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Heilsgeschichtliche Entfaltung im Neuen Testament



Einleitung E. W. Bullinger

Die Christen sind bisher allgemein in der Tradition befangen, dass man auf Schwierigkeiten stoße, wenn man das Wort der Wahrheit bei Apg. 28 teilt. Die folgenden Ausführungen sollen helfen, solche Schwierigkeiten zu beheben, und sollen den Gläubigen in die Lage versetzen, denen recht zu antworten, die nach der Hoffnung fragen, die in ihm ist.

Es gibt eine grundlegende Regel in der Lehre der LOGIK, die alle Schwierigkeiten behebt, wenn wir sie sorgfältig beachten.

Diese Regel lautet: Man kann nicht vom Besonderen auf das Allgemeine schließen.

Das heißt, wir können nicht erwarten, dass wir die allgemeinen Prinzipien finden, die wir als "die Wahrheit" betrachten, indem wir von besonderen Teilen der Wahrheit aus folgern. Im Gegenteil: Wir müssen vom Allgemeinen auf das Besondere schließen, wenn wir zutreffend folgern wollen.

Die Schwierigkeiten, die einige von unseren Lesern erfahren haben, sind dieselben, die sich immer wieder ergeben, wenn man nur Teile der Wahrheit betrachtet. Um die Antwort darauf zu finden, wäre es vergeblich, sie weiterhin einzeln anzugehen. Gemeint sind hier die Schwierigkeiten, die mit den frühen Briefen des Paulus zusammenhängen, die er noch vor den Ereignissen von Apg 28 geschrieben hat, wie die Verordnungen, der eine Leib aus 1Kor 12 oder die Geistesgaben aus 1Kor 12 und 1Kor 14 usw.

Es ist unbedingt notwendig, dass wir uns zunächst klar werden über die große allgemeine Aufgabe, "das Wort der Wahrheit recht zu teilen" (2Tim 2:15). Wenn das ein göttliches Gebot ist, dann hat es den gleichen Rang wie alle anderen göttlichen Gebote, und dann ist es unsere Pflicht, ihr ebenso Gehorsam zu leisten wie jedem anderen Gebot, wenn wir die Wahrheit finden wollen.

Wenn wir so erst einmal festen Boden erreicht haben, dann kommt die nächste große Aufgabe: Wir müssen diese wichtige und grundlegende Regel auf Apg 28 und die Paulus-Briefe anwenden.

Wenn das geschehen ist, dann wollen wir in diesem Buch die eigentlichen GRUNDLAGEN der Lehre von der Heilsgeschichte prüfen und uns bemühen, sie so richtig einzuordnen und so fest zu verankern, dass wir auf dieses Fundament mit völliger Sicherheit bauen können, damit unsere Schwierigkeiten ausgeräumt werden. Dann werden unsere Leser in der Lage sein, alle Fragen selber zu beantworten, die ihnen später noch kommen mögen.

Was wir deshalb zunächst erbitten müssen, ist Geduld. Lassen Sie uns alle Fragen über diese oder jene spezielle Schwierigkeit zurückstellen, bis wir das große allgemeine Prinzip als Fundament gelegt haben. Wir sind nicht "Herren über das Gewissen" sondern "Diener des Wortes", dem wir so dienen wollen, dass der Leser dahin geführt wird, sein Gewissen selber am Wort auszurichten.

Das Buch befasst sich mit dem Reden Gottes:

  1. Durch die Propheten
  2. Durch den Sohn
  3. Durch die, die es gehört haben
  4. Durch den Geist der Wahrheit
  5. Durch Paulus, den Gefangenen Jesu Christi
  6. Praktische Folgerungen



    Inhaltsverzeichnis

    • 1 I. Gott hat geredet
      • 1.1 1. Vielfach und auf vielerlei Weise
        • 1.1.1 Phase 1
        • 1.1.2 Phase 2
        • 1.1.3 Phase 3
        • 1.1.4 Phase 4
        • 1.1.5 Phase 5
        • 1.1.6 Phase 6
        • 1.1.7 Alle Phasen im Überblick

    I. Gott hat geredet

    Hebr 1:1

    Unsere erste Aufgabe soll es sein, einen Überblick über das ganze Thema zu geben, weil die Tatsache, dass Jahwe zu Menschen redet, die wichtigste Tatsache der Welt ist.

    Hebr 1:1-2 macht zwei Aussagen über das Reden Gottes, nämlich vielfach und auf vielerlei Weise. Dieses Reden Gottes muß richtig eingeteilt werden, wenn wir das Wort der Wahrheit recht verstehen wollen (2Tim 2:15).

    Wir werden das ohne Schwierigkeiten tun können, wenn wir aufmerksam sind und von der Voraussetzung ausgehen, dass Gottes Worte ebenso vollkommen sind wie Seine Werke (Ps 111:2). Wir brauchen nichts weiter zu tun, als sie aufzuschlagen und zu sehen, was geschrieben steht. Wir werden erkennen, dass es dabei sechs Phasen gibt, deren Anordnung ihre Vollkommenheit zeigt:

    1. Vielfach und auf vielerlei Weise

    Phase 1

    Von der Erschaffung des Menschen an sprach Jahwe selber und direkt zu einzelnen, bestimmten Menschen, ohne einen menschlichen Mittler oder Überbringer; zuerst zu Adam und dann weiter zu Abel und Kain, Henoch, Noah, Abraham und anderen Patriarchen bis zur Berufung des Mose am brennenden Busch (2Mo 3:10). Zu dieser ersten Phase gehört das erste Buch Mose.

    Phase 2

    Seit der Berufung des Mose am brennenden Busch, die sich von der Entstehung Israels als Volk herleitet (2Mo 1), sprach Jahwe durch menschliche Vermittlung zu den Vätern des hebräischen Volkes. Mose war der erste in der Reihe von Propheten, durch die Jahwe sprach, und der letzte war Johannes der Täufer, der größte von ihnen allen (Mt 11:11).

    Maleachi, der letzte Prophet im Alten Testament, endet mit der Verheißung bald wird kommen... der Engel des Bundes, der Messias, (gemeint ist der Neue Bund, den Jahwe durch den Messias schließen werde), und mit der Ankündigung des "Boten, der den Weg bereiten soll" (Mal 3:1). Der Bote sollte kein anderer sein als der Prophet Elia (Mal 3:23) denn der war nie gestorben, sondern war in den Himmel entrückt, in sicherer Geborgenheit, und bereit, Seine Botschaft auszurichten.

    Bemerkenswert ist, dass hier, in Mal 3:22-23, Mose und Elia, der erste und der letzte der alttestamentlichen Propheten, miteinander verknüpft werden. Johannes der Täufer wurde gesandt im Geist und in der Kraft Elias (Lk 1:17). Wäre er angenommen worden, dann wäre er auch als Elia selbst angesehen worden (Mt 11:14). Mit dem Tode Johannes des Täufers endet die Zeit, in der Gott durch die Propheten sprach. Zu dieser zweiten Phase gehören die Bücher von 2. Mose bis Maleachi, dazu Mt 1:1-3:12.

    Phase 3

    Von hier an redete Gott "durch Seinen Sohn" (Hebr 1:2). Es war weiterhin Gottes Reden, denn der Sohn sagte nicht Seine eigenen Worte, sondern die des Vaters, der ihn gesandt hatte (vgl. 5Mo 18:18-19; Joh 7:16; Joh 8:28; Joh 8:46-47; Joh 12:49; Joh 14:10; Joh 14:24; Joh 17:8). Sein Dienst begann mit der dreifachen Erklärung: "Es steht geschrieben" (Mt 4:4.7.10), und endete ebenfalls mit drei Aussagen über Ursprung und Wahrheit des Wortes Gottes (Joh 17:8.14.17) ). Zu dieser dritten Phase gehören die vier Evangelien.

    Phase 4

    Von der Himmelfahrt unseres Herrn an bis zur endgültigen Zurückweisung des wiederholten Rufes zur nationalen Buße durch Petrus (Apg 2:38; Apg 3:19-26), also bis zu Apg 28:25-28, sprach Gott "durch die, die es gehört haben" (Hebr 2:3). Diese "bekräftigten" nur, was "seinen Anfang nahm mit der Predigt des Herrn" und gingen nicht über das hinaus, was der Sohn selber gesagt hatte. Es wurde keine neue Offenbarung der Wahrheit gegeben, aber die bisherige bekräftigt. Der Heilige Geist bestätigte sie als Zeugen durch Wunder und Taten (Hebr 2:4), ganz so, wie der Sohn als Zeuge in die Welt gekommen war und Sein Zeugnis durch Zeichen und Wunder bekräftigt hatte. So hatten es die Propheten vorausgesagt. Zu dieser vierten Phase gehören die Apostelgeschichte, die "allgemeinen Briefe" (die in den besten und ältesten griechischen Manuskripten hinter den drei synoptischen Evangelien stehen, das Johannes-Evangelium folgt nach der Apostelgeschichte) und die Briefe von Paulus, die er in dieser Zeit, also vor Apg 28, geschrieben hat.

    Phase 5

    Nach dem Abschluss dieser vierten Phase spricht Gott wiederum direkt, durch "den Geist der Wahrheit", wie Christus es in Joh 16, verheißen hatte. Er spricht nicht "aus sich selber", sondern nur, was er vom Vater hört. (Denn der Vater hat alle diese Phasen in Seiner Verfügung) (Apg 1:7). Der Geist sprach in der Weise, dass Er Seine Worte in der Heiligen Schrift festhielt, in den 3 Handschriften von "Paulus, dem Gefangenen Jesu Christi". Da hielt er auch die kostbaren Lehren fest, die bisher verborgen waren und nicht bekannt gegeben werden konnten, bevor Christi Leiden, Sterben, Auferstehung und Himmelfahrt tatsächlich stattgefunden hatten; denn sie haben das alles zur Voraussetzung. Diese Lehren finden sich ausschließlich in den Briefen aus der Gefangenschaft (Epheser, Philipper und Kolosser), und hierher gehören auch die Briefe an Timotheus, Titus und Philemon (an Einzelpersonen gerichtet). Das ist die fünfte Phase.

    Phase 6

    Schließlich haben wir im Evangelisten Johannes nochmals einen Menschen als Übermittler. Sein Knecht, der "das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat" schriftlich festhielt (Offb 1:1-2). Zu dieser sechsten Phase gehört die Offenbarung des Johannes.

    Wir sind damit in der Lage, das "vielfach und auf vielerlei Weise" (Hebr 1:1) in sechs solchen Phasen abwechselnd wie folgt darzustellen:

    Alle Phasen im Überblick

    A1 - GÖTTLICH

    Durch Jahwe selber, ohne menschliche Vermittlung, von Adam (1Mo 1:28) bis zur Berufung Moses (2Mo 3:10). Zu dieser Phase gehört das 1. Buch Mose.

    B1 - MENSCHLICHE VERMITTLUNG

    Durch die Propheten (Hebr 1:1), von der Berufung Moses (2Mo 3:10) bis zum Ende Johannes des Täufers (Mt 3:12 u. Mt 14:10-12). Zu dieser Phase gehört das 2. Buch Mose und das ganze Alte Testament, dazu noch Mt 1:1-3.12.

    A2 - GÖTTLICH

    Durch den Sohn (Hebr 1:2; vgl. 2Mo 18:18-19), vom Beginn (Mt 3:13) bis zum Ende des irdischen Wirkens Jesu, also bis zur Grablegung (Mt 27:66 und Par.). Zu dieser Phase gehören die vier Evangelien.

    B2 - MENSCHLICHE VERMITTLUNG

    Durch die, die es gehört haben, was der Sohn verkündet hat (Hebr 2:3-4). Die Zeitspanne umfasst Apg 1:1 bis Apg 28:25-28 Zu dieser Phase gehören die Apostelgeschichte, die allgemeinen Briefe und die Paulusbriefe, die in dieser Zeit geschrieben wurden.

    A3 - GÖTTLICH

    Vom Geist der Wahrheit (Joh 16:12-15) durch "Paulus, den Gefangenen Christi Jesu" (Eph 3:1-12 u. 2Tim 1:8). Zu dieser Phase gehören die Paulusbriefe aus der Gefangenschaft (Epheser, Philipper und Kolosser), außerdem noch 1. oder zumindest 2. Timotheus und Titus.

    B3 - MENSCHLICHE VERMITTLUNG

    Durch Seinen Knecht Johannes (Offb 1:1-2). Zu dieser Phase gehört die Offenbarung des Johannes.

    Das sind diese sechs Phasen, die wir gefunden haben, und die der Hebräerbrief mit vielfach und auf vielerlei Weise bezeichnet. Immer ist es Gott, der zu den Menschen redet. Sechs ist die Zahl des Menschen, und das alles betrifft den Menschen. Von da ab hat Gott nie mehr zu Menschen gesprochen, weder direkt, selber, noch indirekt, durch menschliche Vermittler. Der Mensch hat jetzt Gottes Wort schriftlich und vollständig. Nichts darf davon abgetan oder hinzugefügt werden. Das Wort gilt für alle Menschen gleichermaßen, und jeder, der behauptet, eine Offenbarung erhalten zu haben, die angeblich von Gott käme, soll als "Anathema" (Bann, Fluch) gelten (Gal 1:6-9) (es hat solche angeblichen Offenbarungen gegeben und gibt es jetzt mehrfach. Wer so etwas behauptet, der irrt in seinem Denken oder steht unter dem Einfluß böser Geister).

    In diesen sechs Phasen redete Gott seit alters, und seither haben wir tatsächlich das Schweigen Gottes, d. h. es gibt keine neuen Offenbarungen.

    Aber da müsste es eigentlich noch eine siebente Weise geben. Gott müsste wiederum unabhängig von menschlicher Vermittlung reden. Er müsste vom Himmel her reden. (Ps 50:1 usw.). Das wird ein siebentes Mal sein und wird allem den Stempel der Vollkommenheit aufdrücken. Das vielfach und auf vielerlei Weise wird mit der Wiederkunft Jesu vollendet.

    In den Kapiteln 1 und 2 des Hebräerbriefes haben wir den Schlüssel zu dem allen. Um zu zeigen, dass der Schlüssel perfekt ist, müssen wir jetzt nochmals diese beiden Kapitel betrachten. Sie zeigen und beweisen die gleiche Vollkommenheit, die sich in allen Werken Gottes erkennen lässt.

    Das Fernrohr versagt, wenn wir alle entfernten Werke am Himmel in Augenschein nehmen möchten. Wir müssen uns vorher am Sternenhimmel auskennen und können dann erst das Rohr auf eine ausgewählte Stelle richten. Und das Mikroskop versagt vor der Fülle minutiöser Perfektion der Werke Gottes auf der Erde. All das können wir nicht in unser begrenztes menschliches Blickfeld rücken. Wir müssen erst den zu untersuchenden Gegenstand genau kennen, bevor es Sinn hat, ein Präparat unter das Objektiv zu legen.

    So müssen wir auch hier zuerst die beiden Kapitel als Ganzes betrachten. Dann wird es uns besser möglich sein, das Mikroskop zu benutzen und etwas von ihrer unendlichen Vollkommenheit näher in Augenschein zu nehmen.

    Die beiden Kapitel sind in vier Abschnitte unterteilt, die im Wechsel angeordnet sind; der erste und der dritte handeln von Gottes Reden, der zweite und der vierte von dem Sohn, durch den er redete.

    A - Hebr 1:1-2a: Gottes Reden in der Vergangenheit durch die Propheten.
    B - Hebr 1:2b-14: Der Sohn, durch den er redete, ist höher als die Engel (Hebr 1:4) und ist Gott (Hebr 1:8).
    A - Hebr 2:1-4: Gott redete durch den Sohn in diesen letzten Tagen (die Predigt des Herrn).
    B - Hebr 2:5-18: Der Sohn, durch den er sprach (Hebr 2:2), ist niedriger als die Engel (Hebr 2:7), ist Mensch (Hebr 2:6).

    Dieser Aufbau erklärt sich selbst und ist der beste Kommentar zu diesen beiden Kapiteln als Ganzem, denn er zeigt uns deren Spannweite und Inhalt. Dadurch entdecken wir die Bedeutung der Worte und unser Blick wird auf die wesentlichsten Punkte gelenkt.

    Zunächst bemerken wir, dass die vier Abschnitte in zwei Paaren abwechselnd angeordnet sind, mit gleichen Buchstaben bezeichnet (A und A bzw. B und B), so dass wir A und A zusammen lesen müssen (nach Hebr 1:2a weiter bei Hebr 2:1):

    "Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn - Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort, das wir hören..."

    In gleicher Weise müssen wir von B zu B weiterlesen (nach Hebr 1:14 weiter bei Hebr 2:5):

    "Zu welchem Engel aber hat er jemals gesagt: 'Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache'? Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen? - Denn nicht den Engeln hat er untertan gemacht die zukünftige Welt, von der wir reden..."

    So werden acht Dinge feierlich betont, um unser Augenmerk besonders auf sie zu lenken. Deshalb müssen wir jetzt das Mikroskop anwenden, und um sie genauer zu sehen, müssen wir die Anordnung der Wörter (im griechischen) im Abschnitt A beachten (Hebr 1:1-2a).

    A C - a) vielfach und auf vielerlei Weise vorzeiten
    b) Gott hat geredet
    c) zu den Vätern
    d) durch die Propheten

    C - a) in diesen letzten Tagen
    b) er hat geredet
    c) zu uns
    d) durch den Sohn

    Hier sind acht Punkte in zwei Reihen gesetzt. In unserem ersten Abschnitt wollen wir auf die erste Reihe genauer eingehen:

    1. Gott hat geredet. Das ist die erste wichtige Tatsache.
    2. Er hat vorzeiten geredet, im Gegensatz zu späterem Reden.
    3. Er hat zu den Vätern geredet, nicht zu irgendwelchen Heiden.
    4. Er hat durch die Propheten geredet, also nicht durch die Priester. Er hat nicht durch irgendwelche falschen Propheten geredet, von Menschen berufen (die wären zwangsläufig falsch), sondern durch die Propheten, in deren Schriften allein Gottes Worte zu finden sind.

     


    2. Durch die Propheten

    Hebr 1:1

    Was kann es Wichtigeres auf der Welt geben, als dass Gott geredet und sich den Menschen zu erkennen gegeben hat?

    Es gab keinen Grund, warum er so hätte handeln sollen. Er war dazu nicht verpflichtet. Es gab auch keine Notwendigkeit, es zu tun. Alles hätte weiter so gehen können, wie es ging. Die Geschichte wäre vielleicht nicht anders verlaufen. Der einzige Unterschied wäre gewesen, dass die Menschen in völliger Unwissenheit geblieben wären über viele große und wichtige Dinge, und völlig unfähig, sie zu verstehen oder zu erklären.

    So ist es heute bei allen, die entweder von dieser wichtigen Tatsache, dass Gott geredet hat, gar nichts wissen, oder die nicht glauben, was er geredet hat.

    "Der Glaube kommt aus dem Hören, das Predigen aber aus dem Wort Christi" (Röm 10:17).

    Der Glaube an das, was Gott geredet hat, ist notwendig, denn: "Im Glauben begreifen wir, dass die Äonen einem Ausspruch Gottes gemäß aneinander gefügt wurden, so dass das für unsere Augen Sichtbare nicht aus sich selbst entstand und darum auch nicht von seiner äußeren Erscheinung her erklärt werden kann." (Hebr 11:1). - Oder, wie es jemand treffend ausgedrückt hat: "Die Dinge sind nicht immer, was sie scheinen."

    Wie gnädig und wunderbar ist es deshalb, dass Gott geredet hat und dem Menschen die geheimen Ursprünge der Geschichte offenbart hat, so dass wir etwas wissen von den Zeitaltern oder Phasen ("Haushaltungen"; zu dem Wort 'Phase' siehe das Vorwort zur deutschen Ausgabe) und verstehen, wie sie nacheinander folgten. Dadurch erhalten wir ein wenig Einblick in die Grundsätze seines Waltens in jeder Phase.

    In den frühesten Zeitaltern redete Gott direkt zu einzelnen Menschen; so zu Adam, zu Noah, zu Abraham und anderen. Aber wenn er zu den Menschen insgesamt redet, zu Völkern oder zu allen, dann spricht er immer durch andere Menschen. Durch wen aber hat er geredet? Heilige Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem heiligen Geist (2Petr 1:21). - Vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise

    REDETE GOTT DURCH DIE PROPHETEN. Die große, herausragende Tatsache in diesen Worten ist: Er redete

    NICHT DURCH DIE PRIESTER. Nein! Denn Propheten sind BERUFEN, nicht ernannt. Berufen von Gott, nicht ernannt von Menschen, nicht "von Händen gemacht." Der Prophet ist Gottes Sprecher, und niemand kann ein Sprecher eines anderen sein ohne von dem, der ihn sendet, berufen, bestimmt und berechtigt zu sein. Außerdem muss er darüber instruiert sein, was er im Namen dessen, der ihn berufen und gesendet hat, reden und ausrichten soll.

    Nicht durch Priester

    Gottes Sprecher zu sein gehörte nicht zum Amt des Priesters. Dessen Aufgaben waren genau festgelegt. Er hatte nicht nur Opfer darzubringen (das ist eine verbreitete Meinung im abtrünnigen Christentum), sondern die Leute darin zu unterweisen, was Gott durch den Propheten bereits geredet hatte. So lesen wir über die Aufgaben der Priester in 5Mo 17:9-11: "... An die Weisung, die sie dir geben, und an das Urteil, das sie dir sagen, sollst du dich halten..." Sie sollten "Israel lehren alle Ordnungen, die der Herr ihnen durch Mose verkündet hat" (3Mo 10:11). Mose war der Prophet, durch den Gott zuerst "zu den Vätern" geredet hatte - zu Seinem Volk Israel, und es war Aufgabe der Priester zu lehren, was sie von Mose gehört hatten.

    In 5Mo 33:10, wo die beiden wesentlichen Teile des Priesterdienstes aufgeführt sind, können wir sofort sehen, was der größere und wichtigere ist, nämlich aus der Reihenfolge, in der diese beiden Hauptfunktionen angeordnet sind. Wir lesen da:

    1. Sie lehren Jakob deine Rechte und Israel dein Gesetz;
    2. Sie bringen Räucherwerk vor dein Angesicht und Ganzopfer auf deinen Altar.

    Wir brauchen dem nur gegenüberzustellen, was heute 'Priesteramt der Christen' genannt wird, dann sehen wir, was für ein Ausmaß diese Abtrünnigkeit hat, nach der sogenannte Priester Weihrauch verbrennen und das sogenannte 'Messopfer' darbringen. Sie verhindern nach Kräften, dass die Leute erfahren, was Gott geredet hat. Eigentlich aber sollten sie sie darin unterweisen, was geschrieben steht, damit sie aus Gottes Wort lernen.

    In früheren Zeiten haben solche Weihrauch räuchernden Priester die Heilige Schrift verbrannt und die Menschen, die darin gelesen haben. Später haben sie die Schrift durch falsche Übersetzungen verdreht und verdorben. Jetzt zerstören sogenannte Priester sie, indem sie dagegen schreiben, sich zu Richtern über die Heilige Schrift erheben, die Tatsache leugnen, dass Gott durch die Schreiber der Bibel redet und gutheißen, dass unlautere Bibelübersetzungen in Umlauf kommen. Soweit ist der Abfall heutzutage geraten, der ebenso real und schändlich ist wie in den schlimmsten Tagen des Königs Jojakim.

    In Wahrheit sind alle Sünden heute raffinierter als früher, aber das natürliche Herz des Menschen ist so böse wie es immer war. Wissenschaftlich ausgeklügeltes Vergiften tritt an die Stelle gewaltsamen Mordens. Räuberei wird abgelöst von raffinierter Kalkulation gewissenloser Geschäftsleute. Die Pistole ist überholt, aber verlogene Werbeprospekte beschaffen das Geld genauso.

    Das abtrünnige Christentum heute

    So steht es heute auch um das abtrünnige Christentum. Die Bibel wird nicht mehr öffentlich verbrannt; aber sie wird effektiver zerstört durch protestantische Geistliche, die ihre Wunder als Mythen betrachten, ihre Tatsachen als Fabeln, ihre Schreiber als Fälscher. Und dafür werden sie noch bezahlt!

    Die Priester waren zu allen Zeiten gleich. Esra ist die einzige Ausnahme, von der berichtet wird. Und der Wortlaut des Berichtes erscheint von Gott angelegt. Er ragt auffallend heraus als das Vorbild eines Priesters. Nichts wird uns von ihm berichtet über Opfer oder Verbrennen von Weihrauch. Aber das lesen wir:

    "Er war ein Schriftgelehrter, kundig im Gesetz des Mose, das der Herr, der Gott Israels, gegeben hatte" (Esr 7:6). "Und Esra, der Priester, brachte das Gesetz vor die Gemeinde, Männer und Frauen und wer's verstehen konnte.... und er las daraus... vom lichten Morgen an bis zum Mittag... und die Ohren des ganzen Volkes waren dem Gesetzbuch zugekehrt... und Esra tat das Buch auf vor aller Augen... und sie legten das Buch des Gesetzes Gottes klar und verständlich aus, so dass man verstand, was gelesen worden war." (Neh 8:2.3.5.8).

    Ja, Esra war wahrhaft Priester. Wenn alle Priester so gehandelt hätten wie er, dann wäre es nicht zur Abtrünnigkeit gekommen. Israel und Juda hätten keine Zerstreuung durchgemacht, und die sogenannte christliche Geistlichkeit würde heute noch das Werk der Reformation weiterhin fördern und wahrhaft 'Diener des Wortes' sein.

    Die Abtrünnigkeit, die wir heute überall in den sogenannten 'Kirchen' zu sehen bekommen lässt sich direkt auf diese Ursache zurückführen. Hier haben wir den Punkt, von dem aus all der geistliche und religiöse Verfall herrührt. Das Übel wird allgemein gesehen und bedauert, aber wie wenige erkennen die wahre Ursache und gehen mutig dagegen an!

    Man erkennt nicht, dass manche Priester und oft auch Pastoren in doppeltem Sinne menschlich sind: Sie sind von menschlicher Natur und sie sind von Menschen dazu gemacht. Das ist von alters her so. Priester sind 'von Menschenhand gemacht'. In Israel waren sie "geboren aus dem Willen des Fleisches und aus dem Willen eines Mannes" und heute werden sie aus dem gleichen menschlichen Willen gemacht. Das ist der Grund, warum Jahwe nie durch Priester geredet hat, sondern nur durch Propheten.

    "Denn des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, dass man aus seinem Munde Weisung suche; denn er ist ein Bote des HErrn Zebaoth" (Mal 2:7).

    Priester sollten dankbar sein, dass sie nicht ganz ausgeschlossen sind davon, den göttlichen Ruf zu empfangen, Gottes Sprecher zu sein.

    Propheten sind Berufene

    Jeremia und Hesekiel waren Priester, die diesen Ruf bekamen, aber Abraham auch, und der war ein Patriarch. (1Mo 20:7) und David ebenfalls, der war ein König (Apg 2:30.31) und Daniel, ein Fürst (Dan 1:3) und auch Elisa, ein Pflüger (1Kö 19:19) und Amos, ein Hirte (Am 1:1; Am 7:14). Meist waren sie vorher unbekannt. Man wusste nichts von ihnen als den Vaternamen. Und es gab Prophetinnen und Propheten.

    Das Wichtige dabei ist, dass die, zu denen Gott redete, von ihm berufen waren. Niemand sonst konnte sie berufen oder ihnen sagen, was sie ausrichten sollten. Deshalb war der Prophet Sprecher. Im Hebräischen: Mund. Aaron war der Mund des Mose (2Mo 4:16; 2Mo 7:1); und der Prophet war der Mund Jahwes (Hes 3:17). "Ich will... meine Worte in seinen Mund geben" war die Bestimmung Jahwes für den großen "Propheten, wie du (Mose)" (5Mo 18:18). - vergl. 4Mo 23:5.16

    Inspiration Gottes

    So erklärt Gott die Inspiration. Eine klarere Definition kann es nicht geben. Wie das geschehen ist, lässt sich nicht erklären, so wie die Schöpfung sich nicht erklären lässt. Man kann es im Glauben annehmen, aber nicht mit dem Verstand erfassen. Inspiration ist eine Tatsache wie die Schöpfung auch. Gott, der dem Menschen "den Odem des Lebens in seine Nase blies", ist derselbe Gott, der Menschen inspirierte, die Worte des Lebens zu reden und zu schreiben. Es ist so, wie Petrus in Apg 1:16 sagte: "... es musste das Wort der Schrift erfüllt werden, das der heilige Geist durch den Mund Davids vorausgesagt hat über Judas..." Es war Davids Mund, aber es waren nicht Davids Worte. David wusste nichts von Judas. Wie hätte er von Judas reden können, tausend Jahre vor dessen Geburt? David sprach von Ahitophel, aber der Heilige Geist sprach durch Davids Mund von Judas; und aus dem gleichen Grunde, weil David ein Prophet war (Apg 2:30.31), sprach er im Ps 16 von der Auferstehung Christi.

    Ebenso redete Gott zu Hesekiel: "Du wirst aus meinem Munde das Wort hören und sollst sie in meinem Namen warnen" (Hes 3:17).

    So hat Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet zu den Vätern

    DURCH DIE PROPHETEN; NICHT DURCH PRIESTER.

    Man beachte also: Gott redete, zu den Vätern, d.h. zu den Vorfahren derjenigen, an die der Brief an die Hebräer gerichtet ist. Es war nicht zu Heiden geredet, obwohl sonst vieles über die Heiden gesagt wird. Was gesagt wurde, wurde dem hebräischen Volk gesagt, und betraf Israels eigene frühere Unwürdigkeit und Jahwes Gnade; Israels frühere Herausforderungen und Jahwes Geduld; die sich daraus ergebende Bestrafung Israels und die Zerstreuung, die Jahwe bewirkt hat; Israels künftige Wiederherstellung und Jahwes Herrlichkeit.

    Mit anderen Worten: Der Gegenstand von Jahwes Worten an sie war scharf begrenzt auf Israel und auf Jahwes damalige Grundsätze des Regierens. Diese Dinge waren dieser Phase eigen. Daraus ergibt sich, wenn wir diese Leute und diese Grundsätze in die gegenwärtige Phase übernehmen, dann nehmen wir, was Gott durch die Propheten zu den Vätern und über sie redete (d.h. zu und über Israel), und lesen es, als wäre es zu und über uns selbst in der jetzigen Phase geredet. Dieses Verfahren kann nur zu Verwirrung führen.

    Weiterhin finden wir diese Verwirrung, wenn zu Israel über die künftige Segnung des Volkes Geredetes auf die derzeitige, echte Segnung der Heiden oder der angelsächsischen Rasse ausgelegt wird!

    Die gleiche Verwirrung finden wir, wenn die Prophetie vergeistigt und alles auf die gegenwärtige geistliche Segnung der Gemeinde ausgelegt wird. Dieses letztere System der Auslegung war es, das zu dem vorher genannten geführt hat. Enttäuscht von dieser unwürdigen Betrachtensweise der prophetischen Schriften durch konservative evangelikale Ausleger, die seine wörtlichen Aussagen vergeistigten, suchte man Abhilfe und kam häufig dahin, dass man die wörtliche Bedeutung beibehielt, aber sie auf ein anderes Volk und eine andere Rasse bezog. Wir können die Menschen nur bedauern, die von diesem doppelten Fehler irregeführt sind, denn sie gewinnen nichts und verlieren nur. Sie gewinnen einen Schatten und verlieren die segensreiche Substanz dessen, was Gott später durch Seinen Sohn redete und danach durch die, die Ihn hörten und durch Seinen Knecht Paulus, „den Gefangenen Christi Jesu" (Eph 3:1 u. 2Tim 1:8).

    Aber darüber soll erst im nächsten Abschnitt mehr gesagt werden.

    3. Durch den Sohn

    Hebr 1:2

    Wenn wir das über das Reden Gottes Ausgeführte mit dem vergleichen, was wir über sein Reden "durch die Propheten" gesagt hatten, dann lernen wir aus der nächsten Phase:

    1. Dass Gott wiederum sprach, nachdem die Propheten ihr Zeugnis beendet hatten.

    2. Dass dieses Reden in diesen letzten Tagen geschah, d.h. es war damals noch gar nicht lange her, dass Gottes Sohn die Worte gesprochen hatte, die ihm vom Vater geboten waren. Mit diesen letzten Tagen ist also nicht die Zeit gemeint, in der wir leben, auch nicht eine Zeit, die noch kommen soll, sondern die Zeit jener Phase, die eben erst vergangen war, in der Jesus Christus auf der Erde redete, - die Tage des Menschensohnes.

    3. Dass das Reden, das hier gemeint ist, durch den Sohn geschah; nicht durch späteres Weitersagen oder durch einen ausgewählten Zwischenträger; noch nicht einmal durch den Heiligen Geist, wie der Herr in Joh 16, verheißen hat.

    4. Dass das Reden durch den Sohn zu uns geschah, d.h. zu dem hebräischen Verfasser des Briefes an die Hebräer, und zu dessen hebräischen Lesern. Es geschah nicht zu den heidnischen Lesern, sondern zu denen, die gehört hatten, was er sagte, und zu denen, die zwar nicht seine Stimme direkt vernommen hatten, denen aber das Gesagte bekräftigt wurde durch die, die es gehört haben (Hebr 2:3).

    Über diesen letzten Punkt werden wir später noch mehr zu sagen haben. Die anderen Punkte sind völlig klar, aber nicht alle Menschen beachten die wichtige Tatsache genügend, dass durchweg alles das ein

    Reden Gottes

    war, ob durch die Propheten oder durch den Sohn. Der letztere war der Hauptinhalt der Prophetie gewesen. Gott hatte dieses große und wichtige, ja, epochemachende Ereignis schon vorhergesagt, als Mose sprach: "Einen Propheten wie mich wird dir der HErr, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen" (5Mo 18:15).

    Und nochmals: "Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und MEINE WORTE IN SEINEN MUND GEBEN; der soll zu ihnen reden alles, WAS ICH IHM GEBIETEN WERDE. Doch wer MEINE WORTE nicht hören wird, DIE ER IN MEINEM NAMEN REDET, von dem will ich's fordern" (5Mo 18:18.19).

    Als die Zeit erfüllt war, dass Gott diesen größeren Propheten "erweckte", wurde er pünktlich berufen, gesalbt und eingesetzt. Er erhielt formell die Vollmacht. Die Einsetzung fand nach den Worten von 4Mo 11:29 und 4Mo 12:6 statt, denn der Heilige Geist salbte den Messias für sein Prophetenamt (Lk 4:18.19). Mose wurde am Feuer des brennenden Busches berufen, und der "Prophet wie er" am Wasser des Jordan. Von dem Augenblick an sprach Gott durch seinen Sohn, und die vier Evangelien sind Berichte über die Worte und Werke des VATERS (Joh 14:10).

    Wenn wir die Evangelien lesen oder studieren, dürfen wir das nie vergessen. Unserm Herrn war das immer bewusst. Siebenmal erklärt er das allein im Johannes-Evangelium. Und auch auf die Gefahr hin, für langweilig zu gelten, müssen wir diese Stellen hier noch einmal zusammen anführen:

    1. Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat (Joh 7:16).
    2. ... wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich (Joh 8:28).
    3. ... warum glaubt ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; ihr hört darum nicht, weil ihr nicht von Gott seid (Joh 7:46.47).
    4. Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll (Joh 12:49).
    5. Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus. Und der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke (Joh 14:10).
    6. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat (Joh 14:24).
    7. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben... (Joh 17:8).

    Siebenmal bestätigt der Herr Jesus hier, dass Gott der Vater selbst durch ihn redete, wie er vorzeiten durch die Propheten redete.

    Moderne Bibelkritiker bezeichnen die Geschichte des Jona als Mythos, das Buch Daniel als Fälschung und den Ps 110 als nicht von David geschrieben, obwohl er ausdrücklich so überschrieben ist, und obwohl der Herr bestätigt: David selbst hat durch den heiligen Geist gesagt... (Mk 12:36). Sie täten gut daran, sich ihre Gotteslästerungen gut zu überlegen, wenn sie so leichtfertig über das reden, was sie mit dem griechischen Wort kenosis Entleerung bezeichnen.

    In Phil 2:7 wird das Wort kenoo mit "Er machte sich selbst gering" ("made Himself of no reputation") wiedergegeben, aber es bedeutet er entäußerte sich selbst. Das wird von den modernen Kritikern so aufgefaßt, als habe er nichts mehr von sich gewusst, oder als habe er sich in die Unwissenheit und Traditionsgebundenheit des Volkes erniedrigt. Aber das sind sehr menschliche Deutungen. Die wahre Bedeutung von kenoo wird von den Wörtern danach erklärt, die uns sagen sollen, auf welche Weise er sich entäußert hat.

    Er entäußerte sich der Herrlichkeit, die er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war (Joh 17:5). Das tat er, indem er Knechtsgestalt annahm und den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt wurde. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz (Phil 2:7.8). Das ist die Erläuterung Gottes zu kenosis, und die genügt vollauf.

    Die Erklärung der modernen Kritiker erniedrigt die Person unseres Herrn, und raubt ihm sogar seinen Ruhm als Mensch. Obwohl er sich seiner göttlichen Herrlichkeit entäußerte, war er nämlich mit göttlicher Weisheit erfüllt, und er redet nur Gottes Worte. Aber er kannte die Herzen der Menschen und las ihre Gedanken.

    Das Werk des Vaters

    Gott sprach durch den Sohn

    Deshalb entsprach alles, was er redete, genau der göttlichen Weisheit. Seine Worte waren - vom ersten bis zum letzten Wort - Gottes Worte.

    Die ersten überlieferten Worte des Zwölfjährigen waren göttlich. Er antwortete seiner Mutter: "Wißt ihr nicht, dass ich sein muß in dem, was meines Vaters ist?" (man beachte den Tadel in diesen Worten über Marias Vorwurf in Lk 2:48: "Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.") (Lk 2:49). Und Seine letzten Worte waren ebenfalls göttlich: Es ist vollbracht! (Joh 19:30). Was war vollbracht? Das Werk des Vaters, das auszuführen er gekommen war (vgl. Ps 40:8.9).

