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Matthäues Evangelium Walvoord
Biblische Maße und Gewichte


Länge

Rute 6 Ellen 2 m
Elle 2 Spannen 0,5 m
Spanne 3 Handbreiten 23 cm
Handbreite 4 Fingerbreiten 7 cm
Fingerbreite   2 cm

Hohlmaße für trockene Dinge

Sack/Homer 10 Scheffel 220 l
Letech 5 Scheffel 110 l
Scheffel/Efa 3 Maß/10 Gomer 22 l
Maß 1/3 Scheffel 7,3 l
Krug 1/10 Scheffel 2,2 l
Handvoll 1/18 Scheffel 0,3 l

Hohlmaße für Flüssigkeiten

Faß wie Sack 220 l
Eimer 1 Schefel 22 l
Kanne 1/6 Eimer 4 l
Becher 1/72 Eimer 0,3 l

Die Angaben sind Annäherungswerte. Grundlage der Umrechnung ist die Festsetzung 1 Lot = 11,5 g; 1 Elle = 0,5 m; 1 Scheffel = 22 l (andere Berechnungen:1 Scheffel = 39 l).

Transliteration (Umschift)

 (Louis A. Barbieri Jr.)


EINLEITUNG


Am Anfang des Neuen Testamentes steht die Darstellung des Lebens Jesu Christi: Vier verschiedene Berichte verkünden "die gute Nachricht" vom Gottessohn und erzählen von seinem Leben auf Erden und seinem Tod am Kreuz für die Sünde der Menschen. Die drei ersten Evangelien nehmen dabei einen ganz ähnlichen Blickwinkel hinsichtlich der Tatsachen zur Person Jesu ein, während das vierte eine Sonderform bildet. Aufgrund dieser großen Übereinstimmung werden die drei ersten neutestamentlichen Bücher auch die "synoptischen Evangelien" genannt.



Das synoptische Problem


1. Das Problem Das Wort "synoptisch" kommt von dem griechischen Adjektiv synoptikos , das aus den beiden Wörtern syn und opsesthai , "zusammensehen" oder "mitsehen", zusammengesetzt ist. Obwohl die Verfasser der ersten drei Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas, mit ihren Schriften unterschiedliche Absichten verfolgten, zeichneten sie das Leben Jesu auf fast die gleiche Art und Weise nach. Andererseits gibt es aber auch gewisse Abweichungen in ihren Berichten, über die man nicht einfach hinweggehen kann. An diesen Ähnlichkeiten und Unterschieden entzündet sich die Frage nach den Quellen der Evangelien, das sogenannte "synoptische Problem".

Die meisten konservativen Forscher stimmen darin überein, daß die Verfasser der Evangelien verschiedene Quellen benutzten. So hat beispielsweise der Stammbaum Jesu bei Matthäus und bei Lukas möglicherweise einen Anhalt in den Tempelakten oder auch in der mündlichen Überlieferung. Lukas selbst vermerkt gleich zu Beginn seines Evangeliums ( Lk 1,1 ), daß bereits zahlreiche Aufzeichnungen zu den Geschehnissen um Jesus vorliegen. Demnach konnte er sich auf mehrere solcher schriftlicher Berichte stützen. Man kann wohl mit Recht annehmen, daß die einzelnen Verfasser wahrscheinlich jeweils unterschiedliche Quellen benutzt haben. Damit sind nun allerdings nicht die "Quellen" gemeint, von denen die Anhänger der historisch-kritischen Methode sprechen. Die meisten Forscher dieser Richtung verstehen darunter umfangreiche Dokumente, anhand derer die Evangelisten gleichsam als geschickte Redakteure ihre eigenen Berichte zusammenstellten. Diese spezielle Auffassung führte wiederum zu einer Reihe verschiedener Erklärungen der Quellensituation.

a. Die Urevangeliumshypothese Nach Ansicht mancher Gelehrter bildete ein ursprüngliches Evangelium (das sogenannte Urevangelium ), das verlorengegangen ist, die Materialquelle für die biblischen Redakteure. Der Haupteinwand gegen diese These ist, daß niemals auch nur ein Hinweis auf eine solche Schrift entdeckt wurde. Es existiert kein Dokument, das als Urevangelium bezeichnet werden könnte. Außerdem könnte diese Theorie zwar als Erklärung für die Ähnlichkeiten in den Evangelien herangezogen werden, auf keinen Fall erhellt sie jedoch die unterschiedliche Darstellung derselben Ereignisse an manchen Stellen.

b. Die Traditionshypothese Andere Forscher vertraten die Auffassung, die synoptischen Evangelien schöpften vor allem aus der mündlichen Tradition, also aus der mündlichen Weitergabe der Geschehnisse, die vom engsten Umkreis Jesu ausging. In der Regel durchläuft ein solches Zeugnis vier Stadien: 1. Das Ereignis findet statt. 2. Das Ereignis wird erzählt und so oft wiederholt, daß es weithin bekannt wird. 3. Das Ereignis wird gleichsam "fixiert", so daß es von da an immer auf genau die gleiche Weise erzählt wird. 4. Das Ereignis wird niedergeschrieben. Der Einwand gegen diese Hypothese lautet ähnlich wie der gegen die Theorie vom Urevangelium: Sie bietet zwar eine Erklärung für die Verwandtschaft der Texte, nicht jedoch für die Unterschiede. Darüber hinaus muß man sich hier fragen, warum sich ein Augenzeuge des Geschehens auf mündlich überlieferte Erzählungen verlassen sollte.

c. Die Zwei-Quellen-Theorie Ein weiterer, heute weitverbreiteter Ansatz geht dahin, daß die biblischen Redakteure mehrere schriftliche Quellen für ihre Berichte benutzten. Die Vertreter dieser Theorie gehen gewöhnlich von folgenden Annahmen aus: 1. Das erste schriftlich vorliegende Evangelium war das Markusevangelium. Diese Behauptung wird vor allem daran festgemacht, daß nur sieben Prozent des Markustextes ausschließlich bei Markus stehen, während 93 Prozent auch bei Matthäus und Lukas wiederkehren. 2. Neben Markus existierte ein zweites schriftliches Dokument, das hauptsächlich Rede-Material enthielt. Dieses Dokument wird als "Q", eine Abkürzung für das Wort "Quelle", bezeichnet. Die etwa 200 Verse, die sowohl bei Matthäus als auch bei Lukas, nicht aber bei Markus stehen, sollen aus "Q" stammen. 3. Die Redakteure benutzten darüber hinaus mindestens zwei weitere Quellen, das sogenannte "Sondergut". Die eine enthält die Verse, die bei Matthäus, nicht jedoch bei Markus oder Lukas vorkommen, die andere die Verse aus Lukas, die nicht in Matthäus oder Markus enthalten sind. Die sich so ergebenden Abhängigkeitsverhältnisse lassen sich auf folgende Weise veranschaulichen:

Auch diese Hypothese birgt allerdings mehrere Probleme. Zum einen steht sie in Widerspruch zur traditionellen Sichtweise. Konservative Theologen waren im allgemeinen immer der Ansicht, daß das Matthäusevangelium das älteste Evangelium war. Wenngleich nicht alle Forscher dieser These auch heute noch zustimmen, so hat sie doch einiges Gewicht und sollte nicht vorschnell als "bloße Tradition" abgetan werden. Auch die Tradition kann ja die Wahrheit auf ihrer Seite haben. Zweitens kann die Zwei-Quellen-Theorie die Tatsache nicht erklären, daß der Markustext an einigen Stellen Aussagen enthält, die weder bei Matthäus noch bei Lukas vorkommen. Nur Markus berichtet beispielsweise, daß der Hahn ein zweites Mal krähte ( Mk 14,72 ), bei den beiden anderen Synoptikern steht darüber nichts. Drittens: Wenn das Markusevangelium tatsächlich als erstes Evangelium nach Petrus' Tod zwischen 67 - 68 entstanden wäre, dann wären Matthäus und Lukas wahrscheinlich später, nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr., geschrieben worden. In diesem Fall wäre eigentlich zu erwarten, daß die Verfasser die Katastrophe als passenden Höhepunkt zu den Worten des Herrn in Mt 24-25 oder zu Lukas' Aussage in Mt 21,20-24 erwähnt hätten. Bei keinem der beiden Evangelisten ist jedoch von diesem einschneidenden Ereignis die Rede. Viertens: Am problematischsten aber bleibt die Spekulation über die Existenz von "Q". Wenn ein solches Dokument existierte und von Matthäus und Lukas für so wichtig gehalten wurde, daß sie so ausführlich daraus zitierten, warum schätzte dieGemeinde es dann nicht ebenso hoch und bewahrte es auf?

d. Die formgeschichtliche Analyse Diese ebenfalls gängige Betrachtungsweise setzt die Zwei-Quellen-Theorie voraus, geht jedoch noch einen Schritt weiter. Als die Evangelien zusammengestellt wurden, existierte bereits eine Vielzahl von überlieferten Dokumenten, nicht nur vier (Matthäus, Markus, Lukas und "Q"). Die heutigen Exegeten versuchen nun, die in den Evangelien verarbeiteten kleinen selbständigen Einheiten herauszuschälen und ihre "Form" zu bestimmen, um sie dann als Einzeltexte zu interpretieren und auf diese Weise zu ergründen, was die Kirche des 1. Jahrhunderts durch sie sagen wollte. Nach dieser Auffassung sind die Tatsachen, die durch die verschiedenen Erzählformen vermittelt werden, nicht unbedingt wörtlich zu nehmen. Man muß den Text hinterfragen, um seine eigentliche Aussage zu entdecken. Die in den Geschichten dargestellten Fakten werden in der formgeschichtlichen Analyse als "Mythen" aufgefaßt, die die Kirche um die Person Jesu Christi herum aufbaute. Wenn man diesen mythologischen Firniß "abkratzt" (Entmythologisierung), findet man Bruchstücke der eigentlichen historischen Wahrheit über Jesus.

Dieser formgeschichtliche Ansatz wird zwar weithin vertreten, wirft jedoch auch einige schwerwiegende Probleme auf. Zum einen ist es praktisch unmöglich, die Einzelgeschichten in genaue "formale" Kategorien einzuordnen, da unter den Exegeten selbst große Uneinigkeit über die Zuordnung besteht. Zum anderen sagt die Theorie zwar aus, daß die Kirche im 1. Jahrhundert diese Geschichten in ihrer ursprünglichen Form verbreiten ließ, gibt jedoch keine Erklärung darüber, was die Kirche dazu veranlaßte. Mit anderen Worten, sie übersieht bewußt das lebendige Zeugnis Jesu Christi und den tiefgreifenden Einfluß seines Lebens und Sterbens auf die damals lebenden Gläubigen.

2. Ein Lösungsvorschlag Die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Evangelienberichten werden verständlich, wenn man verschiedene Aspekte verbindet. Erstens: Die Verfasser der Evangelien des 1. Jahrhunderts besaßen eine breite persönliche Kenntnis des Materials, das sie aufzeichneten. Matthäus und Johannes waren Jünger Jesu, die lange Zeit mit ihm zusammen gewesen waren. Markus' Bericht könnte die Gedanken von Simon Petrus kurz vor seinem Tod enthalten, und Lukas könnte durch seine Verbindung zu Paulus und anderen viele Tatsachen erfahren haben. Dies wäre in die Niederschrift der vier Berichte eingegangen.

Zweitens: Daneben kommt auch der mündlichen Überlieferung eine gewisse Bedeutung zu. In Apg 20,35 wird beispielsweise auf ein Jesuswort Bezug genommen, das nicht in den Evangelien steht. Auch Paulus zitiert im 1. Korintherbrief ( 1Kor 7,10 ) ein Wort des Herrn; als er den Brief schrieb, lag jedoch wahrscheinlich noch keines der Evangelien vor. Drittens: Es gab außerdem bereits schriftliche Aufzeichnungen, eine Tatsache, auf die Lukas am Anfang seines Evangeliums verweist ( Lk 1,1-4 ). All das erklärt jedoch nicht die inspirative Kraft, deren Wirken notwendig ist, um einen Bericht über das Leben Jesu Christi zu schreiben, der frei von allen Irrtümern ist. Viertens: Um das synoptische Problem zu lösen, ist daher die Einführung eines weiteren Elementes nötig, die Kraft der Inspiration durch den Heiligen Geist, die die Verfasser der Evangelien bei ihrer Niederschrift beseelte. Der Herr versprach den Jüngern, daß der Heilige Geist sie alles lehren und an alles erinnern würde, was Jesus ihnen gesagt hatte ( Joh 14,26 ). Diese Kraft bürgt für die Genauigkeit der Berichte, ob der Autor nun aus seinem Gedächtnis oder aus mündlichen oder schriftlichen Überlieferungen schöpfte. Ungeachtet der benutzten Quellen stellte die Führung des Heiligen Geistes die Richtigkeit des Textes sicher, und je mehr man sich auf die verschiedenen Geschichten über den Herrn einläßt, desto klarer werden einem auch ihre "Problemstellen".



Die Verfasserschaft des ersten Evangeliums


Bei der Auseinandersetzung mit der Frage, wer ein bestimmtes Buch der Bibel verfaßt hat, gibt es normalerweise zweierlei Anhaltspunkte: Hinweise außerhalb des Buches ("externe Belege") und Hinweise im Buch selbst ("interne Belege"). Die externen Belege stützen im Fall des Matthäusevangeliums die Ansicht, daß der Apostel Matthäus das Evangelium schrieb, das seinen Namen trägt. Bei vielen Kirchenvätern der Frühzeit des Christentums wird er als Verfasser genannt, so unter anderem bei Pseudobarnabas, Clemens von Rom, Polykarp, Justinus Martyr, Clemens von Alexandria, Tertullian und Origenes. (Für weitere Belege vgl. Norman L. Geisler und William E. Nix (1968), A General Introduction to the Bible ; Chicago; S. 193.) Matthäus zählte mit Sicherheit nicht zu den bedeutenderen Aposteln. Man würde eigentlich eher erwarten, daß das erste Evangelium von Petrus, Jakobus oder Johannes stammen müßte. Doch die Tatsache, daß die ganze altkirchliche Tradition auf Matthäus weist, spricht sehr dafür, daß er tatsächlich der Verfasser war.

Es gibt daneben aber auch interne Belege für die Verfasserschaft des Apostels. Das Matthäusevangelium enthält beispielsweise mehr Anspielungen auf Geld als irgendeine andere Schrift des Neuen Testaments. Drei Währungsbezeichnungen tauchen überhaupt nur bei Matthäus auf, der "Tempelgroschen" ( Mt 17,24 ): das "Zweigroschenstück" ( Mt 17,27 ) und die "zehntausend Zentner Silber" ( Mt 18,24 ). Da Matthäus Zöllner war, hatte er natürlich einen besonderen Blick für Münzen und finanzielle Transaktionen und erwähnt aus diesem Grund auch die Kosten bestimmter Dinge. Für den Beruf des Steuereinnehmers mußte man schreiben können und etwas von Buchführung verstehen. Matthäus war so gesehen also durchaus imstande, ein Buch wie das erste Evangelium zu schreiben.

Das Buch ist aber auch ein Zeugnis seiner christlichen Demut, denn nur er selbst spricht immer wieder von sich als von "Matthäus dem Zöllner". Markus und Lukas verwenden diese abwertende Bezeichnung im Zusammenhang mit Matthäus wesentlich seltener. Als der Jünger Matthäus sich Jesus anschloß, da heißt es im Matthäusevangelium schlicht, er habe seine Freunde "zu Tisch" ( Mt 9,9-10 ) geladen, Lukas dagegen spricht bei dieser Einladung von "einem großen Mahl" ( Lk 5,29 ). Bezeichnend sind auch die Auslassungen bei Matthäus, jene Geschichten, die nicht im ersten Evangelium stehen: das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner ( Lk 18,9-14 ) und die Geschichte von Zachäus, jenem Zöllner, der vierfach zurückgab, was er gestohlen hatte ( Lk 19,1-10 ). Die internen Belege in bezug auf die Verfasserschaft des ersten Evangeliums sprechen also ebenfalls für Matthäus als den wahrscheinlichsten Autor.

Die ursprüngliche Sprache des Matthäusevangeliums


Alle noch erhaltenen Manuskripte des Matthäusevangeliums liegen in Griechisch vor, doch es gibt auch die Annahme, daß Matthäus in Aramäisch, einer dem Hebräischen verwandten Sprache, schrieb. Wenn man den Belegen nachgeht, stößt man auf fünf Autoren der Alten Kirche, die behaupteten, daß Matthäus zunächst aramäisch schrieb und dann ins Griechische übersetzt wurde: Papias (80 - 155 n. Chr.), Irenäus (130 - 202 n. Chr.), Origenes (185 - 254 n. Chr.), Euseb (4. Jahrhundert n. Chr.) und Hieronymus (6. Jahrhundert n. Chr.). Sie könnten sich dabei allerdings auch auf eine andere Schrift von Matthäus beziehen. Papias erwähnt z. B., daß Matthäus auch die Jesusworte ( logia ) zusammenstellte. Bei dieser "Spruchsammlung" könnte es sich um eine zweite, kürzere Niederschrift der Worte des Herrn in Aramäisch handeln, die für eine Gruppe von Juden bestimmt und für sie besonders wichtig war. Diese Schrift ist später verlorengegangen, denn heute existiert keine solche Version mehr. Im Gegensatz zu den verlorengegangenen logia schrieb Matthäus sein bis heute erhaltenes Evangelium jedoch wahrscheinlich in Griechisch. Als Teil des biblischen Kanons und damit Gotteswort wurde es vom Geist Gottes inspiriert und bewahrt.



Die Datierung des ersten Evangeliums


Eine genaue Festlegung der Entstehung des ersten Evangeliums auf ein bestimmtes Jahr ist nicht möglich. Die traditionalistische Forschung hat mehrere Daten zur Diskussion gestellt. C.I. Scofield nannte in der "Scofield Reference Bible" das Jahr 37 n. Chr. als mögliches Datum. Nur wenige Forscher plädieren für einen Zeitpunkt nach dem Jahr 70 n. Chr., denn Matthäus erwähnt die Zerstörung Jerusalems mit keinem Wort, und die Bezeichnung Jerusalems als "heilige Stadt" ( Mt 4,5;27,53 ) deutet darauf hin, daß die Stadt noch stand.

Auf jeden Fall scheint jedoch eine gewisse Zeit seit den Geschehnissen der Kreuzigung und Auferstehung vergangen zu sein. Mt 27,7-8 spricht von einem bestimmten Brauch, der sich "bis auf den heutigen Tag" erhalten hat, und Mt 28,15 berichtet von einer Geschichte, die "bis auf den heutigen Tag" erzählt wird. Wendungen wie diese setzen voraus, daß Zeit verstrichen ist, wenn auch nicht so viel, daß die jüdischen Bräuche bereits untergegangen sind. Da die kirchliche Überlieferung andererseits sehr stark die Annahme stützt, daß das Matthäusevangelium das älteste Evangelium ist, wird vielleicht eine Datierung um das Jahr 50 n. Chr. herum den historischen und inhaltlichen Bedingungen am ehesten gerecht. Dieser Zeitpunkt läge früh genug für die Hypothese, daß Matthäus auch zeitlich das erste Evangelium ist. (Zur weiteren Diskussion über die Datierung und andere Ansätze dazu [z. B., daß Markus das älteste der vier Evangelien sei] vgl. den Abschnitt "Quellen" in der Einleitung zu Markus.)



Der Anlaß für die Niederschrift des ersten Evangeliums


Der genaue Anlaß, der zur Niederschrift des Matthäusevangeliums führte, ist zwar unbekannt, doch es ist anzunehmen, daß wohl zumindest zwei Gründe für Matthäus bestimmend waren. Zunächst wollte er den ungläubigen Juden beweisen, daß Jesus der Messias war. Er wollte, daß andere den Messias ebenso finden wie er selbst. Zweitens schrieb Matthäus, um die gläubigen Juden in ihrem Glauben zu stärken. Denn wenn Jesus tatsächlich der Messias war, so war etwas Schreckliches geschehen - die Juden hatten ihren Messias und König gekreuzigt! Was sollte nun aus ihnen werden? War Gott mit ihnen fertig? Hier konnte Matthäus ihnen Mut zusprechen. Auch wenn ihr Ungehorsam Gottes Zorn über die gegenwärtige Generation der Israeliten bringen sollte, so dachte Gott doch keineswegs daran, sein Volk aufzugeben. Sein verheißenes Königreich würde dennoch errichtet werden, wenn auch erst in der Zukunft. In der Zwischenzeit jedoch ist es die Aufgabe der Gläubigen, eine andere, neue Botschaft des Glaubens an diesen Messias in die ganze Welt zu tragen und bei allen Völkern Jünger zu gewinnen.



Einige Besonderheiten des Matthäusevangeliums


1. Das Buch Matthäus legt großen Nachdruck auf das Lehramt Jesu Christi. Von allen Evangelien enthält Matthäus die längsten Redepassagen, und in keinem anderen Evangelium stehen so viele Lehren Jesu: Der allgemein als Bergpredigt bezeichnete Abschnitt in Mt 5-7 ; Kapitel 10 mit den Anweisungen Jesu an seine Jünger vor der Aussendung; die Gleichnisse über das Gottesreich in Kapitel 13 ; die scharfe Abrechnung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten in Kapitel 23 ; und schließlich die Rede über die Endzeit auf dem Ölberg, eine detaillierte Schilderung der künftigen Ereignisse, die Jerusalem und das Volk erwarten, in Kapitel 24-25 .

2. Die Darstellung des Matthäusevangeliums folgt manchmal eher logischen als chronologischen Gesichtspunkten. So ist z. B. der Stammbaum Jesu in drei gleich große Gruppen unterteilt, viele Wunder werden unmittelbar nacheinander aufgelistet, und der Widerstand gegen Jesus wird in einen einzigen Abschnitt zusammengefaßt. Matthäus legte also offensichtlich mehr Wert auf den thematischen Zusammenhang als auf die chronologische Reihenfolge der Ereignisse.

3. Das Evangelium enthält sehr viele (beinahe 50) wörtliche Zitate aus dem Alten Testament, daneben wird etwa fünfundsiebzigmal auf alttestamentliche Geschehnisse Bezug genommen. Das liegt zweifellos vor allem an der Leserschaft, für die das Buch bestimmt war. Das Matthäusevangelium richtete sich, wie bereits angedeutet, in erster Linie an Juden, die durch die vielen Verweise auf alttestamentliche Fakten und Ereignisse beeindruckt werden sollten. Wenn der Text tatsächlich um das Jahr 50 herum entstand, existierten außerdem noch nicht viele neutestamentliche Schriften, die Matthäus oder gar seinen Lesern bekannt gewesen wären, so daß er aus ihnen hätte zitieren können.

4. Das erste Evangelium zeigt Jesus Christus als den Messias Israels und Verkünder des kommenden Gottesreiches (Stanley D. Toussaint, Behold the King: A Study of Matthew , S. 18 - 20). "Wenn Jesus wirklich der Messias war", so könnte ein Jude fragen, "was wurde dann aus dem verheißenen Gottesreich?" Das Alte Testament lehrte ganz eindeutig, daß der Messias auf Erden eine ruhmreiche, utopische Herrschaft heraufführen werde, in der das Volk Israel eine bevorzugte Stellung einnehmen sollte. Was wurde jedoch nun, da das Volk seinen wahren König abgelehnt hatte, aus dem Gottesreich? Das Buch Matthäus offenbart in diesem Zusammenhang einige "Geheimnisse" über das Gottesreich, die so noch nicht im Alten Testament stehen. Sie deuten darauf hin, daß das Gottesreich im gegenwärtigen Zeitalter eine andere Form angenommen hat, daß das verheißene davidische Königreich jedoch in der Zukunft errichtet werden wird, wenn Jesus Christus auf die Erde zurückkehrt, um endgültig zu herrschen.

5. Im ersten Vers des ersten Evangeliums wird lapidar angekündigt: "Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams." Warum wird David hier vor Abraham genannt? Hätte nicht Abraham, der Stammvater Israels, größere Bedeutung für einen Juden? Möglicherweise nennt Matthäus David zuerst, weil der König, der über das Volk herrschen würde, ein Nachfahre Davids sein sollte ( 1Sam 7,12-16 ). Jesus Christus kam mit einer Botschaft für sein eigenes Volk. Nach dem Ratschluß Gottes wurde diese Botschaft jedoch nicht angenommen und richtet sich nun als universale Botschaft an die ganze Welt. Die Verheißung des Segens für alle Völker aber nimmt ihren Anfang bei dem Bund Gottes mit Israel ( 1Mo 12,3 ). Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, daß Matthäus in seinem Evangelium auch von Heiden, wie den Weisen aus dem Morgenland ( Mt 2,1-12 ), dem römischen Hauptmann mit dem starken Glauben ( Mt 8,5-13 ) und der kanaanitischen Frau, bei der Jesus einen größeren Glauben fand als in ganz Israel ( Mt 15,22-28 ), erzählt. Außerdem endet das Matthäusevangelium mit dem großen Missionsauftrag: "Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker" ( Mt 28,19 ).



GLIEDERUNG


I. Einleitung ( 1,2-4,11 )

     A. Der Stammbaum Jesu ( 1,1-17 )
     B. Das Kommen Jesu ( 1,18-2,23 )
     C. Der Wegbereiter Jesu ( 3,1-12 )
     D. Die Bestätigung Jesu als Messias ( 3,13-4,11 )

II. Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa ( 4,12-7,29 )

     A. Die ersten Taten Jesu ( 4,12-25 )
     B. Die Fortsetzung des Predigtamtes ( Kap. 5-7 )

III. Jesu Beweise seiner Gottheit ( 8,1-11,1 )

     A. Seine Macht über die Krankheit ( 8,1-15 )
     B. Seine Macht über Dämonen ( 8,16-17.28-34 )
     C. Seine Macht über Menschen ( 8,18-22;9,9 )
     D. Seine Macht über die Natur ( 8,23-27 )
     E. Seine Macht über die Sünde ( 9,1-8 )
     F. Seine Macht über die Traditionen ( 9,10-17 )
     G. Seine Macht über den Tod ( 9,18-26 )
     H. Seine Macht über die Blindheit ( 9,27-31 )
     I. Seine Macht über die Stummheit ( 9,32-34 )
     J. Seine Macht, Diener zu berufen ( 9,35-11,1 )

IV. Jesu Vollmachtsanspruch ( 11,2-16,12 )

     A. Die Zurechtweisung Johannes' des Täufers ( 11,2-19 )
     B. Der Weheruf über die galiläische Städte ( 11,20-30 )
     C. Die Streitgeschpräche mit den Schriftgelehrten ( Kap. 12 )
     D. Die Gleichnisse über das ganz andere Gottesreich ( 13,1-52 )
     E. Weitere Lehre und Wunder ( 13,52-16,12 )

V. Jesu Lehren für die Jünger ( 16,13-20,34 )

     A. Seine Selbstoffenbarung ( 16,13-17,13 )
     B. Seine Weisungen an die Jünger ( 17,14-20,34 )

VI. Der Weg zum Ende ( Kap. 21-27 )

     A. Einzug in Jerusalem ( 21,1-22 )
     B. Auseinandersetzung mit den Pharisäern ( 21,23-22,46 )
     C. Abrechnung mit den Pharisäern und dem Volk ( Kap. 23 )
     D. Rede über die Endzeit ( Kap. 24-25 )
     E. Gerichtsverhandlungen und Verurteilung ( Kap. 26-27 )

VII. Jesu Auferstehung ( Kap. 28 )

     A. Das leere Grab ( 28,1-8 )
     B. Das persönliche Erscheinen ( 28,9-10 )
     C. Die "offiziele" Version der Ereignisse ( 28,11-15 )
     D. Der Missionsauftrag ( 28,16-20 )

AUSLEGUNG


I. Einleitung
( 1,1-4,11 )


A. Der Stammbaum Jesu
( 1,1-17 ) ( Lk 3,23-38 )




Schon in den ersten Worten seines Evangeliums nennt Matthäus sein zentrales Thema und seine Hauptfigur beim Namen: Jesus Christus . Er ist der Mittelpunkt des ganzen Berichts, und bereits der Eingangsvers bringt ihn mit zwei großen Bundesschlüssen in der Geschichte Israels in Verbindung, dem davidischen ( 1Sam 7 ) und dem abrahamitischen ( 1Mo 12;15 ). Wenn Jesus von Nazareth tatsächlich die Erfüllung dieser beiden großen Bundesschlüsse verkörpert, erfüllt er sie auch von seiner Abstammung her? Diese Frage hätten die Juden mit Sicherheit gestellt, und aus diesem Grund geht Matthäus so genau auf die Ahnenreihe Jesu ein.





Er leitet Jesu Herkunft von seinem gesetzlichen Vater, Josef , ab (V. 16 ). Auf diese Weise geht sein Stammbaum in direkter Linie auf den Thron Davids, dessen Sohn Salomo und seine Nachkommen zurück (V. 6 ). Der Ahnentafel im Lukasevangelium zufolge war Jesus dagegen durch einen anderen Sohn, Nathan, ein Nachkomme König Davids ( Lk 3,31 ). Auf jeden Fall ist bei Matthäus Jesu Anspruch auf den Thron durch die Herkunft Josefs, seines offiziellen Vaters, aus dem Geschlecht Salomos legitimiert.

Josefs Abstammungslinie wird von Jojachin über dessen Sohn Schealtiel und seinen Enkel Serubbabel ( Mt 1,12 ) zurückverfolgt. Auch Lukas ( Lk 3,27 ) bezieht sich auf Schealtiel, den Vater Serubbabels, und zwar als einen Vorfahren Marias, meint damit jedoch wohl eine andere Person als Matthäus. Bei Lukas ist Schealtiel der Sohn Neris, während der Schealtiel bei Matthäus ein Sohn Jojachins ist.

Interessant an der Ahnentafel bei Matthäus ist außerdem die Nennung von vier Frauen aus dem Alten Testament: Tamar ( Mt 1,3 ), Rahab (V. 5 ), Rut (V. 5 ) und Salomos Mutter, Batseba (V. 6 ). Alle diese Frauen (wie übrigens auch die meisten der genannten Männer) waren auf irgendeine Weise zwielichtig. Tamar und Rahab waren Prostituierte ( 1Mo 38,24; Jos 2,1 ), Rut war Ausländerin, eine Moabiterin ( Rt 1,4 ), und Batseba beging Ehebruch ( 1Sam 11,2-5 ). Matthäus erwähnt diese Frauen vielleicht, um besonders deutlich zu machen, daß Gottes Erwählung eines Menschen immer ein reiner Akt der Gnade ist. Möglicherweise will er damit auch den Stolz der Juden in seine Grenzen weisen.

Bei der Erwähnung der fünften Frau der ganzen Genealogie, Maria ( Mt 1,16 ), ändert sich plötzlich die Wortwahl des Berichts. Während es bisher immer wieder hieß "zeugte" , die Betonung also beim jeweiligen Vater lag, steht bei Maria plötzlich "von der geboren ist Jesus" . "Von der" ist ein weibliches Relativpronomen (ex hEs ), das ganz eindeutig besagt, daß Jesus zwar das leibliche Kind Marias, Josef jedoch nicht der leibliche Vater war. Auf die wundersame Empfängnis und Geburt, die hinter dieser Andeutung steht, wird in Mt 1,18-25 näher eingegangen.

