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Frage 1169                                  Die Krankenheilung nach Jakobus 5 (als Pdf)

Die Krankenheilung nach Jakobus 5

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Bernd Grunwald
Ist die
Krankenheilung nach Jakobus 5
eine zeitgemäße Praxis
für die Gemeinde ?
Inhaltsverzeichnis:
1. Der Bibeltext ...................................................................................................................... 2
2. Ein Zitat ............................................................................................................................. 2
3. Einführung in die Thematik .............................................................................................. 2
4. Die Unterscheidung der Zeit in "Tag" und "Nacht" ............................................................ 3
5. Grundsätzliches zur Übertragbarkeit von Jakobus 5 auf heutige Situationen .................... 5
6. Schwierige Stellen im Text ................................................................................................ 7
ist jemand krank ........................................................................................................... 7
jemand unter euch ........................................................................................................ 7
Die Ältesten der Gemeinde .......................................................................................... 7
Mit Öl salben ................................................................................................................ 8
im Namen des HERRN ................................................................................................. 9
im Namen des HERRN salben ..................................................................................... 9
Das Gebet des Glaubens ............................................................................................... 10
Das Bekennen der Sünden ............................................................................................ 11
7. Schlussfolgerungen .............................................................................................................. 12.

Die Krankenheilung nach Jakobus 5
 

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1. Der Bibeltext

Jak. 5,14-18 (Elberfelder 1985):
(14) Ist jemand krank unter euch? Er rufe die Ältesten der Gemeinde zu sich, und sie mögen über
ihm beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn. (15) Und das Gebet des Glaubens wird

den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten, und wenn er Sünden begangen hat, wird

ihm vergeben werden. (16) Bekennet nun einander die Vergehungen und betet füreinander,
damit ihr geheilt werdet; viel vermag eines Gerechten Gebet in seiner Wirkung. (17) Elia war
ein Mensch von gleichen Gemütsbewegungen wie wir; und er betete ernstlich, daß es nicht
regnen möge, und es regnete nicht auf der Erde drei Jahre und sechs Monate. (18) Und wieder
betete er, und der Himmel gab Regen, und die Erde brachte ihre Frucht hervor.

 

2. Ein Zitat
 

"Dieser Abschnitt ist einer der am meisten umstrittenen Abschnitte
des Briefes und vielleicht des gesamten NT." (W. Mac Donald)
 

3. Einführung in die Thematik
 

Der Heilsplan Gottes mit der Menschheit beinhaltet verschiedene Zeitabschnitte, in denen er
auch im Blick auf die Heilung von Krankheiten unterschiedlich handelt. Die Schrift kennt sogar
Zeiten, in denen die Menschheit völlig frei von Krankheiten ist (1.Mo.1-3/Offenb.21,4). Es
kommt also darauf an, zu erkennen, in welchem Zeitabschnitt von Gottes Heilsplan wir leben.
Ohne Verständnis dieser Grundlage erhalten wir keine befriedigenden Antworten auf unsere
Fragen, die sich zwangsläufig aus der Lektüre des obigen Bibeltextes ergeben. Ohne
Unterscheidung der einzelnen Abschnitte von Gottes Handeln mit uns Menschen werden wir die
biblischen Aussagen durcheinander werfen und anfällig sein für jeden Wind der Lehre und jede
Art von Verführung. Gerade auf dem Gebiet der Krankenheilung gibt es nämlich jede Menge
Scharlatanerei und Betrug. Vieles wird fromm verpackt und höchst überzeugend präsentiert.
Doch wer die Bibel zu lesen und recht zu teilen (2.Tim.2,15) sich bemüht, wird wissen, dass die

Gabe der Krankenheilungen uns Christen heute nicht mehr gegeben ist. Ihn kann kein noch so
überzeugend präsentierter Erfolgsbericht von irgendeiner der vielen Heilungsveranstaltungen
beeindrucken. Wer das biblische Wort allerdings nicht recht teilt bzw. unterscheidet, hat keinen
objektiven Beurteilungsmaßstab. Er ist mehr oder weniger gezwungen, blindlings alles zu
glauben, was man ihm erzählt..