    Es war dasselbe wie mit den Worten aus der Zeit seines Dienstes. Alle waren geordnet; thematisch und zeitlich. Vier große Themen gab es im Dienst der Herrn:

    I. Das erste Thema

    war die Proklamation des Königreiches, beginnend mit Mt 4:12 und endend mit Mt 7:28.29, "als Jesus diese Rede vollendet hatte." Jedes Wort in diesem Abschnitt bezieht sich auf das Königreich, nicht auf die gegenwärtige Phase oder sonst etwas.

    II. Das zweite Thema

    war er selbst - seine gesegnete Person. Es beginnt mit seiner Bezeichnung als Herr (Mt 8:2.6.8.9) und als der Menschensohn (Mt 8:20). Alle seine gesprochenen und aufgeschriebenen Worte von Mt 8:1 bis Mt 16:20 zeigen, dass er ganz Gott und ganz Mensch war; und seine Wunder waren Wunder der Schöpfung.

    III. Das dritte Thema

    beginnend mit Mt 16:21, war seine Zurückweisung durch sein eigenes Volk Israel - "und die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Joh 1:11). "SEIT DER ZEIT FING JESUS AN, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse..." Viermal spricht er von seinem Versöhnungswerk und seinem zukünftigen Leiden, und dieses Thema geht bis Mt 20:34.

    IV. Das vierte Thema

    war wiederum das Königreich, jetzt aber nicht als Proklamation für diese Zeit, sondern seine Ablehnung. Es beginnt mit Mt 21:1 und endet mit Mt 26:35. Alle Gleichnisse dieser Zeit beziehen sich auf den kommenden Wechsel der Phasen und sprechen von der kommenden Phase, in der das Königreich ausgesetzt sein werde, weil es abgelehnt worden war.

      Gottes Worte und Werke durch den Sohn bilden diese vier Themen. Sie sind für uns von großer Bedeutung und zeichnen sich durch ihre Vollkommenheit aus.

    Wir wollen jetzt diese vier Themen darstellen, wie sie in sich zurückkehren; denn das Königreich ist das Thema der beiden äußeren Teile, während die beiden zentralen Teile den König selbst zum Thema haben.

    E Mt 4:12 - Mt 7:29 Das Königreich: Verkündigt.
    F Mt 7:1 - Mt 16:20 Der König: Seine Person verkündigt.
    F Mt 16:21 - Mt 20:34 Der König: Endgültig abgelehnt und Herrschaft verzögert.
    E Mt 21:1 - 26.35 Das Königreich: Seine Ablehnung und Aussetzung.


    Somit werden die großen Themen - Das Königreich und seine Ablehnung - Der König und seine Kreuzigung - als die zentralen Themen des ganzen Evangeliums deutlich (das Gleiche gilt für alle vier Evangelien. In jedem gibt es die gleichen vier Teile des Dienstes des Herrn).

    Matthäus Markus Lukas Johannes
    1. Mt 4:12 - 7:29 Mk 1:14 - 20 Lk 4:14 - 5:11 Joh 1:35 - 4:54
    2. Mt 8:1 - 16:20 Mk 1:21- 8:30 Lk 5:12 - 9:21 Joh 5:1 - 6:71
    3. Mt 16:21 - 20:34 Mk 8:31 - 10:52 Lk 9:22 - 18:43 Joh 7:1 - 11:54a
    4. Mt 21:1 - 26:35 Mk 11:1 - 13:37 Lk 19:1 - 22:38 Joh 11:54b - 17:26


    Da es wichtig ist, diese Struktur des Dienstes des Herrn zu verstehen, müssen wir uns auch noch ansehen, wie sie im Aufbau des ganzen Evangeliums eingefügt ist. Das soll wieder in Form einer graphisch sichtbaren Satzstellung geschehen. In der Mitte, eingerückt, steht das Wichtige:

    A Mt 1:1 - 2:23 Vor dem Dienst
    B Mt 3:1-11 Der Vorläufer
    C Mt 3:12-17 Die Taufe
    D Mt 4:1-11 Die Versuchung


    Jetzt folgen die vier Teile des Dienstes:

    E Mt 4:12 - 7:29 Periode 1: Das Königreich
    F Mt 8:1 - 16:20 Periode 2: Der König
    F Mt 16:21 - 29:34 Periode 3: Der König
    E Mt 21:1 - 26:35 Periode 4: Das Königreich


    Nach dem eigentlichen Dienst:

    D Mt 26:36-46 Die Ohnmacht
    C Mt 26:47 - 28:14 Tod, Begräbnis, Auferstehung
    B Mt 28:16-18 Die Nachfolger
    A Mt 28:19-20 Die Zeit nach dem Dienst


    Gottes Reden durch den Sohn hält sich innerhalb dieser Abgrenzungen und geht nicht darüber hinaus. Es sind Bereiche der Worte des Herrn in Seinem Dienst.

    Unmittelbar vor seinem öffentlichen Auftreten (Mt 4:12) betonte unser Herr dreimal die Tatsache, dass das geschriebene Wort Anfang, Mitte und Ende allen Dienstes ist - das dreimalige "Es steht geschrieben" (Mt 4:4.7.10). Und am Ende, als er seinen Auftrag in die Hände des Vaters übergibt, erfolgt wieder ein dreifacher Bezug auf das geschriebene Wort Gottes (Joh 7:8.14.17).

    So ist die Periode, als Gott in den letzten, abschließenden Tagen dieser Phase "durch den Sohn" redete, genau festgelegt und abgegrenzt. Es betraf die "große Errettung", von der der Herr am Anfang zu reden begonnen hatte. Er "begann" dieses wunderbare Reden nur, das mit seinem Tode endete.

    Für damals, in der Zeit der Niedrigkeit Jesu, war es genug, dass Gott seine Verheißung erfüllt hatte, die er Israel durch Seinen Knecht Mose gegeben hatte. Er hatte im Messias einen Propheten wie Mose erweckt und hatte Mose seine eigenen Worte in den Mund gelegt mit der ernsten Warnung: "Doch wer meine Worte nicht hören wird, die er in meinem Namen redet, von dem will ich's fordern" (5Mo 18:19). Diese Warnung wurde nicht beachtet. Israel verwarf seinen Messias wollte nichts wissen von den Worten, die Gott ihm in den Mund gelegt hatte. Sie wiesen das Königreich zurück und kreuzigten ihren König.

    Was bleibt nun übrig für Sein Volk Israel? "Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, muß er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Eine wieviel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht? Denn wir kennen den, der gesagt hat: 'Die Rache ist mein, ich will vergelten', und wiederum: 'der Herr wird sein Volk richten'" (Hebr 10:28-30). Diese Worte waren an die Menschen gerichtet, die es abgelehnt hatten, Gottes Wort zu hören, das er "durch den Sohn" sprach, ungeachtet der ernsten Warnung in 5Mo 18:19: "... von dem will ich's fordern“.

     

    4. Durch die IHN gehört haben

    Hebr 2:3

    Das heißt durch die, die den Sohn gehört haben, durch den Gott (in den vier Evangelien) geredet hat, im Anschluß an die Phase des alten Bundes, in der er durch die Propheten geredet hatte.

    Die Propheten hatten zu den Vätern geredet und der Sohn zu uns, den Aposteln; und nun, nachdem sie es gehört haben, bekräftigten sie, was er gesagt hatte und bestätigten es uns, d.h. dem Paulus selbst und jenen Hebräern, an die er diesen Brief richtete.

    Dieses Reden (in Hebr 2:3.4) besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen:

    I. Die Bestätigung von denen, die den Sohn gehört hatten.
    II. Das Zeugnis, dass Gott wiederum zu ihrer Bestätigung "Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten und die Austeilung des Heiligen Geistes" gab.

    Das sind die beiden Teile des großen Themas (Hebr 2:3.4), das uns jetzt beschäftigen soll.

    Zuerst müssen wir uns bewusst machen, wann und wie diese Bekräftigung geschah, also den Inhalt und die Art der Mitteilung; außerdem wer geredet hat, und wer angesprochen war. Die Rede selbst war nicht allgemein oder universal, sondern speziell und individuell. Sie geschah zu den "Hebräern" und zu ihren "Vätern". Da ist Irrtum ausgeschlossen. Auch kann es keinen Zweifel geben über die Redenden oder darüber, wovon sie gesprochen haben. Es liegt alles offen vor Augen. Wenn wir nicht durcheinander mischen oder zusammenwürfeln, was Gott auseinandergehalten hat, dann wird auch dem Verstand alles klar. Wir wissen, wer diejenigen sind, die es gehört haben. Es können nur die zwölf Apostel sein. Kein anderer Mensch auf der ganzen Erde könnte so für Gott sprechen; niemand sonst wäre dazu berechtigt.

    Die es gehört haben. Das allein war die Befähigung. Das war für die Elf zum Kriterium für die Auswahl eines Zwölften anstelle des Judas Ischariot. "So muß nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist - von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden" (Apg 1:21.22).

    Sie machten zwei Lose - eins für Joseph, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und eins für Matthias. "Und sie beteten und sprachen: Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden." Sollten wir da nicht sicher sein, dass es hier gilt: "Der Mensch wirft das Los; aber es fällt, wie der HErr will" (Spr 16:33)? Und der Herr wählte Matthias.

    Die zwölf Apostel übernahmen eine besondere Aufgabe, und Matthias war ausgewählt, damit auch er "diesen Dienst und das Apostelamt empfange" (Apg 1:25). Diese Form der Verdoppelung wird benutzt, um mit dem zweiten Hauptwort das erste besonders stark zu betonen. Es bedeutet also: "Diesen Dienst - ja, diesen APOSTOLISCHEN Dienst."

    Paulus hatte an diesem Dienst zunächst nicht teil, weil er nicht die ganze Zeit bei den Zwölf gewesen war und den Herrn nicht selber gehört hatte. Deshalb war er nicht in der Lage, zu "bekräftigen", was der Herr gesagt hatte. Er musste notwendigerweise einen besonderen Ruf erhalten und eine eigene Aufgabe zugewiesen bekommen. Wir wissen alle, wie und wann er beides empfing.

    Einige Ausleger meinen, die Elf hätten in Apg 1 nicht recht getan und halten Paulus für den zwölften Apostel. Aber das geht weit über das hinaus, was im Wort für uns geschrieben steht. Deshalb können wir es nicht akzeptieren. Es wird uns nichts darüber gesagt, dass dieses Vorgehen richtig oder falsch gewesen wäre, und wo die Schrift schweigt, da steht es uns nicht anders zu.

    Aber die Schrift schweigt nicht über das ernste Gebet und berichtet auch die direkte Antwort. Außerdem bestätigt sie es noch dadurch, dass sie später von ihnen als "den Zwölfen" spricht. Andererseits unterscheidet sich Paulus immer ausdrücklich von den Zwölfen. Er betont immer wieder, dass er "nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen" berufen wurde. Das kann sich zwar auf die Wahl des Matthias beziehen, aber es muss sie weder verurteilen noch gutheißen. Er hebt nur hervor, dass er gesondert und von Gott als "Diener unter den Heiden" berufen wurde. Dadurch unterscheidet er den speziellen apostolischen Dienst der Zwölf und ihre besondere Eignung zur Bestätigung der Worte des Herrn, die sie gehört hatten.

    Der Dienst unseres Herrn in den vier Evangelien wurde dadurch nach seiner Auferstehung durch die Zwölf weitergetragen. Es gab keine Unterbrechung und keine neue Aussage über die Tatsache hinaus, dass Christus auferstanden war vom Tode, und dass sie den Auftrag hatten, zu wiederholen und zu bekräftigen, was Er gesagt hatte.

    Um zu verstehen, worin ihr apostolischer Dienst (der in der Apostelgeschichte festgehalten ist) bestand, brauchen wir nur den Dienst des Herrn zu betrachten. Wir hatten schon gesehen, dass er mit der Festnahme Johannes des Täufers begann (Mt 4:12), und zwar mit dem Ruf an das Volk "tut Buße!" Mit der Ausrufung des Königreiches und der Gegenwart des Königs. "Denn genaht hat sich das Königreich der Himmel" (Mt 4:17).

    Wir wissen, dass dieser Ruf nicht beachtet wurde, und die vier Evangelien berichten, dass das Königreich abgelehnt und der König gekreuzigt wurde.

    Der Herr kam nicht, um eine Kirche zu gründen, sondern "Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind" ([Röm 15:8]). Ebenso bestätigten die Zwölf sein Wort. Er wurde nicht getauft, um ein "Sakrament der Kirche zu stiften", sondern "damit er Israel offenbart werde" (Joh 1:31). Daraus folgt, dass die Zwölf in der Apostelgeschichte nicht den Auftrag hatten, eine Kirche zu bilden oder zu gründen, sondern den Ruf Jesu Christi zur Buße zu wiederholen, seine Verkündigung über seine Person zu bekräftigen, und das Angebot des Königs und des Königreiches unter der einen Bedingung der nationalen Buße.

    a) Die Apostelgeschichte

    Ein sorgfältiges Studium der Apostelgeschichte wird zeigen, dass besonders die Regierenden des Volkes angesprochen wurden. Der Ruf zur Buße erging an die ganze Nation, aber widersprochen wurde den Zwölf vor allem von den Machthabern (siehe Apg 4:1.3.5-21; Apg 5:24-41; Apg 6:12; Apg 8:1; Apg 9:2.23).

    "Tut Buße" war der eigentliche Inhalt der Worte des Petrus am Tage des Pfingstereignisses. Er sprach es zu den "Juden" (Apg 2:14), den "Männern von Israel“ (Apg 2:22; Apg 3:12) und zu dem "ganzen Haus Israel“ (Apg 2:36). "Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung, und allen, die fern sind" (d. h.: den Verstreuten Israels).

    Petrus leitete seine Predigt mit den Worten ein: "... das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist“ (Apg 2:16). Dann zitiert er weiter, was Joel über "die letzten Tage" gesagt hatte. Von Gottes Geist sollte ausgegossen werden, und die Kraft des Geistes sollte offenbar werden, und es hatte begonnen. Hätte das Volk Buße getan, dann wäre alles erfolgt, wie Gott durch Joel geredet hatte. "Wunder oben am Himmel und Zeichen unten auf der Erde" wären geschehen, die das hervorgebracht hätten, was man die Wiederherstellung aller Dinge nennt, wovon die Propheten seit alters geredet hatten.

    Solange man von dem Gedanke besessen ist, Joel und Petrus bezögen sich auf die Bildung der Gemeinde, ist es unmöglich, ihre Worte zu verstehen. Wenn man aber einmal eingesehen hat, dass sie vom Königreich reden, dann ist alles klar. Dann können wir der Verkündigung folgen, die Petrus in Apg 2 tut, und ihrer Ausweitung und Vertiefung in Apg 3. Der Tag des Herrn war in der Tat nahe gekommen, und im Namen des Herrn wurde er verkündet. Das Gericht sollte "am Hause Gottes beginnen" (1Petr 4:17), "der Richter steht vor der Tür" (Jak 5:9). Petrus beendet seine Pfingstpredigt mit den gewichtigen Worten: "Laßt euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht“ (Apg 2:40). Es war ein Warnruf zur sofortigen Flucht vor einem nahe bevorstehenden Gerichtsurteil, das über diese eine Generation kommen würde (wie in Lk 21:32 angekündigt).

    Darin ist keine Rede von der Gründung einer Gemeinde. Es gab keinen Beginn einer Gemeinde an diesem Tage, "als der Pfingsttag gekommen war". Die Sprache ist unbrauchbar für Offenbarung, wenn solche Sprache so interpretiert werden kann. Nichts kann klarer sein, als dass Petrus und die Zwölf "Diener der Beschneidung" waren, wie Christus auch. Sie haben sich selber auf die Bekräftigung dessen beschränkt, was sie den Herrn von Anfang an reden gehört hatten.

    Noch war es nicht so weit, dass der Heilige Geist lehrte und in alle Wahrheit leitete, wie in Joh 16, verheißen, sondern er gab ihnen zunächst durch seine Werke, aber noch nicht durch seine Worte Zeugnis. Jetzt, gerade im nächsten Kapitel, wurde ein großartiges Wunder gewirkt (Apg 3:1-11), und Petrus nahm es sofort zum Anlaß für einen weiteren Aufruf an die "Männer von Israel", in dem er ihnen vor Augen stellte, dass der Gott ihrer Väter, obwohl sie den eingeborenen Sohn des Vater abgewiesen und gekreuzigt hatten, dennoch seinen Sohn verherrlicht hat, indem er ihn vom Tode auferweckte, und ihn jetzt beauftragte, erneut die Nation zur Buße zu rufen, zusätzlich mit der großartigen, wunderbaren und epochemachenden Verheißung, dass durch ihre Buße ihre Sünden getilgt würden, die Zeit der Erquickung durch die Gegenwart des Herrn käme, und dass er Jesus Christus senden werde, der ihnen zuvor gepredigt war, und dass alles das, was Gott seit alters durch seine heiligen Propheten verheißen hatte, dann erfüllt würde. Er endet mit den denkwürdigen Worten, die wir hier vollständig anführen müssen:

    Apg 3:19: So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden getilgt werden,
    Apg 3:20: damit die Zeit der Erquickung komme von dem Angesicht des Herrn und er den sende, der euch zuvor zum Christus bestimmt ist: Jesus.
    Apg 3:21: Ihn muß der Himmel aufnehmen bis zu der Zeit, in der alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn.
    Apg 3:22: Mose hat gesagt: "Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern; den sollt ihr hören in allem, was er zu euch sagen wird.
    Apg 3:23: Und es wird geschehen, wer diesen Propheten nicht hören wird, der soll vertilgt werden aus dem Volk."
    Apg 3:24: Und alle Propheten von Samuel an, wie viele auch danach geredet haben, die haben auch diese Tage verkündigt.
    Apg 3:25: Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott geschlossen hat mit euren Vätern, als er zu Abraham sprach: "Durch dein Geschlecht sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden."
    Apg 3:26: Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht Jesus erweckt und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, dass ein jeder sich bekehre von seiner Bosheit (Bosheit = gr. poneros (Plural) bezeichnet mehr das Üble, das Elend und Mißgeschick, als die begangenen Sünden, von denen in Apg 3:19: die Rede ist).

    Wir fragen noch einmal: Wo ist in dem allen die Gründung einer Kirche (wie die röm.-kath. Theologie lehrt)? Oder wo ist der "Beginn der Gemeinde mit Pfingsten", wie es einige andere lehren? Solche Lehren haben Tausenden die Sinne verblendet, und es manchen beinahe unmöglich gemacht, zu klarem Verständnis dessen zu gelangen, was Gott zu unserer Unterweisung geschrieben hat. Das ist zu "einer Lehre der Ältesten" geworden, die das Neue Testament wirkungslos gemacht hat, so gewiss wie das durch die Lehre der Pharisäer mit dem Alten Testament geschehen ist (Mt 15:3.9).

    Dieser nochmalige Ruf zur Buße und diese Wiederholung der Verheißung, der Messias werde als direkte Folge davon gesendet, zieht sich durch das ganze Wirken der Apostel, durch Petrus und die Zwölf, im Land und anderswo. Und durch Paulus und andere in den Synagogen in der Verstreuung, bis es in Rom zu einem Höhepunkt kam, wo "die Angesehensten der Juden" an einem festgelegten Tag "untereinander uneins waren" (Apg 28:17-25). Dann wurde es zur besonderen und ernsten Pflicht des Apostels Paulus, noch ein drittes und letztes Mal feierlich zu verkünden, dass sie zur Blindheit verurteilt seien, wie es zuerst Jesaja gesagt hatte (Jes 6:9.10).

    Einmal hatte es der Herr in Mt 13, wiederholt und ein zweites Mal in Joh 12, In beiden Fällen wurde es im Zusammenhang mit der Ablehnung der Worte und Werke des Herrn ausgesprochen. Und nun wird es nochmals, zum dritten und letzten Mal in Apg 28, durch Paulus bestätigt.

    Jede Wiederholung dieser ernsten Prophezeiung kennzeichnete eine Krise in der Geschichte Israels. Dieser Letzten folgte kurz darauf die Zerstörung Jerusalems, der Brand des Tempels und die Zerstreuung des Volkes. Die Anwesenheit der Juden unter uns heute ist ein bleibendes Zeugnis davon.

    Diese Bestätigung dessen, was der Herr gesagt hatte, beschränkte sich nicht nur auf gesprochene Worte. Die, die es gehört hatten, haben es nicht nur gesagt, sondern auch geschrieben.

    Die Apostolischen Briefe

    Das sind die sogenannten 'katholischen' oder 'allgemeinen' Briefe. Aber diese Bezeichnung verleitet zu dem Mißverständnis, das sie alle betrifft. Sie sind alle von denen geschrieben, die es gehört haben. Wir haben allerdings nicht zwölf Epistel, denn nur drei waren dazu ausersehen: Petrus, Jakobus (Jakobus - Apg 12:17; Apg 15:13; Apg 21:18; 1Kor 15:7; Gal 1:19; Gal 6:12) und Johannes mit Judas (Judas, der Bruder des Jakobus. Vergleiche Jud 1:1 mit Mt 13:55 und Mk 15:40 und siehe Joh 15:22). Diese Schriften werden deshalb die apostolischen Briefe genannt.

    In allen besten und ältesten griechischen Manuskripten folgen diese apostolischen Briefe unmittelbar nach der Apostelgeschichte, wobei Jakobus zuerst kommt. Diese einfache Tatsache erklärt uns eine ganze Menge. Wir können sie verstehen und die vielen Fragen beantworten, die im Zusammenhang mit ihnen immer wieder aufkommen.

    b) Der Brief des Jakobus

    Wir können verstehen, wieso Jakobus seinen Brief an die "zwölf Stämme in der Zerstreuung" richtete. Wir erinnern uns daran, dass er in der Phase der Apostelgeschichte schrieb. In dieser Phase hielt Gott die Verheißung aufrecht, und Petrus verkündete sie in seinem Namen: Unter der einen Bedingung würde Gott den Christus senden und die damit verbundene Zeit der Erquickung, Wiederbelebung und Wiederherstellung würde kommen: Wenn das Volk Buße tun würde.

    In diesem Lichte besehen, können wir die Worte des Jakobus verstehen, wenn er den gläubigen Israeliten sagt, "Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien“ (Jak 1:18).

    Das war die Lehre, die sie in jener Zeit empfangen hatten. Paulus hatte bereits im allerersten Brief, den er geschrieben hat (an die Thessalonicher) von diesen 'Erstlingen' geschrieben, dass beim Kommen Jesu Christi die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die Lebenden "mit ihnen entrückt werden" (1Thes 4:13-18). Diese wären tatsächlich die "Erstlinge" gewesen, von denen Jakobus in seinem Brief spricht (Apg 1:18).

    Gott hatte durch Petrus verheißen, dass er Jesus Christus senden werde, wenn das Volk Buße tue. Gott hat sie nicht genarrt. Darin können wir ganz sicher sein. Mit dem, was Paulus hier schrieb, "bekräftigte" er nur, was der Herr gesagt hatte. Er hatte es zwar nicht gehört, als der Herr auf der Erde war, aber derselbe Herr hatte es ihm offenbart. Daher konnte Paulus es bekräftigen, als er seinen ersten Brief an die Gläubigen in Thessalonich schrieb.

    Wir müssen uns das noch aufheben, was wir über 1Thes 4 zu sagen haben, bis die Betrachtung dieses Briefes an der Reihe ist. Inzwischen halten wir fest: Es nicht erstaunlich, dass Jakobus, als er diesen Brief in der Phase der Apostelgeschichte schrieb, in einem ganz direkten Sinne sagen konnte: "... der Richter steht vor der Tür“ (Jak 5:9); Denn der Herr saß noch nicht, sondern, wie Stephanus ihn sah, "stand" er noch, wie auf Israels Buße wartend, - und in Bereitschaft, "herabzusteigen vom Himmel" und gesendet zu werden, wie es Gott in Apg 3:20 durch Petrus verheißen hatte.

    Jakobus konnte von der Rechtfertigung durch den Glauben schreiben, aber da er an die zwölf Stämme und während dieser Phase schrieb, mußte er ihnen zeigen, dass es ein lebendiger Glaube sein muß, der sich in Werken zeigt.

    Die Gerechtigkeit vor Gott ohne Werke war noch nicht völlig offenbart. Der Brief an die Römer war noch nicht geschrieben. Gerechtigkeit mußte wie Abrahams und Rahabs Glaube sein. Denn Glaube ist wie der menschliche Körper. Der Körper ohne Geist ist tot; denn Gott "blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen." - Und ohne den Geist "wird er eine tote Seele" (Siehe die folgenden Schriftstellen, wo das hebräische Wort nephesch, eigentlich "Seele", anders übersetzt wird: King James: the dead- der Tote: 3Mo 19:28; 3Mo 21:1; 3Mo 22:4; 4Mo 5:2; 4Mo 6:11; King James: dead body - Leichnam: 4Mo 9:6.7.10 ; und King James: body - Körper: 3Mo 21:11; 4Mo 6:6; 4Mo 19:11.13; Hag 2:13). "So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber." Er gibt kein Lebenszeichen von sich. Hier beruft sich Jakobus auf Abraham, der "Gott glaubte" aber auch bewies, dass es ein lebendiger Glaube war, als er im Gehorsam aus seinem Land und seiner Verwandtschaft ging (Jak 2:22). In gleicher Weise wurde Rahabs Glaube als lebendig bewiesen, als sie die Kundschafter aufnahm und nicht verriet, um sie in die Hände des Königs von Jericho zur Hinrichtung auszuliefern (Jak 2:25).

    Jakobus konnte auch von der "Synagoge" schreiben, wie Lukas in der Apostelgeschichte, wo Paulus seine Bestätigung an die des Petrus anfügt und "Jesus und die Auferstehung" den Juden in der Diaspora in deren Synagoge predigt. (Apg 17:1f).

    Jakobus konnte das alles sagen, weil er bekräftigte, was der Herr gesagt hatte. Er schrieb ja an dieselben Menschen, denen gegenüber er sich auf die Worte des Petrus in Apg 3:14 beziehen konnte. Das sieht man aus den persönlichen Fürwörtern: "Ihr habt den Gerechten verurteilt und getötet, und er hat euch nicht widerstanden" (Jak 5:6). 'euch' bedeutet hier: den zwölf Stämmen, die die Schuld auf sich geladen haben.

    Jetzt "steht er noch vor der Tür“ (Jak 5:9); seine Verkündigung ist noch nicht widerrufen. Seine Verheißung, Jesus Christus zu senden, ist noch offen. Aber "das Kommen des Herrn ist nahe“ (Jak 5:8).

    c) Die Briefe des Petrus

    Petrus hat nicht nur gepredigt, sondern er wandte sich auch schriftlich an die Fremdlinge, die zerstreut wohnen (1Petr 1:1), d. h. in die Diaspora; und er spricht von derselben Errettung, von der auch die Propheten gesprochen und geschrieben hatten, und sagt: "Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern EUCH dienen sollten mit dem, was EUCH nun verkündigt ist durch die, die EUCH das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist (durch pneuma hagion, d. i. durch die Kraft aus der Höhe, vgl. Hebr 2:4), der vom Himmel gesandt ist, - was auch die Engel begehren zu schauen" (1Petr 1:12).

    Petrus nennt die Gläubigen auch heilige Priesterschaft, königliche Priesterschaft und heiliges Volk (1Petr 2:1-10), und Schafe seiner Weide (1Petr 2:25). Er sagt ihnen, dass das Ende aller Dinge nahegekommen ist, deshalb sollen sie besonnen und nüchtern sein (1Petr 4:7). "Denn die Zeit ist da, dass das Gericht anfängt an dem Hause Gottes. Wenn aber zuerst an uns, was wird es für ein Ende nehmen mit denen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben?“ (1Petr 4:17). Dabei bezieht er sich natürlich auf seine eigene Aufforderung in Apg 3, und auf das "große Heil" (Hebr 2:1-3).

    Petrus bezeugt auch, dass Gott sie "durch die Auferstehung Jesu Christi" "wiedergeboren hat" zu einem Erbe, das nicht mehr irdisch, sondern himmlisch ist. Und er bezeugt die "Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit". Damit meint er die damalige Zeit, nämlich das Ende dieser heilsgeschichtlichen Phase. Damals war die Wiederkunft Christi "bereit, dass sie offenbar werde" (apokalypto). Denn diese Phase ging damals auf ihr Ende zu, und wenn diese Zeit der "Leiden" vorüber wäre, dann sollte "die Herrlichkeit" folgen. Wir haben dasselbe Wort apokalypto in 1Petr 4:13 und 1Petr 5:1. Petrus konnte das Wort apokalypto anwenden, weil es eine bekannte Bedeutung hatte. Die lag in der Verheißung, Jesus Christus zu senden. Das ist nicht Teil unserer Hoffnung heute. Wir warten auf unsere Entrückung, nicht auf die Apokalypse oder "den Tag des Herrn“

    Wir wollen dieses "Erbe" mit dem vergleichen, was darüber in folgenden Kapiteln geschrieben ist:

    1.Petrus Kap. 1 u. 2 Offenbarung Kap. 21 u. 22
    Erbe - 1Petr 1:4 Die heilige Stadt usw. - Offb 21:7
    unvergänglich - 1Petr 1:4 reines Gold - Offb 21:7
    unbefleckt - 1Petr 1:4
    unverwelklich - 1Petr 1:4 "nicht mehr" - Offb 22:3-5
    aufbewahrt in den Himmeln für euch - 1Petr 1:4 „herniederkommen aus dem Himmel" - Offb 21:10
    „die zwölf Stämme" - Offb 21:12
    „die zwölf Apostel" - Offb 21:12
    Lob, Preis und Ehre - 1Petr 1:7 „Herrlichkeit“ - Offb 21:23-24
    „Edelsteine“ - Offb 21:19
    lebendige Steine - 1Petr 2:7 Grundsteine - Offb 21:14



    Der 2. Brief des Petrus

    In seinem zweiten Brief ermahnte er sie, denn "so wird EUCH reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige REICH unseres Herrn und Heilands Jesus Christus" (2Petr 1:11). Er zählt sich selber mit zu denen, die es gehört haben, wenn er sagt, "diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge" (2Petr 1:18)

    Am Ende seines zweiten Briefes spricht er von des Herrn Tag, der wie ein Dieb kommen wird (2Petr 3:10), und von den schweren Gerichtserscheinungen, die mit ihm einhergehen (2Petr 3:11). Dann spricht er von dem "Tag Gottes", der dem folgt (2Petr 3:12) und von dem neuen Himmel und der neuen Erde, die das beenden. Deshalb schließt Petrus mit der Ermahnungen (2Petr 3:14), "dass ihr gedenkt an die Worte, die zuvor gesagt sind von den heiligen Propheten, und an das Gebot des Herrn und Heilands, das euch verkündet ist DURCH EURE APOSTEL" (2Petr 3:2). Dass wir hier die Fürwörter so herausgehoben sind soll zeigen, dass die Apostel sich selber einbezogen haben in das, worüber sie schrieben, und sich an dem, wovon sie sprachen, als beteiligt ansahen. Aber wenn wir uns vor Augen halten, dass die Verkündigung und der Ruf zur Buße nicht beachtet wurden, und dass die Verheißung, den Messias zu senden, um das Königreich zu errichten und alle Dinge wieder herzustellen, abgelehnt wurde, dann ist es nur im übertragenen Sinne möglich, alle diese persönlichen Ausdrücke auf uns heute anzuwenden.

    Damals stand alles das, wovon sie schrieben, nahe bevor. Jetzt ist es alles ausgesetzt. Damals war die Erfüllung aller Verheißungen, die an die Väter ergangen waren, ganz nahe. Jetzt aber ist sie in die Ferne gerückt. Nur so lassen sich die Ausdrücke in Kürze und die Zeit ist nahe sinnvoll und zutreffend verstehen (Offb 1:1.3). Viele Gläubige mögen hierüber verblüfft sein. Sie können nicht verstehen, wieso Johannes sagen mußte, dass das, worüber er zu schreiben hatte, in Kürze geschehen soll (Offb 1:1). Sie können nicht sehen, dass es ganz genau zutraf, denn Johannes schrieb unmittelbar vor dem Ende dieser Phase, in der Zeit, die er die letzte Stunde nannte. Er konnte nicht schreiben, als ob er angenommen hätte, dass die Verkündigung des Petrus abgelehnt würde. Es war vielmehr notwendig, dass er vom Gegenteil ausging und positiv schrieb, also nicht hypothetisch, obwohl er über ernste Realitäten schrieb.

    Aber man hat die große Krise von Apg 28 gänzlich ignoriert und die größte Krise der Geschichte - die Zerstörung Jerusalems - behandelt, als ob es ein gelegentlicher Unfall wäre, ohne irgendwelchen Einfluß auf die Geschichte oder die prophetische Lehre der Heiligen Schrift. - Das Buch der Offenbarung wurde aller Verbindung zu Israel entrissen und wurde so betrachtet, als wäre es eine in Symbolen geschriebene Fortsetzung der Geschichte der Heiden!

    In diesem Zusammenhang müssen wir uns noch aufheben, was wir über das Buch der Offenbarung zu sagen haben, bis wir an das Ende der apostolischen Schriften kommen. Dann werden wir sehen, wie die Bekräftigung der Worte des Herrn durch die, die es gehört haben, als ein harmonisches Ganzes den ihr zustehenden Platz als Schlüssel zur Auslegung des Neuen Testaments insgesamt einnimmt.

    d) Die Johannesbriefe

    Johannes gehörte zu den drei zuerst erwählten Jüngern, die Jesus berufen hatte, damit sie mündlich und schriftlich bekräftigen sollten, was sie vom Herrn gehört hatten. Er bekräftigte, wie die anderen beiden, was seinen Anfang nahm mit der Predigt des Herrn (Hebr 2:3). Darüber hinaus ging er nicht.

    Außerhalb seiner Briefe gibt es keine Information darüber, wann er geschrieben hat. Niemand kann uns helfen. Weder alte Autoren noch moderne Kritiker können uns mehr darüber sagen, als was wir selber in den drei Briefen des Johannes lesen. Alles andere ist Vermutung. Alle Leser und Ausleger müssen, wie bei allen Briefen, notgedrungen auf die internen Indizien zurückgreifen, weil es externe nicht gibt.

    Naherwartung

    Hier stoßen wir bald auf die Worte: Kinder, es ist die letzte Stunde! (1Jo 2:18). Das kann sich nur auf die damals unmittelbar bevorstehende Zerstörung Jerusalems beziehen. Die ist nämlich den Abschluss dieser heilsgeschichtlichen Phase, die zeitlich von der Apostelgeschichte umrissen wird. Johannes schrieb nicht von der heutigen Zeit oder von der Menschheitsgeschichte, auch nicht vom Ende der materiellen Schöpfung, sondern vom Ende der Phase, in der Gott durch die, die es gehört haben redete. Deren Ende war tatsächlich nahe. So nahe, dass es heißt: Die Welt vergeht mit ihrer Lust (1Jo 2:17). Es war die "elfte Stunde" davon.

    Was hat damals diese "letzte Stunde" gekennzeichnet? Die Antwort folgt unmittelbar im gleichen Vers: "Kinder, es ist die letzte Stunde! und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind nun schon viele Antichristen gekommen: daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist."

    Das ist die erste Erwähnung des Antichrists im neuen Testament. Er wird hier mit dem bestimmten Artikel genannt, als wäre er bereits bekannt. Außer dem Hinweis auf den Charakter oder Geist des Antichrists (1Jo 2:22; 1Jo 4:3) (zur Begründung des bestimmten Artikels vgl. Dan 7:8.9.11) wird keine Erklärung über ihn gegeben. Die Frage, woher Johannes das wusste, lässt sich selbstverständlich und richtig mit der Inspiration beantworten; aber Johannes sagt "wir", also wussten auch noch andere (oder hätten es wissen müssen), dass an den "vielen Antichristen" die "letzte Stunde" zu erkennen war. Unser Herr hatte es in der letzten großen prophetischen Rede am Ölberg als allererstes Zeichen für den Beginn der letzten Zeit vorausgesagt: ... es werden viele kommen unter meinem Namen... (Mt 24:4).

    Es gibt zwei solche prophetische Reden. Das zeigt sich darin, dass sie zweierlei Zeiten, Orte und Themen haben. Die erste ist in Lk 21 berichtet, die zweite in Mt 24 und Mk 13

    Die Rede bei Lukas hielt Jesus "eines Tages, als er das Volk lehrte im Tempel" (Lk 20:1). Als nächsten Hinweis auf die Zeit lesen wir in Lk 21:1: "Er blickte auf und sah, wie die Reichen ihre Opfer in den Gotteskasten einlegten." Demnach war er noch im Tempel, als er die prophetische Rede hielt, die uns Lukas berichtet. Ein dritter Hinweis findet sich in Lk 21:37: "Er lehrte des Tags im Tempel; des Nachts aber ging er hinaus und blieb an dem Berg, den man den Ölberg nennt."

    Betrachten wir demgegenüber die Prophetie in Mt 24 und Mk 13: Da lesen wir in Mt 24:1: Und Jesus ging aus dem Tempel fort,... und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren“ (Mt 24:3). Ebenso in Mk 13:1: "Und als er aus dem Tempel ging,..." und Mk 13:3: "Und als er auf dem Ölberg saß gegenüber dem Tempel, fragten ihn Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas, als sie allein waren."

    Somit haben wir also zwei große prophetische Reden; eine (Lukas) im Tempel gesprochen, die andere (Matthäus und Markus) später auf dem Ölberg. Da Teile der ersten Prophetie in der zweiten wiederholt werden, stellen wir die Hauptpunkte der drei Berichte in Spalten nebeneinander, so dass jeweils Thema und Inhalt mit ihren Unterschieden deutlich erkennbar werden.

    Beide Prophetien werden mit einem Abriss von Ereignissen eingeleitet, die die Zuhörer noch erleben und erleiden würden. Der Herr war auf die Bauwerke, Steine und Verzierungen des Tempels hingewiesen worden und antwortete, "Es wird die Zeit kommen, in der von allem, was ihr seht, nicht ein Stein auf dem andern gelassen wird, der nicht zerbrochen werde" (das hat sich so vollständig erfüllt, dass die illustrierte Wochenschrift "The Throne" (London) in ihrer Ausgabe vom 21. Dezember 1911 in einem zwei Seiten langen Artikel nachweisen wollte, es hätte den Tempel überhaupt nie gegeben, das sei nur ein Mythos.

    (Anm. Jürgen Krafzik: Ein Mythos, an dessen „Glaubwürdigkeit" heute auch die Palästinenser und andere Islamisten mit verschiedensten Methoden arbeiten). Diese ernste Aussage führte beide Male zu der Frage: "WANN soll das geschehen? und was wird das ZEICHEN sein, wenn das geschehen wird?" Die Frage bezieht sich auf das Kommen bzw. den Beginn der Ereignisse.)

    Die ersten Worte der Antwort des Herrn waren:

    Mt 24:46: "Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und werden viele verführen. Ihr werdet hören von Krieg und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da." Mk 13:5-7: "Seht zu, dass euch nicht jemand verführe! Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin's, und werden viele verführen. Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so fürchtet euch nicht. Es muss so geschehen. Aber das Ende ist noch nicht da." Lk 21:8-9: "Seht zu, lasst euch nicht verführen. Denn viele werden kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin's, und: Die Zeit ist herbeigekommen. - Folgt ihnen nicht nach! Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Aufruhr, so entsetzt euch nicht. Denn das muss zuvor geschehen, aber das Ende ist noch nicht so bald da."


    Das ist der Anfang. Der Herr spricht dann weiter von den Ereignissen, die als nächste folgen: Die Geburtswehen der Trübsal:

    Mt 24:7.8: "Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen." Mk 13:8: "Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere. Es werden Erdbeben geschehen hier und dort, es werden Hungersnöte sein. Das ist der Anfang der Wehen." Lk 21:10.11: "Ein Volk wird sich erheben gegen das andere und ein Reich gegen das andere, und es werden geschehen große Erdbeben und hier und dort Hungersnöte und Seuchen; auch werden Schrecknisse und vom Himmel her große Zeichen geschehen.


    Jetzt werden wir sehen, dass er bei der ersten Rede (Lk 21) an dieser Stelle kurz innehält. Anstatt des Satzes: "Das ist der Anfang der Wehen" (wie bei Matthäus und Markus) und der Fortsetzung ihrer Schilderung, geht er hier zurück und spricht von etwas, das noch "vor diesem allen" geschehen wird. - Vor dem Beginn der Geburtswehen der großen Trübsal. Er beschreibt die Zerstörung Jerusalems.

    Gericht und Verstockung Israels

    Lk 21:12: Aber vor diesem allen...

    Das bedeutet vor der großen Trübsal, die mit dem Zeichen des Menschensohns, kommend in den Wolken des Himmels, endet, werden die Ereignisse geschehen, die in den Versen 12-24 berichtet sind. Die abschließenden Worte lauten:

    Lk 21:24: "und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt unter alle Völker, und Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind."

    In der Rede, die in Mt 24 und Mk 13 berichtet ist, fährt er jetzt fort und beschreibt die Drangsal (anstatt auf den Zustand Jerusalems vor der großen Trübsal und bis zu deren Beginn einzugehen). Nachdem er gesagt hatte: "Das alles ist der Anfang der Wehen" setzt er die Beschreibung der Trübsal fort (Mt 24:9-28; Mk 13:9-23), und er schildert in der Prophezeiung weiter die Wehen bis zum Augenblick seines Erscheinens in den Wolken des Himmels.

    An diesem Punkt wendet sich der Herr nun auch in Lk 21:25 dem Ziele zu (telos), der Zeit des Endes: Die abschließenden Worte beider Reden beziehen sich auf das eigentliche Kommen des Herrn:

    Mt 21:29.30: "Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit."

    Mk 13:24-26: "Aber zu jener Zeit, nach dieser Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit."

    Lk 21:25-27: "Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit."

    Aber uns interessiert hier nicht das aktuelle Kommen des Herrn in der Endzeit, sondern wir besprechen noch das erste Zeichen, das mit dem zu tun hatte, wovon Johannes in 1Jo 2:18 schreibt, "daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist."

    Diese Verse (Mt 24:29.30; Mk 13:24-26; Lk 21:25-27) stehen in der dritten Person, denn sie reden von dem, was sie in der Zukunft empfinden und sehen werden. Die folgenden Verse aber bilden zu dieser Form sie und ihnen einen Gegensatz. Der Herr kommt wieder auf die damals gegenwärtige Zeit zu sprechen, nämlich auf das erste Zeichen der vielen falschen Christusse. "Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt (es könnte sein, dass dieser Ausdruck "jetzt" sich auf die Leute bezieht, die die zukünftige Zeit des Endes (telos) sehen. Wir können aber die Menschen nicht ausschließen, die den Herrn reden gehört haben, und die seine Worte verstanden hätten, wenn die Nation Buße getan hätte, als Petrus in Apg 3:19-26 dazu aufrief) ausschlagen und ihr seht es, so wißt ihr, dass der Sommer nahe ist. Wahrlich ich sage euch: dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht (Lk 21:28-32).

    Diese Worte werden mit "wahrlich" eingeleitet, und sie sind wahr. Diese Generation verging nicht vor der Erfüllung der Verse 8 und 9, die vom Kommen der falschen Christusse oder Antichristen reden, von dem Johannes sagt, "daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist" (1Jo 2:18).

    Noch deutlicher wird es, wenn wir die Worte in Lk 21:24 und 32 gut auseinanderhalten. in V. 24 heißt es erfüllt sind (pleroo) und in V. 32 geschieht (ginomai), das bedeutet entstehen. Diese Dinge hatten tatsächlich begonnen zu geschehen, sie entstanden während GERADE DIESER GENERATION, und dann verging diese Generation. Das Wort Geschlecht kann nicht 'Rasse' bedeuten, den diese Rasse vergeht ohnehin nicht. Es ist die "ewige Nation" (siehe Jes 45:17).

    Wir haben deshalb eine klare und befriedigende Auslegung des Ausdrucks "diese Generation". Wir brauchen sie nicht mit gewaltsamen Manipulationen und klugen Argumenten zu einer Generation zu machen, die damals noch weit in der Zukunft lag. Das sind Auslegungen, die keiner Kritik standhalten. Wenn man diesen Ausdruck aber im Sinne der Phasen auffasst, dann erklärt er sich nicht nur von selber, sondern macht auch den anderen Ausdruck verständlich, der für viele so rätselhaft ist: Die letzte Stunde aus 1Jo 2:18. Und für uns heute ist das gleiche Zeichen gut geeignet, weil es auf den Beginn der Trübsal weist, die jetzt aber natürlich noch Zukunft ist.

    Weil sie die Proklamation des Königreichs durch Petrus abgelehnt haben, haben sie das nicht erkannt, und nun ist alles ausgesetzt. Manche halten den Papst für den Antichrist, von dem hier die Rede ist. Aber dieses Zeichen galt für den Beginn der letzten Stunde, und nicht als Zeichen für ihre Fortsetzung oder ihr Ende. Es war das allererste Zeichen.

    Wenn der Papst oder die Päpste diejenigen wären, von denen der Herr sagte, "es werden viele kommen unter meinem Namen...", dann bliebe uns überhaupt kein 'Zeichen' mehr, und die Worte des Herrn wären ihrer Wirkung beraubt. Nein! die Trübsal und das Königreich sind zusammen ausgesetzt. Die Zeit für das Offenbarwerden des Antichrist muss dem Tag des Herrn vorausgehen und ist tatsächlich das unmittelbare Zeichen dafür (2Thes 2).

    Aufruf zur Buße

    Aber Johannes weist nicht nur hier auf die verheißene unmittelbare Parusie oder Erscheinung des Herrn, die damals an eine Bedingung geknüpft war.

    In 1Jo 2:28 sagt er: "Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er offenbar wird, Zuversicht haben und nicht zuschanden werden vor ihm, wenn er kommt" (bei seiner Parusie). Nochmals sei es gesagt: Wir können Johannes selbst und die, an die er schrieb, hierbei nicht ausschließen.

    In 1Jo 4:17 sagt er: "Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts." Der Tag des Gerichts ist es nämlich, was diejenigen erwartete (und noch erwartet), die dem Ruf zur Buße nicht Folge geleistet haben, der damals von denen hinausgetragen wurde, die es gehört haben und die in seinem Namen riefen.

    In 2Jo 1:7 finden wir noch einen weiteren Hinweis auf die Beschreibung der falschen Christusse oder Antichristen aus den Tagen des Johannes und aus der letzten Stunde. Die können wir aber erst später betrachten.

    Unsere Leser werden verstehen, dass wir nicht nur die Übereinstimmung mit anderen Stellen zeigen wollen, die in der Auslegung so viele Schwierigkeiten bereiten.

    Wir wollen die Leser auch mit kräftigen Argumenten gegen die Lehre einer Vielzahl von Auslegern versehen, die erklären, der Herr sei bei der Zerstörung Jerusalems gekommen. Unter den bekannten Auslegern gibt es viele, die diese Ansicht vertreten.

    Wir haben diesen Punkt bei der Besprechung der apostolischen Briefe des Johannes als ersten behandelt, weil uns das beim Datieren seines Briefes hilft. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt. In den einleitenden Worten haben wir nämlich ein Echo von Hebr 2:3, das uns daran erinnert, dass Johannes einer von denen war, die es gehört haben, was der Sohn Gottes gepredigt hatte. So war er qualifiziert und beauftragt, das zu bekräftigen, was seinen Anfang nahm mit der Predigt des Herrn.

    Johannes beginnt seinen Brief so:

    "Was (oder DER) von Anfang an war, was (oder DEN) WIR GEHÖRT HABEN, was (oder DEN) wir gesehen haben mit unsern Augen, was (oder DEN) wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom WORT DES LEBENS - und das Leben ist erschienen, und wir haben es gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist - was (oder DER, DEN) wir gesehen UND GEHÖRT haben, das (oder DEN) verkündigen wir euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und UNSERE (hemeteros - siehe Anmerkung*) Gemeinschaft ist (Gemeinschaft) mit dem Vater und mit dem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben WIR (alle sorgfältigen Texte heben diese Wort hervor), damit unsere Freude vollkommen sei" (1Jo 1:1-4).

    Johannes schreibt speziell an Hebräer, und zwar, wie wir gesehen haben, unmittelbar vor dem Ende dieser Phase. Deshalb finden wir bei ihm in hohem Maße hebräische Ausdrücke und Redewendungen.

    Er spricht von dem "Fürsprecher" oder "Tröster" (Luther) vom Vater, wie er aus dem Munde des Herrn gehört hat (Joh 14:6.17), und er nennt Christus "die Versöhnung" (oder das Sühneopfer) für unsere Sünden, nicht allein aber für die UNSEREN* (als Juden), sondern auch für die der ganzen Welt (ohne Unterschied)." Hier meint Johannes sich und sein eigenes Volk Israel. Dem in erster Linie bezeugt er den Herrn, den er "gesehen und gehört hat."

    * Das Wort ist dasselbe wie in 1Jo 1:3 ("UNSERE" Gemeinschaft); hemeteros heißt "der/die/das Unsrige" und ist nicht dasselbe wie 'unsere' im Satz vorher. Dort ist es nur das übliche besitzanzeigende Fürwort. In diesem Fall aber ist es ein viel stärkeres Wort und bezieht sich auf das, was im ausschließlichen Sinn "uns (als Juden) zugehörig" ist. Vgl. Apg 2:11 "in unsern Sprachen"; Apg 24:6 "nach unserm Gesetz"; Apg 26:5 "unsres Glaubens"; 2Tim 4:15 "unsern Worten"; Tit 3:14 "die Unsern" (als Volk). Jedes mal ist dieses griechische Wort verwendet worden.

    e) Die Offenbarung des Johannes

    Bevor wir verlassen, was diejenigen bekräftigen, die es gehört haben, müssen wir noch die Offenbarung besprechen, die wir zu den apostolischen Schriften zählen, wobei wir diese Bezeichnung nur den Schriften zuordnen, die von den zwölf Aposteln stammen, den Verfassern der apostolischen Briefe.

    Hier erhalten wir, wie schon früher angedeutet, weitere Hinweise darauf, dass die Apostelgeschichte eine eigene heilsgeschichtliche Phase ist; aber wir finden noch mehr. So ist es ja immer, wenn wir uns in der Lehre auf einem richtigen und wahren Weg befinden: überraschenderweise werden Probleme gelöst. Andererseits stoßen wir, einmal 'auf dem Holzweg', überall auf Hindernisse und müssen umkehren.

    Nun zur Offenbarung: Wer von uns war nicht verblüfft von dem einleitenden Ausdruck was IN KÜRZE geschehen soll? In Offb 1:3 wird hinzugefügt die Zeit ist nahe. Damals müssen diese Worte einen echten, buchstäblichen Sinn enthalten haben, den man verstanden hat.

    Der Herr sieht das Ende von Anfang an. Er wusste, dass das Angebot des Petrus in Apg 3:26-29 abgelehnt werden würde. Aber als er seinen Knecht Johannes schreiben ließ, konnte er das nicht vorwegnehmen. Johannes musste so zu schreiben angeleitet werden, dass es verstanden wurde. Und er schrieb so an die Gemeinden, wie es ihm aufgetragen worden war.

    Gewiss hat Gott sein Volk nicht genarrt, als er verhieß, unter der Bedingung der nationalen Busse Jesus Christus zu senden. Aber aus einem Grunde hat Gott keinerlei Hinweis darauf gegeben, dass Israel den Ruf zur Buße ablehnen würde: Die Willensfreiheit des Volkes durfte nicht aufgehoben werden. Die volle Verantwortlichkeit musste bei diesem Volk belassen werden, und zwar während dieser ganzen Phase, bis zu der bemerkenswerten ganztägigen Konferenz in Rom (Apg 28:23-29).

    Wir können sicher sein, dass Paulus bei diesem wichtigen Ereignis nichts unausgesprochen und kein Argument ungenutzt ließ, als er ihnen "vom frühen Morgen bis zum Abend" das Reich Gottes bezeugte und "ihnen von Jesus aus dem Gesetz des Mose und aus den Propheten" predigte.

    Der Apostel Johannes konnte nicht weniger tun. Das Senden des Herrn Jesus, wie in Apg 3:19-26 verheißen, enthielt die volle Erfüllung all der Ereignisse, die mit der Offenbarung und Erscheinung Jesu Christi kommen sollten. Diese Verheißung schloss auch ein, dass "alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn."

    Daher konnte man damals in einem ganz realen Sinn, wie das heute nicht mehr möglich ist, sagen, dass die Offenbarung Jesu Christi in Kürze geschehen soll (muss K). Die Gewissheit bei Johannes beruht selbstverständlich auf der Zuverlässigkeit der Zusagen Gottes, und nicht auf der Ungewissheit der damals noch ausstehenden Entscheidung Israels. Aus göttlicher Sicht ist dieses MUSS das einzige Wort, das verwendet werden konnte. Am Ende des Buches wird es zwar nicht wiederholt, aber im letzten Kapitel lesen wir dafür dreimal siehe (oder ja), ich komme bald (Offb 22:7.12.20), und einmal die Zeit ist nahe (wie in Offb 1:3).

    Die Offenbarung konnte in einem ganz realen und zutreffenden Sinn von nahe sprechen; und das hatte für die Menschen der damaligen Zeit ein viel größeres Gewicht als für die Gläubigen heute. Denn heute kann man es nicht mehr im selben Sinne als 'nahe' bezeichnen wie damals.

    Damalige Naherwartung

    Aber es gibt auch in den Sendschreiben an die sieben Gemeinden Ausdrücke mit der gleichen räumlichen und zeitlichen Bedeutung. Wir wissen, dass diese Gemeinden damals real existierten. Wir wissen weiter, dass diese Sendschreiben direkt vom Herrn ausgingen. Und wir wissen, dass der Herr allen, die das Wort annahmen (Apg 2:41; 1Thes 2:13), befahl, zu warten und Ausschau zu halten. Daher müssen die Sendschreiben bei ihnen eine Aktualität gehabt haben, die bei uns heute nicht oder nicht im selben Sinne gegeben ist.

    "Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde" (Offb 1:7). Das gehört zu dem, was in Kürze geschehen soll (muss) (Offb 1:1), und wofür "die Zeit nahe“ war (Offb 1:3) Und wenn wir das im Zusammenhang mit anderen Worten in den ersten drei Kapiteln lesen, dann ist es klar, dass "der Tag des Herrn" damals tatsächlich nahe war.

    Petrus hatte bei der Pfingstpredigt erklärt: "... das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist", und Joel prophezeite von dem "Tag des Herrn" (Joe 2 und 3).

    Die Sendschreiben an Ephesus und Pergamos wiederholen die Zusicherung "ich werde bald über dich kommen" (Offb 2:5.16; das ist das gleiche Wort wie in Offb 22:20, aber in Offb 2:5 ist es nicht in allen Textüberlieferungen enthalten).

    ... das haltet fest bis ich komme heißt es im Sendschreiben an Thyatira (Offb 2:25).

    Siehe, ich komme bald steht im Sendschreiben an Philadelphia (Offb 3:11) mit den gleichen Worten wie in Offb 22:20.

    Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an mahnt er Laodicäa und das hat die gleiche Bedeutung wie in Jak 5:9 das Wort: "Siehe, der Richter steht vor der Tür." Moderne Evangelisten verdrehen diese ernste Mahnung gern. Sie reden von einer Herzenstür, aber damit können sie den geschriebenen Worten nicht die Wirkung nehmen, die sie in den Augen der ursprünglichen Leser hatten. Sie hatten ja diese Sendschreiben in der Hand, direkt an sie adressiert und vom Apostel Johannes eigenhändig geschrieben.

    Die Botschaft an Ephesus, dass du die erste Liebe verlässt, muss die Leser besonders getroffen haben, denn in Apg 19:9 und 2Tim 1:15 wird dieser Abfall ausdrücklich festgestellt.

    Ja, der "Tag des Herrn" war tatsächlich nahe, und wenn die Nation auf die Predigt der Zwölf hin Buße getan hätte, dann wäre es damals alles geschehen. Oder wollen wir glauben, der Herr hätte die Nation nur genarrt, als er durch Petrus sprach: "so tut nun Buße und bekehrt euch,... DAMIT die Zeit der Erquickung komme... und er den sende, der euch zuvor zum Christus bestimmt ist: Jesus" (Apg 3:19.20). Eine dritte Möglichkeit sehen wir nicht.

    Nun wissen wir natürlich, dass der Ruf zurückgewiesen wurde. Deshalb wurde Jesus damals nicht gesandt; alles ist ausgesetzt und harrt auf seine Erfüllung, die heute noch in der Zukunft liegt.

    Die historische Auslegung, nach der das Buch der Offenbarung betrachtet wird, als habe die endgültige Ablehnung des Messias keine Konsequenzen gehabt, und als habe damals alles seinen gewohnten Gang genommen, und die Offenbarung habe ihre Erfüllung in den Ereignissen der europäischen Geschichte, scheint uns für niemanden nützlich zu sein; weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, noch in der Zukunft. Und die Betrachtensweise, das ganze Buch zu vergeistigen, raubt ihm alle Klarheit, wenn man die chronologische Einordnung der Offenbarung berücksichtigt.

    Die Berücksichtigung der Zeit ihrer Abfassung lässt als einzige Methode die Offenbarung ein Buch voller Lehre für uns heute bleiben, so als wäre es zu unserer Unterweisung geschrieben, und gleichzeitig ein Buch mit einer realen Bestimmung für die damalige Zeit und für die noch zukünftigen Tage, wenn es seine buchstäbliche Erfüllung erfahren wird.

    Wir haben unsere Betrachtungen zu diesem Buch der Offenbarung hier im Zusammenhang mit den Briefen des gleichen Apostels gebracht, aber es bleibt noch ein apostolischer Brief zu erwähnen:

    f) Der Brief des Judas

    In diesem letzten apostolischen Epistel finden wir die gleichen Merkmale der letzten Tage dieser Phase wie in 2Petr 2.

    Damit erreichen wir das Ende des gemeinsamen Zeugnisses derer, die es gehört haben und durch die die Predigt des Herrn bekräftigt wurde. Die Zwölf waren alle an diesem Werk durch mündliche Weitergabe beteiligt, aber diese Drei (Petrus, Jakobus und Johannes) waren dazu bestimmt, das auch schriftlich zu tun. Und sie haben "uns zur Lehre" geschrieben, wie auch Judas, der Bruder des Herrn (wir sehen das beim Vergleich von Gal 1:19 mit Mt 13:55 und Mk 6:3).

    Jetzt können wir den Inhalt der Reden genauer betrachten, die die Apostel vom Herrn gehört hatten, und die sie in dieser heilsgeschichtlichen Phase der vierzigjährigen Bewährungsfrist Israels "bekräftigt" haben.

    g) Was sie gehört haben

    Hebr 2:3

    Bevor wir uns den Briefen des Paulus zuwenden, wird es gut sein, erst noch nachzusehen, was die zwölf Apostel, die gepredigt, und besonders die drei, die geschrieben haben, aus dem Munde des Sohnes gehört hatten, dessen Botschaft durch sie bekräftigt wurde. Dann werden wir die apostolischen Briefe noch besser verstehen können.

    Im letzten Abschnitt mussten wir Mt 24 aufschlagen, um besser zu verstehen, was Johannes mit den vielen Antichristen meint. Er und andere wussten, (und alle hätten es wissen müssen), dass es die letzte Stunde vor dem Ende dieser heilsgeschichtlichen Phase der Apostelgeschichte war.

    Wir haben gesehen, wie ein Bibelvers (Mt 24:34; Lk 21:32) plötzlich klar wird, der für die Futuristen ein Laststein ist, wenn sie die Apostelgeschichte als den Beginn der Kirchengeschichte betrachten. Sie übersehen, dass Apg 3:19-26 die Apostelgeschichte als eigenständige Phase der Heilsgeschichte ausweist. Ähnlich ist es mit dem Wort:

    Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.

    Das Problem entsteht, wenn man übersieht, dass hier nicht von vollständiger Erfüllung die Rede ist. Das Wort in Mt 24:34 und Lk 21:32 ist nicht dasselbe wie in Lk 21:24. Dort heißt es erfüllt. Sogar wenn dieser Unterschied nicht vorhanden wäre, bliebe die Abhängigkeit von Apg 3:19-26 (siehe unten). Die damals lebende Generation verging zwar, aber nicht bevor das vom Herrn gegebene Zeichen geschehen war: Es waren inzwischen tatsächlich viele gekommen, die gesagt hatten, sie wären der Messias.

    Damit wenden wir uns Dingen zu, die es aber erforderlich machen, dass wir uns diese besondere Generation und ihre Sonderstellung genauer ansehen. Sie erlebte das Kommen des Boten, der vor dem Herrn den Weg bereiten sollte, wie Jesaja und Maleachi prophezeit hatten. Die Stimme Johannes des Täufers war ein Ruf in der Wüste (Jes 40:3; Mt 3:3; Mk 1:3; Lk 3:4; Joh 1:23), und er hat den Weg des Herrn bereitet. Das Hochzeitsfest war vorbereitet und Jahwe hatte seine Knechte (Johannes und den Herrn) ausgesandt, die Gäste zur Hochzeit zu laden (Mt 22:3f).

    Die Sonderstellung dieser Generation

    Das war die Sonderstellung dieser Generation. Das bezeugte der Herr, als er sagte, dass die Leute von Ninive und die Königin vom Süden auftreten werden beim Jüngsten Gericht und werden diese Generation verurteilen (Mt 12:41.42), weil sie ihr Privileg vertan hat.

    Johannes der Täufer erfüllte nicht nur die gnädige Verheißung bei Jesaja (Jes 40:3), sondern auch die noch ernstere Prophetie bei Maleachi (Mal 3:23.24), die eine direkte Aussage über den großen und schrecklichen Tag des Herrn enthält. Der Herr selbst erklärte, dass Johannes der dort genannte Elias war (d.h. ihn repräsentierte), denn er kam im Geist und in der Kraft Elias (Lk 1:17). Aber die Menschen dieser Generation "haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten" (Mt 17:10-13).

    Das Gleichnis von der königlichen Hochzeit ist vollkommen wahr. Diejenigen, die darin die erneute Verheißung der anderen Knechte übersehen (Mt 23:4), glauben und lehren trotzdem, die Prophezeiungen von Maleachi und Jesaja hätten sich vollständig erfüllt. Sie behaupten deshalb, die Futuristen täten ganz falsch daran, eine weitere Erfüllung zu erwarten. Aber die "anderen Knechte" waren die, "die es gehört haben" und die zweite Einladung ausrichteten (z. B. in Apg 3:19-26).

    Viele sehen nicht, dass erst die Ablehnung der anderen Knechte durch diese Generation - in der Apostelgeschichte die Erfüllung von Mt 22:6 ist: ... ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Diese Ablehnung hat die Verheißung von Apg 3:19-26 nur verschoben. So haben die Futuristen völlig recht, die das Kommen nicht nur des Herrn erwarten, sondern auch des Elia, der seinen Weg bereiten soll.

    Ein Ausleger schreibt: "Von einem zukünftigen Elia zu träumen, ist eigentlich Zweifel an der eindeutigen Aussage im Wort Gottes und beruht auf keinerlei Grundlage in der Heiligen Schrift" ("The Parousia," von Dr. Stuart Russel, S.14). Ja, das stimmt dann, wenn man Apg 3 nicht beachtet. Wir räumen aber diesem Ruf zur nationalen Buße seinen ihm gebührenden Rang ein. Wir sehen und verstehen, dass die göttliche Verheißung, durch Petrus gegeben, wahr ist. Aufgrund dieser sicheren Grundlage im Wort Gottes glauben wir, dass er seine Verheißung noch erfüllen wird, indem er Jesus Christus senden wird mit der Zeit der Erquickung vom Angesicht des Herrn, und der Zeit, in der alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn.

    Nur wer dem Ruf in Apg 3 seinen ihm zukommenden Rang einräumt, hat eine Antwort auf die Behauptung, der Herr sei bei der Zerstörung Jerusalems gekommen. Alle andern haben darauf keine Erwiderung, denn sie sind "Toren, und trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben. Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?" (Lk 24:25.26).

    Die Prophezeiungen des Leidens mussten unbedingt erfüllt werden. Wenn aber der Herr bei der Zerstörung Jerusalems gekommen wäre, dann wären die Prophezeiungen seiner Herrlichkeit überhaupt nicht erfüllt, die sind aber ebenso klar und genau wie die vom Leiden und müssen sich in der Zukunft ebenso wörtlich erfüllen.

    Nur wenn wir dieser zweiten Einladung der Gäste ("Geladenen") durch die anderen Knechte ihren Rang einräumen, die in Mt 22:4 prophezeit und in Apg 3 (und in der ganzen Apostelgeschichte) ausgerichtet wurden, dann können wir verstehen, was die zu bekräftigen hatten, die es gehört haben, und können beobachten, wie sie dem, was sie aus dem Munde des Herrn gehört hatten, seinen angemessenen Rang einräumten.

    Manche Futuristen haben große Probleme mit verschiedenen Schriftstellen, in denen der Herr von seiner Wiederkunft spricht, und können sie nicht mit der "seligen Hoffnung" in Einklang bringen, die in den späteren Briefen des Paulus offenbart ist. Wir sprechen aus Erfahrung und sind jetzt umso mehr froh, dass wir in Apg 3 den Schlüssel zu all diesen Problemen entdeckt haben. Wir finden so die Lösung vieler Schriftstellen, die meist ganz ignoriert und sonst auf eine Art und Weise erklärt werden, die ihre Existenz zu bedauern scheint, anstatt zu sehen, dass sie im Licht von Apg 3 ganz unverzichtbar sind.

    In diesem Licht müssen wir bekennen, dass Johannes (der Täufer), und damit der Herr selbst, vom "Tag des Herrn" als sehr nahe bevorstehend spricht. Johannes spricht von dem "künftigen Zorn", aber nicht als ferner Zukunft, sondern als damals unmittelbar bevorstehend. Wörtlich sagt er: "... wer hat denn euch gewiß gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?" (Mt 3:7). Das war der mit dem "Tag des Herrn" verbundene Zorn, vor dem die "errettet" wurden (1Thes 1:10), "die das Wort annahmen" (Apg 2:41; 1Thes 2:13).

    Ja, diese Generation war tatsächlich "böse und abtrünnig" (Mt 12:38.39-45; Lk 11:16.24-36, mehr als alle andern. Es war die "verkehrte" (Apg 2:40) (oder perverse) Generation und forderte den Tadel des Herrn heraus (siehe Mt 12:38-45). Wir können nicht ausschließen, dass die Zuhörer von damals gemeint waren, denn sie waren es doch, zu denen gesagt wurde: "... wenn IHR nicht Buße tut, werdet ihr alle AUCH SO umkommen" (Lk 13:1-5).

    An anderen Stellen unterstreicht der Herr die heilsgeschichtliche Bedeutung dieser Generation:

    "Wahrlich, ich sage euch: das alles wird über dieses Geschlecht kommen" (Mt 23:36).
    "Mit wem soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen?" (Mt 11:16).
    "... damit gefordert werde von diesem Geschlecht das Blut aller Propheten, das vergossen ist seit Erschaffung der Welt..." (Lk 11:49-51).
    Und warum das alles? Weil des Menschensohn von dieser Generation abgewiesen wurde. (Mk 8:38).

    Ein anderer wichtiger Ausdruck,

    DAS ENDE DES ZEITALTERS

    (übersetzt mit "Ende der Welt") enthält die gleiche Instruktion. Es bedeutet "das Ende dieses Zeitalters" d. h. des Zeitalters, das mit der Zerstörung Jerusalems endete, die bald nach Apg 28 geschah: Es kann sich nicht auf das Ende der materiellen Schöpfung beziehen.

    h) Vier bemerkenswerte Schriftstellen

    Nun gibt es vier bemerkenswerte Schriftstellen im Evangelium, die durch unsachgemäße Übersetzung ein verbreitetes Missverständnis in Bezug auf die heilsgeschichtliche Wahrheit verursacht haben. Es sind Mt 10:23; Mt 16:28; Mt 23:39; und Mt 24:34.

    1. Mt 10:23: - "Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt."
    2. Mt 16:28: - "Wahrlich, ich sage euch: Es stehen etliche hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich."
    3. Mt 23:39: - "Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!"
    4. Mt 24:34: - "Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht."

    Zunächst fällt uns auf, dass jedem dieser vier Worte mit der Einleitung "ich sage euch" besonderer Nachdruck verliehen wird. Bei drei von ihnen steht auch noch das feierliche "Wahrlich" davor. Es handelt sich also um Worte von ganz besonderem Gewicht; Warnungen von feierlichem Ernst, sie nicht außer acht zu lassen. Umso weniger dürfen wir versuchen, ihre Bedeutung weg zu erklären.

    Wir stellen fest, dass jeweils im ersten der beiden Satzteile jeder Erklärungen das Wort 'nicht' mehr als eine normale Verneinung ist. Es ist die stärkste, entschiedenste Verneinung, die es gibt, und wird genauer mit Ausdrücken wie 'keinesfalls' oder 'mitnichten' übersetzt. Dass das Wort hier mit dem einfachen 'nicht' übersetzt wurde, hat dazu beigetragen, die Dunkelheit noch zu verstärken, die diese vier Bibelstellen überschattet.

    Außerdem steht jeweils im zweiten Satzteil die griechische Partikel "an", die immer ein Element der Unsicherheit einbringt, eine Bedingung erfordert und die ganze Aussage zweifelhaft macht. Bei diesen vier Erklärungen finden wir das jedes mal. Es wird mit 'bis' wiedergegeben.

    Wir wollen festhalten, dass wir diese beiden Erscheinungen in jedem Falle antreffen. Damit können wir uns der Betrachtung der einzelnen Worte zuwenden.

    Mt 10:23

    "Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels keinesfalls zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt."

    Hier gibt es eine Schwierigkeit für alle Futuristen, die die Apostelgeschichte als frühe Kirchengeschichte betrachten. Die fehlerhafte Übersetzung der beiden Satzteile macht diese Schwierigkeit noch größer. Einige lösen sie mit der verwegenen Ausrede, die Aussendung der Zwölf in Mt 10:1-15 beziehe sich auf die Vergangenheit, Mt 10:16-23 auf die Zukunft, und ab Mt 10:24 sei wieder von der Vergangenheit die Rede. Aber das ist sehr eigenmächtig. Es gibt keinerlei Anhalt dafür. Es ist nachlässiges Umspringen mit der Heiligen Schrift, nur weil sie etwas sagt, das nicht in ihre Auffassung von prophetischer Auslegung hineinpasst.

    Wer die Apostelgeschichte als Kirchengeschichte ansieht, hat in seiner Auslegung keinen Platz für Mt 10:23, das uns aber unentbehrlich sein muss, wenn unsere Auslegung der Apostelgeschichte richtig ist. Wenn es verzichtbar wird, dann ist das der Beweis, dass eine Auslegung falsch ist. Wir setzen es mit Apg 3 in Beziehung und glauben, dass "Israel" nichts anderes als Israel bedeutet. Dann ist Mt 10:23 lehrreich, besonders wenn wir auf den Sinn im Griechischen achten.

    Erstens ist das Wort nicht etwas Besonderes, wie wir oben ausgeführt haben. Es ist die stärkste negative Form, die es gibt; so stark, dass es immer falsch war, wenn Menschen es gebrauchten (siehe Mt 26:33; Joh 13:8; Joh 20:25. Es ist die Verbindung der beiden Verneinungen ou und me, die immer mit keinesfalls, ganz und gar nicht übersetzt werden müsste, die aber meist mit dem einfachen nicht übersetzt ist. Es ist überaus stark betont, und drückt äußerste Gewissheit aus). Beachten wir den Zusammenhang in diesem Satz: Was hier so gewiss ist, das ist die Tatsache, dass die Zwölf, die der Herr beauftragte, ihre Aufgabe keinesfalls erfüllt haben würden, bis ein mögliches Ereignis geschehen sein könnte.

    Zweitens ist die Ausdrucksform, die im ersten Satzteil so gewiss ist, im zweiten unbestimmt oder bedingt. Es ist hier ein Wörtchen gebraucht, (die Partikel "an", wie oben ausgeführt), das für sich allein keine übersetzbare Bedeutung hat, das aber jedes mal, wenn es verwendet wird, den Satz in Bedingungsform setzt. Im zweiten Satzteil ist es verwendet: "... bis (an = möglicherweise, bedingt oder vielleicht) der Menschensohn kommt." Man kann seine Wirkung auch auf das Verb verlegen, dann hieße es: "kommen könnte". Jedenfalls stellt der erste Satzteil eine völlig sichere Tatsache dar und der zweite eine ungewisse.

    Den Zwölf wird versichert, dass sie keinesfalls mit allen Städten Israels fertig werden. Das war gewiss. Aber das Kommen des Menschensohnes war ungewiss, denn es war von der Bedingung abhängig, dass die Nation auf den Ruf des Petrus in Apg. 3 hin Buße tun würde.

    Wenn wir diese Stelle so lesen, werden wir nicht nur ein Problem los, sondern erhalten hieraus auch eine echte Instruktion. (Wenn immer noch ein Problem bliebe, dann würde uns das leid tun, aber in dem Falle müssten wir unser Bestes tun, um es zu überwinden.)

    All das ist aber nutzlos, solange wir von der Überlieferung der alten und modernen "Väter" besessen sind, die Gemeinde hätte mit Pfingsten begonnen. Das ist verhängnisvoll für das Verständnis der heilsgeschichtlichen Phase. Es ist eine Decke vor den Augen der Gläubigen aus den Nationen, die ebenso dick ist und so fest über den Augen sitzt, wie bei den ungläubigen Juden, die Christus im Alten Testament nicht sehen können.

    Andere lösen das Problem mit der Erklärung, der Herr sei "gekommen", indem er ihnen in die Städte folgte. Aber "das Kommen des Menschensohns" war ein zukünftiges Ereignis, und kann sich nicht auf die Erdenzeit Jesu beziehen, denn damals war er gegenwärtig. Er war bereits da! In dieser Beziehung gab es keine Eventualität. Aber das Kommen, von dem hier die Rede ist, ist ein zukünftiges Ereignis und hat eine Bedingung: es ist kein Kommen in ferner Zukunft, etwa zweitausend Jahre weit weg. Es ist bedingt von der nationalen Buße Israels.

    Was wir aus Mt 10:23 lernen, ist: Hier werden die Zwölf beauftragt und niemand sonst. Sie sind es, die keinesfalls ihren Auftrag vollendet haben würden. Es sind die "Städte Israels", in die sie damals gesendet wurden, und nicht die ganze Welt (damals noch nicht). Es bezog sich auf das, was sein "zweites Kommen" gewesen wäre, das so bald schon hätte geschehen können.

    Wir sagen es nochmals: Gelesen im Licht von Apg 3 ist Mt 10:23 kein Problem mehr, das zu lösen wäre, sondern es ist eine Schriftstelle, die wir zum Verständnis anderer Schriftstellen brauchen. Sie ist kein Argument für die Gegner unserer "seligen Hoffnung", die behaupten, der Herr sei bereits gekommen.

    Mt 16:27.28

    "Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt (im Begriff ist zu kommen) in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun. Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht (keinesfalls) schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen (könnten) in seinem Reich."

    Hier ist wieder (1) von der Nähe des Kommens die Rede. Es ist nicht die Zukunftsform des Verbs für 'kommen' sondern die Gegenwartsform, und das Verb ist mello (im Begriff sein) und die Infinitivform des Verbs erchomai (kommen), deshalb die oben in Klammern eingefügte Übersetzung.

    Außerdem ist hier (2) die Gewißheit der doppelten Verneinung, die 'keinesfalls' anstatt einfach 'nicht' darstellt. Diese Wendung wird zur absoluten Feststellung des Tatbestands gebraucht, dass einige der Umstehenden auf keinen Fall sterben, bevor sie möglicherweise die Erfüllung des verheißenen Kommens sehen.

    Die sogenannte "Vorschattung" oder die Darstellung dieses Kommens, die sechs Tage später stattfand, brauchte keine so starke Beteuerung wie sie hier ausgesprochen ist, die erst recht nicht auf ein damals noch mehr als neunzehnhundert Jahre entferntes Kommen bezogen sein kann. Außerdem ist die Aussage so sicher, dass Ungläubige sich erdreistet haben, das Ausstehen der Wiederkunft damit zu erklären, dass sie behaupten, der Herr hätte seine Jünger belogen.

    Insofern sitzen Theologen und Ungläubige in einem Boot. Die einen lehnen die Auslegung der Futuristen ab, indem sie behaupten, der Herr sei bei der Zerstörung Jerusalems gekommen, die andern halten die Aussage des Wortes aufrecht, aber sie führen die andere Tatsache ins Feld, dass der Herr noch nicht gekommen ist.

    Indem man das Gleichnis von der königlichen Hochzeit, und seine Erfüllung in der Apostelgeschichte ignoriert, macht man aus der Schrift ein Chaos. Beide Richtungen von Auslegern sind "Toren, zu trägen Herzens, '‘'ALL dem zu glauben , was die Propheten geredet haben."

    Aber beide ignorieren gleichermaßen, (3) die nicht übersetzbare Partikel "an", die die folgende Aussage einschränkt und konditional macht, im Gegensatz zu der Bestimmtheit der Tatsache, dass einige nicht sterben würden, bevor die noch offene Bedingung (der nationalen Buße) entschieden wäre.

    Die Schrift ([Mt 18:28]) ist aber völlig zuverlässig: Einige von den Umstehenden starben tatsächlich nicht, bevor sie den Herrn in der Herrlichkeit seines Königreiches hätten kommen sehen können, wenn Israel auf den Bußruf des Petrus in Apg 3 hin Buße getan hätte.

    Es ist wahr, dass die Verklärung (wie oben ausgeführt) eine Darstellung dessen war, wie die künftige Herrlichkeit sein würde. Das bezeugt Petrus (2Petr 1:16). Aber die Verklärung erfüllt noch nicht Mt 16:27.28, denn dabei gab es weder ein Kommen des Herrn "mit seinen Engeln", noch ein "Vergelten" - "einem jeden nach seinem Tun."

    Mt 23:39

    "Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht (keinesfalls) sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!"

    Hier haben wir wieder die völlige Gewissheit im ersten Satzteil und die Ungewissheit im zweiten. Es war zweifellos diese Gewissheit, die seine Jünger veranlasste, ihn auf die Gebäude des Tempels aufmerksam zu machen, als er ihn verließ (Mt 24:1). Das wiederum hat dann den Herrn bewogen, näher zu erklären, was mit diesem Wort "euer Haus soll euch wüst gelassen werden" (Mt 16:38) gemeint war.

    Der zweite Satzteil ist durch die Partikel "an" eingeschränkt. Er weist wieder auf die noch offene Bedingung der nationalen Buße, die es eines Tages bereit sein läßt, zu sagen: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!"

    Mt 24:34

    "Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht (keinesfalls) vergehen, bis es alles geschieht (geschehen könnte)."

    Hier finden wir wieder die göttliche Zusage der wichtigen Wahrheit des ganzen Satzes und dieselben beiden Worte in den beiden Satzteilen. Im ersten haben wir die betonte Gewissheit, dass diese Generation noch leben wird, wenn die im zweiten Satzteil genannte noch offene Bedingung erfüllt wäre.

    Wir hätten früher diesen Punkt nicht mit solchem Nachdruck zu behandeln brauchen, um die genaue Bedeutung des Verbs für das Aufkommen des ersten Zeichens der Trübsal herauszuarbeiten. Denn es ist wieder dieselbe Partikel "an", die den ganzen zweiten Satzteil einschränkt, (weil es abhängig war von der nationalen Buße in Apg 3:19-26). Hätte die Nation damals Buße getan, dann wäre alles, was die Propheten geredet hatten, damals erfüllt worden, und diese Generation wäre nicht vergangen, ohne die Erfüllung zu erleben.

    In einem früheren Abschnitt haben wir uns ausführlich mit dieser letzten großen prophetischen Rede des Herrn auf dem Ölberg befasst. Dabei haben wir gesehen, dass alles ausgesetzt wurde, nachdem das erste Anzeichen seines Beginns stattgefunden hatte, - weil die Bedingung der nationalen Buße nicht erfüllt worden war.

    Wir können die Zuhörer nicht ausschließen, wenn der Satz in der zweiten Person steht, also wenn der Herr die um ihn Stehenden mit 'ihr', 'euer' oder 'euch' anredet. Wir können uns nicht vorstellen, dass der Herr dabei nicht die Zuhörer gemeint haben könnte, sondern uns heute oder eine Generation, die in noch weiterer Zukunft leben wird. Es ist zutreffend und viel einfacher, wenn wir die Reden des Herrn wörtlich auffassen. Und das können wir sofort, wenn wir sie chronologisch behandeln und den echten Einschnitt sehen, der in [Apg 3:19]-26 und Apg 28 so auffallend vorliegt.

    Wenn wir das tun, dann haben wir gleichzeitig eine Antwort für diejenigen, die meinen, die Verse (Mt 16:29-31; Mk 13:24-27; Lk 21:25-28), die vom tatsächlichen Kommen des Menschensohns in Macht und Herrlichkeit sprechen, bezögen sich auf die Zerstörung Jerusalems; denn wir sehen, dass nichts von dem, was bei diesem wichtigen Ereignis geschah, auch nur entfernt die klaren, ausdrücklichen und ernsten Worte des Herrn erfüllt hat. Damals war alles nahe bevorstehend. Es kann nicht sein, dass die vielen und wiederholten Ermahnungen zu "wachen" nicht denen gegolten hätten, die sie hörten, sondern nur uns gelten würden! Die Zuhörer, die diese Befehle so oft ausgesprochen hörten, können nicht ausgeschlossen werden, als wären sie nicht gemeint. Wenn sie aber gemeint waren, wie sollte es dann anders zu verstehen sein, als wir darzustellen bemüht sind?

    Sicher ist allerdings, dass die Erklärung der Ermahnung zur Wachsamkeit und all der andern Ausdrücke, die wir betrachtet haben, sich zwar ausschließlich auf die Zuhörer bezieht, dass aber die Anwendung auf uns heutzutage ebenfalls unverzichtbar ist.

    Weitere Worte des Herrn

    Noch einige andere Worte des Herrn (in den drei ersten Evangelien) sind im Zusammenhang mit diesem viermaligen BIS zu betrachten:

    Lk 18:7.8

    "Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er's bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze" (griech. en tachei, wie in Offb 1:1).

    Hier spricht der Herr wieder zu Israel. Zur Erklärung dieser Verse ist zu sagen: Die Zeit, Recht zu schaffen, stand damals nahe bevor. Aber da Israel nicht Buße getan hat, als Petrus in Apg 3 dazu aufrief, ist es ausgesetzt worden und ist nun etwas, das noch aussteht, aber gewiss geschehen wird (vgl. 2Thes 1:4-10).

    Die Frage am Ende dieser beiden Verse wird in der Zukunft eine ebenso ernste Antwort finden, wie sie es in der Vergangenheit gefunden hätte, wenn die Bedingung erfüllt worden wäre. "Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?"

    Mt 19:28

    Die Wiedergeburt, von der der Herr hier spricht, gehört zu der gleichen "Zeit der Erquickung" oder der "Zeit, in der alles wiedergebracht wird", so heißt es in Apg 3:19.21. In Mk 10:30 und Lk 18:30 wird davon als der "zukünftigen Welt" gesprochen. (eigentlich "die Welt, die im Begriff ist zu kommen" auch "kommender Äon").

    Die Gleichnisse von den anvertrauten Pfunden (Lk 19:12-27), den bösen Weingärtnern (Mt 21:33-46; Mk 12:1-12; Lk 20:9-19) und der königlichen Hochzeit (Mt 22:1-14) betreffen alle die gleiche Endabrechnung, die an einem nicht fernen Tage stattfinden sollte.

    Das Gleichnis vom Hausverwalter

    betont ganz besonders das unmittelbare Bevorstehen des Kommens des Herrn als Grund zur Wachsamkeit dieser Generation (Mt 24:43-51; Mk 13:34-37; Lk 12:39-46). Was wäre sonst die Sünde des Mannes gewesen, der sagte: "Mein Herr kommt noch lange nicht..."?

    Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen

    (Mt 25:1-13) hat seine ganze Aussage in dem Wort "wachet" und wendet sich speziell an die, die den Herrn reden hörten: "Darum wachet, denn ihr wisst weder Tag noch STUNDE (nicht Jahr oder Jahrhundert), in der der Menschensohn kommen wird (Mt 25:13).

    Der letzte Auftrag an die Apostel

    Mt 28:19.20; Mk 16:15-20; Lk 24:47
    In Verbindung mit dem damals nahe bevorstehenden Kommen des Menschensohnes erhalten diese Worte eine verständliche Bedeutung vor allem für die, "die es gehört haben", also zu denen der Herr diese gesagt hat. (Die Anwendung für uns steht hier nicht zur Debatte.) Wir müssen die Worte in dem Sinne erklären, wie sie von den Zuhörern verstanden werden mussten, und diesen Sinn konnten sie für niemand anders haben. Die Zusage des Herrn, bei ihnen zu sein, gilt für "alle Tage bis an das Ende der Welt" aber der griechische Text sagt: "bis zum Ende des Äons", das ist das Zeitalter oder die heilsgeschichtliche Phase.

    Mit diesen Worten muss man Röm 10:18 und Kol 1:6 lesen, aber diese Schriftstellen lassen sich besser in Verbindung mit einem weiteren Abschnitt unserer Abhandlung betrachten: "Gott hat dazu Zeugnis gegeben", zu dem, das "bekräftigt wurde durch die, die es gehört haben", was der Sohn gepredigt hat.

    Und was sie noch hörten, muss bis zur Betrachtung der Worte des Herrn im Evangelium nach Johannes aufgespart werden, das wir im nächsten Abschnitt aufgreifen wollen.

    i) Das Evangelium nach Johannes

    Es wird allgemein anerkannt, dass das Johannes-Evangelium später als die drei ersten Evangelien geschrieben wurde. Manche datieren es besonders spät, kurz vor das Ende des ersten Jahrhunderts, aber das halten die meisten doch für zu spät angesetzt. Auch hier gilt, was wir schon zu 1Jo 2:18 gesagt haben: Es gibt starke Hinweise darauf, dass, es wie die Briefe kurz vorm Ende dieser heilsgeschichtlichen Phase geschrieben wurde, also kurz vor der Zerstörung Jerusalems. Das Zeugnis des Johannes darüber, was er vom Herrn gehört hat, hat in unseren Betrachtungen jedenfalls einen wichtigen Platz.

    Im allerersten Kapitel steht die Verkündigung eines offenen Himmels (V. 51). Das ist im Gespräch unseres Herrn mit Nathanael und ist die erste von fünfundzwanzig eindrucksvollen Äußerungen, die mit dem doppelten Wahrlich beginnen (zehn davon hat er zu seinen Jüngern gesprochen, und fünfzehn zu anderen Menschen). "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn" (Joh 1:51).

    Viele Jahre lang war der Himmel verschlossen gewesen. Kein himmlischer Besucher war mehr gesehen worden, seit Daniel den Auftrag erhielt, zu versiegeln, was er geschaut hatte. Kein Prophet war mehr in Israel zu hören gewesen, seit Maleachi die Reihe der prophetischen Schriften abgeschlossen hatte. Aber jetzt war die Zeit nahe, dass alles erfüllt werden sollte, was die Propheten geschrieben hatten. Die Knechte waren ausgesandt, "die Gäste zur Hochzeit zu laden" (Mt 22:3).

    Der Wechsel der heilsgeschichtlichen Phasen soll durch einen offenen Himmel gekennzeichnet werden. "Wahrlich, wahrlich," ist die eindrucksvolle Ankündigung nicht von etwas in einer fernen Zukunft, vielleicht zwei Jahrtausende später als damals, nein jetzt - (gr. ab' arti) "von nun an". (Luther, Rev. 84 hat diese drei Wörter nicht mehr.) Ob es im Text beibehalten wird oder nicht, die Aussage bleibt gleich. Es war etwas, das Nathanael und andere, die dem Herrn zuhörten, sehen würden. Er sollte dabei sein, wenn himmlische Besucher himmlische Geschehnisse verkündigen würden.

    Das war vorausgesagt worden. Die Propheten hatten bezeugt, dass sein Kommen mit seinen heiligen Engeln geschehen sollte. (Sach 14:5; Mk 8:38; Lk 9:26). Begegnungen mit Engeln hatten schon Joseph (Mt 1:20.24; Mt 2:13.19), Zacharias (Lk 1:11), Maria (Lk 1:26) und die Hirten (Lk 2:10) Außerdem kamen Engel und dienten dem Herrn selbst (Mt 4:11; Lk 22:43).

    Es war in der Tat das Kommen des Herrn, aber zuerst musste er leiden, bevor er in seine Herrlichkeit einging. Das war immer eng miteinander verbunden. Als er zum ersten Mal von seinen Leiden sprach (Mt 16:21), geschah es im unmittelbaren Zusammenhang mit der Herrlichkeit (Mt 16:27). Unterwegs nach Emmaus fragte er die Jünger: "Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?" (Lk 24:26).

    Darauf bezieht sich der Heilige Geist bei der Verheißung der kommenden Herrlichkeit: "Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: dass Christus leiden sollte. So tut nun Buße..." (Apg 3:18.19).

    Nichts konnte die kommende Herrlichkeit aufhalten, als allein Israels ausbleibende Buße. Der neue Bund war geschlossen zur Vergebung der Sünden (Mt 26:28). "So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden getilgt werden" (Apg 3:19).

    Die anderen Knechte (aus Mt 22:4) waren jetzt unterwegs, ausgesandt mit der erneuten Einladung: "... alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!" Es fehlte nichts als Israels Umkehr. Das war die einzige Bedingung für die nationale Segnung. "Die Herrlichkeit danach" (1Petr 1:11) und die "Errettung" waren bereit, "dass sie offenbar werden" (1Petr 1:5). Das ist der Grund, warum im Evangelium nach Johannes das Ende als sehr nahe betrachtet wird. Der erste Hinweis darauf ist wieder durch "Wahrlich, wahrlich" eingeleitet. (Joh 5:25): Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben." (d. h.: wieder leben im Auferstehungsleben).

    Nichts konnte das aufhalten, als die Ablehnung des Königs und des Königreichs; und in diesem frühen Abschnitt des Dienstes des Herrn deutete noch nichts darauf, welches Ergebnis die Ausrufung haben würde. Hätte das Volk dem Bußruf Johannes des Täufers und des Herrn gehorcht, dann hätte die Auferstehung der Gerechten als eines der Ereignisse stattgefunden. Sie gehörte zu dem allen, "wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn", wie Petrus bezeugt. Auch Paulus wartete darauf (Apg 24:15; 1Thes 4:16).

    Während in den anderen Evangelien die Erklärungen das kommende Gericht betreffen, ist bei Johannes dieses Gericht mit "Auferstehung" verbunden; denn beide hängen eng zusammen. Hier in Joh 5, wo der Herr von Auferstehung spricht, kommt er auch sofort auf das Gericht zu sprechen. (Joh 5:27).

    Interessant sind in diesem Zusammenhang die beiden Würdenamen des Herrn, die zeigen, in welchem Verhältnis er zu beiden steht. Als der vom Tode erweckt, ist er der Sohn Gottes. Als der Richter der Menschen ist er der Menschensohn. Ebenso bezeugt es Paulus in Apg 17:31: "Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen MANN, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat."

    Die Stunde ist schon jetzt, sagt der Herr in Joh 5:25. Die Zeit oder die heilsgeschichtliche Phase ist schon gekommen. Er, der Richter der Menschen, war ja anwesend, als der Sohn Gottes mit der Macht über den Tod und als der Menschensohn mit der Autorität, die Lebenden und die Toten zu richten.

    In Joh 5:26-29 nennt er den Grund dafür: "Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; und er hat ihm die Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts."

    Es gibt keinen unter unsern Lesern, der nicht wüsste, von was für einer Auferstehung hier die Rede ist. Es ist eine wirkliche, buchstäbliche Auferstehung von Leuten, die gestorben und begraben waren. Es ist keine geistliche Auferstehung, wie manche meinen. So besehen wird Joh 5:24 in seiner damals wörtlichen Bedeutung klar, während seine Anwendung auf die Gläubigen von heute dadurch nicht beeinträchtigt wird.

    "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen."

    Dieses nur Hindurchgehen, von dem die Schrift weiß, ist das Hindurchdringen in das Leben durch die Auferstehung, nicht durch den Tod. Das letztere ist eine neue, aus dem Spiritismus abgeleitete Auffassung! Für jene, die das Wort hörten, als der Herr Jesus es aussprach, und es aufnahmen und an den Vater glaubten, der den Sohn gesandt hatte, gab es keine Herrschaft des Todes mehr. Das ist die große, wunderbare Tatsache, die in Joh 11:24.25 dann noch klarer und ganz eindeutig herausgestellt wird. Dort erklärt der Herr (wie wir in einem früheren Abschnitt ausgeführt haben), dass er "die Auferstehung“ ist, und dass deshalb Gläubige, auch wenn sie sterben, im Auferstehungsleben wieder lebendig sein werden. Außerdem erklärt er, dass er das Leben ist, und dass deshalb die Lebenden gar nicht sterben werden.

    Hätte das Volk Buße getan, dann hätten sich alle Prophezeiungen der Schrift erfüllt, einschließlich Auferstehung und Gericht; aber die Gläubigen befanden sich in einer neuen Lage: Sie waren schon Kinder der Auferstehung, waren erleuchtet worden, sie hatten die himmlische Gabe geschmeckt, hatten Anteil bekommen am Heiligen Geist (oder an der Kraft aus der Höhe in der Gabe des Heiligen Geistes), sie hatten das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt (des zukünftigen Äons) geschmeckt (vgl. Hebr 6:4).

    Paulus entfaltete dieses "gute Wort Gottes" in seinem allerersten Brief (1Thes.), und bestätigte denen, "die das Wort aufgenommen" hatten, dass es eine neue Hoffnung für sie gab. Wenn sie starben, waren sie der Auferstehung gewiss, während die Lebenden ihnen nicht zuvorkommen würden. Sie würden zuerst auferstehen, und dann würden beide Gruppen dem Herrn entgegen entrückt werden.

    Der Stachel des Todes ist für sie verschwunden zumindest als sichere und völlig gewisse Hoffnung, und ein glorreicher Sieg über das Grab erwartet sie. Der zukünftige Äon, soeben im Begriff offenbart zu werden (Hebr 2:5), war voller herrlicher und seliger Hoffnung. Nicht den Engeln sollte es gelten, sondern den Söhnen der Auferstehung (1Kor 6:2.3).

    Es war gut möglich, dass viele, die das Wort des Herrn gehört hatten, noch leben und übrigbleiben würden bis ans Ende des Zeitalters (der heilsgeschichtlichen Phase), und so in die Herrlichkeit des zukünftigen Äons, das zu kommen im Begriff war, wenn das Volk Buße getan hätte, als "die anderen Knechte" dazu aufriefen (Mt 22:1.2 und Apostelgeschichte).

    Petrus fragte, als der Herr ihn über die Art seines Todes informierte, was denn mit Johannes geschehen werde. "Herr, was wird aber mit diesem?", damit meinte er Johannes. Der Herr antwortete: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Deshalb kam unter den Jüngern das Gerücht auf, dieser Jünger stirbt nicht. Aber Jesus hatte nicht gesagt, dass er nicht sterbe, sondern "Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?"

    Sobald wir einsehen, dass hier von dem "Kommen" als einem Ereignis die Rede ist, das innerhalb der Lebensspanne dieser damaligen Generation geschehen konnte, werden die verschiedenen Auslegungen zunichte, stattdessen liegt, was geschrieben steht, mit seiner klaren und einfachen Aussage vor uns.

    Weil der Herr kaum gemeint haben kann, Johannes solle ungefähr zweitausend Jahre oder länger am Leben bleiben, waren die Theologen nicht fähig, diese Worte einfach so zu begreifen, wie sie gesagt waren. Wenn wir aber einmal einsehen, dass das Kommen des Herrn durchaus in der Lebenszeit zumindest einiger Jünger (von denen Johannes einer war) geschehen konnte (Mt 16:27.28), dann löst sich das Geheimnis von allein.

    Petrus wusste von sich, dass er sterben würde. Es war ihm ausdrücklich gesagt. Das bezeugt er selber (2Petr 1:14.15). Daher seine impulsive Neugier, was mit Johannes werden solle. Die etwas verschleierte Erwiderung des Herrn war ein Dämpfer auf seine zudringliche Frage. Wie aus Mt 16:27.28 eindeutig hervorgeht, haben aber die Jünger offensichtlich verstanden, dass der Herr gemeint hatte, Johannes werde vor der Wiederkunft des Herrn nicht sterben. Auch hier ist die Sprache klar und einfach: "Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme...". Es ist nicht zu verwundern, dass die Jünger, die das gehört hatten, was in Mt 16:27.28 steht, die Worte von Joh 21:22.23 genau gleich verstehen mussten.

    Dass Johannes noch lebte und übrig blieb, (wie der Herr später in Joh 11:24-26 sagt und in 1Thes 4:16 der Heilige Geist durch Paulus), legt die Wahrscheinlichkeit nahe (und unterstellt es nicht nur als möglich), dass Johannes einer von denen wäre, die "den Tod nicht schmecken". Der Herr verneint es nicht, aber noch weniger deutet er an, dass Johannes mehr als neunzehnhundert Jahre alt werden solle.

    Wenn Paulus die Thessalonicher als "die das Wort aufgenommen haben" (vgl. die gleiche Ausdrucksweise in Apg 2:41 und 1Thes 2:13) anredet und sagt, "wir, die wir leben und übrig bleiben" (bis zum Kommen des Herrn), dann mussten die Jünger die Worte des Herrn über Johannes auch so aufgefaßt haben.

    Auferstehung, Gericht, der Jüngste Tag

    In diesem Evangelium (denn es war Johannes selber, der diese Worte niederschrieb) sind drei Begriffe in den Reden des Herrn ständig miteinander verbunden: die Auferstehung, das Gericht und der Jüngste (gr. eschaton - 'der letzte') TAG" Der Ausdruck der Jüngste Tag ist eine Eigenart des vierten Evangeliums. In den andern Evangelien heißt es der Tag, der Tag des Gerichts oder das Ende der Welt (des Äons); d.h.: das Ende der heilsgeschichtlichen Phase (des Zeitalters) deren Tage zur Neige gingen. Diese Bezeichnungen, und die damit verbundenen Aussagen kann man unmöglich auf das, heute noch in der Zukunft liegende Ende der materiellen Schöpfung beziehen, damals noch zweitausend Jahre entfernt.

    Alles, was da gesagt wurde, war nicht nur Prophetie, sondern praktische Anweisung, speziell auf die damals gegenwärtige Zeit bezogen und besonders für die wertvoll und wichtig, die es hörten. All diese verschiedenen Wendungen, die mit der Parusie zusammenhängen, sind gleichbedeutend und zeitgleich; und sie sind mit dem Ende des Äons verknüpft und mit dem, was der Herr als diese Generation bezeichnet.

    Bei Johannes gehen die Gedanken an Gericht und Auferstehung immer mit dem anstehenden Ende der für Israel wichtigen heilsgeschichtlichen Phase einher. Man beachte deshalb, wie beharrlich der Herr davon spricht.

    "Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich's auferwecke am Jüngsten Tage" (Joh 6:39).
    "Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage" (Joh 6:40).
    "Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage" (Joh 6:44).
    "Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er (Lazarus) auferstehen wird - bei der Auferstehung am Jüngsten Tage" (Joh 11:24).
    "Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage" (Joh 12:48).

    Ein Kind würde mit aller Natürlichkeit verstehen, dass der Herr hier lebenswichtige Anweisungen von praktischer Bedeutung für seine Zuhörer gab, und dass er von etwas sprach, das nahe bevor stand und nicht von etwas in ferner Zukunft, viele Jahrhunderte später.

    Wenn man die Worte selbst betrachtet, und spätere Offenbarungen beiseite lässt, dann kann man gut verstehen, dass viele folgern und glauben konnten, der Herr sei wirklich am Ende dieses Äons (oder dieser heilsgeschichtlichen Phase) gekommen, die mit der Zerstörung Jerusalems endete. Die aber das meinen und lehren, lassen alle die ernste Möglichkeit außer acht, die der Herr selbst eindeutig nannte, und die später Petrus in Apg 3:19-26 frei und öffentlich ausrief.

    Wenn Gott die nationale Buße Israels nicht zur Bedingung gemacht hätte, unter der er ihre Sünden tilgen, Jesus Christus senden und alles erfüllen werde, was die Propheten verkündet hatten, dann gäbe es wenigstens Grund zu dem völlig irrigen Glauben, Christus sei gesandt worden und tatsächlich gekommen, als Jerusalem zerstört wurde.

    Aber es ist nicht möglich, diese wichtigen Stellen aus der Schrift heraus zu sezieren, und die Bibel so zu lesen, als gäbe es diese Aussagen nicht. Wir haben niemanden gefunden, der sich auf Apg 3 bezieht und darum obengenannte falschen Lehren vertreten muss. Aber Apg 3 wird gleichermaßen von Vielen außer acht gelassen, die heute auf das Kommen des Herrn zur Vollendung derer warten, die diese "selige Hoffnung" haben. Sie ignorieren nicht nur Apg 3, sondern all die Worte des Herrn, die wir jetzt betrachten wollen, wie sie in den Evangelien festgehalten sind.

    All die Spaltungen unter den Christen über dieses große und wichtige Thema, und die unterschiedlichen Meinungen über das "zweite Kommen" lassen sich auf diese Vernachlässigung von Apg 3 und Apg 28 zurückführen. Hieraus entspringt ihr falsches Verständnis über Sinn und Inhalt der ganzen Apostelgeschichte, indem man selige Wahrheiten in sie hinein liest, die erst nach dem Ende dieser heilsgeschichtlichen Phase, von deren letzten Tagen der Herr so häufig gesprochen hat, offenbart worden sind.

    Sie sehen nicht, dass die Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde, und die folgende Herrlichkeit nur eine Voraussetzung hatten: die nationale Buße Israels. Weil die aber ausblieb, hat sich alles verzögert, ist alles ausgesetzt worden, und wir haben die nächste Offenbarung über das, was "seine herrliche Gnade" betrifft. Wen will es da noch wundern, dass diese herrliche Gnade nicht gewürdigt, oder auch nur verstanden wird, und dass alles in den Köpfen durcheinander gerät, wenn wichtige Aussagen der Schrift so unbeachtet bleiben?

    Wie könnten solche Leute zum Beispiel mit dem Wort des Herrn in Joh 12:31, "Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt (gr. kosmos); nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden." etwas anfangen?

    Der Heilige Geist war zu Pfingsten gesandt worden, um der Welt die Augen aufzutun über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt (gr. kosmos) gerichtet ist (Joh 16:11). Das bezieht sich nicht auf eine nur geistliche Veränderung in der Weltgeschichte. So etwas würde der eindeutigen Erklärung des Herrn niemals genügen, dass kurz bevor stand, was er sagte, und dass die Zeit begonnen hatte, die mit dem Gericht und dem Hinauswurf Satans enden würde. Aber auch das ist natürlich mit ausgesetzt worden, und eine spätere Offenbarung ist uns gegeben, die uns sagt, wie es schließlich geschehen wird (Offb 12 u. 13).

    Unser Herrn spricht von der Durchführung eines bestimmten und letzten Gerichts, das damals bald hätte stattfinden können. Satan war dabei, den großen Konflikt der Weltgeschichte auf die Spitze zu treiben. Er trachtete dem Herrn in Bethlehem nach dem Leben, stritt gegen ihn in der Wüste, bekämpfte ihn auf Leben und Tod im Garten Gethsemane, ergriff Besitz von Judas für dessen Verrat. Schließlich sah er ihn am Kreuz hängen und ins Grab gelegt werden.

    Aber sein Sieg sollte nur von kurzer Dauer sein. Durch seinen Tod vollendete der Herr die Niederlage dessen, "der Gewalt über den Tod hatte" (Hebr 2:14). Dieser wunderbare Ausgang des großen Streits sollte deshalb bald auf Satans letztes Bemühen, Gottes Ratschluss zu vereiteln, folgen.

    Nichts hinderte die große Endabrechnung als der Unglaube und die Unbußfertigkeit Israels. Aber wir wissen, dass das alles ausgesetzt wurde. Zweifellos war es auch Satans Bemühen, das darauf abzielte, Israel in der Phase der Apostelgeschichte blind zu machen. Paulus konnte bezeugen Satan hat uns gehindert und durch sein eifriges Einwirken, das in der ganzen Apostelgeschichte beobachtet werden kann, gelang ihm ein Aufschub des Endes, das ihm bestimmt war. Satan war am Kreuz gerichtet worden. Dort war ein Urteil gefällt worden, aber die Vollstreckung muss noch erfolgen, der Thronräuber auf die Erde geworfen werden und dann von der Erde in den Feuersee.

    Die Worte des Herrn in Joh 16 beziehen sich auch auf die damals unmittelbar bevorstehende Vollstreckung dieses Urteils, aber es wird darin keinerlei Hinweis auf eine mögliche Aussetzung gegeben. Das konnte damals auch nicht geschehen, wenn wir die Umstände berücksichtigen. Nein, der Herr kam nicht bei der Zerstörung Jerusalems, denn Satan ist noch nicht hinausgestoßen worden. Die gewisse Erfüllung von Offb 12 und 13 steht noch aus und wird am Tage des Herrn geschehen. Der Herr sah es als Vision und so ist Lk 10:17 mit Joh 12:31 und Joh 16:11 verknüpft, und wir können uns nicht vorstellen, wie eine andere Interpretation allen Ansprüchen dieser Schriftstellen gerecht werden könnte.

    Der Herr sprach von seiner Wiederkunft immer als sehr nahe. Er setzte voraus, dass Israel Buße tun werde. Er sagte: "Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen" (Joh 14:2). Da sprach er nicht von etwas, das möglicherweise mehr als neunzehnhundert Jahre lang nicht stattfinden könnte. Er sprach ihnen zum Trost; und es wäre lieblos und ein schwacher Trost gewesen, wenn er auf die damals weit entfernte Zukunft verwiesen hätte.

    "Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch" (Joh 14:18).
    "Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch" (Joh 14:28).
    "Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen" (Joh 16:16).
    "Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen" (Joh 16:22).

    Das Wiederkommen, von dem hier die Rede ist, betrifft immer ein und dasselbe Ereignis, und von dem wurde damals als nahe bevorstehend gesprochen. Diese Worte, ihres einfachen Sinnes beraubt (ohne Bezug auf Apg 3 gelesen), waren der ganze Grund für die Verwirrung. Die Apostelgeschichte macht es uns möglich, sie alle so zu verstehen, wie sie gesagt wurden. Sobald wir aber Apg 3 ausschließen, wird es uns unmöglich, sie so zu verstehen, wie die Jünger sie verstanden haben müssen. Für sie muss es eine kurze und vorübergehende Abwesenheit des Herrn gewesen sein, zwischen seinem Weggang zum Vater und der verheißenen Wiederkunft. Jedenfalls wurde vom Kommen des Herrn ebenso definitiv gesprochen wie von seinem Weggang; und da keine solche Wiederkunft bei der Zerstörung Jerusalems geschah, muss sie verschoben worden sein, bis die Buße Israels als Voraussetzung erfüllt sein wird.

    Für die Zwischenzeit haben wir die besondere Offenbarung der Aus-Auferstehung vom Tode, und von unserm Ruf in die Höhe. Deshalb haben wir bereits unser Bürgerrecht im Himmel und wir erwarten den Heiland, der von dort kommen wird und "unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leib". Das ist unsere "selige Hoffnung" (Phil 3:11-21).



    II. Die Früh-Briefe des Apostels Paulus

    Wenn wir uns jetzt den Briefen des Paulus zuwenden, dann müssen wir sie in ihrer zeitlichen Reihenfolge behandeln, und sie in zwei Kategorien einteilen frühere und spätere.

    Die Reihe der früheren Briefe ist vor Apg 28 geschrieben worden. Die späteren Briefe sind nach der formellen Zurückweisung, die auf die Proklamation durch Petrus und die Zwölf erfolgte, geschrieben worden. Die Proklamation enthielt das Angebot des Königs und des Königreichs während dieser Phase, also während der Zeit der Apostelgeschichte. Diese beiden Reihen sind gleich wichtig, aber trotzdem voneinander verschieden. Zusammen stehen sie in einer anderen Kategorie als die apostolischen Briefe von Petrus, Jakobus, Johannes und Judas.

    Obwohl die genaue Reihenfolge der einzelnen Bücher des Neuen Testaments nicht mit der Autorität von Manuskripten belegt werden kann, gibt es doch keinen Zweifel über die Reihenfolge der fünf Gruppen, in die sie in den besten und ältesten Manuskripten eingeteilt werden. Es gibt auch keinen Zweifel über die Reihenfolge innerhalb der Gruppe Paulinischen Briefe. Die derzeitige Reihenfolge der Bücher des Neuen Testaments in der englischen und allen modernen Versionen ist von der lateinischen Vulgata übernommen, deren Anordnung als Vermächtnis des Hieronymus für alle späteren Generationen festgelegt ist.

    Aus der heutigen Anordnung der Bücher in unseren Bibeln erfahren wir also nichts über die Reihenfolge ihrer Entstehung. Die einzig sicheren Daten hierüber sind folgende:

    In allen besten und ältesten Manuskripten sind die einzelnen Bücher in fünf Gruppen eingeteilt:

    1. Die vier Evangelien.
    2. Die Apostelgeschichte.
    3. Die Apostolischen Briefe.
    4. Die Paulinischen Briefe.
    5. Die Apokalypse.

    Die Adressaten

    Obwohl die Reihenfolge der Bücher in der ersten und dritten Gruppe variiert, ist sie in der vierten Gruppe immer konstant. Die Paulinischen Episteln sind (im Unterschied zu den Briefen an Einzelpersonen und an die Hebräer) nie in einem griechischen Manuskript in anderer Reihenfolge gefunden worden, wie wir sie heute in unsern Bibeln haben.

    Was immer über die chronologische Reihenfolge gelehrt werden mag (d. h.: die Reihenfolge, in der sie geschrieben wurden), die gültige Anordnung für uns heute, ist deshalb die kanonische Ordnung. Sie beginnt mit dem Brief an die Römer und endet mit dem 2. Brief an die Thessalonicher. Es ist nicht so, dass eine Anordnung richtig wäre und eine falsch. Beide sind richtig, keine ist falsch.

    Beide sind wichtig, aber nicht gleichgewichtig. Die chronologische Anordnung bietet nämlich eine Fülle höchst wichtiger Informationen für alle, die sich für die heilsgeschichtlichen Phasen interessieren. Die kanonische Ordnung ist voller tiefgehender Informationen, was Lehre und Erfahrung betrifft. Wir können keine vernachlässigen oder ignorieren, ohne vor Gott Schuld auf uns zu laden und uns selber Eintrag zu tun.

    Für die ursprünglichen Empfänger hatte die zeitliche Reihenfolge größere Bedeutung, war sie sogar äußerst wichtig. Aber für uns heute ist die kanonische Anordnung die wichtigere geworden, seit das Zeugnis abgelehnt wurde, das durch die, die es gehört haben verbreitet worden war, und seit daraufhin das Königreich ausgesetzt wurde.

    Dieser Unterschied erweist sich in dem großen Wechsel, der stattfand, als der Heilige Geist die Reihenfolge, in der sie uns vorgelegt werden sollten, umkehrte: Die erste große Tatsache ist, dass kein griechisches Manuskript eine andere Reihenfolge hat als unsere heutige Bibel. Die zweite große Tatsache ist, dass die Briefe an die Thessalonicher, die zuerst geschrieben wurden, am Ende stehen.

    Keiner von unsern Lesern wird diese beiden Tatsachen für zufällig halten. Und da wir selber glauben, dass wir sie einer göttlichen Fügung verdanken, muss es auch einen Grund dafür geben.

    Zunächst fällt uns auf, dass das Warten auf Gottes Sohn vom Himmel, und die Errettung vor dem zukünftigen Zorn eindeutig im Mittelpunkt aller Verkündigung während dieser Phase der Apostelgeschichte standen. Noch war Jehovas Verheißung, Jesus Christus zu senden, nicht zurückgezogen. Noch hatte Israel die Möglichkeit, die Erfüllung alles dessen zu sehen, was die Propheten geredet hatten, aber nur unter der Bedingung der nationalen Buße. Deshalb war es das Zeugnis derer, die es gehört hatten, überall, ob gesprochen oder geschrieben, dass das rasche Kommen des Herrn nahe bevorstand und die Erlösung vom zukünftigen Zorn erlebt wird während der Phase der Apostelgeschichte.

    Die Paulinischen Briefe können aus dieser Schlussfolgerung nicht ausgenommen werden. Wenn jemand zu der Ansicht neigt, die Verheißung von Apg 3 sei irgendwann vor Apg 28 zurückgezogen worden, dann muss er nachweisen, wo ein derart epochemachendes Ereignis festgehalten wäre. Aber dieser Nachweis ist unmöglich. Keine Spur davon ist zu sehen. Tatsächlich betont es der allererste Brief, den Paulus geschrieben hat, (1Thes 1:10), und der zweite Brief lässt sich anders gar nicht verstehen.

    Aber für uns heute ist das nicht der große und wichtige Punkt. Israel hat nicht Buße getan, das Volk hat die gestellte Bedingung nicht erfüllt, und nun sind die großen Verheißungen aus Apg 3 aufgeschoben, und alle dort verheißenen Segnungen sind vorläufig außer Kraft gesetzt.

    Beginn der Nationenphase

    Die erste Frage, die sich da stellt, ist: Wo kommen wir als Gläubige aus den Heidennationen ins Spiel? Unseren Vätern wurden doch die "Verheißungen" nicht gemacht, die Paulus in Röm 9:3-5 beschreibt? Wir Heiden haben keinen Anspruch auf irgendein Erbe, das Petrus in 1Petr 1:3-5 nennt. Kein Bund wurde mit Heiden geschlossen (außer in ihrer Verbindung mit Israel). Wo stehen wir nun? Welche Grundlage haben wir überhaupt für irgendwelche Segnungen? - gar keine.

    Unsere Position wird in Eph 2:11.12 klar definiert: "... denkt daran,... dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt."

    Während der ganzen Apostelgeschichte konzentrierte sich alles Zeugnis auf das Volk Israel und dessen irdische Segnungen. Der Ölbaum stand noch. "Einige Zweige" waren ausgebrochen und heidnische Zweige dafür "eingepfropft worden" (Röm 11:17). Jetzt aber, nachdem der Ölbaum gefällt wurde, wohin sollen wir Gläubigen aus den Heiden eingepfropft sein? Mit oder in wem sollen wir zu "Erben" werden?

    Die Antwort ist: In Christus. Aber diese wunderbare Wahrheit konnte nicht offenbart werden, solange der andere Weg zur Erbschaft noch offen war! Es kann nicht zwei Wege zum Erbe gleichzeitig nebeneinander geben!

    Das bringt uns zum Geheimnis von dem allen. Es zeigt uns den Grund für den Wechsel in der Reihenfolge der Paulinischen Briefe. Die eine wichtige Wahrheit, die wir daraus lernen, ist, dass wir nur in Christus unsern Stand haben, dass unsere ganze Hoffnung nur in ihm ist, dass unser Anspruch nicht in Abraham, Israel oder den "Vätern" besteht, sondern "in Christus" begründet ist. In Ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden... (Eph 1:11).

    Deshalb haben wir nicht mit den Briefen des Paulus an die Thessalonicher zu beginnen, sondern mit dem Römerbrief. Das muss für uns der Einstieg sein. Wir können nicht nach dem Herrn Ausschau halten, bevor wir ihn kennen. Wir müssen erst wissen, was unsere Hoffnung ist, bevor wir auf ihre Erfüllung warten können. Wir müssen zuerst über unsern Stand in Christus instruiert werden, bevor wir etwas davon wissen können, was anstelle der Hoffnung von Apg 3 offenbart werden sollte.

    Jetzt können wir erkennen, warum die kanonische Ordnung der Paulinischen Epistel notwendigerweise geändert werden musste, also warum der zuletzt geschriebene nach vorn kam und der zuerst geschriebene nach hinten.

    Wie wir oben ausgeführt haben, ist nicht eine Reihenfolge richtig und die andere falsch, sondern beide sind richtig. Das wird vollends klar, wenn wir sie einmal richtig einteilen.

    Die kanonische Reihenfolge der Paulinischen Briefe:

    A Römer: Grundlegende Wahrheit und dogmatische Lehre, notwendig für alle, in allen Phasen der Heilsgeschichte.
    B 1.u.2. Korinther: Ermahnung wegen praktischen Versagens, zum Verständnis der Glaubensgrundsätze des Römerbriefs.
    C Galater: Korrektur dogmatischer Fehler im Verständnis der Lehre des Römerbriefs.
    A Epheser: Grundlegende Wahrheit und dogmatische Lehre, notwendig für die heilsgeschichtliche Phase des Geheimnisses; Christus ist das Haupt über alles, denn die Gemeinde ist sein Leib.
    B Philipper: Ermahnung wegen praktischen Versagens, zum Verständnis und zur Durchführung der Lehre des Epheserbriefs.
    C Kolossser: Korrektur dogmatischer Fehler zum Verständnis der Lehre des Epheserbriefs: "... hält sich nicht an das Haupt"

    Thessalonicher rundet das Ganze ab mit der jetzt verzögerten Erwartung der Wiederkunft des Herrn.


    Es gehört nicht zu unserer Aufgabe, hier weiter auf die kanonische Ordnung der Paulinischen Epistel einzugehen. Das muss anstehen, bis wir uns an geeigneter Stelle damit befassen. Uns geht es jetzt um die chronologische Reihenfolge, denn die gehört zu den Grundlagen der Lehre von der Heilsgeschichte.

    Paulus gehörte nicht zu denen, die Hebr 2:3 als die bezeichnet, die es gehört haben. Er war keiner "von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein und ausgegangen ist" (Apg 1:21). Deshalb konnte er in keiner Beziehung als einer von den Zwölf angesehen werden. Das mindert aber die Bedeutung der Paulinischen Epistel in keiner Weise, denn er hörte den Herrn vom Himmel. Er war vom Heiligen Geist inspiriert und der Herr selbst unterwies ihn nach und nach.

    Ohne etwas von der Bedeutung der kanonischen Reihenfolge der Paulinischen Briefe zu mindern, müssen wir unser Möglichstes tun, die wirkliche Unterweisung aus der chronologischen Reihenfolge herauszufinden. Deshalb betrachten wir zunächst

    Die Frühbriefe des Paulus

    Über die genaue Datierung der Frühbriefe des Paulus werden unterschiedliche Meinungen vertreten. Weil es keine äußeren Belege darüber gibt, sind alle Forscher auf die internen Belege angewiesen und haben die gleiche Grundlage. Aber jeder kann seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Wir nennen die allgemein angenommenen Jahreszahlen, es ist aber möglich dass künftige Forschungsergebnisse noch Korrekturen erforderlich machen.

    Die chronologische Reihenfolge:

    1. Thessalonicher 52 Korinth
    2. Thessalonicher 53 Korinth
    1. Korinther 57 (Frühling) Ephesus
    2. Korinther 57 (Herbst) Ephesus
    Galater 57 (Winter) Korinth
    Römer 58 (Frühling) Korinth
    Apg 28:25.29 62
    Epheser 62 (Frühling) Gefangenschaft in Rom
    Kolosser 62 (Frühling) Gefangenschaft in Rom
    Philipper 62 (Herbst) Gefangenschaft in Rom
    1. Timotheus 67* Korinth
    Titus 67 Korinth
    2. Timotheus 68 Rom (Gefängnis)


    Die Bedeutung der vorstehenden Tabelle mit dem Angelpunkt in der Mitte, von dem sich alles ableitet, ist offensichtlich.

    Zwischen den beiden Gefangenschaften liegen die Missionsreisen, die Paulus gemacht oder beabsichtigt hatte und der Hinweis auf eine zweite und spätere Inhaftierung. Die Missionsreisen, auf die sich die Fußnote* bezieht, liegen außerhalb der heilsgeschichtlichen Phase der Apostelgeschichte und bleiben deshalb in dem vorliegenden Buch unberücksichtigt. Es ist klar, dass man es vor Gott zu verantworten hätte, wollte man diese letzte Etappe im späteren Dienst des Paulus die heilsgeschichtliche Phase des Geheimnisses ignorieren.

    * Es ist wahrscheinlich, dass 1. Timotheus und Titus früher geschrieben wurden und sowohl die frühere wie auch die spätere Periode abdecken. Zwischen ihnen und dem 2. Brief an Timotheus lägen dann die Reise nach Mazedonien (Phil 2:24.25), Kolossä (Phil 2:2), Spanien (Röm 15:24), Dalmatien (2Tim 4:10) und Ephesus (2Tim 4:12). Damit erfüllte er seine Ankündigung von Apg 28:28: "... dass den Heiden dies Heil Gottes gesandt ist..."

    Wir haben deshalb jetzt das Zeugnis DER FRÜHBRIEFE DES PAULUS zu betrachten.

    Das Zeugnis der Frühbriefe

    Von seiner Berufung haben wir drei Berichte: in Apg 9:6 erfuhr er vom Herrn nichts weiter als: "Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst" (dazu Apg 22:12-21; Apg 26:12-20)

    Der Herr sprach zu Ananias über Paulus (um dessen Befürchtungen zu beschwichtigen): "... dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muss um meines Namens willen" (Apg 9:15.16). Das war zu Ananias gesprochen, nicht zu Paulus. Mehr wird an dieser Stelle nicht berichtet, als dass Ananias ihm die Hände auflegte und Paulus pneuma hagia empfing, oder "die Kraft aus der Höhe" (in Form der "Geistesgaben").

    Der Auftrag, den Paulus erhielt, wurde nur allmählich enthüllt. Vermutlich war er zwar Paulus zu ein und derselben Zeit verkündet worden, aber für andere erst zur gegebenen Zeit eröffnet, so wie Gottes Absichten entfaltet wurden. Erst kurz vor dem Ende des ersten Teiles vom Dienst des Paulus erfahren wir alles das, was in Apg. 9 gesagt ist. Wir dürfen deshalb in Bezug auf das große Geheimnis (das Mysterium) nicht durcheinander bringen, was von dem jeweils Gesagten auf den ersten und was auf den zweiten Teil zu beziehen ist.

    Sein voller Auftrag wird uns erst in den späteren und ergänzenden Berichten der Apostelgeschichte (Apg 22:12-21 und Apg 26:12-20) überliefert, als er sich der göttlichen Trennungslinie näherte. In Apg 9 war die Zeit noch nicht gekommen, alles das zu offenbaren, was das spätere Geheimnis betrifft. Und bis dahin gab Paulus sein Zeugnis in Übereinstimmung mit dem der Zwölf. So brachte er sein Zeugnis "den Juden zuerst". In dem gleichen Sinne, und nur in diesem Sinne, bezeugte er, dass er "den Juden ein Jude geworden" sei.

    Es ist besonders interessant, diese Erläuterung zu betrachten, denn sie bezieht sich direkt auf das, worüber er anschließend an dieselben Gläubigen schrieb. Beachten wir zunächst, "wie nun Paulus gewohnt war" in der ersten Zeit der Ausübung seines Dienstes (Apg 17:2). Da war etwas ganz Besonderes an dieser Gewohnheit, denn er spricht davon auch wieder in 1Thes 1:9 und 1Thes 2:1. Er war mit Silas aus dem Gefängnis in Philippi gekommen, und tat in Thessalonich, was er überall zu tun pflegte: Er ging in die Synagoge "und redete mit ihnen an drei Sabbaten von der Schrift." Er brauchte keine Musikkapelle, er brauchte keine Solosänger, kein Streichquartett, keinen einleitenden Chorgesang, keinen Choral, keine rhetorischen Kunstgriffe einer verbrauchten sogenannten Religion, keine neuen Moden oder moderne Methoden. Bei ihm gab es kein Singen auf Knien, keine besondere Anzahl von "Amen" u.s.w. u.s.f. Er ging nur zu ihnen hinein und redete mit ihnen an drei Sabbaten VON DER SCHRIFT.

    Er sprach nicht von der Zeitung. Es gab bei ihm gewiss keine "Politik von der Kanzel" in Bezug auf irgendwelche öffentlichen Ereignisse in Thessalonich oder im römischen Weltreich. Er befasste sich nicht mit Wohnungsproblemen armer Thessalonicher oder mit Elendsvierteln, Wasserwerken oder Kanalisation. Er befasste sich nur mit einer Sache, und das war DIE SCHRIFT. Und warum? Weil er den Glauben an die Schrift nicht verloren hatte! Denn wie er ihnen später in seinem Brief schreibt, war das Wort, das er ihnen gepredigt hatte, "nicht Menschenwort," sondern "Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt" (1Thes 2:13).

    Das war der Grund, warum es von dort aus weiter erschallen konnte "durch Mazedonien und Achaja und an allen Orten": Weil es das Wort der Herrn war, das sie im Glauben angenommen hatten. Weil es Gottes Wort war, "redete er mit ihnen... von der Schrift." Er hat die Schrift nicht kritisiert. Er hat nicht über die Schrift gesprochen, sondern aus der Schrift. Und so "legte er ihnen dar, dass Christus leiden musste." Ebenso wie Petrus seinen Aufruf in Apg 3:18 begründet hatte, tat es auch Paulus. Er wollte zeigen, "dass dieser Jesus, den ich euch verkündige, der Christus ist" (Apg 17:3).

    Apg 17:7 zeigt uns noch etwas anderes, das Paulus "von der Schrift" ihnen gesagt haben muss: Dass Jesus bald kommen werde, um als König zu herrschen. Das war es nämlich, wessen er vor den Oberen der Stadt beschuldigt wurde (V. 7). Daraus lernen wir, dass Paulus die Lehre der Zwölf bestätigte und nicht darüber hinaus ging. Auf dieser Lehre war die Gemeinde in Thessalonich gegründet, und in ihr hatte sie ihre Nahrung. Das war es, so wird uns berichtet, was der Apostel "gewohnt war" zu tun, wohin er immer kam. Sein besonderer Auftrag wurde in diesem Abschnitt immer in den Synagogen der Diaspora ausgeführt.

    Das besagt nicht, dass das Angebot Gottes, das Petrus verkündete, zurückgezogen worden wäre. Im Gegenteil, alles zeigt, dass es noch offen stand, und dass Israel noch der Adressat der Verkündigung war. Es ist richtig, Paulus stieß an zwei Orten auf so entschiedenen Widerstand der Juden, dass er sich an die Heiden wandte. Aber das geschah nur bei zwei örtliche Ausnahmen und der spezielle Dienst, in dem Paulus stand, wurde dadurch weder beeinträchtigt noch geändert.

    Antiochien in Pisidien war der Ort, wo Paulus und Silas ihre Mission unter den Juden erfüllten, indem sie ihnen sagten: "Euch musste das Wort Gottes zuerst gesagt werden; da ihr es aber von euch stoßt und haltet euch selbst nicht für würdig des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden..." (Apg 13:47). Aber sofort in der nächsten Stadt (Ikonion) geschah es, "dass sie wieder in die Synagoge der Juden gingen“ (Apg 14:1); denn Apg 28:28 war noch nicht erreicht.

    In Korinth geschah es ebenso: "Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt; ohne Schuld gehe ich von nun an zu den Heiden" (Apg 18:6). Das tat er auch; aber das Haus, in das er ging, "war neben der Synagoge“(Apg 18:7), und im nächsten Ort, in den er kam (Ephesus), ging er "in die Synagoge und redete mit den Juden“ (Apg 18:19).

    Diese Ereignisse zeigen, dass sie nur lokal waren, und durchaus nicht von der Art wie die große Proklamation in [Apg 28:28]: "So sei es euch kundgetan, dass den Heiden dies Heil Gottes gesandt ist; und sie werden es hören."

    Während Paulus so "den Juden ein Jude wurde," und mit den Zwölf gemeinsam den Dienst des Herrn Jesus bestätigte, und somit die Verkündigung des Petrus vom Königreich in den Synagogen der Diaspora förderte, können wir gewiss sein, dass sein Zeugnis dem der Zwölf in keiner Hinsicht widersprach. Und worin das bestand, haben wir bereits gesehen. Derselbe Gott gab ihm dasselbe Zeugnis wie ihnen, "durch Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten und durch die Austeilung des heiligen Geistes nach seinem Willen" (Hebr 2:4).

    Es ist sicher eine interessante Lektion für unsere Leser, wenn sie nochmals die ganze Apostelgeschichte lesen und darauf achten, was "die es gehört haben" über das Königreich und den König zu sagen hatten, und was Paulus in den Synagogen bezeugte. Solange wir darauf eingestellt sind, einen Unterschied und eine Weiterentwicklung zwischen den apostolischen Briefen und den Frühbriefen des Paulus zu finden, werden wir auch einen Unterschied erwarten zwischen den Briefen, die Paulus in der Anfangszeit des bestätigenden Zeugnisses schrieb, und denen aus der Zeit kurz vor dem Ende dieser Phase.

    Der Herr hatte Paulus besondere Mitteilungen gemacht. Paulus hatte sich nicht umsonst für drei Jahre nach Arabien zurückgezogen. Was er hörte, als er in den dritten Himmel und in das Paradies entrückt war, das konnte er damals nicht sofort weitersagen. Und ein Grund dafür lag sicher in der Entfaltung der Heilsgeschichte und ihrer Phasen. Wenn wir diese Beschränkungen berücksichtigen, müssen wir uns die Frühbriefe des Paulus in ihrer zeitlichen Reihenfolge ansehen; und bei der Ähnlichkeit seines Zeugnisses mit dem der Zwölf müssen wir erwarten, dass sich im Blick auf seine besondere Berufung als Diener unter den Heiden gewisse Fortschritte und Entwicklungen in seiner Lehre beobachten lassen. Wenn er schon vorher etwas von dem "großen Geheimnis" (dem Mysterium) erfahren hatte, dann ist eins sicher: Er hat es nicht zu Papier gebracht und hatte auch keinerlei Auftrag dazu, bis Apg 28:28 geschehen war.

    Sein Zeugnis würde sich sonst insofern von dem der Zwölf unterscheiden, als deren Zeugnis auf dem beruhte, was sie vom Herrn "gehört" hatten, als er unter ihnen ein- und ausging auf der Erde. In dem, was er sprach, beruhte das Zeugnis des Paulus auf dem, was ihm derselbe Herr vom Himmel mitgeteilt hatte, in Arabien und wo sonst noch. In dem was er schrieb, beruhte es auf direkter Inspiration von Gott, mit der sich die Verheißung des Herrn in Joh 16:12-15 erfüllte. Deshalb gibt es einen zwangsläufigen Unterschied zu dem, was die Zwölf "gehört" hatten. Deren Zeugnis war hauptsächlich mündlich; seines sollte an das Schreiben gebunden sein. Das erklärt seine letzte Anweisung an Timotheus in 2Tim 4:13: "Den Mantel, den ich in Troas ließ bei Karpus, bringe mit wenn du kommst, und die BÜCHER, BESONDERS DIE PERGAMENTE."

    Paulus als Gefangener

    Vor Apg 28:25.26 war Paulus "als Gefangener aus Jerusalem überantwortet in die Hände der Römer“ (Apg 28:17). Danach aber, obwohl immer noch gefangen, war er "der Gefangene Christi Jesu" (Eph 3:1). Vor Apg 28:25.26 sagte Paulus "um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Ketten“ (Apg 28:20); aber danach bezeichnet er sich als gefangen "für euch Heiden" (Eph 3:1). Wenn Paulus vor Apg 28 persönlich etwas von dem Mysterium gewusst hat, dann kann er es kaum weitergesagt haben, sogar an Einzelne, ohne ihre Stellung in der Heilsgeschichte völlig umzustoßen. Obwohl er nicht beauftragt war, es zu schreiben, können wir dennoch in keiner Weise behaupten, dass er es nicht dem einen oder andern gegenüber erwähnt hat, der vorbereitet war es aufzunehmen oder der darein eingeführt werden sollte. Das ist die Bedeutung des Wortes "Vollkommene" in 1Kor 2:6.

    Auf jeden Fall wäre sein Zeugnis zweifellos dem der Zwölf voraus gewesen, sogar im Blick auf seinen Auftrag in Apg 26:15-18; aber besonders als das Ende dieser heilsgeschichtlichen Phase näher rückte und er sah, "dass sich der Tag naht."

    Deshalb müssen wir uns darauf gefasst machen, einige Unterschiede z. B. zwischen dem Römerbrief (dem letzten vor Apg 28) und dem an die Thessalonicher (den er als ersten geschrieben hat) zu sehen. Aber andererseits wollen wir nicht versäumen, alle die Punkte zu bemerken, in denen das Zeugnis des Paulus mit dem übereinstimmt, was "die es gehört haben" als Worte des Herrn Jesus bekräftigten.

    Wir haben bereits gesehen, dass der Apostels Paulus, zu dem der Herr vom Himmel her redete, eine Zeit lang in seinem Dienst eng verbunden war mit denen, die den Herrn auf der Erde reden gehört hatten. So haben wir die Bekräftigung doppelt. Aber obwohl wir in den Grundzügen dasselbe Zeugnis erwarten können, müssen wir auch auf eine gewisse Weiterentwicklung gefasst sein.

    Als Paulus berufen wurde, war die Verkündigung des Petrus bereits geschehen, und alle, die gläubig geworden waren, wurden mit der Taufe des Johannes getauft zur Buße, im Blick auf die Wiederkunft des erwarteten Messias, den Gott zu senden versprochen hatte, und darauf, dass "alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn" (Apg 3:19-26).

    Deshalb befassen wir uns nicht mit den besonderen Nuancen der Bedeutung mancher Wörter, die sich feststellen lassen, wo die erwartete Wiederkunft Jesu Christi beschrieben wird. Wir bauen nicht zuerst das Dach, indem wir über den Gebrauch der Wörter parousia, epiphaneia, oder apokalupsis diskutieren. Welche Wörter auch immer verwendet werden, es ist stets dasselbe gemeint, dass der Herr "den sende, der euch zuvor zum Christus bestimmt ist: Jesus" und damit auch "alles... wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn" zur gegebenen Zeit seine Erfüllung finden würde, einschließlich der Offenbarung, die Johannes geschrieben hatte.

    Es war reichlich Zeit gelassen für alles, was für die "Wiederherstellung aller Dinge" erforderlich war. Für Israel waren zwischen der Kreuzigung des Messias und der Zerstörung Jerusalems nochmals vierzig Jahre Bewährungsfrist gegeben eine Periode die fast ganz abgedeckt wird von der Phase der Apostelgeschichte. Das muss allen klar sein, die sich für die große, beherrschende Tatsache interessieren, dass die Verkündigung des Petrus unmittelbar auf das Pfingstereignis folgte: Diese ganze heilsgeschichtliche Phase war eine Einmaligkeit. Sie hatte einen Zweck, einen Inhalt, ein Ziel und ein Zeugnis, das von niemand sonst als nur von einer besonderen Gruppe von Zeugen gegeben wurde. Alles ist zusammengefasst in Apg 3:19-26 einer Schriftstelle, die von den meisten Lesern vielleicht nicht aus ihren Bibeln herausgestrichen, aber praktisch ignoriert wurde.

    Die Überlieferung, dass Christus gekommen sei, eine Gemeinde zu gründen, und dass die Gemeinde zu Pfingsten gegründet worden sei, hat Apg 3:19-26 völlig bedeutungslos werden lassen, denn diese Schriftstelle hat keinen Platz in dieser überlieferten menschlichen Lehre und ist deshalb übergangen worden. Das hatte sehr schwerwiegende Folgen für das rechte Verstehen des übrigen Neuen Testaments und dafür, dass man "richtig schneide das Wort der Wahrheit“ (2Tim 2:15 K). Die dadurch angerichtete Verwirrung ist die Ursache für all die Schwierigkeiten, auf die Menschen stoßen, die nach Antwort für ihre Fragen suchen.

    Die Frühbriefe des Paulus sind hoffnungslos verdunkelt, weil sie nicht in ihrer zeitlichen Reihenfolge studiert werden. Wir wollen sie nochmals im Licht dieser Reihenfolge betrachten, in der sie geschrieben wurden, und wir wollen diesem besonderen Gedanken des "vielfach und auf vielerlei Weise" seine ihm zukommende Bedeutung in der Auslegung einräumen.



    Kapitel davor:

    a) Briefe an die Thessalonicher

    Der 1. Thessalonicherbrief

    Das erste Buch der Heiligen Schrift, das in dieser Phase entstand, nach der Verkündigung von Apg 3:19-26 durch Petrus, ist der erste Brief des Paulus an die Thessalonicher. Außer 1. Thessalonicher war alles mündlich. Wenn wir nicht glauben, dass Gott sein Volk Israel verspotten wollte, dass er also gar nicht die Absicht hatte, "Jesus Christus zu senden" und "alles wieder herzustellen" und alle Prophezeiungen zu erfüllen, dann müssen wir glauben, dass sein erstes schriftlich überliefertes Wort, das dieser Verkündigung folgte, zwangsläufig eine besondere Beziehung dazu haben musste.

    Der Brief geht von dieser Verheißung Gottes aus, und wenn wir ihn nicht in diesem Licht lesen, ist es uns unmöglich, die Lehre zu begreifen, die Gott damit vermitteln wollte. Der Brief war an eine Gemeinde von Menschen in Thessalonich gerichtet, die das Zeugnis gläubig angenommen hatten, das sie von denen erhalten hatten, die die Worte des Sohnes Gottes bekräftigten. Es war keine moderne "Kirche" mir ihrer Organisation und Institution, sondern eine einfache Gemeinde von solchen, "die das Wort aufgenommen" hatten von Petrus und Paulus, und die sich bekehrt hatten, "zu warten auf seinen Sohn vom Himmel."

    Paulus lehrt in der Synagoge

    Die Verheißung war gegeben. Paulus hatte die Botschaft dorthin gebracht, und Apg 17 berichtet uns, wie er hinkam und was er sagte. "... da war eine Synagoge der Juden. Wie nun Paulus gewohnt war, ging er zu ihnen hinein und redete mit ihnen an drei Sabbaten von der Schrift."

    Er sprach nicht aus seinen Gedanken, sondern aus der Schrift. Er gründete keine Kirche mit ihren Ämtern, Institutionen und Organisationen. Nein, er brauchte nur die Heilige Schrift. Das war die ursprüngliche Schrift, keine modernen, bibelkritischen Schriften. Er brauchte nichts an modernen Methoden, Tricks und Erfindungen, die das Hauptthema eines verbrauchten Systems "organisierten Christentums" sind, denn er hatte alles, was er brauchte, im "Wort der Wahrheit", im geschriebenen und lebendigen Wort. So redete er mit ihnen von der Schrift, "tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, dass Christus leiden mußte (das hatte auch Petrus in Apg 3:18 gesagt) und von den Toten auferstehen und dass dieser Jesus, den ich so sprach er euch verkündige, der Christus ist" (Apg 17:3).

    Was er noch verkündete, geht aus der Anklage hervor, die gegen ihn und Silas vorm Magistrat erhoben wurde. Demnach hatte er gesagt, "ein anderer sei König, nämlich Jesus" (Apg 17:7). Damit hatte er die Verkündigung des Petrus bestätigt. Ihr "Werk im Glauben" (1Thes 1:3), bestand darin, dass sie sich bekehrt hatten "zu Gott von den Abgöttern" (1Thes 1:9), dasselbe Wort "bekehrt euch" hatte Petrus in Apg 3:19 benutzt. Das war ihre "Arbeit in der Liebe" (1Thes 1:3),, "zu dienen dem lebendigen und wahren Gott" (1Thes 1:9). Das war ihre "Geduld in der Hoffnung" (1Thes 1:3), dass sie sich Gott zuwandten "zu warten auf seinen Sohn vom Himmel" (1Thes 1:10).

    Der Himmel hatte ihn aufgenommen; von dort sollte er gesendet werden (Apg 3:20.21). Deshalb warteten sie "auf seinen Sohn vom Himmel." Sie erwarteten Jesus, der von dem zukünftigen Zorn errettet. Johannes der Täufer hatte mit den gleichen Worten gewarnt (Mt 3:7). Der Herr hatte davon gesprochen (Lk 21:22.23). Der Apostel sagt in 1Thes 2:16 nochmals: "Aber der Zorn Gottes ist schon in vollem Maß über sie gekommen" (eis telos). Aber in 1Thes 5:9 kann er sagen: "Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus," deshalb warteten sie auf Gottes Sohn vom Himmel.

    Der Apostel zählt sich also selber mit zu denen, die auf die Errettung warten. Von denen, die für ihr eigenes Versäumnis eine Ausrede suchen, ist es Paulus zur Last gelegt worden, er hätte sich im Irrtum befunden mit diesem Warten auf den Herrn. Aber das ist jedenfalls eindeutig, dass er es für sich selber und für die Empfänger seines Briefes als durchaus gegenwärtige Erwartung ansah eine Erwartung, deren Erfüllung sie sich miteinander und gleichzeitig erfreuen würden.

    Gott hatte versprochen, seinen Sohn zu "senden". Das war der Grund, warum Paulus und die in Thessalonich, an die er schrieb, warteten. Paulus sehnte sich danach, sie "von Angesicht zu sehen, mit großem Verlangen. Darum wollten wir zu euch kommen, ich, Paulus einmal und noch einmal, doch der Satan hat uns gehindert." Aber er hatte dennoch Freude, wenn er daran dachte, dass es nicht für lange sein würde. Darum fragt er: "Denn wer ist UNSERE HOFFNUNG oder Freude oder unser Ruhmeskranz seid nicht auch IHR es vor unserm Herrn Jesus, wenn er kommt? IHR seid ja UNSRE Ehre und Freude“ (1Thes 2:17-20).

    Im dritten Kapitel gibt er nochmals seiner großen Sehnsucht Ausdruck (1Thes 3:5-10) und betet dann: "Er selbst aber, Gott, unser Vater, und unser Herr Jesus lenke UNSERN Weg zu EUCH hin. Euch aber (auf jeden Fall) lasse der Herr wachsen und immer reicher werden in der Liebe untereinander und zu jedermann, wie auch wir sie zu euch haben, damit EURE Herzen gestärkt werden und untadelig seien in Heiligkeit vor Gott, unserm Vater, wenn unser Herr Jesus kommt (parousia oder Anwesenheit) mit allen seinen Heiligen (Engeln)“ (1Thes 3:11-13).

    War dieses Kommen nicht sehr nahe für diese gläubigen Thessalonicher? Sie hatten den Aufruf des Petrus befolgt und Buße getan und sich zum Herrn bekehrt, und nun warteten sie auf die baldige Erfüllung der Verheißung des Herrn. Für sie war es keine Sache ferner Zukunft. Es konnte sich nicht auf ein Kommen beziehen, das selbst heute noch weit vor uns liegt. Es war eine nahe, damals geradezu aktuelle Erwartung, die für gerade diese Gläubigen, an die der Brief adressiert war, verwirklicht werden sollte - eine Erwartung, die sie persönlich in Freude erleben würden.

    Frage nach den Entschlafenen

    Im vierten Kapitel gibt er eine weitere Offenbarung der Wahrheit über diese Hoffnung - eine Wahrheit, die die Zwölf nicht offenbaren konnten. Sowohl sie, als auch er hatten viel von den Lebenden gesprochen; viel über ihre Buße und Bekehrung zum Herrn und darüber, dass sie den Herrn vom Himmel gesendet erwarten sollten. Was wäre aber nun mit den inzwischen Entschlafenen (dieser Ausdruck ist allen sorgfältigen griechischen Texten gemeinsam, einschließlich Tregelles)? Wie würden sie am Kommen des Herrn beteiligt und der "Ruhmeskranz" des Apostels sein können?

    Diese Entschlafenen hatten Buße getan. Sie hatten sich zum Herrn bekehrt und hatten auf ihn gewartet. Um diesem Problem zu begegnen, tröstet sie der Apostel "mit einem Wort des Herrn." Damit beantwortet er ihre Fragen, lindert ihren Schmerz und gibt ihnen Hoffnung. Er sagt: "wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. Denn

    A a - Wenn wir glauben
    b - dass Jesus gestorben
    c - und auferstanden ist,
    A a - so (glauben wir)
    b - wird Gott auch die, die entschlafen sind,
    c - (aus dem Tode zurück) durch Jesus mit ihm einherführen."

    In diesem Vers haben wir zwei korrespondierende Aussagen. Die eine bezieht sich auf den Herrn, die andere auf sein Volk. Jeweils die erste (a und a) handelt vom Glauben, die zweite (b und b) vom Tod und die dritte (c und c) von der Auferstehung.

    Der Herr war gestorben. Aber Gott, der "den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat" (Hebr 13:20), werde in gleicher Weise, durch Jesus (wie in 2Kor 4:11), auch die Entschlafenen aus dem Tode zurück bringen.

    Das war nicht nur eine Behauptung des Apostels. Er bestätigte nur das Wort, das der Herr schon zu Martha geredet hatte, als er ohne von der Gemeinde oder der Offenbarung des Geheimnisses zu reden ihr eine weitere Tatsache über die Auferstehung mitteilte.

    Martha glaubte an die erste und zweite Auferstehung, aber es gab noch eine andere. Sie hatte anfangs zum Herrn gesagt: "Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben." Auf diese Worte hin belehrte sie der Herr. Er sagte ihr, dass seine Gegenwart die Auferstehung bedeute, wie sie richtig gesagt hatte, aber sie bedeutete noch mehr: Sie bedeutete nicht nur die Bewahrung des zeitlichen Lebens, sondern auch die Auferstehung für die, die gestorben waren, und die Bewahrung zum ewigen Leben für diejenigen, die "leben und übrig bleiben" ihn also als "das Leben" kennen. Seine Worte (Joh 11:25.26) können so gelesen werden:

    B - Ich bin die Auferstehung
    C - und das Leben.
    B - Wer an mich glaubt, der wird leben (wieder, in der Auferstehung), auch wenn er stirbt;
    C - und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.

    Dieses Wort des Herrn war es, was Paulus bekräftigte, als er schrieb:

    "Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. So tröstet euch mit diesen Worten untereinander" (1Thes 4:13-18).

    Die Hoffnung Israels wird ausgesetzt

    Paulus bekräftigt hier, was der Herr in Mt 24 gesagt hatte. "Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit..." (die innerhalb dieser vierzig Jahre der Bewährung, die von der Apostelgeschichte abgedeckt sind, stattgefunden hätte, wobei die Wunderzeichen am Himmel und auf der Erde gesehen worden wären, die von Joel vorhergesagt waren (Joe 3:3.4), wie Petrus am Tag des Pfingstereignisses erklärte, dass es "DAS" sei, was angekündigt und vorgedeutet wäre): "... dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel senden mit lauten Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern" (Mt 24:29-31).

    Diese "laute Posaune" ist die "Posaune Gottes" in 1Thes 4:16; und das "Sammeln" ist das Sammeln derer, "die wir leben und übrigbleiben." Das ist die Aufgabe, die den Engeln zugewiesen ist, aber die Auferstehung derer, die entschlafen sind, sollte von Gott selber "durch Jesus" bewirkt werden.

    Der Herr belehrte seine Jünger dann auf einmal mit dem Gleichnis vom Feigenbaum und sagte: "... wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr (aus Erfahrung), dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch: Wenn IHR das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: DIESES GESCHLECHT (Generation) wird NICHT (griech.: ou me, die stärkstmögliche Verneinung) vergehen, bis dies alles geschehen könnte. (Hier steht wieder an als Möglichkeitsform.) Himmel und Erde werden vergehen; aber MEINE Worte werden NICHT (griech.: ou me, die stärkstmögliche Verneinung) vergehen" (Mt 24:32-35).

    Keine Worte könnten ernster, gewisser, nachdrücklicher oder unmissverständlicher sein. Jene Generation verging nicht, bis das alles stattgefunden haben könnte. Alles war von Israels Buße abhängig. Der Herr hatte Zeichen genannt, aus denen diese Generation wissen konnte, dass der Feigenbaum Blätter triebe, dass der Sommer der nationalen Wiederherstellung nahe sei, und dass "er nahe vor der Tür" sei (Mt 24:33). Das Zeichen war, dass viele in seinem Namen kommen würden, die sagten: "Ich bin der Messias." Dieses Zeichen fand statt, und wer auf die Worte des Herrn gehört hatte, sah es und wusste daher, dass das Ende dieser Phase nahe war, und dass es die letzte Stunde davon war (Joh 2:18).

    Jakobus hatte geschrieben und gesagt, der Richter steht vor der Tür (Jak 5:9), und "das Kommen des Herrn ist nahe“ (Jak 5:8). Der Herr sandte dieselbe Botschaft nach Laodizäa: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an" (Offb 3:20).

    Petrus verband in seiner Pfingstpredigt das Geschehen dieses Tages mit dem "Tag des Herrn," und zeigte wieder, dass diese Ereignisse das anzeigten, was Joel über den Tag prophezeit hatte: "Denn auf dem Berg Zion und zu Jerusalem wird Errettung sein (das ist das 'Erretten' aus 1Thes 1:10 und das 'Heil' aus 1Thes 5:8-10), wie der Herr verheißen hat, und bei den Entronnenen, die der Herr berufen wird" (Joe 3:5). Konnte das jemand bezweifeln, wenn sie Petrus predigen hörten: "Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung, und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird" (Apg 3:19)? Wer die waren, "die fern sind," können wir aus Daniels Gebet (Dan 9:7) entnehmen:

    *"Du Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle heute schämen, die von Juda und von Jerusalem und von ganz Israel, die, die nahe sind, und die zerstreut sind in allen Ländern, wohin du sie verstoßen hast um ihrer Missetat willen, die sie an dir getan haben." Beim Vergleich mit Apg 2:14.22.36.39 und Joe 3:5 kann kein Zweifel darüber bestehen, wie wir all diese Schriftstellen zu verstehen haben).

    Paulus stimmte in seinem bekräftigenden Zeugnis mit denen überein, "die es gehört hatten." Gehörte er nicht auch zu "dieser Generation", von der der Herr sprach? Sah er diese Zeichen nicht? Und benutzte er nicht auch die Fürwörter "WIR" und "UNS" mit besonderem Bezug auf sich selber? War es also nicht eine damals gegenwärtige Erwartung, die der Apostel und die Adressaten seines Briefes gemeinsam hatten?

    Weil diese Tatsache nicht gesehen wurde, hat man gedankenlos Paulus beschuldigt, von einer falschen Voraussetzung ausgegangen zu sein. Es liegt ja tatsächlich auf der Hand, dass er davon als von einer Erwartung schrieb, die er persönlich hegte. Deshalb sagt man, er habe sich geirrt!

    Aber gerade das ist unser Anliegen: Er hat sich nicht geirrt! Wie hätten Worte des Paulus in die Heilige Schrift gelangen können, die von der Annahme ausgegangen wären, dass Israel die angeboten Verheißung, Jesus Christus zu senden, ablehnen würde? Unmöglich. Alles war real und von ganzem Ernst.

    Im fünften Kapitel (1Thes 5) spricht Paulus wieder vom "Tag des Herrn." Wie es Joel getan hatte, und wie es Petrus getan hatte, als er sagte, dass diese Gabe der Zungenrede zu Pfingsten "das" wäre, wovon Joel gesagt hatte, es werde "in den letzten Tagen" geschehen.

    Paulus sagt dasselbe, aber er fährt fort und erklärt, wie "sie das Verderben schnell überfallen" wird, die das Zeugnis ablehnen, das ihnen damals gegeben wurde, und wie sie "nicht entfliehen" werden. Aber er fügt hinzu, dass es mit denen nicht so geschehen wird, die das Wort und das Zeugnis angenommen haben. Diese waren nicht "von der Finsternis." Sie schliefen nicht wie die andern, sondern waren wachsam. Sie warteten auf Gottes "Sohn vom Himmel“ (1Thes 1:10).

    "Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat UNS nicht bestimmt zum ZORN, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für UNS gestorben ist, damit, ob WIR wachen oder schlafen, WIR zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut" (1Thes 5:8-11).

    Der Apostel schließt dann den ganzen Brief mit einem Gebet, das mit noch einem Hinweis auf die parousia des Herrn alles zusammenfasst, die als so nahe betrachtet wird, dass die Leser dieses Briefes bewahrt werden möchten vor Tod und Vernichtung und zu denen gehören, die "leben und übrigbleiben" um "dem Herrn entgegen in die Luft" entrückt zu werden. Er sagt: "Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch (zu dem Ende; griech.: holoteleis) und bewahre euren Geist samt Seele und Leib (in jedem Teil; griech.: holokleron, d. h. lebendig) unversehrt, untadelig FÜR die Ankunft (parousia) unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun." - Gemeint ist hier die Verheißung von 1Thes 4:16, die zu Gottes Verheißung durch Petrus in Apg 3:19-21 eine Beziehung hat.

    Diese Verheißung galt allen, die dem Ruf zur Buße Folge leisten und sich zum Herrn bekehren würden. Er schließt mit den Worten: "Ich beschwöre euch bei dem Herrn, dass ihr diesen Brief lesen lasst vor allen Brüdern." Hätte Israel Gottes Ruf zur Buße befolgt, der durch Petrus ergangen war, dann wäre die Verheißung, Jesus Christus zu senden, erfüllt worden, und alles, was die Propheten gesagt hatten, hätte Bestand gehabt und wäre erfüllt worden, und alles wäre wiedergebracht worden. Aber Israel tat nicht Buße. Ein paar kleine Gemeinden hier und da "nahmen das Wort auf" (Apg 2:41; 1Thes 2:13) und gehorchten, aber das Volk als Ganzes verwarf den zweifachen Ruf von Petrus d. h. der Zwölf im Land und überall und den Ruf von Paulus in den Synagogen der Diaspora.

    Unsere Erwartung heute

    Aber für uns heute stellt sich die Frage: Hat Israel als ganzes Volk diese verheißene Segnung verwirkt, oder ist sie nur ausgesetzt? Wird "die Zeit der Erquickung" niemals kommen? Wird Gott niemals Jesus Christus senden? Und wird er doch nicht alles erfüllen, was die Propheten gesagt haben? Doch, er wird es gewiss tun. Und das ist der Grund, warum die zuerst geschriebenen Briefe in unserer kanonischen Ordnung in der Heiligen Schrift an letzter Stelle stehen. Die heilsgeschichtliche, historische und chronologische Reihenfolge spricht zu uns nicht mehr so wie damals zu ihnen. Für Gläubige von heute ist die kanonische Ordnung, wie wir sie nach göttlicher Weisung in die Hand bekommen haben, die Reihenfolge, die uns angeht. Auch wir warten auf den Herrn. Aber worauf gründet sich diese Erwartung? War die Verheißung unsern Vätern gegeben? War sie uns und unsern Kindern gemacht (Apg 2:39)? Ganz gewiss nicht.

    Wo kommen dann wir "Sünder aus den Heiden" darin vor? Wieso nehmen wir diese Verheißung für uns in Anspruch? Haben wir irgend einen Anspruch auf ein "Erbe"? Worin besteht dieser Anspruch? Die Antwort auf diese Fragen ist der Schlüssel zur kanonischen Ordnung der Paulinischen Epistel. Wir als Heiden haben von uns aus keinerlei Recht und keinerlei Anspruch. Wir haben von unsern Vätern keine Verheißung geerbt. Aber wir haben und erben alles in Christus! Das aber lernen wir nicht aus den früheren Briefen des Paulus, sondern aus den späteren Briefen.

    Am Anfang des Briefes an die Epheser werden wir an das ganze Geheimnis kommen. "Darum denkt daran, dass ihr,

    1. die ihr von Geburt einst Heiden wart
    2. und Unbeschnittene genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind,
    3. dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart,
    4. ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels
    5. und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung;
    6. daher hattet ihr keine Hoffnung
    7. und wart ohne Gott in der Welt" (Eph 2:11.12).

    In diesen sieben gewichtigen Aussagen erfahren wir unsere Position, die wir von Natur Heiden sind. Dann folgt das heilige Versprechen: "Jetzt aber IN CHRISTUS JESUS seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Jesu Christi" (Eph 2:13).

    Aber wir fragen nochmals: Worauf beruht das, dass wir "Nahe" geworden sind? Die einzige Antwort ist in Eph 1 gegeben: "IN IHM sind WIR auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem VORSATZ dessen, der alles wirkt nach dem RATSCHLUSS seines WILLENS; damit WIR etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. IN IHM SEID AUCH IHR, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit IN IHM SEID AUCH IHR, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem heiligen Geist, der verheißen ist. welcher ist das Unterpfand unsres ERBES, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit" (Eph 1:1-14).

    Hier ist es, wo wir und unsere Leser dazugehören. Hier ist unser Rechtsanspruch. Wir haben alles und mehr nicht weil wir in Abraham sind, sondern weil wir "IN CHRISTUS" sind; nicht weil wir zum "Bund der Verheißung" gehören, der für Abraham und seinen Samen geschlossen wurde, sondern weil wir von Ewigkeit her dazu vorherbestimmt sind, weil er uns erwählt hat "ehe der Welt Grund gelegt war" (Eph 1:4). Das heißt, wie in 1Mo 1:2 berichtet, als die Welt, die damals bestand, zerstört wüst und leer wurde.

    Das ist die einleitende Aussage der späteren Briefe des Apostels Paulus. Aber bevor wir das verstehen können, müssen wir uns die grundlegenden Lehren erarbeiten, die im Römerbrief dargelegt werden, der später geschrieben wurde als 1. Thessalonicher. Dort haben wir das große Thema von Juden und Heiden erklärt und fest begründet. Das ist es, warum dieser Brief jetzt als erster eingeordnet ist. Das ist es auch, warum es für uns heute notwendig ist, dass wir mit dem Römerbrief beginnen. Gläubige Juden und Heiden von damals konnten nur (genau wie es für sie notwendig war) mit den Briefen an die Thessalonicher beginnen.

    Hier sehen wir, dass Gott für die kanonische Ordnung aller Briefe des Paulus einen Grund hatte. Sie hatten ihr Erbe in Abraham wir haben auch ein Erbe, aber wir haben es "in Christus." Und doch gibt es manche, die meinen, wir (als Heiden) seien benachteiligt und unserer Hoffnung beraubt, weil Israels Heil ausgesetzt ist! Aber es ist ganz umgekehrt. Wir sind es, die Israel der Verheißung von 1. Thessalonicher beraubt haben; und wie es so häufig und sprichwörtlich der Fall ist, gibt es den üblichen Streit um gestohlenes Eigentum.

    Wenn wir zur Betrachtung der späteren Paulinischen Briefe kommen, in denen "der Geist der Wahrheit" die Verheißung aus Joh 16:12-15 erfüllt hat, der "in alle Wahrheit" leitet, werden wir sehen, dass wir gar nicht benachteiligt sind, sondern alles das gewonnen haben, was es jetzt zu wissen gibt über Gnade wie über Herrlichkeit.

    Wir brauchen Israel die ausgesetzte Hoffnung nicht zu rauben, denn anstatt der Verheißung von 1Thes 4:17, "entrückt werden auf den Wolken in die Luft," haben wir die herrliche Verheißung der "himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus." Anstatt der Auferstehung der "Toten, die in Christus gestorben sind," haben wir die Verheißung der "Ausauferstehung", "der von den Toten" (Phil 3:11 K). Und obwohl doch die "Hoffnung Israels" ausgesetzt ist, bilden sich manche ein, wir seien benachteiligt. Gewiss können wir es uns leisten, ihnen ihre Hoffnung zu lassen, denn für uns gilt: "Ich vergesse was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus" (Phil 3:13.14).

    Unsere Hoffnung "in Christus" bedeutet viel mehr für uns, als 1Thes 4:16 damals für Israel. Wir warten auch auf Gottes Sohn. "Unser politeuma (oder Regierungssitz) (Luther: Bürgerrecht) ist (bereits) im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln (metaschematizo = Gestalt oder Aussehen verändern) wird, dass er gleich werde (summorphios = dieselbe Gestalt haben wie) seinem verherrlichten Leibe" (Phil 3:20.21).

    Das ist unsere "selige Hoffnung." Möge der Herr es bald geschehen lassen!

    Der 2. Thessalonicherbrief

    Wir kommen jetzt zum zweiten Brief an die Thessalonicher, den Paulus wahrscheinlich weniger als ein Jahr nach dem ersten schrieb, während er noch in Korinth war. Das war wohl reichlich zwanzig Jahre nach der Auferstehung des Herrn.

    Die vierzigjährige Bewährungsfrist für Israel war zur Hälfte vergangen, aber es blieb noch reichlich Zeit für die Erfüllung alles dessen, was die Propheten über die Wiederherstellung aller Dinge vorhergesagt hatten, das Aufkommen des Antichrist und die Wunder am Himmel und auf der Erde, die Joel prophezeit hatte (Joe 2:21-27), außerdem der Herr (Mt 24:4-35) und Johannes im Buch der Offenbarung.

    Wir haben gesehen, dass das alles für diese Generation "nahe" war. Es sollte "bald geschehen" (Offb 1:1). Der Richter stand noch, er hatte noch nicht den Sitzplatz eingenommen. Er stand "vor der Tür" (Jak 5:9), und er klopfte noch an (Offb 3:20). Der Tag des Herrn war zwar noch nicht gekommen, aber er war "nahe vor der Tür" (Mt 24:33).

    Die Trübsal hatte noch nicht eingesetzt, aber es waren Nöte an allen Enden aufgekommen für die, "die das Wort angenommen hatten" (Apg 2:41; 1Thes 2:13). Man fühlte den "Anfang der Wehen" der Trübsal, wie es der Herr vorhergesagt hatte:

    "Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehaßt werden um meines Namens willen von allen Heiden. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten, und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden" (Mt 24:9-13).

    Die Gläubigen in Thessalonich machten erste Erfahrungen mit der Wahrheit dieser Worte. Das ging so weit, dass man dem Apostel nachsagte, er habe gesagt oder geschrieben, der "Tag des Herrn" sei schon da (2Thes 2:2). Das war der unmittelbare Anlass für den zweiten Brief, den Paulus an die Gläubigen in Thessalonich schrieb.

    Als er den ersten Brief schrieb, konnte er Gott preisen für ihr "Werk im Glauben", ihre "Arbeit in der Liebe" und ihre "Geduld in der Hoffnung" (1Thes 1:3). Aber im zweiten Brief erwähnt er ihre "Hoffnung" nicht mehr! Er dankt Gott für ihren wachsenden Glauben und die zunehmende gegenseitige Liebe (2Thes 1:3), aber ihre Hoffnung erwähnt er nicht, denn die war von diesem falschen Bericht damals geschmälert, wenn nicht zerstört worden.

    Im ersten Brief hatte er ihnen geschrieben, dass der "Tag des Herrn" kommen würde "wie ein Dieb in der Nacht", und dass "das Verderben" die Ungläubigen "schnell überfallen" würde. Aber die Gläubigen würde der Tag nicht wie ein Dieb überfallen, denn sie sollten den Helm der Hoffnung aufsetzen, der Hoffnung auf das Heil (1Thes 1:8), und auf die Errettung vor dem zukünftigen Zorn (1Thes 1:10).

    Es ist nicht zu verwundern, dass ihre Hoffnung zusammenbrach, als sie die falsche Nachricht erhielten, derselbe Apostel hätte gesagt, der Tag des Herrn sei schon da, und sie wären nicht errettet worden. In diesem Falle hätte "der Tag" sie "wie ein Dieb" überrascht (1Thes 5:1-11).

    Deshalb ermahnt er sie, sich nicht wankend machen zu lassen, in keinerlei Weise (weder durch durch eine Weissagung, noch durch ein Wort, noch durch einen Brief). Und er gibt ihnen ein sicheres Zeichen und Merkmal, indem er sagt: "... denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch der Bosheit (Tischendorf und Tregelles haben hier "Gesetzlosigkeit) offenbart werden, der Sohn des Verderbens" (2Thes 2:3). Dann beschreibt er noch wie der sich offenbaren wird, so dass für sie kein Zweifel mehr bestehen konnte: Vor diesem Abfall und diesem Offenbarwerden konnten sie ganz gewiss sein, dass "der Tag des Herrn" noch nicht da war.

    Schon als sie das Wort empfangen hatten, war das unter Schwierigkeiten geschehen, das erfahren wir aus Apg 17:5; und die Schwierigkeiten hörten nicht auf, wie wir aus 1Thes 2:14-16 entnehmen können. Hier müssen wir demnach den Grund suchen, warum dieser zweite Brief geschrieben wurde.

    Der Apostel hatte ihnen "Ruhe" versprochen durch das Wort des Herrn, bevor jener Tag kommen sollte. Sie würden entrückt und errettet vor dem "Zorn" jenes Tages. Und nun schreibt er ihnen diesen zweiten Brief um der "Hoffnung" willen, die er ihnen gemacht hatte, und wegen der verheißenen "Vereinigung mit ihm" (2Thes 2:1).

    Für ihn und für sie war diese "Ruhe" sehr nahe. Er sagte, sie sollten Ruhe haben "mit uns" (d.h.: mit ihm selber und Silvanus und Timotheus) (2Thes 1:1), nicht "wenn" (wie in 2Thes 1:10) sondern "bei der Enthüllung des Herrn Jesu vom Himmel" (2Thes 1:7 K). Verse 7-10 nach Luther: "... wenn der Herr Jesus sich offenbaren wird vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht in Feuerflammen, Vergeltung zu üben an denen, die Gott nicht kennen und die nicht gehorsam sind dem Evangelium unseres Herrn Jesus. Die werden Strafe erleiden, das ewige Verderben, vom Angesicht des Herrn her und von seiner herrlichen Macht, WENN ER KOMMEN WIRD, dass er verherrlicht werde bei seinen Heiligen und wunderbar erscheine bei allen Gläubigen, an jenem Tage; denn was wir euch bezeugt haben, das habt ihr geglaubt" (vgl. Apg 17:1-3).

    Voraussetzung zur Erfüllung der Verheißung

    Die Worte "wenn er kommen wird" sagen uns, dass noch bevor der Tag des Herrn mit all seinem "Zorn" offenbar wird, der Herr bereits gekommen sein wird, um sowohl den Schreiber wie die Leser des Briefes in seine "Ruhe" zu holen. Dieser Tag gehört zu all dem, was die Propheten geweissagt hatten, wovon Petrus in Apg 3:19-26 erklärt hatte, dass es in der Wiederkunft Jesu Christi erfüllt werden würde. Aber die Erfüllung der großen prophetischen Ankündigung war von der nationalen Buße abhängig.

    Wir wissen, dass diese Bedingung nicht erfüllt wurde. Von Anfang an war die nationale Buße die einzige Voraussetzung der nationalen Errettung, wie man aus 3Mo 26:40-42 und Hos 5:15 usw. ersehen kann, und sie ist es noch heute. Diese Buße ist immer noch Zukunft, aber sie wird gewiß erfolgen. Die Prophezeiung davon wird sich erfüllen, wie Sach 12:10-14 und Mt 24:30 geweissagt und in [Offb 1:7] bestätigt.

    All das zeigt uns, dass die Ruhe, von der der Apostel schrieb, damals als Realität und zwar sehr kurz bevorstehend angesehen wurde. Sie sollte nicht den Einzelnen durch das Sterben zuteil werden, sondern nach der Verheißung in 1Thes 4:17 gemeinsam und "zugleich." Damit gehörte sie zu dem "Senden" des Herrn Jesus, bevor er sichtbar kommen würde, wie das in 2Thes 1:7-9 beschrieben ist. Diese große Enthüllung wird nicht geschehen, bevor er zuerst gekommen ist, "dass er verherrlicht werde bei seinen Heiligen" (2Thes 1:10)

    Da die Nation nicht Buße getan hat, wurde die Bedingung nicht erfüllt, und die damals nicht realisierte Hoffnung wurde ausgesetzt. Diejenigen, die nach der "Ruhe" ausgeschaut und sich gesehnt hatten, entschliefen und gehören nun zu den "Toten, die in Christus gestorben sind." Aber sie werden sich dennoch mit denen gemeinsam daran erfreuen, die "leben und übrig bleiben," wenn der Herr Jesus Christus kommt.

    Aus dem allen folgt, dass dieselben Zeichen für die Offenbarung Jesu Christi heute gültig bleiben für alle, die Augen haben, zu sehen, und "Ohren, zu hören." Niemand braucht sich irre machen zu lassen; weder durch die Lehre einer Gruppe von Kommentatoren, die behaupten, der Herr wäre bei der Zerstörung Jerusalems gekommen, noch durch leeres Versprechen von Politikern, die uns einen Himmel auf Erden durch ihre verschiedenen politischen Systeme vorgaukeln; noch durch falsche Hoffnungen und Versprechen moderner Sozialisten (christliche und andere); noch durch gotteslästerliche Lehren der neuen Theologie, die von der "Verwirklichung des Königreiches Gottes auf Erden" ohne den König träumt, noch durch das fruchtlose Bemühen um "Frieden auf Erden," ohne zu erkennen, dass die Menschheit den "Friedefürsten" getötet hat.

    Das alles stellt die Aussagen vom Wort Gottes auf den Kopf, denn das sichert uns zu, dass der Tag des Herrn nicht kommt, bevor der Abfall geschehen ist. Die Kirche sagt, er käme erst nach der Bekehrung der ganzen Welt. Die Welt erklärt, die Welt sei nicht schlecht genug, moderne Lehrer versichern uns, sie sei nicht gut genug! Und ohne um Gottes Wort zu wissen, arbeiten sie, um "die Wiederherstellung aller Dinge" zu bewerkstelligen, ohne die Wiederkunft Jesu Christ!

    Kann es für uns einen zuverlässigeren Beweis geben, dass der Abfall, obwohl er seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hat, doch schon weit fortgeschritten sein muss, wenn die moderne Bibelkritik in den Kirchen Einzug gehalten hat und das Geheimnis (der Geist und das Wirken) der Gesetzlosigkeit sowohl in der Kirche wie im Staat um sich greift?

    Die Gläubigen in Thessalonich hatten ihre "Zeichen," und wir heute haben unsere, an denen wir merken, dass der Tag des Herrn naht. Aber welche Verheißung haben wir, davor gerettet zu werden? Welche Zusicherung haben wir, dass er uns nicht "überfallen" wird? Wo ist für uns die "Ruhe," die ihnen verheißen wurde?

    Wir können gut verstehen, wie nahe die versprochene Ruhe für sie war, wenn wir diese Briefe, die in der Phase der Apostelgeschichte geschrieben wurden, in ihrer zeitlichen Reihenfolge lesen; aber nicht, wenn wir unsere jetzige Phase des Geheimnisses in sie hinein lesen. Aus diesem Grunde legen bis heute viele Gläubige großen Wert auf 1Thes 4, lassen aber 2Thes 1 außer acht.

    Wir haben Verständnis und volle Sympathie für solche, die gerne hätten, dass in 1Thes 4 von uns die Rede wäre, die es als entscheidenden Inhalt unserer Hoffnung, das Kommen unseres Herrn betreffend, ansehen möchten. Aber wir können es dankbar loslassen, wenn wir sehen, dass wir eine bessere Hoffnung haben, an der wir uns umso mehr freuen können, da wir uns keinen Raub an Israels Hoffnung vorwerfen müssen, die nur ausgesetzt ist, und die auch noch ihre wunderbare und buchstäbliche Erfüllung finden wird.

    Es kann trotzdem das Muster unserer Hoffnung sein, wie später in Phil 3:11.14 dargestellt wird. Die Verwirklichung unserer Hoffnung mag wohl nach der gleichen Vorlage gebildet sein wie die Ihrige. Die Anordnung der beiden Ereignisse kann gut die gleiche sein.

    1. Zuerst unsere "Aus-Auferstehung" (exanastasis), entsprechend ihrer Auferstehung (anastasis);
    2. dann unsere "Berufung in den Himmel," entsprechend ihrer Entrückung.

    Was verlieren wir? Ist es nicht vielmehr ein großartiger Gewinn? Alles was wir zu tun haben, ist die Rückgabe gestohlenen Eigentums, indem wir aufgeben, was wir uns (vielleicht unwissentlich) angeeignet haben, und uns an dem erfreuen, was wirklich uns gehört, weil es uns von dem Erlöser, auf den wir warten, speziell zugeeignet wurde.

    Wir und alle unsere Leser sind längst geheilt von einer unbewussten und biblischen Kleptomanie, durch die alle Segens-Verheißungen von Israel genommen, und der Gemeinde zugesprochen wurden, wobei wir uns wie Einbrecher verhalten, die nur Silber und Gold suchen und das Blech liegen lassen. So sind wir auch sorgfältig darauf bedacht, dass wir Fluch und Gerichte Israel überlassen und nur die Segnungen auf uns beziehen. In unserm Wahn lag Methode, aber er war trotzdem falsch. Wir wollen jetzt wahr und redlich sein und uns an dem erfreuen, was Gott uns verheißen, ja in Christus geschenkt hat, und in der Erwartung des Herrn leben (Phil 3:20.21) und auf unsere Berufung in den Himmel warten (Phil 3:14). Und wenn wir vorher entschlafen sollen, dann wollen wir in dieser seligen Hoffnung gewiss sein, die uns die "Ausauferstehung von den Toten" zusichert. Wir fragen nochmals: Was haben wir verloren?

    Wenn wir in den Himmel berufen werden, sind dann keine Bibeln auf der Erde mehr nötig? Sollten die Zurückbleibenden, die dann zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, ganz ohne Hoffnung gelassen werden, dem Schrecken vom Tag des Herrn zu entgehen? Oder sollten sie nicht wissen, was für sie in 1Thes 4 und Offb 5 vorgesehen ist?

    Wenn wir ihnen 1Thes 4 wegnehmen und es zu unserer heutigen Hoffnung machen, was bleibt dann den Übriggebliebenen, sie vor dem zukünftigen Zorn zu retten oder andere aus der großen Trübsal herauszuführen? Wir lassen alle Schrift sich um uns als Mittelpunkt drehen! Aber wir sind nicht Alles und nicht Alle. Es gibt noch andere, die außer uns Erlösung brauchen und eine Hoffnung haben müssen. Es ist uns genug, ja es scheint zu gut, um wahr zu sein! Wir wollen deshalb die Dinge verlassen, die hinter uns liegen und uns ausstrecken nach dem, was vor uns liegt und jagen nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus (Phil 3:14).

    2. Thessalonicher 2

    Jetzt kommen wir zum zweiten Kapitel des 2. Briefes an die Thessalonicher. Hier erfahren wir mehr über alles das, was nach den Verheißungen der Propheten beim Kommen des Herrn erfüllt werden soll.

    Der Apostel glaubte, was unser Herr gesagt hatte, und was die, "die es gehört haben" bekräftigten, nämlich dass sein Kommen nahe war (gr.: eggizo, Mt 3:2, übersetzt: "nahe herbeigekommen". Man vergleiche Mt 4:17; Mt 10:7; Mk 1:15, sowie Lk 10:9.11; Lk 21:20.28; Röm 8:12; Hebr 10:25; Jak 5:8; 1Petr 4:7 und eggus in Lk 21:31; Offb 1:3; Offb 12:10).

    Aber das war etwas ganz anderes als die falsche Aussage, der Apostel habe gesagt, der "Tag des Herrn" sei bereits angebrochen. Das Verb enistemi bedeutet nicht dasselbe wie eggizo. So hatte der Tag des Herrn noch nicht begonnen, obwohl er nahe gekommen war. Auch als der Apostel 2Thes 2 schrieb, mussten noch zwei Ereignisse stattfinden: 1. Der Abfall und 2. die Offenbarung des Gesetzlosen.

    Wir können gut verstehen, dass die Thessalonicher, "die das Wort empfangen" hatten (1Thes 2:13; vgl. Apg 2:41) und es glaubten, "in ihrem Sinn wankend" gemacht und erschrocken waren. Das Wort saleuo bedeutet 'erschüttert sein', also erregt und verstört (siehe Apg 17:13), und throeomai heißt erschreckt sein (es kommt außer hier nur noch in Mt 24:6 und Mk 13:7 vor, und bezieht sich auf die gleiche Ursache).

    Für beides hätten sie Grund genug gehabt, wenn tatsächlich der "Tag des Herrn" schon gekommen wäre, denn der Apostel hatte ihnen verheißen, dass über sie der Tag nicht wie ein Dieb kommen werde (1Thes 5:4), sondern dass vorher die Toten auferstehen und die "leben und übrigbleiben" mit ihnen zusammen entrückt werden, dem Herrn entgegen in die Luft (1Thes 4:16.17). Das war der Trost, mit dem sie sich untereinander trösten sollten (1Thes 4:18; 1Thes 5:11).

    Wenn aber der "Tag des Herrn" schon gekommen wäre, dann wäre dieser Trost verloren, die Ermahnung vergeblich gewesen. Sie hätten sich als Irregeleitete gefunden; die Apostel hätten sie getäuscht und ihre Hoffnung hätte getrogen. Es ist kein Wunder, dass der Apostel das Wort Hoffnung in 2Thes 2:3 nicht benutzt wie in 1Thes 1:3. Und es ist auch kein Wunder, dass er sie anfleht, sich nicht erschrecken zu lassen, und unbeirrt festzuhalten an der kostbaren Wahrheit der parousia oder (baldigen) Gegenwart des Herrn und ihrer Entrückung in die Luft, ihm entgegen.

    Der Grund, warum sie nicht getäuscht worden sein konnten, war der, dass der Tag nicht kommen konnte, ohne zwei große Anzeichen, die wir oben genannt haben. Die Frage ist, ob das in der Lebenszeit derer eingetroffen ist, an die der Apostel schrieb, oder überhaupt inzwischen, oder jetzt, oder sollten sie noch geschehen?

    Es gibt viele, die glauben, diese zwei Zeichen gesehen zu haben oder zu sehen. Es wird auch argumentiert, es sei sinnlos gewesen, ihnen Informationen zu geben über "Dinge, die gar nicht dringend waren und sie nicht einmal betrafen." Aber die Sache war sehr dringend. Es war wichtig für sie, zu wissen und zu begreifen, dass der Apostel sie nicht irregeleitet hatte, dass ihre Hoffnung weiterhin real und herrlich war. Es ging sie persönlich an, dass sie nicht wankend oder erschreckt wurden.

    Der Apostel war angeleitet, auf den "Gesetzlosen" einzugehen, damit ihnen bestätigt wurde, dass er nicht bereits offenbar geworden sein konnte. Mehr noch, der inspirierende Heilige Geist wusste, dass die Worte noch uns heute in der späten Zeit betreffen würden. So dass wir nicht verführt werden oder annehmen sollen, der Tag des Herrn sei bereits gekommen. Wer meint, Nero sei der Gesetzlose gewesen, oder die Päpste würden ihn repräsentieren, der führt uns in die Irre, denn das würde uns der einzigen Anzeichen berauben, die Gott uns gegeben hat, damit sie unsere Wächter in dieser wichtigen Angelegenheit seien.

    Die Bedeutung der Zeichen heute

    Es geht uns mit diesen Zeichen wie den Gläubigen in Thessalonich.

    Sie hatten die Verheißung, dass der "Tag des Herrn" sie nicht überraschen sollte (1Thes 5:4), und wir haben heute eine genau entsprechende Zusage. Sie warteten auf die anastasis oder Auferstehung ihrer entschlafen Mit-Gläubigen und auf eine Entrückung derer, die "leben und übrig bleiben," mit ihnen zusammen. Wir warten auch auf die ex-anastasis der entschlafenen Glieder des einen Leibes und auf die Berufung in den Himmel für sie und uns. Das letztere ist eine sehr gegenwärtige Hoffnung für uns (oder sollte es sein) wie es das erstere für sie damals war.

    Dieselben Zeichen versichern uns, dass unsere herrliche Hoffnung erfüllt werden muss, bevor der Abfall ganz ausgereift und der Gesetzlose offenbart sein wird. Deshalb warten wir nicht auf diese Zeichen, sondern auf den Herrn. Wir erwarten nicht den Antichrist, sondern Christus.

    Es ist wahr, wir sehen die Anfänge des kommenden Abfalls, des ersten der beiden Zeichen, und wir sehen genug, um zu sagen, welcher Art er sein und welche Formen er annehmen wird. Die Tageszeitungen sind voller Hinweise darauf, und wie in den Tagen der Apostel die Jünger aufschauen sollten, weil ihre Erlösung nahte, so sollen wir noch viel mehr auf unsere Berufung in den Himmel warten. Nichts darf unseren Herzen da im Wege stehen. Es sind keine irdischen Voraussetzungen noch vorher zu erfüllen. Es gibt nichts, das erst noch geschehen müsste. Nur ein Ruf muss ergehen, und das ist der Ruf dessen, auf dessen Stimme wir lauschen.

    Das Wort (klesis) kommt elfmal vor und ist jeweils im Sinne eines göttlichen Rufes verwendet. Sei es der Ruf, der uns vor Gott in Gnade setzt oder vor ihm in Herrlichkeit darstellt. Das sind die zwei Teile seines Rufes; und wer immer den ersten gehört hat, muss auch den andern vernehmen. So begreifen wir, dass wir eine ganz besondere Hoffnung für uns haben, während die Hoffnung in 1Thes 4 für diejenigen ist, die zurückgelassen werden. Anstatt etwas zu verlieren, gewinnen wir einen unermesslichen Vorzug.

    Die Verwirklichung der Hoffnung in 1Thes war von Israels Buße abhängig. Sie wird erfolgen (Offb 1:7), dann geschieht, was wir als herrliche Erfüllung in Offb 7 lesen. Wieso steht diese große Schar "aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen" vor dem Thron? Es wird kein Wort darüber gesagt, wie sie dorthin gekommen sind. Der Engel beantwortet Johannes die Frage, wer sie seien, indem er sagt: "Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal." Das ist alles. Aber irgendwie müssen sie dahin gekommen sein. Und wie sollte es geschehen sein, wenn nicht durch das, was wir in 1Thes 4:15.16 lesen?

    Hätte Israel Buße getan, dann hätte die Verheißung erfüllt werden müssen an denen, die das Wort der Verheißung gelesen und angenommen hatten; denn "alles, was die Propheten geredet hatten," wäre dann erfüllt worden, und diese Gläubigen wären "entrückt" worden, bevor der Tag sie überfallen konnte. In diesem Falle wäre Offb 7 der Bericht von der Erfüllung geworden. Aber Israel hat nicht Buße getan. Infolgedessen ist alles ausgesetzt, "was die Propheten geredet hatten," und 1Thes 4 und Offb 7 sind noch Zukunft und werden noch buchstäblich zur Vollendung kommen.

    Die große Schar aus Offb 7 wird im Himmel geschaut, und sie können nur durch eine wunderbare Wegnahme dorthin gekommen sein, durch Auferstehung und Entrückung. Das ist klar, denn es ist mit Nachdruck gesagt, "so" als nur auf diese Weise werden sie bei dem Herrn sein allezeit.

    Jetzt haben wir alles festgehalten, was in den ersten zwei Briefen, die an eine Versammlung von Gläubigen gerichtet wurden, nachdem der Herr in den Himmel aufgefahren war, über das Kommen des Herrn geschrieben steht.

    Diese Briefe kann man aber nur dann richtig verstehen, wenn man sie in ihrer zeitlichen Reihenfolge und im Licht von Apg 3:19-26 und Apg 17:1-9 liest. Nur so kann man erfassen, was die Worte des Apostels an Warnung, Unterweisung und Hoffnung enthalten. Alles, was er sagte, hatte eine Bedeutung, und wir können seine Worte nur dann richtig interpretieren, wenn wir das Wort der Wahrheit recht teilen.



    b) Briefe an die Korinther

    Der 1. Korintherbrief

    Dieser Brief ist der nächste, der nach 2Thes geschrieben wurde. So können wir erwarten, dass hier dieselben Bedingungen vorliegen wie in den Briefen an die, die in Thessalonich "das Wort angenommen" hatten (Apg 2:41), das Petrus in Apg 2:39.40 und Apg 3:19-26 verkündet hatte.

    Wir können hier die gleiche heilsgeschichtliche Lehre verfolgen wie in allen früheren Briefen, die Paulus in der Phase der Apostelgeschichte geschrieben hat, bevor diese Phase mit Apg 28 ihren Abschluss fand. Das wiederum erklärt viele Stellen in jenen Briefen, die bisher für heutige Leser schwer zu verstehen waren, weil man sie weder mit anderen Schriftstellen noch mit ihrer traditionellen Auslegung in Übereinstimmung bringen konnte.

    Schon ganz am Anfang stoßen wir auf das Wort apokalypse, als das, worauf die Gläubigen in Korinth sehnsüchtig warteten. Für sie war demnach die Offenbarung oder Enthüllung unseres Herrn Jesus Christus nahe. Der Ausdruck in 1Kor 1:7 bedeutet ein sehnliches Ausschauen nach der Zeit, wenn unser Herr Jesus Christus offenbart, also sichtbar werden soll. Hätte diese große Offenbarung in einer damals fernen Zukunft gelegen, dann wäre dieses sehnliche Warten (denn das Wort für "warten" ist das gleiche wie in Röm 8:19) ganz fehl am Platz gewesen (wenn wir nicht annehmen wollen, sie seien irregeführt worden). Das Wort Offenbarung bezieht sich immer (wenn es für das Kommen des Herrn angewendet wird) auf sein sichtbares Erscheinen als Person. Das allein war das Ereignis, worauf Paulus und die Gläubigen in Korinth warteten. Aber wir und unsere Leser sind ganz überzeugt, dass das heute nicht "unsere Hoffnung" ist. Wir glauben, dass der Tag nicht wie "ein Dieb über uns kommen" wird, sondern dass wir entrückt werden, bevor der "Tag des Herrn" kommt. Deshalb ist es ein echter Stolperstein, hier auf dieses Wort zu stoßen.

    Aber die meisten Bibelleser haben es sich angewöhnt, in solchen Fällen einfach weiterzulesen, als gäbe es gar keine Schwierigkeit. Man beachtet gar nicht, dass in dem Wort oder der Wendung eine solche liegt. Damit ignoriert man eine Schriftstelle teilweise. Das ist ein großer Fehler, denn wir tragen eine Last weiter, obwohl genauere Prüfung sie nicht nur wegnehmen würde, sondern unser Wissen erweitern und unsere Überzeugung stärken könnte, jedes Wort, das Gott zu uns spricht, ist wichtig.

    Hier ist es so. Wenn wir uns diese Stelle nochmals ansehen, dann lesen wir, "dass ihr in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und Erkenntnis (wir halten fest, dass hier das Wort gnosis (normales Erkennen), nicht epignosis (volles oder vollständiges Erkennen) steht. Das Letztere hat große Auswirkung auf den Betreffenden. Es ist das Wort, das in den Briefen aus der Gefangenschaft häufig verwendet wird. Denn die Predigt von Christus (K: 'das Zeugnis des Christus') (das ist das Zeugnis, das Christus gegeben hat) ist in euch kräftig geworden (K: 'bestätigt ward unter euch') (d. h.: 'durch die, die es gehört haben', Hebr 2:3 und 'Gott hat dazu Zeugnis gegeben durch Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten, Hebr 2:4), so dass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herr Jesus Christus" (1Kor 1:5-8).

    Hier haben wir "DIE Offenbarung" als Gegenstand ihrer Hoffnung. Es war "der Tag," auf den sie sehnlich warteten (das ist in dem Wort enthalten (griech.: apekdechomai = sehnlich erwarten. Vgl. Röm 8:19.23.25.

    Unsere Erwartung heute

    Wir aber warten sehnlich auf etwas anderes. In Phil 3:20.21 heißt es für uns: "UNSER Bürgerrecht aber IST (griech.: hyparcho = als Wirklichkeit bestehen; das ist mehr als das gewöhnliche Verb 'sein') im Himmel; woher wir auch erwarten (dasselbe Wort wie 1Kor 1:7) den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern NICHTIGEN LEIB verwandeln wird, dass er gleich werde seinem VERHERRLICHTEN Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann." Wenn wir leben und übrig bleiben, erwarten wir diese Verwandlung; wenn wir vorher entschlafen, die Ausauferstehung aus den Toten (vgl. Phil 3:11.14).

    Das ist etwas anderes, als wenn es in 2Thes 1:6.7 heißt: Offenbart "vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht in Feuerflammen, Vergeltung zu üben an denen, die Gott nicht kennen und die nicht gehorsam sind dem Evangelium unseres Herrn Jesus" Das ist die OFFENBARUNG.

    Die Ausauferstehung und die Berufung in den Himmel, das ist heute unsere selige Hoffnung. Aber die meisten von uns haben für diese Hoffnung aus Phil 3 keinen Platz frei, weil sie Israel seine Hoffnung aus 1Thes 4 geraubt haben und sie entweder vergeistigen, indem sie sagen, es handle sich nicht um eine Auferstehung des Leibes, oder sie gar nicht zur Kenntnis nehmen. Aber wir können die Tatsache nicht außer acht lassen, dass diese Gläubigen in Korinth die Offenbarung erwarteten. Es steht so geschrieben.

    Die Erwartung der Korinther

    Außerdem war damals die Entfaltung des großen Geheimnisses von der Herrschaft der Gnade, die in all ihrer Herrlichkeit regiert, den Menschen noch nicht bekannt gegeben worden. Deshalb musste ein Gläubiger in dieser Phase den Gerichtscharakter des Tages des Herrn erwarten. So lesen wir in 1Kor 3:13-15, "so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird's klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren" (apokalypto). Hier haben wir wieder die Offenbarung, und sie ist genau, was sie in 2Thes 1:7.8 bedeutet. "Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer (alle sorgfältigen griechischen Text besagen 'das Feuer selbst') erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch" (1Kor 3:13-15).

    Befinden wir uns hier noch auf dem Boden der Gnade?, denn "Ist's aber aus Gnade, so ist's nicht aus Verdienst der Werke; sonst wäre Gnade nicht Gnade" (Röm 11:6).

    Und man beachte, es ist DER TAG, der das klar macht, also "der Tag des Herrn" nach 2Thes 1:7-10.

    Um der Schwierigkeit zu entgehen, die wir uns selber bereitet haben, hat man sich mit verschiedenen Ausreden zu helfen versucht, und viele von uns sind heute noch deswegen verunsichert und sind sich nicht einig, ob die "Werke" hier allgemein oder geistlich zu verstehen sind. Manche bedauern es sogar, dass es diese Stelle überhaupt gibt! Es muss uns allen klar sein, dass wir uns hier nicht auf demselben Boden befinden wie der Epheserbrief. "Der Tag" ist hier ein Tag der Unterscheidung. Das Werk ist das "Werk im Glauben" und die "Arbeit in der Liebe," die sich an denen gezeigt hatte, die in Thessalonich das Wort angenommen hatten, und die in 1Thes 1 lobend genannt werden. Alle diese Arbeiter sollten darauf achten, wen sie zur Gemeinde hinzufügten (Apg 2:47), denn wenn menschliche Werkzeuge die Arbeit taten (Apg 5:14; Apg 11:24 usw.), dann musste diese Arbeit unbedingt geprüft werden. Der "Tag" an dem diese Prüfung geschehen sollte, werde "mit Feuer" offenbart (1Kor 3:13). Das hatte schon Maleachi erklärt: "Wer wird aber den Tag seines Kommens ertragen können, und wer wird bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer eines Schmelzers... Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein..." (Mal 3:2.3.19).

    Das war das Zeugnis Johannes des Täufers, als er den Tag beschrieb, den er als nahe gekommen verkündete. "... die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer" (Mt 3:12; vgl. 2Thes 1:7.8 usw.). Aber wir haben noch andere Stellen im nächsten Kapitel, wo der Apostel mahnt: "... richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden" (1Kor 4:5).

    Wenn wir hier auf den besonderen Bezug einer solchen Schriftstelle auf die damals angesprochenen Menschen hinweisen, tun wir es selbstverständlich wegen der Auslegung. Natürlich meinen wir nicht, es gäbe da keine Anwendung für uns, oder wir könnten daraus nichts lernen. Es ist gut für uns und unsere Glückseligkeit, wenn wir es als "ein Geringes" betrachten können, von anderen gerichtet zu werden, und wenn wir in der Lage sind, all unsere selbsternannten Richter (von denen es eine Menge geben wird!) dem Herrn zu überlassen. In all diesen speziellen Punkten gibt es ewige Wahrheiten und praktische Ermahnungen von bleibender Bedeutung.

    Das ist bei der Stelle im nächsten Kapitel wohl kaum der Fall, wo der Apostel davon spricht, dass ein unzüchtiger Bruder dem Satan übergeben werden soll zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde AM TAGE DES HERRN (1Kor 5:5). Damit ist gewiss auf den Tag als damals nahe bevorstehend hingewiesen.

    Im nächsten Kapitel sagt er nichts, was uns hindert zu schließen, der "Tag" sei so nahe, dass die Empfänger seines Briefes und er selber im kommenden Zeitalter über Engel richten würden.

    "Wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt (griech.: kosmos) richten werden? Wenn nun die Welt von euch gerichtet werden soll, seid ihr dann nicht genug, geringe Sachen zu richten? Wisst ihr nicht, dass wir über Engel richten werden? Wieviel mehr über Dinge des täglichen Lebens" (1Kor 6:2.3).

    Wenn die Nähe der Offenbarung hier noch nicht schlüssig bewiesen wäre, dann doch sicher im nächsten Kapitel, wo der Rat des Apostels ganz auf dieser Tatsache beruht. In 1Kor 7:29 lesen wir: "Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz." Das Wort, das mit "kurz" übersetzt ist, erscheint nur hier und in Apg 5:6. Es bedeutet "eingehüllt" (oder zeitlich "beschränkt") und das ist hier die Bedeutung. Die Zeit (oder der Zeitabschnitt) ist beschränkt, das heißt, die heilsgeschichtliche Phase war kurz vor ihrem Ende. Was lag dann am Heiraten, Weinen oder Freuen, Kaufen oder Verkaufen? Der Grund folgt: "Denn das Wesen dieser Welt vergeht." Das zeigt, für wie nahe das Ende dieser Phase gehalten wurde.

    Wer hat nicht schon die Schwierigkeit erlebt, diese Stelle zu verstehen, wenn sie aus dem Kontext genommen und für uns heute ausgelegt wurde? Wie viele waren bestürzt und kamen zu uns um Rat, ob sie heiraten oder sonst etwas von dem tun sollten, was hier genannt ist.

    Unsere Antwort ist dann und sollte es sein: Ja, gewiss. Was in der speziellen Zeit unter diesen besonderen Umständen nicht ratsam gewesen war; heute wäre es für uns nicht weise, nach gleichen Maßstäben zu handeln. Für sie war die Nähe des Endes eine gewichtige Realität. Ein Apostel arbeitete hier, der andere da, und es gab keine Möglichkeit, sie wissen zu lassen, wie die Verkündigung des Petrus an dem oder jenem Ort aufgenommen wurde.

    Es gab keine täglichen Veröffentlichungen von Nachrichten. Niemand konnte wissen, ob sie allgemein angenommen oder abgelehnt wurde. Wir müssen versuchen, uns in die Lage der Gläubigen jener Zeit zu versetzen. Sie hatten keine Telegraphen oder Telefone. Die Angesehensten der Juden in Rom hatten wenig oder nichts gehört über Paulus und seine Tätigkeit in Jerusalem (Apg 28:17-21).

    Sie wussten nur, dass die Zeit nahezu abgelaufen war. So schreibt der Apostel an die Gläubigen in Korinth: "Die Zeit ist kurz." Von nun an ist die Zeit noch kürzer. Die Zeitspanne zwischen dem Schreiben des Briefes und dem Kommen jenes Tages war also extrem beschränkt.

    Im Blick auf die Kürze der damals noch verbleibenden Zeit hatten einige aus Korinth an Paulus wegen ihrer Heirat geschrieben, und er beriet sie richtig und für diese spezielle Zeit zutreffend. Sein Rat für einen unverheirateten Mann war damals "es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“ (1Kor 7).

    Das ganze Kapitel muss aus der Sicht der Zeit gelesen werden, in der es geschrieben wurde. Dann können wir es verstehen und seine Weisheit erkennen. Wenn wir es aber in unsere Zeit hinein nehmen, dann ernten wir nichts als Verwirrung und Schwierigkeiten. Es war dazu geschrieben, dass die Gläubigen solche Auftritte vermeiden sollten, wie wir sie von Zeit zu Zeit erleben, wenn Leute auf irregeleitete Männer oder Frauen hereinfallen, die sie mit der Idee verrückt machen, an einem bestimmten Tag käme "das Ende der Welt" (was immer sie darunter verstehen mögen). Vor solchen Exzessen waren diese Gläubigen in Korinth geschützt, obwohl sie verstanden hatten wie nahe das Ende jener heilsgeschichtlichen Phase sein konnte; denn ihr Glaube beruhte auf dem Wort des Herrn, gesprochen "durch die, die es gehört haben“.

    Aber wir sind heute nicht in dieser Situation. Wir haben kein solches Wort. Unsere "Berufung in den Himmel" und die Ausauferstehung aus den Toten sind göttliche Gewissheit; aber wir haben nichts, das uns anzeigt, wie weit oder nahe es vor uns liegen mag. Die Tatsache ist gewiss, aber der Zeitpunkt ist ungewiss. Die Tatsachen beruhen auf dem Wort des Herrn, aber wir haben kein Wort über die Zeit, wie die Apostel es hatten. Das einzige von Gott gegebene Anzeichen ist, dass (1) der Abfall erst kommen muss, dann (2) der Mensch der Sünde, und schließlich (3) "der Tag des Herrn." Der Abfall nähert sich; aber wir können nicht sagen, wie nahe er ist, oder wie weit er schon gediehen sein mag. Wir können nur beobachten, wie er die Gemeinde und die Kirchen mit Unglauben und Gesetzlosigkeit überschwemmt. Und wir können "aufsehen" zu unserm Siegespreis, auf den Erlöser warten und auf die wunderbare Verwandlung, die er mit unserm nichtigen Leib vornehmen wird, und "warten" auf die Ausauferstehung aus den Toten.

    Unsere Erwartung eilt nämlich der Hoffnung Israels voraus. Sie scheint weitgehend auf der gleichen Linie zu liegen und in der gleichen Reihenfolge abzulaufen. Der einzige Unterschied ist die Gewissheit über "Zeiten und Abschnitte" bei ihnen, und die Ungewissheit über Zeitpunkte bei uns; und die Verbindung ihrer Hoffnung mit dem "Tag des Herrn" auf der Erde und die engere Verbindung "unserer Hoffnung" mit den Himmeln, wo unser politeuma (Bürgerrecht) besteht, das uns erwartet, während wir sehnlich darauf warten und danach Ausschau halten. So liegt die Lehre von 1Kor genau auf der gleichen Linie wie die vom Herrn gegebene, "durch die, die es gehört haben". Es gab da keine neue Linie der Wahrheit, obwohl es mit der Annäherung des Endes eine Entwicklung der Wahrheit gab.

    In 1Kor 10:11 haben wir ein weiteres Beispiel, wie der Apostel sich selber mit in die Verwirklichung der Hoffnung, die er aufzeigte, einbezog. Wir sagen nichts von dem Unterschied im "Stehen im Glauben" einerseits derer, an die er in 1Kor 10:1-10 schrieb, und andererseits derer, an die er in seinen späteren Briefen aus der Gefangenschaft schrieb. Es gibt in diesen späteren Briefen nichts über jemanden, der "zu stehen meint" oder "fallen" könnte oder "der umgebracht würde durch den Verderber." Die Phase des Geheimnisses hat mit der "Herrlichkeit seiner Gnade" etwas, das wertvoller ist.

    Aber im ersten Brief an die Korinther gibt es etwas, das wir in den Briefen aus der Gefangenschaft nicht finden. Das ist das nahende Ende jenes Zeitalters. In 1Kor 10:11 sagt der Apostel den Gläubigen in Korinth, "dies" widerfuhr den Vätern desselben Volkes während der vierzigjährigen Wanderung "als ein Vorbild" für die damals gegenwärtige vierzigjährige Bewährungszeit in der Phase der Apostelgeschichte. Er schreibt: "Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist" (alle sorgfältigen griechischen Texte haben hier die Vergangenheitsform "gekommen ist." Das Wort ist eigentümlich. Es ist katantao, das ist eins von zweiunddreißig Wörtern, die mit "kommen" übersetzt werden und erscheint nur dreizehn mal. Es ist immer im Sinne von "Ankunft" verwendet). Und als Folgerung daraus fügt er an: "Darum, wer meint er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle."

    Wer mit den Briefen aus der Gefangenschaft vertraut ist, dem klingt das wie eine fremde Sprache. Hier findet man keine solchen ernsten Warnungen und keinerlei Ermahnungen aus einem solchen Grunde, denn alles ist in diesen späten Briefen mit der "Herrlichkeit seiner Gnade" verbunden.

    In 1Kor 15 kommen wir zu einer Stelle, die von der Auferstehung handelt, die schon im ersten Brief an die Thessalonicher erwähnt wurde, wie wir gesehen hatten. Dort hatte der Apostel die Tatsache erklärt. Jetzt hat er sich vorgenommen, sie zu erläutern. Es gibt vierzehn griechische Wörter, die mit "erklären" übersetzt werden. Aber dieses Wort hier bedeutet: durch Erläuterung bekannt machen [in sechzehn der vierundzwanzig Vorkommen wird es mit "make known" (bekannt machen, bekannt geben) übersetzt, und nur viermal mit "declare" (erklären). Die übrigen sind bezeichnend: einmal "give you to understand" (Lk: kund tun, 1Kor 12:3), je einmal "do to wit" (Lk.: kund tun, 2Kor 8:1), "certify" (Lk.: kund tun, Gal 1:11), "wot" (Lu.: wissen, Phil 1:22)].

    Als der Apostel den ersten Brief an die Thessalonicher schrieb, war über die Auferstehung alles bekannt gemacht worden, was im Alten Testament und in den Worten des Herrn zu finden ist. Und da werden zwei Auferstehungen genannt, eine zum Leben und die andere zur Verdammnis (Dan 12:2; Joh 5:28.29); eine der Gerechten und eine der Ungerechten (Apg 24:2). Aber über deren Reihenfolge oder darüber, dass eine "von" oder "aus" den Übrigen stattfinden sollte, die für eine spätere Auferstehung übrig bleiben, das wird dort nicht bekannt gegeben.

    Der Herr hat diesen besonderen Ausdruck immer dann verwendet, wenn er von seiner eigenen oder von der Auferstehung der Seinen sprach. Er sagte jedesmal "AUS (griech.: ek = aus, heraus von) den Toten." Seine Jünger verstanden ihn zuerst nicht, "und befragten sich untereinander: Was ist das, auferstehen von den Toten?" (Mk 9:9.10.31.32).

    Als Paulus an die Thessalonicher schrieb, wiederholte er ein Wort des Herrn (Joh 11:25.26), und fügte eine neue Offenbarung hinzu, die zeigt, dass die echte Gegenwart des Herrn für seine Leute Leben bedeutete.

    Die Erwartung 1Kor 15

    Aber wir brauchen hier nicht tiefer zu dringen. Wir sind mit 1Kor 15 beschäftigt und wollen aufzeigen, was in diesem Kapitel offenbart ist, wenngleich es eine Fülle kostbarer Wahrheit bekannt macht, die mit der Offenbarung im Zusammenhang stehen, aber er geht nicht über 1Thes 4 hinaus. Es erklärt das, was Gott bis dahin als "Geheimnis" zurück behalten hatte (1Kor 15:51). Er sagt: "siehe, wir werden nicht alle entschlafen (dasselbe Wort wie 1Thes 4:13.14.15, das 'unabsichtlich einschlafen' bedeutet und für das Sterben verwendet wird; aber nicht dasselbe Wort wie 1Thes 6:6.7.10, das 'sich zum Schlafen anschicken' bedeutet, also 'einschlafen' oder 'nicht wachsam sein'), wir werden aber alle verwandelt werden;..." Das würde eine Auferstehung von den Toten sein. Aber wir besprechen gerade, dass keine von diesen die Aus-Auferstehung von den Toten war. Die war noch Geheimnis, ein weiteres Geheimnis nämlich, das erst später, in Phil 3:11, bekannt gegeben wurde.

    In der folgenden Anordnung werden unsere Leser den Unterschied zwischen den beiden Auferstehungen leicht erkennen.

    Die eine in 1Kor 15:12.13.21.42 ist anastasis nekron, oder ton nekron, die Auferstehung der Toten.

    Die andere in Phil 3:11 ist die EX-anastasis ten ek nekron, die AUS-AUFERSTEHUNG von den Toten.

    Die letztere wurde erst nach dem Ende der heilsgeschichtlichen Phase der Apostelgeschichte geoffenbart. Sie wurde geheim gehalten, bis sie in der neuen Phase des Geheimnisses bekannt gemacht wurde. Sie ist mit unserem Siegespreis verbunden und bezieht sich darauf. Dieser Preis ist die BERUFUNG IN DIE HÖHE oder himmelwärts (Lu.: himmlische Berufung) (Phil 3:14).

    Diese wunderbare Wahrheit ist immer noch für Tausende ein Geheimnis, denn sie ist durch die autorisierten Bibelübersetzungen für deren Leser verborgen. Dort wird das Adverb "in die Höhe" (wir haben das mehrfach herausgestellt) wiedergegeben, als wäre es ein Adjektiv "hoch" und würde die Natur des Rufes beschreiben, dagegen beschreibt das Adverb Richtung oder Art der Berufung. Aber darüber werden wir mehr zu sagen haben, wenn wir zum Brief an die Philipper kommen.

    Jetzt genügt es uns, festzuhalten, dass wir ohne Phil 3:11.14 nicht mehr über "unsere Hoffnung" wüssten, als die Gläubigen in Thessalonich in der damals auslaufenden Phase der Apostelgeschichte wussten.

    Auf jeden Fall wusste Paulus, dass er nichts verloren hatte. Und er ermahnt in Phil 3:17 mit ihm zusammen dem Herrn nachzufolgen. Und er konnte auch sagen: "Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Kn: 'hin zu so in allen sorgfältigen griechischen Texten dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christo Jesu.') Wie viele von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein. Und solltet ihr in einem Stück anders denken, so wird euch Gott auch das (die selige Hoffnung) offenbaren. Nur, was wir schon erreicht haben, darin lasst uns auch leben." (Knoch: Indes, worin wir andere überholen, sollte dieselbe Gesinnung da sein, nach derselben Richtschnur die Grundregeln zu befolgen.)

    Der 2. Korintherbrief

    Der zweite Brief an die Korinther steht in vieler Hinsicht im Kontrast zum ersten, wie das auch mit den beiden Briefen an die Thessalonicher der Fall ist. Beide Male wurde der zweite Brief durch Umstände erforderlich, die nach dem Abfassen des ersten eingetreten waren.

    Aber das Zeugnis geht immer in die gleiche Richtung. Trübsal hatte eingesetzt, in 2Kor 1:4 wie in 2Thes 1:4. In 2Kor 1 war die Last hauptsächlich persönlich, obwohl die Empfänger des Briefes daran teilhatten. Ein Teil des persönlichen Leides war fast dasselbe wie in 2Thes. Dort waren sein Wort und seine Verheißungen angezweifelt worden, hier hatte man seine apostolische Vollmacht in Frage gestellt.

    Wie er sich in dem früheren Fall bemüht hatte, ihre Hoffnung auf Gott zu befestigen, die abgenommen hatte, so arbeitete er hier daran, ihr Vertrauen in sein Wort, seine Berufung und seinen Auftrag zu kräftigen und aufzurichten.

    Das waren interne Nöte dieser Gemeinde, aber es gab auch externe, von ihren Feinden verursachte. Darin erfüllte sich Mt 24:9-11, wo der Herr den Beginn der Geburtswehen der Trübsal beschreibt: "Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen."

    In 2Kor 11:23-33 lässt er sich breiter aus über seinen Anteil an diesen Verfolgungen. Er bezeichnet das nicht als Erfüllung der Weissagung des Herrn, sondern stellt es ihnen vor, um damit sein Apostelamt zu belegen. Sie sollten sich selber prüfen, ob sie seine apostolische Vollmacht nicht an der Standfestigkeit ihres eigenen Glaubens erkennen könnten (nicht als eine Aufgabe sich selbst gegenüber, durch Selbstbeobachtung, wie allgemein behauptet wird, sondern als Aufgabe ihm gegenüber, damit sie es als Beweis ansehen, als "Beweis dafür, dass Christus in mir spricht") (2Kor 13:5-10).

    Aber wenden wir uns wieder den Anfangskapiteln zu. Da bemerken wir weitere Hinweise auf den Charakter der Zeit, in der sie lebten. Nach einer Verteidigung seines geistlichen Amtes in Kap. 3 verweist er nochmals auf seine geistliche Beglaubigung und geht dann wieder (2Kor 4:8-12) auf die Leiden ein, die sie erlebt hatten.

    Er gibt ihnen dieselbe Hoffnung auf die Auferstehung, die er den Thessalonichern zugesprochen hatte (1Thes 4:13-17). Anstatt "wenn wir glauben," sagt er hier "denn wir wissen, dass der, der den Herrn Jesus auferweckt hat, wird UNS auch auferwecken mit Jesus (Dia Jesou, wie in 1Thes 4:14, woraus hervorgeht, dass diese Worte sich wie hier auf die Auferstehung beziehen, und nicht auf den Schlaf, d. h.: Tod) und wird UNS VOR SICH STELLEN samt EUCH" (2Kor 4:14). Die gleiche Präsentation, die in 1Thes 2:19 und 1Thes 3:13 gemeint ist, die bei der parousia des Herrn stattfinden wird. Er sah dem entgegen, dass er mit ihnen gemeinsam präsentiert werden soll. Das war kein Ereignis, das damals noch in weiter Ferne lag, sondern eine damals gegenwärtige Hoffnung, die in Kürze realisiert werden würde. So nahe war sie, dass sich ihre Kraft in der Befähigung zum Ertragen von Leiden erweisen konnte. Er sagt: "Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch der äußere Mensch verfällt, so wird doch der Innere von Tag zu Tag erneuert" (2Kor 4:16).

    Und warum war das so? Paulus erläutert es anschließend: "Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung (das ist ein geistlicher Leib griech.: oikoterion, das nur hier und in Jud 1:6 vorkommt, wo es für geistliche oder Engels-Leiber verwendet ist, in genau der gleichen Bedeutung wie hier), die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil (K: wenn [als Tatsache dargestellt, jeden Zweifel ausschließend, was im englischen Bibeltext durch Verwendung des Wortes if nicht direkt ersichtlich ist] nämlich) wir dann bekleidet und nicht nackt (ganz ohne Leib) erfunden werden" (2Kor 4:17 - 2Kor 5:3).

    Hier verstärkt der Apostel die Verheißung von 1Thes 4:17. Dort wird nichts davon gesagt, dass irgend eine Veränderung stattfände, weder in den auferstandenen noch in den entrückten Leibern. Aber hier werden die früheren Verheißungen stark erhellt. Die Empfänger werden darüber belehrt, dass die Toten nicht auferweckt und die Lebenden nicht entrückt werden wie sie waren, mit unveränderten Leibern, sondern dass sie Leiber haben werden wie die Engel (Mt 22:30). Diesen Leib erhalten sie vom Himmel und Gott überkleidet ihn.

    Paulus formuliert hier kein Kredo über die Eschatologie. Er spendet Trost (wie in 1Thes 4) für die, die erste Erfahrungen mit den Geburtswehen der Trübsal machten. Er gab die neue und wunderbare Hoffnung (indem er die Verheißung des Herrn in Mt 24:31 erweiterte) und erläuterte die Verheißung eingehender, die er in 1Thes 4:17 gegeben hatte.

    In 2Kor 5:4 wiederholt er Vers 2: "Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben." Dann fährt er fort: "Der uns dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben, und nicht im Schauen" (2Kor 5:5-7). Das heißt also, sie hatten die Verheißung vom Herrn, dass sie bei seinem Kommen für immer in seiner Gegenwart sein würden, sei es durch Auferstehung oder durch Entrückung.

    Bis zu seinem Kommen und solange sie noch im Leibe waren (d. h.: im Fleisch), waren sie "fern von dem Herrn." So fügt er hinzu: "Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsere Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen. Denn WIR MÜSSEN ALLE offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse. Weil wir nun wissen, dass der Herr zu fürchten ist, suchen wir Menschen zu gewinnen; aber vor Gott sind wir offenbar. Ich hoffe aber, dass wir auch vor eurem Gewissen offenbar sind" (2Kor 5:8-11).

    Das ist nun der ganze Kontext der oft genannten, aber aus dem Zusammenhang gerissenen und deshalb ungenauen Redensart, "fern dem Leibe, nah dem Herrn," und es muß uns sicher allen klar sein, wenn wir es im Zusammenhang lesen, und im Licht der Zeit, in der es der Apostel geschrieben hat.

    Jetzt können wir sehen, wie diese eschatologischen Aussagen die große Verheißung bestätigen und erläutern sollen, die in 1Thes 4:17 gemacht wurde. Die "das Wort angenommen" hatten (Apg 2:41; 1Thes 2:13), hatten die Verheißung, bei dem Herrn zu sein (1Thes 4:17). Im unmittelbaren Kontext (2Kor 4:14) hatte er zu ihnen davon gesprochen, dass sie "vor ihn gestellt" würden (und deshalb auch er zusammen "MIT EUCH"), und er hatte die Gläubigen in Thessalonich in 1Thes 2:19 und 1Thes 3:13 mit genau der gleichen Hoffnung getröstet.

    Auch Judas empfahl sie Gott, als er von der allgemeinen und kommenden Errettung und Erlösung schrieb. Der Herr hatte davon gesprochen, und "die es gehört haben" (Hebr 2:3), die hatten es bestätigt. Judas tat das mit den Worten: "... der euch vor dem Straucheln behüten kann und euch untadelig stellen kann vor das Angesicht seiner Herrlichkeit mit Freuden..." (Jud 1:24).

    Die Erweiterung dieser Verheißung in 2Kor 5 muss man auf den gleichen Linien auslegen. "Daheim zu sein bei dem Herrn," sollte Wirklichkeit werden, und die war für sie in einem ganz besonderen Sinne nahe. Wenn die Entschlafenen auferstehen und die Lebenden mit ihnen zusammen entrückt werden sollten, dann würde es in unveränderten Leibern geschehen, wenn ich 1Thes 4 richtig verstehe. Jetzt wird in 2Kor 5 diese weitergehende Instruktion erteilt, und es wird ihnen von den Leibern gesagt, die sie vom Himmel bekommen sollten.

    Danach sehnten sie sich; nicht nach dem Sterben, sondern nach der Auferstehung, Verwandlung und Entrückung, dass sie "überkleidet" würden mit einem geistlichen Leib auferstanden oder entrückt miteinander und "daheim", ja, ewig "beim Herrn" zu sein.

    In 1Kor 15:51 hatte er ihnen das bereits als Tatsache geschrieben: "... wir werden aber alle verwandelt werden." Jetzt in 2Kor 5 erläutert er, wie diese Verwandlung geschehen soll. Das war das herrliche Ende all ihrer Mühe, der glückselige Abschluss all ihres Kummers. Sie erhofften sich nicht das Entschlafen, sondern sie waren getrost in der Gewissheit, dass sie, wenn sie entschlafen waren, auferweckt, verwandelt und entrückt würden. Wir können 2Kor 5 nicht von 1Thes 4:17 trennen, wo ihnen ausdrücklich gesagt wurde, dass sie "SO", d. h.: in dieser Weise und nicht anders, für immer beim Herrn sein sollten.

    Der Richterstuhl Christi

    In 2Kor 5:10 verbindet der Apostel das alles miteinander und mit einer weiteren, ernsten Tatsache. Er sagt: "WIR MÜSSEN ALLE offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi..."

    Wie haben wir alle mit diesem Wort gerungen! Wissen wir doch, dass wir, die wir in der gegenwärtigen Phase des Geheimnisses ganz in der Gnade stehen, nicht nach Werken gerichtet werden können. Daher waren wir immer bemüht, nachzuweisen, dass hier vom Gericht über den Dienst die Rede sei. Aber von so einer Unterscheidung wird hier nichts gesagt, und Werke an sich werden in Verbindung mit diesem Gericht im ersten Brief erwähnt (1Kor 3:13.14). Wo der Herr in der gleichen Periode von seinem Kommen spricht, in den sieben Sendschreiben an die Gemeinden in Asien, ist ebenfalls jedes mal von "Werken" die Rede, in einem sogar zweimal (siehe Offb 2:2.9.13.19; Offb 3:1.2.8.15).

    Wir erinnern auch daran, dass bema bei den Griechen für das erhöhte Podium verwendet wurde, von dem aus die Siegespreise vergeben wurden. Obwohl wir uns mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass es in der Heiligen Schrift, im Neuen Testament, nie so gebraucht wird! Das Wort "bema" kommt zwölfmal vor und ist zehnmal davon mit "Richterstuhl" oder "Gericht" (in Apg 7:5 heißt es 'Standort' und hat einen anderen Zusammenhang) und einmal mit "Thron" (Apg 12:21) übersetzt. Eine Prüfung dieser Stellen zeigt sofort, dass die Heilige Schrift das Wort nur für die Bühne zur Verkündigung von Urteilen gebraucht.

    Die Schwierigkeit, mit der wir und viele andere Bibelleser gerungen haben, waren selbstgemacht. Wenn wir es aber von daher betrachten, dass die Entfaltung der Heilsgeschichte in verschiedenen Phasen geschah, und wenn wir die biblischen Schriften chronologisch ordnen, dann verschwindet nicht nur die Schwierigkeit, sondern das Zeugnis von 2Kor 5:10 fügt sich nahtlos an alle anderen Schriftstellen, die wir betrachtet haben.

    Außerdem war dieses Offenbarwerden vor dem Richterstuhl Christi, dem die Gläubigen in der Phase der Apostelgeschichte immer entgegen sahen, nicht eine Möglichkeit in einer fernen Zukunft, sondern es betraf sie selber und persönlich. Paulus schließt sich da mit ein: "WIR müssen...".

    Aber das war in ihren Augen sogar eine Notwendigkeit, erforderlich, wenn alles, was die Propheten von diesem kommenden Gericht gesagt hatten, in Erfüllung gehen sollte. Es war durch die nationale Buße bedingt. "wir müssen" sagt der Apostel. Nach all den Prophezeiungen über das Kommen des Herrn musste es so geschehen. Außerdem ist diese Aussage nicht isoliert. Sie wird in den letzten der sogenannten früheren Briefe des Paulus in vielen Worten wiederholt. Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.... So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben" (Röm 14:10.12).

    Diese Ausdrucksweise stimmt mit der Phase der Apostelgeschichte genau überein, und mehr noch, es war auch die einzige Art, wie die Wahrheit dargelegt werden konnte. Wenn wir weiter nachdenken und nochmals die Ausdrucksweise in den Briefen aus der Gefangenschaft studieren, dann sehen wir die gewaltige Veränderung, die inzwischen stattgefunden hatte. Sicher kann es uns nicht entgangen sein, dass dort solche Aussagen nicht nur fehl am Platz, sondern völlig unmöglich wären.

    Alles, was wir tun müssen, ist sie wieder einmal durchzulesen und zu lernen, was wir in der Vergangenheit waren (Eph 2) und was wir jetzt sind und ewig bleiben werden aus Gnade. Wie können die vor seinem Richterstuhl stehen, die "Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden" haben?

    Wie können diejenigen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen müssen, um gerichtet zu werden für irgend etwas, was man sich auch immer vorstellen könnte? Es ist unmöglich, denn sie sind es, die er "gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus" (Eph 1:3). Sie sind "erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war" (Eph 1:4), sind "begnadet in dem Geliebten (Eph 1:6). Sie haben den unmittelbaren Blick auf die gesegnete Verheißung einer vorausgehenden Auferstehung oder exanastasis, die Ausauferstehung von den Toten und die Berufung in den Himmel von ihm (Phil 3:11.14). Sie haben jetzt bereits ihr Bürgerrecht in den Himmeln, von wo wir den Heiland erwarten; nicht damit er uns richtet, sondern damit er uns verwandelt; nicht nur um uns aufzuerwecken und mit einem geistlichen Leib zu kleiden, sondern um unsere nichtigen Leiber zu verwandeln, dass sie gleich sein werden seinem verherrlichten Leib (Phil 3:20.21). Sie sind "in Christus vollkommen" (Kol 1:28), die er "tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht" der himmlischen Schechina (Kol 1:12). Sie haben die "Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden" (Eph 1:7 vgl. Kol 1:14), sind "vollkommen in ihm" (Kol 2:10 Lu. vor Rev. K: vervollständigt in ihm). Sie sind es, denen gesagt ist, er "hat uns vergeben alle Sünden" (Kol 2:13). Warum sollten die vor dem Richterstuhl Christi erscheinen müssen?

    Und doch ist dieser herrliche Stand, der uns durch den Reichtum und die Herrlichkeit seiner Gnade gegeben ist, wirkungslos gemacht worden und völlig verlorengegangen für die, die sich freiwillig in eine Stellung zurückversetzen, die in einer vergangenen Phase Gültigkeit hatte.

    Was für ein Verachten der Gnade Gottes ist das! Welchen Verlust erleiden sie, die das tun! Was für Schwierigkeiten werden so geschaffen und in das Wort Gottes eingebaut; und wieviel vergebliche Mühe und endlose Anstrengungen macht man, um wieder da heraus zu kommen!

    Aber wenn wir einmal das kostbare "Wort der Wahrheit" entsprechend den Zeiten und heilsgeschichtlichen Phasen richtig geteilt haben, dann verschwinden nicht nur die Schwierigkeiten aus der Schrift (die meisten Anfragen befassen sich damit), sondern wir sind frei, etwas über den Frieden und die Gnade Gottes zu lernen: Wir erfahren, was Gott den Herrn Christus für uns sein lässt, und dass wir in


     Christus sein können.





    6. Der Galaterbrief

    Im dem Brief an die Galater gibt es keine besondere Erwähnung der parousia, aber der Brief bestätigt uns die Tatsache, dass dasselbe Ringen weiterging. "Durch die, die es gehört haben," was der Herr Jesus geredet hatte, hatten sie dieselbe Bestätigung empfangen und stießen auf dieselbe Opposition und Verfolgung durch die Juden, denen doch die frohe Botschaft galt.

    Das Schreiben beginnt mit dem gleichen Gedanken wie in 1Thes 1:10. Der Herr Jesus ist derjenige, "der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt" (Gal 1:4). Das ist dieselbe Errettung wie in 1Thes 4:17, wenn auch aus verschiedener Sicht und deshalb mit verschiedenen Worten.

    In 1Thes 1:10 ist es das Wort ryomai, das bedeutet retten oder entreißen vor einem mit Sicherheit kommenden Zorn. In Gal 1:4 ist es exaireo, was soviel heißt wie herausreißen, hochheben und wegtragen (die komplette Liste der Stellen, in denen exaireo vorkommt, mag den Lesern dazu dienen, die volle Bedeutung des Wortes selber zu erfassen: Mt 5:29; Mt 18:9; Apg 7:10.34; Apg 12:11; Apg 23:27; Apg 26:17; Gal 1:4) aus diesem gegenwärtigen Zeitalter, bevor der Zorn kommt. Mit anderen Worten: Es betrifft die Errettung und Erlösung von 1Thes 4:17. Die Aussage (im Griechischen) ist: "So dass er uns erretten möge aus dem gegenwärtigen, bösen Zeitalter." Das Wort "gegenwärtig" bedeutet das damals gegenwärtige Zeitalter, im Gegensatz zum "kommenden Zeitalter" (wie in Röm 8:38; 1Kor 3:22).

    Wenn wir alle Vorkommen dieses Wortes, das hier mit "gegenwärtig" wiedergegeben ist, angeben, wird es unsern Lesern helfen, selbst zu urteilen (das griech. Wort ist enistemi und kommt siebenmal vor: Röm 8:38; 1Kor 3:22; 1Kor 7:26; Gal 1:4; 2Thes 2:2 - wo es 'jetzt gegenwärtig' bedeutet, und nicht, wie K. J.: is at hand, also nahe bevorstehend -; 2Tim 3:1 [= werden anwesend sein]; und Hebr 9:9). In dem Ausdruck "diese gegenwärtige, böse Welt" ist das mit "Welt" übersetzte Wort das griechische aion, das heißt Zeitalter. Aion wurde im Lateinischen zu aevum, ein Zeitalter. Es ist nicht oikoumene, das die bewohnte Welt bedeutet (und im Neuen Testament manchmal das römische Weltreich). Es ist auch nicht kosmos, Welt oder materielle Schöpfung. Es ist nicht ge, die Erde, manchmal auch das Land oder der Erdboden. Nein, es ist aion, oder Zeitalter, von Gott selbst bereitet und geordnet (Hebr 1:2; Hebr 11:3 = 'zubereiten', 'anpassen' wie in Röm 9:22: 'bestimmt'; 'zur Anpassung gebracht' 1Kor 1:10 K usw. in Übereinstimmung mit Apg 17:26, wo wir lesen, dass Gott "festsetzt angeordnete Fristen und die Grenzen..." [K]).

    So steht dieses gegenwärtige Zeitalter in Gal 1:4 im direkten Gegensatz zum kommenden Zeitalter (Luther: 'zukünftige Welt') (Hebr 2:5).

    In den Gemeinden von Galatien setzte gerade der Abfall ein, auf den 2Thes 2:3 Bezug nimmt (davon ist auch in anderen Schriftstellen die Rede. Siehe Mt 24:12; 1Tim 4; 2Tim 3; 2Tim 4:3.4), und wäre die Erfüllung jener Prophezeiung gewesen, - im krassen Gegensatz zur nationalen Buße. Die Plage hatte begonnen, wie wir aus dem Ernst ersehen können, mit dem der Apostel darauf eingeht. Es war ein "böses Zeitalter," worüber er an diese Gemeinden schrieb, und die rapide Zunahme des Abweichens vom Glauben ist durch den ganzen Brief hindurch erkennbar. Und die gesegnete Wahrheit für dieses "gegenwärtige, böse Zeitalter" war, dass unser Herr Jesus sich selbst dahingegeben hatte, um zu kommen und sie herauszureißen und emporzutragen, damit sie für immer bei dem Herrn sein könnten, wie der Apostel bereits an die Gemeinde in Thessalonich geschrieben hatte.

    Noch eine andere Schriftstelle wird, soviel wir wissen, nicht allgemein verstanden, die aber aus der Position hier, in einem der früheren Paulinischen Briefe, erhellt wird. Sie steht in Gal 4:25.26:

    "Denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt. Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; das ist unsre Mutter.“

    Das mag hier als Zitat genügen, aber der ganze Kontext muss im Zusammenhang damit studiert werden. Der wichtige Punkt dabei ist die Gegenüberstellung der beiden Jerusalem. Es sind nämlich zwei, und das eine ist ebenso real wie das andere.

    Als der Apostel diese Worte schrieb, gab es:

    Das Jerusalem, das damals bestand, und das Jerusalem, das bleiben wird.

    Das irdische Jerusalem und das himmlische Jerusalem.

    Das alte Jerusalem und "das neue Jerusalem."

    Das Jerusalem, das unten war, und das Jerusalem, "das droben ist.“

    Das Jerusalem, das die Mutter von Sklaven ist, und das Jerusalem, das (wie der Apostel seinen gläubigen Lesern sagen konnte) "UNSERE Mutter" ist.

    Zum besseren Verständnis dessen was der Apostel hier lehrt, wollen wir es dem gegenüberstellen, was in der Offenbarung zum gleichen Thema gesagt ist, und dann beides miteinander vergleichen.

    Datierung der Offenbarung

    Um diese beiden Aussagen miteinander in Zusammenhang zu bringen, müssen wir zunächst feststellen, wann die Offenbarung geschrieben wurde. Es gibt verschiedene Aussagen darüber, ob die Offenbarung in dem Zeitalter (worauf sich Gal 1:4 bezieht), und somit vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben wurde, oder erst nach diesem großen Ereignis, das die Zeit teilt.

    Wir bekennen uns zu dem früheren Datum. Das geschieht aufgrund der Quelle der Syriac-Version, die von Melito (Scrivener. A Plain Introduction to the Criticism of the New Testament, Band II Seite 8) bereits 170 n.Chr. zitiert wird, und damit älter ist als alle anderen Quellen, und viel älter als alle existierenden griechischen Manuskripte. Aus der Syriac-Version (Peschitto) geht nun die wichtige Tatsache eindeutig hervor, dass ungeachtet der schmerzlichen und feindseligen Spaltung der syrischen Gemeinschaften alle Manuskripte dieser Version dennoch "einen Text bieten, der in allem Wesentlichen übereinstimmt" und so von allen rivalisierenden Gemeinden benutzt wurde.

    Die Einleitung lautet (in der Syriac-Version):

    "Die Offenbarung, die Johannes dem Evangelisten von Gott auf der Insel Patmos gemacht wurde, auf die er von Nero, dem Imperator, verbannt war." Das würde das Datum während dessen Regierungszeit festlegen, also zwischen 54 und 68 n.Chr. (Nero beging am 9. Juni 68 Selbstmord).

    Irenäus (um 178 n.chr.; Heres, Vers 30 zitiert von Eusebius [318 n.Chr.], 3,18; Vers 7) spricht von Johannes, "der die Offenbarung sah. Denn es ist nicht lange her, seit er (oder sie) gesehen wurde, sondern fast in unserer Generation, gegen Ende der Regierungszeit des Domitian." Der letzte Satz ist zweideutig und meint wahrscheinlich, dass Johannes gesehen wurde, da der Kontext diesen Sinn verlangt, weil er nicht von Echtheit der Daten handelt, sondern davon, warum der Name des Antichrist nicht erwähnt ist.

    Da die Befürworter der späteren Datierung für die Offenbarung sich auf Irenäus stützen, ist ihr Beweis von einer Annahme abhängig und daher ohne Belang. Das spätere Datum wäre die Regierungszeit Domitians, von 81-96 n.Chr., also nach der Zerstörung Jerusalems. Wie wichtig dieser Punkt ist, werden wir gleich erkennen; denn in Neros Regierungszeit (dem früheren Datum) standen Jerusalem und der Tempel noch, und von beiden wird so in Offb 11:1.2.8 gesprochen.

    Aber der wirkliche Beweis für das Datum findet sich in dem Buch selbst. In Offb 1:1 wird ausdrücklich gesagt, dass "die Offenbarung Jesu Christi" gegeben wurde, um "seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll."

    In Offb 1:3 heißt es: "Selig ist der da liest... denn die Zeit ist nahe."

    In Offb 3:10: "Die Stunde der Versuchung, die kommen wird (K: die sich anschickt zu kommen)."

    In Offb 3:11: "Siehe, ich komme bald."

    In Offb 16:15: "Siehe, ich komme wie ein Dieb."

    Im letzten Kapitel finden wir dreimal die Zusage "Ich komme bald" (Offb 22:7.12.20).

    Wir führen das an, weil es sich auf Gal 4:25.26 bezieht.

    Der Segen Abrahams

    In Offb 21:9-22:5 haben wir "das neue Jerusalem," oder "die heilige Stadt Jerusalem" enthüllt und in all ihrer Pracht und Herrlichkeit geschildert. Das ist die himmlische Stadt, die dem Glauben Abrahams offenbart war. Er musste von ihr gehört haben, sonst hätte er nicht auf sie warten können. "Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist" (Hebr 11:10).

    Wer kann Offb 21:10-17 lesen, ohne diese unvorstellbare Pracht und Herrlichkeit mit dem Jerusalem von damals oder heute zu vergleichen? Die "das Wort angenommen" hatten, das Petrus verkündete (Apg 2:41; vgl. 1Thes 2:13), nahmen es wie Abraham im Glauben an, und wurden herrlich frei. Und in der Freude an dieser wunderbaren Freiheit erwarteten sie "die Stadt, die einen festen Grund hat," das "Jerusalem, das droben ist."

    Sie waren nicht mehr in Fesseln unter dem Gesetz vom Sinai, Sklaven wie Hagar, sondern Freie, die Söhne der Sara, die Abrahams Glauben und Hoffnung haben. Abraham sah es von ferne und wurde froh. Diese Gläubigen sahen es außerordentlich nahe und wurden aufgefordert, sich zu freuen (Gal 4:27-30). Sie warteten, wie schon Abraham gewartet hatte, auf eine herrliche Realität. Ihre Hoffnung war, dass sie herausgenommen würden, erhoben von "diesem gegenwärtigen, bösen Zeitalter" und von dieser "gottlosen Generation erlöst würden."

    Das irdische Jerusalem hatte das Blut der Propheten, ja, sogar das Blut des Messias vergossen. Es war mit all seinen Kindern in der Sklaverei des Gesetzes. Aber die das Wort angenommen hatten und glaubten, erwiesen sich als die wahren Söhne des Vaters der Gläubigen und schauten sehnsuchtsvoll aus nach seiner himmlischen Stadt, dem "neuen Jerusalem," die der Apostel wahrhaft unsere Mutter nennen konnte. Das irdische Jerusalem war von dem künftigen Feind noch nicht angetastet worden. "Der Zorn Gottes ist schon in vollem Maß über sie gekommen" (1Thes 2:16), aber dieses Ende war noch nicht vollzogen.

    Die Steine des Tempels standen noch aufeinander, aber das Ende näherte sich; und hätte das Volk Buße getan nach der Predigt derer, die den Herrn reden gehört hatten, dann wäre der Messias gesandt worden, und alles, was die Propheten geweissagt hatten von den kommenden Gerichten und den Herrlichkeiten der verheißenen Wiederherstellung, hätte eine gesegnete und glückselige Erfüllung gefunden.

    Es ist sehr wichtig, dass wir die Position derer, "die das Wort angenommen" hatten, recht verstehen; einmal in der heilsgeschichtlichen Phase des Alten Testaments, dann in der damals gegenwärtigen, und auch in der jetzigen Phase des Geheimnisses. Es wird uns eine Hilfe sein, wenn wir uns daran erinnern, dass durch die ganze Phase des Alten Testaments der Same Abrahams aus zwei Arten bestand; einmal mit dem "Staub auf Erden" (1Mo 13:16; 1Mo 28:14) verglichen und zum andern mit den "Sternen des Himmels" (1Mo 15:5; 1Mo 22:17; 1Mo 26:4).

    Das entspricht den zwei grundsätzlich verschiedenen Arten der Nachkommen Abrahams; die einen sind nur auf irdische Segnungen aus und "wandeln im Schauen," die andern sehen auf himmlische Segnungen und "wandeln im Glauben" eben im Glauben ihres Vaters Abraham, von dem in 1Mo 15:6 geschrieben steht.

    Die erste Offenbarung, die an Abraham erging, betraf den irdischen Teil (1Mo 13:16) und "das Land, das du siehst" (1Mo 13:14.15). Aber die spätere Offenbarung hatte zum Gegenstand, was nicht sichtbar war, den verheißenen Samen, der noch nicht geboren war. Und es ist wegen Abrahams Glauben an diese weitere Offenbarung geschrieben: "Er hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden" (Gal 3:6). Abraham war schon vorher gerecht, als er Gott vertraute (siehe 1Mo 12:4; 1Mo 13:1.14; u. 1Mo 14). Aber 1Mo 15 beginnt: "Nach diesen Geschichten begab sich's, dass zu Abram das Wort des Herrn kam..." und er erhielt eine weitere Offenbarung über seinen Samen, "welcher Christus ist" (Gal 3:16). Abraham glaubte dieser weiteren Offenbarung und "es ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden" (Gal 3:6).

    Die in der Phase der Apostelgeschichte "das Wort angenommen" hatten, waren gerecht gemacht; und die heute die weitere Offenbarungen glauben, die in den Briefen an die Epheser, Philipper und Kolosser gemacht sind, empfangen ebenfalls eine weitere Segnung. Es wird uns zu "etwas" gerechnet, und wir begnügen uns mit Warten und Zusehen, was es sein wird. Diese Galater und andere Gläubige jener Phase wandelten im Glauben ihres Vaters Abraham. Er schaute auf eine "himmlische" Hoffnung, verbunden mit dem Tag des Messias. Er sah ihn im Glauben und "wurde froh" (Joh 8:56).

    Der himmlisch Samen sehnte sich schon immer "nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt gebaut" (Hebr. 11, 16). Sie lebten im Glauben (Gal. 3, 11) und sie "sind gestorben im Glauben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind" (Hebr. 11, 13).

    Von diesen allen wird gesagt, dass sie

    "Teilhaber der himmlischen Berufung"

    seien, und hätte das Volk Buße getan, dann wären sie "entrückt" worden, "auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen" (1Thes 4:17).

    Als Israel nach Kadesch Barnea kam, sollte das ganze Volk sofort in das verheißene Land, in das "Gebirge der Amoriter" ziehen, aber sie wollten nicht glauben, und wanderten vierzig Jahre lang durch die Wüste.

    Als der Herr kam ("der Prophet gleich Mose"), und Umkehr und Glauben verlangte, war es wieder ganz so wie in Kadesch Barnea. Sie waren eigentlich wieder an der Grenze des Landes. Aber das Volk insgesamt tat nicht Buße und hatte entsprechend wieder vierzig Jahre der Zerstreuung.

    In Apg 28:26-28 wurden sie noch einmal vor eine erneute Entscheidung wie in Kadesch Barnea gestellt; aber wieder versagte das Volk, und seine Segnung wurde wieder ausgesetzt.

    Und inzwischen ist jetzt uns die Offenbarung des Geheimnisses in den späten Paulus-Briefen gegeben worden. Wer ihr glaubt, wird eine größere Segnung empfangen, als die Israels war und seine Hoffnung darauf setzen. Es ist nicht nur eine "himmlische Berufung" eine Berufung von himmlischer Art, sondern eine Berufung in den Himmel, der wir entgegenblicken; es ist hier die Richtung, wohin die Berufung erfolgt, geschildert, und nicht nur ihre Art. Die wir dieser späteren Offenbarung glauben (wie Abraham der späteren Verheißung in 1Mo 15), bekommen etwas "angerechnet" für uns, das wir bald sehen werden.

    Aber wer sind indessen die, die es wirklich glauben? Wir fürchten, es sind nur die Wenigen; denn wie es in Gal 4:29 war, "so geht es auch jetzt." Die Mehrheit um uns sind wie die Gläubigen in Galatien. Sie sind Teilhaber der himmlischen Berufung, aber sie wollen nichts wissen von dem großen Geheimnis, dass Christus über alles erhoben worden ist und zum Haupt seines Leibes, der Gemeinde wurde. Sie reden vom Himmel, singen vom Paradies; ihre einzige Hoffnung ist, zu sterben und in den Himmel einzugehen. Sie kennen die herrliche Hoffnung der "himmlischen Berufung" nicht, die in der Verheißung des Herrn liegt: "Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen." So sagen sie "nein Herr, du brauchst zu mir nicht zu kommen, ich werde sterben und zu dir kommen!" Sie brauchen keine Auferstehung und erwarten keine Himmelfahrt!

    Das ist es, worin sich heute die beiden Klassen von Gläubigen unterscheiden. Beiden wird nach ihrem Glauben geschehen. Aber jene haben eine ausgesetzte Hoffnung, wie die Israels bei Kadesch Barnea.



    7. Der Römerbrief

    Obwohl der Brief an die Römer der letzte der Frühbriefe des Paulus ist, wenn man sie chronologisch anordnet, steht er in der kanonischen Ordnung, wie wir sie in allen Versionen unserer Bibeln heute finden, an erster Stelle, und tatsächlich auch in allen griechischen Manuskripten des Neuen Testaments, denn man hat noch nie eins gefunden, in dem die Paulus-Briefe anders angeordnet wären. Deshalb bezeichnen wir das als die "kanonische" Ordnung. Der Grund für diese beiden unterschiedlichen Anordnungen wurde bereits erklärt, deshalb brauchen wir hier nicht weiter darauf einzugehen.

    Die beiden wichtigen Punkte, die wir uns über diesen Brief einprägen müssen, sind:

    1. Der Römerbrief liegt, als letzter der früheren Briefe, dem Ende der heilsgeschichtlichen Phase, die durch die Apostelgeschichte gebildet wird, näher; und weil er vor Apg 28:25.26 geschrieben wurde, können wir darin einige besondere Hinweise auf den nahe gekommenen Wechsel der Phasen erwarten.

    2. Weil er zu den früheren Briefen gehört, müssen wir einige Hinweise auf die besonderen Tatsachen, die für diese damals gegenwärtige Phase der Heilsgeschichte kennzeichnend sind, erwarten.

    Wenn wir sorgfältig hinschauen, werden wir sie auch finden, aber sie liegen nicht an der Oberfläche.

    Der Brief an die Römer ragt auffallend aus den früheren Briefen heraus, während er sich andererseits heilsgeschichtlich ganz deutlich von den späteren Briefen unterscheidet, die Paulus aus der Gefangenschaft in Rom geschrieben hat. Der Aufbau des Römerbriefs zeigt das speziell. Ohne auf die kleineren Einzelheiten einzugehen, treten seine ausgeprägten Konturen deutlich hervor und lassen sich so darstellen:

    A Dogmatisch: - Röm 1-8
    B Heilsgeschichtlich: - Röm 9-11
    A Praktisch: - Röm 12:1 - Röm 15:7
    B Heilsgeschichtlich: - Röm 15:8-10

    Seit der frühesten Verheißung an Abraham war ganz klar gesagt worden, dass alle Völker durch Abraham und mit seinem Samen gesegnet werden sollten. Das wird in der Phase der Apostelgeschichte schon früh bekundet. Die "Schlüssel des Himmelreichs" waren Petrus übergeben worden, das zeigt, dass er das Privileg hatte, es zu verkünden; zunächst Israel und dann den Heiden. In Apg 2:14 verkündete Petrus es zum ersten Mal, und sagte, "ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt," in Apg 2:22, "ihr Männer von Israel," und in Apg 2:36, "so wisse nun das ganze Haus Israel gewiß... Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung, und allen, die fern sind, soviele der Herr, unser Gott, herzurufen wird“ (Apg 2:39).

    Wer in diese Bezeichnung eingeschlossen war, kann man aus Daniels Gebet ersehen, als er betete: "Du, Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle heute schämen, die von Juda und von Jerusalem und vom ganzen Israel, die, die nahe sind, und die zerstreut sind in allen Ländern, wohin du sie verstoßen hast..." (Dan 9:7).

    Nur Gottes Volk, Israel, war bei dieser ersten Verkündigung aufgerufen, von der der Herr in Mt 22:4-7 gesprochen hatte; und davon handelte die Verkündigung des Petrus bis ans Ende von Apg 9 Dann, in Apg 10, gebrauchte Petrus den andern Schlüssel, als er von Gott nach Cäsarea geschickt wurde. Vorher hatte Gott ihn belehrt: "Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten." Petrus lernte diese Lektion und bezeugte das dann (Apg 10:34-43).

    Von da an wurden die Heiden, die "das Wort annahmen," das ihnen "durch die, die es gehört hatten," verkündet wurde, in den Ölbaum Israel eingepfropft und wurden dadurch Teilhaber der religiösen Privilegien Israels.

    Jetzt wurden Röm 9; Röm 10 und Röm 11 geschrieben, um sie und uns über die Beziehung zwischen diesen "wilden Ölzweigen" und den Zweigen des ursprünglichen Stammes zu instruieren. Und es wird gezeigt, dass die Privilegien der Gläubigen aus den Heidenvölkern weder größer noch kleiner noch anders sind als die Israels, des Stammes, in den sie eingepfropft sind.

    Der Ölbaum war noch nicht gefällt, denn der Vorgang des Einpfropfens fand noch statt, als Paulus an sie schrieb. Deshalb wurden diese heidnischen "Zweige" gebührend gewarnt, dass, wenn einige der ursprünglichen, ungläubigen Zweige ausgebrochen wurden, diese heidnischen Zweige sich nicht rühmen sollten, als wären die natürlichen Zweige ihretwegen ausgebrochen worden, um für sie (die eingepfropften Zweige) Platz zu schaffen. Denn die natürlichen Zweige waren wegen ihres Unglaubens ausgebrochen worden, und heidnische Zweige wegen des Glaubens eingepfropft. Daher die Warnung, dass derselbe Unglaube dazu führen würde, ebenso abgehauen zu werden (Röm 11:17-22).

    Die ganze Abhandlung schließt sogar mit dem Hinweis, dass die natürlichen Zweige Israels, die ausgebrochen waren, umso mehr wieder eingepfropft werden, "sofern sie nicht im Unglauben bleiben" (Röm 11:23.24).

    Phasenwechsel

    All das bezieht sich auf den damals bevorstehenden Phasenwechsel in der Heilsgeschichte. Es gibt hier nichts von dem Dogma der Gefangenschaftsbriefe, die "die Herrlichkeit der Gnade Gottes“ ,behandeln und entfalten, und die Fülle des Geheimnisses offenbaren, das "von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles geschaffen hat" (Eph 3:9).

    Der Römerbrief, als einer der früheren Briefe des Paulus, hat, was den Stand von Juden und Heiden betrifft, die heilsgeschichtliche Prägung der Apostelgeschichte. Aber er hat auch dieselben Hinweise auf den heilsgeschichtlichen Wechsel (der von der Buße Israels abhing), wie wir das bei Paulus in allen andern Briefen finden, die er in dieser Phase geschrieben hat. Und da er der kommenden Entscheidung zeitlich am nächsten liegt, können wir erwarten, dass wir noch bestimmtere Hinweise darauf finden.

    Wir brauchen nicht weit zu lesen, ehe wir zu einem sehr ernsten Hinweis auf den "Tag des Zornes" kommen, auf den schon der allererste Brief (an die Thessalonicher) weist. Dort lesen wir: "Es kommt aber der Zorn, der zum Abschluss führt, schon als ein Vorgeschmack auf sie" (1Thes 2:16). Da das Griechische hier einfach eis telos = 'zum Ende hin' hat, nämlich entweder das Ende entsprechend dem Ratschluß Gottes, wie bei den Propheten berichtet (wenn sie Buße getan hätten), oder das (zeitweilige) Ende ihrer nationalen Existenz und die Aussetzung ihrer nationalen Segnung, bis zu jener Zeit (wenn sie verstockt bleiben würden); denn dieser beginnende Zorn soll Israel in die Buße führen, damit sie sich zum Herrn bekehren. So Käme der zukünftige Zorn (1Thes 1:10) nicht über sie, wenn sie das Wort angenommen hätten. Sie wären erlöst und errettet worden, wie das in 1Thes 4:16.17 beschrieben ist.

    Wenn wir nun den Römerbrief aufschlagen, finden wir denselben "Tag des Zorns" genannt; nicht als etwas, das neunzehnhundert Jahre weit weg liegt, sondern 'als etwas ganz nahe Bevorstehendes,’y und etwas, wovon die Leser des Briefs, persönlich betroffen wären oder sein könnten.

    "Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden geben wird nach seinen Werken" (Röm 2:5.6).

    Und nochmals: "Alle, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verlorengehen; und alle, die unter dem Gesetz gesündigt haben, werden durchs Gesetz verurteilt werden... an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus Jesus richten wird, wie es mein Evangelium bezeugt" (Röm 2:12.16).

    Der "Tag", von dem hier die Rede ist, der dem Evangelium des Apostels entspricht, ist derselbe Tag, den schon Johannes der Täufer verkündete, als er von dem "zukünftigen Zorn" sprach. (Mt 3:7), und es war auch "der Tag" und "das Gericht" in den Reden des Herrn, als er erklärte, dass es dann Tyrus und Sidon und sogar Sodom erträglicher gehen werde "als euch" (der bösen und abtrünnigen Generation, die "die Tage des Menschensohns" gesehen hatte) (Mt 11:20-24; Mt 12:39).

    Es war der Tag, an dem sich dieses und das zukünftige Zeitalter begegnen würden, der Tag der damals lebenden Generation, in der "der Menschensohn" in dem festgelegten Gericht "einem jeden vergelten" werde "nach seinem Tun" (Mt 16:27).

    Selbstverständlich ist der Tag jetzt noch Zukunft für uns in der gegenwärtigen Zeit, weil das Volk nicht Buße getan hat; aber er war für sie damals sehr gegenwärtig und nahe, in Art und Ausmaß viel stärker als für uns heute.

    Das kommende Gericht und die darauf folgende Herrlichkeit sind gleichermaßen ausgesetzt; und die Gläubigen der nachfolgenden Offenbarung seiner geheimen Absichten haben die herrliche Hoffnung, bei ihm zu sein, bevor "der Tag" kommen wird.
    Wir haben in Röm 8 eine weitere Erwähnung des damals gegenwärtigen Zeitalters der Leiden und der unmittelbar darauf folgenden Herrlichkeit. Das wollen wir übersetzen und in seinem Aufbau darstellen:

    C1 Begründung für unser Leiden in Christus: Röm 8:18 Denn ich bin gewiß, dass dieser (jetzigen) Zeit Leiden (vergleichsweise) nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart (=apokalypto) werden soll (vgl. 2Kor 4:17: "Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit“).
    D1 Erwartung: Röm 8:19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar (= apokalypse) werden.
    D2 Begründung für die Erwartung: Röm 8:20a. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat
    D2 Erwartung: Röm 8:20b. doch auf Hoffnung; (wartet nach Röm 8:19 die Kreatur)
    C3 Begründung für die Erwartung: Röm 8:21. Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
    D3 Erwartung: Röm 8:22. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet (K: und mit Wehen leidet). Röm 8:23. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.


    Das erste, was in diesem Abschnitt klar ist, ist die Tatsache, dass die Erlösung nahe bevor stand, und nicht über neunzehnhundert Jahre entfernt war. "Die Herrlichkeit, die im Begriff ist, uns offenbart zu werden" (griech.: ten mellousan doxan apokalyphthenai eis hemas). Die Erwähnung von Geburtswehen ist ein weiterer Beweis dafür, dass die "Erlösung" nahe war.

    Weiter ist klar, dass diese herrliche Vollendung sehnlich erwartet wurde. "Die Herrlichkeit, die im Begriff ist, offenbart zu werden" war die ausgleichende Hoffnung im Blick auf "den Zorn, der im Begriff ist, zu kommen." Beide gehörten zu parousia.

    "Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?" fragte der Herr auf dem Weg nach Emmaus.

    "Dass Christus leiden musste," hatte Paulus in Thessalonich erklärt.

    Und nachdem er gelitten hatte, fehlte nur noch die Buße Israels an der Verwirklichung der Herrlichkeit, die folgen sollte.

    Die Gläubigen in Thessalonich warteten nicht auf den Tod, sondern auf Gottes Sohn vom Himmel, und so allezeit bei dem Herrn zu sein. Ebenso haben die Gläubigen in Korinth nicht auf den Tod gewartet, sondern auf ihr "Haus" (den geistlichen Leib) vom Himmel, "den Leib zu verlassen, und daheim zu sein bei dem Herrn" in dem verwandelten und verherrlichten Leib.

    Das Sterben konnte nicht der Gegenstand ihrer sehnlichen Erwartung sein. Das Sterben wäre kein Ausgleich für die Leiden dieser gegenwärtigen Zeit. Die Erlösung des Leibes soll durch eine herrliche Auferstehung bewirkt werden, nicht durch Leiden und Sterben. Der Apostel hat die Leidenden nicht zum Narren gehalten. Er hat sie getröstet, aufgemuntert und ermutigt, in der Verfolgung auszuhalten. Außerdem hätte das Sterben dieser leidenden Gläubigen niemals die Erlösung für eine seufzende Schöpfung bringen können. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden, und zwar in Herrlichkeit, nicht im Sterben. Die Erlösung kann und wird nicht im Grab, sondern nur in der Herrlichkeit offenbar werden.

    Das genaue Wort für dieses Harren schließt nicht nur ein, sondern setzt geradezu voraus, dass es möglicherweise kurz bevorstehend war. Es ist apokaradokeo und bedeutet das Warten mit erhobenem Haupt, also nicht nur ein vages Sehnen, sondern ein Warten mit der Gewissheit und Überzeugung der Nähe von etwas Realem, wonach sie mit erhobenem Blick Ausschau hielten.

    Aber das Wort Schöpfung kann nicht auf die unbelebte Schöpfung ausgedehnt werden, wie Berge, Hügel und Meere; oder auch auf belebte Schöpfung ohne Kenntnis der Offenbarung. Es muss gezielt und begrenzt sein auf lebende Wesen, die einen Willen haben, hoffen können und sowohl Knechtschaft erleben als auch vernünftig warten und sich nach Erlösung sehnen können. Außerdem werden diese lebendigen Wesen in zwei Klassen geteilt die bereits den Geist als Erstlingsgabe haben, und die den Geist als Erstlingsgabe nicht haben.

    Es waren lebende menschliche Wesen, denen das Evangelium verkündet werden sollte; predigt das Evangelium aller Kreatur (in Mk 16:15 dasselbe Wort); und das Evangelium, "das gepredigt ist allen Geschöpfen (dasselbe Wort) unter dem Himmel" in Kol 1:23 positiv ausgedrückt. Die Menschheit seufzt, aber unbewusst. Sie kennt weder Ursache noch Folge. Sie erfährt die Nichtigkeit und lebt in einem bewussten Ringen um Selbsterlösung. Wir verdanken dieser Tatsache den Konflikt politischer Parteien mitten unter uns, die Unruhen der Völker und die Kriege zwischen Staaten. Alle verlangen nach Freiheit und Befreiung, aber die Ursache ihrer Knechtschaft kennen sie nicht:

    DER MENSCH HAT GOTT ABGELEHNT

    Eva glaubte der doppelten großen List des Teufels in 1Mo 3:4.5:

    "Ihr werdet keineswegs des Todes sterben"

    und

    "ihr werdet sein wie Gott,"

    und kam so in die Knechtschaft Satans.

    Der erste Mann "wurde nicht verführt" (1Tim 2:14). Das besagt nicht, dass er nicht wusste. Aber wir können wohl glauben, dass sein Fall "nicht willentlich" geschah. Aber er ist genauso gefallen, gleichgültig warum, und "geriet" mit der Frau zusammen "in Übertretung" (1Tim 2:14 K). Ja! wir können wohl glauben, dass es "nicht willentlich" geschah. Das Wort "verführt" erzählt uns die ganze Geschichte.

    Wenn Satan der Herrscher der "damaligen Welt" (2Petr 3:6 K und 1Mo 1:1) war und ihre Vernichtung (1Mo 1:2) und Überflutung (2Petr 3:6 K) verursacht hat, dann können wir verstehen, wieso er nach Adams Unterwerfung (1Mo 3) trachtete, weil Gott den ersten Menschen gesagt hatte: "herrschet" (1Mo 1:28) unter "dem Himmel, der jetzt ist, und die Erde" (2Petr 3:7).

    Wir können auch verstehen, warum der gleiche Satan (oder Widersacher) die Unterwerfung des "Menschensohns" anstrebte, den Gott danach "zum Herrn gemacht" hat über "das Werk seiner Hände" und "alles unter seine Füße getan" hat (Ps 8:7). So können wir die Versuchung in der Wüste verstehen und den Todeskampf im Garten Gethsemane.

    Satan ist religiös "der Gott dieser Welt" (2Kor 4:4) und politisch der "Fürst dieser Welt" (Joh 14:30), und die Menschheit wurde seiner Herrschaft unterworfen.

    Aber dieses Unterworfensein unter die Nichtigkeit hat noch eine andere Seite. Als die Menschen den Lügen des Teufels glaubten, unterwarf Gott die Menschheit in gewissem Sinne der Nichtigkeit, indem er sie aufgab. Das Wort "Nichtigkeit" ist im ganzen Alten Testament ein anderes Wort für Götzendienst. Götzenbilder werden immer als Nichtigkeiten bezeichnet oder als Nichts (Jer 2:8; Jer 15), "nichtige Götzen" (Ps 31:7), "das Nichtige" (Jon 2:9); und im Neuen Testament ist das auch so (siehe Apg 14:15 (K: eitle Götter).

    In Ps 81 redet Gott zu Israel:

    "Höre, mein Volk, ich will dich ermahnen. Israel, du sollst mich hören! Kein andrer Gott sei unter dir... Aber mein Volk gehorcht nicht meiner Stimme, und Israel will mich nicht.

    So habe ich sie dahingegeben

    in die Verstocktheit ihres Herzens, dass sie wandeln nach eigenem Rat" (Ps 81:8-12).

    Wenn das mit Israel geschehen konnte, müssen wir uns über das Dahingeben an die Nichtigkeiten als Gericht bei den Heiden nicht wundern. Dreimal wird das im allerersten Kapitel dieses Briefes gesagt. In Röm 1:21-24 lesen wir: "Denn obwohl sie von Gott wußten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild eines vergänglichen Menschen...

    Darum hat Gott sie... dahingegeben..."

    Und in Röm 1:25.26 lesen wir wieder: "... die Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.

    Darum hat Gott sie dahingegeben..."

    Und nochmals in Röm 1:28: "Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen,

    hat sie Gott dahingegeben..."

    In einem gewissen Sinn war es ein Gericht für die Menschheit, an die Nichtigkeit dahingegeben und somit in den "Ungehorsam eingeschlossen" zu sein (Röm 11:32). So war das Dahingegebensein als Gericht ein Handeln Gottes, mit Satan als Werkzeug, aber die Ursache war der Sündenfall des Menschen.

    Die Folgen mag man wohl als "Seufzen" bezeichnen. Wer den Geist als Erstlingsgabe nicht hat, der weiß das nicht und kennt die Ursache nicht. Der Mensch erkennt es nicht, dass er den Friedefürsten abgelehnt und gemordet hat. Von ihm getrennt ist es tatsächlich vergeblich, nach Frieden zu fragen und zu suchen; aber das Seufzen danach bleibt dennoch.

    Die aber den Geist als Erstlingsgabe haben, der nach Apg 2 ausgegossen ist, warten sehnlich auf die verheißene Erlösung, deren Geburtswehen sie erleben, bis die Kinder Gottes offenbar werden in Herrlichkeit. Das wurde umso wirklicher, als das Ende dieser heilsgeschichtlichen Phase näher kam. "Denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden" (Röm 13:11), und damit auch "die Zeit, dass... er den sende, der euch zuvor zum Christus bestimmt ist: Jesus"; also "die Zeit, in der alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn" (Apg 3:19-26).

    Im dreizehnten Kapitel der Römerbriefs heißt es (Röm 13:11.12): "... weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher, als da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen."

    Man sollte die ganze Stelle lesen (Röm 13:11-14), denn sie bringt das voll zum Ausdruck, was wir zeigen möchten, nämlich dass der Herr gekommen wäre, wenn die nationale Buße Israels als Bedingung erfüllt worden wäre. Aber Israel hat nicht Buße getan, und das Ergebnis war, dass die Verheißungen und Segnungen entsprechend ausgesetzt wurden.

    Und die Schöpfung "wartet von nun an" möglicherweise nicht mehr mit der gleichen Hoffnung auf eine rasche Erfüllung. Aber trotzdem haben diejenigen von uns, die Gottes weitere Offenbarung glauben, nach Phil 3 die selige Hoffnung der exanastasis (wenn sie zum "Entschlafen" gerufen sind), oder der "Berufung in den Himmel" (wenn sie leben und übrigbleiben).

    Der Brief an die Römer schließt in einem Postskriptum mit der Verheißung:

    "Der Gott des Friedens aber wird den Satan unter eure Füße treten in Kürze."

    Diese Versicherung muss sich zurückbeziehen auf die ursprüngliche Verheißung aus 1Mo 3:15 und weist auf das Ende des "großen Konfliktes der Zeitalter" hin, wenn sich alles erfüllt, was die Propheten über diesen herrlichen Abschluss geredet haben. Damals konnte man davon sprechen, dass es

    IN KÜRZE

    geschehen werde. Aber durch die anhaltende Widerspenstigkeit Israels ist diese Hoffnung

    AUSGESETZT.

    Die Botschaft unserer Errettung

    Dennoch haben auch wir, die wir geglaubt haben, nachdem wir das Wort der Wahrheit, die frohe Botschaft von unserer Errettung, in der wir, da wir auch sie geglaubt haben, "versiegelt sind durch den Heiligen Geist nach der Verheißung" die Verheißung einer Erlösung, deren Erfüllung an keine Bedingung geknüpft ist, sondern die jetzt, in jedem Augenblick, verwirklicht werden kann (siehe Eph 1:13.14).

    Die Erlösung der Menschheit von ihrem Seufzen harrt seit alters her auf gewisse Bedingungen, die erfüllt sein müssen, und gewisse Ereignisse, die stattgefunden haben müssen; aber unsere Erlösung und Entrückung ist von nichts abhängig als vom "Ruf" dessen, in dem "unser Leben verborgen" ist, und in dem wir jetzt gesegnet sind "mit allem geistlichen Segen im Himmel," von woher der "Ruf" an uns ergehen wird. Es sind noch andere Erscheinungen mit diesem Brief und seiner besonderen Beziehung zu den Briefen aus der Gefangenschaft verbunden. Zum Beispiel die Frage des Datums, wann er vollendet und von dem Apostel in seiner endgültigen Form herausgegeben wurde. Das bemerkenswerte Postskriptum (Röm 16:25-27) wurde mindestens fünf Jahre später hinzugefügt, als der Brief (58 n.Chr.) begonnen worden war. Dieses Postskriptum bezieht sich, wie wir mehrfach herausgestellt haben, auf den zweifachen Dienst des Apostels

    1. das Evangelium von der Gnade Gottes, die zuvor in den Schriften der Propheten verheißen war, und
    2. die Verwaltung des Geheimnisses von Christus und der Gemeinde, das nicht Gegenstand einer Verheißung gewesen, aber dem Apostel bekannt geworden war durch direkte Offenbarung von GOTT, wie er im Epheserbrief schreibt.

    Die Röm 9-11 bilden einen beachtenswerten Abschnitt und haben den Charakter eines Anhangs. Wenn Paulus diese Kapitel so spät wie das Postskriptum hinzugefügt hätte, dann wäre ihr Zusammenhang mit Apg 28:28 sehr einleuchtend. Chronologisch steht deshalb der Römerbrief sowohl mit den früheren als auch mit den späteren Briefen im Zusammenhang. Und seine tiefere geistliche Lehre ist die wahre Grundlage für die späteren Briefe, wie wir mehrfach gesehen haben.

    Die Wende im Römerbrief

    Wir haben bereits gesagt, dass wir einerseits erwarten können, die gleichen Hinweise auf die damals angenommene Nähe der Erfüllung all der Prophezeiungen vorzufinden, die mit der verheißenen Sendung des Messias einhergehen sollten, und andererseits auch eine Weiterentwicklung in der dogmatischen Unterweisung, besonders, da das Ende dieser Phase (der Apostelgeschichte) näher kam. Und das ist auch der Fall. Das ist so stark der Fall, dass die Briefe an die Römer und Epheser heute bei uns mehr als Abhandlungen denn als Briefe betrachtet werden.

    Es sind die beiden einzigen Briefe, in denen Paulus keinen Namen eines Mitarbeiters anführt; denn er hatte sein Evangelium durch direkte Offenbarung von Gott empfangen, und das Geheimnis später auf die gleiche Weise (Gal 1; Eph 3).

    In der kanonischen Ordnung stehen sie je einer Gruppe voran:

    RÖMER - Korinther - Galater

    EPHESER - Philipper - Kolosser

    THESSALONICHER

    Korinther und Galater sind zwei unterschiedliche Kommentare zu Römer, der eine praktisch, der andere dogmatisch. Philipper und Kolosser sind zwei unterschiedliche Kommentare zu Epheser, der eine praktisch, der andere dogmatisch.

    Aber chronologisch betrachtet sehen wir im Römerbrief eine Entwicklung der Art, dass er mit dem Epheserbrief in Verbindung kommt, und die beiden miteinander zu den zwei zentralen Briefen der paulinischen Lehre werden, die genau vor und hinter der Trennungslinie von Apg 28 stehen.

    Der Epheserbrief baut auf dem festen Fundament des Römerbriefes auf.

    Schon 1907 haben wir gerade darüber geschrieben, so dass es kein neues Thema von 1911-12 ist. Wir sagten damals:

    Epheser ist der Beginn des Geheimnisses und entspricht Gottes Vorsatz, aber Römer ist die Grundlage des Geheimnisses und entspricht dem menschlichen Fassungsvermögen dafür.

    Wenn wir das Geheimnis fassen wollen, müssen wir daher beim Römerbrief beginnen, und nicht beim Epheserbrief. Und wenn wir andere darin unterweisen wollen, dann dürfen wir Neubekehrten nicht die ganze Wahrheit auf einmal überstülpen.

    In Epheser bekommen wir das große Geheimnis als Ganzes vorgestellt, eben die Wahrheit, die das große und herrliche Haupt im Himmel offenbart, und sich mit den irdischen Gliedern seines Leibes befasst.

    Im Römerbrief bekommen wir die Grundlage und die Bestandteile des Geheimnisses. Daher nennt es Paulus dort noch nicht das Geheimnis, denn es ist nur dessen Grundlage, auf der das Dogma aufgebaut ist.

    Wir wollen uns Röm 8 ansehen und die wunderbare Beziehung dieses Kapitels und dieses Briefes zu den drei Briefen aus der Gefangenschaft betrachten, in denen wir das Geheimnis direkt offenbart vor uns haben."

    Röm 8:1-39: