Philemon (Edwin C. Deibler)


EINFÜHRUNG


Die Authentizität dieses persönlichsten aller Paulusbriefe wurde nie bezweifelt. "Die Echtheit des Briefes ist so gut belegt, daß es kaum einer Diskussion darüber bedarf", notiert John Knox ( Philemon among the Letters of Paul , S. 32).


Verfasserfrage


Von den Kirchenvätern bezeugen Ignatius, Tertullian, Origenes und Eusebius die Kanonizität des kurzen Schreibens. Der Brief wurde außerdem in den marcionitischen Kanon und in den Kanon Muratori aufgenommen.

Der Verfasser des Briefes gibt sich selbst an drei Stellen als Paulus zu erkennen (V. 1.9.19 ), aber auch der Stil und die Sprache des Textes erinnern an den Apostel (vgl. V. 4 mit Phil 1,3-4 ). So pflegte er allgemein in der Einleitung seiner Briefe die Begriffe "Liebe" und "Glaube" zu verwenden, wie sie in Phim 1,5 erscheinen. Eine weitere enge Verbindung besteht zum Kolosserbrief - in beiden Schreiben werden die Personen Archippus, Epaphras, Aristarchus, Demas und Lukas erwähnt (vgl. Kol 4,10.12.14.17 ).



Datierung und Abfassungsort


Als Paulus den Philemonbrief schrieb, war er ein Gefangener (V. 1.9 ). Das Schreiben wird deshalb den sogenannten "Gefängnisbriefen" zugeordnet und entstand während der ersten römischen Gefangenschaft des Apostels in den Jahren 61-63 n. Chr. Da Onesimus den Überbringer des Briefes an die Gemeinde in Kolossä, Tychikus, begleitete, müssen beide Briefe ungefähr zur selben Zeit, wahrscheinlich im Sommer des Jahres 62 n. Chr., geschrieben worden sein.



Adressaten


Empfänger des Briefes war Philemon. Nach der Größe seines Hauses (das immerhin groß genug war, um der örtlichen Gemeinde, von der in Vers 2 die Rede ist, Raum zu bieten) und der Tatsache, daß er Sklaven besaß, zu schließen, war er ein reicher Bürger aus Kolossä. Wir wissen nicht, wann er zum ersten Mal mit Paulus in Berührung kam, doch offensichtlich war er von dem Apostel bekehrt worden (V. 19 b). Wahrscheinlich wurden die beiden während des dreijährigen Dienstes von Paulus in Ephesus Freunde ( Apg 19 ). Aphia ( Phim1,2 ) wird allgemein als Philemons Frau betrachtet und Archippus als sein Sohn, auch wenn beides nicht mit Bestimmtheit gesagt werden kann.

Unter den ersten Lesern des Briefes waren außerdem die Glieder der "Gemeinde in (Philemons) Haus" ( Phim1,2 ). Archippus hatte möglicherweise ein offizielles Amt in dieser Gemeinde inne, und auch Philemon arbeitete als "Laie" in ihr mit (V. 1-2 ; vgl. den Kontrast der beiden Termini "Mitarbeiter" und "Mitstreiter"). Lightfoot nimmt an, daß Archippus ein Ältester war oder der Verkündigung diente - beides wichtige Ämter innerhalb der Kirche. Andere Exegeten vermuten in Archippus den Vorsteher der Gemeinde.



Anlaß und Zweck des Briefes


Der Anlaß des Schreibens liegt klar auf der Hand: Onesimus, ein Sklave des Philemon, war diesem entlaufen und hatte seinen Herrn dabei offensichtlich beraubt ( Phim1,18 ). Irgendwie gelangte erauf seiner Flucht nach Rom, wo er durch eine göttliche Fügung mit Paulus in Kontakt kam. Durch diese Begegnung konnte Paulus Onesimus für den christlichen Glauben gewinnen, und in der Folge wurde ihm Onesimus in irgendeiner Weise nützlich (V. 12 - 13 ).

Doch Paulus war sich darüber im klaren, daß Onesimus eine Verantwortung gegenüber Philemon hatte und seinen Diebstahl wiedergutmachen mußte. Er hielt es deshalb für das beste, Onesimus zu Philemon zurückzuschicken. Tychikus erhielt den Auftrag, den Brief des Apostels aus Rom zur Gemeinde in Kolossä zu bringen, und Onesimus reiste allem Anschein nach mit ihm zurück ( Kol 4,7-9 ).

