) stattfanden, beweisen, daß es sich bei Jesu letzter
Mahlzeit mit seinen Jüngern um das reguläre Passamahl handelte, das
normalerweise am Abend dieses Tages (nach Sonnenuntergang) gefeiert
wurde, und daß Jesus am 15. Nisan, also am Freitag, gekreuzigt wurde. So
bezeugen es jedenfalls übereinstimmend die synoptischen Evangelien (vgl.
Mt 26,2.17-19; Mk 14,1.12-14; Lk 22,1.7-8.11-15 ). Das
Johannesevangelium dagegen berichtet, daß Jesus bereits "am Tag der
Vorbereitung" gekreuzigt wurde ( Joh 19,14 ), also am Tag des
eigentlichen Passafests, dem Tag der Vorbereitung für das siebentägige
Fest der Ungesäuerten Brote, das manchmal auch Passawoche (vgl. Lk
22,1.7; Apg 12,3-4; vgl. auch den Kommentar zu Lk 22,7-38 ) genannt
wurde. Markus b. Jesu Ankündigung des Verrats ( 14,17 - 21 ) ( Mt 26,20-25; Lk 22,21-23; Joh
13,21-30 ) Mk 14,17 Und am Abend (Donnerstag), dem Beginn des 15. Nisan
(vgl. V. 1 a), kam er mit den Zwölfen nach Jerusalem, um das Passamahl
zu essen, das nach Sonnenuntergang begann und um Mitternacht beendet
sein mußte. Markus geht nicht weiter auf die Mahlzeit ein (vgl. Lk
22,14-16.24-30; Joh 13,1-20 ), sondern kommt sogleich auf die beiden
wichtigsten Vorfälle bei der Feier zu sprechen: (a) Jesu Ankündigung,
daß er verraten würde, während sie zusammen Brot und bittere Kräuter in
eine Schüssel mit Fruchtsoße tunkten ( Mk 14,18-21 ), und (b) die neue
Deutung, die er unmittelbar nach dem Mahl den Elementen Brot und Wein
gab (V. 22-25 ). Markus Mk 14,18-20 Es war üblich, daß man sich während eines Festmahls
auf einer Art Ruhebett zurücklehnte (vgl. Mk 14,3; Joh 13,23-25 ) - ein
Brauch, den im 1. Jahrhundert sogar die Ärmsten befolgten (vgl. Mischna
Pesachim 10. 1). Als sie aßen und vor der Hauptmahlzeit das Brot in die
Schüssel stippten (vgl. Mk 14,20 ), verkündigte Jesus, auch hier wieder
unter Verwendung der feierlichen Einleitungsformel wahrlich, ich sage
euch (vgl. Mk 3,28 ), daß einer der Zwölf ihn verraten werde (vgl. Mk
14,10-11 ). Der Zusatz einer unter euch, der mit mir ißt , der
nur bei Markus steht, ist eine Anspielung auf Ps 41,10 ,wo David klagt,
daß sich sein vertrauter Freund Ahitofel (vgl. 2Sam 16,15-17.23; 1Chr
27,33 ), der mit ihm zu Tisch saß, gegen ihn gewandt hat. Jemanden zu
verraten, mit dem man zusammen gegessen hatte, war die schlimmste Form
von Verrat. Die Verse 19.20 unterstreichen diesen Gedanken. Die
Jünger waren schockiert und tief betrübt. Einer nach dem andern (auch
Judas; vgl. Mt 26,25 ) versuchten sie, sich selbst von diesem Verdacht
zu reinigen. Der Form ihrer Frage nach (im Griechischen: "Ich bin es
doch nicht, nicht wahr?") erwarteten sie eine tröstende verneinende
Versicherung von Jesus. Doch er weigerte sich, ihnen den Namen des
Verräters zu nennen. (Die leise gesprochenen Worte aus Mt 26,25 waren
zweifellos nur für Judas bestimmt.) Er wiederholte nur noch einmal, daß einer von den
Zwölfen, der mit ihm den Bissen in die Schüssel tauchte , der Verräter
sein würde. Er stellte dadurch die ganze Schändlichkeit des Verrats
heraus und gab dem Verräter so noch eine letzte Möglichkeit zur Reue. Markus Mk 14,21 Der Menschensohn (vgl. Mk 8,31 ) geht zwar ( men )
hin , d. h. er muß sterben, um die Schrift (z. B. Ps 22; Jes 53 ) zu
erfüllen. Sein Tod war von Gott gewollt, er war nicht einfach eine Folge
des Verrats durch einen Menschen. Doch ( de ) weh (eine Klage, die von
tiefem Mitleid zeugt) dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten
wird . Er hatte sich zum Werkzeug Satans machen lassen (vgl. Lk 22,3;
Joh 13,2.27 ), und ihn erwartete ein so entsetzliches Schicksal, daß es
für ihn besser gewesen wäre, wenn er nie geboren wäre. Obwohl Judas nach
Gottes Plan handelte, blieb er doch moralisch für seine Tat
verantwortlich (vgl. Mk 14,10-11 ). Dieses "Weh" steht in schroffem
Gegensatz zu Jesu Verheißung in Vers 9 . Markus c. Die Stiftung des Herrenmahls ( 14,22 - 26 ) ( Mt 26,26-30; Lk 22,19-20 ) Unmittelbar im Anschluß an die Ankündigung des
Verrats folgt das zweite Schlüsselereignis, das Markus von den
Geschehnissen des Passamahles für berichtenswert hielt (vgl. den
Kommentar zu Mk 14,17 ). Bevor man anfing zu essen, war es in jüdischen
Häusern üblich, daß der Haushaltsvorstand erklärte, was es mit diesem
Mahl im Zusammenhang mit der Befreiung des jüdischen Volkes aus der
Sklaverei in Ägypten für eine Bewandtnis hatte. Wahrscheinlich oblag
diese Aufgabe hier Jesus als dem Gastgeber. Er legte den Jüngern in
seiner Rede die neue Bedeutung von Brot und Wein dar. Mk 14,22 Und als sie aßen (vgl. V. 18 ) - offensichtlich
noch vor dem Hauptgang, doch bereits nachdem Judas die Gemeinschaft
verlassen hatte ( Joh 13,30 ) -, nahm Jesus das Brot ( arton , ein
ungesäuerter Fladen), dankte ( eulogEsas ; vgl. Mk 6,41 ) und brach's ,
um es zu zerteilen, und gab's ihnen und sprach: Nehmet ("und esset" ist
impliziert); das ist mein Leib . Jesus sprach hier von ganz konkreten Dingen - Brot,
Wein, seinem physischen Körper ( sOma ) und seinem Blut -, doch er
stellte eine metaphorische Beziehung zwischen ihnen her (vgl. Joh
7,34;8,12;10,7.9 ). Das Verb "ist" hat die Bedeutung von "stellt dar".
Jesus war körperlich anwesend, als er diese Worte sprach, also konnten
die Jünger seinen Leib nicht wirklich essen oder sein Blut trinken - was
für Juden ohnehin etwas Verabscheuungswürdiges gewesen wäre (vgl. 3Mo
3,17;7,26-27;17,10-14 ). Das spricht gegen die Auffassung der
römisch-katholischen Kirche von der Eucharistie, daß Brot und Wein sich
tatsächlich in Christi Leib und Blut verwandeln (Transsubstantiation). Markus Mk 14,23 In gleicher Weise nahm Jesus nach dem Mahl (vgl.
1Kor 11,25 ) den Kelch , der den mit Wasser vermischten roten Wein
enthielt, dankte ( eucharistEsas ; vgl. Mk 8,6-7; daher das Wort
"Eucharistie") und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus . Wenn man
davon ausgeht, daß Jesus hier dem traditionellen Passaritus folgte, war
dies der dritte von vier vorgeschriebenen Weinkelchen ("der Kelch des
Dankes";vgl. 1Kor 10,16 ), der den Hauptgang des Mahles beschloß. Den
vierten Kelch, den Kelch der Erfüllung, trank er vermutlich nicht mehr.
Seine Bedeutung liegt in der Zukunft, wenn Jesus und seine Jünger im
Gottesreich beisammensein werden ( Lk 22,29-30; vgl. auch den Kommentar
zu Mk 14,25 ). Markus Mk 14,24 Dann erklärte Jesus den Jüngern die Bedeutung des
Kelchs: Das (der Wein) ist (stellt dar) mein Blut (d. h. die feierliche
Einführung) des Bundes, das (das Blut) für ( hyper ; "wegen, statt")
viele vergossen wird - ein Hinweis auf seinen stellvertretenden Opfertod
für die Menschheit (vgl. Mk 10,45 ). Ebenso wie das Opferblut den alten
(mosaischen) Bund am Sinai besiegelte (vgl. 2Mo 24,6-8 ), so beschloß
Jesu auf Golgatha vergossenes Blut den Neuen Bund ( Jer 31,31-34 ). Er
verheißt Vergebung der Sünden und Gemeinschaft mit Gott durch den
Heiligen Geist, der in allen Menschen wohnt, die durch den Glauben an
Jesus zu Gott kommen. Der Begriff diathEkE (Bund) bezeichnet kein
Übereinkommen zwischen zwei gleichen Partnern (das hieße synthEkE ),
sondern ein Arrangement, das von einer Partei, in diesem Falle von Gott,
getroffen wurde. Die andere Partei - die Menschen - hat keinen Einfluß
darauf; sie kann nur akzeptieren oder ablehnen. Der neue Bund ist Gottes
neue Ordnung im Umgang mit den Menschen, deren Grundlage der Tod Christi
ist (vgl. Hebr 8,6-13 ). Die geistlichen Segnungen, die Israel in den
letzten Tagen von Gott erwartete, sind nun durch Christi Tod allen
Glaubenden zugänglich. Die konkreten Wohltaten, die Israel verheißen
wurden, haben sich dagegen bis jetzt noch nicht erfüllt. Sie werden erst
dann Wirklichkeit werden, wenn Christus zurückkehrt und sein
tausendjähriges Reich errichtet, in dem Israel sein Land zurückerhalten
wird. Markus Mk 14,25 Jesus sprach nur selten von seinem Tod, ohne
zugleich auch über ihn hinaus in die Zukunft zu sehen. Auch hier
benutzte er wieder die feierlichen Einleitungsworte wahrlich, ich sage
euch (vgl. Mk 3,28 ) und gelobte, daß er nicht mehr (ouketi ou me, "mit
Sicherheit nicht mehr"; vgl. Mk 13,2 ) trinken werde vom Gewächs des
Weinstocks bis an den Tag (vgl. Mk 13,24-27.32 ) in der Zukunft, an dem
er aufs neue davon trinken wird. Dann wird er wieder mit seinen Jüngern
zu Tisch sitzen, im Reich Gottes (vgl. den Kommentar zu Mk 1,15 ), dem
Tausendjährigen Reich auf Erden, das bei seiner Wiederkehr errichtet
wird (vgl. Offb 20,4-6 ) und das eine völlig neue ( kainon ) Qualität
haben wird (vgl. Jes 2,1-4;4,2-6;11,1-9;65,17-25 ). Markus Mk 14,26 Die sogenannten Hallel-(Lob-)Psalmen wurden in
einer Art Wechselgesang während des Passafestes gesungen oder gesprochen
- die beiden ersten ( Ps 113-114 ) vor dem Mahl, die übrigen vier ( Ps
115-118 ) danach, als Abschluß des Abendgebets. Gerade solche Verse wie
die aus Ps 118 ( 6 - 7.17 - 18.22 - 24 ) gewinnen, unmittelbar vor Jesu
Leiden und Sterben, aus seinem Munde eine ganz neue Aussagekraft. Da Jesus nach dem Essen noch zu den Jüngern sprach
und mit ihnen betete ( Joh 13,31-17,26 ), war es wahrscheinlich beinahe
Mitternacht, als er mit den Elfen (ohne Judas) schließlich aus dem
Versammlungsraum kam und die Stadt verließ. Sie gingen durch das
Kidrontal (vgl. Joh 18,1 ) wieder hinaus an die westlichen Ausläufer des
Ölbergs (vgl. Mk 11,1 a), wo Gethsemane lag ( Mk 14,32 ). Markus 3. Jesu Gebet vor seiner Gefangennahme und die
Treulosigkeit der Jünger ( 14,27 - 52 ) Auch der dritte Erzählzyklus in diesem Abschnitt
ist wieder, wie viele andere Passagen im Markusevangelium (vgl. Mk
3,20-35 ), dreiteilig aufgebaut. Jesu Vorhersage, daß seine Jünger ihn
verlassen würden ( Mk 14,27-31 ), und die Erfüllung dieser Prophezeiung
bei seiner Gefangennahme (V. 43-52 ) wirdunterbrochen durch sein Gebet
in Gethsemane (V. 32-42 ). Auf diese Weise macht Markus eindrucksvoll
deutlich, daß Jesus seiner letzten Prüfung ohne jeden menschlichen
Beistand, allein mit seinem Vater, gegenüberstand. a. Die Vorhersage der Treulosigkeit der Jünger und
der Verleugnung des Petrus ( 14,27 - 31 ) ( Mt 26,31-35; Lk 22,31-34; Joh
13,36-38 ) Ob diese Prophezeiung noch im Saal (wie Lukas und
Johannes anzunehmen scheinen) oder erst auf dem Weg nach Gethsemane (wie
Markus und Matthäus schreiben) ausgesprochen wurde, ist schwer zu sagen.
Bei Markus hat sie offensichtlich wieder in erster Linie inhaltlichen
Stellenwert, ohne zeitlich explizit mit den folgenden Ereignissen, die
der Evangelist erhellen wollte, verbunden zu sein (z. B. Mk
14,50-52.66-72 ). Matthäus dagegen stellt im griechischen Urtext einen
zeitlichen Zusammenhang her ( Mt 26,31 , tote , "dann"). Vielleicht
äußerte Jesus die Worte zunächst beim gemeinsamen Mahl nur Petrus
gegenüber (wie es bei Lukas und Johannes der Fall ist) und wiederholte
sie dann auf dem Weg nach Gethsemane (vgl. Matthäus) vor dem ganzen
Kreis, allerdings auch hier wieder hauptsächlich an die Adresse von
Petrus gerichtet. Mk 14,27 Das mit Ärgernis nehmen ( skandalisthEsesthe )
übersetzte Verb bedeutet, an jemandem oder etwas Anstoß zu nehmen und
dabei vom rechten Weg abzukommen und zu sündigen (vgl. Mk
4,17;6,3;9,42-47 ). Jesus sagte voraus, daß alle elf Jünger an seinem
Leiden und seinem Tod "Ärgernis" nehmen würden. Um nicht dasselbe
Schicksal wie er zu erleiden, würden sie jegliche Verbindung zu ihm
ableugnen (vgl. Mk 14,30 ) und ihn verlassen (vgl. V. 50 ), ihm also -
zumindest für eine bestimmte Zeit - die Treue brechen. Jesus brachte diese Situation in Zusammenhang mit
Sach 13,7 : Ich (Gott Vater) w erde den Hirten (Jesus) schlagen (töten),
und die Schafe (die Jünger) werden sich zerstreuen . Die Abänderung des
Imperativs "schlage" ( Sach 13,7 ) in den Indikativ "ich werde schlagen"
deutet darauf hin, daß Jesus sich mit dem leidenden Gottesknecht
identifizierte (vgl. Jes 53 ,besonders V. 4 - 6 ). Markus Mk 14,28 Der Vorhersage des Abfalls der Jünger stellte er
jedoch sofort die Verheißung ihrer Wiedervereinigung nach seiner
Auferstehung gegenüber (vgl. Mk 16,7; Mt 28,16-17 ). Als der
auferstandene Hirte wollte er seiner Herde nach Galiläa , wo die Jünger
gelebt und gearbeitet hatten und von Jesus berufen und beauftragt worden
waren ( Mk 1,16-20;3,13-15;6,7.12-13 ), vorangehen. Sie aber sollten dem
auferstandenen Herrn, der sie auch in ihren zukünftigen Aufgaben leiten
würde, folgen (vgl. Mk 13,10;14,9 ). Markus Mk 14,29-31 Wie schon einmal (vgl. Mk 8,31-32 ) konzentrierte
sich Petrus auch hier nur auf den ersten Teil der Vorhersage ( Mk 14,27
) und ignorierte den zweiten (V. 28 ) völlig. Er behauptete steif und
fest, daß er Jesus nicht verlassen würde - und wenn sie alle Ärgernis
nehmen (V. 27 ), wie Jesus gesagt hatte, so doch er (wörtlich: ich ,
durch die Satzstellung betont) nicht. Er nahm für sich in Anspruch,
Jesus treuer ergeben zu sein als alle anderen (vgl. "hast du mich
lieber, als mich diese haben"; Joh 21,15 ). In feierlicher Form ( wahrlich, ich sage dir ; vgl.
