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Markus Walvoord

Markus (John D. Grassmick)


EINLEITUNG



Das Markusevangelium ist das kürzeste der vier Evangelien. Vom 4. bis ins 19. Jahrhundert galt es lediglich als Auszug aus dem Matthäusevangelium und wurde daher von den Bibelwissenschaften kaum beachtet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich dann jedoch allgemein die Überzeugung durch, daß das Markusevangelium überhaupt das erste schriftliche Evangelium sei. Von da an wurde es zu einem Gegenstand besonderen Interesses und intensiver Forschung.


Verfasserfrage


Formal gesehen ist das Markusevangelium anonym geschrieben, der Autor wird an keiner Stelle genannt. Der Titel "Das Evangelium nach Markus" ( Kata Markon ) wurde der Schrift erst später, kurz vor dem Jahr 125 n. Chr., vorangestellt. Wir haben jedoch genügend Hinweise aus der frühkirchlichen Überlieferung (äußere Belege) und auch aus dem Evangelium selbst (innere Belege), um den Verfasser identifizieren zu können.

Die frühen Kirchenväter sind einhellig der Ansicht, daß es sich bei dem Verfasser des Markusevangeliums um einen Mitarbeiter des Apostels Petrus namens Markus handelt. Die älteste uns bekannte Aussage in dieser Richtung stammt von Papias (um 110 n. Chr.), der sich dabei auf Johannes den Älteren - wahrscheinlich ein Name für den Apostel Johannes - beruft. Papias nennt Markus als Autor und gibt folgende Hintergrundinformationen zu seiner Verfasserschaft: 1. Er war kein Augenzeuge der Worte und Werke Jesu. 2. Er begleitete den Apostel Petrus und hörte seine Predigten. 3. Er schrieb alle Worte und Werke Jesu auf, an die Petrus sich erinnerte, jedoch nicht der Reihe nach, d. h. nicht immer in chronologischer Reihenfolge. 4. Er war Petrus' "Dolmetscher". Das heißt wohl einfach, daß Markus die Lehre des Petrus einem breiteren Publikum zugänglich machte, indem er sie niederschrieb, und nicht etwa, daß er Petrus' auf Aramäisch gehaltene Reden ins Griechische oder Lateinische übersetzte. 5. Sein Bericht ist vollkommen zuverlässig (vgl. Euseb, Kirchengeschichte 3. 39. 15).

Diese frühen Belege werden von Justinus dem Märtyrer ( Dialog 106. 3; etwa 160 n. Chr.), im Antimarcionitischen Prolog zum Markusevangelium (etwa 160 - 180 n. Chr.), von Irenäus ( Adversus Haereses 3. 1. 1 - 2; etwa 180 n. Chr.), Tertullian ( Adversus Marcionem 4. 5; etwa 200 n. Chr) und durch die Schriften des Clemens von Alexandrien (etwa 195 n. Chr.) sowie des Origenes (etwa 230 n. Chr), die von Euseb zitiert werden ( Kirchengeschichte 2. 15. 2; 6. 14. 6; 25. 5), bestätigt. Die äußeren Hinweise auf eine Verfasserschaft von Markus sind also relativ alt und stammen aus verschiedenen Zentren der frühen Christenheit: Alexandria, Kleinasien und Rom.

Obwohl es nirgendwo ausdrücklich gesagt wird, gehen die meisten Exegeten davon aus, daß der Markus, von dem die Kirchenväter sprechen, mit jenem "Johannes (ein hebräischer Name), auch Markus (ein lateinischer Name) genannt", identisch ist, der im Neuen Testament zehnmal erwähnt wird ( Apg 12,12.25;13,5.13;15,37.39; Kol 4,10; 2Tim 4,11; Phlm 1,24; 1Pet 5,13 ). Die Einwände, die gegen diese Identifizierung erhoben werden, sind nicht überzeugend. Außerdem gibt es keinerlei Hinweise auf einen "anderen" Markus, der in engem Kontakt mit Petrus stand, und auf dem Hintergrund des Datenmaterials im Neuen Testament stellt sich ebenfalls keine Notwendigkeit, einen "unbekannten" Markus einzuführen.

Die internen Belege, wenngleich nicht ganz eindeutig, sind mit den historischen Zeugnissen der frühen Kirche durchaus vereinbar. Sie sagen folgendes über den Verfasser des Evangeliums aus: 1. Markus war mit der Geographie Palästinas vertraut; vor allem kannte er Jerusalem (vgl. Mk 5,1;6,53;8,10;11,1;13,3 ). 2. Er verstand anscheinend Aramäisch, die Umgangssprache in Palästina (vgl. Mk 5,41;7,11.34;14,36 ). 3. Er kannte die jüdischen Institutionen und Bräuche (vgl. Mk 1,21;2,14.16.18;7,2-4 ).

Auch auf eine Verbindung zu Petrus gibt es Hinweise: (a) die anschaulichen und ungewöhnlich genauen Einzelheiten der Erzählungen, die den Eindruck erwecken, daß sie den Erinnerungen eines apostolischen Augenzeugen aus dem "engsten Kreis" um Jesus, zu dem Petrus ja gehörte, entstammen (vgl. Mk 1,16-20.29-31.35-38;5,21-24.35-43;6,39.53-54;9,14-15;10,32.46;14,32-42 ); (b) der Umgang des Verfassers mit Petrus' Worten und Taten (vgl. Mk 8,29.32-33;9,5-6;10,28-30;14,29-31.66-72 ); (c) der Einschub "und Petrus" in Kapitel 16,7 , der nur im Markusevangelium zu finden ist; und (d) die auffällige Übereinstimmung zwischen dem Aufbau des Markusevangeliums und der Predigt des Petrus in Cäsarea (vgl. Apg 10,34-43 ).

Im Lichte der äußeren und der inneren Belege ist es also durchaus plausibel, jenen "Johannes/Markus", der in der Apostelgeschichte und den Briefen auftaucht, als Verfasser des Evangeliums zu betrachten. Dieser Markus war ein Judenchrist, der mit seiner Mutter Maria zur Anfangszeit der Kirche in Jerusalem lebte. Über seinen Vater ist nichts bekannt. Das Haus der Familie war ein frühchristlicher Versammlungsort (vgl. Apg 12,12 ), möglicherweise sogar Schauplatz von Jesu' letztem Passamahl (vgl. den Kommentar zu Mk 14,12-16 ). Markus selbst könnte der "junge Mann" gewesen sein, der nach Jesu Gefangennahme nackt von Gethsemane floh (vgl. den Kommentar zu Mk 14,51-52 ). Daß Petrus ihn "mein Sohn" nennt ( 1Pet 5,13 ), bedeutet vielleicht, daß er es war, der Markus zum christlichen Glauben bekehrte.

Zweifellos hörte Markus in der Frühzeit der Kirche in Jerusalem (etwa 33 - 47 n. Chr.) Petrus predigen. Später kam er mit Paulus und Barnabas (seinem Vetter; vgl. Kol 4,10 ) nach Antiochia und begleitete sie auf ihrer ersten Missionsreise bis nach Perge (vgl. Apg 12,25;13,5.13 : etwa 48 - 49 n. Chr.). Aus ungeklärten Gründen kehrte er von dort nach Jerusalem zurück. Weil Markus sie das erste Mal verlassen hatte, weigerte Paulus sich, ihn auf seine zweite Missionsreise mitzunehmen. Statt dessen arbeitete Markus mit Barnabas zusammen auf der Insel Zypern (vgl. Apg 15,36-39; etwa 50 - ? n. Chr.). Etwas später, vielleicht im Jahr 57, ging er dann nach Rom, wo er Paulus in der Zeit seiner ersten Gefangenschaft beistand (vgl. Kol 4,10; Phlm 1,23 - 24 ; etwa 60 - 62 n. Chr.). Nach Paulus' Freilassung blieb Markus anscheinend in Rom und arbeitete mit Petrus zusammen, nachdem auch dieser in das "Babylon" - Petrus' Codewort für Rom - gekommen war (vgl. 1Pet 5,13; etwa 63 - 64 n. Chr.). (Manche Exegeten beziehen "Babylon" auch auf die Stadt am Euphrat; vgl. den Kommentar zu 1Pet 5,13 .) Wahrscheinlich veranlaßt durch die schweren Verfolgungen unter Kaiser Nero und Petrus' Martyrium verließ Markus Rom dann wieder für einige Zeit. Während seiner zweiten Gefangenschaft in Rom (etwa von 67 - 68 n. Chr.) bat Paulus Timotheus in Ephesus, er möge Markus, der sich zu dieser Zeit vermutlich irgendwo in Kleinasien befand, suchen und nach Rom mitbringen, weil er ihn dort brauche (vgl. 2Tim 4,11 ).



Quellen


Wenn man davon ausgeht, daß Markus der Verfasser des Markusevangeliums war, so bedeutet das nicht, daß er selbst das in diesem Evangelium verarbeitete Material schuf. Ein "Evangelium" verkörpert vielmehr eine ganz bestimmte literarische Form des 1. Jahrhunderts. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine Biographie Jesu, eine Chronik seiner "Taten" oder um eine Sammlung von Erinnerungen seiner Jünger, wenn auch durchaus etwas von all dem darin enthalten ist; in erster Linie ist ein Evangelium eine theologische Proklamation von Gottes "guter Nachricht", die ihr Zentrum in den historischen Ereignissen von Jesu Leben, Tod und Auferstehung hat, für eine ganz bestimmte Leserschaft. Von dieser Intention geleitet stellte Markus das historische Material, das ihm vorlag, zusammen und bearbeitete es.

Seine Hauptquelle bildeten die Predigten und Lehren des Apostels Petrus (vgl. die Ausführungen unter "Verfasserfrage"). Vermutlich hatte er ihn zwischen 33 und 47 n. Chr. viele Male in Jerusalem predigen hören, sich teilweise Notizen zu dem Gehörten gemacht und wohl auch mit Petrus persönlich gesprochen. Auch mit Paulus und Barnabas (vgl. Apg 13,5-12;15,39; Kol 4,10-11 ) stand Markus in Verbindung, und zumindest eine Stelle in seinem Evangelium dürfte sogar auf eine eigene Erinnerung zurückgehen (vgl. Mk 14,51-52 ). Zu den anderen Informationsquellen des Evangelisten gehören: (a) Einheiten mündlicher Überlieferung, die in der Frühkirche einzeln oder als thematische (z. B. Mk 2,1-3,6 ), zeitliche oder geographische Zusammenfassungen zirkulierten (z. B. Mk 14-15 ) und zu einer zusammenhängenden Erzählung verschmolzen; (b) voneinander unabhängige, tradierte Jesusworte, die durch "Stichworte" miteinander verbunden wurden (z. B. Mk 9,37-50 ); und (c) mündliches Überlieferungsgut, das Markus zusammenfaßte (z. B. Mk 1,14-15;3,7-12;6,53-56 ). Aus all diesen Quellen schuf Markus unter der Anleitung des Heiligen Geistes ein historisch genaues und vertrauenswürdiges Evangelium.

Es gibt keine sicheren Hinweise darauf, daß Markus auch schriftliche Quellen benutzte, obwohl die Leidensgeschichte ( Mk 14-15 ) ihm wohl zumindest teilweise in dieser Form vorlag. Damit stellt sich die Frage nach dem Verhältnis des Markusevangeliums zu Matthäus und Lukas.

Viele Forscher sind der Ansicht, daß Markus das erste schriftliche Evangelium war und zusammen mit anderem Quellenmaterial die wichtigste Vorlage für Matthäus und Lukas bildete. Lukas erwähnt ja sogar ausdrücklich, daß ihm bereits andere schriftliche Dokumente zur Verfügung standen ( Lk 1,1-4 ).

Mehrere Argumente sprechen für die Priorität des Markusevangeliums: 1. Das Matthäusevangelium enthält etwa 90 Prozent des Markustextes, Lukas über 40 Prozent - bei Matthäus und Lukas zusammen finden sich über 600 von den 661 Versen des Markusevangeliums. 2. Matthäus und Lukas folgen im allgemeinen Markus' Chronologie, und wo einer von ihnen einmal aus thematischen Gründen von ihr abweicht, hält der andere sie doch ein. 3. Es gibt kaum Stellen, an denen Matthäus und Lukas sich im gleichen Zusammenhang beide gegen Markus wenden, wenn alle drei über dasselbe Ereignis berichten. 4. Matthäus und Lukas wiederholen Markus' Aussagen häufig wörtlich; wo sie von ihm abweichen, erscheint die Sprache jeweils nur grammatisch oder stilistisch geglättet (vgl. z. B. Mk 2,7 mit Lk 5,21 ). 5. In manchen Fällen hat man den Eindruck, daß Matthäus und Lukas Markus' Worte lediglich abwandelten, um ihre Bedeutung klarer herauszuarbeiten (vgl. Mk 2,15 mit Lk 5,29 ) oder um einige besonders harte Aussagen des Markusevangeliums etwas "abzumildern" (vgl. z. B. Mk 4,38 b mit Mt 8,25 und Lk 8,24 ). 6. Matthäus und Lukas lassen manchmal Worte aus Markus' "ausführlichen" Beschreibungen aus, um dafür zusätzliches Material aufzunehmen (vgl. z. B. Mk 1,29 mit Mt 8,14 und Lk 4,38 ).

Gegen diese Theorie wurden in der Hauptsache fünf Einwände geltend gemacht: 1. Matthäus und Lukas stimmen in manchen Passagen gegen Markus überein. 2. Lukas bezieht sich nirgends auf das Material aus Mk 6,45-8,26 ,was ungewöhnlich wäre, wenn er das Markusevangelium benutzt hätte. 3. An einigen Stellen enthält der Markustext Informationen, die im Bericht von Matthäus und Lukas nicht auftauchen (vgl. Mk 14,72 ).

4. Die Kirchenväter waren anscheinend der Überzeugung, daß Matthäus - nicht Markus - das erste Evangelium ist. 5. Wenn das Markusevangelium das erste Evangelium wäre, so hieße das, daß Matthäus und/oder Lukas erst nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. geschrieben wurden.

Dem ersten Einwand ließe sich entgegenhalten, daß die Übereinstimmungen von Lukas und Matthäus gegen Markus nur einen sehr geringen Anteil ausmachen (sechs Prozent) und wahrscheinlich auf gemeinsame, zusätzliche Quellen (d. h. mündliche Überlieferungen) zurückzuführen sind, die die Verfasser neben dem Markusevangelium verwendeten. Der zweite Einwand verliert viel von seiner Überzeugungskraft angesichts der allgemein anerkannten Tatsache, daß die Verfasser der Evangelien ihr Material aus den Quellen, die ihnen zur Verfügung standen, je nach ihrer besonderen Intention auswählten. So überging Lukas das in Mk 6,45-8,26 Gesagte vielleicht bewußt, um den Ablauf seiner eigenen Schilderung der Reise Jesu nach Jerusalem nicht zu unterbrechen (vgl. Lk 9,51 ). Das würde, neben der Tatsache, daß Markus sich auf Petrus als Augenzeugen stützte und dadurch möglicherweise zusätzliche Einzelheiten erfuhr, auch den dritten Einwand bis zu einem gewissen Grad beantworten. Der vierte Einwand leitet sich hauptsächlich von der Reihenfolge der Evangelien im neutestamentlichen Kanon ab.

Von dieser Anordnung darauf zu schließen, daß die frühen Kirchenväter das Matthäusevangelium für das erste schriftlich vorliegende Evangelium hielten, ist jedoch nicht zwingend. Ihnen lag vor allem an der apostolischen Autorität und der apologetischen Beweiskraft der synoptischen Evangelien, nicht an den historischen Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Texten. Aus diesem Grund wurde dem von einem Apostel verfaßten Matthäusevangelium, das zudem mit dem Stammbaum Jesu begann und damit eine Brücke zum Alten Testament schuf, der erste Platz eingeräumt. Außerdem würde man, wenn Matthäus das erste schriftliche Evangelium wäre und Markus und Lukas es benutzt hätten, doch erwarten, Stellen zu finden, an denen Lukas sich an Matthäus orientiert und Markus nicht - was jedoch nie der Fall ist. Darüber hinaus lassen sich die Unterschiede zwischen dem Markus- und dem Matthäusevangelium sehr viel schwerer erklären, wenn man Matthäus als Grundlagentext voraussetzt, als wenn man in Markus die Vorlage sieht. Die Abweichungen in der Chronologie sprechen durchgehend stärker für Markus als erstes Evangelium. Gegen den letzten vorgebrachten Einwand schließlich ist zu sagen, daß die Priorität von Markus nicht zwingend eine Datierung von Matthäus und/oder Lukas in die Zeit nach 70 n. Chr. verlangt (vgl. den Kommentar zu "Datierung").

Insgesamt scheint sich die enge Verwandtschaft zwischen den drei synoptischen Evangelien nur durch die Annahme einer literarischen Abhängigkeit erklären zu lassen. Die Theorie von der Priorität des Markustextes, wenngleich selbst nicht ganz unproblematisch, erhellt dabei noch am ehesten den grundlegenden Aufbau und die bis in Einzelheiten gehenden Ähnlichkeiten. Die daneben bestehenden Unterschiede dagegen sind wahrscheinlich auf die Kombination verschiedener mündlicher und schriftlicher Überlieferungen zurückzuführen, die Matthäus und Lukas unabhängig voneinander zusätzlich zum Markusevangelium benutzten. (Weitere Ausführungen zu diesem Punkt und eine andere Auffassung des synoptischen Problems, nämlich die Annahme, daß Matthäus das älteste Evangelium ist, siehe in der Einführung zum Matthäusevangelium.)



Datierung


Nirgendwo im Neuen Testament findet sich eine explizite Aussage über den Zeitpunkt der Entstehung des Markusevangeliums. Der Abschnitt mit Jesu Vorhersage der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (vgl. den Kommentar zu Mk 13,2.14-23 ) legt jedoch immerhin die Vermutung nahe, daß das Evangelium vor der tatsächlichen Zerstörung im Jahre 70 n. Chr. geschrieben wurde.

Über die Frage, ob Markus sein Evangelium vor oder nach dem Martyrium des Petrus schrieb (zwischen 64 - 68 n. Chr.), gehen die Zeugnisse der Kirchenväter auseinander. Einerseits erklärte Irenäus ( Adversus Haereses 3. 1. 1), daß Markus nach dem "Weggang" ( exodon ) von Petrus und Paulus (also nach 67 oder 68 n. Chr.) schrieb. Er gebrauchte dabei das Wort exodon wahrscheinlich im Sinne von "Ende" oder "Hinscheiden" - wie es auch bei Lk 9,31 und 2Pet 1,15 auftaucht. Diese Deutung wird ganz klar durch die Aussage des Antimarcionitischen Prologs zum Markusevangelium gestützt, der feststellt: "Nach dem Tod des Petrus schrieb er (Markus) dieses Evangelium nieder..." Nach Clemens von Alexandrien und Origenes dagegen (vgl. Euseb, Kirchengeschichte 2. 15. 2; 6. 14. 6; 6. 25. 5) entstand das Markusevangelium noch zu Lebzeiten von Petrus, ja, ihrer Ansicht nach war Petrus sogar an der Niederschrift beteiligt und billigte die Verwendung des Textes in der Kirche.

Die einander widersprechenden äußeren Belege erschweren somit eine eindeutige Klärung der Datierung. Es gibt zwei Möglichkeiten. Wenn man sich an der Tradition orientiert, derzufolge es nach dem Tod von Petrus und Paulus geschrieben wurde, muß es zwischen 67 und 69 n. Chr. verfaßt worden sein. Die Verfechter dieser These datieren die Entstehung des Matthäus- und des Lukasevangeliums in der Regel entweder nach 70 n. Chr. oder vor dem Markusevangelium. Die zweite These, daß das Evangelium vor 64 - 68 n. Chr. (also vor Petrus' Tod) geschrieben wurde, geht dagegen davon aus, daß der Text zu Lebzeiten von Petrus entstand. Das beinhaltet die Möglichkeit, das Markusevangelium (oder auch das Matthäusevangelium) als das älteste Evangelium zu betrachten und zugleich die Annahme beizubehalten, daß alle synoptischen Evangelien vor 70 n. Chr. geschrieben wurden.

Folgende Gründe sprechen dafür, dieser zweiten These den Vorzug zu geben: 1. Die Überlieferung zu diesem Punkt ist zwar nicht einheitlich, doch sprechen die verläßlicheren Belege für die zweite Annahme. 2. Die Priorität von Markus (vgl. die Ausführungen unter "Quellen") und vor allem der Zusammenhang zwischen dem Markus- und dem Lukasevangelium, das quasi den ersten Teil der Apostelgeschichte darstellt (vgl. Apg 1,1 ), weist auf eine Entstehung vor 64 n. Chr. hin. Die Tatsache, daß die Apostelgeschichte mit Paulus' erster Gefangenschaft schließt (etwa 62 n. Chr.), verlegt die Datierung sogar noch vor das Jahr 60 n. Chr. 3. Historisch gesehen spricht einiges dafür, daß sich Markus (und vielleicht für kurze Zeit auch Petrus) gegen Ende der 50er Jahre in Rom aufhielt (vgl. die Ausführungen zu "Verfasserfrage" und "Ursprungsort und Adressaten"). Vor diesem Hintergrund bietet sich eine Datierung des Markusevangeliums zwischen 57 und 59 n. Chr., in der Anfangszeit der Regierung Kaiser Neros (54 - 68 n. Chr.), an.



Ursprungsort und Adressaten


Fast alle frühen Kirchenväter (vgl. die Belege unter "Verfasserfrage") stimmen darin überein, daß das Markusevangelium in Rom in erster Linie für römische Heidenchristen geschrieben wurde.

Diese Auffassung wird auch von den folgenden Belegen aus dem Evangelium selbst gestützt: 1. Jüdische Bräuche werden erklärt (vgl. Mk 7,3-4;14,12;15,42 ). 2. Aramäische Ausdrücke sind ins Griechische übersetzt (vgl. Mk 3,17;5,41;7,11.34;9,43;10,46;14,36;15,22.34 ). 3. Es werden eher lateinische Termini als ihre griechischen Entsprechungen benutzt (vgl. Mk 5,9;6,27;12,15.42;15,16.39 ). 4. Die römische Zeitrechnung wird zugrundegelegt (vgl. Mk 6,48;13,35 ). 5. Nur Markus identifiziert Simon von Kyrene als den Vater von Alexander und Rufus (vgl. Mk 15,21; Röm 16,13 ). 6. Es kommen nur wenige Zitate aus dem Alten Testament oder Hinweise auf erfüllte alttestamentliche Prophezeiungen vor.

7. Markus spricht immer wieder mit besonderem Nachdruck von "allen Völkern" (vgl. den Kommentar zu Mk 5,18-20;7,24-8,10;11,17;13,10;14,9 ), und an einer der wichtigsten Stellen seines Evangeliums bezeugt niemand anderer als ein heidnischer römischer Hauptmann unabsichtlich Jesu Gottheit (vgl. Mk 15,39 ). 8. Der Ton und die Botschaft des Evangeliums sind auf die römischen Gläubigen zugeschnitten, die bereits Verfolgungen ausgesetzt waren und in Erwartung weiterer Leiden lebten (vgl. den Kommentar zu Mk 9,49;13,9-13 ). 9. Markus setzt voraus, daß seine Leser mit den Hauptcharakteren und -ereignissen seines Berichts vertraut waren; er schrieb also stärker aus einer theologischen als biographischen Intuition heraus. 10. Markus spricht seine Leser direkter als die anderen Evangelisten als Christen an, indem er die Bedeutung bestimmter Handlungen und Aussagen im christlichen Kontext transparent macht (vgl. Mk 2,10.28;7,19 ).



Besonderheiten


Das Markusevangelium nimmt aus mehreren Gründen eine Sonderstellung unter den synoptischen Evangelien ein. Zunächst einmal stellt es Jesu Taten stärker in den Vordergrund als seine Lehren. Markus erzählt beispielsweise achtzehn Wunder Jesu, greift aber nur vier seiner Gleichnisse ( Mk 4,2-20.26-29.30-32;12,1-9 ) und nur eine größere Rede ( Mk 13,3-37 ) auf. Er weist zwar wiederholt darauf hin, daß Jesus lehrte, geht jedoch an keiner Stelle näher auf den Inhalt dieser Lehren ein ( Mk 1,21.39;2,2.13;6,2.6.34;10,1;12,35 ). Die meisten Lehren, die er aufgenommen hat, stammen aus Jesu Kontroversen mit den jüdischen Religionsführern und Theologen ( Mk 2,8-11.19-22.25-28; 3,23-30; 7,6-23; 10,2-12; 12,10-11.13-40 ).

Zweitens: Markus' Stil ist lebendig, kraftvoll und sehr anschaulich, er hat die Unmittelbarkeit eines Augenzeugenberichts, wie Petrus ihn etwa hätte geben können (vgl. z. B. Mk 2,4;4,37-38;5,2-5;6,39;7,33;8,23-24;14,54 ). Sein Griechisch ist nicht sehr gebildet, es entspricht eher der Umgangssprache der damaligen Zeit und hat außerdem einen merklichen semitischen Einschlag. Sein Umgang mit der griechischen Zeitform, besonders der Einsatz des Präsens historicum (das über einhundertfünfzigmal vorkommt), die einfachen, durch "und" verbundenen Sätze, das häufige "alsbald" (euthys; vgl. den Kommentar zu Mk 1,10 ) im Sinne von "und da, in diesem Moment" wie überhaupt die kernige, sehr ausdrucksvolle Wortwahl (z. B.: "der Geist trieb ihn in die Wüste"; Mk 1,12 ) machen den Bericht dabei ungemein spannend und lebendig.

Drittens: Bemerkenswert ist die ungewöhnliche Offenheit, mit der Markus seine Personen schildert. So würzt er die Reaktionen von Jesu Hörern mit den verschiedensten Ausdrücken des Erstaunens (vgl. den Kommentar zu Mk 1,22.27;2,12;5,20;9,15 ). Er berichtet ohne Beschönigung, daß die Familie Jesu sich tatsächlich Sorgen um seine geistige Gesundheit machte (vgl. Mk 3,21.31-35 ), und legt freimütig und wiederholt das mangelnde Verständnis der Jünger und ihre Schwächen offen (vgl. Mk 4,13;6,52;8,17.21;9,10.32;10,26 ). Außerdem beschreibt er ganz plastisch die Emotionen Jesu, sein Mitleid ( Mk 1,41;6,34;8,2;10,16 ), seinen Zorn und sein Mißfallen ( Mk 1,43; 3,5; 8,33; 10,14 ), aber auch seine Angst und seine Not ( Mk 7,34;8,12;14,33-34 ).

Viertens: Das Markusevangelium steht ganz im Zeichen des Kreuzes und der Auferstehung. Von Mk 8,31 an sind Jesus und seine Jünger "auf dem Weg" (vgl. Mk 9,33;10,32 ) von Cäsarea Philippi im Norden durch Galiläa nach Jerusalem im Süden. Der ganze übrige Bericht (immerhin sechsundreißig Prozent) ist den Ereignissen der Karwoche gewidmet - den acht Tagen von Jesu Einzug in Jerusalem ( Mk 11,1-11 ) bis zu seiner Auferstehung ( Mk 16,1-8 ).


Theologie


Im Mittelpunkt der Theologie des Markusevangeliums steht das Bild, das der Evangelist von Jesus zeichnet, und die Bedeutung dieses Bildes für die Nachfolge. Bereits im ersten, einleitenden Vers wird Jesus als der "Sohn Gottes" ( Mk 1,1 ) bezeichnet, ein Titel, der vom Vater bestätigt ( Mk 1,11;9,7 ) und von den Dämonen ( Mk 3,11;5,7 ), von Jesus selbst ( Mk 13,32;14,36.61-62 ) und von einem römischen Hauptmann bei Jesu Tod ( Mk 15,39 ) wieder aufgegriffen wird. Aber auch die Vollmacht, mit der er lehrt ( Mk 1,22.27 ), und seine souveräne Macht über Krankheiten und körperliche Gebrechen ( Mk 1,30-31.40-42; 2,3-12; 3,1-5; 5,25-34; 7,31-37; 8,22-26; 10,46-52 ), Dämonen ( Mk 1,23-27;5,1-20;7,24-30;9,17-27 ), die Naturgewalten ( Mk 4,37-39;6,35-44.47-52;8,1-9 ) und den Tod ( Mk 5,21-24.35-43 ) legitimieren diesen Anspruch. All das war der überzeugende Beweis, daß "das Gottesreich" - Gottes endgültige Herrschaft - den Menschen in Jesus, in seinen Worten und Werken (vgl. den Kommentar zu Mk 1,15 ) nahegekommen war.

Dabei hebt Markus paradoxerweise besonders Jesu Gebot hervor, daß die Dämonen schweigen sollen ( Mk 1,25.34;3,12 ) und die Kunde von seinen Wundertaten nicht weitergetragen werden soll ( Mk 1,44;5,43;7,36;8,26 ). Er betont, daß Jesus in Gleichnissen sprach, wenn er die Menge lehrte ( Mk 4,33-34 ), weil seine Herrschaft zu diesem Zeitpunkt noch verhüllt war - ein Geheimnis, das nur im Glauben verstanden werden konnte ( Mk 4,11-12 ). In diesem Zusammenhang zeigt der Evangelist auch die Begriffsstutzigkeit der Jünger, die Jesu Person immer wieder verständnislos gegenüberstanden, obwohl Jesus ihnen viele seiner Aussagen im persönlichen Umgang nochmals gesondert erklärte ( Mk 4,13.40;6,52;7,17-19;8,17-21 ). Auffallenderweise werden auch die Jünger nach dem Bekenntnis des Petrus zu Jesu Gottessohnschaft aufgefordert, Stillschweigen zu bewahren ( Mk 8,30 ). Das geschah offensichtlich wegen der irreführenden Ansichten, die die Juden mit der Person des Messias verknüpften, und die im Gegensatz zum eigentlichen Zweck seines irdischen Daseins standen. Jesus wollte nicht, daß seine Identität bekannt wurde, bevor er nicht seinen Anhängern das rechte Verständnis für den Messias und für das Wesen seines Auftrags vermittelt hatte.

Markus gibt Petrus' Bekenntnis, "du bist der Christus" ( Mk 8,29 ), in schlichter, unverbrämter Form wieder. Jesus akzeptierte den ihm darin zugewiesenen Titel weder, noch wies er ihn zurück, sondern er lenkte die Aufmerksamkeit der Jünger von der Frage nach seiner Identität weg auf die Frage nach seinem Wirken ( Mk 8,31.38 ). Er selbst gebrauchte bevorzugt die Bezeichnung "Menschensohn" und lehrte seine Jünger, daß er leiden und sterben müsse und wieder auferstehen werde. Der Titel "Menschensohn", der im Markusevangelium zwölfmal von Jesus selbst verwendet wird, während er nur ein einziges Mal von sich als dem "Christus" spricht ( Mk 9,41 ), bringt in besonderer Weise die ganze Tragweite seines messianischen Auftrags für die Gegenwart und die Zukunft zur Geltung (vgl. den Kommentar zu Mk 8,31.38;14,62 ). Er war der leidende Gottesknecht ( Jes 52,13-53,12 ), der sein Leben in Gehorsam gegen Gott für andere dahingab ( Mk 8,31 ). Er war der Menschensohn, der kommen wird in Herrlichkeit, um Gericht zu halten und sein Reich auf Erden zu errichten ( Mk 8,38-9,8;13,26;14,62 ). Doch vor dem herrlichen Triumph seiner messianischen Herrschaft mußte er zuerst den Fluch Gottes über die Sünde des Menschen tragen ( Mk 14,36;15,34 ), er mußte leiden und sterben zur Erlösung für viele ( Mk 10,45 ). Das aber hatte wichtige Konsequenzen für alle, die ihm nachfolgen wollten ( Mk 8,34-38 ).

Es war schwer für Jesu zwölf Jünger, das zu begreifen. Sie erwarteten als Messias einen Herrscher, nicht jemanden, der litt und starb. In den Kapitel über die Nachfolge ( Mk 8,31-10,52 ) zeigt Markus Jesus "auf dem Weg" nach Jerusalem, wie er seine Jünger lehrt, was es bedeutet, ihm anzuhängen. Es waren keine schönen Aussichten, die er ihnen eröffnete, doch dreien von ihnen gewährte er bei seiner Verklärung einen ermutigenden Vorgeschmack seines späteren Kommens in Macht und Herrlichkeit ( Mk 9,1-8 ). Bei diesem Anlaß bestätigte der Vater die Sohnschaft Jesu und wies die Jünger an, ihm zu gehorchen. Die Jünger "sahen" zwar, doch sie begriffen nicht (vgl. Mk 8,22-26 ). Wieder betont der Evangelist das Erstaunen, das Unverständnis, ja sogar die Furcht, mit der sie Jesu Worten begegneten ( Mk 9,32;10,32 ). Bei seiner Gefangennahme verließen sie ihn denn auch alle ( Mk 14,50 ). Mit wenigen, dürren Worten berichtet Markus dann über das Kreuzigungsgeschehen und die begleitenden Phänomene, die seine Bedeutung klar hervortreten lassen ( Mk 15,33-39 ).

Dagegen legt er viel Gewicht auf das leere Grab und die Botschaft des Engels, daß Jesus am Leben sei und seinen Jüngern voraus nach Galiläa, an den Ausgangspunkt ihres Wirkens ( 6,6 b. 7-13 ) gehe ( Mk 14,28;16,7 ). Der abrupte Schluß des Markusevangeliums macht auf eindrucksvolle Weise deutlich, daß Jesus lebt und seine Jünger leitet und für sie sorgt, wie er es früher getan hat. Sie sollten deshalb ihre "Reise" der Jüngerschaft im Lichte und im Bewußtsein von Jesu Tod und Auferstehung antreten ( Mk 9,9-10 ).



Anlaß und Zweck des Evangeliums


Auch dazu macht das Markusevangelium keine direkten Angaben, so daß wir diese Information ebenfalls aus seinem Inhalt und dem historischen Umfeld, soweit es bekannt ist, erschließen müssen. Derartige Einschätzungen fallen jedoch im allgemeinen verschieden aus, und so haben wir es auch hier mit einer Vielzahl unterschiedlicher Standpunkte zu tun.

Hier nun einige der Hypothesen, die im Zusammenhang mit dem Zweck des Evangeliums aufgestellt wurden: (a) es sollte ein biographisches Bild von Jesus als dem Gottesknecht vermitteln; (b) es sollte die Menschen zum Glauben an Jesus Christus bekehren; (c) es sollte neubekehrte Christen unterweisen und ihren Glauben angesichts der Verfolgung, der sie ausgesetzt sind, stärken; (d) es sollte als Material für Evangelisten und Lehrer dienen; und (e) es sollte falsche Vorstellungen über Jesus und seinen messianischen Auftrag zurechtrücken. Jede dieser Thesen ist zwar in gewisser Hinsicht hilfreich, übergeht dabei jedoch Teile des Evangeliums oder wird den von Markus besonders herausgestellten Tatbeständen nicht gerecht.

Markus' Anliegen ist in erster Linie seelsorgerlicher Natur. Die Christen in Rom hatten die gute Nachricht von Gottes rettender Macht bereits gehört und glaubten sie ( Röm 1,8 ), doch sie mußten sie nochmals, mit anderem Schwerpunkt, hören, um neu zu begreifen, was sie für ihr Leben in einer aus den Fugen geratenen und ihnen häufig feindlich gesonnenen Umwelt bedeutete. Sie mußten verstehen lernen, was es heißt, Jesu Jünger zu sein und ihm nachzufolgen - im Lichte dessen, was Jesus war, was er getan hatte und noch immer für sie tat.

Wie ein guter Hirte verkündet Markus deshalb "das Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes" ( Mk 1,1 ), und er verkündet es auf eine Art und Weise, die diesem Bedürfnis in der Gemeinde entgegenkam und tiefen Einfluß auf das Leben seiner Leser nahm. Es gelang ihm, Jesus und die zwölf Jünger so darzustellen, daß die Leser sich mit ihnen identifizieren konnten (vgl. den Kommentar zu "Theologie"). Er zeigt, daß Jesus Christus der Messias ist, weil er der Sohn Gottes ist, und daß sein Tod als der leidende Menschensohn zu Gottes Plan für die Erlösung der Menschen gehörte. Vor diesem Hintergrund zeichnet er Jesu Fürsorge für seine Jünger und das Bild der Nachfolge, das er angesichts seines Todes und seiner Auferstehung für sie entwarf - eine Fürsorge und Wegweisung, die alle, die Jesus folgen, nötig haben.



