Home       Bibelkreis.ch

Frage: 1536

Lieber Hanspeter
In der Elberfelder 1.Joh.2,2:
Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

In der Schlachter 1.Joh. 2,2:
Und er ist das Sühnopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt .
 
Stimmt hier Die Schlachter? Nach W. Kelly wäre es falsch. Was meinen die Brüder dazu?
In IHM
Martin K-

 

Zur  Sinn- und Übersetzungsfrage von 1Joh 2,2

 

„und er ist das Sühnopfer für unsre Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die (der) ganze(n) Welt.“

 

A) Leitgedanke

Welche Übersetzung – so ist zu klären - spiegelt den Sinn, die Grammatik, die Syntax und den Zusammenhang dieses Verses am exaktesten wider ?

Zur Klärung dieser Frage sollen zunächst die theologischen Vorverständnisse möglichst außer Acht gelassen werden, um eine Voreingenommenheit im Textverständnis auszuschließen.

Eine Differenz der verschiedenen griechischen Textgrundlagen (NA, TR, MT) liegt in 1Joh 2,2 nicht vor.

B) Übersicht über verschiedene Übersetzungen:

Es bietet sich zur Gewinnung eines Überblicks bzw. für Vergleiche eine Aufstellung verschiedener relevanter Übersetzungen an:

 

Aus dieser Aufstellung ist bereits zu erkennen, dass der letzte Satzteil unterschiedlich wiedergegeben werden:

 

a) „für die der ganzen Welt“ bzw. „for those of“

=> hiermit wird angezeigt, dass sich die „Versöhnung“ auf die „Sünden“ („die [Sünden] der“) der Welt bezieht.

            b) „for the sins of“

=> hiermit soll durch Ergänzung von „sins of“ noch deutlicher angezeigt werden, dass sich die „Versöhnung“ auf die „Sünden“ der Welt bezieht.

            c)  „für die ganze Welt“

=> hiermit wird der Bezug (Versöhnung oder Sünden) durch die Übersetzung offen gelassen. Es deutet hier nach deutschem Textverständnis eher auf den unmittelbaren Bezug von „Welt“ und „Versöhnung“ hin.

Gruppe a) und b) können als homogene Gruppe gesehen werden, da sie – obwohl jeweils auf unterschiedliche Weise – den direkten Bezug von „Sünden“ mit „der ganzen Welt“ herstellen.

C) Zur Übersetzung

 

Abschnitt 1.         und er ist das Sühnopfer für unsre Sünden,

 

Abschnitt  2. a)             aber nicht nur (allein/ausschließlich) für die unseren,

             b)                     sondern auch für die (der) ganze(n) Welt.

 

Zu Abschnitt 1)

Der erste Satzteil (1) ist bereits vollständig und könnte auch alleine stehen.

a) Die Verwendung von „und“ zeigt den untrennbaren Zusammenhang zu Vers 1. Der Fürsprecher beim Vater - wenn Gläubige gesündigt haben (V.2) - ist auch derjenige, der das Sühnopfer für deren Sünden dargebracht hat (V.2)

b) Das Personalpronomen „er“ bezieht sich immer auf das unmittelbar zuvor genannte Bezugswort – in diesem Fall auf Jesus Christus, den Gerechten.

c) Der Aufforderung zum Bekenntnis der Sünden (Kap 1,9) und dem Verweis auf den Fürsprecher/Beistand/Anwalt beim Vater (V.1) schließt sich die Grundlage hierfür an: Jesus Christus hat – als der Gerechte – das erforderliche „Sühnopfer“ dargebracht. Allein auf dieser Grundlage ist Vergebung und Fürsprache möglich. Das Wort „ist“ steht im Präsens, da die Kontinuität, die Fortdauer und der Gegenwartsbezug und die Aktualität des vollbrachten Sühnopfers Christi für die Sünden der Gläubigen betont werden soll.

d) „Für“ (bzw. „in bezug auf“, „im Hinblick auf“) verdeutlicht, dass der Tod des Herrn am Kreuz allein das Sündenproblem lösen kann. Er starb nicht, weil er selbst Vergehen begangen hatte und dafür bezahlen musste, sondern er starb als der Gerechte (V.1) für die Ungerechten (1Pet 3,18). Gottes gerechten Maßstäben wurde genüge getan, indem Jesus Christus unsere Sünden an seinem Körper am Kreuz getragen hat (1Pet 2,24).

 

Zu Abschnitt 2)

Allgemeines

Für den Apostel Johannes ist es kennzeichnend, ein entscheidendes Wort (bzw. Gedanken) aufzugreifen und in der Folge genauer zu spezifizieren (z.B. 1Joh 1,3:die Gemeinschaft; 1Joh 2,7: das Gebot; 1Joh 3,4 die Sünde; 1Joh 3,15 der Menschenmörder; 1Joh 4,18 die Liebe;1Joh 5,11 das Leben). Genau dieses Vorgehen findet sich hier: Abschnitt 1 stellt den Grundgedanken vor, der durch Abschnitt 2 genauer spezifiziert wird.

 

a) Die Verwendung von „nicht nur/allein/ausschließlich (monon)“ erweitert den ersten Grundgedanken um einen zweiten Aspekt (siehe Anmerkung 1.)

Der erste Grundgedanke ist sowohl im Abschnitt 1 als auch im Abschnitt 2a erwähnt („Christus ist die Sühnung für unsere [d.h. die der Gläubigen] Sünden“) und kann nicht beim Abschnitt 2b. reduziert werden (etwa auf „Sühnung“ allein).

Die Erweiterung dieses Grundgedankens bezieht eine zweite Gruppe – nämlich „die ganze Welt“ – in die „Sühnung der Sünden“ ein.

Diese Tatsache ist nicht nur/allein/ausschließlich für Gläubige zutreffend, sondern wird in Folge um eine weitere Gruppe ergänzt, auf die sich die erste Aussage erweitert.

 

b) Die Struktur
Entscheidend für das Verständnis des gesamten Satzes und der inneren Bezüge ist der innere Verbund bzw. der unauflösbare primäre Zusammenhang innerhalb des gesamten zweiten Abschnittes. Der ganze Abschnitt 2 muss als unauflösbare Einheit gesehen werden, die syntaktisch von der Verwendung „nicht nur/allein ... sondern auch“ (griech.: „ou .. de .. monon .….... alla.. kai“) eingeklammert wird und von einem gemeinsamen Leitwort dominiert wird.

 

1Joh 2,2  „nicht (ou) aber (de) für die unseren allein (monon),

 sondern (alla) auch (kai) für die (der) ganze(n) Welt.“

 

Ein zweiter Satz des Apostels Johannes weist diese gleiche innere Struktur auf:

Joh 17:20 „nicht (ou) für diese aber (de) allein (monon) bitte ich,

sondern (alla) auch (kai) für die, welche durch ihr Wort an mich glauben“

 

Die Bitte des Herrn, wird von der ersten Jüngergruppe auf die zweite Jüngergruppe ausgeweitet – der übergeordnete Bezug bleibt jedoch für die zweite Gruppe erhalten und kann nicht durch differierenden Bezug aufgebrochen werden.

 

Somit bleibt festzustellen, dass die in beiden Sätzen (1Joh 2,2 und Joh 17,20) zugrundeliegende Syntax folgendes zeigt:

1) Es handelt sich um einen festen Ausdruck/Satzverbund, der in zwei gleichberechtigte Abschnitte („nicht aber allein“ bzw. „sondern auch“) geteilt ist, die von einem gemeinsamen Bezug abhängig sind !

2) Es kann innerhalb dieser Satzstruktur keinen differierenden übergeordneten Bezug (d.h. „nicht allein“ ist nicht an ein anderes regierendes Wort koppelbar als „sondern auch“) geben.

 

Sowohl 1Joh 2,2 als auch Joh 17,20 geben somit eine Erweiterung des Teiles „ou de monon“ im weiteren Verlauf mit „alla kai“ - unter der Herrschaft ein und desselben übergeordneten Bezuges - an.

c) „Die unseren“ ist ein Possessivpronomen und zeigt an, wem die Sünden in Abschnitt 2a. zuzuordnen sind: Es handelt sich um die eigenen Sünden der Gläubigen für die das Sühnopfer des Herrn gebracht wurde. Hierbei wird noch kein neuer Gedanke genannt (die Tatsache, dass Christus die Sühnung für unsere Sünden ist, wurde bereits in Abschnitt 1 getroffen), sondern die gleiche Aussage von Abschnitt 1 aufgegriffen, um ihn in der Folge genauer zu definieren und einen neuen Sachverhalt (Abschnitt 2b) anzuschließen.

„Die unseren“ bezieht sich mithin nicht unmittelbar auf „Sühnung“, sondern direkt auf „Sünden“, das wiederum von „Sühnung“ dominiert wird.

Da in 2a und 2b jeweils die gleiche Präposition („für“ bzw. „peri“) mit dem selben Genus (Genitiv) Verwendung findet, ist die Übersetzung konkordant vorzunehmen, d.h. wenn in 2a. der Bezugsmarker „die“ Verwendung findet (so auch Elberfelder), ist er in 2b. nicht außer Acht zu lassen.

Die Wiedergabe der übergeordneten Abhängigkeit des Genitivs von Abschnitt 2a, zwingt zur selben Wiedergabe der Abhängigkeit von „Sünden“ im Abschnitt 2b (etwa mit der Übersetzung von „die“ der ganzen Welt), da eine völlig analoge Struktur vorhanden ist.

D) Schlussthesen:

1) Die verwendete Syntax schließt einen Doppelbezug von Abschnitt 2a auf „Sünden“ einerseits, und einen Direktbezug von Abschnitt 2b auf „Versöhnung“ andererseits aus.

2) Für den gesamten Abschnitt 2 ist ein einziges dominierendes Leitwort notwendig:

a) In Abschnitt 2a bezieht sich „unseren“ eindeutig auf Sünden, daher muss sich Abschnitt 2b ebenso darauf beziehen.

4) Der Gedanke der Sühnung der Sünden der Gläubigen (Abschnitt 1) wird im Abschnitt 2a aufgegriffen und um den zusätzlichen Gedanken in 2b erweitert, dass Christus auch die Sünden der ganzen Welt gesühnt hat. Dieses Vorgehen ist bei Johannes üblich.

5) Alle genannten Übersetzungen, die den inneren Bezug nachvollziehen, sind sinnvoll. Die wenigen davon abweichenden Übersetzungen (z.B. Elberfelder) geben die Struktur völlig missverständlich wieder und lassen aufgrund der Übersetzung für den unbedarften Leser einen direkten Bezug von „ganze Welt“ und „Sühnung“ zu, der jedoch im Originaltext nicht möglich ist.

 

E) Übersetzungsvorschlag

 

1Joh 2:2und er [Christus V.1] ist Sühnopfer [„das“ steht nicht im GNT] für unsere Sünden - nicht für die unseren [Der Bezug ist zu unseren „Sünden“]  aber allein [„allein“ im Sinne von „ausschließlich“] , sondern auch für die [oder „diejenigen“ bzw. freier „die Sünden“ - siehe Anm.3] der ganzen Welt

 

 

Peter Streitenberger

Anmerkungen:

1) Mt 4,4 "Nicht von Brot allein (mono) soll der Mensch leben, sondern (alla) von jedem Worte, das durch den Mund Gottes ausgeht."

Der erste Aspekt (leben ausschließlich vom Brot) wird um einen weiteren/zweiten Aspekt (leben vom Wort Gottes) erweitert und ergänzt.

 

2) Die Verwendung der Satzstruktur (nicht nur/allein – sondern auch) bei Paulus zeigt folgendes:

2Tim 2:20 In einem großen Hause aber (de) sind nicht (ou) allein (monon) goldene und silberne Gefäße, sondern (alla) auch (kai) hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre.

Leitwort in 2Tim 2:20 ist „das große Haus“. Von da aus wird der Satzverbund (de ou monon .... alla kai) geleitet. Beide Gefäßarten (wertvolle und weniger wertvolle) befinden sich in ein und demselben Haus, d.h. beide Teile des Satzverbundes werden unter das selbe Leitwort subsumiert. Es zeigt sich, dass der unmittelbare innere Bezug nicht gebrochen werden kann (z.B. im Sinne von „die weniger wertvollen Gefäße beziehen sich nicht direkt auf das große Haus“)

 

3) Indem zwar in Abschnitt 2a „die“ vor „unseren“ von allen Übersetzungen wiedergegeben wird und somit der Bezug zu „Sünden“ klar ersichtlich ist, jedoch in Abschnitt 2b „die“ in manchen Übersetzungen (Elberfelder) nicht sinngemäß übersetzt wird, zeigt dies trotz gleicher Morphologie und Satzstellung (jeweils „peri“ mit folgendem Genitiv) eine inkongruente bzw. unsystematische, d.h. widersprüchliche Übersetzungsmethodik. Es kann also nicht mit dem Verweis auf vermeintliche Wörtlichkeit argumentiert werden.