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Apostelgeschichte 27 28  Ex  A.C. Gaebelein


KAPITEL 27


1. Von Cäsarea nach Schönhafen (27,1-8)
2. Die unbeachtete Warnung, der Sturm, das Gesicht des Paulus und die Gewißheit über ihre Sicherheit (27,9-26)

3. Der Schiffbruch (27,27-44)

   Über dieses Kapitel ist viel geschrieben worden.
Die Reise des Apostels Paulus nach Rom und der Schiffbruch sind häufig symbolisch für die stürmische Reise der bekennenden Kirche, ihre Widerwärtigkeiten und ihren Schiffbruch erklärt worden.

 

   Solch eine Anwendung bedarf jedoch der Vorsicht.
Es ist leicht, phantasievolle und weit hergeholte allegorische Anwendungen zu machen.
Doch neben einem Vergleich mit der Kirchengeschichte hat man auch noch andere Belehrungen aus diesem Bericht gezogen. Ein Kommentator aus der jüngeren Zeit behauptet, daß der Schlüssel zur Auslegung im Vers 34 in dem Wort »Rettung« gegeben sei. »Dieses Wort und verwandte Worte kommen siebenmal in diesem Kapitel vor: Hoffnung auf Rettung; könnt ihr nicht gerettet werden; daß alle an das Land gerettet wurden. Allerdings wird auch das Gegenteil mit vielen Worten beschrieben - Schaden, verloren gehen, trieben so dahin, töten, warfen sie ... fort. Die Geschichte in Apostelgeschichte 27 ist also ein Gleichnis von dem großen Heil, durch welches der Mensch vom Tode zum Leben geführt wird.«

 

   Wir werden nicht versuchen, in den Ereignissen dieses Kapitels nach einer Skizze der Kirchengeschichte zu suchen. Die Hauptfigur, der Gefangene des Herrn, muß uns mehr als alles andere beschäftigen. Man sagt, daß in der gesamten klassischen Literatur nichts zu finden sei, was so genau über die Funktionsweise eines antiken Schiffs informiere, wie es dieses Kapitel tue. Selbst die Kritiker haben anerkannt, daß dieses Kapitel »völlig unbestreitbare Merkmale der Echtheit trägt«. »Die historische Forschung und Inschriften haben die in diesem Kapitel angegebenen Fakten bestätigt. Die Genauigkeit der nautischen Beobachtungen des Lukas zeigt sich an der wichtigen Hilfestellung, die er unserem Verständnis der antiken Seefahrt geleistet hat. Keiner hat die Richtigkeit seiner Ausdrücke bestritten; im Gegenteil, aus seiner Beschreibung, die in wenigen Sätzen enthalten ist, ist sogar der Ort des Schiffbruchs identifiziert worden.«


   Der Apostel wird von dem Hauptmann Julius wohlwollend behandelt (Vers 3). Paulus könnte körperlich geschwächt gewesen sein (Vers 3). Die liebende und gnädige Fürsorge des Herrn für seinen treuen Knecht strahlt hierin hervor. Wie deutlich zeigt doch die ganze Erzählung, daß alles in seinen Händen ist: Beamte, Wellen und Wogen, alle Umstände stehen unter seiner Kontrolle. Zunächst schien alles gutzugehen; doch widrige Winde beunruhigten nun die Reisenden (Vers 4). Das Schiff wurde hinund hergerissen. Wenn wir das Schiff als ein Bild der Namens-Christenheit betrachten und die kleine Schar, die von Paulus angeführt wird, als die wahre Kirche sehen, dann haben wir keine Probleme damit, den Kern der Sache zu erkennen. Winde, die hierhin und dorthin treiben, beunruhigen solche, die an der Wahrheit festhalten und in Gemeinschaft mit dem Herrn leben, während die Namens-Christenheit umherlaviert. Schließlich wurde Myra erreicht (Vers 5). Hier nahmen sie ein alexandrinisches Schiff (Vers 6). Doch nun drohte Gefahr. Höchstwahrscheinlich berieten sich der Steuermann des Schiffes und der Schiffsherr, der an Bord war. Paulus war dabei anwesend. Er erteilte ihnen eine ernste Warnung und ermahnte sie, auf der Hut zu sein (Vers 10). Dies zeigt seine enge Gemeinschaft mit dem Herrn. Im Gebet hatte er zweifelsohne die ganze Sache dem Herrn vorgelegt und die Antwort bekommen, die er dann den Männern mit Befehlsgewalt auf dem Schiff mitteilte. Sie betrachteten diese Warnung als eine bloße Vermutung, und der Hauptmann vertraute lieber der Einschätzung des Steuermanns und des Schiffsherrn (Vers 11).

   Und hier können wir an andere Warnungen denken, die der große Apostel erteilte. Warnungen hinsichtlich der geistlichen Gefahren, des Abfalls in den letzten Tagen, der schwierigen Zeiten, Warnungen gegen die verführerischen Geister und Lehren von Dämonen. Die Namens- Christenheit hat diese von Gott gegebenen Vorhersagen vergessen. Die Welt achtet nicht auf sie. Wie diese Seeleute, die auf ihre eigene Weisheit vertrauten und die gegebene Warnung mißachteten, hat das Christentum nicht auf diese Warnungen geachtet. Aus diesem Grund treibt sein Schiff dahin, hin- und hergetrieben von jedem Wind der Lehre und sich schnell dem schon lange vorhergesagten Schiffbruch nähernd. Dann kam jener schreckliche Sturmwind (Vers 14). Die Sonne und die Sterne waren mehrere Tage lang verborgen (Vers 20).


   Als die Verzweiflung ihren Höhepunkt erreicht hatte, trat Paulus nochmals auf. Als alles hoffnungslos war, redete der Apostel Worte der Hoffnung und des Trostes. Er erinnert die Schiffsleute zunächst an ihre Weigerung und ihren Ungehorsam (Vers 21). Was über sie gekommen war, war die Folge davon, daß man nicht auf die Warnung achtgegeben hatte. Dann versicherte er ihnen, daß ein Engel Gottes ihm erschienen sei und ihm nochmals garantiert habe, daß er vor dem Kaiser stehen müsse und Gott allen das Leben schenken werde, die mit ihm fuhren (Vers 24). Nur das Schiff werde verloren gehen, das Leben all derer, die mit ihm fuhren, sollte erhalten bleiben (Vers 22). »Deshalb seid guten Mutes, ihr Männer! Denn ich vertraue Gott, daß es so sein wird, wie zu mir geredet worden ist« (Vers 25). Und nun waren sie bereit, auf ihn zu hören. Sie mußten ihren Ungehorsam erkennen und an die mutmachende Botschaft so glauben, wie sie vom von Gott unterwiesenen Botschafter kam, der sie ihrer Rettung versicherte.

 

   Und so kann die abdriftende Christenheit zumindest teilweise auf den Apostel Paulus hören, und wenn der Fehler, der falsche Kurs anerkannt und die vom Himmel gesandte Botschaft angenommen wird, ist die Rettung garantiert.

 

   Wie ruhig müssen der Apostel und seine Gefährten nach dieser göttlichen Versicherung über ihre Sicherheit gewesen sein. Die furchtbaren Winde mochten weiter wehen und das Schiff immer noch weiter abdriften. Sie wußten, daß sie sicher waren, denn Gott hatte es gesagt. Anders stand es mit der Schiffsmannschaft. In großer Angst fürchteten sie sich vor der kommenden Katastrophe und warfen vier Anker aus (Vers 29). Die Matrosen versuchten die Flucht nach einem klugen Plan (Vers 30). Paulus entdeckte ihren Plan und sagte zum Hauptmann und den Soldaten: »Wenn diese nicht im Schiff bleiben, könnt ihr (nicht: können wir) nicht gerettet werden« (Vers 31). Gott hatte ihm alle geschenkt, die im Schiff waren.
Die Arbeit der Matrosen wurde benötigt, als der Tagesanbruch kam (Vers 33). Und die Soldaten glaubten dem Wort des Paulus, denn sie hieben die Taue des Bootes ab und ließen es hinabfallen (Vers 32), so daß das Boot abtrieb, welches die Matrosen zur Flucht benutzen wollten. Dann ermahnte Paulus alle, etwas zu essen (Vers 33). Noch einmal versicherte er ihnen, daß kein Haar des Hauptes von einem einzigen verlorengehen sollte (Vers 34). Vor der ganzen Reisegesellschaft nahm Paulus Brot und dankte Gott (Vers 35). Der Herr hatte den Gefangenen erhöht, und er ragt wirklich als Führer der furchtsamen Gesellschaft hervor. Sie alle wurden durch die Worte und seine Tat ermutigt (Vers 36). Alles hat seine Belehrungen. Obwohl das Mahl hier nichts mit dem Mahl des Herrn zu tun hat, sagt es uns im Vorbild, wie wichtig es ist, daß wir uns in Tagen der Gefahr, in Zeiten, wo alles zerbricht, von dem Brot des Lebens nähren müssen. »Und so geschah es, daß alle an das Land gerettet wurden « (Vers 44). 