In seinem Brief an Philemon schildert Paulus seine Situation und bittet, Onesimus nicht als entlaufenen Sklaven und Dieb, sondern als einen geliebten Bruder in Christus zu behandeln ( Phim1,15-16 ; vgl. Kol 4,9 ). Die Erklärung des Apostels gewährt nicht nur einen gewissen Einblick in die Einrichtung der Sklaverei während des apostolischen Zeitalters, sondern auch in seine Haltung als Christ dieser Einrichtung gegenüber. So wird in diesem Brief deutlich, was der Satz aus Gal 3,28 eigentlich besagt: "Hier ist nicht ... Sklave noch Freier ... in Christus Jesus." Die Worte "das rechne mir an" ( Phim1,18 ) sind dabei zugleich ein glänzendes Beispiel für die Wahrheit des Evangeliums.



GLIEDERUNG


I. Grußwort (V. 1-7 )

     A. Verfasser des Briefes (V. 1 a)
     B. Adressaten des Briefes (V. 1 b. 1 - 2 )
     C. Gruß des Apostels (V. 3 )
     D. Lob des Philemon (V. 4-7 )
          1. Dank (V. 4-5 )
          2. Fürbite (V. 6 )
          3. Zeugnis (V. 7 )

II. Das Anliegen des Briefes (V. 8-21 )

     A. Die Bitte des Apostels (V. 8-12.17 )
          1. Eine Bitte, nicht ein Gebot (V. 8 )
          2. Eine Bitte um der Liebe willen (V. 9 )
          3. Eine Bitte für einen Sohn im Glauben (V. 10-11 )
          4. Eine Herzensbitte (V. 12 )
          5. Eine Bitte von einem Glaubensbruder (V. 17 )

     B. Die Beziehung zwischen Paulus und Philemon (V. 13-16 )
          1. Das gegenwärtige brüderliche Verhältnis zwischen Paulus und Onesimus (V. 13 )
          2. Das zurückliegende brüderliche Verhältnis zwischen Paulus und Philemon (V. 14 )
          3. Das zukünftige brüderliche Verhältnis zwischen Onesimus und Philemon (V. 15-16 )

     C. Das Pfand (V.18-21)
          1. Philemon soll die Schuld des Onesimus Paulus zurechnen (V. 18-19 a)
          2. Philemon soll seine eigene Schlud gegenüber Paulus bedenken (V. 19 b)
          3. Philemon soll Paulus erquicken (V. 20 )
          4. Philemon soll über die Bitte des Paulus hinausgehen (V. 21 )

III. Schluß (V. 22-25 )

     A. Trost (V. 22 )
     B. Brüderliche Grüße (V. 23-24 )
     C. Segen (V. 25 )

AUSLEGUNG


I. Grußwort
(V. 1-7 )


A. Verfasser des Briefes
(V. 1 a)


Phim 1,1 a


Dies ist der einzige der Paulusbriefe, in dem der Apostel sich in seinem einleitenden Grußwort als einen Gefangenen Christi Jesu bezeichnet (vgl. V. 9 ). In sieben seiner Briefe führt er sich als "Apostel" ein, in zweien (1. und 2. Thess) gebraucht er keine nähere Bestimmung, und in dreien spricht er von sich als von einem "Knecht Christi".

Daß Paulus hier nicht auf sein öffentliches Amt Bezug nimmt, hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß dieser Brief eine persönliche Bitte enthält, keine Anweisungen für eine Gemeinde, die es erforderlich machen würden, daß die Leser seiner apostolischen Autorität eingedenk sind. Paulus war ein Gefangener des römischen Imperiums, doch eigentlich war er wegen seines Zeugnisses für den Heiland inhaftiert. Epaphras war sein "Mitgefangener" (V. 23 ).

Die hinzugefügten Worte "und Timotheus, der Bruder" unterstreichen den herzlichen Ton des Schreibens. Timotheus wird auch in fünf weiteren Paulusbriefen zusammen mit dem Apostel im Grußwort genannt (2. Kor, Phil, Kol, 1. und 2. Thess).



B. Adressaten des Briefes
(V. 1 b - 2 )


Phim 1,1 b


In den Worten "an Philemon, den Lieben, unsern Mitarbeiter" ist fast alles zusammengefaßt, was im Neuen Testament über Philemon gesagt wird. Paulus liebte ihn ("Lieber" ist die Übersetzung von agapEtO ; vgl. V. 16 ) und betrachtete ihn als einen "Mitarbeiter" (vgl. den Plural "Mitarbeiter", V. 24 ). Philemon war ein wohlhabender Christ des apostolischen Zeitalters, in dessen Haus in Kolossä die dortige Gemeinde zusammenkam. Der Terminus "Mitarbeiter" besagt nicht unbedingt, daß Paulus und Philemon zusammenarbeiteten. Wahrscheinlicher ist, daß Philemon einen Beitrag zum Aufbau der Gemeinde in Kolossä leistete, während Paulus im nahegelegenen Ephesus wirkte (vgl. den Abschnitt Adressaten in der Einführung ). In Vers 7.20 spricht der Apostel Philemon außerdem als "lieber Bruder" an.