Mk 3,28 ) entgegnete ihm Jesus, daß er sich, trotz seiner guten
Absichten, sogar noch wesentlich treuloser verhalten werde als die
anderen. In dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht , also noch vor
Sonnenaufgang, würde er Jesus nicht nur im Stich lassen, sondern ihn
obendrein dreimal verleugnen ( aparnEsE ; vgl. Mk 8,34 ). Der
"Hahnenschrei" war ein sprichwörtlicher Ausdruck für den frühen Morgen
vor Sonnenaufgang (vgl. Mk 13,35 ). Markus schreibt als einziger der
Synoptiker, daß der Hahn zweimal krähte, eine Einzelheit, die er
möglicherweise ebenfalls von Petrus erfuhr, der sich sicherlich gerade
an dieses Ereignis besonders gut erinnern konnte. Die Belege der
wichtigeren griechischen Handschriften sind in diesem Punkt nicht
einheitlich. In einigen erscheint das Wort "zweimal", in anderen nicht.
Die besser belegten Worte "zum zweiten Mal" in Vers 72 legen jedoch
nahe, daß Markus auch an dieser Stelle "zweimal" schrieb. Jesu pointierte Antwort brachte Petrus dazu, nur
noch heftiger ( weiter ; ein Adverb, das nur an dieser Stelle im Neuen
Testament steht) zu protestieren und zu beteuern, daß er ihn nicht ( ou
mE , betonte Verneinung) verleugnen würde, auch wenn er mit ihm sterben
müßte ( deE ; vgl. Mk 8,31 ). Auch die anderen Jünger versicherten, daß
sie Jesus treu bleiben würden. Sie vertrauten darauf, daß seine
Vorhersage falsch war, doch wenige Stunden später bewiesen sie mit ihrem
Verhalten, daß er recht gehabt hatte ( Mk 14,50.72 ). Markus b. Jesu Gebet in Gethsemane ( 14,32 - 42 ) ( Mt 26,36-47; Lk 22,39-46 ) Zum dritten Mal stellt Markus Jesus hier im Gebet
dar (vgl. Mk 1,35;6,46 ). Bei all diesen Gelegenheiten bekräftigte Jesus
seine Entschlossenheit, sich dem Willen Gottes ganz zu unterwerfen. Auch
wenn an dieser Stelle nicht ausdrücklich von Satan die Rede ist, so war
er doch zweifellos anwesend und verlieh der Szene den Charakter einer
Versuchung (vgl. Mk 1,12-13 ). Die synoptischen Evangelien geben die
Worte, die Jesus im Gebet sprach, in fünf Fassungen wieder, die sich -
bis auf kleinere Abweichungen - alle gleichen. Wahrscheinlich
wiederholte Jesus jeweils in etwas anderer Formulierung (vgl. Mk
14,37.39 ) - mehrmals dieselbe Bitte. Mk 14,32-34 Jesus und die elf Jünger kamen zu einem Garten mit
Namen Gethsemane (wörtlich: "Ölpresse"; eine Vorrichtung, mit der aus
Oliven Öl gewonnen wird). Es war ein gartenähnliches, umzäuntes Gelände
innerhalb einer Olivenplantage am Fuß des Ölbergs (vgl. V. 26 ; Joh 18,1
). Dieser abgeschlossene Ort, der auch Judas bekannt war, war einer
ihrer bevorzugten Treffpunkte (vgl. Lk 22,39; Joh 18,2 ). Jesus sprach zu seinen Jüngern - wie er es wohl
schon oft getan hatte: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Dann
nahm er Petrus und Jakobus und Johannes (vgl. Mk 5,37;9,2 ) mit sich . Als die vier den "Garten" betraten, fing Jesus an
zu zittern (von ekthambeO , "geängstigt sein"; vgl. Mk 9,15;16,5-6 ) und
zu zagen (von adEmoneO , "in größter Angst sein"; Phil 2,26 ). Er sagte
den dreien, daß seine Seele (psyche; das Innerste, der Kern der
Persönlichkeit) betrübt ( perilypos , "tief betrübt"; vgl. Mk 6,26 ) bis
an den Tod sei und bat sie deshalb, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu
wachen ( grEgoreite ; vgl. Mk 14,38 ). Das volle Bewußtsein seines
bevorstehenden Todes und der geistlich-seelischen Konsequenzen dieses
Todes hatte von ihm Besitz ergriffen und ließ ihn fast zusammenbrechen.
Es war vor allem die Aussicht, dem Vater entfremdet zu werden, die ihn
so entsetzte. Markus Mk 14,35-36 Er entfernte sich ein Stück von den Dreien, warf
sich auf die Erde (vgl. Mt 26,39; Lk 22,41 ) und betete ( prosEucheto )
laut und inständig ( Hebr 5,7 ) mindestens eine Stunde lang (vgl. Mk
14,37 ). Markus gibt allerdings nur eine kurze Zusammenfassung des
Gebetes wieder, zuerst in erzählender Form (V. 35 b), dann in direkter
Rede (V. 36 ). Jesu Bitte lief darauf hinaus, daß, wenn es möglich
wäre, die Stunde an ihm vorüberginge . Die Worte "wenn möglich" (im
Griechischen ein Konditionalsatz) waren nicht etwa ein Ausdruck des
Zweifels an Gottes Allmacht, sondern einer konkreten Überzeugung, auf
die er seine Bitte gründete. Jesus ging davon aus, daß der Vater ihm
gewähren konnte, worum er bat, die Frage war nur, ob es auch Gottes
Wille war, die Bitte zu erfüllen (vgl. Lk 22,42 ). Die Stunde war eine
Metapher für den Zeitpunkt, den Gott für Jesu Leiden und Tod festgesetzt
hatte (vgl. Mk 14,41 b; Joh 12,23.27 ). Auch die zweite Metapher, dieser
Kelch , bezog sich auf dieses Geschehen. Der "Kelch" war dabei entweder
ein Bild für Jesu Leiden und Sterben als Mensch oder, was
wahrscheinlicher ist, für Gottes Zorn über die Sünde, der, wenn er sich
ergießt, nicht nur körperliches, sondern auch geistliches Leid und
geistlichen Tod bringt (vgl. Mk 10,38-39;14,33 b - 34). Indem er Gottes
Gericht auf sich nahm, mußte Jesus, der doch ohne Sünde war, den
Todeskampf erleiden und "zur Sünde" gemacht werden (vgl. Mk 15,34; 2Kor
5,21 ). Der doppelte Titel Abba (aramäisch: "mein Vater"),
mein Vater (griechisch: patEr ), kommt außer hier nur noch an zwei
anderen Stellen im Neuen Testament vor ( Röm 8,15; Gal 4,6 ). "Abba" war
die übliche Anrede jüdischer Kinder für ihren Vater, es war ein Ausdruck
familiärer Zusammengehörigkeit und enger Vertrautheit. Niemals hätten
die Juden jedoch Gott auf diese Weise angesprochen - das wäre in ihren
Augen äußerst ungehörig gewesen. Daß Jesus Gott "Abba" nannte, war also
etwas Neues und Einzigartiges. Wahrscheinlich nannte er ihn in seinen
Gebeten häufig so und drückte damit seine enge Beziehung zu Gott, der ja
sein Vater war, aus. In diesem besonderen Fall schwang in der vertrauten
Anrede "Abba" möglicherweise aber auch die Befürchtung mit, daß mit dem
Trinken des Kelches, des göttlichen Gerichtes über die Sünde, diese Nähe
zu Gott notwendigerweise zerstört werden würde (vgl. Jesu Anrede in Mk
15,34 ). Was meinte Jesus nun aber, als er darum bat, daß
die Stunde an ihm vorübergehen und der Vater diesen Kelch von ihm nehmen
möge? Die traditionelle Antwort lautet, daß er hoffte, "die Stunde" gar
nicht erst erleiden - also nicht sterben - zu müssen; mit anderen
Worten, daß, wenn möglich, der Kelch von ihm genommen würde, bevor er
ihn trinken mußte. Nach dieser These brachte Jesus mit dem Gebet in
Gethsemane seine Unterwerfung unter den Willen Gottes zum Ausdruck und
nahm den Weg des Kreuzes an. Manche Exegeten sind jedoch auch der
Ansicht, daß Jesus eigentlich darum bat, nachdem "die Stunde" vorüber
war, in seiner Beziehung zu Gott wiederhergestellt zu werden, also der
Hoffnung Ausdruck gab, daß die Konsequenz "dieser Stunde", wenn möglich,
an ihm vorübergehe; mit anderen Worten, daß der Kelch von ihm genommen
würde, nachdem er ihn getrunken hatte. In diesem Fall hätte Jesus diese
Worte in dem festen Glauben gebetet, daß der Vater ihn in seinem
göttlichen Zorn nicht auf ewig dem Tod überlassen ( Hebr 5,7-8 ),
sondern sich ihm gnädig erweisen und ihn auferwecken würde. Wenngleich auch sie nicht ganz unproblematisch ist
(vgl. z. B. Joh 12,27 ), so ist doch auf dem Hintergrund des soeben
erörterten Kontextes und anderer Passagen im Neuen Testament ( Mt
26,39.42; Lk 22,42 ) und schließlich auch wegen Jesu letztem Satz in Mk
14,36 : Doch (wörtlich: "aber") nicht, was ich (betont) will, sondern
was du (betont) willst , der traditionellen Deutung an dieser Stelle der
Vorzug zu geben. Jesus hatte als Mensch zwar seinen eigenen, vom Vater
unabhängigen Willen, doch niemals hätte er sich dem Willen des Vaters
entgegengestellt (vgl. Joh 5,30;6,38 ). Selbst in dieser Situation
betete er, daß die Antwort auf seine Bitte nicht seinem Wunsch, sondern
dem Willen des Vaters entsprechen möge. Gottes Wille aber war, daß Jesus
am Kreuz den Opfertod sterbe (vgl. Mk 8,31 ), und Jesus nahm diesen
Willen auf sich. Seine Todesangst wich zwar von ihm, doch "die Stunde"
ging nicht an ihm vorüber (vgl. Mk 14,41 b). Markus Mk 14,37-41 a Vom Gebet Jesu kehrt Markus zurück zum Vehalten der
drei Jünger, denen es nicht gelang, wach zu bleiben, wie Jesus ihnen
aufgetragen hatte (vgl. V. 33 - 34 ). Dreimal unterbrach er sein Beten
und kam zurück und fand sie schlafend . Das erste Mal sprach er Petrus
mit Simon, seinem alten Namen (vgl. Mk 3,16 ), an und tadelte ihn, daß
er nicht einmal eine Stunde zu wachen vermochte . Abermals forderte er
alle drei auf: Wachet , d. h. seid wachsam gegenüber geistlichen
Gefahren, und betet - erkennt eure Abhängigkeit von Gott -, daß ihr
nicht in Versuchung fallt (wörtlich: "kommt"), denn er sah die
Prüfungen, die ihnen bei seiner Verhaftung und seiner
Gerichtsverhandlung (vgl. Mk 14,50.66-72 ) bevorstanden, voraus. Doch
Jesus wußte auch, daß der Geist (die inneren Wünsche und guten
Absichten) des Menschen zwar ( men ) willig (oder bereit; z. B. Petrus
in V. 29.31 ) ist, aber ( de ) das Fleisch (der Mensch in seiner ganzen
Unvollkommenheit) schwach und daß es, wenn es darauf ankommt, oft
versagt (z. B. Petrus V. 37 ). Nachdem er zurückgegangen war und dieselben Worte
nochmals gebetet hatte (vgl. V. 36 ), kam er wieder und fand sie
abermals schlafend ; und als er sie weckte und ihre Trägheit rügte,
wußten sie nicht, was sie ihm antworten sollten (vgl. Mk 9,6 ). Auch als Jesus zum dritten Mal . vom Gebet
zurückkehrte, schliefen die Jünger. Seine Worte ( Ach, wollt ihr weiter
schlafen und ruhen? ) könnten im Ton einer anklagenden Frage, einer
mitleidig-ironischen Aufforderung oder eines überraschten Vorwurfs
gesprochen worden sein. Im Lichte von Vers 37 - 40 scheint allerdings
die erste Möglichkeit die wahrscheinlichste. Dreimal gelang es Petrus
nicht, wachzubleiben und zu beten; dreimal erlag er auch der Versuchung,
Jesus zu verleugnen. Sein Beispiel gilt allen Gläubigen als Warnung,
denn alle Menschen sind immer wieder dem geistlichen Versagen und der
Versuchung, der Petrus hier nachgab, ausgeliefert (vg. Mk 13,37 ). Markus Mk 14,41.42 (Mk 14,41b.42) Zwischen Vers 41 a - den Worten, mit denen Jesus
die Jünger weckte ( es ist genug , d. h. des Schlafens) - und 41 b lag
wahrscheinlich nur ein Augenblick. Dann sagte er: Die Stunde (vgl. V. 35
) ist gekommen. Siehe, der Menschensohn (vgl. Mk 8,31 ) wird
überantwortet (vgl. Mk 9,31 ) in die Hände (in die Kontrolle) der Sünder
, womit hier in erster Linie die ihm feindlich gesonnenen Mitglieder des
Hohen Rats gemeint waren. Der Verräter, Judas, war gekommen. Statt zu
fliehen, gingen Jesus und die Jünger (die übrigen acht waren inzwischen
dazugekommen) Judas entgegen. Die Bitte, um deren Erfüllung Jesus
gebetet hatte, hatte sich erledigt (vgl. Mk 14,35-36 ). Markus c. Jesu Verrat und Gefangennahme und die
Treulosigkeit der Jünger ( 14,43 - 52 ) ( Mt 26,47-56; Lk 22,47-53; Joh
18,2-12 ) Mk 14,43 Und alsbald ( euthys , vgl. Mk 1,10 ), während er
noch mit den Jüngern redete, kam herzu Judas und mit ihm eine Schar
römischer Soldaten (vgl. Joh 18,12 ), die mit kurzen Handschwertern
bewaffnet waren, sowie die mit Stangen ausgerüstete Tempelwache (vgl. Lk
22,52 ). Judas hatte sie in der Nacht nach Gethsemane (vgl. Joh 18,2 )
und zu Jesus (vgl. Apg 1,16 ) geführt, damit sie ihn dort ohne Aufruhr
verhaften konnten (vgl. Mk 14,1-2 ). Der Hohe Rat (Sanhedrin; vgl. den
Kommentar zu Mk 8,31 ) hatte den Befehl zu seiner Gefangennahme gegeben
und dazu wahrscheinlich die Hilfe der römischen Truppen angefordert. Markus Mk 14,44-47 Judas hatte mit den Bewaffneten ein Zeichen (einen
Kuß) ausgemacht, an dem sie den, den sie verhaften sollten, erkennen
konnten. Dann sollten sie ihn unter Bewachung abführen, um jede
Fluchtgefahr auszuschließen. Als Judas den "Garten" betrat, kam er
alsbald ( euthys ; vg. Mk 1,10 ) zu Jesus, begrüßte ihn als Rabbi (vgl.
Mk 4,38;9,5 ) und küßte ihn inbrünstig (ein zusammengesetztes Verb). Ein
Kuß auf die Wange (oder die Hand) von seiten seiner Schüler war in
Israel ein allgemein übliches Zeichen der Zuneigung und Ehrfurcht einem
Rabbi gegenüber. Bei Judas war er das Zeichen für den Verrat. Da Jesus keinen Widerstand leistete, legten sie
Hand an ihn und ergriffen ihn . Markus berichtet von keinerlei Anklagen,
die erhoben wurden, doch nach jüdischem Recht war die Gefangennahme
wahrscheinlich schon allein deswegen legal, weil sie vom Hohen Rat
angeordnet war. Durch seine scheinbare Schutzlosigkeit blieb Jesu wahre
Identität weiterhin vor der Öffentlichkeit verborgen. Markus erzählt nur von einem einzigen Versuch
bewaffneten Widerstands durch einen nicht mit Namen genannten Zuschauer
(Petrus; vgl. Joh 18,10 ). Die griechische Formulierung impliziert, daß
Markus wußte, wer es war. Als einer der beiden Jünger, die ein Schwert
trugen (vgl. Lk 22,38 ), zog Petrus die Klinge und schlug nach Malchus,
dem Knecht des Hohenpriesters Kaiphas, hieb ihm dabei jedoch nur das
rechte Ohr ab (vgl. Joh 18,10.13 ). Nur Lukas berichtet dann noch, daß
Jesus Malchus wieder heilte (vgl. Lk 22,51 ). Petrus' Versuch, Jesus zu
verteidigen, war die falsche Tat im falschen Augenblick. Markus Mk 14,48-50 Wenn er auch keinen Widerstand leistete, so
protestierte Jesus doch gegen die religiösen Führer wegen der
übermäßigen Zurschaustellung bewaffneter Soldaten, die gegen ihn
ausgezogen waren wie gegen einen Räuber . Er war jedoch kein
Revolutionär, der im Dunklen agierte, sondern ein anerkannter religiöser
Lehrer. Täglich , die ganze Woche lang, hatte er öffentlich im Tempel (
hierO ; vgl. Mk 11,11 ) in Jerusalem gelehrt (vgl. Mk 11,17 ), doch sie
hatten ihn nicht ergriffen (vgl. Mk 12,12;14,1-2 ). Daß sie ihn jetzt
wie einen Verbrecher in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gefangennahmen,
zeigte ihre Feigheit. Doch es geschah so, damit die Schrift erfüllt
werde (vgl. Jes 53,7-9.12 ). Als die Jünger an Jesu Antwort merkten, daß er sich
nicht gegen seine Gefangennahme wehren würde, brachen ihre Treue und
Vertrauen in ihn als den Messias zusammen. Sie verließen ihn alle (durch
die Satzstellung betont) und flohen (vgl. Mk 14,27 ). Keiner blieb bei
Jesus, um sein Leiden mit ihm zu teilen - nicht einmal Petrus (vgl. V.