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4. Die Unterscheidung der Zeit in "Tag" und "Nacht"
Zweifellos war mit dem Kommen des HERRN Jesus auf diese Erde eine ganz besondere Zeit in
Gottes Heilsplan angebrochen. Gottes Wirken wurde in Jesus Christus offen sichtbar. Es begann
auf der Hochzeit zu Kanaa (Joh.2,11). Es wurden große Zeichen und Wunder vollbracht
(Joh.9,32). Diese besondere Zeit der Zeichen und Wunder gehört aber schon lange der
Vergangenheit an. Wir leben heute in der sog. nachapostolischen Zeit. Der HERR selbst
unterscheidet die Zeit seines Wirkens und die Zeit des Wirkens der Apostel auf dieser Erde von
einer danach kommenden Zeit, in der niemand wirken kann:
"Und als er vorüberging, sah er einen Menschen, blind von Geburt. Und seine Jünger fragten
ihn und sagten: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde?
Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern damit die Werke
Gottes an ihm offenbart würden. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat,
solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin,
bin ich das Licht der Welt." (Joh. 9,1-5)
Der Herr Jesus sprach hier von zwei verschiedenen Zeiträumen. Das demonstrierte er anhand
eines sehr anschaulichen Beispiels (bzw. Bildes), nämlich der jedermann vertrauten Abfolge von
Tag und Nacht. Der Herr Jesus meinte folgendes: Es wird eine Zeit kommen, genannt "die
Nacht", in der niemand ein Heilungswunder im Auftrag Gottes wirken kann. Dieses Verständnis
geht klar aus dem Zusammenhang hervor: es ging hier um die Heilung eines Blindgeborenen.
Ihn zu heilen, war ein Werk Gottes. Solche Werke zu wirken, also Heilungswunder zu wirken,
war nur in einem begrenzten Zeitraum möglich, nämlich am "Tag", wenn genügend "Licht"
vorhanden ist. Offensichtlich war die Macht, (oder die Gabe), andere zu heilen, den Christen nur
in dem ersten Zeitraum, nämlich am "Tag", in der Zeit, wo genügend "Tageslicht" vorhanden ist,
gegeben. Solange der HERR in der Welt war, war ER das "Licht der Welt", d.h.: so lange
dauerte der "Tag" auf jeden Fall an. Irgendwann nach Seiner Himmelfahrt würde eine andere
Zeit kommen. Diese Zeit bezeichnete der HERR als "Nacht". Und: in der "Nacht" wird es
nicht möglich sein, in der selben Weise zu wirken, wie dies am "Tag" der Fall war. Das ist
eine klare Aussage. Wer in dieser Aussage des HERRN eine andere Bedeutung sucht, wird das
vom HERRN hier verwendete Bild mit einem weiteren Bild erklären müssen (abgesehen davon,
dass dies zu zweitrangigen, oft sogar willkürlichen Interpretationen führt, besteht hier keine
Notwendigkeit für derlei fragwürdige, exegetische Umwege). Wenn wir die Apostelgeschichte
und die Briefe lesen, dann stellen wir fest, dass es nach der Himmelfahrt des HERRN noch eine
Zeit lang "Tag" war. Es geschahen noch sehr viele Zeichen und Wunder durch die Hände der
Apostel, aber schon bald war diese Zeit vorbei und am Ende der Apostelzeit war es z.B. dem
Apostel Paulus nicht mehr möglich, den Timotheus oder den Epheser Trophimus zu heilen. Er
mußte ihn krank in Milet zurücklassen (2.Tim.4,20). Und das, obwohl er mal eben die Ältesten
von Ephesus nach Milet hätte herüber rufen können. Das tat er übrigens tatsächlich, allerdings
nicht, um über einem Kranken zu beten, sondern um sich von den Ältesten zu verabschieden
(Apg.20,17). Am Anfang der Apostelzeit genügte ein Taschentuch oder der Schatten der
Apostel, um die Kranken zu heilen, und am Ende dieser Zeit konnten sie, die einst so
vollmächtige Heiler waren, offensichtlich nichts mehr in dieser Hinsicht tun. Dem Timotheus
gab Paulus nur noch den Rat, nicht nur Wasser, sondern auch ein wenig Wein zu trinken wegen
seiner häufigen Magenbeschwerden..

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Manche vermuten auch, die Gabe der Krankenheilungen sei den ersten Christen nur zu dem
Zweck gegeben worden, dem Glauben noch Fernstehende zu heilen, denn: "Beim Lesen der
Evangelien und der Apostelgeschichte fällt auf, dass durchweg nur solche geheilt wurden, die
noch nicht dem HERRN nachfolgten." (Zitiert aus: Die Wegweisung 1998, Seite 485)
Wie dieser Befund auch zu werten ist, wir sehen jedenfalls, dass mit dem Ende der Apostelzeit
der "Tag", von dem Jesus in Joh. 9 sprach, zu Ende ging, und der zweite Zeitabschnitt, von dem
Jesus sprach, die "Nacht", begann. Diese "Nacht" dauert bis heute an, denn es ist noch immer so,
wie einst Petrus schrieb, dass wir auf das Wort Gottes achten, wie auf eine Lampe, die an einem
dunklen Ort leuchtet, bis "der Tag", der nächste "Tag", der neue Morgen, anbricht.
Wir leben noch heute in dieser "Nacht". Übernatürliche Heilungen, wenn Gott sie schenkt,
werden heute nicht durch Menschen gewirkt. Niemand hat heute die Macht, im Namen Gottes
oder im Namen des HERRN einen anderen Menschen zu heilen. Auch eine Kirche oder eine
Ältestenschaft hat diese Macht nicht. Solange es "Nacht" ist – und die "Nacht" ist erst vorbei,
wenn Jesus wiederkommt – solange schenkt Gott niemandem die Gnadengabe der Heilungen.
Weder einem Einzelnen noch einer Gruppe von Leuten. Es mag heutzutage Leute geben, die auf
übernatürliche Art heilen können – nur – von Gott ist diese Macht nicht.
Natürlich könnte Gott auch heute noch so handeln und heilen, wie wir es in den Evangelien in
vielen Berichten lesen. Gott ist auch heute noch derselbe. Er verändert sich nicht. Er wirkt auch
heute noch Wunder und übernatürliche Heilungen. Das ist unbestritten. Doch die Frage ist, ob er
auch heute noch durch bevollmächtigte Menschen heilt wie zur Zeit Jesu und seiner Apostel. Die
Antwort auf diese Frage dürfen wir nicht außerhalb der Bibel suchen. Wer eine zutreffende
Antwort finden will, der muss sie in der Bibel suchen. Eine andere Möglichkeit – etwa die der
Erfahrung – kann und darf es zur Beantwortung dieser Frage nicht geben. Wer der Erfahrung den
Vorzug vor dem biblischen Wort gibt, der hat sich schon verführen lassen – er kann kaum noch
die richtige Antwort erkennen.
Fazit:
Im Blick auf die vom HERRN in Joh.9,4 erwähnte Unterscheidung der Zeiten und die hier
angestellten Überlegungen sollte es eigentlich kein Problem sein, zu erkennen, dass wir uns
heute schon lange nicht mehr in apostolischer Zeit befinden und dass es heute keine Apostel
mehr gibt, die solche Heilungswunder tun könnten. Wir können und dürfen nicht annehmen, als
wäre heutzutage alles genau so wie es in der Apostelzeit war. Nur so können wir uns vor übelster
Verführung schützen und nur so können wir erfahren, was für uns heute dran ist, wenn wir krank
sind oder krank werden..

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5. Grundsätzliches zur Übertragbarkeit von Jakobus 5 auf heutige Situationen
Leider nicht alle, aber doch viele wiedergeborene Christen glauben, dass die Geistesgabe der
Krankenheilung auf die Zeit der Apostel begrenzt war und uns heute nicht mehr gegeben ist.
Was aber Jakobus 5 betrifft, so denken sicherlich die meisten, dass dies eine Schriftstelle ist, die
für die nachapostolische Zeit gegeben wurde, eine Stelle also, die für uns heute uneingeschränkt
gilt und verbindlich regelt, wie man sich verhalten soll, wenn man krank ist. Doch Vorsicht. Hier
dürfen wir nicht vorschnell urteilen. Wir müssen uns zunächst mit einigen Fakten beschäftigen.
(a) der Jakobusbrief richtet sich in erster Linie an Angehörige des Volkes Israel (Jak.1,1)
Das Volk Israel ist das irdische Volk Gottes, das Gott sich für sein besonderes Handeln
unter allen anderen Völkern auserwählt hat. Von Gott gewirkte Zeichen und Wunder
geschahen daher nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit diesem Volk. Der
kanaanäischen Frau, die den Herrn Jesus um Heilung ihrer besessenen Tochter bat, sagte
der HERR: "Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel". Und: "Es
ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen"
(Mt.15,24.26). Hieran wird deutlich: Heilungswunder, wenn Gott sie tat, waren den
Angehörigen des Hauses Israel zugedacht. Nur das Volk Israel hat diesbezügliche
Verheißungen (2.Mo.23,25/5.Mo.7,15). Den Nationen, wozu auch diese Frau gehörte,
waren keine Heilungsverheißungen gegeben. Wenn Gott hier und da dennoch auch an
Nichtjuden ein Heilungswunder vollbrachte, dann war das nicht auf ein Schriftwort oder
eine Verheißung zurückzuführen, sondern allein auf die große Barmherzigkeit Gottes.
Ähnliches beobachten wir in der Apostelzeit, z.B. Apg.5,12-16: Die in der Apostelge-schichte
berichteten Krankenheilungen geschahen – von einigen Ausnahmen abgesehen –
überwiegend unter dem Volk der Juden. Der Jakobusbrief ist an Israeliten gerichtet und
die hier gegebenen Anweisungen sind an diese Leute gerichtet, an Gläubige aus diesem
Volk, nicht an uns. Natürlich ist dieser Brief auch zu unserer Belehrung gegeben, aber
wir müssen berücksichtigen, dass es sich hier um Anweisungen an Angehörige des
Volkes Israel handelt, einem Volk, dem im Blick auf die Heilung von Krankheiten andere
Verheißungen gegeben sind als uns. Wir dürfen diese Tatsache nicht einfach unbeachtet
lassen. Wer hier aber keinen Unterschied macht, wird diese Anweisungen möglicher-weise
1:1 auf Nichtjuden übertragen wollen und sich so eine eigene, allerdings sehr
fragwürdige Heilungspraxis aneignen. Die Kirchengeschichte kennt genügend derartiger
Fehlentwicklungen, bis hin zum sogenannten Sakrament der Krankensalbung bzw. der
"letzten Ölung", eine extrem schriftwidrige Lehre und Praxis der katholischen Kirche,
deren Wurzeln sich aber in dieser Schriftstelle, hier im Jakobusbrief, befinden.
(b) Der Jakobusbrief ist wahrscheinlich der älteste Brief des NT. Spätere (jüngere) Briefe
enthalten andere Aussagen zum Thema Krankheit.
Einer der jüngeren Briefe ist z.B. der erste Korintherbrief. In Korinth waren viele
Christen krank (1.Kor.11,30). Ihre Krankheit war sogar eindeutig eine Folge ihrer Sünde!
Sie hatten sich durch unwürdiges Verhalten beim Abendmahl des Leibes und Blutes des
HERRN schuldig gemacht. Deshalb waren sie krank. Doch mit keiner Silbe wird
erwähnt, dass etwas Übernatürliches unternommen wurde, um sie zu heilen.
Offensichtlich wurde an Ihnen weder die Gabe der Krankenheilung ausgeübt noch
wurden die Anweisungen des Jakobus befolgt, denn sonst wären sie ja wieder gesund
geworden und wären nicht gestorben. Die Korinther dürften sowohl die apostolische
Gabe der Krankenheilung (1.Kor.12) als auch die Anweisungen des Jakobus gekannt.

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haben. Dennoch wurde hier wahrscheinlich weder das eine noch das andere praktiziert.
Falls sie es doch praktiziert hatten, war jedenfalls das gewünschte Resultat nicht
vorhanden. Wie auch immer sie handelten: die Bibel sagt, dass es eine Menge kranker
Christen in Korinth gab und dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Gläubigen an ihrer
Krankheit starb. Dieser Umstand ist sicher vergleichbar mit unserer heutigen Situation, in
der es ebenfalls kranke und sterbende Christen gibt, denen weder ein vollmächtiges Wort
eines angeblich begabten Heilers noch das Gebet der Ältesten und Salbung mit Öl zur
körperlichen Genesung verhilft. Traurige Beispiele misslungener Heilungsversuche gibt
es leider viel zu viele.
(c) Der erste Korintherbrief hat im Blick auf Gläubige aus den Nationen eine höhere
Relevanz als der Jakobusbrief.
Während sich der Jakobusbrief zunächst ausschließlich an Juden richtete, war der erste
Korintherbrief von vorneherein an "alle, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn
Jesus anrufen", gerichtet. Für Gläubige aus den Nationen sind daher die Aussagen des
ersten Korintherbriefes vorrangig.
Diese Hinweise liefert uns die Schrift. Wir dürfen sie in unseren Überlegungen keineswegs außer
Acht lassen.
Fazit:
Es ist klar, dass der Jakobusbrief an das jüdische Volk gerichtet ist. Inwieweit dieser Umstand
die Übertragung einzelner Aussagen dieses Briefes auf Heidenchristen einschränkt, muss durch
Vergleich von Schrift mit Schrift untersucht und entschieden werden. Das Schweigen der
übrigen Briefe des NT zur von Jakobus vorgeschriebenen Praxis der Krankenheilung einerseits
und die in den Briefen des NT bezeugten, natürlichen Krankheitsverläufe der Gläubigen
andererseits sind unverkennbare Indizien, die gegen eine Übernahme dieser jüdischen Praxis
sprechen.
Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen wollen wir uns nun dem Text selbst zuwenden und
uns vor allem mit den strittigen Aussagen beschäftigen..