Phim 1,2


Aphia, die Schwester , war wahrscheinlich Philemons Frau. Sie hatte möglicherweise eine halbamtliche Aufgabe in der Hausgemeinde. "Bei der Entscheidung über die Behandlung des Onesimus spielt sie eine genauso wichtige Rolle wie ihr Ehemann, denn nach den Gepflogenheiten der damaligen Zeit oblag ihr die Beaufsichtigung der Sklaven" (Arthur A. Rupprecht, "Philemon", in: The Expositor's Bible Commentary , 11,458).

Manche Neutestamentler vertreten die Auffassung, daß Archippus , Paulus' Mitstreiter , der Sohn des Philemon war. Wahrscheinlich war er Missionar und Seelsorger der Gemeinde in Kolossä, denn im Kolosserbrief findet sich eine kurze Anweisung für ihn ( Kol 4,17 ). Vielleicht war Archippus auch aufgrund seiner Stellung in der Lage, Einfluß auf Philemon zu nehmen und die Bitte des Apostels zu unterstützen.

Das gleiche gilt für die Gemeinde in deinem Haus - auch sie konnte im Sinne von Paulus' Anliegen auf Philemon einwirken. Wenn der Apostel die Gemeinde nicht in seinen Gruß eingeschlossen hätte, hätte es außerdem wahrscheinlich Gerede gegeben, wenn Onesimus plötzlich wieder aufgetaucht wäre. Der Brauch, die Gemeindeversammlungen in Privathäusern abzuhalten, bestand bis etwa 200 n. Chr. Erst ab dem 3. Jahrhundert kamen die Christen dann in eigens zu diesem Zweck bestimmten Gebäuden zusammen. Solche "Hauskirchen" wie die des Philemon werden auch in Röm 16,5 und Kol 4,15 erwähnt. Manche Exegeten haben die eher abwegige These aufgestellt, daß die Worte "in deinem (sou) Hause" sich auf das Haus des Archippus beziehen; es ist jedoch wahrscheinlicher, daß der Apostel hier vom Haus des Philemon spricht, da er auch im Grußwort als erster genannt wird. Darüber hinaus gilt der Singular "du" in Phim 1,4.6 - 8.10-12.16.18 - 21.23 ganz eindeutig Philemon, dem Adressaten des Briefes.


C. Gruß des Apostels
(V. 3 )


Phim 1,3


Der Gruß - Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus - ist dieübliche paulinische Grußformel. Er ist vom Wortlaut her nahezu identisch mit den Grüßen in sechs weiteren Paulusbriefen (Röm, 1. und 2. Kor, Gal, Eph, Phil), und auch in den sechs übrigen Briefen des Apostels findet er sich in nur leicht abgewandelter Form wieder (Kol, 1. und 2. Thess, 1. und 2. Tim). (Vgl. die Tabelle "Die Einleitungsworte des Apostels Paulus zu seinen Briefen" bei Röm 1,1 .)

Wichtig an diesem Gruß ist vor allem die Satzstellung. Das Wort "Friede" bezeichnet den geistigen Zustand eines Menschen, dessen Beziehung zu Gott in Ordnung ist. Es ist ein Friede, der einzig und allein der "Gnade" Gottes zu verdanken ist. Ohne die Gnade gibt es keinen Frieden. Friede mit Gott - der die rechtliche Beziehung des Menschen zu Gott kennzeichnet - kommt durch den Glauben ( Röm 5,1 ). Der Friede Gottes - den der Mensch im Glauben erfährt - ist das Werk des Heiligen Geistes, der im Gläubigen Wohnung genommen hat ( Gal 5,22-23; Eph 5,18 ). Paulus schließt seinen Brief am Ende mit einer Segensformel, die ebenfalls eine Bitte um die "Gnade des Herrn Jesus Christus" enthält ( Phim1,25 ).