29 ). Markus Mk 14,51-52 Diese ungewöhnliche kleine Episode, die nur im
Markusevangelium steht, ist im Grunde eine Ergänzung zu Vers 50 und hebt
die Tatsache hervor, daß wirklich alle flohen und Jesus ganz allein
blieb. Die meisten Exegeten sind der Ansicht, daß es sich bei dem j
ungen Mann ( neaniskos , ein Mensch in der Blüte des Lebens, zwischen 24
und 40 Jahren alt) um Markus selbst handelte. Wenn das stimmt, und wenn
er auch der Sohn des Hauseigentümers war (V. 14 - 15 ; vgl. Apg 12,12 ),
war vielleicht folgendes geschehen: Nachdem Jesus und seine Jünger das
Haus von Markus' Vater nach dem Passafest verlassen hatten, legte Markus
sein Übergewand (vgl. Mk 13,16 ) ab und ging, in ein Leinengewand
(wörtlich: "Tuch") - ein Nachthemd - gekleidet, zu Bett. Kurz darauf
wurde er dann von einem Diener geweckt, der ihm mitteilte, daß Judas
Jesus verraten hatte und mit Soldaten gekommen war, um ihn
gefangenzunehmen. Ohne sich anzukleiden eilte Markus nach Gethsemane, um
Jesus zu warnen, doch als er dort angelangte, war bereits alles vorbei.
Nachdem alle Jünger geflohen waren, folgte Markus Jesus und seinen
Häschern in die Stadt nach, floh jedoch ebenfalls, als einige der
Soldaten, die ihn vielleicht als Zeugen festnehmen wollten, nach ihm
griffen . Dabei ließ er das Gewand fahren , das in der Hand eines der
Soldaten zurückblieb, und floh nackt . So war Jesus wirklich von allen
verlassen, auch von dem mutigen jungen Mann, der ihm zunächst hatte
folgen wollen. Markus B. Jesu Gerichtsverhandlungen, seine Kreuzigung und
sein Begräbnis ( 14,53 - 15,47 ) ( Mt 26,57-27,66; Lk 22,54-23,56;
Joh 18,13-19,42 ) Auch dieser Abschnitt besteht wieder aus drei
Erzählzyklen: den Berichten über Jesu Gerichtsverhandlungen ( Mk
14,53-15,20 ), seine Kreuzigung( Mk 15,21-41 ) und sein Begräbnis ( Mk
15,42-47 ). 1. Jesus vor dem Hohen Rat und vor Pilatus ( 14,53 - 15,20 ) Jesus wurde zunächst von den religiösen und danach
von den politischen Machthabern vernommen. Das letztere war notwendig,
weil der Hohe Rat nicht die Macht hatte, die Todesstrafe vollstrecken zu
lassen ( Joh 18,31 ). Jede der beiden Verhandlungen bestand aus drei
Anhörungen. (Vgl. die Tabelle "Jesu sechs Gerichtsverhandlungen" bei Mt
26,57-58 .) a. Jesu Verhandlung vor dem Hohen Rat und seine
dreifache Verleugnung durch Petrus ( 14,53 - 15,1 a) Zu Jesu Verhandlung vor der religiösen Obrigkeit
gehörten eine erste Anhörung vor Hannas ( Joh 18,12-14.19-24 ), die
Vernehmung durch Kaiphas, den Hohenpriester und den Hohen Rat und, noch
in derselben Nacht, die Verhandlung vor dem Hohen Rat ( Mt 26,57-68; Mk
14,53-65 ), die schließlich mit dem Schuldspruch kurz nach Morgengrauen
endete (vgl. Mt 27,1; Mk 15,1 a; Lk 22,66-71 ). (1) Jesus im Palast des Hohenpriesters und Petrus
im Palasthof ( Mk 14,53-54; Mt 26,57-58; Lk 22,54; Joh 18,15-16.18.25 ). Mk 14,53 Jesu Häscher führten ihn unter Bewachung von
Gethsemane zurück nach Jerusalem, zur Residenz des Hohenpriesters Joseph
Kaiphas (vgl. Mt 26,57 ), der dieses Amt von 18 bis 36 n. Chr. innehatte
(vgl. die Tabelle zur Familie des Hannas bei Apg 4,5-6 ). Die einundsiebzig Mitglieder des Hohen Rates (vgl.
den Kommentar zu Mk 8,31 ), einschließlich des amtierenden
Hohenpriesters, hatten sich hastig in einem der oberen Räume (vgl. 14,66
) zu einer nächtlichen Plenarsitzung versammelt. Es handelte sich
zunächst um eine "informelle" Verhandlung, die noch einer offiziellen
Ratifizierung am nächsten Tag bedurfte (vgl. Mk 15,1 ), um der strengen
jüdischen Rechtsprozedur, die Gerichtsverhandlungen nur bei Tage
erlaubte, Genüge zu tun. Das Quorum (die zur Beschlußfassung
erforderliche Zahl anwesender Mitglieder) bestand aus dreiundzwanzig
Mitgliedern (Mischna Sanhedrin 1. 6), doch bei dieser Gelegenheit war
wahrscheinlich sogar die Mehrheit anwesend, auch wenn es drei Uhr
morgens am 15. Nisan (Freitag), einem Festtag, war. Die übereilt anberaumte Nachtsitzung wurde aus drei
Gründen für notwendig erachtet: Erstens, weil das jüdische Strafrecht
vorschrieb, daß Gefangene sofort nach ihrer Verhaftung zu einer Anhörung
vorzuführen seien. Zweitens, weil die römischen Gerichtsverhandlungen
gewöhnlich kurz nach Sonnenaufgang stattfanden (vgl. Mk 15,1 ), so daß
der Hohe Rat bis Tagesanbruch bereits ein abschließendes Urteil gefällt
haben mußte, um den Fall sogleich vor Pilatus bringen zu können. Und
drittens, weil die Pharisäer nun, da sie Jesus endlich in ihrer Gewalt
hatten, keinerlei Verzögerung des Verfahrens riskieren wollten, die zu
Widerspruch gegen seine Festnahme hätte führen können. Denn natürlich
waren sie bereits entschlossen, ihn zum Tode zu verurteilen (vgl. Mk
14,1-2 ); sie mußten nur noch die Beweise beschaffen, um ihr Urteil zu
rechtfertigen (vgl. V. 55 ). Vielleicht hatten sie auch die Absicht, die
Verantwortung für Jesu Kreuzigung auf die Römer abzuwälzen, um zu
vermeiden, daß das Volk dem Hohen Rat die Schuld an seinem Tod geben
würde. Gelegentlich wurde in der Forschung die Frage
aufgeworfen, ob eine solche Verhandlung an einem Festtag nach den
rabbinischen Gesetzesvorschriften überhaupt legal war. Prozesse und
Hinrichtungen von Schwerverbrechern waren jedoch auch während eines
größeren Festes gestattet. Auf diese Art, so hieß es, würde "alles Volk
aufhorchen und sich fürchten" ( 5Mo 17,13; vgl. 5Mo 21,21; vgl. TDNT
"pascha" , 5,899-900). Normalerweise durfte bei Schwerverbrechen das
endgültige Urteil jedoch erst am folgenden Tag gefällt werden. Markus Mk 14,54 Petrus (vgl. V. 29.31.50 ) war dann doch so mutig
gewesen, Jesus von ferne in den Palast des Hohenpriesters zu folgen . Es
war ihm gelungen, in den Innenhof der Residenz, einen viereckigen freien
Raum, um den herum der Palast erbaut war (vgl. Joh 18,15-18 ),
hineinzukommen. Dort saß er bei den Knechten , der Tempelwache, und
wärmte sich am Feuer (wörtlich: "gegenüber dem Licht" des Feuers, so daß
sein Gesicht beleuchtet war; vgl. Mk 14,67 ), denn die Nachtluft war
kalt. Er wollte in Erfahrung bringen, was mit Jesus geschehen würde
(vgl. Mt 26,58 ). Markus Mk 14,55-56 (2) Jesu Verhandlung vor dem Hohen Rat ( Mk
14,55-65; Mt 26,59-68; Lk 22,63-71 ). Der Hohe Rat begann seine Beratungen mit der Suche
nach Zeugnissen gegen Jesus , die ein Todesurteil rechtfertigten, doch
sie fanden niemand, der etwas Konkretes gegen ihn vorbringen konnte. Es
mangelte ihnen zwar nicht an Zeugen, da viele falsches Zeugnis ablegten,
doch ihre Aussagen waren ungültig, weil sie inhaltlich nicht
übereinstimmten . Viele unwahre Behauptungen wurden vorgetragen, die
sich jedoch alle widersprachen. Vielleicht hatte man diese Zeugen
bereits vor Jesu Gefangennahme bestochen, es jedoch versäumt, ihre
Geschichten aufeinander abzustimmen. In jüdischen Gerichtsverhandlungen
waren die Zeugen stets Zeugen der Anklage und wurden einzeln verhört. Um
jemanden eines Verbrechens zu überführen, verlangte das mosaische Gesetz
die genaue Übereinstimmung der Aussagen mindestens zweier Zeugen ( 4Mo
35,30; 5Mo 17,6; 5Mo 19,15 ). Markus Mk 14,57-59 Endlich fanden sich dann doch einige , ("zwei";
vgl. Mt 26,60 ), die erklärten, daß sie gehört hätten, wie Jesus sagte:
Ich ( egO , betont) will diesen Tempel ( naon , das "Allerheiligste";
vgl. Mk 11,11 ), der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen
einen andern ( allon ; von einer anderen Art) bauen, der nicht mit
Händen gemacht ist . Aber auch in diesem Zeugnis gab es offensichtlich
noch Diskrepanzen, so daß auch sie laut Markus nicht übereinstimmten . Es gibt zwar in der Tat eine geheimnisvolle
Äußerung Jesu, die dieser Zeugenaussage ähnelt ( Joh 2,19 ), doch er
hatte dabei vom "Tempel" seines Leibes gesprochen (vgl. Joh 2,20-22 ).
Die Zeugen vor dem Hohen Rat, und wohl auch die anderen, die sie damals
gehört hatten, interpretierten seine Worte jedoch fälschlicherweise als
Prophezeiung über den Tempel in Jerusalem. Die Zerstörung eines Ortes,
der dem Gottesdienst geweiht war, aber war in der Alten Welt ein
Schwerverbrechen (Josephus, Ant. 10. 6. 2). Obwohl auch dieses letzte
Zeugnis im Grunde ungültig war, ermöglichte es doch den Hohenpriestern,
Jesus nun nach seiner Identität zu befragen ( Mk 14,61 ), und führte
damit zu der Verspottung Jesu, von der in Kapitel 15 (V. 29 ) die Rede
ist. Markus Mk 14,60-61 a Der Hohepriester Kaiphas stellte Jesus eine
zweiteilige Frage, um ihn endlich einer Schuld überführen zu können. Im
Griechischen verlangte der erste Teil der Frage antwortest du nichts?
eine bejahende Antwort, und der zweite Teil eine Erklärung auf das, was
diese gegen dich bezeugen? Doch Jesus schwieg still und rechtfertigte
sich mit keinem Wort (vgl. Jes 53,7 ). Diese Haltung irritierte den
Gerichtshof und brachte den Prozeß kurzzeitig zum Stillstand. Markus Mk 14,61-62 (Mk 14,61b-62) Danach änderte der Hohepriester seine Taktik und
fragte Jesus ganz direkt: "Bist du (betont) der Christus (der Messias;
vgl. Mk 1,1;8,29 ) , der Sohn des Hochgelobten?" Der Titel "der
Hochgelobte", der in diesem Sinn nur an dieser einen Stelle im Neuen
Testament vorkommt, ist ein jüdischer Ersatzbegriff für "Gott" (vgl.
Mischna Berachoth 7. 3), dessen Name nach Möglichkeit nicht
ausgesprochen wurde. Beide Titel, die der Hohepriester gebrauchte,
bezogen sich auf Jesu Anspruch, der Messias zu sein. Darauf antwortete Jesus ganz eindeutig: "Ich bin's"
, d. h. "ich bin der Messias, der Sohn Gottes". Das ist das erste Mal im
Markusevangelium, daß Jesus öffentlich erklärte, daß er der Messias sei
(vgl. den Kommentar zu Mk 1,43-44; Mk 8,29-30; Mk 9,9; Mk 11,28-33; Mk
12,12 ). Zum Beweis seiner Aussage fügte er, wie es die Juden von ihrem
wahren Messias erwarteten, noch eine überraschende Prophezeiung hinzu.