GLIEDERUNG


I. Der Titel ( 1,1 )

II. Einleitung: Die Vorbereitung auf Jesu öffenliches Wirken ( 1,2-13 )

     A. Jesu Vorläufer, Johannes den Täufer ( 1,2-8 )
     B. Jesu Taufe durch Johannes den Täufer ( 1,9-11 )
     C. Jesu Versuchung durch Satan ( 1,12-13 )

III. Jesu erstes Wirken in Galiläa ( 1,14-3,6 )

     A. Einführende Zusammen- fassung: Die Botschaft Jesu ( 1,14-15 )
     B. Jesu Berufung von vier Fischern ( 1,16-20 )
     C. Jesu Macht über Demonän und Krankheit ( 1,21-45 )
     D. Jesu Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten und Pharisäern in Galiläa
     E. Schluß: Jesu Verwerfung ( 2,1-3,5 ) durch die Pharisäer( 3,6 )

IV. Jesu späteres Wirken in Galiläa ( 3,7-6,6 a)

     A. Einführende Zusammen- fassung: Jesu Wirken am See Genezareth ( 3,7-12 )
     B. Jesu Berufung der Zwölf ( 3,13-19 )
     C. Der Beelzebul-Vorwurf und Jesu wahre Familie ( 3,20-35 )
     D. Jesu Gleichnisse als Abbild des Gottesreiches ( 4,1-34 )
     E. Jesu Wunder als Zeichen seiner Macht ( 4,35-5,43 )
     F. Schluß: Jesu Verwerfung in Nazareth ( 6,1-6 a)

V. Jesu Wirken in und um Galiläa ( 6,6 b. 8,30 )

     A. Einführende Zusammen- fassung: Jesu Lehrreise durch Galiläa ( 6,6 b)
     B. Die Aussendung der Zwölf und der Tod Johannes' des Täufers ( 6,7-31 )
     C. Jesu Selbstoffenbarung gegenüber den Zwölfen in Wort und Tat ( 6,32-8,26 )
     D. Schluß: Das Bekenntnis des Petrus ( 8,27-30 )

VI. Jesu Reise nach Jerusalem ( 8,31-9,29 )

     A. Die erste Leidens- ankündigung ( 8,31-9,29 )
     B. Die zweite Leidens- ankündigung ( 9,30-10,31 )
     C. Die dritte Leidens- ankündigung ( 10,32-45 )
     D. Schluß: Der Glaube des blinden Bartimäus ( 10,46-52 )

VII. Jesu Wirken in und um Jerusalem ( 11,1-13,37 )

     A. Der Einzug in Jerusalem ( 11,1-11 )
     B. Die Prophezeiungen des Gerichtes über Israel ( 11,12-26 )
     C. Die Kontroversen mit den jüdischen Religionsführern im Tempelbezikt ( 11,27-12,44 )
     D. Die Endzeitrede an die Jünger auf dem Ölberg ( Kap. 13 )

VIII. Jesu Leiden und Tod in Jerusalem ( Kap. 14-15 )

     A. Der Verrat des Judas, das Passamahl und die Flucht der Jünger ( 14,1-52 )
     B. Jesu Gerichtsverhandlungen, seine Kreuzigung und sein Begräbnis ( 14,53-15,47 )

IX. Jesu Auferstehung von den Toten bei Jerusalem ( 16,1-8 )

     A. Die Ankunft der Frauen beim Grab ( 16,1-5 )
     B. Die Vekündigung des Engels ( 16,6-7 )
     C. Die Reaktion der Frauen auf die Nachricht von Jesu Auferstehung ( 16,8 )

X. Der umschrittene Epilog ( 16,9-20 )

     A. Die drei ersten Erscheinungen Jesu nach seiner Auferstehung ( 16,9-14 )
     B. Jesu Auftrag an seine Jünger ( 16,15-18 )
     C. Jesu Himmelfahrt und das weitere Wirken der Jünger ( 16,19-20 )


AUSLEGUNG


I. Der Titel
( 1,1 )


Mk 1,1


Der Eingangsvers des Markusevangeliums (ein Satz ohne Verb) enthält Titel und Thema des Buches. Die Bezeichnung Evangelium ( euangeliou , "gute Nachricht") bezieht sich dabei nicht auf Markus' Schrift, die unter dem Namen "Markusevangelium" bekannt wurde, sondern auf die "gute Nachricht" von Jesus Christus .

Dem mit dem Alten Testament vertrauten Leser war die Bedeutung des Wortes "Evangelium" durchaus bekannt (vgl. Jes 40,9;41,27;52,7;61,1-3 ), und "Nachricht" bedeutete nichts anderes, als daß etwas Wichtiges geschehen war. Als Markus das Wort benutzte, war es bereits zum Terminus technicus für die christliche Botschaft von Jesus Christus geworden: "Das Evangelium" ist die Verkündigung von Gottes Macht, durch Jesus Christus alle, die an ihn glauben, zu retten ( Röm 1,16 ). Für den theologischen Rahmen des Markustextes spielt der Begriff eine wichtige Rolle ( Mk 1,14-15;8,35;10,29;13,9-10;14,9 ).

Der Anfang des Evangeliums liegt für Markus in den historischen Begebenheiten des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu, denen dann die Verkündigung durch die Apostel folgte. Ihr Wirken begann dort ( Apg 2,36 ), wo Markus mit seinem Bericht endete.

Sein Evangelium handelt "von Jesus Christus", dem Sohn Gottes . Der ihm von Gott gegebene Name "Jesus" (vgl. Mt 1,21; Lk 1,31; Lk 2,21 ) ist das griechische Äquivalent für das hebräische Wort y+hNSVaZ ("Josua"), "Yahwe ist das Heil".

"Christus" wiederum ist die griechische Bezeichnung für den hebräischen Titel M ASIaH ("Messias, der Gesalbte") - ein Hoheitstitel des von den Juden ersehnten Erlösers, der als Gottes Werkzeug die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllen sollte (z. B. 1Mo 49,10; Ps 2;110; Jes 9,1-6;11,1-9; Sach 9,9-10 ). Dieser seit langem erwartete Messias war Jesus. Auch wenn der Titel "Christus" in der Frühzeit der Kirche bereits mit dem Namen Jesus verschmolzen war, so hat Markus, wie sein Sprachgebrauch zeigt, dabei doch stets die ganze Bedeutung dieses Titels (vgl. Mk 8,29;12,35;14,61;15,32 ) im Blick.

Der Titel "Sohn Gottes" weist auf die einzigartige Beziehung Jesu zu Gott hin. Er war Mensch (Jesus), und er war Gottes "Werkzeug" (der Messias), doch zugleich war er auch göttlichen Wesens. Als Sohn war er abhängig von Gott dem Vater und gehorchte ihm (vgl. Hebr 5,8 ).


II. Einleitung: Die Vorbereitung auf Jesu öffentliches Wirken
( 1,2 - 13 )


In einer kurzen Einführung beschreibt Markus drei Ereignisse, die für ein rechtes Verständnis der Mission, die Jesus zu erfüllen hatte, entscheidend sind: das Amt Johannes' des Täufers (V. 2 - 8 ), Jesu Taufe (V. 9 - 11 ) und Jesu Versuchung (V. 12 - 13 ). Zwei immer wiederkehrende Wörter ziehen sich wie ein roter Faden durch den ganzen Abschnitt und halten ihn zusammen: "die Wüste" ( erEmos ; V. 3 - 4; 12 - 13 ) und "der Geist" (V. 8.10.12 ).



A. Jesu Vorläufer, Johannes der Täufer
( 1,2 - 8 ) ( Mt 3,1-12; Lk 3,1-20; Joh 1,19-37 )


1. Johannes' Erfüllung der alttestamentlichen Prophezeiung
( 1,2 - 3 )


Mk 1,2-3


Gleich zu Anfang seines Berichtes rückt Markus das Gesagte in den größeren biblischen Kontext, in den es gehört. Dies ist, abgesehen von den alttestamentlichen Zitaten, die Jesus gebraucht, die einzige Stelle desMarkusevangeliums, an der auf das Alte Testament Bezug genommen wird.

Es handelt sich bei Vers 2 um ein Zitat aus 2Mo 23,20 (LXX) und Mal 3,1 (LXX), Vers 3 zitiert Jes 40,3 (LXX). Markus geht von einem traditionellen Verständnis dieser Verse aus, so daß er sie ohne weitere Erklärung einfach anführen kann. Ihm liegt vor allem an dem Wort "Weg" ( hodos , wörtlich: "Straße"), das zu einem Schlüsselwort für seine Auffassung von Nachfolge wird ( Mk 8,27;9,33;10,17.32.52;12,14 ).

Seinen Zitaten aus den drei alttestamentlichen Büchern stellt Markus die einleitende Wendung, b, voran, durchaus ein übliches Verfahren bei den neutestamentlichen Autoren, wenn sie mehrere Textstellen, die ein und dasselbe Thema behandelten, zitieren wollten. Im vorliegenden Fall geht es dabei um die "Wüsten"-Tradition in der Geschichte Israels. Da Markus vom Amt Johannes' des Täufers in der Wüste sprechen wollte, nannte er nur Jesaja als Quelle, weil bei ihm von einer "Stimme" in der Wüste die Rede ist.

Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes gab Markus diesen alttestamentlichen Texten eine messianische Deutung: er änderte die Wendung "vor mir her den Weg" ( Mal 3,1 ) in deinen Weg , und machte aus "eine ebene Bahn unserm Gott" ( Jes 40,3; LXX) seine Steige eben . So wird der Sprecher, ich , zu Gott, der seinen Boten (Johannes) vor dir (Jesus) her senden will, damit er deinen (Jesu) Weg bereite . Johannes war eine Stimme , die das Volk Israel aufforderte, den Weg des Herrn (Jesus) zu bereiten (das Verb steht im Plural) und seine (Jesu) Steige eben zu machen. Die Bedeutung dieser Metaphern wird dann in Vers 4 - 5 am Amt Johannes' des Täufers aufgezeigt.



2. Johannes' Wirken als Prophet
( 1,4 - 5 )


Mk 1,4


In Erfüllung der obigen Prophezeiung war ( egeneto , "erschien") Johannes der letzte Prophet des Alten Testaments auf der Bühne der Geschichte (vgl. Lk 7,24-28;16,16 ) und markierte in seinem Wirken einen Wendepunkt in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Johannes war in der Wüste ( erEmO , "trockenes, unbewohntes Land") und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden . Das Wort "predigte" ( kEryssOn ) könnte man im Lichte der Vorhersage von Mk 1,2-3 mit "als Bote verkündigen" übersetzen.

Der Vorgang der Taufe war an sich nichts Neues für die Israeliten; schon immer hatten die Juden von den Heiden, die zum Judentum übertreten wollten, verlangt, sich durch Selbstuntertauchen taufen zu lassen. Neu und erstaunlich war nur die Tatsache, daß Johannes diese Taufe nun Gottes Bundesvolk, den Juden , zumutete und sie angesichts des kommenden Messias zur Buße aufrief (vgl. Mt 3,2 ).

Die Taufe des Johannes ist beschrieben als Inbegriff oder Ausdruck der Buße zur ( eis ) Vergebung der Sünden . Die griechische Präposition eis kann einen Bezug ("in bezug auf") oder auch einen Zweck ("um zu") ausdrücken, ist jedoch wahrscheinlich nicht kausal ("wegen") gedacht. Das Wort "Buße" ( metanoia ) steht im Markusevangelium nur an dieser einen Stelle. Es bedeutet "ein Umkehren, eine bewußte geistige Wende, die zu einer Richtungsänderung im Denken und Tun führt" (vgl. Mt 3,8; 1Thes 1,9 ).

"Vergebung" ( aphesin ) bedeutet "die Aufhebung oder Annullierung einer Verpflichtung oder Schuld". Sie bezieht sich auf Gottes Akt der Gnade, durch den die Schuld der "Sünden" mit Christi Opfertod getilgt wird (vgl. Mt 26,28 ). Diese Vergebung war nicht durch den äußeren Ritus der Taufe zu erlangen; die Taufe war vielmehr nur ein sichtbares Zeichen der Buße und des Empfangens der göttlichen Gnade der Sündenvergebung (vgl. Lk 3,3 ).



Mk 1,5


Mit dem rhetorischen Stilmittel der Hyperbel (Übertreibung; vgl. auch V. 32 - 33.37 ) verdeutlichte Markus die gewaltige Wirkung, die das Auftretendes Täufers in ganz Judäa und Jerusalem hatte. Alle Leute gingen zu ihm hinaus und ließen sich von ihm taufen im Jordan (vgl. V. 9 ) und bekannten ihre Sünden . Das Imperfekt der griechischen Verben läßt den nicht abreißenden Strom der Menschen, die zu Johannes hinauspilgerten, um seine Predigt zu hören und sich von ihm taufen zu lassen, wie einen Film an uns vorüberziehen.

Das Verb "taufen" ( baptizO , eine Steigerungsform von baptO , "eintauchen") bedeutet "eintauchen, untertauchen". Die Taufe durch Johannes im Jordan war bei einem Juden ein Zeichen seiner "Bekehrung" zu Gott. Sie wies ihn als bußfertigen Menschen aus, der sich auf das Kommen des Messias vorbereitete.

Zum Taufritus gehörte auch ein offenes Sündenbekenntnis der Betreffenden. Das Verb "bekennen" ( exomologoumenoi , "übereinstimmen mit, anerkennen, zugeben"; vgl. Apg 19,18; Phil 2,11 ) drückt sehr viel aus. Die Menschen erkannten damit öffentlich Gottes Urteil über ihre Sünden ( hamartias , "das Versagen, der Norm [d. h. dem Maßstab Gottes] zu genügen") an. Alle Juden, die mit der Geschichte Israels vertraut waren, wußten, daß sie Gottes Gebote nicht erfüllt hatten. Ihre Bereitschaft, sich von Johannes in der Wüste taufen zu lassen, war das Eingeständnis ihres Ungehorsams und ein Ausdruck ihrer Umkehr zu Gott.



3. Johannes' Leben als Prophet
( 1,6 )


Mk 1,6


Johannes' Kleidung und Nahrung kennzeichneten ihn als Mann der Wüste und Propheten Gottes (vgl. Sach 13,4 ). Er ähnelte darin dem Propheten Elia ( 2Kö 1,8 ), der in Mal 3,23 mit dem Boten ( Mal 3,1 ), von dem bereits die Rede war ( Mk 1,2;9,13; Lk 1,17 ), gleichgesetzt wird. Heuschrecken (getrocknete Insekten; in 3Mo 11,22 zu den "reinen" Lebensmitteln gerechnet) und wilder Honig waren in den Wüstenregionen durchaus gebräuchliche Nahrungsmittel.


4. Johannes' Botschaft als Prophet
( 1,7 - 8 )


Mk 1,7


Die Eingangsworte dieses Verses lauten wörtlich: "Und verkündete als Bote und sprach ..." (vgl. V. 4 ). Markus faßt hier die Botschaft des Täufers kurz zusammen und arbeitet dabei zugleich sein Hauptanliegen heraus: die Ankündigung eines Größeren, der nach ihm kommen und die Menschen mit dem Heiligen Geist taufen wird (V. 8 ).

Die Worte nach mir (zeitlich) kommt einer nehmen dabei die ähnlich lautenden Formulierungen aus Mal 3,1 und Mal 3,23 wieder auf. Die genaue Identität dessen, der da kommen sollte, blieb jedoch bis nach Jesu Taufe auch Johannes verborgen (vgl. Joh 1,29-34 ). Zweifellos vermied Markus den Titel "Messias" bewußt wegen der vielen Mißverständnisse, die allgemein mit ihm verknüpft waren. Vers 8 enthält dann die Erklärung, inwiefern der Kommende stärker sein wird als Johannes.

Johannes betonte die Bedeutung dieses Kommenden und machte seine eigene Bedeutungslosigkeit neben ihm deutlich (vgl. Joh 3,27-30 ), indem er sagte, er sei es nicht wert, sich vor ihm zu bücken (diese Formulierung findet sich nur bei Markus) und die Riemen (Lederbänder) seiner Schuhe zu lösen - ein Dienst, den nicht einmal ein hebräischer Sklave seinem Herrn leisten mußte!



Mk 1,8


Dieser Vers lebt von dem betonten Kontrast zwischen ich und er . Johannes vollzog das äußere Zeichen, die Taufe mit Wasser , der Kommende aber würde den lebenspendenden Geist schenken.

In Verbindung mit Wasser bedeutete das Wort "Taufe" gewöhnlich ein wirkliches Eintauchen (vgl. V. 9 - 10 ), im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist ist es dagegen als Metapher für die Unterwerfung unter die lebenspendende Macht des Geistes zu verstehen. Die Wendung "ich taufe" steht im Urtext im Imperfekt: "ich taufte"; wahrscheinlich wandte Johannes sich hier an die, die er bereits getauft hatte. Die Wirkung seiner Taufe mit (oder "im") "Wasser" war begrenzt und vorläufig, doch wer sie empfing, gelobte damit, den Kommenden, der mit dem Heiligen Geist taufen würde, willkommen zu heißen (vgl. Apg 1,5;11,15-16 ). Die Gabe des Geistes galt als ein sicheres Merkmal für das Kommen des Messias ( Jes 44,3; Hes 36,26-27; Joe 3,1-2 ).



B. Jesu Taufe durch Johannes den Täufer
( 1,9 - 11 ) ( Mt 3,13-17; Lk 3,21-22 )


1. Jesu Taufe im Jordan
( 1,9 )


Mk 1,9


Völlig abrupt führt Markus dann Jesus als den kommenden Messias (V. 7 ) ein. Im Gegensatz zu "allen Leuten", die aus Judäa und Jerusalem kamen (V. 5 ), kam er aus Nazareth in Galiläa zu Johannes in die Wüste. Nazareth war ein obskures kleines Dorf, von dem weder im Alten Testament noch im Talmud oder in den Schriften des Josephus, des bekannten jüdischen Historikers des 1. Jahrhunderts, die Rede ist. Galiläa, etwa fünfundvierzig Kilometer breit und neunzig Kilometer lang, war die dicht besiedelte, nördlichste der drei Provinzen Palästinas: Judäa, Samaria und Galiläa.

Johannes taufte Jesus im ( eis ) Jordan (vgl. V. 5 ). Die griechischen Präpositionen eis ("in", V. 9 ) und ek ("aus", V. 10 ) legen die Vermutung nahe, daß es sich auch hier um eine Taufe durch ein völliges Eintauchen ins Wasser des Flusses handelte. Wahrscheinlich fand die Taufe in der Nähe von Jericho statt. Jesus war zu diesem Zeitpunkt etwa dreißig Jahre alt ( Lk 3,23 ).

Im Gegensatz zu allen anderen legte Jesus vor der Taufe kein Sündenbekenntnis ab (vgl. Mk 1,5 ), weil er ohne Sünde war (vgl. Joh 8,45-46; 2Kor 5,21; Hebr 4,15; 1Joh 3,5 ). Markus sagt nichts darüber, warum Jesus sich der Taufe des Johannes unterzog; drei Gründe dafür sind immerhin denkbar: 1. Es war ein Akt des Gehorsams, der zeigte, daß Jesus sich völlig dem Plan Gottes und der Rolle, die die Taufe des Johannes darin spielte, unterwarf (vgl. Mt 3,15 ). 2. Es war ein Akt der Identifikation mit dem Volk Israel, dessen Erbe und Sündenlast er damit auf sich nahm (vgl. Jes 53,12 ). 3. Es war ein Akt der Selbsthingabe an seinen messianischen Auftrag, ein Zeichen, daß er ihn von diesem Augenblick an offiziell anerkannte und auf sich nahm.



2. Gottes Antwort aus dem Himmel
( 1,10 - 11 )


Mk 1,10


An dieser Stelle verwendet Markus zum ersten Mal das insgesamt zweiundvierzigmal in seinem Evangelium vorkommende griechische Adverb euthys ("plötzlich, alsbald").

Drei Dinge zeichnen Jesus vor allen anderen, die getauft worden waren, aus. Erstens sah er, daß sich der Himmel auftat . Das ausdrucksvolle Verb "aufgetan werden" ( schizomenous , "gespalten") ist eine Metapher für Gottes jähes Einbrechen in das menschliche Erleben, sein gewaltiges Kommen, mit dem er sein Volk erlösen wird (vgl. Ps 18,9.16-19;144,5-8; Jes 64,1-5 ).

Zweitens: Er sah, daß der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn . Der Geist kam in der sichtbaren Form einer Taube, nicht in der Art und Weise einer Taube (vgl. Lk 3,22 ). Das Bild der Taube ist wahrscheinlich ein Ausdruck für das schöpferische Wirken des Geistes (vgl. 1Mo 1,2 ). Zur Zeit des Alten Testamentes kam der Geist über bestimmte Menschen, um ihnen für den Dienst an Gott Kraft zu geben (z. B. 2Mo 31,3; Ri 3,10;11,29; 1Sam 19,20.23 ). So wurde auch Jesus durch den Geist für seinen messianischen Auftrag (vgl. Apg 10,38 ) und sein Amt, andere mit dem Geist zu taufen, wie Johannes vorhergesagt hatte, ausgerüstet ( Mk 1,8 ).



Mk 1,11


Drittens: Jesus hörte eine Stimme vom Himmel (vgl. Mk 9,7 ). Die Worte des Vaters, die sein uneingeschränktes Ja zu Jesus und seinem Auftrag zum Ausdruck bringen, beziehen sich auf drei Verse im Alten Testament: 1Mo 22,2; Ps 2,7; Jes 42,1 .

In der ersten Aussage, "Du bist mein Sohn" , bestätigt Gott Jesu einzigartige Verwandtschaft mit dem Vater. Die Bedeutung dieser Worte erhellt sich aus Ps 2,7 ,wo Gott den gesalbten König als seinen Sohn ansprach. Mit seiner Taufe begann Jesu offizielle Rolle als der Gesalbte Gottes (vgl. 1Sam 7,12-16; Ps 89,27; Hebr 1,5 ).

Die Einfügung lieber (wörtlich "Geliebter"; ho agapEtos ) ist entweder ein Titel ("der Geliebte") oder ein beschreibendes Adjektiv ("lieber" Sohn). Als Titel ist es ein Ausdruck der Intensität der Liebe zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn, ohne dabei seine beschreibende Qualität zu verlieren. Als Adjektiv kann es im alttestamentlichen Sinn als "einziger" Sohn (vgl. 1Mo 22,2.12.16; Jer 6,26; Am 8,10; Sach 12,10 ) verstanden werden und ist damit ein Äquivalent des griechischen Adjektivs monogenEs ("einziger, eingeborener"; vgl. Joh 1,14.18; Hebr 11,17 ). Diese stärker interpretative Übersetzung enthält einen Hinweis auf die präexistente Sohnschaft Jesu.

Der Satz an dir habe ich Wohlgefallen verweist auf die Majestät des Sohnes, die Jesus bei seinem Auftrag auf Erden zukommen sollte. Das Verb eudokEsa steht dabei in der Vergangenheit ("Ich hatte Wohlgefallen"). Da die Aussage jedoch zeitlos ist, ist es im Deutschen im Präsens wiedergegeben, um anzuzeigen, daß Gott zu allen Zeiten Wohlgefallen an seinem Sohn hat. Gottes Freude an Jesus hat keinen Anfang und kein Ende.

Die Worte selbst stammen aus Jes 42,1 ,wo Gott seinen erwählten Knecht anspricht, den Einen, an dem er Wohlgefallen hat und auf den er seinen Geist herabgesandt hat. Mit dieser Stelle beginnt eine Reihe von vier Prophezeiungen über den wahren Gottesknecht, den Messias, im Gegensatz zum ungehorsamen Gottesknecht, dem Volk Israel (vgl. Jes 42,1-9;49,1-7;50,4-9;52,13-53,12 ). Der wahre Gottesknecht wird in der Erfüllung des göttlichen Willens leiden müssen. Er wird als "Schuldopfer" ( Jes 53,10 ) sterben und wird sich selbst als Opferlamm ( Jes 53,7; Joh 1,29-30 ) dahingeben. Mit der Taufe durch Johannes begann auch Jesu Rolle als leidender Gottesknecht, eine Seite seines messianischen Auftrags, die Markus stark in den Vordergrund rückt ( Mk 8,31;9,30-31;10,32-34.45;15,33-39 ).

Jesu Taufe veränderte jedoch nicht seinen göttlichen Status, er wurde nicht erst hier (oder gar erst bei seiner Verklärung; Mk 9,7 ) zum Sohn Gottes. Seine Taufe war vielmehr ein Zeichen der ungeheuerlichen Bedeutung, die seiner Annahme der Berufung als leidender Gottesknecht und Messias aus dem Geschlecht Davids zukam. Weil er der Sohn Gottes ist, der Eine, der dem Vater wohlgefällt, und unter der Vollmacht des Geistes steht, ist er der Messias (nicht umgekehrt!). Alle drei Personen der Trinität sind an diesem Geschehen beteiligt.



C. Jesu Versuchung durch Satan
( 1,12 - 13 ) ( Mt 4,1-11; Lk 4,1-13 )


Mk 1,12


Nach seiner Taufe wandelte Jesus in der Kraft des Heiligen Geistes, und alsbald ( euthys , "sofort") trieb ihn der Geist weiter hinaus in die Wüste . Das Wort "trieb" ist die Übersetzung des äußerst plastischen Verbs ekballO , "ausfahren, austreiben, fortschicken", das Markus auch im Zusammenhang mit der Austreibung von Dämonen verwendet (V. 34.39 ; Mk 3,15.22-23;6,13;7,26;9,18.28.38 ). Hier zeigt sich abermals Markus' höchst lebendiger und anschaulicher Stil (vgl. "führte" bei Mt 4,1; Lk 4,1 ); er verdeutlicht sehr schön den starken inneren Zwang, mit dem der Geist Jesus veranlaßte, die Offensive gegen die Versuchung und das Böse zu ergreifen, statt ihnen aus dem Weg zu gehen. Die Wüste ( erEmos ; vgl. Mk 1,4 ), das trockene, unbewohnte Land, galt den Juden von jeher als Heimstattder bösen Mächte (vgl. Mt 12,43; Lk 8,29;9,42 ). Der Ort, an dem Jesus der Überlieferung zufolge versucht wurde, liegt nordwestlich des Toten Meeres und westlich von Jericho.



Mk 1,13


Jesus war in der Wüste vierzig Tage . Diese Formulierung paßt zwar zu mehreren alttestamentlichen Stellen ( 2Mo 34,28; 5Mo 9,9.18; 1Kö 19,8 ), die engste Parallele ist jedoch die zum Sieg Davids über Goliat, der sich Israel vierzig Tage lang in den Weg gestellt hatte ( 1Sam 17,16 ).

Jesus wurde versucht von dem Satan . "Versucht" ist die Übersetzung des griechischen Verbs peirazO , "auf die Probe stellen, prüfen", um herauszubekommen, wes Geistes Kind eine Person ist. Es wird in positivem Sinn als göttliche Prüfung (z. B. 1Kor 10,13; Hebr 11,17 ) oder auch negativ im Sinne der Verführung zur Sünde durch den Satan und sein Gefolge gebraucht. An dieser Stelle schwingen beide Bedeutungen mit. Gott prüfte Jesus (der Heilige Geist veranlaßte ihn dazu), um zu beweisen, daß er für die ihm bevorstehende Aufgabe qualifiziert war. Satan seinerseits versuchte, Jesus von seinem göttlichen Auftrag abzubringen (vgl. Mt 4,1-11; Lk 4,1-13 ). Jesu Sündlosigkeit schließt also nicht aus, daß er in echte Versuchung geriet, ein Zeichen dafür, daß er ein wirklicher Mensch war (vgl. Röm 8,3; Hebr 2,18 ).

Der Versucher war Satan, der Feind, der Widersacher. Markus spricht nicht vom "Teufel" (Verleumder; Mt 4,1; Lk 4,2 ). Satan und seine Mächte befinden sich in ständiger, erbitterter Opposition zu Gott und Gottes Plänen, besonders gegen das, was Jesus verkörpert und was er tun soll. Der Böse versucht, die Menschen von Gottes Willen abzubringen, er verklagt sie vor Gott, wenn sie gefallen sind, und sucht ihr Verderben. Bevor Jesus den Auswirkungen der Aktivitäten Satans gegenübertrat, begegnete er dem Fürsten des Bösen selbst. Er stellte sich der Aufgabe, ihn zu besiegen und die Menschen aus seiner Gewalt zu befreien ( Hebr 2,14; 1Joh 3,8 ). Er kämpfte als Sohn Gottes in der Wüste gegen den Satan, und später erkannten ihn die Dämonen als Gottes Sohn an (vgl. Mk 1,24;3,11;5,7 ).

Der Verweis auf die wilden Tiere findet sich nur bei Markus. In der Vorstellungswelt des Altes Testaments war "die Wüste" ein von Gott verfluchter Ort - eine Stätte der Trostlosigkeit, Verlassenheit und Gefahr, die von schrecklichen, raubgierigen Tieren bevölkert war (vgl. Jes 13,20-22;34,8-15; Ps 22,12-22;91,11-13 ). Das Vorhandensein wilder Tiere soll also wohl den feindseligen Charakter der Wüste, der Domäne Satans, unterstreichen.

Im Gegensatz zu den gefährlichen wilden Tieren steht Gottes schützende Fürsorge durch die Engel , die Jesus in der Zeit der Versuchung dienten ( diEkonoun ; das Verb kann allerdings auch mit "begannen, ihm zu dienen" übersetzt werden, was bedeuten würde, daß die Engel erst nach der Versuchung erschienen). Sie brachten ihm Hilfe und versicherten ihn der Gegenwart Gottes. Markus spricht nicht davon, daß Jesus fastete (vgl. Mt 4,2; Lk 4,2 ), wahrscheinlich, weil sich das für ihn aus dem Aufenthalt in der Wüste von selbst versteht.

Verglichen mit den Parallelerzählungen bei Matthäus und Lukas ist der Bericht des Markusevangeliums über die Versuchung sehr kurz. Er sagt nichts über den Gegenstand der Versuchungen, ihre Steigerung am Schluß oder Jesu Sieg über den Satan. Für Markus war dies nur der Anfang eines fortdauernden Konflikts zwischen Jesus und Satan, der auch weiterhin versuchte, Jesus mit allen möglichen unredlichen Mitteln vom Gehorsam gegen Gott abzubringen (vgl. Mk 8,11.32-33;10,2;12,15 ). Aufgrund der Berufung, die er in der Taufe angenommen hatte, stellte sich Jesus der Konfrontation mit Satan und seinen Mächten. Das Markusevangelium ist nichts anderes als der Bericht dieses großen Kampfes, der seinen Höhepunkt am Kreuz erreichte. Schon gleich zu Beginn errang Jesus einen persönlichen Sieg über den Satan, auf den sich seine späteren Dämonensaustreibungen gründeten (vgl. Mk 3,22-30 ).



III. Jesu erstes Wirken in Galiläa
( Mk 1,14-3,6 )


Der erste größere Abschnitt des Markusevangeliums beginnt mit einer zusammenfassenden thematischen Aussage über Jesu Botschaft ( Mk 1,14-15 ). Es folgen die Berufung der ersten Jünger ( Mk 1,16-20;2,14 ), verschiedene Dämonenaustreibungen und Heilungen in und um Kapernaum ( Mk 1,21-45 ) und eine Reihe von Kontroversen mit jüdischen Theologen ( Mk 2,1-3,5 ). Die Passage schließt mit einem Mordkomplott der Pharisäer und der Anhänger des Herodes gegen Jesus ( Mk 3,6 ). In all diesen Geschehnissen manifestiert sich in Jesu Worten und Werken immer wieder seine Macht über alle Dinge.

A. Einführende Zusammenfassung: Die Botschaft Jesu
( Mk 1,14-15 ) ( Mt 4,12-17; Lk 4,14-21 )


Jesus begann in Galiläa zu predigen (vgl. Mk 1,9 ), nachdem Johannes der Täufer von Herodes Antipas I. gefangengesetzt worden war (vgl. die Tabelle zum Geschlecht des Herodes bei Lk 1,5 ). Der Grund für seine Gefangennahme wird in Mk 6,17-18 genannt. Bevor Jesus nach Galiläa ging, hielt er sich ungefähr ein Jahr lang in Judäa auf und wirkte dort (vgl. Joh 1,19-4,45 ). Daß Markus diese Einzelheit nicht erwähnt, zeigt, daß es ihm in seinem Evangelium nicht um einen vollständigen chronologischen Bericht über das Leben Jesu ging.



Mk 1,14


Die Worte gefangengesetzt war geben das griechische Verb paradothEnai , von paradidomi , "übergeben oder ausliefern", wieder, mit dem Markus auch Jesu Verrat durch Judas beschreibt ( Mk 3,19 ). Er sieht also offensichtlich eine Parallele zwischen den Erfahrungen von Johannes und Jesus (vgl. Mk 1,4.14 a). Die Verwendung des Passiv ohne erkennbares Subjekt macht deutlich, daß Johannes' Gefangennahme in Gottes Plan gehörte (vgl. die Parallele zu Jesus, Mk 9,31;14,18 ) und daß damit der Zeitpunkt für Jesu Wirken in Galiläa gekommen war (vgl. den Kommentar zu Mk 9,11-13 ).

Deshalb kam Jesus nach Galiläa und predigte ( kEryssOn ; vgl. Mk 1,4 ) das Evangelium ( euangelion ; vgl. V. 1 ) Gottes (von Gott). In manchen griechischen Handschriften steht an dieser Stelle vor "Gottes" noch die Einfügung "des Gottesreiches".



Mk 1,15


Jesus faßte seine Botschaft in zwei Aussagen und zwei Geboten zusammen. Die erste Aussage, die Zeit ist erfüllt , unterstrich den Beiklang des Endgültigen, der Jesu Verkündigung eigen war (vgl. Lk 4,16-21 ). Die von Gott festgesetzte Zeit der Vorbereitung und Erwartung, die Zeit des Alten Testaments, war nun, dem göttlichen Plan entsprechend, erfüllt (vgl. Gal 4,4 ; Hebr 1,2; 9,11-15 ).

Die zweite Aussage, das Reich Gottes ist herbeigekommen , war eine Schlüsselaussage in Jesu Botschaft. "Reich" ( basileia ) bedeutet soviel wie "Königtum" oder "königliche Herrschaft". Der Terminus steht für die souveräne Autorität eines Herrschers, die Tätigkeit des Herrschens selbst und den Herrschaftsbereich einschließlich seiner Vorzüge (vgl. Theological Dictionary of the New Testament [von nun an TDNT]; Grand Rapids: "basileia" , 1,579-80; und den Kommentar zu Mk 3,23-27 ). "Reich Gottes" ist also kein statischer, sondern ein dynamischer Begriff, der sich auf Gottes souveränes Handeln oder Herrschen über die Schöpfung bezieht.

Das Bild des Gottesreiches war den Juden zur Zeit Jesu durchaus vertraut. Angeregt durch die Prophezeiungen des Alten Testaments (vgl. 1Sam 7,8-17; Jes 11,1-10;24,23; Jer 23,4-6; Mi 4,6-7; Sach 9,9-10;14,9 ) erwarteten sie in der Zukunft ein messianisches davidisches Reich auf Erden (vgl. Mt 20,21; Mk 10,37;11,10;12,35-37;15,43; Lk 1,31-33;2,25.38; Apg 1,6 ). Jesus mußte also nicht erst Interesse für seine Botschaft wecken - seine Hörer bezogen seine Verweise auf das Gottesreich ganz selbstverständlich aufdas langerwartete Reich des Messias, das im Alten Testament vorhergesagt worden war.

Die Zeit der Entscheidung war nun gekommen; daher die doppelte Aufforderung Jesu an seine Hörer: "Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" Buße und Glaube gehören zusammen; sie sind eins und folgen nicht zeitlich aufeinander. "Buße tun" ( metanoeO ; vgl. Mk 1,4 ) heißt, sich von einem existierenden, konkret erfahrbaren Gegenstand des eigenen Vertrauens (z. B. von sich selbst) abzuwenden. "Glauben" ( pisteuO , hier pisteuete en , diese Wendung kommt so nur einmal im Neuen Testament vor) heißt, sich von ganzem Herzen einem Gegenstand des Glaubens anzuvertrauen. An das Evangelium, die "gute Nachricht", zu glauben bedeutete daher, an Jesus selbst als den Messias, den Sohn Gottes, zu glauben. Er ist der "Inhalt" des Evangeliums (vgl. V. 1 ); nur wer an ihn glaubt, kann in das Reich Gottes kommen oder es - als ein Geschenk - empfangen (vgl. Mk 10,15 ).

