Werner Tietze

 

Richten und prüfen

 

Im Zuge der neuen Toleranz und einer falscher Einheitsbestrebung duldet man heute auch in evangelikalen Gemeinden oftmals fremde Lehren und Praktiken. Gegen jegliche biblische Beurteilung wehrt man sich in der Regel  mit dem aus dem Zusammenhang gerissene Bibelwort „Richtet nicht“ (Matth. 7,1).  Es ist jedoch exegetisch falsch und irreführend, dieses Wort gegen ein vom Wort Gottes gebotenes Prüfen der Geister (1. Joh. 4,1) und einer geistlichen Beurteilung aller Dinge (1.Kor. 2,15 ) zu mißbrauchen. 

 

Der Herr wendet sich in Matth. 7 gegen ein ungeistliches, liebloses und persönliches Richten und Verurteilen anderer bei eigener geistlicher Blindheit.  Im gleichen Kapitel sagt der Herr aber, daß wir uns vor falschen Propheten hüten sollen und forderte uns geradezu auf, dieselben zu ‚beurteilen‘:  „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“.   Und wenn wir dem im gleichen Kapitel stehenden Gebot des Herrn:  'Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen!' Gehorsam leisten wollen, dann müssen wir Dinge, Zustände und Menschen beurteilen.  Es handelt sich um zwei völlig verschiedene Dinge: liebloses und selbstgerechtes „richten“ oder eine notwendigen Beurteilung geistlicher Strömungen und religiöser Verführer. 

 

Der Herr selbst fordert uns auf: 'Richtet nicht nach dem Schein, sondern richtet ein gerechtes Gericht' (Joh. 7,24).  Fritz Rienecker schrieb in der Wuppertaler Studienbibel zu Matth. 7:  'Jesu Wort: „Richtet nicht„  heißt nicht ... jeder Urteilsbildung über das Verhalten der Menschen sich enthalten. Nein, „Prüfen und Wachen und Achthaben„ auf alles das, was vor Gott nicht recht ist, ist Aufgabe des einzelnen Christus-Nachfolgers, als auch Pflicht der Gemeinde Jesu  ... Und Jesus hat die Heuchler scharf gerichtet'

 

Gleichermaßen fordert uns Gottes Wort auf:  'Prüft aber alles, und das Gute behaltet' (1.Thess. 5,21).  'Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.' (Eph. 5,10.11).  Es ist symptomatisch für unsere Zeit einer falschen, unbiblischen Toleranz, daß dieses gebotene „Prüfen“ oder „Beurteilen“ als böswilliges Richten gebrandmarkt wird, um auf diese Weise jede Art von unbiblischer Lehre und Praxis zu entschuldigen!  Es gibt eine Grenze zwischen Licht und Finsternis und zwischen drinnen und draußen. Was sich ‚drinnen‘, im christlichen Lager abspielt, haben wir nach dem Wort Gottes zu beurteilen:  'Denn was gehen mich die draußen an, daß ich sie richten sollte. Habt ihr nicht die zu richten, die drinnen sind?' (1.Kor. 5,12)

 

Auch geistliche Leiter und bekannte Evangelisten sind nicht unantastbar, und gerade ihr scheinbarer Erfolg ist ein Grund, ihr Tun zu beurteilen. Wir sollen die falschen Propheten erkennen, die viele verführen (Matth. 24,11.24).  Allein das Wort Gottes ist der Maßstab, an welchem wir alle Lehren und Praktiken zu beurteilen haben.  Die Männer der Bibel scheuten sich nicht, die Dinge und die Personen offen beim Namen zu nennen: 'Unter ihnen sind Hymenäus und Alexander' (1.Tim. 1,20); ‚Dazu gehören Hymenäus und Philetus, die von der Wahrheit abgeirrt sind‘ (2.Tim. 2,16); ‚Denn Demas hat mich verlassen, da er den jetzigen Zeitlauf liebgewonnen hat‘ (2.Tim. 4,10); 'Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses angetan ... vor dem hüte dich' (2. Tim. 4,14.15);  'Ich habe der Gemeinde kurz geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht auf' (3.Joh. 9).  'Sie haben einen Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!' (2.Tim. 3,5); 'Seht euch vor, daß ihr nicht verliert, was wir erarbeitet haben, sondern vollen Lohn empfangt. Wer darüber hinausgeht und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat Gott nicht; wer in dieser Lehre bleibt, der hat den Vater und den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht, so nehmt ihn nicht ins Haus und grüßt ihn auch nicht' (2.Joh.8-10).  'Wenn aber jemand unserm Wort in diesem Brief nicht gehorsam ist, den merkt euch (oder: den bezeichnet) und habt nichts mit ihm zu schaffen' (2.Thess. 3,14); 'Denn solche dienen nicht unserm Herrn Christus, sondern ihrem Bauch; und durch süße Worte und prächtige Reden verführen sie die Herzen der Arglosen' (Röm. 16,18); 'Wir sind ja nicht wie die vielen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen' (2. Kor. 2,17); 'Denn solche sind falsche Apostel betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi. Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts. Darum ist es nichts Großes, wenn sich auch seine Diener verstellen als Diener der Gerechtigkeit'  (2.Kor.11,13-15): 'Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu ziehen. Darum seid wachsam!' (Apg. 20,30.31); 'Nehmt euch in acht vor den Hunden, nehmt euch in acht vor den bösen Arbeitern' (Phil. 3,2); 'Denn viele wandeln, daß ich euch oft von ihnen gesagt habe, nun aber sage ich's auch unter Tränen: sie sind die Feinde des Kreuzes Christi' (Phil. 3,18).

 

Diese wenigen Schriftstellen zeigen, daß es unsere Pflicht und Verantwortung ist, die Dinge klar zu sehen und zu beurteilen. Eine Toleranz, die Falschheit und Verführung duldet, ist Sünde. Wir selbst müssen natürlich auch bereit sein, jederzeit Korrektur anzunehmen und die Freimütigkeit haben, im Geiste der Sanftmut andere zu korrigieren. Wo keine Korrektur möglich ist, müssen falsche Lehre und Werke der Finsternis bloßgestellt werden.

 

Werner Tietze