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Frage  447 Stückwerk?                    Eingang der Frage: 05.02.02

Hoi HP

Immer wieder taucht das Wort "Stückwerk" auf!

Was ist genau damit gemeint?
Von Seiten der Charismatikern und auch von Pragmatikern wird das
gebraucht,
um zu sagen, das z.B. Benutzerfreundlichkeit und Zungenreden, etc. wir
noch
nicht / nicht als von Gott gewollt erkennen.

Nun ich finde dies ein bisschen einfach!

Denn ich bin mir sicher, dass unser Wissen Stückwerk ist!
Ich bin mir aber auch sicher, dass uns der HERR alles zeigt, was wir
wissen
wollen oder zu wissen haben.
Wenn wir seinen Willen tun wollen, haben wir zu wissen, was er will.
Somit
dürfen wir da nicht Stückwerk haben! Denn sonst erkennen wir seinen
Willen nur stückhaft! Klar ist mir hier wiederum, dass wir nie seinen ABSOLUT
GANZEN Willen zu 100% erfassen, aber zumindest soviel, dass wir seinen
Willen tun können.

Wenn aber nicht, dann hätten wir vor dem HERRN die Ausrede, dass wir zu
wenig gesehen hätten, bzw. er es uns nicht oder zu wenig gezeigt hätte.

Aber Gott lässt sich doch so nicht auf Glatteis führen!

Somit finde ich gerade in Lehrfragen, darf man schon sagen, dass wir
nicht Stückwerk besitzen. Immer mit der Demut und Achtung vor dem HERRN
und den
Mitmenschen natürlich!
Wir sehen zumindest so viel, wie wir brauchen, um zu wissen was der HERR
will!

Was denkst du darüber?

Gruss Michael


07.02.02

Lieber Michael, lieber Hans Peter, liebe Geschwister im Herrn


Hier zuerst der Text, aus dem der Ausdruck "Stückwerk" immer wieder zitiert wird:

         1.Kor.13,8 Die Liebe vergeht niemals; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.
         9 Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise;
         10 wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden.
         11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war.
         12 Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie auch ich erkannt worden bin.
         13 Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.
        
Ich versuche, möglichst kurz auf diese schwierige Stelle einzugehen.

Als "stückweise" bezeichnet hier Gottes Wort in den Versen 9 und 12 sowohl "erkennen" als auch "weissagen". Also nicht nur das Erkennen ist (oder besser: war!) stückweise, auch die Prophezeiungen. Dass diese beiden Gaben hier zusammen genannt werden, ist zu beachten. Was für das "Erkennen" gilt, muss auch zum "Weissagen" passen.

Von beiden (Weissagungen und Erkenntnis) wird in Vers 8 gesagt, dass sie weggetan würden. Das Sprachenreden hingegen sollte einfach aufhören. Weissagungen (= Prophezeiungen) und Erkenntnis wurden weggetan, um etwas anderem Platz zu machen, nämlich dem "Vollkommenen".

Vers 11 verdeutlicht das mit dem Vergleich zwischen Kind und Mann. Ein erwachsener Mensch redet, denkt und urteilt anders als ein Kind. Er hat ein anderes Potenzial. Er schaut nicht mehr Bilderbüchlein an und lässt sich Geschichten vom Mami erzählen. Er liest nun selber ein Buch.
Früher, als Kind, war Mami die Quelle seiner Belehrung. Sie erzählte dem kleinen Kind etwas, was sie gelesen oder gehört hatte. Heute, als Mann, liest er selber, direkt. Seine Quelle ist nun das Buch, welches er liest.

Dass "das Vollkommene" die vollkommene und vollendete Bibel ist, hat Benedikt Peters sehr schön unter dem Thema "teleion" gezeigt. Bitte dort nachlesen!

Nun aber endlich zur Frage: Was bedeutet hier "Erkenntnis"?

Wir müssen ins Kapitel 12 zurückgehen, um das zu verstehen. Dort sind 9 Gnadengaben aufgezählt. In Vers 8 finden wir darunter "das WORT der Erkenntnis", im 10. Vers die andern beiden im 13. Kapitel wieder aufgenommenen Gaben (Weissagung und Sprachenreden). Bei allen 3 handelt es sich um WORT- gaben, welche logischerweise durch DAS WORT abgelöst wurden.

Die "Erkenntnis" von Kapitel 13 muss sich somit zwangsläufig auf "das WORT der Erkenntnis" von Kapitel 12 beziehen.

Damals war vom Neuen Testament noch sehr wenig vorhanden. Brauchte z.B. eine Gemeinde Erkenntnis über eine Lehrfrage, konnte man nicht im ...Brief nachlesen, was Gott dazu sagt. Deshalb gab Gott der noch in den Kinderschuhen steckenden Urgemeinde Gabenträger, welche als Propheten oder als "Erkenntnisredende" das gerade benötige Stück Erkenntnis, von IHM eingegeben, weitergaben. Ein andermal wurde ein anderes Stück gebraucht und auf diese Weise gegeben. Daher der Begriff "stückweise"¨

Heute steht uns die ganze Bibel zur Verfügung, somit die völlige Erkenntnis, die Gott uns offenbaren will. Ich erkenne jetzt nicht mehr stückweise und auch nicht mehr indirekt, mittels eines Spiegels (d.h. eines dazwischen geschalteten Gabenträgers) sonder direkt (= von Angesicht zu Angesicht) aus dem Wort Gottes. Meine Erkennungsmöglichkeit - die Quelle - ist jetzt unbeschränkt. Wie viel ich tatsächlich daraus schöpfe, ist hier nicht die Frage. Die QUELLE der Erkenntnis, die wir heute haben, ist vollkommen. Dass ich selber nur unvollkommen davon profitiere, steht auf einem andern Blatt geschrieben.

Zum Schluss will ich noch den Unsinn erwähnen, der sich bei der landläufigen Auslegung ("unser Erkennen ist Stückwerk...") aus Vers 10 ergibt. Wenn wir meinen, "Erkennen" bedeute das in Kopf und / oder Herz angesammelte Wissen von Gottes Seite her, würde das doch heissen, dass beim Kommen des Vollkommenen dieses gute und richtige, wenn auch noch unvollkommene Wissen plötzlich weggetan würde. Aber genau das Gegenteil ist doch der Fall: mein Erkennen (= mein Wissen) wird mehr und mehr vervollständigt. Deshalb kann diese so oft gehörte Auslegung schon aus diesem Vers heraus nicht zutreffen!

Aber - wie schon gesagt - hier handelt es sich um die Quelle der Erkenntnis, das Wort der Erkenntnis. Wir wollen unserem treuen Gott dankbar sein für dieses wunderbare Geschenk!

In der Hoffnung, etwas zur Klärung beigetragen zu haben, grüsse ich ganz herzlich.


         2.Tim.3.16 Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, 17 damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet.
        

         Ps.119,159 Sieh, dass ich deine Vorschriften lieb habe. Nach deiner Gnade, HERR, belebe mich! 160 Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jedes Urteil deiner Gerechtigkeit [währt] ewig.
        

in IHM mit euch verbunden

Hans Rapold