Das Volk Israel lehnte diese Aufforderung jedoch ab (vgl. Mk 3,6;12,1-12;14,1-2.64-65;15,31-32 ), und Jesus lehrte deshalb, daß er seine davidische Herrschaft auf Erden nicht sofort antreten werde (vgl. Lk 19,11 ). Erst nachdem Gott seinen Plan, Juden und Heiden zu retten und seine Kirche zu bauen, vollendet haben wird (vgl. Röm 16,25-27; Eph 3,2-12 ), wird Jesus zurückkehren und sein Reich auf Erden errichten ( Mt 25,31.34; Apg 15,14-18; Offb 19,15;20,4-6 ). Dann wird das Volk Israel wiederhergestellt und erlöst werden ( Röm 11,25-29 ) und die Erfüllungen der Verheißungen des Gottesreiches erleben.



B. Jesu Berufung von vier Fischern
( 1,16 - 20 ) ( Mt 4,18-22; Lk 5,1-11 )


Unmittelbar an die Wiedergabe des Kernstücks von Jesu Botschaft schließt sich bei Markus die Berufung von vier Fischern - zwei Brüderpaaren - als Jünger an. Der Evangelist macht damit deutlich, daß "Buße tun und an das Evangelium glauben" ( Mk 1,5 ) auch beinhaltet, mit seinem bisherigen Leben zu brechen und Jesus nachzufolgen, d. h. auf den Ruf des Messias zu antworten und sich ihm zur Verfügung zu stellen. Die Berufung dieser vier Männer war ein Vorverweis auf die spätere Berufung und Aussendung der Zwölf ( Mk 3,13-19;6,7-13.30 ), mit ihr begann Jesu Wirken in Galiläa.



Mk 1,16


Das Galiläische Meer (die semitische Bezeichnung für den See Genezareth), ein ungefähr zehn Kilometer breiter und zwanzig Kilometer langer, etwa zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel gelegener, warmer Süßwassersee, war der Standort eines blühenden Fischfang- und Fischverarbeitungsgewerbes. Er war das geographische Zentrum von Jesu Wirken in Galiläa.

Als er am Ufer des Sees entlangging, sah er Simon , mit dem Beinamen Petrus, und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze (drei bis fünf Meter große, runde Wurfnetze) ins Meer warfen . Bedeutsam daran war, wie Markus erklärt ( gar , "denn" ), daß sie Fischer von Beruf waren.


Mk 1,17-18


Die Worte folgt mir nach lauten wörtlich "geht hinter mir her", ein Fachausdruck, der soviel bedeutet wie: "Folgt mir als meine Schüler." Im Gegensatz zu einem Rabbiner, den seine Schüler wählten und aufsuchten, ergriff Jesus selbst die Initiative und berief seine Jünger.

Seine Berufung beinhaltete ein Versprechen: "Ich will euch zu Menschenfischern machen." ( genesthai , vgl. 8, 27). Er hatte sie für sein Reich "an Land gezogen" und wollte sie nun zu seinen Mitarbeitern machen. Sie sollten Fischer werden ( genesthai beinhaltet die Vorbereitung auf ihr künftiges Amt), die "Menschen" (vgl. Mk 8,27 ) "fangen".

Die Metapher des Fischens lag schon wegen des Berufes der Brüder nahe, doch sie hat außerdem auch einen alttestamentlichen Hintergrund (vgl. Jer 16,16; Hes 29,4-5; Am 4,2; Hab 1,14-17 ). Für die Propheten war sie allerdings ein Bild des göttlichen Gerichts, doch Jesus setzte sie in positivem Sinn ein, als Zeichen für die Vermeidung des Gerichts. Angesichts der nahe bevorstehenden gerechten Herrschaft Gottes (vgl. Mk 1,15 ) berief Jesus diese Männer dazu, die Menschen aus dem "Meer" (ein alttestamentliches Bild für Sünde und Tod, z. B. Jes 57,20 ) herauszufischen.

Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,12 ) verließen Simon und Andreas ihre Netze (ihren alten Beruf) und folgten ihm nach . In den Evangelien ist das Verb "nachfolgen" ( akoloutheO ), wenn es sich auf Einzelpersonen bezieht, ein Ausdruck der Berufung und der Annahme der Jüngerschaft. Das spätere Geschehen (vgl. V. 29-31 ) zeigt, daß die Jünger deshalb die Ihren nicht im Stich ließen (vgl. Mk 10,28 ); entscheidend war vielmehr, daß sie sich Jesus gegenüber als absolut treu erwiesen.



Mk 1,19-20


Bei der gleichen Gelegenheit sah Jesus Jakobus und Johannes , die Söhne des Zebedäus (vgl. Mk 10,35 ) und Geschäftspartner von Simon (vgl. Lk 5,10 ), wie sie im Boot die Netze flickten (von katartizO , "in Ordnung bringen, bereit machen") für den Fischzug der nächsten Nacht. Und alsbald ( euthys ) rief er sie , ihm zu folgen. Da ließen sie ihr altes Leben (das Fischerboot und die Netze) und ihre früheren Verpflichtungen ( ihren Vater Zebedäus und die Tagelöhner ) zurück und folgten ihm als Jünger nach (wörtlich: "gingen hinter ihm fort").

Markus erwähnt keine früheren Kontakte zwischen Jesus und diesen Fischern, doch Joh 1,35-42 deutet immerhin an, daß sie ihn bereits als den Messias Israels angenommen hatten. Später sammelte Jesus die Zwölf dann in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis um sich ( Mk 3,14-19 ). Markus kürzt die historischen Geschehnisse, die dazu führten, ab ( Mk 1,14-20 ); ihm ging es vor allem darum, die Macht Jesu über die Menschen und den Gehorsam derer, die ihm nachfolgten, herauszustellen.

Das Thema der Nachfolge hat im Markusevangelium, wie bereits erwähnt, einen ganz entscheidenden Stellenwert. Die Schilderung der Berufung der Jünger würde bei Markus' Lesern zwei Fragen auslösen: "Wer ist der, der da ruft?" und "Was heißt es, ihm zu folgen?" Diese Fragen wollte Markus beantworten. Er ging davon aus, daß es im Grunde zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den Jüngern (vgl. den Kommentar zu Mk 3,13;13,37 ) und seinen christlichen Lesern gab, so daß alles, was er über die ersteren schrieb, zur Unterweisung der letzteren dienen konnte. Schließlich ist die Nachfolge eine selbstverständliche Reaktion auf den Glauben an das Evangelium (vgl. Mk 1,15 ).



C. Jesu Macht über Dämonen und Krankheit
( 1,21-45 )


Die Vollmacht (V. 22 ) und Bedeutung (V. 38-39 ) der Worte Jesu, die die vier Fischer bereits gespürt hatten, fand eine weitere Bestätigung in seinen Taten. In Vers 21 - 34 werden Jesu Aktivitäten am Beispiel eines - vielleicht typischen - Sabbats in Kapernaum geschildert: seine Macht über Dämonen (V. 21 - 28 ), die Heilung der Schwiegermutter von Petrus (V. 29-31 ) und die Heilung weiterer Menschen nach Sonnenuntergang (V. 32 - 34 ). Die Verse 35 - 39 berichten von einem kurzen Rückzug zum Gebet und danach in geraffter Form von einer Predigtreise durch Galiläa. Ein wichtiges Ereignis auf dieser Reise war die Heilung eines Leprakranken (V. 40 - 45 ). Jesu machtvolle Worte und Taten lösten sowohl Erstaunen als auch Furcht bei den Menschen aus, und es war abzusehen, daß sie Anlaß zu Kontroversen geben würden ( Mk 2,1-3,5 ).

1. Die Heilung eines Besessenen
( 1,21-28 ) ( Lk 4,31-37 )


Mk 1,21-22


Die vier neugewonnenen Jünger begleiteten Jesus in ihre nahegelegene Heimatstadt Kapernaum (vgl. Mk 2,1;9,33 ) am nordwestlichen Ufer des Sees Genezareth. Kapernaum wurde zum Mittelpunkt des Wirkens Jesu in Galilaä (vgl. Lk 4,16-31 ). A lsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ), am Sabbat (Samstag), besuchte Jesus den Gottesdienst in der Synagoge , dem jüdischen Versammlungs- und Gotteshaus (vgl. V. 23.29.39 ; Mk 3,1;6,2; 12,39; 13,9 ). Zweifellos auf Einladung des Synagogenvorstehers lehrte er dort (vgl. Apg 13,13-16 ). Markus bezieht sich immer wieder auf das Lehramt Jesu ( Mk 2,13;4,1-2;6,2.6.34;8,31;10,1;11,17;12,35;14,49 ), er geht jedoch nur ganz selten auf den Inhalt seiner Lehre ein.

Die Hörer in Kapernaum waren jedenfalls entsetzt ( exeplEssonto ; wörtlich: "erstaunt, verwirrt, überwältigt", auch in Mk 6,2;7,37;10,26;11,18 ) über die Art und Weise und über den Inhalt seiner Lehre (vgl. Mk 1,14-15 ). Jesus lehrte mit der Vollmacht Gottes und stellte die Menschen damit vor Entscheidungen - ganz im Gegensatz zu den Schriftgelehrten , die nur das Gesetz und seine mündliche Auslegung kannten. Ihr Wissen stammte lediglich aus der schriftlichen Überlieferung, sie zitierten also einfach ihre Vorgänger.



Mk 1,23-24


Die Anwesenheit Jesu und seine in der Vollmacht Gottes vorgetragene Lehre in der Synagoge bewirkte bei einem Menschen, der von einem unreinen Geist (die semitische Bezeichnung für "Dämon"; vgl. V. 34 ) besessen war, alsbald ( euthys vgl. V. 10 ) einen heftigen Anfall.

Der Dämon sprach aus dem Mann, der schrie: Was willst du von uns ...? Das ist die Übersetzung einer hebräischen Redewendung, die das Zerrissensein von unvereinbaren, einander widerstrebenden Kräften zum Ausdruck bringt (vgl. Mk 5,7; Jos 22,24; Ri 11,12; 1Sam 16,10; 19,23 ).

Die Frage des Dämons wird in der folgenden Erklärung, "Du bist (in die Welt) gekommen, uns zu vernichten" , sogleich von ihm selbst beantwortet und auf den Punkt gebracht. Das Pronomen "uns" in beiden Sätzen deutet darauf hin, daß er weiß, was die Gegenwart Jesu auf Erden für alle dämonischen Mächte bedeutet (vgl. Mk 1,15 ), nämlich die äußerste Bedrohung ihrer Macht und ihres Wirkens.

Im Gegensatz zu den meisten Menschen erkannte der Dämon Jesu wahres Wesen und seine wirkliche Identität als der Heilige Gottes (vgl. Mk 3,11;5,7 ), der ermächtigt war durch den Heiligen Geist. Daher wußte er auch, woher Jesu Macht kam.



Mk 1,25-26


Mit wenigen klaren Worten (nicht etwa mit Zaubersprüchen) bedrohte ( epetimEsen ; vgl. Mk 4,39 ) Jesus den bösen Geist und befahl ihm, aus dem Mann auszufahren. Verstumme ist die Übersetzung des ausdrucksvollen griechischen Verbs phimOthEti , "zum Schweigen oder Verstummen gebracht werden"; vgl. Mk 4,39 ). Der unreine Geist gehorchte der Autorität Jesu. Er verließ den Besessenen unter Krämpfen und fuhr mit lauten Schreien aus von ihm.

Jesus nahm also die abwehrende Äußerung des Dämons (V. 24 ) nicht hin, denn das wäre ein Ausweichen vor seiner Aufgabe, Satan und seinen Mächten gegenüberzutreten und sie zu besiegen, gewesen. Seine Macht über die bösen Geister war der Beweis, daß Gottes Herrschaft mit ihm angebrochen war (vgl. V. 15 ). Dieser erste Exorzismus war der Ausgangspunkt einer ständigen Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Dämonen, die eine wichtige Rolle im Markusevangelium spielt. (Vgl. die Liste von Jesu Wunder bei Joh 2,1-11 .)



Mk 1,27-28


Alle entsetzten sich ( ethambEthEsan , "überrascht, erstaunt"; vgl. Mk 10,24.32 ) angesichts dessen, was sie da erlebten. Ihre Frage was ist das? bezog sich sowohl auf Jesu Lehre als auch auf seine Austreibung eines Dämons allein durch sein befehlendes Wort. Seine Lehre war neu ( kainE ) in ihrer Art und wurde in einer Vollmacht ausgesprochen (vgl. Mk 1,22 ), die sogar die Dämonen zwang, ihm zu gehorchen (sich ihm zu unterwerfen; vgl. Mk 4,41 ). Markus berichtet denn auch knapp, daß die Kunde von ihm alsbald ( euthys ; vgl. V. 10 ) überall im ganzen galiläischen Land erscholl .


2. Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus
( Mk 1,29-31 ) ( Mt 8,14-15; Lk 4,38-39 )


Mk 1,29-31


Alsbald ( euthys ; vgl. V. 10 ), nachdem sie die Sabbatversammlung in der Synagoge verlassen hatten, begaben sich Jesus und die vier Jünger in das nahegelegene Haus des Simon (Petrus) und Andreas . Dieses Haus wurde so etwas wie ein Hauptquartier für Jesus, wenn er sich in Kapernaum aufhielt (vgl. Mk 2,1;3,20;9,33;10,10 ).

Dort wurde ihm gleich bei seinem Kommen ( euthys ; vgl. V. 10 ) berichtet, daß Simons Schwiegermutter mit Fieber zu Bett lag. Voller Mitleid trat Jesus zu ihr, nahm, ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand und richtete sie auf. Das Fieber verließ sie vollständig, und ohne, wie es nach so hohem Fieber üblich ist, noch geschwächt zu sein, stand sie auf und begann, ihren Gästen zu dienen ( diEkonei , Imperfekt).



3. Die Heilung vieler Menschen bei Sonnenuntergang
( 1,32 - 34 ) ( Mt 8,16-17; Lk 4,40-41 )


Mk 1,32-34


Hier wird von der Aufregung berichtet, die nach den wunderbaren Vorkommnissen an diesem Sabbat in Kapernaum herrschte. Die doppelte Zeitangabe, am Abend aber, als die Sonne untergegangen war , will ganz deutlich machen, daß die Bewohner von Kapernaum, um das Gesetz (vgl. 2Mo 20,10 ) oder die rabbinischen Vorschriften, nach denen es verboten war, am Sabbat zu arbeiten, nicht zu verletzen (vgl. Mk 3,1-5 ), offensichtlich warteten, bis der Sabbat vorüber war (bei Sonnenuntergang), und erst dann die Kranken zu Jesus brachten.

Dann aber brachten (wörtlich: "trugen, schleppten", Imperfekt) sie alle physisch Kranken und Besessenen (nicht: "von Teufeln Besessenen", wie es manchmal heißt, denn es gibt nur einen Teufel) zu ihm. Wieder wird dabei ganz klar zwischen physischer Krankheit und dämonischer Besessenheit unterschieden (vgl. Mk 6,13 ). Es hat den Anschein, als habe sich an jenem Abend die ganze Stadt (Hyperbel; vgl. Mk 1,5 ) vor der Tür von Simons Haus versammelt . Jesus hatte Mitleid mit den Qualen der Menschen und half vielen Kranken (ein hebräisches Idiom, das bedeutet, er half "allen, die gebracht wurden"; vgl. V. 32 ; Mk 10,45; Mt 8,16 ), die mit den verschiedensten Gebrechen behaftet waren. Außerdem trieb er ( exebalen , von ekballO ; vgl. Mk 1,12.39 ) viele böse Geister aus , die er jedoch, wie zuvor bei dem besessenen Mann (V. 23 - 26 ), zum Schweigen brachte und nicht davon reden ließ, daß sie ihn erkannten, womit er bewies, daß sie gegen ihn machtlos waren.

Die Wunder, von denen Jesu Predigt begleitet war, steigerten seine Popularität. Er tat sie jedoch nicht, um die Menschen mit seiner Macht zu beeindrucken, sondern um die Echtheit seiner Botschaft zu beweisen (vgl. V. 15 ).



4. Der Rückzug zum Gebet und die Predigtreise durch Galiläa
( 1,35 - 39 ) ( Lk 4,42-44 )


Mk 1,35


Trotz der Anstrengung des vergangenen Tages (V. 21 - 34 ) stand Jesus am nächsten Morgen noch vor Tage auf (etwa um vier Uhr morgens) und ging hinaus an eine einsame ( erEmon , "unbewohnt, abgelegen") Stätte und betete dort . Er zog sich vor dem Ansturm der Menschen in Kapernaum in die Wüste zurück - den Ort, an dem er zum ersten Mal Satan begegnet war und seinen Versuchungen widerstanden hatte (vgl. V. 12 - 13 ).

Dreimal zeigt Markus Jesus im Gebet: zu Beginn seines Berichts (V. 35 ), in der Mitte ( Mk 6,46 ) und am Ende ( Mk 14,32-42 ). Jedesmal ist eine Atmosphäre von Dunkelheit und Einsamkeit um ihn. In allen drei Situationen stand Jesus vor der Versuchung, seinen messianischen Auftrag auf angenehmere, weniger mühselige Art und Weise zuerfüllen. Doch jedesmal gab das Gebet ihm Kraft, die übernommene Aufgabe weiterzuführen.



Mk 1,36-37


Als die Menge in der Annahme, Jesus dort vorzufinden, zu Simons Haus zurückkehrte, war er bereits fort. Simon aber und die bei ihm waren (vgl. V. 29 ), eilten ihm nach (wörtlich: "jagten ihm nach", von katadiOkO , das nur an dieser Stelle im Neuen Testament steht). In ihrem Ausruf, jedermann sucht dich , schwingt eine gewisse Verärgerung mit, denn sie waren der Meinung, Jesus lasse in Kapernaum einige ausgezeichnete Chancen ungenutzt verstreichen.



Mk 1,38-39


Jesu Antwort zeigt, daß auch die Jünger ihn und sein eigentliches Amt offensichtlich nicht verstanden. Sein Plan war, anderswohin zu gehen, in die nächsten Städte - Marktflecken, in denen es viele Menschen gab -, um auch dort zu predigen (vgl. Mk 4,14 ). Seine Erklärung denn dazu (um zu predigen) bin ich gekommen bezieht sich wahrscheinlich nicht auf den Weggang aus Kapernaum (er hatte die Stadt ja nur verlassen, um zu beten; V. 35 ), sondern auf seinen göttlichen Auftrag. Er wollte "das Evangelium Gottes" verkündigen (V. 14 ) und die Menschen auffordern, "Buße zu tun und zu glauben" (V. 15 ). Da die Bewohner von Kapernaum in ihm jedoch lediglich einen Wundertäter sahen, verließ er ihre Stadt, um anderswo zu predigen.

Vers 39 faßt seine Reise durch ganz Galiläa (vgl. V. 28 ), die wahrscheinlich mehrere Wochen dauerte, in einem Satz zusammen (vgl. Mt 4,23-25 ). Hauptsächlich predigte er (vgl. Mk 1,14-15 ) in den Synagogen und verlieh seiner Botschaft besondere Schlagkraft, indem er die bösen Geister austrieb ( ekballOn ; vgl. V. 34 ).



5. Die Heilung eines Leprakranken
( 1,40 - 45 ) ( Mt 8,1-4; Lk 5,12-16 )


Mk 1,40


Auf Jesu Reise durch Galiläa kam zu ihm ein Aussätziger - ein Schritt, der von einem Leprakranken sehr viel Mut verlangte. Als "Aussatz" wurden damals eine Vielzahl schwerer Hauterkrankungen bezeichnet, von der Ringelflechte bis hin zur echten Lepra (Hanson Bazillus), einer progressiv verlaufenden Krankheit. Der Mann, der da zu Jesus kam, führte ein elendes Dasein, nicht nur wegen der verheerenden physischen Auswirkungen seiner Krankheit, sondern auch wegen der rituellen Unreinheit (vgl. 3Mo 13-14 ) und dem Ausschluß aus der Gesellschaft. Die Lepra, ein alttestamentliches Bild für die Sünde, brachte den Betroffenen vielfältiges Leid: auf physischer, psychischer, sozialer und religiöser Ebene.

Die Rabbiner hielten Lepra für unheilbar. Nur in zwei Fällen berichtet das Alte Testament, daß Gott einen Aussätzigen heilte ( 4Mo 12,10-15; 2Kö 5,1-14 ). Trotzdem war dieser Mann überzeugt, daß Jesus ihm helfen konnte. Ohne Anmaßung ("willst du") und zugleich ohne jeden Zweifel an Jesu Fähigkeit, ihn zu heilen ( so kannst du mich reinigen ), kniete er demütig vor Jesus nieder und bat ihn, ihn gesund zu machen.


Mk 1,41-42


Jesus jammerte ( splanchnistheis , "tiefes Mitleid haben") der Mann - er berührte den Unberührbaren und heilte den Unheilbaren! Diese Berührung zeigte, daß die rabbinischen Reinheitsvorschriften für Jesus keine Gültigkeit hatten. Sowohl seine symbolische Berührung (vgl. Mk 7,33;8,22 ) als auch sein mit göttlicher Vollmacht gesprochener Satz - ich will's tun (Präsens), sei rein (Aorist passiv; der Kranke erfährt den neuen Zustand als etwas bereits Geschehenes) - bewirkten die Heilung. Der Mann wurde auf der Stelle ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) vollständig und vor aller Augen gesund.



Mk 1,43-44


Die hart klingenden Worte trieb ihn von sich ( exebalen ; vgl. V. 12 ) alsbald ( euthys ; vgl. V. 10 ) und drohte ihm (vgl. Mk 14,5 ) veranschaulichen den unbedingten Gehorsam, den Jesus für seine in Vers 44 gegebenen Anweisungen von dem Geheilten verlangte.

Zuerst warnte er ihn streng (dasselbe Verb wie in Mk 14,5 ): "Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst" (über diese Heilung). Wahrscheinlich handelte es sich dabei um ein zeitlich beschränktes Gebot, das nur solange in Kraft war, bis die Reinheit des Mannes durch den Priester bestätigt worden war. Doch auch in anderen Fällen verlangte Jesus häufig Stillschweigen von den Menschen, die seine Wunder erlebten, und war darauf aus, daß möglichst wenig über seine wahre Identität und seine wunderbaren Kräfte geredet wurde (vgl. Mk 1,25.34;3,12;5,43;7,36;9,9 ). Warum tat er das? Manche Forscher vertreten die Ansicht, daß Markus und die anderen Evangelisten diese Schweigegebote später einfügten, um zu erklären, warum die Juden Jesus während seines Wirkens auf Erden nicht als Messias anerkannten. Diese Theorie vom sogenannten "Messiasgeheimnis" besagt, daß die Messianität Jesu verborgen blieb.

Eine befriedigendere Lösung scheint jedoch in der Annahme zu liegen, daß Jesus versuchte, Mißverständnisse zu vermeiden, die eventuell zu einer verfrühten und/oder von irrigen Vorstellungen geleiteten Reaktion des Volkes geführt hätten (vgl. den Kommentar zu Mk 11,28 ). Er wollte nicht, daß bekannt wurde, wer er war, bevor er den Charakter seiner Mission nicht ganz klargemacht hatte (vgl. den Kommentar zu Mk 8,30;9,9 ). Der Schleier, der über seiner Identität lag, lüftete sich also erst allmählich, bis Jesus sich dann am Ende öffentlich zu seiner Messianität bekannte ( Mk 14,62; vgl. Mk 12,12 ).

Zum anderen wies Jesus den geheilten Aussätzigen an, sich dem Priester zu zeigen , der ihn als einziger für rituell rein erklären konnte, und zu opfern, was Mose geboten hatte (vgl. 3Mo 14,2-31 .

Diese Forderung ist erläutert in der Wendung ihnen zum Zeugnis , die entweder in positivem Sinne ("als überzeugender Beweis") oder negativ ("als belastendes Indiz") für die Menschen im allgemeinen oder für die Priester im besonderen verstanden werden konnte. In diesem Zusammenhang ist, wie auch in den beiden anderen Fällen, in denen diese Wendung im Markusevangelium vorkommt ( Mk 6,11;13,9 ), der negativen Deutung der Vorzug zu geben. Ein solches "Zeugnis" wäre dann also ein Beweis, der als Beleg für die Anklage verwendet werden kann (vgl. TDNT; "martys"; 4,502-4), und "ihnen" bezieht sich auf die Priester.

Die Heilung des Aussätzigen war ein untrügliches Zeichen für die Gegenwart des Messias (vgl. Mt 11,5; Lk 7,22 ) und den Beginn eines neuen Abschnittes in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Wenn die Priester nun den Aussätzigen für rein erklärten, den, der ihn rein gemachte hatte, jedoch verwarfen, würde ihr Unglaube als Beweis ihrer Schuld gegen sie sprechen.

 

Mk 1,45


Statt aber Jesus zu gehorchen, ging der Mann fort und fing an, viel davon zu reden (wörtlich: "es viel zu verkündigen"; kEryssein ) und die Geschichte seiner Heilung weit und breit bekannt zu machen. Ob er Jesu zweitem Gebot, sich dem Priester zu zeigen, Folge leistete, wird nicht gesagt.

Als Folge dieser Handlungsweise konnte Jesus seine Predigttätigkeit in den Synagogen von Galiläa (vgl. V. 39 ) nicht fortsetzen. Er konnte nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen , ohne daß sich eine große Menge um ihn sammelte und ihn mit den verschiedensten Anliegen bedrängte. Selbst wenn er sich an einsame ( erEmois , "unbewohnt, abgelegen"; vgl. V. 35 ) Orte zurückzog, strömten die Menschen von allen Enden zu ihm.

Die Befreiung, die Jesus brachte, ging über das mosaische Gesetz und seine Regeln hinaus. Obwohl das Gesetz Vorschriften für die rituelle Reinigung eines Aussätzigen vorsah, war es doch nicht in der Lage, jemanden von dieser Krankheit zu heilen oder ihn innerlich, geistlich, zu erneuern.

 

D. Jesu Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten und Pharisäern in Galiläa
( 2,1 - 3,5 )


Markus stellte die fünf Episoden, um die es hier geht, in einen Zusammenhang, weil sie alle denselben thematischen Schwerpunkt haben - den Konflikt zwischen Jesus und den jüdischen Religionsführern in Galiläa. Die chronologische Reihenfolge ist daher nicht genau eingehalten. An einer späteren Stelle ( Mk 11,27-12,37 ) findet sich nochmals eine ähnliche Sammlung von fünf ebenfalls kontrovers verlaufenden Begegnungen im Tempel in Jerusalem.

Im vorliegenden Fall entzündete sich der Streit an Jesu Macht über Sünde und Gesetz. Der Bericht über den ersten Zwischenfall wird von einem summarischen Verweis auf Jesu Predigttätigkeit eingeleitet ( Mk 2,1-2 ). Markus benutzt solche Bemerkungen häufig als literarisches Stilmittel, um Jesu eigentliches Amt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und seine Erzählung bis zum nächsten Ereignis, auf das näher einzugehen dann wieder in den Aufbau seines Evangeliums paßt, zu überbrücken (vgl. Mk 1,14-15.39;2,1-2.13;3,7-12.23;4,1.33-34;8,21-26.31;9,31;10,1;12,1 ).

1. Die Heilung eines Gelähmten und die Sündenvergebung
( 2,1-12 ) ( Mt 9,1-8; Lk 5,17-26 )


Mk 2,1-2


Als Jesus nach einigen Tagen nach Kapernaum zurückkehrte (vgl. Mk 1,21 ), sprach es sich herum, daß er im Hause (wahrscheinlich im Haus von Petrus; vgl. Mk 1,29 ) war. Nach jüdischem Brauch drängten viele Uneingeladene herzu, die bis vor die Tür standen und den Eingang versperrten. Jesus sagte (Imperfekt, elalei ) ihnen das Wort (vgl. Mk 1,14-15;4,14.33 ).



Mk 2,3-4


Da brachten sie auf einem Bett einen Gelähmten, von vieren getragen , in der Hoffnung, ihn zu Jesus bringen zu können. Doch sie konnten nicht ins Haus wegen der Menge . Wie viele Häuser in Palästina besaß auch dieses wahrscheinlich eine Außentreppe, die auf das flache Dach führte. Die Männer stiegen hinauf, deckten das Dach auf (die Dächer bestanden aus Gras, Lehm, Lehmziegeln und Latten), wo Jesus stand, machten ein Loch und ließen das Bett hinunter, auf dem der Gelähmte lag (wahrscheinlich mit Hilfe von herumliegenden Tauen).



Mk 2,5


Jesus sah diese entschlossenen Bemühungen der vier als sichtbares Zeichen ihres Glaubens an seine Macht, den Kranken zu heilen. Er tadelte sie nicht für die Unterbrechung seiner Predigt, sondern sagte - völlig überraschend - zu dem Gelähmten: Mein Sohn (eine liebevolle Anrede) , deine Sünden sind dir vergeben .

Im Alten Testament galten Krankheit und Tod als Folge des sündigen Zustands der Menschen, und die Heilung war ein Zeichen für Gottes Vergebung (z. B. 2Chr 7,14; Ps 41,4;103,3;147,3; Jes 19,22;38,16-17; Jer 3,22; Hos 14,5 ). Das heißt nicht, daß jede Krankheit durch eine ihr vorausgehende Sünde ausgelöst wird (vgl. Lk 13,1-5; Joh 9,1-3 ). Jesus wollte hier einfach sagen, daß die Krankheit dieses Mannes im Grunde eine geistliche Ursache hatte.



Mk 2,6-7


Die anwesenden Schriftgelehrten (wörtlich "Schreiber") fühlten sich von dieser rätselhaften Äußerung Jesu vor den Kopf gestoßen. Nur Gott kann Sünden vergeben (vgl. 2Mo 34,6-9; Ps 103,3;130,4; Jes 43,25;44,22; Dan 9,9 ). Im Alten Testament wurde die Fähigkeit zur Sündenvergebung nirgends mit dem Messias in Verbindung gebracht. Für die Schriftgelehrten war eine solche Rede von "dem da" deshalb ein anmaßender Affront gegen Gottes Macht und Autorität - er lästerte damit Gott , ein schweres Verbrechen, das mit Steinigung bestraft wurde ( 3Mo 24,15-16 ). Tatsächlich wurde Jesus später aufgrund des Vorwurfs der Gotteslästerung öffentlich verurteilt (vgl. Mk 14,61-64 ).



Mk 2,8-9


Jesus erkannte sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) in seinem Geist ihre feindseligen Gedanken und stellte ihnen einige pointierte Gegenfragen (ein rhetorisches Stilmittel in einem Streitgespräch zwischen Rabbinern; vgl. Mk 3,4;11,30;12,37 ).


Mk 2,10


Dieser Vers bereitet den Exegeten aufgrund der Adressatenänderung in der Mitte einige Schwierigkeiten. Jesus schien sich zunächst an die Schriftgelehrten zu wenden (V. 10 a), doch dann findet noch im selben Vers ein abrupter Bruch statt, nach dem er dann plötzlich zu dem Gelähmten sprach. Ein zweites Problem angesichts des "Messiasgeheimnisses" bei Markus ist die öffentliche Verwendung des Titels "Menschensohn" durch Jesus selbst, in Gegenwart ungläubiger Zuhörer und zu einem so frühen Zeitpunkt seines Wirkens (vgl. Mk 9,9;10,33 ). Außer an dieser Stelle und in Vers 28 fällt dieser Titel im Markusevangelium erst wieder im Zusammenhang mit dem Bekenntnis des Petrus ( Mk 8,29 ). Danach taucht er zwölfmal auf und spielt auch bei der Selbstoffenbarung Jesu vor seinen Jüngern eine wichtige Rolle (vgl. Mk 8,31.38;9,9.12.31;10,33.45;13,26;14,21 [zweimal] 41.62 ; vgl. auch den Kommentar zu Mk 8,31 ).

Vor dem Hintergrund dieser Schwierigkeiten könnte man Vers 10 a vielleicht als einen redaktionellen Einschub von Markus sehen (vgl. auch V. 15 c. 28 ; Mk 7,3-4.19;13,14 ). Er fügte ihn möglicherweise in seinen Bericht ein, um seinen Lesern die entscheidende Bedeutung dieses Ereignisses vor Augen zu führen: daß Jesus als der auferstandene Menschensohn die Vollmacht ( exousian , das Recht und die Macht) hat, Sünden zu vergeben auf Erden , etwas, was die Schriftgelehrten nicht wußten. Nur an dieser Stelle in den Evangelien wird dem Menschensohn dieses Recht zugeschrieben.

Diese Annahme spräche dann auch für die literarische Einheit des Textabschnitts: die Sündenvergebung wird ausgesprochen ( Mk 2,5 ), in Frage gestellt ( 6 - 9 ), bekräftigt ( 11 ) und für alle erkennbar ( 12 ). Die Eingangsworte von Vers 10 , damit ihr aber wißt , könnten also auch übersetzt werden: "ihr (die Leser des Markusevangeliums) solltet nun wissen, daß ...." Der Nachsatz bezeichnet dann das Ende der Randbemerkung des Evangelisten und die Rückkehr zum Geschehen selbst.



Mk 2,11-12


Jesus gebot dem Gelähmten: "Steh auf (eine Prüfung seines Glaubens) , nimm dein Bett und geh heim (die Forderung nach Gehorsam)." Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) war der Mann in der Lage, dieser Aufforderung nachzukommen, vor aller Augen , auch der Kritiker Jesu. Durch diese Demonstration wurden sie praktisch gezwungen einzusehen, daß der Mann tatsächlich Gottes Vergebung empfangen hatte. Das Geschehene machte deutlich, wie die Rettung, die Jesus brachte, eigentlich aussah: es war ein Heil-Machen des ganzen Menschen. Alle (wahrscheinlich auch die Schriftgelehrten) entsetzten sich ( existasthai , wörtlich: "gerieten außer sich"; vgl. Mk 3,21;5,42;6,51 ) und priesen (gaben ihm die Ehre) Gott für diese Zurschaustellung übernatürlicher Macht.



2. Die Berufung des Levi und das Mahl mit den Zöllnern
( 2,13 - 17 ) ( Mt 9,9-13; Lk 5,27-32 )


Mk 2,13


Jesus ging wieder hinaus aus Kapernaum an den See (Genezareth; vgl. Mk 1,16 ). Markus bringt seine Tätigkeit erneut auf die Formel, daß er alles Volk lehrte, das weiterhin zu ihm strömte, um ihn zu hören. Der Rückzug Jesu aus der Stadt und ihrem Gedränge zieht sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Markusevangelium (vgl. Mk 1,45;2,13;3,7.13;4,1;5,21; usw.) und läßt immer wieder das "Wüsten"-Thema vom Anfang anklingen (vgl. Mk 1,4.12-13.35.45 ).



Mk 2,14


Kapernaum war ein Zollknotenpunkt auf der Karawanenroute von Damaskus zum Mittelmeer. Unter den dortigen Zöllnern befand sich auch Levi - mit zweitem Namen Matthäus (vgl. Mk 3,18; Mt 9,9;10,3 ) -, ein jüdischer Steuereinnehmer im Dienste des Herodes Antipas, zu dessen Herrschaftsbereich Galiläa gehörte (vgl. die Tabelle zum Geschlecht des Herodes bei Lk 1,5 ). Diese Beamten, die häufig mit unlauteren Methoden arbeiteten und die Menschen übervorteilten, waren bei den Juden in höchstem Maße verhaßt. Trotzdem forderte Jesus Levi freundlich auf, ihm zu folgen und seinen alten Beruf aufzugeben (vgl. Mk 1,17-18 ). Mk 2,15-16 : Bald darauf gab Matthäus ein Festmahl für Jesus und seine Jünger . Dies ist die erste von insgesamt dreiundvierzig Stellen, an denen Markus die "Jünger" als besondere Gruppe erwähnt. Er fügt noch kommentierend hinzu, daß es viele (Jünger) waren, die ihm nachfolgten , nicht nur die fünf, die Jesus bis jetzt berufen hatte.

