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Frage 1378

 
Peter Streitenberger:
"Zudem wollte ich zu einem Satz ("In der gegenwärtigen Verwaltung der Gnade ruft der Geist Gottes die Erwählten aus den Nationen heraus.") nachfragen, ob Du damit ausdrücken willst, dass die Erwählten noch ungläubig sind, wenn sie vom Geist Gottes herausgerufen werden. Will meinen - ob Du Auserwählung auf (noch) Ungläubige beziehst? Ich hätte nämlich mit dem Bezug von Auserwählung auf Ungläubigen aufgrund von Aussagen in Gottes Wort Bedenken. Nach meinen Ergebnissen ist nämlich genau dieser Punkt einer der entscheidenden Fehler im Calvinismus. "
 
 
Servus Peter,
 
Das ist tatsächlich die Kernfrage. Lange war ich mir selbst unschlüssig, ob sich die Erwählung auch auf die Ungläubigen bezieht in dem Sinne, dass nur zuvor prädestinierte Personen dem Ruf zur Umkehr Folge leisten. Doch je länger ich darüber nachsinne, gelange ich immer mehr zur Einsicht, dass die Erwählung nicht ein Privileg im Sinne des Calvinimus sein kann, sondern dadurch zustande kommt, dass ein Mensch in Christo ist.  Seine Erwählung festmachen (2. Petr. 1, 10) bedeutet demnach, sich in dem Herrn zu verwurzeln (Kol. 2, 7). Prinzipiell stünde dieser Weg somit allen Menschen gleichermassen offen.
 
Tit 2,11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen...
 
Zugleich aber muss davon ausgegangen werden, dass diese Söhne dem alleinweisen Gott schon vor Grundlegung der Welt bekannt waren (denn die Linearität der Zeit kann nur auf die Schöpfung, nicht aber auf den Schöpfer selbst angewandt werden).
 
1Kor 15,22 Denn gleichwie in dem Adam alle sterben, also werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.
 
Niemand von uns würde ernsthaft in Frage stellen, dass dem Herrn alle - aus den Lenden des Adam stammenden - Menschen nicht bereits zuvor bekannt waren.
 
Ps 139,6.16.17  Kenntnis, zu wunderbar für mich, zu hoch: ich vermag sie nicht zu erfassen! Meinen Keim sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben; während vieler Tage wurden sie gebildet, als nicht eines von ihnen war. Und wie köstlich sind mir deine Gedanken, o Gott! wie gewaltig sind ihre Summen!
 
So ist es auch mit denen, die in dem Christus sind. Gott kennt sie alle mit Namen.
 
Eph 1,3-7 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christo, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, daß wir heilig und tadellos seien vor ihm in Liebe; und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, worin er uns begnadigt hat in dem Geliebten,in welchem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade...
 
Aber nicht alle befinden sich im gegenwärtigen Gnadenhaushalt in dem Christus. Für den - an der aristotelischen Logik geschulten - Verstand muss eine solche Auffassung zu unendlich vielen Widersprüchen - wenn nicht gar zur völligen Verzweiflung - führen. Die Calvinisten umgehen deshalb diese Schwierigkeit, indem sie einen doppelten Ausgang der Menscheitsgeschichte proklamieren (wozu es aber keine Berechtigung aus der Schrift gibt). Für die Anhänger Calvins gibt es nur schwarz und weiss (und nicht - wie in der Wirklichkeit - Millionen von Farbübergängen). Ebenso machen es sich einige (an diesem Paradigma gescheiterte) Gläubige dadurch leicht, indem sie - als scheinbar einzigem Ausweg aus diesem Dilemma - zur Allversöhnung hinüberwechseln. Daran ist folglich der kalte Calvinismus mitschuldig. Doch in beiden Fällen werden sie dem Geist der Schrift nicht gerecht, weil noch zu stark von menschlichen Vernunftgründen und Emotionen geleitet.
 
Weil ich mich "berufsbedingt" ziemlich ausgiebig  mit Physik zu befassen habe (und dadurch von der zweiwertigen JA-NEIN-Logik weggekommen bin -- das einzig Gute am gesamten Studium), verursacht mir eine polyvalente Logik (alle sind eingeladen, wenige kommen, und noch weniger bleiben in Ihm) keinerlei Komplikationen (abgesehen davon, dass mir dieser Zustand Schmerzen in Bezug auf die Verlorengehenden bereitet). Denn für den GOTT, der alles einem Ziele zuführt, müssen auch nicht-deterministische Prozesse zuvor bekannt sein. Ansonsten entstünde durch die von "Wahrscheinlichkeitsamplituden" bestimmte, subatomare Welt ein permanenter Zustand allergrösster Unordnung. Gott aber ist ein Gott der Ordnung. Was mich betrifft bin ich deshalb überzeugt, dass die Erwählung nicht anhand von Vernunftschlüssen allein erfasst werden kann. Und jeder, der die Wahrheit erkennen durfte, muss doch zugeben, dass solches nicht sein Werk war. Das Geheimnis der Erwählung besteht darin, dem Ruf der Gnade nicht dauernd zu widerstehen, sondern sich für oder gegen Christus zu entscheiden wie geschrieben steht:
 
Apg 28,24 Und etliche wurden überzeugt von dem, was gesagt wurde, andere aber glaubten nicht.
 
In Christo Jesu, Markus

 
Lieber Markus,
 
vielen Dank für Deine wertvollen und tiefgründigen Gedanken zum Thema Auserwählung, dem ich eigentlich nichts - außer Zustimmung - hinzufügen kann!
Zu Deiner Erkenntnis über binäres bzw. antithetisches Denken würde ich sehr gerne noch kurz einige Gedanken anschließen, da ich zur Überzeugung gekommen bin, dass eben dieses - im Gegensatz zur synthetischen Logik - dem biblischen Befund entspricht:
Mt 5:37 "Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel."
Dazu sieht man eine klare Entweder-Oder-Linie in Bezug auf Himmel-Hölle, gerettet-verloren, heilig-unrein, Gott-Teufel etc.
Gott zieht daher einerseits eine klare Trennung bei Dingen, die nichts miteinander gemeinsam haben, allerdings verbietet er jedliche Trennung bei Angelegenheiten die untrennbar zusammmen gehören, wie z.B. Christus und die Gemeinde, die Ehe etc.
 
Einstweilen viele Grüße im Herrn !
Peter/Ingolstadt