Er wandte Ps 110,1 und Dan 7,13 auf sich selbst an und sagte: Und ihr
(seine menschlichen Richter) werdet sehen den Menschensohn (vgl. Mk
8,31.38 ) sitzen zur Rechten (erhöht auf den Platz der höchsten Ehre und
Vollmacht; vgl. Mk 12,36 ) der Kraft (ebenfalls ein jüdisches Wort für
"Gott"; vgl. Mk 14,61 ) und kommen mit den Wolken des Himmels , um zu
richten (vgl. Mk 8,38 ). Die Tatsache, daß sie das "sehen" sollten,
bedeutete jedoch nicht, daß Jesus noch zu ihren Lebzeiten zurückkehren
würde, sondern bezog sich auf ihre leibliche Auferstehung im Gericht vor
dem erhöhten Menschensohn, der eines Tages die, die hier über ihn zu
Gericht saßen, richten wird. Dann wird jeder mit letzter Sicherheit
wissen, daß Jesus wahrhaftig der Gesalbte Gottes, der Messias, ist. Markus Mk 14,63-64 Durch das Zerreißen seiner Kleider , wahrscheinlich
der Unterkleidung, nicht der offiziellen Robe, zeigte der Hohepriester,
daß er Jesu kühne Behauptung für Gotteslästerung hielt. Für einen
frommen Juden waren die Worte Jesu eine Entehrung Gottes, weil Jesus
damit Rechte und Vollmachten für sich in Anspruch nahm, die nach
jüdischer Ansicht nur Gott zustanden (vgl. Mk 2,7 ). Die symbolische
Geste des Abscheus und der Empörung, die Kaiphas hier vornahm, wurde
grundsätzlich vom Hohenpriester erwartet, wenn er mit irgendeiner
Gotteslästerung konfrontiert wurde. In diesem Fall steckte in dieser
Reaktion jedoch sicherlich auch eine gewisse Erleichterung darüber, daß
Jesus sich mit seiner Antwort nun gleichsam selbst beschuldigt hatte und
damit keine weiteren Zeugen mehr nötig waren. Nach dem mosaischen Gesetz stand auf
Gotteslästerung die Todesstrafe durch Steinigung ( 3Mo 24,15-16 ). Ohne
noch irgendwelche weiteren Nachforschungen anzustellen, verlangte der
Hohepriester, daß der Hohe Rat ein Urteil fälle. Da es keine Einwände
mehr gab, verurteilten ihn alle (vgl. Mk 10,33 ), daß er des Todes
schuldig ( enochon ; vgl. Mk 3,29 ) sei . Markus Mk 14,65 Einige Mitglieder des Hohen Rats machten ihrem Haß
in höhnischen Bemerkungen und körperlichen Mißhandlungen Luft. Jemandem
ins Gesicht zu speien war ein Ausdruck tiefster Verachtung und eine der
schlimmsten persönlichen Beleidigungen überhaupt (vgl. 4Mo 12,14; 5Mo
25,9; Hi 30,10; Jes 50,6 ). Weil er gesagt hatte, daß er der Messias
sei, verdeckten sie sein Angesicht, schlugen ihn mit den Fäusten und
verlangten, daß er ihnen weissage, wer ihn geschlagen hatte. Darin
steckt eine Anspielung auf eine traditionelle Prüfung des Messias, die
auf einer rabbinischen Auslegung von Jes 11,2-4 beruhte. Der wahre
Messias konnte auch ohne seine Augen sehen (vgl. den babylonischen
Talmud Sanhedrin 93 b). Doch Jesus weigerte sich, auf den Test
einzugehen und blieb still (vgl. Jes 53,7; 1Pet 2,23 ). Als er zu den
Tempelwachen zurückgebracht wurde (vgl. Mk 14,54 ), folgten diese dem
Beispiel ihrer Oberen und schlugen ihm mit der offenen Hand ins Gesicht
(vgl. Lk 22,63-65 ). Markus Mk 14,66-68 (3) Die dreimalige Verleugnung Jesu durch Petrus (
Mk 14,66-72; Mt 26,69-75; Lk 22,55-62; Joh 18,15-18.25-27 ) : Eine von den Mägden des Hohenpriesters ,
wahrscheinlich die Türhüterin des Innenhofs (vgl. Joh 18,16 ), trat zu
Petrus, der sich an dem Feuer wärmte, das im Hof (vgl. Mk 14,54; Mk
15,16 ) - anscheinend unterhalb des Raumes, in dem Jesus vernommen wurde
- brannte. Nachdem sie ihn genau angeschaut hatte (von emblepO ; vgl. Mk
10,21 ), platzte sie auf einmal verächtlich heraus: "Und du (betont)
warst auch (Johannes war bei Petrus; vgl. Joh 18,15 ) mit (vgl. Mk 3,14
) dem Jesus von Nazareth" (vgl. Mk 1,24; Mk 10,47 ). Ihr Ausruf identifizierte Petrus ganz richtig als
einen Jünger Jesu, doch er leugnete ( ErnEsato ; vgl. Mk 8,34; 14,30 ),
d. h. er weigerte sich, seine Beziehung zu Jesus zuzugeben, weil er um
sein Leben fürchtete. Er kleidete seine Leugnung in die übliche jüdische
Formel ich weiß nicht und verstehe nicht, was du (betont) sagst . Um zu
vermeiden, daß ihn noch jemand erkannte, ging er hinaus in den Vorhof ,
die überdachte Passage, die auf die Straße führte. Fast alle wichtigeren griechischen Handschriften
fügen nach Vers 68 ein: "Und der Hahn krähte." Dies, sowie die relativ
gut bezeugte Wendung zum zweiten Mal . in Vers 72 , spricht sehr dafür,
daß dieser Satz tatsächlich im Urtext stand. Da jedoch in den
Parallelstellen der anderen Evangelien nur von einem einmaligen Krähen
die Rede ist (vgl. Mt 26,74; Lk 22,60; Joh 18,27 ), ließen manche
Kopisten diese Worte wohl um der Einheitlichkeit willen schon sehr früh
auch aus dem Markusevangelium fort. Man sollte jedoch davon ausgehen,
daß der Bericht von Markus hier einfach genauer ist als die
Darstellungen der anderen Evangelien, weil er sich sehr wahrscheinlich
auf die lebendige Erinnerung des Petrus stützte: Anscheinend hatte der
erste Hahnenschrei für Petrus damals zuerst noch keinerlei Bedeutung, da
es sich dabei um ein ganz gewöhnliches, mit dem Morgen verbundenes
Geräusch handelte (vgl. Mk 13,35 b; Mk 14,72 ). Markus Mk 14,69-71 Dieselbe Magd sah Petrus dann jedoch nochmals im
Vorhof, wo sie zusammen mit anderen (vgl. Mt 26,71; Lk 22,58 ) stand,
und identifizierte ihn abermals vor den Umstehenden als einen von Jesu
Jüngern. Und er leugnete (wörtlich: "fuhr fort zu leugnen"; Imperfekt)
abermals . Etwa eine Stunde später (vgl. Lk 22,59 ) erhoben
die Leute, die bei Petrus standen, erneut ( abermals ) denselben Vorwurf
gegen ihn: "Wahrhaftig (wörtlich: "in der Tat", trotz seiner Leugnungen)
, du bist einer von denen (einer der Jünger), denn ("weil") du bist auch
ein Galiläer." In Galiläa sprach man einen aramäischen Dialekt, der sich
vor allem in der Aussprache sehr von dem in Jerusalem unterschied (vgl.
Mt 26,73 ). Daraus schlossen sie, daß Petrus ein Anhänger dieses
häretischen Galiläers Jesus sein mußte. Die Tatsache, daß Petrus nun begann, sich zu
verfluchen und zu schwören , daß er Jesus nicht kenne, bedeutet nicht,
daß er Gotteslästerungen ausstieß. Er rief vielmehr den Fluch Gottes auf
sich herab, wenn er sie belügen sollte, und schwor einen Eid (wie vor
einem Gerichtshof), um sie von seiner Unschuld zu überzeugen. Er
leugnete also mit allem Nachdruck - wobei er es vorsichtigerweise
vermied, Jesu Namen zu gebrauchen - diesen Menschen, von dem sie redeten
, zu kennen. Markus Mk 14,72 Auf Petrus' dritte Verleugnung in weniger als zwei
Stunden folgte alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) der zweite Hahnenschrei
(vgl. Mk 14,68 ). Plötzlich fiel ihm ein, daß Jesus ihm in derselben
Nacht prophezeit hatte, daß er ihn verleugnen werde (V. 29 - 31 ).
Gleichzeitig bemerkte er, daß Jesus auf ihn niedersah ( Lk 22,61 ), und
er brach zusammen und fing an zu weinen . Diese tiefe Reue öffnete Petrus im Gegensatz zu
Judas ( Mt 27,3-5 ) den Weg zu wahrer Buße und zu einer neuen
Bekräftigung seines Treueverhältnisses zu Jesus als dem
auferstandenenHerrn (vgl. Mk 16,7; Joh 21,15-19 ). Petrus konnte wieder
zum Glauben an Jesus finden, Judas war endgültig verloren. Markus Mk 15,1 (4) Das Urteil des Hohen Rates im Morgengrauen ( Mk
15,1 a; Mt 27,1; Lk 22,66-71 ) a: Gleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) nach
Sonnenaufgang - zwischen fünf und sechs Uhr morgens, wahrscheinlich am
Freitag, den 3. April des Jahres 33 n. Chr. - kam der ganze Hohe Rat
(vgl. Mk 14,53 ) unter der Leitung der Hohenpriester überein, Jesus
offiziell zum Tode zu verurteilen, und überantwortete ihn dem römischen
Statthalter, um eine Bestätigung des Schuldspruchs zu erreichen. Der Hohe Rat konnte zwar ein Todesurteil
aussprechen, doch er durfte die Todesstrafe nicht vollstrecken lassen.
Daher mußte ein verurteilter Gefangener zur Vollstreckung der Strafe der
römischen Verwaltungshoheit überstellt werden (vgl. Joh 18,31; TDNT,
"synedrion" , 1,865-6). Der römische Statthalter konnte dann das
Todesurteil des Hohen Rats bestätigen oder aufheben (vgl. Joh 19,10 ).
Wenn es aufgehoben wurde, mußte eine neue Verhandlung vor einem
römischen Gerichtshof stattfinden, in der der Hohe Rat beweisen mußte,
daß der Angeklagte auch nach römischen Recht ein Kapitalverbrechen
begangen hatte. Da jedoch der Vorwurf der Gotteslästerung (vgl. Mk 14,64
) nach römischem Recht nicht strafbar war, beschuldigte der Hohe Rat
Jesus in der folgenden Verhandlung des Hochverrats, indem er sein
Eingeständnis, daß er der Messias sei, in den politischen Anspruch, daß
er der "König der Juden" sei, umwandelte (vgl. Mk 15,2; Lk 23,2 ). Eine
solche Anklage konnte ein römisches Gericht nicht ignorieren. Markus b. Jesu Gerichtsverhandlung vor Pilatus und die
Misshandlungen der römischen Soldaten ( 15,1 b - 20 ) Auch die Verhandlung vor den politischen
Autoritäten des römischen Staates bestand aus drei Anhörungen: (a) einer
ersten Befragung durch Pilatus (vgl. Mt 27,2.11-14; Mk 15,1 b 5; Lk
23,1-5; Joh 18,28-38 ), (b) einer Befragung durch Herodes Antipas (vgl.
Lk 23,6-12 ) und (c) der letzten Vernehmung durch Pilatus, der
Begnadigung des Barabbas und der Urteilsverkündung (vgl. Mt 27,15-26; Mk
15,6-20; Lk 23,13-25; Joh 18,39-19,16 ). Vom Hohen Rat war Jesus nach jüdischem Recht wegen
Gotteslästerung verurteilt worden, während es in dieser zweiten Anhörung
um den Verdacht des Hochverrats ging. In beiden Fällen wurde er zum Tode
verurteilt, wie es dem Willen Gottes entsprach (vgl. Mk 10,33-34 ). (1) Die Befragung des Pilatus und Jesu Schweigen (
Mk 15,1 b. 2-5 ; Mt 27,2.11-14; Lk 23,1-5; Joh 18,28-38 ) Mk 15,1 b Der Hohe Rat hatte Jesus gebunden und
wahrscheinlich vom Palast des Kaiphas (vgl. Mk 14,53 ) durch die Stadt
zum Palast des Herodes geführt, wo er Pilatus überantwortet wurde, der
das Todesurteil vollstrecken sollte. Pontius Pilatus, der fünfte römische Präfekt (ein
Titel, der später in "Procurator", d. h. kaiserlicher Magistrat,
umgeändert wurde) von Judäa, amtierte von 26 - 36 n. Chr. Er war ein
strenger Statthalter, der die Juden zutiefst verachtete (vgl. Lk 13,1-2
). Normalerweise residierte er in Cäsarea am Mittelmeer, doch zu
besonderen Gelegenheiten, wie z. B. zum Passafest, hielt er sich in
Jerusalem auf, um für die Wahrung von Recht und Ordnung zu sorgen. Er
wohnte vermutlich im Palast des Herodes, wie es die Provinzstatthalter
gewöhnlich taten, und nicht in der Festung Antonia in der Nähe des
Tempels. Falls das stimmt, fand dort auch der Prozeß gegen Jesus statt. Markus Mk 15,2 Pilatus trug die alleinige Verantwortung für die
Entscheidungen der römischen Gerichtsbarkeit. Ein römisches
Gerichtsverfahren, das in der Regel öffentlich war, wurde mit der
Anklage der Klägerpartei eröffnet, der dann die Befragung durch den
Magistrat sowie die Vernehmung des Angeklagten und weitere
Zeugenvernehmungen folgten. Wenn alle Beweise und Zeugenaussagen
vorlagen, konsultierte der Magistrat gewöhnlich seine juristischen
Berater und fällte dann das Urteil, das sofort vollstreckt werden mußte. Statt das Todesurteil des Hohen Rates einfach zu
bestätigen (vgl. Joh 18,29-32 ), bestand Pilatus darauf, den Fall erneut
aufzurollen. Vor allem eine der drei Anklagen, die gegen Jesus erhoben
wurden (vgl. Lk 23,2 ), erregte seine Aufmerksamkeit: daß Jesus
behauptet hatte, ein "König" zu sein. Er fragte ihn deshalb: "Bist du
(betont) der König der Juden?" Für Pilatus war eine solche Behauptung
gleichbedeutend mit Hochverrat gegen den Prinzipat, ein Verbrechen, auf
das die Todesstrafe stand. Jesus gab ihm jedoch eine rätselhafte Antwort: Du
(betont) sagst es , d. h., "diese Bezeichnung hast du gewählt". Sie ist
wohl am ehesten als eine mit Vorbehalt versehene Zustimmung zu
verstehen. Als Messias war Jesus der Juden König, doch seine Vorstellung
von Königtum unterschied sich radikal von der, die Pilatus bei seiner
Frage im Sinn hatte (vgl. Joh 18,33-38 ). Markus Mk 15,3-5 Da die erste Antwort Jesu nach römischem Recht
nicht als Grundlage für die Todesstrafe ausreichte, bat Pilatus die
Kläger um genauere Information. Die Hohenpriester (vgl. V. 1 a)
ergriffen die Gelegenheit, ihre Klage zu untermauern, und brachten eine
Vielzahl von Beschuldigungen gegen Jesus vor. Abermals versuchte Pilatus, Jesus zu einer
Entgegnung zu bewegen und ihn dazu zu bringen, sich gegen die
Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben worden waren, zu verteidigen.
Aber zu seiner äußersten Verwunderung sprach Jesus kein Wort mehr (vgl.
Jes 53,7 ) wörtlich: er antwortete nichts mehr ( ouketi ouden , betonte
Verneinung). Das kam in den römischen Gerichtsverhandlungen selten vor
und schien Pilatus' ersten Eindruck, daß Jesus unschuldig war, zu
bestätigen. Markus erwähnt nur zwei kurze Bemerkungen Jesu
während der ganzen Verhandlungen - eine gegenüber Kaiphas ( Mk 14,62 )
und eine gegenüber Pilatus ( Mk 15,2 ). Sein Schweigen unterstreicht die
Tatsache, daß er, der Menschensohn, nach Gottes Willen leiden und
sterben mußte (vgl. den Kommentar zu Mk 8,31 ). Als Pilatus erfuhr, daß Jesus Galiläer war, ließ er
ihn in der Hoffnung, ihn nicht selbst verurteilen zu müssen, vor Herodes
Antipas, den Statthalter von Galilaä (vgl. Mk 6,14 ), bringen, der sich
ebenfalls gerade in Jerusalem aufhielt. Doch Herodes schickte Jesus
schon sehr bald zu Pilatus zurück. Vom Inhalt der Verhandlung vor
Herodes berichtet nur Lukas (vgl. Lk 23,6-12 ). Markus Mk 15,6 (2) Der vergebliche Versuch des Pilatus, für Jesus
einen Freispruch zu erreichen ( Mk 15,6-15; Mt 27,15-26; Lk 23,13-25;
Joh 18,39-40;19,1.13-16 ) Jedes Jahr zum Passafest pflegte der römische
Statthalter den Juden als Zeichen seines guten Willens einen Gefangenen
loszugeben , den das Volk selbst auswählen durfte (vgl. V. 8 ).
Wenngleich dieser Brauch außerhalb des Neuen Testamentes nirgendwo
ausdrücklich erwähnt wird, so ist er doch durchaus mit dem großzügigen
Verhalten der römischen Eroberer in Lokalangelegenheiten gegenüber den
von ihnen unterworfenen Völkern vereinbar. Statt Jesus freizusprechen,
beschloß Pilatus also, ihn bei der Passa-Amnestie freizugeben (vgl. V. 9
). Er war sich ganz sicher, daß das Volk ihn um Jesus und nicht etwa um
den anderen Gefangenen bitten würde. Markus Mk 15,7 Bei der Niederschlagung eines Aufruhrs in Jerusalem
hatten die Römer zusammen mit anderen Aufrührern auch Barabbas (von Bar
Abba , "Sohn des Vaters"), einen berüchtigten Freiheitskämpfer, Räuber (
Joh 18,40 ) und Mörder verhaftet. Er war wahrscheinlich ein Anhänger der
Zeloten, einer nationalistischen jüdischen Gruppierung, und hatte sich
an der Organisation eines Aufstands gegen Rom beteiligt, wofür er jetzt
hingerichtet werden sollte. Markus Mk 15,8-11 Während der Verhandlungen hatte sich eine
beträchtliche Menschenmenge im Forum des Palastes versammelt (vgl. V. 16
). Jetzt näherte sich das Volk, viele von ihnen wahrscheinlich
Parteigänger von Barabbas, dem erhöhten Sitz des Pilatus und verlangte
nach der jährlichen Passabegnadigung (vgl. V. 6 ). Für Pilatus war das eine Gelegenheit, den Juden,
insbesondere ihren Führern, seine Verachtung zu zeigen. Er bot ihnen an,
den "König der Juden" loszugeben (vgl. V. 2 ), denn ihm war klar, daß
die Hohenpriester ihm Jesus nicht aus Loyalität gegenüber Rom
überantwortet hatten , sondern aus Neid und Haß. Er hoffte
zuversichtlich, die Freilassung Jesu zu erreichen und damit das Urteil
der religiösen Führer zu unterlaufen. Aber sein Plan schlug fehl. Die Hohenpriester
hatten die erregte Menge angestiftet, um die Freilassung des Barabbas
statt um die Jesu zu bitten. Anscheinend wußte das Volk, daß der Hohe
Rat Jesus bereits verurteilt hatte (vgl. Mk 14,64 ). Die Rechnung des
Pilatus, daß die Juden mit ihm, dem Römer, gemeinsam Front gegen ihre
eigenen Führer (vgl. Joh 19,6-7 ) machen würden, ging deshalb, wie
eigentlich zu erwarten gewesen war, nicht auf. Markus Mk 15,12-14 Als die Menge Pilatus' Angebot zurückgewiesen und
die Freilassung von Barabbas gefordert hatte, fragte er sie wiederum:
"Was wollt ihr denn, daß ich tue mit dem, den ihr den König der Juden
nennt?" Pilatus selbst akzeptierte diesen Titel selbstverständlich
nicht, doch seine Frage zeigte, daß er bereit war, auch Jesus
freizulassen, wenn sie wollten. Doch ohne Zögern schrien sie: "Kreuzige
ihn!" Die Strafe, die eigentlich Barabbas erwartete, sollte nun Jesus
ereilen. Noch ein drittes Mal machte Pilatus einen Vorstoß
und forderte die Menge auf, ihm zu sagen, was Jesus d enn Böses getan
habe, daß er die Todesstrafe verdiene. Aber sie schrien noch viel mehr:
Kreuzige ihn! In den Augen des Provinzstatthalters war dieses Geschrei
des Volkes eine Akklamation, die juristisch gesehen eine eindeutige
Entscheidung des Volkswillens darstellte. Das zwang ihn, Jesus des
Hochverrats für schuldig zu befinden, ein Kapitalverbrechen, das in den
römischen Provinzen in der Regel mit der Kreuzigung bestraft wurde. Markus Mk 15,15 Obwohl er Jesus nach wie vor für unschuldig hielt
(vgl. V. 14 ), tat Pilatus in diesem Moment doch lieber das, was ihm
politisch geraten schien, statt sich für die Gerechtigkeit zu
entscheiden. Er wollte dem Volk zu Willen sein , bevor es sich beim
Kaiser Tiberius beklagte und dadurch ihn selbst in Gefahr brachte (vgl.
