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Der römische Katholizismus Zweiter Teil



Der römische Katholizismus


ACHTUNG:
Hegger ist normaler Calvinismus Gotteslästerer!!


Achtung:

Johannes Kapitel 4
• der Heiland sucht verlorene Sünder (s. V. 1-19)
• der Vater sucht Anbeter (s. V. 20-26)
• der Herr sucht Arbeiter (s. V. 27-42)


ACHTUNG
der Verfasser  HJ. Hegger  hat die Irrleher Luthers,

 der Mensch hätte keinen freien Willen!


Von Babylon nach Rom
Katholizimus   Die Katholische "Kirche" ist ein grosser Schwindel
Von Rom zu Christus
LISTE KATHOLISCHER IRRLEHREN UND MENSCHLICHER TRADITIONEN
Aufklärung über die Calvinismus Gotteslästerung

Der römische Katholizismus

Ein ehemaliger Priester widerlegt einzelne Dogmen der katholischen Kirche



 Ein ehemaliger Priester widerlegt einzelne Dogmen der katholischen Kirche

 Zweiter Teil
 Pfr. Herman J. Hegger




 (Biographische Angaben siehe FUNDAMENTUM1/1984)

 (Übersetzung: Pfr. Traute Lehmkühler Pfr. Samuel P. van der Maas. Matthias Schüürmann, Jennette Weber)

 III. Der Weg des Heils: Auch durch Werke?


Die Antwort, die Luther in der Bibel fand, lautete:
Solo Christo  = allein durch Christus,
Sola Gratia   = allein durch Gnade,
Sola Fide     = allein durch Glauben.


Diese Antwort ist für einen Katholiken über die Maßen schwer zu verstehen. Seine ganze Erziehung. alles, was er in den Predigten und im Religionsunterricht zu hören bekam, steht dem diametral gegenüber.

Allein durch Christus?

- Man hat ihm immer erzählt:
 «Christus ist viel zu heilig und zu erhaben für uns. Du kannst dich ihm nicht einfach so direkt nähern. Du mußt, um zu ihm zugelassen zu werden. Zwischenpersonen einschalten, Menschen, die durch ihre heldenhafte Ausübung der Tugenden und durch ihre Frömmigkeit Got tes Liebe zu sich ausgelöst haben.

Das gilt insbesondere für Maria.» Es gibt dann in der katholischen Kirche auch eine Losung, die durch die Päpste, vor allem durch Johannes Paul II., den Menschen vor Augen geführt wird: «Per Mariam ad Jesum - durch Maria zu Jesus.» «Wir, die wir nur gewöhnliche Menschen sind, sind viel zu unwürdig, als daß wir ohne die Vermittlung Marias zu Jesus kommen dürften.» Eine andere Argumentation, die oft verwendet wird, ist diese: «In einer Familie kommt ein Kind doch auch viel eher zur Mutter als zum Vater. Die Mutter ist die Mildere, während der Vater als Mann mehr der Strenge, der Härtere ist. Nun, so ist es auch in der Familie Gottes. Da hat Gott - um uns entgegenzukommen - auch eine Mut ter eingesetzt: Maria. Darum ist es Seine Absicht, daß wir nur durch Maria zu Jesus kommen sollten. Jesus ist ein Mann und darum als solcher distanzierter. Maria steht uns wegen ihrer weiblichen Wärme viel näher.»

Verstehen Sie nun, daß es für einen Katholiken, der mit diesem Gedanken von sei ner frühesten Jugend an aufgewachsen ist, sehr schwierig ist, sich auf einmal ohne Vermittlung Marias und der «Heiligen» direkt an Jesus zu wenden? In seinem Ge fühlsleben gibt es dann allerhand Kräfte und Gedanken, die ihn davon abhalten wollen: «Ist das denn möglich? Du bist doch viel zu gewöhnlich, viel zu sündig, als




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 daß du meinen könntest, einfach zu ihm beten zu dürfen, um dein Herz vor ihm aus zuschütten.»
Allein durch Gnade?
- Der Katholik hat immer zu hören bekommen, daß man einiges zu leisten hat, will man Teilhaber an der ewigen Herrlichkeit im Himmel werden. Zunächst negativ: «Du mußt Gottes Gebote - jedenfalls, was die wesentlichen Punkte betrifft - einhalten; und wenn du doch ein Gebot Gottes auf entscheidende Weise übertreten hast, dann bist du für ewig verloren, es sei denn...» Aber auch das «es sei denn» ist wieder eine Leistung, ein Werk, das der Mensch selbst verrichten muß. Wenn er sich überwindet, seine schweren Übertretungen von Gottes Geboten einem Priester zu beichten, dann kann er dadurch die Vergebung jener Sünden empfangen. Aber er muß dann wohl dafür sorgen, daß er sich fest vornimmt (also wieder ein eigenes Werk), diese Sünde nie mehr zu tun.


Dann auch positiv: In dem Maße, in dem er die Gebote vollkommen erfüllt, wird er sich auch für den Himmel eine höhere Stufe verdienen. Und wenn er sich auf hel denhafte Weise in die Tugenden eingeübt hat, hat er sogar die Chance, daß er nach seinem Tode heiliggesprochen wird. Dann wird sein Bild beweihräuchert und mit Blumen geschmückt. Die Menschen zünden ihm Kerzen an und beten zu ihm.

Dem Katholiken wird nahegelegt, die sicherste Art, die ewige Seligkeit zu erlangen, sei, ins Kloster einzutreten und die drei Gelübde, Armut, Keuschheit (Zölibat) und Gehorsam abzulegen.

So werden den Menschen Lasten über Lasten aufgebürdet. Nur das «Tun» ist es, was zählt. Viele werden dadurch mutlos. Sie seufzen oder sie fluchen darunter. An dere stürzen sich, durch die Lasten bedingt, in Gelüste. «Wenn ich schon nach meinem Tode verloren gehe, möchte ich auf Erden alles auskosten», so denken sie. Nur einige Große, die eine gewaltige Willenskraft besitzen, halten durch. Manchmal überkommt sie aber auch die Angst und der Abscheu, wenn das Unterbewußtsein an die Oberfläche tritt und ihnen zuflüstert: «Mache dir doch nichts vor. Bei all deinem Trachten nach Vollkommenheit dreht es sich tief in deinem Innersten doch um dich selbst. Du strebst eigentlich nur nach Vorteilen, wenn schon nicht für hier, dann doch sicher für die Ewigkeit.» Seiber habe ich diese Stimme oft in mir gehört, wenn ich aufrichtig nach der Voll kommenheit trachtete. Dann versuchte ich, mich zu der reinsten Liebe hochzuarbeiten. Ich versuchte dann, Gott um seinetwillen zu lieben, ohne die heimliche Nebenabsicht, dadurch auch selber glücklich werden zu wollen. Ich wollte mich ganz in dem Eifer für sein Königreich verzehren. Ich wollte mich für ihn ganz in einer im merwährenden Anbetung versenken. Und aus ihm heraus wolite ich so auch den Nächsten lieben. Aber immer wieder fiel ich auf mich selbst zurück. Gerade durch diese große Anspannung wurde ich nervös und reizbar. Dann konnte ich auf einmal einen Klosterbruder anschreien, der mir im Wege war.

Dann war es, als sei ich von dem Berg der Vollkommenheit, den ich schon ein ganzes Stück hinaufgeklettert war, auf einmal hinuntergerollt, so daß ich wieder ganz von neuem anfangen muß te. Als ich dann in der Methodistengemeinde von Rio de Janeiro das Evangelium der iauteren Gnade hörte, war das am Anfang unannehmbar für mich. Ich hatte Gott immer mit krampfhaft angespannten Händen gegenübergestanden, bereit, mich auf seinen Befehl bis zum äußersten einzusetzen. Und nun bekam ich plötziich zu


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 hören: «Diese Haltung ist ganz verkehrt. Du mußt vielmehr deine Hände öffnen, um sie mit Gottes Gaben füllen zu lassen.»

So wie Paulus mußte ich alles in mir, woran ich so sehr gehangen hatte, abbrechen lassen. Paulus hatte sich früher auch mit aller Kraft dem «Tun» hingegeben. Er dachte, daß der heilige Gott Gefallen an seiner Rechtschaffenheit, seiner Heiligkeit, seiner Frömmigkeit habe. Aber er hatte eingesehen, daß all seine vermeintliche Vorzüglichkeit in seinem Innersten nur Schein war. Und dann kam er dazu, all diese Schein-Rechtschaffenheit, Scheinheiligkeit und die Scheinfrömmigkeit als Dreck zu betrachten. Er wollte sich auf keinerlei Weise mehr darauf verlassen. Gott hatte ihm gezeigt, daß es nur eine Gerechtigkeit gibt, an der er Wohlgefallen haben kann, nämlich die Gerechtigkeit seines eigenen Soh nes Jesus Christus. Jede eigene Gerechtigkeit, die ein Mensch vor Gott errichten will, ist für ihn, den Heiligen und Vollkommenen, ein Greuel. Sie verstehen so viel leicht etwas besser, daß das Evangelium vollkommen im Widerspruch steht mit der penkweise des natürlichen Menschen, mit seinem Selbstbewußtsein. Es muß für ihn die größte Beleidigung sein, wenn er merkt, daß Gott all diese vermeintlichen guten Werke, all diese Frömmigkeit, all die Selbstkasteiung und Selbstaufgabe im Kloster einfach so vom Tisch, besser gesagt, von seinem Altar wischt: «Weg damit! Wie kannst du es wagen, mir solche mit deinem sündigen Ich beschmutzten Gaben anzubieten? Wie kannst du so anmaßend sein, zu denken, daß ich, der Vollkomme ne, daran Wohlgefallen hätte und mich darüber freuen würde?»

Allein durch Glauben?

- Eine erste Schwierigkeit für einen Katholiken ist, daß ihm immer beigebracht wurde: «Glauben ist das Annehmen der Wahrheiten, die Gott offenbart hat und die er durch seine Kirche (= die katholische Kirche) vor Augen führen läßt, damit sie geglaubt werden.» Er hat also keine Ahnung von dem biblischen Begriff «Glauben». Darum begreift er auch nicht, was die reformatorischen Christen meinen, wenn sie sagen, daß der Mensch durch Glauben allein selig wird Ihre Reaktion ist dann ganz sicher: «Das ist aber einfach. Wenn man sich des ewi gen Lebens schon allein dadurch sicher sein kann, daß man die Wahrheiten an nimmt, die Gott offenbart hat, dann kann man doch drauflos leben, wie man will. Nein, das kann nicht sein!» Sie werden also zuerst erklären müssen, was die Bibel mit dem Wort «Glauben» meint, nämlich, daß es nicht ein Annehmen von etwas ist, sondern das Annehmen von jemandem, von Jesus Christus, der lebendigen Wahr heit, dem Weg zum Vater (Joh 1,12; 14, 6).

Weiter werden Sie ihm deutlich machen müssen, daß «Christus annehmen» eine vertrauensvolle Ubergabe an ihn ist. Dieser Begriff ist ihnen total unbekannt. Wohl kennen sie «de akte en de deugd van hoop» (= «Das Erwecken des Aktes und der Tugend der Hoffnung»). Die letzte holländische Version der «oefening van hoop» («Einübung in die Hoffnung»), gebilligt durch die Bischöfe, lautet: «Unendlich gu
ter Gott, ich hoffe, durch die Verdienste Jesu Christi die ewige Seligkeit zu erlangen und alle Gnaden, die ich dazu brauche. Das hoffe ich mit einem festen Ver rauen, weil du es versprochen hast, der du allmächtig bist, unendlich gut zu uns und treu in deinen Verheißungen. Herr, stärke meine Hoffnung»  (9) Ein Protestant, der dies liest, wird vielleicht denken, daß es keinen Unterschied




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9 «Oefening van hoop», in; «Gude Katechismus». Haarlem: St. Jacobs-Godshuis 1948, S. 6.





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zwischen Rom und Reformation gibt. Wenn er ein bißchen nachdenkt, wird er zu dem Schluß kommen, daß dieses ein Irrtum sein muß. Denn wenn Rom das «feste Vertrauen» in dem Sinn verstünde wie die Reformation, dann wäre ja die Beichte als notwendiges Mittel zur Seligkeit für den, der eine schwere Sünde begangen hat, nicht nötig.

Wissen Sie, wie dieser Unterschied, auch in diesem Gebet, zum Ausdruck kommt? Dadurch, daß dort steht:«... ich hoffe... die ewige Seligkeit zu erlangen und alle Gnaden, die ich dazu brauche». Mit «Gnade» meint Rom nicht etwas außerhalb des Menschen - wie wir schon sahen - sondern etwas innerhalb des Menschen, nämlich die Kraft, Gottes Gebote so auszuführen, daß er dadurch wahrlich das ewi ge Leben verdienen kann. So hat es auch das Konzil von Trient in der 6. Sitzung formuliert:

«Wenn Jemand sagt,... der Gerechtfertigte verdiene durch die guten Werke... nicht wahrhaft... die wirkliche Erlangung des ewigen Lebens... - der sei im Banne.» (Über die Rechtfertigung, Canon 32^  10   .

Wir werden also einem Katholiken deutlich machen müssen, daß der Mensch das ewige Leben einzig und allein wegen seines Vertrauens auf Christus empfängt. Gott verlangt nicht mehr als das Vertrauen auf seinen Sohn.

Wir verdienen durch dieses Vertrauen das ewige Leben nicht, jedenfalls nicht in der eigentlichen Bedeutung des Wortes «verdienen». Das kann nicht sein, denn man braucht nichts dazuzutun. Das ewige Leben ist und bleibt ein vollkommen unver dientes Geschenk Gottes. Er will es uns nur deshalb schenken, weil sein Sohn es für uns erworben hat. Gott tut es jedoch nur für diejenigen, die in keinerlei Weise mehr etwas von sich sel ber, von eigenen guten und frommen Leistungen, sondern alles allein und ganz und gar von Jesus Christus und seiner Gerechtigkeit erwarten. Wir lesen wohl in der Bi bel, daß dieses Glaubensvertrauen von Gott belohnt wird. Aber solch ein Lohn hat dann nicht die Bedeutung einer Belohnung aufgrund einer gegenübergestellten gleichwertigen Leistung. Der gläubige Mensch kann sich in bezug auf das ewige Leben auf kein Recht beru fen. Daß er dieses aufgrund seines Glaubens bekommt, geschieht nur deshalb, weil Gott an den Glauben die Verheißung des ewigen Lebens gebunden hat. Wir dürfen den Glauben auch nicht sehen als ein «Sein-Bestes-Tun». Es geht nicht folgendermaßen: «Wir tun unser Bestes (durch unseren Glauben), und Gott tut den Rest.»


Jemand, der nicht glaubt, verdient es auf doppelte Weise, von Gott verworfen zu werden:
1. wegen seiner sündigen Taten und seiner sündigen Natur;
2. weil er die Chance, von Gott gerettet zu werden, hat vorübergehen lassen.

 Wenn ein Ungläubiger nach seinem Tode vor Gott erscheinen muß und dann das ewige Todesurteil zu hören bekommt, dann gilt auch auf doppelte Weise: «Böser Tat folgt böser Lohn.» Wenn jedoch jemand zum Glauben an Christus gekommen ist und ganz der Verheißung vertraut hat: «Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben» (Joh 6,47), der «verdient» es auch, daß sein Vertrauen belohnt wird. In diesem Sinne



10  Zitiert nach; «Des heiligen ökumenischen Concils von Trient Canonen und Decrete in neuer deutscher Übersetzung ...», Hrsg. Franz Seraphim Petz. Passau: Joseph Bucher 1877, S. 54f. - Diese Ausgabe gibt die Worte «anathema sit», d. h. «der sei verdammt», jeweils mit der sehr milden Wendung «der sei im Banne» wieder. (Red.)



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spricht die Bibel über Lohn: «Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, zu ge ben einem jeglichen, wie sein Werk ist» (Offb 22,12). Aber was ist jenes Werk, das vergolten wird? «Das ist Gottes Werk, daß ihr an den glaubet, den er gesandt hat» (Joh 6,29).

Das Konzil von Trient hat jedoch über diejenigen die Verfluchung aus gesprochen, die nicht bekennen wollen, daß der Mensch «durch die guten Wer ke... wahrhaft das ewige Leben ..., (verdiene)» (vere mererl; Über die Recht fertigung, Canon 32)  11

Im Vorhergehenden habe ich ein wenig die theologischen Linien um das biblische Verständnis von «glauben», «verdienen» und «belohnen» aufgezeigt. Aber im Ge spräch mit einem Katholiken ist es besser, nicht davon anzufangen. Sie müssen versuchen, ihm die Wärme und die Fülle des festen Vertrauens auf Christus zu ver mitteln, und das kann natürlich nur jemand, der dieses feste Vertrauen auch selber erlebt. Dazu wird es nötig sein, daß Sie ihm erst schildern, wer derjenige ist, an den wir glauben dürfen - Jesus Christus. Legen Sie ihm dar, daß er der ewige Sohn Gottes ist, das Abbild seines Wesens, der Abglanz seiner Herrlichkeit, vollkommen Gott gleich.



Stellen Sie ihn dann in seiner Liebe dar, seiner sich herablassenden Güte, die in sei ner Menschwerdung sichtbar geworden ist, in der Niedrigkeit seiner Geburt in Bethlehem, in seiner Geduld, in dem Interesse, das er jedem bekundet, in der hel fenden, heilenden Hand, die er den Kranken und Schwankenden gereicht hat, in seinem Mitleid und seiner Liebe denen gegenüber, die am Rande der Gesellschaft stehen, den Prostituierten und denjenigen, die sich Notsituationen zunutze ma chen (die Zöllner).


Laden Sie ihn dann ein, ein wenig im Garten Gethsemane zu verweilen, und neh men Sie ihn dann mit nach Golgatha. Zeigen Sie ihm den Gekreuzigten in seinem entsetziichen körperlichen Leiden und in seiner Gott-Veriassenheit. Lassen Sie ihn seine Kreuzesworte hören.
So tat es Paulus: «O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?» (Gal 3,1.) «Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns» (Röm 8,34). Und in 1. Kor 15 beschreibt Paulus die wesentliche Bedeutung der Auferstehung Christi.

Und wenn Sie Christus von der Bibel her und mit der Glut Ihrer eigenen Liebe für ihn beschrieben haben, ihn, der allen Glaubens und allen Vertrauens wert ist, müssen Sie danach erklären, was dieses gläubige Vertrauen ist. Dieses Vertrauen in Christus ist ein Ruhen in ihm. Man weiß sich vollkommen si cher und in ihm geborgen, man weiß sich eins mit ihm. Durch dieses große Ver trauen ist es, als würde man in ihn versetzt. Man wird dann in ihm leben, und er lebt in einem: «Bleibet in mir und ich in euch» (Joh 15,4). Man wird dann auch durch ihn eins mit dem himmlischen Vater: «Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, daß sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf daß sie vollkommen eins seien» (Joh 17, 22.23). Man lebt dann vor seinen Augen als ein begnadigter Sünder, der ein Kind Gottes geworden ist. Das Leben wird dann ein Lobgesang der Dankbarkeit für das Heil, " ebd., S. 55;


11  Hervorhebungen H. J. H.


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das man umsonst bekommen hat. Man jubelt dann «mit unaussprechlicher und herrlicher Freude» (1. Petr 1, 8) in Christus.

 Man hat dann Anteil an dem Reichtum des Königs, der «auch seines eigenen Soh nes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?» (Rom 8,32.) «Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden (= Taten, die übel waren, Übertretungen sei ner Gebote, Sünden), samt Christus lebendig gemacht, denn aus Gnade seid ihr gerettet worden. Und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus, auf daß er erzeigte in den kommenden Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus» (Eph 2,4-7).

Ein anderer biblischer Begriff, der den Katholiken völlig unbekannt ist, ist der Be griff «Anrechnung» (lat.: imputatio - griech.: logizomai).

Ich habe darüber im 4. Kapitel meines Buches: «Wat is geloven?» (= «Was ist glau ben?») ausführlich geschrieben. Ich habe diesem Kapitel den Titel gegeben: «Dein Heil ist gesetzlich festgelegt. 11a
 Ich möchte es hier kurz wiedergeben: Die Bibel beschreibt einen göttlichen Gerichtshof. Der Vater( ?????????)  ist der Richter. Der Sohn ist der Rechtsanwalt. Der Heilige Geist ist der Staatsanwalt, der die Welt von der Sünde überführt (Joh 16.8). Jesus sagt zu seinen Jüngern, daß dieser Heilige Geist der Welt gegenüber den überzeu genden Beweis liefern wird «über die Sünde: daß sie nicht glauben an mich; über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht sehet; über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist» (Joh 16,9-11).
Da steht ein Sünder vor dem göttlichen Richter. Der Vater   ???  muß ihn nach dem Gesetz, das er selbst erlassen hat, zum ewigen Tode verurteilen. Aber dann findet die Verteidigungsrede des Sohnes statt.

 Er anerkennt völlig die Schuld dieses Sünders und die Richtigkeit des Todesurteils. Wenn man das den Sohn so zugeben hört, dann befremdet es einen sehr: Ist das nun ein Rechtsanwalt?! Aber vielleicht denkt der Zuhörer: «Dieser Rechtsanwalt wird nun sicher so viele mildernde Umstände anführen, daß die Strafe umgewan delt wird. Vielleicht erwähnt er, daß dieser Sünder nicht zurechnungsfähig war. Er konnte nicht anders als sündigen. Er wurde bereits mit einer total verdorbenen Natur geboren.»

Der Prozess nimmt jedoch piötzlich eine ganz andere Wendung. Dieser Rechtsanwalt sagt nämlich: «Und dennoch plädiere ich für einen völligen Freispruch; denn ich habe seine Schuld auf mich genommen, und ich habe als Lamm Gottes seine Sünde weggenommen. Rechne ihm nun meine Gerechtigkeit, meinen absoluten Gehorsam zu.» Und auch der Heilige Geist unterstützt dieses Plädoyer Christi, des Rechtsanwal tes. Er sagt: «Der Welt gegenüber, die Christus haßt, habe ich den überzeugenden Beweis geliefert, daß Jesus der von dir Gesandte ist, dadurch, daß ich ihn ab Pfing sten verherrlicht habe. Aber diesen Sünder habe ich außerdem persönlich von sei ner Sünde überführt. Er ist durch mein Zeugnis zum Zerbruch gekommen. Aber ich





11a H. J. Hegger. «Wat is geloven?». Velp: Stichting «In de Rechte Straat» 1980, S. 55 ff.





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 habe ihm auch durch dein Wort gezeigt, daß du ihm die Gerechtigkeit Christi durch den Weg des Glaubens anrechnen möchtest. So ist er auch zum Glauben gekom men. Und so kannst du nicht anders, als mein, unser Zeugnis wahrmachen, indem du ihn freisprichst und ihm das ewige Leben schenkst.»


 Man denke nun aber nicht, daß der Sohn und der Hellige Geist ihr Plädoyer einem Vater gegenüber führen müßten, der eigentlich lieber eine Verurteilung möchte. «Und ich (Jesus) sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubet, daß ich von Gott aus gegangen bin» (Joh 16,26.27). Der Plan, uns auf diese Weise - durch die Anrechnung der Gerechtigkeit des Soh nes - zu erretten, ist vom Vater ausgegangen: «Denn also hat Gott die Welt ge liebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben» (Joh 3,16).

Es wird wichtig sein, Ihren Zuhörern danach zu zeigen, wie wir das Heiligungsleben verstehen. Es sei hier kurz skizziert:

 1. Wir werden es auf dieser Erde nie weiter bringen, als wir jetzt in unserem Stand als Sünder sind; als Gottloser, der umsonst, d. h. geschenkweise durch die An rechnung der Gerechtigkeit Christi gerechtfertigt wird. Nie werden wir imstande sein, uns aufgrund von etwas in uns, auch nicht aufgrund unseres frommen und biederen Lebens, Gpttes Wohlgefallen zuzuziehen. Der Grund dafür ist, daß auch unsere besten Werke dennoch durch die Äußerungen unserer Ich-Sucht, unserer Sünde, befleckt sind. Bis zu unserem letzten Atemzug können wir nur aus Gnaden leben aufgrund eines Wohlgefallens, das Gott an Christus hat, aufgrund seiner Ge rechtigkeit, derer wir allein durch den Weg des Giaubens teilhaftig werden.

2. Diese demütige Selbsterkenntnis ist die Basis eines Heiligungslebens, denn die Wurzel allen Übels ist der Hochmut, das sündige Selbstbewußtsein.

3. Durch diese Glaubenshaltung der absoluten Abhängigkeit von Christus werden wir ganz eng mit ihm verbunden. Er wird dadurch in uns leben und wir in ihm. Das ist der geheimnisvolle Bund mit Christus. Dieser Bund geschieht jedoch durch das Wort: «Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben...»(Joh 15,7). Es ist also keine physische Verschmelzung zwischen Christus und dem Gläubigen.

Die Einheit vollzieht sich nur durch das Wort Gottes, wenn der Heilige Geist durch das Wort Christus in uns verherrlicht. Diese Einheit mit Christus ist die Ursache des Heiligungslebens: «Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht» (Joh 15,5b). Und was diese Frucht ist, wird weiter in Gal 5,22 beschrieben. Die Einheit wird also nicht durch ein «Sakrament» bewirkt, so wie Rom es lehrt, sondern durch das Wort. Darum ist es lebenswichtig für einen Gläubigen, sich immer wieder in die Heilige Schrift zu vertiefen.