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6. Schwierige Stellen im Text
 ist jemand krank

Die Meinungsverschiedenheit der Exegeten beginnt bereits mit der Frage, welche Krankheiten
gemeint sein könnten. Der gesamte Textabschnitt wird von vorneherein aus zwei verschiedenen
Blickwinkeln betrachtet und entsprechend unterschiedlich interpretiert. Nachstehend ist je ein
Vertreter dieser beiden Blickwinkel angeführt:
(1) George P. Waugh (WDBL):
Es handelt sich um körperliche Krankheiten, unabhängig von ihrer Ursache.
(2) W. Mac Donald (Komm. zum NT):
Es handelt sich hier nur um Krankheiten, die als Folge einer Sünde (Sünden) auftreten.
Diese Einschränkung (2) relativiert das Problem der ansonsten "garantierten" Genesung (V.15a).
Doch: Sünde ist hier nicht Bedingung bzw. Voraussetzung für eine Heilung, sondern eine
zusätzlich mögliche Last. Dies wird durch das "und" im Text deutlich (V.15b). Sünden-vergebung
ist aber in jedem Fall unbedingte Heilungsvoraussetzung (V.16).
Hinweis (zur "garantierten" Genesung): "Beachten wir, dass das Ergebnis überhaupt nicht
fraglich ist: Das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten (es ist sicher), und der HERR wird
ihn aufrichten." (Frederic Charles Jennings, Our Hope, zitiert von A.C.Gaebelein, Kommentar
zum NT, S.648)
jemand unter euch – wer?
Gemeint sind die Juden in der Diaspora (Jak.1,1). Dazu gehören auch Ungläubige.
Manche Ausleger sind der Meinung, dieser Text richte sich ausschließlich an gläubige Christen
und begründen dies mit dem Hinweis auf Vers 14: "unter euch". Doch dieser Hinweis besagt,
dass hier die Hellenisten (Apg.6,1) gemeint sind, ein Teil des zwölfstämmigen Volkes Israel,
denn lt. Jak.1,1 sind sie die Adressaten dieses Briefes. Diese Leute waren Juden, die im Ausland
lebten im Gegensatz zu den "Hebräern", den Einwohnern des Landes Juda. Sicher wird dieser
Brief überwiegend nur von an Christus gläubigen Hellenisten gelesen und beachtet worden sein,
die "ungläubigen" Hellenisten haben ihn vermutlich abgelehnt. Jakobus war sich dessen wohl
bewusst. Dennoch ist sein Brief an alle Juden in der Zerstreuung, d.h. außerhalb des direkten
Einflussbereiches der jüdischen Christengemeinde in Jerusalem gerichtet. Wahrscheinlich
wurden auch nicht christusgläubige Juden besucht, wenn sie krank waren und Hilfe anforderten.
Die Ältesten der Gemeinde
Für "Gemeinde" steht hier im Grundtext das griechische Wort "Ekklesia" ( ). Dieses
Wort meint an vielen Stellen des NT die christliche Gemeinde. Doch es gibt Ausnahmen: es wird
nämlich auch für das Volk Israel benutzt (Apg.7,38) und sogar für einen Haufen
zusammengelaufener Randalierer (Apg. 19,40). Das Wort "Ekklesia" ist ein neutrales Wort und
meint einfach eine Versammlung ohne nähere Bestimmung. Es muss also nicht immer eine
christliche Gemeinde meinen. Hier im Jakobusbrief kann es sowohl eine christliche als auch eine
jüdische Versammlung meinen. Beide Möglichkeiten sollten in Betracht gezogen werden. Bis
zur endgültigen Trennung vom Judentum war es für christusgläubige Juden üblich, die jüdischen
Zusammenkünfte in der örtlichen Synagoge zu besuchen. Jakobus schreibt darüber in Kap.2,2-4..

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Deshalb gibt es guten Grund, anzunehmen, dass Jakobus in Kap.5,14 die Ältesten einer
jüdischen Synagoge bzw. einer jüdischen Gemeinschaft meint. Dagegen wird jedoch
eingewendet, dass "ungläubige", jüdische Älteste unmöglich ein Gebet des Glaubens sprechen
könnten. Gott würde ein solches Gebet niemals erhören. Deshalb müsse die hier erwähnte
Gemeinde eine rein christliche sein. Im Blick auf unsere heutige Zeit ("Nacht") ist dieser
Einwand sicher zutreffend, doch es muss hier bedacht werden, dass Jakobus zu einer Zeit
("Tag") schrieb, in der Gott diesem Volk noch in Langmut zugeneigt war und Segen erwies. Erst
die Ereignisse des Jahres 70 n.Chr. beendeten diese Phase. Bis dahin aber war es noch möglich
(wahrscheinlich sogar üblich), dass jüdische Älteste entsprechend wirksame Gebete des
Glaubens sprachen. Es ist daher nicht zwingend, die hier erwähnten Ältesten der Gemeinde in
jedem Fall als wiedergeborene Christen zu identifizieren. Das Wort "Ekklesia" in Jak.5,14 kann
– auch vom Kontext her – die Mitglieder einer jüdischen Synagogengemeinschaft meinen. Doch
auch die Ansicht, Jakobus erwähne hier eine rein christliche Gemeinde, hat ihre Berechtigung.
Wir wollen bedenken: Beides kann hier gemeint sein.
Mit Öl salben – warum?
Die Schrift kennt 3 mögliche Anwendungsbereiche/Funktionen:
(1) medizinische, heilende bzw. schmerzlindernde Funktion
mit (Mk.6,13) und ohne (Lk.10,34) besondere Vollmacht
[George P. Waugh, H.Bräumer, A. Remmers, M.J.Arentsen]
(2) kosmetische bzw. pflegende Funktion (Mt. 6,17/26,7/Lk. 7,46)
als antiker Ausdruck der Nächstenliebe in Anteilnahme und
äußerem Beweis der Wertschätzung des Kranken
[J.Ronald Blue, Daniel R. Hayden]
(3) rituelle bzw. symbolische Funktion (nicht im NT, nur im AT)
(im AT nur bei Priestern und Königen)
[MacDonald, R.A.Torrey, A.Köberle, Alexander Strauch]
Dementsprechend werden auch im Blick auf Jakobus 5 die verschiedenen Ansichten vertreten:
(1) George P. Waugh (Was die Bibel lehrt):
Das Salben mit Öl ist eine medizinische Handlung, stellvertretend für den allgemeinen Gebrauch
von Heilmitteln (Medikamenten). Argumente:
- Es war allgemein Sitte, einen kranken Menschen für Heilzwecke mit Öl einzureiben
(Lk. 10,34).
- Die Reihenfolge: erst das Einreiben mit Öl, dann das Gebet (siehe Grundtext: Verben
stehen im Aorist).
Zur Reihenfolge siehe Grundtext (Jak.5,14b):
¢ ¡ ¡^ µ ^ ½ .
sie sollen beten über ihm, gesalbt habend ihn mit Öl im Namen des Herrn!.