KAPITEL 28 

1. Auf der Insel Melite (28,1-10)
2. Die Ankunft in Rom (28,11-16)
3. Paulus ruft die Ersten der Juden zusammen; seine Botschaft an sie (28,17-29)
4. Paulus verkündigt in Rom das Reich Gottes und den Herrn Jesus Christus (28,30-31)

 

   Melite (der Name bedeutet »Honig«) ist die Insel Malta (Vers 1). Sie war schon zur damaligen Zeit ein wichtiger Ort für die Seefahrt, wo viele Schiffe überwinterten. Lukas nennt die Eingeborenen »Barbaren « (Vers 4), ein Begriff, den die Griechen für alle Völker gebrauchten, die nicht ihre Sprache sprachen. Die schiffbrüchige Gesellschaft wurde von den Einwohnern der Insel nicht geplündert; im Gegenteil wurde ihnen eine nicht gewöhnliche Freundlichkeit erwiesen, und alle wurden wegen des eingetretenen Regens und wegen der Kälte bei ihnen aufgenommen (Vers 2).

 

   Es war Gott, der die Herzen dieser Inselbewohner dazu bewegte, der schiffbrüchigen Gesellschaft eine solche Gastfreundschaft um seiner Diener willen zu erweisen. Paulus war sogar hier noch aktiv. Der Schiffbruch und die damit verbundenen Entbehrungen müssen den großen Mann Gottes körperlich angegriffen haben, und doch sehen wir, wie er eine Menge Reisig für das Feuer zusammenraffte (Vers 3).
 Eine Natter, die von der Kälte betäubt und durch die Hitze des Feuers wiederbelebt worden war, hängte sich an seine Hand (Vers 3).
Wir zweifeln nicht daran, daß es sich bei dem Tier um eine echte Giftschlange handelte. Dies wird von einigen Kritikern geleugnet, die behaupten, daß es auf der Insel Malta keine Giftschlangen gebe. Dies ist jedoch kein Beleg dafür, daß es zur damaligen Zeit dort keine gab. Die Inselbewohner erwarteten jedenfalls, daß Paulus tot zu Boden fallen werde (Vers 4).
 Wenn es sich um eine harmlose Schlange gehandelt hätte, warum hätten sie dann solches erwarten sollen? Gott offenbarte seine Macht zugunsten des Paulus. Es war die Erfüllung der Prophetie in Markus 16,18 : »Sie werden Schlangen aufheben; und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden.« Die Natter erinnert uns auch an Satan und sein Los. So wie Paulus die Giftschlange ins Feuer warf (Vers 5),
wird auch Satan in den Feuersee geworfen werden. Dann offenbarte sich die gnädige Macht des Herrn in Heilungen der Inselbewohner (Verse 8-9).

 

   Und dann erreichte die Reisegruppe schließlich Rom (Vers 14). Welch eine Freude muß das Herz des Paulus und die Herzen der Gläubigen in Rom erfüllt haben! Wie oft müssen sie seine Worte am Anfang seines Briefes gelesen haben: »Denn mich verlangt sehr, euch zu sehen, damit ich euch etwas geistliche Gnadengabe mitteile, um euch zu stärken, das heißt aber, um bei euch mitgetröstet zu werden, ein jeder durch den Glauben, der in dem anderen ist, sowohl euren als meinen. Ich will aber nicht, daß euch unbekannt sei, Brüder, daß ich mir oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen - und bis jetzt verhindert worden bin - damit ich auch unter euch einige Frucht haben möchte, wie auch unter den übrigen Nationen « (Röm 1,11-13). Er war noch nie in Rom gewesen. Die Versammlung in Rom wurde nicht von Paulus gegründet und sicher auch nicht von Petrus. Die Ursprünge dieser Versammlung liegen im Dunkeln, und der Heilige Geist hat uns keinen Bericht über den Anfang der Gemeinde in Rom gegeben. Und nun war er, den sie alle liebten, dessen Angesicht zu sehen sie sich sehnten, tatsächlich auf dem Weg nach Rom, um diese Stadt zu besuchen. Allerdings kam er ganz anders, als er es erwartet hatte, als er den Brief schrieb. Er kam als der Gefangene des Herrn. Was für eine Begegnung muß es gewesen sein!


   Und nun heißt es zum allerletzten Mal in diesem Buch »dem Juden zuerst«. Der erste Dienst, den der große Apostel in Rom tat, geschah nicht in der Versammlung, sondern er rief die Ersten der Juden zusammen (Vers 17).
Er kannte in seinem Herzen keine Bitterkeit gegen die Juden. Bei der Abfassung des Römerbriefes hatte er geschrieben: »Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wobei mein Gewissen mir Zeugnis gibt im Heiligen Geist, daß ich große Traurigkeit habe und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen; denn ich selbst, ich habe gewünscht, verflucht zu sein von Christus weg für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch« (Röm 9,1-2).
»Brüder! Das Wohlgefallen meines Herzens und mein Flehen für sie zu Gott ist, daß sie errettet werden« (Röm 10,1).
 Und nun, nach all den traurigen Erfahrungen, die er machen mußte, nach der Behandlung, die er von seinen Verwandten erfahren hatte, nachdem er ihre Boshaftigkeit und ihren tiefen Haß erkannt hatte, brannte immer noch dieselbe Liebe in seinem Herzen, und dieselbe Sehnsucht nach ihrem Heil erfüllte ihn.

 

   In Rom zeigt Paulus also zuallererst sein liebendes Interesse für seine jüdischen Brüder. Diesen führenden Juden bezeugte er noch einmal, daß er völlig unschuldig war und nichts gegen die väterlichen Gebräuche getan hatte. In Kürze erzählte er noch einmal seinen ganzen Fall und warum er dazu gezwungen worden war, sich auf den Kaiser zu berufen (Verse 17-29).
 »Denn wegen der Hoffnung Israels trage ich diese Kette« (Vers 20).
Die Juden aber wollten von seinen Lippen mehr hören, »welche Gesinnung du hast; denn von dieser Sekte ist uns bekannt, daß ihr überall widersprochen wird« (Vers 22). Sie wußten, daß er an Christus glaubte.

 

   Eine kurze Zeit später fand eine große Zusammenkunft statt. Viele Juden versammelten sich in der Herberge des Paulus. Das Treffen dauerte von frühmorgens bis zum Abend. Noch einmal bezeugte er das Reich Gottes einer größeren Anzahl Juden. Er suchte sie auch von Jesus zu überzeugen, sowohl aus dem Gesetz Moses als auch aus den Propheten (Vers 23). Welche eine wunderbare Botschaft muß von seinen Lippen gekommen sein, als er ihnen das prophetische Zeugnis bezüglich des Messias in der Kraft des Geistes Gottes vorstellte! Aber was war das Ergebnis? Einige glaubten, andere aber glaubten nicht (Vers 24).
 Sie stimmten untereinander nicht überein. Das Ende der gnädigen Wege Gottes mit den Juden war erreicht. Wir wiederholen, daß die Botschaft sich zum letzten Mal zuerst an die Juden richtete. Die letzte Entscheidungsphase war erreicht. Das Gericht mußte jetzt über das Volk ausgeführt werden, und die Blindheit mußte jetzt darüber kommen, die so lange angedauert hat und noch fortwähren wird, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird (Röm 11,25). Stephanus, dessen Tod der junge Saulus erlebt und bestätigt hatte (Kap. 8,1)
, hatte das Gericht über das Volk in Jerusalem ausgesprochen. Gottes Barmherzigkeit hatte immer noch gewartet. Welch eine wunderbare Gnade, die den jungen Pharisäer Saulus aufnahm und ihn zum Apostel der Nationen machte! Durch ihn, das auserwählte Werkzeug, suchte der Herr immer noch nach seinem geliebten Israel, selbst nachdem Jerusalem das Angebot der Gnade so völlig verworfen hatte. Wir haben gesehen, wie die innige Liebe des Apostels Paulus zu seinen Brüdern ihn nach Jerusalem zurückgeführt hatte, obgleich er wiederholt vom Heiligen Geist gewarnt worden war. Und nun wird er dazu gebraucht, den Juden die allerletzte Botschaft mitzuteilen und das letzte Wort der Verdammnis auszusprechen (Verse 25-27).


   Das Heil Gottes sollte nun zu den Nationen gesandt werden (Vers 28).


   Ein Gefangener in Rom, der doch aktiv war! Paulus predigte das Reich Gottes (nicht das Reich der Himmel, den jüdischen, irdischen Aspekt davon) und sprach stets von jenem würdigen Namen, jener gesegneten und anbetungswürdigen Person, dem Herrn Jesus Christus. Das Ende des Buches ist sowohl traurig als auch erfreulich. Es ist traurig, den großen Apostel als einen Gefangenen zu sehen, der in Rom mit seinem von Gott gegebenen Evangelium eingeschlossen war. Erfreulich, weil der letzte Vers (Vers 31) den Herrn Jesus Christus und einen ungehinderten Dienst am Evangelium erwähnt. Das Buch beginnt mit Jerusalem und endet mit Rom. Es ist eine Prophetie über den Lauf der Geschichte der Namens-Christenheit. Das Buch schließt unvollendet ab, weil die Handlungen Christi, des Geistes Gottes und Satans, die in diesem Buch berichtet sind, nicht vollendet sind. Wir hören nichts mehr von Paulus, obwohl wir wissen, daß der Heilige Geist Gottes aus dem Gefängnis jene gesegneten Briefe schicken ließ, durch die es ihm wohlgefallen hat, uns die höchsten Offenbarungen zuteil werden zu lassen. Und wieviel mehr könnte über alles dies noch geschrieben werden!


EX   Welt der Bibel

Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (Apg 27-28)

Apg 27,1-8

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Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 27,1-8

 

 

Übersetzung

 

Apg 27,1-8:1 Als entschieden war, dass wir nach Italien absegeln sollten, übergab man (den) Paulus und (auch) einige andere Gefangene einem Hauptmann namens Julius von der kaiserlichen Kohorte. 2 Wir gingen an Bord eines Schiffes aus Adramyttium, das die Ortschaften längs der Küste Asiens anfahren sollte, und stachen in See. Bei uns war Aristarch, ein Makedonier aus Thessalonich. 3 Am nächsten [Tag] legten wir in Sidon an. Und (der) Julius behandelte (den) Paulus wohlwollend und erlaubte ihm, zu den Freunden zu gehen und sich versorgen zu lassen. 4 Und von dort stachen wir [wieder] in See und segelten, weil wir Gegenwind hatten, im Windschatten von Zypern weiter, 5 durchsegelten das Meer bei Kilikien und Pamphylien und gelangten nach Myra in Lykien. 6 (Und) Dort machte der Hauptmann ein Schiff aus Alexandria ausfindig, das nach Italien fuhr, und brachte uns an Bord. 7 Tagelang machten wir nur wenig Fahrt und kamen nur mit Mühe auf die Höhe von Knidos. Da uns der Wind nicht vorankommen ließ, segelten wir auf der Höhe von Salmone in den Windschatten von Kreta. 8 Und als wir mit Mühe daran entlangfuhren, kamen wir an einen (gewissen) Ort, "Gute Häfen“ genannt, in dessen Nähe [die] Stadt Lasäa lag.

V. 1

 

Beobachtungen: Mit 27,1 beginnt ein völlig neuer Abschnitt, nämlich die Reise des Paulus nach Rom. Der Prozess gegen Paulus konnte vor dem Prokurator der Provinz Judäa nicht fortgeführt werden, weil Paulus den Kaiser angerufen und der Prokurator nach Beratung der Anrufung stattgegeben hatte (vgl. 25,11-12). Weil der Kaiser in Rom residierte, musste Paulus nach Italien überstellt werden, wo Rom lag.

 

Unklar ist, wer die Entscheidung getroffen hatte. Da Paulus Gefangener war, wird er kaum die Befugnis gehabt haben, über den Termin seiner Abreise zu bestimmen. Vermutlich ist der Beschluss in den Kreisen der römischen Besatzer gefasst worden. Die fehlenden weiteren Angaben zu den Beschließenden lassen annehmen, dass diese dem Erzähler entweder nicht bekannt waren oder er diese als unwichtig ansah. Von Bedeutung ist nicht, wer den Beschluss gefasst hatte, sondern dass der Beschluss gefasst wurde.

 

Mit 27,1 beginnt der dritte Wir-Bericht. Die ersten beiden Wir-Berichte umfassen 16,10-17 sowie 20,5-15; 21,1-18. Geht man davon aus, dass der Sprecher des ersten Wir-Berichtes mit dem des zweiten identisch ist, dann lässt sich aus den ersten beiden Wir-Berichten nichts zum Sprecher im dritten Wir-Bericht herleiten, weil der Sprecher in den ersten beiden Wir-Berichten nur berichtet, ohne selbst seine Identität preiszugeben. Vermutlich ist er mit keiner der in den ersten beiden Wir-Berichten namentlich genannten Personen zu identifizieren. Also ist darauf zu achten, ob sich aus dem in 27,1-37 enthaltenen Wir-Bericht Schlüsse auf die Identität des Sprechers ziehen lassen.

V. 1 besagt nur, dass der Sprecher mit nach Italien absegelte. Ob er zu den Gefangenen gehörte oder als freier Mensch Paulus begleitete, bleibt offen.

Eine schwach bezeugte Variante liest "der Kreis um (den Paulus)“ statt "wir“. Diese Variante schließt also denjenigen, der die Ereignisse der Seefahrt berichtet, nicht in die reisende Gruppe ein.

 

Das Verb "apopleô“ ("absegeln“) macht deutlich, dass als Fortbewegungsmittel das Segelschiff benutzt wurde.

 

Weil Paulus − ebenso wie die anderen Gefangenen - keine freier Mensch war, konnte er die Überfahrt nach Rom nicht in Eigenregie durchführen, sondern war an den bestimmten Abreisetermin gebunden und wurde auf der Reise bewacht. Für die Bewachung wurde ein Hauptmann namens Julius von der kaiserlichen Kohorte auserkoren.

Ob sich der Hauptmann für seine Aufgabe besonders empfohlen hatte, ist ungewiss. Aus der Nennung des Namens lässt sich nicht ohne weiteres auf besondere Fähigkeiten schließen. Ebenfalls kann nicht ohne weiteres angenommen werden, dass dem Gefangenen Paulus seitens der Römer eine besondere Bedeutung beigemessen wurde. Sicher ist nur, dass der Verfasser der Apg dem Paulus eine besondere Bedeutung beimaß. Daher erweckt er verschiedentlich in seiner Erzählung den Eindruck, der "Fall Paulus“ sei sowohl für die Juden als auch für die Römer von besonderer Bedeutung gewesen.

Der "hekatontarchês“ ("Hauptmann“) war gemäß der wörtlichen Übersetzung des Begriffs ein "Hundertschaftsführer“. Der Begriff verweist auf die Untergliederung des römischen Heeres in Hundertschaften. Die militärische Grundeinheit war die Legion, die 3000-6000 Mann umfasste. Eine Legion war in zehn Kohorten und eine Kohorte wiederum in sechs Centurien, also Hundertschaften, untergliedert. Die Centurien wurden von den Centurionen (= Hundertschaftsführer) befehligt.

 

Bei der kaiserlichen Kohorte kann es sich um die im 1. Jh. in Syrien und Judäa stationierte kaiserliche Kohorte gehandelt haben. Ebenfalls kann "Cohors Augusta (griechisch: speira Sebastê)“ eine Ehrenbezeichnung einer Auxiliarkohorte (= aus einheimischen Soldaten zusammengesetzte Truppe) gewesen sein. Eine weitere, nicht ganz auszuschließende Möglichkeit ist, dass es sich um "Sebastênoi“ handelte, also um die aus Bürgern Sebastes (= Samarias) zusammengesetzte Kerntruppe des königlichen Heeres. Allerdings ist nicht wahrscheinlich, dass ein Hauptmann dieser Truppe mit dem Gefangenentransport beauftragt worden war.

 

Offen bleibt, wer Paulus und einige andere Gefangene dem Hauptmann Julius übergab. Waren es dieselben Personen, die die Entscheidung über die Abreise nach Italien getroffen hatten?

Bei dem Verb "paredidoun“ ("sie übergaben“, "man übergab“) handelt es sich um einen Imperfekt. Dieser weist auf eine länger währende Handlung hin, was darauf hinweist, dass sich die Handlung der Übergabe tatsächlich aus einer Mehrzahl einzelner Handlungen zusammensetzte.