Joh 19,12 ). Daher gab er ihnen Barabbas los und ließ Jesus geißeln und
verurteilte ihn zum Kreuzestod. Die römische Geißelung war ein grausames Verfahren,
das bei männlichen Verbrechern stets der Vollstreckung der Todesstrafe
vorausging, aber auch für sich genommen als Strafe verhängt werden
konnte (vgl. TDNT," mastigoO ",4,517-9). Der Gefangene wurde dazu
entkleidet, an einen Pfosten gebunden und von mehreren Wachen mit kurzen
Lederpeitschen, die vorne mit scharfen Knochen- oder Metallstücken
versehen waren, auf den Rücken geschlagen. Der Zahl der Schläge war
keine Grenze gesetzt; häufig endete diese Bestrafung tödlich. Pilatus ließ Jesus geißeln in der Hoffnung, daß das
Volk Mitleid mit ihm hätte und endlich zufriedengestellt wäre. Doch er
irrte sich abermals; die Juden bestanden weiterhin darauf, daß er
gekreuzigt würde (vgl. Joh 19,1-7 ). Markus Mk 15,16 (3) Die Verspottung Jesu durch die römischen
Soldaten ( Mk 15,16-20; Mt 27,27-31; Joh 19,2-3 ) Nach der Geißelung, die wahrscheinlich auf einem
öffentlichen Platz stattfand, führten die römischen Soldaten Jesus, der
geschunden war und blutete, hinein ( esO ) in den Palast (wörtlich: den
"Hof"; dasselbe Wort wie in Mk 14,54 und 66). Die Übersetzung des
griechischen Wortes für Hof mit "Palast" wird durch Markus' Erklärung
das ist ins Prätorium , die beide Orte gleichsetzt, gerechtfertigt. Mit
dem lateinischen Lehnwort Praetorium wurde die offizielle Residenz des
Statthaltersbezeichnet (vgl. Mt 27,27; Joh 18,28.33; 19,9; Apg 23,35 ). Im Hof riefen die Soldaten sodann die ganze
Abteilung ( speiran ; das griechische Wort für die lateinische
"Kohorte") zusammen . Eine Kohorte bestand normalerweise aus
sechshundert Mann, einem Zehntel einer sechstausend Soldaten zählenden
Legion. Doch in diesem Fall handelte es sich wahrscheinlich nur um ein
Hilfsbataillon von zwei- bis dreihundert Soldaten, die Pilatus aus
Cäsarea nach Jerusalem begleitet hatten. Markus Mk 15,17-19 In einer verhöhnenden Nachahmung der Robe eines
Vasallenkönigs und seiner goldenen Krone kleideten die Soldaten Jesus in
einen Purpurmantel - einen ausgeblichenen Soldatenmantel - und drückten
ihm eine Dornenkrone , vielleicht aus stacheligen Palmzweigen, aufs
Haupt. In dieser Krone bildeten sie unwissentlich den Fluch Gottes über
die sündige Menschheit ab, der Jesus getroffen hatte (vgl. 1Mo 3,17-18
). Matthäus berichtet außerdem noch, daß sie ihm "ein Rohr" als "Zepter"
in die Hand gaben ( Mt 27,29 ). Dann machten sie sich mit Hohn- und Schmähreden, in
denen sie spöttisch die Ehrenbezeugungen für einen König nachahmten,
über Jesus lustig. Der höhnische Ruf: gegrüßet seist du, der Juden
König! entsprach dem formalen römischen Gruß "Ave Cäsar". Sie schlugen
ihn mit einem Rohr , wahrscheinlich seinem "Zepter", auf das
dornengekrönte Haupt, spien ihn an (vgl Mk 14,65 ) und fielen auf die
Knie und huldigten ihm . All das war jedoch nicht so sehr ein Ausdruck
persönlicher Verachtung als vielmehr der Ausdruck ihrer Verachtung
gegenüber der von ihnen unterworfenen Nation, die sich so lange einen
eigenen König gewünscht hatte. Markus Mk 15,20 Dann zogen sie ihm den Purpurmantel wieder aus und
seine eigenen Kleider an und führten ihn mit einem aus vier Soldaten
bestehenden Exekutionskommando (vgl. Joh 19,23 ) unter dem Befehl eines
Hauptmanns hinaus vor die Stadt, daß sie ihn kreuzigten . Die Leiden, die Jesus von den römischen Machthabern
ertragen mußte, führten den Lesern des Markusevangeliums vor Augen, was
sie selbst von der heidnischen Obrigkeit zu gewärtigen hatten (vgl. den
Kommentar zu Mk 13,9-13 ). Markus 2. Jesu Kreuzigung und Tod ( 15,21 - 41 ) Der Kreuzestod war eine der grausamsten
Todesstrafen, die je ersonnen wurden. Markus' Bericht über Jesu
körperliche Leiden ist zwar sehr anschaulich, doch auch sehr kurz, denn
angesichts seiner seelischen Qualen waren sie nur von zweitrangiger
Bedeutung (vgl. Mk 14,36; Mk 15,34 ). (Zum Ablauf der Ereignisse vgl.
die Tabelle "Die Darstellung des Kreuzigungsgeschehens in den
verschiedenen Evangelienberichten" bei Mt 27,32-38 .) a. Jesu Kreuzigung und der Spott des Volkes ( 15,21 - 32 ) ( Mt 27,32-44; Lk 23,26-43; Joh
19,17-27 ) Mk 15,21-22 Es war üblich, daß ein Verurteilter das patibulum ,
das fast fünfzig Kilo schwere Querholz des Kreuzes, selbst durch die
Straßen der Stadt zum Ort seiner Kreuzigung trug. Jesus war jedoch so
schwach von der Geißelung, daß er kurz vor dem Stadttor zusammenbrach
(vgl. Joh 19,17 ). Daraufhin zwangen die Soldaten einen, der zufällig
vorüberging, mit Namen Simon , das Kreuz für den Rest des Weges zu
tragen. Simon stammte aus Kyrene , einer bedeutenden
Küstenstadt in Nordafrika, die eine große jüdische Gemeinde hatte ( Apg
2,10 ). Er war entweder ein Einwanderer, der in der Nähe von Jerusalem
lebte, oder, was wahrscheinlicher ist, ein Pilger, der zum Passafest
nach Jerusalem gekommen war und auf dem Feld schlafen mußte, weil es in
der Stadt keine Unterkünfte mehr gab. Nur Markus erwähnt außerdem
nochSimons Söhne, Alexander und Rufus , was darauf hindeutet, daß sie
Jünger waren, die der Gemeinde in Rom bekannt waren (vgl. Röm 16,13 ). Die Soldaten brachten Jesus zu einer Stätte
außerhalb der Stadt, doch nahe bei der Stadtmauer (vgl. Joh 19,20 ),
namens Golgatha - eine griechische Transkription eines aramäischen
Wortes, das Schädelstätte bedeutet. Die Bezeichnung "Kalvarienberg"
stammt aus der lateinischen Vulgata, von Calvaria (vgl. calva ,
"Schädel"). Golgatha war eine runde, felsige Bergkuppe (kein Hügel oder
Berg), die in ihrer Form entfernt an einen menschlichen Schädel
erinnerte. Die genaue Lage dieser Hinrichtungsstätte ist unsicher. Sie
befand sich entweder bei der heutigen Grabeskirche, ein Ort, der aus dem
4. Jahrhundert überliefert ist, oder, laut einer neueren These, auf
"Gordons Kalvarienberg". Die traditionelle Ortsbestimmung scheint jedoch
plausibler. Markus Mk 15,23-24 Nach der rabbinischen Überlieferung bereiteten
bestimmte Frauen in Jerusalem sedative Tränke für die, die gekreuzigt
werden sollten, um ihnen die Qual etwas zu erleichtern (vgl. Spr 31,6-7
). Bei der Ankunft auf Golgatha boten (wörtlich: "versuchten zu geben")
sie - wahrscheinlich die römischen Soldaten - auch Jesus ein solches
Getränk an, Myrrhe in Wein - ein Pflanzensaft mit anästhesierender
Wirkung. Doch als er bemerkte, was es war (vgl. Mt 27,34 ), lehnte er es
ab, weil er dem Leiden und dem Tod bei vollem Bewußtsein gegenübertreten
wollte. Mit nicht zu überbietender Schlichtheit notiert
Markus dann den lapidaren Satz: "Und sie kreuzigten ihn." Seine Leser in
Rom brauchten keine weiteren Erläuterungen, und er gab auch keine.
Normalerweise wurde ein zum Kreuzestod Verurteilter entkleidet (nackt;
manchmal behielt er auch das Lendentuch an) und auf die Erde gelegt, und
seine ausgestreckten Arme wurden auf das Querholz genagelt. Der Balken
wurde dann aufgerichtet und an einem vertikalen Pfosten, der bereits in
die Erde gerammt war, befestigt. An diesem Pfosten wurden auch die Füße
des Opfers festgenagelt. Eine hölzerne Sprosse etwa in halber Höhe des
Holzes, auf der das Opfer quasi "saß", gab dem Körper einen gewissen
Halt. Der Tod war langsam und qualvoll. Gewöhnlich trat er, aufgrund
größter Erschöpfung und quälenden Durstes, erst nach zwei bis drei Tagen
ein. Manchmal wurde das Sterben auch beschleunigt, indem man dem Opfer
zusätzlich die Beine brach (vgl. Joh 19,31-33 ). Die persönlichen Habseligkeiten des Gekreuzigten
fielen dem Exekutionskommando zu. Im Falle Jesu warfen die vier Mann
(vgl. Joh 19,23 ) das Los - wahrscheinlich Würfel - um seine Kleider ,
ein Unter- und ein Obergewand, einen Gürtel, Sandalen und vielleicht
eine Kopfbedeckung, um zu sehen, wer was bekommen sollte. Damit
erfüllten sie, ohne es zu wissen, die Worte von Ps 22,19 ,einen weiteren
Aspekt von Jesu Erniedrigung. Markus Mk 15,25 Nur Markus berichtet, daß Jesus um die dritte
Stunde , d. h. um neun Uhr vormittags, gekreuzigt wurde. Er orientierte
sich dabei offenbar an der jüdischen Zeitrechnung, die die Stunden von
Sonnenaufgang (und Sonnenuntergang) zählte. Seine Zeitangabe scheint
deshalb der des Johannesevangeliums, in dem von der "sechsten Stunde"
die Rede ist ( Joh 19,14 ) zu widersprechen. Doch Johannes benutzte
wahrscheinlich die römische (moderne) Zeitrechnung, in der die Stunden
ab Mitternacht (und Mittag) gezählt werden; daher fand Jesu Verhandlung
vor Pilatus laut Johannesevangelium "um die sechste Stunde", also etwa
um sechs Uhr morgens, statt. In der Zeit zwischen sechs und neun Uhr
wurde Jesus von den Soldaten gedemütigt (vgl. Mk 15,16-20 ), die beiden
Räuber von Pilatus verurteilt (vgl. Mk 15,27 ), und die Vorbereitungen
für die Kreuzigungen getroffen. Markus Mk 15,26 Gewöhnlich schrieben die Römer den Namen des
Verurteilten und das Vergehen, für das er verurteilt worden war, auf
eine Tafel, die oben am Kreuz befestigt wurde ( Joh 19,19 ). Alle vier
Evangelien berichten denn auch von einer solchen Inschrift am Kreuz
Jesu. Die geringfügigen Abweichungen im Wortlaut der Inschrift sind wohl
einfach auf die Tatsache zurückzuführen, daß sie in drei Sprachen
geschrieben wurde ( Joh 19,20 ). Im Markusevangelium erfahren wir nur
von der offiziellen Schuld, die man Jesus gab, nämlich: Der König der
Juden (vgl. Mk 15,2.12 ). Diese Formulierung, die Pilatus sich
ausgedacht hatte, sollte eine Verhöhnung der jüdischen
Unabhängigkeitsbestrebungen sein (vgl. Joh 19,21-22 ). Markus Mk 15,27-28 Pilatus hatte Jesus zwischen zwei Räubern kreuzigen
lassen, die möglicherweise, wie Barabbas, wegen aufrührerischer Umtriebe
angeklagt waren (vgl. V. 7 ; Joh 18,40 ). Ihr Hochverratsprozeß könnte
gleichzeitig mit der Verhandlung gegen Jesus stattgefunden haben, denn
sie waren mit seinem Fall vertraut ( Lk 23,41 ). Indem er Jesus zwischen den "Übeltätern" kreuzigen
ließ, erfüllte Pilatus unwissentlich (und unwillentlich) die
Prophezeiung aus Jes 53,12 ,die in Mk 15,28 zitiert ist (vgl. Lk 22,37
). Markus Mk 15,29-30 Und wieder war Jesus Schmähungen (vgl. Mk 14,65; Mk
15,17-19 ) ausgesetzt. Vorübergehende lästerten ihn und schüttelten ihre
Köpfe . (Kopfschütteln war eine damals übliche Geste des Spottes; vgl.