Viele Zöllner (Levis frühere Kollegen) und "Sünder" , eine Bezeichnung für die einfachen Leute, die nach Ansicht der Pharisäer das Gesetz nicht kannten und sich nicht an die strengen pharisäischen Regeln hielten, nahmen an diesem Mahl teil. Daß Jesus und seine Jünger mit solchen Menschen aßen (ein Ausdruck des Vertrauens und der Kameradschaft), stellte für die Schriftgelehrten unter den Pharisäern eine Beleidigung dar. Die Pharisäer, die einflußreichste religiöse Gruppierung in Palästina, orientierten sich ganz am mosaischen Gesetz. Sie richteten ihr Leben streng nach den von ihnen als bindend verstandenen Auslegungen der Gebote aus, die auf mündlichem Wege weitergegeben wurden. Besonderen Wert legten sie auf die rituelle Reinheit (vgl. Mk 7,1-5 ) - ein Grund, Jesus, der die fromme Unterscheidung zwischen "den Gerechten" (ihnen selbst) und "den Sündern" nicht beachtete und sich nicht von derartigen Elementen fernhielt, hier als Abtrünnigen anzugreifen.



Mk 2,17


Jesus beantwortete ihre Kritik mit einem bekannten Sprichwort (dessen Richtigkeit auch seine Widersacher nicht bezweifelten) und mit einem Hinweis auf seinen Auftrag, der sein Betragen rechtfertigte. Die Wendung die Gerechten ist hier ironisch gemeint und bezog sich auf diejenigen, die sich selbst für gerecht hielten: auf die Pharisäer (vgl. Lk 16,14-15 ), die nicht einsahen, warum sie Buße tun und glauben sollten (vgl. Mk 1,15 ). Doch Jesus wußte, daß jedermann, auch "der Gerechte", sündig ist. Er kam (in die Welt), um die Sünder in das Gottesreich zu rufen - diejenigen, die in Demut erkennen, was ihnen fehlt, und seine gnädige Vergebung empfangen. Deshalb aß Jesus mit den Sündern (vgl. Mk 2,5-11.19-20 ).



3. Die Frage des Fastens angesichts der mit Jesu Kommen gegebenen neuen Situation
( 2,18 - 22 ) ( Mt 9,14-17; Lk 5,33-39 )


Mk 2,18


Markus berichtet, daß die Jünger des Johannes (der verbliebene treue Rest der Anhänger Johannes des Täufers) und die Pharisäer (sowie ihre Jünger oder Anhänger) viel fasteten , während Jesus und seine Jünger es sich in Levis Haus wohlsein ließen. Das Alte Testament schrieb ein Fasten für alle Juden als einen Akt der Buße nur am Versöhnungstag vor ( 3Mo 16,29-31 ), doch die Pharisäer propagierten darüber hinaus ein freiwilliges Fasten an jedem Montag und Donnerstag als Akt der Frömmigkeit (vgl. Lk 18,12 ). Als Antwort auf die kritische Anfrage einiger Leute erklärte Jesus, wie widersinnig es für seine Jünger wäre, in ihrer Situation zu fasten ( Mk 2,19-22 ). Dabei lehnte er das Fasten nicht prinzipiell ab, sondern befürwortete es, wenn es auf die rechte Weise geschah (vgl. Mt 6,16-18 ).



Mk 2,19-20


Mit dem Vergleich, den Jesus in seiner Gegenfrage zog, stellte er eine verborgene Analogie zu sich selbst her. Wie es für Hochzeitsgäste (wörtlich: "Söhne des Brautgemachs", die Begleiter des Bräutigams) unangemessen wäre zu fasten (ein Ausdruck der Trauer), wenn der Bräutigam anwesend ist, so war es auch für Jesu Jünger unangebracht (in Trauer) zu fasten, solange er bei ihnen war .

Jesu Anwesenheit gab zu ebensogroßer Freude Anlaß wie ein Hochzeitsfest. Aber die Freude würde nicht von Dauer sein, denn es würde die Zeit (wörtlich: "die Tage") kommen, daß der Bräutigam (Jesus) von ihnen genommen ( aparthE ; das Verb impliziert eine gewalttätige Entfernung, Raub; vgl. Jes 53,8 ) würde. An jenem Tage (seiner Kreuzigung) würden die Jünger fasten, im metaphorischen Sinn vonTrauern statt Fröhlichsein. Diese Anspielung auf seinen bevorstehenden Tod ist der erste Hinweis auf das Kreuz im Markusevangelium.



Mk 2,21-22


Die beiden ersten Gleichnisse Jesu, die Markus erzählt, haben einen breiteren Bedeutungshorizont als nur das Thema "Fasten". Mit Jesu Anwesenheit bei seinem Volk brach eine neue Zeit (die Zeit der Erfüllung) an, sein Kommen war ein Zeichen, daß das Alte vergangen war.

Der Versuch, diese Neuheit des Evangeliums mit der alten Religion des Judentums zu verbinden, war ebenso nutzlos, wie einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes ( palaion , "abgetragen") Kleid zu setzen. Wenn der neue (kainon, "qualitativ neu") Lappen ( plErOma , "Fülle") naß wird, wird er einlaufen und vom alten abreißen, und der Riß wird noch ärger werden.

Ebenso katastrophal wirkt es sich aus, wenn man neuen ( neon , "frisch"), noch nicht voll ausgegorenen Wein in alte ( palaious , "abgenutzt", ohne Elastizizität, brüchig) Schläuche füllt . Wenn der neue Wein gärt (sich ausdehnt), zerreißt er die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch. Die Rettung, die Jesus brachte, hatte nichts mehr mit dem alten jüdischen System zu tun (vgl. Joh 1,17 ).



4. Das Ährenraufen und -essen am Sabbat
( 2,23 - 28 ) ( Mt 12,1-8; Lk 6,1-5 )


Mk 2,23-24


Als Jesus am Sabbat auf einem Fußweg durch ein Kornfeld ging, fingen seine Jünger an, Ähren auszuraufen und sie zu essen. Das war zwar vom Gesetz her erlaubt ( 5Mo 23,25 ), doch für die Pharisäer war es gleichbedeutend mit "ernten", also eine "Arbeit", die ja am Sabbat verboten war (vgl. 2Mo 34,21 ). Sie forderten daher eine Erklärung von Jesus.



Mk 2,25-26


Dieser berief sich in seiner Antwort auf die Schrift, und zwar auf einen Präzedenzfall, den David und die bei ihm waren geschaffen hatten, als sie in Not waren und hungerten ( 1Sam 21,2-7 ). Die Worte "die bei ihm waren" und "in Not" sind an diesem Vorfall entscheidend. David ging in das Haus Gottes, ließ sich die Schaubrote geben (vgl. 3Mo 24,5-9 ), die nach dem mosaischen Gesetz den Priestern vorbehalten waren (vgl. 3Mo 24,9 ), und gab sie auch denen, die bei ihm waren . Jesus benutzte diese Tat, die Gott nicht verurteilt hatte, um zu zeigen, daß die engstirnige Gesetzesauslegung der Pharisäer Gottes eigentliche Absicht entstellte. Die Bedürfnisse der Menschen hatten - auch von der innersten Bedeutung des Gesetzes her - Vorrang vor allen zeremoniellen Vorschriften.

Nach Markus fand Davids "Übergriff" zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters , statt, doch in Wirklichkeit war damals Abimelech, der Vater des Abjatar, Hohepriester ( 1Sam 21,2 ). Eine plausible Erklärung für diese Verwechslung ergibt sich, wenn man die einleitende Wendung mit "in der Passage über Abjatar, den Hohenpriester" (vgl. die Parallelstelle bei Mk 12,26 ) übersetzt. So pflegten die Juden jeweils einen bestimmten Abschnitt des Alten Testaments, auf den sie sich bezogen, anzugeben. Da Abjatar, der kurz nach Abimelech Hoherpriester wurde, wesentlich bekannter war als sein Vater, ist es durchaus gerechtfertigt, daß Markus an dieser Stelle seinen Namen nennt.



Mk 2,27-28


Mit den Worten und er sprach zu ihnen fügt der Evangelist dann zwei Schlußfolgerungen an, die sich aus dieser Geschichte ergeben:

1. Er zitiert Jesu Worte, daß der Sabbat (von Gott) um des Menschen willen und zu seiner Erholung gemacht ist, und nicht umgekehrt die Menschen um des Sabbats willen strenge Vorschriften einhalten müssen. 2. Er beschließt den Abschnitt (so - vor dem Hintergrund von V. 23 - 27 ) mit einer eigenen Anmerkung (vgl. V. 10 ) zur Bedeutung dieser Aussage Jesu für seine Leser. Der Menschensohn (vgl. Mk 8,31 ) ist ein Herr auch über den Sabbat , er hat souveräne Bestimmungsgewalt über das, was am Sabbat geschehen darf, wie auch der nächste Zwischenfall zeigt. 5. Die Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand am Sabbat ( Mk 3,1-5 ) ( Mt 12,9-13; Lk 6,6-10 )



Mk 3,1-2


Abermals an einem Sabbat sah Jesus in der Synagoge (wahrscheinlich in Kapernaum; vgl. Mk 1,21 ) einen Mann mit einer verdorrten Hand (es war seine Rechte; vgl. Lk 6,6 ). Sie (die Pharisäer; vgl. Mk 3,6 ) lauerten darauf , wie Jesus sich verhalten würde, und ob er ihnen vielleicht einen Grund liefern würde, damit sie ihn verklagen könnten . Denn das Heilen am Sabbat war nur bei Lebensgefahr erlaubt, die Krankheit dieses Mannes war jedoch nicht lebensbedrohlich und hätte auch bis zum nächsten Tag warten können. Wenn Jesus ihn aber dennoch heilte, konnten sie ihn als Sabbatschänder anklagen, ein Vergehen, auf das die Todesstrafe stand (vgl. 2Mo 31,14-17 ).


Mk 3,3-4


Jesus gebot dem Mann tritt hervor , so daß die ganze versammelte Menge seine verdorrte Hand sehen konnte. Dann stellte er den Pharisäern eine rhetorische Frage, welche von zwei unterschiedlichen Handlungsweisen dem Sinn des Sabbats im mosaischen Gesetz wirklich entspräche. Die Antwort lautete natürlich: Gutes tun und Leben ( psychEn , "Seele"; vgl. Mk 8,35-36 ) erhalten . Wenn man diesem Mann am Sabbat aber nicht half (vgl. Mk 2,27 ), so hieße das, Böses tun (seinen eigentlichen Zweck mißbrauchen) und, wie es dann schließlich auch aufgrund des hinterlistigen Komplotts der Pharisäer an diesem Sabbat (vgl. Mk 3,6 ) geschah, zu töten . Hier ging es um die moralische (nicht die gesetzliche) Seite des Vollbringens von Gutem am Sabbat, doch die Pharisäer weigerten sich, auch nur darüber zu diskutieren.



Mk 3,5


Jesus sah sie (die Pharisäer) ringsum (von periblepomai , ein alle einschließender, durchdringender Blick; vgl. V. 34 ; Mk 5,32;10,23;11,11 ) an mit Zorn . Das ist das einzige Mal im Neuen Testament, daß ausdrücklich berichtet wird, daß Jesus zornig wurde. Er fühlte gerechte Empörung und tiefen Schmerz (Kummer) über ihre halsstarrige Gefühllosigkeit ( pOrOsei , "Verhärtung"; vgl. Röm 11,25; Eph 4,18 ) gegenüber Gottes Gnade und menschlichem Elend.

Als der Mann auf Jesu Gebot hin seine Hand ausstreckte , wurde sie sofort und vollständig gesund. Jesus führte dabei keine Handlung durch, die als "Arbeit" am Sabbat hätte interpretiert werden können. Als Herr über den Sabbat ( Mk 2,28 ) hob Jesus die gesetzlichen Einschränkungen auf, die diesen Tag verkrusteten, und befreite den Mann gnädig von seinem Leiden.



E. Schluß: Jesu Verwerfung durch die Pharisäer
( 3,6 ) ( Mt 12,14; Lk 6,11 )


Mk 3,6


Dieser Vers ist der Höhepunkt des Abschnitts über Jesu Streitigkeiten mit dem religiösen Establishment in Galiläa ( Mk 2,1-3,5 ). Er enthält den ersten expliziten Hinweis auf Jesu Tod, der von nun an sein Wirken überschattete. Unmittelbar im Anschluß ( euthys ; vgl. V. 10 ) an die Auseinandersetzung über den wahren Sinn des Sabbats verschworen sich die Pharisäer in nie dagewesener Einigkeit mit den Anhängern des Herodes (vgl. Mk 12,13 ), einflußreichen politischen Parteigängern des Herodes Antipas, aus dem gemeinsamen Wunsch heraus, Jesus zu vernichten (vgl. Mk 15,31-32 ). Jesu Vollmacht kollidierte mit ihrer eigenen Autorität und bedrohte sie, daher mußte er beseitigt werden. Die Frage war nur, wie sich das bewerkstelligen ließ.



IV. Jesu späteres Wirken in Galiläa
( 3,7 - 6,6 a)


Der zweite größere Abschnitt des Markusevangeliums beginnt und schließt vom Aufbau her wie der erste (vgl. Mk 1,14-15 mit Mk 3,7-12;1,16-20 mit Mk 3,13-19;3,6 mit Mk 6,1-6 a). Er beschreibt das weitere Wirken Jesu trotz des Widerstandes und des Unglaubens um ihn herum.



A. Einführende Zusammenfassung: Jesu Wirken am See Genezareth
( 3,7-12 ) ( Mt 12,15-21 )


Mk 3,7-10


Die zusammenfassende Schilderung dieser vier Verse ähnelt in Inhalt und Stil der Aussage von Mk 2,13 .Als neues Element tritt allerdings hinzu, daß Jesus mit seinen Jüngern (im Griechischen zur Hervorhebung an erster Stelle genannt), die sowohl die Feindseligkeit bestimmter Gruppen als auch die Beliebtheit bei der Menge, die Jesus genoß, mit ihm gemeinsam erlebten, entwich .

Viele Leute aus Galiläa folgten (hier nicht im Sinne von Nachfolge gebraucht, sondern einfach: "gingen mit") ihm, und auch von außerhalb Galiläas - aus dem Süden, Judäa, Jerusalem und Idumäa , aus dem Osten, von jenseits des Jordan (Peräa), und aus dem Norden, den Küstenstädten Tyrus und Sidon (in Phönizien) kam eine große Menge , die von all seinen Taten (d. h. seinen Wunderheilungen) angezogen wurde. An all diesen Orten (außer in Idumäa; vgl. Mk 5,1;7,24.31;10,1;11,11 ) hielt sich Jesus eine Zeitlang auf. Der Ansturm auf seine Heilkraft und der Wunsch all derer, die geplagt waren ( mastigas , "gepeinigt"; vgl. Mk 5,29 ["Plage"]., 34 ), ihn anzurühren , war so groß, daß er zu seinen Jüngern sagte, sie sollten ihm ein kleines Boot bereithalten , damit er dem Andrang der Menge, wenn es nötig wurde, ausweichen konnte. Diese Einzelheit berichtet nur Markus, der sich hier wahrscheinlich auf einen Augenzeugen wie z. B. Petrus bezieht.



Mk 3,11-12


Unter den herbeiströmenden Menschenmassen waren auch Besessene, deren Reden und Verhalten von unreinen Geistern beherrscht war. Diese Geister erkannten stets sofort Jesu Status als Gottes Sohn und gerieten durch seine Anwesenheit in große Bedrängnis. Er ging jedoch auf ihre wiederholten (Imperfekt) Ausrufe des Erkennens nicht ein und befahl ihnen, ihn nicht offenbar zu machen ( Mk 1,24-25;4,39;8,30.32-33;9,25 ). Daß Jesus sich die verfrühten Bekenntnisse der Dämonen erneut verbat, zeigt wieder, daß er sich Gottes Plan, seine Identität und seinen Auftrag erst nach und nach zu enthüllen, unterwarf.



B. Jesu Berufung der Zwölf
( 3,13 - 19 ) ( Mt 10,1-4; Lk 6,12-16 )


Mk 3,13


Von der Ebene am See ging Jesus auf einen Berg (inmitten Galiläas; vgl. Mk 6,46 ). Er rief zu sich, welche er wollte , d. h. die Zwölf ( Mk 3,16-19 ), und die gingen aus der Menge hin zu ihm (vgl. Lk 6,13 ). Markus hatte bereits an einer früheren Stelle angedeutet, daß die Zahl der Jünger sich inzwischen vergrößert hatte (vgl. Mk 2,15 ).



Mk 3,14-15


Er setzte (d. h. "machte") zwölf ein: (a) daß sie bei ihm sein sollten (und er sie in enger Gemeinschaft unterweisen konnte) und (b) daß er sie aussendete zu predigen (vgl. Mk 1,4.14 ) und daß sie (von ihm) Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben ( ekballein ; vgl. Mk 1,34.39; ihr zukünftiges Amt; vgl. Mk 6,7-13 ). Für Markus war also die enge Verbundenheit der Jünger mit Jesus und die Tatsache, daß er sie auf ihren späteren Dienst vorbereitete, entscheidend.

In fast allen wichtigeren griechischen Handschriften und den meisten früheren Versionen fehlt der Einschub die er auch Apostel nannte . Das scheint korrekter. Daß die Wendung dennoch in einigen wenigen frühen Manuskripten auftaucht, ist wahrscheinlich auf den Einfluß von Lk 6,13 zurückzuführen. Außerdem gebraucht Markus selbst die Bezeichnung "Apostel" nur noch in Mk 6,30 ,und zwar nicht in irgendeinem spezifischen Sinn. Die Zahl zwölf entsprach den zwölf Stämmen Israels und war damit ein Ausdruck dafür, daß Jesu Kommen dem ganzen Volk galt. "Die Zwölf" wurde in der Folgezeit zur offiziellen Bezeichnung bzw. zum Titel für die von Jesus bei dieser Gelegenheit ernannten Jünger (vgl. Mk 4,10;6,7;9,35;10,32;11,11;14,10.17.20.43 ). Obwohl ihre Zahl einen bedeutsamen Hinweis auf Israel darstellt, werden sie doch an keiner Stelle als "neues" oder "geistliches" Israel bezeichnet. Sie waren vielmehr der Kern einer kommenden neuen Gemeinschaftsform, der Gemeinde (vgl. Mt 16,16-20; Apg 1,5-8 ).



Mk 3,16-19


Diese Verse enthalten eine traditionelle Liste der Namen der zwölf zu Jüngern ernannten Männer. An erster Stelle steht Simon (vgl. Mk 14,37 ). Jesus gab ihm den Beinamen Petrus (vgl. Joh 1,42 ), das griechische Wort für das aramäische Kephas , "Stein oder Fels". Das war jedoch wohl eher ein Ausdruck für seine führende Rolle während Jesu Wirken und in der Urkirche (vgl. Mt 16,16-20; Eph 2,20 ) als ein Hinweis auf seinen persönlichen Charakter. Jakobus und Johannes , die Söhne des Zebedäus, trugen den Beinamen Boanerges , ein hebräisches Wort, das Markus mit Donnersöhne wiedergibt (vgl. Mk 9,38;10,35-39; Lk 9,54 ), wenngleich Jesus damit wohl etwas Schmeichelhafteres meinte (das wir heute nicht mehr entschlüsseln können).

Bis auf Andreas ( Mk 1,16;13,3 ), Judas Iskariot ( Mk 14,10.43 ) und vielleicht noch Jakobus, den Sohn des Alphäus ("Jakobus der Kleine"; Mk 15,40 ), kommen die Namen, die hier noch genannt werden, nicht noch einmal bei Markus vor: Philippus ( Joh 1,43-46 ) Bartholomäus (Nathanael; Joh 1,45-51 ), Matthäus (Levi, vgl. Mk 2,14 ), Thomas ( Joh 11,16;14,5;20,24-28;21,2 ), Jakobus, Sohn des Alphäus (wahrscheinlich nicht Levis Bruder; vgl. Mk 2,14 ), Thaddäus (Judas, Sohn des Jakobus; Lk 6,16; Apg 1,13 ) und Simon Kananäus ( Lk 6,15; Apg 1,13 , Simon der Zelot, wobei "Zelot" wahrscheinlich ein Ausdruck seines Eifers für Gott war, und nicht seine Parteizugehörigkeit zu den Zeloten, einer extremen politischen/nationalistischen Gruppierung, bezeichnete). Judas Iskariot (ein "Mann aus Kerijot", der einzige Nicht-Galiläer; vgl. Joh 6,71;13,26 ) schließlich war er es, der Jesus dann an seine Feinde verriet ( Mk 14,10-11.43-46 ).


C. Der Beelzebul-Vorwurf und Jesu wahre Verwandte
( 3,20 - 35 )


Der folgende Abschnitt ist wie ein "Sandwich" aufgebaut: in die Geschichte über Jesu Familie (V. 20 - 21.31 - 35 ) ist der Vorfall, der zu der Beschuldigung führte, Jesus treibe die bösen Geister durch Beelzebul aus (V. 22 - 30 ), eingefügt. Markus setzt diesen literarischen Kunstgriff mehrmals bewußt ein, jedesmal aus anderen Gründen (vgl. Mk 5,21-43;6,7-31;11,12-26;14,1-11.27-52 ). An dieser Stelle arbeitet er damit die Parallele zwischen den Vorwürfen, die Jesus gemacht wurden, heraus (vgl. Mk 3,21.30 ) und unterscheidet gleichzeitig zwischen der allgemeinen Opposition gegen Jesus und der Schmähung der Werke, die der Heilige Geist durch ihn vollbrachte.

1. Die Besorgnis von Jesu Familie
( 3,20 - 21 )


Mk 3,20-21


Diese beiden Verse stehen nur bei Markus. Nachdem Jesus in ein Haus (in Kapernaum; vgl. Mk 2,1-2 ) gegangen war, kam abermals eine so große Menge zusammen, daß er und seine Jünger nicht einmal essen konnten (vgl. Mk 6,31 ). Als die Seinen (ein griechisches Idiom für Verwandte, nicht für Freunde) hörten , daß seine rastlose Tätigkeit ihn sogar davon abhielt, seine einfachsten Bedürfnisse zu befriedigen, machten sie sich auf (wahrscheinlich aus Nazareth) und wollten ihn festhalten ( kratEsei , ein Wort, das bei Gefangennahmen verwendet wird; vgl. Mk 6,17;12,12;14,1.44.46.51 ), denn (gar; vgl. "denn" in Mk 1,16 ) sie sagten, ersei von Sinnen , ein geisteskranker religiöser Fanatiker (vgl. Apg 26,24; 2Kor 5,13 ).



2. Die Rückweisung des "Beelzebul"-Vorwurfs
( 3,22 - 30 ) ( Mt 12,22-32; Lk 11,14-23;12,10 )


Mk 3,22


Mittlerweile war eine Abordnung Schriftgelehrter von Jerusalem herabgekommen , um Jesus zu verhören. Sie warfen ihm wiederholt vor, daß er (a) von Beelzebul (d. h. von Dämonen; vgl. V. 30 ) besessen sei und daß er (b) die bösen Geister durch Satan, ihren Obersten (Herrscher), mit dem er im Bunde sei, austreibe (vgl. V. 23 ).

Die Schreibweise "Beelzebul" ist gegenüber "Beelzebub" in den zuverlässigeren griechischen Quellen belegt. Das Wort kommt von dem hebräischen Wort "Baalzebul" (das im Alten Testament nicht vorkommt), was soviel wie "Herr der Höhe" (des Tempels), d. h. im Kontext des Neuen Testaments "Herr der bösen Geister" bedeutet (vgl. Mt 10,25; Lk 11,17-22 ). Weniger gesichert ist die Schreibweise der lateinischen Vulgata, "Beelezbub", von dem hebräischen Wort "Baalezbub", "Herr der Fliegen", der Name einer alten kanaanitischen Gottheit (vgl. 2Kö 1,2 ).



Mk 3,23-27


Jesus rief daraufhin seine Ankläger zusammen und wies ihre Beschuldigungen in Gleichnissen (kurzen epigrammatischen Aussprüchen, nicht etwa Geschichten) zurück. Er ging zunächst auf die zweite Anklage (V. 23 - 26 ) und die Absurdität des ihr zugrundeliegenden Gedankens - daß Satan gegen sich selbst vorgehe - ein. Anhand zweier Bilder erläuterte er die selbstverständliche Tatsache, daß ein Reich oder ein Haus , das in seinem Handeln und seinen Zielen mit sich selbst uneins wird, nicht bestehen kann . Dasselbe gilt für Satan, wenn er sich, wie der Vorwurf der Schriftgelehrten zu implizieren scheint, gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst uneins wird. Das würde bedeuten, daß es mit ihm aus ist , d. h. mit seiner Macht - nicht mit seiner persönlichen Existenz. Dem ist jedoch eindeutig nicht so, Satan ist weiterhin stark (vgl. V. 27 ; 1Pet 5,8 ). Also war die Beschuldigung, daß Jesus mit Hilfe Satans Dämonen austreibe, falsch.

Mit einem weiteren Beispiel in Vers 3,27 widerlegte Jesus die erste Anklage der Schriftgelehrten (V. 22 ), indem er bewies, daß es sich in Wirklichkeit (wörtlich: "im Gegenteil") genau andersherum verhielt. Satan ist der Starke . Sein Haus ist der Bereich der Sünde, des Bösen, der Besessenheit und des Todes. Sein Hausrat sind Menschen, die von einem oder mehreren dieser Dinge versklavt sind, und sein Werkzeug sind Dämonen, die seine teuflischen Pläne ausführen. Niemand kann in sein Haus eindringen und seinen Hausrat rauben ( diarpasai , "plündern"), wenn er nicht zuvor den Starken fesselt (zeigt, daß er mächtiger ist). Erst dann kann er sein Haus berauben ( diarpasei , "plündern") und die Gefangenen befreien. Jesus aber hatte bei seiner Versuchung (vgl. Mk 1,12-13 ) und durch seine Teufelsaustreibungen bewiesen, daß er stärker war als der Starke und daß er den Heiligen Geist besaß (vgl. Mk 3,29 ). Sein Auftrag war es, sich Satan entgegenzustellen, ihn zu überwinden (nicht etwa mit ihm zusammenzuarbeiten) und seine Gefangenen zu befreien.



Mk 3,28-30


Auf dem Hintergrund der vorausgegangenen Anschuldigungen sprach Jesus nun eine strenge Warnung aus. Die Worte wahrlich (Amen), ich sage euch bilden eine wiederholt gebrauchte Formel feierlicher Bestätigung, die nur in den Evangelien vorkommt (bei Markus dreizehnmal) und nur von Jesus ausgesprochen wird.

Jesus sagte, daß alle Sünden, auch die Lästerungen (Schmähworte gegen Gott), den Menschenkindern vergeben werden können (vgl. Mk 1,4 ), mit einer Ausnahme: die Lästerungen gegen den Heiligen Geist . Hier ist von einer allgemeinen Haltung (nicht von einer einmaligen Handlung oder Äußerung) trotziger Feindseligkeit gegenüber Gottdie Rede, die Gottes rettende Kraft, wie sie in den Werken des Geistes und in der Person Jesu zum Ausdruck kommt, ablehnt, und der Dunkelheit den Vorzug gibt, trotzdem das Licht zu sehen ist (vgl. Joh 3,19 ). Eine solche eigensinnig verneinende Haltung des Unglaubens kann sich mit der Zeit zu einem Zustand verhärten, in dem Buße und Vergebung - beide bewirkt durch den heiligen Geist - unmöglich werden. Wer sich so verhält, macht sich ewiger Sünde (Singular, die äußerste Sünde, da sie für immer unvergeben bleibt; vgl. Mt 12,32 ) schuldig ( enochos , "verantwortlich für, in den Klauen von"). Judas Iskariot ( Mk 14,43-46; Mt 27,3-5 ) war ein lebendiges Beispiel für diese Worte.

Markus erklärt, daß Jesus sich zu dieser Äußerung genötigt sah, weil sie (die Schriftgelehrten; Mk 3,22 ) immer wieder behaupteten, er habe einen unreinen Geist (V. 30 ). Jesus sagte nicht, daß die Schriftgelehrten diese unverzeihliche Sünde (der Lästerung gegen den Geist) tatsächlich schon begangen hatten, doch er warnte sie, weil sie ihr gefährlich nahe gekommen waren, indem sie seine Dämonenaustreibungen, die er durch die Macht des Heiligen Geistes vollbrachte, der Macht des Satans zuschrieben. Sie waren nahe daran, den Heiligen Geist "Satan" zu nennen.



3. Jesu wahre Verwandte
( 3,31 - 35 ) ( Mt 12,46-50; Lk 8,19-21; 11,27-28 )


Mk 3,31-32


Die Ankunft der Mutter Jesu und seiner Brüder (vgl. Mk 6,3 ) nimmt die in Mk 3,21 unterbrochene Erzählung wieder auf. Von draußen schickten sie jemanden zu ihm, der sich durch das Volk, das um ihn saß, hindurcharbeitete und Jesus um eine private Unterredung bat, in der sie versuchen wollten, seinem Tun Einhalt zu gebieten.



Mk 3,33-35


Jesu rhetorische Frage (V. 33 ) war keine Leugnung seiner Familienbeziehungen (vgl. Mk 7,10-13 ), sondern ein Hinweis auf die viel tiefergehende Frage nach der Beziehung des einzelnen zu ihm. Es geht um die Qualität dieser Beziehung: Wer sind die Menschen, die meine Mutter und meine Brüder sind? Mit einem Blick ringsum ( periblepomai , vgl. Mk 3,5 ) auf die, die um ihn im Kreise saßen (seine Jünger, im Gegensatz zu denen, die draußen standen; V. 31 ) stellte Jesus fest, daß seine Verbundenheit mit ihnen weit über die natürliche Verwandtschaft innerhalb der Familie hinausging.

Danach dehnte er diesen neuen Verwandtschaftsbegriff über den Kreis der Anwesenden hinaus auf all jene aus, die Gott gehorchen. Wer Gottes Willen tut , gehört zur Familie Jesu. Die Worte Bruder und Schwester und Mutter , im Griechischen alle ohne Artikel (und daher abstrakt gemeint), sind ein Bild für Jesu geistliche Familie. Denn wer Gottes Willen tut (z. B. Mk 1,14-20 ), ist Jesus im Geiste verwandt.



D. Jesu Gleichnisse über das Gottesreich
( 4,1 - 34 )


Die Gruppe von Gleichnissen, um die es hier geht, bildet die erste von zwei längeren Einheiten im Markusevangelium, die sich mit Jesu Lehre befassen (vgl. auch Mk 13,3-37 ). Markus wählte diese Gleichnisse (wie sich aus Mk 4,2.10.13 und 33 entnehmen läßt) aus einer größeren Sammlung aus, um das Wesen des Gottesreiches zu beschreiben (vgl. Mk 4,11 mit Mk 1,15 ).

Sie wurden in einem Umfeld wachsender Feindseligkeit und Opposition gegen Jesus erzählt (vgl. Mk 2,3-3,6.22-30 ), während gleichzeitig der Ansturm der Masse unverändert anhielt (vgl. Mk 1,45;2,2.13.15;3,7-8 ). Beide Reaktionen zeigen, daß die Menschen Jesu wahres Wesen trotz allem nicht begriffen hatten.

"Gleichnis" ist das deutsche Wort für das griechische parabolE , "Vergleich" (erhalten in dem Fremdwort "Parabel"). Es kann eine Reihe verschiedener Formen der bildlichen Rede bezeichnen (z. B. Mk 2,19-22;3,23-35;4,3-9.26-32;7,15-17;13,28 ). Gewöhnlich ist ein Gleichnis jedoch ein kurzes Lehrstück, das mit Hilfe eines anschaulichen Vergleichs eine geistige Wahrheit vermittelt. Die Wahrheit, die einsichtig gemacht werden soll, wird dabei mit einem Gegenstand oder Geschehen aus der Natur oder aus der alltäglichen Erfahrung verglichen. In der Regel vermittelt ein Gleichnis nur eine einzige Erkenntnis, doch manchmal wird seine Bedeutung um einen zweiten, weniger wichtigen Gedanken erweitert (vgl. Mk 4,3-9.13-20;12,1-12 ). Die Hörer des Gleichnisses werden in die Situation hineingestellt und dazu gebracht, sie zu bewerten und die erkannte Wahrheit auf sich selbst anzuwenden. (Vgl. die Tabelle der fünfunddreißig überlieferten Gleichnisse Jesu bei Mt 7,24-27 .)

1. Einführende Zusammenfassung
( 4,1 - 2 ) ( Mt 13,1-3 a)


Mk 4,1-2


Wieder einmal (vgl. Mk 2,13;3,7 ) lehrte Jesus eine riesige Menge am See (Genezareth). Es waren so viele, daß er in ein Boot steigen mußte, das im Wasser lag , um von dort zu seinen Zuhörern, die das Ufer säumten, zu sprechen. Diesmal lehrte er sie vieles in Gleichnissen .



2. Das Gleichnis vom Sämann
( 4,3 - 20 )


a. Das Gleichnis wird erzählt
( 4,3 - 9 ) ( Mt 13,3-9; Lk 8,4-8 )


Sowohl zu Beginn als auch am Schluß des Gleichnisses forderte Jesus die Menschen auf, gut zuzuhören (vgl. Mk 4,3.9.23 ).



Mk 4,3-9


Als ein Sämann Saatgut auf seinem ungepflügten Feld aussäte, fiel einiges auf den harten, festgetretenen Weg, einiges auf felsigen Boden , wo es keinen Halt in der Erde fand, und einiges unter die Dornen (Boden, auf dem ausgerissene Dornbüsche lagen). Einiges fiel auch auf gutes Land .

Nicht alles Saatgut brachte Frucht hervor. Vögel fraßen das, was auf den Weg gefallen war ( Mk 4,4 ), die Sonne verdorrte die zarten Pflanzen, die in dem flachen felsigen Boden zwar alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) aufgeschossen waren, aber keine Wurzeln gebildet hatten ( Mk 4,6 ), die Dornen wuchsen empor und erstickten die anderen Pflanzen, die daraufhin keine Frucht trugen (V. 7 ).

Nur die Saat, die auf den guten Boden gefallen war, schlug Wurzeln, wuchs und brachte Frucht in überreichem Maß: Sie ergab das Dreißig-, Sechzig- und Hundertfache (V. 8 ), je nachdem, wie fruchtbar der Boden war. (Ein Ergebnis von 10:1 galt damals durchaus als gute Ernte.)



b. Der Zweck der Gleichnisse
( 4,10 - 12 ) ( Mt 13,10-17; Lk 8,9-10 )


Mk 4,10


Hier fällt zunächst vor allem der Szenenwechsel auf. Die in Vers 10-20 berichteten Ereignisse fanden offensichtlich später statt (vgl. 35 - 36 ; Mt 13,36 ), doch Markus fügt sie bereits hier ein, um das in Mk 4,11.33-34 ausgedrückte Prinzip zu veranschaulichen und dadurch auch die Bedeutung der Gleichnisse zu unterstreichen. Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren (andere wahre Jünger; vgl. Mk 3,34 ), samt den Zwölfen, nach den Gleichnissen im allgemeinen und nach dem Gleichnis vom Sämann im besonderen (vgl. Mk 4,13 ).



Mk 4,11-12


Diese Verse müssen im Zusammenhang mit dem Unglauben und der Feindseligkeit (vgl. Mk 3,6.21-22.30 ), die Jesus entgegenschlugen, gesehen werden. Denen, die glaubten - euch (zur Hervorhebung steht auch im Griechischen das Pronomen an erster Stelle), den Jüngern - hatte Gott das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben (vgl. Mk 1,15 ), denen aber draußen (außerhalb des Kreises der Jünger, in der ungläubigen Menge) wurde alles, Jesu Botschaft und sein Auftrag, nur in Gleichnissen zuteil, wobei "Gleichnis" hier in dem speziellen Sinn von "rätselhafter" oder "dunkler" Rede gebraucht ist. Die Menge verstand Jesus also nicht wirklich.

Beide Gruppen wurden mit Jesus und seiner Botschaft konfrontiert (vgl. Mk 1,14-15 ). Doch nur die Jünger ließ Gott in Jesus das "Geheimnis" ( mystErion ) des Reiches sehen, ihnen wurde Gottes Plan mit dem Gottesreich für die jetzige Zeit, die eine Zeit der "Aussaat" sein sollte, enthüllt (vgl. Mk 4,13-20 ). Dieses Geheimnis war den Propheten früher verborgen, doch nun wurde es denen, die er erwählt hatte, offenbart (vgl. Röm 16,25-26 ).