Weiterführende Literatur: Möge Apg 27 auch detaillierte Orts- und Zeitangaben umfassen, die auf einen exakten Reisebericht schließen lassen könnten, möge dem erzählten Geschehen auch ein historischer Kern (vielleicht einige Notizen aus paulinischen Kreisen stammend) − eine ausführlicher Augenzeugenbericht liege kaum vor − zugrunde liegen, so sei der Duktus des gesamten, als Einheit gesehenen Kapitels laut R. Kratz 1997, 320-350 doch in erster Linie auf symbolisch-theologische (Be-)Deutung hin angelegt. Ein historischer Bericht lasse sich als Quelle unter Herauslösung der der lukanischen Redaktion zugeschriebenen Paulusszenen nicht herausarbeiten. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass Lukas als Endredaktor auf reichhaltiges Quellenmaterial zurückgegriffen hat. Seesturm- und Schiffbruchdarstellungen seien in antiker Literatur und mündlicher Tradition in reichem Angebot zuhanden, geradezu zur literarischen Gattung geworden. Veranlassung der lukanischen Darstellung müsse eine Notiz (in welchem Umfang auch immer) über die Gefangenschaftsreise des Paulus nach Rom, und damit über das gefährliche Mittelmeer gewesen sein. Zum Verständnis von Apg 27: Es gehe um die Rettung des christlichen Missionars durch Gott. Diesem seinem Verkündiger, der nicht zugrunde gehen könne, sondern in Rom vor den Kaiser treten müsse, um das Evangelium Christi ungehindert in der damaligen Weltmetropole verkündigen zu können, habe Gott auch das Leben der Mitfahrenden geschenkt. Paulus sei gleichsam der zweite − ins Positive verkehrte − Jona, der nicht vor seinem Gott davonlaufe, nicht von den Heiden beschämt werden müsse, sondern in vorbildlicher Weise zu seinem Gott stehe, ihn gläubig bekenne und dadurch den Reisegefährten Mut einflöße, ihre Rettung, ihr Heil herbeiführe.

Auch S. M. Praeder 1984, 683-706 sieht eine Beziehung zwischen Apg 27,1-28,16 und der antiken Literatur mit ihren Reiseberichten, Vorhersagen von Sturm und Schiffbruch und Sturmszenen sowie ihrer Sorge um Sicherheit auf Seereisen. Das den gesamten Abschnitt durchziehende gemeinsame theologische Thema sei die Sendung des in Jesus Christus und seiner Kirche gegründeten göttlichen Heils zu den Heiden.

 

C. H. Talbert, J. H. Hayes 1995, 321-326 befassen sich mit folgenden Fragen: Welcher theologische Inhalt hat sich den Lesern der Sturmberichte Lk 8,22-25 und Apg 27 erschlossen? Wie fügen sich diese beiden Sturmberichte in das lukanische Gesamtwerk ein? Ergebnis (zu Apg 27): Der Schiffbruch und der Angriff der Schlange seien keine Strafe Gottes gewesen. Die Rettung des Paulus sei nicht auf dessen Leistung, sondern auf den Plan Gottes zurückzuführen. Gott erweise Paulus als Gerechten, nicht als Sünder. Dem entspreche, dass in 23,12-26,32 auch Menschen die Unschuld des Paulus bekräftigten. Diese Aspekte fügten sich nahtlos in den weiteren literarischen und theologischen Horizont des lukanischen Gesamtwerkes ein.

 

C. Reynier 2006 analysiert Apg 27,1-28,16 unter Gesichtspunkten der antiken Seefahrt. Auf S. 54-61 befasst sie sich mit der Wahl des Reisewegs. Auf dem Seeweg habe sich Rom schneller erreichen lassen als auf dem Landweg. Allerdings sei der Seeweg - insbesondere kurz vor der witterungsbedingten Schließung des Mittelmeeres - der gefährlichere Reiseweg gewesen. Die Entscheidung habe vermutlich der verantwortliche Hauptmann Julius getroffen. Vermutlich habe er sich für den Seeweg entschieden, weil im Hafen von Cäsarea gerade ein geeignetes Schiff verfügbar war. Allerdings werfe die Tatsache, dass dessen Reiseziel die Provinz Asien war, die Frage auf, wie der Hauptmann von dort aus die Reise mit den Gefangenen nach Rom fortzusetzen gedachte. Hoffte er darauf, dort ein Schiff zu finden, dessen Transportkapazitäten geeigneter als diejenigen des ersten Schiffes waren? Oder setzte er aufgrund von Leichtsinn darauf, Rom trotz der Schließung des Meeres auf dem Seeweg erreichen zu können? Oder plante er, die Reise mit den Gefangenen auf dem Landweg fortzusetzen? C. Reynier weist darauf hin, dass in der Antike oftmals der See- und Landweg kombiniert worden seien. Das spreche für eine geplante Fortsetzung der Reise auf dem Landweg. Offizielle Boten hätten gewöhnlich eher den Landweg gewählt, wogegen der Seeweg eher der Handelsweg gewesen sei. Es sei im Zusammenhang mit der Frage des Reiseweges auch die Frage zu stellen, ob die Reise für den Gefangenen Paulus kostenlos war. In diesem Falle habe die Verwaltung oder Armee das Recht kostenloser Beförderung auf dem Privatschiff innegehabt. Wenn die Fahrt für Paulus nicht kostenlos war, habe er selbst oder sein Freundes- bzw. Bekanntenkreis − C. Reynier nimmt letzteres an − für die Kosten aufkommen müssen.

 

M. P. Speidel 1982/83, 233-240 vertritt die Meinung, dass die kaiserliche Kohorte − ihr lateinischer Name müsse "cohors Augusta“ gewesen sein − nicht in Cäsarea stationiert gewesen sei, sondern König Agrippa II. in dessen transjordanischem Klientelkönigreich gedient habe. Als Paulus dem König Agrippa II. vorgeführt wurde, sei dieser mit großem Pomp erschienen. Zu diesem Pomp habe auch Militär aus seinem Klientelkönigreich samt hohen militärischen Führern und Angehörigen der kaiserlichen Kohorte gehört, das zu repräsentativen Zwecken und darüber hinaus vielleicht auch zum Zwecke des Schutzes nach Cäsarea gekommen sei. Der Hauptmann Julius sei, wie sein römischer Familienname zeige, ein römischer Bürger gewesen und habe somit den für den Umgang mit den Behörden der Stadt Rom nötigen Status besessen. Außerdem habe er wohl das Vertrauen des Königs und wie dieser ausreichende Kenntnisse über das Judentum besessen, um bei dem Prozess in Rom als Zeuge auftreten zu können.

 

Laut B. Rapske 1994, 280-281 lasse sich nicht ausmachen, ob "heteros“ (statt "allos“; "anderer“) darauf hinweise, dass die anderen Gefangenen anders geartet waren als Paulus, also möglicherweise keine römischen Bürger waren oder als bereits Verurteilte zu Schaukämpfen oder zum Arbeitslager anreisten.

V. 2

 

Beobachtungen: Es ist anzunehmen, dass das Betreten des Schiffes aus Adramyttium den letzten Schritt der Übergabe darstellte, und der Hauptmann Julius von nun an die volle Verantwortung für die Gefangenen hatte.

 

"Asien“ ("Asia“) ist hier sicherlich nicht die Bezeichnung des Kontinentes, sondern entweder die Bezeichnung der römischen Provinz Asien (Asia) oder die Bezeichnung einer bestimmten Region. Die Provinz Asien (Asia) bestand aus dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Pergamon, das 133 v. Chr. als Erbschaft an das Römische Reich gefallen war. Die genauen Grenzen einer hier möglicherweise als "Asien“ bezeichneten Region bleiben unklar. Sicher ist nur, dass sie die Westküste der heutigen Türkei einschloss.

 

Es fällt auf, dass als Zielort des Schiffes aus Adramyttium nicht Italien angegeben wird. Vielmehr sollte es die Ortschaften längs der Küste der Provinz Asien anfahren. Das schließt nicht aus, dass es nach dieser Tour schließlich nach Italien weiterfahren sollte. Dass jedoch Italien in Zusammenhang mit diesem Schiff nicht genannt wird, obwohl dies bei einer letztendlichen Überfahrt nach Italien nahe gelegen hätte, lässt annehmen, dass das Schiff nicht nach Italien weiterfahren sollte. Dass Paulus und die anderen Gefangenen trotzdem dieses Schiff bestiegen, lässt vermuten, dass man plante, in einer der Ortschaften an der Küste der Provinz Asien einen Umstieg in ein Schiff nach Italien vorzunehmen. Ein anderer Grund für die Zwischenetappe Asien ist nicht ersichtlich, es sei denn, man nimmt an, dass die anderen Gefangenen in der Provinz Asien abgesetzt werden sollten. Dies ist jedoch nicht wahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass es den für die Überstellung der Gefangenen Verantwortlichen nicht gelungen war, ein direkt nach Italien fahrendes Schiff ausfindig zu machen. So setzte man darauf, in der Provinz Asien ein nach Italien fahrendes Schiff zu finden.

 

Der Ort Adramyttium − das heutige Edremit - wird in der Bibel nur hier genannt. Es handelte sich um einen etwa 50 Kilometer nördlich von Pergamon, südöstlich von Troas in Mysien (im Westen der heutigen Türkei) gelegenen ägäischen Seehafen. Dieser Herkunftsort des Schiffes spricht gegen eine Weiterfahrt des Schiffes nach Italien.

 

Es heißt, dass Aristarch "syn hêmin“, also "bei/unter uns“, war. Das bedeutet zweifellos, dass auch er an Bord des Schiffes aus Adramyttium gegangen war. Ob er jedoch der Gruppe um Paulus angehörte oder nicht, und ob er zu den Gefangenen gehörte oder zu den Begleitpersonen, bleibt offen. Dass es sich um eine Begleitperson des Paulus handelte, legen 19,29 und 20,4 nahe, wo ebenfalls ein Aristarch aus Makedonien bzw. Thessalonich erwähnt wird. In beiden Fällen ist von einem Begleiter des Paulus die Rede. Sofern der in 27,2 erwähnte Aristarch tatsächlich ein Begleiter des Paulus war, stellt sich die Frage, warum er Paulus auf der Fahrt nach Rom begleitete. Hatte er eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen oder sollte bzw. wollte er nur allgemein Beistand leisten? Auch in Kol 4,10 wird eine Person namens Aristarch erwähnt. Dieser wird jedoch als "mein Mitgefangener“, also Mitgefangener des Paulus, bezeichnet. Geht man davon aus, dass dieser Aristarch mit dem in 27,2 erwähnten identisch ist, dann wurde Aristarch ebenso wie Paulus als Gefangener nach Rom überführt. Schließlich wird auch noch in Phlm 24 eine Person namens Aristarch erwähnt, zu dieser jedoch nichts weiter ausgesagt, als dass sie Grüße ausrichtet.

Weiterführende Literatur: M.-É. Boismard, A. Lamouille 1987, 48-58 legen dar, dass die Apg in vier Redaktionsschritten (Apg I-IV) entstanden sei. Dabei sei Apg II auf Grundlage von Apg I entstanden, sei jedoch an den geänderten kirchlichen Rahmenbedingungen und neuen Anforderungen der Gemeinden ausgerichtet worden. Apg III habe Apg I und II miteinander verschmolzen und so bewahrt, allerdings einige Passagen überarbeitet und darüber hinaus auch neue eingefügt. Apg IV wiederum gründe auf Apg III, habe jedoch Unebenheiten geglättet und Ungereimtheiten beseitigt. Der westliche Text gebe Apg III wieder, der alexandrinische Text Apg IV. Diese These versuchen M.-É. Boismard, A. Lamouille anhand von Apg 27,1-13 zu belegen.

É. Delebecque 1983, 295-302 merkt an, dass der lange, "westliche“ Text einige Unklarheiten des kurzen Textes beseitige. Der lange Text sei klarer, in einem besseren Griechisch geschrieben und in seinen Angaben genauer. Der Wortschatz sei lukanisch und es sei zu vermuten, dass der Verfasser des langen Textes Paulus und dessen Leben gut gekannt hat. Der lange Text sei eine Überarbeitung des kurzen, vorläufigen Textes und ebenso wie dieser auf Lukas, den Arzt und Reisebegleiter des Paulus zurückzuführen.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Unklar ist, um welche Uhrzeit das Schiff in See stach. Folglich ist auch unklar, wie viele Stunden das Segelschiff für die Strecke von Cäsarea nach Sidon brauchte. Es ist nur gesagt, dass das Segelschiff am nächsten Tag in Sidon anlegte. Somit hat die Reisezeit mindestens eine Minute (von der letzten Minute des ersten Tages bis zur ersten Minute des zweiten Tages) und höchstens 48 Stunden (von der ersten Minute des ersten Tages bis zur letzten Minute des zweiten Tages, also zwei ganze Tage) gedauert. Die Entfernung von Cäsarea nach Sidon betrug knapp 70 Seemeilen, also knapp 130 Kilometer. Da im östlichen Mittelmeerraum aufgrund des Nilwassers die Strömung gegen den Uhrzeigersinn fließt, konnte sich das Segelschiff bei der Fahrt an der Küste entlang die nordwärts gerichtete Strömung zunutze machen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Segelschiffes ist unbekannt. Geht man von der höchsten anzunehmenden Durchschnittsgeschwindigkeit von zehn Knoten aus, dann hätte das Segelschiff in einer Stunde zehn Seemeilen zurückgelegt und wäre nach knapp sieben Stunden in Sidon angekommen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass das Segelschiff mit einer geringeren Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs war. Geht man von fünf Knoten aus, dann hätte das Segelschiff in einer Stunde fünf Seemeilen zurückgelegt und wäre nach knapp 14 Stunden in Sidon angekommen.

 

Sidon war eine phönizische Hafenstadt, die zur Zeit der Reise des Paulus nach Rom in der römischen Provinz Syrien (Syria) lag. Heute liegt die Stadt im Libanon.

 

Warum das Schiff den Hafen von Sidon anlief, ist unklar. Dass es das Begehren des Paulus gewesen sein könnte, die Freunde zu sehen und sich versorgen zu lassen, ist wohl nicht der Grund gewesen, denn Paulus war Gefangener auf einem fremden Schiff. Weder das Schiffspersonal noch der Hauptmann Julius werden gewillt gewesen sein, sich von diesem fremden Gefangenen bei ihren eigentlichen Vorhaben abbringen zu lassen.

 

Allerdings genoss Paulus bei dem Hauptmann Julius das Privileg einer erleichterten Gefangenschaft. Statt dass der Hauptmann Paulus streng bewachte, gewährte er ihm in Sidon Freigang. Dass Paulus flüchten könnte, scheint Julius nicht befürchtet zu haben. Das ist umso erstaunlicher, als Julius im Falle einer Flucht des Paulus sicher eine schwere Strafe seitens seiner Vorgesetzten zu erwarten gehabt hätte. Dies wirft die Frage auf, ob Paulus bei seinem Landgang von Soldaten bewacht wurde, oder ob der Hauptmann auf Bewachung verzichtete, weil er gänzlich auf die Rückkehr des Paulus zum Segelschiff vertraute. Das Verhalten des Julius dem Paulus gegenüber wird als "wohlwollend“ ("philanthrôpôs“) bezeichnet. Dieses wohlwollende Verhalten war nicht nur auf die Erlaubnis des Freigangs beschränkt, sondern hatte schon vorher während der ersten Fahrtetappe bestanden. Das Partizip Aorist "chrêsamenos“ ("behandelt habend“) macht deutlich, dass die wohlwollende Behandlung schon dem Freigang vorausging, der Freigang also nur ein Bestandteil der wohlwollenden Behandlung neben anderen war. Möglicherweise wollte der Verfasser der Apg mit der expliziten Erwähnung des Wohlwollens des Hauptmanns Julius diesen in einem positiven Licht erscheinen lassen, denn das Wohlwollen, die "philanthrôpia“ − wörtlich: "Menschenfreundlichkeit“ − galt in der Antike als eine Tugend. Das Wohlwollen ließ sich damit rechtfertigen, dass Paulus ein römischer Bürger und zudem noch nicht verurteilt war.

 

Es fällt auf, dass nicht konkret von den Freunden des Paulus, also von "seinen Freunden“, die Rede ist, sondern nur allgemein von "den Freunden“. Obwohl die Freunde nicht eindeutig dem Paulus zugeordnet werden, scheint der Verfasser der Apg davon auszugehen, dass die Leser der Apg wissen, um welche Freunde es sich handelte. Aufgrund des christlichen Kontextes der Erzählung ist davon auszugehen, dass es sich bei den Freunden des Paulus um Christen handelte. Möglicherweise handelte es sich bei "den Freunden“ um eine geprägte und somit von den Lesern der Apg sofort verstandene Bezeichnung für "Christen“. Sie waren also Glaubensgenossen des Paulus, ohne unbedingt auch seine Freunde im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen zu sein. Allerdings kann der bestimmte Artikel auch zum Ausdruck eines Possessivverhältnisses benutzt werden. Somit kann "die Freunde“ auch so verstanden werden, dass es sich um "seine Freunde“ handelte und über die Glaubensbande hinausgehend eine wirkliche Freundschaft bestand.

 

Weil das Substantiv "epimeleia“ ganz allgemein die Pflege oder Fürsorge meint, lässt sich nicht sagen, welche Pflege oder Fürsorge sich Paulus angedeihen ließ. Es kann sich um Versorgung mit Speise und Trank und/oder mit Kleidung und/oder um Ausstattung mit anderen Gegenständen gehandelt haben. Ebenso kann aber auch an körperliche Pflege, vielleicht medizinische Behandlung gedacht sein. Und schließlich ist auch möglich, dass die Fürsorge den geistlichen Aspekt einschloss, nämlich das gemeinsame Gebet oder die Fürbitte für Paulus.

 

Weiterführende Literatur: Abbildungen der Hafenanlagen von Cäsarea und Sidon siehe P. Pomey, A. Tchernia 1997, 10-11; A. Tchernia 1997, 139.

 

C. Reynier 2006, 67-69 zu den möglichen Gründen für den Zwischenstopp in Sidon: Es sei möglicherweise der für die Flüssigkeitsaufnahme und Zubereitung von Speisen notwendige Frischwasservorrat aufgefüllt worden, denn dieser habe höchstens zwei Wochen gehalten. Außerdem sei möglicherweise Ladung gelöscht und geladen worden. Zwar seien die Häfen der Städte Cäsarea und Seleukia stärker ausgebaut worden, doch habe auch Sidon als Handelsstadt Bedeutung gehabt. Und schließlich sei nicht zu vergessen, dass die Häfen als Orte des Informationsaustausches eine wichtige Rolle spielten.

 

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V. 4

 

Beobachtungen: "Hyperpleô“ bedeutet "segeln über …hinaus“ oder "segeln jenseits … von“. Die Wir-Gruppe segelte also über Zypern hinaus oder jenseits von Zypern, wobei sich die Frage stellt, was "jenseits“ bedeutet. Da es sich bei Zypern um eine Insel handelt, kann die Fahrt an der Nordküste oder an der Südküste entlang erfolgt sein. Der etwas kürzere Weg zur Provinz Asien war der Weg entlang der Südküste. Bei dem Weg entlang der Nordküste musste die Karpassos-Halbinsel mit dem Kap Apostolos Andreas (oder: Kap Sankt Andreas) umschifft werden. Nun lässt sich aus dem in V. 4 erwähnten "Gegenwind“ (wörtlich: "Gegenwinde“) schließen, dass dieser die Reiseroute bestimmte, denn ein Segelschiff war bei seinem Fortkommen von günstigen Winden abhängig. Dabei dürfte der Gegenwind die Fahrtroute in dem Sinne beeinflusst haben, dass man eine Route wählte, die am wenigsten vom Gegenwind beeinträchtigt war, d. h. man fuhr im Windschatten der insbesondere im Westen und Norden gebirgigen Insel. Ob man an der Nord- oder Südküste der Insel im Windschatten fuhr, hängt von der vorherrschenden Windrichtung ab. Auf Zypern sind Westwinde vorherrschend, die im Sommer und Herbst am stärksten sind. Diese Westwinde werden aber im Norden Zyperns von anderen Winden abgelöst, insbesondere des Nachts von Winden, die vom Festland Anatoliens kommen. Insofern liegt der Norden und insbesondere der Nordosten im Windschatten. Es ist also anzunehmen, dass das Segelschiff zwischen der Nordküste Zyperns und der Südküste der heutigen Türkei fuhr. Beim Vorankommen war die Westströmung in diesem Meeresgebiet hilfreich.

 

Weiterführende Literatur: Zu den Windverhältnissen im Mittelmeerraum siehe P. Pomey 1997, 25-31. Wenn das Schiff im Windschatten Zyperns segelte, sei daraus zu schließen, dass von Westen her die etesinischen Winde wehten.

 

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V. 5

 

Beobachtungen: Die Erwähnung der an der Südküste der heutigen Türkei gelegenen Landschaften Kilikien und Pamphylien belegt die Richtigkeit dieser Schlussfolgerung. Dass das weiter im Osten gelegene Kilikien vor Pamphylien genannt wird, hängt mit der Fahrtrichtung des Segelschiffes von Ost nach West zusammen.

 

Das Segelschiff fuhr nicht an der Küste der Landschaften Kilikien und Pamphylien entlang, und auch nicht an der Nordküste Zyperns, sondern es fuhr zwischen Kilikien und Pamphylien auf der einen und der Nordküste Zyperns auf der anderen Seite über das Meer (gemeint ist das Mittelmeer). Da von keinem Halt die Rede ist, weder in Kilikien oder Pamphylien noch in Zypern, dürfte das Schiff ohne Halt von Sidon nach Myra gefahren sein. Dabei wird von einigen Textzeugen die Reisedauer genannt: 15 Tage.

Die Landschaft Lykien schließt westlich an die Landschaft Pamphylien an. In Lykien lag die Hafenstadt Myra. Sollte sich in V. 2 die Bezeichnung "Asien“ auf die römische Provinz beziehen, so gehörte Myra noch nicht zu den in V. 2 als Ziel genannten Ortschaften, denn es lag nicht in der Provinz Asien, sondern gehörte zur Provinz "Lycia et Pamphylia“. Von 43/44 n. Chr. bis 68 n. Chr. − also zur Zeit der Seereise des Paulus nach Rom - war nämlich die Landschaft Lykien mit der Landschaft Pamphylien zu der einen Provinz "Lycia et Pamphylia“ zusammengefasst. Nur wenn "Asien“ in V. 2 die Bezeichnung einer Region ist, hat Myra möglicherweise zu Asien und damit zu den Ortschaften längs der Küste Asiens gehört.

 

Das Verb "katerchomai“ ist genau genommen mit "herabgelangen“ zu übersetzen. Gemeint ist, dass das Segelschiff von der hohen See herab in den Hafen Myras gelangte.

 

Warum das Segelschiff zunächst Myra anlief, bleibt offen. Im Rahmen der Erzählung wird Myra nur deshalb erwähnt, weil der Hauptmann Julius, Paulus und vermutlich auch die anderen nach Rom Reisenden das Segelschiff verließen. Myra war der Ort des Umstiegs auf dem Weg nach Italien.

 

Weiterführende Literatur: C. Reynier 2006, 71-73 geht davon aus, dass nicht die Notwendigkeit der Passagiere, ein nach Rom fahrendes Schiff zu finden, den Zwischenstopp in Myra veranlasst habe. Für den Import von Waren und den Gebrauch der Hafenanlagen seien nämlich Steuern und Abgaben fällig geworden. Da das Schiff die Provinz Asien − in der Apg bezeichne "Asien“ nicht die Landschaft, sondern die Provinz − als Fahrtziel gehabt habe, sei der Zwischenstopp in Myra eigentlich nicht notwendig gewesen. Am ehesten sei anzunehmen, dass der Zwischenstopp aufgrund ungünstiger Witterungsbedingungen oder aufgrund der Notwendigkeit der Auffüllung des Trinkwasservorrats erforderlich war. Bei einem durch besondere Gefahr für Schiff und Besatzung verursachten Nothalt seien Zölle und Abgaben erlassen worden. Allerdings sei fraglich, ob eine solche Gefahr vorgelegen hat.

 

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V. 6

 

Beobachtungen: Über die Dauer des Aufenthaltes des Hauptmanns Julius, des Paulus und der anderen Reisenden wird nichts gesagt. Der Aufenthalt währte so lange, bis der Hauptmann ein Schiff ausfindig gemacht hatte, das nach Italien fuhr. Weil der Hauptmann mit der Durchführung der Überstellung des Paulus von Cäsarea nach Rom beauftragt war, oblag ihm wohl auch die Suche nach einem Segelschiff, auf dem die Weiterfahrt von Myra nach Italien bewerkstelligt werden konnte.

Dass das Schiff, das er schließlich ausfindig machte, aus Alexandria kam, mag ein Hinweis darauf sein, dass es Getreide geladen hatte, das für die Bevölkerung in Italien bestimmt war. Alexandria lag nämlich in der römischen Provinz Ägypten (Aegyptus), die im Bereich der Nilufer fruchtbar war und als Kornkammer für Italien diente.

Neben dem Getreide transportierte das Schiff auch − vermutlich zahlende − Passagiere. In Verbindung mit der Tatsache, dass der Hauptmann das Schiff erst ausfindig machen musste, lässt sich darauf schließen, dass der Hauptmann samt dem gefangenen Paulus, Aristarch und möglicherweise weiteren Gefangenen und/oder Begleitern nicht auf Linien-Passagierschiffen oder Kriegsschiffen unterwegs war, sondern auf privaten, Reisenden eine Mitnahmegelegenheit bietenden Frachtschiffen.

 

Weiterführende Literatur: Einen Forschungsüberblick über die Frage, wie die Wir-Stücke zu erklären sind, bietet J. Börstinghaus 2010, 282-304. Grundsätzlich habe man fünf Möglichkeiten erwogen, die Wir-Stücke zu erklären: a) Der traditionelle Ansatz: Man nehme an, dass der Verfasser durch das Wir anzeige, welchen Geschehnissen er als Augenzeuge und somit historischer Paulusbegleiter selbst beigewohnt hat. b) Der quellenkritische Ansatz: Man nehme an, dass der Verfasser eine Quelle, die bestimmte Phasen der Paulusreisen schilderte und im sog. "Wir-Stil“ verfasst war, ganz oder auszugsweise bzw. gekürzt zitiert und die 1. Pers. Pl. übernommen habe. c) Der Anspruch des Verfassers: Man nehme an, dass der Verfasser durch die Wir-Passagen einen (unberechtigten) Anspruch auf Augenzeugenschaft oder zumindest auf Erfahrung als Seereisender im östlichen Mittelmeerraum erhebe. d) Die literarische Erklärung: Man nehme an, dass Wir-Passagen ein literarisches Stilmittel seien, das auch sonst belegbar ist; der Verfasser habe sich dieses Stilmittel zunutze gemacht. e) Die theologische Erklärung: Man nehme an, dass der Verfasser die Wir-Passagen mit einer (im weiteren Sinne) theologischen Aussageabsicht eingesetzt habe. J. Börstinghaus sehe derzeit keine in jeder Hinsicht schlüssige und befriedigende Lösung für das Wir-Problem und versuche daher auf S. 304-345, wenigstens für das Wir-Stück 27,1-28,16, einen neuen (?) Erklärungsversuch zu unterbreiten. Dabei knüpft er an die Idee eines Rechenschaftsberichtes an. Diese sei von D.-A. Koch konsequent auf das eine Wir-Stück Apg 20,5-21,18 bezogen worden. Das sei ebenso neu wie die präzisen Überlegungen zu Abfassungs- und Verwendungszweck des Dokuments. D.-A. Koch 1999, 367-390 vertrete die plausible These, dass das zweite Wir-Stück (Apg 20,5-21,18) und nur dieses (ohne die Abschiedsrede in Milet 20,18-35), aber mit der Liste der Teilnehmer an der Kollektendelegation (20,4) auf einem Rechenschaftsbericht basiere, der auch in der 1. Pers. Pl. abgefasst gewesen sei. Dieser Rechenschaftsbericht habe dazu gedient, nach der Rückkehr von den einzelnen Gemeinden Rechenschaft über die Durchführung der Kollekte zu geben. In Analogie zu diesem Rechenschaftsbericht der Kollektendelegation nimmt J. Börstinghaus einen Rechenschaftsbericht an, in dem die wohl von der Gemeinde in Cäsarea dem Paulus als Geleit mitgeschickten Männer über ihr Tun und Lassen während der Reise nach Rom Bericht erstatteten, nachdem sie zu ihrer Gemeinde nach Cäsarea zurückgekehrt waren. Dieser Rechenschaftsbericht werde nur eine dürre Ansammlung von Informationen zum Inhalt gehabt haben, die Lukas aber als Gerüst einer großen Seereiseerzählung gedient haben dürften. Diese habe er dann, durch verbreitete Seefahrtserzählungen beeinflusst, relativ selbstständig und frei gestaltet, dabei aber die Erzählperspektive aus der 1. Pers. Pl. aus dem Bericht übernommen. Dem Lukas vorliegenden Rechenschaftsbericht seien in erster Linie die Orts- und Personennamen in 27,1-9.12 sowie in 28,1.11-16 zuzuweisen. Darüber hinaus könnten in dem Bericht auch einzelne Informationen über den Fahrtverlauf enthalten gewesen sein, wahrscheinlich auch die Zahlenangabe 276 in 27,37.

C. J. Hemer 1985, 79-109 deutet den Wir-Bericht in Apg 27-28 als Ausdruck der "Unmittelbarkeit“ der Erfahrung des Verfassers.

 

C.-J. Thornton 1991, 200-367 legt dar, dass Lukas nicht habe im Sinne der antiken Geschichtsschreibung Augenzeugenschaft für bestimmte Ereignisse beanspruchen wollen. Andernfalls hätte es genügt, im Proömium darauf hinzuweisen, dass er Paulus auf einigen seiner Reisen begleitet hatte und darum teilweise aus eigener Anschauung berichten könne. Aufgrund der detaillierten Darstellung der Europa-, Jerusalem und Romreise hätten die Leser selbstverständlich gewusst, wo der Erzähler am Geschehen beteiligt war. Allenfalls hätte er am gegebenen Ort jeweils hinzugefügt, dass er dies oder jenes miterlebt habe. Dies sei aber nicht seine Absicht gewesen. Vielmehr wolle sich Lukas einem relativ begrenzten und überschaubaren Kreis von Lesern gegenüber als Zeuge dafür verstanden wissen, dass und wie sich in entscheidenden Momenten der Geschichte des Christentums der göttliche Plan verwirklichte.

J. Wehnert 1989, 182-183 geht davon aus, dass sich Lukas bei den Wir-Passagen eines Stilmittels der jüdischen Literatur bediene, nämlich der (nachträglichen) Autorisierung eines Textes, und auf diese Weise seine um unbedingte Zuverlässigkeit bemühte Darstellung absichere (vgl. S. 182-183). Zu 27,1-28,16: Die sporadische bzw. ganz fehlende Verwendung des "Wir“ in den Abschnitten 27,13-44; 28,3-6.8-10a werfe die Frage auf, ob es sich hierbei um sekundäre Erweiterungen des Romreiseberichts handelt. Für diese Möglichkeit spreche vor allem, dass der Reisebericht 27,1-8 eine glaubwürdige und folgerichtige Fortsetzung erst in 28,11ff. finde: Das dreimonatige Überwintern von Schiff und Besatzung hätte in diesem Fall auf Kreta stattgefunden. Für diese Möglichkeit spreche weiter, dass das alexandrinische Schiff mit Fahrtziel Italien von 27,6 mit dem alexandrinischen Schiff mit Fahrtziel Syrakus - Rhegion − Puteoli von 28,11-13 fraglos identisch sein kann, so dass sich die historische Frage nach einem Schiffbruch des Paulus vor Malta erübrige. Der Aufenthalt auf Malta habe wohl nur drei Tage und nicht drei Monate gewährt. Ansonsten sei der Widerspruch zwischen den Zeitangaben "drei Tage“ (vgl. 28,7) und "drei Monate“ (vgl. 28,11) unlösbar. Als Resultat hält J. Wehnert fest, dass zwischen der Reisebeschreibung 27,1-8; 28,1-2.7.10-16 und den lukanischen Ergänzungen (den Pauluspassagen samt dem Seeabenteuer 27,9-44 sowie den Wundergeschichten 28,3-6.8-9; sämtlich mit dem Wir-Bericht nur lose oder gar nicht verknüpft) deutlich unterschieden werden müsse. Statt des von Lukas berichteten Schiffbruchs vor Malta sei in der Tradition wohl nur von einer (etwa dreimonatigen) Überwinterung auf Kreta die Rede gewesen, nach deren Ende die Fahrt nach Italien (mit dreitägigem Zwischenaufenthalt auf Malta) bestimmungsgemäß fortgesetzt worden sei (vgl. S. 44-45.110-112.193-196).

 

Aus der Herkunft des Schiffes aus Alexandria (vgl. 27,6) und aus der Erwähnung des Begriffes "sitos“ (vgl. 27,38) werde laut C. Reynier 2006, 76-80 gewöhnlich geschlossen, dass das Schiff Getreide geladen habe. Diese Schlussfolgerung sei jedoch falsch. Staatliche, militärisch bewachte Getreideflotten seien von Alexandria nicht aufgebrochen. Private Schiffe hätten zwar Getreide geladen, aber ab einer bestimmten Schiffgröße seien auch andere Güter transportiert worden. "Sitos“ bezeichne nicht nur Getreide, sondern auch andere Nahrung wie insbesondere Brot im Gegensatz zum Fleisch.

