Frage 2224

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Hallo HP,

folgendes habe ich im Internet gefunden. Was hälst Du von den aufgeführten "Argumenten":

Ulrich Wendel, Priska, Junia & Co. -

Überraschende Einsichten über Frauen im Neuen Testament,

Der Marburger Baptistenpastor Dr. Ulrich Wendel behauptet in diesem Buch, dass Frauen in der frühen Kirche den ausdrücklichen Auftrag zu lehren hatten. So habe der Apostel Paulus im Titusbrief einen Lehrdienst für die 'alten Frauen' angeordnet, sagte Wendel jetzt der in Kassel erscheinenden Zeitschrift 'Die Gemeinde'. Traditionell sei diese Bibelstelle immer so verstanden worden, als sollten die alten Frauen die jungen zu Häuslichkeit und ehelicher Treue anhalten. Eine genauere Untersuchung des Textes habe aber nun gezeigt, dass der Lehrauftrag an die alten Frauen generell gilt, ohne jede spezielle Zweckbestimmung.

Für 'pikant' hält es Wendel in dem Zusammenhang, dass diese Erkenntnis schon vor mehr als hundert Jahren von konservativen Theologen entdeckt worden sei. Auch im Kommentar der 'Wuppertaler Studienbibel', einem im evangelikalen Raum weit verbreiteten Werk, werde sie im Ansatz vertreten. 'Dass Paulus den Frauen das Lehren nicht einfach verbietet, sondern unter bestimmten Umständen sogar aufträgt, hat man hier schon jahrzehntelang lesen können', so Wendel. 'Ich musste das nur noch durch antike Vergleichstexte untermauern.' Die Auslegungsmethode entspreche allen Kriterien einer 'bibeltreuen' Exegese.

'Ob das Ergebnis ebenso willkommen ist, wird sich zeigen', erläutert Wendel. Innerhalb seiner eigenen Kirche, dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, wurde der Pastorinnendienst offiziell in den 90er Jahren eingeführt. Vor kurzem wurde mit der Missionarin Regina Claas (Pretoria) erstmals eine Frau zur neuen Generalsekretärin berufen. Doch längst nicht alle Gemeinden seines Bundes bejahen bis heute aus theologischen Gründen den Leitungsdienst der Frau.

Im folgenden finden Sie Auszüge aus diesem sehr lesenswerten Buch.

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Junia, die transsexuelle“ Apostelin*

Als Junia in ihrer vermutlich kalten Gefängniszelle saß, ungewiss über den Ausgang ihres Verfahrens und ohne Garantie, dass sich nicht irgendein Gefängniswärter an ihr ver-greifen würde, da mögen ihre Gedanken über die Gleichberechtigung gemischt gewesen sein.

Ohne Gleichberechtigung wäre sie hier nicht gelandet. Sie hatte ebenso wie ihre Glaubens-brüder öffentlich von Jesus Christus geredet, denn Jesus Christus hatte sie ebenso wie ihre Glaubensbrüder dazu beauftragt. Nun allerdings musste sie - ganz gleichberechtigt - auch den Preis dafür bezahlen: verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Wenn schon nicht mit-gehangen, dann doch mitgefangen, weil mitgegangen. Dass im selben Gefängnis, irgendwo in anderen Zellen, zugleich auch ihr Mann Andronikus und der Apostel Paulus saßen, war vielleicht ein Trost, doch es änderte die Lage nicht.

Wer von den Dreien diese Zwangslage besser durchhalten würde - Junia und Andronikus oder der Apostel Paulus -‚ darauf hätte man damals besser keine Wetten angenommen. Paulus sammelte zwar auf lange Sicht letztlich die größere Gefängniserfahrung, ohne seinem Herrn abzuschwören. Doch im Vergleich mit Andronikus und Junia brachte er nicht unbedingt die besseren Voraussetzungen mit. Die beiden waren länger Christen, als Paulus es war, sie waren vor ihm zum Glauben gekommen und hatten also länger Zeit gehabt, ihren Glauben zu festigen.

Jesus Christus war ihnen nicht nur irgendwie begegnet, sondern er hatte sie auch ausgesandt, zusammen mit weiteren Jüngern. Daher ihr Auftrag und der Name für ihren Dienst: Apostel bzw. Apostelin. Bei welcher Gelegenheit Jesus diesen Auftrag gegeben hatte, ist nicht mehr zu ermitteln: ob es in der Nacht nach Ostern war, als die elf engsten Jünger zusammen mit weiteren zusammensaßen und der auferstandene Jesus hinzukam, oder ob es die Gelegenheit war, als Jesus fünfhundert Glaubenden zugleich erschien. Seitdem jedenfalls war Junia Apostelin. Und zwar eine der bedeutenderen: Möglicherweise hatte sie einen großen Wirkungskreis und galt daher als erfolgreich; vielleicht aber wirkte sie auch in besonders beeindruckender Art und Weise. Ob Quantität oder Qualität - ihr Apostel-Kollege Paulus bestätigte später, dass sie zu den angesehenen, ausgezeichneten unter den Aposteln gehörte.

Junia war Jüdin und lebte zumindest eine Zeit lang in Israel, denn dort war sie ja von Jesus Christus zur Apostelin berufen worden. Später jedoch verschlug es sie - zusammen mit ihrem Mann - nach Rom. Dort erreichen sie briefliche Grüße des Mitapostels Paulus. Aus der Adresse des Briefes können wir ihren Aufenthaltsort erschließen. In die Zeit zwischen Apostelberufung und brieflichem Gruß fiel ihr Gefängnisaufenthalt. Wahrscheinlich passierte das in Cäseräa: Dieser Ort muss dann als Zwischenstation zwischen Jerusalem und Rom gelten.

Hintergrund:

Alle Angaben sind zu erschließen aus Röm 16,7:

Herzliche Grüße auch an Andronikus und Junia, meine jüdischen Landsleute, die mit mir wegen ihres Glaubens im Gefängnis waren. Beide sind ja noch vor mir Christen geworden und sind als Apostel hoch angesehen.

Dass Andronikus und Junia miteinander verheiratet waren, geht nicht zwingend aus dieser Notiz hervor. Wenn jedoch beide Juden wie Paulus waren, beide vor ihm zum Glauben gekommen waren, beide mit Paulus im Gefängnis gesessen haben, beide ausgezeichnete“ Apostel waren und beide nun in Rom zu finden sind, dann ist es recht wahrscheinlich, dass sie ein Ehepaar waren.

Über die Situation der Berufung zum Apostel kann man nur spekulieren.

Lk 24,33-49 sagt, dass noch weitere Jünger, darunter auch Frauen, anwesend waren, als der Auferstandene den elf Jüngern begegnete und sie aussandte. (Sie begegnen uns in Kapitel 6 wieder.) Von der Erscheinung des Auferstandenen vor 5oo Männern spricht 1Kor 15,6 - sicherlich waren auch Frauen dabei, die Paulus nicht extra erwähnt.

Der Gefängnisaufenthalt des Paulus in Cäseräa dauerte ca. zwei Jahre, um 56 - 58 n.Chr. Damit haben wir eine feste Jahreszahl für die Biografie auch von Junia. Zwar gab es noch einen weiteren Gefängnisaufenthalt von Paulus, nämlich in Rom, aber der kommt für die gemeinsame Gefangenschaft mit Andronikus und Junia nicht infrage, denn Paulus war ja noch nicht in Rom gewesen, als er den Römerbrief schrieb.

Doch waren Andronikus und Junia überhaupt Apostel? Oder sagt Paulus nur, dass sie bei den Aposteln angesehene Leute waren (ohne selbst Apostel gewesen zu sein)? Sprachlich wäre zwar möglich, angesehen bei den Aposteln“ statt angesehen als Apostel“ zu übersetzen - aber wahrscheinlich ist es nicht. Denn die Römer hätte es wohl weniger interessiert, dass da zwei Leute bei irgendwelchen entfernt lebenden und wirkenden Aposteln anerkannt gewesen sind. Dass deren Urteil bei den Römern stark ins Gewicht fallen würde, dürfte doch fraglich sein. Wenn die Gegrüßten jedoch selbst Apostel waren, geachtete noch dazu, dann war das in Rom wohl eher aussagekräftig: Echte, anerkannte Apostel leben in ihrer Mitte!

Entscheidend aber ist: In den ersten Jahrhunderten nach Abfassung des Briefes hat man beide, Andronikus und Junia, aufgrund dieses Grußes als Apostel betrachtet und den Vers genau so verstanden: angesehen als Apostel“ - obwohl es für die nicht zu leugnenden frauenfeindlichen Tendenzen dieser Jahrhunderte doch willkommen gewesen wäre, Junia aus dem Apostelkreis auszuklammern.

Wie wir gleich sehen werden, geschah später gerade dies: Junia sollte nicht mehr als Apostelin gelten. Es geschah aber auf andere Weise - nicht dadurch, dass man übersetzte: angesehen bei den Aposteln“. Für die Ausleger der ersten Jahrhunderte war es also der eindeutige Sinn des Textes, dass beide genannten Personen Apostel waren.

Eine ausgezeichnete Apostelin, die in ihrem Apostolat Paulus vorausging. Es ist keine Überraschung, dass die spätere Kirche damit Schwierigkeiten bekam: eine Frau mit dieser Berufung! Erstaunlich ist eher, dass diese Schwierigkeiten vergleichsweise spät einsetzten. Noch Ende des 4. Jahrhunderts sagte der Bischof und populäre Prediger Johannes Chrysostomus (der Name heißt übersetzt Goldmund“, und nicht wenige Frauen werden diesem Beinamen zustimmen, wenn sie das folgende Zitat gelesen haben):

Es ist schon etwas Großes, ein Apostel zu sein; aber erst unter den Aposteln hervor-ragend zu sein, bedenke, was das für ein Lob ist! Hervorragend waren sie von ihren Werken her; von den guten Taten her; oh, und wie groß ist die Philosophie dieser Frau, dass sie der Zurechnung zu den Aposteln für würdig erachtet wurde!1

Erst später konnte nicht mehr sein, was nicht sein durfte. Was geschah?

An dieser Stelle sind Sie eingeladen, selbst mit dem biblischen Text zu experimentieren. Sie können so entdecken, welche Schwierigkeiten der biblische Originaltext enthält und wie es dazu kam, dass dieser Text später seine spezielle Auslegungsgeschichte erfuhr. Wenn Sie das Experiment überspringen und lieber gleich zu den Ergebnissen kommen wollen, dann lesen Sie bitte auf Seite 13 weiter.

Unser Experiment knüpft bei der Tatsache an, dass die ersten neutestamentlichen Originaltexte in Großbuchstaben und ohne Zwischenräume zwischen den Wörtern geschrieben wurden. Wenn wir nun einen deutschen Vergleichstext konstruieren, der dem Text von Röm 16,7 ähnelt, dann könnte dabei Folgendes herauskommen:

GRÜSSEGEHENANDIEADRESSEHEINRICHSUNDANDREASMEINERVERWANDTEN...

Und nun das Experiment: Finden Sie zunächst die Abtrennung der Wörter heraus. Sie können dazu mit Bleistift senkrechte Striche in den Text setzen. Danach ermitteln Sie bitte, von welchen beiden Personen die Rede ist. An wen gehen die Grüße? Wie heißen die Personen? Gibt es mehrere Möglichkeiten? Handelt es sich

um Männer oder Frauen?

(Seite 13)

Was geschah also mit Junia? Sie wurde quasi einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Aus Junia wurde Junias - und wer Röm 16,7 in seiner Bibel nachliest, wird in den meisten Ausgaben tatsächlich den Männernamen Junias finden. Junia wurde also zur ersten und wohl einzigen transsexuellen Apostelin“; nicht aus eigener Neigung, sondern durch die spätere offizielle kirchliche Lesart. Freilich war hier keine bloße Willkür im Spiel, vielleicht nicht einmal böse Absicht. Dem biblischen Text wurde keine Gewalt angetan. Rein grammatisch ist es tatsächlich möglich, statt Junia auch den Männernamen Junias zu lesen.

Denn der Name steht - grammatisch - im Akkusativ (zu Deutsch: der Wen-Fall, der Vierte Fall; die Form, die auf die Frage wen oder was“ [... grüßt Paulus?] antwortet). Dieser Akkusativ aber lautet für den Frauen- wie für den Männernamen gleich. Allein der Akzent sitzt anders. Dadurch war es durchaus möglich, hinter dem von Paulus geschriebenen Namen einen Mann zu vermuten. In einem geistigen Umfeld, in dem ein weiblicher Apostel weit außerhalb jeder Vorstellung lag, konnte“ man diese Stelle wohl kaum anders verstehen. Richtig jedoch ist diese Auffassung nicht. Denn für die Zeit des Neuen Testaments ist der Männername Junias nicht belegt; d.h. er kommt in keiner uns bekannten antiken Schrift aus dieser Zeit vor; auch nicht in weltlichen, außerbiblischen Schriften! Der Frauenname Junia allerdings sehr wohl.

Hintergrund:

Die griechische Sprache arbeitet wie z. B. die französische mit Akzenten (´` A) Die ältesten Handschriften des Neuen Testaments wurden jedoch in Großbuchstaben geschrieben. Dadurch war es nicht möglich, Akzente zu setzen. Der entscheidende Akzent, der darüber bestimmte, ob es nun ein Männer oder ein Frauenname war, fehlte also zunächst. Im Deutschen kann man diese Schwierigkeit nachmachen, indem man einen Text in Großbuchstaben notiert (so wie es in den ersten neu-testamentlichen Handschriften der Fall war) und dabei einen Personennamen ver- wendet, der auf s“ endet.

(Die Leserinnen und Leser, die das Experiment auf Seite 12 gemacht haben, wissen bereits Bescheid und mögen die Wiederholung verzeihen.)