Ps 22,7;109,25; Jer 18,16; Kl 2,15 .) Sie verhöhnten ihn für seine
Behauptung, er werde den Tempel (vgl. Mk 14,58 ) in drei Tagen
wiederaufbauen (eine nicht zu bewältigende Aufgabe). Wenn er das konnte,
so sagten sie, dann könnte er sich doch auch jetzt selbst helfen (von
sozo, "befreien" oder "retten"; vgl. Mk 5,23.28.34 ) und sich vom Tod
retten, indem er vom Kreuz herabstieg (was viel einfacher war). Markus Mk 15,31-32 Auf ähnliche Weise machten sich auch die Pharisäer
und Schriftgelehrten in ihren Gesprächen untereinander über Jesus
lustig. Ihr langgehegter Wunsch, ihn umzubringen, war endlich in
Erfüllung gegangen (vgl. Mk 3,6;11,18;12,12;14,1.64;15,1.11-13 ). Sie
spotteten über ihn, weil er anderen geholfen hat (von sozo) - womit sie
seine Wunder, die sie nicht leugnen konnten (vgl. Mk 5,34;6,56;10,52 ),
meinten -, doch sich selbst anscheinend nicht helfen (von sOzO ; vgl. Mk
15,30 ) konnte. Die Ironie dabei war, daß sie damit in geistlicher
Hinsicht zutiefst recht hatten: Wenn Jesus anderen helfen und sie aus
der Macht der Sünde befreien wollte, dann konnte er nicht auch
gleichzeitig sich selbst helfen (sich dem Leiden und dem Tod, die ihm
Gott bestimmt hatte, entziehen; vgl. Mk 8,31 ). Sie lachten auch über seinen Anspruch, der Messias
zu sein (vgl. den Kommentar zu Mk 14,61-62 ), wobei sie die Worte des
Pilatus, "König der Juden" (vgl. Mk 15,26 ), durch König von Israel
ersetzten, und forderten ihn auf, seine Messianität unter Beweis zu
stellen, indem er durch ein Wunder vom Kreuz herabstieg . Wenn sie einen
solchen unwiderlegbaren Beweis zu sehen bekämen, so wollten sie auch
glauben , daß er wirklich der Messias Gottes sei. Was ihnen fehlte,
waren jedoch nicht Beweise, sondern schlicht und einfach der Glaube. Auch die beiden Männer, die mit Jesus gekreuzigt
wurden , stimmten in den allgemeinen Hohn ein. Einer von ihnen hörte
jedoch schon bald damit auf und bat Jesus, in seinem Reich an ihn zu
denken ( Lk 23,39-43 ). Markus b. Jesu Tod und seine Begleiterscheinungen ( 15,33 - 41 ) ( Mt 27,45-56; Lk 23,44-49; Joh
19,28-30 ) Markus berichtet in einer sich steigernden Abfolge
von fünf Phänomenen, die das Sterben Jesu begleiteten: (1) Dunkelheit (
Mk 15,33 ); (2) Jesu Schrei, "Mein Gott ..." (V. 34 ); (3) Jesu lauter
Schrei (V. 37 ); (4) das Zerreißen des Tempelvorhangs von oben nach
unten (V. 38 ) und (5) das Bekenntnis des römischen Hauptmanns (V. 39 ). Mk 15,33 Drei Stunden lang hing Jesus bei Tageslicht am
Kreuz (von neun Uhr morgens bis mittags), doch zur sechsten Stunde
(mittags) kam eine Finsternis über das ganze Land (Palästina und
Umgebung) bis zur neunten Stunde (drei Uhr nachmittags; vgl. den
Kommentar zu V. 25 ). Diese Dunkelheit, ob sie nun durch einen plötzlich
aufkommenden Staubsturm, dichte Wolken oder, was wahrscheinlicher ist,
durch eine auf übernatürliche Weise gerade an diesem Tag stattfindende
Sonnenfinsternis verursacht wurde, war wohl ein kosmisches Zeichen für
das Gericht Gottes über die Sünde der Menschen (vgl. Jes 5,25-30; Am
8,9-10; Mi 3,5-7; Zeph 1,14-15 ), die Jesus trug (vgl. Jes 53,5-6; 2Kor
5,21 ). Ganz besonders war sie jedoch ein Zeichen für Gottes Gericht
über Israel, das seinen Messias, der die Sünde auf sich nahm (vgl. Joh
1,29 ), verworfen hatte. Die Dunkelheit war das sichtbare Abbild dessen,
was Jesus mit seinem Schrei zum Ausdruck gebracht hatte ( Mk 15,34 ). Markus Mk 15,34 Markus (und auch Matthäus) berichten nur dieses
eine der insgesamt sieben "Worte Jesu am Kreuz". Zu der neunten Stunde
(drei Uhr nachmittags) rief Jesus laut: Eli, Eli (aramäisch; ? E lI , ?
E lI ), lama asabtani? (aramäisch, vgl. Ps 22,1 ). Markus übersetzte
diese Äußerung für seine Leser ins Griechische, zu deutsch lautet sie:
"Mein Gott, mein Gott, warum (wörtlich: "aus welchem Grund") hast du
mich verlassen (wörtlich: mich aufgegeben")?" Das war mehr als der Schrei eines leidenden
Gerechten, der seinem Glauben Ausdruck gab, daß Gott ihn am Ende siegen
lassen würde (vgl. dazu Ps 22,2 im Gegensatz zu Ps 22,28 ). Jesus fühlte
sich nicht nur verlassen. In diesem Schrei verbanden sich (a) das
Verstoßensein von Gott Vater in einem rechtlichen, nicht in einem ihre
Verbundenheit auflösenden Sinn, und (b) eine Bestätigung der Beziehung
Jesu zu Gott. Weil er den Fluch der Sünde und Gottes Gericht über die
Sünde auf sich genommen hatte (vgl. 5Mo 21,22-23; 2Kor 5,21; Gal 3,13 ),
erlitt er nun auch die grenzenlose Angst der Trennung von Gott, der die
Sünde nicht ansehen kann (vgl. Hab 1,13 ). Das war die Antwort auf Jesu
Frage warum ?. Der Tod, den er für die Sünder starb ( Mk 10,45; Röm 5,8;
1Pet 2,24; 1Pet 3,18 ), trennte ihn von Gott. Doch in den Worten "mein Gott, mein Gott" spiegelte
sich auch ein unerschütterliches Vertrauen. Dies ist das einzige Mal in
allen Gebeten Jesu, von denen Markus berichtet, daß er Gott nicht mit
"Abba" anredete (vgl. Mk 14,36 ). Weit entfernt, ihn zu verleugnen,
schrie Jesus nach Gott, seinem Vater. Er starb von Gott verlassen, damit
sein Volk weiterhin nach diesem Gott rufen durfte und nie von ihm
verlassen würde (vgl. Hebr 13,5 ). Markus Mk 15,35-36 Einige Juden, die dabeistanden, schienen ihn jedoch
mißzuverstehen, oder deuteten seinen Ausruf mit Absicht falsch und
behaupteten, er rufe nach Elia . Nach dem jüdischen Volksglauben kam der
Prophet Elia den leidenden Gerechten in ihrer Not zu Hilfe. Wahrscheinlich als Reaktion auf Jesu Worte mich
dürstet ( Joh 19,28-29 ), füllte ein Zuschauer, wohl ein römischer
Soldat, einen Schwamm mit Essig , der mit einer Mixtur aus Eiern und
Wasser verdünnt war - ein übliches, billiges Getränk, steckte ihn auf
ein Rohr und hielt ihn Jesus hin, um ihm etwas Erleichterung zu
verschaffen (vgl. Ps 69,22 ). Jesu Kreuz war wahrscheinlich größer als
die anderen, so daß er sechzig bis neunzig Zentimeter über dem Erdboden
hing. Wenn es ihnen gelang, mit diesem Trank sein Leben noch etwas zu
verlängern, so konnten die Zuschauer vielleicht sehen, ob Elia
tatsächlich kommen und ihn herabnehmen würde . Im Markusevangelium werden die Worte halt, laßt
sehen von dem Soldaten zu den Zuschauern gesprochen, unmittelbar, bevor
er Jesus zu trinken gibt. Das Verb steht im Plural. In Mt 27,49 sagen
die Zuschauer diese Worte zu dem Soldaten, während er Jesus den Schwamm
mit der Flüssigkeit reicht. Hier steht das Verb im Singular. Beide Male
sind sie ein Ausdruck des Spottes, daß Jesus - wie sie dachten - hoffte,
daß Elia kommen und ihm helfen würde. Markus Mk 15,37 Jesu lauter Schrei ( Lk 23,46 ), bevor er verschied
, war ein Zeichen, daß er nicht den gewöhnlichen Tod der Gekreuzigten
starb (vgl. Mk 15,39 ). Normalerweise hingen sie zwei oder drei Tage am
Kreuz und fielen dann vor Erschöpfung in ein Koma, bevor sie starben.
Jesus jedoch war bis zum Ende bei vollem Bewußtsein; sein Tod trat ganz
plötzlich ein - zu einem Zeitpunkt, den er selbst bestimmte. Das erklärt
auch Pilatus' Überraschung (vgl. V. 44 ). Markus Mk 15,38 Gleichzeitig mit Jesu Tod zerriß der Vorhang im
Tempel ( naou , "das Allerheiligste"; vgl. Mk 11,11 ) in zwei Stücke von
oben an bis unten aus . Das intransitive Verb und die Richtung, in die
der Riß verlief, zeigen an, daß Gott selbst am Werk war. Zweifellos
waren die Priester, die zu diesem Zeitpunkt gerade den jüdischen
Abendgottesdienst hielten, Zeugen dieses Ereignisses (vgl. Apg 6,7 ) und
berichteten auch darüber. Bei dem Vorhang kann es sich um den äußeren
Vorhang, der zwischen dem Heiligtum selbst und dem Vorhof hing ( 2Mo
26,36-37 ), oder auch um den inneren, der das Heilige vom
Allerheiligsten trennte ( 2Mo 26,31-35 ), gehandelt haben. Wenn es der
äußere Vorhang war, war das Zerreißen eine offenkundige Bestätigung der
Gerichtsdrohung Jesu über den Tempel, die sich im Jahr 70 n. Chr. (vgl.
Mk 13,2 ) erfüllte. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß der innere Vorhang
zerriß zum Zeichen, daß Jesu Tod die Notwendigkeit, weiterhin Opfer für
begangene Sünden darzubringen, aufgehoben und den Weg zu einem neuen,
lebendigen und direkten Zugang zu Gott freigemacht hatte ( Hebr
6,19-20;9,6-14;10,19-22 ). Markus Mk 15,39 Der Hauptmann, der Jesus gegenüber dabeistand und
diese ungewöhnlichen Vorkommnisse beobachtete (vgl. V. 33-37 ), war der
heidnische römische Offizier, der die Hinrichtung leitete (vgl. V. 20 )
und Pilatus Bericht erstattete (vgl. V. 44 ). Nur Markus benutzt das
griechische Wort kentyriOn , eine Transkription der lateinischen
Bezeichnung ( centurio ) für den Anführer einer Hundertschaft von
Soldaten (vgl. auch V. 44 - 45 ). In allen übrigen neutestamentlichen
Texten steht das gleichbedeutende griechische Wort hekatontarchos , das
ebenfalls mit "Hauptmann" übersetzt wird (z. B. Mt 27,54 ). Das ist ein
weiterer Beleg dafür, daß Markus offensichtlich für eine römische
Leserschaft schrieb (vgl. die Einführung ). Die Art, wie Jesus starb, insbesondere sein
letzter, lauter Schrei (vgl. Mk 15,37 ), veranlaßten den Hauptmann zu
dem Ausruf: "Wahrlich (trotz aller gegenteiligen Schmähungen; vgl. Mt
27,40; Joh 19,7 ) , dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!" Der römische Offizier verwendete den Titel "Gottes
Sohn" wahrscheinlich nicht in seiner spezifisch christlichen Bedeutung,
als Ausdruck der Gottheit Jesu (vgl. Lk 23,47 ). Von seinem heidnischen
religiösen Hintergrund her sah er in Jesus wohl nur einen
außergewöhnlichen, "göttlichen Menschen", in einem ähnlichen Sinn wie
etwa den römischen Kaiser, der ebenfalls "Sohn Gottes" genannt wurde
(vgl. den Kommentar zu Mk 12,16 ). Aus diesem Grund steht in manchen
Übersetzungen an dieser Stelle konsequenterweise der unbestimmte
Artikel, "ein Sohn Gottes". Markus faßte die Äußerung des Hauptmanns
jedoch vom christlichen Standpunkt aus auf. In seinen Augen sagte der
Hauptmann unwissentlich mehr, als er wissen konnte. Das Bekenntnis des Hauptmanns ist der Höhepunkt der
Enthüllung des Messiasgeheimnisses im Markusevangelium (vgl. den
Kommentar zu Mk 1,1;8,29-30 ). Dieses Bekenntnis eines heidnischen
römischen Offiziers steht in schroffem Gegensatz zum Spott all derer,
von denen in Kapitel 15,29 - 32 und 35 - 36 die Rede war. Als Bekenntnis
eines Heiden versinnbildlicht es zugleich auch die Wahrheit dessen, was
der zerrissene Tempelvorhang andeutet. Markus Mk 15,40-41 Außer der spottenden Menge und den römischen
Soldaten waren auch fromme Frauen da, die von fernezuschauten , was
geschah. Sie waren schon vorher - wahrscheinlich schon vor der sechsten
Stunde (mittags, vgl. V. 33 ) - "bei dem Kreuz" ( Joh 19,25-27 )
gestanden. Maria von Magdalas Zuname besagte, daß sie aus
Magdala, einem Dorf am Westufer des Sees Genezareth, stammte. Jesus
hatte sie von einem Dämon befreit ( Lk 8,2; sie war nicht die Sünderin
aus Lk 7,36-50 ). Die "andere" ( Mt 27,61 ) Maria wird durch die Namen
ihrer Söhne, Jakobus des Kleinen (nach Statur oder Alter) und Joses, die
in der frühen Kirche anscheinend wohlbekannt waren, von der ersten
unterschieden. Salome , deren Name nur im Markusevangelium auftaucht (
Mk 15,40;16,1 ), war die Mutter der Söhne des Zebedäus, der Jünger
Jakobus und Johannes ( Mt 20,20;27,56 ), und wahrscheinlich die
Schwester der Mutter Jesu, die Markus in diesem Zusammenhang nicht
erwähnt ( Joh 19,25 ). Als Jesus in Galiläa war, waren ihm diese drei
Frauen von Ort zu Ort gefolgt (Imperfekt) und hatten ihm gedient
(Imperfekt; vgl. Lk 8,1-3 ). Außer ihnen waren noch v iele andere Frauen
, die ihn nicht immer begleitet hatten, anwesend. Sie waren nach
Jerusalem gekommen, um mit Jesus das Passafest zu feiern, vielleicht in
der Hoffnung, daß er jetzt sein messianisches Reich errichten werde
(vgl. Mk 10,35-40 ). Markus führt diese Frauen als Augenzeugen der
Kreuzigung an und weist damit bereits auf ihre Rolle als Augenzeugen bei
Jesu Begräbnis ( Mk 15,47 ) und seiner Auferstehung ( Mk 16,1-8 ) hin.
Ihre Frömmigkeit war größer als die der elf Jünger, die Jesus verlassen
hatten ( 14, 50 ). Vielleicht wollte Markus den Frauen in der Gemeinde
in Rom durch das Vorbild dieser Frauen Mut machen zu gläubiger
Nachfolge. Markus 3. Jesu Begräbnis ( 15,42-47 ) ( Mt 27,57-61; Lk 23,50-56; Joh
19,38-42 ) Mk 15,42-43 Jesu Begräbnis war die offizielle Bestätigung
seines Todes, ein wichtiger Punkt in der frühchristlichen Verkündigung
(vgl. 1Kor 15,3-4 ). Die Bezeichnung Rüsttag ist hier ein Terminus
technicus für den Freitag, den Tag vor dem Sabbat (Samstag), wie Markus
seinen nichtjüdischen Lesern erklärte. Da am Sabbat keinerlei Arbeit
erlaubt war, mußte schon am Freitag alles vorbereitet werden. Das ist
auch ein Beleg dafür, daß Jesus tatsächlich am Freitag, dem 15. Nisan
(vgl. den Kommentar zu Mk 14,1 a. 12.16 ), gekreuzigt wurde. "Abend"
bezog sich auf die Stunden zwischen der Mitte des Nachmittags (drei Uhr)
und Sonnenuntergang, mit dem der Freitag endete und der Sabbat begann. Nach römischem Gesetz durfte die Leiche eines
Gekreuzigten erst dann vom Kreuz abgenommen werden, wenn der kaiserliche
Magistrat es erlaubt hatte. Gewöhnlich wurde der Bitte der Angehörigen
des Opfers stattgegeben, doch manchmal blieb die Leiche auch am Kreuz
hängen, bis sie verweste oder von wilden Tieren und Vögeln gefressen
wurde; was vom Körper dann noch übrig war, wurde in ein
Gemeinschaftsgrab geworfen. Das jüdische Gesetz dagegen schrieb für alle
Leichen - auch für die hingerichteten Verbrecher (vgl. Mischna Sanhedrin
6. 5) - ein ordentliches Begräbnis vor und verlangte außerdem, daß die
Gehenkten abgenommen und noch vor Sonnenuntergang begraben wurden (vgl.
5Mo 21,23 ). Daher ging Josef von Arimathäa, als es schon Abend
wurde (wörtlich: "als der Abend bereits gekommen war"; d. h.
wahrscheinlich um vier Uhr nachmittags), zu Pilatus und bat um den
Leichnam Jesu , um ihn zu begraben. Daß es schon so spät war, verlieh
seiner Bitte zusätzliche Dringlichkeit. Dieser Josef lebte zwar wahrscheinlich in
Jerusalem, stammte jedoch aus Arimathäa, einem Dorf etwa dreißig
Kilometer nordwestlich der Stadt. Er war ein wohlhabender ( Mt 27,57 )
und angesehener Ratsherr ( bouleutEs ), eine nichtjüdische Bezeichnung
für ein Mitglied des Hohen Rats. Josef hatte die Entscheidung des
Gerichtes, Jesus zutöten ( Lk 23,51 ), mißbilligt. Auch er wartete auf
das Reich Gottes (vgl. Mk 1,15 ) - ein Hinweis, daß er ein frommer
Pharisäer war. Er hielt Jesus für den Messias und rechnete sich im
geheimen sogar zu seinen Jüngern ( Joh 19,38 ). Josef nun wagte es und ging zu Pilatus hinein.