Jesu "Geheimnis", von dem alle Gleichnisse über das Gottesreich sprechen, ist, daß in Jesus die Herrschaft Gottes auf Erden (das Gottesreich) in einer neuen geistlichen Form für die Menschen erfahrbar gemacht ist. Den Jüngern, die an Jesus geglaubt hatten, hatte Gott dieses "Geheimnis" schon jetzt gegeben ( dedotai , Perf. pass.), wenn sie auch nur wenig von seiner Tragweite begriffen hatten.

Andererseits sahen diejenigen, die durch ihren Unglauben geblendet waren, in Jesus nur eine Bedrohung ihrer Existenz. Sie lehnten ihn ab und nahmen sich damit selbst die Möglichkeit, das "Geheimnis" des Gottesreiches kennenzulernen. Jesu Gleichnisse dienten dazu, ihnen die Wahrheit zu verbergen.

Sie waren wie die Israeliten zur Zeit Jesajas ( Jes 6,9-10 ). Jesaja hatte gesagt, daß die geistliche Blindheit und Taubheit der Menschen das Gericht Gottes seien. Er bezog sich damit insbesondere auf das Volk Israel, das Gottes Offenbarung, wie sie in Jesus zum Ausdruck kam, verwarf. Sie sollten die Gleichnisse sehen und hören, ohne ihre eigentliche Bedeutung zu verstehen, damit sie sich nicht etwa ( mEpote ) bekehren (zu Gott) und ihnen vergeben werde .

Jesu Hörern wurde die Möglichkeit, an ihn zu glauben, nicht versagt. Doch nachdem sie sich beharrlich gegen seine Botschaft verschlossen hatten (vgl. Mk 1,15 ), wurden sie später durch die Mitteilungsform des Gleichnisses von einem tieferen Verständnis ausgeschlossen. Doch selbst die Gleichnisse, die ja die Wahrheit verhüllten, sollten die Menschen noch zum Nachdenken bringen und ihnen dadurch schließlich die Wahrheit offenbaren (vgl. Mk 12,12 ). Sie wahrten in einzigartiger Weise die Freiheit der Menschen zu glauben und zeigten doch gleichzeitig, daß Gott allein Glauben schenken kann (vgl. Mk 4,11 a).



c. Das Gleichnis vom Sämann wird gedeutet
( 4,13 - 20 ) ( Mt 13,18-23; Lk 8,11-15 )


Mk 4,13


Die doppelte Frage zeigt, wie wichtig das Gleichnis vom Sämann ist. Wenn die Jünger dieses Gleichnis nicht verstehen konnten ( oidate , "intuitiv begreifen), würden sie auch die andern alle nicht verstehen ( gnOsesthe , "aus der Erfahrung heraus verstehen").



Mk 4,14-20


Der Sämann wird zwar nicht näher bezeichnet, doch aus dem Zusammenhang kann man schließen, daß damit wahrscheinlich Jesus und alle anderen, die das Wort (die Botschaft) Gottes, d. h. die Saat (vgl. Mk 1,15.45;2,2;6,12 ), aussäen (verkünden), gemeint sind. In Mk 4,15-20 dagegen geht es um die Hörer dieses Wortes: die verschiedenen Bodenformen stehen für die verschiedenen Hörer, in deren Inneres das Samenkorn des Wortes fällt.

Viele Menschen zeigen eine der drei beschriebenen negativen Reaktionen: Manche hören das Wort verhärteten, gleichgültigen Herzens, und sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) kommt der Satan (wie die Vögel) und nimmt das Gehörte weg . Es kommt also gar nicht erst zu einer Reaktion.

Andere nehmen es sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) mit Freuden auf , doch ihre Begeisterung ist nur ein kurzes Strohfeuer und geht nicht tief. Sie sind wetterwendisch , weil das Wort keine Wurzel in ihnen schlägt. Wenn sich Bedrängnis (wörtlich: "Not") oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt (wie die heiße Sonne), so fallen sie sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) ab ( skandalizontai , "werden abgestoßen"; vgl. den Kommentar zu Mk 14,27 ). Ihr Bekenntnis ist also nicht echt.

Andere hören das Wort , doch sie sind zu beschäftigt mit ihrem alltäglichen Leben und ihrer Jagd nach Reichtum. Drei miteinander konkurrierende Anliegen - die Sorgen der Welt (wörtlich: "dieses Zeitalters"), der betrügerische Reichtum (der trügerische Glanz des Reichtums) und die Begierden nach allem andern - überwuchern ihr Leben (wie wildwachsendes Dorngestrüpp). Diese Dinge ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht (vgl. Mk 10,22 ), was beweist, daß sie keine wahren Gläubigen sind.

Im Gegensatz zu diesen Gruppen gibt es jedoch auch Menschen, die das Wort hören und annehmen ( paradechontai , "es für sich selbst willkommen heißen") und (geistliche) Frucht bringen . Dies sind die wahren Jünger. Bei der kommenden Ernte werden sie reiche Erträge in unterschiedlicher Höhe erbringen: dreißigfach, sechzigfach oder hundertfach (vgl. Mk 4,24-25 mit Mt 25,14-30; Lk 19,11-27 ).

Die Verkündigung der Nachricht vom Gottesreich gleicht dem Aussäen von Saatgut auf verschiedenen Böden. Bei Jesu erstem Kommen und im gegenwärtigen Zeitalter ist das Gottesreich angesichts der Opposition Satans und des Unglaubens der Menschen noch weitgehend verhüllt. Dennoch schlägt Gottes Herrschaft Wurzeln in denen, die Jesu Botschaft akzeptieren, und manifestiert sich in geistlichen Früchten. Doch erst bei der Wiederkunft Jesu wird das Gottesreich offen, in einer Herrlichkeit, die jetzt noch verhüllt ist, auf Erden errichtet werden (vgl. Mk 13,24-27 ). Dann wird die Ernte überreichlich sein. Das Gleichnis vom Sämann zeigt also das Gottesreich sowohl in seiner gegenwärtigen, verborgenen , als auch in seiner zukünftigen, herrlichen Form (vgl. Mk 1,14-15 ).



3. Das Gleichnis vom Licht und vom rechten Maß
( 4,21 - 25 ) ( Lk 8,16-18; Mt 5,15 und Lk 11,33; Mt 7,2 und Lk 6,38; Mt 10,26 und Lk 12,2; Mt 13,12;25,29 und Lk 19,26 )


Jesus kam bei verschiedenen Gelegenheiten auf die gleichnishaften Aussagen dieser Verse zurück (vgl. dazu die oben angeführten Belegstellen). Markus fügt sie an dieser Stelle ein, weil sie die Botschaft vom Gottesreich unterstreichen und die Notwendigkeit, richtig auf diese Botschaft zu reagieren, deutlich machen. Vers 23.24 a erinnern an die Aufforderung Jesu in Vers 3.9 - ein Beleg dafür, daß Markus diese Sätze den für alle Zuhörer bestimmten Gleichnissen zuordnete (vgl. V. 26.30 ) und nicht als Fortsetzung der nur an die Jünger gerichteten Erklärungen verstand.



Mk 4,21-23


Jesus ging in seinem Gleichnis von der selbstverständlichen Tatsache aus, daß man ein Licht , einen brennenden Docht in einer flachen, mit Öl gefüllten Tonschale, nicht anzündet, um es dann unter einem Scheffel (wie es beim Zubettgehen geschah) oder unter einer Bank zu verbergen (wie es nachts geschah). Es wurde vielmehr auf den Leuchter gesetzt, damit es leuchte. Dann erklärte ( gar , denn ) Jesus, daß alles, was (in der Nacht) verborgen oder geheim sei, offenbar und an den Tag gebracht werden solle. Diese Geschichte über einen kleinen, alltäglichen Vorgang veranschaulicht eine geistliche Wahrheit, aus der jeder, der bereit dazu ist, lernen kann.



Mk 4,24-25


Wenn jemand Jesu Botschaft annimmt (vgl. Mk 1,15 ), wird Gott ihn bereits jetzt an seinem Reich teilhaben lassen und ihm in seinem zukünftigen Reich noch dazugeben (vgl. Mk 4,21-23 ). Wer jedoch sein Wort ablehnt, wird alles verlieren, denn eines Tages wird man ihm auch die Möglichkeit, in das Reich einzugehen, die er jetzt noch hat, nehmen .



4. Das Gleichnis vom Wachsen der Saat
( Mk 4,26-29 )


Dies ist das einzige Gleichnis, das nur bei Markus steht. Wie das Gleichnis vom Sämann ist es ein allumfassendes Bild vom Kommen des Gottesreiches, dessen Botschaft ausgesät wird (V. 26 ), wächst (V. 27 - 28 ) und geerntet wird (V. 29 ), wobei die Betonung hier auf dem Wachsen liegt. Nur eine Person, der Sämann (der nicht identifiziert wird), tritt in allen drei Phasen auf.



Mk 4,26


Die Anfangsworte des Gleichnisses könnten übersetzt werden: Mit dem Reich Gottes ist es folgendermaßen: Es ist wie... Zuerst wirft der Sämann Samen aufs Land .



Mk 4,27-28


In der zweiten Phase ist der Sämann zwar auch anwesend, jedoch nicht aktiv. Nachdem er den Samen ausgesät hat, überläßt er ihn sich selbst und geht Nacht und Tag seinen anderen Pflichten nach, ohne dabei die ganze Zeit ängstlich an die Saat zu denken. Inzwischen keimt der Same, geht auf und wächst - er weiß nicht wie .

Die Erde bringt Frucht, die von selbst ( automatE ; vgl. das Fremdwort "automatisch") heranreift. Dieses griechische Schlüsselwort (es steht in hervorgehobener Position) könnte mit "ohne sichtbare Ursache", also "ohne menschliches Zutun", wiedergegeben werden und bezieht sich auf den Teil der Arbeit, der von Gott getan wird (vgl. die ähnlichen Situationen in Jos 6,5; Hi 24,24; Apg 12,10 ). Gott wirkt in dem Samen, der das Leben in sich trägt und, wenn er in gute Erde gepflanzt ist, von selbst, ohne menschliches Zutun, wächst und Frucht trägt.



Mk 4,29


Die Aufmerksamkeit des Sämanns gilt dann erst wieder der dritten Phase, der Ernte. Wenn (Futur) sie aber Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) die Sichel hin (eine Redefigur für das "Aussenden der Schnitter"), denn die Ernte ist da ( parestEken , "steht bereit").

Manche Exegeten halten dieses Gleichnis für ein Bild der Evangelisierung. Für andere symbolisiert es das geistliche Wachstum des Gläubigen. Wieder andere halten es für eine Metapher des Kommens des Gottesreiches durch das geheimnisvolle, souveräne Wirken Gottes. Das Hauptgewicht liegt dabei auf der Phase des Wachstums der Saat unter Gottes Aufsicht, in der Zeit zwischen der Verkündigung Jesu (des demütigen Sämanns) und seiner Jünger und der endgültigen Manifestation des Gottesreiches durch Jesus (den mächtigen Schnitter). Auf dem Hintergrund von Mk 4,26 a und vom Gesamtkontext der Gleichnisse über das Gottesreich her ist wohl dieser dritten These der Vorzug zu geben.

Markus

5. Das Gleichnis vom Senfkorn
( 4,30 - 32 ) ( Mt 13,31-32; Lk 13,18-19 )


Mk 4,30-32


Das Gleichnis beginnt mit einer Doppelfrage, die im wesentlichen besagt, daß das Kommen des Gottesreiches einem Senfkorn (der gewöhnliche schwarze Senf, sinapis nigra ) vergleichbar ist, das aufs Land gesät wird. Die Winzigkeit des Senfsamens, des kleinsten unter allen Samenkörnern , war im jüdischen Denken sprichwörtlich. 725 - 760 Senfkörner wogen nur ein Gramm! Der Senfstrauch ist eine einjährige Pflanze, die aus dem winzigen Samenkorn zu einer Staude heranwächst, die größer ist als alle Kräuter ( ta lachana , "große, schnellwüchsige einjährige Sträucher") in Palästina und in wenigen Wochen drei bis vier Meter hoch wird. Die Vögel unter dem Himmel (undomestizierte Tiere) werden von seinem Samen und von dem Schatten seiner großen Zweige (vgl. TDNT, "sinapi" , 7,287-91) angelockt. Das Kernstück des Gleichnisses ist der Kontrast zwischen diesem kleinsten aller Saatkörner und der Größe der Staude, zu der es heranwächst - ein Bild für den unbedeutenden, verborgenen Beginn des Gottesreiches, verkörpert in der Gestalt Jesu, und der Größe, die es haben wird, wenn es bei seinem zweiten Kommen endgültig errichtet und alle irdischen Königreiche an Macht und Herrlichkeit überragen wird. Der Verweis auf die Vögel ist vielleicht ganz einfach ein Bild für die überraschende Größe, die der Strauch am Ende erreicht. Möglich ist jedoch auch, daß sie böse Kräfte verkörpern (vgl. V. 4 ), was allerdings bedeuten würde, daß das Gottesreich sich anders entwickelt als erwartet. Wahrscheinlich sind sie eher ein Symbol für die Einbeziehung auch der Heiden in das Gottesreich (vgl. Hes 17,22-24;31,6 ). Was Gott im Alten Testament verheißen hatte ( Hes 17 ), begann er nun in der Person Jesu zu verwirklichen. (Das Gottesreich ist dabei jedoch nicht mit der Kirche gleichzusetzen; vgl. den Kommentar zu Mk 1,15 .)



6. Schluß: Zusammenfassung
( 4,33 - 34 )


Mk 4,33-34


Die beiden abschließenden Verse bringen nochmals den Sinn und die Absicht, die Jesus mit seiner Lehre in Gleichnissen verfolgte, zum Ausdruck (vgl. V. 11 - 12 ). Er sagte ihnen - der Menge und den Jüngern - das Wort (vgl. Mk 1,15 ) in Gleichnissen, die er ihrem Auffassungsvermögen anpaßte.

Wegen der irrtümlichen Vorstellungen, die die Menschen sich vom Gottesreich machten, redete er nicht ohne Gleichnisse (in bildlicher Rede) zu ihnen. Doch seinen Jüngern legte er, wenn sie allein ( kat?idian ; vgl. Mk 6,31-32;9,2.28;13,3 ) waren, alles , was mit seinem Auftrag und seiner Beziehung zum Gottesreich zu tun hatte, aus (wörtlich: "fuhr er fort, auszulegen"). Dieses zweifache Vorgehen, das hier in Kapitel 4 beschrieben wird, wird im folgenden weiterhin vorausgesetzt.


E. Jesu Wunder als Zeichen seiner Macht
( 4,35 - 5,43 )


Der Auswahl von Gleichnissen folgt eine Reihe von Wundern, die das, was Jesus sagte (seine Worte), durch das, was er tat (seine Werke), bestätigten. Beide Teile beziehen sich dabei auf die Gegenwart der Gottesherrschaft (des Gottesreiches) in Jesus.

Bis auf drei Ausnahmen finden sich alle Wunderberichte des Markusevangeliums vor Kapitel 8,27 . (Vgl. die Liste "Die Wunder Jesu" bei Joh 2,1-11 .) Der Evangelist will dadurch besonders deutlich machen, daß Jesus seinen Jüngern erst dann von seinem bevorstehenden Tod und seiner Auferstehung erzählte, als sie ihn offen als den Messias Gottes anerkannt hatten.

In diesem Abschnitt werden vier Wunder beschrieben, die Jesu Macht über ganz verschiedene feindliche Kräfte zeigen: einen Sturm auf dem See ( Mk 4,35-41 ), Besessenheit ( Mk 5,1-20 ), unheilbare Krankheiten ( Mk 5,25-34 ) und den Tod ( Mk 5,21-24.35-43 ).

1. Die Stillung des Sturmes
( 4,35 - 41 ) ( Mt 8,23-27; Lk 8,22-25 )


Mk 4,35-37


Die anschaulichen Einzelheiten dieser Begebenheit, die Markus schildert, zeigen, daß er sich hier auf einen Augenzeugenbericht - wahrscheinlich von Petrus - stützt. Am Abend desselben Tages , an dem er am See gelehrt hatte (vgl. V. 1 ), entschloß sich Jesus, mit seinen zwölf Jüngern auf die andere (östliche) Seite des Sees Genezareth hinüberzufahren . Der Grund dafür wird zwar nicht genannt, doch wahrscheinlich wollte er sich vom Ansturm der Menge erholen und ausruhen. Vielleicht suchte er auch ein neues Gebiet für seine Predigttätigkeit (vgl. Mk 1,38 ). Trotzdem begleiteten ihn auch jetzt noch andere Boote mit denen, die mit ihm zusammenbleiben wollten.

Seine Jünger - mehrere von ihnen erfahrene Fischer - übernahmen die Leitung der Überfahrt. Die Worte wie er im Boote war beziehen sich zurück auf Mk 4,1 und verknüpfen seine Lehren vom Boot aus mit dem Wunder, das er nun ebenfalls in einem Boot auf dem See vollbrachte (vgl. die Anrede der Jünger: "Meister", V. 38 ).

Die Fahrt wurde von einem plötzlich aufkommenden großen Windwirbel gestört, wie sie auf diesem von hohen Hügeln und engen Tälern, die wie Windkanäle wirkten, umgebenen See üblich waren. Am Abend war ein solcher Sturm besonders gefährlich, und diesmal schlugen die Wellen in das Boot, so daß das Boot schon voll wurde .



Mk 4,38-39


Erschöpft von der Anstrengung des Tages, schlief Jesus hinten im Boot auf einem der ledernen Ruderkissen einer der Seeleute. In panischer Angst weckten ihn die Jünger, voller Vorwurf (vgl Mk 5,31;6,37;8,4.32 ) über seine scheinbare Gleichgültigkeit gegen die Gefahr, in der sie sich befanden. Auch wenn sie ihn Meister nannten (die griechische Bezeichnung für das hebräische Wort "Rabbi" ), hatten sie seine Lehre noch immer nicht verstanden.

Jesus bedrohte (wörtlich: "befahl"; vgl. Mk 1,25 ) den Wind und sprach zu dem Meer: "Schweig und verstumme!" (Im Griechischen Perfekt, pephimOso .) Das Verb, "verstumme", war eine Art Terminus technicus für einen Exorzismus (vgl. Mk 1,25 ), daher liegt die Annahme nahe, daß Jesus hinter dem "Sturm" das Wirken dämonischer Kräfte sah. Doch auf seinen Befehl legte sich der Wind, und es entstand eine große Stille auf dem See.



Mk 4,40-41


Jesus tadelte seine Jünger, weil sie in dieser Krise so furchtsam ( deiloi , "feige") reagiert hatten. Trotz seiner Lehre (V. 11.34 ) hatten sie noch immer nicht im entferntesten begriffen, daß Gottes Macht und Autorität in Jesus anwesend war. Das meinte er mit seiner zweiten Frage: "Habt ihr noch keinen Glauben?" (vgl. Mk 7,18;8,17-21.33;9,19 ).

Mit der Stillung des Sturmes bewies Jesus, daß er eine Macht besaß, die im Alten Testament nur Gott hatte (vgl. Ps 89,9-10;104,2-10;106,8-9;107,23-32 ). Deshalb fürchteten die Jünger sich sehr (wörtlich: "fürchteten eine große Furcht"), als sie sahen, daß ihm sogar die Naturgewalten gehorsam waren. Das Verb "fürchteten sich" ( phobeomai , "Ehrfurcht haben"; vgl. deilos, "Furcht", in Mk 4,40 ) ist ein Ausdruck für das ehrfürchtige Staunen, das Menschen in der Gegenwart einer übernatürlichen Macht befällt (vgl. Mk 16,8 ). Die Frage, die sie sich untereinander stellten - wer ist der? -, zeigt jedoch, daß sie die ganze Tragweite dieses Geschehens nicht völlig begriffen.



2. Die Heilung des besessenen Geraseners
( 5,1-20 ) ( Mt 8,28-34; Lk 8,26-39 )


a. Die Beschreibung des Besessenen
( 5,1-5 )


Mk 5,1


Jesus und seine Jünger kamen an die Ostseite des Sees (Genezareth) in die Gegend der Gerasener . Die Ortsangaben der griechischen Handschriften schwanken hier, es werden drei Orte genannt: Gadara ( Mt 8,28 ), Gergesa (bei Origenes) und Gerasa (vgl. den Kommentar zu Lk 8,26 ). Die Bezeichnung "Gerasener", die sich wahrscheinlich auf die kleine Stadt Gersa (das heutige Khersa) am Ostufer des Sees Genezareth bezog, ist jedoch am sichersten bezeugt. Die meisten Einwohner dort waren Heiden.



Mk 5,2-5


Die Detailliertheit der Schilderung läßt sowohl den Bericht eines Augenzeugen als auch die Erzählungen der Leute aus der Stadt, die den Besessenen schon lange kannten, durchschimmern. Als Jesus aus dem Boot trat, lief ihm alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) von den Gräbern (ek, "aus") her ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen (vgl. Mk 5,8.13 mit Mk 1,23 ). Bei diesen Gräbern handelte es sich wahrscheinlich um höhlenähnliche Grüfte, die in den Fels der nahegelegenen Hügel gehauen waren und manchmal Geisteskranken als Zufluchtsort dienten. Matthäus spricht in diesem Zusammenhang von mehreren Besessenen, während Markus und Lukas nur einen, wahrscheinlich den schlimmsten Fall, erwähnen.

In Vers 3-5 wird der pathologische Zustand des Mannes ganz genau beschrieben. Er hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen (ein Ausgestoßener) und war nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen, denn niemand konnte ihn mehr binden (von damazO , "ein wildesTier zähmen"), nicht einmal mit Fußfesseln oder Ketten an den Handgelenken. Er wanderte Tag und Nacht herum, stieß wilde Schreie aus und schlug sich - vielleicht in einem dämonischen Ritual - mit scharfkantigen Steinen.

Ein solches Verhalten zeigt, daß es sich bei dämonischer Besessenheit nicht um eine gewöhnliche Krankheit oder Geisteskrankheit handelt, sondern um den verzweifelten Versuch des Satans, die Gottebenbildlichkeit des Menschen zu entstellen und zu zerstören (vgl. TDNT, " daimOn ", Mk 2,18-19 ).



b. Der Befehl an den Dämon
( 5,6-10 )


Mk 5,6-7


Die kurze Mitteilung, daß Jesus einem Besessenen begegnete (V. 2 ), wird nun näher ausgeführt. Drei Dinge zeigen, daß der Dämon, der von dem Mann Besitz ergriffen hatte, Jesu göttliche Identität und seine überlegene Macht genau kannte: er fiel vor ihm nieder (als Zeichen der Anerkennung, nicht der Anbetung); er benutzte Jesu göttlichen Namen in dem Versuch, Macht über ihn zu gewinnen (vgl. Mk 1,24 ); und er bat Jesus dreist, ihn nicht zu bestrafen. Die Wendung Gott, der Allerhöchste kommt im Alten Testament vor. Sie wird häufig von Heiden benutzt, um die Überlegenheit des wahren Gottes Israels über alle von Menschen gemachten Götter deutlich zu machen (vgl. 1Mo 14,18-24; 4Mo 24,16; Jes 14,14; Dan 3,26; 3,32; vgl. den Kommentar zu Mk 1,23-24 ).

Die Bitte, ich beschwöre dich bei Gott , war eine exorzistische Formel. Der Dämon bat Jesus, ihn nicht zu quälen , indem er ihn seiner endgültigen Strafe überantwortete (vgl. Mk 1,24; Mt 8,29; Lk 8,31 ).



Mk 5,8


Dieser Vers enthält einen kurzen erläuternden Einschub ( gar , "denn") von Markus (vgl. Mk 6,52 ). Jesus hatte ihm , dem Dämon, befohlen, den Menschen zu verlassen. Von nun an ist ständig abwechselnd von dem Mann und dem Dämon, der von ihm Besitz ergriffen hatte, die Rede bzw. kommen diese beiden abwechselnd zu Wort - was zunächst etwas irritierend wirkt.


Mk 5,9-10


Hier wird das Gespräch von Vers 7 wiederaufgenommen. Der Dämon sprach durch den Mann: "Legion heiße ich; denn wir sind viele." Viele böse Mächte hatten diesen Mann also in der Gewalt und unterdrückten ihn in grausamster Weise. Sie peinigten ihn offensichtlich mit vereinten Kräften unter der Leitung des einen Dämons, ihres Sprechers; daher auch der Wechsel zwischen Singular und Plural der Pronomen ("ich" und "wir"). Wiederholt bat der oberste Dämon Jesus inständig, daß er sie nicht aus der Gegend in ein einsames Exil vertreibe (vgl. V. 1 ), wo sie die Menschen nicht mehr quälen konnten.

Das lateinische Wort "Legion" war in Palästina durchaus bekannt; es bezeichnete eine römische Heereseinheit von sechstausend Soldaten oder in vielen Fällen einfach eine große Anzahl (vgl. V. 15 ). Für die Menschen damals, die unter römischer Besatzung leben mußten, drückte sich in diesem Begriff sicherlich große Stärke und erbarmungslose Unterdrückung aus.



c. Der Verlust der Schweineherde
( 5,11 - 13 )


Mk 5,11


Für die Juden waren Schweine "unreine" Tiere (vgl. 3Mo 11,7 ). Doch die Bauern an der Ostseite des Sees Genezareth, wo die Bevölkerung vorwiegend aus Heiden bestand, hielten Schweine für die Fleischmärkte in der Dekapolis, den "Zehn Städten" dieser Region (vgl. Mk 5,20 ).



Mk 5,12-13


Die unreinen Geister baten Jesus schließlich ganz konkret, sie in ( eis drückt hier eine Bewegung hin zu etwas aus) die Säue fahren zu lassen , um von ihnen Besitz zu ergreifen. Sie wußten, daß sie Jesus gehorchen mußten und flehten ihn in dem verzweifelten Versuch, bis zum endgültigen Gericht dem körperlosen Zustand zu entgehen, an, ihnen dieses Zugeständnis zu machen.

Jesus erlaubte es ihnen. Doch als die Dämonen den Mann verließen und indie Säue fuhren, stürmte die ganze Herde den Abhang hinunter in den See, etwa zweitausend, und sie ersoffen im See (wörtlich: "eines nach dem andern ertränkten sie sich selbst"). Der "See" symbolisiert hier möglicherweise den Bereich Satans.

Markus

d. Die Bitte der Stadtbevölkerung
( 5,14 - 17 )


Mk 5,14-15


Die Sauhirten flohen voller Angst und verkündeten das befremdliche und erschreckende Ereignis in der Stadt (wahrscheinlich Gersa; vgl. V. 1 ) und auf dem umliegenden Land . Ihr Bericht klang so unglaublich, daß viele Leute hinausgingen , um sich selbst von dem zu überzeugen, was da geschehen sein sollte. Sie sahen den ehemaligen Besessenen, wie er dasaß, bekleidet (vgl. Lk 8,27 ) und vernünftig . Er war ganz offensichtlich wieder bei Verstand und völlig Herr seiner selbst (im Gegensatz zu Mk 5,3-5 ). Die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, war so groß, daß die Leute aus der Stadt sich fürchteten (Ehrfurcht hatten; vgl. Mk 4,41 ).



Mk 5,16-17


Die Hirten (und vielleicht auch die Jünger) berichteten, was mit dem Besessenen geschehen war, und das von den Säuen . Markus hebt dieses Detail besonders hervor, um zu zeigen, daß die Hauptsorge der Leute der ökonomischen Einbuße durch den Verlust der Schweineherde (und nicht dem Geheilten) galt. Aus diesem Grund fingen die Leute aus der Stadt an, Jesus zu drängen fortzugehen . Anscheinend befürchteten sie weitere Verluste, wenn er blieb. Es wird denn auch an keiner Stelle berichtet, daß er jemals in ihre Gegend zurückkehrte.



e. Die Bitte des geheilten Mannes
( 5,18 - 20 )


Mk 5,18-20


Im Gegensatz zu den Leuten aus der Stadt (vgl. V. 17 ) bat ( parekalei , dasselbe Wort wie es der Dämon verwendete; V. 10 ) der frühere Besessene Jesus, daß er bei ihm bleiben dürfe . Jesu Wunder hatten immer wieder dieselbe Wirkung: die einen stießen sie ab (V. 15 - 17 ), und andere zogen sie an (V. 18 - 20 ).

Die Worte "daß er bei ihm bleiben dürfe" erinnern an den ganz ähnlich lautenden Satz in Kapitel 3 , Vers 14 , in dem einer der Gründe angegeben wird, warum Jesus die zwölf Jünger berufen hatte. In demselben Sinn lehnte er hier die Bitte dieses Mannes ab.

Er sagte ihm, er solle in sein Haus (zu seiner Familie) zu den Seinen (seinen Leuten) gehen, die ihn ausgestoßen hatten, und ihnen alles, was der Herr, der höchste Gott (vgl. Mk 5,7; Lk 8,39 ), für ihn getan hatte und wie er sich seiner erbarmt hatte, erzählen. Der Mann gehorchte und fing an, in den Zehn Städten (einem Zusammenschluß von zehn griechischen Städten, die - bis auf eine - östlich des Jordan lagen) die wunderbaren Dinge, die Jesus ihm getan hatte , zu verkündigen (vgl. Mk 1,4.14 ). Jeder, der ihn hörte, verwunderte sich ( ethaumazon , vgl. "erstaunt"; Mk 6,6 a; 12,17; 15,5.44 ).

Da der Mann Heide war und seine Verkündigung sich auf ein heidnisches Gebiet beschränkte, in dem Jesus nicht willkommen war, gebot Jesus ihm nicht, wie sonst, zu schweigen (vgl. Mk 1,44;5,43;7,36 ).



3. Die Auferweckung der Tochter des Jarus und die Heilung der blutflüssigen Frau
( 5,21 - 43 ) ( Mt 9,18-26; Lk 8,40-56 )


Dieser Abschnitt ist, ähnlich wie Mk 3,20-35 , in drei Schichten aufgebaut. Der Bericht von der Auferweckung der Tochter des Jarus von den Toten ( Mk 5,21-24.35-43 ) wird durch den Zwischenfall mit der blutflüssigen Frau ( Mk 5,25-34 ) unterbrochen. Was zunächst wie eine verhängnisvolle Verzögerung für Jarus' Tochter erscheint, erweist sich am Ende nur als Bekräftigung der heilenden Macht Jesu. Es war eine Prüfung, um Jarus' Glauben zu stärken.



a. Jaïrus' Bitte
( Mk 5,21-24 ) ( Mt 9,18-19; Lk 8,40-42 )


Mk 5,21-24


Jesus und seine Jünger kehrten auf die andere (westliche) Seite des Sees Genezareth, wahrscheinlich nach Kapernaum, zurück. Dort versammelte sich erneut eine große Menge bei ihm, solange er noch am See war.

Da kam Jaïrus zu ihm. Als einer der Vorsteher der Synagoge war er ein "Laienbeamter", der für die Wartung des Synagogengebäudes und für den technischen Ablauf des Gottesdienstes verantwortlich war, eine in der Gemeinde sehr angesehene Aufgabe. Nicht alle Leute in führenden religiösen Positionen standen Jesus also feindlich gegenüber.

Jaïrus' kleine Tochter (seine einzige Tochter; Lk 8,42 ) lag in den letzten Zügen . Matthäus, der sehr viel kürzer über dieses Ereignis berichtet (seine Schilderung umfaßt nur einhundertfünfunddreißig Wörter im Griechischen, bei Markus sind es dreihundertvierundsiebzig), schreibt gleich zu Anfang, daß das Mädchen bereits gestorben war ( Mt 9,18 ). Jarus fiel Jesus in demütiger Haltung zu Füßen und bat ihn sehr (vgl. Mk 5,10 ), zu kommen und ihr die Hände aufzulegen, damit sie gesund (wörtlich: "gerettet" und vom physischen Tod erlöst) werde und lebe . Die Praxis der "Handauflegung" beim Heilen symbolisierte die Übertragung von Lebenskräften vom Heiler auf den Kranken; sie wurde allgemein mit Jesu Heilungen assoziiert (vgl. Mk 6,5;7,32;8,23.25 ). Wahrscheinlich hatte Jarus bereits von Jesu Macht gehört (vgl. Mk 1,21-28 ) und war deshalb zuversichtlich, daß dieser das Leben seiner Tochter retten könnte.

Als Jesus mit Jaïrus ging, folgte ihnen eine große Menge, und sie umdrängten (von synthlibO , vgl. V. 31 ) ihn .



b. Die Heilung der blutflüssigen Frau
( 5,25-34 ) ( Mt 9,20-22; Lk 8,43-48 )


Mk 5,25-27


Unter der Menge befand sich auch eine nicht namentlich genannte Frau mit einer unheilbaren Krankheit. Sie hatte (wörtlich: "war in") seit zwölf Jahren den Blutfluß (vgl. V. 42 ). Es kann sich dabei um eine chronische menstruelle Störung oder um eine Gebärmutterblutung gehandelt haben. Auf jeden Fall machte dieser Zustand sie rituell unrein (vgl. 3Mo 15,25-27 ) und schloß sie somit vom normalen gesellschaftlichen Leben aus, da jeder, der mit ihr in Berührung kam, ebenfalls "unrein" wurde.

Sie hatte die verschiedensten Behandlungen von vielen Ärzten ausprobiert und dabei viel durchgemacht. All ihr Gut hatte sie dafür aufgewandt, in dem verzweifelten Versuch, wieder gesund zu werden; doch nichts half. Im Gegenteil, es war noch schlimmer mit ihr geworden .

Als sie jedoch von Jesu heilenden Kräften hörte, erwachte ihr Glaube. Trotz ihrer Unreinheit kam sie in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand (das Oberkleid). Sie wollte sich möglichst nicht der Peinlichkeit einer öffentlichen Enthüllung ihrer Krankheit aussetzen.

 

Mk 5,28


Sie sagte sich, daß sie, wenn sie nur seine Kleider berühren könnte, gesund würde und sich dann unbemerkt zurückziehen könnte. In ihren Glauben mischte sich vielleicht die im Volk verbreitete Vorstellung, daß die Kraft eines Heilers schon durch seine Kleidung wirke, oder sie kannte jemanden, der auf diese Weise geheilt worden war (vgl. Mk 3,10;6,56 ).



Mk 5,29


Als die Frau Jesu Gewand berührte, versiegte sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) die Quelle ihres Blutes. Sie spürte (wörtlich: "wußte", von ginOskO , "aus Erfahrung wissen"; vgl. Mk 5,30 ) es am Leibe, daß sie von ihrer Plage geheilt war . Die Heilung geschah also ohne sichtbares Zutun Jesu.



Mk 5,30


Und Jesus spürte sogleich ( euthys ) an sich (von epiginOskO , "genau wissen"; vgl. V. 29 ), daß eine Kraft von ihm ausgegangen war .

Diese ungewöhnliche Formulierung ist auf zweifache Weise verstanden worden. Die eine These lautet, daß Gott der Vater die Frau heilte und Jesus erst im nachhinein spürte, was geschehen war. Die zweite Auffassung geht davon aus, daß Jesus seine Heilkraft an der Frau erwies, um ihren Glauben zu belohnen. Diese letztere These paßt besser zu den anderen Heilungen Jesu. Seine Kraft ging nicht ohne sein Wissen und seinen Willen von ihm aus, doch er wandte sie nur auf Geheiß des Vaters an (vgl. Mk 13,32 ). Die Berührung des Gewandes jedoch hatte keine magische Wirkung.

Da Jesus wußte, wie das Wunder stattgefunden hatte, wandte er sich um und sprach: Wer hat meine Kleider berührt? Er wollte eine persönliche Beziehung zu der geheilten Person herstellen, um irrigen Vorstellungen einer quasi-magischen Wirkung zuvorzukommen.



Mk 5,31-32


Seinen Jüngern (den Zwölfen; vgl. Lk 8,45 ) schien diese Frage absurd, da die Menge ihn von allen Seiten umdrängte (von synthlibO ; vgl. Mk 5,24 ) und er ständig von irgend jemandem berührt wurde. Jesus konnte jedoch die Berührung eines Menschen, der im Glauben die Rettung von ihm erhoffte, sehr wohl von der versehentlichen Berührung eines Menschen aus der Menge unterscheiden. Zwischen beidem war - und ist - ein großer Unterschied. Daher sah er sich um ( perieblepeto ; "sah sich scharf um"; vgl. Mk 3,5.34 ) und musterte die Menge, die ihn umgab, um herauszufinden, wer ihn auf diese Weise berührt hatte.



