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Frage  455  

Lieber Fritz

Ich habe Deinen Beitrag  Fritz Wolf  bezüglich der Theologie der Charismatischen Bewegung mit grossem Interesse gelesen. Auch ich war über 10 Jahre in dieser Bewegung, habe mich dann aber wegen negativen Erfahrungen von solchen Gruppierungen distanziert. In den letzten Jahren hat der Herr mir aber eine objektivere Sicht meiner eigenen, persönlichen Erfahrungen, wie auch der Charismatischen Gruppierungen geschenkt und ich musste meine sehr ablehnende Haltung dieser Strömungen gegenüber revidieren.

Ich gehe mit Vielem von dem, was Du über die Charismatiker sagst, einig. Leider wird tatsächlich sehr viel Unfug in diesen Gruppierungen getrieben. Über die Verirrungen in der Lehre wollen wir gar nicht erst reden. Ich finde es aber nötig, das Bild, das Du malst, zu relativieren. Hier geschieht nämlich wieder etwas, woran der Feind sehr grosse Freude hat. Dadurch, dass er es schafft, uns über all die Verfehlungen unserer anders denkenden Geschwister "aufzuklären", wendet sich unser Blick völlig von den Verfehlungen und Verirrungen innerhalb der eigenen Gruppierungen und Strömungen ab. Wir kreiden diesen Geschwistern Dinge an, die man vielleicht genauso gut auf unsere eigene Gemeinde anwenden könnten, wenn wir objektiv genug wären.

Ich selber habe ja einige Schriften erstellt zu diversen Themen, welche sogar auf diesem Website zugänglich waren, u.a. auch zur Charismatischen Bewegung. Ich habe alle diese Schriften wieder zurückgezogen, weil ich sie immer mehr als zu einseitig empfand und ich es mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte, die Schriften in dieser Form öffentlich zu publizieren. Der Grund war ganz einfach der, dass ich in den evangelikalen Kreisen, aus deren Sicht meine Schriften verfasst waren, mindestens so viele Probleme, Verfehlungen und Verirrungen erkennen musste, wie man sie angeblich bei den charismatisch orientierten Geschwistern zu entdecken glaubt. Die Probleme mögen zwar z.T. ganz anders gelagert sein, sie sind deswegen nicht weniger schwerwiegend. Ich könnte heute mindestens so viele "Aufklärungsschriften" über die Verfehlungen und Verirrungen innerhalb der evangelikalen Richtungen schreiben, wie ich es dazumal über die Charismatiker getan habe.

So will ich nun den Spiegel einmal kehren und versuchen, Anhand deiner eigenen Formulierungen aufzuzeigen, was ich meine. Bitte sei mir nicht böse, denn ich mache dies nicht aus reiner Polemik, sondern aus einer grossen inneren Not bezüglich dem Zustand der Christenheit in unserer Zeit.

BM_1__Wenn_der_charismatische_Geist_der_heilige_Geist_ist__dann_widerspricht_er_sich_selbst1. Wenn der evangelikale Geist der Heilige Geist ist, dann widerspricht er sich selbst

Innerhalb der evangelikalen Glaubensgemeinschaften gibt es viele verschiedene Lehren, welche sich eindeutig widersprechen, und doch behaupten die Vertreter dieser Lehren, ihre Lehre sei die einzig Richtige und sei vom Heiligen Geist inspiriert. Ich nenne hier als Beispiele die Kontroversen zwischen Calvinisten und Arminianisten, zwischen Dispensationalisten und Nicht-Dispensationalisten, zwischen Herrschafts- (Lordship) und Erretter- (Saviour) Theologie, um nur wenige zu nennen. Diese Lehren lassen sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Geschwister, welche eine andere Meinung vertreten, werden als Irrlehrer und Verführer abgestempelt.

2BM_1__Wenn_der_charismatische_Geist_der_heilige_Geist_ist__dann_widerspricht_er_sich_selbst. Wenn der evangelikale Geist der Heilige Geist ist, dann widerspricht er der Bibel

Zwei Lehren, die sich eindeutig Widersprechen, können nicht beide gleichzeitig vollumfänglich wahr sein, es sei denn, beide Parteien hätten irgend einen Zusammenhang ganz massiv übersehen. Somit können diese Lehren sicherlich nicht alle wahr sein und würden somit sogar der Heiligen Schrift widersprechen.

Du sprichst aber unter diesem Punkt nur katholische Lehren an, sagst also, die katholische Lehre sei mit den Charismatischen Lehren gleichzusetzen. Die meisten Charismatiker, einige evangelikale und ich selber müssten Dir diesbezüglich aufs heftigste widersprechen. Ich werde zur Problematik von wiedergeborenen Geschwistern innerhalb der kath. Kirche am Schluss noch etwas sagen.

3BM_1__Wenn_der_charismatische_Geist_der_heilige_Geist_ist__dann_widerspricht_er_sich_selbst. Wenn der evangelikale Geist der Heilige Geist ist, dann sagt er nicht immer die Wahrheit

Ich musste schon mehrfach zur Kenntnis nehmen, dass meine evangelikalen Geschwister immer wieder Dinge behaupten, die recht einfach widerlegt werden können, wenn man sich nur die Zeit nimmt, der Sache ein wenig nachzugehen. Vor etwa einem Jahr kursierten bezüglich dem Zauberlehrling Harry Potter und seiner Schöpferin, der Schriftstellerin Joanne Rowling, einige absolut haarsträubende Zitate, welche Christen sogar als Leserbriefe in Tageszeitungen abdrucken liessen. Als ich ein Bruder darauf aufmerksam machen wollte, dass diese Zitate alle von einem amerikanischen Satire-Blatt erfunden waren und wir als Christen die Wahrheit nicht mit Lügen verteidigen dürfen, hat er mir geantwortet, er könne ja nicht allem nachgehen, wichtig sei, dass der Heilige Geist ihm bestätigt hätte, dass diese Dinge, mindestens der Spur nach, wahr seien. Und hier geht es NICHT um Charismatiker !!! Dies ist nur eine Erfahrung von vielen, die ich in den letzten 10 Jahren unter evangelikalen Christen gemacht habe. Die Meinung geht scheinbar in die Richtung, dass das, was ich denke und glaube, unbedingt richtig und vom Heiligen Geist inspiriert sein muss ! Anders wären die ganzen Streitereien innerhalb der Evangelikalen Gemeinschaften bezüglich Lehrfragen gar nicht zu erklären.

Zusammenfassend müsste ich also ebenfalls urteilen, dass in evangelikalen Kreisen der Heilige Geist nicht am Werk ist und demnach Abstand von diesen Kreisen angebracht wäre. Glaube ich das wirklich? Natürlich nicht !

Ja, es gibt extreme charismatische Gruppierungen, von denen ich mich ganz deutlich distanzieren muss, wie es aber auch in evangelikalen Kreisen Gruppierungen gibt, die fast sektenhaften Charakter annehmen und von denen ich mich ebenfalls ganz klar distanziere. Doch im grossen Ganzen bin ich der Meinung, dass die Hauptlehren, die uns als Christen kennzeichnen - nämlich das Opfer Jesu Christi, die Erlösung aus Gnaden, die Auferstehung von den Toten und was sonst noch dazu nötig ist - auch in den meisten Charismatischen und Pfingst-Gemeinden vertreten wird. Mit Deiner Argumentationsweise disqualifizierst Du also nicht nur die Charismatiker, sondern auch die Evangelikalen.

Die Charismatische Strömung ist für mich eine klare Gegenströmung zum erstarrten Rationalismus, der sich in vielen Gemeinden seit der Aufklärung etabliert hat. Der Herr hat diese Strömung zugelassen - eine Strömung, in der ganz gewiss auch sehr viel schief läuft, weil es eben leider auch Menschen darin hat - weil IHM die rein verstandesmässige Auslegung der Schrift (siehe z.B. Spr. 3, 5) und die dadurch erstarrte Praxis völlig zuwider war. Wo bleibt hier eine Liebe zu Gott von ganzem Herzen? Sind es nicht die Evangelikalen, die immer wieder behaupten, man dürfe sich nicht auf seine Gefühle verlassen? Wo steht das in dieser Form in der Bibel? Warum nimmt man Spr. 3, 5 nicht genauso ernst? Klar, wer nur auf den Verstand baut, wird in geordneteren Linien und Strukturen bleiben, die dann aber leider irgendwann erstarren. Wer nur auf die Gefühle baut, hat entsprechende Herzlichkeit und Spontanität, wird aber immer wieder von jedem Wind der Lehre hin und her getrieben. Wo bleibt da das biblische Mass? Ich bin froh, dass ich entdecken durfte, dass sich viele Charismatische Gemeinden dieser Problematik immer bewusster werden und sich einer sachlicheren und nüchterneren Lehre zuwenden. Wie Du aber selber weisst, kann man nicht etliche Jahrzehnte Erfahrung einfach über den Haufen werfen. Veränderungen kommen langsam. Und die Veränderungen kamen nicht, weil Evangelikale Kreise so gut über die Misstände in diesen Gemeinden "aufgeklärt" haben, sondern weil der Herr diesen Geschwistern zeigen konnte, dass das, was sie tun, nicht auf biblische Weise funktioniert, weil ihre Herzen für eine solche Korrektur offen war. Wie offen sind denn die Evangelikalen für solche Korrektur? Meine persönliche Erfahrung hat gezeigt, dass die Evangelikalen mindestens so hartnäckig, wenn nicht sogar noch hartnäckiger, an ihren Lehren und Meinungen hangen, wie die Charismatiker.

Du redest viel vom Katholizismus. Ich kann die Lehre der Katholischen Kirche überhaupt nicht befürworten. Für mich ist die Katholische Kirche die grösste aller Christlichen Sekten. Sie besitzt eine starke Führerpersönlichkeit, der sich alle widerspruchslos unterordnen müssen, sie vertritt ausserbiblische Lehren und sie betrachtet sich als allein seligmachen. Typische Kennzeichen einer Sekte. Und trotzdem hat es in dieser Kirche auch etliche wiedergeborene Geschwister. Wir sind immer der Meinung, wenn jemand wiedergeboren wird, muss er unbedingt die gleiche Erkenntnis bezüglich gewissen Dingen haben, wie ich das tue. Und doch halten auch wir noch an so vielen unguten Dingen und Lügen fest, manchmal sogar ohne unser Wissen. Der Herr muss uns Schritt für Schritt zur Wahrheit führen und uns langsam umgestalten. Dieser Prozess hört bis zu unserem Lebensende nicht auf, denn wir werden in diesem Leben niemals vervollkommnet werden. Der Herr weiss bei jeder Person, wie und zu welchem Zeitpunkt ER bestimmte Punkte in unserem Leben offenbaren und verändern will. Und nun erdreisten wir uns, über andere Geschwister den Richterstab zu brechen, nur weil ihr Erkenntnisstand nicht gleich ist oder ihre Erkenntnis auf eine andere Art und in eine andere Richtung wächst als unsere? Wir sind nicht wiedergeboren, weil unsere Erkenntnis vollkommen ist. Diese muss noch sehr wachsen. Wir sind wiedergeboren, weil der Herr uns auserwählt hat, weil Er uns gerufen hat, aus reiner Gnade. Wir haben auf diesen Ruf geantwortet. Nun haben wir als neugeborene Christen vielleicht noch ganz seltsame Ansichten, für die es manchmal Jahre oder sogar Jahrzehnte braucht, bis wir umdenken können.

So, nun habe ich vorläufig genug zu diesem Thema gesagt. Ich würde mich auf eine auferbauende und konstruktive Antwort von dir freuen.

Ganz herzlichen Gruss

P.K.
 


21.02.02
Lieber  Peter,

 

vielen Dank für Deinen Beitrag und Deine Denkanstöße, die durchaus wert sind, beachtet zu werden. Zum Einen betone ich, dass es die "Theologie der Charismatischen Bewegung" nicht gibt, da die Gruppen untereinander sehr unterschiedlich sind. Ich rede lieber von "Charismatischen Bewegungen" als von der "charismatischen Bewegung". So widerspricht z.B. Martin Schönenfelder (Frage 449) der Lehre der Geistestaufe (er deutet das in diesem Artikel nur an, aber ich weiß, dass er diese Lehre ablehnt), die jedoch eine fundamentale Grundlehre der Pfingstbewegung ist. Auch gibt es charismatische Gruppen, die der katholischen Lehre heftigst widersprechen, ich war selbst in so einer Gruppe, aber es gibt auch die "katholischen Charismatiker". Das einzige, was alle charismatischen Bewegungen lehrmäßig miteinander verbindet ist, dass sie offen sind für übernatürliche Manifestationen Gottes in Form von Zungenreden, prophetischen Reden und Wundern. In jeder Gruppe, in der ich war, sagte man, dass Gott, der so mächtig war, das Rote Meer zu teilen, auch heute noch auf übernatürliche Weise wirken will. Warum er das meiner Meinung nach heute nicht mehr in der Form tut wie zu Beginn der Apostelgeschichte, haben andere Brüder als auch ich in den anderen Artikeln hier dargelegt.

 

Ja, es ist eine Gefahr, dass man sich gerne an der Kritik an anderen auch selbst ein wenig erhebt. Das ist nicht nur in Lehrfragen, sondern auch im persönlichen Bereich so (z.B. Getratsche und üble Nachrede). Ich bin mir der Tatsache durchaus bewusst, dass ich heute Meinungen vertreten mag, die ich in einigen Jahren verwerfen werde, weil meine Bibelkenntnis (hoffentlich) zugenommen hat. Jeder von uns erfasst nur ein Stück der Wahrheit und jeder von uns vertritt Wahres als auch Verkehrtes, denn wir wachsen alle noch. Je näher wir beim Herrn Jesus sind, desto näher deckt sich unsere Meinung auch mit der biblischen Wahrheit. Insofern halte ich es auch für wichtig, in Fragen, die die Bibel nicht so eindeutig beantwortet, Menschen mit anderen Sichtweisen demütig aufzutreten. Nicht ich besitze die Wahrheit, sondern werde bestenfalls von ihr geprägt. Die Wahrheit ist unverhandelbar, weil sie uns nicht gehört. Wie ich auch dem Reto geschrieben habe: Wir gleichen nicht Politikern, die um einen Kompromiss ringen, nach einem Regierungsprogramm, dass eine Mischung aller Wahlprogramme der koalierenden Parteien bildet. Wir gleichen eher Studenten der Mathematik bzw. den operativen Naturwissenschaften, die gemeinsam in der Erkenntnis ihres Faches zunehmen wollen, einer Wahrheit, die außerhalb von ihnen selbst liegt.

 

Weil ich sündig und fehlbar bin: Muss ich bei Irrtümern anderer deshalb auch schweigen ? Ich habe drei Kinder. Manchmal ertappe ich eines meiner Kinder, dass sie etwas anstellen. Dann sagt der Ertappte, dass der Bruder bzw. die Schwester dies und das gemacht hat, als sei es eine Entschuldigung für sein Fehlverhalten. So sage ich meinen Kindern immer, dass die Schuld des anderen deine Schuld nicht aufhebt. D.h. für unsere Diskussion: Die Schuld der Evangelikalen wird durch die Schuld der Charismatiker nicht aufgehoben, umgekehrt aber auch nicht. Wenn jemand im Namen des Herrn spricht und dabei die Unwahrheit sagt, dann macht er Gott unglaubwürdig. Deshalb stelle ich mich insbesondere gegen die Lehre der charismatischen Prophetie. Wenn ich z.B. eine bestimmte Meinung vertrete, wie sich die Dinge in der nächsten Zeit bzw. in der Endzeit zutragen und gebe das in meinem eigenen Namen weiter, dann hat das eine andere Qualität als wenn ich meine Theorien so weitergebe, als hätte ich sie vom Thron Gottes empfangen. Wir sollten deshalb immer die Wahrheit in Demut weitergeben und versuche das auch so in meinen Artikeln auszudrücken. Ich bedaure, wenn mir das nicht immer so gelingt.

 

Ein Problem, was uns alle betrifft, ist das ungeprüfte Verbreiten von Gerüchten wie z.B. bei Harry Potter und Aussagen, die man Jeanette Rowling in den Mund gelegt hat. Ich habe hierzu den Artikel: "warum sind wir Christen so leichtgläubig ?" geschrieben, der uns alle gleichermaßen angeht. Wenn ich dann zusätzlich Gott selbst vor den Karren spanne, indem ich behaupte, dass "der Heilige Geist mir diese Dinge bestätigt", dann stehe ich mE auf der gleichen Ebene mit charismatischen Falschpropheten. Unsere subjektive Erkenntnis ist Stückwerk (ob man 1. Kor. 13 so interpretieren mag oder nicht, will ich hier jetzt nicht diskutieren), kein Mensch lernt je aus. Niemand von uns kann sagen, dass er schon alles weiß und alles versteht. Siehst Du jemand, der sich für weise dünkt, für einen Toren ist mehr Hoffnung als für ihn.

 

Ob eine Lehre, gleichermaßen ob charismatisch oder evangelikal, wahr ist oder nicht bzw. ob der Prediger glaubwürdig ist oder nicht, kann man daran erkennen, ob der Herr Jesus oder der Mensch erhoben wird. Johannes, der Täufer sagte, als man ihn darauf aufmerksam machte, dass ihm die Anhänger zu Jesus davonlaufen: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen". Er wusste, dass er nur ein Wegweiser auf den Herrn Jesus ist. Ein Prediger, gleich welcher Couleur, der sich darüber nicht bewusst ist, sondern es gerne sieht, dass die Menschen bei ihm stehen bleiben, tut nicht, was er tun soll. Wer beim Wegweiser stehen bleibt, kommt nicht an dem Ort an, wo er hinweist. Der Mensch muss weitergehen.

 

Ich unterscheide sehr zwischen einer Lehre und den Menschen, die sie vertreten. Das eine sind die Aussagen, die ein Mensch macht, mit denen gilt es sich sachlich auseinanderzusetzen. Das andere ist das, warum er das sagt, was er sagt. Ich habe selbst regelmäßig Kontakt mit einem charismatischen Arbeitskollegen, mit dem ich mich in der Sache immer wieder heftig auseinandersetze. Dennoch beten wir gemeinsam mit einem weiteren Christen jede Woche für Belange unserer Firma bzw. unsere Situation auf dem Arbeitsplatz sowie für die Kollegen, die den Herrn noch nicht kennen. Wir wissen beide, dass unsere subjektive Erkenntnis Stückwerk ist, aber wir der Wahrheit um so näher kommen, je mehr wir uns auf den Herrn Jesus und sein Wort ausrichten.  Auch beruflich decken wir beide unterschiedliche Bereiche ab: Der Kollege ist Programmierer, ich bin Systemprogrammierer. Dinge, die er weiß, weiß ich nicht und umgekehrt und gemeinsam ergänzen wir uns prächtig. Das funktioniert in gewisser Hinsicht auch in geistlichen Fragen. Ich habe somit keine Berührungspunkte mit Charismatikern, auch wenn ich ein Buch mit dem Titel: "Warum ich kein Charismatiker mehr bin" geschrieben habe.

 

Ja, ich gehe sogar so weit, dass sie, was praktische Jüngerschaft betrifft, vielen Evangelikalen voraus sind: Wenn eine Not in der Welt ist, dann sind die Charismatiker zuerst da. Es wird sich in vielen charismatischen Gemeinden mit Randgruppen auseinandergesetzt und auch die Spendenbereitschaft ist meiner Erfahrung nach in charismatischen Gemeinden größer als in den Brüdergemeinden. Das hebt die falschen Lehren und Praktiken nicht auf, wie wir "Brüder" uns auch nicht auf die faule Haut legen dürfen nach dem Motto: "Lehre gut, alles gut". Auch die praktische Seite der Jüngerschaft ist sehr wichtig: Die Charismatiker sollten sich Mt. 7;21-23 aufmerksam durchlesen, aber die Evangelikalen, zu denen ich mich jetzt auch zähle: Lk. 6;46 !

 

Noch ein Wort zum Katholizismus: Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen und war, bevor ich Charismatiker wurde, ein Katholik. Als Katholik habe ich mich auch bekehrt und bin erst zwei Jahre später aus der Kirche raus. Das hatte viele Gründe: Ich war bei meiner Bekehrung erst 15 Jahre und wartete ab, bis ich 18 war, da meine Eltern es nie akzeptiert hätten, wenn ich die Kirche verlassen hätte und mich einer bibeltreuen Gemeinde angeschlossen hätte. Außerdem meinte ich den Ruf zu haben, die Kirche zumindest in meinem kleinen Bereich von innen reformieren zu können. Heute weiß ich, dass das damals sehr naiv von mir war, würde deshalb niemanden verurteilen, der so denkt wie ich vor 20 Jahren. Aber ich hatte eine biblisch glasklare Sicht zu Marienverehrung, Papsttum und auch dem Karneval. Gerade aber wegen meiner Einstellung zum Karneval hatte ich in meinem Elternhaus kräftig Feuer unter dem Hintern. Nach meiner Bekehrung merkte ich schnell, dass ich innerhalb der Kirche ein Fremdkörper geworden bin, ich gehörte nicht mehr richtig dazu. Menschen, mit denen ich mich vorher über Gott und die Welt unterhalten konnte, entfremdeten sich mir gegenüber sehr schnell. Es war ein harter Kampf, von denen viele Christen wenig mitbekamen. Unter den Christen, mit denen ich in der Schule zusammen waren, gab es zwei Gruppen: Die einen, die mich ermutigten, auch gegen den Willen meiner Eltern die Kirche zu verlassen, aber andere ermutigten mich in meinem Weg. Im Nachhinein hat mich aber die letztere Gruppe eher verwirrt, denn das biblische Evangelium und die katholische Lehre und Praxis passt zusammen wie Feuer und Wasser.

 

Hätte ich mich der Menschen zuliebe bekehrt, dann wäre ich heute ein glühender Atheist. Dass ich es nicht bin, schreibe ich alleine der Gnade Gottes zu, dass mein Verstand mich letztendlich nicht so weit betrogen hat. Als ich mit der Brüdergemeinde das erste Mal konfrontiert wurde, sah ich nicht nur Sonnenschein, auch viele Schwächen. Als ich das erste Mal im Gottesdienst der Brüdergemeinde war, da war es im Vergleich dazu im Kühlschrank noch warm. Ich war nahe dran, in der inneren Auseinandersetzung zwischen Charismatik und Evangelikalismus einfach alles wegzuschmeißen und dem Christentum zu entsagen. Der Grund, weshalb ich es nicht tat: Ich las das Buch von Josh McDowell: "Die Bibel im Test". Dadurch habe ich festgestellt, dass die Bibel selbst absolut glaubwürdig ist. Wenn z.B. ich die Mathematik nicht verstehe, ist deshalb die Mathematik nicht zu verwerfen. Ebenso wenig kann ich die biblische Wahrheit verwerfen, weil die Menschen sie so sehr verzerren. Gott hat sich im Herrn Jesus Christus geoffenbart, es gibt keinen stichhaltigen Beweis, das zu widerlegen. Die Bibel ist absolut glaubwürdig, deshalb wäre ich dumm, wenn ich sie verwerfe, weil ich so wenig davon verstehe. Ich stehe vor Gott nur deshalb, weil der Herr Jesus für mich am Kreuz gehangen habe, sonst nichts. Letztendlich ist meine größte Erkenntnis der letzten 15 Jahre nicht die, dass meine Weissagungen und mein Zungenreden nicht von Gott war, sondern dass ich nichts bin und der Herr Jesus alles ist.

 

Wir alle sind fehlbare Menschen, in jeder Gemeinde gibt es Stärken und Schwächen, wie wir sowohl im Alltag als auch in der Bibel erkennen können. Ich kenne keine vollkommene Gemeinde und wenn es sie gäbe, dann würde ich mich ihr nicht anschließen, denn dann wäre sie nicht mehr vollkommen. Das heißt aber nicht, dass wir zu Sünde und falscher Lehre einfach "Schwamm drüber" sagen, sondern dass wir in Demut die Wahrheit in Liebe weitergeben. In diesem Bereich habe ich selbst auch noch viel Raum zum Wachstum.

 

Liebe Grüße und vielen Dank für Deine kritischen Gedanken

Fritz Wolf