Seine Handlungsweise war kühn (was nur das Markusevangelium
herausstellt), (a) weil er nicht mit Jesus verwandt war; (b) weil er um
eine Gunst bat, die ihm höchstwahrscheinlich aus Prinzip verweigert
werden würde, denn Jesus war wegen Hochverrats hingerichtet worden; (c)
weil er mit der Berührung einer Leiche eine zeremonielle Verunreinigung
riskierte; und (d) weil seine Bitte auf ein offenes Bekenntnis
persönlicher Treue zum gekreuzigten Jesus hinauslief und ihm zweifellos
die Feindschaft seiner Amtskollegen einbrachte. Jetzt war es kein
Geheimnis mehr, daß er ein Jünger war - wie Markus seinen Lesern
eindrücklich klarmachte. Markus Mk 15,44-45 Pilatus wunderte sich ( ethaumasen , "erstaunt";
vgl. Mk 5,20 ), daß Jesus schon tot war (vgl. den Kommentar zu Mk 15,37
). Er rief den Hauptmann , der die Kreuzigung geleitet hatte (V. 39 ),
um von ihm, dem er vertraute, zu erfahren, ob es stimmte, was Josef ihm
berichtete. Als er sicher sein konnte, daß Jesus tot war, gab (wörtlich:
"schenkte", d. h. er verlangte nichts dafür) Pilatus Josef den Leichnam
( to ptOma ). Das war außergewöhnlich; vielleicht tat er es, weil er
Jesus für unschuldig gehalten hatte (vgl. V. 14 - 15 ). Nur Markus
erwähnt, daß Pilatus den Hauptmann befragte. Er teilt seinen römischen
Lesern auf diese Weise mit, daß Jesu Tod auch von einem römischen
Offizier bestätigt wurde. Markus Mk 15,46-47 Zweifellos hatte Josef Knechte, die ihm halfen, das
Begräbnis noch vor Sonnenuntergang auszurichten, denn es blieben ihnen
nur noch etwa zwei Stunden. Auch Nikodemus, ebenfalls ein Mitglied des
Hohen Rats, half ihm vermutlich bei den Vorbereitungen ( Joh 19,39-40 ). Nachdem Jesu Leiche vom Kreuz abgenommen worden
war, wurde sie wohl gewaschen (vgl. Apg 9,37 ) und danach fest mit
Streifen aus Leinentuch umwickelt, zwischen die aromatische Kräuter
gelegt wurden, wie es den jüdischen Begräbnisriten entsprach ( Joh
19,39-40 ). Dann wurde der Leichnam zu einem nahegelegenen
Garten gebracht und in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war, gelegt
. Bei diesem Felsengrab handelte es sich um Josefs eigenes, unbenutztes
Grab (vgl. Mt 27,60; Joh 19,41-42 ). Es wurde mit einem runden, flachen
Stein verschlossen, der in einer nach unten verlaufenden Rinne vor den
Eingang gewälzt wurde, bis er sicher davorlag und jedes Eindringen
unmöglich machte. Nur mehrere Männer gemeinsam hätten diesen Stein
wieder zurückrollen können. Zwei der Frauen, die Jesu Tod beobachtet hatten
(vgl. Mk 15,40 ), sahen (wörtlich: "beobachteten"; Imperfekt), wo er
hingelegt wurde . Die anderen waren anscheinend nach Hause gegangen, um
Vorbereitungen für den Sabbat, den Ruhetag, zu treffen ( Lk 23,56 ). Markus IX. Jesu Auferstehung von den Toten bei Jerusalem ( 16,1 - 8 ) ( Mt 28,1-8; Lk 24,1-12; Joh 20,1-10 ) Die Berichte von der Auferstehung in den vier
Evangelien unterscheiden sich etwas voneinander (z. B. hinsichtlich der
Zahl und der Namen der Frauen, die zum Grab kamen, der Anzahl der Engel,
die erschienen und der Reaktion der Frauen auf die Verkündigung der
Auferstehung). In keiner Schilderung sind alle Einzelheiten enthalten.
Die Evangelisten nahmen sich innerhalb gewisser Grenzen durchaus die
Freiheit, unterschiedliche Aspekte desselben Ereignisses
herauszugreifen, zu betonen und andere fortzulassen. Die Verschiedenheit
der Berichte spiegelt die Wirkung dieses einzigartigen Ereignisses auf
unterschiedliche Augenzeugen und ist damit eine zusätzliche Bestätigung
seiner Historizität. (Vgl. die Tabelle "Vierzig Tage - von der
Auferstehung zur Himmelfahrt" bei Mt 28,1-4 .) A. Die Ankunft der Frauen beim Grab ( 16,1 - 5 ) Mk 16,1 Bei Sonnenuntergang ging der Sabbat, der Samstag
(16. Nisan), zu Ende, und der neue jüdische Tag, der Sonntag (17.
Nisan), begann. An diesem Abend kauften die Frauen, die Jesu Tod und
Begräbnis miterlebt hatten (vgl. Mk 15,40.47 ), wohlriechende Öle, um am
nächsten Morgen seinen Leichnam zu salben . Sie rechneten also nicht
damit, daß er auferstehen würde (vgl. Mk 8,31;9,31;10,34 ). Ein Leichnam wurde gesalbt, damit der Duft der Öle
den Geruch der Verwesung überdeckte; darüber hinaus war die Salbung ein
Liebeswerk. Das regelrechte Einbalsamieren war bei den Juden nicht
üblich. Markus Mk 16,2-3 Am ersten Tag der Woche (Sonntag, den 17. Nisan),
sehr früh, als die Sonne aufging, kamen die Frauen zum Grab . Sie gingen
von zuhause fort, als es noch dunkel war (vgl. Joh 20,1 ), und kamen
kurz nach Sonnenaufgang beim Grab an. Zwei von ihnen hatten gesehen, daß ein großer Stein
vor das Grab gewälzt worden war (vgl. Mk 15,47 ). Markus berichtet als
einziger der Evangelisten, daß sie sich über das praktische Problem, wie
sie den Eingang freibekommen sollten, den Kopf zerbrachen.
Offensichtlich wußten sie nichts von dem offiziellen Versiegeln des
Grabes und dem Postieren einer Wache vor dem Eingang (vgl. Mt 27,62-66
). Markus Mk 16,4-5 Als die Frauen beim Grab ankamen, sahen sie hin und
bemerkten sofort, daß der Stein weggewälzt war, denn ( gar ; vgl. Mk
1,16 ) er war sehr groß und daher nicht zu übersehen. Und sie gingen hinein in das Grab , d. h. in den
Vorraum, der in die eigentliche Grabkammer führte, und sahen einen
Jüngling ( neaniskon ; vgl. Mk 14,51 ) zur rechten Hand , also wohl vor
der Grabkammer, sitzen . Die einzigartigen Umstände, unter denen sie ihn
erblickten, sein Aussehen und die Botschaft, die er den Frauen
verkündete ( Mk 16,6-7 ), zeigen, daß Markus ihn für einen Engel Gottes
hielt, wenn er ihn auch als "Jüngling" bezeichnete, weil er den Frauen
als solcher erschien. Das weiße Gewand war ein Bild für seine himmlische
Herkunft und den Glanz, der ihn umgab (vgl. Mk 9,3 ).
Lukas ( Lk 24,4 ) und Johannes ( Joh 20,12 )
sprechen von zwei Engeln am Grab, der Zahl, die notwendig war, damit ein
Zeugnis juristisch anerkannt wurde (vgl. 5Mo 17,6 ). Matthäus ( Mt 28,5
) und Markus hingegen erwähnen nur einen, möglicherweise den Sprecher. Die Frauen waren entsetzt ( exethambEthEsan ; vgl.
Mk 9,15;14,33 ), als sie so plötzlich einem Boten Gottes
gegenüberstanden. Dieses sehr ausdrucksstarke Verb (das im Neuen
Testament nur im Markusevangelium vorkommt) bezeichnet das
überwältigende Empfinden angesichts etwas völlig Ungewöhnlichem (vgl. Mk
16,8 ). Markus B. Die Verkündigung des Engels ( 16,6 - 7 ) Mk 16,6 Als der Engel die Angst der Frauen bemerkte, gebot
er ihnen: entsetzt euch nicht (vgl. dasselbe Verb in V. 5 ). Sie suchten
( zEteite ) nach dem Leichnam von Jesus, dem Mann aus Nazareth, der
gekreuzigt worden war, um ihn zu salben (vgl. V. 1 ). Doch der Engel
verkündete ihnen: Er ist auferstanden ("er wurde auferweckt"; EgerthE ,
Passiv), und wies sie darauf hin, daß seine Auferstehung ein Werk Gottes
war, eine Tatsache, die das Neue Testament immer wieder betont (vgl. Apg
3,15;4,10; Röm 4,24; Röm 6,11; Röm 10,9; 1Kor 6,14;15,15; 2Kor 4,14;
1Pet 1,21 ). Jesus war nicht da, wie die Frauen unschwer feststellen
konnten. Das Grab war leer! Die Botschaft des Engels identifizierte den
Auferstandenen ganz eindeutig als den Gekreuzigten - als ein und
dieselbe historische Person - und erklärte die Bedeutung des leeren
Grabes. Die Gewißheit der Auferstehung beruht auf dieser Botschaft, die
zu glauben die Menschen damals und heute aufgerufen sind. Sie wird durch
die historische Tatsache des leeren Grabes bestätigt. Markus Mk 16,7 Die Frauen erhielten den Auftrag, hinzugehen und
den Jüngern zu sagen, daß Jesus sich in Galiläa mit ihnen treffen
wollte. Der Zusatz und Petrus , der nur im Markusevangelium steht, ist
deshalb so wichtig, weil Markus viel von dem, was er berichtet,
höchstwahrscheinlich von diesem Jünger erfuhr. Daß Petrus an dieser
Stelle eigens erwähnt wurde, hängt nicht mit seiner Sonderstellung unter
den Jüngern zusammen, sondern damit, daß ihm offensichtlich vergeben
worden war und er trotz seiner dreifachen Verleugnung noch immer zum
Kreis der Jünger gehörte (vgl. Mk 14,66-72 ). Die Botschaft, daß Jesus vor (von proagO ) ihnen
her nach Galiläa gehen würde, erinnert an die Wiedervereinigung, die er
ihnen einst verheißen hatte (vgl. dasselbe Verb in Mk 14,28 ). Seine
Jünger sollten ihn dort sehen - der Auferstandene würde ihnen also
sichtbar erscheinen (vgl. 1Kor 15,5 ). Damit war allerdings nicht, wie
manche glauben, sein zweites Kommen gemeint, sondern etwas ganz anderes:
Das Motiv des "Unterwegsseins", das das ganze Markusevangelium
durchzieht (vgl. die Einführung zu Mk 8,31; und auch Mk 10,32 a), endete
nicht mit Jesu Tod; der Auferstandene geht seinen Jüngern weiterhin
voran. Diese Frauen waren die ersten, die die Neuigkeit
von Jesu Auferstehung hörten, doch ihre Erzählungen wurden nicht
geglaubt, da Frauen nach jüdischem Gesetz nicht als vollgültige Zeugen
angesehen wurden. Die Jünger machten sich also nicht sofort nach Galiläa
auf. Jesus mußte ihnen selbst erscheinen, um sie davon zu überzeugen,
daß er wirklich auferstanden war (vgl. Joh 20,19-29 ). Markus C. Die Reaktion der Frauen auf die Nachricht von
Jesu Auferstehung ( 16,8 ) Mk 16,8 Die Frauen flohen von dem Grab, denn Zittern (
tromos , ein Substantiv) und Entsetzen (Außer-Sich-Geraten, ekstasis ;
vgl. Mk 5,42 ) hatte sie ergriffen . Zuerst sagten sie niemandem etwas
(im Griechischen eine doppelte Verneinung, die so nur bei Markus steht;
vgl. Mt 28,8 ), denn ( gar ) sie fürchteten sich ( ephobounto ; vgl. Mk
4,41;5,15.33.36;6,50-52;9,32;10,32 ). Sie reagierten also ganz ähnlich wie Petrus bei der
Verklärung Jesu (vgl. Mk 9,6 ). Der Gegenstand ihrer Furcht war die
ehrfurchtgebietende Offenbarung der göttlichen Gegenwart und Macht, die
sich in der Auferweckung Jesu von den Toten manifestierte. Sie waren
verstummt, überwältigt von ehrfürchtigem Staunen. Manche Exegeten sind der Ansicht, daß das
Markusevangelium an dieser Stelle endet. Der abrupte Schluß entspricht
an und für sich dem knappen Stil des Evangelisten und unterstreicht ein
letztes Mal das Motiv des Staunens und der Furcht, das immer wieder in
seinem Bericht hervortritt. Der Leser wird dem ehrfürchtigen Nachdenken
über die Bedeutung des leeren Grabes im Lichte der erlösenden Botschaft
des Engels überlassen (vgl. den folgenden Kommentar zu Mk 16,9-20 ). Markus X. Der umstrittene Epilog ( 16,9 - 20 ) Die letzten zwölf Verse des Markusevangeliums ( Mk
16,9-20 ) sind als "Anhang des Markusevangeliums" bekannt und stellen
eines der schwierigsten und umstrittensten Textprobleme des Neuen
Testaments dar. Hat der ursprüngliche Markustext diese Verse enthalten
oder nicht? Die meisten modernen Übersetzungen widmen dieser Frage eine
erklärende Fußnote oder heben den letzten Abschnitt in anderer Weise von
Vers 8 ab. Äußere Belege: 1. In den beiden frühesten (aus dem
4. Jahrhundert stammenden) Unzialhandschriften (Sinaiticus und
Vaticanus) fehlen die Verse 9-20 . Die Kopisten des Textes ließen
allerdings nach Vers 8 einen Leerraum stehen, der darauf hindeutet, daß
sie möglicherweise von einem längeren Endabschnitt wußten, ihn jedoch
nicht vorliegen hatten. 2. Die meisten anderen Handschriften (seit dem
5. Jahrhundert) und auch einige frühere Versionen unterstützen Vers 9 -
20 . 3. Verschiedene spätere Handschriften (seit dem 7. Jahrhundert) und
Versionen enthalten eine "kürzere Schlußversion" nach Vers 8 , die
allerdings mit Sicherheit nicht authentisch ist, fügen danach jedoch
alle mit einer Ausnahme noch die Verse 9 - 20 an. 4. Die Schriften der
frühen Kirchenväter - z. B. Justinus der Märtyrer ( Apologie 1. 45, um
148 n. Chr.), Tatian ( Diatessaron , um 170 n. Chr.) und Irenäus, der
Vers 19 zitierte ( Adversus Häreses 3. 10. 6) - sprechen ebenfalls für
die Authentizität dieser Verse. Eusebius ( Quaestiones ad Marinum 1., um
325 n. Chr.) und Hieronymus ( Briefe 120. 3; ad Hedibiam ; um 407)
schreiben jedoch, daß die Verse 9 - 20 in den ihnen bekannten
griechischen Handschriften fehlten. 5. Eine armenische Handschrift aus
dem 10. Jahrhundert schrieb Vers 9 - 20 "dem Presbyter Ariston" zu,
wahrscheinlich Aristion, einem Zeitgenossen des Papias (60 - 130 n.
Chr.), der angeblich ein Schüler des Apostels Johannes war. 6. Wenn das
Markusevangelium tatsächlich so abrupt mit Vers 8 endete, ist es
verständlich, daß manche Kopisten ihm aus anderen anerkannten Quellen
einen "angemessenen" Schluß geben wollten. Wenn die Verse 9-20 jedoch
bereits im Original vorhanden waren, ist es schwer einzusehen, aus
welchem Grund die frühen Kopisten sie weggelassen haben sollten. Interne Belege: 1. Der Übergang von Vers 8 zu Vers
9 stellt einen etwas abrupten inhaltlichen Sprung von den Frauen zu
Jesus dar, wobei dessen Name im griechischen Text in Vers 9 überhaupt
nicht genannt wird. 2. Maria von Magdala wird in Vers 9 erneut so
ausführlich eingeführt, als ob von ihr nicht bereits in Mk 15,40.47 und
Mk 16,1 die Rede gewesen wäre. 3. Etwa ein Drittel der wichtigen
griechischen Worte in Vers 9 - 20 erscheinen sonst nirgendwo im
Markusevangelium oder werden dort in anderem Sinn benutzt. 4. Im
griechischen Text fehlen die anschaulichen, lebensechten Details, die
für Markus' Stil so charakteristisch sind. 5. Der Schluß des
Markusevangeliums (bis V. 8 ) läßt eigentlich erwarten, daß der
auferstandene Jesus den Jüngern in Galiläa erscheinen würde ( Mk
14,28;16,7 ), die Erscheinungen in Vers 9 - 20 finden jedoch alle in und
um Jerusalem statt. 6. Matthäus und Lukas folgen dem Text des
Markusevangeliums bis Vers 8 und weichen dann beträchtlich von ihm ab,
was stark dafür spricht, daß diese Verse im ursprünglichen
Markusevangelium fehlten. Gleichermaßen scharfsinnige und gewissenhafte
Forscher kommen zu völlig unterschiedlichen Auslegungen des Materials
und nehmen zum Teil geradezu konträre Positionen ein. Wer angesichts des
Übergewichtes und der weiten Verbreitung der frühen äußeren Belege dazu
tendiert, die Verse 9-20 für authentisch zu halten, dem bleibt doch
immer noch die Aufgabe, die internen Belege, nach denen diese Verse
nicht zum Rest des Evangeliums zu passen scheinen, zufriedenstellend zu
erklären. Wer der Ansicht ist, daß die Verse 9 - 20 nicht authentisch
sind, muß umgekehrt eine vernünftige Erklärung für die vielfältigen
äußeren Belege und den auffallend abrupten Schluß des Markusevangeliums
bei Vers 8 finden. Vier mögliche Lösungen wurden vorgeschlagen: 1.
