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Frage 989

Hallo...

ich studiere Theologie im 1.Semester und bin nun in der Situation, daß an der Uni (evang.Theol.) die wissenschaftlich, literarkritische Methode verbreitet ist und gelehrt wird. Das Problem, welches sich für mich ergibt, ist

folgendes: Ich glaube fest an den geschichtlichen Wahrheitsgehalt der Bibel und stoße darum auf starken Widerspruch von Seiten der Dozenten. In einem Seminar über das AT habe ich mich für einen Vortrag über das Danielbuch gemeldet. Auf der Suche nach Material, was mich in meiner Überzeugung stützt, bin ich auf diese Seite gestoßen und wollte nun Fragen, ob sie mir Literatur zum Danielbuch empfehlen können, die mir weiterhelfen kann. André


Lieber Andre
viel Gewinn hatte ich persönlich als ich die beiden Bücher durchstudiert habe von denen ich den Teil Daniel reincopiert  habe.  Beide Bücher kannst Du bei einem der Verlage:

 
Linkseite oder aber elektronisch von mir bekommen. Hast Du Zugriff auf Bibleworkshop oder die Online Bible? da gibt es bibeltreue Auslegungen von diversen

Bibellehrern wie Gaebelein W. MacDonald usw.  Auch die MCA -Bibel die Du bei Bethanien oder Wolfgang Bühne bestellen kannst, hat eine gute Einführung zu Daniel.

 Daniel von Robert Lee

Schlüsselworte: Kap. 2,22; 4,25b. Leitgedanke: Die unumschränkte Herrschaft Gottes. Daniel:

1. Daniel war ebenso wie Hesekiel unter den Gefangenen, die anlässlich des Einfalls Nebukadnezars in Palästina nach Babel geführt wurden.

2. Es wird angenommen, dass Daniel aus einer hochgestellten Familie, wenn nicht gar aus königlichem Hause, stammte, und dass er im Alter von sechzehn Jahren, acht Jahre vor Hesekiel, nach Babel mitgenommen wurde. Wenn dies zutrifft, dann war Daniel unter der Zahl der beim ersten Einfall im dritten Jahre Jojakims gefangen Weg- geführten, während Hesekiel beim zweiten Einfall entführt wurde.

3. Daniel verbrachte von dieser Zeit an sein ganzes Leben in Babel (siehe Kap. 1, 21; eine Zeitspanne von neunundsechzig Jahren); an

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heidnischem Hofe führte er ein heiliges Leben mit einer solchen Treue, dass er in Hes. 14,14-20 und 28,3 als ein Muster oder Vor- bild der Gerechtigkeit und Weisheit angeführt wird.

4. Obwohl Daniel einem gefangenen Volke angehörte und nie in seiner Hingabe und Treue gegen Jehova wankte, stieg er zur höchßten Stellung im Staate empor und übte seinen einflussreichen und kraftvollen politischen Dienst in drei Königreichen aus: in Babylon, Medien und Persien.

Der Prophet:

Daniel war nicht nur ein Staatsbeamter, sondern er war vor allem ein Prophet Gottes. Seine Weissagungen -welche vielmehr die heidnischen Nationen als sein eigenes jüdisches Volk betreffen -gehören zu den bemerkenswertesten der ganzen Bibel. *)

Des Herrn Anerkennung:

In Matth. 24, 15 setzt der Herr Sein Siegel unter den Inhalt dieses Buches, indem Er Daniel als Propheten, bezw. das Buch Daniel als von Gott inspiriert anerkennt. Ein dem Herrn eigener Titel Sohn des Menschen gründet sich auf Kap. 7,13.

Bemerkenswertes:

Das Buch Daniel hat mehrere besondere Botschaften. Erstens werden des Herrn treue und gehorsame Knechte oft mit irdischem Erfolg gesegnet (Kap. 1,9.20; 2,48.49); zweitens werden ihnen Seine Geheimnisse geoffenbart (Kap. 2, 19. 22. 47); drittens haben sie in Zei- ten der Leiden und Prüfungen den Trost Seiner Gegenwart (Kap.. 3,25). Viertens enthält dieses Buch eine ernste Warnung vor dem Hochmut (Kap. 4,30-37) und fünftens die Mahnung, Gott zu ehren und zu verherrlichen (Kap. 5,22-23). Der Hauptinhalt jedoch ist die Verkündigung der unumschränkten Herrschaft Gottes (Kap. 4,25).

*) Das Buch ist zweisprachig geschrieben, nämlich von Kap. 2, 4 an bis zum

Schluss von Kap. 7 aramiiseh, das übrige aber, also der Anfang bis Kap. 2, 3!

und die Kap. 8-12, hebräisch, wie das übrige Alte Testament. Warum? Was

aramiiseb, also in der damaligen allgemeinen Handels- und Beamtensprache

ganz Vorderasiens, geschrieben ist, betrifft eben die Weltreiche. Diescs sollten auch die Nationen kennen lernen. Im übrigen aber war mehr Israels Ergehen

Gegenstand der Offenbarung; deshalb war jener Teil besonders Israel vorbe-

halten und daher hebräisch geschrieben. 94

 


 

Gliederung:

Das Buch Daniel zerfällt in zwei Hauptteile -der erste handelt hauptsächlich von geschichtlichen Ereignissen, der zweite bringt Ge- sichte und Deutungen. Daniels Name bedeutet entweder "Mein Richter ist Gott", andeutend, wie Gott seine Verteidigung übernimmt, oder Richter Gottes», d. h. einer, der Gericht übt im Namen des Herrn. Es ergeben sich folgende kleinere Abschnitte:

A. Geschichtlicher Teil (von Daniel in der dritten Person geschrieben!) 1. Heidnische Gebräuche verurteilt (Kap.. 1)

1. Der neue Name Daniels, Belsazar = Bel schütze sein Leben, zeigt an,

dass Daniel von seinen Herren dem Gott Bel geweiht worden war. Trotzdem blieb er aber dem Gott Israels, Jehova, treu.

2. Die Tafelkost des Königs enthielt nach damaliger Sitte Fleisch, in welchem noch das Blut war und zudem war es den Götzen geweiht. Daniel und seine Genossen wollten sich jedoch nicht damit verunreinigen.

3. Gott segnete Daniel und seine Freunde für ihre Treue und gab ihnen Erfolg.

2. Heidnische Weisheit verurteilt (Kap. 2)

1. Die heidnischen Weisen vermochten den Traum nicht zu erzählen. 2. Die Deutung dieses Traumes zeigt Verlauf und Ende der heidnischen

Weltherrschaft von Daniel bis zum Ende unseres Zeitalters. 3. Beachte, der Stein (Kap. 2,34-35) wächst nicht, bis er das grosse Bild in Stücke zerschmettert hat. Erst nach dieser völligen Vernichtung der heidnischen Herrschaft wird Gottes Reich aufgerichtet.

3. Heidnischer Stolz verurteilt (Kap. 3 und 4)

1. Die Errichtung des grossen Bildes von Gold war der Versuch Nebukadnezars, die Religionen seines Reiches durch Vergötterung seiner Person zu einigen.

2. Dieser Versuch wird von dem «Tier», dem letzten Haupt der heidnischen Weltmacht, wiederholt werden (Offenbg. 13,11-15).

3. Beachte daher die heutige Entwicklung dieser neuen Religion, welche den Menschen vergöttert und ihn an Stelle Gottes setzen will.

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4. Heidnische Gottlosigkeit verurteilt (Kap. 5)

1. Durch den Tod Belsazars.

2. Aus Inschriften, die gefunden und Entziffert wurden, wissen wir heute, dass Belsazar und sein Vater gemeinsam über Babel und das Reich herrschten.

3. Während Belsazar bei der Einnahme der Reichshauptstadt durch Darius den Meder fiel, ergab sich, wie die Weltgeschichte erzählt, sein Vater bei Borsippa.

5. Heidnische Verfolger verurteilt (Kap. 6)

1. Daniel muss ungefähr 80 Jahre alt gewesen sein, als diese Prüfung über ihn kam.

2. Daniel stellte Gott an erste Stelle und Gott verteidigte ihn.

3. Siehe, wie Gott durch die Treue Seines Knechtes verherrlicht wurde.

B. Prophetischer Teil (in der ersten Person geschrieben)

6. Die Nationen der Erde verurteilt. Aufrichtung des Ewigen Reiches (Kap. 7-12)

1. Das Gesicht von den Tieren (Kap. 7). Nach Kap. 2 wurden die Welt- reiche von dem heidnischen König Nebukadnezar in ihrer äusseren Einigkeit und Herrlichkeit gesehen, aber als metallener Koloss ohne Leben. In Kap. 7 erschienen sie dem Propheten Gottes in ihrem wah- ren Naturtrieb, rein tierischem Leben und in schrecklicher tierischer Kraft.

2. Das Gesicht vom Widder und Ziegenbock (Kap. 8), gibt weitere Einzelheiten über das Medo-Persische und das Mazedonische Reich.

3. Das Gesicht von den siebenzig Wochen (Kap. 9). Dieses Kapitel ist überaus bemerkenswert. Die 70 Wochen sind 70 Zeitabschnitte von je sieben Jahren.

4. Das Gesicht vom Herrn (Kap. 10). In den Versen 1-9 und 16 bis Schluss haben wir die Erscheinung des Herrn, aber in den Versen 10-15 erscheint dem Daniel ein Engel.

5. Weitere Weissagungen über Daniels Zeit bis zum Ende des Zeit- alters (Kap. 11-12,3).

6. Schlussworte (Kap. 12,4 bis Ende).

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Betrachtung über den Propheten Daniel

J.N.Darby und W.Kelly

 

Einleitung

 

Bevor wir mit der Betrachtung des so wichtigen und inter­essanten Buches Daniel beginnen, wird es zum besseren Verständnis seines Inhalts nötig sein, daß wir uns ein wenig mit dem damaligen Zustand des Volkes Israel oder des kleinen Überrestes, an den die Prophezeiungen gerichtet wurden, bekannt machen.

 

Wir finden das Volk in der tiefsten Erniedrigung. Alle Ermahnungen und Warnungen von seiten Jehovas, seines Gottes, sind vergeblich gewesen, und das schon lange vor­her angedrohte Gericht ist schließlich über das Volk herein­gebrochen. Israel hat seinen herrlichen, bevorzugten Platz als Volk Gottes eingebüßt. Gott Selbst erkennt es als sol­ches nicht mehr an. Er betrachtet es als "Lo‑Ammi" (nicht mein Volk). Seine Herrlichkeit ist von Jerusalem gewichen, die Stadt und das ganze Land sind verwüstet und seine Bewohner in die Gefangenschaft nach Babylon weggeführt. Die dem König Hiskia durch den Propheten Jesajas gege­bene Weissagung (Jes 39,6.7) hat sich auf schreckliche Weise erfüllt. Der ganze königliche Same schmachtet in der Gefangenschaft Nebukadnezars, des Königs von Babylon. Gott hat sie in seine Hand gegeben und die Macht und Herrschaft ihm, dem Haupt der Nationen, übertragen. Dies bezeugt auch Daniel in Vers 36 des zweiten Kapitels, indem er sagt: "Du, o König, du König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat“. Der Thron Jehovas (l. Chron 29,23), den Er in Jerusalem aufgerichtet hatte, ist völlig von der Erde verschwunden, und Nebukadnezar herrscht, nachdem er das Gericht über Israel ausgeführt hat, in der ganzen Unumschränktheit und Gewalt, wie sie ihm von Gott übergeben war. Diese Herrschaft des Haup­tes der Nationen und der ihm folgenden heidnischen Kö­nige ist es hauptsächlich, womit sich das Buch Daniel be­schäftigt. Die Geschichte der vier Reiche der alten Welt: des babylonischen, des medo‑persischen, des griechischen und des römischen wird uns in bestimmten Charakterzügen vor Augen gemalt. Die Zeit der Nationen ist angebrochen, und Gott beschäftigt Sich bezüglich des Volkes Israel nur noch mit dem kleinen Überrest, der Ihm treu geblieben ist und der durch Daniel repräsentiert wird. Der Geist der Prophezeiung und des Verständnisses der Wege Gottes kennzeichnet diesen gläubigen Überrest. Wie dieser Geist seinerzeit in Samuel erweckt wurde, als ganz Israel gefehlt hatte, so finden wir ihn auch hier, um das Band zwischen Gott und Seinem Volk zu bilden. Er ist der alleinige Ruhe­platz für den Glauben inmitten des Ruins, in den das Gericht Gottes das Volk gebracht hatte.

 

Das Buch selbst zerfällt in zwei Hauptabschnitte, die leicht voneinander zu unterscheiden sind. Der erste umfaßt die Kapitel 1‑6, der zweite die folgenden Kapitel bis zum Ende des Buches. Jedoch haben das erste und letzte Kapitel als Einleitung und Schluß einen besonderen Charakter. Sie machen uns mit der Stellung und dem Zustand des Über­restes bekannt, dem, wie immer, das Zeugnis Gottes anver­traut wurde. "Das Geheimnis Jehovas ist für die, welche ihn fürchten" (Ps 25,14).

 

Der erste Hauptabschnitt des Buches enthüllt vor unseren Blicken die äußere und allgemeine Geschichte der kom­menden Monarchien und ihrer Häupter, zeigt uns die ver­schiedenen Stellungen, in die ihr Stolz und Hochmut sie bringt, endlich ihr Gericht und die Aufrichtung des König­reichs Christi. Der Geist, der die herrschende Macht in den verschiedenen Zeiträumen beseelte, tritt uns in einzelnen bestimmten Zügen entgegen. Besonders genau wird das Verhalten und das Gericht dessen berichtet, den Gott Selbst eingesetzt hatte, und der alle die übrigen repräsen­tierte, indem er mit diesem Charakter göttlicher Bevoll­mächtigung bekleidet war. Die anderen erben den Thron, den er von Gott empfangen hatte. Wir finden daher in diesem Teil des Buches keine direkten Offenbarungen an Daniel, ausgenommen zum Zweck der Deutung des Trau­mes Nebukadnezars.

 

Der zweite Hauptabschnitt dagegen besteht ausschließlich aus Mitteilungen, die dem Propheten von Gott gegeben werden ‑ aus Offenbarungen, die uns bekannt machen mit dem Charakter der heidnischen Könige oder der Häupter der Nationen und speziell mit ihrem Verhalten gegen die­jenigen, die den einigen Gott anerkennen, d. h. die Juden. Den Schluß bilden die Handlungen Gottes mit Seinem Volk am Ende der Tage und die Aufrichtung des göttlichen Königreichs in der Person des Sohnes des Menschen, eines Königreichs, das die Heiligen besitzen werden. Der Cha­rakter dieses Teiles unterscheidet sich also wesentlich von dem des vorhergehenden, obwohl die dem Propheten ge­machten Mitteilungen der Zeit nach mit den Ereignissen des ersten Teils zusammenfallen. Das sechste Kapitel schließt mit den Worten: "Und dieser Daniel hatte Gedei­hen unter der Regierung des Darius und unter der Regie­rung Kores, des Persers", es geht also bis zum Ende der Laufbahn des Propheten, der, wie wir im ersten Kapitel (Vers 21) lesen, bis zum ersten Jahre des Königs Kores blieb. Das siebte Kapitel geht wieder zurück bis zum ersten Jahr des Königs Belsazar, das achte Kapitel bis zum dritten Jahr dieses Herrschers; das neunte Kapitel beginnt mit den Worten: im ersten Jahre Darius, des Sohnes Ahasveros, aus dem Samen der Meder . . . ", und das zehnte Kapitel: im dritten Jahre Kores, des Königs von Persien, wurde dem Daniel . . . ". Das elfte Kapitel teilt uns eine Offenba­rung aus der Zeit Darius, des Meders, mit und greift also wieder mehrere Jahre zurück. Mit einem Wort, wir finden im ersten Teil des Buches die äußere Geschichte der vier heidnischen Weltreiche, während uns der zweite Teil mehr die innere Geschichte oder das, was für solche, die Ver­ständnis in den Wegen Gottes haben, von Interesse ist, mit­teilt.

 

Ich füge noch hinzu, daß Kapitel 7 im wesentlichen die Geschichte des westlichen Reiches, Kapitel 8 die des östli­chen ‑ die Geschichte der beiden kleinen Hörner ‑ schil­dert. Kapitel 9 ist, obwohl es sich besonders auf Jerusalem und das Volk ‑ den moralischen Mittelpunkt dieser Fragen ‑ bezieht, verbunden mit der westlichen Macht, die die Stadt und das Heiligtum zerstörte und das Volk völlig aus seinem Land vertrieb. Von Kapitel 10 bis zum Ende von Kapitel 11 befinden wir uns wieder im Osten.

 

Wenden wir uns jetzt nach dieser kurzen Einleitung zur Betrachtung des Buches selbst. Der Herr wolle uns durch Seinen Geist befähigen, mit einem einfältigen Auge und einem einsichtsvollen Herzen den reichen, gesegneten In­halt des Buches zu erforschen, damit es uns allen zur Er­bauung und Belehrung und zur Verherrlichung Seines Namens gereicht.

 

Kapitel 1

 

Das Kapitel beginnt mit der Schilderung der völligen De­mütigung der Juden von seiten ihrer Feinde. Das König­reich, das Gott Selbst in der Person Davids errichtet hatte, kommt unter die Macht Nebukadnezars, und der König, der Gesalbte Jehovas, wird durch Jehova Selbst in die Hände des Hauptes der Nationen, dem Er jetzt die Macht gegeben hat, überliefert. im dritten Jahre der Regie­rung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukad­nezar, der König von Babel, nach Jerusalem und bela­gerte es. Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand, und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes; und er brachte sie in das Land Sinear, in das Haus seines Gottes: die Geräte brachte er in das Schatzhaus seines Gottes" (V. 1.2). Die Prophezeiung Jesajas war, wie wir schon in der Einleitung bemerkten, buchstäblich in Erfüllung gegangen. Der König Hiskia hatte, statt nach seiner wunderbaren Errettung vom Tod mit einem demütigen Herzen in der Furcht Gottes zu wan­deln, den Gesandten Berodak‑Baladans, des Königs von Babel, in selbstgefälliger Weise alle die Herrlichkeiten sei­nes Königreichs gezeigt, und deshalb wurden ihm durch den Propheten die ernsten und inhaltsschweren Worte zu­gerufen: "Siehe, es kommen Tage, da alles was in deinem Hause ist und was deine Väter aufgehäuft haben bis auf diesen Tag, nach Babel weggebracht werden wird; es wird nichts übrigbleiben, spricht Jehova. Und von deinen Söh­nen, die aus dir hervorkommen werden, die du zeugen wirst, wird man nehmen, und sie werden Kämmerer sein im Palaste des Königs von Babel" (Jes 39,6‑7). Und wie wir hier lesen, ist Jojakim, der König, in die Hand Nebukadnezars gegeben, der einen Teil der Geräte des Hauses Gottes in das Land Sinear bringen und sie in dem Haus seines Gottes aufstellen läßt. Er befiehlt Aschpenas, dem Ober­sten seiner Kämmerer, von den Kindern Israel, sowohl von dem königlichen Samen, als auch von den Edlen, Jünglinge auszusuchen "an welchen keinerlei Fehl wäre, und schön von Ansehen und unterwiesen in aller Weisheit und kenntnisreich und mit Einsicht begabt, und wel­che tüchtig wären, im Palaste des Königs zu stehen" (V. 3.4). Kann es wohl eine genauere Erfüllung der Worte Gottes geben? Konnte sich das angekündigte Gericht noch buchstäblicher vollziehen?

 

Aber obwohl Gott Seinen Grimm über Sein abtrünniges Volk ausschüttete, vergaß Er doch nicht den kleinen Über­rest, der inmitten des schrecklichen Abfalls treu festhielt an Ihm und Seinen Geboten. Er wachte über diese wenigen Getreuen und brachte sie in Gunst bei denen, in deren Gewalt sie sich befanden; dies war besonders der Fall mit Daniel und seinen drei Freunden. "Und der König ver­ordnete ihnen ein Tagtägliches von der Tafelkost des Königs und von dem Weine, den er trank, und daß man sie drei Jahre lang erzöge; und am Ende derselben sollten sie vor dem König stehen. Und es waren unter ihnen, von den Kindern Juda: Daniel, Hananja, Mi­sael und Asarja" (V. 5.6).

 

Diese Verordnung des heidnischen Königs war eine ernste Prüfung für die jungen Israeliten ‑ eine Prüfung, die nur der Glaube zu bestehen vermochte. Das fleischliche Gewis­sen konnte unter solchen Umständen leicht zum Schweigen gebracht werden. Wie war es möglich, als Gefangene in einem fremden Land und als Sklaven am Hof eines heidnischen Despoten nach den Geboten Jehovas zu wandeln? Und sollte Jehova dies verlangen, nachdem sie all der ge­segneten Hilfsmittel ihres Landes beraubt waren? Hatte Er nicht Selbst sie in die Hand Nebukadnezars gegeben, in eine elende Sklaverei, die es ganz unmöglich machte, die Stellung eines Nasiräers aufrechtzuhalten? Waren sie per­sönlich nicht schuldlos an dieser schweren Züchtigung, und erforderte es nicht schon die Selbsterhaltung, sich dem Willen Nebukadnezars zu unterwerfen? So mochte die Ver­nunft urteilen und so das fleischliche Gewissen sich beruhi­gen. Aber "Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Weine, den er trank, zu verunreinigen" (V. 8). In sei­nem Herzen war die Furcht Jehovas, und darum erwählte er in jeder Lage und um jeden Preis den Pfad des Glaubens, den Pfad der Absonderung für Ihn. Befand er sich auch, gleich den Übrigen, im fernen Land, so war doch das Wort ihm sehr nahe, in seinem Mund und in seinem Herzen, um es zu tun. (Siehe 5. Mose 30,1‑14). War auch sein Volk infolge großer Untreue in elender Sklaverei und von allen Segnungen des Landes Kanaan abgeschnitten, so blieben seinem Glauben doch die reichen Quellen der Gnade und Güte Gottes zugänglich. Inmitten der Finsternis, die ihn umgab, blieb Jehova sein Licht und seine Kraft; alle seine Quellen waren in Ihm.

 

Daniel hatte sich nicht geweigert, den Namen Belsazar zu tragen, so schmerzlich es auch für ihn sein mochte, da dieser Name in Beziehung zu dem Götzen Bel stand; so­bald aber durch den Befehl Nebukadnezars die Autorität Gottes auf dem Spiel stand, faßte er in seinem Herzen den festen Entschluß, sich nicht zu verunreinigen. Seine drei Gefährten Hananja, Misael und Asarja folgten seinem Bei­spiel. Sie waren überzeugt, daß auch in Babylon sie nichts hindern könne, durch Glauben in wahrer Absonderung als Jünger des Herrn zu wandeln; und sie wurden nicht be­schämt. Wie immer bekannte Sich der Herr zu ihrem Glau­ben, der um so glänzender hervorstrahlte und um so ehren­voller war, je dichter die Finsternis sie umgab. Mag auch der ganze Horizont voller schwärzester Wolken sein, der Glaube wandelt im ungetrübten Licht der Gunst und Treue Gottes, der "Seine Augen nicht abzieht von dem Gerech­ten" (Hi 36,7). Das Bewußtsein Seiner Gegenwart und Seines Beistandes kräftigt den Glauben und bahnt den Weg. Gott war mit ihnen und gab ihnen Gnade und Barm­herzigkeit vor den Augen des Obersten der Kämmerer, so daß dieser der Bitte Daniels, es zehn Tage mit ihnen zu versuchen, entsprach. Und was war der Erfolg? "Und am Ende der zehn Tage zeigte sich ihr Aussehen besser und völliger an Fleisch als dasjenige aller Jünglinge, welche die Tafelkost des Königs aßen" (V. 15). Ihr Ver­trauen wurde also reichlich belohnt. Doch Gott zeigte in einer noch augenscheinlicheren Weise Seine Anerkennung ihres Verhaltens.

 

"Und diesen vier Jünglingen, ihnen gab Gott Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit; und Daniel hatte Verständnis für alle Gesichte und Träume" (V 17). Gott bekennt Sich zu denen, die Ihn bekennen. Daniel und seine Freunde hatten den Pfad der Absonde­rung für Jehova inmitten des gänzlichen Verfalls ihres Vol­kes und unter den schwierigsten Umständen erwählt, und der Herr war mit ihnen. Sie hatten sich gereinigt von den Gefäßen der Unehre und waren deshalb ein Gefäß zur Ehre, geheiligt, dem Hausherrn nützlich und zu jedem guten Werk bereitet (2. Tim 2,21). Welch eine ernste Un­terweisung für den Christen in diesen letzten, bösen Tagen, mitten in dem traurigen Verfall der Kirche! Wie groß auch die Finsternis um uns her sein mag, der Glaube des unter­würfigen Bekenners findet immer einen Weg, um in Erge­benheit zu wandeln, findet zu jeder Zeit und unter allen Umständen in dem Herrn das, was er bedarf. Er ist die Quelle unserer Kraft, und Sein Wort ist die Leuchte für unsere Füße und das Licht auf unserem Pfad. Und wie der Herr in Seiner treuen Fürsorge in bezug auf die gegenwär­tige Zeit gesagt hat: "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte" (Mt 18,20), so war Er auch mit jenen vier Jünglingen und versorgte sie in allem. Er befähigte sie zu ihrem Werk. Er rüstete sie aus mit Weisheit und Kraft und machte sie zu einem hellglän­zenden Zeugnis mitten in einer finsteren Welt. Er gab ihnen, was sie nie, selbst durch ein unausgesetztes Studium in den Schriften der Chaldäer, nie durch die weisesten Lehrer erlangt hätten; denn die wahre Weisheit kommt allein von oben. Wer unter den Menschen könnte Gesichte und Träume deuten, das Verborgene offenbaren und das Zukünftige mitteilen, wenn nicht Gott ihn dazu befähigt? Seine Geheimnisse aber sind für die, die Ihn fürchten. Er gab Seinen treuen Bekennern einen neuen glänzenden Be­weis, daß Er mit ihnen war, und zugleich eine köstliche Ermunterung, zu aller Zeit allein auf Ihn zu vertrauen. Am Ende der drei Jahre redete der König mit ihnen, "und unter ihnen allen wurde keiner gefunden wie Daniel, Hananja, Misael und Asarja; und sie standen vor dem König. Und in allen Sachen einsichtsvoller Weisheit, welche der König von ihnen erfragte, fand er sie zehnmal allen Schriftgelehrten und Beschwörern überle­gen, die in seinem ganzen Königreiche waren" (V. 19.20). Das war das gesegnete Ergebnis ihrer Absonde­rung und zugleich ein unzweideutiges Zeugnis von der Hilfe und Treue Gottes.

 

Kapitel 2

 

Die erste Hälfte dieses Kapitels zeigt uns, wie unzulänglich alles menschliche Wissen und alle menschliche Weisheit, wie ohnmächtig das Geschöpf gegenüber seinem Schöpfer ist. Nebukadnezar, der König der Könige, muß erkennen, daß alle seine Schriftgelehrten und Beschwörer, auf die er ein so großes Vertrauen setzte, nichts sind. Alle ihre Weis­heit und Zauberei ist nicht imstande, seine für ihn so wich­tige Frage zu beantworten und sein geängstigtes Gemüt zu beruhigen. Nebukadnezar muß erfahren, daß Daniel, der Jude, der arme Gefangene, allein befähigt ist, Licht in das Dunkel zu bringen, und er muß bekennen, daß der Gott Daniels „der Gott der Götter, der Herr der Könige, und ein Offenbarer der Geheimnisse" ist (V. 47). Gott Selbst belehrt ihn, daß die Weisheit der Menschen Torheit ist vor Gott. Er läßt ihn zugleich verstehen, daß Er Sich zu Seinem Volk bekennt, obwohl Er es Seiner Herzenshärtig­keit wegen für eine Zeit dem Gericht übergeben mußte. Der König muß erkennen, daß der Gott Daniels das arme, verachtete Häuflein zu Mitwissern Seiner Gedanken und Ratschlüsse macht. Wohl mag Gott für eine Zeit, "König­tum, Macht, Gewalt und Ehre" (V. 37) den Händen der Nationen übergeben haben, aber Seine Zuneigungen und die Offenbarung Seiner Geheimnisse sind stets, selbst in der Stunde der Erniedrigung, das Teil der Seinigen.

 

Nebukadnezar träumt einen Traum; Gott tut ihm in einem Gesicht kund, wie der Lauf der Ereignisse auf der Erde sich gestalten werde. Der König erwacht, kann sich aber der Einzelheiten seines Traumes nicht mehr entsinnen. Sein Geist ist bestürzt, und er läßt die Schriftgelehrten, die Beschwörer, die Zauberer und die Chaldäer zu sich rufen und sagt zu ihnen: "Ich habe einen Traum gehabt, und mein Geist ist beunruhigt, um den Traum zu wissen" (V. 3). Den armen Weisen aber erging es nicht besser, auch sie wurden bestürzt. Hätte der König ihnen seinen Traum erzählen können, so würden sie vielleicht um eine Deutung nicht verlegen gewesen sein, aber den Traum selbst zu wissen, das ging weit über die Grenzen ihrer Fähigkeiten hinaus. "Sage deinen Knechten den Traum, so wollen wir die Deutung anzeigen", gaben sie dem König zur Antwort; aber weder die ernstesten Drohungen, noch die schönsten Versprechungen vermochten etwas anderes aus ihnen herauszubringen als das trostlose Bekenntnis: "Kein Mensch ist auf dem Erdboden, der die Sache des Kö­nigs anzeigen könnte; weil kein großer und mächtiger König jemals eine Sache wie diese von irgendeinem Schriftgelehrten oder Zauberer oder Chaldäer ver­langt hat. Denn die Sache, welche der König verlangt, ist schwer; und es gibt keinen anderen, der sie vor dem König anzeigen könnte, als nur die Götter, deren Woh­nung nicht bei dem Fleische ist" (V. 10.11). Darin nun hatten die Weisen recht; es gab in der Tat keinen Menschen auf dem ganzen Erdboden, der die Forderung des Königs hätte erfüllen können. Aber der Gott des Himmels weiß alles; Er kennt den Lauf und den Ausgang der menschli­chen Geschichte bei ihrem Anfang, und Er kann Sich denen offenbaren, die in Ergebenheit und Gehorsam vor Ihm wandeln und in der Kraft des Glaubens und mit Selbst­verleugnung sich von dem Verderben in Babel absondern; und Er tut es auch. Deshalb haben diese eine weit größere Einsicht, als die weisesten Philosophen der Welt.

 

"Dieserhalb ward der König zornig und ergrimmte sehr, und er befahl, alle Weisen von Babel umzubrin­gen ... und man suchte Daniel und seine Genossen, um sie zu töten" (V. 12.13). Als aber Daniel durch Arioch, den Obersten der Trabanten, davon in Kenntnis gesetzt war, "ging er hinein und erbat sich von dem König, daß er ihm eine Frist gewähren möge, um dem König die Deutung anzuzeigen" (V. 16). Beachten wir es wohl! Er verspricht dem König von vornherein die Deutung des Traumes, obwohl er ihn ebensowenig kannte, wie die armen Weisen Babels. Aber Daniel vertraute auf Gott; er richtete seinen Blick zu Dem hin, der alle Dinge weiß und der die Seinigen, die auf Ihn vertrauen, nie beschämt wer­den läßt. Seiner eigenen Schwachheit und seines Unvermö­gens sich bewußt, dem König zu antworten, ging er in sein Haus und "tat die Sache seinen Genossen Hananja, Misael und Asarja kund, auf daß sie von dem Gott des Himmels Barmherzigkeit erbitten möchten wegen die­ses Geheimnisses" (V 17.18). Hier finden wir diese Män­ner auf dem wahren Platz an der Quelle der Weisheit und der Kraft. Mit vertrauensvollem Flehen zum Himmel auf­zublicken, war der einzige Weg, um ein wahres Verständnis über die Schicksale der Erde zu erlangen. "Hierauf wurde dem Daniel in einem Nachtgesicht das Geheimnis geoffenbart" (V. 19). Anbetungswürdige Treue Gottes!

 

Welchen Weg schlägt nun Daniel, nachdem er das Geheim­nis wußte, zunächst ein? Möge es sich unseren Herzen tief einprägen und uns zur Nachahmung ermuntern! Er geht zunächst weder zu seinen drei Freunden, noch zum König, sondern wendet sich mit Lob und Dank zu dem Gott, der ihr Flehen erhört hat. "Da pries Daniel den Gott des Himmels". Das ist es, was dem Geschöpf geziemt, und wodurch beide, der Geber und der Empfänger, an ihren wahren Platz gestellt werden, und das ist es auch, was uns vor Selbstüberhebung und Hochmut bewahrt. Es sind be­herzigenswerte Worte, die Daniel ausspricht; alle Ehre wird Gott als der Quelle aller Macht und Weisheit zugeschrie­ben. Wir lesen in den Versen 20‑23: "Gepriesen sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit! denn Weisheit und Macht, sie sind sein. Und er ändert Zeiten und Zeitpunkte, setzt Könige ab und setzt Könige ein; er gibt den Weisen Weisheit und Verstand den Verständi­gen; er offenbart das Tiefe und das Verborgene; er weiß, was in der Finsternis ist, und bei ihm wohnt das Licht. Dich, Gott meiner Väter, lobe und rühme ich, daß du mir Weisheit und Kraft gegeben, und mir jetzt kundgetan hast was wir von dir erbeten haben; denn du hast uns die Sache des Königs kundgetan.“

 

Der Inhalt dieses schönen Lobgesanges ist so einfach, daß er dem Verständnis des Lesers keinerlei Schwierigkeit dar­bietet, es seien denn die Worte: "Er gibt den Weisen Weis­heit und Verstand den Verständigen". Dies ist ein wichtiger Grundsatz. Sicher blickt der Herr mit Mitleiden auf den Unwissenden und erweist Seine Güte denen, die kein Ver­ständnis haben; aber Daniel spricht hier von der Regierung Gottes in bezug auf solche, deren Herzen für Ihn schlagen, die weise und verständig sind. Denselben Grundsatz ver­nehmen wir aus dem Mund des Herrn: "denn jedem, der da hat, wird gegeben werden, und er wird Überfluß haben; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst was er hat weggenommen werden" (Mt 25,29). Es ist gefährlich, auf dem Pfad der Erkenntnis in den Wegen Gottes stehen zu bleiben, und ein großer Irrtum ist es, wenn man denkt, auf diesem Pfad eine Zeitlang ausruhen oder stillstehen zu können. Man geht entweder vorwärts und empfängt immer mehr Licht und Verständnis, oder man geht zurück, und das Licht, das man bis dahin besaß, wird schwächer und schwächer, bis man zuletzt nichts mehr klar unterscheiden kann; hier gibt es keinen Stillstand.

 

Doch kehren wir zum Gegenstand unserer Betrachtung zurück. Nachdem Daniel sein Gebet beendet hatte, eilte er zu Arioch, dem Obersten der Trabanten, und sprach zu ihm: "Bringe die Weisen von Babel nicht um; führe mich vor den König, und ich werde dem König die Deutung anzeigen. Da führte Arioch eilends den Da­niel vor den König . . . " (V. 24.25). Die Antwort Da­niels auf die Frage des Königs: "Bist du imstande, den Traum, den ich gesehen habe, und seine Deutung mir kundzutun?" ist von außerordentlicher Schönheit; sie zeugt von einem wirklich demütigen Herzen. Wahre Erkenntnis in den Wegen Gottes ist immer von wahrer Demut beglei­tet. Menschliche Gelehrsamkeit mag aufblähen, aber ein geistliches Verständnis der Gedanken und Wege Gottes bewirkt das Gegenteil. Daniel antwortet dem König: "Das Geheimnis, welches der König verlangt, können Weise, Beschwörer, Schriftgelehrte und Wahrsager dem König nicht anzeigen. Aber es ist ein Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart; und er hat dem König Nebukadnezar kundgetan, was am Ende der Tage geschehen wird ... Mir aber ist nicht durch Weisheit, die in mir mehr als in allen Lebenden wäre, dieses Geheimnis geoffenbart worden, sondern des­halb, damit man dem König die Deutung kundtue und du deines Herzens Gedanken erfahrest" (V 27‑30). Es ist bemerkenswert. daß Daniel sagt, Gott habe Nebukad­nezar die kommenden Ereignisse kundgetan, während er es doch war, der die Offenbarung empfangen hatte. Vielleicht wollte er den König darauf aufmerksam machen, welches Interesse Gott an ihm nahm; jedenfalls aber zeigt es uns, wie sehr Daniel sich verbirgt und Gott in den Vordergrund stellt, damit Ihm allein alle Ehre zuteil werde. Aber indem er dies tut, wird es offenbar, daß Gott in ihm ist. Welch eine Ehre und welch ein gesegneter Platz für Daniel! Doch wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Traum Nebukadnezars und seine Deutung.

 

"Du, o König, sahst: und siehe, ein großes Bild; die­ses Bild war gewaltig, und sein Glanz außergewöhn­lich; es stand vor dir, und sein Aussehen war schreck­lich" (V 31). In diesem Bild werden dem König vier auf­einanderfolgende Monarchien, deren Zustand verschieden ist, vor Augen gestellt. In den Augen Gottes bilden sie ein Ganzes; es ist eine Person, ein großes Bild. Nebukadnezar war von Gott Selbst als das große Haupt dieser Monarchie eingesetzt. "Du, o König, du König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat; und überall, wo Menschenkinder, Tiere des Feldes und Vögel des Him­mels wohnen, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gesetzt ‑ du bist das Haupt von Gold" (V 37.38). Gott offenbart Sich hier, wie wir in Vers 37 sehen, als der Gott des Himmels. In Israel war Er der Gott der Erde, und dies wird Er auch bei der Wiederherstellung aller Dinge im tausendjährigen Reich sein. Hier handelt Er in Seiner Unumschränktheit als der Gott des Himmels, indem Er auf der Erde in gewisse. Sinn einen Menschen an Seine Stelle gesetzt hat. Die Zeit der Nationen hatte begonnen.

 

"Dieses Bild, sein Haupt war von feinem Golde; seine Brust und seine Arme von Silber; sein Bauch und seine Lenden von Erz; seine Schenkel von Eisen; seine Füße teils von Eisen und teils von Ton" (V 32.33). Wie wir gesehen haben, war Nebukadnezar das Haupt von "fei­nem Golde". Seine besondere Auszeichnung bestand darin, daß er sein Ansehen unmittelbar von Gott Selbst empfangen hatte. Babylon war die von Gott eingesetzte Macht; ihre unumschränkte Autorität war auf die Gabe des Gottes des Himmels gegründet. Die übrigen Monarchien gingen sozusagen aus der babylonischen hervor und über­nahmen ihre Herrschaft; und es sollte sich in gewisser Hinsicht ein fortschreitender Verfall offenbaren, je mehr sie sich von der Quelle entfernten. Auf das Haupt von feinem Gold folgten Brust und Arme von Silber, Bauch und Lenden von Erz, und endlich Schenkel von Eisen und Füße, aus Eisen und Ton zusammengesetzt. Aber trotz dieses allmählichen Verfalls in dem Charakter der vier Rei­che entdecken wir keine Abnahme der materiellen Kraft, denn wir lesen in Vers 40: "Und ein viertes Königreich wird stark sein wie Eisen; ebenso wie das Eisen alles zermalmt und zerschlägt, so wird es, dem Eisen gleich, welches zertrümmert, alle diese zermalmen und zer­trümmern".

 

Das erste der vier Königreiche ist also nach den eigenen Worten des göttlichen Sehers das babylonische, repräsen­tiert durch Nebukadnezar. Das zweite wird mit den Worten eingeführt: "Und nach dir wird ein anderes Königreich

 

aufstehen, niedriger als du" (V. 39). Es ist vorgebildet durch die Brust und Arme von Silber. Doch welches ist sein Name? Das Buch Daniel selbst gibt Antwort auf diese Frage. Wir lesen im 5. Kapitel, daß infolge der schreckli­chen Gotteslästerung Belsazars, des Enkels Nebukadne­zars, eine Menschenhand erscheint und an die Wand des königlichen Palastes die Worte schreibt: "Mene, mene, tekel upharsin". Der von dem erschreckten König herbei­gerufene Daniel gibt folgende Auslegung: "Mene ‑ Gott hat dein Königtum gezählt und macht ihm ein Ende. Tekel ‑ du bist auf der Waage gewogen und zu leicht erfunden worden. Peres ‑ dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben" (V. 26‑28). Einige Verse wei­ter wird uns die Ermordung Belsazars und die Übernahme der Herrschaft durch Darius, den Meder, mitgeteilt. Es steht also außer Frage, daß das zweite Reich das medo­persische ist. Es nahm, wie wir gesehen haben, unter Da­rius, dem Meder, seinen Anfang, erreichte unter Cyrus seinen Glanzpunkt und fand endlich unter Darius 111., mit dem Beinamen Codomannus, sein Ende. Es machte, nach Kapitel 8,20.21, dem griechischen Reich unter Alexander dem Großen Platz. Dieses bezeichnet Daniel in dem uns vorliegenden Kapitel als "ein Königreich von Erz, wel­ches über die ganze Erde herrschen wird". In der Tat war die damals bekannte Welt der Herrschaft Alexanders unterworfen; Griechenland, Macedonien, Kleinasien und Ägypten verband er zu einem einzigen gewaltigen Reich, ja selbst bis nach Indien dehnte er seine Eroberungszüge aus. Man sagt, er habe bedauert, daß es nicht noch eine andere Welt gebe, die er sich unterwerfen könne. Cyrus war eben­falls ein großer Eroberer, aber er hat nie die Grenzen Asiens überschritten.

 

Wir kommen jetzt zu dem vierten Reich. "Und ein viertes Königreich wird stark sein wie Eisen; ebenso wie das Eisen alles zermalmt und zerschlägt, so wird es, dem Eisen gleich, welches zertrümmert, alle diese zermal­men und zertrümmern" (V. 40). Unverkennbar sind dies die Charakterzüge des römischen Reiches. Während sich nach dem Tod Alexanders des Großen das griechische Reich in vier Teile zersplitterte und unter der Regierung der Generäle des großen Königs und ihrer Nachfolger mehr und mehr in Verfall geriet, dehnte sich im Westen das römische Reich immer weiter aus. Unaufhaltsam drangen die römischen Heere nach allen Seiten hin vor und unter­warfen ein Land nach dem anderen der Herrschaft Roms. "Dem Eisen gleich, welches zertrümmert, wird es zer­malmen und zertrümmern". Bald wurde auch Griechen­land erobert und zu einer römischen Provinz gemacht. Kleinasien und im Innern von Asien liegende Reiche folg­ten nacheinander. Nichts vermochte den kriegsgewohnten römischen Legionen Widerstand zu leisten. Bald war das ganze Gebiet, das früher das Reich Alexanders ausgemacht hatte, in der Gewalt der Römer, so daß das Reich allmäh­lich zu einer ungeheuren Größe anwuchs. Die ganze, den damaligen Völkern bekannte Welt stand unter der Herr­schaft Roms. Wir lesen in Lukas 2,1: "Es geschah aber in jenen Tagen, daß eine Verordnung vom Kaiser Augustus ausging, den ganzen Erdkreis einzuschreiben". Es war in der Tat ein gewaltiges, eisernes Reich.

 

Aber wir sehen in Vers 41, daß zu dem ursprünglichen Bestandteil des Reiches, dem Eisen, etwas hinzukommt, das seine Kraft, wenn auch nicht ganz, so doch teilweise bricht. "Und daß du die Füße und die Zehen teils von Töpferton und teils von Eisen gesehen hast ‑ es wird ein geteiltes Königreich sein; aber von der Festigkeit des Eisens wird in ihm sein, weil du das Eisen mit lehmigem Ton vermischt gesehen hast" (V 41). In dem Charakter des römischen Reiches tritt ein Wechsel ein; ein anderes Element wird eingeführt, ein Element, das nicht die Festigkeit des Eisens besitzt, sondern mehr dem lehmi­gen Ton entspricht. Wahrscheinlich deutet der Heilige Geist hiermit auf die barbarischen Horden hin, die zu Ende des vierten und zu Anfang des fünften Jahrhunderts von Nor­den und Osten her in das römische Reich eindrangen, seine Macht schwächten und nach und nach getrennte König­reiche innerhalb der Grenzen des großen Weltreiches bilde­ten. Die Macht und der Stolz des Weltreiches waren da­durch gebrochen; ein innerer Zusammenhang dieser bei­den völlig verschiedenen Elemente konnte nicht bestehen. "Es wird ein geteiltes Königreich sein". Und in Vers 43 heißt es: "Daß du das Eisen mit lehmigem Ton ver­mischt gesehen hast ‑ sie werden sich mit dem Samen der Menschen vermischen, aber sie werden nicht an­einander haften: gleichwie sich Eisen mit Ton nicht vermischt". Der energische Wille und die eiserne Kraft, die ursprünglich das römische Reich charakterisierten, schwanden unter dem Einfluß der Vermengungen mit an­deren Elementen, die in diesem Vers als "Samen der Men­schen" bezeichnet werden. "Sie werden sich vermischen, aber sie werden nicht aneinander haften." Der Zusammen­hang der einzelnen Glieder des gewaltigen Körpers lockerte sich, und der allmähliche Verfall, die Zerteilung in ver­schiedene Reiche, war die natürliche Folge.

 

"Und in den Tagen dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, welches ewiglich nicht zerstört, und dessen Herrschaft keinem anderen Volke überlassen werden wird; es wird alle jene König­reiche zermalmen und vernichten, selbst aber ewiglich bestehen" (V. 44). Beachten wir die Worte: "In den Tagen dieser Könige". Es kann damit unmöglich die Zeit der ersten Ankunft Christi angedeutet sein; denn damals stand das römische Reich auf dem Gipfel seiner Macht. Es gab nicht mehrere Könige, sondern alles mußte sich einem Herrscher und einem Willen unterwerfen. Ich glaube viel­mehr, daß sich dieser Vers auf die Schlußszene des römi­schen Reiches bezieht, und zwar auf die Zeit, wenn Gott „den Erstgeborenen wieder in den Erdkreis einführen wird". Der Herr Jesus wird zum zweiten Mal erscheinen, doch nicht, um, wie einst, zu leiden und zu sterben, son­dern um zu richten und zu regieren. "Der Gott des Him­mels wird ein Königreich aufrichten, das ewiglich nicht zerstört werden wird. " Es ist das einzige König­reich, das von seiten Gottes den Platz des babylonischen Reiches einnehmen wird. Der Gott des Himmels hatte, wie wir oben gesehen haben, Nebukadnezar erhöht und ihm Macht und Ehre gegeben, und die anderen Reiche waren ihm, ohne Zweifel nach dem Willen Dessen, der alles leitet, gefolgt. Aber nur in bezug auf das letzte Königreich in Vers 44 wird noch einmal gesagt, daß es von dem Gott des Himmels aufgerichtet werden wird. Der zu jener Zeit "ohne Hände losgerissene Stein" ist Christus; doch es ist nicht so sehr Seine Person, als vielmehr das Reich, das Gott in Ihm und durch Ihn aufrichten wird. Dieser Stein hat hier einen zerstörenden Charakter, indem er die Königreiche der Erde vernichtet. Von dem Berg ohne Hände losgeris­sen, "zermalmte er das Eisen, das Erz, den Ton, das Silber und das Gold" (V 45). Es handelt sich dann nicht, Wie bei der ersten Ankunft Christi, um die Errettung der Seelen, sondern um das Gericht; der Stein wirft alles nie­der, was sich wider den wahren Gott erhebt. Er fällt auf die Füße des Bildes, die teils aus Eisen und teils aus Töpferton bestanden, d. h. auf das römische Reich in seiner letzten Gestalt; und "es wurden zugleich das Eisen, der Ton, das Erz, das Silber und das Gold zermalmt, und sie wurden wie Spreu der Sommertennen; und der Wind führte sie hinweg, und es wurde keine Stätte für sie gefunden" (V 35). Es bleibt keine Spur von ihnen zurück. Der Stein ist kein Werkzeug, das durch die Weisheit oder Entwürfe des Menschen in die Erscheinung tritt; er wird "ohne Hände", d. h. ohne Mitwirkung des Menschen, los­gerissen. Er handelt auch nicht durch einen moralischen Einfluß, so daß er das Vorhandene verändert, sondern er zerstört mit Gewalt. Gott Selbst ist es, der ihn aufrichtet und ihm diese Gewalt gibt. Da ist kein allmähliches Wachs­tum des Steines, so daß er nach und nach das ganze Bild verdrängt, sondern erst nach der Zerstörung des Bildes wird er zu "einem gewaltigen Berge", der die ganze Erde füllt (V 35). Christus wird die Macht der Nationen zerbre­chen und vernichten und danach Sein Reich (ein irdisches Reich) aufrichten, das sich über die ganze Erde ausdehnen wird.

 

Viele meiner Leser mögen vielleicht fragen: "Wie kann Christus bei Seiner Erscheinung das römische Reich zerstö­ren, das schon seit Jahrhunderten nicht mehr besteht?" Allerdings ist dieses Reich jetzt nicht mehr da, aber es wird wiederhergestellt werden. In Offenbarung 17,8 lesen wir von dem Tier, das die kaiserliche Macht des römischen Reiches repräsentiert: "Das Tier, welches du sahest, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen", und einige Zeilen nachher: "Wenn sie das Tier sehen, daß es war und nicht ist und da sein wird". Das Tier oder das Reich, das bestand, ist verschwunden und wird später wie­der in Erscheinung treten. Es wird aus dem Abgrund auf­steigen; Satan wird die Wiedervereinigung der Bruch­stücke, in die das römische Reich einst zerfiel, zustande bringen. Zu der Zeit, wenn das Tier wieder erscheinen wird, werden zehn Könige sein, die dem Tier oder der Person, die durch Satan aufgestellt ist, um das Reich zu organisieren und zu regieren, ihre Macht geben (Offb 17,12.13). Satan wird diese Macht gegen Gott und das Lamm gebrauchen; jede Spur von Christentum wird zer­stört, der Götzendienst wird eingeführt werden und der Antichrist wird auftreten. Alsdann wird die Geduld und Langmut Gottes zu Ende sein. Der Herr Jesus wird Seinen Platz zur Rechten Gottes verlassen und über diese gott­losen Könige Gericht ausüben.

 

Es mag dem Verständnis des Lesers einige Schwierigkeiten darbieten, daß der Stein, der auf das Bild fällt, nicht nur das Eisen und den Ton, sondern auch das Erz, das Silber und das Gold zermalmt, als ob alle die vier aufeinanderfol­genden Reiche noch zusammen existierten. Bei näherer Betrachtung schwindet jedoch diese Schwierigkeit. Wohl ist es wahr, daß Babylon und die beiden nächstfolgenden Kö­nigreiche ihren Platz der Herrschaft verloren, aber sie haben nie aufgehört, in einer untergeordneten Weise unter der späteren Macht fortzubestehen. Ebenso werden, wenn das Gericht schließlich über das wiederhergestellte vierte Reich hereinbrechen wird, die Repräsentanten der früheren drei Reiche noch vorhanden sein und mit jenem ver­nichtet werden.

 

Schließlich teilen uns die letzten Verse dieses Kapitels mit, wie der König Nebukadnezar dem Gott Israels Ehre gibt und wie er, der stolze und gewaltige Monarch der Erde, einem armen Gefangenen Huldigung darbringt. "Da fiel der König Nebukadnezar nieder auf sein Angesicht und betete Daniel an; und er befahl ' ihm Speisopfer und Räucherwerk darzubringen. Der König antwor­tete Daniel und sprach: In Wahrheit, euer Gott ist der Gott der Götter und der Herr der Könige, und ein Offenbarer der Geheimnisse" (V. 46.47). Das war die köstliche Frucht der Treue Daniels; ebenso gesegnet und herrlich wird der Ausgang aller sein, die in Treue ausharren bis ans Ende. In bezug auf Israel wird die Verheißung erfüllt werden: "Und alle Völker der Erde werden sehen, daß du nach dem Namen Jehovas genannt bist und werden sich vor dir fürchten" (5. Mo 28,10); und in bezug auf die Versammlung das Wort des Herrn: "Siehe, ich werde ma­chen, daß sie kommen und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe" (Offb 3,9). Daniel wurde, wie es bei dem treuen Überrest Israels am Ende der Fall sein wird, sehr erhöht. Nebukadnezar "setzte ihn als Herrscher ein über die ganze Land­schaft Babel und zum Obervorsteher über alle Weisen von Babel" (V 48). Auf seine Bitte wurden Sadrach, Me­sach und Abednego über die Verwaltung der Landschaft Babel gesetzt, und er war am Hof des Königs.

 

Kapitel 3

 

Die Kapitel 3‑6 teilen uns historische Ereignisse mit und scheinen auf den ersten Blick keinen prophetischen Charak­ter zu haben. Doch müssen wir uns immer daran erinnern, daß die Schrift gewöhnlich einen weit ausgedehnteren Zweck hat, als die bloße Mitteilung von Begebenheiten, mögen diese auch noch so belehrend und moralisch wichtig sein. Besonders ist dies im Buch Daniel der Fall. Hier dürfen wir nicht nur die Geschichte und Offenbarung als prophe­tisch betrachten, sondern die damit in Verbindung stehen­den Tatsachen und Ereignisse haben ebenfalls propheti­schen Charakter. Das ist auch in bezug auf die vorhin er­wähnten Kapitel der Fall. In den darin mitgeteilten geschichtlichen Ereignissen kommen völlig unterschiedliche Charakterzüge zum Vorschein, die von dem Propheten auf­gezeichnet worden sind, um das Verhalten und das zukünf­tige Schicksal der großen heidnischen Mächte anzukün­digen.

 

Im zweiten Kapitel haben wir gesehen, daß Gott, nachdem Er Sein untreues Volk dem Gericht übergeben hatte, einen Herrscher als den Herrn der Welt einsetzte. Nebukadnezar war ein großer Fürst; er war nicht nur selbst ein mächtiger König, sondern er gebot auch über andere Könige und Für­sten als seine Untertanen und Vasallen. Doch die erste Handlung dieses mit unumschränkter Herrschermacht be­kleideten Menschen war die Einrichtung eines schrecklichen Götzendienstes. Er machte ein Bild von Gold und richtete es auf in der Ebene Dura, in der Landschaft Babel, und berief alle seine Satrapen, Stadthalter, Landpfleger usw. zur ge­meinschaftlichen Einweihung des Bildes (V. 1.2). An den Gott Daniels, von dem er bezeugt hatte (Kap. 2,47), daß "er der Gott der Götter und der Herr der Könige" sei, denkt er nicht mehr; er will seinen eigenen Gott haben, einen Gott ' der von dem Willen des Menschen abhängig ist, einen Gott, der ihm behilflich ist, sein Reich zu einigen und seine Macht zu befestigen. Menschlich betrachtet war es ein wohlüber­legter Plan. Nebukadnezar herrschte über Königreiche und Landschaften, deren Sprachen, Sitten und Gebräuche sehr verschieden voneinander waren, und um jene dauernd in Unterwürfigkeit und enger Verbindung zu erhalten, brauchte er ein gemeinsames Band. In dieser Beziehung gibt es kein geeigneteres Mittel, nichts, was größeren Einfluß auf die Gemüter ausübt, als eine gemeinsame Religion, ein ge­meinsamer Kultus, wo alle vor dem einen Gegenstand ihre Herzen und ihre Kniee beugen. Zu allen Zeiten ist dieser mächtige Hebel in Bewegung gesetzt worden, um die Völker untereinander zu verbinden und sie um einen gemeinsamen Mittelpunkt zu vereinigen. Man macht sich einen Gott, der den Neigungen, Wünschen und Leidenschaften der Men­schen angemessen ist und sie befriedigt; man führt Zeremo­nien und Gebräuche ein, durch deren Erfüllung sich der Mensch in seinen eigenen Augen erheben kann, wodurch aber nie ein aufgewachtes Gewissen zur wahren Ruhe ge­bracht werden kann. Das ist die Religion, die der Mensch sucht und liebt, und die er mit allem möglichen Glanz um­gibt, um ihr Ansehen zu verschaffen, und das ist der Weg, auf dem er seine religiösen Bedürfnisse zu befriedigen sucht. Ach! ein trauriger Weg, auf dem der Mensch erhöht und Gott erniedrigt wird!

 

Nachdem nun Nebukadnezar sein goldenes Bild von sech­zig Ellen Höhe und sechs Ellen Breite durch alle die Großen und Machthaber seines ausgedehnten Reiches einge­weiht und ihm auf diese Weise ein großes Ansehen ver­schafft hatte, lesen wir weiter: "Und der Herold rief mit Macht: Euch wird befohlen, ihr Völker, Völkerschaf­ten und Sprachen: Sobald ihr den Klang des Hornes, der Pfeife, der Zither, der Sambuke, der Laute, der Sackpfeife, und allerlei Art von Musik hören werdet, sollt ihr niederfallen und das goldene Bild anbeten, welches der König Nebukadnezar aufgerichtet hat. Und wer nicht niederfällt und anbetet, der soll sofort in den brennenden Feuerofen geworfen werden" (V. 4‑6). Das war wirklich ein hartes Gebot, ein Gebot, das Tod und Verderben über jeden Übertreter brachte. Wer hätte sich da weigern wollen, seine Kniee vor dem Bild zu beugen? Es heißt daher weiter: "Darum, sobald alle Völ­ker den Klang des Hornes, der Pfeife, der Zither, der Sambuke, der Laute, und allerlei Art von Musik hör­ten, fielen alle Völker, Völkerschaften und Sprachen nieder, indem sie das goldene Bild anbeteten" (V. 7). So war also die Absicht des Königs erreicht, seine Autorität hatte eine glänzende Anerkennung und sein aufgerichtetes Götzenbild eine allgemeine Würdigung und Verehrung ge­funden; eine Religion verband alle ihm unterworfenen Völ­kerschaften.

 

Wurde denn in jenen finsteren Tagen des allgemeinen Götzendienstes niemand gefunden, der die Ehre Gottes aufrecht hielt? Gewiß, dieselben Männer, die sich gewei­gert hatten, sich durch die feine Speise des Königs zu verunreinigen, weigerten sich jetzt, das Bild des Königs anzubeten. Es waren Sadrach, Mesach und Abednego. Von Daniel hören wir nichts; wir können aber versichert sein, daß er ebensowenig wie seine Gefährten weder an der Einweihung noch an der Anbetung des Bildes teilgenom­men hat. Jene Männer des Glaubens unterwarfen sich völlig der Autorität des großen Königs, den der Gott des Himmels auf der Erde eingesetzt hatte, aber sobald dieser die Grenzen seiner Befugnis überschritt, sobald er seine Macht und Autorität gebrauchte, um Gott zu verachten, um die Ihm allein gebührende Ehre und Anbetung einem Götzenbild zuzuwenden und er hierin von ihnen Gehor­sam verlangte, weigerten sie sich standhaft. War auch die ganze Welt gegen sie, hatte es auch den Anschein, als wollten sie besser sein als andere, als wollten sie durch ihr Verhalten sich über andere erheben und sie richten, so konnte doch nichts, selbst nicht der schreckliche Gedanke, in den brennenden Feuerofen geworfen zu werden, sie auch nur einen Augenblick bestimmen, die Anbetung, deren würdiger Gegenstand Gott allein ist, einem Götzen­bild, einem Scheingott darzubringen, wenn auch Nebu­kadnezar und alle seine Hochgestellten und alles Volk seines großen Reiches ihm ihre Huldigung willig darbrach­ten. "Man muß Gott mehr gehorchen als Menschen" (Apg 5,29). So urteilt der Gehorsam des Glaubens zu aller Zeit. Natürlich konnte das Verhalten jener treuen Männer nicht lange verborgen bleiben. Von Nebukadnezar eingesetzt als Verwalter der Landschaft Babel, in deren Mitte die Haupt- ­und Residenzstadt lag, nahmen sie eine hervorragende Stellung ein, und die Augen einer großen Menge waren auf sie gerichtet. Deswegen traten "zur selben Zeit“, viel­leicht durch Haß und Neid gegen die verachteten Juden geleitet, chaldäische Männer auf, die Sadrach, Mesach und Abednego bei Nebukadnezar anklagten. Sie erinnerten diesen zunächst an seinen Befehl (V 8‑11) und sagten dann: "Es sind nun jüdische Männer da, welche du über die Verwaltung der Landschaft Babel bestellt hast: Sadrach, Mesach und Abednego; diese Männer, o König, achten nicht auf dich; deinen Göttern dienen sie nicht, und das goldene Bild, welches du aufgerich­tet hast, beten sie nicht an" (V. 12).

 

Ein solches Verhalten mußte den Stolz des gewaltigen Mon­archen, der noch soeben durch die Anbetung des von ihm aufgerichteten Bildes von allen Völkern, Völkerschaften und Sprachen große Huldigung erfahren hatte, aufs tiefste verletzen und seinen ganzen Grimm wachrufen. Nicht nur seine eigene Autorität, sondern auch seine Götter waren verachtet, das Ansehen seiner und seines ganzen Volkes Religion war in Frage gestellt, und dies sogar durch Män­ner, die er aus ihrer Niedrigkeit und Verachtung hervorge­zogen und als Verwalter über die Landschaft Babel gesetzt hatte. Solch ein Vergehen konnte nicht ungeahndet bleiben. Voll von Zorn und Grimm ließ er jene drei Männer vor sich kommen und sprach zu ihnen: "Ist es Absicht, Sadrach, Mesach und Abednego, daß ihr meinen Göttern nicht dienet und das goldene Bild nicht anbetet, welches ich aufgerichtet habe? Nun, wenn ihr bereit seid, zur Zeit, da ihr den Klang des Hornes, der Pfeife, der Zither, der Sambuke, der Laute und der Sackpfeife, und aller­lei Art von Musik hören werdet, niederzufallen und das Bild anzubeten, welches ich gemacht habe . . . ; wenn ihr es aber nicht anbetet, sollt ihr sofort in den brennenden Feuerofen geworfen werden; und wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird?" (V. 14 ‑ 15).

 

Ach! wie bald war bei Nebukadnezar der tiefe Eindruck, den der Traum und dessen Deutung auf sein Inneres her­vorgebracht hatte, so ganz verwischt! Er verachtete jetzt den Gott des Himmels, der ihm "Königreich, Macht und Stärke und Ehre gegeben" hatte; er verhöhnte jetzt den Gott Israels, von dem er selbst bekannt hatte, daß Er der Gott der Götter, der Herr der Könige und ein Offenbarer der Geheimnisse sei und forderte Ihn trotzig heraus. So schnell ändert sich der natürliche Mensch, wenn es um seine Ehre und sein Ansehen geht. Doch mit welcher Ruhe und Unerschrockenheit stehen jene drei Männer vor dem stolzen und ergrimmten Machthaber der Erde! Mit welch einer Kühnheit geben sie Antwort! Sie wußten, wessen sie waren und wem sie dienten; Gott war ihnen alles und die Welt nichts. Zunächst entgegnen sie dem König: "Nebu­kadnezar, wir halten es nicht für nötig, dir ein Wort darauf zu erwidern" (V. 16). Hätte es sich um eine Frage betreff der ihnen von Nebukadnezar übertragenen Verwal­tung gehandelt, so wäre es sicher ihre Pflicht gewesen, sie mit aller Unterwürfigkeit und der Wahrheit gemäß zu be­antworten; hier aber handelte es sich um eine Frage in bezug auf ihr Gewissen und um die Rechte und Herrlich­keit Gottes, und darin waren sie keinem Menschen, son­dern Gott allein Rechenschaft schuldig. Sie wußten, daß geschrieben stand: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen"; sie handelten völlig im Geist der Worte des Herrn: "Gebet denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Matth 22,21). Gott allein waren sie Verehrung und Anbetung schuldig. Nebukadnezar griff daher mit seiner Forderung, vor dem Bild niederzufallen und es anzubeten, in die Rechte Gottes ein und verletzte sie auf grobe Weise, und deshalb sprachen sie zu ihm: "Wir halten es nicht für nötig, dir ein Wort darauf zu erwidern".

 

Die nächstfolgenden Worte, die aus dem Mund dieser treuen Zeugen hervorkommen, geben Zeugnis von der tie­fen Ruhe ihres Herzens, von ihrem unerschütterlichen Ver­trauen auf Gott und ihrer völligen Ergebenheit in Seinen Willen. "Ob unser Gott, dem wir dienen, uns aus dem brennenden Feuerofen zu erretten vermag ‑ und er wird uns aus deiner Hand, o König, erretten ‑ oder ob nicht, es sei dir kund, o König, daß wir deinen Göt­tern nicht dienen und das goldene Bild, welches du aufgerichtet hast, nicht anbeten werden" (V 17.18). Sie fürchteten den Gott, der über der Macht Nebukadnezars und aller Macht im Himmel und auf Erden stand; es war ihr Gott, der Gegenstand ihres Herzens, ihrer Anbetung und ihres Dienstes. Sie wußten, daß Er sie zu erretten vermochte, und daß Er sie aus der Hand des Königs erret­ten würde. Es war nicht ihr Verstand, der so urteilte, son­dern ihr Glaube. Doch war nicht diese Überzeugung der Beweggrund, daß sie sich weigerten, das goldene Bild anzu­beten; nein, auch wenn Gott sie nicht erretten würde, waren sie bereit, den Tod durch das Feuer zu erdulden. Keine Macht der Erde, keine Versuchung, selbst nicht ein schrecklicher Tod waren imstande, ihre Ergebenheit und ihre Treue gegen Gott zu erschüttern. Welche Ruhe und Energie gibt der Glaube an einen lebendigen Gott! In welch einer erhabenen Stellung des Zeugnisses befindet sich ein Mensch, der in diesem Glauben wandelt! Diese treuen Männer waren in jenem Augenblick der Gegenstand der Aufmerksamkeit des ganzen babylonischen Reiches. Nebukadnezar, der stolze und gewaltige Herrscher, war machtlos in der Gegenwart dieser israelischen Gefangenen, die so ruhig und unerschrocken vor ihm standen, und er offenbarte seine Schwäche in einer ohnmächtigen Wut und in all den Vorkehrungen, die er traf, um seinen Zweck zu erreichen. "Da wurde Nebukadnezar voll Grimmes, und das Aussehen seines Antlitzes veränderte sich gegen Sadrach, Mesach und Abednego. Erhob an und befahl, den Ofen siebenmal mehr zu heizen, als zur Heizung hinreichend war. Und er befahl Männern, den stärksten Männern in seinem Heere, Sadrach, Me­sach und Abednego zu binden, um sie in den brennen­den Feuerofen zu werfen. Da wurden diese Männer in ihren Leibröcken, Oberröcken und Mänteln und ihren sonstigen Kleidern gebunden und in den brennenden Feuerofen geworfen" (V. 19‑21).

 

Es könnte jemand fragen: Konnte denn der Herr Seine treuen Diener nicht bewahren? Konnte Er nicht verhin­dern, daß sie in den glühenden Ofen geworfen wurden? Gewiß, es wäre Ihm ein leichtes gewesen; aber Er wollte, daß der Glaube Seiner Diener bewährt, daß er im Feuer erprobt werde. Hätte Er Seine Macht zu ihrer Bewahrung angewandt, so würde Er weniger verherrlicht und sie weni­ger gesegnet worden sein. Es war weit besser für sie, Seine Gegenwart und Sein Mitgefühl im Feuerofen zu genießen, als Seine Macht zu ihrer Bewahrung zu erfahren. Sie wan­delten mit Gott, da sie in der Gunst des Königs standen und jetzt wandelt Gott mit ihnen inmitten des Feuerofens Der König gedachte, sie zu verderben; aber in Wirklichkeit brachte er sie durch seinen Grimm in eine erhabene und gesegnete Stellung. Es war unvergleichlich besser, mit Gott in dem feurigen Ofen zu sein als ohne Ihn im Palast Nebukadnezars. Die Glut des Ofens, in die Sadrach, Mesach und Abednego gebunden geworfen wurden, war so groß, daß die kräftigen Männer, die sie hinauftrugen, von der ausstrahlenden Hitze getötet wurden (V 22.23). Gott aber war bei den Seinigen, und das veränderte alles. Er hatte Nebukadnezar erlaubt, seinen gottlosen Vorsatz auszufüh­ren, seinen despotischen Willen durchzusetzen; aber dann zeigte Er ihm auf eine überwältigende Weise seine Ohn­macht und drückte den Stempel der Verachtung auf seine Widerspenstigkeit. "Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer" (Ps 2,4). Die Wut des Königs war für Gott nur ein Anlaß geworden, Sein tiefes und herzliches Mitge­fühl gegenüber Seinen treuen und geprüften Dienern um so herrlicher zu entfalten. In Seiner überströmenden Gnade befreite Er sie von den Banden Nebukadnezars und ver­wandelte für sie den Ofen in einen Ort hoher und heiliger Gemeinschaft. Wir haben in der Tat Ursache, uns der Trüb­sale zu rühmen, uns der Schmach und Verachtung um Christi willen zu erfreuen, denn das ist der Weg, um von den Banden, die uns noch an diese Welt gefesselt halten, völlig befreit zu werden und die gesegnete Gemeinschaft und das innige Mitgefühl unseres geliebten Herrn zu ge­nießen.

 

"Da erschrak der König Nebukadnezar, und er stand eilends auf, hob an und sprach zu seinen Räten: Haben wir nicht drei Männer gebunden ins Feuer geworfen? Sie antworteten und sprachen zu dem König: Gewiß, o König! Er antwortete und sprach: Siehe, ich sehe vier Männer frei wandeln mitten im Feuer, und keine Ver­letzung ist an ihnen; und das Aussehen des vierten ist gleich einem Sohne der Götter" (V. 24.25). Hier war es kein Traum, kein Gesicht, sondern ein Wunder ‑ die Macht Gottes entfaltete sich vor den Augen Nebukadnezars. Wo war jetzt seine große Macht? Was hatte sein Zorn und seine Wut gegen die treuen Diener Gottes ausgerichtet? Seine eigenen Diener, seine stärksten Kriegsleute, lagen tot vor der Öffnung des Ofens, aber bei den Anbetern des wahren Gottes hatte das Feuer nur die Fesseln verschlun­gen und sie fähig gemacht, frei und ungehindert in der Begleitung des Sohnes Gottes zu wandeln, und der König und alle seine Edlen, die der falsche Gottesdienst versam­melt hatte, waren Zeugen dieses großen und herrlichen Geschehens. Gott war in Seiner befreienden Macht auf den Schauplatz getreten, und der Feind war völlig zuschanden geworden. Alle "sahen diese Männer, daß das Feuer keine Macht über ihre Leiber gehabt hatte: das Haar ihres Hauptes war nicht versengt, und ihre Leibröcke waren nicht verändert, und der Geruch des Feuers war nicht an sie gekommen" (V. 27). Gott war verherrlicht, und seine treuen Diener gingen völlig unbeschädigt aus dem glühenden Ofen hervor.

 

Doch noch eine weitere Ehre wurde diesen mutigen Beken­nern zuteil. "Nebukadnezar hob an und sprach: Ge­priesen sei der Gott Sadrachs, Mesachs und Abedne­gos, der seinen Engel gesandt und seine Knechte erret­tet hat, die auf ihn vertrauten und das Wort des Königs übertraten und ihre Leiber dahingaben, um keinem Gott zu dienen noch ihn anzubeten, als nur ihren Gott“ (V 28). Welch ein schönes Zeugnis empfangen diese Männer aus dem Mund eines heidnischen Königs! Ihre unerschütterliche Treue hatte Gott Gelegenheit gegeben, Seine Macht zu offenbaren, so daß Nebukadnezar gezwun­gen wurde, Gott zu preisen und anzuerkennen und Seinen Namen ‑ denn Gott schämt Sich nicht, ihr Gott zu heißen ‑, mit dem Namen Seiner treuen Diener in Verbindung zu bringen. Er nennt Ihn den Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos und gibt Befehl, daß jeder, der wider diesen Gott Unrechtes spricht, in Stücke zerhauen und sein Haus zu einem Schutthaufen gemacht werde (V. 29). Doch ach! das folgende Kapitel zeigt uns, wie wenig das Gewissen Nebukadnezars durch diese herrliche Offenbarung der Macht Gottes getroffen, wie wenig sein Herz erreicht war; es waren nur vorübergehende Gefühle, die gleich einer Morgenwolke an seiner Seele vorüberzogen und verschwan­den.

 

Was die Stellung des Überrestes in diesem Kapitel betrifft, so ist sie, wie oben schon angedeutet, anders als in den beiden vorigen Kapiteln. In dem ersten Kapitel sahen wir seine Treue auf eine harte Probe gestellt. Doch er bestand sie und verunreinigte sich nicht mit der Tafelkost des Königs und dem Wein, den er trank. Im zweiten Kapitel wurde diese Treue dadurch belohnt, daß Gott ihm in der Person Daniels den Geist der Prophezeiung verlieh: er hatte Ein­sicht in die Absichten und Offenbarungen Gottes. In die­ sein Kapitel schließlich finden wir die Treue, die sich mit aller Entschiedenheit weigert, einen anderen als den allein wahren Gott anzuerkennen, und zugleich sehen wir, daß Gott Sein Interesse offenbart, das Er an den Seinigen hat, und Seine Macht, sie aus der Trübsal zu befreien.

 

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß die in diesem Kapitel erzählten Ereignisse uns nicht nur deshalb mitgeteilt sind, um den schrecklichen Abfall eines einzelnen Menschen zu zeigen, sondern daß sie, wie schon oben angedeutet, das große charakteristische Kennzeichen der ganzen babylonischen Herrschaft und im weiteren Sinn auch der folgenden Weltreiche bilden. Die Herrschaft oder die Zeit der Nationen dauert noch immer an, und ich glaube, daß am Ende dieser Zeit dieselben Dinge mit ebenso großer Kraft in Erscheinung treten werden. Das Buch der Offen­barung belehrt uns, daß der letzte große König seine ganze Autorität dazu benutzen wird, den Menschen das aufzu­zwingen, was die Religion jener Tage genannt werden wird. Gleichwie es die erste Handlung der heidnischen Herr­schaft war, als Gott ihr "die Macht, Gewalt und Ehre gegeben" hatte, so wird es auch die letzte sein. Dieselbe Erscheinung, der wir hier im Buch Daniel begegnen, wird sich auch am Ende zeigen, und es werden Personen aus demselben Geschlecht dieser heidnischen Abgötterei Wi­derstand leisten. Wie es hier ein treuer Überrest aus Israel war, der sich dem Befehl des gottlosen Königs nicht unter­ warf, so werden auch die Träger des letzten Zeugnisses diesem Volk angehören. Das so lange verworfene und zer­tretene Israel wird dann wieder ein Gegenstand der beson­deren Aufmerksamkeit und des Wirkens Gottes sein, und es wird die Ankunft seines Messias und die Aufrichtung des Reiches in Macht und Herrlichkeit erwarten. Die Kir­che oder Versammlung hat zu jener Zeit ihren irdischen Schauplatz verlassen und ist für immer mit ihrem himmli­schen Bräutigam droben vereinigt.

                       

Wir haben gesehen, daß die im vorigen Kapitel erzählten Ereignisse, die auf den ersten Blick nicht den Charakter einer Prophezeiung an sich zu tragen scheinen, dennoch in enger Beziehung zur Prophezeiung stehen. Das 2. Kapitel zeigte uns in kurzen Zügen die allgemeine Geschichte der heidnischen Mächte, aber nicht ihre moralischen Eigen­schaften; ein Reich nach dem anderen trat auf den Schau­platz und verschwand wieder. Ihr moralischer Charakter und die Art und Weise, wie sie die ihnen von Gott verlie­hene Macht gebrauchten, verbarg sich noch vor unseren Blicken. Erst im 3. Kapitel beginnt die Beschreibung des moralischen Verhaltens dieser Reiche, während sie sich im Besitz jener unumschränkten Autorität in dieser Welt be­finden, und diese Beschreibung wird in den folgenden Ab­schnitten des Buches fortgesetzt.

 

Die erste Handlung und der erste große Charakterzug des babylonischen Reiches, der uns im vorigen Kapitel vorge­stellt wurde, war die Abgötterei, die Aufrichtung einer abgöttischen Einheit, ungeachtet der Rechte Gottes und des Gewissens des Menschen. Doch ist, wie schon bemerkt wurde, der Anfang der heidnischen Herrschaft nur ein Vorbild von ihrer Schlußszene. Es wird sich auch zu jener Zeit besonders um die Gläubigen aus Israel, um den treuen Überrest, handeln. Ich meine nicht um die Juden in ihrem gegenwärtigen Zustand, denn jetzt sind sie als Volk bei­seitegesetzt, und jeder einzelne ist vor Ihm ein verlorener und verdammungswürdiger Sünder, ein Feind Gottes, wie jeder andere Mensch von Natur. Er kann jetzt nicht als Jude errettet werden, sondern nur dadurch, daß er an Christus glaubt und also ein Christ wird. Dies wird aber nicht immer der Fall sein. Die Zeit rückt heran, wo der Same Abrahams als solcher, d. h. ohne daß er aufhören muß, Jude zu sein, durch Gott bekehrt werden und nach den Verheißungen den Messias empfangen wird.

 

In der gegenwärtigen Zeit steht das Walten Gottes nicht in unmittelbarer Verbindung mit den Vorkommnissen in dieser Welt, obwohl es immer wahr ist, daß Er in Seiner Vorsehung alle Dinge leitet und nichts ohne Seine Zulas­sung geschieht. Doch Gott nimmt kein so augenschein­liches und unmittelbares Interesse an dem Geschick irgend­eines Volkes auf der Erde und an dem, was auf der Erde vorgeht. So war es zu jener Zeit, als Israel noch die Nation war, in deren Mitte Gott Seinen Charakter in Verbindung mit dieser Erde entfaltete, deren Kämpfe die Kämpfe Jeho­vas genannt wurden, eine Nation, die sich bewußt war, daß Gott sie aus allen Völkern erwählt hatte, daß Er Sein besonderes Interesse an ihr hatte, und daß alle ihre Drang­sale, Niederlagen, Hungersnöte u.a. nur eine von seiten Gottes ihr zugesandte Strafe waren für irgend etwas Böses in ihrer Mitte. Seitdem Er aber Sein irdisches Volk beiseite­gesetzt hat, übt er nur noch eine indirekte Aufsicht über die Angelegenheiten der Welt. Eine andere Sache ist in Er­scheinung getreten. Nachdem Christus verworfen war und Israel sich dadurch jeder Gelegenheit beraubt hatte, seinen früheren erhabenen Platz wiederzuerlangen, führte Gott die Kirche (oder Versammlung) ein. Dies ist nicht Seine Regierung über irgendein Volk, wie bei Israel unter seinem Gesetz, auch nicht einfach eine indirekte Herrschaft über die Nationen, sondern die Offenbarung Seiner Selbst, als eines Vaters für Seine Kinder in Christus. Der Heilige Geist ist herniedergekommen, nicht allein um auf die Herzen dieser Kinder zu wirken, sondern auch um in ihnen zu wohnen und alle, es seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, zu einem Leibe zu taufen ‑ zu dem Leib, dessen Haupt Christus im Himmel ist. Dies geschieht bis heute; und deshalb steht Gott gegenwärtig in keiner beson­deren Beziehung zu den Juden. Er beschäftigt sich mit ihnen in keiner anderen Weise als auch mit den übrigen der Menschen, von denen sie sich nur dadurch unterscheiden, daß das Gericht der Verblendung über sie gekommen ist. Sie waren freilich schon vorher blind; deshalb liebten sie die Finsternis mehr als das Licht, das in Christus Jesus in die Welt gekommen war, und verwarfen beharrlich jedes Zeug­nis. Doch jetzt hat sie Gott, als ein besonderes Gericht, einer völligen Finsternis preisgegeben. Aber während dies mit der großen Masse des Volkes der Fall ist, gibt es doch immer noch einen Überrest. Israel ist die einzige Nation, von der dies gesagt werden kann, die einzige Nation, die Gott niemals völlig aufgegeben hat. Andere Völker mögen erfahren haben, daß Gott sie eine Zeitlang in Gnade und vielleicht in einer ganz besonderen Gnade besucht hat, aber sobald sie sich wieder von der Wahrheit abwandten und die Verehrung eines Götzenbildes dem wahren Gottesdienst vorzogen, hat Gott sie dahingegeben und dem Irrtum an­heimfallen lassen. Aber mit Israel hat sich Gott durch Verheißungen verbunden und wird es nie gänzlich auf­geben. Selbst in den dunkelsten Zeiten wird es unter die­sem Volk einen heiligen Samen geben. Dennoch kann Gott, wie schon vorhin angedeutet wurde, solange Er mit dem Sammeln der Kirche beschäftigt ist, keine besonderen Beziehungen zu Israel haben, um es als Sein Volk darzu­stellen und es aus allen seinen Bedrängnissen zu befreien. Sobald Er aber die Kirche oder Versammlung von ihrem gegenwärtigen Schauplatz entrückt hat, wird Israel wieder in den Vordergrund treten. An jenem Tag, wenn ihre Her­zen durch den Geist Gottes berührt worden sind, wird jene Befreiung, die wir am Ende des 3. Kapitels als Vorbild haben, ihre wahre Erfüllung finden.

 

Kapitel 4

 

Infolge der großen Errettung der drei Freunde Daniels erteilte also Nebukadnezar den Befehl, jeden, der Unrech­tes spricht gegen den Gott Sadrachs, Mesachs und Abedne­gos, in Stücke zu zerhauen und sein Haus in einen Schutt­haufen zu verwandeln. Es schien, als hätten die wunderba­ren Wege Gottes sein stolzes Herz erreicht und gebrochen. Aber ach! wie bald veränderte sich seine Sprache! Wie bald war alles, was Gott getan hatte, wieder vergessen! Wir lesen im Anfang unseres Kapitels: "Ich, Nebukadnezar, war ruhig in meinem Hause und hatte Gedeihen in meinem Palaste" (V. 4). Diese Worte zeigen zur Genüge, daß sein Gewissen nicht erreicht und sein Herz nicht verän­dert war. Wohl hatten ihn die merkwürdigen Ereignisse tief erschüttert, aber es war nur für eine kurze Zeit. Sein Ge­wissen war nicht in die Gegenwart Gottes gekommen. Er ruhte in seinem Haus und hatte Gedeihen in seinem Palast. Alles, was Gott in seine Hand gegeben hatte, diente nur dazu, seinen Stolz zu nähren und seiner Selbstgefälligkeit zu schmeicheln. In diesem Zustand sandte Gott ihm einen zweiten Traum. "Ich sah einen Traum, er erschreckte mich; und Gedanken auf meinem Lager und Gesichte meines Hauptes ängstigten mich" (V 5). Infolgedessen gab Nebukadnezar Befehl, alle Weisen Babels vor ihn zu bringen, um aus ihrem Mund die Deutung seines Traumes zu erfahren. Doch wie das erste Mal, so ließ ihn auch jetzt alle menschliche Weisheit im Stich. "Alsdann kamen die Schriftgelehrten, die Beschwörer, die Chaldäer und die Wahrsager herbei; und ich trug ihnen den Traum vor, aber sie taten mir seine Deutung nicht kund" (V. 7). Mit all ihrer Weisheit konnten sie die Gedanken Gottes nicht ergründen, noch Nebukadnezar kundtun, was Gott ihm zu sagen hatte. Zuletzt trat auch Daniel, nach seinem chaldäischen Namen Beltsazar, vor den König, und voll Vertrauen wandte sich der König an ihn: "Beltsazar, du Oberster der Schriftgelehrten, da ich weiß, daß der Geist der heiligen Götter in dir ist, und daß kein Ge­heimnis dir zu schwer ist, so sage mir die Gesichte meines Traumes, den ich gesehen habe, und seine Deu­tung" (V. 9). Obwohl Nebukadnezar in einer heidnischen Weise zu Daniel redet und die Weisheit des höchsten Got­tes, die in Daniel ist, seinen eigenen Göttern zuschreibt, so erkennt er doch an, daß ein besonderer und außergewöhn­licher Geist in ihm ist, der ihn vor allen anderen auszeich­net.

 

Sobald Daniel den Traum gehört hatte, "entsetzte er sich eine Zeitlang, und seine Gedanken ängstigten ihn. Der König hob an und sprach: Beltsazar, der Traum und seine Deutung ängstige dich nicht. Beltsazar antwor­tete und sprach: Mein Herr, der Traum gelte deinen Hassern und seine Deutung deinen Feinden! Der Baum, den du gesehen hast, der groß und stark wurde, und dessen Höhe an den Himmel reichte, und der über die ganze Erde hin gesehen wurde; und dessen Laub schön und dessen Frucht zahlreich, und an welchem Nahrung war für alle; unter welchem die Tiere des Feldes wohnten, und in dessen Zweigen die Vögel des Himmels sich aufhielten: das bist du, o König, der du groß und stark geworden bist; und deine Größe wuchs und reichte bis an den Himmel, und deine Herrschaft bis an das Ende der Erde" (V. 19‑22). Nebukadnezar selbst war der große Baum, den er im Traum gesehen hatte, so wie er im 2. Kapitel das Haupt von Gold darstellte. Und ebenso wie dort nicht allein die Person des Königs, sondern auch seine ganze Dynastie durch das goldene Haupt reprä­sentiert wurde und die Stellung, die er einnahm, in gewis­sem Sinn die des ganzen heidnischen Reiches charakteri­sierte, so bezieht sich auch die Deutung dieses Traumes nicht allein auf ihn, sondern auf das ganze ihm untergeord­nete Reich. Mit Entsetzen sieht Daniel, was Nebukadnezar bevorstand und was das Schicksal Babylons sein sollte.

 

Dem aufmerksamen Leser der Heiligen Schrift wird es kaum entgangen sein, daß der Baum, wenn er in der Bibel als Sinnbild gebraucht wird, entweder das Fruchttragen oder einen Platz hoher Würde und Wichtigkeit darstellt*).

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*) Vgl. z. B. Hesekiel 31. Dort wird Assyrien als eine prachtvolle und ausgebreitete Zeder des Libanon, als der schönste Baum im Garten Gottes, d.h auf der Erde, bezeichnet, so daß alle die übrigen Zedern, Zypressen und Platanen in diesem Garten, d.h die übrigen Mächte der Welt, ihn nicht verdunkelten, noch seinen Zweigen gleich waren. Andere Beispiele finden wir in Amos 2,9; Jesaja 2,13; 10,18.19; Hesekiel 17,23.24; Psalm 1,3; 92,12; Matthäus 13,32.

 

 Hier ist der Baum das Symbol einer irdischen Macht und wird angewendet auf Nebukadnezar, der sich in der höch­sten Stellung befand, die für einen Menschen auf der Erde möglich ist. Die Tiere des Feldes wohnten unter dem Baum, und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zwei­gen, d. h. alle Arten und Klassen von Personen fanden Schutz und Sicherheit unter der Herrschaft Nebukadne­zars, der die Bewunderung der ganzen Menschheit erregte. Alles war in ihm vereinigt, was das Herz anziehen konnte: ein herrlicher Wuchs, schönes Laub, liebliche Früchte in Menge, Speise für alle; was konnte ihm in den Augen der Menschen noch zu wünschen übrigbleiben? Aber die Gedanken Gottes waren ganz andere. "Und daß der König einen Wächter und Heiligen vom Himmel hernieder­steigen sah, welcher sprach: Hauet den Baum um und verderbet ihn! doch seinen Wurzelstock lasset in der Erde, und zwar in Fesseln von Eisen und Erz, im Grase des Feldes; und von dem Tau des Himmels werde er benetzt, und er habe sein Teil mit den Tieren des Feldes, bis sieben Zeiten über ihm vergehen" (V. 23). Beachten wir, daß hier nur von einer zeitlichen Zerstörung die Rede ist; es sollte keine gänzliche Vernich­tung stattfinden.

 

"Dies ist die Deutung, o König", fährt der Prophet fort, "und dies der Beschluß des Höchsten, der über meinen Herrn, den König, kommen wird: Man wird dich von den Menschen ausstoßen, und bei den Tieren des Feldes wird deine Wohnung sein; und man wird dir Kraut zu essen geben, wie den Rindern, und dich vom Tau des Himmels benetzt werden lassen" (V. 24.25). Viele Bibelleser haben in der Erklärung dieser Dinge große Schwierigkeiten gefunden, aber der einfältige Gläubige be­gnügt sich mit dem, was Gott gesagt hat, weil er weiß, daß Sein Wort die Wahrheit ist. Und Gott hatte erklärt, daß Nebukadnezar von den Menschen ausgestoßen, daß er in die Stellung eines Tieres versetzt werde, und daß man ihm Gras zu essen geben werde wie den Rindern, so glaubt er einfach und gibt sich keinen ungläubigen Grübeleien hin. Er ist völlig überzeugt, daß der Gott, der Seine treuen Diener aus der gewaltigen Glut des Ofens und aus dem Rachen des Löwen zu erretten vermochte, auch imstande war, Nebukadnezar auf eine so schreckliche Weise zu er­niedrigen. Es war nur eine Frage Seines Willens und Seiner Macht; aber auch nur Seine Macht konnte das eine wie das andere tun. Doch sollte, wie gesagt, dieses Gericht der tiefen Erniedrigung nicht bis zu seinem Tod dauern, son­dern nur für eine bestimmte Zeit sein. "Es werden sieben Zeiten (oder sieben Jahre) über dir vergehen, bis du erkennst, daß der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht und es verleiht, wem er will' (V. 25).

 

Nebukadnezar hatte in deutlichen Worten vernommen, welche schrecklichen Gerichte über ihn kommen sollten, wenn er in seinen Sünden und Ungerechtigkeiten ver­harrte; die mahnende und warnende Stimme des von Gott erleuchteten Sehers hatte sein Ohr erreicht, ein Weg der Errettung war ihm gezeigt worden (V. 27), aber alles war umsonst; die warnende Stimme prallte an seinem stolzen Herzen völlig ab. "Alles das kam über den König Nebu­kadnezar. Nach Verlauf von zwölf Monaten wandelte er umher auf dem königlichen Palaste zu Babel; und der König hob an und sprach: Ist das nicht das große Babel, welches ich zum königlichen Wohnsitz erbaut habe durch die Stärke meiner Macht und zu Ehren meiner Herrlichkeit? Noch war das Wort im Munde des Königs, da kam eine Stimme vom Himmel herab: Dir, König Nebukadnezar, wird gesagt: Das Königtum ist von dir gewichen!" (V. 28‑31). Das Gericht brach her­ein. Die Größe seiner Macht und Stärke und Ehre, die der Gott des Himmels ihm gegeben hatte, (Kap. 2,37), hatten nur dazu gedient, seinem eigenen Stolz zu schmeicheln. Er rühmt sich der Werke seiner Hände und sieht in sich selbst die Quelle seiner Macht und Herrlichkeit. Gott, der ihm alles verliehen und dazu die sichtbarsten Beweise Seiner unvergleichlichen Macht gegeben hatte, Beweise, die ihn jeweils mit Erstaunen und Entsetzen erfüllt hatten, war jetzt seinen Gedanken ganz fern. Wohl hatte die augen­scheinliche Dazwischenkunft Gottes ihn zu dem Bekennt­nis genötigt, daß Jehova "ein Gott der Götter, ein Herr der Herren" (Kap. 2) und "der höchste Gott“ sei (Kap. 3); aber wie schnell waren diese Eindrücke ver­wischt! Bald nachher errichtet er ein Götzenbild und ver­höhnt eben denselben Gott auf freche Weise, und jetzt verleiht er seinem Hochmut und Stolz in vermessenen Wor­ten Ausdruck. So ist der Mensch, solange sein Gewissen nicht getroffen und in die Gegenwart Gottes gebracht ist. Er zittert, sobald Gott nur ein wenig Seine Macht kundtut, aber er ist voll Trotz und Verachtung, sobald er diese Macht nicht mehr sieht. Doch ach! wie bald ändert sich alles! In dem Augenblick, wo Nebukadnezar seine ' eigene Größe bewunderte und seiner Macht und Herrlichkeit Huldigung darbrachte, ja, das Wort war noch in seinem Mund, kam die richtende Hand Gottes über ihn und stürzte ihn von seiner Höhe in einen tiefen Abgrund. Mit einem Schlag verlor er seine ganze Herrlichkeit und wurde bis zum Tier erniedrigt. Kein Verstand war mehr in ihm, keine Fähig­keit, Gott zu preisen. Seine Wohnung war unter den Tie­ren, und man gab ihm Gras zu essen wie den Rindern; sein Blick war abwärts gerichtet auf die Erde. Und so sollten sieben Jahre über ihn hingehen.

 

Welch ein treffendes Bild des niedrigen Zustandes, in dem sich die Nationen während der ganzen Dauer ihrer Herr­schaft befinden! Sie mögen äußerlich stark und mächtig sein, mögen einen großen Scharfsinn entwickeln; aber das ist es nicht, was den Menschen von dem Tier unterscheidet.

 

Das Tier blickt stets zur Erde; es kennt in seinem Verhalten nicht die Stimme des Gewissens und kennt keine Bezie­hung zu Gott. Der Mensch aber ist fähig, diese Beziehun­gen zu verstehen, auf die Stimme seines Gewissens zu achten und den Willen Gottes zu erkennen. Seine wahre Würde besteht darin, daß er Gott in Seiner Herrlichkeit und Majestät anerkennt, daß er zu aller Zeit Ihm in Demut unterworfen bleibt. Sobald er aber sagt: "Ich habe gebaut durch die Stärke meiner Macht“ usw., sobald er sich überhebt, verliert er seine wahren Beziehungen zu Gott und sinkt zum Tier herab, das Gott nicht kennt. Er entwür­digt sich selbst und sucht seine Befriedigung in Dingen, die weit unter ihm stehen. Dies kennzeichnet das Verhalten der Nationen von Anfang bis zum Ende; während der ganzen Dauer ihrer Herrschaft bleiben sie in einem Zustand der Torheit versunken. Danach aber, wenn das Gericht vollen­det ist, werden sie zur Erkenntnis Gottes gelangen, so wie es auch bei Nebukadnezar der Fall war.

 

"Und am Ende der Tage erhob ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel, " ‑ das war das erste Zeichen der Rückkehr seines wahren menschlichen Zustandes ‑"und mein Verstand kam mir wieder; und ich pries den Höchsten, und ich rühmte und verherrlichte den ewig Lebenden, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist, und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht währt“ (V 34). Hier haben wir ein ganz anderes Resultat als früher. Er fällt nicht auf sein Angesicht und betet Daniel an und spendet ihm Speisopfer und liebliche Gerüche, wie am Schluß des zweiten Kapitels, er erläßt auch nicht einen strengen Befehl an alle Völkerschaften und Zungen, daß sie bei schwerer Strafe kein Wort wider den Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos reden sollten, wie am Ende des dritten Kapitels; nein, er selbst beugt sich in wahrer Demut seines Herzens vor Gott in den Staub nieder und preist Ihn als den Höchsten und Mächtigsten und bekennt: "Alle Bewohner der Erde werden wie nichts geachtet, und nach seinem Willen tut er mit dem Heere des Himmels und mit den Bewohnern der Erde; und da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust du?" (V. 35).

 

Beachten wir in Vers 34 den Ausdruck: "der Höchste". Es ist der Name, den auch Melchisedek Jehova beilegt, als er mit ra am nach dessen siegreicher Schlacht gegen die vier heidnischen Könige zusammentrifft. Jedoch fügt Mel­chisedek noch die Worte hinzu: "der Himmel und Erde besitzt". Dies ist der wahre Charakter, den Gott annehmen wird, wenn Er, nachdem Er jeden Feind, der sich gegen Sein Volk erhebt, niedergeworfen hat, alle Dinge im Him­mel und auf der Erde in Christus vereinigt. Dann wird Christus der wahre Melchisedek, der König der Gerechtig­keit sein, und es wird vollkommener Friede herrschen, ‑ein Friede, der auf Gerechtigkeit gegründet ist. Die Natio­nen werden Gott völlig unterworfen sein, werden Ihn aner­kennen und preisen und werden durch Ihn gesegnet wer­den. Die Zeit, in der ihnen infolge ihres unbändigen Stol­zes, ihrer Selbstüberhebung und ihrer Entfernung von Gott das Herz eines Tieres gegeben wurde, wird dann vorüber sein. Der Stumpf, der in der Erde zurückgelassen und vom Gericht verschont geblieben ist, lebt wieder auf, und es beginnt eine Regierung der Nationen, die durch die Er­kenntnis Gottes beeinflußt und vom Bösen gereinigt ist. Gott Selbst wird als der Höchste die Zügel der Regierung in Seine Hand nehmen, und die Nationen werden sich vor Ihm beugen in Anbetung und dankbarer Freude.

 

Beachten wir ferner, daß Nebukadnezar im letzten Vers unseres Kapitels Gott den "König des Himmels" nennt. "Nun rühme ich, Nebukadnezar, und erhebe und ver­herrliche den König des Himmels". Dieser Titel ist hier sehr bezeichnend. Als "Gott der Erde" hatte Gott Seinen Thron zu Jerusalem; aber dieser Thron war nicht mehr, und deshalb war es ganz geziemend, daß Nebukadnezar Ihn als den König des Himmels anerkannte. Im Buch Daniel fin­den wir den Thron zu Jerusalem nie erwähnt, außer in moralischer oder prophetischer Beziehung. Für Daniel konnte Gott nicht der Gott der Erde sein; denn er war ein Gefangener unter den Nationen. Wenn Gott Seinen Platz als Gott der Erde einnimmt, kann unmöglich der Same Abrahams in Gefangenschaft sein.

 

Kapitel 5

 

Dieses Kapitel erzählt, gleich den beiden vorhergehenden, geschichtliche Tatsachen, hat aber offenbar ebenfalls pro­phetischen Charakter. Doch zeigt es uns zusammen mit dem folgenden Kapitel weniger allgemeine Charakterzüge der Herrschaft der Nationen, als vielmehr bestimmte und zügellose Ausbrüche des Bösen, die am Schluß jener Herr­schaft zum Vorschein kommen und eine schnell hereinbre­chende Zerstörung zur Folge haben wird. So sehen wir im vorliegenden Kapitel, wie die Bosheit des Hauptes der Na­tionen dem Gott Israels gegenüber ihren Höhepunkt er­reicht; sie nimmt jenen Charakter des Trotzes und des Hohnes an, dem wir schon im 3. Kapitel, wenn auch nicht in derselben Ausdehnung, begegneten, und der so deutlich die vergebliche Anstrengung des Menschen, seine ganze Schwachheit und Ohnmacht hinter dem äußeren Schein einer unumschränkten Macht zu verbergen, ins Licht stellt.

 

"Der König Belsazar machte seinen tausend Gewalti­gen ein großes Mahl, und er trank Wein vor den Tau­send" (V. 1). Ein glänzendes und üppiges Fest ist hier der Schauplatz, auf dem sich die Ereignisse abspielen. Belsazar hat seine Fürsten und Gewaltigen zu einem großen Mahl geladen. "Belsazar befahl, als der Wein ihm schmeckte, daß man die goldenen und die silbernen Gefäße herbeibrächte, welche sein Vater Nebukadne­zar aus dem Tempel zu Jerusalem weggenommen hatte, auf daß der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Kebsweiber daraus tränken. Dann brachte man die goldenen Gefäße, welche man aus dem Tempel des Hauses Gottes zu Jerusalem weggenommen hatte; und der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Kebsweiber tranken daraus. Sie tranken Wein und rühmten die Götter von Gold und Silber, von Erz, Eisen, Holz und Stein" (V. 2‑4). Die weltlichen Geschichtsschreiber erzählen uns, daß es ein jährliches Fest gewesen sei, auf dem man sich wie gewöhn­lich, trotz der Belagerung Babylons durch die Meder, aller Ausschweifung und Zügellosigkeit hingegeben und dadurch dem Feind eine günstige Gelegenheit geboten habe, die Stadt zu überrumpeln. Wie dem auch sei, die Schrift teilt uns mit, wie der König, eingewiegt in eine trügerische Sicherheit, diese Gelegenheit benutzte, die falschen Götter der Heiden zu verherrlichen und zu erheben und den wah­ren Gott, den Gott Israels, auf freche Weise zu verhöhnen. Es war nicht nur das Streben, eine einheitliche Religion zu schaffen, den Götzendienst einzuführen, nicht nur der Hochmut des Herzens, der spricht: "Ist das nicht das große Babel, das ich erbaut habe durch die Stärke meiner Macht . . . ? " ‑ es war offenbare Gottlosigkeit, es war schamlose Entehrung des Gottes droben, der Sein Volk seines Ungehorsams wegen in die Hände der Heiden gegeben hatte. Welche Macht dieser Gott im Gericht über Nebukadnezar ausgeübt hatte, und welche Macht in Gnade Er an Seinen treuen Bekennern aus Israel erwiesen hatte ' fand nicht die geringste Beachtung bei diesem gottlosen König; die Vergangenheit schien seinem Gedächtnis völlig entschwunden zu sein. Belsazar stellte in seinem wahnsin­nigen Übermut seine Götter von Gold und Silber, Erz, Eisen, Holz und Stein über den höchsten Gott. Er pries jene und entehrte auf eine greuliche Weise die Gefäße aus dem Tempel zu Jerusalem, die diesem geweiht waren. Er stand auf dem Gipfel der Gottlosigkeit, und das Gericht über ihn und Babylon war vor der Tür. (Vergl. Jes 13; Jer 25 u.a.) Gott Selbst erscheint, um die Frage zwischen Sich und jenen toten Götzen zu entscheiden. Doch ehe Er Sein Gericht hereinbrechen läßt, gibt Er ein feierliches War­nungszeichen. "In demselben Augenblick kamen Fin­ger einer Menschenhand hervor und schrieben, dem Leuchter gegenüber, auf den Kalk der Wand des könig­lichen Palastes; und der König sah die Hand, welche schrieb" (V. 5). Verstand Belsazar auch nicht den Sinn der Worte, die diese Hand schrieb, so erkannte er doch, daß sie von dem Gott kamen, den er auf eine so vermessene Weise herausgefordert und verhöhnt hatte. "Da veränderte sich die Gesichtsfarbe des Königs, und seine Gedanken ängstigten ihn; und die Bänder seiner Hüften lösten sich, und seine Kniee schlugen aneinander" (V. 6).

 

Mit einem Schlag war die ganze geräuschvolle Szene verän­dert, alle Freude und Wollust in Angst und Entsetzen ver­wandelt. Der stolze König war ein zitternder Sünder gewor­den. In seinem Schrecken vergaß er seine Würde und seine ganze Umgebung. Er "rief mit Macht, daß man die Beschwörer, die Chaldäer und die Wahrsager herein­bringe" (V. 7). Es war umsonst; sie waren nicht fähig, die göttliche Schrift zu entziffern, und sie wurden von Gott mit Seinen Geheimnissen nicht betraut. Die Weisen Babels waren in bezug auf die Gedanken Gottes zur Zeit Belsazars ebenso unwissend wie zur Zeit Nebukadnezars. Trotz der lockenden Aussichten und der glänzenden Versprechungen vermochten sie "nicht die Schrift zu lesen, noch die Deutung derselben dem König kundzutun" (V 8). Wurde er durch ihre Unwissenheit beruhigt? Im Gegenteil, wir lesen: "Da geriet der König Belsazar in große Angst, und seine Gesichtsfarbe veränderte sich an ihm; und seine Gewaltigen wurden bestürzt" (V 9).

 

Es gab noch eine Person an dem gottlosen Hof Belsazars, die Königin*), die sich des Mannes erinnerte, der sich unter Nebukadnezar wegen seines vortrefflichen Geistes vor allen Weisen Babels ausgezeichnet hatte. Sie kam in diesem verhängnisvollen Augenblick in das "Haus des Ge­lages", wo sich das Lachen und der Übermut der aus­schweifenden Gesellschaft in Angst und Entsetzen verwan­delt hatte, und sprach zu dem König: "Es ist ein Mann in deinem Königreich, in welchem der Geist der heiligen Götter ist; und in den Tagen deines Vaters wurden Erleuchtung und Verstand und Weisheit gleich der Weisheit der Götter bei ihm gefunden; und der König Nebukadnezar, dein Vater, hat ihn zum Obersten der Schriftgelehrten . . . erhoben, dein Vater, o König!" (V 11.12). Belsazar hatte sich um Daniel so wenig geküm­mert, wie um den höchsten Gott; er hatte Gott ebensosehr für nichts geachtet, wie jenen Gefangenen aus Juda. Nur Stolz und Trotz füllten sein Herz, sowohl dem Herrn als auch Seinem Diener gegenüber. Doch in seiner Angst hörte er auf den Rat der k,65n‑igin und ließ Daniel hereinbringen. "Der König hob an und sprach zu Daniel: Bist du Daniel, einer der Weggeführten von Juda, welche der König, mein Vater, aus Juda hergebracht hat?" (V. 13). Dann teilt er ihm mit, was er über ihn gehört hat und in welcher großen Verlegenheit er sich befindet, und daß alle Weisen und Beschwörer Babels ihm nicht helfen können. Schließlich fügt er hinzu: "Nun, wenn du diese Schrift zu

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*) Wahrscheinlich die Königin‑Mutter; wenigstens scheint das aus einem Vergleich der Verse 2 und 10 hervorzugehen.

 

lesen und ihre Deutung mir kundzutun vermagst, so sollst du mit Purpur bekleidet werden, mit einer golde­nen Kette um deinen Hals, und du sollst als Dritter im Königreich herrschen" (V. 16). Doch wie lautet die Ant­wort Daniels? "Deine Gaben mögen dir verbleiben, und deine Geschenke gib einem anderen; jedoch werde ich die Schrift dem König lesen und die Deutung ihm kundtun" (V. 17). Wie ganz anders ist die Sprache und das Verhalten Daniels vor diesem König, als einst vor Nebukad­nezar, seinem Großvater! Mit kurzen, ja fast verächtlichen Worten weist er die Geschenke Belsazars zurück, der sich öffentlich als ein übermütiger und trotziger Feind Gottes dargestellt hatte. Deshalb verfährt Daniel dementspre­chend mit ihm. Zunächst ruft er ihm ins Gedächtnis zu­rück, daß jener von ihm verhöhnte höchste Gott es war, der Nebukadnezar das Königreich und Größe und Ehre und Herrlichkeit gegeben hatte; dann erinnert er ihn an die Gesichte dieses Königs und an die Wege Gottes mit ihm, wie Er ihn erniedrigte, als er sich in seinem Stolz erhob, wie er ihm seinem Thron nahm, ihn von den Menschen ausstieß und den Tieren gleichmachte, "bis er erkannte, daß der höchste Gott über das Königtum der Men­schen herrscht, und darüber bestellt wen er will" (V. 21). Dann fährt er fort: "Und du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du dieses alles gewußt hast. Und du hast dich über den Herrn des Himmels erhoben . . . aber den Gott, in dessen Hand dein Odem ist, und bei dem alle deine Wege sind, hast du nicht geehrt“ (V. 22.23). Belsazar hatte dies alles gewußt, es aber nicht im geringsten beach­tet, und das machte ihn um so strafbarer. Er hatte die Gefäße des Hauses Jehovas mit ruchloser Hand angetastet und seine eigenen Götzen von Gold und Silber, Erz, Eisen, Holz und Stein, die nicht sehen und nicht hören und nichts wissen, gepriesen. Er hatte den höchsten Gott, den Gott des Himmels, herausgefordert und verhöhnt; er hatte ihn verworfen und den Teufel erhoben. Denn dieser war es, der sich hinter jenen Götzen von Silber und Gold verbarg und diese öffentliche und schmähliche Entweihung und Ent­ehrung des höchsten Gottes in Szene setzte, und dessen willenlose Werkzeuge Belsazar und seine Gewaltigen waren. Mochten diese in ihrer Handlungsweise auch nur eine Verherrlichung ihrer Siege über die früher so mäch­tige, jetzt aber völlig niedergeworfene Nation der Juden sehen, so war es doch in Wirklichkeit eine direkte, persönli­che Beleidigung des einzigen, wahren Gottes. Und Er Selbst tritt hier auf den Schauplatz, um diesem Angriff zu begegnen. "Da wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift gezeichnet. Und dies ist die Schrift, wel­che gezeichnet worden ist: Mene, mene, tekel, uphar­sin. Dies ist die Deutung der Sache: Mene ‑ Gott hat dein Königtum gezählt und macht ihm ein Ende. Tekel ‑ du bist auf der Waage gewogen und zu leicht erfun­den worden. Peres ‑ dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben" (V. 24‑28).

 

Alle Weisen Babels waren nicht fähig gewesen, diese Schrift zu lesen, obwohl die Worte der chaldäischen Spra­che angehörten, die sie, da es ihre Muttersprache war, doch eigentlich besser verstehen mußten als Daniel, der sie viel­leicht erst später erlernt hatte; sie waren nicht imstande, den Sinn dieser Schrift zu deuten. Es mangelte ihnen nicht nur an dem Geist der Prophezeiung, sondern an jeder Verbindung mit Gott. Bei Daniel war beides; er war in Gemeinschaft mit Gott; er wandelte in Seinem Licht, und der Geist der Weissagung ruhte auf ihm. Er war nicht nur fähig, die Schrift zu lesen, sondern auch ihre Deutung mitzuteilen. Doch was für ernste Worte! Es war die letzte feierliche Warnung Gottes vor dem Gericht, eine Warnung jedoch, die dieses Gericht schon ankündigte und keine Zeit mehr zur Buße ließ. Belsazar hatte die ernste Warnung, die ihm in der Geschichte Nebukadnezars erteilt worden war, unbeachtet gelassen, und so blieb kein Heilmittel für ihn übrig; seine Stunde war gekommen. "In derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet" (V 30). Das Gericht über Babylon wurde vollzogen.

 

Wie schon bemerkt, macht uns dieses Kapitel mit dem letzten Charakter der Bosheit und Gottlosigkeit bekannt, den die herrschende Macht der Nationen im Widerstand gegen den Gott Israels annimmt, und zugleich mit dem Gericht, das darauf folgt.

 

Kapitel 6

 

Wir sind jetzt in unserer Betrachtung bis zur Offenbarung des vierten und letzten Vorbildes der Herrschaft der Natio­nen gekommen. In Kapitel 3 begegneten wir der Einfüh­rung des Götzendienstes als eines einheitlichen Religions­systems; in Kapitel 4 der Selbstüberhebung: "Ist das nicht das große Babel, welches ich . . . erbaut habe durch die Stärke meiner Macht"; in Kapitel 5 der offenbaren Gottlosigkeit und Verhöhnung des Gottes Israels. Dieses Kapitel stellt uns, wie ich glaube, in der Geschichte und Handlungsweise des Darius die schreckliche Schlußszene der gegenwärtigen Verwaltung, der Regierung der Natio­nen, vor Augen. Ohne Zweifel finden wir bei Darius per­sönlich bessere Züge als bei seinen Vorgängern; er selbst war nicht das Werkzeug der Bosheit, die Daniel zu vernich­ten trachtete, und wir könnten darin eine Schwierigkeit erblicken, ihn für ein Vorbild des am Ende dieses Zeitalters offenbar werdenden Menschen des Verderbens zu halten. Bei der Betrachtung eines Vorbildes müssen wir jedoch stets im Auge behalten, daß es sich dabei nicht um den persönlichen Charakter oder Zustand dessen handelt, der dieses Vorbild darstellt. So war z. B. Aaron, wie uns allen bekannt ist, ein Vorbild auf Christus als Hoherpriester, und doch können wir ihn unmöglich in allen seinen Handlungen mit unserem gepriesenen Herrn vergleichen. Denken wir nur an sein Verhalten am Fuß des Berges Sinai, wo er das goldene Kalb machte, und wir werden völlig überzeugt sein, daß es ganz verwerflich wäre, da eine Ähnlichkeit zwischen beiden zu suchen. Ebenso war David ein schönes Vorbild von Christus als König, sowohl zur Zeit seiner Erniedrigung und Verwerfung, als er, von Samuel zum König gesalbt, vor der Gewalt und Wut Sauls fliehen mußte, als auch später in seiner glorreichen Regierung, nachdem er alle seine Feinde niedergeworfen hatte; und doch war es gerade David, der eine so schreckliche Sünde an Urija und seiner Frau beging. Ähnlich verhält es sich mit dem Vorbild in unserem Kapitel, mit Darius, wenn auch in umgekehrter Weise. Obwohl bei diesem König manche löb­lichen Eigenschaften vorhanden waren, so war er dennoch ein Vorbild jenes Menschen, der sich an den Platz Gottes setzen wird; denn dies war es, was Darius grundsätzlich tat. Während Belsazar öffentlich Gott verhöhnte und mit dem geweihten Gut des Höchsten seinen Spott trieb, während er seine eigenen Götter erhob und pries, machte Darius sich selbst zum Gott, obwohl er es vielleicht nicht erkannte oder wollte und nur ein willenloses Werkzeug seiner Umgebung war. Wir haben deshalb in dem 5. und 6. Kapitel die Vorbil­der von den Schlußszenen des gegenwärtigen Zeitlaufs, das Gericht Babylons und des Tieres. Das 17., 18. und 19. Kapitel der Offenbarung geben uns eine spezielle Mittei­lung darüber. Babylon repräsentiert die religiöse Verderb­nis jener Tage, und das Tier die schreckliche Anmaßung eines Menschen, der, von Satan hervorgebracht, den Platz Gottes auf der Erde einnimmt (Vergl. 2. Thess 2,3 ‑ 10).

 

Wenden wir uns jetzt zu dem Kapitel selbst. Darius, der Meder, hatte das Königreich empfangen, und er machte Daniel zum Vorsteher über den dritten Teil seiner hundert­zwanzig Satrapen. In dieser Stellung übertraf Daniel so sehr seine Mitvorsteher und Satrapen an Einsicht und Ver­stand, daß der König beschloß, ihn über das ganze König­reich zu setzen. Dies aber erweckte den Neid und Haß jener Angesehenen. "Da suchten die Vorsteher und die Satrapen einen Anklagegrund gegen Daniel von seiten der Verwaltung zu finden; aber sie konnten keinen Ankla­gegrund und keine schlechte Handlung finden, weil er treu war und kein Vergehen und keine schlechte Hand­lung an ihm gefunden wurden" (V. 5). Welch ein schönes Zeugnis für Daniel! Er war in seiner äußeren Stellung so treu und gewissenhaft, daß selbst das scharfblickende Auge des Neides und Hasses keinen Vorwand zur Anklage finden konnte. Wirklich ein nachahmungswürdiges Beispiel für jeden, der den Namen des Herrn anruft! Mag eine solche Treue auch den Haß und die Feindschaft unserer Mitmen­schen wachrufen, so ist sie doch ein kräftigeres Zeugnis für unser Bekenntnis als die beredtesten Worte. Durch ein treues und gewissenhaftes Verhalten selbst in unserem irdi­schen Beruf und in den Beziehungen dieses Lebens ver­herrlichen wir Gott und zieren die Lehre, die wir beken­nen, während das Gegenteil der Fall ist, wenn wir uns Untreue und Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen. Möchten wir das stets beherzigen! An Daniel konnte selbst von seinen ärgsten Feinden kein Vergehen und keine schlechte Handlung gefunden werden. "Da sprachen diese Männer: Wir werden gegen diesen Daniel keinen Anklagegrund finden, es sei denn, daß wir in dem Gesetz seines Gottes einen gegen ihn finden" (V 6). Durch den Plan, den jetzt die Feinde wider Daniel schmie­deten, um ihn zu verderben, gaben sie ihm aufs neue ein schönes Zeugnis; sie rechneten auf seine unwandelbare Treue gegen Gott und Sein Gebot, und sie täuschten sich nicht. Der Jüngling, der sich im Palast des Königs Nebu­kadnezars in seinem Herzen vornahm, sich nicht mit der Tafelkost des Königs zu verunreinigen, besaß als Mann dieselbe Gesinnung, dieselbe Furcht Gottes in seinem Innern. Er war aus seiner Niedrigkeit als Sklave hoch erho­ben worden. Schon Nebukadnezar "setzte ihn als Herr­scher ein über die ganze Landschaft Babel und zum Obervorsteher über alle Weisen von Babel", und er hatte den Ehrenplatz im Tore des Königs (Kap. 2,48.49). Darius erhob ihn zu einem der drei Vorsteher der Satrapen und gedachte sogar, ihn über das ganze Königreich zu set­zen; aber Daniel blieb stets derselbe in seiner Treue und in seinem Gehorsam gegen die Gebote seines Gottes; und diese Treue sollte der Fallstrick sein, in dem seine Feinde ihn fangen und verderben wollten. Sie beschlossen, nach dem Gebrauch der Meder und Perser ein Gesetz zu ma­chen, das jeden Untertan des Königs verbot, innerhalb dreißig Tagen von einem Gott oder Menschen etwas zu erbitten, außer von Darius selbst. Dann kamen diese Für­sten und Satrapen zum König und baten ihn, das Gesetz zu bestätigen und eine Schrift aufzuzeichnen, "die nach dem Gesetz der Meder und Perser, welches unwiderruflich ist, nicht abgeändert werden darf" (V. 7‑9). Darius gab ihrem Drängen nach; der Vorschlag seiner Gewaltigen schmeichelte seiner Eitelkeit und machte ihn zu ihrem Skla­ven. Das Gesetz der Meder und Perser, daß kein von dem König unterzeichnetes Dekret verändert werden dürfe, war unter dem Vorwand erlassen, dem Willen und der Weisheit des Fürsten den Charakter der Unveränderlichkeit und Un­fehlbarkeit, der Gott allein zukommt, zu verleihen, wäh­rend man augenscheinlich nur damit beabsichtigte, die Untertanen vor seinen Launen zu schützen. Darius ging in die ihm von seinen Schmeichlern gestellte Falle und unter­zeichnete das strenge Gebot, das jeden Übertreter mit dem schrecklichen Tod in der Löwengrube bedrohte. Er setzte Gott beiseite und nahm Gottes Stelle ein. Jeder Gedanke an Ihn wurde beseitigt, jede Beziehung zu Ihm aufgehoben und jede Abhängigkeit von Ihm geleugnet; kein Nebenbuh­ler, keine gleiche Macht, weder im Himmel noch auf der Erde, wurde geduldet. Jedes Bedürfnis des Menschen, selbst das des Gewissens, sollte nur bei Darius seine Befrie­digung suchen. Welch eine Anmaßung, welch ein Hoch­mut! So ist der Mensch. Im Anfang wollte er Gott gleich sein, und am Ende will er selbst und allein Gott sein. Das ist einer der Züge, welche die Tiefen des menschlichen Herzens charakterisieren.

 

Wie aber verhielt sich Daniel inmitten dieser großen Prü­fung? Er kannte die boshaften Pläne, die Ränke seiner Feinde; er wußte, daß ein unabänderliches Urteil über sei­nem Haupt hing, und daß ihm ein schrecklicher Tod in der Löwengrube sicher war. Welche Schritte tat er, um die Bosheit seiner Feinde zuschanden zu machen? Nahm er seine Zuflucht zum König, dessen Vertrauen er besaß und dessen Gunst er in so hohem Maße genoß? Oder unterwarf er sich dem strengen Gebot und machte für eine Zeit, wenn auch nur äußerlich, den König zu seinem Gott? Der glau­benstreue und ergebene Daniel tat weder das eine noch das andere. "Und als Daniel erfuhr, daß die Schrift aufge­zeichnet war, ging er in sein Haus; und er hatte in seinem Obergemach offene Fenster gegen Jerusalem hin; und dreimal des Tages kniete er auf seine Kniee und betete und lobpries vor seinem Gott, wie er vor­dem getan hatte" (V 11). Er änderte sein Verhalten nicht im geringsten. Er verschloß weder seine nach Jerusalem hin geöffneten Fenster, noch kam er weniger in das Haus, um seine Kniee zu beugen vor seinem Gott, noch verwandelte er seine Lobopfer in Flehen und Seufzen. Er nahm den Platz vor seinem Gott ein, der ihm geziemte, und ließ Gott Seinen Platz. Was hatte die Bosheit der Menschen oder das strenge Gebot eines Königs damit zu schaffen? War das gesegnete Band zwischen ihm und seinem Gott und sein Verhalten vor Ihm in irgendeiner Weise davon abhängig? Es gab nichts, was dem Glauben Daniels sein Ziel verrücken konnte, und dieses Ziel war die Verherrlichung Gottes. Sein Blick blieb unverrückt aufwärts gerichtet, und so blie­ben die Dinge hier ohne Wirkung auf ihn. Ein weniger treuer Diener würde es für angemessen gehalten haben, doch in etwa den Umständen Rechnung zu tragen und kein öffentliches Ärgernis zu geben, die Fenster zu schließen und im Verborgenen die Kniee vor seinem Gott zu beugen. Aber wo wäre dann das Zeugnis geblieben? Wie wäre Gott verherrlicht worden?

 

Kurz, Daniel dachte nicht so. Er setzte seinen bisherigen Weg des Glaubens in aller Einfalt und Treue fort, unbe­kümmert darum, ob der Teufel auf ihn lauerte und ihn zu verschlingen drohte oder nicht. Er handelte genau so, wie seine Feinde es erwartet hatten, und gab ihnen auf diese Weise den heiß erwünschten Anlaß zur Klage gegen ihn. Sie kamen zum König, erinnerten ihn an das von ihm unterzeichnete Verbot und brachten dann ihre Anklage vor, indem sie sagten: "Daniel, einer der Weggeführten von Juda, achtet nicht auf dich, o König, noch auf das Verbot, welches du hast aufzeichnen lassen; sondern er verrichtet dreimal des Tages sein Gebet“ (V. 14). Beachten wir wohl, daß sie nicht sagen: "Daniel, einer der Vorsteher", sondern: "einer der Weggeführten von Juda", und dann hinzufügen: "achtet nicht auf dich, o König", um dadurch sein verletztes und gekränktes Ehrgefühl aufzustacheln und seinen ganzen Zorn wachzurufen. Doch hierin erreichten sie ihre Absicht nicht, denn wir lesen: "Da wurde der König, als er die Sache hörte, sehr betrübt, und er sann darauf, Daniel zu retten; und bis zum Untergang der Sonne bemühte er sich, ihn zu befreien" (V 15). Aber alle seine Bemühungen waren ver­geblich; das Gesetz konnte nicht verändert werden. Er hatte sich durch die ränkevollen Schmeicheleien seiner Für­sten und Satrapen betören lassen und mußte jetzt die bitte­ren Früchte seiner schlechten Handlungsweise ernten. Auf das Drängen dieser Leute gab er endlich den Befehl, Da­niel herzubringen und in die Löwengrube zu werfen, in der schwachen Hoffnung, daß der Gott Daniels ihn aus dem, Rachen der wilden Tiere erretten werde. "Dein Gott, welchem du ohne Unterlaß dienst", ‑ welch ein schönes Zeugnis aus dem Mund eines heidnischen Königs! ‑ "er möge dich retten!" (V. 17). Und Er tat es! Der Gott, der die Kraft des Feuers zu löschen vermochte, so daß Sadrach, Mesach und Abednego unversehrt blieben, vermochte auch den Rachen der Löwen zu stopfen, so daß Daniel nicht das geringste Leid geschah. "Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu retten". Daniel durchlebte in der Lö­wengrube unter hungrigen und blutdürstigen Raubtieren eine weit ruhigere und friedlichere Nacht, als der König Darius in seinem Palast. Wir lesen von dem König, daß er fastend übernachtete, und daß sein Schlaf von ihm floh (V. 19). Sein Gewissen war belastet und sein Herz mit Kummer erfüllt. In der ersten Morgendämmerung eilte er zur Grube, deren Öffnung er mit einem versiegelten Stein verschlossen hatte, und rief mit trauriger Stimme: "Da­niel, Knecht des lebendigen Gottes, hat dein Gott, welchem du ohne Unterlaß dienst, vermocht, dich von den Löwen zu retten?" (V. 21). Und Daniel gab zur Ant­wort: "0 König, lebe ewiglich! Mein Gott hat seinen Engel gesandt und hat den Rachen der Löwen ver­schlossen, daß sie mich nicht verletzt haben, weil vor ihm Unschuld an mir gefunden wurde; und auch vor dir, o König, habe ich kein Verbrechen begangen" (V. 23). Darius, verleitet durch seine ruchlosen Schmeich­ler und seinen eigenen Ehrgeiz, hatte den zum Tod verur­teilt, der vor Gott und Menschen schuldlos war. Jetzt aber war er überaus froh, daß der Gott Daniels ins Mittel getre­ten war und Seinen treuen Diener bewahrt hatte. Er gab Befehl, ihn aus der Grube zu ziehen, aber jene Vorsteher und Satrapen, seine Feinde und Ankläger, mit ihren Frauen und Kindern hineinzuwerfen. "Und ehe sie noch auf den Boden der Grube gekommen waren, bemächtigten sich ihrer die Löwen und zermalmten alle ihre Ge­beine" (V. 25). Schreckliches Gericht! Sie fielen selbst in die Schlinge, die sie mit so großer Schlauheit und scheinba­rem Erfolg für Daniel gelegt hatten, und sie kamen darin um, während an dem Propheten "kein Schaden gefunden wurde". Hier bewahrheitete sich das Wort des Psalmisten auf eine schreckliche Weise: "Versunken sind die Nationen in die Grube, die sie gemacht; ihr Fuß ward gefangen in dem Netze, das sie heimlich gelegt haben. Jehova ist be­kannt geworden. er hat Gericht ausgeübt, indem er den Gesetzlosen verstrickt hat in dem Werke seiner Hände" (Ps 9,15.16).

 

Daniel stellt hier in besonderer Weise den treuen Überrest Israels in den letzten Tagen dar, der ebenfalls infolge seines Zeugnisses von seinen Feinden sehr verfolgt, aber durch das Eingreifen der starken Hand Gottes vor ihrer Wut bewahrt werden wird; auch wird das Gericht, das diese über das treue Häuflein zu bringen gedenken, an ihnen selbst vollzogen werden; und das Resultat dieses Gerichts wird dann ähnlich sein wie hier: die Nationen werden den lebendigen Gott als den Gott Israels, dessen Königreich nie vergeht, anerkennen. Der Unterschied zwischen dem Be­kenntnis des Nebukadnezar und dem des Darius ist beach­tenswert. Jener pries den König des Himmels und den Höchsten und verbot, daß etwas Böses wider den Gott Israels gesagt werde; von diesem aber lesen wir: "Von mir wird Befehl gegeben, daß man in der ganzen Herr­schaft meines Königreichs bebe und sich fürchte vor dem Gott Daniels; denn er ist der lebendige Gott und besteht in Ewigkeit, und sein Reich wird nie zerstört werden, und seine Herrschaft währt bis ans Ende; der da rettet und befreit, und Zeichen und Wunder tut im Himmel und auf der Erde: denn er hat Daniel aus der Gewalt der Löwen errettet“ (V 27.28). Die durch das Gericht hervorgebrachte Wirkung erstreckt sich hier viel weiter als bei den früheren Ereignissen. Zugleich sehen wir, daß Darius persönlich Gefühle der Achtung vor Gott und vor Daniels Frömmigkeit hatte. Es war nicht sein Gott, sondern der Gott Daniels; er ehrt Ihn und nennt Ihn des­halb den lebendigen Gott.

 

Wir sind damit am Ende des ersten Teils des Buches Daniel angelangt. Mit dem nächsten Kapitel beginnen die dem Propheten persönlich gemachten Mitteilungen, die nicht nur allgemeine Grundsätze und Vorbilder enthalten, son­dern sich mit Einzelheiten der Geschichte des Volkes Israel und der Nationen, die Israel unterdrückten, beschäftigen. Aus diesem Grund schließt auch, wie schon in der Einleitung bemerkt ist, das sechste Kapitel mit den Worten:

 

"Und dieser Daniel hatte Gedeihen unter der Regie­rung des Darius und unter der Regierung Kores', des Persers", während das siebte Kapitel wieder bis zum ersten Jahr des Königs Belsazar zurückgeht.

 

Kapitel 7

 

Wie am Schluß des vorigen Kapitels bereits bemerkt wurde, finden wir in diesem und den folgenden Kapiteln die Mit­teilungen, die Gott dem Propheten selbst machte. Diese Mitteilungen stehen in enger Beziehung zum Volk der Juden und enthalten in besonderer Weise die Segnung, die dieses Volk oder vielmehr der treue Überrest schließlich erlangt. Im vorliegenden Kapitel begegnen wir wieder den vier heidnischen Reichen, die in Babylon ihren Anfang nahmen. Während sie jedoch im zweiten Kapitel dem König Nebukadnezar im Traum unter der Form eines gro­ßen Bildes vorgestellt wurden, treten sie uns hier in der Gestalt von vier wilden Tieren entgegen. Zudem wird auch hier das Königreich der Himmel durch den Herrn Jesus, den Sohn des Menschen, eingeführt. Doch müssen wir bemerken, daß jene schon im zweiten Kapitel erwähnten Reiche hier von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus betrachtet werden. In jenem Bild handelte es sich um die Beziehungen der einzelnen Reiche zueinander, während sie hier in Verbindung mit dem Volk Israel gesehen werden und so, wie Gott sie betrachtet.

 

Das siebte Kapitel bildet gleichsam die Einleitung zum zwei­ten Teil des Buches Daniel und enthält drei Gesichte. Das erste Gesicht (V. 2‑6) beschäftigt sich mit der Schilderung der drei ersten Tiere. Diesen wird zwar der Reihe nach die Herrschaft genommen, aber sie behalten ihr Leben und wer­den nicht vertilgt., Das zweite Gesicht (V. 7‑12) enthält eine spezielle Beschreibung des vierten Tieres. Das dritte Gesicht (V 13 u.f.) zeigt, wie schließlich die ganze Herrschaft in die Hand des Sohnes des Menschen gegeben wird.

 

im ersten Jahre Belsazars, des Königs von Babel, sah Daniel einen Traum und Gesichte seines Hauptes auf seinem Lager. Dann schrieb er den Traum auf, die Summe der Sache berichtete er. Daniel hob an und sprach: Ich schaute in meinem Gesicht bei Nacht, und siehe, die vier Winde des Himmels brachen los auf das große Meer. Und vier große Tiere stiegen aus dem Meere herauf, eines verschieden von dem anderen" (V. 1‑3). Das unruhige, wogende Meer ist hier, wie an ver­schiedenen anderen Stellen der Schrift, ein Bild von un­geordneten Völkermassen ‑ von einer unzähligen Menge von Menschen, die sich in politischer Anarchie befinden. Aus ihrer Mitte steigen die vier Tiere oder die durch sie repräsentierten Reiche herauf. Sie kommen eins nach dem anderen zum Vorschein; sie bestehen nicht, wie wir schon im zweiten Kapitel gesehen haben, zu gleicher Zeit, son­dern treten nacheinander unter der Leitung Gottes ihre Herrschaft über diese Welt an. Jedoch werden sie hier nicht als von Gott eingesetzt, sondern in ihrem rein geschicht­lichen Charakter und Verhältnis betrachtet.

 

"Das erste war gleich einem Löwen und hatte Adlers­flügel" (V 4). Das sind die charakteristischen Merkmale des. babylonischen Reiches. An mehreren Stellen der Schrift ist von Nebukadnezar unter dem Bild eines Löwen und eines Adlers die Rede. So lesen wir z. B. von ihm in Jeremia 4,7: "Ein Löwe steigt herauf aus seinem Dickicht, und ein Verderber der Nationen bricht auf", und in Kap. 49,19.22: "Siehe, er steigt herauf wie ein Löwe, von der Pracht des Jordan, wider die feste Wohnstätte ... Siehe, wie der Adler zieht er herauf und fliegt und breitet seine Flügel aus über Bozra" (Vergleiche auch Hes 17). Hier bei Daniel finden wir die beiden Tiergestalten in einem Körper vereinigt. Die furchtbare Kraft des Löwen und die Schnel­ligkeit des Adlers, der sich in hohem und raschem Flug über alles zu erheben vermag, charakterisieren die babylonische Macht. Doch bald zeigt sich eine große Veränderung, die freilich zur Zeit dieser Mitteilung an den Propheten nur dem Auge Gottes offenbar war; die Kraft schwindet und die Schnelligkeit wird weggenommen: "Ich schaute, bis seine Flügel ausgerissen wurden, und es von der Erde aufgehoben und wie ein Mensch auf seine Füße gestellt und ihm eines Menschen Herz gegeben wurde" (V. 4). Das wilde Tier wurde geschwächt und erniedrigt. Babylon wurde nicht völlig vernichtet, aber seine Oberherrschaft über die damals bekannte Welt wurde ihm genommen; es wurde gedemütigt und unterjocht.

 

Der fünfte Vers enthält die Beschreibung des medo‑persi­schen Reiches, der Brust und Arme von Silber. "Und siehe, ein anderes, zweites Tier, gleich einem Bären; und es rich­tete sich auf einer Seite auf." Das zweite Reich hatte weder die Energie, noch den schnellen Flug des ersten, es war schwerfälliger und von vornherein aus zwei Hauptelemen­ten, den Medern und Persern, zusammengesetzt. Zunächst rissen, wie wir in Kap. 5,30 und 6,1 gesehen haben, die Meder unter Darius das Königreich an sich; ihre Herrschaft war aber nur von kurzer Dauer. Die Perser, unter der Führung des Cyrus, machten sich von der Botmäßigkeit der Meder frei und bemächtigten sich bald nachher der ganzen Herrschaft. Bis zum Untergang des medo‑persischen Rei­ches saß fortwährend ein Perser auf dem Thron. Aus die­sem Grund wird auch gesagt, daß sich das Tier auf der einen Seite aufrichtete. Durch die folgenden Worte: "Und es hatte drei Rippen in seinem Maule zwischen seinen Zähnen; und man sprach zu ihm also: Stehe auf, friß viel Fleisch!", wird, wie ich nicht zweifle, die außerge­wöhnliche Raubgier und Eroberungssucht des persischen Reiches bezeichnet. Freilich behandelten sowohl Cyrus als auch seine Nachfolger das jüdische Volk mit Nachsicht und ließen es in sein Land zurückkehren; denn die von Gott bestimmte Zeit der Rückkehr war gekommen. Aber im allgemeinen waren die Perser hart und grausam gegen an­dere, und besonders gegen die Völker, die sich ihrer Herr­schaft nicht unterwerfen wollten und erst nach längeren Kämpfen bezwungen wurden.

 

Wir kommen jetzt zu dem dritten Tier. "Nach diesem schaute ich, und siehe, ein anderes, gleich einem Par­del; und es hatte vier Flügel eines Vogels auf seinem Rücken; und das Tier hatte vier Köpfe, und Herrschaft wurde ihm gegeben" (V. 6). Dieses Tier entspricht "dem Bauch und den Lenden von Erz" (Kap. 2,32); es repräsen­tiert das dritte Reich, das die Herrschaft empfangen sollte. Es trägt nicht die Stärke und Raubgier der beiden ersten Tiere zur Schau; seine Kraft besteht vielmehr in seiner außerordentlichen Behendigkeit und Ausdauer. Es gleicht einem Pardel, der seine Beute in flüchtigem Lauf verfolgt und sich wie ein Blitz auf sie stürzt. Außerdem hat es noch, als besonderes Symbol der Schnelligkeit, auf seinem Rücken vier Flügel eines Vogels. Es ist das treffende Bild Alexan­ders des Großen und seiner Herrschaft. Während seiner Regierung folgten die wichtigsten Ereignisse mit über­raschender Schnelligkeit aufeinander. In unglaublich kurzer Zeit unterwarf er das ganze ungeheure Gebiet des damals bekannten Asien seiner Oberherrschaft. Er durchflog im wahrsten Sinne des Wortes mit seinen Heeren das Land vom ägäischen Meer bis zum Indus, vom schwarzen Meer bis zum Nil. Nichts konnte seinen kühnen und raschen Flug aufhalten. Plötzlich jedoch ereilte ihn der Tod; in der Blüte seiner Jahre erlag er einem hitzigen Fieber. Seine sechs Generäle teilten sich das gewaltige Reich. Allmählich aber schmolzen diese sechs getrennten Reiche in vier zusammen. Das Tier hatte vier Häupter. Es wird uns also in diesem Tier sowohl die anfängliche als auch die spätere Gestalt des griechisch‑mazedonischen Reiches vor Augen gestellt.

 

Das vierte Tier ist Gegenstand eines besonderen Gesichts, und zwar ohne Zweifel deshalb, weil es von weit größerer Bedeutung ist als seine Vorgänger. "Nach diesem schaute ich in Gesichten der Nacht: und siehe, ein viertes Tier, schrecklich und furchtbar und sehr stark, und es hatte große eiserne Zähne; es fraß und zermalmte, und was übrigblieb zertrat es mit seinen Füßen; und es war verschieden von allen Tieren, die vor ihm gewesen, und es hatte zehn Hörner" (V 7). Es wird uns nicht schwer werden, in diesem vierten Tier die Charakterzüge des letzten, des römischen Weltreiches zu erkennen. Es entspricht den "Schenkeln von Eisen und den Füßen, teils von Eisen und teils von Ton" (Kap. 2,33). Im zweiten Kapitel wird der Charakter dieses letzten Königreichs in ähnlicher Weise beschrieben: "Und ein viertes Königreich wird stark sein wie Eisen; ebenso wie das Eisen alles zer­malmt und zerschlägt, so wird es, dem Eisen gleich, wel­ches zertrümmert, alle diese zermalmen und zertrümmern" (V. 40).

 

Das römische Reich wird also durch eine alles überwälti­gende Stärke charakterisiert und durch ein Ungeheuer dargestellt, das in der ganzen Schöpfung nicht seinesgleichen hat.*) "Es war schrecklich und furchtbar und sehr stark und es hatte große eiserne Zähne; es fraß und zermalmte, und was übrigblieb, zertrat es mit seinen Füßen". Das römische Reich besaß eine beispiellose Er­oberungswut und warf ein Volk nach dem anderen mit unwiderstehlicher Gewalt vor sich nieder und brachte ein Land nach dem anderen unter seine Botmäßigkeit. Wollte sich aber ein Volk nicht unter seine Herrschaft beugen, so wurde es vernichtet, oder, bildlich gesprochen, unter den Füßen zertreten. "Und es war verschieden von allen Tieren, die vor ihm gewesen" (V 7). Abweichend von den vorhergehenden Reichen bildete Rom Jahrhunderte hindurch eine Republik, und erst Cäsar gelang es, sich zum Alleinherrscher des unermeßlichen Reiches zu machen. Er wußte die republikanischen Elemente des Reiches mit solch einem eisernen Despotismus zu verbinden, wie er kaum je in der Weit geherrscht haben mag.

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*) Im 13. Kapitel der Offenbarung sieht Johannes "aus dem Meere ein Tier aufstei­gen, das hatte zehn Hörner und sieben Köpfe und auf seinen Hörnern zehn Dia­deme, und auf seinen Köpfen Namen der Lästerung. Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Pardel und seine Füße wie die eines Bären und sein Maul wie eines Löwen Maul. Und der Drache gab ihm seine Macht und seinen Thron und große Gewalt‑ (V. 1.2). Durch das Meer, aus dessen Tiefe das Tier emporstieg, wird uns auch hier, wie oben, der ungeordnete, revolutionäre Zustand der Völker bezeichnet. Aber das Tier unterscheidet sich merklich von dem Tier, das Daniel sah. Es ist gleich einem Pardel und hat die Füße eines Bären und das Maul eines Löwen. Es vereinigt alte jene Eigenschaften in sich, die die drei ersten Reiche charakterisierten und auszeichneten. Zugleich hat es zehn Hörner und sieben Köpfe usw. und der Drache (Satan) gibt ihm seine Macht und seinen Thron und große Gewalt. Es ist das am Ende dieses Zeitalters durch satanischen Einfluß wiederhergestellte römische Reich, das von Satan Macht und Thron und große Gewalt empfängt. Wenn wir in der Offenbarung die Tiere in umgekehrter Reihenfolge angeführt finden, so hat dies darin seinen Grund, daß Daniel unter der Herrschaft des ersten, des babylonischen Reiches lebte, während sich Johannes unter der Herrschaft des letzten, des römi­schen Reiches befand, und also der eine die Tiere vorwärts, der andere rückwärts aufzählte.

 

Außerdem entdecken wir noch ein zweites unterscheiden­des Merkmal. Das Tier hatte "zehn Hörner". Es nimmt eine neue Form an. Das griechische Reich zerfiel nach dem Tod seines Gründers in vier einzelne Königreiche, während die Herrschermacht des römischen Reiches sich in den Händen von zehn gemeinsam regierenden Fürsten oder Königen befinden wird (Vergl. V. 24). Nun hat es aber während des langen Bestehens des römischen Reiches nie eine Zeit gegeben, wo die oberste Gewalt von zehn Köni­gen zugleich ausgeübt wurde. Alle vorher angeführten Ei­genschaften des Tieres, daß es schrecklich, furchtbar und sehr stark war, daß es fraß und zermalmte und das übrige mit seinen Füßen zertrat, mögen ihre Verwirklichung in der Geschichte des römischen Reiches gefunden haben, ‑ und ich glaube, daß dies besonders zur Zeit der Kaiser der Fall war ‑, aber von einer Teilung der Herrschaft unter zehn Könige, ohne eine Zersplitterung des Reiches, ist nie die Rede gewesen. Solange jener ungeheure Koloß bestand, gab es keine zehn Hörner; und als er endlich in sich selbst zusammenbrach, bildeten sich aus den Trümmern zahlrei­che Königreiche; (vielleicht zehn, vielleicht noch mehr) sie entstanden aber erst infolge der Vernichtung der römischen Oberherrschaft. Eine gemeinsame Herrschaft von zehn Königen über ein einheitliches römisches Reich ist bis jetzt eine unerfüllte Sache geblieben. Ich zweifle daher keinen Augenblick daran, daß uns der Heilige Geist in diesen zehn Hörnern den Charakter jenes Reiches vor Augen führen will, den es nach seiner Wiederherstellung in den letzten Tagen annehmen wird.

 

Zur näheren Begründung des Gesagten mag es gut sein, einen Augenblick das Buch der Offenbarung zur Hand zunehmen. Wir finden dort in Vers 8 des 17. Kapitels die Worte: "Das Tier, welches du sahest, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen". Es unterliegt kei­nem Zweifel, daß dieses Tier ein Symbol des römischen Reiches ist, das zur Zeit des Johannes war. Die Zeit des Bestehens der herrschenden Macht Roms umfaßt einige Jahrhunderte vor und nach dem Tod des Propheten. Zur Zeit der Geburt Christi stand es auf dem Gipfel seiner Macht, und in der Person des Landpflegers Pontius Pilatus nahm es teil an der Verwerfung Christi. Sein Bestehen reichte bis ungefähr in die Mitte des fünften Jahrhunderts unserer jetzigen Zeitrechnung. Um diese Zeit drangen die Goten und Vandalen in Italien ein und bereiteten der römi­schen Herrschaft ein schnelles Ende. Das ungeheure Reich zerfiel in Trümmer ‑ es hörte auf zu existieren; und in diesem Zustand befindet es sich heute noch: "es ist nicht". Wir hören aber, das es wiederhergestellt werden wird: es wir "aufsteigen aus dem Abgrund". Es wird aufs neue als ein Reich auf dem Weltschauplatz erscheinen und durch Satan selbst zu Ansehen und Kraft gelangen. In dieser letzten Periode wird es, unterstützt von zehn Köni­gen, die mit dem Tier eine Stunde Gewalt empfangen, mit dem Lamme Krieg führen, "und das Lamm wird sie überwinden" (V 12‑14). In Kapitel 19,11‑21 wird uns die Ausübung dieses Gerichts über das Tier und die Könige der Erde mitgeteilt. Es ist ein vollständiges Gericht; nicht nur daß dem Tier Herrschaft und Gewalt genommen wird, wie früher seinen Vorgängern, sondern es fällt einer gänzli­chen Vernichtung anheim. Dies wird uns auch in unserem vorliegenden Kapitel klar mitgeteilt. "Ich schaute, bis Throne aufgestellt wurden, und ein Alter an Tagen sich setzte: sein Gewand war weiß wie Schnee, und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle; sein Thron Feuerflammen, dessen Räder ein loderndes Feuer. Ein Strom von Feuer floß und ging von ihm aus; tausend mal Tausende dienten ihm, und zehntausend mal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht setzte sich, und Bücher wurden aufgetan" (V. 9.10). Die göttliche Herrlichkeit offenbart sich im Gericht; der Thron des Gerichts Jehovas wird aufgestellt. "Dann schaute ich wegen der Stimme der großen Worte, wel­che das Horn redete: ich schaute, bis das Tier getötet, und sein Leib zerstört und dem Brande des Feuers übergeben wurde" (V. 11). Dieses hier angeführte Horn ist jenes "kleine Horn" in Vers 8. "Während ich auf die Hörner achtgab, siehe, da stieg ein anderes, kleines Horn zwischen ihnen empor, und drei von den ersten Hörnern wurden vor ihm ausgerissen; und siehe, an diesem Horne waren Augen wie Menschenaugen, und ein Mund, der große Dinge redete". Klein in seinen Anfängen, gelingt es ihm durch irgendwelche Mittel, drei der übrigen Hörner auszureißen und sich allmählich zum Leiter und Beherrscher des ganzen Tieres zu machen. Daß dies letztere der Fall ist, beweisen die Worte: "Dann schaute ich wegen der Stimme der großen Worte, wel­che das Horn redete: ich schaute, bis das Tier getö­tet, . . wurde". Es heißt nicht: "Ich sah, bis das Horn ausgerissen oder niedergeworfen wurde". Die Lästerungen des kleinen Hornes haben die völlige Vernichtung des gan­zen Tieres zur Folge. Das Tier wurde getötet und sein Leib zerstört und dein Brand des Feuers übergeben. " Und was die übrigen Tiere betrifft: ihre Herrschaft wurde weg­genommen, aber Verlängerung des Lebens ward ihnen gegeben bis auf Zeit und Stunde" (V. 12). Wie

 

schon bemerkt, zeigt das Gericht des vierten Tieres eine große Verschiedenheit von den drei ersten. Obgleich die­sen die Herrschaft genommen wurde, fielen sie doch kei­ner völligen Vernichtung anheim. Die Überreste des chal­däischen Volkes sind noch heute vorhanden; Persien und Griechenland existieren sogar noch als selbständige Rei­che, wenn sie auch eine untergeordnete Stellung einneh­men. Ihre ehemalige Machtstellung als Beherrscher der Welt ist ihnen freilich genommen; aber "Verlängerung des Leben ward ihnen gegeben bis auf Zeit und Stun­de". Mit dem vierten Reich oder Tier verhält es sich je­doch anders. Die Stunde der Zerstörung seiner Herrschaft ist auch die Stunde seiner gänzlichen Vernichtung.

 

Es ist augenscheinlich, daß die hier erwähnten Ereignisse mit dem Inhalt des 13., 17. und 19. Kapitels der Offenba­rung in engem Zusammenhang stehen. Johannes spricht natürlich nur von dem vierten Tier, dem römischen Reich, weil die Herrschaft der drei vorhergehenden Tiere zu der Zeit, als er seine Offenbarung empfing, schon längst vom Schauplatz verschwunden war. So wie uns dort mitgeteilt wird, daß das Tier seinen Mund öffnete zu Lästerungen wider Gott, wider Seinen Namen und Seine Hütte, und daß es Krieg führte mit den Heiligen und sich empörte gegen das Lamm, so hören wir hier ebenfalls, daß das Horn einen Mund hatte, der große Dinge redete, und daß es Krieg führte mit den Heiligen. In beiden Büchern ist auch das gleiche Gericht, das über das Tier kommt, mitgeteilt. In Offenbarung 19,20 lesen wir: "Und es wurde ergriffen das Tier und der falsche Prophet, der mit ihm war, . . lebendig wurden die zwei in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt." und hier heißt es: "Ich schaute, bis das Tier getötet, und sein Leib zerstört und dem Brande des Feuers übergeben wurde".

 

Die Behauptung, daß alle jene von Daniel und Johannes prophezeiten Gerichte schon über das römische Reich er­gangen seien, ist falsch und entbehrt jeder Grundlage. Ich frage nur: Ist jemals das Haupt des römischen Reiches und einer seiner Helfershelfer, den man unter dem falschen Propheten verstehen könnte, lebendig in die Hölle gewor­fen worden? Gewiß nicht. Es ist wahr, daß das römische Reich schon seit mehr als einem Jahrtausend in Wirklich­keit nicht mehr existiert, wenn es auch dem Namen nach noch länger bestanden haben mag. Aber es wird, wie ge­sagt, wieder zum Vorschein kommen und unter der Leitung eines durch die Wirksamkeit Satans hervorgebrachten und von ihm völlig beeinflußten Hauptes sich in offenem Abfall gegen den Höchsten empören, um dann einem schreck­lichen Gericht anheimzufallen.

 

Werfen wir jetzt noch einen kurzen Rückblick auf das kleine Horn, das Daniel zwischen den zehn Hörnern des Tieres heraufkommen sah. Es ist häufig behauptet worden, daß unter diesem Horn das Papsttum zu verstehen sei. Aber wenn es auch wahr ist, daß eine auffallende Ähnlich­keit zwischen beiden gefunden wird, daß verschiedene Ei­genschaften des kleinen Horns das Papsttum während der Jahrhunderte seines Bestehens charakterisieren, so ge­langte das Papsttum doch erst dann zur Entfaltung seiner Macht, als das römische Reich schon lange vom Schauplatz verschwunden war. Zudem hat nie ein Papst drei von zehn Königreichen in seinen Besitz gebracht. Die päpstliche Macht bestand zu jeder Zeit weit mehr in dem Einfluß auf die Seelen der Menschen, als in dem Besitz von ausgedehnten Länderstrecken, obgleich sie auch danach trachtete und Jahrhunderte hindurch eine weltliche Herrschaft ausübte. Die Erfüllung der Prophezeiung über das kleine Horn liegt noch im Schoß der Zukunft verborgen. Erst bei der späte­ren Wiederherstellung des römischen Reiches wird das kleine Horn in Erscheinung treten, drei der vorhandenen zehn Königreiche, aus denen jenes Reich bestehen wird, an sich reißen und sich zum Haupt des Reiches machen. Ich glaube auch nicht, daß wir unter dem Horn den Antichri­sten zu verstehen haben, sondern die letzte tätige Macht des Bösen in dem römischen Reich oder dem Tier. Jedoch wird der Antichrist ohne Zweifel in enger Verbindung mit diesem Haupt des Tieres stehen und es zu den schreck­lichen Lästerungen, die es gegen den Höchsten ausstoßen wird, anreizen. Wir werden hierauf später noch einmal zu­rückkommen.

 

Es werden uns noch einige andere Mitteilungen über das kleine Horn gemacht, die wir nicht mit Stillschweigen über­gehen dürfen. "Und siehe, an diesem Horn waren Augen wie Menschenaugen, und ein Mund, der große Dinge redete" (V. 8). Dies sind die moralischen Charak­terzüge des Hornes, durch welches das ganze Tier repräsen­tiert wird. Es besitzt den Scharfsinn und den Verstand eines Menschen und maßt sich große Dinge an. Seine Gedanken und Pläne gehen über das Gebiet seiner Herrschaft hinaus. Es übt einen großen moralischen Einfluß auf seine ganze Umgebung aus und erhebt sich mit der verwegensten An­maßung. Es ist nicht nur ein großer Eroberer und Herr­scher, sondern weiß mit großer Schlauheit alles für seine gottlosen, wohlberechneten Pläne und Anschläge zu gewin­nen. Es unterscheidet sich in bemerkenswerter Weise von dem Lamm in Offenbarung 5, das bekanntlich den Herrn darstellt, und als Zeichen der Vollkommenheit Seiner Macht und Einsicht sieben Hörner und sieben Augen hat. Es scheint, daß das hier beschriebene Tier eine größere äußerliche Gewalt besitzt, es hat zehn Hörner. Es ist ein Ungeheuer anstatt eines vollkommenen Menschen und er­hebt sich in frecher Weise über Gott und das Lamm. In­folgedessen wird es, wie wir gesehen haben, in den Feuer­see geworfen, der mit Schwefel brennt.

 

Nachdem das letzte der vier großen wilden Tiere auf diese Weise hinweggetan ist, sieht der Prophet ein neues Gesicht. "Ich schaute in Gesichten der Nacht: Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Men­schen Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor denselben gebracht. Und ihm wurde Herr­schaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird" (V. 13.14). Der Alte an Tagen repräsentiert hier, wie ich glaube, Gott Selbst, während der Eine, der mit den Wolken des Himmels kommt, ohne jeden Zweifel Christus ist *). Er ist gleich dem Sohne eines Men­schen und wird vor den Alten an Tagen gebracht, um von

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*) In der Offenbarung finden wir bei der Beschreibung des Sohnes des Menschen mehrere der herrlichen Eigenschaften wieder, die hier dem Alten an Tagen zuge­schrieben werden. Im ersten Kapitel heißt es : "Und ich ... sah ... einen gleich dem Sohne des Menschen, angetan mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewan­de ... ; sein Haupt aber und seine Haare weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme". Von dem Alten an Tagen lesen wir: "Sein Gewand war weiß wie Schnee, und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle; sein Thron Feuerflammen . . . " Daniel sieht Christus einfach als Mensch, während Johannes Ihn als Mensch und zugleich als Gott erblickte.

 

ihm Königtum und unumschränkte Herrschaft zu empfan­gen. Die Herrschaft Jehovas wird dem Menschen in der Person Christi anvertraut und an die Stelle des Königreichs des letzten Tieres gesetzt. Es ist zu beachten, daß das Königreich nicht eher von dem Sohn des Menschen über­nommen wird, bis das Gericht ausgeübt ist. Christus wird das Tier durch Seine Macht vernichten und danach Seine Herrschaft antreten. Das gleiche fanden wir bei der Be­trachtung des zweiten Kapitels. Ein Stein wurde losgerissen ohne Hände und zermalmte das gewaltige Bild Nebukadne­zars, daß es wie Spreu der Sommertennen wurde, und dann erst wuchs er zu einem gewaltigen Berg an, der die ganze Erde füllte. Die Herrschaft des Sohnes des Menschen ist eine ewige, d. h. sie wird so lange dauern, wie die Erde bestehen wird; denn wir haben es hier immer mit der Erde, nicht mit dem Himmel zu tun. Die jüdischen Propheten reden nur vom tausendjährigen Reich; die Entfaltung der Ratschlüsse Gottes in bezug auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in bezug auf die Kirche und ihre Berufung liegt ganz außerhalb des Gesichtskreises Daniels; die bildet den Inhalt des Neuen Testaments. Dort hören wir von einer Zeit, wo alles, selbst der Sohn, Seinem Gott und Vater unterworfen sein wird, auf daß Gott alles in allem sei (l. Kor 15,28).

 

Wir sind in unserer Betrachtung an dem letzten Abschnitt des Kapitels angelangt. Daniel, betrübt und zugleich er­schreckt durch die Gesichte, die ihm gezeigt worden sind, naht sich einem der Dastehenden und erbittet von ihm Gewißheit über dies alles. Er erhält eine umfassende Erklä­rung, die sich, was wohl zu beachten ist, nicht allein mit den Gesichten selbst beschäftigt, sondern auch einen neuen Gegenstand hinzufügt, der von höchstem Interesse ist. Das ist in den göttlichen Schriften immer der Fall; wenn Gott Sich in Seiner Gnade herabläßt, eine Erklärung über Sein Wort zu geben, werden wir niemals eine bloße Auslegung, sondern stets neue Offenbarungen hinzugefügt finden. In den Gesichten war weder von irdischen noch von himmli­schen Heiligen die Rede, in der Erklärung werden beide eingeführt. Doch dürfen wir, ich wiederhole es, bei dieser Einführung der Heiligen durchaus nicht an die Kirche oder Versammlung denken. In den Gesichten selbst handelte es sich nur um die äußere Geschichte der vier Tiere und um das Gericht des letzten Tieres am Ende; sobald aber in irgendeiner Weise die Ratschlüsse Gottes entfaltet werden, ist die Beziehung der Heiligen zu jenen Ereignissen der Hauptgegenstand.

 

"Diese großen Tiere, deren vier waren, sind vier Kö­nige, die von der Erde aufstehen werden. Aber die Heiligen der höchsten Örter werden das Reich empfan­gen, und werden das Reich besitzen bis in Ewigkeit, ja, bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten" (V. 17.18). Die Heiligen der höchsten Örter werden das Reich empfangen, und nicht der Sohn des Menschen allein. Wenn Er kommen wird, um das Reich in Empfang zu nehmen, dann werden die Heiligen Ihn begleiten und an der Herrschaft teilneh­men. Sie werden hier ebenfalls in Gegensatz gebracht zu den vier Tieren oder Königreichen der Erde. Es mag viel­leicht auffallen, daß hier von diesen vier Tieren gesagt wird: "sie werden von der Erde aufstehen", da dieses mit dem Inhalt des zweiten Verses unseres Kapitels im Widerspruch zu stehen scheint. Aber es soll hier, wie ich glaube, nur ihr rein irdischer Ursprung, im Gegensatz zu dem des Sohnes des Menschen, der mit den Wolken des Himmels kommt, und dem Ursprung der Heiligen der höchsten Örter dargestellt werden.

 

Danach begehrt der Prophet Gewißheit über das vierte Tier, das von allen anderen verschieden war, über die zehn Hörner und über das andere kleine Horn, das heraufkam, das Augen hatte und einen Mund, der große Dinge redete, vor welchem drei Hörner abfielen, und welches ‑ beachten wir diese in dem Gesicht nicht erwähnte Tätigkeit des Horns ‑ "Krieg wider die Heiligen führte und sie be­siegte, bis der Alte an Tagen kam, und das Gericht den Heiligen der höchsten Örter gegeben wurde, und die Zeit kam, da die Heiligen das Reich in Besitz nahmen" (V 21.22). Das ist der besondere Charakterzug des kleinen Horns; es führt Krieg wider die Heiligen, und es überwin­det sie; jedoch nur bis zu dem Augenblick, wo der Alte an Tagen kommt und das Gericht den Heiligen der höchsten Örter gegeben wird. Die Ankunft des Alten an Tagen macht den Verfolgungen und der Macht des kleinen Horns ein Ende; es fällt einem schrecklichen Gericht anheim. Dieses Eingreifen Gottes wird jedoch von noch zwei ande­ren wichtigen Ereignissen begleitet, die daraus hervorgehen und das ganze bisherige Aussehen der Erde verändern. Das Gericht wird den Heiligen der höchsten Örter gegeben, und die Heiligen empfangen das Reich.

 

Wir finden hier zwei besondere, unterschiedliche Klassen von Personen, die unter dem Namen: "Heilige" eingeführt werden. Der ersten Klasse wird jener besondere Titel: "Heilige der höchsten Örter" beigelegt, während die zweite einfach die "Heiligen" oder "das Volk der Heiligen der höchsten Örter" genannt wird (V 27). Beide Klassen unterscheiden sich auch wesentlich in dem, was sie empfan­gen. Den "Heiligen der höchsten Örter" wird das Gericht gegeben; "die Heiligen", oder "das Volk der Heiligen der höchsten Örter" empfangen das Reich. "Das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volke der Heiligen der höchsten Örter gegeben werden. Sein Reich ist ein ewi­ges Reich, und alle Herrschaften werden ihm dienen und gehorchen" (V 27). Der Heilige Geist erwähnt hier nichts vom Gericht; denn die Verleihung des Gerichts ist auf die himmlischen Heiligen beschränkt (V. 22). Anderer­seits sind, wie uns Vers 18 zeigt, die Heiligen der höchsten Örter von dem Reich und der Herrschaft nicht ausgeschlos­sen; sie sind im Gegenteil die ersten, die das Königreich empfangen; aber die Heiligen oder das Volk der Heiligen der höchsten Örter nehmen nur an dieser letzten Segnung teil.

 

Wer aber sind diese beiden Klassen von Heiligen? Beschäf­tigen wir uns zunächst mit der ersten. Der Apostel schreibt an die Gläubigen in Korinth, die miteinander rechteten, und das sogar vor Ungläubigen oder "Ungerechten", wie Paulus sie nennt: "Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden?" (l. Kor 6,2). Dies belehrt uns, daß sie, und in weiterem Sinne die ganze Kirche oder Versamm­lung, das Gericht empfangen werden. Dürfen wir aber unter jenen Heiligen, welche die Welt richten werden, aus­schließlich die Versammlung verstehen? Gewiß nicht; dies würde ebenso verkehrt sein, wie wenn wir die Versamm­lung davon ausschließen wollten. Die Ausdrücke: "Die Heiligen" in 1. Kor 6, und "die Heiligen der höchsten Örter" hier in Daniel sind viel allgemeiner und umfassen eine weit größere Zahl von Personen. Sie schließen alle jene Heiligen ein, die jemals mit dem Höchsten*), mit Gott in Verbindung gestanden haben und jetzt noch in Verbin­dung stehen. Es ist gerade diese Verbindung, die ihnen den Titel: "Heilige der höchsten Örter" verleiht. Es sind alle, deren Herzen droben sind, wo Christus ist, alle, die errettet werden, bevor Christus kommt und die Seinigen zu Sich versammelt, alle, die in den vergangenen Zeitaltern im Glauben gestorben und in Christus entschlafen sind ‑ alle die Heiligen auch, die durch die große Drangsal gehen und als ein Opfer der Verfolgungen des Tieres und des falschen Propheten sterben müssen. Alle diese sind "Heilige der höchsten Örter"; sie alle "werden das Reich empfangen und werden das Reich besitzen bis in Ewigkeit, ja bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten" (V 18); und ihnen allen "wird das Gericht gegeben" (V 22).

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*) Wir finden in der Heiligen Schrift vier Namen für Gott, welche die verschiedenen Beziehungen bezeichnen, in die Er zu den Menschen getreten ist. Er ist der "All­mächtige" (l. Mo 17) in Verbindung mit Abraham und den Patriarchen. Jehova" in Verbindung mit Israel (2. Mo 6). Uns, den Christen, hat Er Sich als "Vater“ geof­fenbart (Joh 17). Hier in Daniel wird Er der "Höchste" genannt, und dies ist auch der Titel, den Er im tausendjährigen Reich annehmen wird. Es ist der Ausdruck der unumschränkten Herrschaft und Oberhoheit Gottes über alles, was Gott genannt wird. Wir lesen in 1. Mose 14, daß Melchisedek (ein Vorbild von Christus als König und Priester, als Priester auf Seinem Thron in der zukünftigen Welt, als König der Gerechtigkeit und als König des Friedens) hervortritt und Abraham, als er von der Schlacht der Könige zurückgekehrt war (ein Bild der Befreiung und des Sieges Israels in den letzten Tagen), segnet von seiten "Gottes, des Höchsten, der Himmel und Erde besitzt", und den Höchsten preist in Abrahams Namen. Der Name "Vater" bewirkt einen Unterschied in der ganzen Stellung des Gläubigen, indem Er ihn mit Christus, dem Sohn, in dem Gott Sich geoffenbart hat, vereinigt. Er steht jetzt vor Gott wie Christus Selbst.

 

Die zweite Klasse, die "Heiligen" (V. 22) oder "das Volk der Heiligen der höchsten Örter" (V. 27), empfängt, wie schon oben bemerkt, ebenfalls das Reich. Aber wenn wir Vers 27 aufmerksam lesen, dann werden wir auch hierin einen bemerkenswerten Unterschied zu jener ersten Klasse finden. "Das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volke der Heiligen der höchsten Örter gegeben wer­den". Während jene Heiligen sich im Himmel befinden und von dort aus über die Erde herrschen, ist ihr Volk auf der Erde und empfängt die Herrschaft unter dem ganzen Himmel. Wir haben, wie ich nicht zweifle, unter diesem Volk alle die Heiligen zu verstehen, die bei der Ankunft des Alten an Tagen noch auf der Erde sein werden.

 

Über die Erklärung der geschichtlichen Einzelheiten des kleinen Horns, die mit Vers 23 beginnt, können wir hinweg­gehen, da wir schon bei der Betrachtung des Gesichts aus­führlich davon gesprochen haben. Nur möchte ich die Auf­merksamkeit des Lesers auf eine besondere Seite der Tätig­keit des kleinen Horns richten, die uns hier zum ersten Mal entgegentritt. Es heißt in Vers 25: "Und er (der elfte König, das kleine Horn) wird Worte reden gegen den Höchsten und die Heiligen der höchsten Örter vernichten; und er wird darauf sinnen, Zeiten und Gesetz zu ändern, und sie werden eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit in seine Hand gegeben werden". Wir haben schon gehört, daß das kleine Horn Lästerungen wider den höchsten Gott ausstoßen und die Heiligen überwältigen und zerstören wird. Hier aber wird noch eine neue Sache hinzugefügt. Es will auch Zeiten und Gesetz ändern, und diese, nämlich die Zeiten und Gesetz, werden auf eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit, d. h. für drei und ein halbes Jahr, in seine Hände gegeben werden. Unter den hier erwähnten be­stimmten Zeiten haben wir, wie ich glaube, religiöse Feste und Einrichtungen zu verstehen. Die in ihr Land zurückgekehrten Juden werden ihre religiösen Formen und Gebräu­che wieder einrichten, und diese wird das Horn in seiner Bosheit und seinem Übermut ganz beseitigen, um so das letzte Zeugnis für das Dasein eines Gottes von der Erde zu verbannen, denn ein Zeugnis ist es immerhin, wenn auch in den Augen Gottes ein völlig wertloses, weil die Wiederher­stellung jener Feste im Unglauben geschieht.

 

Man hat oft gesagt, daß die Heiligen während jenes Zeit­raums von dreieinhalb Jahren in die Hände des kleinen Horns gegeben würden. Doch dies ist ein großer Irrtum. Gott wird die Seinigen niemals in die Hände Seiner Feinde geben. Er mag wohl zu ihrem Besten erlauben, daß sie eine Zeitlang verfolgt werden, aber nie überläßt Er sie auch nur einen Augenblick der Willkür und Wut ihrer Verfolger. Er kann und wird die Seinigen nicht verlassen noch versäu­men. Niemand kann sie aus Seiner Hand, noch aus der Hand des Vaters rauben (Joh 10, 27‑29).

 

Wir haben also im vorliegenden Kapitel zuerst die Macht der vier Tiere im allgemeinen, dann das kleine Horn, das sich zum Oberhaupt des vierten Reiches erhebt, drei von den zehn Königen vernichtet, sich in verwegenem Stolz gegen den Höchsten auflehnt, die Heiligen, die sich mit dem Gott des Himmels einsmachen und jener Anmaßung gegenüber ein treues Zeugnis aufrecht halten, verfolgt und überwindet, und alle jüdischen Einrichtungen abschafft und jede Spur einer Religion von der Erde beseitigt. Zur bestimmten Zeit wird das Gericht über diese aufrühreri­sche Macht ausgeübt und den Heiligen der höchsten Örter gegeben. Zugleich empfangen diese mit Christus das Kö­nigreich und die Herrschaft, und in Verbindung mit ihnen und in Abhängigkeit von ihnen wird das irdische Volk in die Herrschaft über die Königreiche unter dem ganzen Himmel eingesetzt.

 

In den Handlungen und Ratschlüssen Gottes bezüglich der Erde lassen sich drei wichtige Abschnitte unterscheiden.

 

1. Gott hat Seinen irdischen Thron in Jerusalem aufgege­ben und den heidnischen durch Seine Autorität aufgerich­tet. Diese heidnische Macht empört sich jedoch wider Ihn, der ihr Ansehen und Gewalt verliehen hat.

 

2. Die Heiligen werden durch ihre Anerkennung Gottes, den jene Macht verwirft, abgesondert. Sie sind von oben, von dem Himmel, wo Gott nach Aufgeben des Thrones zu Jerusalem jetzt Seinen Platz und Seinen Thron hat.

 

3. Das Gericht wird über jene Macht, die sich gegen Gott auflehnt, ausgeführt und den himmlischen Heiligen gege­ben. Das irdische Volk der Heiligen empfängt die Herr­schaft unter dem Himmel.

 

In Verbindung hiermit offenbart Sich der Herr nicht in der Gestalt des in Zion als König anerkannten Messias, son­dern als "Einer wie eines Menschen Sohn". Dieser Titel ist von weit größerer und ausgedehnterer Bedeutung. Es ist der durch Seine Verwerfung hervorgebrachte Übergang von Psalm 2 zu Psalm 8. Zugleich sehen wir, daß Der, der kommt, um der Macht, die die Heiligen verfolgt, ein Ende zu machen, der Alte an Tagen Selbst ist, d. h. daß Christus Jehova ist. Die Heiligen finden sich in einer leidenden Stellung, da die Erde sozusagen in die Hand des Bösen gegeben ist und sie von dem Bösen verfolgt und überwältigt werden. Sie blicken deshalb auf zum Himmel, erkennen den höchsten Gott an und erwarten aus Seiner Hand ihre Befreiung. Sie erheben sich im Geist über die Erde und schauen aufwärts zu Ihm hin, der im Himmel regiert.

 

Kapitel 8

 

Mit dem Anfang dieses Kapitels tritt im Buch Daniel ein bemerkenswerter Wechsel ein. Der Heilige Geist bedient sich hier wieder der Sprache, mit der das Buch beginnt und in der das Alte Testament überhaupt geschrieben ist ‑ der hebräischen. Ungefähr von Anfang des zweiten Kapitels bis zum Schluß des siebten hat Er die Sprache der babyloni­schen Monarchie ‑ die chaldäische ‑ gebraucht. Die Ursa­che dieser Verschiedenheit ist leicht zu entdecken. Mit dem 8. Kapitel beginnen Gesichte und Offenbarungen, die sich speziell auf das Volk Israel beziehen, und das Land der Juden, ihr Heiligtum, ihre Feste und Opfer zum Gegen­stand haben. Die sechs vorhergehenden Kapitel aber stan­den, wie wir gesehen haben, in engster Verbindung mit der heidnischen Macht und beschäftigten sich fast ausschließ­lich mit deren Geschichte, obwohl das Land und Volk der Juden nie aus dem Auge verloren wurde. Das Haupt der Nationen, der König Nebukadnezar, war es sogar, dem das erste Gesicht, jenes große Bild, gezeigt wurde.

 

Wie im vorhergehenden Kapitel, wird auch hier das Gesicht dem Propheten unter der Regierung des letzten babyloni­schen Königs, Belsazar, zuteil. Die Gesichte der folgenden Kapitel gehören der Zeit an, die dem Sturz des babyloni­schen Reiches folgte. Jedoch scheint der Ort des Gesichts bereits eine gewisse Veränderung anzudeuten. Daniel sieht sich im Osten, in der Burg Susan, in der Landschaft Elam. Susan war die Hauptstadt Persiens. Elam ist der hebräische Name für Persien. "Und ich sah im Gesicht; und es geschah, als ich sah, da war ich in der Burg Susan, welche in der Landschaft Elam ist; und ich sah im Gesicht, und ich war am Flusse Ulai. Und ich erhob meine Augen und sah: und siehe, ein Widder stand vor dem Flusse, der hatte zwei Hörner; und die zwei Hör­ner waren hoch, und das eine war höher als das an­dere, und das höhere stieg zuletzt empor" (V 2.3). Der Widder ist ein wohlbekanntes Symbol, das sich auf persi­schen Monumenten und Gebäuden häufig wiederfindet. Er repräsentiert die medo‑persische Macht, und in seinen bei­den Hörnern die beiden Völker der Meder und Perser und ihre Könige (V. 20). Er entspricht dem Bären des vorigen Kapitels, und wie der sich auf der einen Seite erhob, so wächst hier das eine Horn über das andere empor. "Und das eine war höher als das andere, und das höhere stieg zuletzt empor." Wie schon wiederholt bemerkt, hatte zuerst das medische Element die Oberhand; Darius, der Meder, setzte sich auf den Thron Belsazars. Doch bald mußte es dem kühnen und tatkräftigen Volk der Perser unter Cyrus weichen, und von jener Zeit an ruhte die oberste Leitung des Staates bis zu seinem Untergang stets in den Händen eines Persers.

 

"Ich sah den Widder nach Westen und nach Norden und nach Süden stoßen, und kein Tier konnte vor ihm bestehen, und niemand rettete aus seiner Hand; und er handelte nach seinem Gutdünken und wurde groß." (V. 4). Mit unwiderstehlicher Gewalt brachte Cyrus die benachbarten Völkerschaften unter seine Botmäßigkeit. Nach Norden und Süden, besonders aber nach Westen hin dehnte er unaufhaltsam die Grenzen seines Reiches a s. Ganz Kleinasien unterlag der Gewalt seiner Waffen. Z Geschichte weiß viel zu erzählen von den kühnen Erobe­rungszügen, durch die er ein Volk nach dem anderen zwang, seine Oberhoheit anzuerkennen. Doch brauchen wir uns nicht zu der Geschichte zu wenden; das Wort Got­tes teilt uns alles mit, was für uns zu wissen nötig ist. Wir brauchen nur die beiden Bücher Esra und Nehemia zu lesen, um zu finden, wie ausgedehnt und unbestritten die Herrschaft des persischen Reiches zu der Zeit jener Män­ner war. Jehova Selbst verlieh dem Cyrus seine große Ge­walt und Macht und warf Könige und Völker vor ihm nieder. "So spricht Jehova zu seinem Gesalbten, zu Kores, dessen Rechte ich ergriffen habe, um Nationen vor ihm niederzuwerfen, und damit ich die Lenden der Könige entgürte, um Pforten vor ihm aufzutun, und damit Tore nicht verschlossen bleiben. Ich, ich werde vor dir herziehen und werde das Höckerichte eben machen; eherne Pforten werde ich zerbrechen und eiserne Riegel zerschlagen; und ich werde dir verborgene Schätze und versteckte Reich­tümer geben" (Jes 45, 1‑3). "Kein Tier (die übrigen Völ­ker, oder ihre Könige) konnte vor ihm bestehen, und niemand rettete aus seiner Hand; und er handelte nach seinem Gutdünken und wurde groß" (V. 4).

 

"Und während ich achtgab, siehe, da kam ein Ziegen­bock von Westen her über die ganze Erde, und er berührte die Erde nicht; und der Bock hatte ein an­sehnliches Horn zwischen seinen Augen" (V. 5). Zum ersten Mal erscheint jetzt eine westliche Macht und übt Einfluß auf die östliche Welt aus, die bis dahin der Schau­platz der Wege Gottes gewesen war. Im Osten schuf Gott den ersten Menschen und bereitete den Garten Eden für ihn. Im Osten begann der Mensch nach der Sintflut seine zweite Geschichte in der Welt. Von dort aus verbreitete sich das menschliche Geschlecht über die ganze Erde, nachdem Gott zu Babel die Sprachen verwirrt hatte. Die östlichen Völker standen schon auf einer hohen Stufe der Zivilisa­tion, während im Westen noch rohe Barbarei herrschte. Vor allem aber, war der Osten der Boden, auf dem sich die Geschichte Israels, des irdischen Volkes Jehovas, abgewik­kelt hatte. Plötzlich greift nun eine westliche Macht in die Geschichte der östlichen Länder ein, und zwar zu einer Zeit, wo das persische Reich in der höchsten Blüte stand, obwohl es durch die Verweichlichung seiner Bewohner viel von seiner ursprünglichen Kraft eingebüßt haben mochte. Dieser westliche Gegner wird uns unter dem Bild eines Ziegenbocks vorgestellt, der mit einer solchen Schnelligkeit vorwärts eilt, daß seine Füße die Erde nicht berühren. Auch ohne die Erklärung des Engels würde jeder, der nur ein wenig mit der Art und Weise der göttlichen Sprache vertraut ist, erkennen, daß unter dem Ziegenbock nichts anderes als das griechische Reich, und unter dem ansehn­lichen Horn zwischen seinen Augen nur der erste König jenes Reiches, Alexander der Große gemeint sein kann.

 

"Und er kam bis zu dem Widder mit den zwei Hör­nern, welchen ich vor dem Flusse hatte stehen sehen; und er rannte ihn an im Grimme seiner Kraft. Und ich sah ihn bei dem Widder anlangen, und er erbitterte sich gegen ihn, und er stieß den Widder und zerbrach seine beiden Hörner; und in dem Widder war keine Kraft, um vor ihm zu bestehen. Und er warf ihn zu Boden und zertrat ihn, und niemand rettete den Wid­der aus seiner Hand" (V. 6.7). Die Sprache des Heiligen Geistes ist hier so einfach und deutlich, daß sie dem Ver­ständnis keine Schwierigkeiten darbietet. Wir finden in den beiden angeführten Versen in kurzen Worten eine lebendige Schilderung der Geschichte der Zerstörung des medo­persischen Reiches durch die Mazedonier. Da dies uns je­doch schon im vorigen Kapitel ausführlich beschäftigt hat, so brauchen wir hier nicht noch einmal darauf zurückzu­kommen. Nur auf eins möchte ich aufmerksam machen. Es wird von dem Ziegenbock gesagt, daß er sich wider den Widder mit den zwei Hörnern erbitterte. Dies ist charakte­ristisch. Wir finden bei keinem der anderen Reiche etwas Ähnliches. Obwohl der Streit zwischen Babylon und Per­sien und später zwischen Griechen und Römern heftig genug gewesen sein mag, hören wir doch nicht von einer solchen Erbitterung. Ich glaube, daß der Heilige Geist hierdurch die besondere Feindschaft andeuten will, die zwi­schen der persischen und griechischen Nation bestand. Sie war hauptsächlich durch die verheerenden Einfälle hervor­gerufen worden, welche die Perser (ungefähr 150 Jahre vor dem Untergang ihres Reiches) unter ihren Königen Darius und Xerxes in Griechenland gemacht hatten. Von jener Zeit an nährten die Griechen einen unauslöschlichen Haß gegen ihre übermächtigen Feinde, einen Haß, der sich von Vater auf Sohn vererbte und endlich in dem verwegenen Zug Alexanders seinen Ausdruck fand. Das ganze uner­meßliche Reich fiel in die Hände der tapferen Eroberer. Persien mußte schwer für das den Griechen angetane Un­recht büßen. "Und er erbitterte sich gegen ihn, und er stieß den Widder und zerbrach seine beiden Hör­ner . . . Und er warf ihn zu Boden und zertrat ihn. "

 

Es ist bewunderungswürdig, mit welcher Kürze und doch zugleich mit welcher Schärfe und Genauigkeit der Heilige Geist jene Ereignisse, ungefähr 300 Jahre vor ihrem Ein­treffen, schildert. Seine Sprache ist unvergleichlich schön und erhaben, ja wahrhaft göttlich. Die vollkommene Weis­heit Gottes strahlt in herrlichem Glanz daraus hervor. Aber obwohl der Heilige Geist vor dem staunenden Auge des Propheten das Gemälde jenes Abschnitts aus der Ge­schichte der Völker entrollt, so ist dies noch nicht sein eigentlicher Gegenstand. Er blickt immer auf das Ende dieses Zeitalters hin. Gott hat ein Volk, mit dem alle Ge­fühle und Zuneigungen Seines Herzens verbunden sind, und dieses Volk ist es, um das sich Seine Ratschlüsse, Seine Wege und Offenbarungen drehen. Wohl berichtet Er die mit den Interessen des Volkes in Verbindung stehenden Ereignisse, aber das Volk selbst, seine Wege, seine Leiden, sein Gericht und seine Segnungen am Ende sind immer der Hauptgegenstand. Beachten wir dies, so haben wir den Schlüssel zu den jetzt folgenden Versen.

 

"Und der Ziegenbock wurde groß über die Maßen; und als er stark geworden war, zerbrach das große Horn" (V 8). Mitten in seiner Siegeslaufbahn ereilte Alexander den Großen der Tod. In der Fülle seiner Kraft starb er, kaum 33 Jahre alt, zu Babylon. "Und vier an­sehnliche Hörner wuchsen an seiner Statt nach den vier Winden das Himmels hin. " Blutige Kämpfe ent­spannen sich nach dem Tod des großen Königs. Da er ohne männliche Erben starb, (erst nach seinem Tod gebar seine Gemahlin einen Sohn) so stritten sich seine Feldherren um den Thron und die Herrschaft. Das Ende des Streites war, daß vier getrennte Königreiche gebildet wurden, in deren Herrschaft sich die höchsten Würdenträger Alexanders teil­ten. Vier ansehnliche Hörner stiegen an der Stelle des großen Horns empor. Die Bedeutung des Verses ist einfach und klar.

 

Und aus dem einen von ihnen kam ein kleines Horn hervor; und es wurde ausnehmend groß gegen Süden und gegen Osten und gegen die Zierde" (der Erde, d. h. gegen Jerusalem oder Zion hin). Dieses kleine Horn, eine Macht, die sich aus dem einen der vier Königreiche erhebt, bildet den Hauptgegenstand unserer Prophezeiung. Wie wir uns erinnern werden, spielte im vorigen Kapitel auch ein kleines Horn die Hauptrolle. Dort wuchs es aus dem Haupt des vierten Tieres empor, während es hier aus einem der vier Hörner des Ziegenbocks, des Repräsentanten des dritten Reiches, hervorkommt. Die Verschiedenheit ist of­fenbar. Aus den Richtungen, nach welchen das kleine Horn des achten Kapitels seine Eroberungen macht, können wir entnehmen, daß es das Haupt eines im Norden gelegenen Reiches vorbilden muß, und ich zweifle nicht, daß es mit dem an anderen Stellen des Wortes häufig genannten "König des Nordens", oder dem "Assyrer" gleichbedeu­tend ist.

 

In der Auslegung finden wir die bestimmte Erklärung, daß sich die hier erzählten Ereignisse in der letzten Zeit des Zornes zutragen werden (V. 19). Dieser Zorn ist der Zorn gegen Israel (vergl. Kapitel 11,36), derselbe, von dem auch in Jesaja 10,25 gesprochen wird. Die Zeit des Zorns ist bestimmt begrenzt und findet ihre Beendigung in der Ver­nichtung des Assyrers, der in der Hand Gottes das beson­dere Werkzeug zur Ausführung Seines Grimmes ist. Unter­suchen wir die genannten Stellen im Zusammenhang, so werden wir entdecken, daß die in ihnen enthaltenen Pro­phezeiungen erst in den letzten Tagen ihre völlige Erfüllung finden werden. Jedoch glaube ich, daß sich in dem vorlie­genden Kapitel die Prophezeiung selbst nicht so ausschließlich auf die Zeit des Endes bezieht, wie es die Erklärung tut. Es handelt sich zunächst um die Tatsache, daß sich ein kleines Horn aus einem der vier Königreiche, die dem Reich Alexanders folgten, erhebt, sich gegen den Fürsten des Heeres empört und das Volk der Juden unterdrückt. Dennoch ist es der große Zweck des Heiligen Geistes, das zu offenbaren, was am Ende geschehen wird.

 

"Und es (das Horn) wurde groß bis zum Heere des Himmels, und es warf von dem Heere und von den Sternen zur Erde nieder und zertrat sie" (V. 10). Um diese Stelle richtig verstehen zu können, dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, daß die Prophezeiung sich hier mit dem jüdischen System beschäftigt. Das Horn wurde groß gegen das Land der Zierde. Unter "dem Heere des Him­mels " sind, wie ich glaube, die Juden zu verstehen, die den Fürst umgeben, und unter "den Sternen" solche, die unter ihnen eine hervorragende Stelle einnehmen oder irgend­eine Autorität ausüben. Es handelt sich hier nicht um Gläu­bige, die zu dem Gott des Himmels emporblicken, wie im vorigen Kapitel. Diese Stelle nimmt an, daß die Juden sich in Verbindung mit Gott befinden, als ein Volk, für das Er Sich interessiert und auf das Er blickt; daher der Ausdruck: "Heer des Himmels". Damit ist aber nicht gesagt, daß sie auch in einem guten Zustand sein müssen. Im Gegenteil, wir sehen nachher, daß wegen ihrer Übertretungen das Gericht über sie kommt. Allein Gott beurteilt und richtet sie als verantwortlich für ihre frühere Verbindung mit Ihm und für ihre Stellung, sie sie einst einnahmen. Wenn wir gefehlt haben und den Platz, der uns gebührt, mit einem niedrigeren vertauscht haben, so betrachtet und beurteilt uns Gott nicht nach diesem, sondern nach der Stellung, die wir einzunehmen berufen sind. Ebenso sind wir, wenn wir uns auf einen Platz stellen, der uns nicht zukommt, für diesen verantwortlich. Blicken wir z. B. auf die Christen­heit unserer Tage. Alle, die den Namen Christi tragen, sei es zu Recht oder zu Unrecht, alle, die getauft sind und sich äußerlich zu dem Namen Christi bekennen, gehören dem Hause Gottes an. Gott Selbst betrachtet sie so und wird sie richten nach der Verantwortlichkeit, die diese Stellung mit sich bringt.

 

Es mag vielleicht manchem, der diese Zeilen liest, auffal­len, den Ausdruck "Heer des Himmels" auf die Juden angewendet zu finden. Man ist so daran gewöhnt, auf die­ses Volk in seinem jetzigen Zustand zu blicken, daß man ganz vergißt, wie Gott es betrachtet. Obwohl es im gegen­wärtigen Augenblick infolge des göttlichen Gerichts unter alle Völker der Erde zerstreut ist und den Anblick einer gänzlich zersplitterten, heruntergekommenen Nation ge­währt, war es doch einst das Volk Gottes, das Volk, das Er Sich aus allen Nationen der Erde als Sein Eigentum auser­wählt hatte und das in Seinen Gedanken den ersten Platz auf der Erde einnahm. Die Juden waren das Haupt, die Nationen der Schwanz. Und, vergessen wir es nicht, dieses Verhältnis wird am Ende der Tage wiederhergestellt wer­den, und zwar herrlicher und vollkommener als je zuvor. "Ich sage nun, hat Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! ... Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erkannt hat" (Röm 11,1.2). Wohl lastet jetzt wegen seiner schrecklichen Sünden die züchtigende Hand Gottes schwer auf dem Volk, aber "die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar" (Röm 11,29). Er hat Israel beru­fen, den ersten Platz auf der Erde einzunehmen, und Er wird diesen Gedanken nie aufgeben. Israel wird zurück­kehren in sein Land; die Nationen selbst werden es von allen Enden der Erde nach Palästina zurückführen. "Und sie werden alle eure Brüder aus allen Nationen als Opfer­gabe für Jehova bringen, auf Rossen und auf Wagen und auf Sänften und auf Maultieren und auf Dromedaren, nach meinem heiligen Berge, nach Jerusalem, spricht Jehova" (Jes 66,20). Und nicht allein das. In Jesaja 60 lesen wir: "Stehe auf, leuchte! denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit Jehovas ist über dir aufgegangen. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völkerschaf­ten; aber über dir strahlt Jehova auf, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und Nationen wandeln zu deinem Lichte hin, und Könige zu dem Glanze deines Auf­gangs.... Und die Söhne der Fremde werden deine Mau­ern bauen, und ihre Könige dich bedienen; denn in meinem Grimm habe ich dich geschlagen, aber in meiner Huld habe ich mich deiner erbarmt .... Denn die Nation und das Königreich, welche dir nicht dienen wollen, werden unter­gehen, und diese Nationen werden gewißlich vertilgt wer­den.... Und gebeugt werden zu dir kommen die Kinder deiner Bedrücker, und alle deine Schmäher werden nieder­fallen zu den Sohlen deiner Füße; und sie werden dich nennen: Stadt Jehovas, Zion des Heiligen Israels. Statt daß du verlassen warst und gehaßt, und niemand hindurchzog, will ich dich zum ewigen Stolz machen, zur Wonne von Geschlecht zu Geschlecht. Und du wirst saugen die Milch der Nationen, und saugen an der Brust der Könige; du wirst erkennen, daß ich, Jehova, dein Heiland bin, und ich, der Mächtige Jakobs, dein Erlöser“ (V 1‑3.10.12.14‑16). Das ist die herrliche Zukunft Israels. Gerade die Nationen ' die jetzt das unglückliche Volk verachten, verspotten und lästern, werden einst gezwungen werden, sich unter seine Herrschaft und Oberhoheit zu beugen, ihm zu dienen und die Mauern seiner Städte zu bauen. Die Kinder seiner Bedrücker werden sich vor ihnen beugen und zu seinen Füßen niederfallen müssen. "So spricht der Herr, Jehova: Siehe, ich werde meine Hand zu den Nationen hin erheben, und zu den Völkern hin mein Panier aufrichten; und sie werden deine Söhne im Busen bringen, und deine Töchter werden auf der Schulter getragen werden. Und Könige werden deine Wärter sein, und ihre Fürstinnen deine Ammen; sie werden sich vor dir niederwerfen mit dem Antlitz zur Erde, und den Staub deiner Füße lecken. und du wirst erkennen, daß ich Jehova bin: die auf mich harren, werden nicht beschämt werden" (Jes 49,22.23). Dies sind die Ratschlüsse Gottes, sie sind unbereubar und unveränderlich. Mag der Mensch in seinem Stolz und Eigendünkel sie leugnen wollen, mag er mitleidig lächeln über die, wel­che sich in einfältigem Glauben unter das Wort Gottes beugen, der Gott des Himmels wird Seine Verheißungen wahr machen und Seine Ratschlüsse erfüllen. Bevor jedoch jene herrliche Zeit über Israel hereinbricht, wird es noch durch schreckliche Gerichte gehen müssen. Der ganze Zorn Gottes gegen dieses Volk wegen seiner Abtrünnigkeit und Herzenshärtigkeit wird über es ausgeschüttet werden. So schwer auch die Hand des Herrn seit Jahrhunderten auf ihm liegt, die Zukunft birgt noch schrecklichere Dinge in ihrem Schoß. Von dieser Zeit des Gerichts ist hier in unse­rem Kapitel und auch später die Rede.

 

Kehren wir nach dieser kurzen Abschweifung zu unserer Betrachtung zurück. Das Horn wurde groß und warf von dem Heere und von den Sternen zur Erde nieder, "selbst bis zu dem Fürsten des Heeres tat es groß; und es nahm ihm das beständige Opfer weg, und die Stätte seines Heiligtums wurde niedergeworfen" (V. 11). Das Horn vernichtet also einen Teil des jüdischen Volkes und seiner Leiter und Führer; aber nicht allein das, ‑ "selbst bis zu dem Fürsten des Heeres tat es groß". Ich zweifle nicht, daß wir unter diesem Fürsten des Heeres Christus zu ver­stehen haben. Das Horn treibt seine Anmaßungen soweit, daß es sich gegen Jehova Selbst, in Seinem Charakter als Fürst und Haupt Israels, erhebt. "Und es nahm ihm", d. h. dem Fürsten des Heeres, "das beständige Opfer weg". Durch wen dieses geschieht, wird uns nicht mitge­teilt*). Die Anbetung der Juden, ihr ganzer Gottesdienst, die Opfer, die sie täglich ihrem Jehova (dem Fürsten des Heeres) darbringen, werden weggenommen, und der Tem­pel, die Wohnstätte Seines Heiligtums, wird niedergewor­fen und zerstört. "Und eine Zeit der Mühsal ward auferlegt dem beständigen Opfer um des Abfalls willen" (siehe Fußnoten in V 12 der Elberfelder Übersetzung). Es ist das Gericht, das über das Volk der Juden wegen ihrer schreckli­chen Sünden hereinbricht.

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*) Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Text sagt, daß das Opfer von dem "Fürsten des Heeres" weggenommen wird. Die Frage ist nur: durch wen? Die Kere‑Leseart, die, wie ich glaube, im allgemeinen die beste Autorität ist, wenn es Variationen im Hebräischen gibt, liest: "ward von ihm genommen", ohne zu sagen, durch wen; die Ketib‑Leseart: "er nahm es von ihm weg", wodurch diese Handlung dem kleinen Horn zugeschrieben wird (J.N.D.).

 

Es ist beachtenswert, daß in Vers 11 in dem Geschlecht der handelnden Person ein Wechsel eintritt. Während vorher und nachher, entsprechend dem Geschlecht des Wortes Horn, die neutrale Form "es" gebraucht wird, lesen wir hier: " . . . tat er groß"*). Ich denke, daß die Veränderung im 11. Vers deshalb eingetreten ist, um den König des Nordens mehr in Person zu bezeichnen. Dieser Vers und die erste Hälfte des folgenden bilden eine Art von Einschal­tung, die vor den Worten: "und es warf die Wahrheit zu Boden und handelte und hatte Gelingen", schließt. Der Inhalt dieser Einschaltung bezieht sich, wie ich glaube, mehr noch als die übrige Prophezeiung auf die Zeit des Endes, obwohl wir in den Ereignissen, die unter den Nach­folgern des Seleucus, des ersten Königs des Nordens ‑ den sogenannten Seleuciden ‑ und besonders unter einem von ihnen, Antiochus IV., mit dem Beinamen Epiphanes, statt­fanden, eine teilweise und vorläufige Erfüllung der ganzen Prophezeiung erblicken können. Wir werden diesen erbit­terten Feind des jüdischen Volkes im 11. Kapitel wiederfin­den, wo die gleichen Charakterzüge, die hier das kleine Horn trägt, noch genauer festgestellt und jenem König zugeschrieben werden. Er suchte das jüdische System völlig zu unterdrücken und den ganzen Kultus des Volkes abzu­schaffen. Er stellte, (wie wir in den Büchern der Makka­bäer lesen, die, wenn auch nicht zur Heiligen Schrift gehö­rig, doch zum größten Teil historisch wahr sind), in dem Tempel zu Jerusalem eine Bildsäule des olympischen Jupi­ter auf und zwang die Juden, sie anzubeten und ihr Opfer darzubringen. Alle, die sich dem Gebot des Königs wider­setzten, wurden auf grausame Art hingerichtet. Jedoch sah sich Antiochus endlich, teils durch römischen Einfluß, teils

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*) "Er", der sich groß macht, ist im Hebräischen männlich, während das Wort "es" (warf nieder) am Ende des 12. Verses weiblich ist, in Verbindung mit dem Horn, das im Hebräischen ebenfalls weibliches Geschlecht trägt (J.N.D.)

 

durch die heldenmütigen Kämpfe des Judas Makkabäus und seiner tapferen Schar, gezwungen, das Land zu verlas­sen. Der Tempel wurde noch einmal von den götzendieneri­schen Greueln gereinigt und der Gottesdienst wurde wie­derhergestellt. Ohne Zweifel ist dieser Antiochus histo­risch die Person, die durch das kleine Horn repräsentiert wird. Aber in den letzten Tagen wird ein anderer großer König aufstehen, in dem sich alle Charakterzüge, die jenen kennzeichneten, in verschärfter Form wiederfinden wer­den, und die Geschichte und das Verhalten dieses Königs ist es, die der Heilige Geist hauptsächlich im Auge hat. "Merke auf, Menschensohn! denn das Gesicht geht auf die Zeit des Endes" (V 17), erwidert Gabriel dem Pro­pheten, der um Verständnis für das Gesicht bittet.

 

Vorher jedoch lesen wir noch: "Und ich hörte einen Hei­ligen reden; und ein Heiliger sprach zu jenem, welcher redete: Bis wann geht das Gesicht von dem beständi­gen Opfer und von dem verwüstenden Frevel, daß so­wohl das Heiligtum als auch das Heer zur Zertretung hingegeben ist? Und er sprach zu mir: Bis zu zweitau­senddreihundert Abenden und Morgen; dann wird das Heiligtum gerechtfertigt werden" (V. 13.14). Ob diese Periode von 2300 Tagen schon unter der Herrschaft der Seleuciden ihre Erfüllung gefunden hat, ist schwer zu ent­scheiden. Jedenfalls erscheint das nicht ausgeschlossen; Vers 26 scheint sogar darauf hinzudeuten. Es wird dort in bezug auf diese 2300 Tage nichts anderes gesagt, als daß das Gesicht wahr ist.

 

Die Worte, mit denen der Engel Gabriel seine Erklärung des Gesichts einleitet, bezeichnen genau den Zeitpunkt, in dem es seine gänzliche Erfüllung finden soll. " . . . das Gesicht geht auf die Zeit des Endes." Wir haben hier wiederum einen schlagenden Beweis für die im vorigen Kapitel gemachte Bemerkung, daß keine Auslegung oder Erklärung einer dunklen Prophezeiung, möge sie sich im Alten oder im Neuen Testament finden, eine bloße Wieder­holung des bereits Gesagten ist. Sie knüpft allerdings an das Vorhergehende an und erklärt es, fügt aber zu gleicher Zeit neue Offenbarungen, weitere Vorsätze und Ratschlüsse Gottes hinzu.

 

Der Prophet, überwältigt durch den Anblick des Engelfür­sten, fällt betäubt auf sein Antlitz zur Erde nieder. Gabriel rührt ihn an und stellt ihn wieder auf seinen Standort. "Und er sprach: Siehe, ich will dir kundtun, was in der letzten Zeit des Zornes geschehen wird; denn es geht auf die bestimmte Zeit des Endes" (V 19). Von welchem Zorn ist hier die Rede? Wie wir schon oben bemerkten, ist es der Zorn über Israel. Wegen der Sünde und vor allem infolge des Götzendienstes des Volkes hat es sich den Zorn Jehovas zugezogen. Im Propheten Jesajas lesen wir, daß Er den Assyrer, die Rute in Seiner Hand, über Israel erwecken und ihn senden will wider eine ruchlose Nation und gegen das Volk seines Grimmes ihn entbieten, "um Raub zu rauben und Beute zu erbeuten und es der Zertretung hin­zugeben gleich Straßenkot" (Jes 10,5.6). Gott hat den As­syrer in der Person des Königs Sanherib über Sein Volk gebracht und es völlig in seine Hand gegeben, aber es hat sich nicht von Herzen zu Ihm zurückgewandt. Das Böse brach immer wieder mit verstärkter Gewalt hervor, und deshalb hören wir aus dem Mund des Propheten die schrecklichen Worte: "Bei dem allen wendet sich sein Zorn nicht ab, und noch ist seine Hand ausgestreckt" (Jes 10,4).

 

Sein Zorn wich nicht von ihm. Er ruht heute noch auf dem Volk. Doch, Gott sei Dank, er wird nicht ewig währen! Im gleichen Kapitel empfängt das Volk die tröstliche Verhei­ßung, daß der Zorn weichen wird. "Darum spricht der Herr, Jehova der Heerscharen, also: Fürchte dich nicht, mein Volk, das in Zion wohnt, vor Assur, wenn er dich mit dem Stock schlagen und seinen Stab wider dich erheben wird nach der Weise Ägyptens! Denn noch um ein gar Kleines, so wird der Grimm zu Ende sein und mein Zorn sich wenden zu ihrer Vernichtung" (Jes 10,24.25), d. h. zur Vertilgung der Assyrer. Gott wird in den letzten Tagen den Assyrer wieder als das hauptsächliche Werkzeug zur Ausü­bung Seines Zorns über Israel gebrauchen; sobald Er aber Sein ganzes Werk auf dem Berg Zion und zu Jerusalem vollendet haben wird, wird Er "heimsuchen die Frucht der Überhebung des Herzens des Königs von Assyrien und den Stolz der Hoffart seiner Augen", weil er vergißt, daß er nur die Rute in der Hand Jehovas war, und sagt: "Durch die Kraft meiner Hand und durch meine Weisheit habe ich es getan, . . . " (Jes 10, 12‑15). Der Zorn und der Grimm Jehovas wird dann ihn selbst treffen und vernichten.

 

Von dem Ende und der Vollendung dieses Zornes nun redet der Engel hier. "Siehe, ich will dir kundtun, was in der letzten Zeit des Zornes geschehen wird; denn es geht auf die bestimmte Zeit des Endes" (V 19). In dem Her­zen Gottes ist alles, sowohl der Zorn als auch das Ende des Zornes, schon von Grundlegung der Welt an bestimmt und geordnet. Tröstlicher Gedanke für das Herz des gläubigen Juden! Alle Ratschlüsse Gottes werden zur bestimmten Zeit ihre Erfüllung finden.

 

Der Engel erklärt dann dem horchenden Propheten, daß der Widder mit den zwei Hörnern, den er gesehen hatte, die Könige von Medien und Persien repräsentiert, und daß er unter dem Ziegenbock den König von Griechenland, und unter dem großen Horn zwischen seinen beiden Augen den ersten König zu verstehen hat. Dann fährt er in Vers 22 fort, von dem Untergang des gewaltigen Reiches und von seiner Teilung in vier einzelne Königreiche zu reden. Vers 23 führt eine neue Sache ein: "Und am Ende ihres Kö­nigtums, wenn die Frevler das Maß voll gemacht haben werden, wird ein König aufstehen, frechen An­gesichts und der Ränke kundig." Dies ist es, was am Ende des Zornes über Israel kommen wird, wenn ihre Übertretungen den Höhepunkt erreicht und die Übertreter das Maß voll gemacht haben werden. Ein König wird auf­stehen, "frechen Angesichts und der Ränke kundig". "Und seine Macht wird stark sein, aber nicht durch seine eigene Macht." Er unterscheidet sich hierin in be­stimmter Weise von dem kleinen Horn in Kapitel 7. Dieses erniedrigt drei von zehn Königen, den Hörnern des Tieres, und zwar, wie es mir scheint, durch seine eigene Kraft; dann erst empfängt es, wie wir in der Offenbarung sehen, Macht und Gewalt von Satan. Dieser König hier wird auch stark sein, "aber nicht durch seine eigene Macht". Er erhält seine Stärke von anderen und wird das Werkzeug einer fremden Politik und Gewalt bilden. " Und er wird erstaunliches Verderben anrichten, und Gelingen haben und handeln; und er wird Starke und das Volk der Heiligen verderben" (V. 24). Wieder wird ausdrück­lich gesagt, daß er mit dem jüdischen Volk, "dem Volk der Heiligen", in Verbindung stehen wird. Es handelt sich hier nicht um "die Heiligen der höchsten Örter" wie in Kapi­tel 7, sondern um "das Volk der Heiligen" im Gegensatz zu den Nationen. Der persönliche Charakter des jüdischen Volkes kommt in diesem Kapitel gar nicht in Betracht.

 

Mit diesem Volk wird sich jener König beschäftigen. Einen großen Teil des Volkes wird er verderben und eine schreck­liche Verwüstung unter ihnen anrichten. "Er wird er­staunliches Verderben anrichten" (V. 24). "Und durch seine Klugheit wird der Trug in seiner Hand gelingen; und er wird in seinem Herzen großtun und unver­sehens viele verderben. Und gegen den Fürsten der Fürsten wird er sich auflehnen, aber ohne Menschen­hand zerschmettert werden" (V. 25). Er wird schlau sein und mit Erfolg seine listigen Pläne ausführen. Er wird dem jüdischen Volk gegenüber den Platz eines großen Lehrers einnehmen und den Charakter eines weisen, klugen Man­nes tragen. Sein Einfluß auf die jüdische Nation wird daher unermeßlich groß sein. Durch List und durch einen trügeri­schen Frieden wird er sie in eine sorglose Ruhe einlullen, die sie Jehova vergessen läßt, und dann wird er sie verder­ben. Schließlich wird er sich gegen den Fürsten der Fürsten, d. h. gegen Christus in Seinem Charakter als Herr der Erde, empören, aber dann "ohne Menschenhand", d. h. durch göttliche Macht, ohne die Vermittlung eines Men­schen, zerschmettert werden. In Kapitel 11, 45 wird sein Ende in ähnlicher Weise beschrieben: "Und er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen."

 

Ich habe zu Beginn dieses Kapitels bemerkt, daß das "kleine Horn" oder jener König "frechen Angesichts und der Ränke kundig" mit dem an anderen Stellen des Wortes Gottes genannten "Assyrer" oder "König des Nordens" identisch ist. Es wird sich empfehlen, hierüber noch einige Aufklärungen zu geben.

 

Die am Ende der Tage in ihr Land zurückgekehrten Juden werden der Wirkung von zwei schrecklichen Übeln ausge­setzt sein. Das eine wird sich in ihrem eigenen Land, aus ihrer Mitte, erheben, das andere wird von außen kommen. Das erste ist der Antichrist, "der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens", der sich über alles, was Gott heißt oder ein Gegenstand der Verehrung ist, erheben und sich in den Tempel Gottes setzen und als Gott darstellen wird (2.Thess 2,3.4). Das zweite ist jener König des Nordens oder der Assyrer, der erbitterte Feind des jüdischen Volkes. Oft sind diese beiden Personen miteinander verwechselt oder gar als gleichbedeutend hingestellt worden; sie werden im Wort Gottes aber deutlich voneinander unterschieden. Der Assyrer und der Antichrist sind zwei sich feindlich gegenüberstehende Mächte. Während dieser, der sich selbst über alles erhebende Mensch, innerhalb des Judentums ist, bildet jener den Führer der äußeren Feinde des Volkes. Seine Tätigkeit ist genau die gleiche, wie die des kleinen Horns in unserem Kapitel. Ich zweifle daher nicht, daß wir es in beiden Fällen mit derselben Person zu tun haben. Bei der Betrachtung des 11. Kapitels werden wir das noch genauer bestätigt finden.

 

Doch untersuchen wir einige Stellen der Heiligen Schrift, in denen von dem Assyrer die Rede ist, etwas genauer. Eine von ihnen ist vorhin schon angeführt worden, als von "dem Ende des Zornes" die Rede war. Wir lesen in Jesaja 10,12: "Und es wird geschehen, wenn der Herr sein ganzes Werk an dem Berge Zion und an Jerusalem vollbracht hat, so werde ich heimsuchen die Frucht der Überhebung des Her­zens des Königs von Assyrien und den Stolz der Hoffart seiner Augen". Es ist oft gesagt worden, daß diese Prophezeiung schon ihre Erfüllung in der Vergangenheit gefunden habe, und daß der Assyrer längst vernichtet sei und deshalb nicht noch einmal gerichtet werden könne. Doch frage ich einfach: Hat Gott Sein ganzes Werk auf dem Berg Zion und an Jerusalem vollendet? Jeder, der etwas mit dem propheti­schen Teil des Wortes Gottes bekannt ist, wird mit "Nein" antworten müssen. Daraus aber folgt, daß der Assyrer noch nicht völlig vernichtet ist. Die Juden sind gegenwärtig nicht in ihrem Land*), aber sie werden dahin zurückge­führt werden, und erst nachdem dies geschehen ist, wird Gott Sein ganzes Werk auf dem Berg Zion und an Jerusalem vollenden. Das Land wird von der Herrschaft der Na­tionen befreit und der treue Überrest von Gott gesammelt werden. Um dieselbe Zeit wird in dem ehemaligen Gebiet des assyrischen Reiches, d. h. in der jetzigen Türkei, durch göttliche Macht ein gewalttätiger König erweckt werden, der, wie einst der Assyrer der große Feind des Volkes war, in den letzten Tagen sein Hauptgegner sein wird. Aber nachdem ihn Gott als das Werkzeug zur Ausübung Seines Zornes und Seiner Gerichte gegen Israel gebraucht hat, wird er selbst dem Gericht anheimfallen. Von Jehova be­auftragt, wird er gegen das Land der Zierde heranrücken und die Juden angreifen, dann aber von Gott vernichtet werden. "Er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen." (Dan 11,45).

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*) Man beachte, daß diese Gedanken vor über 100 Jahren niedergeschrieben wurden. Seit 1948 existiert der Staat Israel. (Anmerkung des Herausgebers)

 

Wenden wir uns jetzt zu Jesaja 14. Im Anfang dieses Kapitels hören wir, daß Gott Sich über Jakob erbarmen und Israel erwählen und sie wieder in ihr Land zurückbringen wird.

 

"Und die Völker werden sie nehmen und sie an ihren Ort bringen; und das Haus Israel wird sich dieselben zu Knech­ten und zu Mägden zueignen im Lande Jehovas. Und sie ­werden gefangen wegführen die sie gefangen wegführten, und werden herrschen über ihre Bedrücker“ (V 2). Die Na­tionen selbst werden Israel in sein Land zurückführen und ihm dann zu Knechten und Mägden sein. "Und es wird geschehen an dem Tage, an welchem Jehova dir Ruhe schafft von deiner Mühsal und von deiner Unruhe und von dem harten Dienst, welchen man dir auferlegt hat, da wirst du diesen Spruch anheben über den König von Babel und spre­chen: Wie hat aufgehört der Bedrücker, aufgehört die Er­pressung! Zerbrochen hat Jehova den Stab der Gesetzlosen, den Herrscherstab" (V. 3‑5). Niemand wird zu behaupten wagen, daß Israel, seitdem Gott die Herrschaft in die Hände des Königs von Babylon legte, jemals in der Lage gewesen ist, einen solchen Spruch anzuheben. Sobald die Zeiten der Nationen begannen, wurde Israel seiner herrschenden Stel­lung beraubt und erlangte sie nicht wieder; es hat nie mehr die Nationen zu Knechten und Mägden gehabt, noch über seine Bedrücker geherrscht. Im Gegenteil, Jerusalem ist bis auf den heutigen Tag aus der einen Hand in die andere übergegangen. Jene herrliche Zeit, von welcher der Prophet redet, wird für Israel noch kommen. Es wird einmal wieder die Nationen zu Knechten und Mägden haben, und dann, in jenen Tagen, wird es den Spruch anheben wider den König von Babel: "Wie hat aufgehört der Bedrücker, aufgehört die Erpressung!" Doch jetzt entsteht die Frage: Wer ist dieser König von Babel? Babylon existiert doch nicht mehr. Ganz recht. Das Wort nennt ihn deshalb so, weil es der letzte Inhaber der Macht ist, die Gott einst dem König Nebukad­nezar übergab. Es ist das vierte jener Tiere, denen wir im 7 Kapitel begegneten, oder vielmehr der Beherrscher und Leiter dieses Tieres in den letzten Tagen. Seine Vernichtung entlockt dem Mund der Juden einen Triumphgesang.

 

Jedoch ist es eigentlich nicht dieser König von Babel, wor­auf ich die Aufmerksamkeit des Lesers richten wollte. Was mich veranlaßte, dieses Kapitel 14 des Propheten Jesaja anzuführen, sind vielmehr die Verse 24‑26. Dort lesen wir: Jehova der Heerscharen hat geschworen und gesprochen: Wahrlich! Wie ich es vorbedacht, also geschieht es; und wie ich es beschlossen habe, also wird es zustande kommen: daß ich Assyrien in meinem Lande zerschmettern und es auf meinen Bergen zertreten werde. Und so wird sein Joch von ihnen weichen, und seine Last wird weichen von ihrer Schulter. Das ist der Ratschluß, der beschlossen ist über die ganze Erde". Aus diesen Worten geht hervor, daß zur Zeit der Wiederherstellung Israels nicht nur der König von Babel, sondern auch der Assyrer sichtbar hervortreten und von Gott vernichtet werden wird. Die Prophezeiung kann sich unmöglich auf eine historische Tatsache aus der Ge­schichte Assyriens beziehen, da in dem Augenblick, wo Gott sie Seinem Knecht gab, Assyrien schon lange aufge­hört hatte zu bestehen. Es hatte der aufstrebenden Macht Babels Platz machen müssen und existierte nicht mehr als Reich. Das in Vers 25 genannte "Assyrien" kann daher nur das Vorbild einer noch kommenden, in dem früheren Ge­biet Assyriens entstehenden Macht sein. Die ganze Prophe­zeiung zeigt, daß am Ende der Tage, zur Zeit des Antichri­sten, zwei große Mächte existieren werden: das Tier, reprä­sentiert durch den König von Babel, und der König des Nordens, repräsentiert durch den Assyrer. Beiden werden wir im Lauf unserer Betrachtung noch begegnen.

 

Im 30. Kapitel des Propheten Jesaja ist ebenfalls von dem Gericht über Assur die Rede. "Siehe, der Name Jehovas kommt von fernher. Sein Zorn brennt, und der aufstei­gende Rauch ist gewaltig" (V 27). "Vor der Stimme Jeho­vas wird Assur zerschmettert werden, wenn er mit dem Stock schlägt" (V 31), (offenbar eine Anspielung darauf, daß Assyrien das Werkzeug in der Hand des Herrn sein wird, um Israel zu züchtigen) "und es wird geschehen, jeder Streich der verhängten Rute, die Jehova auf ihn her­abfahren läßt, ergeht unter Tamburin‑ und Lautenspiel, und mit geschwungenem Arm wird er gegen ihn kämpfen. Denn vorlängst ist eine Greuelstätte zugerichtet; auch für den König ist sie bereitet. Tief, weit hat er sie gemacht, ihr Holzstoß hat Feuer und Holz in Menge; wie ein Schwefel­strom setzt der Hauch Jehovas ihn in Brand" (V. 32.33). Die Greuelstätte oder der Abgrund ist von alters her für den Assyrer und für "den König" (wir werden die Bezeich­nung im 11. Kapitel wiederfinden) bereitet. Wir haben hier wieder zwei bestimmt voneinander unterschiedene Perso­nen: "Den Assyrer" und "den König". Unter dem König ist jedoch hier nicht der König von Babel oder der Beherrscher des römischen Reiches in seiner letzten Form zu verstehen, den wir in Jesaja 14 fanden, sondern der unter dessen unmittelbarer Leitung stehende falsche König Israels, der Antichrist. Für ihn und für den Assyrer ist die Greuelstätte bereitet.

 

Es gibt in dem prophetischen Teil des Wortes Gottes noch eine Menge Stellen, in denen von diesem Assyrer gespro­chen wird. Er repräsentiert, obwohl dies von vielen Schrift­forschern nur wenig beachtet wird, eine der wichtigsten Mächte, die mit dem Volk der Juden in den letzten Tagen in Beziehung stehen werden. Doch es würde zu weit führen, wenn wir alle jene Stellen einzeln untersuchen wollten. Nur auf eine möchte ich noch aufmerksam machen. Wir finden in Micha 5 eine deutliche, bestimmte Anspielung auf die durch Assur vorgestellte Macht. Das 4. Kapitel schließt mit den Worten: "Nun dränge dich zusammen, Tochter des Gedränges: man hat eine Belagerung gegen uns gerichtet; mit dem Stabe schlagen sie den Richter Israels auf den Backen". Dies bezieht sich ohne Zweifel auf die Verwer­fung des Messias. Er, der Richter Israels, kam, aber sie verwarfen Ihn und schlugen Ihn mit der Rute auf den Backen. Das Gericht hierfür konnte nicht ausbleiben. "Darum wird er sie dahingeben bis zur Zeit, da eine Gebä­rende geboren hat" (V 2; V 1 ist eine Einschaltung und teilt uns mit, woher dieser Richter Israels kommen sollte), d. h. bis zu jener Zeit, da die Drangsal Israels ihr Ende erreicht haben wird: "und der Rest seiner Brüder wird zurückkehren samt den Kindern Israels. Und er wird da­stehen und seine Herde weiden in der Kraft Jehovas ... Und dieser wird Friede sein. Wenn Assyrien in unser Land kommen und wenn es in unsere Paläste treten wird, so werden wir sieben Hirten und acht Menschenfürsten gegen dasselbe aufstellen. Und sie werden das Land Assyrien mit dem Schwerte weiden, und das Land Nimrods in seinen Toren; und er wird uns von Assyrien erretten, wenn es in unser Land kommen und wenn es in unsere Grenzen treten wird" (V. 2.4.5).

 

Als Assur vor alters in Israel einbrach und die zehn Stämme gefangen wegführte, war niemand da, der rettete. Der Richter Israels war noch nicht erschienen. Und als Er Jahrhunderte später kam, war das assyrische Reich längst von der Oberfläche der Erde verschwunden. Zudem liegt die Zeit des Zornes, des "Dahingebens" Israels von seiten Gottes, zwischen dieser Verwerfung des Messias und der verheißenen Errettung. Erst dann, wenn die Juden wieder in ihrem Land sein werden, wird die Prophezeiung ihre Erfüllung finden. Der Assyrer wird in ihr Land kommen und in ihre Paläste treten, aber dann wird der Messias, den sie verworfen haben, sie aus seiner Hand erretten und jenen auf den Bergen Israels zerschmettern. "Und der Überrest Jakobs wird inmitten vieler Völker sein wie ein Tau von Jehova, wie Regenschauer auf das Kraut, der nicht auf Menschen wartet und nicht auf Menschenkinder harrt. Und der Überrest Jakobs wird unter den Nationen, inmit­ten vieler Völker, sein wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes, wie ein junger Löwe unter den Schafherden, der, wenn er hindurchgeht, zertritt und zerreißt, und niemand errettet" (V 6.).

 

Kapitel 9

 

Dieses Kapitel beschäftigt sich in ganz besonderer Weise mit dem Schicksal Jerusalems und der Juden, der Stadt und des Volkes Gottes. Die Gefühle und Zuneigungen des Propheten waren mit diesem Volk aufs innigste verbun­den, nicht nur weil es sein Volk war, sondern weil Gott es zu Seinem Eigentum auserwählt hatte. Sein moralischer Zustand war freilich so, daß Gott nicht mehr zu ihm als zu Seinem Volk reden und es als solches nicht mehr öffent­lich anerkennen konnte; aber Seine Gedanken und Rat­schlüsse standen noch immer mit ihm in Verbindung, und Er sorgte für es, obwohl dies dem menschlichen Auge verborgen sein mochte. Und was hier besonders wichtig ist, Daniel hört nie auf, es als das Volk Gottes zu betrach­ten. Der Engel mochte von der Stadt und dem Volk Da­niels reden, der Prophet selbst aber hielt unerschütterlich daran fest, daß Jerusalem die Stadt Gottes ist, über die Sein heiliger Name angerufen worden war. Er ließ sich durch nichts die kostbare Wahrheit rauben, daß Israel, mochte sein Zustand sein, wie er wollte, allezeit das Volk Gottes blieb. "Dein Volk", sagt er in seinem Gebet zu Jehova, und "deine Stadt, dein heiliger Berg!" Gerade die schweren Züchtigungen und Gerichte, die über das Volk gekommen waren, waren für ihn ein Beweis, daß es das Eigentum Gottes war.

 

Aufs tiefste an dem Wohl und Wehe des Volkes interes­siert, forscht er in den Büchern der Heiligen Schrift, was Gott über das Schicksal dieser unglücklichen Nation geof­fenbart hatte. Es handelt sich im ersten Teil unseres Kapi­tels nicht um eine neue Offenbarung oder Mitteilung von oben. im ersten Jahre Darius, des Sohnes Ahasve­ros', aus dem Samen der Meder, welcher über das Reich der Chaldäer König geworden war (vergl. Kapi­tel 5,30 und 6,1), im ersten Jahre seiner Regierung merkte ich, Daniel, in den Schriften auf die Zahl der Jahre, betreffs welcher das Wort Jehovas zu dem Pro­pheten Jeremia geschehen war, daß nämlich siebenzig Jahre für die Verwüstung Jerusalems vollendet wer­den sollten" (V. 1.2). Daniel war ein Prophet; aber hier wird uns mitgeteilt, daß er "in den Schriften", durch das Studium der Prophezeiung Jeremias (Kap. 29), d. h. durch den Gebrauch der gewöhnlichen Mittel, die im Bereich des geistlichen Menschen liegen, verstanden hatte, daß Israel wiederhergestellt und nach siebzigjähri­ger Gefangenschaft in sein Land zurückgeführt werden sollte. Jeremia hatte das Gericht über den gottlosen König Babylons und über sein Volk angekündigt, und dieses Ge­richt war inzwischen hereingebrochen. Daniel war sicher kein gleichgültiger Zuschauer der gewaltigen Umwälzungen gewesen, die sich unter seinen Augen vollzogen hatten, je­doch gaben die ihm keinen Anhaltspunkt für seinen Glau­ben, daß das Ende der Gefangenschaft seines Volkes nahe sei. Er las das Wort Gottes, den Propheten Jeremia, und aufgrund der Offenbarungen des Höchsten verstand er, daß der gezwungene Aufenthalt der Juden in Babylon nur noch wenige Jahre dauern würde. Dies ist der einzig rich­tige Weg, um die göttlichen Prophezeiungen zu verstehen. Nicht die Beobachtung der Umstände und Ereignisse, son­dern das Studium des Wortes Gottes kann uns, wenn wir uns im übrigen der Leitung des Heiligen Geistes überlas­sen, allein Licht über dunkle und schwierige Stellen der prophetischen Schriften geben.

 

Welch eine Wirkung übt nun dieses Verständnis der Pro­phezeiungen Jeremias auf den Geist Daniel aus? Er sinkt in den Staub nieder und ‑ bekennt. Das ist ein Charakterzug des wahren, einfältigen Glaubens. Sobald Daniel die wun­derbaren Gedanken und Ratschlüsse Gottes kennenlernt, drängt es ihn, in die Gegenwart Gottes zu treten und mit Ihm über das, was Er ihm geoffenbart hat, Gemeinschaft zu pflegen und zwar bevor er anderen etwas davon mitteilt. Wir haben dasselbe im 2. Kapitel bei Daniel gesehen. Doch es fällt auf, daß er hier nicht, wie dort, sein Herz in Dank­sagung ausschüttet, sondern in einem tiefgefühlten Be­kenntnis und in einer inbrünstigen Fürbitte für das verwü­stete Heiligtum und die Stadt, die Jehova liebte. Wenn er die Prophezeiung Jeremias im Anfang der Gefangenschaft verstanden und sich dann zu Gott gewandt und seine Sün­den und die Übertretungen des Volkes vor Ihm bekannt hätte, so würden wir dies eher begreifen. Aber jetzt steht er nahe am Ende der siebzig Jahre, und dennoch spricht er gar nicht von der bevorstehenden Erlösung, sondern nur von den Ungerechtigkeiten und der Herzenshärtigkeit seines Volkes. Ich glaube, der Grund ist: Daniel erforschte die prophetischen Bücher nicht, um seine Wißbegierde in be­treff der Daten und Zeitabschnitte in der Geschichte Israels zu befriedigen, sondern um die Wege und Handlungen Gottes in Verbindung mit Seinem Volk kennenzulernen. Er erkannte, wie sehr das Volk seinen Gott verunehrt hatte, wie schwer es sich gegen Ihn versündigt hatte; er sah in den Züchtigungen und Trübsalen, die über ihn und sein Volk gekommen waren, die strafende Hand Gottes, und er ver­nahm Seine Stimme, die durch diese schweren Wege zu dem Herzen der abtrünnigen Nation redete. Und deshalb richtete er sein "Angesicht zu Gott, dem Herrn, um ihn mit Gebet und Flehen zu suchen, in Fasten und Sack­tuch und Asche" (V 3). Dann lesen wir weiter: "Und ich betete zu Jehova, meinem Gott, und ich bekannte und sprach: Ach, Herr! du großer und furchtbarer Gott, der den Bund und die Güte denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten! wir haben gesündigt und verkehrt und gesetzlos gehandelt, und wir haben uns empört und sind von deinen Geboten und von deinen Rechten abgewichen. Und wir haben nicht auf deine Knechte, die Propheten, gehört, welche in dei­nem Namen zu unseren Königen, unseren Fürsten und unseren Vätern und zu allem Volke des Landes geredet haben" (V 4‑6).

 

Welch ein rückhaltloses Bekenntnis! Da ist kein Gedanke an eine Beschönigung oder Rechtfertigung des Geschehe­nen. "Wir haben gesündigt und verkehrt und gesetzlos gehandelt". Und bemerken wir wohl, daß Daniel sich in seinem Bekenntnis nicht von dem Volk ausschließt. Er sagt nicht: "das Volk hat gesündigt", nein, "wir haben gesün­digt". Und doch gab es niemanden in der ganzen unge­heuer großen Stadt Babylon, der infolge seines Wandels und seines treuen Zeugnisses so sehr berechtigt gewesen wäre, sich von der Zahl jener Übertreter der Gebote Gottes auszuschließen, wie gerade Daniel. Er war ein heiliger und unterwürfiger Mann. Der Engel nennt ihn in Vers 23 "Viel­geliebter". Und außerdem war er in so jugendlichem Alter von Jerusalem in die Gefangenschaft geführt worden, daß er schwerlich an den Sünden teilgenommen haben konnte, in deren Folge das schreckliche Gericht hereingebrochen war. Dessen ungeachtet schließt er sich völlig in das Be­kenntnis mit ein. "Wir haben gesündigt". Er macht sich eins mit seinem unglücklichen Volk; er betrachtet ihre Sün­den als seine Sünden und ihre Herzenshärtigkeit als seine. Alle hatten gesündigt; keiner von ihnen war schuldlos. Fürsten, Väter und Priester waren von Jehova abgewichen und hatten Seiner Stimme nicht gehorcht. Daniel stellt sich mit ihnen auf einen Boden. Er nahm in seinem Bekenntnis den Platz vor Gott ein, den das Volk selbst hätte einnehmen sollen. Demütigung, Bekenntnis und Selbstgericht war das einzig richtige Gefühl, das jetzt dem Volk geziemte und wodurch es Gott verherrlichen konnte. Und dieses Gefühl war bei Daniel vorhanden. Von dem Bösen getrennt, wan­delte er in Gemeinschaft mit Gott und in Seinem Licht und erkannt deshalb um so tiefer den traurigen Zustand des Volkes. So ist es immer. Je mehr wir ins Licht kommen, um so mehr sehen wir die Finsternis, die wir verlassen haben. Je mehr wir Gott kennenlernen, sowohl in Seiner unend­lichen Liebe zu den Seinigen, als auch in Seiner vollkom­menen Heiligkeit und Gerechtigkeit, um so tiefer werden wir die Häßlichkeit der Sünde fühlen. Daniel sah alles, was Gott an Seinem Volk getan hatte, er erkannte und fühlte die Liebe und Zuneigung, die Ihn mit Israel verband, und gerade deshalb ist sein Schmerz über das Verderben des Volkes so groß und sein Bekenntnis so aufrichtig und un­umwunden. Zugleich aber gibt ihm das Bewußtsein der Liebe und der großen Barmherzigkeit Gottes Mut und Freudigkeit, Fürbitte für die arme, verirrte Nation zu üben. "Und nun, Herr, unser Gott, der du dein Volk aus dem Lande Ägypten mit starker Hand herausgeführt, und dir einen Namen gemacht hast, wie es an diesem Tage ist ‑ wir haben gesündigt, wir haben gesetzlos gehan­delt. Herr, nach allen deinen Gerechtigkeiten laß doch deinen Zorn und deinen Grimm sich wenden von deiner Stadt Jerusalem, deinem heiligen Berge! denn wegen unserer Sünden und der Missetaten unserer Väter sind Jerusalem und dein Volk zum Hohne gewor­den allen denen, die uns umgeben. Und nun höre, unser Gott, auf das Gebet deines Knechtes und auf sein Flehen; und um des Herrn willen laß dein Ange­sicht leuchten über dein verwüstetes Heiligtum! Neige, mein Gott, dein Ohr und höre! Tue deine Augen auf und sieh unsere Verwüstungen und die Stadt, welche nach deinem Namen genannt ist! Denn nicht um unse­rer Gerechtigkeiten willen legen wir unser Flehen vor dir nieder, sondern um deiner vielen Erbarmungen willen, Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und handle; zögere nicht, um deiner selbst willen, mein Gott! denn deine Stadt und dein Volk sind nach dei­nem Namen genannt" (V. 15‑19).

 

Der Prophet erkennt die Gerechtigkeit Gottes an, der wegen ihrer Ungerechtigkeiten das Gericht über sie ge­bracht hatte; zugleich aber erinnert er Ihn daran, daß es sich um Sein Volk handelt, das Er mit starker Hand aus Ägypten herausgeführt hatte, und daß die Ehre Seines Namens auf dem Spiel stand. Er bittet um Gnade um Jehovas Selbst willen. Dieses herrliche Gebet Daniels erinnert uns an die erhabene Fürbitte Moses, als das Volk während seiner Abwesenheit auf dem Berg Sinai das gol­dene Kalb gemacht hatte (Vergleiche 2. Mose 32).

 

Als Antwort auf dieses inbrünstige Gebet sendet Gott die Prophezeiung. Der ganze Herzenszustand Daniels war ge­eignet, um die jetzt folgende Offenbarung aufnehmen zu können. "Während ich noch redete im Gebet, da kam der Mann Gabriel, den ich im Anfang im Gesicht, als ich ganz ermattet war, gesehen hatte, zu mir her zur Zeit des Abendopfers" (V 21). Es unterliegt keinem Zweifel, daß es sich hier ausschließlich um Israel, um Jeru­salem und den Berg Zion handelt. Die Prophezeiung hat mit dem Christentum durchaus nichts zu tun; die darin erwähnten Zeitabschnitte stehen nur mit dem Volk und der Stadt Daniels in Verbindung. "Und er gab mir Verständ­nis und redete mit mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dich Verständnis zu lehren. Im An­fang deines Flehens ist ein Wort ausgegangen, und ich bin gekommen, um es dir kundzutun; denn du bist ein Vielgeliebter. So merke auf das Wort, und verstehe das Gesicht" (V. 22.23). Beachten wir die Worte: im Anfang deines Flehens ist ein Wort ausgegangen". Daniel hatte sein Gebet noch nicht beendet, als Gott, der die Gedanken Seines Knechtes verstand, schon Seinen Engel aussandte, um ihm Antwort zu bringen und sein Verständnis zu öff­nen. Er war ein treuer, vielgeliebter Mann. Sollte Gott das inbrünstige Flehen eines Seiner Teuren und Vielgeliebten unbeantwortet lassen? Unmöglich. Er versteht uns, noch ehe wir unsere Anliegen Ihm in Worten vorgetragen haben.

 

"Siebenzig Wochen sind über dein Volk und deine hei­lige Stadt bestimmt" (V. 24). Am Ende dieser siebzig Wochen soll die von Gott bestimmte Zeit kommen, "um die Übertretung zum Abschluß zu bringen und den Sünden ein Ende zu machen (sie hinwegzutun), und die Ungerechtigkeit zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit einzuführen, und Gesicht und Propheten zu versiegeln, und ein Allerheiligstes zu salben". Das Volk soll in Gnade wiederhergestellt werden, seine Sünden und Übertretungen sollen völlig vergeben und hinweggetan werden, das Allerheiligste soll gesalbt werden und alle Verheißungen sollen ihre Erfüllung finden. Wann wird dies geschehen? Nach Beendigung der siebzig Wochen. Sobald die letzte Woche ihre Erfüllung gefunden haben wird, bricht jene herrliche Zeit für Israel an.

 

Dieser Zeitraum von siebzig Wochen wird durch den Engel in drei Teile geteilt, und zwar in sieben Wochen, zweiund­sechzig Wochen und eine Woche. "So wisse denn und verstehe: Vom Ausgehen des Wortes, Jerusalem wie­derherzustellen und zu bauen, bis auf den Messias, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen" (V. 25). Die wichtige Frage für uns ist: Wann ist dieses Wort, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen", ausgegangen? Wie wir wissen, erlaubte Kores im ersten Jahr seiner Regierung den bis dahin gefangengehal­tenen Juden, in ihr Land zurückzukehren, um Jehova, dem Gott des Himmels, ein Haus zu bauen. Wir lesen im 1. Ka­pitel des Buches Esra: "So spricht Kores, der König von Persien: Alle Königreiche der Erde hat Jehova, der Gott des Himmels, mir gegeben; und er hat mich beauftragt, ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem, das in Juda ist. Wer irgend unter euch aus seinem Volke ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem, das in Juda ist, und baue das Haus Jehovas, des Gottes Israels, (er ist Gott) in Jeru­salem" (V. 2.3). Auf diesen Befehl hin zogen alle Juden, denen Gott es ins Herz gab, Sein Haus zu bauen, nach Palästina zurück, beladen "mit silbernen Geräten, mit Gold, mit Habe und mit Vieh und mit Kostbarkeiten", die ihnen auf Geheiß des Königs von allen, die um sie her wohnten, gegeben wurden. Viele blieben noch in Babel zurück, (unter ihnen, wie es scheint, auch Daniel) und folgten erst später ihren vorangezogenen Brüdern. Außer­dem ließ Kores alle Gefäße des Hauses Jehovas, die Nebu­kadnezar seinerzeit aus Jerusalem weggeführt hatte, zu­sammenbringen und übergab sie den Fürsten Judas (Esra 1,6.7). Wenn nun gefragt wird: Ist dies der Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, von dem der Engel hier redet, so müssen wir entschieden mit "Nein" antworten. Cyrus (Kores) gab nur den Befehl, den Tempel wieder aufzubauen, und entließ die Juden, reich beschenkt, in ihr Land; von der Wiederherstellung der Stadt war nicht die Rede. Wir müssen daher nach einem anderen Befehl suchen, der mit den Worten des Engels in Übereinstimmung ist. Wir finden noch zwei solche Befehle, zunächst in Esra 7 und dann in Nehemia 2. Bei dem ersten handelt es sich jedoch wieder nur um Rückkehr der noch in Chaldäa zurückgebliebenen Israeliten und um den Bau, die Ausschmückung und Versorgung des Tempels mit Gold und Silber und mit Farren und Lämmern und Widdern zum Opfer. Dieser Befehl erging im siebten Jahr der Regierung Artasasthas, des Königs von Persien (in der Geschichte unter dem Namen Artaxerxes Longimanus bekannt), und zwar an Esra, den Priester und Schriftgelehrten.

 

Der zweite Befehl wird uns, wie schon gesagt, in Nehemia 2 mitgeteilt. Nehemia war Mundschenk bei dem König Arta­sastha. Von einigen Männern, die von Juda nach Babylon gekommen waren, hatte er gehört, daß die in ihr Land zurückgekehrten Juden in großem Elend lebten, und daß die Mauern Jerusalems zerstört und ihre Tore mit Feuer verbrannt seien. Trauernden Herzens begab er sich zum König. Dieser, dem die Niedergeschlagenheit seines Die­ners auffiel, forschte nach der Ursache seines Kummers.

 

Nehemia teilte ihm die traurigen Nachrichten mit, die er erhalten hatte, und bat ihn zugleich um die Erlaubnis, in sein Land zurückkehren zu dürfen, um mit Hilfe seiner Brüder die Stadt wieder aufzubauen. Bereitwillig gab der König seine Zustimmung zu dem Plan seines treuen Die­ners und schickte zugleich auf seine Bitte Briefe an "die Landpfleger jenseits des Stromes und an den Hüter des königlichen Forstes", daß sie ihm in allem beistehen und Holz geben sollten, "die Tore der Burg zu bälken, welche zum Haus gehört, und für die Mauer der Stadt, und für das Haus in welches ich (Nehemia) ziehen werde" (Neh 2,8). Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir es hier mit dem Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, zu tun haben. Der Bau der Stadt, ihrer Mauern und ihrer Häuser ist der Gegenstand des Befehls. Er wurde von Artasastha im zwanzigsten Jahre seiner Regierung er­lassen, dreizehn Jahre nachdem Esra den Befehl erhielt, mit den Seinigen nach Jerusalem zurückzukehren, um den Bau des Tempels zu vollenden.

 

Der Gedanke, daß die siebzig Wochen mit dem Kommen des Messias ihre Erledigung oder Erfüllung finden müßten, hat viele irregeleitet, den an Esra ergangenen Befehl für denjeni­gen zu halten, der hier gemeint ist. Aber dieser Gedanke ist mit nichts in unserem Kapitel zu begründen, er ist eben menschlich. Der Vers 24 enthält weit mehr als das Kommen des Messias. "Siebenzig Wochen sind ... bestimmt, um die Übertretung zum Abschluß zu bringen und den Sün­den ein Ende zu machen (sie hinwegzutun), und die Ungerechtigkeit zu sühnen und eine ewige Gerechtig­keit einzuführen, und Gesicht und Propheten zu versie­geln, und ein Allerheiligstes zu salben". Ist dies alles geschehen bei der Ankunft des Messias? Ist den Sünden ein Ende gemacht, eine ewige Gerechtigkeit gebracht, sind die Prophezeiungen alle erfüllt und das Allerheiligste (das Hei­ligtum Jehovas, denn es handelt sich hier um Israel) gesalbt worden? Sicher nicht. Gerade das Gegenteil war der Fall. Allerdings ist durch den Tod des Herrn, durch die Verwer­fung Seiner Person, eine vorher nie gekannte, wunderbare Segnung für den Menschen ans Licht gebracht worden. Aber hier ist von der Zeit die Rede, wo Israel völlig wiederherge­stellt und in seinem Land gesegnet sein wird.

 

Die folgenden Verse machen dies noch deutlicher. Wie schon oben angedeutet wurde, sind diese siebzig Wochen in drei Abschnitte von verschiedener Länge eingeteilt. "Vom Ausgehen des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis auf den Messias, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen" (V. 25) ' im ganzen also neunundsechzig, und nicht siebzig Wo­chen. Die siebzigste und letzte Woche ist von den übrigen getrennt und dadurch ist die Reihenfolge unterbrochen. Da liegt zunächst die Frage nahe: Warum bilden die ersten sieben Wochen eine besondere Periode? Der letzte Teil des 25. Verses gibt uns, wie ich glaube, Aufschluß darüber. Dort heißt es: "Straßen und Gräben werden wiederher­gestellt und gebaut werden, und zwar in Drangsal der Zeiten". Dies bezieht sich, wie ich nicht zweifle, auf jenen Zeitraum von sieben Wochen oder neunundvierzig Jahren (da wir es hier, wie bekannt, nicht mit gewöhnlichen Wo­chen, sondern mit Jahrwochen zu tun haben). Innerhalb dieses Zeitraums sollte die Stadt wiederhergestellt und ihre eingerissenen Mauern und Gräben wieder aufgebaut wer­den, und zwar in einer schweren, bedrängten Zeit. Im Buch Nehemia wird uns der Beginn und die Vollendung dieses Baues mitgeteilt, und zugleich werden die vielen Schwierig­keiten und Nöte in dieser Zeit häufig erwähnt.

 

In Vers 26 beginnt dann die Periode der zweiundsechzig Wochen oder vierhundertvierunddreißig Jahre. Nach Ver­lauf dieser Periode oder ‑ wenn wir den ganzen Zeitraum zusammennehmen ‑ nach der neunundsechzigsten Woche "wird der Messias weggetan werden und nichts haben". Von den Ereignissen, die sich innerhalb der zwei­undsechzig Wochen zutragen sollten, wird uns nichts ge­sagt. Aber nach Ablauf dieser Zeit soll der Messias, dem das Königreich und die Herrlichkeit gehörten, weggetan werden und nichts haben. In diesen Worten ist die gänzli­che Verwerfung des Messias eingeschlossen. Anstatt von den Juden aufgenommen zu werden, um ihnen die für das Ende siebzig Wochen prophezeiten Segnungen zu bringen, wurde Er verworfen und hatte nichts. Das erklärt auch die Unterbrechung der Kette von siebzig Wochen. Da Israel seinen Messias verwarf, wurde die Erfüllung der letzten Woche hinausgeschoben; statt der angekündigten herrli­chen Segnungen kamen schreckliche Gerichte über das Volk. Die siebzig Wochen waren ihrem Ende schon nahe, als Jesus kam; und hätten die Juden und Jerusalem damals Buße getan, so wäre alles zu ihrer Wiederherstellung in Herrlichkeit bereit gewesen. Abraham, Isaak und Jakob hätten auferweckt werden können, wie es mit Lazarus ge­schehen war. Aber sie erkannten nicht die Zeit ihrer Heim­suchung, und daher mußte notwendigerweise die Erfüllung der siebzig Wochen sowohl als auch die Segnungen, die folgen sollten, verschoben werden. Israel verwarf seinen Messias und tötete den Herrn der Herrlichkeit. Die Folgen dieser Verwerfung Christi waren unausbleiblich. Wir lesen: "Und das Volk des kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum zerstören, und das Ende davon wird durch die überströmende Flut sein; und bis ans Ende: Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen" (V 26). Statt daß die verheißenen Segnungen eintrafen, fiel die Stadt und das Heiligtum der Zerstörung anheim. Das Volk des kommenden Fürsten eroberte ungefähr 40 Jahre nach dem Tod des Messias Jerusalem und machte den Tem­pel und beinahe die ganze Stadt dem Erdboden gleich. Die Worte der Hohenpriester und Pharisäer fanden gar bald ihre Erfüllung. Sie hatten, als Jesus den Lazarus aufer­weckt hatte und viele von den Juden infolge dieses Wunders an Ihn glaubten, gesagt: "Was tun wir? denn dieser Mensch tut viele Zeichen. Wenn wir ihn also lassen, werden alle an ihn glauben, und die Römer werden kommen und sowohl unseren Ort als auch unsere Nation wegnehmen" (Joh 11,47.48). Ihre Befürchtungen verwirklichten sich in der schrecklichsten Weise; aber gerade das, was sie taten, um dem drohenden Verderben vorzubeugen, diente dazu, es nur um so schneller und um so furchtbarer über sie zu bringen. Die Römer kamen und zerstörten nicht nur ihre Stadt, sondern nahmen auch ihre Nation weg, d. h. sie zerstreuten sie über die ganze Erde und bereiteten ihrem Bestehen als Nation ein jähes Ende. Seit jener Zeit befin­den sich die Juden in einem traurigen, kläglichen Zustand. Schreckliche Verfolgungen kamen im Lauf der Jahrhun­derte über sie. Heute noch sind sie ein verachtetes Volk, das auf der ganzen Erde heimatlos umherirrt*).

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*) Wir verweisen auf die Fußnote von Seite 112, Kapitel 8. (Anmerkung des Heraus­gebers).

 

Wohl ist es wahr, daß sie sich fast an allen Orten der Welt angesiedelt und viele Reichtümer angesammelt haben, so daß sie selbst an vielen Höfen der Könige und Fürsten von großem Ein­fluß sind, aber dennoch bleiben sie ein unstetes Volk, auf das von allen Seiten mit Geringschätzung herabgesehen wird. Sie sind ohne Land und ohne Heimat*).

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*) Vgl. die Fußnote Seite 112.

 

Ihr Land ist verwüstet, die fruchtbaren Gefilde Kanaans, die von Milch und Honig flossen, sind zur Einöde geworden. Jerusalem, die Stadt Gottes, ist zertreten worden und hat seit seiner Zerstörung unter der Herrschaft fremder Nationen ge­seufzt. Der Zorn Gottes ruht auf dem unglücklichen Land und der noch unglücklicheren Nation. Und es wird so blei­ben bis ans Ende, d. h. bis Gott sich wieder über Sein Volk erbarmen wird und jene Zeit der Segnung, von der wir in Vers 24 hören, herbeiführen wird. "Das Ende davon wird durch die überströmende Flut sein; und bis ans Ende: Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen" (V 26). Es hat keinen Sinn, zu denken, die siebzigste Woche habe direkt nach dem Tod des Messias ihre Erfüllung gefunden. Denn die Zerstörung Jerusalems traf nicht sieben, sondern ungefähr vierzig Jahre später ein, und heute noch befindet sich das jüdische Volk und Land unter der ganzen Schwere des göttlichen Gerichts. Von den Segnungen, die nach Be­endigung der siebzigsten Jahrwoche unfehlbar (denn Gott hat es gesagt) eintreffen werden, ist noch nichts zu sehen. Die siebzigste Woche harrt daher noch auf ihre Erfüllung, sie ist noch zukünftig. Nach Ablauf der neunundsechzig­sten Woche ist eine Unterbrechung im Verlauf der Ge­schichte Israels eingetreten; es hat aufgehört, eine selbständige Nation und das Volk Gottes zu sein. Gott hat es wegen seiner Sünden dahingegeben. Und diese Zeit der Dahin­gabe von seiten Gottes dauert schon mehr als 1900 Jahre und wird bis zu dem Augenblick währen, wo Gott das Volk wieder nach Palästina zurückbringen und durch die Endge­richte der letzten (siebzigsten) Woche läutern und den treuen, bewährten Überrest in die Segnungen des tausend­jährigen Reiches einführen wird.

 

Noch eins ist hier zu beachten. Wir lesen in dem eben betrachteten Vers: "Das Volk des kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum zerstören". Es heißt nicht: "der kommende Fürst". Der Messias, der Fürst Is­raels, war bereits gekommen und hinweggetan, als Jerusa­lem seinem traurigen Schicksal anheimfiel. Von ihm kann also hier nicht die Rede sein. Es ist ein Fürst des Volkes, welches das Gericht Gottes über die schuldige Stadt und Nation ausführen sollte, d. h. der Römer, aber ein Fürst, der zur Zeit der Zerstörung Jerusalems noch kommen sollte, der noch zukünftig war. Dies ist für das Verständnis des letzten Verses unseres Kapitels wichtig. Ohne Zweifel befanden sich die Römer unter der Leitung eines Fürsten, als sie die heilige Stadt belagerten und einnahmen. Die Geschichte hat uns seinen Namen überliefert. Es war Titus Vespasianus. Aber er kann nicht der Fürst sein, von dem hier gesprochen wird. "Das Volk des kommenden Fürsten" zerstörte die Stadt und das Heiligtum, und dann trat jene Periode der Verwüstungen und Kriege ein, von der wir oben schon redeten. So lange diese währt, wird dieser Fürst nicht kommen, denn wir lesen im folgenden Vers, daß er erst dann, wenn die siebzigste Woche beginnt, auf den Schauplatz treten und seine Wirksamkeit beginnen wird.

 

Und er wird einen festen Bund mit den Vielen schlie­ßen für eine Woche" (V. 27). Der Wortlaut dieser Stelle hat viele Leser und Ausleger des Buches Daniel zu dem Gedanken geführt, daß hier von Christus, dem Messias und Fürsten der Juden die Rede sei, und daß Er mit den Vielen einen Bund geschlossen habe. Ohne Zweifel hat Christus durch Seinen Tod und durch Sein Blut den Grund zu dem neuen Bund gelegt. Sein Blut wird durch das Wort Gottes Selbst das Blut des neuen Bundes genannt. Ist dieser Bund hier gemeint? Unmöglich. Es heißt: "Er wird mit den Vie­len einen festen Bund schließen für eine Woche. Niemand wird bestreiten können, daß diese Woche die letzte von den über das Volk und die Stadt Daniels bestimmten siebzig Wochen ist. Neunundsechzig Wochen sind verflossen, eine Woche, d. h. ein Zeitraum von sieben Jahren, fehlt noch. Umfaßt nun der neue, auf das Blut Christi gegründete Bund nur einen Zeitraum von sieben Jahren? Im Gegenteil, der Bund Christi ist ein ewiger Bund; dieser hier ist aber nur für die Dauer von sieben Jahren. Es kann also nicht Christus sein, der diesen Bund schließt, sondern nur der kommende Fürst. Dies entspricht auch dem ganzen Zu­sammenhang. Er schließt mit "den Vielen" (d. h. mit der Masse der jüdischen Nation; der kleine, treue Überrest wird sich nicht an diesem Bund beteiligen) einen Bund für eine Woche, "und zur Hälfte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen". Die Juden, zur Zeit dieser letzten Woche wieder in ihr Land zurückgekehrt, werden von neuem anfangen, ihre Opfer, Feste und reli­giösen Gebräuche einzuführen, aber in der Hälfte der Woche wird der kommende Fürst ihrer Anbetung ein Ende machen.

 

Auch an anderen Stellen des Wortes Gottes wird von die­sem Bund gesprochen. Wir lesen in Jes. 28,15: "Denn ihr sprechet: Wir haben einen Bund mit dem Tode geschlossen und einen Vertrag mit dem Scheol gemacht; wenn die über­flutende Geißel hindurchfährt, wird sie an uns nicht kom­men; denn wir haben die Lüge zu unserer Zuflucht ge­macht und in der Falschheit uns geborgen". Und in Vers 18: "Und euer Bund mit dem Tode wird zunichte werden, und euer Vertrag mit dem Scheol nicht bestehen; wenn die überflutende Geißel hindurchfährt, so werdet ihr von der­selben zertreten werden." Ich zweifle nicht daran, daß die­ser Bund derselbe ist, von dem Daniel, oder vielmehr der Engel Gabriel redet. Die Juden werden mit dem kommen­den Fürsten, dem Haupt der westlichen Macht, des römi­schen Reiches in seiner letzten Form, einen verderblichen Bund schließen, um dadurch der überflutenden Geißel, die ihr Land durchfahren wird, zu entgehen. "Wenn die über­flutende Geißel hindurchfährt, wird sie an uns nicht kom­men" (V 15), sagen sie. Aber dieser kommende Fürst wird in der Hälfte der Woche, mit anderen Worten, nach Verlauf von dreieinhalb Jahren, seinen Bund brechen und die Juden zwingen, ihre Opfer und ihre Anbetung des wahren Gottes fahrenzulassen und Götzendienst zu treiben. Er wird einen Götzen aufstellen, und sich selbst anbeten und göttlich verehren lassen. "Er wird Schlachtopfer und Speis­opfer aufhören lassen. Und wegen der Beschirmung der Greuel*) wird ein Verwüster kommen. Das Wort "Greuel" ist ein in den Schriften des Alten Testaments bekannter Ausdruck für Götzenbilder und heidnische Greuel.

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*) Buchstäblich "wegen des Flügels der Greuel". Das Wort "Flügel" wird auch an anderen Stellen des Alten Testaments für "Schutz" gebraucht. (J.N.D.)

 

Die überflutende Geißel in Jesaja 28 und der hier in Daniel wegen der Beschirmung der Greuel erscheinende Verwüster sind, wie ich glaube, eine und dieselbe Person. Es ist das Hau t der östlichen Mächte jener Tage, der unter dem Namen "König des Nordens" oder "Assyrer" uns schon be­kannte äußere Feind Israels. Wie schon bemerkt, wird die Masse des jüdischen Volkes mit dem Haupt der westlichen Mächte einen Bund eingehen, um sich vor diesem König des Nordens zu schützen. Aber in der Mitte der Woche wird jener Treulose seinen Bund mit Israel brechen und im Verein mit dem falschen Propheten oder dem Antichristen, der in der Mitte des Volkes weilt, das Volk unterdrücken und zu verderben suchen. Außerdem wird Gott wegen der Abtrün­nigkeit Israels und weil es einen Bund mit jenem König eingegangen ist, den König des Nordens, die überflutende Geißel, den Verwüster, über sie bringen. "Wegen der Be­schirmung der Greuel wird ein Verwüster kommen und zwar bis Vernichtung und Festbeschlossenes*) über das Verwüstete ausgegossen werden" (V. 27). Unter dem Aus­druck: "das Verwüstete" haben wir, wie ich nicht zweifle, Jerusalem zu verstehen").

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*) Dies ist ein Ausdruck, der häufig für die letzten Gerichte, die über die Juden kommen werden, gebraucht wird, (Vergleiche Jes 10,22; 28,22). Der 2. Vers von Jesaja 28 vergleicht den Verwüster mit einer überströmenden Flut. Es ist dasselbe Bild wie in Vers 26 unseres Kapitels. (J.N.D.)

 

**) Der Herr Jesus redet zu Seinen Jüngern nur von der letzten Halbwoche, von der Zeit der Drangsal, die der Aufrichtung des  Götzendienstes in Jerusalem folgt. Einige haben infolgedessen gedacht, daß nur diese Halbwoche noch kommen würde, und daß Christus in der Mitte der Woche weggetan worden sei. Andere sind der Meinung, daß die siebzigste Woche schon vor dem Tod des Herrn ihre völlige Erfüllung gefun­den habe, daß sie aber wegen der Verwerfung Christi nicht gerechnet werden dürfe und sich daher zur Zeit der Verbindung der Juden mit dem Bösen wiederholen würde. Eins ist gewiß: Der Messias ist nach Ablauf der neunundsechzigsten Woche hinweggetan worden, und der kommende Fürst macht mit dem jüdischen Volk einen Bund für eine Woche. Die letzte Hälfte der Woche ist eine Zeit der äußeren Unterdrückung wegen der Greuel oder Götzendienereien. (J.N.D.)

 

Die gewaltsame Abschaffung des jüdischen Gottesdienstes durch den kommenden Fürsten fanden wir schon in einem der früheren Kapitel erwähnt; sie wird durch die eben betrachtete Prophezeiung nur bestätigt. Wir lesen in Kapi­tel 7, daß das aus dem Haupt des vierten Tieres hervorkom­mende kleine Horn Worte wider den Höchsten reden, die Heiligen der hohen Örter vernichten und bestimmte Zeiten und Gesetze verändern wird; "und sie werden eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit in seine Hand gegeben werden" (Kap.7,25). Es ist der gleiche Zeitraum wie hier. "Eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit" repräsentieren, wie wir aus verschiedenen anderen Stellen des Wortes Got­tes entnehmen können, eine Periode von dreieinhalb Jah­ren. Dasselbe ist mit der halben Woche der Fall. Der Bund, den der Fürst mit dem Volk macht, ist für eine Woche bestimmt, aber er wird ihn nur eine halbe Woche halten, ihn dann brechen und den Juden nicht einmal erlauben, ihre religiösen Feste zu feiern. Bestimmte Zeiten und Ge­setze wird er zu verändern gedenken, und sie werden in seine Hände gegeben werden. Da die Wiederherstellung des ganzen jüdischen Gottesdienstes im Unglauben ge­schieht, so wird Gott diesem Bösen erlauben, ihn völlig hinwegzutun. Trauriger Zustand des Volkes! Wieder in sein Land zurückgeführt und um die heilige Stadt versammelt, wird es eine Beute der Bosheit des Königs der westlichen Mächte und des größten Feindes in seinem Inneren, des Antichristen; zugleich ist es der Wut "des Verwüsters", des Königs des Nordens, preisgegeben. Doch Gott sei Dank! diese schreckliche Zeit wird vorübergehen. Er hat ihr eine bestimmte Grenze gesetzt, und darüber hinaus reicht keine Bosheit des Feindes. Der heilige Same, der treue, göttliche Überrest des Volkes, wird durch diese Zeit der Drangsal hindurchgeführt und errettet werden. "Und der Herr, Je­hova, wird die Tränen abwischen von jedem Angesicht, und die Schmach seines Volkes wird er hinwegtun von der ganzen Erde, denn Jehova hat geredet" (Jes 25,8).

 

Kapitel 10

 

Die drei letzten Kapitel des prophetischen Buches, Kapitel 10‑12, bilden eine zusammenhängende Offenbarung Got­tes an Seinen geliebten Knecht. Zugleich machen sie uns mit den Umständen bekannt, unter welchen Daniel die Prophezeiung empfing. Die Prophezeiung selbst unter­scheidet sich etwas von den übrigen, indem sie mit einer auffallenden Genauigkeit und Ausführlichkeit historische Tatsachen aufzählt, die sich während der Regierung der heidnischen Mächte zutragen sollten, und die von der Zeit des persischen Reiches bis hin zu dem Augenblick reichen, wo Christus die Herrschaft übernehmen und jedes Knie sich vor Ihm beugen wird. Jedoch reihen sich die erzählten Tatsachen nicht in ununterbrochener Folge aneinander. Vielmehr besteht zwischen dem 35. und 36. Vers von Kapi­tel 11 eine große Lücke. Die im ersten und letzten Teil des Kapitels mitgeteilten Ereignisse liegen viele Jahrhunderte auseinander. Die Verse 1‑35 berichten in gedrängter Kürze, aber zugleich in erschöpfender Weise den Lauf der Ge­schichte der östlichen Mächte. Sie beginnen mit der Dyna­stie der persischen Könige, gehen dann über zu dem grie­chischen Reich unter Alexander dem Großen und seinen Nachfolgern und enden mit der Beschreibung der Handlun­gen und Taten einer uns bereits bekannten Persönlichkeit, des Königs Antiochus Epiphanes, eines Vorbildes des größ­ten Führers des Widerstandes gegen das Volk Gottes in den letzten Tagen. Damit bricht die Prophezeiung plötzlich ab, überspringt eine lange Reihe von Jahren und führt uns im folgenden Vers ohne weiteren Übergang zu "der Zeit des Endes". Mit Kapitel 11 schließt die Geschichte der Nationen überhaupt ab. Das 12. Kapitel ist, wie wir schon im Anfang bemerkten, mit dem Zustand des Überrestes wäh­rend der letzten Periode der heidnischen Macht und mit seiner Befreiung beschäftigt und enthält zugleich die Of­fenbarung der Ratschlüsse Gottes im Blick auf diesen Überrest, der inmitten der Nationen bewahrt wird. Nach­dem wir diese notwendigen Bemerkungen zum Verständnis des Folgenden vorausgeschickt haben, gehen wir zur Be­trachtung von Kapitel 10 über.

 

Jm dritten Jahre Kores', des Königs von Persien, wurde dem Daniel, welcher Beltsazar genannt wird, eine Sache geoffenbart, und die Sache ist Wahrheit, und betrifft eine große Mühsal; und er verstand die Sache und bekam Verständnis über das Gesicht" (V. 1). Daniel war bei der Rückkehr der Juden nach Palästina in Babylon zurückgeblieben. Er hatte von der Erlaubnis Kores, den persischen Hof zu verlassen, keinen Gebrauch gemacht. War es geschehen, weil er sich in dem fremden Land wohlfühlte und die Genüsse, die ihm in der reichen Hauptstadt zu Gebote standen, nicht verlieren wollte? Si­cherlich nicht. Der Grund für sein Bleiben wird uns nicht mitgeteilt. Aber wir können bestimmt annehmen, daß ihn nicht derartige Rücksichten abgehalten haben, sich dem Zug seiner Brüder in die geliebte Heimat anzuschließen. Dafür spricht auch der Inhalt der beiden folgenden Verse: In selbigen Tagen trauerte ich, Daniel, drei volle Wo­chen. Köstliche Speise aß ich nicht, und weder Fleisch noch Wein kam in meinen Mund; und ich salbte mich nicht, bis drei volle Wochen um waren" (V. 2.3). Statt sich den Freuden des Hoflebens hinzugeben, trauerte und fastete Daniel und nahm den Platz des Bekenntnisses vor seinem Gott ein, den Platz, den das ganze Volk, seinem Zustand entsprechend, hätte einnehmen sollen. Und wie im vorigen Kapitel, so tritt auch hier wieder infolge des Zustandes seiner Seele und infolge seiner Herzensübungen die Offenbarung ein. Dort war sie eine Antwort auf das demütige Bekenntnis und die Fürbitte Daniels für das Volk, hier erfolgt sie auf sein Trauern und Fasten. Diese beiden Prophezeiungen unterscheiden sich daher wesentlich von denen des siebten und achten Kapitels. Während diese zu einer Zeit gegeben wurden, als es Gott gefiel, Seinem Die­ner Mitteilungen über den Lauf zukünftiger Ereignisse zu machen, die die Geschichte der westlichen und östlichen Mächte zum Gegenstand haben, stehen jene mit dem Volk Israel in Verbindung und sind die Folge des persönlichen Zustandes Daniels.

 

"Und am vierundzwanzigsten Tag des ersten Monats, da war ich am Ufer des großen Stromes, das ist der Hiddekel. Und ich erhob meine Augen und sah: und siehe, da war ein Mann, in Linnen gekleidet, und seine Lenden waren umgürtet mit Gold von Uphas; und sein Leib war wie ein Chrysolith, und sein Angesicht wie das Ansehen des Blitzes, und seine Augen wie Feuer­fackeln, und seine Arme und seine Füße wie der An­blick von leuchtendem Erz; und die Stimme seiner Worte war wie die Stimme einer Menge. Und ich, Da­niel, allein sah das Gesicht; die Männer aber, welche bei mir waren, sahen das Gesicht nicht. Doch fiel ein großer Schrecken auf sie, und sie flohen und verbar­gen sich " (V 4‑7). Es könnte gefragt werden, ob diese herrliche Erscheinung, die Daniel allein sieht, nur ein Engel, oder der Herr der Herrlichkeit Selbst ist. Die ganze Beschreibung scheint darauf hinzudeuten, daß es Jehova ist, der hier, wie an anderen Stellen des Alten und Neuen Testaments, erscheint, um mit Seinen treuen Dienern zu verkehren, mit denen er in der innigsten Weise verbunden ist. Auf alle Begleiter Daniels fällt ein großer Schrecken; sie fliehen, um sich zu verbergen. Sie sehen das Gesicht nicht, werden aber von einer unerklärlichen Angst ergrif­fen. Sie fühlen, daß etwas Außergewöhnliches vorgeht. Daniel allein bleibt zurück. Doch auch ihn verläßt die Kraft. "Und ich blieb allein übrig und sah dieses große Gesicht; und es blieb keine Kraft in mir, und meine Gesichtsfarbe verwandelte sich an mir bis zur Entstel­lung, und ich behielt keine Kraft" (V 8). Daniel war schon ein bejahrter Mann, und er hatte alle Tage seines Lebens mit seltener Treue in den Wegen Gottes gewandelt; aber als er jetzt in die Nähe dieses Gottes, dieses Herrn der Herrlichkeit, kommt und Seine Majestät erblickt, verläßt ihn seine Kraft, und sein Aussehen verwandelt sich bis zur Entstellung. Trotz seines innigen Verhältnisses mit diesem Herrn, mit Seinen Gedanken und Ratschlüssen, mit Seiner Liebe und Seiner Barmherzigkeit, muß Daniel dennoch seine völlige Schwachheit und Kraftlosigkeit erfahren. Er sinkt zu Boden. "Und ich hörte die Stimme seiner Worte; und als ich die Stimme seiner Worte hörte, sank ich betäubt auf mein Angesicht zur Erde" (V. 9). Der Herr teilt hier dein Propheten etwas mit, was er trotz aller vorhergegangenen, herrlichen Offenbarungen noch nicht gelernt hatte, und zeigt Sich ihm in einer Gestalt, die ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Demgegenüber offen­bart Daniel seine völlige Schwachheit und sein gänzliches Nichts. Der Herr Selbst mußte ihn anrühren und ihm Kraft verleihen, damit er sich wieder aus dem Staub erheben und Seine Worte hören konnte. "Und siehe, eine Hand rührte mich an und machte, daß ich auf meine Kniee und Hände emporwankte" (V 10).

 

Ähnlich erging es Johannes, als ihm auf der Insel Patmos der Herr erschien, um ihm im Auftrag seines Gottes zu zeigen, was bald geschehen muß. Johannes hatte mit dem Herrn Jesus während Seines Wandels auf dieser Erde in besonders vertrautem Verkehr gestanden, hatte an Seiner Brust gelegen und war am meisten von allen Jüngern fähig gewesen, in Seine Gedanken einzugehen. Und dennoch, wenn der Herr Jesus in Seiner richterlichen Majestät vor ihn hintritt, als einer "gleich dem Sohne des Menschen", so fällt er wie tot zu Seinen Füßen nieder. Der Herr Jesus muß Seine Rechte auf ihn legen und ihn daran erinnern, daß Er es ist, der mit ihm redet, "der Erste und der Letzte und der Lebendige". Er muß ihm zurufen: Fürchte dich nicht"! und ihn stärken, bevor er imstande ist, Seine Worte zu vernehmen (vergleiche auch Jes 6).

 

"Und er sprach zu mir: Daniel, du vielgeliebter Mann! merke auf die Worte, die ich zu dir rede, und stehe auf deiner Stelle; denn ich bin jetzt zu dir gesandt. Und als er dieses Wort zu mir redete, stand ich zitternd auf' (V 11). Gestärkt durch die Hand, die ihn angerührt hat, und getröstet durch die liebreichen Worte, die er gehört hat, erhebt sich Daniel, immer noch zitternd. "Und er sprach zu mir: Fürchte dich nicht, Daniel! denn von dem ersten Tage an, da du dein Herz darauf gerichtet hast, Verständnis zu erlangen und dich vor deinem Gott zu demütigen, sind deine Worte erhört worden; und um deiner Worte willen bin ich gekommen" (V. 12). Daniels Glaube war auf eine harte Probe gestellt worden. Er hatte die Antwort Gottes nicht an demselben Tag empfangen, an dem er sein Herz darauf gerichtet hatte, sich vor dem Angesicht seines Gottes zu demütigen. Volle drei Wochen waren unter beständigem Harren dahingegan­gen. Doch wie ermutigend war es für ihn, zu hören, daß der Engel von dem ersten Tag an zu ihm gesandt worden war. Daniel hatte mit einem demütigen und unterwürfigen Herzen zu Jehova gerufen. Konnte Gott Sein Ohr vor dem Flehen Seines treuen, vielgeliebten Knechtes verschließen? Unmöglich. Sogleich erfolgte die Antwort. Daß sie erst nach so langer Zeit dem Propheten überbracht wurde, hatte einen anderen Grund. Wir werden sogleich darauf kommen. Vorher möchte ich noch bemerken, daß, wie es mir scheint, die redende Person eine andere ist als die in den vorhergehenden Versen beschriebene, deren Erschei­nung auf Daniel einen so überwältigenden Eindruck machte. Es ist nicht der Herr der Herrlichkeit Selbst, son­dern einer Seiner Boten, ein Engel. Er ist gesandt von Jehova. Dies geht besonders aus dem Inhalt des folgenden Verses hervor: "Aber der Fürst des Königreichs Persien stand mir einundzwanzig Tage entgegen; und siehe, Michael, einer der ersten Fürsten, kam, um mir zu helfen, und ich trug daselbst den Sieg davon bei den Königen von Persien" (V. 13). Der Herr des Himmels und der Erde, Jehova Selbst, hat nicht nötig, daß Ihm einer Seiner Diener in der Ausführung Seiner Vorsätze beisteht. Überdies teilt uns das zwölfte Kapitel mit, daß dem göttli­chen Seher außer dem "mit Linnen bekleideten Mann" noch mehrere Personen gegenüberstehen. Es heißt dort in Vers 5: "Und ich, Daniel, sah, und siehe, zwei andere standen da, einer hier am Ufer des Stromes, und einer dort am Ufer des Stromes".

 

Der Grund zur Verzögerung der Antwort lag also in dem Widerstand des Fürsten des Königreichs Persien. Aber war Gott nicht mächtig genug, diesen Widerstand sogleich nie­derzuschlagen? Ganz gewiß. Aber dann würde uns diese klare Unterweisung über den schrecklichen Kampf fehlen, der unaufhörlich zwischen den Engeln des Lichts, den Die­nern Gottes, und den Engeln der Finsternis, den Werkzeu­gen Satans, tobt. Auch hätten der Glaube und das Aushar­ren Daniels nicht ihr vollkommenes Werk gehabt. So aber offenbaren uns die Worte des Engels den geheimnisvollen Widerstand, den die Feinde der Herrlichkeit Gottes der Erfüllung Seiner Ratschlüsse der Gnade in bezug auf Sein Volk, sowie ihrer Mitteilung entgegensetzten, die zur Er­munterung des treuen Überrestes dienen sollte. Die Werk­zeuge Satans suchen die Boten Gottes aufzuhalten und ihnen unüberwindliche Hindernisse in den Weg zu legen. Doch Gott ist mächtiger als Satan. Unterstützt von Mi­chael, einem der Engelfürsten, trägt der Abgesandte Got­tes den Sieg davon. Bei dieser Gelegenheit mache ich dar­auf aufmerksam, daß Michael in besonderer Weise als ein Wächter und Führer mit dem Volk Israel in Verbindung zu stehen scheint. Er kommt hier dem Boten, der seinem Volk die Mitteilungen Gottes bringen will, zu Hilfe. Auch lesen wir am Ende des Kapitels: "und es ist kein einziger, der mir wider jene mutig beisteht, als nur Michael, euer Fürst“ (Vergleiche auch Kapitel 12,1). Ferner erwähnt Judas in seinem Brief den Streit Michaels mit Satan um den Leib Moses'. Wir können darin ebenfalls die Sorge Michaels für Gottes Volk erblicken. Er kannte die Neigung Israels zur Abgötterei, und um es davor zu bewahren, den Leib Moses' mit sich zu nehmen und ihn göttlich zu verehren, wozu Satan das Volk ohne Zweifel zu verführen gedachte, stritt er mit Satan um den Besitz des Leichnams. Am Ende des 5. Buches Mose wird uns mitgeteilt, daß der Herr Moses im Tal, im Lande Moab, begrub, und der Brief des Judas belehrt uns, daß Michael als das Werkzeug dazu gebraucht wurde. Wir ersehen zugleich daraus, daß die heiligen Engel nicht nur ihren Dienst im Himmel ausüben, sondern daß sie sich auch häufig mit den äußeren Ereignissen und Um­ständen in dieser Welt zu beschäftigen haben. Sie sind die Werkzeuge Gottes, um überall Seinen wohlgefälligen Wil­len auszuführen. Und hierin stehen ihnen die bösen Engel, die Mächte der Finsternis, entgegen und suchen sie in ihrem Tun zu hindern.

 

Hieran hat die Menschwerdung Christi und das kraft Seines vollbrachten Werkes erfolgte Herniederkommen des Heili­gen Geistes nichts geändert. Im Gegenteil wissen wir aus dem Buch der Offenbarung, daß noch ein schrecklicher Kampf zwischen Satan und seinen Engeln einerseits und Michael mit den anderen Engeln andererseits stattfinden wird. Er endet mit dem Sturz Satans aus den Himmeln. Bis dahin wohnt Satan in den himmlischen Örtern. Er wird darum auch "der Fürst der Gewalt der Luft" genannt. Zugleich ist er "der Fürst und der Gott dieser Welt“. Gott hätte ihn mit einem Wort Seines Mundes aus den Räumen des Himmels verbannen können; doch er hat es nicht getan, und wir dürfen auch darin Seine vollkommene Ge­duld und Langmut bewundern. Einst aber wird Gott die Himmel von ihm und seiner bösen Schar reinigen. Satan wird auf die Erde niedergewofen werden und nie wieder in die himmlischen Örter zurückkehren. Nachdem dies ge­schehen ist, wird ihm Gott auch seine irdische Macht neh­men und ihn in den See werfen, der mit Feuer und Schwefel brennt*). Wie bewunderungswürdig ist die Langmut Got­tes, die die verunreinigende Gegenwart Satans in den himmlischen Örtern, selbst nach seiner völligen Besiegung durch den Sohn des Menschen, noch duldet, ja ihm erlaubt, Seinen Dienern in den Weg zu treten!

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*) Den Titel "Fürst der Hölle", der Satan so gern beigelegt wird, finden wir nirgends in der Heiligen Schrift. Wenn Gott ihn in den Feuersee werfen wird, dann wird ihm jede Macht und jeder Titel für immer genommen sein. Er ist dann nur noch der elende Gegenstand der schrecklichen, aber gerechten Gerichte Gottes.

 

Dies alles läßt uns einen tiefen Blick tun in die Geheim­nisse der unsichtbaren Welt. Auch heute noch währt dieser Kampf zwischen den Dienern Gottes und den Werkzeugen des Bösen. Dies sollte allen Ernst in unseren Herzen wach­rufen und uns zugleich ermuntern, im Glauben auszuhar­ren. Gott ist mächtiger als alle unsere Feinde. Daniel be­tete, trauerte und fastete drei Wochen lang, ohne eine Antwort zu bekommen. Doch er harrte aus; sein Glaube bewährte sich, und wie herrlich wurde er belohnt!

 

Der Engel fährt jetzt fort, Daniel mitzuteilen, worauf sich das Gesicht, das er ihm offenbart hat, bezieht. "Und ich bin gekommen, um dich verstehen zu lassen, was dei­nem Volk am Ende der Tage widerfahren wird; denn das Gesicht geht noch auf ferne Tage" (V. 14). Obwohl die Prophezeiung eine Reihe von geschichtlichen Einzelhei­ten in sich schließt, deren Erfüllung bereits kurz nach dem Tod des Propheten begann, sind die Gedanken Gottes doch immer auf "das Ende der Tage" gerichtet; und es ist Israel, das Volk Daniels, um das sich die ganze Prophezeiung dreht. An die Kirche ist hier gar nicht zu denken. Sobald dies vergessen wird, kommt man zu den seltsamsten und abwegigsten Erklärungen. Man bringt Rom, das Papsttum, oder gar Napoleon 1. hinein, und alles gerät in die größte Verwirrung.

 

Daniel bekennt in Demut seine Unfähigkeit, solche Mittei­lungen zu empfangen. "Und als er in dieser Weise mit mir redete, richtete ich mein Angesicht zur Erde und verstummte. Und siehe, einer, den Menschenkindern gleich, berührte meine Lippen; und ich tat meinen Mund auf und redete und sprach zu dem, der vor mir stand: Mein Herr, wegen des Gesichts überfielen mich die Wehen, und ich habe keine Kraft behalten. Und wie vermag ein Knecht dieses meines Herrn mit diesem meinem Herrn zu reden? Und ich ‑ von nun an bleibt keine Kraft mehr in mir, und kein Odem ist in mir übrig"(V. 15‑17). Wieder verläßt den Propheten alle Kraft. Doch von neuem rührt ihn einer, von Ansehen wie ein Mensch, an und stärkt ihn. "Fürchte dich nicht, du viel­geliebter Mann! Friede dir! sei stark, ja, sei stark!" Der Herr muß den Propheten erst auf seine Füße stellen, ihm den Mund öffnen und seine Furcht wegnehmen, ehe Er ihm die Zukunft offenbaren kann. Sein Herz muß in voll­kommenem Frieden in der Nähe Gottes sein, ehe er im­stande ist, Seine Mitteilungen aufzunehmen. Dies enthält eine beherzigenswerte Unterweisung für uns. Zum wahren Verständnis der Gedanken Gottes und zum Fortschritt in der Erkenntnis Seines Wortes genügt es nicht, errettet zu sein und das Leben zu haben, sondern das Herz muß wirk­lich den Frieden Gottes genießen und mit einfältigem Ver­trauen in dem Herrn Jesus ruhen. Solange uns die Nähe Gottes mit Furcht erfüllt, können wir uns nicht in Ihm erfreuen, noch in Seine Gedanken und Ratschlüsse mit wahrem Verständnis eindringen.

 

Kapitel 11, 1‑35

 

Gestärkt durch die Berührung des Engels und durch dessen trostreiche Worte, ist der Prophet jetzt fähig, die göttlichen Mitteilungen entgegenzunehmen. "Und auch ich stand im ersten Jahre Darius', des Meders, ihm bei als Hel­fer und Schutz" (V. 1). Es ist hier derselbe Sprecher wie im vorigen Kapitel. Dies liefert uns einen neuen Beweis, wie innig die Engel als Täter des Wohlgefallens Gottes und als Vollstrecker Seiner Ratschlüsse (Ps 103, 20.21) mit den Ereignissen auf dieser Erde in Verbindung stehen.

 

"Und nun will ich dir die Wahrheit kundtun: Siehe, es werden noch drei Könige in Persien aufstehen" (V. 2). Der Leser wird sich erinnern, daß die Prophezeiung im dritten Jahre Kores', des ersten persischen Königs, gegeben wurde. Nach ihm sollten noch drei Könige in Persien auf­stehen. Die Geschichte hat uns ihre Namen aufbewahrt, aber wir haben nicht nötig, menschliche Hilfsmittel bei der Betrachtung des Wortes Gottes in Anspruch zu nehmen. Die Schrift selbst gibt uns genügend Aufschluß. Sie ist ein harmonisch vollendetes Ganzes, dessen erhabene Schön­heit und Fülle kein Mensch auszusprechen und zu beschrei­ben vermag. Gott Selbst hat durch Seine inspirierten Schreiber geredet, und daher ist alles vollkommen und ohne Makel. Kein Wort ist zu viel, keins zu wenig. Zwi­schen den einzelnen Teilen der Heiligen Schrift herrscht ein so inniger Zusammenhang und eine so genaue Überein­stimmung, daß den unterwürfigen und einsichtsvollen Leser stets neues Staunen und neue Bewunderung ergreift. Das eine Buch erklärt das andere, diese Stelle verbreitet Licht über jene.

 

So ist es auch hier. Das vierte Kapitel des Buches Esra ergänzt die Mitteilung, die der Engel dem geliebten Knecht

Gottes gibt. Wir lesen dort, daß die Feinde Israels versuch­ten, die an dem Bau des Tempels beschäftigten Juden auf alle mögliche Weise zu behindern. "Und sie dingten Ratge­ber wider sie, um ihren Plan zu vereiteln, alle die Tage Kores', des Königs von Persien, und bis zur Regierung Darius', des Königs von Persien" (Esra 4,5). Ihr böser

Anschlag gelang. Auf Befehl des Königs mußte der Bau des Tempels eingestellt werden, und zwar so lange, bis der

König Darius an die Regierung kam. Die Verse 6‑23 in Esra 4 bilden eine Einschaltung und erzählen uns die Geschichte des zwischen dem Tod des König Kores und dem Regie­rungsantritt des Darius*) liegenden Zeitabschnittes.

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*) Nicht zu verwechseln mit Darius, dem Meder, der Babylon eroberte und den König Belsazar seiner Herrschaft beraubte. Der hier genannte Darius ist Darius, der Perser, der dritte König nach Cyrus und in der Geschichte unter dem Namen Darius HYstaspes bekannt.

 

In Vers 6 heißt es: "Und unter dem Königreich des Ahasveros, im Anfang seiner Regierung, schrieben sie (jene Feinde und Verleumder der Juden) eine Anklage wider die Bewoh­ner Judas und Jerusalems". Hier haben wir den König, der dem Cyrus zunächst in der Regierung folgte ‑ Ahasveros. Sein geschichtlicher Name ist Kambyses. Der nächste Vers führt seinen Nachfolger ein. "Und in den Tagen Artasastas schrieben Bischlam . . . " Dieser Artasasta ist wohl zu un­terscheiden von dem König gleichen Namens, unter dem Nehemia lebte. Dieser regierte zu einer viel späteren Zeit und trägt in der Geschichte den Namen Artaxerxes Longi­manus. Der in Esra erwähnte Regent wird von den Ge­schichtsschreibern "Pseudo‑Smerdis" oder "Smerdis", der Magier, genannt. Er regierte nur wenige Monate und entstammte der Sage nach nicht dem königlichen Geschlecht, sondern war ein Magier, d. h. ein hervorragender persi­scher Priester. Daher auch sein Beiname. Er bemächtigte sich nach dem Tod des Kambyses der Herrschaft, da dieser keine männlichen Erben hinterließ, wurde aber von Darius (dem Perser) bald nach seinem Regierungsantritt gestürzt und getötet. Esra führte diesen König Darius am Schluß des vierten Kapitels an. Dies sind also die drei Könige, von denen die Prophezeiung redet. Sie herrschen nach Cyrus und tragen in der Schrift die Namen Ahasveros, Artasasta und Darius, während sie in der profanen Geschichte als Kambyses, Pseudo‑ Smerdis oder Smerdis, der Magier, und Darius‑Hystaspes bekannt sind.

 

"Und der vierte wird größeren Reichtum erlangen als alle; und wenn er durch seinen Reichtum stark gewor­den ist, wird er alles gegen das Königreich Griechen­land aufregen". Ohne Zweifel haben wir es hier mit Xer­xes 1., dem Sohn des Darius Hystaspes, zu tun, der seinem Vater nach dessen Tod in der Regierung folgte. Sein Reich­tum war sprichwörtlich, und er war es, der beinahe das ganze damals bekannte Asien gegen Griechenland in Be­wegung setzte. Er bot alle die ungeheuren Kräfte seines Reiches auf, um die Eroberung des kleinen Ländchens, die sein Vater schon zweimal vergeblich versucht hatte, auszu­führen. Erzürnt über die wiederholten Mißerfolge hatte schon Darius die umfassendsten Vorbereitungen zu einem dritten Zug gegen das kleine, aber tapfere und heldenmü­tige Volk der Griechen getroffen. Nach seinem Tod setzte Xerxes die gewaltigen Rüstungen fort und brachte ein Heer auf die Beine, wie es die Welt bis dahin nicht gesehen hatte. Xerxes selbst stellte sich an die Spitze seiner Truppen.

 

Zahllosen Heuschreckenschwärmen gleich überfluteten die unabsehbaren Scharen die griechische Halbinsel. Doch schon am Thermopylen‑Paß brachen sich die gewaltigen Wogen für einen Augenblick an dem hartnäckigen Wider­stand des Spartaners Leonidas und seiner todesmutigen Schar. Der Verlust der Seeschlacht von Salamis zwang den Perserkönig, der bereits über seine Feinde zu triumphieren meinte, zu einem schimpflichen Rückzug nach Asien. Der Krieg hatte ihm ungeheure Verluste an Schätzen und Men­schenleben gebracht.

 

Ungefähr 150 Jahre später nahmen die Griechen unter Anführung Alexanders des Großen, des Königs von Maze­donien, furchtbare Rache an ihren Erbfeinden. "Und ein tapferer König wird aufstehen, und er wird mit großer Macht herrschen und nach seinem Gutdünken han­deln " (V. 3). Der Heilige Geist überspringt jenen Zeitraum von ungefähr 150 Jahren und geht von Xerxes sogleich auf Alexander über. Er erwähnt nur die wichtige Tatsache, die Anlaß zu dem Sturz des persischen Reiches gab ‑ den Einfall in Griechenland ‑ und führt dann direkt jenen gewaltigen König ein, der einen völligen Umschwung in der Geschichte des Ostens herbeiführen sollte. "Er wird mit großer Macht herrschen und nach seinem Gutdünken handeln. Und sobald er aufgestanden ist, wird sein Reich zertrümmert und nach den vier Winden des Himmels hin zerteilt werden". Dies geschah, wie wir wissen, beim Tod Alexanders. Nach kurzer Herrschaft starb der große Eroberer in der Fülle seiner Kraft, und sein Reich zerfiel in vier gewaltige Bruchstücke. Es wurde zer­trümmert und verteilt nach den vier Winden des Himmels, Aber nicht für seine Nachkommen wird es sein und nicht nach der Macht, mit welcher er geherrscht hat; denn sein Reich wird zerstört und anderen zuteil wer­den, mit Ausschluß von jenen" (V 4). Wir haben im Lauf unserer Betrachtung schon mehrfach Gelegenheit ge­habt, zu bemerken, daß nicht ein Sohn Alexanders oder ein Glied seiner Familie ihm nach seinem Tod in der Regierung folgte, sondern daß vier seiner mächtigsten Feldherren sich das ungeheure Reich teilten (vergleiche Kapitel 7,6; 8,8). Das wird hier in den bestimmtesten Ausdrücken festge­stellt.

 

"Und der König des Südens, und zwar einer von sei­nen Obersten, wird stark werden. Und einer wird stark werden über ihn hinaus und wird herrschen: seine Herrschaft wird eine große Herrschaft sein" (V. 5). Zwei von jenen vier Fürsten sollten, wie der Heilige Geist uns hier mitteilt, zu einer besonderen Machtstellung gelan­gen. Sie werden im folgenden Vers der König des Nordens und der König des Südens genannt. Diese Bezeichnung ist charakteristisch. Das Volk Israel und sein Land bilden in den Augen und den Gedanken Gottes in bezug auf diese Erde immer den Hauptgegenstand, den Mittelpunkt. Von dort aus wird alles gerechnet. Wenn wir daher von einem König des Nordens lesen, so ist darunter der Beherrscher der nördlich von Palästina gelegenen Länder zu verstehen, während auf der anderen Seite der Titel "König des Südens" jenen Fürsten beigelegt wird, deren Reich sich im Süden des gelobten Landes befand. Die erste Benennung bezeichnet also den König von Syrien, die zweite den König von Ägypten (vergleiche Vers 8). Die beiden Fürsten und ihre Länder bilden durch das ganze Kapitel hindurch (mit Ausnahme der Verse 36‑39) den Gegenstand der Prophezeiung, während die beiden anderen aus dem Zusammen­bruch der mazedonischen Herrschaft entstandenen Reiche gar nicht erwähnt werden. Dies hat wieder darin seinen Grund, daß die ersten in direkter Verbindung mit dem Land und Volk der Juden standen, während die beiden anderen wenig oder gar nichts damit zu tun hatten.

 

Zunächst beschäftigt sich die Prophezeiung mit dem König des Südens, dem Herrscher von Ägypten. Er war einer von den Fürsten oder Feldherren des großen Alexander; sein Name Ptolemäus. Bei der Teilung des Reiches in den Besitz des reichen bevölkerten Nillandes gekommen, war er dar­auf bedacht, seine Herrschaft immer mehr zu festigen und auszudehnen. "Er wird stark werden". Zuerst nur Stadt­halter von Ägypten und Lybien, nahm er später den Kö­nigstitel an. Er wurde der Gründer des Fürstengeschlechts der Ptolemäer, auch Lagiden genannt. "Und einer wird stark werden über ihn hinaus und wird herrschen: und seine Herrschaft wird eine große Herrschaft sein" (V 5). Dieser andere Fürst ist, wie aus dem Folgenden hervorgeht, der erste König des Nordens, Seleukus 1., mit dem Zunamen Nikator, der Stammvater der Seleuciden. Das von ihm gestiftete Reich umfaßte alle asiatischen Län­der vom Hellespont bis an den Indus und laxartes, bestand also ungefähr in den Grenzen, die einst Cyrus dem persi­schen Reich gegeben hatte. Nur einige Gebiete hatten sich wieder unabhängig gemacht. Das Hauptland bildete jedoch Syrien mit der von Seleukus erbauten Residenzstadt Antio­chia am Orontes. Gott hält es für gut, uns aus der Ge­schichte dieses Königs und seiner Nachkommen eine Reihe von Einzelheiten mitzuteilen, und zwar bei aller Kürze mit einer Genauigkeit, die tiefes Staunen erregen muß. Die Prophezeiung folgt hier beinahe zwei Jahrhunderte hin­durch dem Lauf der Geschichte der beiden Reiche Syrien und Ägypten und führt die verschiedenen Könige, die wäh­rend dieser Zeit nacheinander die Herrschaft besaßen, immer unter demselben Namen oder Titel, als Könige des Nordens und des Südens, vor unsere Augen.

 

"Und nach Verlauf von Jahren werden sie (die Könige des Nordens und des Südens) sich verbünden; und die Tochter des Königs des Südens wird zu dem König des Nordens kommen, um einen Ausgleich zu bewirken. Aber sie wird die Kraft des Armes nicht behalten, und er wird nicht bestehen noch sein Arm; und sie wird dahingegeben werden, sie und die sie eingeführt haben, und der sie ge­zeugt, und der sie in jenen Zeiten unterstützt hat“ (V 6). Die beiden Könige, von denen in diesem Vers die Rede ist, sind schon nicht mehr dieselben Personen, wie im vorigen, sondern ihre beiderseitigen Nachkommen. Um dem lang­jährigen, immer wieder von neuem auflodernden Zwist zwischen beiden Königshäusern ein Ende zu machen, be­gann der Enkel des Seleukus Nikator, Antiochus 11., mit dem Beinamen "der Gott", Unterhandlungen mit dem da­maligen König des Südens, Ptolemäus 11." Philadelphus, und heiratete dessen Tochter Bernice, nachdem er seine frühere Gemahlin Laodice verstoßen hatte. "Die Tochter des Königs des Südens wird zu dem König des Nor­dens kommen, um einen Ausgleich zu bewirken". Doch ein dieser Versuch zur Errichtung eines Freund­schaftsbundes zwischen Syrien und Ägypten schlug trotz der durch Heirat entstandenen verwandtschaftlichen Bezie­hungen völlig fehl. "Aber sie wird die Kraft des Armes nicht behalten, und er wird nicht bestehen noch sein Arm. " Anstatt durch jene Heirat, wie man gehofft hatte, den blutigen Kriegen ein Ende zu machen, war sie es ge­rade, die den Grund zu einer noch größeren Feindschaft zwischen den beiden Familien legte. Laodice nämlich, die verstoßene Gemahlin des syrischen Königs, ließ ihren Gat­ten aus Rache wegen seiner Treulosigkeit einige Jahre nach seiner Verheiratung mit Bernice vergiften, ebenso das Söhnchen der Bernice, das sie dem Antiochus geboren hatte. Bernice floh hierauf höchst erschreckt mit den weni­gen Getreuen, die sich um sie gesammelt hatten, nach Daphne bei Antiochia. Dort wurde sie von Seleukus, dem Sohn der Laodice, belagert. Als sich die Stadt nach tapferer Gegenwehr endlich ergeben mußte, wurde die unglückliche Frau samt ihrem Anhang auf Befehl des Seleukus umge­bracht. "Und sie wird dahingegeben werden, sie und die sie eingeführt haben, und der sie gezeugt, und der sie in jenen Zeiten unterstützt hat. " Ihr Vater, Ptolemäus Philadelphus, war während dieser Vorgänge ebenfalls ge­storben. Ist es nicht überraschend, zu sehen, mit welcher Genauigkeit die von dem Engel Jahrhunderte vorher ange­kündigten Ereignisse eintrafen? Die Heilige Schrift kann nicht gebrochen werden. Zur bestimmten Zeit finden alle Verheißungen und Prophezeiungen ihre Erfüllung. Himmel und Erde mögen vergehen, das Wort Gottes aber bleibt unerschütterlich und unabänderlich dasselbe und erweist sich als göttliche Wahrheit.

 

"Doch einer von den Schößlingen ihrer Wurzeln wird an seiner Statt aufstehen; und er wird gegen die Heeres­macht kommen, und er wird in die Festungen des Kö­nigs des Nordens eindringen und mit ihnen nach Gut­dünken verfahren, und wird siegen" (V. 7). Der Bruder der Bernice ‑ einer von den Schößlingen ihrer Wurzeln", nicht "aus ihrem Samen" ‑ Ptolemäus III., Euergetes, der nach dem Tod seines Vaters den ägyptischen Königsthron bestiegen hatte, brachte ein gewaltiges Heer zusammen und zog gegen den Mörder seiner Schwester heran, um ihren Tod zu rächen. Schon während der Belagerung Daph­nes hatte er versucht, der bedrängten Stadt Hilfe zu brin­gen, war aber zu spät gekommen. In einer Reihe von Schlachten besiegte er den Seleukus und brachte ganz Sy­rien in seine Gewalt. Ein in Kyrene ausgebrochener Auf­stand zwang ihn jedoch, vorläufig nach Ägypten zurückzu­kehren. Viele der Großen des syrischen Reiches führte er mit sich in die Gefangenschaft. Außerdem fielen zahlreiche Heiligtümer, Bildsäulen und unermeßliche Schätze in seine Hände. "Auch wird er ihre Götter samt ihren gegosse­nen Bildern, samt ihren kostbaren Geräten, Silber und Gold, nach Ägypten in die Gefangenschaft führen; und er wird Jahre lang standhalten vor dem König des Nordens" (V 8). Ägypten triumphierte, und für einige Jahre ruhte der Kampf; aber nicht lange nachher ent­brannte er von neuem. "Und dieser (der König des Nor­dens) wird in das Reich des Königs des Südens kom­men, aber in sein Land zurückkehren" (V. 9). Das Kriegsglück schwankte hin und her. Einmal war der König des Südens Sieger, dann wieder sein Gegner. Palästina litt unsäglich unter diesen endlosen Streitigkeiten. Infolge sei­ner unglücklichen Lage zwischen beiden Reichen diente es zum Tummelplatz der beiderseitigen Heere und zum Schau­platz ihrer Schlachten. Unaufhörlich wechselte das bedau­ernswerte Land seinen Herrn. War der König des Nordens Sieger, so stand es unter der Herrschaft dieses Fürsten; hatte der König des Südens die Oberhand, so fiel es wieder in dessen Gewalt. Von beiden Seiten wurden die armen Bewohner bis aufs Blut ausgesogen.

 

"Aber seine Söhne werden sich zum Krieg rüsten und eine Menge großer Heere zusammenbringen, und einer (der andere starb sehr bald) wird kommen und über­schwemmen und überfluten; und er wird wiederkom­men, und sie werden Krieg führen bis zu seiner Fe­stung. Und der König des Südens wird sich erbittern, und wird ausziehen und mit ihm, dem König des Nor­dens, streiten; und dieser wird eine große Menge auf­stellen, aber die Menge wird in seine Hand gegeben werden" (V. 10.11). Von den Nachkommen der oben ge­nannten Könige wurde der Krieg jahrelang mit unge­schwächter Kraft und Erbitterung fortgesetzt. Die beiden Söhne des Königs des Nordens sammelten gewaltige Heere, um den König von Ägypten zu vernichten, aber der eine starb schon im dritten Jahr seiner Regierung an Gift, und der andere, Antiochus Ill. später "der Große" genannt, wurde von Ptolemäus IV., Philopator, vollständig geschla­gen. Er mußte sich zurückziehen, kehrte aber, nachdem er sich von seinen schweren Verlusten wieder erholt hatte, mit einem neuen, noch zahlreicheren Heer nach Palästina zu­rück. "Und wie die Menge weggenommen wird, wird sein (des Königs des Südens) Herz sich erheben; und er wird Zehntausende niederwerfen, aber nicht zu Macht kommen. Und der König des Nordens wird wieder­kommen und eine Menge aufstellen, größer als die frühere; und nach Verlauf der Zeiten von Jahren wird er mit einem großen Heere und mit großer Ausrüstung kommen. Und in jenen Zeiten werden viele aufstehen gegen den König des Südens; und Gewalttätige deines Volkes werden sich erheben, um das Gesicht zu erfül­len, und werden zu Fall kommen" (V 12‑14). Im letzten Vers werden plötzlich die Juden wieder eingeführt. Der Ausdruck: "Die Gewalttätigen deines Volkes" schließt jede geistliche Anwendung der Prophezeiung aus und be­weist, daß nur von dem irdischen Volk Daniels, von Israel, die Rede ist. Ein Teil der Juden machte wirklich einen Bund mit Antiochus 111. (dem Großen), dem König von Syrien, gegen Ptolemäus V., Epiphanes, den König von Ägypten, den jungen Sohn des inzwischen verstorbenen Ptolemäus Philopator; sie erhoben sich in dem Glauben, dadurch das Gesicht zu erfüllen. Doch sie täuschten sich. Sie waren untreu, indem sie ihre Trennung von den Natio­nen nicht aufrecht hielten, und ‑ sie fielen.

 

"Und der König des Nordens wird kommen und einen Wall aufwerfen und eine befestigte Stadt einnehmen; und die Streitkräfte des Südens werden nicht standhal­ten, selbst sein auserlesenes Volk wird keine Kraft haben, um standzuhalten. Und der, welcher gegen ihn gekommen ist, wird nach seinem Gutdünken handeln, und niemand wird vor ihm bestehen; und er wird sei­nen Stand nehmen im Lande der Zierde ' und Vertil­gung wird in seiner Hand sein" (V 15.16). Antiochus der Große besiegte seinen Gegner in einer entscheidenden Schlacht, eroberte Jerusalem ("eine befestigte Stadt“, wie sie in Vers 15 genannt wird), sowie ganz Palästina, Cöle­syrien und Phönicien und trieb die Ägypter in ihr Land zurück. Selbst die auserlesenen Truppen des Südens ver­mochten ihm nicht standzuhalten. Beachten wir hier, daß der Heilige Geist Palästina immer noch "das Land der Zierde" nennt. Es war das Land, das Gott Seinem Volk gegeben hatte, und wie traurig auch sein damaliger Zu­stand sein mochte, es blieb in den Augen Gottes doch stets das Land der Zierde. Gottes Gnadenratschlüsse sind unbe­reubar.

 

"Und er wird sein Angesicht darauf richten, mit der Macht seines ganzen Reiches zu kommen, indem er einen Ausgleich im Sinne hat, und er wird ihn bewir­ken; und er wird ihm eine Tochter der Weiber geben, zu ihrem Verderben; und sie wird nicht bestehen und wird nichts für ihn sein" (V 17). Ptolemäus V. sah sich endlich genötigt, Frieden zu schließen. Antiochus verlobte hierauf seine Tochter Kleopatra mit dem jungen König unter dem Versprechen, ihr als Mitgift Cölesyrien, Palä­stina und Phönicien zu geben. Seine Absicht dabei war, syrischem Einfluß am ägyptischen Hof Eingang zu ver­schaffen. "Und er wird ihm (dem König des Südens) eine Tochter der Weiber geben, zu ihrem Verderben". Kleo­patra sollte als Werkzeug zur Erfüllung seiner politischen Pläne dienen. In kurzen, aber inhaltsschweren Worten schildert hier der Heilige Geist sowohl die endlosen, erbit­terten Kämpfe jener Tage mit ihren stets wechselnden Er­folgen, als auch die politischen Kunstgriffe, die von beiden Seiten angewendet wurden, um den Gegner zu verderben, sowie die Schlauheit, mit der man dabei zu Werk ging. Die innersten Gedanken der Herzen werden offenbar.

 

Doch die Pläne des Antiochus, durch die Verbindung sei­ner Tochter Kleopatra mit dem König von Ägypten diesen unter seinen Einfluß zu bringen, scheiterten. "Und sie wird nicht bestehen und wird nichts für ihn sein. Und er wird sein Angesicht nach den Inseln hinwenden und viele einnehmen; aber ein Feldherr wird seinem Hohne ein Ende machen, dazu noch seinen Hohn ihm zurück­geben" (V. 18). Nach Abschluß des Friedens mit Ptolemäus verließ Antiochus Ägypten, wandte sich mit seinen Heeren nördlich und eroberte zuerst Thracien und dann einen gro­ßen Teil der griechischen Inseln, ("er wird sein Angesicht nach den Inseln hinwenden") unter anderen auch Euböa. Hier jedoch fand er in den Römern, die sich in ihrem Vordringen nach Osten bereits eines großen Teils von Grie­chenland bemächtigt hatten, einen furchtbaren Gegner. Er wurde so vollständig geschlagen, daß er selbst nur mit knapper Not der Gefangenschaft entging. Er sah sich ge­zwungen, Griechenland zu räumen und mit den Trümmern seines Heeres nach Asien zurückzukehren. Der bekannte römische Feldherr und Konsul Lucius Scipio (Asiatikus) folgte ihm auf dem Fuß nach und besiegte ihn in mehreren Seeschlachten. Damit war seine Kraft gebrochen. Verlas­sen von allen seinen Bundesgenossen sah er sich genötigt, um Frieden zu bitten. Die ihm von den Römern auferlegten Bedingungen waren sehr hart. Er mußte ganz Kleinasien bis an den Taurus abtreten, eine bedeutende Kriegsent­schädigung zahlen, zwanzig Geiseln stellen, unter denen sich sein jüngster Sohn Antiochus (der später unter dem Namen Antiochus IV Epiphanes den syrischen Königs­thron bestieg) befand, und jährlich einen hohen Tribut nach Rom liefern. Die Worte der Prophezeiung trafen genau ein. "Aber ein Feldherr (der oben genannte Lucius Scipio Asiatikus) wird seinem Hohne ein Ende machen, dazu noch seinen Hohn ihm zurückgeben" (V. 18). Einige Jahre später erfüllte sich auch der Schluß der Pro­phezeiung. "Und er wird sein Angesicht nach den Fe­stungen seines Landes hinwenden und wird straucheln und fallen und nicht mehr gefunden werden" (V. 19).

 

Als er, um den Tribut für Rom aufzubringen, den Belus­tempel in Elymais seiner Schätze berauben wollte, wurde er von den empörten Bewohnern erschlagen.

 

Ihm folgte in der Regierung sein ältester Sohn Seleukus IV, mit dem Beinamen Philopator. Der war ein schwacher Re­gent und geriet noch mehr als sein Vater unter den Einfluß und die Herrschaft Roms. Nach etwa zwölfjähriger Regie­rung wurde er durch seinen eigenen Schatzmeister Heliodo­rus vergiftet. Seine Geschichte findet sich in Vers 20: " Und an seiner Statt wird einer aufstehen, welcher einen Eintreiber der Abgaben durch die Herrlichkeit des Reiches ziehen läßt; aber in wenigen Tagen wird er zerschmettert werden, und zwar weder durch Zorn noch durch Krieg". Die Römer ließen sein Reich abschät­zen, um danach die Höhe des jährlichen Tributes zu be­stimmen. Seleukus unterwarf sich stillschweigend allen ihren Forderungen.

 

"Und an seiner Statt wird ein Verachteter aufstehen, auf den man nicht die Würde des Königtums legen wird; und er wird unversehens kommen und durch Schmeicheleien sich des Königtums bemächtigen. Und die überschwemmenden Streitkräfte werden vor ihm überschwemmt und zertrümmert werden, und sogar ein Fürst des Bundes. Denn seitdem er sich mit ihm verbündet hat, wird er Trug üben und wird hinaufzie­hen und mit wenig Volk Macht gewinnen" (V 21‑23). Mit diesen Worten wird ein König eingeführt, der in der profanen Geschichte weniger bekannt ist, den aber der Heilige Geist einer ganz ausführlichen Beschreibung wür­digt. Er ist der schon oben genannte jüngere Sohn Antio­chus' des Großen, der sich nach der Ermordung seines Bruders unter dem Namen Antiochus IV. Epiphanes (der Erlauchte) der Herrschaft bemächtigte. Die Geschichte dieses Regenten wird uns hier so genau mitgeteilt, weil er sich in ganz besonderer Weise mit dem Volk Israel, mit dem Land der Zierde und mit dem Tempel beschäftigte. Er ist der Mann, der den letzten König des Nordens, dem wir schon früher begegneten, repräsentiert.

 

Antiochus wird in Vers 21 "ein Verachteter" genannt" "auf den man nicht die Würde des Königtums legen wird". Ohne Zweifel spielt dies auf seine Wegführung als Geisel nach Rom an. Er lebte dort bis zu dem Tod seines Bruders als ein verachteter Gefangener, ohne irgendwelche' königliche Ehren zu genießen. Nach der Ermordung des ­Seleukus wurde ihm jedoch gestattet, nach Syrien zurückzukehren. Hier angekommen, gewann er durch Schmeiche­leien und verstellte Freundlichkeit die Gemüter und setzte sich die syrische Königskrone, die eigentlich dem Sohn seines Bruders zukam, aufs Haupt. Die Verse 22 und 23 scheinen eine allgemeine Darstellung seiner ganzen Wirk­samkeit zu enthalten und bilden gleichsam eine Überschrift zu dem Folgenden. Die überschwemmenden Streitkräfte, worunter wir wohl die Ägypter zu verstehen haben, "wer­den vor ihm überschwemmt und zertrümmert werden, und sogar ein Fürst des Bundes". Der letzte Ausdruck, bezieht sich, wie ich glaube, auf die Juden, mit denen ja schon sein Vater einen Bund einging. Er machte sich das Volk der Juden zuerst durch Schmeicheleien und allerlei' Gunstbezeugungen geneigt, aber nur, um es nachher, als er! stark geworden war, um so mehr zu bedrücken und zu quälen. "Seitdem er sich mit ihm verbündet hat, wird er Trug üben" (V. 23). Der Charakter jenes Königs war nach der Schilderung des Wortes und den Berichten der Geschichtsschreiber aus despotischer Grausamkeit, List und Betrug zusammengesetzt. Seine ganze Geschichte bil­dete eine Kette von Intrigen und Betrügereien.

 

"Unversehens wird er in die fettesten Gegenden der Landschaft eindringen und tun, was weder seine Väter noch die Väter seiner Väter getan haben: Raub und Beute und Gut wird er ihnen zerstreuen und wider die Festungen seine Anschläge ersinnen, und zwar eine Zeitlang. Und er wird seine Kraft und seinen Mut wider den König des Südens erwecken mit einem gro­ßen Heer. Und der König des Südens wird sich zum Krieg rüsten mit einem großen und überaus starken Heer; aber er wird nicht bestehen, denn man wird Anschläge wider ihn ersinnen" (V. 24.25). In blutigen Kämpfen entriß Antiochus dem König von Ägypten nach­einander Cölesyrien, Phönicien und Palästina, ja er be­mächtigte sich sogar eines großen Teiles von Ägypten und nahm den König Ptolemäus Philopator gefangen. Unruhen in seinem eigenen Reich riefen ihn jedoch von dem Schau­platz seiner Siege ab, und er zog nach Syrien zurück, nach­dem er, wie es scheint, vergeblich versucht hatte, einen betrügerischen Bund mit seinem Gegner zu schließen. "Und die beiden Könige: ihre Herzen werden auf Bos­heit bedacht sein, und an einem Tische werden sie Lügen reden; aber es wird nicht gelingen, denn das Ende verzieht sich noch bis zur bestimmten Zeit. Und er wird mit großem Reichtum in sein Land zurückkeh­ren, und sein Herz wird wider den heiligen Bund ge­richtet sein; und er wird handeln und in sein Land zurückkehren" (V 27.28). Mit unermeßlichen Reichtümern beladen, nahm er seinen Rückzug durch Palästina nach Syrien. Sobald er dort die Ruhe wiederhergestellt hatte, kehrte er nach Ägypten zurück. "Zur bestimmten Zeit wird er wiederkehren und gegen den Süden zie­hen, aber es wird zuletzt nicht sein wie im Anfang. Denn Schiffe von Kittim werden wider ihn kommen ‑und er wird verzagen und umkehren, und er wird gegen den heiligen Bund ergrimmen und handeln: er wird umkehren und sein Augenmerk auf diejenigen richten, die den heiligen Bund verlassen" (V. 29.30). Antiochus stand schon vor Alexandria, als ihm plötzlich ein unerwartetes Hindernis in den Weg trat. "Schiffe von Kit­tim" kamen wider ihn und zwangen ihn, von der Belage­rung der Stadt abzustehen und Ägypten zu verlassen. Unter den "Schiffen von Kittim" haben wir römische Schiffe zu verstehen. Es traf eine Gesandtschaft ein, die ihm einen Beschluß des römischen Senats überbrachte, die die Forderung enthielt, Ägypten innerhalb einer bestimm­ten Frist zu räumen. Die Geschichte erzählt, daß der die Gesandtschaft begleitende Konsul, um dem ränkevollen König Zeit und Gelegenheit zu nehmen, auf Trug zu sin­nen, mit einem Stab einen Kreis um ihn zog, den er nicht eher verlassen durfte, bis er das Versprechen gegeben hatte, dem Befehl des römischen Volkes nachzukommen. Antiochus wagte nicht, sich dem damals allmächtigen Wil­len Roms zu widersetzen. Er verließ Ägypten und kehrte nach Palästina zurück, um seinen ohnmächtigen Grimm an den unglücklichen Juden auszulassen. "Er wird gegen den heiligen Bund ergrimmen . . . und sein Augenmerk auf diejenigen richten, die den heiligen Bund verlas­sen. Und Streitmächte von ihm werden dastehen; und sie werden das Heiligtum, die Feste, entweihen, und werden das beständige Opfer abschaffen und den ver­wüstenden Greuel aufstellen" (V. 30.31). Die Bücher der Makkabäer schildern uns in düsteren Farben die Greuel jener schrecklichen Zeit. Jeder Gottesdienst wurde im gan­zen Land abgeschafft; bei Todesstrafe war es verboten, dem Gott des Himmels zu opfern oder den Sabbath zu feiern. Im Tempel zu Jerusalem ließ Antiochus eine Statue des Jupiter Olympus aufstellen und zwang die Juden, die­sen "verwüstenden Greuel" anzubeten. Es ist unrichtig, die letzten Verse auf das Ende der Tage zu beziehen. Der letzte Teil des elften und das ganze zwölfte Kapitel besprechen Ereignisse und Erscheinungen, die zur Zeit des Endes ein­treten werden. Hier jedoch handelt es sich um historische Tatsachen, die bereits eingetroffen sind. Wohl ist Antiochus Epiphanes ein Vorbild des in den letzten Tagen erscheinen­den großen Königs des Nordens, und ebenso werden sich die hier berichteten Ereignisse in jener Zeit in der schreck­lichsten Weise wiederholen, aber der Heilige Geist hat bis zum Schluß von Vers 35 zunächst nur die Vergangenheit im Auge. "Und diejenigen, welche gottlos handeln gegen den Bund, wird er durch Schmeicheleien zum Abfall verleiten; aber das Volk, das seinen Gott kennt, wird sich stark erweisen und handeln. Und die Verständigen des Volkes werden die Vielen unterweisen, aber sie werden fallen durch Schwert und Flamme, durch Ge­fangenschaft und Raub, eine Zeitlang. Und wenn sie fallen, wird ihnen mit einer kleinen Hilfe geholfen werden; und viele werden sich ihnen mit Heuchelei anschließen. Und von den Verständigen werden einige fallen, um sie zu läutern und zu reinigen und weiß zu machen bis zur Zeit des Endes; denn es verzieht sich noch bis zur bestimmten Zeit“ (V 32‑35). Nachdem Antiochus das Götzenbild zu Jerusalem aufgestellt hatte ' nahm er das tägliche Opfer weg und verführte viele, teils durch Schmeicheleien, teils durch Gewalt zum Abfall. Doch die, die Gott in Wahrheit kannten, blieben standhaft; sie waren "stark und unterwiesen die vielen". Aber sie wurden auf das Grausamste verfolgt und getötet.

 

Hiermit schließt eigentlich die Geschichte der syrischen Könige und insbesondere die des Antiochus Epiphanes. Der Lauf der Ereignisse wird unterbrochen, und der Heilige Geist tritt in Vers 36 mit einem Mal in die Zeit des Endes ein, nachdem er ausführlich den Mann beschrieben hat, der vorbildlich zeigt, was dem Volk Israel zur Zeit des Endes begegnen wird. Die Verse 34 und 35 stellen den Zustand des Volkes Israel seit den Tagen des Antiochus bis heute und "bis zur Zeit des Endes" in allgemeinen Aus­drücken dar. Es wurde ihnen geholfen mit einer kleinen Hilfe; wenigstens wurde ihre Lage nach den Kämpfen der Makkabäer und nach dem Tod des Antiochus erträglich. Aber bald brach infolge der Verwerfung des Messias die schrecklichste Katastrophe herein, die die unglückliche Na­tion je erlebt hat. Ihre Stadt wurde zerstört, ihr Heiligtum verwüstet und ihr Volk völlig aufgelöst und aus dem Land vertrieben.

 

Kapitel 11, 36‑45

 

Der erste Teil des Kapitels bis Vers 35 ist also seinem ganzen Inhalt nach historisch und, im Blick auf die Zeit des Endes, vorbildlich. Ich wiederhole dies noch einmal, weil es zum Verständnis des Ganzen unbedingt nötig ist, hierin klar zu sehen. Vers 35 schließt mit den Worten* " . . um sie zu läutern und zu reinigen und weiß zu machen bis zur Zeit des Endes, denn es verzieht sich noch bis zur bestimmten Zeit“. Schon diese Worte beweisen, daß die vorher berichteten Tatsachen und Ereignisse vor der Zeit des Endes geschehen sein müssen. Viele haben nun eine Schwierigkeit darin gefunden, daß unser Herr in Matthäus 24,15 sagt: "Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von welchem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen sehet an heiligem Orte . . . ", indem sie diese Stelle mit

Vers 31 unseres Kapitels glaubten verbinden zu müssen. Aber diese Verbindung ist unrichtig. Der Herr will die Aufmerksamkeit der Jünger nicht auf diese Stelle, sondern auf einen ähnlich lautenden Vers lenken, den wir in Kapitel 12 unseres Buches finden: "Und von der Zeit an, da das beständige Opfer abgeschafft wird, und zwar um den ver­wüstenden Greuel aufzustellen, sind tausendzweibundert­undneunzig Tage" (V. 11). Schon der Wortlaut beweist die Richtigkeit unserer Behauptung. Während im 11. Kapitel von einem "verwüstenden Greuel" (wörtlich: ein Greuel dessen, der verwüstet oder des Verwüsters) die Rede ist, finden wir in dem angeführten Vers des nächsten Kapitels denselben Ausdruck wie in Matthäus 24: "Greuel der Ver­wüstung".

 

Zudem war das Aufstellen des "verwüstenden Greuels" durch Antiochus Epiphanes von Umständen begleitet, die sich in den letzten Tagen nicht wiederfinden werden. Nach­dem das Götzenbild schon aufgestellt ist, heißt es: "Und diejenigen, welche gottlos handeln gegen den Bund, wird er durch Schmeicheleien zum Abfall verleiten; aber das Volk, welches seinen Gott kennt, wird sich stark erweisen und handeln" (V 32). Dies traf wörtlich ein. Der treue Überrest, der an den Geboten Gottes fest­hielt und sich dem Befehl des Königs nicht unterwerfen wollte, wurde unter der Anführung der Makkabäer in der Tat stark und handelte. Mit heldenmütiger Tapferkeit und kühner Todesverachtung warf sich das kleine Häuflein den übermächtigen Heeren des Unterdrückers entgegen und zwang sie, ganz Palästina zu räumen. Nun aber geht aus der Offenbarung und anderen Teilen des Wortes Gottes, die über die Zukunft Israels reden, deutlich hervor, daß der göttliche Überrest in den letzten Tagen sich in einer ganz anderen Weise darstellen wird. Anstatt mächtige Taten zu vollbringen, wird er schwach und unterdrückt sein. Er wird nicht handeln, sondern leiden. Er wird auf die Berge flie­hen, um der Wut seiner Verfolger zu entrinnen. ‑ Alles das beweist, daß die Prophezeiung sich bis zum Vers 35 nicht mit den Ereignissen der letzten Tage beschäftigt, und daß infolgedessen auch die Worte des Herrn in Matthäus 24 nicht auf den Inhalt von Vers 32 Bezug haben können. Erst in Vers 36 führt der Engel den Propheten in die Zeit des Endes ein.

 

In diesem Vers tritt nun ganz plötzlich und unerwartet eine neue Person auf den Schauplatz. Es wird weder gesagt, wer sie ist, noch woher sie kommt. Allein der Charakter, der ihr zugeschrieben wird, die Geschichte, in die der Heilige Geist in Verbindung mit ihr eingeht, ihre Handlungsweise, kurz alles, was wir von ihr hören, vermittelt uns bei auf­merksamer Betrachtung bald die Überzeugung, daß wir es mit jenem schrecklichen König zu tun haben, der sich in den letzten Tagen im Land Israel in offener Empörung gegen den Herrn auflehnen wird. Es ist jene Person, von welcher der Herr sagt, daß sie in ihrem eigenen Namen kommen und von den Juden aufgenommen werden wird, der Antichrist. Er wird hier "der König" genannt. Unter diesem bestimmten Titel begegnen wir ihm zu verschiede­nen Malen in der Heiligen Schrift. Schon bei der Betrach­tung von Kapitel 8 hatten wir Gelegenheit, von diesem König zu reden, indem wir bei einem Vergleich mit Jesaja 30 entdeckten, daß Jehova Assyrien verzagt machen und für Assyrien, sowie für "den König" das Tophet (die Greu­elstätte) bereiten wird. "Denn vorlängst ist eine Greuel­stätte zugerichtet; auch für den König ist sie bereitet" (Jes 30,33). Sowohl der in den letzten Tagen erscheinende König des Nordens, als auch der König fallen einem schrecklichen Gericht anheim. Beide trifft dasselbe entsetzliche Schick­sal. Die Greuelstätte ist für sie bereitet, und "tief und weit hat er sie gemacht, ihr Holzstoß hat Feuer und Holz in Menge; wie ein Schwefelstrom setzt der Hauch Jehovas ihn in Brand" (Jes 30,33). Gott belehrt die Juden in dieser Prophezeiung, daß außer dem Assyrer noch eine andere bemerkenswerte Persönlichkeit am Ende der Tage aufste­hen wird, und Er nennt sie "den König", um dadurch die besonderen Beziehungen zu bezeichnen, die sie mit Israel verknüpfen wird. Sie wird König von Israel sein. Handelte es sich um den Beherrscher eines anderen Landes, so würde der Heilige Geist sicher eine nähere Bezeichnung hinzugefügt haben. Er spricht jedoch einfach von "dem König", wie Er auch, sobald Er von Palästina redet, nichts weiter sagt, als: "das Land", oder "das Land der Zierde", oder "die Landschaft". Es ist der Antichrist, der sich selbst die königlichen Rechte des wahren Königs, des Gesalbten Gottes, anmaßt.

 

In Kapitel 57 des Propheten Jesajas kehrt die Bezeichnung „der König" wieder. Nachdem Gott in Kapitel 55 von den moralischen Eigenschaften gesprochen hat, die Er in Sei­nem Volk am Ende der Tage hervorbringen will, zeigt Er in Kapitel 57 den schrecklichen Zustand, in dem sich Israel zu jener Zeit befinden wird. Er zählt die traurigen Sünden des Volkes auf und sagt dann plötzlich in Vers 9: "Und du zogest mit Öl zum König und machtest viel deiner wohlrie­chenden Salben; und du sandtest deine Boten in die Ferne und erniedrigtest dich bis zum Scheol". Mit dem König zu tun zu haben, wird gleichbedeutend sein mit einer Erniedri­gung bis zum Scheol. Es ist daher nicht zu verwundern, daß "auch für den König" das Tophet, die Greuelstätte, bereitet ist. Beide Stellen beweisen also deutlich, daß in der letzten Zeit eine Person über das Land Israel herrschen wird, welcher der Heilige Geist den besonderen Namen "der König" beilegt.

 

Sind wir hierüber im Klaren, so ist das Verständnis des letzten Teiles von Daniel 11 nicht mehr schwer. Sobald "der König" eingeführt wird, müssen wir uns in die Zeit des Endes versetzen. Die lange, dunkle Nacht, der Zerstreuung Israels ist dann beinahe vorüber; die unglückliche Nation ist wieder in ihr Land zurückgekehrt. Doch in welch einem beklagenswerten Zustand befindet sie sich! Statt sich der Herrschaft Christi, ihres Messias, zu erfreuen, steht sie unter der schrecklichen Botmäßigkeit "des Königs", jenes eigenwilligen Menschen der Sünde. "Und der König wird nach seinem Wohlgefallen handeln". Ach! wohin führt es den Menschen, wenn er anfängt, seinen eigenen Willen zu tun! Adam handelte nach seinem Willen, und das unmit­telbare Resultat war Tod und Verderben, Trennung von Gott und der Verlust Seiner köstlichen Gegenwart. Hier in unserem Kapitel finden wir das Ende eines solchen eigen­willigen Weges. Das Böseste, was der Antichrist, der Mensch der Sünde, tun wird, ist, daß er nach seinem Wohlgefallen handelt. Er setzt Gott völlig beiseite und fragt nur nach seinem eigenen Willen. Und beachten wir wohl, daß der Heilige Geist diesen Charakterzug allen anderen voransetzt. In den Augen Gottes gibt es nichts Schreckli­cheres, als wenn der Mensch seinem ungezähmten Willen folgt. Wie tief sollte uns dies demütigen! Suchen wir stets mit aufrichtigem Herzen und mit Verleugnung unseres eige­nen Willens den wohlgefälligen Willen Gottes zu erfor­schen? Wünschen wir in Wahrheit, unserem geliebten Herrn gleichförmiger und in Sein Bild verwandelt zu wer­den? Nichts steht mehr zu Seinem Charakter, Seiner Natur und Seinem ganzen Wesen im Widerspruch, als wenn wir unseren eigenen Willen suchen. Seine Speise war es, den Willen Seines Vaters zu tun (Joh 4,34), und ebenso sollte es bei uns sein. Wir sind gebracht "zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi". Derselbe Geist des Gehor­sams, der alle Handlungen Christi charakterisierte, sollte auch uns beseelen und uns täglich und stündlich, überall wo wir sein mögen, sei es im Geschäft oder in der Familie, sei es im Verkehr mit der Welt oder mit den Kindern Gottes, leiten. Möchten wir nie vergessen, daß der Geist des Anti­christen uns beherrscht, wenn wir unseren Willen zu tun suchen und unsere eigenen Wege gehen!

 

"Und der König wird nach seinem Gutdünken han­deln, und er wird sich erheben und groß machen über jeden Gott und wider den Gott der Götter wird er Erstaunliches reden; und er wird Gelingen haben bis der Zorn vollendet ist, denn das Festbeschlossene wird vollzogen" (V. 36). Der schreckliche Grundsatz der Sünde, der Ungehorsam gegen Gott, zeigt sich hier in sei­ner vollen Gestalt; er überschreitet alle Grenzen. Der König wird tun nach seinem Wohlgefallen und sich erhe­ben, nicht nur über alle Menschen, sondern sogar über Jeden Gott, über jede Autorität und er wird Lästerungen ausstoßen wider den Gott der Götter. Und trotz dieser schrecklichen Verhöhnung Gottes und alles dessen, was göttlich heißt, wird es ihm gelingen, und zwar "bis der Zorn vollendet ist". Dieses letzte Wort gibt uns Licht über die ganze Stelle und zeigt die Haltlosigkeit der Behauptun­gen so vieler Erklärer dieses Buches, die in "dem König" eine historische Person, ‑ Mohammed, oder einen der Päp­ste, oder Napoleon 1., zu erblicken meinen. "Es wird ihm gelingen bis der Zorn vollendet ist". Welcher Zorn? Zürnt Gott Seiner Kirche oder Versammlung? Gewiß nicht. Es währt jetzt die Zeit der Gnade, die Zeit der Annehmung, der Geduld und der Langmut Gottes. Der Zorn, von dem hier die Rede ist, ist der Zorn Gottes gegen das Volk, mit dem Er Sich beschäftigt, in dessen Mitte jener "König" aufsteht, mit einem Wort, der Zorn Gottes gegen Israel. Seit der Verwerfung des Messias ruht dieser Zorn auf dem jüdischen Volk, aber er wird erst dann in seiner ganzen Glut entbrennen, wenn Israel wieder in sein Land zurückgekehrt ist. Bis zur Vollendung dieses Zornes wird es jenem falschen König "gelingen".

 

"Und auf den Gott seiner Väter wird er nicht achten, und weder auf die Sehnsucht der Weiber noch auf irgendeinen Gott wird er achten, sondern er wird sich über alles erheben" (V. 37). Die ersten Worte dieses Ver­ses scheinen darauf hinzudeuten, daß dieser falsche König oder Antichrist ein Jude sein wird. Er wird nicht achten auf den Gott seiner Väter. Der Ausdruck "die Sehnsucht der Weiber" bezieht sich, wie ich glaube, auf Christus, auf den Messias, den alle Juden sehnlichst erwarteten und dessen Geburt von den jüdischen Frauen über alles gewünscht worden sein muß. Es war der tiefe Wunsch der Frauen, die Mutter des Messias zu werden. Dies scheint auch aus der Stellung dieser Worte hervorzugehen: Der Antichrist wird nicht achten auf den Gott seiner Väter, den Gott Israels, noch auf die Sehnsucht der Weiber, d. h. auf Christus, den fleischgewordenen Messias, noch auf irgendeinen anderen Gott. Er wird alles verwerfen und sich selbst "über alles erheben". Er zwingt nicht das jüdische Volk, einen heidni­schen Götzen anzubeten, wie einst Antiochus Epiphanes es tat, sondern er macht sich selbst zu einem Gott und läßt sich göttliche Verehrung erweisen. Aber obwohl er dies tut, ist dennoch das Bedürfnis in ihm vorhanden, ein höheres Wesen zu verehren, und dies findet seinen Ausdruck darin, daß er den Gott der Festungen, einen Gott, den seine Väter nicht gekannt haben, ehren und ihm Silber und Gold und allerlei Kostbarkeiten opfern wird. "Und an dessen Statt wird er den Gott der Festungen ehren; den Gott, den seine Väter nicht gekannt haben, wird er ehren mit Gold und mit Silber und mit Edelsteinen und mit Kleinodien. Und er wird gegen die starken Festungen so verfahren mit dem fremden Gott: wer ihm Anerken­nung zollt, dem wird er viel Ehre erweisen, und er wird ihm die Herrschaft verleihen über die vielen und das Land austeilen zum Lohne" (V. 38.39). Der Antichrist nimmt einen völlig neuen Aberglauben an. Und nicht nur wird er selbst jenen fremden Gott ehren, sondern auch allen, die ihn anerkennen werden, d. h. denen, die mit ihm eines Sinnes sind, seinen Anhängern, die Ehre vermehren und zum Lohn das Land unter sie verteilen. Der Ausdruck "das Land" weist uns wieder unzweideutig auf Palästina hin. Es ist das heilige gelobte Land, das Land, mit dem die Ratschlüsse und Gedanken Gottes in Verbindung stehen.

 

Mit Vers 40 tritt ein Wechsel im Lauf der Geschichte ein. "Und zur Zeit des Endes wird der König des Südens mit ihm zusammenstoßen, und der König des Nordens wird gegen ihn anstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen; und er wird in die Länder eindringen und wird sie überschwemmen und überflu­ten" (V 40). Das bestätigt unsere frühere Behauptung, daß "der König" erst zur "Zeit des Endes" aufstehen wird. In jenen Tagen werden die beiden Könige von Ägypten und Syrien den Antichristen, nachdem er sich zum König Is­raels aufgeworfen hat, angreifen. Sie verfolgen jedoch nicht dieselbe Politik, sondern scheinen im Gegenteil untereinan­der erbitterte Feinde zu sein. Der König des Nordens wird alles mit seinen Heeresmassen überströmen und in das Land der Zierde, Palästina, kommen. " Und er wird in das Land der Zierde eindringen, und viele Länder werden zu Fall kommen; diese aber werden seiner Hand ent­rinnen: Edom und Moab und die vornehmsten der Kinder Ammon" (V. 41). Es ist bemerkenswert, daß die letztgenannten drei Völker nicht in die Hände des Königs des Nordens fallen werden. Ich denke, der Grund ist folgender: Jene Völker waren von jeher die erbittertsten Feinde der Juden, stets darauf bedacht, ihnen soviel wie möglich Schaden zuzufügen. Schon in der Wüste suchten sie dem Volk Israel allerlei Hindernisse in den Weg zu legen. So verweigerten sie ihnen z. B. den Durchzug durch ihr Land. Deshalb wird Gott sie aufbewahren, um durch Israel selbst das Gericht über sie ausführen zu lassen. In Übereinstimmung damit lesen wir in Jesaja 11,14: "Und sie (die Kinder Israel) werden den Philistern auf die Schultern fliegen gegen Westen, werden miteinander plündern die Söhne des Ostens; an Edom und Moab werden sie ihre Hand legen, und die Kinder Ammon werden ihnen gehor­sam sein Gott läßt diese Völker der Hand des Königs des Nordens entrinnen, um sie der Rache der triumphierenden Israeliten auszuliefern.

 

Ferner ist beachtenswert, daß "der König" oder der Anti­christ in diesem Kapitel nicht weiter erwähnt wird. Der Heilige Geist teilt uns hier nichts über das Ende dieses Gottlosen mit, wie Er ihn auch einführt ohne zu sagen, woher er kommt. Wir wissen aus anderen Schriftstellen zur Genüge, welch schreckliches Los ihn treffen wird. Er wird lebendig in den See geworfen, der mit Feuer und Schwefel brennt. Der Heilige Geist redet an dieser Stelle nur von ihm, um uns seinen schrecklichen Charakter und den letz­ten großen Streit zwischen ihm und den beiden Königen des Nordens und des Südens vor Augen zu führen. Der Rest des Kapitels handelt ausschließlich vom König des Nordens.

 

"Und er wird seine Hand an die Länder legen, und das Land Ägypten wird nicht entrinnen; und er wird die Schätze an Gold und Silber und alle Kostbarkeiten Ägyptens in seine Gewalt bringen und Libyer und Äthiopier werden in seinem Gefolge sein" (V 42.43). Wie schon oben bemerkt, handelt der König des Nordens nicht gemeinsam mit dem Beherrscher Ägyptens. Im Ge­genteil bekriegt und unterwirft er ihn. "Das Land Ägyp­ten wird nicht entrinnen". Doch mitten in seinem Sieges­zug wird er durch beunruhigende Gerüchte aus dem Nor­den und Osten aufgehalten und zum Rückzug gezwungen. "Aber Gerüchte von Osten und von Norden werden ihn erschrecken; und er wird ausziehen in großem Grimme, um viele zu vernichten und zu vertilgen" (V. 44). Wahrscheinlich sind es die Völker, die er auf sei­nem Zug nach Ägypten niedergeworfen hat, die sich wieder empören und ihn zur Umkehr nötigen. Zornig wird er von dem König von Ägypten ablassen und nach Palästina zu­rückkehren, um die Aufständigen zu züchtigen. "Und er wird sein Palastgezelt aufschlagen zwischen dem Meere und dem Berge der heiligen Zierde. Und er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm hel­fen" (V. 45). Das ist das Ende des letzten großen Königs des Nordens. Er wird sein Lager zwischen den Meeren, d. h. zwischen dem Mittelmeer und dem Toten Meer, und dem Berg der heiligen Zierde (Zion) aufschlagen. Aber dann wird er zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen. Gott Selbst wird ihn richten.

 

Wir sind damit am Ende unseres Kapitels angelangt. Bevor wir jedoch zur Betrachtung des nächsten übergehen, wird es für den Leser von Interesse sein, noch einige Stellen aus anderen Teilen der Heiligen Schrift, die sich mit den selben Personen und Vorgängen beschäftigen wie der Schluß des vorliegenden Kapitels, zu untersuchen. Wir müssen uns dabei natürlich auf die hauptsächlichsten beschränken. So heißt es z. B. am Schluß von Sacharja 11: "Denn siehe, ich erwecke einen Hirten im Lande: der Umkommenden wird er sich nicht annehmen, das Versprengte wird er nicht suchen und das Verwundete nicht heilen; das Gesunde wird er nicht versorgen und das Fleisch des Fetten wird er essen und ihre Klauen zerreißen" (V. 16). Ich bin überzeugt, daß wir unter diesem bösen, falschen Hirten "den König" oder den Antichristen zu verstehen haben, den Gott am Ende der Tage "im Lande", d. h. in Palästina, erwecken wird. Er bildet einen schrecklichen Gegensatz zu Christus, dem guten Hirten. Anstatt die Schafe aus‑ und einzuführen, sie zu weiden und auf Schritt und Tritt zu bewahren, vernach­lässigt und verdirbt er sie. Er schont die Herde Gottes nicht, sondern "ißt das Fleisch des Fetten und zerreißt ihre Klauen". Doch "wehe dem nichtigen Hirten, der die Herde verläßt!" Der Zorn Gottes wird über ihn kommen. "Das Schwert über seinen Arm und über sein rechtes Auge! Sein Arm soll ganz verdorren, sein rechtes Auge völlig erlö­schen" (V 17). Zu derselben Zeit, wenn dieser Hirte sein böses Werk in Jerusalem und dem Land der Zierde voll­bringt, wird sich auch die Prophezeiung über Israel erfül­len, die uns in Kapitel 12 des Propheten Sacharja mitgeteilt wird: "Siehe, ich mache Jerusalem zu einer Taumelschale für alle Völker ringsum; und auch über Juda wird es kom­men bei der Belagerung von Jerusalem" (V. 2). Alle Völker ringsum, von Nord und Süd, werden sich um Jerusalem versammeln und es belagern. Obwohl mit etwas anderen Worten ausgedrückt, weil hier Jerusalem und Israel den Hauptgegenstand der Prophezeiung bilden, finden wir doch dieselben Ereignisse wieder wie in den letzten Versen Von Daniel 11. Es ist die Zeit des Endes. Israel befindet sich unter der schrecklichen Herrschaft des Antichristen, und von außen erscheinen mächtige Feinde, um es zu ängstigen und zu unterdrücken. Doch seine Läuterungsperiode ist bald vorüber. Aber "es wird geschehen an jenem Tag, da werde ich Jerusalem zu einem Laststein machen für alle Völker: alle die ihn aufladen wollen, werden sich gewißlich daran verwunden. Und alle Nationen der Erde werden sich wider dasselbe versammeln" (V 3). An jenem Tag wird sich der Herr Selbst mit Seinem Volk wieder vereinigen, und alle seine Feinde werden zu Schanden werden. Er wird sich wieder zu Juda bekennen und den wenigen Getreuen Gnade und Barmherzigkeit beweisen. "An jenem Tag, spricht Jehova, werde ich alle Rosse mit Scheuwerden und ihre Reiter mit Wahnsinn schlagen; und über das Haus Juda werde ich meine Augen offen halten" (V. 4).

 

Ehe jedoch die Befreiung des Volkes durch die mächtige Erscheinung des Herrn Tatsache wird, fällt Jerusalem einer nochmaligen Zerstörung durch die Nationen anheim. Dies wird uns im 14. Kapitel des Propheten Sacharja mitgeteilt: "Und ich werde alle Nationen nach Jerusalem zum Krieg versammeln; und die Stadt wird eingenommen, und die Häuser werden geplündert und die Weiber geschändet wer­den; und die Hälfte der Stadt wird in Gefangenschaft aus­ziehen, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausge­rottet werden" (V 2). Daß wir es hier nicht mit der Ein­nahme Jerusalems durch Nebukadnezar oder durch die Römer zu tun haben, wie man vielleicht denken könnte, geht sowohl aus dem Wortlaut der Stelle, als auch aus dem Zusammenhang, in dem sie zu dem übrigen Kapitel steht, hervor. In beiden Fällen wurden alle Einwohner der Stadt, die nicht dem Schwert der Sieger zum Opfer fielen, in die Gefangenschaft geführt. Hier aber hören wir, daß nur "die Hälfte der Stadt in die Gefangenschaft ausziehen wird", während die Übrigen verschont bleiben. Es handelt sich hier deshalb gar nicht um die Belagerung Jerusalems durch die Chaldäer oder Römer, sondern um die Einnahme der heiligen Stadt durch die um sie versammelten Nationen in den letzten Tagen. Jeder Zweifel hierüber wird schwinden, wenn wir im weiteren Verlauf des Kapitels lesen: "Und Jehova wird ausziehen und wider jene Nationen streiten, wie an dem Tag, da er streitet, an dem Tag der Schlacht. Und seine Füße werden an jenem Tage auf dem Ölberg stehen, der vor Jerusalem gegen Osten liegt; und der Öl­berg wird sich in der Mitte spalten nach Osten und nach Westen hin, zu einem sehr großen Tal, und die Hälfte des Berges wird nach Norden und seine andere Hälfte nach Süden weichen" (V 3.4). Wer könnte behaupten, daß dies jemals geschehen ist? Haben die Füße des Herrn, als eines Streiters und Eroberers, jemals auf dem Ölberg gestanden? Ganz gewiß nicht. Der Herr ist seit den Tagen des Prophe­ten bis auf den heutigen Augenblick in diesem Charakter nie in Jerusalem erschienen. Zudem redet diese Stelle von dem Ende der Zeiten der Nationen und vom Hinwegtun ihrer Herrschaft. Bis heute hat diese Herrschaft noch fort­gedauert. Das Volk der Juden ist ein Gegenstand des Spot­tes und der Verachtung. Sobald aber jener Tag anbrechen wird, von dem in der Prophezeiung die Rede ist, wird Jehova für Sein Volk gegen jede Nation streiten; Seine Füße werden auf dem Ölberg stehen, und dieser wird sich in zwei Teile spalten und ein großes Tal bilden, durch das die verfolgten Juden vor der Wut ihrer Bedränger fliehen kön­nen. ‑"Und ihr werdet in das Tal meiner Berge fliehen, und das Tal der Berge wird bis Azel reichen; und ihr werdet fliehen ... Und kommen wird Jehova, mein Gott, und alle Heiligen mit dir“ (V. 5). Wie es mir scheint, bezieht sich Vers 2 unseres Kapitels auf das erste Eindringen der Könige des Südens und des Nordens in Palästina, wovon Daniel in den Versen 40 und 41 des 11. Kapitels spricht. Der König des Nordens, als der mächtigere, treibt seinen Gegner nach Ägypten zurück, unterwirft ganz Palästina, erobert Jerusalem und führt die Hälfte der Bewohner in die Gefangen­schaft. Den Überrest bewahrt der Herr für Sich auf, um ihn zu läutern und zu prüfen. "Und es wird geschehen im ganzen Lande, spricht Jehova: zwei Teile davon werden ausgerottet werden und verscheiden, aber der dritte Teil davon wird übrigbleiben. Und ich werde den dritten Teil ins Feuer bringen und ich werde sie läutern, wie man das Silber läutert, und sie prüfen, wie man das Gold prüft. Es wird meinen Namen anrufen, und ich werde ihm antworten; ich werde sagen: Es ist mein Volk; und es wird sagen: Jehova ist mein Gott" (Sach 13,8.9).

 

Von Ägypten zurückgekehrt, zieht der König des Nordens, wie wir oben sahen, von neuem gegen Jerusalem herauf. "Er wird sein Palastgezelt aufschlagen zwischen dem Meere und dem Berge der heiligen Zierde"; aber dann wird Jehova Selbst wider ihn ausziehen und mit ihm und seinen Heeren streiten und sie vernichten. Diese letzten Ereignisse sind es, die uns in Sacharja 14,3.4 vor Augen geführt werden.

 

In Jesaja 28 und 29 finden wir ebenfalls viele Parallelen zu dem Thema unserer Betrachtung und zugleich eine genaue Bestätigung des schon Gesagten. Ich übergehe hier jedoch das 28. Kapitel, da sein Inhalt dem Leser noch gegenwärtig sein wird. Bei dem 29. Kapitel möchte ich einen Augenblick verweilen. Es beginnt mit den Worten: "Wehe Ariel, Ariel, Stadt, wo David lagerte ... Und ich werde Ariel bedrängen, und es wird Seufzen und Stöhnen geben. Und sie wird mir sein wie ein Ariel. Und ich werde dich im Kreise umlagern und dich mit Heeresaufstellung einschlie­ßen und Belagerungswerke wider dich aufrichten" (V 1‑3). Hier haben wir dieselbe Belagerung Jerusalems, von der in Sacharja die Rede ist. "Und erniedrigt wirst du aus der Erde reden, und deine Sprache wird dumpf aus dem Staube ertönen; und deine Stimme wird wie die eines Geistes aus der Erde hervorkommen, und deine Sprache wird aus dem Staube flüstern". (V. 4). Welch ein Bild der tiefsten Be­drängnis des Volkes, wenn die Stadt der Wut des Eroberers preisgegeben sein wird! Aus dem Staub wird ihre Sprache ertönen. Doch es ist nur für eine Zeit, um ihre Herzen zu demütigen und sie zu läutern und zu prüfen. Sobald der Herr Seinen Zweck bei ihnen erreicht hat, erscheint Er auf dem Schauplatz zu ihrer Rettung. Die nächsten Verse schil­dern in erhabener Sprache dieses herrliche Eingreifen Jehovas. "Aber wie feiner Staub wird die Menge deiner Feinde sein, und wie dahinfahrende Spreu die Menge der Gewaltigen; und in einem Augenblick, plötzlich, wird es geschehen. Von seiten Jehovas der Heerscharen wird sie heimgesucht werden mit Donner und mit Erdbeben und mit großem Getöse ‑ Sturmwind und Gewitter und eine Flamme verzehrenden Feuers. Und wie ein nächtliches Traumgesicht wird die Menge all der Nationen sein, welche Krieg führen wider Ariel, und alle, welche sie und ihre Festung bestürmen und sie bedrängen" (V. 5‑7). Der Herr, Jehova Selbst, wird wider die Nationen streiten, die Jerusalem belagern und sie wie Spreu vor dem Wind ma­chen. Es ist die Schlußszene der Herrschaft der Nationen.

 

Nachdem Gott sie Jahrtausende hindurch in bewunde­rungswürdiger Langmut und Geduld getragen hat, wird Er jene Gelegenheit der Belagerung Jerusalems benutzen, um mit ihnen abzurechnen und sie zu richten. Wir dürfen dieses Gericht jedoch nicht mit dem letzten Endgericht vor dem großen weißen Thron (Offb 20,11‑15) verwechseln. Dort wird es sich um all die Toten handeln, deren Namen nicht in dem Buch des Lebens geschrieben sind, während hier Völker und Könige Gegenstände des Gerichts sind.

 

Kapitel 12

 

Das letzte Kapitel unseres prophetischen Buches beschäf­tigt sich, wie schon wiederholt bemerkt wurde, mit den Einzelheiten der Handlungen Gottes mit Seinem Volk am Ende der Tage. Die Geschichte der Nationen ist beendet. Die Könige des Nordens und des Südens sind gerichtet. "Der König", jener böse, eigenwillige Beherrscher und "nichtige Hirte" der Juden in den letzten Tagen, ist in den See geworfen, der mit Feuer und Schwefel brennt. Eine wichtige Frage bleibt noch: Was wird der Zustand Israels zu jener Zeit sein, und was wird aus dem treuen Überrest werden? Auf diese Frage gibt uns der Gott aller Gnade in dem vorliegenden Kapitel Antwort*) .

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*) Es mag hier die Bemerkung am Platz sein, daß Daniel nie auf die herrliche Zeit der Herrschaft des Herrn über diese Erde eingeht, sondern uns immer nur bis zu deren Aufrichtung führt und dann plötzlich abbricht. Er redet von den ihr vorherge­henden Ereignissen; er teilt uns die Geschichte der heidnischen Monarchien und der Unterdrücker und Verführer der Juden in den letzten Tagen mit; er spricht von der Ausübung der Gerichte über die Nationen und Israel, und redet davon, daß das Königreich, das der Gott des Himmels aufrichtet, die ganze Erde ausfüllen wird; aber eine nähere Beschreibung dieses Königreichs suchen wir in seinem Buch verge­bens. Dies läßt sich wohl dadurch erklären, daß der Heilige Geist bereits durch andere Propheten von dieser Herrschaft des Messias über Israel und von der Seg­nung, die dann das Teil des Volkes sein wird, gesprochen hatte, und daß Er im Begriff stand, denselben Gegenstand durch die späteren Propheten, die nach der babylonischen Gefangenschaft lebten, wieder aufzunehmen. Dies letztere ist von höchster Bedeutung, da es die Beweisführungen derer, die in der Rückkehr Israels aus Babylon die Erfüllung der Prophezeiung zu sehen meinen, hinfällig macht. Das Volk genoß nach der Gefangenschaft nicht die verheißenen reichen Segnungen, sondern befand sich in einem höchst traurigen Zustand.

 

"Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht“ (V. 1). Wir begegnen hier wieder demselben Ausdruck wie im 9. Kapitel: "dein Volk". Ich brauche nicht zu wiederholen, daß es sich um das Volk Israel handelt ‑ um jenes Volk, das die ganze Liebe und Zuneigung des Propheten besaß. "Und in jener Zeit wird Michael aufstehen". Es ist die Zeit, in der sich die letzten Ereignisse des vorigen Kapitels abspielten, die Zeit des Endes. Nachdem der König des Nordens zu seinem Ende gekommen ist, ohne einen Helfer zu haben, tritt ein Wechsel in der Geschichte Israels ein. Michael, der große Fürst, der für die Kinder des Volkes Israels steht, erhebt sich, um die Ratschlüsse Gottes in bezug auf die Befreiung Israels zu vollenden. Er steht auf zu Gunsten der unglücklichen Nation, um ihre Feinde nie­derzuwerfen und sie in die verheißenen Segnungen einzu­führen. Bevor das jedoch geschehen kann, muß die Not und Bedrängnis des Volkes ihren Höhepunkt erreichen.

 

"Und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird" (V. 1). Diese Worte zeigen wieder deutlich, von wel­cher Zeit die Rede ist. Es handelt sich weder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft, noch um die Erobe­rung Jerusalems durch die Römer.

 

Der Prophet Jeremia spricht von dieser Zeit der Drangsal und schließlichen Befreiung Israels. Er sagt im 30. Kapitel: "Und dies sind die Worte, welche Jehova über Israel und über Juda geredet hat. Denn so spricht Jehova: Eine Stimme des Schreckens haben wir gehört; da ist Furcht und kein Friede. Fraget doch und sehet, ob ein Mann gebiert? Warum sehe ich eines jeden Mannes Hände auf seinen Lenden, einer Gebärenden gleich, und jedes Angesicht in Blässe verwandelt? Wehe! denn groß ist jener Tag, ohne­gleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob; doch wird er aus ihr gerettet werden. Denn es wird geschehen an jenem Tage, spricht Jehova der Heerscharen, daß ich sein Joch von deinem Halse zerbrechen und deine Fesseln zer­reißen werde, und Fremde sollen ihn nicht mehr dienstbar machen; sondern sie werden Jehova, ihrem Gott, dienen und ihrem König David, den ich ihnen erwecken werde." (V 4‑9). Die Sprache des Propheten ist so klar und deut­lich, daß sie keiner weiteren Erklärung bedarf. Im Prophe­ten Jesaja gibt es ebenfalls zahlreiche Stellen, die von jener Zeit der Drangsal des Volkes und seiner schließlichen Be­freiung reden; ich kann jedoch nicht näher darauf einge­hen. (Ich mache nur auf die Kapitel 1; 2; 10; 17; 22; 24‑35; 49‑66 aufmerksam.)

 

Aber nicht nur das Alte Testament bietet solche Stellen; auch das Neue Testament enthält Aussprüche, die ein hel­les Licht auf unser Thema werfen, und zwar Aussprüche aus dem Mund des Sohnes Gottes Selbst. Die Jünger, ver­wundert über die Worte des Herrn im Blick auf den präch­tigen herodianischen Tempel: "Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird" ‑ fragen Ihn, wann diese schreckliche Katastrophe eintreten würde. "Sage uns, wann wird dieses sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?" (Mt 24,1‑3). Beachten wir den Wortlaut dieser Frage. Es handelt sich hier nicht um den schließlichen Untergang der Erde und um die bevorstehende Umwälzung des ganzen Welten­Systems, sondern um die Vollendung des Zeitalters, d. h. um die Beendigung der jetzigen Ordnung der Dinge, oder der augenblicklichen Verwaltung Gottes bezüglich der Erde. Der Herr antwortet ihnen, indem Er sie warnt, sich von niemand irreführen zu lassen, da viele unter Seinem Namen kommen und sagen würden: "Ich bin der Christus". Er sagt ihnen, daß sich nach wie vor Nation wider Nation und Königreich wider Königreich erheben würde, und daß Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben sein würden an ver­schiedenen Orten. Alles das aber sei noch nicht die Vollen­dung des Zeitalters. "Alles dieses aber ist der Anfang der Wehen" (Mt 24,8). Es ist nur die Vorbereitung für jene schreckliche Krisis. "Dann werden sie euch in Drangsal überliefern und euch töten; und ihr werdet von allen Natio­nen gehaßt werden um meines Namens willen" (Mt 24,9). Bis zum Schluß von Vers 14 fährt der Herr fort, in dieser allgemeinen Weise zu sprechen. Dann aber versetzt Er Seine Zuhörer in Vers 15 plötzlich nach Jerusalem und nach dem Land Juda, indem Er ihre Aufmerksamkeit auf das Buch lenkt, das wir betrachten. "Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von welchem durch Daniel, den Prophe­ten, geredet ist, stehen sehet an heiligem Orte, (wer es liest, der beachte es) daß alsdann die in Judäa sind, auf die Berge fliehen . . . "

 

Es kann kaum ein Zweifel darüber herrschen, was unter dem Ausdruck "heiliger Ort“ zu verstehen ist. Wenn im Wort Gottes von dem "heiligen Ort“ als einem von der übrigen Erde abgesonderten Platz die Rede ist, so haben wir stets den Platz der Anbetung Israels, an das Heiligtum 1 Jehovas in Jerusalem, zu denken. An diesem heiligen Ort wird einst "der Greuel der Verwüstung" stehen. Sobald er aufgerichtet ist, werden alle, die in Judäa sind, aufgefor­dert, auf die Berge zu fliehen. Es handelt sich hier durchaus nicht um die Nationen, noch weniger um die Versammlung oder Kirche Gottes. Es sind die in ihr Land zurückgekehrten gläubigen Juden, die der Herr ermahnt, der Wut ihrer Feinde durch die Flucht auf die Berge zu entrinnen. "Wehe aber den Schwangeren und Säugenden in jenen Tagen! Betet aber, daß eure Flucht nicht im Winter geschehe, noch am Sabbath" (V. 19.20). Wenn noch irgend ein Zweifel über die Frage bestehen könnte, an welche Personen sich die Aufforderung des Herrn richtet, so muß er hier schwin­den. Weder die Nationen noch die Kirche haben etwas mit dem Sabbath zu tun. Er ist ein Zeichen zwischen Gott und Israel. "Denn alsdann wird große Drangsal sein, derglei­chen von Anfang der Welt bis jetzthin nicht gewesen ist, noch je sein wird" (V. 21). Ich weiß wohl, daß diese Worte von vielen auf die Zerstörung Jerusalems durch Titus bezo­gen werden. Aber man vergißt dabei eine sehr wichtige Sache. Der Herr sagt in Vers 29 und den folgenden Versen: "Alsdann aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne verfinstert werden, und der Mond seinen Schein nicht geben ... Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen in dem Himmel erscheinen; und dann werden wehklagen alle Stämme des Landes, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Win­den her, von dem einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende" (V. 29‑31). Wenn jene Behauptung bezüg­lich der Belagerung und Zerstörung Jerusalems richtig wäre, so müßte dies alles schon geschehen sein; denn "als­bald nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne verfin­stert werden . . . " Doch ich sage nur: Ist nach der Zerstö­rung Jerusalems der Sohn des Menschen gekommen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit? Hat Er Seine Engel ausgesandt, um Seine Auserwähl­ten von allen Enden der Erde zu sammeln? Die Antwort auf diese Frage ist einfach. Das Volk der Juden ist nicht gesammelt. Der Herr ist nicht gekommen, sondern sitzt noch zur Rechten des Vaters und wartet, bis alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt sind.

 

Ebensowenig ist die Prophezeiung Daniels bis jetzt in Er­füllung gegangen. Weder ist die Zeit der großen Drangsal angebrochen, noch hat sich Michael, der Engelfürst, erho­ben, um sein Volk zu erretten. Beides läßt sich nicht von­einander trennen. Wenn das eine noch seiner Erfüllung entgegensieht, so muß dies auch mit dem anderen der Fall sein. Denn "in jener Zeit wird Michael aufstehen ... und es wird eine Zeit der Drangsal sein ... Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden".

 

Es unterliegt also keinem Zweifel, daß auch das Neue Testa­ment die Prophezeiungen des Alten Testamentes genau bestätigt. Ein Prophet nach dem anderen hatte von einer Zeit großer Drangsal geredet, die über Israel kommen sollte, sowie von der Befreiung des Volkes als deren unmit­telbaren Folge. Die Worte unseres Herrn Selbst bestätigen diese Aussprüche der Propheten. Sind sie bis jetzt noch nicht erfüllt, so geziemt es uns, mit Ruhe zu warten, bis Gott es an der Zeit hält, Seine Worte wahrzumachen. Er wird es tun, denn Er ist nicht ein Mensch, daß Er lügen kann, oder daß Ihn etwas gereuen könnte. Kein Jota, kein Strichlein des Wortes Gottes wird vergehen, bis alles erfüllt ist. "Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber sollen nicht vergehen" (Mt 24,35).

 

Vielleicht wird jemand fragen: Finden wir nicht in Lukas 21, wo uns durch den Evangelisten dasselbe Gespräch des Herrn mit Seinen Jüngern mitgeteilt wird, eine direkte Anspielung auf die Zerstörung Jerusalems? Allerdings; in diesem Punkt weicht Lukas von Matthäus ab. Während Matthäus nur von der Zeit des Endes redet, berührt Lukas beide Gegenstände, aber er unterscheidet sie zugleich in bestimmter Weise. Schon die Frage der Jünger ist bei Lukas eine andere, als bei Matthäus. Sie fragen: "Lehrer, wann wird denn dieses sein, und was ist das Zeichen, wann dieses geschehen soll“ (Lk 21,7). Es handelt sich hier nicht um die Ankunft des Herrn und die Vollendung des Zeitalters, sondern zunächst nur um die direkte Erfüllung der Worte des Herrn. Die Antwort Jesu ist dementsprechend. Er versetzt Seine Jünger nicht sogleich in die Zeit des Endes, sondern teilt ihnen die Eroberung der Stadt durch die Römer mit und folgt dann dem Lauf der Geschichte bis zu den letzten Tagen hin. "Wenn ihr aber Jerusalem von Heer­scharen umzingelt sehet, alsdann erkennet, daß ihre Ver­wüstung nahe gekommen ist. Daß alsdann, die in Judäa sind, auf die Berge fliehen, und die in ihrer Mitte sind, daraus entweichen . . . " (Lk 21,20.21). Lukas spricht kein Wort von dem Greuel der Verwüstung, der an heiligem Ort steht; dagegen führt er einen Umstand ein, den wir bei Matthäus nicht finden ‑ die Umzingelung Jerusalems von Heerscharen. "Denn dies sind Tage der Rache, daß alles erfüllt werde, was geschrieben steht“ (V 22). Es ist bewun­dernswert, wie bestimmt und genau Sich der Heilige Geist ausdrückt. Er läßt Lukas nicht sagen: "Alsdann wird große Drangsal sein, dergleichen von Anfang der Welt bis jetzthin nicht gewesen ist noch je sein wird". Das würde weder auf die Zerstörung Jerusalems durch Titus angewendet werden können, noch dem Zusammenhang in diesem Kapitel ent­sprechen. Ferner lesen wir nicht, daß um der Auserwählten willen die Tage der Rache verkürzt werden sollen, noch daß der Herr erscheint und Seine Engel aussendet, um Seine Auserwählten von allen Enden der Erde zu sammeln. Es heißt vielmehr in den Versen 23 und 24: "Wehe aber den Schwangeren und den Säugenden in jenen Tagen! denn große Not wird in dem Lande sein, und Zorn über dieses Volk. Und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwer­tes und gefangen weggeführt werden unter alle Nationen; und Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden." Diese Worte zeigen sehr deutlich den Unterschied zwischen Matthäus und Lukas. Lukas redet bis zum Ende von Vers 24 nur von der Zerstörung Jerusalems durch Titus, von der Zerstreu­ung des Volkes unter alle Nationen und von der Zertretung Jerusalems bis zur Erfüllung der Zeiten der Nationen. Wie schon wiederholt bemerkt wurde, sind diese Zeiten der Nationen noch nicht erfüllt. Seit den Tagen Nebukadnezars sind sie dahingerollt bis zu dem gegenwärtigen Augenblick, ohne einen Abschluß gefunden zu haben. Doch sie werden bald endigen. Erst mit Vers 25 beginnt die Schlußszene, die Erfüllung der Zeiten der Nationen. "Und es werden Zei­chen sein an Sonne und Mond und Sternen, und auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit bei brausen­dem Meer und Wasserwogen; indem die Menschen ver­schmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte der Himmel wer­den erschüttert werden. Und dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit" (Lk 21,25 ‑ 27).

 

Die Zeit, von der Daniel redet, muß also nach den be­stimmten Erklärungen der Heiligen Schrift, sowohl des Alten wie des Neuen Testaments, eine zukünftige sein. Nachdem dies festgestellt ist, können wir die Betrachtung unseres Kapitels wieder aufnehmen. Durch die Worte des Engels ist Daniel über das Schicksal der in das Land Palä­stina zurückgekehrten Juden unterrichtet und beruhigt. Er vernimmt, daß sie durch eine unerhörte und unvergleichliche Drangsal gehen sollen, daß aber endlich alle, deren Namen im Buch des Lebens geschrieben gefunden werden, (d. h. der kleine, treue Überrest, der sich an Gott klam­mert und durch den brennenden Ofen der Trübsal geläutert wird), errettet und befreit werden. Jetzt bleibt für ihn nur noch eine Frage übrig: Was wird aus allen denen werden, die zu jener Zeit noch nicht nach Judäa und Jerusalem zurückgekehrt sind, und infolgedessen auch nicht die Ge­genstände der bewirkten Befreiung sein können? Auf diese Frage gibt Vers 2 eine völlig genügende Antwort. " Und viele von denen, die im Staube der Erde schlafen, werden erwachen: diese zu ewigem Leben, und jene zur Schande, zu ewigem Abscheu". Ich weiß wohl, daß man gewöhnlich, dem Wortlaut entsprechend, in dieser Stelle eine leibliche Auferweckung Israels zu finden meint. Aber ich kann nicht glauben, daß diese Auffassung richtig ist. Vielmehr scheint es mir, daß der Heilige Geist hier das Bild der Auferstehung gebraucht, um uns dadurch die ge­segnete Wiederherstellung des Volkes, oder wenigstens eines Teiles, aus einem Zustand des tiefsten Verderbens in lebendiger Weise vor Augen zu führen. Dies ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Die Auferstehung wird im Wort Gottes oft in einem bildlichen Sinn gebraucht. So z. B. in Jesaja 26,13.14, wo wir lesen: Jehova, unser Gott, über uns haben Herren geherrscht außer dir; durch dich allein gedenken wir deines Namens. Tote leben nicht auf, Schatten erstehen nicht wieder; darum hast du sie heimgesucht und vertilgt, und hast all ihr Gedächtnis zunichte ge­macht." Offenbar kann hier von einer Auferstehung im buchstäblichen Sinn keine Rede sein. Denn alle Menschen, auch jene Beherrscher Israels, werden einst wieder aufer­stehen, um gerichtet zu werden. Es ist vielmehr die Ver­nichtung ihrer Gewalt, um die es sich hier handelt. Jehova hat sie heimgesucht und vertilgt, und sie werden nicht wie­der erstehen, d. h. sie werden nie wieder die Herrschaft über Israel besitzen.

 

Dann lesen wir weiter: "Du hast die Nation vermehrt, Jehova, du hast die Nation vermehrt, du hast dich verherr­licht; du hast hinausgerückt alle Grenzen des Landes" (Jes 26,15). Es liegt auf der Hand, von welcher Nation der Prophet hier redet. Es ist Israel, das von Gott über die ganze Erde zerstreute Volk. In seiner Bedrängnis schreit es zu Jehova und schüttet vor Ihm sein stilles Gebet aus. Nach seinem eigenen Bekenntnis ist es vor dem Angesicht des Herrn wie eine Schwangere, die sich dem Gebären nähert und in ihren Wehen schreit (V. 16‑18). Auf sein Rufen antwortet Jehova: "Deine Toten werden aufleben, meine Leichen wieder erstehen". Er betrachtet sie als sein Eigen­tum, obwohl sie sich so schwer versündigt haben und in einem so traurigen, elenden Zustand sind. "Deine Toten werden aufleben, meine Leichen wieder erstehen. Wachet auf und jubelt, die ihr im Staube lieget! Denn ein Tau des Lichtes ist dein Tau; und die Erde wird die Schatten aus­werfen" (V 19). Daß hier wieder nicht an wirklich Gestor­bene und an deren Auferweckung zu denken ist, braucht kaum gesagt zu werden. Der ganze Zusammenhang der Stelle spricht dagegen. Alle, "die im Staube liegen", (beachten wir hier die genaue, fast wörtliche Übereinstim­mung mit Daniel) werden aufgefordert, aufzuwachen und zu jubeln. Weshalb? Weil ihre Herren und Unterdrücker verschwunden sind, vertilgt durch Jehova Selbst.

 

"Und viele von denen, die im Staube der Erde schla­fen, werden erwachen"; das will sagen: Viele von denen, die noch nicht im Land sind, sondern sich in völliger Ver­borgenheit und Erniedrigung unter allen Nationen der Erde zerstreut befinden und bis zu jenem Augenblick gleichsam im Staub der Erde geschlafen haben, werden von Jehova Selbst zum Vorschein gebracht und nach Palästina zurück­geführt werden ‑ "diese zu ewigem Leben, und jene zur Schande, zu ewigem Abscheu". Schon diese Worte schlie­ßen jede Möglichkeit aus, hier an die Auferstehung der Gerechten denken zu können; denn wenn diese stattfindet, werden alle zu ewigem Leben auferweckt werden. Die Stelle hat durchaus nichts mit einer leiblichen Auferstehung zu tun, sondern spricht von dem nationalen Wiederaufbau Israels aus einem Zustand tiefster Erniedrigung, aus "dem Staube der Erde".

 

Doch es gibt noch eine andere Stelle, die vor allen anderen geeignet scheint, die Wahrheit des Gesagten zu bestätigen. Sie enthält eine klare Darstellung von dem zukünftigen Wiederaufleben des Volkes Israel. Während Jesajas von Israel als einem toten Körper spricht, einem Leichnam, und Daniel die Juden als schlafend im Staub der Erde betrachtet, geht der Prophet Hesekiel noch weiter und stellt sie unter dem Bild von verdorrten Gebeinen vor unser Auge. Ich führe die ganze Stelle wörtlich an: "Die Hand Jehovas kam über mich, und Jehova führte mich im Geiste hinaus und ließ mich nieder mitten im Tale; und dieses war voll Gebeine. Und er führte mich ringsherum an ihnen vorüber; und siehe, es waren sehr viele auf der Fläche des Tales, und siehe, sie waren sehr verdorrt. Und er sprach zu mir: Menschensohn, werden diese Gebeine lebendig wer­den? Und ich sprach: Herr, Jehova, du weißt es. Da sprach er zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret das Wort Jehovas! So spricht der Herr, Jehova, zu diesen Gebeinen: Siehe, ich bringe Odem in euch, daß ihr lebendig werdet. Und ich werde Sehnen über euch legen und Fleisch über euch wach­sen lassen und euch mit Haut überziehen, und ich werde Odem in euch legen, daß ihr lebendig werdet. Und ihr werdet wissen, daß ich Jehova bin. ‑ Und ich weissagte, wie mir geboten war. Da entstand ein Geräusch, als ich weis­sagte, und siehe, ein Getöse: und die Gebeine rückten zusammen, Gebein an Gebein. Und ich sah, und siehe, es kamen Sehnen über sie, und Fleisch wuchs, und Haut zog sich darüber obenher; aber es war kein Odem in ihnen" (Hes 37, 1‑8). Es ist kaum begreiflich, wie man im Ernst daran denken kann, daß dieses Gesicht eine Darstellung der Auferstehung der Gläubigen bei der Ankunft des Herrn enthalten soll. Ganz abgesehen von der Erklärung, die Gott nachher gibt, ist die ganze Sprache nicht dazu angetan, einen solchen Gedanken nur für einen Augen­blick aufkommen zu lassen. Werden sich, wenn unsere Lei­ber einst durch den Machtruf des Herrn aus ihren Gräbern hervorkommen werden, zuerst die einzelnen Gebeine zu­sammenfinden, wird dann Fleisch und Sehnen auf sie kom­men und zum Schluß eine Haut darüber gezogen und den so wiederhergestellten Leibern ein Odem eingehaucht wer­den? Sicherlich nicht. Die Beschreibung, die uns der Hei­lige Geist durch den Mund des Apostels Paulus von jenem herrlichen Augenblick gibt, lautet völlig anders (vergl. 1. Kor 15,51‑55; 1. Thess 4,13‑18). Ebenso abwegig ist es, wenn man in diesem Gesicht ein Bild von der Wirksam­keit des Evangeliums auf die Seelen finden will.

 

"Und er sprach zu mir: Weissage dem Odem, weissage, Menschensohn, und sprich zu dem Odem: So spricht der Herr, Jehova: Komm von den vier Winden her, du Odem, und hauche diese Getöteten an, daß sie lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte; und der Odem kam in sie, und sie wurden lebendig und standen auf ihren Füßen, ein überaus großes Heer. ‑ Und er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sprechen: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren; wir sind dahin. Darum weis­sage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, Jehova: Siehe, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk, und werde euch in das Land Israel bringen. Und ihr werdet wissen, daß ich Jehova bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse, mein Volk. Und ich werde meinen Geist in euch geben, daß ihr lebet, und werde euch in euer Land setzen. Und ihr werdet wissen, daß ich, Jehova, geredet und es getan habe, spricht Jehova" (V 9‑14). Nichts kann einfacher und verständlicher sein, als diese Erklärung, die Gott Selbst von dem Gesicht gibt.

 

Er gebraucht das Bild der Auferstehung nur, um zu zeigen, in welch einem traurigen, hoffnungslosen Zustand Israel sich befindet, und wie allein Seine Gnade und Macht im­stande ist, das Volk als solches wieder ins Leben zu rufen und in die verheißenen Segnungen "im Lande" einzufüh­ren. Indem wir jetzt zu unserem Kapitel im Propheten Daniel zurückkehren, ist es wichtig, zu bemerken, daß nicht alle, die aus ihrem Schlaf im Staub der Erde erwa­chen, errettet werden. Ein Teil erwacht zur Schande und zu ewigem Abscheu. Was ist die Ursache dieses Unterschieds? Nicht aller Namen werden im Buch des Lebens geschrieben gefunden. Dies zeigt uns, daß die Wiederherstellung Israels auch einen geistlichen Charakter tragen wird. Alle, die errettet werden, müssen geschrieben sein im Buch des Le­bens, mit anderen Worten, sie müssen in Wahrheit göttli­ches Leben besitzen und aus Gott geboren sein.

 

Doch es gibt auch unter denen, die der göttlichen Erret­tung teilhaftig werden, noch einen Unterschied. " Und die Verständigen werden leuchten wie der Glanz der Him­melsfeste, und die, welche die Vielen zur Gerechtig­keit weisen, wie die Sterne, immer und ewiglich" (V 3). Diese Verständigen sind ohne Zweifel solche, die während der Zeit der großen Drangsal sich durch eine genaue Kenntnis der Ratschlüsse und Gedanken Gottes ausgezeichnet haben. Sie werden leuchten wie der Glanz der Himmelsfeste, d. h. Gott Selbst wird sie mit dem Glanz Seiner Gnade bekleiden, weil sie während jener Periode des Aufruhrs und der Drangsale treu geblieben sind. Doch nicht nur sie, sondern auch die, welche die Vielen zur Gerechtigkeit gewiesen haben, "werden leuchten wie die Sterne immer und ewiglich ". Der Ausdruck "die Vielen" bezeichnet hier wie an anderen Stellen die große Masse des jüdischen Volkes, die durch jene frommen, treuen Seelen, die ohne Zweifel eine gewisse Kenntnis der göttlichen Wahrheiten besitzen, zur Gerechtigkeit gewiesen wird. Be­achtenswert ist hier auch das Wort "Gerechtigkeit". Es wird sich zu jener Zeit nicht mehr um die Predigt der Gnade handeln ‑ diese findet im gegenwärtigen Augenblick statt ‑sondern die Vielen werden zur Gerechtigkeit gewiesen. Wohl mögen jene Treuen die herrlichen Gedanken Gottes in Verbindung mit Israel verkündigen, aber es wird immer eine Unterweisung in Gerechtigkeit sein.

 

im nächsten Vers tritt uns ein wichtiger Grundsatz entge­gen: "Und du, Daniel, verschließe die Worte und ver­siegele das Buch bis zur Zeit des Endes. Viele werden es durchforschen, und die Erkenntnis wird sich meh­ren " (V. 4). Der Prophet wird nicht nur, wie früher schon, darauf hingewiesen, daß die Dinge, die er gesehen hat, und die Mitteilungen, die er empfangen hat, für die Zeit des Endes bestimmt sind, sondern er wird auch aufgefordert, sie bis dahin zu versiegeln. Ferner erhält er, als er einige Verse später fragt: "Mein Herr, was wird der Ausgang von diesem sein?" zur Antwort: "Gehe hin, Daniel; denn die Worte sollen verschlossen und versiegelt sein bis zur Zeit des Endes. Viele werden sich reinigen und weiß machen und läutern, aber die Gottlosen werden gottlos handeln; und keine der Gottlosen werden es verstehen, die Verständigen aber (d. h. jene treuen Personen, von denen wir soeben geredet haben) werden es verstehen" (V. 8‑10). Dies ist höchst beachtenswert. Jo­hannes erhielt nach Empfang seiner Offenbarungen gerade den entgegengesetzten Befehl. Ihm wurde gesagt: "Ver­siegle nicht die Worte der Weissagung dieses Buches; die Zeit ist nahe" (Offb 22,10). Woher dieser Unterschied? Die Antwort ist einfach. Der Christ und die Versammlung wer­den immer als am Ende der Zeit stehend betrachtet. "Kind­lein, es ist die letzte Stunde", ruft Johannes den Gläubigen zu (Vergl. auch 1.Kor 10,11; Hebr 9,26). Zugleich hat die Gabe des Heiligen Geistes alles verändert. Für den Chri­sten, der, so schwach und unwissend er auch sein mag, den Heiligen Geist persönlich in sich wohnend hat, ist nichts mehr versiegelt. Alles ist für ihn aufgeschlossen. Er besitzt den "Geist Christi" und hat infolgedessen Einsicht und Verständnis für die Wege und Ratschlüsse Gottes. Die Ge­heimnisse Gottes sind ihm geoffenbart, so daß Johannes sagen kann: "Ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles (l. Job 2,20). Der Herr gibt kurz vor Seinem Hingang zum Vater den trauernden Jüngern die Verhei­ßung, daß Er ihnen den Heiligen Geist senden werde, und sagt dann: "Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, ge­kommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten". Während kein noch so sorgfältiges Studium des Wortes Gottes dem natürlichen, ungläubigen Menschen Einsicht in die göttlichen Dinge geben kann, ist dem einfachsten Gläu­bigen durch die Macht Gottes und durch den Heiligen Geist, der in ihm wohnt, der Zugang zu allen Ratschlüssen und Geheimnissen Gottes geöffnet. Ja, es ist sein gesegne­tes Vorrecht, da einzutreten und mit staunendem, anbeten­dem Herzen die Tiefe und Höhe und Länge und Breite der Gedanken Gottes in bezug auf Israel, die Kirche, die Welt, Himmel und Erde, ja bezüglich des ganzen Weltalls zu er­forschen.

 

Die Heiligen des Alten Testaments und mit ihnen Daniel und alle Propheten hatten nicht den Heiligen Geist persön­lich in sich wohnend. Allerdings redeten sie, getrieben vom Heiligen Geist, aber das, was sie redeten, blieb ihnen selbst unverständlich. Der Heilige Geist war noch nicht persön­lich auf diese Erde herniedergekommen. Wohl weissagten jene Männer von der für uns bestimmten Gnade und redeten von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach, sie forschten und suchten, "auf welche oder welcherlei Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete", aber ihr Verständnis war nicht ge­öffnet; ihre eigenen Prophezeiungen blieben ihnen ein dunkles Rätsel, obwohl es ihnen geoffenbart war, daß sie nicht für sich selbst, sondern für uns die Dinge bedienten (i. Petr 1,10‑12). Wir aber verstehen und genießen jetzt, belehrt durch den Heiligen Geist, jene Dinge. Wir werden betrachtet als in der Zeit des Endes stehend, und alle bis zu dieser Zeit versiegelten Prophezeiungen sind uns aufge­schlossen. Durch die Gnade von allen Fragen betreffs unse­rer Sünden befreit, haben wir das Vorrecht, mit aller Zu­versicht und Einsicht in die gesegneten Dinge Gottes einzu­treten. Daniel besaß dieses Vorrecht nicht. Er mußte bekennen: "Und ich hörte es, aber ich verstand es nicht; und ich sprach: Mein Herr, was wird der Aus­gang von diesem sein?" um darauf die Antwort zu hören: "Gehe hin, Daniel, denn diese Worte sollen verschlos­sen und versiegelt sein bis zur Zeit des Endes" (V. 8.9). Das alles ist wohl geeignet, unsere Herzen mit Lob und Dank zu erfüllen; zugleich sollte es aber auch ein tiefes Gefühl unserer Verantwortlichkeit in uns hervorrufen. Denn je mehr uns gegeben ist, desto mehr wird von uns gefordert werden.

 

"Und ich, Daniel, sah: und siehe, zwei andere standen da, einer hier am Ufer des Stromes, und einer dort am Ufer des Stromes. Und einer sprach zu dem in Linnen gekleideten Mann, welcher oben über dem Wasser des Stromes war: Wie lange wird dauern das Ende dieser wunderbaren Dinge?" Der Fragende, dessen Person nicht näher beschrieben wird, (wahrscheinlich einer der beiden am Ufer des Stromes stehenden Männer) wünscht Aus­kunft über die Zeit der Vollendung der Wege Gottes mit Israel. Er erhält eine ganz bestimmte, unzweideutige Ant­wort: "Und ich hörte den in Linnen gekleideten Mann, welcher oben über dem Wasser des Stromes war, und er erhob seine Rechte und seine Linke zum Himmel und schwur bei dem, der ewig lebt: Eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit; und wenn die Zerschmetterung der Kraft des heiligen Volkes vollbracht sein wird, dann werden alle diese Dinge vollendet sein" (V. 5‑7). Der Leser wird sich erinnern, daß der Ausdruck: "eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit", wiederholt in der Heiligen Schrift gebraucht wird, um einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren oder 1260 Tagen zu bezeichnen. Nach dieser Zeit werden die Wunder, d. h. die Drangsale der Israeliten und ihre Befreiung aus ihnen durch die mächtige Hilfe ihres Jehova vollendet sein. Doch der Engel fügt noch den allge­meinen Hinweis hinzu, daß alle diese Dinge vollendet wer­den sollen, sobald die Zerschmetterung der Kraft des heili­gen Volkes, d.i. Israels, ihr Ende erreicht hat. Die Frage Daniels: "Mein Herr, was wird der Ausgang von diesem sein?" ruft dann die schon oben besprochene Aufforde­rung des Engels hervor, die Wortes des Buches zu versie­geln bis zur Zeit des Endes. Bis dahin werden viele geläu­tert und gereinigt werden, die Gesetzlosen werden gesetzlos handeln, und keiner von ihnen wird die Weissagung verste­hen; nur den Verständigen wird Einsicht gegeben werden.

 

"Und von der Zeit an, da das beständige Opfer abge­schafft wird, und zwar um den verwüstenden Greuel aufzustellen, sind tausend zweihundertundneunzig Tage. Glückselig der, welcher harrt und tausend drei­hundertundfünfunddreißig Tage erreicht" (V. 11.12). Drei Zeitabschnitte von verschiedener Länge sind es, die hier unsere besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Der erste ist jener von dreieinhalb Jahren oder 1260 Tagen; der zweite umfaßt 30 Tage oder einen Monat mehr; der dritte endlich währt noch eineinhalb Monate länger, beträgt also 1335 Tage. Unwillkürlich drängen sich die Fra­gen auf: Was bedeuten diese drei Zeiträume, und mit wel­chem Augenblick beginnen sie? Die letzte Frage beantwor­tet Vers 11. "Von der Zeit an, da das beständige Opfer abgeschafft wird, und zwar, um den verwüstenden Greuel aufzustellen".

 

Die erste Frage ist schwerer zu beantworten, und ich maße mir nicht an, ein bestimmtes Urteil über die Bedeutung jener drei Abschnitte auszusprechen. Jedoch scheint es mir, als ob sie andeuteten, daß die Segnung nicht plötzlich über Israel kommen, sondern sich stufenweise, während des Ver­laufs einiger Monate, entwickeln wird. Der erste große Wendepunkt in der Geschichte jener Tage ist ohne Zweifel die Vernichtung "des Königs". Ich denke, daß sie am Ende des ersten Zeitraums von dreieinhalb Jahren oder von 1260 Tagen stattfinden wird. Nach dem Hinwegtun "des Königs" wird Gott Sich mit dem König des Nordens beschäftigen und ihn zu seinem Ende bringen (Kap. 11,45). Ob aber dieses Gericht über den König des Nordens nach Verlauf der 1290 oder 1335 läge ausgeführt werden wird, wage ich nicht zu entscheiden. Aus Jesaja 10,12 scheint allerdings hervorzugehen, daß es eines der letzten Ereignisse vor dem Eintritt der völligen Segnung Israels, wenn nicht das aller­letzte, ist. Es heißt dort: "Und es wird geschehen, wenn der Herr sein ganzes Werk an dem Berg Zion und an Jerusalem vollbracht hat, so werde ich heimsuchen die Frucht der Überhebung des Herzens des Königs von Assyrien und den Stolz der Hoffart seiner Augen". Wie dem auch sei, das Eine ist gewiß, daß am Ende der 1335 Tage das ganze herrliche Werk der Segnung des israelitischen Volkes voll­endet und es selbst in die Ruhe und den Frieden des tau­sendjährigen Reiches eingegangen sein wird. Der Engel preist daher jeden glückselig, "welcher harrt und tausend­dreihundertfünfunddreißig Tage erreicht".

 

Das Buch schließt mit einer trostreichen Verheißung für den Propheten. Er verstand in jenem Augenblick nicht den Sinn der ihm von Gott gegebenen Weissagung; er mußte im Gegenteil hören, daß sie nicht für seine Zeit, sondern für die Zeit des Endes bestimmt sei. Sollte er nun jener herrli­chen Segnungen, die seinem geliebten Volk zuteil werden sollten, verlustig gehen? 0 nein! Er sollte auferstehen aus seinem Grabe und teilhaben an der Errettung und Wieder­herstellung seines Volkes. "Du aber gehe hin bis zum Ende; und du wirst ruhen und wirst auferstehen zu deinem Lose am Ende der Tage". Köstliche Verheißung für das trauernde Herz des Propheten!

 

Damit schließe ich die Betrachtung über das inhaltsreiche, herrliche Buch Daniel und bitte den Herrn, daß Er sie mit Seinem reichen Segen begleiten und sie Seinen geliebten Kindern zum Nutzen gereichen lassen möge. Ich bin mir tief bewußt, wie mangelhaft und schwach diese Arbeit ist; aber ich habe sie unternommen im Vertrauen auf den Herrn und mit dem innigen Wunsch, daß sie vielen Seiner teuer Erkauften eine Erquickung und ein Segen auf dem Weg durch diese Wüste sein möchte. Der Herr wolle es geben, daß sie nicht gelesen wird, um eine müßige Neu­gierde zu befriedigen, sondern mit dem aufrichtigen Ver­langen, immer mehr einzudringen in die unergründlichen Tiefen der wunderbaren Ratschlüsse und Gedanken Got­tes, damit Ihm mehr Lob und Dank und Anbetung aus unser aller Herzen dargebracht wird!


31.05.03

Hallo André!

Gerne gebe ich Dir ein paar Literaturangaben zur Frage nach Datierung, Autorschaft und Glaubwürdigkeit des Buches Daniel:

1. Das erste Buch, das ich Dir empfehle ist das Buch von Roger Liebi "Weltgeschichte im Visier des Propheten Daniel". Darin geht es hauptsächlich um die erfüllten und zukünftigen Prophezeiungen, aber in einem ersten Kapitel auch um die Echtheit des Buches Daniel. Liebi geht darin auf die hauptsächlichen Standardkritiken dieses Buches ein. (Ich könnte Dir dieses Buch kostenlos zuschicken, ich habe gerade noch eines übrig).

2. Ein zweites Buch auf Deutsch, das sich kritisch mit der Bibelkritik am Buch Daniel befasst, ist die Einleitung zum Buch "Der Prophet Daniel" von Gerhard Maier, Wuppertaler Studienbibel. (Dieses Buch findest Du vielleicht in der Bibliothek, allenfalls könnte ich Dir auch diese Einleitung kopieren).

3. Falls Du Englisch verstehst, so gibt es ein älteres, aber sehr gutes Buch von "Robert Anderson" mit dem Titel "Daniel in the Critics Den: A Defence of The Historicity of the Book of Daniel", Kregel Publications, 1909/1993. Lass Dich nicht vom Alter der Erstausgabe abschrecken!

Zur allgemeinen Frage nach Text- und Formkritik ist neu ein Buch von JoshMcDowell auf Deutsch übersetzt und herausgegeben worden. Es heisst "Die Fakten des Glaubens" und ist bei der Christlichen Verlagsgesellschaft Dillenburg (CVD) erschienen.


Vielleicht hast Du schon von Robert Dick Wilson gehört?

In einem anderen Buch von JoshMcDowell heisst es von ihm:

“Als Student im Seminar las er das Neue Testament in neun verschiedenen Sprachen, einschliesslich einer hebräischen Übersetzung, die er Silbe für Silbe auswendig lernte! Wilson lernte auch grosse Teile des Alten Testaments im ursprünglichen Hebräisch auswendig. So unglaublich es scheinen mag, Robert Dick Wilson beherrschte fünfundvierzig Sprachen und DialekteŠIn einem Bericht Šsagte Dr. WilsonŠ "Die meisten unserer Studenten gingen nach Deutschland, und sie hörten Professoren Vorlesungen über die Ergebnisse ihrer eigenen Arbeiten halten. Die Studenten nahmen alles an, weil es der Professor sagte. Ich ging dorthin um zu studieren, so dass kein Professor der Welt mich überfahren oder etwas sagen konnte, ohne dass ich in der Lage war, den Beweis zu überprüfen, auf Grund dessen er es sagte." ("Antworten auf skeptische Fragen über den christlchen Glauben", Josh McDowell & Don Stewart, Memra,1985)

Von Robert Dick Wilson gibt es, leider nur auf Englisch, einen Nachdruck seines Buches "A Scientific Investigation of the Old Testament".   Ebenfalls sehr gut!


Falls Dich auch einzelne Fragen beschäftigen und Du keine Dich befriedigende Antwort findest, darfst Du mir gerne schreiben. Ich werde versuchen sie zu beantworten.

Patrick

patrick.tschui@clkv.ch.ch