Mk 5,33-34


Da fiel die Frau, die seine Frage als einzige verstanden hatte, vor ihm nieder und fürchtete sich und zitterte (von phobeomai , "ehrfürchtige Scheu haben", vgl. Mk 4,41 ), in dem Bewußtsein, was an ihr geschehen war, und sagte ihm mutig und dankbar die ganze Wahrheit .

Die zärtliche Anrede Tochter (die Jesus nur an dieser Stelle benutzte) war ein Ausdruck ihrer neuen Beziehung zu ihm (vgl. Mk 3,33-35 ). Jesus schrieb ihre Heilung ihrem Glauben zu, nicht der Berührung seines Gewandes. Ihr Glaube hatte sie gesund gemacht (wörtlich: "hat dich gerettet" bzw. "befreit"; vgl. Mk 5,28;10,52 ), weil er sie bei Jesus Heilung suchen ließ. Die Wirksamkeit des Glaubens, des zuversichtlichen Vertrauens, kommt nicht von dem, der diesem Glauben Ausdruck gibt, sondern von dem, dem er gilt (vgl. Mk 10,52;11,22 ).

Jesus sagte: "Geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!" (vgl. Mk 5,29 ). Das war die Bestätigung für sie, daß ihre Heilung vollständig und von Dauer war. In ihrer Not - unheilbar krank und gesellschaftlich und religiös isoliert - war sie zwölf Jahre lang eine "lebende Tote" gewesen. Ihre Wiederherstellung und Rückführung ins Leben war gleichsam eine Vorwegnahme der dramatischen Heilung von Jarus' Tochter, die im Alter von zwölf Jahren wirklich gestorben war.



c. Die Auferweckung der Tochter des Jarus
( 5,35-43 ) ( Mt 9,23-26; Lk 8,49-56 )


Mk 5,35-36


Die Verzögerung (vgl. V. 22-24 ), die durch die Heilung der blutflüssigen Frau entstand (V. 25-34 ), stellte Jairus' Glauben auf eine harte Probe. Seine Befürchtung, daß seine kleine Tochter sterben könnte, bevor er mit Jesus zu Hause anlangte, wurde durch den Bericht einiger Männer (nicht mit Namen genannte Freunde und Verwandte) aus seinem Haus, die ihm die Nachricht überbrachten, daß sie inzwischen tatsächlich gestorben war, bestätigt. Ihrer Ansicht nach machte der Tod des Kindes alle Hoffnung zunichte, daß Jesus ihr noch helfen könnte, und sie meinten daher, daß es sinnlos sei, den Meister (vgl. Mk 4,38 ) weiter zu bemühen (wörtlich: "belästigen").

Jesus hörte diese Botschaft mit an, doch er weigerte sich, die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, zu akzeptieren. So jedenfalls läßt sich das hier verwendete Verb deuten, das auch mit "überhören" ( parakousas , "sich weigern, zuzuhören") übersetzt werden kann (vgl. Mt 18,17 ). Statt dessen ermutigte er Jairus und forderte ihn auf: "Hör auf, dich zu fürchten (im Unglauben), glaube nur weiter!" Mit seinem Kommen hatte Jarus bereits bewiesen, daß er an Jesus glaubte, und in der Heilung der blutflüssigen Frau war er Zeuge des Verhältnisses zwischen Glauben und Jesu Macht geworden ( Mk 5,25-34 ); jetzt sollte er glauben , daß Jesus sogar imstande war, seiner Tochter das Leben wiederzugeben.



Mk 5,37-40 a


Außer Jarus ließ Jesus nur drei seiner Jünger - Petrus, Jakobus und Johannes - mit in das Haus (vgl. 5Mo 17,6 ). Diese drei Jünger fungierten, wie auch bei Jesu Verklärung ( Mk 9,2 ) und in Gethsemane ( Mk 14,33 ), als Zeugen, in diesem Fall als Zeugen der Vorwegnahme der Auferstehung Jesu.

Vor und im Haus hatte bereits das Zeremoniell der jüdischen Totenklage begonnen. Zu diesem Getümmel ( thorybon , "Aufruhr") gehörten unter anderem auch bezahlte Klageweiber (vgl. Jer 9,16; Am 5,16 ), die abwechselnd weinten und heulten .

Jesus ging hinein und tadelte die Trauernden, weil, wie er sagte, das Kind nicht gestorben sei, sondern schlafe . Wollte er damit sagen, daß es nur im Koma lag? Die Freunde und Verwandten (vgl. Mk 5,35 ) und die Klageweiber, die seine Worte höhnisch verlachten, wußten jedoch offensichtlich mit Sicherheit, daß das Mädchen tot war (vgl. Lk 8,53 ). Beschrieb Jesus also einfach den Tod als "Schlaf" und setzte zwischen Tod und Auferstehung eine Art "Schlaf" als Übergangszustand voraus? Diese These wird allerdings an keiner anderen Stelle im Neuen Testament erhärtet (vgl. Lk 23,42-43; 2Kor 5,6-8; Phil 1,23-25 ). Wahrscheinlicher ist, daß er sagte, der Tod sei in diesem Fall wie ein Schlaf. Für die Trauernden würde der Tod des Mädchens wie ein "Schlaf" wirken, aus dem sie geweckt würde. Ihr Zustand war also nicht endgültig und unwiderruflich (vgl. Lk 8,55; Joh 11,11-14 ).



Mk 5,40-42 (Mk 5,40b-42)


Nachdem er die gesamte Trauergemeinde hinausgetrieben hatte, nahm Jesus die Eltern des Kindes und die bei ihm waren (vgl. V. 37 ) mit sich in das Zimmer, in dem das Mädchen lag. Dann e rgriff er das Kind bei der Hand und sprach die aramäischen Worte: "Talita kum!" Das war ein Gebot, kein Zauberspruch. Markus übersetzte es für seine griechisch sprechenden Leser: "Mädchen, steh auf!" und fügte, um die Macht Jesu über den Tod besonders deutlich herauszustellen, die Wendung: "Ich sage dir!" ein. Da die Galiläer zweisprachig waren, benutzte Jesus sowohl das Aramäische, seine Muttersprache - ein semitischer Dialekt, der dem Hebräischen verwandt ist - als auch das Griechische, die Lingua franca der gräco-romanischen Welt. Wahrscheinlich sprach er außerdem auch Hebräisch.

Auf Jesu Gebot stand das Mädchen sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) auf und begann umherzugehen , denn ( gar ), so schreibt Markus erklärend, es war zwölf Jahre alt. Die Eltern und die drei Jünger entsetzten sich über die Maßen (von existEmi , wörtlich: "waren außer sich vor großem Staunen"; vgl. Mk 2,12;6,51 ) über dieses Wunder.



Mk 5,43


Jesus gab den Anwesenden zwei Anweisungen. Zunächst verbot er ihnen streng , jemandem zu erzählen, was hier geschehen war, denn er wollte nicht, daß die Menschen um des Wunders willen, also aus den falschen Gründen, zu ihm kamen (vgl. den Kommentar zu Mk 1,43-45 ).

Die zweite Anweisung, dem Mädchen zu essen zu geben, zeigt sein Gefühl für die Bedürfnisse anderer und ist außerdem ein Indiz dafür, daß es wieder vollkommen gesund war. Jarus' Tochter war zum Leben erweckt, dem natürlichen Leben wiedergegeben und damit auch immer noch dem natürlichen Tod unterworfen, und mußte daher essen. Das ist der Unterschied zu einem auferstandenen Körper (vgl. 1Kor 15,35-57 ).



F. Schluß: Jesu Verwerfung in Nazareth
( 6,1 - 6 a) ( Mt 13,53-58; Lk 4,16-30 )


Mk 6,1


Aus Kapernaum ging Jesus in seine Vaterstadt Nazareth (vgl. Mk 1,9.24 ), etwa 30 Kilometer südwestlich, in der er früher gelebt und gewirkt hatte (vgl. Lk 4,16-30 ). Seine Jünger folgten ihm nach , er kehrte also als Meister (Rabbi), umgeben von seinen Schülern, zurück. Er erfüllte damit seinen Auftrag und bereitete gleichzeitig seine Jünger durch sein Beispiel auf ihre eigene spätere Aufgabe vor (vgl. Mk 6,7-13 ).



Mk 6,2-3


Am Sabbat lehrte er in der Synagoge (vgl. Mk 1,21 ), wahrscheinlich legte er das Gesetz und die Propheten aus. Viele verwunderten sich ( exeplEssonto , "waren erstaunt, überrascht, überwältigt"; vgl. Mk 1,22;7,37;10,26;11,18 ) über seine Lehren.

Doch viele fragten auch geringschätzig, woher er das alles habe: (a) seine Lehre, (b) die Weisheit, die ihm gegeben ist (wörtlich: "dem da") und (c) seine Macht, mächtige Taten , Wunder, zu tun (vgl. Mk 6,5 ). Nur zwei Antworten waren möglich: entweder hatte er diese Macht von Gott oder vom Satan (vgl. Mk 3,22 ).

Trotz seiner beeindruckenden Worte und Taten machte Jesus keinen Eindruck auf die Nazarener; sie kannten ihn einfach zu gut. In ihrer abschätzigen Frage "ist er nicht der Zimmermann?" schwang die Feststellung mit: "Er ist ein ganz gewöhnlicher Arbeiter wie wir auch." Seine Familienangehörigen - Mutter, Brüder und Schwestern - waren in der Stadt bekannt, und man wußte, daß sie ganz normale Leute waren. Auch die Wendung Marias Sohn war verächtlich gemeint, denn normalerweise wurde ein Mann bei den Juden nicht als seiner Mutter Sohn bezeichnet, auch dann nicht, wenn sie eine Witwe war, es sei denn, man wollte ihn beleidigen (vgl. Ri 11,1-2; Joh 8,41; 9,29 ). In ihren gezielten Schmähreden steckte aber auch eine Anspielung auf Jesu Geburt, mit der nach Ansicht der Leute etwas nicht stimmte.

Seine Brüder und Schwestern (vgl. Mk 3,31-35 ) waren wahrscheinlich Kinder von Josef und Maria, die nach Jesus zur Welt gekommen waren, und nicht Josefs Kinder aus einer früheren Ehe oder Jesu Cousins. Jakobus wurde später einer der führenden Männer der Kirche in Jerusalem (vgl. Apg 15,13-21 ) und verfaßte auch den Jakobusbrief ( Jak 1,1 ). Judas war wahrscheinlich der Autor des Judasbriefs ( Jud 1,1 ). Von Joses und Simon und den Schwestern ist sonst nichts bekannt. Über Josef, seinen Vater, wird vielleicht nichts gesagt, weil er bereits gestorben war.

Da sich die Nazarener also keinen Reim auf Jesus machen konnten, ärgerten sie sich an ihm (von skandalizomai , "zum Stolpern gebracht werden, abgestoßen sein"; vgl. den Kommentar zu Mk 14,27 ). Sie sahen keinen Grund zu glauben, daß er der Gesalbte Gottes war.



Mk 6,4


Jesus beantwortete ihre Ablehnung mit dem Sprichwort, daß ein Prophet in seinem Hause nicht geschätzt wird. Er verglich sich mit den Propheten des Alten Testaments (vgl. V. 15 ; Mk 8,28 ), deren Worte häufig Ablehnung hervorriefen und die meist von denen, die sie am besten kannten, am wenigsten geschätzt wurden (vgl. Mk 6,17-29 ).



Mk 6,5-6 a


Wegen des hartnäckigen Unglaubens der Leute aus Nazareth konnte Jesus dort nicht eine einzige Tat tun, außer daß er wenigen Kranken die Hände auflegte (vgl. Mk 5,23 ) und sie heilte . Das heißt nicht, daß er hier keine Macht hatte, doch er wollte Wunder nur da tun, wo Glauben war. In dieser Stadt hatten nur wenige genug Glauben, um zu ihm zu kommen und ihn um Heilung zu bitten.

Selbst Jesus wunderte sich ( ethaumasen ; vgl. Mk 5,20;12,17;15,5.44 ) über ihren Unglauben , ihre mangelnde Bereitschaft zu akzeptieren, daß seine Weisheit und seine Macht von Gott kamen. Soweit wir wissen, kehrte er nach dieser Episode nie mehr nach Nazareth zurück.

Die Leute aus Nazareth waren ein Symbol für Israels Blindheit. Ihre Weigerung, an Jesus zu glauben, war ein Bild für das, was die Jünger bald erfahren (vgl. Mk 6,7-13 ) und was auch Markus' Leser (damals und heute) bei der Ausbreitung des Evangeliums zu spüren bekommen sollten.



V. Jesu Wirken in und um Galiläa
( Mk 6,6 b - 6,7-8,30 )


Der dritte größere Abschnitt des Markusevangeliums beginnt, was den Aufbau betrifft, wie die beiden ersten (vgl. Mk 6,6 b mit Mk 1,14-15 und Mk 3,7-12;6,7-34 mit Mk 1,16-20 und Mk 3,13-19 ), doch er schließt statt mit einer Aussage der Verwerfung (vgl. Mk 3,6;6,1-6 a) mit dem Bekenntnis des Petrus, daß Jesus der Messias sei ( Mk 8,27-30 ). In dieser Phase seines Wirkens schenkte Jesus den Jüngern besondere Aufmerksamkeit. Angesichts des Widerstands, dem er allenthalben begegnete, offenbarte er ihnen durch seine Worte und Taten, wer er war und ist. Die meiste Zeit verbrachten sie dabei außerhalb Galiläas.

A. Einführende Zusammenfassung: Jesu Lehrreise durch Galiläa
( 6,6 b) ( Mt 9,35-38 )


Mk 6,6 b


In diesem Vers wird Jesu dritte Reise durch Galiläa knapp rekapituliert (zur ersten vgl. Mk 1,35-39; von der zweiten ist im Markusevangelium nicht die Rede; vgl. Lk 8,1-3 ). Trotz der erfahrenen Ablehnung in Nazareth ging Jesus rings umher in die umliegenden Dörfer und lehrte (vgl. Mk 1,21 ). Er bereitete damit den Boden für den Missionsauftrag der Zwölf.



B. Jesu Aussenden der Zwölf und der Tod Johannes' des Täufers
( 6,7 - 31 )


Dieser Abschnitt hat wieder die klassische "Sandwich"-Struktur mit einem Hauptteil, der durch einen Einschub unterbrochen ist (vgl. Mk 3,20-35;5,21-43 ): In den Bericht über die Aussendung der Zwölf ( Mk 6,7-13.30-31 ) ist die Nachricht vom Tode Johannes' des Täufers eingewoben ( Mk 6,14-29 ). Dadurch wird deutlich, daß der Tod des Boten Johannes nicht auch seine Botschaft zum Verstummen brachte. Der Tod des Wegbereiters war zugleich eine Vorankündigung des Todes Jesu. Auch Jesu Botschaft würde nach seinem Tod von seinen Jüngern weiter gepredigt werden.



1. Der Auftrag der Zwölf
( 6,7-13 ) ( Mt 10,1.5-15; Lk 9,1-6 )


Mk 6,7


Um sein Wirken auf dieser Reise durch Galiläa auf eine breitere Basis zu stellen, fing Jesus an, die Zwölf auszusenden (von apoStellO ; vgl. Mk 3,14;6,30 ), je zwei und zwei , eine Praxis, die damals aus praktischen und rechtlichen Gründen allgemein üblich war (vgl. Mk 11,1; 14,13; Joh 8,17; 5Mo 17,6; 9,15 ).

Die Zwölf waren Jesu bevollmächtigte Vertreter, gemäß der jüdischen Vorstellung des S+lUHIm , nach der der Stellvertreter ( SClIaH ) eines Mannes ebensoviel gilt wie der Mann selbst (vgl. Mt 10,40 und TDNT, "apostolos" , 1,413-27). Die Jünger sollten einen Sonderauftrag erfüllen und dann zurückkehren und Jesus Bericht erstatten (vgl. Mk 6,30 ); daher galten Jesu ungewöhnliche Anweisungen (V. 8 - 11 ) auch nur für diesen besonderen Auftrag.

Er gab ihnen Macht ( exousian ; das "Recht" und die "Macht"; vgl. Mk 2,10;3,15 ) über die unreinen Geister . Diese Fähigkeit, Dämonen auszutreiben (vgl. Mk 1,26 ), sollte ihre Predigt bestätigen (vgl. Mk 6,13;1,15 ).



Mk 6,8-9


Die Dringlichkeit ihres Auftrags erforderte es, daß sie mit leichtem Gepäck reisten. Daher durften sie nur einen Stab ( rhabdon , "Wanderstock") und Schuhe (gewöhnliches Schuhwerk) tragen, sollten jedoch kein Brot (keine Nahrung), keine Tasche (wahrscheinlich ist eine Provianttasche, kein Bettelsack, gemeint), kein Geld im Gürtel (kleine Kupfermünzen konnten leicht in die Gürtel gesteckt werden) und keine zwei Hemden (zusätzliche Unterkleidung, die in der Nacht als Decke diente) mitnehmen. Sie sollten, was Nahrung und Schutz anging, also allein auf Gottes Hilfe und die jüdische Gastfreundschaft angewiesen sein. Das Mitnehmen des Stabes und der Sandalen wird den Jüngern nur bei Markus zugestanden. Bei Matthäus sind auch diese beiden Reiseutensilien verboten ( Mt 10,9-10 ), während bei Lukas nur die Schuhe erlaubt sind ( Lk 9,3 ). Matthäus benutzt allerdings das Verb ktaomai ("beschaffen, erwerben") statt airO ("nehmen"): Die Jünger sollten also keine zusätzlichen Stäbe oder Schuhe kaufen, sondern die verwenden, die sie bereits besaßen. Markus und Lukas schreiben beide airO , "nehmen oder mitnehmen". Doch während es bei Lukas heißt: "Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, keinen Stab ( rhabdon )", womit vermutlich gemeint ist, daß sie keinen zusätzlichen Stab mitnehmen dürfen, lautet die Anweisung bei Markus, "nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab" ( rhabdon ; vgl. Mk 6,8 ) - aller Wahrscheinlichkeit nach den Stab, den jeder in Gebrauch hatte. Jeder Evangelist betont also einen anderen Aspekt der Anweisungen Jesu.



Mk 6,10-11


Wann immer die Jünger in ein Haus eingeladen wurden, sollten sie dort bleiben und von dort aus arbeiten, bis sie die Stadt wieder verließen. Sie sollten sich also nicht bei mehreren Leuten einquartieren oder bessere Angebote annehmen, nachdem sie sich einmal an einem Ort niedergelassen hatten.

Und sie sollten sich auf Ablehnung gefaßt machen. Wenn sie irgendwo (in einem Haus, einer Synagoge oder in einem Dorf) nicht aufgenommen würden und man ihre Botschaft nicht hören wollte, sollten sie den Ort verlassen und den Staub von ihren Füßen schütteln . Das taten fromme Juden, wenn sie heidnische (fremde) Gebiete verließen, um zu zeigen, daß sie sich von diesem Ort distanzierten - die Geste würde den jüdischen Zuhörern also zeigen, daß sie sich wie Heiden verhielten, wenn sie die Botschaft der Jünger ablehnten.

Gleichzeitig war das Abschütteln des Staubes ein Zeugnis (vgl. Mk 1,44;13,9 ) gegen die Bürger der betreffenden Stadt, eine Warnung, daß die Jünger ihre Pflicht ihnen gegenüber erfüllt hatten und daß diejenigen, die in ihrer Ablehnung verharrten, sich nun allein vor Gott zu verantworten hatten (vgl. Apg 13,51;18,6 ). Zweifellos führte dieses Vorgehen bei manchen doch noch zu ernsthaftem Nachdenken und zu wirklicher Reue.



Mk 6,12-13


Gehorsam predigten die Zwölf, man solle Buße tun (vgl. Mk 1,4.14-15 ), trieben viele böse Geister aus (vgl. Mk 1,32-34.39 ) und machten viele Kranke gesund (vgl. Mk 3,10 ). Als Stellvertreter Jesu (vgl. Mk 6,7;9,37 ) machten sie die Erfahrung, daß seine Macht über seine persönliche Gegenwart hinaus wirksam war. Ihr Auftrag war ein Zeichen für das Kommen des Gottesreiches (vgl. Mk 1,15 ).

Vom Salben der Kranken mit Öl (Olivenöl) ist nur bei Markus die Rede. Es geschah aus zwei Gründen: erstens wegen seiner heilenden Eigenschaften (vgl. Lk 10,34; Jak 5,14 ) und zweitens wegen seines Symbolcharakters: als Zeichen dafür, daß die Jünger in Jesu Vollmacht und nicht aus eigener Kraft handelten.



2. Die Enthauptung Johannes des Täufers
( 6,14 - 29 ) ( Mt 14,1-2; Lk 3,19-20;9,7-9 )


a. Die Ansichten des Volkes über Jesu Identität
( 6,14 - 16 )


Mk 6,14-16


Die Wunder, die Jesus und die Zwölf in ganz Galiläa taten, erregten schließlich auch die Aufmerksamkeit von Herodes Antipas I., dem Sohn Herodes' des Großen (vgl. die Tabelle zum Geschlecht des Herodes bei Lk 1,5 ). Herodes Antipas war Tetrarch (Herrscher über ein Viertel des Reiches seines Vaters) von Galiläa und Peräa, ein Vasallenkönig Roms, von 4 v. Chr. bis 39 n. Chr. (vgl. Mt 14,1; Lk 3,19;9,7 ). Er war zwar offiziell nicht König, wurde jedoch wahrscheinlich wegen seiner ehrgeizigen Projekte in seinem Umfeld so genannt, was die Verwendung des Titels bei Markus erklären würde. Mk 6,14 b- 15 zählt drei Gerüchte auf, die über Jesu Identität und seine Taten im Umlauf waren. Demnach war er (a) Johannes der Täufer (vgl. Mk 1,4-9 ), der von den Toten auferstanden war, (b) Elia (vgl. Mal 3,1;3,23-24 ) oder (c) ein Prophet , der die unterbrochene Linie der Propheten Israels fortsetzte.

Trotz anderslautender Meinungen war der von Gewissensbissen geplagte Herodes fest überzeugt, daß Jesus der Mann sei, den er enthauptet hatte. Er glaubte, daß Johannes der Täufer von den Toten auferstanden sei und nun Wunderkräfte besäße. Mk 6,17-29 erklärt in einem Rückblick die Hintergründe von Vers 16 , die Herodes zu seiner Einschätzung veranlaßten.



b. Rückblick: Die Hinrichtung Johannes' des Täufers
( 6,17 - 29 )


Markus fügt diesen Abschnitt nicht nur ein, um die Information von der Gefangennahme des Täufers in Kapitel 1,14 zu ergänzen und das im vorangehenden Vers ( Mk 6,16 ) Gesagte näher zu erklären. Es geht ihm auch um die Parallele zwischen der "Leidensgeschichte" des Vorläufers Jesu und seinem eigenen Leiden und Sterben. Er konzentriert sich dabei vor allem auf das, was Herodes und Herodias Johannes angetan hatten. Sein Bericht ist möglicherweise auch deshalb so detailliert, weil er einen Bogen zu dem Konflikt zwischen Elia und Isebel schlagen möchte. Immerhin identifizierte Jesus Johannes später mit Elia ( Mk 9,11-13 ).



Mk 6,17-18


Der Evangelist erläutert ( gar , denn ), daß Herodes selbst befohlen hatte, Johannes zu ergreifen und ins Gefängnis zu werfen. Nach Josephus lag das Gefängnis, in dem sich Johannes befand, bei dem Festungspalast von Machärus an der Nordostküste des Toten Meeres (Ant. 18.5.2). Herodes hatte Johannes gefangengesetzt, um ihn vor seiner ehrgeizigen zweiten Frau Herodias zu schützen. Er war zunächst mit der Tochter eines arabischen Königs, Aretas IV., verheiratet gewesen und hatte sich dann in seine Halb-Nichte Herodias (die Tochter seines Halbbruders Aristobulus) verliebt, die ihrerseits mit seinem anderen Halbbruder ( Bruder bedeutet hier Halbbruder) Philippus verheiratet war (nicht der Philippus, von dem in Lk 3,1 die Rede ist, sondern ihr Halbonkel; vgl. Josephus, Ant. 18.5.1 - 2) und mit ihm eine Tochter, Salome, hatte. Herodes und Herodias hatten sich beide von ihren Ehepartnern scheiden lassen, um einander zu heiraten. Diese Ehe hatte Johannes wiederholt als ungesetzlich bezeichnet (vgl. 3Mo 18,16; 3Mo 20,21 ).



Mk 6,19-20


Johannes' kühner Tadel erzürnte Herodias, die seitdem einen Groll gegen ihn hegte (wörtlich: "etwas gegen ihn hatte"). Nicht zufrieden mit seiner Gefangennahme, wollte sie ihn töten . Doch ihre Pläne wurden durchkreuzt, denn Herodes fürchtete Johannes , den er als frommen und heiligen Mann kannte (er hatte eine abergläubische Furcht vor ihm). So beschützte er Johannes vor Herodias' mörderischen Plänen, indem er ihn in Gewahrsam nehmen ließ - ein geschickter Kompromiß.

Trotz seines unmoralischen Lebenswandels war Herodes von Johannes fasziniert. Er hörte ihn gern predigen, obwohl er danach jedesmal sehr unruhig war. Die Worte "sehr unruhig" ( polla Eporei ) sind in den Handschriften gut bezeugt und auch vom Kontext her der Lesart "er tat viele Dinge" ( polla epoiei ) vorzuziehen, einer Variante, die wahrscheinlich auf einen Fehler der Kopisten zurückgeht, die den Text nach Diktat aufschrieben. Herodes' Konflikt zwischen seiner Leidenschaft für Herodias und seiner Achtung vor Johannes zeugen für seine schwankende moralische Haltung und seine Labilität.



Mk 6,21-23


Schließlich fand Herodias jedoch eine Gelegenheit, ihr Ziel doch noch zu erreichen. Herodes gab an seinem Geburtstag ein Festmahl , eine luxuriöse Feier für seine Großen (die Zivilbeamten) und die Obersten des Heeres und die Vornehmsten (vornehmeBürger) von Galiläa . Bei diesem Anlaß sandte Herodias mit Vorbedacht (darauf deuten die Verse 24-25 hin) ihre Tochter Salome in den Festsaal, die durch ihren Tanz die Gunst des Königs erringen sollte.

Salome war eine junge Frau im heiratsfähigen Alter ( korasion , "Mädchen"; vgl. Est 2,2.9; Mk 5,41-42 ), wahrscheinlich etwa 15 Jahre alt. Ihr geschmeidiger, aufreizender Tanz gefiel Herodes und denen, die mit ihm am Tisch saßen und veranlaßte ihn zu einem prahlerischen, übereilten Versprechen: Er wollte ihr alles, was sie begehrte, geben - bis zur Hälfte seines Königreiches (vgl. Est 5,6; Est 7,2 ) - und schwur einen Eid darauf. In Wirklichkeit hatte Herodes allerdings gar kein "Königreich" (Reich) zu verschenken (vgl. den Kommentar zu Mk 6,14 ); es war nur eine gebräuchliche Übertreibung, die seine Großzügigkeit ausdrücken sollte und, wie Salome sehr wohl wußte, keinesfalls wörtlich zu nehmen war (vgl. 1Kö 13,8 ).



Mk 6,24-25


Als Salome ihre Mutter fragte, um was sie bitten solle, antwortete Herodias mit einer Schnelligkeit, die darauf schließen läßt, daß sie sich die Antwort bereits zurechtgelegt hatte: "Das Haupt Johannes' des Täufers." Sie wollte den Beweis, daß er wirklich tot war. Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) ging Salome eilig hinein zum König und äußerte ihre makabre Bitte. Sie verlangte, daß die Hinrichtung jetzt gleich ( exautEs , "sofort") vollzogen würde, bevor Herodes einen Weg finden konnte, ihre Bitte zu umgehen. Dem festlichen Anlaß entsprechend sollte der Kopf auf einer Schale gebracht werden.



Mk 6,26-28


Salomes Bitte betrübte den König sehr (vgl. Mk 14,34 ). Doch wegen des Eides (den er für unwiderruflich hielt), und um vor seinen Gästen nicht das Gesicht zu verlieren (vgl. Mk 6,21 ), hatte er nicht den Mut, ihre Forderung abzulehnen. So befahl er sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ), daß die Bitte erfüllt werde.

Ein Henker ( spekoulatora , ein lateinisches Lehnwort, wahrscheinlich eine Art Leibwächter) enthauptete Johannes im Festungsgefängnis und trug sein Haupt herbei auf einer Schale und gab sie Salome, die sie wiederum Herodias überreichte (vgl. Mk 9,12-13 ). Johannes war nun zwar zum Schweigen gebracht, doch was er zu Herodes gesagt hatte, galt nach wie vor.



Mk 6,29


Als die Jünger des Johannes (vgl. Mt 11,2-6 ) von seinem Tod hörten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab .

 

3. Die Rückkehr der Zwölf
( 6,30 - 31 ) ( Lk 9,10 a)


Mk 6,30-31


Die Apostel ( apostoloi , "Abgesandte, Boten") kehrten zu Jesus zurück, wahrscheinlich, wie es zuvor ausgemacht worden war, nach Kapernaum, und verkündeten ihm alles, was sie in Erfüllung ihres Auftrags getan (in "Werken") und gelehrt (in "Worten") hatten (vgl. V. 7-13 ). Die Bezeichnung "Apostel" für die Zwölf taucht nur zweimal im Markusevangelium auf (vgl. Mk 3,14 ). Sie wird jedoch nur ganz allgemein zur Umschreibung ihrer Missionstätigkeit gebraucht und nicht als offizieller Titel (vgl. Eph 2,19-20 ).

Jesus war der Ansicht, daß die Jünger nun eine wohlverdiente Ruhepause nötig hätten, und da der Zustrom der Menschen so stark war und so viele kamen und gingen, daß sie nicht Zeit genug zum Essen hatten (vgl. Mk 3,20 ), schlug er vor, sich allein ( kat? idian ; vgl. Mk 4,34 ) an eine einsame ( erEmon ; "abgelegen"; vgl. Mk 1,35.45 ) Stätte zurückzuziehen (vgl. Mk 6,32 ).



C. Jesu Selbstoffenbarung gegenüber den Zwölfen in Wort und Tat
( 6,32 - 8,26 )


In der Periode seines Wirkens, um die es im folgenden geht, verließ Jesus Galiläa mehrmals, um an anderen Orten zu predigen (vgl. Mk 6,31;7,24.31;8,22 ). Er offenbarte in dieser Zeit den Zwölfen - und auch den späteren Lesern des Markusevangeliums - wie er für die Seinen sorgt.



1. Die Speisung der Fünftausend
( 6,32 - 44 ) ( Mt 14,13-21; Lk 9,10 b. 11-17 ; Joh 6,1-14 )


Mk 6,32-34


Hier wird der Bogen von der erfolgreichen Mission der Zwölf zu der sich daraus ergebenden Anwesenheit einer großen Menge an einem einsamen Ort geschlagen. Die Wendungen für sich allein ( kat? idian , ein griechisches Idiom, das "privat" bedeutet), ein Ausdruck, der bei Markus für die persönliche Unterweisung einzelner durch Jesus steht, und an eine einsame ( erEmon ; "abgelegen") Stätte (vgl. Mk 1,3-4.12-13.35.45;6,31-32.35 ) greifen dabei Jesu Anweisung von Vers 31 wieder auf. Der Ort, an den sie segelten, wird nicht näher bezeichnet, doch wir wissen, daß er in der Nähe von Betsaida Julias, einer Stadt jenseits des Jordan, an der Nordostseite des Sees Genezareth, lag (vgl. Lk 9,10 ).

Viele Leute aus der Menge, der sie eigentlich hatten entfliehen wollen, merkten, wo sie hinfuhren und kamen ihnen zuvor , indem sie zu Fuß dorthin gingen. Durch die vielen Menschen, die in Not waren, kamen die Jünger also nicht zu ihrer wohlverdienten Ruhe.

Als Jesus die große Menge sah , wurde er keineswegs ärgerlich, sondern sie jammerte ihn . Aus diesem Gefühl heraus konnte er nicht anders, als ihnen zu helfen (vgl. z. B. Mk 6,39-44 ). Er sah sie als Schafe, die keinen Hirten haben , verloren und hilflos, ohne Führung, Nahrung und Schutz. In vielen Passagen des Alten Testaments ( 4Mo 27,17; 1Kö 22,17; Hes 34,5.23-25 ) ist das Bild vom Hirten und den Schafen mit der "Wüste" ( erEmos ; vgl. Mk 6,31-32 ) assoziiert. Die ratlose Menge, das Sinnbild des Volkes Israel, wurde des Erbarmens von Jesus, dem guten Hirten (vgl. Joh 10,1-16 ), teilhaftig und wurde von ihm lange über das Gottesreich belehrt (vgl. Lk 9,11 ) und liebevoll versorgt ( Mk 6,35-44 ).



Mk 6,35-38


Nachdem Jesus fast den ganzen Tag zu den Menschen gesprochen hatte, entspann sich ein wichtiger Dialog zwischen ihm und den Zwölfen. Da es schon spät war (nach drei Uhr nachmittags) und sie sich an einem öden ( erEmos ; vgl. V. 31 - 32 ) Ort befanden, baten die Jünger Jesus, die Leute gehen zu lassen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich Brot kaufen könnten, bevor die Sonne unterging.

Jesus wies sie jedoch statt dessen überraschenderweise an, der Menge selbst zu essen zu geben, wobei er das Pronomen ihr ( hymeis ) besonders betonte. Die sarkastische Antwort der Jünger machte deutlich, wie unmöglich es war, diese Bitte mit ihren beschränkten finanziellen Mitteln zu erfüllen. Eine solche Menschenmenge satt zu bekommen, hätte ihrer Berechnung nach zweihundert Denare, Silbergroschen, gekostet. Ein Denar, die wichtigste römische Silbermünze, die in Palästina in Umlauf war, war der durchschnittliche Tageslohn eines Landarbeiters. Zweihundert Denare entsprachen also etwa acht Monatslöhnen, eine Summe, die die Mittel der Jünger bei weitem überstieg.

Jesus dagegen wollte wissen, wieviele Brote sie insgesamt zur Verfügung hätten (wahrscheinlich im Boot und in der wartenden Menge). Die Jünger kehrten mit der Antwort zurück: fünf ganze Laibe Brot und zwei Fische (gesalzen und getrocknet oder geröstet).



Mk 6,39-44


Die Unmittelbarkeit, mit der Markus das folgende Wunder beschreibt, läßt, wie zuvor an anderen Stellen, auf den Bericht eines Augenzeugen - wahrscheinlich Petrus - schließen.

Um eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel zu gewährleisten, befahl Jesus den Jüngern, dafür zu sorgen, daß die Menschen s ich lagerten, tischweise, auf das grüne Gras (es war also wohl Frühling). Die Wendung "tischweise" in Vers 39 gibt das griechische symposia symposia , "Eß- oder Trinkgelage", wieder, während in Vers 40 eine Anordnung prasiai prasiai (wörtlich: "Beet an Beet") gemeint ist, ein Bild für wohlgeordnete, vielleicht bunt gekleidete Menschengruppen, die zu hundert und fünfzig im Gras saßen. Jesu Gebot war eine Herausforderung für den Glauben der Menge wie für den der Jünger.

Dann sprach Jesus als Gastgeber die üblichen jüdischen Segensworte über die fünf Brote (runde Weizen- oder Gerstenlaibe) und zwei Fische (vgl. 3Mo 19,24; 5Mo 8,10 ). Die Verbform dankte kommt von eulogeO (wörtlich: "preisen, loben" (Gott) oder "segnen"; vgl. Mk 14,22 ). Der Gegenstand des Segens in einem solchen Gebet war nicht die Speise, sondern Gott, der sie gab. Jesus sah auf zum Himmel , wo nach dem Glauben der Menschen Gott ist (vgl. Mt 23,22 ), und zeigte damit, daß eigentlich Gott der Vater das Speisungswunder tat.

Danach brach er die Brote in einzelne Brocken, teilte die zwei Fische in Stücke und gab sie (wörtlich: reichte sie ihnen immer weiter zu) den Jüngern, damit sie unter ihnen austeilten . Wie das Wunder selbst vor sich ging, wird nicht berichtet, doch die Imperfektform des Verbs "gab" deutet darauf hin, daß das Brot sich in den Händen Jesu vermehrte (vgl. Mk 8,6 ).

Diese Nahrungsbeschaffung vollzog sich auf wunderbare Weise und sorgte zudem für Speise im Überfluß. Markus betont ausdrücklich, daß alle aßen und satt wurden . Das wird bestätigt durch die Tatsache, daß die Jünger danach zwölf Körbe ( kophinoi , kleine Weidenkörbe; vgl. dagegen Mk 8,8.20 ) voll übriggebliebene Brocken aufsammelten, also wohl jeder Jünger einen Korb. Bei den Fünftausend ( andres , "Männer"), die bei dieser Gelegenheit von Jesus versorgt wurden, einer sehr großen Zahl für die damaligen Verhältnisse, zumal an diesem Ort, sind Frauen und Kinder, die wahrscheinlich nach jüdischem Brauch gesondert saßen und ihre Mahlzeit einnahmen, nicht mitgerechnet (vgl. Mt 14,21 ).

In diesem Zusammenhang ist nicht wie sonst am Ende einer Wundergeschichte vom Erstaunen der Beteiligten die Rede. Das deutet, gemeinsam mit den kommentierenden Bemerkungen zu diesem Ereignis in Vers 52 und in Kapitel 8,14 - 21 , darauf hin, daß Markus diese Episode in erster Linie als eine für die Jünger bestimmte Selbstoffenbarung Jesu betrachtete. Doch diese verstanden ihre Bedeutung nicht (vgl. Mk 6,52 ).



2. Jesus geht auf dem Wasser
( 6,45-52 ) ( Mt 14,22-33; Joh 6,15-21 )


Mk 6,45-46


Alsbald ( euthys , vgl. V. 10 ) nach der Speisung der Fünftausend trieb Jesus seine Jünger, wieder in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren nach Betsaida (dem "Haus des Fischens"). Das Verb "trieb" deutet auf eine unerklärliche Eile beim Aufbruch hin, über die dann Johannes ( Mk 6,14-15 ) näheren Aufschluß gibt. Offensichtlich erkannten die Menschen in Jesus den verheißenen Propheten (vgl. Mk 6,14-15 ) und waren entschlossen, ihn zum König zu machen, notfalls auch mit Gewalt. Jesus spürte die potentielle Gefahr dieser "messianischen Begeisterung" und ihrer Auswirkung auf die Jünger, daher trieb er sie an, sich bereits einzuschiffen, bis er das Volk gehen ließe .

Über die geographische Lage des Ortes "Betsaida" sind die Forscher sich nicht ganz einig (vgl. Mk 6,32; Lk 9,10; Joh 12,21 ). Die einfachste Lösung scheint zu sein, daß Betsaida Julias (östlich des Jordan gelegen) sich bis auf die westliche Seite des Jordan ausbreitete und dort "Betsaida in Galiläa" genannt wurde (vgl. Joh 1,44;12,21; Mk 1,21.29 ), eine Vorstadt von Kapernaum, in der in der Hauptsache Fischer lebten (vgl. Joh 6,17 ). Die Jünger segelten vom Nordostufer des Sees Genezareth nach dieser Stadt, wurden jedoch in südlicher Richtung vom Kurs abgetrieben und landeten schließlich am Westufer des Sees in Genezareth (vgl. Mk 6,53 ). Jesus selbst stieg, als er die aufgeheizte Menge fortgeschickt hatte , auf einen nahegelegenen Berg, um zu beten (vgl. den Kommentar zu Mk 1,35 ).



Mk 6,47


Am Abend (zwischen Sonnenuntergang und Einbruch der Dunkelheit) befand sich das Boot mit den Jüngern mitten auf dem See (hier ist nicht die geographische Mitte gemeint), und Jesus war auf dem Land allein . Wenn ihr Meister nicht bei ihnen war (oder es zumindest so aussah), gerieten die Jünger häufig in schwierige Situationen, in denen immer wieder ihr mangelnder Glaube zutage trat (vgl. Mk 4,35-41;9,14-32 ).



Mk 6,48


Jesus betete bis nach Mitternacht. In der Zwischenzeit waren die Jünger kaum vorwärtsgekommen, denn der Wind (ein starker Nordwind) stand ihnen entgegen . Im trüben Licht der frühen Morgendämmerung, um die vierte Nachtwache (nach römischer Rechnung von drei bis sechs Uhr morgens; vgl. Mk 13,35 ), sah Jesus, wie sie sich abplagten beim Rudern und kam zu ihnen und ging über die aufgepeitschte Wasserfläche. Die Worte und wollte an ihnen vorübergehen bedeuten nicht, daß er sich nicht um sie kümmern wollte, sondern bezeichnen ein "Vorübergehen" im Sinne einer Theophanie, wie sie das Alte Testament kennt (vgl. 2Mo 33,19.22; 1Kö 19,11; Mk 6,50 b), um ihnen ihre Angst zu nehmen.



Mk 6,49-50 a


Die Jünger schrien jedoch auf (vgl. Mk 1,23 ) vor Entsetzen, als sie Jesus auf dem Wasser sahen. Sie meinten, es wäre ein Gespenst ( phantasma , ein Phantom). Markus erklärt ihre Reaktion damit, daß sie ihn alle sahen (und nicht nur ein oder zwei an eine Halluzination glaubten) und deshalb so sehr erschraken .



Mk 6,50-52 (Mk 6,50b-52)


Doch Jesus beruhigte sie sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) und sprach zu ihnen: Seid getrost ( tharseite ); fürchtet euch nicht (wörtlich: "hört auf, euch zu fürchten")! Vertraute Wendungen, die schon im Alten Testament Menschen in Angst und Not Mut zusprachen (vgl. die LXX: Jes 41,10.13-14; Jes 43,1; Jes 44,2 ). Jenes tröstende "Fürchtet euch nicht" kehrt insgesamt siebenmal im Neuen Testament wieder und stammt mit einer Ausnahme ( Mk 10,49 ) immer aus dem Munde Jesu (vgl. Mt 9,2.22;14,27; Mk 6,50; Joh 16,33; Apg 23,11 ). Die Worte ich bin's (wörtlich: "ich bin", egO eimi) mögen einerseits nur ein Erkennungszeichen sein ("ich bin's, Jesus"), doch wahrscheinlich soll in ihnen an dieser Stelle auch die alttestamentliche Formel der göttlichen Selbstoffenbarung anklingen: "Ich bin der ich bin" ( 2Mo 3,14; Jes 41,4;43,10-11;51,12;52,6 ).

Als Jesus zu den Jüngern ins Boot trat, legte sich der Wind ( ekopasen , "hörte auf, ruhte"; vgl. Mk 4,39 ), ein weiteres Zeichen seiner Macht über die Natur (vgl. Mk 4,35-41 ).

Die Jünger entsetzten sich über die Maßen ( existanto , wörtlich: "außer sich"; vgl. Mk 2,12;5,42 ) untereinander über diese Demonstration der Gegenwart und Kraft Jesu. Nur das Markusevangelium fügt hier noch erklärend ( gar , "denn") an, daß sie offensichtlich durch das Wunder der Brote um nichts verständiger geworden waren (vgl. Mk 6,35-44 ). Sie begriffen dieses Ereignis nicht als einen Hinweis auf die wahre Identität Jesu, deshalb erkannten sie ihn auch nicht, als er auf dem Wasser ging. Sie waren geistlich blind (vgl. Mk 3,5 ).



3. Zusammenfassung: Jesu Heilungen in Genezareth
( 6,53 - 56 ) ( Mt 14,34-36 )


In diesen knappen Sätzen ist der Höhepunkt von Jesu Wirken in Galiläa zusammengefaßt, unmittelbar vor seiner Abreise in die Küstenregion um Tyrus und Sidon (vgl. Mk 7,24 ).



Mk 6,53


Jesus und seine Jünger waren von Nordosten nach Westen über den See Genezareth hinübergefahren (vgl. V. 45 ) und legten in Genezareth , einer fruchtbaren, dicht besiedelten Ebene (drei Kilometer breit und sechs Kilometer lang) am nordwestlichen Ufer des Sees, südlich von Kapernaum, an. Die Rabbiner nannten diese Ebene "den Garten Gottes" und "ein Paradies". Auch eine kleine Stadt dort trug den Namen "Genezareth".



Mk 6,54-56


Die Leute erkannten Jesus sofort (euthys; vgl. Mk 1,10 ) und fingen an, die Kranken auf Bahren zu ihm zu bringen, während er durch das Land zog. In allen Orten, in die er kam, legten sie die Kranken auf den Markt (offene Plätze). Aufgrund seiner vielen Heilquellen war dieser Landstrich ohnehin Anziehungspunkt für viele Leidende.

Die Menschen baten Jesus immer wieder ( parekaloun ; vgl. Mk 5,10.23 ), daß sie auch nur den Saum seines Gewandes berühren dürften, wenn er vorbeiging. Dieser "Saum" oder die "Einfassung" des Kleides bestand aus einer Reihe blauer Quasten, die ein frommer Jude an seinem Obergewand trug (vgl. 4Mo 15,37-41; 5Mo 22,12 ).

Alle, die ihn berührten, wurden gesund (wörtlich: "wurden gerettet"; vgl. Mk 5,28 ). Hier spielt Markus erneut auf die persönliche Glaubensbeziehung zwischen Jesus und der kranken Person an (vgl. Mk 3,7-10;5,25-34 ). Die Heilung erfolgte auch hier nicht durch die Berührung, sondern durch das gnädige Handeln Jesu, der den in ihrer Bitte sich äußernden Glauben der Menschen an ihn auf diese Weise belohnte.



4. Der Streit mit den Religionsführern über die Unreinheit
( 7,1 - 23 ) ( Mt 15,1-20 )


In diesem Abschnitt tritt erneut der Konflikt zwischen Jesus und den religiösen Führern (vgl. Mk 2,1-3,6 ) und die Ablehnung, die Jesus trotz seiner Beliebtheit beim Volk (vgl. Mk 6,53-56 ) in Israel erfuhr (vgl. Mk 3,6.19-30;6,1-6 a), in den Vordergrund. Er bildet damit eine Überleitung zu Jesu Wirken bei den Heiden ( Mk 7,24-8,10 ). Die Worte "unrein" ( Mk 7,2.5.15.18.20.23 ) und "Satzungen" (V. 3.5.8.9.13 ), die sich wie ein roter Faden durch den Text ziehen, machen den Abschnitt zu einer Einheit.



a. Der Vorwurf der religiösen Führer
( 7,1 - 5 ) ( Mt 15,1-2 )


Mk 7,1-2


Die Pharisäer (vgl. Mk 2,16;3,6 ) und einige von den Schriftgelehrten (vgl. Mk 1,22 ) aus Jerusalem trafen erneut mit Jesus zusammen, wahrscheinlich in Kapernaum (vgl. Mk 7,17 ), um ihn und seine Jünger zu befragen.

Sie hatten einige seiner Jünger beobachtet, wie sie mit unreinen Händen aßen. "Unrein" ( koinais , im Sinne von "gewöhnlich, gemein") bedeutete, wie Markus seinen heidnischen Lesern erklärt, ungewaschen , d. h. ohne die Durchführung der vorgeschriebenen rituellen Waschungen. Mit diesem Terminus technicus wurde bei den Juden alles bezeichnet, was nach ihren strengen religiösen Vorschriften verunreinigt war und daher nicht in die Kategorie des Heiligen und Gottgefälligen fiel.



Mk 7,3-4


Vers 3 und 4 bilden einen Einschub, in dem Markus seinen heidnischen Lesern, die außerhalb Palästinas lebten, die bei den Juden übliche Praxis der zeremoniellen Waschungen erläutert ( gar , "denn").

Die Pharisäer und alle Juden (eine Verallgemeinerung, die veranschaulichen soll, daß es sich hier um einen festen Brauch handelte) befolgten streng die rituellen Waschvorschriften und hielten so die Satzungen der Ältesten aufs genaueste ein. Diese Satzungen, Auslegungen des Gesetzes, die das jüdische Leben bis ins kleinste regelten, galten als ebenso bindend wie das geschriebene Gesetz und wurden von frommen Schriftgelehrten von Generation zu Generation weitergegeben. Später, im 3. Jh. v. Chr., wurde die mündliche Tradition in der Mischna gesammelt und kodifiziert, die ihrerseits als Grundlage für den Talmud und seinen Aufbau diente.

Das häufigste Reinigungsritual war das Waschen der Hände mit einer Handvoll Wasser, eine formale Handlung, die vor dem Essen vollzogen werden mußte (vgl. TDNT, "katharos" , 3,418-24). Dies war besonders wichtig, wenn man auf dem Markt gewesen war, wo man leicht mit einem "unreinen" Heiden oder mit Dingen wie Geld oder "unreinen" Gerätschaften in Berührung kommen konnte.

Die Aussage, daß die Juden noch viele andre Dinge , von denen Markus dann einige aufzählt, hielten, d. h. noch viele andere Vorschriften befolgten, deutet darauf hin, daß es in der hier geführten Diskussion im Grunde um den gesamten, äußerst komplexen Bereich der vorgeschriebenen rituellen Reinigung ging. Für einen frommen Juden war die Nichtbeachtung dieser Vorschriften eine Sünde; sie zu befolgen, war dagegen gleichbedeutend mit Rechtschaffenheit und Gehorsam gegenüber Gott.



Mk 7,5


Die religiösen Führer richteten ihre kritische Anfrage an Jesus, der als Lehrer der Jünger die Verantwortung für ihr Verhalten trug (vgl. Mk 2,18.24 ). Sie waren der Ansicht, daß die Nichtbeachtung der rituellen Reinigungsvorschriften durch die Jünger auf ein tieferliegendes Problem hindeutete: Ihre eigentliche Sorge war, daß die Jünger, und auch Jesus, nicht nach den Satzungen der Ältesten lebten (vgl. Mk 7,3 ).



b. Jesu Antwort und Gegenfrage an seine Kritiker
( 7,6 - 13 ) ( Mt 15,3-9 )


Jesus bezog sich in seiner Antwort zunächst nicht direkt auf das Verhalten der Jünger, sondern sprach die beiden Probleme an, die der Frage zugrunde lagen: (a) die eigentliche Quelle religiöser Autorität - die Tradition oder die Schrift ( Mk 7,6-13 ) - und (b) den eigentlichen Grund der Verunreinigung - rituelle und moralische Vergehen (V. 14 - 23 ).



Mk 7,6-8


Jesus zitierte Jes 29,13 (fast wörtlich aus der LXX) und wandte Jesajas Charakterisierung seiner Zeitgenossen auf die Fragesteller an, die er Heuchler nannte (als solche werden die religiösen Führer bei Markus nur einmal, an dieser Stelle, bezeichnet).

Sie waren "Heuchler", weil sie die Gottesverehrung zu einer rein äußerlichen Angelegenheit machten, ihm jedoch in ihren Herzen , dem Mittelpunkt ihres Denkens und ihrer Entscheidungen, fern waren (vgl. Mk 7,21;12,30 ). Ihr Gottesdienst (ihr frommes Tun) war vergeblich ( matEn ), weil sie wie die Juden aus Jesajas Tagen Menschengebote als Gebote Gottes ausgaben.

Jesus warf ihnen also vor, Gottes Gebot , sein Gesetz, aufzuheben, und statt dessen die Satzungen der Menschen zu halten. Er wies nach, daß ihre mündliche Überlieferung (vgl. Mk 7,3.5 ) letztlich menschlichen Ursprungs war (vgl. V. Mk 9,13 ) und sprach dieser Tradition mit Entschiedenheit jegliche Autorität ab.



Mk 7,9


Er wiederholte seine Anschuldigung, daß die religiösen Führer geschickt Gottes Gebote umgingen, um ihre eigenen Satzungen aufzurichten (vgl. V. 8 ), und untermauerte sie mit einem Beispiel (V. 10 - 12 ), das in plastischer Weise verdeutlichte, wie aus ihrer Verdrehung des göttlichen Gebotes Sünde wurde.



Mk 7,10


Mose hatte in unzweideutiger Form das Gebot ausgesprochen (vgl. V. 13 ), daß man Vater und Mutter ehren solle. Er formulierte die Pflichten der Kinder gegenüber ihren Eltern sowohl positiv ( 2Mo 20,12 ,LXX, das fünfte Gebot; vgl. 5Mo 5,16 ) als auch negativ ( 2Mo 21,17 ,LXX; vgl. 3Mo 20,9 ). Zu ihnen gehörte auch die angemessene finanzielle Unterstützung und praktische Versorgung der Eltern, wenn sie alt waren (vgl. 1Tim 5,4.8 ). Wer sich vor dieser Verantwortung drückte und seine Eltern gar verächtlich behandelte, sollte mit dem Tod bestraft werden.



Mk 7,11-12


Im Anschluß daran zitierte Jesus eine Satzung der Schriftgelehrten, die dieses Gebot Gottes klar umging. Die Worte, ihr aber lehrt sind hervorgehoben, um den Gegensatz zu Moses Worten (V. 10 ) ganz deutlich zu machen. Laut "Überlieferung" der Schriftgelehrten war es nämlich möglich, daß man seinen gesamten Besitz als Korban erklärte und sich dadurch von der Erfüllung des fünften Gebots entband.

"Korban" ist die griechische Übertragung eines hebräischen Begriffes, mit dem eine Opfergabe für Gott bezeichnet wurde. Es war eine Weiheformel, die über Geld und andere Besitztümer gesprochen wurde, die damit durch ein unauflösliches Gelübde dem Tempel vermacht wurden. Derartige Gaben durften nur noch für religiöse Zwecke verwendet werden.

Wenn ein Sohn also erklärte, daß die Mittel, die eigentlich zur Versorgung seiner alternden Eltern aufgewandt werden mußten, "Korban" seien, dann war er nach der Satzung der Schriftgelehrten von dem Gebot Gottes, für die Eltern zu sorgen, befreit, und es konnten keine gesetzlichen Ansprüche mehr an ihn gestellt werden. Die Schriftgelehrten hoben eigens hervor, daß ein solches Gelübde unaufhebbar war (vgl. 4Mo 30 ) und Priorität vor der Verantwortung für die Familie hatte, ließen ihn also nichts mehr für seinen Vater oder seine Mutter tun.



Mk 7,13


Durch derartige Satzungen hoben sie letztlich Gottes Wort auf . "Aufheben" ist die Übersetzung des griechischen Wortes akyrountes , von akyroO , das in den Handschriften die Annullierung von Verträgen bezeichnet. Die Billigung religiöser Schenkungen auf Kosten des göttlichen Gebotes über die Pflichten gegenüber den Eltern hieß nichts anderes, als menschliche Satzungen über Gottes Wort zu stellen.

Das "Korban"-Gelübde war nur ein Beispiel von vielen ähnlichen Fällen (z. B. Sabbatvorschriften; vgl. Mk 2,23-3,5 ), in denen das Alte Testament durch die Zusätze der Schriftgelehrten entstellt und verdunkelt wurde.



c. Jesu Definition der wahren Unreinheit
( 7,14 - 23 ) ( Mt 15,10-20 )


An dieser Stelle ging Jesus doch noch konkreter auf die Frage nach der Unreinheit ein (vgl. Mk 7,5 ). Er wandte sich dabei zunächst an die Menge (V. 14 - 15 ) und teilte seinen Zuhörern eine allgemein anwendbare, grundsätzliche Definition von Unreinheit mit. Später erklärte er seinen Jüngern dieses Grundprinzip dann noch genauer (V. 17 - 23 ).

Mk 7,14-16


Nach einem feierlichen Aufruf an alle, aufmerksam zuzuhören und das Gehörte zu überdenken (vgl. Mk 4,3 ), enthüllte Jesus dem Volk die wahre Ursache der Unreinheit. Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte (vgl. Mk 7,2 ). Jesus sprach hier in moralischem, nicht in medizinischem Sinn. Von dem, was man ißt, wird man nicht moralisch unrein, auch dann nicht, wenn man sich nicht vorher in vorgeschriebener Weise die Hände gewaschen hat.

Was aus dem Menschen herauskommt (vgl. V. 21 - 23 ), das ist's, was den Menschen unrein macht . Moralisch unrein wird man von dem, was man im Herzen denkt, auch dann, wenn man die äußerlichen Reinheitsvorschriften peinlich genau einhält. Jesus widersprach also der rabbinischen Auffassung, indem er sagte, daß die Sünde aus dem Innern des Menschen und nicht von außen kommt (vgl. Jer 17,9-10 ). Damit machte er auch klar, worum es bei den Speisevorschriften im mosaischen Gesetz (vgl. 3Mo 11; 5Mo 14,1-21 ) eigentlich ging: Ein Jude, der "Unreines" aß, wurde nicht durch das Nahrungsmittel unrein, sondern dadurch, daß er Gottes Gebot nicht gehorchte.



Mk 7,17


Und als er von dem Volk ins Haus kam (wahrscheinlich in Kapernaum; vgl. Mk 2,1;3,20 ), fragten ihn seine Jünger nach diesem Gleichnis (V. 15 ). Die Unfähigkeit der Jünger, Jesu Worte und Werke in ihrer wahren Bedeutung zu begreifen, wird in diesem ganzen Abschnitt von Mk 6,32-8,26 immer wieder hervorgehoben und auf ihre verhärteten Herzen zurückgeführt (vgl. Mk 6,52;8,14-21 ).



Mk 7,18-19


Jesu Frage: "Seid ihr denn auch so unverständig?" zeigt, daß sie seine Lehren trotz all der Erklärungen, die er ihnen bereits gegeben hatte, ebensowenig verstanden.

Jesus wiederholte ihnen nochmals in erweiterter Form die negativ formulierte Wahrheit, daß alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann (vgl. V. 15 a), denn die Nahrung (und alles andere) geht nicht in sein Herz , das Zentrum der menschlichen Persönlichkeit, und hat daher auch keinen Einfluß auf seine moralische Integrität, sondern sie geht nur in den Bauch (der mit der Moral nichts zu tun hat).

Der Schlußsatz von Vers 19 ist eine redaktionelle Anmerkung des Evangelisten (vgl. Mk 2,10.28;3,30;13,14 ). Er will damit offensichtlich die Bedeutung der Aussage Jesu für seine christlichen Leser in Rom herausarbeiten, von denen manche möglicherweise durch die jüdischen Speisevorschriften verunsichert waren (vgl. Röm 14,14; Gal 2,11-17; Kol 2,20-22 ). Markus sagt ihnen deshalb ganz klar, daß Jesus für die Christen alle Speisen für rein erklärte . Es dauerte lange, bis sich diese Wahrheit in der frühen Kirche durchsetzte (vgl. Apg 10,1-16; Apg 15,7-29 ).



Mk 7,20-23


Danach ging Jesus erläuternd auf den positiven Satz ein, daß alles, was aus dem Menschen herauskommt (vgl. V. 15 b), also von innen, aus dem Herzen der Menschen , moralisch unrein macht (vgl. V. 19 ).

Der allgemeine Begriff, der im Deutschen mit böse Gedanken übersetzt ist, geht im griechischen Text dem Verb voran, um anzuzeigen, daß hier die Wurzel anderer Übel liegt, die daraus folgen. Im Herzen entstandene schlimme Gedanken vereinen sich mit dem Willen des Menschen und führen so zu bösen Worten und Taten.

Der Katalog der Vergehen, die Jesus dann auflistet, erinnert stark an das Alte Testament. Er besteht aus zwölf Punkten. Zuerst kommen sechs Substantive (sie stehen im Griechischen im Plural), die böse Taten widerspiegeln: Unzucht (porneiai, "unerlaubte sexuelle Handlungen aller Art"), Diebstahl ( klopai ), Mord ( phonoi ), Ehebruch ( moicheiai , "verbotene sexuelle Beziehungen einer verheirateten Person"), Habgier ( pleonexiai , "Begierde"), das unstillbare Verlangen nach dem, was anderen gehört, und schließlich Bosheit ( ponEriai , "Schlechtigkeit"), die vielfältigen Äußerungsformen böser Gedanken.

Dann folgen sechs Substantive, die im Singular stehen und böse Haltungen oder Veranlagungen zum Ausdruck bringen: Arglist ( dolos ), Täuschungsmanöver, mit denen man andere um des eigenen Vorteils willen hinters Licht führt; Ausschweifung ( aselgeia ; vgl. Röm 13,13; Gal 5,19; Eph 4,19; 2Pet 2,2.7 ), maß- und schamloses unmoralisches Verhalten; Mißgunst ( ophthalmos ponEros , wörtlich: "böser Blick", ein hebräischer Ausdruck für Geiz; vgl. Spr 23,6 ), Neid und Eifersucht auf den Besitz anderer; Lästerung ( blasphEmia ), schmähende oder verleumderische Äußerungen gegenüber Gott oder anderen Menschen; Hochmut ( hyperEphania ; das Wort steht nur an dieser Stelle im Neuen Testament), das prahlende Herausstellen seiner selbst gegenüber anderen, die mit verächtlicher Herablassung betrachtet werden; und Unvernunft ( aphrosynE ), geistliche und moralische Stumpfheit.

Alle diese bösen Dinge verunreinigen den Menschen, und sie kommen von innen heraus , aus dem Herzen. Jesus lenkte also die Aufmerksamkeit weg von den äußeren Ritualen und betonte statt dessen, wie sehr die Menschen Gott brauchen, damit er ihre Herzen rein mache (vgl. Ps 51 ).



5. Die Heilung der Tochter der syrophönizischen Frau
( 7,24-30 ) ( Mt 15,21-28 )


Dies ist die erste von drei Episoden im Zusammenhang mit der dritten Reise Jesu über die Grenzen Galiläas hinaus, von denen Markus berichtet (zu diesen drei Reisen vgl. Mk 4,35;5,20;6,32-52;7,24-8,10 ). Auf dieser Reise verließ er, wahrscheinlich das ersteund einzige Mal, Palästina. Seine Erlebnisse auf heidnischem Boden fügen sich nahtlos an das in den Versen 1-23 Gesagte und weisen voraus auf die Verkündigung des Evangeliums in der heidnischen Welt (vgl. Mk 13,10;14,9 ).



Mk 7,24


Jesus ging von dort (wahrscheinlich Kapernaum) in das Gebiet von Tyrus , einer Hafenstadt am Mittelmeer, in Phönizien (dem heutigen Libanon), etwa sechzig Kilometer nordwestlich von Kapernaum. An dieser Stelle sollten die Worte "und Sidon" ergänzt werden (vgl. V. 31 ), die von äußerst zuverlässigen frühen griechischen Handschriften bezeugt sind.

Jesus zog nicht dorthin, um auch hier öffentlich zu predigen, sondern um endlich einmal allein zu sein, was ihm bisher nirgends gelungen war (vgl. Mk 6,32-34.53-56 ), und um sich ungestört seinen Jüngern widmen zu können. Deshalb wollte er es niemanden wissen lassen , daß er dort war. Doch er konnte seine Anwesenheit nicht geheimhalten , denn die Nachricht über seine Heilungen war ihm vorausgeeilt (vgl. Mk 3,8 ).


Mk 7,25-26


Eine nicht mit Namen genannte Frau, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte (vgl. Mk 1,23;5,2 ), kam alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) und fiel nieder zu seinen Füßen , eine Geste, die ihre Ehrerbietung, aber auch ihren tiefen Kummer über den Zustand ihrer Tochter zum Ausdruck brachte (vgl. Mk 9,17-18.20-22.26 ). Sie bat Jesus eindringlich, daß er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe .

Markus hebt ausdrücklich hervor, daß die Frau keine Jüdin war; sie war eine Griechin, stammte jedoch nicht aus Griechenland, sondern aus einer heidnischen Kultur und Religion - aus Syrophönizien , einem Teil der Provinz Syrien. Matthäus bezeichnet sie als "kanaanitische Frau" ( Mt 15,22 ).



Mk 7,27


Jesu Entgegnung spiegelte den eigentlichen Grund seines Aufenthalts in dieser Gegend wider, in der er hoffen konnte, unbehelligt zu bleiben (vgl. V. 24 ). Sie war dem Auffassungsvermögen der Frau angepaßt und in bildhafte Formulierungen gekleidet: Die Kinder waren seine Jünger (vgl. Mk 9,35-37 ), das Brot der Kinder sein Wirken an ihnen, und die Hunde (wörtlich: "kleine Hunde", Haustiere, im Gegensatz zu den in freier Wildbahn lebenden Tieren, die sich von Aas ernährten) waren die Heiden (an dieser Stelle nicht im anbetenden Sinne).

Jesus teilte der Frau also mit, daß er in erster Linie hier sei, um seine Jünger zu lehren. Wie es unpassend wäre, eine Mahlzeit in der Familie zu unterbrechen, um die Hunde mit dem Essen vom Tisch zu füttern, so wäre es auch nicht richtig, die Unterweisung der Jünger zu unterbrechen, um ihr, einer Heidin, zu helfen. Doch diese Weigerung ließ den Glauben der Frau nur noch wachsen.

Andere Exegeten sehen in den Worten Jesu eine weitreichendere theologische Aussage: Die Kinder (das ungläubige Israel) mußten gespeist werden (Jesu Auftrag); ihr Brot (besondere Privilegien, darunter auch das Vorrecht, als erste Jesu Wirken zu erfahren) durfte nicht vor die Hunde (die Heiden) geworfen werden, weil deren "Fütterungszeit" (die weltweite Verkündigung des Evangeliums) noch nicht gekommen war. Obwohl diese Überlegungen theologisch richtig sind, gehen sie hier doch sicherlich über das, was Markus sagen wollte, hinaus.



Mk 7,28


Die Frau akzeptierte Jesu Antwort mit den Worten: "Ja, Herr" (eine respektvolle Anrede). Sie war sich im klaren darüber, daß er das Recht hatte, ihre Bitte abzuschlagen, doch ohne eine Beleidigung in dem Vergleich zu sehen, den er gerade benutzt hatte, trieb sie diesen sogar noch einen Schritt weiter und gab ihm zu bedenken: "Aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder."

Ihr Einwand lief darauf hinaus, daß die Hunde zur gleichen Zeit wie die Kinder Essen bekommen, also nicht einfach warten müssen. Sie verlangte ja gar nicht, daß er seine Arbeit mit den Jüngern unterbrach; alles, worum sie ihn demütig bat, war ein Brosamen, ein kleiner Beweis seiner Gnade für ihre verzweifelte Not.


Mk 7,29-30


Aufgrund dieses Wortes , an dem sich ihre Demut und ihr Glaube zeigten, sagte Jesus zu ihr, sie solle nach Hause gehen (vgl. Mk 2,11;5,34;10,52 ), und versicherte ihr, daß der böse Geist von ihrer Tochter ausgefahren sei. Die Verbform ist ausgefahren (Perfekt) deutet an, daß die Heilung bereits vollzogen war.

Als sie in ihr Haus zurückkehrte, fand sie das Kind tatsächlich ruhig auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren . Das ist das einzige Wunder im Markusevangelium, das Jesus aus der Ferne vollbrachte, ohne irgendeine befehlende Formel auszusprechen.



6. Die Heilung des Taubstummen
( 7,31 - 37 )


Von diesem Wunder berichtet nur Markus. Es bildet den Abschluß eines Erzählzyklus ( Mk 6,32-7,37 ) und mündet in ein Bekenntnis des Volkes über Jesus ( Mk 7,37 ). In dem, was hier geschieht, spiegelt sich bereits das Öffnen der "Ohren" der Jünger (vgl. Mk 8,18.27-30 ). Mit Kapitel 8,1 beginnt dann ein zweiter Erzählzyklus, der im Bekenntnis der Jünger gipfelt ( Mk 8,27-30 ).



Mk 7,31-32


Jesus verließ das Gebiet von Tyrus (vgl. V. 24 ) wieder und wandte sich nach Norden, wobei er nach etwa dreißig Kilometern durch Sidon , eine Küstenstadt, kam. Dann zog er, unter Vermeidung Galiläas, nach Südosten, an die Ostküste des Galiläischen Meeres, mitten in das Gebiet der Zehn Städte (vgl. Mk 5,20 ).

Dort baten ihn einige Leute, einem Mann die Hand aufzulegen (vgl. Mk 5,23 ), der taub war und kaum sprechen konnte ( mogilalon , "nur unter Schwierigkeiten sprechend"). Dieses seltene Wort taucht nur an dieser einen Stelle und einmal in der Septuaginta, bei Jes 35,6 ,auf, einem Abschnitt, der vom Kommen der Gottesherrschaft auf Erden spricht. Die verheißenen Wunder, von denen dabei die Rede war, wurden in Jesu Amt bereits Wirklichkeit (vgl. Mk 7,37;1,15 ).



Mk 7,33-35


Jesus setzte bei der Heilung des Mannes Zeichensprache und verschiedene symbolische Handlungen (die Markus nicht näher erklärt) ein, die in einzigartiger Weise auf die Bedürfnisse des Taubstummen abgestimmt waren und Glauben in ihm weckten. Er nahm ihn beiseite (vgl. Mk 6,32 ), um sich ihm ganz persönlich, ungestört von der Menge, zu widmen. Durch das Berühren der Ohren und der Zunge und sein Aufblicken zum Himmel (zu Gott; vgl. Mk 6,41 ) vermittelte er dem anderen ein klares Bild dessen, was er tat. Sein tiefer Seufzer war möglicherweise Ausdruck seines Mitleids, eher jedoch wohl eine Äußerung der starken Emotionen im Kampf gegen die satanischen Mächte, die den Leidenden in ihrer Gewalt hatten.

Schließlich gab Jesus ihm den aramäischen Befehl: "Hefata!, das heißt: Tu dich auf!" (wörtlich: "sei völlig geöffnet"). Ein Tauber konnte dieses Wort leicht von den Lippen lesen; daß Jesus es auf aramäisch sagte, deutet vielleicht darauf hin, daß der Mann kein Heide war.

Sogleich ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig . Sprachstörungen sind häufig auf Hörstörungen zurückzuführen - sowohl im körperlichen als auch im seelischen und geistlichen Bereich.



Mk 7,36


Je mehr Jesus, der im Gebiet der Zehn Städte predigen wollte, ohne sich gleichzeitig als "Wundertäter" einzuführen, den Leuten verbot , über diese Heilung zu sprechen, desto mehr breiteten sie es aus (vgl. Mk 1,44-45;5,20.43 ).



Mk 7,37


Gerade auch über dieses Werk Jesu wunderten sich ( exeplEssonto ; "überwältigt"; vgl. Mk 1,22;6,2;10,26 ) die Menschen über die Maßen ( hyperperissOs , ein verstärkendes Adverb, das im Neuen Testament nur an dieser Stelle steht).

Das Bekenntnis, in dem ihr Erstaunen gipfelte, ist eine allgemeine Aussage darüber, wen diese Leute nach allem, was sie schon zuvor über ihn gehört hatten (vgl. Mk 3,8;5,20 ), in Jesus sahen. Die Worte die Tauben und die Sprachlosen stehen dabei im Plural und beziehen sich auf zwei verschiedene Kategorien von Menschen. Markus kam es wahrscheinlich darauf an, die Anspielung auf Jes 35,3-6 im Bekenntnis der Menge herauszuarbeiten.



7. Die Speisung der Viertausend
( 8,1 - 10 ) ( Mt 15,32-39 )


In Kapitel 8,1-30 schildert Markus eine Reihe von Ereignissen, die eine Parallele zu den Geschehnissen in Mk 6,32-7,37 bilden. Trotz der wiederholten Erfahrung der Wunder Jesu und dem ständigen Umgang mit seiner Lehre taten sich die Jünger noch immer schwer damit, "zu sehen und zu hören", d. h. wirklich zu begreifen, wer Jesus war (vgl. Mk 8,18 ). In beiden Erzählzyklen spielt die Speisung einer großen Menge Volks eine wichtige Rolle (vgl. Mk 6,52;8,14-21 ).



Mk 8,1-3


Während Jesu Wirken im Gebiet der Dekapolis (vgl. Mk 7,31 ) versammelte sich wieder eine große Menge um ihn, wahrscheinlich sowohl Juden als auch Heiden.

Nachdem die Menschen Jesus drei Tage lang zugehört hatten, hatten sie nichts mehr zu essen. Sie waren so schwach vor Hunger, daß sie, wenn Jesus sie hätte hungrig heimgehen lassen, auf dem Wege verschmachtet wären; denn einige von ihnen waren von ferne gekommen.

Jesus jammerte ihre physische Not (vgl. Mk 6,34 ), und er sprach die Jünger darauf an (vgl. dazu Mk 6,35-36 ,wo die Jünger umgekehrt ihn darauf aufmerksam machten). Er ergriff also selbst die Initiative, um die Menge, die auf Speise verzichtet hatte, um sich an seinem Wort sattzuhören, mit leiblicher Nahrung zu versorgen.



Mk 8,4-5


Die Frage der Jünger bewies erneut, wie schwer es ihnen fiel zu verstehen, was es bedeutete, daß Jesus in dieser neuen schwierigen Lage bei ihnen war. Ihre Entgegnung zeigte aber auch, daß sie sich nicht dazu imstande fühlten, etwas gegen den Hunger der wartenden Menge zu unternehmen. Damit gaben sie indirekt das Problem, das sie nicht bewältigen konnten, an Jesus zurück (vgl. dazu Mk 6,37 ,wo auch das anders war).

Jesu Frage, wieviel Brote sie noch hätten, ließ seine Absicht erkennen und war eine Aufforderung an die Jünger, sich der Mittel, die ihnen zu Gebote standen - sieben Brote und "einige Fische" (vgl. Mk 8,7; Mt 15,34 ) - zu bedienen.



Mk 8,6-7


Die Speisung der Menge verlief ganz ähnlich wie die der Fünftausend (vgl. Mk 6,39-42 ). Die griechischen Partizipien, die im Deutschen mit den Imperfektformen nahm und dankte ( eucharistEsas ; vgl. Mk 14,23 ) wiedergegeben sind, und das Wort brach stehen im Urtext im Aorist, bezeichnen also abgeschlossene Handlungen, wohingegen die Verbform gab auch im Griechischen Imperfekt ist, wodurch angezeigt wird, daß Jesus den Jüngern immer wieder Brot zum Austeilen zureichte (vgl. Mk 6,41 ). Dasselbe tat er mit einigen Fischen .



Mk 8,8-9 a


Ganz knapp berichtet Markus dann noch, daß durch das Wunder alle genug zu essen bekamen ( sie aßen aber und wurden satt ), daß noch überreichliche Reste blieben (sieben Körbe voll) und auch hier wieder sehr viele Menschen gespeist worden waren ( viertausend , dazu noch Frauen und Kinder; vgl. Mt 15,38 ).

Allerdings wurden diesmal zum Aufsammeln der übriggebliebenen Brocken andere Körbe ( spyridas ) verwendet als bei der Speisung der Fünftausend ( kophinoi ; Mk 6,43; vgl. Mk 8,19-20 ). Es handelte sich dabei um Sisal- oder Bastkörbe, die manchmal so groß waren, daß ein Mann darin transportiert werden konnte (vgl. Apg 9,25 ). Die "sieben Körbe voll" (vielleicht für jeden Laib Brot einer) faßten also wahrscheinlich mehr als die zwölf Körbe, von denen in Mk 6,43 die Rede ist.



Mk 8,9-10 (Mk 8,9b-10)


Als er die Menge entlassen hatte, stieg Jesus alsbald ( euthys ; vgl. Mk 1,10 ) mit seinen Jüngern in ein Boot und setzte in die Gegend von Dalmanuta , eine Stadt in der Nähe von Tiberias, an der Westseite des Sees Genezareth (vgl. Mk 8,13.22; auch Magadan genannt; vgl. Mt 15,39 ), über.



8. Die Forderung der Pharisäer nach einem Zeichen
( 8,11 - 13 ) ( Mt 16,1-4 )


Mk 8,11


Die Führer der religiösen Partei, die Pharisäer (vgl. Mk 3,22-30; 7,1-5 ), kamen heraus und fingen an, mit ihm zu streiten ( syzEtein , "disputieren, debattieren"). Sie wollten ihn versuchen (von peirazO ; vgl. Mk 1,13;10,2;12,15 ), um ihn dazu zu bringen, die Quelle seiner Macht preiszugeben (vgl. Mk 3,22-30;11,30; 5Mo 13,2-5;18,18-22 ). Aus diesem Grund forderten sie (von zEteO ; vgl. Mk 11,18;12,12;14,1.11.55 ) von ihm ein Zeichen vom Himmel , an dem seine göttliche Vollmacht sichtbar werden sollte. Im Alten Testament war ein "Zeichen" nicht so sehr eine Demonstration der Macht als vielmehr ein Beleg dafür, daß eine Äußerung oder Handlung echt und glaubwürdig war (vgl. TDNT, " sEmeion ", 7,210-6;234-6). Die Pharisäer baten also nicht um ein spektakuläres Wunder, sondern um den unumstößlichen Beweis, daß er und sein Auftrag von Gott kamen, denn sie glaubten ja ganz das Gegenteil (vgl. Mk 3,22 ).

 

Mk 8,12


Jesus seufzte in seinem Geist (vgl. Mk 7,34 ) und stellte ihnen eine rhetorische Frage, die seinen Unmut über ihren verbohrten Unglauben deutlich machte. Die Worte dieses Geschlecht stehen dabei für das ganze Volk Israel, wie es in seinen Repräsentanten, den religiösen Führern, vor ihm stand (vgl. Mk 8,38;9,19;13,30 ). Immer wieder hatte das Volk die Gnade, die Gott ihm erweisen wollte, zurückgestoßen (vgl. 5Mo 32,5-20; Ps 95,10 ).

Mit einer feierlichen Einleitungsformel ( wahrlich, ich sage euch ; vgl. Mk 3,28 ) und einer hebräischen Wendung, die starke Ablehnung ausdrückt (vgl. Ps 95,11; Hebr 3,11;4,3.5 ), wies Jesus ihre Forderung zurück: "Es wird diesem Geschlecht kein Zeichen gegeben werden!" Matthäus spricht in diesem Zusammenhang noch von einer einzigen Ausnahme, "dem Zeichen des Jona" ( Mt 16,4 ), d. h. Jesu Auferstehung (vgl. Mt 12,39-40 ).

Im Markusevangelium wird vom Wortschatz her klar zwischen einem Wunder ( dynamis ) und einem Zeichen ( sEmeion ) unterschieden. Das erstere war eine Bestätigung für Gottes Gegenwart und Macht in Jesus. Die Forderung nach einem Wunder kann daher ein legitimer Ausdruck des Glaubens eines Menschen sein (z. B. Mk 5,23;7,26.32 ), sie wird jedoch illegitim, wenn sie, wie es bei den Pharisäern der Fall war, dem Unglauben entspringt.



Mk 8,13


Wie empört Jesus über den Vorfall war, sehen wir an seinem raschen Aufbruch. Er fuhr wieder über den See Genezareth, hinüber an die Nordostküste. Sein öffentliches Wirken in Galiläa war damit beendet.



9. Die Jünger verstehen Jesu Worte und Werke nicht
( 8,14 - 21 ) ( Mt 16,5-12 )


Mk 8,14


Ihre überstürzte Abreise (V. 13 ) war wahrscheinlich der Grund dafür, daß die Jünger vergessen hatten, Brot mitzunehmen . Sie besaßen nur noch ein Brot - was ja aber durchaus ausreichte, wenn Jesus sich an Bord befand (vgl. Mk 6,35-44 ).



Mk 8,15


Jesus, der noch an die Begegnung bei Tiberias (V. 11 - 13 ; der Ort, an dem auch der Palast des Herodes lag) denken mußte, warnte seine Jünger (wörtlich: gab ihnen weiterhin Anordnungen; vgl. Mk 7,36 ) vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes Antipas .

Schon eine kleine Menge Sauerteig kann in einer großen Menge Brotteig viel bewirken. "Sauerteig" war daher bei den Juden eine gebräuchliche Metapher für eine unsichtbare, aber sehr wirksame Kraft. Häufig versinnbildlichte der Begriff, wie hier, einen verderblichen Einfluß. An dieser Stelle ist damit das allmähliche Wachsen des Unglaubens gemeint. Das stand hinter der Bitte der Pharisäer, die ein Zeichen sehen wollten, obwohl sie sich bereits ein abschließendes Urteil gebildet hatten (vgl. Mk 6,14-16; Lk 13,31-33;23,8-9 ). Wie Jesu Ausruf ( Mk 8,12 ) deutlich machte, hatte diese Haltung bereits auf das ganze Volk Israel übergegriffen, und er wollte nun seine Jünger davor warnen, indem er sie zum Glauben und Verstehen ohne Zeichen aufrief (vgl. V. 17 - 21 ).



Mk 8,16


Die Jünger überhörten seinen Hinweis auf die Pharisäer und Herodes jedoch völlig. Sie verstanden nur das Wort "Sauerteig" und dachten, Jesus habe von ihrem Brotmangel gesprochen.



Mk 8,17-18


Mit leidenschaftlichen, eindringlichen Fragen versuchte Jesus, ihnen ihr fehlendes geistliches Verständnis klarzumachen (vgl. Mk 4,13.40;6,52 ). Da er merkte, was sie besprachen (vgl. Mk 8,16 ), tadelte er sie zunächst nicht, weil sie seine Warnung nicht begiffen hatten (V. 15 ), sondern dafür, daß sie es offensichtlich einfach nicht fertigbrachten, sich auf seine Gegenwart zu verlassen. Ihre Herzen waren verhärtet (vgl. Mk 6,52 ). Sie hatten Augen und sahen nicht und Ohren und hörten nicht (vgl. Jer 5,21; Hes 12,2 ). So waren sie im Grunde nicht besser als die "draußen" (vgl. Mk 4,11-12 ) und hatten ein ebenso kurzes Gedächtnis wie die Menge.



Mk 8,19-20


Die Fragen über die beiden wunderbaren Speisungen (vgl. Mk 6,35-44;8,1-9 ) machen überdeutlich, daß die Jünger weder die Bedeutung dessen, was sie gesehen hatten, verstanden, noch die wahre Identität Jesu erkannten.



Mk 8,21


Jesu Frage: "Begreift ihr denn noch nicht?" war eher ein Appell als ein Verweis. Das Gewicht, das Jesus dem Begreifen der Jünger beilegte (V. 17-18.21 ), zeigt, worum es ihm in seinen Worten und Werken ging, und wieweit er noch von seinem Ziel entfernt war. 10. Die Heilung des Blinden in Betsaida ( Mk 8,22-26 )

Dieses Heilungswunder und sein Gegenstück in Kapitel 7,31 - 37 , das vom Aufbau her gleich ist, sind die beiden einzigen Wundergeschichten, die ausschließlich im Markusevangelium berichtet werden. Es ist außerdem das einzige Wunder, das Jesus in zwei Schritten vollbrachte. "Sehen" war zugleich eine weitverbreitete Metapher für "Verstehen", so daß das Geschehen auch als ein Sinnbild für das zwar richtige, aber noch unvollständige Begreifen der Jünger aufgefaßt werden kann.


Mk 8,22


Als Jesus und die Jünger in Betsaida Julias ankamen (vgl. V. 13 ; Mk 6,32 ), brachten sie einen Blinden zu ihm und baten ihn, daß er ihn anrühre und heile (vgl. Mk 5,23;7,32 ).



Mk 8,23-24


Jesus führte den Blinden hinaus vor das Dorf , wahrscheinlich, um wie immer einen persönlichen Kontakt zu ihm herzustellen (vgl. Mk 7,33 ) und um die Öffentlichkeit auszuschließen ( Mk 8,26 ). Normalerweise waren Jesu Wunder öffentliche Ereignisse (vgl. Mk 1,23-28.32-34; 3,1-12; 6,53-56; 9,14-27; 10,46-52 ), doch bei Markus gibt es drei Ausnahmen ( Mk 5,35-43;7,31-37;8,22-26 ). Die beiden letzteren Vorfälle sollten wahrscheinlich zum Ausdruck bringen, daß das rechte Verstehen nur durch eine persönliche Beziehung zu Jesus, unbeeinflußt von der Meinung der Menge, möglich ist.

Die Berührung des Mannes mit Speichel und das Handauflegen (vgl. Mk 7,33 ) zeigte dem Blinden Jesu Absicht und weckte seinen Glauben. Doch zuerst kam es nur zu einer teilweisen Wiederherstellung seiner Sehkraft. Er sah auf (vgl. Mk 8,25 ) und nahm die Menschen (vielleicht die Zwölf) nur als verschwommene, sich bewegende Objekte wahr, als sähe er Bäume umhergehen . Jesu ungewöhnliche Frage: "Siehst du etwas?" zeigte, daß dieses Ergebnis in seiner Absicht gelegen hatte, daß das unvollständige Gelingen des Wunders also nicht etwa auf den schwachen Glauben des Mannes zurückzuführen war. Es war vielmehr eine bildhafte Fortsetzung des Tadels, den er den Jüngern zuvor erteilt hatte (V. 17 - 21 ). Der Mann war zwar nun nicht mehr stockblind, doch er sah vorerst nur wenig. Wie sehr ähnelten ihm darin die Jünger!



Mk 8,25


Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich (von diablepO ; in V. 24 steht eine Form von anablepO ) und wurde wieder zurechtgebracht, so daß er alles scharf sehen (von emblepO ) konnte . Jetzt konnte der vormals Blinde wieder sehen, ein Ereignis, auf das auch die Jünger, trotz ihrer langsamen Fortschritte, hoffen durften.



Mk 8,26


Offensichtlich lebte der Mann nicht in Betsaida, da Jesus ihn mit der Ermahnung heimschickte: "Geh nicht hinein in das Dorf!" (d. h. "geh nicht zuerst dorthin"). Wahrscheinlich wurde auch ihm Schweigen auferlegt, damit Jesus sein Werk in Ruhe fortführen konnte (vgl. Mk 1,44-45;5,43;7,36 ).



D. Schluß: Petrus' Bekenntnis, daß Jesus der Christus ist
( 8,27 - 30 ) ( Mt 16,13-20; Lk 9,18-21 )


In den Mittelpunkt seines Evangeliums stellte Markus das Bekenntnis des Petrus, daß Jesus der Messias sei. Bis zu diesem Moment stand immer die Frage im Hintergrund: "Wer ist dieser Mann eigentlich?". Nach Petrus' Erklärung im Namen aller zwölf Jünger verlagert sich dann die Intention des Evangeliums ganz auf das Kreuz und die Auferstehung. Von jetzt an lautet die allem zugrundeliegende doppelte Frage: "Worin besteht seine Aufgabe als Messias, und was heißt es, ihm zu folgen?" Die folgende wichtige Passage ist also der entscheidende Wendepunkt, zu dem die erste Hälfte des Buches hinführt und von dem aus sich die zweite Hälfte weiterentwickelt.



Mk 8,27


Jesus zog mit seinen Jüngern in die etwa vierzig Kilometer nördlich von Betsaida (vgl. V. 22 ) gelegenen Dörfer bei Cäsarea Philippi , einer Stadt an der Jordanquelle, vor den südlichen Ausläufern des Hermongebirges. Sie lag in der Tetrarchie des Herodes Philippus, der ihr seinen Namen gab, um sie von dem anderen Cäsarea am Mittelmeer zu unterscheiden.

Auf dem Wege ( en tE hodO ; vgl. Mk 1,2;9,33-34;10,17.32.52 ) fragte er seine Jünger , was die Leute von ihm sagten. Jesu Fragen bildeten häufig den Ausgangspunkt für eine neue Aussage seiner Lehre (vgl. Mk 8,29;9,33;12,24-25 ).



Mk 8,28


Die Antwort der Jünger entsprach den in Kapitel 6,14 - 16 festgehaltenen Äußerungen. Johannes der Täufer, Elia, einer der Propheten . Alle diese Hypothesen waren falsch und zeigten, daß Jesu wahre Identität und sein Auftrag den Menschen nach wie vor verborgen blieben.



Mk 8,29


Dann fragte Jesus die Jünger ganz persönlich: "Ihr aber, wer sagt ihr, daß ich sei?" Die Betonung liegt auf dem "ihr", auf denjenigen, die er selbst auserwählt und ausgebildet hatte. Petrus machte sich wie schon häufig zum Sprecher der Zwölf (vgl. Mk 3,16;9,5;10,28;11,21 ) und erklärte: "Du bist der Christus , der Messias, der Gesalbte Gottes" (vgl. Mk 1,1 ).

Dieses freie Bekenntnis der Jünger war - gerade zu diesem Zeitpunkt (vgl. Joh 1,41.51 ) - deshalb so entscheidend, weil die Menschen im allgemeinen Jesu wahre Identität verkannten und die religiösen Führer ihn sogar aufs heftigste bekämpften, während er selbst im Begriff stand, den Jüngern Dinge über sich zu offenbaren, die für sie nicht ohne schwerwiegende Folgen bleiben sollten. Es war also ungemein wichtig, daß die Frage nach seiner Identität hier ein für alle Mal geklärt wurde und feststand. Das Glaubensbekenntnis der Jünger war, ungeachtet ihres zeitweiligen Versagens und ihrer Fehler und Schwächen, der Dreh- und Angelpunkt für ihre Nachfolge (vgl. Mk 14,50.66-72 ).

Markus gibt das Bekenntnis des Petrus in seiner einfachsten, knappsten Form wieder (vgl. Mt 16,16-19 ) und stellt damit die Aussagen Jesu über das Wesen seines messianischen Auftrags in den Mittelpunkt (vgl. Mk 8,31;9,30-32;10,32-34.45 ).



Mk 8,30


Jesus gebot ihnen streng (wörtlich: "befahl"; vgl. Mk 1,25;3,12 ), daß sie niemandem sagen sollten , daß er der Messias war. Die Menschen hatten sich viele falsche Vorstellungen über den "Messias" zurechtgelegt. Den verheißenen davidischen Messias (vgl. 1Sam 7,14-16; Jes 55,3-5; Jer 23,5 ) dachte man sich als eine politische Gestalt, die sich an die Spitze einer nationalistischen Bewegung setzen und die Juden von der römischen Herrschaft befreien würde (vgl. Mk 11,9-10 ). Jesu messianischer Auftrag sah dagegen völlig anders aus und war weit umfassender, daher zögerte er auch, diesen Titel zu benutzen (vgl. Mk 12,35-37;14,61-62 ). Außerdem waren die Jünger noch nicht dazu in der Lage, die wahre Bedeutung des Messiasamtes Jesu zu verkünden.

Jesus wußte, daß er Gottes Gesalbter war (vgl. Mk 9,41;14,62 ), deshalb ließ er Petrus' Erklärung als korrekte Feststellung stehen. Dennoch gebot er den Jüngern, die allzuleicht Mißverständnissen über seine Person erlagen ( Mk 8,32-33 ), Stillschweigen, bis er ihnen erklären konnte, daß er als Messias leiden und sterben mußte, um Gottes Willen zu tun ( Mk 8,31 ).



VI. Jesu Reise nach Jerusalem
( 8,31 - 10,52 )


Den Rahmen für den vierten größeren Abschnitt des Markusevangeliums bildet die Reise Jesu von Cäsarea Philippi im Norden, wo die Jünger ihn als Messias bekannten, nach Jerusalem im Süden, wo er seinen messianischen Auftrag zu Ende führte ( Mk 8,27;9,30.31;10,1.17.32;11,1; vgl. auch Mk 14,28; Mk 16,7 ).

Jesus legte hier das Wesen seiner Berufung als Messias dar und machte deutlich, was das für all jene, die ihm nachfolgen wollten, bedeutete. Dabei besteht eine ausgewogene Spannung zwischen der Verborgenheit und Verhülltheit seines Leidens und seinem zukünftigen Offenbarwerden in Herrlichkeit. Der Text gruppiert sich um drei Leidensankündigungen: Mk 8,31-9,29;9,30-10,31;10,32-52 .Jede der drei Einheiten enthält eine Vorhersage ( Mk 8,31;9,30-31;10,32-34 ), die jeweilige Reaktion der Jünger ( Mk 8,32-33; 9,32; 10,35-41 ) und eine oder mehrere Aussagen über die Nachfolge ( Mk 8,34-9,29;9,33-10,31;10,42-52 ).

A. Die erste Leidensankündigung
( 8,31 - 9,29 )


1. Jesu erste Ankündigung seines Todes und seiner Auferstehung
( 8,31 ) ( Mt 16,21; Lk 9,22 )


Mk 8,31


Nachdem Petrus erklärt hatte, daß Jesus der Messias sei (V. 29 ), fing Jesus an, sie zu lehren , was dieser Satz bedeutete. Seine Lehre wandte sich damit einem neuen Inhalt zu.

Im Gegensatz zu den weitverbreiteten Erwartungen an den Messias war Jesus nicht gekommen, um bereits jetzt ein messianisches Reich auf Erden zu errichten. Statt dessen erklärte er, daß der Menschensohn viel leiden (vgl. Jes 53,4.11 ) und von den jüdischen Obersten verworfen werden müsse, ja daß er schließlich getötet und nach drei Tagen ("am dritten Tage"; vgl. Mt 16,21; Lk 9,22 ) auferstehen ( Jes 52,13;53,10-12 ) werde. Für die Jünger gewann das verheißene Gottesreich damit eine völlig neue Dimension, auf die sie nicht gefaßt waren (vgl. Mk 8,32 ). Das Hilfsverb muß ( dei , "es ist nötig") deutet auf einen Zwang hin, in diesem Fall auf den Zwang, unter dem Jesus stand - den Willen Gottes, den göttlichen Plan für seinen messianischen Auftrag (vgl. Mk 1,11 ), zu erfüllen. Seine Leidensankündigung war der Beweis, daß er sich diesem Willen unterwerfen würde (vgl. Mk 14,35-36 ).

Drei Gruppen - die Ältesten (einflußreiche Laien), die Hohenpriester (die Sadduzäer, vgl. Mk 12,18 ,Angehörige vornehmer Priestergeschlechter und ehemalige Hohepriester) und die Schriftgelehrten (zum größten Teil Pharisäer) bildeten zusammen den Hohen Rat (Sanhedrin), den höchsten jüdischenGerichtshof, der in Jerusalem tagte (vgl. Mk 11,27;14,53.55 ).

Obwohl Petrus ihn als "den Christus" bezeichnet hatte ( Mk 8,29 ), ging Jesus nicht näher auf diesen Titel oder das Problem seiner Identität ein, sondern stellte seinen Auftrag in den Vordergrund und verwendete statt dessen den Titel "Menschensohn". Dieser Ausdruck kam bisher nur zweimal im Markusevangelium vor (vgl. Mk 2,10.28 ). Beide Male wollte Markus damit auf die Bedeutung eines bestimmten Ereignisses für seine christlichen Leser hinweisen. Von nun an kehrt der Titel häufiger wieder, doch nur Jesus selbst gebraucht ihn für sich (vgl. Mk 8,31.38;9,9.12.31;10,33.45;13,26;14,21 [zweimal] 41.62 ).

Er umschrieb besonders all das, was Jesus wirklich war und was er eigentlich wollte. Da er keinerlei politische Konnotationen hatte, weckte er auch keine falschen Erwartungen. Dennoch war er mehrdeutig genug (wie ein Gleichnis), um das Gleichgewicht zwischen Verhüllung und Offenbarung, das Jesu ganzes Leben und Wirken bestimmte, zu wahren (vgl. Mk 4,11-12 ). Er verband, besser als jede andere Bezeichnung es vermocht hätte, die Elemente des Leidens und der Herrlichkeit und war so die angemessenste Definition der einzigartigen Rolle Jesu als Messias.



2. Petrus' Unmut und Jesu Tadel dieses Unmuts
( 8,32 - 33 ) ( Mt 16,22-23 )


Mk 8,32-33


Im Gegensatz zu seinen früheren, verhüllten Anspielungen (vgl. Mk 2,20 ) sprach Jesus nun frei und offen , in unzweideutigen Ausdrücken, über die Notwendigkeit seines Todes und seiner Auferstehung.

Petrus begriff seine Worte zwar sehr wohl ( Mk 8,31 ), doch er konnte sein "Messiasverständnis" (V. 29 b) nicht mit dem Leiden und dem Tod, von dem Jesus sprach, in Einklang bringen. Daher fing er an, ihm zu wehren .

Diese Reaktion, die sich wahrscheinlich mit der der übrigen Jünger deckte, war - ähnlich wie die Versuchung in der Wüste (vgl. Mk 1,12-13 ) - ein Versuch des Teufels, Jesus vom Kreuz abzubringen. Jesus bedrohte Petrus ( Mk 8,33 ) deshalb zum Nutzen aller Menschen. Es war kein persönlicher Angriff. Das gebietende Geh weg von mir, Satan lautet wörtlich: "Geh fort, hinter mich", und ist wohl kaum als ein Befehl an Petrus zu verstehen, seinen Platz als Jünger einzunehmen (vgl. dagegen Mk 1,17;8,34 ); vielmehr sprach Jesus wohl Satan als den Urheber von Petrus' Gedanken an.

Petrus wurde hier ohne sein Wissen und Wollen zum Sprecher Satans; er meinte nicht ( phroneO bedeutet "eine geistige Haltung haben zu"; vgl. Kol 3,2 ), was göttlich war, d. h. ihm lag nicht an den Wegen und Absichten Gottes, sondern an dem, was menschlich ist , also an menschlichen Werten und Gesichtspunkten. Gottes Wille war jedoch der Weg des Kreuzes, und Jesus weigerte sich, von diesem Weg abzuweichen.



3. Jesu Lehre von der Nachfolge
( 8,34 - 9,1 ) ( Mt 16,24-28; Lk 9,23-27 )


Ein leidender Messias brachte auch eine völlig neue Dimension in den Gedanken der Nachfolge. Der folgende Abschnitt enthält daher eine Reihe kurzer Aussagen über die persönliche Bindung an Jesus in der Nachfolge (vgl. Mk 9,43-50;10,24-31 ). Der wichtigsten Aussage (V. 34 ) folgen im Griechischen vier mit gar ("denn") eingeleitete Erklärungen (V. 35 - 38 ) und eine abschließende Feststellung ( Mk 9,1 ). Das hier Gesagte war Teil der Vorbereitung der Jünger auf ihr künftiges Amt und zugleich eine Ermutigung für die Leser des Markusevangeliums, die in Rom Verfolgungen ausgesetzt waren.



Mk 8,34


Jesus forderte das Volk, interessierte Zuschauer (vgl. Mk 4,1.10-12;7,14-15 ), samt seinen Jüngern auf, ihm zuzuhören. Die Worte wer (es sind also nicht nur die Jünger angesprochen) mir nachfolgen will (vgl. Mk 1,17 ) belegen, daß er von ihrer Nachfolge als Jünger sprach (vgl. Mk 1,16-20 ). Er nannte zwei Bedingungen für diese Nachfolge, die, wie Buße und Glauben (vgl. Mk 1,15 ), zusammengehörten.

Zum einen sollten die Jünger etwas aufgeben: sie sollten sich selbst verleugnen ("verleugnen" ist Aorist Imperativ) und selbstsüchtigen Interessen und irdischen Sicherheiten entsagen. Selbstverleugnung heißt dabei nicht, die eigene Persönlicheit zu verleugnen, als Märtyrer zu sterben oder allen "materiellen Dingen" zu entsagen (wie in der Askese). Es bedeutet vielmehr die Verleugnung des "Selbst", die Abwendung vom Götzendienst der Ichzentriertheit und von dem Bestreben, sein Leben ganz für sich selbst, nur nach dem Diktat des Eigennutzes, zu leben (vgl. TDNT, "arneomai" , 1,469-71). Selbstverleugnung ist aber in jedem Fall nur das "Negativ" des Bildes, das Jesus hier skizzierte, nicht etwas, das um seiner selbst willen praktiziert werden muß oder "an sich" gut ist.

Zum anderen wurde von den Jüngern Jesu verlangt, etwas zu tun: sie sollten ihr Kreuz auf sich nehmen (auch "nehmen auf sich" ist Aorist Imperativ) und "Ja" zu Gottes Willen und Weg sagen. Die Metapher des Kreuzes war den Juden zwar nicht von Hause aus vertraut, doch im von den Römern besetzten Palästina wahrscheinlich wohlbekannt. Man dachte dabei an einen Verurteilten, der gezwungen wurde, seine Unterwerfung unter den Urteilsspruch der römischen Oberherren dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß er einen Teil seines Kreuzes durch die Stadt an seinen Hinrichtungsort schleppte. "Sein Kreuz auf sich nehmen" war also ein öffentliches Zeichen der Unterwerfung bzw. des Gehorsams gegenüber einer Autorität, gegen die man sich zuvor aufgelehnt hatte.

Jesu Unterwerfung unter den Willen Gottes war die richtige Antwort auf den Anspruch Gottes, dem er Vorrang vor den Ansprüchen des Selbst einräumte. Für ihn bedeutete das den Tod am Kreuz. Die, die ihm folgen, müssen ihr (nicht sein) Kreuz auf sich nehmen - was auch immer Gott ihnen als Nachfolger Jesu auferlegen wird. Das bedeutet nicht zwangsläufig, daß man leiden muß, wie er es tat, oder gekreuzigt werden wird, noch ist damit einfach gemeint, daß man den Mühseligkeiten des Lebens mit stoischem Gleichmut begegnen soll. Nachfolge äußert sich vielmehr im Gehorsam gegenüber Gottes Willen, wie er in seinem Wort offenbart ist, und als vorbehaltloses Akzeptieren der Folgen dieses Gehorsams um Jesu und des Evangeliums willen (vgl. Mk 8,35 ). Für manche bedeutet das, wie die Geschichte gezeigt hat, allerdings auch körperliches Leiden und sogar den Tod (vgl. Mk 10,38-39 ).

In Jesu Worten folge mir nach steckt ein Imperativ Präsens: "(So) laßt ihn mir immer weiter nachfolgen" (vgl. Mk 1,17-18;2,14;10,21.52 b; vgl. "täglich" bei Lk 9,23 ). "Nein" zum Selbst und "Ja" zu Gott sagen heißt, alles unter dem Aspekt der Nachfolge Jesu zu tun (vgl. Röm 13,14; Phil 3,7-11 ).



Mk 8,35


Die Verse 35 - 38 beginnen alle mit dem erklärenden griechischen Wörtchen gar ( denn ). Sie erläutern die Bedingungen, von denen Jesus in Vers 34 sprach, und kreisen um den Eintritt in die Nachfolge, das Aufgeben der alten Bindungen an das Leben (die Masse) und die neue Verpflichtung als Jünger Jesu.

Paradoxerweise wird ein Mensch, der sein Leben ( psychEn ; "Seele, Leben") erhalten (von zOzO , "bewahren") will, es verlieren - er wird nicht in das ewige Leben eingehen. Wer jedoch sein Leben um Jesu und um des Evangeliums willen verliert (wörtlich: "verlieren wird"; vgl. Mk 1,1 ), d er wird's erhalten ; er wird das ewige Leben besitzen (vgl. den Kommentar zu Mk 10,26-27;13,13 ).

Hier handelt es sich um ein Wortspiel mit den Begriffen "Verlieren" und "Leben" ( psychE ). Das griechische Wort psychE bezeichnet einerseits das natürliche Leben des Menschen, zugleich aber auch das wahre Selbst, den Kern der Person, der die irdische Existenz transzendiert (vgl. Mk 8,36; Mt 10,28; TDNT, " psychE ", 9,642-4). Wer also in dieser Welt ein ganz auf sich selbst konzentriertes Leben führen will und Jesu Bedingungen ablehnt ( Mk 8,35 ), wird sein ewiges Leben verlieren. Umgekehrt wird ein Mensch, der in der Treue zu Jesus und zum Evangelium (vgl. Mk 10,29 ) sein Leben "verliert" (es Jesus übergibt, "sich selbst verleugnet"; gegebenenfalls bis hin zum physischen Tod), weil er seine Bedingungen akzeptiert ( Mk 8,34 ), es für ewig bewahren. Als Nachfolger Jesu ist er ein Erbe des ewigen Lebens bei Gott (vgl. Mk 10,29-30; Röm 8,16-17 ).



Mk 8,36-37


Um das Paradoxon von Vers 35 noch plastischer hervorzuheben und die überrragende Bedeutung des ewigen Lebens begreiflich zu machen, konfrontierte Jesus seine Zuhörer mit eindringlichen rhetorischen Fragen und bediente sich einer dem Wirtschaftsleben entlehnten Sprache.

Denn ( gar , vgl. V. 35 ) was hülfe (wörtlich: "nützte") es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne - alle irdischen Annehmlichkeiten und Besitztümer, wenn das möglich wäre - und nähme an seiner Seele ( psychEn ) Schaden (wörtlich: "erlitte den Verlust seiner Seele"), d. h. verlöre das ewige Leben? Die Antwort konnte hier nur lauten: "Es würde ihm überhaupt nichts nützen!" (vgl. Ps 49 ,bes. V. 16 - 20 ).

Denn ( gar ; vgl. Mk 8,36 ) was kann der Mensch geben, womit er seine Seele ( psychEs ) auslöse zum ewigen Leben mit Gott? Antwort: "Nichts", denn weil er "die Welt gewonnen hat", wird er am Ende das ewige Leben mit Gott unwiderruflich verloren haben und nichts besitzen, was ihn dafür entschädigen könnte.



Mk 8,38


Vom Aufbau her gleichen und ergänzen diese Verse Vers 35 , indem sie den Gedanken, der dort ausgesprochen ist, zu Ende denken.

Denn ( gar ; vgl. V. 35 ) wer sich Jesu und seiner Worte (vgl. Mk 13,31 ) schämt (sie verleugnet) unter diesem abtrünnigen (ungläubigen) und sündigen Geschlecht ( genea ; vgl. Mk 8,12; Mt 12,39; Jes 1,4; Hos 1,2 ), dessen wird sich auch der Menschensohn (vgl. den Kommentar zu Mk 8,31 ) schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters (sichtbar ausgestattet mit Gottes Glanz) mit den heiligen Engeln (vgl. Mk 13,26-27 ).

Ganz eindeutig sind Jesus (vgl. "ich, mein") und der Menschensohn hier ein und dieselbe Person (vgl. Mk 14,41 b. 42.62 ). Der verhüllte Hinweis auf Jesu zukünftige Rolle als Richter war an die Adresse des zuhörenden Volkes gerichtet.

Sich Jesu zu "schämen" bedeutete, ihn zu verwerfen (vgl. Mk 8,34-35 a) und aus Unglauben und Angst vor der Verachtung der Welt "diesem Geschlecht" verhaftet zu bleiben. Wenn Jesus jedoch als ehrfurchtgebietender Richter in Herrlichkeit zurückkommen wird, wird er sich weigern, die, die sich seiner geschämt haben, als sein Eigentum anzuerkennen (vgl. Mt 7,20-23; Lk 13,22-30 ), und sie werden zuschanden werden (vgl. Jes 28,16;45,20-25; Röm 9,33; 10,11; 1Pet 2,6.8 ).



Mk 9,1


Dieser Vers gibt Auskunft über jene anderen, die nicht zuschanden werden ( Mk 8,38; vgl. Mt 10,32-33; Lk 12,8-9 ), und schließt den Abschnitt über die Nachfolge ( Mk 8,34-9,1 ) mit einer Zusicherung Jesu.

Die Worte und er sprach zu ihnen (vgl. Mk 2,27 ) leiten eine Aussage Jesu in der Vollmacht des Geistes ein. Er sagte voraus, daß einige , die hier mit ihm standen und ihm zuhörten, den Tod nicht (wörtlich: "unter keinen Umständen", ou mE ) schmecken würden, bis sie das Reich Gottes in seiner ganzen Herrlichkeit sehen würden. "Den Tod schmecken" ist eine hebräische Redewendung für das Erleben des physischen Todes, der auftritt wie ein tödliches Gift, das früher oder später jeder einnehmen muß (vgl. Hebr 2,9 ).

Für die Worte sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft wurden verschiedene Deutungen vorgeschlagen. Gemeint sein könnte: (a) Jesu Verklärung, (b) Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, (c) die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten ( Apg 2,1-4 ) und die Ausbreitung des Christentums in der frühen Kirche, (d) die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. oder (e) die Wiederkunft Christi.

Aus dem Kontext heraus scheint die erste Erklärung am plausibelsten. Die genaue Zeitangabe in dem nachfolgenden Bericht über die Verklärung Jesu ( Mk 9,2 a) deutet darauf hin, daß Markus einen ausdrücklichen Zusammenhang zwischen der Verheißung Jesu (V. 1 ) und diesem Ereignis sah. Jesu Verklärung war ein überwältigender Vorblick und eine feste Garantie für seine Wiederkunft in Herrlichkeit (vgl. 2Pet 1,16-19 ).