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(1) Arend Remmers (Geistesgaben oder Schwärmerei? Seite 64):
"Öl wurde im Altertum als Medizin gebraucht. ... Das hier verwendete griechische Wort [Anm.:
für "salben"] (aleipho) wird im NT nur für äußerliche, körperliche Salbung verwendet, während
ein anderes Wort (chrio) für das Salben von Seiten Gottes gebraucht wird."
(1) M.J.Arentsen (Hilfe & Nahrung, 1978):
"Öl ist in der Schrift ein Bild vom Heiligen Geist als Salbung, aber daran sollten wir hier nicht
denken. Es ist ein wörtliches Salben mit Öl gemeint. Man wußte, dass Öl auf Wunden
schmerzlindernd wirkt und vielfach dachte man, dass Öl imstande sei, körperliche Krankheiten
zu heilen. Deshalb wurde es bei den Juden zur Gewohnheit, mit Öl zu salben."
(1)/(2) A.C. Gaebelein (Kommentar zum NT):
Die Salbung der Kranken mit Öl war [Anm.: im Judentum bzw. im Orient] eine allgemeine
Praxis, wie man aus dem Talmud belegen kann.
(2) Daniel R. Hayden (zitiert von J. Ronald Blue im Walvoord-Bibelkommentar, Bd.5, S.440)
"Jakobus schlägt also keine zeremonielle oder rituelle Salbung als göttliches Heilmittel vor,
sondern spricht hier von der üblichen Praxis, Öl als ein Zeichen der Ehrerbietung, aber auch zur
Erfrischung und bei der Pflege einzusetzen."
(3) W. MacDonald (Kommentar zum NT):
Er sieht das Salben mit Öl nicht als medizinische bzw. kosmetische Behandlung an, sondern als
eine rituelle, zeichenhafte Handlung. Argument: "im Namen des Herrn".
im Namen des HERRN – was bedeutet das?
- Im Auftrag des HERRN bzw. anstelle des HERRN handeln bzw. reden (Jak.5,10).
- Im Namen des HERRN handeln heißt, so handeln wie der HERR selber handeln würde,
wenn er persönlich anwesend wäre.
im Namen des HERRN salben – wie ist das zu verstehen?
salben im Namen des HERRN wird außer in Jakobus 5 sonst nirgends im NT bezeugt. Es
kann folgendes meinen:
a) ein Handeln in Übereinstimmung mit dem Willen des HERRN (Kol.3,17) bzw. in
Kenntnis des Willens Gottes. Der Zusatz "im Namen des HERRN" meint: es soll
geschehen "in Übereinstimmung mit dem Willen des HERRN". Ein solches Handeln
setzt die sichere Kenntnis seines Willens voraus.
b) eine zeichenhafte Handlung, die auf besondere, zeitlich begrenzte, heute nicht mehr
vorhandene Vollmacht hinweist (Mk.6,7.13/Joh.9,4). So verstanden gehört Jak.5,14
wahrscheinlich in die Kategorie der vollmächtigen Krankenheilungen etc., die in der
Apostelzeit "im Namen des HERRN" vollbracht wurden (Apg.3,6/4,30/16,18)..

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zu b) wollen wir bedenken: Mk.6,13 ist die einzige Schriftstelle, die als Parallelstelle
(vergleiche stets Schrift mit Schrift!) zur Verfügung steht. Die Vollmacht der Jünger in
Mk.6,13 ist unbestritten. Sie wird in Jak.5,14 in dem Zusatz "im Namen des HERRN"
ebenfalls gefunden. Der Kontext (Jak.5,10) stützt diese Sicht.
M.J.Arentsen zu Jak.5,14-16 (Hilfe & Nahrung, 1978):
"Es ist sehr gut möglich, dass Gott tatsächlich jüdische Vorschriften gegeben hat, die bis
zu dem Zeitpunkt gültig waren, wo jeder irdischen, jüdischen Erwartung durch die
Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n.Chr. der Boden entzogen wurde."
c) eine zeichenhafte Handlung mit geistlicher Bedeutung (Öl = Symbol für den Heiligen
Geist, der die Heilung schenkt), die auch ohne besondere Vollmacht oder Kenntnis des
Willens Gottes durchgeführt wird.
zu c) wollen wir bedenken: Diese Auffassung ist im NT nicht nachweisbar. Außerdem:
Es wäre sicher inkonsequent, wenn einerseits die Salbung mit Öl als eine geistlich-rituelle
bzw. symbolhafte Handlung aufgefasst und praktiziert, andererseits aber die
Kopfbedeckung der Frau als von Gott gegebenes Zeichen der Macht (1.Kor.11,10)
abgelehnt bzw. nicht gelehrt und auch nicht praktiziert würde.
Fritz Laubach (ethos 6/01, Seite 25):
"Heute besteht vielleicht in manchen Kreisen die Gefahr, in einem falsch verstandenen
«Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes» die Salbung mit Öl an einem Kranken
auszuführen (ihm Öl auf seine Stirn zu streichen), ohne darüber biblisch begründete
Auskunft geben zu können. Auf diese Weise würde die Salbung den Charakter einer
magischen Handlung gewinnen."
Hinweis: Das Handeln der Ältesten "im Namen des HERRN" (Jak.5,14) geschieht bzw. geschah
offensichtlich in der selben Autorität wie das Reden der Propheten (Jak.5,10). Es geschah
ebenfalls "im Namen des HERRN". Jakobus unterscheidet hier nicht. Wir wollen diesen
Autoritätsanspruch deshalb nicht durch unbedachtes, nicht sicher begründbares "Salben mit Öl
im Namen des HERRN" mindern.
Vieles, was heutzutage angeblich "im Namen des HERRN" geschieht, hat leider nur wenig,
manchmal gar nichts mit dem HERRN zu tun. Der HERR selbst hatte seinerzeit bereits darauf
hingewiesen (Mt.7,21-23).
Das Gebet des Glaubens – was ist das Gebet des Glaubens?
Der Zusatz "des Glaubens" hat nichts mit dem "Maß" unseres Glaubens zu tun. Es kommt ganz
sicher nicht darauf an, ob wir viel oder wenig Glauben haben. Der typische Vorwurf: "Du hast zu
wenig Glauben, deshalb kann Gott dich nicht heilen" ist nichts weiter als eine üble Ausrede nach
misslungenen Heilungsversuchen.
Das Gebet des Glaubens ist auch nicht ein besonders vollmächtiges Gebet. Es hat nichts damit zu
tun, ob die Ältesten nun besonders gute "Männer des Gebets" sind oder nicht..Die Krankenheilung nach Jakobus 5
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Das Gebet des Glaubens ist ein ernstliches Gebet (Jak.5,16.17). Es ist ein Gebet nach den
Verheißungen bzw. nach dem Willen Gottes. Beleg: das Gebet Elias. Er wusste, dass Gott Regen
geben wollte (1.Kö.18,1). Deshalb konnte er dem Willen Gottes bzw. der Verheißung Gottes
gemäß beten. Ein Gebet, was dem Willen Gottes entspricht, das erhört Gott. Wenn ein Gebet
nicht dem Willen Gottes entspricht, erhört er es i.d.R. auch nicht.
Das Gebet des Glaubens ist aber auch das Gebet eines Gerechten (V.16). Hiobs Freunde (die
Ungerechten) hätten ebenso wie Hiob beten können. Doch Gott hätte ihr Gebet nicht
angenommen (Hiob 42,8.9).
Das Bekennen der Sünden - warum?
Es ist notwendige Voraussetzung für eine Heilung. Die Krankheit an sich ist nicht in jedem Fall
eine direkte Folge der Sünde, aber wenn Sünde begangen wurde, dann ist ihr Bekenntnis
unbedingt notwendig. Deshalb ist jede Krankheit und jede Bitte um Heilung mit einer
ernsthaften Selbstprüfung verbunden..

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7. Schlussfolgerungen
(a) Jakobus hat seine Anweisungen zur Heilung der Kranken nicht für uns, sondern für
Angehörige des Volkes Israel geschrieben. Sie haben im Blick auf die Heilung von Krankheiten
eine besondere Verheißung Gottes. Die von Jakobus beschriebene Zeremonie der Heilung, die
auch eine Salbung mit Öl im Namen des HERRN beinhaltet, ist wahrscheinlich nicht für die
"Nacht", in der wir uns heute befinden, und wahrscheinlich überhaupt nicht für Christen aus den
Nationen bestimmt.
(b) Das Schweigen der übrigen Briefe des NT zur von Jakobus vorgeschriebenen Praxis der
Krankenheilung und die in den Briefen des NT bezeugten, natürlichen Krankheitsverläufe der
Gläubigen weisen ebenfalls in diese Richtung.
(c) Unter den hier vorgestellten, verschiedenen Möglichkeiten schriftgemäßer Interpretation der
von Jakobus beschriebenen Zeremonie findet sich keine, die eine in jeder Hinsicht bedenkenlose
Übertragung dieser jüdischen Praxis auf heutige Situationen zulässt.
(d) Die heutige Praxis der "Krankenheilung nach Jakobus 5" scheint sich daher mehr auf eine
fragwürdige "Erfahrungstheologie" als auf die Schrift zu gründen.
(e) Doch dürfen und sollen auch wir im Krankheitsfalle mitleiden (1.Kor.12,26) und füreinander
beten (Phil.4,6/1.Tim.2,1/Jak.5,16). Das kann in jeder Form (allein, zu zweit, als Gruppe, als
Gemeinde etc.) geschehen. Wenn es dem Willen des HERRN entspricht, wird er das Gebet / die
Gebete erhören und heilen. Sollte unvergebene Schuld vorliegen oder bewusst werden, muss sie
bekannt, bereut und vergeben werden.
Bernd Grunwald