D. Lob des Philemon
(V. 4-7 )


1. Dank
(V. 4-5 )


Phim 1,4


In allen Paulusbriefen bis auf den Galaterbrief steht in der Eröffnung eine Danksagung. Das entspricht einer sowohl in der heidnischen als auch in der christlichen Korrespondenz des 1. Jahrhunderts üblichen Gepflogenheit. Die Worte "ich danke meinem Gott allezeit, wenn ich deiner gedenke in meinen Gebeten" stimmen wiederum fast vollständig mit den Dankworten in den übrigen Briefen überein, die Paulus aus der Gefangenschaft schreibt (vgl. Eph 1,15-16; Phil 1,3-4; Kol 1,3-4 ). Der Apostel sagt darin, wann ("allezeit"), wem ("Gott") und wofür ("deiner", d. i. Philemon) er dankt.

V. 5 : Er sagt aber auch, warum er Gott dankt: Denn ich höre von der Liebe und dem Glauben, die du hast an den Herrn Jesus und gegenüber allen Heiligen . Dieselbe Verbindung aus Glauben an Christus und Liebe zu den Heiligen findet sich auch bei der Gemeinde in Ephesus ( Eph 1,15 ), bei den Kolossern ( Kol 1,4 ) und den Thessalonichern ( 1Thes 1,3; 2Thes 1,3 ).

Vielleicht hat Paulus durch Onesimus und Epaphras vom Glauben und von der Nächstenliebe des Philemon gehört. Wenn Philemon wirklich "alle Heiligen" in seine Liebe einschloß, dann mußte er sie jetzt auch auf Onesimus ausdehnen, der ja jetzt auch ein Glaubensbruder war.


2. Fürbitte
(V. 6 )


Phim 1,6


Nachdem Paulus den Glauben und die Nächstenliebe des Philemon gelobt hat (V. 5 ), geht er nun noch im einzelnen auf beide Tugenden ein (V. 6.7 ). Er bittet darum, daß der Glaube, den wir miteinander haben ( hE koinOnia ), in dir (Philemon) kräftig werde in ( en ) Erkenntnis all des Guten, das wir haben, in Christus . Die zweite Hälfte des Satzes läßt sich in ihrer Beziehung zum ersten Teil nur schwer wiedergeben. Der Glaube, den Philemon mit Paulus und allen Christen gemeinsam hat, führt ihn zum rechten Verständnis der geistlichen Wohltaten, die er durch Christus empfangen hat. Je mehr ein Gläubiger begreifen lernt, was er in Christus hat, desto mehr ist er bestrebt, dieses Gut mit anderen zu teilen. Die "Erkenntnis" ( epignOsei ) spielt auch in den andern Briefen aus der Gefangenschaft ( Eph 1,18; Phil 1,9; Kol 1,9 ) eine wichtige Rolle in den Gebeten des Apostels.



3. Zeugnis
(V. 7 )


Phim 1,7


Die Liebe Philemons (vgl. V. 5.9 ) ist für Paulus Freude und Trost , denn Philemon hat die Herzen der Heiligen erquickt . "Erquicken" ( anapepautai ; vgl. V. 20 ) ist das Wort, das Jesus in Mt 11,28 gebraucht: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken" ( anapausO ). Philemon, der selbst von Christus "erquickt" worden war, konnte nun andere erquicken. Das hier verwendete Wort splanchna (wörtlich: "die inneren Teile des Körpers") ist normalerweise im Griechischen nicht so gebräuchlich für "Herz" wie kardia . Nach griechischer Vorstellung kommen die Emotionen aus dem Inneren des Körpers, splanchna ist also ein äußerst emotionaler Begriff (vgl. auch Phim1,12.20; Phil 2,1 ).



II. Das Anliegen des Briefes
(V. 8 - 21 )


A. Die Bitte des Apostels
(V. 8 - 12.17 )


Der Apostel kommt nun auf sein eigentliches Anliegen - die Behandlung des entlaufenen Sklaven Onesimus - zu sprechen. Er formuliert seine Bitte höflich, und doch tragen seine Worte gleichzeitig den Stempel seiner apostolischen Autorität. Philemon erfährt eine zweifache Neuigkeit: Onesimus ist für Paulus nun ein Sohn im Glauben (V. 10 ), und er ist damit ein Bruder für Philemon selbst (V. 16 ). Das ist die Antwort des Christentums auf die verabscheuungswürdige Einrichtung der Sklaverei: Onesimus, ein Angehöriger der niedrigsten sozialen Schicht in der römischen Welt, ein rechtloser Sklave, ist auf geistlicher Ebene seinem Herrn und dem berühmten Apostel gleichgestellt!