Matthäus nennt ganz offensichtlich nicht jede einzelne Person in der Ahnenreihe zwischen Abraham und David (V. 2-6 ), zwischen David und der Zeit der babylonischen Gefangenschaft (V. 6-11 ) und zwischen der babylonischen Gefangenschaft und Jesus (V. 12-16 ). Statt dessen zählt er für jede dieser Perioden jeweils nur 14 Glieder auf (V. 17 ). Nach jüdischer Auffassung galt eine Genealogie auch dann als vollständig, wenn nicht jeder Vorfahr einzeln genannt wurde. Doch warum wählte Matthäus gerade 14 Namen aus jeder Zeit? Die plausibelste Antwort auf diese Frage ist vielleicht, daß der Name "David" in der hebräischen Zahlenmystik der Zahl 14 entspricht. In der Zeit vom babylonischen Exil bis zur Geburt Jesu (V. 12-16 ) erscheinen nur 13 neue Namen. Viele Forscher glauben daher, daß Jojachin (V. 12 ), auch wenn er bereits in Vers 11 genannt wird, den vierzehnten Namen dieser letzten Periode darstellt.

Matthäus' Ahnentafel beantwortet die wichtige und durchaus verständliche Frage der Juden nach der Berechtigung, mit der jemand behaupten kann, König der Juden zu sein. Ist dieser Mann, wie es die Tradition verlangt, ein legitimer Nachkomme Davids? Nach Matthäus lautet die Antwort ja!



B. Das Kommen Jesu
( 1,18-2,23 ) ( Lk 2,1-7 )


1. Seine Eltern
( 1,18-23 )




Die Tatsache, daß Jesus, wie der Stammbaum andeutet, allein "von Maria" geboren ist (V. 16 ), bedarf der näheren Erklärung. Matthäus' Bericht wird sehr viel verständlicher, wenn man sich die hebräischen Heiratsbräuche ansieht. Ehen wurden damals von den Eltern arrangiert, dabei wurden Eheverträge ausgehandelt. Wenn die entsprechenden Vereinbarungen getroffen worden waren, galten die Betreffenden als verheiratet und wurden als Mann und Frau bezeichnet. Sie lebten jedoch nicht sofort zusammen, sondern die Frau wohnte noch ein Jahr lang weiterhin bei ihren Eltern und der Mann bei den seinen. Die Wartezeit sollte beweisen, daß die Braut noch unberührt war, wie sie und ihre Angehörigen gelobt hatten. Wenn sich in dieser Zeit herausstellte, daß sie schwanger war, hatte sie sich offensichtlich auf eine verbotene sexuelle Beziehung eingelassen und war keine Jungfrau mehr, ein Grund, der zur Annullierung der Ehe führen konnte. Wenn die einjährige Prüfungszeit jedoch die Reinheit der Braut erwies, ging der Ehemann zum Haus der Brauteltern und führte sie in einem großen Umzug in sein Haus. Dort lebten sie dann als Mann und Frau zusammen und vollzogen die Ehe auch physisch. Vor diesem Hintergrund sollte Matthäus' Geschichte gelesen werden.

Maria und Josef befanden sich in der einjährigen Wartezeit, als es sich fand, daß sie schwanger war . Sie hatten noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt, und Maria war auch nicht untreu gewesen (V. 20.23 ). Obwohl nur wenig über Josef erzählt wird, kann man sich doch gut vorstellen, wie sehr er betroffen war. Er liebte Maria wirklich, und nun ging das Gerücht um, daß sie schwanger sei. Sein Verhalten ist ein Beweis seiner Zuneigung zu seiner Braut. Er wollte keinen öffentlichen Skandal heraufbeschwören, indem er ihren Zustand den Richtern am Stadttor offenbarte, denn das hätte zur Folge haben können, daß Maria gesteinigt wurde ( 5Mo 22,23-24 ). Statt dessen beschloß er, sie heimlich zu verlassen .

Da erschien ihm jedoch der Engel des Herrn im Traum (vgl. Mt 2,13.19.22 ) und teilte ihm mit, daß Marias Zustand nicht von einem Menschen, sondern von dem heiligen Geist herrühre ( Mt 1,20; vgl. V. 18 ). Das Kind, das Maria trug, würde ein ganz besonderes Kind sein. Sie sollte einen Sohn gebären , dem Josef den Namen Jesus geben sollte, denn er würde sein Volk retten von dessen Sünden . Diese Worte müssen in Josef die Erinnerung an Gottes Versprechen wachgerufen haben, daß er sein Volk durch einen Neuen Bund retten werde ( Jer 31,31-37 ). Der namenlose Engel erzählte Josef weiter, daß das alles geschehe, damit Gottes Plan erfüllt werde, denn der Prophet Jesaja hatte vor 700 Jahren verkündet: "Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein" ( Mt 1,23; Jes 7,14 ). Die Alttestamentler sind sich zwar noch nicht einig, ob das hebräische Wort ZalmCh hier mit "junge Frau" oder "Jungfrau" zu übersetzen ist, doch von Gott aus soll es mit Sicherheit "Jungfrau" bedeuten (wie auch das griechische Wort parthenos besagt). Marias wundersame Empfängnis erfüllte damit Jesajas Prophezeiung, und ihr Sohn sollte wahrhaft Immanuel ... Gott mit uns sein. Angesichts dieser Erklärung sollte Josef sich nicht fürchten, Maria zu sich zu nehmen ( Mt 1,20 ). Sicher würde es in der Gemeinde Mißverständnisse und auch Tratsch geben, doch Josef kannte nun die wahre Geschichte von Marias Schwangerschaft, und er wußte, was Gott von ihm wollte.



2. Seine Geburt
( 1,24-25 )




Als Josef aus seinem Traum erwachte, gehorchte er. Er verstieß gegen die hergebrachten Sitten und nahm seine Frau sofort zu sich , statt noch zu warten, bis die Verlobungszeit vorüber war. Wahrscheinlich dachte er, das sei das Beste für Maria in ihrem Zustand. Er brachte sie nach Hause und sorgte für sie, doch er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar , dem er den Namen Jesus gab. Matthäus berichtet ganz einfach die Geburt des Kindes und die Tatsache, daß es den Namen Jesus erhielt, während Lukas, der Arzt ( Kol 4,14 ), noch mehrere Details in bezug auf die Geburt mitteilt ( Lk 2,1-7 ).



3. Seine Kindheit
( Mt 2 )


a. In Bethlehem
( 2,1-12 )




Es besteht in der Forschung keine volle Übereinstimmung über den genauen Zeitpunkt der Ankunft der Weisen aus dem Morgenland , doch anscheinend kamen sie einige Zeit nach Jesu Geburt. Jesus, Maria und Josef hielten sich noch immer in Bethlehem auf, wohnten inzwischen jedoch in einem Haus (V. 11 ). Bei Matthäus wird Jesus als kleines Kind ( paidion ; V. 9.11 ) bezeichnet, während das Wort für Kind bei Lukas ( brephos ; Lk 2,12 ) eher "Neugeborenes" bedeutet.

Wir können heute nicht mehr genau sagen, wer diese "Weisen" waren. Es sind in diesem Zusammenhang mehrere Deutungsvorschläge gemacht worden. Man hat sie mit traditionellen Namen belegt und als Repräsentanten der drei Völkergruppen gesehen, die von Noahs Söhnen Sem, Ham und Japhet abstammen. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß sie hochgestellte Heiden aus einem Land nordöstlich von Babylon - vielleicht aus dem Partherreich - waren, denen eine besondere Offenbarung Gottes über die Geburt des Königs der Juden zuteil geworden war. Dieses besondere Zeichen war vielleicht einfach am Himmel sichtbar, worauf ihr Titel "Weise" (Astronomen) und auch die Tatsache, daß sie von einem Stern sprechen, den siegesehen haben, hindeutet. Oder sie erfuhren davon durch den Kontakt mit jüdischen Gelehrten, die mit Kopien von Handschriften des Alten Testaments in den Osten gekommen waren. Nach Ansicht vieler Exegeten lassen die Aussagen der Weisen auf ein Wissen um die Weissagung Bileams über den "Stern", der "aus Jakob" aufgehen wird, schließen ( 4Mo 24,17 ). Ganz gleich, worauf sich ihre Gewißheit stützte, sie kamen auf jeden Fall nach Jerusalem, um den neugeborenen König der Juden anzubeten . (Nach der Überlieferung waren es drei Weise, die nach Bethlehem zogen. Die Bibel gibt ihre Zahl allerdings nicht genau an.)





Es ist verständlich, daß König Herodes erschrak, als er hörte, daß die Weisen nach Jerusalem gekommen waren, um den neugeborenen König der Juden zu suchen (V. 2.3 ). Herodes war seiner Herkunft nach kein Nachkomme Davids und daher strenggenommen kein rechtmäßiger König. Tatsächlich war er nicht einmal ein Nachkomme Jakobs, sondern Esaus und damit also Edomiter. (Er regierte in Palästina von 37 v. Chr. bis 4 n. Chr. Vgl. auch die Tabelle unter Lk 1,5 .) Viele Juden haßten ihn dafür und hatten ihn nie wirklich als König akzeptiert, obwohl er viel für das Land tat. Wenn nun ein rechtmäßiger König geboren war, war Herodes' Amt in Gefahr. Daher ließ er die jüdischen Schriftgelehrten zusammenkommen und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte ( Mt 2,4 ). Interessanterweise brachte Herodes den "neugeborenen König der Juden" mit "dem Christus", dem Messias, in Verbindung. Offensichtlich hoffte Israel noch immer auf den Messias und glaubte an seine Geburt.

Die Antwort auf Herodes' Frage war einfach, da der Prophet Micha Jahrhunderte zuvor den Ort genau angegeben hatte: Der Messias sollte in Bethlehem geboren werden ( Mi 5,1 ). Anscheinend überbrachte Herodes den Weisen selbst die Auskunft der Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes. Dann fragte er sie aus, wann sie den Stern zum ersten Mal gesehen hätten ( Mt 2,7 ). Die verhängnisvollen Folgen dieser Unterredung zeigten sich später (V. 16 ). Schon hier wird jedoch deutlich, daß Herodes bereits den Plan hegte, sich dieses gefährlichen jungen Königs zu entledigen. Er bat die Weisen ausdrücklich, zurückzukehren und ihm zu sagen, wo sich der König befinde, so daß er kommen und ihn ebenfalls anbeten könne. Seine Gedanken gingen allerdings in eine ganz andere Richtung.





Als die Weisen Jerusalem hinter sich ließen, begegnete ihnen ein weiteres Wunder. Der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten , erschien wieder und führte sie zu einem ganz bestimmten Haus in Bethlehem, wo sie das Kindlein Jesus fanden. Bethlehem liegt etwa sieben Kilometer südlich von Jerusalem. "Sterne" (d. h. Planeten) bewegen sich jedoch am Himmel naturgemäß von Osten nach Westen, nicht von Norden nach Süden. War der "Stern", den die Weisen sahen und der sie zu dem Haus führte, möglicherweise die Gegenwart der Herrlichkeit Gottes selbst, die die Kinder Israel in Gestalt einer Feuer- und Wolkensäule 40 Jahre lang durch die Wüste geführt hatte? Vielleicht war das die Erscheinung, die die Weisen im Osten sahen und die sie mangels eines passenderen Begriffs als "Stern" bezeichneten. Alle anderen Versuche, diesen Stern zu erklären (z.B. mit einer Konjunktion von Jupiter, Saturn und Mars, als Supernova, Komet usw.) erscheinen unzureichend.

Wie dem auch sei, die Weisen wurden auf diese wunderbare Weise zu dem Kind geführt, traten in das Haus ein und beteten es an . Ihre Huldigung ging aber noch darüber hinaus, sie schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe ; lauter Gaben, die eines Königs würdig waren. Diese Tat heidnischer Fürsten ist wie ein Abbild des Reichtums der Völker, der eines Tages dem Messias dargebracht werden wird ( Jes 60,5.11;61,6;66,20; Zeph 3,10; Hag 2,7-8 ). Manche Ausleger sind außerdem der Ansicht, daß die Geschenke symbolisch bereits das besondere Leben dieses Kindes widerspiegeln. Gold steht für seine Gottheit oder Reinheit, der Weihrauch für den Duft seines Lebens und die Myrrhe für seinen Opfertod (Myrrhe wurde zum Einbalsamieren benutzt). Diese Geschenke gaben Josef offensichtlich die Mittel, mit seiner Familie nach Ägypten zu fliehen und dort zu leben, bis Herodes starb. Den Weisen befahl Gott im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren und ihm von ihrer Reise zu berichten, und so zogen sie auf einem anderen Weg wieder in ihr Land .


b. In Ägypten
( 2,13-18 )




Nach dem Besuch der Weisen erschien der Engel des Herrn Josef im Traum (im zweiten von Josefs vier Träumen: Mt 1,20;2,13.19.22 ) und sprach: "Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten", denn Herodes hatte vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Josef gehorchte; im Schutz der Dunkelheit verließ er mit seiner Familie Bethlehem (vgl. die Karte) und entwich nach Ägypten. Warum gerade Ägypten? Der Messias wurde nach Ägypten gesandt und kehrte von dort zurück, damit das Wort des Propheten "Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen" , erfüllt würde. Das ist eine Anspielung auf Hos 11,1 .Hosea selbst scheint seine Aussage nicht unbedingt als Prophezeiung aufgefaßt zu haben. Er meinte damit Gottes Ruf an Israel aus Ägypten in den Exodus. Matthäus jedoch verstand diese Worte anders. Er sah in der Flucht nach Ägypten eine Identifikation des Messias mit dem Volk Israel. Es gibt tatsächlich gewisse Parallelen zwischen dem Gottesvolk und dem Gottessohn. Israel war Gottes durch Adoption erwählter "Sohn" ( 2Mo 4,22 ), und Jesus ist der Messias, der Gottessohn. Beide zogen nach Ägypten hinab, um einer Gefahr zu entkommen, und ihre Rückkehr war wichtig für die Heilsgeschichte des Volkes. Während Hoseas Aussage sich auf Israels historische Befreiung bezog, brachte Matthäus sie unmittelbar mit der Berufung des Sohnes, des Messias, aus Ägypten in Zusammenhang. Er verlieh den Worten des Propheten eine "erhöhte" Bedeutung und sah sie als visionären Verweis auf die Rückkehr des Messias aus Ägypten, und in diesem Sinn "erfüllten" sie sich tatsächlich.





Sobald Herodes erfuhr, daß die Weisen seinen Befehl, ihm den Ort, an dem er den neugeborenen König finden konnte, mitzuteilen, nicht befolgt hatten, ließ er alle männlichen Kinder in Bethlehem töten, die zweijährig und darunter waren . Das Alter der Kinder, zweijährig und darunter , entsprach der Zeit, zu der die Weisen den "Stern" im Osten gesehen hatten. Diese Zeitangabe deutet möglicherweise auch darauf hin, daß Jesus, als die Weisen ihn besuchten, noch nicht zwei Jahre alt war.

Der Kindermord in Bethlehem wird nur in der Bibel erwähnt. Nicht einmal der jüdische Geschichtsschreiber Josephus (37 - 100? n. Chr.) berichtet über dieses feige Verbrechen, unschuldige Säuglinge und kleine Kinder hinzuschlachten. Andererseits ist es auch wieder nicht weiter überraschend, daß er und andere Geschichtsschreiber der damaligen Zeit über den Tod einiger hebräischer Kinder in einem kleinen, unbedeutenden Dorf hinweggingen, denn Herodes beging zahllose ähnlich grausame Schandtaten. So ließ er mehrere seiner eigenen Kinder und auch einige seiner Ehefrauen, die er im Verdacht hatte, eine Verschwörung gegen ihn zu planen, umbringen. Kaiser Augustus soll über ihn gesagt haben, es sei besser, eines der Schweine des Herodes zu sein, als sein Sohn, denn als sein Schwein habe man bessere Chancen, in einer jüdischen Gemeinschaft zu überleben. Das griechische Wort "Schwein" ( huos ) unterscheidet sich nur in einem Buchstaben von dem Wort "Sohn" ( huios ).

Auch der Kindermord wird als Erfüllung einer Prophezeiung von Jeremia gedeutet. Seine Aussage ( Jer 31,15 ) bezieht sich ursprünglich auf das Weinen des Volkes, als zur Zeit des babylonischen Exils (586 v. Chr.) viele Kinder umkamen. Doch die Parallele zur Situation im Neuen Testament ist nicht von der Hand zu weisen, denn auch hier wurden Kinder durch Nicht-Juden umgebracht. Darüber hinaus lag in der Nähe von Bethlehem das Grab Rahels, die allgemein als Mutter des Volkes galt. Deshalb der Verweis auf Rahel, die über den Tod dieser Kinder weint.



c. In Nazareth
( 2,19-23 )




Als aber Herodes gestorben war , erhielt Josef abermals von einem Engel des Herrn Anweisungen. Zum dritten Mal erschien ihm ein Engel im Traum (vgl. Mt 1,20;2,13.19.22 ). Er erfuhr von Herodes' Tod und erhielt den Befehl, in das Land zurückzukehren (V. 20 ). Josef gehorchte dem Herrn und wollte in das Land Israel, vielleicht nach Bethlehem, zurückkehren. Doch über die Gebiete von Judäa , Samaria und Idumäa herrschte mittlerweile ein Sohn von Herodes, Archelaus . Dieser Archelaus, berüchtigt für seine Tyrannei, seine Mordtaten und seine Labilität, war wahrscheinlich infolge der am Hof üblichen Heiratspraxis unter zu engen Verwandten geisteskrank. (Er regierte von 4 v. Chr. bis 6 n. Chr.; vgl. die Tabelle zu Herodes bei Lk 1,5 .) Gott warnte Josef daher (wieder im Traum ; Mt 2,22; vgl. Mt 1,20;2,13.19 ), nicht nach Bethlehem zurückzuziehen, sondern sich nach Norden, ins galiläische Land , in eine Stadt mit Namen Nazareth zu wenden. In dieser Region herrschte Antipas, ein anderer Sohn des Herodes (vgl. Mt 14,1; Lk 23,7-12 ), der jedoch ein sehr fähiger König war.

Die Tatsache, daß die Familie nach Nazareth zog, gilt wiederum als Erfüllung einer Prophezeiung ( Mt 2,23 ). Die Worte "Er soll Nazoräer heißen" , beziehen sich allerdings nicht auf die wörtliche Aussage eines alttestamentlichen Propheten, wenngleich mehrere Prophezeiungen dieser Formulierung sehr nahekommen. Jesaja sagte einmal, der Messias würde "aus dem Stamm Isais" hervorgehen wie ein "Zweig" ( Jes 11,1 ). "Zweig" heißt im Hebräischen neQer . Das Wort hat also dieselben Konsonanten wie "Nazoräer" und steht allgemein für den Gedanken von "klein anfangen".

Da Matthäus den Plural, Propheten , benutzt, dachte er vielleicht auch überhaupt nicht an eine bestimmte Prophezeiung, sondern an die Vorstellung, die in einer ganzen Reihe von Prophezeiungen mit der Verachtung des Messias in Zusammenhang gebracht wurde. In Nazareth lag die für den Norden Galiläas zuständige römische Garnison. Die meisten Juden mieden daher jede Verbindung mit dieser Stadt. Wer in Nazareth lebte, galt als Kollaborateur, der sich mit dem Feind, den Römern, einließ; jemanden einen "Nazoräer" zu nennen, war ein Ausdruck der Verachtung. Auch Jesus wurde später von vielen Israeliten schon deshalb geringschätzig angesehen, weil Josef und seine Familie sich in Nazareth niedergelassen hatten. Das zeigt Nathanaels Reaktion, als er hörte, daß Jesus aus Nazareth stamme: "Was kann aus Nazareth Gutes kommen?" ( Joh 1,46 ). Diese Auffassung paßt gut zu vielen alttestamentlichen Prophezeiungen, die von dem geringen und verachteten Wesen des Messias sprechen (z. B. Jes 42,1-4 ). Das Wort "Nazoräer" erinnerte die jüdischen Leser aber auch an das ähnlich klingende "Nasiräer" ( 4Mo 6,1-21 ) - Jesus gehorchte Gottes Willen mehr als die Nasiräer.







Matthäus überspringt die folgenden 30 Jahre von Jesu Leben und setzt seinen Bericht mit der Botschaft Johannes des Täufers , dem "Vorboten" des Messias-Königs, fort. Mehrere Männer in der Bibel tragen den Namen Johannes, doch nur einer hat den Beinamen "der Täufer". Die Juden kannten zwar die Selbsttaufe der Proselyten, doch die Taufe, die Johannes praktizierte, war ungewöhnlich; er war der erste, der andere taufte.

Johannes predigte und taufte in der Wüste von Judäa , einem unfruchtbaren, felsigen Landstrich westlich des Toten Meeres. Seine Botschaft war einfach und klar und hatte zwei Schwerpunkte: 1. eine soteriologische Aussage, "tut Buße" , und 2. eine eschatologische Aussage, "denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen" . Die Vorstellung vom kommenden Gottesreich war im Alten Testament fest verwurzelt. Daß man jedoch Buße tun mußte, um in dieses Reich zu kommen, war den Menschen neu und wurde für viele Juden zum Problem. Sie hatten gedacht, daß ihnen als Nachkommen Abrahams das Gottesreich von selbst offenstünde. Doch nun verkündigte Johannes, daß sie zuvor ihren Geist und ihr Herz ändern müßten ( metanoeite , "tut Buße"). Sie hatten überhaupt kein Gefühl mehr dafür, wie weit sie sich von Gottes Gesetz und den Forderungen der Propheten entfernt hatten (z. B. Mal 3,7-12 ).

Den heutigen Exegeten macht dagegen der eschatologische Aspekt der Botschaft des Täufers größere Schwierigkeiten. Nicht alle Forscher sind sich über die Bedeutung der Aussagen von Johannes einig, selbst in konservativen Kreisen gehen die Auffassungen auseinander. Was genau predigte Johannes eigentlich? Er sprach von einem kommenden Gottesreich, von einer "neuen Herrschaft", die nun anbrechen sollte. Diese Herrschaft sollte die Herrschaft des Himmels sein: "Das Himmelreich". Wollte er damit sagen, daß Gott von nun an im Himmel herrschen würde? Kaum vorstellbar, denn dort hat er ja seit der Erschaffung der Welt immer geherrscht. Johannes meinte also wohl, daß Gottes Herrschaft sich nun auch ganz direkt auf die Erde erstrecken wird. Gottes Herrschaft über die Erde ist nahegerückt und wird durch die Person des Messias, dem Johannes den Weg bereiten soll, errichtet werden. Keiner der damaligen Zuhörer fragte Johannes, wovon er eigentlich spreche, denn der Gedanke an die Herrschaft des Messias über die Erde war den Menschen vom Alten Testament her wohlvertraut. Bevor er jedoch Wirklichkeit werden konnte, mußte das Volk Buße tun.





Durch die Botschaft des Täufers erfüllte sich die Verheißung des Propheten Jesaja ( Jes 40,3; mit Bezügen zu Mal 3,1 ), mit der alle vier Evangelien die Gestalt Johannes des Täufers verbinden ( Mk 1,2-3; Lk 3,4-6; Joh 1,23 ). Jes 40,3 bezieht sich gleichsam auf eine Art "Straßenarbeiter", die dem Herrn in der Wüste einen Weg bahnen sollten, als sein Volk im Jahre 537 v. Chr. aus der babylonischen Gefangenschaft nach Juda zurückkehrte. Auf ähnliche Weise bereitete nun Johannes der Täufer dem Herrn und seinem Reich den Weg in der Wüste, indem er die Menschen dazu aufrief, sich wieder zu ihm zu kehren.

Johannes war also die Stimme eines Predigers in der Wüste , der die Menschen seiner Zeit auf die Ankunft des Messias vorbereiten sollte. Daß er gerade "in der Wüste von Judäa" ( Mt 3,1 ) predigte, ist auch ein Bild dafür, daß sich seine Botschaft gegen die damals herrschenden religiösen Vorstellungen richtete. Johannes war ähnlich gekleidet wie Elia ( in ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel ; vgl. 2Kö 1,8; Sach 13,4 ) und aß Heuschrecken (die Speise der Armen; 3Mo 11,22 ) und wilden Honig . Wie Elia war er ein rauher Mann der Wildnis und verkündigte eine einfache, eindeutige Botschaft.

Viele Menschen aus Jerusalem und ganz Judäa kamen, um Johannes zu hören. Manche akzeptierten seine Botschaft, bekannten ihre Sünden und ließen sich mit Wasser, dem Zeichen seines Täuferamtes, taufen. Die Taufe des Johannes entsprach nicht der christlichen Taufe; sie war ein religiöses Ritual, ein äußeres Zeichen des Sünders, der damit seine Sünde bekannte und sich zu einem heiligen Leben in Erwartung des Messias verpflichtete. Doch nicht alle Menschen glaubten Johannes. Die Pharisäer und Sadduzäer , die kamen, um einen Blick auf das Treiben dieses Mannes zu werfen, lehnten seine Botschaft ab. Ihre Gedanken spiegeln sich in den Worten wider, die Johannes zu ihnen sprach ( Mt 3,7-10 ). Sie glaubten, daß ihnen, als direkten Nachkommen Abrahams, das Gottesreich sicher sei. Dieser Überzeugung widersprach Johannes jedoch auf das entschiedenste; er sagte, daß Gott, wenn es nötig sei, dem Abraham aus Steinen Kinder zu erwecken vermochte. Gott konnte, wenn es erforderlich war, aus den Außenseitern, den Heiden, Kinder Gottes machen - das Judentum war in Gefahr, endgültig ausgelöscht zu werden. Wenn es keine rechtschaffene Frucht der Buße (V. 8 ) gab, würde Gott den Baum fällen.





Auch seine Beziehung zum kommenden Messias machte Johannes ganz deutlich: Er glaubte, daß er nicht einmal wert sei, ihm die Schuhe zu tragen (oder zu binden). Seine Aufgabe war es lediglich, die Menschen auf den Messias vorzubereiten und diejenigen, die ihm glaubten, mit Wasser zu taufen. Der Kommende sollte sie dann mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen . Wer diese Worte hörte, wurde dabei vermutlich an zwei Propheten des Alten Testaments erinnert: an Joe 3,1-2 und an Mal 3,2-5 . Joel hatte verheißen, daß der Heilige Geist über Israel kommen werde. Dieses Ereignis wurde nach Apg 2 an Pfingsten Wirklichkeit, allerdings ohne daß Israel daran teilhatte. Der Segen des Pfingstgeschehens steht dem Volk jedoch noch immer offen, wenn es sich dem Herrn bei seiner Wiederkunft zuwenden und Buße tun wird. Die Taufe "mit Feuer" ist ein Symbol für das Gericht und die Läuterung derer, die ins Gottesreich eingehen werden (vgl. Mal 3 ). Johannes blieb bei diesem alttestamentlichen Bild, als er von der Worfschaufel sprach, mit der das Getreide von der Spreu getrennt wird, wenn der Weizen in die Scheune gesammelt und die Spreu verbrannt wird. Er wollte damit sagen, daß der Messias, wenn er kommt, die Ernte (den Weizen) für das Königreich einbringen und das Volk dabei läutern wird. Diejenigen, die ihn verwerfen (die Spreu), werden gerichtet und in das ewige, unauslöschliche Feuer geworfen werden (vgl. Mal 3,19 ).



D. Die Bestätigung Jesu als Messias
( 3,13-4,11 )






Nachdem er jahrelang in Nazareth gelebt hatte, ohne irgendwie öffentlich hervorzutreten, erschien Jesus eines Tages unter der Zuhörerschaft des Johannes und wollte sich von ihm taufen lassen. Nur Matthäus berichtet, daß Johannes sich diesem Ansinnen zunächst widersetzte: "Ich bedarf dessen, daß ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?" Johannes erkannte, daß Jesus seine Taufe, das Symbol für die Buße, nicht nötig hatte. Jesus hatte nichts zu bereuen. Er war sündlos ( 2Kor 5,21; Hebr 4,15;7,26; 1Joh 3,5 ) und konnte sich daher strenggenommen der Taufe des Johannes überhaupt nicht unterziehen, selbst wenn er es wollte. Manche Exegeten deuten die Stelle so, daß Jesus mit seiner Handlung die Sünden des Volkes bekannte, wie es Mose, Esra und Daniel getan hatten. Mt 3,15 legt jedoch auch noch eine andere Lösung nahe.





Jesu Antwort auf Johannes' Einwand lautete, daß er sich taufen lassen müsse, um alle Gerechtigkeit zu erfüllen . Was meinte er damit? Im Gesetz wurde die Taufe nicht gefordert, also konnte er dabei nicht an die levitischen Vorschriften denken. Doch in der Botschaft von Johannes war von der Buße die Rede, und all diejenigen, die diese Botschaft hörten und annahmen, freuten sich auf den kommenden Messias als den, der gerecht sein und Gerechtigkeit bringen würde. Um jedoch den Sündern Gerechtigkeit bringen zu können, mußte der Messias ihnen zuerst gleich werden. Deshalb war es der Wille Gottes, daß Jesus von Johannes getauft würde, damit er so den Sündern gleich würde (das ist die eigentlich Bedeutung des Wortes "getauft").





Bemerkenswert an Jesu Taufe war die Bestätigung seiner Identität und seines Amtes vom Himmel. Als Jesus getauft war, stieg er heraus aus dem Wasser und sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Eine Stimme vom Himmel - die Stimme Gottes des Vaters - sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe (vgl. Eph 1,5; Kol 1,13 ). Dieselben Worte wiederholte Gott bei der Verklärung Christi ( Mt 17,5 ). Alle drei Personen der Gottheit waren bei diesem Ereignis anwesend: der Vater, der von seinem Sohn sprach, der Sohn, der getauft wurde, und der Geist, der in Gestalt einer Taube auf den Sohn herabschwebte. Für Johannes war dies die endgültige Bestätigung, daß Jesus Gottes Sohn war ( Joh 1,32-34 ). Es stimmte außerdem mit Jesajas Prophezeiung überein, derzufolge der Geist auf dem Messias ruhen würde ( Jes 11,2 ). Das Herabkommen des Heiligen Geistes gab dem Sohn, dem Messias, die Vollmacht für seinen Dienst unter den Menschen.



2. Die Versuchung
( 4,1-11 ) ( Mk 1,12-13; Lk 4,1-13 )




Unmittelbar nach der Taufe wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt (nahe bei Jericho; vgl. die Karte), damit er von dem Teufel versucht würde . Diese Zeit, die er unter Gottes Führung verbrachte, war eine notwendige Prüfungszeit, in der Jesus seinen Gehorsam gegenüber dem Vater erweisen mußte ( Hebr 5,8 ).

Nachdem er vierzig Tage gefastet hatte, hungerte ihn , und die Versuchung begann. Von Gottes Standpunkt aus waren diese Versuchungen ein Beweis für die innere Kraft Jesu. Dem Sohn Gottes war es nicht möglich zu sündigen - eine Tatsache, die die Prüfungen noch verschärfte. Jesus konnte den Versuchungen nicht nachgeben und sündigen, aber er mußte ausharren, bis sie vorüber waren.





Die erste Versuchung bezog sich auf sein Verhältnis zum Vater. Der Teufel ging davon aus, daß Jesus, wenn er wirklich der Sohn Gottes war, überredet werden könnte, unabhängig vom Vater zu handeln. Diese Versuchung war äußerst subtil: Wenn Jesus Gottes Sohn war, hatte er tatsächlich die Macht, Steine in Brot zu verwandeln. Das war es jedoch nicht, was der Vater von ihm wollte. Der Vater wollte, daß er ohne Nahrung in der Wüste bleiben und hungern sollte. Auf die Einflüsterung des Satans einzugehen und seinen Hunger zu stillen hätte also dem Willen Gottes widersprochen. Daher zitierte Jesus 5Mo 8,3 : "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, das aus dem Mund Gottes geht." Es ist besser, Gottes Wort zu gehorchen, als seine menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Tatsache, daß Jesus das 5. Buch Mose zitierte, zeigt darüber hinaus, daß er die unfehlbare Autorität dieses Buches, die in der Forschung häufig in Zweifel gezogen wird, durchaus anerkannte.

