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Frage: 599

Lieber Hans-Peter

Was ist mit Sprüche 3,5 gemeint?

Ist der Verstand gleichzusetzen mit "geistlicher Erbauung"? Durch  Erkenntnis des Geistes? Oder ist mit "Verstand" gemeint, unser aller bei Geburt geschenkter rein menschlich denkender Verstand?

Gruss Michael


Forum 599

Lieber Michael

Du hast scheinbar noch nicht genug Munition. Ich will dir deshalb dabei helfen, ein wenig nachzuladen... ;-)

Die Antwort zu deiner Frage kannst du auch alleine finden. Dabei musst du nur wie bei jedem gründlichen Bibelstudium vorgehen. Das bedeutet zuerst, herauszufinden, welches Wort im Urtext an dieser Stelle verwendet wird. Es handelt sich diesmal um das hebräische Wort "binah". Ein kurzes Nachschlagen in einem hebräischen Wörterbuch zeigt dir, dass das Wort mit Verstand, Verständnis, Intelligenz, usw. übersetzt werden kann.

Nun geht es darum, herauszufinden, wo dieses Wort überall in der Bibel vorkommt. Das findest du, wenn du in einer hebräischen Konkordanz oder mit den Strong's Nummern nachschlägst. Auch eine gute Bibel-Software kann hier sehr hilfreich sein. Ich verwende z.B. BibleWorks. Es geht jetzt um ein reines Auflisten der Verse, ich überlasse es dir deshalb gerne. Es gibt aber ca. 20 Stellen, man kann also anhand dieser Stellen sehr gut zu einer Übersicht des biblischen Sprachgebrauchs bezüglich dieses Wortes kommen.

Sehr wesentlich scheint mir, die direkte Umgebung des Wortes im Text zu untersuchen, damit man sieht, was an dieser Stelle überhaupt ausgesagt werden soll. Gerade in den Sprüchen geht es ja darum "Weisheit und Zucht zu lernen und zu verstehen verständige Rede" (Spr. 1, 2). Dabei werden geistliche Weisheit und Verständigkeit recht austauschbar im Text verwendet. Die Voraussetzung zu echter Weisheit und Erkenntnis ist die Furcht Gottes (Spr. 1, 6; 8, 13). Echte Verständigkeit wird errungen, indem wir bereit sind, zu hören und uns raten zu lassen (Spr. 1, 5-6).

Auch im Kapitel 3 der Sprüche geht es wieder darum, dass der Mensch es nötig hat, sich echte Klugheit (und Freundlichkeit! Frucht des Geistes: Gal. 5, 22) zu erringen, indem er Weisung annimmt und sein (natürliches) Herz durch göttliche Erkenntnis verändern lässt (Verse 1-4). In den Versen 5 - 8 geht es nun im Gegensatz dazu darum, dass wir uns nicht auf unsere eigene, natürliche Weisheit und Verständigkeit verlassen. Wie ich dir bereits in privaten Briefen darzustellen versucht habe, ist der Mensch gefallen. Somit ist alles an ihm verfinstert, auch sein Herz und sein Verstand. Diese müssen beide durch den Reinigungs- und Heiligungsprozess geläutert werden. Das Buch der Sprüche gibt uns diesbezüglich schon sehr viel Unterweisung. Interessant ist z.B. auch die Darstellung der Weisheit in Jak. 3, 17. Wir sehen damit, dass auch Weisheit mit der Frucht des Geistes sehr eng verbunden ist. Frucht ist aber nicht ein Geschenk, sondern eben, eine Frucht, die langsam wachsen und herangezüchtet werden muss.

Ich glaube, man kann also deine Frage so beantworten, dass uns in den Sprüchen, und vor allem in der von dir erwähnten Stelle, zwei verschiedene Seiten gegenübergestellt werden: Einerseits das göttliche Verständnis, welches schlussendlich eine Frucht des Geistes darstellt, anderseits unser natürlicher Verstand und die eigene Weisheit, welche vor Gott verwerflich ist und auf die wir uns gar nicht verlassen dürfen.

