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Römer (John A. Witmer)



EINLEITUNG










Der Römerbrief ist eines der wichtigsten Beispiele für einen Text in Briefform, nicht nur im Rahmen der Paulusbriefe oder innerhalb des neutestamentlichen Schriftgutes, sondern in der Literatur der Antike überhaupt. Obwohl er zeitlich nicht der erste Paulusbrief war, wird er stets an erster Stelle der paulinischen Schriften genannt, ein Beweis für das Gewicht, das seinem Inhalt und seiner Thematik beigemessen wurde. Ein wenig spiegelt sich in dieser Bevorzugung aber wohl auch die Bedeutung des Wohnortes seiner Adressaten - der kaiserlichen Hauptstadt Rom. Da die Apostelgeschichte mit der Gefangenschaft des Apostels Paulus in Rom endet, fügt sich der Brief an die dortige Gemeinde an dieser Stelle ganz selbstverständlich in die Ordnung des Kanons.



Verfasserfrage


Daß Paulus selbst der Verfasser des Römerbriefes ist, wird von so gut wie niemand bestritten. Selbst die frühchristlichen Häretiker zweifelten nicht daran, und auch die Vertreter der radikalen Textkritik in Deutschland (im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert), die vielen anderen Tatsachen in der Bibel äußerst skeptisch gegenüberstehen, gehen von der Echtheit des Briefes aus. Zwar identifiziert sich Paulus gleich zu Anfang namentlich als der Verfasser des Briefes ( Röm 1,1 ), doch da sich eine derartige Äußerung in allen Briefen findet, auch in jenen, die nicht zu den paulinischen Briefen gerechnet werden oder bei denen die Verfasserschaft fraglich ist, ist sie für sich allein nicht als ausreichender Beleg zu werten. Im Gegensatz zu anderen Briefen erwähnt Paulus seinen Namen im Römerbrief außerdem nur ein einziges Mal Aber es gibt noch verschiedene andere, interne Belege dafür, daß er ihn tatsächlich schrieb. So gibt er z. B. seine Herkunft vom Stamme Benjamin an ( Röm 11,1; vgl. Phil 3,5 ), er läßt Priszilla und Aquila, die er in Korinth kennengelernt hat ( Apg 18,2-3 ) und zu Beginn seiner zweiten Missionsreise in Ephesus zurückließ ( Apg 18,18-19 ), Grüße ausrichten ( Röm 16,3 ) und spricht davon, daß er mit der Liebesgabe der Kirchen in Mazedonien und Achaja nach Jerusalem gehen wolle ( Röm 15,25-27 ) - alles Tatsachen, die in der Apostelgeschichte ( Apg 19,21;20,1;21,15.17-19 ) und in den Korintherbriefen ( 1Kor 16,1-5; 2Kor 8,1-12;9,1-5 ) bestätigt werden. Immer wieder erwähnt er auch seinen Plan, Rom zu besuchen ( Röm 1,10-13.15; 15,22-32 ), von dem ebenfalls bereits in der Apostelgeschichte die Rede war ( Apg 19,21 ). Es sind insbesondere diese Übereinstimmungen zwischen dem Römerbrief und der Apostelgeschichte, die beweisen, daß Paulus den Römerbrief tatsächlich geschrieben hat.


Einheitlichkeit des Textes


Ein anderes Problem ist die Einheitlichkeit des Römerbriefs. Seit Marcion wurde immer wieder in Frage gestellt, ob das fünfzehnte und sechzehnte Kapitel des Römerbriefs bzw. Teile davon wirklich zum ursprünglichen Brief gehörten. Die Bedenken setzten dabei vor allem bei Kap. 16 an, unter anderem wegen der Grüße an Priszilla und Aquila (V. 3 ), die sich nach dem Bericht der Apostelgeschichte in Ephesus niedergelassen hatten ( Apg 18,19.26 ). Allerdings hatte das Ehepaar zuvor in Italien gelebt ( Apg 18,2 ) und das Land nur gezwungenermaßen, aufgrund eines kaiserlichen Dekrets, verlassen. Es ist von daher also durchaus naheliegend, daß sie nach Rom zurückkehrten, sobald es die Umstände gestatteten. Abgesehen davon bezeugen die wichtigeren griechischen Handschriften die Einheitlichkeit des Textes in seiner uns vorliegenden Form, und auch die Forschung geht mehrheitlich von dieser Einschätzung aus.



Adressaten


Auch die Identität der Empfänger des Briefes wirft verschiedene Fragen auf. Paulus adressierte ihn einfach "an alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom" ( Röm 1,7 ), also nicht an die "Gemeinde in Rom". Andererseits wissen wir aus demselben Text, daß es dort eine Gemeinde gab, denn Paulus sandte ausdrücklich Grüße an "die Gemeinde", die sich "im Hause" von Aquila und Priszilla traf ( Röm 16,3-5 ). Es ist wahrscheinlich, daß in Rom sogar mehrere christliche Gemeinden existierten; das mag auch der Grund dafür sein, daß der Apostel den Brief pauschal "an die Heiligen" und nicht an eine bestimmte Gruppe richtete.

Handelte es sich bei den Gläubigen in Rom nun aber um Juden- oder um Heidenchristen? Die Antwort muß wohl lauten, daß beide Lager vertreten waren. Aquila z. B. war Jude ( Apg 18,2 ), ebenso Andronikus, Junias und Herodion, die alle drei sogar als "Stammverwandte" des Apostels bezeichnet werden ( Röm 16,7.11 ). Immerhin gab es nach Angabe des Geschichtsschreibers Flavius Josephus und anderer Schriftsteller der Antike in Rom auch eine große jüdische Gemeinde (vgl. Apg 28,17-28 ). Doch im Grunde war Rom eine heidnische Stadt, die Hauptstadt eines heidnischen Reiches, in dem die gläubigen und ungläubigen Juden letztlich nur eine kleine Minderheit bildeten. Überdies war Paulus, wenngleich er es niemals unterließ, auch vor den Juden Zeugnis abzulegen, von seiner Berufung her der "Apostel der Heiden" ( Röm 11,13; vgl. Röm 15,16 ). Es ist daher anzunehmen, daß seine Leser in erster Linie Heidenchristen waren.

Diese Schlußfolgerung wird auch durch Belege im Brief gestützt. Paulus spricht die Juden direkt an ( Röm 2,17 ) und rechnet auch sich selbst zu den Judenchristen, wenn er von "Abraham, unserm leiblichen Stammvater" ( Röm 4,1; vgl. V. 12 ) spricht, doch schreibt er ausdrücklich: "Euch Heiden aber sage ich" ( Röm 11,13 ). Mehrere andere Abschnitte weisen ebenfalls darauf hin, daß es unter seinen Lesern Heidenchristen gab ( Röm 11,17-31; 15,14-16 ), und die Verse 1.5 und 13 zeigen, daß Paulus sogar von einem überwiegenden Anteil ehemaliger Heiden in den christlichen Gemeinden in Rom ausging.

Wie aber war der christliche Glaube nach Rom gekommen? Paulus selbst hatte die Stadt noch nicht besucht, und seinen Äußerungen nach war bis dahin auch noch kein anderer Apostel in Rom gewesen, denn er sagt von sich, daß er das Evangelium immer dort gepredigt habe, wo Christi Name noch nicht bekannt war, daß er dem Christentum also stets "Neuland" erschloß ( Röm 15,20-21 ). Auch Petrus war damals noch nicht in Rom, denn Paulus läßt ihm keine Grüße ausrichten - ein schwerwiegendes Versäumnis, wenn dieser bedeutende Apostel bereits in Rom gelebt hätte.

Eine Teilantwort auf die Frage, wie es dazu kam, daß sich in Rom eine christliche Gemeinde konstituierte, liegt vielleicht in der Tatsache, daß sich unter denen, die in Jerusalem Zeugen des Pfingstwunders wurden und die Predigt des Apostels Petrus hörten, auch "Einwanderer aus Rom" ( Apg 2,10 ) befanden. Manche von ihnen gehörten wahrscheinlich zu den 3000, die sich an diesem Tag bekehrten. Sie kamen danach als gläubige Christen nach Rom zurück und verkündeten dort wohl ihren neuen Glauben. Andere Gläubige wanderten vielleicht in den folgenden Jahren zu, denn Rom besaß große Anziehungskraft im ganzen Reich, vor allem für Geschäftsleute, wie man an dem Zeltmacherehepaar Aquila und Priszilla sieht. Sie hatten schon früher in Italiengelebt ( Apg 18,2 ) und kehrten zweifellos dorthin zurück, sobald es die äußeren Umstände gestatteten. Auch Phöbe ( Röm 16,1-2 ), offenbar die Überbringerin des Römerbriefes, reiste keineswegs in erster Linie des Briefes wegen nach Rom, sondern sie hatte den Brief nur mitgenommen, weil sie sowieso in die Hauptstadt wollte. Wahrscheinlich war ihr Vorhaben, nach Rom zu gehen, für Paulus überhaupt der Anlaß, seinen Brief zu schreiben. Er ergriff die günstige Gelegenheit, die sich ihm hier bot, mit einer Gruppe von Christen in Kontakt zu kommen, an der er großes Interesse hatte und die er ohnehin in Kürze besuchen wollte.

Wie das Fehlen von Grüßen an Petrus in Kap. 16 als Hinweis darauf zu werten ist, daß dieser sich damals noch nicht in Rom aufhielt, so sind umgekehrt die zahlreich vorhandenen Grüße an Einzelpersonen am Ende des Briefes (allein 28 werden namentlich erwähnt, außerdem mehrere Gruppen) ein Beweis, wie wichtig Paulus' Wirken für die Gründung und Entwicklung der Gemeinde in Rom war. Viele römische Gläubige waren offensichtlich von Paulus selbst bekehrt worden oder hatten ihn früher bei seiner Missionstätigkeit in anderen Teilen des Reiches unterstützt, so daß er gleichsam das Interesse eines Vaters oder Mitbegründers an den dortigen Gemeinden hatte, was in seinem Brief deutlich zum Ausdruck kommt.



Abfassungsort und Datierung


Obwohl Paulus nichts über den Abfassungsort seines Schreibens sagt, wird doch deutlich, daß er den Brief wohl in Korinth, bzw. der zu Korinth gehörigen, im Osten gelegenen Hafenstadt Kenchreä, schrieb ( Röm 16,1 ), und zwar gegen Ende seiner dritten Missionsreise, während seines dreimonatigen Aufenthalts in Griechenland ( Apg 20,2-3 ), kurz vor der Rückkehr nach Jerusalem, wo er den Armen der dortigen Gemeinden die Liebesgaben aus Mazedonien und Achaja übergeben wollte ( Röm 15,26 ). Nach der Abreise aus Korinth verbrachte er das Passafest und das Fest der Ungesäuerten Brote in Philippi ( Apg 20,6 ) und hoffte dann bis Pfingsten in Jerusalem zu sein ( Apg 20,16 ). Der Brief entstand also wohl irgendwann im Winter 57 oder Frühjahr 58 n. Chr.



Der Zweck des Briefes


Phöbes geplante Reise nach Rom ( Röm 16,2 ) war zwar zweifellos der aktuelle Anlaß des Briefes, doch Paulus hatte bei seinem Schreiben noch mehrere andere Ziele im Auge. In erster Linie wollte er den christlichen Gemeinden in Rom mitteilen, daß er sie, sobald er die Kollekte in Jerusalem abgeliefert hatte ( Röm 15,24.28-29; vgl. Apg 19,21 ), besuchen werde. Er hatte sie schon seit langem in sein Herz und in seine Gebete eingeschlossen ( Röm 1,9-10 ), und sein langgehegter Wunsch, sie aufzusuchen und unter ihnen zu predigen, der ihm bis jetzt versagt geblieben war, schien nun endlich kurz vor der Erfüllung zu stehen ( Röm 1,11-15; 15,22-23.29.32 ). Es lag ihm deshalb daran, die römischen Christen über sein bevorstehendes Kommen zu unterrichten, damit sie sich mit ihm freuen und um die Realisierung seines Vorhabens beten konnten ( Röm 15,30-32 ).

Der zweite Grund für den Brief war, den Christen in Rom eine vollständige und detaillierte Darstellung des Evangeliums, das er verkündigte, zu geben. Paulus wünschte sich brennend, "in Rom das Evangelium zu predigen" ( Röm 1,15 ), und wollte, daß die Gemeinden einen ersten Eindruck bekamen, worum es ihm im wesentlichen ging. Auf diese Weise realisierte Paulus in seinem Brief das, was Judas vorgehabt hatte, nämlich "zu schreiben von unser aller Heil" ( Jud 1,3 ). Vielleicht sah Judas davon ab, weil Paulus ihm bereits zuvorgekommen war, denn der Römerbrief enthält eine äußerst umfassende und durchdachte theologische Entfaltung des Heilsplanes der dreieinigen Gottheit für die Menschen, von der Verurteilung des Menschen aufgrund seiner Sünde im Anbeginn bis zur Erfüllung des göttlichen Planes, wenn die Menschen, dem Bild des Gottessohnes, Jesus Christus, gleichförmig geworden, auf ewig in Gottes Gegenwart leben werden.

Ein weiteres Anliegen, das Paulus mit dem Römerbrief verfolgte, ist weniger offensichtlich als die beiden ersten. Es steht in Zusammenhang mit den Spannungen zwischen den jüdischen und den heidnischen Gruppierungen innerhalb der christlichen Gemeinden in Rom, die möglicherweise zum offenen Konflikt führten. Paulus wurde während seiner ganzen Amtszeit von fanatischen Judenchristen verfolgt, die ihm von Stadt zu Stadt nachreisten und versuchten, die von ihm Bekehrten von der Freiheit des Evangeliums, die ihnen der Apostel nahegebracht hatte, abzubringen ( Gal 5,1 ). Die klassische, wenn auch nicht einzige paulinische Entgegnung auf diese judaistischen Hetzereien ist der Galaterbrief. Bei ihren Angriffen schreckten die Fanatiker, gerade zur Zeit der Abfassung des Briefes an die Römer, auch vor physischer Gewalt nicht zurück ( Apg 20,3 ).

Ob sie noch vor Paulus Rom erreichten oder nicht - auf jeden Fall steht die Kontroverse zwischen Juden- und Heidenchristen im Zentrum der Ausführungen des Apostels. Paulus ergreift in dieser Auseinandersetzung nicht Partei, sondern geht sorgfältig auf die Argumente beider Seiten ein. Er hebt zunächst die historische und chronologische Vorrangstellung der Juden hervor - "die Juden zuerst und ebenso die Griechen" ( Röm 1,16; vgl. Röm 2,9-10 ) - und betont "den Vorzug", den es bedeutet, ein "Jude" zu sein ( Röm 3,1-2; Röm 9,4-5 ). Doch er weist andererseits auch darauf hin, daß Gott, da es nur "einen Gott" gibt ( Röm 3,30 ), der Gott der Heiden wie der Gott der Juden ist ( Röm 3,29 ). Daher "sind alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde" ( Röm 3,9 ) und werden in gleicher Weise durch den Glauben an Jesus Christus und sein erlösendes Sühnopfer gerettet. Ja, um die gläubigen Heiden in seinen Heilsplan einzubeziehen und so allen Menschen seine Gnade zuteil werden zu lassen, hat Gott sogar für eine Zeitlang seine besonderen Pläne für Israel als erwähltes Volk zurückgestellt, weil die Juden sich durch ihre offiziellen Machthaber, aber auch als Nation, dem Glauben an Gottes Sohn, den Messias, verweigert haben. Doch auch in dieser Zeit - der Zeit der Kirche - sind "einige" Gläubige "übriggeblieben nach der Wahl seiner Gnade" ( Röm 11,5 ), "bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist" ( Röm 11,25 ) und Gott seine Verheißungen für das Volk Israel wieder gelten lassen und zur Vollendung bringen wird.

Mit der im ganzen Brief spürbaren Spannung zwischen Juden- und Heidenchristentum geht ein zwar gedämpfter, aber durchaus vernehmlicher Unterton einher, der Gottes Güte, Weisheit und Gerechtigkeit, wie sie in seinem Heilsplan zum Ausdruck kommen, anscheinend in Frage stellt. Es werden zwar keine expliziten Anklagen gegen Gott ausgesprochen, doch implizit schwingen sie sehr wohl mit. Der Römerbrief ist deshalb mehr als nur eine Exposition des paulinischen "Evangeliums von der Gnade Gottes" ( Apg 20,24 ) und eine Erörterung des göttlichen Heilsplans für alle Menschen. Er ist eine Theodizee, eine Apologie Gottes, eine Verteidigungsrede und Rechtfertigung des Wesens Gottes und seines Plans zur Rettung der Menschen. In ihm wird Gott als derjenige verkündet, der "selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus" ( Röm 3,26 ). Angesichts der "Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes" ( Röm 11,33 ) ruft Paulus seinen Lesern triumphierend zu: "Gott ist wahrhaftig und alle Menschen sind Lügner" ( Röm 3,4 ).



Thema des Briefes


Der Themenkreis des Römerbriefes erwächst aus den drei oben genannten Gründen für seine Abfassung, insbesondere aus den beiden letzteren. Sein Inhalt ist, auf den Punkt gebracht, das "Evangelium" ( Röm 1,16 ), d. h. genauer gesagt, er entfaltet die in diesem Evangelium offenbarte "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt", und die allein "aus Glauben in Glauben"begriffen und erlangt werden kann ( Röm 1,17 ). Diese "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" ( Röm 1,17 ), ist zum einen die Gerechtigkeit, die Gott selbst besitzt und die sich in allen seinen Handlungen manifestiert, zum zweiten ist sie die Gerechtigkeit, die Gott den Menschen um seiner Gnade willen allein durch den Glauben verleiht. Diese dem Menschen zuteil werdende Gerechtigkeit impliziert eine ihm zugerechnete Gerechtigkeit vor Gott (Rechtfertigung) sowie die ihm verliehene Möglichkeit, gerecht zu handeln und sein Leben immer mehr zu ändern und zu vervollkommnen. Das Streben nach Vollkommenheit geht auf die erneuernde "Einwohnung" des Heiligen Geistes zurück (Erneuerung und Heiligung). Seine Erfüllung und ewige Dauer (Verherrlichung) findet das neue Leben des Menschen, wenn ein an Jesus Christus Glaubender durch den Tod und die Auferstehung oder nach der Entrückung - gemäß "der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes" ( Röm 8,23 ) - vor dem Angesicht Gottes steht "gleich dem Bild seines Sohnes" ( Röm 8,29 ). Gottes gnädiger Heilsplan für die Menschen aber wird nicht fehlschlagen, weil er allein von ihm - und nicht von den Menschen - abhängt, denn "der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu" ( Phil 1,6 ).



GLIEDERUNG


I. Einführung ( 1,1-17 )

     A. Grüße ( 1,1-7 )
     B. Ankündigung des Besuches ( 1,8-15 )
     C. Das Thema des Briefes ( 1,16-17 )

II. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Verdammnis ( 1,18-3,20 )

     A. Die Gottlosigkeit der Heiden ( 1,18-32 )
          1. Die Gründe für die Verdammung der Heiden ( 1,18-23 )
          2. Die Folgen dieser Verdammung ( 1,24-32 )

     B. Der Maßstab des göttlichen Gerichts ( 2,1-16 )
          1. Wahrheit ( 2,1-4 ) 2. Unparteilichkeit ( 2,5-11 )
          3. Jesus Christus ( 2,12-16 ) C. Die Gottlosigkeit der Juden ( 2,17-3,8 )
          1. Ihre Heuchelei ( 2,17-24 )
          2. Ihr Sich-Verlassen auf rituelle Vorschriften ( 2,25-29 )
          3. Ihr Unglaube ( 3,1-8 )

     D. Die Gottlosigkeit aller Menschen ( 3,9-20 )
          1. Alle sind unter der Sünde ( 3,9-18 )
          2. Alle wissen, daß sie sündigen ( 3,19-20 )

III. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung ( 3,21-5,21 )

     A. Das Geschenk der Rechtfertigung ( 3,21-31 )
     B. Die Veranschaulichung dieses Geschenkes ( Kap.4 )
          1. Allein durch Glauben, nicht durch Werke ( 4,1-8 )
          2. Allein durch Glauben, nicht durch Riten ( 4,9-12 )
          3. Allein durch Glauben, nicht durch das Gesetz ( 4,13-17 )
          4. Allein durch den Glauben an Gottes Verheißungen ( 4,18-25 )

     C. Die Freude über das Geschenk ( 5,1-11 )
     D. Die unverdiente Gnade dieses Geschenks ( 5,12-21 )

IV. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Heiligung ( Kap. 6-8 )

     A. Der Grund für die Heiligung ( 6,1-4 )
     B. Das neue Leben ( 6,5-23 )
          1. Erkenntnis ( 6,5-11 )
          2. Frucht ( 6,12-14 )
          3. Dienst ( 6,15-23 )

     C. Der Konflikt im neuen Leben ( Kap. 7 )
          1. Der Gläubige und das Gesetz ( 7,1-6 )
          2. das Gesetz und die Sünde ( 7,7-13 )
          3. Der Gläubige und die Sünde ( 7,14-25 )

     D. Die Macht, die die Heiligung ermöglicht ( 8,1-17 )
     E. Das Ziel der Heiligung ( 8,18-27 )
     F. Die Gewißheit der Heiligung ( 8,18-39 )

V. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in seiner Erwählung ( Kap. 9-11 )

     A. Die freie Gnadenwahl Gottes ( 9,1-29 )
          1. Die Vorrechte Israels ( 9,1-5 )
          2. Die Gnadenwahl ( 9,6-18 )
          3. Die Erklärung der Gnadenwahl ( 9,19-29 )

     B. Der Umgang mit der Erwählung ( 9,30-10,21 )
          1. Das Stolpern Israels ( 9,30-10,4 )
          2. Gottes gnädiges Angebot ( 10,5-15 )
          3. Die Ablehnung dieses Angebots durch Israel ( 10,16-21 )

     C. Die Erfüllung der Erwählung ( Kap. 11 )
          1. Unter den Juden ( 11,1-10 )
          2. Unter den Heiden ( 11,11-24 )
          3. Die endgültige Rettung Israels ( 11,25-32 )
          4. Lob angesichts der Herrlichkeit Gottes ( 11,33-36 )

VI. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in einem neuen Leben ( 12,1-15,13 )

     A. Die grundlegende Heiligung ( 12,1-2 )
     B. Im Dienst der Gemeinde ( 12,3-8 )
     C. In den sozialen Beziehungen ( 12,9-21 )
     D. Im Verhältnis zur Obrigkeit ( 13,1-7 )
     E. Im Licht der Zukunft ( 13,8-14 )
     F. Im Umgang mit anderen Christen ( 14,1-15,13 )
          1. Richtet nicht ( 14,1-12 )
          2. Gebt keinen Anstoß ( 14,13-23 )
          3. Ahmt Christus nach ( 15,1-13 )

VII. Schlußbemerkungen ( 15,14-16,27 )

     A. Persönliche Pläne ( 15,14-33 )
     B. Persönliche Grüße ( 16,1-16 )
     C. Schlußworte ( 16,17-27 )


AUSLEGUNG


I. Einführung
( 1,1 - 17 )


A. Grüße
( 1,1 - 7 )


Zur traditionellen Brieferöffnung in der Antike gehörten (a) Nennung und Identifizierung des Verfassers, (b) Nennung und Identifizierung des Empfängers und (c) Gruß. Dieses Muster taucht auch im Römerbrief auf - trotz des längeren Exkurses nach dem Wort "Evangelium" - und kehrt in den übrigen neutestamentlichen Briefen, mit Ausnahme des Hebräer- und 1. Johannesbriefes wieder. (Vgl. die Tabelle "Die Einleitungsworte des Apostels Paulus zu seinen Briefen".)

Röm 1,1


Gleich im ersten Vers nennt sich Paulus einen Knecht Jesu Christi . Das griechische Wort für "Knecht" ( doulos ), das er an dieser Stelle verwendet, bedeutet Sklave, bezeichnet also eine Person, die nicht sich selbst, sondern jemand anderem gehört. Für Paulus ist das ein Ehrentitel ( Gal 1,10; Tit 1,1 ); er schätzt das alttestamentliche Bild des Sklaven, der sich aus Liebe sein Leben lang seinem Herrn verpflichtet ( 2Mo 21,2-6 ).

Als zweites bezeichnet er sich als Apostel , als bevollmächtigten Abgesandten (vgl. Mt 10,1-2 ) - ein Amt, zu dem er berufen ist. (Der griechische Text lautet wörtlich: "ein berufener Apostel".) Seine Berufung kommt von Gott ( Apg 9,15; Gal 1,1 ), wird aber auch von den Menschen anerkannt ( Gal 2,7-9 ). Zu ihr gehört das Ausgesondertsein (von aphorizO , vgl. Apg 13,2 ), zu predigen das Evangelium Gottes , die gute Nachricht von Gott, die sich auf "seinen Sohn" ( Röm 1,3.9 ) konzentriert und die Paulus "willens ist zu predigen" (V. 15 ), ohne sich dafür zu schämen (V. 16 ). Dieses Ausgesondertsein hindert ihn jedoch weder daran, weiterhin seinem Beruf als Zeltmacher nachzugehen und auf diese Weise den Lebensunterhalt für sich und seine Begleiter zu verdienen ( Apg 20,34; 1Thes 2,9; 2Thes 3,8 ) noch am freien Umgang mit allen Schichten der heidnischen Gesellschaft. Es ist ein Ausgesondertsein für ein bestimmtes Ziel und bedeutet Verpflichtung und Hingabe, nicht Isolation, wie es bei den Pharisäern der Fall war. (Interessanterweise bedeutet das Wort "Pharisäer" "Ausgesonderter" im Sinne von "isoliert" oder "abgesondert".)



Röm 1,2


Der Begriff Heilige Schrift bezieht sich offensichtlich auf das Alte Testament und steht im Neuen Testament nur an dieser einen Stelle ( 2Tim 3,15 verwendet andere griechische Ausdrücke für "heilig" und "Schrift"). Paulus zitiert zwar keinen der Propheten , die seinen Worten nach das Evangelium verheißen haben, doch die Auslegung von Jes 53,7-8 ,die Philippus dem äthiopischen Kämmerer gab, ist ein Beispiel dafür, wie der Text des Alten Testaments mit den Geschehnissen, von denen das Neue Testament berichtet, verknüpft ist ( Apg 8,30-35; vgl. Lk 24,25-27.45-47 ).

 

 



Röm 1,3-4


Die "gute Nachricht" Gottes betrifft seinen Sohn, Jesus Christus, unsern Herrn . Damit wird die Gottheit Christi bereits vor der Inkarnation, d. h. bevor er geboren ist ( genomenou , Partizip) aus dem Geschlecht Davids , bestätigt. Doch Christus war auch Fleisch , d. h. wahrer Mensch, wie seine Verbindung zu David und seine Auferstehung von den Toten beweisen. Die Auferstehung, in der er sich als Sohn Gottes erwies, bestätigte seinen Anspruch auf Gottheit und seine Prophezeiungen über die Auferstehung ( Joh 2,18-22; Mt 16,21 ). Diese Bestätigung erfolgte nach dem Geist, der heiligt , dem Heiligen Geist.

 

Röm 1,5-7


Paulus hat von Jesus den Auftrag erhalten, zu allen Heiden zu gehen. Dazu gehören auch die Römer. Er spricht sie in seinem Brief nicht pauschal als Gemeinde an, sondern wendet sich an die einzelnen Gläubigen. Paulus ist das menschliche Werkzeug (durch und in Christi Namen empfing er Gnade und Apostelamt ; vgl. Apg 12,3; 15,15 ), doch er ist vom Herrn selbst berufen (vgl. Röm 8,28-30 ), und auch seine Leser sind als "Heilige" abgesondert. Gehorsam und Glaube werden im Römerbrief häufig miteinander verknüpft (vgl. Röm 15,18; 16,26; vgl. auch 1Pet 1,2 ). So wie Paulus ein "berufener" Apostel ist, sind auch die Gläubigen in Rom von Jesus Christus berufen und damit berufene Heilige .

Im Zusammenhang mit seinem Gruß gibt Paulus, wie in allen seinen Briefen, dem Wunsch Ausdruck, daß die Angesprochenen sich der Gnade Gottes und seines Friedens erfreuen mögen.



B. Ankündigung des Besuchs
( 1,8 - 15 )


Röm 1,8-15


Paulus machte es sich zur Regel, seine Briefe mit einer Danksagung an Gott, einer Bitte und einer persönlichen Botschaft an seine Adressaten zu beginnen. Er freut sich über die Nachricht, daß in aller Welt (eine Übertreibung, mit der einfach das ganze römische Reich gemeint ist) vom Glauben der Römer gesprochen wird. Zu seiner ständigen Fürbitte für sie (V. BC= 9 - 10 ) gehört auch die Bitte um die Erfüllung seines schon lange gehegten Wunsches, sie zu besuchen, der nun anscheinend nichts mehr im Wege steht (V. 10 ; vgl. Röm 15,23-24 ). Bei diesem Besuch, der beide - Paulus und die Gemeinden in Rom - trösten soll, will er aus drei Gründen bei ihnen predigen: (a) um sie zu stärken ( Röm 1,11; damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe , bedeutet entweder, daß er seine eigenen geistlichen Gaben für sie einsetzen möchte oder daß er den Gemeindegliedern selbst geistliche Gaben, d. h. Segnungen, schenken will), (b) um unter ihnen Frucht zu schaffen (V. 13 ) und (c) um seinerseits von ihnen getröstet zu werden (V. 12 ). Sein Dienst in Rom soll also derselbe sein wie der in den anderen Metropolen des Reichs.

Weil er zum "Apostel" (V. 5 ) für die Heiden berufen ist, fühlt Paulus sich verpflichtet, allen Menschen die gute Nachricht Gottes zu verkündigen (V. 14-15 ). Das mit Nichtgriechen übersetzte Wort heißt wörtlich "Barbaren", bezeichnet also alle Nichtgriechen vom Standpunkt der Griechen aus (vgl. Kol 3,11 ). Parallel dazu steht der Begriff Nichtweisen ( anoEtois , vgl. Tit 3,3 ) im nächsten Begriffspaar, der gleichbedeutend mit unkultiviert ist. Weil Paulus sich als Schuldner der Heiden fühlt, hat er das Bedürfnis ( Röm 1,15 ), ihnen überall - auch in Rom, der Hauptstadt des Reiches - das Evangelium zu verkündigen.



C. Das Thema des Briefes
( 1,16 - 17 )


Röm 1,16


Paulus liegt aber auch deshalb so viel daran, das Evangelium weiterzutragen, weil er weiß, wie entscheidend und wichtig seine Botschaft ist. (Hier taucht zum vierten von insgesamt vier Malen das Wort "Evangelium" in der Einleitung des Briefes auf: vgl. V. 1.9.15 ) Viele Exegeten sehen denn auch in der Evangelisation das zentrale Thema des Briefes, was in gewisser Weise auch zutrifft. Paulus verkündet seine Botschaft jedenfalls mit Freuden; er bezeichnet sie als unendliche Kraft ( dynamis ; spirituelle Fähigkeit) Gottes, die alle, die daran glauben, selig macht , ganz gleich, welchen ethnischen Hintergrund sie haben. Dennoch räumt er den Juden mit dem Wort "zuerst" eine Vorrangstellung ein. Dieses "zuerst" ist von den Handschriften her gut belegt und wird auch in Röm 2,9-10 nicht in Frage gestellt.

Weil die Juden Gottes erwähltes Volk ( Röm 11,1 ), die Wächter der göttlichen Offenbarung ( Röm 3,2 ) und das Volk, das der Menschheit den Christus gab ( Röm 9,5 ), sind, haben sie Vorrechte, die sich historisch in einer chronologischen Vorrangstellung manifestieren. Auch Jesus hatte gesagt, daß "das Heil von den Juden" kommt ( Joh 4,22 ). Daher sucht Paulus in jeder neuen Stadt zuerst die Juden auf ( Apg 13,5.14;14,1;17,2.10.17;18,4.19;19,8 ), wendet sich jedoch, wenn sie sich weigern, ihm zuzuhören, den Heiden zu (dreimal, vgl. Apg 13,46;18,6;28,25-28; vgl. auch den Kommentar zu Eph 1,12 ). Auch heute muß eine weltweite Evangelisation die Juden einschließen, doch die Zeit, in der die Juden die ersten waren, denen das Heil zugesagt wurde, ist vorüber.



Röm 1,17


Das eigentliche Thema des Briefes aber formuliert die Wendung: denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt . Der Genetivus subjectivus (wörtlich "von Gott") macht diese Gerechtigkeit zu einer Gerechtigkeit, die Gott den Menschen auf der Grundlage ihres Glaubens und als Antwort auf ihren Glauben an das Evangelium schenkt (vgl. Apg 3,22 ). (Die Wendung "aus Glauben in Glauben" , griechisch ek pisteOs eis pistin , heißt wörtlich: "aus dem Glauben in den Glauben".) Eine solche Gerechtigkeit ist durch menschliches Bemühen nicht zu erlangen. Sie ist kein Attribut Gottes, denn da sie "von Gott" kommt, ist sie eins mit seinem Wesen. Robertson bezeichnet sie in einer geglückten Formulierung als "göttliche Gerechtigkeit" (A.T. Robertson, Word Pictures in The New Testament ; Nashville 1943, 4, 327). Als Antwort auf den Glauben rechnet Gott dem Menschen diese seine Gerechtigkeit in der Rechtfertigung zu und gewährt sie ihm progressiv in der Erneuerung und Heiligung, deren Höhepunkt die Verherrlichung ist, wenn Ansehen des Menschen vor Gott und sein Sein identisch werden. "Gerechtigkeit", dikaiosynE , und "rechtfertigen", dikaioO , sind im Griechischen wie im Deutschen verwandt. Paulus benutzt im Griechischen das Substantiv in den Briefen sehr oft, einundreißigmal allein im Römerbrief ( Röm 1,17; 3,21-22.25-26; 4,3.5-6,9.11 [zweimal]. 22 ; Röm 5,17.21; 6,13.16.18-20; 8,10; 9,30 [zweimal]- 31 ; Röm 10,3-6 (dreimal in V. 3 ). 10 ; Röm 14,17 );und auch das Verb "gerechtsprechen" findet sich im Römerbrief fünfzehnmal ( Röm 2,13; 3,4.20.24.26.28.30; 4,2.5; 5,1.9; 6,7; 8,30 [zweimal]. 33 ). Einen Menschen zu rechtfertigen heißt, ihn vor dem Gesetz für gerecht zu erklären. In 2,13 und 3,20 wird dikaioO mit "gerecht sein" und in Röm 6,7 mit "frei geworden" übersetzt.

Die Schlußworte in Röm 1,17- der Gerechte wird aus Glauben leben - sind ein Zitat aus Hab 2,4 , das sich auch in Gal 3,11 und Hebr 10,38 findet. Aufgrund des Glaubens (vgl. "die glauben"; Röm 1,16 ) an Christus wird ein Mensch gerecht (vgl. Röm 3,22 ) und erhält das ewige Leben.

 

 

II. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Verdammnis
( 1,18 - 3,20 )


Der erste Schritt in der Offenbarung der Gerechtigkeit, die Gott den Menschen schenkt, wenn sie glauben, ist, daß er ihnen die Augen dafür öffnet, wie nötig sie dieses Geschenk brauchen, denn sie stehen unter seinem Gericht. Die Menschen sind vor Gott verdammt und ohne seine Gnade rettungslos verloren.



A. Die Gottlosigkeit der Heiden
( 1,18 - 32 )


Dieser Abschnitt befaßt sich mit der Menschheit vor der Berufung Abrahams und der Erwählung eines besonderen Volkes durch Gott. Für die Heiden bestand diese Situation im Gegensatz zu den Juden noch immer.



1. Die Gründe für die Verdammung der Heiden
( 1,18 - 23 )


Gott verdammt niemanden ohne Berechtigung. Im folgenden werden drei Gründe für das Gericht über die Heiden genannt.



a. Die Unterdrückung der göttlichen Wahrheit
( 1,18 )


Röm 1,18


Dieser Vers ist programmatisch für den ganzen Abschnitt und bildet zugleich eine kontrastierende Parallele zu Vers 17 . Die fortwährende Offenbarung (das Verb wird offenbart steht im Präsens) des Zornes Gottes ist Ausdruck seiner Gerechtigkeit (die ebenfalls "offenbart wird"; V. 17 ) und seiner Absage an die menschliche Sünde. Die Menschen brauchen diese fortdauernde Offenbarung der "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" (V. 17 ). Gottes Zorn richtet sich gegen alles gottlose Wesen ( asebeian , "Mangel an Ehrfurcht vor Gott") und alle Ungerechtigkeit ( adikian ) der Menschen , nicht gegen die Menschen an sich. (Dieser Zorn Gottes wird auch in der Zukunft offenbart werden; vgl. Röm 2,5 .) Gott haßt die Sünde und richtet sie, aber er liebt die Sünder und will ihr Heil.

Wer Gott nicht gibt, was ihm gebührt, versagt unausweichlich auch im Umgang mit den Menschen, die ja nach Gottes Bild geschaffen sind. Statt dessen fahren die Menschen (in ihrer Ungerechtigkeit gegenüber dem Nächsten) fort, die Wahrheit (vgl. Röm 1,25; Röm 2,8 ) über Gott und die Menschen niederzuhalten ( katechontOn ). Sie waren ursprünglich im Besitz der göttlichen Wahrheit, unterdrückten sie aber und weigerten sich aus ihrer grundsätzlichen Haltung der Ungerechtigkeit ( en adikia ) heraus, nach ihr zu leben. In dieser Unterdrückung der Wahrheit sieht Paulus den ersten Grund für Gottes Gericht über die heidnische Welt.



b. Die Missachtung der göttlichen Offenbarung
( 1,19 - 20 )


Alle Menschen können Gott erkennen. Die Erkenntnis Gottes wird hier als eine natürliche Offenbarung bezeichnet, insofern sie in der Schöpfung sichtbar wird, der ganzen Menschheit zugänglich ist und nicht mit dem soteriologischen Aspekt des göttlichenHeilsplanes verknüpft ist, also nicht von der von Christus erworbenen Rettung der Menschen handelt.



Röm 1,19


Paulus bezeichnet diese Erkenntnis als offenbar ( phaneron ), d. h. sichtbar oder klar. Sie ist so, weil Gott sie offenbart hat ( ephanerOsen , das Verb zum Substantiv phaneron ). Manche Exegeten übersetzen die Wendung ihnen mit "in ihnen", um damit anzudeuten, daß Vers 19 von der Erkenntnis Gottes im Innern des Menschen, durch das Gewissen und das religiöse Bewußtsein, spricht. Demgegenüber erscheint es jedoch plausibler, Vers 19 mit der Tatsache der natürlichen Offenbarung in Zusammenhang zu bringen, deren Wesen in Vers 20 entfaltet wird. Dafür spricht unter anderem das einleitende Wörtchen "denn" in Vers 20 , das die beiden Verse kausal verbindet.



Röm 1,20


"Was man von Gott erkennen kann" (V. 19 ) wird hier als Gottes unsichtbares Wesen und seine ewige Kraft und Gottheit bezeichnet. Weil "Gott Geist ist" ( Joh 4,24 ), sind alle seine Eigenschaften dem physischen Auge unsichtbar und können vom menschlichen Verstand nur insoweit wahrgenommen werden, als sie sich in seinen Werken , d. h. in der Schöpfung, spiegeln. Der aus sich selbst heraus existierende Gott aber ist zugleich auch der Schöpfer aller Dinge; deshalb können seine unsichtbaren Eigenschaften seit der Schöpfung der Welt deutlich ersehen werden. Hier liegt möglicherweise ein Wortspiel zwischen dem mit "unsichtbares Wesen" übersetzten Substantiv aorata und dem mit "ersehen" übersetzten Verb kathorathai vor, die von der gleichen griechischen Wurzel abstammen. Sowohl das Verb "ersehen" als auch die Verbform "wahrnimmt" stehen im Präsens, was die Fortdauer dieses Erkenntnisprozesses unterstreicht. Der Begriff theiotEs , übersetzt mit "Gottheit", steht nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament. Er umfaßt die Eigenschaften, die Gott zu Gott machen. Die Schöpfung, die die Menschen wahrnehmen, offenbart Gottes unsichtbares Wesen - die allmächtige Gottheit (vgl. dazu Ps 19,2-7 ).

Entscheidend ist die Schlußfolgerung, die Paulus aus der Darstellung der natürlichen Offenbarung zieht: die Menschen haben keine Entschuldigung . Das Zeugnis für Gott in der Natur ist so eindeutig und beständig, daß es unentschuldbar ist, daran vorbeizugehen. Die Verdammung der Heiden basiert daher nicht auf der Ablehnung Christi, von dem sie ja gar nicht gehört haben, sondern auf ihrer Sünde gegen das Licht der Erkenntnis, das ihnen gegeben ist.


c. Die Entstellung der Herrlichkeit Gottes
( 1,21 - 23 )


Röm 1,21


Dieser Grund für Gottes Verdammung der Heiden baut auf dem vorangehenden auf, wie dieser seinerseits auf dem allerersten beruht. Die Beziehung zwischen beiden wird am Gebrauch des gleichen griechischen Verbindungswortes ( dioti ) am Anfang von Vers 19.21 deutlich, das beide Male mit denn übersetzt ist. Daß die Menschen die Wahrheit unterdrücken, zeigt sich in ihrer Ablehnung der eindeutigen Beweise für die souveräne Schöpfermacht Gottes und in ihrer Verkehrung dessen, was sie von Gott wissen, in Götzendienst.

Der Satz "obwohl sie von Gott wußten" bezieht sich auf ein ursprüngliches Erfahrungswissen von Gott, wie Adam und Eva es vor und nach dem Sündenfall hatten. Wie lange diese natürliche Gotteserkenntnis erhalten blieb, bis sie schließlich entstellt wurde, wird nicht gesagt, doch fest steht, daß die Menschen Gott kannten. Das macht ihre Handlungsweise umso sträflicher. Normalerweise sollte man annehmen, daß Gotteserkenntnis automatisch zur Gottesverehrung führt, doch diese Menschen haben ihn weder als Gott gepriesen noch ihm gedankt . Sie kehrten sich von ihrer ureigensten Bestimmung, Gott zu verherrlichen und ihm für seine Werke zu danken, ab. Angesichts dieser bewußten Auflehnung ist es kaum verwunderlich, daß sie in ihren Gedanken dem Nichtigen ( emataiOthEsan , wörtlich "wertlos, sinnlos"; vgl. Eph 4,17 ) verfielen und ihr unverständiges ( asynetos , "moralisch empfindungslos"; vgl. Röm 1,31 ) Herz sich verfinsterte (vgl. Eph 4,18 ). Wo die Wahrheit nicht angenommen wird, gehen allmählich auch das Erkenntnisvermögen und die Empfänglichkeit für die Wahrheit verloren (vgl. Joh 3,19-20 ).



Röm 1,22-23


Wenn die wahre Quelle der Weisheit mißachtet wird ( Ps 111,10 ), wird der Anspruch der Menschen, weise zu sein, zur bloßen Prahlerei. Sie werden zu Narren ( emOranthEsan ), wie ihre Verehrung von Götzen in Gestalt von Menschen und Tieren (vgl. Röm 1,25 ) zeigt. In Jes 44,9-20 wird die Verkehrtheit und Dummheit des Götzendienstes, der zugleich dem wahren Gott die Verherrlichung verweigert, mit beißenden Worten geschildert. Die Abkehr von Gott führt zum geistigen Verfall: zuerst zu nichtigen Gedanken, dann zu moralischer Abstumpfung und schließlich in die religiöse Verirrung, wie sie im Götzendienst zutage tritt.

 

2. Die Folgen dieser Verdammung
( 1,24 - 32 )


Die Folgen des göttlichen Verdammungsurteils über die sich gegen ihn auflehnende Menschheit ergeben sich im Grunde aus der Unterdrückung der Wahrheit, der Mißachtung der Offenbarung und der Entstellung der göttlichen Herrlichkeit. Doch Gott ließ den Dingen nicht nur einfach ihren Lauf. Er lieferte die Menschen den Auswüchsen ihres verderbten Lebens, das seinen Zorn und sein göttliches Strafgericht heraufbeschwor (V. 32 ), aus (das dreimalige "dahingegeben", V. 24.26.28 , kommt von paredOken , "aufgeben, verlassen").



a. Unzucht
( 1,24 - 25 )


Röm 1,24


Ein Aspekt der menschlichen Verderbtheit (der Gott die Menschen preisgab) ist die sexuelle Ausschweifung. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen heute einen heimlichen Geliebten bzw. eine heimliche Geliebte haben, Partnertausch praktizieren oder an Gruppensexparties teilnehmen, so hat man das Gefühl, daß all dies tatsächlich darauf zurückzuführen ist, daß Gott die Menschen ihren Begierden preisgegeben hat. Sexualität innerhalb der Ehe ist ein Geschenk Gottes, doch überall sonst ist sie Unreinheit und eine Schändung der Leiber .



Röm 1,25


In gewissem Sinne nimmt dieser Vers die Lehre von Vers 23 wieder auf, entfaltet sie jedoch auf andere Weise. Gottes Wahrheit bezieht sich nicht nur auf Gott, sondern auf alle Dinge, auch auf die ganze Menschheit. Die Menschen sind Geschöpfe Gottes und können wahre Erfüllung nur finden, wenn sie Gott den Schöpfer verehren und ihm gehorsam dienen. Eine Lüge (wörtlich: "die Lüge") dagegen ist, daß die Kreatur - die Engel ( Jes 14,13-14; Joh 8,44 ) wie die Menschen ( 1Mo 3,4-5 ) - unabhängig von Gott existieren können, sich selbst genügend, selbstbestimmt und in sich selbst Erfüllung findend. Die Menschheit machte sich selbst zu ihrem Gott, statt dem wahren Gott die Ehre zu geben. Weil der Schöpfergott in Ewigkeit gelobt ist (im Gegensatz zu seinen Geschöpfen, die keine Anbetung verdienen), fügt Paulus an dieser Stelle das Wort Amen ein. Es bedeutet sowohl im Deutschen als auch im Griechischen soviel wie das hebräische "So soll es sein". Als Feststellung, nicht als Wunsch, dient es der ausdrücklichen Bekräftigung des soeben Gesagten (vgl. den Kommentar zu 2Kor 1,20 ).



b. Sexuelle Perversion
( 1,26 - 27 )


Röm 1,26-27


Außerdem hat Gott die Menschen in schändliche Leidenschaften dahingegeben . Dazu gehören, wie der Text sagt, homosexuelle Beziehungen. Die Frauen haben den natürlichen (ehelichen) Verkehr bewußt mit dem widernatürlichen (lesbischen) vertauscht . Das ist der zweite verderbliche "Wechsel", den die Nichtwiedergeborenen vollzogen (vgl. V. 25 ). Männer ... sind in Begierde zueinander entbrannt ( orexei , "sexuelle Lust", steht nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament und unterscheidet sich von dem gebräuchlicheren Wort für Lust ["Begierden"] in V. 26 ).

Die mit Frauen und Männer übersetzten Begriffe bezeichnen einfach die verschiedenen Geschlechter ("weiblich" und "männlich"). Homosexuell veranlagte Menschen von heute meinen, diese Verse so auslegen zu können, daß es für einen heterosexuellen Mann oder eine heterosexuelle Frau unnatürlich sei, eine homosexuelle Beziehung einzugehen, nicht jedoch für einen homosexuell veranlagten Mann oder eine homosexuell veranlagte Frau, weil die Homosexualität ihrer natürlichen Neigung entspricht. Diese überstrapazierte Exegese wird aber von der Bibel an keiner Stelle gestützt. Die einzige natürliche sexuelle Verbindung, die die Bibel anerkennt, ist die heterosexuelle Gemeinschaft ( 1Mo 2,21-24; Mt 19,4-6 ) innerhalb der Ehe. Alle homosexuellen Beziehungen stellen sexuelle Verirrungen dar und fallen unter Gottes Gericht. Solche nur auf körperlicher Lust basierenden und schändlichen Handlungen tragen die Saat der Strafe ( den Lohn ) bereits in sich.



c. Verworfenheit
( 1,28 - 32 )


Röm 1,28


Zu der Auflehnung der Heiden gegen Gott gehört auch die Ablehnung der Erkenntnis ( epignOsei ; vgl. V. 32 ) Gottes . Sie verdrängten Gott aus ihren Gedanken. Er strafte sie für ihre Gleichgültigkeit, indem er sie in verkehrten ( adokimon , "mißbilligt") Sinn dahingab - eine Verkehrtheit, die sich in Einstellungen und Verhaltensweisen äußerte, die nicht recht (wörtlich: "unpassend oder ungeeignet", ein Terminus aus der stoischen Philosophie) waren.


Röm 1,29-31


Die Leere, die in ihrem Inneren entstand, weil sie Gott aufgegeben hatten, wurde von vier Formen der Sünde ausgefüllt (das griechische Perfekt der Verbform impliziert, wie Luther auch übersetzt, daß sie ganz von diesem Schlimmen erfüllt, voll von , sind): Ungerechtigkeit ( adikia ; vgl. V. 18 ), Schlechtigkeit ( ponEria ), Habgier, Bosheit ( kakia ). Diese vier Oberbegriffe werden dann in 17 weiteren Eigenschaften noch näher spezifiziert. Die beiden ersten, Neid und Mord , klingen im Griechischen fast gleich: phthonou und phonou . Auch die vier Laster in Vers 31 beginnen im Griechischen alle mit demselben Buchstaben, Alpha.



Röm 1,32


So böse und verderbt werden Menschen, die in offener Mißachtung Gottes solches tun (die Präsensform drückt eine ständige oder zur Gewohnheit gewordene Handlung aus). Diese Mißachtung wiegt (a) durch ihr Wissen darum ( epignontes ; vgl. V. 28 ), daß sie nach Gottes Recht den Tod verdienen , und (b) dadurch, daß sie andere zu demselben Leben ermutigen, umso schwerer.



B. Der Maßstab des göttlichen Gerichts
( 2,1 - 16 )


1. Wahrheit
( 2,1 - 4 )


Röm 2,1


Jede Verallgemeinerung - wie es die obige umfassende Anklage der Heiden ( Röm 1,18-32 ) ist -, beinhaltet Ausnahmen von der Regel. So besaßen offensichtlich manche Heiden durchaus auch hohe ethische Maßstäbe, führten ein untadeliges Leben und verurteilten die verbreitete moralische Verderbtheit ihrer Zeitgenossen. Auch die Juden hoben sich in moralischer Hinsicht scharf von den sie umgebenden heidnischen Völkern ab und distanzierten sich ebenfalls entschieden von ihrer Lebensweise. Beide Gruppen waren wahrscheinlich der Ansicht, daß Gottes Verdammnis sich nicht auf sie bezog, weil sie auf einem höheren moralischen Niveau standen. Doch Paulus hebt nachdrücklich hervor, daß auch sie dem Gericht verfallen sind, weil sie ebendasselbe taten, was sie an den anderen mißbilligten. Denn , erklärt er, worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst . Alle Menschen haben sich von Gott abgewandt und sündigen, wenn es auch Unterschiede in der Häufigkeit, dem Ausmaß und dem Grad der Sünde gibt. Darüber hinaus stehen alle, besonders jedoch die moralistisch orientierten Heiden und die Juden, unter dem Gericht Gottes (sie können sich nicht entschuldigen ; vgl. Röm 1,20 ), weil sein Urteil sich auf drei göttliche Maßstäbe stützt - Wahrheit ( Röm 2,2-4 ), Unparteilichkeit (V. 5 - 11 ) und Jesus Christus selbst (V. 12 - 16 ). Diese Maßstäbe sind absolut und unbegrenzt gültig; nach ihnen verdient jeder das Gericht.


Röm 2,2-3


Der erste Maßstab ist die Wahrheit. Nirgendwo in der Bibel wird Gott in ähnlicher Weise als die "Wahrheit" definiert, wie er als "Geist" ( Joh 4,24 ), "Licht" ( 1Joh 1,5 ) und "Liebe" ( 1Joh 4,8.16 ) definiert wird. Allerdings bezeichnete Jesus sich selbst als "die Wahrheit" ( Joh 14,6 ), Gott dagegen ist der Gott der Wahrheit (vgl. Jes 65,16 ). Wahrheit - die absolute, uneingeschränkte Wahrheit - ist zweifellos eine Wesenseigenschaft Gottes. Wenn sein Urteil über die Menschen also auf der "Wahrheit" beruht, gibt es keine "Entschuldigung ( Röm 2,1 ) und kein Entrinnen . Ein Mensch kann nach noch so hohen moralischen Maßstäben leben, und er kann seine Zeitgenossen, die in ihrem verderbten Leben gefangen sind, noch so sehr verurteilen, er wird dennoch von Gott gerichtet werden, weil er dasselbe tut (vgl. V. 1 ).



Röm 2,4


Indem Gott sein Strafgericht über die sündige Menschheit zurückhält, erweist er seinen Geschöpfen den Reichtum seiner Güte ( chrEstotEtos , "tätige Güte"; vgl. auch Röm 11,22; Eph 2,7; Tit 3,4 ), Geduld und Langmut (vgl. Apg 14,16;17,30; Röm 3,26 ). Er will die Menschen durch seine Güte zur Buße , zur reuigen Umkehr zu ihm, bewegen. (Das hier verwendete Wort für Güte, chrEstos , ist ein Synonym des zuvor verwendeten chrEstotEtos . Beide Worte bedeuten "auf ein Bedürfnis eingehen". C hrEstos wird in Lk 6,35 sowie in 1Pet 2,3 für Gott und in Eph 4,32 für die Gemeinde benutzt.) Doch in Verkennung der Absicht Gottes verachteten ( kataphroneis , "geringschätzen") die Menschen ihn und seine Werke (vgl. "die Wahrheit niederhalten"; Röm 1,18 ). Durch die natürliche Offenbarung ( Röm 1,19-21.28 ) wußten sie zwar, daß er existiert, doch sie wußten nicht, was er mit seiner Güte bezweckte.


2. Unparteilichkeit
( 2,5-11 )


Röm 2,5-6


Warum wissen die Menschen nichts von der Güte Gottes (V. 4 ), und warum verschmähen sie sie? Wegen ihrer verstockten (wörtlich "verhärteten", sklErotEta , daher "Sklerose") und unbußfertigen Herzen . So sind sie selbst dafür verantwortlich, daß sich der Zorn Gottes wie ein riesiges Reservoir aufstaut und sich am Tag des Zorns nach einem gerechten Gericht über den Sünder ergießen wird. An diesem Tag wird Gott einem jeden geben nach seinen Werken (Zitat aus Ps 62,13 und Spr 24,12 ); sein Richterspruch wird auf dem Maßstab seiner Wahrheit ( Röm 2,2 ) beruhen und vollkommen unparteilich sein (V. 11 ).



Röm 2,7-11


Gott wird denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten (das Präsens bezeichnet eine fortgesetzte Handlung) nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben, ewiges Leben geben. Diejenigen aber, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen (ebenfalls Präsens, vgl. oben), gehorchen aber der Ungerechtigkeit ( adikia ; vgl. Röm 1,18 ), werden seine Ungnade und sein Zorn treffen. Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun (Präsens); Herrlichkeit aber und Ehre (vgl. Röm 2,7 ) und Frieden all denen, die Gutes tun (Präsens). Diese gerechte Vergeltung Gottes orientiert sich allein an dem, was jeder einzelne in seinem Leben getan hat, ohne Ansehen der Volkszugehörigkeit, der sozialen Position oder irgendeiner anderen Voraussetzung.

Im Verhalten einer Person offenbart sich der Zustand ihres Herzens. Dasewige Leben ist nicht etwa die Belohnung für eine gute Lebensführung - das stünde im Widerspruch zu zahlreichen anderen Schriftstellen, die ganz klar besagen, daß die Rettung nicht durch gute Werke erlangt wird, sondern ein Geschenk der Gnade Gottes an die ist, die glauben (z. B. Röm 6,23; 10,9-10; 11,6; Eph 2,8-9; Tit 3,5 ). Ein Mensch, der Gutes tut, zeigt vielmehr, daß er innerlich wiedergeboren ist, und als Wiedergeborener, als von Gott Erlöster, besitzt er das ewige Leben. Umgekehrt beweist ein Mensch, der fortgesetzt Böses tut und die Wahrheit nicht annimmt, durch seine Werke, daß er nicht wiedergeboren und daher dem Zorn Gottes verfallen ist.

Die Aussage "zuerst den Juden und ebenso den Griechen" impliziert nicht, daß die Juden bevorzugt werden. Sie besagt vielmehr, daß Gott die ganze Menschheit richten wird, und zwar ohne Ansehen der Person, nur nach dem Maßstab der göttlichen Wahrheit (denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott).

Für sich allein genommen scheint die Wendung "den Tag ... der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes" ( Röm 2,5 ) den Gedanken an ein einziges umfassendes Gericht über die ganze Menschheit zu unterstützen. Diese Vorstellung läßt sich jedoch aus der Schrift nicht erhärten. Die Formulierung muß im Zusammenhang mit Passagen gesehen werden, die ganz eindeutig belegen, daß über die verschiedenen Gruppen zu unterschiedlichen Zeiten gerichtet wird (vgl. das Gericht über Israel bei der Rückkehr Christi, Hes 20,32-38; das Gericht über die Heiden bei der Rückkehr Christi, Mt 25,31-46; den großen weißen Thron des Gerichts, Offb 20,11-15 ). Hier geht es zunächst nur um die Tatsache, daß Gott alle Völker richten wird, nicht um die Einzelheiten darüber, wer wann gerichtet werden wird.



3. Jesus Christus
( 2,12 - 16 )


Röm 2,12


Gottes Unparteilichkeit im Gericht zeigt sich auch an der Tatsache, daß er die Menschen entsprechend dem religiösen System, in dem sie gelebt haben, richten wird. "Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben" ( Joh 1,17 ); mit ihm begann für die Juden die Zeit des Gesetzes. Es war ausschließlich für Gottes auserwähltes Volk Israel bestimmt, während die Heiden außerhalb des Gesetzes standen. Daher verkündet Paulus nun: Alle (wörtlich "so viele wie") , die ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verloren gehen . Die Heiden, die sündigen, werden zugrunde gehen, doch sie werden nicht nach dem mosaischen Gesetz gerichtet werden. Die Juden dagegen, die unter (wörtlich: "im Bereich des") dem Gesetz gesündigt haben, werden durchs Gesetz verurteilt werden . Die Heiden werden dem Gericht zwar nicht entgehen, doch sie werden nicht nach einem Maßstab (dem mosaischen Gesetz), der ihnen nicht gegeben wurde, verurteilt werden.



Röm 2,13


Das Vorlesen aus dem mosaischen Gesetz war ein regulärer Bestandteil des Gottesdienstes in der Synagoge; die Juden sind also die, die das Gesetz hören . Doch ein Jude zu sein und das Gesetz zu hören ist nicht automatisch gleichbedeutend damit, gerecht zu sein: sondern die das Gesetz tun , werden gerecht sein. Dieselbe Aussage findet sich auch bei Jakobus ( Jak 1,22-25 ). Dabei muß nochmals betont werden (vgl. den Kommentar zu Röm 2,7-11 ), daß Gott das ewige Leben oder die Rechtfertigung nicht denen gibt, die gute Werke vollbringen, sondern denen, die an ihn glauben (auf ihn vertrauen) und durch ihr Verhalten beweisen, daß sie wiedergeboren sind.



Röm 2,14-15


Die Juden verachteten die Heiden auch deshalb, weil sie nicht die Offenbarung des göttlichen Willens im mosaischen Gesetz besaßen. Doch nach den Worten des Paulus gibt es auch unter ihnen moralisch integre Menschen, die von Natur tun, was das Gesetz fordert und damit beweisen, daß das Gesetz nicht nur auf steinernen Tafeln und in den fünf Büchern Mose zu finden ist, sondern auch in den Herzen der Menschen, und sich in ihren Taten, ihrem Gewissen und in ihren Gedanken widerspiegelt. Das Gesetz, das Israel gegeben wurde, drückt also nur in einer bestimmten Form die moralischen und religiösen Gebote aus, die Gott allen Menschen gegeben hat. Die nach diesen allgemeingültigen Moralgesetzen handelnden Heiden beweisen, daß in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert . Sie kennen diese Forderungen (wörtlich "Werke") durch ihr Gewissen - die Fähigkeit der Menschen, ihre Handlungen zu bewerten - und durch ihre Gedanken , die sie der Sünde anklagen oder entschuldigen . Das meint der Satz, die Heiden seien sich selbst Gesetz (V. 14 ).

Das Gewissen ist zwar ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Natur, doch es ist kein absolut zuverlässiger Indikator dafür, ob man das Richtige tut. Das Gewissen eines Menschen kann "gut" ( Apg 23,1; 1Tim 1,5.19; Hebr 13,18 ), "unverletzt" ( Apg 24,16 ) und "rein" ( 1Tim 3,9; 2Tim 1,3 ), aber auch "böse" ( Hebr 10,22 ), "unrein" ( Tit 1,15 ), "schwach" ( 1Kor 8,7.10.12 ) und von einem "Brandmal" verunstaltet sein ( 1Tim 4,2 ). Um ein reines Gewissen zu haben, müssen die Menschen sich der reinigenden Wirkung des Blutes Christi aussetzen ( Hebr 9,14 ).

 

Röm 2,16


Vers 14 und 15 sind eigentlich nur eine Anmerkung, die aufgrund von Vers 13 und den jüdischen Vorurteilen gegen die Heiden erforderlich wurde. Die Worte "an dem Gott ... richten wird" bestätigen die Gewißheit des göttlichen Gerichts. Das Werkzeug dieses Gerichts ist Christus Jesus (vgl. Joh 5,22.27 : Apg 17,31 ). Das Gericht wird sich mit dem Verborgenen der Menschen befassen, es offenbar machen und damit die Gerechtigkeit des göttlichen Urteils erweisen (vgl. 1Kor 4,5 ). Das gerechte Gericht Gottes ist untrennbar mit dem Evangelium, das Paulus verkündigte, verbunden, und mit ein Grund dafür, der Erlösung, die Christus vollbracht hat, zu vertrauen.

In diesem ganzen Abschnitt ( Röm 2,1-16 ) wird Gott als der souveräne Schöpfer des Universums gesehen, der den ethischen und moralischen Wandel seiner Geschöpfe lenkt. Gottes absolute Maßstäbe sind den Menschen bekannt. Er straft die Bösen und belohnt die Gerechten, ohne Ansehen der Person, nur nach ihren Werken, die letztlich ihre Herzen offenbaren. Da kein menschliches Wesen - ausgenommen Jesus Christus - aufgrund seiner Werke vor Gott gerecht (gerechtfertigt) sein kann, stehen alle unter Gottes Gericht. Bis jetzt war noch nicht die Rede von dem Weg, auf dem eine Person zur Gerechtigkeit vor Gott gelangen kann. Es ging vielmehr um die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts und um die Schlußfolgerung, daß kein Mensch aus eigenen Kräften gerecht gesprochen werden kann.

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C. Die Gottlosigkeit der Juden
( 2,17 - 3,8 )


1. Ihre Heuchelei
( 2,17 - 24 )


Röm 2,17-20


Die Anrede "du, der du richtest" (V. 1 ) schließt zweifellos außer den nach moralischen Maßstäben lebenden Heiden auch die Juden mit ein, doch der Apostel hat sie noch nicht explizit beim Namen genannt, wie er es jetzt tut - wenn du dich aber Jude nennst (wörtlich: "wenn du Jude genannt wirst"). Im Griechischen ist das ein Konditionalsatz erster Ordnung, in dem vorausgesetzt wird, daß die genannte Bedingung wahr ist. Paulus wendet sich hier also an Personen, die sich zu Recht als Juden bezeichnen und sich diese Bezeichnung als Ehre anrechnen. Darauf folgt eine Liste von acht moralischen und religiösen Details, in denen die Juden ihrer Ansicht nach den Heiden überlegen sind und die alle von dem obigen "wenn"-Satz abhängig sind (V. 17 - 20 ).

Die Verben, die in dieser Aufzählung vorkommen, stehen alle im Präsens bzw. in Tempora, die die fortgesetzte Dauer einer Handlung kennzeichnen: (1) Die Juden verlassen sich aufs Gesetz ; d. h. sie setzen ihr Vertrauen in die Tatsache, daß Gott ihnen das Gesetz gab. (2) Sie rühmen sich Gottes (vgl. V. 23 ), d. h. sie rühmen sich ihres Bundes mit Gott. Durch das Gesetz und ihren Bund mit Gott (3) kennen sie seinen Willen (seine Gebote und den Plan, den er für sie hat) und (4) prüfen ( dokimazeis , "prüfen und billigen, was die Prüfung besteht"), was das Beste ( diapheronta , "die Dinge, die anders und daher besser sind"; vgl. Phil 1,10 ) zu tun sei . Sie haben ein besonderes Gefühl für das, was in religiöser Hinsicht entscheidend ist. All diese Fähigkeiten besitzen sie, weil sie (5) aus dem Gesetz unterrichtet sind (wörtlich: "unterrichtet werden") durch den Unterricht in der Schrift, den sie als Jünglinge erhalten, und durch die regelmäßigen Lesungen des Gesetzes in den Synagogen.

Obwohl das nächste Verb (in Röm 2,19 ) in gewisser Weise noch den in Vers 17 begonnenen Konditionalsatz fortsetzt, markiert es doch gleichzeitig den Übergang zu einem anderen Gedanken. Im Indikativ heißt es "zu überzeugen versuchen", im Perfekt, der Zeit, in der es hier steht, "glauben, meinen"; Luther hat es mit "anmaßen" übersetzt. (6) Viele Juden haben ein Gefühl der Überlegenheit und sehen deshalb ihr Verhältnis zu den Heiden in einem ganz bestimmten Licht. Sie maßen sich an, Leiter der Blinden, ein Licht derer, die in Finsternis sind, Erzieher ( paideutEn , "einer, der erzieht, ein Lehrer") der Unverständigen und Lehrer der Unmündigen zu sein. (7) Ihre Überzeugung stützt sich darauf, daß sie im Gesetz die Richtschnur ( morphOsin , "Auszug, Umriß, äußere Erscheinung"; das Wort steht im Neuen Testament sonst nur noch in 2Tim 3,5 ) der Wahrheit und Erkenntnis haben.



Röm 2,21-24


Mit der Aufzählung dieser moralischen und religiösen Vorzüge erntete Paulus von seiten seiner jüdischen Leser zweifellos wiederholt Zustimmung. Die Juden sonnten sich gern in ihrer besonderen religiösen Position, die sich von der der Heiden so sehr abhob. Doch dann faßt der Apostel all diese Auszeichnungen in dem Satz zusammen (8): Du lehrst nun andere ; und fragt: und lehrst dich selber nicht? Daran schließt sich eine Reihe weiterer Fragen nach speziellen Verboten im Gesetz an - Diebstahl, Ehebruch, Abscheu vor Götzen -, derer sich die Juden schuldig gemacht hatten, obwohl sie andere davor gewarnt hatten. Für Paulus ist das Heuchelei: Du rühmst dich (vgl. V. 17 ) des Gesetzes, und schändest Gott durch die Übertretung des Gesetzes? Wenn die Juden ehrlich wären, müßten sie ihre Schuld und Heuchelei zugeben. Paulus' Verurteilung stützt sich auf ihre eigene Schrift (den Schluß von Jes 52,5 in der Septuaginta). Mit ihrer Heuchelei machen sie Gott Schande und verführen die Heiden zur Gotteslästerung. "Warum sollen wir Gott ehren", so mochten diese fragen, "wenn sein erwähltes Volk ihm nicht folgt?"


2. Ihr Sich-Verlassen auf rituelle Vorschriften
( 2,25-29 )


Die Juden verlassen sich nicht nur auf das mosaische Gesetz, wie der vorhergehende Abschnitt gezeigt hat (V. 17 - 24 ), sondern auch auf die Beschneidung als Zeichen ihrer Bundesbeziehung zu Gott. Doch Paulus weist sie darauf hin, daß das Vertrauen auf das Ritual selbst bedeutungslos ist, ja das Gericht sogar erst herbeiführen kann.



Röm 2,25-27


Die Beschneidung nützt etwas, wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht (und die Juden hielten es tatsächlich nicht) , so bist du aus einem Beschnittenen schon ein Unbeschnittener geworden. Im Griechischen ist vor allem der zweite Teil von Vers 25 interessant: "Wenn du ein Gesetzesbrecher bist, ist deine Beschneidung zur Vorhaut geworden." Mit anderen Worten, ein Jude, der das Gesetz bricht, ist wie ein Heide, der das Gesetz bricht; für ihn hat das Ritual der Beschneidung keinerlei Bedeutung mehr.

Doch auch das Gegenteil ist richtig. Wenn nun der Unbeschnittene (wörtlich: "die Vorhaut", ein jüdischer Slangbegriff für die Heiden; vgl. den Kommentar zu V. 25 ) hält ( phyllasE , "bewachen" und daher "halten" oder "beachten"; vgl. 1Tim 5,21 ) , was nach dem Gesetz recht ist (und offensichtlich taten manche Heiden das tatsächlich) , meinst du nicht, daß dann der Unbeschnittene vor Gott als Beschnittener gilt? Paulus endet damit, daß ein Heide, der das Gesetz erfüllt, zum Richter über einen Juden berufen ist, der das Gesetz übertritt, trotzdem er unter dem Buchstaben und der Beschneidung steht . Denn ein Heide, der tut, was das Gesetz fordert, obwohl er es nicht kennt ( Röm 2,14 ), ist in den Augen Gottes einem beschnittenen Juden gleichgestellt. Dieser Gedanke war für die Juden, die sich für weit über den Heiden stehend hielten, etwas völlig Neues (vgl. V. 17 - 21 ).



Röm 2,28-29


Diese Verse bilden den Schluß des Abschnittes, der mit Vers 17 begann. Ein wahrer oder echter Jude zu sein, ist keine nur äußerliche Sache und auch nicht an äußerlichen Dingen (wie z. B. dem Tragen der Gebetsriemen, der Zahlung des Zehnten oder der Beschneidung) abzulesen. Die wahre Beschneidung liegt nicht in dem äußeren Vorgang des Entfernens der Vorhaut. Ein echter Jude ist vielmehr der, der es inwendig verborgen ist , und die echte Beschneidung ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht , denn diese Beschneidung erfüllt "den Geist" des göttlichen Gesetzes. Manche Juden befolgen zwar die Gesetzesvorschriften, doch ihre Herzen sind fern von Gott ( Jes 29,13 ). Ein beschnittenes Herz aber ist eines, das von der Welt "abgesondert" ist und sich ganz Gott hingegeben hat. Der wahre Jude empfängt sein Lob ... nicht von Menschen (wie es die Pharisäer taten), sondern von Gott , der in die Menschen hineinsieht (vgl. Mt 6,4.6 ) und die Herzen kennt (vgl. Hebr 4,12 ).


3. Ihr Unglaube
( 3,1 - 8 )


Röm 3,1-2


Eine Technik, derer sich Paulus - auch im Römerbrief - häufig bedient, ist es, Fragen, die sich beim Lesen seiner Briefe ergeben, vorwegzunehmen und zu beantworten. In diesem Zusammenhang ( Röm 2,17-29 ) scheint sich ganz natürlich die Frage zu stellen: Was haben dann die Juden für einen Vorzug ( perrison , "Überschuß") , oder was nützt ( Opheleia ) die Beschneidung? Der erste Teil der Frage bezieht sich auf Vers 17 - 24 , der zweite auf Vers 25 - 29 . Seine Antwort ist eindeutig: Viel in jeder Weise! Paulus ist also nicht der Ansicht, daß die Tatsache, ein Jude oder beschnitten zu sein, völlig ohne Bedeutung ist.

Mit der Wendung "zum ersten" erweckt er den Anschein, daß nun eine Aufzählung verschiedener Gründe folgt, doch dann nennt er, wie auch an anderen, ähnlichen Stellen ( Röm 1,8; 1Kor 11,18 ), nur einen einzigen. Dieser Grund ist der wichtigste und schließt alle anderen, ungenannten Gründe mit ein. Den Juden ist anvertraut, was Gott geredet ( logia , Plural von logos , "Wort" oder "Aussage") hat . Das kann sich auf das gesamte Alte Testament beziehen, doch hier sind wahrscheinlich nur die Verheißungen und Gebote Gottes gemeint. Obwohl sie im Besitz dieses einzigartigen Privilegs waren, waren die Juden jedoch nicht in der Lage, nach den Maßstäben Gottes zu leben.



Röm 3,3-4


Die Tatsache, daß das Vorrecht der Juden darin bestand, daß ihnen "anvertraut [war], was Gott geredet hat", führt zu einer weiteren Frage: Daß aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? Diese Möglichkeit beantwortet Paulus mit: Das sei ferne! ( mE genoito ; ein Ausruf, den er häufig gebraucht; vgl. V. 6.31 ; Röm 6,2.15; 7,7.13; 11,1.11 ). Obwohl manche Juden Gott nicht glaubten oder ihm untreu waren (was an ihrem sündhaften Verhalten, von dem in Röm 2,21-23.25 die Rede war, sichtbar wurde), bleibt Gott doch seinem Wort treu (vgl. 5Mo 7,9; 1Kor 1,9; Hebr 10,23;11,11; 1Pet 4,19 ). Der Gedanke der Treue Gottes auch angesichts des Unglaubens der Israeliten wird in Röm 9-11 noch weiter entwickelt. Paulus fährt fort: Es bleibe vielmehr so: Gott ist wahrhaftig und alle Menschen sind Lügner. Das bedeutet: "Gott wird bei seiner Wahrheit bleiben, auch wenn alle Menschen zu Lügnern werden" - ein Gedanke, der aus Ps 116,11 stammt. Als weiteren Beleg zitiert Paulus Ps 51,6 .



Röm 3,5-6


Im folgenden baut Paulus seinen Argumentationsgang durch weitere Fragen aus. Ist's aber so, daß unsre Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit ins Licht stellt, was sollen wir sagen? Können sie daraus schließen, daß Gottes Zorn auf die Juden ungerecht ist? Das wäre, wie er sofort einwirft, nach Menschenweise geredet, und er antwortet erneut: Das sei ferne! ( mE genoito , dieselbe Entgegnung wie in V. 4 ; vgl. V. 31 ). Wenn Gott in seinem Gericht über die untreuen Juden wirklich ungerecht wäre, wie könnte er dann die Welt richten? Da er aber die Welt richten wird, (vgl. Röm 2,5 ), kann er nicht ungerecht sein, auch nicht in seinem Zorn über die schuldigen Juden (vgl. Röm 2,11 ).



Röm 3,7-8


Eine zweite Frage lautet: Wenn die Lüge eines Menschen die Wahrheit Gottes herrlicher werden läßt, wie kann Gott diesen Menschen dann noch als Sünder richten ? Mit anderen Worten, wenn die Sünde Gott ganz offensichtlich zum Vorteil gereicht, wie kann er sich dann gegen den Sünder wenden? Paulus geht auf diese beiden Fragen, Beispiele für die Spitzfindigkeit der Menschen, die nicht gerettet waren, ein, weil manche seiner Gegner ihm fälschlicherweise vorwarfen, die Maxime ausgegeben zu haben: Laßt uns Böses (wörtlich: "böse Dinge") tun, damit Gutes (wörtlich: "gute Dinge") daraus komme. Mit den Verleumdungen selbst setzt der Apostel sich nicht auseinander. Er überläßt diese Menschen Gott und fügt einfach hinzu: Deren Verdammnis ( krima , "Gericht") ist gerecht. Später erörtert er nochmals eine ähnliche Frage ( Röm 6,1 ). Zu unterstellen, wie diese beiden Fragen es taten ( Röm 3,5.7 ), daß Gott ungerecht ist, wenn er die Sünde verurteilt, ist Gotteslästerung. Die Menschen, die das Gericht Gottes in Frage stellen, sind daher bereits gerichtet!



D. Die Gottlosigkeit aller Menschen
( 3,9 - 20 )


Mit diesem Abschnitt beschließt Paulus nicht nur seine Anklage gegen die Juden, sondern auch den ersten Abschnitt seiner Darlegung, daß Gottes Gerechtigkeit sich in seinem Gericht über die sündige Menschheit offenbart.



1. Alle sind unter der Sünde
( 3,9 - 18 )


Röm 3,9


Paulus fragt: Was sagen wir denn nun? Haben wir Juden einen Vorzug? Die genaue Bedeutung des griechischen Verbs proechometha (das nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vorkommt) ist schwer zu bestimmen. Es scheint am plausibelsten, diese Frage den Juden unter seinen Lesern in den Mund zu legen, die zuvor angesprochen wurden. Sie hieße dann: "Sind wir bevorzugt?" Diese Auslegung wird sowohl durch die vorhergehenden Ausführungen als auch durch Paulus' Antwort ( Gar keinen. ) gestützt. "Gar keinen" lautet wörtlich: "Keinesfalls". Das ist nicht das typische mE genoito , das Paulus so häufig gebraucht (vgl. V. 4.6.31 und anderswo). Die Juden haben zwar bestimmte Privilegien, die sie vor den Heiden auszeichnen ( Röm 2,17-20; Röm 3,1-2 ), doch Gott läßt ihnen keine bevorzugte Behandlung zuteil werden.

Als Beleg dafür, daß die Juden keine bevorzugte Stellung einnehmen, weist Paulus auf seine zuvor gemachte Feststellung hin, daß sowohl die J uden als auch die Griechen unter der Sünde , d. h. unter der Macht der Sünde und unter der Verdammung, die aus ihr resultiert (vgl. Röm 1,18; 2,5 ), stehen. Damals nannte er zuerst die Heiden ( Röm 1,18-2,16 ) und dann die Juden ( Röm 2 ). Hier kehrt er nun die Reihenfolge um, weil er zuletzt über die Juden gesprochen hat.



Röm 3,10-12


Zur Bestätigung seiner Behauptung, daß alle Menschen "unter der Sünde" sind, führt Paulus in Vers 10 - 18 sechs alttestamentliche Textstellen an. Röm 3,10-12 stammt aus Ps 14,1-3 und besagt, daß kein Mensch, nicht ein einziger, gerecht ist (vgl. Röm 1,18.29-31 ), daß keiner Gott versteht (vgl. Röm 1,18 b. 28 ) und nach Gott fragt, daß alle von ihm abgewichen (vgl. Röm 2,5; Jes 53,6 ) und verdorben (von achreioO , "nutzlos werden"; das Wort steht nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament) sind und daß niemand Gutes ( chrEstotEta ; "Güte" oder "tätiges Wohlwollen"; vgl. 2Kor 6,6; Gal 5,22 ; und den Kommentar zu Röm 2,4 ) tut. Wenn der Heilige Geist nicht in ihnen Wohnung nimmt, können die Menschen die Früchte des Geistes nicht erbringen ( Gal 5,22 ). Sie haben von sich aus nicht die Fähigkeit, wirklich freundlich zu anderen zu sein. Statt dessen verführt die Sünde sie zu Eigennutz und Egoismus.

Die sieben Vorwürfe münden in die Worte von Vers 10 : auch nicht einer . Durch diese Wiederholung wird hervorgehoben, daß es (bis auf den Sohn Gottes) keine einzige Ausnahme unter den Menschen gibt. Paulus zitiert zwar Ps 14,2- "der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder" - nicht ausdrücklich, dennoch ist diese Wendung wichtig, da sie die Einleitung zur Klage Gottes gegen die Menschheit bildet.

 

Röm 3,13-18


Die folgenden Verse beschreiben die Verdorbenheit und Schlechtigkeit verschiedener Teile des menschlichen Körpers und machen dadurch sinnbildlich deutlich, daß letztlich alles am Menschen zu seiner Verurteilung beiträgt. Die alttestamentlichen Zitate stammen aus Ps 5,10 : ( Röm 3,13 a), Ps 140,4 : ( Röm 3,13 b), Ps 10,7 : ( Röm 3,14 ), Jes 59,7-8 : ( Röm 3,15-17 ) und Ps 36,2 : ( Röm 3,18 ). Sie beziehen sich auf drei Handlungen: Sprechen ( Rachen ... Zungen ... Lippen ... Mund ; V. 13 - 14 ), Tun ( Füße ; V. 15 - 17 ) und Sehen ( Augen ; V. 18 ). Ihre Rede ist verdorben ( offenes Grab ; vgl. Jak 3,6 ), unehrlich betrügen ; vgl. Ps 36,4 ), verletzend ( Otterngift ; vgl. Jak 3,8 ) und lästerlich ( Fluch und Bitterkeit ; vgl. Jak 3,10-11 ). Vom sündhaften Reden kommen sie zum sündhaften Tun, bis hin zu Mord (vgl. Spr 1,11-12.15-16 ). Als Folge ihres Lebenswandels sind sie und auch andere physisch und psychisch verdorben, verelendet und kennen keinen inneren Frieden (vgl. Jes 57,21 ). Paulus faßt diesen Zustand in den Worten zusammen: Es ist keine Gottesfurcht bei ihnen. Gottesfurcht (d. h. Gott in Anbetung, Vertrauen, Gehorsam und Dienen die Ehre zu geben) ist das innerste Wesen eines frommen Menschen (vgl. Hi 28,28; Spr 1,7;9,10; Pred 12,13 ). Gott nicht zu fürchten, ist daher für einen Juden die größte Sünde und Torheit, die er sich vorstellen kann. Paulus läßt seinen jüdischen Lesern keinerlei Möglichkeit, seine Aussage, daß die Juden Sünder seien, auf der Grundlage des Alten Testaments zu bestreiten ( Röm 3,10-18 )!



2. Alle wissen, daß sie sündigen
( 3,19 - 20 )


Röm 3,19-20


Paulus beendet seine Ausführungen mit einer abschließenden Bemerkung über den Zweck und die Aufgabe des Gesetzes. Er schließt sich selbst mit ein, als er seinen jüdischen Lesern erklärt: Wir wissen aber: was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind. Das Gesetz ist kein Talisman, den die Juden ernst nehmen oder ignorieren können, wie es ihnen gerade paßt. Es ist eine Instanz, der sie unterstehen und für die sie Gott verantwortlich sind (vgl. Juden und Heiden "unter der Sünde"; V. 9 ). Das Gesetz ist da, damit allen der Mund gestopft werde und alle Welt vor Gott schuldig (wörtlich: "verantwortlich") sei . Kein Mensch kann zu seiner Verteidigung anführen, daß er nicht unter der Sünde stehe. Das Gesetz offenbart die Richtlinien, die Gott vorgegeben hat, und macht damit die Unfähigkeit der Menschen deutlich, diese Richtlinien zu erfüllen. Schließlich kann kein Mensch durch die Werke des Gesetzes vor Gott gerecht sein (vgl. Röm 3,28 ). Das ist auch gar nicht die Bestimmung des Gesetzes ( Apg 13,38-39; Gal 2,16; 3,11 ). Die Menschen haben das Gesetz erhalten, um an ihm zur Erkenntnis der Sünde zu gelangen (vgl. Röm 5,20; Röm 7,7-13 ). Das mosaische Gesetz ist nicht das Werkzeug der Rechtfertigung, sondern der Verdammnis.



III. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung
( 3,21 - 5,21 )


In der Verurteilung der ganzen Menschheit durch Gott offenbart sich die grenzenlose Gerechtigkeit Gottes, denn nicht ein einziger Mensch - ausgenommen der Herr Jesus Christus - war je in der Lage oder wird je in der Lage sein, nach den Richtlinien Gottes zu leben und aufgrund seiner Verdienste von Gott angenommen zu werden. Im zweiten größeren Abschnitt des Römerbriefs geht Paulus nun auf die Gerechtigkeit ein, die Gott den Menschen durch Jesus in der Rechtfertigung "zuschreibt". "Rechtfertigung" ist ein Begriff aus der Rechtsprechung; er besagt, daß Gott die Gläubigen für gerecht erklärt, indem er ihnen aufgrund seiner Gnade und durch ihren Glauben die Gerechtigkeit Christi zurechnet.



A. Das Geschenk der Rechtfertigung
( 3,21 - 31 )


Röm 3,21


Mit den Worten "nun aber" markiert Paulus einen scharfen Umschwung seines bisherigen Argumentationsgangs. Soeben hatte er noch behauptet: "Kein Mensch kann durch die Werke des Gesetzes vor ihm gerecht sein" (V. 20 ). Dem wird hier die Aussage entgegengestellt: "Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes (steht im Griechischen betont, am Satzanfang) die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart." Das ist eine Wiederholung der Worte von Röm 1,17 a. Doch an dieser Stelle fügt Paulus hinzu: Bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Seine Aussagen über die Gerechtigkeit Gottes stehen nicht im Widerspruch zum Alten Testament. Der Ausdruck "das Gesetz und die Propheten" wird in der Schrift häufig für das gesamte Alte Testament verwendet (vgl. die Belegstellen bei Mt 5,17 ), wobei sich "das Gesetz" auf die fünf Bücher Mose und "die Propheten" auf die übrigen Bücher bezog (vgl. Röm 4; für das Gesetz: Abraham: 1Mo 15,6; Röm 4,1-3.9-23; für die Propheten: David: Ps 32,1-2; Röm 4,4-8 ).



Röm 3,22


Der erste Teil dieses Verses bildet im Griechischen keinen neuen Satz, sondern ist lediglich eine Apposition und könnte übersetzt werden: "eine Gerechtigkeit von Gott durch den Glauben ". Diese Worte erinnern Paulus erneut an das Beharren der Juden auf ihre Sonderstellung vor Gott, daher fügt er hinzu: Denn es ist hier kein Unterschied . Die Privilegien, die die Juden früher einmal besaßen, zählen in diesem Zeitalter, in dem Gott allen sündigen Menschen die Gerechtigkeit allein auf der Grundlage des Glaubens an Christus anbietet, nicht mehr. Da alle "unter der Sünde" sind ( Röm 3,9 ), wird auch allen die Rettung unter denselben Bedingungen angeboten.


Röm 3,23


Paulus erklärt kategorisch, daß es "keinen Unterschied" zwischen den Menschen gibt, weil sie allesamt Sünder sind. Im Griechischen heißt es wörtlich: "weil alle gesündigt haben" ( pantes hEmarton ; vgl. Röm 5,12 und den Kommentar dort). Da mit Adam die ganze Menschheit in die Sünde gestürzt wurde, sind alle Menschen (Juden wie Heiden) Sünder. Es gibt keinen "Unterschied"; die Juden sind durch ihre Privilegien ( Röm 2,17-21; Röm 3,1 ) nicht von der Verdammnis ausgenommen.

Die Menschen sündigen nicht nur alle, sie ermangeln (das Präsens verweist auf eine fortdauernde Handlung) auch des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten . Damit ist einfach die Tatsache gemeint, daß die Menschen von sichaus nicht dazu in der Lage sind, Gott gleich zu werden. Der Ruhm Gottes ist seine Herrlichkeit, die äußere Manifestation seiner Eigenschaften. Gott will, daß die Menschen dieselbe Herrlichkeit besitzen, daß sie werden wie er, d. h. wie Christus (vgl. "Herrlichkeit" in Röm 5,2; 2Kor 3,18; Kol 1,27; 2Thes 2,14 ). Dem steht jedoch die Sünde im Weg.



Röm 3,24


Deshalb hat Gott der Sünde der Menschen die Gerechtigkeit, die er selbst ihnen verleiht, entgegengesetzt, denn alle, die glauben, werden gerecht (auch hier wieder Präsens). "Gerecht werden" ( dikaioO ) ist ein Terminus aus der Rechtsprechung und bedeutet "für gerecht erklären" (nicht "gerecht machen"; vgl. 5Mo 25,1 ). Zu Paulus' häufigem Gebrauch dieses Verbs und des mit ihm verwandten Substantivs "Gerechtigkeit" vgl. den Kommentar zu Röm 1,17 .

Gott spricht die, die glauben, ohne Verdienst ( dOrean , "als freies Geschenk", d. h. ohne etwas dafür zu verlangen) gerecht aus seiner Gnade . Das Werkzeug der Rechtfertigung ist also die unverdiente Gnade Gottes. Das Wort "Gnade" ist ein weiterer Lieblingsbegriff des Apostels, den er allein im Römerbrief 24mal verwendet (im Griechischen). Doch ohne objektive Grundlage wird Gott einen Menschen nicht für gerecht erklären, d. h. er wird nicht einfach über seine Sünde hinwegsehen. Die Grundlage seiner Gnade ist die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist . Das griechische Wort für "Erlösung" ist apolytrOsis , von lytron , "Lösegeldzahlung". A polytrOsis steht zehnmal im Neuen Testament ( Mk 10,45; Lk 21,28; Röm 3,24; 8,23; 1Kor 1,30; Eph 1,7.14; 4,30; Kol 1,14; Hebr 9,15 ). (Vgl. die Tabelle "Neutestamentliche Begriffe für "Erlösung" bei Mk 10,45 .) Der Tod Christi am Kreuz war der Preis für die Sünde der Menschen und erlöst jeden, der Gottes Verheißung der Vergebung und des Heils vertraut, aus der Knechtschaft des Satans und der Sünde.



Röm 3,25 a


Den (Christus) hat Gott hingestellt als Sühne. Das griechische Wort für "Sühne" ist hilastErion . Es steht im Neuen Testament sonst nur noch in Hebr 9,5 ; dort bezeichnet es den "Gnadenthron" auf der Bundeslade. Über ihn wurde am Versöhnungstag das Blut eines Stiers vergossen, um die Sünden Israels zu bedecken (entsühnen; 3Mo 16,11 ) und Gott für ein weiteres Jahr gnädig zu stimmen. Jesu Tod aber war das endgültige Opfer, das die Forderungen, die Gott an die sündigen Menschen stellte, ein für allemal und vollständig erfüllte und damit seinen Zorn von denen, die gesündigt hatten, abwendete. (In Lk 18,13 ["sei mir gnädig"] und in Hebr 2,17 ["sühnen"] steht das Verb hilaskomai , "durch ein Opfer zufriedenstellen, sühnen", das damit verwandte Substantiv, hilasmos , "Sühne" oder "Versöhnung", findet sich in 1Joh 2,2;4,10 .)

Christus, Gottes Sühnopfer für die Sünde, wurde vor aller Augen "hingestellt", im Gegensatz zu dem Gnadenthron, der den Augen der Menschen verborgen war. Das Werk Christi wirkt durch den Glauben (vgl. Röm 5,9 ), d. h. die Menschen können es durch den Glauben für sich geltend machen (vgl. Röm 3,22 ). Mit dem Tod Jesu und dem Vergießen seines Blutes ist die Strafe für die Sünde bezahlt und Gott ist versöhnt. Die Wendung "in seinem Blut" gehört wohl eher zur Sühne , nicht zum "Glauben", denn ein Gläubiger setzt sein Vertrauen auf Christus, nicht auf sein Blut.

 

Röm 3,25-26 (Röm 3,25b-26)


Mit dem Tod Christi wollte Gott seine Gerechtigkeit (d. h. seine eigene Gerechtigkeit, dikaiosynEs , vgl. den Kommentar zu Röm 1,17 ) erweisen, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld ( anochE , "Verzögerung"; vgl. Apg 17,30 ). Warum strafte Gott die Sünde in der Vergangenheit nicht? Bedeutet das, daß er doch nicht gerecht ist? Zuvor hat Paulus gesagt, daß Gott geduldig ist, weil er will, daß alle Menschen Buße tun ( Röm 2,4 ). Hier sagt er, Gott ist geduldig, weil er weiß, daß die Sünde der Menschen mit dem Tod Christi vergeben wird. Seine Geduld ist also der Beweis seiner Gnade (vgl. Apg14,16; Apg 17,30 ), nicht seiner Ungerechtigkeit.

Paulus liegt so viel daran, daß die Menschen Gottes Gerechtigkeit erkennen, daß er die Worte "um seine Gerechtigkeit ( dikaiosynEs ) zu erweisen" (V. 25 ) nochmals wiederholt. Durch den Erlösungs- und Sühnetod Jesu Christi will Gott zeigen, daß er gerecht ( dikaion ) ist und gerecht macht ( dikaiounta ) den, der da ist aus dem Glauben an Jesus . Die Schwierigkeit dabei bestand darin, wie er seiner Gerechtigkeit und seinen Forderungen gegenüber den sündigen Menschen und gleichzeitig seiner Gnade, Liebe und Barmherzigkeit, mit der er die rebellierende und ihm entfremdete Kreatur wiederherstellen wollte, genügen sollte. Die Lösung dieses Dilemmas liegt im Opfertod Jesu Christi, des eingeborenen Sohnes Gottes, und in der Annahme dieses Opfers durch jeden einzelnen Sünder im Glauben. Christi Tod bestätigt Gottes Gerechtigkeit (er ist gerecht, weil für die Sünde "bezahlt" wurde), und ermöglicht es Gott zugleich, jeden gläubigen Sünder für gerecht zu erklären.

 

Röm 3,27-28


Nachdem Paulus erklärt hat, daß Gott die Sünder gerecht macht, geht er auch hier wieder auf fünf Fragen ein, die seine Leser vermutlich stellen werden. Zwei stehen in Vers 27 , zwei in Vers 29 und eine in Vers 31 . Die erste lautet: Wo bleibt nun das Rühmen? Wie können die Juden sich angesichts dieser Tatsache noch ihrer besonderen Stellung rühmen ( Röm 2,17-20.23 )? Die Antwort ist kurz und einfach: Es ist ausgeschlossen.

Da die Rechtfertigung durch die Gnade ( Röm 3,24 ) allein durch den Glauben (V. 22.25 - 26 ) geschieht, kann kein Mensch sich mehr etwas auf seine Werke zugute halten. Das führt zur zweiten Frage: Durch welches Gesetz? ("Gesetz" ist hier im Sinn von "Prinzip" gemeint.) Durch das Gesetz der Werke? Paulus' Antwort lautet: Nein (wörtlich: "keinesfalls", eine sehr betonte Verneinung) , sondern durch das Gesetz des Glaubens. Gute Werke zu tun (d. h. das Gesetz zu halten) ist nichts, dessen man sich rühmen kann, denn das Gesetz kann den Menschen nicht rechtfertigen und ist auch gar nicht dazu bestimmt (vgl. V. 20 ). Der Apostel faßt daher zusammen: So halten wir nun dafür (das Verb logizometha , "einschätzen", hat die Konnotation von "zu dem Ergebnis kommen") , daß der Mensch gerecht (für gerecht erklärt) wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben (vgl. V. 22.25 - 27 ).


Röm 3,29-30


Die beiden nächsten Fragen gehen nochmals aus einem anderen Blickwinkel auf die Besonderheit der Juden ein. Aus der Tatsache, daß die Heiden in ihren Götzen falsche Götter anbeteten, schlossen die Juden, daß Jahwe, der wahre und lebendige Gott, allein der Gott der Juden sei ( Jer 10,10 ). Das war insofern richtig, als die Juden das einzige Volk waren, das Jahwe anerkannte und verehrte (außer einigen wenigen heidnischen Proselyten, die sich zum Judentum bekehrten). Doch in Wirklichkeit ist Jahwe, als der Schöpfer und Herrscher der ganzen Welt, auch der Gott aller Menschen. Bevor Gott Abraham und seine Nachkommen im Volk Israel zu seinem auserwählten Volk berief ( 5Mo 7,6 ), waren alle Menschen vor ihm gleich. Auch nach der Erwählung Israels machte Gott immer wieder deutlich (z. B. im Buch des Propheten Jona), daß er der Gott aller ist, auch der Gott der Heiden . Da nun also "kein Unterschied" zwischen den Völkern und zwischen den einzelnen Menschen besteht - denn sie sind alle Sünder ( Röm 3,23 ) -, und da der Opfertod Jesu Christi die Grundlage für die Rettung aller wurde, wird Gott nun auch mit jedem nach dieser Grundlage verfahren. Es gibt nur den einen Gott. Zweifellos denkt Paulus hier an das "Shema Israel": Höre, Israel, der Herr ( Jahwe ) ist unser Gott ( ?*lOhIm ), der Herr ( Jahwe ) allein" ( 5Mo 6,4 ).

Dieser eine, einzige Gott, der Herr über Juden und Heiden, wird alle, die zu ihm kommen, ohne Rücksicht auf ihre Abstammung ( die Juden und die Heiden ), nur auf der Grundlage des Glaubens, gerecht machen .



Röm 3,31


Die letzte Frage lautet: Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Paulus beantwortet sie wieder mit seinem berühmten: Das sei ferne! ( mE genoito ; vgl. den Kommentar zu V. 4 ) und führt aus: Sondern wir richten das Gesetz auf. Die Bestimmung des mosaischen Gesetzes und sein Platz im großen Plan Gottes ist dann erfüllt, wenn es den einzelnen zum Glauben an Jesus Christus führt (vgl. V. 20 ; Gal 3,23-25 ). Paulus versichert wiederholt, daß der Glaube, nicht die Werke des Gesetzes, der Weg zum Heil ist. Allein in der kurzen Passage von Röm 3,22-31 kommt das Wort "Glaube" achtmal vor! (Vgl. V. 22.25 - 28.30 [zweimal] und 31 .)



B. Die Veranschaulichung dieses Geschenks
( Röm 4 )


Damit hat Paulus seine These in den Raum gestellt, daß Gott die Menschen aufgrund des Glaubens, und nicht aufgrund ihrer Werke, rechtfertigt. Wenn sie richtig ist, so muß er in der Lage sein, sie durch Beispiele aus der Vergangenheit zu bestätigen. Diesen Beweis führt er, indem er sich auf Abraham, den Stammvater der Juden (vgl. Joh 8,39 ), und auf David (vgl. den Kommentar zu "das Gesetz und die Propheten"; Röm 3,21 ) beruft.



1. Allein durch Glauben, nicht durch Werke
( 4,1 - 8 )


Röm 4,1


Paulus eröffnet den Schriftbeweis mit der danach noch fünfmal wiederholten Frage "was sagen wir denn?" ( Röm 6,1; Röm 7,7; Röm 8,31; Röm 9,14.30 ). Er bezeichnet Abraham als unseren Stammvater (nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament), zweifellos, um Abrahams leibliche Vaterschaft von seiner geistigen, von der später, in Röm 4,11-12.16 die Rede ist, zu unterscheiden. Was hat der Patriarch Israels erlangt ? Was können Paulus' Leser aus dem biblischen Bericht über die Erfahrungen ihres Ahnherrn lernen?



Röm 4,2-3


Die Rabbiner lehrten, daß Abraham mit seinen Werken einen Überfluß an Verdiensten angesammelt hatte, die nun seinen Nachkommen zugute kamen. Auf diesem Gedanken baut Paulus seine Argumentation auf und stimmt ihm insofern zu, als Abraham seinen Worten nach, wenn er durch Werke gerecht geworden wäre, sich dessen wohl hätte rühmen können (vgl. Röm 2,17.23; Röm 3,27 ). Aber, fügt der Apostel hinzu, nur vor den Menschen, nicht vor Gott . Selbst wenn ein Mensch durch Werke Gerechtigkeit erlangen könnte - was allerdings unmöglich ist -, kann er sich dessen vor Gott niemals rühmen. Als Beweis dafür zitiert Paulus eine Autorität, die seine Leser bedingungslos anerkannten, indem er fragt: Denn was sagt die Schrift? Er zitiert 1Mo 15,6 ,wo geschrieben steht, daß Abrahams Glaube an Gott und seine Verheißung ihm zur Gerechtigkeit gerechnet wurden. Weil Abraham glaubte, rechnete Gott ihm Gerechtigkeit zu ("gerechnet", elogisthE , von logizomai , ist ein Begriff aus dem Rechnungswesen). Diesen Vers hatte Paulus schon bei anderer Gelegenheit zitiert ( Gal 3,6 ).


Röm 4,4-5


In den folgenden Versen legt er diese Schriftstelle aus. Einem Arbeiter steht sein Lohn zu, weil er ihn verdient hat; er wird ihm nicht aus Gnade zugerechnet. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt (die Partizipien stehen alle im Präsens) aber an den, der die Gottlosen ( asebE ; vgl. Röm 5,6 ) gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit (vgl. Röm 4,3 ). Ein solcher Mensch war, nach Aussage der Schrift, auch Abraham. Er wurde nicht für gerecht erklärt, weil er etwas dafür getan hatte, sondern weil er Gott vertraute.



Röm 4,6-8


Dasselbe traf auf David zu. Paulus zitiert in diesem Zusammenhang Ps 32,1-2 ,wo David selbst der Gnade, die Gott ihm zuteil werden ließ, gedenkt. Ein Mensch wie David, dem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, ist selig, denn seine Ungerechtigkeiten sind vergeben und seine Sünden bedeckt . Statt ihmseine Sünde zuzurechnen ( logisEtai ), rechnet Gott ihm Gerechtigkeit zu ( logizetai ; vgl. Röm 4,3 ).



2. Allein durch den Glauben, nicht durch Riten
( 4,9 - 12 )


Röm 4,9-10


Wieder fragt Paulus nach der Sonderstellung der Juden (vgl. Röm 2,17-21 a; Röm 3,1-2 ). Die Formulierung im Griechischen legt die Antwort nahe, daß diese Seligpreisung sowohl den Beschnittenen (Juden) als auch den Unbeschnittenen (Heiden) gilt. Doch Paulus bezieht sich nochmals auf das Beispiel Abrahams. Er wiederholt die autoritative Aussage der Schrift, daß Abraham durch seinen Glauben gerechtfertigt wurde, und stellt die Frage nach dem Zeitpunkt dieses Geschehens: vor oder nach seiner Beschneidung. Die Antwort ist klar: Ohne Zweifel: nicht als er beschnitten, sondern als er unbeschnitten war . Wie alt Abraham war, als er für gerecht erklärt wurde ( 1Mo 15,6 ), wissen wir nicht. Doch als Hagar ihm Ismael gebar, war er bereits 86 ( 1Mo 16,16 ). Erst danach - Abraham war inzwischen 99 Jahre alt ( 1Mo 17,24 ) - gebot Gott ihm als Zeichen für den Bund, den er mit ihm geschlossen hatte, alle seine männlichen Nachkommen zu beschneiden. Die Beschneidung Abrahams erfolgte also über 13 Jahre nach seiner Rechtfertigung.



Röm 4,11-12


Das Zeichen der Beschneidung , so argumentiert Paulus, war ein Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, das Abraham empfing, als er noch nicht beschnitten war (wörtlich: "in unbeschnittenem Zustand"). Die Beschneidung war nur noch ein äußeres "Zeichen" oder "Siegel" der Rechtfertigung, die Abraham bereits zugesprochen worden war. Gott wollte ihn zum Vater aller, die glauben und dadurch gerechtfertigt sind, machen. Dazu gehören sowohl die Unbeschnittenen (Heiden) als auch die Beschnittenen (Juden). Um vor Gott gerecht zu sein, ist mehr notwendig als die Beschneidung. Auch die Juden müssen in den Fußtapfen des Glaubens gehen, wie Abraham (vgl. Röm 2,28-29 ). Offensichtlich hat das Ritual der Beschneidung, auf das viele Juden sich für ihr Heil verlassen, keinerlei Auswirkung darauf, wie ein Mensch vor Gott dasteht. Gerechtfertigt wird man allein durch den Glauben.



3. Allein durch Glauben, nicht durch das Gesetz
( 4,13 - 17 )


Röm 4,13


Die Juden halten das mosaische Gesetz, die Offenbarung der Richtlinien Gottes für das Verhalten der Menschen, für die Grundlage ihrer Sonderstellung vor Gott. Daher wendet Paulus sich als nächstes diesem Punkt zu und erklärte: Denn die Verheißung, daß er der Erbe der Welt sein solle, ist Abraham oder seinen Nachkommen nicht zuteil geworden durchs Gesetz ("nicht" ist im Griechischen durch seine Stellung am Anfang des Satzes hervorgehoben).

Gottes Verheißung in 1Mo 12,1-3 erfolgte mehrere Jahrhunderte bevor Moses den Juden das Gesetz übergab (vgl. Gal 3,17 ). Der "Erbe der Welt" bezieht sich wahrscheinlich auf "alle Geschlechter auf Erden" ( 1Mo 12,3 ) und "alle Völker auf Erden" ( 1Mo 22,18 ), denn durch Abraham und seine Nachkommen ist die ganze Welt gesegnet. Er ist ihr "Vater", und sie sind seine Erben. Die Abraham zugesagten Verheißungen gelten denen, denen Gott Gerechtigkeit zugeschrieben hat, und zwar, wie Paulus nochmals betont, durch Glauben . Die Gläubigen aller Zeitalter sind "Abrahams Nachkommen", denn sie erfreuen sich desselben Segens (der Rechtfertigung), dessen er sich erfreute ( Gal 3,29 ). (Gott hat seine Verheißung an Abraham, daß seine leiblichen - und gläubigen - Nachkommen, das wiedergeborene Israel, das Land erben werden, allerdings nicht aufgehoben [ 1Mo 15,18-21;22,17 ]. Sie besteht noch immer und wird im Tausendjährigen Reich erfüllt werden.)



Röm 4,14-15


Der Glaube wäre nichts ( kekenOtai , "leer gemacht sei"; vgl. dasSubstantiv kenos, "leer, ohne Inhalt" oder "vergeblich", in 1Kor 15,10.58 ), wenn die Juden durch das Gesetz zu Erben würden. Auch die Verheißung wäre dann dahin ( katErgEtai , "ungültig gemacht"), denn das Gesetz richtet nur Zorn an . Kein Mensch kann das Gesetz ganz erfüllen; daher richtet Gott, im Zorn über die Sünde, die Ungehorsamen.

Damit verbindet Paulus ein allgemeines Prinzip: Wo aber das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung. Ein Mensch mag sündigen, wie er will - wenn es kein Gesetz gibt, das ihm die Sünde verbietet, bedeutet diese Sünde keine Übertretung eines Gebotes (vgl. Röm 5,13 ).



Röm 4,16


Seine Schlußfolgerung: Deshalb muß die Gerechtigkeit durch ( ek , "aus dem") den Glauben kommen, damit sie aus ( kata , "nach dem Maßstab der") Gnaden sei. Mit Glauben auf Gottes Verheißung zu antworten, birgt keine Verdienste, da die Verheißungen aus der Gnade, der barmherzigen Haltung Gottes gegenüber denen, die seinen Zorn verdienen, kommen. Der Glaube ist einfach die einzig mögliche Antwort auf Gott und seine Verheißung. Da Glaube und Gnade zusammengehören und die Verheißung aus Gnade geschieht, kann sie auch nur durch den Glauben, nicht durch das Gesetz, empfangen werden.

Ein weiterer Grund dafür, daß die Verheißung nur durch den Glauben erlangt werden kann, ist, daß sie fest bleibe für alle Nachkommen, nicht allein für die Juden ( die unter dem Gesetz sind ), sondern für alle , die an Gott glauben . Wenn die Verheißung nur für die, die das Gesetz halten, in Erfüllung ginge, könnten weder Heiden noch Juden gerettet werden! Doch das kann nicht sein, weil Abraham unser aller Vater , d. h. der Vater all derer, die glauben, ist (vgl. "unser" in V. 1 ; vgl. auch Gal 3,29 ).



Röm 4,17


Paulus stützt seine Schlußfolgerung von Vers 16 mit Schriftbelegen und zitiert Gottes Bundesverheißung an Abraham ( 1Mo 17,5 ). Die Tatsache, daß die Gläubigen im Zeitalter der Kirche mit Abraham und dem Bund, den Gott mit ihm schloß, identifiziert werden, bedeutet nicht, daß die historischen Verheißungen an Abraham und seine leiblichen Nachkommen aufgehoben oder in eine geistliche Sphäre verschoben wurden. Es bedeutet vielmehr, daß Gottes Bund und Abrahams Antwort des Glaubens sowohl geistliche als auch historische Dimensionen besitzen (vgl. den Kommentar zu Röm 4,13 ). Der letzte Teil von Vers 17 schließt unmittelbar an den Schluß von Vers 16 an: "Der ist unser aller Vater (V. 16 ; die Worte "der ist unser aller Vater" stehen im Griechischen nicht da) ... vor Gott, der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, daß es sei. " (V. 17 ).

Diese Beschreibung Gottes bezieht sich offensichtlich auf die göttliche Verheißung in 1Mo 17 ,die dem obigen Zitat folgt. Abraham und Sara wurde ein Sohn verheißen, als Abraham bereits 100 und Sara 90 Jahre alt war ( 1Mo 17,17.19;18,10;21,5; vgl. Röm 4,19 ). Daß die beiden in ihrem Alter noch zu den Stammeltern vieler Völker werden sollten, schien unmöglich.



4. Allein durch den Glauben an Gottes Verheißungen
( 4,18 - 25 )


Röm 4,18


Obwohl nach menschlichem Ermessen keine Hoffnung mehr bestand, daß er noch ein Kind zeugen konnte, glaubte der alte Patriarch dem Wort Gottes. Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war. Gott ehrte diesen Glauben, und Abraham wurde der Vater (Stammvater) vieler Völker . Das geschah in Übereinstimmung mit Gottes Plan: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein (ein Zitat aus 1Mo 15,5 ).


Röm 4,19


In Vers 19 - 21 werden bestimmte Einzelheiten des ersten Teils von Vers 18 über die Hoffnung, die Abraham hegte, nochmals wiederholt. Und er wurde nicht schwach im Glauben, als er auf seinen eigenen Leib sah, der schon erstorben war (in manchen griechischen Handschriften fehlt das "schon"), ein Hinweis auf das fortgeschrittene Alter des Patriarchen ( 1Mo 17,17;21,5 ). Auch der Leib der Sara war schon erstorben . Sie konnte ohnehin keine Kinder bekommen, wie sich im Laufe ihrer Ehe erwiesen hatte (vgl. 1Mo 16,1-2; 1Mo 18,11 ); und nun, im Alter von 90 Jahren ( 1Mo 17,17 ), war es mit Sicherheit zu spät.



Röm 4,20-21


Trotzdem die Lage bei nüchterner Betrachtung keinerlei Anlaß zu irgendwelchen Hoffnungen bot, zweifelte Abraham nicht durch Unglauben an der Verheißung Gottes - "zweifeln" ( diekrithE ) bedeutet "gespalten sein" -, sondern wurde stark ( enedynamOthE , von endynamoO ) im Glauben und gab Gott die Ehre , d. h. er lobte Gott. Abraham wußte aufs allergewisseste: was Gott verheißt, das kann er auch tun ( dynatos ; "geistliche Fähigkeit"). Welch ein großes Vertrauen auf Gott besaß dieser geistliche Urahn! Er "hat geglaubt auf Hoffnung" ( Röm 4,18 ) und wurde auch angesichts unüberwindlicher Schwierigkeiten nicht schwach im Glauben (V. 19 ) oder vom Unglauben überwältigt (V. 20 a). Er war stark im Glauben (V. 20 b) und völlig gewiß, daß Gott in der Lage war zu tun, was er gesagt hatte (V. 21 ). In Antwort auf diesen felsenfesten Glauben versetzte Gott ihn und Sara körperlich in die Lage, das verheißene Kind zu zeugen.


Röm 4,22


Paulus schließt mit den Worten: Darum ( dio kai ) ist es ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet worden . Abrahams Glaube an Gott und seine Verheißung war das einzige, was er als Mensch vollbringen mußte, damit Gott ihn rechtfertigte. Kein Wunder, daß Gott einen solchen Glauben mit Gerechtigkeit belohnte!



Röm 4,23-24


Die Verse 23 - 25 wenden die Lehre von der Rechtfertigung und das Beispiel Abrahams dann auf die Leser des Apostels an - auf die Gläubigen in Rom, die den Brief als erste lasen, ebenso wie auf die Menschen von heute. Denn daß Gott Abraham rechtfertigte, ist nicht allein um seinetwillen geschehen, sondern auch um unsertwillen, denen ebenfalls Gottes Gerechtigkeit zugerechnet werden soll . Diese Rechtfertigung gilt allerdings nicht jedem, sondern nur denen, die glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten (vgl. Röm 6,4; Röm 8,11 ). Immer wieder nimmt Paulus die Kernaussage dieses Kapitels auf, daß die Rechtfertigung Abrahams und aller anderen Gläubigen allein durch den Glauben geschieht ( Röm 4,3.5-6.9-11.23-24 ).



Röm 4,25


Die Erwähnung Jesu bringt Paulus wieder auf die zentrale Rolle, die der Retter im Plan Gottes spielte, zurück: Durch ihn empfingen die sündigen Menschen die Rechtfertigung durch Gnade, allein durch den Glauben. Sowohl Christi Tod als auch seine Auferstehung waren entscheidend für das Werk der Rechtfertigung. Er ist um unserer Sünden ( paraptOmata ; "Übertretungen"; vgl. Röm 5,15.17.20; Eph 2,1 ) willen ( dia mit Akkusativ) dahingegeben (von Gott Vater, vgl. Röm 8,32 ). Das ist zwar kein direktes Zitat, gibt aber im wesentlichen Jes 53,12 wieder (vgl. Jes 53,4-6 ). Er wurde um unsrer Rechtfertigung willen ( dia mit Akkusativ) auferweckt . Christus starb als Opferlamm Gottes (vgl. Joh 1,29 ), um den Preis für die Sünden der Menschheit zu zahlen ( Röm 3,24 ), so daß Gott die Möglichkeit hatte, denen, die zum Glauben an Christus fanden, zu vergeben. Die Auferstehung Christi war der Beweis (bzw. die Demonstration oder Bestätigung), daß Gott das Opfer Jesu angenommen hatte (vgl. Röm 1,4 ). Weil Christus lebt, kann Gott jedem Menschen, der im Glauben auf das Angebot Christi reagiert, jene Gerechtigkeit zuteil werden lassen, die er für ihn bereithält.

In Kap.4 führt Paulus mehrere unwiderlegbare Gründe dafür an, daß die Rechtfertigung allein durch den Glauben erfolgt: (1) Da die Rechtfertigung ein Geschenk ist, kann sie nicht durch Werke verdient werden (V. 1 - 8 ). (2) Da Abraham schon vor seiner Beschneidung gerechtfertigt wurde, hat die Beschneidung keinerlei Einflußauf die Rechtfertigung (V. BC= 9 - 12 ). (3) Da Abraham bereits Jahrhunderte, bevor die Israeliten das Gesetz erhielten, gerechtfertigt wurde, basiert die Rechtfertigung nicht auf dem Gesetz (V. 13-17 ). (4) Abraham wurde gerechtfertigt, weil er Gott glaubte, nicht aufgrund seiner Werke (V. 18 - 25 ).


C. Die Freude über das Geschenk
( 5,1-11 )


Röm 5,1


Nun wendet der Apostel sich den Folgen ( oun , "daher") der Rechtfertigung der Gläubigen zu: Gott erklärte sie - aufgrund ihres Glaubens (vgl. Röm 3,21-4,25 ) - für gerecht. Die griechische Partizipialkonstruktion "da wir nun gerecht geworden sind (vgl. Röm 5,9 ) durch den Glauben" enthält die Vorbedingung für den Hauptsatz, haben wir Frieden ( echomen ) mit Gott . Manche der wichtigeren griechischen Handschriften schreiben auch: "Laßt uns Frieden mit Gott haben ( echOmen )", eine Lesart, die der ersteren anscheinend häufig vorgezogen wird. Wenn wir sie zugrunde legen, so wäre sie wohl im Sinne von "so laßt uns nun weiterhin Frieden mit Gott haben" aufzufassen. Gott machte durch unsern Herrn Jesus Christus (vgl. Eph 2,14 a) Frieden mit den Menschen. Das wird durch die Rechtfertigung deutlich. Ein Gläubiger ist nicht insofern für den Frieden mit Gott verantwortlich, als er ihn herbeiführen muß, sondern insofern, als er sich seiner erfreuen soll.



Röm 5,2


Jesus war nicht nur das Werkzeug, das die Gläubigen mit Gott versöhnte, sondern durch ihn haben wir auch den Zugang ( prosagOgEn , "das Vorrecht der Annäherung" an eine hochgestellte Persönlichkeit; das Wort steht nur noch in Eph 2,18;3,12 ) im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen . Die Wendung "im Glauben" an dieser Stelle wird von den wichtigeren Handschriften zwar nicht unterstützt, doch wir wissen, daß im Glauben die einzige Möglichkeit für die Menschen liegt, Zugang zu Gott zu gewinnen. Wer an Christus glaubt, steht in der Gnade Gottes (vgl. "Gnade" in Röm 3,24 ), weil Christus ihn dorthin gebracht hat. Er ist der Weg zu Gott.

Der Satz "und wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird" ist im Griechischen parallel zu dem Satz "wir haben Frieden mit Gott" ( Röm 5,1 ) gebaut. Wie dort könnte man auch hier übersetzen: "Wir wollen uns fortan rühmen." Aufgrund des Opfertodes Christi sehnen die Christen die Zeit herbei, in der sie an seiner Herrlichkeit teilhaben werden, im Gegensatz zur jetzigen Zeit, in der sie noch "des Ruhmes ermangeln, den sie bei Gott haben sollten" ( Röm 3,23 ). Insofern ist Christus "die Hoffnung der Herrlichkeit" ( Kol 1,27; vgl. Röm 8,17-30; 2Kor 4,17; Kol 3,4; 2Thes 2,14; Hebr 2,10; 1Pet 5,1.10 ). Wen eine solche Zukunft erwartet, der hat wahrhaftig Grund zur Freude und zum Stolz ( kauchOmetha ; vgl. Röm 5,3.11 )!



Röm 5,3-4


Die Gläubigen können sich des Friedens mit Gott, den Christus für sie erwirkt hat, und der herrlichen Zukunft in der Gegenwart Gottes, die sie erwartet, erfreuen. Doch wie sollen sie sich angesichts der widrigen und schwierigen Erfahrungen, denen sie im ganz normalen Leben so häufig ausgesetzt sind, verhalten? Sie sollen sich auch der Bedrängnisse rühmen . Das Wort "rühmen", kauchOmetha , stand bereits in Vers 2 . "Bedrängnisse" sind im Griechischen thlipsesin , "Heimsuchungen, Sorgen, Nöte". Auch Jakobus schrieb: "Meine Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt" ( Jak 1,2 ). Damit ist allerdings mehr gemeint als das stoische Erdulden von Schwierigkeiten, wenn auch die Geduld oder Beständigkeit das erste Glied in einer Kette von Verhaltensweisen ist, mit denen Christen auf Bedrängnisse reagieren sollen. Hier geht es um die freudige Annahme der Anfechtungen in dem Wissen (von oida , "durch Intuition oder Anschauung wissen"), daß am Ende dieser Erfahrungen (die mit der Anfechtung beginnt) die Hoffnung steht. Bedrängnis bringt Geduld (hypomonen, "Standhaftigkeit", die Fähigkeit, schwere Zeiten zu ertragen, ohne schwach zu werden; vgl. Röm 15,5-6; Jak 1,3-4 ). Nur ein Glaubender, der Anfechtungen erlebt hat, kann Standhaftigkeit entwickeln. Standhaftigkeit aber führt zu Bewährung ( dokimEn , "Beweis"), und Bewährung zu Hoffnung - zu der Hoffnung, daß Gott alles zum Guten wenden wird.



Röm 5,5


Die Hoffnung eines Gläubigen aber läßt nicht zuschanden werden , denn sie baut auf Gott und seinen Verheißungen auf. In dem Verb "zuschanden werden" schwingt die Enttäuschung über unerfüllte Versprechungen mit. Die hier beschworene Gewißheit, die in der Hoffnung auf Gott wurzelt, erinnert an Ps 25,3.20-21 (vgl. Ps 22,6; Röm 9,33; 1Pet 2,6 ). Der Grund dafür, daß die Hoffnung (die am Ende der Bedrängnis steht) nicht enttäuscht wird, liegt darin, daß die Liebe Gottes , die die Gläubigen erfüllt (vgl. 1Joh 4,8.16 ) und sie in der Hoffnung stärkt, ausgegossen ist in unsere Herzen durch ( dia mit Genitiv) den Heiligen Geist, der uns gegeben ist . Der Heilige Geist ist das Werkzeug Gottes, das die Gläubigen die Liebe Gottes, d. h. die Liebe, die Gott für sie empfindet, erkennen läßt. Die Liebe aber, die im Herzen der Gläubigen wohnt, gibt ihnen die Zuversicht, ja die Gewißheit, daß ihre Hoffnung auf Gott und auf seine Verheißung der Herrlichkeit nicht verfehlt ist und nicht enttäuscht wird. Das Wirken des Heiligen Geistes steht im Zusammenhang mit seiner Einwohnung in den Gläubigen ( Eph 4,30 ) als Siegel Gottes und als Unterpfand der Erbschaft der Herrlichkeit, die die Christen antreten werden ( 2Kor 1,21-22; Eph 1,13-14 ). Später schreibt Paulus, daß der Heilige Geist selbst in die Gläubigen ausgegossen ist ( Tit 3,6 ). Jeder Gläubige besitzt also gewissermaßen den Geist Christi ( Röm 8,9 ), weil der Heilige Geist in ihm Wohnung genommen hat (vgl. 1Joh 3,24;4,13 ).



Röm 5,6-8


Als nächstes geht Paulus nun zur Beschreibung des Wesens der Liebe Gottes über und erklärt, inwiefern sie die Hoffnung der Gläubigen sicherstellt. Gott hat seine Liebe im Tod seines Sohnes, Jesus Christus, erwiesen. Das geschah schon zu der Zeit, als wir noch schwach ( asthenOn ; vgl. Joh 5,5 ) waren, und es geschah für ( hyper ) uns Gottlose ( asebOn ; vgl. Röm 4,5 ). Christi Tod war ein stellvertretender Tod, er starb für andere. Die griechische Präposition hyper bedeutet meist "wegen", manchmal allerdings auch "anstelle von", wie aus Röm 5,7 ,wo ebenfalls hyper steht, hervorgeht. Eine Person, die bereit ist, um eines Gerechten oder um des Guten willen zu sterben , bietet sich selbst als Ersatz an, damit der Gerechte leben kann bzw. die gute Sache siegt. Darin liegt der höchste Ausdruck menschlicher Liebe und Hingabe. Die Liebe Gottes aber ist dieser Liebe sowohl ihrem Wesen als auch ihrem Ausmaß nach völlig entgegengesetzt, denn Gott erweist (das Präsens deutet auch hier wieder auf die fortdauernde Handlung hin) seine Liebe zu uns darin, daß Christus für ( hyper , "anstelle von uns") uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren . Es mag zwar durchaus vorkommen, daß ein Mensch um eines guten Menschen oder einer guten Sache willen sein Leben wagt - wenngleich auch das sehr selten ist -, doch Christus tat mehr als das. Er starb anstelle der Schwachen (V. 6 ), der Gottlosen (V. 6 ; Röm 4,5 ), der Sünder ( Röm 5,8 ) und sogar seiner Feinde (V. BC= 10 )!



Röm 5,9-11


Das mit "gerecht geworden sind" übersetzte Partizip stellt eine Verbindung zum Anfang des Kapitels her (vgl. V. 1 ). Noch stärker ist jedoch der Zusammenhang mit den vorangehenden Versen (V. BC= 6 - 8 ). Gott bewies seine Liebe, indem er Christus für die Menschen sterben ließ, als sie "noch Sünder waren". Wenn die Sünder nun mit Glauben (V. 1 ) auf Christi Opfertod am Kreuz antworten, macht Gott sie gerecht. Ein auf diese Weise Gerechtfertigter aber wird auf keinen Fall mehr aus der Liebe Gottes, die in sein Herz ausgegossen ist, herausfallen. Da die Schwierigkeit, vor der Gott in der Rechtfertigung der Menschen stand ( Röm 3,26 ), durch das Blut , das Jesus vergossen hat, gelöst ist (vgl. Röm 3,25 ), wird Jesus Christus ganz gewiß auch dafür sorgen, daß die gerechtfertigten Sünder bewahrt werden vor dem Zorn Gottes. Die Gläubigen werden niemals in die Hölle verdammt werden ( Joh 5,24; Röm 8,1 ), ja sie werden nicht einmal in die kommende Zeit der Großen Trübsal geraten ( 1Thes 1,10; 1Thes 5,9 ).

Paulus wiederholt diese Erkenntnis nochmals mit anderen Worten ( Röm 5,10 ). Die Versöhnung ist die dritte große Errungenschaft des Opfertodes Jesu (vgl. auch V. 11 ). Dieses Triumvirat - Erlösung ( Röm 3,24; 1Kor 1,30; Gal 3,13; Eph 1,7 ), Sühne ( Röm 3,25; "Versöhnung" im Sinne von "Sühne", 1Joh 2,2;4,10 ) und Versöhnung ( Röm 5,10-11; 2Kor 5,18-20; Kol 1,22 ) - ist einzig und allein das Werk Gottes, das er durch den Tod Jesu Christi vollbrachte. Die Erlösung bezieht sich auf die Sünde ( Röm 3,24 ), die Sühne (oder Genugtuung) auf Gott ( Röm 3,25 ) und die Versöhnung auf die Menschen (vgl. wir sind versöhnt worden ). Versöhnung bedeutet die Aufhebung der Feindschaft zwischen Gott und den Menschen (vgl. Feinde in Röm 5,10; Kol 1,21 ). Sie ist die Grundlage der wiederhergestellten Beziehung zwischen beiden (vgl. 2Kor 5,20-21 ).

Das wenn in Röm 5,10 (es kann auch mit "da" wiedergegeben werden) setzt voraus, daß die Versöhnung mit Gott durch den Tod seines Sohnes Wahrheit ist. Sie geschah, als wir noch Feinde waren . Da sie durch Christi Tod herbeigeführt wurde, um wieviel mehr muß dann sein Leben in der Lage sein, das Heil der Gläubigen für alle Zeit und endgültig zu sichern. Mit "seinem Leben" ist sein gegenwärtiges Leben (nicht sein Leben auf Erden) gemeint, in dem er für die Gläubigen eintritt ( Hebr 7,25 ). Christus starb für seine Feinde; ganz sicher wird er jene, die früher seine Feinde, nun aber seine Anhänger sind, retten. Weil die Christen, die Versöhnten Gottes, am Leben Christi teilhaben, werden sie selig werden . Doch nicht allein in der Zukunft werden sie gerettet werden; schon hier und jetzt rühmen ( kauchOmenoi ) sie sich Gottes. Genau dazu hat Paulus die Gläubigen bereits zuvor aufgefordert ( Röm 5,1-3 ). Die Grundlage all dieser Hoffnungen bzw. Gewißheiten ist die Tatsache, daß wir durch unsern Herrn Jesus Christus die Versöhnung empfangen haben . Weil Gott seine gottlosen Feinde mit sich selbst versöhnt hat, können sie sich nun des Friedens mit ihm erfreuen.



D. Die unverdiente Gnade dieses Geschenks
( 5,12 - 21 )


Röm 5,12


Damit schließt Paulus seine Auseinandersetzung mit dem Thema der Gerechtigkeit, die Gott auf der Grundlage des Opfertodes Christi für die Menschen bereithält, und die sie durch den Glauben erlangen können. Nur noch eines bleibt ihm jetzt zu tun - er muß den Gegensatz zwischen dem Werk Jesu Christi (und der Rechtfertigung und Versöhnung, die Christus herbeiführte) und dem Tun eines anderen Menschen, Adam (das in Sünde und Tod mündete) herausarbeiten. Er setzt zu einem Vergleich an: Deshalb (vgl. Röm 4,16 ), wie durch ..., kommt dann aber vom Thema ab und kehrt erst in Röm 5,15 zu der Parallele zwischen Adam und Jesus zurück. Der dazwischenliegende Exkurs führt aus, daß die Sünde durch einen Menschen in die Welt gekommen ist ( eisElthen ) und der Tod durch die Sünde (vgl. 1Mo 2,16-17 ). Der geistliche und physische Tod (vgl. Röm 6,23; Röm 7,13 ), den Adam und Eva und ihre Nachkommen erlitten und erleiden, war die Strafe für die Sünde. In Röm 5,12 - 21 geht es um den äußerlich sichtbaren, physischen Tod.

Paulus schließt: So ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ( diElthen ). E isElthen , "in die Welt gekommen", bedeutet, daß die Sünde die Welt gewissermaßen durch die Vordertür (die Sünde Adams) betrat; diElthen , "durchgedrungen", bedeutet, daß der Tod die ganze Menschheit ereilte, wie ein giftiges Gas, das sich überall ausbreitet. Der Grund dafür, daß der Tod alle trifft, ist, wie Paulus erklärt, die Tatsache, daß alle gesündigt haben . Alle drei Verben in diesem Vers stehen im Präteritum (Aorist). Damit ist die gesamte Menschheit in die Sünde, die Adam beging, einbezogen (vgl. "sie sind allesamt Sünder" in Röm 3,23 ,ebenfalls Vergangenheitsform). Die Theologen haben zwei Erklärungsansätze für die Teilhabe der Menschheit an der Sünde Adams vorgelegt: die Erbsünde im Sinne einer Kollektivschuld, die von Adam auf die ganze Menschheit überging, und die Lehre von der "angeborenen" Erbsünde. (Eine dritte These ist, daß die Menschen Adam nur nachahmten, daß er eine Art schlechtes Beispiel für sie war, doch diese Interpretation wird Röm 5,12 nicht gerecht.)

Die These, daß die Erbsünde als Kollektivschuld auf den Menschen lastet, geht davon aus, daß Adam, der erste Mensch, der Stellvertreter der ganzen Menschheit war, die von ihm abstammt. Gott sah in der Sünde Adams eine Handlung, die von allen Menschen ausging, und daher wurde die Todesstrafe, die über ihn verhängt wurde, auf die übrige Menschheit ausgedehnt.

Die These, daß die Erbsünde "angeboren" ist, geht dagegen davon aus, daß in Adam, dem ersten Menschen, bereits die ganze Menschheit physisch enthalten war und daher vor Gott an der Sünde, die Adam beging, teilhatte, und auch die Strafe, die ihn ereilte, mittragen muß. Nun müssen zwar auch die Anhänger der These von der Kollektivschuld zugeben, daß Adam der natürliche Stammvater aller Menschen ist. Hier geht es jedoch in erster Linie um die geistige Verwandtschaft. Die biblischen Belege stützen eher die zweite These, die "angeborene" Erbsünde. Als der Verfasser des Hebräerbriefs von der priesterlichen Überlegenheit Melchisedeks über Aaron sprach, argumentierte er, daß Levi, das Haupt der Priesterschaft, "der selbst den Zehnten nimmt, in Abraham mit dem Zehnten belegt worden (ist). Denn er sollte seinem Stammvater ja erst noch geboren werden, als Melchisedek diesem entgegenging" ( Hebr 7,9-10 ).



Röm 5,13


Die Sünde kam durch Adam (von dem die ganze Menschheit abstammt) in die Welt und fand danach immer wieder Eingang in das Handeln der Menschen (vgl. 1Mo 6,5-7.11-13 ), und zwar "bis" (nicht ehe , wie Luther schreibt) das Gesetz kam . "Wo aber das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung", wie Paulus bereits sagte ( Röm 4,15 ). Das bedeutet nicht, daß es ohne das Gesetz keine Sünde gibt, sondern daß die Sünde ohne das Gesetz nicht den Charakter einer Übertretung hat und daher nicht angerechnet wird .



Röm 5,14


Daß es auch in der Zeit zwischen Adam und der Einführung des Gesetzes Sünde gab, wird schon daran deutlich, daß von Adam an bis Mose der Tod herrschte . Er traf auch die Menschen, die nicht gesündigt hatten durch die gleiche Übertretung wie Adam (vgl. "der Tod hat geherrscht", V. 17 , und "die Sünde hat geherrscht zum Tode", V. 21 ). Adam hatte einem ganz bestimmten Gebot Gottes zuwidergehandelt ( 1Mo 2,17 ) und sich somit einer Übertretung schuldig gemacht - etwas, was seine Nachkommen erst dann wieder taten, als sie durch Mose das Gesetz erhalten hatten. Und doch haben alle Nachkommen Adams mit ihm gesündigt ( Röm 5,12 ), weshalb sie auch mit dem Tod bestraft wurden (vgl. 1Mo 5,5.8.11.14.17.20.27.31 ). Daß der Tod herrschte, war der Beweis, daß in Adam alle gesündigt hatten (vgl. den Kommentar zu Röm 5,12 ).

Die namentliche Erwähnung Adams (vgl. "ein Mensch"; V. 12 ) bringt Paulus zum Beginn seines Vergleichs zurück: Welcher ist ein Bild dessen, der da kommen sollte . Zwischen Adam und Jesus als den Anführern zweier Menschengruppen, der "natürlichen" und der "geistlichen", bestehen gewisse Parallelen (vgl. 1Kor 15,45-49 ), die allerdings stärker in den Gegensätzen, die sie verkörpern, als in ihren Entsprechungen zum Ausdruck kommen.



Röm 5,15


In den folgenden Versen geht Paulus auf die Einzelheiten dieser Parallelen ein und macht ihr gegensätzliches Wesen mit der Aussage "aber nicht verhält sich's mit der Gabe ( charisma , "Gnadengabe") wie mit der Sünde" deutlich. Was Christus "gibt", steht in schroffem Kontrast zu dem, was Adam gab: seine "Sünde" ( paraptOma , "Übertretungen"; vgl. auch Röm 4,25; 5,16-18.20 ). In der ersten kontrastierenden Parallele geht es um das Ausmaß der beiden Gaben - um wieviel mehr. Die Sünde des einen brachte den vielen , in diesem Fall der ganzen Menschheit bis auf zwei Ausnahmen - Enoch und Elia - den Tod. Die Gnade Gottes hingegen - und die Gabe (d. h., wie in V. 17 gesagt, die Gerechtigkeit; vgl. V. 16 ) - wurde durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus den vielen überreich zuteil . Wenn dieses letztere "viele" mit dem ersteren identisch ist (was möglich, vom Text her aber nicht zwingend notwendig ist) und sich damit auf die ganze Menschheit bezieht, dann ist "Gottes Gnade und Gabe" durch die "Gnade" insofern "überreich", als sie alle Menschen erreicht und allen zugänglich ist. Sie wird allerdings nicht unbedingt auch von allen angenommen.



Röm 5,16


Auch die zweite Parallele beginnt mit einer Gegenüberstellung: Und nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit dem, was durch den einen Sünder geschehen ist . Hier fehlt ein der "Gnade" entsprechendes, gegenteiliges Substantiv. Manche Bibelübersetzungen ziehen dafür einfach "das Urteil" aus dem nächsten Satz vor, andere ergänzen das Fehlende mit "Sünde", "Tod" oder "Verdammnis". Doch es scheint am besten, diesen Sachverhalt undefiniert zu lassen, wie es der griechische Text tut, und den Satz, wie Luther, mit der Wendung "mit dem, was ... geschehen ist" zu übersetzen.

Paulus fährt fort: Denn das Urteil hat von dem Einen her zur Verdammnis geführt . Gott sprach das Urteil ( krima ) über Adam, und mit ihm brach die Verdammnis ( katakrima , "Strafe"; das Wort findet sich nur noch in V. 18 und Röm 8,1 ) über die ganze Menschheit herein. Die Gnade ( charisma , "Gnadengabe", d. h. Gerechtigkeit; Röm 5,17; vgl. V. 15 ) aber hilft aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit ( dikaiOma , "Gerecht-Erklärung"; vgl. auch Röm 1,32; 2,26; 5,18; 8,4 ). Die Gnade Gottes ist, wie Paulus wieder und wieder betont, die Grundlage der Rechtfertigung der Menschen, und sie wurde wirksam angesichts "vieler Sünden" ( paraptOmatOn ; vgl. Röm 5,15.17-18.20 ). Ein Mensch (Adam) übertrat (V. 15 ) Gottes Gebot, und seither haben alle Menschen immer wieder die Richtlinien übertreten, die Gott ihnen gegeben hat.



Röm 5,17


Die dritte Parallele verbindet die beiden vorhergehenden miteinander. Sie arbeitet sowohl einen Unterschied im Ausmaß ( um wieviel mehr ; vgl. V. 15 ) als auch im Wesen ("Tod" und "Leben"; vgl. V. 16 ) heraus. Der Konditionalsatz am Anfang des Verses setzt voraus, daß die in ihm formulierte Bedingung, wenn (da) wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat (vgl. V. 20 ), zutrifft, was von Vers 12 und 14 gestützt wird. Der Tod ist ein Tyrann, der die Menschen knechtet und dessen Würgegriff alle in Angst und Schrecken versetzt (vgl. Hebr 2,15 ).

Doch ebenso wahr ist es, daß die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe (vgl. Röm 5,15 ) der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus . Jesus ist das Werkzeug der gnädigen Vorsehung Gottes, durch das er den Menschen all das Gute gibt, das er ihnen zugedacht hat. Wie ein Tyrann herrscht der Tod über alle Menschen, doch wer an Christus glaubt und die Gnade Gottes empfängt, herrscht im Leben. In der Welt sind die Menschen sterbende Opfer in der Hand eines grausamen Diktators; in Christus werden sie selbst zu Herrschern (vgl. Offb 1,6 ), in deren Reich das Leben ist. Doch wieder hebt Paulus hervor, daß in das Leben nur die eingehen, die die Gnade und Gabe Gottes "empfangen", daß also das Angebot, das Gott in Christi Opfertod für alle bereithält, von jedem einzelnen im Glauben angenommen werden muß, um wirksam zu werden (vgl. "aufnahmen" in Joh 1,12 ).

 

Röm 5,18-19


In diesen Versen faßt Paulus die grundlegenden Parallelen (V. 12 ) und Gegensätze (V. 15-17 ) zwischen Adam und Jesus nochmals zusammen und bringt sie auf den kürzestmöglichen Nenner: Wie nun durch die Sünde ( paraptOmatOs , "Übertretungen"; vgl. V. 15-17.20 ) des Einen die Verdammnis ( katakrima , "Strafe"; vgl. V. 16 ) über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Der einen Sünde (der Sünde Adams) wird das eine gerechte Werk Christi (sein Opfertod am Kreuz), und der Folge von Adams Sünde (der Verdammnis Gottes, der jeder Mensch anheimgefallen ist) die Folge des Werkes Christi (die Gerechtigkeit, die allen angeboten ist) gegenübergesetzt. Die eine Tat brachte den Tod, die andere das Leben. Auch hier ist in die Wendung "alle Menschen" in der ersten Hälfte des Satzes die ganze Menschheit eingeschlossen (vgl. "alle Menschen" in V. 12 , und "die vielen" in der ersten Hälfte von V. 15 ). Daraus können wir schließen, daß mit "allen Menschen" in der zweiten Hälfte des Verses dasselbe gemeint ist wie mit den "vielen" in der zweiten Hälfte von Vers 16 und 19 . In dem gerechten Werk Christi ist also der ganzen Menschheit eine Möglichkeit angeboten, die allerdings, wie auch die Möglichkeit in Vers 17 , nur denen zugute kommt, die sie "empfangen".

Diese Schlußfolgerung wird - mit anderen Worten - in Vers 19 nochmals wiederholt. Hier wird dem Ungehorsam Adams der Gehorsam Christi in seinem Opfertod gegenübergestellt. Als Folge des Ungehorsams wurden die Vielen (vgl. die erste Hälfte von V. 15.18 ), d. h. alle, zu Sündern (vgl. Röm 11,32 ). Die Vielen in der zweiten Hälfte von Röm 5,19 bezieht sich dagegen wieder nur auf "die, die empfangen" (V. 17 ; vgl. "viele" in der zweiten Hälfte von V. 16 ). Sie werden nun aber nicht mehr einfach nur für gerecht erklärt (hier steht nicht das Verb dikaioO ), sondern im Prozeß der Heiligung, deren Höhepunkt die Verherrlichung in der Anwesenheit Gottes ist, wirklich zu Gerechten gemacht. Das Verb "werden" ( kathistEmi , "dastehen als") an dieser Stelle ist dasselbe wie das Verb in der ersten Hälfte von Vers 19 ("sind zu Sündern geworden").

Röm 5,20-21


Nun blieb nur noch die Frage: Wie und warum paßt das mosaische Gesetz in all diese Ausführungen? Nach Paulus ist es dazwischen hineingekommen ( pareisElthen ; vgl. eisElthen und diElthen in V. 12 ; pareisElthen steht außer an dieser Stelle nur noch in Gal 2,4 ), damit die Sünde ( paraptOma ; vgl. V. 15 - 19 ) mächtiger würde.

Drückt der Nebensatz in Röm 5,20 a einen Zweck oder eine Folge aus? Das Kommen des mosaischen Gesetzes (um das es hier, wie V. 13.14 ganz deutlich machen, geht) führte zwar dazu , daß (Folge) "die Sünde mächtiger wurde", doch das mosaische Gesetz kam auch, damit (Zweck) die übermächtig gewordene Sünde als solche erkannt wurde (auch das bestätigen V. 13 - 14 sowie Röm 4,15 ).

Wo aber die Sünde mächtig geworden ist (vgl. Röm 5,20 ) , da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden (vgl. V. 15 ). Welch ein Gegensatz! Ganz gleich, wie groß die Sünde der Menschen wird, die Gnade Gottes übertrifft sie immer bei weitem. Kein Wunder, daß Paulus schreibt, daß Gottes Gnade "genügt" ( 2Kor 12,9 ). Gott will ( hina , "damit", drückt einen Zweck aus), daß seine Gnade herrsche durch die Gerechtigkeit (die Gerechtigkeit, die Christus den Menschen erwirkte) zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unsern Herrn . Auch an dieser Stelle verknüpft Paulus das Herrschen wieder mit dem "Leben". In Vers 17 herrschen die, die die Gabe Gottes empfangen, "im Leben" durch Christus. Hier nun ist die Gnade personifiziert als herrschende und ewiges Leben spendende Macht.

Bis hierher hat der Apostel Paulus den Lesern seines Briefes also nicht nur erklärt, wie die Gerechtigkeit, die Gott für die Menschen bereithält, sich in der Rechtfertigung offenbart, er blickte zu gleich auch schon voraus auf ihre Offenbarung in der Wiedergeburt und Heiligung.



IV.Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Heiligung
( Röm 6-8 )


Zu der Gerechtigkeit, die Gott den Menschen gibt, gehört mehr als die Rechtfertigung der Gläubigen aufgrund ihres Glaubens. Der erste Hinweis darauf findet sich im Römerbrief in Röm 5,5 : "Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist." Die Gegenwart des Heiligen Geistes in den Gläubigen und die Tatsache, daß Gott eine seiner Eigenschaften (die Liebe) auch in den Gläubigen bewirkt, verweisen auf das neue Wesen und das neue Leben der Gläubigen. Dieses neue Leben und das heiligende Wirken des Geistes Gottes sind Gegenstand von Kap.6 - 8 .



A. Der Grund für die Heiligung
( 6,1 - 4 )


Röm 6,1-2


Die Fragen, mit denen Paulus den folgenden Abschnitt eröffnet, verlangen ein kurzes Innehalten und Nachdenken. Die Gnade, die Gott den Menschen durch Jesus Christus zuteil werden läßt, soll eigentlich dazu führen, daß sie Gott loben und preisen. Doch die Lehre von der Rechtfertigung der sündigen Menschen ( Röm 3,21-5,21 ) und insbesondere die Aussage in Röm 5,20 könnte manche auch zu der Annahme verleiten: Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Anscheinend hatten einige Christen argumentiert, daß, wenn die Gnade "umso mächtiger" werde, je mehr die Sünde überhand nehme, die Gläubigen nach Kräften sündigen sollten, damit ihnen umso mehr Gnade zuteil werde. Doch der Apostel weist diesen Gedanken aufs schärfste zurück: "Das sei ferne!" ( mE genoito ; vgl. den Kommentar zu Röm 3,4 ). Auf keinen Fall soll die überreiche Gnade Gottes die Menschen zur Sünde ermutigen.

Paulus erklärt auch, warum ein solcher Gedanke völlig inakzeptabel ist. Die Christen sind der Sünde gestorben (vgl. Röm 6,7.11 ). Der griechische Aorist Imperfekt deutet darauf hin, daß das zu einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich bei der Rettung, geschah. Der Tod, sei es nun der körperliche oder geistliche, bedeutet Trennung, nicht Auslöschung (vgl. V. 6 - 7 ). "Der Sünde zu sterben" heißt also nicht, daß die Sünde ausgelöscht wird, sondern daß der Mensch von der Macht der Sünde getrennt, "frei von" ihr, wird ( 18.22 ). Angesichts dieser Wahrheit fragt Paulus seine Leser: Wie sollten wir in der Sünde leben wollen? Offensichtlich können die Gläubigen nicht in der Sünde leben , wenn sie ihr gestorben sind.



Röm 6,3-4


Die geistliche Grundlage der Aussage "wir sind der Sünde gestorben" (V. 2 ) ist die Tatsache, daß alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, in seinen Tod getauft sind . Denkt Paulus dabei an die Geisttaufe ( 1Kor 12,13 ) oder an die Wassertaufe? Gegen den Versuch, Röm 6,3 im Sinne der Geisttaufe zu deuten, wenden manche Exegeten ein, daß hier von der "Taufe auf Christus Jesus" die Rede ist, wohingegen 1Kor 12,13 besagt, daß der Gläubige bei der Geisttaufe "zu einem Leib getauft" wird. Natürlich ist beides richtig: Der Gläubige ist "auf Christus" getauft und damit "in Christus" und auch "in den Leib Christi" aufgenommen, und zwar durch den Heiligen Geist.

Wenn man Röm 6,3 jedoch auf die Wassertaufe bezieht, sieht man sich vor das Problem gestellt, daß die Taufe, von der hier die Rede ist, Heilswirksamkeit zu haben scheint. Das Neue Testament bestreitet aber konsequent eine Wiedergeburt durch die Taufe. Es sieht die Wassertaufe lediglich als öffentliches Zeugnis für ein bereits vollendetes geistliches Geschehen (vgl. z. B. Apg 10,44-48;16,29-33 ). Paulus spricht hier also wohl von der geistlichen Realität, daß die Gläubigen durch den Glauben "auf Christus getauft" (in Christus gestellt) und damit bereits mit ihm vereinigt und identifiziert sind. Die Wassertaufe ist nur der bildhafte Ausdruck dieser Realität. Sie ist das sichtbare Zeichen der geistlichen Wahrheit der anderen Taufe (der Identifikation mit Christus; vgl. Gal 3,27 , "auf Christus getauft ... Christus angezogen").

Diese Interpretation wird durch die Aussage gestützt: So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod. Daß Christus begraben wurde, war der Beweis, daß er tatsächlich gestorben war (vgl. 1Kor 15,3-4 ). So ist auch das "Begrabensein" der Christen mit Christus ein Bild dafür, daß sie ihrem früheren sündigen Leben tatsächlich gestorben sind. Der Zweck ihrer Identifikation mit Christus in seinem Tod und Begräbnis ist, daß, wie Christus auferweckt ist von den Toten (vgl. Röm 4,24; Röm 8,11 ) durch die Herrlichkeit (ein Synonym für die Macht Gottes; vgl. Eph 1,19; Kol 2,12 ) des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln . Der griechische Begriff "neu" ( kainotEti ) bezeichnet ein Leben, das eine neue, andere Qualität hat. Die Auferstehung Jesu war nicht nur ein Sich-Erheben aus dem Grab; er ist zu einem neuen Leben auferstanden. Auch das geistliche Leben derer, die an Jesus glauben, besitzt eine neue, andere Qualität. Darüber hinaus ist die Identifikation des Gläubigen mit Jesus Christus in seiner Auferstehung die Garantie für die leibliche Auferstehung.

Dieses Heilswerk Gottes, in dem er den Gläubigen mit Christi Tod, Begräbnis und Auferstehung identifiziert und ihn so von der Macht der Sünde trennt und ihm ein neues Leben gibt, ist die Grundlage für das heiligende Werk des Geistes Gottes.



B. Das neue Leben
( 6,5 - 23 )


Die Heiligung beginnt mit der Wiedergeburt, in dem Augenblick, in dem der Gläubige in das geistliche Leben eintritt. Von diesem Punkt an hört Gott nicht mehr auf, ihn durch sein heiligendes Wirken immer weiter von der Sünde ab- und zu sich hinzuziehen und sein Leben in ein Leben der Heiligung und Reinheit zu verwandeln. Der Prozeß der Heiligung setzt sich während des ganzen Lebens des Gläubigen, in der Zeit, die er sich in seinem sterblichen Körper auf der Erde befindet, fort und wird in der Verherrlichung - wenn der Gläubige durch den Tod und die Auferstehung oder durch die Entrückung im Angesicht Gottes steht und "gleich dem Bild seines Sohnes" ist ( Röm 8,29 ) - vollendet. Die Identifikation des Gläubigen mit Christus durch den Glauben ist sowohl der Grund als auch das Ziel der Heiligung. Um diese Identifikation allerdings im Alltag Wirklichkeit werden zu lassen und auf dem Weg der Heiligung fortzuschreiten, bedarf es dreier Voraussetzungen. Auf sie geht Paulus in Röm 6,5-23 ein.



1. Erkenntnis
( 6,5 - 11 )


Als erstes sollen die Gläubigen "dafürhalten" (Imperativ Präsens), daß sie der Sünde gestorben sind und Gott in Jesus Christus leben (V. 11 ). Die Voraussetzung für diese Erkenntnis ist, bestimmte Dinge zu wissen und auch zu glauben. Welche das sind, wird in Vers 5 - 10 ausgeführt.



Röm 6,5-7


Das wenn im ersten Teil von Vers 5 ist besser mit "da" zu übersetzen, denn Paulus setzt voraus, daß diese Bedingung wahr ist. Sie bestätigt den zweiten Teil des Satzes, daß die Gläubigen Christus auch in seiner Auferstehung gleich sind. Daher wissen ( ginoOskontes , "wissen aus Erfahrung oder Überlegung", nicht intuitives Wissen wie in eidotes in V. 9 ) wir, daß unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist (wörtlich: "unser alter Mensch zusammen [offensichtlich mit Christus] gekreuzigt ist"). Der "alte Mensch" eines Gläubigen ist die Person, die er war, bevor er zum Glauben an Christus kam, der Mensch, der noch "unter der Sünde" stand ( Röm 3,9 ), "schwach" und "gottlos" ( Röm 5,6 ) und ein "Sünder" ( Röm 5,8 ) und "Feind" Gottes ( Röm 5,10 ). (Das "alte Selbst" oder der "alte Mensch" bezieht sich nicht auf die sündige Natur des Menschen als solche. Die Bibel lehrt nicht, daß sie mit der Rettung oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt im irdischen Leben aufgehoben wird.)

Der "alte Mensch" wurde "gekreuzigt" mit Christus (vgl. "getauft in seinen Tod"; Röm 6,3; und "ihm gleichgeworden in seinem Tod" in V. 5 ), damit der Leib der Sünde vernichtet werde . Das bedeutet nicht, daß der Körper des Menschen an sich sündig ist, sondern nur, daß er von der Sünde beherrscht wird (vgl. den Kommentar zu "diesem todverfallenen Leibe" in Röm 7,24 ), wie es auch bei jedem Gläubigen vor seiner Bekehrung der Fall ist. Doch mit der Rettung ist die Macht der Sünde gebrochen; sie ist unwirksam oder "schwach" geworden ( katargethe , in 1Kor 1,28 mit "zunichte machen" übersetzt).

Der zweite Teil von Vers 6 enthält die Deutung des Satzanfangs. Vor seiner Wiedergeburt hat der Gläubige der Sünde gedient . Doch sein "alter Mensch" wurde mit Christus gekreuzigt (gleich gemacht), und damit aus der Knechtschaft der Sünde befreit. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Die Wendung "ist frei geworden" gibt in übertragener Form das Verb dedikaiOtai , wörtlich: "ist gerechtfertigt oder für gerecht erklärt worden", wieder. Der Gebrauch des Perfekts weist darauf hin, daß hier von etwas die Rede ist, das in der Vergangenheit geschah, aber noch immer wirksam ist. Die Sünde hat keine Macht mehr über den Gläubigen, denn er ist mit Christus gestorben.



Röm 6,8-11


Diese Verse greifen die Aussage von Vers 5 - 7 nochmals auf und beginnen sogar mit demselben Wort wenn ("da"). Diejenigen, die Christus durch den Glauben empfangen haben und ihm gleich geworden sind, sind mit Christus gestorben (vgl. V. 3.5 ). Weil das wahr ist, glauben wir (Präsens), daß wir auch mit ihm leben werden . Die Teilhabe am Leben des Auferstandenen beginnt im Moment der Wiedergeburt und hält auch noch an, wenn der Gläubige mit dem Herrn in der Ewigkeit vereint ist. Daher wissen wir ( eidotes , "intuitives Wissen" (vgl. V. 16 ), nicht ginOskontes , "Wissen aus Erfahrung oder Überlegung", wie in V. B 6 ), daß die Auferstehung Christi die Aufhebung des physischen Todes und die Schaffung eines ewigen, geistlichen Lebens bedeutet. Jesus, der den physischen Tod erfahren hat, durch seine Auferstehung aber dem Herrschaftsbereich des Todes entrückt ist, kann hinfort nicht sterben (wörtlich: "stirbt nicht mehr"). In der Auferstehung hat er den Tod besiegt ( Apg 2,24 ); der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen ( kyrieuei ; vgl. Röm 6,14 ), wie er über die Menschen herrscht ( Joh 10,17-18 ).

Paulus faßt diese Ausführungen in der Feststellung zusammen, daß Jesus in seinem physischen Tod ein für allemal ( ephapax ; vgl. Hebr 7,27;9,12;10,10 ) der Sünde gestorben ist . Das ist unvereinbar mit der Lehre und Praxis des sogenannten ewigen Opfers Christi in der römisch-katholischen heiligen Messe. Was er aber lebt, das lebt er (Präsens) für Gott . Das Leben nach der Auferstehung ist ein ewiges; sein Ursprung und Ziel liegen in Gott. Was, wie die Jünger erfahren haben, für Jesus Christus gilt, sollen die Gläubigen, die ihm durch den Glauben gleichgeworden sind, auch für sich als wahr erkennen. Sie sollen dafür halten, daß sie der Sünde gestorben sind, und Gott in Jesus Christus leben . Sie sollen erkennen, daß sie der Macht der Sünde entrückt sind ( Röm 6,2 ), und fortan nicht mehr sündigen, und sie sollen erkennen, daß sie in Christus ein neues Leben haben - ein Leben, das an seinem Leben nach der Auferstehung teilhat (vgl. Eph 2,5-6; Kol 2,12-13 ).



2. Frucht
( 6,12 - 14 )


Röm 6,12


Der Gläubige muß das Bewußtsein, daß er der Sünde gestorben ist, in seinem Leben in die Tat umsetzen. Paulus fordert seine Leser auf: So laßt nun die Sünde nicht herrschen (Imperativ Präsens), wie es vor der Rettung war. Dieser verneinte Imperativ Präsens kann positiv auch mit "Hört auf, die Sünde herrschen zu lassen" übersetzt werden. Wenn im Körper und im Geist eines Menschen die Sünde herrscht, so heißt das, daß er den Begierden seines sterblichen Leibes Gehorsam leistet . Die Sünde versklavt die Menschen (V. 6 ); sie unterwirft sie ihren Begierden. Epithymia sind "Sehnsüchte" oder "Wünsche", und zwar böse oder gute, je nach Kontext. Hier, wo von der Sünde die Rede ist, sind böse Begierden gemeint. Der Ausdruck, der "sterbliche Leib", verweist auf die Tatsache, daß die Sünde sich durch die Taten des Menschen in seinem irdischen Körper manifestiert. Im Griechischen ist die Sterblichkeit des Körpers besonders hervorgehoben, vielleicht, um deutlich zu machen, daß es Torheit ist, den Begierden eines Leibes nachzugeben, der nur für den Übergang bestimmt ist und vergehen wird. Einem so hinfälligen Herrn zu gehorchen mutet in der Tat seltsam an.



Röm 6,13


Dieser Vers wiederholt die Aussage von Vers 12 nochmals in einem konkreteren Bild. Auch gebt nicht der Sünde eure Glieder (vgl. V. 19 ) hin (wörtlich: "gebt nicht weiterhin hin", "hört auf hinzugeben") als Waffen ( hopla , meist in militärischem Kontext; vgl. Röm 13,12; 2Kor 6,7; 10,4 ) der Ungerechtigkeit ( adikias , als Gegensatz zur Gerechtigkeit, später in Röm 6,13 ), sondern gebt (Imperativ Aorist; "gebt euch ein für allemal"; vgl. V. 19 ) euch selbst Gott hin, als solche, die tot waren und nun lebendig sind (wörtlich: "als ob ihr aus Toten zu Lebenden geworden seid"; vgl. Joh 5,24 ), und eure Glieder Gott als Waffen ( hopla ) der Gerechtigkeit ( dikaiosynEs ). Mit diesem Gebot steht die Aufforderung von Röm 12,1 , "daß ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer", in Zusammenhang. Weil die Menschen vormals, in der Sünde, tot waren (vgl. Eph 2,1 ), in Christus aber ein neues Leben erhalten haben ( Röm 6,11 ), sollen sie ihr neues Leben Gott leben. Sie sollen ihre Leiber nicht zu Sünde (V. 12 ) und Ungerechtigkeit (V. 13 ) gebrauchen, sondern zur Förderung der Gerechtigkeit einsetzen (vgl. "Glieder" und "Leiber"; Röm 7,5.23; 1Kor 6,15 ).



Röm 6,14


Gott will nicht, daß die Sünde weiterhin über die Menschen herrscht (vgl. V. 9 ). Der Grund dafür, daß das nicht mehr geschieht, ist, daß sie nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen. Paulus hat seinen Lesern bereits erklärt, daß "das Gesetz dazwischen hineingekommen (ist), damit die Sünde mächtiger würde" ( Röm 5,20 ), und an anderer Stelle sagt er: "Die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz" ( 1Kor 15,56 ). Wenn die Gläubigen noch unter dem Gesetz stünden, könnten sie der Herrschaft der Sünde nicht entrinnen. Da sie jedoch "unter der Gnade" stehen, können sie aufhören zu sündigen. Dazu müssen sie sich allerdings an die Anweisungen halten, die der Apostel ihnen im folgenden erläutert.



3. Dienst
( 6,15 - 23 )


Röm 6,15-16


Die Aussage, daß die Gläubigen "unter der Gnade" stehen (V. 14 ), wirft eine weitere Frage auf, die wie die anderen, denen Paulus so heftig entgegentritt, für ein völlig fehlgeleitetes Denken zeugt und die er ebenfalls sofort zurückweist. Sie lautet: Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Der Aorist, der hier im Griechischen steht, hat vielleicht die Bedeutung eines hin und wieder geschehenden Sündigens, im Gegensatz zu dem ganzen Leben in Sünde, von dem in Vers 1 die Rede war. Wieder antwortet Paulus: Das sei ferne! ( mE genoito ; vgl. den Kommentar zu Röm 3,4 ), und begründet seine Haltung auch. Er fragt: Wißt ihr nicht ("aus Intuition" wissen; vgl. Röm 6,9 ), daß es zwischen der Knechtschaft der Sünde und dem Gehorsam Gott gegenüber keinen Mittelweg gibt? Schon Jesus sagte: "Niemand kann zwei Herren dienen ... Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" ( Mt 6,24; Lk 16,13 ). Paulus warnt seine Leser, daß die Knechtschaft der Sünde zum Tode führt (vgl. Röm 6,21.23 ). Damit ist nicht nur der physische und auch nicht nur der geistliche Tod gemeint, sondern der Tod an sich als natürliche Konsequenz und unausweichlicher Begleiter der Sünde (vgl. 1Mo 2,17 ). Der Gehorsam Gott (und seiner Botschaft) gegenüber führt dagegen mit derselben Konsequenz zur Gerechtigkeit (wieder in allgemeinem Sinn, als Äquivalent des ewigen Lebens und der Verherrlichung). Der Tod ist die natürliche Folge der Sünde (die Gott ungehorsam ist); die Gerechtigkeit aber ist die Folge des Gehorsams gegenüber Gott und eines ihm zur Ehre geführten Lebens.



Röm 6,17-18


Im Gedenken an all das, was die Gnade Gottes bereits im Leben seiner Leser bewirkt hat, gibt Paulus an dieser Stelle impulsiv seinem Dank gegenüber Gott Ausdruck. Bevor die Christen in Rom auf das Evangelium antworteten, waren sie Knechte der Sünde gewesen, doch nun sind sie von Herzen (von innen heraus, d. h. wirklich, nicht nur äußerlich) gehorsam (vgl. "Gehorsam" in 1Pet 1,2 ) geworden der Gestalt der Lehre, der sie ergeben sind . Sie haben das Wort Gottes gehört und sich seiner Wahrheit geöffnet, wie ihre Reaktion und die Tatsache, daß sie sich taufen ließen, beweisen. Daher sind sie nun frei geworden von der Sünde, und Knechte geworden der Gerechtigkeit (vgl. Röm 6,22 ). Dieses neue Leben soll sich jetzt auch in ihrem Alltag manifestieren, wobei sich auch hier zeigt, daß es in der Sünde keinen Mittelweg gibt. Die Christen dürfen ihr nicht nachgeben, denn sie sind ihr gestorben und nicht länger ihre Knechte. Daß aber die Knechte der Gerechtigkeit sich wieder unter die Herrschaft der Sünde begeben wollen, läuft dem Plan Gottes entschieden zuwider.



Röm 6,19


Die Formulierung "Dienst der Gerechtigkeit" ist, wie Paulus im folgenden schreibt, nicht ganz zutreffend, denn Gott hält seine Kinder nicht in Ketten. Da der Begriff "Knechtschaft" aber die Beziehung einer nichtwiedergeborenen Person zur Sünde und zu Satan so überaus treffend wiedergibt, verwendet Paulus ihn hier auch, um die ganz entgegengesetzte Beziehung eines Gläubigen zu Gott deutlich zu machen.Bevor er diesen Gedankengang weiter ausführt, entschuldigt er sich jedoch sozusagen für den Gebrauch dieses Begriffes: Ich muß menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen. Offensichtlich ist er der Überzeugung, daß seine Leser in geistlicher Hinsicht schwach sind, und benutzt daher eine Terminologie, die ihnen vertraut ist. Dann kehrt er zu den Aussagen von Vers 16 - 17 zurück. Vor ihrer Bekehrung hatten die Römer ihre Glieder hingegeben an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit (vgl. Röm 1,24-27; 6,13 ), d. h. sie hatten sich freiwillig unter die Knechtschaft der Sünde begeben. Paulus aber fordert sie nun auf, sich im Gegensatz zu ihrer früheren Unreinheit hinzugeben an den Dienst der Gerechtigkeit, daß sie heilig werden (d. h. die vollkommene Heiligkeit, die letzte Stufe des Heiligungsprozesses, erreichen; vgl. V. 22 ).

 

Röm 6,20-23


Nochmals wiederholt er, daß die Knechtschaft der Sünde und die Knechtschaft der Gerechtigkeit sich gegenseitig ausschließen (vgl. V. 13. 16 ). Danach wendet er sich der Überlegenheit zu, die die Unterwerfung unter die Knechtschaft der Gerechtigkeit und der Gehorsam Gott gegenüber mit sich bringen. Das Ende (das hier gebrauchte griechische Wort wird gewöhnlich mit "Frucht" übersetzt) der Knechtschaft der Sünde führte zu Ängsten, deren sich die Mitglieder der römischen Gemeinde jetzt schämen . Die schlimmste Frucht dieser Knechtschaft aber ist der Tod .

Für einen Menschen, der im Glauben auf das Evangelium geantwortet und Jesus Christus angenommen hat, liegen die Dinge dagegen völlig anders. Er ist von der Sünde frei (vgl. V. 18 ) und ein Knecht Gottes , d. h. , er ist heilig (vgl. V. 19 ; vgl. auch Kap.6 - 8 ). Ein Leben in Sünde bringt keine Frucht außer dem Tod ( Röm 6,21 ), die Rettung aber bringt die Frucht eines heiligen, reinen Lebens (V. 22 ). Während das Ende ( telos ) oder die Folge der Sünde der Tod ist (V. 21 ), ist das Ende der Rettung das ewige Leben . Auch diese Gegensätze faßt Paulus nochmals zusammen: Der Sünde Sold ( opsOnia ) ist der Tod (hier der ewige Tod, im Gegensatz zum "ewigen Leben" in V. 23 b). Dieser Tod bedeutet die ewige Trennung von Gott, die Verbannung in die Hölle, in der die Ungläubigen bei vollem Bewußtsein ewige Qualen leiden ( Lk 16,24-25 ). Das ist der Lohn, den sie sich erworben und den sie verdient haben durch ihre Sünde (vgl. Röm 5,12; 7,13 ). Die Gabe ( charisma , "Gnadengabe") Gottes aber ist das ewige Leben (vgl. Joh 3,16.36 ); es ist ein Geschenk, das nicht verdient werden kann (vgl. Eph 2,8-9; Tit 3,5 ).

Dreimal hält Paulus seinen Lesern in diesem Kapitel vor Augen, daß die Sünde zum Tode führt ( Röm 6,16.21.23 ). Die Gläubigen aber wurden aus der Knechtschaft der Sünde befreit (V. 18.22 ). Sie sind nicht länger Knechte der Sünde (V. 6.20 ), sondern "Knechte der Gerechtigkeit" (V. 16. 18 - 19 ; vgl. V. 13 ). Weil sie "Gott leben" (V. 11 ) und das ewige Leben besitzen (V. 23 ), sollen sie sich nun auch Gott ganz hingeben (V. 13.19 ) und ihrem neuen Stand entsprechend leben. Sie dürfen die Sünde nicht erneut Herr über sich werden lassen (V. 6.11 - 14. 22 ).

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C. Der Konflikt im neuen Leben
( Röm 7 )


Die Erkenntnis, daß das Gleichwerden mit Jesus Christus bedeutet, daß der Gläubige der Sünde gestorben ist ( Röm 6,2 ), ist eines. Mit der Sünde zu leben, die ihm von Natur aus nach wie vor anhaftet und nun versucht, sich in seinen Gedanken und Taten zu manifestieren, ist jedoch etwas anderes. Diesem inneren Konflikt ist jeder Gläubige auch im Prozeß der Heiligung weiterhin ausgesetzt.



1. Der Gläubige und das Gesetz
( 7,1 - 6 )


Röm 7,1-3


Vers 1 - 6 bezieht sich zurück auf Röm 6,14 .Dazwischen ( Röm 6,15-23 ) liegtein Exkurs, zu dem Paulus durch die Frage in Röm 6,15 veranlaßt wird. Die Aussage, daß ein Gläubiger, der mit Jesus in seinem Tod gleichgeworden ist, nicht mehr "unter dem Gesetz" steht ( Röm 6,14 ), hätte seine Leser eigentlich nicht überraschen dürfen, denn sie kannten das Gesetz . Damit waren wohl nicht nur die Judenchristen in der Gemeinde in Rom angesprochen, denn auch die Heiden kannten den Grundsatz, daß das Gesetz nur herrscht ( kyrieuei ; vgl. Röm 6,9.14 ) über den Menschen, solange er lebt - eine Selbstverständlichkeit, die Paulus im folgenden am Bild der Ehe veranschaulicht. Eine Frau ist an ihren Mann gebunden (Perfekt, also eine Handlung, die für die Zukunft Geltung hat) durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann stirbt (im Griechischen ein Konditionalsatz dritter Ordnung, der eine Möglichkeit bezeichnet), so ist sie frei (ebenfalls Perfekt, das heißt, sie ist in Zukunft frei) von dem Gesetz, das sie an den Mann bindet (wörtlich: "vom Gesetz des Mannes"). Eine Frau ist also durch die Ehe an ihren Mann gebunden, solange er lebt; doch wenn er stirbt, wird sie wieder frei.

Daher wird eine Frau, wenn sie bei einem anderen Mann ist, solange ihr Mann lebt, eine Ehebrecherin genannt (Futur; "öffentlich bekannt wird als"). Wenn aber ihr Mann stirbt , ist sie frei von der Ehe ( Röm 7,2 ) und keine Ehebrecherin, wenn sie einen andern Mann nimmt (wörtlich: "selbst dann, wenn sie zu einem andern Mann kommt"). Eine Witwe, die wieder heiratet, macht sich also nicht des Ehebruchs schuldig.



Röm 7,4-6


Diesen Vergleich wendet Paulus dann auf den Gläubigen und das Gesetz an: Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet (wie Jesus). Ein Gläubiger, der "der Sünde starb" ( Röm 6,2 ) und daher "frei geworden ist von der Sünde" ( Röm 6,18.22 ), starb damit auch dem Gesetz und ist frei ( Röm 6,14; vgl. Gal 2,19 ). Wie eine Frau nicht mehr verheiratet ist, wenn ihr Mann stirbt, so steht ein Mensch, der sich zu Christus bekehrt hat, nicht mehr unter dem Gesetz. Diese Befreiung bewirkt der Leib Christi , d. h. der Tod Christi am Kreuz.

Die Christen gehören jetzt einem andern an, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist (vgl. Röm 6,4.9 ), dem Herrn Jesus Christus. In gewissem Sinn sind sie ihm als Braut verbunden ( Eph 5,25 ). Das alles geschah, damit wir Gott Frucht bringen (vgl. Röm 6,22; Gal 5,22-23; Phil 1,11 ). Nur ein Mensch, der geistlich lebt - der gleichsam mit Christus verheiratet ist -, kann geistliche Frucht, d. h. ein heiliges Leben, bringen (vgl. Joh 15,4-5 ). Paulus geht hier von der zweiten Person Plural ( ihr ) zur ersten Person Plural ( wir ) über, und schließt sich daher in das Folgende ein.

Er fährt fort: Denn solange wir dem Fleisch ( sarx steht oft für die sündige Natur des Menschen; vgl. Röm 7,18.25 ) verfallen waren, da waren die sündigen Leidenschaften, die durchs Gesetz erregt wurden, kräftig in unsern Gliedern. Vor seiner Rettung (vgl. 6,19 ) erweckte das Gesetz durch die Gebote sündige Leidenschaften in den Gläubigen (vgl. Röm 7,7-13 ). Insofern stehen auch unbekehrte Heiden "unter dem Gesetz", und die Frucht, die sie bringen, ist keine "Frucht für Gott" (V. 4 ), sondern Frucht dem Tode . Die Sünde, so hebt Paulus nochmals hervor, führt zum Tod ( Röm 5,15.17.21; 6,16.21.23; 7,10-11.13; 8,2.6.10.13 ).

Nun aber , nachdem sie Christus gleichgeworden sind, sind die Gläubigen dem Gesetz gestorben. Wie eine Witwe, die von der Ehe befreit ist, sind die Gläubigen vom Gesetz und von der Sünde, zu der es verführt, frei geworden . Und zwar sind sie befreit worden, damit sie dienen (eine bessere Übersetzung wäre: "damit sie Knechte sind"; vgl. "Knecht(e)" bzw. "dienen" in Röm 6,6.16 [dreimal]. 17-18.20.22 ) im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens . Mit dem "Geist" ist an dieser Stelle wohl der "Geist" im Gegensatz zum geschriebenen Dokument gemeint, nicht der Heilige Geist. Die Gläubigen leben also nicht nach dem alten System des Gesetzes, sondern nach dem neuen System des wiedergeborenen Geistes. Möglich ist allerdings auch, daß "Geist" sich auf den Heiligen Geist, die Quelle des neuen Lebens, bezieht. (Vgl. den Kommentar zu "Geist" und "Brief"; 2Kor 3,6 ).



2. Das Gesetz und die Sünde
( 7,7 - 13 )


Die Einbeziehung des mosaischen Gesetzes in die Erörterung der Tatsache, daß die Christen Christus gleichgeworden und der Sünde gestorben sind, führt zur Frage nach der Beziehung zwischen Gesetz und Sünde.



Röm 7,7-8


Ist das Gesetz Sünde? Wieder die heftige Abwehr: Das sei ferne! ( mE genoito ; vgl. den Kommentar zu Röm 3,4 ). Das Gesetz führt zwar zur Sünde ( Röm 7,5 ), doch das bedeutet nicht, daß es selbst Sünde ist. (Später sagt Paulus, das Gesetz sei heilig [V. 12 ] und geistlich [V. 14 ].) Vielmehr läßt es die Menschen die Sünde erst erkennen; vgl. Röm 3,19-20 ). Als Beispiel nennt Paulus die Begierde. Das Gebot "du sollst nicht begehren" ( 2Mo 20,17; 5Mo 5,21 ) erregte die Begierde der Menschen nur umso mehr. Paulus kennt die Sünde und die Begierde als Ausdruck der Sünde aus eigener Erfahrung. Er weiß auch, daß die Erkenntnis der Sünde erst durch das Gesetz kam, und beschreibt seinen Lesern diesen Vorgang ganz genau. Das dem Menschen innewohnende Prinzip der Sünde, die das Gebot (vgl. Röm 7,11 ) zum Anlaß ( aphormEn , eine Militärbasis als Ausgangspunkt für eine Expedition) nahm, erregte in mir Begierden aller Art . Nicht das Gesetz ist die Ursache der Sünde, sondern das Prinzip oder das Wesen der Sünde, das in jedem einzelnen Menschen steckt. Doch die Gebote des Gesetzes bieten eine Reibungsfläche für die Sünde und stacheln den Menschen dadurch zu Handlungen an, die die göttlichen Gebote verletzen und den Handlungen auf diese Weise erst den Charakter von Übertretungen verleihen ( Röm 4,15; vgl. Röm 3,20; 5,13 b. 20 a). Denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Das bedeutet nicht, daß es ohne das Gesetz keine Sünde gab (vgl. Röm 5,13 ), doch sie war ohne das Gesetz weniger aktiv, denn das Gesetz erweckt die "sündigen Leidenschaften" erst richtig zum Leben ( Röm 7,5 ).

Bemerkenswert an diesen Ausführungen ist, daß der Apostel ab Vers 7 zur ersten Person Singular übergeht, hier also von seiner persönlichen Erfahrung spricht. Bis hierher hat er die dritte und zweite, auch die erste Person Plural benutzt. An dieser Stelle aber beschreibt er einfach seine eigene Erfahrung und überläßt es dem Heiligen Geist, in den Lesern ein Gefühl dafür zu erwecken, daß er damit eine allgemeingültige Wahrheit ausspricht.



Röm 7,9-12


Manche Exegeten möchten die Worte "ich lebte einst ohne Gesetz" verallgemeinern und sie auf die Periode zwischen dem Sündenfall und dem Zeitpunkt, an dem Mose den Israeliten das Gesetz übergab, beziehen, doch die Textstelle selbst bietet keine Anhaltspunkte für eine solche Deutung. Sie weist vielmehr darauf hin, daß der Apostel hier von seiner persönlichen Erfahrung als Kind oder Jugendlicher spricht, von der Zeit, als er noch kein Bewußtsein und Verständnis für die Gebote Gottes entwickelt hatte. Die Wendung "als aber das Gebot kam" bezieht sich demnach nicht auf die Verordnung des mosaischen Gesetzes durch Mose am Sinai, sondern auf den Zeitpunkt, als Paulus ganz persönlich die Bedeutung der Gebote ("du sollst nicht begehren") klar wurde, also auf die Zeit vor seiner Bekehrung. Die Folge dieser Erkenntnis war, daß das Prinzip der Sünde in den Verletzungen der Gebote seine Anwesenheit und Macht geltend machte ( die Sünde wurde lebendig ) und Paulus unter dem Urteilsspruch des Gesetzes, das er gebrochen hatte, geistlich starb (vgl. Röm 6,23 a). Das Gebot, du sollst nicht begehren, war den Menschen zwar eigentlich gegeben, um ihnen zu zeigen, wie sie leben sollten, doch weil in ihren Herzen die Sünde lebt, führt es zum Tod. Paulus wiederholt seine Aussage über das Verhältnis zwischen der Sünde und dem Gesetz nochmals mit genau denselben Worten wie in Vers 8 und fügt hinzu, daß die Sünde ihn betrog ( exEpatEsen "abfallen ließ"; vgl. 2Kor 11,13; 1Tim 2,14 ). Als das Gesetz noch nicht gegeben war, schlief die Sünde; erst durch die Gebote demonstrierte sie ihre Macht über die Menschen. So tötete sie Paulus - nicht physisch, sondern geistlich. Die Sünde ist wie ein persönlicher innerer Feind (vgl. 1Mo 4,7 ). Das Gesetz aber ist nicht Sünde ( Röm 7,7 ), sondern heilig, und das Gebot "du sollst nicht begehren" das als Teil des Gesetzes das ganze Gesetz repräsentiert, ist heilig, gerecht und gut .



Röm 7,13


Als nächstes versucht Paulus, einem weiteren Mißverständnis zuvorzukommen. Er nimmt die letztgenannte Eigenschaft des Gebotes ("gut") wieder auf und fragt: Ist dann, was doch gut ist, mir zum Tod gewesen? - Das sei ferne! ( mE genoito ; vgl. den Kommentar zu Röm 3,4 ). Das Prinzip der Sünde, nicht das Gesetz, führt zum Tod des Menschen ( Röm 5,12 ). Doch die Sünde benutzt das Gebot , das gut ist, als Werkzeug zum Tode und erweist sich daher - durch das Gebot - als überaus sündig . Das innere Prinzip oder die Natur der Sünde benutzt die Gebote des Gesetzes Gottes - seine einzelnen Teile und das ganze Gesetz an sich, das doch "heilig, gerecht und gut" ist -, um sein wahres Wesen, das sich gegen Gott richtet, zu offenbaren und zu demonstrieren, welche Macht es über die Menschen hat.



3. Der Gläubige und die Sünde
( 7,14 - 25 )


Röm 7,14


Wenn man den Konflikt, der in der persönlichen Heiligung zum Austrag kommt, richtig begreifen möchte, muß man sich auch mit dem Verhältnis des Gläubigen zu der ihm innewohnenden Sünde befassen. Die Aussage "das Gesetz ist geistlich" (vgl. V. 12 ) ergibt sich nicht nur als logische Schlußfolgerung aus den vorhergehenden Ausführungen, sie ist eine unbestrittene Tatsache. Das Gesetz kommt von Gott, der Geist ist ( Joh 4,24 ); es ist Ausdruck dessen, was Gott von den Menschen will. Der Mensch aber - und wieder führt Paulus sich selbst als Beispiel an - ist fleischlich ( sarkinos ). Er wurde unter die Sünde (vgl. "unter der Sünde; Röm 3,9 ) verkauft (Perfekt, eine Handlung, deren Wirkung noch anhält).

Von den bisher verwendeten Zeiten Imperfekt und Aorist geht Paulus hier (V. 14 - 25 ) zum Präsens über. Das folgende ist also ganz eindeutig eine Schilderung seiner persönlichen Erfahrung - seines persönlichen Konfliktes als Christ mit der ihm innewohnenden Sünde - und seiner ständigen Bemühungen, der Sünde im täglichen Leben Herr zu werden. Die Wendung "unter die Sünde verkauft" wird normalerweise für eine nicht wiedergeborene Person benutzt; doch auch im Gläubigen lebt die Sünde weiter, denn er ist noch immer der Strafe für die Sünde, dem physischen Tod, unterworfen. Da die Sünde weiterhin in ihm lebendig ist, versucht sie immer wieder, Hand an das zu legen, was sie für ihr Eigentum hält, auch dann, wenn die Person bereits Christ ist.



Röm 7,15-17


Wie ein kleiner Junge, der auf die Frage, warum er etwas Falsches tat, ganz ehrlich antwortet: "ich weiß nicht", bekennt Paulus: Denn ich weiß nicht, was ich tue (wörtlich: "Was ich tue, weiß ich nicht"). Die Taten eines Menschen gehen zurück auf das Wirken einer Person oder einer Macht hinter ihm, die er weder verstehen noch erklären kann. Paulus macht dieses Dilemma noch deutlicher: Denn ich tue nicht, was ich will (wörtlich: "denn was ich will, das tue ich nicht", prassO ), sondern was ich hasse, tue ich ( poiO ). In den beiden griechischen Verben, die hier mit "tun" übersetzt sind, ist kein Unterschied in der Betonung zu entdecken (der doch an anderen Stellen so wichtig ist), denn in Vers 19 werden sie in umgekehrter Reihenfolge wiederholt. Eine Aussage, wie Paulus sie hier macht, kann sowohl von einer nichtwiedergeborenen Person in einem Moment höchsten moralischen Empfindens als auch von einem wiedergeborenen Menschen, einem Christen, stammen. Wir haben also keinen Anlaß zu bezweifeln, daß Paulus hier seine eigenen Erfahrungen als Glaubender beschreibt. Weil er weiß, daß das Gesetz gut ( kalos , "schön, edel, ausgezeichnet"; vgl. dagegen "gut" in V. 12 : agathE , "nützlich, aufrichtig") ist, folgert er, daß das Böse, das er tut, nicht aus ihm selbst kommt, sondern aus der Sünde, die in ihm wohnt (vgl. V. 15 ). Das bedeutet nicht, daß Paulus die Verantwortung für sein Tun ablehnt; an dieser Stelle geht es lediglich um den Konflikt zwischen dem, was er eigentlich will, und dem, was die Sünde in ihm bewirkt.


Röm 7,18-20


Seine Erfahrung überzeugte Paulus davon, daß "das Gesetz gut ist" (V. 16 ), doch er weiß auch, daß in mir nichts Gutes wohnt . Damit ist allerdings, wie er sogleich hinzufügt, nur sein Fleisch ( sarki ; vgl. V. 5.25 ) gemeint - nicht der Körper, sondern das Prinzip der Sünde, das sich in Geist und Körper eines Menschen manifestiert.

Der Apostel stützt seine These mit der Erklärung: Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Danach wiederholt er in leicht abgewandelter Wortwahl die Aussage von Vers 15 b, und in Vers 20 folgt nochmals die Erkenntnis von Vers 17 . Paulus weiß, daß er auch als Glaubender dem Prinzip der Sünde unterworfen ist, deren Knecht er einst war und die sich noch immer in seinen Taten manifestiert, indem er Dinge tut, die er nicht tun wollte, und andere, die er tun wollte, unterläßt. Das ist ein Dilemma, in dem sich alle Gläubigen befinden.

 

Röm 7,21-23


Bereit, aus seinen Erfahrungen zu lernen, kommt er zu der Schlußfolgerung: So finde ich nun das Gesetz, daß mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Damit ist natürlich nicht das mosaische Gesetz gemeint, sondern eine einfache Erfahrungstatsache. Auch in Röm 8,2 hat "Gesetz" ( nomos ) die Bedeutung von "Prinzip". Das Gesetz oder Prinzip, um das es dabei geht, ist die Realität des in jedem Menschen stets vorhandenen Bösen, das sich Bahn bricht, wann immer er Gutes tun will. Paulus spricht die Wahrheit, wenn er sagt: Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen (vgl. Röm 7,25; zum "inwendigen Menschen" vgl. auch 2Kor 4,16 und Eph 3,16 ). Die "Lust am Gesetz Gottes" war auch die Antwort des Psalmisten in Ps 119 (z. B. V. 16.24.47 ; vgl. Ps 1,2 ). Weil er wiedergeboren ist, ist ein Glaubender ein neuer Mensch bzw. hat er die Fähigkeit, die geistliche Wahrheit zu lieben. Doch in Anerkennung einer Erfahrungstatsache muß Paulus einräumen: Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern : das Prinzip der Sünde. Er nennt es "die Sünde, die in mir wohnt" ( Röm 7,17.20 ), das Böse , (das mir) anhängt (V. 21 ), "das sündige Fleisch" ( Röm 5,1; 8,25 ).

Dieses Prinzip bewirkt ständig zwei Dinge: Es widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Das dem Menschen innewohnende Prinzip der Sünde liegt in dauerndem Kampf mit dem neuen Menschen, den es unterwerfen und beherrschen will (vgl. "Knechte" bzw. "Dienst" in Röm 6,17.19-20 ). Die neue menschliche Qualität, die der Gläubige nach seiner Bekehrung besitzt, wird als "das Gesetz" des "Gemüts" ( noos , vgl. Röm 7,25 ) bezeichnet; sie versetzt ihn in die Lage, moralische Urteile zu fällen. Doch trotzdem der Gläubige Christus in Tod und Auferstehung gleich geworden ist und sich bemüht, ihm in seinen Einstellungen und Handlungen die Ehre zu geben, hat er von sich aus nicht die Kraft, der ihm innewohnenden Sünde entgegenzutreten. In sich und aus sich selbst heraus erlebt er ständig nur Niederlagen und Frustrationen.



Röm 7,24-25


Diese Enttäuschung bricht sich Bahn in dem Ausruf: Ich elender Mensch! (Das entspricht dem Zustand der Gemeinde in Laodizea, wie ihn der Evangelist Johannes wahrnahm - auch sie war "elend"; Offb 3,17 .) Der Apostel fragt: Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Paulus ist klar, daß er, solange er in seinem sterblichen Leib gefangen ist, dem Konflikt mit der ihm innewohnenden Sünde ausgesetzt ist, die er aus eigener Kraft nicht besiegen kann. Die Wendung "todverfallener Leib" und "Leib der Sünde" ( Röm 6,6 ) bedeuten, daß die Sünde im Körper des Menschen am Werk ist (vgl. Röm 6,6.12-13.19; Röm 7,5.23 ) und den Tod bringt ( Röm 6,16.21.23; 7,10-11.13; 8,10 ). Doch dem hält Paulus triumphierend entgegen: Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! Seine Antwort besteht also in dem Verweis auf den endgültigen Sieg über die Sünde, den Christus für die Menschen errungen hat. So wie die Gläubigen Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung bereits hier und jetzt gleich geworden sind, so werden sie in ihrem neuen Leib für alle Ewigkeit von der Gegenwart der Sünde befreit sein ( Röm 8,23; Phil 3,20-21 ). In der Zwischenzeit, in diesem Leben, schließt Paulus, diene ich nun mit dem Gemüt ( noi ; vgl. noos in Röm 7,23 ) dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch ( sarki ; vgl. V. 18 , wo sarki , von sarx , ebenfalls mit "Fleisch" übersetzt ist) dem Gesetz der Sünde (vgl. "unter die Sünde verkauft"; V. 14 ). Während sie auf die Freiheit von der Sünde warten, leben die Gläubigen in dem Konflikt zwischen ihrem wiedergeborenen Geist (bzw. ihren neuen Eigenschaften oder Fähigkeiten) und der Sünde.



D. Die Macht, die die Heiligung ermöglicht
( 8,1 - 17 )


Röm 8,1


Nun fragt man sich natürlich: Muß ein Gläubiger sein ganzes Erdenleben lang enttäuschende Niederlagen gegen die Sünde hinnehmen ( Röm 7,21-25 )? Gibt es keine Macht, die ihm hilft, sie zu besiegen? Die Antwort auf die erste Frage lautet "nein", die Antwort auf die zweite "doch". In Kap.8 beschreibt Paulus das Wirken des Heiligen Geistes, der dem Menschen - neben der Sünde - ebenfalls innewohnt. Er ist die Quelle der göttlichen Macht, er vollbringt die Heiligung im Menschen und ist das Geheimnis für den Sieg des Geistes im Alltagsleben. Doch zunächst erinnert Paulus seine Leser nochmals daran, daß es nun - da wir durch Jesus Christus, unsern Herrn, befreit sind ( Röm 7,25 ) - keine Verdammnis ( katakrima , "Strafe") für die, die in Christus Jesus sind , mehr gibt , da sie an Christus glauben und ihm gleich geworden sind (vgl. Röm 6,13; Joh 5,24 ). Sie sind gerechtfertigt und für gerecht erklärt, stehen in der Gnade Gottes ( Röm 5,2 ), nicht mehr unter seinem Zorn ( Röm 1,18 ), und besitzen das ewige Leben ( Röm 5,17-18.21 ). Christus gibt all denen Sicherheit, die ihm durch den Glauben gleichgeworden sind.



Röm 8,2


Das Wort denn ( gar ) verbindet die Wendung "in Christus Jesus" in diesem Satz mit derselben Wendung in Vers 1 . Auf dem Hintergrund des persönlichen Kampfes mit der Sünde, den Paulus in Röm 7,7-25 beschreibt, ist der "lebendig machende Geist" in Röm 8,2 eindeutig als der Heilige Geist Gottes zu verstehen und nicht etwa als der Geist des neuen Menschen, zu dem der Glaubende wird. Der Heilige Geist ist diejenige Person der dreieinigen Gottheit, die den Menschen zum Wiedergeborenen macht ( Tit 3,5 ) und ihm ein neues Leben ( Joh 3,5-8 ) - das Leben der Auferstehung Jesu Christi ( Röm 6,4.8.11 ) - schenkt. (In Röm 8,2 ist erstmals seit Röm 5,5 wieder vom Heiligen Geist die Rede, doch dafür wird er zwischen Röm 8,2 und Röm 8,27 achtzehnmal erwähnt.) Das Gesetz des Geistes ("Prinzip"; vgl. Röm 7,23 ) hat dich frei gemacht (der griechische Aorist bezeichnet eine Handlung, die ein für allemal geschehen ist) von dem Gesetz der Sünde und des Todes . Das "Gesetz der Sünde" ist gleichzeitig das "Gesetz des Todes", weil die Sünde, wie Paulus wiederholt sagt, zum Tode führt ( Röm 5,15.17.21; Röm 6,16.21.23; Röm 7,10-11.13; Röm 8,6.10.13 ). Als das Gesetz der Sünde steht es in Gegensatz zum Geist; als das Gesetz, das zum Tod führt, widerspricht es dem Geist, der das Leben gibt. Statt des mit dich übersetzten Pronomens steht in manchengriechischen Handschriften "uns" oder auch "mich". Dieser Unterschied ist jedoch unwesentlich; die Wahrheit, von der hier die Rede ist, gilt für alle Gläubigen.



Röm 8,3-4


Paulus sagt seinen Lesern auch, wie sie in den Besitz der Freiheit, die die Christen haben, kommen können. Wieder verweist er zunächst auf die Unmöglichkeit, sie auf dem Weg über das mosaische Gesetz zu erlangen. Dem Gesetz war es unmöglich , die Menschen von der Sünde zu befreien. Es war zwar nicht selbst schwach (wie manche Übersetzungen nahelegen), denn es war ja gut ( Röm 7,12 ). Doch weil das Fleisch sündig ist, kann das Gesetz es nicht erlösen. "Sündiges Fleisch" ist die Übersetzung des griechischen Begriffs sarx, der sich bei Paulus sowohl auf die Verderbtheit als auch auf die Schwäche der Menschen beziehen kann (vgl. Röm 7,5.18.25; Röm 8,3-9;12-13 ).

Gott aber erlöste die Menschen von der Sünde, indem er seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches sandte . Jesus wurde nicht "in sündigem Fleisch", sondern " in der Gestalt des sündigen Fleisches" gesandt. Seine menschliche Natur war vor dem Prinzip der Sünde, das seit Adam alle Menschen quält, geschützt (vgl. Lk 1,35 ). Er kam um der Sünde willen ( peri harmartias ); mit anderen Worten, um etwas gegen die Sünde zu unternehmen. Durch seinen Tod am Kreuz verdammte er die Sünde ( katekrinen , "sprach ein Urteil über"; vgl. katakrima , "Strafe", Röm 8,1 ), so daß die, die in Christus sind, nicht verdammt sind. Das tat er, damit die Gerechtigkeit - ein Leben in Heiligung ( 3Mo 11,44-45;19,2; 3Mo 20,7 ) - , vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist . Die Erlösung aus der Knechtschaft der Sünde geschah durch den Tod Jesu Christi, doch die Manifestation dieser Befreiung im Alltagsleben wird erst durch die Macht des Heiligen Geistes möglich.



Röm 8,5-8


In diesen Versen führt Paulus genauer aus, was es heißt, fleischlich , und was es heißt, geistlich gesinnt ( phronousin , Präsens) zu leben. Ersteres bedeutet, ganz den Begierden des Fleisches ergeben zu sein. Ein Ungläubiger hat nur Sinn für seine sündigen Bedürfnisse, er fragt nicht nach Gott, ganz im Gegensatz zu den Menschen, die nach dem Geist leben. Sie sehnen sich danach zu tun, was der Geist will. Das sündige Fleisch und der den Christen innewohnende Geist stehen also in Widerspruch zueinander ( Gal 5,17 ).

Doch worin genau besteht der Unterschied zwischen der fleischlichen und der geistlichen Gesinnung? Paulus erklärt: Aber fleischlich gesinnt sein ( phronEma , "Verlangen, Bestrebungen"; vgl. Röm 8,6 b. 7 ) ist der Tod , d. h. eine "fleischliche Gesinnung" ist gleichbedeutend mit dem Tod, bzw. führt zum Tod in all seinen (physischen und geistlichen) Erscheinungsformen. Geistlich gesinnt sein dagegen ist Leben (ewiges Leben der Auferstehung) und Friede , und zwar schon jetzt, hier auf Erden ( Röm 5,1 ), und auch in der Ewigkeit. In Vers 7 - 8 konzentriert Paulus sich dann zunächst auf die "fleischliche Gesinnung" ( phronEma tEs sarkos ; "Begierden des sündigen Fleisches"; vgl. V. 6 ). Sie führt aus drei Gründen zum Tode: (1) Sie ist Feindschaft gegen Gott (vgl. Röm 5,10 ); (2) sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan (Präsens); (3) und sie vermag's auch nicht . Daher können, die aber fleischlich sind, Gott nicht gefallen (Präsens). Die Ungeretteten führen ein Leben bar aller geistlichen Inhalte und Fähigkeiten. Ein Gläubiger aber, der der Sünde nachgibt, handelt wie ein Ungeretteter (vgl. 1Kor 3,3 ).



Röm 8,9-11


Nach dieser objektiven Beschreibung wendet Paulus sich direkt an seine Leser. Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn ( eiper , "wenn, wie es ist"; vgl. V. 17 ) Gottes Geist in euch wohnt (Präsens; vgl. V. 11 ). Der den Christen innewohnende Heilige Geist verleiht den Gläubigen die Fähigkeit, ein ganz neues Leben zu führen ( 2Kor 5,17 ). Doch auch das Gegenteil trifft zu: Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Danur der Heilige Geist das geistliche Leben geben kann, kann ein Mensch nicht zu Christus gehören, wenn der Geist nicht in ihm Wohnung genommen hat.

Daß Paulus die Bezeichnungen "Geist Gottes" und "Geist Christi" abwechselnd gebraucht, ist ein Beleg für die Gottheit Jesu Christi. Außerdem wird daran deutlich, daß die Gegenwart des Heiligen Geistes das Kennzeichen eines Menschen ist, der an Christus glaubt (vgl. 1Joh 3,24;4,13 ). Für die Lehre der Dreieinigkeit spricht auch, daß Röm 8,10 die Gegenwart Christi ( Christus in euch ) mit dem Innewohnen des Heiligen Geistes (V. 9.11 ) gleichsetzt. Vers 10 ist, wie die Verse 9 b und 11 , ein Bedingungssatz; die griechische Formulierung macht dabei deutlich, daß die genannte Bedingung wahr ist: das "wenn" kann auch mit "da" oder "weil" wiedergegeben werden. Da nun Christus dem Gläubigen innewohnt, so ist der Leib zwar tot (oder "dem Tod unterworfen"; vgl. 7, 24) um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen . Weil Gott ihn gerecht gemacht hat, besitzt ein Glaubender das ewige, geistliche Leben, und zwar - durch das Innewohnen des Heiligen Geistes und Jesu Christi - schon hier und jetzt, wenn auch sein Körper sterblich ist.

Doch Paulus spricht von einer noch viel größeren Verheißung ( Röm 8,11 ). Da Gott Jesus von den Toten auferweckt hat (vgl. Röm 4,24; 6,4 ) , wird er, wenn (sein) Geist in euch wohnt (vgl. Röm 8,9 ) , auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist . Mit anderen Worten, Gott verheißt dem sterblichen Leib jedes Menschen bereits in der Gegenwart die geistliche Auferstehung ( Röm 6,4.8.11 ) und in der Zukunft die leibliche Auferstehung ( Röm 6,5; 1Kor 6,14;15,42.52; 2Kor 4,14 ).



Röm 8,12-14


In den folgenden Versen wendet Paulus die Schlußfolgerung aus diesen Ausführungen auf seine Leser an: Wir haben eine Verpflichtung. Positiv ausgedrückt hat jeder Gläubige die Pflicht, jeden Tag in der Macht und Kraft des Heiligen Geistes zu leben. Doch Paulus formuliert es zunächst negativ: So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, daß wir nach dem Fleisch leben. Ein Christ muß sich den Neigungen und Begierden seines sündigen Fleisches und dessen Versuchen, ihm seinen Lebensstil aufzuzwingen, widersetzen (vgl. Tit 2,12 ), denn ein sündiges Leben führt zum Tod. Das bedeutet nicht, daß ein Glaubender, der sündigt, dem ewigen Tod in der Hölle verfallen ist, sondern nur, daß er sich nicht des ihm geschenkten geistlichen Lebens erfreuen wird. Er wird leben wie ein Ungeretteter ( 1Kor 3,1-4 ) und nicht in der Lage sein, sich an dem ihm innewohnenden Heiligen Geist zu erfreuen. "So werdet ihr sterben müssen" lautet wörtlich "ihr werdet gleichsam sein wie Sterbende".

Wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet (Präsens) , so werdet ihr leben . Nur durch die Kraft des Heiligen Geistes kann ein Gläubiger die Sünden seines früheren Lebens abtöten (vgl. Eph 4,22-31; Kol 3,5-9 ). Das meinte Paulus auch mit dem Ausspruch: "haltet dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid" ( Röm 6,11 ).

Er setzt seine Erklärung fort: Denn welche der Geist Gottes treibt (Präsens) , die sind Gottes Kinder. Während in Vers 16 die Einwohnung des Heiligen Geistes durch das Wort tekna ("Kinder", wörtlich: "Geborene") die enge Beziehung der Gläubigen zu Gott von Geburt an bezeugt, bezeugt die Führung des Heiligen Geistes in Vers 14 die Vorrechte der Gläubigen innerhalb der Familie Gottes als "Söhne" (hier im Griechischen huios , "Sohn", meint ein Kind, das reif genug ist, die Rechte und Pflichten eines Erwachsenen in der Familie wahrzunehmen).



Röm 8,15-17


Im Gegensatz zur Macht der Sünde, vor der die Menschen sich fürchten , haben die Gläubigen einen kindlichen Geist empfangen . Der hier mit "kindlich" ( huiothesias ) übersetzte Begriff bedeutet "an Sohnesstelle angenommen" und wird häufig mit "Kindschaft" (z. B. V. 23 ) wiedergegeben. Die Gläubigen sind als Kinder Gottes angenommen ( Gal 4,5; Eph 1,5 ), sie sind keine Knechte mehr ( Gal 4,7 ) und daher weder der Sünde noch der Furcht unterworfen. In der Zeit des Neuen Testaments genossen adoptierte Kinder die gleichen Vorrechte wie die leiblichen Kinder. Statt sich also in knechtischer Furcht zu ducken, können sich die Christen Gott auf eine völlig neue Art nähern und dürfen ihn mit der vertrauten Anrede Abba , lieber Vater, ansprechen. "Abba" ist die Transkription des hebräischen Begriffs für Vater (es kommt im Neuen Testament sonst nur noch in Mk 14,36 und Gal 4,6 vor). Neben der Tatsache, daß die Gläubigen gewissermaßen durch Adoption in die Familie Gottes aufgenommen sind, sind sie auch durch ihr Wiedergeborensein Gottes Kinder ( tekna ; Joh 1,12; 1Joh 3,1-2 ). Der Heilige Geist , der ihnen das Leben gibt, gibt Zeugnis von diesem neuen Leben.

In vielen Familien erben die Kinder das Vermögen ihrer Eltern; jedes einzelne Kind ist Erbe, die Kinder gemeinsam sind Miterben. So sind auch die Christen, weil sie Gottes Kinder sind, seine Erben (vgl. Gal 4,7 ) und Miterben Christi . Sie empfangen bereits jetzt alle geistlichen Segnungen ( Eph 1,3 ), und in der Zukunft werden sie alle Reichtümer des Gottesreiches mit dem Herrn Jesus teilen ( Joh 17,24; 1Kor 3,21-23 ). Zum Teilen mit Jesus Christus gehört jedoch mehr als nur die Antizipation der himmlischen Herrlichkeit. Jesus Christus mußte leiden, er wurde mißhandelt und schließlich gekreuzigt; um seine Miterben zu werden, müssen daher auch die Christen mit ihm leiden (vgl. Joh 15,20; Kol 1,24; 2Tim 3,12; 1Pet 4,12 ). Die Gläubigen teilen denn auch tatsächlich die Leiden Christi: wenn wir denn ( eiper ) bedeutet "wenn, wie es der Fall ist" (vgl. Röm 8,9 ). Doch dafür werden sie später auch an seiner Herrlichkeit teilhaben ( 2Tim 2,12; 1Pet 4,13;5,10 ).


E. Das Ziel der Heiligung
( 8,18 - 27 )


Röm 8,18


In gewissem Sinn bildet dieser Vers den Abschluß des vorhergehenden Abschnitts, in dem Paulus den Gläubigen versichert hat, daß sie Erben der kommenden Herrlichkeit Christi sein werden. Doch zunächst erinnert er sie nochmals daran, daß die Teilhabe an der Herrlichkeit Christi in der Zukunft es erfordert, daß sie seine Leiden in diesem Leben teilen. Nach vorsichtigem Abwägen ( logizomai , ich bin überzeugt ) kommt er zu dem Schluß, daß dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll . Denn die zukünftige Herrlichkeit wird so groß sein, daß die gegenwärtigen Leiden im Vergleich dazu unbedeutend sind. Sie wird ewig sein, wohingegen das Leid auf Erden zeitlich begrenzt und leicht ist ( 2Kor 4,17 ). Ganz gewiß kann dieses Bewußtsein den Gläubigen helfen, Bedrängnisse geduldig zu ertragen. Röm 8,18 bildet gleichzeitig die Einführung in die folgende Erörterung über das Verhältnis zwischen den Gläubigen und der gesamten Schöpfung, sowohl in bezug auf ihre Bedrängnisse als auch im Lichte ihrer zukünftigen Herrlichkeit.



Röm 8,19-21


Nach dem Sündenfall Adams hat Gott festgesetzt, daß die Menschen und die physische Schöpfung, der sie angehören und in der sie leben, in wechselseitigem Aufeinanderbezogensein existieren sollen ( 1Mo 3,17-19 ). Paulus weist in Röm 8,19-21 nach, daß diese Beziehung innerhalb des Heilsplanes Gottes für die Menschen auch eine zukünftige Dimension hat: Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet ( apokaradokia steht im Neuen Testament nur noch ein einziges Mal; Phil 1,20 ) darauf, daß die Kinder Gottes offenbar werden . Das Verb für "wartet" ( apekdechomai ) findet sich im Neuen Testament insgesamt siebenmal und bezieht sich jedesmal auf die Rückkehr Christi ( Röm 8,19.23.25; 1Kor 1,7; Gal 5,5; Phil 3,20; Hebr 9,28 ). Die Offenbarung der Kinder Gottes wird stattfinden, wenn Christus in sein Eigentum zurückkehrt. Dann werden sie an seiner Herrlichkeit teilhaben ( Röm 8,18; Kol 1,27;3,4; Hebr 2,10 ) und verwandelt werden ( Röm 8,23 ). Paulusstellt hier die gesamte Natur (die belebte und auch die unbelebte) in personifizierter Form als sehnsüchtig auf diese Zeit harrend dar.

Der Grund für dieses sehnsüchtige Warten wird in Vers 20 genannt: Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit . Der griechische Begriff mataiotEti ("Vergeblichkeit, Schwachheit, Sinnlosigkeit"; vgl. Eph 4,17; 2Pet 2,18 ) bezeichnet den Wandel und den "Verfall" (vgl. Röm 8,21 ), dem die ganze Schöpfung unterworfen ist. Es ist keine freiwillige Unterwerfung - der Schöpfung bleibt keine Wahl. Sie unterliegt darin dem Ratschluß Gottes, des souveränen Schöpfers, der sie unterworfen hat . (Das bezieht sich wahrscheinlich auf Gott, nicht, wie manche Exegeten behaupten, auf Adam.) Und doch darf sie auf den Tag hoffen, an dem die "Vergänglichkeit" aufgehoben wird (vgl. V. 24-25 ). Als Gott die Menschen für ihre Schuld verurteilte, verurteilte er gleichzeitig die gesamte Schöpfung ( 1Mo 3,14.17-19 ).

Wenn Gottes Heilsplan für die Menschen vollendet wird und die Kinder Gottes gemeinsam ihre herrliche Freiheit von der Sünde, von Satan und dem körperlichen Verfall erleben, wird auch die Schöpfung frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit . Gottes Verurteilung der menschlichen Schuld richtete sich zugleich gegen seine ganze Schöpfung, die ja den Menschen als den Stellvertretern Gottes auf Erden untertan ist ( 1Mo 1,26-30;2,8.15 ). Der Heilsplan Gottes für die Menschen beinhaltet daher auch eine neue Schöpfung ( 2Kor 5,17; Gal 6,15 ), d. h. auch die physische Welt wird wiedergeboren werden ( Offb 21,4 ). Das wird in zwei Stufen geschehen. Bei der Rückkehr des Herrn auf die Erde und der Errichtung des Tausendjährigen Reiches erfolgt zunächst die Erneuerung des gegenwärtigen Kosmos ( Jes 11,5-9;35,1-2.5-7;65,20.25; Am 9,13 ). Der zweite Schritt wird dann die Schaffung "eines neuen Himmels und einer neuen Erde" sein ( Offb 21,2; vgl. 2Pet 3,7-13 ).



Röm 8,22-23


In Vers 22 wird der gegenwärtige, unter dem Fluch Gottes stehende Zustand der Schöpfung zusammengefaßt und damit der vorhergehende Abschnitt abgeschlossen: Wir wissen ( oidamen , ein bleibendes Wissen, das aus der Anschauung stammt) , daß die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet . Die Wendung "mit uns" soll nicht etwa die Gläubigen miteinschließen - von ihnen ist in Vers 23 gesondert die Rede -, sondern meint lediglich die gesamte natürliche Schöpfung. Dieser Vers leitet gleichzeitig zu einem neuen Thema über, nämlich zur Hoffnung auf die zukünftige Erlösung aus dem Leiden unter der Knechtschaft der Sünde.

In Vers 23 kehrt Paulus zu den "Leiden" der Gläubigen in "dieser Zeit" zurück, das er zu Beginn des letzten Abschnittes (V. BC= 18 ) angesprochen hat. Die Gläubigen sind im Besitz des Geistes - der Erstlingsgabe ( aparchEn ) des Heilswerkes Gottes und der Neuschaffung der Gläubigen. An anderer Stelle wird der Heilige Geist in einem ganz ähnlichen Bild als "Unterpfand unseres Erbes" bezeichnet ( Eph 1,14; vgl. 2Kor 1,22 ). Die "Erstlingsgaben" eines Bauern waren die ersten Feldfrüchte, die eingebracht wurden - ein Vorgeschmack und eine Verheißung auf die kommende Ernte. Ebenso ist "Gott der Heilige Geist", der den Menschen innewohnt, ein Vorgeschmack auf die vielen Segnungen, die die Menschen erwarten, darunter auch das ewige Leben im Angesicht Gottes.

In den "Leiden dieser Zeit" ( Röm 8,18 ) seufzen die Gläubigen, wie die ganze Schöpfung, in (sich) selbst (vgl. V. 22 ; 2Kor 5,2 ) und sehnen sich (von apekdechomai , dasselbe Wort, das in Röm 8,19 für die Schöpfung und in V. 25 für die Hoffnung gebraucht wird) nach der Kindschaft, der Erlösung ihres Leibes . Der Begriff "Kindschaft" ( huiothesian , "Annahme an Kindes Statt"; in V. 15 mit "kindlich" übersetzt) bezeichnet den rechtlichen Stand eines Glaubenden vor Gott, d. h. den gerechtfertigten Stand des Christen, in den er aus Gnade, allein durch Glauben, versetzt wird. (Die Wiedergeburt dagegen beschreibt das Verhältnis des Gläubigen zu Gott im Lichte seiner Wiedergeburt.) Die Israeliten waren Kinder Gottes geworden ( Röm 9,4 ), eine Gnade, die ihnen zweifellos durch den Bundesschluß zuteil wurde ( 5Mo 7,6-9 ). Doch jetzt ist jeder Gläubige in gewissem Sinn ein Kind Gottes, denn er hat "einen kindlichen Geist" empfangen ( Röm 8,15; vgl. Gal 4,6-7 ). Die Vollendung ihrer Kindschaft aber, die als "Erlösung" ( apolytrOsin ; von seiner etymologischen Wurzel her beschreibt dieses griechische Wort die Befreiung, Erlösung oder Freilassung durch ein Lösegeld [ lytron ]; vgl. den Kommentar zu Röm 3,24 ) ihres Leibes bezeichnet wird, erwarten die Gläubigen erst in der Zukunft (vgl. Röm 8,23 ). Damit ist das "Offenbar-Werden" ( Röm 8,19 ) und die "herrliche Freiheit" der Kinder Gottes (V. 21 ) gemeint. Sie wird Wirklichkeit werden bei der Entrückung der Kirche, wenn die Gläubigen auferweckt und verwandelt werden ( 1Kor 15,42-54; 2Kor 5,1-5; Phil 3,20-21; 1Thes 4,13-18 ). Paulus nennt diesen Tag "den Tag der Erlösung" ( Eph 4,30 ).



Röm 8,24-25


Gott hat verheißen, daß der Körper eines Gläubigen am Ende durch das Werk seines Sohnes von der Sünde und ihren Auswirkungen erlöst werden wird. Diejenigen, die im Glauben auf diese Verheißung antworten, haben Hoffnung , d. h. sie leben in der vertrauensvollen Erwartung dieser leiblichen Erlösung (vgl. Gal 5,5 ). Sie wird der letzte Schritt des Heils sein, und in ihrer Antizipation sind wir bereits gerettet . Die Erlösung des Leibes ( Röm 8,23 ) hat zwar offensichtlich jetzt noch nicht stattgefunden ( wie kann man auf das hoffen, was man sieht? ), doch wir hoffen auf sie und sehnen sie herbei ( warten stammt von apekdechomai ; vgl. V. 19.23 ) in standhafter Geduld (wörtlich: "durch Geduld"), in der wir "dieser Zeit Leiden" ertragen (V. 18 ).



Röm 8,26-27


In ihren Leiden (V. 18 ) und ihrem Seufzen (V. 23 ) sind die Gläubigen aber nicht ganz sich selbst überlassen. Der Geist hilft (Präsens, synantilambanetai ; Hilfe beim Tragen einer schweren Last; das Wort steht sonst nur noch in Lk 10,40 ) unserer Schwachheit auf. Das bedeutet nicht, daß der Geist uns nur dann zu Hilfe kommt, wenn wir uns als schwach erweisen; Christen sind immer schwach, und der Geist ist immer da, um ihnen zu helfen. Der griechische Begriff für "Schwachheit" ( astheneia ) schließt die physische, emotionale und geistliche Unfähigkeit ein (vgl. den Kommentar zu Jak 5,14 ), die in unserem "Seufzen" laut wird ( Röm 8,23 ).

Ein Zeichen der Schwäche der Christen ist die Tatsache, daß sie nicht wissen, was sie beten sollen (wörtlich: "wie wir richtig beten sollen"). In ihrer Schwachheit entgleitet ihnen sowohl der Inhalt als auch die Form des richtigen Gebets, doch der Geist selbst kommt ihnen zu Hilfe und vertritt (Präsens) sie mit unaussprechlichem Seufzen . Die natürliche Schöpfung ( Röm 8,22 ), die Gläubigen (V. 23 ) und auch der Heilige Geist seufzen also vor Gott. Dieses Seufzen hat nichts mit dem Zungenreden zu tun, wie manche Exegeten vermuten. Es kommt vom Heiligen Geist, nicht von den Gläubigen, und es ist nicht in Worte gekleidet. Die Hilfe des Geistes besteht darin (V. 26 ), daß er uns vor Gott vertritt ( hyperentynchanei ; das Wort steht nur an dieser Stelle im Neuen Testament; es bedeutet "sich jemandem nähern oder jemanden anrufen"). Der aber die Herzen erforscht , ist Gott ( 1Sam 16,7; Hebr 4,13 ), und er weiß ( oiden ; "aus Anschauung oder intuitiv wissen") , worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt ( entynchanei ; vgl. Röm 8,26 ) die Heiligen, wie es Gott gefällt . Auch wenn der Geist sein Flehen nicht in Worte faßt, weiß Gott doch, was er denkt. Das ist eine interessante Aussage über die Allwissenheit des Vaters und die Vertrautheit innerhalb der Trinität. Jesus tritt ständig vor Gott für die Gläubigen ein (V. 34 ; Hebr 7,25 ) und auch der Heilige Geist bittet für sie. Wenn die Gläubigen nicht wissen, was sie beten und wie sieihren Bitten Ausdruck geben sollen, kommt ihnen der Heilige Geist zu Hilfe.



F. Die Gewißheit der Heiligung
( 8,28 - 39 )


Dieser Abschnitt über die Lehre der Heiligung der Gläubigen (V. 28 - 39 ) schließt sich logisch an die Ausführungen über das Ziel der Heiligung (V. 18 - 27 ) an. Über dieses Ziel - die Hoffnung der Gläubigen, die sie sehnlichst und standhaft erwarten - zu sprechen ist nutzlos, wenn man sich seiner nicht gewiß ist. Doch Gott gibt uns diese Gewißheit und bestätigt die Hoffnung der Gläubigen, die sich darauf gründet, daß die Heiligung von Anfang, von der Wiedergeburt an bis zu ihrer Vollendung in der Verherrlichung ausschließlich das Werk Gottes ist, das die Gläubigen im Glauben annehmen müssen (vgl. Phil 1,6 ).

Röm 8,28


Die Gläubigen sind ihrer Heiligung gewiß. Diese Gewißheit gewinnen sie aus der geistlichen Anschauung. Die Christen wissen intuitiv ( oidamen ) - wenn sie es vielleicht auch nicht immer ganz verstehen und es wohl auch in ihrem Leben nicht immer so erfahren -, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen . Wenn auch das, was geschieht, nicht an sich gut ist, so wendet Gott es doch zum Besten der Gläubigen, denn er will sie zur Vollendung in seiner Gegenwart bringen (vgl. Eph 1,4;5,27; Kol 1,22; Jud 1,24 ). Selbst Widerstände und Bedrängnisse müssen sich diesem Ziel unterordnen. Das Präsens, in dem das Verb synergei ("er läßt zum Besten dienen") steht, betont, daß es sich hier um ein ständiges Wirken Gottes für die, "die ihn lieben" und nach seinem Ratschluß ( prothesin , der Plan Gottes; vgl. Röm 9,11; Eph 1,11;3,11 ) berufen sind , handelt. Entscheidend ist, daß die Liebe eines Gläubigen zu Gott auf die Berufung Gottes folgt , zweifellos also die Wirkung des innewohnenden Heiligen Geistes ist (vgl. Röm 5,5; 1Joh 4,19 ). "Berufen sein" bedeutet mehr als nur die Einladung, Christus anzunehmen; es bedeutet, zum Heil berufen zu sein und es zugleich schon zu besitzen (vgl. Röm 1,6; Röm 8,30 ).



Röm 8,29-30


In den beiden folgenden Versen erklärt Paulus, was es bedeutet, zu den Menschen zu gehören, die "nach seinem Ratschluß berufen sind", und warum Gott ihnen alles zum Besten dienen läßt (V. 28 ). Gott kennt die Gläubigen schon immer. Das bedeutet nicht einfach, daß Gott im voraus weiß, was sie tun werden, sondern daß er sie selbst im voraus kennt, das heißt, er hat eine konkrete, tiefe Beziehung zu einer Person, die er (vgl. Jer 1,4-5 ) bereits in der Ewigkeit, noch vor der Schöpfung, auserwählt hat. "Denn er hat uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war" ( Eph 1,4 ).

Die Gnadenwahl umfaßt aber noch mehr als nur die Beziehung zwischen Gott und den Gläubigen. Zu ihr gehört auch das Ziel dieser Beziehung: Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, daß sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes (vgl. 1Joh 3,2 ). Alle Menschen, die nach dem ewigen Plan Gottes durch die göttliche Voraussicht und Erwählung in eine Beziehung zu Gott getreten sind, sind vorherbestimmt ( proOrisen ; vgl. Eph 1,5.11 ). Gott legte bereits vor aller Zeit das Schicksal der Gläubigen - ihre Ebenbildlichkeit Christi - fest. Wenn alle Heiligen Christus gleich sind (d. h., wenn sie die endgültige und vollkommene Heiligung erlangt haben), wird Christus als der Erstgeborene unter vielen Brüdern erhöht werden. Der auferstandene und verherrlichte Herr wird das Haupt einer neuen Menschheit werden, die von aller Sünde gereinigt und zum ewigen Leben in seiner Gegenwart fähig ist (vgl. 1Kor 15,42-49 ). Als der "Erstgeborene" hat Christus die höchste Stellung inne (vgl. Kol 1,18 ).

Gottes Plan läuft in drei Stufen ab: die Gläubigen werden berufen (vgl. Röm 1,6; 8,28 ), für gerecht erklärt (vgl. Röm 3,24.28; 4,2; 5,1.9 ) und schließlich verherrlicht (vgl. Röm 8,17; Kol 1,27;3,4 ). In diesem Prozeß geht nicht ein einziger Mensch verloren. Gott führt seinen Plan zu Ende, ihm unterläuft kein Fehler. "Verherrlicht" steht in der Vergangenheitsform, weil dieser letzte Schritt so gewiß ist, daß er in den Augen Gottes bereits getan ist. "Verherrlicht" zu werden ist ein anderer Ausdruck dafür, daß die Kinder Gottes das Ebenbild seines Sohnes werden; darin besteht denn auch letztlich Gottes "Ratschluß". Dann werden sie nicht mehr "des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, ermangeln" ( Röm 3,23 ).



Röm 8,31-32


Es ist erstaunlich und wunderbar zu sehen, wie der Heilsplan Gottes für die Menschen einen Bogen schlägt von der ewigen Vergangenheit in die ewige Zukunft, die Gott herbeiführen wird. Angesichts dieses weitgespannten Programmes stellt (und beantwortet; V. 31 - 39 ) Paulus sieben Fragen, die seinen Lesern klar machen sollen, daß die Rettung der Gläubigen bei Gott in sicheren Händen ist. Die erste Frage ist ganz allgemein formuliert: (vgl. Röm 4,1; 6,1; 9,14.30 )? Die angemessene Antwort wäre lauter Jubel oder auch nur sprachloses Erstaunen.

Es folgen sechs spezifischere Fragen. Die erste lautet: Es ist offensichtlich, daß Satan und seine dämonischen Heerscharen gegen die Gläubigen kämpfen (vgl. Eph 6,11-13; 1Pet 5,8 ), doch sie können am Ende nicht den Sieg davontragen. Gott ist der aus sich selbst heraus Existierende und der souveräne Schöpfer; da er auf der Seite der Gläubigen steht, kann ihnen niemand ernsthaft etwas antun. Seine Solidarität mit den Gläubigen geht so weit, daß er auch seinen eigenen Sohn nicht verschont ( epheisato , von pheidomai ; vgl. 1Mo 22,12 ,Septuaginta), sondern ihn für uns alle dahingegeben hat . Im 1. Buch Mose sprach Gott zu Abraham: "Du hast deines einzigen Sohnes nicht verschont" und wies ihn an, Isaak freizulassen und statt seiner einen Widder zu opfern ( 1Mo 22,2-14 ). Er selbst aber hat seinen Sohn als Opfer für die Sünde hingegeben ( Joh 1,29 ). Angesichts dieser überwältigenden Gnade fragt Paulus: Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Da Gott das größte Opfer, seinen eigenen Sohn, bereits dargebracht hat, wird er sicher nicht zögern, den Gläubigen alles zu geben, wonach sie verlangen und was zu ihrer endgültigen Heiligung notwendig ist (vgl. 2Pet 1,3 ).



Röm 8,33-34


Die beiden nächsten Fragen beziehen sich auf das Gericht. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen ( enkalesei , "eine formale Klage vor Gericht erheben, anklagen"; vgl. Apg 19,40;23,29;26,2 )? Satan wird als der "Verkläger" des Volkes Gottes bezeichnet ( Offb 12,10; vgl. Sach 3,1 ). Die Anschuldigungen, die er vorbringt, sind zwar durchaus berechtigt, denn sie basieren auf der Sündhaftigkeit und Unreinheit der Gläubigen, doch sie werden nicht gehört werden, denn Gott macht gerecht . Der Richter selbst erklärt die Angeklagten für gerecht aufgrund des Glaubens an Jesus Christus ( Röm 3,24; Röm 5,1 ). Deshalb werden alle Anklagen abgewiesen; niemand kann mehr etwas Stichhaltiges gegen sie vorbringen.

Damit in Zusammenhang steht die Frage: Wer will verdammen? Das griechische Partizip ho katakrinOn kann auch futurisch, "wer wird verdammen", übersetzt werden, was hier angebrachter erscheint (vgl. katakrima , "Verdammnis, Strafe", in Röm 8,1 ). Jesus Christus ist der von Gott ernannte Richter ( Joh 5,22.27; Apg 17,31 ), daher antwortet Paulus auf diese Frage: Christus Jesus . Doch Jesus ist es auch, auf den der Gläubige all seine Hoffnung für seine Rettung setzt. Außerdem ist er gestorben, ja vielmehr auch auferweckt und sitzt nun zur Rechten Gottes (vgl. Lk 22,69; Apg 2,33;5,31; Eph 1,20; Kol 3,1; Hebr 1,3.13;8,1;10,12;12,2; 1Pet 3,22 ) und vertritt uns . Jesus ist zwar tatsächlich der Richter, doch er ist zugleich auch derjenige, dem jeder Gläubige durch den Glauben gleich geworden ist. Er ist das Sühnopfer, das stellvertretend für den Gläubigen dargebracht wurde (vgl. Röm 5,8; 8,32 ), er ist das neue Leben des Gläubigen (ein Glaubender hat an demLeben Christi nach der Auferstehung teil; Röm 6,4.8.11; Eph 2,5-6; Kol 2,13 ), sein Fürsprecher (vgl. Hebr 7,25; auch der Heilige Geist bittet für die Gläubigen; Röm 8,26-27 ) und sein Verteidiger ( 1Joh 2,1 ). Ganz sicher wird dieser Richter nicht sein Eigentum verurteilen, das durch den Glauben sein geworden ist (vgl. Röm 8,1 )!



Röm 8,35-37


Die nächste Frage lautet: Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Aus dem Zusammenhang (V. 37.39 ) ergibt sich, daß mit der "Liebe Christi" seine Liebe zu den Gläubigen gemeint ist (nicht ihre Liebe zu ihm; vgl. Röm 5,5 ). Hier nennt Paulus sieben Dinge, die die Gläubigen möglicherweise von Christus abbringen können (und die ihm alle selbst widerfuhren; vgl. 2Kor 11,23-28 ): Trübsal ( thlipsis , "Bedrängnis"; ein Begriff, den er im 2. Korintherbrief häufig verwendet) oder Angst ( stenochOria , wörtlich "Enge", d. h. "eingeschränkt, gehemmt, unterdrückt werden") oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert . Doch alle diese Bedrohungen, die der Apostel hier in steigernder Form aufzählt, können die Christen nicht nur nicht von Christus trennen, sondern gehören vielmehr ebenfalls zu den "Dingen" ( Röm 8,28 ), die Gott ihnen zum Besten dienen läßt, d. h., die er benutzt, um sie seinem Sohn gleichzumachen. Als Erinnerung daran, daß die Menschen, die zu Gott gehören, in diesem Leben schwere Bedrängnisse (vgl. Joh 16,33 ) bis hin zum Märtyrertod erdulden müssen, zitiert Paulus Ps 44,23 .Tatsächlich erlitten in der Anfangszeit des Christentums täglich Christen den Märtyrertod oder befanden sich zumindest in Todesgefahr. Ihren Verfolgern war das Leben eines Christen nicht mehr wert als das Leben der Tiere, die sie in der Arena abschlachteten.

Doch all diese Feindseligkeiten (vgl. "alle Dinge", Röm 8,28 und "alles" in V. 32 mit "in dem allen" in V. 37 ) werden die Gläubigen nicht von Christus trennen, sondern sie werden sie weit überwinden (Präsens, hypernikOmen , "einen glorreichen Sieg gewinnen") durch den, der sie geliebt hat . Jesus Christus und seine Liebe gibt ihnen den Sieg (vgl. 2Kor 2,14 ).


Röm 8,38-39


Paulus schließt seine Zusicherung, daß die Gläubigen in Jesus Christus aufgehoben und geheiligt sind, mit einer positiven Aussage - denn ich bin gewiß (Perfekt; vgl. Röm 15,14 ) , daß uns nichts von der Liebe Gottes (der Liebe Gottes zu ihnen, nicht ihrer Liebe zu Gott; vgl. V. 35 ) scheiden kann . Als Beispiele nennt er zehn Extremsituationen des menschlichen Lebens, angefangen mit dem Tod, mit dem die Liste der sieben Bedrängnisse in Vers 35 endete: (1) Tod und (2) Leben (im Tod [ 2Kor 5,8-9 ] und im Leben sind die Gläubigen in Gottes Hand). Es folgen die beiden Extreme der geistlichen Heerscharen, die Gott geschaffen hat: (3) Engel und (4) Mächte (die Dämonen können die Beziehung Gottes zu seinen Erlösten nicht beeinträchtigen und die Engel würden es nicht tun); die Extreme der Zeit: (5) Gegenwärtiges und (6) Zukünftiges (nichts, was ihnen bekannt war, z. B. die Bedrängnisse, die in Röm 8,35 aufgezählt sind, und nichts, was in der Zukunft geschehen wird); die geistlichen Feinde: (7) Gewalten (vielleicht Satan und seine Dämonen; vgl. Eph 6,12; möglicherweise auch menschliche Mächte); die Extreme des Raums: (8) Hohes und (9) Tiefes (nichts über den Menschen oder unter ihnen kann plötzlich herauf- oder herabkommen und die Gläubigen von der Liebe Gottes trennen) und schließlich (10) noch eine andere Kreatur . Absolut nichts in der Schöpfung kann den Heilsplan Gottes für die, die an Christus glauben, bedrohen!



V. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in seiner Erwählung
( Röm 9-11 )


Da Gott der Ungeschaffene, der Schöpfer alles dessen, was außerhalb von ihm existiert, ist, hat er auch die Macht über alles und kann seine Schöpfung nach seinem Willen gebrauchen. In dieser Souveränität offenbart sich nicht nur seine persönliche Gerechtigkeit, sondern auch die Gerechtigkeit, die er für die Menschen bereithält.



A. Die freie Gnadenwahl Gottes
( 9,1 - 29 )


Im folgenden Abschnitt erörtert Paulus die freie Gnadenwahl, die Gott unter den Menschen trifft. Der Anlaß für diese Ausführungen war ein praktisches Problem. Die Juden sonnten sich noch immer in der Tatsache, das auserwählte Volk zu sein ( 5Mo 7,6; vgl. Röm 2,17-20 a; Röm 3,1-2 ), obwohl ihre Vorrangstellung im Rahmen des göttlichen Heilsplanes für die Kirche im Schwinden begriffen war, während die Rolle der Heiden an Bedeutung gewann. Hatte Gott das jüdische Volk verlassen? Die Antwort auf diese Frage liegt letztlich in der Gnadenwahl Gottes beschlossen, die schon im erwählten Volk selbst und in seinem Verhältnis zu den anderen Völkern wirksam war und jetzt in Gottes Plan für Israel und die Kirche und in seinem Umgang mit Juden und Heiden innerhalb der Kirche weiterwirkt.



1. Die Vorrechte Israels
( 9,1 - 5 )


Röm 9,1-5


Paulus unterstreicht immer wieder seine große Traurigkeit darüber, daß die Juden das Evangelium nicht annehmen (wie sehr ihn diese Sache beschäftigt, bezeugt ihm sein Gewissen [vgl. den Kommentar zu Röm 2,15 ] im Heiligen Geist ). Sein Wunsch, sein Volk zu retten, ist so groß, daß er sogar bereit ist (Konjunktiv II, ich selber wünschte ), verflucht und von Christus getrennt zu sein für seine Brüder, die Israeliten .

Er zählt sieben geistliche Vorrechte auf, die Israel als das auserwählte Volk Gottes besaß: die Kindschaft (vgl. 2Mo 4,22 ), die Herrlichkeit (vgl. 2Mo 16,10;24,17;40,34; 1Kö 8,11 ), den Bund ( 1Mo 15,18; 1Sam 7,12-16; Jer 31,31-34 ), das Gesetz ( 5Mo 5,1-22 ), den Gottesdienst ( latreia , "heiliger Gottesdienst", zu dem auch der Gottesdienst in der Stiftshütte gehörte) und die Verheißungen (insbesondere die Verheißung des kommenden Messias). Die Israeliten standen seit der Zeit ihrer Väter (vgl. Mt 1,1-16; Röm 1,3 ) unter der Verheißung, bis zu ihrer Erfüllung im Messias, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen . (Dies ist ein erneuter Beleg für die Gottheit des Messias. In manchen Bibelübersetzungen bildet dieser Anhang einen eigenen Satz, doch die Lutherübersetzung scheint hier richtiger zu sein.)



2. Die Gnadenwahl
( 9,6 - 18 )


a. Isaak statt Ismael
( 9,6 - 9 )


Röm 9,6-9


Daß die Juden nicht im Glauben auf das Evangelium Christi antworteten, bedeutet nicht, daß Gottes Wort hinfällig geworden ist. Es ist lediglich ein Beleg für das Prinzip der freien Gnadenwahl, das bereits im Alten Testament Gültigkeit hatte. Paulus erinnert seine Leser damit nochmals an eine Wahrheit, auf die er sie bereits zuvor hingewiesen hat: Denn nicht alle sind Israeliten (d. h. gehören zum geistlichen Israel) , die von Israel stammen (vgl. Röm 2,28-29 ).

Dann führt er ihnen drei alttestamentliche Beispiele für die Souveränität Gottes vor Augen (Isaak statt Ismael, Röm 9,7 b - 9 ; Jakob statt Esau, V. 10 - 13 ; und Pharao, V. 14 - 18 ). Die beiden ersten beweisen, daß Gott bereits unter den leiblichen Nachkommen Abrahams eine Auswahl traf, als er den Träger seiner Verheißung bestimmte. Ismael, den Hagar geboren hatte ( 1Mo 16 ) - und auch die sechs Söhne der Ketura ( 1Mo 25,1-4 ) - waren zwar Nachkommen ( sperma ) Abrahams, doch sie waren nicht seine Kinder ( tekna , "Geborene"), d. h. nicht Träger der Verheißung. Statt dessen sprach Gott zu Abraham ( 1Mo 21,12 ): Was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden (wörtlich: "in Isaak werden dir Nachkommen ( sperma berufen werden"). Paulus wiederholt nochmals, um es ganz deutlich zu machen: Nicht das sind Gottes Kinder ( tekna , "Geborene Gottes") , die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die Kinder ( tekna ) der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft ( sperma ) anerkannt. Für die Berufung genügt es also nicht, ein leiblicher Nachkomme Abrahams zu sein; es bedarf zusätzlich der Erwählung (vgl. "auserwählt"; Röm 8,33 ) und des Glaubens des Erwählten ( Röm 4,3.22-24 ). Gott gab Abraham die Zusage, daß die Verheißung durch Isaak und nicht durch Ismael kommen würde: Um diese Zeit will ich kommen, und Sara soll einen Sohn haben (ein freies Zitat aus 1Mo 18,10 ,Septuaginta).



b. Jakob statt Esau
( 9,10 - 13 )


Röm 9,10-13


Das zweite alttestamentliche Beispiel für die freie Gnadenwahl Gottes stammt aus der zweiten Generation der jüdischen Väter. Offensichtlich wollte Gott gleich zu Anfang seiner Beziehung mit dem erwählten Volk das Prinzip der freien Gnadenwahl demonstrieren. In diesem zweiten Beispiel zeigt sich seine Souveränität noch sehr viel deutlicher als im ersten, denn hier wird ein Zwilling dem anderen vorgezogen. (Im Fall von Abrahams Söhnen wählte Gott zwischen den Kindern zweier Verschiedener Frauen.) Außerdem ist die Geschichte der Kinder Rebekkas insofern bedeutsam, als Gott seine Wahl hier bereits ankündigte, ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten . Das ist der Beweis, daß nicht das Verdienst der Werke , nicht einmal vorhergesehener Werke, sondern die Gnade des Berufenden für die Erwählung ausschlaggebend ist (vgl. "berufen" in Röm 1,6; 8,28.30 ). Der Heilsplan Gottes ( Röm 8,28; 9,11 ), nicht die Werke der Menschen ( Röm 4,2-6 ), ist die Grundlage der Erwählung. Rebekka wurde gesagt: Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren (vgl. 1Mo 25,23 ); eine Wahl, die Gott selbst bestätigte: Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt (vgl. Mal 1,2-3 ). Esau, der Ältere, diente Jakob, seinem jüngeren Zwillingsbruder, noch nicht wirklich; das taten erst Esaus Nachkommen, die Edomiter (vgl. 1Sam 14,47; 2Sam 8,14; 1Kö 11,15-16; 22,48; 2Kö 14,7 ). Gottes "Liebe" zu Jakob zeigte sich in seiner Erwählung, und sein "Haß" Esau gegenüber wurde darin sichtbar, daß nicht Esau der Träger der Verheißung wurde. Der "Haß" ist in diesem Zusammenhang nichts Absolutes, sondern deutet nur eine Relation an; es dreht sich hier lediglich darum, daß ein Bruder dem anderen vorgezogen wird (vgl. Mt 6,24; Lk 14,26; Joh 12,25 ).



c. Pharao
( 9,14 - 18 )


Röm 9,14-18


Was sollen wir nun hierzu sagen (vgl. Röm 4,1; Röm 6,1; Röm 8,31 )? War Gott ungerecht , als er Isaak Ismael und Jakob Esau vorzog? Die griechische Negation mE in einer Frage impliziert eine negative Antwort, die Paulus denn auch in seiner üblichen Formulierung gibt: Das sei ferne! ( mE genoito ; vgl. den Kommentar zu Röm 3,4 ). Hier ging es nicht um Gerechtigkeit, sondern um eine freie Entscheidung, wie Gott selbst zu Mose sagte ( 2Mo 33,19 ). Als souveräner Herrscher hat Gott das Recht, gnädig zu sein, wem er will. Er muß nicht jemanden Bestimmten erwählen. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen ; niemand verdient die Gnade Gottes oder kann sie sich erwerben.

Als drittes Beispiel wählt der Apostel den ägyptischen Pharao in der Zeit des Exodus. Ihm hatte Gott durch Mose sagen lassen: Eben dazu habe ich dich erweckt (d. h. stellte ich dich auf die Bühne der Geschichte), damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde (vgl. 2Mo 9,16 ). Die Befreiung der Israeliten aus der Hand Pharaos war ein Beweis für die Macht Gottes (vgl. Röm 9,22 ). Andere Völker hörten davon und wurden von Ehrfurcht erfüllt ( 2Mo 15,14-16; Jos 2,10-11;9,9; 1Sam 4,7-8 ). Bemerkenswert ist, daß Paulus sein Zitat mitder Wendung "denn die Schrift sagt" einführt, denn damit setzt er die Worte Gottes mit dem Inhalt der Schrift gleich. Paulus schließt: So erbarmt er sich nun, wessen er will (vgl. Röm 9,15 ) , und verstockt ("hart machen"; vgl. 2Mo 4,21;7,3;9,12;10,27;14,4.8; vgl. 14,17) , wen er will. Weil Gott es so wollte, verhärtete Pharao sein Herz ( 2Mo 7,13-14.22;8,11.15.28;9,7.34-35 ); er war aber dennoch verantwortlich für das, was er tat. Gott ist in seiner Gnade und in seinem Wirken völlig frei - doch sein Handeln ist planvoll, kein Akt der Willkür.



3. Die Erklärung der Gnadenwahl
( 9,19 - 29 )


Röm 9,19-21


Auch der nächsten Frage, die seine Leser ihm stellen würden, kommt Paulus zuvor: Warum beschuldigt er uns dann noch? (Das "dann" bezieht sich wohl eher auf den vorhergehenden Satz als auf die Frage selbst, obwohl auch das möglich ist.) Wer kann seinem Willen ( boulEmati , "wohlerwogenem Plan") widerstehen (das Perfekt bezeichnet die Fortdauer einer Handlung: sich gegen ihn stellen und bei seinem Widerstand bleiben)? Noch heute werden diese Fragen von denjenigen gestellt, die die biblische Lehre von der Souveränität Gottes ablehnen. Wenn Gott die Menschen erwählt, wie kann er sie dann für ihr Tun verantwortlich machen? Wer kann denn etwas gegen seinen Willen tun?

In seiner Antwort bestätigt Paulus, daß Gott tatsächlich der souveräne Herrscher ist, weist aber zugleich derartige Fragen als anmaßend zurück: Ja lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst (vgl. Jes 45,9 )? Der Mensch, das Geschöpf, hat nicht das Recht, Gott, dem Schöpfer, Fragen zu stellen. Dazu zitiert Paulus sinngemäß Jes 29,16 : Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? Ein Töpfer bildet z. B. aus ein und demselben Tonklumpen sowohl eine vollendet geformte und verzierte Vase als auch einen Kochtopf (vgl. Jer 18,4-6 ), ohne daß der Ton das Recht hat, sich zu beklagen. Dieselbe Macht besitzt auch der souveräne Schöpfergott über seine Geschöpfe. Die Analogie von Mensch und Tongefäß ist angesichts der Herkunft des Menschen aus dem Staub ein sehr passendes Bild ( 1Mo 2,7 ).


Röm 9,22-26


Denselben Vergleich wendet Paulus auch auf Gottes Umgang mit dem einzelnen an. Dabei kleidet er die Alternativen in Kausalsätze ( da ) und läßt die klar auf der Hand liegende Schlußfolgerung "hat Gott nicht das Recht dazu?" unausgesprochen. Erstens hat Gott ... die Gefäße (vgl. Röm 9,21 ) des Zorns, die zum Verderben ( apOleian ) bestimmt waren, mit großer Geduld (vgl. 2Pet 3,9 ) ertragen . Das Partizip Perfekt, "hat bestimmt", bezeichnet eine Handlung in der Vergangenheit, deren Folge noch andauert. Das Verb "bestimmen" kann auch reflexiv sein ("sich selbst bestimmen"), ist hier aber wohl als Passiv aufzufassen ("bestimmt werden"). Dahinter steht die Vorstellung, daß manche Menschen aufgrund ihrer Lebensweise dazu bestimmt sind, den Zorn Gottes auf sich zu ziehen. Der Gegenstand des Zornes Gottes aber sind die Ungeretteten ( Röm 1,18 ), die die ewige Strafe erleiden werden ( Joh 3,36 ). Gott hat ihr widersetzliches Verhalten geduldig ertragen (vgl. Apg 14,16; Röm 3,25 ), doch der Tag des Gerichts wird kommen. Wer sich Gott widersetzt und es ablehnt, sich zu ihm zu bekehren ( Mt 23,37 ), wird von ihm zur Verdammnis "bestimmt". Diese Menschen "häufen" in ihrem Leben "selbst" den Zorn Gottes gegen sich an ( Röm 2,5 ), der sie dann in der Hölle, wo sie seine ganze Macht kennenlernen werden, ereilt (vgl. 9,17 ). Dennoch hat Gott keine Freude an seinem Zorn und will ("wollte"; V. 22 ) auch nicht, daß die Menschen in die Hölle kommen. Sie erleiden die ewige Strafe nicht, weil es ihm Freude macht, sie zu bestrafen, sondern weil sie gesündigt haben bzw. noch immer sündigen. Ihre Sünde ist es, die sie für die Vernichtung "bestimmt", denn sie hat den Zorn Gottes heraufbeschworen, der zu gegebener Zeit zu ihrer Bestrafung führen wird.

Auf der anderen Seite steht der Umgang Gottes mit den Gefäßen der Barmherzigkeit . Gott erwählte sie, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an denen, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit (vgl. Röm 8,29-31; Kol 1,27;3,4 ). Das Verb, "zuvor bereitet hatte" ( Röm 9,23 ), griechisch proEtoimasen , bezieht sich auf das, was Gott in der Rettung tut. (Der Begriff "bestimmt" in V. 22 ist im Griechischen katErtismena , "sind bereitet oder reif geworden".)

Bis hierher hat Paulus ganz allgemein gesprochen, doch in Vers 24 wird er konkret ( uns ), weil er selbst und seine Leser zu den Gefäßen der Barmherzigkeit gehören, die Gott erwählt hat. Sie sind nicht nur erwählt, sondern berufen, Juden wie Heiden . Hier geht es wieder darum, daß das Prinzip der Gnadenwahl Gottes sich nicht nur an den Vätern der Juden (an Isaak und Jakob; V. 6 - 13 ) erwies, sondern auch in der Generation des Apostels Paulus und sogar noch heute wirksam ist. Als Beleg für diese Schlußfolgerung, vor allem für seine Aussage über die Heiden, zitiert Paulus zwei Verse aus Hosea ( Röm 2,25; Röm 2,1 ). Gott hatte Hosea geboten, seinen Kindern symbolische Namen zu geben - als Ausdruck der Tatsache, daß Gott das Nordreich Israel ins assyrische Exil dahingegeben hatte ( Hos 1,2-9 ). Der Sohn erhielt den Namen Lo-Ammi ( nicht mein Volk ), die Tochter Lo-Ruhama ( nicht meine Geliebte ).

Doch Israel war nicht für immer verworfen. Gott hatte auch verheißen, es wiederherzustellen und wieder zu seinem geliebten Volk zu machen. In einer genialen Wendung bezieht Paulus die Aussage von Hosea auf die Heiden, die von ihrer ethnischen Zugehörigkeit ursprünglich ja nicht Gottes Volk waren, nun aber - gemeinsam mit den Juden - erwählt und zu seinem Volk in Christus berufen sind. Um diesen Vergleich zu ermöglichen, mußte Paulus das Hoseazitat ( Röm 2,25 ) zwar ziemlich frei wiedergeben, doch die eigentliche Deutung ist nicht verändert; er sagt nicht, daß das Israel des Alten Testaments zur Kirche gehört.



Röm 9,27-29


Zum Beweis, daß die Erwählung Gottes niemals ganz auf die Heiden übergeht, sondern immer auch Juden miteinschließt - wenn auch nur eine Minderheit -, zitiert Paulus weitere alttestamentliche Textstellen ( Jes 10,22-23 und Jes 1,9 ,beide aus der Septuaginta). Sie machen deutlich, daß Gott in seinem Gericht über das aufständische Israel stets einen erwählten Rest retten wird. Diese Prophezeiung erfüllte sich in der Gefangenschaft und im Exil Israels und Judas, aber auch nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr., und wird sich in der Erlösung Israels in der Endzeit erneut erfüllen ( Röm 11,26-27 ). Noch heute gehören die Juden, die sich der Kirche, dem Leib Christi, anschließen, zu denen, die Paulus als "einige Übriggebliebene nach der Wahl der Gnade" bezeichnet ( Röm 11,5 ), zu denen er auch sich selbst rechnet ( Röm 11,1 ).



B. Der Umgang mit der Erwählung
( 9,30 - 10,21 )


1. Das Stolpern Israels
( 9,30 - 10,4 )


Röm 9,30-33


Wieder einmal stellt Paulus seinen Lesern die ihnen nun schon vertraute rhetorische Frage: Was sollen wir nun hierzu sagen (vgl. Röm 4,1; 6,1; 7,7; 8,31; 9,14 )? Im folgenden faßt er dann seine vorhergehenden Ausführungen zusammen. Interessant ist dabei vor allem, daß er die Heiden (wörtlich: "die Völker") mit denjenigen, die eine Gerechtigkeit erlangt haben, die aus ( ek ) dem Glauben kommt , gleichsetzt. Wie er später sagt, gehören der Kirche zwar sowohl ehemals jüdische als auch ehemals heidnische Gläubige an ( Röm 11,1-5.11 ), doch auf seiner dritten Missionsreise stellt er Israel stets "den Heiden"gegenüber, da die Juden das Evangelium immer stärker ablehnen und sich statt dessen immer mehr Heiden zu Christus bekehren. Israel hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit (dem mosaischen Gesetz; vgl. Röm 7,7.12.14 ) getrachtet (und trachtet noch immer danach) und hat es doch nicht erreicht . Denn um durch das Gesetz Gerechtigkeit zu erlangen, ist es erforderlich, daß es vollkommen, in allen Einzelheiten, gehalten wird (vgl. Jak 2,10 ). Warum erreicht Israel sein Ziel nicht? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus ( ek ) dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken . Die Israeliten konnten ihre Unfähigkeit, dem Gesetz gerechtzuwerden, nicht eingestehen. Sie weigerten sich, Gott um Vergebung zu bitten, und versuchten statt dessen noch immer, das Gesetz aus eigener Kraft zu erfüllen. Daher haben sie sich gestoßen (vgl. Röm 11,11 ) an dem Stein des Anstoßes . Weil Jesus Christus, "der Stein des Anstoßes" (vgl. 1Pet 2,4-8 ), den Erwartungen der Juden nicht entsprach, verwarfen sie ihn, statt ihn gläubig anzunehmen. Um zu zeigen, daß Gott diese Reaktion bereits im voraus gekannt hatte, zitiert Paulus Jes 8,14 und Jes 28,16 (vgl. Röm 10,11 ), wobei er die beiden Aussagen verbindet, um die gegensätzlichen Reaktionen der Menschen auf den Stein, den Gott in Zion legte, hervorzuheben (vgl. "Zion" in Röm 11,26 ).


Römer

Röm 10,1-4


Auch auf den Grund für das "Stolpern" der Israeliten geht Paulus noch näher ein, nachdem er zunächst in Worten, die an die Eingangsverse von Kap. 9 erinnern, seiner tiefen persönlichen Besorgnis über die Rettung seines Volkes Ausdruck gegeben hat. Vielleicht aus seiner eigenen Erfahrung heraus (vgl. Apg 26,11; Gal 1,13-14; Phil 3,4-6 ) bestätigt er: Denn ich bezeuge (Präsens) ihnen, daß sie Eifer für Gott haben. Israel wurde auch das "von Gott besessene" Volk genannt, doch sein Eifer war ohne Einsicht ( epignOsin , "volles Wissen"). Die Juden besaßen Wissen über Gott, aber sie begriffen ihn nicht ganz, sonst hätten sie in ihrem Bemühen, aufgrund ihrer Werke Gerechtigkeit zu erlangen, nicht an Christus Anstoß genommen.

Nach Paulus besteht ihr Fehler darin, daß sie die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht erkennen (das Partizip agnoountes bedeutet "unwissend sein", hier im Sinne von "nicht verstehen"). Dahinter steht möglicherweise die Vorstellung, daß die Israeliten die von Gott bereitgehaltene Gerechtigkeit, von der Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom sprach, gar nicht verstehen konnten (vgl. Röm 1,17 ). Das mag sein, obwohl sie ihnen eigentlich aus ihrer eigenen Heiligen Schrift hätte bekannt sein müssen (vgl. 1Mo 15,6; Ps 32,1-2 ). Paulus meint hier die Gerechtigkeit, die Gott von den Menschen verlangt, wenn sie von ihm angenommen werden wollen, also Gottes eigene, absolute Gerechtigkeit. Weil die Juden diese Gerechtigkeit noch nie wirklich verstanden hatten, versuchten sie weiterhin, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten (vgl. Jes 64,6 ). Kein Wunder, daß sie auf diese Weise nicht der Gerechtigkeit Gottes , d. h. der Gerechtigkeit, die Gott den Christen durch den Glauben verleiht, untertan waren ("sich ihr nicht unterstellten"). Das gar ( denn ) in Röm 10,4 ,leitet zum Kern von Paulus' Aussage über das Stolpern Israels über: Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht. Das mit "Ende" ( telos ) übersetzte Wort steht im Griechischen in hervorgehobener Position am Satzanfang. Das bedeutet, daß Christus der vorbestimmte Endpunkt bzw. das Endziel des Gesetzes ist (vgl. Gal 3,24 ) - der, auf den das Gesetz vorauswies.

Das Gesetz verlieh aus sich selbst heraus dem einzelnen keine Gerechtigkeit vor Gott und konnte es auch gar nicht (vgl. Röm 3,20; 7,7 ). Christus aber erfüllte das Gesetz ( Mt 5,17-18 ), indem er es sein ganzes sündloses Leben hindurch in allen Einzelheiten hielt (vgl. Joh 8,46 ) und dann sein Leben als Bezahlung für die Strafe der Sünde und des übertretenen Gesetzes dahingab (vgl. Eph 2,15; Kol 2,13-14 ). Das Gesetz selbst verwies auf ihn als die Quelle der göttlichen Gerechtigkeit, die es selbst nicht geben konnte ( Gal 3,24 ). Ein wahrhaft gottesfürchtiger Jude, der auf Jahwe vertraute und das levitische System, auch alle Sühnopfer, befolgte, war wahrscheinlich eher geneigt, Christus gläubig zu begegnen und würde dadurch auch die Gerechtigkeit Gottes erhalten (d. h. er würde gerechtfertigt werden; Apg 13,39; Röm 3,24; 4,3.5 ). Danach war er durch die Einwohnung des Geistes auch für die Erfordernisse des Gesetzes gewappnet ( Röm 8,4 ). Ein Jude aber, der versuchte, durch seine Werke aus eigener Kraft Gerechtigkeit zu erlangen, würde wohl nicht erkennen, daß Christus "das Ende des Gesetzes" war, und würde sich an ihm stoßen.



2. Gottes gnädiges Angebot
( 10,5 - 15 )


Röm 10,5-8


Paulus verweist auf Gottes gnädiges Angebot der Rettung in Christus und der Rechtfertigung durch den Glauben, indem er zunächst einmal den Gegensatz zwischen der Gerechtigkeit allein durch Glauben und der Werkgerechtigkeit deutlich macht. Mose nämlich schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt ( 3Mo 18,5 ): "Der Mensch, der das tut, wird dadurch leben." Wenn ein Jude aber gerechtfertigt würde, weil er die Gebote des Gesetzes hält, so hätte er damit seine Gerechtigkeit selbst erworben; sie käme nicht von Gott. Dazu müßte er allerdings sein ganzes Leben lang das Gesetz in allen Einzelheiten befolgen - was unmöglich ist ( Jak 2,10 ). Doch auch zur Unterstützung seiner eigenen These von der Rechtfertigung durch den Glauben, die den Menschen angeboten ist durch Christus, das "Ende des Gesetzes", den Weg, auf dem jeder, der glaubt, Gerechtigkeit erlangt, führt Paulus Mose an. Da man wohl ausschließen kann, daß er einfach Worte von Mose gebrauchte und sie auf etwas anwandte, das dem mosaischen Gedankengut völlig fremd war, kann die Gerechtigkeit aus dem Glauben den Israeliten nicht ganz neu gewesen sein, sondern muß ihnen bereits von Mose her vertraut geklungen haben.

Das Zitat in Röm 10,6 - 8 ist eine freie Wiedergabe von 5Mo 30,12-14 ,der Rede an die Generation Israels, die dabei war, das verheißene Land Kanaan zu betreten. Die Ermahnungen, auf die Paulus hier zurückgreift, bildeten den Abschluß von Moses' prophetischer Beschreibung des Handelns Gottes an Israel. Er verhieß dem Volk Segnungen, wenn es gläubig und gehorsam war, und drohte mit Züchtigung, wenn es seine Worte ablehnen und ungehorsam sein sollte. Wenn Israel Gott vergessen würde, so sagte Mose, würde es in der ganzen Welt zerstreut werden und leiden müssen. Wenn es sich jedoch Gott wieder zuwenden und glauben würde, würde sein früherer Segen, sein Wohlstand und seine bevorzugte Stellung unter den Völkern wiederhergestellt werden ( 5Mo 30,1-10 ). Die Quintessenz der Rede von Mose lautete ( 5Mo 30,11 ), daß die Generation, zu der er sprach, die Botschaft Gottes bereits besaß ( Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde ; 5Mo 30,14 ), im Glauben ( und in deinem Herzen ) auf sie antworten und Gott gehorchen sollte. Die Israeliten zur Zeit Moses hatten es nicht mehr nötig, darum zu bitten, daß das Wort (die Anweisungen, die sie von Mose hörten) vom Himmel herunter- und aus der Tiefe heraufgebracht würde, denn es war ihnen nahe ( 5Mo 30,12-14 ).

Paulus bezieht diese Aussage auf seine eigene Generation, in der Christus im Fleisch ( Joh 1,14 ) gekommen und auferstanden ist. Niemand braucht mehr darum zu bitten, ihn herab- oder von den Toten heraufzuholen ; er ist bereits gekommen und ist auch auferstanden. Die Botschaft von der "Gerechtigkeit aus dem Glauben", das Wort ( rhEma ; "Sprichwort") vom Glauben , das Paulus predigt ( rhEma , "das gesprochene Wort", steht auch in Eph 5,26;6,17; 1Pet 1,25 ), ist den Lesern dieses Briefes "nahe"; das Evangelium ist für alle da und allen zugänglich.



Röm 10,9-13


Danach führt Paulus aus, was es heißt zu glauben. An erster Stelle nennt er das Bekennen mit dem Munde , um in der Reihenfolge des Zitats aus 5Mo 30,14 zu bleiben ( Röm 10,8 ). Dieses Bekenntnis lautet, daß Gott in Jesus Fleisch geworden (vgl. V. 6 ) und daß Jesus Christus Gott ist. Ebenso wichtig ist der Glaube, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat (vgl. V. 7 ). Wer das bekennt und glaubt, wird gerettet werden. Vers 10 zeigt dann die wahre Abfolge des Glaubens auf, deren Resultat erst das Bekenntnis ist: Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht (wörtlich: "dann glaubt man zur Gerechtigkeit"); und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet (wörtlich: "bekennt man zur Rettung"). Es handelt sich hier nicht um zwei verschiedene Schritte auf dem Weg zur Rettung, sondern sie geschehen gleichzeitig. Die Rettung erfolgt durch das Bekennen vor Gott, daß Christus Gott ist, und durch den Glauben an ihn.

Auch diese These belegt Paulus mit einem Zitat aus Jes 28,16 (V. 11 ; vgl. Röm 9,33 ): Gott verleiht jedem, der glaubt, Gerechtigkeit. Paulus erinnert seine Leser nochmals an die Unparteilichkeit Gottes (vgl. Röm 3,22 ): So wie alle, die sündigen, gerichtet werden, werden alle, die glauben, gerettet und reich gesegnet werden. Er erhärtet das mit einem Zitat aus Joe 3,5 : Denn wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden. "Den Namen des Herrn anrufen" bedeutet, ihn im Glauben um die Rettung zu bitten. (Zur Bedeutung des "Namens" vgl. den Kommentar zu Apg 3,16 .)


Röm 10,14-15


Nachdem er seinen Lesern das gnädige Angebot, das Gott den Menschen in Christus macht, vorgetragen hat, versucht Paulus wieder, einigen Fragen seiner Leser zuvorzukommen. Dabei baut er jede neue Frage auf dem entscheidenden Verb des vorhergehenden Verses auf. Am Anfang dieses Fragenkomplexes steht Gottes Verheißung, daß er retten wird, "wer den Namen des Herrn anruft" (V. 13 ): Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Zuvor wurde das Anrufen des Herrn mit dem Vertrauen in ihn oder dem Glauben an ihn gleichgesetzt (vgl. V. 11.13 ), doch hier folgt es aus dem Glauben. Wenn jemand an Christus glaubt, ruft er ihn an. Glauben aber beruht auf Hören, und Hören setzt die Predigt voraus. Wie sollen sie aber predigen ( kEryssO , "predigen", aber auch "Bote oder Verkündiger sein"; der Begriff ist nicht auf die Verkündigung von der Kanzel herab beschränkt) , wenn sie nicht gesandt werden? Das gnädige Angebot Gottes verkündigen können nur Menschen, die Gott zuvor zu sich hingezogen hat und die er dann als seine Boten einsetzt. Sie predigen die Heilsbotschaft, weil er jeden retten wird, der seinen Namen anruft. Dazu zitiert Paulus Jes 52,7 ,wo ein Bote Juda verkündet, daß Gott das babylonische Exil beendet hat (vgl. Jes 40,9-11 ) und überträgt diese Passage auf den Eifer der Träger des Evangeliums : Die Füße derer, die den Menschen die gute Nachricht bringen, sind lieblich , d. h. ihre Botschaft ist willkommen.



3. Die Ablehnung dieses Angebots durch Israel
( 10,16 - 21 )


Röm 10,16-18


Gottes gnädiges Angebot der Rechtfertigung durch den Glauben gilt allen, Juden wie Heiden (vgl. V. 12 ). Im folgenden wendet Paulus sich jedoch in erster Linie dem Volk Israel und seiner Reaktion auf dieses Angebot zu (vgl. V. 1 ). Daher richten sich auch die Worte "aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam" ( hypEkousan , ein Verbum compositum, bedeutet "hören", und zwar "hören und positiv antworten", daher "gehorchen, unterwerfen") höchstwahrscheinlich an die Juden. Sie beziehen sich wahrscheinlich auf das Zitat von Jes 53,1 : Herr, wer glaubt unserm Predigen? Die Unfähigkeit der Juden, richtig auf die gute Nachricht zu reagieren, war sowohl zu Lebzeiten Jesu ( Joh 12,37-41 ) als auch in Paulus' Zeit ein aktuelles Thema. Trotzdem hat das unspezifische"alle" in Röm 10,16 seine Berechtigung, denn es gab auch noch viele Heiden, die nicht an Jesus glaubten. Paulus erklärt: So kommt der Glaube aus der Predigt (vgl. V. 14 ) , das Predigen aber durch das Wort ( rhEmatos ; vgl. V. 17 ) Christi. Der griechische Begriff akoE kann sowohl das Gehörte (die Botschaft ["unserm Predigen"]; V. 16 ) als auch den Akt des Hörens (V. 18 ) bezeichnen.

Man könnte allerdings einwenden, daß die Juden nicht lange genug die Gelegenheit hatten, die Botschaft zu hören. Daher schreibt Paulus: Ich frage ("sage") aber: Haben sie es nicht gehört? Als Antwort zitiert er Ps 19,4 ,wo von der natürlichen Offenbarung Gottes im Kosmos die Rede ist (vgl. Röm 1,18-20 ) und gleichzeitig auch die besondere Offenbarung Gottes im Alten Testament zur Sprache kommt ( Ps 19,8-12 ). Israel hatte also offensichtlich mehr als genug Gelegenheiten - sowohl durch die natürliche als auch durch die nur für das Volk Gottes bestimmte Offenbarung -, Gott zu antworten. Gehört hat es die Botschaft auf jeden Fall.



Röm 10,19-21


Mit den folgenden Versen nimmt der Gedankengang eine andere Wendung. Auf den möglichen Einwand, daß Israel zwar hörte, daß Gott die Gerechtigkeit durch den Glauben allen Menschen, auch den Heiden, anbieten wollte, sein Angebot aber nicht verstand, antwortet Paulus mit der Frage: Hat Israel nicht verstanden ( egnO , "wissen")? Das bezieht sich wiederum auf zwei alttestamentliche Zitate: 5Mo 32,21 und Jes 65,1 .Beide sprechen von der Hinwendung Gottes zu den in den Augen der Juden unverständigen ( asynetO ; vgl. Röm 1,21.31 ) Heiden. Dennoch blieb Gott damals auch Israel gnädig ( Jes 65,2 ). Er verurteilte sein Volk zwar wegen seines fortgesetzten Unglaubens und Ungehorsams und wandte sich den Heiden zu ( Röm 10,20; vgl. Apg 8,1-8.10 ), doch er nahm den Juden nicht jede Möglichkeit zur Rettung. Immer wieder forderte er sie auf, sich erneut zu ihm zu bekehren, und hielt seine Hände ausgestreckt .



C. Die Erfüllung der Erwählung
( Röm 11 )


In Kap. 9; 10 ging es zunächst um die Ablehnung Christi durch Israel und die Auflehnung des Gottesvolkes gegen Gott, also um den Grund, aus dem Gott sich den Heiden zugewandt hat. Im folgenden Kapitel weist Paulus stärker darauf hin, daß zu Gottes freier Gnadenwahl immer auch die Wiederherstellung Israels und seine Verherrlichung gehören.



1. Unter den Juden
( 11,1 - 10 )


Röm 11,1-6


Wieder einmal leitet Paulus mit einer rhetorischen Frage (wörtlich: "ich sage"; vgl. Röm 10,18-19 ) zum nächsten Thema über. "Hat denn Gott sein Volk verstoßen?" Im Griechischen erfordert diese Frage eine negative Antwort ("Gott hat sein Volk doch wohl auf keinen Fall verworfen, nicht wahr?"), die Paulus in seiner charakteristischen Formulierung denn auch sogleich mitliefert: Das sei ferne! ( mE genoito ; vgl. den Kommentar zu Röm 3,4 ). Als Beweis führt er zunächst einmal sich selbst an. Er hat Christus im Glauben angenommen und ist von Gott gerechtfertigt worden, obwohl er ein Israelit (vgl. Phil 3,5 ) aus dem Stamm Benjamin , einem zwar sehr kleinen, aber wichtigen Zweig des israelitischen Volkes (Saul, der erste König Israels, stammt aus Benjamin) ist. Wenn Gott aber Paulus retten konnte ( Apg 9;22;26 ), dann kann er mit Sicherheit auch andere Juden erlösen ( 1Tim 1,15-16 ). Dann formuliert Paulus positiv: Gott hat sein Volk nicht verstoßen (ein Zitat aus 1Sam 12,22; Ps 94,14 ) , das er zuvor erwählt hat ( proegnO , "zu dem er eine Beziehung hatte"; vgl. Am 3,2; vgl. auch den Kommentar zu Röm 8,29 ). Gott hat Israel vor aller Ewigkeit zu seinem Bundesvolk erwählt und ist dabei eine Beziehung zu ihm eingegangen, die niemals enden wird (vgl. Jer 31,37 ).

Den zweiten Beweis dafür, daß Gott sein Volk nicht verstoßen hat, führt Paulus anhand der Geschichte Israelszur Zeit des Propheten Elia. Elia war tief betrübt, nachdem er vor Isebel hatte fliehen müssen, um sein Leben zu retten. Paulus schreibt: "Elia ... tritt ( entynchanei , "bat", in Röm 8,27 und Röm 8,34 mit "vertritt" übersetzt) vor Gott gegen Israel" , und zitiert daraufhin die Anklage des Propheten ( 1Kö 19,10.14 ): Ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten mir nach dem Leben . Elia hielt sich also für den einzigen Israeliten, der noch glaubte. Paulus fragt nun: Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? Gott war keineswegs nur auf einen einzigen, furchtsamen Propheten angewiesen; er hatte sich einen frommen Rest, siebentausend Mann, übriggelassen ( 1Kö 19,18 ). Die Bewahrung des treuen Restes war allein das Werk Gottes.

Aus diesem historischen Beispiel zieht Paulus die Schlußfolgerung: So geht es auch jetzt zu dieser Zeit, daß einige übriggeblieben sind nach der Wahl der Gnade. Paulus selbst ist nur einer von vielen Juden seiner Generation, die auserwählt sind, und ein Rest von Juden wird auch in alle späteren Generationen der Kirche berufen werden. Paulus fügt hinzu, daß diese Erwählung ganz allein auf der Gnade Gottes beruht (vgl. Eph 2,8-9 ), und hebt nochmals den Gegensatz zwischen der Gnade und den Werken hervor (vgl. Röm 4,4-5; Röm 9,30-32 ).



Röm 11,7-10


Danach wendet er sich der Frage zu, was "ein durch die Wahl der Gnade berufener Rest" aus Israel für das Volk als ganzes bedeutet. Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Juden versuchten eifrig, aufgrund ihrer Werke und der Gerechtigkeit des Gesetzes von Gott angenommen zu werden (vgl. Röm 10,2-3 ), was ihnen aber nicht gelang. Angenommen werden nur die aufgrund der freien Gnadenwahl Gottes Auserwählten, die anderen sind verstockt (vgl. Röm 11,25 ). Was diese Verstockung bedeutet, wird an Paulus' erklärenden Zitaten deutlich. Das erste stammt aus 5Mo 29,3-4 und Jes 29,10; es weist darauf hin, daß die Verstockung eine geistliche Schwerfälligkeit ( Betäubung ist die Übersetzung von katanyxEos , "eine auf einen Stich zurückzuführende Taubheit"), Blindheit und Taubheit voraussetzt (vgl. Jes 6,9-10 ). Das zweite Zitat ( Röm 11,9-10 ) findet sich in Ps 69,23-24 ,wo vorhergesagt wird, daß gerade das, was als Quelle des Segens für Israel gedacht war ( Tisch bedeutet Segen aus der Hand Gottes, der Israel zu Christus führen sollte; vgl. Gal 3,24 ), zum Anlaß ihrer Ablehnung (eine Falle und Schlinge , ein Anstoß ; vgl. Röm 9,32-33 ) und daher auch ihrer Verurteilung ( Vergeltung ) wurde. Weil die Juden sich weigerten, die Wahrheit Gottes anzunehmen (vgl. Jes 6,9-10; Joh 5,40 ), soll ihr Rücken sich beugen unter der Last der Schuld und der ewigen Strafe.



2. Unter den Heiden
( 11,11 - 24 )


Röm 11,11-12


Auch auf die Frage "Sind sie gestrauchelt (vgl. Röm 9,32 ) , damit sie fallen?" ist Paulus vorbereitet. Das Tempus des Verbs "fallen" und der Gegensatz zu dem Verb "straucheln" im Griechischen implizieren die Vorstellung des endgültigen Falls, nach dem es kein Aufstehen mehr gibt. Auch hier verlangt die Fragestellung im griechischen Text eine negative Antwort, und zum zehnten und letzten Mal im Römerbrief antwortet Paulus: Das sei ferne! ( mE genoito ; vgl. Röm 3,4.6.31; 6,2.15; 7,7.13; 9,14; 11,1 ). "Sie" bezieht sich auf "die andern" (V. 7 ), die Mehrheit des Volkes Israel, von der der "durch die Wahl der Gnade berufene Rest" ausgenommen ist (V. 5 ).

Israel war also nicht für immer gefallen, sondern nur gestrauchelt. Durch seinen Fall sollte den Heiden das Heil widerfahren, und Israel sollte ihnen nacheifern (vgl. 5Mo 32,21 ). Bereits zweimal hatte Paulus sich in seiner Missionstätigkeit von den ungläubigen Juden ab- und den Heiden zugewandt ( Apg 13,46;18,6 ), und mindestens noch einmal, in Rom, sollte er ebenso verfahren ( Apg 28,25-28 ). Dieses Vorgehen entsprach dem Plan Gottes. Trotzdem bleibt Paulus immer davonüberzeugt, daß Israels Fall ( paraptOma , "Übertretungen"; das scheint ganz gut zu "straucheln" zu passen; vgl. paraptoma, in Röm 5,17-18.20 mit "Sünde" übersetzt) zeitlich begrenzt ist, und sieht deshalb stets über die unmittelbaren Folgen des Strauchelns hinaus ( Reichtum für die Welt und ... Reichtum für die Heiden ) auf die Möglichkeit der Wiederherstellung des jüdischen Volkes ( wieviel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll ist ). "Welt" bedeutet hier "Menschheit", nicht natürliche Welt (vgl. "Welt" in Röm 11,15 ). Mit Sicherheit hat die Welt in geistlicher Hinsicht vom Fall der Juden profitiert, denn durch ihn kamen viele Heiden zu Christus (vgl. den Kommentar zu "Versöhnung" in V. 15 ). Viel größere Freuden aber werden den Heiden nach der Bekehrung Israels bei der Rückkehr des Herrn (vgl. V. 26 ) zuteil werden. Daß hier von der "Fülle" Israels die Rede ist, deutet darauf hin, daß es sehr viele Bekehrte sein werden (vgl. "Fülle [wörtlich: "volle Zahl"] der Heiden"; V. 25 ).


Röm 11,13-15


Danach wendet Paulus sich an einen ganz bestimmten Teil der christlichen Gemeinde in Rom: Euch Heiden aber sage ich. Paulus benutzt in seinen Briefen häufig Begriffe aus der mündlichen Rede, eine Tatsache, die in bezug auf die Inspiration des Neuen Testaments bedeutsam ist. Er bestätigt zunächst seine Sonderstellung als Apostel der Heiden (vgl. Apg 9,15; Gal 1,16; 2,7-8; Eph 3,8 ) und erklärt dann: Ich preise mein Amt . Dieses Rühmen seines Auftrags unter den Heiden zielt möglicherweise zum Teil darauf ab, die Eifersucht der Juden zu erregen ( Röm 11,11 ), um vielleicht einige von ihnen retten zu können (vgl. Röm 9,1-4; Röm 10,1 ). Jeder Jude, der für Christus gewonnen wird, wird zu dem "durch die Wahl der Gnade berufenen Rest" gehören. Daraufhin erinnert Paulus seine heidnischen Leser daran, daß die Verwerfung Israels im Plan Gottes die Versöhnung der Welt bedeutet, denn weil Israel Christus ablehnte, wird das Evangelium nun den Heiden verkündigt. In der Schrift ist die Versöhnung ein Werk Gottes, das er im Tod Christi vollbringt. Diese Tat holt zwar den einzelnen noch nicht tatsächlich in eine Beziehung zu Gott zurück, ist aber die Grundlage dafür, daß eine solche Beziehung überhaupt hergestellt werden kann (vgl. 2Kor 5,18-20 ). In Vers 13 - 15 werden also die Wendungen "Reichtum für die Welt" und "Reichtum für die Heiden" in Röm 11,12 erklärt. (Wenn ein Mensch durch den Glauben zu Christus kommt, tritt Gottes Werk der Versöhnung für ihn in Kraft; er geht eine Beziehung zu Gott ein und wird frei von allen geistlichen Kräften, die dem entgegenstehen.)

Paulus ist überzeugt, daß Israels Straucheln nicht von Dauer ist: Was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten? Diese Frage dient der Erklärung der Wendung "wieviel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird" (V. 12 ). Israels "Annahme" Christi steht in Zusammenhang mit der "ersten Auferstehung" ( Offb 20,4-6 ), der Auferstehung des Lebens ( Joh 5,29 ). Dazu wird die Auferstehung der toten Heiligen bei der Entrückung ( 1Thes 4,13-18 ), derjenigen, die in der Zeit der Großen Trübsal den Märtyrertod starben ( Offb 20,4.5 b), und der Gläubigen aus der Zeit des Alten Testaments ( Dan 12,1-2 ) gehören. Bei der zweiten Auferstehung werden dann auch alle bösen Menschen, die gestorben sind, auferweckt und vor dem großen weißen Thron des Gerichts verurteilt werden ( Offb 20,5 a. 12-13 ). Die Lehre, daß die ganze Menschheit in einer einzigen allgemeinen Auferstehung zum Leben erweckt werden wird, setzt sich über die hier genannten Unterscheidungen hinweg.



Röm 11,16


Paulus nennt zwei Gründe für seine Überzeugung, daß Israel als Volk Gottes wieder in seine alten Rechte eingesetzt wird. Das erste Beispiel, das er anführt, stammt aus den Anweisungen Gottes an Israel, nachdem das Volk das Land Kanaan betreten und die erste Weizenernte eingebracht hatte, "als Erstling (ihres) Teiges einen Kuchen als Opfergabe darzubringen"( 4Mo 15,20 ) - ein Opfer, das sie jedes Jahr wiederholen sollten. Der aus dem ersten Weizenmehl gebackene Kuchen war geheiligt, indem er Gott geopfert wurde. Paulus erklärt: Ist die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig. Als zweites Beispiel nennt Paulus einen Baum: Wenn die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig.

Das Prinzip ist beide Male dasselbe: Das vorhergehende bestimmt das Wesen dessen, das folgt. Bei einem Baum ist die Wurzel offensichtlich das erste; sie bestimmt die Art des Baumes und das Aussehen der Zweige, die an ihm wachsen. Bei einem Kuchen, der dem Herrn dargebracht wird, wird das Mehl von dem gemahlenen Weizen genommen. Der Kuchen wird als erstes davon geformt und gebacken und dem Herrn dargebracht. Durch seine Absonderung als Erstling für den Herrn heiligt er die ganze Ernte. Die Erstlingsgaben bzw. die Wurzeln symbolisieren die Väter Israels bzw. Abraham selbst, und der ganze Teig bzw. die Zweige verkörpern das Volk Israel. Da Israel also für Gott abgesondert (heilig) ist, kann sein "Straucheln" (die Ablehnung Christi) nur zeitweilig sein.



Röm 11,17-21


In der apostolischen Zeit hat Gott das Volk Israel als Ganzes beiseitegestellt. In Paulus' Bild heißt das: Er hat einige von den Zweigen ausgebrochen . Ihre Stelle nehmen jetzt die Heidenchristen ein: Und du, der du ein wilder Ölzweig warst, bist in den Ölbaum eingepfropft worden und hast teilbekommen an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums. Paulus warnt die Heiden allerdings davor, sich dieses Segens zu rühmen. Da sie der "wilde Ölzweig" sind, der einem kultivierten Baum aufgepfropft wurde, stehen sie in der Schuld Israels, nicht Israel in ihrer. "Das Heil kommt von den Juden" ( Joh 4,22 ).

Der Vorgang des Aufpfropfens sieht normalerweise (obwohl auch das Gegenteil praktiziert wird) so aus, daß ein kultivierter Ölzweig einem wilden Ölbaum aufgepfropft wird, verläuft also genau andersherum. Paulus ist sich dessen anscheinend bewußt, denn er schreibt später, es sei "wider die Natur" ( Röm 11,24 ).

Um seine Warnung zu unterstreichen, erklärt Paulus: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Die Wurzel eines Baumes ist die Quelle seines Lebens; aus ihr beziehen alle Zweige ihre Nahrung. So ist Abraham "der Vater aller, die glauben" ( Röm 4,11-12.16-17 ), auch der gläubigen Heiden. Sie verdanken ihre Rettung Abraham, nicht umgekehrt.

Auch den nächsten Einwand seiner Leser sieht Paulus voraus: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. Obwohl das nicht der eigentliche Grund war, läßt Paulus die Behauptung zunächst unwidersprochen, weist dann jedoch darauf hin, daß die Zweige um des Unglaubens Israels willen ausgebrochen und die Heiden aufgrund ihres Glaubens aufgepfropft worden sind (vgl. Röm 5,2 ) und warnt erneut jeden einzelnen Christen: Sei nicht stolz (wörtlich: "denke nicht hoch" von dir; vgl. Röm 12,16 ) , sondern fürchte dich , d. h. fürchte Gott.

Und er erinnert sie daran: Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen. Im Griechischen ist das ein Konditionalsatz erster Ordnung, der voraussetzt, daß die Bedingung im ersten Teil des Satzes wahr ist. Wie aus den vorhergehenden Versen ganz klar hervorgeht, bezieht sich das auf Israels "Fall" ( Röm 11,11 ), "Schade" (V. 12 ) und "Verwerfung" (V. 15 ), denn "die Zweige sind ausgebrochen worden" (V. 17 ) "um ihres Unglaubens willen" (V. 20 ). Die Verse 11 - 21 machen also deutlich, daß Gottes freie Wahl gerecht ist. Wenn Gott aber um seiner Gerechtigkeit willen sogar das Volk Israel eine Zeitlang abseits stehen läßt, weil es nicht glaubt, so wird er mit Sicherheit mit den Heiden nicht anders verfahren, wenn sie stolz und hochmütig werden.



Röm 11,22-24


In diesen Versen faßt Paulus seine Ausführungen über die Gnadenwahl Gottes, der sein erwähltes Volk eine Zeitlang seiner Vorrechte entkleidet und der ganzen Menschheit die Gerechtigkeit durch den Glauben anbietet, zusammen. Darum sieh ( ide , "erblicken") die Güte ( chrEstotEta , "aktives Wohlwollen"; vgl. auch Röm 2,4; Eph 2,7; Tit 3,4 ) und den Ernst ( apotomian , ein Wort, das nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament steht; vgl. apotomOs in 2Kor 13,10 ,"Strenge gebrauchen", und Tit 1,13 ,"scharf") Gottes . Zu Gottes freier Wahl gehört die Strenge gegenüber den Juden, die im Unglauben strauchelten ( die gefallen sind ; vgl. Röm 11,11 ) und verstockt wurden (V. 25 ). Doch eben dieser Entschluß, die Juden zu strafen, offenbarte zugleich auch die Güte Gottes gegenüber den Heiden. Ob diese Güte Bestand haben wird, hängt davon ab, ob die Heiden bei seiner Güte bleiben werden. Wenn sie das nicht tun, werden auch sie abgehauen werden . Das bedeutet nicht, daß ein Christ sein Heil verlieren kann, sondern bezieht sich auf die Heiden als ganzes (vgl. den Singular du ), falls sie sich, wie Israel vor ihnen, wieder vom Evangelium abwenden.

Umgekehrt werden die Juden, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, erneut eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen . Es geht hier nicht darum, wozu Gott imstande ist, sondern um seinen Entschluß - seine freie Entscheidung, Israel in Ungnade fallen zu lassen, weil es sich weigert zu glauben, und statt dessen allen Menschen die Gerechtigkeit aus dem Glauben anzubieten, d. h. die Heiden in die geistliche Nachkommenschaft Israels aufzunehmen (vgl. Röm 4,12.16-17; Gal 3,14 ).

Wenn der Unglaube, der zur Ablehnung Israels führte, ein Ende findet, wird Gott sein Volk ( die natürlichen Zweige ) wieder in die geistliche Nachkommenschaft, in die es gehört ( in ihren eigenen Ölbaum ) einpfropfen. Denn "wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden" ( Röm 10,13 ).

Der "Ölbaum" ist nicht ein Bild der Kirche, sondern der geistlichen Nachkommenschaft Abrahams. Zu ihr zählen auch die gläubigen Heiden, so daß im Kirchenzeitalter sowohl Juden als auch Heiden dem Leib Christi angehören ( Eph 2,11-22;3,6 ). Eines Tages aber wird sich Israel als ganzes zu Christus bekehren (wie Paulus in Röm 11,25-27 sagte). Dieser Abschnitt lehrt nicht, daß die dem Volk Israel geltenden Verheißungen aufgehoben wurden und nun durch die Kirche erfüllt werden. Eine solche Vorstellung, die z. B. die Gegner der These des Tausendjährigen Reichs vertreten, ist Paulus, der immer wieder darauf hinweist, daß Israels Fall zeitlich begrenzt ist, fremd. Als Abrahams geistliche Kinder werden die gläubigen Heiden zwar an den Segnungen des Bundes, den Gott mit Abraham schloß ( 1Mo 12,3 b), teilhaben ( Gal 3,8-9 ), doch sie werden den Platz Israels als Erben der Verheißung nicht für immer einnehmen ( 1Mo 12,2-3; 5,18-21; 17,19-21; 22,15-18 ).


3. Die endgültige Rettung Israels
( 11,25 - 32 )


Röm 11,25-27


Das Straucheln des Volkes Israel, das nicht ewig währen wird, ist ein Geheimnis . Als Geheimnis wird in der Schrift nicht eine Wahrheit bezeichnet, die schwer zu verstehen ist, sondern eine, die vormals noch nicht offenbart (und daher nicht bekannt) war, jetzt aber offenbart ist und öffentlich verkündigt wird (vgl. Eph 3,9; Kol 1,26; vgl. auch die Tabelle bei Mt 13,10-16 ,die die Geheimnisse, von denen im Neuen Testament die Rede ist, auflistet). Paulus will sichergehen, daß seine heidnischen Leser über das Geheimnis der Gnadenwahl Gottes Bescheid wissen, damit sie sich nicht selbst für klug halten. Gottes freie Entscheidung, sich eine Zeitlang von Israel abzuwenden, um auch den Heiden seine Gnade zu erweisen, darf nicht zum Anlaß werden, daß letztere sich einer Täuschung hingeben; sie soll vielmehr der größeren Herrlichkeit Gottes dienen.

Gott will, daß Menschen aus allen Völkern die Gerechtigkeit, die er ihnenin seiner Gnade anbietet, durch den Glauben empfangen. Dafür hebt er seine Beziehung zum erwählten Volk Israel für eine gewisse Zeit auf: "Es ist einem Teil Israels Verstockung widerfahren, so lange bis die Fülle ( plErOma ) der Heiden zum Heil gelangt ist. Es ist also sowohl von der Fülle Israels ( Röm 11,12 ) als auch von der Fülle der Heiden die Rede. Auch aus den Heiden beruft Gott sich "ein Volk für seinen Namen" ( Apg 15,14 ).

In Vers 25 wird die Verstockung Israels näher erläutert (vgl. V. 7 - 8 ): sie betrifft nur "einen Teil" (weil es immer einen "durch die Wahl der Gnade berufenen Rest", V. 5 , gibt), und sie ist zeitlich beschränkt (sie wird enden, wenn auch die Heiden, die Gott erwählt hat, gerettet sind).

"Verstockung" ist die Übersetzung des griechischen Begriffs pOrOsis ("Verhärtung, Unempfindlichkeit"); das ist nicht dasselbe wie das Verb sklErynei ("verstocken"), das in Röm 9,18 für Pharao benutzt wird, und das Substantiv sklErotEta ("Verstockung"; Röm 2,5 ). POrOsis bedeutet Stumpfsinn, Trägheit, das zweite Substantiv bedeutet Halsstarrigkeit, Sturheit.

Wenn "die Fülle der Heiden" ( Röm 11,25 ) vollendet ist, wird die Verstockung, die einen Teil des Volkes Israel ergriffen hat, aufgehoben und ganz Israel wird gerettet werden , d. h. Israel wird durch den Messias, seinen Erlöser , aus seiner schrecklichen Bedrängnis "erlöst" werden (im Alten Testament hat "gerettet" häufig die Bedeutung von "erlöst"). Zur Bestätigung zitiert Paulus Jes 59,20-21 und Jes 27,9 .Die Aussage, "ganz Israel wird gerettet werden", bedeutet nicht, daß jeder Jude, der bei der Rückkehr Christi leben wird, wiedergeboren wird. Viele von ihnen werden verloren sein, wie aus der Tatsache hervorgeht, daß das Gericht über Israel, das bald nach der Rückkehr des Herrn stattfinden wird, die Vernichtung der widersetzlichen Juden beinhalten wird ( Hes 20,34-38 ). In diesem Gericht wird Gott alle Gottlosigkeit von Israel abwenden und alle Sünde vom Volk wegnehmen und einen neuen Bund mit dem wiedergeborenen Israel schließen (vgl. Jer 31,33-34 ).



Röm 11,28-29


In diesen Versen faßt Paulus Gottes Handeln an Israel und den Heiden zusammen. Um den Heiden das Evangelium zu bringen, mußte Gott ganz Israel als Feinde ansehen, doch in Hinsicht auf die Erwählung Abrahams und des Bundes mit ihm und den Vätern sind die Israeliten Geliebte . Weil Gott Abraham, Isaak und Jakob erwählte (vgl. Röm 9,6-13 ), liebt er das ganze Volk und wird es für seine Verheißungen bewahren. Das ist ein weiterer Grund, weshalb die Verstockung Israels nur zeitweilig sein kann (vgl. Röm 11,15.22-25 ) und es schließlich als ganzes gerettet werden muß: Gott hat es erwählt. Gottes Gaben und Berufung aber können ihn nicht gereuen . Er nimmt nicht zurück, was er einmal gegeben hat, und er verwirft nicht, wen er erwählt hat ("berufen" beinhaltet die Erwählung und Rettung; vgl. Röm 1,6; 8,30 ).



Röm 11,30-32


Paulus' Leser waren zuvor Gott ungehorsam , doch im Zeitalter der Gnade haben sie Barmherzigkeit erlangt . In Adams Ungehorsam ( Röm 5,19 ) wurden alle Menschen zu Sündern, da in ihm die ganze Menschheit sündigte ( Röm 5,12 ). (Vgl. "Ungehorsam" in Eph 2,2;5,6; und Hebr 4,6.11 .) Israel ( jene ) ist jetzt als Ganzes ungehorsam, damit es, wenn allen Heiden ( Röm 11,25 ) Barmherzigkeit widerfahren ist, ebenfalls Barmherzigkeit erlangen wird (vgl. V. 26 - 27 ). Denn Gott will sich aller erbarmen. Um diesen Plan in Gerechtigkeit zu erfüllen, hat er alle eingeschlossen ( synekleisen ) in den Ungehorsam . "Sie sind alle Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollen" ( Röm 3,23 ). "Alle, Juden wie Griechen, sind unter der Sünde" ( Röm 3,9 ), "hier ist kein Unterschied" ( Röm 3,22 ). Als die Heiden Gott ablehnten und ihm ungehorsam waren ( Röm 1,18-21 ), erwählte Gott Abraham und seine Nachkommen zu seinem Bundesvolk. Jetzt ermöglicht es ihm der Ungehorsam der Juden, den Heiden Gnade zu erweisen. Wenn sein Plan erfüllt ist, wird er sich auch über Israel wieder erbarmen.



4. Lob angesichts der Herrlichkeit Gottes
( Röm 11,33-36 )


Röm 11,33-36


An die Erörterung über die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes in der Gnadenwahl schließt sich eine Doxologie an: O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Der Heilsplan Gottes für die Menschen ist ein Beweis für seine Allwissenheit und seine Fähigkeit, dieses Wissen zum Besten der Menschen einzusetzen. Gott hat einige seiner Gerichte und Wege offenbart, damit die Menschen sie kennen, doch es ist ihnen nicht möglich, sie ganz zu verstehen. Unerforschlich ist die Übersetzung von anexichniastoi , "unnachvollziehbar". Auch in Eph 3,8 , der einzigen Stelle, an der dieses Wort im Neuen Testament sonst noch steht, ist es mit "unerforschlich" übersetzt und bezieht sich auf den Reichtum Christi.

Dann zitiert der Apostel Jes 40,13 : Nur Gott allein kennt seinen weisen Plan. Kein Mensch kennt Gottes Sinn oder kann ihm Ratschläge geben. Es folgt ein freies Zitat aus Hi 41,3 ,das bezeugt, daß Gott die Verantwortung für sein Handeln ganz allein trägt. Gott ist in der Tat der Herrscher über alle Dinge, ihm ist alle Kreatur verantwortlich, und ihn soll sie verherrlichen. Er muß niemandem etwas vergelten, denn niemand hat ihm zuvor etwas gegeben . Paulus schließt mit dem Satz: Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Gott ist der "erste Beweger", die erste und die letzte Ursache aller Dinge. Seine unergründlichen Wege gehen über jedes Begreifen ( Röm 11,33 ), jedes Erkennen (V. 34 a), jeden Rat (V. 34 b) und jedes Geben (V. 35 ) der Menschen hinaus. "Alle Dinge" kommen von ihm und durch ihn ( Joh 1,3; Kol 1,16 a; Offb 4,11 ) und sind für ihn und zu seiner Verherrlichung geschaffen ( Kol 1,16 b). Daher sei ihm Ehre in Ewigkeit (vgl. Röm 15,6; 16,27; 1Pet 4,11; Offb 5,12-13 ). Gott ist der einzige, der zu verherrlichen ist ( 1Kor 1,31 ). Der all-herrschende Gott verdient das Lob seiner ganzen Schöpfung.



VI. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in einem neuen Leben
( 12,1 - 15,13 )


Paulus' Briefe bestehen meist aus zwei größeren Abschnitten, einem Lehrteil und einem praktischen Teil. Im Römerbrief ist der Lehrteil allerdings mehr als doppelt so lang wie der praktische Teil. (Im Epheser- und im Kolosserbrief sind die beiden Abschnitte etwa gleich lang.)



A. Die grundlegende Heiligung
( 12,1 - 2 )


Röm 12,1-2


Die Wendung "ich ermahne euch" leitet den praktischen Teil des Briefes ein. Auch das nun deutet auf einen Übergang hin (vgl. Röm 3,20 ,"denn"; Röm 5,1 ,"da"; Röm 8,1 ,"so"). Die Grundlage dieser Ermahnung ist die Barmherzigkeit Gottes ( oiktirmOn , in 2Kor 1,3 und Phil 2,1 mit "Barmherzigkeit", in Kol 3,12 und Hebr 10,28 mit "[herzliches] Erbarmen" übersetzt). Paulus hat die Barmherzigkeit Gottes in den ersten elf Kapiteln des Römerbriefs in allen Einzelheiten beschrieben. Nun fordert er seine Leser auf: Gebt eure Leiber (vgl. Röm 6,13 ) hin als ein Opfer, das lebendig ist. Der Leib eines Christen ist der Tempel des Heiligen Geistes ( 1Kor 6,19-20 ). Als das Ausdrucksmittel des Menschen verkörpert der "Leib" - ein Begriff, der an die alttestamentlichen Opfer erinnert - die Ganzheit des Lebens und des Handelns einer Person. Im Gegensatz zu den Opferungen des Alten Testaments ist hier jedoch von einem lebendigen Opfer die Rede. Ein solches Opfer ist heilig (abgesondert) und Gott wohlgefällig (vgl. "das Wohlgefällige" in Röm 12,2 ) und stellt einen vernünftigen ( logikEn ; vgl. 1Pet 2,2 ) Gottesdienst ( latreian ) dar. Latreian bezieht sich auf jeden Dienst für Gott, z. B. auf den Dienst der Priester und Leviten. Die Christen sind Gläubige und Priester, dem Hohenpriester Jesus Christus gleich geworden (vgl. 1Pet 2,5.9; Hebr 7,23-28; Offb 1,6 ).Das Angebot eines Gläubigen, sein ganzes Leben Gott als Opfer darzubringen, ist daher ein heiliger Gottesdienst. Angesichts der von Paulus sorgfältig aufgebauten Exposition der Barmherzigkeit Gottes ( Röm 1-11 ) ist ein solches Opfer offensichtlich genau die Antwort, die von den Gläubigen erwartet wird.

Dann zählt Paulus die Anforderungen auf, die an einen Gläubigen, der Gott sein Leben als Opfer darbringen will, gestellt werden. Ein solches Opfer bedeutet eine Veränderung des gesamten Lebensstils. Als erstes gebietet Paulus seinen Lesern: Stellt euch nicht dieser Welt ( aiOni , "Zeitalter") gleich (wörtlich: "seid nicht gleichgestellt"; dieser griechische Begriff steht im Neuen Testament nur noch in 1Pet 1,14 ). Die Christen sollen ihr Leben nicht an den Maßstäben "dieser gegenwärtigen, bösen Welt" ( Gal 1,4 ; vgl. Eph 1,21 ) ausrichten. Deshalb fordert der Apostel sie auf: Sondern ändert euch (im Griechischen ein Imperativ Präsens Passiv) durch Erneuerung eures Sinnes . Von dem griechischen, hier mit "ändern" übersetzten Verb metamorphousthe stammt auch das Fremdwort "Metamorphose", das eine totale Verwandlung bezeichnet (vgl. 2Kor 3,18 ). Der Schlüssel zu dieser Veränderung ist der "Sinn" ( noos ), das Kontrollzentrum der Einstellungen, Gedanken, Gefühle und Handlungen eines Menschen (vgl. Eph 4,22-23 ). Wenn der "Sinn" durch das Wort Gottes, das Gebet und die christliche Gemeinschaft ständig erneuert wird, so verändert sich auch die Lebensführung.

Paulus fügt hinzu: Damit ihr prüfen könnt ( dokimazein , "prüfen durch ausprobieren"; 1Pet 1,7 : "als echt befunden"; d. h. erkennen) , was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, Wohlgefällige (vgl. Röm 12,1 ) und Vollkommene . Diese drei Qualitäten sind allerdings nicht Eigenschaften des Willens Gottes, wie manche Übersetzungen vermuten lassen, sondern das, was Gott will, ist gut, (Gott) wohlgefällig und vollkommen. "Das Gute" ist also kein Adjektiv (Gottes "guter" Wille), sondern ein Substantiv (Gott will das Gute - z. B. das Gute für einen Gläubigen, wie es die Lutherübersetzung ja auch richtig widergibt).

In dem Maße, wie ein Christ in seinem Sinn verwandelt und Christus ähnlicher wird, wird er fähig, den Willen Gottes gutzuheißen und sein Leben nach ihm - nicht mehr nach seinem eigenen Willen - zu gestalten. Wenn ihm das gelingt, stellt er fest, daß der Wille Gottes gut für ihn ist, daß er Gott wohlgefällig und in jeder Hinsicht vollkommen ist. Er ist alles, was ein Christ braucht. Doch erst die Wiedergeburt befähigt einen Gläubigen zu dieser Erkenntnis, denn nur wer geistlich erneuert ist, kann den Willen Gottes tun und sich an ihm freuen.



B. Im Dienst der Gemeinde
( 12,3 - 8 )


Röm 12,3-5


Die Hingabe eines Gläubigen an Gott und seine veränderte Lebensführung zeigen sich in der Ausübung der ihm vom Geist verliehenen Gabe innerhalb des Leibes Christi. Als Apostel Christi ( durch die Gnade, die mir gegeben ist ; vgl. Röm 1,5; 15,15-16 ) warnt Paulus jeden einzelnen seiner Leser ( jedem unter euch ): Niemand halte mehr von sich ( hyperphronein , "höher denken") , als sich's gebührt. Eine übertrieben hohe Selbsteinschätzung hat im Leben des Christen keinen Platz. Dann ermutigt er sie: "Jeder halte ( phronein ) maßvoll ( sOphronein , "vernünftig denken") von sich, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat. Gott hat jedem Gläubigen ein bestimmtes Maß an Glauben gegeben, mit dem er ihm dienen kann. Mit dem Wortspiel der verschiedenen Verbformen von phroneO , "denken", unterstreicht Paulus, daß menschlicher Stolz im Leben eines Christen unangebracht ist (vgl. Röm 3,27; 11,18.20 ), und zwar zum Teil deshalb, weil alle natürlichen Begabungen und alle Geistesgaben von Gott stammen. Ein Christ soll sich in Demut bewußt sein, daß er wie seine Glaubensbrüder auch ein Glied amLeib Christi ist. Der Apostel zeigt gewisse Parallelen zwischen dem physischen Leib des Gläubigen mit seinen vielen Gliedern und unterschiedlichen Funktionen und der Gemeinschaft der an Christus Gläubigen, dem geistlichen Leib , auf (vgl. 1Kor 12,12-27; Eph 4,11-12.15-16 ). Jeder hat in diesem Leib seine Aufgabe, mit der er dem Ganzen dient; es ist nicht der Leib, der den einzelnen Gliedern dient. Ungeachtet der Einheit des Leibes besteht zugleich eine Verschiedenheit seiner vielen Glieder . Es ist daher sehr wichtig, sich selbst richtig einzuschätzen und die Gaben Gottes richtig anzuwenden.



Röm 12,6-8


Das soeben Gesagte (V. 3 - 5 ) bezieht Paulus nun auf die Ausübung der von Gott gegebenen Fähigkeiten im geistlichen Bereich (V. 6 - 8 ). Dabei geht er von dem Prinzip aus, daß alle Glieder verschiedene Gaben ( charismata ) besitzen (vgl. V. 4 , "aber nicht alle haben dieselbe Aufgabe"; vgl. 1Kor 12,4 ), die nach der Gnade ( charis ) verteilt sind. Paulus zählt sieben Gaben auf, doch keine von ihnen - ausgenommen vielleicht die Gabe der prophetischen Rede - gehört zu den "Zeichengaben". Der griechische Text ist hier sehr viel zusammenhangloser als alle Übersetzungen; "so übe er sie" ist zum besseren Verständnis eingefügt. Die Gabe der "prophetischen Rede" soll dem Glauben gemäß ausgeübt werden; d. h. die Prophezeiungen - die Verkündigung des Wortes Gottes zur Stärkung, Ermutigung und Tröstung der Gemeinde ( 1Kor 14,3 ) - sollen im rechten Verhältnis zu der Wahrheit, die bereits offenbart ist, stehen (vgl. den "Glauben" als Lehre in Gal 1,23; Jud 1,3.20 ). Die anderen sechs Gaben, die Paulus an dieser Stelle erwähnt, sind dienen, lehren, ermahnen, geben, vorstehen, Barmherzigkeit üben . Wer gibt, der soll großzügig ( en haplotEti ) geben, nicht knauserig (vgl. 2Kor 8,2;9,11.13 ). Verwaltung, Führung und Amt ( proistamenos , wörtlich "vorstehen"; vgl. proistamenous , "die euch vorstehen"; 1Thes 5,12 ) sollen sorgfältig (en spoude, "mit Ernst und Eifer") erfüllt werden, nicht nachlässig und halbherzig. Wer Barmherzigkeit üben will, der soll es gern ( en hilarotEti , "mit frohem Herzen") tun, nicht traurig. Drei dieser sieben Gaben (Apostel, Propheten, Lehrer) werden im 1. Korintherbrief ( 1Kor 12,28 ) nochmals erwähnt; zwei (Propheten, Evangelisten) kommen auch in Eph 4,11 vor, und zwei (Dienen und Predigen) werden in 1Pet 4,10-11 angeführt. Welche Gabe man auch immer besitzt, man soll sie sorgfältig und getreulich ausüben.

 

C. In den sozialen Beziehungen
( 12,9 - 21 )


Der folgende Abschnitt besteht aus mehreren kurzen Ermahnungen und Geboten. Sie beziehen sich alle auf das Verhältnis der Christen zu anderen Menschen, sowohl zu den Geretteten als auch zu den Nicht-Geretteten.



Röm 12,9-10


Am Anfang dieser Ermahnungen wird den Lesern der "Schlüssel zum Erfolg" alles christlichen Bemühens in die Hand gegeben: Die Liebe sei ohne Falsch. Dieser Satz bezieht sich auf die Liebe Gottes, die den Gläubigen durch den Heiligen Geist zuteil wurde ( Röm 5,5 ) und die sie nun in der Kraft des Geistes auch anderen Menschen erweisen sollen. "Ohne Falsch" ist die Übersetzung von anypokritos (wörtlich: "ohne Heuchelei"), ein Adjektiv, das im Neuen Testament außer im Zusammenhang mit der Liebe (vgl. 2Kor 6,6; 1Pet 1,22 ,"ungefärbt") auch noch im Hinblick auf den Glauben ( 1Tim 1,5; 2Tim 1,5 ,"ungefärbt") und die Weisheit ( Jak 3,17 ,"lauter") verwendet wird.

Dem ersten, zentralen Gebot folgen zwei Ermahnungen, die damit in Zusammenhang stehen: Haßt das Böse, hängt dem Guten an. Viele Exegeten sehen darin eine erklärende Ergänzung zu dem Gebot, in der Liebe aufrichtig zu sein, und übersetzen den Vers: "Die Liebe sei ohne Falsch, sie hasse das Böse und hänge dem Guten an." Vom Haß gegenüber den verschiedenen Formen der Sünde ist in der Schrift häufig die Rede ( Ps 97,10; 119,104.128.163; Spr 8,13;13,5;28,16; Hebr 1,9; Offb 2,6 ). Man kann nicht dem Guten anhängen, ohne sich vom Bösen abzuwenden (vgl. 1Pet 3,11 ).

Die göttliche Liebe soll in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen ausgeübt werden. In dem griechischen Adjektiv philostorgoi , hier mit "herzlich" übersetzt, schwingt die Vorstellung der Zuneigung zwischen Familienmitgliedern mit. Wie in Vers 9 kann auch hier der zweite Teil des Satzes als Erklärung zum Satzanfang verstanden werden. Vers 10 könnte also übersetzt werden: Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich, einer komme in ihr dem andern mit Ehrerbietung zuvor (vgl. Phil 2,3 : "achte einer den andern höher als sich selbst").



Röm 12,11-12


Die folgenden Aufforderungen, die sich auf die persönliche Einstellung der Gläubigen beziehen, können, wenn sie beherzigt werden, diese in den Augen ihrer Mitmenschen liebenswerter machen. Der entscheidende Gedanke steht hier am Ende von Vers 11 : Dient ( douleuontes ; in V. 7 heißt "dienen" diakonian ) dem Herrn. Ihm geht die Erklärung voraus, wie sich diese "Knechtschaft" ( doulos ; vgl. Röm 1,1 ) äußern soll: Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend ( zeontes , ein Ausdruck, der außer an dieser Stelle nur noch in Apg 18,25 ,dort für Apollos, benutzt wird) im Geist (hier ist entweder der Heilige Geist oder auch das Innere des Menschen gemeint). Wieder ist eines der beiden Gebote negativ, das andere positiv formuliert (vgl. Röm 12,9 ). Die Christen sollen Gott mit Begeisterung und Eifer dienen.

Die drei Ermahnungen in Vers 12 können entweder als unabhängige Aufforderungen oder ebenfalls als Ergänzungen zum Begriff des Dienens verstanden werden. Sie lauten: Seid fröhlich in der Hoffnung , denn die Hoffnung auf Christus ist die Grundlage der Freude ( Röm 5,2-5; 1Pet 1,6-9 ), geduldig ( hypomenontes ; "beständig, ausdauernd"; vgl. Röm 5,3 ) in Trübsal ( thlipsei , "Bedrängnis, Kummer, Druck"; vgl. Röm 8,35 ), beharrlich ( proskarterountes ; vgl. Apg 1,14;2,42; Kol 4,2 ) im Gebet um Weisheit, Führung und Kraft (vgl. 1Thes 5,17 ).



Röm 12,13


Indem er nochmals auf die Verantwortung der Christen gegenüber ihren Glaubensbrüdern zurückkommt, ermahnt Paulus seine Leser zum Schluß: Nehmt euch ( koinOnountes , "gemeinsam haben") der Nöte der Heiligen an . Das bezieht sich wohl in erster Linie auf die Gemeinde in Jerusalem ( Apg 2,44-45;4,32.34-37 ) und die Kollekte, die die Gemeinde in Antiochia ( Apg 11,27-30 ) und der Apostel Paulus ( 1Kor 16,1-4; 2Kor 8-9; Röm 15,25-27 ) für die Armen in Jerusalem durchführten. Auch bei dem Gebot übt Gastfreundschaft (wörtlich: "erweist Fremden Freundlichkeit"), denkt Paulus an die tätige Nächstenliebe.



Röm 12,14-16


Die folgenden drei Verse sprechen von den Reaktionen eines Gläubigen auf die Handlungen und Gefühle anderer - sowohl Christen als auch Nicht-Christen. Haß, der sich in Verfolgungen äußert, erweckt meist wieder Haß. Paulus aber gebietet: Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht (vgl. Mt 5,44 ). Vielleicht dachte er dabei an Stephanus ( Apg 7,59-60 ) und an Jesus Christus ( Lk 23,34 ). Beide hatten diese Worte gelebt und Gott noch im Tod um Vergebung für ihre Verfolger gebeten.

Christen sollen in der Lage sein, mit anderen - Gläubigen und Nichtgläubigen - mitzuempfinden. Paulus verlangt: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Das aber setzt zunächst einmal die Einheit unter den Christen voraus: Seid eines Sinnes untereinander (vgl. Röm 15,5; Phil 2,2; 1Pet 3,8 ). Die Harmonie unter den Christen ist die Grundlage für ihre Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen. Auch diesen Gedanken formuliert Paulus noch genauer, und zwar sowohl positiv als auch negativ: Trachtet nicht nach hohen Dingen (wörtlich: "Denkt nicht hoch von euch selbst"; vgl. Röm 11,20; 12,3 ) , sondern halteteuch herunter zu den geringen (vgl. Jak 2,1-9 ). Er faßt beide Aufforderungen in dem Gebot zusammen: Haltet euch nicht selbst für klug (vgl. Spr 3,7; Röm 11,25 ), denn eine solche Einstellung macht das Verständnis für andere unmöglich.



Röm 12,17-18


Die Ermahnungen in den Versen 17 - 21 beziehen sich in erster Linie auf das Verhältnis der Christen zu den Nichtchristen, die als "Feinde" der Gläubigen (V. 20 ) und als diejenigen, die anderen Böses tun (V. 17 ), auftreten. Das alttestamentliche Prinzip der Gerechtigkeit lautete: "Auge um Auge" ( 2Mo 21,24 ), doch Paulus gebietet: Vergeltet niemand Böses mit Bösem (vgl. 1Pet 3,9 ). Positiv formuliert: die Christen sollen Gutes ( kala , "schön", hier im ethischen Sinn für "gut, edel, ehrbar") tun und mit allen Menschen Frieden haben (vgl. "Seid eines Sinnes untereinander"; Röm 12,16 ). Doch in Anerkennung der Grenzen des Machbaren schickt Paulus voraus: Ist's möglich, soviel an euch liegt. Mit anderen Menschen in Frieden zu leben, ist vielleicht nicht immer möglich, doch auf jeden Fall sollen die Gläubigen keinen Anteil daran haben, wenn es zu Streit oder Krieg kommt (vgl. Mt 5,9 ).



Röm 12,19-21


Nochmals ermahnt Paulus seine Leser, nicht selbst Rache zu nehmen, wenn sie beleidigt oder mißhandelt wurden, sondern dem Zorn Gottes Raum zu geben, denn Gott hat versprochen, sein Volk zu rächen: Die Rache ist mein; ich will vergelten ( 5Mo 32,35; vgl. Hebr 10,30 ). Davids zweimalige Weigerung, Saul zu töten, als es so aussah, als ob Gott ihn ihm ausgeliefert hatte, ist ein klassisches biblisches Beispiel für dieses Prinzip. Angesichts Gottes Verheißung, daß er selbst Rache nehmen wird, sollte ein Christ seinem Feind zu essen und zu trinken geben, kurz, auf das Böse, das er von ihm erfahren hat, mit christlicher Nächstenliebe antworten. Die Wendung "feurige Kohlen auf seinem Haupt sammeln" ist, zusammen mit dem ersten Teil von Röm 12,20 , ein Zitat aus Spr 25,21-22 .Das Bild bezieht sich vielleicht auf ein ägyptisches Ritual, bei dem der Sünder als Symbol für seine Reue eine Pfanne mit brennender Kohle auf dem Kopf tragen mußte. Außerdem beinhaltet die Vergebung immer die Möglichkeit, den Feind zu Scham und Buße zu bewegen. Paulus faßt zusammen: Laß dich nicht vom Bösen überwinden , d. h. gib der Versuchung, dich zu rächen, nicht nach, sondern überwinde das Böse mit Gutem (vgl. Mt 5,44 ,"liebet eure Feinde"). Auch hier ist dasselbe Gebot wieder sowohl positiv als auch negativ formuliert (vgl. Röm 12,9.11.16-20 ).



D. Im Verhältnis zur Obrigkeit
( 13,1 - 7 )


Röm 13,1-3


Rom war die Hauptstadt des riesigen römischen Reiches, der Sitz des Kaisers und damit der Regierung. Als Einwohner Roms waren die Adressaten des Römerbriefs sich sicherlich des Ruhmes, aber auch des schlechten Rufes bewußt, in dem ihre Stadt in der Regierungszeit Neros (54 bis 68 n. Chr.) stand. Doch die Christen in Rom waren zugleich auch Bürger des Gottesreiches ( Phil 3,20; Kol 1,13 ). Es ist deshalb durchaus angebracht, daß Paulus an dieser Stelle auch auf die Beziehung eines Christen zur Obrigkeit eingeht. Sowohl von ihrer Ausführlichkeit als auch von den Einzelheiten her ist die folgende Ausführung die wichtigste Stelle im Neuen Testament zu diesem Thema (vgl. 1Tim 2,1-4; Tit 3,1; 1Pet 2,13-17 ).

Die grundlegende Ermahnung des Apostels lautet: Jedermann sei untertan der Obrigkeit (wörtlich: "höheren Autoritäten"). Da die Obrigkeit von Gott eingesetzt ist (vgl. Dan 4,14.22.31-32 ), widerstrebt, wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung Gottes . Widerstand gegen die Obrigkeit ist nach dieser Formulierung gleichbedeutend mit aktivem Widerstand gegen Gott. Wer sich also der menschlichen Obrigkeit entgegenstellt, zieht sich damit selbst das Urteil sowohl der bürgerlichen als auch dergöttlichen Macht zu. Wer aber gehorcht und Gutes tut, braucht sich vor der Obrigkeit nicht zu fürchten, ja er wird sogar von seinem Herrscher Lob erhalten.



Röm 13,4-5


Die Obrigkeit ist die Dienerin Gottes , eine Vorstellung, die in unserem modernen Denken keinen Platz mehr hat. Indem die Regierung die, die Gutes tun, lobt (V. 3 ), tut sie ihrerseits Gutes (V. 4 ). Auf der anderen Seite trägt sie, als Dienerin Gottes (das ist das zweite Mal in diesem Vers, daß Paulus die zivile Autorität mit diesem Ausdruck belegt; vgl. V. 6 ), Waffen ( das Schwert ). Richtig eingesetzt kann die Macht der Regierung dazu beitragen, Tyrannei zu verhüten, und darüber hinaus für Gerechtigkeit sorgen: sie vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Für die Christen gibt es zwei Gründe, sich der zivilen Autorität zu unterwerfen - sie vermeiden damit eine mögliche Strafe (wörtlich: "den Zorn"), und sie gehorchen ihrem Gewissen , das sie auffordert, der Ordnung Gottes zu gehorchen.



Röm 13,6-7


Zur Verantwortung eines Christen gegenüber der Obrigkeit gehört allerdings mehr als nur Gehorsam (V. 1.