 Ich werde nun die wichtigsten Lehrsätze des Konzils von Trient (6. Sitzung, 1547)
 «Über die Rechtfertigung» anführen  12  denen die katholische Kirche auf die Wie derentdeckung des Evangeliums durch Luther geantwortet hat. Solange diese Ver fluchungen aufrecht bleiben, kann keine Rede sein von einer wahrhaften Oekumene mit Rom.
Eine solche Oekumene kann nur ein Theaterspiel, eine Lüge sein.


12 ebd.. S. 49-55.


Der römische Katholizismus ..........................................45


Achtung: Hoegger hat die Irrlehre Luthers  vom Unfreien Willen!

Canon 4.
Wenn Jemand sagt, daß der von Gott geweckte und angeregte freie Wille des Menschen nichts mitwirke durch Zustimmung zu dieser Weckung und Rufung Gottes, um sich zu disponiren und vorzubereiten zur Erlangung der Gnade der Rechtfertigung: - ferner, daß er seine Zustimmung gar nicht versagen könne, auch wenn er wollte; sondern daß er wie eine leblose Sache gar nichts dabei thue, und sich lediglich passiv verhalte, - der sei im Banne.

Canon 10.
Wenn Jemand sagt, daß die Menschen ohne die Gerechtigkeit Christi, durch welche er für uns verdient hat, gerechtfertigt werden, oder: daß sie durch Christi Gerechtigkeit schon for mell gerecht seien, der sei im Banne.

Canon 11.
 
Wenn Jemand sagt, daß der Mensch gerechtfertigt werde entweder einzig und allein durch Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, oder einzig und allein durch die Nachlassung der Sün den mit Ausschluß der Gnade und der Liebe, welche durch den heiligen Geist in die Herzen eingegossen wird und ihnen innewohnt; oder auch: die Gnade, durch weiche wir gerechtfer tigt werden, sei nichts, als ein Wohlwollen Gottes, - der sei im Banne.

Canon 12.
Wenn Jemand sagt, der rechtfertigende Glaube sei nichts Anderes, als ein zuversichtliches Vertrauen auf die wegen Christus unsere Sünden nachlassende Barmherzigkeit Gottes; - oder diese Zuversicht allein sei es, wodurch wir gerechtfertigt werden, - der sei im Banne.

Canon 13.
 Wenn Jemand sagt, für jeden Menschen sei es, um die Nachiassung der Sünden zu erlangen, nothwendig, daß er fest, und ohne einen Zweifel wegen der eigenen Schwachheit und man gelhaften Disposition zu haben, glaube, die Sünden seien ihm nachgelassen, - der sei im Banne.

Canon 14.
 Wenn Jemand sagt, der Mensch werde von Sünden frei und gerechtfertigt lediglich durch den festen Glauben, daß er frei und gerechtfertigt werde; oder: es sei Niemand wahrhaft gerecht fertigt, als nur derjenige, welcher glaube, daß er gerechtfertigt sei, und es werde einzig und aliein durch diesen Glauben die Befreiung von der Sünde und die Rechtfertigung bewirkt, - der sei im Banne.

Canon 23
. Wenn Jemand sagt, der einmal gerechtfertigte Mensch könne femer nicht mehr sündigen und die Gnade verlieren, und es sei demnach derjenige, welcher falle und sündige, nie wahrhaft gerechtfertigt gewesen; oder wenn jemand im Gegentheile sagt, der Mensch könne sein gan zes Leben hindurch alle, auch die läßlichen Sünden vermeiden, ohne von Gott, wie die Kir che von der heiligen Jungfrau annimmt, ein besonderes Privilegium zu haben, - der sei im Banne.

Canon 24.
 Wenn Jemand sagt, daß die empfangene Gerechtigkeit nicht bewahrt und auch nicht ver mehrt werde vor Gott durch gute Werke, sondern daß die guten Werke eben nur eine Frucht und ein Zeichen der erlangten Gerechtigkeit, nicht aber ein Mittel seien, dieselbe zu vermeh ren, - der sei im Banne.

Canon 28.
 Wenn Jemand sagt, daß, wenn die Gnade durch die Sünde verloren werde, immer zugleich auch der Glaube verloren gehe; oder: daß der Glaube, welcher bleibt, nebstdem, daß er kein lebendiger, auch kein wahrer Glaube sei; oder: daß derjenige kein Christ sei, der den Glauben habe ohne die Liebe, - der sei im Banne.

Canon 32.

 Wenn Jemand sagt, die guten Werke des gerechtfertigten Menschen seien in dem Grade Ge schenke Gottes, daß sie nicht auch die eigenen guten Verdienste des Gerechtfertigten selbst




46 ..............................H.J. Hegger
sind; oder: der Gerechtfertigte verdiene durch die guten Werke, \«elche von ihm vermöge der Gnade Gottes und des Verdienstes Christi, dessen lebendiges Glied er ist, gewirkt werden, nicht wahrhaft eine Mehrung der Gnade, das ewige Leben, und, wofern er im Stande der Gna de stirbt, die wirkliche Erlangung des ewigen Lebens, und selbst auch eine Mehrung seiner Merriichkeit, - der sei im Banne.
 Canon 33.
 Wenn Jemand sagt, durch diese katholische Lehre von der Rechtfertigung, wie sie der heilige Kirchenrath im gegenwärtigen Beschlüsse ausgesprochen hat, werde irgendwie der Ehre Gottes oder den Verdiensten unsers Herrn Jesu Christi Eintrag gethan, und nicht vielmehr die Wahrheit unsers Glaubens sowie Gottes und Jesu Christi Ehre in das helle Licht gestellt - der sei im Banne.


IV. Bekomme ich die Gnade Gottes durch
Heillgenverehrung und Sakramente?

 Well Rom lehrt, daß der Mensch, sobald er gerechtfertigt worden Ist, das ewige Le ben wahrlich verdient, folgt daraus, daß Menschen, die sehr heilig gelebt haben. In besonderer Welse bei Gott In Gunst stehen. Somit Ist es nur klug, Ihre Vermittlung bei Gott zu suchen. So entsteht die Lehre über die Heiligenverehrung. Zwar haben viele Gläubige ei nen Mangel an guten Werken, und sie werden deswegen nach diesem Leben eine Strafe (Im Fegefeuer) absitzen müssen - da aber die Heiligen mehr gute Werke ge tan haben als für den bloßen Erlaß der eigenen Strafen nötig waren, gibt es - nach der Lehre Roms - die Möglichkeit des Ablasses. Rom sieht die Gnade als etwas, das Im Menschen selber Ist. Daraus folgt, daß die Gnade Im Menschen mittels heiliger Handlungen, der Sakramente, durch Vermitt lung eines Priesters übermittelt werden kann.

 A. Die Heiligenverehrung
1. Allgemeines zur Heiligenverehrung

Das Konzil von Trient lehrte:«... daß die mit Christus herrschenden Heiligen Gott Ihre Bitten für die Menschen darbringen: daß es gut und nützlich Ist, sie demüthig anzurufen und um Ihre Bitten, Ihren Beistand und Ihre Hilfe an sie sich zu wenden, um von Gott durch seinen Sohn Jesum Christum unsern Herrn, der allein unser Erlöser und Hellbringer Ist, Wohlthaten zu erlangen; daß hingegen gottlos Ist die Mei nung derjenigen, welche behaupten, daß man die eine ewige Glückseligkeit Im Hlmmel genießenden Heiligen nicht anrufen dürfe, oder daß sie für die Menschen nicht bitten, oder daß es Götzendienst sei, sie, damit sie auch für jeden Einzelnen aus uns Ihre Fürbitte einlegen, anzurufen; oder daß dieses Im Widerstrelt stehe mit dem Worte Gottes, und daß es die Ehre des alleinigen Mittlers zwischen Gott und den Menschen unsers Herrn Jesu Christi, beeinträchtige; oder daß es thöricht sei, die Im Himmel Herrschenden mit dem Munde oder Im Herzen anzuflehen.» (25. Sit zung; Von der Anrufung, Verehrung der Reliquien der Heiligen und von den helllqen Bildern.) 13

13 ebd., S. 333.

Der römische Katholizismus ........................47
 Einwände von der Schrift her

1. In Jes 63,7-19 steht ein Gebet um Erlösung. In diesem Gebet wird eine Vermittlung durch Abraham und Israel (= Jakob) abgelehnt mit der Begründung, daß sie uns nicht kennen: «Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater;,Unser Erlöser', das ist von alters her dein Name» (V. 16).

 Selbstverständlich wußte Jesaja, daß Abraham, als er noch auf Erden lebte, wohl beim Herrn Fürsprache einlegte, z.B. für die Rettung von Sodom und Gomorra, und daß der Herr auch bereit war, diese Städte zu verschonen, sogar, wenn es bloß zehn Gerechte in ihnen gegeben hätte (Gen 18,23-33). Jesaja macht also klar, daß Abraham, einmal gestorben, nicht mehr zwischen beide kommen kann, oder daß es zumindest nicht richtig ist, daß wir zu ihm beten, um ihn zu bewegen, seinen Einfiuß bei Gott anzuwenden, damit Gott uns helfe.

 2. Auch im gesamten Neuen Testament finden wir gar keinen Hinweis oder gar Ansporn, daß wir verstorbene Gläubige anrufen solien. Stephanus und Jakobus sind schon sehr früh den Märtyrertod gestorben. Trotzdem steht an keiner Stelle: «Heili ger Stephanus oder Sankt Jakobus, bete für uns.» Johannes nahm Maria in sein Haus auf, und sicherlich ist sie früher gestorben als Johannes. Trotzdem finden wir weder in seinem Evangelium noch in seinen Briefen oder auch in der Offenbarung ein Stoßgebet: «Heilige Maria, bete für uns.» Wie kommt nun das Konzil von Trient dazu, nach so vielen Jahrhunderten diejeni gen. die aufgrund der Schrift die Überzeugung haben, daß sie keine verstorbenen Gläubigen anrufen sollen, als gottlos Denkende zu verurteilen? Die Schrift muß unser Maßstab sein für unser ganzes Leben, besonders auch für unser Gebetsleben. Und die Schrift verurteilt eine «selbsterwählte (eigenwillige) Frömmigkeit» {ethelothreskia. Kol 2,23). Die ganze Heiligenverehrung ist aufge baut auf die Phantasie von Menschen, die selber eine solche Frömmigkeit für sich und für die Masse wollten.

3. Die Verehrung von Engeln wird in der Schrift ausdrücklich verboten. «Lasset euch niemand das Ziel verrücken, der sich gefällt in falscher Demut und Verehrung der Engel und sich mit seinen Gesichten rühmt und ist ohne Ursache aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn» (Kol 2,18). Auch hier ist von threskeiad\e Rede, was ge mäß Apg 26,5 und Jak 1, 26. 27 als Art der Gottesverehrung, als Gottesdienst, religiöse Verehrung und Huldigung zu verstehen ist. Das Verehren von Engeln steht also in klarem Widerspruch zum biblischen Gottesdienst, zu der Art und Weise, in der Gott sich dienen lassen will.

 Bilderverehrung - Einwände von der Schrift her

Der heilige Gott hat das Recht, selber zu bestimmen, in welcher Weise er sich die nen lassen will. Nun hat er aber nicht nur verboten, daß wir Engel oder verstorbene Gläubige verehren und sie um ihr Eintreten anrufen, und somit selbstverständlich auch, daß wir ihre Bilder verehren - nein, er hat das Herstellen von Bildern, die reli giöse Verehrung empfangen sollen, überhaupt verboten, also auch das Anfertigen von Bildern von Christus, um sie zu verehren.
Als die Israeliten als Strafe für ihre Sünden von Schlangen bedroht wurden, sagten


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 Sie zu Mose: «Wir haben gesündigt, daß wir wider den HERRN und wider dich gere det haben. Bitte den Herrn, daß er die Schlangen von uns nehme.» Dann antwortet der Herr: «Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben» (vgl. Num 21,4-9).

Es handelt sich hier ganz klar um das Anschauen, nicht um das Verehren der ehernen Schlange. Ferner soll die Schlange Christus darstellen, der uns durch sein Sterben am Kreuzesstamm erlösen würde vom Biß der höllischen Schlange aus dem Paradies, wenn wir ihn im Glauben anschauen würden. Die Juden aber haben später die eherne Schlange mit religiöser Verehrung umgeben. Sie räucherten ihr. Dann kam der fromme König Hiskia, der Reformator Gottes,«... und zerschlug die eherne Schlange, die Mose gemacht hatte. Denn bis zu dieser Zeit hatte ihr Israel geräuchert» (2. Kön 18,4). (Die niederländische röm.kath; Übersetzung hat hier: «Bis auf jenen Tag hatten die Israeliten für sie Opferfeuer angezündet.»)


Jesus hat sich selber mit der ehernen Schlange verglichen: «Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben» (Joh 3,14.15). Wir werden also gerettet durch gläubiges Aufsehen auf den Gekreuzigten -«... der auch auferstanden ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns» (Röm 8,34).

 Es steht also vollkommen im Widerspruch zur Schrift, wenn man Christus, an ei nem Kreuz hängend, verehren und beweihräuchern will. Eine solche Praxis wird ausdrücklich verurteilt in 2. Kön 18,4, aber deutlicher noch im Neuen Testament durch Jesus selbst, der zur Samariterin sagt: «Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit» (Joh 4,23).

 Fegefeuer

 Rom lehrt, daß das ewige Leben aufgrund guter Werke verdient werden muß. Dar um muß der Mensch selber, wenn den Werken geringe (läßliche) Sünden anhaften, die Strafe dafür abbüßen - entweder im jetzigen Leben durch geduldig zu tragen des Leiden, oder nach dem Tod im Fegefeuer.

Einwände von der Schrift her

 1. Dies widerspricht Röm 8,32: «... welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?» - Nein, sagt Rom, den Straferlaß für läßliche Sünden schenkt er uns nicht mit seinem Sohn.

 2. Jesaja sagt: «Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten» (Jes 53,5). - Nein, sagt Rom, nicht die Strafe, sondern nur eine Strafe, nämlich die Strafe für die Todsünden; die Strafe für läßliche Sünden liegt auf uns.

3. Im selben Vers steht: «Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen.» Wäre aber der Vater wirklich gerecht, wenn er für eine Sünde zweimal eine Strafe erteilen würde: einmal an seinen Sohn, und dann ein zweites Mal (vielleicht etwas milder) an uns?

Der römische Katholizismus  .................................. 49


Der abgebildete Text findet sich in dieser Form über der Eingangstür zu einer Kapelle im Schweizer Kanton Schwyz (hinter der Kathedrale von Schwyz). Man beachte die Aktualisie rung des Ablass verheißenden Textes durch die Ergänzung der Jahreszahl 1984

 Ablaß
Da der Mensch (nach der Lehre Roms) bei Gott mittels guter Werke Verdienste an sammeln kann, ist es möglich, daß manche Heiligen durch ihre Buße nicht nur ihre eigenen Sündenschulden begleichen, sondern sogar noch Verdienste übrighaben.

Rom lehrt nun, daß solcher Verdienstüberfluß der Heiligen in den «Thesaurus Ecclesiae», In die «Schatzkammer der Kirche» kommt. Der Papst kann als eine Art geistlicher Finanzminister darüber verfügen. Er darf Ablässe ausstellen, die man vergleichen könnte mit geistlichen Banknoten. Ihr Wert wird gedeckt durch den Verdienstüberschuß der Heiligen, der von Gott in der «Schatzkammer der Kirche» deponiert wurde.

Dieser Ablaß besteht in einem (kleinen) Gebet, manchmal In Verbindung mit obliga torischem Kirchenbesuch (solcher auf jeden Fall, wenn es sich um den Ablaß des sog. «Heiligen Jahres» handelt). Ein voller Ablaß schenkt den vollen, ein Teilablaß teilweisen Erlaß der Strafen des Fegefeuers.

Einwände von der Schrift her

1. Die Lehre des Verdienstüberflusses widerspricht den Worten Jesu: «Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren» (Lk 17,10).

 2. Jesus sagte: «,Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte' (5. Mose 6, 5). Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ,Du sollst deinen Nächsten lie ben wie dich selbst' (3. Mose 19,18).» (Mt 22, 37-39). Könnte jemand je mehr tun als dieses? Nun, auch wenn ein Mensch dieses Gebot vollkommen erfüllt hätte, so hätte er damit nur seine Pflicht erfüllt. Er kann auf grund dieses Erfültens nicht einmal einen Anspruch auf Lohn geltend machen. Gott hat das Recht, uns dieses aufzuerlegen, da wir seine Geschöpfe sind.

50



Das oben Abgeildete Kruzifix (1911) steht in der Nähe von St. Pantaleon (Kanton Solothurn/Schweiz). Unterhalb der Füße Jesus finden sich folgende Worte in Stein gemeißelt: «Wer hier nach der Meinung der hl. kath. Kirche 3 Vater unser 3 Ave Maria u. den Glauben betet erhält 40 Tag Ablass.»

===


3.
In der gesamten Schrift finden wir überhaupt keine Spur einer solchen «Schatz kammer» aus dem Verdienst(überfluß) gläubiger Menschen. Dieses ist ganz und gar eine menschliche Erfindung. Ist es nicht fürchterlich, daß die Päpste sich eine solche Macht anmaßen? Die Ablässe sind falsche Banknoten. Sie sind in keiner Weise gedeckt. Und trotzdem hat die Lehre des Ablasses Milliarden eingebracht für die Päpste. Auch im vergangenen «Heiligen Jahr» (1983/84) gab es Millionen Katholiken, die nach Rom reisten, um dort durch den Besuch der vier dazu be stimmten Kirchen den vollen Ablaß zu verdienen und so, wenigstens indirekt, zu helfen, die finanzielle Schatzkammer des Vatikans zu füllen.


4. Der Ablaß wurde Grund der Kirchenspaltung in Europa und in der ganzen Welt. Trotzdem beharren die Päpste auf diesem Irrweg.

5. Wenn der Papst über die Macht verfügt, mittels Ablässen die jetzt im Fegefeuer brennenden Seelen daraus zu erlösen, warum schenkt er dann nur Teilablässe und nur ab und zu einen vollen Ablaß? Wenn einer weiß, daß ein Mensch am Verbrennen ist, warum läßt er ihn auch nur eine Sekunde länger Pein leiden?

Warum läßt er die Leute nach Rom reisen, um dort einen vollen Ablaß zu verdienen?
Warum solch eine Verzögerung, während - nach der Lehre Roms - die Seelen in den Flammen des Fegefeuers schreien?


Der römische Katholizismus ........................51

6. Die Gnade Christi und die Vergebung unserer Schuld gegenüber Gott wird auf diese Weise zum Handelsobjekt degradiert. Wo bleibt so das tief-persöniiche Verhältnis zu Gott, zu dem uns die Bibel auffordert? Wie weit ist doch diese ganze Lehre mit ihrer Praxis entfernt von der strahlenden Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus offenbart wird! Wie ganz anders zeichnet uns Christus seinen himmli schen Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15)1



 2. Die Marlenverehrung

Unter den Heiligen hat Maria - so behauptet Rom - eine ganz besondere Stellung inne. Darum behandeln wir hier die Marienverehrung gesondert.

 a) Die Gründe für die Marienverehrung

Der erste Grund: Ihre Liebes-Macht über Jesus als die einer Mutter ihrem Sohn gegenüber Man argumentiert: Ein rechter Sohn wird seiner Mutter alles geben, was sie ver langt, sofern es in seiner Macht steht. Nun, Jesus - als braver Sohn der Maria - kann ihr alles geben, was sie verlangt. Somit ist Maria Mittlerin aller Gnaden. Wenn wir sie um Gunsterweise bitten, wird sie dafür bei ihrem Sohn anklopfen, und die ser wird ihr nichts verweigern. Darum können wir Maria auch die «omnipotentia supplex», die «flehende Allmacht», nennen.


Einwände von der Schrift her
1
. In der Schrift lesen wir an keiner Stelle, daß ein Sohn verpflichtet ist, seiner Mut ter alles zu geben, was sie verlangt, sofern es ihm möglich ist. Ganz im Gegenteil, die Schrift lehrt, daß ein erwachsener Sohn selbständig werden und sein eigenes Leben führen soll, mit eigener Berufung und eigenen Verpflichtungen. Das lesen wir schon im Schöpfungsbericht: «Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, und seinem Weibe anhangen» (Gen 2,24).

 Nicht nur in der Bibel, sondern auch im alitäglichen Leben finden wir es selbstver ständlich, daß eine Mutter sich in die eigenen Aufgaben ihres erwachsenen Sohnes nicht einmischen darf. Wenn die Mutter eines Ministerpräsidenten sich dauernd in Regierungssachen einmischt und einmal für diesen und dann wieder für jenen Stel lung bezieht, sollte er seine Mutter diesbezüglich ermahnen und ihr klarmachen, daß sich das nicht gehört. So hat auch Jesus seiner Mutter gegenüber schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten gehandelt, nämlich bei der Hochzeit zu Kana, als das Brautpaar in Verlegenheit zu geraten drohte und Maria zu Jesus sagte: «Sie haben keinen Wein mehr» (Joh 2,3). Und Jesus antwortete: «Frau, ist das denn deine Sache?» (Joh 2,4; niederländische röm.-kath. Übersetzung.) ich meine, daß die röm.-kath. Übersetzung hier zu hart ist. Wörtlich heißt es: «Was (ist es) dir und was mir?» Das ist eine vorsichtige Weise, mit der Jesus seiner Mut ter klarmacht, daß sie und er nichts gemeinsam haben, wenn es um sein öffentli ches Auftreten als Heiland der Welt geht. Darin ist sie für ihn ein Mensch wie alle übrigen Menschen auch. Im Reich Gottes gilt die Blutsverwandtschaft nicht. Es heißt doch auch «... daß Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben» (1. Kor 15,50)

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2. Die Schrift gibt uns ein Beispiel dafür, daß Jesus seiner Mutter etwas verweigert hat. Wir lesen in Mt12,46-50, daß seine Mutter und seine Brüder mit ihm sprechen wollten, während er dabei war, das Evangelium einer großen Menschenmenge zu verkündigen. Und dann heißt es; «Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mirtter, und wer sind meine Brüder? Und er reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.»

So hat auch Paulus verkündigt: «Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glau ben an Christus Jesus. Denn wie viele von euch auf Christus getauft sind, die ha ben Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Knecht noch Freier, hier ist nicht Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesus» (Gal 3,26-28). Im Königreich Gottes sind wir «nur» seine Königskinder; es gibt darin keinen Unterschied nach Herkunft. Rasse oder gesellschaftlichem Sta tus.

Die Lehre der Marienverehrung steht vollkommen Im Widerspruch zur bi blischen Lehre

 3
.
Jesus spricht auch nie über die Stunde seiner Mutter, sondern immer nur über seine eigene Stunde. Und aus vielen Stellen geht hervor, daß er den Willen seines Vaters als «seine Stunde» betrachtet und ganz bestimmt nicht den Willen seiner Mutter. So ist es ganz und gar unrichtig, wenn die röm.-kath. Kirche es so darstellt, als habe Jesus das Wunder auf der Hochzeit zu Kana dennoch getan, weil seine Mutter es gerne wollte. Jesus hat gesagt: «Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk» (Joh 4,34). Also nicht: «Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen meiner Mutter.» Der einzige Grund  13A , warum Jesus nachher dennoch das Wunder tat, war, daß ihm inzwischen klar ge worden war, daß es der Wille seines Vaters war.

4
. Jesus hat diese Linie konsequent durchgezogen, indem er seine Mutter während seines öffentlichen Dienstes nie mehr als «Mutter» angesprochen hat - sogar unter dem Kreuze nicht. Jeder hätte vielleicht erwartet, daß er sie beim endgültigen irdischen Abschied noch einmal mit der zarten Anrede «Mutter» ansprechen würde. Aber auch dort heißt es: «Weib, siehe, das ist dein Sohn!» (Joh 19,26.) Und Johannes verstand, daß Jesus damit meinte, daß er fortan für sie sorgen sollte, da zu der Zeit die Brüder und Schwestern Jesu noch nicht zum Glauben an ihn gekommen waren. «Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich» (V. 27). Das ist die In terpretation des Johannes, der die Worte Jesu selber hörte. Es ist also eine völlig willkürliche Schriftauslegung, wenn Rom interpretiert: «Von da an sollten alle Gläu bigen Maria als ihre geistliche Mutter betrachten.»

5.
 In der Kirchengeschichte ist die Sünde des Nepotismus eine bekannte Erscheinung, bei der man Blutsverwandten zu einer wichtigen Stellung verhalf oder sie auf andere Weise begünstigte. Diese Praxis hat dem Glaubensleben der Kirche viel Schaden zugefügt. Wäre dann Jesus nicht selber dieser Sünde verfallen, wenn er seine eigene Mutter als Mittlerin aller Gnaden angestellt hätte, praktisch als eine Art Chefin eines Verteilbüros für geistliche Güter, welche er selber durch sein Le ben, Leiden und Sterben erworben hatte? Könnte Jesus dann noch den Päpsten etwas vorwerfen, die - hauptsächlich im Mittelalter - dafür sorgten, daß die eige nen Verwandten in hohe kirchliche Ämter eingesetzt wurden?


Der römische Katholizismus ................................53

 Den zweiten Grund für die Marienverehrung meint man im Titel zu finden, welchen man Maria zuerkennt: «Mutter Gottes».

 «Maria wird durch Gottes Gnade nach Christus, aber vor alien Engeln und Menschen erhöht, mit Recht, da sie ja die heilige Mutter Gottes ist» (Zweites Vatikani sches Konzil: Dogmatische Konstitution über die Kirche, Art. 66).  14 

Der Ausdruck «Theotokos», der schon früher in den Schriften der Kirchenväter auf getaucht war, wurde auf dem Konzil von Ephesus im Jahre 431 mehr oder weniger kirchlich «geeicht». «Theo» von theos = Gott; «tokos» vom Verb tiktö = auf die Welt bringen, gebären.
Dieses Verbum wird gebraucht in Lk 2,7 «Und sie gebar ihren er sten Sohn...». Auf dem Konzil von Ephesus wollte man den Nestorianerrf  15  gegen über festhalten, daß in Christus nur eine Person ist. Man hat etwa folgendermaßen

----------------
13a Eing andere Argumentation findet sich in der Auslegung von Johannes Calvin zu Joh 2, 4, wo er zugleich zur Marienverehrung Stellung nimmt: «V. 4. Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?

Das ist eine freiere Übersetzung der griechischen Worte, die buchstäblich lauten: Was mir und dir? Man darf sich nicht zu dem Irrtum verführen lassen, als sollte das heißen, wie man häufig gemeint hat: Was liegt mir und dir daran, daß sie keinen Wein mehr haben? Was mir und dir? ist eine ge bräuchliche Redensart, die den in der Übersetzung ausgesprochenen Sinn hat. Daß es Jesu so wenig gleichgiltig ist, wie der Maria, daß sich die Gastgeber in Verlegenheit befinden, sagt er selbst mit den Worten: Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Zweierlei gilt es festzuhalten: Je sus plant schon, was geschehen soll, und will doch in dieser Sache nichts auf den Antrieb der Mut ter hin unternehmen. Eine äußerst wichtige Stelle! Warum venwehrt er seiner Mutter, was er später so oft anderen ganz freundlich erlaubt hat? Ferner: weshalb begnügt er sich nicht mit einer einfa chen Abweisung? Weshalb stellt er die Maria mit anderen Frauen ganz in eine Linie, da er sie nicht einmal «Mutter» anredet? Christus will hiermit ein für allemal erklärt haben, daß es Unrecht ist, des wegen, weil sie seine Mutter ist, ihr eine abergläubische Verehrung zuzuwenden, und was allein Gott zukommt, auf sie zu übertragen. Hätte man sich hieraus zu allen Zeiten die so nötige Lehre genommen, wie es ja leider nicht der Fall ist, so wäre die Mutter unseres Herrn niemals genannt worden: Himmelskönigin, Hoffnung, Leben, Heil der Welt. Durch diese Namen raubt man Christo seine Ehre und überträgt sie auf Maria. Wir wollen wahrlich von der Ehre, welche ihr gebührt, nicht das Mindeste abbrechen. Aber es wird ihr nichts vorenthalten, wenn man sie nicht zur Göttin macht. Im Gegenteil, man tut ihr Unrecht, wenn man ihre heilige Gestalt mit erlogenen Lobsprü chen verunziert und Gotte nimmt, was Gottes ist.

Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Damit deutet er an, daß er seine Zeit bisher nicht gedan kenlos und gleichgültig verbracht hat. Er wird Sorge tragen, sobald die rechte Stunde geschlagen hat. Während er der Mutter zu verstehen gibt, daß sie unzeitig eile, erweckt er zugleich die Hoff nung auf eine Wundertat. Sie hat verstanden, was er ihr sagen will, und drängt ihn nicht noch ein mal. Indem sie die Diener anweist, seinen Befehlen Folge zu leisten, zeigt sie, daß sie von froher Hoffnung beseelt ist. Wir entnehmen aus dieser Geschichte, daß der Herr, wenn er auch uns manchmal warten läßt und mit seiner Hilfe säumt, deswegen nicht ohne Herz für uns ist, sondern vielmehr sein Tun danach einrichtet, daß er erst dann handelt, wenn die rechte Stunde da ist. Wenn man aus unserer Stelle hat beweisen wollen, daß ein unerbittliches Schicksal Zeit und Stunde fest geordnet hat, so ist das lächerlich und keiner Widerlegung wert. Die Stunde Christi, von der biswei len die Rede ist, ist die, welche ihm der Vater bestimmt hat. In diesem Sinne sagt Jesus später ein mal (Joh. 7,6): «meine Zeit ist noch nicht», d. h. die Zeit, in welcher es sich schicken wollte, die Auf träge seines himmlischen Vaters auszuführen. An unserer Stelle nimmt er die Entscheidung darüber, welche Stunde er zum Handeln wählen soll, ausdrücklich für sich in Anspruch.» («Johan nes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift...», 10. Band, «Das Evangelium des Johannes», Neu kirchen/Moers o. J., S. 49/50).

14  Zitiert nach: «Vatikanum II. Vollständige Ausgabe der Konzilsbeschlüsse mit ausführlichem Stichwortverzeichnis», in: Albrecht Beckel, Hugo Reiring, Otto R. Roegele (Hrsg.), Fromms Ta schenbücher «Zeitnahes Christentum», Sonderband F44, Osnabrück: A. Fromm 1966, S. 163




. 54 ..................................H.J. Hegger

 argumentiert: «Jans Mutter heißt Trudi; Jan ist Maurer; somit ist Trudi die Mutter eines Maurers.»

Soweit stimmt alles haargenau. Nun aber meinte man, dieses Schema einfach übertragen zu können: Maria ist die Mutter Jesu; Jesus ist Gott; somit ist Maria die Mutter Gottes.»

 Hier - in der zweiten Beweisführung - liegt ailerdings ein Fehler. Warum? Ein Maurer ist wie alle übrigen Menschen aus Menschen entstanden. Das Wort «Maurer» schließt die Möglichkeit eines Hervorgehens, einer Geburt aus einem Menschen ein, doch das Wort «Gott» schließt dieses aus.

Darum ist der Ausdruck «Maria, Mutter Gottes» ein Widerspruch in sich selbst.

 Das Wort «Gott» bezeichnet ja jemanden, der aus niemandem - und sicher nicht aus einem Geschöpf - hervorgegangen ist.

Und «Mutter» will gerade sagen: jemand, aus dem ein anderer hervorgegangen ist.
Es gibt ein altes, weises lateinisches Sprichwort:

«Qui nimis probat, nihil probat» = «Wer zuviel beweist, beweist nichts»
. Die Konzilväter in Ephesus sind in ihrem Eifer für das an sich tatsächlich biblische Dogma der einen Person Christi zu weit gegangen. Dadurch haben sie die eigene Position untergraben.

Auch Konzilsväter sind fehlbare Menschen. Ein Konzil kann sich irren, die Schrift aber niemals.

Auch die Bibel selber gebraucht den Ausdruck «Mutter Gottes» nicht, wohl spricht sie von der «Mutter meines Herrn» (Lk 1,43).

Warum haben die Konzilsväter sich nicht auf den einfachen biblischen Ausdruck beschränkt? Sehen wir nicht quer durch die Kirchengeschichte, wie das Einfügen eigener, menschlicher Gedanken Ursache von Spaltung und von Entstellung der bi blischen Botschaft wurde? In demselben Ephesus war einmal ertönt: «Groß ist die Diana (Artemis) der Epheser!» (Apg 19,21-40). Als Folge davon mußte Paulus Ephesus verlassen (Apg 20,1). Wie bringen die Konzilsväter es dann fertig, dieses «Groß ist die Maria, die Mutter Gottes!» anzustimmen?

Es hätte ihnen eine Warnung sein sollen, daß Paulus in keinem seiner Briefe, nicht einmal im Epheserbrief, darauf zurückgegriffen hat, etwa mit der Aussage: «Wir haben eine andere Mutter Gottes, und das ist Maria - groß ist sie; verehrt sie!»
 Was für einen Wert hätte sonst die Bibel, dieses unfehlbare Gotteswort, dann noch für uns, wenn es uns an solchen wesentlichen Punkten im Stich lassen würde und uns den Gedankengängen unseres eigenen, von der Sünde verdorbenen, Verstandes preisgeben würde?

 Ein dritter Grund für die Marienverehrung
ist ihre verdienstvolie Mitarbeit beim Zustandekommen der Erlösung.
 «... daß Maria... in freiem Glauben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitge wirkt hat.» (Dogmatische Konstitution über die Kirche, Art. 56.)  16  Dieses Prinzip


15 Nestorianer sind Anhänger des Nestorius (* nach 381, f um 451; 428-431 Erzbischof von Kon stantinopel). Er vertrat die sog. antiochenische Christologie, die eine Scheidung zwischen Gott und Mensch in Jesus lehrt, so daß seine göttlichen Eigenschaften nicht unbedingt auch vom Men schen Jesus ausgesagt werden können. Erst dadurch daß er sich durch die Kraft seines menschli chen Willens (mit Hilfe der Gnade Gottes natürlich) von sündhaften Trieben befreite, wurde die Einwohnung der göttlichen Natur in ihm immer vollkommener. Nestorius wurde 431 auf dem Konzil von Ephesus exkommuniziert. Seine Anhänger wanderten später nach Persien aus. Dort entstand 484 die Kirche der Nestorianer. (Red.) Vatikanum II, a. a. O., S. 156.


Der römische Katholizismus ......................55

wurde vornehmlich von Prof. Dr. E. Schlllebeeckx In seinem Buch «Maria, moeder der verlossing» (= «Maria, Mutter der Erlösung») ausgearbeitet.

 Ich weiß nicht, ob Schlllebeeckx die Ausführungen seines Buches Immer noch vertritt. Es erschien 1954. Ich zitiere aus der 4. Auflage von 1959. Er schreibt: «Wir müssen uns darüber klar werden, daß göttliche Erlösung trotzdem eine von Menschen freiwillig akzep tierte und daher für uns verdienstliche Erlösung Ist.» 17   Dieses wendet er auf Maria an: «Ihr Glaubens-Ja bietet sogleich die objektive Möglichkeit des Heils für alle Menschen. Darin steht Maria nicht mehr auf derselben Ebene wie Ihre Miterlösten und Glaubensgenossen.» «Ihr glaubensvolles ,es geschehe' auf die Botschaft der erlösenden Menschwerdung Ist, als bewußte, freie Aneignung Ihrer eigenen christ lichen Erlösung, auch ein mitkonstituierendes Element der In Christus vollzogenen historischen Erlösung der ganzen Menschheit.»^® Darum hat Schlllebeeckx seinem Buch den Titel «Mutter der Erlösung», nicht nur «Mutter des Erlösers» gegeben. Auch geht aus Ihr als einer Mutter die Erlösung mit hervor. Wohl unterstreicht er, daß die Mitarbeit Marias In der objektiven Erlösung nur auf der Ebene der aktiven Empfängnis zu finden Ist. «Marias Verdlenstllchkelt macht sich an keiner Stelle los von den alles beherrschenden Verdiensten von Christus selber, so daß sie, wo es um die historisch konkrete Erlösung geht, nirgends auftritt als zweites, mit Chri stus paralleles Erlösungsprlnzlp.» 19  Sie Ist also MIterlöserln, zusammen mit, aber zugleich In gänzlicher Abhängigkeit von Christus. Gott hat Ihr freies und deswegen verdienstliches Annehmen der Erlösung — so Schlllebeeckx — als mitbestimmen des Element In seinen großen Hellsplan eingeschaltet.



Einwände von der Schrift her

1
. Die Bibel lehrt uns sehr nachdrücklich die Souveränität Gottes. Gott Ist In gar keiner Welse abhängig von den Entscheidungen, vom Glauben oder vom Unglau ben von Menschen. Das sehen wir deutlich bei Zacharlas. Er glaubte nicht an die Möglichkeit des Wunders der Geburt von Johannes dem Täufer. Aber es geschah trotzdem. Und dann sehen wir, wie er nach der Geburt «erfüllt mit dem Heiligen Geist» (Lk 1,67) seinen Lobgesang anstimmt.

Maria glaubte wohl, und auch sie singt Ihr Magnificat. Aber es wäre nicht folgerich tig, wenn der Herr Im Falle von Maria die Erlösung (die Menschwerdung) aufgrund Ihres Glaubens hätte Zustandekommen lassen, wenn doch klar Ist, daß er trotz des Unglaubens des Zacharlas die Geburt von Johannes dem Täufer bewirkte. Was müßten wir sonst anfangen mit Schriftstellen wie «... auf daß der Vorsatz Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl, nicht aus Verdienst der Werke, son dern aus Gnade des Berufers ...»(Röm 9,11b; 12a) und: «So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, welchen er will» (Röm 9,18)?
 2. Die Lehre Schlllebeeckx, daß eine freie Annahme verdienstlich wäre, Ist ein In nerer Widerspruch. Paulus drückt es prägnant aus: «Ist's aber aus Gnaden, so Ist's nicht aus Verdienst der Werke; sonst würde Gnade nicht Gnade sein» (Röm 11,6). Ein Gehalt hat man auf Grund von Arbelt verdient. Der Arbeiter hat einen Rechtsan


17  E. Schillebeeckx. «Maria, moeder der verlossing», Antwerpen: 1954; 1959^, S. 87.
18 ebd.. S. 81.
 13 ebd.

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Spruch darauf. Der Arbeitgeber hat die Pflicht, es auszuzahlen. Ein Gehalt ist nicht ein Geschenk, das man geben oder auch nicht geben kann. Aber ein Geschenk kann man nicht verdienen. Sonst handelt es sich nicht um ein Geschenk. Rein durch das Annehmen eines Geschenkes wird dieses Geschenk nicht zum Gehalt, welches der Schenkende zu geben eigentlich verpflichtet war. Vielleicht fragt nun jemand: Wie kann eine Person wie Schillebeeckx sich so klar gegen die Schrift wenden? Die Antwort gibt Schillebeeckx selber: «Die Exegese hat nun einmal nicht das letzte Wort, wo es sich um offenbarte Tatsachen handelt.»2o

 Es gibt andere Theologen, die gründen die Mariologie auf die (vermeintliche) Tatsa che, daß Jesus keine menschliche Person ist, sondern nur eine göttliche Person. Ihr Gedankengang ist folgender 21: Versöhnung kann es nur geben zwischen zwei Personen, in diesem Fall zwischen Gott und den Menschen. Christus aber ist nur eine göttliche Person. Darum hat Gott Maria erwählt, um als menschliche Person, als Vertreterin aller Menschen, als zweiter Faktor zu dienen, als die menschliche Person, die mit der andern Person, mit Gott, versöhnt werden soll.
 Schillebeeckx wendet sich im «Theologisch Woordenboek»  22 (= «Theologisches Wörterbuch») gegen diese Auffassung, u. a. weil Maria dann ein notwendiges Element der objektiven Erlösung ist und zugleich die menschliche Funktion Christi völ lig verkannt wird.

 b) Die verschiedenen Marlendogmen
 Im Vorhergehenden haben wir die wichtigsten Prinzipien gesehen, auf welche das Gebilde der Mariologie gebaut wird. Nun wollen wir die einzelnen Dogmen näher untersuchen.

Die persönliclien Vorrechte Marias

 1. Sie wurde unbefleckt empfangen
 Diese Lehre wurde von Pius IX. in seiner Enzyklika vom 8. Dez. 1954, «Ineffabilis Deus» zum Dogma erhoben, und zwar so, daß Maria «im ersten Augenblick, da sie empfangen wurde, vor aller Befleckung der Erbschuld bewahrt wurde». Die Enzyklika endet mit der Drohung: «Wollte jemand den Mut haben, sich anzumaßen, dieser Urkunde zu widerstreben oder sich ihr entgegenzustellen, der wisse, daß ihn der Zorn des allmächtigen Gottes und der Apostel Petrus und Paulus treffen wird.» Petrus und Paulus? Die haben in ihren Briefen niemals über Maria etwas geschrie ben, und schon gar nicht über ihre unbefleckte Empfängnis.

Pius IX.
behauptet in seiner Enzyklika, daß diese Lehre «zu allen Zeiten und als eine Lehre, die von den Vätern empfangen war und die das Merkmal offenbarter Lehre an sich trug, in der Kirche existiert hat. Davon legen ehrfurchtgebietende Dokumente ehrwürdigen Alters, sowohl der östlichen wie der westlichen Kirche, Zeug nis ab».
Das ist vollkommen unwahr. «Fast sämtliche Theologen der Hochschola


20 ebd., S. 68. 2' so z. B. E. Druwe, «Mediatrix nostra», TGL 1-1, 1945, S. 217-245. 22 E. Schillebeeckx in: H. Brink, O.P. (Hrsg.), «Theologisch Woordenboek», Roermond: Romen en Zonen 1962, Bd II, Sp. 3146.



 Der römische Katholizismus ---....................................57

stik lehnten die Lehre der unbefleckten Empfängnis ab», so Prof. Dr. E. Hendrikx Im «Theologisch Woordenboek».^^ (Die Hochscholastik umfaßt etwa die Zelt von 1200-1500.)

Wenn ein Papst schon so klar die Unwahrheit über kontrollierbare historische Da ten spricht, warum sollte man Ihm dann Glauben schenken, wenn er etwas behaup tet, das man in der Schrift nicht findet?

2. Sie hat nie eine persönliche Sünde begangen
 Diese Lehre wurde nie offiziell als Dogma verkündet, aber, wie das Konzil von Trient «annimmt», Ist diese Lehre wahr (6. Sitzung: Über die Rechtfertigung, Ca non 23) 24

. Unser Einwand von der Schrift her:
«Da Ist keiner, der gerecht sei, auch nicht einer... Sie sind alle abgewichen und al lesamt untüchtig geworden. Da Ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer» (Rom 3,10-12). «... auch nicht einer...»- woher hat die katholische Kirche den Mut, dem entge genzustellen: «... bis auf einen, nämlich Maria»? «... sie sind allzumal Sünder...» (Rom 3, 23).

 3. Die leibliche Himmelfahrt Diese Lehre wurde von Pius XII. Im Jahre 1950 In der Apostolischen Konstitution «Munificentlssimus Deus» unter folgender Drohung zum Dogma erhoben: «Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden Ist, zu leugnen oder bewußt In Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, daß er voll ständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen Ist.»^® Unser Einwand von der Schrift her; Die Bibel berichtet Immer ausdrücklich, wenn jemand leiblich in den Himmel aufge nommen wurde. Dieses geschah nämlich zweimal; Mit Henoch und mit Ella. Wäre es dann zu verstehen, daß die Bibel über eine leibliche Himmelfahrt Marias schwel gen würde? Und auch wenn es doch geschehen wäre - die Bibel sieht In der Ent rückung Henochs und Ellas keinen Grund für uns, sie zu verehren oder Ihr Eintreten bei Gott zu erbitten. Sollte es bei Maria, falls sie In ähnlicher Welse entrückt worden wäre, anders sein?

4. Maria Immer Jungfrau

a) Vor Christi Geburt Dieser Lehre stimmen wir von Herzen zu, da sie deutlich so in der Bibel steht.

b) Während der Geburt Dies bedeutet, daß Maria keine Geburtswehen hatte, und daß sie auch durch die Geburt das Zeichen Ihrer Jungfräulichkeit nicht verlor. Man argumentiert: «Gottes Geburt mußte Gottes würdig sein. Darum mußte sie ohne Schmerzen stattfinden
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23 E. Hendrikx. in: «Theologisch Woordenboek», a. a. O.. Sp. 3120.
24 F. S. Petz. a. a. O.. S. 53.
25 Zitiert nach: Josef Neuner - Heinrich Roos. «Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehr verkündigung». neubearbeitet von Karl Rahner und Karl-Heinz Weger. Regensburg: Friedrich Pu stet 1983". S. 334.


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und auch den Körper Marias in keiner Weise angreifen. Gott hatte sich ihren Leib ausgeliehen und durfte ihn nicht weniger gut zurückgeben. Im Gegenteil, es war angemessen, daß er ihn in einem noch besseren Zustand zurückgab. Bei der Emp fängnis des Sohnes Gottes hatte Gott die Jungfräulichkeit der Maria erhalten; dar um wäre es inkonsequent gewesen, wenn er sie bei der Geburt verletzt hätte.» So Prof. Dr. E. Hendrikx in «Theologisch Woordenboek»^^ mit Verweis auf Ephraem^^. Nach Dr. A. H. Maita^s ist dieses «Glaubenslehre» der katholischen Kirche, also kei ne unverbindiiche theologische Meinung.


Einwände von der Schrift her:
 (1
) Die Schrift spricht immer voller Ehrfurcht über den heiligen Gott, der in einem unzugänglichen Licht wohnt (1. Tim 6,16), der zu uns spricht: «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken» (Jes 55,8). Woher erlauben wir uns dann, Gott eine Art «Knigge» vorzulegen, an den er sich zu halten hat und in dem wir meinen, ihm vor schreiben zu können, was sich für ihn geziemt und was nicht? Woher haben wir den Mut, den ewigen Geist auf sein «eventueli inkonsequentes Denken» (vgl. das vorhergehende Zitat von Hendrikx) aufmerksam zu machen?

(2) Als Erweis seiner Liebe zu den Sündern hatte Jesus Umgang mit den Zöllnern und Sündern, und er hatte sogar Tischgemeinschaft mit ihnen. Er selbst sagte: «Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten» (Mt 9,13). Darum war er auch nicht dagegen, daß sündige Frauen wie Themar, Rahab, Bathseba und Ruth, die von dem von Gott verfluchten Moab abstammte, seine Vorfahren waren. Er hat sogar dafür gesorgt, daß gerade diese vier Frauen - und keine anderen Frauen seiner gerechten und frommen Vorfahren - namentlich im Geschlechtsregi ster von Matthäus (Kp. 1) aufgenommen wurden.

 Dies ist die große Linie des Handelns Gottes, die wir aus der Bibel, aus dem Wort Gottes selbst kennen: Gott sucht die Sünder, die Verlorenen, um sie zu retten. Die Bibel sagt uns nichts über eine Jungfräulichkeit Marias während der Geburt Jesu. Darum ist es auch besser, wenn wir nichts darüber sagen. Doch auf jeden Fall stimmt es mehr mit der allgemeinen Linie des Handelns Gottes auf Erden, wie er sie uns selbst geoffenbart hat, überein, wenn er auch Jesu direkte Mutter nicht von der (Erb)sünde und deren Folgen befreit hat. Das gilt genauso für die übrigen soge nannten «persönlichen Vorrechte» Marias: unbefleckte Empfängnis, Sündlosigkeit, leibliche Himmelfahrt.

In Lukas 7,36-50 lesen wir von einer Frau, die in der Stadt als Sünderin bekannt war. «Da sie vernahm, daß er zu Tische saß in des Pharisäers Haus, brachte sie ein Glas mit Salbe und trat hinten zu seinen Füßen und weinte und fing an, seine Füße zu netzen mit Tränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salbe» (V. 37.38). Der Pharisäer, der Jesus eingela


26 E. Hendrikx. a. a. 0., Sp. 3095.
27 Ephraem der Syrer (syr. Afröm) lebte von 306 bis 377 n. Chr.. war Diakon und Asket in Nisibis und lehrte später in Edessa. Seine Kommentare zu biblischen Büchern, seine Lieder, Hymnen, Ab handlungen über Glaubensfragen und Widerlegungen von Häretikern hatten einen weitreicheriden Einfluß. (Red.) 2® A.H. Malta, «Katholieke Dogmatiek». Roermond; Romen en Zonen 1951, S. 628.


Der römische Katholizismus ..................................59
den hatte, ärgerte sich sehr daran, daß Jesus diese Dirne nicht von sich stieß, son dern sie vielmehr gewähren ließ. Seine Schlußfolgerung war: «Wenn dieser ein Pro phet wäre, so wüßte er, wer und welch eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin» (V. 39). Gleicht nun die Empörung der katholischen Kirche gegen uns reformatorische Christen darüber, daß wir auf Grund der Schrift meinen, Maria sei ein gewöhnlicher Mensch - sündig wie wir alle - gewesen, nicht gar sehr der Empörung dieses Pharisäers? Finden wir hier im Grunde nicht auch dieses Den ken: Jesus kann niemals ein echter Prophet gewesen sein oder zumindest nicht wirklich Gottes Sohn, wenn er es zugelassen hat, daß seine eigene Mutter auch ein gewöhnlicher, sündiger Mensch gewesen ist. Seine Berührung mit Sünderinnen darf auf keinen Fall so eng gewesen sein, daß er neun Monate im Schöße einer nor malen, sündigen Frau verbrachte! Einmal rief eine Frau: «Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast!» (Lk 11,27.) Und wie lautet die Antwort Jesu? «Jawohl, darum habe ich meine Mutter auch mit allerlei Vorrechten versehen. Ich habe dafür gesorgt, daß sie nichts mit der Sünde und deren Folgen zu tun hat»?

Nein, seine Antwort lautete: «Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewah ren» (Lk 11,28). Gewiß, mit diesen Worten hat er auch Maria seliggepriesen, denn von ihr steht geschrieben: «Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen» (Lk 2,19; vgl. V. 51). Jesus sieht also das Bewahren des gesproche nen oder geschriebenen Wortes Gottes für wichtiger an als das Bewahren des fleischgewordenen Wortes während neun Monaten im Schöße der Maria. Das steht in völligem Einklang mit der Aussage Jesu, daß im Reiche Gottes die Bande von Fleisch und Blut nicht mehr zählen, sondern daß jeder, der den Willen Gottes tut, sein Bruder, seine Schwester und seine Mutter ist (Mt12, 50). Paulus schreibt, daß die ganze Schöpfung in Geburtswehen seufzt in der Erwar tung der Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,19.21.22). Wa rum sollte Jesus dann seine eigene Mutter aus der Solidarität mit der seufzenden Menschheit und aus der ganzen Schöpfung mit ihren Geburtswehen befreit ha ben?

(3) Dr. Hendrikx schreibt, der Gedanke der Jungfräulichkeit Marias während der Geburt Jesu sei hauptsächlich durch das Ideal des Mönchtums gefördert worden. Aber ist es nicht sonderbar, daß Mönche, die kraft ihres Keuschheitsgelübdes (Zö libatsgelübde) die Frau so weit wie möglich aus ihren Gedanken verbannen müs sen, sich mit dem Zeichen der Jungfräulichkeit der Mutter des Herrn beschäftigen und unter sich die Frage diskutieren, ob dieses bei der Geburt Jesu auf wunderba re Weise erhalten geblieben sei, oder ob es wohl doch beschädigt worden sei? Oder ist solches vielleicht gerade nicht verwunderlich, da sie auf diese Art eine Kompensation für ihr normales Verlangen nach einer Frau fanden, indem sie nun meinten, sich auf erlaubte Art und Weise mit so intimen Dingen beschäftigen zu können?

c) Nach der Geburt Diese Lehre beinhaltet, daß Maria nach der Geburt Jesu keine normale eheliche Gemeinschaft mit ihrem Mann Joseph gehabt hat, und daß sie darum keine ande ren Kinder gehabt hat.




 60.................... H.J. Hegger Die Begründung für diese Lehre ist folgende: «Für Ephraem den Syrer^^war Maria durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes so innig mit Gott verbunden, und dadurch, daß sie die Mutter seines Sohnes wurde, so sehr sein Eigentum gewor den, daß sie keinem anderen Mann mehr gehören konnte.» 29

 Unsere Einwände von der Schrift her:
(1) Dieses Denken setzt voraus, daß man nicht sowohl einem Mann als auch gleichzeitig innerlich dem Herrn angehören und ihm als Eigentum geweiht sein kann. Diese Voraussetzung stammt aber nicht aus dem Denken Gottes. Wie könn ten wir sonst verstehen, daß der Herr wollte, daß das Hohelied in die Heilige Schrift aufgenommen wurde, in dem die Liebe zwischen Mann und Frau in erotischen Far ben geschildert wird? Wie ließe sich dieses weiter in Einklang bringen mit der häufi gen Erklärung der Liebe Gottes zu seinem Volk und der Liebe Christi für seine Ge meinde mit Bildern aus dem Eheleben, z. B. Eph 5, 21-33: «... und werden die zwei ein Fleisch sein...»? Paulus warnt vor Irrlehrern, die dämonische Lehren ver breiten. «... Sie gebieten, nicht ehelich zu werden und zu meiden die Speisen, die Gott dazu geschaffen hat, daß sie mit Danksagung empfangen werden von den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet» (1. Tim 4,1-5). 


Auch die Sexualität ist eine Gabe Gottes. Auch sie ist gut, wenn die Gläubigen die se Gabe mit Dankbarkeit aus der Hand Gottes empfangen und sie genießen. Wenn der Herr also auch Joseph und Maria vor der Geburt Jesu den ehelichen Verkehr untersagte, kann dieses im Lichte der ganzen Schrift gesehen nicht aus dem Grund einer Abwertung dieses Erlebens in der Ehe seitens Gottes geschehen sein. Es muß also ein anderer Grund für dieses Verbot vorgelegen haben, z. B., daß der Herr auf diese Weise unterstreichen wollte, daß Jesus nicht «von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren» war (Joh 1,13); auf diese Weise sollte Chri stus ein Abbild der vielen Kinder Gottes sein, die ja auch alle aus Gott geboren sind. (2) Wir lesen: «Und er (Joseph) berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar;...» (Mt 1, 25). Das Wörtchen «bis» weist immer auf eine beschränkte Zeitdauer einer Handlung oder eines Zustandes hin. Es zeigt an, daß die bestimmte Handlung oder der Zustand bis zu dem Zeitpunkt andauert, an dem eine andere Handlung oder ein anderer Zustand beginnt. In diesem Fall: Der Zustand des Verzichts auf eheliche Gemeinschaft zwischen Joseph und Maria dauerte an bis zum Zeitpunkt der Ge burt Jesu. Das bedeutet zugleich, daß die eheliche Gemeinschaft danach doch stattfand. Sonst hätte es ja keinen Sinn, von einer beschränkten Zeit zu reden, und es hätte dann etwa so heißen müssen: «Und Joseph kam nie zu ihr.»

 Dr. P. N. J. van Doornik behauptet in seinem Buch «Waar Staat dat in de Bijbel?» («Wo steht das in der Bibel?»), daß dieses «bis» (griechisch: heös) nicht immer auf die Beschränkung einer Zeitdauer hinweisen muß. 30  Als Beispiel bringt er 1. Tim (Er meint wohl 1. Tim 4,13): «Halte an mit Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich

29 E. Hendrikx, a. a. O.. Sp. 3097.
30 P. N. J. van Doornik. «Waar Staat dat in de Bijbel?». Den Haag: Fax 1957. S. 117.





Der römische Katholizismus  ............................61

komme». Damit hat er aber gar nichts bewiesen. Denn, was Paulus nur sagen will, ist, daß Timotheus mit seiner Arbeit in der Gemeinde einfach fortfahren soll, näm lich mit dem Vorlesen, dem Lehren aus der Schrift und dem Ermahnen, in Erwar tung des Kommens des Paulus. Welche Entscheidung dann getroffen werden soll, weiß Paulus zur Zeit des Schreibens anscheinend noch nicht, aber auf jeden Fall soll Timotheus bis zu seinem Kommen in seiner Stellung bleiben und seine ihm auf getragene Arbeit in aller Treue weiterführen.

(3)
 Die Schrift spricht oft von Geschwistern Jesu (Mt12, 46. 47; 13,55-56; Mk 3, 31.32; Lk 8,19. 20; Joh 2,12; 7, 3. 5.10; Apg 1,14; 1. Kor 9, 5; Gal 1,19). Im Griechischen bedeutet das Wort adelphos - adelphe» immer «Bruder - Schwester», wie auch im Deutschen (nie Cousin - Cousine, wie uns die katholischen Theologen gerne weismachen möchten), es sei denn, es werde im geistlichen oder im übertragenen Sinne verwendet. In diesem Fall bezeichnet es jemanden, mit dem man verwandt ist, doch nicht blutsverwandt, sondern verwandt in bezug auf den Glauben oder die Weltanschauung, die man mit ihm teilt. Die Schrift läßt uns Maria als eine aufrichtige Gläubige sehen, die uns in vielem ein Vorbild ist: Auch sie stand mitten im Leben und kannte Freud und Leid einer großen Familie. Die Schrift stellt sie in keiner Weise als eine Art Nonne neben ihrem Ehe mann dar.

Die Vorrechte Marias zugunsten der Menschheit
 1. Miterlöserin der Menschheit Maria hat zusammen mit Christus und in der Abhängigkeit von ihm die Erlösung für die Menschheit verdient. Sie hat auch dazu beigetragen, daß der Zorn Gottes von uns gewichen ist, daß wir mit Gott versöhnt und unsere Sünden vergeben sind. Doch: In der ganzen Schrift findet sich keine Spur einer Person, die in irgendeiner Weise zusammen mit Christus die Menschheit erlöst hätte. Immer wieder werden wir auf Christus allein hingewiesen. Der Brief an die Hebräer, eine der späteren Schriften des Neuen Testamentes, wurde geschrieben, als Maria schon lange ge storben war. Darin heißt es: «Lasset uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens!» (Hebr 12, 2.) Der ganze Brief sagt kein einziges Wort über ein Aufsehen, das sich auf Maria ausrichten müßte. Aus alledem geht hervor, daß Maria eine starke Frau gewesen ist: Wir lesen, daß sie unter dem Kreuz stand. Wie schrecklich muß es für sie gewesen sein, zu sehen, wie ihr Sohn auf diese Weise, nackt und verhöhnt, verblutete. Doch sie stand; sie fiel nicht etwa in Ohnmacht. Trotzdem ist es möglich, daß diese starke Frau dort auf Golgatha viele Tränen vergossen hat. Wir werden aber nicht durch Tränen mit Gott versöhnt, sondern nur durch Blutvergießen. «... und ohne Blutvergießen ge schieht keine Vergebung» (Hebr 9,22). Maria hat kein Blut für uns vergosseri. Schon deswegen kann sie nicht Miterlöserin sein, als hätte sie zusammen mit Chri stus die Vergebung unserer Sünden verdient.

2. Mittlerin aller Gnaden
Dies steht in krassem Widerspruch zu den Worten in 1. Tim 2,5: «Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus.»




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 Votiftafeln in der röm.-kath. Kirche des Wallfahrtsortes Mariastein (Kanton Solothurn/Schweiz). Diese Votiftafeln sind ein Zeugnis von der intensiven Marien- und Heiiigenverehrung. Man beachte auf einer Tafel den Dank an den <hl. Josef». Ferner fällt auf, daß Heilung und Hilfe der Maria zugeschrieben werden, dagegen Gott gegenüber kein Dank ausgesprochen wird. Dies veranschauiicht, daß Maria im röm. Katholizismus als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen tritt und Christus verdrängt.



Rom erwidert dann: Jesus ist der Hauptmittler, und Maria ist die Mittlerin aller Gna den In der Abhängigkeit von ihm.
Doch hier wird ein Vergleich zur Einheit Gottes gezogen. Genauso, wie es keinen Hauptgott gibt, der neben sich einen von ihm abhängigen Gott hat. gibt es auch kei ne von einem Hauptmittler abhängige Mittlerin. Rom meinte, es folgendermaßen beweisen zu können: Maria wird von dem Engel begrüßt mit den Worten: «Gratia plena - voller Gnade.» Und wer von etwas erfüllt ist, der kann anderen von dieser Fülle etwas vermitteln. Also kann Maria andern von ihrer Fülle weitergeben. Aber:

 a) In Lk 1, 28 steht im Griechischen nicht «voller Gnade», sondern «Begnadigte» (kecharitomen€).

b) Auch wenn es geheißen hätte: «voller Gnade», so würde dieses noch nicht be deuten, daß ein Mensch aus dieser Fülle an andere mitteilen kann, ohne selbst da bei immer leerer zu werden.

c) Der einzige, der dieses kann, ist Christus, weil er nicht nur Mensch, sondern auch Gott war und ist. «Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade» (Joh 1,16). «Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftiq» (Kol 2. 9).

Der römische Katholizismus .......................................63

d) Von Stephanus heißt es nun aber, daß er «voll Gnade» war {pleros charitos, Apg 6,8); warum betrachtet man Ihn dann nicht als Mittler aller Gnaden?

3. Die neue Eva
 «In der Tat ist Maria also mit die Ursache unserer Erlösung, so wie Eva unseren Fall mitverursachte.» 31
 Das Neue Testament spricht wohl von Christus als dem zweiten Adam, aber nie von Maria als der zweiten Eva. Paulus schreibt: «Denn Adam ist am ersten ge macht, danach Eva. Und Adam ward nicht verführt; das Weib aber ward verführt und ist der Übertretung verfallen» (1. Tim 2,13.14). Hätte Paulus nun Maria als die zweite Eva betrachtet, warum schreibt er es dann hier nicht? Das hätte doch nahe gelegen, vor allem, weil er in 1. Kor 15,45 vom ersten Adam und von Christus als dem letzten Adam spricht.

4. Mutter der Kirche und Ehehälfte Jesu Dieser Titel wurde ihr offiziell durch Papst Paul VI. zuerkannt. Auch in der «Dogma tischen Konstitution über die Kirche» wird in diesem Sinne über Maria gesprochen: «Im Glauben und Gehorsam gebar sie den Sohn des Vaters auf Erden, und zwar ohne einen Mann zu kennen, vom Heiligen Geist überschattet, als neue Eva, die nicht der alten Schlange, sondern dem Boten Gottes einen von keinem Zweifel an getasteten Glauben schenkte. Sie gebar aber einen Sohn, den Gott gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Rom 8,20), den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt.» 32

Doch in der ganzen Schrift wird nie über eine Mutter der Gemeinde Christi gesprochen. Es heißt an keiner Stelle, daß Christus durch Maria Kinder Gottes zeugen würde. Das wäre auch ein sehr seltsamer Gedanke, denn dann wäre Maria zu gleich seine Mutter und seine Frau. Wie sonderbar uns das auch erscheinen mag - dieser Gedanke ist von dem bekanntesten römisch-katholischen Theologen des vorigen Jahrhunderts, Dr. M. J. Scheeben (1835-1888), verteidigt worden. In sei nem unvollendeten «Handbuch der katholischen Dogmatik» schreibt dieser Theolo ge, Maria sei tatsächlich mit dem Logos verheiratet, mit der zweiten Person der Dreieinigkeit, also mit Gott selbst. Er nennt diese Ehe der Maria mit dem Logos dar um ,matrimonium divinum', ,göttliche Ehe' oder auch ,connubium Verbi', ,Ehe mit dem Wort". Diese Ehe wurde geschlossen, als Gott Maria zur Mutter des Wortes, des Christus, bestimmte und Maria ihr ,ja' dazu gab. Diese Ehe wurde vollzogen, als sie Christus in ihrem Schoß empfing.^ Prof. W. J. A. J. Duynstee schrieb darüber in der «Tijdschrift voor theologie» (= «Zeitschrift für Theologie»), die damals von den bekanntesten niederländischen katholischen Professoren wie Schillebeeckx, Schoonenberg, Grossouw, Groot u. a. redigiert wurde. In der zweiten Nummer des Jahrgangs 1961 schreibt Duyn stee, daß er mit diesem Gedanken, daß Maria die Ehefrau des Logos, des Wortes Gottes, also die Frau von Gott selbst sei, nicht einverstanden sein könne. Wohl





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31 ebd.. S. 120.
 32 Vatikanum II, a. a. O., Dogmatische Konstitution über die Kirche, Kap. 8, Art. 63, S. 161; Hervor hebung H. J. H.


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 sagt er, Maria sei wirklich die Frau Jesu. «Wenn die Kirche die Braut Jesu genannt wird, so geschieht dieses im übertragenen Sinne.»34


Im Wort Gottes steht:  "Die Braut des Lammes.

Offb 21,9 Und es kam einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen hatten, voll der sieben letzten Plagen, und redete mit mir und sprach: Komm her, ich will dir die Braut, das Weib des Lammes zeigen.  Einschub:  HPW


 «Doch mit dem Brautverhält nis Marias zu Jesus verhält es sich ganz anders: Hier liegt ein Brautverhältnis im vollen, wirklichen Sinne des Wortes vor und nicht nur im übertragenen Sinn.»^® Duynstee nennt Maria die ,Ehehäifte Jesu*. «Sie ist nicht Königinmutter, sondern Königin, die Ehehälfte des Königs.»36  Wenn Jesus Maria im Johannesevangelium mit .Frau' anspricht, so versteht er das nach Duynstee im selben Sinne, wie wenn ein verheirateter Mann seine Frau anredet. 37'


 5. Ursache unserer Heiisgewißheit
In der «lauretanischen Litanei», die bei vielen Gelegenheiten in der katholischen Kir che gebetet wird, kommen allerlei Benennungen für Maria vor, die allesamt verkün digen: «Ein Kind der Maria geht nie verloren.» (Dieser Ausspruch stammt von dem zum Heiligen erklärten Alphons von Liguori, der auch den ehrenvollen Titel eines .Kirchenlehrers' erhalten hat.) 38 Hier einige Namen, die Maria gegeben werden: «Bundesiade», «Pforte des Himmels», «Morgenstern», «Zuflucht der Sünder», «Trösterin der Betrübten», «Ursache unserer Freude». 38a


Auch in vielen liturgischen Gebeten der katholischen Kirche findet sich dieser Ge danke. In der Osterzeit wird folgendes gebetet: «Gott... gib, daß wir durch die Mutter deines Sohnes, die Jungfrau Maria, die Freude des ewigen Lebens ererben.» «Herr Jesus Christus, unser Mittler beim Vater, der du die allerheiligste Jungfrau, deine Mutter, gewürdigt hast, sie auch als unsere Mutter und Mittlerin bei dir
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33 Vgl. M. J. Scheeben, «Handbuch der katholischen Dogmatik». Freiburg i. Br.: Herder 1933 III 8.490-492.

Matthias Josef Scheeben (1835-1888) veröffentlichte 1860 ein Buch mit dem Titel «Marienblüten aus dem Garten der heiligen Väter und christlichen Dichter, zur besonderen Verherrlichung der oh ne Makel empfangenen Gottesmutter» (Neuauflage: «Marienlob in den schönsten Gebeten und Hymnen und Liedern aus zwei Jahrtausenden». Hrsg. E. und J. Caryl, Ölten: Walter 1946).

Er war 19 Jahre alt. als Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 das Dogma von der unbefleckten Empfäng nis Marias verkündete; Scheebens spätere theologische Werke sind geprägt von einer außeror dentlichen Hochschätzung für dieses Dogma, öfters unterbricht er «seine theologischen Erklärungen durch Lobeshymnen auf Maria» (J. Caryl. ebd.. S. 5). - Wenn Scheeben von der Ehe der Maria mit dem Logos, mit Jesus Christus, spricht, so erinnert dies an ein von ihm veröffentlichtes «Gebet zur unbefleckt empfangenen Gottesmutter des Heiligen Alphons von Liguori» (ebd.. S. 199/200; zu A. V. Liguori siehe Fußnote 38). In diesem Gebet finden sich folgende Aussagen (Hervorhebungen Red.): «Ich wünschte, daß die ganze Welt Dich kennen und preisen möchte als jenes schöne Mor genrot. welches immer mit dem göttlichen Lichte geziert war; als jene auserwählte Arche des Hei les. welche vor dem allgemeinen Schiffbruche der Sünde bewahrt blieb; als jene vollkommene und unbefleckte Taube, für welctie Dein Bräutigam selbst dich erklärt hat; als jenen verschlossenen Garten, welcher der Lieblingsaufenthalt seines Gottes ist; als jene versiegelte Ouelle. zu welcher der böse Feind nie den Eingang fand, um sie zu trüben.» (S. 199). Liguori deutet das Hohelied als prophetisches Reden Gottes über Maria und fährt später fort: «Welche Gnade sollte wohl Gott Dir versagen, nachdem Er Dich zu Seiner Tochter, zu Seiner Mutter und zu Seiner Braut envählt, Dich deshalb vor aller Sündenmakel bewahrt und Dich allen Geschöpfen vorgezogen hat. O unbefleck te Jungfrau Maria! will ich Dir mit dem heiligen Philippus Neri zurufen, siehe. Du mußt machen, daß ich selig werde.» (S. 200). (Red.)  

34  J. A. J. Duynstee. «Moederschap of bruidschap van Maria in het verlossingswerk» in: «Tijdschrift voor theologie». Jg. 1961. Nr. 2. S. 128.

35 ebd.. S. 129.
36  ebd.. S. 124.
37 Vgl. ebd.. S. 117.



Der römische Katholizismus .....................................65

 einzusetzen, gewähre uns gütig, daß alle, die von dir Gunst erflehen, sich darüber freuen dürfen, daß sie alles durch sie erhalten haben.»^^ Einwände von der Schrift her: In Rom 8,31-39, wo Paulus den Lobgesang der Heilsgewißheit singt, sagt er zum Schluß: «Denn ich bin gewiß, daß... (nichts)... kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.» Paulus gründet diese Sicherheit allein auf die Tatsache, daß die Liebe Gottes in Christus Jesus feststeht. Weder er noch die übrigen Apostel gründen ihre Heilsgewißheit auf die Tatsache, daß sie «Kinder der Maria» wären und sie für sie gebeten habe.


Die Marlenverehrung Im Konflikt mit Bibel und Tradition

 Hierüber schreibt Dr. E. Hendrikx im «Theologisch Woordenboek» (Theologisches Wörterbuch): «Wir können uns heute die Kirche nicht mehr vorstellen ohne die her vorragende Stellung der Verehrung Marias, sowohl im öffentlichen kirchlichen Le-

38 Alphons von Liguori (1696-1787) gilt als der Vater der Moraltheologie. Neben einer Moraltheolo gie (1748) verfaßte er einige populäre mystische, asketische und moralische Schriften. 1731 grün dete er die Redemptoristenkongregation für Frauen, 1732 die für Männer. 1762 wurde Liguori Bi schof von Agata de Goti, zog sich aber 1775 in das Kloster Nocera zurück. - Seine große Bedeutung in der röm.-kath. Kirche wird auch daran sichtbar, daß Liguori 1816 seliggesprochen und 1839 heiliggesprochen wurde; 1959 wurde er als Schutzpatron der Bekenner und Kirchenleh rer vorgeschlagen. Im bereits erwähnten Gebet des A. v. Liguori bekennt er: «Ich danke unserm gemeinsamen Schöp fer und nehme mir vor, ihm immer dafür zu danken, daß er Dich vor aller Makel der Schuld bewahrt hat. wie ich fest glaube. Und um.diesen Deinen großen und einzigen Vorzug Deiner unbefleckten Empfängnis zu verteidigen, bin ich bereit, mein Leben zu lassen.» (M. J. Scheeben, «Marien lob ...». S. 189; siehe oben, Fußnote 33.) Lorraine Boettner bringt in seinem bedeutenden Werk «Roman Catholicism» (Philadelphia/USA: Presbyterian and Reformed Publ. Co. 1962', 1978'®) einen Abschnitt von Thomas Carlyle über Li guori: «Noch schlimmer ist die .Moraltheologie' des Alphons von Liguori, der als Heiliger und .Leh rer" der Kirche angesehen wird - gleichen Ranges mit Augustinus, Chrysostomus und anderen - dessen Lehrbücher in allen römisch-katholischen Seminarien der Maßstab bei moralischen Fragen sind. Die .Moral'lehre Liguoris würde, wenn man sie in ihrem ursprünglichen Latein lesen könnte, jeden rechtgesonnenen Menschen mit Entsetzen erfüllen. Denn darin umschreibt er die Weise, auf die eine unwahre Aussage gemacht werden kann, ohne wirklich eine Lüge zu sagen; die Weise, wie man das Eigentum anderer nehmen kann, ohne es zu stehlen; wie die Zehn Gebote gebrochen werden können, ohne daß man eine Todsünde begeht.n (ebd., S. 385/386). - Als Hintergrund hier zu zitiert Boettner Beispiele aus der Morallehre von Liguori, von dem wir drei Zitate weiterge ben:

(1) «Ein Diener darf seinem Meister helfen, in ein Fenster zu steigen, um Unzucht zu treiben» (Hl. Alphons, 1,22,66).
(2) «Es ist keine Todsünde, wenn man sich betrinkt, es sei denn, man verliert völlig den Gebrauch seiner geistigen Fähigkeiten für mehr als eine Stunde» (1,5,75).
(3) «Man hat gefragt, ob man Prostituiertefn ihr Treiben] erlauben soll... Es soll ihnen erlaubt sein, weil, wie ein angesehener Priester es sagt: .Entferne die Prostituierten aus der Welt, und alles wird durch die Lust in Unordnung gebracht sein. Daher dürfen in großen Städten Prostituierte er laubt sein" (3,434).» (ebd., S. 386). (Red.)

38a  aus: «Lauretanische Litanei», zitiert nach: P. Urbanus Bomm (Hrsg.), «Lateinisch-Deutsches Volksmeßbuch. Das vollständige römische Meßbuch für alle Tage des Jahres. Mit Erklärungen und einem Choralanhang», Einsiedeln/Köln: Benziger 1956/57", S. 1726ff.

39 31. Mai: Feest van Maria Middelares van alle genaden (Fest von Maria, der Mittlerin aller Gna den). Bei P. U. Bomm, a. a. O., S. [5], ist es das «Fest der allerseligsten Jungfrau Maria, der Köni gin» (von Papst Pius XII. am 11.10.1954 eingesetzt); Bomm nennt andere Texte.

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 ben, wie auch In der persönlichen Frömmigkeit der Gläubigen. Darum stellen wir ungern fest, daß vor dem Konzil zu Ephesus eine eigentliche Verehrung der Maria gefehlt hat. Und es befremdet uns, festzustellen, daß die Verehrung der übrigen Heiligen nicht der Verehrung Marias, der Mutter Gottes, nachfolgt, sondern ihr vor ausgegangen ist.»'  

40  «Auch in der persönlichen Frömmigkeit der Gläubigen nahm Maria noch keinen Platz ein. Kein einziger der Väter der ersten vier Jahrhunderte hat Maria in diesem Sinne verehrt. Sogar in den Übungen der nach Vollkommenheit strebenden Mönche finden wir keine Anzeichen einer Marienverehrung. Für Nicht-Katholiken bleibt es ein Rätsel, daß man sich trotzdem ohne jegliche Beden ken ganz und gar der heutigen Marienverehrung hingibt. Dieses läßt sich nur von der Lehre Roms her verstehen, daß die Schrift aus der lebendigen Tradition heraus erklärt werden muß, die die Schrift durch Jahrhunderte hindurch begleitet. Prof. Dr. J. van Dodewaard schreibt: «Vor allem bei der Mariologie wird klar, daß die Bibel ein Glaubensbuch ist. Die heiligen Texte sind Frucht einer Glaubenswirklichkeit und daher untrennbar mit der Tradition verbunden. Es war nicht umsonst, daß die Väter von Trient eine Formulierung abwiesen, die festhalten wollte, daß die Offen barung teils in der Schrift und teils in der Tradition enthalten sei. Auch der Katholik kann eine Stellung verteidigen, die besagt, daß die ganze Offenbarung in der Schrift liegt, nur liegt sie dort in einer verborgenen, noch nicht entfalteten Weise, so daß man sie erst anhand der Tradition recht entdeckt. 42     Prof. Dr. J. P. M. van der Pioeg wendet dieses Prinzip folgendermaßen auf die Lehre der Himmelfahrt Marias an: «Das von Pius XII. verkündigte Dogma


wird nicht als

Marienstatue in der «Sieben Schmerzen-Kapelle» im Kloster und Wallfahrtsort Mariastein (Kanton Soiothurn/Schweiz). Die sieben Schmerzen Marias werden in der Kunst durch das Attribut der sieben Schwerter dargestellt; diese symbolisieren: Simeons Prophezeiung, die Flucht nach Ägypten, der Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel, der Verrat des Judas Ischariot, die Kreuzigung, die Kreuzabnahme und die Grablegung. - Dem stehen die sieben Freuden Marias (Attribut: sieben Rosen) gegenüber: Verkündigung, Heimsuchung. Geburt Jesus, Anbetung durch die Heiligen drei Könige, Darstellung Jesus im Tempel, Wiederfinden des zwölfjährigen Jesus im Tempel und die Krönung Marias Im Himmel.


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 historisches Ereignis in der Schrift erwähnt.» Auch in den Schriften der ersten Jahr hunderte ist von dieser Lehre nichts zu finden. Erst der Heilige Gregor von Tours (Bischof: 538-594) spricht davon. Wie ist dieses Dogma dann entstanden? V. d. Ploeg schreibt darüber: «Als Pius XII. auf das Verlangen vieler hin die Himmel fahrt der Maria zum Dogma erheben wollte, ordnete er zuerst eine sehr gründliche und ausführliche historische und theologische Untersuchung an. Pater Tromp S.J., der einen wichtigen Anteil an dieser Untersuchung hatte, sagte dem Schreiber die ses Buches einmal: «Als wir weder in der Schrift noch in der Tradition zwingende Gründe fanden, wandten wir uns (im Jahre 1946) an alle Bischöfe der Kirche. Zu un serer großen Freude stellte sich heraus, daß fast alle mit nur wenigen Ausnahmen die Himmelfahrt Marias als Glaubenslehre betrachteten. So hatte Pius XII. eine si chere Grundlage, um das Dogma nun auch feierlich zu verkündigen.»^^ Damit ist die Schrift als Maßstab, dem die Gemeinde Christi unterstellt ist, völlig außer Kraft gesetzt. Nicht die Aussage der Schrift gilt als entscheidend, sondern das, was die Bischöfe der katholischen Kirche heute behaupten.

Dr. E. Hendrikx schreibt: «Unüberbrückbar erscheint die breite Kluft zwischen der so reichen, dogmatisch fundierten Marienverehrung unserer Tage und den weni gen einfachen Worten, die uns die Heilige Schrift und die älteste Tradition über sie mitteilen.» 44  Diese Kluft wird nun überbrückt durch den Willen eines Papstes und die derzeitigen Glaubensüberzeugungen der katholischen Bischöfe. Diese Aussagen zeigen, daß wir als Christen der Reformation aus dem, was die Schrift und die Christen der ersten Jahrhunderte gelehrt haben, leben. Damit ist un sere Grundlage meines Erachtens sicherer als die der Menschen, die auf das, was Päpste und Bischöfe im 20. Jahrhundert lehren, bauen.



B. Die Sakramente

 Der Unterschied in der Grundeinstellung zu dem, was Gnade ist, wird auf allen Ge bieten der römisch-katholischen und der evangelischen Theologie sichtbar. Nach der Reformation ist Gnade etwas, das zu Gott selbst gehört, nämlich seine barmherzige Güte für verlorene Sünder, seine Vergebungsbereitschaft in Christus, seine Geduld mit denen, die er aus der Dunkelheit in sein wunderbares Licht geru fen hat und die doch immer wieder straucheln und für kurze oder längere Zeit wie der in der Dunkelheit einhergehen; z. B. Glaubenszeugen wie David und Petrus. Sehr prägnant hat es Paulus formuliert: Gott ist Gnade, der den Gottlosen ohne Verdienst rechtfertigt aufgrund der Zurechnung der Gerechtigkeit Christi (vgl. Röm 4, 5-8).

Darum kann der Mensch die Gnade, diese barmherzige, vergebende Gesinnung Gottes, nie verdienen. Er kann ihr niemals eine Gegenleistung entgegenbringen. Das einzige, was er tun kann (und muß), ist, die Gnade, die Güte Gottes gegenüber


40 E. Hendrikx, a. a. O.. Sp. 3089.

41 ebd., Sp. 3090.
42 j. van Dodewaard in: «Theologisch Woordenboek», a. a. O.. Sp. 3085.
43 J. P. M. van der Ploeg, «Ik geloof» {= «Ich glaube»), Tilburg: Gianotten 1983, S. 198f.
44  E. Hendrikx. a. a. O., Sp. 3086.

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 seinem sündigen Leben anzunehmen. Dieses meint die Bibel mit «glauben». Glau ben ist das In-Empfang-Nehmen des Geschenkes der Gnade. Der Herr will uns nicht zwingen. Er drängt uns seine Gnade nicht gegen unseren Willen und unseren Dank auf. Wenn wir uns weigern, die Versöhnung von Gott anzunehmen, dann lastet sein Zorn weiterhin auf uns, und wir werden einst unsere verdiente Strafe be kommen. Dann werden wir in die tiefste Finsternis geworfen; «Gehet hin von mir, ihr Verfluchten» (Mt 25,41),  werden wir dann zu hören bekommen.

Doch seit dem Sündenfall sind wir nicht in der Lage, aus eigenem Antrieb diese Gnade anzunehmen. Alles In uns sträubt sich dagegen. Wir finden es zu demütigend. so vollkommen von der Gunst Gottes abhängig zu sein. Darum ist auch dieser Glaube ein Geschenk Gottes. Gott selbst muß diesen Wider stand in uns zerbrechen, so daß wir unser Herz öffnen, um ihn einzulassen. Dies bewirkt er durch sein Wort und durch seinen Heiligen Geist. Gnade ist also nach der Reformation etwas, das außerhalb von uns selbst existiert, nämlich etwas in Gott - seine gütige Gesinnung gegenüber uns. Doch diese gütige Gesinnung Gottes gegenüber uns Sündern ist nur möglich gemacht worden durch das Versöhnungswerk, das heilige Leben und das Erlösung bringende Leiden und Sterben Jesu Christi. So könnten wir auch ganz kurz sagen: Gottes Gnade ist Je sus Christus. Und .glauben' könnten wir dann die .totale Ausrichtung auf Jesus Christus' nennen. Nach der Ansicht Roms ist Gnade zuallererst etwas innerhalb des Menschen. Man unterscheidet die «helfende Gnade», ein vorübergehendes Wirken Gottes in der Seele des Menschen, und die bleibende Gnade, ein Zustand des Menschen, durch den er Gottes Güte erweckt, also verdient. Diese Gnade wird «heiligmachende Gnade» genannt. Um in diesen Zustand der Gnade zu gelangen, hat der Mensch die Hilfe Gottes nö tig. Auch nach Meinung Roms ist der einzige Grund, warum Gott diese Hilfe schenkt, das versöhnende Leiden und Sterben Christi. Insofern stehen die rö misch-katholischen und die reformatorischen Christen unter demselben Kreuz. Doch ihre Wege gehen sogleich wieder auseinander, wenn Rom sagt, daß die Gna de, die das Kreuz schenkt, den Menschen so verändert, daß er dadurch die Liebe Gottes verdient.
Die Reformatoren dagegen bekennen: Nein, bis zum Ende unse res Lebens verdienen wir durch unser unvollkommenes Leben, durch die Sündhaf tigkeit, die uns anhaften bleibt, daß Gott uns haßt und verflucht; doch weil Christus für uns die Vergebung unserer Sünden verdient hat, bleibt Gottes Liebe für immer auf uns ruhen in einem fortwährenden Erlassen der Schulden, die wir täglich wegen unserer Sünden bei ihm machen. Weil die Gnade nach der Ansicht Roms etwas im Menschen selbst ist, ist es mög lich, daß der Mensch selbst darüber verfügt. Die Gnade kann durch andere Men schen vermittelt werden. Dies geschieht nach Rom durch die Priester über den Weg der Sakramente.

Was sind Sakramente? Der frühere Katechismus der niederländischen Bistümer sagt dazu: «Sakramente sind heilige Handlungen und Worte, eingesetzt durch Jesus Christus, um die Gna-


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 de. die sie ausdrücken, zu geben.»^^ Der Neue Katechismus sagt: «Es sind keine leeren, sondern wirksame Zeichen; sie reden nicht nur von Erlösung, sondern brin gen Erlösung.»'*® «Was sie ausdrücken, geben sie zugleich auch. Sie vollbringen wirklich, was sie bedeuten. Die Eucharistie ist Speisung durch den Leib Jesu. Die Taufe Ist Wiedergeburt. Was symbolisch angedeutet wird, wird wirklich gege ben.»*^ Nach der Reformation stellen die Sakramente die Gnade, nämlich Gottes barmherzige Gesinnung uns gegenüber, dar und unterstreichen, bestätigen, ver siegeln so die Verheißung, daß der Mensch allein durch Glauben dieser Gnade teil haftig wird. Die Reformation hält fest am Grundgedanken der Bibel, daß der Mensch nicht Teilhaber des Heils wird durch irgendeine Zeremonie, sondern allein durch den Glauben. Wir meinen, daß dieser große Gedanke auch deutlich im Alten Testament wiederzufinden ist. Paulus legt das in Röm 4,9-12 dar. Er sagt, daß Abraham die Gerechtigkeit durch den Glauben und nicht durch die Beschneidung empfing, denn diese empfing er erst, nachdem er zum Glauben gekommen war. «Das Zeichen der Beschneidung aber empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er hatte, als er noch nicht beschnitten war» (Röm 4,11a). Dieses war gerade der große Unterschied zwischen dem biblischen Glauben und all den anderen Religionen. Dort mußte das Heil durch Priester und mit vielen magi schen Riten und Zeremonien vermittelt werden. Aber der Gott Israels sah immer das Herz an. Er verlangte, daß sein Volk sich im Glauben ganz und gar ihm anver trauen sollte. Die Propheten haben immer auf das Innere, auf die Beschneidung des Herzens gewiesen. Es steht dann auch vollkommen im Widerspruch zum Grundgedanken der Bibel, wenn im Neuen Testament das Heil auf einmal doch vom genauen Erfüllen be stimmter Zeremonien abhängig gemacht werden sollte. Der neue Bund wird immer als der vollkommene dem unvollkommenen des Alten Testamentes gegenüberge stellt, da das Gesetz die, «die da opfern, nicht für immer vollkommen machen (kann), da man alle Jahre die gleichen Opfer bringen muß» (Hebr 10,1). Das kommt daher, weil Jesus gekommen ist, um das Alte Testament «zu erfüllen» (Mt 5,17). «Denn das Gesetz hat nur den Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht das We sen der Güter selbst» (Hebr 10,1a). Darum konnte Jesus den neuen GottesDienst^®, die neue Anbetung, die er brachte, Anbetung «im Geist und in der Wahr heit» nennen (Joh 4,24).




 1. Die Taufe

 «Was ist die Heilige Taufe? Die Heilige Taufe ist das Sakrament, durch das wir wie dergeboren werden zum übernatürlichen Leben und ein Mitglied der Heiligen Kir che werden.»"® Hiermit können wir nicht einverstanden sein, weil nach der Bibel der Mensch das ewige Leben durch den Glauben empfängt. «Wer an mich glaubt, der


45  Oude Katechismus, Haarlem: St. Jacobs-Godshuis 1948. 
46 Nieuwe Katechismus, Hilversum: Paul Brand 1969, 3. 297.
47  ebd., 8. 300. Im Niederländischen liegt hier ein Wortspiel vor, da «godsdienst» normalerweise ohne Binde strich geschrieben wird und die Bedeutung «Religion» hat. (Red.)
48  Oude Katechismus, a. a. O.



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hat das ewige Leben» (Joh 6,4), hat Jesus gesagt - also nicht: Wer getauft wird, hat das ewige Leben.

Die Taufe wird von Petrus verglichen mit der Arche (1. Petr 3,18-22), die die Familie Noahs über die alles vertilgenden Wasser der Sintflut hintrug. Aber «Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt und die Arche zubereitet zur Rettung seines Hau ses, da er ein göttliches Wort empfing über das, was man noch nicht sah; und durch seinen Glauben sprach er der Welt ihr Urteil und hat ererbt die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt» (Hebr 11,7).

Nach dem Alten Katechismus empfangen wir durch die Taufe «die heiligmachende Gnade, die uns zum Christen, zum Kind Gottes und zum Mitglied der Heiligen Kir che macht». Aber nach der Bibel werden wir ein Kind Gottes nicht, indem wir eine Zeremonie über uns ergehen lassen, sondern durch den Glauben: «Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Na men glauben» (Joh 1,12).

 Wir werden ein Kind Gottes durch die Geburt aus Gott, die Wiedergeburt. Petrus schreibt, daß wir wiedergeboren werden «aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt» (1. Petr 1,23), also nicht durch eine leibliche Waschung.

 Nach dem Alten Katechismus «bewirkt die heiligmachende Gnade die Einwohnung der Heiligen Dreieinigkeit in uns».50  » Doch Paulus schreibt:«... daß Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen ...»(Eph 3,17a), also nicht durch die Taufe. Es ist auch nicht wahr, daß wir durch die Taufe die Vergebung der Sünden empfan gen, wie das Konzil von Trient (7. Sitzung: Von der Taufe, Canon 5)®^ lehrt. Denn Jesus hat ja Paulus den Auftrag gegeben, sich mit dem Evangelium den Heiden zu zuwenden: «... daß sie sich bekehren..., um zu empfangen Vergebung der Sün den und das Erbteil samt denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich» (Apg 26,18).



2. Die Firmung
 In der Apostolischen Verfassung von Papst Paul VI. (15. Aug. 1971) lesen wir: «Das Sakrament der Firmung wird verabreicht durch die Salbung der Stirn mit Chrisma", 52  was durch Handauflegung und mit den Worten .Empfangt das Siegel der Ga be des Heiligen Geistes' geschieht». «Die Firmung ist das Sakrament, durch das der heilige Geist auf besondere Weise in uns hineinkommt, um uns im Glauben zu stärken. 53 


Was sagt die Bibel?

 Das Empfangen der Fülle des Geistes ist nicht abhängig von einer Zeremonie. An Pfingsten offenbarte sich der Heilige Geist durch ein Brausen und durch feurige Zungen: danach wurden die Anwesenden mit dem Heiligen Geist erfüllt.



50  ebd., Frage 209.
51 F. S. Petz, a.a.O.. S. 66.
52  Chrisma (od. Chrisam) = geweihtes Salböl, das bei Taufe. Firmung. Priester- und Bischofsweihe verwendet wird. (Red.)
53 Oude Katechismus, a. a. O.. Frage 243.


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  In Apg 8,14-24 zeigt sich, daß die Apostel Petrus und Johannes den Gläubigen von Samaria die Hände auflegten, damit sie mit dem Heiligen Geist erfüllt werden sollten. Dasselbe tat Paulus nach Apg 19.1-7. Doch in Apg 10.44 lesen wir. daß der Heilige Geist auf die Anwesenden fiel, während Petrus sprach, also ohne jegliches begleitendes Zeichen.

 Und nirgends im Neuen Testament lesen wir. daß Gläubige gesalbt werden mit der Absicht, dadurch den Geist in seiner Fülle zu empfangen. Das Erfülltsein mit dem Heiligen Geist wird auch nicht ausschließlich durch einen Amtsträger vermittelt. Wir lesen, daß Ananias Paulus die Hände auflegte mit den Worten:«... du sollst wie der sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt werden» (Apg 9.17). Über diesen Ananias wird nur gesagt: «Es war aber ein Jünger zu Damaskus» (Apg 9.10). Die Bibel zeichnet uns den Heiligen Geist als den absolut Souveränen. Wenn Paulus die verschiedenen Gaben des Geistes beschreibt, schließt er folgendermaßen: «Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeglichen das Seine zu. wie er will» (1. Kor 12.11). also nicht: «wie die Päpste es wollen»

. Über die Veränderung der Spendung der Firmung durch Paul VI. schreibt Prof. v. d. Ploeg: «Wenn die Kirche die Zeremonien eines Sakramentes verändern kann - unter Beibehaltung ihrer wirklichen Bedeutung -. konnte sie bei der Firmung auch die Veränderungen, die nun stattgefunden haben, vornehmen.» 54 
 Müßte also der Heilige Geist sich den Entscheidungen eines Menschen fügen? Die Bibel lehrt uns. daß ihm das nicht gefällt. Der Heilige Geist bedient die Menschen nicht auf ihren Wink hin.


3. Die Eucharistie
 In der Eucharistie (= wörtl. Danksagung, gemeint: die Feier des Abendmahls) ent faltet die röm.-kath. Kirche eine Lehre, die darauf hinausläuft, daß sie über Christus und über sein Opfer am Kreuz verfügen kann, so wie sie meint, durch die Firmung über den Heiligen Geist verfügen zu können. Die Lehre besteht aus zwei Teilen, nämlich die Lehre von der Gegenwart Christi in der Eucharistie und die Lehre von der Messe als Opfer.

a) Die Gegenwart Christi in der Eucharistie

 In der 13. Sitzung am 11. Oktober 1551 hat das Konzil von Trient sich über die Art und Weise der Anwesenheit Christi in der Eucharistie ausgesprochen. «Wenn Je mand sagt, im Sakramente der heiligsten Eucharistie sei nicht wirklich, wahrhaft und wesentlich (vere. realiter et substantialiter) enthalten der Leib und das Blut zu gleich mit der Seele und der Gottheit unsers Herrn Jesu Christi, sohin der ganze Christus, sondern er sei in demselben nur wie in einem Zeichen, oder nur im Bilde, oder nur der Kraft nach zugegen, der sei im Banne.» (Canon 1)  55
 «Wenn Jemand sagt, im hochheiligen Sakramente der Eucharistie bleibe die Sub stanz des Bredes und Weines zugleich mit dem Leibe und Blute unsers Herrn Jesu


54  J. P. M. van der Ploeg, a. a. O.. S. 130.
55 13. Sitzung, oVon dem hochheiligen Sakramente der Eucharistie», Petz, a. a. O.. S. 105.

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Christi; wenn also Jemand jene wunderbare und eigenthümliche Verwandiung der ganzen Substanz des Bredes in den Leib, und der ganzen Substanz des Weines in das Blut, wobei nur die Gestalten des Bredes und Weines bleiben, läugnet, welche Verwandlung die katholische Kirche ganz treffend Transsubstantlatlon nennt, - der sei im Banne.» (Canon 2) 56 


Eine Folge dieser Lehre ist dann auch, daß das so geheiligte Brot angebetet wer den muß, daß man davor niederknien muß, um ihm so göttliche Huldigung zu brin gen, und daß es bei festlichen Prozessionen herumgetragen werden darf. (So Ca non 6)  57  

Das Konzil selbst führt keine Argumente aus der Schrift an, um diese Lehre zu be weisen, sondern spricht von denen, die sie leugnen, als von «streitsüchtigen und verdorbenen Menschen..., im Gegensatz zu dem allgemeinen Sinne der Kirche, welche... solche von gottlosen Menschen ersonnene Erdichtungen als satani sche Ausgeburten verabscheut» (Beschluß v. hl. Sakramente der Eucharistie Er stes Kapitel).  58 
Darnit können die großen Reformatoren und auch wir einfachen reformatorischen Christen uns dann abfinden. Aber in aller Nüchternheit stelle ich fest: Hunde, die bellen, beißen nicht. Und darum gehe ich ruhig dazu über, diese Lehre von der Bibel her zu widerlegen.

1.
Wir müssen die Richtlinien zur Erklärung einzelner Texte zuallererst aus der Bi bel selbst zu gewinnen suchen. Sonst tut man dem Autor der Bibel, dem Heiligen Geist, Unrecht. So müssen wir also auch die Worte Jesu so erklären, wie er sie selbst verstanden haben will. Wir lesen: «Solches alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnis redete er nichts zu ihnen, auf daß erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Ps 78,2): ,lch will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war von Anfang der Welt'» (Mt13,34f.)

 Zwar geschah es oft, daß Jesus nachher die Bedeutung des Gleichnisses erklärte, z. B.: «So höret nun dieses Gleichnis vom Säemann:...»(Mt 13,18-23). Dies tat Jesus auch nach seiner Rede über das Brot des Lebens: «Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben» (Joh 6, 63b). Also tun wir ihm Unrecht, wenn wir die Worte über das Essen seines Fleisches und das Trinken sei nes Blutes wörtlich auffassen: a) weil er immer in Gleichnissen redete, b) weil er hier selbst die Erklärung zu diesem Gleichnis gibt und ausdrücklich sagt, daß wir es geistlich auffassen müssen. Er lehnt sogar die wörtliche Auffassung ab, wenn er sagt: «Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze» (Joh 6,63a).

 Außerdem erklärt Jesus auch beim Aussprechen dieses Gleichnisses, was er mein te. In V. 47 sagte Jesus: «Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben» - und in V. 54: «Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben.» Der Glaube an ihn und das Essen seines Fleisches und das Trinken seines Blutes

56   ebd.
57  ebd.. S. 106.
58  ebd.. S. 99.

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schenken beide das ewige Leben. Dann liegt es doch nahe, daß Jesus V. 47 als Er klärung des Gleichnisses in V. 54 gemeint hat, vor allem auch, wenn wir seine Er klärung von V. 63 noch dazunehmen.

2. Jesus hat ausdrücklich erklärt, daß er nicht gekommen ist, um auch nur das ge ringste Gebot des Alten Testaments abzuschaffen, sondern, um die Gebote zu er füllen, Nun war im Alten Testament das Trinken von Blut, sogar das von Tieren, verboten. Wer es doch tat, mußte getötet werden (Lev 17,10). Wie konnte Jesus es den Juden dann übelnehmen, daß sie sich weigerten, seinem Befehl Gehör zu schenken, wenn er ein buchstäbliches Trinken seines Blutes gemeint haben sollte? Dann hätte Jesus sie zu einer Handlung, auf die nach dem Gesetz des Mose die To desstrafe stand, angespornt. Auf dem sog. Apostelkonzil in Jerusalem wird festge stellt, daß die Christen aus den Heidenvölkern nicht an die Gesetze Moses, die die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation zum Ausdruck brachten (z. B. die Beschnei dung und die Gesetze, die damit zusammenhingen), gebunden sind. Aber dann werden sie doch gebeten, sich - um den Juden entgegenzukommen - vom Blutge nuß zu enthalten (Apg 15,29). Dieses ist unbegreiflich, wenn sowohl von Juden - als auch von Heidenchristen dennoch verlangt werden sollte, buchstäblich das Blut Christi zu trinken. Die Juden haben wahrscheinlich die Absicht Jesu gut verstan den. Sie waren es gewöhnt, daß ihre Rabbis ihre Lehre in kräftige, pointierte Re densarten und in Bilder und Gleichnisse einkleideten. Sie haben verstanden, daß Jesus auf diese Art verdeutlichen wollte, daß «Glauben an ihn» eine totale Überga be an ihn und eine totale Abhängigkeit von ihm bedeutet; so wie wir auch nicht le ben können, ohne zu essen und zu trinken, so können wir geistlich nicht leben, oh ne ihn fortwährend als Nahrung für unsere Seelen durch den Glauben zu uns zu nehmen. Aber die Juden werden mit Absicht vorgeschlagen haben, daß er es buch stäblich meinte;
a) um ihn so lächerlich zu machen;
b) um ihn als Gesetzesübertre ter anklagen zu können.

So haben sie es ja auch mit dem Gleichnis vom Abbrechen des Tempels gemacht. Jesus meinte damit den Tempel seines Leibes, aber bezahlte falsche Zeugen brachten vor das Synedrium, daß er es wörtlich gemeint habe und wegen Tempel schändung so des Todes schuldig sein sollte. Sie sehen also, welch großes Un recht man Jesus antun kann, wenn man seine Worte - entgegen der ausdrückli chen Bedeutung - wörtlich auffaßt.

Die Juden wollten sich nicht in vollkommenem Glaubensvertrauen an Christus übergeben. Sie wollten sich nicht, als sündige Menschen, vollkommen abhängig von seinem versöhnenden Leiden und Sterben wissen, das war der eigentliche Grund, warum sie sich von ihm abkehrten. Jesus hat sie dann darauf hingewiesen, daß sie auch nie aus eigener Kraft zu die ser Glaubensübergabe kommen könnten. «Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat» (Joh 6,44a). «... Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von meinem Vater gegeben» (V. 65). Es war seine Absicht, daß sie, wenn sie das eingesehen hätten, zum Gebet und zum Glau ben übergehen sollten. Aber die meisten werden dadurch noch mehr gereizt wor den sein. Daß sogar der Glaube an ihn ihnen noch gegeben werden müßte, war für sie sicher eine sehr große Demütigung. Nur die wenigen Demütigen unter ihnen ha ben dies dankbar angenommen. Und ist dieses vielleicht auch der tiefste Grund für


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 den Widerstand der katholischen Kirche gegen diese Interpretation von Joh 6? Ja, die röm.-kath. Lehre ist eine große Verherrlichung des frommen und kirchlichen Menschen. Muß es nicht dem Selbstbewußtsein eines Priesters außerordentlich schmeicheln, wenn Christus, der Sohn Gottes, jedes Mal, wenn der Priester es will, ein Wunder tut und Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut verwandelt? Er braucht, um es einmal so zu sagen, nur ein Wort von sich zu geben, und der Sohn Gottes kommt in seiner Gottheit und Menschheit auf den Altar hernieder. Christus gehorcht augenblicklich den Worten des Priesters: «Dies ist mein Leib; dies ist mein Blut.» Wenn man dann aber zu hören bekommt: «Es ist genau andersherum; du kannst nichts, du kannst nicht einmal aus eigener Kraft zu Jesus kommen; das geht nur, wenn der Vater dich zu sich zieht und dir den Glauben schenkt» - dann ist es verständlich, daß ein Priester, der sich in der Messe auch buchstäblich beweih räuchern läßt, sich heftig dagegen auflehnt. Es muß der Eitelkeit eines Priesters schmeicheln, wenn er die von ihm geheiligte Hostie (Oblate) in der Prozession herumträgt und die Menschen dann alle vor dem Resultat seiner mächtigen Worte anbetend niederknien.

Es muß der Eitelkeit der Päpste enorm schmeicheln, wenn der Heilige Geist augenblicklich einen Gläubigen erfüllt, wenn die Bischöfe die durch sie festgesetzten Zeremonien und Worte dabei verwenden. Aber denken sie dann nicht an die Worte Marias: «Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.» (Lk 1, 52)?

3. Die röm.-kath. Theologen argumentieren auch von der Tatsache her, daß ge schrieben steht: «Dies ist mein Leib.» Sie behaupten, daß das Wörtlein «ist» (griech.: estin) nicht symbolisch, sondern wörtlich aufgefaßt werden muß.

Aber Christus hat auch gesagt:
 «Ich bin die Tür;
ich bin der Weinstock;
ich bin der Weg.»
Christus ist doch durch das Wörtchen «ich bin» auch nicht in eine Tür, einen Weinstock oder einen Weg verwandelt worden.

Jesus hat ebenfalls gesagt: «Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird» (Lk 22,20b). Hat Jesus dieses auch wörtlich ge meint, und ist dieser Kelch also in das Neue Testament verwandelt worden? - durch eine wunderbare Transsubstantiation? Und wenn man sagt: Nein, hier muß das Wörtchen «ist» symbolisch aufgefaßt wer den, warum dann nicht auch bei den Worten: «Dies ist mein Leib»? Liegt es dann nicht näher, daß die Sucht des Priesters nach dieser Macht über Christus die ei gentliche Ursache ist, warum sie die Worte: «Dies ist mein Leib» wörtlich auffas sen?

4. Die Lehre über den Unterschied zwischen substantia (Wesen) und accidentia (Beschaffenheit, äußere Form) der stofflichen Dinge kommt von dem heidnischen Philosophen Aristoteles. Denkt man wirklich, daß es die Absicht Jesu war, die Ent deckung des «Wie» eines Wunders (nämiich das seiner Gegenwart beim Abendmahl) abhängig zu machen vom Studium eines heidnischen Philosophen, der noch nicht einmal einen persönlichen Schöpfer annahm? Jesus hat versprochen, daß der Geist seine Jünger in die volle Wahrheit leiten wer de (Joh 16,13). Aber denkt man wirklich, daß der Heilige Geist dazu einen Kursus über die Philosophie des Aristoteles geben würde, damit die Christen mit dessen Hilfe begreifen würden, was Jesus eigentlich meinte? Jesus hat dem Vater ge-



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 dankt: «Ich preise dich, daß du solches den Welsen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart» (Mt 11,25). Doch es Ist nicht wahr, daß wir sei ne Absicht erst mit Hilfe der sehr tiefsinnigen Philosophie des Aristoteles begreifen können.


5
. Es genügt mir nun nicht, die röm.-kath. Interpretation von der Bibel her nur zu wi derlegen. Ich will versuchen, von derselben Schrift her zu zeigen, wie Jesus das Abendmahl nun wirklich gemeint hat. Zum Teil habe Ich dieses bereits oben gleich zeitig mit der Ablehnung der röm.-kath. Auffassung getan. Nun möchte Ich es aber noch ergänzen: Jesus sagt: «Dieser Kelch Ist das neue Testament In meinem Blut, das für euch vergossen wird» (Lk 22,20). Hier wird von einem neuen Bund Im Ge gensatz zum alten gesprochen. Die Frage Ist also: Wie wurde der Alte Bund ge schlossen?

Das lesen wir In Ex 24. Mose schreibt die Worte des Bundes auf und richtet einen Altar und zwölf Steinmale entsprechend den zwölf Stämmen Israels auf. Dann beauftragt er junge Israeliten, Stiere als Brand- und Schlachtopfer Gott darzubrin gen. «Und Mose nahm die Hälfte des Blutes und goß es In die Becken, die andere Hälfte aber sprengte er an den Altar» (V. 6). Daran erinnert Jesus, wenn er über den neuen Bund In seinem Blut, das «für euch» vergossen wird, spricht. Danach nahm Mose die andere Hälfte des Blutes und besprengte damit das Volk, Indem er sagte: «Seht, das Ist das Blut des Bundes, den der Herr mit euch geschlossen hat auf Grund aller dieser Worte» (Ex 24, 8b)
. Der Altar, der mit Blut begossen wurde, Ist das Symbol des heiligen Gottes, des einen Bundespartners: das Volk, das mit Blut besprengt wird, Ist dann der andere Bundespartner. Was Ist der Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund? Das können Sie Im Brief an die Hebräer, vor allem In Hebr 8, nachlesen.

Der Neue Bund wird zwischen Juda und Ephraim geschlossen.
  Christen stehen unter keinem Bund.   Hebräer 8.8!




Der Alte Bund wurde mit Israel geschlossen, wobei die Möglichkeit, daß einzelne Mitglieder des Volkes sich doch nicht an die Verpflichtungen des Bundes halten würden, miteingeschlos sen war. Aber mit dem Neuen Bund würde es anders sein. Gott selbst wird die Gesetze des Neuen Bundes In die Herzen dieses seines neuen Volkes schreiben, so daß alle Mitglieder dieses neuen Bundesvolkes Ihn von Herzen lieben und Ihm ganz gehören werden. Der Grund dieses Unterschiedes? Darüber spricht der Brief an die Hebräer. «Denn es Ist unmöglich, durch das Blut von Ochsen und Böcken Sünden wegzunehmen» (10,4). «Christus aber Ist gekommen... auch nicht mit der Böcke oder Kälber Blut, sondern durch sein eigen Blut... darum Ist er auch ein Mittler des neuen Bun des ...»(Hebr 9,11-15). «... und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde» (1. Joh 1,7).

Paulus vergleicht den Neuen Bund mit einem Ehebund zwischen Christus und der Gemeinde (Eph 5, 25-27). Es scheint mir darum sinnvoll zu sein, die Bedeutung des Abendmahls mit folgendem Text zu verdeutlichen: «Ihr Männer, liebet eure Frauen, gleichwie auch Christus gellebt hat die Gemeinde und hat sich selbst für sie gegeben» (Eph 5,25).

Ein Mann will seine Frau mit einem Blumenstrauß überraschen. Er steht Im Ge schäft und sieht dort allerlei Sorten von Pflanzen und Schnittblumen. Er sieht sie sich alle an, überlegt und wägt den Preis ab und denkt sich In das hinein, was seiner


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Frau wohl gefallen würde. Es muß etwas Besonderes sein. Solange er noch keine Entscheidung getroffen hat, sind all' die Pflanzen und Blumen lediglich sachliche Möglichkeiten für ihn. Aber dann reift in ihm ein Entschluß. Dieser Blumenstrauß muß es sein! Dieser würde seiner Frau sicher gefallen. Und wenn er dann bezahlt hat, ist der Blumenstrauß zu einem besonderen Strauß geworden, zu etwas, mit dem er sich selbst seiner Frau mitteilt. Er ist nicht nur ein Gegenstand, den er für ei ne bestimmte Summe Geld gekauft hat. Er hat etwas von sich selbst in ihn hinein gelegt.

 Und so wird seine Frau den Blumenstrauß auch schätzen. Sie sieht die Fürsorge und die Liebe, mit der er die Wahl getroffen hat. Sie sieht ihren Mann in Gedanken im Blumengeschäft stehen und immer wieder überlegen: Gefällt ihr wohl dieses oder jenes?

Entsprechend müssen wir auch das Abendmahl sehen. Auch das ist eine Aufrnerksamkeit Jesu für seine Geliebte, seine Braut, seine Gemeinde. Er hat vielleicht sehr lange darüber nachgedacht. Vielleicht hat er sich oft damit beschäftigt, als er sich iri die Berge zurückzog, um zu beten.

Und zum Schluß fiel seine Wahl auf die ganz einfachen Zeichen von Brot und Wein. (Es kommt ja nicht auf teure Dinge an. Ein Multimillionär kann vielleicht ein sehr teures Geschenk für seine Frau besorgen las sen, während sein Herz bei einer anderen Frau ist.) Und die Gemeinde, Christi Braut, ( Braut  des Lammes  Braut Christi  gibt es nicht in der Bibel  hpw)

 soll in diesen Zeichen seine Liebe sehen. Dieses Brot und dieser Wein sind keine bloßen «Gegenstände» für sie. In ihnen teilt ihr Bräutigam sich ihr mit. Sie soll sagen: Das ist echt Jesus! «Dies ist mein Leib für euch», so hat er es gesagt. «Für euch» - das war und ist die ganze Lebenseinstel lung Jesu. Immer beschäftigt er sich in Gedanken und in Wirklichkeit mit seiner Braut, der Gemeinde. Und wenn dann in der Feier des Abendmahls die Worte «Dies ist mein Leib für euch» ertönen, dann sieht sie in diesem Brot und in diesem Wein Jesus selbst. Es ist so, als ob er selbst gegenwärtig ist. Auch dieses Zeichen strahlt Ihr seine Liebe entgegen. Darum sind diese Zeichen mehr als Symbole für die Gemeinde. Brot und Wein be deuten für sie: Jesus selbst in seiner großen Liebe. Wenn sie dieses Brot ißt und diesen Wein trinkt, schmeckt sie darin seine zärtliche Fürsorge, seine Hingabe an sie.



6. Röm.-kath. Theologen argumentieren manchmal folgendermaßen: Wie kann Paulus sagen, daß derjenige, der dieses Brot unwürdig ißt oder diesen Wein un würdig trinkt, sich am Leib Christi versündigt, wenn er gar nicht wirklich mit seinem Leib anwesend ist? Aber dann fragt man sich: Verstehen sie denn alle nichts von der symbolischen Sprache der Liebe?

Stellen Sie sich vor, der Mann käme nach Hause mit seinem Blumenstrauß, den er sorgfältig ausgewählt hat, mit dem er seine Frau überraschen will oder womit er zeigen will, daß er sich mit ihr nach einer Auseinandersetzung versöhnen will. Doch die Frau ist immer noch in schlechter Stimmung, nimmt die Blumen und schlägt ihm damit ins Gesicht. Damit richtet sie viel mehr an als nur einige Striemen auf seinem Gesicht. Sie verletzt ihn nicht leiblich, sondern seelisch. Oder ein anderes Beispiel: Ein Gastarbeiter ist so verbittert über die Art und Weise, wie das fremde Land, in dem er wohnt, ihn behandelt hat, daß er eine Flagge



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 nimmt, sie mitten auf einem Platz zerreißt und danach im Schmutz zertritt. Damit tut er mehr, als ein Stück Stoff zu zerfetzen und in Stücke zu reißen. Mit dieser Ge ste drückt er seine tiefe Enttäuschung oder vielleicht seinen Haß aus. In vielen Län dern wird dieses als eine strafbare Handlung angesehen werden. Er dürfte es nicht wagen, so etwas in Moskau auf dem Roten Platz zu tun. Er würde dafür ins Ge fängnis kommen: nicht wegen des Stoffes, den er zerrissen hat - vielleicht war die Flagge sogar sein Eigentum -, sondern weil er sich so an der Ehre einer Nation ver griffen hat.


b) Die Messe als Opfer

 Durch die Lehre der Transsubstantiation maßt der Priester sich die Macht an - leider müssen wir dieses als Anmaßung der Macht sehen -, immer über die Schöpfer kraft Gottes verfügen zu können. Dadurch präsentiert er sich den Menschen als ein Wundertäter, als jemand, dem selbst Christus sogleich gehorcht, wenn er ihn ruft, um auf dem Altar in der Gestalt von Brot und Wein zu erscheinen. Ich weiß natürlich auch, daß sie meinen, Christus habe ihnen diese Macht geschenkt. Aber im Vorher gehenden haben wir, denke ich, hinreichend gesehen, daß sich kein einziger ver nünftiger biblischer Grund für diese Meinung finden läßt. Durch die Lehre von der Messe als Opfer maßen die Priester sich die Macht an, als Mittler zwischen Gott und Menschen auftreten zu dürfen.

 In der 22. Sitzung vom 17. September 1562 hat die röm.-kath. Kirche ausgesprochen, daß die Messe ein wahres Versöhnungsopfer ist. Als Reaktion darauf hat die Synode von Heidelberg beschlossen,
Frage 80, worin gesagt wird, daß die Messe als eine verfluchte Abgötterei betrachtet werden muß, in den Katechismus aufzunehmen. Scheinbar sah die Synode die Lehre über die Messe als wahrhaftiges Ve söhnungsopfer für viel schlimmer an, als die Lehre von der Transsubstantiation, die schon 1551 proklamiert worden war.59 Das ist verständlich. Der Heidelberger Katechismus will ja vor allem ein Trostbuch sein. Frage 1 lautet folgendermaßen: «Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?» Und die Antwort lautet: Daß ich mich als Eigentum Jesu Christi weiß, «der mit seinem theuren Blutd für alle meine Sünden voiikommlich bezahlet...


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59  Frage 80 des Heidelberger Katechismus lautet: «Fr. Was ist für ein Unterschied zwischen dem Abendmahl des Herrn u. der päpstlichen Meß ? A n t w. Das Abendmahl bezeuget uns. daß wir vollkommene Vergebung aller unser Sünden haben, durch das einige Opfer Jesu Christi, so er selbst Ein Mal am Kreuz vollbracht hat (Hebr 7.26; 9.25ff.; 10. lOff.; Joh 19.30; Mt 26.28; Lk 22.19). Und daß wir durch den h. Geist Christo werden eingeleibt (I. Kor 6.17; 10.12ff.). der jetzund mit seinem wahren Leib im Himmel und zur Rechten des Vaters ist (Hebr 1.3; 8.1), und daselbst will angebetet werden (Joh 4.21ff.; 20.17; Lk 24.52; Apg 7,55; Kol 3.1; Phil 3.20; 1. Thess 1,9f.).

Die Meß" aber lehret, daß die Lebendigen u. die Todten nicht durch das Lei den Christi Vergebung der Sünden haben, es sei denn, daß Christus noch täglich für sie von den Meß priestern geopfert werde, und daß Christus leiblich unter der Gestalt Brofs u. Wein's sei. und derhalben darin soll angebetet werden (im Meßkanon. Femer: von der Consecration dist.2.). Und ist also die Meß' im Grund nichts Anderes, denn eine Vertäugnung des einigen Opfers u. Leidens Jesu Christi, und eine vermaledeiete Abgötterei.»

Zitiert nach: Friedrich Wilhelm Bodemann (Hrsg.). «Sammlung der wichtigsten Bekenntnisschriften der evangelisch-reformierten Kirche». Göttingen: Vandenhoek & Ru precht 18672, S. 15f.



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 hat.»60  Dieser Trost wird vermindert, wenn man den Menschen abhängig macht von einer Tat anderer Menschen, nämlich vom Meßopfer.

 Prof. Dr. V. d. Ploeg schreibt: «Die Heilige Eucharistie ist das größte und ehrwürdig ste Sakrament, weil es, in der Form von Brot und Wein, Christus, den Geber aller Gnaden, selbst enthält   61  Doch nur der Priester der röm.-kath. Kirche ist imstande, mit seinem Machtwort der Heiligung Christus, den Geber aller Gnaden, in Gestalt von Brot und Wein gegenwärtig sein zu lassen. Dadurch Ist der Mensch beim Empfang der Gnade indirekt vollkommen abhängig vom Priester, der diese Macht über Christus empfangen haben soll. Dieses wollte der Heidelberger Katechismus als ei ne verfluchte Abgötterei stempeln. Nach Frage 95 in diesem Katechismus ist Göt zendienst: «Anstatt des einigen, wahren Gottes, der sich in seinem Wort hat offen baret, oder neben demselben etwas Anderes dichten oder haben, darauf der Mensch sein Vertrauen setzt.»®^ Scheinbar hat man die Lehre, daß wir beim Emp fang aller Gnaden abhängig von den Priestern sein sollten, als eine Erfindung von etwas, worauf der Mensch neben Gott sein Vertrauen setzt, angesehen. Wir werden nun untersuchen, auf welche Bibeltexte Trient solch eine gewaltige Macht meint basieren zu können.

1. Das Meßopfer ist nötig: «da durch seinen (Jesu) Tod das Priestertum nicht auf hören durfte»®® (vgl. Hebr 7, 24. 27).

Hier wird sogar die Fortsetzung des Priestertums Christi abhängig gemacht von Priestern der röm.-kath. Kirche!
Aber was steht im Brief an die Hebräer? «Und jener sind viele, die Priester wurden, darum daß sie der Tod nicht bleiben ließ; dieser aber hat darum, daß er ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum» (7,23.24).
Hier wird gerade ein Gegensatz zu den Priestern des Alten Testaments gezeigt, ihr Priestertum ging bei ihrem Tod zu Ende. Doch bei Christus ist das nicht der Fall. Warum? Weil andere Priester sein Priestertum übernehmen, wie Trient behauptet? Nein, denn dann gehörte er zu derselben Sorte von Priestern des Alten Testaments; doch sein Priestertum geht bei seinem Tod nicht zu Ende «darum, daß er ewig bleibt».

 2. Christus wollte das Meßopfer, «um seiner geliebten Braut, der Kirche, ein sichtbares Opfer, wie es die menschliche Natur verlangt, zu hinterlassen». 64  Aber dürfen wir von unserer Natur her, die obendrein durch die Sünde verdorben ist, argumentieren und zu Schlußfolgerungen kommen, mit denen wir festsetzen, wie Gott sich uns gegenüber zu verhalten hat? Jesus hat zu der samaritanischen Frau etwas anderes gesagt: «Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit;...» (Joh 4,23).,Geist und Wahrheit' stehen der Forderung nach etwas Sichtbarem ge genüber.

3. Ein dritter Grund, warum Christus das Meßopfer wollte, soll sein: «ein... Op-

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60 ebd., S. 3.
61 J. P. M. van der Ploeg, a. a. O., S. 133.

62  F. W. Bodemann. a. a. O.. S. 19.
63  22. Sitzung: Lehre vom Meßopfer, Erstes Kapitel; F. 8. Petz, a. a. O., S. 206.

64  ebd.; Hervorhebung H. J. H.

65 ebd.; Hervorhebung H. J. H.

Der römische Katholizismus  ..............................................................79


 fer... zu hinterlassen, durch welches jenes blutige, elnmaI am Kreuze zu vollbringende Opfer vergegenwärtigt, das Andenken an dasselbe bis zum Ende der Welt erhalten würde» (vgl. 1. Kor 11,23.24).

Doch nirgends in der Bibel finden wir einen Text, der in diese Richtung weist, nämlich, daß das Opfer am Kreuz durch die Jahrhunderte immer wieder neu vergegenwärtigt werden müßte.

Im Gegenteil, immer wieder wird betont, daß das Opfer Christi am Kreuz ein für allemal geschehen ist und auf keine einzige Art und Weise wiederholt werden kann, auch nicht durch eine erneute Vergegenwärtigung. Die Bibel verwendet hierfür das Wort ephapax. 66  Das klassische Griechisch-Niederländische Wörterbuch von Dr. F. Muller übersetzt: «einmal, ein für ailemal». Es ist eine Verstärkung des Wortes Papax®^, das «einmal» oder auch wohl «ein für allemal» bedeutet.

Das Wort hapax kommt z. B. in folgendem Text vor: «Denn auch Christus ist einmal für eure Sünden gestorben» (1. Petr 3,18a). Auch in Hebr 10,2, wo der Schreiber dar legt, daß die Opfer des Alten Testamentes nicht die Reinigung von Sünden gebracht hatten: «Sonst hätte das Opfern aufgehört, weil die, die den Gottesdienst ausrichten, so sie einmal gereinigt wären, sich kein Gewissen mehr gemacht hätten über ihre Sün den.»

Das verstärkte ephapax kommt oft vor. «Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben, ein für allemal (ephapax)» (Röm 6,10). Und in V. 9 sagt Paulus, daß Christus «hinfort nicht stirbt», also auch nicht auf unblutige Art und Weise, also auch nicht in der Messe.

«Ihm ist nicht täglich not, wie jenen Hohenpriestern, zuerst für die eigenen Sünden Opfer zu tun, danach für des Volkes Sünden; denn das hat er getan, ein für allemal (epha pax), da er sich selbst opferte» (Hebr 7,27). Wie kann Rom dann behaupten, daß Chri stus sich noch tägiich in der Messe opfem muß? «... er ist auch nicht mit der Böcke oder Kälber Blut, sondern durch sein eigen Blut ein für allemal (ephapax) in das Heilige eingegangen und hat eine ewige Erlösung erwor ben» (Hebr 9,12). Wie kann Rom dann behaupten, daß Christus noch täglich in das Heiligtum, in das vom Bischof geheiligte Kirchengebäude eingeht, um dann durch die Priester sich seibst (auf unblutige Weise) zu opfem?

 In Hebr 10,5-9 wird beschrieben, wie Christus auf die Erde gekommen ist, um den Willen Gottes zu erfüllen. Danach folgt in V. 10: «In diesem Willen sind wir geheiligt ein für allemal (ephapax) durch das Opfer des Leibes Jesu Christi.» Wenn wir ein für aile mal durch dieses Opfer von Golgatha geheiligt sind, warum sollte dann das Opfer im mer wieder auf unblutige Weise vergegenwärtigt werden müssen durch die Messe, die nach Trient ein wahres Opfer ist? In Hebr 9,27-28 wird die Einmaligkeit des Opfers Christi mit der Einmaligkeit des menschlichen Sterbens verglichen: «Und wie den Menschen gesetzt ist, einmal (ha pax) zu sterben, danach aber das Gericht: so ist Christus einmal geopfert, wegzunehmen vieler Sünden...»


66 Siehe auch die Angaben in: D. Walter Bauer, «Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der übrigen urchristlichen Literatur». Gießen: Alfred Tölpelmann 1928^. Sp. 514.

67  Vgl. ebd. Sp. 126.




 80................... H.J. Hegger

 Wie kann Rom dann behaupten, daß Christus immer wieder (auf unblutige Art und Weise) auf dem Altar unter den Händen des Priesters stirbt?
Übrigens, was ist ein unblutiges Sterben? Rom sagt: Es ist das Sterben auf sakramen tale Art.

Aber die Bibel kennt diesen Begriff überhaupt nicht. Außerdem sagt der Brief an die Hebräer: «... ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung» (9,22).

Wie kann dann Trient behaupten, daß das unblutige Opfer der Messe ein «echtes und wah res Versöhnungsopfer» ist?


4. Nach Trient muß die Messe - als sichtbares Opfer - gehalten werden, damit «dessen hellsame Kraft zur Nachlassung derjenigen Sünden, die von uns täglich be gangen werden, angewendet würde». 68

Aber die Bibel ist voll von Aussagen, die bestätigen, daß wir die Vergebung der Sün den allein durch den Glauben an Christus, ohne das Dazwischentreten von Menschen oder einer menschlichen Zeremonie empfangen. Nur ein Beispiel: Die erste Predigt für Heiden wurde vom Apostel Petrus gehalten. Er sagte: «Von diesem zeugen alle Pro pheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen» (Apg 10,43).

Hier wird keine einzige andere Voraussetzung ge nannt: also auch nicht eine verpflichtende Teilnahme an der Messe oder etwas derarti ges. Die Art und Weise, auf die man der Vergebung der Sünden teilhaftig werden kann, ist ausschließlich der Glaube an Christus. Wenn man Petrus als ersten Papst an sieht, warum hört man dann nicht auf ihn, aber wohl auf die Phantastereien der Päpste der späteren Jahrhunderte, die damit ihre Macht erweitem wollten?


5. Trient versucht, noch ein Argument für die Messe aus dem Passah zu gewinnen: «So hat er nach der Feier des alten Pascha, welches das Volk der Kinder Israels zum Andenken an den Auszug aus Ägypten opferten, ein neues Osterlamm ein gesetzt, sich selbstnämlich, um von (ab) der Kirche durch (per) die Prie ster unter sichtbaren Zeichen aufgeopfert zu werden, zum Andenken daran, daß er aus der Welt zum Vater hinüberging, als er durch Vergießung seines Blutes uns erlöste, aus der Gewalt der Finsternis uns entriß und in sein Reich übersetzte.»  69 

 Doch die eigentliche Bedeutung des Passahs ist nicht die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, sondem an das verschonende Vorübergehen des Verderben bringenden Engels, der alle Erstgeborenen von Ägypten tötete, - wenn er das Blut des geschlachteten Passahlammes an den Türpfosten sehen würde. «Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Ver derben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage» (Ex 12,13).

Die spätere Feier des Passahs mußte die Juden daran erinnern, daß sie so, durch das Blut des geschlachteten Lammes, verschont wurden, wodurch der Auszug aus Ägyp ten ermöglicht wurde. Es mußte zur Dankbarkeit und zum gläubigen Vertrauen allein auf den Bundesgott anspornen.

 Paulus sieht Christus als das geschlachtete Passahlamm des neuen Bundes. «... Denn auch wir haben ein Osterlamm, das ist Christus, für uns geopfert. Darum lasset uns Ostern halten...»(1. Kor 5,7-8). Er sagt nicht: «Unser Passahlamm, Chri stus, wird jeden Tag aufs neue durch die Priester auf unblutige Weise in der Messe ge


68 . S. Petz, a. a. O., S. 206; Hervorhebung H. J. H.

69 ebd., Hervorhebung H. J. H.



Der römische Katholizismus    81 


schlachtet.» Er weist auf das Schlachtopfer Christi hin, das ein für allemal auf Golga tha gebracht wurde.

 6. Zum Schluß meint Trient, die Messe sei die Erfüllung der Prophetie Maleachis: «Denn vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang ist mein Name herrlich unter den Heiden, und an allen Orten wird meinem Namen geopfert und ein reines Opfer darge bracht; ...» (Mal 1,11). Aber:

(a) Wir haben schon gesehen, daß nach dem einen Opfer Christi keine echten Opfer mehr gebracht werden, weil dieses Opfer voll ausreicht. Die Messe ist dann auch eine Leugnung dieser Allgenügsamkeit des einen Kreuzesopfers.

(b) Weil keine echten Opfer mehr gebracht zu werden brauchen, gibt es im Neuen Te stament auch keine echten Priester mehr. Nirgendwo werden die Apostel oder die an deren Amtsträger in der Gemeinde Christi Priester genannt. Zwar werden alle Chri sten Priester genannt, aber dann im geistlichen Sinn: «Und bauet auch ihr euch... zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind durch Je sus Christus» (1. Petr 2,5). Warum verweist der sogenannte erste Papst, Petrus, dann mit keinem einzigen Wort auf die Messe als ein nicht nur geistliches, sondern auch leibliches Opfer? Warum spricht er nicht von den Amtsträgern als den eigentlichen und echten Priestern im Gegensatz zu den übrigen Gläubigen, die nur Laien sein sollten?

(c) Diese Prophetie ist gemäß Jesus durch die Anbetung im Geist und in der Wahrheit in Erfüllung gegangen, die mit seinem Kommen begonnen hat (siehe sein Gespräch mit der samaritanischen Frau in Joh 4).

(d) Darum lesen wir auch nirgendwo im Neuen Testament eine Aufforderung, das Messopfer durchzuführen oder zu besuchen, wohl aber eine Aufforderung zum Brin gen von geistlichen Opfern, z. B.: «ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber gebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst» (Rom 12,1). «So lasset uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer bringen, das ist die Frucht der Lip pen, die seinen Namen bekennen» (Hebr 13,15).

Wenn wir nun sehen, daß die Fundamente, auf die die röm.-kath. Kirche meint, ihre ge waltige Macht basieren zu können, so einfach von der Schrift her widerlegt werden können, müssen wir es dann nicht als eine furchtbare Anmaßung verurteilen, wenn sie sich trotzdem immer noch der Welt als diejenige präsentiert, an die Gott sich selbst ge bunden haben soll, indem er ihr seine Schöpfermacht durch die Transsubstantiation zur Verfügung gestellt haben soll, und indem er ihr des weitem das Austeilen der Gna denerweise Christi anvertraut haben soll, so daß die Menschen ganz von der röm.- kath. Kirche abhängig sein sollten?



4. Die Beichte

 «Das Heilige Sakrament der Beichte ist das Sakrament, wodurch Christus die Sün den, die nach der Taufe begangen worden sind, durch die priesterliche Macht ver gibt.»   70 

Auf dem Konzil von Trient ging es in der 14. Sitzung um die Beichte, und ihre Lehre wurde kernartig prägnant formuliert in den Lehrsätzen, in denen die entgegenge- ™ Oude Katechismus, a. a. O.



82............................... HJ. Hegqer

 setzten Meinungen unter Verfluchung abgewiesen wurden. Nach Canon 1 Ist die Beichte «von Christus, unserem Herrn, eingesetzt, um die Gläubigen, so oft sie nach der Taufe in Sünden fallen, mit Gott wieder auszusöhnen». (14. Sitzung: Vom hochheiligen Sakramente der Buße; Canon 1)  71 

Aber Johannes schreibt: «Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater. Jesus Christus, der gerecht Ist. Und derselbe Ist die Versöhnung für unsere Sünden» (1. Joh 2,1-2). Aber warum fügt Johannes dann nicht hinzu: «Und wir haben die Priester, bei denen wir unsere Sünden beichten können und sollen, und durch die Macht, die Christus Ihnen verleiht, empfangen wir dann den Frei spruch unserer Sünden und erneut die Versöhnung mit Gott»? Paulus schreibt: «..., sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch welchen wir jetzt die Versöhnung empfangen haben» (Röm 5,11). Warum fügt er dann nicht hinzu, daß diese Versöhnung uns von den Priestern vermittelt werden muß?


 In Canon 2 wird die Beichte «das zweite Brett nach dem Schiffbruch» (der erste Rettungsplan Ist nach Rom die Taufe) genannt.   72 
 Aber In der Bibel wird immer Christus als der einzige Retter aus der Not der Sünde genannt. Nirgendwo wird auf Priester hingewiesen, die uns mittels der Beichte ein «Rettungsbrett» anbieten, mit dem wir uns vom ewigen Tod in der Sünde retten könnten. In Hebräer 6,19 wird die christliche Hoffnung verglichen mit einem «sichern und festen Anker unserer Seele». Warum? Weil diese Hoffnung auf Gottes ewige Treue gegenüber den Verheißungen an Abraham gegründet Ist. Aber der Kern dieser Verheißung Ist, daß Abraham die Gerechtigkeit einzig und allein durch den Glauben zugerechnet worden Ist. (Siehe Gen 15,6 und Röm 4.)

In Canon 3 wird gesagt, daß wir die Worte von Joh 20,22f. folgendermaßen verstehen müs sen: «... von der Gewalt, im Sakramente der Buße die Sünden nachzulassen und zu behalten».  72

 Aber:
a) Warum haben die Apostel, die doch selber dabei waren, als Jesus diese Worte sagte, das dann nicht so aufgefaßt? Weshalb haben sie selber nie Beichte gehört und auch nie In Ihren Briefen den Gläubigen vorgehalten, daß sie Ihre Sünden den Amtsträgern der Gemeinde beichten sollten?

b) Weshalb weisen die Apostel In Ihren Briefen dann Immer auf den Glauben allein hin? «Darum steht In der Schrift (Jes 28,16): .Siehe da. Ich lege einen auserwähl ten, köstlichen Eckstein in Zlon; und wer an Ihn glaubt, der soll nicht zusehenden werden: Euch nun, die ihr glaubt, Ist er köstlich» (1. Petr 2,6-7).«... unser Glaube Ist der Sieg, der die Welt überwunden hat» (1. Joh 5.4). «Wer da glaubt, daß Jesus sei der Christus, der ist von Gott geboren» (1. Joh 5,1). Wie kann die röm.-kath. Kir che dann behaupten, daß man die Kindschaft Gottes durch eine Todsünde verliert, und daß man die Kindschaft Gottes nicht durch den Glauben, sondern durch die Beichte, das Bekenntnis der Sünde an einen kath. Priester, zurückbekommt? c) Wie diese Worte Jesu dann tatsächlich verstanden werden müssen, habe ich dargelegt In meinem Buch «Het zwaard over de herder».''^

In Canon 6  75  wird be





71 F. S. Petz, a. a. 0., S. 138; Hervorhebung H. J. H.
72  ebd.
73  ebd.; Hervorhebung H. J. H.

74  H. J. Hegger. «Het zwaard over de herder» (= «Das Schwert über dem Hirten»), Utrecht: B. V. Uitgeverij «De Sanier» 1981, 8.148-154.

75 5 F. S. Petz, a. a. 0., 8. 139.



Der römische Katholizismus                                          83

 hauptet, daß die Beichte für das Heil derer, die eine Todsünde verübt haben, not wendig sei. Aber Johannes sagt in seinen Schriften nichts über diese Notwendig keit, die dann doch für ewig wichtig sein müßte. Wie kann er dann seine Offenbarung mit einer Androhung der schwersten Strafen beenden, gerichtet ge gen diejenigen, die der Schrift etwas hinzufügen würden?


 Im selben Canon wird ebenfalls behauptet, daß die Beichte von Anfang an in der Kirche praktiziert worden sei. Aber der Neue Katechismus der holländischen Bi schöfe sagt mit Recht: «Um 600 ist unter dem Einfluß der östlichen und irischen Mönche die Gewohnheit gewachsen, auch verborgene Sünden zu bekennen.»^^

 In Canon 7 wird gesagt, daß der Mensch die Todsünden mit der genauen Anzahl, ihrer Art und mit den Umständen, die die Art der Sünden verändern, und nicht nur die sündigen Taten, sondern auch die sündigen Begierden, an denen man sich aus eigenem Entschluß ergötzt hat, beichten muß.^ Ein Beispiel: Ein Mädchen, das beichten würde, daß sie eine Sünde auf sexuellem Gebiet begangen hat, muß dazu sagen, ob es sich nur um Selbstbefriedigung handelte oder um eine Sünde mit ei nem andern, und, ob es mit einem Jungen oder mit einem Mädchen war, ob dieser andere verheiratet war oder nicht, und ebenfalls, ob sie mit dem anderen Ge schlechtsverkehr gehabt hat oder nicht. Das sind nach der Lehre Roms alles Um stände, die die Art der Sünde ändern und die also dem Priester gebeichtet werden müssen.


Aber als die Frau, die in der Stadt als Sünderin, als Hure bekannt war, die Füße Je su salbte, sagte er einfach zu ihr: «Dir sind deine Sünden vergeben» (Lk 7,48). Er forderte von ihr keine erniedrigende Aufzählung, wie oft sie mit ledigen oder verhei rateten Männern ins Bett gegangen sei, auch keine Beschreibung der Umstände, unter denen das stattgefunden habe.

Die Antwort Roms darauf lautet: Christus war allwissend. Er brauchte das nicht zu fragen, aber ein Priester ist nicht allwissend. Deshalb muß man ihm alle Umstände schildern, damit er als Richter sich ein Urteil bilden kann über das Gewicht der Sün den, die ihm gebeichtet werden. Aber geht daraus nicht gerade erneut hervor, daß Christus diesen Auftrag nicht dem Priester gegeben hat? Denkt man nun wirklich, daß Jesus das Ausdenken und Formulieren einer solch schwerwiegenden Ver pflichtung sündigen Menschen überlassen habe?

Die Bibel zeigt uns Jesus als einen guten Hirten, der alles, sogar sein Leben, für sei ne Schafe gelassen hat. Er flieht nicht wie der Mietling, wenn der Wolf kommt, um zu rauben und zu zerreißen (Joh 10,12). Jesus weiß, daß wir Menschen wie Wölfe gegeneinander sind (Joh 2,25; Röm 3,9-20). Das alte lateinische Sprichwort sagt ja auch: Homo homini lupus. (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.) Außerdem können wir uns nicht vorstellen, daß der reine Jesus einerseits den Prie stern die Verpflichtung auferlegen würde, unverheiratet zu bleiben und anderer seits Mädchen beauftragen würde, ihre sexuellen Sünden diesen unverheirateten Männern mitzuteilen.

Ferner fragen wir uns auch: Wie kann ein Priester, der in der Predigt und in der Ka techese den Menschen sagt, daß sie ihm alle ihre Todsünden beichten sollen, und daß sie, wenn sie dies verweigern, für ewig verloren gingen, dann noch mit einem ruhigen Herzen die Rede Jesu gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer in Mat thäus 23 lesen? Denn diese werden dort von Jesus verurteilt, sogar heftig kriti



76  Nieuwe Katechismus, a. a. O., S. 539.

77 F. S. Petz. a. a. O.. S. 140.


84 ....................HJ. Hegger
 siert, weil sie schwere und unerträgliche Lasten auf die Schultern der Menschen le gen (V. 4), und weil sie mit ihren menschlichen Überlegungen manche selbstge machten Gesetze aus der Bibel hervorzuzaubern versuchen, um damit dann ihre Schafe zu schlagen und zu mißhandeln.

 In Canon 9 78 wird behauptet, daß der Priester im Beichtstuhl als ein Richterange stellt ist.
Aber:

 Kennen sie denn nicht Jak 4,12: «Einer ist Gesetzgeber und Richter, der retten und verdammen kann. Wer aber bist du, der du den andern richtest?» Und hat Jesus nicht gesagt: «Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet» (Lk 6,37)?
Warum hat er dann nicht hinzugefügt: «Das gilt nicht für die Priester im Beichtstuhl, denn diese habe ich als Richter über euch Menschen eingesetzt»?

Canon 14 behauptet, daß «die Bußwerke, durch welche die Büßenden durch Chri stum Jesum ihre Sünden sühnen (redimunt), ... Akte der Verehrung Gottes» 79
 sind. Aber: Die Bibel lehrt, daß der Mensch auf keinerlei Weise - auch nicht mit Hilfe von Chri stus - sich selber von der Sünde freikaufen kann.  80 
 In den letzten Jahren war das Praktizieren der gemeinschaftlichen Bußfeier aufgekommen. Die Römische Glaubenskongregation, eine der Abteilungen der Kurie, des päpstlichen Hofs in Rom, hat am 16. Juni 1972 «Pastorale Richtlinien für die allgemeine sakramentale Absolution» erlassen. Hierin wird darauf hingewiesen, daß die Kanones von Trient über die Beichte ungekürzt gehandhabt werden müssen. 81
 Am 19. Juni unterstrich Papst Paul VI. diese Richtlinien mit seiner eigenen päpstlichen Autorität und sagte, daß «man beim Lesen dieser Richtlinien erfüllt werden wird mit Bewunderung und Freude über die Liebe der Mutter Kirche, die im Sinne hat, die Schätze der Gnade so breit wie möglich auszuteilen».82 
 Diese Worte zeigen erneut den Irrtum in seiner Tiefe und die innerste Absicht der röm.-kath. Kirche, vor allem der Päpste. Der größte Irrtum besteht darin, daß sie die Gnade immer als etwas, das Christus durch sein Leben und Sterben erworben hat, und worüber sie frei verfügen können, be trachten. Und ihre innerste Absicht, ihre eigentliche sündige Absicht besteht darin, daß sie meinen, daraus Ruhm, Bewunderung für sich selber ernten zu dürfen auf grund dieser Verteilrechte der Gnade, die sie sich selbst angemaßt haben.


Todsünde - läßliche Sünde

 Einige Male mußten wir schon erwähnen, daß nach Rom ein Unterschied zwischen Todsünden und läßlichen Sünden besteht. Hierüber noch das Folgende: «Wir bege hen eine Todsünde, wenn wir das Gesetz Gottes in einer großen Sache vollkom men bewußt und freiwillig übertreten. Wir begehen eine läßliche Sünde: 1. wenn wir das Gesetz Gottes in einer kleinen Sache übertreten,
2. wenn wir das Gesetz Got-

78  ebd.

79  ebd.. S. 142.

80  Die Vulgata-Übersetzung sagt: «Christus nos redemitde maledicto legis» (= Christus hat uns freige kauft vom Fluch des Gesetzes»; Gal 4,5). Würde er uns dann noch unter ein viel härteres Gesetz als das der Schriftgelehrten und Pharisäer stellen, nämlich, daß wir unsere intimsten Sünden mit genauer Anzahl und Umständen einem fremden Mann bekennen müßten, weil wir sonst keine Vergebung der Sünden empfangen würden?

81 Übersetzt aus dem Niederländischen: «Pastorale richtlijnen voor de algemene sakramentele absolutie». (Red.)

82 Übersetzt aus dem Niederländischen; eine deutsche Quelle lag uns nicht vor. (Red.)



 Der römische Katholizismus ...................................85

 tes in einer großen Sache übertreten, jedoch uns dessen nicht ganz bewußt sind oder es nicht ganz aus freiem Willen tun. Durch die Todsünde verdienen wir die ewige Strafe der Hölle. Durch die läßliche Sünde verdienen wir nur zeitliche Strafe, die wir hier auf Erden oder im Fegefeuer erdulden müssen. Die großen Sünden wer den Todsünden genannt, weil sie uns der seligmachenden Gnade berauben, die das übernatürliche Leben der Seele ist.»83

 Die Bibel kennt aber keinen Unterschied zwischen Sünden, die Gottes Verfluchung und also die Strafe der Hölle verdienen oder die dieses Gericht nicht verdienen. Paulus schreibt: «Denn es steht geschrieben (5. Mose 27,26):

,Verflucht sei jeder mann, der nicht bleibt in alle dem, was geschrieben steht in dem Buch des Geset zes, daß er's tue'» (Gal 3,10). «In alle dem» - also auch die geringste Übertretung des Gesetzes hat zur Folge, daß Gott uns verfluchen muß. Das ist sehr demütigend für uns, aber so lehrt die Bibel. Aber umso tröstender und erfreuender ist die Bot schaft, daß wir durch Jesus Christus und durch den Glauben an ihn allein ganz und gar vom Fluch des Gesetzes befreit sind. Dadurch, daß dieser Unterschied zwi schen Todsünden und läßlicher Sünde ausgedacht und zum Dogma erhoben wur de, hat Rom seinen Griff nach dem Gewissen der Menschen verstärkt. Denn wer wird jetzt entscheiden, welche Übertretung von Gottes Gesetz groß und somit eine Todsünde, und welche Übertretung klein und also nur eine läßliche Sünde ist? Nicht «das Volk..., das nichts vom Gesetz weiß» (Joh 7,49) - wie schon die Schriftgelehrten und Pharisäer die Masse der Gläubigen, die Laien, verächtlich be titelten -, sondern Rom selbst will dies mit seinen Priestern entscheiden. Und so müssen die Menschen zu Füßen der Geistlichen, der kirchlichen Machthaber, nie derknien und demütig fragen, ob sie mit ihrer Sünde die ewige Hölle oder nur das zeitliche Fegefeuer verdient haben.

 Aus dem Mund des Priesters allein kommt die erlösende Antwort. Man erfährt so wohl, welcher Art eine Sünde ist als auch den Freispruch von ihr, die Rettung aus der Hölle, wenn der Priester gnädig die Absolution, den Freispruch, verleiht und das ewige Todesurteil (das Gott über den Sünder wegen seiner Todsünde ver hängt hatte) gnädig erläßt. Er allein ist der Eingeweihte in die heiligen, schreckli chen Geheimnisse des Gesetzes Gottes. Er kann mit dem unauslöschlichen Feuer der Hölle spielen. Weil die Bibel nichts von einer Lehre über Todsünden und läßliche Sünden enthält, kann die menschliche Phantasie der Priester sich auf diesem Gebiet, welches sie mit ihrer eigenen Vernunft entworfen haben, frei bewegen. So wie die Götterwelt der Griechen und Römer eine Projektion ihrer eigenen Begierden war, so konnte es auch nicht ausbleiben, daß die röm.-kath. Ethik eine Widerspiegelung der psychi schen Konflikte der Priester mit ihrem aufgezwungenen Zölibat sein mußte. So ist es unter anderem zu verstehen, daß jede Sünde auf sexuellem Gebiet zur Todsün de erklärt wurde, so daß Männer und Jungen, aber auch Frauen und Mädchen die se Sünden und die damit verknüpften Umstände den Priestern beichten müs sen. Andererseits ist Lügen nur eine läßliche Sünde. Hans Küng hat in seinem Buch «Wahrhaftigkeit» darauf hingewiesen, warum es unter den röm.-kath. Kirchenlei tern soviel Unwahrhaftigkeit gibt.®^ Sie haben immer das Großwerden und das

83 Oude Katechismus, a. a. 0.. 44. Lektion.

84 Hans Küng, «Wahrhaftigkeit. Zur Zukunft der Kirche» in: Kleine ökumenische Schriften 1, Freiburg: Herder 1978  9.



86                                                        J. Hegger

 Ausbreiten der Macht Ihrer Kirche, und damit sich selber, Im Auge. Deshalb werden sie so manche Unwahrhaftigkelt nicht einmal als Lüge, also noch nicht einmal als läßliche Sünde, sondern als eine legitime ,restrlctio mentalis' (,gelstlger Vorbehalt') betrachten.®® Ich möchte Sie nicht mit einer weiteren Darlegung der Lehre über das, was Todsün de und was läßliche Sünde Ist, ermüden. Mit dieser Studie Ist ein großer Teil der theologischen Moral, der Sittenlehre, abgedeckt.

5  Die Krankensalbung oder Letzte Ölung

Das Sakrament der Krankensalbung wurde früher als «Letzte Ölung» bezeichnet. Am 30. November 1972 hat Paul VI. eine «Apostolische Konstitution» darüber her ausgegeben. Darin hat er die katholische Lehre über dieses Sakrament zusam mengefaßt. Er verweist dazu auf frühere Konzilien.®® Ebenfalls hat er darauf hinge wiesen, In welcher Welse dieses Sakrament angewendet werden soll. Der Kerngedanke Ist folgender: «Wir bestimmen kraft unserer apostolischen Autorität, daß von nun an folgendes Im lateinischen Ritus praktiziert werden muß: Das Sakra ment der Krankensalbung wird Kranken, die In der Gefahr sind zu sterben, gespen det: sie werden auf der Stirn und auf den Händen gesalbt mit speziellem, hierfür ge segnetem Olivenöl oder, je nach Umständen, mit anderem, speziell dafür gesegnetem Pflanzenöl, wobei nur einmal diese Worte ausgesprochen werden: ,Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr In seinem reichen Erbarmen; er ste he dir bei mit der Kraft des Helligen Geistes. Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich; in seiner Gnade richte er dich auf. 87 


Über die Absicht der Krankensalbung, wie sie vor allem In Jak 5,14-16 beschrie ben wird, habe Ich In meinem Buch «Hand In hand met Rome»   88  geschrieben. Hier nur noch diese Bemerkung: Jakobus schreibt, was jemand tun soll, wenn er krank Ist:«... der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, daß sie über Ihm beten und Ihn salben mit Öl Im Namen des Herrn.» Der Kranke muß also die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen - aber nicht die Priester, denn das Neue Testament kennt keine Priester als ein besonderes Amt In der Gemeinde. Menschen, die behaupten, Priester zu sein, haben am Krankenbett nichts zu suchen.

Jakobus würde sie da nicht zulassen. 




85 Was verstehen katholische Moraltheologen unter der «restrictio mentalis», dem «geistigen Vorbehalt»?
 In seiner Moraltheologie «Das Gesetz Christi» (Freiburg i. Br.: Erich Wewel-Verlag 1957'') hat Bernhard Häring dieser Lehre unter dem Titel «Die verhüllende Rede» mehrere Seiten gewidmet (8.1294—1298). Er meint, daß die Antwort Jesu in Mk 13,32 dem nahe komme, was unter «geistigem Vorbehalt» zu verstehen sei. .die verhüllende Rede Ist wie das Geheimnis, dem sie dient, eine Not wendigkeit, eine ,Notordnung' In der argen Welt, eine Rücksichtnahme auf die eigene urid fremde Schwäche.» (ebd., S. 1294, kursiv von B. Häring). Ihm liegt daran, daß der «geistige Vorbehalt» deutlich vori einer Lüge unterschieden wird. «Die verhüllende Rede oder die ,hlntergründlge Antwort'muR, um sittlich gerechtfertigt zu sein, immer einen proportionierten Grund und einen merkbaren geistigen Hin tergrund haben. Der Grund muß die Liebe In Irgendeiner Hinsicht sein.» (ebd., S. 1295, kursiv von B. H.). In der Moraltheologie wird der erforderliche geistige Hintergrund als «merkbarer geistiger Vorbe halt» (- «restrictio non pure mentalis») bezeichnet. Demgegenüber ist der «rein geistige Vorbehalt» (= «restrictio pure mentalis») vom kirchlichen Lehramt verworfen worden, da er «nicht besser als eine




Der römische Katholizismus 87

 Lüge» (ebd.. S. 1295) sei. - Häiing führt in seiner Moraltheologie folgende Beispiele für einen ageistigen Vorbehalt» an. die das katholische Verständnis der «restrictio mentalis» verdeutlichen:

(1) Wer unbefugt nach einem Amtsgeheimnis ausgeforscht wird, kann gewöhnlich sagen: .Davon weiß ich nichts', mit dem geistigen Vorbehalt .zur Mitteilung, für andere', oder unter deutlicherer Zu rückweisung des indiskreten Fragers: .Davon weiß ich grundsätzlich nichts'.

(2) Der rechtswidrig vor Gericht Befragte kann antworten: .Hier bin ich überfragt' oder: .Hier kann ich beim besten Willen nichts sagen' oder im äußersten Fall: .Davon weiß ich nichts'; der Vorbehalt .wor über ich rechtmäßig befragt werden könnte' wird gewöhnlich durch die Umstände beziehungsweise durch die ünrechtmäßigkeit der Befragung merkbar sein.

(3) Der Gatte, der nach begangener Sünde unrechtmäßig bedrängt wird, ob er Ehebruch begangen habe, kann, um seine Ehe zu retten, sagen: ,lch bin doch kein Ehebrecher' oder: ,Wie kannst du mich so etwas fragen!' oder: .Ich weise diesen Verdacht weit zurück!' oder im Hinblick auf Beichte und göttli che Vergebung: .Ich bin mir einer solchen Schuld nicht bewußt', besser: .Wir wollen uns solchen Ver dacht und solche Fragen sparen!'

(4) Wenn man sittlich nicht zur Verzollung verpflichtet ist, kann man die Frage ,Haben Sie etwas zu ver zollen?' mit .Nein' beantworten.

(5) Man kann auch schlecht zubereitete Speisen mit den üblichen Höflichkeitsformeln loben. In irgend welchem Sinn sind ja die Speisen ,gut'.» (ebd., S. 1297/1298, kursiv von B. H.). Ein anderer Moraltheologe, K. Hörmann, nennt in seinem aHandbuch der christlichen Moral» (Inns bruck, Wien, München: Tyrolia-Verlag 19^) ein Beispiel für den verbotenen arein geistigen Vorbehalt», welchen er als «eine dem Wortlaut nach unwahre Aussage, der der Sprecher nur im Geist oder leise, für den Hörer unvernehmbar, eine Berichtigung hinzufügt» (ebd., S. 344).

 Sein Beispiel: a.Hast du Rom ge sehen?' .Ja' mit der Beifügung im Gedanken: .Auf dem Bild'.» (ebd.) - Demgegenüber sei der amer bare geistige Vorbehalt» (Hörmann nennt ihn einen auneigentlichen geheimen Vorbehalt» = arestiictio late mentalis») als eine mehrdeutige Aussage, z. B. zwecks Wahrung von Geheimnissen erlaubt. Diese Mehrdeutigkeit ist laut Auffassung der katholischen Moraltheologie keine Lüge, denn: aDen Gegensatz zu dieser Mehrdeutigkeit bildet nicht die Wahrheit, sondern die Offenheit, die nicht immer geboten ist.» (ebd., S. 345).

Sein Beispiel hierzu: aEin Muster dafür wäre die Antwort des heiligen Felix von Nola, der von seinen Verfolgern, die ihn nicht erkennen, nach Felix gefragt wird; er sagt ihnen: .Nescio Felicem quem quaeritis' mit dem doppelten Sinn: .Ich kenne Felix nicht, den ihr sucht' und ,lch weiß den nicht glücklich, den ihr sucht'. Aber solche Mehrdeutigkeiten wird nur ein schlagfertiger Geist im Notfall fin den. und der nicht immer.» (ebd.. S. 345).

Loraine Boettner (Roman Catholicism», Philadelphia/USA: Presbyterian and Refprmed Publ. Co. 1962\ 1978  15 ) behandelt diesen Aspekt katholischer Moraltheologie unter der Überschrift aEide» (aOaths». ebd.. S. 388). Er zeigt auf, daß die katholische Kirche für sich das Recht beansprucht, jeman den von einem geleisteten Eid zu entbinden. Für L. Boettner bedeutet es die Zulassung von Lügen wenn Liguori (zu A. v. Uguori vgl. Fußnote 38) lehrt: aDennoch ist. in der Tat, auch wenn es nicht legi tim ist zu lügen oder etwas vorzutäuschen, was nicht ist, es trotzdem legitim, etwas, was ist, zu ver schleiern. oder die Wahrheit mit Worten zu verdecken oder mit anderen mehrdeutigen oder undeutli chen Zeichen, um eines gerechten Grundes willen, und wenn nicht die Notwendigkeit besteht, es bekennen zu müssen. Weil diese Dinge feststehen, ist es eine feste und allgemeine Meinung unter al len Geistlichen, daß es legitim ist, aus einem gerechten Grund mehrdeutige Wendungen zu benutzen, auf die oben dargestellten Arten, und sie (die mehrdeutigen Wendungen) mit einem Eid zu beschwö ren» (A. V. Liguori: Less. 1,2,c.41; zitiert bei L. Boettner. S. 388). Hierbei wird beabsichtigt, daß der Zu hörer getäuscht und damit irregeführt wird: aAus ausreichendem Grund dürfen wir es zulassen, daß an dere sich täuschen, weil sie die falsche Bedeutung von dem nehmen, was gesagt wird; und dies bleibt wahr, obgleich der Zuhörer wegen seiner Unwissenheit nicht weiß, daß es für das verwendete Wort ei ne andere Bedeutung gibt.» (So Edwin F. Healy, aMoral Guidance», Loyola University Press; zitiert bei L. Boettner, 8.389). - Für evangelische Christen steht die katholische Lehre von der arestrictio menta lis» im deutlichen Gegensatz zu Aussagen der Heiligen Schrift; man vgl. z. B. Mt 5,33-37. (Red.)

86  Vgl. hierzu auch: Tridentinum, 14. Sitzung, aLehre vom Sakramente der letzten Ölung», F. S. Petz, a. a. O.. S. 134ff.. aVom Sakramente der letzten Ölung», ebd.. S. 142f.

87 Übersetzt aus dem Niederländischen; vgl. aDas Sakrament der Krankensalbung». S. 175 in: aGrund riß des Glaubens/Katholischer Katechismus/Allgemeine Ausgabe». München und Hildesheim: Kösel und Bernward 1980.

88 H. J. Hegger. aHand in hand met Rome?» (= aHand in Hand mit Rom?»). Franeker: Wever 1973, S. 141-145.


§8................................... H.J. Hegger

 6. Die Priesterweihe


Hierüber hat das Konzil von Trient in der 23. Sitzung verhandelt. Wir lesen darüber im ersten Kapitel: «Da also im neuen Testamente die katholische Kirche vermöge der Einsetzung des Herrn das sichtbare Opfer der heiligen Eucharistie empfangen hat, so muß man bekennen, daß in derselben ein neues, sichtbares und äußeres Priesterthum vorhanden ist, in welches das alte übergegangen.»®® (vgl. Hebr 7,12f.)


 In der Tat:
Wenn Christus es gewollt hätte, daß auch nach seinem allgenügsamen Keuzesopfer immer wieder echte und wahre Versöhnungsopfer gebracht werden sollten, dann hätte er auch dafür sorgen müssen, daß Menschen bestimmt würden, um diese Opfer zu bringen. Dann hätte es also Priester geben müssen. Wir haben aber bei der Eucharistie gesehen, daß das Neue Testament sogar ausdrücklich verneint, daß solche Opfer noch gebracht werden müßten. Das Neue Testament ist ein großer Lobgesang auf das Kreuz Christi mit seinem unendlichen, versöhnen den Wert.

Trotz mancher Versuche, mit subtilen Redewendungen zu zeigen, daß Rom nicht die Herrlichkeit dieses einen Opfers schmälern will, bleibt die Aussage von Trient, «jenes Opfer (gemeint ist das Meßopfer, Red.) sei wahrhaft ein Sühnopfer». 90  Da mit zerstört Rom in ernstlicher Weise den biblischen Lobgesang auf das eine Opfer dieses einen «Priesters in Ewigkeit», der solch ein Opfer gebracht hat, daß nach ihm keine Priester mehr nötig sind, im Gegensatz zum Alten Testament mit seinen vielen Priestern und dem ganzen priesterlichen Geschlecht, nämlich dem Geschlecht von Aaron. Das röm.-kath. System ist eine lange Kette von vernunftmäßi gen Beschlüssen, die mit dem Ziei die röm.-kath. Kirche großzumachen und ihre Macht auszubreiten, aus verschiedenen unbiblischen Prinzipien hervorgegangen sind. Wenn man dieses Ziel aus dem Auge verliert, kann man nie erklären, wie die se Kirche manchmal so eindeutig im Widerspruch zu Aussagen der Bibel stehen kann. Professor v. d. Ploeg behauptet: «Von Anfang an hat die Kirche eine Hierarchie 91  gehabt, die sozusagen das Gerippe des Körpers ist.»92  Aber:

a) Jesus selber hat nicht über Amtsträger in seiner Gemeinde gesprochen. Wohl hat er Apostel eingesetzt, aber ihre eigentliche Aufgabe sollte darin bestehen, von Christus zu zeugen (Joh 15, 27; Apg 1, 21-22).

b) In Mt 23 hat Jesus «zu dem Volk und zu seinen Jüngern» (V. 1) gesprochen: «Aber ihr solit euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemand euren Vater heißen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist» (V. 8-9). Wie kann er dann gewollt haben, daß in seiner Gemeinde einer sogar mit «Heiliger Vater» angesprochen werden sollte, und daß dessen Füße geküßt würden? Das fordern sogar die Schriftgelehrten und Pharisäer nicht, die von Jesus wegen ihrer unbiblischen Hierarchie angeklagt werden.

89  F. S. Petz. a. a. O.. S. 237.

90  22. Sitzung. «Lehre vom Meßopfer». Zweites Kapitel. F. 8. Petz. a. a. O.. 8. 207.

91 = Priesterherrschaft.

92 J. P. M. van der Ploeg. a. a. O.. 8. 167.


Der römische Katholizismus .............................89

Die Amtsträger sind erst angestellt worden, als die ursprüngliche Kraft des Geistes abzunehmen begann und die Liebe, die durch ihn in die Herzen ausgegossen war (Rom 5,5), die Gläubigen nicht mehr so herzlich zusammenband. Dann erst sind die Diakone als «Diener der Gemeinde» {diakonos = Diener) zu Hilfe gerufen wor den. Wir können das in Apg 6 lesen. «In den Tagen aber, da der Jünger viel wurden, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde wider die he bräischen, darum daß ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versor gung» (V. 1).

Hier sehen wir also die Ursache angegeben, weshalb die Selbstsucht doch immer erneut in der Gemeinde sichtbar wird: nämlich die wachsende Anzahl, Dann ent steht in der Gemeinde Christi die erste Form von Organisation: «Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es taugt nicht, daß wir das Wort Gottes versäumen und zu Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet euch um nach sieben Männern, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, welche wir bestellen mögen zu diesem Dienst» (V. 2-3). Es war Got tes Absicht gewesen, daß auch Israel direkt von ihm regiert werden sollte. Aber die Juden konnten dieses Vertrauen im Glauben nicht aufbringen und baten um ein erbliches Königtum. Sie wollten genauso sein «wie... alle Heiden» (1. Sam 8,5). Als Samuel diese Bitte Gott überbringt, sagt der Herr: «Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, daß ich nicht mehr König über sie sein soll» (1. Sam 8,7). Aber Samuel muß dem Volke doch mitteilen, was sie von den menschlichen Königen zu er warten haben. Der Herr ist jedoch so gnädig gewesen, daß er etliche Könige sicht bar zum Segen seines Volkes gebraucht hat, obwohl auch die guten Könige alle ebenfalls ihre Sünden und Unvollkommenheiten hatten. Denken wir nur an David, den «Mann nach dem Herzen Gottes» und an seinen Ehebruch mit Bathseba und die hinterlistige Ermordung ihres Mannes Uria. Denken Sie auch an das Lebens ende von Salomo.

Ferner sehen wir, daß auch Paulus und Barnabas nicht sofort Älteste in den Gemeinden anstellten, die durch ihr Predigen entstanden waren, sondern daß sie dies erst taten, als sie diese Gemeinden zum zweiten Mal besuchten. «Und sie ordneten ihnen hin und her Älteste in jeder Gemeinde, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren» (Apg 14, 23).

Aus all diesem meine ich die vorsichtige Schlußfolgerung ziehen zu müssen, daß die Amtsträger nicht von Anfang an da gewesen sind, sondern erst später nötig schienen, als - vielleicht auch wegen der wachsenden Anzahl der Gemeindeglieder - die ursprüngliche enge Gemeinschaft^® mit dem Heiligen Geist abnahm und der sündige und deshalb Scheidung bringende Egoismus wieder deutlich offenbar wur de. Es scheint mir gut, wenn Amtsträger sich diesen Ursprung immer wieder vor Augen stellen.®^ Das wird sie zur Demut und zur richtigen Haltung zu ihrem Dienst in der Gemeinde bringen können. Sicher, sie müssen die ihnen aufgetragenen Aufgaben

93 Wörtlich im Niederländischen: «bezieiing door de Heilige Geest», d. h. «Beseelung durch den Heili gen Geist».

94  Vgl. hierzu Alfred Kuen, «Die Entwicklung der Dienste in der Kirchengeschichte» («Die Dienste in der Gemeinde». Sechster Teil) in: FUNDAMENTUM 1/1983, 8.23ff.



90 .......................HJ. Hegger
 mit Freuden erfüllen, Im Wissen, daß der Herr selber sie dazu gerufen hat. Aber auch die Könige Israels hatten ihre Autorität vom Herrn bekommen, obwohl auch die Bitte um ein Königtum ursprünglich eine Verwerfung Gottes als König von Israel bedeutet hatte. Prof. v. d. Ploeg schreibt: «Die priesterliche Hierarchie hat in der Kirche verschiedene Funktionen, wovon zwei ihr ganz besonders zu eigen sind: sie muß der Kirche Festigkeit geben, indem sie sie leitet, verwaltet und Ihr den Glauben vor Augen hält, und sie muß die Sakramente austeilen.»®® Paulus aber schreibt: «Die Ältesten, die gut vorstehen, die halte man zwiefacher Ehre wert, sonderlich die da arbeiten im Wort und in der Lehre» (1. Tim 5,17). Er spricht also gar nicht ge sondert vom Austeilen der Sakramente und sicher nicht vom Bringen von Opfern durch diese Leiter der Gemeinde.

Canon 1 spricht den Fluch über diejenigen aus, die behaupten, «es gebe im neuen Bund kein sichtbares und äußeres Priestertum; oder es gebe da keine Gewalt, den wahren Leib und das Blut des Herrn zu consecriren und zu opfern (consecrandi et offerendi)».®® In Kapitel 4 wird das durch die Behauptung verdeutlicht, daß es einen Unterschied zwischen der priesterlichen Bevollmächtigung aller Gläu bigen und der besonderen priesterlichen Bevollmächtigung der durch den Bischof geweihten Amtsträger gebe.  97 Jedoch haben wir schon gezeigt, daß im Neuen Testament nur die Rede von einem geistlichen Priestertum ist, nämlich dem aller Gläubigen, um geistliche Opfer zu bringen; aber nirgends im Neuen Testament ist auch nur ein Text zu finden, der auf eine Bevollmächtigung der Amtsträger hin weist, wahre Opfer zu bririgen, wie Christus das getan hat. Das griechische Wort «presbyteros» bedeutet «Ältester» oder «der Ältere», das griechische Wort für «Priester» ist «Nereus». Paulus gibt mehrere Male eine Auflistung der Dienste in der Gemeinde: Apostel. Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer, Älteste, Diakone. Aber nie nennt er in so einer Liste «Priester» oder «Päpste». Fällt Paulus dann auch unter die Verfluchung von Trient? Trient geht in den Verfluchungen sogar noch weiter: «Wenn jemand sagt, außer der Priesterweihe gebe es in der katholischen Kirche keine anderen sowohl höheren als niederen Weihen, durch welche man gleichsam von Stufe zu Stufe zum Priesterthume emporsteigt, - der sei im Banne.»  98

 Canon 5 spricht über diejenigen die Verdammung aus, die leugnen, daß im Neuen Testament die Men schen durch Salbung, die durch einen Bischof gespendet wird, zu Priestern ge weiht werden müssen. 99
 Aber dem halte ich entgegen:

a) Paulus schreibt, daß Timotheus nicht durch Salbung, sondern durch Handauf legung in seinen Dienst gestellt worden ist - vor den versammelten Ältesten: 1. Tim 4,14; durch ihn selber: 2. Tim 1,6.

b) Nirgends spricht das Neue Testament über eine Salbung der Amtsträger. Wohl aber schreibt Johannes über eine Salbung, an der alle Gläubigen teilhaben, nämlich die Salbung vom Heiligen Geist (1. Joh 2,27).


95  J. P. M. van der Ploeg, a. a. O.. S. 167.

96  23. Sitzung: «Von dem Sakramente der Priesterweihe», F. S. Petz, a. a. O., S. 240.

97 ebd ., S. 239f.

98  Canon 2, F. S. Petz, a. a. O., S. 240.

99   ebd., S. 241.








Der römische Katholizismus ............... ...........................................91

 Der Brief an die Hebräer sagt: «Und niemand nimmt sich selbst die hohepriesterli che Würde, sondern er wird berufen von Gott gleichwie Aaron» (5,4).

Aber wir ha ben gesehen, daß im ganzen Neuen Testament auf keine Weise von einer Beru fung durch Gott zum Hohenpriestertum gesprochen wird, sogar nicht einmal zum normalen Priestertum als Unterschied zum Priestertum aller Gläubigen.


«So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu wer den, sondern der hat's getan, der zu ihm gesagt hat (Ps 2,7): ,Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.' Wie er auch an anderer Stelle spricht (Ps 110,4): ,Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks' (V. 5-6). Wenn sogar Christus nur aufgrund der deutlichen göttlichen Verordnung die Ehre des «Prie sters in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks» angenommen hat, was für eine schreckliche Anmaßung ist es dann, wenn Menschen sich diese Ehre nur aufgrund menschlicher Denkweisen und sogar ohne jede Stütze aus der Bibel zuschreiben. Wie können sie jemals so vor Gott erscheinen?


Der obligatorische Zölibat

Kurz möchte ich noch etwas über den obligatorischen Zölibat sagen: Nirgendwo wird im Neuen Testament Amtsträgern die Verpflichtung auferlegt, unverheiratet zu sein. Im Gegenteil, Paulus verteidigt in 1. Kor 9,5 das Recht, sogar eine Frau auf seine Missionsreisen mitzunehmen, unter der Bedingung, daß die Frau eine «Schwester», eine Gläubige ist.

 Er weist darauf hin, daß die anderen Apostel, auch Petrus und die Brüder Jesu, das ebenfalls praktizieren. Paulus hat aber auf dieses Recht verzichtet.   100 
 Außerdem sagt Paulus: «Es ist besser freien als von Begierde verzehrt werden» (1. Kor 7,9). Wenn ein junger Mann nach seiner Priesterweihe, vor allem durch Kontakt mit der Frau im Beichtstuhl und im Sprechzimmer, entdeckt, daß er die Ga be der Enthaltsamheit nicht hat, warum sagt der Papst dann: «Bleibe du nur brerinen in deiner Begierde, aber ich gebe dir aufgrund der Vollmacht, die Christus mir verliehen hat, nicht die Erlaubnis zum Heiraten»?


7. Die Ehe

Darüber sagt Trient in der 24. Sitzung: «Da also die Ehe im evangelischen Gesetze durch die von Christus kommende Gnade den Vorzug hat vor der Ehe im alten Bun de, so haben unsere heiligen Väter, die Concilien und die Erblehre der ganzen Kir che mit Recht immer gelehrt, daß sie den Sakramenten des neuen Bundes beizu zählen sei. Dieser Erblehre gegenüber haben gottlose Leute dieses Jahrhunderts in ihrem Aberwitze nicht nur verkehrten Ansichten über dieses hochwürdige Sakra ment gehuldigt, sondern sie haben auch, indem sie nach ihrer Gewohnheit unter dem Vorwande des Evangeliums die Freiheit des Fleisches einführten, viele Be hauptungen durch Wort und Schrift aufgestellt, welche mit dem Sinne der katholi





100 Es gibt röm.-kath. Theologen, die behaupten, daß hier nur das Mitnehmen einer Haushaitshilfe ge meint ist. Aber das hätte sicher in der damaligen heidnischen Welt, aber auch heute. Ursache zu allerlei Gerüchten gegeben. Viele würden auch jetzt nicht glauben, daß. wenn ein unverheirateter Evangelist immer dieselbe Frau auf die Reisen mitnimmt, kein erotisches Liebesverhältnis bestünde. Ganz nüch tern würde man bemerken: Das kannst du mir nicht weismachen!




92 ......................... HJ. Hegger

schon Kirche und mit der seit den Apostelzeiten hier gebilligten Uebung unverein bar sind, und zwar zum nicht geringen Nachtheile der Gläubigen Christi. Um ihrer Verwegenheit Schranken zu setzen, hielt die heilige allgemeine Kirchenversammlung, damit die verderbliche Ansteckung nicht noch weiter um sich greife, für nothwendig, die bedeutenderen Häresien und Irrlehren dieser Abtrünnigen dadurch auszurotten, daß sie gegen diese Häretiker selbst und ihre Irrlehren nachstehende Verdammungen beschloß.»  101 


 Dann folgen zwölf Verfluchungen,

aus denen wir zitieren: Canon 1:
 «Wenn Jemand sagt, die Ehe sei nicht wahrhaft und eigentlich eines von den sieben Sakramenten des evangelischen Gesetzes, und von Christus, dem Herrn, eingesetzt, sondern sie sei eine Menschen-Erfindung in der Kirche, und wir ke keine Gnade, - der sei im Banne.»

Canon 4: «Wenn Jemand sagt, die Kirche habe keine trennenden Ehehindernisse festsetzen können, oder, sie habe bei deren Festsetzung geirrt, - der sei im Banne.»  103

 Canon 9: «Wenn Jemand sagt,... daß Alle eine Ehe eingehen können, wenn sie, obwohl sie die Keuschheit angelobt haben, die Gabe der Keuschheit nicht zu haben meinen, - der sei im Banne.» 104

Canon 12: «Wenn Jemand sagt, daß die Ehestreitsachen nicht vor die kirchlichen Richter gehören, - der sei im Banne.»  105 

 Einwände von der Schrift her

 Die Ehe wurde von Gott selber im Garten Eden als eine unauflösbare Bindung zwi schen einem Mann und einer Frau eingesetzt. Christus weist dann auch auf diese ursprüngliche Schöpfungsordnung zurück (Mk 10,1-12). Nirgendwo wird gesagt, daß Christus die Eheschließung als ein heiliges Ereignis eingesetzt habe, wodurch der Neue Bund in seinem Blut versinnbildlicht und Gottes Verheißung bestätigt werde, daß, wer an Christus glaubt, Vergebung der Sünden empfängt. Und wenn Christus das nicht gewollt hat, dann müssen wir das akzeptieren. Es sind sein Blut und sein Leben, die er für uns gegeben hat, und er hat darum das Recht, zu sagen, wie wir diese seine Selbsthingabe in sakramentalen Zeichen feiern müssen (und dürfen). Das Konzil von Florenz beruft sich auf Eph 5,32, um zu beweisen, daß die Ehe ein Sakrament sei. Dort steht: «Dieses Geheimnis ist groß; ich rede aber von Christus und der Gemeinde.» Aber...

1. Erstens ist es Paulus, der hier redet und nicht Christus, und ein Sakrament muß - laut katholischer Lehre - von Christus eingesetzt sein. Ferner geht es hier um ein Gleichnis. Paulus will die tiefe Einheit, die zwischen Christus und seiner Gemeinde besteht, durch das Bild der Ehe verdeutlichen. Aber Christus hat so oft Begeben heiten aus dem alltäglichen Leben benutzt, um dadurch seine Lehre für die einfachen Menschen verständlicher zu machen. Denken Sie z. B. an das bekannte 


101  F. S. Petz, a. a. O.. S. 274f

102. ebd., S. 275.

103 ebd.
104 ebd., S. 276.

105 ebd., S. 277.


Der römische Katholizismus .....................93

  Gleichnis vom Säemann. Dadurch aber hat er das Säen von Weizenkörnern auf den Acker noch nicht zu einem Sakrament erhoben.

 2. Ein gläubiger Christ wird sicher solch ein wichtiges Ereignis wie die Eheschlie ßung vor Gottes Angesicht bringen. Und weil der Herr einen Bund geschlossen hat mit den Gläubigen und ihren Nachkommen, liegt es auf der Hand, daß auch die Kir che in die Eheschließung miteinbezogen wird. Paulus läßt In 1. Kor 7,14 sehen, wie ein Segen vom gläubigen Mann und von der gläubigen Frau und von den gläubigen Eltern ausgeht. Sie sind durch einander geheiligt, aufgrund des Bündnisses Gottes mit den Gläubigen. Die Eheschließung inmitten der Gemeinde ist dann auch eine Äußerung der Dankbarkeit Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus gegen über, der diesen Bund mit seinem Blut besiegelt hat. Zugleich ist es eine demütige Bitte um Gottes Leitung in unserem Eheleben.


 3. Paulus schreibt in Röm 13 über die Autorität der Obrigkeit als Dienerin Gottes. «Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung: die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen» (V. 2). Wenn dann die röm.- kath. Kirchenleiter eine Ehe, die von der staatlichen Obrigkeit als gültig anerkannt ist, für ungültig erklären, dann widersetzen sie sich 106  also der gesetzlichen, von Gott gegebenen Autorität der staatlichen Obrigkeit und werden über sich ein Urteil empfangen. Denn nirgendwo steht, daß die Leiter einer Gemeinde gegen diese Au torität in bezug auf die Gesetzgebung für die Ehe Einspruch erheben dürfen.

106 Es sei denn, die Bibel betrachte eine solche Ehe selbst als ungültig, denn in diesem Fall muß man Gott mehr gehorchen als den Menschen.