Ein Satz wie der folgende wäre dann auf zweierlei Weise auflösbar:

GRÜSSE GEHEN AN DIE ADRESSE HEINRICHS UND ANDREAS MEINER VERWANDTEN ...

Grüße gehen hier an Heinrich und Andrea. Oder an Heinrich und Andreas? Beides wäre möglich, je nachdem, ob man an die Adresse Heinrichs und Andreas, meiner Verwandten“ liest oder Heinrichs und Andreas‘" . Der entscheidende Unterschied liegt hier im Apostroph. Er bestimmt über das Geschlecht.

Dasselbe Dilemma“ findet sich nun im griechischen Text von Röm 16,7; anstelle des Apostrophs kommt es hier auf den Akzent an. Allerdings: Als man später die griechischen Handschriften in Kleinbuchstaben abschrieb und also Akzente setzen musste, wurde der Akzent sehr häufig so gesetzt, dass eindeutig der Frauenname Junia dabei herauskam. Auch altkirchliche Übersetzungen in andere Sprachen lasen den Frauennamen.2 Erst weitere Jahrhunderte später änderte sich das - aus Junia wurde Junias.

Unsere deutschen Bibelübersetzungen sind dem gefolgt. Erst die neuere Revision (Überarbeitung) der Bibel im heutigen Deutsch“ (Gute Nachricht“) korrigiert wieder zurück zu Junia« - entsprechend den wissenschaftlichen Erkenntnissen. dass es den Namen Junias“ damals eben nicht gab. Neuerdings ist die Revision der Übersetzung Hoffnung für alle“ gefolgt. Interessant übrigens, dass ältere Übersetzungen (auch solche, die in der Geschlechterfrage als konservativ gelten müssen) die vermeintlichen beiden Männer Andronikus und Junias problemlos als Apostel gelten ließen. Solange man annahm, es wäre eben von Männern die Rede, kam niemand auf die Idee, man müsse übersetzen: angesehen bei den Aposteln.“ So spricht der gewiss nicht emanzipationsverdächtige Ausleger Adolf Jülicher 1907 von den beiden Judenchristen, die einmal mit Paulus das Gefängnis geteilt hatten und die er geradezu unter die Apostel, d.h. unter die berufsmäßigen Verkündiger des Evangeliums einrechnet“³.

In der Annahme, Paulus schreibe von Männern, war es für Jülicher völlig klar, dass beide Apostel waren.

Erst als man sich der Einsicht nicht entziehen konnte, es müsse Junia“ heißen, kam der Übersetzungsvorschlag angesehen bei den Aposteln“ in die Diskussion - ein Vorschlag, der Junia wiederum aus der Gruppe der Apostel ausklammern würde.

Junia ist der Beweis, dass es zu neutestamentlicher Zeit durchaus weibliche Apostel gab. (Und nicht der einzige Beweis, wie Kapitel 6 zeigen wird.) Junia teilte mit ihren männlichen Kollegen nicht nur die Beauftragung durch Jesus Christus und die Aufgabe, das Evangelium öffentlich bekannt zu machen. Sie teilte gleichermaßen die Repressionen, die Christen damals dafür einstecken mussten: Verhaftung und Gefängnis.

Frau Junia dürfte für viele Leserinnen und Leser dieses Buches bisher unbekannt gewesen sein. Allein diejenigen, die ihre Bibel aus der revidierten Fassung der Guten Nachricht“ oder der Hoffnung für alle“ lesen und die Röm 16,7 aufmerksam wahrgenommen haben, treffen in Junia eine Bekannte. Alle anderen aber können sich trösten. Nicht nur damit, dass sich bei den Übersetzern Junia erst allmählich bekannt macht. Auch das Internet - brandaktuell, täglich auf dem neuesten Stand, oder? - ist hier noch nicht so weit. Die Babynamen-Suchmaschine firstname.de“ kennt zwar beide Vornamen, Junias und Junia. Wenn man aber die spezifische Suchoption biblische Namen“ aktiviert, erscheint nur noch Junias! Die Redaktion des die Datenbank betreibenden Adressbuchverlags ist hier theologisch nicht auf der Höhe. Die Leserinnen und Leser dieses Buches dagegen sind jetzt schlauer als das Internet!"

Einges v. Martin S.

Lieber Martin

<<Eine genauere Untersuchung des Textes habe aber nun gezeigt, dass der Lehrauftrag an die alten Frauen generell gilt, ohne jede spezielle Zweckbestimmung.<<

Wenn dem so wäre, dann würde die Stelle in Titus 2,4f allen anderen Stellen, die das Lehren der Frauen verbieten, widersprechen, d.h. der gesamten restlichen Bibel und dem Rollenbild der Bibel!

Gruss
Michael / CH

Beteiligung der Frau in der Versammlung