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Frage 1111

 

Frage: Verantwortung der Gläubigen beim Mahl des Herrn (Abendmahl) zur Datei: http://bibelkreis.ch/themen/untimal.htm

Hallo Hans-Werner und Hans Peter,

Ich möchte zum Punkt 10 aus der Schrift "Unterschied Tisch/Mahl des Herrn" von Hans-Werner Deppe eine Frage stellen:

> Zum "Mahl des Herrn" hingegen empfangen Christen ihre Mitgläubigen,

> sofern sie rein in Wandel und Lehre sind. Die Gläubigen der Gemeinde

> haben ferner die Autorität, jemandem die Teilnahme am Mahl des Herrn

> zu verwehren und tragen damit Verantwortung dafür.

Wo kann ich im NT Hinweise darauf finden, dass es in der Verantwortung der Gemeinde/Ältesten liegt, welches Kind Gottes am Mahl des Herrn teilnehmen darf und

welches nicht? In meinem Freundeskreis haben wir gerade die Diskussion.

Eine Ansicht: 1. Korinther 11, 27,34 wird davor gewarnt wird, das Abendmahl unwürdig zu geniessen, da sonst Gottes Zucht eingreifen müsste. Auch da heisst es aber nicht „unwürdig sein, um zu essen“, sondern „unwürdig essen“. Wer könnte sich selber für das heilige Mahl würdig einstufen? Aber es ist ein unwürdiges Essen und Trinken, wenn eine Verunreinigung da ist oder etwas zwischen den Kindern Gottes liegt.

Vielen Dank und im HERRN verbunden

David


 Lieber Hans Peter,

heute habe ich anscheinend die Schreiblust, weil ich schon wieder einige Kommentare von mir gebe.

Zur Frage 1111

Gottes Wort spricht  im Zusammenhang mit dem Mahl des Herrn von einer „Selbstprüfung“, nicht aber davon, dass jemand das Recht (oder die „Autorität“?) hätte, andere zu prüfen.  Was heißt denn „rein im Wandel und Lehre“?  Es gibt ja da auch den Begriff „böse Lehre“ (den es in der Bibel allerdings nicht gibt); und jemand ist dann sicherlich „rein in Lehre“, wenn er die Lehrsätze der „Versammlung“ unterschreibt.  Abgesehen von einem Leben in grober Sünde, wo selbstverständlich „Gemeindezucht“ geübt werden muss,  kann doch nur jeder selbst beurteilen, ob er „rein im Wandel“ ist. Eine Selbstprüfung ist offensichtlich nicht mehr nötig, wenn man einmal „zugelassen“ ist. (Auch diesen Begriff findet man nicht in der Bibel).  Wie kommt es sonst, dass in den „Brüderversammlungen“ vor dem Brotbrechen niemals die Worte 1.Kor. 11,23-32 – mit der Betonung auf die Verse 28-32 – gelesen  werden?  (Wenn es irgendwo doch getan wird, würde es mich freuen.) Offensichtlich haben manche mehr Angst, sich durch die Gemeinschaft mit anderen wahren Gläubigen zu verunreinigen, als durch die Dinge dieser Welt, die leider auch in die "Versammlungen" eindringen! 

Ein Beispiel für dieses Denken  findet sich in einem Schreiben von Rudolf Brockhaus an Heinz Köhler, der sich darüber beklagt hatte, dass man ihm in der Kölner Versammlung die Gemeinschaft beim Abendmahl verweigert habe.  Brockhaus antwortete: 'Die Frage, ob Sie ein Christ sind und in persönlicher Treue und Gottesfurcht zu wandeln begehren, kommt bei dieser Ablehnung gar nicht in Betracht. .. Der springende Punkt ist der Boden, auf dem Sie stehen und den Sie vertreten'  (Gerhard Jordy, Die Brüderbewegung in Deutschland,  Band 2)  Der „Boden“ ist auch wieder so ein Spezialausdruck, den ich nirgends in der Bibel finde.  Dagegen steht geschrieben:  „Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“  (1.Kor. 3,11). 

 

Unterschied Tisch/Mahl des Herrn

So komme ich auch gleich zum anderen Thema.  Diese Unterscheidung „Tisch des Herrn“ und „Mahl des Herrn“  ist überhaupt nicht neu.  Man findet die gleichen Argumente schon in den „Handreichungen“ aus dem Jahr 1926.  Mir ist nicht klar, zu welchen „praktischen Konsequenzen“ die Missachtung der Unterschiede zwischen beiden Begriffen führen könnte.   Gibt es wirklich in unseren Tagen nichts Wichtigeres, als derartige theologische „Höhenflüge“?  Spricht 1. Kor. 10 nicht auch vom „Kelch der Segnung“ und vom „Brechen des Brotes“, von dem „Teilnehmen an dem Brot“ und dem „Trinken des Kelchs?  Und sollen nicht nur in Kap. 10, sondern gerade auch in Kap. 11 die Teilhaber am Brotbrechen gewarnt werden, weltlich zu leben?  Wenn man nun bei Mahl des Herrn nicht mehr vom „Tisch des Herrn“ reden darf, dann müssten viele unserer Lieder umgeschrieben werden; z.B.  Nr. 90, 131, 132  (Siehe Anlage)

Auf meinen vielen Reisen und Diensten in Indien, Nepal, Pakistan, Afrika, usw. habe ich jeden Sonntag mit echten Gläubigen das Mahl des Herrn gefeiert.  Für sie ist es „the Lord’s table“ (Tisch des Herrn).  Für theologische Feinheiten haben diese Geschwister, die oftmals unter Druck und Verfolgung leben,  keine Zeit.  Viele von ihnen haben schon einen hohen Preis für ihre Treue zum Herrn bezahlt.  Auch in den grossen Gemeinden (mitunter bis zu 2.000 Anwesenden) steht bei der Mahlfeier ein Tisch mit Brot und Kelch in der Mitte des Versammlungsraums.  In ihrem einfältigen, echten Glauben ist das der Tisch des Herrn und niemand könnte ihnen ausreden, dass ein Tisch kein Tisch ist!  .  

Auch F.B. Hole bezieht 1.Kor. 10 auf das Mahl des Herrn. Er schreibt unter 1.Kor 11, dass es „bei dem Mahl des Herrn um Gemeinschaft geht, wie in Kapitel 10 es beschrieben ist.“  (F.B. Hole, Grundzüge des Neuen Testaments, Band 3, CSV.)

In Darby’s Synopsis kann man lesen: „He enjoins, with regard to idolatry, that holy fear which avoids the occasion of doing evil, the occasion of falling. There is association and communion through the table of which we partake with that which is on it; and we Christians, being many, are but one bread and one body, inasmuch as we share the same bread at the Lord's supper.”

Transl.:


"Hinsichtlich des Götzendienstes weist er hin auf die heilige Furcht, welche den Anlass, Böses zu tun, den Anlass des Fallens, meidet.  Es besteht ein Verbindung und Gemeinschaft durch den Tisch, an dem wir teilhaben, mit dem, was sich auf ihn befindet, und wir als Christen, die vielen, sind ein Brot und ein Leib, indem wir beim Mahl des Herrn am gleichen Brot teilhaben."

-->  Für Darby war also der Tisch des Herrn gleichbedeutend mit dem Mahl des Herrn. 

Herzliche Grüsse in unserm Herrn,

Werner Tietze

 

 


9,10,03

Hallo Hans Peter, diese Mail bitte an Bruder Werner Tietze weiterleiten.

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zur Frage 1111

09.10.2003

Hallo Werner,

Danke für Deine Antwort. Deine Gedanken sind mir hilfreich. Ich möchte noch ein paar Gedanken zur Verantwortung der Ortsgemeinde schreiben.

Hier ein Zitat von unseren "geistlichen Vätern", aus einer Zeit, wo die Brüderbewegung noch ziemlich unbeschadet und gesund war:

Aus "The Bible Treasury" Vol. 7. 1869 Seiten 239-240 "Christen, die zugelassen werden, müssen gesund in der Lehre sein, tadellos im Wandel und Verbindungen. Wir können keinen Handel mit Christen machen, die wünschen, mit uns Brot zu brechen. Sie können nicht abgewiesen werden wegen ihres Verbleibens in ihren Systemen, aber es wäre korrekt, es ihnen vorzuhalten und sie besser zu belehren. Christen, die glauben, sie haben die Freiheit um hin und her zu gehen, müssen ernsthaft belehrt werden bevor sie den wahren Grund des Versammelns, den Leib Christi, einnehmen. Obwohl Christen zugelassen werden, dürfen sie nicht davon ausgehen, daß wir ein Verbleiben in ihren Systemen gutheißen. Die Einheit des Geistes wird nicht dadurch ausgedrückt, verschiedene Systeme zu besuchen und zu erwarten, Brot mit den "Brüdern" zu brechen. Man sollte mehr beschäftigt sein mit den Rechten Christi als Haupt des Leibes, als mit den Rechten der Gläubigen. Halte fest an der Wahrheit. Wenn andere kommen wollen, so laß sie kommen, aber die auf dem wahren Boden stehen sollten nicht zu ihnen gehen."

Zum Zitat:

"Mit wahrem Boden" ist hier sicherlich der eine Grund gemeint, den Du schon anführtest. Das wird aus den zwei Sätzen zuvor deutlich:

- Christus als Haupt des Leibes;

- Rechte Christi;

- Die Wahrheit festhalten

So wie ich die zitierten Brüder verstehe, sehen sie neben der wichtigen Selbstprüfung (1.Kor 11) doch noch eine Verantwortung der Ortsgemeinde beim "Zulassen", um das Gewissen der Gemeinde rein zu halten und eine ungetrübte Gemeinschaft im Gedächtnis an den Herrn zu ermöglichen.

Der Kandidat sollte also:

- gesunde Lehre vertreten, besonders in Bezug auf Christus

- eine christliche Lebensführung in Versammlung und Öffentlichkeit umsetzen;

das schließt eben auch Christus entehrende Verbindungen aus.

Wenn nötig soll die Teilnahme also zeitweise vorenthalten werden und belehrt werden.

Dieser Denkweise konnte ich mich bisher recht gut anschließen, da ja im NT einiges klar zur Irrlehre und zum Wandel geschrieben ist. Siehe u.a. 1Thessalonicher 5:21-23
 

Was aber - und das ist in unserer Gemeinde der Fall - wenn der Kandidat sehr kompliziert von Wesen, Denkweise und Handeln ist? Der "Kandidat" ist wiedergeboren und kürzlich getauft. (!)

Aber durch sehr geringe Bibelkenntnis ist er in vielen Dingen ein starker Zweifler, hinterfragt viel, auch was grundsätzliche Aussagen der Schrift betrifft. Der "springende Punkt" war in seinem Fall die Äußerung, dass die Bibel nicht komplett authentisch und irrtumslos sein könne. Auch den göttlichen Kanon der Schrift zweifelte er an. Diese Gedanken äußerte er erst nach seiner Taufe.

Meine Frage dazu: Ist das ausreichend, um diesem Bruder die Teilnahme am Mahl des Herrn zeitweise zu verwehren? Wie siehst Du diesen Fall?

Natürlich bin ich da noch unsicher, besonders wenn ich 1.Kor 11,28ff und Galater 6:3-5
bedenke...

 

Herzliche Grüße

David


13,10,03

 

Hallo David,

 

Der spezielle Fall in euerer Gemeinde, der leider gar nicht so selten ist, rührt doch sicherlich davon her, daß es in den Gemeinden nicht wenige gibt, die wohl „bekehrt“ aber nicht wirklich „wiedergeboren“ sind.  Wir können zwar niemanden ins Herz schauen, aber es gibt doch gewisse Merkmale einer biblischen Wiedergeburt.  (1,.Johannesbrief).  Jeder wirklich Wiedergeborene gehört doch zum Leib Christi, und zwar nicht nur beim Brotbrechen, sondern 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche!  Das „Gewissen der Gemeinde“ (wie Du schreibst), kann dadurch rein gehalten werden,  dass wir vor dem Brotbrechen jedes Mal ein klare Ermahnung geben, dass nur diejenigen daran teilnehmen sollen, die wirkliche Heilsgewissheit haben und mit Gott und Menschen in Ordnung sind.  Es ist zu betonen „ein jeder aber prüfe sich selbst“  (1.Kor. 11,28), und wenn wir dann noch als Verantwortliche auf die in den Versen 29-32 beschriebenen Konsequenzen hinweisen, haben wir das getan, was Gott von uns verlangt.  Was heute allgemein fehlt, ist das Bewusstsein der Heiligkeit Gottes und echte Gottesfurcht. 

 

Ich habe den Eindruck, dass es in manchen Kreisen nicht um den Tisch des Herrn, sondern um den eigenen Tisch geht, zu welchem man andere nach gewissen Kriterien zulässt oder ausschließt.  Man kann in extremen Fällen sogar blind sein für den eigenen Zustand; aber desto mehr ist man darauf bedacht, sich ja nicht mit anderen Geschwistern zu „verunreinigen“.  Die Schrift lehrt „Gemeindezucht“ und Ermahnung vor dem Brotbrechen.  Etwas anderes kann ich nicht erkennen. 

 

Wie „unkompliziert“ waren doch die Anfänge der Brüderbewegung!  Einige Brüder wollten ohne einen gesonderten Namen und ohne irgend eine Abgrenzung von anderen Gläubigen in aller Einfachheit sich im Namen Jesu versammeln.  Wer die Geschichte der Brüderbewegung kennt, weiß, dass schon sehr bald durch Parteigeist und nachfolgenden Spaltungen diese Einfachheit zunichte gemacht wurde und besondere Lehren und „Regeln“ an die Stelle traten. 

 

Selbstverständlich bin ich dagegen, daß die Gläubigen „hin und her gehen“, wenn damit gemeint ist, daß man sich nicht verbindlich in eine Ortsgemeinde einbringt.  Ein wirklich Wiedergeborener wird auch kein Verlangen mehr haben, in den religiösen „Systemen“ an einer „Messe“ oder am „heiligen Abendmahl“ teilzunehmen, sondern nur mit echten Gläubigen den Tod des Herrn verkünden in der Erwartung Seines Kommens.  Auf meinen vielen Reisen auf allen Kontinenten (außer Australien) habe ich mit wahren Gläubigen aller Hautfarben (Afrikaner und Inder, Chinesen und Weiße), die den Leib Christi auf Erden darstellen, das Brot gebrochen.  Nicht WIR allein sind der Leib Christi, und nicht nur WIR stellen den Leib Christi dar! 

 

Herzliche Grüße,

 

Werner    Werner Tietze   Werner Tietze


                                         23.10.2003

Hallo Werner,

ich danke dir herzlich für deine klare Antwort.  Die einleitende
Ermahnung zur Selbstprüfung vor dem Brotbrechen scheint mir
sehr sinnvoll.

Ich werde diese "Problematik weiter im Hinterkopf bewegen."

David