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Liebe Bibelgriechen,

 Zu:

„ein  unbeabsichtigter  Abschreibfehler von MOU, der aufgrund einer  bewussten  Anpassung und Glättung des übriggebliebenen DESMOIS (p46) zu DESMIOIS geführt“
hat.

 Gibt's für diese Kombination (d.h. Abschreibefehler und anschließende Textglättung) weitere Beispiele im NT ?

 Viele Grüsse
Hans-Peter

 

Lieber Hanspeter,

 

A) Es gibt versch.nachweisbare Kopierfehler: Haplographie (=fehlerhafte Einfachschreibung), Dittographie (=fehlerhafte Doppelschreibung von bestimmten Buchstaben) u.v.m. Beispiele auf Deutsch: gegebenenfalls => gebenenfalls (Haplographie) und gegebenenfalls => gegebenennenfalls (Dittographie).
 

 

Die Augen des Kopisten wandern von der Vorlage zu seinem eigenen Blatt (Papyrus/Pergament) und zurück, dabei kam es vor, dass er
im Aufsuchen des Buchstaben des Originals zu einem falschen Buchstaben gelangte und von dort an weiter abschrieb,
insbesondere trat dies auf, wenn der Kopist den Sinn des Textes nicht erfassen konnte und Buchstabe für Buchstabe
abschreiben musste (Beispiel: der Schreiber von P66 in Ägypten, der wohl selbst kein/kaum Griechisch konnte und daher
zahlreiche Fehler dieser Art verursachte), oder der Schreiber ermüdet war. Dazu kam die Sache, dass in der
 Unizialschreibweise der Text ohne Zwischenräume geschrieben war - Bsp: ALSOHATGOTTDIEWELTGELIEBTDASSERSEINENEINGEBORENENSOHNGABAUFDASSALLEDIEANIHN
GLAUBENNICHTVERLORENGEHENSONDERNEWIGESLEBENHABEN.

 

Wurde dadurch ein unsinniger Text produziert, waren weitere Abschreiber, die den so produzierten Text als Vorlagen benutzten, genötigt den ursprünglichen Text zu erraten/vermuten bzw. zu rekonstruieren. Auf die Art war es möglich, dass es zu weiteren Folgefehlern kam, also einem versehentlichen Kopierfehler und in Folge einem bewußten Eingriff in den Text, um einen sinnvollen Text zu bekommen.

B) Zur Kategorie der unbeabsichtigten Fehler:

1) Luk 23,23:
*  "FWNAI AUTWN KAI TWN ARCIEREWN KAI PILATOS" (Ï A D W Q Y 0250 f1 f13 (c f) sy boms) also: "und ihr Geschrei und das der obersten Priester nahm überhand...." (Schlachter, Elo, Elb1871)

* "FWNAI AUTWN                                    KAI PILATOS" (Ì75 A B L 070 1241 pc lat cop) also: "Und ihr Geschrei nahm überhand" (Elb. nach NA)

Also hier kann vermutet werden, dass der Schreiber KAI beendet und abgeschrieben hat und dann zur Vorlage zurückblickt, versehentlich beim zweiten KAI landet und von dort an weiterschreibt.


 

2) Lk 11:54:

* "STOMATOS AUTOU INA KATHGORHSWSIN AUTOU" (Ï A C (D) W Q Y f1 f13 33 lat vg (syp)syh  also "wobei sie ihm auflauerten und versuchten, etwas aus seinem Mund aufzufangen, damit sie ihn verklagen könnten." Schlachter

* STOMATOS AUTOU                                                             "    (Ì45 Ì75 A B L 579 892* 1241 2542 pc cop na27) also "wobei sie ihm auflauerten und versuchten, etwas aus seinem Mund aufzufangen"


Hier ist ebenso zu vermuten, dass der Schreiber beim Aufsuchen der Stelle der Vorlage auf das zweite AUTOU zu Sehen kommt und "INA KATHGORHSWSIN" auslässt.

 

 

3) Luk 11,37
 

* "FARISAIOS TIS OPWS" (Ï A C (D) W Q Y 33 latt syp sy"bat ihn ein gewisser Pharisäer" (Schlachter 2000 nach Byz.)

* "FARISAIOS         OPWS" (Ì45 Ì75 A B L 070 f1 f13 579 700 1241 2542 pc na27) "bat ihn ein Pharisäer" (Elbf nach NA)
Hier ist der Schreiber beim Aufsuchen der Stelle, von der er aus weiterschreiben wollte, versehentlich auf das zweite Sigma gekommen und hat TIS vergessen.

 

4) Heb 11,34

"ENEDUNAMWQHSAN"      Ï A2 D1 Y 33 1739 1881 (Byz.)

"     EDUNAMWQHSAN" Ì13 Ì46 A* A D* pc (NA)

Hier wurde das zweite Epsilon mit dem ersten verwechselt und so wurde ENDUNAMOW zu DUNAMOW.

5) Mat 13,9

* "O ECWN WTA AKOUEIN AKOUETW" Ï A2 C D W Z Q f1 f13 33 lat syc syp syh cop (Byz.) "Wer Ohren hat zu hören, der höre!" Schlachter/Elbf. 1871/1905 

* "O ECWN WTA                 AKOUETW" A* B L a e ff1 k sys na27  "Wer Ohren hat, der höre!" (Elbf).

 

Hier kam der Schreiber auf das zweite AKOU und schrieb dort weiter, dadurch kam es zum Verlust von AKOUEIN.
 

 

 

C) Einige Beispiele eines Abschreibefehlers mit anschließender Glättung des sinnlosen Textes (siehe P.S.)

 

1) 1Thes 3,2 (vielleicht wenn ich etwas mehre Zeit habe)

 

2) 1Kor 5,2
* "INA EXARQH EK" Ï Y Did  Byz.                                                                             "aus eurer Mitte heraus-genommen werde"
* "INA    ARQH EK" Ì11 Ì46 Ì61 Ì68vid  A A B C D F G P 33 81 104 365 630 1175 1739 1881 2464 pc NA "aus eurer Mitte genommen werde"

Hier ist wohl die beste Erkärung: Es kam zu einem Sprung vom ersten zum zweiten Alpha und das unsinnige INARQH wurde produziert. Dies wurde dann in einem weiteren Schrit zu "INA ARQH" bearbeitet.

 

3) Apg 20,4 
"AUTW ACRI THS ASIAS SWPATROS" 
Ï Es begleiteten ihn aber bis nach Asien Sopater, des Pyrrhus Sohn

"AUTW                           SWPATROS" NA27 "Es begleitete ihn                                 aber Sopater, des Pyrrhus Sohn"
 
Die Auslassung von "bis nach Asien" (ACRI THS ASIAS) scheint durch einen Sprung beim Alpha von ACRI (bis) zum letzten Alpha bei ASIAS gekommen zu sein. Dieser Sprung führte zum unsinnigen AUTWASSWPATROS (in den Unizialen), die evtl. von den weiteren Abschreibern für eine Dittographie (versehentliche Doppeltschreibung von Sigma (SS) gehalten wurde) und zur Streichung des vermeintlich überzähligen zweiten Sigmas führte und somit in der Lesart mündete, für die sich Nestle-Aland entschieden haben.

 

 

Man könnte noch weitere Beispiele anführen - es gibt jedoch extra Arbeiten, die sich mit dem Thema befassen (Infos auf Anfrage bei mir)


Beste Grüsse aus Ingolstadt !

Peter


 

P.S. Exkurs:

Grundlage der Vermutungen ist die wissenschaftsth. Annahme, dass eine Erklärung von A zu B mit den geringsten Implikationen bzw. wenigsten zu erfüllenden Nebenbedingungen i.d.R. die beste ist.

Beispiel: Ich bin um 19.00 zum Abendessen mit Freunden verabredet - diese sind bis 19.30 immer noch nicht da. Wie ist dies zu erklären ?

 

Einige Erklärungen wären (ich bitte um Entschuldigung, da das Beispiel plump ist - es fällt mir nur gerade ein):

a) sie wurden auf dem Weg zu mir von Außerirdischen im UFO entführt und konnten aus dem Grund nicht kommen
b) das Auto sprang nicht an

c) Meine Freunde kommen immer unpünktlich, wenn man etwas mit ihnen vereinbart.

=> a) greift nur, wenn weitere Nebenbedingungen erfüllt sind: es gäbe tatsächlich Außerirdische, die noch gerade auf die Erde gekommen wäre, und gerade meine Freunde entführt haben sollten und dies noch genau an dem Tag an dem wir verabredet waren. Ist m.E. mehrfach unwahrscheinlich, auch wenn manche Leute an UFOs etc. glauben.

=> b) Ist auch eher unwahrscheinlich, weil sie einen Audi (aus Ingolstadt!) fahren :-)

=> c) Ist die empirisch gesichertste Erklärung und somit am besten
 

In der Geschichte des Textes des NT kann man die Erklärungen bevorzugen, die die geringsten Implikationen haben oder auch andere Modelle bevorzugen. Vor der selben Frage stehen andere Wissenschaften, etwa die Genetik oder die Informatik: werden durch Kopierprozesse/Mutationen substantielle Informationsgewinne erziehlt oder eher Informationen zerstört (siehe Streit im Kreationismus vs. Evolutionismus) ?

Für mich ist der markante informationelle Substanzverlust von Byzanz zu Ägypten auf Verluste aufgrund von div. Kopierfehlern zu erklären, manchmal mit anschließender Glättung. 


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