1. Eine Bitte, nicht ein Gebot
(V. 8 )


Phim 1,8


"Darum" leitet zur praktischen Nutzanwendung der vorangegangenen Worte (V. 4 - 7 ) des Apostels über: Philemons Liebe, die er allen Heiligen gegenüber erwies, muß sich nun auch an Onesimus bewähren. Im Bewußtsein seiner apostolischen Autorität stellt Paulus fest, daß er im Grunde volle Freiheit habe, Philemon zu gebieten, was sich gebührt . Doch er macht keinen Gebrauch von diesem Recht. Die Wendung "volle Freiheit", parrEsian , ist im Hebräerbrief mit "Freiheit" bzw. "Vertrauen" ( Hebr 3,6; 10,19.35 ) wiedergegeben.



2. Eine Bitte um der Liebe willen
(V. 9 )


Phim 1,9


Paulus trägt seine Bitte um der Liebe (vielleicht des Philemon) willen vor (vgl. V. 5.7 ). Onesimus wieder aufzunehmen und ihm zu vergeben, wäre ein lobenswerter Ausdruck der Liebe Philemons gegenüber seinem Sklaven und gegenüber Paulus selbst. Ein weiterer Grund, der Bitte des Apostels zu entsprechen, liegt in der Situation, aus der heraus sie gestellt wird. Schließlich war Paulus ein alter Mann, nun aber auch ein Gefangener Christi Jesu (vgl. V. 1 ). Der Begriff "alter Mann" ( presbytEs ) besagt dabei einerseits, daß Paulus Autorität hat, denn in damaliger Zeit galten die älteren Männer als weise und genossen deshalb hohes Ansehen. Zweifellos stand Philemon Paulus im Alter näher als Onesimus. Andererseits wird aber auch deutlich, daß Paulus als gefangener, alter Mann kaum etwas für Onesimus tun kann. Zugleich ist die Anspielung auf seine Gefangenschaft wohl ein Appell an Philemons Mitgefühl. Das Schicksal des Onesimus hängt also einzig und allein von Philemon ab.



3. Eine Bitte für einen Sohn im Glauben
(V. 10-11 )


Phim 1,10


Die Verbform "ich bitte" ( parakalO ) aus Vers 9 wird nochmals wiederholt und erhält dadurch eine besondere Dringlichkeit. Paulus bittet um seinen Sohn ( tou emou teknou , wörtlich: "mein eigenes Kind") - ein liebevoller Ausdruck, den der Apostel sonst nur noch für Timotheus und Titus gebraucht ( 1Tim 1,2; 2Tim 1,2; Tit 1,4 ). Nachdem Onesimus seinem Herrn entflohen war, kam er in Rom irgendwie mit Paulus in Kontakt. Dieser führteihn zum Glauben hin, und so wurde Onesimus trotz der Gefangenschaft des Apostels sein geistlicher Sohn. Vielleicht war das Verhältnis zwischen beiden Männern sogar gerade wegen der mißlichen Außenbedingungen besonders eng. Es muß eine ganz einzigartige Begegnung zwischen diesem Sklaven und diesem außergewöhnlichen Gefangenen stattgefunden haben - aus der Beziehung zwischen Sklave und Gefangenem wurde eine geistliche Vater-Sohn-Beziehung. Paulus betrachtete sich auch sonst als Vater der Gläubigen, die er für den Herrn gewonnen hatte ( 1Kor 4,15; vgl. 1Tim 1,2; 2Tim 1,2 ). Zwischen dem Gläubigen und der Person, die Gott dazu gebraucht, ihn zum Glauben zu führen, besteht immer ein besonderes Band.

Im Griechischen erscheint der Name Onesimus erst ganz am Ende des Satzes. Er ist offensichtlich mit Absicht zurückgestellt, um Philemons Herz zu erweichen.



Phim 1,11


"Onesimus", ein unter Sklaven sehr gebräuchlicher Name, heißt soviel wie "nützlich". In diesem Fall war der Sklave durch seine Flucht gerade das Gegenteil geworden. Sein Besitzer hatte keinerlei Nutzen mehr von ihm. Die Worte "jetzt aber" deuten jedoch auf eine große Wandlung hin, die durch seine Wiedergeburt eingetreten war. Er, der früher unnütz ( achrEston ) war, ist nun dir und mir sehr nützlich ( euchrEston ). "Paulus scheint damit zu sagen: 'früher strafte er seinen Namen Lügen, doch nun wird er ihm voll gerecht werden' " (Alfred Barry, "The Epistle to Philemon", in: Ellicott's Commentary on the Whole Bible , 4,273). In seinem neuen Stand ist Onesimus doppelt nützlich: für Paulus und für Philemon. Dieses geistreiche Wortspiel mit dem Namen des Sklaven trug zweifellos dazu bei, das Plädoyer des Apostels noch überzeugender zu machen.