Mit Verstand und Verständnis sind im biblisch-hebräischen Sprachgebrauch übrigens nicht nur die menschliche Vernunft und das Denken gemeint, sondern auch das für diesen Verstand und das Denken verantwortliche menschliche Herz, aus dem diese Gedanken hervorkommen (siehe Mark. 7, 21), welches ja schlussendlich verändert und gemäss Gottes Wille verwandelt werden soll. Aus diesem Grund müssen wir nicht nur bezüglich unserer Gedanken, sondern auch was unsere Gefühle anbelangt sehr vorsichtig und selbstkritisch bleiben.

Ich hoffe, das hilft dir in deinem Bestreben nach sachlich-nüchterner Bibelerkenntnis ein Stück weiter.

Herzlichen Gruss

P.K.


11.06.02

Lieber Hans Peter

Liebe Geschwister im Herrn

Eine kleine Ergänzung zur Frage 599:

Spr.3,5: Vertraue auf Jahwe mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand.

Es scheint mir wichtig, auch auf die hier gebrauchten Verben zu achten: Vertraue ... stütze dich nicht.

Das bedeutet nicht, den Verstand abzuschalten, nicht zu gebrauchen. Das würde z.B. 1.Kor.14,20 widersprechen (Brüder, seid nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene). Wir sollen den uns von Gott geschenkten Verstand benützen, um nüchtern zu überlegen, in der Bibel zu forschen etc. Aber wir dürfen uns nicht zu sehr darauf verlassen, uns nicht darauf stützen, denn der Verstand kann uns täuschen und irreführen. Auf Gottes Wort ist immer Verlass, auf unseren Verstand nicht.

So gibt es beispielsweise viele biblische Aussagen, die wir mit unserem beschränkten Verstand nicht nachvollziehen können, die uns vielleicht sogar fast unlogisch scheinen. Denken wir nur an die Dreieinigkeit! Gerade dann dürfen wir uns nicht auf den Verstand stützen, sondern ganz dem Herrn vertrauen. Seine Weisheit ist unbeschränkt.

Herzliche Grüsse in der Treue unseres geliebten Herrn Jesus Christus!

Hans Rapold


Lieber Hans 

Schön, wieder mal etwas von dir zu hören. Und vor allem vielen Dank für deine wertvolle Ergänzung zum Thema!
Ganz herzlichen Gruss und in Ihm verbunden 

P.K.


 


Für diejenigen die Bibel Works  oder die Online Bibel oder Bibel Wokshop  etc. noch nicht auf dem Rechner montiert haben...:

0998 hn"yBi biynah {bee-naw'}

Meaning: 1) understanding, discernment 1a) act 1b) faculty 1c) object 1d) personified

Origin: from 0995; TWOT - 239b; n f

Usage: AV - understanding 32, wisdom 2, knowledge 1, meaning 1, perfectly 1, understand 1; 38

Einsicht: Verständnis (5. Mose 4.6; Hi 20,2: Spr 1,2: Jes 11,2: Jes 27,11: Dan 8,15;
meistens in der Weisheitsliteratur verwendet und oft zusammen mit "Hokmah"   = "Weisheit" genannt, bezeichnet das Wort in der Regel das menschliche Verstehen oder Beherrschen einer Sache. Obwohl es wichtig ist, zu lernen und Einsicht zu gewinnen.   Spr 4,1; 16,16; 23,23;, warnt die Weisheitsliteratur vor dem Hochmut, sich auf  die eigene Einsicht zu verlassen Spr 3,5. Wahre Einsicht ist die Furcht Jehovas, das Erkennen des Heiligen und ist letztlich nur bei Gott  zu finden. Hi 28,12.20.28; Spr 9,10. Jehova (JAHWE) hat Macht über die menschliche Weisheit und Einsicht. Er kann sie Klugen nehmen Jes 29,24 und Unverständigen geben Jes 29,24., denn er  ist grösser als alle  menschliche Einsicht (Hi 383,4 . In 5. Mose 4,6 wird die Tora Israels Weisheit und Einsicht genannt. Substantiv von  "bin" = verstehen.

HP.,  ex. Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel