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Frage 983

 

Lieber Hans Peter,

den im Anhang befindlichen Beitrag hat einmal in einem InternetForum bei der Zeitschrift Brigitte ein mir nicht bekannter Arzt namens Siegfried gepostet. Da der Text mal öffentlich war und damit ein christliches Anliegen verbunden war, gehe ich davon aus, daß er veröffentlicht werden kann.

Ich fand den Beitrag jedenfalls sehr gut, auch wenn er von den Nichtchristen der damaligen Diskussionsrunde natürlich mächtig angegriffen wurde.

Alles Liebe

ML

REALITÄT

 

EINLEITUNG

 

Die berühmteste Katze der Physik hat ein Physiker als Vergleich erfunden, um auf einen schlimmen Widerspruch in der Atomphysik hinzuweisen: Man setzt eine Katze in einen verschlossenen Kasten. Dort ist sie dann gleichzeitig tot und lebendig, erst wenn jemand in den Kasten guckt ist sie eins von beiden. Daraus haben Philosophen unter anderem folgende Erkenntnis gewonnen:

 

Wirklichkeit ist das, was wir im Moment wahrnehmen, schauen wir nicht nach, ist alles ganz anders. Immer wieder wurden Philosophen so an ihre Grenzen geführt, bis hin zu dem Gedanken, daß überhaupt nicht klar ist, ob ich selbst existiere oder auch nur das Einbildung ist. Das mutet uns ein bißchen sehr verrückt an, war aber für manchen eine existentiell wichtige Frage.

Den meisten ist wohl klar, daß man auf so verrückte Ideen nur kommen kann, wenn man tatsächlich nicht weiß, was die REALITÄT ist.

 

Als Christen wissen wir, was wirklich Realität ist: Unser Gott ist die größte und klarste Realität, die es gibt. Das Leben, das wir leben, kann immer nur an dieser Realität orientiert sein - oder es geht daran vorbei.

 

Eine kurze Wortbedeutung vorweg: Real (lat.) = wirklich. Realität = Wirklichkeit.

 

1. DIE REALITÄT DER NICHTCHRISTEN

 

Jesus zu den umstehenden Juden: „Ihr seid von unten, Ich bin von oben; ihr seid von dieser Welt, Ich bin nicht von dieser Welt.“ Joh. 8,23

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Joh. 18,36

Ein Beispiel: Jemand der taub ist, der noch nie einen Ton gehört hat:

Dieser Mensch lebt inmitten von Geräuschen. Der Wind rauscht, Vögel zwitschern, Leute reden durcheinander, ein Auto brummt vorbei. Für diesen Menschen ist das nicht da. Er lebt einfach so neben all den Geräuschen her ohne irgend etwas davon wahrzunehmen.

 

Wir können diesen Menschen mitnehmen in die schönste Geräuschkulisse, ihm alles ganz genau erklären, alle Energie darauf verwenden, ihn von der Existenz von Geräuschen zu überzeugen, ihn letztlich frustriert anschreien, damit er endlich die ganze Realität hört - nichts. Er kann es nicht hören. Er sieht wohl die Auswirkungen von Geräuschen: Er beobachtet, wie Leute plötzlich zusammenzucken oder sich die Ohren zuhalten. Aber die Geräusche hört er nicht.

Er lebt inmitten der Realität und doch voll an der Realität vorbei.

 

Ein Tauber lebt inmitten von Geräuschen, sie sind für ihn aber solange keine Realität, bis er allen anderen irgendwann glaubt, daß es Geräusche gibt. Er weiß nicht, wie sich Geräusche anfühlen, aber er glaubt, daß es sie gibt.

 

Das müssen wir verstehen, wenn wir anderen von unserem Glauben erzählen wollen. Die meisten unserer Mitmenschen hier glaubt nur an das, was sie mit ihren Sinnen wahrnehmen können. Für sie ist Realität das, was sie sehen, hören, fühlen, schmecken. Mehr gibt es nicht.

 

Und wenn wir dann von etwas anderem erzählen, davon, daß es einen Gott gibt, den der andere nur noch nicht wahrgenommen hat, dann muß das diesen Leuten so vorkommen, als wenn wir von kleinen grünen Männchen mit lila Punkten vom Mars reden.

 

Als Christen leben wir in einer ganz anderen Realität, ja, ich gehe so weit zu sagen: In einer ganz anderen Welt, so wie Jesus das in den Versen oben sagt. Für uns ist es ganz selbstverständlich, daß es diesen Gott der Bibel gibt und wenn wir anderen davon erzählen, dann erzählen wir das meist so selbstverständlich wie es ist: Es gibt diesen Gott.

 

Aber da, wo ich jetzt meine Praxis habe, da ist eine andere Welt. Diese Leute dort (und überall) kennen zumeist keinen Gott. Sie leben ihr Leben, im Zentrum steht das alltägliche Leben mit der Frage nach Arbeit, was es zu essen gibt und Urlaub mit den Höhepunkten Schützenfest und Weihnachten. Ersteres ist wichtiger als letzteres.

 

Ich sage das ohne mich darüber zu erheben. Es ist ein ganz anderes Leben, ein Leben, das ich nicht leben möchte. Aber all die lieben Menschen dort kennen kein anderes Leben, weil es für sie keine andere Realität gibt! Die Realität ihres Lebens umfaßt ihre Umgebung. Selbst eine Hungersnot in Afrika oder Kriminalität in Südamerika sind irgendwie nicht Realität, sondern Gerüchte von einem anderen Stern, etwas, das so gar nichts zu tun hat mit der Wirklichkeit, in der sie leben.

 

Denken wir noch einmal an den Tauben: All diese Menschen leben ihren Alltag auf irgendeine Weise mehr oder weniger gut mit schönen Stunden oder auch schweren Krankheiten.

 

Aber sie alle leben an dem vorbei, von dem wir wissen, daß es Realität ist. Sie gehen durch den Tag und Jesus steht daneben - und sie merken nichts davon. Jesus ist da, die Realität Gottes ist da - aber sie gehen durch die Realität Gottes hindurch wie der Taube durch Geräusche.

 

Sie sehen die Auswirkungen, so wie der Taube auch die Auswirkungen der Geräusche sieht: Ich weiß von Menschen dort, die sogar Wunder in ihrem Leben erlebt haben. Aber was meinen sie dazu?: Es war nur Zufall, daraus einen Gott konstruieren zu wollen sei gewagt.

 

Ich denke, es ist ganz wichtig, das zu verstehen, wenn wir anderen von unserem Gott erzählen wollen: Sie leben in einer ganz anderen Realität, einer anderen Welt. Und wir kommen plötzlich daher und erzählen diesen Menschen etwas aus unserer Welt, einer Welt, die sie nicht kennen, die ihnen völlig befremdlich vorkommen muß und die den meisten so erscheinen muß, als sei das eine ganz gewaltige Spinnerei. Eben so, wie uns vielleicht der Philosoph am Anfang vorkommt oder wie uns der Botschafter der grünen Männchen mit lila Punkten vorkommt.

 

Wenn wir das verstehen, daß wir mit einer neuen Welt in das geordnete Leben einer anderen Welt einbrechen, dann glaube ich haben wir viel mehr Verständnis für diejenigen, die mit unserer Botschaft zunächst Schwierigkeiten haben.

 

Das soll jetzt keine Predigt über Mission werden, aber eine kleine Anmerkung zum Schluß dieses ersten Teils: Nicht wir werden jemals jemanden überzeugen von der Realität unserer Welt. Wir erzählen von der wirklichen Welt, wir erzählen von der Realität unseres herrlichen Gottes - Gott selber ist es, der den Tauben die Ohren öffnet, der dem einzelnen die Wahrheit zeigt.

2. DIE REALITÄT FÜR ANDERSGLÄUBIGE

 

Das ist jetzt ganz kurz. Es ist nämlich im Prinzip nichts anderes als im Punkt oben. Jemand der an einen anderen Gott glaubt, der in einem anderen Religionssystem aufgewachsen ist, für den ist sein Gott genau so real und alltäglich und selbstverständlich wie für uns. Allah ist für die meisten Moslems so normal und alltäglich wie Essen und Trinken.

 

Und auch da gilt: Es gibt keinen anderen Gott als unseren Gott. Unser Gott ist die einzige Realität, die hinter dem Sichtbaren Bestand hat. Und wer an einen anderen Gott glaubt, der lebt an dieser Realität vorbei.

 

„So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: ‚Ich bin der Erste, und Ich bin der Letzte, und außer Mir ist kein Gott.‘“ Jes. 44,6

 

Aber für den Andersgläubigen erscheint sein Gott so real, wie unser Gott für uns. Das muß uns klar sein, wenn wir anderen von unserem Gott erzählen: Der andere erlebt seine Welt anders, wir sind mit unserem Gott immer exotisch und fremd in seiner Welt.

 

3. DIE REALITÄT FÜR CHRISTEN

 

Wir als Christen kennen die Realität. Wir kennen den lebendigen Gott. Deshalb leben wir in der Welt unseres Gottes und würden nie auf die Idee kommen, an der Realität Gottes vorbeizuleben. Oder?

 

Als ich den ersten Punkt geschrieben habe, ist mir aufgefallen, daß ich zwar die Realität sehe und nicht einfach an Gott vorbeilebe, aber das dann doch viel zu oft kein bißchen besser mache, als die Menschen in meiner Praxis, von denen ich vorhin geredet habe, die keinen Gott kennen.

 

Zu oft denke ich doch in den Kategorien: Arbeit, Essen und Urlaub. Viel zu oft ist mein Vater ganz einfach ausgeblendet und ich denke nicht daran, daß er bei mir ist, sondern lebe den Alltag ohne Ihn. Ich weiß, daß das Unsinn ist, denn der Gott, den wir kennen gelernt haben, will mit uns jeden Moment leben. Es ist absolut unsinnig, zu versuchen, irgendein Problem des Alltags ohne Ihn zu lösen. Dann kommen z. B. die Sorgen: Die Praxis hat Geld gekostet, wie kommt das wieder rein? Und dann macht man sich Sorgen und Gedanken und sucht gute Ideen und Lösungen und stellt sich vor, wie es sein könnte und laufen könnte - und Gott steht daneben und winkt: „He, hallo, Ich bin hier, komm in Meine Arme, Ich mach das MIT Dir“ - oder manchmal auch - „FÜR Dich...“

 

„Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Matth. 6, 31-33

 

Kennt ihr den Autoaufkleber: „Mein Fahrstil ist nicht für christliche Aufkleber geeignet“? Ist vielleicht ganz witzig, ist aber das Gegenteil von dem, was ich von meinem Vater gelernt habe.

Für mich ist das eine Bankrotterklärung des eigenen Glaubens: Ich kenne zwar Gott aber ich bin stolz darauf, daß es Bereiche gibt, in denen ich das anders mache als er möchte und möchte mich nicht ändern...

Ein Evangelist sagte einmal: „Sei ganz Sein oder lasse es ganz sein“

 

Unser Gott hat da keinen Druck hinter, aber das ist doch unser Ziel, das wir in einigen Lobpreisliedern besingen: Immer mehr sehen wie Gott ist, immer mehr mit Ihm verbunden sein - und letztlich immer mehr sein wie Er.

 

Johannes bekennt: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“ Joh. 3,30

 

Wir haben hier all das Sichtbare: Die Menschen, den Gottesdienstraum, die Instrumente, unsere Lieder... Aber das ist nur das, was unsere Augen sehen oder die Ohren hören können. Viel mehr ist das, was wir in der Regel nicht sehen können und meist nicht hören können: Unser Vater, unser Herr und Gott. Dieser Vater ist so ganz anders als die Realität um uns herum: Er spricht ein Wort und Bäume entstehen, er sagt einen Satz und die Sonne wird geschaffen, er wischt einem Blinden Speichel über die Augen und der sieht.

 

Dieser mächtige Gott, der so viel mehr Macht hat, als irgend etwas, was wir aus unserer sichtbaren Welt kennen, der so viel mehr Liebe hat, als irgendeiner von uns schon je erfahren hätte, dieser Gott ist die eigentliche Realität in diesem Universum. Alles andere ist nur ein Teil der Wirklichkeit.

 

Alles das, was wir oft so wichtig nehmen: Unsere Sorgen und Gedanken, unsere Arbeit, unser Haus, unser Auto, unsere Feier, unsere Gemeinde, wir selbst: Das alles ist nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit.

 

Der Philosoph eingangs hat Unrecht: Natürlich gibt es mich. Natürlich gibt es all das, was ich sehe, höre, fühle. Aber das alles ist nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit. Unser Gott, das ist das eigentliche Zentrum der Wirklichkeit!

 

Und daraus folgt:

Ich wage zu behaupten: Jede Minute, die ohne Gott gelebt ist, ist verloren gelebt, weil sie an der Realität vorbeigelebt ist. Mehr noch: KEIN Problem in meinem Leben, kein Problem auf dieser Welt läßt sich lösen, wenn ich dabei an der Realität vorbeilebe.

 

Noch ein Beispiel: Ich versuche einen kleinen Ball in die Luft zu hängen. Er fällt herunter. Warum? An Schwerkraft will ich nicht glauben, da ich die noch nie gesehen oder gehört habe. Warum fällt er dann? Die Antwort ist einfach: Weil er zu klein und auch noch rund ist. Also stecke ich ihn in eine große Kiste und hänge die Kiste in die Luft. Wenn die dann auch fällt, kann es eigentlich nur daran liegen, daß keine roten Punkte darauf sind. So sehen Erklärungsmodelle aus, wenn ich die Schwerkraft leugne.

 

Es gibt keine Lösung dafür, etwas aufzuhängen, wenn ich die Schwerkraft nicht berücksichtige.

 

Da unser Gott die eigentliche Realität ist, ist es unsinnig zu versuchen, ohne Ihn irgendein Problem zu lösen. Und wenn ich mich noch so sozial engagiere, um Jugendkriminalität vorzubeugen oder Obdachlose von der Straße zu holen - letztlich werde ich das Eigentliche dabei immer falsch machen, wenn ich an der Realität vorbeilebe, weil ich Gott nicht dabei habe.

 

Und wenn ich noch so ein tolles politisches Programm habe, ich werde keine tiefgreifende Lösung für Deutschlands Probleme anbieten können, wenn ich Gott dabei ausklammere.

 

JEDE noch so gute Idee muß letztlich scheitern, wenn sie ohne Gott umgesetzt wird.

 

Gott ist DIE eigentliche Realität. Irgend etwas ohne Gott zu machen heißt, die Realität nicht zu beachten, dasselbe wie aus Spaß vom Hochhaus zu springen und dabei die Schwerkraft zu übersehen.

 

Oder für die, die sich lieber einen kurzen Merksatz merken:

 

Gott ist die eigentliche Realität. Ohne Gott = gottlos = an der Realität vorbeigelebt

 

4. DIE REALITÄT, DIE WIR NICHT SEHEN

 

Eigentlich müßte man mit diesem Gedanken aufhören. Aber es fehlt noch ein Aspekt der Realität, den ich wenigstens erwähnen will, der aber einer eigenen Predigt bedürfte:

 

Viele Christen sehen zwar, daß Gott diese Realität ist und wir nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit mit den Augen sehen können. Die Bibel lehrt uns, daß es aber in der unsichtbaren Welt noch viel mehr gibt: Es gibt unseren herrlichen Gott mit seinen himmlischen Heerscharen, es gibt aber auch den Durcheinanderbringer, die Personifikation des Bösen: Den Teufel. Ich will dem nicht zu viel Beachtung schenken, weil unser Gott die allein entscheidende Macht ist, aber ich möchte daran erinnern, daß wir auch mit dem Wirken des Teufels rechnen müssen. Und wer anderen von seinem Glauben erzählt, wer in der sichtbaren Welt arbeitet und nicht weiß, daß da ein Teufel mit seinen Dämonen rumläuft und ziemlich viel Ärger verursachen kann, der sieht eben auch nur einen Teil der Wirklichkeit.

 

„Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“ Eph. 6,11f

 

Unser Gott ist der Sieger über Sünde, Tod UND Teufel. Das ist das Entscheidende.

 

Zu einem vollständigen Bild der Realität gehört nicht nur die Welt, die wir sehen, sondern auch die unsichtbare Welt, die genauso real ist wie alles, was wir sehen, die ständig um uns ist. Und in dieser Welt geschieht das Eigentliche.

 

Und jeder - egal ob Christ oder Nichtchrist - steht vor der Frage:

 

Lebst du dein Leben in der Wirklichkeit oder lebst du nur in deiner eigenen Welt vor dich hin? Und wenn du nur dein Leben lebst und nur ein Teil der Wirklichkeit siehst, dann laß dich einladen: Lasse dich mit Gott ein mit der ganzen Wirklichkeit um dich herum. Lasse dich mit Gott ein mit der Fülle der Herrlichkeit, die du vielleicht noch nie oder noch viel zu selten gesehen hast.

 

Siegfried