4. Eine Herzensbitte
(V. 12 )


Phim 1,12


Paulus legt den Fall ganz in Philemons Hände: "Den sende ich dir wieder zurück." Philemon hatte also nicht die Gelegenheit, über die Bitte des Apostels nachzudenken, bevor er Onesimus gegenübertrat, sondern mußte sich sogleich entscheiden. Wie konnte Philemon seinem Freund die Bitte abschlagen, wenn doch der bekehrte Sklave, wie Paulus ihm schreibt, sein eigenes Herz ( splanchna , "Gemüt, Gefühl"; vgl. V. 7.20 ) ist? Der Apostel wußte offensichtlich sehr genau, wie man einen andern mit sanfter Gewalt überredet. Der Wortlaut des Verses läßt darauf schließen, daß Onesimus selbst der Überbringer des Briefes an Philemon war.

 

5. Eine Bitte von einem Glaubensbruder
(V. 17 )


Phim 1,17


Zuvor schreibt Paulus, daß er "für" Onesimus bitte (V. 10 ) und daß Philemon ihn "auf ewig wieder" haben könne (V. 15 ). Erst in Vers 17 sagt er eindeutig, was er von Philemon erwartet: "So nimm ihn auf wie mich selbst."

Da Philemon Paulus als Freund betrachtet, muß er Onesimus so entgegentreten, als wäre er Paulus selbst. Das Freundschaftsband zwischen dem Apostel und dem Sklavenhalter war von der Art, wie es Menschen verbindet, die gemeinsam dem Evangelium dienen. "Freund" ist koinOnon , ein Wort, das von koinOnia , "Gemeinschaft", abgeleitet ist und das Paulus in Vers 6 verwendet. Wenn Philemon Onesimus zurückwies, so würde es nichts anderes sein, als den Apostel, seinen "Lieben" (V. 1 ), "Mitarbeiter" (V. 1 ), "Bruder" (V. 7.20 ) und "Freund" (V. 17 ) zurückzuweisen. Ein solches Verhalten war natürlich undenkbar.



B. Die Beziehung zwischen Paulus und Philemon
(V. 13 - 16 )


1. Das gegenwärtige brüderliche Verhältnis zwischen Paulus und Onesimus
(V. 13 )


Phim 1,13


Durch die Hochschätzung, die Paulus diesem Sklaven, der Christ geworden ist, entgegenbringt, stellt er ihn auf eine Stufe mit Philemon. Wenn Onesimus bei dem Apostel geblieben wäre - was Paulus eigentlich sehr gern gehabt hätte -, dann hätte er ihm an der Statt ( hyper ) Philemons gedient. Beide Männer sind also gleichviel wert für ihn. In der Gefangenschaft um des Evangeliums willen hätte der Apostel Unterstützung durchaus nötig (vgl. "Gefangener" in V. 1.9 ). Trotzdem stellt er die Pflicht über seine eigenen Wünsche. Er weiß, daß ein Sklave das Eigentum seines Herrn ist, und sieht deshalb keinen anderen Weg, als Onesimus zu seinem rechtmäßigen Herrn zurückzuschicken.

 

2. Das zurückliegende brüderliche Verhältnis zwischen Paulus und Philemon
(V. 14 )


Phim 1,14


Man konnte einen Sklaven nur mit dem Willen seines Besitzers behalten. Auch wenn Paulus Philemon sicher hätte überreden können, ihm Onesimus in Rom zu lassen, so wollte er doch seine Freundschaft nicht ausnützen. Er wünschte sich, daß die Erlaubnis dazu freiwillig ( hekousion ; das Wort steht nur an dieser Stelle im Neuen Testament) erteilt würde. Wir wissen nicht, ob Philemon Onesimus tatsächlich freiließ und zu Paulus nach Rom zurücksandte, doch es wäre immerhin denkbar und bietet Raum für interessante Überlegungen.



3. Das zukünftige brüderliche Verhältnis zwischen Onesimus und Philemon
(V. 15 - 16 )


Phim 1,15


Manchen entlaufenen Sklaven gelang es, in den großen Städten oder in entlegenen Gebieten unentdeckt zu bleiben und sich ihren Herren auf diese Weise für immer zu entziehen. Doch Philemons vorübergehender Verlust ( eine Zeitlang heißt wörtlich "für eine Stunde") endet damit, daß er das Verlorene auf ewig wiederbekommt. Die Wendung "auf ewig" , aiOnion , kann sowohl für das ganze Leben oder für immer im Himmel bedeuten.


Phim 1,16


Aber Paulus stellt auch den einstigen Status des Sklaven Onesimus seiner jetzigen, völlig neuen Beziehung zu Philemon als geliebter Bruder gegenüber. Für ihn stehen er selbst, Philemon und Onesimus nun auf derselben Stufe. Auch im Kolosserbrief ( Phil 4,9 ) bezeichnet er Onesimus ausdrücklich als "lieben Bruder". Der Sklave ist Paulus lieb geworden, noch lieber aber sollte er seinem Herrn, Philemon, werden (vgl. Phim1,11 , "dir und mir sehr nützlich"). Daß Philemon Onesimus nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen, der mehr ist als ein Sklave , aufnehmen soll, könnte als Hinweis auf seine Freilassung verstanden werden (vgl. V. 21 ). Andererseits sehen manche Ausleger in der Formulierung "im leiblichen Leben" , wörtlich "im Fleisch", den Beleg dafür, daß das Verhältnis Herr - Sklave in Zukunft neben ihrem neuen geistlichen Verhältnis in dem Herrn weiterbestand. Die Wendung läßt sich aber auch gerade umgekehrt verstehen. "Im leiblichen Leben" stünde dann für eine neue, persönliche Beziehung, die nichts mit der Beziehung zwischen Sklaven und Herrn zu tun hat.

(Der Kommentar zu V. 17 steht nach V. 12 .)



C. Das Pfand
(V. 18 - 21 )


1. Philemon soll die Schuld des Onesimus Paulus zurechnen
(V. 18 - 19 a)


Phim 1,18


Paulus äußert sich zwar nicht genauer zu dem Vergehen des Onesimus, doch wahrscheinlich brachte es für Philemon einen finanziellen Verlust. Möglicherweise stahl Onesimus etwas Geld oder einige Dinge, bevor er floh, oder aber der Dienstausfall während seiner Abwesenheit schädigte Philemon finanziell. Paulus bezichtigt Onesimus keines bestimmten Verbrechens; er schreibt lediglich: "wenn er aber dir Schaden angetan hat oder etwas schuldig ist..."

Der Apostel bittet Philemon, die Schuld des Onesimus ihm selbst zuzurechnen ( elloga , ein Begriff aus der Buchführung). Diese großzügige Geste gleicht, wenn auch in sehr viel kleinerem Maßstab, dem stellvertretenden Handeln Christi am Kreuz: Wie Onesimus in Philemons Schuld stand, so stehen die Sünder in der Schuld Gottes. So wie Paulus nichts mit der Schuld des Onesimus zu schaffen hatte, war auch Christus sündlos und hatte nichts mit den Sündern zu tun ( Hebr 4,15;7,25-26 ). Und wie Paulus schließlich Onesimus' Schuld übernahm, so nahm Christus die Sünden der Welt auf sich ( Jes 53,6; Joh 1,29; Hebr 7,27;9,26.28 ).



Phim 1,19 a


Paulus stellt ausdrücklich fest, daß er die folgenden Worte mit eigener Hand (vgl. Gal 6,11 ) schreibe, und verpflichtet sich damit, die Schuld, die er hier übernimmt, auch tatsächlich zu begleichen. Daß er imstande ist, etwas zu bezahlen , lag wohl daran, daß er Zuwendungen aus Philippi erhalten hatte (vgl. Phil 4,14-19 ).



2. Philemon soll seine eigene Schuld gegenüber Paulus bedenken
(V. 19 b)


Phim 1,19 b


Der Satz "ich schweige davon, daß du dich selbst mir schuldig bist" deutet darauf hin, daß Philemon von Paulus bekehrt wurde und ihm damit geistlich verpflichtet war. Falls das stimmt, wäre es ein weiterer Beleg für die geistliche Gleichstellung von Onesimus und Philemon: Beide hatten durch den Apostel zu Christus gefunden. Diese Schuld konnte in gewissem Sinn alle Verpflichtungen des Onesimus abdecken. Trotzdem beharrt Paulus nicht auf seinem Vorteil.



3. Philemon soll Paulus erquicken
(V. 20 )


Phim 1,20


Die freundliche Aufnahme des Onesimus durch Philemon würde Paulus in dem Herrn (vgl. V. 16 ) erfreuen und sein Herz in Christus erquicken. Das Verb "erfreuen" gibt das griechische onaimEn wieder, eine Form, die eindeutig mit dem Namen Onesimus verwandt ist. Paulus sagt damit im Grunde: "Laß mich in dir einen wahren Onesimus finden, wie ich ihn in ihm gefunden habe." "Erquicken" ( anapauson ) und "Herz" ( splanchna ) greifen den Wortlaut von Vers 7 wieder auf. Philemon, der die Herzen der andern Heiligen erquickt hatte, konnte Paulus denselben Dienst wohl kaum verweigern.



4. Philemon soll über die Bitte des Paulus hinausgehen
(V. 21 )


Phim 1,21


Paulus ist sicher, daß Philemon seiner Bitte nachkommen wird. Gehorsam ist ein stärkeres Wort als die taktvolleren und weniger direkten Wendungen, die Paulus bisher gebraucht hat. Der Apostel vertraut aber auch darauf, daß Philemon sogar mehr tun wird, als er von ihm erbittet. Er bat darum, daß Onesimus freundlich aufgenommen würde und Vergebung erhielte. Was könnte darüber hinausgehen? Möglicherweise schwingt hier der Gedanke an die Freilassung des Onesimus mit (vgl. V. 16 , "nicht mehr als einen Sklaven"). Vielleicht ist aber auch einfach Philemons Erlaubnis für eine Rückkehr des Onesimus zu Paulus gemeint. Doch hatte der Apostel darum nicht bereits, wenn auch sehr vorsichtig, gebeten (V. 13 )? Wenn Onesimus tatsächlich freigelassen würde, so wäre das ein Zeichen für die Wirkung des Christentums, dessen Erkenntnis der wahren Brüderlichkeit in Christus der Sklaverei widerspricht.



III. Schluß
(V. 22 - 25 )


A. Trost
(V. 22 )


Phim 1,22


Zum Schluß erbittet Paulus noch etwas für sich selbst: "Bereite mir die Herberge." Damit ist wahrscheinlich Philemons Haus gemeint. Die Aussicht auf einen bevorstehenden Besuchdes Apostels würde Philemon trösten, ihn aber auch besonders dazu anspornen, rasch auf Paulus' Bitte für Onesimus zu reagieren. Die Anspielung auf die Beherbergung ist zugleich ein Hinweis auf den Vermögensstand Philemons. Viele christliche Missionare wurden wie Paulus von solchen reichen Gönnern in ihrer Arbeit unterstützt.

Paulus weiß, daß viele Menschen für seine Freilassung beten (vgl. Phil 1,25-26 ). (Wie könnte Philemon für die Freilassung des Apostels beten und zugleich die Freilassung des Onesimus ablehnen?) Mit der Rückkehr zu der Pluralform "eure" und "euch" bezieht Paulus erneut die Personen mit ein, die er am Anfang seines Schreibens angesprochen hat (V. 1-2 ): Philemon, Aphia, Archippus und alle Gläubigen in ihrer Hausgemeinde.


B. Brüderliche Grüße
(V. 23 - 24 )


Phim 1,23-24


Bei den Personen, die sich den Grüßen an Philemon anschließen, handelt es sich in fünf Fällen um dieselben Leute, die auch in Kol 4,10-14 erwähnt werden, wenn auch in anderer Reihenfolge. Es sind dies Epaphras ... Markus, Aristarch, Demas, Lukas . Im Kolosserbrief setzt Paulus noch hinzu: "Und Jesus mit dem Beinamen Justus". Epaphras, den er in Phim 1,23 als seinen Mitgefangenen in Christus Jesus bezeichnet, wird in Kol 4,12 - 13 besonders gelobt.



C. Segen
(V. 25 )


Phim 1,25


Paulus schließt alle seine dreizehn Briefe mit einer Segensformel wie der hier vorliegenden: "Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist." Auch hier sind wieder alle in Vers 1-2 genannten Personen gemeint. Alle diese Gläubigen haben bereits teil an der Gnade, die ihnen die Erlösung gebracht hat, doch an dieser Stelle, wie auch in Vers 3 , bittet Paulus darum, daß diese Gnade sie auch und gerade in ihrem täglichen Leben begleiten möge. "Geist" (vgl. "eurem Geist" in Gal 6,18 und in der Segensformel von 2Tim 4,22 ) bezieht sich auf den inneren Wesenskern des Menschen. Mit diesen liebevollen Worten endet der anrührende und so persönliche Brief des Apostels an Philemon.



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