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Frage  453

Hallo Hanspeter
 
Geht es dir gut? Könntest du mir helfen in nachstehend behandelter Frage?
 
Von Augustinus gibt es ein Zitat, das heute vielerorts gehört wird, in verschiedensten Formen.
Beispielsweise so:
 
a) "In Hauptfragen Einheit, in Nebenfragen Liebe." Oder
 
b) "Im Wesentlichen Einheit- im Zweifel Freiheit-in allem Liebe". >>
 
WER sagt, was Haupt- und Nebenfragen sind? Oder was "wesentlich" ist? Augustinus meinte natürlich, die Kirche solle das tun.
 
Diese Differenzierung muss rein methodisch gesehen in einen Zerfallsprozess der Respektierung des Bibelwortes führen. Das ist
daher abzulehnen.
 
Fragen:
 
1) Wie lautet das Zitat wirklich, in lateinisch und deutsch?
2) In welchem Zusammenhang wurde das von Augustinus aufgebracht?
3) Was waren praktische Auswirkungen davon?
4) In welchem Buch von Augustinus kann das nachgelesen werden?
 
Vielen Dank für deine geschätzte Hilfe
 
Gruss O.

14.02.2002

Lieber Hans-Peter,

da der von dir gesuchte Satz das Motto meines Gymnasiums war und in großen Lettern auf einer Marmorplatte im Foyer prangte, kann ich

zumindest die lateinische Fassung aus dem Gedächtnis zitieren:

IN NECESSARIIS UNITAS

IN DUBIIS LIBERTAS

IN OMNIBUS CARITAS

Auf Deutsch heißt das etwa: In notwendigen Dingen Einheit In zweifelhaften Dingen Freiheit In allen Dingen Liebe

Eine Internetrecherche über den Spruch und seinen Autor brachte interessante Ergebnisse. Traditionell wird der Satz tatsächlich

Augustinus zugeschrieben und daher auch von Katholiken gerne zitiert (bis in päpstliche Verlautbarungen hinein); inzwischen hat sich aber

herausgestellt, dass Augustinus nicht der Autor und die obige Fassung auch nicht die ursprüngliche ist. Vielmehr stammt der Spruch von einem

lutherischen Theologen namens Rupertus Meldenius (eig. Peter Meiderlin, 1582-1651). Das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon geht

ausführlich darauf ein: "[...] der von M[eldenius] geschaffene, an eine verwandte Formulierung

Senecas (Epist. 88,37) bewußt angelehnte Spitzensatz [...]: 'Verbodicam: Si nos servaremus in necessariis Unitatem, in non necessariis

Libertatem, in utrisque Charitatem, optimo certe loco essent res nostrae. (Ich will es mit einem Wort sagen: Wenn wir wahren würden im

Notwendigen Einheit, im Nicht-Notwendigen Freiheit, in beidem Liebe - gewiß würde unsere Sache bestens stehen.)' -

M[eldenius] meint zunächst: gegen den Kriegsdruck römischer Gegen-Reformation. Aber der Gedanke steht bewußt in der Tradition der

sog. Irenik zurück bis zu Erasmus von Rotterdam [...]. Die Differenzierung von 'necessaria / non necessaria' geht auf Calvin zurück

(Inst. IV,1,12). Sie wurde jedenfalls von Casaubonus 1612 wörtlich und M[eldenius'] Formulierung teilweise nahekommend benutzt. [...] Unter

'Heilsnotwendigem (ad salutem necessaria)' versteht M[eldenius]:
1. 'Glaubensartikel' ('theologische Prinzipien', 'Hauptstücke des

Katechismus'), die 'eindeutig den Angelpunkt des Heils berühren', 'da

ohne diese niemand gerettet werden kann' (Glaubensprinzip);
2. evidente Ableitbarkeit aus der Bibel (Schriftprinzip); £
3. Formulierung in

Bekenntnissen der Kirche (Traditionsprinzip);
4. 'was alle orthodoxen

Theologen für notwendig halten' (Autoritätsprinzip). Eben das vertrat

die Orthodoxie; nicht aber M[eldenius'] Folgerung: 'In weniger

notwendigen Fragen aber ... wird man (in privatem Rahmen) zögern oder

zweifeln dürfen.' Das hielt sie für 'Mißbrauch der Freiheit in ja an

sich erlaubten Dingen' oder reformatorischen Gewissensfreiheit in

Richtung auf 'Pyrrhonische oder akademische' Skepsis, was wiederum

M[eldenius] als 'untragbare (intolerabilem) Tyrannis (Diktatur) gegen

die Kirche Gottes (alle anderen Kirchen)' ansah. -

Die in diesem Kontext zu verstehende Sentenz wurde, nicht grundlos davon

isoliert, breiter interpretiert und unter Vergessen ihres Urhebers, erst

um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert weltberühmt. Calixt hat sie

ignoriert. Gregor Franck († 1651) zitiert sie 1628 als 'summa' seiner,

kurbrandenburgisch-reformierte Kirchenpolitik vertretenden Schrift;

Baxter 1649 als 'this pacificatory enterprise' in der Widmung der 1.

Aufl. von 'The saint's everlasting rest' mit Zuschreibung an 'Rup.

Meldenius' (hier ersetzt er, wirksam durch die zahllosen Auflagen und

Übersetzungen des berühmten Buches, 'utrisque' durch 'all' [omnibus])

und 1679, in der Dedikation von 'The true and only way of concord of all

the christian churches', als 'the Pacificator's old and despised words'

lateinisch fast wörtlich nach M[eldenius]; Comenius 1668 in 'Unum

Necessarium ...', seiner 'All'-Lehre sprachlich leicht angeglichen,

eingeleitet mit: 'summa ... concordiae christianorum lex est trina (Die

Summe der Eintracht der Christen ist das dreifache Gesetz)' (VIII,6)

anonym; Johannes a Marck 1708 als Wahlspruch von Hermann Witsius (am

Ende verändert in '... Prudentia et Charitas'); Hermann Venema 1741 als

'Spruch eines weisen Mannes'. Danach häufen sich die Anführungen.

Gleichzeitig neu gefördertes historisches Wissen (s.u.) bleibt

unbeachtet. So beansprucht Abraham des Amorie van der Hoeven 1834 und

1847 die Sentenz, nun ausgegeben als Aussage 'des berühmten

Kirchenvaters', für die von Arminius sich herleitende niederländische

'Remonstrantsche Broederschap' (mit wirksamer Ersetzung von 'non

necessariis' durch 'twijfelachtige' [dubiis]; vielleicht sekundäre

Einwirkung eines antiken Rechtssatzes [...]); spätestens 1839 wird sie

von S. Blaupot ten Cate nunmehr Augustin zugeschrieben; in Deutschland

wird sie so 1852 und 1865 bekannt durch das Gedicht 'Die christliche

Liebe' von Hoffmann von Fallersleben, das die nunmehrige Deutung der

Sentenz von ihrem Ende her belegt. Prominenter Zeuge des jetzt folgenden

'Ozeans von Anführungen' (Eekhof) ist Friedrich Althoff (1839-1908). Mir

noch wurde der Spruch anonym von Dr. Paul Alpers (1887-1968) auf dem

Gymnasium Ernestinum in Celle etwa 1950 überliefert. Heute wird er kaum

mehr angeführt (depraviert noch bei H. Küng, Konzil und

Wiedervereinigung, 1960, 215). -

1840 setzt die Forschung nach der Herkunft des Spruches ein. 1847

spricht N. C. Kist ihn Augustin ab und weist ihn, aufgrund einer

wiederentdeckten richtigen Angabe Wilhelm Peiffers von 1768, über

Witsius und Baxter R[upertus] M[eldenius] zu, welchen Namen bereits 1709

Samuel Werenfels, der die 'Paraenesis' kennt und zitiert (nicht aber den

Spruch!), als Pseudonym ('fictum ... nomen') erkannt habe. Aber erst der

von Kist befragte Friedrich Lücke entdeckte einen Nachdruck der

'Paraenesis' von 1736, den er 1850 (s.u.) veröffentlichte, und 1851

einen Originaldruck. Die Identifizierung des Verfassers sowie die

Datierung und Lokalisierung seiner Schrift gelang dann endgültig 1906

Ludwig Bauer durch die Wiederentdeckung unbeachtet gebliebener Angaben

von Franz Anton Veith von 1795. Trotzdem werden alte Irrtümer bis heute

wiederholt, was die Ausführlichkeit dieses Artikels rechtfertigen mag."

So weit das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon

(https://www.bautz.de/bbkl/m/meldenius.shtml, dort auch ausführliche

Literaturangaben). Zwei weitere (englische) Internetseiten über die

Autorschaft des Spruches:

https://ccat.sas.upenn.edu/jod/augustine/quote.html

https://www.mun.ca/rels/restmov/texts/unitas/essrev.html

Herzliche Grüße

Michael S.


Lieber Hans Peter,

der Spruch lautet "Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in

allem die Liebe". Der Spruch wird zwar Augustinus zugeschrieben, findet sich

aber nirgends in seinen Werken. Wann der Satz zum erstenmal aufgetaucht ist?

Über diese Frage hat man bereits 1850 ein 150seitiges Buch geschrieben, wie

ich folgender (englischer) Internetseite entnehme:

https://ccat.sas.upenn.edu/jod/augustine/quote.html

Nach dieser Information taucht der Spruch zum erstenmal bei einem Theologen

im 17. Jahrhundert auf. Weitere Einzelheiten findest du auf der angegebenen

Seite.

Viele Grüße

Martin A.