Markus schrieb selbst einen ausführlicheren Schluß seines Evangeliums,
der jedoch auf irgendeine, nicht mehr nachvollziehbare Weise
verlorenging oder zerstört wurde, bevor er abgeschrieben werden konnte.
2. Markus beendete das Evangelium, doch der ursprüngliche Schluß wurde
aus einem uns unbekannten Grund mit Absicht unterdrückt oder entfernt.
3. Markus war aus einem uns unbekannten Grund nicht in der Lage, sein
Evangelium zu beenden - vielleicht starb er plötzlich. 4. Markus
beendete sein Evangelium ganz bewußt mit Vers 8 . Von diesen Möglichkeiten sind 1. und 2.
unwahrscheinlich, wenn auch die These, daß der ursprüngliche Schluß
zufällig verlorenging, weithin akzeptiert wird. Wenn das
Markusevangelium eine Schriftrolle war und nicht ein Kodex (ein aus
Blättern bestehendes Buch), hätte sich der Schluß normalerweise im
Innern der Rolle befunden. In diesem Fall wäre es sehr viel weniger
wahrscheinlich, daß er verlorenging oder beschädigt wurde, als am Anfang
der Rolle, wo das gelegentlich vorkam. Wenn man davon ausgeht, daß das
Markusevangelium unvollständig ist, so ist die dritte Möglichkeit am
wahrscheinlichsten, sie aber kann - ihrer Natur gemäß - nicht bestätigt
werden. Angesichts der zentralen Rolle, die die "Furcht" der Jünger
(vgl. V. 8 ) im ganzen Markusevangelium spielt, neigen viele moderne
Exegeten auch zur Annahme der vierten Hypothese. Auf der Basis dessen, was wir zur Zeit über das
Markusevangelium wissen, kann wohl kein endgültiges Urteil über das
Problem des Markusschlusses gefällt werden. Eine These, die die
wichtigeren Belege miteinzubeziehen scheint und gegen die am wenigsten
Einwände gemacht werden können, lautet, daß (a) Markus sein Evangelium
mit Absicht mit Vers 8 enden ließ, und (b) daß Vers 9 - 20 von einem
anonymen christlichen Autor geschrieben oder zusammengetragen wurden,
jedoch historisch authentisch sind und zum neutestamentlichen Kanon
gehören (vgl. auch das letzte Kapitel des 5. Buch Mose). Nach dieser These wurden die Verse
9-20 bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Überlieferung des
Markusevangeliums (vielleicht kurz nach 100 n. Chr.) an Vers 8 angefügt,
ohne daß dabei der Versuch gemacht wurde, sie dem Vokabular oder dem
Stil von Markus anzugleichen. Vielleicht waren es kurze Auszüge aus den
Erscheinungsgeschichten der drei anderen Evangelien, die nach der
mündlichen Überlieferung der damaligen Zeit die Billigung des Apostels
Johannes fanden, der ja erst gegen Ende des 1. Jahrhunderts starb. Auf
diese Weise fanden sie so früh Eingang in den Prozeß der Überlieferung,
daß sie von der Kirche als Teil des kanonischen Schriftgutes anerkannt
wurden. Auf jeden Fall stimmen sie mit den anderen biblischen Schriften
überein. Auch der Inhalt der Verse 9-20 kreist ja um die Entwicklung des
Themas von Glauben und Unglauben. A. Die drei ersten Erscheinungen Jesu nach seiner
Auferstehung ( 16,9 - 14 ) In diesem Abschnitt werden drei Erscheinungen Jesu
zwischen seiner Auferstehung und der Himmelfahrt beschrieben (vgl. die
Tabelle "Vierzig Tage - von der Auferstehung zur Himmelfahrt" bei Mt
28,1-4 ). 1. Die Erscheinung vor Maria von Magdala und der
Unglaube der Jünger ( 16,9 - 11 ) ( Joh 20,14-18 ) Mk 16,9-11 Diese Verse setzen abrupt mit der Rückkehr Maria
Magdalenas zum Grab, noch früh (vgl. "sehr früh", V. 2 ) am selben
Morgen, ein. Sie wurde bereits dreimal im Markusevangelium erwähnt (vgl.
Mk 15,40.47;16,1 ), doch hier wird sie zum ersten Mal als die Maria
bezeichnet, von der Jesus sieben böse Geister ausgetrieben hatte (vgl.
Lk 8,2 ). Jesus erschien zuerst ihr und gab sich ihr auch zu erkennen -
ein Hinweis, daß die Menschen Jesus in seinem auferstandenen Zustand
nicht erkennen konnten, wenn er sich ihnen nicht offenbarte (vgl. Lk
24,16.31 ). Maria ging hin und verkündete denen, die mit ihm
gewesen waren (eine Wendung, die bis dahin weder bei Markus noch in
einem der anderen Evangelien für die Jünger verwendet wurde; vgl. jedoch
Mk 3,14 ), daß sie Jesus gesehen habe. Wahrscheinlich waren damit alle
Jünger Jesu gemeint (vgl. Mk 16,12 ), nicht nur die Elf (vgl. Apg 1,21
). Sie alle trugen Leid und weinten um Jesus, eine weitere Formulierung,
die nur in diesen Versen vorkommt. Als sie hörten, daß Jesus lebe und Maria erschienen
( etheathE , nur an dieser Stelle im Markusevangelium) sei, glaubten (
EpistEsan , ebenfalls nur an dieser Stelle im Markusevangelium) sie es
nicht (vgl. Lk 24,11 ). Offenbar erschien Jesus kurze Zeit darauf auch
den beiden anderen Frauen, bestätigte die Botschaft des Engels und
forderte sie auf, es den Jüngern zu sagen (vgl. Mt 28,1.9-10 ). Markus 2. Sein Erscheinen vor zweien der Jünger und der
Unglaube der übrigen ( 16,12 - 13 ) Mk 16,12-13 Diese Verse geben in zusammengefaßter Form die
Geschichte der beiden Jünger, die nach Emmaus unterwegs waren, wieder (
Lk 24,13-35 ). Die Worte zweien von ihnen deuten darauf hin, daß sie zu
der Gruppe gehörten, die dem Bericht Marias nicht geglaubt hatten (vgl.
Mk 16,10-11 ). Als sie von Jerusalem aus übers Land gingen, offenbarte
er sich (vgl. V. 9 ) ihnen in anderer Gestalt ( hetera morphE , "einer
Gestalt anderer Art"). Das kann bedeuten, daß Jesus hier eine andere
Gestalt annahm als bei der Erscheinung vor Maria von Magdala, oder, was
wahrscheinlicher ist, daß er ihnen in einer anderen Gestalt erschien,
als sie ihn früher gekannt hatten. Als sie nach Jerusalem zurückkehrten
und es den anderen verkündeten, glaubten diese auch ihnen nicht (vgl. V
11 ). Anscheinend hielten die Jünger trotz der Bestätigungen (vgl. Lk
24,34 ), die sie immer wieder erhielten, das Erscheinen Jesu nach seiner
Auferstehung anfänglich für eine Gespenstererscheinung ( Lk 24,37 ). Markus 3. Sein Erscheinen vor den Elfen und sein Tadel
angesichts ihres Unglaubens ( 16,14 ) ( Lk 24,36-49; Joh 20,19-25 ) Mk 16,14 Zuletzt ( hysteron , Komparativ eines Adverbs, das
Markus sonst nirgends verwendet), am Abend desselben Tages (vgl. V. 9 ),
als die Elf zu Tisch saßen (bei Lk 24,41-43 ist impliziert, daß sie sich
zum Abendessen versammelt hatten), offenbarte er sich ihnen. Er schalt (
Oneidisen , ein Verb, das sonst an keiner Stelle im Zusammenhang mit
Jesus benutzt wird) ihren Unglauben und ihres Herzens Härte (
sklErokardiam ; vgl. Mk 10,5 ), daß sie nicht geglaubt hatten denen, die
ihn gesehen hatten als Auferstandenen . Daß sie zuerst nur von Jesu
Auferstehung hörten (noch ohne ihn zu sehen), war ihnen eine Lehre, wie
schwer es ist, einem Augenzeugenbericht einfach Glauben zu schenken.
Genau das aber würde später von all jenen, denen sie im Laufe ihres
missionarischen Dienstes das Evangelium verkündeten, gefordert werden. Markus B. Jesu Auftrag an seine Jünger ( 16,15 - 18 ) ( Mt 28,16-20 ) Mk 16,15 Dann gab Jesus seinen Jüngern den großen
Missionsbefehl: Gehet hin in alle ( hapanta ; "die ganze", betont) Welt
und predigt ( kEryxate , "verkündet", vgl. Mk 1,4.14 ) das Evangelium (
euangelion ; vgl. Mk 1,1 ) aller Kreatur , d. h. allen Menschen. Markus Mk 16,16 Wer , als Antwort auf die Predigt des Evangeliums,
glaubt und getauft wird , also ein getaufter Gläubiger (wörtlich:
"einer, der glaubte und getauft wurde") ist, der wird selig werden (
sOthEsetai ; vgl. den Kommentar zu Mk 13,13 ), d. h. von Gott vom
geistlichen Tod, der Strafe für die Sünde, errettet werden. Vor den
beiden substantivisch gebrauchten Partizipien ("der Gläubige und
Getaufte") steht im Griechischen nur ein Artikel. Das bringt dieenge
Verbindung zwischen der echten, inneren Aufnahme des Evangeliums durch
den Glauben und dem äußeren Zeichen dieses Glaubens in der Wassertaufe
zum Ausdruck. Obwohl die Verfasser des Neuen Testaments im
allgemeinen davon ausgehen, daß unter normalen Umständen jeder Gläubige
getauft wird, bedeutet Vers 16 nicht, daß die Taufe für die Erlösung
eines Menschen unverzichtbar ist. Die zweite Hälfte des Verses macht
anhand des Gegensatzes deutlich, daß der, der nicht an das Evangelium
glaubt , von Gott am Tag des Jüngsten Gerichts verdammt (vgl. Mk 9,43-48
) werden wird. Die Grundlage für die Verdammung ist also der Unglaube ,
nicht etwa die Mißachtung irgendeines Rituals . Die einzige Bedingung
dafür, persönlich von Gott gerettet zu werden, ist der Glaube an ihn
(vgl. Röm 3,21-28; Eph 2,8-10 ). Markus Mk 16,17-18 Diese Verse nennen fünf Zeichen (semeia; vgl. den
Kommentar zu Mk 8,11 ), die folgen werden denen, die da glauben .
"Zeichen" sind übernatürliche Ereignisse, die den göttlichen Ursprung
der apostolischen Botschaft bestätigen (vgl. Mk 16,20 ). Diese Zeichen
waren ein Beweis für die Wahrheit des Glaubens, den die ersten Gläubigen
verkündeten, nicht für das Ausmaß ihres persönlichen Glaubens. Auf
diesem Hintergrund und angesichts der historischen Belege ist davon
auszugehen, daß diese Zeichen vor allem in der apostolischen Ära von
Bedeutung waren (vgl. 2Kor 12,12; Hebr 2,3-4 ). In der Erfüllung ihres Auftrags (vgl. Mk 16,15 )
sollten die Gläubigen in der Lage sein, in Jesu Namen Wunder zu tun
(vgl. den Kommentar zu Mk 6,7.13;9,38-40 ). Sie sollten böse Geister
austreiben und damit Jesu Sieg über Satan demonstrieren. Die Zwölf (vgl.
Mk 6,13 ) und auch die Siebzig hatten bereits zuvor Dämonen
ausgetrieben, und diese Fähigkeit blieb auch in der apostolischen Kirche
erhalten (vgl. Apg 8,7;16,18;19,15-16 ). Schließlich sollten sie in
neuen Zungen reden - wahrscheinlich ein Hinweis darauf, daß sie sich in
fremden Sprachen verständlich machen konnten, die sie zuvor nicht
kannten. Diese Vorhersage bewahrheitete sich an Pfingsten (vgl. Apg
2,4-11 ) und auch später in der Urkirche (vgl. Apg 10,46;19,6; 1Kor
12,10;14,1-28 ). Im Griechischen könnte man die beiden ersten Sätze
von Mk 16,18 als Konditionalsätze verstehen, während der dritte Satz die
Schlußfolgerung bildet. Eine deutende Übersetzung lautete dann: "Und
wenn sie genötigt werden, Schlangen mit den Händen hochzuheben , und
gezwungen werden, etwas Tödliches zu trinken , soll es ihnen unter
keinen Umständen ( ou mE ; betonte Verneinung; vgl. Mk 13,2 ) schaden. "
Dieses Versprechen der Unverletzbarkeit durch göttlichen Schutz galt
allerdings nur für die Situationen, in denen etwaige Verfolger die
Gläubigen zu solchen Dingen zwangen, nicht jedoch für das absichtliche
Aufheben von Schlangen oder das freiwillige Trinken von Gift -
Praktiken, die in der frühen Kirche nirgends bezeugt sind. Da Paulus'
Unfall mit der Schlange auf Malta als Unglücksfall anzusehen ist (vgl.
Apg 28,3-5 ), berichtet das Neue Testament denn auch von keinem einzigen
derartigen Ereignis. Als letztes Zeichen der Echtheit der Verkündigung
der Jünger sollten Kranke, denen sie die Hände auflegten , gesund
werden. Von solchen Heilungen ist in Apg 28,8 die Rede, und sie sind
auch aus der Frühzeit der Kirche bekannt (vgl. 1Kor 12,30 ). Markus C. Jesu Himmelfahrt und das weitere Wirken der
Jünger ( 16,19 - 20 ) ( Lk 24,50-53; Apg 1,9-11 ) Mk 16,19-20 Diese beiden Verse bestehen aus zwei eng
miteinander zusammenhängenden Teilen. Auf der einen Seite (gr. men )
steht die Himmelfahrt Jesu: Der Herr Jesus (ein zusammengesetzter Titel,
der sich sonst nur noch in Lk 24,3 findet) wurde, nachdem er sich nach
seiner Auferstehung noch vierzig Tage lang auf der Erde aufgehalten und
gewirkt hatte (vgl. Apg 1,3 ), gen Himmel aufgehoben (durch Gott den
Vater). Dort setzte er sich zur Rechten Gottes , an den Platz der Ehre
und Macht (vgl. den Kommentar zu Mk 12,36-37 a). Die Wahrheit dieser
Behauptung wurde für die frühen Gläubigen durch die Vision des Stephanus
bestätigt (vgl. Apg 7,56 ). In gewissem Sinn war Jesu Werk auf Erden
damit vollendet. Auf der anderen Seite (gr. de) steht der
missonarische Dienst der Jünger, die von Jerusalem auszogen und an allen
Orten das Evangelium predigten ( ekEryxan , "verkündeten", vgl. Mk
1,4.14;16,15 ) und damit sein Werk auf Erden fortführten. Der
auferstandene Herr aber war bei ihnen und gab ihnen die Kraft, ihre
Aufgabe zu erfüllen. Dabei wurde das Wort , die Botschaft des
Evangeliums, durch die mitfolgenden Zeichen , die die Wahrheit der
Botschaft der Apostel bezeugten (vgl. Hebr 2,3-4 ), bekräftigt (vgl. Mk
16,17-18 ). Der Auftrag, das Evangelium zu verkünden, wird noch heute
von Jüngern Jesu, die der Auferstandene dazu ermächtigt hat, erfüllt. Markus BIBLIOGRAPHIE Alford H (1980) Alford's Greek Testament . Bd 1,
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