Obwohl andere Gebiete Nordafrikas mehr Getreide an Rom geliefert hätten, habe es laut N. Hirschfeld 1990, 29-30 jedoch auf den anderen Strecken keine vergleichbaren Getreidetransporte auf eigens dafür konstruierten Schiffen gegeben. Ägypten habe trotz seiner größeren Entfernung von Rom eine besondere Rolle bei den Getreidelieferungen gespielt, weil sich die Ernte einer recht großen Menge Getreides wegen der Nilflut recht gut habe vorhersagen lassen. Außerdem seien Getreideernte und −lagerung von alters her gut organisiert gewesen. Zur Konstruktionsweise der für eine maximale Kapazität vermutlich flachbodigen Getreideschiffe siehe M. Fitzgerald 1990, 31-39.

 

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V. 7

 

Beobachtungen: Dass das Segelschiff tagelang nur langsam vorankam, lässt sich mit erneut schlechten Windverhältnissen erklären, wobei unklar ist, ob es sich um Gegenwind, um ungünstigen Seitenwind oder um Windstille handelte.

 

Knidos war eine Hafenstadt, die am äußersten Ende der etwa 80 Kilometer langen, vom Festland ins Mittelmeer hineinragenden Datça-Halbinsel (oder: Resadiye-Halbinsel, früher auch Dorische Halbinsel oder Knidos-Halbinsel genannt) lag. Im Nordwesten von Knidos lag die Insel Kos, im Südosten die Insel Rhodos. Knidos wird im NT nur hier erwähnt.

 

Das Verb "proseaô“ taucht im NT nur hier auf. Die Bedeutung des Verbs dürfte "herankommen“ sein, wobei hier wohl das Herankommen an Knidos gemeint ist. Unklar ist, ob das Segelschiff ursprünglich in Knidos anlegen wollte oder nicht. Falls dies der Fall war, wäre das Segelschiff wegen des ungünstigen Windes nicht an den Hafen herangekommen und hätte deshalb seinen Weg unverrichteter Dinge fortgesetzt. Falls dies nicht der Fall war, wäre Herankommen im Sinne von Vorankommen zu verstehen. Gemeint wäre dann, dass das Segelschiff wegen des ungünstigen Windes Mühe hatte, auf die Höhe von Knidos voranzukommen. Da mit keinem Wort von einem geplanten Halt in Knidos gesprochen wird und die Weiterfahrt an Knidos vorbei auch nicht dahingehend problematisiert wird, dass weder Fracht gelöscht noch Passagiere von Bord gehen konnten, scheint Knidos von vornherein nicht als Zwischenstopp vorgesehen gewesen zu sein.

 

Der kürzeste von Knidos nach Italien wäre nördlich der Insel Kreta entlang gewesen. Aufgrund des ungünstigen Windes konnte das Segelschiff jedoch diese kürzeste Route nicht nehmen, sondern musste auf Kreta zusteuern, um dann den Weg an der südlichen Küste Kretas entlang zu wählen.

 

Mit Salmone ist vermutlich das Kap Salmone, das heutige Kap Sideros an der Nordostspitze von Kreta, gemeint. Hier trat das Segelschiff wohl in den Windschatten der Insel Kreta ein. Diesem Sachverhalt entspricht die Übersetzung "segelten wir auf der Höhe von Salmone in den (statt: im) Windschatten von Kreta“.

 

Unklar ist, ob "weil uns der Wind nicht vorankommen ließ“ mit "kamen nur mit Mühe auf die Höhe von Knidos“ oder mit "segelten wir auf der Höhe von Salmone in den Windschatten von Kreta“ zu verbinden ist. Wählt man erstere Möglichkeit, dann lautet die Übersetzung von V. 7: "Tagelang machten wir nur wenig Fahrt und kamen nur mit Mühe auf die Höhe von Knidos, weil uns der Wind nicht vorankommen ließ. Wir segelten auf der Höhe von Salmone in den Windschatten von Kreta.“ Gegen diese Möglichkeit und Übersetzung spricht, dass zweimal, in ähnlichen Worten ausgesagt würde, dass die Reisenden nicht voran- bzw. herankamen. Somit ist der zweiten Möglichkeit der Vorzug zu geben, womit die Übersetzung "Tagelang machten wir nur wenig Fahrt und kamen nur mit Mühe auf die Höhe von Knidos. Da uns der Wind nicht vorankommen ließ, segelten wir auf der Höhe von Salmone in den Windschatten von Kreta“ lautet. Diese Übersetzung lässt klarer die Abfolge der Geschehnisse erkennen und macht deutlich, dass der ungünstige Wind dazu führte, dass das Segelschiff Kurs auf das Kap Salmone nahm, also den längeren Weg nach Italien wählte.

 

Wenn das Segelschiff nicht direkt nach Westen segeln konnte und der Osten, Südosten und Süden von Kreta im Windschatten lagen, ist daraus zu schließen, dass der Wind bei Knidos von Nordwesten geweht hat. Windstille kann nicht geherrscht haben, denn diese hätte nicht zu einem Kurswechsel in einen Windschatten geführt.

 

Die Insel Kreta war 67 v. Chr. vom Römischen Reich einverleibt worden. Sie bildete mit der Kyrenaika spätestens seit 34 v. Chr. eine gemeinsame römische Provinz

 

Weiterführende Literatur: Laut R. W. White 2002, 404 gehe aus V. 7 hervor, dass die Schiffsbesatzung ursprünglich die sicherere Route wählte, die nördlich von Kreta durch die Ägäis nach Korinth führte. Vermutlich habe das Schiff Myra bei klarem Himmel verlassen, der sich zwischen Stürmen habe auftun können. Während dieser Zeit sei Westwind typisch gewesen, der vermutlich das Schiff gebremst habe. Möglicherweise habe der Wind von West nach Nord oder Nordost gedreht und das Schiff nach Süden getrieben. Von Knidos nach Salmone seien es zwei oder drei Tage Reise gewesen − ausreichend Zeit für einen von Westen aufkommenden Sturm. Dieser könne gedreht und dann aus südlicher oder südwestlicher Richtung geweht haben, was Schwierigkeiten bei der Fahrt an der Südküste Kretas verursacht haben könnte.

Laut H. Warnecke 2000, 51-53 habe der Kapitän des Paulus-Schiffes nicht die Absicht gehabt, entlang der Südküste Kretas zu fahren und hätte wohl den kürzeren Weg von Knidos durch die Südägäis nach Italien vorgezogen; er sei jedoch infolge der widrigen nordwestlichen Winde so weit nach Südwesten abgedrängt worden, dass er Kreta nicht im Norden passieren konnte.

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Das Personalpronomen "autên“ ("daran“) ist feminin, womit auch das Bezugswort feminin sein muss. Bezugswort kann somit sowohl "tên Krêtên“ ("Kreta“) als auch "Salmônên“ ("Salmone“) sein. Die Tatsache, dass das Entlangfahren sicherlich einen gewissen Zeitraum in Anspruch nahm, lässt eher an eine größere Insel als an ein räumlich doch sehr begrenztes Kap mit nur kurzem Küstenabschnitt denken. "Autên“ dürfte sich folglich eher auf die Insel Kreta als auf das Kap Salmone beziehen.

 

Obwohl die Route an der Südküste Kretas windgeschützter als die Route an der Nordküste entlang war, kam das Segelschiff doch nur mit Mühe voran. Das dürfte am durchaus auch hier vorhandenen, wenn auch wahrscheinlich schwächeren ungünstigen Wind gelegen haben, denn eine nennenswerte Strömung gibt es an der Südküste Kretas nicht.

Als das Segelschiff an der Südküste Kretas entlangfuhr, kam es zu einem Ort namens Kaloi limenes, was entweder "Schöne Häfen“ oder "Gute Häfen“ bedeutet. Dieser Ort lässt sich nicht sicher lokalisieren, mag jedoch an der Stelle des heutigen Limeonas Kalous gelegen haben. Es handelte sich wohl um eine nach Osten hin geöffnete Bucht. Diese Bucht mag besonders schön gewesen sein oder besonders gut, wobei sich "gut“ auf den Schutz bezogen haben könnte, den sie vor den Winden aus westlicher, nordwestlicher oder nördlicher Richtung bot. Vielleicht eignete sich die Bucht auch von der Beschaffenheit her besonders gut zum Ankern.

 

Dass die Stadt Lasäa überhaupt genannt wird, mag damit zu erklären sein, dass sie bekannter war als Kaloi limenes. Wer die Lage der Stadt Lasäa wusste, konnte auch die Lage von Kaloi limenes einschätzen.

Zur Schreibweise der Stadt Lasäa gibt es mehrere Varianten: Lasea, Lasia, Lässa, Alassa und im Lateinischen Thalassa.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

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Koch, Dietrich-Alex; Kollektenbericht, “Wir”-Bericht und Itinerar. Neue (?) Überlegungen zu einem alten Problem, NTS 45 (1999), 367-390

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