 





Die zweite Versuchung zielte auf die persönliche Geltungssucht. Sie baute auf der ersten auf, denn wenn Jesus tatsächlich Gottes Sohn und der Messias war, war er unverletzbar. Der Teufel stellte ihn auf die Zinne des Tempels - ob das wirklich geschah, oder ob es sich nur um eine Vision handelte, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Hier machte er dem Messias abermals einen raffinierten Vorschlag. Er erinnerte Jesus an die Prophezeiung Maleachis ( Mal 3,1 ), die bei den Juden zu der gängigen Vorstellung geführt hatte, daß der Messias plötzlich am Himmel erscheinen und zu seinem Tempel herabsteigen werde, und fragte ihn: "Warum tust du nicht, was die Menschen erwarten, und gibst ihnen ein großartiges Schauspiel? Schließlich sagt die Schrift, daß die Engel Gottes dich beschützen werden und du dir nicht einmal den Fuß verletzen wirst, wenn du hinabspringst." Der Teufel dachte wohl, er könne die Schrift ebenso gut zitieren wie Jesus. Er gab Ps 91,11-12 jedoch mit Absicht nicht ganz korrekt wieder, sondern ließ die entscheidende Wendung "auf allen deinen Wegen" aus. Nach dem Psalmisten steht ein Mensch jedoch nur dann unter Gottes Schutz, wenn er den Willen des Herrn tut. Jesus aber hätte nicht nach Gottes Willen gehandelt, wenn er sich selbst auf diese dramatische Weise von der Zinne des Tempels hinabgestürzt hätte, um die Menschen zu beeindrucken. Er entgegnete daher, wieder mit Bezugnahme auf das 5. Buch Mose ( Mt 6,16 ), daß es nicht gut sei, den Herrn zu versuchen und etwas von ihm zu erwarten, während man selbst seinen Willen übergeht.

 



Die letzte Versuchung des Teufels betraf Jesu Auftrag und Vollmacht. Es war und ist Gottes ausdrücklicher Wille, daß Jesus in der Welt herrscht. Der Satan zeigte Jesus nun alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit . Im Moment gehören sie noch ihm, dem "Gott" ( 2Kor 4,4 ) und "Fürsten dieser Welt" ( Joh 12,31; vgl. Eph 2,2 ). Es stand also in seiner Macht, sie Jesus zu geben - "wenn du niederfällst und mich anbetest" . Satan sagte: "Ich kann den Willen Gottes für dich wahrmachen und dir alle Reiche der Welt schon jetzt geben." Das hätte natürlich bedeutet, daß Jesus nicht gekreuzigt worden wäre. Zwar hätte er vermutlich auch ohne das Kreuz der König der Könige sein können, doch Gottes Heilsplan für die Menschen wäre durchkreuzt worden. Außerdem hätte Jesus damit einen unter ihm Stehenden angebetet. Er antwortete wieder mit einem Satz aus dem 5. Buch Mose ( 5Mo 6,13 und 5Mo 10,20 ): "Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen." Er widerstand also auch dieser Versuchung.

Interessanterweise gibt es Entsprechungen zwischen den Versuchungen Jesu in der Wüste und den Versuchungen Evas im Paradies. Zunächst setzt der Satan bei einem physischen Bedürfnis an ( 1Mo 3,1-3; Mt 4,3 ), dann beim Streben nach persönlichem Vorteil ( 1Mo 3,4-5; Mt 4,6 ), und schließlich versucht er es mit dem leichten Weg zu Macht oder Ruhm ( 1Mo 3,5-6; Mt 4,8-9 ). Jedes Mal verdreht er dabei Gottes Wort ( 1Mo 3,4; Mt 4,6 ). Auch die Versuchungen, mit denen die Menschen von heute konfrontiert sind, fallen sicherlich oft in dieselben drei Kategorien (vgl. 1Jo 2,16 ). Der Eine jedoch, der sich selbst durch die Taufe mit den Sündern identifiziert hatte und Gerechtigkeit bringen sollte, bewies, daß er selbst gerecht war und zu Recht vom Vater bestätigt worden war. Der Teufel verließ ihn endlich, und sofort traten Engel zu ihm und dienten ihm .



II. Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa
( 4,12-7,29 )


A. Die ersten Taten Jesu
( 4,12-25 )




a. Seine Predigt
( 4,12-17 )




Matthäus' Hinweis, daß Jesus sein öffentliches Amt erst antrat, nachdem Johannes der Täufer gefangengesetzt worden war , liefert uns eine wichtige Information über den zeitlichen Ablauf der Ereignisse. Der Grund für die Gefangennahme des Johannes wird hier nicht genannt, kommt aber später zur Sprache ( Mt 14,3 ). Als Jesus erfuhr, daß Johannes im Gefängnis saß, verließ er Nazareth und ging nach Kapernaum ( Lk 4,16-30 erklärt, warum er Nazareth verließ). In dieser Region hatten sich nach den Eroberungen zur Zeit Josuas die Stämme Sebulon und Naftali angesiedelt. Jesaja hatte prophezeit ( Jes 8,23-9,1 ), daß ein Licht in dieses Land kommen werde, und Matthäus sah im Ortswechsel Jesu die Erfüllung dieser Verkündigung. Eine der Aufgaben des Messias war es ja, Licht in die Dunkelheit zu bringen, für die Juden wie für die Heiden (vgl. Joh 1,9;12,46 ).



Nach der Gefangennahme des Täufers fing Jesus an zu predigen . Was er sagte, klang nicht neu: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!" (vgl. Mt 3,2 ). Der Messias nahm die zweiteilige Botschaft des Johannes auf. Das Werk Gottes näherte sich der Errichtung des herrlichen Gottesreiches auf Erden. Wer in diesem Reich leben wollte, mußte Buße tun. Ohne Buße war keine Gemeinschaft mit Gott möglich.

 

b. Die Berufung der Jünger
( 4,18-22 ) ( Mk 1,16-20; Lk 5,1-11 )




Da Jesus der verheißene Messias war, hatte er das Recht, Menschen aus ihrem normalen Leben herauszureißen und sie aufzufordern, ihm zu folgen . Es war nicht das erste Mal, daß diese Menschen mit Jesus zu tun hatten; das vierte Evangelium enthält eine Anspielung auf eine frühere Begegnung zwischen Jesus und einigen seiner späteren Jünger ( Joh 1,35-42 ). Diesmal rief Jesus die Fischer jedoch dazu auf, ihren Beruf aufzugeben und für immer mit ihm zu ziehen. Er wollte sie von Fischern zu Menschenfischern machen. Die Botschaft des kommenden Gottesreiches mußte überall verkündet werden, damit viele sie hören und, nachdem sie Buße getan hatten, dieses Reiches teilhaftig werden konnten. Doch die Berufung hatte auch ihren Preis: Sie forderte nicht nur den Verzicht auf den Beruf, sondern auch auf alle Familienbindungen. So berichtet Matthäus von Jakobus und Johannes , daß sie nicht nur ihr Boot, sondern auch ihren Vater verließen und Jesus nachfolgten.



2. In Taten
( 4,23-25 ) ( Lk 6,17-19 )




Jesu Wirken beschränkte sich jedoch nicht nur auf das Predigen. Seine Taten waren ebenso wichtig wie seine Worte, denn eine der ersten Fragen der Juden würde sein: "Kann dieser Mann, der behauptet, der Messias zu sein, auch die Werke eines Messias vollbringen?" Mt 4,23 faßt deshalb das ganze Spektrum der Tätigkeit Jesu in einen einzigen Satz zusammen, der für Matthäus' ganze Darstellung entscheidend ist (vgl. die fast wörtliche Übereinstimmung zwischen Mt 9,35 und Mt 4,23 ). Es sind mehrere wichtige Elemente, die in diesem Vers zusammengetragen sind: 1. Und Jesus zog umher in ganz Galiläa (und) lehrte in ihren Synagogen . Der Wirkungskreis des Mannes, der für sich den Anspruch erhob, der König der Juden zu sein, war also die jüdische Gesellschaft. Er trat in Synagogen auf, dem Ort, an dem sich die Juden zum Gottesdienst versammelten. 2. Er lehrte und predigte und übte damit auch das Amt eines Propheten aus - er war der "Prophet", von dem im 5. Buch Mose 18,15-19 die Rede ist. 3. Er verkündigte das Evangelium von dem Reich . Seine Botschaft lautete, daß Gott seinen Bund mit Israel nun erfüllen und sein Reich auf Erden errichten werde. 4. Er heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk (vgl. die Verben "lehren", "predigen" und "heilen" in Mt 9,35 ). Das wies ihn als "echten" Propheten aus, dessen Worte durch die entsprechenden Zeichen bestätigt wurden. Alle diese Handlungen hätten die Juden überzeugen sollen, daß die Erfüllung der Verheißung gekommen war. An ihnen war es nun, Buße zu tun und Jesus als den Messias anzuerkennen.





Das Wirken Jesu - und wahrscheinlich auch die Taten der vier Männer, die er berufen hatte (V. 18-22 ) - blieb offensichtlich nicht unbeachtet. Die Menschen hörten davon und begannen zu ihm zu strömen. Die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien , das Gebiet nördlich von Galiläa. Die Menschen brachten alle möglichen Kranken zu ihm, und Jesus machte sie gesund . Kein Wunder, daß ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten (ein Gebiet östlich und südlich des Sees Genezareth), aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits (westlich) des Jordan (vgl. die Karte "Palästina zur Zeit Jesu") folgte.



B. Die Fortsetzung des Predigtamtes
( Mt 5-7 )


1. Die Untertanen in Jesu Königreich
( 5,1-16 )


a. Ihre Gesinnung
( 5,1-12 ) ( Lk 6,17-23 )




Als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten (vgl. Mt 4,25 ), ging er auf einen Berg und setzte sich . Die Rabbis pflegten sich stets zu setzen, wenn sie lehrten. Seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie . Mt 5-7 wird als "die Bergpredigt" bezeichnet, weil Jesus auf einem Berg zu den Menschen sprach. Die genaue Lage dieses Berges ist nicht bekannt, er lag jedoch zweifellos in Galiläa ( Mt 4,23 ), wahrscheinlich nahe bei Kapernaum, an einem Ort, der "eben" war ( Lk 6,17 ). Mit "Jünger" sind hier nicht die Zwölf gemeint, wie manche glauben, sondern die Menge , die ihm folgte (vgl. Mt 7,28 ,"das Volk entsetzte [sich] über seine Lehre").

Jesus formulierte seine Aussagen im Hinblick auf das Kommen des verheißenen Reiches ( Mt 4,17 ). Angesichts dieser Verheißung fragte sich natürlich jeder Jude: "Bin ich auserwählt für das Reich des Messias? Bin ich gerecht genug, in das Reich einzugehen?" Der einzige Maßstab für Gerechtigkeit, den die Menschen kannten, war das, was die religiösen Lehrer, die Schriftgelehrten und Pharisäer, ihnen sagten. Nun wollten sie wissen, ob jemand, der sich nach diesen Anweisungen richtete, des Reiches Gottes würdig war. Jesu Worte müssen also im Kontext seiner Ankündigung des Gottesreiches und der Forderung nach Buße gesehen werden. Er legte keine "Verfassung" des Reiches vor und beschrieb auch keinen bestimmten Weg zum Heil. Seine Predigt zeigte vielmehr, wie ein Mensch, der in der richtigen Beziehung zu Gott steht, leben soll . Die gesamte Textstelle muß daher zwar einerseits im Licht der Verkündigung des messianischen Reiches verstanden werden, sie gilt jedoch zugleich auch fürdie heutigen Christen als Maßstab für das, was Gott eigentlich von seinem Volk erwartet. Unter den Aussagen der Bergpredigt sind allgemeinere (z. B. "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" [ Mt 6,24 ]) und spezifische (z. B. "Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei" [ Mt 5,41 ]). Daneben gibt es Feststellungen, die sich auf die Zukunft beziehen (z. B. "Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?" [ Mt 7,22 ]).

Jesus begann seine Predigt mit den sogenannten "Seligpreisungen", Aussagen, die mit der Wendung "selig sind" beginnen. "Selig" heißt hier "glücklich" oder "wohl dem" (vgl. Ps 1,1 ). Die Eigenschaften, die Jesus in seiner Aufzählung mit den Seligpreisungen verknüpft, "geistlich arm", "leidgeprüft", "sanftmütig" usw., haben ganz offensichtlich mit der Gerechtigkeit der Pharisäer nichts zu tun. Ihnen ging es in erster Linie um äußerliche Eigenschaften; die Eigenschaften, von denen Jesus spricht, sind jedoch innerer Art. Sie erwachsen nur aus der engen Beziehung zu Gott im Glauben, aus dem völligen Vertrauen auf ihn.

Die geistlich Armen ( Mt 5,3 ) sind die, die sich ganz bewußt auf Gott, nicht auf sich selbst, verlassen; sie sind innerlich "arm", d. h. sie besitzen von sich aus nicht die Fähigkeit, Gott zu gefallen (vgl. Röm 3,9-12 ). Die da Leid tragen ( Mt 5,4 ), erkennen, was ihnen fehlt, und gehen damit vor Gott, der ihnen helfen kann. Die Sanftmütigen (V. 5 ) sind wahrhaft demütig und freundlich und überschätzen sich nicht. Die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit ( Mt 5,6 ), haben geistlichen Hunger, den ständigen Wunsch nach persönlicher Gerechtigkeit. Die Barmherzigen (V. 7 ) sind barmherzig gegenüber anderen und geben so Gottes Gnade weiter, die sie an sich selbst erfahren haben. Die reinen Herzens sind (V. 8 ), sind die, die innerlich frei von Sünden sind, weil sie an Gottes Liebe und Fürsorge glauben und sich zugleich immer ihrer Sünden bewußt sind. Die Friedfertigen (V. 9 ) zeigen anderen, was innerer Friede mit Gott bedeutet und wie man ein Werkzeug des Friedens in der Welt sein kann. Sie ersehnen und besitzen Gottes Gerechtigkeit, auch dann, wenn sie dafür verfolgt werden (V. 10 ).

All diese Eigenschaften stehen in schroffem Kontrast zur "Gerechtigkeit" der Pharisäer. Die Pharisäer waren nicht "geistlich arm", sie "trugen" auch nicht "Leid", denn sie wußten keineswegs, was ihnen fehlte. Sie waren stolz und hart, nicht demütig und freundlich. Sie waren der Überzeugung, daß sie die Gerechtigkeit gepachtet hatten und hungerten und dürsteten nicht danach. Ihnen lag mehr an der "Gesetzlichkeit" Gottes und an der Einhaltung ihrer eigenen Gesetze als daran, Barmherzigkeit zu üben. Ihre Frömmigkeit war rein äußerlich, und ihr Wirken brachte Spaltung statt Frieden unter die Juden. Ganz sicher besaßen sie nicht die wahre Gerechtigkeit. Die Anhänger Jesu jedoch, die diese Eigenschaften besitzen, werden Erben des Himmelreiches (V. 3.10 ) auf Erden (V. 5 ). Sie empfangen geistlichen Trost (V. 4 ), ihr Gerechtigkeitshunger wird gestillt, und sie erfahren Barmherzigkeit von Gott und anderen Menschen (V. 7 ). Sie werden Gott schauen (V. 8 ), d. h. Jesus Christus, der Gott ist, "offenbart im Fleisch" ( 1Tim 3,16; vgl. Joh 1,18;14,7-9 ), und Gottes Kinder heißen ( Mt 5,9; vgl. Gal 3,26 ), denn sie haben teil an seiner Gerechtigkeit ( Mt 5,10 ).

Menschen, die so sind, heben sich von der Menge ab und werden nur in den seltensten Fällen verstanden. Daher werden sie häufig verfolgt oder verleumdet (V. 11 ). Gerade diese Menschen ermutigte Jesus jedoch, denn ihnen ergeht es wie den Propheten, die ebenfalls mißverstanden und verfolgt wurden (V. 12 ; vgl. 1Kö 19,1-4;22,8; Jer 26,8-11; 37,11-16; 38,1-6; Dan 3;6; Am 7,10-13 ).



b. Ihr Einfluss
( 5,13-16 ) ( Mk 9,50; Lk 14,34-35 )




Um den Einfluß, den solche Menschen in der Welt haben, zuveranschaulichen, benutzte Jesus zwei bekannte Bilder: Salz und Licht . Die Anhänger Jesu sollen wie Salz sein und bei anderen den Durst nach weiterer Information wecken. Wenn jemand einen ganz besonderen Menschen sieht, der in bestimmten Bereichen überlegene Qualitäten besitzt, möchte er im allgemeinen herausfinden, was diesen Menschen so anders macht. Eine andere Deutungsmöglichkeit ist, daß das Salz, die Kinder Gottes, als Schutz vor dem Schlimmen in der Gesellschaft wirkt. Welcher Ansicht auch immer man hier zuneigt, entscheidend ist, daß das Salz seine Würze behält. Wenn es nicht mehr salzt , hat es seinen Daseinszweck verloren und wird weggeschüttet.

Die wichtigste Eigenschaft des Lichtes ist es, zu leuchten und den Weg zu weisen. Die in Vers 3-10 beschriebenen Menschen besitzen diese Eigenschaft offensichtlich. Ihr Wirken ist so deutlich erkennbar, wie eine Stadt, die auf einem Berge liegt oder ein Licht auf einem Leuchter . Ein verborgenes Licht, das unter einen Scheffel (ein Tongefäß, mit dem man Getreide abmaß) gesetzt ist, wäre nutzlos. Die Licht verbreitenden Menschen aber leben so, daß andere ihre guten Werke sehen und dafür nicht sie, sondern ihren Vater im Himmel loben. (In V. 16 spricht Jesus zum ersten Mal von "eurem [oder "unserem" oder "meinem"] Vater im Himmel", "eurem himmlischen Vater" und "eurem Vater" - eine Wendung die insgesamt fünfzehnmal in der Bergpredigt auftaucht. Vgl. auch V. 45.48 ; Mt 6,1.4.6.8-9.14-15.18.26.32; 7,11.21 . Wer in Gottes Gerechtigkeit steht, weil er an ihn glaubt, hat eine enge geistliche Beziehung zu ihm, wie ein Kind zu einem liebenden Vater.)



2. Der Kern seiner Botschaft
( 5,17-20 )




Dieser Abschnitt enthält den Kern der Botschaft Jesu - er zeigt seine Haltung gegenüber dem Gesetz. Jesus stellte nicht etwa ein "Gegengesetz" zum mosaischen Gesetz und zu den Worten der Propheten auf, sondern demonstrierte, wie die wirkliche Erfüllung des Gesetzes und der Propheten - im Gegensatz zu den Traditionen der Pharisäer - aussah. "Das Gesetz und die Propheten" stehen hier stellvertretend für das ganze Alte Testament (vgl. Mt 7,12;11,13;22,40; Lk 16,16; Apg 13,15;24,14;28,23; Röm 3,21 ). Das Wort "wahrlich" aus der Wendung "wahrlich, ich sage euch" , ist die Übersetzung von "Amen". (Das griechische amEn ist eine Übertragung des hebräischen ?Aman , "stark, wahr sein".) Dieses "wahrlich, ich sage euch" leitet eine feierliche Aussage ein, auf die die Hörer besonders achten sollen. Sie kommt allein im Matthäusevangelium 31mal vor. (Im Johannesevangelium wird das griechische Wort stets wiederholt: "Amen, Amen". Vgl. den Kommentar zu Joh 1,51 .)

Die Erfüllung, von der Jesus sprach, war so vollständig, daß sie auch den kleinsten hebräischen Buchstaben , das "Jota" ( yND ), und das kleinste Zeichen der hebräischen Schrift, das "Tüpfelchen" , mit einschloß. Im Deutschen entspräche das Jota etwa dem Punkt über dem "i" (es sieht aus wie ein Apostroph), während einem "Tüpfelchen" dieselbe Bedeutung zukommt wie dem kleinen Schrägstrich, der ein "R" von einem "P" unterscheidet. Solch winzige Details sind deshalb so wichtig, weil Wörter aus Buchstaben bestehen und schon die kleinste Veränderung eines Buchstabens die Bedeutung des ganzen Wortes verändern kann. Jesus sagte, er werde durch seinen Gehorsam das Gesetz und die Vorhersagen der Propheten über den Messias und sein Königreich vollständig erfüllen . Doch es ging darum, daß auch die Menschen ihren Teil beitrugen. Die Gerechtigkeit, nach der sie ständig strebten - die der Schriftgelehrten und Pharisäer -, genügte nicht, um in das Reich, von dem Jesus sprach, zu kommen. Der Messias verlangte mehr als nur äußerliche Rechtschaffenheit, er forderte eine wirkliche innere Gerechtigkeit, die auf dem Glauben an GottesWort aufbaut ( Röm 3,21-22 ). Das wird in seinen weiteren Ausführungen ganz deutlich.

 

3. Die Umsetzung seiner Botschaft
( 5,21-7,6 )


a. Die neuen Gebote
( 5,21-48 )


Jesus verwarf die Überlieferungen der Pharisäer (V. 21-48 ) und ihre Praktiken ( Mt 6,1-7,6 ). Sechsmal kehrt die Wendung wieder: "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist ... ich aber sage euch" ( Mt 5,21-22.27-28.31-32.33-34.38-39.43-44 ). Er legte also jeweils zunächst dar, was die Pharisäer und Schriftgelehrten den Menschen sagten, und führte dann aus, was Gott, im Gegensatz dazu, eigentlich mit dem Gesetz bezweckte. Jesus erläuterte damit seine zuvor gemachte Aussage (V. 20 ), daß die Gerechtigkeit der Pharisäer nicht ausreiche, um in das kommende Gottesreich zu gelangen.



Gleich im ersten Beispiel geht es um ein sehr wichtiges Gebot: "Du sollst nicht töten" ( 2Mo 20,13 ). Die Pharisäer lehrten, daß einen Mord begeht, wer einem anderen das Leben nimmt. Jesus dagegen verbot nicht nur die Tat selbst, sondern auch die innere Einstellung, die einer solchen Handlung zugrunde liegt. Natürlich ist Mord etwas Schlimmes, doch schon der Zorn, der möglicherweise zur Tat führt, ist genauso schlimm wie der Griff zum Messer. Ja selbst das Zürnen und Sich-Überheben über einen anderen, das sich darin ausdrückt, daß man ihm Schimpfworte an den Kopf wirft (wie etwa das aramäische "Raca" - "Du Narr" ), ist ein Zeichen für ein sündiges Herz. Wer so etwas tut, ist offensichtlich ein Sünder und daher dem höllischen Feuer verfallen ("Hölle" heißt wörtlich "Gehenna"; vgl. Mt 5,29-30; 10,28; 18,9; 23,15.33; sieben der insgesamt elf Verweise auf die "Gehenna" stehen im Matthäusevangelium). "Gehenna" ist ein Synonym für das Hinnomtal, das südlich von Jerusalem lag und wo in einem ständig brennenden Feuer die Abfälle der Stadt verbrannt wurden. Es wurde zu einem beliebten Bild für die ewige Strafe, der die Bösen entgegengingen.

Ausschlaggebend ist also die innere Haltung des Menschen, die "in Ordnung gebracht" werden muß. Brüder sollten sich versöhnen, wobei es gleichgültig ist, ob der "Unschuldige" ( Mt 5,23-24 ) oder der "Ankläger" (V. 25-26 ) den ersten Schritt tut. Ohne eine solche Versöhnung bedeuten alle Gaben, die auf dem Altar dargebracht werden, nichts. Schon auf dem Weg zum Gerichtshof soll ein Beklagter versuchen, sein Problem mit seinem Nächsten zu lösen, andernfalls sollte ihn der Hohe Rat, der aus 70 Mitgliedern bestehende jüdische Gerichtshof, ins Gefängnis werfen, bis er den letzten Pfennig bezahlt hat .

Matthäus



In seinem zweiten praktischen Beispiel setzte sich Jesus mit dem Problem des Ehebrechens ( 2Mo 20,14 ) auseinander. Die Lehren der Pharisäer bezogen sich auch hier wieder nur auf den äußerlichen Tatbestand. Ehebruch war danach als sexuelle Vereinigung mit einem anderen Mann oder einer anderen Frau definiert. Diese Definition gab zwar das Gebot korrekt wieder, verfehlte jedoch seinen eigentlichen Sinn. Ehebruch beginnt im Herzen eines Menschen ( "Wer ... ansieht, ... zu begehren" ) und wird erst dann zur Tat. Dieses Begehren, das ein ebenso großes Vergehen ist wie die Tat, ist ein Zeichen dafür, daß die Beziehung zu Gott nicht in Ordnung ist.





wurde häufig mißverstanden. Jesus sprach natürlich nicht von der Verstümmelung als Lösung, denn ein Blinder kann mit dem körperlichen Begehren ebenso große Probleme haben wie ein Sehender, und ein Mann, der nur eine Hand besitzt, kann auch mit ihr allein sündigen. Es ging ihm vielmehr um die Beseitigung der inneren Ursache für das Vergehen. Wenn ein begehrendes Herz zum Ehebruch führt, so muß das Herz geändert werden. Nur eine solche innere Wandlung kann vor der Hölle ("Gehenna"; vgl. V. 22 ) retten.

Matthäus



( Mt 19,3-9; Mk 10,11-12; Lk 16,18 ): Unter den jüdischen Lehrern gab es zwei unterschiedliche Haltungen zur Scheidung ( 5Mo 24,1 ). Die Anhänger von Hillel vertraten die Auffassung, es sei einem Ehemann grundsätzlich gestattet, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, die andere Gruppe (die Anhänger Shammais) sagten, die Scheidung sei nur bei schweren Vergehen erlaubt. Jesus dagegen lehrte, daß die Ehe vor Gott unauflöslich ist und nicht durch die Scheidung beendet werden sollte. Die "Ausnahmeregel", es sei denn wegen Ehebruchs ( porneias ), wird von den Bibelforschern unterschiedlich ausgelegt. Hier seien vier verschiedene Deutungsversuche genannt: 1. Ein einziger Ehebruch. 2. Untreue in der Verlobungszeit ( Mt 1,19 ). 3. Heirat zwischen nahen Verwandten ( 3Mo 18,6-18 ). 4. Fortgesetzte Promiskuität. (Vgl. den Kommentar zu Mt 19,3-9 .)

 



Danach nahm Jesus Stellung zum Schwören ( 3Mo 19,12; 5Mo 23,22 ). Die Pharisäer waren bekannt dafür, daß sie bei jeder Gelegenheit Schwüre ablegten. Sie ließen sich jedoch stets ein Hintertürchen offen. Wenn sie Dinge, die sie beim Himmel, bei der Erde, bei Jerusalem oder bei ihrem Haupt geschworen hatten, nicht mehr halten wollten, behaupteten sie einfach, daß die Eide, da sie ja nicht bei Gott selbst geschworen hatten, nicht bindend seien.

Jesus hielt dagegen, daß Schwüre ohnehin überflüssig sein müßten: "Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören sollt" . Die Tatsache, daß überhaupt geschworen wurde, war nichts anderes als ein Zeichen für die Schlechtigkeit des menschlichen Herzens. Davon abgesehen ist das Schwören beim Himmel, bei der Erde , (oder) bei Jerusalem jedoch durchaus als bindend zu betrachten, da es sich dabei um Gottes Thron, den Schemel seiner Füße und um seine Stadt handelte und ja selbst die Farbe des Haupthaars der Menschen von Gott festgelegt ist ( Mt 5,36 ). Trotzdem reagierte Jesus, wie auch Paulus ( 2Kor 1,23 ), bei einer späteren Gelegenheit auf einen Schwur ( Mt 26,63-64 ). Nach den Worten des Herrn sollte das Leben eines Menschen eine ausreichende Gewähr für seine Worte sein. Ein "Ja" soll stets ja und ein "Nein" stets nein bedeuten. Jakobus scheint dieses Wort des Herrn in seinem Brief wiederaufgenommen zu haben ( Jak 5,12 ).





( Lk 6,29-30 ): Die Worte "Auge um Auge, Zahn um Zahn" stehen mehrmals im Alten Testament ( 2Mo 21,24; 3Mo 24,20; 5Mo 19,21 ); sie werden die lex talionis , das Gesetz der Vergeltung, genannt. Dieses Gesetz sollte die Unschuldigen schützen und sicherstellen, daß die Vergeltung nicht schlimmer ausfiel als das Vergehen. Nach den Worten Jesu haben die wirklich Gerechten es jedoch überhaupt nicht nötig, auf ihr Recht zu bestehen. Ein Gerechter zeichnet sich durch Demut und Selbstlosigkeit aus. Er wird um des Friedens willen "zwei Meilen" mitgehen, wenn nur eine verlangt ist. Wenn ihm Unrecht getan und er auf eine Backe geschlagen wird, wenn er seines Rockes (das Unterkleid; das Überkleid war der Mantel ) beraubt oder gezwungen wird, mit jemandem eine Meile mitzugehen , so wird er nicht zurückschlagen, Ersatz verlangen oder die Bitte ablehnen. Statt Vergeltung zu suchen, wird er das Gegenteil tun und seinen Fall dem Herrn überlassen, der eines Tages alles in Ordnung bringen wird (vgl. Röm 12,17-21 ). Das größte Beispiel für diese Haltung ist das Leben des Herrn selbst, wie Petrus später darlegte ( 1Pet 2,23 ).





( Lk 6,27-28.32-36 ) Die Pharisäer lehrten, daß man diejenigen, die einem nah und lieb sind, lieben ( 3Mo 19,18 ), aber den Feinden Israels Haß entgegenbringen solle. Sie sahen ihren Haß als Werkzeug der göttlichen Vergeltung an ihren Feinden . Doch Jesus stellte die revolutionäre Forderung, daß Israel Gottes Liebe sogar an seinen Feinden beweisen solle - eine Haltung, die weit über das im Alten Testament Verlangte hinausging! Gott liebt die Menschen; er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte , damit sie säen und ernten können. Da seine Liebe jedem gilt, sollte auch Israel ein Werkzeug seiner Liebe sein und alle Menschen lieben. In einer solchen Liebe erweist sich die Gotteskindschaft des Volkes (vgl. Mt 5,16 ). Nur diejenigen zu lieben, die euch lieben, und nur zu euren Brüdern freundlich zu sein, ist dagegen nicht mehr, als die Zöllner und Heiden tun - eine bittere Bemerkung für die Pharisäer!

Jesus schloß diesen Abschnitt mit dem Wort: "Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Seine Botschaft machte klar, was Gerechtigkeit eigentlich ist: Gott selbst ist der Maßstab für die wahre Gerechtigkeit. Wer gerecht sein will, muß also sein, wie Gott ist: "vollkommen", das heißt fehlerlos ( teleioi ) oder heilig. Mord, Begierde, Haß, Betrug und Rache haben bei Gott keinen Platz. Die Anforderungen werden für die Menschen auch nicht niedriger angesetzt, um ihnen die Erfüllung leichter zu machen - Gottes absolute Heiligkeit bleibt die Richtschnur. Obwohl kein Mensch dieses Ziel von sich aus erreichen kann, erfreut sich der, der im Glauben auf Gott vertraut, doch der Gerechtigkeit Gottes, die sich in seinem Leben widerspiegelt.



b. Die neue religiöse Praxis
( 6,1-7,6 )


Nachdem er ihre Lehren kritisiert hatte, nahm Jesus nun die heuchlerische Praxis der Pharisäer unter die Lupe.



Er tadelte zunächst ihre Art, Almosen zu geben. Gerechtigkeit ist nicht in erster Linie eine Sache zwischen Menschen, sondern zwischen einer Person und Gott. Daher sollte man seine Frömmigkeit nicht vor anderen zur Schau stellen, denn dann erhält man auch seinen Lohn nur von den Menschen (V. 1-2 ). Die Pharisäer machten aus ihren Gaben an die Armen eine große Show in den Synagogen und auf den Gassen und dachten, auf diese Weise unter Beweis zu stellen, was für gerechte Leute sie doch seien. Jesus jedoch sagte, wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut , d. h., es sollte so verborgen geschehen, daß der Geber sofort wieder vergißt, was er gegeben hat. Auf diese Art zeigt er wahre Gerechtigkeit vor Gott, nicht vor den Menschen, und Gott wird es ihm vergelten . Man kann nicht, wie die Pharisäer annahmen, von den Menschen und von Gott belohnt werden.





( Lk 11,2-4 ) Dann sprach Jesus über das Beten, das die Pharisäer ebenfalls gern zu einer öffentlichen Angelegenheit machten. Statt das Gebet zu einer Sache zwischen dem einzelnen und Gott zu machen, wollten sie von den Leuten gesehen werden , um auch hier ihre angebliche Gerechtigkeit zu demonstrieren. Ihre Gebete galten eigentlich nicht Gott, sondern den anderen Menschen, vor denen sie mit ihrer Frömmigkeit prahlen wollten, und setzten sich im Grunde nur aus langen, ständig wiederholten Phrasen zusammen ( Mt 6,7 ).

Jesus verurteilte das "Gemachte" solcher Praktiken. Das Gebet der Gläubigen sollte sich an den Vater, der im Verborgenen ist (vgl. Joh 1,18; 1Tim 1,17 ) und der weiß, was ihr bedürft , richten ( Mt 6,8 ), und es sollte auch nicht in aller Öffentlichkeit, vor den Leuten, gesprochen werden. Jesus gab seinen Jüngern sogar ein "Muster" für ein Gebet, das sogenannte "Vaterunser", eigentlich das "Gebet der Jünger". Dieses von vielen Christen übernommene Gebet enthält bestimmte Elemente, die eigentlich in jedem Gebet vorkommen sollten: 1. Das Gebet sollte mit der Anbetung beginnen. Gott wird dabei als "Unser Vater im Himmel" angesprochen. Die Anbetung ist der Kern allen Betens. (In den Versen 1-18 verwendete Jesus zehnmal das Wort "Vater"! Nur wer die wahre innere Gerechtigkeit besitzt, kann Gott auf diese Weise anbeten und ansprechen.) 2. Ein weiteres Element des Gebetes ist die Ehrfurcht vor Gott - denn Gottes Name ist geheiligt ( hagiasthEtO ). 3. Die Sehnsucht nach dem Gottesreich - dein Reich komme . Sie stützt sich auf die Zusicherung, daß Gott alle in seinem Bund gegebenen Verheißungen für sein Volk erfüllen wird. 4. Das Gebet soll die Bitte enthalten, daß sein Wille auf Erden so vollständig und gerne geschehe wie im Himmel . 5. Auch die Bitte um das, was man zum täglichen Leben braucht, wie z. B. Nahrung, gehört in ein Gebet. "Täglich" ( epiousion , ein Wort, das im Neuen Testament nur an dieser Stelle steht) bedeutet "ausreichend für heute".

6. Daneben stehen Bitten um geistliche Gaben wie Vergebung. Dabei sollte der Bittende selbst dem, der ihm Unrecht getan hat, vergeben haben. Sünden (vgl. Lk 11,4 ) wie moralische Schuld enthüllen die persönlichen Versäumnisse vor Gott. 7. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Gebetes des Gläubigen ist schließlich die Erkenntnis der eigenen geistlichen Unvollkommenheit und die Bitte um Erlösung aus der Versuchung und von dem Bösen (vgl. Jak 1,13-14 ).

 



ist eine Entfaltung der Aussage über die Sündenvergebung in Vers 12 . Auch wenn Gottes Vergebung nicht von der Vergebung der Menschen untereinander abhängt, so basiert doch umgekehrt die Fähigkeit der Christen, ihren Feinden zu vergeben, darauf, daß sie wissen, daß ihnen vergeben ist (vgl. Eph 4,32 ). Es geht in diesen Versen um die persönliche Gemeinschaft des einzelnen mit Gott (nicht um die Rettung von der Sünde). Man kann nicht Gemeinschaft mit Gott haben, wenn man den Menschen nicht vergibt .





Auch der Umgang mit dem Fasten war ein Beispiel für die scheinbare "Gerechtigkeit" der Pharisäer. Sie fasteten nach Möglichkeit so, daß es anderen auffiel und man sie für besonders fromm hielt. Fasten ist eigentlich eine Sache der Verleugnung des Fleisches, die Pharisäer jedoch verherrlichten ihr Fleisch, indem sie die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Wieder wies Jesus darauf hin, daß solche Handlungen im Verborgenen vor Gott geschehen sollten. Wenig nachahmenswert war daher auch der Brauch der Pharisäer, sich während des Fastens das Haupt nicht zu salben , denn nur Gott allein sollte um dieses Tun wissen und würde es den Menschen auch entsprechend vergelten.

Jesus bezeichnete die Pharisäer in allen drei Beispielen - dem Almosengeben (V. 1-4 ), dem Beten (V. 5-15 ) und dem Fasten (V. 16-18 ) - als Heuchler (V. 2.5.16 ), die mit ihrer Frömmigkeit öffentlich großtun (V. 1-2.5.16 ) und damit ihren Lohn schon von den Menschen gehabt haben ( 2.5.16 ). Diejenigen aber, die im Verborgenen handeln (V. 4.6.18 ), werden vom Vater, der sie sieht und "weiß", was sie tun, belohnt werden (V. 4.6.8.18 ).





( Lk 12,33-34; 11,34-36; 16,13 ) Auch die Haltung zum Reichtum ist ein Barometer für die Gerechtigkeit. Die Pharisäer glaubten, daß der Herr es denen, die er liebte, materiell gutgehen ließ. Sie wollten unbedingt große Schätze auf Erden ansammeln. Doch diese irdischen Schätze sind vergänglich (die Motten fressen die Kleider, und der Rost zerstört Metall; vgl. Jak 5,2-3 ) und können geraubt werden, wohingegen Schätze im Himmel nie verlorengehen.

Die irrige Auffassung der Pharisäer rührte daher, daß ihre geistlichen Augen böse waren ( Mt 6,23 ). Sie sahen nur auf Geld und Reichtum und lebten dadurch in geistlicher Finsternis . Sie waren so sehr Sklaven ihrer Geldgier, daß sie ihren wahren Herrn, Gott , darüber vergaßen. Das Wort "Mammon" kommt von dem aramäischen Wort für "Reichtum oder Eigentum", mamOna .

 



( Lk 12,22-34 ) Wenn sich jemand Gott, dem wahren Herrn, widmet, wie soll er dann für seine alltäglichen Lebensbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Schutz aufkommen? Die Pharisäer hatten in ihrem Bestreben, materielle Reichtümer anzuhäufen, nie gelernt, aus dem Glauben heraus zu leben. Jesus sagte ihnen (und auch uns heute), daß sie sich um solche Dinge nicht sorgen sollten, denn das Leben ist mehr als die Befriedigung physischer Grundbedürfnisse. Zur Verdeutlichung nannte er mehrere Beispiele. Die Vögel unter dem Himmel werden von ihrem himmlischen Vater ernährt , und die Kleidung der Lilien auf dem Feld ist herrlicher als die Salomos . Damit wollte Jesus sagen, daß Gott in seiner Schöpfung auch die Mittel vorgesehen hat, durch die alle Lebewesen erhalten werden. Die Vögel werden satt, weil sie täglich fleißig nach Nahrung suchen. Sie sammeln keine großen Vorräte an, sondern sorgen jeden Tag für ihren Bedarf. Wieviel mehr wert sind Gott im Vergleich zu den Vögeln seine Gläubigen! Auch die Lilien wachsen ganz von selbst. Der Mensch sollte sich deshalb keine Existenzsorgen machen ( Mt 6,31 ), die doch seines Lebens Länge nicht eine Spanne zusetzen können . Statt sich wie die Heiden um ihre körperlichen Bedürfnisse zu sorgen, sollen die Jünger nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit streben. Gott wird für sie sorgen und ihnen all das geben, wenn sie ein Leben im Glauben führen. Es nützt also nichts, sich zu sorgen - die Wendung "sorgt nicht" wird dreimal wiederholt (V. 25. 31.34 ; vgl. V. 27-28 ) - oder sich um morgen zu kümmern, denn jeder Tag hat seine eigene Plage . Sich zu sorgen zeugt von einem Mangel an Vertrauen auf Gott (V. 30 ; vgl. "ihr Kleingläubigen" in Mt 8,26; 14,31; 16,8 ). Wie ein Jünger sich jeden Tag um die Dinge kümmert, die Gott ihm anvertraut hat, so wird Gott, sein himmlischer Vater ( Mt 6,26.32 ), für seine täglichen Bedürfnisse sorgen.





( Lk 6,41-42 ) Die letzte Kritik Jesu an den Pharisäern wandte sich gegen ihren "Richtgeist". Die Pharisäer richteten am Ende über Christus und kamen zu dem Urteil, daß er nicht der Messias sei. Das Reich, von dem er sprach, hatte nichts mit dem Reich zu tun, das sie erwarteten, und er fragte auch nicht nach der Gerechtigkeit, die sie zur Schau stellten. Daher lehnten sie ihn ab. Jesus warnte sie deshalb vor heuchlerischen Wertungen.

Diese Textstelle sollte sicherlich nicht dahingehend verstanden werden, daß man überhaupt nicht richten soll; Mt 7,5 spricht durchaus davon, den Splitter in deines Bruders Auge zu entfernen. Es ging Jesus vielmehr darum, daß niemand aus Kritiksucht einen anderen für diesen Splitter in seinem Auge verurteilen oder verdammen sollte, während er selbst einen Balken - eine Übertreibung um der Wirkung willen - im Auge hat. Ein solches Verhalten ist heuchlerisch ("du Heuchler", V. 5 ; vgl. "Heuchler" in Mt 6,2.5.16 ). Es mag zwar manchmal die Notwendigkeit bestehen, einen Urteilsspruch zu fällen, doch in jedem Fall sollten sich diejenigen, die dabei entscheiden müssen ( krinO bedeutet "unterscheiden" und daher "entscheiden"), zunächst einmal um ihr eigenes Leben kümmern.

Außerdem sollte man, wenn man anderen helfen möchte, sorgsam mit seinen Wohltaten umgehen. Man darf das Heilige nicht unheiligen Menschen ( Hunden , vgl. "Hunde" in Phil 3,2 ) anvertrauen oder Perlen vor die Säue werfen . Hunde und Schweine waren in damaliger Zeit verachtete Tiere.



4. Weisungen für die Hörer
( 7,7-29 )




( Lk 11,9-13 ) Jesus hatte seinen Jüngern im Laufe seiner Predigt bereits vorgemacht, wie sie beten sollten ( Mt 6,9-13 ). Jetzt versicherte er ihnen, daß Beten Gott wohlgefällig sei und daß sie sich immer und überall an ihn wenden sollten. Diese Aussage wird durch die Verwendung des Präsens in den Verben "bittet", "suchet", "klopfet an" ( Mt 7,7 ), noch betont. Warum? Weil euer Vater im Himmel (V. 11 ) denen, die ihn darum bitten, gerne Gutes (vgl. Jak 1,17 ) erweist. (Lukas schreibt statt "Gutes" "den heiligen Geist"; Lk 11,13 ). Kein normaler Vater würde seinem Sohn einen Stein statt eines ähnlich aussehenden runden Laibes Brot oder eine Schlange statt eines Fisches geben. Wenn nun ein menschlicher Vater, der doch sündig ( böse ) ist, Freude daran hat, seinen Kindern Gutes zu tun, ist es doch selbstverständlich, daß der himmlische Vater seine Kinder auf ihr Bitten hin noch weit reichlicher mit geistlichen Gaben beschenken wird.





Dieser Vers wird allgemein als "goldene Regel" bezeichnet. Der Grundgedanke ist, daß die Menschen selbst für die Leute genau das tun sollen, was sie umgekehrt auch von ihnen erwarten. Dieser Satz vereinigt die wesentlichen Aussagen des Gesetzes und der Propheten in sich. Kein normaler Mensch kann jedoch ein solches Prinzip ständig durchhalten. Nur ein Gerechter ist dazu imstande und ist damit ein lebender Beweis für die geistliche Veränderung, die er erfahren hat. Wer so leben kann, besitzt offensichtlich jene Gerechtigkeit, die Jesus forderte ( Mt 5,20 ). Ein solcher Mensch wird zwar nicht durch seine gerechten Werke gerettet, doch eben weil er gerettet ist, kann er nun auch anderen gegenüber als Gerechter handeln.





( Lk 13,24 ) In den weiteren Ausführungen zur goldenen Regel beschrieb Jesus, wie man zu der Gerechtigkeit, die er verlangte ( Mt 5,20 ), finden kann. Der Pfad dorthin führt nicht durch die weite Pforte und nicht über den breiten Weg , sondern durch die enge Pforte und den schmalen Weg . Aus dem Gesamtzusammenhang der Predigt war klar zu erkennen, daß Jesus die weite Pforte und den breiten Weg mit der äußerlichen Rechtschaffenheit der Pharisäer gleichsetzte. Wenn seine Zuhörer den Lehren der Pharisäer folgten, führte ihr Weg in die Verdammnis ( apOleian , "das Verderben"). Die enge Pforte und der schmale Weg dagegen bezogen sich auf die Lehre Jesu, in der nicht irgendwelche Äußerlichkeiten, sondern die echte innere Verwandlung im Vordergrund stand. Selbst Jesus räumte allerdings ein, daß nur wenige den wahren Weg, den Weg, der zum Leben (d. h. in den Himmel, im Gegensatz zur Vernichtung in der Hölle) führt, finden .





( Lk 6,43-44;13,25-27 ) Nachdem er den wahren Weg in sein verheißenes Königreich aufgezeigt hatte, warnte Jesus die Menschen vor falschen Propheten . Er bezeichnete diese Verteidiger des breiten Weges als reißende Wölfe in Schafskleidern . Doch woran kann man die falschen Lehrer erkennen? Man muß nur ihre Früchte, d. h. das, was sie leisten, ansehen: Auf Dornen oder Disteln wachsen keine Trauben oder Feigen. Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein fauler Baum dagegen bringt schlechte Früchte . Nach Jesu Maßstab brachten die Pharisäer offensichtlich schlechte Früchte. Das einzige, was man mit solchen Bäumen tun kann, ist jedoch, sie abzuhauen . Wenn sie ihren Daseinszweck nicht erfüllen, müssen sie entfernt werden.

Die Leute, die diese Predigt hörten, wunderten sich sicher über diese völlig neue Einschätzung der Pharisäer, die doch durchaus den Eindruck großer Rechtschaffenheit machten und auch über den Messias und sein Reich predigten. Nach den Worten Jesu waren sie jedoch nicht gut, denn sie führten andere in die Irre. Selbst dann, wenn sie Übernatürliches vollbrachten - in Gottes Namen Prophezeiungen aussprachen, böse Geister austrieben und viele Wunder bewirkten - waren sie dem Vater und seinem Willen nicht gehorsam ( Mt 7,21 ). Sie würden nicht in das Himmelreich kommen, weil Jesus keine persönliche Beziehung zu ihnen hatte (V. 21.23 ).





( Lk 6,47-49 ) Am Schluß wies Jesus seinen Hörern zwei Möglichkeiten, die ihnen nun offenstanden und zwischen denen sie sich entscheiden mußten. Sie konnten zwischen zwei Fundamenten wählen. Das eine verglich er mit dem Fels , das andere mit dem Sand . Die Fundamente eines Gebäudes sind entscheidend dafür, wieweit es den Elementen ( Platzregen und Winde ) standhalten kann. Der Fels nun war ein Sinnbild für den Herrn selbst und die Wahrheiten, die er verkündigt hatte, vor allem über die innere Wandlung. Der Sand dagegen symbolisierte die Gerechtigkeit der Pharisäer, die den Menschen bekannt war und auf die viele von ihnen ihre Hoffnung setzten. Der Fels würde in einem Sturm Halt geben; doch wer sein Haus auf Sand gebaut hatte, würde untergehen. Daher ist es klug , auf Jesu Worte zu hören und sie zu befolgen, und es wäre töricht , das nicht zu tun. Es gibt nur die Entscheidung zwischen diesen zwei Möglichkeiten - zwei Wege und Pforten ( Mt 7,13-14 ), zwei Arten von Bäumen und Früchten (V. 16-20 ), zwei Fundamente und zwei Erbauer (V. 24-27 ).





Mit der Wendung: Als Jesus diese Rede vollendet hatte" , schließt Matthäus seine Darstellung der Bergpredigt. Dieselbe Formulierung taucht noch weitere vier Male in seinem Evangelium auf (mit den gleichen oder doch fast den gleichen Worten), jedes Mal nach einer Sammlung von Jesusworten ( Mt 11,1;13,53;19,1 und Mt 26,1 ). Sie bezeichnet jeweils einen Wendepunkt.

Bei dem Volk, das Jesus gefolgt war, rief die Predigt größte Verwirrung hervor, die Menschen entsetzten sich über seine Lehre . "Entsetzt" ( exeplEssonto , wörtlich "geschlagen") bedeutet soviel wie "überwältigt". Gemeint ist ein intesives, plötzliches Gefühl des Erstaunens, stärker als es das Wort thaumazO ("staunen" oder "erstaunt sein") wiedergeben kann. Auch den Ausdruck exeplEssomto verwendet Matthäus viermal ( Mt 7,28;13,54;19,25;22,22 ). Immerhin hatte Jesus den Menschen soeben die Unzulänglichkeit des religiösen Systems der Pharisäer vor Augen geführt. Ihre Gerechtigkeit reichte nicht aus, um in das Gottesreich zu kommen. Es war die Vollmacht , mit der Jesus sprach, die die Menschen so in Erstaunen versetzte. Er lehrte nicht wie die Schriftgelehrten seiner Zeit, die nur die Vollmacht des Gesetzes besaßen, sondern als Sprachrohr Gottes. Man kann sich kaum einen größeren Unterschied denken als den zwischen Jesus und den Pharisäern.

 

III. Jesu Beweise seiner Gottheit
( 8,1-11,1 )


Jesus hatte sich durch seine Worte und Werke als der Messias ausgewiesen ( Mt 3-4 ). In einer langen Predigt legte er dar, welche Bedingungen erfüllt werden müßten, um in sein Reich zu gelangen, und welcher Weg in dieses Reich führte ( Mt 5-7 ). Doch die Juden hatten immer noch Fragen. War dieser Mann möglicherweise wirklich der Messias? Und wenn ja, hatte er die Macht, die Veränderungen herbeizuführen, die notwendig waren, um das Reich zu errichten? Als Beleg dafür, daß Jesus tatsächlich der König Israels war und durchaus die Macht hatte, seine Worte einzulösen, berichtet Matthäus an dieser Stelle von einer Reihe von Wundern, die seine Vollmacht auf verschiedenen Gebieten beweisen.



A. Seine Macht über die Krankheit
( 8,1-15 )


1. Aussatz (Lepra)
( 8,1-4 ) ( Mk 1,40-45; Lk 5,12-16 )




Bemerkenswerterweise ist die erste Heilung, von der Matthäus berichtet, die Heilung eines Aussätzigen . Doch auch vorher schon hatte Jesus mehrere Wunder vollbracht (vgl. die Liste über Jesu Wunder bei Joh 2,1-11 ). Der Aussätzige kam zu Jesus, sprach ihn als Herrn an und berief sich so auf seine Autorität (vgl. Mt 7,21;8,6 ). Jesus heilte ihn, indem er ihn anrührte(!) (V. 3 ) und wies ihn dann an: "Geh hin und zeige dich dem Priester und opfere die Gabe, die Mose befohlen hat" , d. h. das Opfer, das für die Reinwerdung von Leprageschwüren vorgeschrieben ist (zwei Vögel, Zedernholz, scharlachfarbene Wolle und Ysop am ersten Tag [ 3Mo 14,4-8 ]; am achten Tag zwei männliche Lämmer, ein einjähriges Schaf, Mehl und Öl [ 3Mo 14,10 ]). Er trug ihm auf, es niemandem zu sagen , bevor er beim Priester gewesen war. Offensichtlich wollte Jesus, daß der Priester als erster die Heilung sah.

Die Heilung des Aussätzigen sollte ein Zeugnis für die Priester sein. Und das war es auch, denn in der ganzen Geschichte Israels war - bis auf Mirjam - noch nie ein Mensch vom Aussatz geheilt worden ( 4Mo 12,10-15 ). Man kann sich gut vorstellen, welch ein Aufsehen der Mann erregte, als er plötzlich im Tempel erschien und den Priestern verkündete, daß er vom Aussatz geheilt sei! Dieses Ereignis hätte eigentlich zu einer Überprüfung der genauen Umstände, unter denen die Heilung erfolgt war, führen müssen. Jesus gab den Priestern damit sozusagen seine "Visitenkarte", und sie hätten seine Behauptungen überprüfen müssen. (Der geheilte Mann gehorchte jedoch den Anweisungen Jesu nicht und fing an, viel davon zu reden [ Mk 1,45 ]. Vermutlich ging er aber am Schluß dann doch noch zum Tempel.)

 

2. Lähmungen
( 8,5-13 ) ( Lk 7,1-10 )




Auch beim zweiten Wunder, ebenfalls einer Heilung, geht es um Jesu Autorität. Als er nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn um Hilfe (weitere Erläuterungen zu den römischen Offizieren bei Lk 7,2 ). Auch dieser Heide nannte Jesus Herr (wie der Aussätzige; Mt 8,2 ) und bat um die Heilung einer seiner Knechte . Lukas schreibt doulos ("Sklave"), bei Matthäus steht pais ("Junge"), was vielleicht darauf hindeutet, daß der Sklave noch sehr jung war. Er war gelähmt und litt große Qualen, ja, er war dem Tode nahe ( Lk 7,2 ).

Als Jesus sagte, er wolle kommen und ihn gesund machen, antwortete der Hauptmann , das sei nicht nötig. Als Mensch, der gewohnt war, Befehle zu geben, war ihm Autorität vertraut. Wer Autorität besitzt, muß bei der Durchführung einer Aufgabe nicht unbedingt anwesend sein; Befehle können auch von anderen ausgeführt werden. Jesus wunderte sich über den großen Glauben des Hauptmanns (vgl. Mt 15,28 ), einen Glauben, den er in Israel vergeblich gesucht hatte. Ein solcher Glaube eröffnete dem Betreffenden den Zugang zum Reich Gottes, ungeachtet seiner nationalen, ethischen oder geographischen Herkunft ( von Osten und von Westen ). (Das Gottesreich wird häufig mit dem Bild eines Festmahls beschrieben, an dem alle teilnehmen, die dieses Reiches würdig sind; vgl. Jes 25,6; Mt 22,1-14; Lk 14,15-24 .) Die jedoch, die so sicher waren, daß sie automatisch in dieses Reich kommen würden, weil sie den richtigen religiösen Hintergrund besaßen (sie hielten sich für " Kinder [wörtlich "Söhne"] des Reichs "), sollten nicht hineingelangen ( Mt 8,12 ), sondern dem Gericht übergeben werden ( hinausgestoßen in die Finsternis ; vgl. Mt 22,13; zur Wendung Heulen und Zähneklappern vgl. Mt 13,42 ). Angesichts des Glaubens dieses Hauptmanns machte Jesus seinen Knecht noch zu derselben Stunde gesund.

 





Als Jesus in das Haus des Petrus in Kapernaum kam, sah er, daß dessen Schwiegermutter zu Bett lag und ein Fieber hatte. Er ergriff ihre Hand , berührte sie also, und heilte sie. Das Wunderbare an diesem Ereignis bestand außer der Heilung vor allem auch darin, daß die Frau sofort die Kraft hatte, aufzustehen und zu arbeiten, d. h., dem Herrn und den vielen Jüngern, die ihm immer noch folgten, aufzuwarten ( diEkonei , "dienen"). Normalerweise ist man, wenn man ein Fieber überstanden hat, noch einige Zeit schwach; doch das war hier nicht der Fall.



B. Seine Macht über Dämonen
( 8,16-17.28-34 )


Jesus konnte nicht nur körperliche Krankheiten heilen, sondern besaß auch Macht über Dämonen.





( Mk 1,32-34; Lk 4,40-41 ) Während Jesus sich in Petrus' Haus aufhielt, brachten sie viele Besessene zu ihm . Matthäus berichtet ohne Angaben näherer Einzelheiten nur, daß er alle Kranken gesund machte, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja ( Jes 53,4 ): "Er hat unsre Schwachheit ( astheneias ) auf sich genommen und unsre Krankheit ( nosous ) hat er getragen." Die endgültige Erfüllung dieser Worte vollzog sich in seinem Tod am Kreuz. In Vorwegnahme dieses Ereignisses machte Jesus jedoch bereits in der Zeit, die er auf Erden verbrachte, viele Menschen gesund. Durch die Austreibung von Dämonen demonstrierte er seine Macht über den Satan, den Herrscher der dämonischen Welt (vgl. Mt 9,34;12,24 ).





Auf diese Verse wird später, nach Vers 34 , eingegangen.





( Mk 5,1-20; Lk 8,26-39 ) Der hier beschriebene Fall vermittelt ein genaueres Bild der Macht Jesu über den Bereich der Dämonen. Jesus kam in die Gegend der Gadarener . Der Name "Gadarener" leitet sich von der Stadt Gadara, der Hauptstadt des Gebietes etwa zwölf Kilometer südöstlich der Südspitze des Sees Genezareth, ab. (Markus und Lukas bezeichnen diesen Landstrich als das Gebiet der "Gerasener" [ Mk 5,1; Lk 8,26 ]. Zu einer Erklärung für diese unterschiedlichen Bezeichnungen vgl. den Kommentar bei Markus und Lukas an den entsprechenden Stellen.) Dort begegnete er zwei Besessenen . Markus und Lukas sprechen von nur einem Besessenen, doch sie sagen nicht ausdrücklich , daß es nur ein Mann war. Vermutlich war der eine der beiden gewalttätiger als der andere.

Die dämonische Besessenheit der beiden Männer trat ganz klar zutage, denn sie waren wild und gefährlich . Man hatte sie aus der Stadt gejagt, und sie lebten nun in den Grabhöhlen vor der Stadt. Die beiden Fragen der bösen Geister zeigen, daß sie Jesu Identität sehr wohl kannten - sie reden ihn mit "du Sohn Gottes" an - und daß sie wußten, daß sein Kommen unweigerlich ihren Untergang bedeuten würde ( Mt 8,29 ). Sie baten ihn, in eine in der Nähe weidende Herde Säue fahren zu dürfen, um keine körperlosen Geisterzu werden. Nach Markus umfaßte die Herde etwa 2 000 Tiere ( Mk 5,13 ).

Sobald die Dämonen in die Schweine fuhren, stürmte die ganze Herde den Abhang hinunter in den See, den See Genezareth, und ertrank. Die erschrockenen Hirten flohen und gingen hin in die Stadt , um diesen unglaublichen Vorfall zu erzählen. Daraufhin ging die ganze Stadt hinaus Jesus entgegen und bat ihn voller Furcht, daß er ihr Gebiet verlasse .



C. Seine Macht über Menschen
( 8,18-22; 9,1-9 )


Hier geht es Matthäus darum zu zeigen, daß der Herr das Recht hat und für sich in Anspruch nimmt, Jünger zu wählen und dabei die Bitten derer, die nicht aus der richtigen Motivation heraus zu ihm kamen, eventuell auch zurückzuweisen.



( Lk 9,57-58 ) Ein Schriftgelehrter trat zu Jesus und platzte mit der unüberlegten Bitte heraus: "Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst." Jesus wünschte sich zwar Jünger, die ihm folgten und seine Felder bestellten, indem sie seine Arbeit fortführten, doch er wollte nur die, die wirklich motiviert waren. Seine Antwort auf die Anfrage des Schriftgelehrten zeigt, mit welch armseligen Lebensverhältnissen er sich zufriedengab, denn im Gegensatz zu den Füchsen und Vögeln hatte er nicht einmal ein Plätzchen, wo er nachts sein Haupt betten konnte, er besaß kein Zuhause. Der Herr hatte jedoch offensichtlich in das Herz dieses Menschen gesehen und wußte, daß es ihm nur um den Ruhm ging, zum Kreis eines berühmten Lehrers zu gehören. Das paßte nicht zu dem, was er von seinen Jüngern erwartete. Hier taucht zum ersten Mal die später immer wiederkehrende (29mal bei Matthäus, 14mal bei Markus, 24mal bei Lukas und 13mal bei Johannes) Bezeichnung "Menschensohn" auf, die Jesus selbst verwendet, die aber auch andere gebrauchen. Es handelt sich dabei um einen Messias-Titel (vgl. Dan 7,13-14 ).





( Lk 9,59-60 ) Ein anderer, der bereits ein Jünger Jesu war, bat um die Erlaubnis, nach Hause zurückkehren zu dürfen, um seinen Vater zu begraben . Der Vater dieses Mannes war jedoch wahrscheinlich überhaupt nicht tot, ja, er lag nicht einmal im Sterben; der junge Mann wollte lediglich nach Hause zurückkehren und warten, bis sein Vater starb - und er ihn beerben konnte - und erst dann mit Jesus ziehen. Seine Bitte zeigte, daß die Nachfolge Jesu in seinen Augen etwas war, das er nach Belieben aufnehmen und unterbrechen konnte. Im Moment waren ihm offensichtlich materielle Dinge wichtiger.

Jesu Antwort, "laß die Toten ihre Toten begraben" , räumte jedoch der Nachfolge absoluten Vorrang ein. Um die physisch Toten sollen sich jene kümmern, die geistlich tot sind.





Auf diese Verse wird nach der Erörterung von Mt 9,9 eingegangen.



D. Seine Macht über die Natur
( 8,23-27 ) ( Mk 4,35-41; Lk 8,22-25 )


Mt 8,23-27 : Auch über die Natur hatte Jesus Macht. Das bewies er, als er und seine Jünger den für seine plötzlich aufkommenden Stürme berüchtigten See Genezareth überquerten. Mitten in einem gewaltigen Sturm (wörtlich "in einem gewaltigen Erdbeben", d. h. während starker Turbulenzen) war Jesus eingeschlafen . Als die Jünger ihn in Todesangst aufweckten, rügte er sie zuerst: "Ihr Kleingläubigen (vgl. Mt 6,30 ), warum seid ihr so furchtsam?" Doch dann bedrohte er den Wind und das Meer. Da wurde es ganz still . Die Jünger, alles erfahrene Fischer, hatten schon so manchen Sturm auf diesem See erlebt, der sich plötzlich legte, doch dabei blieb immer die Wasseroberfläche noch eine Zeitlang aufgewühlt. Kein Wunder, daß sie sich erstaunt fragten, was Jesus eigentlich für ein Mann sei. Sie verwunderten sich ( ethaumasan ; vgl. Mt 9,33 ) über seine übernatürlichen Fähigkeiten, durch die er allein mit seinem Wort die Natur so vollständig beruhigen konnte. Das wird der Messias auch tun, wenn er sein Reich endgültig errichtet, und er tat es bereits damals, als er sich seinen Jüngern offenbarte.





Zum Kommentar zu diesen Versen vgl. "B. Seine Macht über Dämonen ( Mt 8,16-17.28-34 )".





( Mk 2,13-14; Lk 5,27-28 ) Während aus den beiden vorhergehenden Beispielen nicht eindeutig hervorgeht, ob die beiden Männer Jesus dann tatsächlich folgten, läßt das dritte Beispiel keinen Zweifel offen. Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus . Er war Zolleinnehmer im Hafen von Kapernaum. Jesus forderte ihn auf: "Folge mir!" Sofort stand Matthäus auf und folgte ihm . Als MessiasKönig hatte Jesus das unbestreitbare Recht, seine Jünger auszusuchen. Matthäus war zweifellos tief beeindruckt von seiner Person, seiner Lehre und seiner Autorität.



E. Seine Macht über die Sünde
( 9,1-8 ) ( Mk 2,1-12; Lk 5,17-26 )




Nach seiner Rückkehr vom Ostufer des Sees Genezareth begab sich Jesus in seine Stadt , Kapernaum. Auch dort gab es offensichtlich Menschen, die an ihn glaubten, denn ein Gelähmter, der auf einem Bett lag, wurde zu ihm gebracht. Markus führt dazu ergänzend aus, daß die Männer ihn zu viert durch das Dach des Hauses zu Jesus hinunterließen ( Mk 2,3-4 ). Einige Pharisäer waren anwesend und hörten Jesus zu dem Gelähmten sagen: "Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben." (Die Worte "sei getrost" geben das griechische Wort tharseO wieder, das noch weitere sechs Male im Neuen Testament vorkommt ( Mt 9,2.22;14,27; Mk 6,50;10,49; Joh 16,33; Apg 23,11 .Es hat die Bedeutung von "ein Herz oder Mut fassen".). Anscheinend war der Mann aufgrund seiner Sünden krank geworden.

Jesus reklamierte hier also göttliche Autorität für sich, denn nur Gott kann Sünden vergeben ( Mk 2,7; Lk 5,21 ). Die Schriftgelehrten stutzten bei dieser Aussage und sprachen bei sich selbst: "Dieser lästert Gott." Das war das erste Mal, daß die religiösen Führer Israels sich gegen Jesus stellten. Als aber Jesus ihre Gedanken sah , fragte er sie, ob es denn leichter sei, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben , oder den Mann anzuweisen, er solle aufstehen und umhergehen. Beide Äußerungen sind zwar leicht gesagt, doch die erste war insofern, zumindest scheinbar, "leichter", als sie von den Zuschauern nicht widerlegt werden konnte. Wenn Jesus jedoch zuerst gesagt hätte "Steh auf und geh umher" , und der Mann wäre gelähmt auf seinem Bett liegengeblieben, so wäre klar gewesen, daß Jesus nicht der war, der er zu sein behauptete. Jesus sprach daher nicht nur die leichteren Worte, sondern heilte ihn auch, so daß ganz deutlich wurde, daß er die Macht hatte, beides zu tun, zu heilen und Sünden zu vergeben. Als das Volk das sah, fürchtete es sich (das Wort ephobEthEsan hat eine etwas andere Bedeutung als das Wort für "verwundern" [ ethaumasan , von thaumazO ] bei der Reaktion der Jünger nach dem Sturm [ Mt 8,27 ]). Die Menschen erkannten die göttliche Vollmacht, die hinter diesen Handlungen stand, und priesen Gott .





Den Kommentar zu diesem Vers siehe unter "C. Seine Macht über die Menschen ( Mt 8,18-22;9,9 )".



F. Seine Macht über die Traditionen
( 9,10-17 )




( Mk 2,15-17; Lk 5,29-32 ) Nachdem Matthäus sich dem Herrn angeschlossen hatte ( Mt 9,9 ), lud er Freunde, darunter natürlich viele Zöllner und Sünder, zu Tisch in sein Haus . Vielleicht wollte er sie seinem Retter vorstellen. Die Juden haßten die Zöllner, die für die Römer Steuern eintrieben und sich dabei häufig noch persönlich bereicherten, indem sie höhere Beträge verlangten. Daher fragten die Pharisäer , die sich nie mit solchen Menschen an einen Tisch gesetzt hätten, die Jünger, warum ihr Meister so etwas tue. Die Antwort des Herrn machte unmißverständlich deutlich, daß er zu denjenigen gekommen war, die wissen, daß ihnen etwas fehlt: Nur die Kranken bedürfen des Arztes . Die Pharisäer hielten sich selbst nicht für Sünder (krank) und hätten daher auch nie den Herrn (Arzt) aufgesucht. Sie brachten ihre Opfer immer genau nach Vorschrift, doch sie hatten keinerlei Mitleid mit Sündern. Ohne Barmherzigkeit sind jedoch alle religiösen Formalia nutzlos (vgl. Hos 6,6 ).





( Mk 2,18-22; Lk 5,33-39 ) Nicht nur die Pharisäer stießen sich daran, daß Jesus an einem Festmahl der Zöllner und "Sünder" teilnahm, auch Jünger von Johannes dem Täufer kamen und fragten Jesus, wie er zur Teilnahme an solchen Festen stehe. Johannes und seine Jünger fasteten , denn sie riefen die Menschen zur Buße für das kommende Reich auf. Nun fragten sie, warum die Jünger Jesu nicht ebenfalls fasteten.

Jesus antwortete , daß das Reich Gottes wie ein großes Fest ist (vgl. Mt 22,2; Jes 25,6 ), wie ein Hochzeitsmahl. Da der König zur Zeit bei ihnen war, wäre es unangebracht, wenn er oder seine Jünger fasteten. Auf einer Hochzeit sind die Menschen glücklich und essen und trinken, es kommt ihnen nicht in den Sinn, zu trauern oder zu fasten. Jesus sah jedoch voraus, daß sein Volk ihn nicht annehmen werde, denn er fügte hinzu, daß eine Zeit kommen werde, in der der Bräutigam von ihnen genommen wird .

Dann erzählte er ein Gleichnis, um ihnen den Unterschied zwischen seinem Amt und dem von Johannes dem Täufer zu erklären. Johannes war ein Reformator, der versuchte, diejenigen, die in den Traditionen des Judentums gefangen waren, zur Buße zu bewegen. Jesus jedoch lag nichts daran, ein altes System zu flicken , wie wenn man einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid setzt , das dann doch nur reißen würde, oder wie wenn man neuen Wein in alte Schläuche füllt , die dann ebenfalls zerreißen . Er brachte etwas radikal Neues . Er war gekommen, um eine Gruppe von Menschen aus dem Judentum heraus in ein Reich zu führen, das auf ihm und seiner Gerechtigkeit aufgebaut war. Wahre Gerechtigkeit erwächst nicht aus dem Gesetz oder aus den pharisäischen Traditionen.



G. Seine Macht über den Tod
( 9,18-26 ) ( Mk 5,21-43; Lk 8,40-56 )




In diesem Abschnitt werden zwei Wunder beschrieben. Ein Vorsteher (wahrscheinlich der Synagoge von Kapernaum; Mk 5,22 ), dessen Namen Markus und Lukas mit Jarus angeben, kam zu Jesus und bat ihn, seine Tochter , die, wie Lukas hinzufügt, zwölf Jahre alt war ( Lk 8,42 ), gesund zu machen. Der Vater sagte, sie sei soeben gestorben , doch er war der festen Überzeugung, daß Jesus ihr das Leben wiedergeben könne. Bei den anderen Synoptikern schildert Jarus den Zustand seiner Tochter mit den Worten, sie "liege in den letzten Zügen" ( Mk 5,23; Lk 8,42 ). Diese offensichtliche Diskrepanz kann mit der Tatsache erklärt werden, daß Jarus möglicherweise, während er mit Jesus sprach, die Nachricht vom Tode des Mädchens erhielt. Matthäus geht auf diese Einzelheit nicht näher ein und nimmt den Tod des Mädchens einfach von vornherein in seinen Bericht über die Begegnung mit Jarus auf.

Als Jesus aufstand und ihm folgte, wurde er von einer Frau aufgehalten, die gesund wurde, als sie im Glauben den Saum seines Gewandes berührte . Interessanterweise deckt sich die Zeit, die sie am Blutfluß litt, mit dem Alter von Jarïus' Tochter: zwölf Jahre war die Frau unrein gewesen ( 3Mo 15,19-30 ). Jesus blieb stehen, wandte sich um und nannte sie Tochter ( thygatEr , ein Ausdruck der Zuneigung; vgl. "das Mädchen" [ Mt 9,24 ], korasion , wahrscheinlich ebenfalls eine liebevolle Anrede). Jesus sagte, ihr Glaube habe sie gesund gemacht. Zweifellos faßte Jarus durch diesen Zwischenfall Mut,denn auch er glaubte an Jesus. (Zu den Worten "sei getrost" (von tharseO ) vgl. den Kommentar zu Vers 2 .)

Als die ganze Gruppe bei Jarus' Haus angelangte, hatten sich die Pfeifer und das Getümmel des Volkes (die Klageweiber; Lk 8,52 ) bereits versammelt, um mit der Familie zu klagen. Sie hielten das Kind für tot , und als Jesus sagte, es schlafe nur, verlachten sie ihn . Jesus sagte nicht, daß sie nicht tot sei, er verglich ihren Zustand nur mit dem Schlaf. Wie der Schlaf war ihr Tod zeitlich begrenzt, und sie würde daraus erwachen. Als das Volk hinausgetrieben worden war, erweckte Jesus das Mädchen zum Leben. Eine solche Macht besitzt nur Gott, und die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich natürlich wie ein Lauffeuer (vgl. Mt 9,31 ).



H. Seine Macht über die Blindheit
( 9,27-31 )




Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde , die sich an ihn wandten und ihn als Sohn Davids ansprachen (vgl. Mt 12,23;15,22;20,30-31 ). Dieser Titel deutet auf die messianische Abstammung Jesu (vgl. Mt 1,1 ) hin. Die Blinden folgten Jesus beharrlich bis in das Haus, zu dem er ging, wo ihnen dann auch auf wunderbare Weise ihre Augen geöffnet wurden . Der Glaube dieser beiden Männer war echt, denn sie vertrauten felsenfest darauf, daß Jesus sie heilen könne ( Mt 9,28 ). Sie bestätigten seine Gottheit, indem sie ihn als Herrn anerkannten, und erhielten infolge ihres Glaubens ihr Augenlicht wieder. Trotz Jesu Drohung, niemand davon zu erzählen, verbreitete sich die Kunde von ihm weiter im ganzen Land (vgl. V. 26 ; Mt 12,16 ). Wahrscheinlich wollte Jesus verhindern, daß sich die Menschen in Massen um ihn scharten, nur um von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Denn obwohl er viele von ihren körperlichen Gebrechen heilte, sollten diese Wunder doch vor allem seinen Vollmachtsanspruch legitimieren. Er war ja in erster Linie gekommen, um die Menschen geistlich gesund zu machen, und nicht so sehr, um physisch Kranke zu heilen.

 

I. Seine Macht über die Stummheit
( 9,32-34 )




Als die beiden Männer, die blind gewesen waren, das Haus verlassen hatten, wurde ein Mensch zu ihm gebracht, der stumm und besessen war . Der Dämon ließ ihn nicht sprechen, doch Jesus heilte ihn sofort. Als der Stumme redete, verwunderte sich das Volk ( ethaumasan ; vgl. Mt 8,27 ) und sprach: "So etwas ist noch nie in Israel gesehen worden." Die Pharisäer jedoch kamen zu der Schlußfolgerung, daß Jesus seine Wunder durch die Macht des Satans, des Obersten der Dämonen, vollbringe (vgl. Mt 10,25; 12,22-37 ).



J. Seine Macht, Diener zu berufen
( 9,35-11,1 )


1. Die Arbeit
( 9,35-38 )




In Vers 35 faßt Matthäus Jesu dreifaches Amt zusammen (vgl. den Kommentar zu Mt 4,23 mit dem nahezu identischen Wortlaut): "Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich ..." Er heilte alle Krankheiten, um sich zu legitimieren. Das Spektakuläre an seinem Auftreten zog das Volk an.

Immer, wenn Jesus das Volk sah, jammerte es ihn . Das Verb "jammern" ( splanchnizomai ) wird im Neuen Testament nur von den Synoptikern benutzt: es steht fünfmal bei Matthäus ( Mt 9,36; 14,14; 15,32; 18,27; 20,34 ), viermal bei Markus ( Mk 1,41; 6,34; 8,2; 9,22 ) und dreimal bei Lukas ( Mt 7,13;10,33;15,20; vgl. auch den Kommentar zu Lk 7,13 ). Es ist ein sehr ausdrucksstarkes Wort, das so etwas bedeutet wie "tiefes Mitleid fühlen". Das entsprechende Substantiv, splanchna ("Mitleid", "Zuneigung"), kommt bei Lukas einmal ( Lk 1,78 ), achtmal bei Paulus und einmal in den Johannesbriefen ( 1Joh 3,17 ) vor. Jesus sah, daß die Menschen verschmachtet und zerstreut waren wie die Schafe, die keinen Hirten haben . Wie Schafe, die von Wölfen bedroht sind, daliegen und sich nicht zu helfen wissen, wenn sie keinen Hirten haben, der sie führt und schützt, so wurde das jüdische Volk von den Pharisäern in Gefahr gebracht und verraten und konnte sich nicht dagegen wehren, weil es keine geistliche Führung hatte. Im Gegenteil, die Pharisäer, die eigentlich ihre Hirten hätten sein sollen, hielten die Schafe sogar davon ab, dem wahren Hirten zu folgen. Angesichts all dieser Menschen, die Hilfe brauchten, ermutigte Jesus seine Jünger, den Herrn der Ernte , Gott, zu bitten, daß er zusätzliche Arbeiter in seine Ernte sende (vgl. Lk 10,2 ). Die Ernte war bereit, denn das Gottesreich war nahe herbeigekommen ( Mt 4,17 ). Doch es waren weitere Arbeiter nötig, um sie einzubringen.



2. Die Wahl der Arbeiter
( 10,1-4 ) ( Mk 3,13-19; Lk 6,12-16 )




Es ist nicht überraschend, daß auf Jesu Anordnung in Mt 9,38 ,den Vater um Arbeiter zu bitten, eine Liste dieser "Arbeiter" folgt. Zwölf Jünger ( Mt 10,1 ), die Jesus folgten (ein "Jünger", mathEtEs , war ein Schüler; vgl. Mt 11,29 ), wurden zu "Aposteln" gemacht. Diese Zwölf wurden mit einem besonderen Auftrag ausgesandt ("Apostel" bedeutet "einer, der ausgesandt ist, um einen offiziellen Amtsinhaber zu vertreten"). Jesus gab ihnen Macht über die unreinen Geister, daß sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. Die zwölf Apostel werden hier paarweise aufgezählt und wurden wahrscheinlich auch so ausgesandt ("Er fing an, sie auszusenden, je zwei und zwei"; Mk 6,7 ).

Jedesmal, wenn von den zwölf Aposteln die Rede ist, wird Simon (dessen Namen Jesus in Petrus geändert hatte; Joh 1,42 ), weil er der bekannteste der Apostel war, als erster und Judas als letzter genannt. Bald nach den Brüdern Petrus und Andreas folgte noch ein zweites Bruderpaar Jakobus und Johannes ( Mt 4,18-22 ) - Jesus nach. Philippus stammte, wie Andreas und Petrus, aus Betsaida am See Genezareth ( Joh 1,44 ). Über Bartholomäus wissen wir nichts weiter, als daß er möglicherweise unter dem Namen Nathanael bekannt war ( Joh 1,45-51 ). Thomas wird bei Joh 11,16 "Didymus" (Zwilling) genannt; er war einer derjenigen, die Jesu Auferstehung bezweifelten ( Joh 20,24-27 ). Matthäus bezeichnete sich selbst mit Bezug auf seine frühere zwielichtige Tätigkeit als Zöllner (wohingegen ihn Markus und Lukas einfach nur als Matthäus aufführen). Von Jakobus, dem Sohn des Alphäus , ist nur einmal, in der Liste der Apostel, die Rede. Thaddäus war vielleicht identisch mit Judas, dem Sohn des Jakobus ( Lk 6,16; Apg 1,13 ). Simon Kananäus war Mitglied der aufrührerischen Gruppe der jüdischen Zeloten, einer politischen Partei, die die Juden von der römischen Oberherrschaft befreien wollte. Dann natürlich noch Judas Iskariot , der später den Herrn verriet ( Mt 26,47-50 ). Iskariot bedeutet "aus Kerijot", einer Stadt in Judäa.



3. Weisungen für die Arbeiter
( 10,5-23 )


a. Die Botschaft
( 10,5-15 ) ( Mk 6,7-13; Lk 9,1-6 )




Die Botschaft, die die Zwölf über das Himmelreich (V. 7 ) verkünden sollten, deckte sich mit der Johannes' des Täufers ( Mt 3,1 ) und mit Jesu eigener Verkündigung ( Mt 4,17 ). Jesus instruierte die Jünger jedoch, ihre Verkündigungstätigkeit ausschließlich auf die Juden zu beschränken, er sagte ihnen sogar ausdrücklich, sie sollten nicht zu den Heiden und zu den Samaritern gehen . Die Volksgruppe der Samariter stammte von Juden und Heiden ab. Ihre Geschichte begann bald nach 722 v. Chr., als Assyrien das Nordreich eroberte und Gefangene aus dem Norden Mesopotamiens in Israel ansiedelte, wo sie sich durch Heirat mit den Juden vermischten. Die Apostel wurden nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel gesandt (vgl. Mt 15,24 ), weil die Botschaft vom Reich nur für Gottes Bundesvolk bestimmt war. Zuerst einmal sollten die Juden ihren wahren König, der nun gekommen war, akzeptieren. Wenn sie das taten, würden auch die anderen Völker durch sie gesegnet sein ( 1Mo 12,3; Jes 60,3 ).

Die Botschaft der Apostel sollte, wie die ihres Herrn, durch Wunder legitimiert werden ( Mt 10,8; vgl. Mt 9,35 ). Sie sollten keine besonderen Vorkehrungen für ihre Reise treffen und damit den Eindruck vermeiden, daß es sich bei ihrer Aufgabe gleichsam um etwas "Geschäftliches" handelte. Zu der Liste der Gegenstände, die sie nicht mitnehmen sollten, gehörte auch ein Stecken (vgl. Lk 9,3 ). Markus berichtet dagegen, daß sie einen Stock mitnehmen konnten ( Mk 6,8 ). Dieser Widerspruch löst sich, wenn man beachtet, daß die Jünger sich nach Matthäus nichts extra zurechtlegen oder besorgen sollten ( ktEsEsthe ; Mt 10,9 ), nach Markus jedoch das mitnehmen ( airOsen ) konnten, was sie bereits zur Hand hatten.

Die Apostel waren bei ihrem Werk also immer wieder auf die Hilfe ihrer Hörer angewiesen. In jeder Stadt und jedem Dorf sollten sie sich nach jemand erkundigen, der es wert ist , und bei ihm bleiben. Das Kriterium für dieses "Wertsein" lag offensichtlich in der positiven Reaktion des Betreffenden auf die Botschaft der Apostel. Die, die die Botschaft ablehnten und die Apostel nicht aufnahmen, sollten sie wieder verlassen. Die Formulierung, beim Verlassen eines ungastlichen Ortes "den Staub von den Füßen zu schütteln" , symbolisiert dabei den Abscheu, den man selbst vor dem Staub der betreffenden Stadt hat - eine Geste, die normalerweise nur heidnischen Städten gegenüber gebraucht wurde. Der Herr sagte, daß es diesen Menschen am Tage des Gerichts schlimmer ergehen werde als den Leuten von Sodom und Gomorra ( 1Mo 19 ). (Die Wendung "wahrlich, ich sage euch" steht bei Mt 10,15.23.43 ; vgl. den Kommentar zu Mt 5,18 .)



b. Die Reaktion auf die Botschaft
( 10,16-23 ) ( Mk 13,9-13; Lk 21,12-17 )




Man kann nicht sagen, daß Jesus seinen Aposteln in bezug auf das Ergebnis ihres Wirkens besonderen Mut machte. Ihre Aufgabe würde schwierig sein, denn sie würden als Schafe mitten unter die Wölfe kommen (vgl. Mt 7,15 ,wo die falschen Propheten als "reißende Wölfe" bezeichnet werden). Daher war es lebenswichtig für sie, daß sie sich klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben verhielten, d. h., Gefahr klug vermieden und ihre Gegner nicht provozierten. "Ohne Falsch" ist die Übersetzung des griechischen Wortes akeraioi ("unvermischt, rein"). Es taucht nur noch zweimal im Neuen Testament auf, in Röm 16,19 und in Phil 2,15 . In der Ausübung ihres Amtes sollten die Apostel ihrer eigenen jüdischen Gerichtsbarkeit überantwortet und gegeißelt werden (vgl. Apg 5,40 ), und sie würden vor die römischen Statthalter und die herodianischen Könige geführt werden. Doch sie sollten sich nicht sorgen , denn der Heilige Geist, "eures Vaters Geist" , würde ihnen eingeben, was sie reden sollten , um dem Gefängnis zu entgehen.

Auch wenn Familienmitglieder sich gegenseitig verraten ( Mt 10,21 ) und jedermann sie hassen würde (V. 22 ), versprach ihnen Jesus, daß sie am Schluß erlöst werden würden, wenn sie standhaft blieben und weiter von Stadt zu Stadt ziehen würden. Doch sie sollten mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt .

Diese Worte des Herrn verwiesen wahrscheinlich auf die Zeit nach seinem Tod. Was er damit meinte, zeigte sich im Leben der Apostel noch deutlicher nach dem Pfingstgeschehen ( Apg 2 ), als das Evangelium sich im Rahmen der Kirche verbreitete (z. B. Apg 4,1-13;5,17-18.40;7,54-60 ). Doch gänzlich erfüllt wird die Prophezeiung erst in der Zeit der Großen Trübsal, wenn das Evangelium in der ganzen Welt gelehrt werden wird, bevor Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit zurückkehrt, um sein Reich auf Erden zu errichten ( Mt 24,14 ).

 

4. Der Trost für die Arbeiter
( 10,24-33 ) ( Lk 12,2-9 )




Jesus erinnerte die Apostel daran, daß er nichts von ihnen verlangte, was ihm nicht selbst schon widerfahren war. Als er einen bösen Geist ausgetrieben hatte, hatten die Pharisäer behauptet, er wirke durch den Obersten der Dämonen (vgl. Mt 9,34 ). Wenn sie schon von Jesus ( dem Hausherrn ) glaubten, daß er mit bösen Mächten im Bunde sei, würden sie ganz sicher von seinen Knechten ( Hausgenossen ) dasselbe sagen. Beelzebub (im Griechischen steht Beezeboul ) war einer der Namen des Teufels, des Obersten der Dämonen, der vielleicht von Baal-Sebub, dem Gott der philistinischen Stadt Ekron ( 2Kö 1,2 ), abgeleitet ist; er bedeutet soviel wie "Herr der Fliegen". "Beezeboul" oder "Beelzeboul" dagegen heißt "Herr der Höhe".

Die Apostel sollten jedoch die Pharisäer, die nur den Leib töten können, nicht fürchten ( Mt 10,28 ). Ihre wahren Motive werden im Gericht offenbar werden (V. 26 ). Der Gehorsam gegenüber Gott, dem Herrn des physischen und auch des geistlichen Lebens, ist weit wichtiger. Die Botschaft, die sie vom Herrn im geheimen ( in der Finsternis ) empfangen hatten, sollten sie nun öffentlich ohne Furcht verkünden ( im Licht auf den (flachen) Dächern ), denn ihr Vater kennt ihre Lage und wird für sie sorgen. Gott weiß ja selbst um den Tod eines Sperlings, der doch so viel weniger wert ist - zwei Sperlinge konnte man für einen Groschen kaufen ( assarion , eine griechische Kupfermünze, die etwa ein Sechzehntel eines römischen denarius , eines Tageslohns, wert war). Gott der Vater kennt die Zahl der Haare auf dem Haupt eines Menschen (V. 30 ). Die Apostel sollten sich also keine Sorgen machen, denn sie waren Gott mehr wert als die Sperlinge, er sah sie und kannte sie. Statt dessen sollten sie sich in festem Vertrauen vor den Menschen zu Jesus bekennen ( homologEsei ; V. 32 ). Dann würde auch er sich vor seinem Vater zu ihnen bekennen; wenn sie ihn jedoch verleugneten, würde auch er sie verleugnen. Von den zwölf Aposteln sollte nur einer, Judas, Jesus verraten.



5. Die Ermahnung der Arbeiter
( 10,34-39 ) ( Lk 12,51-53; 14,26-27 )




Jesus sagte, er sei diesmal nicht gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen, sondern das Schwert , das entzweit und trennt. Eine Folge seines Kommens werde sein, daß sich Kinder gegen ihre Eltern auflehnen und seine eigenen Hausgenossen des Menschen Feinde sein werden. Zu dieser Situation kommt es, weil manche Anhänger Christi von ihren übrigen Verwandten geradezu gehaßt werden. Das war der Preis, den die Jünger unter Umständen für die Nachfolge zahlen mußten, denn die Liebe zur Familie darf niemals größer sein als die Liebe zum Herrn (V. 37 ; vgl. den Kommentar zu Lk 14,26 ). Ein wahrer Jünger muß sein Kreuz auf sich nehmen und Jesus folgen (vgl. Mt 16,24 ). Er muß bereit sein, nicht nur den Haß seiner Familie, sondern auch den Tod zu ertragen, wie ein Verbrecher der damaligen Zeit, der sein Kreuz zu seiner eigenen Hinrichtung schleppen mußte. In der Zeit der Entstehung des Neuen Testaments war die Tatsache, daß ein Verbrecher sein Kreuz selbst zum Hinrichtungsort trug, außerdem ein Zeichen dafür, daß er stillschweigend die Rechtmäßigkeit des Urteils, das das römische Reich über ihn gefällt hatte, anerkannte. In ähnlicher Weise brachten auch Jesu Nachfolger zum Ausdruck, daß sie ihr Leben Jesus übergeben hatten. Doch wer so sein Leben aufgibt, wird es zurückerhalten (vgl. den Kommentar zu Mt 16,25 ).6. Die Belohnung der Arbeiter ( Mt 10,40-11,1 ) ( Mk 9,41 )

 



Denen, die dem Herrn im Glauben dienen, und denen, die seine Diener aufnehmen, wurde eine Belohnung versprochen. Einen Propheten und seine Botschaft aufzunehmen, war gleichbedeutend damit, Jesus Christus selbst aufzunehmen. (Die Apostel werden an dieser Stelle Propheten genannt, weil sie Gottes Botschaft hörten und verkündeten; vgl. Mt 10,27 .) Wer also einem dieser Geringen , dieser unbedeutenden Jünger Jesu, auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt , wird nicht unentdeckt und unbelohnt bleiben. Der Lohn wird der jeweiligen Tat entsprechen. Nachdem er seine Jünger auf diese Weise unterwiesen hatte, verließ Jesus die Gegend und ging nach Galiläa, um in den dortigen Städten zu lehren und zu predigen ( Mt 11,1 ). Die Zwölf, die vom Herrn Vollmacht erhalten hatten, machten sich vermutlich ebenfalls auf den Weg, um Jesu Anweisungen in die Tat umzusetzen. Die Worte "als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte" bilden einen weiteren Wendepunkt des Buches (vgl. Mt 7,28;13,53;19,1;26,1 ).


IV. Jesu Vollmachtsanspruch
( 11,2-16,12 )


A. Die Zurechtweisung Johannes des Täufers
( 11,2-19 ) ( Lk 7,18-35 )


1. Die Anfrage des Täufers
( 11,2-3 )




Matthäus hatte berichtet ( Mt 4,12 ), daß Johannes der Täufer gefangengesetzt worden war . Der Grund für seine Gefangennahme wird jedoch erst später genannt ( Mt 14,3-4 ). Als ... Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Die Wendung "der da kommen soll" ist ebenfalls ein Messiastitel, der auf Ps 40,8 und Ps 118,26 zurückgeht (vgl. Mk 11,9; Lk 13,35 ). Johannes muß sich gedacht haben: "Wenn ich der Wegbereiter des Messias bin und Jesus ist der Messias, warum bin ich dann im Gefängnis?" Er brauchte Jesu Bestätigung und eindeutige Aussage, denn er war davon ausgegangen, daß der Messias das Böse überwinden, die Sünde richten und sein Reich errichten werde.



2. Jesu Antwort
( 11,4-6 )




Jesus antwortete Johannes nicht mit ja oder nein. Statt dessen sagte er zu den Jüngern des Täufers: "Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht." Zu den Dingen, die die Jünger zu berichten hatten, gehörte, daß Blinde wieder sahen, Lahme gingen, Aussätzige rein wurden und Taube hörten, Tote auferstanden und den Armen das Evangelium gepredigt wurde. Alle diese Werke waren letztlich Zeichen dafür, daß Jesus tatsächlich der Messias war ( Jes 35,5-6; Ps 61,1 ), und wer dieses wahre Wesen des Herrn erkannte, war wirklich selig zu nennen. Jesus wird am Ende das Gericht über diese Welt bringen, er wird die Sünde richten und sein Königreich bauen, doch die Zeit dazu war noch nicht gekommen. Daß Israel ihn nicht annahm, verzögerte die sichtbare Errichtung des Reiches. Doch alle, die seine Person und seine Werke dennoch richtig einschätzten - wie Johannes - sollten selig werden.



3. Jesu Lehre
( 11,7-19 )




Johannes' Frage war der Anlaß für Jesus, dem Volk mehr über Johannes und seine Stellung zu erzählen. Manch einer fragte sich vielleicht angesichts dieser Frage, wie Johannes überhaupt zu Jesus stand. Jesus erklärte ihnen deshalb, daß Johannes weder fschwach noch schwankend war. Er war kein Rohr , das jeder Lufthauch biegen konnte, und er war auch kein Mensch in weichen Kleidern , wie man sie in den Häusern der Könige trug. Tatsächlich war Johannes der Täufer genau das Gegenteil ( Mt 3,4 ). Er war ein wahrer Prophet , der die Botschaft verkündete, daß Gott Buße von seinem Volk forderte. Ja, er war sogar mehr als ein Prophet, denn er war, in Erfüllung des Wortes in Mal 3,1 , Jesu Bote und Wegbereiter. Markus verbindet in seinem Evangelium diese Prophezeiung aus Mal 3,1 mit Jes 40,3 über den, der dem Herrn den Weg bereiten werde. Jesus fügte hinzu, daß von allen Menschen, die auf Erden gelebt hatten, keiner größer war als Johannes der Täufer . Und doch wird der Kleinste ... im Himmelreich ... größer (sein) als er . Die Privilegien, die die Jünger Jesu im künftigen Gottesreich genießen werden, werden weit größer sein als alles, was man sich auf Erden vorstellen kann.

Doch "bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalttätigen reißen es an sich" ( Mt 11,12 ). Die religiösen Führer zu Jesu Zeit widersetzten sich der von Johannes, Jesus und den Aposteln eingeleiteten Bewegung. "Leidet Gewalt" ( biazetai ) kann auch mit dem Passiv "wird vergewaltigt" übersetzt werden. (Das Verb "reißen es an sich" [ harpazousin ] bedeutet soviel wie "packen, [er]greifen" im Sinne von "besetzen, für sich beanspruchen".) Die Pharisäer wollten zwar ein Reich, doch nicht in dem Sinn, wie Jesus es anbot. Daher wehrten sie sich gegen seine Botschaft und versuchten, eine eigene Herrschaft aufzubauen. Doch die Botschaft des Johannes war wahr, und wenn das Volk sie und damit auch Jesus angenommen hätte, wäre Johannes die Erfüllung der Prophezeiungen Elias gewesen. Nur wenn das Volk die Botschaft akzeptiert hätte, wäre er Elia, der da kommen soll (vgl. Mal 3,23 mit Apg 3,21 ), gewesen, aber das Volk wies den Messias zurück, also liegt auch das Kommen Elias weiterhin in der Zukunft.

 



Jesus verglich dieses Geschlecht mit Kindern, die auf dem Markt sitzen und denen man es mit nichts recht machen kann. Wie mißvergnügte Kinder hatten sie weder Lust auf Hochzeits- ( wir haben euch aufgespielt ) noch auf Begräbnismusik ( wir haben Klagelieder gesungen ) und wollten sowohl von Johannes als auch von Jesus nichts wissen. An Johannes dem Täufer mißfiel ihnen, daß er nicht aß und nicht trank, und Jesus, der mit Sündern aß und trank, konnte es ihnen ebenfalls nicht recht machen. Von Johannes sagten sie, er sei besessen , und Jesus lehnten sie ab, weil er ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder sei. Auch wenn diese Menschen also im Grunde genommen mit nichts zufrieden waren, so würde doch die Weisheit der Lehre von Johannes und Jesus gerechtfertigt werden aus ihren Werken , d. h. dadurch, daß trotz aller Widerstände viele Menschen in das Gottesreich kommen würden.



B. Der Weheruf über die galiläischen Städte
( 11,20-30 ) ( Lk 10,13-15.21-22 )




Obwohl es Jesus bei seinem ersten Kommen nicht primär darum ging, das Gericht zu verkünden, "schalt" er doch die Sünde. Sein Tadel richtete sich dabei vor allem gegen die Städte, in denen die meisten seiner Taten geschehen waren - Chorazin, Betsaida und Kapernaum , die alle am nordwestlichen Ufer des Sees Genezareth lagen. Im Gegensatz zu diesen drei hätten drei der berüchtigtsten heidnischen Städte - Tyrus und Sidon (V. 22 ) an der phönizischen Küste, 50 bzw. 90 Kilometer vom See Genezareth entfernt (vgl. Mt 15,21 ), und Sodom ( Mt 11,23 ), 150 Kilometer südlicher, - Buße getan, wenn sie die Taten Jesu gesehen hätten. Deshalb würde es ihnen im Gericht immer noch nicht so schrecklich ergehen wie den jüdischen Städten. Denn alle drei galiläischen Städte lehnten den Messias ab. Heute sind nur noch Trümmer von ihnen übrig. Trotzdem Jesus einige Zeit in Kapernaum gelebt hatte, sollte es nicht "bis zum Himmel erhoben" werden, sondern seine Einwohner sollten in die Hölle , d. h. in den Hades, an den Ort der Toten, kommen.





Im Gegensatz zu seiner schroffen Verwerfung der drei galiläischen Städte (V. 20-24 ) appellierte Jesus jedoch an all diejenigen, die sich im Glauben zu ihm kehrten. Zuvor noch hatte er seine Zeitgenossen wegen ihrer kindischen Reaktion kritisiert (V. 16-19 ). Nun erklärte er, daß nur die zur wahren Jüngerschaft gelangen, die sich ihm in kindlichem Vertrauen zuwenden. Gott hatte es wohlgefallen, (vgl. Eph 1,5 ), das Geheimnis seines Handelns vor den Weisen und Klugen (den Schriftgelehrten und Pharisäern) zu verbergen , doch er hatte es den Unmündigen offenbart . Gott Vater und Gott Sohn sind einander in der Dreieinigkeit vollkommen nahe ( Mt 11,27; "Vater" steht in den Versen 25-27 fünfmal). Daher kann nur der den Vater und das, was er offenbart hat, kennen, dem es der Sohn offenbaren will (vgl. Joh 6,37 ).

Jesus rief alle, die mühselig (hoi kopiOntes , "die von harter Arbeit Ermüdeten") und beladen sind ( pephortismenoi , "die Niedergedrückten"; vgl. phortion , "Last", in Mt 11,30 ), zu sich. Die Menschen waren müde vom Tragen ihrer Last, der Last der Sünde und ihrer Folgen. Sie sollten kommen und sich unter dasselbe Joch stellen wie Jesus, so würden ihre Seelen Ruhe finden . Indem sie sein Joch auf sich nahmen und von ihm lernten, würden sie wahre Jünger Jesu werden und wie er die göttliche Weisheit verkünden. Von ihm zu lernen ( mathete ) heißt, sein Jünger ( nathEtEs ) zu werden. Die Menschen können ihre schwere, ermüdende Bürde gegen sein - sanftes - Joch und seine - leichte - Last ( phortion ) eintauschen. Jesus zu dienen ist keine Belastung, denn er ist im Gegensatz zu denen, die ihn ablehnen, sanftmütig ( praus ; vgl. Mt 5,5 ) und von Herzen demütig.



C. Die Streitgespräche mit den Schriftgelehrten
( Mt 12 )


1. Der Streit um den Sabbat
( 12,1-21 )


a. Arbeiten am Sabbat
( 12,1-8 ) ( Mk 2,23-38; Lk 6,1-5 )




Als Jesus und seine Jünger an einem Sabbat durch ein Kornfeld gingen, begannen die Jünger, Ähren auszuraufen und zu essen , weil sie hungrig waren . Die Pharisäer stürzten sich sofort auf diese "Verletzung" des Gesetzes ( 2Mo 20,8-11 ) und warfen ihnen vor, am Sabbat zu arbeiten. Für sie war das Pflücken von Weizen nichts anderes als Ernten, das Zerreiben der Ähren zwischen den Handflächen Dreschen und das Fortblasen der Spreu Worfeln!

Jesus wies diese spitzfindige Behauptung der Pharisäer jedoch anhand von drei Vergleichen zurück. Zunächst nahm er auf ein Ereignis im Leben Davids Bezug ( Mt 12,3-4 ). Als dieser vor Saulus floh, gab man ihm die Schaubrote aus dem Gotteshaus ( 1Sam 21,2-7 ), die normalerweise nur für die Priester reserviert waren ( 3Mo 24,9 ). David hielt es also offensichtlich für wichtiger, sein Leben zu retten, als die Formalia zu beachten. Aber auch die Priester im Tempel brachen den Sabbat ( Mt 12,5; vgl. 4Mo 28,9-10.18-19 ), und doch hielt niemand sie deshalb für schuldig. Als letztes Argument führte Jesus an, daß er selbst größer sei als der Tempel ( Mt 12,6; vgl. "mehr als" in V. 41-42 ), denn er ist ja Herr über den Sabbat , d. h., er bestimmt, was an diesem Tag getan werden darf, und er hatte die Jünger ( die Unschuldigen ) für ihre Handlungsweise nicht zur Rechenschaft gezogen. Was die Pharisäer in die Situation hineininterpretierten, war im Grunde Haarspalterei. Sie hatten kein Verständnis für die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen (in diesem Fall für den Hunger der Jünger; vgl. 5Mo 23,24-25 ), sondern kümmerten sich nur um die Opferungen. Jesus erinnerte sie an die Worte in Hos 6,6 : "Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer" , d. h. am inneren geistlichen Leben, nicht am bloß äußerlichen Einhalten irgendwelcher formeller Zeremonien.



b. Heilen am Sabbat
( 12,9-14 ) ( Mk 3,1-6; Lk 6,6-11 )




Kurz nach diesem ersten Streit (V. 1-8 ) kam Jesus, wie nicht anders zu erwarten war - schließlich war es Sabbat, in eine Synagoge . Dort war ein Mensch mit einer verdorrten Hand . Zweifellos hatten die Pharisäer, die ständig darauf aus waren, Jesus einen Fauxpas nachzuweisen, diesen Mann in die Synagoge gebracht, um einen Zwischenfall zu provozieren. Sie warfen nun die Frage auf: "Ist's erlaubt, am Sabbat zu heilen?" Jesus beantwortete ihre Frage, wie er es häufig tat, mit einer Gegenfrage: "Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und ihm heraushilft - auch wenn man ihm das als Arbeit auslegen könnte?" Eine Handlung der Barmherzigkeit einem Tier gegenüber war völlig in Ordnung. Doch da die Menschen weit mehr sind als Schafe, muß die Barmherzigkeit am Sabbat auch auf sie ausgedehnt werden. Jesus kam also jedem möglichen Einwand gegen das, was er tun wollte, zuvor, denn nach der Schrift war nicht verboten, was er tat, seine Argumentation war einwandfrei. Daß er den Mann heilte, bewegte die Pharisäer jedoch keineswegs dazu, an ihn zu glauben, sondern sie gingen hinaus und hielten Rat über ihn, wie sie ihn umbrächten.



c. Die Reaktion Jesu
( 12,15-21 )




Jesus war sich darüber im klaren, was die Pharisäer mit diesen Streitereien bezweckten. Als ihm auch weiterhin eine große Menge folgte, heilte er sie zwar alle, aber er gebot ihnen, daß sie ihn nicht offenbar machten (vgl. Mt 9,30 ). Wenn sich herumsprach, daß er der Messias war, so hätte das den Konflikt nur weiter verschärft. Jesus reagierte so, damit die Prophezeiung Jesajas ( Jes 42,1-4 ), offensichtlich eine messianische Verheißung, erfüllt würde . "Die (Jesaja-Stelle) fügt sich gut in Matthäus' Argumentationsgang ein. Zum einen erklärt sie, wie der Rückzug des Königs im Blick auf das Werk des Messias zu verstehen ist. Der Messias darf nicht streiten oder in der Öffentlichkeit laut werden. Es ist ein schönes Bild für das Verständnis und das Erbarmen, das Jesus gezeigt hat, wenn Jesaja schreibt, daß er das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird. (...) Zum anderen ist die Weissagung Jesajas aber auch ein Beleg für die göttliche Bevollmächtigung des Messias. Auch wenn er nicht streitet und den offenen Konflikt meidet, ist er doch Gottes Knecht, der Gottes Plan ausführt" (Toussaint, Behold the King , S. 161).

Mt 12,18 ist letztlich eine Aussage über die Dreieinigkeit (zitiert nach Jes 42,1 ). Gott der Vater spricht von Christus als seinem Knecht , und sein Geist liegt auf dem Messias, der das Recht verkündigt. Die Heiden werden auf seinen Namen - den Namen Christi - hoffen ( Mt 12,21 ).



2. Jesu Macht über die bösen Geister
( 12,22-37 ) ( Mk 3,20-30; Lk 11,14-23;12,10 )




Obwohl der Text nichts darüber aussagt, wer den Besessenen , um den es hier geht, zu Jesus brachte, bezieht sich das "wurde gebracht" (V. 22 ) wohl auf die Pharisäer (vgl. V. 14 ). Wahrscheinlich entdeckten sie den Mann irgendwo und erkannten, daß es sich bei dem Kranken um einen wirklich schweren Fall handelte. Er war blind und stumm , es war also fast unmöglich, mit ihm zu kommunizieren. Man konnte ihm nicht vormachen, was er tun sollte, und Anweisungen konnteer zwar hören, doch nicht auf sie antworten. Jesus heilte ihn , indem er den Dämon austrieb, und sogleich redete und sah der Stumme wieder. Das Volk (wörtlich: "die ganze Menge") entsetzte sich ( existanto , "war außer sich"; zu anderen Ausdrücken für Erstaunen vgl. den Kommentar zu Mt 7,28 ) angesichts dieses Geschehens und fragte: "Ist dieser nicht Davids Sohn?" Mit anderen Worten: "Ist das nicht der verheißene Messias, der Nachkomme Davids (vgl. 1Sam 7,14-16 ), der gekommen ist, über uns zu herrschen und unser Volk zu retten?" Doch die Pharisäer dachten in einer ganz anderen Richtung. Sie waren der Überzeugung, daß Jesu Macht auf Beelzebul , den Obersten der Dämonen (vgl. Mt 9,34; zu der Bedeutung von "Beelzebul" und "Beelzebub" vgl. den Kommentar zu Mt 10,25; Mk 3,22 ), zurückzuführen sei.





Da Jesus wußte, was die Pharisäer dachten, verteidigte er seine Autorität. Dies war eine der wenigen Gelegenheiten, wo er es tat, der Anlaß dafür lag auf der Hand. Er führte drei Argumente gegen die Behauptung an, daß er den Satan durch Satan austreibe. Zunächst wandte er ein, daß der Teufel ja mit sich selbst uneins sein müsse (V. 25-26 ), wenn seine, Jesu, Taten tatsächlich auf die Einwirkung des Satans zurückzuführen wären. Warum sollte Satan Jesus einen Dämonen austreiben und einen Mann befreien lassen, den er bereits unter seiner Herrschaft hatte? Das würde sein Reich doch nur innerlich zerrütten und zu seiner Zerstörung führen.

Zweitens verwies Jesus auf die zeitgenössischen jüdischen Exorzisten, die in der Lage waren, durch die Macht Gottes böse Geister auszutreiben (V. 27 ). Die Apostel waren beispielsweise dazu imstande ( Mt 10,1 ), und auch von anderen glaubte man, daß sie diese Fähigkeit besäßen. Jesus sagte daher: "Wenn ihr glaubt, daß eure Exorzisten Dämonen mit der Hilfe Gottes austreiben, warum soll ich dann nicht dieselbe Macht haben?"

Drittens bewies der Erfolg Jesu beim Austreiben böser Geister , daß er stärker war als Satan. Er war in der Lage, in den Hoheitsbereich des Teufels ( das Haus eines Starken ), in die Welt der Dämonen, einzudringen und seine Siegesbeute heil wieder herauszubringen ( Mt 12,29 ). Da er das konnte, stand es auch durchaus in seiner Macht, das Reich Gottes unter den Menschen zu errichten (V. 28 ). Wenn er die Dämonen dagegen durch die Macht des Teufels austrieb, hätte er nichts mit dem Gottesreich zu schaffen und könnte es auch nicht auf die Erde bringen. Die Tatsache, daß er gekommen war, um das messianische Reich zu gründen, war also schon ein eindeutiger Beleg dafür, daß Jesus durch den Geist Gottes , nicht durch die Macht des Teufels, wirkte.





Jesus stellte die Menschen vor die Entscheidung: Sie konnten entweder mit ihm oder gegen ihn sein. Eindrücklich warnte er all jene, die sich von ihm entfernten. Verständlicherweise begriffen nicht alle Leute wirklich, wer Jesus war. Ein Mensch, der zugleich Gott ist und unter den Menschen lebt, wird natürlich nicht von allen akzeptiert. Daher machte Jesus auch gewisse Zugeständnisse wie z. B.: "Wer etwas redet gegen den Menschensohn, dem wird es vergeben." Doch wenn auch die Person Jesu nicht von allen verstanden wurde, so durfte doch die Macht, die in ihm sichtbar wurde, nicht verkannt werden, am allerwenigsten von den Schriftgelehrten und Pharisäern.

Das Volk war, verleitet durch seine Führer, im Begriff, eine Entscheidung mit nicht wiedergutzumachenden Folgen zu treffen. Die Menschen waren dabei, die Macht des Heiligen Geistes , die Jesu Handeln bestimmte, fälschlicherweise Satan zuzuschreiben und sich damit gegen den Geist zu versündigen und ihn zu lästern . Diese Sünde kann in dieser Form heute nicht mehr begangen werden, sie entzündete sich an Jesu leiblicher Gegenwart auf Erden und an den Wundern, die er durch die Macht des Geistes tat. Wenn nun die religiösen Führer der Juden, die ja für das Volk handelten, zu dem abschließenden Urteil kamen, daß Jesu Macht vom Satan stamme, dann begingen sie eine Sünde, die weder dem Volk noch dem einzelnen je vergeben würde ( weder in dieser noch in jener Welt ). Als Konsequenz dieser Verfehlung würde das Gericht Gottes über die ganze Nation und über jeden einzelnen, der bei dieser verkehrten Überzeugung blieb, kommen.

Der Gegensatz zwischen dem guten Baum und seinen Früchten und dem faulen Baum und seinen Früchten macht die beiden Alternativen, die die Menschen hatten, deutlich (vgl. Mt 7,16-20 ). Jesus verurteilte die Pharisäer als Schlangenbrut , die niemals etwas Gutes reden könne, weil ihr Herz böse sei. Die Menschen sind für ihre Handlungen und Worte verantwortlich und werden am Tage des Gerichts durch sie gerechtfertigt oder verdammt.



3. Die Forderung nach Zeichen
( 12,38-50 )




( Lk 11,29-32 ) Obwohl Jesus unmittelbar zuvor ein großes Wunder vollbracht hatte, baten die Pharisäer ihn um ein Zeichen (vgl. Mt 16,1 ). Die vielen Zeichen und Wunder, die bereits geschehen waren, galten ihnen also offenbar nichts, denn sie sagten wahrhaftig: "Wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen." Der Herr entgegnete ihnen, obgleich er ihnen sogar schon zahlreiche Zeichen gegeben hatte, der wahre Glaube verlange keine Zeichen. Nur ein böses und abtrünniges Gechlecht fordert ein Zeichen (vgl. Mt 16,4 ). (Der Ausdruck "abtrünnig" [ moichalis ] deutet an, daß Israel Gott durch sein Verhaftetsein an religiösen Äußerlichkeiten und durch die Ablehnung des Messias geistlich untreu geworden war.)

Aber es sollte für diese Menschen keine Zeichen mehr geben, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona (vgl. Mt 16,4 ). Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so würde der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. (Da die Juden auch angebrochene Tage als ganze Tage rechneten, verträgt sich dieser Gedanke durchaus mit der Theorie, daß die Kreuzigung an einem Freitag stattfand.) Durch die in diesem Zeichen enthaltene Anspielung auf seinen Tod machte Jesus klar, daß seine Verurteilung von seiten der Schriftgelehrten und Pharisäer bereits beschlossene Sache war. Damit sich diese Prophezeiung erfüllte, mußte Jesus endgültig abgelehnt werden, er mußte sterben und dann begraben werden. Wenn das aber geschah, so war es zu spät, sein Recht als Messias auf die Herrschaft über Israel anzuerkennen.

Die Generation, zu der Jesus hier sprach, besaß eigentlich ein einzigartiges Privileg, das keinem Geschlecht vor ihr zuteil geworden war. Die Leute von Ninive taten Buße nach der Predigt des Jona - eines Menschen. Die Königin vom Süden (d. i. die Königin von Saba; 1Kö 10,1-13 ) kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit - die Weisheit eines Menschen - zu hören . Beide reagierten also auf bemerkenswerte Weise und nahmen um dieser beiden Menschen willen viel auf sich. Die Menschen zur Zeit Jesu dagegen hatten es mit jemand zu tun, der mehr war als Jona und Salomo (vgl. Mt 12,6 ), und statt ihn zu akzeptieren, lehnten sie ihn ab. Ihre Strafe wird sie ereilen, wenn sie am Jüngsten Tag vor dem Richter stehen. Wieder einmal waren die Heiden empfänglicher für Gottes Handeln als das erwählte Volk selbst (vgl. Mt 11,20-24 ).





( Lk 11,24-26 ) Die Generation derer, die dauernd neue Zeichen verlangten, ging ihrer Verurteilung entgegen. Um den Menschen vor Augen zu führen, wie es ihnen ergehen würde, wenn sie auf ihrem Unglauben beharrten, verglich Jesus sie mit einem Menschen, der - vielleicht durch einen jüdischen Exorzisten - von einem Dämon ( einem unreinen Geist ) befreit worden war (vgl. Mt 12,27 ). Danach versuchte er auf ganz normale Weise, sein Leben zu ordnen, es zu "kehren" und zu "schmücken" . Doch bloße Religiosität reicht nicht aus, wenn die wirkliche, echte Bekehrung fehlt, daher kehrten die Dämonen, schlimmer als zuvor, zurück. Statt von einem einzigen war er nun von sieben anderen Geistern besessen, war also "ärger" dran als zuvor. Die Pharisäer und die anderen religiösen Führer liefen Gefahr, denselben Fehler zu begehen, denn ohne die Kraft Gottes blieben all ihre Erneuerungsbestrebungen fruchtlos.

Wie sich gezeigt hatte, besaßen sie jedoch keinerlei Gefühl für Gottes Macht, denn sie hatten ja die Macht des Heiligen Geistes mit der Macht Satans verwechselt (V. 24-28 ). Daher waren sie eine gute Zielscheibe für den Teufel.





( Mk 3,31-35; Lk 8,19-21 ): Als er noch zu dem Volk redete, standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wollten mit ihm reden. Der Apostel Johannes berichtet, daß Jesu Brüder (eigentlich seine Halbbrüder, Söhne der Maria, die nach Jesus geboren wurden) vor seiner Auferstehung nicht an ihn glaubten ( Joh 7,5 ). Vielleicht versuchten sie, durch den Kontakt zu ihm über ihre familiären Beziehungen in den Genuß besonderer Vorteile zu kommen. Nach den Worten Jesu hängt jedoch wahres Jüngertum nicht von Verwandtschaftsbeziehungen ab, sondern davon, ob jemand den Willen seines Vaters tut. Nur durch Religiosität ( Mt 12,43-45 ) oder durch verwandtschaftliche Bande (V. 46-50 ) kann man keine Verdienste vor Gott erwerben. Allein das Befolgen von Gottes Willen macht einen Menschen zum Jünger (vgl. Mt 7,21 ).



D. Die Gleichnisse über das ganz andere Gottesreich
( 13,1-52 )


Das vorhergehende Kapitel ( Kap. 12 ) bildet wahrscheinlich den wichtigsten Wendepunkt dieses Evangeliums. Der König hatte den Menschen seine Vollmacht durch zahlreiche Wunder bewiesen. Durch die Aussage der religiösen Führer, Jesus vollbringe seine Taten nicht durch die Macht Gottes, sondern des Satans, steigerte sich jedoch die Opposition gegen ihn immer mehr ( Mt 9,34; 12,22-37 ). Auch wenn das ganze Ausmaß des Hasses gegen ihn erst zu einem späteren Zeitpunkt voll zum Durchbruch kam, so waren doch die Würfel bereits gefallen. Daher wandte sich Jesus nun verstärkt an seine Jünger und begann, sie auf andere Weise mit seiner Lehre vertraut zu machen. Es folgt nun einer der wichtigsten Lehrabschnitte des Matthäusevangeliums (die anderen stehen in den Kap. 5-7; 10; 23-25 ).



1. Das Gleichnis vom Sämann
( 13,1-23 )




( Mk 4,1-9; Lk 8,4-8 ) Im Rahmen seiner nun folgenden Reden vor der Menge tat Jesus etwas, was er zuvor nicht getan hatte: Er erzählte Gleichnisse . (Diese Form der Verkündigung taucht an dieser Stelle zum ersten Mal im Matthäusevangelium auf.) Das Wort "Gleichnis" setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern para und ballO zusammen, die als zusammengesetztes Verb die Bedeutung "nebeneinanderstellen" haben. Ein Gleichnis zieht, ähnlich wie ein illustrierendes Beispiel, einen Vergleich zwischen einer bekannten und einer unbekannten Wahrheit; es stellt sie nebeneinander. Im ersten der sieben Gleichnisse in diesem Kapitel spricht Jesus von einem Bauern , der auf seinem Acker Samen säte. Das Hauptgewicht der Geschichte liegt dabei auf dem Resultat des Säens, denn die Saat fiel auf vier verschiedene Bodenqualitäten - auf den Weg ( Mt 13,4 ), auf felsigen Boden (V. 5 ), unter die Dornen (V. 7 ) und auf gutes Land (V. 8 ) - die auch vier verschiedene Ernteergebnisse zur Folge hatten.





( Mk 4,10-12; Lk 8,9-10 ) Die Jünger bemerkten die Veränderung in Jesu Art zu lehren sofort. Sie traten zu ihm und fragten ihn, warum er jetzt in Gleichnissen rede. Der Herr nannte ihnen drei Gründe. Die Gleichnisse sollten zum einen dazu dienen, ihnen neue Wahrheiten zu offenbaren. ( Mt 13,11-12 a). Er sagte, er enthülle ihnen damit die Geheimnisse des Himmelreichs . Das Wort "Geheimnisse" bezog sich im Neuen Testament auf Dinge, die im Alten Testament noch nicht offenbart worden waren und die Jesus nun seinen Jüngern mitteilte.

Warum verwendet Matthäus so häufig den Ausdruck "Himmelreich", wo doch Markus, Lukas und Johannes nur vom "Reich Gottes" schrieben? Nach Ansicht mancher Forscher hängt das mit dem Sprachgebrauch der Juden zusammen, die das Wort "Gott" aus Ehrfurcht möglichst nicht in den Mund nahmen und statt dessen andere Begriffe benutzten wie z. B. "Himmel". Andererseits kommt bei Matthäus durchaus auch der Begriff "Reich Gottes" an einigen Stellen vor ( Mt 12,28;19,24;21,31.43 ), und das Wort "Gott" verwendete er nahezu 50mal. Also scheint er wohl zwei verschiedene Dinge damit sagen zu wollen: Das "Reich Gottes" schließt nur die ein, die gerettet sind, während das "Himmelreich" sowohl diese Geretteten als auch die Menschen umfaßt, die zwar vorgeben, Christen zu sein, es in Wirklichkeit jedoch nicht sind. Das wird an den Gleichnissen vom Unkraut unter dem Weizen (vgl. den Kommentar zu Mt 13,24-30.36-43 ), vom Senfkorn (vgl. den Kommentar zu V. 31-35 ) und vom Fischnetz (vgl. den Kommentar zu V. 47-52 ) deutlich.

Es fällt auf, daß Jesus erst dann von den "Geheimnissen des Himmelreichs" sprach, als das Volk gleichsam schon den Stab über ihm gebrochen hatte. Die Entscheidung war gefallen, als die religiösen Führer seine göttliche Macht mit dem Teufel in Verbindung brachten ( Mt 9,34;12,22-37 ). Nun offenbarte Jesus bestimmte zusätzliche Aspekte seiner Herrschaft auf Erden, die so im Alten Testament noch nicht enthaltensind. Viele alttestamentliche Propheten hatten vorausgesagt, daß der Messias das Volk Israel befreien und sein Reich auf Erden errichten werde. Jesus kam und bot das Reich an ( Mt 4,17 ), doch das Volk wollte nichts von ihm wissen ( Mt 12,24 ). Was sollte nun aber aus dem verheißenen Gottesreich werden? Die "Geheimnisse", die Jesus in seinen Gleichnissen enthüllte, machten deutlich, daß zwischen der Verwerfung des Messiaskönigs und seiner Anerkennung durch Israel ein ganzes Zeitalter vergehen würde.

Zweitens sprach Jesus in Gleichnissen, um die Wahrheit vor den Ungläubigen zu verbergen. Die Geheimnisse des Reiches sollten zwar den Jüngern, nicht jedoch den Pharisäern und Schriftgelehrten, die den Herrn abgelehnt hatten, zugänglich gemacht werden ( Mt 13,11 b; diesen aber ist's nicht gegeben ). Ihnen sollte selbst das, was sie zuvor gewußt hatten, wieder genommen werden (V. 12 ). Jesu gleichnishafte Rede hatte dadurch zusätzlich einen richtenden Aspekt. Indem er in der Öffentlichkeit Parabeln einsetzte, konnte er zu ebensovielen Menschen sprechen wie zuvor, und anschließend konnte er die Jünger beiseite nehmen und ihnen die volle Bedeutung seiner Worte erklären.

Drittens sprach Jesus in Gleichnissen, um die Prophezeiung von Jes 6,9-10 zu erfüllen. Als Jesaja sein Amt antrat, sagte Gott ihm, daß die Menschen seine Botschaft nicht verstehen würden. Ebenso erging es auch Jesus. Er predigte das Wort Gottes, und viele Menschen hörten es, ohne es wirklich zu verstehen - mit hörenden Ohren verstehen sie es nicht . ( Mt 13,13-15 ).

Im Gegensatz zu ihnen waren die Jünger "selig" , weil sie den Vorzug hatten, die Wahrheit zu sehen (zu verstehen) und zu hören (V. 16 ), eine Wahrheit, die schon die Menschen im Alten Testament so dringend zu wissen begehrt hatten (V. 17 ; vgl. 1Pet 1,10-11 ). Die Jünger Jesu hörten dasselbe wie die Pharisäer, doch sie reagierten völlig anders darauf. Die Jünger sahen und glaubten; die Pharisäer sahen und lehnten ab. Da die religiösen Führer sich auf diese Weise von dem Licht, das ihnen gegeben war, abwandten, gab Gott ihnen auch kein weiteres Licht mehr.





( Mk 4,13-20; Lk 8,11-15 ) In seiner Auslegung des Gleichnisses vom Sämann verglich Jesus daher die vier Ergebnisse bei der Aussat mit vier Reaktionen auf das Wort von dem Reich . Es handelte sich dabei um die Botschaft, die Johannes, Jesus und die Apostel verkündigten. Erstens: Wenn jemand die Botschaft hört und nicht versteht , so kommt der Teufel (der Böse; vgl. Mt 13,38-39; 1Joh 5,18 ) und reißt das Wort, das in sein Herz gesät ist, hinweg. Das ist der, bei dem auf den Weg gesät ist . Die beiden folgenden Ergebnisse - dargestellt durch die Saat auf felsigem Boden , die keine Wurzel hat, und durch die Saat, die unter die Dornen (Sorgen und Reichtum) fällt, die das Wort ersticken - stehen für das anfängliche Interesse dieser Hörer, deren Antwort jedoch beide Male nicht aus dem Herzen kommt. Die Saat auf felsigem Boden symbolisiert einen Menschen, der das Wort hört, doch sogleich wieder abfällt (wörtlich "sich ärgern, Anstoß nehmen", skandalizetai ; vgl. Mt 13,57;15,12 ), wenn er wegen seines Interesses an dem Wort irgendwelche Schwierigkeiten bekommt. Nur die Saat, die auf guten Boden fällt, zeitigt am Ende bleibende Ergebnisse und bringt Frucht hervor, die hundertfach, sechzigfach oder dreißigfach trägt . Der, der Jesu Wort glaubt ( der das Wort hört und versteht ) wird also umso mehr empfangen und verstehen (vgl. Mt 13,12 ).

Daß die Erträge so unterschiedlich ausfallen, liegt nicht am Saatgut, sondern an der Beschaffenheit des Bodens, auf den die Saat fällt. Als das Evangelium vom Reich Gottes zum ersten Mal verkündigt wurde, war es für alle dieselbe "gute Nachricht". Der Unterschied lag lediglich in den einzelnen Menschen, die das Wort hörten. Jesus wollte in seiner Deutung nicht darauf hinaus, daß es nun genau ein Viertel der Hörer des Wortes sind, diezum Glauben kommen, ihm ging es vielmehr um die Aussage, daß die Mehrheit seine Botschaft nicht positiv aufnehmen würde. Er machte mit diesem Gleichnis klar, warum die Pharisäer und Schriftgelehrten seine Botschaft verwarfen. Sie waren nicht bereit, sie anzunehmen und in sich wachsen zu lassen, sie waren kein "fruchtbarer Boden". Das "Geheimnis", von dem Jesus hier sprach, war die Wahrheit, daß das Evangelium, die "frohe Botschaft", von der Mehrheit der Menschen abgelehnt wurde. Davon stand im Alten Testament nichts.



2. Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen
( 13,24-30.36-43 )




Auch im zweiten Gleichnis benutzte Jesus das Bild des Sämanns, wenn auch mit einer kleinen Abänderung. Nachdem ein Bauer guten Samen auf seinen Acker gesät hatte, kam in der Nacht sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen . So wuchs bis zur Ernte mit dem Weizen auch das Unkraut, denn wenn man es sogleich ausgerissen hätte, hätte man den Weizen gleich mit ausgerauft (V. 28-29 ). Daher mußte beides miteinander wachsen bis zur Ernte, doch dann wurde zuerst das Unkraut gesammelt und verbrannt und danach der Weizen in die Scheune gesammelt .

 



Auf diese Verse wird später, nach Vers 43 , eingegangen.





Als Jesus und seine Jünger das Volk verlassen hatten und heimkamen, baten sie ihn um eine Deutung für das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker . Er sagte: "Der Menschensohn ist's, der den guten Samen sät." Diese Aussage ist wichtig für das Verständnis aller Gleichnisse Jesu. Sie setzen immer zu der Zeit ein, als der Herr noch selbst auf Erden war und das Evangelium verkündete.

Zweitens: Der Acker ist die Welt , in der das Evangelium verbreitet wird.

Drittens: Der gute Same sind die Kinder des Reichs . Der gute Same in diesem Gleichnis entspricht dem Samen im ersten Gleichnis, der gute Frucht trägt. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen (vgl. V. 19 ), die vom Feind, dem Teufel , zwischen den Weizen gesät wurden. Auch von dieser Möglichkeit war im Alten Testament nicht die Rede gewesen; dort sollte in einem Reich der Gerechtigkeit das Böse überwunden sein.

Viertens: Die Ernte ist das Ende der Welt, und die Schnitter sind die Engel (vgl. V. 49 ). Hier wird auf das Ende des Zeitabschnitts, für den die Gleichnisse gelten, verwiesen. Das "Ende der Welt" ist der Abschluß des gegenwärtigen Zeitalters, bevor Christus das messianische Reich errichten wird. Die Gleichnisse in Mt 13 behandeln also die Zeit von Christi Wirken auf Erden bis zum Tag des Gerichts bei seiner Rückkehr. Bei seinem zweiten Kommen werden die Engel die Bösen sammeln und sie in den Feuerofen werfen (V. 40-42 ; vgl. V. 49-50 ; 2Thes 1,7-10; Offb 19,15 ).

Da wird Heulen und Zähneklappern sein - eine Wendung, die Matthäus häufig im Zusammenhang mit dem Gericht gebraucht ( Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30 ) und die auch bei Lukas einmal auftaucht ( Lk 13,28 ). Sie bezieht sich jedesmal auf das Gericht über die Sünder, bevor das Tausendjährige Reich errichtet wird. "Heulen" ist ein Ausdruck des Kummers und Leids (der emotionalen Qual der Verlorenen in der Hölle), während das "Zähneklappern" oder -knirschen ein Synonym für Schmerzen ist (die physische Qual in der Hölle). Wir haben es hier mit einer der zahlreichen Stellen zu tun, in denen Matthäus vom Gericht spricht. Die Gerechten jedoch werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich ( Mt 13,43; vgl. Dan 12,3 ).

In der Zeit zwischen der Ablehnung Jesu und seiner Rückkehr ist der König abwesend, doch sein Reich besteht fort, wenn auch in etwas veränderter, erst jetzt offenbar werdender Form. Der Zeitraum zwischen diesen beiden Ereignissen erstreckt sich weiter als das Zeitalter der Kirche, schließt dieses jedoch ein. Die Kirche nahm ihren Anfang an Pfingsten, und sie wird mit der Entrückung der Gläubigen enden, spätestens jedoch sieben Jahre vor dem Ende dieses Zeitalters. Die Zwischenzeit, in der die "Geheimnisse" für das Reich bestimmend sind, ist von der Verbreitung des Glaubens gekennzeichnet, doch auch von einer Gegenbewegung gegen den Glauben, die bis zum Eintreffen des Gerichts nicht endgültig von ihr geschieden werden kann. Zu dieser Zeit gehört, wie manche Glaubensrichtungen versichern, weder der weltweite Sieg des Evangeliums noch die Herrschaft Christi auf Erden. Es ist einfach die Zeit zwischen seinem zweimaligen Erscheinen auf Erden, die Zeit, bevor er zurückkehrt, um das David durch seinen größeren Sohn verheißene Reich zu errichten.



3. Das Gleichnis vom Senfkorn
( 13,31-32 ) ( Mk 4,30-32; Lk 13,18-19 )




Ein anderes Gleichnis , das Jesus dem Volk erzählte, vergleicht das Himmelreich mit einem Senfkorn , dem kleinsten bekannten Samenkorn. (Die noch kleineren Obstsamen waren in diesem Teil der Welt unbekannt.) "Klein wie ein Senfkorn" war also eine Wendung, mit der die Menschen damals etwas ganz besonders Winziges bezeichneten (z. B. Glauben ... wie ein Senfkorn"; vgl. Mt 17,20 ).

Obwohl ihr Samenkorn so klein ist, wächst eine Senfpflanze jedoch in einem Jahr zu einer beträchtlichen Höhe (drei bis vier Meter!), und in ihren Zweigen können die Vögel unter dem Himmel wohnen . Jesus deutete dieses Gleichnis nicht direkt. Es könnte ein Bild dafür sein, daß die Gruppe der bekennenden Gläubigen, von denen er im zweiten Gleichnis sprach, die spätere Christenheit, am Anfang vielleicht nur wenige Mitglieder zählt, sich aber dann rasch zu einer großen Bewegung entwickelt. Die Erwähnung der Vögel, die in den Ästen nisten, könnte vielleicht darauf hindeuten, daß zu dieser Bewegung nicht nur Gläubige, sondern auch Ungläubige gehören, die sich in ihr "eingenistet" haben. Andere Interpretatoren hingegen sind der Ansicht, daß die Vögel nicht für etwas Negatives stehen, sondern für den Reichtum und Überfluß, den die Senfpflanzen besitzen und an dem sie andere teilhaben lassen.



4. Das Gleichnis vom Sauerteig
( 13,33-35 ) ( Mk 4,33-34; Lk 13,20 )




In seinem vierten Gleichnis verglich Jesus das Himmelreich mit einem Sauerteig , der, wenn er unter einen halben Zentner Mehl gemengt wird, den ganzen Teig durchsäuert . Viele Exegeten sehen den Sauerteig als ein Bild für das Böse, das während des Zeitintervalls zwischen den beiden Kommen des Königs herrscht, denn in der Bibel wird das Böse häufig durch den Sauerteig veranschaulicht (z. B. 2Mo 12,15; 3Mo 2,11;6,10;10,12; Mt 16,6.11-12; Mk 8,15; Lk 12,1; 1Kor 5,7-8; Gal 5,9 ). Wenn das tatsächlich auch in diesem Gleichnis der Fall wäre, wäre der Gedanke des Bösen allerdings etwas überrepräsentiert, da ja bereits im zweiten Gleichnis vom Bösen die Rede war. Daher existiert daneben die Auffassung, daß Jesus wohl eher den dynamischen Charakter des Sauerteigs gemeint habe. Denn wenn Sauerteig erst einmal angefangen hat zu "gehen", ist es unmöglich, diesen Prozeß noch aufzuhalten. Vielleicht wollte Jesus damit sagen, daß sich die Zahl derer, die sich zu seinem Reich bekennen, rasch vermehren werde und daß nichts sie aufhalten kann. Diese Vorstellung wird der Grundeigenschaft des Sauerteigs gerecht und fügt sich auch gut in den Gesamtaufbau der Gleichnisse.

Die Zwischenbemerkung von Matthäus ( Mt 13,34-35 ) schließt sich unmittelbar an die früheren Aussagen Jesu an (vgl. V. 11-12 ): Durch sein Reden in Gleichnissen erfüllte er die Schrift ( Ps 78,2 ) und lehrte zugleich Dinge, die bisher verborgen gewesen waren.





Der Kommentar zu diesen Versen steht unter "2. Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen ( 13,24-30.36-43 )".



5. Das Gleichnis vom Schatz im Acker
( 13,44 )




In einem fünften Gleichnis verglich Jesus das Himmelreich mit einem Schatz, verborgen im Acker . Ein Mensch, der diesen Schatz gefunden hatte, kaufte den Acker, um den Schatz für sich zu behalten. Da der Herr auch dieses Gleichnis nicht deutete, finden sich hier ebenfalls mehrere verschiedene Auslegungsvarianten. Von der Abfolge der Gleichnisse her scheint es am wahrscheinlichsten, daß hier von Israel, Gottes "Eigentum" ( 2Mo 19,5; Ps 135,4 ), die Rede ist. Ein Grund dafür, daß Jesus in die Welt kam, war Israels Erlösung. Man könnte ihn also mit dem Mann gleichsetzen, der alles verkaufte, was er besaß (die Herrlichkeit des Himmels; vgl. Joh 17,5; 2Kor 8,9; Phil 2,5-8 ), um den Schatz zu erwerben.



6. Das Gleichnis von der kostbaren Perle
( 13,45-46 )




Dieses Gleichnis, das Jesus ebenfalls nicht erläuterte, weist Parallelen zum vorhergehenden auf. Die kostbare Perle könnte ein Bild der Kirche sein, der Braut Jesu Christi. Perlen sind einzigartig. "Sie bilden sich nach einer Verletzung im weichen Innern einer Auster. So könnte man sagen, daß sich die Kirche aus den Wunden Jesu Christi bildete und erst durch seinen Tod und sein Opfer möglich wurde" (John F. Walvoord, Matthew, Thy Kingdom Come ; S. 105). Der Kaufmann, der alles verkaufte, was er hatte , um die kostbare Perle zu kaufen, ist Jesus Christus, der durch seinen Tod die Erlösung der Gläubigen erkauft hat. Diese beiden Gleichnisse, die so eng verwandt sind - das Gleichnis vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle - lehren, daß Israel in der Zeit, in der der König abwesend ist, weiterexistieren und die Kirche wachsen wird.



7. Das Gleichnis vom Fischnetz
( 13,47-52 )




Jesu siebtes Gleichnis vergleicht das Himmelreich mit einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt . Wenn es voll ist, ziehen (die Fischer) es heraus an das Ufer und lesen die guten (Fische) in Gefäße zusammen, aber die schlechten werfen sie weg . Jesus sagte: "So wird es am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden" (V. 49 ; vgl. V. 37-43 ). Diese Scheidung wird vorgenommen werden, wenn Jesus zurückkehrt, um sein Königreich auf Erden zu errichten (vgl. Mt 25,31-46 ).





Jesus fragte die Jünger zum Schluß, ob sie alles verstanden hätten , was er ihnen gesagt hatte. Daß sie mit "ja" antworteten, ist erstaunlich, denn sie können die ganze Bedeutung der Gleichnisse eigentlich gar nicht erfaßt haben. Ihre folgenden Fragen und Handlungen zeigen denn auch, daß dies keineswegs der Fall war. Jesus aber erfüllte in seinen Gleichniserzählungen gleichsam die Funktion eines Hausvaters, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt .

Er teilte den Jüngern in diesen sieben Gleichnissen zum einen Dinge mit, die ihnen altvertraut waren, und andere, die sie noch nicht kannten. Sie wußten von einem messianischen Königreich, doch sie wußten nicht, daß dieses Reich, als es greifbar nahe war, von den Menschen zurückgewiesen werden sollte. Sie wußten, daß es ein Reich voller Gerechtigkeit war, doch sie wußten nicht, daß auch das Böse noch darin existieren sollte. Jesus sagte ihnen, daß die Zeit zwischen seiner Verwerfung und seiner Wiederkunft unter dem Zeichen des - aufrichtig gemeinten oder vorgetäuschten - Bekenntnisses vieler Menschen zum Glauben an ihn stehen werde. Sie würden am Anfang noch wenige sein, doch sie sollten allmählich und unaufhaltsam zu einem großen "Reich" von Gläubigen werden. Im Zuge dieses Prozesses würde Gott sein Volk Israel bewahren und seine Kirche bauen. Diese "Interimszeit" wird mit dem Gericht enden, in dem die Bösen von den Gerechten getrennt werden, und im Anschluß daran werden die Gerechten zusammen mit Christus in seinem Reich auf der Erde herrschen. Mit den Gleichnissen beantwortete Jesus also die Frage: "Was wird aus dem Gottesreich?" Die Antwort lautete: Gottes Reich auf Erden wird bei Jesu zweitem Kommen errichtet werden; in der Zwischenzeit existieren das Gute und das Böse nebeneinander.

 

E. Weitere Lehren und Wunder
( 13,53-16,12 )


1. Die Ablehnung Jesu in Nazareth
( 13,53-58 ) ( Mk 6,1-6 )




Nachdem Jesus seinen Jüngern dies alles gesagt hatte, kehrte er in seine Vaterstadt zurück (Nazareth; Lk 1,26-27; Mt 2,23;21,11; Joh 1,45 ) und lehrte in ihrer Synagoge . Bei einem früheren Besuch in Nazareth hatten die Einwohner von seiner Lehre nichts wissen wollen, und die aufgebrachte Menge hatte sogar versucht, ihn einen Berg hinabzustürzen ( Lk 4,16-29 ). Diesmal waren die Menschen zwar von seinen Taten und seiner Weisheit beeindruckt, doch sie lehnten ihn auch jetzt wieder ab. Sie erinnerten sich daran, daß er der Sohn des Zimmermanns war ( Mt 13,55 ), und auch an seine vier (Halb)brüder (nicht Cousins), Kinder von Maria und Josef, die diese nach der Geburt Jesu bekamen. Drei dieser Söhne - Jakobus, Simon und Judas - dürfen im übrigen nicht mit den drei gleichnamigen Aposteln verwechselt werden. Die Nazarener weigerten sich rundheraus, an Jesus zu glauben, und behinderten sein Wirken in der Stadt,wo sie nur konnten. Ihr Problem war, daß ihnen Jesus einfach zu vertraut war, so daß sie in ihm immer nur den jungen Mann sahen, der unter ihnen aufgewachsen war. Ein so "normaler" Mensch konnte auf keinen Fall der verheißene Messias sein! Folglich lehnten sie ihn ab und ärgerten sich an ihm . Jesus war nicht überrascht darüber; seine Entgegnung auf die Reaktion seiner Heimatstadt wurde zu einem oft zitierten Sprichwort: "Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause." Wegen ihres Unglaubens tat Jesus auch nicht viele Zeichen in dieser Stadt.



2. Die Ablehnung Jesu durch Herodes
( Mt 14 )


a. Die Hinrichtung Johannes des Täufers
( 14,1-12 ) ( Mk 6,14-29; Lk 3,19-20; 9,7-9 )




Als sich die Kunde von Jesus und den Wundern, die er tat, ausbreitete, kam sie auch vor Herodes. Es handelte sich dabei um Herodes Antipas, der über ein Viertel von Palästina, einschließlich Galiläas und Peräas, herrschte (daher der Titel "Tetrarch"). Er regierte vom Jahr 4 v. Chr. bis 39 n. Chr. Während sein Vater, Herodes der Große, für den Kindermord in Bethlehem verantwortlich war ( Mt 2,16 ), war es Herodes Antipas, der Jesus verurteilte, als er vor Gericht stand ( Lk 23,7-12 ). (Vgl. die Tabelle zum Geschlecht des Herodes bei Lk 1,5 .)

Herodes glaubte, daß Jesus der von den Toten auferstandene Johannes der Täufer sei (vgl. Lk 9,7 ). Matthäus' letzte Nachricht über Johannes den Täufer war gewesen, daß er Boten zu Jesus sandte, um ihm eine Frage zu stellen ( Mt 11,2-14 ). Jetzt erzählt er die Geschichte des Wegbereiters Christi zu Ende. Herodes Antipas hatte Johannes wegen Herodias in das Gefängnis geworfen , denn Johannes hatte Herodes öffentlich verurteilt, weil er mit Herodias, seiner Schwägerin, zusammenlebte. Sie war die Frau seines Bruders Philippus , die Beziehung war also sittenwidrig. Herodes Antipas hätte Johannes gern getötet, doch er fürchtete sich, weil das Volk ihn liebte und für einen Propheten hielt; daher hatte er ihn nur aus der Öffentlichkeit entfernt und ins Gefängnis geworfen. Doch auf einer Geburtstagsfeier tanzte Salome, die Tochter der Herodias , vor Herodes. Ihr Tanz gefiel Herodes so gut, daß er törichterweise versprach, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Sie aber bat, angestiftet von ihrer Mutter: "Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers!" Obwohl diese Bitte Herodes sehr traurig machte ( lypEtheis bedeutet "bekümmert oder sehr traurig sein"; vgl. Mt 18,31;19,22 ), war er doch an seinen Eid gebunden ( Mt 14,9 ). Daher erfüllte er ihren Wunsch und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten .

Die Jünger des Johannes begruben seinen Leichnam und berichteten Jesus, was geschehen war. Letztlich war Herodes' Tat zugleich auch ein Sinnbild für die Ablehnung Jesu, denn Matthäus verband das Wirken dieser beiden Männer in seinem Bericht auf so besondere Art und Weise, daß das, was dem einen von ihnen widerfuhr, eine direkte Auswirkung auf den anderen zu haben schien. So lehnte Herodes mit dem Wegbereiter des Königs zugleich auch den König, der ihm folgte, ab.



b. Der Rückzug Jesu
( 14,13-36 )


Als Jesus vom Tod Johannes des Täufers erfuhr, zog er sich mit seinen Jüngern in eine einsame Gegend zurück. Von diesem Zeitpunkt an richtete sich seine Lehre in erster Linie an die Jünger. Er wollte sie wohl auf ihre späteren Aufgaben vorbereiten, weil er wußte, daß er sie bald verlassen würde. Das Volk zu überzeugen, daß er der Messias war, hatte er fast ganz aufgegeben.





( Mk 6,30-44; Lk 9,10-17; Joh 6,1-14 ) Die Leute ahnten, wohinJesus und seine Jünger gegangen waren, und folgten ihm zu Fuß, an der nördlichen Küste des Sees Genezareth entlang. Als Jesus die große Menge sah, jammerten ( esplanchnisthE ; vgl. den Kommentar zu Mt 9,36 ) ihn die Menschen, und er heilte ihre Kranken . Gegen Abend schließlich wollten seine Jünger das Volk wegschicken, denn in dieser öden Gegend ( einsamen Gegend ; vgl. Mt 14,13 ) gab es nicht genügend zu essen für so viele Menschen. Doch der Herr sagte: "Es ist nicht nötig, daß sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen." Ihr ganzer Vorrat bestand jedoch aus fünf Broten und zwei Fischen . Mit diesen Nahrungsmitteln vollbrachte Jesus abermals ein Wunder. Die Brote und Fische vervielfachten sich unmerklich, so daß sie alle aßen und satt wurden , ja, es war noch mehr als genug übrig, zwölf Körbe voll. Etwa fünftausend Mann und viele Frauen und Kinder waren auf diese Weise versorgt worden, zusammen vielleicht 15 000 bis 20 000 Menschen.























Dieses Wunder ereignete sich bei Betsaida (vgl. den Kommentar zu
Lk 9,10 ), kurz vor dem Passafest ( Joh 6,4 ). Es ist das einzige Wunder Jesu, von dem alle vier Evangelien, auch das Johannesevangelium, berichten. Es wurde in erster Linie für die Jünger vollbracht. Jesus wollte ihnen vor Augen führen, wie sie sich nach seinem Fortgang verhalten sollten und was ihr Amt sein würde. Auch sie sollten den Menschen zu essen geben, allerdings geistliche Nahrung, und die Quelle, aus der sie schöpften, würde der Herr selbst sein. Wenn ihre Vorräte zur Neige gingen, wie das Brot und der Fisch, sollten sie sich an ihn wenden. Er würde ihnen das Nötige geben, doch ihre Aufgabe würde es sein, es an die Menschen weiterzugeben. Das Volk, das Jesus auf so wunderbare Art satt gemacht hatte, spürte, daß er der verheißene Prophet war ( Joh 6,14-15; 5Mo 18,15 ), und versuchte, ihn zum König zu machen. Wer ihre körperlichen Leiden heilen und ihnen so überreichlich Nahrung geben konnte, mußte ganz sicher der erwartete König sein. Doch die Zeit für die Königsherrschaft des Messias war noch nicht gekommen. Die religiösen Führer des Volkes hatten sich gegen Jesus entschieden ( Mt 12,24 ), und seine offizielle Verurteilung stand kurz bevor.








( Mk 6,45-56; Joh 6,16-21 ) Nach dem Speisungswunder schickte Jesus seine Jünger in einem Boot voraus, und nachdem er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten (vgl. Joh 6,15 ). Mit dem Wegschicken der Jünger bezweckte er zweierlei: zum einen entfernte er sie dadurch von der Menge, und zum anderen gab er ihnen Gelegenheit, über das, was soeben durch sie geschehen war, nachzudenken. Sie gerieten bald darauf in einen Sturm, und irgendwann zwischen drei und sechs Uhr morgens ( in der vierten Nachtwache ) kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See zu ihrem Boot. Es handelte sich dabei um eine Entfernung von etwa 5 Kilometern (vgl. Joh 6,19 "als sie nun etwa eine Stunde gerudert hatten"). Was hier geschah, war ein Beweis für die Macht Jesu über die Naturelemente, mehr noch aber war es eine Lehre für den Glauben der Jünger. Ihre anfängliche Furcht, ein Gespenst zu sehen ( Mt 14,26 ), legte sich erst, als Jesus mit ihnen sprach.

Doch Petrus genügte diese Bestätigung nicht, er wollte einen stärkeren Beweis dafür, daß es wirklich der Herr war. Er sagte: "Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser." Der Herr sagte einfach: "Komm her!" Petrus' erste Reaktion spricht sehr für seinen Glauben, denn er stieg aus dem Boot und kam auf Jesus zu . (Petrus' Gang auf dem Wasser wird nur bei Matthäus erwähnt.) In der ganzen Geschichte der Menschheit, soweit sie aufgezeichnet wurde, gingen nur zwei Menschen auf dem Wasser: Jesus und Petrus. Aber der Glaube des Jüngers geriet ins Wanken, als er den starken Wind , d. h. das vom Sturm aufgewühlte Wasser, sah. Er begann zu sinken und schrie: "Herr, hilf mir!" Sogleich streckte Jesus die Hand aus und ergriff ihn . Er tadelte Petrus jedoch für seinen Kleinglauben (vgl. Mt 6,30;8,26;16,8 ), der ihn beinahe hatte untergehen lassen.

Als die beiden das Boot erreichten, beruhigte sich der Sturm und die erstaunten Jünger fielen nieder und beteten Jesus an. Ihr Bild von Jesus hatte eine neue Dimension hinzugewonnen, sie erkannten ihn nun als Gottes Sohn an. Ganz anders die Leute aus Genezareth ( Mt 14,34 ), einer fruchtbaren Ebene südwestlich von Kapernaum: Als sie hörten, daß Jesus angekommen sei, brachten sie alle Kranken zu ihm , damit er sie heile. Daß sie nur den Saum seines Gewandes berühren wollten, erinnert an die Frau mit dem Blutfluß aus dieser Gegend, die ebenfalls gesund geworden war, weil sie Jesu Gewand berührt hatte ( Mt 9,20 ). Diese Menschen sahen in Jesus einen großen Heiler, doch wer er wirklich war, konnten sie nicht ganz begreifen. Das Verständnis der Jünger für seine wahre Identität wuchs dagegen ständig.



3. Die Auseinandersetzungen mit den religiösen Führern
( 15,1-16,12 )


a. Der erste Streit und sein Ergebnis
( Mt 15 )




( Mk 7,1-13 ) Die Nachricht von Jesu Lehre und seinen mächtigen Taten hatte sich bereits im ganzen Land verbreitet. "Offizielle Stellen" in Jerusalem waren offensichtlich auf ihn aufmerksam geworden, denn eine Abordnung aus Jerusalem kam nach Galiläa, um Jesus über bestimmte Satzungen aus der jüdischen Tradition zu befragen. Ihr Angriff richtete sich gegen die Jünger Jesu, die beschuldigt wurden, die zeremonielle Vorschrift, sich die Hände zu waschen , bevor sie Brot essen, übertreten zu haben. Bei diesem Gebot (rabbinisch, nicht mosaisch) handelte es sich um ein kompliziertes Reinigungsritual, zu dem nicht nur das Waschen der Hände, sondern auch der Trinkgefäße, Kessel und Krüge gehörte ( Mk 7,3-4 ).

Jesus ging sofort zum Gegenangriff über und fragte sie seinerseits: "Warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Satzungen willen?" Er zitierte das fünfte Gebot: "Du sollst Vater und Mutter ehren" ( Mt 15,4; 2Mo 20,12 ). Die Juden hielten dieses Gebot für so wichtig, daß jemand, der seinen Eltern fluchte, zum Tode verurteilt wurde ( 2Mo 21,17; 3Mo 20,9 ).

Doch Jesus wies nach, daß die Pharisäer und Schriftgelehrten das Gebot eigentlich außer Kraft gesetzt hatten ( Mt 15,6 ). So konnte man beispielsweise einfach behaupten, ein bestimmter Gegenstand sei Gott als Opfergabe geweiht. Dieser Gegenstand wurde dann zur Seite gelegt. Im Grunde genommen war das jedoch nur ein geschickter Trick, um den Eltern gewisse Dinge nicht geben zu müssen. Man konnte sie in seinem eigenen Haus behalten und behaupten, sie seien abgesondert für Gott. Jesus brandmarkte diese Handlungsweise als heuchlerisch (V. 7 ), denn sie gab den Betreffenden den äußeren Anschein von Frömmigkeit, während es in Wirklichkeit nur darum ging, ihren Besitz für sich selbst zu behalten. Den Eltern Dinge vorzuenthalten, die ihnen zustanden, war eine vorsätzliche Verletzung des fünften Gebots. Eine ganz ähnliche Situation hatte schon Jesaja Jahrhunderte zuvor beschrieben ( Jes 29,13 ). Die Religion war eine Sache des Zeremoniells und menschlicher Regeln und Vorschriften geworden. Das Herz der Menschen war fern von Gott und ihr Gottesdienst war deshalb vergeblich ( matEn , "nutzlos"; ein Adjektiv, das nur an dieser Stelle [ Mt 15,19 ] und in der Parallelstelle bei Markus [ Mk 7,7 ] steht; es ist eine Variation des gebräuchlicheren Adjektivs mataios , "ergebnislos, sinnlos").

 



( Mk 7,14-23 ) Dann wandte Jesus sich an das Volk und warnte die Menschen vor den Lehren der Pharisäer und Schriftgelehrten. Er legte ihnen dar, daß man nicht durch das, was zum Munde hineingeht , sondern durch das, was zum Munde herauskommt , unrein wird. Die Pharisäer irrten, wenn sie glaubten, ihre Waschungen machten sie spirituell rein.

Die Jünger berichteten Jesus, daß die Pharisäer an diesem Ausspruch Anstoß genommen hätten (vgl. Mt 13,21.57 ), weil sie merkten, daß er sich gegen sie richtete. Jesus antwortete, daß die Pharisäer nicht von seinem himmlischen Vater gepflanzt worden seien (auch hier sprach er wie an vielen anderen Stellen im Matthäusevangelium von Gott als seinem "Vater") und deshalb ausgerissen würden (im Gericht). Man solle sie sich selbst überlassen, denn sie hätten ihren Weg gewählt und nichts könne sie abhalten. Sie seien im Grunde blinde Blindenführer , die ein blindes Volk führten und am Ende in die Grube fallen würden.

Petrus bat um weitere Erklärungen zu der Aussage über die Unreinheit ( "dieses Gleichnis" bezieht sich auf die Worte Jesu in Mt 15,11; vgl. Mk 7,15-17 ), deshalb ging Jesus nochmals genauer auf das Gesagte ein. Die Unreinheit einer Person kommt nicht von außen. Was von außen kommt, passiert einfach das Verdauungssystem und wird schließlich wieder ausgeschieden. Was aber aus dem Mund herauskommt, hängt damit zusammen, wie es gerade im Herzen des einzelnen aussieht, und das macht den Menschen unter Umständen wirklich unrein (oder erweist ihn als unrein; koinoi , "zeremoniell unrein"). Böse ( ponEroi ) Gedanken, Mord, Ehebruch ( moicheiai ), Unzucht ( porneiai ), Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung - alle diese Taten und Worte entstehen aus dem Herzen des Menschen. Das aber ist es - nicht das Essen mit ungewaschenen Händen - was zu spiritueller Unreinheit führt.

 



( Mk 7,24-30 ) Um den Fragen der Pharisäer und Schriftgelehrten zu entgehen, verließ Jesus Israel und zog sich nach Norden, in die Gegend von Tyrus und Sidon , in die von Heiden bewohnte Küstenregion von Phönizien, zurück. Tyrus lag 50 und Sidon 90 Kilometer von Galiläa entfernt. Dort traf er eine kanaanäische Frau . (Jahrhunderte zuvor wurden die Bewohner dieses Gebiets Kanaanäer genannt; 4Mo 13,29 .) Sie bat ihn, sich ihrer Tochter , die von einem bösen Geist besessen war, zu erbarmen, und sprach ihn als Herr, Sohn Davids, also mit einem Messiastitel, an (vgl. Mt 9,27;20,30-31 ). Doch selbst das half ihr nicht, denn sie kam zu einem ungelegenen Zeitpunkt. Als Jesus ihr nicht antwortete und sie ihn weiterhin bat, drängten die Jünger ihn, sie doch zufriedenzustellen. Wahrscheinlich fragten sie: "Herr, sei doch so gut und hilf dieser Frau - warum tust du es nicht? Sie wird nicht Ruhe geben, bis du ihr hilfst."

Jesus erinnerte sie: "Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel" (vgl. Mt 10,6 ). Er war gekommen, um seinem eigenen Volk das Reich zu bringen, das David viele Jahrhunderte zuvor verheißen worden war. Es war daher nicht in Ordnung, wenn er den Heiden Segnungen brachte, bevor Israel gesegnet war. Doch die Frau war nicht so leicht zu entmutigen. Jesus war ihre letzte Hoffnung für ihr Kind. Sie bat ihn auf den Knien: "Herr, hilf mir!" Jesu Antwort machte ihr ihre Lage klar, denn er sagte: "Es ist nicht recht, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde." Er zeichnet das Bild einer Familie, die sich zum Mahl um den Tisch versammelt hat und die Speisen ißt, für die der Haushaltsvorstand gesorgt hat. Die heidnische Frau sah sich selbst in diesem Bild. Sie war kein Kind der Familie (Israel), für das die auserlesensten Leckerbissen bereitgehalten wurden.

Sie sah sich als Haushund (als eine Heidin; die Juden nannten die Heiden häufig "Hunde"), der die Brosamen, die vom Tisch des Herrn fallen , erhält. Sie wollte Israel ja nicht den Segen Gottes wegnehmen, sondern bat nur darum, daß auch für sie in ihrer Not ein kleines bißchen von diesem Segen abfiele. Als er diesen großen Glauben (vgl. Mt 8,10 ), nach dem er in Israel so lange gesucht hatte, sah, erfüllte Jesus ihre Bitte: Ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde . Der Glaube dieser heidnischen Frau stand in schroffem Gegensatz zur Haltung der religiösen Führer Israels, die Jesus verwarfen. Mt 15,29-39 : ( Mk 7,31-8,10 ): Als Jesus aus Tyrus und Sidon zurückkehrte, kam er an das Galiläische Meer, ging auf einen Berg und setzte sich dort (vgl. Mt 14,23 ). Eine große Menge brachte viele Kranke zu ihm . Nach Mk 7,31-37 waren die Menschen, von denen Mt 15,30-31 spricht, wahrscheinlich Heiden (vgl. auch Mk 8,13 mit Mt 15,39 ). Jesus heilte sie, und sie priesen den Gott Israels . Auf diese Weise zeigte Jesus, was er für die Heiden wie auch für die Juden tun wird, wenn sein gerechtes Tausendjähriges Reich auf Erden errichtet sein wird.

Er tat das drei Tage lang. Dann jammerte ihn das Volk ( splanchnizomai ; vgl. den Kommentar zu Mt 9,36; Lk 7,13 ), und er wollte die Menschen nicht hungrig gehen lassen . Doch die Jünger wandten ein, wie sie in der Wüste (vgl. Mt 14,15 ) genug Lebensmittel kaufen sollten, um eine so große Menge zu sättigen . Als Jesus sie fragte, wieviel sie denn selbst dabei hätten, antworteten sie, der ganze Vorrat bestehe aus sieben (Broten) und ein paar Fischen . Die Jünger müssen geahnt haben, daß Jesus sie wieder dazu einsetzen wollte, die Menge zu speisen, wie er es schon früher getan hatte ( Mt 14,13-21 ). Jesus ließ das Volk sich auf die Erde lagern und nahm die sieben Brote und die Fische, dankte und gab sie seinen Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk . Nachdem die Menge - diesmal etwa 4 000 Männer, außerdem Frauen und Kinder - gegessen hatte und satt war, blieben sieben Körbe voll übrig.

Dieses Wunder zeigte, daß die Segnungen, die die Jünger des Herrn weitergaben, nicht nur Israel, sondern auch den Heiden zugute kommen sollten ( Mt 14,13-21 ). Am deutlichsten wird das vielleicht in Apg 10-11 , wo Petrus das Evangelium im Haus des römischen Hauptmanns Kornelius verkündet. Nachdem Jesus das Volk hatte gehen lassen , kehrte er an die Westküste des Sees Genezareth zurück und kam in das Gebiet von Magadan (ein anderer Name für Magdala, nördlich von Tiberias). Maria Magdalena ( Mt 27,56 ) stammte aus Magdala, auch Dalmanuta genannt ( Mk 8,10 ).



b. Der zweite Streit und seine Folgen
( 16,1-12 )




( Mk 8,11-13; Lk 12,54-56 ) Bei seiner Rückkehr nach Israel wurde Jesus erneut mit den religiösen Führern, und zwar mit den Pharisäern und Sadduzäern, konfrontiert. Sie versuchten ihn und forderten ihn auf, sie ein Zeichen vom Himmel sehen zu lassen . Damit machten sie nochmals deutlich, daß sie die Zeichen, die er bisher vor ihren Augen getan hatte, nicht anerkannten (vgl. Mt 12,38 ). Sie wollten ein spektakuläreres Zeichen als die Heilungen sehen, um glauben zu können. Jesu Antwort war wiederum vernichtend, er nannte sie ein böses und abtrünniges Geschlecht ( Mt 16,4; vgl. 12,39 ). Sie beobachteten zwar sorgfältig den Himmel und konnten recht gut vorhersagen, ob es ein schöner Tag werden oder ob ein Unwetter kommen würde. Doch die geistlichen Zeichen der Zeit, die sich auf Jesus Christus bezogen und von denen sie umgeben waren, nahmen sie nicht wahr. Einem solchen bösen Geschlecht würde keine Sonderbehandlung zuteil werden. Jesus vollbrachte Wunder nicht um ihrer selbst willen. Er war keine Marionette, die auf Befehl funktionierte. Das einzige Zeichen, das sie erhalten sollten, würde deshalb das Zeichen des Jona sein, wie er ihnen schon zuvor gesagt hatte ( Mt 12,38-42 ), doch sie sollten es erst begreifen, wenn es zu spät war.





( Mk 8,14-21 ) Als Jesus die religiösen Führer verließ, warnte er seine Jünger vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer . Da er von "Sauerteig" sprach, dachten die Jünger, er wolle sie tadeln, weil sie vergessen hatten, Brot mitzunehmen . Doch Jesus hatte nicht vom fehlenden Brot gesprochen. Er erinnerte sie daran, wie er bei früheren Gelegenheiten die Brote und Fische vermehrt hatte, so daß sogar noch etwas übrigblieb ( Mt 14,13-21;15,29-38 ). Es ging hier nicht um Nahrung, für die Jesus, wenn sie benötigt wurde, sorgte. Da die Jünger ihm hierin immer noch nicht vertrauten, nannte er sie wieder Kleingläubige ( Mt 16,8; noch dreimal spricht Jesus im Matthäusevangelium von "Kleingläubigen": Mt 6,30; 8,26; 14,31 ). Dann wiederholte er nochmals seine Warnung: "Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!" ( Mt 16,6 ). Deren Lehre war wie alles durchdringender Sauerteig, der das Volk verdarb.



V. Jesu Lehren für die Jünger
( 16,13-20,34 )


A. Seine Selbstoffenbarung
( 16,13-17,13 )


1. Die Person des Messias
( 16,13-16 ) ( Mk 8,27-30; Lk 9,18-21 )




Jesus und seine Jünger verließen das Gebiet um den See Genezareth und gingen etwa 50 Kilometer nach Norden, nach Cäsarea Philippi , der Stadt Cäsarea in der Tetrarchie von Herodes Philippus, dem Bruder von Herodes Antipas. Dort befragte Jesus die Jünger nach ihrem Glauben. Zunächst fragte er, was die Leute über ihn sagten. Die Auskünfte waren durchaus schmeichelhaft, das Volk hielt Jesus unter anderem für Johannes den Täufer , für Elia , für Jeremia oder für einen der Propheten . Seine Lehre hatte zwar mit der der genannten Personen Ähnlichkeit, doch die Antworten waren natürlich falsch. Deshalb fragte er nun die Jünger: "Wer sagt denn ihr, daß ich sei?"

Stellvertretend für die Jünger sprach Petrus die berühmt gewordenen Worte: "Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!" Als der "Christus" war er der Messias. Ho christos ist das griechische Wort des Neuen Testamentes für das alttestamentliche mASIaH , "der Gesalbte". In ihm sind alle Verheißungen Gottes für das Volk erfüllt. Das Alte Testament machte auch klar, daß der Messias mehr ist als ein Mensch; er ist Gott ( Jes 9,5; Jer 23,5-6; Mi 5,3 ). Petrus erkannte die Gottheit Jesu an, als er ihn den Sohn des lebendigen Gottes nannte. Die Jünger waren zu dieser Schlußfolgerung gekommen, nachdem sie den Herrn über längere Zeit beobachtet hatten und Zeugen seiner Wunder und seiner Worte geworden waren.



2. Der Plan des Messias
( 16,17-26 )




Der Herr lobte Petrus für seine Worte. Er pries ihn "selig" , daß er zu dieser Erkenntnis über die Person des Christus gekommen war, und verhieß ihm großen Segen. Doch er fügte hinzu, daß er nicht von selbst zu dieser Einsicht habe kommen können; Gott, der Vater im Himmel , mußte es ihm offenbart haben. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte Jesus gesagt, Simon würde von nun an Kephas (das aramäische Wort für "Fels") oder Petrus (das griechische Wort für "Fels") heißen ( Joh 1,42 ). Petrus lebte dann auch wirklich seinem Namen entsprechend und erwies sich tatsächlich als Fels.

Das Bekenntnis des Petrus wurde für Jesus zum Anlaß, sein messianisches Programm darzulegen. Petrus ( Petros , Maskulinum) war stark wie ein Fels, doch Jesus fuhr fort, daß er auf diesem Felsen ( petra , Femininum) seine Gemeinde bauen wolle. Die Änderung des Geschlechts im Griechischen brachte manche konservativen Exegeten zu der Ansicht, daß Jesus seine Gemeinde auf sich selbst bauen wollte. Andere Forscher vertreten die These, daß Petrus und die übrigen Apostel die Grundsteine bilden, auf denen das Gebäude der Kirche ruht ( Eph 2,20; Offb 21,14 ). Wieder andere sind schließlich der Auffassung, daß die Gemeinde auf dem Zeugnis des Petrus errichtet ist. Am plausibelsten scheint mir, tatsächlich davon auszugehen, daß Jesus Petrus für seine richtige Aussage lobte und dann davon sprach, daß er die Gemeinde auf sich selbst errichten werde ( 1Kor 3,11 ).

Der Bau seiner Gemeinde lag jedoch noch in der Zukunft; er hatte noch nicht damit begonnen. Jesus sagte: "Ich will meine Gemeinde bauen" (Futur), denn zunächst mußte er sein Werk in Israel beenden. Das würde auch erklären, weshalb er sagte, daß nicht einmal die Pforten der Hölle sein Vorhaben zunichte machen sollten. Für die Juden waren die Pforten der Hölle gleichbedeutend mit dem physischen Tod. Somit sagte Jesus seinen Jüngern, daß auch sein Tod den Bau der Gemeinde nicht verhindern werde. Kurz darauf ( Mt 16,21 ) sprach er direkt von seinem unmittelbar bevorstehenden Tod. Er sah also seinen Tod und seinen Sieg über den Tod in der Auferstehung voraus.

Erst danach , an Pfingsten, würde der Aufbau seiner Gemeinde beginnen, bei dem Petrus und die anderen Apostel eine wichtige Rolle spielen sollten. Nach Jesu Worten sollte Petrus dabei weitreichende Kompetenzen erhalten: die Schlüssel des Himmelreiches würden ihm verliehen werden. Ein "Schlüssel" war ein Zeichen von Autorität. Ein vertrauenswürdiger Diener verwahrte jeweils die Schlüssel zu den Besitztümern seines Herrn und verwaltete sie (vgl. "die Schlüssel des Todes und der Hölle", Offb 1,18 ,und "den Schlüssel Davids", Offb 3,7 ,die Jesus besitzt). Petrus' Schlüsselgewalt sollte ihm die Macht geben, Menschen zu binden und zu lösen . Er war darin allerdings nur ein ausführendes Werkzeug von Entscheidungen, die zuvor im Himmel getroffen wurden. Sein Vorrecht zu binden und zu lösen wurde in seinem Leben besonders deutlich daran, daß er es war, der am Pfingsttag das Evangelium verkündete und all jenen, die zum rettenden Glauben kamen, sagen durfte, daß ihre Sünden vergeben waren ( Apg 2 ). Dasselbe tat er dann auch im Haus des römischen Hauptmanns Kornelius ( Apg 10 ). Aber Petrus war nicht der einzige Jünger, der das Recht hatte, Sünden zu vergeben, auch die anderen Jünger hatten diese Macht ( Joh 20,22-23 ).

Nach dieser großen Ankündigung über die zukünftige Kirche gebot Jesus den Jüngern, niemandem zu sagen, daß er der Christus , der Messias, sei. Der Herr wußte, daß es für Israel zu spät war, sein Angebot anzunehmen, und daß seine endgültige Ablehnungnäher rückte. Seine Jünger hatten keinen Grund, sich mit der Bekehrung eines Volkes abzumühen, das sich bereits von seinem Messias abgewandt hatte.





( Mk 8,31-38; Lk 9,22-25 ): Jesus erklärte seinen Jüngern, daß sein Tod nahe bevorstehe und daß er nach Jerusalem gehen und von den religiösen Führern viel erleiden müsse . Schließlich würde er getötet werden , doch am dritten Tage würde er wieder von den Toten auferstehen. Diese Passage enthält die erste Ankündigung von Jesu Tod im Matthäusevangelium, die zweite und dritte stehen in Mt 17,22-23 und in Mt 20,18-19 .

Als Petrus diese Worte hörte, nahm er Jesus beiseite und fuhr ihn an . Der Jünger, den der Herr soeben gesegnet hatte, begriff offensichtlich nicht recht, was sein Meister wollte. Petrus konnte nicht einsehen, wie Jesus der Messias sein und doch von den Pharisäern und Schriftgelehrten umgebracht werden konnte. Er war wahrscheinlich so schockiert, Jesus von seinem Tod sprechen zu hören, daß er den Hinweis auf die Auferstehung überhaupt nicht mitbekommen hatte. Seine Auflehnung gegen das Bevorstehende brachte ihm jedoch einen Verweis des Herrn ein, denn Petrus übernahm hier die Rolle des Satans . Dabei sprach Jesus Satan, der Petrus als Werkzeug zu benutzen versuchte, direkt an. Er hatte ihm schon einmal, bei der Versuchung in der Wüste, befohlen, von ihm zu weichen ( Mt 4,10 ), und wiederholte diesen Befehl nun. Petrus wollte den Tod des Herrn vermeiden, der doch in erster Linie aus diesem Grund in die Welt gekommen war. Jeder Versuch, die Kreuzigung zu verhindern, wie es der Satan auch früher bereits versucht hatte ( Mt 4,8-10 ), widersprach eindeutig dem Plan Gottes.

Petrus wollte, daß Jesus seinem Plan folge, doch der Herr zeigte ihm, daß Jüngerschaft einen Preis hat. Sie bedeutet nicht sofortige Herrlichkeit. Wer Jesus nachfolgen will, muß zunächst sich selbst und alle seine Bestrebungen verleugnen . Er muß sein Kreuz auf sich nehmen und dem Herrn folgen (vgl. Mt 10,38 ). Im römischen Reich wurde ein verurteilter Verbrecher, wenn er zur Kreuzigung geführt wurde, gezwungen, sein Kreuz selbst zu tragen. Damit wurde öffentlich demonstriert, daß er sich jetzt dem Recht unterwarf, gegen das er verstoßen hatte. Ebenso mußten die Jünger Jesu ihre Unterwerfung unter den, gegen den sie sich aufgelehnt hatten, zeigen. Der Weg, den Jesus und seine Nachfolger gehen sollten, würde ein Weg des Schmerzes und des Leidens sein. Doch wer so sein Leben verlor , würde mit Sicherheit ein besseres Leben finden . Ähnliches hatte Jesus bereits in bezug auf das Verhältnis zur Familie gesagt ( Mt 10,35-39 ); hier ( Mt 16,24-25 ) bezieht sich diese Aussage auf Petrus' Mißverständnis über das, was den Messias und seine Jünger erwartete, und auf den Preis der Jüngerschaft.

Wenn ein einzelner, indem er sein Leben erhält, die ganze Welt gewinnen könnte, doch dabei Schaden an seiner Seele nähme , was würde ihm dann der Besitz der Welt noch nützen? Wahre Jüngerschaft beinhaltet die Nachfolge Jesu und die Unterwerfung unter seinen Willen, wo auch immer der Weg hinführen mag.


Matthäus

3. Das Reich des Messias
( 16,27-17,13 )




( Mk 9,1; Lk 9,26-27 : Im Zuge der weiteren Unterweisung der Jünger ging Jesus auch in prophetischer Weise auf seine Wiederkunft ein, wenn er, der Menschensohn, in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln zurückkehren wird (vgl. Mt 24,30-31; 2Thes 1,7 ). Als "der Sohn ... Gottes" ( Mt 16,16 ) war er göttlichen Wesens, und als der "Menschensohn" war er Mensch (vgl. den Kommentar zu Mt 8,20 ). Bei diesem zweiten Kommen wird der Herr seinen Jüngern ihre Treue vergelten. Jesus sagte in diesem Zusammenhang auch, daß es einigen der Jünger, die hier bei ihm standen, noch vor ihrem Tod gestattet sein werde, den Menschensohn in seinem Reich kommen zu sehen. Diese Äußerung führte zu vielen Mißverständnissen über das kommende Reich, obwohl im folgenden Ereignis, der Verklärung, eine Erklärung für sie zu finden ist ( Mt 17,1-8 ).


Matthäus



( Mk 9,2-13; Lk 9,28-36 ): Daß Matthäus ausgerechnet an dieser Stelle ein neues Kapitel beginnt, unterbricht den Fluß der biblischen Erzählung in nicht sehr glücklicher Weise. Jesus hatte gerade gesagt, daß einige der anwesenden Jünger nicht sterben sollten, bevor sie nicht den Menschensohn in seinem Reich kommen sahen ( Mt 16,28 ). An diese Feststellung wird sechs Tage später wieder angeknüpft, als nämlich Jesus Petrus und Jakobus und Johannes allein auf einen hohen Berg mitnahm. Nach der Chronologie von Lukas fand das Ereignis "etwa acht Tage" danach statt ( Lk 9,28 ), wobei er einfach den ersten und den letzten Tag zu den sechs dazwischenliegenden Tagen hinzuzählt. Bei dem "hohen Berg" handelt es sich vielleicht um den Hermon bei der Stadt Cäsarea Philippi (vgl. die Karte), in deren Umkreis Jesus sich damals aufhielt ( Mt 16,13 ).

Dort oben wurde Jesus vor den Augen der drei Jünger verklärt ( metemorphOthE , "nahm eine andere Gestalt an"; vgl. Mt 17,2; 2Kor 3,18 ). Seine Herrlichkeit wurde offenbar. Sie leuchtete auf seinem Angesicht und auf seinen Kleidern , die weiß wie das Licht wurden. Mose und Elia kamen in sichtbarer Gestalt vom Himmel herab und redeten mit Jesus (ein Beweis dafür, daß es nach dem Tod ein bewußtes Weiterleben gibt). Lukas schreibt ergänzend, daß Mose und Elia mit Jesus über seinen bevorstehenden Tod sprachen ( Lk 9,31 ).

Warum erschienen von allen Personen des Alten Testaments in diesem Moment ausgerechnet Mose und Elia? Vielleicht repräsentieren diese beiden Männer, zusammen mit den Jüngern, alle Kategorien von Menschen, die in Jesu kommendes Reich eingehen werden. Die Jünger stehen für die Individuen, die lebendigen Leibes anwesend sein werden. Mose dagegen steht für die Geretteten, die starben oder sterben werden. Und Elia schließlich steht für die Geretteten, die nicht sterben, sondern lebendig in den Himmel entrückt werden ( 1Thes 4,17 ). Diese drei Gruppen werden dabei sein, wenn Jesus sein Reich auf Erden errichtet. Der Herr wird in seiner Herrlichkeit kommen wie bei der Verklärung, und das Reich wird auf Erden Wirklichkeit werden, wie es sich hier andeutete. Die Jünger erlebten also tatsächlich so etwas wie einen Vorgeschmack des Reiches, das der Herr verhieß ( Mt 16,28 ).

Petrus schien die ungeheure Bedeutung dieses Ereignisses zu empfinden, denn er schlug vor, an diesem Ort drei Hütten (zu) bauen , eine für Jesus, eine für Mose und eine für Elia. Für ihn war das, was hier geschah, die Erfüllung des jüdischen Laubhüttenfestes, das zurückverweist auf die vierzigjährige Wanderung in der Wüste und vorwärtsdeutet auf die Zeit, wenn das im gelobten Land versammelte Israel sich der Segnungen seines Gottes erfreuen wird. Petrus schätzte damit das Geschehen durchaus richtig ein (er sah das Reich), er irrte sich jedoch im Zeitpunkt.

Als Petrus noch redete , sprach auf einmal eine andere, größere Stimme aus einer lichten Wolke , die sie überschattete . Die Stimme sagte: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!" (vgl. Mt 3,17 ). Diese Bestätigung des Gottessohnes durch die Stimme des Vaters war für die Jünger ein prägendes Erlebnis. Noch Jahre später, als Petrus seinen zweiten Brief schrieb, bezog er sich auf dieses Ereignis ( 2Pet 1,16-18 ). Die erschrockenen Jünger fielen auf ihr Angesicht. Als der Herr schließlich zu ihnen sagte, sie sollten aufstehen, sahen sie niemand als Jesus allein ; Mose und Elia waren verschwunden.


Matthäus



Auf dem Weg hinunter ins Tal befahl Jesus den drei Jüngern, zu niemand von dieser Erscheinung zu sprechen, bis er von den Toten auferstanden sei (vgl. Mt 16,20 ). Etliche hatten bereits versucht, Jesus gewaltsam zum König zu krönen, und wenn dieses Ereignis bekannt geworden wäre, hätten vielleicht andere Gruppierungen dasselbe versucht. Das Geschehen auf dem Berg war ein Ausblick auf das kommende Reich des Messias gewesen, trotzdem waren die Jünger verwirrt. Es war immer wieder gesagt worden, daß zuerst Elia zurückkehren müsse, bevor der Messias kommen könne. Jesus erklärte ihnen, daß Elia tatsächlich kommen und alles zurechtbringen müsse (vgl. Mal 3,23 ), daß das jedoch in der Person Johannes des Täufers bereits geschehen, aber nicht erkannt worden sei. Statt ihn aufzunehmen, hatten die Schriftgelehrten und Pharisäer auch ihn abgelehnt. Ihr Widerstand gegen das Amt des Täufers implizierte im Grunde bereits die spätere Ablehnung des Messias. Bei der ersten Ankündigung der Geburt des Johannes war seinem Vater Zacharias gesagt worden, daß er "im Geist und in der Kraft Elias" vor dem Herrn hergehen werde ( Lk 1,17 ). Auch die früheren Worte des Herrn über Johannes bestätigten, daß er der verkündete Elia gewesen wäre, wenn das Volk ihm geglaubt hätte ( Mt 11,14 ). Alles, was erfüllt werden mußte, um das Reich des Messias heraufzuführen, war geschehen, und es hing einzig und allein vom Volk ab, seinen rechtmäßigen König anzuerkennen.


Matthäus

B. Seine Weisungen an die Jünger
( 17,14-20,34 )


1. Weisungen in bezug auf den Glauben
( 17,14-21 ) ( Mk 9,14-29; Lk 9,37-43 a)




Als Jesus und die kleine Gruppe der Jünger zu den anderen zurückkamen, hatte sich eine Menschenmenge versammelt, weil ein Mann mit einem mondsüchtigen Sohn bei den übrigen neun Aposteln Hilfe gesucht hatte. Es war ihnen jedoch nicht gelungen, den bösen Geist (V. 18 ), von dem der Knabe besessen war und der die epileptischen Anfälle verursachte, auszutreiben. Daher wandte sich der Vater nun an Jesus, fiel ihm zu Füßen und redete ihn mit "Herr" an. Der Junge hatte unter der Epilepsie schwer zu leiden und geriet häufig in Gefahr, denn während seiner Krampfanfälle fiel er zum Teil sogar ins Feuer oder ins Wasser . Markus berichtet außerdem, daß er Schaum vor dem Mund hatte ( Mk 9,18.20 ). Jesus befahl, den Knaben zu ihm zu bringen, und tadelte nicht nur die Jünger, sondern die ganze anwesende Menge für ihre Kleingläubigkeit. Er vertrieb den bösen Geist sofort aus dem Körper des Jungen und machte ihn noch zu derselben Stunde gesund (vgl. Mt 15,28 ).

Auf die Frage der Jünger, warum sie den Patienten nicht hatten heilen können, entgegnete Jesus, ihr Kleinglaube habe sie daran gehindert (vgl. im Gegensatz dazu den "großen Glauben" des römischen Hauptmanns [ Mt 8,10 ] und der kanaanitischen Frau [ Mt 15,28 ]). Dabei genügt schon ein Glaube von der Größe eines Senfkorns (vgl. den Kommentar zum Bild des Senfkorns in Mt 13,31 ), um einen Berg zu versetzen, vorausgesetzt, die Bitte steht im Einklang mit Gottes Willen. Bei Gott sind alle Dinge möglich (vgl. Mt 19,26; Lk 1,37 ). (Manche griechischen Handschriften fügen bei Mt 17,21 noch hinzu: "Aber diese Art fährt nur aus durch Beten und Fasten."; vgl. Mk 9,29 .) Jesus war dabei, die Jünger auf ihr zukünftiges Amt vorzubereiten. Ihr Kleinglaube und ihre mangelnde Orientierung am Wort des Herrn sollte ihnen noch häufig zu schaffen machen. Das Wort des Herrn reichte aus, um Menschen zu heilen, doch die Werke der Jünger würden daneben noch großen Glauben und ständigen Kontakt zum Herrn durch das Gebet erfordern. Wenn diese drei Elemente gegeben waren, könnten die Jünger alle erdenklichen Wunder tun, solange sie dabei den Willen Gottes befolgten.


Matthäus

2. Weisungen in bezug auf Jesu Tod
( 17,22-23 ) ( Mk 9,30-32; Lk 9,43-45 )




Wieder erinnerte der Herr die Jünger daran, daß er in die Händeseiner Widersacher überantwortet werden sollte und schlechte Menschen ihn töten würden. Jesus erwartete also seinen Tod. Er war Herr über sein Leben, und niemand konnte es ihm gegen seinen Willen nehmen ( Joh 10,11.15.17.18 ). Er sagte seinen Jüngern aber auch, daß der Tod nicht das Ende für ihn sein und daß er am dritten Tag wieder auferstehen würde. Anders als zuvor ( Mt 16,21-23 ) nahmen die Jünger die Todesankündigung diesmal ohne erkennbaren Widerspruch hin. Sie wurden nur sehr betrübt über die Worte des Herrn. Man fragt sich angesichts ihrer Reaktion, ob sie die ganze Botschaft gehört hatten oder nur den Hinweis auf seinen Tod.


Matthäus

3. Weisungen in bezug auf das Verhalten gegenüber dem Staat
( 17,24-27 )




Als Jesus und die Jünger wieder nach Kapernaum kamen , warteten Steuereintreiber auf sie. Es war üblich, daß jeder Jude über 20 jährlich einen Tempelgroschen im Wert von einem halben Schekel bzw. zwei Drachmen für den Unterhalt des Tempels zahlte (vgl. 2Mo 30,13-15; Neh 10,33 ). Sowohl Petrus als auch Jesus hatten diese Gebühr im betreffenden Jahr offensichtlich nicht bezahlt ( Mt 17,27 b), daher hielten sich die Zöllner nun an Petrus. In ihrer Frage, ob sein Meister denn nicht den Tempelgroschen bezahle, schwang unausgesprochen der Vorwurf mit, daß Jesus das Gesetz nicht befolge. Petrus entgegnete, daß Jesus die Steuer vorschriftsmäßig bezahlen werde.

Noch bevor er dem Herrn von dem Vorfall Mitteilung machen konnte, kam ihm Jesus zuvor und fragte ihn, ob die Könige Zoll oder Steuern jeweils von ihren Kindern oder von Fremden erheben . Petrus antwortete, daß die Könige von Familienmitgliedern keine Steuern einnähmen, da sie frei seien, sondern daß sie sie von den Fremden nähmen. Der Herr wollte Petrus damit sagen, daß nicht nur er als König, sondern auch seine Jünger, als Kinder des Gottesreiches, eigentlich von solchen Steuern befreit sein müßten (V. 26 ). Sie hatten eine privilegierte Stellung, und der König gab ihnen alles, was sie brauchten. Doch diesmal wollte Jesus keine Auseinandersetzung provozieren ( keinen Anstoß geben ; V. 27 ). Die Pharisäer waren ohnehin ständig auf der Suche nach Anschuldigungen gegen ihn, und er wollte ihnen keine Handhabe bieten. Petrus durfte also etwas tun, was ihm Freude machte: Der Herr schickte ihn zum Fischen. Er sollte seine Angel auswerfen und einen ganz besonderen Fang machen. Der erste Fisch , den er fangen sollte, würde in seinem Maul ein Zweigroschenstück tragen - genau die Summe, die Petrus brauchte, um die Steuer für sich selbst und für den Herrn zu bezahlen.

Matthäus erzählt die Geschichte zwar nicht zu Ende, doch man darf annehmen, daß Petrus tat, wie ihm befohlen war: den Fisch fing, das Geldstück fand und die Steuer bezahlte. Der kleine Vorfall macht deutlich, daß Jesus sich in bestimmten Dingen durchaus der herrschenden Autorität unterwarf.



4. Weisungen in bezug auf die Demut
( 18,1-6 ) ( Mk 9,33-37.42; Lk 9,46-48 )




Während sie sich noch in Kapernaum aufhielten, stellten die Jünger Jesus eine Frage, die sie zweifellos schon lange untereinander diskutiert hatten: "Wer ist der Größte im Himmelreich?" Die Jünger erwarteten offensichtlich noch immer ein irdisches Reich und stellten sich vor, was für wichtige Stellungen sie dort wohl einnehmen würden. Statt einer Antwort rief Jesus ein Kind ( paidion ) zu sich, das nach dem Gesetz keinerlei Rechte besaß und stellte es mitten unter sie . Er sagte den Jüngern, daß sie eine Umkehrung ihres Denkens nötig hätten. Die Größe im Himmelreich hängt nicht von großen Werken oder Worten ab, sondern von der kindlichen Demut des Geistes. Jesu Antwort zeigte den Jüngern, daß sie die falsche Frage stellten. Sie sollten sich darum kümmern, wie sie dem Herrn am besten dienen konnten, statt sich Gedanken darüber zu machen, welchen Rang sie im Himmelreich hätten. Ihr Dienst aber mußte ganz auf die Menschen ausgerichtet sein, denn Jesus sprach davon, ein solches Kind in seinem Namen aufzunehmen . Kinder wurden in der damaligen Zeit nur wenig beachtet, doch Jesus übersah auch sie nicht. Er warnte vielmehr alle die streng, die diesen Kleinen, die an ihn glaubten , Stolpersteine in den Weg werfen. (Interessanterweise können Kinder an Jesus glauben und tun es auch!) "Zum Abfall verführen" ist die Übersetzung des Verbs skandalisE , "angreifen, zu Fall bringen", das bei Matthäus 13mal vorkommt. Für so jemanden wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist . Ein wahrhaft demütiger Mensch kümmert sich nicht um Stellung oder Macht, sondern darum, wie er den Menschen, vor allem denen, die in Not sind, am besten helfen kann.



5. Weisungen in bezug auf Versuchungen
( 18,7-14 )




( Mk 9,43-48 ) Im Folgenden lenkte Jesus das Gespräch auf die, die zum Abfall verführen . Ganz offensichtlich gab es in Jesu Zeit solche Menschen, doch sie waren dem Gericht Gottes ( Weh , zweimal: Mt 18,7; ewiges Feuer , V. 8 ; das höllische Feuer , V. 9 ) verfallen, weil sie sich nicht um die Ursache ihrer Sünde kümmerten. Jesus predigte keine Selbstverstümmelung, wenn er vom Abhauen der Hand oder des Fußes oder vom Ausreißen des Auges sprach (vgl. Mt 5,29-30 ). Das hätte nicht die eigentliche Quelle des Übels, die ja im Innern des Menschen liegt, beseitigt (vgl. Mt 15,18-19 ). Nach den Worten Jesu muß alles entfernt werden, was zum Abfall verführt. Dazu sind häufig radikale Veränderungen nötig. Die Jünger wurden nicht umsonst daran erinnert, welchen Wert der Herr diesen Kleinen ( mikrOn toutOn ; vgl. Mt 18,6.14 ) beimaß. Kinder sind Gott wichtig. Es ist möglich, daß Gott die Sorge für die kleinen Kinder einer besonderen Gruppe von Engeln ( ihren Engeln ) anvertraut hat, die in ständigem Kontakt mit dem himmlischen Vater stehen (vgl. Ps 91,11; Apg 12,15 ). (Manche griechischen Handschriften fügen hier den Vers Mt 18,11 an: "Denn der Menschensohn ist gekommen, selig zu machen, was verloren ist", der vielleicht aufgrund von Lk 19,10 eingefügt wurde.)





( Lk 15,3-7 ) Um den Jüngern klarzumachen, wie ernst Gott die Kinder nimmt, erzählte Jesus ihnen ein Gleichnis. Angenommen, ein Mann, der hundert Schafe besitzt, stellt plötzlich fest, daß nur noch neunundneunzig da sind. Läßt er nicht die neunundneunzig zurück und sucht nach dem verirrten , bis er es findet? Genauso ist auch Gott ( euer Vater im Himmel ; vgl. Mt 18,10 ) in Sorge um diese Kleinen (vgl. V. 6.10 ) und will keines von ihnen verlieren. Daher muß sorgfältig darauf geachtet werden, daß sie nicht zum Abfall verführt werden.



6. Weisungen in bezug auf die Zurechtweisung in der Gemeinde
( 18,15-20 ) ( Lk 17,3 )




Der Herr hatte soeben über die Möglichkeit, vom rechten Weg abzukommen, gesprochen. Nun ging er darauf ein, was zu tun ist, wenn bereits gesündigt wurde und die Sünde an den Tag kommt. Wenn ein Bru